Henriette von Paalzow
Godwie-Castle
Aus den Papieren den Herzogin von Nottingham
Vorwort des Verlegers
Zur ersten Auflage
Die Handschrift des hier im Druck erscheinenden Buches ist aus der Ferne auf eine nicht gewohnliche Weise in die Hande des Verlegers gekommen, und zwar ohne Namen des Verfassers, der ihm vollig unbekannt geblieben ist. So unwahrscheinlich das vielleicht auch Manchem erscheinen mag, so ist es doch die volle Wahrheit.
Was den Inhalt des Werkes anbetrifft, so werden Leser, die nicht fluchtig, sondern mit Geist und Beobachtungsgabe zu lesen gewohnt sind, die Bedeutsamkeit desselben bald erkennen, und dem Urtheil solcher scharfer und tiefer Blickenden muss es denn auch anheim gestellt bleiben, ob sie das hier Mitgetheilte als wirkliche Erlebnisse und eigentliche Denkwurdigkeiten, oder als Dichtung auffassen und betrachten wollen.
Zur zweiten Auflage
Die gunstige Aufnahme, welche dieses Werk bei gebildeten Lesern gefunden, so wie die gleich bleibende Theilnahme des Publikums, machten diese zweite Auflage binnen Jahresfrist nothig.
Obschon im Wesentlichen nichts verandert, so ist doch eine sorgfaltig verbesserte Durchsicht der Sprache, wie der Sachen bei der jetzigen Auflage nicht unterlassen worden.
Die Frau Verfasserin, die zwar dem Verleger gegenuber ihre Anonymitat abgelegt, dem Publikum aber nur ihr Werk, nicht ihren Namen darbieten will, wird in der fortgesetzten Theilnahme an demselben gewiss die befriedigendste Genugthuung und einige frohe Lebensstunden mehr finden.
Zur dritten und vierten Auflage
Die neueste Auflage dieses deutschen Dichterwerks, welches im Andenken gebildeter Leser sich forterhalt und dessen wiederholte Lekture den Geistreichsten unter ihnen zum Bedurfniss geworden ist, meint der Verleger nicht besser und wurdiger einleiten zu konnen, als durch den Abdruck jener ersten Recension, welche gleich damals erschien, als das Werk noch kaum bekannt war, und als deren Verfasser Herr Braniss, Professor der Philosophie an der Universitat Breslau, sich unterzeichnet hat. Diesem bleibt das Verdienst, der Erste gewesen zu sein, der durch sein tief begrundetes Urtheil die hohe Bedeutung von Godwie-Castle anerkannte und klar entwickelte, den Autor, dessen Name noch nicht einmal vermuthet werden konnte, freudigst begrusste und ihm jenen immergrunen Kranz, der nur Wenigen in diesem Felde der Dichtung zu Theil geworden, zuerst darreichte.
Jene Beurtheilung, welche vor funf Jahren, am 7. November 1836, erschien, und hier als einleitendes Vorwort wieder abgedruckt ist, wird denkenden Lesern gewiss eine werthvolle Beigabe sein. "Walter Scott's geistreiche Weise, im Romane Dichtung und geschichtliche Wirklichkeit geschickt mit einander zu verweben, hat mit Recht die Theilnahme der Lesewelt in hohem Grade erregt, und wenn diese Theilnahme jetzt sehr gesunken ist, so mag dies wohl hauptsachlich von den vielen Nachahmern Scottischer Manier herruhren, welche ohne das Talent des geistvollen Britten, doch alle seine Fehler aufgenommen haben. Solcher Fehler giebt es denn freilich auch viele. Jener breiten Detailmalerei nicht zu erwahnen, welche, weit entfernt eine grossere Anschaulichkeit zu bewirken, den Leser vielmehr nur seine Unfahigkeit empfinden lasst, alle die kleinlichen Elemente zu einem Gesammtbilde zu vereinen, sei hier nur des grossen Missverhaltnisses gedacht, in welchem bei Scott die Dichtung zu dem gegebenen geschichtlichen Stoffe steht. Nur zu sehr in der That lasst der Dichter es uns merken, dass er selbst sich weit mehr fur das Historische, als fur seine eigene Schopfung interessirt, und jemehr es ihm vermoge der Lebendigkeit seiner Darstellung gelingt, auch dem Leser ein Interesse fur das Geschichtliche einzuflossen, desto durftiger muss diesem der innerhalb machtig hervortretender Weltverhaltnisse sich abspinnende kleine Liebesroman erscheinen. Ja selbst der von Scott mit grossem Erfolg gebrauchte Kunstgriff, durch das geheimnissvolle Dunkel, darein er eine lockere Erfindung so lange als moglich zu hullen weiss, die Neugier des Lesers in Spannung zu erhalten, dient nur dazu, bei endlich erfolgter Entwickelung um so mehr das Gefuhl der Enttauschung hervorzurufen, indem der lange genahrten Erwartung statt einer wichtigen, weitgreifenden Katastrophe, zuletzt doch nichts dargeboten wird, als die Vereinigung eines halbwuchsigen Liebesparchens, an dem sich die grossartigsten weltgeschichtlichen Bewegungen verkrumeln. Unstreitig ist der unmittelbare und wesentliche Stoff des Romans uberhaupt das Leben der Familie, wie denn dies in der Romanen-Literatur stets durch die That anerkannt worden ist. Wir erinnern nur an die alteren englischen Romane; und selbst unsere verrufenen deutschen Familiengemalde sind nicht darum so geringhaltig, weil sie das Familienleben darstellen, sondern weil sie es in seiner grosstmoglichsten Durftigkeit auffassen, weil sie die Poesie darin suchen, es aus allem Zusammenhang mit allgemeinen Interessen herauszureissen, und seine ganze Energie auf die ungestorte Erhaltung einer isolirten Existenz hinzurichten; daher denn auch Armuth bei ihnen ein so wichtiges tragisches Motiv ist, und dauerndes Familiengluck hauptsachlich durch plotzlich hereinscheinenden Reichthum bewirkt wird. Ein wurdiger Gegenstand fur die Poesie ist aber die Familie erst, wenn sie der gemeinen Noth des Lebens durch gunstige aussere Verhaltnisse entruckt, zu keiner Verzichtleistung auf hoheren und feineren Lebensgenuss gezwungen ist. Mannigfaltigere Interessen treten dann in ihr hervor, sie selbst offnet sich dem, was die Welt bewegt, und ohne sich an das offentliche Leben aufzugeben, nimmt sie doch dessen Wirkung in sich auf, und entwickelt erst so ein in Gesinnung, Karakter und Thatkraft innerlich reiches, wahrhaft sittliches Dasein. Wird nun die Familie in dieser Wurde und Bedeutsamkeit Gegenstand dichterischer Produktion, so kann sie nur entweder in bestimmten allgemeinen Beziehungen zu den Machten des geschichtlichen Lebens festgehalten werden, wie z.B. der edle Familienkreis, in welchen Wilhelm Meister uns einfuhrt, an Kunst, weltburgerlicher Erziehung und grossartiger Industrie die Bezuge hat, die ihn der Geringheit und Durftigkeit eines blos selbstischen Familieninteresses entreissen oder es muss eine bestimmte, im Leben eines Volkes bedeutsame, geschichtliche Zeit sein, in die der Dichter uns versetzt, und die er am Familienleben reflektirt zu unserer Anschauung bringt. Eben dieser letztere Gedanke liegt nun auch den Scottischen Romanen zu Grunde, konnte in ihnen aber freilich nicht genugend zur Ausfuhrung kommen, weil Scott die Familie durch die allgemeinen Interessen vollig bewaltigt, weil er uns nicht die Geschichte durch die Familie hindurch, sondern umgekehrt die Familie nur in der Geschichte, sei es nun als thatiges Organ derselben, oder als leidenden Spielball der Ereignisse erblicken lasst. Es liegt zwar auch in dieser Fassung eine Wahrheit, eine solche jedoch, zu der wir des Dichters nicht bedurfen, die uns die Geschichte selbst auf allen ihren Blattern lehrt. Jene unvergangliche Seite der Familie dagegen, welche alle geschichtlichen Kampfe und Wirren uberdauert, jene in allem Wechsel des mannigfach bewegten offentlichen Lebens sich unveranderlich erhaltende stille Macht der Liebe, Treue, Innigkeit und heiligen Vertrauens ist es, welche schon an sich gediegene Poesie, auch fur die dichterische Behandlung ein unerschopflicher Stoff ist. Wie trefflich nun dieser Stoff, wenn ein Meister ihn behandelt, sich gestalten lasst, zeigt das Werk, auf welches aufmerksam zu machen, der Zweck dieser Zeilen ist.
Wir werden durch Godwie-Castle mit einer englischen Familie bekannt, deren hoher Rang sie von alter Zeit her in nahe Beziehung zu den Herrschern des Landes gebracht, und zur Theilnahme an der Leitung des Staats berufen hat, so dass die Schicksale des Hauses vielfach durch den Gang der offentlichen Angelegenheiten, und durch innigere, personliche Verhaltnisse zur Konigsfamilie bestimmt werden. Die Personen, die wir kennen lernen, haben an dem Hofe der Konigin Elisabeth und ihres Nachfolgers eine bedeutende Stellung eingenommen, und die vertraute Freundschaft zwischen dem Haupte der Familie und dem Prinzen von Wales fuhrt Verwickelungen herbei, welche auf das sonst ungetrubte Familiengluck einen dustern Schatten werfen, der sich erst spat zerstreut. Ueber die Begebenheiten selbst enthalten wir uns jedes Berichts, und bemerken von ihnen nur, dass sie ganz geeignet sind, die Theilnahme der Leser in hohem Grade in Anspruch zu nehmen. Desto angelegentlicher mochten wir die poetische Trefflichkeit des Werkes hervorheben. In der That sind darin alle oben an Scott gerugten Fehler auf das glucklichste vermieden. Viele hochst interessante historische Momente treten uns zwar darin entgegen: das letzte Lebensjahr Jakobs des Ersten, der sinnlose Uebermuth seines Gunstlings Buckingham, die Verhandlungen wegen der Vermahlung des unglucklichen Prinzen Karl, Burleigh's und Bristol's gewandte, aber in aller Staatsklugheit den Adel der Gesinnung bewahrende Politik in ungleichem Kampfe mit Richelieu's schleichenden auf Hofintriguen, Weibergunst und Jesuitismus sich stutzenden Machinationen alles dieses und dem ahnliches fuhrt der Verfasser mit dramatischer Anschaulichkeit unsern Blicken voruber. Dennoch halt er es mit grosser Besonnenheit so sehr als moglich im Hintergrunde, und lasst es nur so weit hervortreten, als es unmittelbar auf die Nottingham'sche Familie einwirkt, fur welche er unser Interesse ungetheilt in Anspruch nimmt und erhalt. In das Stammschloss derselben versetzt er uns gleich beim Beginn der Erzahlung, und entfaltet vor uns dessen mannigfach kombinirte, den grossen Sinn seiner Besitzer aussprechende Architektur mit so bewundernswurdigem Talent, so ungetrubt von jener das Auge verwirrenden antiquarischen Pedanterie, in welche bei solchem Anlass Scott so leicht verfallt, dass wir darin vollig heimisch werden. Und welchem herrlichen Menschenkreise begegnen wir darin! Die alte Herzogin, eine wahrhaft verklarte, von keinem Erdenschmerze mehr beruhrbare Gestalt, auf ein abgeschlossenes inhaltreiches Leben mit dem Frieden eines schonen Bewusstseins heiter zuruckblickend, und jetzt nur noch in der Liebe zu den Ihrigen lebend. Ihr zur Seite die jungere Herzogin, ein tief leidenschaftliches, von einem grossen Schmerz umnachtetes Gemuth, dessen Heftigkeit dennoch stets von hoher Willenskraft gebandiget, nur um so ruhrender die Fulle von Liebe, die es einschliesst, und um so schoner die Starke einer edeln Gesinnung offenbart. Wir mussen es uns versagen, diese andeutende Karakteristik fortzusetzen. Gleich den genannten Personen sind auch die ubrigen, bis zur jungsten Enkelin, welche in ihrer Kinderunschuld das anmuthigste Gegenstuck zu der herrlichen Grossmutter bildet, scharf individualisirt; wie verschieden aber auch in Karakter und Lebensrichtung, sind sie doch durch gegenseitige Liebe und Anerkennung, durch das Alle erfullende Bewusstsein der Familienehre und einen fur Gemeines unnahbaren Seelenadel zur schonsten Einheit und zu einem sittlichen Gesammtleben verbunden, in welches hineinzublicken Genuss und Erhebung zugleich ist. Die schonste Zeichnung freilich ist die junge Fremde, an deren Erscheinen in Godwie-Castle sich viel Lust und Leid knupft. Der Verfasser hat die Fulle von Liebreiz, die er uber diese Gestalt ausgegossen, zugleich so durchsichtig fur die ihr einwohnende hohe Seelenschonheit zu halten gewusst, dass die herzgewinnende Macht, die sie uber ihre Umgebung ausubt, gewiss auch jeder Leser erfahren wird. Das liebe Madchen muss viel leiden, so viel, dass wir mit dem Verfasser daruber rechten konnten, warum er sie uber manche Widerwartigkeit nicht sanfter hinweggefuhrt hat, wenn wir nicht wussten, einmal dass im Romane der Zufall sein Recht unbeschrankt behaupten musse, und zweitens vornehmlich, dass gerade in jenen Schmerzen die grossere Liebe des Dichters zu seinem Geschopf sich kundgiebt, welcher allein wir eine so lebenswarme Zeichnung verdanken. Seltsam genug, dass im Reiche der Poesie der Satz gilt: was der Dichter liebt, lasst er leiden. Dies zu belegen, braucht man nicht gerade an Heinrich Kleist zu erinnern, der seine Lieblinge formlich qualen kann, selbst Gothe darf dafur angefuhrt werden; denn ruht nicht z.B. unter allen im Wilhelm Meister auftretenden Personen des Dichters Liebe vorzugsweise in Marianen und Mignon? Es sind diese beiden Gestalten aber auch die schonsten unter allen, wie sie die leidvollsten sind. So wollen wir denn auch unsern Verfasser dieser Dichterneigung ungestort folgen lassen, und statt unbefugt zu tadeln, lieber auf eine besondere Virtuositat desselben aufmerksam machen. Dies um so mehr, weil er sich in so strenge Anonymitat zu hullen gewusst hat, dass selbst dem Verleger, wie ein Vorwort berichtet, sein Name vollig unbekannt geblieben ist; ein kluger Leser, der sich aufs Rathen legen will, mag vielleicht dadurch einen Fingerzeig erhalten. Es versteht namlich der Verfasser nicht nur Gemalde mit der grossten Gewandtheit und in anschaulichster Klarheit zu beschreiben, sondern er giebt auch von einzelnen Gegenstanden so pittoreske Darstellungen, und liebt es besonders, ganze Scenen in so bestimmter anmuthiger Gruppirung zu einem Leben athmenden Tableau zu gestalten, dass er sich als einen in die Geheimnisse der Malerkunst tief Eingeweihten verrath. Wir selbst wollen uns durch diesen Fingerzeig nicht zum Rathen verfuhren lassen, sondern uns nur des Trefflichen freuen, das die Kunst des Verfassers in dieser Beziehung uns dargeboten hat. Ein Talent, wie der Verfasser es hier zeigt, und wie wir es in anderer Weise an Gothe und Tieck kennen und bewundern, lasst es recht inne werden, dass, wie die Malerei in ihrer grossen langst abgeschlossenen Zeit die Poesie in sich trug, so umgekehrt die mundig gewordene Poesie die Malerei einschliesst. Und so mag man es wohl als einen richtigen Takt bezeichnen, wenn eine beruhmte deutsche Malerschule unsrer Zeit sich so gern an die Dichter lehnt und ihnen in ihren Darstellungen nachstrebt; wiewol es immer eine bedenkliche Frage bleibt, wozu doch das Streben nach einem bereits Erreichten fuhren konne, nach einem Erreichen zumal, welches fur dieses Streben ein Unerreichbares ist; denn fur eine Anschauung oder Empfindung, die der echte Dichter bereits gestaltet, und der er am Worte einen geistigen, helldurchsichtigen Leib gegeben hat, sind selbst Farbe und Klang zu stoffartige, trube Darstellungsmittel. Sei dem nun wie ihm wolle, wir, die wir nichts von der Berliner Kunstausstellung abbekommen, wollen uns an unserm Lesepulte der herrlichen seelenvollen Bilder, welche der Dichter von Godwie-Castle uns vorfuhrt, dankbar freuen.
Unerwahnt darf nicht bleiben, dass der Verfasser, was ihm sehr hoch anzurechnen, es in echter Dichtervornehmheit vorschmaht hat, den Leser mit der Auflosung der rathselhaften Begebenheit, die den Inhalt des Buches bildet, in beliebter Scottischer Weise moglichst lange hinzuhalten, und so durch Spannung einen vorubergehenden Effekt zu erzielen. Schon am Anfange des zweiten Theiles erhalten wir diese Auflosung, und wenn der Verfasser, wie er selbst sehr schon sagt, es vorgezogen hat, den Leser lieber "in die Stimmung eines besorgten Freundes zu versetzen, der die Gefahren kennt, wie sie zu vermeiden waren, weiss, und doch ausser Stand gesetzt ist, schutzend oder warnend einzuschreiten" so ist es ihm mit der Erzeugung dieser Stimmung bei dem Referenten wenigstens vollstandig gelungen.
Die Sprache des Verfassers hat viel Eigenthumliches; ein sehr kompakter Periodenbau, in welchem durch eine zuweilen etwas ungewohnliche Wortstellung ein klingender Rhythmus sich bemerkbar macht, der oft nahe an den Vers streift, zeichnet besonders die beiden ersten Theile aus. Im dritten lasst die auf den Ausdruck gewandte Sorgfalt merklich nach; einzelne Stellen verrathen Eilfertigkeit, auch Inkorrektheiten laufen mitunter. Diese letzteren indess zu rugen fallt dem Referenten gar nicht ein, vielmehr freut er sich uber so eine Inkorrektheit, wie Tischbein uber den Esel. Es ist namlich in unsern Tagen nichts so wohlfeil geworden, als ein sogenannter guter Stil; Alles besitzt ihn, ja je bornirter einer ist, desto besser handhabt er ihn; eine geleckte, geschwatzige, in bestimmter fertiger Phraseologie glatt und ohne Anstoss wie auf einer Chaussee dahinrollende Redeweise ist vollig zum Gemeingut worden. Weil denn nun Alle einen guten Stil haben, und zwar Alle den namlichen guten Stil, so steht zu befurchten, dass daruber aller Stil zu Grunde gehe, der namlich, von dem es heisst: le style ce'st l'homme! Ein bedrohliches Zeichen, dass wir uns wirklich dem glanzenden Elend der Klassicitat nahern, womit fur eine Nation doch nichts anders gesagt wird, als dass sie in ihrer Literatur das Bewusstsein einer grossen Vergangenheit ausspricht, ohne eine uber sich hinausragende Gegenwart zu haben. Mussten wir ja sogar erst kurzlich, und zwar aus der Mitte des weiland jungen Deutschlands heraus, ein Liedchen singen horen, dass die graue Nebelgestalt des alten Ramler mit den berufenen Wappenschildern von klassischem Muster, Korrektheit, Geschmack u.s.w. aus ihrer Vergessenheit heraufbeschwort. Solcher Richtung gegenuber muss man es noch fur ein gunstiges Symptom halten, wenn der herrliche Gothe nicht allgemein anerkannt, ja wenn er verunglimpft wird; besser so, als dass er, was von einer andern Seite her in kurzsichtiger Aesthetik geschieht, zum Musterpoeten verknochert wird. Es hat indess mit der Klassicitat keine so grosse Gefahr, so lange es noch Ludwig Tieck in freier unbedrangter Musse zu schaffen vergonnt ist, und so lange noch grosse Unbekannte, wie der Verfasser von Godwie-Castle, unsere Literatur bereichern."
Braniss.
Erster Theil
Der Tag neigte sich zu Ende. Leichte Nebel stiegen aus den Thalern und verbreiteten eine seltene zauberische Beleuchtung, indem sie die Strahlen der Sonne, welche einen warmen Fruhlingstag verklart hatten, sanft verhullten. Wer hatte nicht der Natur Momente abgelauscht, wo die wunderbare Gestaltung der Wolken oder das durch Nebel gebrochene Licht so phantastische Erscheinungen hervorruft, dass wir uns an die reizenden Fabeln erinnert fuhlen, denen wir schon im Schooss der Warterin horchten, und die mit ihren goldnen Baumen auf Wiesen von Smaragd, ihren Palasten von Rubin und Edelstein, ihren Ursprung in nichts Anderem, als in solchen zauberischen Naturgemalden, gehabt haben mogen.
Die weite Aussicht von dem Standpunkt, an den wir hier unsere Mittheilungen hauptsachlich anknupfen, zeigte eine entzuckende Vereinigung erhabener und lieblicher Naturgegenstande, und das Auge konnte von keinem unbefriedigt zuruckkehren.
Wir befinden uns in dem schonsten Theile der Grafschaft Nottingham, zwischen Chesterfield und den anmuthigen Hohen von Cheffield. Hier lag das Stammschloss der Grafen von Derbery, Herzoge von Nottingham, und bildete mit seinen weitlauftigen Waldern und reizenden Thalern den vornehmsten Theil dieser Gegend, indem es zugleich ein prachtiges und ausgezeichnetes Denkmal verschiedener Jahrhunderte mit ihrem fortschreitenden Geschmack und erweitertem Bedurfniss darstellte. Es brachte seinen alten Namen, Godwie-Castle, aus einer so grauen Vorzeit heruber, dass selbst das alte Geschlecht, das sich jetzt seine Besitzer nannte, es nicht wohl erweisen konnte, ob es einen ihrer fernen Urvater als Erbauer des eigentlichen Castells nennen durfe, das mit seinen von der Zeit fast spurlos verwischten Wappenschildern alle Bemuhungen der Heraldik vereitelte. Nicht weniger aber ward es mit einer Sorgfalt geehrt und erhalten, von der es zweifelhaft blieb, ob sie der Verehrung fur die fruheste Periode der Baukunst angehore, oder dem schmeichelhaften Glauben an einen bis in die graueste Vorzeit reichenden Besitz. Gewiss blieb es aber, dass die Vergrosserungen des Schlosses, die eben so vielen verschiedenen Zeiten, als Besitzern, angehorten, stets mit einem schonenden Ruckblicke auf die erste, wenn auch rohe, doch von Ausdehnung zeugende Anlage unternommen wurden. So war, von dem fruhesten Bedurfniss, nur eine gesicherte Wohnung zu besitzen, bis zu der freieren Existenz in einer Zeit, die, durch offentliche Sicherheit, Reichthum und vorschreitende Bildung, das Schone und Angenehme forderte und zuliess, ein uberall beabsichtigter, wenn auch oft schwer zu erreichender Zusammenhang unter den verschiedenen Bauwerken beobachtet worden. Das Castell, das so als der alteste Theil bezeichnet ward, lag an dem Rande einer Hohe, die unfehlbar in fruheren Zeiten einen Theil der Befestigungen getragen hatte und den spateren Besitzern, welche hier nur unscheinbare Trummer vorfanden, den weiten Raum fur ihre grossartigen Anlagen gab. Das Castell war noch immer der Eingang zum Schlosse geblieben, und allerdings dazu durch den Ernst und die Grosse seiner Formen und die uberall noch sichtbaren Befestigungen sehr geeignet. Die breiten geebneten Wege, die das Thal und den Wald in verschiedenen Richtungen durchschnitten, liefen in dem weiten grunen Raume zusammen, der sich vor den Befestigungen ausbreitete und gegen Norden hin von dem prachtigen Walde in einem Halbkreis umschlossen ward. Die wasserreichen Graben mit ihren grunen Wallen und befestigten Brucken schienen noch jetzt einer kriegerischen Macht jeden Widerstand bieten zu konnen, doch blieb dem grundlicheren Beobachter nicht lange verborgen, wie diese schirmenden Walle und Graben sich sanft hinter der Hugelreihe in den schonen Wiesengrunden verloren, die dem Thal nach Suden hin mit dem Zauber der Kultur eine bessere Aussicht auf Schutz und Sicherheit gewahrten. Von dort aus zogen sich die Meiereien und landlichen Wohnungen der Fischer und Waldheger, welche zerstreut angebaut waren, in einem Kreise um den Park, der nach Abend hin einen See umschloss. Die grosste Ausdehnung hatte dieser nach Norden und verband sich dort mit dem Walde, der bis dicht an die Terassen des Schlosses seine machtigen Haupter trug und, durch roh in Stein gehauene Stufen damit verbunden, theilweis zu den Park-Anlagen benutzt war.
Noch immer unterhielt man auf den verschiedenen Bruckenthurmen Wachter, welche die Ankunft von Fremden aus der Ferne schon durch den Ruf ihrer Horner verkundigten. Aber an die grauen Thurmchen mit ihren Schiessscharten und Fallgattern lehnten sich freundliche Hutten; und bluhende rothwangige Kinder, in trauter Gemeinschaft mit den zahmen Bewohnern des Waldes, die die grunenden, von der Sonne beschienenen Walle gern zu ihren Futterplatzen ersahen, schienen die einzige streitbare Macht dieser ersten Festungslinie. Doch uberschritt wohl keiner die letzte Brucke, ohne einen Augenblick zu weilen und den Ueberblick zu geniessen, der diese grossartige Architektur zugleich als eine interessante Geschichte der Baukunst darstellte.
Den Eingang zum Castell erreichte man uber eine Zugbrucke, die unmittelbar in ein hohes gewolbtes Thor fuhrte, das von zwei sonderbar gewundenen und mit Gallerien verbundenen Thurmen gehalten ward. Man hatte alsdann den Schlosshof erreicht, und dem Eingangsthor gegenuber zeigte sich die schonste, wenn auch nicht die alteste Seite des Castells. Sie gehorte einer spatern Zeit und schon bestimmt der gothischen Baukunst an; aber sie war durch welche Begebenheiten, blieb unentschieden, in ihrem oberen Ausbaue der Zerstorung am meisten anheim gefallen und zeigte nur noch die unteren Raume erhalten, die in drei hohen gewolbten Hallen bestanden und den Durchgang nach dem zweiten Schlosshof bildeten. Mit angenehmem Erstaunen sah man sich von hier aus dem prachtigen Wohngebaude gegenuber, das, mit allem Glanz seiner stets reichen Besitzer in dem reinsten Style errichtet, den wohlthuenden Eindruck hervorrief, als ob man die Herrschaft des Schonen unter dem Schutze civilisirterer Zeiten hier aufgebluht sahe.
Das Schloss lag auf dem hochsten Punkte und daher hoher, als das Castell, und der Schlosshof fuhrte in breiten gemauerten Wegen die leichte Anhohe hinan. Die Hinterseite des Schlosses lag auf der Terrasse ausgebreitet, welche von da zu dem Parke fuhrte. Hier, von der Gartenseite aus, gewahrte man den neuesten Anbau, unter dem Grossvater des letzverstorbenen Herzogs entstanden, und zwar nach seiner Ruckkehr aus Italien von einer Gesandtschaft an Sixtus den Funften, wohin ihn Elisabeth gesendet, wahrend ihrer kurzen Freundschaft mit dem heiligen Stuhle.
Der Erbauer hatte hier den Geschmack seiner Vorfahren am meisten beeintrachtigt. Italien hatte seine Phantasie mit Bildern entzuckt, die keinen Raum auf dem vaterlandischen Boden fanden. Kunstwerke jeder Art waren ihm gefolgt; aber die hohen gothischen Gemacher des alten Stammschlosses, mit ihren schmalen spitzen Fenstern und dem ungewissen Lichte der in tausend Farben spielenden Scheiben, war kein Aufenthalt fur die Marmorbilder, die man aus ihren heiteren Saulenhallen weggefuhrt, noch fur Kunstwerke des Pinsels, die vergeblich eine Gemeinschaft suchten an den mit Zierrathen uberladenen Wanden, wo, nachst zahllosen, in Stein und Marmor gehauenen Wappenschildern, nur die dusteren Ahnenbilder, aus der Kindheit der Kunst herstammend, zu ihnen niederstarrten. Die hierdurch erregte Besorgniss des Herzogs um seine Lieblinge loste sich bald im frohlichen Gefuhl ungemeiner Mittel, und er gab ihnen in einem neuen Flugel hinter hellen Scheiben und luftigen Kuppeln die Heimat wieder, so weit dies unter Englands Nebelhimmel moglich war.
Nahm der italienische Flugel vom Hauptgebaude aus den nordlichen Theil der Terrassen ein, so hatte dagegen die Gemahlin des Herzogs, eine Grafin aus dem Hause Devereux, an der anderen Seite der Terrasse nach Suden eine Kapelle aufgefuhrt, die deutlich die Einwirkung zeigte, welche der Geschmack des Herzogs durch den Aufenthalt in Italien davon getragen. Aber es war auch nicht zu laugnen, dass man sich hier von dem unreinen Geschmack beruhrt fuhlte, der spater seine Verwirrung der gothischen und griechischen Baukunst uber halb Europa ausbreitete. Dessenungeachtet diente auch diese weit aus der Erde gehobene Kapelle, mit ihren schonen Portalen, herrlichen Treppen und im blumenreichsten Schnitzwerk prangenden Fenstern, nicht minder zu einer Verherrlichung des Ganzen. Es fuhrten von hier sanfte Wege ab in die angebauten Thaler, deren Bewohner sich auf denselben nach der Kirche begeben durften. Die Kapelle war durch den sudlichen Thurm unmittelbar mit dem Schlosse verbunden. Der untere Raum desselben ward die Begrabnisskapelle genannt, weil darunter sich die Familiengruft befand und der Raum daruber vor Erbauung der neuen Kapelle zum Gottesdienst gebraucht ward. Dieser fast leere Raum grenzte an die furstlichen Hallen, die in drei Abtheilungen sowohl die Tiefe als Lange des ganzen Schlosses einnahmen. Nur um den Eingang von dem Schlosshof her zu trennen und die breiten Treppen nach den obern Gemachern zu fuhren, war der mittlere Saal durch prachtvolle Gitter und die Decke tragende Pfeiler getheilt. Trotz seiner ungeheuern Grosse und seiner verschwenderischen Ausstattung ward er weniger geachtet, und bei feierlichen Gelegenheiten mehr als stillschweigend gestatteter Tummelplatz der hoheren Schlossbeamten und der zahllosen Dienerschaft angesehn.
Dagegen waren die daranstossenden Sale mit einem uberraschenden Glanze geschmuckt, und trugen den ganzen Stolz ihrer furstlichen Bewohner und allen Luxus, den England damals aufzuweisen wusste, erganzt durch Italiens Schatze und den Kunstfleiss der vorschreitenden Niederlander, zur Schau.
Statt der Fenster offneten sich weite Thuren nach den Terrassen hin, die, gegen die Annaherung der verschiedenen Thiere des Waldes durch goldene Gitter geschutzt, Luft und Licht gar anmuthig einliessen, und bei unfreundlicherem Wetter haufig zu den regelmassigen Spaziergangen der Frauen benutzt wurden; wie denn jene Sale uberhaupt allem gemeinschaftlichen oder offentlichen Verkehr der Schlossbewohner gewidmet waren.
Die Fursten gaben hier ihren Unterthanen oder dem Adel der Grafschaft Audienzen. Hohe Gaste wurden hier bewirthet, die furstliche Jugend mit ihren Gespielen trieb hier ihre verschiedenen Lustvarkeiten; Familienfeste und Zusammenkunfte, in guter Jahreszeit das allgemeine Fruhstuck und die Tafel, Alles ward hier abgehalten; bis zu den pomphaften Leichenbegangnissen dieser Familie, welche mit ihren strengen Ceremonien den Saal zunachst dem Erbbegrabniss fullten. Dagegen schloss der nordliche Thurm im Erdgeschoss die prachtige Bibliothek in sich, und durch sie gelangte man zu den schonen Marmorstiegen, die den italienischen Flugel sogleich als das Kind einer fremden Zone ankundigten, welcher seit dem Tode des Erbauers, der ihn nie mehr verliess, die stete Wohnung der Herzoge blieb.
Die Zimmer, welche die Herzoginnen bewohnten, hatten jedoch, obwohl die alterthumliche Urgestalt weder entfernt werden konnte, noch sollte, nach und nach Umgestaltungen erlitten, welche zu ihrer ursprunglichen Pracht noch das Schone und Angenehme fugten; und wenn wir den ferner liegenden Waffensaal und den der Ahnenbilder, den man noch immer die Gallerie nannte, abrechnen, boten diese Zimmer zugleich einen schonen und imposanten Anblick dar. Das Schlafzimmer der Herzoginnen war im sudlichen Thurm und von der Erbauerin der Kapelle durch einen verhullten Eingang unmittelbar mit dem Chorstuhl verbunden, den die Herzoginnen darin einnahmen. Ausserdem waren unter dem letzt verstorbenen Herzoge fur den Prinzen von Wales, welcher in naher Verbindung mit ihm stand, eine Reihe Zimmer eingerichtet, eines so hohen Besuches und so freigebigen Wirthes gleich wurdig, welche, wenn auch nur selten geoffnet, doch stets fur die vornehmsten Gaste ihre Bestimmung behielten. Alle Theile des Schlosses waren, wenn auch mit einem grossen Aufwand an Raum, ausserdem bewohnt, denn es gehorte zu dem Luxus damaliger Zeit, ausser der hoheren Dienerschaft beider Geschlechter noch einen unubersehbaren Tross geringer Dienstleute zu besitzen. Der argwohnischen Politik der Konigin Elisabeth war es zwar nach und nach gelungen, die eigentliche bewaffnete Dienerschaft ihrer Grossen zu entfernen, die freilich fast jedes befestigte Schloss zu einer kleinen Festung umschufen, doch war kaum etwas Anderes erreicht, als dass die Waffen in den Rustkammern hingen, und diejenigen, die sonst darin geubt murden, jetzt noch unnutzer und geschaftsloser umherschweiften. Die nach Aussen und Innen friedlichen Zeiten hatten diese fruhere Gewalt auch von selbst ihres Werthes beraubt, denn entlassen waren diese zahllosen Bedienten nicht, und Herr und Diener sahen diese Schwelgerei unbeschaftigter Vasallen als einen nothwendigen Tribut an, den sie der Hoheit ihres Standes brachten. Doch war dieser Brauch, der in die Hauser der meisten Grossen den Geist der Unordnung und Zugellosigkeit brachte, hier auch in Grenzen gewiesen, die in Uebereinstimmung standen mit der hohen sittlichen Strenge ihrer Oberhaupter. Geprufte Personen, an Bildung und Rang uber die Dienerschaft erhaben, sorgten in den verschiedenen Abtheilungen dieses weiten Palastes fur die Befolgung der strengen Vorschriften, welche diese Schwelger in Ordnung hielten, und waren mit hinreichender Gewalt bekleidet, um ihren Geboten Nachdruck zu geben. So glich das Schloss mehr einem kleinen, wohlgeregelten Staate, worin durch Pflichttreue und Fahigkeiten Erhohung zu erlangen, und der Dienst im Schlosse, endlich in den Gemachern der herzoglichen Familie, ein Gegenstand war, um den sich der Ehrgeiz der Schlossdienerschaft drehte; denn grenzenlos war die Verehrung fur ihre grossmuthigen und erhabenen Herren, durch deren Glanz sie sich selbst uber die Klasse ihres Standes erhoben wahnten.
Fast theilte England die Meinung der Vasallen. Das Geschlecht der Herzoge von Nottingham hatte durch Jahrhunderte einen seltenen Rang behauptet, in der Geschichte des Vaterlandes sowohl, als in der offentlichen Meinung, die uber Tugend und Karakter entscheidet; und es war um so hoher zu verehren in den unruhigen Zeiten, welche die Inkonsequenz der Beherrscher uber dieses so lange den schrecklichsten Parteiungen hingeopferte Land herbeigefuhrt hatte.
War das Schicksal auch nicht, ohne Opfer zu fordern, an ihrer Schwelle voruber gegangen, das Hochste war ihnen geblieben: eine feste Behauptung edler Gesinnung! Nicht dem thorichten Wankelmuth zum Raube, der England seit Heinrich dem Achten zum religiosen und politischen Spielball seiner sich stets widersprechenden Konige machte, blieben sie treu ihren Unterthanspflichten, aber bei freier Bewahrung religioser Ansicht, und zugleich in Milde und Duldung gegen anders Denkende. So wurden sie nie in die unseligen Kriege und Zwistigkeiten verwickelt, die, der Natur und ihren heiligen Gesetzen Hohn sprechend, die Bewohner eines Landes, oft eines Heerdes zu blutiger Verfolgung fur einen Glauben bewaffneten, dessen kaum Einer unter Tausenden sich klar bewusst war! Sie hatten in einer ruhmvollen Reihefolge den Feinden nach Aussen sich gegenuber gestellt, die Verlaumdung scheiterte an ihren patriotischen Opfern fur Englands Beschutzung, wahrend an auswartigen Hofen zu allen Zeiten die oft wiederholten Sendungen geistvoller Manner dieses Hauses achtungsvolle Aufnahme fanden.
Zur Zeit der Reformation warb Ortmar, Graf von Derbery, um die Prinzessin von Cleve fur Heinrich den Achten. Erleuchtet von dem gottlichen Geiste Luthers, kehrte er aus Deutschland zuruck, und von ihm ging fur die Familie die Aufklarung aus, welche sie in fester Ueberzeugung ihrem alten Glauben entfuhrte, und von da an zu treuen Anhangern der unter Eduard dem Sechsten beginnenden, unter Elisabeth endlich fest begrundeten anglikanischen Kirche machte. Zur Zeit der katholischen Maria vom Hofe verbannt, zu ausgezeichnet, um grosseren Verfolgungen ausgesetzt zu sein, entstiegen sie in verdoppeltem Glanze mit Elisabeth ihrer tugendhaften Verborgenheit, und der Vater des eben verstorbenen Herzogs genoss mit seinem ganzen Hause alle Auszeichnungen, welche diese erhabene Furstin fur die Belohnung treuer Anhanglichkeit so sinnreich zu erdenken wusste. Gern hatte sie dazu die unmittelbare Mitwirkung des Herzogs an den Regierungsgeschaften gefugt, ware nicht die Neigung desselben, bei zunehmendem Alter sich auf den Umgang seiner Familie zu beschranken, ihr hinderlich gewesen, worein sie sich jedoch fand, ohne ihm ihre Gnade zu entziehen. Was indessen der Vater ihr versagen gedurft, glaubte sie desto bestimmter von seinem einzigen Sohne fordern zu konnen, und so ward der junge und schone Mann an ihren Hof gerufen. In den ernsten und gelehrten Cirkeln, die sie selbst umgaben, legte er, als der erste ihrer Diener, durch Umgang mit den ausgezeichnetsten Personen der damaligen Zeit den Grund zu der hohen Bildung, welche sich so segensreich fur seine Familie zeigte. Sie sandte ihn spater mit hochst wichtigen Auftragen an Wilhelm von Oranien und vermahlte ihn bei seiner Ruckkehr mit einer Grafin von Burleigh, welche sie als das erste Fraulein ihres Hofes angesehen wissen wollte, und welche in jeder Beziehung diesen Vorzug ihrer Konigin verdiente. Sie sah ihren ehemaligen Pagen, wie sie ihn gern nannte, als ihr Werk an und war eitel darauf, die Erziehung eines Mannes vollendet zu haben, wie sie sich oft ausdruckte. Als dem Grafen kurz hintereinander zwei Sohne geboren wurden, ausserte sie lebhaft ihre Freude uber das Fortbluhen dieses Geschlechts, und machte sich mit einem Geschenke, welches bei ihr selten vorkam, zur Pathin des ersten, und ernannte den zweiten Sohn zum Grafen von Glandford, mit Wiederverleihung einer unter Maria confiscirten Besitzung, welche fruher der Familie als freies Witthum der Grafin Devereux mit der Bestimmung zugefallen war, dem zweiten Sohne der Familie Namen, Rang und Reichthum zu gewahren. Elisabeth freute sich, diese Stiftung auf Wunsch der Oberhaupter der Familie erneuern und sanctioniren zu konnen, und so zugleich eine Ungerechtigkeit ihrer gehassten Vorgangerin wieder gut zu machen. Wenige Jahre spater sandte sie ihn nach Frankreich an Catharina von Medicis, wo damals Troymorton, ihr ausgezeichneter Gesandter, sich aufhielt. Sie verzogerte seine Zuruckberufung um ein Jahr, ihn selbst und den arglistigen Versailler Hof, der eine Vermahlung des Herzogs von Anjou mit Elisabeth beabsichtigte, durch tausend kleine Vorspiegelungen hinhaltend, hinter denen sie gern ihre wahren Absichten verhullte.
Der Graf von Derbery fand bei seiner Ruckkehr seinen Vater nicht mehr und das Schloss nur von seiner trauernden Gemahlin bewohnt; er eilte nun mit seinen beiden Sohnen nach London, um zu den Fussen seiner Konigin den Lehnseid zu leisten und ihr die hoffnungsvollen Junglinge vorzustellen, die sich schon in der Wiege ihrer Gunst erfreuten, und welche sie nun augenblicklich zum Aufenthalt an ihrem Hofe bestimmte. Der letzte und sicher nicht erwunschteste Auftrag der Konigin bestimmte den Grafen, an Jakob den Sechsten die Nachricht von dem Tode seiner Mutter, der unglucklichen Maria von Schottland, zu uberbringen. Wahrscheinlich leitete sie, neben der Rucksicht auf die Personlichkeit dessen, der Jakob ihren Schmerzensbrief einhandigen und ihren merkwurdigen, allerdings etwas zweifelhaften Zorn gegen die Urheber dieser That bestatigen sollte, hauptsachlich der Wunsch bei dieser Wahl, den Herzog mit Jakob, den sie schon damals in der Stille zu ihrem Nachfolger ersehen hatte, zu befreunden. Durch die Art, wie sie den Herzog dem Konige empfahl, und der ungemeinen Hochachtung vertrauend, welche er sich uberall zu erwerben wusste, war sie dies zu erreichen gewiss. Sie verlangte ausdrucklich, dass seine beiden Sohne ihn begleiten sollten, und berief unterdessen die Herzogin an den Hof. Robert, Graf von Derbery, der alteste Sohn, benutzte eben so, wie Archimbald, Graf von Glandford, diese Gelegenheit zu seiner Entwickelung mit ausgezeichnetem Eifer, und Archimbald, wie zum Diplomaten geboren, begleitete schon in den letzten Jahren der Regierung Elisabeths die Gesandtschaft, die mit Heinrich von Bearn wegen Sendung von Hulfstruppen gegen die Anspruche Philipps des Zweiten auf die Thronfolge in Frankreich unterhandelte. Sein Benehmen war hier zwar ohne Einfluss, aber so fein und schicklich, dass Elisabeth von ihm Grosseres fur die Zukunft prophezeite. Zuruckgekehrt, lebte er unter der Anleitung seines Oheims Cecil, ganz sich diesem Fache widmend. Er war das Bild der Selbstbeherrschung! Seine Figur war mittler Grosse und ohne Fulle, doch von einer augenscheinlich grossen Kraft, die auch jeder seiner Bewegungen die vollkommenste Gewandtheit gab. Dies liess die Meisten sehr leicht vergessen, dass dem Ausdrucke seines Gesichtes sowohl als seiner Figur jener imponirende, die Hoheit der Seele voraus verkundigende Anstand fehlte, den man vorzuglich spater, als sein Name in seinem Vaterlande, wie an fast allen fremden Hofen bekannt ward, oft mit Befremden vermisste. Er beherrschte aufs Vollkommenste seine Muttersprache und ausserdem fast alle fremden Sprachen, so wie die Sitten der von ihm besuchten Hofe ihm vollig bequem waren. Die Gabe, ohne allen Anschein der Beobachtung auch das Geringste wahrzunehmen, Alle durch seine Anreden oder Antworten zu befriedigen oder zu beschwichtigen, war ihm vollkommen eigen. Im Streit, in gelehrten oder politischen Unterhandlungen, bei der grossten Ueberlegenheit im Wissen, Folgern und Beschliessen, wusste er doch stets in die Einkleidung das bescheidene Aufhorchen eines Lernenden zu legen. Man konnte ihm nichts sagen oder mittheilen, was er nicht im Stande gewesen ware, als langst bekannt und selbst in seinen fernsten Resultaten vorausgesehen, zuruckzuweisen. Mit hochster Ruhe vermochte er den langsten Erorterungen zuzuhoren, ohne das kleinste Zeichen der Ermudung oder der Unaufmerksamkeit zu geben, und es stand eben sowohl in seiner Macht, endlich den Beifall daran mit Grunden zu rechtfertigen, als ihm die gefahrliche Gewalt zu Gebote stand, in wenigen satyrischen oder kritischen Worten die auch noch so kunstlich verflochtenen Gedanken ihres falschen Scheins zu entkleiden, und in ihr Nichts zuruckzufuhren. Doch konnte man ihm in seinem langen Leben nie nachsagen, dass er an einer guten Sache seinen Hang zur Satyre versucht hatte. Sein Stolz hatte bei dem vollen Bewusstsein seines Ranges und Namens doch jenen freieren Karakter, der sich in ihm mehr als Kosmopolit, denn als Englander entwickelt hatte, und den zu hegen, er mehr vielleicht noch seinen Eigenschaften, als seinem Namen vergab.
Robert, Graf von Derbery, der alteste Bruder und
Erbe des herzoglichen Ranges, hatte bei mancher Verschiedenheit an Geist und Bildung den Bruder nicht erreicht. Er hatte von Elisabeth trotz seiner Jugend die Erlaubniss erhalten, den englischen Truppen zu folgen, die in der Normandie bei Dieppe zur Unterstutzung des heldenmuthigen Heinrichs von Navarra erschienen, und so seinen heissesten Wunsch erreicht, der ihn mit schwarmerischer Verehrung zu diesem Prinzen zog. An Heinrichs kleinem Hofe, den kein anderer Glanz, als der der Waffen, schmuckte, fand er jedoch Menschen, erwarmt von der grossen Empfindung fur Recht und begeistert von dem Gedanken der guten Sache: Zu siegen oder zu sterben! Ihm ward die Wohlthat, die erste Idee, die ihn ausschliesslich erfasste, fur eine grosse und erhabene ansehen zu durfen, fur die er das Leben mit allen seinen Gutern einsetzte, und sich in diesem Brennpunkt aller Krafte, noch vor den Jahren, zum Manne zu zeitigen.
Bald nachher war England durch den Tod seiner grossen Beherrscherin in die tiefste und gerechteste Trauer versenkt. Elisabeth starb am vierundzwanzigsten Mai 1603, und nachdem Jakob der Sechste von Schottland als Jakob der Erste den Thron von England bestiegen, hielten die Grossen, die ihm durch fruhere Verhaltnisse naher getreten waren, es fur nothig, am Hofe zu erscheinen, und die Familie des Herzogs von Nottingham zeigte sich fur einige Zeit in London. Zwar war Jakob umlagert von den schottischen Grossen, denen er sich verpflichtet hatte, und die jetzt Hulfe forderten und fanden; aber er war dennoch gerecht gegen seine neuen Unterthanen. Mit Erstaunen sah man Cecil, den Sohn des Grafen von Burleigh, seinen wichtigen Posten ruhig weiter behaupten, ohne seines Einflusses auf den Tod der unglucklichen Konigin Maria weiter zu gedenken; und wahrend Jakob eben so eilig die Essex, Howards und Devereux aus ihrer Verbannung rief, gab er seinen Prinzen die Weisung, die Sohne der Grafin Nottingham zu ihrem Umgange zu wahlen. Nicht leicht ward ein Befehl des Konigs mit mehr Lust erfullt, als dieser. Die jungen Prinzen hatten schon in Schottland bei der damaligen Sendung des Herzogs, nach dem Tode der Konigin Maria, wo die Junglinge ihn begleiteten, mit den Grafen Freundschaft geschlossen. Obgleich Beide junger, als die Grafen, glich sich doch dies leichter aus durch die angeborne Wurde der Konigssohne.
Seltsam aber und doch bei der Prufung der Karaktere sehr naturlich, schlossen sich, wie magnetisch angezogen, die am innigsten aneinander, die durch das Alter sich ferner standen. Heinrich, Prinz von Wales, hing sich mit Enthusiasmus an den Grafen von Glandford, wahrend Carl, der jungere Bruder, sich nicht mehr von seinem geliebten Robert zu trennen vermochte. Jakob sah die jungen Leute, unter denen er sich stets gefiel, so viel, wie moglich, um sich, doch der Wunsch, seinen geliebten Georg Villers ihnen zuzugesellen, blieb unerfullt. Ohne sich auszusprechen, schien es eine stillschweigende Verabredung, ihn bei aller Hoflichkeit, die sie dem Lieblinge des Konigs schuldig zu sein glaubten, auf eine feine Weise von sich entfernt zu halten. Der Konig war seltsam genug, dies fur Geringschatzung gegen seinen, wenn auch alten, doch nicht sehr ausgezeichneten Namen zu nehmen, liess haufig wohl verstandliche Winke daruber fallen und sagte endlich, als er seinen Liebling zum Herzog von Buckingham erhoben hatte: Nun werden meine stolzen Prinzen und ihre Grafen den Villers schon leiden mogen. Leicht hatte er beobachten konnen, wie wenig er seinen Zweck erreicht hatte, waren nicht Veranderungen in den Verhaltnissen der jungen Leute selbst entstanden. Der Herzog von Nottingham wunschte seinen altesten Sohn zu vermahlen, und zwar mit der einzigen Tochter des Heinrich von Digby, Grafen von Bristol. Lange Freundschaft verband die Haupter der Familien, und allerdings schien es fur den jungen Grafen eine leichte Wahl, da die junge Grafin so eben in dem vollen Glanze einer erhabenen Schonheit bei Hofe erschienen war; und abgesehen davon, dass ihrer ein furstlicher Reichthum harrte, schien ihr Geist von ungewohnlicher Bildung, und ihr Karakter an Festigkeit und Wurde fast ihrem Alter vorausgeeilt zu sein. Sie war der Mittelpunkt aller Traume und Wunsche, aller Intriguen und Huldigungen, wahrend sie selbst mit stolzer Kalte Alle von sich entfernt hielt, und den Herzog von Buckingham blos aus Rucksicht fur den Konig, den Grafen von Derbery aus Gehorsam gegen ihre Eltern zu dulden schien. Doch war leicht wahrzunehmen, wie Robert nur die Rucksicht beobachtete, die ihm die Verhaltnisse beider Familien abnothigten, wahrend er mit gluhendem Angesicht einem andern Sterne sich zugewendet hatte, der zur selben Zeit den Hof verherrlichte. Der Konig hatte die Mutter, den Bruder und die Schwester seines ubermuthigen Lieblings in den Grafenstand erhoben, und auch ihnen den Namen Buckingham verliehen. Die neue Grafin erschien mit ihren Kindern am Hofe, dem Konige zu danken und ihre Tochter der Konigin vorzustellen. Die Grafin war eine schone, wurdevolle Frau, aus einer vornehmen, schottischen Familie, durch eigenen Werth und ausgezeichnete Verbindungen zu einer bedeutenden Stellung berufen. Ihr zur Seite stand das Fraulein von Villers, ihre einzige Tochter, in einer so vollendeten idealischen Schonheit, so abweichend von allem, was man vor ihr darunter verstanden hatte, dass Jakob selbst, hochst unempfanglich fur weibliche Reize, lachend sich die Hande vor ihr rieb, und hochst verlegen um einen Ausdruck, oft wiederholte, dass seine hochselige Mutter auch von grosser Schonheit gewesen, nicht zum Frommen und Seegen ihres armen Landes. Gott sei ihr gnadig! fugte er stets hinzu. Dies indirekte Lob gab zu verstehn, dass er die Grafin zu einem ahnlichen Anspruch auf Schonheit berechtigt glaube. Gewiss war es, dass nicht allein der Konig, der seine Mutter nur nach einem Bilde aus ihrer ersten Jugendzeit kannte, sondern auch Alle, die der unglucklichen Furstin damals personlich naher getreten waren, die auffallendste Aehnlichkeit der jungen Grafin mit jener durch ganz Europa beruhmten Schonheit fanden. Man flusterte, dass, als die junge Grafin zuerst an dem Hofe der Konigin erschien, und zwar wegen ihres kurz vorher verstorbenen Vaters in tiefer Trauer, der Graf von Burleigh gegen die Regeln der Etikette einige Schritte vor dem Konig vorausgeeilt und, als sie, dadurch erschreckt, die grossen melancholischen Augen zu ihm aufgeschlagen, von einem jahen Schwindel befallen worden sei, der ihn genothigt, Whitehall sogleich zu verlassen. Schrecken war fast auch die erste Empfindung, womit sein Neffe Robert die Grafin ansah; aber es war das Erschrecken, welches das unentweihte Herz erschuttert, wo die Liebe zuerst ihren Zauber verbreitete. Eine Sekunde schien ihn verwandelt zu haben. Zum ernsten Nachdenken uber sich von Jugend auf gewohnt, begriff er den Taumel nicht, in dem sich selbst wieder zu finden alle Bemuhungen fruchtlos schienen! Der erste Seufzer entstieg dieser lebenskraftigen Brust, voll Sehnsucht suchte er den Freund, aber beiden Prinzen hatte ihr hoher Rang an der Seite der hochsten Schonheit einen Platz verschafft, und Buckingham stand mit ubermuthigem Lacheln und blickte auf den Triumph, den unbewusst die Schwester ihm erringen half. Der Platz neben der jungen Grafin von Bristol blieb unberuhrt von Robert von Derbery. Er war und blieb im Saale, der diesen Zauber in sich schloss, aber er war unfahig zu einem Worte, ja, er sah die Grafin kaum, die seltsam bleich und verandert den kuhnen Annaherungen Buckinghams ein so hingebendes zerstreutes Wesen entgegensetzte, dass er weiter, wie je, gekommen zu sein schien und doch unzufriedener, als sonst, aus ihrer Nahe schied. Als Robert von Derbery den Prinzen nach seinen Zimmern begleitet hatte und das Gefolge bis auf ihn entlassen war, blickten die Junglinge zuerst sich an, und stumm und heftig sanken sie einander in die Arme! Da fuhlte Carl heisse Thranen an seinen Wangen, erschrocken richtete er den Freund in die Hohe und sah fragend in das gluhende schone Gesicht seines Robert. Stumm blickten sie sich eng umschlossen an, und leise offnete der Graf die Lippen. Das Gestandniss, was seine vom Himmelsglanz der Liebe strahlenden Augen verkundigten, sollte ihnen entgleiten, als Carl zum Tode erbleichend sich aus seinen Armen riss und mit furchterlicher Heftigkeit abwehrend, die Hand nach ihm ausstreckend, ihm fast mit Entsetzen zurief: Schweig! Um Gottes willen, schweig! Kein Wort! Beim Himmel und der Erde, kein Wort! Starr blieben sie so stehn, alles Leben schien von Beiden gewichen, bis Robert, uber den Zustand Carls von zartlicher Angst ergriffen, seine kalten Hande fasste und an seinem gluhenden Gesicht, an seinem treuen Herzen sie zu erwarmen strebte. Doch Carl lag jetzt still und wortlos an des Freundes Brust, seine Augen waren tief zu Boden gesenkt; doch Beide, von Gefuhlen uberwaltigt, sprachen kein Wort, bis schuchtern Porter, der Kammerdiener des Prinzen, die Thure offnete. Der Prinz kannte dies demuthige Zeichen, womit der treue Diener oft die langen Nachtwachen des Prinzen zu unterbrechen suchte; er folgte auch dies Mal sanft, wie ein geduldiges Kind. Ohne einen Blick auf Robert zu wenden, druckte er ihm die Hand, und mit kaum vernehmlicher Stimme sagte er ihm: Bleib mir getreu! Bis in den Tod! rief der Graf und beugte ehrfurchtsvoll sein Knie, indem er die geliebte Hand an seine Lippen druckte. Der Prinz entriess sie ihm, presste sie mit Heftigkeit an seine Augen und war verschwunden.
So lange der Hof Zeit behielt, war man damit beschaftigt, die beiden schonsten Damen des Hofes, die Grafinnen von Bristol und von Buckingham, zu vermahlen. Am nachsten hierzu schienen wieder die jungen Grafen von Drebery, der Herzog von Buckingham und noch einige minder wichtige Herren des Hafes. Aber wie dies einzurichten war, blieb ein weites Feld fur die verschiedensten Muthmassungen. Buckingham bewarb sich mit grosster Zuversicht um die Grafin von Bristol, und Niemand wagte an seinem Gelingen zu zweifeln, besonders da sein machtigster Rival, Robert, Graf von Derbery, seit dem Erscheinen der Grafin von Buckingham verloren schien fur die ubrige Welt. Ohne sich ihr bestimmt zu nahern, schien er doch in ihrer Nahe nur Luft und Nahrung einzuathmen. Ein Wort aus ihrem holden Munde, ein Blick aus ihren himmlischen Augen, die stets so ernst und freudlos umherschauten, schien Kraft und Leben in ihm hervorzurufen; und wandte sie sich von ihm, brach er zusammen, als ob sie alle Kraft mit sich hinweg gefuhrt. Er war so kindlich, so ohne Arg seinen Gefuhlen hingegeben, dass er keine Ahnung davon hatte, wie kein Wesen bei Hofe lebe, das dies Gefuhl nicht langst erkannt. Er sah weder die ernsten Blicke des Grafen von Bristol, noch horte er die sanften Mahnungen seines geliebten Vaters. Seine Mutter beruhrte vergeblich mit zarter Frauenart die fruheren Wunsche der Familie in Hinsicht seiner Vermahlung. Mit sanftem Lacheln horte er sie ruhig an, er verweigerte nicht, er gewahrte nicht. Er schaute so ruhrend freundlich und doch so tief traurig in ihre Augen, dass ihr das Mutterherz zu brechen drohte, und wenn er sie verliess, wusste sie nicht, ob er sie nur gehort habe. Schon oft waren die Freunde zusammen getreten, sie hatten es gewagt, sich das Scheitern ihrer Hoffnungen zu gestehen, sie liebten beide den bezauberten Jungling vaterlich, und ein zartes Mitleiden mit seinem Zustande, den die wunderbar anziehende Erscheinung selbst bei den altesten Mannern zu rechtfertigen schien, nahm ihrem Unwillen seine Scharfe. Die junge Grafin von Bristol blieb dagegen Allen undurchdringlich. Mit derselben Wurde erschien sie jeden Tag in dem ausgesuchtesten Schmucke, mit der Behauptung einer vollig gleichen Laune, bei Hofe. Sie war besonnen und geistreich, ohne Heiterkeit oder Witz zu besitzen; sie war prachtig, und ihre Stirn und der hohe, kalte Blick ihrer Augen wie zu einem Diadem geschaffen. Die bluhende Fulle der Jugend, die sie vom Lande mitgebracht, und die ihrer Schonheit fast hinderlich war, hatte in der Stadt und von den endlosen Lustbarkeiten, denen sie wie einer Pflicht sich willig unterzog, gelitten, ihren Wangen war das gluhende Licht entschwunden und ihrer Taille der volle Umfang; sie war nur noch schoner dadurch, und Buckingham schwur tausend Mal, sie uberstrahle seine Schwester, wie die Sonne den Mond!
Wenige nur theilten diese Meinung. Man kaufte sich mit der Anerkennung ihrer seltenen Schonheit los, um sich an der Grafin von Buckingham mit allen Entzuckungen der Liebe und Bewunderung zu sattigen. Aber man frug sich, warum diese himmlischen Wangen so bleich sahen, warum diese tiefen seelenvollen Augen so melankolisch blickten, dieser susse Mund so selten lachelte, da doch aus diesem Lacheln der Wohllaut eines innern Himmels hervor zu brechen schien. Ihre hohe vollkommene Gestalt, ihre Bewegungen, das einfachste Wort, was von ihren Lippen mit sanftem Tone drang, es schien so ganz anders, wie alles Uebrige; und wenn die holdeste Demuth wie bittend aus ihr sprach, schien sie die Konigin aller Gedanken, die Beherrscherin der Gefuhle und Meinungen. Sie war der Liebling der Konigin. Der Konig lachelte bei ihrem Erscheinen und sah ihr durch die langen Reihen nach. Man vermuthete, er hatte sie gern angeredet, hatte er je verstanden, einer Frau sich zu nahern; aber er freute sich unter seltsamen Bewegungen des Gesichts und der Hande, wenn man sie ruhmte, und rief oft, sein inneres Vergnugen dem Liebling zuwendend: Stenie macht mir immer Freude! Sie gleicht ihm, setzte er hinzu; doch schnell sich besinnend sagte er: Nein, nein, sie gleicht einer Andern! Er meinte damit unfehlbar das Bild seiner Mutter, vor welches er den Herzog von Buckingham gefuhrt hatte, in der Absicht etwas zu sagen, aber sein geheimer und grosser Stolz hielt ihn doch ab, diese Aehnlichkeit auszusprechen, und so schwieg der ganze Hof.
Um diese Zeit fing Heinrich, Prinz von Wales, an zu krankeln. Graf Archimbald verliess sein Lager nicht; Carl, der seinen Bruder zartlich liebte, erschien nicht mehr bei Hofe, und Robert, von Freund und Bruder verlassen, kannte keinen andern Platz, als den an der Seite der jungen Grafin. Fur alle ubrige Beobachtung verloren, gewahrte er doch mit dem klaren Blick der Liebe ihre zunehmende Schwermuth, unter der sie fast zu erliegen schien, und das angstlich sorgsame Betragen der alten Grafin, die mit den holdesten Worten mutterlicher Liebe die offenbar Leidende zu erhalten bemuht war. Da trat der Augenblick ein, der England seiner stolzesten Hoffnungen beraubte. Heinrich, Prinz von Wales, endete sein schones, viel versprechendes Leben in den Armen seines verzweifelnden Bruders. Robert hatte in dieser schrecklichen Nacht zu den Fussen seines Carls gewacht, der in halbem Wahnsinne das Leben seines Bruders erhalten wissen wollte. Mannlich fest, obwohl vom Schmerz und der langen Pflege geisterbleich, stand Archimbald in diesem Sturme. Er bereitete Jakob auf den Augenblick vor, er rief die Konigin an das Sterbebette seines koniglichen Freundes, und als Heinrichs letzter Seufzer sanft seinen edlen Geist entfesselte, sank er an seinem Lager nieder, verhullte sein Gesicht in die kalte geliebte Hand und stand bald auf, Andere zu unterstutzen. Den unglucklichen Carl trug man leblos von der Leiche seines Bruders. Sein zerstorender Schmerz zog den Jammer der koniglichen Eltern von ihrem Verluste zu ihrem jetzt einzigen Sohne, den sie in ahnlicher Gefahr wahnten. Doch Carl hatte sich erholt, er riss sich von seinem Lager auf, als seine koniglichen Eltern eintraten, er sank von Thranen uberstromt zu ihren Fussen, und als sie ihn laut jammernd segneten, rief er gepresst, als ob ihm das Leben mit diesen Worten entstromte: Ja, ich weihe mich zu dem furchterlich erkauften Range Eures einzigen Sohnes! Hier sank sein Kopf auf den Boden, und nur der Angstruf Jakobs: Rettet meinen Sohn, rettet meinen letzten Prinzen! Er stirbt! riss ihn vom Boden empor und gab ihm Kraft, so lange zu stehen, bis der Arzt das bekummerte Paar entfernte, dem Prinzen Ruhe empfehlend. Ohne Widerstand liess sich Carl auf sein Lager zuruckfuhren, er schien die Lippen offnen zu wollen, aber vergeblich, er schloss sie wieder. So lag er halb traumend, halb wachend eine qualvolle lange Nacht; so offnete er die Augen, unruhig suchend erreichte sein Blick den Grafen von Derbery, der an seinem Lager mit zartlicher Angst ihn hutete. Er winkte ihn naher und wies mit einer Bewegung die Uebrigen an, zuruck zu treten. Lange blickte er den Liebling an, prufend, denkend, und endlich sagte er ihm leise einige Worte, die ihn bald darauf aus dem Krankenzimmer fuhrten. Doch wer den jungen Grafen durch die Vorsale gehen sah, bleich wie der Tod, mit geisterstieren Augen, weder Grusserwiedernd, noch gebend, der glaubte, der Tod habe mit riesiger Kraft auch diese bluhende Junglingsgestalt ergriffen.
Der nunmehrige Prinz von Wales, der nachmals so ungluckliche Carl der Erste, hatte sich bald erholt; er fuhlte, dass er um seiner Eltern willen seinem Schmerze gebieten musste. Zwar schien Jugend und Heiterkeit von ihm gewichen, aber er stand wie ein Mann nunmehr dem Konige, seinem Vater, zur Seite. Das Einzige, was seine innere Erweichung verrieth, war seine erhohte Liebe zu den Eltern, zu den Freunden. Niemals schien seine Seele inniger an Robert zu hangen, als jetzt; aber der Graf blieb Allen ein Rathsel. Nachdem die tiefste Trauer voruber war, bat er den Grafen von Bristol feierlich um die Hand seiner Tochter. Zuruckgekehrt zu der festen Ruhe und Sicherheit, die ihn fruher uber Alle erhoben, schien die Zeit seiner Leidenschaftlichkeit voruber. Er bat den Grafen um eine Unterredung mit seiner Tochter. Zu ihren Fussen und mit heissen Thranen hatte er lange zu ihr gesprochen; er brachte den entzuckten Eltern ihr Jawort, und blieb von dem Augenblicke der aufmerksamste und freundlichste Verlobte der stolzen, so schnell versohnten Grafin. In wenigen Stunden eilten die Vater zum Konige, um seine Erlaubniss bittend. Verlegen und erstaunt rief Jakob: Meine Lords, was thut Ihr, ich glaubte, Stenie wollte Eure Grafin heirathen! Der Herzog hatte sich nicht erklart, und als dies Jakob horte, ward er heiter, gab sein Wort, ruhmte die Verlobten und uberliess sich seiner ganzen Gutmuthigkeit.
So einfach die Sache sich gelost, so wunderlich lauteten doch manche nicht zu verhehlende Nebenumstande. Robert hatte an seinem Verlobungstage eine heftige Scene mit dem Prinzen von Wales. Der Prinz war von den flehendsten Bitten zur hochsten Wuth ubergegangen; man hatte von Befehlen, von Arrestgeben gehort, bis endlich eine lange Stille das Fernere der Beobachtung entzogen hatte. Als sie sich trennten und Beide Arm in Arm in dem Vorsaale erschienen, trugen sie wohl noch den Ausdruck heftiger Gemuthsbewegung im Gesicht, aber zugleich den der Versohnung. Hier erschien unangemeldet Buckingham, und nach einigen wuthenden Worten gegen den Grafen, die Niemand verstand, befahl der Prinz der Dienerschaft, sich zu entfernen. Doch der heftig gefuhrte Streit, der sich nun erhob, schien alle Grenzen zu ubersteigen. Man horte Buckinghams Stimme, wie die eines Wahnsinnigen, und wenn die Worte dem Ohre unzuganglich blieben, musste es Augen gegeben haben, welche zu sehen wahnten, er habe die Hand gegen den Prinzen drohend erhoben, Robert habe ihn mit Riesenkraft ergriffen, gegen die Thur gedrangt, wahrend der Prinz nach Wache schrie und den Herzog verhaften lassen wollte. Doch dies hinderte der Graf ebenso, und Buckingham, der etwas zur Besinnung gekommen zu sein schien, sturzte mit wuthenden, unverstandlichen Drohungen aus den Gemachern des Prinzen. Nach einem augenblicklich darauf erfolgten Besuche des Prinzen beim Konige erhielt Buckingham Befehl, auf seine Guter zu gehen. Doch zur selben Zeit verliess der Graf von Derbery in Begleitung seines Bruders auf vierundzwanzig Stunden London. Als er zuruck kam, hatte ein unruhiges Pferd ihn geschleift und seinen Arm verwundet; es liefen daruber indess einige andere Vermuthungen. Die Grafin von Buckingham hatte ihre Abschieds-Audienz bei der Konigin. Sie ward mit grosser Huld entlassen, aber die junge Grafin war noch blasser, ihr Auge trube und ihre Schritte wankend. Als sie, aus den Zimmern der Konigin kommend, an dem Grafen von Derbery voruber ging und ihn achtungsvoll zum Abschiede grusste, sah die Grafin Bristol schuchtern zu ihrem Verlobten hin; aber sein bewegtes Gesicht senkte sich, um den Gruss der Grafin zu erwiedern, als ob eine gekronte Furstin an ihm voruber ginge. Schmerzlich ruhte das Auge der Scheidenden auf diesem Grusse, und sie schwebte hinweg, um nie wieder die prachtvollen Sale von Whitehall zu betreten, in denen sie der Mittelpunkt alles Schonen und Vollkommenen gewesen war.
Bald darauf ward die Vermahlung des jungen Grafen vollzogen, und da Beide nichts lebhafter wunschten, als den Hof zu verlassen, an welchem sie sich gestehn mussten, ein Gegenstand des Erstaunens und der Beobachtung geworden zu sein, gingen sie sogleich nach Godwie-Castle, wahrend der Herzog von Nottingham in London verblieb, um sich zu seiner grossen Sendung nach Spanien vorzubereiten, wohin seine Gemahlin und Graf Archimbald ihn begleiteten.
Man sagte, die Trennung des Grafen von Derbery vom Prinzen Carl sei von Seiten des Prinzen eine Scene des leidenschaftlichsten Schmerzes gewesen. Er verliess einen Tag vor der Hochzeit London und sah die Grafin erst spater als Frau seines Freundes wieder. Wenige Tage nach ihrer Abreise kehrte er zuruck, aber in eine fur ihn ausgestorbene Welt, und der Ernst, der seine Stirn umhullte, ging fast in Melancholie uber. Dessenungeachtet war seine erste Handlung, den Konig um die Zuruckberufung des Herzogs von Buckingham zu bitten, weil er wohl wusste, wie schwer Jakob sich zu einer solchen Demuthigung seines Lieblings entschlossen hatte; und die Freude, die Jakob bei dieser Bitte zeigte, gab dem Prinzen die traurige Gewissheit, wie der Konig die grobsten Beleidigungen gegen seinen Sohn eher vergessen, als den ubermuthigen Liebling entbehren konne. Nie erfuhr ein Mensch den Grund dieser wuthenden Scene. Gewiss war es, dass die junge Grafin von Buckingham an dem Tage der Verlobung des Grafen von Derbery den Grafen von Carlisle ausgeschlagen hatte. Auf ungestume Befehle ihrer Bruder, des Herzogs und des Grafen Buckingham, diesen Antrag anzunehmen, hatte sie bestimmt erklart, sich nie vermahlen zu wollen. Sie fugte hinzu, ihre Gesundheit habe gelitten und sie wunsche mit ihrer Mutter das Schloss zu bewohnen, das der Konig derselben in Buckingham verliehen, und das sie nie mehr zu verlassen gedachte. Dies Schloss lag hochst einsam an einem kleinen Flekken, von Waldern umgeben, und obwohl es der Grafin ein bedeutendes Einkommen gewahrte, schien es doch zu einsam und duster, um je von einem Mitgliede dieser glanzenden Familie bewohnt zu werden. Die Bruder erstarrten daher vor Erstaunen und Wuth uber den Entschluss einer Schwester, deren kurze Erscheinung sehr ehrgeizige Plane, auf den ihr so verschwenderisch zu Theil gewordenen Beifall gegrundet, hinreichend gerechtfertigt hatte. Sie hielt die emporendsten Vorwurfe und Beschimpfungen aus, ohne sie abzulehnen oder zu erwiedern; als jedoch der Herzog mit dem bittersten Hohne ihr die ungluckliche Liebe zum Grafen Derbery vorwarf und wie er sie verlassen, um einer Andern willen, gab sie bei diesen Worten den ersten Schmerzenslaut von sich, und als der Herzog, von der Erinnerung seines eigenen Verlustes noch hoher gesteigert, mit rasender Wuth Gott zum Zeugen anrief, sich an dem Grafen rachen zu wollen, sank sie mit dem Ausbruche der Verzweiflung zu seinen Fussen und bat ihn unter Stromen von Thranen, dies nicht uber sie zu verhangen. Doch der Wuthende schien seine gekrankte Eitelkeit bis zu Misshandlungen getrieben zu haben; man fand die Grafin blutend am Boden, und ihre Mutter hatte dem Herzoge gedroht, sich unter den Schutz des Konigs zu stellen.
So glaubte also die Welt, dass der Streit beim Prinzen eine Fortsetzung dieser Scene gewesen war, und dass des Herzogs Verbannung der unglucklichen Mutter zu Hulfe kam, um mit ihrer Tochter unangefochten den Hof verlassen zu konnen.
Buckingham kam stolzer zuruck, als er gegangen war. Der Prinz schien ihn nie zu sehn, doch vermied er mit fast angstlicher Sorge jede Storung des Friedens; auch dies konnte man kaum vom Herzoge sagen, und die grosste Massigung des Prinzen musste oft sich den Anmassungen Buckinghams entgegenstellen, um den ausseren Anstand zu behaupten, den der Prinz von sich und seinen Anhangern forderte.
Erst nach Verlauf mehrerer Jahre, als dem nunmehrigen Herzog von Nottingham, der ein Jahr fruher seinen Vater verloren hatte, das dritte Kind, nach zweien Sohnen die erste Tochter, geboren ward, sah Carl seinen Freund in Godwie-Castle wieder. Die Trennung hatte beide nicht entfremdet, sie blieben in stetem Briefwechsel, und es war um so auffallender, dass der Prinz erst so spat den Wunsch seines Freundes, ihn in Godwie-Castle zu besuchen, erfullt hatte. Die Herzogin hatte stets unter einer Art von Ehrerbietung die Kalte verborgen, mit der sie das Verhaltniss des Prinzen zu ihrem Gemahl erfullte. Sie hatte sich beleidigt gefuhlt durch die Art, wie der Prinz sich bei ihrer Vermahlung betragen hatte, und die sie fur Missbilligung der Wahl ihres Gemahls nahm, was ihr stolzes Herz nicht glaubte vergessen zu durfen.
Aber der Augenblick, den der Prinz erwahlt, sie wiederzusehen, war ein sehr glucklicher. Eine Tochter ruhte an ihrem Herzen, und rief alle Milde und Gute desselben ins Leben. Sie trat dem Prinzen mit ihren beiden schonen Knaben entgegen, eine Dienerin trug das holde Magdlein ihr nach; ihre Augen strahlten von Gluck und Freude, sie wollte sich dem Prinzen so glanzend zeigen, als sie konnte; nie war uber ihre fast unveranderte Schonheit ein hoherer Reiz verbreitet gewesen. Der Prinz betrachtete sie fast mit Erstaunen, und was er ihr dann sagte, trug den Ausdruck einer Huldigung und Freude, wogegen die stolze Frau nicht gleichgultig blieb. Doch von ihr weg eilte er, noch ein Mal den Herzog zu umarmen, und mit Thranen in den Augen rief er: Dem Himmel sei Dank, Du bist glucklich! Dies war der Herzog wirklich geworden, und hatte es eben so sehr seinen eigenen Tugenden, als denen seiner Gemahlin zu danken. Die leidenschaftliche Liebe, welche sie hinzufugte, ward auch von ihm herzlich erwiedert. Von dieser Zeit sahen sich der Prinz und der Herzog ofter, doch selten in GodwieCastle. Der Prinz bestimmte dem Herzog irgend eines von den vertheilt liegenden koniglichen Schlossern, wo sie stets mehrere Tage ohne alles Gefolge mit einander blieben.
Wir ubergehen hier eine Reihe von Jahren, die nur eine stille Vorbereitung der Epoche sind, uber welche wir unsere Mittheilungen zu machen haben, und indem wir uns zu dem Fruhlingsabende zuruck wenden, der mit seiner schonen Beleuchtung die anmuthige Gegend von Godwie-Castle so wunderbar verklarte, betrachten wir das bis hieher Gesagte als den Hintergrund der folgenden Erzahlung, als die nothwendige Erwahnung von Familienverhaltnissen, in die wir uns leichter auf diese Weise zu finden wissen werden. Wie schon auch Natur und Kunst den Raum geschmuckt hatten, wie sehr er zum Gluck und zu allen Genussen des Lebens einzuladen schien, die Menschengestalten in dieser frohlichen Aussenwelt entsprachen solcher Hoffnung fur den Augenblick nicht. Eine Dame in der tiefsten Wittwen-Trauer der hoheren Stande, von zweien Pagen in ehrerbietigster Ferne begleitet, die durch ihre schwarzen Kleider und wehenden Schulterblatter, welche die Farben des Hauses Nottingham, die Trauer uber einen diese Familie betroffenen Verlust anzeigten, schritt langsam einher an dem Rande der grossen Schlossterrasse. Wer hatte in der gebeugten Gestalt der Trauernden die einst so glanzende Grafin von Bristol erkannt? Ihr Auge ruhete am Boden, und die Welt schien ihr versunken; ihr Gesicht blickte aus den tiefen schwarzen Verhullungen mit der Bleiche des Marmors, und obgleich noch immer ihre Gestalt sich in einer besonderen Wurde zeigte, ruhte doch ihr Kopf gebeugt auf dem tief athmenden Busen, und sie erhob ihn nur, um die schwermuthigen Blicke nach den grossen Hallen des Schlosses zu wenden, die durch ihre goldenen Gitter die schwarz verkleideten Wande sehen liessen, und das trube Licht der hohen Kerzen, die den Katafalk umgaben, der zunachst der Kapelle in der letzten Furstenhalle errichtet war. Ein Katafalk, ohne die geliebte Leiche in sich zu fassen! Welch' ein Schmerz fur das Herz der zartlichen Gattin, der es nicht vergonnt ward, die freundlichen Augen zuzudrucken, die ihrem Leben geleuchtet. Der Herzog war in Spanien gestorben, wohin er sich mit seinem altesten Sohne begeben hatte, und wo damals sein Schwiegervater, der Graf von Bristol, um eine spanische Infantin fur den Prinzen von Wales unterhandelte. Die Kunde seines Todes hatte die Herzogin schon vor einem Monat erreicht, und heute erwartete sie den geliebten Sohn und die theure Leiche, welche nur langsam den weiten Weg zuruck zu legen vermochten. Mit welcher Empfindung, mit welcher Sehnsucht sah die ungluckliche Gattin diesem Moment entgegen, welcher der letzte Trost ihres gebeugten Herzens schien.
Jeder andre, den die starke und fromme Frau finden zu mussen schien, war zuruckgedrangt von dem zehrenden Verlangen, seine letzten Ueberreste zu besitzen.
Ja, sie schien gar nichts fruher von sich zu fordern und blieb jedem Worte verschlossen. Darum richtete sie so oft die thranenlosen Augen nach dem Schlosse, weil sie jeden Augenblick hoffte, die mit Trauergestalten angefullten Hallen wurden sich offnen und ihr den ersehnten Anblick zeigen. Noch ein Wesen folgte ungestort und so nah, dass es ihre Gewander beruhrte, der trauernden Witwe; es war Gaston, der Lieblingshund und treue Begleiter des Herzogs, der nur dies Mal von der weiten Reise hatte zuruckbleiben mussen. Er war eine von den schonsten Doggen des Konigreiches, von ungewohnlicher Grosse und Schonheit des Korpers, und von einem ruhrend treuen Karakter. Seit die Herzogin in Schmerz und Trauer gehullt war, hatte er seinen Platz in der Vorhalle verlassen und war nicht mehr von ihr zu entfernen.
Ernst und gravitatisch schritt er jetzt dicht neben ihr, mit so traurig gesenkten Ohren, so ohne allen Antheil fur seine sonstige Lust in Garten und Wald, dass der Gedanke nicht abzuweisen war, er wisse, was auch ihn betroffen.
Es hatte etwas tief Ruhrendes, ihn zu sehen, wie zur Wache seiner trauernden Herrin bestellt. Am Ende der Terrasse, und so oft die Leidtragende still stand, setzte auch er sich dicht vor sie hin und blickte sie an, als wollten die ehrlichen traurigen Augen Thranen weinen; schritt sie weiter, ohne ihn zu sehn, raffte er sich sogleich auf und schritt ihr in gleicher Ordnung nach. Um so auffallender war sein Betragen, als die Herzogin sich jetzt noch ein Mal dem Ende der Terrasse nach der Waldseite zu naherte und ruhend einen Augenblick an einen Sitz gelehnt blieb. Plotzlich unruhig werdend und die Herzogin verlassend schien er irgend etwas zu suchen, was ihm sein feiner Instinkt andeutete, jeden Platz um seine Gebieterin durchsuchend verschwand er plotzlich hinter der Brustung der Terrasse nach der Treppe zu, welche in den Waldgrund fuhrte. Bald horte man sein wohlbekanntes lautes Anschlagen und darauf ein langes Geheul. Er sprang mit solcher Gewalt uber die Terrasse zuruck, dass die Herzogin, selbst davon erschreckt, aus ihrem starren Nachdenken gerissen ward. Er sturzte auf sie hin, bellte heftig, und indem er ein lautes Geheul ausstiess und mehrere Mal an ihr in die Hohe sprang, kehrte er eben so schnell zuruck, um wieder an der Treppe zu verschwinden. Einen Augenblick nur hatte der Ungestum dieses geliebten Thieres ihre traurigen Gedanken unterbrechen konnen. Langsam wandte sie sich zuruck, als Gaston aufs Neue herbeisturzte, ihr fast den Weg vertrat, immer wieder mit lautem Geheul der Treppe zu fliegend, immer wieder umkehrend, und, als die Herzogin dennoch weiter gehen wollte, dies zu verhindern fest entschlossen schien, indem er ihr Gewand zwischen die Zahne nahm, um sie nach der Treppe hinzuziehen. So ungestum aus sich herausgerissen, und von einem so treuen Gefahrten ihres Gemahls, ward die Herzogin jetzt aufmerksam und bemerkte, dass Gaston am ganzen Leibe zitterte und den Wunsch zu erkennen gab, dass sie ihn begleiten moge. Dies erkennen und ihm sanft folgen, war eins, und nun erhob Gaston ein Freudengebell, sturzte nach der Treppe zu, stellte sich ruhig harrend hin, bis sie sich naherte, und schritt vor ihr her die Stufen hinab. Eben blieb die Herzogin zweifelnd stehen, ungewiss, ob sie ihm weiter folgen solle, als mit dem ersten Schritt auf der Treppe sich ein Anblick ihr zeigte, der augenblicklich die ganze Stimmung der edlen Frau veranderte und ihre Aufmerksamkeit vollig in Anspruch nahm. In dem Ausrufe: O Gaston! verrieth sich das ganze Gefuhl, welches die jetzt unverkennbare gute Absicht des klugen Thieres ihr einflosste. Sie schritt schnell einige Stufen weiter und befand sich jetzt vor einer weiblichen Gestalt, die, auf dem Gesicht liegend, die Arme weit vor sich hingestreckt, entweder todt oder ohnmachtig war.
Schnell uberblickte sie, ob aussere Zeichen der Verletzung sich zeigten, und gewahrte, wie Gaston angstvoll um den Gegenstand seiner Sorge hertrat und sich nach dem Kopfe zu, unter das lange dichte braune Haar, drangte, dann zuruck sprang und den mit Blut uberzogenen Kopf zur Herzogin aufhob. Dies entriss der erschutterten Frau den ersten Schreckensruf, und ihre Diener, die nicht gewagt hatten, ungerufen herbei zu kommen, obwohl Gastons Betragen und das Verschwinden der Herzogin von der Terrasse sie besorgt naher gefuhrt hatte, sturzten jetzt schnell herbei. Sie fanden die Herzogin, dem Umsinken nahe, an die Wand der Terrasse gelehnt und vor ihr Gaston mit dem Gegenstand seiner Sorge.
Die ehrerbietige Scheu zugelte das Erstaunen der Herbeigeeilten, und als die Herzogin mit der Kraft eines schonen Gefuhls fur Menschlichkeit sich erhob, eilten sie blos stumm ihre Befehle zu erfullen. Die Ungluckliche lag namlich, durch ihren wahrscheinlichen Fall beim Erklimmen der Stufen, so am Rande des tiefen und steilen Waldgrundes, an dem die Treppe hinauffuhrte, dass die leiseste Bewegung sie hinabsturzen konnte, ja, es war zu glauben, dass Gaston durch Versuche, die Gestalt hinaufzuziehen, die Lage noch verschlimmert hatte, da der Boden am Waldabhange frisch von seinen Pfoten unterwuhlt schien, und das Gewand von dem linken Oberarm zuruckgerissen und mit frischer Erde bedeckt war. Als aber die Diener sich naherten, die Gestalt vom Boden zu erheben, ergriff die Herzogin ein unaussprechliches Gefuhl von Abneigung, die weibliche, offenbar junge und zarte Gestalt von Mannern beruhren zu lassen, sie winkte sie zuruck und befahl, nach Mistress Morton und ihren Frauen zu senden, den Doktor Stanloff zu rufen und eine bequeme Bahre an den Fuss der Terrasse zu bringen. Sie selbst blieb wie gefesselt vor dem Wesen stehn, von dem es zweifelhaft blieb, ob es noch zu den lebenden gehore. Einige bange einsame Augenblicke liessen die Herzogin Entdeckungen machen, die ihr Interesse erhohten. Obwohl nichts von der Gestalt zu sehen war, als Arme und Hande und eine Fulle des schonsten braunen Haares, das wie ein Mantel uber sie ausgebreitet war, so liessen sich doch darunter lange schwarze Trauerkleider in dem Schnitt der vornehmeren Stande wahrnehmen, und die Arme und Hande, die vor den Fussen der Herzogin ausgestreckt lagen, waren, neben der zartesten Jugend, von einer so ausserordentlichen Schonheit, dass die Herzogin sich gestehen musste, nie etwas Vollkommeneres gesehen zu haben. Was aber ihr peinliches Erstaunen noch erhohte, war, dass wahrscheinlich Gastons Bemuhung an dem obern Theil des linken Armes ein Armband halb enthullt hatte, welches in einer bedeutenden Breite von den prachtvollsten Juwelen an einander gereiht war. Jetzt nahte die ersehnte Hulfe. Mortons sanfte Stimme liess sich horen, und die Herzogin streckte ihr, voll Schmerz, die Hande entgegen. O Morton! Morton! rief sie, was geschah hier? Welch' ein Ungluck, welch' ein Verbrechen, vielleicht im Bereiche des Schlosses! Lass sie sanft anfassen, aber nur von Deinen Frauen. Wo ist Stanloff, dass er mir sage, ob sie lebt oder hier ohne Hulfe verscheiden musste? Mistress Morton sah fast noch mit grosserer Bewegung, als der weisen und erfahrenen Frau das sonderbare Ereigniss abnothigen konnte, die wohlthatige Einwirkung, welche die Stimmung ihrer Gebieterin erlitten; denn von sich selber abgelenkt schien ihr Herz in den Gefuhlen der Menschlichkeit und der Theilnahme ganz aufgelost, und Thranen, die das Uebermaass ihres eigenen Grames bisher zuruck gehalten hatte, flossen wohlthuend, durch ein fremdes Leiden hervorgerufen. Mortons sanfte Worte suchten ihre Gebieterin zu beruhigen, und wahrend die Kammerfrauen ihren Winken folgten, fuhrte sie die Herzogin zur Terrasse zuruck. Doch weiter ging ihre Ueberredung nicht; denn sie wollte selbst sehen, ob nichts versaumt werde, und an die Brustwehr der Terrasse gelehnt, blickte sie mit hochster Unruhe hinab und sah, wie Gaston sich zu den Fussen der Unglucklichen niedergelegt hatte, und ihre nackten mit blutenden Wunden bedeckten Sohlen sorgsam nach allen Seiten hin mit seiner grossen Zunge leckte. O Morton! rief die Herzogin uberwaltigt, welch' ein Herz in diesem Thiere, welch' ein Beispiel fur uns alle! Die Kammerfrauen naherten sich jetzt mit ihrer sorgfaltig emporgehobenen Burde und legten sie sanft auf die bereitstehende Bahre, als Morton, von der Herzogin gesendet, heran trat, um das Haar von dem Gesicht zu entfernen, worauf sich ein vom Tode beschlichenes, aber wunderbar schones jugendliches Angesicht enthullte. Sinnend blieb sie, von einer dunkeln Erinnerung ergriffen, stehen, als das ehrerbietige Auseinanderweichen der Diener die Herzogin verkundigte, welche rasch herangetreten war. Morton wandte sich zu ihr, die Haare zurucklegend, und ward von Angst um ihre Gebieterin ergriffen, welche mit allen Zeichen der hochsten Erschutterung zuruck schauderte, nachdem sie das bleiche Todtenbild einen Moment betrachtet hatte, und, indem sie fast wild in dem Kreis ihrer Diener umherblickte, mit einer lauten und heftigen Stimme rief: Heiliger Gott! wer ist dieses Weib?
Niemand wusste diese Frage zu beantworten, und Alle standen erschuttert von dem Zustande ihrer Gebieterin, bis Morton, die keine weitern Zeugen wunschte, einen Wink ertheilte, sich mit der Bahre zu entfernen. Einige Augenblicke vergingen im tiefen Schweigen; langsam richtete sich die Herzogin alsdann empor, und als ob alle Spannung aus ihrem Korper gewichen, sagte sie mit matter Stimme: Fuhre mich, liebe Morton; ach! es ist zu viel, ich bin krank, ich will mich niederlegen. Ach! was geschieht um mich her; wie soll ich leben, wie ausempfinden, was uber alles Maass ist kannst Du es begreifen? Morton hutete sich wohl, die zerstreute und traurige Gedankenreihe ihrer Gebieterin durch Antworten zu unterbrechen.
Seit der schrecklichen Todesnachricht hatte die Ungluckliche bis auf wenige nothige Befehle kein Wort freiwillig gesprochen, keine Thrane geweint, kein Bedurfniss der Ruhe geaussert, und der treue Doktor Stanloff hatte mit Angst die Entwickelung dieser ganzlichen Erstarrung erwartet. Morton, die seine Besorgnisse getheilt hatte, sah nun mit einem Male diese gefurchtete Katastrophe durch ein sonderbar von Aussen kommendes Ereigniss herbeigefuhrt: ihre geliebte Gebieterin weinte, hatte gesprochen, fuhlte selbst das Bedurfniss der Ruhe. Dies schienen alles gluckliche Zeichen, und die treue Dienerin empfand eine Freude und einen Trost, wogegen die sonderbare und geheimnissvolle Veranlassung ganz in den Hintergrund trat. Man naherte sich langsam den Schlosshallen, und Morton hatte viel darum gegeben, wenn sie die Herzogin, die sich wankend stutzte, durch einen andern Weg nach ihrem Zimmer hatte fuhren konnen, denn sie musste furchten, dass die schwermuthigen Trauerzurustungen, welche diese Hallen erfullten, die ungluckliche Frau aufs Neue in ihren trostlosen Zustand versenken wurden. Aber es schien etwas anderes tief in der Seele Erwecktes dem heftigen Schmerze der Herzogin das Gleichgewicht zu halten.
Morton fuhlte, je naher sie den Hallen kamen, ihren Schritt sich befestigen und beschleunigen, und sie richtete sich mit ihrer gewohnlichen Strenge empor, als Stanloff am Eingange ihr hastig entgegen schritt, und ihn mit der Hand zuruckweisend, sagte sie fest: Wir bedurfen Eurer Hulfe nicht; aber wo waret Ihr, da Ihr so nothig hattet hier zu sein, um die Ungewissheit uber Leben und Tod einer Unglucklichen von uns zu nehmen; die Ungewissheit, sage ich, Gott verhute es, dass hier in der nachsten Nahe unseres Schlosses ein unerhortes Verbrechen begangen worden sei. Sie schritt wahrend dessen, Mortons Arm verlassend, fest in den mittlern Saal. Jepson! rief sie und winkte die Hand des Doktors zuruck, als er den schwarzen Schleier, der als ein Theil ihrer Bekleidung von den Dienerinnen beim Aufheben abgedeckt und jetzt uber sie geschlagen war, zuruckziehen wollte, dieser Ort scheint uns nicht passend fur die wichtigen Untersuchungen, ob Leben und Tod obwaltet. Wir wunschen zu diesem Zweck den kunstreichen und erfahrenen Anordnungen unsers Doktors durch eine passende Wohnung zu Hulfe zu kommen, und bestimmen dazu die Zimmer im linken Flugel, welche die Vorzimmer zur Wohnung Seiner Hoheit des Prinzen von Wales ausmachen, und die durch den Kapellenthurm zugleich mit den Zimmern unserer Mistress Morton verbunden sind, welcher wir, wenn Gott unser Gebet erhort und uns die Gnade gewahrt, durch unsere wunderbar herbei gefuhrte Hulfe ein Menschenleben gerettet zu haben, die besondere Pflege und Aufsicht ubertragen wollen. Jepson, der erste Vogt des Schlosses, mit seinem weissen Stabe und ebenso weissen Haupte, horte, voll Ehrfurcht gebeugt, diese Befehle an, und begab sich alsdann, von der Bahre und mehreren von Morton beorderten Dienerinnen begleitet, nach der Vorhalle des Saales, von wo durch eine verschlossene Gallerie dieser Flugel fur ausserordentliche Falle zu erreichen war. Auch Doktor Stanloff wollte sich dahin entfernen, als die Herzogin ihn zuruck rief und mit minder fester Stimme hinzufugte: Ich kenne Euch, Doktor, Ihr werdet all' Eure so oft bewahrte Kunst, die uns manches theure Haupt erhielt, ich sage, Ihr werdet diese Kunst auch heute anwenden, so Leben noch zu erwecken ist, und ein so schreckliches, emporendes Ungluck, als ein Mord in unserm Bereich sein wurde, dadurch vernichten. Sobald ich meine Zimmer erreicht habe, soll Morton Euch beistehen. Nimm die ubrigen Frauen mit Dir, Morton, und sorge vor allen Dingen, dass die Ungluckliche geschont, und Alles mit Achtung und ohne Neugierde bei Seite gelegt wird, was sie noch an sich tragt und uns vielleicht, will's Gott, zur Kunde uber ihre Angehorigen fuhren konnte.
Stanloff, der bejahrte treue Diener dieses Hauses, der seiner grossen Dienste und seltenen Eigenschaften halber mehr als Freund, denn als Diener angesehen wurde, fuhlte wohl das Versohnende in den Worten der Lady, womit sie schnell zu begutigen suchte, was ihr stolzer und heftiger Sinn nur zu leicht verschuldete, doch nie ungestraft von einem zarten Gewissen und einem edlen Herzen. Dies, was Allen, die sie naher kannten, wohl bewusst war, sicherte ihr einen leichten Sieg uber jeden trub' heraufgefuhrten Augenblick, und flosste ihren Umgebungen eine Mischung von Furcht und Liebe ein, die sie mit vielem Geiste zu benutzen wusste, und die sie zu einer seltenen Herrschaft uber die Gemuther erhob. Doch weniger als je, hatte sie Widerstand in dem sanften milden Herzen Stanloffs zu furchten, denn er sah mit Freude in seiner geliebten Gebieterin das Gleichgewicht hergestellt, das so furchtbar noch bis vor wenigen Augenblicken zerstort war und ihn fur ihr Leben furchten liess. Die Heftigkeit, die Ungerechtigkeit ihrer ersten Worte, waren so der naturliche Gang ihrer Ausserungen, dass er einsah, ihr ganzes Wesen sei mit dieser Erschutterung in seine Bahn zuruckgetreten. Er kusste voll Ruhrung die dargebotene Hand, wagte es noch ein Mal die oft ertheilten, kaum angehorten, noch weniger befolgten Verordnungen fur ihre Gesundheit zu wiederholen, und ging getrostet von dannen.
Sanft wandte die Herzogin sich zu Mistress Morton und sagte ihr schmerzlich: Bringe mich hier weg, dieser Anblick scheint mich und meine Vernunft vernichten zu wollen. Sie wandte sich von dem Trauersaale ab, wollte sich so eben nach dem Ausgange begeben, als ein ferner Ton, wie ein Horn, an ihr Ohr traf, der nach einem Augenblick des bangen Harrens von einem naheren an der Thorbrucke, sodann zunachst von den Castellthurmen beantwortet wurde und keinen Zweifel liess uber die Ankunft der herzoglichen Leiche. Die Herzogin blieb einen Augenblick wie uberwaltigt, mit uber die Brust gefalteten Handen und gegen die Decke gehobenen Augen stehn. Dann sank sie, wie getroffen, auf ihre Kniee nieder und beugte ihr Haupt wie zum Gebet. In einem Kreise umher kniete ihre noch immer die Halle erfullende Dienerschaft, und die erhabene Feierlichkeit dieses Augenblicks und die tiefe Stille umher ward nur durch das sanft ausbrechende Schluchzen der Frau unterbrochen.
So fanden die beiden Tochter der Herzogin, die mit ihren Damen herbeieilten, die geliebte Mutter, die bei ihrer Ankunft das thranenbenetzte Gesicht mit schwermuthigem Lacheln zu ihnen aufhob, und sie neben sich nieder winkte. Der weite Weg, den der Zug zu machen hatte, da der erste Ruf des Hornes noch vor der Brucke, nach alter Sitte, Einlass begehrte, fullte eine lange Zeit. Wahrend er den ersten Hof betrat, erschien Jepson am Eingange der ausseren Halle, um der Herzogin Meldung zu machen. Als er die hohen Gitterthuren offnete und seine erhabene Gebieterin, von ihren Tochtern und Dienerinnen umgeben, auf den Knieen sah, sank auch er stumm zur Erde und blieb so einige Augenblicke voll Andacht, dann erhob er sich, seines Amtes gedenkend, und den Arm mit dem Stabe vor sich herstreckend begann er mit feierlicher Stimme: Es hat dem allmachtigen Gott in seiner Barmherzigkeit gefallen, den Weg zu beschutzen, den der erhabene Sohn und Erbe dieses erlauchten Hauses in der Erfullung seiner grossen und schweren kindlichen Pflichten aus weiter Ferne angetreten, um die sterblichen Ueberreste des durchlauchtigen Herzogs, seines erhabenen Vaters, zu den Hallen seiner Vater zuruckzufuhren. Vor den Thoren dieses Schlosses harrt er und begehrt voll Demuth gegen seine herzogliche Mutter, unsere erhabene Gebieterin, Einlass!
Von ihren Knieen sich erhebend, von ihren Tochtern unterstutzt, antwortete die Herzogin mit tiefer Stimme: Gott segne seinen Eintritt uber die Schwelle seiner Vater!
Sogleich offneten sich auf einen Wink die aussern Thore und liessen einen Blick thun in den weiten Hof, der mit den schwarzen Gestalten des Zuges uberdeckt war.
Konig Jakob hatte, sowohl der Witwe sein Beileid zu bezeigen, wie auch dem Wunsche seines Ministers sich gnadig zu erweisen, den Oheim des verstorbenen Herzogs, Cecil, Graf von Salisbury, nach GodwieCastle gesendet, und derselbe war mit seinem grossen Gefolge und in der Begleitung der nachsten Verwandten, die alle zum Empfang der Leiche versammelt waren, auf die eingetroffene Nachricht, dass sein Neffe die Grenzen des vaterlichen Gebiets uberschritten, von Godwie-Castle, wo er den Tag zuvor angekommen, ihm entgegen gegangen, und hatte ihn unterstutzt in der sorgfaltigen und wurdigen Anordnung des Zuges, der von da an bis an die Gemacher des Schlosses mit gleicher Ordnung fortgesetzt ward. Der Sarg ward im ersten Hofe von dem Rustwagen genommen, auf dem er seinen weiten Weg zuruckgelegt, und sechs junge Edelleute trugen ihn auf ihren Schultern. Voran schritt Jepson, den Stab, das Zeichen seiner Wurde, vor sich hinhaltend, ihm folgten die hohern Beamten des Schlosses und der ausgedehnten herzoglichen Besitzungen, denen sich das Reisegefolge des Herzogs anschloss, zahlreiche und geprufte Diener, unter ihnen Sir Eduard Ramsey, der als erster Kammerer seinen Rang vor Allen hatte.
Dann erschienen die zahlreichen Edelleute der Nachbarschaft, an ihrer Spitze Sir William Ollincroft als vornehmster Edelmann der Grafschaft, zu welcher das herzogliche Geschlecht in einer Art von Oberhoheit stand. Zwolf Pagen, mit den Achselbandern in den Farben des herzoglichen Wappens, gingen zur Seite der jungen Edelleute und trugen die Insignien der herzoglichen Wurde nebst den Orden und militarischen Auszeichnungen des Verstorbenen. Ihnen folgten unmittelbar hinter dem Sarge die Verwandten, und an ihrer Spitze Robert, Graf von Derbery, der alteste Sohn und Erbe des herzoglichen Ranges, begleitet von Cecil, Grafen von Salisbury, und gefolgt von den bedeutenden Personen der nachsten Verwandtschaft und einem glanzenden Zuge von Fremden, nebst der vornehmeren und geringeren Dienerschaft aller Anwesenden.
Ein kleiner Raum trennte die Herzogin von den traurigen Ueberresten ihres hochsten Gluckes und von dem geliebten Sohne, fur dessen Leben und Gesundheit ihre Seele so oft gezagt. Das Uebermaass ihrer Empfindungen siegte uber ihre Schwache, statt dieselbe, wie ihre Getreuen furchteten, zu mehren. Als der Geistliche mit seinem Gefolge aus der Kapelle an ihr voruber ging, den Sarg an der Schwelle einzusegnen, hatte sie Kraft, ihm zu folgen. Fest ergriff sie die Hande ihrer Tochter, und emporgerichtet, als verschmahe sie es, den letzten Pfeilen des Schmerzes die blutende Brust zu entziehn, folgte sie den Dienern der Kirche mit sicherm Schritt. Man hatte den Sarg in der Mitte des Gefolges an der Schwelle harren lassen, den Segen der Kirche zu empfangen; die Herzogin blieb in gemessener Entfernung stehn; in einem Kreise um sie her ihr schwarzgekleidetes Gefolge. Als die Geistlichen auseinander traten und sich der Bahre naherten, erblickte die Mutter zuerst den Sohn, dessen jugendliche Schonheit wie erstarrt schien in der ruhrenden Blasse eines tiefen Schmerzes; aber sein Auge sandte einen Blick zu ihr hinuber, welcher das Herz erreichte und die ganze Fulle des mutterlichen Gefuhls erweckte. Der feierliche Augenblick hinderte jede Annaherung, doch mit welcher Inbrunst beugten die tief Erschutterten auf das gegebene Zeichen das Knie zum Gebet! Wer mochte sagen, es hatte der Worte bedurft, dies Gebet des innersten Herzens Gott verstandlich zu machen.
Ehe jetzt der Zug sich nach dem Trauersaal begab, lag Robert zu den Fussen seiner Mutter und empfing ihren Segen, und als sie einen Augenblick lang sich umfasst hielten, fuhlten Beide die unnennbare Grosse ihres Verlustes und zugleich den Trost, den die Natur ihnen in einander gewahrt hatte. Von Lord Salisbury und ihrem Sohne geleitet, nahm die Herzogin Platz im Trauersaale auf einem erhohten Sitze, dem Katafalk gegenuber, zu ihren Fussen knieten ihre Tochter, am obern Theile des Sarges ihr Sohn, am untern der Graf von Salisbury. Das ubrige Gefolge nahm den weiten Raum umher ein, einen erhohten Lehnstuhl mit der herzoglichen Krone und Decke freilassend, welcher rechts von dem Sitze der Herzogin noch unbesetzt geblieben war, doch nicht lange. Denn aus dem innern Raume der Kapelle schritt eine Dame hervor, auf zwei Frauen gestutzt und von mehreren Pagen gefolgt, bei deren Anblick die Herzogin und ihre Tochter sich sogleich erhoben, und ihr mit allen Zeichen der Ehrerbietung entgegen traten. Sie war im hochsten Alter, schneeweisses Haar umzog das feine weisse Antlitz, auf dem der neue Gram nicht mehr den Frieden hatte storen konnen, der die gelauterte Seele schon zu einer Burgerin hoherer Welten erhob, wenn ihr Herz auch noch mit Engelsmilde die Leiden der irdisch Bewegten theilte. Es war die Schwester des Grafen Salisbury, die Grafin von Burleigh und Witwe des Herzogs Robert von Nottingham, die ehrwurdige Mutter des eben verstorbenen Herzogs. Schwer empfand sie es, den Sohn vorangehn zu sehen, aber die Hoffnung, bald mit ihm vereint zu sein, nahm dem Schmerze seine trostlose Schwere, und nur an ihre geliebte Schwiegertochter denkend und an ihre theuern Enkel, verliess sie, trotz der hohen Jahre und der damit verbundenen Schwache, ihren Witwensitz, durch sanften Zuspruch die Leiden ihrer Geliebten zu mildern. Bis jetzt war es ihr wenig gelungen, auf die ungluckliche Gemahlin ihres Sohnes zu wirken, ihr, wie Allen, blieb sie unzuganglich; ja, nachdem sie die Pflichten der Ehrfurcht gegen die ehrwurdige Mutter ihres Gemahls erfullt hatte, so stumm jedoch, mit so traurig zerstortem Wesen, als ob nur der Korper sich in gewohnter Ordnung bewegte, war sie mit einer Art angstlicher Scheu aus ihrer Nahe entflohen. Doch vor dem Sarge ihres Lieblings schien die Mutter wieder in ihre alten Rechte einzutreten, und die wenigen Worte, welche sie mit Thranenerstickter Stimme der ehrwurdigen Frau zurief, zeigten auch ihr, dass die Rinde gesprungen sei, die dies beladene Herz zu ersticken drohte. Die zahlreichen Zeugen geboten dem Zartgefuhl beider Frauen sich zu fassen, um die letzten Pflichten fur den Entschlafenen mit der Wurde erfullen zu konnen, die den Frauen dieses Hauses bei den Leichenbegangnissen ihrer Gatten die harte Nothwendigkeit ihrer Gegenwart auferlegte.
Als die alte Herzogin ihren Platz eingenommen und die Witwe zu ihrem Sitze zuruckgekehrt, begann der Geistliche nach dem Ritus der hohen bischoflichen Kirche die Einsegnung der Leiche, deren Verhullung nun gehoben ward, um der Versammlung die wirkliche Ueberzeugung von ihrer Identitat zu geben. Von dem kraftigen Geschlecht der Vorahnen her war es hier Gebrauch geblieben, dass die Witwe sich zuerst dem Sarge nahte und, nachdem sie die Leiche angeblickt, die Hand zur Beglaubigung, dass sie wirklich gegenwartig, empor hob; dasselbe thaten dann sofort die nachsten Verwandten, und der versammelte Adel nahm dies als eine ihm gethane Versicherung auf. Als dieser Moment nahte, sprang der junge Graf von seinen Knieen, auf denen er die ganze Zeit uber in tiefer Andacht geblieben, auf, und ehe die Herzogin sich dem Sarge nahern konnte, lag er zu ihren Fussen und schien sie mit der grossten Heftigkeit um etwas anzuflehn. Die Anwesenden konnten leicht errathen, dass der besorgte Sohn seiner Mutter einen zu schmerzlichen Anblick ersparen wollte, da der vor vier Wochen erfolgte Tod des Herzogs und der weite Weg, den die Leiche gemacht, trotz allen Vorkehrungen jeden wohlthuenden Zug und Eindruck verloscht haben musste. Aber die Herzogin schien unerbittlich, ja, zurnend, und wie ihr Sohn, von Salisbury's Worten unterstutzt, ihre Kniee umfasste, als wollte er mit Gewalt sie hindern, befahl sie ihm aufzustehn. Eine leichte Rothe belebte das blasse Angesicht, und mit vernehmlicher Stimme sprach sie wie unwillig: Haltst Du mich fur schwacher, als die edlen Frauen, die vor mir diesen Gang gethan? Trostlos erhob sich der junge Mann, und sein Blick richtete sich, wie nach der letzten Hulfe, zu seiner Grossmutter empor. Aber diese schien dies Mal nicht sie geben zu wollen, ihr feines weibliches Gefuhl sagte ihr, die Herzogin wurde hier sich nicht zuruck ziehn. Diese Pflicht, wozu das sehnsuchtige Herz sie trieb, diese Pflicht, die sie in der Gegenwart ihrer Verwandten, Befreundeten und Untergebenen erfullen sollte, konnte sie nicht unterlassen, ohne eine Schwache zu zeigen, die der Wurde und Seelenstarke widersprochen hatte, die ihren Karakter und ihren Ruf in der Welt bezeichnete. In ihren theilnehmenden, aber klaren Blicken lag das Vertrauen zu ihrer Schwiegertochter: auch sie wurde das mit Wurde vollziehen, was sie selbst und vor ihr so Viele an dieser Stelle vollzogen hatten.
Sie irrte sich auch nicht, und der zartliche Sohn hatte, ohne es zu ahnen, durch seinen Widerstand eine neue Stutze ihr gewahrt; ihr Stolz war erwacht, und ein leichter Unwille uber die scheinbare Storung der so wichtig erachteten Trauerceremonien gab ihr die Kraft, ihre Erweichung zu besiegen. Sie winkte ihren Sohn und den Grafen von Salisbury zuruck, und naherte sich mit langsamen, wurdevollen Schritten dem Hauptende des Sarges. Der Korper, uberdeckt mit einem weiten Furstenmantel, ruhete jetzt vor ihren gespannten, angstvoll geoffneten Augen unverhullt; das theure Haupt, einst mit allem Zauber mannlicher Wurde und den weichen Zugen des Gefuhls und der Gute geschmuckt, war jetzt zu einer unscheinbaren gelben Maske vertrocknet; und der Schauder, einer vollig fremden, kaum Menschen ahnlichen Bildung gegenuber sich zu finden, drohte sinnverwirrend den Geist der starken Frau zu ergreifen. Schon durchzuckte das wildeste Entsetzen ihre Seele, und Alles um sie her verschwand aus ihrer Erinnerung, noch solch' ein Moment, und sie ware entflohn und mit ihr vielleicht das Bewusstsein des Geistes, das unterzugehen drohte. Schrecklich war die Angst der sorglich auf sie Blickenden, denn in ihren Zugen und dem starren Blick ihrer Augen malte sich ihr jaher Zustand. Aber Gott hielt seine segnende Hand schutzend uber dies schuldlose Haupt. Sehr bald minderten sich die scharfgespannten Zuge, Friede kehrte zuruck, sich steigernd bis zur sanftesten Ruhrung. Ihr Blick hing mit Zartlichkeit an diesem grauenhaften Bilde, denn sie hatte ihn wieder erkannt an dem schonen, lockigen Haar, das der Tod nicht zu zerstoren vermochte, und das er in seltener Schonheit besessen hatte. Ihre Besinnung kehrte zuruck, und lange Gewohnheit einer grossen Selbstbeherrschung kam ihr zu Hulfe.
Das Gefuhl, ihn erkannt zu haben und jetzt gewiss seine heiligen Ueberreste zu besitzen, hob sie uber ihre Natur mit einer Art von Entzucken, das um so machtiger sie ergriff, als es der plotzliche Uebergang von dem trostlosesten Entsetzen war. Sie richtete sich an seinem Haupte mit einer Art von Begeisterung empor, noch ein Mal blickte sie nieder, und ein Lacheln umzog die bleichen Lippen. Dann schauete sie, ihrer Pflicht gedenkend, mit dem Ausdrucke der gluhendsten Ueberzeugung umher, und wahrend ihre Lippen wie zu Worten sich bebend offneten, hob sie wie eine Seherin die lilienweisse Hand empor und blieb so einen Augenblick stehn, Jeden zum Zeugen ihrer Ueberzeugung aufrufend. Unbeschreiblich war der Eindruck dieser sich folgenden Bewegungen; Bewunderung gesellte sich der tiefsten Ruhrung zu, und ein unartikulirtes Gerausch von vielen hundert Stimmen durchstromte die weite Halle.
Doch dies war vollig geeignet, die Herzogin aus ihrem uberspannten Zustande zu wecken, sie fuhlte schnell, dass sie hier der Gegenstand einer Aufmerksamkeit geworden war, die sich nach ihren strengen Begriffen mit ihrer Wurde und ihrem weiblichen Gefuhl gleich wenig vertrug. Sie liess sich von ihrem Sohne und ihrem Oheime zuruckfuhren, und ihre stolze Haltung erinnerte nicht mehr an ihre fruhere Bewegung. Nachdem der Umgang um den Sarg auch von den Uebrigen vollzogen war, traten die beiden Wappenherolde vor, die zur Seite des Thronhimmels standen, vor dem der Katafalk errichtet war. Der zur linken Seite trug das aufgerollte furstliche Trauerwappen an einem goldenen Stabe und richtete es zur Linken des Sarges auf. Indem er noch ein Mal den Tod des Herzogs, mit allen seinen Wurden und Titeln benannt, verkundigte und alsdann mit lauter Stimme fortfuhr: Und so das erlauchte Haupt dieses Hauses nunmehr in ewigem Frieden hier vor uns ruhet, sehen wir den herzoglichen Stuhl erledigt, und da er leer bleibt vor unsern Augen, nachdem wir den Herrn davon als verstorben erkannt, und als ob Nachkommen und Lehntrager diesem erhabenen Stamme gebrachen, fragen wir die hohen hier anwesenden Verwandten, und den hohen und niedern Adel der Grafschaft Nottingham, ob verbluht und untergegangen sei dies edle Geschlecht, und ob wir sofort, kraft unsers uns verliehenen Amtes, das Wappen zerbrechen mussen und zu ewigem Vergessen mit diesem Sarge versenken sollen? Wir fragen drei Mal: Ist der Stamm erloschen? da trat der Graf von Salisbury als nachster mannlicher Verwandte mit ernster Wurde hervor, zog seinen Degen, hob ihn gegen den Herold empor, beruhrte dann drei Mal mit der Spitze die Brust des Verstorbenen und sprach drei Mal ein lautes Nein! Wo ist der neue Herzog von Nottingham? rief nun derselbe Herold, und in demselben Augenblicke zogen alle Anwesenden mit Blitzesschnelle die Degen aus den Scheiden, dass die hohen Gewolbe wie von einem Schreie widerhallten, und eben so schnell stand der Graf von Derbery von seinem Platze am Sarge auf, und indem er die Hand auf das Haupt des Entseelten legte, rief er drei Mal: Hier! Augenblicklich eilten glanzend geschmuckte Pagen herbei und hingen den herzoglichen Mantel um seine Schultern, wahrend der Graf von Salisbury den herzoglichen Reif von dem Kissen nahm, welches ein Page ihm reichte, und seinem Gross-Neffen damit das Haupt schmuckte. Er fuhrte ihn sodann unter den Thronhimmel und hiess ihn den leeren Stuhl darunter einnehmen, wahrend der Freudenherold das in allen Farben prangende Wappen der Herzoge entfaltete, und den neuen Herzog laut und feierlich proklamirte. Die Anwesenden begrussten nun vorubergehend und mit dem Degen den Boden beruhrend den neuen Herzog, und beurlaubten sich, tiefneigend vor den Herzoginnen, die unbeweglich wahrend dieser langen Ceremonie in ihren Stuhlen blieben. Bis die letzten Diener den Saal verlassen, und nur noch von ihren Kindern, der herzoglichen Mutter, dem Grafen Salisbury und ihrem nachsten Kammergefolge umgeben, blieb die starke Herzogin aufrecht, dann sank sie ohne einen Laut, ohne alles Leben von ihrem Sessel. Entsetzt sturzten die trostlosen Kinder uber sie, doch Doktor Stanloff, der mit hutendem Auge seiner Gebieterin gefolgt war, erklarte ihren Zustand fur eine tiefe Ohnmacht und verlangte nichts als Ruhe, wonach sich wohl Alle sehnten nach diesem angreifenden Tage. Auch war die Nacht langst herangebrochen. Man trug die Herzogin in ihre Zimmer, und Jeder suchte die seinigen zu erreichen. So befand sich bald um den, der sonst der Mittelpunkt alles Lebens und aller Wonne in diesen Hallen war, nur die durch eintonige Worte sich von Stunde zu Stunde ablosende Trauerwache! Der unbewusste Zwang, den feststehende, durch lange Gewohnheit geheiligte Formen uber die Gemuther der Menschen ausuben, wird oft eine wohlthatige Stutze fur das durch Leidenschaften oder erschutternde Ereignisse aus seiner Bahn getriebene Innere. Von dem kleinsten Standpunkte gilt dies, und macht sich auch fur den weiteren Gesichtskreis des Lebens geltend. Es belehrt uns uber das lange Fortbestehen oft in sich schon bedeutungslos gewordener Formen, welche zu durchbrechen und von dem in der Zeit gereiften Kerne die Schaale abzuwerfen, Wenige nur berufen sind. Diese sind dann der letzte Tropfen in dem zum Ueberfliessen gefullten Becher einer neuen Erkenntniss, wozu in der Stille die Besten vieler Zeiten die einzelnen Tropfchen beisteuerten. Sie haben keinen Maassstab, denn sie sind die ersten dieser Art; aber leicht missdeuten Viele in sich eine leidenschaftliche Aufregung, die ihnen das Recht zu geben scheint, umzustossen und zu durchbrechen, was, von tugendhaften Voraltern erdacht, oft ganze Geschlechter liebevoll umfasste und sie schutzend an der rohen Willkur voruberfuhrte.
Es ist so schwer, an die Stelle des lang Bestandenen das Bessere zu stellen, dass die hieruber leicht gewonnene Erfahrung uns versohnlich macht gegen das Mangelhafte; und so unzureichend und oberflachlich sind die Ergebnisse jener Umwalzungen, dass ein stilles und in sich geschlossenes Gemuth sich leichter da hinneigt, wo tugendhafte Menschen seit lange Burgschaft gaben fur das Bestehende. Auch reift in der Zeit von selbst schon und allmalig eine Reformation, zu deren siegreichen Zwecken Jeder wohlthatig mitwirkt, der in sich selbst die freie Entwickelung seiner Krafte beschloss. Was auf diese Weise von uns dennoch abfallt und nicht mehr zu uns gehoren will, das ist zum Staube reif, nicht der ubermuthigen Laune, sondern der Zeit ist es verfallen!
Die starksten Gemuther erreichen am leichtesten diesen hohern Standpunkt; Ruhe und wahre Milde haben immer ihren Sitz in dem Gefuhle der Kraft, und es ist kein Widerspruch, wenn wir den, der allenfalls die Form durchbrechen konnte, sich fugen sehen; es ist blos, dass auf seinem hoheren Standpunkte ihn das Kleine nicht mehr stort und das Gefuhl, die eigene Bahn sich brechen zu konnen, ihn zum vertraglichen Gefahrten macht auf dem schon betretenen Wege.
Wir fuhlen uns durch diese freie Ergiessung unserer Meinung unwillkurlich auf die Person hingewiesen, welche zunachst unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt, den zweiten Sohn der Herzogin von Nottingham, Lord Richmond Derbery, welcher einige Tage nach der still erfolgten Beisetzung des geliebten Vaters mit seinem Oheim, dem uns schon bekannten Grafen Archimbald Glandford, von einer Sendung Konig Jakobs an seinen unglucklichen Schwiegersohn, den Kurfursten von der Pfalz, zuruckgekehrt war und, von der Trauernachricht auf dem Ruckwege getroffen, mit geflugelter Eile Godwie-Castle erreicht hatte. Wir vertiefen uns nicht noch ein Mal in die wehmuthigen und erschutternden Scenen eines solchen Wiedersehens. Ueber Personen, die mit eben so viel Hochachtung, als Liebe, an einander hingen, brachten solche Augenblicke den vollen Werth einer wurdigen Selbstbeherrschung, welche auch den heftigen Empfindungen des Herzens eine edle Decenz auferlegt; der tiefe Ernst, der an die Stelle leidender Aufregung getreten, zeigte sie wenig anders, als man sie zu sehen gewohnt war.
Doch hatte die Ankunft beider Manner einen unverkennbaren Einfluss auf die wiederkehrende freiere Haltung des Ganzen. Es lag in ihrer gerauschlosen Gegenwart dennoch etwas so Anziehendes und zugleich Anregendes, dass fast Jeder auf seinem Platze etwas zu leisten strebte, wie wenig auch eine Anforderung darauf hinwies. Wenn die Unbedeutenden sich dadurch angenehm erhoht fuhlten und die Besseren in der schonen Freude ehrender Anerkennung lebten, gab es doch auch Andere, welche sich von einer Beherrschung gedruckt fuhlten, die, wenn auch achsichtslos entstand und nie gefordert oder begunstigt schien, der stillen Herrschaft zugeschrieben werden musste, die ausgezeichnete Geister unwillkurlich durch sich selbst herbeifuhren. Zu diesen Letzteren, sich gedruckt Fuhlenden, mussen wir, obwohl mit einiger Schuchternheit, den grossten Staatsmann jener Zeit, den Grafen Salisbury, rechnen. Wir haben erzahlt, dass er seinen Neffen, den Grafen Archimbald, bei seiner Ruckkehr aus Frankreich zu bilden strebte und, die grossen Eigenschaften desselben erkennend, wohl damals den Plan fasste, ihn zu seinem Gehulfen und spaterhin vielleicht zu seinem Nachfolger zu erheben. Doch wahrend dieser Entwickelung geschah etwas, das ausser dem Plane und der Erwartung des Grafen lag. Er hatte seinen Neffen, den er durch Verwandtschaft und Unterricht fest an sich geknupft wusste, eine Zeit lang in anscheinend unbedeutenden Auftragen an die verschiedenen Hofe, an denen sich schon englische Gesandtschaften befanden, gesendet, oft damit Zwekke erreichend, die auf direktem Wege Widerstand gefunden hatten, und die ihm die Faden in in die Hande spielten, an denen er Konig Jakob und die ubrigen Minister geschickt zu lenken wusste. Graf Archimbald hatte durch diese verschiedenen Stellungen fast den Ueberblick uber alle wichtigern Angelegenheiten des damals in religioser und politischer Beziehung so bewegten Europas gewonnen. Seine ungemein wissenschaftliche Bildung, und vor Allem der naturliche leichte und scharfe Blick seines umfassenden Geistes hatte ihn zu Ansichten gefuhrt, die ihn uber das System erheben mussten, nach welchem die kurzsichtige Politik Konig Jakobs mit weibischer Schwache sich von all' den hochherzigen Bewegungen ausschloss, die von so viel Seiten her ihn zur Theilnahme aufforderten. Er verwarf sie, um den Frieden zu erhalten, der wahrend seiner ganzen Regierung das durch Elisabeth so hoch gestiegene Ansehen Englands wieder herabsinken liess. Dass dieser Vorwurf, den bald Europa dem Konige von England machen musste, auch seine Minister und namentlich den Grafen Salisbury traf, an dessen Namen eine Beruhmtheit hing, die er nach dem Tode Elisabeths nicht mehr behaupten zu konnen schien, fuhlte Graf Archimbald mit tiefem Schmerze, und von dem Tadel gegen seinen Konig, mehr noch gegen seinen Oheim erhitzt, wagte er es, demselben Ansichten vorzulegen, die nur zu deutlich zeigten, dass die Meinungen des Neffen mundig geworden.
Der Graf konnte sich bei diesen gewagten Mittheilungen, trotz seines innern grenzenlosen Unwillens, nicht verlaugnen, dass hier in dem Kreise, den er vollig zu ubersehen glaubte und mit der schmeichelhaften Hoffnung beherrschte, dass der ganze Continent ihn in dieser vollkommenen Herrschaft anerkenne, sich Ansichten entwickelt hatten, die ihm nicht allein entgangen waren, sondern auf das, was er indessen gethan, ein tadelndes Licht werfen mussten. Je weniger der helle Geist des erfahrnen Staatsmannes sich dies verlaugnen konnte, um so unheilbarer war die Wunde, die sein stolzes Herz dadurch empfing, und die Person, die zuerst diesen todtenden Pfeil nach ihm zu senden wagte, wurde stets das Opfer dieser erregten Empfindung geworden sein, wie den Liebling nichts schutzen konnte, eine misstrauische Kalte erregt zu haben. Die Grenze des Vertrauens war von da an gesteckt; die nie getraumte Befurchtung, von seinem Neffen ubersehen zu werden, erbaute, obwohl kaum eingestanden, eine ewig trennende Mauer. Mit leicht erregtem Missbehagen sah er den Beifall, den er selbst fruher auf ihn herbeigerufen hatte, und sein ewig gepeinigter Stolz liess sein Wesen mit allen Autoritaten des Ministers und Oheims gegen ihn sich bekleiden. Schnell hatte Archimbald sein grosses Versehen erkannt, und die Dankbarkeit und Hochachtung, die der Beleidigte ihm einflosste, gab ihm all' die rucksichtsvolle Ergebenheit, die uberall hatte versohnend sein mussen, nur nicht gegen ein durch Hochmuth und Schmeichelei erkaltetes Herz, dessen eitles Selbstvertrauen verletzt ward. Auch blieb hieruber bald dem Grafen kein Zweifel ubrig, und ihm selbst war ein zu hoher Grad des Stolzes beigemessen, und ein nicht zu unterdruckendes und begrundetes Selbstvertrauen, als dass er sich langer um die Wiederherstellung eines Verhaltnisses hatte bemuhen konnen, welches oft schon seiner Ueberzeugung Fesseln angelegt hatte, und das ihm jetzt doppelt druckend werden musste, nachdem er einen so tiefen Blick in das kleinliche Gemuth seines Oheims gethan. Beide jedoch waren zu klug, die Welt zu Zeugen dieser innern Trennung zu machen. Der Graf von Salisbury hatte zu oft Lord Archimbald seinen besten Schuler genannt, um ihn jetzt nicht auf der offentlichen Hohe zu halten, die ihm unter diesem Pradikat zukam; doch entfernte er ihn bald aus seiner Nahe, obwohl auf einen Platz hin, den er mit einem bedeutenden Kopfe ausfullen musste. So begab sich denn der Graf zu Heinrich dem Vierten nach Paris. Es begleitete ihn dahin trotz seiner zarten Jugend sein zartlich von ihm geliebter Neffe, Richmond von Derbery. Es war fur den, der diese beiden Personen beobachten konnte, etwas hochst Anziehendes zu gewahren, wie Graf Archimbald an seinem Neffen mit einer Liebe hing, die er fast gegen alle Andere, besonders seit dem Tode seines Freundes, des Prinzen von Wales, und seines geliebten Vaters, zu verringern schien, und dies, wie es sich oft verrieth, um solcher Eigenschaften willen, worauf einen entschiedenen Werth zu legen, man von dem Grafen am wenigsten erwarten konnte: namlich wegen einer hervorleuchtenden Fulle des Gemuths und einer Zartheit der Empfindungen, welche die Brust einer Frau in nicht hoherem Maasse hatten zieren konnen. Das ganze Wesen Richmonds war geleitet von einer feinen Schonung gegen Andere. Er errieth mit der scharfsten Empfindung eben so leicht das Wohlthuende, als das Verletzende, und wusste, wo es seine Stellung irgend zuliess, das Eine, wie das Andere sanft zu vermitteln, woraus eine Sicherheit in seiner Nahe entstand, welche das Vorrecht einer schonen und edlen Individualitat ist, und selbst uber die roheren Seelen eine stille Gewalt ubt, von der sie sich oft keine Rechenschaft zu geben wissen, und die sie unbewusst, sich selbst zu massigen, zwingt. Man musste sich gestehen, dass diese Tugenden nicht unter die ausgezeichnetsten seines Oheims gehorten. Dieser verdeckte eine gewisse Scharfe und Kalte des Karakters durch die ausserordentliche Selbstbeherrschung und Politur, die das Leben in den verschiedensten Lagen und unter stets grossen und reprasentirenden Verhaltnissen ihm gegeben hatte, aber sie liess sich nie so ganz unterdrucken, um nicht da hervorzutreten, wo es an einem Interesse, sie zu verbergen, fehlte. Es gab Personen von feinem Takte, die sich selbst durch die freundlichste Annaherung in Ton, Wort und Miene nicht von einer kleinen Erkaltung erholen konnten, die sie verletzte. Indem dies eine Art Schuchternheit erregte, unterstutzte es zugleich das Ansehn, das ihm uberall zu Theil ward, und welches um den Preis der eigentlichen HerzensAffectionen gewonnen zu haben, ihn vielleicht nicht sonderlich betrubte. Dessenungeachtet mussten auch ihm die Augenblicke nicht ausgeblieben sein, von denen man sagt, dass sie Jeden erwarten; die Augenblicke, in denen die Leerheit des Innern von den Aussendingen nicht zu fullen ist und das ganze Gebaude stolzer Grosse nicht gegen die Anforderungen ausreicht, die das Herz mahnend wiederholt, wie wenig es auch scheinbar dazu berechtigt ward. In solchen Augenblicken hatte er den Sohn des Bruders erfasst, in dessen Eigenthumlichkeit er sich erganzt fuhlte. Er war ihm uberall gefolgt und von dem Vater mit Freude, von der Mutter nur mit grosser Ueberwindung ihm uberlassen worden, denn sie hing mit einer ganz besonderen Innigkeit an diesem Kinde, und wenn sie auch in ihrer ausseren Haltung kaum je den Grad ihrer Empfindungen wahrnehmen liess, war sie innerlich klar genug, das erhohte Gefuhl zu erkennen, das von fruh an ihren Liebling begleitet hatte. Spater sohnte sie sich mehr mit dem Gedanken aus, ihn unter fremder Herrschaft erbluhen zu sehn, denn sie musste sich sagen, dass kein Wesen geeigneter war, die geistigen Vorzuge eines Junglings zu entwickeln, als Graf Archimbald, und dass gerade das Hervorheben dieser geistigen Entwickelung ein wohlthatiges Gleichgewicht hervorgerufen hatte gegen die zartliche Weichheit seines Herzens. Graf Archimbald versaumte dagegen nie, das Opfer der Mutter wohl erkennend, eine Gelegenheit, den Sohn ihr zuzufuhren, und die Herzogin war endlich auch nicht gleichgultig gegen die Aussicht, ihren Sohn in die Rechte des Grafen Archimbald treten zu sehen, da, wenn es auch unentschieden blieb, ob der Oheim aus Liebe zum Neffen der Ehe entsage oder die Entsagung der Ehe ihn zum Neffen gefuhrt, doch die Hauptsache entschieden schien, dass der Graf sich nicht vermahlen und Richmond sein Erbe sein werde. Nach mehrjahrigem Aufenthalt am Versailler Hofe wunschte der Graf auf einige Zeit in den Kreis seiner Familie zuruck zu kehren, da seit dem Tode Heinrichs des Vierten er nur noch schwach sich an den Hof gebunden fuhlte, und zugleich seine durch Elisabeth ihm wieder verliehenen Besitzungen zu besuchen wunschte. Die meiste Zeit brachte Richmond indessen bei seinen Eltern zu. Es war eine Zeit stiller Seligkeit fur die Herzogin; denn ihr Liebling trat ihr vollstandig gereift entgegen, und sie hatte Zeit, in ihm so seltene Eigenschaften vereinigt zu gewahren, dass ihr Mutterherz im frohlichsten Stolze aufschwoll. Die Bruder waren ungemein verschieden, sowohl an Person, als an Eigenschaften; aber war man nur nicht so ungerecht, den Grafen Robert mit Richmond vergleichen zu wollen, so blieb jener doch eine liebenswurdige Erscheinung, mit seiner schonen Gestalt und dem heitern blonden Angesicht. Richmond dagegen hatte die regelmassige Schonheit seiner Mutter. Er war so gross, wie sein Bruder, seine Gestalt war vollkommen durch die reinste Uebereinstimmung der Verhaltnisse und eine daraus entspringende ungemeine Grazie jeder Bewegung. Sein erster Anblick war ernst, er hatte etwas Festes und Bestimmtes, und man hatte glauben konnen, dies waren die Vorboten eines stolzen und kalten Karakters, da er sich uberdies nur wenig und mit Zuruckhaltung ausserte. Aber diese ausseren Zeichen hingen mit den hohen Begriffen von Schicklichkeit und Massigung in Worten und Gefuhlen zusammen, die er zur Wurde des Karakters rechnete, und die allerdings bei ihm die grosse Herrschaft uber sich selbst erkennen liessen, da das reichste und gefuhlvollste Herz ihn stets zu verfuhren strebte. Die Ehrfurcht vor dem Willen der Eltern war um so heiliger in ihm geblieben, da er ihnen nie durch die Details der Erziehung so nahe geruckt war, ihre menschlichen Schwachen kennen zu lernen. Seine Mutter schien ihm unvergleichlich die erste Frau der Welt, und an seinem Vater hing er mit zartlicher Verehrung. Er hatte in diesem streng hauslichen Kreise eine Liebenswurdigkeit, welche die ganze tiefe Empfindung seines Herzens verrieth, und die Herzogin, die eine leichte Sprodigkeit selten ablegte, liess sich seine anmuthigen Liebkosungen mit vieler Nachgiebigkeit gefallen, denn sie wusste wohl, wie die im Hintergrunde ruhende Ehrfurcht ihm jedes Ueberschreiten der Grenzen unmoglich machte. Er hatte die hohe Stirn, das braune lockige Haar und die dunkeln Augen der Mutter, aber der Stolz dieser Stirn horte auf an den Grenzen seiner Augen. Ihr Glanz war von breiten Augenliedern und langen Wimpern von Aussen sanft gemildert, und der Stolz, der aus den Augen der Herzogin blickte, ward hier nur durch Erregung hervorgerufen und wechselte nur selten mit dem ruhigen Ernste. Beide Bruder hingen herzlich an einander, aber der altere erkannte in jedem Augenblick mit Stolz und Freude den jungeren uber sich. Sein fester Wille, der die schwersten Opfer fur das erkannte Recht nicht einmal erwahnt wissen wollte, legte der guthmuthigen Nachgiebigkeit des alteren Bruders die Gesetze auf, nach welchen er stets ohne Wanken zu handeln bereit war, und Robert folgte wie ein heiteres Kind, da Richmond das Schwere mit einer Liebe, mit einem Verstehen der damit verbundenen Opfer forderte, dass der Genuss, sich so verstanden zu sehn, fast den Kampf uberbot. Zum Grafen Salisbury verhielt sich dieser junge Mann ausserst fremd. Der Graf verstand ihn nicht, er hatte gute Berichte von ihm gelesen, er sah ihn ausserlich zum Hofmann gebildet; er wusste von seinen wissenschaftlichen Erfolgen, und hielt ihn erst, um nur mit ihm fertig zu werden, fur einen jungen Hofmann, der seinen Oheim beerben will. All zu lang wollte dies nicht passen, denn er ging seinem Oheim voran nach Deutschland, und Cecil sah, der Neffe habe eigne Meinungen, er scheue sich nicht, sie gegen die des Oheims geltend zu machen, er sei gerade und fest. Doch diese Weichheit wieder, dieser Gehorsam, wo es mit etwas Stolz gelungen war, dem Oheim entgegen zu treten, wozu das? Welche Inkonsequenz? Er liess ihn fallen und den Grafen gewahren, welcher sich nicht mehr von ihm trennen mochte. Doch gerade darum, weil er ihn nicht verstand und von der heimlichen Furcht in seiner Nahe sich beschlichen fuhlte, dass in ihm auch ein Geist versteckt liegen konne, der sich gegen den seinigen dereinst auflehnen werde, fuhlte er sich unheimlich mit Beiden und dachte den Tag nach ihrer Ankunft an seine Ruckkehr nach London.
Er hatte zu diesem Zweck seiner Nichte einen Besuch gemacht und den Grafen Archimbald nach den Hallen beschieden, in denen er sich auf und nieder bewegte, die Rede uberdenkend, welche er gesonnen war dem Grafen zu halten. Der schonste Fruhlingstag leuchtete durch die feinen goldenen Gitter der hohen Thuren und erhellte die dustern Hallen, welche ihres traurigen Schmuckes wieder entkleidet waren. In ihrer alten Pracht auf tausend schimmernden Flachen das glanzende Licht empfangend und zuruckwerfend, boten sie einen erfreulichen Anblick dar, da nur selten das Licht des Tages bei ihrer weiten Ausdehnung ihren Glanz verrieth.
Wohl schien die ernste und nachdenkliche Gestalt des alten Ministers, mit der tiefen Trauerkleidung und den glanzenden Sternen, zu dieser Umgebung zu passen, aber die Welt, die vor den goldenen Gitterthuren ihr heiteres Leben begann, ging um so gewisser fur ihn verloren. Die warme Luft des Fruhlings, das reine Licht des Himmels wollte uberall das schlummernde Leben zur Thatigkeit erwecken. Es war der Augenblick in der Natur gekommen, der uns von Stunde zu Stunde mit susseren Freuden zu beschenken scheint und eine unendliche Sehnsucht erregt, unter Bluthen und Blattern mitten inne zu wohnen, oder mit den geschaftigen Wurmchen und Kafern der athmenden Erde alle die kleinen Geheimnisse abzulauschen, die vom keimenden Halme bis zu den unschuldigen Versuchen der ersten Blumchen unsern Antheil und unsere Zartlichkeit erwecken. Der nahe Wald, die zahllosen kleinen Gebusche auf und an den Terrassen waren ein Tummelplatz singender und bauender Vogel, nicht minder waren die gothischen Verzierungen der Hallen mit Nesterchen bestellt, deren Bewohner, sich an den Gittern hangend und wiegend, ihr frohliches Lied dem alten Staatsmann entgegen sangen, der in ernster Wurde an ihnen daherschritt und auf nichts so wenig horte, wie auf Vogelgesang! Noch ein Mal hatte er das Ende der mittlern Halle erreicht, und in dem fragenden Blick, den er nach dem Eingange sendete, lag aufsteigender Unwille, hier seit einigen Minuten vergeblich zu warten, als er durch die Gitterthuren, die nach der Vorhalle fuhrten, den Grafen Archimbald eilig daher kommen sah, und um so schneller, da er ihn so eben zu erkennen schien. Lord Salisbury blieb unbeweglich stehn, seinen Neffen den ganzen Raum bis zu ihm durchmessen lassend, und Graf Archimbald, der nur den etwas vorgestreckten Fuss des Lords zu sehen brauchte, um zu wissen, dass er hier langer geharrt, als er mit seiner Wurde vertraglich fand, fing schon in einiger Entfernung an, sich mit einer Bescheidenheit und Hoflichkeit zu entschuldigen, die sehr oft, in einem so hohen Grade ausgesprochen, eine leichte Beimischung von Ironie verrath, von der wir auch jetzt den Grafen loszusprechen uns nicht verpflichtet halten. Graf Salisbury murmelte einige unverstandliche Worte und schickte sich an, das zu beginnen, warum er seinen Neffen berufen; als derselbe, mit vieler Gewandtheit diese geringe Pause benutzend, dem Grafen sein Bedauern ausdruckte, indem er, so eben von seiner Schwagerin kommend, erfahren habe, der Graf wolle dies Schloss schon morgen verlassen. Um so naher liege ihm aber auch nun eine Bitte, die er im Namen seines Neffen vorzutragen nicht aufschieben durfe, namlich die Bitte um die Erlaubniss, in dem Gefolge des Grafen sich nach London begeben zu durfen, um gegen den Konig der ihm obliegenden Verpflichtung des Lehnseides sich zu entledigen. Er wurde es fur eine Ehre halten, wenn auch er ihn dahin begleiten durfe, da seine Schwagerin ihn vorlaufig aus seiner Nahe entlassen und jedes Geschaft zuruck gesetzt habe, bis die erste Verpflichtung ihres Sohnes gegen seinen Konig erfullt sei. Der Graf von Salisbury konnte kaum den unangenehmen Eindruck verbergen, den diese schnelle, ausserst schmeichelhafte und unterwurfige Bitte seines Neffen ihm machte; denn gerade diesen selben Gegenstand hatte er eben zum Vortrag bringen wollen, und zwar mit manchen von ihm wohl uberlegten Aeusserungen, welche die Bedeutsamkeit seiner Stellung hervor heben und die Nachlassigkeit andeuten sollten, die seiner Meinung nach in der Stille ausgesprochen lag, mit der bis jetzt die wichtige Pflicht des jungen Herzogs ubergangen war. Durch diese schnelle ehrerbietige Erklarung des Grafen war er um die ganze Wichtigkeit dieses Augenblicks betrogen, und musste noch uberdies von der feierlichen Hohe der Missbilligung, zu der er sich empor gehoben hatte, hernieder steigen, und billigend und gewahrend das Vertrauen erkennen, welches seinem Grossneffen wunschenswerth machte, in seinem Gefolge sich nach London zu begeben. Es blieb aber nur noch ubrig, einen andern Anlass zu erfinden, weshalb er seinen Neffen habe rufen lassen. Wir zweifeln nicht, dass es dem feinen und gewandten Manne gelungen ware, einen passenden Ausweg zu finden, ware er nicht aus dieser kleinen Verlegenheit durch ein neues Ereigniss gerissen worden, welches alle seine Gedanken von da an uneingeschrankt in Anspruch nehmen sollte. Gilbert, der erste Sekretair des Grafen von Salisbury, erschien in dem Eingange des Saales und naherte sich auf das gegebene Zeichen des Ministers, um ihm zwei Briefe zu ubergeben, welche so eben mit einem Courier von London eingetroffen waren. Graf Archimbald wollte sich ehrerbietig zuruckziehn, aber der Graf von Salisbury erkannte, etwas erstaunt, aber doch angenehm uberrascht, auf dem einen Briefe das grosse Privatsiegel des Konigs und seine lateinische Ueberschrift, welcher Sprache er sich aus Eitelkeit haufig zu seiner Privat-Correspondenz zu bedienen pflegte. Er bat ihn daher freundlich, zu verweilen, beurlaubte Gilbert, und zu seinem Neffen gewendet eroffnete er den Brief, indem er mit einigen Worten die Gnade des Konigs in diesem eigenhandigen Schreiben bemerkte. Doch er konnte nicht uber die ersten Zeilen gekommen sein, als sein kraftiges Gesicht erbleichte und die hohe Haltung des alten Mannes bis zur Ohnmacht zu schwinden schien. Sein Auge streifte verschuchtert uber das Blatt weg und haftete mit einem solchen Ausdrucke auf seinem Neffen, dass dieser voll Schrecken auf ihn zueilte und mit sorglicher Freundlichkeit seinen Arm ergriff. Archimbald, sagte der Graf mit matter Stimme, was hat man in meiner Abwesenheit durchzusetzen gewagt? Wie unerhort bin ich betrogen, und welch' ein Ungluck ist uber uns alle gekommen!
Noch ahnte Graf Archimbald die Ursache der heftigen Erschutterung nicht, in der er seinen Oheim sah, aber das unverkennbare Leiden des wurdigen Mannes erweckte die volle Theilnahme, die er fruher ihm so aufrichtig eingeflosst, und tilgte alle die Kalte und Zuruckhaltung, welche spater beide von einander entfernt gehalten hatte. Der alte Graf brauchte einen Vertrauten, und er wusste, dass er ihn in seinem Neffen zu finden vermochte. Dies war fur den schweren Augenblick ein Trost, den er sich weder versagen wollte, noch konnte. Er nahm den Lehnstuhl an, den sein Neffe herbei zog, und reichte ihm dann den Brief des Konigs, unfahig, wie es schien, uber die ersten Zeilen hinweg zu kommen. Doch waren diese vollig hinreichend, sowohl die Erschutterung des Ministers, wie das in gleichem Maasse erregte Erstaunen des Grafen zu erklaren. Der Konig schrieb namlich und, wie es dem vollig haltungslosen Styl anzufuhlen war, selber in der trostlosesten Stimmung: "Was werdet Ihr sagen, mein lieber getreuer Cecil, wenn ich Euch schreibe, dass ich trostlos bin und ein armer, verlassener Vater, denn mein lieber Sohn und Buckingham haben sich nicht halten lassen, und sind auf und davon nach Spanien gereist, und Babi will selbst freien um seine Infantin, wie jeder andere Mann, so unschicklich das auch fur ihn ist. Ich habe Euch tausend Mal zuruck gewunscht, denn Ihr hattet es sicher ihm ausgeredet. Aber wie Ihr fort waret und Buckingham es erst wollte, da war kein Auskommen mehr, und ich bin nun ganz trostlos, denn mehrere Tage sind sie schon fort, aber ob meine Augen je meinen letzten Prinzen wiedersehn, das weiss Gott. Ich wunsche, Ihr wollet jetzt nicht langer mich allein lassen. Euer Konig Jakob."
Der zweite Brief war vom Grafen von Herford und bestatigte die Nachrichten des Konigs mit mehreren Details, woraus klar hervorging, dass zwischen Carl und Buckingham eine Aussohnung zu Stande gekommen war, in deren Folge der Herzog den Wunsch des Prinzen, nach Spanien zu gehen, aus allen Kraften befordert und die wirkliche Abreise so unerhort schnell und heimlich in's Werk gesetzt hatte, dass der Konig nicht uber seinen Schritt zur Besinnung kommen konnte, noch weniger einer der Minister und Rathe vermocht hatte, es zu verhindern.
O, warum war ich nicht da! rief Lord Salisbury, indem er mit der alten Kraft von seinem Sessel aufsprang, o die muthlosen entarteten Menschen, die alle an sich mehr dachten, als an das Wohl des Staates und ihres koniglichen Hauses! Und hatte ich diesen Buckingham auf die Gefahr meines grauen Hauptes gefangen nehmen sollen, als Hochverrather hatte ich ihn verklagt vor dem Throne meines armen schwachen Konigs, und so wahr ein Gott lebt, nur uber meine Leiche hatte der theure Prinz, der Stolz unseres Landes, die Grenzen seines treuen Englands uberschreiten sollen, um unsern Feinden zum Spott in das fremde papistische Land seinen Fuss zu setzen. O Archimbald, schutze uns vor Zeugen! Weisst Du uns frei von Beobachtung? Sieh, ich kann mich nicht fassen, es ist ein Schritt, der uns mindestens zum Gespotte des Auslandes macht. Gott verhute, dass der geheiligten Person unsers theuern Prinzen etwas geschehe, was diese Menschen zu vertreten haben werden; aber selbst der glucklichste Erfolg wird uns um die Erreichung der wohl eingeleiteten Plane bringen, welche Dir bewusst sind und zum Theil deine Sendung nach Deutschland veranlassten, unsere Feinde werden das Uebergewicht zu benutzen wissen, was diese wahnsinnige Handlung ihnen giebt, Gott gebe, nicht noch zu schlimmeren Anschlagen. Archimbald war ein zu eifriger Staatsdiener, um nicht ganz die Empfindungen seines Oheims zu theilen. Er ubersah mit schnellem Blicke das Gewagte und Unbesonnene dieses Schrittes, und konnte den Schmerz des alten Mannes daruber nicht allein begreifen, sondern fuhlte sich auch dadurch aufs Neue inniger zu ihm hingezogen. Die treue Anhanglichkeit an das konigliche Haus, dem er diente, die alle zartlichen Gefuhle seiner Brust, in sofern sie ihm zu Gebote standen, ans Licht rief, gewann seine Hochachtung und Anerkennung. Nur zu wahrscheinlich zerstorte dies ubereilte Entgegenkommen des Prinzen das Gleichgewicht, welches im Fordern und Gewahren beider Hofe durch die besonnene Klugheit des Grafen Bristol so meisterhaft bis jetzt erhalten war. Die beiden Manner schritten, in die sorglichsten Mittheilungen vertieft, auf und nieder, und das vertrauliche Du des Grafen und der Gebrauch des Vornamens seines Neffens, wie in der fruheren Zeit, zeigten deutlich die tiefe Erregung des ehrwurdigen Lords.
Beide kamen darin uberein, ihre Reise unverzuglich anzutreten, da allerdings eine genaue Uebersicht an Ort und Stelle zu erwarten war, und namentlich die Instructionen fur den Grafen von Bristol hochst dringend und wichtig wurden. Archimbald beeilte sich demnach, die nothigen Befehle zur Abreise zu ertheilen, und der Graf von Salisbury begab sich zu seiner Schwester und Nichte, sie mit dem Briefe des Konigs und seiner dadurch veranlassten schnelleren Abreise bekannt zu machen. Wir sehen demnach am nachsten Morgen das Schloss von dem mannlichen Theile seiner vornehmen Bewohner verlassen, und finden Zeit, uns in die innern Gemacher zuruck zu ziehen, wo manches der Beobachtung Werthe indessen sich begeben hatte. Wir wenden uns zuerst zu dem Gegenstande, welchen Gastons Bemuhungen der Herzogin hatten entdecken lassen. Doktor Stanloff brachte ihr am andern Morgen die Nachricht, dass er annehmen durfe, das Leben sei noch zuruck zu rufen, da, obwohl keine Bewegung wahrzunehmen, doch eine Art von Warme und Biegsamkeit der Glieder eingetreten sei, und selbst eine schwache Andeutung des Pulses sich mitunter zeige. Die Verletzung am Kopfe sei hochst unbedeutend, unfehlbar nur die Folge des Falles; auch konne der Blutverlust bei solcher Jugend und Gesundheit nicht diesen Scheintod herbeigefuhrt haben. Die mit Wunden und Geschwulst bedeckten Fusse liessen aber eine grosse ungewohnte Anstrengung voraussetzen, die Zurucklegung eines weiten Weges, wobei die Fussbedekkung verloren gegangen; Alles fuhrte ihn zu einer Vermuthung, welcher er nachzuforschen denke, namlich der Befurchtung, dass langer Mangel an Nahrung diese ausserste Erschopfung erzeugt habe. Doktor! rief die Herzogin, fast aufschreiend, welch' eine schreckliche Vorstellung! Grosser Gott! Konnt Ihr dies mit Wahrheit behaupten! Warum gleich so Emporendes denken, warum mich so unnutz erschrecken. Welche traurige Begebenheiten mussten den Mangel des ersten, des am leichtesten zu stillenden Bedurfnisses herbeigefuhrt haben.
Stanloff schwieg einen Augenblick, dann sagte er ernst: Wer nie den Mangel der einfachsten und nothigsten Bedurfnisse kennen lernte, kommt leicht zu dem Glauben, dass, was die Natur begehrt, auch in dem Kreise der willkurlichen Befriedigung jedes Menschen liege. Es ist leider nicht so, und Tausende ringen mit dem Leben um den einen Preis, auf dessen genussreiche Befriedigung man aufhort Werth zu legen, wenn man nie die Entbehrung desselben kannte. Es lag etwas so Eindringliches in diesen sanften Worten, dass die Herzogin mit einem tiefen Seufzer ihren Blick zu ihm erhob. Nach einem kurzen Nachdenken indess zu ihren fruheren Gedanken zuruckkehrend, fuhr sie fort: Doch in diesem Stande, bei dieser Jugend, die uns noch unter die wohlthatige Vormundschaft Anderer setzt, da bis zum Hungertode elend zu werden, gesteht, es liegt etwas Schreckliches, wenigstens Unbegreifliches darin! Ihr habt Recht, Mylady, und ich theile Eure Ansicht, dass diesem armen und schonen Wesen viel zu Leide geschehen sein muss, das vielleicht Gott mit Absicht nun in die besten Hande gelegt hat, um es wieder gut zu machen. Gott wird mir auflegen, was ich ertragen kann, sagte die Herzogin, wahrend ihr ganzes Wesen von dem Wechsel der Gedanken erschuttert schien, welche diese letzten Worte in ihr hervorgebracht hatten. Sie stutzte ihr Haupt schwermuthig in ihre Hand, und grosse Thranen rollten einzeln in ihren Schooss. Ich bin erschuttert, mein guter Stanloff, fuhr sie fort, und schwacher, als sonst meine Art ist, doch wer sollte es nicht sein, wen das erreichte, was mich gebeugt. Laute Klagen sind nicht zu meiner Erleichterung vorhanden, mich ergreift darum nicht minder, was an Freude und Leid diese reiche Welt belebt. Aber wen in der Bluthe des Lebens schon der Schmerz erreichte, wen er zwang, hoheren Gesetzen gehorchend, diese Schmerzen zu verschliessen: der hat fur immer den leichtern Erguss nach Aussen hin verlernt, wodurch so Viele die Burde schon halb abtragen, die ein schweigendes Gemuth mit sich fuhrt, bis sie langsam in sich verzehrt ist. Geh, guter Stanloff, treuer verschwiegener Diener, Du verstehst leicht und viel mit Deinem edeln Herzen, aber, setzte sie schmerzlich lachelnd hinzu und zog die Hand von den thranenschweren Augen, sie ihm zu reichen, was in diesem Herzen gegen Zeit und Vernunft und jede hohere Mahnung kampft, errath Dein heller Blick doch nicht, und wohl mir! Aber wenn Du mich oft findest wie soll ich sagen rasch oder heftig, ja, bitter wohl und leicht gereizt, willst Du dann gedenken, was ich Dir heut sagen musste, weil ich es in meiner Erweichung nicht bergen konnte? Auch der bewahrteste Freund soll Ehrfurcht hegend auf der Stelle des Vertrauens stehen bleiben, die der andere ihn nicht uberschreiten lasst, sagte Stanloff und kusste bewegt die Hand der edeln Frau, und kein Wort, und gabe es die heiligste Liebe, die innigste Theilnahme ein, soll losend oder bittend eindringen wollen, wo ihm nicht freiwillig aufgeschlossen ward. Ich bin stolz darauf, Euch, edle Frau, sagen zu konnen, dass ich Euch nie verkannt, ofter wohl erkannt habe, auch wo Ihr Euch selbst misszuverstehen schien't. Ich weiss es, ich weiss es, sagte die Herzogin mit starker rinnenden Thranen, aber geh jetzt, guter Stanloff, ich kann mich selbst vor Dir nicht langer so aus allem Gleise gewichen sehen. Tief sich verneigend verliess Stanloff das Gemach, aber es lebten manche lang entschlummerte Gedanken in ihm auf, und er gedachte der ehrwurdigen Mistress Morton, welche die junge Grafin Bristol schon in ihrer Kindheit begleitet, ihre Jugend sanft behutet, am Hofe, bei ihrer Vermahlung, uberall an ihrer Seite gewesen, und dem zuverlassigen Manne wie unter dem Siegel der Beichte Manches anvertraut hatte, um ihn bei dem geheimen Uebel der Lady, welches in oft sehr heftigen Zufallen bestand, in der Wahl seiner Mittel zu leiten. Diese anscheinend korperlichen Leiden waren nur zu oft blos gesteigerte geistige, die der stolze Karakter der Lady verborgen wissen wollte, und daher den Arzt und seine Bemuhungen zu tauschen oder zu entfernen suchte. Er musste, wahrend er durch die langen Gallerien ging, die zu den Zimmern seiner Kranken fuhrten, des auffallenden Eindrucks gedenken, den die Auffindung derselben bei der Herzogin erregt hatte. Dies Ereigniss war im Stande gewesen, sie aus der tiefsten Betaubung des Schmerzes zu erwecken, und wenn er auch mit Recht in dem stets menschenfreundlichen Sinne der Lady eine richtig motivirte Ursache ihrer Veranderung finden musste, regte sich doch ganz geheim in ihm die Ahnung, dass hier ein machtiges, dem erstern entgegen wirkendes Gefuhl Raum gewonnen. Er gestand sich leise ein und sich kaum anders, als mit Vorbehalt dass der ganze Schmerz der Herzogin dadurch von einer Kalte beschlichen und ihr Herz, offenbar mit getheilten Empfindungen aufgestort, zum Leben zuruck gekehrt war.
Er hatte, tief sinnend, nicht das Rauschen des Kleides gehort, und Mistress Morton stand vor ihm, ehe er ihr Nahen gewahrte. Kommt Ihr von der Frau Herzogin, Doktor Stanloff? Und muss ich Eure gefaltete Stirn als trubes Zeichen fur ihr Befinden deuten? Mit nichten, sagte Stanloff, unsere edle Frau ist auf einem guten Wege. Wem erst die Natur im Schmerze Thranen giebt, den hat sie vor schadlicheren Ausbruchen schon bewahrt. Und sie weint selten! setzte Morton ernst und seufzend hinzu; so moge ihr Gott lindernde Thranen gewahren! Euch, Doktor Stanloff, habe ich zu sagen, dass unsere Kranke nach dem Gebrauch des starkenden Bades und dem Einflossen der Tropfen sich merklich verandert hat. Sie erhob den Arm und die Hand, seitdem athmet sie vernehmlich, ihre eingefallenen Augen haben jetzt den Ausdruck des Schlafes angenommen, und ich glaube, sie wird leben! Leben! rief Stanloff, und meine edle Freundin sagt dies Wort, das unsere Bemuhungen kront, mit einem so freudlosen Tone, als ob ein Menschenleben ihr gering schiene? Mistress Morton hatte die Augen am Boden und schwieg, langsam ihren Handschuh glatt streichend. Dann sagte sie sanft und mit bewegter Stimme: Deutet mich nicht falsch, geehrter Freund. Gott sieht in mein zagendes Herz; ich weiss, er wird mich besser verstehn, als ich mich in meiner Befangenheit ausdrucke. Auch hatte ich das Leben jedes menschlichen Wesens gerettet, ohne ein anderes Gebot, als das vor Gott geltende, zu bedenken; aber diese ernste Pflicht ist erfullt, und die Pflicht, die meinem Herzen am nachsten auf dieser Welt steht, nimmt nun ihren Platz wieder unumschrankt hier ein. Ich bin alt, habe viel erlebt, viel gesehen und gehort, daraus kommt uns dann von selbst ein Verstandniss noch unaufgeklarter dunkel daliegender Dinge, die Jugend nennt es Ahnung. Soll ich es Erfahrung nennen? Doktor, sagte sie, wie von banger Unruhe ergriffen, wenn wir die Kohle angeblasen, die dieses Haus in Flammen steckte? Auch dann, sagte Stanloff nach einem Augenblick des Erstaunens, indem er sie ernst anblickte und seine Hand dann fest auf ihren Arm druckte, auch dann sollte kein Zweifel meine Seele beruhren uber das, was wir gethan. Wer das Rechte thut, soll den Ausgang getrost an Gott verweisen! Amen, sagte Mistress Morton, Ihr sagtet das Rechte, ich fuhle es wie Starkung in meiner Brust! So geht denn zu dem schlummernden Engelbilde, ich sah nie in meinem Leben etwas Schoneres, nur ein Mal etwas Aehnliches. Sie entfernte sich nach den Zimmern der Herzogin; der Doktor schuttelte leise den Kopf und trat zu seiner Kranken ein.
Den Bitten ihrer Schwiegermutter nachgebend, hatte die alte Herzogin von Nottingham ihren Aufenthalt auf Godwie-Castle zu verlangern versprochen, bis zu der Ruckkehr ihrer Enkel von London. Ihre Gegenwart war die Freude des ganzen Schlosses, denn mutterlich weilte ihr freundliches Auge noch auf jedem, den sie in ihren fruheren Verhaltnissen gekannt. Hulfreich und Jedem zuganglich, war sie eine reiche Quelle von Trost und Rath, und im hochsten Grade von ihren Kindern verehrt, war ihr Versprechen, sich zu verwenden, stets die Gewahrung selbst. Aber ihre Gute hatte auch nichts mit der Schwache gemein, die das Rechte oder Unrechte mit dem blos Mitleidenswerthen verwechselt. Sie erfuhr den Zusammenhang der Dinge leichter, als Andere, weil ihr eine Sanftmuth und Geduld im Zuhoren eigen war, vor der die verschuchtertste Seele Muth gewann, ihre dunkelsten Vorstellungen zu entwickeln, und mit dieser sanftesten Art deckte sie oft den Zusammenhang von Dingen vor sich auf, bei denen Andere umsonst geforscht hatten. Sie war sich dessen bewusst; ihre Kinder und Enkel staunten mit zartlicher Freude diese schone Gewalt eines liebenswurdigen Gemuthes an, und sie wusste mit heiterm Scherze von dieser Gabe zu sprechen, als sei sie eben nur eines Scherzes werth; aber wenn sie lachelnd umher blickte und die lieben Hande den Enkeln zu tausend Kussen uberliess, sagte sie wohl zuweilen: Ihr werdet schon noch an die alte Grossmutter denken und sie Euch zuruckwunschen! Ach, wer wusste das nicht, und wer hatte es sich nicht gern verlaugnet, dass man ihrer je als einer Verstorbenen wurde gedenken mussen!
Wir finden sie gegen Abend in den Zimmern des Prinzen von Wales, welche ihr stets zur Verfugung standen. Die purpurnen Tapeten und Vorhange des schonen grossen Gemachs leuchteten in dem feurigen Glanze, den einige lichte von der Abendsonne gefarbte Fruhlingswolken durch die weiten offenen Glasthuren warfen. Sie fuhrten auf einen Altan, der gegen Suden hin einen freundlichen Blick auf die schonen Weidetriften und Meiereien zuliess, welche diesen Theil des Thales einnahmen. In einem grossen Lehnstuhl, diesen Thuren gegenuber, sass die ehrwurdige Frau in bequemer Ruhe, und ihr klares blaues Auge schien wohlgefallig den Reiz der Gegend zu geniessen. Sie war noch allein, aber sie erwartete ihre Schwiegertochter und Enkelinnen, und ahnliche Sessel waren um den ihrigen gestellt, bereit, sie zu empfangen. Wohl hatte der letzte Verlust die feinen Zuge noch etwas blasser und durchsichtiger gemacht, aber es war, als empfande sie den Verlust, den ihre Geliebten erlitten, tiefer, als den eigenen. Ihre Zuge verriethen noch jetzt im achtzigsten Jahre eine einst hohe und regelmassige Schonheit, ihr schneeweisses Haar lag in Fulle glanzend und glatt wie Silber um die hohe weisse Stirn. Die einst so schonen dunkeln Augenbrauen zogen jetzt den schmalen Bogen in dem Weiss des Haupthaares, aber die klaren Augen blickten noch in dem reinsten dunkeln Blau, und aller Reiz, der diese schone Frau einst umstrahlt, und den die Zeit von ihr genommen, schien in diesem Blick voll Huld und Gute sich vereinigt zu haben. Das feine kaum je verschwindende Lacheln, welches um die schmalen Lippen wie das Siegeszeichen eines ganz in Wohlwollen aufgelosten Innern ruhte, gab dieser ehrwurdigen Frau eine Anziehungskraft, dass nur ihr Angesicht zu schauen ein Genuss war, der zum Seufzer um ahnlichen Frieden in der eigenen Brust sich gestaltete. Die Ruhe um sie her und die erhabene Pracht des Zimmers passte vollkommen zu der ehrwurdigen Erscheinung, und die leisen Bewegungen ihrer Gesellschaftsdame, der Mistress Cottington, und eines alten Kammerdieners schienen den Wunsch auszudrucken, durch kein Gerausch das genussreiche Nachdenken ihrer verehrten Gebieterin zu storen. Aber auch, um sich einem solchen lange zu uberlassen, war sie nicht eigennutzig genug. Empfindungen jeder Art hatten das Recht ausschliesslichen Besitzes uber sie verloren; der Uebergang von einer zur andern war leicht und milde, weil sie in leidenschaftsloser Klarheit jeder ihr Recht zu geben wusste. Sie horte bald das leise Schaffen der beiden treuen Diener, und indem sie den Kopf um die Lehne ihres hohen Stuhles bog, schaute sie lachelnd der alten Cottington in die sorglichen Augen und sagte, halb scherzend: Und wenn nun etwas brache oder fiele, dennkst Du mich denn so schwach, dass ich erschrecken mochte? Komm einmal hierher, liebe Cottington, und sieh, wie schon der Blick in die Landschaft ist, recht starkend fur meine alten Augen, uberall das schone Grun, und die laue Luft, so frisch und duftig von all' den jungen Bluthen! Mistress Cottington hatte sich freundlich genahert, den Blick verfolgend, den die Herzogin mit kindlichem Vergnugen wieder hinaus richtete. Siehst Du hier wohl das Nest zwischen den feinen Zweigen der Birke, die uns zunachst steht? Ich habe die kleinen Thierchen beobachtet, wie sorgfaltig und frohlich sie bauen; das Hauschen muss noch nicht fertig sein, denn mit grossem Jauchzen brachte eben eins ein weisses Flaumchen in dem Schnabel, und hatte dann viel Arbeit, es unterzubringen. Lovelace, sagte sie zu dem alten Kammerdiener, sei nicht so geizig mit Deinem Backwerk oder Weizenbrote, erubrige mir ein wenig fur mein kleines Vogelpaar, die armen Schelme werden da draussen noch nicht viel finden und mussen nach der Arbeit wol hungrig einschlafen. Wenn meine Enkelin Lucie kommt, fuhr sie fort, die ihr dargereichten Krumchen auf dem silbernen Teller zerfluckend, dann soll sie dies auf den Rand des Altans streuen, die scharfen Aeuglein da oben werden schon Acht haben und es abholen.
So beschaftigt ward sie von ihrer eintretenden Schwiegertochter und ihren beiden Enkelinnen uberrascht, und, ehe sie sich zum Grusse erheben konnte, von allen dreien zartlich auf ihrem Platze festgehalten. Ihr freundliches Strauben ging bald in die Liebkosungen uber, mit denen sie alle begrusste, als ob sie seit der Tafel lang getrennt gewesen. O komm, mein gutes Kind, sagte sie zur Herzogin, setz' Dich so, dass Du just den Blick in die Ferne hast, wie ich. Lovelace rucke meinen Stuhl; so, und nun nimm diesen hier ein. Wie geht es Dir denn? sagte sie, halb zu ihr aufblickend, doch die Herzogin hatte, ehe noch ihre Einrichtungen zu Stande kamen, ein Tabouret zu ihren Fussen geschoben und sich schnell so zu ihr gesetzt, dass sie ihren Kopf an die Armlehne des Stuhles lehnen konnte, in dem die liebenswurdige Greisin sass. Sie wollte nun freundlich dankend zu ihr aufschauen, aber ihr Blick tauchte unter in schnell hervorbrechenden Thranen, und sie senkte das Haupt in die zartlich ihr entgegen gestreckten Hande. Geliebtes Kind, erhebe Dein Herz! sagte die alte, geruhrte Mutter; diejenigen glucklich zu wissen, die wir lieben, ist ein reineres Besitzthum, als der Genuss, mit ihnen das zu theilen, was mangelhaft ist, wenigstens durch den irdischen Antheil, den wir ihm beifugen. Ja wohl, ja wohl! seufzte die Herzogin aus uberzeugter Brust, auch weiss ich kaum, ob es Schmerzensthranen sind, die Du siehst, aber Dein liebevoller Empfang, Deine Engelmilde, es lost in meiner Brust die Herbigkeit, die, Du kennst mich ja, sagte sie, wie zagend zu ihr blickend. Ich weinte eben, ich glaube aus Sehnsucht, Dir ahnlich zu werden! Nun schwarmst Du gar, mein liebes Herz, erwiederte die alte Lady lachelnd, und willst das sich neigende Haupt der alten Mutter noch ein Mal erheben, und gar mit dem bosesten Feinde der Menschen, mit dem Stolze. Sie strich dabei, als ob sie ein Kind vor sich hatte, mit ihren weichen, duftenden Handen die Stirn und die Wangen ihrer Schwiegertochter, und tupfte mit ihrem Tuche sanft die schonen, thranenfeuchten Augen.
Nie war die Herzogin so ganz ihrer edlern Natur hingegeben als in der Gegenwart der geliebten Mutter ihres Gemahls. Sie hatte so fruh die eigene verloren, dass sie das Gluck, von einem alteren weiblichen Wesen ihres Standes mutterlich geliebt zu werden, erst nach ihrer Verheirathung kennen lernte. Als die Herzogin mit ihrem Gemahl und dem Grafen Archimbald aus Spanien zuruckkehrte, lebten beide Frauen in Godwie-Castle bis zum Tode des Herzogs, wo alsdann die Witwe das freundliche Schloss Burtonhall bezog, welches ihr Gemahl zu ihrem Aufenthalte bestimmt hatte. Das oft Storende in dem Karakter der jungeren Herzogin war eine ihr leicht mogliche Harte, in Gesinnung, Urtheil und Worten, eine rauhe, tugendhafte Strenge, die sie sich selbst auferlegte, aber auch von Andern mit kalter Uebergehung dessen forderte, was mildernd oder begutigend solchen Anforderungen hatte entgegen treten konnen. Ihr tief leidenschaftliches Gemuth verbarg sie aus Stolz unter einer kalten Miene und Haltung; aber von Jugend auf durch eine freie, uneingeschrankte Ausubung ihres Willens verzogen, uberraschte sie beim leichtesten Widerstande eine Heftigkeit, die zwar nur vorubergehend, doch in ihren Folgen nicht immer gut zu machen war. Dessenungeachtet hatte sie eine schone und grossartige Karakteranlage, ein Herz, das in seinem Stolze auch eine grosse Reinheit bewahrte, und die Klarheit des Verstandes, die ihr einen hellen Blick auf sich gestattete. Oft ward sie dadurch unzufrieden mit sich, doch durch zu schmeichelnde aussere Verhaltnisse immer wieder abgelenkt, liess sie die Fehler altern, bis sie einen Theil ihres Selbstes ausmachten und nur noch einzelne wehmuthige Stimmungen herbeifuhrten, die wie Sehnsucht nach einem mildern Zustande sich regten, den sie aber, so lang verwohnt, nicht mehr erreichen zu konnen wohl selbst fuhlte.
Sie hatte wenig Freunde gewonnen und war meist auf die Bande eingeschrankt, womit die Natur in ihren nachsten Verhaltnissen sie umgab; aber dass sie die Herzogin sich gewonnen hatte, dass diese seltne Frau, ein vollkommener Gegensatz ihres eigenen Selbstes, ihr Liebe geschenkt hatte und erhielt, und nie sich durch ihre Fehler verscheuchen liess, das war der susseste Trost ihres Herzens, und an diesem Gefuhl loste sich auch in ihrer Gegenwart am ersten die starre Haltung, die sie oft so storend gegen Andere behauptete. Nie war es dagegen irgend wem gelungen, die wahre Meinung der altern Herzogin uber ihre Schwiegertochter zu erfahren; sie liebte sie mit mutterlicher Aufmerksamkeit, ihre Fehler schien sie nie zu sehn; doch wenn ste dieselben gut zu machen suchte, so wusste man nie, ob sie dieselben wirklich bemerkt hatte, oder ob es ihr blos selbst eben um das Vergnugen war, etwas Liebes zu thun. Dankbar fuhlte die junge Herzogin diese grenzenlose Schonung, die in nichts ihren Stolz reizte oder verwundete, da Alles blos von der zartlichsten Liebe eingegeben schien.
Indessen wunschte heute die ehrwurdige Mutter nicht, die Weichheit ihrer Schwiegertochter zu vermehren, und leicht kehrte dieselbe zu der durch lange Gewohnung ihr naturlich gewordenen ruhigen Haltung zuruck. Um ihr Zeit zu gonnen, fuhr jene fort, von ihrem Sitze aus, alle zu begrussen, die sich nach und nach in dem Zimmer versammelten, und nachst den beiden Gouvernanten der jungen Grafinnen aus Mistress Morton und dem Caplan des Schlosses, dem Master Copley, bestanden. Sogleich vermisste die Herzogin Stanloff, und Master Copley brachte seine Entschuldigung, dass Geschafte ihn noch einige Stunden entfernt halten wurden. Alles nahm nun Platze ein, um die alte Lady her; die Herzogin zu ihrer Rechten, Arabella, ihre alteste Tochter, ein schones Madchen in der ersten Bluthe, zu ihrer Linken; dann so fort die Damen, die, aus angesehenen Familien und von vorgeschrittener Bildung, ganz dazu berechtigt waren, zu dem Familienkreis gerechnet zu werden.
Lucie, die jungste Enkelin und ein Liebling der Grossmutter, sass schon langst mit der ruhigen Sicherheit, die Kinder so reizend da uben, wo sie sich geliebt wissen, vor der alten Lady auf dem rothen Fusskissen. Sie hatte ihr schones blondes Lockenkopfchen auf beide dicke Handchen gestutzt, und blickte mit grossen blauen Augen unverwandt in die von der untergehenden Sonne sich farbende Gegend. Es war ein unaussprechlich reizender Anblick, das schone bluhende Kind in seinem Trauerkleidchen, die uppigen blonden Locken an den Schlafen mit schwarzen Schleifen zusammengehalten, in diesen Ausdruck ernsten Nachdenkens vertieft zu sehn, den Kinder wohl nur in einem holden Schlummer der Seele annehmen, und der uns doch erinnern will an das Verfolgen hochwichtiger Dinge, welches nur spatern Tagen aufgehoben bleibt. Sie zog die Augen Aller auf sich, und man tauschte Blicke, die das Vergnugen uber diesen Anblick verriethen. Auch war es nicht die Art der alten Lady, storend auch nur in den Blick eines Auges zu dringen; daher liess sie das holde Kind gewahren und bewahrte ihr selbst ihre Liebkosungen auf, bis sie von selber erwachen wurde. Dagegen musste Lovelace den schonen silbernen Kessel, welcher uber einem zierlichen eisernen Kohlenbecken schwebte, in den Kreis stellen, und daneben den mit silbernen Kannen, Tellern und Buchsen reich besetzten Tisch. Mit der lieblichen Heiterkeit, die Alle sofort in ihrer Nahe belebte, begann die alte Lady, zur Herzogin sich wendend: Du siehst, meine liebe Tochter, meine alte Liebe bleibt mir getreu; Friedrich von Nassau besorgt noch immer meinen Theetisch mit dem feinen Aroma seiner Chinesischen Lieblinge, und ich bin ihm herzlich dankbar dafur, denn wahrlich nichts scheint mir unter den vielen schonen Gaben zur Labung und zur Starkung unsers Korpers mehr fur mich da zu sein, als diese balsamischen Blatter. Hore ich den lieblichen Ton des Theekessels, so setze ich mich erst behaglich zurecht, und mein zartlicher Freund hatte nichts Besseres erdenken konnen, um sich der Gesinnung seiner alten Freundin zu versichern. Schade, liebe Mutter, sagte die Herzogin, in den heitern Ton einzugehen sich bemuhend, dass auf unserm Boden nichts gedeihen mag, was dem liebenswurdigen Herzog ein ahnliches Bedurfniss angenehm befriedigen konnte; denn das Neue und Erfreuliche der fremden Welttheile werden die thatigen hollandischen Meerbeschiffer uns immer noch zuerst bieten konnen. Den Geist, den Elisabeth bis in die Segel ihrer Schiffe zu hauchen verstand, und der unter Hug Willoughby's Anfuhrung auch diesen lieblichen Blattchen den leichtern Weg zu erspahn wusste, wo ist er jetzt geblieben? Wer wird nach Walter Raleigh mit neuen Goldminen uns beschenken und so muthig die trugliche Wasserflache durchziehen, die er leichter befuhr, als andere den grunen Plan der Wiesen!
Wohl wahr, seufzte die alte Lady, und eine leichte Wehmuth glitt uber ihren klaren Blick. Es war ein Gruss der Liebe, den sie dem enthaupteten Freunde ihres Gemahls hinuber sandte. Seinem Andenken Frieden! sprach sie weiter; Raleigh verlor das Ziel, welches seiner schonen Jugend vorgeleuchtet, als hatte sein Auge sich getrubt; wie viel hatte er seinem Vaterlande sein konnen! Doch das Maass der Schuld, dem sein Haupt verfiel, hat vielleicht dort oben, mit Vielen getheilt, fur Alle Versohnung erlangt. Die Herzogin fuhlte, dass sie hier eine schmerzlich nachklingende Saite bei der alten Lady beruhrt habe, und suchte durch Fragen ihre Gedanken abzulehnen. War es nicht zur Zeit der Thronbesteigung Konig Jakobs, dass Du dies Getrank zuerst kennen lerntest? Ich dachte, Du hattest ein Mal dessen erwahnt, frug sie unbefangen weiter. Es war allerdings damals schon langst in England bekannt, sagte die Lady, doch mehr unter dem reichen Handelsstande, der sich die Produkte fremder Zonen fast leichter zu verschaffen wuste, als die hohern Stande; die Konigin Elisabeth liebte es nie, und so blieb es am Hofe unbekannt. Als damals durch die Anwesenheit der Gesandtschaften aller Hofe in Whitehall die glanzendsten Feste mit ernsten und schwierigen Unterhandlungen wechselten, hatte ich auf einem Balle, den der Konig gab, mich erkaltet, denn es war ein kalter, truber Sommer. Als wir uns den nachsten Tag bei der Konigin versammelten, fuhlte ich ein schwaches Fieber, und Friedrich von Nassau, mit dem ich mich unterhielt, errieth mein Uebelbefinden und sprach mir zuerst von seinem Lieblingsgetrank, welches er ein herrliches Mittel gegen all die klimatischen Uebel nannte, die der feuchte Hollandische Dunstkreis, wie der unsere, so leicht mit sich fuhrt. Mein Gemahl und der Marquis von Rosny traten zu uns, und nachdem Rosny, der stets mit Friedrich von Nassau sich neckte, auch dies Getrank angegriffen, das Friedrich so heilsam fand, schlug mein Gemahl vor, einen gemeinschaftlichen Versuch in unserm Palais zu machen. Da der Hof am andern Tage wie sie es nannten ruhte, so versammelten sich die Herren an diesem Abend in meinen Zimmern. Friedrich von Nassau; Johann von Olden-Barnevelt, der edle und tugendhafte Martyrer seiner hochherzigen Gesinnungen; der Marquis von Rosny, jener nachmals so beruhmte Herzog von Sully; Aremberg, der Gesandte Erzherzog Alberts; Taxis, von Spanien gesandt; mein Gemahl, mein Bruder Cecil, meine beiden Sohne und einige andere Herren des Hofes machten einen kleinen, aber seltenen Zirkel aus, und von dem tiefsinnigsten Ernste bis zu dem heitersten, muthwilligsten Scherze waltet der Zauber der hochsten geistigen Bildung und die Anmuth der feinsten Sitte. Barnevelt war nun eigentlich die Seele bei der Theebereitung, um die es sich handelte. Seine dicken hollandischen Lakaien trugen eine im Vorsaale mit allen dazu nothigen Bequemlichkeiten servirte Tafel herein, die aus der Wohnung des Prinzen dazu heruber geschafft war, zum ausgelassensten Jubel Rosny's. Barnevelt und Friedrich besprachen sich mit Ernst uber die Quantitat der zu nehmenden Blatter, und erregten durch ihre fingirte Gravitat unser aller Laune. Die geschlagene Sahne, die Butter ohne Salz, die Weizenbrodchen und Zimmtbrodchen, waren nach Grundsatzen hergestellt und durften zu dem Ganzen nicht fehlen. Das Ende war, dass wir das Getrank herrlich fanden, dass mein rheumatisches Fieber verschwand und Friedrich mir ein wunderlich bemaltes Kastchen von Ebenholz zuruckliess, das mit diesen kostlichen Blattchen gefullt war. Mein Gemahl hatte bald die Gute, mir einen silbernen Theetisch zu schenken, nach Barnevelts Angabe vollstandig versehen; ausserdem noch ein an Pracht das meinige ubertreffendes reich vergoldetes Thee-Service fur meinen liebenswurdigen Freund, Friedrich von Nassau, der nun seit so vielen Jahren seine Thee-Galanterie gegen mich fortsetzt. Doch wie Lovelace dies Getrank zu bereiten weiss, scherzte die alte Lady weiter, findet er auch keinen Meister. War es nicht Barnevelt selber, der Dir damals Unterricht gab? Euer Durchlaucht, der Kammerdiener Seiner Gnaden Barnevelt hat mich darin unterrichtet, antwortete Lovelace, sich ehrfurchtsvoll mit dem freundlichen Lacheln des befriedigten Ehrgeizes verneigend. Nun, so verstand er es herrlich! Aber Lovelace wurde auch Sturm laufen, wenn ich nicht gleich erschiene, so wie im ersten Aufgusse die Blume sich entwickelt hat, wie er es nennt, und ich lasse mich stets bereit finden, diesen Genuss mir zu verschaffen. Doch heute hat unsere gute Cottington, furchte ich, Deinen Haushofmeister Ottwey erzurnt, denn sie hat sich von ihm die Erlaubniss bei Deinem Kuchenmeister verschafft, die Weizenbrodchen und Zuckerrollchen selber zu backen, die sie Dir eben anbieten wird, und wir werden uns ins Mittel legen mussen, damit die guten Leute uns nicht undankbar schelten fur die kostlichen Backwerke, womit sie meinen Theetisch uberschuttet haben, die sich aber fur die alte Frau nicht mehr recht passen wollen. Doch sieh, mein Liebchen, was spart' ich Dir hier auf, sprach sie, zu Lucie gewendet, und hob das silberne Schalchen mit den Brodkrumchen vom Schoosse; denn Lucie hatte ihre sinnende Stellung bei dem lieblichen Geruche der Zimmtrollchen verlassen und speiste schon ruhig darauf los, zur Grossmutter umgewendet und ihr die lieblichen Worte aus dem Munde zahlend. Sieh meinen Finger entlang dort nach der Birke zu, siehst Du das kleine Nest? O Grossmutter, rief Lucie entzuckt, und so eben ein Kopfchen, jetzt zwei! O, lass es fangen, liebe Grossmama; guter Lovelace, fange die Vogelchen! Nicht doch Lucie, dann mussten sie sterben; aber viel Besseres sollst Du selbst ihnen thun, futtern sollst Du sie, dass sie nicht Hungers sterben. Darum nimm die Brodkrumchen; streust Du sie auf den Rand des Altans, bald kommen sie dann, wenn Du wegtrittst, und holen sich die Nahrung in ihr Nestchen. Gieb, liebe Grossmama! rief Lucie und hupfte leicht hinaus, nur auf den Zehen nach dem Rande schleichend, hold ubergebogen, die Brockchen zu streuen, wie man Engel auf alten Bildern sieht, die den Eingang zum Himmel mit Blumen bestreuen. Doch von einer neuen Idee erfasst, wandte sie sich um, und das leere Schalchen nachlassig neben sich sinken lassend, legte sie beide Aermchen in den Schooss der Grossmutter und sagte, sie ernst anblickend: Stirbt denn irgend ein Vogel aus Hunger? Es mag wohl, mein Liebchen. Ob Gott schon freundlich fur seine Geschopfe sorgt und auch die Menschen leitet, dass sie ihren Mitgeschopfen Nahrung reichen, doch wohl stirbt manch' Vogelchen in solcher Jahreszeit, wo die Natur noch arm ist an Nahrungsmitteln. Lucie schwieg, dann sagte sie: Aber Hunde sterben nicht aus Hunger? Die Grossmutter sah in das wehmuthig werdende Gesicht des Kindes und wollte sie eben davon ablenken, als Lucie heftig ausrief, indem grosse Thranen uber ihre Wangen rollten: Und Gaston wird nie sterben vor Hunger! Nein, sagte die alte Lady, freundlich beschwichtigend, wir wollen ihn immer futtern. Doch Lucie war noch nicht mit ihren Combinationen zu Ende, denn sie sagte bittend, als hinge Alles von den Zusicherungen der Grossmutter ab: Aber Menschen, liebe Grossmama, die sterben nie aus Hunger? Alle fuhlten sich ergriffen von dieser angstlichen, ruhrenden Frage des holden Kindes, und erst nach einer Pause sagte die Grossmutter, indem sie die Stirn des Lieblings kusste: Ohne Gottes Willen fallt kein Haar von unserm Haupte; er ist nahe Allen, die ihm vertrauen. Sanft wandte sie sich weg, um dem lieben Kinde nicht langer Rede zu stehen, als ihr Blick auf ihrer Schwiegertochter ruhen blieb, die sich mit einer Art Schauder von dem leise eingetretenen Stanloff, der sich eben den Damen nahern wollte, wegwandte, indem sie mit einem Tone, in dem eine angstvolle Befurchtung ausgedruckt lag, ihm zurief: O, was bringt Ihr, Stanloff? Die Gewissheit Ihres Todes! und ist dies arme, hulflose Weib wirklich den Hungertod gestorben? Stanloff wollte eben beruhigend erwiedern, als Lucie mit einem heftigen Ausbruche des Weinens sich in die Arme der Mutter warf, angstvoll dazwischen rufend: O Mutter, Mutter, stirbt doch ein Mensch aus Hunger? Alle waren bewegt. Stanloff wiederholte einige Mal, dass sie lebe, nicht aus Hunger sterben werde, aber Luciens Phantasie war in Schrecken aufgegangen, und die Herzogin fuhlte mit gemischten Empfindungen, dass ihre eigene gereizte Stimmung das liebe Wesen so hingerissen habe. Erst dem ehrenwerthen Master Copley gelang es, mit seinen verstandigen Worten sich Eingang zu verschaffen. Lucie hob das Kopfchen von dem Busen der Mutter, gab Copley ihr Handchen und schaute glaubig mit den grossen, in Thranen schwimmenden Augen zu ihm auf; dann stieg sie von dem Schoosse herunter und ging mit ihrem geliebten alten Lehrer auf den Altan, um nachzusehen, ob die Vogelchen schon die Krumchen abgeholt hatten. Auch liess sie sich willig finden, vom Weinen ermudet, mit Miss Debington, ihrer Gouvernante, nach ihrem Zimmer zu gehen, und nahm hoflich mit kleinen holden Verbeugungen von Allen Abschied. Als sie aber an Lovelace voruber ging, bettelte sie ihm vertraulich ein Weizenbrodchen ab, um Gaston noch damit zu futtern, bei dem sie selbst nachsehen wollte, ob er satt sei, Nach ihrem Verschwinden kehrte man zu dem Gegenstande zuruck, uber den man Stanloffs Mittheilungen erwartete. Sie lag seit gestern schon mehr in dem Zustande einer Schlummernden, hob er an; ich versuchte ihr starkende Bruhe und Tropfen einzuflossen, und uberzeugte mich, dass sie heute erwachen musste, da ihr Schlaf immer leichter und das Athmen freier ward. Diesen Moment durfte ich nicht versaumen, er entzog mich der Ehre, hier zu sein, und vor einer Stunde schlug sie die Augen auf. Ein Ausruf des Antheils unterbrach hier die Erzahlung. Stanloff fuhr fort: Ihre Blicke hafteten an ihren Bettbehangen, dann an dem Theile des Zimmers, der zu ubersehen war; sie bewegte die Lippen, aber Schwache schien sie zu hindern. Ich erwartete, dass sie Durst empfinden wurde, und hatte zu dem Ende ein angenehm starkendes Getrank bereitet. Alice trat an die Vorhange mit dem Becher in der Hand, sie blickte sie lange ohne Ausdruck an. Nachdem Alice nun einige Male gefragt, ob sie zu trinken begehre, und nachdem jene das Gesagte verstanden, erhob sie die Hand nach dem Becher. Leider sah ich an der Heftigkeit, mit der sie trank, eine neue Bestatigung meiner ersten Vermuthung. Dass sie durch Hunger so weit kam? rief die Herzogin. Ja, sagte Stanloff, ich muss es wiederholen. Als sie getrunken hatte, sagte sie zuerst: Bin ich denn krank? Warum liege ich zu Bette? Und warum nicht in meinem Zimmer? Ich kenne Dich nicht, gute Frau! Wo ist Hanna? Ihr waret krank; seid nur recht ruhig, sagte Alice, legt Euch nieder. Ich bin sehr mude, erwiederte jene, kaum vernehmbar, und schlief sogleich wieder ein. Und seid ihr nun beruhigt? fragte die alte Lady, hofft Ihr jetzt ihre Genesung? Ich hoffe sie jetzt, denn sie ist jung, ihr Zustand hat ihren Korper noch nicht verzehrt; es scheint vielmehr, dass Seelenleiden den Muth des Herzens gebrochen, wie dies bei jungen Personen haufig die physischen Krafte bis zur Ohnmacht zu unterdrucken vermag.
Man blieb noch eine Zeitlang beisammen und begab sich dann durch die angrenzenden Gemacher nach der Kapelle, in der sich die Dienstleute schon versammelt hatten, um ein hochst erbauliches Abendgebet des Master Copley anzuhoren. Die alte Lady zog es vor, von dort aus nach ihren Zimmern sich zu begeben, und die kleine Gesellschaft des Schlosses trennte sich, den Rest des Abends fur sich zu verleben. Wir finden nach einigen Tagen die Damen in den Zimmern der jungern Herzogin beschaftigt mit der Auswahl von farbiger Seide zu dem noch unvollendeten Teppiche, an dem die Grafin Arabella mit den andern Damen arbeitete, indessen Lucie die Nadeln fur alle fadelte und vorgab, sehr viel zu thun zu haben, Die Herzogin musste auch gearbeitet haben, doch ruhte das Blumenstuck, an dem sie gestickt, wie es schien, vergessen in ihrem Schoosse, und ihr Auge blickte in die helle Flamme des Kamins, den man heute aufgesucht, da der Fruhling seine alten Neckereien begonnen, und sich in Nebel und kalte Winde gehullt hatte. Die Theestunde war voruber, Lovelace mit seinem wichtigen Geschaft entlassen, und Mistress Cottington half der alten Lady, welche zunachst dem Kamin sass, bei der beliebten Arbeit des Seidezupfens. Endlich hob die jungere Herzogin zu Mistress Morton an: Wie kommt's, dass Du uns heute noch nichts uber unsern Gast gesagt hast? Ich hoffe, ihr Befinden schreitet vor, und wir werden bald selbst ihre Bekanntschaft machen konnen. Das mochte jetzt noch nicht moglich sein, sagte Mistress Morton rascher, als ihre Art war, denn die junge Lady steht zwar seit heute aus dem Bette auf, doch der Weg bis hierher wurde ihr unmoglich fallen. Nun, nun! sagte die leicht gereizte Herzogin, wir werden uns zu bescheiden wissen, da wir uber den ersten Ungestum der Jugend hinaus sind. Doch sobald die junge Lady, wie Du sie nennst, aus dem Bette uns empfangen kann, werden wir die Gesetze unserer gewohnten Gastfreundschaft auch gegen diesen unfreiwilligen Gast zu uben nicht versaumen, und uns zuerst nach ihren Zimmern begeben. Stanloff hat sich heute bei mir entschuldigen lassen, wir sind also sehr in Ungewissheit uber die Angelegenheiten dieser jungen Person. Ich weiss nicht, ob Euer Durchlaucht schon wissen, wandte sie sich zur alten Lady, dass sie jetzt spricht und viel Thranen vergiesst. Mistress Cottington, erwiederte die alte Lady, welche sich mit Mistress Morton in ihrem Zimmer ablost, sagte mir davon; wir mussen uns, denke ich, der wiederkehrenden Zeichen von Leben und Gefuhl freuen, wenn ihre Thranen auch freilich unsere Vermuthungen bestatigen, dass viele Leiden auf dies junge Leben einsturmten; ich denke dann mit Ruhrung an Gottes Gute, der sie Dir zugefuhrt hat. Ein zartlicher Blick ihrer lieben Augen traf den schnellen Aufblick der jungern Herzogin und erreichte, wie immer, den schonen Kern dieses festen Herzens. Lucie, die mit unbeschreiblicher Begierde jede Nachricht von der jungen Unbekannten verfolgte, verliess ihre Arbeit, und zur Mutter tretend, sagte sie bittend: Gehst Du zu ihr, liebe Mutter? Nimm mich mit, ich mochte ihr so gern sagen, dass Du mir versprochen hast, dass sie nie wieder vor Hunger sterben soll, gewiss wird sie dann nicht mehr weinen. Wir wollen ihr diese Gewissheit bald verschaffen, sagte die Herzogin; auch hoffe ich, furchtet sie dies wohl nicht mehr. Liebe Lucie, Du sollst sie sehen, sobald es ihre Gesundheit erlaubt; sei indess recht ruhig, denn Morton sorgt ja fur sie, und liess sie Dich wohl je hungern? Lucie kehrte beruhigt und freundlich zu ihrem Geschaft zuruck, und die Herzogin frug, gegen Mistress Cottington gewendet, weiter: Ihr, liebe Cottington, waret bei der ersten Unterredung mit dem Doktor zugegen, wollt Ihr uns das Bemerkenswerthe mittheilen? Wie scheint Euch uberhaupt ihr Karakter, ihre Erziehung? Was glaubt Ihr von dem Range, zu dem sie gehoren konnte? Mistress Morton scheint allerdings damit schon fertig zu sein, doch sagt auch Eure Meinung. So viel ich beurtheilen kann, muss sie eine vornehme Erziehung erhalten haben, sagte Mistress Cottington mit Ruhe, doch bleiben ihre Aeusserungen fast noch immer ohne eigentlichen Zusammenhang, wegen des grossen Schmerzes, den sie zu empfinden scheint. Ihre ersten wiederkehrenden Gedanken richteten sich voll Erstaunen auf das fremde Zimmer, die Gerathe und Bedienung; sie sagte einmal hochst erstaunt: Warum hat meine liebe Tante mich denn nicht in meinem schonen grunen Zimmer gelassen? Dann bat sie, man moge Hanna rufen. Doch vergass sie das Eine bald uber dem Andern und blieb dazwischen wieder ruhig. Als Stanloff zuerst an ihr Lager trat, sah sie ihn wild an, dann warf sie sich in meine Arme und flehte mit Entsetzen mich an, sie vor diesem fremden Mann zu schutzen. Doch der Schreck, den sie gehabt, schien auch ihre Besinnung etwas befestigt zu haben; denn sie horte meinen Worten aufmerksam zu und sagte, als wollte sie es sich recht klar machen: Ein guter alter Herr und mein Arzt, der mir mein Leben erhielt! Sie wagte es, Stanloff anzusehen, und sein weisses Haar schien sie vollig zu beruhigen. Denn mit einer Bewegung der Hand hiess sie ihn naher treten und sagte dann: Verzeihet meinen Schreck! Ich weiss Vieles nicht zu begreifen, mir ist wohl sehr viel begegnet. Stanloff hielt nun fur's Beste, ihr zu Hulfe zu kommen; er sagte ihr, indem er sie aufforderte, sich niederzulegen, er wollte ihr Alles erzahlen, was er von ihr wisse, ja, er schien mir die Absicht zu haben, sie zu erschuttern, denn er hob sogleich an: Ihr seid nicht unter Euern Angehorigen, Ihr seid fur todt in dem Park der Herzogin von Nottingham gefunden worden, und in einem Zustande von Starrsucht gewesen. Ihr seid von den Frauen der Frau Herzogin bedient worden, und ich bin der Arzt dieses Hauses! Ich muss gestehen, dass ich den Muth Stanloffs bewunderte, der so kurz und rauh ihr die schreckliche Wahrheit enthullte, und er muss seine arztlichen Ursachen dazu gehabt und darum Muth behalten haben, denn nie sah ich in solchem Grade einen so schnell wechselnden und sich von Augenblick zu Augenblick erhohenden Ausdruck von Erstaunen und hochstem Schmerze.
Sie richtete sich mit Kraft auf, gluhender Purpur bedeckte plotzlich das bleiche Gesicht; die Stirn zog sich in drohende Falten, ihre Augen glanzten und waren fest auf Stanloff geheftet. Dann hob sie beide Arme hoch empor und druckte die gefalteten Hande wild vor die Stirn. Ich musste mich abwenden, meine Kniee bebten, ich zurnte auf Stanloff; ich furchtete, Geisteszerruttung wurde die schreckliche Folge dieser jahen Aufregung sein. Doch im selben Augenblick und so schnell, dass es fast Stanloffs letztes Wort verschlang, rief sie: Ja, ich weiss jetzt Alles, sie ist todt, Hanna ist verbrannt, Gersem erschlagen ich ja ich ich bin entflohn mit Gersem, bis der schreckliche Mann mich ergriff dann (ihre Gedanken schienen immer zu versagen) bis ich entfloh. Ach, wie weit war der Weg? Ich weiss nicht, wie weit, aber o Gott! meine liebe, liebe Tante! Von da an flossen ihre Thranen in heissen Stromen, und es ist leicht wahrzunehmen, dass es der Tod dieser Tante ist, der sie so heftig betrubt. Mistress Morton hat mich alsdann abgelost, sie wird Euer Durchlaucht weiter berichten konnen.
Ich fand sie noch weinend in ihrem Bette, hob Mistress Morton auf ein Zeichen ihrer Gebieterin an, doch sie war sanft und vollkommen bei Sinnen. Ich sprach ihr zu, und sie sagte mit sanfter Stimme: Ich danke Euch fur Eure guten Worte, liebe Frau, doch lasst mich nur weinen, wie sollt' ich es auch nicht! Man hat mir bisher keine Zeit gelassen, die zu beweinen, um die ich nie aufhoren kann zu trauern; Ihr wisst nicht, wie viel ich in ihr verlor; ich weiss es wohl selbst nicht und denke nur an mein Herz! Liebe Frau, sprach sie dann weiter, als sie mich genau betrachtet, warum trauert Ihr alle? Auch in unserm Schlosse war Alles in Trauer, aber warum Ihr? Ich sagte es, und dies lenkte sie von ihrem Schmerze ab sie weinte um Euch, Frau Herzogin. Sie wiederholte oft Euern Namen und frug, ob Ihr gewiss sie schutzen wurdet, sie konne ihr Schicksal noch nicht fassen. Aber vielleicht kommt Hanna und sucht mich, fuhr sie fort, vielleicht finde ich irgendwo Schutz, dann sie seufzte schwer, sie schien so uberrascht von ihrer Hulflosigkeit und sagte oft: Ach, Elisabeth, sahest Du Deine arme Marie so! Elisabeth! rief die Herzogin und zuckte, als ob ein giftiger Pfeil sie beruhrt hatte. Dies, glaube ich, war der Name ihrer Tante, den sie nannte, doch kann ich mich irren, erwiederte Morton, und Verlegenheit und Unruhe druckte sich in ihren Zugen aus. Ich wusste nicht, warum Du Dich irren solltest, sagte die Herzogin streng und gefasst, klingt dieser Name nicht vom Throne bis zum Volke nieder, als bekannt, oft gehort und nicht zu verwechseln? Die peinliche Wendung, welche die Sonderbarkeit der Herzogin diesem Moment gab, ward wohlthatig unterbrochen durch Ottwey, der die Thuren nach einem kleinen Saale offnete, wo bei unfreundlichem Wetter die Familie zu Nacht zu speisen pflegte. Sir Richard Ramsey erschien in derselben und zeigte, indem er, als Seneschall des Schlosses, ein silbernes Becken mit einer gleichen Kanne trug, den Herrschaften an, dass die Tafel servirt sei. Die Damen legten ihre Arbeit bei Seite, und die Herzogin naherte sich ihrer Schwiegermutter und fuhrte sie gegen den Saal. Hier nahmen sie die Ehrenbezeigungen des Sir Ramsey an, indem sie die Finger in das Wasser tauchten, welches er aus der Kanne in das Becken goss. Ottwey nahm Beides sodann schnell in Empfang, Sir Ramsey zog die Stuhle fur die beiden Damen und begab sich dann auf seinen Platz am Ende der Tafel, die Speisen zu zerlegen und vorzukosten. Doch blieb die Gesellschaft still und einformig. Die Herzogin sass zwar in ruhiger Haltung, aber ohne Versuch, das Gesprach zu beleben. Die Damen wagten nicht, einer so dustern Stimmung eine andere Farbung zu geben. Arabella gehorte zu den Seelen, die leicht erdruckt werden von der Ueberlegenheit Anderer, und sie fuhlte sich stets so ihrer Mutter gegenuber. Nur die Grossmutter und Lucie brachten etwas Bewegung hinein. Lucie war in stets lebendigem Verkehr mit Allem, was sie umgab. Sie redete Alle an, sie scherzte, sie neckte, und blieben die Antworten aus, hatte sie mit der Dienerschaft ihren Verkehr, und weil sie der Liebling des ganzen Hauses war, und ein Engel an Gute und steter Heiterkeit, ruhten die Blicke Aller auf ihr, und ihre leichteste Frage blieb hier nicht unbeachtet. Heute schien ihre Laune doppelt heiter, da die allgemeine Stille ihr Raum gab. Sie neckte sich unaufhorlich mit Ramsey, und der kecke Jungling, der ihr nichts schuldig blieb, unterhielt das Feuer ihres kindlichen Witzes, bis er endlich, sie zu necken, von ihrem Lieblinge Gaston anfing, wie er von Morgen an in der Hundehutte bei Wasser und Brod Arrest bekommen wurde, weil er etwas im Dienste versehen habe. Gaston! rief Lucie und wurde gluhend roth, Gaston in die Hundehutte! Wage es! rief sie und hob die kleine Hand zurnend gegen ihn auf. Aber das sage ich Dir, allein soll er da nicht liegen, Du oder ich, eins von uns beiden geht mit hinein. Bei den letzten Worten kam das holde Lacheln schon wieder um den reizenden Mund, und sie frug weiter: Darf man den gestrengen Herrn fragen, was Gaston, der ihn gar nichts angeht, verbrochen hat? Dass er seinen Posten verlassen und oben in den fremden Zimmern sich herum treibt, welches ihm stets mit der Peitsche verboten ward, da sein Platz in der Vorhalle ist. Und wohin ich ihn sonst mit mir nehmen will, rief Lucie, und wo Deine Wichtigkeit nichts zu befehlen hat. Gaston soll, anstatt in der Hundehutte, heute Nacht in meinem Bettchen schlafen, und ich will davor auf der Decke liegen. Allen anwesenden Dienern entfuhr ein kurzes, schnell unterdrucktes Lachen. Mistress Dedington rief schaudernd: Lucie, Lucie! mein Engel, Sie sind zu lebhaft! Aber der kleine Schalk blickte seitwarts nach dem Antlitze der Grossmutter, und da dies noch in seiner ungetrubten Klarheit leuchtete, wurde sie dreister und sagte schalkhaft, das reizende Kopfchen gegen ihre Mutter beugend: Erlaubst Du, liebe Mutter, dass Gaston diese Nacht in meinem Bettchen schlafen darf, und ich davor auf der Decke? Die Herzogin zog hier ihren Blick von einem alten Wappenschilde ab, das ihr gegenuber an der Wand ihre Aufmerksamkeit gefesselt zu haben schien; er fiel, wie erquickt, auf Luciens heiteres Gesicht, und sie liess das liebe Kind seine Worte wiederholen. Doch schnell zu ihrer alten Strenge zuruckkehrend, sprach sie ernst: Wie unschicklich und kindisch ist Dein Begehren, Lucie, ich hatte nicht gefurchtet, etwas der Art von Dir zu horen! Ihr Blick streifte von dem beschamten Kinde die Tafel entlang und entzundete sich an Ramsey's lachelndem Gesicht. Ich furchte, dass Ihr, Ramsey, mit Euren oft sehr weit gehenden Scherzen dies Kind zu dieser unziemenden Bitte gereizt habt. Ramsey wollte antworten, denn er verschwieg nie gern, was er zu sagen wusste, als Lucie mit Heftigkeit rief: Nein, liebe Mutter, schelte ihn nicht, Ramsey hat mich nicht darum gebeten, er ist ganz unschuldig, ich wollte es selbst, weil Gaston sonst in die Hundehutte gesperrt wird. Bei diesen Worten drangen Thranen in die schonen Augen des gluhenden Kindes, und Ramsey hatte gern zu ihren Fussen dem Engel seine Neckereien abgebeten. Die Herzogin schien nicht ganz gegen den versohnenden Anblick unempfindlich, denn sie sagte merklich milder: Lass uns horen, Ramsey, was Gaston verbrach, vielleicht konnen wir die Sache vermitteln. Euer Durchlaucht muss ich unterthanig um Vergebung bitten, sagte nun Ramsey, der von dem Edelmuthe Luciens sich zu gleichen Empfindungen erhoben fuhlte, ich habe es allerdings gewagt, Fraulein Lucie mit der Nachricht uber Gastons Uebelverhalten zu necken; er hat nichts verbrochen, als dass er mir seit langer Zeit aus dem Gesichte gekommen ist. O du boser Ramsey, rief Lucie, hell auflachend vor Vergnugen und des Kummers nicht mehr gedenkend, dass Zeuge doch eben aus dem lachenden Auge in einer hellen Thrane uber die gluhenden Wangen rollte, das liebe Thier zu verlaumden, ich werde es Dir gedenken! Die Herzogin fuhlte sich nicht geneigt, die Sache boslich zu verfolgen, aber sie fragte, wo Gaston geblieben sei. In den Zimmern der fremden Lady, antwortete Ramsey. Sogleich anderte sich das Gesicht der Herzogin, und sich gegen Mistress Morton wendend, welche auf ihren Teller blickte, rief sie: Wie kommt das, wem hangt er an in diesen Zimmern, ich horte bis jetzt nichts davon? Euer Durchlaucht halten zu Gnaden, sagte Mistress Morton, indem ihr feines Gesicht von einer leichten Rothe bedeckt ward und sie den Blick nicht erhob, ich habe diesen Umstand nicht der Erwahnung werth geachtet. Der Herzogin Blick lag wahrend dieser Worte unverwandt auf Mistress Morton, sie schien sich mit Muhe Schweigen aufzuerlegen und benutzte das Ende der Tafel, um die alte Lady unter den gewohnten Formen nach den Zimmern zu fuhren, wo man sich nach der Abendtafel zu trennen pflegte. Stanloff liess sich am andern Morgen bei seiner Gebieterin melden. Er fand sie mit niedergeschlagenen abgespannten Zugen in ihrem Armstuhle ruhend; sie schien geschrieben zu haben. Stanloffs schnell uberschauendem Blicke entging es nicht, dass mehrere beschriebene Blatter auf dem Schreibtische lagen, welcher in einer Fensternische im Rucken der Grafin stand. Sie schien sich am Kamin in dieser ruhenden Stellung erholen zu wollen; Stanloff sah aber mit Bekummerniss den Ausdruck von Leiden in ihrem Gesichte, das mude Auge, das sich nicht bei seinem Nahertreten erhob. Doch wies sie seine besorgten Fragen nach ihrer Gesundheit bestimmt zuruck und hiess ihn zum Feuer sich setzen. Stanloff entschuldigte sein gestriges Ausbleiben mit Geschaften in einem fernen Theile der Besitzungen, welches mit einem freundlichen Neigen des Kopfes angehort wurde. Ohne weiteren Uebergang sagte Stanloff nun: Mein Bericht uber die Kranke ist heute sehr erfreulich. Er wollte fortfahren, als das Wort, das er zuletzt ausgesprochen, dumpf aus dem Munde der Herzogin wiedertonte und sie mit einem tiefen Seufzer die Augen aufschlug. Stanloff schwieg, denn er sah, sie wollte reden. Sie richtete sich auf, und sogleich trat Haltung an die Stelle der Abspannung ihres Korpers, indem sie mit einem Tone, der zwischen Schmerz und Unwillen schwankte, langsam zu Stanloff sprach: Mein guter Doktor, diese Fremde nimmt uns allen viel Zeit und Gedanken. Es ist wahrlich dahin gekommen, dass das Gefuhl, das Alle in diesem Schlosse am nachsten erfullen sollte, das Gefuhl der tiefsten Trauer um ihren verehrungswurdigen Herrn, meinen theuern Gemahl, zurucktritt gegen die allgemeine Zerstreuung, die dieser Gegenstand unter uns verbreitet. Ich fuhle die Pflichten, die mir hiermit auferlegt sind, etwas drukkend und wurde mich freuen, sie auf eine Art erfullen zu konnen, die sie bald zu ihren Angehorigen zuruckfuhrte. Sie schwieg, und ein Blick auf Stanloff sagte ihr, dass sie sein edles Gefuhl gekrankt habe. Doch ich habe Euch mit meinen truben Worten unterbrochen, setzte sie hinzu; es ist eine Thorheit, zu erwarten, sich verstanden zu sehen, wenn Gefuhle nach dem Maassstabe des Gluckes, das sie uns allein im hochsten Maasse gewahrten, auch einen Scherz erzeugen mussen, den kein Anderer theilen und begreifen kann! Diese Worte verfehlten jedoch dies Mal den Zweck, den muthigen Mann zu versohnen. Ihr habt Recht, Mylady, sagte er fest, wenn Ihr Gefuhle nicht getheilt glaubt, die zu Euch selbst nicht gehoren; Eure schone Seele musste sonst erkennen, dass nichts mehr das Andenken dessen ehren kann, an den mein Herz mit Liebe gedenken wird, bis es bricht, als eine freudige und aufrichtige Erfullung der Pflichten, in denen er uns allen ein leuchtendes Vorbild war. Wenn Ihr den Antheil, den das Ungluck erregt, hier in Euern Umgebungen vorherrschend findet, so denkt, dass das Verdienst seiner erhabenen Tugenden hier noch fortwirkt denkt noch mehr, denkt, dass es Euer eigenes Beispiel ist, was die Harte Eurer ebengesagten Worte widerlegt. Er stand auf und wollte sich fortbegeben, als die Herzogin bitter ausrief: So, Stanloff, missbraucht Ihr mein grenzenloses Vertrauen, um mich zu kranken? Wie wenig steht es Euch an, mir Vorwurfe zu machen, da ich Euch tiefer in mein Herz sehen liess, als Andere. Darum just, und im tiefsten Gefuhle Eures Werthes, wage ich Worten zu zurnen, die Euern Gesinnungen fremd sind, rief Stanloff mit edler Warme. Wer kann Euch mehr verehren, als ich? Wer hat es Euch ofter und ehrfurchtsvoller gezeigt? Ich vertheidige das erhabene Bild Eurer Tugenden, das ich in Wahrheit erkenne, indem ich Aeusserungen zurne, die dort nicht ihren Ursprung haben! Doch ich hatte auch Unrecht, denn musste ich nicht wissen, dass Worte der Art nie bei Euch zu Thaten werden? Genug, Stanloff, sagte die Herzogin in milderem Tone, und vielleicht schon mehr, als ich verdiene; ich will jetzt Eurem Berichte geduldig zuhoren. Stanloff nahm schweigend seinen Sitz bei dem Kamine wieder ein und fuhr fort: Mistress Morton sagte mir, dass Euer Durchlaucht von meiner ersten Unterredung unterrichtet sind. Ich hielt diese Erschutterung fur nothig, den Zustand von Lethargie aufzuheben, der uber sie verbreitet war, und ich habe mich nicht geirrt. Der Geist muss oft eben so den Mechanismus des Korpers wieder herstellen, als Hulfe noch ofter umgekehrt geleistet wird. Sie ist sich seitdem ihres Unglucks, aber auch all' ihrer Sinnes- und Geisteskrafte bewusst, und ich glaube, es tritt aus der Verwirrung, die sie umspann, ein starker, wohlgeordneter Verstand hervor; ihre korperliche Schwache und der Gram, den sie um den Tod einer geliebten Tante empfindet, halten ihn noch in einer Art Befangenheit. Aber schon nimmt man eine feine Unterscheidungsgabe wahr, fur das, was recht und schicklich ist, und ihre Haltung, ihre Worte zeugen von der Gewohnheit, einen hohen Rang einzunehmen. Sie hat uns allen auf eine hochst gefuhlvolle und genugende Art fur unsere Pflege gedankt. Aber so sehr sie gegen Mistress Morton und Cottington freundlich und bescheiden ist, scheint sie doch keinen Augenblick im Irrthume uber die Verschiedenheit ihrer Verhaltnisse. Sie halt uns von sich entfernt, ohne allen Stolz, ja, ohne Worte, ich mochte sagen, durch den Ausdruck, den sie unabsichtlich hat, und der, wenn ich mich nicht sehr irre, ebenso ihrem Geiste, als ihrem Aeusseren anzugehoren scheint. Ich wagte es, sie um Aufschluss uber ihr Schicksal zu bitten. Sie bedachte sich einen Augenblick und sagte dann freundlich: Verzeiht, dass ich diese Forderung Euch nicht glaube zuerst gewahren zu durfen, Ihr macht mir Hoffnung, dass ich meine erhabene Erretterin bald werde sehen durfen. Ihr, glaube ich, gehoren diese Mittheilungen, ihr, die uber meine nachste Zukunft entscheiden muss; ihr muss ich auch das Vertrauen aufsparen, mit meinen Entdeckungen nach Willkur zu verfahren. Ich habe uberdem nicht viel zu sagen, ich konnte Euch und Allen bald mein kurzes Ungluck erzahlen, und ich bitte Euch nur um die Wohlthat, mir bald den Anblick der erhabenen Frau zu verschaffen, zu deren Fussen ich meinen Dank auszudrucken mich sehne. Stanloff hielt inne, der Blick der Herzogin ruhte auf dem Teppiche zu ihren Fussen. Da sie nicht antwortete, fuhr er fort: Ich habe ihrer nach Euch durstenden Seele versprochen, Euch heute darum zu bitten. Die Herzogin schwieg noch immer, und Stanloff fuhr fort: Euer Durchlaucht muss ich noch eine auffallende Erscheinung berichten, sie betrifft Gaston. Merklich fuhr hier die Herzogin zusammen. Gaston begleitete den Zug aus dem Parke nach den bestimmten Zimmern und drangte sich uberall durch, um in der Nahe der Bahre und ihrer Person zu bleiben. Als die Frauen nach meiner Vorschrift die Lebensversuche machten, war er nur mit Muhe aus dem Zimmer zu entfernen, aber er wich nur bis zur aussern Schwelle. Jeden, der heraus trat, blickte er mit einem kurzen angstlichen Geheul traurig an, lief ihm einige Schritte nach und kehrte dann zu seinem Platze zuruck. Als sie im Bette lag, blieb die Thur einen Augenblick offen. Er hatte sich schnell hinein geschlichen, und als wir aus dem Rebenzimmer traten, sahen wir ihn am Bette aufgerichtet abwechselnd eifrig ihre Hande lecken und seinen Kopf hineindrangen, als wollte er von ihnen geliebkost sein. Ich gestehe, dass mich der Anblick ruhrte, ich konnte ihn nicht gleich verjagen und horte, dass er tief seufzte, wie Menschen im Schmerze. So blieb er Tag und Nacht vor der Schwelle bis sie zuerst aus dem Bette war und er sie sprechen horte. Da sturzte er die hinaus tretende Alice beinahe zu Boden und flog mit solcher Gewalt auf die Kranke zu, dass sie, zum Tode erschreckt, sogleich ohnmachtig ward. Gaston ward mit Gewalt entfernt, und seitdem halt er sich auch ruhiger und in seinem gewohnlichen Bereich. Und wozu diese Erzahlung? fragte die Herzogin rasch, von ihrem Stuhle aufstehend und einen Blick stolzer Erwartung auf Stanloff werfend. Vielleicht, erwiederte der ruhige Diener, sich gleichfalls erhebend, dass zwischen der Lady und Gaston ein Zusammenhang statt findet, den das kluge Thier schnell erkannt hat, und der uns zu Entdeckungen fuhren konnte. Die Herzogin wandte ihm unwillig den Rucken, und nach dem Schreibtisch hin gehend sagte sie kalt: Ich bin nicht gelehrt, Master Stanloff, und muss Verzicht darauf leisten, Dinge zu begreifen die uber die gewohnlichen Grenzen der gesunden Vernunft zu gehen scheinen, die Gott mir allein verliehen. Ich will Euch in so wichtigen Betrachtungen mit meiner Einfalt nicht storend sein, doch muss ich bemerken, dass ich nicht wunschen kann, dass solche Dinge sich im Schlosse unter den verschiedenen ungebildeten Dienstleuten verbreiten, als von mir oder meinen nachsten Umgebungen ausgehend. Nichts ist anstekkender, als geheimnissvolle Traumereien, und nichts gefahrlicher fur das Gluck unverdorbener Leute niedern Standes. Ihr habt zu befehlen, was meinen Mund anbetrifft, sagte Stanloff. Die Thatsache der Aufmerksamkeit zu entziehen, lag jedoch weder in meiner Macht, noch in meinem Beruf. Die Herzogin stand bleich und bebend an ihrem Schreibtisch, und Stanloffs Herz schmolz in Wehmuth bei ihrem Anblick, obwohl er heute so oft unter ihren scharfen Worten hatte leiden mussen. Die Juwelen, welche sie trug, und das kleine Taschenbuch, habt Ihr's von Mistress Morton erhalten? hob er an, mit dem gutmuthigen Wunsche, sie aus ihrem Zustande zu reissen, dessen Ursache er vergeblich suchte und in Gastons unschuldigem Thun nicht finden konnte. Mit beklommener Stimme sagte die Herzogin: Ja wohl, Juwelen, Stanloff, nicht unwerth, in dem Diadem einer Konigin zu glanzen, ein Armband und ein Kreuz. Das Buch, sagte sie kaum vernehmlich, aber sehr hastig, war mit einer Perle von grossem Werthe verschlossen; es lag ein Wechsel von einigen tausend Pfund darin und noch ein Paar Zeilen. Grosser Gott, was ist Euch! rief Stanloff, denn die Herzogin endete die letzten Worte in einer Art von Gestohn und taumelte gegen die Pfeiler des Fensterbogens. Nichts! Nichts, Stanloff! rief sie wie trostlos, aber ruft Morton, und bei Eurer Pflicht, bei Eurer tugendhaften Seele, ja, so lieb Euch der Friede der Meinigen ist, wendet Alles an, dies Madchen zu erhalten, sie herzustellen. Ich will sie sehen, heute noch sehen. Stumm verneigte sich Stanloff, Mistress Morton zu rufen, aber sie trat ihm in dem Vorsaal schon entgegen. Sie bedarf Eurer, sagte Stanloff tief bewegt. Die beiden treuen Diener blickten sich einen Augenblick stumm und traurig an. Stanloff fuhr mit dem Tuch uber die Augen, und Mistress Morton sah, der alte Herr war um seine Fassung. Sie reichte ihm die Hand und sagte sanft: Das Rechte thun und Gott vertraun! Er nickte mit dem Kopfe und eilte aus dem Saale. Mistress Morton fand ihre Gebieterin zwar blass und ermudet, doch mit wieder erlangter Fassung. Sie war seit einiger Zeit an diese plotzlich wechselnden Zustande gewohnt und zog es vor, sie vollig unbeachtet zu lassen, uberzeugt, dadurch die stolze Frau am schnellsten auf sich zuruck zu fuhren. Auch lag in dem Sinn der alten Dienerin ein gewisser Stolz auf die Kraft und wurdige Haltung ihrer Gebieterin, womit sie manche ihrer Fehler in ihren Augen versohnte, und sie war fast empfindlich, die Lady seit einiger Zeit so oft mit Weichheit und heftigem und sichtbarem Schmerze wechseln zu sehen, welches der Wurde Abbruch that, in der sie dieselbe erhalten wissen wollte, selbst um den Preis, dadurch als Dienerin in scharfere Grenzen der Zuruckhaltung gewiesen zu sein. Die alte kluge Dame hatte sicher fur diesen Karakter das Passendste erdacht, denn die Lady fuhlte sich sehr wohl mit Mistress Morton und schien stets zu einer ruhigeren Betrachtung der Dinge in ihrer Gegenwart uberzugehen. Auch heute liess sie sich ihre stummen und angenehmen kleinen Dienste gefallen; sie nahm ohne Widerstand einige Tropfen, die ihr wie absichtslos gereicht wurden, als ahne man kaum den Zweck. Der Sessel war bequem gegen die sanfte Glut des Kamins geschoben, die Fusse ruhten gemachlich auf einem Polster, und leise legte Mistress Morton einige Bucher, Arbeiten und kleine gebrauchte Gerathschaften bei Seite, wohl wissend, dass das Auge der Herzogin ihren Bewegungen unwillkurlich folgte, aufmerkend, ob jedes seinen Platz gewonne, wodurch sie sich endlich abziehen liess und zu einer Art von Ruhe gelangte, fast zugleich mit der wiederkehrenden Ordnung ihres Zimmers. Mistress Morton wollte nun eben ihren Platz einnehmen und eine Arbeit ergreifen, als die Herzogin mit freundlichem, sanftem Ton sich zu ihr bog: Du scheinst fertig zu sein mit Deiner geschickten Ordnungsgabe, und ich will Dich bitten, mir Deine Gegenwart bei meinen beabsichtigten Besuchen zu schenken. Ich freue mich, dass Euer Durchlaucht so angenehm uber mich befehlen, sagte nun gleichfalls Mistress Morton heiterer, sich dem Armstuhle nahend, in dem die Herzogin noch immer mit allen Zeichen der Ermudung ruhte. Sie hob jetzt den Kopf und fuhr freundlich fort: Es wird wohl nothig sein, dass Du Deine Hand an meinen Kopfputz legst, denn ich muss, wie ich vermuthe, nicht sehr bedacht gewesen sein, ihn zu schonen, und da wir so eben gehen, in der Fremden eine neue Bekanntschaft zu machen, wollen wir uns nicht als eine Verwirrte ihr zeigen. Doch halt, lass sehen, liebe Morton, ob ich stehen kann? Es geht, fuhr sie fort, indem sie mit ihrer ganzen schonen Haltung einige Schritte vorwarts that, und das Lacheln, welches auf den bleichen Lippen, wahrend sie sprach, mit den vorherrschenden Schmerzenszugen gekampft hatte, brach auf einen Augenblick durch, und sie versuchte zu scherzen, indem sie fortfuhr: Ich werde so schnell, wie Pons, die Treppe hinab und hinauf eilen. Rufe den Knaben, er soll zu meinen Tochtern und dann zur Fremden mir vorangehen.
Als sie jedoch die Handschuhe, die ihr Morton darreichte, ergriff, sanken plotzlich ihre Arme an ihr nieder. Sie fasste die Lehne des Stuhls, und hob Kopf und Blick mit unaussprechlichem Ausdruck gegen die Decke. Da zog Pons den Vorhang, der die angrenzenden Zimmer trennte, und zeigte sein heiteres jugendliches Gesicht, das er mit Muhe in die Ehrfurcht ausdruckenden Falten zu ziehen suchte, indem er sich und seine kleine mit Federn geschmuckte Mutze zur Erde neigte. Schnell war die Herzogin wieder gefasst. Nun, Pons, sagte sie freundlich, bist Du munter, oder nach Pagenart schlafrig und unlustig, selbst den Facher oder Schleier Deiner Dame zu tragen? Pons liess statt aller Antwort sein Auge zu ihr aufgehen, und dies widerlegte machtig den geausserten Verdacht, denn was je an Schalkheit und Munterkeit in dem Hirn eines Pagen reifte, blitzte aus diesem kohlschwarzen Augenpaar. So, so, sagte die Lady lachelnd, Deine tiefe Verbeugung sollte mir blos den Schalk verbergen, der mich jetzt anblickt. Der aber nie schlafrig und unlustig ist, wenn seine erhabene Gebieterin ihn mit ihren Befehlen beehrt, flusterte Pons. Kind, rief die Herzogin, Mortons Arm im Hinausgehen nehmend, Du sprichst, als hattest Du John Spencers Pagen-Lexikon gelesen, ein beruhmtes Buch, unter Heinrich des Achten wohl dressirter Pagenzunft. Pons flog wie ein bunt gefiedertes Vogelchen in seinem zierlichen Kostum von den Farben des Hauses durch die hohen Zimmer und Gallerien, das Nahen seiner Herrin an die in den Vorzimmern der jungen Grafinnen harrenden Diener zu melden, und die Herzogin ward mit lauter Freude von Arabella und Lucie empfangen. Beide waren mit ihren Damen in der Gesellschaft des Master Copley, der jeden Tag einige Morgenstunden dazu benutzte, den wissenschaftlichen Theil der Erziehung der jungen Grafinnen zu leiten. Es war ein unbeschreiblich heiterer und hochst ehrwurdiger alter Mann, als Geistlicher von den gemassigtesten Gesinnungen, von einer grundlichen wissenschaftlichen Bildung, unverheirathet und mit ganzem Herzen an der herzoglichen Familie hangend, der er seit dem Vater des letzt verstorbenen Herzogs als Schlosskaplan diente. Die Herzogin hatte heute eine anmuthige weiche Hingebung gegen Alle, sie wusste Jedem ein gutiges Wort zu sagen oder einen freundlichen Blick zu geben. Mistress Morton war ganz glucklich, denn so war die Herzogin in ihrer besten Stimmung, milde und doch mit der Wurde, die ihr hoher Rang und ihr ernster Karakter mit sich brachte. Sie wusste dann Alles um sich her in eine angenehme Stimmung zu versetzen und heilte die kleinen Wunden, die sie oft schlug, so dass selbst neue weniger schmerzten. Doch fuhlte Mistress Morton wohl, dass gegen das Ende ihres Besuches ein kleiner Kampf in ihr entstand; sie war zerstreut und blickte zuweilen ernst um sich her. Endlich erhob sie sich; doch noch zaudernd trat sie an eins der hohen Bogenfenster, das nach dem Park hinaus ging. Sie schien den Sonnenblick zu verfolgen, der die trub' aufgehauften Wolken eben durchbrach und langsam an den grunenden Partieen des Parkes dahin strich. Mistress Morton sah uber die Schulter Copley's, mit dem sie eifrig sprach, wie der Ausdruck in den Zugen der Lady schnell, und nichts Gutes verkundigend, wechselte, aber es ging voruber. Muthig richtete sie sich von dem Fenstergesims empor; sie ging auf ihre Tochter liebreich zu, schloss sie in ihre Arme und blickte ihnen lange zartlich in die Augen, kusste sie dann beide und sagte sanft: Meine geliebten Kinder, wir wollen nie Euern theuern Vater vergessen, stets seiner Tugenden gedenken und ihnen nachleben, dann werden wir alle ertragen konnen, was Gott verhangt. Sie entliess die tief geruhrten Kinder aus ihren Armen, grusste mit einer anmuthigen Bewegung die Uebrigen und schritt mit fester Haltung, ohne Mortons Arm, aus den Zimmern, die Gallerie entlang, welche sich in einem Saale endigte, der in zwei Eingangen zu den Gemachern des Prinzen von Wales fuhrte, deren eine Reihe die prachtvollen Zimmer enthielt, welche die alte Herzogin fur jetzt bewohnte; in den andern dagegen befanden sich die sogenannten Vorzimmer, nach dem Schlossplatze hinaus gehend und jetzt von der Fremden bewohnt, welche die Herzogin im Begriff stand aufzusuchen. Pons flog schon, von seiner Meldung zuruckkehrend, der Herzogin in dem Saale entgegen, aber sie schien ihn nicht zu sehen, sondern schritt an ihm voruber in die geoffnete Zimmerreihe. Kaum hatte sie das erste Zimmer betreten, als an der Schwelle des dritten eine weibliche Gestalt erschien, die, so wie sie die Herzogin erblickte, rasch voreilte, so dass die Herzogin mit ihr in dem dazwischen liegenden Zimmer zusammen traf. Einen Augenblick ruhten Beider Blicke auf einander, dann lag die Fremde mit gebeugtem Haupte zu den Fussen der Herzogin, die in demselben Augenblicke leise wie sterbend die herzueilende Morton rief, deren Arm krampfhaft ergriff und, starr ihre Blicke auf die Knieende heftend, unfahig eines Wortes, einer Bewegung blieb. O, meine Beschutzerin! rief jetzt die Knieende, und diese Worte waren von einer so melodischen Fulle des Tones begleitet, dass sie suss jedes Ohr erreichen mussten, aber die Herzogin zuckte zusammen, als ob diese Tone sie zerrissen. Doch es war das letzte Zeichen ihrer Erschutterung, ihre Besinnung kehrte wieder, und sie fuhlte mit Scham und Verlegenheit, wie die Arme noch zu ihren Fussen lag. Um Gott, Mylady, was thut Ihr! rief sie lebhaft; steht auf! Knieen wollen wir, aber gemeinschaftlich vor dem liebevollen Beschutzer dort oben, der Euch hierher fuhrte, wo wir uns bemuhen wollen, die Euch widerfahrene Unbill gut zu machen. Da hob die Fremde zuerst ihren Kopf von der Brust zu der Herzogin empor und zeigte ein Antlitz, uberstromt von Thranen, aber mit dem sanften Anhauche eines dankbaren Lachelns, das dies Gesicht, trotz seiner Lilienblasse mit dem ruhrenden Zauber weiblicher Schonheit belebte. Sie richtete sich vom Boden mit Hulfe der Herzogin auf und stand nun vor ihr, in einer vollig ungezwungenen und naturlichen Haltung. Aber als sie, von der Herzogin gefuhrt, mit ihr nach einem Sessel ging, wollte es selbst Morton, der eifersuchtigen Dienerin, scheinen, als ob die Herzogin in schoner Haltung nachstehe und diese junge Gestalt allein Alles vereinige, was man darunter zu verstehen pflegt. Stanloff hat uns heute endlich die Erlaubniss gegeben, Euch sehen zu durfen, sagte die Herzogin, indem sie Platz nahm, und ich bin hier, Euch willkommen zu heissen und Euch zu fragen, ob Ihr keine Klagen zu fuhren habt uber irgend eine gegen Euch versaumte Pflicht, oder ob ich in irgend etwas personlich im Stande bin, Euch zu dienen? O, Mylady! rief hier die Fremde und druckte die schonen Hande an ihre Brust, fragt nicht, ob es mir gut erging. Ich war, seit ich in diesem Schlosse bin, in den Handen der edelsten Menschen. Ihr Auge richtete sich bei diesen Worten mit einem Glanze auf Mistress Morton, der aus der warmen Dankbarkeit eines schonen Herzens zu steigen schien und so ausdrucksvoll war, dass die ehrwurdige Dame, ganz bewegt, tiefer sich vor ihr neigte, als sie es nachher in ihrem Zimmer begreifen konnte, und die Herzogin von dieser alten und stolzen Frau nie anders, als vor sich selber, es erlebt hatte. Und Ihr, Mylady, fuhr sie fort, kommt nun zu mir armen verwaisten Kinde. Ihr wollet den grossmuthigen Schutz bestatigen, den ich bis jetzt genoss. Ach, ich danke Euch fur die Wohlthat Eures Anblickes; Ihr werdet mir erlauben, Euch mein Herz zu offnen, und von Euch werde ich dann besser, als von mir selbst erfahren, wie mein Schicksal anzusehen ist. Lasst das fur jetzt, liebes Kind, sagte die Herzogin und legte sanft die Hand auf ihre Schultern, nicht um Euch an Euer Ungluck zu erinnern, kam ich hierher; ich darf, ohne Stanloffs Vorwurfe zu verdienen, nicht zugeben, dass Ihr Euch erschuttert. Es bedarf nicht solcher Mittheilungen, fuhr sie immer warmer fort; schweigt uber Eure Verhaltnisse, Euern Namen, so lange es Euch gefallt, Ihr seid meines Schutzes gewiss, und ich bedarf, nun ich Euch gesehen, vorlaufig keines Burgen; auf dieser Stirn stehen die Vorrechte der Geburt und der Unschuld! Der gespannten Aufmerksamkeit der Mistress Morton war es nicht entgangen, dass die Herzogin hier in wenig Minuten das Schicksal derer theilte, die sich bisher dieser jungen Person genahert und aus ihrer Personlichkeit denselben Glauben geschopft hatten. Die Herzogin schien selbst zu fuhlen, dass sie diesen eben bezeichneten Eindruck etwas schnell gewonnen habe; sie liebte nicht, wenn ihr Gefuhl ihrem Verstande voraus eilte, vielleicht, weil sie sich des ersteren nicht als ganz zuverlassig bewusst war, und sie sah ein aufsteigendes Missbehagen uber ihre schnelle Hingebung in sich voraus, als dieser augenblickliche Ideenflug unterbrochen ward durch die Worte: Geburt und Unschuld, welche die junge Lady mit einem unverkennbaren Ausdruck von Erstaunen wiederholte. Sie schien hier vor einer neuen Idee zu stehen, die sie nicht zu verfolgen vermochte, und es lagerte sich ein zarter Anflug von Nachdenken um ihr ernster werdendes Antlitz. Doch die stets verwohnte Herzogin, nie sehr geneigt, die feinern Empfindungen Anderer zu bemerken oder errathen zu wollen, da sie gern ihre eigenen ihren Umgebungen als Ziel zu stecken pflegte, schien auch diese unverkennbare Wirkung ihrer Worte in der jungen Lady ubersehen zu wollen, setzte aber mit einem sehr wohlwollenden Tone hinzu, indem sie sich erhob: Ich darf nun, hoffe ich, ohne Euch zu sehr anzugreifen, fur Eure Unterhaltung sorgen. Meine Tochter, ihre beiden Damen sollen Eure Einsamkeit Euch erleichtern helfen, bis Ihr so weit hergestellt seid, in unserm Familienkreis erscheinen zu konnen. Lebt wohl Lady und richtet Euern Geist auf, damit Eure Gesundheit erstarken konne! O, geht noch nicht! rief die Unbekannte, wie erwachend, und stellte sich schnell von ihrem Platze vor die Herzogin, sagt mir, edle Frau, Ihr wollt mich ferner schutzen? Kein Mensch kann hier feindlich eindringen? Diese Zimmer sind ganz sicher? Ach verzeiht mir, liebe Mistress Morton, oft habt Ihr gutig diese Fragen mir beantwortet, ich glaubte Euern trostlichen Worten, und doch sehnte ich mich nach der Bestatigung aus diesem Munde. O, zurnt mir nicht, Mylady, man nannte mich furchtlos sonst. Ach, man hat sich schwer getauscht, meinem glucklichen Leben fehlte blos das Furchtbare, mit ihm lernte ich auch die Furcht kennen. Seid unbesorgt, erwiederte die Herzogin, dies store nimmer Eure Ruhe. Fur Eure Sicherheit verburg' ich mich; im Schooss der Euern waret Ihr nicht sicherer. Gott lohne Euch so grosse Gute! rief nun das holde Wesen, und es wiederstrahlte ihr Gesicht von Dank und inniger Verehrung. Sie hatte lieblich sich gebeugt und ihre Hande kindlich auf die Brust gekreuzt. Die reichen braunen Locken umschatteten in glanzender Fulle die hohe Stirn, das liebliche Oval. Sie hob die Augen langsam zur Herzogin empor, und wer diesen Blick erkannt hatte, der musste fur immer sich ihr weihn. Auch schien die Herzogin davon aufs Neue erschuttert; noch ruhete ihr Auge darauf, als konnte sie es nicht losreissen, aber ihre Fusse, ihre Arme hoben sich ausser aller Haltung wie zur Flucht. Die Farbe wechselte auf ihren Wangen, und kaum vernehmlich stammelte sie ein wenig motivirtes schnelles Abschiedswort. Rasch eilte sie durch die Zimmer und blieb dann unbeweglich vor Pons stehen, der im Vorsaal harrend in seiner tief gebeugten Stellung um ihre Befehle fragte. Sie sah ihn nicht, seine Worte erreichten nicht ihr Ohr. Ihre Augen blickten trube in die Ferne des Saales, als gewahre sie dort einen Gegenstand. Pons hob bei ihrem fortgesetzten Schweigen den Kopf empor, vielleicht in guter Hoffnung einer Fortsetzung des fruheren Scherzes.
Aber so auffallend war der Ausdruck in den Zugen seiner Herrin, dass er zuruck sprang und die Augen scheu nach dem Raume warf, in den die Herzogin hineinstarrte. Zur selben Zeit trat Mistress Morton vor, und ihre Stimme erreichte ihr Ohr. Was willst Du, Morton, was habe ich gethan, wie sagst Du? rief die Herzogin jetzt schnell auf einander. Pons erwartet die Befehle Euer Durchlaucht, sagte Morton in fast strengem Ton. Die Herzogin strich mit der Hand uber die gespannte Stirn und deutete dann nach den Thuren, welche zu den Zimmern der alten Herzogin fuhrten. Pons verschwand wie der Blitz, aber die Herzogin behielt keine Zeit sich zu sammeln, denn die alte Lady, von ihrer Nahe unterrichtet, hatte schon Lovelance an die Thur geschickt, den moglichen Besuch der Schwiegertochter zu empfangen. Sie kam ihr in ihrem Wohnzimmer entgegen, aber die freundlichen Mienen und Worte, mit denen sie daher kam, erstarben, als sie die Herzogin naher anblickte. Todtenbleich mit gebrochenen Augen zuckten ihre Lippen nach Worten, aber nur ihre Hand konnte ein schwaches Zeichen gegen die Thur machen. Diese verschloss sich dem Winke, und sie ergriff mit letzter Kraft einen Lehnstuhl, darauf bewusstlos niedersinkend. Ruft Niemanden zu Hulfe, Milady, rief die besonnene Morton, und erschreckt nicht, es wird bald voruber gehen. Ich fuhre Alles bei mir, was der Frau Herzogin nothig ist. Wahrend dem loste sie geschickt den Gurtel und die Banden an dem Kopfzeuge, und rieb Stirn und Schlafe und die zuckenden Pulse mit fluchtigen Tropfen, indess die alte Lady, so ruhig und gefasst, wie die alte Dienerin, mit mutterlicher Innigkeit zwischen ihren warmen Handen die erstarrten der Herzogin zu beleben suchte.
Sah meine Tochter die Fremde? Sie sah sie so eben. Dies waren die einzigen leise gewechselten Worte der beiden Frauen. Ihren stillen Bemuhungen entsprach bald der Erfolg. Die Herzogin schlug die Augen auf, und sich zusammenraffend blickte sie umher. Als ihr klar ward, was geschehen war, suchte sie sich zu erheben. Sie wollte sprechen, doch die alte Lady liess sie nicht zu Worte kommen, sondern sagte, indem sie sanft sie zu einem Stuhl am Kamin fuhrte und in ungestorter Ruhe, wie es schien, sich an ihrer Seite niederliess:
Muss ich nicht wieder schelten? Wie Du Deine Gesundheit wagst! Ohne Mantel bist Du uber die kalten Gallerien und Sale gegangen, und die Luft ist so voll Nebel heute, dass kein Fenster dicht genug ist, ihn abzuhalten. Vergisst Du ganz, wie Deine Gesundheit jetzt zarter behandelt sein will, als sonst? Wollten wir Dich strafen, plauderten wir aus, wie leidend Du Dich machst, aber wenn Du Deinem alten Mutterchen nur kunftig folgen willst, wollen wir Dich nicht verrathen, denn Deine Kinder hatten freilich gross Recht, mit Dir zu schelten.
Die Herzogin senkte den Blick, den sie, wahrend die edle Lady sprach, fest auf sie gewendet hielt, als wollte sie die unbefangenen Worte prufen. Doch wenn auch zweifelhaft blieb, ob sie diese jahe Ohnmacht wirklich dem Nebel in den Gallerien zuschrieb, Wohlwollen, ungekunstelt und rein, wie es in diesem Herzen vorwaltete, war der unverkennbare Ausdruck in ihren weichen Zugen, ihrem Blick, im Ton der Stimme. Der starre Ernst auf dem bleichen Angesicht der Herzogin loste sich, wie ofters an der Seite dieses warmen, hingebenden Gemuths, in eine Art von Ergebung auf. Sanft zog sie die liebende Hand an ihre Lippen und sagte mild:
Du hast mich also noch nicht aufgegeben, meine wahre, liebe Mutter? Man schilt nur da, wo man noch auf Besserung hofft. Ich will Dir so gerne folgen, hatte ich Dir immer folgen konnen, ware ich Dir vielleicht ahnlicher. Ach, ich bin schwach, wie ich und Andere mich wohl noch nie gesehen. Ich bin mir fremd und kann mich in mir selbst nicht finden. Welch' ein gebrechlich Ding ist, was wir oft in uns als Kraft bezeichnen mochten, weil wir ertragen konnten, was Andere um uns her erweichte; und jener eitle Wahn eines steten Muthes, weil uns lang verschonte, was uns zu beugen aufbehalten war, wenn er verfliegt, welch' einen Blick lasst er in unser Inneres thun, von dem wir ohne Vorwurf kaum uns wenden konnen! Es will uns mahnen, als hatten wir Vieles wohl in uns versaumt zur Hulfe aufzuziehen, da wir irrthumlich so stolz des Einen uns gesichert glaubten, was wir Kraft nannten!
Wo ist die Brust, die menschlich fuhlt, geliebte Tochter, erwiederte ernst die alte Lady, und dennoch ohne Wanken in immer gleicher Fassung sich ruhmen kann, dem Leben zu begegnen. Wir horen darum nicht auf, kraftigen Gemuths zu sein, wenn uns erschuttert, was Gott zur Prufung dieser Kraft beschliesst, sie wird oft erst recht wahrhaft uns zu Theil, wenn wir durchdrungen wurden von ihrer irdischen Gebrechlichkeit. Es hat mir oft scheinen wollen, als deuteten gar Viele den Begriff von Kraft wohl anders, als es vielleicht von Gott bezeichnet ward, und Du, geliebtes Kind, scheinst mir mit Deinen Klagen zuerst Dir selbst zu nahe zu treten. Kraft ist etwas Anderes, als Harte des Gefuhls. Du bist nicht schwach, wenn Du tief leidend fuhlst, was Gottes Hand Dir auferlegte. In Deinem Schmerze auch liegt Kraft, die Du zerstoben wahnst, weil sie Dich nicht mehr rustet gegen ihn. Nicht das ist mir als Kraft erschienen, was uns ablost von dem Allgefuhl von Schmerz und Freude, kraftig just scheint mir der Mensch gestaltet, der Raum und Anklang fur den Vollbegriff des Daseins hat; Freud' und Schmerz muss Recht behalten uber ihn, und Streit und Widerspruche durfen ihn bewegen. Immer wird er noch zum Bund der Starken sich zahlen durfen, denn wenn Du reich begabt in's Leben trittst, ergreift es Dich auch reich, Du trachtest es zu heherrschen, es reizt Dich, dass Du von ihm beherrscht Dich fuhlst. Dies Ringen um den Preis der Freiheit ist das Ziel, das jeder starken Seele vorschwebt, und jeder Siegende muss Kampfer gewesen sein. Was Dich alsdann erquickt, nenn' es Frieden, nenn' es Geduld, es ist so schwer, es zu erringen, dass auch der Starke es spat erst in seiner vollen Bedeutung sein eigen nennt.
Geduld, geliebte Mutter, nennst Du dies Lammgefuhl, was die Natur, ohne alle Zugabe und Verdienst, oft in die Brust des schlaffsten Wesens bei der Geburt schon legte? Nennst Du es synonym mit Kraft, wahrend mir beide als Pole in der menschlichen Natur erscheinen? Ist denn Geduld nicht just der Mangel aller Kraft? Wird der, der Muth in sich fuhlt, dem Leben die Gestaltung abzuringen, die er in sich beschlossen, als die rechte, wird er, anstatt zu thun, wozu die Krafte ihn beriefen, als thatenloser Zeuge stehn und bloss empfangen, gut oder schlecht, was Andere statt seiner beschlossen?
Wer hat gelebt und nicht erfahren, liebe Tochter, dass jenen muthigen Beschlussen im Gelingen die Grenze gesteckt ist. Wir schauen das Leben an, ein lieblich Rathsel in der Jugend, von dem wir nur gluckliche Auflosung hoffen. Es widerstrebt dann spater, und wir entzucken uns im Widerstande, der unsere Krafte weckt, im heissen, aber genugenden Gefuhl so viel zu geben, als wir nehmen. Wer kraftig erschaffen ward, der traumt, das Leben sei in seiner kuhnen Hand; nach Aussen hin sieht er Hoffnungen erweckt und suchet grosse Dinge; doch ist kaum der Gipfel erreicht, wo er beginnen wollte, und es bricht zusammen, was in dem Bereiche dieser Trummer lag, was er just schaffen und erreichen wollte. Gar leicht erscheint da dem Besten auch der Augenblick, wo er sich fragt, ob er die Welt, ob die Welt ihn betrogen habe. Der Kraftige uberlebt diesen Augenblick, und was dann in ihm ersteht, beglaubigt erst, was fruher er verheissen. Zwischen Wollen und Gelingen ist die geheimnissvolle Tiefe ihm aufgedeckt. Die Grenze, die dem raschen Schritte von Aussen ward gesteckt, er steckt sie selbst sich in die feste Brust. In sich zuruckgewiesen, sammelt er die Schatze, die so reizend aus sich selber ihn herausgelockt; und was aus diesem zuchtig eingehegten Schatze nach Aussen dann wieder dringet, es will nicht sich, es will dem Guten helfend sich erweisen. Auf diesem Wege kommt im Starken, und just allein in ihm, das grosse Wort zu Ehren, was ich Dir nannte: Nenne es Frieden, nenn' es Geduld!
O Mutter, wie Wenige verdienen dann Dein heilig Wort! Wie schnode hab' ich selber auf dies Gefuhl geblickt, was aus Deinen Worten zum Heil'genschein mir wird, um eines Martyrers vernarbte Stirn!
Und wer auch, meine Tochter, ruft die Deutung dieses Wortes uns himmlischer zuruck, als diese Muster hochster Kraft und Tugend? Lohnte ihnen denn auf ihrem Wege der irdische Erfolg? Glichen sie nicht alle, von dem Hochsten an, dem Saemann, der lang vor der Ernte dem Felde entruckt ward, das er in durrer Zeit, den jungen Keim zu nahren, mit seinem eignen Blute sanft betraufte? War die Geduld, mit der sie schieden, nicht dieser hohere Aufschwung ihrer Seelen, war sie nicht Kraft?
Sie war es, theure Mutter! Nie habe ich dies verkannt, und doch ist mir die Anwendung fur unser kleines Leben, ich gestehe es Dir, nie ganz so klar geworden. Es ist mir, als musste ich die Bedeutung, die heute mich davon durchdrungen, in alle Welt verkundigen, dass Keiner langer wahne, er sei in Kraft, wenn er dem Leben grolle, das von seinem eitlen Streben ihn verwiesen und eine Bahn ihn fuhrt, die minder den stolzen Traumen genugt, die er sich selbst erschuf.
Der ist der Schwache, liebes Kind, der unablassig dem Phantome seiner Eitelkeit nachschleicht, der daran selbst sich zehrt, in ewig unbefriedigter Empfindung, und dem Individuum hassend aufzuburden strebt, was seine eigne Schwache ihm geboren. Doch lass mich ein Ziel finden, habe ich nicht zu lange in diesem unbequemen Lehnstuhl Dich gefesselt bei Deinen Leiden.
Glaube das nicht, geliebte Mutter! Ein Engel fuhrte meine wankenden Schritte zu Dir, immer ist Deine liebe Nahe der Balsam fur mein Herz, doch heute haben Deine Worte mich erhoben, Du weisst nicht wie, und wie just zur rechten Zeit!
Gelobt sei Gott! sagte die alte Lady und kusste der scheidenden Herzogin die Stirn, wir mussen stets mit Ruhrung und mit Dankbarkeit es horen, wenn Gott sich unserer bedient, denen wohlzuthun, die er liebt. Als die Damen sich bei der Mittagstafel wieder fanden, zeigte die Herzogin ihrer Schwiegermutter an, dass sie Briefe aus London von Lord Archimbald und ihren Sohnen habe, und dass sie in einigen Tagen schon ihren Schwager und den jungen Herzog zuruck erwarten durfe. Ihre Tochter und Mistress Dedington und Carby forderte sie dagegen auf, den Nachmittag der fremden Lady einen Besuch zu machen. Lucie schlug entzuckt in die Hande, und es war seit lange wieder das erste heitere Mittagsmahl; denn auch die nahe Ankunft des Oheims und Bruders schien auf die verschiedenen Hausgenossen nach Maassgabe ihrer Verhaltnisse belebend zu wirken. Doch Luciens Vergnugen kannte keine Grenzen. Die fremde Lady, der Bruder, der Oheim, Alles reizte ihre naturliche gute Laune, und Ramsey und Pons und Ottwey und Jepson und andere ihrer Lieblinge mussten durch tausend kleine unschuldige Neckereien der Ableiter werden, bis sie die Fusschen zu ihren Sprungen gebrauchen durfte. Mit einem Mal rief sie:
Liebe Mama, Du hast uns noch nicht gesagt, wie die fremde Lady heisst; wie sollen wir sie nennen?
Darnach fragte ich nicht, mein Kind, denn es geziemt sich nicht, den, der unsern Schutz geniesst, mit Fragen der Art zu belastigen.
Aber warum sagte sie ihren Namen Dir nicht? fragte Lucie weiter.
Ich wunschte nicht, dass sie Dinge sprache, die sie angriffen, da Doktor Stanloff sie geschont wissen wollte. Lucie wollte eben weiter fragen, warum die Nennung ihres Namens angreifend sei, als die Herzogin nach einigen leisen Worten gegen ihre Schwiegermutter zugleich mit derselben sich erhob, mit dem Bemerken, sie wunsche, dass man sich beim Desert nicht storen lasse, welches ein Zeichen war, dass die beiden Damen allein sein wollten. Als die Herzogin ihre Schwiegermutter zum Kamin gefuhrt hatte, nahm sie die empfangenen Briefe, und mit der ehrfurchtsvollen Aufmerksamkeit gegen ein Familienhaupt, als welches die alte Herzogin, trotz ihrer bescheidenen Zuruckhaltung, immer in der Familie angesehen ward, zeigte sie ihr an, dass Lord Archimbald ihr einige Nachrichten gegeben habe, uber die schon vor dem Tode ihres Gemahl mit dem Grafen von Dorset angeknupften Heirathsangelegenheiten zwischen ihrem Sohne Robert und der altesten Tochter des Grafen, der Lady Anna Dorset. Beide hatten sich, auf der Reise des Herzogs nach Spanien, bereits in London kennen gelernt und, wie es schien, sich gefallen. Die Vater waren sehr erfreut, ihre Wunsche so in Erfullung gehen zu sehen, und der Oberhofmeister Graf Dorset hatte den nunmehrigen jungen Herzog mit Auszeichnung empfangen, und den Grafen Archimbald und Salisbury alle dem verstorbenen Herzog geleisteten Versprechungen in Betreff der Vermahlung wiederholt.
Mein Sohn jedoch, fuhr die Herzogin fort, hat es im gegenwartigen Augenblicke unpassend gefunden, mit seinen Bewerbungen vorzutreten, und obwohl er in dem Familienkreise des Grafen Dorset erschienen ist und mit hoher Bewunderung von der jungen Lady spricht, ist doch seine Absicht darauf gerichtet gewesen, sich seiner Pflichten bei Hofe zu entledigen, um zu uns zuruckzukehren. Graf Archimbald wird ihn begleiten, um ihn hier in den auf ihn harrenden Pflichten zu unterstutzen; er hat aber dagegen einwilligen mussen, meinen Sohn Richmond fur einige Wochen beim Grafen von Salisbury zuruckzulassen, weil derselbe leidend, die Unterstutzung einer zuverlassigen und ihm ergebenen Person wunschte. Hier ist Richmonds liebenswurdiger Brief, und hier die Einlage vom Grafen Archimbald.
Ich kann Dir nur Gluck wunschen, erwiederte die alte Herzogin, zu der Aussicht einer Vermahlung, die ich nach meiner Bekanntschaft mit der Familie Dorset heilbringend hoffen darf. Der Graf hat noch eine jungere Tochter, welche Olony heisst, und Beide, denke ich, konnten unter der Leitung einer solchen Mutter nur gut sich entwickeln. Es mussen ubrigens die reichsten Erbinnen in London sein, Olony jedoch bedeutend junger, als Anna.
Lies selbst, liebe Mutter, sagte die Herzogin lachelnd und reichte ihr Graf Archimbalds Brief, was mein Schwager mir uber Olony sagt; denn fur Dich wird wohl das strenge Geheimniss nicht obwalten, das er mir anempfiehlt. Du wirst daraus selbst sehen, dass er dies junge Fraulein, das ihn ganz bezaubert hat, nicht umsonst, nachst Anna, fur die glanzendste Partie anerkennt, und dass sie ihm fur Richmond wie geschaffen scheint. Doch als das Nothigste erkennt er die grosste Geheimhaltung dieses Wunsches, da Richmond sich stets mit einer Art von Geringschatzung uber gestiftete Heirathen ausgelassen hat, und dies der erste Grund sein wurde, ihn zu entfernen.
Ich war nicht ohne Gedanken daruber, sagte die alte Herzogin, es kommt vielleicht so, ohne unser absichtliches Dazuthun, was allerdings vorzuziehn ist. Es freut mich, dass Katharine von Dorset, die Mutter dieser lieben Madchen, welche mir kindlich ergeben ist, mir fruher, als die Trauer-Nachricht zu uns kam, versprach, ihre Tochter mir zuzufuhren. Ich thue daher nichts Absichtliches, wenn ich bei dem nahenden Sommer und meiner Ruckkehr nach Burtonhall sie an ihr Versprechen erinnere.
Als man sich an dem Abend desselben Tages getrennt und die Herzogin die ubrigen Frauen ihrer Bedienung entlassen hatte, wendete sie sich zu Mistress Morton, die stets bis zu dem Augenblick bei ihrer Gebieterin blieb, wo diese ihr Lager bestieg, und sagte, die Hand auf ihre Lippen legend, mit leiser Stimme:
Gehe, Morton, sieh, ob Alles in Ruh um uns ist, ob der Weg sie stockte und legte schnell die Hand unter ihre linke Brust, als ob sie einen Schmerz fuhle ob der Weg, fuhr sie mit bebender Stimme fort, leer ist und ungestort uber diese Zimmer bis zum italienischen Flugel. Ja, Morton, Du hortest recht, erschrick nicht, es ist unwiderruflich beschlossen, setzte sie hinzu, da Mistress Morton zuruck wich und ihr Erstaunen fast wie ein kleiner Ungehorsam aussah. Schweig, ich bitte Dich! Ich mochte in diesem Augenblick nicht gern streng sein, am wenigsten zu Dir, meine treue Freundin, und doch, ich wurde den Dienst, den Du mir heute noch leisten wirst, selbst mit Harte von Dir erpressen. Mistress Morton kannte ihre Gebieterin zu wohl, um nicht an die Wahrheit dieser Worte zu glauben, aber dies Vorhaben widerstrebte zu sehr ihrem treuen und vernunftigen Sinn, um sich ihm bereitwillig zu fugen.
Es steht in Euer Durchlaucht Gewalt, meinen Gehorsam zu erzwingen, sagte die ehrwurdige Frau und senkte bekummert die Augen zur Erde; ich fuhle dies in diesem Augenblicke seit den langen Jahren, die ich Euch diene, zum Ersten Mal mit Schmerz, denn ich furchte, Ihr fordert meinen Gehorsam gegen Euer Wohl!
Genug, genug! Mache es mir nicht schwer, das ohnehin so Schwere! rief die Herzogin ohne Unwillen, aber mit tiefem Schmerz; sei gut, rege nicht mein Herz auch noch durch die Furcht, Dir wehe zu thun, auf. Geh, geh! Thue, was ich Dich bat, es muss geschehen! Es wird mir gut thun, lass mich nicht weiter sprechen, und geh jetzt!
Mistress Morton fuhlte, wie umsonst ihr Widerstand sein wurde, aber ihr Gesicht war von den Gefuhlen ihrer Brust mit dem Ausdruck tiefen Schmerzes umzogen, und die Herzogin wendete sich mit einem Seufzer weg, als die alte Dame stumm eine der Kerzen ergriff und sich aus dem Zimmer begab. Sie untersuchte mit truber Ahnung die Ruhe des Schlosses und kehrte, nachdem sie uberall Alles still und ruhig gefunden, mit schwerem Herzen nach dem Schlafgemach zuruck. Sie fand dies leer; aber die Thure, die nach dem Chorstuhl in der Kapelle geoffnet war, deutete an, wohin die Herzogin mit ihrem beladenen Herzen sich gefluchtet. Voll Ehrfurcht, und erhoben von der Erinnerung an diesen hochsten Trost, faltete Mistress Morton ihre zitternden Hande, und das kurze, aber innige Gebet ihres treuen Herzens war so uneigennutzigen Inhalts, wie wohl selten zu dem Throne Gottes dringen mag. Ihre Gedanken wurden jedoch jetzt abgezogen durch die Worte, welche aus der Kapelle zu ihr drangen und der Schluss eines Gebetes zu sein schienen, das mit starker flehender Stimme gesprochen wurde:
Herr, segne den schwachen Willen meines Herzens, lass mich Milde uben und belebe mit dem Geiste Deiner unerschopflichen Gute diese erkaltete Brust. Du siehst in die Tiefen der Seele, Du kennst die Gedanken, ehe sie entstehen! Vor Dir sinkt das Gerust des Stolzes und der Eitelkeit, wohinter wir unser Gewissen zu bergen suchen. So erwecke mich denn und ruste mich aus, Deinen Willen zu erfullen. Nicht das geschehe, was ich in meiner irdischen Schwache begehre, sondern das, was Du willst, das lehre mich thun, und Dein guter Geist fuhre mich auf ebener Bahn! Es ward still, und bald erschien die Herzogin an dem Eingang der Thur, und als ihr Blick auf Mistress Morton fiel, die mit gefalteten Handen, den Kopf in Andacht auf die Brust gesenkt, ihr gegenuber stand, schritt sie ihr entgegen und sagte mit gehobener Stimme: Amen! Amen! erwiederte Mistress Morton leise. Beide Blicke trafen sich, und die Scheidewand zwischen Herrin und Dienerin sank nieder in dem frommen Gefuhle, womit Beide erfullt waren. Die Herrin ruhte einen Augenblick an dem mutterlichen Busen der edlen Frau, die in der Liebe zu ihrer Gebieterin die eignen Wunsche langst verlernt hatte. Willig liess sie sich dann gefallen, was die alte Freundin zu ihrer Verhullung herbei schaffte, und unterdruckte das hindernde Wort, als die Sorgliche mit geheimnissvoller Hast nach dem Flaschchen griff, dessen Inhalt der Herzogin oft zu Hulfe kommen musste. Sie nahm sodann den Armleuchter und schritt der Herzogin voraus. Der Mond leuchtete vor ihnen her durch die hohen Bogenfenster, das Licht der schwankenden Kerzen vermochte die weiten Raume nicht zu durchdringen, aber die seit Jahren so oft durchstreiften Gemacher boten kein Hinderniss dar, und man gelangte nach dem nordlichen Thurmzimmer und stand jetzt vor der Thur, die nach dem italienischen Flugel fuhrte. Die Herzogin reichte mit gesenktem Blick an Mistress Morton den Schlussel, den sie unter ihrem Mantel trug, und Morton offnete die Thure, welche sogleich die weiten Sale uberschauen liess, die, in ihrer innern Einrichtung so abweichend von den eben durchwanderten Zimmern, die Kunstwerke aufbewahrten, welche diesem Flugel seinen Namen gaben. Seit der Abreise des letzt verstorbenen Herzogs nach Spanien waren diese Zimmer nicht eroffnet. Die Herzogin bewahrte den Schlussel dazu und hatte bis jetzt jeden Gebrauch desselben verweigert. Wer hatte denken mogen, dass sie selbst diese Stelle zuerst und zu einer Stunde betreten wurde, die den Geist empfanglicher macht fur die Schauer so schmerzlicher Erinnerungen. Auch schien die Lady von dem ganzen Gewichte dieses Augenblicks ergriffen und blieb wie uberwaltigt an der Schwelle stehn, wahrend ihr im qualvollsten Schmerze glanzendes Auge die Raume durchflog, die, durch den Schein des Mondes, der hier durch farblose breite Fenster drang, ganz ungemein erhellt, gegen die dustern eben durchstreiften Gemacher einen so auffallenden Kontrast bildeten, dass es scheinen konnte, als liege hier die Wohnung eines verklarten Geistes, von uberirdischem Lichte erhellt, vor Augen. Der Zauber des Schonen benahm so dem Dustern jegliches Grauenhafte, der Geist hob sich unter dem Einfluss dieser Magie, und die Herzogin uberschritt die Schwelle, wahrend ihre Seele auf einen Augenblick abgezogen war von dem Schmerze ihrer Brust. Leise den Kopf schuttelnd folgte ihr Mistress Morton. Das Vorhaben ihrer Gebieterin, zu dieser Stunde die Wohnung des geliebten Gemahls wieder sehen zu wollen, schien ihr so weit die Grenzen von Vernunft und Massigung zu uberschreiten, die sie sonst bei ihrer Gebieterin wahr zu nehmen gewohnt war, dass sie sich gestehen musste, sie konne ihr nicht mit ihren Gedanken folgen. Es schien eine Art von Ueberspannung, eine Schwarmerei in ihrem Beginnen zu liegen, wofur die alte Dame weder in sich, noch in den bisherigen Handlungen der Herzogin einen Maassstab fand, und sie musste hier entweder dem Tadel Raum geben oder einer aufkeimenden Ahnung, dass noch ein anderes geheimes Motiv bei der Herzogin zu Grunde liegen konne. Sie behielt wenig Zeit zu solchen Betrachtungen, indem sie dicht hinter ihrer Gebieterin in das Zimmer des Herzogs trat. Die ungluckliche Gattin, plotzlich von all den theuern Gegenstanden umgeben, die in ungestorter Ordnung noch seiner Ankunft zu harren schienen und die treuen Zeugen seines schonen Lebens waren, sank mit einem Strom von Thranen an dem Armstuhl nieder, in dem er so oft vor dem mit Buchern und Karten bedeckten Schreibtisch sass, Jedem, der in die gegenuberliegende Thur trat, das helle Auge zuwendend.
Welch' eine Reihe von Gedanken ergriff hier machtig ihr gebeugtes Herz in diesem ihr fast heilig scheinenden Gemach, von seinem Fuss zuletzt betreten, von seinem Odem noch erfullt. Die ewige schreckliche Trennung, die sie mit allen Qualen durchgefuhlt, hier schien sie ihr zur Luge zu werden. Sie hob den Kopf, sie schaute umher, die Tauschung schien von diesen theuern Umgebungen ihr Gewand zu borgen, er musste kommen, hier konnte er nicht fehlen.
Komm! rief sie dumpf, verlass mich nicht! Komm! O lass mich nicht allein! Sie lag noch auf ihren Knien, aber aufgerichtet mit dem Haupte, das sie uber ihre Schulter nach der Seite zu gewendet hatte, wo ein dichter Vorhang den Eingang zum Schlafgemache verbarg. Es war unaussprechlich schauerlich, wie sie die Hand ausstreckte, als wolle sie die seinige ergreifen. Mistress Morton bebten die Knie, und es rieselte kalt uber ihre Gebeine. Sie war frei von den Schwachen, die der damaligen Zeit noch nicht fremd waren, an Zauber und Erscheinungen zu glauben, aber sie hatte den edlen Herzog geliebt, und die Erinnerungen, die dies Zimmer in sich schloss, hatten ihr treues Herz auf's Neue in Trauer versenkt. Sie begriff die Leiden ihrer unglucklichen Gebieterin zu wohl und hegte zu viel Ehrfurcht fur dieselbe, um storend mit ihrem geringen Troste dazwischen treten zu mogen.
Aber sie schauderte, und ihr sorglicher Blick richtete sich auf das Ende so tiefer und zerstorender Leiden. Der Ausdruck in den Zugen der Herzogin war milde geworden, und ihr Auge, in trubem Glanze schwimmend, von einer unaussprechlichen Tiefe des Schmerzes und der Zartlichkeit belebt. Aber ihr langes stummes Harren blieb umsonst, der Vorhang bewegte sich nicht, nur ein tiefer Seufzer traf ihr Ohr und riss sie vom Boden empor. Sie sturzte einige Schritte vorwarts und stand vor der bebenden Morton, die sie vollig vergessen hatte, und aus deren treuem Busen der Seufzer gedrungen war, der selbst diese starke Frau bis an die Grenzen des Geisterreichs gefuhrt hatte.
Doch der kurze Wahn, von dem sie hier umsponnen ward, war alsobald zerrissen, und die Wirklichkeit trat schmerzenbringender, als je, ihr nahe; denn die Sehnsucht war in ihrer ganzen Starke wiederum erwacht, und die unwiderrufliche Nothwendigkeit, dies ode Dasein ohne ihn zu tragen, ergriff dies ungezahmte leidenschaftliche Gemuth in ihrer ganzen Starke. In bittern Thranen aufgelost, sank sie in einen Stuhl nieder, und vergeblich rang dies Herz nach Ergebung und Geduld. Der Augenblick war ganz verschieden von jenem fruheren, der sie voll Andacht der Kapelle zugefuhrt, und was jetzt zu Gott gelangte aus der gereizten Brust, wir wollen hoffen, es fand Gnade vor dem vaterlichen Richter, der mild den Schmerz der irdisch Fuhlenden betrachtet.
Auch dieser Wendung ihres Kummers sah Morton lange schweigend zu, doch von den Thurmen tonte dumpf der letzte Ruf der Wachter, verkundigend, dass Mitternacht voruber sei, und ihr Muth ward durch die pflichtgetreue Sorge um diese schrecklich nachtliche Wanderung und deren Folgen fur die schwankende Gesundheit der Unglucklichen nun wiederum belebt. Sie naherte sich und wagte mit sanften Worten die Bitte, zuruck zu kehren, nicht langer so zerstorend auf ihre Gesundheit einzusturmen. Die Herzogin zog die kalten Hande von dem verweinten Gesicht bei dieser unwillkommenen Mahnung, und zurnend faltete sie die hohe Stirn.
Ich gebe Dir die Freiheit, zuruck zu kehren, da dieser heilige Raum mit drohenden Gefahren Dir erfullt zu sein scheint. Auch ohne Dich erreiche ich hier mein Ziel, und besser ohne hartherzige Storung der heiligsten Empfindung! Verlass mich, ich will sorgen fur Dich, wie Du fur mich, so deute ich Deine Worte wohl ihrem Sinne nach.
O wie beklage ich Euch, da Ihr so unglucklich seid, mich selbst so grausam zu verkennen, rief Mistress Morton hier mit einem solchen Ausdruck von Schmerz, so ohne allen Unwillen, indem heisse Thranen auf die kalten Hande der Herzogin flossen, dass dieses starre Herz, was nur allzu oft erst im Bereuen sich erweichte, davon ergriffen ward. Hierdurch aus ihrem maasslosen Gram erweckt, trat auch der Zweck ihres Hierseins aufs Neue vor ihren Geist, und mit ihm das wirksamste Mittel gegen diesen Schmerz. Langsam erhob sie sich, ihre Thranen horten auf zu fliessen.
Der Zweck, wozu ich hierher kam, liegt ausser dem Bereich Deiner Beurtheilung, hob sie ernst und tonlos an; darum ermudet mich Dein Einreden mehr, als es Deine stets gute Absicht wohl verdient. Ergieb Dich in meinen Willen, Du kommst mir so am besten zu Hulfe. Zunde diese Kerzen an, verlass dieses Zimmer und harre dann meiner im Vorsaal, fuhr sie zogernd und mit gepresstem Odem fort, ich hoffe, ich werde bald Dir dahin folgen. Sollte ich jedoch in einer halben Stunde nicht kommen, so kehre Du hierher zuruck, ich bedarf dann vielleicht Deiner Hulfe. Mistress Morton zundete, wahrend die Herzogin in ihren Mantel gehullt, wie vollig ruhig, in der Mitte des Zimmers stand, die Kerzen an, die in fruhern bessern Tagen nur halb verzehrt dies wohnliche Gemach erleuchtet, und verliess es dann mit stummer Sorge. Jetzt war der entscheidende Moment unabweisbar herangenaht. Ich bin abgefunden mit mir selbst, ich bin fest dies lag in ihrem Sinne, es lag in ihrem Schritt, womit sie ohne Verzug den Kerzen sich nun naherte, sie ergriff und den Vorhang aufhob, der sie in das kleine Schlafgemach versetzte, das mit dem feinsten Schmucke der in Holz geschnittenen Wande eine schon gezogene Rotunde bildete. Es war auf den Zierrath dieses schonen Schmuckes eingeschrankt. Alles zur Ausstattung eines Schlafgemachs Gehorige war in den Nischen angebracht, welche die Holzwande bildeten, die getrennt von den Mauerwanden standen und durch fein gefugte Thuren, die dem Druck der Feder folgten, in sich verschwindend, zuganglich wurden. Die Herzogin beruhrte eine dieser Federn in dem Schnitzwerke, und sogleich theilten sich von selbst die Wande und die dunkel seidenen Vorhange, die das Bett des Herzogs umzogen, bewegten sich, in dem feinen Zuge wallend, ihr entgegen. Sie presste die Hand an ihr pochendes Herz und schaute fest dahin, bis der leise Hauch vertheilt war und die Vorhange ihr schwaches Leben wieder aufgegeben hatten. Sie sah es, sie war allein, die Vorhange hoben sich nicht von geliebter Hand, und dennoch weilte ihr Blick, ihre ganze Gestalt wie bezaubert auf jener Gegend. Sie zuckte, als wollte sie sich wenden, und doch, sie vermochte es nicht. Sie schritt endlich vor, den Armleuchter in ihrer Hand; sie setzte ihn am Bette auf einen Tisch nieder, schlug die Hande in einander und rief mit fester Stimme: Noch ein Mal wiederhole ich es Dir, o mein Gemahl, ich bin gekommen, Dir zu vergeben, Deine Ehre wird mir heilig sein! Und Alles, was Dir gehort, es sei von mir erkannt, als hatte Deine Bitte darum mein Ohr erreicht. Hore mich, kein Eid ist unverletzlicher, als der Entschluss, den meine Liebe meinem Stolze abgerungen, ich vergebe Dir! Dies wird zu Dir dringen, und wenn Dein Herz, mit dieser Schuld belastet, ungesohnt vor Deinen Richter trat, so sei die Vergebung Deines Weibes die Furbitte an Gottes Throne, und Friede sei Deinem Geiste! Sie war wieder sie selbst geworden unter diesen Worten. Ihr guter Engel neigte der Siegerin sich zu, der Friede senkte heilend sich in ihre Brust, sie hatte sterben konnen, das Irdische lag bekampft zu ihren Fussen. So sei es, sprach sie nach einer Pause. Sie wandte sich und schritt der gegenuber liegenden Wand entgegen. Eine Blumenschnur in Holz geschnitten hing daruber hin; in dem Kelche einer Rose blitzte ein kleiner goldner Punkt, er gab dem Drucke nach, und die sanft verschwindenden Wande zeigten ein lebensgrosses Bild in reichem goldnen Rahmen. Es war eine junge Dame von engelgleicher Schonheit, die aus diesem Bilde mit einer Wahrheit blickte, dass das zauberische Lacheln um ihren Mund sich jeden Augenblick in holde Worte beleben zu wollen schien. Ein Laubdach bluhender Myrten und Orangen zog wie eine Halle sich um sie her und liess nur uber ihrem Haupte einen reinen blauen Himmel durchdringen, dessen Licht die Rosenkrone zu verklaren schien, die sie in den dunkeln Locken trug, welche glanzend auf ihre schonen Schultern niederwallten. Ihr Kleid war weiss, ein Purpurmantel, durch Juwelen auf ihren Achseln festgehalten, wallte bis zu den Fussen nieder; in ihren schonen Handen trug sie einen phantastisch geformten Stab, halb Dolch, halb Zepter oder Kreuz, mit Lilien und Epheuranken fest umwunden, vielleicht zum Strausse blos erdacht. Es war ein Meisterwerk der Kunst, und doch vergass man das Verdienst des Kunstlers, so hoch hatte er sein Werk gestellt. Ihm gegenuber dachte der unbefangene Beschauer nur, wie die Natur in einem Wesen so alle ihre schonsten Gaben ausgegeben habe, eine wurdige Hulle, wie es schien, fur eine Seele zu erschaffen, die wie ein Engelsgruss aus ihren Augen blickte.
Schon war dies zauberische Bild einen Augenblick enthullt, und der Blick der Herzogin ruhte noch am Boden, als waren ihre Augenlieder schwer belastet. Doch jetzt erhob sie dieselben, mit Hoheit sich emporrichtend, und fuhr dennoch in sich zusammen. Aber nicht mehr zu wenden war dies zagende Auge von nun an, obwohl es immer langer, immer heissere Schmerzen sog. So hast Du mich also getauscht! rief sie endlich; ja, es ist kein Zweifel, zum zweiten Male schuf die Natur Dich nur, durch Dich! So sei mir Gott gnadig! Doch ich vergebe Dir, ich vergebe Dir, hore mich, Gott, und vergieb Du ihm auch! Noch ein Mal blickte sie fest auf dies liebliche Gesicht, das vergeblich auf ihr ernstes Antlitz nieder lachelte; besonnen verschloss sie es dann, und die Kerzen ergreifend verliess sie das Gemach und eilte ohne Ruckblick durch das angrenzende, als furchte sie in ihrer Kraft zu wanken. Stark druckte sie die Thur, die nach dem Vorsaal fuhrte, auf und ging ohne Aufenthalt an Mistress Morton voruber, welche zitternd ihr entgegen trat.
Du frierst, sprach sie fest, lass uns eilen, meine Liebe, es wird kalt, der Morgen naht, wir haben lang genug der kalten Nachtluft uns ausgesetzt. So schritt sie weiter, bemuht, ruhig zu erscheinen, nicht ahnend, wie in ihrer Hand der fremd geformte Leuchter aus dem eben verlassenen Gemache unbeachtet schwankend hing, Zeugniss ablegend gegen ihre angenommene Ruhe. Doch dem sorglichen Blicke Mortons war dies nicht entgangen. Der Leuchter musste zuruck bleiben, wenn er nicht in seiner abweichenden Form zum Verrather werden sollte. Doch zogerte das warnende Wort auf ihren Lippen. Sie fuhlte, wie sich die Stimmung der Leidenden verrieth, die so stolz sich ihr zu entziehen strebte. Bald indess vermisste die Herzogin den folgenden Schritt der Dienerin, als diese zogernd weilte; sie wandte sich, und nun streckte Mistress Morton ihren Armleuchter ihr stumm entgegen. Schaudernd gewahrte die Herzogin ihr Versehen; sie loste die erstarrte Hand von seiner Saule. Mistress Morton eilte damit zuruck, und weniger fest ging dann die Herzogin weiter, den langen dustern Weg, den kein Mondlicht mehr erhellte, dessen Stille kein Wort mehr unterbrach; nur das Gerausch der sich offnenden und schliessenden Thuren, und das Rauschen der langen Gewander uber den getafelten Boden, der seufzend ihre Schritte wieder zu empfinden schien, unterbrach diesen geisterahnlichen Zug. Die Fremde kannte indessen keinen sehnlicheren Wunsch, als der Herzogin uber ihre Lage die nothige Auskunft zu geben. Das Zusammensein mit dieser ausgezeichneten Frau hatte ihr die Aussicht auf ein unbedingtes Vertrauen eroffnet, nach dem sie sich lebhaft sehnte, und ihre eigne hochgestellte Individualitat hatte sie vor dem Eindrucke der Befangenheit bewahrt, den die Herzogin leicht machte, und der dem Erkennen ihrer ubrigen Vorzuge so hinderlich ward. Sie fuhlte sich durch die Gesellschaft der jungen Damen des Hauses von allen Schrecknissen ihrer Phantasie befreit und dem harmlosen Vergnugen hingegeben, das junge Madchen in dem Umgange mit einander finden. Ihr Verstand war jedoch zu geordnet, um die Verwirrung nicht losen zu wollen, die in ihr Leben getreten war; sie hoffte mit Recht, sich klarer zu werden, indem sie versuchte, sich Andern so darzustellen. Die Aeusserungen der Herzogin uber ihre Geburt, ihre Unschuld, hatten die Bewusstlosigkeit der Jugend uber diese Punkte in ihr zerstort und sie gelehrt, auf sich selbst anzuwenden, was sie als ferne gesicherte Zuschauerin wohl von Andern hatte bezeichnen horen, und was allerdings genugend war, diese beiden grossen Guter des Lebens ihr ausser Zweifel zu stellen. Sie hatte dies nicht sobald erkannt, als ihr Geist daran arbeitete, die Bilder ihres Lebens zu ordnen. Ein leichtes Geschaft, wie es schien, wo in so zarter Jugend die hervorragendste Begebenheit beginnt und schliesst, und alles Fernere sich auf den liebevollen Umgang mit Verwandten und Erziehern begrenzt. Auch war es das erste Mal, dass sie ihr junges Leben uberdachte und ihre Vorstellungen daruber auffrischte, und je langer sie dachte, je seltsamer ward ihr dabei. Widerspruche, Dunkelheiten drangten sich ihr auf, welchen zu begegnen sie sich schamte. Das hochste Vertrauen zu ihren Umgebungen hatte sie bisher von allen diesen Reflexionen abgelost, und sie fuhlte sich sehr unvorbereitet zu einer Art von Rechenschaft aufgefordert und durch ihr eigenes Ehrgefuhl dazu getrieben. Dass sie aber nicht leicht sein wurde, dass Rathsel vorhanden seien, daruber liess ihr folgerechter und gebildeter Geist keine Tauschung mehr zu. Wenn indess bei anderer Sinnesart diese Ueberzeugung von der Nothwendigkeit einer Erklarung gegen die Herzogin ihr hatte Befurchtungen erregen konnen, erhohte sich in ihrer Seele nur das Verlangen darnach; denn von der erfahrnen Frau glaubte sie vielleicht gelost zu horen, was nur Mangel an Erfahrung, wie sie hoffte, ihr so dunkel erscheinen liess. Und so erbat sie am andern Tage durch Stanloff eine Unterredung mit der Herzogin, welche diese auch sogleich gewahrte.
Sie bestimmte dazu die mittlere Schlosshalle, welche von der Sonne des Fruhlings anmuthig erhellt war. Auf Mistress Morton gestutzt, trat die liebenswurdige Gestalt ein und begegnete dem strengen hohen Blicke der Herzogin, der sich forschend noch ein Mal auf sie richtete, mit einem so klaren, ruhigen und furchtlosen Aufblick ihrer Augen, dass die Herzogin von einer kleinen Beschamung sich ergriffen fuhlte. Ihr oft erprobtes Mittel, durch diese Haltung Andere in schuchterner Ferne zu halten, ging an der wunderbaren, fast kindlichen Hoheit dieses frei entwickelten Wesens ohne alle Wirkung verloren. Das augenblicklich daruber in ihr entstehende Nachdenken liess diesem jungen zarten Madchen Zeit, die Herzogin anzureden, und mit der Ueberlegenheit der innern Wahrheit ihr so liebevolle und ehrerbietige Dinge zu sagen, dass ihr Verhaltniss zu dieser stets sich uberhebenden Frau in vollkommene Gleichheit und Naturlichkeit gestellt war, ehe die Herzogin aus ihrem kurzen Nachdenken zuruckkehren konnte. Der Uebergang, den sie zu finden hatte, war ihr jedoch neu und nicht ganz klar, und sie begleitete einige frostige Worte mit einem bittern Lacheln und fuhrte die junge Dame zu einem der Lehnstuhle, welche man in die Bogen der Thuren geschoben hatte, um die liebliche Aussicht der Terrassen zu geniessen. Es entstand eine kleine Pause, indem Mistress Morton sich auf einen Wink entfernte, und die Herzogin, welche sich erwartungsvoll zu ihrer Gefahrtin wendete, sah jetzt auf ihrem Gesichte den ruhrendsten Ausdruck einer lebhaften Empfindung. Sogleich fuhlte sie sich in ihre bessere Stimmung versetzt, und mit dem gewinnenden Tone, der seine Modulation in einem gutig gestimmten Herzen findet, sagte sie:
Wir haben nun Zeit und Ruhe, uns ganz nach Willkur unsere Mittheilungen zu machen; doch eilt damit nicht, Lady. Lassen wir die schone Natur nicht unbeachtet, die sich dort vor uns ausbreitet. Ich irre mich wohl nicht, wenn ich in den gefuhlvollen Zugen die Liebe an solchen Gegenstanden lese, auch ist kein Balsam susser fur ein leidendes Herz, als der Anblick von Gottes herrlichen Werken, wie auch kein Freund das gluckliche Herz besser zu verstehen scheint und dessen Empfindung wurdiger erhoht, als eben die Natur. Seht, Lady, wie schon die Sonne die fernsten Gegenstande erhellt! Seht Ihr den glanzenden Streifen, der zunachst den Horizont wie ein breiter silberner Gurtel zu umschliessen scheint? Es ist der Trent, der seine schonen schiffbaren Wasser an den Grenzen dieser Grafschaft voruber fuhrt, und in ihm viele Vortheile, mir aber einen oft wiederholten Genuss in seinem reizenden Anblicke, da ich vor Allem die Nahe des Wassers liebe. Ich bewohne daher auch gern Burtonhall, welches meiner Schwiegermutter gehort, und am Ausflusse des Trent in den Humber gelegen ist und allen Zauber eines Wasserschlosses um sich verbreitet hat.
Auch ich fuhle lebhaft diese Neigung, hob hier die junge Fremde an, denn ich bin in einem Schlosse geboren und grosstentheils erzogen, das meine Eltern an der Grenze von England an den schonen Ufern des Solvay-Firth in der Grafschaft Cumberland bewohnten.
Wie, Lady? rief die Herzogin, wie sagt Ihr? In Cumberland? Bei Euern Eltern? Sie hielt inne, denn deutlich leuchtete aus den erstaunten Blicken der so heftig Angeredeten das Auffallende ihres Betragens ihr warnend entgegen. Doch sich schnell fassend und einen Uebergang suchend, fuhr sie gemassigter fort: Verzeiht, Lady! Lebhaft beschaftigt mich Euer Schicksal, wie gern mochte ich Euch dies Vertrauen, das Ihr mir schenken wollt, erleichtern, und doch, es wird Euch schwer, ich fuhle es.
Ihr irrt, Mylady, wenn Ihr es in Bezug zu Euch versteht, erwiederte mit Sanftmuth und Ruhe die Fremde; aber Ihr habt Recht in Bezug auf das, was ich Euch zu sagen habe. Denn dies Euch mitzutheilen, empfinde ich eben so viel Scheu, als Sehnsucht. Mein Trost ist, dass Ihr es wissen werdet, und meine Furcht, ob ich im Stande sein werde, Euch ein klares Bild von meinem jungen Leben machen zu konnen. Schenket mir Nachsicht, wie Ihr mir Mitleid schenket. Ach, Mylady, ich weiss, Ihr werdet mir Beides nicht versagen. Doch lasst mich Euch darum bitten; es thut meinem Herzen wohl, zu Euch mit kindlichem Vertrauen empor zu blicken.
Ehe die Herzogin es verhindern konnte, senkte sie sich zu ihren Fussen, druckte die Hand derselben an ihre Lippen und mit beiden Handen dann innig an ihre Brust, wahrend ein Himmel von Liebe und Vertrauen aus den thranenschweren Augen zu ihr aufblickte. Das Herz der Herzogin war in Gefuhlen erschuttert, die sie zwar einst mit der Zeit zu hegen gewunscht hatte, die sie aber jetzt fast gegen ihren Willen empfand, und nicht durch die Herrschaft uber sich, wie sie gewahnt hatte, sondern durch die zauberische Herrschaft einer sich ihr machtig entgegenstellenden Individualitat, von der sie sich bezwungen sah. Von diesem Augenblicke an liebte sie ihre Schutzbefohlene, und welche Schattirungen auch diese Liebe spaterhin gewann, dieser Moment war doch entscheidend fur Beide.
Fasst Euch, liebes Kind, sagte sie weich; mein Herz ist bereit, mit Euch zu fuhlen; seid offen und wahr, wie vor Euch selbst, und denket dann nicht weiter daran, wie Alles klingen mag. Alter und Erfahrung kommen verstandigend Euch wohl bei mir zu Hulfe.
Und wahr will ich sein, wie vor Gott, der gegenwartig ist und meine Gedanken leiten wird, rief die junge Lady, stand bei diesen Worten auf und setzte sich dann langsam und ruhig in ihren Sessel nieder, und das Auge in die Ferne richtend, hob sie ernst und gefasst ihre Erzahlung an:
In Cumberland, Mylady, wie ich Euch beschrieb, an dem schonen Wasserspiegel des Solvay-Firth, von weiten Garten umgeben, dort in dem Schlosse meiner Eltern in Nordwighall ward ich geboren. Mein Vater war der Graf von Melville, der Nachkomme Robert Melville's, des Freundes der schottischen Konigin. Meine Mutter war eine Grafin von Marr, und sie hatten Schottland beide verlassen nach dem Tode meines Grossvaters, seinen Willen damit erfullend, uber dessen Ursache ich nie etwas horte, vielleicht weil Nordwighall so wunderschon gelegen, so prachtvoll erbaut war und ein Geschenk der Konigin Elisabeth an meinen Grossvater. Von der Zeit an, dass ich mir dies gluckliche Leben zuruckrufen kann, blieben mir ausser meinen Eltern und den gefalligen Gasten noch einige Personen zur Seite, die theils meine Erziehung oder Pflege leiteten, theils mein Gluck durch ihre Liebe und ihren Umgang erhoheten. Doch vor Allen nenne ich Euch die Mutter und Schwester meiner Mutter; zwar lebten sie nicht mit uns, aber sie machten uns haufige Besuche, und oft begleitete ich sie nach ihrem Schlosse, das tiefer im Innern des Landes lag. Ausser ihnen lebte mein theurer Erzieher, der Caplan meiner Eltern, um mich, und zu meiner Aufsicht war mir eine liebe Frau gegeben, die fruher bei meiner Tante gelebt hatte und so unendlich gut zu mir war, dass sie stets mit Muhe und Sorgfalt jeden Dienst fur mich ubernahm und meine Person nie aus ihren fursorglichen Handen liess. Meine Zeit war, als ich aus den ersten Jahren der Kindheit trat, mit Sorgfalt eingetheilt. Meine Eltern besassen grosse Kenntnisse, sie wunschten sie auf mich zu ubertragen, und Master Brixton, mein gutiger Lehrer, zu Oxford gebildet und hoch angesehen, unternahm es, als Freund meines Vaters, mich in den alten Sprachen und den hohern Wissenschaften zu unterrichten. Welch' ein gluckliches Leben schufen mir diese abwechselnden reizvollen Beschaftigungen. Die schonen Morgenstunden, wo ich in Brixtons kleinem Studirzimmer seinen liebevollen Unterricht genoss, und aus seinem weisen Munde das Gute und Schone vernahm, und es, von ihm oft wiederholt, endlich auch behalten lernte. Und dann, wenn die spatern Stunden herankamen und ich schon von ferne den Schritt des Vaters erkannte, der nun kam, mich hinaus in's Freie zu fuhren. Die muthigen Pferde stampften den Boden und trugen uns pfeilschnell durch die schone Gegend. Ich schoss den Vogel in der Luft, und der schwarze Punkt in der Scheibe trug manchen Bolzen von mir; ich lief mit den Kindern des Schlosses um den Preis; ich sprang von dem Rande der Terrassen und Walle immer hoher und hoher, wie mein Vater es selbst leitete. O, wie gern that ich das Alles, wie fuhlte ich so recht mein gluckliches Herz! Die Nachbarschaft von Schottland, der nahe Hafen von brachte dann oft Fremde. Nicht immer durfte ich erscheinen, denn es hatte meine Zeit verdorben, die so schon durch Brixtons immer bereite Gute ausgefullt war; aber es waren oft Feste, wo die Jugend der Gegend sich in Tanz und Spiel auf dem Schlosse erfreute. Doch hoher, als alle diese Freuden, galt mir die Gegenwart meiner Tante. O, Mylady, welch' eine Frau war dies! Bedenke ich, wie ich fuhlte, so muss ich sagen, dass ich nur fur den Augenblick lebte, wo ich sie wiedersehen sollte. An sie dachte ich, wenn ich in Arbeiten ermuden wollte; ihr Andenken war meine hochste Strafe, wenn ich gefehlt hatte; ihr heiliger Ernst umschwebte und massigte die trunkene Freudigkeit meines Herzens. Und war sie nun endlich da, die heiss Ersehnte, deren Bild mich wie mein Schutzgeist umgab, dann fand ich keine Ruhe, ehe ich nicht zu ihren Fussen meine ganze Seele befreit hatte von jeder kleinen Schuld und Uebertretung. Jahrelang behielt ich ihre Antworten. Ach, so sprach kein Mensch ausser ihr, es war nie zu vergessen; es waren immer nur wenige Worte, oft ein Blick, eine leise Bewegung des Hauptes oder ein Lacheln, worin Lohn und Strafe lag, wie sie Keiner ertheilte. Ach verzeiht! rief die junge Erzahlerin hier, und heisse Thranen sturzten aus ihren Augen, glaubt mir, Mylady, ich weiss nicht, wie ich leben kann, da dieses Ziel meines Daseins, dieser Zweck meines Strebens, meiner Wunsche und Hoffnungen, mir geraubt ist. Sie verhullte ihr Gesicht, und die Herzogin ehrte den heissen Schmerz dieses feurigen Gemuthes durch mildes Schweigen. Und doch, Mylady, sie ist es allein wieder, warum ich leben kann, warum ich leben will, und Alles ertragen und handeln, als ob ihr heiliger Blick mich noch richten konnte, wie sonst. Sie wurde mir zurnen, wenn ich von Gottes Erde mich weg wunschte, weil Ungluck mich traf; sie hatte umsonst fur mich gelebt, wenn ich dem ersten Kampfe erlage, und nicht im Schmerze freudig bliebe und geduldig vor Gott. Nein, nein, ich will freudig sein, ich will aber unendliche Thranen machten diese Angelobung der Freudigkeit unaussprechlich ruhrend. Bemuht, sie abzuziehen, hob die Herzogin an:
Wie, Lady, wie verhielt sich Eure Mutter zu diesem Verhaltnisse? Sagt selbst, trat die Tante nicht der Liebe fast zu nahe, die Eurer Mutter, daucht mir, mehr gebuhrte, wie glich sich dies in Euerm Herzen aus?
Sicher so milde, als alles Uebrige unter diesen Schwestern, erwiederte unbefangen die Erzahlerin, ich habe nie daran gedacht, ob ich darin fehlte, ich bin gewiss, man hatte es mir gesagt, wenn ich Unrecht damit that. Ich genoss nicht immer den Umgang meiner Mutter. Sie war kranklich und hielt mich von sich stets in einiger Entfernung; nur Musik machte ich mit ihr in ihren Zimmern, sobald sie nicht ganz danieder lag, jeden Abend, und aus der Ferne fuhlte ich mich stets durch die liebevollsten Anordnungen, die von ihr ausgingen, an sie erinnert. Nein, Mylady, sicher, ich krankte meine theure Mutter nicht durch meine Liebe zu dieser Tante. Es wird mir recht klar daruber, nun ich daran denke. Diese theure Tante war so verehrt von aller Welt, dass dies selbst auf ihre nachsten Verwandten uberging. Meine Mutter behandelte sie stets mit einer Liebe, die an Ehrerbietung grenzte. Mein Vater gab ihr den Vorrang im Hause, ja, selbst meine Grossmutter, welche vor mehreren Jahren starb, schien mit Stolz in ihrer Tochter ein Wesen hoherer Art zu erkennen. So fand Jeder meine Liebe naturlich, und nie war die arme, leidende Mutter mir darum weniger hold. Ich habe Euch nun noch zwei theure Personen zu nennen, welche ich immer bei den lieben Besuchen fand, die ich meiner Tante abstattete. Es war der Bruder meiner Tante, mein theurer Oheim, und sein Freund, und sie sind, theure Lady, die Einzigen, die mir das Schicksal ubrig liess. Sie hoffe ich wieder zu finden, denn sie leben in London an dem Hofe des Konigs. Die wenigen Wochen, die wir dann mit einander lebten, sind die genussreichsten meiner Erinnerung. Wir blieben in der tiefsten Einsamkeit. Niemand, als die alten Diener des Schlosses, war um uns her, aber die Tage vergingen wie Stunden, ach, und ich zu gluckliches Kind war der Mittelpunkt aller Liebe, aller Belehrung. Die Erzahlungen dieser Manner belebten die einsamen Gemacher um mich her, an den Hintergrund der alten Geschichte meines Landes und Europa's reihten sie die Begebenheiten der Zeit. Ich lernte das Bose kennen, denn sie wollten mich davor behuten. Sie wussten lebendig mir alle die Wunder des Lebens zu schildern; sie pruften mich dann, dass ich in ihren Erzahlungen selbst das Rechte wahlen und erkennen lernte. Sie erdachten tausend Proben fur mein Gefuhl, fur meinen Verstand, fur meine Kenntnisse, und oft sagte mir mein Oheim, ich sei vielleicht bestimmt, aus dieser tiefen Stille plotzlich in das Leben am Hofe und in grosse Verhaltnisse zu treten. Doch stets musse ich dort so still und gefasst bleiben, wie hier, und die Wurde des Karakters und der Handlungen uber jede aussere Wurde stellen. Diese Andeutungen konnte meine theure Tante nie ohne Thranen horen, wie ich uberhaupt bei reiferen Jahren wohl einsah, dass dieser Engel unter grossen Leiden gebeugt sei. Sie war so fromm, dass sie nie klagte, sondern stets gegen Gott voll Dank und Ergebung blieb, und indem sie mir grossen Gram eingestand, mich doch immer aufforderte, nie zu murren, nie das Gluck als nothig zu betrachten, da das Ungluck oft eher unser Herz veredle und diese Veredlung doch allein der Zweck unsers Lebens sei. Hochst schmerzlich war jedes Mal unsere Trennung, oft blieb ich langer, als mein Oheim, oft reiste ich fruher zuruck. Ein Jahr ist es jetzt, dass ich gluckselig unter ihnen war, als die Nachricht von dem plotzlichen Tode meines Vaters uns erreichte. Er starb in Edinburg, wohin meine Mutter sich sogleich begab, die mich indessen bei der Tante zu lassen wunschte. Wir waren alle innig betrubt, und meine Thranen flossen ungestort seinem theuern Andenken. Auch blieb ich mehr unter Hanna's Aufsicht, da meine Verwandten wegen des plotzlichen Todes meines Vaters viel zu uberlegen und zu schreiben hatten. Endlich kamen Nachrichten von meiner Mutter. Sie war zuruckgekehrt nach Nordwighall. Die Besitzungen meines Vaters in Schottland waren entfernten Verwandten zugefallen. Dies Schloss in England mit seinen schonen Landereien war als Geschenk der Konigin Elisabeth unabhangig davon, und das Besitzthum der Witwe. Meine Tante fuhrte mich zuruck, und da die Gesundheit meiner Mutter sehr gelitten hatte, schien sie sich nicht von ihr trennen zu konnen, wobei meine Lage sie ebenfalls zu beunruhigen schien, indem ich durch die Entfernung des Doktor Brixton, welcher eine eintragliche Caplanstelle in Edinburg angenommen, fast einzig auf den Umgang von Hanna beschrankt war. Warum sie sich dennoch von uns trennen musste, weiss ich nicht, da es ihr und uns allen so vielen Kummer machte. Von da an bezog ich Zimmer, welche an die meiner Mutter grenzten, und nur selten verliess sie seitdem das Bett oder diese Zimmer. Doch auch jetzt noch hielt sie mich bei aller Liebe, die sie mir schenkte, und so viel meine Bitten es ihr nur moglich liessen, von sich entfernt. Ich musste, so oft es bei diesem Alleinstehen sich thun liess, meinen Beschaftigungen und Vergnugungen nachhangen, doch reiten durfte ich nur in dem weitlauftigen Park, schiessen nur in dem beschrankten Schlosshof, zum Tanzen gab es keine Veranlassung, und ich hatte keine Gespielin mehr. Dagegen trieb ich fleissig meine mit Brixton begonnenen Studien, besonders die alten Sprachen, die ich so gerne mag. Da brach, durch den traurigen, feuchten Winter ohne Kalte veranlasst, bei dem ersten Hauch des Fruhjahrs ein schreckliches epidemisches Fieber um uns her aus und raffte Hunderte in unserer Nahe dahin. Ach dies war damals mein grosster Kummer, und vermehrt durch das strenge Gebot, nicht uber die Grenzen der Terrassen mich zu begeben, wo man die Luft noch am gesundesten hielt. Wie bald ward nun mein Elend von einem Punkt zum andern vermehrt!
Unglaublich war mein Entzucken, als plotzlich meine Tante eintraf. Ihr Entschluss war, bei der Nachricht von der Epidemie, die um uns her wuthete, uns entweder, wenn es die Krafte meiner Mutter erlaubten, von Nottinghall zu entfernen oder die Schrekkenszeit mit uns zu theilen. Meine Mutter wunschte sehnlich uns zu entfernen, aber mit Entsetzen erfullte mich der Gedanke, die einsam Leidende zu verlassen. Man drang nach den ersten Versuchen nicht weiter in mich; aber die starke und zartliche Mutter bot nun ihre letzten Krafte auf, um abzureisen. Ach, dies grosse Opfer ihrer Liebe raubte sie uns auf immer. Sie liess sich auf die Terrasse fuhren, die lang entwohnte Luft zu athmen, ach, sie sog den Tod ein, der in dieser Luft seinen Hauch aussandte. Noch in derselben Nacht zeigte sich das schreckliche Fieber, welchem dieser entkraftete Korper keinen Widerstand zu leisten vermochte. Am dritten Tage war sie dahin. Ach, ich habe sie nicht gepflegt, nicht ihren letzten Seufzer gehort. Meine Tante, welche ihr Lager verliess, sagte mir, mein Anblick und die Furcht einer Ansteckung wurde sie todten; sie brachte mir ihren Segen und ihren letzten Befehl, sogleich abzureisen. Ich war in einer willenlosen Betaubung.
Wir reisten den zweiten Tag ab, denn die Folgen dieses Fiebers waren so schrecklich, dass meine Mutter schon den andern Abend nach ihrem Tode beigesetzt werden musste. Doch so tief ich auch in Schmerz versenkt war, nur zu bald gewahrte ich an meiner theuern Tante, welch' neues Leiden uber uns einbrach! Sie hatte an dem Bette ihrer Schwester die schreckliche Ansteckung eingeathmet, und das Fieber brach am zweiten Reisetage aus. Wir erreichten das Schloss, aber lasst mich meine Gefuhle ubergehen, denkt sie Euch. Ich sah Alles, was mir theuer war, dem Tode verfallen; der Tod bereitete sich auch in ihren Adern vor. Sie sagte mir, es sei nothig gewesen, einem jungern Bruder ihrer Schwester von dem Tode derselben Anzeige zu machen, er werde vielleicht erscheinen, aber sie verlange, dass ich in der Zeit mein Zimmer nicht verliesse; ich wurde unter dem Schutze meines altesten Oheims stehen, von dem sie nur Nachricht erwarte, um mich alsdann in Sicherheit zu wissen. Ausserdem sollte ich Hanna und Gersem, ihrem Kammerdiener, folgen, sie hatten in allen Fallen ihre Befehle fur meine Sicherheit. Sie blieb noch lange bei mir und war bemuht, meinen grenzenlosen Schmerz zu massigen, obwohl sie selbst oft ihre Thranen stromen liess. Gegen das Ende unserer Unterredung ward sie ohnmachtig. Man trug sie auf ihr Bett; sie verliess es nicht wieder.
Ach, was von da an mit mir geschah, so lang ich im Schlosse war, weiss ich kaum. Ich lag in dem Vorzimmer, das zu meiner Tante fuhrte, auf den Knieen, bis sie mir ihren Tod nicht mehr verheimlichen konnten. Mich verliess die Besinnung. Als ich erwachte, sass Hanna an meinem Bette, ich durfte nicht weinen, todtenstille im verhangten Zimmer musste ich bleiben, der gefurchtete jungere Oheim war angekommen, Alles bebte vor ihm, man zitterte, ihm meine Gegenwart zu verbergen, man furchtete noch mehr, sie zu verrathen. Ein mir vollig fremdes Gefuhl, das der Furcht vor einem Menschen, so unbekannt, so grauenhaft, weil ich nicht errathen konnte, was ich zu furchten hatte, ergriff mit dem Schmerze zugleich meine Seele. Noch war keine Nachricht von meinem alteren Oheim, meinem Beschutzer, eingegangen, und ohne diesen durften wir das Schloss nicht verlassen. Gersem war in die Nahe des gefurchteten neuen Herrn gebannt, der indess von Allem Besitz nahm, und dem diese Zimmer nur entgingen, weil sie ein Anbau in einem kleinen Seitentheil des ganz alten Schlosses waren. Die Leiche meiner Tante war auf seinen Befehl ausgestellt, und Hanna sagte mir, sie sei schon und unverstellt, wie lebend, denn das Fieber schien, wenn auch noch todtlich, doch seinen zerstorenden Karakter an dieser schonen Leiche verloren zu haben. Ach, diese Worte vollendeten mein Ungluck. Von da an liess meine heisseste Sehnsucht, sie noch einmal zu sehen, mir keine Ruhe mehr. Hanna blieb unerbittlich und schob endlich Alles auf Gersem, der am Abend, wenn er sich von seinem Herrn entfernen durfte, zu uns kommen wollte. Er kam und blieb lange fest, denn der Saal, in dem sie stand, war nur durch eine Gallerie zu erreichen, an der die Zimmer lagen, die der Oheim bewohnte; aber ich trieb mit meinem Ungestum mein hartes Geschick herbei. Zu seinen Fussen stromten meine Thranen, meine Worte. Er willigte ein. In meinen Trauerschleier gehullt, folgte ich ihm um Mitternacht mit zitterndem Schritt. Hanna verschloss hinter uns sich in die Zimmer, die wir verliessen. Glucklich erreichten wir den Saal, zu dem Gersem den Schlussel fuhrte. Ich sah die Zuge, die mein Leben begluckt hatten, zu denen einer Heiligen verklart. Lange betete ich an ihrem Sarge, gelobte ihr Alles, was sie lebend von mir begehrt; ihr Anblick hatte mich uber den Schmerz erhoben, ich fuhlte mich vollig besonnen, als ich Gersem aufschreien horte und eine gellende Stimme an mein Ohr traf. Ich sprang auf, um zu entfliehen, aber ich fuhlte mich gehalten, und ein Blick auf den, der mich ergriff, sagte mir, ich sei in der Gewalt des gefurchteten Oheims. Ach, was er sagte, kann ich nicht wiederholen, es waren wuthende Schmahungen, Spott, Gelachter an dem Sarge seiner Schwester! Verzweiflung ergriff mich, ich rang mit ihm, er behielt meinen Trauermantel, und als mein erbleichtes Angesicht vor ihm enthullt war, glaubte seine feige Seele einen Geist zu schauen. Er schrie wild auf, verhullte sein Gesicht, und er war es nun, der fliehen wollte. Zugleich fuhlte ich mich von Gersem weggezogen. Doch wir hatten noch nicht die Thure erreicht, da hatte der Elende sich gefasst. Du bist also kein Geist, schrie er lachend, nun so sei mir willkommen! Er entriss mich Gersem, ich schien verloren, meine Sinne schwankten, meine Krafte brachen. Da sturzten die Diener plotzlich herein, und der Ruf von Feuer drang uns entgegen. Er liess mich nun los und eilte nach der Gallerie, wir ihm nach, zu entfliehen. Das Feuer sturzte uns prasselnd aus der Gegend, wo wir Hanna verlassen, entgegen. Ich wollte mich hinein sturzen, Hanna zu retten; aber Gersem warf meinen wieder aufgehobenen Mantel uber mich, rief Hanna's Gefahr einem Andern zu und schleppte mich mit uberlegener Kraft durch die Gange nach dem Garten. Hier gab er mir Luft, aber nothigte mich, eilig weiter zu fliehen, bis wir, aus dem Park entkommen, einen Meierhof erreichten. Hier verhullte er mich wieder und verbarg mich in einer hohen Hecke. Er forderte zwei Pferde, die man ihm, als angesehenen Schlossbedienten, nicht versagte. Eine Strecke vom Hause bestiegen wir sie und jagten fort. Gersem sagte mir, er wisse kaum wohin, doch nach London musse ich. Er gab mir ein kleines schwarzes Buch; ich kannte es wohl, es gehorte meiner Tante; ich solle es auf meiner Brust verbergen, er habe es seit ihrem Tode immer bei sich getragen. Die Angst vor der wilden Nahe jenes Mannes verschlang bei mir jedes andere Gefuhl, ich furchtete nichts, als ihn. Nach London wollte auch ich, dort lebten meine Beschutzer, das wusste ich. Doch es war anders bestimmt. Unsere Pferde trugen uns noch den andern Tag, doch dann nicht langer. In einer kleinen Herberge in einem Walde kehrten wir ein. Ein altes gutes Weib suchte mich zu erquicken, obwohl sie wenig besass und ich unfahig war, Nahrung zu nehmen. Gersem pflegte unsere erschopften Pferde. Wir mussten die Nacht rasten, obwohl kein Schlaf uns erquickte, denn mein Herz war erfullt von Schmerz, und die schreckliche Ungewissheit von Hanna's Schicksal fugte noch neue Leiden hinzu. Mit dem ersten Morgenstrahl brachen wir auf, doch unsere Eile war umsonst. Um Mittag horten wir den Hufschlag von Pferden hinter uns. Gersem hatte keinen Zweifel, dass es unsere Verfolger seien. Da ergriff ihn blinde Wuth und Verzweiflung. Er trieb mein erschopftes Pferd an, und die immer naher kommenden jagenden Pferde frischten auch in den unsern den naturlichen Instinkt an, jene nicht vorkommen zu lassen. Doch dieser Wettlauf blieb in einer offenen oden Gegend dennoch ohne Erfolg. Verwunschungen trafen unser Ohr, Staub hullte uns ein, im Nu waren wir umringt. Der furchterliche Mann ergriff meine Zugel, er wollte mich selbst ergreifen, aber mein Abscheu benahm mir jede Furcht. Ich befahl ihm, mich nicht anzuruhren, und er gehorchte mir; aber er nannte Gersem Entfuhrer, Verrather. Ach, noch mehr bose Worte folgten, und er wollte wissen, wer ich sei. Wer sie ist, gehort nicht vor Euch und geziemt mir nicht, Euch zu sagen; aber hutet Euch, sie zu kranken, furchterlich wird die Rechenschaft sein, die Ihr zu geben habt, furchterlich die Strafe, die Euch erreichen wird. Doch diese muthigen Worte, die meinen Verfolger erschrecken sollten, erhitzten ihn nur mehr. Ich musste sehen, wie dies ehrwurdige Gesicht von einem Schlage seiner wilden Hand verletzt ward, wahrend er mich sogleich anrief, ihm zu folgen. Doch mich in die rohe Gewalt dieses Mannes zu begeben, schien mir harter, als der Tod. Ich will nicht mit Euch, ich will nach London, dort finde ich Schutz; lasst mich weiter reisen! rief ich ausser mir. Er stiess hier ein so wildes Gelachter aus, dass ich schaudernd mich wegwandte. Doch in dem Augenblick fuhlte ich seinem Arm um mich. Ach, mein Angstgeschrei riss Gersem wild wie einen Lowen herbei. Er hatte den schrecklichen Mann, der mich hielt, schon ergriffen, als dieser wuthend seinen Degen zog. Ich sah nur noch, dass er blitzend uber Gersems Haupt flog, und die tiefe breite Wunde in seinem Schadel, mit der er niedersturzte. Als meine Besinnung wiederkehrte, horte ich ein geistliches Lied mit leiser Stimme neben mir singen, und der feine Geruch von dem ersten Grun des Kalmus und der Weide war um mich verbreitet. Ich versuchte die Augen zu offnen, aber ich fuhlte mich so erschopft, dass ich es erst vermochte, nachdem die wiederkehrende Besinnung mir all' die erlebten Schrecken zuruck rief. Ich sah mich in einem dustern niedrigen Zimmer, sparlich von einer Lampe, mehr durch das Licht des Mondes, der in seiner Fulle durch ein offenes Fenster drang, erhellt und auf einem Lager ausgestreckt, wie man es fur Sterbende von Stroh, mit weissen Tuchern bedeckt, zu bereiten pflegt. An meiner Seite sass ein Weib in armseliger Bauertracht, sie sang das Lied, welches mich zuerst erweckt, und dessen ruhrende Worte mir jetzt verstandlich wurden. Dazwischen drang aus einem andern Theile des Hauses heftiges Gesprach und Gelachter. Ich wollte mich eben mit aller Kraft erheben, obwohl meine Glieder mir steif und todtenkalt erschienen, als das fromme Lied meiner Gefahrtin durch Mannerschritte unterbrochen, die Thur aufgestossen ward, und ein Mann eintrat, dessen erstes Wort mich meinen Verfolger erkennen liess. Kaum unterdruckte ich den Schrei des Entsetzens, doch meine Erstarrung half mir; ich schloss sogar meine Augen. Er fragte das Weib, ob ich noch kein Lebenszeichen gegeben. Sie ist todt, Sir, sagte die Alte, in der ich nun diejenige erkannte, die mich am Tage zuvor gepflegt hatte; glaubt mir, das junge Leben ist dahin. Schweig'! rief er wild, todt oder lebend, sie muss mit fort; so wie der Morgen kommt, breche ich auf, und Ihr geht und sorgt fur meine Leute! Er naherte sich meinem Lager und bog sich uber mich. Welch' ein Augenblick! Ich presste den Athem zuruck, unbestimmt noch fuhlte ich, dies musste meine Rettung werden. Und was ist das? rief er wild, indem er, wie es schien, einen Zweig aus meiner Hand riss, was sollen diese Todtenkrauter? Ich bestreute ihre Leiche mit dem ersten Grun, sprach das gute Weib; soll ihr junger Leib da liegen, ohne den Schmuck der Jugend? Ich glaube, ihm graute, denn er verliess schnell das Zimmer. Ich hielt den Athem an, bis seine Schritte in dem Gerausche der untern Stube verhallten, dann nahm ich alle meine Krafte zusammen, um zu sprechen. Doch meine ersten Worte ergriffen die gute Frau, die sich in den Gedanken an meinen Tod vertieft hatte, so heftig, dass sie mich hatte verrathen konnen. Sie sagte mir auf meine Frage, die Leiche meines Begleiters sei am Tage vorher schon weiter gebracht, mir aber habe der Herr da unten etwas Ruhe lassen wollen, da er mich nicht fur todt gehalten hatte. Doch gab sie endlich meinen Bitten nach, mich zu befreien. Ich knupfte ein Seil, welches sie herbeischaffte, an den Fensterrahmen, um meines Entkommens Verantwortlichkeit der guten Alten abzunehmen. Dann eilte ich, ach kaum fahig zu gehen und doch von Angst getrieben, an der furchterlichen Thur voruber aus der Hutte. Im Walde fand ich einen Knaben, den sie mir mitgab, mich auf die Heerstrasse nach London zu fuhren; weiter reichten meine Gedanken fur's Erste nicht. Noch ehe der Mond unterging, waren wir hindurch, denn ich fuhlte meine Krafte auf's Neue erhoht. Als wir nach dem Verschwinden des Mondes bei nun eingebrochener Dunkelheit die Heerstrasse erreicht hatten, verliess mich mein letzter Trost, der gute Knabe, den ich nicht aufhalten durfte, um nicht seine Mutter und mich zu verrathen. Ich war nun allein, und unter welchen Umstanden? Aber Gott hielt mein Herz, er rief meine Gedanken zu sich, ich konnte zu ihm beten, und die Schrecken meiner Lage fielen ab von mir; als ob um mich her sichtbare Engel gingen, so muthig, so in der Gegenwart Gottes fuhlte ich mich. Als der Morgen anbrach, war ich weit vorgedrungen. In der Nacht musste ich an der Stelle voruber gegangen sein, wo der Mord an Gersem verubt war. Ich befand mich schon auf Punkten, die ich Tages vorher nicht gesehen, und die Strasse war noch gebahnt; doch das Tageslicht erfullte mich mit neuem Grauen. Ich bemuhte mich, meine Kleider unscheinbar zu ordnen; aber endlich kamen Menschen daher, und ich erregte doch so viel Erstaunen, dass ich mich jeden Augenblick neuen Gewaltthatigkeiten ausgesetzt glaubte. Auch stellte sich bei zunehmender Mudigkeit ein unabweisbares Bedurfniss nach Nahrung ein; aber der Muth fehlte mir, bei ganzlichem Mangel an Gelde, in den Dorfern oder Hutten darum zu bitten. Ich hoffte durch Schlaf mich zu starken und suchte in einem Geholze hinter einer hohen Hecke einen Ruhepunkt. Aber der Schlaf mag nicht erscheinen, wo Durst und Hunger qualen; er nahte mir nicht, und mit Entsetzen fuhlte ich so meine Krafte immer mehr schwinden. Ich scheute den Tod nicht, obwohl Gott es weiss, dass ich ihm gehorsam blieb und ihn nicht rief; aber meine Gedanken stumpften sich immer mehr ab, so dass ich endlich, ganz gleichgultig gegen Alles, mich wieder weiter schleppte. Meine klarste Vorstellung ist, dass ich von der Kalte des Morgens am Rande eines Waldes erweckt ward. Meine Kleider waren nass vom Thau, ich fuhlte Frost; der Wald schien mir warmer; darauf waren meine Betrachtungen beschrankt. Ich ging weiter, denn dass ich fort musste, lag dunkel in mir, doch wie weit noch, ehe ich diese rettende Zuflucht erreichte, das weiss ich nicht, und selbst dass ich die Treppe zur Terrasse erreicht, wie man mir sagt, wo ich gefunden ward, ist mir vollig entschwunden und muss in der Betaubung geschehen sein, die mich zuletzt meines Kummers und aller meiner Leiden uberhob. Jetzt, Mylady, wisst Ihr Alles, was ich selbst in mir hervorzurufen vermochte, und ich athme leichter, nun Ihr es wisst; denn ich werde nun Eures Rathes geniessen, und mein Name und meine Ehre werden ausser Zweifel vor Euch sein.
Ob dem wirklich so war, wenigstens in Betreff des Namens, hatten vielleicht Alle bezweifelt, die den abgeleiteten Blick gewahrt hatten, den die Herzogin bei diesen letzten Worten uber ihren Schutzling warf. Er ging indess an dieser Seele unbemerkt voruber, und die Herzogin war zu tief von dem eben Gehorten erschuttert, um nicht sanftern Gefuhlen Raum zu gonnen. Liebreich zog sie die von der Erzahlung tief Bewegte an ihre Brust und fuhrte sie gegen das warme Licht der Sonne, und das kindliche Wesen nahm so ruhig an dem Busen der Herzogin Platz, als konne diesem Haupte kein sicherer und wohlthuenderer Ruhepunkt geboten werden. Sanft verhiess ihr die Herzogin noch ein Mal Schutz, und die Lady kusste stumm und innig ihre Hande. Und nun, Mylady, flehte sie sanft, gebt mir bald Mittel, meinen Oheim von meinem Schicksale zu unterrichten.
Die Herzogin schwieg einen Augenblick, dann sagte sie: Ich fuhle mich allein nicht stark genug, Euch den besten Rath zu geben, doch morgen erwarte ich meinen Schwager und meinen Sohn von London zuruck. Wenn Ihr mir erlaubt, so theile ich dem Ersteren Eure Erzahlung in den Hauptsachen mit; er kennt alle Umgebungen des Hofes, alle Grosse des Landes, er wird Euch am Ersten sagen, wo ihr Euern Oheim, den Grafen von Marr, auffindet. Ich hoffe jedoch, Ihr werdet hier unter weiblichem Schutze lieber weilen, bis Euer Oheim fur Euch eine ahnliche Stellung ersehen, als ihn aufsuchen, und so biete ich Euch noch ein Mal meinen Schutz auf jegliche Dauer an.
Nachdem die junge Grafin Melville auch fur die neue Gunst innig gedankt hatte, schien sie merklich ruhiger; nicht so die Herzogin. Fur diese ungluckliche Frau begann erst jetzt der schwerste Kampf. Mit schwankender Stimme hob sie an: Ich habe Euch bis heute Euer Eigenthum aufgehoben und lege es jetzt in Eure Hande. Mit diesen Worten nahm sie ein Kastchen, welches die Juwelen der Grafin enthielt, und fuhr dann fort: Wollt Ihr mir wohl die Bedeutung dieser schonen kunstvollen Gaben nennen? Sicher theure Andenken von eben so theuern Personen.
Ihr seid unwohl, Frau Herzogin, sprach die Grafin, ihr in das Gesicht blickend, setzt Euch nieder; ich habe Euch ermudet! Lasst mich Euch fuhren; ich setze mich zu Euch und erzahle Euch von diesen Gaben; das wird Euch erheitern, denn es sind nur schone Ruckerinnerungen. Dass Ihr sie gefunden und mir aufbewahrt habt, sagte mir Mistress Morton; denn mit meiner Besinnung trat auch mein Schmerz uber den Verlust dieser theuern Guter ein, die ich gelobt hatte nie abzulegen. Dies Buch, sprach sie weiter und hob das mit der Perle verschlossene Portefeuille heraus, gehort mir nicht; nur in den Handen meiner Tante sah ich es. Habt Ihr den Inhalt untersucht? fragte sie, und ihre Finger schienen zagend auf dem Schlosse zu ruhen; sollte es wirklich fur mich bestimmt gewesen sein? Hat sich Gersem nicht getauscht? Was glaubt Ihr? darf ich es offnen?
Es ist nicht leer und der Inhalt wohl sicher fur Euch bestimmt, sagte die Herzogin. Ich muss Eure Verzeihung erbitten, dass ich die Bedenklichkeiten, die Euch jetzt bewegen, weniger obwalten liess. Als man es mir mit den Juwelen, die Ihr trugt, ubergab, offnete ich es, in der Hoffnung, vielleicht dadurch mit Euerm Namen oder Euern Angehorigen bekannt zu werden, und den um Euch Bekummerten Nachricht von Euch geben zu konnen. Doch ich fand, sonderbar genug, nur zwei Wechsel von tausend Pfund, ausgestellt auf das Handlungshaus Perrisson, und denkt Euch selbst, wie ich erstaunen musste, die Adresse von unserm Schlosse in London und den Namen meines Gemahls!
Wie? rief hier die junge Grafin, und die helle Rothe der Freude verschonte ihr liebliches Gesicht. So ware ich zu Euch hingewiesen von meiner theuern Tante, an Euch, und Ihr waret vielleicht bekannt mit ihr oder Euer Gemahl?
Ich kannte nie eine Grafin von Marr, erwiederte die Herzogin, und auch von meinem Gemahl horte ich sie nie erwahnen. Doch scheint mir selbst hier ein Zusammenhang zu walten, der mir wenigstens, bis wir ihm durch Nachforschungen naher treten, das unbestreitbare Recht geben durfte, Euch als an mich gesandt anzusehen, da der nicht mehr unter den Lebenden weilt, dem zunachst die Pflicht gegonnt war.
O welch' eine gluckliche Wendung nimmt jetzt mein trostloses Schicksal! rief die Grafin, und der in der Jugend so leicht gefundene Uebergang vom Schmerze zur freudigen Hoffnung schien auch sie belebend zu ergreifen. An Euch ward ich gesandt, und Euch musste ich finden, ohne die Absicht, Euch zu erreichen. Durch Noth und Tod lenkte Gott die willenlosen Schritte bis zu Euch. Sagt selbst, ist das nicht recht deutlich seine ewig waltende Vaterhand? Ja, hier bin ich am rechten Platze, Gott hat es selbst vollfuhrt, was Menschen liebend fur mich erdachten, und er wird es auch ferner nun fuhren, wie es das Beste ist fur uns Alle.
So wollen wir hoffen, sagte die Herzogin, sich unwillkurlich von den begeisterten Zugen der jungen Grafin angezogen fuhlend und die Zartlichkeit still gestattend, mit der sie ihre Hande gekusst fuhlte; und ist mein Schwager nur erst hier, dann leiten wir Eure Angelegenheiten durch ihn am zweckmassigsten ein.
Jeder Augenblick in Eurer Nahe, versetzte die Grafin, bringt mehr Frieden und Hoffnung in meine Brust; mir ist, als hatte ich nichts zu furchten, wenn Ihr mir nur hold bleibt und meine Handlungen leiten wollt.
Die Herzogin war nicht unempfindlich fur diese Sprache der Liebe, die so vertrauend und zartlich selten zu ihr drang, doch ihr Interesse war innerlich zu lebhaft auf ihre beabsichtigten Nachforschungen gerichtet, um diesen Gefuhlen langer Raum zu gewahren, sie hob selbst die Verhullung, welche sie um die prachtvollen Inwelen gelegt hatte, hinweg, und ein Blick auf das obenliegende Kreuz gab auch der Besitzerin andere Gedanken und Gefuhle. Sie hob es an der Perlenschnur empor, druckte es an ihre Lippen und sagte:
Ich erhielt es von meinen theuern Eltern. Schmuckt mich damit, fuhr sie lachelnd fort, dass es dadurch auf's Neue gesegnet zu mir gehoren moge.
Die Herzogin, ihr gegenuber, schien willenlos zu werden, denn sie schlang die prachtvolle Perlenschnur um den schlanken Hals und senkte das Kreuz, das aus zwolf grossen Smaragden, in Brillanten gefasst, bestand, auf die Brust. Dann nahm die Grafin die Armbander und sagte, lachelnd den Blick darauf geheftet:
Der es mir gab, ihn liebte ich, wie meinen Vater. Er war der Freund meines Oheims und sein steter Begleiter. Ich sagte Euch davon, und es gehort zu den Dingen, die mir hochst auffallend sind, dass mir entweder sein Name entfallen ist, oder ich ihn nie gehort habe.
Wie, Mylady, Ihr wisst den Namen dessen nicht, den Ihr als einen Vater liebtet, mit dem Ihr so oft beisammen waret, der Euch ein so reiches Andenken geben durfte? Ihr wollt mir sagen, dass Ihr seinen Namen nicht wisst?
Ich wollte ja nie mehr oder anders zu Euch sagen, als ich selbst wusste, erwiederte die junge Grafin, zwar mit ruhigem Tone, aber in ihrem Auge, das sie fest auf die Herzogin wandte, lag ein vorubergehendes Leuchten ihres verletzten Gefuhles und der Verrather eines stolzen Herzens. Wenn ich nun, fuhr sie fort, auch hinzufuge, dass ich nicht weiss, wie das Schloss heisst, wo meine Tante lebte, und von wo ich entflohen bin, und in welcher Gegend von England es liegt, so wird sich sicher Euer Erstaunen noch vermehren. Aber Ihr wurdet Euch auch vielleicht mein eigenes denken konnen, als ich in Gedanken mir mein Leben zuruckrief, um es Euch mitzutheilen, und ich zuerst auf diese dunkeln, mir unerklarlichen Punkte stiess. Doch gerade dies vermehrte mein Verlangen, Euch Alles zu vertrauen. Denn Ihr, in der Welt lebend und voll Erfahrung, begreift vielleicht eher hier einen Zusammenhang, als ich, die ich uber manche Punkte weder Zeit fand zu fragen, noch nachzudenken, uber andere aber vollig ohne Auskunft bleiben musste. Auch begreife ich es wohl, wie die Namen mir so gleich waren; ich horte ihn stets theurer Freund oder Graf Robert nennen. Mein Aufenthalt auf dem Schlosse aber war selten uber vier Wochen ausgedehnt. Stets fanden wir bei unserer Ankunft meinen Oheim und seinen Freund, und dieses Wiedersehen war so begluckend fur uns alle, dass fur mich wenigstens die ganze aussere Welt versank und wir ausser den Stunden des Schlafes uns fast nicht trennten. Wie man mich beschaftigte, habe ich Euch erzahlt, dabei lebten wir in einer grossen Zimmerreihe, mit offenen Terrassen nach dem Walde, bei stets geoffneten Thuren. Wir genossen die Milde der Luft, aber oft horte ich sie sagen, dass sie keine Spaziergange machen wollten, um keinen Augenblick unbenutzt zu lassen fur ihre reichen und lebendigen Unterhandlungen, deren Mittelpunkt ich war, und zwar oft davon so berauscht, dass ich zu den Fussen der Tante einschlief und von Hanna wie ein Kind zu Bett gefuhrt ward, was wieder zu den Fussen des Lagers meiner Tante stand. Sprachen wir aber zu Nordwighall von dem Schlosse, hiess es das Schloss der Tante, zuweilen mit dem Zusatze: im Innern von England, und das Nennen dieses geliebten Aufenthaltes weckte gleich eine Reihe so wonnevoller Gedanken in mir, und ich war mit dieser Benennung von Kindheit an so befreundet, dass ich den Mangel daran erst entdeckte, als ich das Bedurfniss fuhlte, Euch daruber Rechenschaft zu geben. Das Recht des Grafen Robert endlich, mir dies theure Geschenk zu geben, gehort fur mich zu den sehr leicht erklarlichen Dingen. Denn nicht ich gab ihm jenes Recht, sondern meine Eltern, als sie ihn zu meinem Pathen ernannten. Diese Brillanten bilden einen Namenszug, den er mir spater erklaren wollte. Er hatte es auf mein Taufkissen gelegt, und als mein Arm hineinpasste, legte er's mir selbst um, und ich gelobte ihm, es nie abzulegen. Sie schlug bei diesen Worten den langen Aermel ihres Trauerkleides zuruck; auf ihrem Antlitze war die sanfte Milde wiedergekehrt, die vorherrschend diese Zuge zu beleben schien. Sie blickte bittend die Herzogin an, welche, ihre Stirn in die Hand gestutzt, ohne Bewegung zusammen gesunken, in dem Sessel sass und diesen Blick nicht sah. Als nun die Grafin sich beugte, um ihr Auge aufzusuchen, begegnete sie dem trostlosen, in Thranen schwimmenden Auge der Herzogin, und furchtend fur sie, obwohl ungewiss, warum, kniete sie vor ihr nieder, und sagte leise und zartlich: Ihr leidet, seid Ihr krank, oder zurnet Ihr mir? Nein, ich zurne Euch nicht, sagte die Herzogin und blickte tief in das Gesicht der Knieenden; aber ich bin leidend. Doch vergebt, sagte sie gefasst, ich vollende Euern Schmuck. Sie ergriff hierbei schnell das Armband und sagte feierlich: Eine theure, theure Hand legte dies Band zuerst Euch an, ich thue es zunachst und gelobe Euch, fur Euch zu sorgen, wie der es thun wurde, der es Euch gab, wenn es Gottes Wille so gefugt hatte. Wahrend dieser Worte befestigte sie die Armbander um die schonen Arme und erhob sich sogleich. Der Augenblick der Trennung schien gekommen, die Grafin Melville erwartete das verabschiedende Wort mit ruhigem Anstande, und die Herzogin, die es verzogerte und mit sich uneins war uber die Einleitung des ihr zunachst Liegenden, sah unruhig vor sich nieder, und das Schweigen, welches die Bescheidenheit ihrer jungen Gefahrtin nicht zu unterbrechen wagte, lastete mit druckender Schwere auf ihr. Da kamen dumpfe Tone von dem Eingange her, welche sich schon oft und wohlbekannt hatten vernehmen lassen, ihrer Unentschlossenheit zu Hulfe. Sie folgte ihrem vorausgesandten Blicke und uberschritt den Saal, die Thure offnend, an der nun bei den naher kommenden Schritten sich ein freudiges Gebell und unruhiges Kratzen vernehmen liess, und durch den kleinen Spalt der sich offnenden Thur drangte sich Gaston mit solcher Gewalt hinein, dass an den Randern der Thur Haare von ihm haften blieben. Er wollte seine ungestume Freude an der Herzogin auslassen, die jedoch wenig gestimmt schien, sie zu begunstigen, und sie durch ein paar streng ausgesprochene Worte massigte, wahrend sie sich von ihm wandte, um zuruck zu kehren. Jetzt gewahrte Gaston, der sich so zuruckgewiesen sah, die Grafin Melville, welche, nach den Terrassen gewandt, in ruhigem Nachdenken der Herzogin harrte. Er hob den Kopf und Schweif hoch empor, blickte schnell vorlaufend mit seinen klugen Augen zur Grafin hin und war mit zwei Sprungen nicht allein an ihrer Seite, sondern mit seinen Pfoten so hoch, dass sie sich augenblicklich von ihnen umarmt sah, und dies mit einem solchen Freudengeheul, dass dieser jahe Ueberfall des grossen Thieres ihr einen lauten Schrei des Entsetzens entriss. Aber diese Folge der ersten Ueberraschung ging nun sogleich in die zartlichsten Liebkosungen uber. Gaston, o mein lieber Gaston! rief sie und druckte das schwarze Gesicht an ihre Brust, und kusste seine Stirn, wahrend Gaston ganz ausser sich vor Freuden schien, wieder von ihr abliess, sie umkreisete, um immer wieder zu ihr hinan zu springen, und immer wieder ihre offenen Arme fand, und eine solche Theilnahme an seiner Freude, dass Alles, was sie beide umgab, dieser Empfindung weichen zu mussen schien. Sie gewahrte nicht, dass die Herzogin krampfhaft einen Pfeilertisch, dieser Scene gegenuber, ergriffen hielt, und mit bleichen, zuckenden Zugen und starren Augen hinein sah. O Mylady, rief jetzt die Grafin, uber Gaston wegschauend, gluhend und fast athemlos, o sagt mir jetzt, wo ist er? Gaston war nicht ohne ihn; Ihr verbergt ihn, Ihr habt mich vorbereiten wollen durch Gaston auf seinen geliebten Herrn! Doch ich bin jetzt gefasst, rief sie voreilend, o lasst mich ihn sehen, furchtet keine allzu heftige Erschutterung mehr! Gaston unterbrach diese Worte noch immer durch seine heftigen Liebkosungen, und dies entzog ihren stets dadurch abgelenkten Blicken die Veranderung der Herzogin und verschaffte dieser zugleich Zeit, die Fassung zu erlangen, die ihr jetzt doppelt nothig schien. Nein, Mylady, es steht nicht in meiner Macht, Euern Wunsch zu erfullen, ich kann Euch den Besitzer dieses Hundes nicht zeigen, ja, ich muss glauben, Ihr irret, wenn Ihr dies Thier schon fruher zu kennen glaubtet. Ich mich in Gaston irren? In meinem lieben Gaston, rief die Grafin, den ich selbst pflegte, als sein Fuss bei einem Sprunge von der Terrasse in dem Schloss meiner Tante blutete und verletzt war? Heisst er denn nicht Gaston? Und seht hier noch die Stelle, wo die Wunde war und kein Haar sich wieder daruber zog. Habt Ihr nicht gesehen, dass er mich erkannte? Und wahrlich, Gaston schien mit allen Tonen und Bewegungen, welche diesen edeln Kreaturen verliehen sind, ihr oft so starkes und feines Gefuhl auszudrucken, diesen Worten Nachdruck geben zu wollen, und die Herzogin fuhlte sich selbst davon so uberzeugt, dass ihr fur Heuchelei nicht geschaffenes Gemuth sich von dem Vorhaben abwendete, diese Bekanntschaft, an die sie leider nur zu fest glaubte, als eine Verwechselung in Abrede stellen zu wollen. Sie gebot Gaston Ruhe, welches sie mit Muhe erlangte. Dann ergriff sie die Hand der Grafin und fuhrte sie seitwarts vor. Sagt mir, sprach sie feierlich, wem glaubt Ihr, dass dieser Hund gehort? Dem Freunde meines Oheims, theure Lady. Er begleitete ihn stets, ich kenne ihn, glaubt mir. Ich zweifle selbst nicht mehr daran, erwiederte die Herzogin, doch ich stehe jetzt wie eine Bittende vor Euch. Ich fordere von Euch eine Gewahrleistung, an der mir sehr viel liegt, die fur's Erste nothig ist, die ich vielleicht spater wieder aufhebe, vielleicht auch nicht. Wollt ihr mir geloben, meine Bitte zu erfullen, meine dringende Bitte? Zweifelt Ihr, Frau Herzogin, an meiner Bereitwilligkeit? Wollt Ihr mir nicht sagen, was Ihr befehlt? Wollt Ihr nicht uberzeugt sein, dass dies Herz froh sein wird, Euch zu gehorchen? Was Ihr von mir fordert, es kann nur recht sein, und ich kann sagen, ich werde Euch nicht gehorchen, um der grossen Verpflichtungen willen, die ich gegen Euch habe, ich werde gehorchen aus Liebe. Da ergriff die Herzogin hastig die Hande der Grafin, druckte sie fest zwischen die ihrigen und sagte schnell: Nie, nie, gegen kein menschliches Wesen, nicht durch Blick oder Wort, nie, nie verrathet Eure fruhere Bekanntschaft mit Gaston. Mit Gaston? stammelte, uberwaltigt von Erstaunen, die Grafin. Sie hatte sich, nach dem lebhaften und feierlichen Benehmen der Herzogin, auf die Anhorung irgend einer wichtigen Mittheilung gefasst gemacht, und jetzt sollte sie nichts als die harmlose Bekanntschaft eines Hundes verlaugnen.
Doch sie besass zu viel Gefuhl fur Schicklichkeit, um, der Herzogin gegenuber, nicht ein Erstaunen zu massigen, welches dem Betragen derselben fast zum Tadel werden musste. Ihre wiederkehrende Besonnenheit aber ward bis zum ernsten Nachdenken erhoht, als ihrem folgerechten Verstande zunachst klar ward, dass dieser an sich unbedeutenden Bitte doch ein Umstand anhing, der sie zu keiner unwichtigen machte, namlich das Verlaugnen der Wahrheit, wenn der Zufall eine Erklarung daruber fur sie herbeifuhren mochte. Sie fuhlte hier zuerst im Leben, dass man keines Menschen so sicher sein darf, ihm ohne Vorbehalt irgend eine heilige Angelobung zu thun, noch vor der Kenntniss des Begehrten. Der Streit in ihrem Innern daruber legte ihren Lippen noch immer ein Schweigen auf, das durch ein etwas unbehagliches Gefuhl gegen die Herzogin vermehrt ward, welche ihr rathselhaft und nicht so rein mehr erschien, als einige Augenblikke fruher. Aber die Herzogin hatte gebeten, und diese ihr seltene Stellung liess sie dies Schweigen beleidigend empfinden. Augenblicklich daher auf ihre fruhere Hoheit zurucktretend, richtete sie sich empor, und ihr Blick heftete sich nicht bittend, sondern zurnend auf die Grafin. Ich bat Euch, Mylady, sagte sie kalt; habt Ihr mich gehort? Ich that meine erste Bitte an Euch! Vielleicht wagte ich zu viel, Euch um die Erleichterung einer Sorge zu bitten, wobei ich Euer Wohl mit bedachte. Sie wollte sich wenden, um den Saal zu verlassen, denn ihr einmal aufgeregter Stolz musste seine Befriedigung haben, und jede andere Sorge stand stets dieser Anforderung nach. Da fuhlte sie sich gehalten, und eine Bittende erwartend und getheilt in ihren Empfindungen, welche ihr die Angelobung ihrer Forderungen wunschen liessen, wandte sie sich. Aber sie fand ein ruhiges, nachdenkendes Gesicht, ohne Sorge, wie es schien, uber ihren heftig geausserten Unmuth. Ich bin, wie Ihr seht, in Unruhe und Zweifel, und Ihr musst mich jetzt nicht verlassen, sagte die Grafin ruhig und ernst; ich gestehe Euch, dass mich Eure Aufforderung in diese Stimmung versetzt hat. Ich gab Euch fruher mein Wort, zu willfahren, noch ehe ich den Inhalt dieses Begehrens kannte, und wenn meine Ehrfurcht vor Euch mich es auch verbergen lasst, wie unbegreiflich mir Euer Gebot ist, und wenn ich Euch auch gern ohne Grunde vertrauen mochte, muss ich doch glauben, Ihr bedachtet selbst nicht Alles genau. Denn sagt mir, wer rettet mich vor der Gefahr einer Luge, der ich fast unerlasslich ausgesetzt bin, wenn ich Euch unbedingt gehorche? Ihr seid sehr uberlegt, Lady, in so jungen Jahren, sagte die Herzogin, noch immer streng, doch zu einer innern Anerkennung dieser reinen Ansicht fast gegen ihren Willen gezwungen. Indess darf ich Euch wohl am wenigsten deshalb tadeln, da auch ich eine Feindin der Luge mich nennen darf; und ich muss es beklagen, Euch nun nicht langer verhehlen zu durfen, dass Ihr selbst es seid, die mich zuerst vielleicht im Leben zu einer mir sonst fremden Heimlichkeit und Verhehlung zwingt. Aber das ist der Fluch des Bosen, setzte sie, wie zu sich selbst redend, hinzu, und es bleibt nichts in seiner Nahe unbefleckt davon. Ich uberlasse Euch, fuhr sie lauter fort, was meine Bitte betrifft, Euerm Gewissen! Das Wort, das Ihr gabt, soll nur Kraft haben bis zu dieser Grenze; doch werde ich bemuht sein, Euch die Versuchungen aus dem Wege zu raumen. Thut Ihr ein Gleiches und denkt, dass Ihr mir damit den geringsten Dienst leistet, denen aber, die Ihr die Eurigen nennt, vielleicht den grossten. Ich danke Euch, sagte die Grafin mit ihrem wiederkehrenden klaren Blick und dem vollen Ton ihrer melodischen Stimme, Ihr habt mich wieder frei gemacht, es scheint mir nicht schwer, das zu vermeiden, was Ihr befehlt, und ich wunschte, Ihr hattet allein dabei Interesse, ich wurde gern um Euretwillen recht vorsichtig und besonnen handeln. Ich sehe wohl, setzte sie sanft hinzu, Euer erfahrner Blick hat schon tiefer in mein Leben geschaut, ich bin dessen froh und will durch keine kindische Neugierde Euch lastig fallen uber das, was Ihr mir noch verbergen zu mussen glaubt. Schreitet in dieser Hoffnung nicht zu schnell vor, Lady, entgegnete die Herzogin. Ihr legt mir zu viel Scharfsinn bei. Mein Leben war sehr frei von Verwickelungen, ich verstehe mich daher wenig darauf; um so mehr habe ich aber stets bei meinen Forderungen das Vertrauen erregt, dass man sich ihnen ohne Vorbehalt uberlassen konne. Gehen wir jetzt, Lady, nach unsern Zimmern; etwas Ruhe wird uns nothig sein. Ich werde Euch vor dem Abendgebet in der Kapelle in meinen Zimmern der Herzogin von Nottingham, meiner Schwiegermutter, vorstellen, und dispensire Euch lieber von der Tafel, da Ihr bis dahin Ruhe bedurfen werdet. Die Grafin neigte sich ehrerbietig vor der im Abgehn grussenden Herzogin und stieg dann an Mistress Mortons Arm, die sich sogleich zu ihr fand, die Treppen zu ihren Zimmern hinauf. Die endlich sich gleichbleibende Schonheit des Wetters hatte am nachsten Tage die Damen zu einem Spaziergange in den weitlauftigen Anlagen des Parkes veranlasst. Die Herzogin fuhrte ihre Schwiegermutter die Terrassen hinauf, und man beschloss, daselbst zu verweilen und auszuruhen, wahrend Lucie, an dem Arm der Grafin Melville hangend, mit der sanften Arabella zugleich sich bemuhte, ihr von den Merkwurdigkeiten von Godwie-Castle zu erzahlen, und in der bereitwilligen Aufmerksamkeit ihrer Gefahrtin eine immer steigende Aufmunterung fur ihre Beredsamkeit fand. Da verkundete der wohlbekannte Ruf der Horner von den Thurmen des Kastells die Ankunft des neuen Herzogs. Luciens Freudengeschrei beantwortete diese lang ersehnte Verkundigung, und hupfend und tanzend nannte sie laut die Namen der Nahenden im kindlichen Gesange. Hierdurch und durch die meldenden Diener ward die Grafin Melville von der Ankunft dieser nahen Verwandten des Hauses unterrichtet, und sie fuhlte zu zart, um sich nicht in einem solchen Augenblick lieber zuruck zu ziehen, da sie, den Erwarteten vollig fremd, sich in diesem Augenblick in dem engen Kreise der Familie als storend betrachten musste. Sie beurlaubte sich daher fur diesen Tag bei den beiden Herzoginnen mit einigen anspruchlosen Worten, die aber doch hinreichend das feine Gefuhl errathen liessen, von dem sie geleitet ward. Sie erreichte auch den Eingang der Gallerie, welche nach dem sudlichen Flugel fuhrte, ehe die Herren die Vorhalle betreten konnten, doch sah sie durch die hohen Bogenfenster, wie der Hof von empfangenden und ankommenden Dienern belebt war, in deren Mitte sich neben einem altlichen Herrn die hohe und schlanke Gestalt eines jungern bewegte, der mit grosser Freundlichkeit die ehrerbietigen und freudigen Gluckwunsche der grauen und achtbaren Diener zu beantworten sich bemuhte, und so eben Sir Ramsey, der seine Hand kussen wollte, mit liebenswurdiger Zuvorkommenheit die Stirn kusste. Die Grafin blieb unwillkurlich stehen und sah dieser Scene mit einem Antheil zu, der nothwendig ein gefuhlvolles Herz bewegen musste; so aufrichtig war der Ausdruck dieser Empfindungen treuer Anhanglichkeit und lohnender Anerkennung derselben. Der alte Herr richtete nun mit Eile die Aufmerksamkeit des jungern auf den Eingang des Schlosses, und die Grafin enteilte in ihre Zimmer. Die Herzogin, begleitet von ihrer Schwiegermutter, ihren Tochtern und ihren Damen, erschien in den geoffneten Pforten des Schlosses, um den Sohn an der Schwelle seiner Vater, die er nun als rechtmassiger Herr betrat, zu segnen und willkommen zu heissen. Solche Augenblicke hervorzuheben und feierlich zu machen, war ihre ganze Personlichkeit geschaffen. Es fehlte ihrem Herzen nicht an Empfindung, und die oft so schnell daruber hingleitenden Schatten gaben ihr in den Augen der Meisten nur das Ansehen einer vornehmen Massigung, einer edeln Selbstbeherrschung, welche sie durch ihre ganze aussere Erscheinung wohl zu erhalten wusste. Als sie auf der Schwelle so edel und ruhig erschien, und doch mit schwimmendem Auge und vollstem Ausdruck mutterlicher Zartlichkeit dem heransturmenden Sohne entgegen lachelte, da hatten wohl Alle mit dem geruhrten Jungling vor ihr das Knie beugen mogen, und in der lautlosen Stille, wie sie Ehrfurcht von selber gebot, drangen ihre Worte bis in die Herzen der Fernsten: So segne Dich Gott, mein Sohn, in dem Hause Deiner Vater, dem Du Herr sein sollst, wie sie es waren! Er segne Dich mit ihren Tugenden, die sie zu Beschutzern ihrer Unterthanen, zum Glucke ihrer Familie, zum Stolze ihres Vaterlandes, zu Freunden ihrer Konige erhoben! Stehe auf, Herzog von Nottingham, und betritt Dein Eigenthum mit einem Gott geweihten Herzen! Der junge Herzog sprang auf, aber um sogleich vor seiner Grossmutter, auch um ihren Segen flehend, nieder zu knien, und betrat dann zwischen Beiden die grossen Hallen, die in ihrer ehrwurdigen Pracht gerustet schienen, noch einige Jahrhunderte die Geschlechter kommen und verschwinden zu sehen, deren schon so viele daran vorubergegangen waren.
Graf Archimbald konnte eben kein Freund von solchen feierlichen, die Empfindung hervorhebenden Scenen genannt werden, und er gonnte seiner Schwagerin nie lange die stolze Hohe, auf die sie sich nicht ungern erhoben sah, und wo sie von den an Geist und Rang ihr meist untergeordneten Umgebungen gewohnlich so lange gelassen ward, wie es ihr selbst beliebte. Er schritt daher mit sehr heiterem Wesen, seine Nichten mit sich fuhrend, hinterher und begrusste, als der mittlere Saal sie alle aufgenommen und die Herzogin sich mit den hochgespannten Zugen, welche ihre Wurde verkundigten, zu ihm wendete, dieselbe mit einer so heiteren und unbefangenen Freundlichkeit, als ware er von einem kleinen Morgenritte so eben zuruckgekehrt, und als ware zu einer tiefen Erregung und einer Andeutung derselben in Worten, uberall keine Veranlassung. Er wusste wohl, dass er sie damit ein wenig verletzte, aber sie ward ihm dadurch viel bequemer, und allen Umgebungen wurde zugleich die Fessel abgestreift, die sie ohnedies, wie oft, so auch dies Mal, langer getragen hatten. Es fehlte der Herzogin, selbst bei besserem Willen, Freiheit und Heiterkeit um sich herzustellen, doch sehr oft an Geschick dazu, und ein dunkles Gefuhl hiervon verwandelte nicht selten ihre steife Haltung in uble Laune, die sie dann, den Tadel gern von sich entfernend, noch immer fur ihr zukommende Wurde hielt, und damit ziemlich lastig werden konnte. Ganz anders verhielt er sich zu seiner Mutter. Dieser reine Karakter wollte und konnte nichts mehr scheinen und zeigen, als sich selbst; und die hochste Wahrheit und Naturlichkeit verrieth nur um so sicherer die harmonische Schonheit ihres gelauterten Innern. Dadurch ward ihre Nahe Jedem zur Wohlthat, und wenn sie mit der Freude, sie zu lieben, die Herzen begluckte, erfullte sie Alle zugleich mit wahrer Ehrfurcht vor einer so hohen Entwickelung des menschlichen Geistes, Graf Archimbald kannte Menschen und Verhaltnisse in den mannigfachsten Schattirungen. Er war sparsam mit seiner Anerkennung und uber die meisten Tauschungen hinaus, aber wer um seine seltener ausgesprochenen Gefuhle wusste, dem war nicht verborgen, dass er seine Mutter uber die meisten Menschen stellte. Sie rief alle weicheren Gefuhle und eine zarte, achtende Unterordnung, die ihm sonst selten einkam, in ihm hervor. So begrusste er sie auch jetzt, und seine Schwagerin fuhlte diesen Unterschied wohl, und es musste gerade diese von ihr selbst so hoch gestellte mutterliche Freundin sein, um ihr die kleine Demuthigung zu verzeihen, welche die Frauen, im Falle sie selbige vom anderen Geschlechte empfangen, so gern am eigenen zu rachen suchen. Doch war der Graf entweder zu gutmuthig oder zu gewandt, um seine Schwagerin nicht, so bald es sich thun liess, in eine angenehme Stimmung zu versetzen. Er achtete ihren Karakter mit allen seinen von ihm leicht begriffenen Fehlern, und noch mehr ihren Verstand, auf den er einen hohen Werth legte; vielleicht eine Folge seiner eigenen vorherrschenden Richtung, die ihn in dieser Fahigkeit eine grossere Sicherheit dem Leben gegenuber annehmen liess, als sich wohl immer bestatigen mag. Er motivirte daher seine hereinbrechende Freundlichkeit durch die Mittheilung, dass er so glucklich sei, seiner Schwagerin die neuesten Nachrichten von ihrem Vater, dem Grafen von Bristol, zu bringen, indem bei seiner Abreise von London so eben ein Courier aus Madrid eingetroffen sei, der auch Briefe fur die Herzogin gebracht habe, welche er ihr zu uberreichen, sogleich die Ehre haben werde. Die Herzogin hatte aus langer Erfahrung gelernt, dass sie am besten ihre Haltung gegen ihn behauptete, wenn sie anscheinend die Richtung, die er derselben zu geben wusste, nicht zu bemerken schien und sich ihr mit einer Miene uberliess, als sei es ihre eigene Wahl. Beiden war so geholfen, und dieser kleine Krieg, in dem sie sich vollstandig erkannten, ward ohne eine weitere Erklarung und unbeschadet ihres ubrigen Wohlverhaltens, stets ohne Folgen beigelegt. Auch jetzt empfing sie seine Nachrichten mit der Heiterkeit, die sie ihrer Natur nach verdienten, und man kam bald dadurch auf die offentlichen Angelegenheiten, die allerdings ganz England in eine nicht geringe Spannung versetzten.
Gewiss, sagte der Graf, als man sich niedergelassen hatte, war man gegen die Unterhandlungen, die der Konig zur Vermahlung seines Thronfolgers mit einem katholischen Hause anknupfte, nicht gleichgultig, ja, wohl eher tadelnd gesonnen. Doch war eben so allgemein die Ansicht verbreitet, der Prinz von Wales empfande eine eben so grosse Abneigung dagegen, wie sein Volk, und fuge sich nur aus kindlichem Gehorsam in den Willen des alten Konigs, dem allerdings bei der vorgefassten Meinung, dass jede Verbindung mit einer Prinzessin unter koniglichem Range unebenburtig sei, keine grosse Auswahl blieb, da nur Frankreich und Spanien in diesem Augenblicke Pratendentinnen der Art bereit hatten.
Und glaubst Du wirklich, mein Sohn, sagte die alte Herzogin, dass der Grund der Weigerung des Prinzen von Wales, sich zu vermahlen, allein seiner Abneigung gegen die fremde, seinem Volke verhasste Kirche zuzurechnen sei? Ich erinnere mich, von dieser Abneigung Manches schon gehort zu haben, ehe noch von einer Unterhandlung mit Spanien uber diesen Punkt die Rede war.
Allerdings, sagte der Graf; doch scheint sein rasches nunmehriges Eingreifen in diese Unterhandlungen jene fruhere Ansicht zu widerlegen, und es ist nicht einer der unwichtigsten Nachtheile dieser Reise, dass das Volk nunmehr den Vorwurf einer Hinneigung zum Katholischen von dem alten Konige, an welchem man dieselbe ziemlich erfolglos betrachtete, auf den kunftigen Herrscher scheint ubertragen zu mussen; was wenigstens unbezweifelt der Infantin, sollte sie unsere Konigin werden, keine freundliche Stimmung im Volke bereiten wird. Die Abneigung des Prinzen aber, sich zu vermahlen, stammt aus einer fruheren Zeit. Meine Verhaltnisse haben mir nicht erlaubt, darin klarer zu sehen, als die allgemeine Stimme verkundigte, der Prinz habe in fruheren Jahren eine heftige und ungluckliche Leidenschaft fur ein Fraulein von Rang gehegt, die ihn spaterhin dem ganzen Geschlechte entfremdet. Wie viel daran war, mochte ich selbst bei der Wahrscheinlichkeit des Geruchtes nicht entscheiden, obwohl die Thatsache ausser Zweifel ist, dass der Prinz ausser der allgemeinen ritterlichen Galanterie, die seine liebenswurdige Natur bezeichnet, nie einer Einzelnen den kleinsten Vorzug einzuraumen schien.
O, rief der junge Herzog, wie unendlich viel liebenswurdiger erscheint mir nun noch der Prinz; wenn ich mir diesen Kern des Herzens, diese treue und feste Liebe in ihm denke, die ihn gegen die Verirrungen der Jugend schutzte, und ihn so mild und ritterlich zugleich darstellt. Immer war es mir, als ob in seinen Augen so etwas unaussprechlich Anziehendes lage, eine Mischung von Geist und Schwermuth, geschaffen, die Gemuther in der grenzenlosesten Hingebung zu fesseln.
Er hat die Augen der Stuarts, sagte die jungere Herzogin mit hervorgehobener Kalte; man hat stets viel und in vielen Verhaltnissen und an den verschiedensten Individuen von ihrer Zauberkraft gefabelt, und obwohl sie mir diesen Eindruck nie machten, sehe ich doch, die Wirkung blieb fur meinen Sohn aufgehoben. Denn wahrlich, fuhr sie fort und streckte die Hand, sich erheiternd, nach ihm hin, Du gluhst in der Erinnerung dieser Augen, und Dein kunftiger Konig mag mit Empfindungen zufrieden sein, die Dich, wie es scheint, in grenzenloser Ergebenheit an ihn fesseln werden.
Ja, theure Mutter! Ich wurde fur den Prinzen, den ich von Kindheit an liebte und durch des Vaters Erzahlungen fort lieben lernte, mit Entzucken mein Leben geben, und er wird in mir einen Unterthanen finden, wie er ihn hoffentlich nie bedurfen wird, der seine Rechte mit Gut und Blut zu vertheidigen bereit ware. Er wusste nicht, wie er in diesen Worten sowohl sein, als des Prinzen spateres Schicksal bezeichnete. So wird in unserer Empfindung oft Jahre lang vorher die Fahigkeit vorbereitet, die das Leben spaterhin in das Dasein ruft, und wir nehmen oft den Platz wirklich ein, den wir in der Jugend mit unsern Traumen und Wunschen umschlichen, ohne seine Erreichung fur moglich zu halten. Wer mochte die Grenzen bestimmen, die unser inneres Streben, das uns oft selbst nicht deutlich wird, hier in einem hohern Willen findet; wer kann sagen, ob wir das Schicksal heranzogen durch die Richtung, die wir uns gaben; oder ob es das Schicksal war, welches uns gerade diese Richtung der Ansichten und Empfindungen aufnothigte, deren wir oft nicht eher uns bewusst werden, als eben in dem Augenblicke, der sie zugleich in Thaten hervortreten lasst. Die begeisterten Worte des Junglings hatten eine augenblickliche Stille des Nachdenkens veranlasst, und vielleicht mochten in den alteren Personen sich ahnliche Gedanken regen; doch die Herzogin liebte nicht, in fremde Empfindungen einzugehen, und hielt gern sich und Andere in den ihr bereits bequem gewordenen Grenzen.
Der Prinz war der Freund meines Gemahls, hob sie an, als ob sie dadurch Alles ausdrucken wolle, was er in ihrem Antheile besitzen konnte, aber ich gestehe, dass ich mich nie bis zu einer Bewunderung dessen habe erheben konnen, was in meinen Augen selbst in dem Falle, der ihn in den Deinigen, mein Sohn, so zu erheben scheint, nur eine unmannliche Schwache war. Was ist mehr Gottes unmittelbarer Wille, als der Standpunkt, auf dem wir uns durch unsere Geburt befinden? Mogen Andere mindern Ranges daruber noch in Zweifel sein, der Prinz, der kunftige Konig, muss es wissen, dass er nicht seinen Privat-Empfindungen angehort, und der hohe Beruf, der ihm geworden, dachte ich, musste das Herz zu grosseren Empfindungen entflammen und ihm wohl einen starken Ersatz fur jene kleinen Tandeleien des Herzens gewahren, fuhlt er sich anders wahrhaft fahig, der grossen Anforderung seiner Geburt zu genugen. Konige haben andere Grunde, sich zu vermahlen, sie mussen diese Pflicht gegen ihr Volk erfullen, und mussen, auch ohne ihr Herz, eine solche Ehe wurdig zu gestalten wissen. Man sollte uberhaupt auch in andern Standen, etwa als Oberhaupt einer bedeutenden Familie, sich frei zu erhalten suchen von einer Leidenschaftlichkeit der Empfindungen, die uns nur zu leicht aus dem Gleichgewicht zieht, mit dem wir allein im Stande sein werden, ausgedehnte Pflichten zum Nutzen und Beispiele der uns Anvertrauten zu erfullen. Ich mochte jungen Leuten, die eine Laufbahn beginnen, immer zurufen, erst den Standpunkt zu prufen, auf den sie durch ihre Geburt gestellt wurden. Was ihnen dann zulassig ware, wurden sie leichter und geschickter wahlen, als wenn sie sich regellos entwickeln und ihren Verhaltnissen aufnothigen, was ihre Leidenschaften ihnen nicht zu unterdrucken gestatten. Welche unselige Verwirrungen hat dies in die ehrwurdigsten Familien gefuhrt!
Glaubet nicht, theure Mutter, erwiederte der Herzog, dass ich solcher Verwirrung das Wort redete, aber ein Herz, welches einer tiefen und starken Empfindung in der Liebe fahig ist, musste, dachte ich, auch den warmen Impuls der Tugend und Pflichttreue dadurch in sich verstarkt fuhlen.
Ich wollte nicht tadeln, was Du sagtest, entgegnete die Herzogin; hatte es mir Unrecht geschienen, wurde ich Dich ohne Einkleidung meiner Meinung gewarnt haben. Ich ehre vollkommen eine aufrichtige Liebe zu unserm Lehnsherrn, wie ich sie in Deinen Aeusserungen erkannt habe; ich wurde meinen Sohn verkennen, ware es anders. Doch lass uns auf etwas kommen, was mich zu horen verlangt; Du bist mir noch Deine Aufnahme bei'm Konige schuldig. Willst Du der Grossmutter und mir Einiges daruber mittheilen?
Der Konig war sehr gutig, und seine Gesinnungen fur unsere ganze Familie sind hochst ehrenvoll; aber die eigentliche Ceremonie ward seiner Gesundheit halber sehr abgekurzt. Auch fand ich ihn so verandert, dass ich ihn wohl unter andern Verhaltnissen, die ihn weniger kenntlich gemacht hatten, kaum wieder erkannt haben wurde.
Wie? sagte die alte Herzogin, ist er leidend, oder ist schon wirklich Gefahr fur unsern guten Herrn?
Dies mochte ich nicht gerade behaupten, nahm Graf Archimbald das Wort, doch hat er eben ein boses Fieber uberstanden, und in seinen Jahren bleibt allerdings eine ganzliche Herstellung zweifelhaft, oder doch nur langsam zu erwarten. Ich habe die Veranderungen seiner Gesundheit auch bemerklich gefunden.
Auch scheint ihn Gram und Sorge uber die Reise seines Sohnes sehr erschuttert zu haben, setzte der junge Herzog hinzu; denn er redet Jeden an, um ihm daruber seinen Schmerz und seine Besorgniss auszudrucken.
Diese grosse Reizbarkeit lasst auf eine allgemeine Schwache schliessen, fuhr Graf Archimbald fort, denn wenigstens bis jesst sind die Nachrichten aus Spanien so glanzend, dass es scheinen will, das Gluck wolle es ubernehmen, die kleine Uebereilung unsers theuern Prinzen wieder gut zu machen. Wir haben dies alle dem unvergleichlichen Benehmen des Grafen Bristol zu verdanken, der dem Prinzen eigentlich den Boden bereitete, auf welchem er siegend einher zu gehen scheint, und der auch bei der uberraschenden Ankunft des Prinzen mit der grossten Geistesgegenwart seine Maassregeln besser nahm, als unsere nachkommenden Depeschen sie ihm angeben konnten.
Und so ware diese Sache also wirklich durch den raschen Entschluss des Prinzen befordert? fragte die alte Herzogin.
Dies zu bestimmen, mochte ich vor der Ruckkehr des Prinzen nicht ubernehmen, sagte lachelnd Graf Archimbald, denn der Herzog von Buckingham begleitet ihn, und wer weiss, ob der Graf von Bristol seine Angelegenheiten nicht zu ruhmvoll betreibt.
Wie verstehst Du das? fragte, unschuldig ihn anblickend, die alte Herzogin.
Wozu, theure Mutter, sagte der Graf, fast zartlich ihre Hand nehmend, wozu willst Du mit Deinem reinen Geiste Dich zu den Schlangenwegen der Politik, des Neides und Stolzes herablassen? In Deiner Nahe vergesse ich am liebsten den wunderlichen Verkehr der Aussenwelt, wenn ich ihr nachher auch wieder angehore, durch Erziehung und einmal ubernommene Stellung. Meldet man uns ja doch in diesem Augenblicke aus Madrid noch die glanzendsten Dinge. Dem Prinzen ist koniglicher Rang eingeraumt, die Infantin hat den Titel einer Prinzessin von Wales angenommen, und der Konig, sein Hof und das ganze hochherzige und ritterliche Volk uberhaufen ihn mit enthusiastischer Liebe, da sie allerdings diese Handlung, sie in ihrer ganzen Originalitat auffassend, als den hochsten Beweis des Zutrauens zu ihrem National-Karakter ansehen.
Wenn ich Hofdame ware oder noch am Hofe lebte, versetzte die alte Herzogin lachelnd, so wurde ich mir die Stoffe zu meinen Roben aussuchen, in denen ich den Vermahlungs-Feierlichkeiten beiwohnen wollte; so sicher erscheint mir die erlauchte Infantin unsere Prinzessin von Wales zu werden, und ich sehe wohl, dass ich trotz meines politischen Gemahls, Sohnes und Bruders wenig Kenntnisse gesammelt habe, da mir hier von keiner Seite mehr ein Hinderniss einleuchten will. Sie erhob sich freundlich von ihrem Sessel, denn die Mittagszeit war nahe, und man hatte uber der Freude des Wiedersehens nicht daran gedacht, sich umzukleiden. Jeder begab sich in seine Zimmer. Der Herzog weigerte sich, die im italienischen Flugel anzunehmen; wodurch er seiner Mutter eine grossere Wohlthat erzeigte, als sie eingestand. Die Gesellschaft des Schlosses hatte, obwohl nun ein langerer Zeitraum zwischen dem Tode des Herzogs verflossen war, doch ein so gedrucktes, schwermuthiges Leben fortgefuhrt, dass ein Bedurfniss freieren Aufathmens, lebhafteren Treibens bei den Meisten sich dringend einstellte. Auch trat die Zeit als mildernde Vermittlerin selbst fur diejenigen ein, die am nachsten dabei gelitten, und machte sie wenigstens geneigt, dem wiederkehrenden Leben stille Zuschauer abzugeben. Das ewige Erganzungs-System in der Natur lasst auch eine so endlos scheinende Lucke, als der Gram uber den Verlust eines geliebten Gegenstandes uns scheinbar offnet, nicht ohne diesen wohlthatigen Einfluss. Mussen wir auch oft einen bis dahin uns theuer oder doch bequem gewordenen Kreis abschliessen, ohne dass wir Grund oder Boden fur einen neuen sehen die kleine, rettende Insel steigt doch endlich aus dem leeren, wusten Raum empor, auf der wir einen neuen Kreis ziehen, wenn auch endlich immer kleiner, wenn auch unsichtbarer, stiller und einsamer. Das grosse Geschaft, zu leben, loset uns vor unserm letzten Athemzuge niemals ab; und wer aus freier Kraft die Wunsche ablost, die dem schonen, ruhigen Lauf des Daseins mit Verwirrung drohen, der fuhlt endlich, dass uber ihm der Kreis sich vergrossert, der da unten in der Welt sich verengt; und hat er mit diesem endlich abgeschlossen, so gahnt ihm keine bodenlose Tiefe entgegen, sondern ein heller, lichter Strahlenkreis, worin er wieder finden wird, was er verdient.
So ward die Wiederkehr des nunmehrigen Herzogs und des Grafen Archimbald den zaghaften Gewissen zur Entschuldigung der Freude, die nun bald wieder in den schicklichen Grenzen sich zeigte, welche hier mehr, als sonst, beobachtet wurden. Die anspruchlose Naturlichkeit des jungen Herzogs trug hierzu wohl sehr viel bei; er kannte es nicht, sich ein Gefuhl aufzuburden, was er nicht hatte. Seinen Vater je zu vergessen, gleichgultig gegen seinen Verlust zu werden, schien ihm so ausser dem Bereich der Moglichkeit zu liegen, dass er nicht furchtete, damit beargwohnt zu werden. Daher athmete seine Brust in neuer jugendlicher Lust empor, er freuete sich dessen, und es schien ihm dies recht naturlich, da er ja noch viel zu thun hatte, um seines Vaters willen, wozu ihm ein gesundes Herz vor Allem nothig schien. Darum sah man ihn auch auf das Anmuthigste mit Arabella und Lucie scherzen, und Alles um sich her durch die klare, heitere Miene beleben, die nicht der Ausdruck des Leichtsinns ist, sondern eines sichern naturlichen Gefuhls, das Alles eingesteht, weil es nichts zu verbergen hat.
Man hatte denken konnen, die alte Herzogin habe diese wohlthatige Diversion vorausgesehen oder herbei gewunscht; denn offenbar unterstutzte sie mit ihrer liebenswurdigen Laune das Betragen ihres Enkels, und schien sich des Erfolges zu freuen, der selbst uber ihre Schwiegertochter sich langsam verbreitete, welche zu mutterlich fuhlte, um sich nicht endlich dem Einfluss zu uberlassen, den ihr Sohn zu verbreiten wusste, nachdem sie den unangenehmen Eindruck uberwunden hatte, diesen Sohn den hochsten Rang behaupten zu sehen, der ihr selbst an der Seite ihres Gemahls, in seiner milden, gegen aussere Vorzuge gleichgultigen Stimmung, so unbestritten gewesen war. Der junge Herzog nahm uberall willig das Recht in Empfang, was mit seiner Wurde ihm verbunden schien. Wie deshalb aber seine Mutter einen niedern Rang, als fruher, einnehmen konne, vermochte er nicht einzusehen; und eben dies, dass der Herzog dies fuhlte, versohnte sie mit den unvermeidlichen Einschrankungen ihres Einflusses und ihrer Macht. Als man sich zur Tafel begeben hatte und Lucie noch immer ihren Liebling vermisste, brach sie sich mit ihrem klaren Stimmchen Bahn, und sich zu ihrer Mutter wendend, rief sie:
O, liebe Mama, wo ist aber unsere Lady, warum kommt sie nicht zu uns, ist sie wieder krank?
Nein, Lucie, sagte die Herzogin, und die Erinnerung an dieses geheimnissvolle Wesen weckte die stillen Qualen ihrer Brust und veranderte schnell die Farbe ihrer Wangen; furchte nichts, sie ist wohl auf, aber zu bescheiden, ohne Vorbereitung vor diesen Herren zu erscheinen.
Meinem guten Bruder Robert, meinem lieben Oheim? rief Lucie, vor denen hatte sie immer erscheinen konnen, die hatten ihr sicher nichts ubel genommen, wenn sie auch fremd ist, wie Du sagst. Nicht wahr, Oheim? Nicht wahr, Robert?
Was meinst Du, Lucie? Wen hast Du, dem Du Protection gewahrst? fragte Graf Archimbald, wahrend Roberts Blicke sich fragend zu seiner Mutter wendeten.
Wir haben einen Gast, mein Sohn, hob die Herzogin gezwungen an, uber den ich noch nicht den passenden Augenblick finden konnte, Dir meine Mittheilungen zu machen. Ich habe wahrend Deiner Abwesenheit ihr den Schutz dieses Hauses gelobt, den sie, unglucklich und verlassen, fur den Augenblick zu bedurfen scheint. Du wirst mich sehr verbinden, wenn Du meine Worte bestatigen willst.
Meine theure Mutter, rief der Herzog, und uber sein jugendliches Antlitz flog die Rothe der Ueberraschung und der Beschamung, Euer Durchlaucht sind hoffentlich vollkommen uberzeugt, dass es hier keine Autoritat giebt, Ihre Anordnungen und Befehle zu bestatigen. Es war vielleicht das erste Mal, dass ihn der Gedanke fluchtig beruhrte, wohin der stolze Sinn seiner Mutter sich verirrte, den er aber mit Erschrekken aufzunehmen schien.
Die Herzogin war mit dieser Huldigung zufrieden, und ohne sie weiter zu beantworten, fuhr sie sichtlich freier, gegen die Hauptperson sich wendend, fort: Ich habe gestern ihre ruhrende Geschichte gehort, sie ist von vornehmer Geburt, eine Grafin von Melville, eine Enkelin des Sir Robert Melville, und obwohl ihre Eltern gestorben sind, lebt ihr doch noch ein Oheim, fur dessen Auffindung wir Eure Gute, Graf Archimbald, in Anspruch zu nehmen denken.
Graf Archimbald verbeugte sich und wiederholte blos den Namen Melville, als sah' er in Gedanken in der grossen Namenliste seines Gedachtnisses nach diesem sich um. Die Herzogin erzahlte alsdann kurz und mit vieler Geschicklichkeit die Geschichte der Auffindung und der Krankheit der jungen Dame, und schloss mit einem fast unwillkurlichen Lobe ihrer Schonheit und feinen Erziehung. Die Wirkung dieser Erzahlung auf beide Manner war auffallend, wenigstens fur die Uebrigen, an diese seltsame Erscheinung bereits Gewohnten. Man sah hier recht, wie das Geheimnissvolle uber alle Menschen eine Gewalt ubt, welche zu laugnen, eben so vergeblich ware, als ihr ganzlich entgehen zu wollen.
Da die Sache jetzt einmal in Anregung gekommen war, wunschte die Herzogin nunmehr auch die personliche Bekanntschaft mit ihrem Schutzlinge einzuleiten, und gab zu dem Ende ihren Tochtern den Auftrag, die Lady am Nachmittage zu besuchen und sie, wenn es ihre Gesundheit erlaube, um die Theestunde nach ihren Zimmern mit heruber zu fuhren. Dieser Auftrag ward mit Freude von den Tochtern empfangen und verwies die aufgeregte Neugierde der Herren an ein leicht zu erreichendes Ziel; wahrend es die Herzogin selbst beruhigte, weil sie mit ihren eigenen Gedanken uber die Grafin ausser Zweifel kommen wollte. Ihre Schwiegermutter hatte, trotz ihrer argwohnischen Aufmerksamkeit bei der Vorstellung der jungen Dame, ihr durchaus keine Aufschlusse gewahrt, indem sie jene nur mit dem freundlichen Antheil empfangen hatte, der sowohl ihrer Lage, als ihrer liebenswurdigen Personlichkeit billig zuzukommen schien.
Als daher die Theestunde herangeruckt war, die um der alten Herzogin willen mit grosser Aufmerksamkeit gehalten wurde, obwohl dies keineswegs damals schon zu den Sitten Englands gehorte, und sie sich, von ihrem Sohne gefuhrt, bei ihrer Schwiegertochter eingefunden hatte, konnte diese die Ankunft des Herzogs in steigender Ungeduld nicht erwarten, und Pons flog auf den ihm wohlbekannten Wink dahin, die jungen Damen abzuholen. Die Herzogin hatte in der Nahe eines der hohen Bogenfenster, welches, geoffnet, einen heitern Blick auf die Gebusche der Terrassen und die dahinter ausgebreitete Landschaft gewahrte, die Sessel stellen lassen, welche die Familie aufnehmen sollten. Man sass so dem mit schonen Gemalden und kostbaren Gerathen geschmuckten Saal gegenuber, der mit diesem Zimmer durch einen hohen und breiten gothischen Spitzbogen verbunden war; diesen hatte man, seines kunstreichen Schnitzwerkes und seiner prachtvollen Vergoldungen wegen, ohne Thuren gelassen, und nur durch einen reichen seidenen Vorhang die Zimmer nach dem Bedurfniss der Bewohner getrennt. Jetzt war derselbe von einander gerollt und gewahrte eine schone Aussicht in den eben erwahnten Saal, an dessen Ende sich, dem Bogen gegenuber, die breiten vergoldeten Eingangsthuren befanden. Die Herzogin hatte, ihre Schwiegermutter an ihrer Seite, ihren Teppich vorgenommen und arbeitete, wie es schien, mit der vollkommensten Ruhe an der Bildung einer kunstlich verschlungenen Blume, wahrend Graf Archimbald, vor ihr stehend, mit grosser Beredsamkeit ihr die verschiedensten Mittheilungen machte uber Freunde und Verwandte in London. Die Herzogin hatte ihm einige Mal schon den Sessel angeboten, der ihm die Richtung gegen den Saal zu gegeben und ihn fur ihre Beobachtung bequemer gestellt haben wurde, aber ausser einer stummen Verbeugung hatte er sich nicht unterbrechen lassen, da er, wie es schien, zu stehen vorzog.
Jetzt offneten sich die Thuren. Die Erwarteten zogen in bunter Ordnung durch den Saal, und Graf Archimbald sprach noch immer, mit dem Rucken dahin gewandt, lebhaft und zu laut, um das Gerausch der Nahenden zu horen, als die Herzogin in voller Ungeduld zu dem letzten Mittel griff, und mit Hand und Augen und freundlichen Mienen um ihren Schwager herum in den Saal hinein grusste, fur den Augenblick unbekummert uber die sonderbare Huld, und einzig bestrebt, ihren hartnackigen Schwager zu wenden. Dies gelang, er trat zuruck und folgte der Richtung mit den Augen, welche seine Schwagerin so lebhaft anzugeben bemuht war, und der Blick, den der Graf jetzt prufend und immer prufender dahin sandte, und die auf seinem Gesichte unverkennbare Spur innerlicher Ueberraschung befriedigte die Herzogin zu ihrem eigenen Nachtheil vollkommen uber die List, die sie sich erlaubt hatte, und uber das davon erwartete Resultat.
Die jungen Damen, von ihren Gouvernanten und Master Copley begleitet, naherten sich nur langsam, sprechend und mit Lucie tandelnd, welche die Zipfel des langen durchsichtigen Schleiers ergriffen hatte, den die Grafin Melville trug, und den sie durchaus als ihr Page dienend ihr nachtragen wollte. Dadurch aber drangte sie dieselbe vor, und es schien wirklich, als ob die sie Begleitenden ihr Gefolge ausmachten. Die Grafin trug noch immer Trauerkleidung, welche von schwarzem seidenen Stoff auf ihren Wunsch erneut war, und nach der damaligen Mode in einem Mieder bestand, welches die Schonheit der Taille sehr vortheilhaft bezeichnete, und Schultern und Nacken enthullte, wahrend der Rock in feinen Falten sich bis zu den Fussen senkte. Dazu gehorten noch die weiten lang niederhangenden Oberarmel, welche, aufgeschnitten, den zierlichen Unterarmel zeigten, der eng anliegend, die Form des Armes umschloss.
Der einzige Schmuck dieser einfachen Kleidung bestand in dem uns bekannten Kreuze, welches an der Perlenschnur von ihrem Halse hinab bis auf die Spitze des Mieders hing, und dessen Werth die Besitzerin wenig kannte, obwohl vielleicht kaum ein ahnliches Geschmeide sich in dem Besitz der reichen Edelfrauen des Landes befinden mochte. Das Haar trug sie nach franzosischer Sitte uber die Stirn gescheitelt und von den Schlafen an in vollen Locken bis zu den Schultern hinabwallend. Das dunkle und glanzende Braun dieses Haares hob die Lilienweisse ihrer Haut, welche nur einen leichten Anhauch von Rothe auf den lieblich geformten Wangen zuliess und dem Lichte auf diesem Antlitze fast etwas Strahlendes gab. Es lag ausserdem in jeder Bewegung und in ihrer ganzen hohen und feinen Gestalt etwas Ungewohnliches, so dass sie die Aufmerksamkeit fesseln musste. Sie schien jetzt ganz mit Lucie beschaftigt, und in ihren Scherz eingehend, hatte sie den schonen Kopf halb zuruckgebogen, um mit ihrem kleinen lieblichen Pagen zu kosen. Auf dem dunkeln Grunde des Schleiers ruhte die feine Linie von Stirn und Nase, und zeigte das gesenkte Auge mit seinen langen schwarzen Wimpern nur in der hohen und schonen Wolbung, zu einer Vollendung der Form erhoben, welche auch ohne die Entschleierung des vollen Blickes eine Verheissung unendlichen Liebreizes war. So hatten sie sich dem Eingange spielend genaht, da erwachte Graf Archimbald aus seinem Anschaun.
Wer ist das? rief er lebhaft, unfahig, sein Auge von dem Eingange zu wenden. Meint Ihr die Grafin Melville? sagte die Herzogin mit einer solchen Kalte und Gleichgultigkeit, dass der Graf wegen des Kontrastes mit ihrer eben geausserten Theilnahme ganz erstaunt zu ihr sah, und die beiden sich so wohl Kennenden bedurften hier nur eines fluchtigen Blickes, um sich gegen einander verrathen zu sehen.
Aber es war nicht Zeit zu naheren Erorterungen, denn so eben trat die Grafin unter den Bogen des Eingangs. Sie wendete ihr Gesicht zu den Anwesenden und suchte mit ausgebreiteten Armen den Schleier aus Luciens Handen zu ziehen. Dadurch wolbte sich der schwarze Flor zu einer Nische um sie her, und als sie langsam und mit steigender Rothe die grossen dunkeln Augen aufschlug und einen Augenblick stillstehend ihre nachsten Schritte zu bedenken schien, glich sie eher den idealischen Traumen eines Raphael, als einem menschlichen lebenden Wesen. Die Herzogin horte hinter ihrem Stuhle von ihrem Sohne, der leise hereingetreten war, einen Ausruf der Bewunderung, ohne dadurch uberrascht zu sein; ward doch auch sie von dem Wesen beherrscht, welches dazu bestimmt schien, durch dieselben Reize, durch die sie die trubsten Gedanken der Herzogin erweckte, sie auch zu bewaltigen und zu versohnen.
Die Sprache der Bewunderung oder des Beifalls, den wir einflossen, ist, wenn auch nur in Blick und Mienen ausgedruckt, eine so leicht sich mittheilende Sprache, dass sie sich auch denen verstandlich macht, die mit der ersten jugendlichen und so glucklichen Unbefangenheit sie nicht durch ihre Vorzuge herbeigefuhrt wahnen, aber dennoch von dem Wohlwollen sich gehoben und erfreut fuhlen, das ihnen entgegentritt. Es ist dies einer der schonen Genusse jenes Alters, wo wir weder Auszeichnung erwarten, noch verlangen, und was uns davon gewahrt wird, mit grossmuthigem Enthusiasmus dem Ideale zurechnen, welches wir uns von den bruderlichen Liebesbanden der menschlichen Gesellschaft entwarfen, gluckliche Traume! welche uns noch frei und lebendig in unserer eigenen Gestalt mit frohlichem Vertrauen hervortreten lassen, wahrend wir spater oft nur den Wunsch behalten, durch ganzliche Unbemerktheit so wohl dem Lobe, als der Verfolgung zu entgehen.
Die Grafin Melville fuhlte in dem Kreise, in den sie trat, und aus den auf sie gerichteten Augen etwas ihr entgegen dringen, das ihre Seele mit Vertrauen und der unschuldigen Heiterkeit erfullte, deren Ursache wir eben erwahnten. Er belebte ihre Zuge und zog den feinen Anfang eines sussen Lachelns um ihren Mund, wahrend sie leicht vorglitt und die kindliche Bewegung machte, der jungern Herzogin die vorgestreckte Hand zu kussen, welches diese jedoch lebhaft verweigerte. Haben wir Euch wieder? sagte sie dabei sehr freundlich, ich sehe, Lucie hat das Sicherste erwahlt, sie hielt Euch fest und that Pagendienste, dass Ihr uns nicht wieder entfliehen konntet.
Weigerte sie sich denn, zu uns zuruck zu kehren? sagte die alte Herzogin und kusste das liebliche Madchen auf die Stirn, wahrend sie einen Augenblick vor ihr auf den Fussschemel sich neigte; dann soll sie zur Strafe neben uns sitzen und mir Seide zupfen helfen.
Ich mochte gefehlt haben, um dieser Strafe nicht zu entgehen, sagte heiter und mit holdem Lacheln die Grafin, machte mich der Fehler nicht der lieben Strafe unwerth. Doch lieber sag' ich, dass Arabella und Lucie meiner Sehnsucht zu Hulfe kamen; es war mir so bang und traurig dort oben allein, und mich verlangte die Freude zu sehen, die ich hier nun verbreitet wusste. Hier streifte ihr helles Auge den jungen Herzog, der immer noch unbeweglich hinter seiner Mutter stand und den Blick vergeblich von einem Gegenstande zu wenden suchte, der seine jugendliche Phantasie mit allen ihren Traumen uberflugelte. Von dem Ausdrucke betroffen, womit der Herzog sie anblickte, wandte sie ihre Augen schnell, um sie einen Augenblick auf dem Grafen Archimbald ruhen zu lassen.
Erlaubt, Lady Melville, dass ich Euch meinen Sohn, den Herzog von Nottingham, vorstelle, sagte jetzt die jungere Herzogin, er freut sich, den Schutz zu bestatigen, den ich so glucklich war Euch zu gewahren. Mylord, sagte die Grafin, als der Herzog zu antworten zogerte, und neigte sanft ihr schones Haupt, ich bitte Gott, dass er Euch segnen wolle in diesem ehrwurdigen Hause, und danke Euch, dass Ihr mir den Schutz nicht entziehen moget, den Eure erhabene Mutter mir so grossmuthig gewahrte.
Die Grafin Melville, hob jetzt der junge Herzog mit einer von Gefuhl uberfullten Stimme an, ist nicht in dem Falle, um Schutz bitten zu mussen; wo sie sich zeigt, wird sie uber das zu gebieten haben, was Jeder zu leisten vermag. Ihre Gegenwart ist eine Gunst des Schicksals, die zu verlangern der einzige Wunsch bleiben mochte. Er hatte sich ihr bei diesen Worten mit einer Ehrerbietung genahert, die auf seinem gluhenden Gesicht einen Ausdruck hervorrief, der seine Worte noch verbindlicher machte. Seine Mutter fuhlte sich unwillkurlich geneigt, ihn zu unterbrechen, und eilte, ihr den Grafen von Glanford, ihren Schwager vorzustellen. Beide Herren schienen, obwohl in sehr verschiedenem Verhaltniss, doch jeder in seiner Art, der Schonheit ihren Tribut zahlen zu mussen. Graf Archimbald wusste namlich fur den ersten Augenblick sich nicht mit seiner gewohnlichen Politur in einigen Worten auszudrucken, sondern schien, zerstreut und abgezogen, und doch ganz mit der Grafin beschaftigt, kaum einige Ausdrucke der Hoflichkeit finden zu konnen. Nicht so die Grafin, welche von einem angenehmen Erstaunen ergriffen, sogleich ausrief:
Graf Archimbald Glanford, Ihr seid der beruhmte Graf Glanford, der Freund des Prinzen Heinrich von Wales! Wie glucklich macht es mich, Euch kennen zu lernen! O Mylord, wie oft horte ich von Euch erzahlen, wie wurdet Ihr geliebt von meinem Oheim, meiner theuern Tante! Wie lange verehrte ich Euch schon vor diesem Augenblicke! Sie hatte mit einer Lebhaftigkeit gesprochen, von welcher sie jetzt selbst uberrascht schien, und die Furcht, zu dreist hervorgetreten zu sein, ubergoss ihr Gesicht mit Purpur und senkte ihr Auge mit wachsender Verlegenheit zur Erde. Doch der Graf war durch diese verstandlichen Zeichen und die schmeichelhafte Beziehung, die darin fur ihn lag, angenehm zu sich selber gekommen und eilte mit seiner ganzen Gewandtheit, ihr zu Hulfe zu kommen.
Er fuhrte sie, hochst verbindliche Dinge sprechend, zu ihrem Sessel, und die Art von Vergnugen, welches er uber ihre Mittheilung auszudrucken versuchte, beruhigte leicht das erschrockene Fraulein, welche nun die Augen mit Vertrauen und mit der holden Klugheit einer jugendlichen Beobachtung auf sein unschones Antlitz wandte, und vielleicht nicht ganz ohne Erstaunen die sehr gewohnliche Bildung des beruhmten Mannes erkannte. Doch war, was wir mit dem Worte gute Erziehung bezeichnen, bei ihr Bildung des Herzens und des Verstandes geworden. Sie unterdruckte daher nicht allein das wenig befriedigende Resultat ihrer Beobachtung, sondern ihr edles Gefuhl milderte selbst gleich im Entstehen eine Regung der Art, weil sie die unsichtbare Schonheit der Seele verehren und die zufallige Hulle vergessen gelernt hatte. Auch besturmten zugleich ihre Brust die vereinten Gefuhle, welche ihr der Anblick eines von den Ihrigen gekannten und geachteten Mannes erregte, und die trostlose Trennung von all diesen Lieben, und das Gefuhl der Gute, des Schutzes, des Werthes ihrer neuen Umgebungen, machte sie vielleicht nur desto weicher.
Es giebt ein unendliches Weh des Herzens, das sich von einem grossen und bestimmten Kummer dadurch unterscheidet, dass es zusammengesetzt ist aus einer Mischung von Leid und Freude, die das klagende Wort vergeblich auszudrucken strebt, deren Sussigkeit wir mit dem Thau unserer Thranen netzen, die Gott uns eben fur dieses halbverstandene Gefuhl des Herzens verliehen zu haben scheint.
So fuhlte sich die junge Grafin, aus so grossem Elend errettet, unter die edelsten Menschen versetzt, ihres Wohlwollens gewiss. Welch ein Gluck! Welch' eine dankbare Verpflichtung gegen Gottes Gute! Und doch getrennt von Allem, was ihr Herz bis jetzt Gluck genannt hatte, von einer Unsicherheit, einer Einsamkeit ihrer Lage uberfallen, von der die Ahnung fruher sie nicht hatte beruhren konnen welch' eine Fulle von Schmerz zugleich!
Unser Geist besitzt oft eine wunderbare Schnelligkeit, uns Alles im selbigen Momente vorzufuhren, was unser Leben ferner oder naher bewegte. Ueber die Saiten in unserer Brust streift die Gedankenflut daher, sie alle beruhrend, des erregten Chaos spottend, welches dann in ihrer Tiefe aufgahrt. Wie von korperlichem Schmerze, so dehnte sich das junge Herz in dieser bangen Qual, als der Graf von Glanford, nach den Thrigen liebreich forschend, sie um die Namen seiner unbekannten Freunde fragte. Sie hob das Auge, welches redender, als ihr im Schmerz geschlossener Mund, zu ihm sich wandte, doch bald in grosse Tropfen sich verhullte, die bebend auf ihre heisse Wange sich entluden und stets von Neuem aus der Fulle des gepressten Herzens sich ersetzten. Es war etwas Unaussprechliches in der Theilnahme, womit man dies bezaubernde Antlitz bis zum Schmerze getrubt sah, um so mehr, da man es einen Augenblick fruher in seiner ursprunglichen freien Schonheit und Klarheit geschaut hatte. Graf Glanford war dazu bestimmt, zum zweiten Male verlegen zu werden; denn er sah sich als die unschuldige Ursache ihrer aufgeregten Wehmuth an, und war doch wenig darauf eingerichtet, in diesen zarten Keimen des Gefuhls sich zurecht zu finden, und doch zugleich wie dazu aufgefordert, sich hier vermittelnd zu erweisen.
Gewiss waren ihm die Damen, die ihre Theilnahme nicht langer zuruck halten wollten, zu Hulfe gekommen, hatte nicht der klare und starke Verstand des liebenswurdigen Madchens sich selbst die Hulfe verschafft, die ihrem uberwallenden Gefuhle das Maass zu geben geneigt war.
Zurnet mir nicht, Mylord, sagte sie und brach mit Gewalt die schonen Lippen zum bittenden Lacheln, wahrend sie die heissen Tropfen in ihren Augen erdruckte, ich bin fremd und neu in der Fulle der Traurigkeit, in die mich Gottes Wille gefuhrt hat; aber meine theuern Erzieher sollen nicht vergeblich in Sorge und Liebe sich um mich bemuht haben, ich will stark werden auch im Ungluck. Vergebt mir, ich ward jetzt uberwaltigt, weil meine Gedanken an Allen hinglitten, die ich geliebt und verloren habe. Aber, fuhr sie vollig gesammelt und mit einem ruhrenden Eifer fort, ich war undankbar, so viel Schmerz zu empfinden, wo ich auf's Neue nur Ursache zu danken hatte, da ich in Euch, Mylord, eine hochverehrte und von den Meinigen gekannte Person fand. Ihr werdet den Grafen von Marr, meinen theuern Oheim, kennen, Ihr werdet ihn zu mir fuhren; Ihr sahet ihn vielleicht jetzt, denn Ihr kommt ja aus London, Ihr musstet ihn sehen, denn er lebt im Gefolge des Konigs.
Sie hatte diese Worte mit Hast gesprochen, wahrend ihre Augen immer mehr vom Glanze der steigenden Hoffnung sich belebten, und jetzt zur Gewissheit einer schnellen Nachricht von dem theuern Oheime gelangt, hing ihr Blick mit freudiger Erwartung am Munde des Grafen. Aber es stand nicht in seiner Macht, diese ersehnte Auskunft zu geben, ja, er verbarg nur mit Muhe sein Erstaunen uber einen Namen, den er allerdings unter dem schottischen Adel als angesehen kannte, den er aber am Hofe des Konigs nie unter denen hatte nennen horen, die ihn dort umgaben; viel weniger noch war eine solche Person ihm selbst bekannt.
Mein Aufenthalt in London, Mylady, sagte der Graf mit aller Schonung, welche das ungeduldige Verlangen der Fragenden ihm auferlegte, war in dieser Zeit nur kurz und wenig um die Person unsers gnadigen Konigs. Seine Gesundheit beschrankte ihn auf das fast nur augenblickliche Erscheinen bei hochst nothigen Feierlichkeiten; er blieb sonst auf seine innern Gemacher und seine gewohntesten Umgebungen beschrankt, und da ich wie meine Schwagerin vielleicht schon die Gute hatte Euch zu erwahnen fruher meinen Aufenthalt in Deutschland nahm, so konnte leicht mir unbekannt bleiben, dass der Graf von Marr sich am Hofe befindet. Ich kann Euch also leider fur diesen Augenblick keine erwunschte Auskunft geben.
Aber, fiel hier der junge Herzog mit Ungeduld und dem Verlangen, zu dienen, ein, Euer Wunsch soll auf das Schnellste in Erfullung gehen. Ich eile meinem Bruder Richmond Eure Befehle zu ubergeben, er lebt durch meinen Grossoheim in unmittelbarer Beruhrung mit der Person des Konigs, er wird so glucklich sein, Euern Oheim aufzusuchen, und ihn von dem Aufenthalt benachrichtigen, den Ihr hier anzunehmen uns wurdigt. Habt die Gnade, unterrichtet mich, ob Ihr noch weitere Mittheilungen zu machen habt, bestimmt, wann ich den Boten absenden soll.
Sehr verschieden war der Eindruck, den diese ganze Scene bis auf die letzten Worte des Herzogs, auf die Anwesenden hervorbrachte.
Die junge Grafin wandte sich von der untergehenden Hoffnung in dem Grafen, der neu erweckten in des Herzogs thatigen Verheissungen zu, und wer hatte auch nicht aus dem aufrichtigen, zuverlassigen Ausdruck dieses Gesichts Hoffnung schopfen wollen! Die Grafin selbst, so hingebend und empfanglich gebildet, fuhlte sogleich ein frohliches Vertrauen zu ihm aufleben, und ihr schones Auge dankte ihm, noch ehe die holden Lippen es vermochten:
Ihr seid so grossmuthig, so mitleidig mit meiner kindischen Unschuld! Er wird ja ebenso, wie ich, sich bestreben, mich zu suchen. Ich konnte es erwarten, aber viel freudiger wird mir doch sein, wollt Ihr gutig thun, wie Ihr so eben sagtet; dann wird sich leichter und schneller dies ersehnte Wiederfinden treffen, und ich werde Euch viel danken, ach, unendlich viel, setzte sie innig hinzu, unendlich viel, wie diesem ganzen Hause!
Dessenohngeachtet, sagte die jungere Herzogin, mochte ich bitten, die Sendung, die Du zu machen denkst, noch so lange aufzuhalten, bis dass ich die mir mitgetheilte hochst anziehende Geschichte unserer jungen Freundin dem Grafen Archimbald, ihrer Erlaubniss gemass, mitgetheilt haben werde; denn es wird dann, denke ich, die Art, wie die Nachfragen nach den Verwandten der Grafin einzuleiten sind, besser sich bestimmen lassen.
Mit diesem Ausspruch schien Niemand zufriedener, als Graf Archimbald, welcher lebhaft darein einstimmte. Unverkennbar war dagegen ein leichter Anflug von Erstaunen in den Zugen der jungen Grafin, welches zu sagen schien, was es noch einer besondern Art der Nachfrage bedurfe, wo der Weg so einfach vor Augen liege; und der junge Herzog, dem dies in der gespannten Aufmerksamkeit, mit der er sie betrachtete, nicht entging, fuhlte sich eben nicht dadurch zu einer unbedingten Beistimmung veranlasst.
Wenn die Grafin Melville gern und ohne Zwang in diese Zogerung willigt, sagte er ernst, aber ehrerbietig gegen die Herzogin geneigt, wird Euer Wille, wie immer, mir Befehl sein; doch bitte ich Euch, thut Euerm Herzen nicht Zwang an, sagt ein Wort, und ich eile in dieser Stunde noch, Boten nach London abzusenden.
Nein, Nein! Mylord, seid nicht so rasch, rief hier die Grafin, denn ihr kluges Auge hatte schnell den stolzen Blick der Herzogin aufgefasst, der der kleinste Widerstand zur Krankung ward. Nie mochte ich gegen den Willen Eurer verehrten Mutter handeln wollen. Wie kann ich ubersehn, was sie in ihrer weisen Gute als Recht erkennt? Nein, Mylady, bestimmt es selbst, wann dieser Schritt geschehen soll, ich will nicht mit kindischer Ungeduld Euch lastig werden, und Euch vertrauen, lieber und ruhiger, als mir selbst.
Diese Worte, so wahr und rein aus dem Innern kommend, gingen wie ein Engelgruss von Herz zu Herzen. Der ernste Anflug, den die Erwahnung so wichtiger Umstande hervorgerufen, schien von ihr, die ihn veranlasst hatte, ebenso wieder gebannt zu werden. Die alte Herzogin half stets eine freie und ruhige Stimmung begunstigen, die jungere Herzogin war versohnt und suchte ihre innere Unruhe zu bekampfen. Graf Archimbald mischte sich um so schneller in das Spiel leichter Worte und Scherze, als er alle Gefuhlsscenen gern vermied, und die bescheiden zuruckgezogenen Tochter und Damen des Hauses fuhlten sich zur willkommenen Theilnahme angeregt; nur der junge Herzog war verandert, und seine ganze Fahigkeit schien in ein tiefes Anschauen der Grafin Melville aufgelost. Aber auch er widerstand dem Zauber nicht, den sie uber Alle ubte. Sein Interesse weiblich zart errathend, sah sie darin nur eine willkommene Veranlassung, gutig den zu behandeln, der sich ihr theilnehmend gezeigt. Unschuldig begegnete sie seinem Blicke, fragte das Wort so oft ihm ab, dass er, selbst endlich redend, heiter zum seligsten Gefuhle seines erhohten Selbstes kam, und nun in einer Belebung der Gedanken und Gefuhle dahin wogte, dass er wieder Allen, die ihn kannten, verandert erschien, nur der jungen Grafin nicht, die ihn recht lieb haben musste und sich recht froh gestand, wie gut doch Alle waren, die dies Haus umschloss. Die Gesellschaft nahm am andern Morgen in der schonen mittleren Halle, von der Lieblichkeit des Tages angelachelt, das Fruhstuck ein, das in ungezwungeneren Formen, als die Mittagstafel, den Damen kleine Geschafte, den Herren Gelegenheit zu tausend hoflichen Dienstleistungen verschaffte, die nicht durch Vorschneider und Mundschenk besorgt werden durften, wie es die Etikette der Tafel verlangte. Man sass, weil man wollte, man schlupfte von einem zum Andern, es war erlaubt, und die ungezwungene Laune waltete mit der leichtern Form lieblich uber Allen.
Die in der Haus-Livree, nicht in Gala, die erst zu Mittag eintritt, versammelten Diener sind um diese Zeit, von den Stuhlen entfernt, zu der Bedienung des Schenktisches versammelt, oder paradiren in stummer Aufmerksamkeit, bis ein Pfeifchen, ein Wink, ein Ruf von der Tafel herschallt, der ihre Hulfe begehrt. Jeder kennt den ihm eigen zugehorigen Dienst, und kein unruhiges Sausen der sich uberrennenden Diener stort die freie Bewegung der Herrschaften und ihre heiter waltende Laune. Die Dienste, welche diese sich leisten und dadurch in das Amt der Diener eingreifen, werden auch fur diese Klasse der Anwesenden eine unendliche Quelle scherzhafter und launiger Bemerkungen und Beobachtungen. Was beim Fruhstuck geschah, wird fur sie oft die Veranlassung frohlicher Gesprache fur den ubrigen Theil des Tages, wo die Schlossbedienten endlich am Kaminfeuer mit der geringeren Dienerschaft im Kleinen die vornehmen Manieren und herablassenden Scherze nachahmen, die sie am Morgen ausspenden sahen.
Seit lange schien kein Tag frohlicher zu beginnen, als dieser. Die jungen Damen fuhlten ihre Laune belebt durch die gewandte Heiterkeit des jungen Herzogs. Graf Archimbald verstarkte durch einzelne eingestreute Worte die harmlosen Witzfunken der jungen Leute. Die alte Herzogin sass mit ihrem feinen Angesichte, wie die Quelle unschuldiger Heiterkeit, oben an. Sie erzahlte kleine Zuge von alten, langst vergessenen Sitten, ja, sie sang sogar mit einem feinen Silberhauche der Stimme den Vers einer Ballade, den sie oft ihrer Mutter, der Grafin Burleigh, von der armen Spinnerin Josseline singen musste, welche fur ihren Fleiss dadurch belohnt ward, dass ihre eignen schonen blonden Locken sich in Goldfaden verwandelten, die sie taglich unverringert spinnen durfte und so die Gemahlin eines Fursten ward. Nicht ohne Wahrscheinlichkeit, sagte sie lachend, dass sie nicht gar unsere Stamm-Mutter ist; denn mutterlicherseits war es ein angesehenes altes Geschlecht, dem mein Vater seine Tugenden zugesellte. Wer hatte bei dieser Erzahlung nicht unwillkurlich auf Lucie geblickt, deren goldlokkiges Kopfchen aus dem Arme der Grossmutter uber die Tafel sah und an die Ahnfrau denken liess, die so liebliches Lockengespinnst auf diesen reizenden Nachkommling verpflanzt zu haben schien. Doch Luciens Seele hing mit Begierde an der Erzahlung von Josseline. Sie wusste nicht, dass sie blonde Locken habe, und kannte das Dasein derselben nur aus den Bemuhungen der Miss Dedington, wenn diese sie glanzend zu kammen und mit Schleifen zu durchschlingen pflegte, auf Unkosten der ganzen Geduld der dadurch sehr sich gequalt fuhlenden Kleinen. Du siehst, Lucie, sagte ihre Mutter, zu ihr hinuber lachelnd, wie Fleiss und Tugend immer belohnt werden, Du sollst mir kunftig den Vers von Josseline singen, wenn Miss Dedington Dir ein gutes Zeugniss giebt, und kann ich Deine Locken auch nicht in Gold verwandeln, zum Lohne finde ich doch wohl Manches, was statt des kostbaren Gespinnstes Dir Freude macht. Das entzuckte Lacheln Luciens verschwand, als sie die von geheimer Schuld gelenkten Blicke auf Miss Dedington wandte, welche, zwar nicht ungutig, aber doch Lucien bemerklich, schnell mit dem Finger drohte und dann fortfuhr, ihr Fruhstuck zu halten.
Ein breiter kindischer Seufzer machte sich aus Luciens kleinem Herzen Luft, und sie sagte ganz ernst und nachdenklich:
Das ist Alles lang her; mussen wir denn immer immerfort fleissig sein, ist denn nicht Einer, der doch den lieben Gott lieb haben kann und nicht immer zu arbeiten braucht? Graf Archimbald hatte schon einige ketzerische Worte in Bereitschaft, unendlich ergotzt durch die unbewusste Ironie, womit Lucie sich gegen den harten Preis ihrer Gottesliebe auflehnte, aber der lachelnde Mund wendete sich ab, als die alte Herzogin mit liebender Hast ihr sanftes Nein sprach und einige Worte hinzufugte, die das holde Kind wieder aufblicken liessen. Besonders half dazu das Versprechen, ihr die Ballade von Josseline zu lehren, damit sie im zu hoffenden Falle doch die Mutter an ihr Versprechen erinnern konne. Und dann, rief Lucie, wenn ich zuerst Josseline singe, was schenkst Du mir dann? Nun? sagte die Mutter wieder fragend, was mochte wohl Luciens Herz erfreuen? Lucie hielt die kleinen Hande jauchzend vor den Mund und blickte schelmisch zu ihrer Mutter heruber, dann rief sie uberlaut, die Handchen hoch ausstreckend: Ein Pferd, Mama! ein schones kleines Pferd! Ein Pferd? rief es von allen Seiten, und lautes Lachen tonte den Worten nach, und Lucie flog im frohen Jubel um die Tafel, ihren Wunsch unablassig wiederholend, den sie von Allen mit Scherz und Lachen aufgenommen sah. Hat man je gesehen, dass ein solches Kind ein Pferd besteigt, rief der junge Herzog und fing Lucie in seine Arme auf, mit zartlicher Liebe sie an sein Herz druckend. Du wildes Kind, so erwarb Josseline ihre goldenen Lokken nicht.
O scheltet sie nicht, Mylord, sagte Lady Melville und zog Lucie, strahlend von eigener jugendlicher Heiterkeit, zu sich heran; ich, Lucie, bin ganz Deiner Meinung. Nichts Schoneres giebt es, als ein muthiges, leichtes Pferd, welches uns mit seinem raschen Fluge dahin tragt, als ob Schwingen uns entfuhrten, dessen klugem Blicke wir vertrauen konnen, das unsere Liebe versteht, und den feurigen Willen mit Treue und Gute dem leichten Zucken unsers Fingers fugt; ein schones, herrliches Geschopf Gottes!
Zu Pferde! Zu Pferde! rief der junge Herzog und sprang mit lauter Freude von seinem Sessel, entzuckt von der Lobrede, welche von so schonem Munde seinem Lieblingsvergnugen gehalten ward. Alles erhob sich. Die schone reine Morgenluft, der sonnige Himmel, die grunende Erde im zartesten Schmucke des Fruhlings, Alles schien die Stunde zu einem frohlichen Ritt zu begunstigen. Die altern Damen gewahrten freundlich den jungern dies Vergnugen, an dem sie nicht mehr Theil nahmen; ein Wort der Herzogin hielt Graf Archimbald gleichfalls zuruck, und so wurde dem jungen Herzoge die Anordnung ubergeben, welcher sogleich mit Ramsey fortsturmte, selbst die Befehle dem Stallmeister zu ertheilen und das schonste Pferd fur die zu wahlen, die so feurig seine Tugenden zu erkennen wusste.
Die jungen Damen entfernten sich mit Mistress Corby, um sich zu diesem Vergnugen zu rusten. Lucie bekam von Miss Dedington das Versprechen, die Damen von dem Altan der Grossmutter in das Thal reiten zu sehen. Dahin begaben sich auch die drei alteren Personen, da die jungere Herzogin um Erlaubniss gebeten hatte, ihrer Schwiegermutter und ihrem Schwager die Geschichte der Grafin Melville mittheilen zu durfen.
Kaum hatte man den Altan erreicht, als die frohliche Cavalcade um die Walle des Kastells herum kam und sich in der freiesten Bewegung in dem lieblichen Thale ausbreitete, welches mit seinem grunen Wiesengrunde den leichten Hufschlag der Pferde elastisch wieder zu geben schien.
Arabella war eine geschickte Reiterin, sie sass mit Ruhe und Festigkeit im Sattel, und wusste ihr schones, frommes Pferd mit leichter Hand in jede ihr gefallige Richtung zu lenken. Sie sah schon aus, wenn ihr bluhendes Antlitz unter den dunkeln Locken vorblickte und die jugendliche Gestalt sich leicht im Sattel trug. Auch liebte sie voraus zu reiten, und ihr Stallmeister, der, stolz auf seine Schulerin, ihr gern zur Seite blieb, durfte ihr Kunste vormachen, die sie geschickt nachzumachen wusste. Man gewahrte sie auch jetzt beide zuerst um den Vorsprung der Mauer biegen; sie machte mit ihrem Pferde die Ehrenbezeugungen nach dem Altan hinauf und flog dann wie ein abgeschossener Pfeil in den Thalgrund.
Der Herzog hatte der Grafin Melville die Wahl gelassen zwischen drei gleich schonen Pferden. Aber wie hatte sie, die Kennerin, unter ihnen das weissgeborne zarte Rosslein mit dem hohen schlanken Halse und den feinen Beinchen sehen konnen, und nicht mit Entzucken seinen Zugel ergreifen sollen. Es schnaubte sie an und warf den Hals koniglich zuruck, und die rosenrothen Nustern und das volle, schaumende Gebiss, die zuckenden rothlichen Oehrchen und die hellen braunen Augen, womit es klug und treu die Grafin anblickte, waren fur die Bewunderin dieser herrlichen Thiere eben so viele Reize, an denen sie sich erfreute. Als die eben so gerotheten Hufe wie auf gluhendem Boden sich spielend ablosten, nirgends mehr Ruhe habend, strich sie mit den zarten Handen die feinen, aus den Flechten gekammten Mahnen zuruck, und ehe der Herzog hinzueilen konnte, den Steigbugel zu halten, flog sie leicht, ohne Sprung oder heftige Bewegung, als ob eine Feder den Boden unter ihrem Fusse leicht gehoben, in den Sattel, hatte eben so den Zugel besonnen gefasst und belohnte mit einem Ausruf der Freude den Bogensprung des lebhaften Thieres.
Die sind einander werth, sagte der alte Stallmeister des Herzogs, ihr wohlgefallig nachsehend, indem er ihm sein Lieblingspferd zufuhrte, jedes in seiner Art ein Meisterstuck! Meinst Du? lachelte entzuckt der junge Herzog, und schon flog er dem leichtfussigen Schimmel nach, welcher, der geschickten Hand sich bewusst, ein Muster war an Muth und leichter Bewegung, an Gehorsam und Beobachtung des leisesten Winkes. Als sie nun beide schnell hinter einander um den Vorsprung bogen, empfing sie Luciens Freudengeschrei, die an ihrer geliebten Lady Maria mit ganzer Seele hing. Die Grafin hielt sogleich den sturmenden Galopp ihres Pferdes an und liess es zierlichen Schrittes unter dem Altan dahin tanzen, indess sie das schone Antlitz, von unschuldiger Freude belebt, empor hob und ihnen ihre Grusse zurief.
Dann eilten sie frohlich, Arabella einzuholen, die ihnen jedoch umkehrend entgegen flog, und so bildete sich der kleine Zug, an den sich Master Corby, Stanloff, der Stallmeister des Herzogs und einige Diener anschlossen. Die Zuruckgebliebenen konnten sich von dem reizenden Anblick nicht trennen. Der Morgenwind hob die wallenden Federn auf den Barets, in der reinen Luft zeigten sich die Umrisse der feinen Gestalten; Anmuth und Heiterkeit schien uber Alle verbreitet, und der etwas schwere Nachtrab verdarb diesen Eindruck nicht, den die drei Voreilenden erregten.
Man schien ohne Verabredung auf dem Altan bleiben zu wollen, bis die Hugelreihe von Cheffield die Reitenden dem Nachblicke entziehen wurde, als die Herzogin einen kurzen Schrei ausstiess, unwillkurlich eine heftige Bewegung gegen die Brustung des Altans machte und dann schnell versuchte, Gaston zuruck zu rufen, der die ferne Stallhutte bei dem Gerausch der Abreitenden gesprengt hatte und jetzt zum Nachsetzen mit wilder Hast sich auslegte, fast mit seinem Leibe den Boden beruhrend. Der Ruf der Herzogin ging zwar nicht ganz verloren, und Luciens kleine Stimme unterstutzte ihn machtig, doch Gaston stutzte wohl einen Augenblick, sah nach dem Altan hinauf und ausserte seine Freude durch einige ungeschickte Sprunge; als er aber einsah, er solle bleiben, stiess er eine Art Jammergeschrei aus, blickte hinauf, als bate er um Gnade, und sturzte im selben Augenblick mit verdoppelter Schnelligkeit den Reitenden nach. Die Herzogin hielt den Athem an und die Augen auf die Scene vor ihr gewendet, denn nur zu bald hatte er den Hintertrab durchbrochen, und im selben Augenblick sprang er an dem Pferde der Grafin Melville hoch in die Hohe, sie selbst, wie es schien, umarmen wollend. Doch das Pferd der Grafin, nicht wenig erschreckt, machte einen Satz vorwarts in die Luft, so dass es der ganzen Geistesgegenwart der Grafin bedurfte, um nicht aus dem Sattel zu fliegen. Der zweite Schrei, den hier die Herzogin vernehmen liess, motivirte schnell den ersten. Das wilde Thier! rief sie, ich furchtete gleich Ungluck von seinem Ungestum. Gaston fuhr indessen, nachdem er seinen Herrn und Arabella gleichfalls begrusst hatte, immer fort, der Grafin alle moglichen Liebkosungen zu machen, und Graf Archimbald bemerkte in einigen Worten gegen seine Schwagerin diese auffallende Freude an einer Fremden. Die Herzogin musste nun antworten, und vielleicht fuhlte sie, dass die angstlichen Zweifel der Grafin uber diesen Gegenstand nicht ohne Grund waren; denn sie selbst konnte nur mit der hochsten Ueberwindung und abgewendetem Gesicht sich zum Antworten entschliessen.
Gaston, Mylord, sagte sie gedrangt, war es, der die Grafin auf der Terrasse entdeckte, und seitdem durch sein mitleidiges Herz und die dankbaren Liebkosungen der Grafin sich ausserordentlich an sie attachirt hat. Ja, Oheim! rief Lucie, davon will ich Dir erzahlen, wie Gaston, mein lieber, guter Gaston, nicht von ihr ging, bis sie erwachte, und dann. Lass das jetzt, Lucie, sagte die Herzogin freundlich, aber unabweisbar, nicht umsonst sind die Brodkrumchen wohl in Dein Schurzchen gepfluckt; futtere jetzt Deine kleinen Schutzlinge, sie harren schon dort und haben mit ihren klugen Aeuglein langst gesehen, dass ihre kleine Lucie ihnen wieder Futter bringt. Lucie ging sogleich in diese erfreuliche Gedankenreihe ein, jauchzend hupfte sie an den Rand, wo die nun schon belaubtere Birke das liebe Nestchen beschutzte, streute ihr Brockchen und ging dann, von Miss Dedington sanft erinnert, wie ein sehr artiges Kind, unter hoflichen Grussen von dannen. Man nahm an den geoffneten Thuren Platz, und die Herzogin erzahlte nunmehr ihrer Schwiegermutter und ihrem Schwager die Geschichte der Grafin Melville, wie sie uns bereits bekannt ist.
Die Pause, die nach Beendigung derselben eintrat, und worin der Graf eine Bemerkung seiner Mutter zu erwarten schien, ward endlich von ihm selbst unterbrochen. Es schien ihm nicht ganz leicht, das rechte Wort zu finden, denn auf den eingefallenen Wangen und erschopften Zugen seiner Schwagerin, welche sich auffallend schnell wahrend ihrer Erzahlung gebildet hatten, lag fur den feinen Beobachter ein Commentar zu der Mittheilung, die sie mit der strengsten Wahrheit wieder zu geben bemuht gewesen war, den er aber noch nicht zu entrathseln vermochte. Man spricht indess haufig am ehesten das aus, was sich eben unsern Gedanken mittheilt, wenn es uns zweifelhaft bleibt, wodurch wir die Anwesenden schonen oder beschwichtigen konnen, und es scheint, der Graf befand sich in demselben Falle.
Ich glaube, sagte er mit der hoflichen Miene, wodurch er stets seine Anreden eroffnete, uns allen kann es nicht entgehen, dass die junge Dame uber ihre wahre Lage entweder selbst getauscht worden ist oder, was ich ungern hinzufuge, uns zu tauschen versucht hat. Was sie von Namen und Ort mitgetheilt hat, furchte ich, wird sich eben so wenig bestatigen, als ihre Unbekanntschaft mit denen, die sie nicht zu nennen weiss, sich einigermassen wahrscheinlich zeigt. Ich glaube, dass es dem Scharfblick der Damen nicht entgangen ist, dass ich mit einer Antwort uber den Grafen von Marr nur Zeit gewinnen wollte, denn allerdings hatte ich ihr sogleich bestimmt sagen konnen, dass Keiner dieses Namens am Hofe und in der Nahe des Konigs lebt. Die Familie wird Ihnen, wie mir selbst, sehr wohl bekannt sein; sie spielte keine unbedeutende, wenn auch eine etwas zweideutige Rolle in den Unruhen Schottlands unter der Regierung ihrer unglucklichen Konigin Maria. Ich habe einen Grafen von Marr gekannt, aber er war ein Greis, als ich in der ersten Jugend mit meinem Vater, auf Befehl der Konigin, nach Schottland ging, wo er an Jakobs Hofe, gebeugt und kaum noch lebend, sich zuweilen zeigte. Doch nachdem die traurige Botschaft des Todes der Konigin Maria, welche mein verehrter Vater so ungern uberbrachte, von ihm gehort ward, zog er sich auf sein Stammschloss nahe bei Edinburg zuruck, und man sah seinem Tode alsbald gewiss entgegen. Dieser Graf hatte aber nur zwei Tochter aus zwei verschiedenen Ehen. Seine erste Gemahlin war eine franzosische Dame, welche mit Marie von Guise, der Gemahlin Jakob des Funften, nach Schottland gekommen und eine ziemlich nahe Anverwandtin der Konigin war. Die alteste Tochter aus dieser Ehe kennen wir. Sie heirathete den Ritter Villers, wie ich glaube, gegen den Willen ihres Vaters, und lebte in tiefer Abgeschiedenheit, man sagt sogar in Armuth, bis nach dem Tode ihres Gemahls ihr Sohn an unserem Hofe eine Stellung einnahm, die auch seine Verwandte erheben musste, und wir haben diese Dame als Grafin von Buckingham damals gesehen. Die zweite Gemahlin war eine Englanderin, fuhr er rasch fort, aber ich bin unsicher uber ihren Namen. Auch diese gab ihm eine Tochter; die Mutter starb jedoch bei der Geburt derselben, so dass der Graf ohne weitere Erbin blieb, sich aber, glaube ich, spater in soweit mit seiner altesten Tochter aussohnte, dass er ihr die viel jungere Stiefschwester zur Erziehung ubergab. Dies ist Alles, was ich seit gestern mit meinem Nachdenken uber diese Familie habe herausbringen konnen, und es scheint wenig zu der Erzahlung der jungen Dame zu passen. Denn selbst angenommen, die jungste Tochter des Grafen Marr habe den Grafen Melville geheirathet, und sie sei die Tochter aus dieser Ehe, welches leicht zu erfahren sein wird, wo bekam die Grafin Melville eine jungere Schwester und zwei Bruder her, da sie nur eine altere Stiefschwester hatte? Und doch, fuhr der Graf fort, immer lebhafter in die Auseinandersetzung dieser Geschichte sich vertiefend, doch ist dieser unwahrscheinliche Theil ihres Gestandnisses noch der bei weitem klarste desselben; denn allerdings hat sie grosses Recht, selbst uber ihre Unwissenheit hinsichtlich des zweiten Theils zu erstaunen. Sie kennt den Namen eines Ortes nicht, welcher das Ziel ihrer Wunsche, ihres Strebens war, den sie jahrlich ein Mal, vielleicht ofter besuchte; sie horte nie den Namen des besten Freundes, ihres Verwandten, sie begnugt sich damit, ihn Graf Robert zu nennen. Eine wahrlich sehr naive, vertrauensvolle Hingebung, die aber, daucht mir, nicht verletzt worden ware durch die naturliche und einfache Bitte um die Namen so geliebter Gegenstande, als hier beide, Ort und Person, ihr waren. Die unnaturliche Verfolgung des einen Oheims, wahrend der andere so liebevoll erscheint, ist auch schwer in Uebereinstimmung zu bringen und scheint auf eine merkwurdige Unkenntniss des Individuums sich zu grunden, die durch den alten Kammerdiener so leicht gehoben werden konnte, wenn man auch annehmen will, dass das Fraulein selbst durch Schreck und Furcht abgehalten ward, sich als die Nichte dieses erzurnten Mannes anzugeben. Ist sie wirklich eine Grafin Melville, musste ihr dies doch wohl einiges Recht auf Schutz geben, und dies konnte auch ihrem Diener bei der grossten Einfachheit nicht entgehen. Nimmt man nun leicht wahr, dass diese letzten Umstande, wie der Tod des Kammerdieners, vollig dazu geeignet sind, uber ihre Ankunft hier ein rathselhaftes Dunkel zu verbreiten und jede unserer Nachforschungen unsicher zu machen, da alle Bestatigung des Einen oder Andern nur in der jungen Lady uns aufbehalten ward, so finden wir uns dadurch unlaugbar ganz in ihrer Hand, und wenn ich damit auch keineswegs gegen ein so liebenswurdiges und junges Wesen Verdacht erregen mochte, scheinen doch so viele Widerspruche eine sehr sorgsame Nachforschung zu verlangen.
Er wandte sich gegen das Ende seiner Worte ausschliesslich gegen seine Schwagerin, wie es schien, sie zur Theilnahme aufzufordern, aber die Herzogin blieb unbeweglich, die Augen auf die Erde geheftet, mit vollig entfarbten Wangen, die Spitzen der Finger an ihr Kinn gelegt, es gleichsam stutzend. Doch schien die alte Herzogin bemuht, die Aufmerksamkeit ihres Sohnes von der geliebten Schwiegertochter abzulenken. Sie richtete sich in ihrem Stuhl empor. Gewiss, mein Sohn, sprach sie, giebt's hier ein Dunkel, welches, zum Nachtheil fur dies liebenswurdige Madchen, uber ihre Angelegenheiten verbreitet ist. Aber gegen den Verdacht einer absichtlichen Tauschung ihrerseits schutzt sie, daucht mich, ihre eigene Aufzahlung dieser Widerspruche, ihre so naturliche Betrubniss daruber, ihr kindlicher Wunsch, von uns uber alles das, was sie beunruhigt, Aufschluss zu erlangen. Sollte man wohl annehmen konnen, selbst wenn wir das beredte Zeugniss ihres unschuldigen Antlitzes und ganzen Betragens verwurfen, sie habe einen Plan gemacht, unser Interesse zu erwecken, da derselbe uns doch nicht zu ubersehende Data angiebt, der Wahrheit nachzukommen, die selbst durch den plotzlichen Tod der nachsten Verwandten doch nicht an Wichtigkeit verlieren, ja, wie mir scheint, uns eine Wahrheit mehr an die Hand geben; denn wir horten ja von dem traurigen epidemischen Fieber, welches in Folge der bedeutenden Ueberschwemmungen ausgebrochen war.
Wohl, sagte Graf Archimbald lebhaft, fast alle Kustenlander sind davon heimgesucht gewesen, und namentlich in Cumberland sind oft ganze Familien ausgestorben; aber allerdings liegt in der allgemein verbreiteten Kenntniss dieser traurigen Umstande auch eine grosse Leichtigkeit, sie fur die eigenen Begebenheiten anzufuhren. Lass mich Dir weiter bekennen, fuhr die alte Lady fort, dass die vorerwahnten Unwahrscheinlichkeiten fur mich eigentlich nicht da sind. Wohl ist es lange her, dass ich jung war; dennoch kann ich mir sehr gut ein junges, feuriges Wesen denken, die uber der Liebe zu den Personen, die ihre Aufmerksamkeit, wie mir scheint, absichtlich so ausschliesslich in Anspruch nahmen, Ort und Namen und auch wohl noch mehr vergessen konnte.
Du lachelst, Archimbald, setzte sie selbst lachelnd hinzu, aber wer uber siebzig Jahr hinausreicht, dem dammert wieder die Jugend auf. Mir ist, als konnte ich heute noch durch den Werth von Personen, zu denen ich kame, so entzuckt werden, dass ich Ort und Namen zu erfragen vergasse. Dies ist ja ein Hauptvorzug der Jugend und gerade diesem liebreizenden Wesen, in welchem sich sogleich beim ersten Anblick ein innig hingebendes und, tiefes Gefuhl ausspricht, am leichtesten zuzutrauen. Dies gab sie wohl ohne Vorbehalt den Anregungen hin, die sich ihr darboten; ihr vor Allen traue ich diese kindliche Hingebung ganz zu, die man auch unfehlbar benutzt hat, sie, ohne gerade Lugen zu erdichten, an der Wahrheit voruber zu fuhren.
Mochte doch der Himmel Jedem, den er lieb hat, einen Vertheidiger zufuhren, wie Dich, sagte Graf Archimbald, zartlich seiner Mutter in die klaren Sterne ihrer sanften Augen blickend. Ich bin zu Allem erbotig, bereit, mich in Alles zu fugen, was die Damen in der Art bestimmen wollen, wie sie mich zu gebrauchen denken, und wie ich ihnen den Umstanden nach etwa nutzlich werden kann. Ich glaube allerdings, dass unser Schutzling mehr das Opfer von Planen geworden ist, die entweder schlecht berechnet waren oder durch unvorhergesehene Falle eine jahe Wendung nahmen. Denn, wie ich hore und zum Theil auch sah, ist sie im Besitz von Kostbarkeiten, welche auf eine reiche Ausstattung und hohern Stand ihrer bisherigen Beschutzer schliessen lassen, und es ist zu erwarten, dass wir bei der zartlichen ihr erwiesenen Liebe, obgleich dieselbe nur noch in der Person des einen Oheims existirt, doch uns entgegen kommende Nachforschungen hoffen durfen! Nur am wenigsten mochte ich sie fur eine Grafin Melville halten.
Nicht so rasch, Mylord! rief hier die Herzogin stark und rauh, und riss sich mit Gewalt in ihrem Stuhl empor, wahrend in ihrem bisher so todten Auge ein Strahl der verschiedensten Empfindungen sich Bahn brach. Welche Consequenz kann uns zwingen, an ihr den hartesten Raub zu begehen, ihr sogar das Vorrecht eines Namens zu nehmen? Damit mussen wir nicht anfangen, ihrem Schicksale zu Hulfe zu kommen; das hiesse im Voraus Alles werthlos machen, was wir ihr Liebes thun mochten im Uebrigen! Und nicht edel ist es von Euch, auf diese Weise Eure Hulfe anzubieten. Sie versank nach diesen Worten wieder in sich, unbekummert, wie es schien, uber den Eindruck, den ihre Heftigkeit erregen musste.
Auch war diese Wirkung sehr verschieden bei den beiden noch anwesenden Personen. Wahrend namlich die alte Herzogin mit dem hochsten Ausdruck von Liebe und Besorgniss auf sie blickte, lagerte sich die eisigste Kalte auf die Gesichtszuge des Grafen Archimbald, und seine breiten, unschonen Lippen verfeinerten sich und zogen sich unter einem Lacheln zusammen, das nur noch verwunden konnte.
Und will Euer Durchlaucht mich belehren, hob er mit frostiger Hoflichkeit an, uber die Consequenz, von der diese so eben gehorte Ansicht ausgeht? Es ist allerdings hochst wichtig, so sie zu erweisen, dass sie fur Alle, die meine geehrte Schwagerin sich zur Hulfe ersehen, erwiesen dastehe, und wir sind uber die grosste Schwierigkeit hinweg, wenn ich meine Nachforschungen mit der Gewissheit anfangen kann, dass sie die Grafin Melville ist. Indess, setzte er mit einer Art Verneigung hinzu, darf ich nicht verhehlen, dass Euer Durchlaucht sich zu einigen Grunden werden herablassen mussen, da ich nicht Scharfsinn genug besitze, diesen Punkt weniger schwankend, als die ubrigen zu finden.
Graf Archimhald besass die furchtbare Waffe der Hoflichkeit, womit man tiefer reizt und beleidigt, als mit dem offenen Worte des Zorns. Sie ist die schillernde Hulle ganz entgegengesetzter Gefuhle, in der feigen Atmosphare der Hofe anerzogen und durch die Bedingung der aussern Sitte herbeigefuhrt, die nur zu oft in keinem sittlichen Innern wurzelt. Die Herzogin schauderte, von Jemand sich in so kalter Weise ubertroffen zu sehen; aber es musste so rucksichtslos zuchtigend kommen, wie der Graf, und er allein, es ihr zuweilen bot, um sie nachgiebig zu machen.
Zerstreut blickte sie auf, aber ihre Heftigkeit, ihr Trotz war gebrochen, es war, als ob uber ihre feste Stimme ein leiser Anhauch von Furcht schlich, und als ob jetzt erst die Anspannung nachliess, womit sie machtig erregte Empfindungen niedergekampft hatte.
Ich hoffte dennoch, Ihr wurdet einen Grafen Marr kennen, welcher der Oheim dieser Unglucklichen sein konnte, hob sie an, sich mit einem tiefen Seufzer und trostlosen Ausdruck zu dem Grafen wendend, und, wie es schien, ganz ubersehend, wie ausser Zusammenhang mit dem Vorangegangenen diese Worte waren. Ich habe mich zu sehr darauf verlassen, ich weiss nichts weiter. Erschopft sank ihr Kopf auf die bebende Brust, und Graf Archimbald war entwaffnet; denn Personen, die selten vom Gefuhle sich uberwaltigt zeigen, wie dies bei der Herzogin der Fall war, behaupten alsdann durch ihr Erliegen einen desto sicherern Einfluss auf ihre Umgebungen. Der naturliche Ausdruck seines Gesichts, dem es nicht an einem gutigen Zuge fehlte, kehrte wieder, und es war, als ob nun Alle erst zu einem Zweck wirkend sich zusammen fanden, als ob aus dem bisher gefuhrten Wortgefecht sich jetzt erst die wahre Meinung Aller entwikkelte. Aber trotz des wiedergekehrten bessern Willens der beiden Hauptberathenden, war es dennoch keine freie Mittheilung, welche mit einem aufrichtigen Tausch der Gedanken uber die zweckmassigsten Mittel, das Bessere zu erreichen sucht. Die Herzogin befand sich in einem Falle, wo man nur zu leicht sich und Andere mit Tadelsucht und lastigen Schwierigkeiten qualt, sie wusste sich selbst nicht zu rathen.
Sie verwarf daher oft mit rucksichtslosem Tadel, was Graf Archimbald oder ihre Schwiegermutter ihr vorschlugen, und Beide bestanden sicher keine kleine Probe ihrer Geduld, wenn die zweckmassigsten Mittel, welche unlaugbar zum Ziele fuhren mussten, von ihr mit Ungeduld verworfen wurden. Hatte Graf Archimbald aber einmal fur irgend eine Sache seine Stellung genommen, so besass er die zaheste Geduld; man hatte sie fur das etwas schadenfrohe Bewusstsein einer Ueberlegenheit nehmen konnen, die ihm um so eher ward, je mehr Heftigkeit er zu bekampfen vorfand. Er sah sehr wohl, seine Schwagerin lag im Versteck; er ging daher mit dem grossten Scharfsinn alle irgend zu ergreifende Mittel durch, um sie durch die Art, wie sie darauf einging oder sie zuruckwies, herauszulocken. Doch fand er eine gefasste Gegnerin, die ihn genug kannte und sich hier lieber zum Nachtheil ihres Karakters einige Launen mehr aufburden liess, als dass sie ihn hatte allzu tief blicken lassen.
Die alte Lady war zwischen Beiden wie das gute Princip; sie hatte das kaum Geduld genannt, was sie aus Liebe und Sorge ihrer Schwiegertochter entgegenstellte, da ihr die heftige Aufregung derselben nicht entging. Es war ihr allerdings auffallend, ihre Vorschlage verwerfen zu horen, die mit der Vernunft im Bunde schienen; aber warum sollte man nicht verschiedener Meinung sein? Vielleicht konnte in dieser Stimmung jener Manches anders erscheinen, als ihr oder dem Grafen; so hatte ihr mildes Herz tausend Entschuldigungen fur die geliebte Schwiegertochter. Nun, Mylady? fragte der Graf endlich und zog seinen Stuhl, nachdem man eine Stunde lebhaft und vergeblich conferirt hatte, was befehlen Euer Durchlaucht zunachst?
Ich dachte doch, mein liebe Tochter, hob hier die alte Lady sanft vermittelnd an, Ihr erlaubtet, dass mein Sohn an Master Brixton nach Edinburg schreiben, und ihn um die naheren Lebensumstande der Familie Marr und Melville befragen durfe. Es scheint damit doch ein Anfang und ein richtiger gemacht, da es immer das Wesentlichste bleibt, ob sie das ist, wofur sie sich halt und sich uns angegeben hat. Dies wird leicht geschehen konnen, wenn Euer Durchlaucht darein willigen, wiederholte Graf Archimbald mit der grossten Geduld das oft Gesagte, denn da Master Brixton eine Caplanei in Edinburg ubernommen, wie das Fraulein angiebt, wird durch den Bischof von Lincoln, der mir befreundet, mein Brief leicht in seine Hande kommen, und ohne ferneres Aufsehen die Antwort zu uns zuruckkehren.
So sei es denn, sagte die Herzogin gedehnt und mit vieler Ueberwindung, doch wunsche ich, dass Ihr es so gerauschlos, wie moglich, einrichten wollt. Es scheint mir, als konnten die Anfragen vorzuglich so gestellt werden, dass der Aufenthalt derjenigen, die sie betreffen, nicht genannt, und hauptsachlich, dass jede Art von gerichtlicher Einmischung vermieden wurde.
Ich will nicht weiter widersprechen, sagte Graf Archimbald, doch ware dies vielleicht der sicherste Weg, sich schnellen Aufschluss zu verschaffen.
Aber, sprach die Herzogin, es wurde gerade das herbeifuhren, was ich aus vielen Grunden vermieden wunsche. Es scheint mir auch, als lage es ziemlich ausser unserer Machtvollkommenheit. Die Fugung des Himmels hat sie einstweilen unter unsern Schutz gestellt, wir haben unsere Pflicht und unser Recht erfullt, wenn wir die Verwandten ihr auszuforschen suchen, die sie zu haben vorgiebt. An diesen wird es dann sein, ihre ubrigen Rechte wahrzunehmen; die unsern erstrecken sich erst dann so weit, wenn sie unserer Hulfe uberlassen bleiben sollte.
Die alte Herzogin lachelte diesen Worten, welche bei weitem das Folgerechteste ihrer Aeusserungen dieses Morgens waren, ihren Beifall zu, und es schien, als habe die Herzogin sich mit denselben aus ihrer Unentschlossenheit herausgesprochen.
Graf Archimbald hatte noch immer das Lacheln um den Mund, welches andeutete, er habe noch etwas im Ruckhalt. Er fugte auch bald hinzu, dass es doch nicht unwichtig sei, wenn man einmal den in der Erzahlung angefuhrten Thatsachen folgen wolle, uber den letzten Aufenthalt des Frauleins Erkundigungen einzuziehen, auch konne dies eigentlich nicht schwer sein. Durch die Angabe der Zeit, die das Fraulein auf dem Wege zugebracht, lasse sich einigermassen die Entfernung bestimmen. Fehle auch die Richtung, so sei doch abzunehmen, dass er von der Kuste entfernt, ohngefahr drei Tagereisen von Cumberland, etwas weiter als eine Tagereise von der Heerstrasse nach London liegen musse. Bis zum Waldhauschen habe das Fraulein, zu Pferde und nach Mitternacht das Schloss verlassend, diesen Rest der Nacht und den folgenden Tag im strengsten Ritte gebraucht. Dahin zuruckgefuhrt, habe sie, wie aus dem nur unvollstandigen Bericht sich annehmen lasse, zwei Nachte und zwei Tage zugebracht, und zwar zu Fuss und ausserst erschopft. Am dritten Tage aber sei sie, wie es scheine, schon Morgens am Forste des hiesigen Parkes erwacht, da es nicht wahrscheinlich sei, dass sie in dem Zustande von Bewusstlosigkeit, den sie geschildert, noch einen weiteren Weg habe machen konnen, als etwa durch diesen zunachst liegenden Wald bis zur Terrasse, welches auch eher denkbar sei, da leicht zu erkennende breite Wege bis dahin durch ihn hinfuhrten.
Fangen wir nicht zu viel auf einmal an, unterbrach ihn die Herzogin mit sichtlicher Unruhe. Ich habe ihr namentlich versprochen, sie zu schutzen gegen ihren wuthenden Oheim, wer weiss nun, wen wir bei diesen Entdeckungen mit aufscheuchten, und ehe wir den Beschutzer entdeckt, auf den sie hofft, hatten wir dann nicht einmal das Recht, sie dem Manne zu verweigern, der so wild in ihr Leben griff, und bei dessen Andenken sie das hochste Entsetzen befallt.
Wir wollen nicht untersuchen, wie lange Graf Archimbald das Beschneiden und Zuruckweisen aller seiner Aeusserungen von einer Frau ertragen hatte, mit der er gern zu gleichen Waffen kampfte, hatte nicht die alte Lady sanft das Wort genommen, bemuht, die nachsten nothigen Schritte, unter dem Wust von Fur und Wider, Verwerfen und Annehmen, hervorzuziehen und zur allgemeinen Klarheit zu bringen. Uebrigens ward eingesehen, dass man das Fraulein davon unterrichten musse, es lebe kein Graf von Marr am Hofe, zweitens wollte man es ihr freistellen, einen Einschlussbrief an Master Brixton zu schreiben, und ihr diesen beabsichtigten Entschluss als den zunachst nothigen darzustellen suchen.
Die alte Lady erbat es sich, am andern Tage ihr diese Mittheilungen machen zu durfen. Denn, setzte sie liebreich hinzu, meine liebe Tochter hat schon zu viel allein in dieser Sache ubernehmen mussen, und wohl mag sie der alten Mutter auch ein kleines Verdienst dabei gonnen. Ich werde meine Sachen schon ordentlich machen, fuhr sie lachelnd fort, bemuht, der allzu ernst gewordenen Unterredung ein milderes Ende zu geben.
Die Herzogin schien sehr willig, ja erleichtert bei diesem Vorschlag, und Graf Archimbald ubernahm es; dem jungen Herzog das Wichtigste mitzutheilen, um seinem Eifer Grenzen zu setzen und ihn zu bewegen, das fernere Verfahren dem Grafen und den beiden Damen zu uberlassen.
Man trennte sich in leidlicher Stimmung, und Graf Archimbald fuhrte die Herzogin nach ihren Zimmern, in denen sie eingeschlossen bis zur Tafel blieb, blos von Mistress Morton umgeben, deren leises wohlthatiges Walten uns bekannt ist. Wer sich damit begnugte, die Personen zu zahlen, die Stunden des Beisammenseins oder der Geschafte zu beobachten, musste behaupten, es sei nach einigen Wochen auf Godwie-Castle noch Alles in eben dem gleichmassigen Gange, wie wir es an jenem Morgen unserer letzten Mittheilung verliessen. Die schickliche Form, in welcher sich seit langer Zeit zu bewegen, eine Familie gewohnt ist, ist ein wohlthatiger Damm gegen die dahinter eingefangenen Wogen der Leidenschaft. Wenn auch jene Macht nur bis zu gewissen Grenzen reicht, schutzt sie doch gegen die ganzliche traurige Auflosung des Individuums, welches sich immer dadurch gehalten fuhlt, dass Andere ruhig das Langgewohnte thun und an ihn selbst diese stille Forderung taglich sich erneut. Gewiss waren in diesem Falle minder oder mehr einige der bedeutendsten Mitglieder des Familienkreises in Godwie-Castle.
Verandert in ihrem Innern, verandert in ihren Beziehungen zu einander, verandert endlich in ihren Planen und Hoffnungen fur die Zukunft, finden wir die Familie nichts desto weniger um das Fruhstuck in der Halle ohne Ausnahme versammelt, und die wenigen Unbefangneren mussten den Uebrigen zu Hulfe kommen, um sich leidlich zu zeigen und den Anschein des Frohsinns zu erhalten, der sonst hier so naturlich waltete. Wer hat nicht Aehnliches erlebt, wer kennt nicht die ernsten zerstreuten Zuge der muhsam Gehaltenen, uber die das Lacheln, welches sie sich abringen, wie ein Schmerz hinzieht, den Blick, der eben auf nichts mit Nachdenken geheftet ist, die zerstreuten Antworten und selbst die unheimliche Lustigkeit, welche die Wunden innerlich grosser reisst und doch keine Hulle wird fur den leidenschaftlich bewegten Kern des Herzens.
Die alte Lady hatte ihre Aufgabe so schon gelost, als zu erwarten stand. Die Grafin Melville war nun unterrichtet, dass ihr kein Oheim am Hofe lebte, den sie zu nennen wusste. Obwol man ihr es schonend vorenthalten hatte, sie mit dem Zweifel an dem Dasein der Grafen von Marr uberhaupt bekannt zu machen, da man die Antwort Master Brixtons abwarten zu mussen glaubte, so fuhlte sie doch mit dem tiefsten Schmerze diese fehlgeschlagene Hoffnung, und mit einer Art von Schauder das Verlassene ihrer Lage. Doch wusste sie auch hier, nach einem warmen und gerechten Ergusse ihres Gefuhls gegen die alte Lady, in dem Danke Grenzen zu finden, welchen sie fur den Schutz empfand, den Gott ihr in ihren neuen Wohlthatern angewiesen; und die alte Herzogin konnte nicht ohne Thranen den ruhrenden Brief lesen, den die Grafin demnachst ihrem Lehrer Brixton schrieb und mit kindlichem Vertrauen in ihre Hande legte.
Er trug den Stempel tiefen und zarten Gefuhls. Dies musste um so werthvoller erscheinen, da ihr Verstand eine Scharfe und Consequenz zeigte, die ihrer Jugend nach unbegreiflich war. Doch erinnerte es von selber an die Erziehung, welche ausgezeichnete Personen ihr zu geben vereint bemuht gewesen waren, mit besonderer Rucksicht auf Bildung ihres Scharfblicks und ihres Urtheils, wie wir das schon aus den eigenen Mittheilungen der jungen Grafin wissen. Sie war vollkommen einverstanden mit dem Willen ihrer Beschutzer, Master Brixton's Rath zu vernehmen, und hatte sie mit Graf Archimbald unterhandelt, wurde sie auch um jeden Preis das Schloss aufgesucht haben, aus dem sie entflohen war. Sie wagte darum sogar eine schuchterne Bitte, welche die alte Lady aber, und vielleicht auf Kosten ihrer Ueberzeugung, mit der Befurchtung zuruckwies, dass sie dadurch dem Manne verrathen werden konne, der sie so gemisshandelt habe. Die kleinste Erwahnung dieser Person, die sie so sehr erschreckt und emport hatte, war hinreichend, die Phantasie des armen Kindes mit tausend neuen Schrecken zu erfullen und sie von jenem Wunsche abzuziehen.
Graf Archimbald fasste, nach der Mittheilung, die seine ehrwurdige Mutter uber das Geschehene ihren beiden Anverwandten machte, eine sehr vortheilhafte Meinung von dem Verstande der jungen Dame, da die alte Lady es ihr schuldig zu sein glaubte, ihre geausserten Bemerkungen gleichfalls wieder zu geben, obwol sie damit den streitigen Punkt zwischen der Schwiegertochter und dem Sohne ungern beruhrte.
Doch war Graf Archimbald zu grossmuthig, um sich eines erlangten Triumphes zu uberheben. Er schien im Gegentheile kaum darauf zu merken, berichtigte aber innerlich von diesem Augenblicke an seine Meinung uber die junge Lady, wie wir erwahnt haben. Auch konnte die alte gute Herzogin ihre Erzahlung nicht schliessen, ohne daran zu erinnern, dass nun wohl keine Ursache mehr zu einem personlichen Verdachte gegen die Lady vorhanden sei.
Nicht so leicht war der junge Herzog mit dem zu beschwichtigen, was sein Oheim uber die Grafin ihm anvertraute. War es das Gefuhl einer neu erlangten Macht, die er zu prufen wunschte, war es jugendlicher Ungestum, war es uberhaupt sein gutes edles Herz oder ein anderes geheimes Gefuhl, das ihm die Sorge und Thatigkeit fur sie zum Genusse umschuf, genug, es schien ihm Alles viel zu langsam, viel zu theilnahmlos, was seine Verwandten beschlossen hatten. Wir wollen nicht untersuchen, welches Motiv den Grafen leitete, als er endlich, da, wie es schien, durch nichts mit seinem Neffen zu Ende zu kommen war, ihm Vorsicht anempfahl; indem sie ja kein Recht besassen, das Fraulein zuruckzuhalten, wenn der fernste Angehorige sich zu ihr meldete, und sie dadurch nicht allein von einem Orte entfernt wurde, wo sie Schutz und Trost fande, sondern auch in Hande kommen konne, in denen sie unglucklicher wurde, als man es bis jetzt anzunehmen hatte.
Dies wirkte. Graf Archimbald gonnte ihm uberdies noch den Trost, die Briefe an den Bischof von Lincoln nach Edinburg selbst abzusenden, und dazu den treuesten Diener und das rascheste Pferd zu wahlen.
Was uns indessen nicht langer zu verbergen gestattet ist, sprach sich allen Andern schon langst als Ueberzeugung aus, die von Stunde zu Stunde sich steigernde Liebe des jungen Herzogs zur Lady Melville. Er gab sich dieser Empfindung mit einer Naivitat hin, dass man fast glauben musste, er sei sich selbst derselben nicht bewusst. Aber wer je in eigener Brust einen Anklang dieser schmerzlichen Seligkeit gefuhlt, musste wohl sagen, die Stunde des jungen Mannes habe geschlagen. Mit der tiefsten Erschutterung musste seine Mutter endlich sich das Gestandniss hieruber machen. Sie sah sich hier in ein Labyrinth verstrickt und so unerwartet, dass ihr Geist den Sorgen zu unterliegen begann, die sich um sie her thurmten, und die sie allein tragen musste; denn jeden Tag erschwerte sie sich ihre Burde durch das innere Gelubde, in keinem Falle durch Kundgebung der Wahrheit eine Entscheidung zuzulassen.
Ob Graf Archimbald, der wenigstens aus Beobachtung das Gefuhl der Liebe kennen musste, es bei seinem Neffen errieth; ob sein Schweigen die Klugheit war, mit der man den taumelnden Nachtwandler nicht anruft, hoffend, er finde ohne diese erschreckende Hulfe wol besser den Ruckweg; ob es uberall Gleichgultigkeit gegen Herzens-Affectionen war, wer konnte das bestimmen! Er bekam reichlich Briefe von Richmond, schrieb viel und eifrig diesem zuruck, und seine allgemach aufsteigende Verstimmung konnte leicht politischer Natur sein, da man sehr wohl wusste, dies sei doch eigentlich der Kern seines Lebens.
Nur die alte Herzogin und der Gegenstand, der alle diese Sorgen veranlasste, die junge Grafin Melville selbst, schienen an alles das nicht zu glauben. Die Herzogin hatte die Idee aufgefasst, ihr Enkel liebe Anna Dorset. Wie dabei noch von einem zweiten, gar starkeren Gefuhle die Rede sein konne, begriff ihr reines Engelherz nicht, und was sie sah, glaubte sie auf Rechnung der ausgezeichneten Personlichkeit eines Madchens setzen zu mussen, der sie sich selbst ganz ergeben fuhlte, und welcher der Herzog als Herr des Hauses allerdings Beweise der hochsten Achtung schuldig schien.
Doch entging ihr die uberhandnehmende Missstimmung ihrer Schwiegertochter nicht, und es trubte ihre sonstige Heiterkeit, sie von Sorgen bewegt zu sehen, die sie mit Niemand theilen zu wollen schien. Die Grafin Melville dagegen war das vollkommenste Bild eines jungen unschuldigen Madchens und eines ganz freien Herzens; sie sah sich uberall von der zartlichen Aufmerksamkeit des Herzogs umgeben und erstaunte oft selbst, wenn er ihre Wunsche, ihre Gedanken errieth. Sie kannte diese Empfindungen nur aus den sehr discreten Mittheilungen ihrer Anverwandten und aus ihrer eigenen gewahlten Lecture, woraus wir doch selten dies Gefuhl wieder erkennen lernen, ehe aus unserm eignen Herzen die gleichen Anklange sich den verwandten Gefuhlen, gleichsam suchend, entgegendrangen.
Die Beobachtungen, welche die jungere Herzogin unablassig anstellte, und welche ihr immer die vollkommene Ueberzeugung von der Herzensruhe der Lady Maria gaben, trosteten sie zwar etwas, aber sie hatte gewunscht, es ware die Kenntniss seiner Neigung damit verbunden gewesen, denn sie wusste, dass dies sich immer gleich edel und liebenswerth zeigende Wesen alsdann in ihrem Betragen gegen den Herzog Manches geandert haben wurde.
So aber legte sie ihm die Dankbarkeit, die er ihr einflosste, mit einem so unschuldigen freundlichen, oft innigen Betragen an den Tag, dass der junge Herzog dadurch nur hoher erregt ward und, von den sussesten Hoffnungen belebt, seinen Empfindungen bald keinen Zwang mehr auferlegte. Dazu kam, dass die Grafin, seit der letzten Unterredung mit der alten Lady, sich einer wehmuthig ernsten Stimmung nicht mehr erwehren konnte, und die holden Zeichen fruheren jugendlichen Frohsinns immer seltener ein Uebergewicht uber die milde, aber tiefe Wehmuth ihres Herzens geltend zu machen vermochten.
Welch' eine reiche Gelegenheit fur ihren jungen zartlichen Verehrer, Alles anzuwenden, die Stimmung zu verscheuchen, die den zarten Rosen ihrer Wangen das Leben zu kosten schien. Es gelang ihm oft, dies unbefangene, lebhaft und tief fuhlende Wesen, welches ihren Kummer nicht mit kranklichem Eigensinne festzuhalten strebte, zuweilen zum jugendlichen Frohsinn zu erwecken; deshalb war sein Bemuhen darum auch unablassig.
An jenem Morgen hatten die beiden Herzoginnen und Graf Archimbald so eben Briefe empfangen, und waren beschaftigt, sich mit dem Inhalt bekannt zu machen. So storte nichts das Gesprach, welches der junge Herzog mit Lady Maria angeknupft hatte, und worin er mit einem ubervollen Herzen die tiefe, sehnsuchtige Zartlichkeit desselben fur sie auszudrucken strebte. Er sagte ihr, dass er Plane fur den Park gefunden habe, zu Erweiterungen und neuen Anlagen um den See her, die sein Vater fur die Arbeit dieses Sommers bestimmt gehabt; dass er die Arbeiter dorthin bestellt, und sie bitte, an Ort und Stelle diese Plane zu besichtigen, da er sie ganz nach ihrem Geschmacke einrichten mochte und sie vielleicht Einiges zu andern wunsche. Lady Maria willigte zwar ein, mit Arabella und Lucie dahin zu gehen, aber sie sagte ihm unbefangen, dass, ihr Urtheil daruber gelten zu lassen, wol in keiner Art ihr wunschenswerth sein konne, da der Plan seines Vaters ihm sicher heilig sein musse und ihr Geschmack in dieser Rucksicht ganz ungepruft sei. Ach, Mylord! setzte sie schwermuthig hinzu, wie habt Ihr mir mit Euern freundlichen Worten doch nur zu sehr verrathen, wie Ihr meine Lage anseht! Deuten diese Plane, in die Ihr mich zu verflechten sucht, nicht darauf hin, wie unbestimmt Ihr meine Zukunft seht, wie wenig Ihr glaubt, ich fande noch eine andere Heimath, als diese, die ich helfen soll auszuschmucken?
Nicht ganz lag dies in meinem Sinne, sagte der Herzog, und das Herz schlug ungestum den entscheidenden Worten entgegen, die jetzt Raum gewonnen zu haben schienen; ich sehe der Aufklarung Eurer Verhaltnisse mit der ruhigen Ueberzeugung entgegen, dass sie nicht ausbleiben kann. Aber sollte ich darum nicht doch hoffen und heiss wunschen durfen, Ihr suchtet nie eine andere Heimath, als diese, die Ihr dadurch zum Paradiese schmucken wurdet, und wo Euch die treuesten Herzen in der zartlichsten Liebe schlagen?
Der junge Herzog glaubte sich deutlich genug ausgesprochen zu haben, er hoffte, sie wisse jetzt, dass er sie liebe und sie zur Beherrscherin seines Lebens begehre. Aber er irrte. Ein junges weibliches Herz, das noch nicht beschlichen ist von dem Wunsche, solche Empfindungen zu erregen, kann die deutlichsten Liebeserklarungen anhoren, ohne sie zu verstehen, wenn ihr eigenes Herz nicht in verwandten Anklangen dem Worte entgegenschlagt. Es giebt bis dahin eine unendlich frostigjungfrauliche Fahigkeit, alle solche Worte in die Weite und Ferne und aus der intimen Beziehung zu sich selbst hinweg zu deuten. So sah Maria in den Worten des Herzogs nichts als seine holde gastfreundliche Gute und die Bestatigung, dass sie von allen den Theuern seiner Familie und so auch von ihm selbst geliebt sei, und sie wollte eben in diesem Sinne ihm antworten, als die alte Herzogin die Stimme erhob und ihrem Enkel zurief: Hierher, mein lieber Freund! Ich habe Dir willkommene Nachrichten zu geben. Die Grafin von Dorset wird mich mit ihrer ganzen Familie in Burtonhall besuchen, und wie zu hoffen steht, setzte sie lachelnd hinzu, wird sie nicht gerade Anna Dorset davon ausschliessen, und so darf ich wol auf Deine Gegenwart unter all den lieben hiesigen Gasten am ersten rechnen, und verdiene mir hoffentlich mit dieser Nachricht ein sehr freundliches Gesicht von meinem lieben Enkel. Der junge Herzog fuhlte sich wie durch tausend Schmerzen aus dem sussesten Traume seines Lebens zu einem Dasein erweckt, das ihn mit Erstaunen und Verwirrung zu Verhaltnissen zuruckfuhrte, welche ihm ganzlich aus den Gedanken verschwunden zu sein schienen.
Wir wollen nicht untersuchen, wodurch er in der letzten Zeit zu der Ueberzeugung gelangt war, Anna Dorset sei ihm so fremd, wie jede andere Dame des Konigreichs. Zwar war er von den Unterhandlungen beider Familien unterrichtet, hatte sich auch nie mit einem Worte dagegen erklart, ja, er schien sie bestatigt zu haben, durch den Beifall, den er der Lady Anna ertheilte, und der ihm vielleicht fruher ganz hinreichend erschienen war, um sie seine Braut zu nennen. Jetzt aber war dies Verhaltniss weit zuruckgetreten, und die Kenntniss des wahren Gefuhls der Liebe, das ihm Worte eingab, die Anna Dorset nie von ihm gehort hatte, uberredete ihn, so oft er gemahnt ward, dessen zu gedenken, dass er nie Hoffnungen erregt habe, die er als rechtlicher Mann genothigt sei zu erfullen, und die Sehnsucht, sich den zartlichen Empfindungen seiner Brust gegenuber frei zu sehen, uberredete ihn, es zu sein. Was hatte die eigenthumliche Logik der Liebe, die den Anfang ihrer Folgerungen immer in dem Gefuhle selbst findet, nicht fertig gebracht, selbst in noch verwickelteren Fallen, als der vorliegende! Auch war er nach einem Augenblicke vollig gerustet und entschlossen, und es ist nicht unwahrscheinlich, anzunehmen, gerade das harte Nebeneinanderstellen der erwahnten Momente habe von seinem Entschlusse die letzte Unsicherheit abgestreift.
Meine theure Grossmutter, sprach er mit ernster Festigkeit, ist sicher immer uberzeugt, die freundlichsten Empfindungen in ihrem Enkel zu erregen, und es bedarf dazu nie eines Nebenumstandes, wozu uberdies die Grafin Anna Dorset mir am wenigsten geeignet scheinen wurde, da ich nicht wusste, wie sie die Liebe theilen oder erhohen konnte, die mich fur Euch erfullt.
Gewiss, lachte sorglos die alte Herzogin, verlangt sie selbst auch nicht darnach, eben die Gefuhle, wie Du fur die alte Grossmutter bewahrst, zu theilen; doch wirst Du ihr vielleicht ein anderes Platzchen in Deinem Herzen einraumen konnen, mit dem sie besser zufrieden sein wird.
Ihr irret, theure Lady, erwiederte schnell der Herzog. Anna Dorset ist ein edles, achtungswerthes Madchen, doch in meinem Herzen kann und wird sie nur den Platz einer ehrenden Anerkennung einnehmen; ich kenne kein Verhaltniss, was mich anders oder naher zu ihr stellte.
Verzeih'! sagte die alte Lady, jetzt ernster werdend, dass ich mich habe von meiner guten Laune hinreissen lassen, Dich mit Verhaltnissen zu necken, bei deren Behandlung Du mich mit Deinem Zartgefuhl weit ubertriffst; Du musst der alten Grossmutter schon etwas zu gut halten, und bist doch wol ein gutes Kind und besuchst mich in Burtonhall, wo ich mich dann besser betragen will.
Der Herzog sprang auf, die gutige Hand zu kussen, die sie ihm mit einem Engelslacheln darbot, und gern hatte er jetzt gleich vor ihr das Knie gebeugt und sein Herz erleichtert durch das feurige Bekenntniss seiner Liebe; aber er hatte noch kein Recht dazu, denn das ersehnte Wort war von den Lippen der Geliebten noch nicht gedrungen. Er wendete daher seine Blicke mit dem ganzen Verlangen einer endlichen Entscheidung auf die junge Grafin, die mit so unschuldig klaren, fast kindlich neugierigen Augen in diese Scene schaute, dass wol fur den unbefangenen Beobachter kein Zweifel blieb, wie wenig sie sich in dieselbe verflochten wahnte, und wie sie das ruhig kuhle Herz noch unentzundet in sich trug. Er nahm seinen Platz neben ihr ein. Doch Graf Archimbald sagte, sichtlich erheitert, indem er seine Briefe zusammen legte: Wir durfen Richmond erwarten; gleich nach der Ruckkehr des Prinzen aus Spanien wird er zu uns eilen, und jene erwartete man bei Abgang dieses Briefes schon binnen zwei Tagen. Gott Lob, sprach die Herzogin aus tiefer Brust und von der Erstarrung sich erholend, worein die vorangegangenen Vorfalle sie versetzt hatten; so wird mir Trost und Freude kommen.
So auffallend diese Worte sein mussten, so wenig wurden sie beachtet, da die meisten Anwesenden von eigenen Gefuhlen und Gedanken in Beschlag genommen waren.
Die jungen Leute erhoben sich, um nach dem See sich zu begeben; die alte Lady und Lord Archimbald wollten ihre Briefe beantworten, und die Herzogin begab sich mit Stanloff, welcher einige Tage abwesend gewesen war, nach ihren Zimmern.
Was bringst Du uns fur Nachrichten, Stanloff, sprach die Herzogin und setzte sich abgewendet von ihm in einen Sessel; warst Du glucklich in Deinen Nachforschungen?
Euer Durchlaucht zu Befehl, erwiederte Stanloff, alle Nachforschungen, die ich anstellte, treffen mit den Einzelheiten in der Geschichte der jungen Dame uberein; es muss das Schloss der Grafin von Buckingham sein, aus dem sie entflohen.
Grunde, Grunde! rief die Herzogin, Grunde will ich wissen.
Sie sind in meiner Erzahlung. Ich begab mich zu Pferde dahin und erreichte den grossen parkartigen Wald, in dessen Mitte das Schloss liegt, am Mittage des dritten Tages. Den Park umgiebt, nach der Landstrasse zu, eine Meierei. In dieser sprach ich ein und fand dort eine zahlreiche Familie, die verheiratheten Kinder der noch lebenden Eltern, die sich in die Herrschaft des Hauses und in die Geschafte getheilt hatten. Man hatte sich bei meiner Ankunft um eine grosse Tafel gelagert, um zu Mittag zu essen, und mir ward ohne weitere Bemerkungen an derselben ein Platz angewiesen, der mir Musse gab, eine Unterredung uber die Bewohner des Schlosses anzuknupfen. Doch war dies nicht leicht; meine Frage, ob die Herrschaft gegenwartig, beantwortete man mit Nein und fuhr sogleich fort, unter sich uber eigene Angelegenheiten zu sprechen. Schnell war die Mahlzeit von den jungeren Leuten geendet; sie standen auf, um sich an die verschiedenen Stellen zu vertheilen, die ihrer Sorgfalt ubergeben waren, und die Eltern blieben allein zuruck.
Ich fragte aufs Neue, ob das Fieber diese Gegend auch verheert habe, und die alte Frau nannte nun sogleich als das einzige dieser Krankheit gefallene Opfer die Grafin von Buckingham. Weniger gluckte es mir, uber andere Dinge Auskunft zu erhalten, und noch bleibt es mir ungewiss, ob Unkunde oder andere Grunde dies so erschwerten. Den jetzigen Besitzer des Schlosses kannten sie nicht; sie gaben zu, dass es der Bruder sein konne; dagegen bestatigten sie, Gersem zu kennen; ob er aber lebe oder todt sei, wussten sie nicht. Von dem Feuer jedoch sprachen sie, dass es den alten Theil des Schlosses verheert habe; dass Jemand zu Schaden gekommen sei, verneinten sie. Meine Fragen nach der fruhern Lebensweise der Grafin, die ich in der Hoffnung einleitete, dann zu den Gasten des Schlosses ubergehn zu konnen, beantworteten sie blos mit dem grossen Lobe ihrer Wohlthatigkeit und Gute; doch Gaste, behaupteten Beide, seien nie auf dem Schlosse gewesen, die Herrschaft habe jedoch ofter Reisen gemacht. Ich suchte nun von ihnen los und in den Park zu kommen, und erreichte so das Schloss selbst, wovon nur ein kleiner Theil, der in einem ganz versteckten Hofraume lag, vom Feuer gelitten hatte, dessen Spuren uberall deutlich zu sehen waren, ohne dass, wie es mir schien, man irgend Sorge getragen hatte, sie zu beseitigen. Ich naherte mich dem Eingange des vollig einsamen Schlosses, aber meine Bemuhungen, hinein zu dringen, waren umsonst. Ich wollte eben zuruckkehren, als eine kleine Thur unter einer Treppe aufschlug und ein junges Madchen in landlicher Tracht herausflog, in der Richtung uber den Hof laufend, in der ich mich befand. Sie stand vor mir, ehe sie mich sah, schrie jetzt laut auf und wollte entfliehn, ich hielt sie aber mit sicherer Hand fest und bat sie, mir Einlass in das Schloss zu verschaffen. Um Gott, Herr! was denkt Ihr? Es darf Niemand hinein, Alles ist verschlossen, und der Herr Aufseher verreiset. Ist das Gersem? fragte ich schnell. Gersem? wiederholte das Madchen, sichtlich erschreckend; nein, Herr, sprecht nicht so, lasst mich los, ich darf Euch nichts von Gersem sagen, kein Mensch darf von ihm sprechen! Gut, ich will Dich nicht qualen; aber das darfst Du mir doch sagen, ob er im Schlosse ist? Gersem? O Herr, lasst mich, ich bin des Todes, wenn Ihr mich nicht los lasst! Nun, sagte ich, ich will Dich gleich los lassen, so wie Du mir sagst, ob ich nicht die Frau Hanna sprechen kann? Mistress Hanna? Grosser Gott, sie will taglich sterben. Kein Mensch darf zu ihr, und sie erkennt Niemand; nein, Herr, das geht um die Welt nicht. Ich liess sie jetzt und habe mich vorlaufig damit begnugt, Euch diese Nachrichten zuruck zu bringen, da mir Euer Durchlaucht Befehle nicht weiter zu gehen schienen. Ich weiss genug! sagte die Herzogin, winkte ihm, sich zu entfernen, und blieb in ihrem Stuhle sitzen, dass, wer sie einige Zeit lang beobachtete, in ihr kein lebendes Wesen zu sehen gewahnt hatte.
Doch ward sie bald genothigt, sich an dem Leben langsam wieder aufzurichten. Pons flog herein, den Grafen Archimbald zu melden, der so unmittelbar hinter ihm eintrat, und mit so sichtlichen Zeichen von Gemuthsbewegung, dass die Herzogin nur eines muhsam auf ihn gelenkten Blickes bedurfte, um von der Ahnung neuer Leiden ergriffen zu sein. Ihr erster Gedanke wendete sich auf Richmond, diesen letzten Hafen, in dem sie Ruhe und Schutz hoffte, diesen Balsam auf die brennenden Wunden ihres Herzens. Es schien ihr gewiss, ihm musste etwas begegnet, auch in ihm sie noch verwundet worden sein, und sie blickte in die ganzliche Trostlosigkeit dieses abgeblatterten Daseins fast mit Genuss; mit dem Genuss, den dann die Gewissheit des Untergehens noch im Stande ist zu gewahren. Graf Archimbald hinderte sie aufzustehen, er schob ein Tabouret an ihre Seite; er sah ihr verandertes Gesicht, er fuhlte, dass sie litt, und er konnte nicht annehmen, dass das, was er kam ihr zu sagen, sie ruhiger stimmen werde; aber diese Wahrnehmungen gaben ihm die Gute und Warme des Gefuhls, die ihn seine Worte bedenken liess.
Sagt es schnell, Mylord, ich bin auf Alles gefasst, sagte sie tonlos und kalt, und vernehme lieber das Unvermeidliche ohne alle Einkleidungen.
Ich kann allerdings annehmen, dass Ihr schon langst eine Ahnung von dem habt, was ich gesandt werde Euch mitzutheilen, erwiederte der Lord, doch bitte ich Euch dringend, Euch nicht so davon zu erschuttern, vielmehr den Antheil vorwalten zu lassen, den Euch die Wunsche Eures Sohnes, die an sich nichs Unwurdiges und Euch Krankendes enthalten, einflossen durfen. Ich muss allerdings mich als uberrascht bekennen; denn ich kann nicht leugnen, dass ich die Verbindung zwischen Robert und der Lady Anna Dorset fur entschieden hielt.
Und was, Mylord, rief die Herzogin und richtete sich heftig empor, was hat diese Ueberzeugung, die ich mit Euch theilte, was hat sie in Euch geandert?
So sehe ich also, sagte Graf Archimbald, dass ich mich irrte, indem ich Euch auf die Wunsche vorbereitet wahnte, die allein jetzt noch Euern Sohn erfullen, und welche die Grafin Melville zur ausschliesslichen Besitzerin seines Herzens erhoben. Ein dumpfer Schrei der Herzogin war ihre Antwort, sie sank sogleich leblos zusammen, und wahrlich unter wenig glucklichen Umstanden. Denn der Graf fuhlte sich hochst verlegen. Die Sorge abgerechnet, welche ihm die heftigen Gemuthsleiden seiner edeln Schwagerin gaben, wusste er sich wenig bei solchen Zufallen zu helfen und betrachtete daher die Ohnmachtige einige Augenblicke in der Hoffnung, sie werde sich erholen. Als er sich hierin aber getauscht und nun zur Thatigkeit aufgefordert sah, offnete er die hohen Fensterflugel und uberliess dem Strom der Luft das Wiederbelebungsgeschaft, da er einmal entschlossen war, diesen Zustand nicht zur Kenntniss eines Andern ausser ihm selbst kommen zu lassen.
Er hatte sich auch nicht getauscht. Die Herzogin fuhr zuckend aus ihrer Ohnmacht empor; ihr Auge streifte wild umher und blieb an Graf Archimbald haften, indem hiermit alle die traurigen, abgerissenen Gedanken zuruckkehrten, womit sie sich gezwungen sah ihren Geist zu beschaftigen, so sehr sie sich dagegen straubte. Sie winkte, die Fenster zu schliessen, und, wohl ahnend, was geschehen, dankte sie in der Stille dem Grafen fur seine kuhle Beharrlichkeit bei ihrem Zustand, wodurch dieselbe einer grosseren Aufmerksamkeit entzogen geblieben war.
Sagt mir jetzt, hob sie leise an, was ist geschehen? Was seid Ihr gekommen mir zu sagen? Ich bin gefasst, auch das Harteste zu vernehmen.
Ich kenne Eure Ansichten nicht genug, verehrte Schwagerin, um zu wissen, in wiefern Euch meine Mittheilungen beunruhigen mogen; daher muss ich mich auf den Bericht der Thatsachen beschranken und nur wunschen, dass es Euch bald gelingen moge, die bessere Seite daran hervor zu heben. Robert liess mich um eine Unterredung bitten und erklarte mir, dass er entschlossen sei, der Grafin Melville seine Hand anzubieten, da sie seine ganze Zuneigung besitzt, und er sei in der Absicht zu mir gekommen, fur die nun folgenden Schritte Rath und Beistand von mir zu erbitten, da ihm allerdings nicht entgehe, wie die Angelegenheit mit der Familie Dorset von einigen Schwierigkeiten begleitet sein mochte.
Ich gestehe, Mylord, hob nun die Herzogin an, dass der Grad von Erstaunen, den mir Eure Erzahlung erregt, fast dem Unwillen gleich kommt, womit sie mich erfullt. Doch wird dies Alles ubertroffen von dem gekrankten mutterlichen Gefuhl, Euch, Mylord, an der Stelle zu sehen, die einzig nur mein Sohn einnehmen durfte, hatte diese unselige Leidenschaft nicht, wie es scheint, jedes bessere Gefuhl in ihm ersterben lassen. Wo und wie ich anfangen soll, meinen Tadel uber das Vergangene auszudrucken, bin ich verlegen. Mein Sohn hat Euch zur Mittelsperson zwischen seiner Mutter und sich gewahlt. So geht denn und sagt ihm, nie wird ihm meine Einwilligung zu dieser emporenden Verbindung zu Theil werden. Ich werde sie zu hindern suchen mit aller Macht und allen Kraften, die Gott und Menschen in meine Hande gelegt haben, um Schande und Verderben von einem Hause abzuwenden, dessen Ehre ich berufen scheine noch langer aufrecht zu erhalten, da die, denen sie zunachst anvertraut ward, wenig mit ihren hohen Anforderungen bekannt scheinen.
Graf Archimbald eilte nicht, sie zu unterbrechen. Einige etwas zu stark aufgetragene Aeusserungen abgerechnet, fuhlte er ihren Unwillen naturlich und wohlbegrundet; er konnte sogar nicht laugnen, dass sie schneller auf den wahren Standpunkt gelangt sei, als er, da er, mit ganz anderen und offentlichen Dingen beschaftigt, in grosser Zerstreuung seinem Neffen zugehort und, von dessen jugendlichem Ungestum uberjagt, keinesweges die Umstande so scharf erfasst hatte, um darin etwas Ehrenruhriges fur das hohe Haus oder Beleidigendes fur das Herz der Mutter zu entdecken. Nichtsdestoweniger hielt er es fur unzweckmassig, dass die Herzogin ihrem Sohne so stolz und bestimmt widersprechend entgegen trete, da sanfte Gemuther, wenn sie einmal Muth gefasst, einen bestimmten Willen zu haben, selten durch stolze Harte, welche ihnen nichts gestatten will, davon abgebracht werden, vielmehr um so hartnackiger im Widerspruch sich zeigen, als diese Stimmung fast den ganzen Karakter aus seiner Bahn treibt. So ungern er sich auch zum Lenker dieser heftigen Frau aufwarf, so glaubte er doch dies nicht unterlassen zu durfen, um eine wirklich befriedigende Ausgleichung herbei zu fuhren. Er sammelte sich daher und ruckte der Erzurnten naher, um sie mit der ganzen ihm eigenen Feinheit darauf aufmerksam zu machen, wie nothig es sei, dem jungen Herzoge milder entgegen zu treten. Man konne ihm doch unmoglich und namentlich in seiner jetzigen Stellung das Recht bestreiten, die wichtigste Wahl des Lebens nach eigener Ueberzeugung zu treffen. Hierbei unterstutze ihn sogar das Testament seines Vaters, welches ausdrucklich verfuge, dass alle seine Kinder ihrer eigenen freien Neigung bei ihren Verheirathungen uberlassen bleiben sollten. Die Unterhandlungen mit der Grafin von Dorset betrachtete er nur dann als seinem Wunsche gemass, wenn die Neigungen beider jungen Leute ebenfalls hierin uberein kamen. Er verkenne ubrigens nicht die Schwierigkeiten einer Erfullung des eben geausserten Wunsches des jungen Herzogs, und er glaube gewiss, dass die liebevolle Stimme der Mutter sein Herz erreichen und seinen Willen beugen werde.
Ja, Mylord, erwiederte die Herzogin mit mehr Ruhe, deren Nothwendigkeit ihr selbst aus den klugen Worten ihres Schwagers klar geworden war, ich will meine Stimme flehend an sein Herz dringen lassen, ja, der Sohn soll seine Mutter als Bittende vor sich sehen; denn niemals, niemals darf sie ihm gewahren! Doch sagt mir, fuhr sie fort, erzahlte er Euch von der Grafin? War sie von seinen Absichten unterrichtet und theilte sie seine unseligen Wunsche?
Er hatte sich noch nicht erklart, und ich erinnere mich, ihn aufgefordert zu haben, es bis dahin aufzuschieben, wo ich Gelegenheit fande, Euch seine Wunsche mitzutheilen.
So gebe Gott, dass er dieser Forderung willfahre, denn je wenigere um seine Verirrung wissen, desto leichter wird sie auszuloschen sein!
Es entstand eine augenblickliche Pause, in der die Herzogin nicht undeutlich wahrnahm, wie Graf Archimbald von irgend einer Idee beschaftigt, keine Anstalten machte, sie zu verlassen. Sie glaubte bei einigem Nachdenken die Ursache darin zu finden, dass es ihr noch oblag, ihren lebhaft ausgesprochenen Widerwillen naher zu bezeichnen und dessen Grunde scharf genug hervorzuheben, um jeder weiteren Erwagung ihrer Wichtigkeit vorzubeugen.
Wir sind gewiss alle einig, Mylord, hob sie an, ihn scharf beobachtend, dass die Natur kaum je ein weibliches Wesen reicher ausstattete, als eben diese Fremde, die der Wille des Himmels an unsern Schutz verwies; aber wie unser Eifer und unsre Menschlichkeit sich auch abmuhe, ihr einen burgerlichen Standpunkt einzuraumen, Ihr konnt gewiss nur mit mir die Befurchtung theilen, dies werde nie so vollstandig gelingen, um jeden Schatten von ihrem Namen, wenn sie auf irgend einen Anspruch hat, zu verscheuchen, und brauche ich Euch an den, seit Jahrhunderten fleckenlosen Glanz dieses Hauses zu erinnern, um Euch meine Abneigung gegen eine solche romaneske Verirrung des nunmehrigen ersten Tragers dieses erlauchten Namens anschaulich zu machen? Dies ware allein hinreichend, fuhr sie stolzer fort, als Graf Archimbald noch immer abgezogen, wie es ihr schien, sich blos stumm gegen diese hochbegeisterten Ansichten verneigte, aber mein Sohn ist durch sein Erscheinen im Hause Dorset, nachdem er zur herzoglichen Wurde und Selbststandigkeit erhoben war, und durch den offentlichen Beifall, den er der Grafin Anna gezollt, stillschweigend in die Wunsche der Familien eingegangen, und Herzoge von Nottingham feilschen nicht, wie ehrlose Spekulanten, um die Deutung eines Wortes; die Gesinnung, die sie in einer ehrenvollen Sache andeuten, bindet sie so stark, wie das Wort der rohen Menge. So muss ich denn meinen Sohn als den Verlobten der Grafin Dorset betrachten, so lange sie nicht zurucktritt, und der Bruder meines Gemahls wird meine schwachen Krafte unterstutzen wollen, diese innere Ehre unseres Hauses zu erhalten.
Gewiss, Mylady, sagte der Graf etwas ungeduldig, war ich nie im Zweifel, was ich dem Namen, dem ich angehore, schuldig bin, und es giebt allerdings in dem Leben eines Mannes, der mit seiner Thatigkeit der Oeffentlichkeit verfallen ist, oft Gelegenheit, die Starke solcher Anforderungen kennen und in ihrer Wahrheit wurdigen zu lernen. Sollte die Grafin namenlos oder eines befleckten Namens sein, wurden die Familiengesetze dieses Hauses sie schon hindern, zu uns zu gehoren; doch sah ich diese Befurchtung noch nicht bestatigt, und Ihr selbst hattet mich ja gewarnt, hierin zu schnell zu sein. Doch, denke ich, ist vorlaufig diese Ungewissheit Grund genug, meinen Neffen aufzuhalten, und eine so kluge und gutige Mutter wird indessen Mittel finden, ihre Wunsche und Ansichten dem Sohne geltend zu machen. Auch durfen wir Richmonds Beistand entgegen sehn, der stets besser, als ich, sich verstand, auf Herzen einzuwirken, und obwol ein Jahr junger, als Robert, stets den Einfluss eines Aelteren uber ihn behauptete. Der Graf sah nach diesen Worten, die Richmond beruhrten, wie sie diesem Troste horchte und ihn wirklich ergriff. Er schob nun vertraulich seinen Stuhl naher, indem er fortfuhr: Graf Burleigh hat mir Briefe des Grafen Bristol gesendet, die auch Euch angehen, und die vaterliche Autoritat, die ich mit mir fuhre, mag mich entschuldigen, wenn ich Euch mit einigen Fragen lastig werde.
Ihr seid meiner Aufmerksamkeit stets gewiss, und mein Vater hat uber mich zu befehlen, erwiederte die Herzogin in wieder gewonnener Fassung.
Nun, sagte Graf Archimbald lachelnd, so muss ich Euch zuerst in ein Staatsgeheimniss einweihen, welches, wie ich furchte, nur zu bald eine nicht mehr zu verbergende Oeffentlichkeit erhalten wird. Unsere Angelegenheiten in Spanien haben eine sehr ungunstige Wendung genommen, und die jahrelangen, weisen, nicht genug zu ruhmenden Unterhandlungen unseres grossten Geschaftsmannes, des Grafen Bristol, scheinen ganz gegen ihr Verdienst erfolglos zu werden! Aber um Gott, Mylord, rief hier die Herzogin erschrocken, was sagtet Ihr und alle ubrigen offiziellen Nachrichten uns denn bisher so verschwenderisch vom Gegentheil? Welche chimarische Traume waren dies, wer hat denn hier betrogen sein wollen, dass man so geschaftig war, es zu thun?
Weder das Eine, noch das Andere, antwortete der Graf; Alles ging von Seiten des Prinzen und des Hofes in Wahrheit so vor sich, wie es uns gemeldet ward. Aber Ihr werdet Euch wohl erinnern, wie die Begleitung des Herzogs von Buckingham mich sogleich uber die ganze Angelegenheit in Zweifel setzte, da es wohl unmoglich war, einen ungeschicktern und ubelwollendern Begleiter fur den Prinzen aufzufinden. Der Erfolg hat nun alle dadurch auch beim Grafen Bristol erregten Besorgnisse bestatigt, und schon nach den ersten Tagen war der Herr Graf, der Buckingham beobachten liess, uberzeugt, dass es der bestimmte Wille des Herzogs war, durch die zugelloseste Auffuhrung und die absichtlichste Beleidigung aller hoheren dabei interessirten Personen, den Prinzen trotz seines eigenen makellosen Betragens in Misskredit zu bringen. So bewundernswurdig klug Graf Bristol alle diese Dinge fur den Prinzen unschadlich zu machen suchte, so wenig vermochte er doch die gerechten Befurchtungen der koniglichen Familie zu unterdrucken, dass der unlaugbare Einfluss dieses Mannes auf den Prinzen die Lage der Infantin hochst bedenklich machen musse. Woher aber dieser Einfluss so plotzlich? unterbrach ihn hier die Herzogin; weiss ich doch, dass der Prinz fruher eine in der That nur allzu furchtbare Beleidigung ihm nie vergeben zu konnen glaubte, und spater nur aus kindlicher Rucksicht fur seinen Vater ihn ertrug, ohne doch seine Verachtung gegen ihn unterdrucken zu konnen.
Graf Archimbald wusste entweder hieruber selbst noch nichts, oder zog vor, diese Aufklarungen nicht zu geben; genug, er begnugte sich, seine Absicht weiter verfolgend, ruhig fortzufahren. Dessenungeachtet ist die Thatsache nicht zu laugnen, Buckingham ist im Vertrauen des Prinzen, und so doppelt mit Ansehen ausgerustet, uberschreitet seine Unverschamtheit alle Grenzen. Er hat sich dem vortrefflichen Herzoge von Olivarez, der bisher unser eifriger Freund und der Beschutzer dieser Bewerbung war, offentlich als Feind erklart und ihn dabei so beleidigend behandelt, dass der Herzog, da man Buckingham vor der Abreise des Prinzen nicht vom Hofe entfernen darf, diesen bis dahin vermeidet. Des Grafen Bristol Einmischung hat die Sache nur verschlimmert, obwol sie mit seiner gewohnten Umsicht geschah. Denn Buckingham hat sich die abscheulichsten Ausbruche gegen die Gesandschaft des Grafen erlaubt, und der Graf zog sehr richtig, furchte ich, daraus den Schluss, dass des Herzogs Neid im bosesten Grade erregt sei, in Bezug auf das durch den Grafen so glucklich eingeleitete gute Vernehmen beider Hofe, und dass er dieses Verdienst nicht durch eine Vermahlung noch erhoht sehen wollte. Wie dem auch sei, der Hof hat sogleich nach Abreise des Prinzen die Unterhandlungen, um hochst unbedeutender Ursachen willen, furs Erste bei Seite gelegt, wenn man sie nicht schon jetzt richtiger abgebrochen nennen soll. Graf Bristol fuhlt sich dadurch ausserst gekrankt und wunscht, wie naturlich, irgend einen neuen Anknupfungspunkt aufzufinden. Hierzu mochte er durch Euch einige Nachrichten erhalten, die ihm jetzt wichtig werden konnten.
Durch mich? fragte die Herzogin fast spottend. Wie kann ich meinem theuern Vater, entfernt vom Hofe, gehullt in Trauer, uber diese Angelegenheiten, die auch den dort Lebenden nicht immer klar sein mogen, den geringsten Aufschluss geben? Nein wahrlich, ich kann nur als Tochter und Englanderin seinen Unwillen theilen, aber ihm Licht uber das Dunkle dieser Sache zu geben, ist ausser meinem Bereich.
Es beziehen sich die Nachrichten, die der Graf wunscht, auf die Reise meines theuren Bruders, Euers Gemahls. Der Graf, dem uber die eigentliche Ursache Zweifel entstanden, glaubt bei dem ausgezeichnet vertrauten Verhaltniss zu Euerm Gemahl von Euch Naheres erfahren zu konnen.
Schwermuthig sank der Kopf der Herzogin nieder, und mit einem Seufzer hob sie an: Mylord, Ihr beruhrt hier eine schmerzliche Erinnerung! Mein Gemahl durfte von mir einer Treue gewiss sein, die seine Geheimnisse, so er mich wurdigen wollte, sie zu theilen, zu einem Heiligthume gemacht haben wurden, an dem selbst der machtige und stets ehrwurdige Wille meines Vaters hatte scheitern mussen. Aber ich habe bei seiner unglucklich ubereilten und durch nichts gerechtfertigten Reise diesen Vorzug nicht genossen, und ich darf daher nach dem Willen meines Vaters handeln, dessen Scharfblick sich nicht trog, denn auch mir ward es eine unleugbare Gewissheit, dass ihn ein anderes Motiv, als das der Sehnsucht, meinem Vater seinen Sohn vorzustellen, trieb. Er fuhlte auch selbst zu wohl, wie wenig mir dieser Grund zur Befriedigung dienen konnte, und er achtete mich und sich zu sehr, um ihn vor meinen Ohren zur Wahrscheinlichkeit aufschmucken zu wollen, wohl wissend, dass mir die Ehrfurcht vor seinem stets reinen Willen nicht erlauben wurde, ein Vertrauen erzwingen zu wollen, welches seiner treusten Freundin vorzuenthalten, er wichtige Grunde haben musste.
Und, rief Graf Archimbald, aufs Hochste gespannt, hatte er kurz zuvor eine seiner gewohnlichen Zusammenkunfte mit dem Prinzen? Verhehlt mir nichts! Euer Scharfsinn hat Euch konnen errathen lassen, ob der Prinz vielleicht Einfluss auf seinen Entschluss hatte. Dies grade ist es, was Euern Vater beschaftigt, woruber er von Euch Auskunft hofft.
Da ich einmal angefangen habe zu sprechen, in der Hoffnung, meinen Gemahl dadurch nicht zu beleidigen, und in der Gewissheit, dass mein Vater stets die Gefuhle der Gattin in mir schonen wird, so will ich jetzt, wofern sich auch meinen Worten irgend etwas gegen die Absicht meines Gemahls enthullen lassen sollte, Euch Alles sagen, was mir selbst davon bekannt werden konnte, ohne die Grenzen uberschreiten zu durfen, die mir wohlanstandig waren. Der Herzog empfing in meiner Gegenwart einen Courier vom Prinzen und reiste schon am Abende ab, indem er mir sagte, dass der Prinz ihm Dinge von Wichtigkeit mitzutheilen habe. Es hat in Bezug auf den Prinzen immer unter uns diejenige Zuruckhaltung in unsern Mittheilungen geherrscht, die man sich auch in den nachsten Verhaltnissen schuldig ist, wenn das Interesse Anderer dabei betheiligt ist, oder eine uns bekannte und nicht auszugleichende Verschiedenheit der Meinungen obwaltet. Ich suchte nie meinen Gemahl von diesen Zusammenkunften abzuhalten, die ihn mir oft und auf lange raubten. Ich fragte nie nach der Zeit seiner Ruckkehr, wenn er nicht die Gute hatte sie mir selbst anzuzeigen; aber eine lange Erfahrung liess mich stets eine Trennung von mehreren Wochen furchten. Ich ward daher sehr uberrascht, als ich ihn den nachsten Tag zuruckkehren sah, und der unwillkurliche Schrecken, der mich ahnend zuruckbeben liess, fand sich nur zu sehr gerechtfertigt durch das veranderte Ansehen meines Gemahls. Seine edeln, offenen Zuge waren der Verstellung unfahig, und ich sah in ihnen einen sanften Schmerz, einen Ausdruck von Unruhe und eine besorgte Zartlichkeit um mich, die mir das Herz um so mehr belastet, da ich vergeblich einer Aufklarung entgegen sah. Erst nachdem er sich und mich bis zum andern Tage mit seinem Schweigen beunruhigt hatte, erhielt ich durch die Anzeige seiner Reise nach Spanien eine theilweis traurige Auflosung. Er sagte mir namlich, er wolle den lang genahrten Wunsch meines Vaters erfullen und ihm Robert vorstellen. Nach diesen Worten schwieg er, und ich mit ihm, denn von dem Augenblicke an ergriff mich der namenlos bittere Schmerz seines Verlustes, und die Qual des Geheimnisses, das uber diesem Ereignisse ruhte, zerschnitt mir das Herz. Ich wagte ihn an die Jahreszeit, an die Abwesenheit Richmonds zu erinnern, wodurch der Wunsch meines Vaters nur halb erreicht werden konnte. Er schwieg, nahm liebevoll meine Hand und sagte mit einem Tone der Weichheit, der nie aus meinem Gedachtniss kommen wird: Ich muss dennoch reisen! Ich nahm nun all meinen Muth zusammen und erwiederte ihm: So sei Gott mit Euch, ich werde aller Welt sagen, dass Ihr unsern Sohn meinem Vater vorstellen musst. Nach dieser Ergebung in seinen Willen sagte er mir tausend Worte der Liebe, die mir seine Dankbarkeit verriethen, dass ich ihn schonen wollte. Aber ich tauschte mich so wenig, als er selbst. Wir wussten bei unserer Trennung, dass wir uns nicht wiedersehen wurden; unser Schmerz konnte durch nichts als durch diese Ahnung gerechtfertigt werden. Ihr wisst jetzt Alles. Es blieb mir nie ein Zweifel, dass der Prinz ihn zu dieser Reise bestimmt, zu welchen Zwecken jedoch, ist mir, wie Ihr seht, unbekannt und muss auch meinem Vater unbekannt geblieben sein, denn er kam ja nur zu ihm, um sein Sterbelager zu besteigen.
Graf Archimbald fuhlte sich nach der Beendigung dieser Erzahlung von Theilnahme und Achtung fur seine edle Schwagerin erfullt; dies verlieh ihm jene Warme und Gute des Ausdrucks, der, leicht verstandlich, dem Herzen so wohlthuend, besonders wenn er von Personen kommt, zu deren Gefuhl man sonst schwer Zugang gewinnt. Er hat bei dem wahren und tiefen Ausdruck von Schmerz und Edelsinn, womit die Herzogin gesprochen, fast ganz den politischen Zweck der Sache vergessen, und die gefuhlvollen Worte, womit er die Leidende zu ehren wusste, fuhrten diese beiden einander so wurdigen Personen fur einige Zeit ohne das gewohnliche Rustzeug ihres Verstandes zu einander.
Die Herzogin erinnerte ihn selbst an seinen Zweck, indem sie ihn bat, ihr zu sagen, ob ihr Vater aus den letzten klaren Tagen des Herzogs vor der Zunahme seiner Krankheit, die so bald seinen schonen Geist verdunkelte, uber seine eigentlichen Absichten habe Schlusse machen konnen, und Graf Archimbald theilte ihr nun, theils erzahlend, theils lesend, Stellen aus den Briefen des Grafen mit. Der Herzog war erkrankend angekommen, dennoch nach einer kurzen Zwischenzeit, die er dem Erguss der verwandtschaftlichen Gefuhle gegonnt, hatte er nach allen, auf die im Werke stehende Vermahlung des Prinzen und der Infantin bezughabenden Umstanden gefragt. Als aber der Graf seinerseits von ihm, als dem genauesten Freunde des Prinzen, uber dessen Stimmung habe Auskunft haben wollen, sei er von ihm auf spatere Mittheilungen verwiesen worden, die nachher nicht mehr erfolgen konnten. Wahrend seiner Phantasien war er stets mit seiner Vorstellung bei Hofe und einer Privat-Audienz bei der Infantin beschaftigt. Zuletzt rief er noch mit qualvoller Angst den Prinzen, bis Alles ohne Deutlichkeit in der Nacht seines zerstorten Geistes untertauchte.
So furchte ich, hob die Herzogin nach einer Pause an, wird mein Vater seinem eigenen Scharfsinn uberlassen bleiben. Aber sagt mir Mylord, so ihr es durft, ist uber die Wunsche des Prinzen, die er, wenn ich offen mich erklaren darf, so abenteuerlich durch seine Reise nach Spanien an den Tag gelegt, ein Zweifel? und woruber? und wohin gewendet?
Wie sonderbar und widersprechend es auch erscheinen moge, erwiederte Graf Archimbald, so glaubt dennoch Graf Bristol, dass grade der Prinz in seinem Innern am entschiedensten gegen diese Verbindung ist, dass seine Reise sowol, wie seine Versohnung mit Buckingham das letzte Mittel war, um eine Storung in diese Angelegenheit zu bringen, ohne durch eine offene Weigerung den Konig, seinen Vater, zu beleidigen. Der Graf konnte wahrend der ganzen Zeit seiner Anwesenheit den Prinzen zu keiner offenen Erklarung uber eine Sache bringen, die ihn doch allein dorthin gefuhrt zu haben schien. Er erzahlte dem Grafen unaufhorlich, wie es ihn uberrascht habe, in Spanien, das jungst noch gegen England entbrannt war, bei seiner plotzlichen Ankunft, auf die das Land von Hofe aus unmoglich vorbereitet sein konnte, auf kein Hinderniss oder irgend eine Beleidigung gestossen zu sein. Es glich dies Erstaunen fast einer getauschten Erwartung. Ebenso war, bei der ubrigen Kalte des Prinzen, sein Verlangen, um jeden Preis die Infantin allein zu sprechen, so dringend, von Buckingham so unschicklich heftig unterstutzt, dass man eine geheime, damit verknupfte Absicht dahinter hatte ahnen mogen; und Graf Bristol wusste es der unuberwindlichen Etikette Dank, dass sie die Sache unmoglich machte. Eben so wenig suchte der Prinz den Zugellosigkeiten Buckinghams entgegen zu treten. Er theilte sie zwar nicht, aber es fiel ihm doch unlaugbar zur Last, dass die nachste Person seines Gefolges, und die einzige von Range uberhaupt, unter seinen Augen dergleichen wagen durfte. Vergeblich aber war des Grafen Bitte, wenigstens den Herzog von Olivarez zu versohnen, gegen den der Prinz ein hochst unzeitig beleidigtes Wesen annahm, und diesen stolzen Mann, den des Grafen Bristol unendliche Klugheit uns eben erst gewonnen, zum unversohnlichsten Feinde umschuf. Der Courier, den der Graf mir mit diesen Andeutungen gesendet, ubereilt den Prinzen um einige Tage, da der despotische Wille Buckinghams den Prinzen durch Frankreich wieder zuruckfuhrt, als ob er die Hofe Europa's, denen es am vortheilhaftesten scheinen konnte, eine so wichtige Person, als den Thronerben von England, bei sich fest zu halten, diese Probe ihrer volkerrechtlichen Tugend zu seiner eigenen Belustigung bestehen lassen wolle. Jedenfalls bewahren wir der Nachwelt eine seltene Probe unserer Klugheit auf, und einer Lacherlichkeit des Betragens, die uns um ein Jahrhundert vor Elisabeth zuruckversetzt, deren Nachfolger zu sein, wir uns doch ruhmen wollen.
Der Graf hielt hier inne, er besass nicht die Pedanterie politischer Geheimnisskramerei, und am wenigsten vor einer Frau, die ihm eben Proben ihrer Selbstbeherrschung gegeben. Aber er fuhlte selbst ein gewisses Unbehagen, die Handlungen ins Licht treten zu lassen, die seinem Altenglischen Herzen so krankend waren. Er musste indess der sehr dadurch beschaftigten Herzogin noch Rede stehen, die nun zu wissen wunschte, ob man ihrem Gemahl dieselbe Ansicht mit Buckingham und dem Prinzen beimessen konne.
Wir konnen nur Thatsachen an einander stellen, erwiederte Graf Archimbald. So viel durfte fur uns Gewissheit sein, dass der Prinz die Veranlassung zur Reise meines Bruders ward, welches eine ahnliche Absicht anzudeuten scheint, wie der Prinz spater so dringend verfolgte. Ebenso scheint die letzte Zeit, wo er sich noch aussern konnte, eine Beziehung zu den Angelegenheiten des Prinzen hinlanglich zu verrathen, wozu ich rechne, dass er sich gegen Graf Bristol uber den Prinzen ausweichend ausserte, und dass sein Bestreben gleichfalls darauf ausging, die Infantin allein zu sprechen.
Unmittelbar nach der Nachricht von dem Tode des Herzogs trat dann die Versohnung mit Buckingham und die Reise des Prinzen ein. So scheint es, dass der Prinz, als der Herzog nicht vollziehen konnte, was er von ihm gehofft, eines andern Vertrauen bedurfte, der ihn dann zur eignen Ausfuhrung antrieb. Doch werdet Ihr selbst einsehen, dass wir hier nur unbestimmte Muthmassungen haben, eine aus der andern geleitet, aber sammtlich des Hauptanhalts entbehrend, der Kunde vom unbegreiflichen Zweck aller dieser Anstrengungen!
O Gott! seufzte hier die Herzogin schmerzlich auf, so ware also das Gluck meines Lebens dennoch an dem Willen des Prinzen zertrummert, der stets als ein finsterer Geist neben dem Lichtbilde meines Gemahls stand, und mit dem ich das Recht des Besitzes zu theilen stets gewartig sein musste. Wir wollen denken, Graf Archimbald, fuhr sie fort, indem sie sich fast geisterhaft bleich von ihrem Sessel erhob, dass in Gottes Hand der letzte Augenblick des Menschen ruht, und ich sage mir, dass dies geliebte Wesen reif war, hinuber zu gehen, und hier im Schoosse der Seinigen so sicher ereilt worden ware, wie unter den Beschwerden und Sorgen dieser Reise. Dennoch mag vielleicht stolzes Ueberbieten geistiger und physischer Krafte schneller den Augenblick herbei fuhren konnen, den Gott ohne solche menschliche Verschuldung noch entfernter gestellt haben wurde, und vielleicht war das der Fall auch hier. Mylord, o begreift es, wie schwer bei diesen Gedanken mir die Ergebung wird, wie der Gram die schreckliche Zugabe des Vorwurfs gegen die Verschulder desselben erhalt!
Geht hierin nicht zu weit, Mylady, sagte der Graf Archimbald milde, lasst den Gedanken vorwalten, dass Gottes Hand hier lenkte und bestimmte, und machet den Dienst der Freundschaft, der wol ohne Vorahnung dieser Folgen gefordert und gewahrt werden konnte, den Beiden nicht zum Vorwurf, die stets ein wahrhaft schones Bild dieser reinen Empfindung darstellten.
Es sei so, sagte die Herzogin sich empor ringend, und es mag Zeit sein, den Gedanken ihr Ziel zu setzen, die mich ergreifen wollen uber den geheimnissvollen Einfluss, den dieser Freund meines Gemahls auf ihn ausubte. Denn ich darf ja jetzt am wenigsten vergessen, dass die Stelle leer ist, die er zum Schutz und zur Leitung seiner Familie so wurdig einnahm, und, setzte sie leiser hinzu, vielleicht sollte ich schon jetzt die Gute Gottes erkennen, die wenigstens sein Herz vor dem Schmerz bewahrte, der mir in der Verirrung meines Sohnes droht, ach! welch' ein Schmerz ware das fur ihn geworden!
Ihr Blick voll dusterer Melancholie traf hier Graf Archimbald, der trotz aller zarten Theilnahme, die ihm bis dahin gegen die edle Leidende so naturlich gewesen war, dennoch den Schmerz seiner Schwagerin uber die Ansichten ihres Sohnes etwas ubertrieben finden musste. Sie gewahrte augenblicklich diese Gedanken, wenn auch fast unmerklich in seinen Zugen ausgedruckt, und wider ihren Willen rief sie wie uberwaltigt aus: Ich gelte Euch so eben als eine Thorin, die, den Anforderungen ihres Schicksals nicht gewachsen, sie phantastisch vergrossert, ihr Unvermogen damit zu verhullen; aber konntet Ihr die Grosse dieses Schmerzes so durchschauen, wie es mir aufbehalten war, Ihr hieltet mich nicht fur ein allzuschwaches Weib.
Und dessen seid in jedem Fall gesichert! Ihr habt mir eben durch Eure verehrungswurdigen Mittheilungen eine Lehre der Massigung in Bezug auf die Geheimnisse Anderer gegeben, die Euch zu hoch in meinen Augen stellt, als dass Ihr sie nicht gegen Euch zuerst befolgen mochtet. Aber vergesst nicht, dass es der Bruder Eures Gemahls ist, der stets mit allen seinen Kraften Euch zur Seite bleibt, und dem Ihr vertrauen durft, wie der es that, den ich mit Euch so schmerzlich vermisse.
Der starke Mann zollte hier einen Augenblick dem tief verschlossenen Gefuhl seiner Brust einen ehrenvollen Tribut, aber er kurzte gern solche, ihn stets uberraschende Momente ab, und Beide trennten sich stumm grussend, mit dem Gefuhl einer erhohten Achtung und Freundschaft.
Weniger genugend fur beide Theile fiel eine Unterredung der Herzogin mit ihrem Sohne aus. Sie hatte nur zu viel Veranlassung, der Menschen-Kenntniss des Grafen Archimbald Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und seine Befurchtung wegen der hartnackigen Entschlossenheit sanfter Gemuther, die durch Leidenschaften in ihren Empfindungen erhoht sind, zu theilen. Es ward ihr manche, bis dahin noch vorenthaltene Kenntniss der Grenzen alterlicher Macht uber die Gewalt individueller Empfindungen, der Ohnmacht des Willens und der Bitte bei anders Fuhlenden. Ihre Lage war um so druckender, da ihr nicht vergonnt war, mit der vollen Kraft der Wahrheit zu ihm zu reden. Denn wiewol gluhend uberzeugt von der Unmoglichkeit der Sache, musste sie es sich doch versagen, ihren Sohn durch dieselben Grunde zu uberzeugen, welche in ihr dies Resultat hervorgebracht. So blieb ihre Lage ihm gegenuber von der Halbheit beschlichen, die kraftige Gemuther um so tiefer verletzt, je nothiger ihnen stets in Rede, wie in That jene rechtfertigende Consequenz ist, wovon sie sich des oft gepruften Erfolges gesichert wissen. Sie sah ihren Sohn dadurch, dass er seine volle Seele in Wahrheit und ohne allen Ruckhalt vor ihr entlud, in einem ihr nachtheiligen Vortheil uber sich, und musste auch das sonstige Uebergewicht ihres Verstandes vor ihm einbussen, da sein ganzes Wesen, in Liebe erhoht, seinem Geiste eine Glut und Kraft der Combinationen verliehen hatte, die dem kindlich schlummernden fruheren Zustande nicht mehr gleich kam.
Ein fur die Herzogin namenlos schmerzliches Gesprach mehrerer Stunden hatte sie um nichts ihren Wunschen naher gebracht. Es war noch immer der liebevolle, ehrende Sohn, der treffliche Mensch, aber zugleich ein zum ersten Mal im Leben Wollender, unterstutzt in diesem Willen von der ganzen Ueberredungsgabe eines zuerst liebenden Herzens. Dagegen schien die Herzogin wenig Anderes als Vorurtheile und Stolz in die Waagschale legen zu konnen, und gegen das Ende dieser qualvollen Unterredung musste sie entmuthigt sich das ihr so neue Gestandniss machen, sie sei sich selbst hier nicht genug und ihr Einfluss auf ihn nur noch bedingt.
Sie hatte nur die Versicherung von ihm erlangt, dass er sein Gefuhl der Grafin verschweigen werde, bis die Familie Dorset mit schonender Achtung entfernt sein werde, und bei dieser Bitte fand sie den Sohn so nachgiebig, so durchdrungen von den Anforderungen der Ehre und Wohlanstandigkeit, dass sie ihm nicht einmal zurnen konnte, sondern ihn seiner edeln Erziehung vollkommen entsprechend finden musste. Der Herzog verliess endlich seine Mutter mit weit mehr Hoffnung, als er nahren durfte. Denn er hielt ihren fast erschopften Zustand fur Nachgiebigkeit in seine Wunsche, und fur ihn lagen alle Schwierigkeiten allein in der moglichen Beleidigung der Familie Dorset.
Zu einer milden Ausgleichung dieses Punktes hoffte er seine geliebte Grossmutter zu bestimmen und vertraute diese Absicht auch der Herzogin, von der er so kindlich liebevoll schied, dass die Thranen der zartlichen Mutterliebe uber das schone Gesicht des knieenden Junglings flossen. Aber kaum war er ihren Blikken entschwunden, so rang sich die Klarheit ihres Geistes aus der weichen Betaubung empor, worein ihr Herz sie verstrickt hatte, und der jahe Schmerz, den ihr der Ueberblick der wirklichen Lage der Sache gab, erschien ihr jetzt um so schrecklicher, da die Unterredung, von der sie so viel gehofft, voruber war und sie sich sagen musste, sie sei dadurch eher zuruck, als dem Ziele naher geschritten. Sie machte sich in ihrer Heftigkeit selbst die bittersten Vorwurfe, ihrem Sohn auch nur einen Schatten von Hoffnung fur diese Verbindung gelassen zu haben; sie glaubte sich dem Elende einer Entdeckung ihres Geheimnisses nahe gebracht, und rief in fieberhafter Angst Gott auf ihren Knieen um Beistand an und um Herbeifuhrung eines Ausweges. Thranen sandte ihr vorerst Gott, und als diese ihr banges Herz erleichtert, stand auch der rettende Engel, den Gott gesandt, ihr zur Seite. Sie hob den Kopf empor, sich von ihren Knieen zu erheben, und stand vor ihrer ehrwurdigen Schwiegermutter, die, von ihr ungehort, das Zimmer wahrend ihres heftigen Weinens betreten und, uber den Zustand, worin sie die Herzogin sah, erschrocken, so eben sich ihr genahert hatte.
Die Herzogin fuhr zusammen, und dann mit einem so uberspannten Ausdruck zuruck, dass ihre starren Augen zu fragen schienen: Bist du ein Mensch? Ach, bist du der Ausweg, um den ich Gott anrief? seufte ihr Herz, und sogleich wiederholten es auch ihre Lippen, und vor der alten Herzogin aufs Neue niedersinkend, rief sie wie begeistert: Du bist es, ja, Du bist es! Dich sendet mir Gott, vor Dir soll ich mein Herz von seiner erdruckenden Burde befreien, Du bist der Ausweg, den er mir sandte; in Deiner reinen Seele wird sich das Rechte vom Unrechten scheiden, und was sein muss, wird meine rathlose Seele von Dir erfahren. Sie sprang zugleich mit einer Heftigkeit auf, welche dem krankhaften Zustande zu widersprechen schien, in dem sie sich befand, und war bemuht, ihre erstaunte und bekummerte Schwiegermutter zu einem Ruhebette zu ziehen, auf dem sie sich sogleich mit einer Hast dicht neben ihr niederliess, welche von der regellosen Aufregung ihres Innern zeugte.
Die alte Herzogin war ihr willig in all' ihren stummen Anordnungen gefolgt, aber die Besorgnisse, die dies seltsame Verfahren ihr gab, raubten ihrem stets gegenwartigen Geiste dies Mal die Leichtigkeit, sich in lindernden Worten auszudrucken. Sie fuhlte sich unfahig, einen Eingang zu dem Vertrauen zu finden, das die geliebte Leidende mit einer rathselhaften Angst und Uebereilung ihr zu schenken bereit schien, und sie blickte blos, in unendliche Liebe und das tiefste Mitgefuhl aufgelost, in die zerstorten Zuge der Herzogin. Diese schwieg ebenfalls noch; dicht neben der mutterlichen Freundin sitzend, ihre Hande zwischen den ihrigen druckend, die von Thranen geschwollenen Augen an den Boden geheftet, schien sie von eigenen Gedanken noch zu uberfullt, um reden zu konnen; sie schien in sich vor allen Dingen die Ordnung herstellen zu wollen, die ihr nothig war.
Sie hob endlich die Augen zu ihrer Schwiegermutter auf, und ward durch einen Blick in dies liebevoll besorgte Antlitz wie von jeder Qual befreit und in die Arme gezogen, die sich ihr so mutterlich offneten. Hore mich erst, seufzte sie dann, ehe Du mich thoricht schiltst; aber hore mich! Langer kann ich die Qual dieses Geheimnisses allein nicht tragen, ich bedarf auch Deines Beistandes, und Du hast ja fast dasselbe heilige Interesse, wie ich selbst, geheim zu halten, was ich Dir sagen muss. Aber dennoch, setzte sie bang und flehend hinzu, dennoch kann ich nicht eher das mir gethane Gelobniss ewiger Verschwiegenheit brechen, ehe Du nicht grossmuthig Dich meiner Angst erbarmst und mir heilig gelobst, das, was ich Dir sagen muss, als unverbruchliches Geheimniss in Dir zu bewahren, so, als hatte Dich nie eine Ahnung davon erreicht.
Alles gelobe ich, was Dich, mein armes Kind, beruhigen kann, sagte schnell die bekummerte alte Dame, und bin gewiss, Du wirst mir nun ohne Sorge vertrauen und mich die Burde mit Dir tragen lassen, die Dich so grausam zerstort. O eile, geliebtes Kind, Dein Herz zu erleichtern, und Gott wird mir Kraft verleihen, Dir eine wahrhafte Stutze zu sein.
Ach, seufzte die Herzogin, wie weit in die Vergangenheit muss ich zuruckgehen, denn wie sehr ist das, was ich Dir sagen will, in das Gewebe meines ganzen Lebens mit einem unabgerissenen, mir allein stets sichtbaren Faden verflochten. Wie hat es mit seinem stillen und doch unlaugbaren Dasein mir den Muth zur Klage, wie zum vollig reinen Genusse des Lebens geraubt! O, wie tief fuhle ich seinen Einfluss auf mein ganzes Wesen, wie liess es in mir die Fehler ergrauen, von deren Dasein ich zu meiner Qual mir stets bewusst blieb, wahrend ich ihnen doch die Herrschaft wieder gonnte, die mich zu verharten schien gegen die geheimen Schmerzen dieser Brust. Mutter, wenn es ein Frevel werden kann, ein menschliches Wesen zu sehr zu lieben, so hab' ich ihn vielleicht begangen; aber, den ich so uber alle Grenzen hinaus liebte, es war Dein Sohn, und an Deinem Herzen rufe ich um Nachsicht.
Du weisst, dass mein verehrungswurdiger Vater nach dem Tode meiner Mutter das zehnjahrige Madchen ganz in seine Obhut nahm, nur Mistress Morton blieb mir als weiblicher Schutz zur Seite, und sie war, obgleich noch jung und schon, doch nur in der Liebe zu mir lebend, allen den Pflichten vollkommen gewachsen, die mein Vater ihr mit vollstandigem Vertrauen ubertrug. Wir theilten jede Stunde, die ich entfernt von meinem Vater lebte, aber dem fruh vereinsamten Manne war es susser Trost, das einzige Andenken seiner Liebe um sich zu haben, und meine Tage schwanden in dem Studirzimmer des Vaters hin in wortkarger Einformigkeit. Der Ernst dieses Lebens widerstrebte jedoch meiner Sinnesart nicht; ich fugte mich nicht allein, sondern ich ahmte bald in Wort und Zeichen einen Ernst und eine Wurde nach, die mein Vater in seiner reichen Natur mit einer heitern Lebendigkeit des Geistes und einer zartlichen Empfanglichkeit des Herzens verband. Von dieser war mir nur wenig verliehen, und sie wurde daher unter seinen Eigenschaften leichter von mir ubersehen, als sein Ernst und sein Stolz, der in meinem Gemuthe reichern Anklang fand. Alle meine Umgebungen huldigten bald den Anforderungen dieses jugendlichen Dunkels, der mich bei der Strenge meines Karakters nie zu Bedrukkungen verleitete, die im Stande gewesen waren, meinen Vater aus dem zartlichen Liebestraum uber die Vorzuge seines Kindes zu wecken. Meine theure Morton war das lindernde Prinzip. Sie liebte ich, und an ihrer zartlichen Brust verschwand der Ernst, den ich uberall fest hielt; ich ward jung in ihrer wohlthatigen Nahe und lernte weiblich fuhlen. Vielleicht schon damals stimmte der blosse Name des Mannes, den ich spater so grenzenlos lieben sollte, mein Herz so empfanglich fur Mortons weiblich heitere Gesprache, denn sie, von den Planen zu dieser Vermahlung unterrichtet, bereitete in sorgloser Geschwatzigkeit mein Herz zu diesem Glucke vor. Mein Vater, der seit dem Tode meiner Mutter dem offentlichen Leben standhaft entsagt hatte, bis zu meiner Vermahlung, glaubte endlich mit Deinem Gemahle, der Augenblick hierzu sei gekommen. Morton sagte mir, dass beide Familien ihre Kinder bei Hofe vorstellen wollten und ich den sehen wurde, der in mir seine Braut zu finden hoffte. Aehnliches, obwol ferner angedeutet, sagte mir mein Vater, und ich zurnte jedes Mal dem ungestumen Schlage meines Herzens, als der stolzen Wurde widersprechend, die uberall zu behaupten ich mir auferlegt. Ach, nur zu bald und immer mehr ward dieser angenommene Grundsatz in mir erprobt. Wir sahen uns, nachdem ich zuerst Deinen Segen, als von der Freundin meiner Mutter, in Deinem Hause empfangen, zuerst am Hofe. Obwol der Augenblick, wo ich zuerst ihn sah, mir deutlich ist, als war's der gegenwartige, konnte ich Dir doch die sturmische Gewalt nicht schildern, womit auf ewig sich dies heissgeliebte Bild in meine Seele senkte. Was ich gehofft, getraumt, geahnet, lag wie ein Schattenbild, verschmolzen mit dem ganzen Zeitraum der Jugend, den ich durchlaufen, wie leblos hinter mir. Er nahte mir, sein hold leuchtendes Auge erreichte wie ein unendlicher Wohllaut mich, wir redeten, und tausend Mal gab ich an diesem Abend ihm die Seele hin. Als bei der Ruckkehr mich der Vater mit einem Segenskusse lachelnd von sich liess und Morton mir am Eingange meiner Zimmer bewegt entgegeneilte, trat sie erstaunt zuruck, die Arme, die ich ihr entgegenstreckte, erreichten sie nicht, denn sie schien ungewiss, ob ich es sei, und trat nun, mich zu sehen, vor meiner Umarmung zuruck; aber ich suchte das liebevollste Herz, und mit einer an Triumph grenzenden Freude rief ich ihr zu: Ich habe ihn gesehen! Welche Tage begannen nun! Ach, es waren nur wenige, aber selige Tage. Auch Ihr theiltet wol in alterlicher Zartlichkeit die Bestatigung Eurer Hoffnungen. Denn nahte Robert mir auch nicht in Liebe, war ich doch die Liebste in dem weiten Kreise des Hofes ihm, und ich, so sicher ihn als mein betrachtend, ersetzte mit dem Reichthum meiner Empfindung die Lucken, die damals sich schon hatten finden lassen. Da rief der Konig die Familie seines ubermuthigen Lieblings an den Hof, und Ihr wisst, was da geschah. Aber die Qualen meines Innern blieben Euch und aller Welt Geheimniss. An jenem Abend, wo die schone Schwester des Herzogs von Buckingham am Hofe erschien, geschah in meinem Innern eine gewaltsame und furchterliche Umanderung. Ich kann sagen, dass meine Entwickelung, gehemmt und fur immer aus dem schonen Reiche sanfter, leidenschaftsloser Weiblichkeit verdrangt, den kalten Machten wieder anheim fiel, denen die Liebe mich entzogen, vielleicht fur immer entzogen hatte, ware es mir beschieden gewesen, sie zu der ungetrubten, tugendhaften Hohe fuhren zu konnen, deren sie werth und fahig war. Aber gestort, so grausam gestort, bei so grenzenloser Hingebung, war mein Karakter nicht geschaffen, in Milde diesen heissen Schmerz zu wandeln, und ich bin es mir bewusst, dass ein ganzes folgendes Leben, reich an sussem Glucke und jeglicher Befriedigung, den jahen Umsturz meiner damals keimenden besseren Natur nicht wieder ins Gleiche bringen konnte.
O Mutter, wende Dich nicht von mir, rief die Herzogin hier in Thranen der sichtlich erbebenden mutterlichen Freundin zu, und zurne nicht, dass ich Dich zum Beichtiger meines ganzen Lebens mache. Das Andenken dieser Tage, ja, das nie vordem Geschehene, dass meine Lippen zur Enthullung ihrer Leiden sich offnen, reisst mich mit sich fort, dass ich, so innig Dir vertrauend, so nie von Dir zuruckgeschreckt, nicht mehr verhindern kann, zu sagen, was mir in trauriger Erkenntniss meiner selbst nur zu oft zur schmerzlichen Gewissheit wurde.
Kaum hatte diese Schonheit sich gezeigt, so sah an meiner Seite ich an Robert die Wirkung, die bald Allen kein Geheimniss blieb. Ach, der mich durch sich gelehrt, was Liebe sei, liess jetzt an sich dasselbe mich erkennen, von einer Andern eingeflosst, was ich in jeder Beziehung allein von ihm zu fordern berechtigt schien! Ich kam nach einem kurzen Wehe namloser Schmerzen schnell zur Ueberzeugung, dass ich verloren sei, dass der, den ich noch wenig Stunden fruher mit jubelndem Entzucken mein Eigenthum genannt, von mir gewendet war, mich vollig zu sehen aufgehort. Sorglos, wie ein Kind den Schmetterling erjagt, und vor und neben sich nichts mehr gewahrt, den Blick allein gefesselt an das Ziel, so folgte er den Schritten dieser Grafin Buckingham, als ware dies das einzige ihm aufgegebene. Geschaft des Lebens. Denkt Euch, dass hier zuerst jene wilde, damonische Feindin unserer Ruhe, die Eifersucht, in mir aufstand; dass mir ein unaussprechliches Gefuhl von Kalte gegen der Grafin leuchtendes Verdienst, ein bitteres, stolzes dunkelvolles Etwas die Seele vollig trubte; denkt Euch, dass ich vergeblich Roberts Wiederkehr harrte, dass ich den wilden Buckingham, unfahig in meiner schmerzlichen Auflosung, die fruhere stolze Kraft ihm entgegen zu stellen, durch mein sterbendes Stammeln zu einem kuhnern Betragen berechtigte, und malt Euch dann den Zustand, worin ich bei der Ruckkehr leblos meiner edlen Morton in die Arme sank. Ich brachte die Nacht am Rande des Wahnsinns zu. Morton erfuhr nur langsam, unter Convulsionen, die seitdem mir blieben, das eben Erlebte, und nur der Hoffnung, die sie mehr liebevoll, als klug in mir wieder zu beleben wusste, verdankte ich die Wiederkehr meines Verstandes und den Entschluss, ferner am Hofe zu erscheinen, ganz entgegen meiner ersten heftigen Entschliessung. Ach, ich kehrte wieder, um mit jedem Male gewisser von meinem Ungluck mich zu uberzeugen. Ich erhielt von diesem Augenblick nicht einen seiner holden Blicke mehr. Er ehrte mich nur mit bruderlichem Wohlwollen, wahrend ich die gluhend heisse Liebe, deren er fahig war, an ihr erkennen musste. Sie, die unter den sie umrauschenden Huldigungen kaum einen Blick, ein Lacheln fur den ubrig fand, der, diese seltene Gunst nicht zu entbehren, doch an den Saum ihres Kleides gefesselt, verloren fur die ganze ubrige Welt, sich kaum der Existenz bewusst war! Meine Nachte brachte ich in Thranen in Mortons Schoosse hin, aber wenn der Tag und die Stunde erschien, wo der Hof sich versammelte, dann rief ich allen Geschmack der Mode herbei, meine nach und nach verfallende Gestalt, meine bleicher werdenden Wangen gegen den Verdacht eines Grams zu schutzen. Denn gewaltig war mein Stolz erwacht. Verschmaht zu sein im Angesicht des ganzen Hofes, als verschmaht bezeichnet durch die kuhnen Schritte Buckinghams, ach, selbst von Deiner zarteren Liebe und den schwermuthigen Blicken meines Vaters als so bezeichnet, war es die Aufgabe, die ich mir stellte, wenigstens uber meine geringe Theilnahme an dieser Krankung keinen Zweifel ubrig zu lassen. Die Ueberreizung, in die ich so nothwendig kommen musste, gab mir, wenn der oft furchterliche Schritt aus meinen Gemachern gethan war, eine grossere Leichtigkeit und mehr Leben und anscheinende Heiterkeit, als wol fruher, wo ich naturlich sein durfte.
So trat die Trauerzeit ein, die auf den Tod des Prinzen Heinrich folgte. Der Hof hatte aufgehort, in Festen sich zu vereinigen, die Trauer hob jede Verbindung auf. Nur die befreundeten Familien sahen sich ohne Gerausch, und ich sah Dich in Deinem Hause, aber nie mehr dort Deinen Sohn, der den Prinzen nicht mehr verliess. Doch diese Zeit ganzlicher Trennung belehrte mich erst vollstandig uber die Starke meines Gefuhls fur ihn; denn ihn nicht zu sehen, erschopfte all' meinen Muth. Es gab Augenblicke, wo ich mir denken konnte, dass ich das Leben eher ertragen wurde, wenn ich ihn selbst als Gemahl dieser Buckingham nur sprechen konnte.
Die Trennung raubte mir all' die Energie, mit der ich mein Leiden beherrscht hatte. Es kam eine bittere, todtende Verzweiflung uber mich; in London blieb ich nur, weil dieselbe Stadt auch ihn noch umfing. So, theure Mutter, fuhlte ich mich, als mir Morton den Grafen von Derbery anmeldete, der mich um eine geheime Unterredung bitten liess. Ich war so uberwaltigt von der Aussicht, ihn zu sehen, dass ich fast an das Auffallende dieser Bitte nicht dachte. Morton entfernte sich. Ich horte ihn eintreten, ich blickte nach ihm hin und sank mit einem Schrei in meinen Stuhl zuruck; denn aus dem bluhenden, hochgefarbten Junglinge mit dem jugendlich lachenden Antlitz war ein bleicher, ernster Mann geworden, in dessen frischen Zugen der Schmerz seine ersten Furchen gezogen hatte. Er sah mein Erschrecken, aber er liess sich auf keine Deutung ein, sondern lag im selben Augenblick zu meinen Fussen und flehte mich an, die Wunsche unserer Familie zu erfullen und ihm meine Hand zu reichen.
Ich war sprachlos vor Erstaunen, und Liebe und Stolz kampften hart in mir, aber nur zu wohl fuhlte ich, dass Liebe ihn nicht zu mir geleitet, und ich raffte all meinen Muth zusammen, ihn von mir zu weisen. Nach diesen ersten Worten gewann ich das volle Uebergewicht meines beleidigten Stolzes, ich hielt ihm in kalten Worten seine vollige Entfremdung von mir vor, ich erinnerte ihn endlich, gesteigert in Schmerz und Zorn, an seine Liebe zur Buckingham, die der ganze Hof mit mir gesehen. O Mutter! ich glaubte, ich hatte ihn mit diesen Worten getodtet; sein Kopf sank in seine Hand, seine Figur brach zusammen, und ein krampfhafter Laut entglitt seinen todtenbleichen Lippen. Dieser Anblick entriss mich all meinen stolzen Vorsatzen; ich eilte auf ihn zu, ich zwang ihn, sich nieder zu setzen. Ich hatte jetzt zu seinen Fussen sinken mogen, und was der nachste Augenblick mich hatte thun lassen, mag ich nicht bedenken. Aber er erholte sich und zeigte sich nun in der ganzen Glorie seiner edeln wahrhaften Natur! Er selbst gestand mir jetzt seine Liebe zur Grafin Buckingham, und dass sie in ihm noch jetzt lebe, wo er mich um meine Hand bitte: aber unuberwindliche Hindernisse, die er mir jedoch nie nennen durfe, trennten ihn von der Grafin. Nie konne sie seine Gemahlin werden, und diese Ueberzeugung hatte ihn von all seinen Wunschen geheilt und zu der heiligen Pflicht zuruckgefuhrt, welche verehrte Verwandte so grossmuthig und begluckend fur ihn ersonnen. Er fragte mich, ob ich es wagen wolle, ihm zu vertrauen; er sagte mir, dass er mich hoher achte und verehre, als alle andern Frauen der Erde; dass nur dies Gefuhl ihm Muth gegeben zu dem ausserordentlichen Schritte, den er gewagt zu thun; dass er nur an meiner Seite, nur in Erfullung dieser Pflicht, nur indem er sich bestrebe, Alles zu verguten, was er verschuldet, Ruhe finden konne, nur Gluck hoffen durfe, wenn ich ihn aufnahme, und mit schwesterlicher Liebe sein Herz dulden und heilen wolle. Er erinnerte mich an die Wunsche unserer Eltern, die wir dadurch zu beglucken vermochten, und ich liebte! Was er mir bot, sicherte mir furs Leben seine theure Nahe! Was er mir entdeckt, erhohte nur meine Achtung fur ihn, und gab meiner Seele das susseste Vertrauen zu den Versicherungen hochachtender Freundschaft, die nach der trostlosen Verarmung, in der ich mich gefuhlt, so unendlich viel mir schien. Mein Stolz war fur den Augenblick verschwunden, er empfing mein Jawort, und Du weisst es, dass der Konig, von beiden Vatern angesprochen, noch denselben Tag seine Einwilligung gab; doch was Du vielleicht nicht so bestimmt weisst, erfahre es jetzt: Buckingham erschien eine Stunde spater bei mir, bot mir mit der vollen Sicherheit eines verzogenen und eiteln Mannes seine Hand. Mit welchem innern Triumph durfte die Braut des Grafen von Derbery ihn jetzt zuruckweisen! Wie genoss ich das Erstaunen, womit er aus meinem Munde den Grund seiner Zuruckweisung erfuhr!
Es war ein kurzer, sehr unweiser Triumph, der die schrecklichsten Folgen hatte, indem er diesen verzogenen Mann zum Wutherich machte. Er hielt seine Schwester fur entehrt, weil die Welt sie mit Robert verlobt dachte, welchen er nun uberdies fur die Ursache seiner eben erlebten Zuruckweisung ansah. Erst misshandelte er die ungluckliche Schwester; dann suchte er in Wuth den Grafen auf, und Du weisst, dass sein damaliges Verfahren ihm eine kurze Verweisung und ein Duell mit meinem Verlobtenzuzog.
Wir wurden vermahlt. Du und Dein Gemahl gingen nach Spanien, wir nach Godwie-Castle. Dein Sohn war ein Engel. Ach, nicht ohne Vorwurf kann ich dagegen an mein Betragen denken. Ich besass ihn jetzt, und dieses heisse Verlangen meines Herzens war erfullt; aber es lebte in mir fort, dass er aus Liebe sich mir nicht vermahlt, und dass ich allzu rucksichtslos mein gluhend Herz ihm hingegeben. Mein Stolz erwachte, ein nie zu todtender Verdacht lebte in mir auf, und Geringes war genug, mich ungerecht gegen ihn zu machen oder mich im Geheim den heftigsten Zustanden der Eifersucht zu uberliefern. Jetzt werde ich Dir sagen mussen, theure Mutter, was zur Nahrung dieser unglucklichen Empfindung diente, damit nicht allzu hart meiner eigenen Thorheit die Leiden anheim fallen, die heimlich an mir nagten.
Gewiss weisst Du, dass des Prinzen auffallendes Betragen bei unserer Vermahlung zu tausend thorichten Vermuthungen Anlass gab, gewiss bleibt es, dass der Prinz bis zur Wuth gerieth, bei der ihm von Robert selbst gebrachten Nachricht seiner Wahl: aber der Grund blieb mir so fremd, wie jedem Andern. Da verrieth ein Zufall mir, dass vor unserer Vermahlung der Graf mit dem Prinzen die Grafin von Buckingham, die ich auf ihren Gutern glaubte, in der Nahe von London, in einem dem Prinzen gehorigen Schlosse, gesehen hatte, und dass sich dann Alle nach verschiedenen Seiten hin mit grossem Schmerz getrennt. Es war an meinem Hochzeitstage, als eine meiner Frauen beim Ankleiden mir, unbefangen schwatzend, dies erzahlte, was die Kastelanin jenes Schlosses, ihre Tante, ohne Arg ihr mitgetheilt. Mein Herz erstarrte und umzog sich mit einer Rinde; ach, wie viel verschuldete dieser Augenblick.
Vergeblich hoffte ich hieruber eine Erklarung von meinem Gemahl; er schwieg, ja, er wich der Gelegenheit, die ich ihm gab, sich zu erklaren, mit Aengstlichkeit aus. Einige Jahre gingen daruber hin, in denen sich mein Gluck immer mehr zu befestigen schien; aber wie innig ergeben mir auch mein Gemahl war, ich ward nie ganz frei von den Unruhen des Verdachts. Reisen von einigen Tagen, deren Ursache er verschwieg, Briefe, die ein Bote brachte, der in den Zimmern meines Gemahls blieb, bis dieser ihn selbst mit Briefen zurucksendete, liessen mir stets die Ueberzeugung eines geheimen Verhaltnisses, das er meinen Blicken entzogen wunschte, und welches fur mich nur die eine ungluckliche Deutung zuliess, die meine eifersuchtigen Qualen vermehrte. Vergeblich zogen Liebe und Achtung fur den stets mir verehrungswurdiger erscheinenden Gemahl mich von diesem beleidigenden Verdachte ab; mein Herz krankte an ihm fort. Wir waren auf Euern Wunsch nach London gegangen und brachten schon Richmond, unsern zweiten Sohn, mit uns, wahrend ich noch eine neue Hoffnung nahrte. Mein Gemahl zeigte hier eine gesteigerte Unruhe, die an Bekummerniss grenzte, und die durch nichts aus unserm Verhaltnisse zu erklaren war. Es herrschte nicht die unbefangene Offenheit unter uns, die eine Bitte oder Frage unter solchen Umstanden wagt, denn jedes Unverstandliche beantwortete mein unglucklicher Verdacht stets so genugend, dass ich mir grossmuthig erschien, an ihn keine Frage zu thun. So horte ich es auch mit bitterem, aber ihm vollig verborgenen Schmerze, als er mir abermals eine kleine Reise ankundigte, deren Dauer er nicht bestimmen konne. Nach einigen Wochen empfing ich von ihm einen zartlich innigen Brief, worin er mir acht Tage spater seine Ruckkehr ankundigte. Denselben Tag liess sich der Juwelier meines Gemahls bei mir melden, und da ich ihn nicht annehmen wollte, brachte mir Morton die von meinem Gemahl bestellten Armbander. Es waren zwei Brillant-Armbander, deren ausgezeichnete Schonheit und ganz wunderbare Arbeit mir so auffallend war, dass ich sie lange Zeit mit der Hoffnung betrachtete, es sei eine mir von meinem Gemahle zugedachte Ueberraschung. Aber nicht lange uberliess ich mich dieser ruhig begluckenden Vorstellung. Wohin sich meine Gedanken aufs Neue verirrten, konnt Ihr denken. Morton musste die Armbander zurucktragen; dem Juwelier, welcher betheuerte, der Herr Graf habe sie selber so ausgesucht und die Zeichnung verandert, um einige kostbare Juwelen noch hinzuzufugen, wurde das strengste Verbot auferlegt, nicht die Uebersendung an mich zu entdecken, da mein Gemahl mich damit zu uberraschen dachte; und der Juwelier, der selbst eigenmachtig gehandelt hatte, indem ihm von einer Ablieferung nichts geboten war, hielt um so sicherer Wort.
Er kam zuruck mit der alten Liebe, strahlend von Gute und Zartlichkeit, sorgsam und edel fur mich und Alle, die ihm anvertraut, aber ich empfing die Armbander nicht. Morton gab mir die traurige Gewissheit, dass sie wieder in die Hande meines Gemahls gekommen waren, der Juwelier hatte es ihr voll Freude erzahlt, und Morton, die sie nun am selben Tage in meinen Handen glaubte oder die Freude mir doch nahe wahnte, sagte mir, dass mein Gemahl sie selbst abgeholt habe.
Wir kehrten nach Godwie-Castle zuruck. Doch mein Gemahl, welcher Pferde in London gekauft und sie mit sich fuhren liess, hatte mit einem derselben kurz vor Godwie-Castle einen Unfall, der ihn heftig am Kopfe beschadigte. Er ward nach seinen Zimmern gebracht; da Stanloff aber in dem Schlafzimmer bei nahendem Abende das Licht fehlte, die Wunde zu untersuchen, ward mein Gemahl in dem angrenzenden Saale verbunden. Ich entfernte mich wahrend dessen auf die dringende Forderung Stanloff's wegen meines Zustandes, aber nur bis zu seinem Schlafgemache, wo ich ihn erwarten wollte, und zwar liess mich Schmerz und Sorge, die ich empfand, Niemanden mir zur Seite dulden. Ich war allein und lehnte dem Bette gegenuber an eine mit Schnitzwerk bekleidete Wand, und unruhig in meinen Bewegungen, matt und abgespannt von Sorge, ergriff ich eine vorspringende Blume in den Verzierungen, um mich daran zu halten. Aber wie gross war mein Schrecken, als sie nachgab, das Getafel hinter mir sich in die Wande schob und mich, die Schwankende, fast zur Erde geworfen hatte. Ich eilte den Lehnstuhl an dem Bette meines Gemahls zu erreichen und sank so ermattet hinein, dass ich meine Augen schloss. Aber die Furcht, ihn, wenn er mich so fande, zu erschrecken, raffte mich auf, ich richtete mich empor, ich schlug die Augen auf. O Gott, was erblickten sie! Eine weisse hohe Gestalt, mit Blumen geschmuckt, in dem Glanze einer mir nur zu wohl bekannten Schonheit, schien aus dem aufgedeckten Raume der Wand zu mir hernieder zu schweben; ja, Mutter, es war das vollig gleiche Bildniss der Grafin von Buckingham, welches dem Bette meines Gemahls gegenuber mich anlachelte, und welches Du heute noch auf derselben Stelle finden kannst. Ich weiss nicht, wie es kommt, dass oft der grosste Schmerz, der unser Leben zu zerstoren droht, uns eine Wiederbelebung geben kann, die uns, im Falle der Nothwendigkeit zu handeln, physische und geistige Kraft dazu verleiht. Es ging ein kurzes Gelachter, das mich vor mir selber schaudern liess, aus meinem Munde; dann fiel mir ein, das Bild wieder zu verhullen. Ich sturzte auf die Wande zu und erkannte die Blume, welche mich die Entdeckung machen liess. Es gelang; die Wande fugten sich so leise und fest in einander, dass nichts verrathen ward, und ich stand vor der Wand, die dies Geheimniss barg, als hatte ich getraumt. Als man meinen Gemahl in sein Bette fuhren wollte, lag ich auf dem Boden ohne alles Leben. In der Nacht gebar ich Arabella; ein hitziges Fieber schloss sich daran und brachte mich an den Rand des Grabes. Als mein Bewusstsein wiederkehrte, erkannte ich meinen Gemahl und Morton. Er hatte seine Wunde nicht in seinem Bette, sondern an dem meinigen geheilt, wo er Tag und Nacht mit Morton mir zur Pflege gewesen. Ach, meine Phantasien mussten ihm oft meine geheimen Qualen verrathen haben! Wir erklarten uns dennoch nicht, und Mortons Lippen waren versiegelt. Aber nie hat ein menschliches Wesen ohne Worte beredter zum Herzen gesprochen, als mein Gemahl; sein ganzes Wesen flehte Verzeihung, sein ganzes Thun bezeugte Liebe und Treue. Ja, ich hatte von da an mich glucklich nennen konnen, hatte der Prinz, der uns nun besuchte, nicht mir als ewig storender boser Geist dagestanden, da er nicht abliess, meinen Gemahl zu Reisen zu verfuhren, die mich nie ohne schmerzlichen Verdacht liessen. Ich wusste namlich, die Grafin von Buckingham war unvermahlt geblieben und hatte das Schloss bezogen, das dem unsrigen zunachst gelegen ist. Muss ich mich nun auch uberzeugt halten, dass der Prinz die Veranlassung zu jener geheimnissvollen Reise nach Spanien ward, die uns auf immer trennte, und bedenke ich, dass meines theuern Gemahles ganzes ubriges Leben keinen Schatten des Vorwurfes zuliess, war er auch in dem einen, mir Kummer und Verdacht erregenden Punkte zu fehlen im Stande gewesen so sagt mir eine innere Stimme, dem Hasse verwandt, dieser Prinz leitete und beforderte das einzige, was ihm zum Vorwurfe gereichen kann.
Theures Kind! unterbrach hier die alte Herzogin ihre Schwiegertochter, welche diese lange und angreifende Erzahlung mit einem Eifer und einer Glut der Gefuhle bis hierher gefuhrt hatte, die kein Wort dazwischen einzuschalten zuliess, theures Kind, wie tief erschuttern mich Deine Mittheilungen! Wie schmerzlich und als ein Versaumtes will mir die Vergangenheit erscheinen! So habe ich mich in der Hoffnung Euers ungetrubten Gluckes gewiegt, indess Dein edles Herz so manchen geheimen Schmerz erlitt um meinen Sohn, der mir jetzt mit dem besten Theile seines Daseins in ein unheimliches Dunkel gehullt erscheint! Grossmuthiges edles Wesen, das lieber den Schmerz in sich durch Verschliessen verdoppelte, als den dennoch geliebten Gemahl in den Augen Anderer herabgesetzt sehen wollte! Auch als Mutter fuhle ich mich Dir so innig verpflichtet; Du hast in Wahrheit meinen geliebten Sohn beschutzt.
Und habe ich das, gleichviel ob in Wahrheit oder nur in Euerm liebevollen Glauben? rief hier lebhaft die Herzogin, habe ich das bisher allein und in eigener Kraft? O, so kommt mir nun zu Hulfe, da mein Werk noch nicht vollendet, da, nachdem sein geliebtes Leben an meiner Seite mich nicht mehr starken und jedes stille Opfer versussen kann, mir doch noch das grossere und schwerere auferlegt ist. Mutter! sagte sie leiser mit stromenden Augen und gluhenden Wangen, die unstaten Blicke umhergleiten lassend, Mutter! das Madchen, das der Wille des Himmels mich retten liess, das ich todt zu meinen Fussen fand, sie, die wir Grafin Melville nennen, ist wenn Gott nicht ein Wunder schickt, einen Lichtstrahl, um die dunkeln mir jetzt nicht erkennbaren Wege zu erhellen, ist seine und der Grafin Buckingham Tochter!
Ein Schrei entfuhr den Lippen der alten zitternden Mutter, und die Herzogin druckte ihr erhitztes Haupt in den Schooss der unglucklichen Greisin; aber sogleich fuhr sie wieder empor. Zu heftig war sie erregt, sie konnte noch keinen Ruhepunkt finden, und wenig den heftigen Eindruck berucksichtigend, den sie bei ihrer Zuhorerin hervorgerufen, fuhr sie immer schneller fort: Ein Blick auf diese Zuge, obwol noch von Ohnmacht entstellt, zeigte mir eine so vollige Gleichheit mit denen jener schonen Grafin, dass ich wahnte, sie selbst zu sehen; aber kurzes Nachdenken liess mich erkennen, dass die Zeit ihr nicht still gestanden haben konne, und dass dies schone Wesen vor meinen Augen noch in der zartesten Jugend sei. Da ergriff mich ein unaussprechliches Gefuhl. Wenn sie es nicht selbst ist, so kann es nur ihre Tochter sein, so riefen alle Stimmen meiner Brust. Aber mehr noch, als dies, nenne es Ahnung, nenne es den nie bekampften Argwohn dieses Herzens, dass sie auch seine Tochter sei, das tonte zugleich ohne Aufhoren in mir, und dies Gefuhl leitete all' meine Schritte. Ach, ich hatte ein ahnendes Herz! Als man sie entkleidet, brachte mir Morton mit allen Zeichen schwer bekampfter Unruhe die Juwelen, die man an ihr gefunden. Da sahen meine Augen die Armbander wieder, die mein Gemahl so kunstreich bestellt hatte, die mir vom Juwelier uberbracht waren, und die man nicht verwechseln kann, wenn man sie je gesehen. Auch Morton hatte sie erkannt; aber die edle bescheidene Freundin ehrte meine stummen Gefuhle. Als ich sie entlassen, offnete ich ein Portefeuille, was dazu gehorte. Ich fand einen unvollendeten Brief mit der Adresse an meinen Gemahl; er enthielt nur diese Worte: Der Tod ereilt mich, eile und rette unser Kind, ehe es in die Hande meiner Bruder fallt! O, warum wird mir nicht der Trost, in Deinen Armen zu sterben, und warum suchen Dich meine Gedanken uberall vergeblich, so lange ohne Nachricht. Hier horten diese Zeilen auf, die in der hochsten Erschopfung geschrieben schienen. Dabei lagen zwei Wechsel, jeder von tausend Pfund, auf den Banquier meines Gemahls. Ich habe den Brief herausgenommen. Zu diesem Dokument seiner Verirrung durfte ich mich als Erbin erklaren. Doch waren mir noch Zweifel geblieben, was wohl unmoglich ist, so hat Gaston ubernommen, mich vollig zu enttauschen. Er entdeckte und erkannte sie, und war dann nicht mehr von ihr zu trennen. Aber vor meinen Augen wiederholte sich die Erkennungsscene, und sie selbst nannte, ihn mir als den steten Begleiter der beiden einzigen Manner, die je ihre Tante besuchten. Ausserdem sendete ich Stanloff, auf dessen schweigsame Treue ich bauen kann, nach dem Schlosse der Grafin von Buckingham, und alle Anzeichen treffen hier vollstandig mit der Erzahlung des unglucklichen Madchens uberein; aus diesem Schlosse ist sie entflohen! Ach, und trotz alle dem, wirst Du es glauben, trotz dieser Zeichen, deren eins schon mich uberzeugen musste, dennoch hoffte ich auf Rettung von dieser Ueberzeugung! Daher meine Hoffnung, Archimbald solle ihren Oheim kennen; darum die Plane, in die ich einging, Naheres von ihrer Geburt zu erfahren, und dann wieder die qualvollste Angst, diese Nachforschungen wurden die von mir so gefurchtete Wahrheit ans Licht fuhren. Graf Archimbald erkannte sie uberdem schon als das Ebenbild der Grafin Buckingham; dies sah ich seinem Erstaunen an. Er fuhlte auch, dass ich ihm nicht offen bin. Aber was ist dies alles gegen die Verzweiflung, die mir die Nachricht giebt, dass Robert, vermoge einer scheusslichen Verirrung der Natur, seine Schwester liebt und sie von mir zum Weibe begehrt, Dich zur Losung seiner fruhern Verpflichtung gegen Anna Dorset zu gewinnen hofft.
Grosser Gott! was sprichst Du aus, Tochter! Kind, halt ein! Mein alter Kopf erfasst es nicht, und mein Herz droht zu brechen, rief hier erblassend die alte Herzogin und sank in die Kissen zuruck.
Fasse Dich, theure Mutter, entgegnete die Herzogin mit der Hast und Ungeduld, welche, eine Folge ihrer Ueberreizung, sie verhinderte, die Leiden zu erkennen, die sie ihrer Schwiegermutter erregt hatte; fasse Dich, wir mussen uns nicht trennen, ohne zu beschliessen. Ich bedarf Deines Muthes, Deiner Kraft, Deiner Besonnenheit. Es ist so, wie ich Dir sagte, Robert verliess mich so eben, voll dieser Vorsatze. Ein zwei Stunden langer Kampf, in dem er mir uberlegen war, da ich ihm die entsetzliche Ursache meiner Weigerung nicht entdecken durfte, hat uns um nichts weiter gebracht, und ich muss das Emporendste, was die Natur in sich schliesst, vor meinen Augen sehen, ohne ihm wirksam Einhalt thun zu konnen.
Die alte Herzogin bemuhte sich mit grosser Anstrengung, ihre Fassung wieder zu gewinnen, aber dies war nicht so leicht. Denn nachst der dringenden Lage des Augenblicks war ihr ein tiefer Schmerz dadurch geworden, dass das Andenken des geliebten, so hoch gestellten Sohnes durch einen Verdacht getrubt ward, dessen Gewicht sie sich nicht laugnen konnte, den sie vielmehr, gleich ihrer unglucklichen Schwiegertochter, nur zu begrundet finden musste. Aber ihr frommes und starkes Gemuth fand doch bald einen Ausweg; mit einem tief gefuhlten Schmerze nahm sie von dem ungetrubten Bilde ihrer Vergangenheit Abschied. War an dieser nichts mehr zu retten, waren doch vielleicht die Folgen von dem, was ihr daraus so eben entgegen getreten, noch fur die Zukunft zu mildern, indem neues Unheil verhutet ward, eine Schuld vielleicht verringert, die ihr mutterliches Herz so nahe anging.
Sie reichte tief bewegt ihre kalte Hand der gluhenden Herzogin und sagte mit dem ernsten Tone der Ergebung: Nimm zuerst die Versicherung erhohter Liebe und Hochachtung, meine edle Tochter! Gott hat Dir ein grosses und tiefes Leid gegeben, mitten in einem reichen Leben voll vielseitiger Befriedigung. Vielleicht ist es eine unerkannte Wohlthat mehr, wenn wir Gelegenheit fanden, Geduld und Grossmuth zu uben, und wir wollen hoffen, dass Gott der Seele dessen gnadig ist, der so sich vor ihm verschuldete um des unlaugbar Guten und Edeln willen, das ja Dich schon verzeihlich gegen ihn stimmte, wie viel mehr den Vater aller Liebe und Erbarmung. Aber da uns Gott sichtlich auffordert, das Verschuldete in seinen verderblichen Folgen aufzuhalten, so hast Du Recht, mich aufzurufen. Es ist nicht die Zeit, den Gefuhlen Raum zu gestatten, wir mussen klar in die Gegenwart schauen, um das, was uns Gott als Recht wird anerkennen lassen, mit festem Muthe zu vollfuhren.
So hore denn, was ich gefuhlt und fruher schon mir angelobt, sprach die jungere Herzogin mit schon festerem Tone. Das Kind, das ich als das seinige mir denken muss und ist auch seine Mutter jene Buckingham, die mir den ersten Kampf des Bosen in dies Herz geschickt, ich kann es nimmer lassen! Heilig ist mir, was von ihm stammt, theuer selbst, wie seltsam auch mit Grauen fast gepaart. Es ist mir oft, als ob im Traume, ja, wachend selbst, sein freundliches Auge flehend mir begegne; ich weiss, er bittet um meinen Schutz fur seine Waise. Ich weiss, er baut im Himmel selbst auf die Liebe dieser treuen Brust, in der er sich nie trog, und ich konnte keinen Frieden finden, wenn ich dies mir fast theure Wesen, das ich ja jetzt an meine Grossmuth einzig noch verwiesen weiss, wahrend sie in unschuldiger Hoffnung noch von Andern Schutz traumt, ihrem unverschuldet harten Schicksale uberliesse. Ich will daher ihr mutterlich gesinnt verbleiben, aber das Geheimniss ihrer unglucklichen Geburt, das darf sie nie und Keiner, wer es sei, erfahren. Es scheint, wir werden keine Antwort von Master Brixton erhalten; schon zu lange blieb sie aus, um noch erwartet werden zu konnen, und weiter durfen unsere Forschungen nicht gehen. Zu uns im stillen Kreise der Familie dachte ich sie zu zahlen, geschwisterlich geliebt von meinen Kindern, ich wollte die Zukunft ihr zu sichern suchen durch eine nur allzu gerechte Abgabe unsers irdischen Besitzes, und so des Weiteren harren, hoffend, dass Gott an meiner Statt ihren seltenen Reizen und ihrem Seelenwerth einen dauernden Beschutzer zu finden wissen werde. O, wie bald ward dieser friedliche Plan zerstort, der an uns allen und Dir zugleich, die ich so gern mit diesem Leid verschont hatte, dies drohende Ungluck sanft voruber zu fuhren bestimmt war. Was thun wir jetzt, um Robert zu entfernen, ohne unser Geheimniss zu verrathen? Denn er ist hier allein zu beachten. Die Grafin, an Gedanken und Gefuhlen unschuldig wie ein Kind, theilt auch nicht die Ahnung des Verlangens, das Robert ihr in jedem Worte, in jedem Blicke gesteht.
So lass uns denn, erwiederte die alte Herzogin, den Augenblick erwarten, wo Robert mir sein beabsichtigtes Vertrauen schenkt, ich will alsdann mit all dem Ernste, der hier nur zu sehr gerechtfertigt ist, meine Meinung uber seine Verpflichtungen gegen die Grafin Anna ihm vorhalten. Ich wurde so in Wahrheit handeln mussen, wenn ich auch nicht Theilnehmerin Deines traurigen Geheimnisses geworden ware; denn ich kann Robert den Brief der Grafin Dorset zeigen, worin sie von diesem verwandtschaftlichen Verhaltnisse, das uns naher noch zu vereinen bestimmt sei, als von einer ausgemachten Sache spricht. Beweis genug, wie sie durch das Benehmen Roberts uber jeden Zweifel sich erhoben wahnt. Auch durfen wir, wo dies nicht ausreichen sollte, auf Richmond hoffen, der stets so viel Gewalt uber seinen Bruder hatte, und dessen zartes Ehrgefuhl und richtiger Verstand uns seine Mitwirkung verburgt. Doch scheint mir vor Allem eine Trennung nothig. Hier bei einander, verfuhrt durch jeden Augenblick, gelingt Robert der Sieg uber sein Herz so leicht wohl nicht, besonders da die Grafin unschuldig freundlich, unbewusst ihm stets neue Nahrung giebt, und sie aus ihrer Sicherheit zu wecken, mochte zweifelhaft fur uns alle sein. Ich habe wohl gehort, dass keine grossere Gefahr dem edeln weiblichen Herzen droht, als die Liebe zu erkennen, die sie in einem edeln Manne unbewusst erregte! die susse lockende Gewalt, die dadurch in ihre Macht gegeben wird, ihn zu beglucken, verfuhrt zur Theilnahme. Daher glaube ich, dass meine nahe Abreise eine leichtere Gelegenheit bietet, sie zu entfernen, ohne ihre Lage dabei zu gefahrden. Du vertraust mir wohl Deinen unglucklichen Schutzling an. Sie, die mir so freundlich ergeben scheint, folgt meinen Bitten wohl, mich zu begleiten; Robert und Ihr alle gewinnt indessen Zeit, Euch in das Unabanderliche zu schikken, und nach Maassgabe seiner Fassung begleitet er Euch dann zu mir, wo er die schone Anna zum Ersatze findet; oder Ihr denkt, ist seiner Heilung noch nicht zu trauen, einen andern Weg aus, ihn langer noch von ihr zu trennen.
So sei es! rief die Herzogin und athmete tief, als habe eine schwere Burde sich von ihr gehoben, so bleibe ich ihr gerecht und schutze den Namen des theuern Freundes vor den Zweifeln seiner Kinder! Jedoch wenn auch die nachste Zeit damit gerettet scheint, das mussen wir uns immer sagen! es wird der letzte Kampf nicht sein, den wir in dieser truben, dunkeln Sache zu bestehen haben. Zunachst wird uns jetzt der Vorwurf treffen, dass wir dem Schicksale unsers Schutzlings den fur seine Losung nothigen Eifer entziehen. Dies wird nicht ohne grosse Schwierigkeiten zu vermeiden sein, und wir werden gar leicht mit ihr selbst dafur zu sorgen haben, ausserdem aber mit Archimbald und Robert; und hier will meine Seele sich emporen gegen die mir so fremden und meinem Karakter so wenig passenden Ausfluchte, deren ich dann nicht entbehren kann, um die Wahrheit dem Auge zu entziehen. O Mutter, kann es eine heilige, dringende Anforderung der Tugend werden, von der Wahrheit uns zu trennen! Trugt diese Stimme nicht, die mir gebietet, um diesen grossen Preis den Gatten in seinem grossten wichtigsten Besitzthume, in seiner Ehre, die nach seinem Tode noch bedroht wird, zu beschutzen?
Mutter! wenn ich mich dennoch tauschte, wenn die Motive, die mich leiten, nicht alle rein, wenn der Stolz in dieser Brust, der nur zu viel Gewalt darin geubt, wenn er mich triebe, gleich stark vielleicht, die Verirrung des Geliebten zu verhehlen, um selbst nicht offenkundig als Verschmahte, Vergessene zu erscheinen, die mit langer, nur zu wohl bekannter Liebe, mit ihrem ganzen Werthe, den Mann ihrer Liebe dennoch nicht zu fesseln vermochte?
Es ist wohl schwerer, als wir wahnen, erwiederte die alte Herzogin, die Motive unserer Handlungen ganz zu beherrschen und sie frei zu erhalten von selbstischem Einfluss! Der schonste Zustand, der das Rechte sowol in Handlungen, als Gedanken vereint, scheint vollkommen hier nicht errungen werden zu konnen, und unserer Seele scheint die Fahigkeit, ihn uns zu denken und herbei zu sehnen, nur verliehen, um auf dem Wege dahin nicht allzufern hinter ihm zuruck zu bleiben. So mochte ich, Dir Dein Gefuhl, wie menschlich und weiblich gerecht es auch sei, auslegend, Dich gegen jeden nachtheiligen Einfluss gesichert halten. Der Fall, der uns so ungewohnlich in Anspruch nimmt, kann uns gar leichte Befurchtungen fur unsere eigene reine Selbstbehauptung eingeben, ja, vielleicht erregt Gottes Gute absichtlich solch' Bedenken in uns, um von verderblicher Sicherheit uns abzuhalten, denn allerdings bleiben bei unserer fast zweifellos guten Absicht die Schritte, die wir vielleicht genothigt sind zur Tauschung Anderer zu thun, ein schwer zu losendes Problem! Doch lass uns jetzt enden. Nur zu sehr, will es mich bedunken, bedarfst Du der Ruhe.
Beide Frauen wollten sich jetzt erheben, aber nur der alten Lady gelang es. Denn die Anspannung, welche die Herzogin bisher aufrecht erhalten hatte, war in dem Maasse verringert worden, als sie ihre Sorge von der wurdigsten Seite her getheilt sah. Daher trat ihre bisher und seit lange vorbereitete physische Erschopfung eben in dem Augenblick ihrer geistigen Erleichterung unabweisbar hervor; ohne einen Laut sank sie zuruck.
Die alte Herzogin hatte Gelegenheit genug, hier ihre Besonnenheit zu zeigen. Die eigene Erschutterung uberwindend, eilte sie, Mistress Morton herbeizurufen. Es zeigte sich aber bald, dass diese Hulfe nicht ausreichend war, und dass an die Hulfe Stanloffs gedacht werden musste. Seine Beobachtungen sagten ihm auch bald, dass dies ein Zufall sei, der die hochste Schonung und starkere Mittel nothig machte. Vor allen Dingen verordnete er daher augenblickliche Ruhe der Herzogin im Bette.
Erst hier und nach mehreren Stunden, unter immer steigendem Gebrauch der starksten Mittel und nach Oeffnung einer Ader, erwachte die Herzogin aus ihrer Starrsucht, die jedoch eine fast ebenso gefahrliche Erschopfung und Reizbarkeit des ganzen Korpers zuruck liess.
Es war bei der Hulfe, die man in Anspruch nehmen musste, unmoglich gewesen, den Zustand der Herzogin den ubrigen Bewohnern des Schlosses zu verbergen, und so fanden sich bald ihre Kinder, so wie Graf Archimbald, der nie eine angemessene Theilnahme verabsaumte, im vordern Raum des Schlafzimmers ein, mit besorgtem Herzen dem Ausspruch Stanloffs horchend, der noch immer in schweigender Thatigkeit mit den Kammerfrauen um die Kranke beschaftigt blieb. Der junge Herzog stand bleich mit unterschlagenen Armen und krampfhaft geschlossenen Lippen dieser bangen Scene zunachst, und die Qual seines Herzens zeigte sich in jedem Zuge, wie er auch mannlich ringen mochte, sie zu bekampfen. Er schien fur Alles um sich her verloren und weggewendet von der ruhrenden Gruppe seiner Schwestern, die in den Armen der weinenden Grafin Melville ihren Schmerz ergossen, fur diese keinen Blick zu haben. Graf Archimbald sass neben seiner erschutterten Mutter, liebevoll eine ihrer kalten Hande in den seinigen haltend, und halb geruhrt und halb verlegen uber eine Lage, in der er sich so wenig Geschick zutraute, schaute er zuweilen nach dem ernsten, gesenkten Auge der alten Lady empor, die, in truben Gedanken verloren, mit Ergebung, aber tiefem Kummer der Entscheidung harrte. Der Abend war indess herabgesunken, nur undeutlich hoben sich noch die einzelnen Figuren aus dem dunkeln Raume, und vermehrte das Bange und Beklommene des Augenblicks. Eben hatte Grafin Melville ihre jungen Freundinnen, auf Stanloffs Bitte, aus dem Zimmer geleitet, da schoben sich behutsam die Vorhange von dem Eingange zuruck. Eine mannliche Gestalt trat hastig hindurch, und, ohne von den Anwesenden abgehalten oder nur bemerkt zu werden, hatte der Eintretende in leichten, raschen Schritten das Bett der Herzogin erreicht. Man sah ihn Stanloffs Arm ergreifen, man ahnte den Inhalt der Zeichen, in denen Antwort und Frage sich begegneten, und sah im nachsten Augenblick den jungen Herzog an seine Brust sich sturzen.
Richmond ist angekommen, sagte in diesem Augenblick Graf Archimbald mit einer plotzlich von Freude bewegten Stimme zu seiner Mutter, die nun zur Bewegung wiederkehrend die Augen erhob, um beide Bruder in einer Umarmung zu sehen, die der Schmerz um die geliebte Mutter fast unaufloslich zu machen schien. Ich habe sie getodtet, Richmond, seufzte der Herzog, ich habe uber dies noch so tief bekummerte Herz neue Leiden gebracht, von mir werdet Ihr die Mutter fordern!
Unverstandlich, wie diese Worte fur Richmond sein mussten, sah er in ihnen blos die Exaltation des Schreckens und der Besorgniss, und erwiederte schnell und leise: Fasse Dich, Robert; Stanloff verburgt ihr Leben, ja, ihr Zustand scheint ihm kaum gefahrlich. Doch lass uns eilen, die hier Versammelten zu entfernen, Stanloff verlangt bei ihrem nahen Erwachen die hochste Ruhe, und keiner der Anwesenden wurde in der Stimmung sein, sie ihr zu gewahren. Doch auch die Worte wurden sogleich unterbrochen, denn von dem Bette her drangen plotzlich die weichsten Tone der Liebe heruber, welche den Namen Richmond zwar leise, aber deutlich aussprachen. Fast im selben Moment kniete der so ruhrend Gerufene an dem Bette der mit diesem Namen aus ihrem Todesschlaf erwachten Herzogin, und das von Erschopfung fast blinde Auge suchte den Liebling und fuhlte von seinen Kussen ihre Hande belebt, von seinen zartlich kindlichen Worten das kranke Herz erquickt, und der feine Zug eines Lachelns, womit sie ihm lohnen wollte, bannte wenigstens die starren Zuge des Krampfes von ihrem Gesicht, wenn auch der Versuch, zu sprechen, sich aufs Neue nur auf seinen geliebten Namen beschrankte. Stanloff, der die Ergiessung des Gefuhls nicht ungern sah, drang doch jetzt darauf, sie abzukurzen. Die Herzogin liess sich dies auch sogleich gefallen, und Richmond, zu tief erschuttert, um sich jetzt seiner Familie mitzutheilen, enteilte durch eine ihm wohlbekannte Thur in die Zimmer der Mistress Morton.
Graf Archimbald und Stanloff hatten indess genug zu thun, um den jungen Herzog zu entfernen, der, von unbestimmter Angst getrieben, an ihrem Bette bleiben, und jede Pflege mit Stanloff und den Frauen theilen wollte. Er gab endlich nach, von den ersten Worten seiner Grossmutter ergriffen, die, zu einer ihr sonst fremden Strenge sich erhebend, ihn fragte, ob es noch Liebe sei, wenn man durch hartnackige Behauptung seines Willens Gefahr laufe, mehr zu schaden, als zu helfen? Aber als die Familie sich nun in den untern Salen beisammen fand, fuhlte Jeder die traurige Stimmung des Andern zu sehr, als dass eine leidliche Haltung hatte eintreten konnen, und man sah sehnsuchtig der Ruckkehr Richmonds entgegen, dem alle Herzen entgegen schlugen; durch sein Ausbleiben ward namentlich die Ungeduld der Schwestern, die sich auch von dem Troste der Lady Maria verlassen sahen, aufs Hochste gesteigert. Doch war eine ungestorte Ergiessung ihrer Liebe ihnen heute nicht vergonnt, denn Ottwey erschien mit seinem ceremoniosen Wesen, der alten Herzogin, in Abwesenheit seiner Herrin, die Meldung eines Reisezuges zu machen, der zwei Pagen zur Ankundigung seiner unverzuglichen Ankunft vorangesendet habe. Die alte Herzogin erlaubte, mit Zuziehung des Herzogs, die Einfuhrung der Pagen, Graf Archimbald schlich sich leise davon, in der Hoffnung, auf Richmond zu stossen, nach dem er fast ein ungeduldiges Verlangen trug. Er sehnte sich uberdies machtig aus dieser schwulen Luft, in der er nur auf leidenschaftliche Gefuhlsaufregungen stiess, zuruck in die kuhle Atmosphare des Verstandes, die ihm den Gebrauch seiner wahren Natur verstattete. Aber sie verfehlten sich, denn Richmonds Herz trieb ihn schnell von jener ersten Erweichung zu den Pflichten gegen seine ubrige Familie zuruck, um so mehr, da er ebenfalls ihnen uber die nahenden Reisenden, denen er nur vorangeeilt war, seine Mittheilungen zu machen hatte. Mit den Pagen zugleich von verschiedener Seite eintretend, fasste er sich kurz im herzlichsten Empfang der Seinigen und eilte dann, die beiden jungen Edelleute seiner Grossmutter und dem Herzoge, seinem Bruder vorzustellen.
Sofort trat einer der jungen Pagen hervor und redete die Lady an: Mein Gebieter, Seine Herrlichkeit, der Graf Ormond, und sein verehrlicher Begleiter, der Lord Membrocke, haben die Ehre genossen, von Seiner Koniglichen Hoheit, unserm erlauchtesten Prinzen von Wales, zu dem ehrenvollen Auftrag erwahlt zu sein, der Durchlauchtigsten Familie seines von ihm tief betrauerten Freundes, des verstorbenen Herzogs von Nottingham, sein tiefstes Beileid zu bezeigen, und in dieser hohen Eigenschaft wagen die Grafen, unsere Gebieter, sich diesem Schlosse zu nahern, und bitten durch uns, ihre Ehren-Pagen, um eine gnadige Aufnahme.
Bezeige Du, mein Sohn, in Abwesenheit Deiner Mutter, diesen Herren unsere Gesinnungen in meinem und Deiner Mutter Namen, sprach die alte Herzogin sich erhebend. Indem ich zugleich den Herren mein Vergnugen uber ihre Ankunft ausdrucke, muss ich mir fur heute die Ehre versagen, die Bekanntschaft der Herren Abgesandten zu machen, da meine Gesundheit mir Ruhe gebietet. Holdselig Alle begrussend, und von ihren Enkelinnen und den Damen gefolgt, ward sie mit der hochsten Ehrfurcht vom Herzoge und von Graf Richmond bis an den Ausgang gefuhrt, wo sie Beide zurucksendete, um ihre Pflichten gegen die Fremden zu erfullen.
Der junge Herzog eilte nunmehr, die beiden jungen Edelleute mit den schmeichelhaftesten Worten zu entlassen, und Sir Richard Ramsey ward sogleich mit einem zahlreichen Gefolge den Ankommenden entgegen geschickt, indessen Ottwey mit einer ganzen Armee ihm untergebener Diener sich zur Einrichtung der Zimmer anschickte, die fur die ausgezeichneten Gaste bestimmt wurden.
Der junge Herzog fuhlte sich jedoch wenig in der Stimmung, die gastliche Freundlichkeit mit der sorglosen Heiterkeit auszuuben, die allein den Gasten die Ueberzeugung des Willkommenseins verleiht, welche durch keine aussere Beobachtung der schicklichen Formen ersetzt wird, wenn sie ihrer Bestatigung in den Augen des Wirthes ermangelt. Richmond, von der besonders bewegten Stimmung seines Bruders, die ihm nun, da er mit ihm allein geblieben, zum zweiten Male auffiel, uberzeugt, bat ihn mit liebevollem Ernste, uber Leben und Gesundheit ihrer Mutter nicht langer besorgt zu sein, da Stanloff, dem er auf dem Wege zu diesem Saal begegnet, ihn noch ein Mal versichert, dass der ruhige und susse Schlaf, in den sie jetzt verfallen, ihre vollige Genesung vielleicht schon auf Morgen erwarten lasse, da ihr ganzer Zufall mehr erschreckend, als gefahrlich gewesen.
Und dennoch, Richmond! rief der junge Herzog, dennoch zerreisst dieser ungluckselige Vorfall mit tausend Schmerzen mein Herz, und wirft mich in ein Chaos widerstrebender Empfindungen! Ich muss furchten, dass Wunsche, die ich ihr einige Stunden fruher mittheilte und trotz ihres Widerstandes vor ihr behauptete, sie, die noch erschopft von Gram und Kummer uber unsern theuern Vater ist, in diesen Zustand versetzt haben.
Wie kann das sein? rief Richmond lebhaft, ich verstehe Dich nicht in dieser ausschweifenden Erweichung. Was kann sie, die stets liebevolle Mutter, in einem Begehren, das schwerlich unmoglich oder gar krankend sein konnte, finden, was sie zu dieser Aufregung hatte fuhren konnen, die, nur zu wahrscheinlich aus fruheren geistigen Leiden hervorgegangen, jetzt rein physisch zu nennen ist.
Nein, nein! sagte der Herzog mit dem trostlosesten Ausdruck; sie nimmt das heisseste Begehren meines Herzens fast mit Abscheu auf und macht mich dadurch zum unglucklichsten Manne der Erde!
Ich verstehe Dich nicht, mein theurer Bruder, sprach Richmond, aus seiner sorglosen Ruhe erwachend und wohl begreifend, dass hier mehr zum Grunde liegen musse, als ihm bis jetzt bekannt. Er hielt fragend inne, des Vertrauens gewiss, das ihm noch nie von diesem geliebten Bruder versagt worden. Aber es schien diesmal nicht so leicht, wie bei ihren fruheren kleinen Geheimnissen. Der Herzog verfiel in ein Schweigen, welches nicht undeutlich eine Verlegenheit durchblicken liess, die, zwischen ihm und Richmond sonst so ungewohnt, diesen nur noch aufmerksamer machte. Schon dachte er ihm durch eine Bitte um Vertrauen die Mittheilung zu erleichtern, als der Herzog mit einem unaussprechlichen Gefuhl von Ruhrung seine Hande ergriff, sie zwischen die seinigen druckte und mit unsicherer Stimme rief: Sei mein Schutz, sei Vermittler zwischen diesem Herzen und der Welt, die dessen Gefuhle anfeindet! Richmond, ich liebe! Zum ersten Male ergreift dies wunderbar machtige Gefuhl meine Brust, und schon treffe ich auf Widerspruch und Verfolgung, obwol ich die Welt mit ihren Schatzen heraus fordere, mir einen Gegenstand zu zeigen, der wurdiger ware, jedes Gefuhl des Herzens in Anspruch zu nehmen!
Robert, sagte Richmond schnell, was kann geschehen sein? Eile, mir mitzutheilen, was hier die Gesinnungen gegen eine Wahl erregt hat, in der Du ja fruher, ehe Dein Herz sie heiligte, die Wunsche Deiner Familie erfulltest, und die durch Deine letzten Auszeichnungen fur jene Familie zu einer Gewissheit erhoben sind, dass man mich schon als nachsten Verwandten ansah und dem gemass behandelte.
Grosser Gott! rief der Herzog hier, indem er mit Heftigkeit beide Hande vor seine Augen druckte und dann mit steigendem Eifer fortfuhr, was sprichst Du aus, auf wen beziehst Du mein Gefuhl, was fur Verpflichtungen machst Du geltend, mich auch um den Trost Deiner Theilnahme zu betrugen? Richmond! nicht diese Grafin Dorset, die Du unbezweifelt meinst, die ich nie geliebt, der ich keine Hoffnungen erregt, die mir ganzlich fremd ist, nicht die meine ich. Den Engel, den ich anbete, umschliesst dies Schloss; es ist die Grafin Melville, deren wunderbare Auffindung auf den Terrassen dieses Gartens meiner Mutter aufgehoben war. Ach, und gerade diese wendet nun von ihr, die fast durch ein Wunder uns gesendet, die geschaffen ward, das Herz ihres Sohnes mit allen Seligkeiten zu beglucken, ihr Herz weit ab, als konnte sie den ehrwurdigen Platz entehren, den ich ihr anbieten will!
Du, Robert? rief Richmond, und Ueberraschung und Erstaunen malten sich gleich stark in seinen Zugen, Du wolltest dies ungluckliche Madchen zu Deiner Gemahlin erheben? Ist es moglich, mein theuerster Bruder! Wie viel hat ein unbewachtes Gefuhl Dich ubersehen lassen, dass Dir ein solcher Schritt moglich und wunschenswerth erscheinen konnte. Vergieb, setzte er ernst hinzu, dem Herzog nachgehend, der halb zurnend, halb schmerzlich sich von ihm gewendet hatte, wenn ich Dich kranken muss; aber was waren wir beide, und wo fande ich mich wieder, wenn die Stimme der Wahrheit unter uns nicht mehr galte? Lass es nie zu! rief er mit warmer Liebe, dass uns eine entgegengesetzte Meinung zum Schweigen brachte; Robert, wende Dich zu mir, mache es Deinem treusten Freunde nicht so schwer, Dir nutzlich zu sein!
Robert widerstand nicht langer; er wandte sich, ergriffen von dem tiefen melodischen Ton dieser schonen und ihm so theuern Stimme, und schaute mit seinem gluhenden Angesicht und dem von Schmerz getrubten Blicke in so lichte, offene Augen, in so edle, ernste und doch mitleidige Zuge, dass er, davon erschuttert, jenen schnell umschloss und mit dem vollen Ueberstromen eines zartlichen Bruderherzens seinen Namen unter tausend liebevollen Zunamen ausrief. Ja, Richmond, seufzte er dann, ich bin ausser mir, ich fuhle es; ich kannte vor wenigen Wochen diesen Zustand nicht; ja, ich hatte ihn fur mich unmoglich gehalten. Aber sieh' sie nur erst, dann wirst Du mich begreifen und sie des Platzes werth halten, den ich ihr bieten will. Es war, als ob Richmond zuruckschauderte; der Gedanke, eine namenlose Fremde, wie er die Grafin aus den Briefen seines Oheims hatte ansehen lernen, auf dem Platze zu sehen, den seit Jahrhunderten die edelsten Frauen aus den vornehmsten Geschlechtern des Landes eingenommen, erschreckte sein stolzes Herz. Dem Haupte des erlauchten Stammes schien in seinen Augen eine Verpflichtung auferlegt, die ihm gegen jede Affection des Herzens, die dieser Wurde zu nahe trate, eine Art von Schutzwehr geben musse. Es kam ihm zugleich unmannlich vor, so in die Gefuhle fur ein Weib sich zu verlieren. Denn ungeachtet einer hohen Verehrung fur dies Geschlecht, liebte er es doch bis jetzt fast noch ausschliesslich in seiner Mutter und Grossmutter, und nur die Reife, die er in Beiden antraf, schien ihm befriedigend; ein jungeres Wesen dagegen, wie er die zahllosen Schonheiten der Madchen im In- und Auslande beobachtet, schien ihm ganz ausser Stande, eine so unmannlich erscheinende Hingebung zu rechtfertigen.
Er hatte sehr haufig im Ernste geaussert, was man ihm als Scherz ausgelegt, dass er viel lieber seine Grossmutter heirathen wurde, als die reizendste Schonheit unter zwanzig Jahren. Ihm schien eine Verbindung in den festen Grenzen vollkommener Hochachtung vollstandig genugend, da er stets uberzeugt war, mit den zartlichsten Gefuhlen seines Herzens bis zu dem spateren und reiferen Alter seiner einstigen Gemahlin verwiesen zu sein. Es war ihm daher ein zurnender Schmerz gegen seinen Bruder um so weniger zu verargen, als Robert, zu eigener Feststellung seiner Meinung nicht so geneigt, mit der sorglosen Laune eines, der da denkt, es habe damit wenig auf sich, bisher den Ansichten seines Bruders sich angeschlossen und dadurch in Richmond die Hoffnung geweckt hatte, dass jede Gefahr dieser Art fur ihn aufgehort habe. Die zartliche Liebe jedoch, die Richmond fur ihn trug, und die wohl etwas den Karakter eines Beschutzers hatte, veranlasste dies sonst so edle und gerechte Gemuth wohl zu dem Versuch in dieser Angelegenheit, den grosseren Theil des Vorwurfs von seinem Bruder ab und auf jenes fremde Madchen hinuber zu leiten. Ihre ganze Lage erschien ihm so zweifelhaft, dass es ihm beinahe unmoglich ward, sie anders, als in einem zweideutigen Lichte zu sehn; ja, es schien ihm, in dieser Empfindung weiter gehend, beinahe gefahrlich und unbesonnen, dass dies unbekannte Wesen zur Gesellschaft des Schlosses und namentlich zum Umgange seiner Schwestern gezahlt ward. Diese Gedankenfolge bildete sich freilich schneller in ihm, als wir Zeit gebrauchten, sie hier nieder zu schreiben, und sie bestimmte die Antwort, die er, erhoben durch die Wichtigkeit dieser unglucklichen Verirrung, mit Schonung und Festigkeit aussprach.
Lass mich hoffen, mein theurer Robert, dass, wie ausgezeichnet auch an Naturgaben diese fremde Dame sein moge, ihr Anblick doch in mir nicht die Grundsatze erschuttern wird, die wir beide zu gleichen Theilen von unsern verehrten Aeltern zuerst, und in einer ferneren, nicht minder dringenden Mahnung von den unbefleckten Tugenden unserer makellosen Vorfahren empfingen. Robert, sagte er freundlicher, seinen Arm ergreifend, was nutzt das Geheimniss eines Stammes, dessen hohes Alter bis in die graueste Vorzeit reicht, wenn es nicht das Andenken ihres wohlverdienten Ruhmes ware, das sich noch den spatesten Enkeln warnend vor jede Handlung stellt, die da Gefahr brachte, ihren Namen nicht in voller Reinheit weiter zu vererben. Du, setzte er, immer heiterer werdend, hinzu, Du mit Deinen blonden Locken und Deinen blauen Augen, ein geborner Nottingham, in dessen jugendlichem Angesicht die Zuge des ersten Ahnherrn liegen, als Gewahr fur seine auf Dich verpflanzten Tugenden, Du solltest der Erste werden, der dem eben so glorreichen Geschlechte unserer Ahnmutter ein, wenn auch noch so schones, doch ein namenloses, ein zweifelhaftes Mitglied zugesellte? Sag, was Du willst, ich glaube diesen Worten nicht, ich glaube Deinem bessern Selbst und Deiner mannlich festen Seele. Du wirst siegen; denn es mag sein, dass die Gefuhle des Herzens eine seltsame Tyrannei uber uns ausuben, aber wo ware die mannliche Brust, die sich nicht gegen jede Gewalt aufgelehnt fuhlte, die uns zu beherrschen droht? Lass uns mit einander Alles wohl bedenken, entziehe Dich mir nicht.
Richmond, erwiederte der Herzog, es ist dies das Einzige, was ich Dir versprechen kann, aber ich hege eben so fest die Hoffnung, Dich zu meiner Meinung uberzufuhren, wie Du jetzt von mir dasselbe hoffest; ich sage Dir noch ein Mal, sieh sie nur erst!
In ihrer Liebenswurdigkeit werde ich gewiss die Rechtfertigung Deines Gefuhls finden, denn das Unedle und Gemeine konnte Dich nie verfuhren. Doch nie werde ich in ihr die Rechtfertigung eines Wunsches finden, der die Grenzen anerkennender Gerechtigkeit gegen sie uberschreitet und Dich gegen Verpflichtungen blind macht, die Du in Wahrheit gegen die Familie Dorset eingegangen bist, und an deren Erfullung Niemand mehr zweifelt. Du selbst, mein theurer Freund, hattest nicht zugegeben, daran zu zweifeln, bevor dies ungluckliche junge Madchen Dein naturliches Rechtsgefuhl umwandelte.
Der Herzog schwieg und wendete sich in einem unbeschreiblichen Zustande von seinem Bruder. Es giebt vielleicht kein Gefuhl der menschlichen Brust, welches so grausame Widerspruche zu erregen vermochte, als dies eine der Liebe. Es theilt gleichsam unser Wesen in zwei streitende Personen, und wahrend uns die Liebe mit ihren gesteigerten Anforderungen ein heiliges unbestreitbares Recht zu besitzen scheint, Alles umzusturzen, was ihr storend entgegen tritt: bleibt uns oft zu unserer grossten Qual ein richtiges Wahrnehmungsvermogen fur die Wichtigkeit solcher Schwierigkeiten.
Der junge Herzog fuhlte sich in dieser Lage. Er musste sich gestehn, dass sein Bruder ihm nur in Erinnerung brachte, was er selbst einst mit Ueberzeugung anerkannt hatte; aber das Verlangen seines Herzens, dem er sich so unbesonnen hingegeben, ubte eine Gewalt uber ihn, die er nicht anders als uberwaltigend nennen konnte.
Richmond merkte den unstaten Bewegungen und Blicken des Herzogs diesen Zustand des unbehaglichsten Schwankens nur zu sehr an. Es war eben sowol Klugheit, als jenes liebevolle Vertrauen, welches edeln Menschen anrath, die Vollendung des Angeregten in der eigenen Entwickelung des Anderen zu erwarten, was Richmond abbrechen liess. Beide Bruder gaben sich alsdann den ausseren Pflichten hin, welche die Ankunft der Gaste ihnen auferlegte.
Zweiter Theil
Wir sind geneigt, den Leser aus dem Familienkreise, in dem er sich bereits bekannt fuhlen mag, auf einige Zeit zu entfuhren, um ihn an einem andern Orte fur die Ereignisse vorzubereiten, von denen wir die Familie Nottingham spater erreicht sehn werden, zugleich aber uber das bereits von ihr Erlebte einen Aufschluss zu ertheilen, der ihr selbst erst am Ende der uns vorliegenden Zeit gegeben war. Da wir nicht beabsichtigen, die uns mitgetheilten Papiere und ihren einfachen Inhalt mit schlagenden romanhaften Hauptentwickelungsmomenten zu verzieren, so hoffen wir den Leser dadurch, dass wir ihm die Faden in die Hande geben, die er spater zu bedrohlichen Verwickelungen sich verwirren sieht, in die Stimmung eines besorgten Freundes zu versetzen, der die Gefahren kennt, wie sie zu vermeiden waren, weiss und doch ausser Stand gesetzt ist, schutzend oder warnend einzuschreiten.
Diese Absicht auszufuhren, mussen wir einige Zeit zuruckgehn, und treffen mehrere Tage nach der Ankunft des Prinzen von Wales aus Spanien in dem alten Stadttheil von Westmunster, dem glanzendsten und prachtvollsten Theile Londons, ein. Es ward damals, wie jetzt, dieser dem alten Whitehall, der Wohnung des Konigs, zunachst gelegene Stadttheil als ein privilegirter Wohnsitz des hohern Adels angesehen, der sich noch als ausschliesslich geschaffen betrachtete, sowol die Person des Konigs zu umgeben, als auch eine Vormauer zu bilden gegen das Volk. Wie wenig auch von der eigentlichen Veranlassung, die dieser Vorstellung in fruhester Zeit einigen Rechtsgrund verliehen haben mochte, durch die Entwickelung, die sich uber alle Stande nachgrade zu verbreiten begann, ubrig geblieben war: die damit verknupften Vorrechte und Auszeichnungen blieben ein angstlich vom Adel bewachtes Gut, in dem Maasse vielleicht angstlicher bewacht, als eine unlustige Wahrnehmung sich hin und wieder aufdringen mochte, wie das Volk zu einem festeren Verbande mit seinem Fursten herangereift war. Der Adel war damals jeder Zugellosigkeit hingegeben, in seiner moralischen Kraft herabgekommen, untereinander entzweit und sich verfolgend bis an die Stufen des Thrones, und nur das alte Herkommen sicherte ihm noch seine Bevorrechtung. Auch fand diese noch wenig Widerstand in der allgemeinen Stimmung des Volkes, welches mit grosserer Langmuth, als seiner Einsicht entsprechend schien, sich gegen diese Vorrechte bezeigte, denn es liegt in dem Geiste eines Volkes, das sich seiner Geschichte bewusst wird, eine ruhrende und unausloschliche Dankbarkeit gegen Namen, an die sich vaterlandische Erinnerungen und Triumphe knupfen. Es erklart sich am besten, wie ein zum Volksbesitze erhobener Name noch lange ein schutzendes Panier bleibt fur die Entartung des Nachkommlings, unter welchem er die ererbten Vorzuge zu geniessen wagen kann, die er selbst zu erwerben nimmer vermocht hatte. Elisabeth, die klugste und eifersuchtigste Selbstherrscherin, hatte die Umgrenzung, womit ihr stolzer Adel ihren Thron zu umgeben sich fur angewiesen hielt, schon dadurch zu durchbrechen gesucht, dass sie den Burgerstand in seinen Rechten zu heben suchte, Talente in ihm fur moglich hielt, sie folglich auch antraf, und zu sich erhob. Die Stutze, die sie auf diese Weise sich in den mittlern Klassen ihres Volkes bereitete, das hierdurch mit schon entwickelten Kraften Ziel und Richtung seines Strebens fand, gab ihr, ehe der Adel in seiner eingebildeten hoheren Natur sich dieser ihm entgegenstrebenden Kraft bewusst ward, eine von ihm unabhangigere Stellung, die ihn, als er sie erkannte, einsehen lehrte, dass er seine Vorrechte an dem Throne durch etwas Anderes vertheidigen musse, als durch die Lange des Besitzes.
Aber gegen das Ende der Regierung Konig Jakobs war es kaum moglich, eine der unsterblichen Einrichtungen jener koniglichen Frau in der Gestalt wieder zu finden, wie sie von ihr diesem Nachfolger uberliefert waren. Der wohleingerichtete Mechanismus eines Staates lauft indessen, dem Anschein nach, eine Zeitlang noch ungestort in seinen Gleisen fort, wenn schon die leitende Hand fehlt, die ihm seine ursprungliche Thatigkeit gab. Es ist dies oft wahrzunehmende scheinbare Fortbestehn unter der Burgschaft einer gewesenen Grosse nur allzu geeignet, diejenigen in selbstgenugendes Vertrauen einzuwiegen, die von Segnungen sich noch erreicht fuhlen, welche sie schon langst aufgehort haben auch ihren Nachkommen weiter vorzubereiten.
Konig Jakob besass eine Menge ausgezeichneter Kenntnisse, die aber in ihm zu keinem Resultat von Bildung gediehen waren und ihn bloss mit der lacherlichsten Eitelkeit erfullten, wozu schwache Geister sich stets durch die Anstrengungen berechtigt halten, die ihnen das Erlernen verursachte, und wodurch sie sich geneigt fuhlen, ihnen einen uberschatzten Werth beizulegen, wie durftig sie auch dem leicht sich befruchtenden Genie zur Seite stehn. Seine schwache, durch Erziehung und langjahrig beugende Verhaltnisse vollig erdruckte Natur hatte keine Kraft, sich durch die hohe Stellung zu elektrisiren, zu welcher der Tod Elisabeths ihn rief. Ohne wahre Kraft war er eben so wenig fahig, ein Tyrann, als ein Wohlthater seines Volks zu sein, und stets der Spielball Anderer, behielt er sich so wenig eigne Ideen vor, dass diese ihm unbestritten verblieben, da sie nur dienten, ihn uber seine ganzliche Willenlosigkeit desto leichter zu tauschen.
So nahm denn auch bald der Zustand burgerlicher und geselliger Ordnung die hieraus nothwendig sich ergebende Umgestaltung an.
Der Adel verbaute gar bald aufs Neue den Zugang, den Elisabeth sich zu jeglichem Verdienst zu eroffnen gewusst, und ohne Rivalitat mit diesen Emporkommlingen, ohne Aufmunterung von Oben zu einer hohern Entwickelung, abgeschnitten durch Jakobs weibisches Friedenssystem von jeder Kraftubung nach Aussen, sank er nur zu bald in die rohe Ausgelassenheit zuruck, aus der er kaum sich zu erheben angefangen.
Alte Namen, Reichthum, aussere Schonheit ersetzten die Eigenschaften, die Elisabeth nothig gemacht hatte. Die Folge hiervon waren Gunstlinge, die sich jeden Uebermuth, jede Zugellosigkeit gegen das Volk, ja selbst gegen ihres Gleichen, und bis vor das Angesicht des Konigs ungestraft erlauben durften. Der mittlere Burgerstand, in seine fruhere Beschrankung zuruckgedrangt, gab entweder seine freiere Entwickelung auf, oder widmete sich ihr doch nur ohne eine belebende Beziehung zu hoherer Anerkennung, und der einzige Stand, welcher Vortheil dabei zu ernten schien, war der Handwerksstand, der, aufgemuntert von den ausgedehnteren Luxusbedurfnissen der Grossen, Vortheil davon zog und in seinem aussern Aufwand bei weitem den unterdruckten Mittelstand uberbot.
So war denn allmalig die feine, bescheidene und ernste Haltung verschwunden, welche zur Zeit der koniglichen Herrscherin selbst uber die Feste und Gelage des Adels verbreitet sein musste, sollten sie ihrem scharfen Tadel entgehen. Oft war eine ganze Strasse, selbst ein Viertheil der Stadt, worin ein Grosser ein Fest anstellte, in Unruhe und Aufruhr gebracht, und man sah zur Zeit, wo die Zuge der Gaste mit ihren zahllosen Gefolgen von Dienern, Pagen und Anhangern sich zum Vereinigungspunkt begaben, die Laden geschlossen, die zuchtige Jugend der Weiber und Madchen versteckt, und die Hauptthuren selbst, die solche verfuhrerische Besitzthumer beschutzten, von Aussen noch besetzt mit den wehrhaftesten Mannern des Hauses. Diese gerauschvollen Zusammenkunfte, mit ihrer uber ganze Gemeinden verbreiteten Unordnung, begunstigten nur zu oft die geheimen verbrecherischen Nebenabsichten, die, mit schamloser Gewalt unternommen, nur der Gewalt wichen und, ungestraft von Oben, zu kleinen Kriegen Anlass gaben, die leider nur zu oft zum Nachtheil der Geringeren ausfielen. Das niedere Volk spielte dabei am haufigsten die Rolle der nur sinnlichen Eindrucken hingegebenen Kinder. Der Edelmann, der die schonste Gestalt, die schonsten Kleider, die zahlreichsten und kostbarsten Diener und die vornehmsten Anhanger besass, war sicher, von seinem Beifallsgeschrei jeden Fussbreit Weges begleitet zu werden. Man hatte diese vornehmen Herren fast bemuht nennen mogen, dies noch zu vermehren, denn sie ubten in geckenhafter Ausgelassenheit auf ihrem Wege tausend Dinge, welche die gute Laune des Volkes vermehren mussten, welches entzuckt war, diese ihrem Standpunkte so weit entruckten Personen Handlungen begehn zu sehen, die sie ihnen naher stellten, wenn auch der redliche und gebildete Burger sich mit Scham und Unwillen davon wegwandte.
An dem Tage, wo wir unsere Leser in London einfuhren, umleuchtete den Vorplatz eines glanzenden Palastes ein Feuermeer von Pechfackeln und brennenden Holzstossen, deren Glanz die angrenzenden Strassen und den Himmel mit seinem dustern Nebelschleier erreichte. Man hatte wahnen konnen, dem Brande einer Stadt sich zu nahern, wenn man von ferne das tobende Geschrei der Menge vernahm, die sich diesem Schauspiele entgegen drangte, theils als Zuschauer, theils als Theilnehmer. Aber es war nur eins der fruher erwahnten Feste.
Der Herzog von Buckingham versammelte zuerst nach seiner Ruckkehr aus Spanien die Grossen des Landes, und seiner Einladung war man mit grosserem Eifer entgegen gekommen, da allerdings die Macht und Gewalt des gefurchteten Mannes verdoppelt schien durch die ausgesprochene Freundschaft des Prinzen, die ihm seine unselige Herrschaft auch nach dem Tode des jetzigen Konigs zu sichern schien. Seine zahllosen Feinde, unter die sich mit Recht die Besten der Nation zahlten, gaben die Hoffnung auf, in der Zukunft das Ziel seines verderblichen Einflusses zu sehn, und Karl der Erste konnte spater seine Thronbesteigung unter kein ungluckseligeres Zeichen setzen, als das seiner Freundschaft fur einen Mann, der in den Augen des ganzen Landes als Ursache aller dasselbe heimsuchenden Uebel galt.
Dessen ungeachtet war zur Zeit, die wir erwahnen, sein Einfluss unantastbar, und fur irgend einen Widerstand nicht der Augenblick da. Das sagten sich die Besten mit den Schlechten zugleich, und man sah sie dieselben gefugigen Schritte thun, bloss darin unterschieden, dass es dem Einen ein patriotisches Opfer dunkte, wahrend der Andere sich und seinen Vortheil damit zu fordern oder zu schutzen suchte. Buckingham kannte alle seine Feinde. Zahllose Spione durchkreuzten fur ihn jeden ihm wichtig scheinenden Punkt; jeder schandliche Dienst der Art ward mit einem Aufwande belohnt, der die Erfullung der nachsten Anforderung schon im Voraus sicherte. Jeder war um so punktlicher in seinem Dienste, als uber den Beauftragten ein zweiter ihm unbekannter Wache hielt, und wie Buckingham Verrath zu bestrafen wusste, daruber raunten sich selbst die Mitglieder dieser Bande nur mit Grauen ihre Erfahrungen zu.
So erreichte oft den edel Zurnenden in der Zuruckgezogenheit, die er dem fahlen Glanze des Hofes vorzog, die Strafe fur ein gerechtes Wort, welches die Noth und Verwirrung des Landes ihm abgepresst: und das Misstrauen, das sich so in die innigsten Verhaltnisse drangte, und keine Einigkeit der Meinungen und Ansichten sich herstellen liess, war eine der teuflischen Absichten Buckinghams, die er leicht erreichte.
Zu seinen kleinen Belustigungen gehorte es, bei seinen Festen oft alle die zu bitten, die ihm als einander bitter grollend bezeichnet waren. Er wusste, dass sie lieber einen Feldzug unternommen hatten, als den kurzen Weg zu seinem Palaste, und er schwelgte in der Freude, sie nun doch dem Zwange sich beugen und vor ihm erscheinen zu sehen.
Sie hatten an einem solchen Tage oft alle Schattirungen des Uebermuths zu ertragen, und waren bald der Gegenstand seiner kindischen Neckereien, bald seiner grobsten Vernachlassigung. Man wusste oft, dass Frauen, zweideutig in Ruf und Sitte, Koniginnen des Festes, die edelsten und vornehmsten Damen ihnen nachstehen, und ihren Launen und Wunschen unterworfen sein wurden. Dennoch wagten diese hier weniger wegzubleiben, als aus den Gemachern der Konigin; denn welche hatte nicht einen Gatten, Sohn, Vater oder Bruder zu schutzen gehabt, und wer konnte nachweisen, dass Buckingham eine Vernachlassigung verziehen oder ubersehen hatte!
Schon hatten sich am erwahnten Abend die glanzenden Raume in allen Richtungen mit den ausgezeichnetsten Personen des In- und Auslandes gefullt. Die schonsten Frauen in dem kostbarsten Putze, die Manner mit Allem, was ihnen Auszeichnung verleihen konnte, und einem zahlreichen Gefolge von Pagen und Dienern, welche die Vorhallen einnahmen, Alles drangte sich durch und in einander, und suchte mit Hoflichkeit oder mit Gewalt den Vortheil eines Platzes zu erringen, der dem Range oder Interesse des Geladenen entsprechend schien. Aber obgleich die Mehrzahl sich schon beisammen fand und die Zeit bedeutend vorgeruckt war, fehlte doch dem Ganzen sichtlich der Mittelpunkt, der Wirth selbst, der allein so viele sich widerstrebende Elemente, wie diese Sale umschlossen, zu verbinden unternehmen konnte. Es war deutlich zu sehen, wie beim langen Harren, das den Gasten auferlegt war, und das sie als eine neue Anmassung und Krankung des ubermuthigen Mannes anzusehen hatten, die scheinbare Heiterkeit oder Ruhe und Wurde, womit der denkende Theil der Gesellschaft beim Erscheinen sich ausgerustet hatte, dem Gefuhl des Ueberdrusses und des unwilligen Erstaunens wich.
Nur die vollig gedankenlose Jugend schwarmte in gewohnter Weise larmend und neckend umher, und brachte Bewegung um die in festen Gruppen sich zusammenziehenden Gleichgesinnten. Vergeblich bemuhten sich die zahllosen Anhanger und bevollmachtigten Gesellschafts-Kavaliere mit dem glanzenden Tross vornehmer Hausdiener des Herzogs, Leben in dies sterbende Fest zu bringen. Der Herzog selbst nur konnte die Last heben, die sich, je langer, je mehr auf Alle niedersenkte. Selbst die Marquise von St. Pol, die, im vollen Besitze seiner Gunst, sich als die Konigin des Festes ansehen durfte, und zu deren Fussen Buckingham die Anordnung dazu, von ihr bestimmt oder genehmigt, verfugt hatte, unterlag allmahlig der ubeln Laune, die diese Vernachlassigung ihr gab, und liess sie die Bemuhungen aufgeben, womit sie bisher ihre und des Herzogs Anhanger unterstutzt hatte.
Die Gesellschaft, eines allgemeinen Interesses beraubt, gerieth daher auf die Verfolgung ihres eigenen und besondern, was vielleicht noch anziehender und begluckender fur die Mehrzahl war; doch waren genug unter den Anwesenden, die mit argwohnischem Hasse aus dieser neuen Beleidigung des gesammten hochsten Adels, mit Einschluss der Minister und nachsten Umgebungen des Konigs, das uber jede Rucksicht hinaus gestiegene Ansehn des gefahrlichen Gunstlings sich prophezeiten; Andere wieder, die sich in banger Furcht ihr Sundenregister uberhorten und sich schaudernd fragten, welche Rolle sie in dieser allgemeinen Verdammniss ubernehmen wurden, wahrend die Edelsten und Besten mit Scham und Unwillen sich an einem Platze sahen, der sie zu einer solchen Krankung verdammte, und den zu verlassen, sie jeden Augenblick von ihrem bessern Gefuhl sich aufgefordert fuhlten, ware nicht Gefahr vorhanden gewesen, dadurch eine Verfolgung uber sich und die Ihrigen herbei zu rufen, welche abzuwenden, ausser aller menschlichen Macht lag. So entstand ein fast allgemeines, aus den verschiedensten Interessen hervorgehendes Verlangen, den Herzog zu erblicken, woran sich die Jugend mit der Hoffnung auf die endliche Eroffnung des Tanzes und die Hungrigen mit der Sehnsucht nach den Freuden der Tafel anschlossen. Doch dies Verlangen ward immer aufs Neue getauscht, und das druckende Gefuhl der stolzen englischen Barone steigerte sich noch durch das Hinzukommen der fremden Herren, welche Spanien und Frankreich mit grossem Aufwande und in bedeutender Anzahl an dem Hofe des Konigs unterhielt, welche Buckingham herbeigerufen, sein Fest zu verherrlichen, und welche nun die ersten Personen des Konigreichs unter der unartigen Nachlassigkeit eines Mannes sich scheinbar beugen sahen, dessen unbeschranktes Ansehen sie dadurch anzuerkennen schienen.
Man sah die spanischen Herren, an deren Spitze sich der junge und schone Herzog von Samalca befand, nach einer sehr ernsten Erwagung der vorwaltenden Umstande sich in die kalte und steife Haltung begeben, die den Urheber der Beleidigung zu erwarten schien, und der junge Herzog, der sonst gegen die blonden Schonheiten Englands nicht unempfindlich war, wollte, seiner Haltung nach, nur der Gesandte Spaniens sein. Ganz verschieden war dagegen das Benehmen der franzosischen Herren. Diese schienen sich ganz ihrer heitern unbefangenen Natur hinzugeben, und die Unbill, die ihnen nebst der ganzen versammelten Gesellschaft widerfuhr, entweder noch gar nicht zu bemerken, oder sie als einen neuen muthwilligen Scherz des liebenswurdigen Herzogs ansehn zu wollen.
In ihrer Mitte befand sich ein Mann, dessen Kleidung den Geistlichen verrieth, und dessen unscheinbare Bildung, so wie sein zuruckhaltendes Betragen, ihn leicht hatte ubersehen lassen konnen, ware er nicht der Gegenstand grosser Aufmerksamkeit seiner Gefahrten gewesen, die nicht aufhoren konnten, ihn mit Fragen, Anreden und Mittheilungen, wie es schien, eher zu belastigen, als zu erfreuen. Sein braunes, breites Gesicht, in allen Verhaltnissen verzeichnet, bewegte sich beim Sprechen fast gar nicht, seine tiefliegenden Augen waren ausser ihrer Kleinheit noch halb geschlossen, also fast nicht gegenwartig, und nur ein breiter Mund entwickelte bei einem schnell vorubergehenden Lachen, beinah erschreckend zwei Reihen glanzend weisser Zahne, die wahrend des Sprechens sich niemals zeigten.
Man sah den Grafen von Salisbury sehr bald den Weg zu ihm finden und ihn mit einer Auszeichnung begrussen, die er sonst nur in politischer Beziehung anzudeuten pflegte, und die augenblicklich die Stellung dieses unscheinbaren Mannes fur die Anwesenden bestimmte. Er musste dem Grafen folgen, um einigen andern Personen vorgestellt zu werden, und es liess sich bald erkennen, dass seine Heruberkunft aus Frankreich erst kurzlich erfolgt sei.
Selbst Lord Membrocke, der Gefahrte Buckinghams und mindestens so ubermuthig, wie sein Beschutzer, eilte ihm eine Ergebenheit zu bezeigen, die ihm selten eigen war; und dass die kleinen Augen des Fremden Ausdruck gewinnen konnten, zeigte der wunderlich schnelle und stechende Blick, womit er den Kavalier uberlief, und die feine Weise, womit er den Lord zwar als Bekannten, doch mit einer kuhlen Zuruckhaltung empfing, die zum ersten Mal einen Stolz durchblicken liess, den seine fruhere Haltung kaum hatte ahnen lassen.
Lord Membrocke schien jedoch hierauf wenig zu geben und im Gegentheil entschlossen, sich ausschliesslich seiner Person zu bemachtigen, als Lord Saville ihm etwas zuflusterte, was die Farbe Membrocke's anderte und ihn bald den Augen der Menge entschwinden liess. Ein unbeschreiblich verachtliches Lacheln glitt uber das starre Gesicht des Fremden. Sein Auge verfolgte einen Augenblick die Richtung, in welcher der Lord davon eilte, wahrend ein Unbekannter an ihn selbst ein Wort zu richten schien, dessen Empfang er mit einem leichten Neigen des Kopfes andeutete.
Doch wenn auch, wenigstens fur einen Theil der Gesellschaft, die Ankunft der Fremden eine Art von Zerstreuung gewahrt hatte, so kehrten doch bald Alle zu dem lastenden Gefuhl der Beleidigung zuruck, die mit jeder ablaufenden Stunde druckender und nicht mehr durch die Versicherung gemildert ward, dass der Herzog noch bei Hofe sei; indem Jeder wusste, dass der Hof wohl von Buckingham, aber Buckingham nicht vom Hofe abhange. Unruhe und Verdriesslichkeit erreichte schon die Dienerschaft an den Portalen des Schlosses, als plotzlich die dienstthuenden Vorreiter des Herzogs in den Hof sprengten, die Wachen ins Gewehr traten und alsbald die Karosse des Herzogs mit dem lang ersehnten Gebieter daher flog. Seine erste Bewegung war, dem Thursteher, der so eben seine Ankunft donnernd verkundigen wollte, Schweigen zuzuwinken, und, anstatt die Treppen nach den Gesellschaftssalen hinauf zu steigen, bezeichnete er dem voraneilenden Diener den Weg uber eine Seitentreppe nach seinen Gemachern. Erschrocken fast blickte Maxwell, der erstere Kammerer des Herzogs, seinen Herrn an, als er ihn in ungeordneter Kleidung und mit nachdenkenden Mienen, ohne einen der ihn sogleich umgebenden Diener zu sehen, durch die halb erleuchteten Gemacher nach seinem Schlafzimmer eilen sah, als habe er von der Richtung seiner Schritte kaum Kenntniss. Maxwell, sogleich ein besonderes Ereigniss ahnend und eben so entschlossen, sich allein in dessen Kenntniss zu setzen, entfernte aus eigener Machtvollkommenheit die sich ihm nachdrangenden Dienstbeflissenen.
Er fand bei seinem Eintritt in das Schlafzimmer des Herzogs denselben bereits aller der Kleidungsstucke entledigt, welche die Bequemlichkeit hinderten, und beschaftigt, einen grossen seidenen Mantel um sich zu ziehen, worin er sich, von Maxwell unterstutzt, sogleich zur behaglichen Ruhe in die Kissen seines Ruhebettes warf.
Maxwell, der dies fur die Vorbereitung einer frischen Toilette hielt, beeilte sich, vor den Augen des Herzogs einige neue sehr kostbare Anzuge auszubreiten, in steigender Ungeduld das erste Wort des launenhaften Mannes erwartend, der indessen mit halb geschlossenen Augen und fast traumend die Gegenwart seines Dieners nicht zu bemerken schien. Doch eben so schnell aus einem Zustand in den andern ubergehend, flog er nach einigen Augenblicken wie ein Blitz empor und forderte mit einer bis zum Zorn gesteigerten Ungeduld ein Kastchen, was Lord Saville abgegeben haben musse.
Es stand vor seinen Augen, und seine unscheinbare Hulle rechtfertigte sehr wenig das grenzenlose Entzucken, womit der Herzog es jetzt an Brust und Lippen druckte, und nun mit den Handen und Maxwells Hulfe und allen zur Hand sich findenden scharfen Werkzeugen eine Hulle nach der andern loste, bis endlich ein seidenes Tuch von Purpurfarbe, mit goldenen Lilien besaet, dem Herzog in die Augen fiel. Er stiess nun die Hande Maxwells zuruck, um es mit den zartlichsten Liebkosungen zu bedecken, die er nur unterbrach, um ein in Gold und purpurrothen Sammet gefasstes Kastchen hervorzuziehen, welches beim schnellen Oeffnen das Bild einer schonen Dame im glanzendsten Schmucke gewahren liess.
Wir enthalten uns, die Ausbruche einer leidenschaftlichen Liebe, wie sie der Herzog von Buckingham zu empfinden vermochte, hier aufzuzeichnen. Maxwell, an solche Scenen gewohnt, dachte mit einem hohnischen Lacheln der Marquise von St. Pol, die noch gestern in Person der Gegenstand von Aeusserungen war, die jetzt einem todten Bilde und einem seidenen Tuche verschwendet wurden. Zu genau diese Zustande kennend, um den Herzog fruher davon abziehen zu wollen, als diese Emfindungen in ihm von selbst sich erschopften, und hinreichend belehrt, dass dies seine Geduld nicht uber Gebuhr in Anspruch nahm, zog er sich hinter die Barriere der aufgerichteten Prachtkleider zuruck, jeden Ausruf des Herzogs mit einem Lacheln des Spottes und der Verachtung begleitend. Aber der Herzog schien dies Mal die vorwaltende Liebesangelegenheit mit Gedanken ernsterer Natur vereinigen zu mussen; es schien in ihm ein Streit zu walten, der nur dann einzutreten pflegte, wenn ihm Zweifel kamen, welches ihm das Vortheilhafteste, Bequemste oder Belustigendste sein mochte.
Offenbar neigte sich aber dem abwesenden Gegenstande, der sich ihm in dem reizenden Bilde personifizirte, sehr bald die Wage, und er brach in einige gottlose Eidschwure aus, ihrem Besitze jedes andere Interesse der Erde zu unterwerfen. Welche lacherliche Traume einer empfindsamen Knabenwelt, setzte er lachend hinzu, sind uberdies diese sogenannten Bande der Natur, und existiren sie hier noch? Einem unbekannten Wesen, dessen Dasein man mir zu verhehlen wagte, als es mir noch von Werth sein konnte, sollte ich jetzt vielleicht dieses Wiedersehen opfern? Dieser Knabe Karl, der die blodsinnige Vorstellung hegte, mir ein albernes Geheimniss zu entziehen, und die strafenswerthe Kuhnheit, es wirklich auszufuhren! Ihren Planen, nachdem sie ergraut und in sich selber zusammengefallen, sollte ich die Hand bieten, da sie sich selbst dem Grabe verdammt haben, und damit zugleich dem sussesten Glucke, welches mir in Dir, Du himmlisches Bild, lachelt, selbstmorderisch entgegentreten? Die Entscheidung ist nicht schwer, und sie ist geschehen, rief er mit einer gellenden Stimme, die das ganze Grauenhafte eines uberschrienen Gewissens in ihrem Laute trug. Zuruck sank er in seine Polster, und indem er das Kastchen mit dem Gemalde nach allen Richtungen drehte und schob, sprang plotzlich der Deckel von einander, und ein fein geschriebenes Blatt, eng mit farbiger Seide umstrickt, fiel dem Herzoge entgegen. Doch das Gluck, sich in den Besitz des Inhalts zu setzen, sollte ihm verzogert werden, denn nach einem kurzen tobenden Gepolter im Vorzimmer und dem Gezank abwehrender Diener ward die Thur des Kabinets rasch geoffnet, und Sir John Saville sturzte, bis an die Schwelle von den Dienern verfolgt, in dasselbe herein. Maxwell, froh uber eine Dazwischenkunft, die den langweilig werdenden Zustand des Herzogs hoffentlich unterbrechen musste, verschloss schnell hinter dem Eingedrungenen die Thur, neugierig der Bewegung Beider lauschend. Doch keineswegs schien der Herzog gesonnen, das dreiste Verfahren seines Quasi-Freundes gutig aufnehmen zu wollen.
Und darf man fragen, sprach er, sich in den Kissen aufrichtend und zornig blickend, was Lord Saville mit der angenehmen Vertraulichkeit, die er sich eben herauszunehmen beliebt, andeuten will? Haben meine Diener das Versehen gemacht, Euer Gnaden herbei zu rufen, so bitte ich mir den Schurken zu bezeichnen, der mich veranlasst, Euch selbst jetzt ankundigen zu mussen, dass ich allein sein will. Ja, wollen Euer Gnaden sich verantworten oder sich lieber entfernen?
Ich habe das Erstere nicht nothig, brauste Saville mit roher Stimme auf, und erklare, das Letztere nur in Eurer Gesellschaft zu thun. Es uberschreitet fast das Maass der Moglichkeit, den von Beleidigungen sprechen zu horen, der in demselben Augenblicke nicht allein mich, sondern alle Herzoge, Grafen und Barone, inklusive der sammtlichen Grosswurdentrager der Kirche der drei vereinigten Konigreiche mit Schmach und Beleidigungen uberschuttet und seine besten Freunde unter der Marter nutzloser und verachteter Hoflichkeitsspenden zur Verzweiflung bringt.
Euer Liebden, unterbrach ihn Buckingham, ohne allen Zorn sich behaglich dehnend und an den Seidenfaden des entdeckten Briefchens zupfend, Euer Liebden scheinen sich ubel zu befinden. Man spricht in London von boslichen Fieberanfallen, die eine schnelle Zerstorung des Gehirns bewirken. Oder habt ihr an einem Schenktische reprasentirt? Oder haben die nachtlichen Gelage einer Woche Euch zu einem TagsTraumer gemacht? Ich nehme vielen Antheil an Eurem bedenklichen Zustande. Maxwell, wo stehst Du, unthatiger Schuft, wahrend mein bester Freund in so betrubter Lage sich befindet. Einen Lehnstuhl! eile! eile! offne sein Wamms; wo sind die heilsamen Tropfen der Mutter Kleratri, welche selbst gegen den Tod an den luftigen Balkonen der zeitlichen Gerechtigkeit sich unfehlbar zeigen! Oder seid ihr nuchtern, Mylord, und durch eifrige Studien uber die Tischzeit getauscht? wie Gelehrte denn pflegen, aus Hunger geistreich und belehrend zu werden; ich bitte Euch, befehlt! Maxwell, Couverts! Lasst auftragen, wenn in diesem elenden Junggesellen-Hotel heute schon Feuer auf dem Heerde brannte.
Spart Cure jammerlichen Spasse, Mylord, rief immer erhitzter Saville, und glaubt nicht, mich damit zu tauschen. Ihr wisst sehr wohl, dass ihr eure Diener mit Einladungen durch London gejagt, um heute einen Hof in Eurem Hause zu halten, bei dem Euch die vornehmsten und wichtigsten Personen des Landes den Tribut ihrer abgezwungenen Unterwerfung darbringen sollen. Ihr wisst sehr wohl, dass Ihr die emporende Unverschamtheit habt, dies Fest seit vier Stunden ohne den Wirth bestehen zu lassen; Ihr wisst, dass Ihr Euch damit so viele Feinde macht, als dies Haus Haupter zahlt, wahrend Ihr wie ein Kind in Euern seidnen Windeln liegt und Seide zupft. Doch Alles wird sein Maass finden, und Ihr werdet dieses Fest mit Verfolgungen bezahlen mussen, die zahlloser sein werden, als die Haare Eures Hauptes. An ihrer Spitze steht mit drohenden Blicken schon jetzt die entthronte Konigin des Tages, die Marquise St. Pol. Dies Fest, das Ihr durch alle Kunste der Ueberredung ihr als ein Geschenk zur Annahme aufdrangt, sie sieht es jetzt als eine offentliche boshafte Beschimpfung von Euch an. Der Kreis der zuruckweichenden Damen, der sie zu Anfang wie ihr Gefolge umgab, wird immer weiter, und immer kalter wenden sich die Blicke von ihr; denn man wagt eben so wenig die zu verachten, die Buckingham ehren will, als man sie zu beschutzen denkt, wenn er sie aufgiebt. Doch alle tragen eine und dieselbe Last der Beleidigung, Alles tragt mit der Marquise denselben heissen Wunsch, sich zu rachen und zu entfernen. Die Gesellschaft ist in Parteien getheilt, die Minister des Konigs, Salisbury an ihrer Spitze, die Grafen von Cumberland, Sussex, Clifford, Sommerset, Clarendon stehen als Oberhaupter und beherrschen mit ihren zornigen Blicken ihre um sie versammelten Anhanger. Die schottischen Barone, die irischen Pairs blicken erstaunt auf dies Schauspiel einer vor ihren Augen geschehenen Demuthigung ihrer stolzen englischen Nachbarn und nehmen dann, so viel ihr mattes Ehrgefuhl es zulasst, ihr Theil fur sich davon, wahrend die Bischofe, Dechanten und Kaplane mit Nasen, an deren zorniger Gluth Ihr Eure Kapaunen rosten konntet, umhergehen, und vergeblich den besanftigenden Geruch Eurer Tafel erwarten. Auf, thorichter Mann, fuhr Saville fort, in seinen fruheren Unwillen verfallend, aus dem er sich selbst fast herausgeschwatzt hatte, auf, beeilet Euch, wieder gut zu machen, was noch moglich ist!
Aber ihm schallte statt der Antwort ein so ubermassiges Gelachter des Herzogs entgegen, so heftig, so anhaltend und ausgelassen, dass Saville, dessen vollig gehaltloser Karakter unfahig war, eine Meinung irgend einer Art gegen den prachtvollen ubermuthigen Buckingham festzuhalten, zuletzt mit fortgerissen, ihm gegenuber in einen Sessel sank und, in dies Gelachter des Herzogs einstimmend, kaum einzuhalten im Stande war, als Buckingham schon die thranenden Augen sich zu trocknen begann.
Saville, Krone aller lustigen Spassmacher meines frivolen Hofstaats, kein Konigreich nehme ich fur den unsaglichen Spass, den Du vor mir voruber fuhrst! Welch ein Fest konnte die erschopfte Kasse Deines herzoglichen Freundes schaffen, welches nur den hundertsten Theil des Vergnugens abwarf, das diese Deine unvergleichliche Beschreibung uber meinen Geist verbreitet. Wahrlich, ich bin erquickt, als hatte ich in Aether gebadet, meine Nerven haben Elastizitat gewonnen, und es scheint mir werth, diesem abgenutzten Leben noch einen Gedanken zu widmen.
O des bezaubernden Anblicks, diese stolzen Gesellen wie die Schulknaben im Sonntagsputz gedemuthigt zu haben; sie sich selbst zuchtigen zu sehen, Einer in der eingebildeten Grosse des Andern; ihre ohnmachtigen Rachegedanken zu errathen, die Keiner langer Muth hat zu verfolgen, als so lange ich fern bin; diese hochmuthigen Ladys, die vergeblich ihre Tugendlarven abzogen, meiner kleinen Favorite zu huldigen, und die nun in der Enttauschung sich selbst herabgesetzt sehen! Hore auf zu lachen, armseliger ausgebrannter Kopf, und sage mir, wenn es Dir moglich ist, ob Du oder ich oder irgend ein Mensch der Erde sich ein so reizendes Vergnugen ausdenken konnte, wie hier sich im Reiche des Zufalls gestaltete.
O Du unvergleichlich liebenswurdiger Bosewicht, lallte hier Saville, aus seinem Lachen sich heraus kampfend, wie war es moglich, dieser tragischen Begebenheit die allerlacherlichste Seite abzugewinnen und mein vom Zorn exaltirtes Blut so abzukuhlen? Ja, es ist wahr, Buckingham, sie gehen mit tollen Gesichtern umher, und wir, Membrocke, Cork und Norris, haben uns oft die Handschuhe in die Zahne gestopft, um nicht uber ihre jammerlichen Fratzen laut aufzulachen; aber dessenohngeachtet sage ich Dir, es war ein lastiger Spass fur uns, Deine Marschalle des Bankets! Ich dachte, sie wurden uns an die Gurgel fassen fur jede Artigkeit, die wir hervorbrachten. Besonders seit die spanische Grandezza aufgezogen ist und sich gleichfalls, mit ihrem Knaben von Herzog an der Spitze, beleidigt stellt, wollen die Andern vor Bosheit vergehen; sie denken, ihre Schmach kommt nun ins Ausland. Nur die franzosischen Herren sind liebenswurdig geblieben.
Was sprichst Du, unterbrach ihn hier Buckingham, mit beiden Beinen zugleich vom Lager aufspringend, die franzosischen Herren? Sie sind anwesend, erschienen? Wie konnte ich das vergessen! Kleider! Kleider, Maxwell, Kleider! Wo bist Du? Geschwind! Fort, Saville, in die Sale zuruck, ich bin so eben angekommen, andere nur die Kleider, war am Bette des Prinzen von Wales, der, bis jetzt bedeutend krank, meiner Pflege bedurfte. Fort! fort! Verbreite an jeder Ecke des Saales diese Nachrichten und schicke mir sogleich Membrocke; einige Andere sollen im Vorzimmer warten.
Membrocke! Membrocke! weisst Du, was Du sprichst? sagte in dumpfer Verwunderung Saville; kannst Du die Krankheit des Prinzen beweisen? Willst Du eine Thorheit durch eine andere, die Dir wichtiger werden konnte, gut machen?
Jammerlicher Schwatzer, schweig und wage es nicht, mit Deinem stupiden Geiste dem meinigen die Richtung geben zu wollen! schrie Buckingham, ausser sich vor Ungeduld, wahrend er die Kleider fast zerriss, die Maxwell, an diesen Ungestum gewohnt, ihm mit der grossten Schnelligkeit anzulegen suchte. Eile und vollziehe meine Befehle, dass nicht meine eigne Hand Dich aus diesen Zimmern werfe; augenblicklich soll Membrocke hier sein! Fort mit Dir, oder ich erdrucke Dich!
Ich gehe, sagte Saville murrisch und ohne sich zu beeilen, ob aber Membrocke kommt, magst Du erwarten, denn bis jetzt macht er den frere servant bei einem breitschultrigen franzosischen Kaplan, der, heute erst angekommen, auch unter Deinen franzosischen Herren sich befindet.
Buckingham blieb stehen, wie vom Blitz getroffen; die Augen traten ihm stier aus dem Kopfe, und eine jahe Glut uberschlug sein schlaffes Gesicht. Wer ist es? Wie nennt er sich, den Du so bezeichnest? brach er hervor, indem er Saville an beiden Schultern ergriff. Bei allen Teufeln sprich, wie heisst der, den Du Kaplan nennst?
Lasst mich, sagte Saville, sich den Herzog derb abschuttelnd, Ihr habt mich heute genug gequalt, ich habe es satt; seht ihn Euch selbst an, oder fragt Membrocke, mit dem er bekannt ist, es ist ein Monsignore und sein Name Mar Mas
Mazarin? schrie Buckingham, ausser sich. Kann sein, sagte Saville, schon halb im Vorzimmer, und die Thur fiel klirrend zwischen Beiden zu. Aber Mazarin? dieser Name klang noch so oft aus dem Munde des so plotzlich veranderten Herzogs, als musste er sich durch den Klang von seinem wirklichen Dasein uberzeugen. In einen Sessel geworfen, schien er Alles ausser diesem Laut vergessen zu haben, und Maxwell wagte nicht, die halbvollendete Toilette zu beendigen.
Doch wahrte dieser aussere Stillstand nicht lange, die geoffnete Thur zeigte den schonen eleganten Grafen von Membrocke, den ausschweifendsten und sittenlosesten Gefahrten und Vertrauten Buckinghams. Sein beschranktes Vermogen und sein grenzenloser Aufwand hatten ihn, trotz seines Hochmuths und bei dem Glanze eines hundert Mal altern und vornehmeren Namens, doch zu einer Art von vornehmen Miethling des Herzogs gemacht, und nur die Schonheit und Anmuth seiner Person hatte ihm ein Ansehn erhalten, welches er zu sichern suchte, indem er das Entehrende seiner Verhaltnisse zu Buckingham in die Reihe der spasshaften Verlegenheiten eines Mannes von Welt verwies.
Mazarin? rief Buckingham, so wie er ihn sah, aus seinem Nachdenken auffahrend und fragend auf Membrocke zueilend.
So ist es, erwiederte der Graf, mit einem schnellen Blick das Ruhebett uberlaufend, auf dem noch der Inhalt des empfangenen Packchens lag, und wie ich sehe, der Bote susser Gaben! In Wahrheit, ich mochte wetten, er ahnt nicht, dass er Euch als Handlanger diente, und ich muss die Feinheit eines liebenden weiblichen Herzens bewundern, die den Gegenstand Eurer Eifersucht wegschickt, um Euch Alles zu senden, was Euch in der Ferne beglucken kann. Mensch, was gab Euch diese Gewalt uber die stolzeste der Frauen! Schickt mich nach Deutschland, Mylord, vielleicht schliesst dies Land noch ahnlichen Zauber in sich. Ich kenne sie sonst alle und kenne die Scenen, die man mit ihnen durchzuspielen hat, so auswendig, dass ich vor Langerweile dabei vergehe.
Aus Buckinghams Zugen verlor sich die Starrheit in dem Maasse, als er den Worten Membrocke's lauschte. Du hast durch Deine Worte die aufsteigenden Damonen dieser Brust beschworen, und mich von der Wuth und Verzweiflung der Eifersucht erlost, rief er endlich. Ha, diese abscheuliche Missgeburt, die Beleidigung der menschlichen Gestalt, und dieses Meisterwerk der Schopfung, dies Weib, von jeder Schonheit, jedem Zauber umgeben, den der herrlichste Geist in dem schonsten Korper zu schaffen vermochte! Wer hat es ausgedacht, Beide im Zusammenhang zu glauben, ohne zugleich der ganzen Ordnung der Dinge Hohn zu sprechen? Und doch! Und doch, Membrokke, doch ist der Zweifel da, dennoch, dennoch zittre ich, in dieser Missgeburt meinen Nebenbuhler zu sehn!
Weil Du es vorziehst zu zittern, weil Dir der Sieg fast zu bequem ohne Schwierigkeiten erscheint, und der schone glanzende und stets siegende Buckingham lieber einen Pavian, als gar keinen Nebenbuhler, haben mochte. Halt ein jedoch und lass die Grillen fahren, die in Wahrheit weder Grund haben, noch Dir und dem Andenken Deiner Gottin ziemen. Jage nicht im blinden Eifer dieser einen Phantasie nach und laufe an dem Ziele voruber, das indessen der, der Dich wild gemacht, vielleicht ohne Hinderniss erreicht!
Zu toll ist es von Dir, den weggesandten Nebenbuhler noch zu furchten; ergrunde lieber, was dieser feine schleichende Pralat in England zu verrichten hat, wahrscheinlich mehr, als Dir dies Bild, dies Tuch, dies ubersponnene Brieflein auszuliefern.
Ha, Membrocke, Du hast Recht! Schon wieder holt Dein ewig gegenwartiger Verstand den meinen ein. Ich bin ein thoricht unbesonnener Knabe. Wie kann ich traumen, der Freund, der Vertraute dieses Teufels Richelieu betrete diesen Boden, ohne die Fussangel vor mir auszubreiten, in der ich mich gefangen geben soll. Holl' und Teufel! Wen liess ich zuruck, mir Bericht zu senden uber jener Machinisten reges Spiel? Wer blieb zuruck? Hilf mir, wer hat gewagt, so schlecht mich zu bedienen, dass dieser Damon die Stiegen dieses Palastes betrat, ehe ich die Ahnung seiner Ankunft erhielt! Hier unter meinem Dache, Membrocke, ehe ich es ahnte! Begreifst Du es? Ich, Buckingham, betrogen, uberlistet! Wer hat dies Bubenstuck erdacht? Wer hat gewagt, mir diesen Streich zu spielen? So wahr ich lebe und den Namen trage, vor dem die Mitwelt zittert, es soll sein letzter sein!
Schreckbar von Wuth entstellt, die zitternde Hand am Gefasse seines Degens, den er den Handen Maxwells entrissen, schien sein Auge lechzend den Gegenstand seiner Wuth zu suchen und fiel auf die schone glanzende Gestalt des Grafen, der mit der feinen Kalte der Ueberlegenheit am Kamin lehnte und mit gleichgultiger Miene fur sich zu denken schien. Ohne den Herzog anzublicken oder den Ton zu heben, verwies er ihn zur Ruh. Ihr werdet begreifen, fuhr er fort, dass kein Athemzug dem Kardinal Eure Ueberraschung verrathen darf. Eilt schnell, Euch als Protektor ihm aufzuwerfen, ehe wer Anders Euch zuvorkommt. Schon beugte vor dem Freunde des machtigen franzosischen Ministers Salisbury den starren Rucken, und Clarendon und Sussex lauschten seinen Worten. Ihr musst es ihnen zuvorthun, so eifrig ihn bewachen, dass er zum freien Athmen keinen Raum behalt; um so sicherer konnt Ihr ihn beobachten. Doch lasst uns zur Gesellschaft eilen. Maxwell, thut Eure Schuldigkeit! Ich sehe hier an diesem Meisterstuck von Wamms und Mantel ein schlecht gewahltes Gurtelband. Wozu dies matt gehaltene Geschmeide von Turkissen zu diesem pfirsichfarbnen Sammet? Warum nicht jene Smaragden in Juwelen? Sie sind bei weitem passender. Das Neueste ist, man tragt die Quaste auf der Schulter unter der Agraffe des Mantels; seht, so wie diese hier. Buckingham, Du Ideal der Mode, Du Angelpunkt aller Augen, die sich mit Eleganz und Feinheit bereichern wollen, muss ich Dich belehren? Setze Maxwell auf Pension, ins Spital mit ihm, sein Sinn wird stumpf! Doch sag', hat Saville meine Nerven umsonst erschuttert mit der Nachricht, den Prinzen habe der Schlag geruhrt?
Ich hoffe, er hat diese Thorheit Dir nur allein ins Ohr geraunt, Dich aus dem Saal zu locken; er sollte es sonst bussen. Doch nur zu gewiss ist, dass ich dies Mal unfreiwillig mein Gastmahl ohne Wirth gelassen; der Prinz erkrankte plotzlich und liegt danieder. Der Konig heult an seinem Bette, und es war schwer zu entkommen; auch kam ich nur, um dies Gewuhl von Gasten aufzulosen und dann zu ihm zuruck zu kehren. Doch es entfiel mir Vieles uber dem Vielen, was ich heute gehort, und endlich Alles uber diesem inhaltreichen Kastchen, ha! Und endlich auch dieses uber dem Ueberbringer! Sag', ist Ormond anwesend!
Er spielt die Rolle Josephs auch heute meisterhaft! Und darum just, rief lachend Buckingham, hab' ich ihn Dir zum Gefahrten erwahlt. Erstaune nicht; Du folgst mir nach Whitehall und bleibst die Nacht, ich habe Dir viel zu sagen. Jetzt lass uns gehn, ich bin so kalt jetzt, so ruhig und besonnen, wie nach zwolf Stunden Schlaf. Diese stolzen Herren werden an funf Stunden Aerger, hoff' ich, jetzt schon zu viel haben, um durch meine, leider nur zu gut begrundete Entschuldigung sich beruhigen zu lassen; und das ist mein Trost. Nur ungern wollte ich den sussen Spass entbehren, sie so toll gemacht zu haben; und musste ich diesen Mazarin nicht heute noch umstricken, ich hatte ihnen die volle Ladung nach Hause mitgegeben und lieber Verse an den Mond gemacht, als dass ich unter ihnen noch erschienen ware! In einem kleinen Thurmzimmer des franzosischen Gesandtschaftshauses finden wir einige Stunden spater den bedeutenden Mann wieder, der durch seinen blossen Namen Buckinghams Leichtsinn erschutterte. Seine Erscheinung, als Freund des machtigen Richelieu, sicherte ihm schon damals die Huldigungen aller derjenigen, die irgend die Wichtigkeit des eben auf seiner hochsten Hohe stehenden franzosischen Ministers zu beurtheilen verstanden. Wenig schien Mazarin durch die Art, wie er uberall auftrat, diese Auszeichnungen zu unterstutzen und noch weniger zu verrathen, wie er einst wirklicher, als irgend ein gekrontes Haupt Europa's, die Herrschaft fuhren und alles seinen Planen unterthan machen werde. In seiner unscheinbaren, mehr geistlichen als weltlichen Kleidung gelang es ihm vornehmlich, sein Aeusseres fast unbedeutend erscheinen zu lassen, da die Natur ihn wenig mit korperlicher Schonheit begabt hatte. Seine athletische Gestalt und seinen spaterhin beruhmt gewordenen Anstand, der durch fruhere militarische Dienste entwickelt war, hielt er bis jetzt noch rathsamer, vor den Augen der Welt in die sanften gebeugten Manieren eines guten bescheidenen Mannes einzuhullen.
Dessen ungeachtet hatte Buckingham Gelegenheit genug gehabt, seinen weitreichenden und grossen Einfluss kennen zu lernen. Sie waren sich bei des Ersteren Anwesenheit in Frankreich auf einem Felde begegnet, wo der schlaue Julio Mazarini sich um jeden Preis zu behaupten entschlossen war, so wie Buckingham seinerseits in dieser Beziehung weder einen Gegner in dieser Gestalt gefurchtet hatte, noch ihm zu weichen dachte. Wenn jedoch diese Macht, die Mazarin fur sich in der Stille warb, der Welt und namentlich dem Auslande vorerst noch ein Geheimniss bleiben musste, so war in der Art, wie Richelieu wohl Mazarin als den einzigen ihm gleichkommenden Kopf zu bezeichnen pflegte, diesem ein Ansehn zugegeben, welches ihm, auf welchem Platz Europa's er auch erscheinen mochte, eine weit uber seine aussere Stellung reichende Auszeichnung sicherte. Doch war mit seiner Erscheinung auch stets ein gewisses Aufmerken, vielleicht nicht ganz ohne einen Zusatz heimlicher Befurchtung, verbunden. Richelieu gebrauchte ihn stets zur Ausfuhrung von Planen, die nur ein Ohr zur Mittheilung fanden, eben das seinige, und die kleinen schmeichelhaften Sendungen, die Richelieu in seinem oder seines Konigs Namen durch Mazarin an die verschiedenen befreundeten Hofe ergehen liess, hatten oft fur Richelieu eine so uberraschende Kenntniss der wichtigsten Geheimnisse eines solchen beschickten Hofes zur Folge gehabt, dass man langsam anfing, die starke Beobachtungsgabe dieses Boten einzusehn und ihn wenigstens in der moglichst besten Laune zu erhalten wunschte, da man in der Regel zu ungeschickt war, ihn unschadlich zu machen.
Richelieu war dies Mal uber die Nuckreise des Prinzen von Wales in so zartlicher Besorgniss gewesen und so entzuckt uber dessen gluckliche Ankunft, dass Mazarin von ihm gesendet ward, seine und des Konigs Freude dem Prinzen auszudrucken. Alle, denen dies mitgetheilt ward, schienen uber so viel Antheil und Freundschaft entzuckt, wahrend Alle mit angehaltenem Athem einander fragten, was er wohl noch vorhaben mochte. Mazarin war uber den ersten Eindruck, den er bei seinen jedesmaligen Sendungen hervorrief, keinen Augenblick ungewiss; aber er besass neben seiner schnellen und untruglichen Menschenkenntniss eine so ausdauernde unbesiegbare Ruhe, Sanftmuth und Geduld, dass die Befurchtungen sich wie von selbst an ihm entkrafteten, und er fing erst dann seine Plane zu verfolgen an, wenn er alle ihm in den Weg gelegten und alle im Voraus ihm bekannten Proben als ein guter harmloser Mann bestanden hatte. Richelieu's grosse, erhabene Natur war einer solchen, seinem ganzen Naturell widerstrebenden Operation unfahig, aber er benutzte an seinem Gefahrten diese Fahigkeit und wusste sie als eine unschatzbare Gabe zu achten, wenn auch ohne sie ihm zu beneiden.
Mazarin hatte sich dem Zwange der Geselligkeit entzogen, und es war leicht wahrzunehmen, dass ihm dies zu einer grosseren Entwickelung seiner eigensten Natur geholfen. Das lange geistliche Kleid war uber einen Sessel geworfen, und die kraftige hohe Brust und die breiten Schultern wurden vortheilhaft von einem Wammse von violetter Seide mit feiner Goldstickerei gehoben. Im Geschmack der Zeit, mit sorgfaltiger Vermeidung jeder geckenhaften Uebertreibung, war auch seine ubrige Person in dieselben Farben gekleidet, und eine feine goldne Kette um seinen Hals war mit den Enden in das Wamms geknopft. Der Knopf indess, der dies zusammenhielt, hatte fast den besondern Werth dessen, was er verschloss, errathen lassen; denn es war ein ungewohnlich schoner und grosser Diamant.
Im Hintergrunde des Gemachs waren zwei Pagen damit beschaftigt, die goldnen und silbernen Gerathschaften, welche sich in einem Reisefutteral befanden, auszupacken, und ihre sorgfaltige Vermeidung jedes Gerausches schien sich auf den Eifer zu beziehen, womit Mazarin an einem Tische, zwischen zwei Kerzen, mit der Abfassung eines Briefes beschaftigt war. Doch konnte der Gegenstand des Briefes unmoglich ein ernster sein. Die Heiterkeit, die bis zu einem breiten Zug von Lacheln um seinen Mund gestiegen war, und anderseits die Zerstreuung, in der er, oft aufblikkend, die Augen nach einer kleinen gothischen Thur, ihm gegenuber, richtete, zeigten hinreichend, der Inhalt sei bequem und leicht so nebenher abzufassen.
Ein kaum merkliches Gerausch liess sich jetzt vernehmen. Mazarin erhob sich und ging auf die Pagen zu, die, mit ihrem Geschaft zu Ende gekommen, schweigend seiner Befehle harrten. Ich danke Euch fur heute meine Lieben, sprach er sanft und freundlich; ich werde nur noch Benville bedurfen, der im Vorzimmer warten mag, bis ich ihn rufe. Bei Euch wird der Schlaf nach dem anstrengenden Reisetage wohl nicht auf sich warten lassen. Gute Nacht, gute Nacht! Der Herr segne Euch, setzte er hinzu, als die Knaben niederknieten, um seine Hande zu kussen, die er alsdann segnend auf ihr weiches Lockenhaupt legte. Er blickte ihnen nach bis die Thure des Vorzimmers sich geschlossen, und vielleicht war das Gefuhl, womit er die sussen, schlaftrunkenen Kinder ihrer sichern Ruhe ubergab, und welches unverkennbar seine Zuge auf einen Augenblick einnahm, sogar der Wehmuth verwandt. Doch die Welt der Gefuhle war bei ihm in den Hintergrund gedrangt; er wollte sie nur kennen, in so fern sie ihm als Menschenkenner zu seinen Schlussen und Urtheilen nothig waren; sich selbst gebot er als erste Lebensregel, uber allen ihren Anforderungen bloss als Beschauer dazustehn. Unlaugbar hatte er von diesem kuhlen Standpunkte aus sich einen sehr gesicherten Einfluss uber Andere erworben. Ob es indessen moglich sei, sich selbst ganz dieser grossen Beherrscherin der Menschheit zu entziehn; ob man nicht in der Beobachtung und Erkennung der Gefuhle Anderer die eigenen immer wieder mit auferziehe; ob jene gottliche Liebe, die unsere Entwickelung nie aus den Augen verliert, eine ihrer schonsten Gaben ganz unterdrucken lassen mochte, wer wollte es furchten, und nicht lieber glauben, uns sei bloss gestattet, die Aussenseite von ihren Erscheinungen frei zu erhalten, innerlich bleibe der kleine Heerd, um den, selbst gegen unsern Willen, sie, unverletzlichen Hausgottern gleich, ihre Platze behaupten, wenn auch bei dem Einem zur lieblich sich mittheilenden Geselligkeit erhoben, bei dem Andern zum ernsten Schweigen verdammt, immer doch ihres unzerstorbaren Daseins Zeugniss ablegend.
Gern nehmen wir den vorliegenden Moment als eine Bestatigung dieser Ansicht, da es uberdies leicht die einzige sein konnte, die dieser merkwurdige Mann uns mitzutheilen veranlasst. Denn schon sehen wir ihn, weggewendet und der alten Heimath seiner Gedanken zuruckgegeben, jene mienenlose Ruhe gewinnen, die seine Feinde und Beobachter zur Verzweiflung brachte. Er beruhrte nur zu einem Klange die Glocke auf seinem Tische, und langsam offnete sich die kleine von ihm beobachtete Thur, und in einen weiten Mantel gehullt, trat ein altlicher Mann ein, der sofort, Mazarin erblickend, den Mantel zur Erde warf und, auf ihn zueilend, ganz uberwaltigt, wie es schien, zu seinen Fussen niedersank.
Benedicas! rief er mit leiser, bebender Stimme.
In majorem Dei gloriam! antwortete Mazarin mit feierlichem Ton und segnete das tiefgesenkte Haupt des alten Mannes.
Steh auf, Porter, setzte er sanft, aber ernst hinzu, wir durfen uns nicht erweichen; es ist lange her, dass wir uns zuletzt sahen, aber so dies leibliche Auge Dich nicht erreichen konnte, traf mein geistiges doch stets auf einen getreuen und eifrigen Diener im Namen des Herrn und unserer heiligen Sache!
Porter, der von uns bereits erwahnte Kammerdiener des Prinzen von Wales, erhob sich jetzt von seinen Knien, und zeigte eine kleine, magere und gebeugte Gestalt in einer grauen Kleidung ohne alle Abzeichen. Sein langliches, blasses Gesicht war von einem truben Ernste gefurcht, und ein sparsames weisses Haar lag dunn um die schmale Stirn. Seine matten blauen Augen, die den ruhrenden Ausdruck des Kummers aussprachen, hatten sich noch nicht zu seinem, in der Vergleichung machtiger noch erscheinenden Gefahrten erhoben, sondern ruhten schwermuthig am Boden. Mazarin durchschaute vielleicht nur zu schnell aus ihm bekannten Grunden den Gemuthszustand des alten Mannes, und suchte durch die freundlichste Herablassung sein Herz zu ermuthigen.
Doch was seh' ich, alter Freund, wie bist Du Deinen Jahren vorangeeilt. Weisses Haar und dieser gebeugte Rucken?
Porter schlug jetzt mit einem tiefen Seufzer die Augen auf, und sie blieben auf Mazarins kraftiger Gestalt einen Augenblick ruhen, indem er mit dem Ausdruck des Schmerzes hinzufugte: Nicht an Allen geht die Zeit spurlos voruber!
Sage vielmehr, an Keinem, antwortete Mazarin, diese Worte wie einen Vorwurf empfindend; wenn auch der Himmel oft die wunderbar zu kraftigen weiss, die in ihrem schweren Berufe vor ihm getreu und gehorsam und der besondern Kraft benothigt sind!
Ja wohl, sprach Porter, der Herr misst Jedem sein Maass, und ich murre nicht, dass er das meine nur gering bestimmt zu haben scheint: denn mein Leben war ein nutzloser und truber Kampf zwischen zwei geheilgten Pflichten, welche zu vereinigen mir nie gelang, und denen ich dadurch vielleicht gleich unnutz ward.
Selbstgerechtigkeit sich in irgend einer Angelegenheit anmassen zu wollen, sprach Mazarin streng, gehort zu dem Ungehorsam, welchen Deine Vorgesetzten Dir in ihrer heil'gen Machtvollkommenheit als die gefahrlichste Klippe unserer geistlichen Tugenden untersagt haben. Welcher Hochmuth heisst Dich Dein Leben nutzlos nennen, so Dir noch vergonnt ist, an der kleinen Stufenleiter unserer Befehle, Deinen Fahigkeiten gemass, hinanzuklimmen? Du bist von der Regel abgewichen, und ich konnte Dich strafen, wenn nicht Milde und Geduld mit den Gebrechen der Menschheit unser erstes Gesetz ware, und wenn Du nicht die Strafe Deiner Vergehungen schon in jenem muthlosen Trubsinn trugest, womit der Beschutzer unserer heiligen Vereinigung alle die heimsucht, die sich zu eigner Beschauung verfuhren lassen!
Ach, hochwurdiger Herr, leget nicht die Burde Eures Zorns auf mein schwaches und gedrucktes Herz! Gott, dessen Augen die Herzen prufet, er weiss allein, wie ich um Kraft und Muth gefleht zur Vollfuhrung des Willens meiner erhabenen Obern. Er weiss, wie ich nicht denken wollte, da es mich nur zu oft auf Abwege fuhrte. Aber der Versucher ist mir in jeder Gestalt erschienen; in der Gestalt eines erhabenen Herrn zuerst, den ich gegen meinen Willen lieben musste, ach, selbst in der Gestalt meiner geheiligten Religion, die ich verlaugnen und entbehren musste, und die mich zu fragen schien, ob ich das Rechte um solchen Preis zu thun vermoge. Ach Herr, Herr! ich bin ein Sunder und dem Zorn der heiligen Gesellschaft verfallen. Ich fuhle es, und nur Ihr konnt mich retten, wie Ihr es oft thatet, indem Ihr meinen wankenden Glauben stutzt.
Ja wohl, sprach Mazarin mit dem Tone des Vorwurfs, der doch schon eine allgemach zu hoffende Verzeihung ankundigt, wohl hast Du mir es schon oft zur traurigen Aufgabe gemacht, Dich mit Dir und Deinen Pflichten auseinander zu setzen, und Dein gebleichtes Haar und Deine gefurchten Wangen scheinen mich noch nicht dieser Sorge ablosen zu wollen.
Hochwurdiger Herr, sprach der Alte, fast ihn unterbrechend, wahrend eine leichte Rothe um das blasse Gesicht zog und es erhellte, wie der Abglanz eines fernen, langst abgetodteten Ehrgefuhls, wollet wenigstens bedenken, dass diese Wangen, dass dies sparliche Haar Gestalt und Farbe im Dienste des geheiligten Ordens Jesu erhielten.
Ich kam her, dessen zu gedenken, erwiederte Mazarin sanft, und wenn kein Winkel der Erde den Pflichtvergessenen vor unserer gerechten Strafe zu sichern vermochte, so erreicht unser Lohn auch den treuen und gehorsamen Diener unter allen Verhaltnissen des Lebens, und die Hochsten des Ordens steigen zu ihm nieder als Freunde und Bruder, und er steht den Machtigen der Erde gleich in dem Heiligthum ihrer geheimen Welt; Ich komme und bringe Dir den Segen des gottlich erleuchteten Claudius Aquavia; er giebt Dir seinen erhabenen Beifall und erlaubt Dir durch meinen Mund im Namen dessen, an den wir alle glauben, fortzufahren in dem Dienste, dem er Dich bis jetzt gewidmet. Er erlaubt Dir, um der wichtigen und Gott gefalligen Zwecke willen, die sein erhabener Wille, uns unbewusst, zu erreichen gedenkt, ferner die heilige Kirche zu verlaugnen und vor den Augen der kurzsichtigen Menge Dich jenen Verirrten anzureihn, die Gott in ihrem sundigen Verstande anbeten. Er sendet Dir in dieser goldnen Kapsel, fuhr er fort, indem er aus seinem Busen ein kleines wohl verwahrtes Kastchen zog, eine von Urban selbst geweihte Hostie, die ich kraft seines Willens Dir zu Deiner geistigen Erquickung nach den Regeln unserer heiligen Kirche zu reichen befugt bin.
Der Eindruck dieser Rede und der darauf folgenden Gabe auf den alten unglucklichen, seiner Pflicht erliegenden Mann war unbeschreiblich; wahrhaft schrecklich fur den, der nicht wie Mazarin damit sein Ziel erreicht sah, sondern blos die furchterliche Macht dieses halb despotischen, halb schmeichelnden Ordens darin erkennen musste. Die von Gewissenszweifeln eingesunkenen und zernagten Zuge schienen sich zu glatten, die gebeugte Gestalt hob sich, den starren, truben Augen entspruhte ein fanatisches Feuer, welches seinen zitternden Korper in Bewegung setzte. Sich anbetungsvoll niederwerfend, streckte er die Hande nach dem Heiligthum aus, das er so lange entbehrt, wonach er sich so inbrunstig gesehnt, und das nun in hochst moglichster Wurde und Kraft ihm zu Theil werden sollte. Er war mit allen seinen Zweifeln und Sorgen am Ende, und in diesem Augenblicke nichts weiter, als der eifrige und unterworfene Diener der Vater des Kollegiums zu Clermont. Mazarin hatte diesen leichten Sieg zu oft und mit denselben Mitteln erreicht, um etwas Weiteres, als die Beendigung eines gewohnlichen Geschafts, darin zu sehen. Nach einigen leichten Vorkehrungen schickte er sich an, die Berichte Porters zu horen, die kaum in etwas Anderem bestanden, als in den eben vernommenen Regungen seines Gewissens, welche er, nun ausschliesslich dem Interesse der Gesellschaft Jesu wieder zugewendet und ihre Gewalt als eine gottliche verehrend, als Versuchung des bosen Feindes ansah, und welcher Qual Beschworung er von dem Genusse der geweihten Hostie mit Zuversicht erwartete. Mit welchen Grunden Mazarin diese Hoffnungen zu unterstutzen suchte, lassen wir unberuhrt. Das Resultat genugt uns, dass Porter, indem er fortfuhr, die kleinsten von ihm ausgespahten Handlungen seines unglucklichen Prinzen rucksichtslos zu verrathen, nur die hochste Verpflichtung der Erde zu erfullen, und der Tugend und dem Prinzen selbst in getreuster Liebe zu dienen wahnte.
Den Tod der Grafin Buckingham erfuhr ich erst bei meiner Landung, fuhrte Mazarin ein angefangenes Gesprach weiter, Lazarino hatte sich zu den Ruderern gesellt, die mein Boot heruber brachten. Vielleicht machte diese Nachricht meine Heruberkunft weniger nothig, und nur Deine Abwesenheit entschuldigt diese spate Mittheilung.
Hochwurdiger Herr, mein Amt ist schwieriger, seit der Herr Herzog die Person des Prinzen unablassig umgiebt; dessen ungeachtet hatte nach Euerm Befehle ich alle Mittel benutzt, Euch so schnell, wie moglich, zu dienen, wahrend ich aber Pater Lorenzo bei Euch glaubte, erfuhr ich seinen Hingang! Die Verzweiflung des gnadigsten Prinzen bei der Nachricht des Todes der hohen Dame war grenzenlos und ich furchte, der Anfang einer grossen Krankheit. Der Herr Herzog haben sich ganzlich seiner bemachtigt, haben mich zu Bett geschickt, den Leibarzt ins Vorzimmer. Seine Majestat den Konig selbst haben Sie wie ein Kind, gleich welchem der alte Herr sich auch laut weinend geberdete, durch die Gemacher nach seinen Zimmern geschleppt und ihn hier, wie man einen Buben bedroht, zur Ruhe verwiesen. Sie versehen jeden Dienst selbst, und Lord Membrocke bedient wieder den Herzog. Ich sah dem Wesen lange zu von einem sichern Platzchen aus, fugte er lachelnd hinzu, bis die Stunde schlug, die mich zu Euch rief.
Erzahle mir jetzt genau, von welcher Zeit Du die Vertraulichkeit des Prinzen und des Herzogs rechnest, und ob Du glaubst, dass Buckingham von Allem unterrichtet ist, was des Prinzen geheime Verbindung betrifft.
Ehe wir nach Spanien gingen, wusste er sicher hiervon nichts. Beide hatten ein verschiedenes, gegenseitig geheim gehaltenes Interesse, die Bemuhungen des Grafen Bristol zu verwunschen. Der Herzog von Buckingham war beleidigt, uberall mit Bewunderung und Verehrung den Namen des Gesandten zu horen; der alte Hass, den die Tochter Bristols, die Frau Herzogin von Nottingham, durch ihre Vermahlung gegen alle Mitglieder dieser Familie in ihm angezundet, ward aufs Neue genahrt durch so viel scheinbares Gluck und Verdienst, und alle nur erdenklichen bosen und gottlosen Reden uber diese papistische Betschwester, wie er die allergnadigste Infantin zu nennen pflegte, gingen so rucksichtslos uber seine Lippen, dass sie nur zu oft das Ohr meines Prinzen erreichten, aber anstatt den Prinzen zu kranken, was sonst der Herr Herzog auch eben nicht ungern veranlasste, fand er den Prinzen auf seine Ansicht fast eingehend. Ihr konnt Euch denken, wie dem armen Herrn das Herz schwellen mochte, wenn er eine Schwierigkeit nach der andern sinken sah und, vom alten Konige bedrangt, jede neue Ausflucht mit dem Zorne des Vaters erkaufen musste. Seine letzte Hulfe war der Herzog von Nottingham. Sie sahen sich, und er, der am besten die verzweiflungsvolle Lage des Prinzen kannte, willigte ein, nach Madrid zu gehen. Als Schwiegersohn des Grafen Bristol konnte seine Reise nicht auffallen, und er war vom Prinzen zu jedem Mittel autorisirt, das diese gefurchtete Verbindung trennen konnte; ja, im letzten Falle sollte er der Grossmuth der Infantin, von welcher der Prinz eine sehr gute Meinung hatte, sein ganzes Verhaltniss vertrauen, doch vorher bei dem Herrn Grafen von Bristol Alles erschopfen, ihn davon abzuschrecken. Diese unglucklichen Ketzer besprachen sich in meiner Gegenwart uber das beste Mittel, dem Herrn Gesandten die Vermahlung mit einer Katholikin als verderblich furs Land darzustellen! Ihr wisst, Hochwurdiger Herr, wie der arme Herzog Madrid nur erreichte, um an einem auf der Reise ausgebrochenen Fieber, worin er aus Eifer fur seinen gnadigsten Prinzen sich nicht geschont, zu verscheiden. Als die entsetzliche Nachricht hier eintraf, die der erleuchtete Provinzial Manzori um zwolf Stunden fruher an mich gelangen liess, ohne dass es in meiner Macht stand, den Prinzen vorzubereiten, denn dies hatte den geheimen Weg verrathen konnen, auf welchem ich davon in Kenntniss gesetzt worden, befanden sich eben der Herr Herzog von Buckingham bei Seiner Koniglichen Hoheit. Den gnadigsten Herrn uberwaltigte der Schmerz auf das Heftigste, und ich sah ihn in die Arme des Mannes sturzen, den er so lange Jahre vermieden hatte. Ach, Herr, die Hand stutzte ihn, die sich einst freventlich gegen ihn erhoben! Aber der arme erschutterte Herr verrieth in seinem Schmerze, warum der Herr Herzog nach Spanien gereist; denn in der Verblendung dieses Schmerzes nannte er sich den Morder seines Freundes. Von diesem Augenblicke an vertrat Buckingham die Stelle des Vertrauten. Er erfuhr aber dennoch nicht den versteckten Anlass zu dem Widerwillen des Prinzen und ahnte ihn auch nicht. Denn der Herr Herzog sind wohl boswillig und ausserst listig, aber auch oft von grossem Leichtsinne besessen, und ubersehen leicht die Ursachen, die Andere leiten, wenn Sie selbst nicht in Absichten gehindert sind, deren Erfolg Sie eben mit Eifer betreiben. Genug, er war es, der den Entschluss des Prinzen, nun selbst nach Spanien zu gehen, zuerst aussprach und den gnadigen Herrn dergestalt zu reizen wusste, dass er sich fast mit Gewalt von dem Konige die Erlaubniss nahm. Er versprach dem Prinzen, dass er diese Verbindung storen wolle, indem er unverholen seinen Hass gegen den Grafen von Bristol und dessen Ruhm und Ansehn aussprach; ferner, wenn sie nach Spanien kamen, solle der Prinz dabei die Freiheit haben, sich als der liebenswurdigste Herr zu betragen, wobei er tausend Mal Ehre und Leben verpfandete, den Prinzen unangefochten durchzubringen. Und Ihr wisst, wie er vollstandig sein Wort gelost hat.
Ja, unterbrach ihn Mazarin, von unwillkurlichem Verdruss ergriffen, weil die Vater Jesu ihn nicht hindern wollten, und den eiteln Thoren unbewusst nach ihrer Genehmigung und ihrem Willen handeln liessen. Sie waren es, die seine Reise beschutzten, und die zahllosen Gefahren von seinem und des Prinzen Haupte abwendeten. Doch weiter, weiter, setzte er hinzu, von seinem Unmuthe, wie es schien, selbst uberrascht.
Die Grafin, fuhr Porter fort, sollte uber die Reise Seiner Koniglichen Hoheit getauscht werden, wie man sie schon fruher uber die Reise des Herrn Herzogs von Nottingham getauscht, was aber damals leichter moglich gewesen war, da sie eben auf einer Reise nach Schottland sich befand, um ihre Tochter abzuholen. Denn stets war diese edle Dame bereit, dem Prinzen die Freiheit wieder zu geben, und nie wurde sie seine Schritte gegen den Willen des Konigs genehmigt haben. Seine Konigliche Hoheit sandten daher, da ihre baldige Ruckkehr erwartet werden durfte, ihr die Bitte entgegen, seine langere Abwesenheit wegen Krankheit des Konigs zu entschuldigen und nicht eher Briefe zu senden, als er sie abfordern werde. So war der Gefahr vorgebeugt, dass diese wichtigen Mittheilungen in fremde Hande kamen, zugleich aber auch der armen Dame bei herannahendem Ende jedes Mittel geraubt, ihre Lage kund zu geben und ihre Tochter in Sicherheit zu bringen. Der einzige Schritt, den sie that und thun konnte, den Herzog von Nottingham, unter dessen Namen alle ihre Briefe an den Prinzen gingen, zu unterrichten, brachte ihr die Nachricht seines Todes zuruck. So kam es denn, dass die Nachricht von ihrem Ende durch die Beamten ihrer Guter dem allein anwesenden Grafen von Buckingham mitgetheilt ward, welcher sich sogleich beeilte, einen wohl bedeutenden Nachlass der Schwester in Beschlag zu nehmen.
Bei unserer Ruckkehr erfuhr ich sofort, was ich Euch uber den Tod der Frau Grafin und die Flucht und das Verschwinden der jungen Lady mitgetheilt habe; denn der Herr Herzog hatten Ihren alten Kammerdiener zuruckgelassen, und Davenack wusste nichts, was ich nicht auch erfuhr. Da der Prinz selbst nicht an die Reise zu der Frau Grafin denken konnte, indem ihn theils Seine Majestat der Konig, theils der Herr Herzog nicht aus den Augen verloren, war er im Begriffe mich abzusenden, um die, die er noch am Leben und sich, vermoge seiner Kampfe um sie, naher gestellt wahnte, zu begrussen. Denn die arme Dame war so von der Welt vergessen, dass ihr Tod fur den Hof nur eine Fortsetzung ihres Lebens war und Niemand davon wissen konnte, da Niemand mit ihr in Verbindung stand. Da kam der Graf von Buckingham, der indessen, wie gewohnlich, von einem Orte zum andern geschwelgt hatte, zuruck und verkundete zuerst dem Herrn Herzoge den Tod der Schwester. Da der Herr Herzog sie seit ihrer Entfernung von London nicht wieder gesehen hatte, war ihm ihr Tod nun auch hochst gleichgultig, und so war es mehr der Zufall, als eine zu losende Verpflichtung, dass der Herzog Seiner Majestat es anzeigte und nun des Anstandes halber dem Prinzen eine gleiche Meldung machte. Da ich jeden Augenblick etwas der Art erwartete, blieb ich stets in der Nahe Seiner Koniglichen Hoheit, und so war ich Zeuge dieser traurigen Scene. Der Prinz blieb starr und bleich wie Marmor vor ihm stehen, dann fuhr er mit der Hand nach dem Herzen und sturzte ohnmachtig zu Boden. Ich verschloss sogleich die Thuren, und wir brachten ihn beide nach langen vergeblichen Bemuhungen in's Leben zuruck; aber der Wahnsinn, in den der gnadige Herr gerieth, entdeckte Buckingham das ihm lang entzogene Geheimniss. Als der arme Herr anfing sich zu erholen, suchte sein gutes Herz Trost an dem Herzen des Bruders und fiel in die ausschweifendsten Plane, jetzt noch der Verstorbenen jede Ehre zu erweisen, die er ihrem Leben nicht mehr hatte gewahren konnen; namentlich aber wollte er die junge Lady fur seine Tochter erklart haben und dem Konige daruber sogleich seine Bitte vortragen. Der Herr Herzog widersprachen ihm nicht, denn Sie waren doch anscheinend sehr uberrascht und wohl ganz ungewiss uber die von der Sache zu fassende Ansicht. Doch beruhigten Sie Seine Konigliche Hoheit durch die Zusicherung jeder Mitwirkung, die in ihren Kraften stande; auch unterstutzte ein zweiter Anfall, den der Prinz bekam, und dem eine ganzliche Abspannung folgte, das Bemuhen des Herzogs, vor allen Dingen Zeit zu gewinnen. Die Aerzte wurden nun gerufen, der Konig benachrichtigt, und obgleich der Herzog Alles that, um mussige Personen zu entfernen, erscholl doch bald das ganze alte Schloss von der traurigen Nachricht dieses gefahrlichen Erkrankens.
Und was, fragte Mazarin weiter, was hortest Du von der jungen Lady, die so schnell verschwunden, und deren Sicherheit durch den Grafen Buckingham so arg bedroht schien.
Davenack, sprach Porter, hat mir daruber, was er von dem Kammerdiener des Grafen herausholen konnte, erzahlt.
Nachdem namlich der Herr Graf die Anzeige von dem Tode seiner Schwester erhalten hatte, glaubte er in Abwesenheit des Herrn Herzogs, der am selben Tage London mit Seiner Koniglichen Hoheit verlassen hatte, dahin abgehn zu mussen, nicht undeutlich die Hoffnung verrathend, irgend einen Nachlass zu finden, der ihn fur diese langweilige Reise entschadigen konne. Er hatte dieselbe auch so lange verzogert, dass er die Schwester im Sarge fand. Eines Abends, als er im Buckingham Park noch bis zur Nacht schwelgend an der Tafel sass, meldete ihm sein Kammerdiener, es hatten sich vermummte Gestalten nach dem Paradezimmer, worin die Leiche der Frau Grafin stand, geschlichen. Immer schien er die Ahnung irgend eines Geheimnisses zu haben. Daher gebietet er sogleich mehreren Dienern, ihm zu folgen, und findet die junge Lady an dem Sarge ihrer Mutter; er entreisst ihr den Schleier, der sie umhullt, und die Aehnlichkeit mit seiner Schwester, die sich nun ihm zeigt, verwirrt ihn so, dass er einen Geist zu sehen glaubt. Feuergeschrei giebt ihr Gelegenheit, mit Gersem zu entfliehn. Das Feuer leitete den Grafen nach einem vorher ubersehenen Theile des Hauses; er fand eine halb verbrannte Frau; Mistress Hanna war es. In den Flammen, welche die von ihr im Schlaf umgestossene Kerze entzundet hatte, erwacht und von Aussen eingeschlossen, hatte sie ein Fenster aufgerissen, wodurch das Feuer nur mehr um sich griff, bis die Thur verbrannt einsturzte und Hulfe von Aussen kam. Kaum war die Gefahr voruber, so vermisste der Graf die Fluchtlinge. Schloss, Garten und endlich die angrenzenden Gehofte wurden durchsucht; ein Hirtenknabe verrieth die Fliehenden, die, um schneller zu entkommen, Pferde in einer Meierei genommen hatten.
Die Schonheit des Frauleins, das Geheimnissvolle ihrer Auffindung und Flucht, Alles bringt den Herrn Grafen in Wuth, er selbst setzt sich mit mehreren Dienern zu Pferde und bald hat er sie erreicht. Gersem setzt sich zur Wehre; ein Hieb uber den Kopf streckt ihn nieder und giebt das sterbende Fraulein in die Gewalt des Grafen. Da ihr Leben entflohn zu sein scheint, kehrt er zur Nacht in eine Hutte ein, um Wiederbelebungsversuche zu machen, wahrend der schwer verwundete Gersem nach dem Schlosse voran gesendet wird. Aus jener Hutte nun ist das Fraulein aufs Neue durch ein Fenster entflohn, und ob nun der Herr Graf durch das bereits Geschehene etwas die Lust verloren hatte oder die Ungluckliche wirklich bald in Sicherheit kam, genug der Herr Graf kehrte nach mehreren Versuchen, sie aufzufinden, unverrichteter Sache zum Schlosse zuruck. Er fand hier viel zu thun, das Feuer brannte noch; Gersem und Mistress Hanna waren sterbend. Er schickte nach einem Arzt, dem er empfahl, das Schloss nur nach der Genesung Beider zu verlassen; allen Hausgenossen aber ward uber das Geschehene, bei Verlust des Dienstes, das strengste Geheimniss anbefohlen. Sodann reisete er ab, ich denke, ein wenig verlegen, wie der Herr Herzog die Sache beurtheilen werden, da dieselben oft in Bezug auf die Handlungen Anderer kritischer sind, als nach ihren eignen zu erwarten stande.
Der Herr Graf hatte ubrigens gewunscht, dem Herrn Herzog Nachricht uber die junge Lady zu geben, uber deren Zusammenhang mit der verstorbenen Dame er nicht ohne Verdacht geblieben war. Bei Gersems angehender Besserung versuchte ein Abgesandter des Herrn Grafen ihn auszuforschen; aber Gersem war ganz unerbittlich. Auf die Frage, wer sie sei, hat Gersem geantwortet, dass er es nicht wisse; auf die Frage, wo sie sei, hat der Schmerz, den er geaussert, nur zu sehr bestatigt, dass er sie selbst verloren habe, und das Einzige, was er nicht verborgen, war sein fruherer Entschluss, die Lady nach London zu bringen.
Dessen ungeachtet ist es gelungen, den Aufenthaltsort der jungen Dame auszuforschen, denn der Herr Graf wunschten sie wieder in Verwahr zu nehmen, und liessen daher von Alois und seinen Leuten die Gegend ausspahen, da zu erwarten stand, dass diese junge und zarte Dame nicht sehr weit vorgedrungen sein konne, ohne Schutz und Hulfe in der Nachbarschaft zu finden, was ihre Entdeckung erleichtern musste.
Dies bestatigte sich auch bald. In der Gegend von Cheffield stiess namlich Alois in Bettlertracht auf eine glanzende Cavalcade von Herren und Damen, in deren Mitte die junge Lady Maria, die Alois sogleich wieder erkannte. Es waren Damen und Herren aus Godwie-Castle, und der junge Herzog von Nottingham an der Spitze des Zuges. Eingang in das Schloss zu gewinnen, war zwar leicht, da jedem Bedurftigen Nahrung gereicht wird, aber die junge Dame von dort zu entfuhren, schien unmoglich, da sie im Schooss der Familie von allem, was die Etikette und die Sicherheit erfordert, umgeben lebt, und der Graf haben nunmehr das Weitere bis zur Ankunft des Herrn Herzogs aufgeschoben.
Mazarin hatte mehrere Male, wahrend der Alte, ohne einzuhalten, seine Berichte mit der aufs Neue bestatigten Devotion gegen die Befehle des Ordens ihm vortrug, auf einer kleinen Tafel neben sich einige Worte notirt, wahrend sein scharfes Auge, dann wieder halb gesenkt, keinen Zug, keine Bewegung des verfuhrten Greises verabsaumte. Auch gehorte die Mimik des Alten sehr wesentlich zu seinen Worten. Obwol zu dem blassen, durftigen Ausdruck, der in seinen Zugen herrschend war, zuruckgekehrt, und ohne den Blick beim Sprechen aufzuschlagen, hatte er eine Art, mit der seitwarts am Leibe niederhangenden Hand hinterwarts ganz wenig und blitzschnell in die Luft zu haschen; und diese Bewegung war, von einem Lacheln um den Mund begleitet, so bitter und verachtlich, dass es die innere Verdammung der Sache andeutete, wenn auch die Worte seines Mundes nie uber die devote Sprache des demuthigen Dieners sich erhoben.
Mazarin sah so vor seinen Augen die Personen bezeichnen, gegen die der Privathass des Alten den Eifer unterstutzte, zu dem er im Bunde des Ordens verpflichtet war. Wenn er auch im Ganzen einen solchen Verrath innerer Meinungen tadeln musste, als eine mangelhafte Ausbildung an einem Schuler der heiligen und strengen Vater, deren erste Regel die vollkommene Beherrschung des Aeussern war, so glaubte er sie doch weniger in diesem Falle rugen zu durfen. Die Zeit hatte hier langst jeden Verdacht entkraftet, da der Greis mit dem vollstandigsten Verrathe seines Prinzen zugleich eine Sorgfalt und aufopfernde Liebe fur denselben verband, von der er zu viele Beweise gegeben, um nicht von ihm als ein vollig geprufter und bewahrter Diener zum Theilnehmer an den wichtigsten Beziehungen seines Lebens gemacht zu werden.
Auch huteten sich die klugen Vater sehr wohl, den Alten auf Proben des Gehorsams zu setzen, die gegen die scheinbare Treue, welche sich Porter in der personlichen Behutung des Prinzen vorbehalten hatte, stritten, furchtend, der Gehorsam desselben konne sich dort zu ihrem Nachtheil zeigen, da seine oft erregten Gewissensskrupel schon jetzt der Gesellschaft des Prinzen zuzurechnen waren, dessen reiner, gerechter und tugendhafter Sinn auf die sophistischen Lehren und Grundsatze, welche Porter erzogen hatten, bedenklich einwirkte. Im Gegentheil wusste man ihm sein schweres Amt stets aus dem Gesichtspunkt einer aufopfernden Liebe fur den Prinzen darzustellen; derselbe solle geschutzt werden gegen Feinde des Thrones, er solle dadurch dem Einfluss der heiligen Vater erhalten werden, die bei ihrer grossen Liebe zu dem hoffnungsvollen Prinzen ihn aus der schrecklichen Gefangenschaft der Ketzerei dereinst zu erlosen hofften.
Weiter reichten die wohl erwogenen Fahigkeiten Porters nicht; hierzu hatte er aber die den geringeren Standen oft in hohem Grade eigene Beobachtungsgabe, und seine Meldungen haben bewiesen, dass er weder etwas Wesentliches ubersah, noch uber die Mittel, sich in Kenntniss zu setzen, verlegen war. Er war so im Mittelpunkt des Hofes eine unschatzbare Person geworden, die man dabei mit nichts weiter zu nahren hatte, als mit den fanatischen Mitteln der heiligen Kirche und der gleich grossen Furcht, welche die vornehmen und machtigen Ordensbruder ihm einzuflossen wussten. Sein naturlicher Hang zur Intrigue, der, von Jugend auf in ihm entwickelt, jetzt der einzige Reiz seines oden, von allen warmeren Beziehungen des Lebens vollig entblossten Daseins ausmachte, unterhielt diese Absichten.
Vorerst, sprach Mazarin mit der Kalte des Obern, welcher den befohlenen Bericht angehort, wirst Du mir jetzt zu hinterbringen wissen, was Buckingham uber das heut Erfahrene beschliesst, ob er den Aufenthalt der Lady kennt, und was er ihr zugedacht? Zweitens, setzte er hinzu, indem ein etwas rotherer Glanz um seine Zuge spielte und einer jener stechenden Blicke hervor brach, wodurch er zuweilen sein Herz erleichterte, zweitens will ich jeden Boten, jeden Brief, den Buckingham oder Membrocke in dieser Zeit absendet, vorher gesehn haben. Devenant wird dies als eine kleine vorlaufige Begrussung ansehn, setzte er hinzu, einen schweren grunseidnen Beutel Porter darreichend. Solltest Du, mein ehrlicher Freund, fur den solche Dinge keinen Werth haben, solltest Du nicht Auslagen gemacht haben? Der Orden wurde es verweigern, Deine Rechnungen zu sehen, da Du aber an der Kasse heiliger Zwecke Deinen Antheil hast, so nimm dies vorlaufig; Du darfst solche elende Mittel nicht schonen. Porter nahm mit vollig gleichgultiger Miene eine ahnliche Summe, indem er mit Stolz hinzusetzte: Bemerkt wohl, nicht in meinem Interesse empfange ich dieses elende Mittel, wie Ihr mit Recht sagt.
Ohne zu antworten, wandte ihm Mazarin den Rukken. Er hatte Erfahrungen genug gemacht uber die Wirksamkeit dieser Mittel, und hatte nie ermangelt, die Empfanglichkeit dafur in seinen Werkzeugen zu unterhalten, wenn es auch bei Porter nur zu den Nebenwirkungen diente, die nicht ausbleiben durften. Dieser hatte die Befehle fur seine nachsten Dienste mit aller Unterwurfigkeit empfangen und sich dann auf demselben geheimen Wege entfernt, der ihn sicher hierher gefuhrt, wahrend Mazarin sich den Handen Benvilles ubergab, um nach einem hochst bewegten Tage sein Lager und den Schlaf zu suchen, wenn er dem willig erscheinen mochte, vor dessen Seele das Leben gerade nur so viel Werth und Bedeutung hat, als er durch eignen Willen hinein legt. Diese Ansicht macht allerdings die Sorge fur den kommenden Tag zu einer Aufgabe unserer Willkur, jenen Frieden, jene Ruhe fern haltend, welche willig nur den erreichen, dem die Ueberzeugung von der eignen Kraftbegrenzung zum freudigen Vertrauen wird auf eine hohere, uberall ausreichende Kraft. Es wurde schwer sein, in das Chaos der Gedanken, welche in Buckingham wogten, einzudringen; er fuhlte jedoch die Nothwendigkeit eines zu fassenden Entschlusses, weil das wiederkehrende Bewusstsein des Prinzen sogleich entscheidende Anforderungen hervorrufen konnte, denen irgend eine Richtung zu geben, er alsdann gerustet sein musste.
Die Ueberzeugung erbitterte ihn, dass ihm ein so wichtiges Geheimniss entzogen ward, dass seine heimlichen Spione eine so grosse Begebenheit in seinem nachsten Interesse ubersehen konnten, dass der Prinz, den er so lange als einen unmundigen Knaben aus Gnade geduldet und geschont hatte, ebenso seine Schwester, die als unbrauchbar von ihm verachtet und vergessen war, dass Beide ihn so zu tauschen vermocht, ihm das entzogen hatten, was seinem Ehrgeiz aufs Hochste geschmeichelt und ihn zum Meister alles Glanzes erhoben haben wurde. Dies Mittel, Bristol mitten in seinen Operationen todtlich zu treffen und die Familie dessen auf die hochste Stufe zu heben, welchen dieser unerschutterliche Mann stets mit der verdienten Nichtachtung behandelt hatte; dies Ereigniss endlich, welches er selbst herbeizurufen bemuht gewesen war, ehe die Erhebung des Prinzen zum Thronerben ihn an der Moglichkeit hatte verzweifeln lassen, welches nun ohne seinen Willen, seinen Schutz dennoch geschehen; dies alles und die hieraus hervorgehende beschamende Ueberzeugung, dass seine Macht nicht uberall ausreiche, brachte in ihm einen Groll, eine Wuth hervor, die jeder andern Rucksicht vorherrschen wollte. Dass dies Gefuhl gemassigter in ihm geworden ware, hatte seine Schwester noch gelebt, und ware das noch zu erringen gewesen, was ihm so grosse Befriedigung verhiess, scheint uns allerdings wahrscheinlich. Ihr Tod aber machte den Prinzen wieder zu einem freien Eigenthum des Staates, und er sah voraus, dass diese versaumten Vortheile, wenn sie bekannt wurden, ihn in den Augen seiner Feinde mehr lacherlich, als beneidenswerth machen wurden. Er musste sich mit Zahneknirschen gestehen, dass er dem Prinzen bei der Reise nach Spanien als Werkzeug von Planen gedient, die ihm so nahe lagen, und woruber ihm dennoch das Vertrauen entzogen ward, wahrend er wahnte, den Prinzen zu dieser Reise in dem Interesse seiner Plane gegen Bristol benutzt zu haben. Fur so viele Demuthigungen und so vielen moglich gewesenen Vortheil schien ihm eine konigliche Nichte ein trauriger Ersatz. Sie war ihm in seinen bis jetzt verfolgten Planen sogar lastig und hinderlich, und alle Krankungen, welche sein stolzes Herz durch die Urheber ihres Daseins empfangen zu haben glaubte, vereinigten sich in Widerwillen gegen dies unschuldige Wesen, das zu opfern, ihm nur eine sehr geringe Befriedigung der Rache fur so viele ihm zugefugte Unbilden schien.
Zwar musste er sich sagen, dass die Erklarung ihres rechtmassigen Daseins vor der Welt, in Spanien nur vollenden musste, was er begonnen, aber diese Sache war fur ihn abgemacht; denn Spanien hatte bereits Noten uberreicht, die nicht nur jede Tauschung uber etwaige freundschaftliche Verbindungen oder nahere Verhaltnisse aufhoben, sondern sogar auf offene Feindschaft deuteten; ja, er wollte diesen Bruch, den er, uber Bristol triumphirend, sich allein zuzuschreiben trachtete, nicht scheinbar der Bekanntwerdung einer allerdings unter allen Umstanden beleidigenden und trennenden Veranlassung beigemessen wissen.
Man sollte sagen: Buckingham habe diese Verbindung nicht gewollt, also hat er sie getrennt. Ebenso wenig passte die Lautwerdung dieser geheimen Verbindung zu den neueren Absichten Buckinghams, die er angeknupft, um das grosse Werk einer Vermahlung des Prinzen nicht allein dem Grafen Bristol zu entreissen, sondern sich selbst anzueignen.
Er hatte die unbesonnene Reise des Prinzen nach Spanien durch Frankreich geleitet, und indem er den Hof Ludwigs des Dreizehnten durch die naturlichen Vorzuge des Prinzen gewinnen liess, und der Prinz die aufbluhende Schonheit der Prinzessin Henriette, der reizenden Tochter Heinrichs des Vierten, kennen lernte, wusste er Richelieu fur eine Verbindung Beider zu stimmen, ihm den Prinzen schon jetzt liebend zu schildern und, was seinen Besuch in Spanien betraf, der wahren Absicht die Luge unterzuschieben, dass es dabei auf Henriettens Besitz abgesehen gewesen sei.
Richelieu hatte fur den Augenblick kein Bedenken, zu thun, als ob er Buckingham Alles glaube. Diese Verbindung war ihm gelegen. Was ihr entgegen stand, kannte Richelieu besser, als Buckingham. Er war jedoch weit entfernt, diese Schwierigkeit hervor zu heben, die er im Gegentheil sehr bemuht gewesen war Buckingham verbergen zu helfen, zumal da deren Kenntniss damals, wo die Schwester des Herzogs noch am Leben war, nur zu gewiss in den Planen desselben eine Diversion gemacht hatte. Richelieu war daher entschlossen, erst dann den Herzog die Entdeckung machen zu lassen, wenn er weit genug die Sache betrieben haben wurde, um dann aus Stolz sie fortsetzen und nothgedrungen selbst die Hindernisse entfernen zu mussen. Wenn jedoch der Herzog von Buckingham seinen Stolz darein setzte, als eine machtige diplomatische Person dazustehn, war sein Karakter doch zu sehr die Beute aller Leidenschaften, um eine solche Stellung mit Consequenz und Ueberlegenheit durchfuhren zu konnen, und der Leichtsinn und der Uebermuth seines ganzen Wesens verstrickte ihn oft zur selben Zeit, wo er das ernsteste Ziel verfolgen wollte, in tausend Nebendinge, die es dem Zufall anheim gaben, was aus der Hauptsache werden sollte.
Dass dessen ungeachtet ihm so viel gelungen, stand er nicht an, seinen Talenten beizumessen, wie sehr es auch nur seinen geschickteren Emissaren oder der Furcht vor seiner zugellosen Rachsucht zuzuschreiben war.
Auf gleiche Weise wusste er dieser mit Frankreich angeknupften Verbindung auch dies Mal eine Beimischung einer Thorheit zu geben, die allein hinreichend war, uber seine Person die todtlichsten Gefahren zu bringen, und ihn vollig untauglich machen musste, die Rolle des Unterhandlers, wonach sein ganzer Ehrgeiz trachtete, weiter durchzufuhren.
Anna von Oesterreich, die Gemahlin Ludwig des Dreizehnten, lebte an dem Hofe ihres Gemahls wie eine Verstossene. Dreizehn Jahre lang war eine der schonsten und geistvollsten Frauen, die jemals einen Thron geziert, der Gegenstand eines unuberwindlichen Widerwillens ihres Gemahls gewesen. Jung und von stolzer Gemuthsart, ertrug sie ihr hartes Loos nur mit tiefstem Verdruss, und wusste ihren Wandel nicht vor dem Vorwurf zu bewahren, dass sie ihr Loos verdient habe. Wie konnte Buckingham einer Frau, deren sonderbare Verhaltnisse kein Geheimniss waren, und deren bezaubernde Schonheit ihn augenblicklich zum Thoren machte, gegenuber stehen, ohne sich jeden Versuch zu erlauben, den die freche Zugellosigkeit eines verwohnten Wustlings ersinnen mag, das Herz und Gewissen eines leidenschaftlichen Weibes zu bethoren.
Dass Richelieu auch dies kannte, war gewiss, da er jede Verbindung der unglucklichen Konigin wusste, ja, leitete; aber er hatte, durch die Launen des Herzogs begunstigt, hier einen Wachter gefunden, wie ihn Buckingham sich nicht traumen liess, und der ihn desshalb um so sicherer durchschaute und umstrickte.
Mazarin, dessen unschones Aeussere jeden Verdacht der Art von ihm zu entfernen schien, hatte durch den langsamen Zauber der Gewohnung, durch einen vielseitig gebildeten Geist, durch ein sanftes, von kleinen Launen und Eigenheiten pikant gemachtes Wesen, und vor Allem durch den dargelegten Ausdruck einer anbetenden unglucklichen Leidenschaft fur die Konigin, endlich das eitle und stolze Herz dieser leidenschaftlichen Frau erweicht. So stark gefesselt, und stets noch mehr sie unterjochend durch seine scharfen und launenhaften Sonderbarkeiten, die zu ertragen er sie gewohnte, blieb er, wenn auch in Wahrheit mit italienischer Warme sich hingezogen fuhlend, doch stets Beherrscher dieser Empfindung, um sie den Umstanden und aussern Verhaltnissen unterzuordnen. So war ihm der machtige Einfluss gesichert, der ihm aus dieser Empfindung fur die Zukunft erwuchs. Aber er besass, bei aller Ruhe, womit er unter den Augen und mit der Beistimmung Richelieus diese Verbindung zu seinen Absichten zu lenken wusste, doch einen Grad von Eitelkeit, der sich bei unschonen Mannern um so heftiger zeigt, als sie gezwungen sind, dieselbe eben um der ihnen verweigerten aussern Vorzuge willen zu verbergen. Er fuhlte sich innerlich unsaglich geschmeichelt, dieser schonen geistreichen und hochfahrenden Konigin eine Leidenschaft eingeflosst zu haben, durch die ihr ganzer Karakter aus den Fugen trat und zum willenlosen Spiel seines Willens ward. Die Gefahr eines Verlustes der so errungenen Gewalt fur unmoglich zu halten, war vielleicht die grosste Tauschung dieses klaren Geistes, und es konnte nur der feinen Phantasmagorie seiner erwahnten Eitelkeit gelingen, ihn daruber sicher zu stellen.
Wie musste er daher Buckingham ansehen, der, ohne in ihm seinen Gegner zu ahnen, ihn fast uberrennend, mit der rucksichtslosesten Zuversichtlichkeit und dem ganzen Ungestum des schonen Mannes dem Ziele zusturmte, welches er fur einen Andern fast nicht erreichbar wahnte. Noch war Buckinghams Besuch zu kurz gewesen, noch trieb die zartliche Frau, Mazarins Eifersucht in ihrer todtlichen Starke ahnend, nur Spott mit seiner tollen Leidenschaft; aber schon gefiel sich ihre Eitelkeit in der Bewunderung des wegen seiner Schonheit und Galanterie beruhmten Mannes. Mazarin sah sie mit ihm die kleinen Kunste treiben, die ihn freilich nur verfuhren sollten, um ihn zu verspotten, aber geweckt aus seiner wohlgefalligen Sicherheit, liess er sich nicht mehr tauschen, und fand sich zum ersten Male durch das machtigste Gefuhl in seinen politischen Ansichten und Beschlussen gestort. Richelieu durchschaute ihn sogleich und ertheilte ihm in der Stille nur noch eine bedingte Wirksamkeit in den Angelegenheiten, welche die Hofe von Frankreich und England nach Buckinghams Absichten naher verbinden sollten.
Doch war es Buckingham bei seiner Ruckkehr vorbehalten, den Gegner zu erkennen und zugleich die ans Fabelhafte grenzende Leidenschaft der Konigin fur diesen fast hasslichen, ernsten und abgemessenen Sonderling. Seine Wuth daruber kam nur dem Verlangen gleich, diesen ihm so unwurdig scheinenden Gunstling zu sturzen, und die Eitelkeit der Konigin unterstutzte nur zu sehr die Unternehmungen des wilden Mannes.
Der Herzog verliess Frankreich mit dem Versprechen, als offentlicher Gesandter und Bewerber um die konigliche Prinzessin wieder zu kehren, und ein Verhaltniss alsdann fortzufuhren, welches der Leichtsinn der Konigin schon jetzt begunstigte. So ubermuthig er aber seine Absichten betrieb, fuhlte er dennoch, dass seine Lage nicht ohne Schwierigkeiten sein wurde. Richelieu war stets sein heimlicher Feind gewesen, stellte sich ihm jetzt aber als von gleichem Interesse und den schmeichelhaftesten Gesinnungen belebt gegenuber. Wie wenig er indess demselben trauen durfte, zeigten die von der Konigin empfangenen Warnungen, die ihn zwangen, vorerst schneller abzureisen, um unter einem offiziellen und seine Sicherheit sanctionirenden Karakter wiederzukehren. Auch war dieser ganze Vermahlungsplan vorerst Eigenthum seines Kopfes, womit er jedoch leicht fertig zu werden meinte, da er damit am sichersten Konig Jakobs Schmerz uber die Zerstorung seiner Plane in Spanien zu beruhigen dachte. Auch durfte er bei der Schonheit der Prinzessin Henriette die Einwilligung des Prinzen um so eher zu erhalten hoffen, als dieser von der freisinnigen Bildung dieser Furstin keinen nachtheiligen Einfluss derselben als Katholikin zu furchten hatte.
Schon hatte Jakob, unfahig, dem halb zurnenden, halb schmeichelnden Buckingham zu widerstehen, zu Allem seine Einwilligung gegeben, wahrend die Bewunderung des Prinzen fur die bezaubernde Henriette von Frankreich ihm zur Zeit die seinige gleichfalls zu sichern schien; genug, der ersehnte Augenblick war nah, der ihn in dem vollen Glanze eines Bewerbers fur seinen Prinzen an den Hof zuruckrief, wo er hoffen durfte, unter dieser aussern Bestimmung die geheimen Wunsche und Absichten seines sittenlosen Herzens zu verfolgen. Wie musste er daher die Hindernisse aufnehmen, die sich ihm durch die Mittheilungen des Prinzen einzuleiten schienen, und wie die Ankunft des verhassten Mazarin, der sich nie ohne wichtige Absichten einzufuhren pflegte und den er in so vielen Beziehungen zu furchten hatte. Aber Hindernisse sind fur intriguante Menschen nur ein erhohtes Lebensprinzip, durch sie wird dem Verlangen, ihre Absichten zu erreichen, noch die besondere Freude, ihre Gegner zu demuthigen, beigesellt.
Wir verlassen einstweilen diesen Schauplatz der Leidenschaften, uns mit den Andeutungen begnugend, deren weitere Entwickelung dem Verfolg unserer Mittheilungen vorbehalten bleibt. In Burton-Hall hatte sich ausser dem Familienkreise des Grafen von Dorset eine zahlreiche Gesellschaft von jungern und altern Personen aus der Nachbarschaft gesammelt, welche das gastfreie Schloss der allgemein verehrten alten Herzogin in seiner weiten Ausdehnung anfullte, und das heitere Leben eines fortlaufenden Festes darin verbreitete.
Die schonen Tage des Herbstes und die grossen wildreichen Forsten, die Burton-Hall umzogen, waren eine reiche Quelle von Vergnugungen fur die Herren der Gesellschaft, und selbst die Damen verschmahten in der damaligen Zeit keinesweges, diesen Freuden mit einiger Begrenzung ihrer personlichen Thatigkeit beizuwohnen. Ein Jagdzug gewann allerdings dadurch an mannigfachem Interesse, da in Gegenwart schoner Augen es oft noch ein lockenderes Ziel galt, als mit dem ersten sichern Schusse den zierlich dahin fliegenden Hirsch oder den wuthend hervorbrechenden Keiler zu erlegen, und wenn auch dies Gelingen nicht fehlen durfte, suchte man doch mit gehoriger Kraft und Anmuth Pferd und Waffe dabei zu regieren, ein andres Ziel noch ausser diesem im Sinne tragend. Denn wo die Schonheit der Frauen in der Brust des Mannes ein erhohtes Leben verbreitet, da freut er sich, ein stolzes, wildes Pferd zu besteigen, das von seiner Kraft und seinem Muthe sich bandigen lassen muss, und sein Herz jauchzt der kleinen Gefahr, wenn er im schlauen Aufblick das holde Antlitz der angstlich Lauschenden sich entfarben sieht, oder den zarten Lippen der Laut des Schreckens entschwebt.
Doch war so leichter Ruhm in jener Zeit, in welcher wir mit unserer Gesellschaft uns befinden, nicht wohl zu gewinnen, denn muthig, gewandt und mit mancher Gefahr des frohlichen Waidwerks vertraut, waren auch die englischen Damen damals gewohnt, zu Rosse sich lustig zu tummeln, und es galt die volle Anstrengung der zartlichen Kavaliere, durch ihre Thaten Beifall oder Antheil zu erregen.
Diese Freuden, welche Burton-Hall so schon begunstigte, wurden durch den reich begabten See, der gegen Suden, zunachst dem kleinen Flecken Burton, den Park begrenzte, anmuthig vervielfacht, und nach dem Umherschwarmen im Freien luden die Hallen und Gemacher des Furstlichen Hauses zu anmuthigen Spielen und Tanzen fur die Jugend, wahrend die alteren Manner und Frauen in den angrenzenden Gemachern um die alte Herzogin in traulich ernstem Gesprach versammelt blieben.
Noch immer beobachtete die jungere Herzogin von Nottingham in diesem Kreise die ernste, verschlossene Haltung der trauernden Witwe. Sie suchte zwar vermoge der feinen Weise ihrer Erziehung die Heiterkeit um sie her nicht zu storen, und wusste stets mit vollkommener Hochachtung gegen den Willen der heiteren, verklarten Aeltermutter ihr eigenes Gefuhl einer anstandigen Willfahrigkeit unterzuordnen. Aber sie konnte nicht wohl irgendwo erscheinen, ohne den Einfluss ihres Karakters selbst gegen ihren Willen um sich zu verbreiten, und Jeder glaubte eine Anforderung zur Beherrschung seiner eigentlichen Stimmung in ihren kalten, strengen Augen zu lesen.
Wenn die Jugend sich hiervon ausgenommen zeigte, so war es die Unbefangenheit und die geringere Wahrnehmung fremder Individualitaten, die diesem glucklichen Alter noch eigen ist, auch wol die naturliche Entfernung, in der Alter und Rang die Herzogin hielt, und welche zu verringern, sie weder die Neigung, noch das Geschick ihrer liebenswurdigen Schwiegermutter besass. Zwar vermisste sie die Abwesenheit ihrer beiden Sohne in diesem Zirkel, der sonst alle die einander befreundeten jungen Leute umschloss, mit mehr Schmerz, als sie sich eingestehen wollte. Die Erweichung indess, welche der grosse Gram um den Tod ihres Gemahls, und die folgenden uns bereits bekannten Umstande in ihr hervorzurufen vermochten, war diesem Gemuthe ein zu fremder Zustand, als dass mit der anscheinenden Entfernung dieser letzten, ihr bereits so nah geruckten Sorgen nicht die stolze Sicherheit wiedergekehrt ware. In der langen Verwohnung des Glucks war sie ihr zu sehr eigen geworden, ja, es mochte Augenblicke geben, in denen sie das rucksichtslose Vertrauen gegen ihre Schwiegermutter bereute und voll Erstaunen des Zustandes gedachte, der sie an ihrer eigenen Kraft hatte verzagen lassen. Sie suchte sich mit ihrem Stolze, mit dem unlaugbar untergrabenen Zustand ihrer Gesundheit zu entschuldigen, und in einem vollig entschlossenen und kuhlen Benehmen sich selbst der ferneren Theilnahme ihrer Schwiegermutter zu entziehn. Wie schonend und wahrhaft gutig diese edle Frau auch dies Vertrauen aufgenommen hatte, so nahm doch keine Gewalt der Herzogin das verletzende Gefuhl, vor ihr als eine ungeliebt gewesene Gattin dazustehn, die nur den zweiten Platz in dem Herzen des langbesessenen Gatten zu erringen gewusst. Auch lastete die Gegenwart des Wesens, dem sie eine so wichtige Beziehung geben zu mussen glaubte, auf ihr, und hinderte nicht allein fur den Augenblick das Vergessen dieser schmerzlichen Stunden, sondern hielt stets eine nagende Furcht vor der Zukunft in ihrem Busen fest.
Gewiss war die strenge Rechtlichkeit, welche diesen Karakter auszeichnete, nothig, das bittere Gefuhl, welches sich gegen die junge Lady in ihr regte, so weit zu beherrschen, dass sie das hulflose Wesen nicht zu entfernen suchte und ihr eine Existenz geben liess, den Anspruchen gemasser, die alle aussern Umstande ihr anzuweisen schienen.
Der Bischof von Edinburg hatte schon langst die Abwesenheit des Master Brixton angezeigt, welcher sich mit besonderen Auftragen der schottischen Kirche seit langerer Zeit in London befand, dieser Antwort jedoch die bestimmte Erklarung hinzugefugt, dass der Graf und die Grafin von Melville kinderlos verstorben, und ihre weitlauftigen Besitzungen in Schottland an eine entfernte Linie gefallen seien, die Verfugung uber ihre kleinere Besitzung an der Grenze von Schottland befinde sich indess zu einer noch unbekannten Bestimmung unter Administration des Staates; welches alles, nachst den veranlassten kirchlichen Nachweisungen, uberall das Dasein eines naturlichen Erben zu verneinen schien. So waren Maria's Anspruche, diesen Erklarungen zufolge, vorlaufig in ein trostloses Nichts zerfallen, und der Herzogin ein vollstandiges Recht gegeben, eine junge Person, uber deren ganzer Existenz so viel Dunkel ruhte, mindestens aus dem Kreise ihrer Familie zu entfernen. Das Gegentheil musste als eine fast zu weit getriebene Grossmuth erscheinen; auch furchtete die Herzogin, diese Handlungsweise mochte sich tadeln lassen und der streng behaupteten aristokratischen Wurde ihres Hauses nicht angemessen erscheinen. Aber wenn sie auch, so von ausseren Umstanden unterstutzt, unter dem Gedanken aufathmete, sie konne wohl diese so schmerzlich storende Person in eine anstandige Zuruckgezogenheit von sich und ihrer Familie verbannen, dann traten wieder die geheimen, aber von ihr selbst zugestandenen Rechte dieser Unglucklichen vor ihre Seele, und das Bild dessen, dem sie im Leben aus unbegrenzter Liebe so viel vergeben, schwebte ihrem Geiste vor und unterstutzte den rechtlichen Muth, der in ihr so oft die Regungen der Leidenschaft besiegte.
Nach solchen Siegen konnte sie sogar ihren Anblick ohne Bitterkeit und mit jenen ernsten Regungen von Gefuhl ertragen, die jene ihr abzugewinnen gewusst hatte; ja, es lag, ihr vielleicht unbewusst, in dieser milderen Fassung noch jetzt ein mit dem Todten fortgesetzter Kampf um das Verdienst seiner alleinigen Liebe. Sie hatte vorlaufig ihrem Schutzlinge ohne weitere Beschrankung den Platz gelassen, auf den ein von der Natur verliehenes Recht sie anzuweisen schien; und wie auch die starksten Geister in ihrer eigenmachtigen Schicksalsfuhrung an Grenzen gerathen, die sie eine ausser sich wirkende Macht anerkennen lassen, so fuhlte die Herzogin auch hier sich an einer Grenze, jenseits welcher ihr Geist keine Haltungskraft mehr fand. Sich so haufig von diesem Gegenstande ermudet fuhlend, kam sie endlich zu der bis dahin ziemlich fremden Hoffnung, dem Zufall seinen Antheil an dieser Begebenheit zu gonnen, wahrend sie sonst stets sich geschickt geglaubt hatte, seine Darbietungen zu leiten und zu benutzen.
Es war ihrem geliebten Richmond gelungen, den jungen Herzog von der Unzulassigkeit seiner Verbindung mit dem unbekannten Wesen zu uberzeugen, welche wohl seine menschliche Gute in Anspruch nehmen, ihn aber nie von einer so weit gediehenen und mit seiner Ehre verflochtenen Verbindlichkeit abziehen durfte, wie seine bereits anerkannte Verbindung mit Anna Dorset war. Glucklich hatte auch die wohl uberlegte, schnelle und heimliche Abreise der alten Lady mitgewirkt, welche den Gegenstand dieser unglucklichen Leidenschaft mit sich fuhrte, ohne dass dem Herzoge Zeit zum Abschiede geblieben ware; denn Richmond selbst hatte, ihren Anblick vermeidend, sich zum bestandigen Begleiter seines trostlosen Bruders gemacht und ihn so am besten von jeder neuen Erschutterung abzuhalten gewusst.
Was auch der Himmel an mannigfachen Leiden in den Tagen der Jugend an unserem Leben versuchen mag, die eigentliche Weihe zum Schmerz empfangt das arme Herz erst in dem Kummer hoffnungsloser Liebe! Der bunte Teppich des Lebens entfarbt sich, die Schwermuth ruht wie ein grosser, machtiger Vogel mit ausgebreiteten Flugeln auf unserer Stirn. Unter seinem Drucke scheint unser Geist zu schwinden, und die Klarheit des Himmels verhullt sich in seinem weichen Flugelschlag. Je wunderbarer die Erhohung des ganzen Daseins durch eine wahrhafte Liebe wird, und die Kraft und den Muth der Jugend zu den idealsten Bestrebungen reift, desto tiefer greift alsdann das Absterben dieses Antriebes in das innerste Leben ein. Wir begreifen nicht, wie wir weiter leben konnen, und was uberhaupt noch in der Welt fur uns zu thun sein konnte, und es ist ein durrer, oder Pfad, der von da an uns zu wandeln angewiesen wird, und der nur langsam endlich in die breiten, heiteren Wege des Lebens wieder einlenkt.
In dieser Stimmung folgte der junge Herzog seinem Bruder und dem Grafen Archimbald nach London, wohin diese sich eilig zu begeben hatten, da die Lage des Grafen von Bristol in Spanien die Thatigkeit seiner Verwandten in England allerdings nothig zu machen schien.
Es war kein Geheimniss mehr, dass Buckinghams Wille die wohl eingeleitete Verbindung des Prinzen von Wales mit der Infantin getrennt hatte. Keinen Zweifel hatten die Freunde des Grafen Bristol, dass dies hauptsachlich zu seiner Krankung geschah, und eben so wenig zweifelten sie an den weiteren Schritten des durch Bristols Tugenden beleidigten Buckingham.
Noch war Spanien nicht gesonnen, um der PrivatSache dieser englischen Lords willen die Beleidigung weniger zu empfinden, die, nach dem auffallenden Schritt des Prinzen von Wales, eine allzu grosse Krankung fur die Infantin war, um nicht eine ernste und drohende Stellung dort zu rechtfertigen. Schon waren gegenseitige Demonstrationen erfolgt, die Bristols Weisheit nicht mehr hoffen durfte gegen den personlich beleidigten Herzog von Olivarez zu friedlicher Ausgleichung zu bringen. Doch mit Schmerz musste er gewahren, dass ihm dies unverschuldete Unvermogen durch Buckinghams Einfluss zum Verbrechen gemacht wurde, und er den Ausbruch eines Krieges, dessen Wahrscheinlichkeit vor Augen lag, mit seiner Zuruckberufung und Anklage wurde bezahlen mussen, von deren Ausgang er unter den obwaltenden Umstanden wenig zu hoffen hatte.
Die bedrohte Lage des hochverehrten Vaters blieb der Herzogin von Nottingham bis dahin noch ein Geheimniss, und die politischen Beziehungen, die durch die Auflosung der Verbindung beider Hofe ganz England beschaftigten, motivirten auch die Gegenwart ihrer Verwandten in London hinreichend, und waren ihr in einem Augenblick willkommen, wo es ihr um die Entfernung und Zerstreuung des jungen Herzogs zu thun war, die nicht fuglicher, als im Interesse fur den geliebten Prinzen von Wales, zu erreichen standen. Sie war daher uberrascht, in einem spatern Briefe die baldige Ankunft Richmonds angezeigt zu finden, da sie ihn fast lieber in der Nahe seines Bruders gewusst hatte, obwol ihr der Gemuthszustand des letzten als gemassigt und ergeben geschildert ward.
Der Schlag war indessen geschehen. Bristol war zuruck gerufen, und Richmond war nur von seinen Anverwandten bestimmt, im Fall die Nachricht sich verbreitete, die ungluckliche Tochter auf das vorzubereiten, was alsdann nicht ganz mehr zu verhehlen war. Es war um eine spatere Stunde des Nachmittags, als Lord Richmond mit seinem Gefolge sich dem Schlosse der geliebten Grossmutter nahte.
Das bluhende Kustenland, das er den letzten Tag durchzogen, die Schonheit der Gegend, in der er sich eben befand, und woran sich so theure Erinnerungen seiner Jugend knupften, endlich der Anblick des Schlosses selbst, das von den hochsten Zinnen seines altvaterlichen Baues bis in die kleinsten Winkel seiner innern Raume die heiteren Bilder einer glucklichen Kindheit ihm darbot, Alles wirkte vereint, sein Herz zu erheitern und es mit der ungeduldigen Sehnsucht zu erfullen, womit wir einem gewissen Gluck entgegen eilen. In frohlicher Hast versuchte er die Schnelligkeit seines Rosses, welches, gleich seinem Herrn die behagliche Stelle ahnend, ihn im fluchtigen Lauf vor die Thore des Schlosses trug.
Ein eisgrauer Pfortner ruhte an dem geoffneten Eingange und liess sich von den rothlichen Strahlen der herbstlichen Sonne bescheinen. Ein Bild des tiefen Friedens, der hier zu walten schien, statt der Thore und Fallgatter und geschickten Bogenschutzen, die fruher in dem Haushalte eines machtigen Herrn nicht fehlen durften, um den Eingang zu behuten. Doch alsbald weckte den friedlich Traumenden der Hufschlag der Rosse, und lustig schwenkte er sein Mutzchen, als er in dem Nahenden den Enkel seiner geliebten Herrin erkannte, der stets jedem Diener ein willkommener Gast war, von welchem jeder seinen Antheil freundlicher Worte und Blicke gewiss hatte. Geschaftig eilte er alsdann ihm in den innern Hof voran, seine Ankunft laut verkundend.
Hier war das bunte, heitere Leben der Geselligkeit auch unter den Dienern der Gaste, welche das Schloss erfullten, verbreitet, und die noch theilweis gedeckten Tische, die vollen Kannen und Becher und die heitere Stimmung Aller bekundete hinreichend die freigebige Haushaltung der alten Dame. Die neuen Gaste erhohten nur die allgemeine Freude, und Richmond drangte sich, langsam und freundlich die herzlichen Begrussungen erwiedernd, bis zu der grossen Halle hin, in der er voll Ehrfurcht von dem ehrenwerthen Master Lovelace bewillkommt ward, der, in das Innere des Schlosses ihn fuhrend, fur die Meldung seiner Ankunft sich kurzen Verzug erbat, weil die beiden Herzoginnen sich fur einige Stunden zuruckgezogen hatten, einer kleinen Ermudung nachgebend.
Richmond liess sich von dem verlegenen Diener, der fast in Versuchung gerathen ware, das Gebot bei einer solchen Veranlassung zu umgehen, seine Zimmer anweisen, und ermahnte ihn, die bestimmte Zeit der Ruhe fur beide Damen nicht zu unterbrechen.
Bald hatte er dann seine Reisekleider abgeworfen, und eilte nun, mit steigendem Vergnugen, in einem Gange durch die wohlbekannten Raume des alten Wohnsitzes, ganz in der Stille das Fest der Erinnerung zu feiern. Die Stunde des Tages war ihm gunstig, die Gesellschaft zu Pferde und Wagen hinausgeeilt, um das schone Wetter zu geniessen, und Lord Richmond konnte sicher sein, den Theil des Schlosses, wohin sein Herz mit kindlicher Lust sich sehnte, zu erreichen, ohne vor dem Besuch bei den Herzoginnen mit den andern Bewohnern zusammen zu treffen.
Die Zimmer, die er zu besuchen wunschte, stiessen zunachst an die Wohnung der alten Herzogin, und man gelangte zu ihnen durch eine Gallerie, die eine zahllose Reihe alter Ahnenbilder aus dem Hause Nottingham und den nach und nach damit verbundenen Hausern, welche die Frauen zu diesem beruhmten Geschlecht geliefert hatten, enthielt. In dem Alter ihres Daseins stellten sie ausser dem Stammbaum ihres stolzen Hauses auch noch die stufenweise Entwickelung der Kunst dar, wo hier von den naivesten Versuchen einer durren Angabe von Kopf und Handen bis zu den entzuckenden Schopfungen eines Holbein und van Dyk die Uebergange zu finden waren. Zu diesen Studien hatte Richmond offenbar keine Andacht mitgebracht, denn er schlich eilig an ihnen hin, als furchte er ihre Anspruche an seine Theilnahme, und schnell sehen wir ihn in einer Hauptthur verschwinden, die nach der Frontseite des Schlosses fuhrte.
Er stand jetzt einsam und seinen Gefuhlen uberlassen in dem grossen Gemach mit purpurrothen Sammettapeten, das in seiner stillen Pracht und hergebrachten Ordnung sich behauptete, trotz der Jahre, die uber ihm hingegangen. Die Fenster waren grosse Thuren, durch deren helle Scheiben ein klares Licht einfiel, und die zugleich einen Ausblick gewahrten auf einen breiten, an mehreren Zimmern hinlaufenden Altan. Ein steinernes Gelander umzog diesen luftigen Raum und zeigte in regelmassiger Entfernung schlanke Strebepfeiler, welche einen leichten Ueberbau, mit reicher Stuckatur versehen, trugen, der den Altan deckte, und ihn zu einem offenen und doch gegen die Unbilden des Klimas in etwas gesicherten Saal machte, dessen angenehm geschutzte Lage ihn zum Lieblingsaufenthalte fur die Morgen- und Abendstunden der alten Herzogin bestimmt hatte.
Die tiefe Stille, die hier herrschte und nur durch den Gesang der Vogel unterbrochen ward, welche in den dichten Laubgebuschen unter dem Altan nisteten, machte ihn zu einem Asyl der Heimlichkeit und Ruhe. Doch beherrschte der Blick, weit uber diese Waldeinsamkeit hinaus, das Land in grossartigen Massen, mit dem glanzenden Bande des breiten Stromes und den schonen Berglinien des ferneren Hochlandes, ein weites und gerauschvolles Bild des Lebens entfaltend, dessen Einwirkung an der grunen Oase dieses friedlichen Ruhepunktes zu enden schien.
Hierhin sehnte sich Richmond, hier wollte er wieder der sussen Zwiesprache lauschen, die er als Knabe mit seiner Sehnsucht und seinen Traumen gehalten. Diese Raume schienen fur ihn geweiht durch das Andenken an entscheidende innere Entwickelungsmomente. Hier hatte er Stundenlang in ungestorter Einsamkeit geweilt, um unermudet in die Ferne zu blikken und ihrem unb estimmten Nebelgrunde die warmen, farbenreichen Bilder seiner Phantasie einzupragen. Hier war der Augenblick ihm eingetreten, der uns zum Selbstbewusstsein weckt und uns dem Leben als abgesondert gegenuber stellt. Wer kennt die Stelle, wo dies Wunder ihm offenbart ward, und betrachtet sie nicht als Heiligthum, geweiht fur alle Zeiten?
Zum Manne gereift, durch fruh erlangte innere Mundigkeit den Jahren weit vorangeeilt, sah er sich nach langer Trennung auf der heiligen Stelle, als ob seit diesen Jahren kaum eine Nacht verflossen; so hatte hier die Zeit am wohlgegrundeten Besitz ihr Recht verloren. Vor allem aber blickte er fast zartlich auf den hohen, breiten Lehnstuhl der theuern Grossmutter, der mit seiner hohen Lehne weit uber den Sitzenden ragte und ihn vor jedem Luftzug schutzte.
Auf dem Boden und auf dem Rande des steinernen Gelanders lag zerstreutes Vogelfutter, die kleinen Gaste aus dem Park zu locken, die, ihre Wohlthaterin schon kennend, in ganzen Schaaren zu ihren Fussen den Bedarf sich sammelten. Daneben stand das kleine alterthumliche Tischchen mit dem Ebenholzkastchen, worein sie Seide zupfte. Alles deutete auf kurzlichen Gebrauch, und dass dies Platzchen noch immer in seinem vollen Rechte bei der Besitzerin stand.
Eine bunte Gedankenreihe war es, die auf dieser Stelle an dem jungen Manne in sehr abwechselnden Erscheinungen voruber zog. Der weiche Ausdruck kindlicher Hingebung in seinem schonen Antlitz ging langsam in jene feste, ernste Miene uber, womit wir im glucklichsten Falle dem Leben die Kenntniss seiner Ergebnisse bezahlen, und als er den langen Blick aus der Ferne zuruckzog, brachen sich die festen Lippen in einem Hauche, einem Seufzer ahnlich, und sein Auge blickte feucht.
Von Stimmen aufgeschreckt, die aus dem eben verlassenen Zimmer zu ihm drangen, eilte er schnell in das daneben liegende Kabinet, das nachste Ziel seiner Wanderung. Hier hingen Bildnisse, welche die alte Lady zu ihren kostbarsten Besitzthumern zahlte. Sie waren theils Geschenke, die ihr Gemahl der hohen Gunst seiner Souveraine verdankte, theils von ihm selbst um hohe Preise von den ersten Kunstlern erworben, und Abbildungen der bedeutendsten Personen aus der koniglichen Familie von England.
Diese schonen Bilder hatten auf den jungen Richmond stets einen Zauber ausgeubt, der zusammentraf mit seinem lebhaften Interesse fur die Geschichte seines Vaterlandes, und am liebsten vor ihren ausdrucksvollen Zugen rief er sich zuruck, was von ihrem Leben schon abgeschlossen in dem Spiegel der Geschichte aufgefasst erschien.
Das ganze Zimmer war von feiner, sorgfaltiger Einrichtung, dass es mit seinen hell polirten Wanden und Fussboden und den reichvergoldeten Stuckaturen einem Schmuckkastchen glich, wozu noch der feine Duft des reichlich darin verwandten Cedernholzes kam, und einige bequeme Sessel von purpurfarbnem Sammet, die in stets unverruckter Ordnung seit einem halben Sakulum voll Ehrfurcht die gewahlten Gaste zu erwarten schienen, die sich einer so hohen Versammlung zu nahern wagen wurden. Auch war Richmond fast der einzige unter seinen Geschwistern, dem als Kind erlaubt gewesen war, allein hier einzutreten, und er fuhlte sich selbst heute noch mit scheuer Freude erfullt, als er die schon gefugte Thur aufdruckte, durch deren grosse Scheiben das Licht in vollem Glanze diese Bilder zeigte.
Er lauschte dem eigenthumlichen Laute, womit die glatten Angeln der Thur sich stets zu drehen pflegten, und der ihn auch jetzt sogleich begrusste, ihn einzutreten einlud und wie durch einen Zauber ihn in die Gemeinschaft mit den lebensvollen Gestalten des vergangenen Jahrhunderts einfuhrte.
Er blieb am Eingange stehen, den Raum gleichsam befragend, ob er derselbe sei, und musste bald sich eingestehen, verandert sei nur er, um ihn dagegen sei Alles in unerschutterlicher Ordnung geblieben. Er sah sie noch alle vor sich, die grossen Gefahrten seiner damaligen Einsamkeit; sie blickten aus ihren breiten goldenen Rahmen noch mit denselben Blicken nieder und schienen noch jetzt zufrieden, in so vollkommener Abbildung der Nachwelt uberliefert zu sein. Doch anders war der Antheil gestellt, womit der Mann die Anspruche, die ihnen in Wahrheit zustanden, abwog, zuerkannte oder verweigerte; und wenn er von manchen ihrer Sunden sich mit Verachtung wegwandte, hatte er dagegen nicht minder fur ihre Herrschertugenden und das durch sie bewirkte Gute ein vaterlandisch anerkennend Herz.
Er wandte sich, wie absichtlich, von dem ihm zunachst befindlichen Bilde und eilte dem entgegen, das, als die Krone aller, der Thur gegenuber die Hauptwand einnahm.
Es war das Bild der Konigin Elisabeth, ihr Pathengeschenk bei der Geburt des letztverstorbenen Herzogs, von einer unbekannten Meisterhand im vollsten Zauber von Farbe und Licht dargestellt.
Die stolze Frau liebte auf ihrer unbestrittenen Hohe, zur fruhern Ungunst des Geschickes sich zuruck versetzt zu sehen, und Woodstock, wo sie in philosophischer Zuruckgezogenheit und Verbannung den Wissenschaften lebte, blieb wohl zu allen ihren Bildern der selbstgewahlte Hintergrund. Auch hier gewahrte man das kleine feste Schloss, von dessen Terrassen sich ein breiter Weg bis zu dem schonen Eichbaume hinzog, unter dessen Schatten sie einst die Gesandten Englands empfing, die sie auf den Thron ihrer Vater riefen.
Sie selbst sass auf diesem Bilde vor einem violetten Vorhange, der an der rechten Seite aufgezogen, die erwahnte Gegend zeigte. Ihre Physiognomie trug den lebhaften und geistreichen Ausdruck, der ihren grossen und mannlichen Gesichtsformen ein wahrhaft konigliches Ansehen gab, und, in Betracht ihrer hohen Bestimmung, jeden Anspruch auf weibliche Schonheit leicht aufgeben liess.
Ihr reiches Kleid von Silberstoff war mit einem Latz von Perlen und Juwelen um ihren vollen Korper in der freien Mode damaliger Zeit so geordnet, dass ihre schonen Schultern unverhullt und von dem hohen Spitzkragen zart umsaumt erschienen.
Sie hatte den Kopf hoch gehoben und etwas zur rechten Seite gewendet; ihr glanzendes rothliches Haar war frei empor gekammt und zeigte die grosse, runde Stirn mit den hochgewolbten Augenbrauen. Auf der Mitte des Kopfes nach hinten uber sass eine brillantene Krone, und die Fulle von Locken, die ihr reiches Haar zuliess, fiel von da, wie es scheinen sollte, in leichter Nachlassigkeit von beiden Seiten nieder. Die Lippen waren wie zu einer rednerischen Bewegung geoffnet, und die rechte Hand, von grosser Schonheit, hielt in ihrem Schoosse die Oden des Horaz. Etwas zur Linken zeigte sich auf einer Terme die Buste des Plato und darunter, aus dem Bilde schon herausgehend, so dass man nur einen Theil eines Tabourets gewahrte, sah man den koniglichen Hermelin, auf den Elisabeth so eben, wie der Horaz in ihrer Hand andeutete, den Musen huldigend, mit ihrer linken Hand den Zepter niederlegte.
Wie reich und bedeutungsvoll dies Bild auch in seinen Beiwerken sein mochte, es war dem Kunstler doch vollkommen gelungen, sie sammtlich der machtigen Personlichkeit der koniglichen Frau unterzuordnen.
Dieser kuhne, uberzeugte Blick, diese stolz gehobenen Lippen kundigten vollkommen sie als diejenige an, die Sixtus der Funfte nachst sich selbst und Heinrich dem Vierten zu den drei einzigen Selbstherrschern rechnete, und gewiss musste vor ihrem Bilde ein Jeder in seinen Ausruf einstimmen: Un grand cervello di principessa!
Links ihr zur Seite hing das Bild ihres Vaters, Heinrich des Achten, von seinem Liebling Holbein mit aller Kunst und Sorgfalt dieses grossen Meisters ausgefuhrt. Er war zur Zeit der Vermahlung seiner Schwester mit Ludwig dem Zwolften bei dem Hoflager zu Calais gemalt, zur schonsten Zeit seines mannlichen Alters und in dem vollen Glanze des damals unermesslichen Kleideraufwandes.
Er sass zuruckgekehrt in einem thronartigen Sessel, einen kleinen mit Juwelen besetzten und mit einer Feder aufgeklappten Hut halb zuruckgeschoben auf dem hohen Kopfe; die eine Hand uber die auf einem Tische seitwarts stehende Krone gelegt, hielt er in der andern seine eigne Uebersetzung des Neuen Testaments.
Sein Gesicht schaute halb lachelnd grade aus. Es lag mehr Hohn und Triumph, als Freude oder Heiterkeit darin, und dem Beobachter musste leicht der Uebergang zu finden sein von diesen noch jugendlich uberwolbten Zugen zu dem wilden Geprage des spater so blutdurstigen Tyrannen.
Ihm gegenuber hingen die Bilder seiner beiden Kinder, Eduard des Sechsten und dessen grausamer Schwester, der nachherigen Konigin Maria.
Konig Eduard war als Knabe abgebildet, er hatte seinen Lieblingshund, ein grosses weisses Windspiel, mit dem rechten Arme umfasst und schien die zarte, schwankende Gestalt an ihm zu stutzen. Seine dichten braunen Locken hingen schlicht um das bleiche, kranke Antlitz, und die grossen dunkeln Augen blickten aus dem wasserblauen Grunde mit einer Wehmuth, als wollten sie im Voraus das trube Loos des kunftigen schwachen Konigs beklagen.
Weit hinter ihm in der gothischen Halle, die den Raum des Bildes fullte, lagen auf einem kleinen Polster die Insignien der ihn einst so druckenden koniglichen Wurde.
Schmerzliches Loos! rief Richmond, wenn die Natur im Widerspruche mit dem Berufe, den uns der Himmel durch die Geburt zu uberweisen scheint, die Mittel uns versagt, ihn zu erfullen; und besser doch Dein trubes, schwaches Walten in Kraftermangelung, als jener Missbrauch empfangener Gewalt, um die Hollengeister Deines Innern ins Leben zu rufen. Wer wurde Dein Loos nicht preisen vor dem Bilde Deiner Schwester!
Sie war in ihrem acht und dreissigsten Jahre nach ihrer Verlobung mit Philipp dem Zweiten von Spanien gemalt. Der Hintergrund des Bildes, vielleicht durch Zufall von einem schlicht niederfallenden blutrothen Vorhange bedeckt, erhohte wunderbar den grauenhaften Eindruck, den das Ganze machte. Denn wer konnte das Bild dieser blutdurstigen Frau erblikken, ohne zu denken, sie tauche aus den Bachen von Blut auf, welche sie mit Freuden um des Glaubens willen stromen liess. Sie sass auf einem Stuhle, auf dessen hoher Lehne links das Wappen Spaniens, rechts das von England thronte. Nach der bigotten Weise ihres Lebens war sie in das schwarze Gewand einer Karmeliterin gekleidet, doch uber der verhullten Stirn war die kleine brillantene Konigskrone befestigt, uber der wieder ein feiner schwarzer Flor bis auf den Boden niederfiel. Zur linken Seite stand ihr ein rother behangener Tisch, auf dem ein Andachtsbuch, ein Kruzifix, und zu dessen Fussen das Zepter, doch, uber Alles dies hinweg, eine scharf gezeichnete Geissel lag.
Ihr Arm ruhte auf diesem Tische, und die Enden der Geissel waren durch die Finger gezogen, wahrend ihre rechte Hand das Bild des damals sechs und zwanzig jahrigen Philipps von Spanien hielt, fur den sie eine allzu heftige Neigung nahrte.
Ihr bleiches, schlaffes Antlitz, von jedem Reize der Jugend oder Schonheit weit entfernt, trat in erschrekkender Wahrheit aus den dunkeln Hullen hervor, und zeigte den vereinten Austritt stumpfen Geistes und fanatischer Bosheit.
Richmond hatte ihr furchterliches Unrecht und das Elend, das sie in funfjahriger Regierung uber sein Vaterland gebracht, mehr noch, als fruher, empfinden lernen, und wenn er als Knabe sich zwang, vor diesem Bilde, das er hasste, so lange festzustehen, bis es ihm schien, als erhobe sie drohend sich und wolle ihn ergreifen, so wandte voll Verachtung sich der Mann von diesen Zugen, die der Nachwelt, konnte der Name auch verloren gehen, noch sagen werden, was sie war.
Und auch wie damals, wenn der Knabe fur das Schrecken, das er sich herauf beschworen, Beschwichtigung suchte, wandte er sich. Denn hier hing neben Heinrich dem Achten, ihrem Grossohm, das Bild der siebenzehnjahrigen Konigin von neun Tagen, das erste blut'ge Opfer der schrecklichen Maria, die schone tugendhafte Johanna Grei.
Wie ein Engel, als Bote eines bessern Lebens der Welt auf kurze Zeit gesandt, so blickte aus diesen tiefen blauen Augen der Himmel in der eignen Brust. Funfzehnjahrig schon Gemahlin des ihrer so wurdigen Guilford, war sie als Braut dargestellt. Im Weggehn aufgehalten, wie es schien, stand sie mit leichter Grazie aufgerichtet vor einem Sessel und blickte mit dem vollen Antlitze aus dem Bilde. Die feine jugendliche Gestalt, die kaum die Grenzen der Kindheit uberschritten, war in die Farben des vaterlichen Hauses Suffolk, in weissen Silberstoff mit himmelblauer Robe gekleidet. Ihr wunderschones blondes Haar floss wie gesponnenes Gold in zarten Wellen ohne Zwang den halb gewendeten Rucken entlang, und reichte uber die Halfte der kindlichen Gestalt; an den Schlafen von der weissen Stirn gescheitelt, war es mit blauen Schleifen zierlich aufgebunden, und auf dem Hintertheile des Kopfes ruhte die herzogliche Krone. Eine Saulenhalle zog bis in die weite Ferne sich als Hintergrund, und am Ende derselben sah man perspektivisch verkleinert Lord Guilford daher eilen.
Ach, rief Richmond, von so viel Ungluck und so viel Tugend tief bewegt, hatte nie Dein kindlich Haupt ein schwereres Diadem belastet, als diese leichte Herzogskrone, das unbestrittene Erbtheil Deiner Vater!
Noch blieb er sinnend stehen, dem spiegelhellen Boden zugewendet. Es blieb ein Bild noch zu betrachten ubrig, er wusste es wohl. Doch zogernd verschob er seinen Anblick, als musste er erst das eigne Herz betrachten und seinen schnelleren Schlagen lauschen. Sollt' er als Mann erfahren, was ihn als Knabe schon bewegt? Musst' er es eingestehn, dass das wunderbare Loos ihm gefallen sei, an ein Bild die sussesten Regungen des Gefuhls verschenkt zu haben? Nein, rief er, dem Knaben gehort diese Schwarmerei! Er wandte sich muthig, er stand davor, und wie am Strahl der Sonne der leichte Nachtfrost einer Mainacht zu einem Thautropfen sich verwandelt, so verschwamm in seinem ersten Blick Wille, Absicht, jeder Widerstand der Ueberlegung, und Herz und Seele sogen sich fest an ihren alten Wahn.
Dicht an der hellen Eingangsthur, und wie in einem Schreine, da die Holzwand herausgehoben war, es einzulassen, hing ein Brustbild, dessen Rahmen in einem runden Medaillon das lebenvolle Antlitz der schonen unglucklichen Konigin von Schottland umfasste. Der Rahmen trug in Gold und Farben und reichen Edelsteinen die drei Wappen, welche die ungluckliche Frau mit Eigenthumsrecht behauptete. Die Wappen Schottlands und Frankreichs waren an dem obern Rande, unter der dreidoppelten Krone im Mittelpunkte des Rahmens, das Wappen Englands, das zu behaupten, ihr so grossen, nur mit Blut gesohnten Hass der eifersuchtigen Elisabeth zuzog, unter den beiden ersteren. Reich mit Laubwerk und Emaillen war das Kunstwerk dieses Rahmens ausgefuhrt, und enthielt in Arabesken-Form noch viele Anspielungen auf den hohen Geist der koniglichen Frau. Das Ganze war umschlungen von einem emaillirten Bande, auf dem in goldner Schrift die Namen Plato, Aristoteles, Horaz, Pindar, Homer, Dante und Ariost, als der Gefahrten ihrer Einsamkeit, zu lesen waren, und wie vorzuglich auch das Bild zu nennen war, der Rahmen an sich blieb ein schatzbares Kunstwerk.
Aus einem tiefen, saftigen Hintergrunde, einer Tapete von grunem Damast ahnlich, trat der in wunderbarer Wahrheit aufgefasste Kopf der Konigin hervor. Das hellbraune Haar war frei weggehoben und zeigte die ganze Schonheit der koniglichen Stirn. Die lichtvollste Freiheit der Gedanken schien diese schone Wolbung selbst gebildet zu haben, und das glanzende Licht, das von Innen aus diese reine Form zu durchdringen schien, hatte auch ohne den Ausspruch dreier Kronen sie zur geistigen Beherrscherin ihrer Zeit erhoben. Von den feinen leicht eingedruckten Schlafen bildete sich der Kontur des zarten Kopfes im reinsten Oval, bis zu dem vollen jugendlichen Kinn, uber dem mit allen Grazien der schon gewolbte Mund die holde Mahr von ihren Scherzen, ihrem feinen Witze zu erzahlen schien.
In den vollen, leicht gefarbten Wangen ruhte der feine Anfang eines zarten Grubchens, geschaffen, um ihres Lebens Liebesgluck und Schmerzen zu verrathen.
Ihr waren zuerst die Augen verliehen, die, seitdem ein Erbtheil ihres unglucklichen Stammes, mit einem Zauber jeden zu fesseln wussten, auf wen sie einmal in Liebe sich geheftet.
Unter einer kaum merklichen Wolbung der feinen Augenbrauen ruhten weit und schon geschnitten die grossen braunen Augen, die klar und tief den hohen Geist, der ihnen inne wohnte, von Lieb' und Sehnsucht halb bezwungen zeigten. Sie schienen wider Willen der hohen Abkunft von Missgeschick zu reden, und die langen schwarzen Wimpern hingen auch beim vollsten Aufblick wie ein leichter Trauerschleier um den vollen Glanz.
Dazwischen hob sich an der Stirn breit und voll die feine griechische Nase, und verstarkte mit ihrer edeln, festen Form den hohen geistigen Ausdruck ihrer Zuge. Ihr wunderschones braunes Haar war ohne Schmuck der Konigin, sich selbst in seiner seltenen Fulle die Krone flechtend, doch zeigte es unverdeckt in einem hohen Spitzkragen die runde, schlanke Saule des Halses, auf welcher der Kopf so leicht und zierlich ruhte, dass beide je zu trennen, nur ein Barbar zu denken wagen konnte. Hier horte das Bildniss auf; leicht in den Schulterlinien war ein schwarzes Sammetkleid angegeben, das unter dem Kragen mit einem in Brillanten eingelegten rothen Stein befestigt war.
Ungezahlt entflohn die Augenblicke vor diesem Bilde, und das innere geheimste Leben Richmonds trat hervor und liess sich nicht mehr zur Rechenschaft ziehen vor dem Geiste der Ueberlegung, der fragend, ja, missbilligend es anschaute. Es war da! und hatte sich zum sichersten Bewusstsein in diesen Augenblikken aufgeschwungen; es lebte! und sein Leben ward eingestandene Wonne. Still und mit Ruhrung gelobte sich Richmond, der Welt, dem rohen Vertrauen der Menschen ewig verhullt, wollte er selbst nimmer mehr mit diesem Gefuhle hadern, sondern hoch es halten. Eine kleine gluckselige Insel sollte es in ihm fortan bilden, worauf er landen wollte, aus der Wirklichkeit verschlagen.
So sich jugendlich uberspannend, storte es ihn nicht, Gesang und Harfenton vom Altan her zu horen. Die schonen vollen Frauentone, das kunstreich ausdrucksvolle Spiel der Harfe, es schlich sich ein in seine Traume, verwebte sich darein, als ihnen angehorend. Mit steigendem Entzucken horte er die Worte des gottlichen Shakespeare, dieselben, welche die Frauen der Konigin in Heinrich dem Achten der unglucklichen Katharina am Vorabend des Gerichts singen. Orpheus sang:
1.
Der Baume Wipfel
Und der Berge starre Gipfel
Beugte seiner Laute Macht.
2.
Pflanz' und Blum' entspross voll Wonne,
Als hatt' Regenguss und Sonne
Ew'gen Lenz hervorgebracht.
3.
Jedes Wesen ward Gehor,
Selbst die wilde Well' im Meer
Hing das Haupt und legte sich.
4.
Tonkunst, deine Zauberein
Hort der Gram und schlummert ein,
Hort dich fort und stirbt durch dich.
Mit feierlichen Akkorden schlossen diese ruhrenden Worte und weckten den glucklichen Traumer. Nein, sie war es nicht selbst, die ungluckliche Konigin Maria, die dies Lied gesungen! Er war nicht zu Stirling, zu Holyrood-House; er war in Burtonhall, in der Nahe seiner Familie, und nur ein paar Schritte vielleicht fuhrten ihn in ihre Mitte.
Bewegt von der Wirklichkeit und von seinen Traumen, offnete er die Thur und stand am Ende des Altans seinen Lieben gegenuber.
Die jungen Damen des Schlosses hatten sich hier zu einiger Musse aus dem grosseren Kreise der Gesellschaft zuruckgezogen, und alle sich mit dem Wunsche um Lady Melville versammelt, sie zur Harfe singen zu horen. Dies war auf die erwahnte Weise geschehen. Sie sass jetzt ausruhend in ihrer schwarzen Kleidung auf dem Lehnstuhl der alten Herzogin. Die Harfe ruhte seitwarts geschoben noch in ihrem Arme; auf dem purpurrothen Sammet des hoch uber ihr emporragenden Stuhles hob sich der schone Kopf in seiner ganzen regelmassigen Zierlichkeit, und belebt vom Gesange und dem lobspendenden Zuspruch der lieblichen Gefahrtinnen, leuchtete von ihm der volle Zauber ihres lebhaften Geistes. Sie hatte sich zu der ihr rechts stehenden Gruppe gewandt, welche Arabella und Anna Dorset sich im Arm haltend zeigte; zu ihren Fussen, und den Kopf in zartlichem Schmachten zu der Sangerin aufgehoben, sass Ollonie Dorset, warend Lucie von Hinten den Stuhl erklommen hatte und eben mit Jubelgeschrei ihren blonden Lockenkopf heruberzog, um ihren Liebling von da aus zu umfassen. Schnell und leicht sprang Lady Maria jetzt auf, zog den kleinen Engel zu sich heruber, und nun sogleich von Allen umfasst, stand sie wie die Gottin der Liebe und Freude da.
Die reichen braunen Locken zuruckschuttelnd, richtete sie das Haupt empor, da erblickte ihr Auge den Lord am Ende des Altans ihnen gegenuber in stiller Anschauung vertieft, und nachdem sie ihn einen Augenblick betrachtet, streckte sie die schone Hand nach ihm deutend aus und rief: Sieh da, Lord Richmond!
Augenblicklich wandten sich alle Kopfe, und im selben Augenblick flogen die Schwestern und Cousinen auf ihn zu, und unter den freudigsten Begrussungen der Uebrigen hing sich Lucie an seinen Hals und versuchte durch den lautesten Ungestum sich in seinen Besitz zu setzen.
Unter den liebenswurdigsten Scherzen erwiederte er die zartlichen Begrussungen seiner Verwandten und eilte dann in ihrer Mitte der Grafin Melville entgegen. In der anmuthigsten Ruhe lehnte sie an der Brustung des Altans, wahrend ihr Antlitz von der unschuldigen Freude leuchtete, womit die Scene vor ihr sie theilnehmend erfullte. Hold lachelnd richtete sie sich jetzt dem Nahenden entgegen, Richmond aber eilte den Uebrigen voran. Hier, rief Lucie hervorspringend, hier, Richmond, hast Du meinen Engel Marie!
Und welchem glucklichen Zufall habe ich es zu danken, der Lady Melville bekannt zu sein? sprach Richmond.
Bekannt? erwiederte sie. In Wahrheit, Mylord, ich sah Euch nie vor diesem Augenblick. Aber, setzte sie mit dem ruhigen Ausdruck naturlicher Unschuld hinzu, als ich Euch gewahrte, wusste ich gleich, dass Ihr es sein musstet.
Richmond hatte unwillkurlich seine bewegten Augen, wahrend sie sprach, zur Erde gesenkt, er genoss den Ton dieser klangvollen Stimme, und schon schwieg sie, aber der gewandte junge Mann schien um die Antwort verlegen. Er hob die Augen zu ihr auf, sein Blick traf den ihrigen, und zwei schone Seelen hatten sich erkannt.
Mochte Lady Melville das Wohlwollen, welches sie meiner Familie schenkt, auch auf den ubertragen, der sich erst so spat darum zu bewerben vermag, sprach er endlich mit furchtsamer Stimme.
Es wurde mir schwer werden, Euch, Mylord, als einen Fremden anzusehen; die Liebe, die Ihr in Eurer Familie geniesst, erhalt Euch auch wahrend Eurer Abwesenheit darin gegenwartig. Ich konnte Euch von Euch erzahlen, waret Ihr etwa Euch fremd geworden, setzte sie lachelnd hinzu.
O! rief Richmond lebhaft und heiter, Ihr durft nicht zweifeln! Wer bliebe nicht der Wahrheit am getreuesten, wenn er eingestande, von sich am wenigsten zu wissen; werdet Ihr aber wirklich den sich selbst Entfremdeten belehren wollen, wenn ich einmal um diese Belehrung in Wahrheit bitten will?
Lord Richmond, erwiederte das schone Madchen, ich habe viel von der grossen Kunst gehort, die Wahrheit verschweigen zu konnen, aber bis jetzt selbst noch so wenig Fortschritte darin gemacht, dass Ihr viel Hoffnung habt, sie zur Zeit von mir zu horen.
Und mochte dieser schone Mund nie durch so falsche Kunst entweiht werden, sprach eine mannliche Stimme, ehe Richmond antworten konnte, hinter seinem Rucken.
Amen! sagte lachelnd Lady Marie, hell aufblikkend, und im selben Augenblick lag Richmond in den Armen des liebenswurdigen Grafen von Ormond, welcher, ohne von der lebhaft beschaftigten Gruppe bemerkt zu werden, sich herbei geschlichen hatte.
Bald fullte sich nun der Altan mit mehreren Gasten, durch die Nachricht von Richmonds Ankunft herbei gezogen, und eben erschien Lovelace mit der Bitte der beiden Herzoginnen, nach dem Ballsaale sich zu verfugen, welcher willkommenen Einladung man auf das Heiterste sogleich folgte.
Der Ballsaal war eine offene weite Halle, welche mit dem Parke gleich lag und zu den verschiedenen Spielen der Jugend diente, besonders aber zum geschickten Werfen des Balles nach dem Ziele benutzt ward und davon ihren Namen hatte.
Der davorliegende weite Rasenplatz verstattete eine Ausdehnung der Spiele, und ein kleines Schiesshauschen mit allen Arten von Gewehren bis zur Armbrust hin, reizte sehr oft die Geschicklichkeit der jungen Leute beiderlei Geschlechts.
Auch heute ging man bei der Schonheit des Wetters sogleich zu den Spielen auf dem Rasenplatze vor dem Hause uber, und Alles schien von einer besonders heitern Stimmung belebt. Man stellte Wetten an, wer das Ziel in der Scheibe treffen wurde, wobei die Damen theilnehmend mitwirkten, und als Richmond von den Herzoginnen, die mit der alteren Gesellschaft die Halle vorzogen, beurlaubt ward, schloss er sich mit seiner anerkannten Geschicklichkeit dem frohlichen Schwarme an. Grafin Melville, von Jugend auf in allen moglichen Leibesubungen erfahren, trug nicht allein uber die Damen stets den Sieg davon, sondern uber die meisten der anwesenden Kavaliere. Dies sollte sich jedoch bei Richmonds Ankunft andern, denn bei dem ersten Schuss war der Mittelpunkt der Scheibe durchbohrt, und gleich nach ihm sendete er den kleinen Pfeil von der Armbrust, dass seine Spitze unversehrt durch das von dem Schusse gebohrte Loch drang. Lauter Beifall folgte dem trefflichen Gelingen und brachte neuen Eifer in die Bemuhungen der Uebrigen. Lady Melville traf zwar mit ihrem Pistol die Federn des Pfeiles im Ziel, doch musste Richmond fur den Sieger anerkannt werden.
Lord Richmond schien sich zwar ausserlich der allgemeinen Geselligkeit hinzugeben und an allen Anwesenden gleichen Antheil zu nehmen, er konnte sich aber nicht enthalten, fortwahrend Lady Melville zu beobachten, deren dunkles und sonderbares Schicksal, eben wie ihr Einfluss auf das Herz seines Bruders, ihn zu einem Interesse fur sie bewog, welches durch ihren Anblick nicht verringert werden konnte.
Er hatte sich trotz dem, was ihm uber ihren Werth reichlich von allen Seiten mitgetheilt ward, nicht zu ihrem Vortheil einnehmen lassen; denn die Angaben, welche sie uber ihre Geburt und ihr Leben gemacht, waren von keiner Seite bestatigt und mussten gar leicht dem Argwohn gegen die Glaubwurdigkeit ihrer Person Raum geben. Dabei fuhlten sich sein Herz und seine strengen Grundsatze von Ehre und Pflicht unbeschreiblich verletzt durch den Zustand, worin er seinen zartlich geliebten Bruder fand. Die Leidenschaftlichkeit, worin dies schone, geregelte Gemuth aufgelost schien, und die Entschlusse, die daraus entstanden, und die zum Nachtheil aller seiner bisher beobachteten Grundsatze einzig uber dies fremde, namenlose Wesen Gluck verbreiten sollten, steigerten sein Misstrauen, und liessen ihn an ihrer Unwissenheit und Absichtslosigkeit einigen Zweifel hegen, welches ihm um so leichter ward, da hiermit die schmerzlich von ihm empfundene Schuld des Bruders sich merklich verringerte und ihn mehr als einen Verfuhrten erscheinen liess.
Das Einzige, woran er unbezweifelt glaubte, war ihre Schonheit, aber auch diese nahm ihn gegen sie ein, denn nur mittelst dieser konnte sie seinen Bruder verfuhrt haben. Nichts aber hasste er mehr, als wo diese gottliche Gabe des Himmels von Frauen benutzt ward, das Herz der Manner zu bestricken, und obwol seine Gerechtigkeit ihn hinderte, diesen Fall hier bestimmt anzunehmen, war er doch entschlossen, ihn fur moglich zu halten und sie einer scharfen Beobachtung zu unterwerfen.
Er fand sich nun von ihrem Anblick selbst uberrascht und hatte in wenigen Stunden viel von dem, was er fruher uber sie gedacht, innerlich widerrufen. Ihre Schonheit war auffallend und musste die Bewunderung eines Jeden erregen; aber ihr Auge hatte nichts von der eitlen Verschamtheit, womit die ihrer Schonheit sich Bewussten den Blicken der Manner begegnen. Ruhig, klar und offen ertrug sie jedes Auge, und schaute wie ein Kind fest zu Jedem auf. Sie hatte keinen Begriff von der angelernten Sitte der Frauen, gegen Manner sich anders zu betragen, als gegen Frauen; ihre Freundlichkeit trat ohne die traurige Verkruppelung der Gefuhle hervor, die mit der unbestimmten Furcht vor einem ungekannten Uebel die Unschuld des Herzens bedroht, ehe noch die Schuld selbst es zu beruhren vermochte. Die unschuldige Neugier, womit sie Richmond fast aufsuchte, um mit ihm zu sprechen, hatte zwar etwas Abweichendes von dem Bilde, welches er sich von der zarten Zuruckhaltung einer Jungfrau geschaffen, aber es ward ihm bei ihr nicht zur Storung, ja, es setzte ihn in Nachdenken, ob er nicht sein Ideal nach dieser einfachen Natur korrigiren musse.
Dessen unerachtet erfullte ihn das Fraulein mit Erstaunen, welches noch denselben Abend sich steigern sollte, als die Gesellschaft nach dem schnellen Ausbruch eines Gewitters in die erwahnten Prachtzimmer des Schlosses sich zuruckgezogen hatte. Die jungen Leute nahmen plaudernd von dem Gemalde-Kabinet Besitz, und Lady Melville lehnte sich an die Glasthur, dem Bilde der Konigin von Schottland gegenuber. Lord Richmond konnte sich hier eines vergleichenden Blickes nicht enthalten, und zu Lord Ormond gewendet, sprach er sein Erstaunen uber die unbezweifelt grosse Aehnlichkeit dieses Bildes mit der Lady aus.
Es ist uns allen aufgefallen, erwiederte der Lord, sich zum Bilde der Konigin wendend, und wenn Ihr es bestatigt, der Ihr dies Bild so lange studirtet, dann durfen wir unserm Urtheil wohl vertrauen.
Marie ward dadurch aufmerksam.
Erlaubt, sprach Richmond, Euch meine Ueberraschung uber die genaue Aehnlichkeit dieses schonen Bildes mit Euch selbst, auszudrucken.
Es ist mir nicht neu zu horen, ich weiss es, entgegnete sie ruhig und blickte dabei mit einem wehmuthigen ernsten Ausdruck zu dem Bilde hin, welches die hochste Schonheit reprasentirte, und wobei die Anerkennung der eignen Aehnlichkeit damit ein ziemliches Bewusstsein ihrer Schonheit auszudrucken schien.
Dies fuhlte Richmond mit der gehassigen Laune der Manner, die zwar nie unterlassen mogen, dies Bewusstsein mit verfuhrerischen Worten zu wecken, doch die daran verloren gehende Unbefangenheit der Frauen bitter tadelnd dann vermissen.
Es schien ihm so schwer, diesem Bilde zu ahneln. Er hatte es vor wenigen Stunden noch fur unmoglich gehalten. Zwar hatte er es nun selbst ausgesprochen; aber es verletzte ihn dennoch, es als etwas Gewisses und lang Bekanntes angenommen zu sehn. Er hatte es in diesem Augenblick gern sich und dem Gegenstande verlaugnet, und die Kalte, die seine Zuge sogleich ausdruckten, ware nicht schwer zu erkennen gewesen; aber die Lady merkte nicht darauf, ihre Gedanken hatten eine weit andere Wendung genommen. Sie verliess ihren Platz und setzte sich auf ein Tabouret seitwarts dem Bilde nieder.
Diese Bewegung war offenbar der Aehnlichkeit noch vortheilhafter; aber Richmond, unangenehm aufgeregt, hielt dies fur beabsichtigt und war im Begriff sich wegzuwenden, als die Grafin, ganz in das Anschaun des Bildes versunken, mit einem wehmuthigen Ausdruck der Stimme fortfuhr: Wie oft hat der gluckliche Zufall dieser Aehnlichkeit meine theuern Verwandten beschaftigt und erfreut. Man schmuckte mein Haar, wie es die Konigin zu tragen pflegte, mit der kleinen Spitzenhaube, man kleidete mich nach der Sitte jener Zeit, und liess mich gehen und stehen und niedersetzen, wie von ihr gesehen zu haben die Freunde und Anhanger sich noch genau erinnerten, obwol unter meinen Verwandten nur mein Vater, der Graf Melville, sie gekannt hatte. Er wusste Stundenlang von ihr zu sprechen, denn er war Edelknabe bei ihr zu der Zeit, da diese drei ungluckseligen Kronen noch mit vollem Rechte ihr unschuldiges Haupt schmuckten.
Gewiss, sprach Lord Ormond dazwischen, ist und bleibt diese ungluckliche Frau eine hochst ausgezeichnete und anziehende Erscheinung, und die schwarmerische Anhanglichkeit, welche sie ihren Freunden und Anhangern einzuflossen wusste, vermehrt die Zweifel, ob ihr grauenvolles Schicksal ein verdientes war.
Wie tief hat mich stets ihr Schicksal ergriffen, fuhr sie fort und hob die schwermuthig gesenkten Augen empor, wie habe ich meine kindischen Gedanken zerqualt mit Planen, wie sie hatte gerettet werden konnen, wie hab' ich sie geliebt und alles Gute, was ich zu fassen vermochte, ihr beigelegt. Als nun endlich das geheim gehaltene Gluck der Aehnlichkeit mir anvertraut ward, wie tief erschuttert war ich da! Warum lebte ich nicht, als sie zu Tewksbury in ihrem Kerker schmachtete? Ich ware zu ihr eingeschlichen, in meinen Kleidern ware sie entflohen, ich, ihr so ahnlich, ware an ihrer Statt auf jenem Blutgerust gefallen.
In Wahrheit, Lady Melville, rief hier die junge verwittwete Marquise Danville, Euer grossmuthiger Enthusiasmus ist ein um mehr als dreissig Jahr verspateter, ziemlich bequemer Tribut der Dankbarkeit fur das Gluck, der schonsten Frau zu ahneln, die gleich der griechischen Helena die Welt in Brand und Unheil sturzte.
Ihr habt Recht, Mylady, sprach die Grafin, durch den grellen Ton der Missgunst unsanft aus ihren Kindertraumen geweckt, wohl ist dies ein nutzloser oder, wie Ihr sagt, ein bequemer Enthusiasmus. Vergeblich selbst hatte ich zu jener Zeit gelebt. Wie wurde, was den Edelsten meines Landes nicht gelang, dem schwachen Madchen durch den zufalligen Schein der Aehnlichkeit gelungen sein? Doch ich liebte sie fruher, als ich von meinen Zugen wusste; inniger aber musste ich seitdem mich zu ihr hingezogen fuhlen. Ich bin mir des ersten Einflusses wohl bewusst, der mich aus meinen eignen Zugen mahnend anzureden schien. Fast beschamt fuhlte ich mich von dem Glucke, ihr zu gleichen; ich furchtete, zu strengerer Rechenschaft bestimmt zu sein, und, fuhr sie sich selbst belachelnd fort, ich wunsche den kostlichen Gefassen gleich zu sein, deren Form zerspringt, sobald ein Tropfen Gift hinein geschuttet wird.
Es entstand eine Pause, in der Alle, die sie allmalig umgeben hatten, mit den verschiedensten Empfindungen, doch voll Antheil auf sie blickten. Lord Ormond druckte Richmonds Arm, und die Glut der tiefsten Empfindungen ruhte auf seinem edlen Angesicht, wahrend Ollonie Dorset mit erblassten Wangen bald ihre feuchten Augen auf die Lady, bald auf Lord Ormond und Richmond wandte, welcher letztere nicht mehr den Ausdruck unbilliger Kalte trug. Doch wenn diese Manner, sichtlich ergriffen, ihr eben nichts zu sagen wussten und hiermit sie ehrten, kam derlei zartere Bedenklichkeit nicht in die Seele Lord Membrokkes, der sich ihr sogleich naherte, um mit dem flachen Wortschwall des eiteln Weltmannes sie zu versichern, Maria Stuart sei zur rechten Zeit geboren und gestorben, denn die Schonheit habe sie mit siegreicheren Kronen geschmuckt, als die dreifach gekronte Konigin.
Sogleich erhob sich die Lady, und als sie so emporgerichtet stand, und ihr plotzlich so stolzer Blick uber den schonen, sieggewohnten Lord hinstreifte, schien sie Allen noch viel mehr der koniglichen Maria zu gleichen, deren hoher Sinn durch keine Gewaltthat des Schicksals zu beugen war.
Sie zog leicht die schonen Augenbrauen, und Anna Dorsets Arm ergreifend, wehrte sie ihn mit der Hand: Lasst das, Mylord, Ihr habt nicht Einsehen, wie ich's meine, und ich muss Euch darum verzeihn, wenn Ihr mir weh thut, denn wir sind uns fremd.
Lord Membrocke suchte seinen gekrankten Stolz hinter ein lautes Applaudiren dieser kuhnen Rede zu verbergen und ihren Witz zu ruhmen, wahrend ihm das stolze Madchen schon langst den Rucken gewandt hatte und in den Nebensaal entschwunden war.
Als sich die Gesellschaft getrennt, erwartete Lord Ormond, in einem Saale des Erdgeschosses lustwandelnd, seinen geliebten Richmond zu einem traulichen Zwiegesprache, nach dem sich Beide sehnten.
Lord Ormond war der Bruder der Lady Dorset, und, wenn auch bedeutend junger, als seine Schwester, doch in der Mitte der dreissig und mit vollem Rechte in dem Besitze der allgemeinsten Anerkennung. Als Kammerer des Konigs machte diese Stellung, die ihm als Irischen Pair zur Auszeichnung gereichte, ihn zum fast bestandigen Bewohner Londons, und den einzigen Ersatz fur diesen Zwang gewahrte ihm das Haus seiner Schwester, der die Wurde ihres Gemahls dieselbe Lebensweise aufnothigte.
Lord Ormond war der Liebling seiner Schwester, er theilte jede Freude, jeden Schmerz dieser schuchternen Frau, die, von dem erhabenen Ernst ihres Gemahls erdruckt, nur an dem sanften und liebevollen Herzen des Bruders ihre unbestimmte Gefuhlswelt erschliessen konnte. Sein Rath, den er stets in ihrem wahren Interesse ertheilte, machte ihn zum wohlthatigen Dolmetscher zwischen den beiden sich so ungleichen Ehegatten. Der Graf Dorset, der, in die Interessen seiner hohen Hofstelle vertieft, sich gar nicht in die schuchternen Anforderungen seiner Gattin finden konnte, da sie ihm mehrentheils unverstandlich blieben, fuhlte sich durch seinen Schwager, dessen ausreichendem Schicklichkeitsgefuhle er vertrauen durfte, der Sorge enthoben, seine Gewahlin verstehen zu mussen. Was sie wunschte, erfuhr er meist durch ihn, denn aus ihrem eigenen Munde ging eine solche Mittheilung stets so von Nebengedanken und Gefuhlen verwirrt hervor, dass der gute Lord, trotz einer hoflichen Anerkennung ihrer Rechte, doch selten im Stande war, in seinen Antworten ihr Genuge zu thun, wodurch ihr wieder auf lange die Lippen versiegelt wurden und der Gemahl sich leicht fur beunruhigt in seiner Pflichterfullung ansehen konnte.
Die Erziehung seiner beiden Tochter hatte offenbar seinen Blick haufiger auf seine Hauslichkeit richten mussen, waren ihm nicht dieselben, da ihre Geburt ihn zwei Mal in der Hoffnung eines Erben getauscht hatte, herzlich gleichgultig gewesen.
Seine Gemahlin schien ihm, ausser dem Fehler, keinen Sohn geboren zu haben, die leidlichste Gefahrtin, die ein vornehmer Mann sich nur zur Gattin wunschen konnte. Er folgerte, unter ihrer Leitung mussten die beiden Tochter sich ihr ahnlich bilden, und so war er fertig und ausserdem uberzeugt, dass Lord Ormond fur einen etwa abweichenden Fall schon Alles berichtigen wurde.
Er war dessen ungeachtet nicht blode, es ganz seinem Verdienste um die Erziehung seiner Tochter zuzurechnen, als der Herzog von Nottingham seinen altesten Sohn fur Lady Anna vorschlug. Den Zusatz, im Falle die jungen Leute Neigung zu einander gewonnen, acceptirte er mit dem mitleidigen Lacheln des uberlegenen Mannes, denn er schien ihm nur auf das richtige Schicklichkeitsgefuhl Beider zu deuten. Es freute ihn, Beide gleich gut auf diese Weise versorgt zu wissen, ohne ubrigens in Bezug auf seine Tochter uber die blinde Voraussetzung hinaus zu gehen, dass sie eine eben so stille Kreatur, als ihre Mutter sei. Von ihrem kunftigen Gemahl Genaueres zu wissen, als seine dereinstigen Titel und Einkunfte oder seine jetzige vortheilhafte Aufnahme bei Hofe, wurde ihm sogar unschicklich erschienen sein.
Lord Ormond fand um so nothiger, die luckenhafte Stellung seines Schwagers in dessen Familie zu erganzen, da es ihm in der Kinderstube seiner Nichten schon klar ward, dass sie Beide nicht umsonst die Tochter dieses stolzen und heftigen Mannes waren, und seine sanfte Schwester eine eben so schwache Beurtheilung der Karaktere ihrer Kinder besass, als ihr Gemahl.
Lord Ormond war durch eine bittere Tauschung in der Liebe von dieser zerstreuenden und abziehenden Thatigkeit der Seele fruher, als seine Jahre es naturlich machten, auf das ernstere Leben innerlicher Reflexionen verwiesen worden. Er erschien dadurch alter, ja, er war es; denn die Leidenschaft hatte anscheinend ihr Recht zu einer Zeit uber ihn verloren, wo gewohnlich dieser Streit noch langst nicht abgethan zu nennen ist.
Er hatte sich bemuht, aus der trostlosen Verodung des Schmerzes sich durch eine muthige und vollstandige Resignation empor zu heben. Er hatte dem Leben erklart, dass es ihm fur sich nichts mehr zu gewahren vermochte; er hoffte so ein Bollwerk aufgefuhrt zu haben zwischen sich und einer moglichen Wiederholung so leidenschaftlicher Zustande, an die er nach Jahren nur mit Schaudern denken konnte, in dem Bewusstsein, unter ihrem Einflusse, dem Himmel, sich selbst und dem Leben auf das Trostloseste entfremdet gewesen zu sein.
Seine schone, vom Himmel so reich begabte Natur folgte willig der Anweisung, sich einem allgemeinen Interesse wohlwollend hinzugeben, und er erkannte die Welt als vollstandiger und reichhaltiger in dieser uneigennutzigen, bezuglosen Ansicht.
Wer aufgehort hat, sich selbst in den Beziehungen des Lebens zu suchen, der gewinnt bald einen feinen und scharfen Blick fur das Bedurfniss Anderer, und die kleinsten Anforderungen uben uber ihn dasselbe Recht der Theilnahme, als die breit in das Leben einschreitenden Begebenheiten, die Jeder erkennt.
Die Kinder seiner Schwester erfullten ihn mit einer Zartlichkeit, die durch das Gefuhl, ihnen nutzlich sein zu konnen, erhoht ward. Als er seine Nichten zuerst wiedersah, war Anna vierzehn und Ollonie zehn Jahr.
Er musste sich bald uberzeugen, dass, wenn auch Anna ihm eben so innig anhing, als Ollonie, doch sein Einfluss auf sie ein bedingter sein wurde, da sie, so alt geworden, ohne von irgend wem in der Bildung ihres Karakters geleitet zu sein, jetzt ihn schwerlich noch in die Grenzen zuruckzufuhren vermochte, die doch, ihrer gefahrlichen Anlage nach, nothig schienen. Ihr Herz gehorte zu den stillen Organen ihres Wesens, denen man zwar das Leben nicht absprechen kann, die aber nicht stark genug wirken, um der ubermuthigen Verstandesthatigkeit das Gleichgewicht zu halten. Die Folge davon war ein jah aufwachsender Egoismus, ein stets vorherrschender Stolz und ein zu allen Leidenschaften vorbereitetes Wesen, das nur der Gelegenheit bedurfte, um in ungezugelter Lebendigkeit ins Leben zu treten.
Ihr Oheim, geruhrt durch den gefahrvollen Zustand des schonen Wesens, wollte ihre Fehler unter einander sich bekampfen lassen, und nachdem er bald durch Theilnahme ihre Liebe erworben, behandelte er sie mit einer schonenden Achtung, die stets das Gute, das er ihr wunschte, als schon vorhanden annahm und die Erreichung des Besten als in ihrer Natur liegend voraussetzte.
Ihr Stolz hatte ihre Wahrhaftigkeit behutet, und ihr Verstand war ein unbestechlicher und scharfer Beobachter. Sie unterlag der nicht zu laugnenden Betrachtung, dass sie das nicht war, was dieser geliebte Oheim ihr zugestand, aber indem sie ihn selbst hoher achten musste, als alles bisher Bekannte, rief ihr Stolz den Entschluss ins Leben, sein ehrendes Urtheil wirklich zu verdienen.
Das hatte der Menschenfreundliche gewollt. Jetzt sah er bald, dass sie zur Selbstbeobachtung gefuhrt war und zur Wahrnehmung ihrer Fehler gelangte, womit er Alles eingeleitet zu haben glaubte, wodurch diesem lang verwohnten Gemuth aufzuhelfen war. Auch hatte er spater die Freude, bei dem Entstehen ihrer Liebe zum jungen Herzog von Nottingham die ungemein wohlthatige Hulfe zu sehen, die dies warmere und lebhaftere Dasein ihres Herzens ihrer ganzen Natur verlieh. Ihre Fehler waren zusammengesunken, der Athem des Wohlwollens hob die Brust, und die Sicherheit ihres Blicks tauchte unter in dem scheuen Glanz einer sehnsuchtigen Hoffnung. Also, seufzte ihr Oheim, die Liebe, die so Vielen zum Verderben wird und die Leidenschaften aus ihrem Bande reisst, legt diesem ungezahmten Kinde wohlthatige Fesseln an. Sie war wohl noch dieselbe, aber gewiss blieb, dass sie eines starken Gefuhles fahig war, und somit fur diesmal gerettet.
Ganz anders war sein Gefuhl und sein Verhaltniss zu Ollonie. Dies holde Kind hing sich bald mit der ganzen Fulle ihres zartlichen Herzens an den geliebten Oheim, und Ormond schaute mit Entzucken und auch mit heimlicher Sorge in dies feurig gefuhlvolle Herz. Es schien ihm den Stempel des Leidens von der Natur empfangen zu haben, er wusste am besten, welchen Gefahren sie unschuldsvoll dies zarte, empfangliche Innere entgegen trug, und seine Zartlichkeit, seine Sorgfalt fur sie, trug den Karakter der Hingebung, womit wir den lieben, den wir von einem harten Schicksal bedroht wissen. Ganz im Gegentheil von ihrer Schwester war der Lord hier einzig bemuht, die vorlaute Gewalt ihres Herzens zu massigen und ihren Verstand vor einer Unterdruckung zu behuten, zu der die Gelegenheit sich stets geschaftig zeigte. Er betrieb selbst ihren Unterricht; nur aus seinen Handen empfing sie ihre Lekture, ihre Noten, ihre Vorbilder zum Zeichnen.
Ihre Zeiteintheilung, Arbeit und Belustigung, Alles war von ihm angeordnet, und er liebte dies endlich in ihm nur lebende Wesen mit einer Innigkeit, von welcher der eigene Vater keine Ahnung in sich fuhlte.
Jetzt war Ollonie funfzehn Jahr, in grosser Schonheit erbluht, und wenn auch stets noch phantastisch und uberwallend, und einer gleichmassigern Entwickelung ihrer Natur nach vielleicht nicht fahig, doch gerade um so interessanter in dieser bewegten, geistvollen Abschweifung von dem Gewohnlichen.
Ormond behielt den holden Zogling stets im Auge, ihre Zukunft erfullte ihn noch immer mit Sorge, und er kannte nur einen Mann, dem er sie gonnte, nur einen, welchem er den so von ihm gehegten Schatz ubergeben mochte, und dies war, sein Liebling eben so sehr als Mann, wie Ollonie als Weib, kein anderer, als Lord Richmond.
Graf Archimbald hatte ebenfalls fur seinen Neffen und dereinstigen Erben diese Wahl getroffen, und es hatte Ormond seinen ganzen Einfluss gekostet, der beabsichtigten Abschliessung dieser Angelegenheit die nahere Bekanntschaft der jungen Leute vorausgehen zu lassen.
Die Anwesenheit Aller in Burtonhall, wohin auch er mit Erlaubniss des Konigs, der ihn gern zu jener Sendung an die Familie Nottingham beurlaubt hatte, sich begeben durfte, sicherte ihm die Hoffnung, selbst die Herzen seiner jungen Freunde beobachten zu konnen, da Graf Archimbald sich sehr bereit zeigte, seinen Neffen im Auftrage dahin zu senden, und Ormond zweifelte nicht an dem Gelingen dieser so wunschenswerthen Angelegenheit.
In diese Gedanken vertieft, sehen wir ihn seinen jungen Freund erwartend umher wandeln, als plotzlich die Thuren sich offneten und die junge schone Marquise Danville eintrat, die, begleitet von einem Pagen, der ihr vorleuchtete, durch diesen zur Verbindung mehrerer Gemacher dienenden Saal eilte, um sich nach ihren Zimmern zu begeben. Sie gab ein machtiges Erschrecken vor, hier dem einsam wandelnden Lord zu begegnen, aber die Bewegungen des Erstaunens kleideten sie so ungemein gut, dass sie dieselben uber Gebuhr verlangerte, und es sei uns der Zweifel an ihrer Wahrhaftigkeit um so eher vergeben, da Lord Ormond vornehm, reich und mit allen personlichen Vorzugen geschmuckt war, die von dieser geschickten Frau nicht ubersehen werden konnten.
Auch hatte das Schicksal die Lady bisher schlecht bedacht. Im vierzehnten Jahre war sie bereits dem alten Marquis Danville vermahlt, und obgleich jetzt Witwe und Besitzerin eines bedeutenden Vermogens, wunschte die junge Leidtragende doch in aller Billigkeit die Vernachlassigung, die ihre Jugend erfahren, durch den Besitz eines Mannes nach ihrem Sinne auszugleichen. Wenn nun auch Lord Membrocke sich fast bereit zeigte, durch Darreichung seiner Hand sich in Besitz ihrer Reichthumer zu setzen, und wenn sie es auch nicht aufgeben mochte, ihn als ihren Bewunderer gelten zu lassen, hatte sie doch Verstand genug, Lord Ormond fur eine bessere Partie anzusehn. Sie war daher wahrend ihres Beisammenseins mit ihm schon alle mogliche Versuche, ihn zu fesseln, durchgegangen, ohne ihrem Ziele naher geruckt zu sein.
Ha, rief sie, Lord Ormond, Ihr seid bose, mich arme, erschutterte Frau so zu erschrecken, wie konnte ich Euch hier ahnen!
Ich bin bekummert, Mylady, rief der Lord, ihr hoflich entgegen tretend, und gebe zu, dass meine Gegenwart unerwartet ist; aber erlaubt mir nun, Euch meinen Arm zu geben, um Euch nach Euern Gemachern zu geleiten.
Der Lady war dies zwar ganz recht, dass der Lord sie aber nun wirklich ohne Weiteres mit aller Hoflichkeit und unaufhaltsamen Schrittes durch den Saal zu fuhren begann, zertrummerte alle ihre Hoffnungen, die auf ein so interessantes Zusammentreffen gestutzt waren, welches bisher gefehlt hatte und jetzt unbenutzt vorubergehen sollte.
Die kuhlen, hoflichen Worte Ormonds liessen namlich nicht die kleinste Scene einleiten, und so hatten die in so getheiltem Interesse Wandelnden die Gallerie erreicht, woran die Zimmer der Dame stiessen, als Beider Gedanken abgelenkt wurden, durch eine vor ihren Augen sich begebende Scene.
Sie sahen namlich deutlich eine Dame die Gallerie hinabeilen, an ihrer Seite im lebhaften Gesprach einen Mann, den sie Beide augenblicklich fur Lord Membrocke erkannten. Jetzt blieb die Dame stehen, sie wendete sich und schien ihren Begleiter entfernen zu wollen; Lord Membrocke kniete nieder und schien flehend ihre Theilnahme zu fordern.
Die Dame beugte sich, ob zum Abwehren oder Erhoren seiner Bitten, blieb unentschieden, da Beide jetzt erschreckt auffuhren, indem Lord Richmond, der sich zu Lord Ormond begeben wollte, sie fast erreicht hatte und durch seine absichtlich lauten Schritte sich jetzt kund gab. Die Dame verschwand rasch in einer Thur, und Membrocke eilte grussend an Richmond voruber.
Die Heuchlerin! rief die Marquise, dieser Hochmuth vor den Augen der Welt, und doch eine Intrigue mit diesem sittenlosen Lord!
Wen meint Ihr, rief Ormond heftig bewegt; wie konnt Ihr entscheiden, wer diese Dame war, da das Mondlicht allein die Gallerie erleuchtet und wir uns irren konnen, sicher irren.
Irren? rief die Lady stolz und kalt, indem sie ihren Arm aus dem seinigen zog, irren? Wo ware denn zum zweiten Mal diese neu erstandene Maria Stuart, die Ihr selbst wohl hinreichend kennen musst, da Eure Augen sie stets begleiten und jetzt Eure Furcht vor ihrer Beschimpfung Euch hinreichend verrath. Ja, glaubt nur, Mylord, diese Erbin von Maria's Reizen ist auch die Erbin ihres bosen Blutes, ich durchschaute sie schon langst.
Um Gotteswillen, Lady, massigt Euch und seid nicht so grausam voreilig, es kann nicht sein, sicher Ihr irrt, es war nicht Lady Melville.
Mit Hohn blickte die erzurnte Dame in das Gesicht des Grafen, dann rief sie bitter lachelnd: Unser Streit wird bald zu schlichten sein. Dort kommt Lord Richmond; er war ihnen ganz nah, er wird entscheiden konnen, wer diese zweideutige Dame war. Hierher, Lord Richmond! Meine Schritte sind gehemmt durch Erstaunen und Unwillen. Wie ist es moglich, dass Lady Melville sich zu diesem Liebhaber verstehen konnte? Erzahlt uns, habt Ihr gehort, was sie sprachen? Wollte er sie umarmen, erhorte sie sein Flehen? Unter diesen sturmischen Fragen der Lady war Richmond naher gekommen. Aber auch die listige Stellung ihrer Fragen sollte ihr zu keiner Bestatigung helfen; denn Richmonds zartes Gefuhl erkannte mit Widerwillen die heftige Schadenfreude, womit sie das Bose zu vernehmen trachtete, und war sogleich entschlossen, ihr diese nicht zu gewahren. Lord Membrocke habe ich erkannt, erwiederte er ihr daher in gemessenem Tone, uber die Dame aber, in deren Nahe er sich befand, kann ich nicht urtheilen, da das Licht in der Gallerie zu unbestimmt ist, wie Euer Gnaden selbst bemerken werden.
Ein kurzes, bitteres Gelachter brach hier aus dem Munde der hochlichst getauschten Lady. Nun, Mylords, rief sie heftig, wenn Ihr Beide Eure Augen nur habt, wenn es gilt, diese Abenteuerin zu bewundern, so seid sicher, mein Auge war scharf genug, diese angebliche Lady Melville zu erkennen, und ich weiss jetzt genug von ihr. Ich wunsche Euch angenehme Traume, fugte sie spottisch hinzu und verschwand in der Thure, die zu ihrem Zimmer fuhrte.
Die beiden Freunde kehrten schweigend nach dem Saale zuruck, wohin sie zu kommen sich verabredet hatten, aber ohne der ersehnten traulichen Mittheilung zu gedenken, wandelten sie neben einander mehrere Mal auf und ab, bis endlich Lord Ormond Richmonds Arm ergriff und mit einer tief bewegten Stimme ihn anredete: Sprich, Richmond, giebt es keinen Zweifel, bist Du gewiss, dass sie es war?
Sie war es! erwiederte er ernst, denn sie ist nicht zu verkennen.
Grosser Gott! rief Ormond heftig, welch' ein Zusammenhang knupft dies Wesen an den nichtswurdigen Buben? Ich kann nicht glauben, was diese Danville auszusprechen wagt; ein anderer trauriger Zwang muss sie beherrschen. Sie steht verlassen ohne naturlichen Beistand da, jung und unerfahren; welch' ein Hollengedanke, dass es dem gelenken Bosewicht gelingen konnte, diesen Engel zu verlocken!
Und, sagte Richmond, bist Du wirklich sicher, dass sie dieses gute Vorurtheil verdient? Hast Du seither im taglichen Verkehr sie so genau gepruft? Ich kann mich zum Vertrauen noch nicht stimmen lassen, obwol ich es theilnehmend anerkenne, dass es ein hartes Loos ist, so da zu stehn, wie sie. Der kleinste Zweifel an der Reinheit einer Frau hangt sich verunstaltend um sie, wie ein boses Schlinggewachs um der Saule ebenmassigen Bau; und Zweifel mindestens hat sie erregt. Kannst Du die Rathsel losen, die ihr Leben, ihr Erscheinen unter uns begleiten? Kannst Du des Argwohns Dich uberheben, wenn Du sie kennst?
Ich kenne diese geheimnissvollen Umstande, ergriff nun ruhiger Ormond das Wort, und weiss sie nicht zu losen, doch fern bleibt von mir jeder Argwohn. Kenne sie nur erst und lass sie selbst Dir Zeugniss ablegen von der unverfalschten Reinheit ihrer Seele! Sie fuhlt den Schmerz, der ihrer Lage zugetheilt ist, nur als das trostlos plotzliche Vereinsamen eines in Liebesfulle aufgebluhten Kindes; doch fern liegt ihr die Ahnung einer ihr dadurch aufgedruckten Zweideutigkeit. Sie hat den festbegrundeten Stolz der Unschuld und jenes ruhrende Vertrauen in die Wahrheit noch, durch deren offne Enthullung sie sich selbst und uns allen glaubt Genuge gethan zu haben. Sie lebt so ohne Furcht vor uns in diesem Kreise, dass sie sich um nahere Enthullung ihres geheimnissvollen Lebens nur deshalb sorgend muht, weil sie der Unruhe ihrer Freunde uber ihr Verschwinden denkt und es sich selig traumt, diejenigen der Ihrigen, die sie noch am Leben hofft, uns zuzufuhren. Dass uns das Erscheinen dieser Freunde zum Zeugniss uber sie auch nothig scheinen konnte, ahnt ihre Seele nicht. Und wer muss ihren unbekannten Freunden nicht Zeugniss hoher Einsicht ablegen, wenn er die Erziehung dieses Madchens kennt? Die Natur hat an dieser schonen Hulle sich nicht erschopft; frei, grossartig und edel ist jeder Trieb in dieser Brust, doch wie hat auch die Erziehung mit hochster Weisheit, mit Ehrfurcht fast vor dieser naturlichen Gestaltung, gegen alle Verkruppelung sie bewahrt! Ich kenne die Plane, die Berechnungen ihrer Erzieher nicht, darum kann ich nur sagen, es scheint, sie ist zu einer grossen Bestimmung auferzogen, und ihrer Natur eine vollig freie und eigenthumliche Entwickelung gegonnt. Sie hat die Formen, die wir an Frauen lieben, die von der feinsten Sitte der vornehmen Welt erzogen wurden, und dennoch ist es, als ob sie nichts von allem diesen wusste, als ob ihr hohes weibliches Gefuhl sie jedes Mal die Formen erfinden liesse, die dann dem strengsten Richter genugen mussen. Sie geht ruhig, arglos wie ein Kind, unter all diesen verschiedenen Gestalten hier umher und weiss sich uberall zu finden; aber ein unedles Wort reizt schnell dies sorglose Kind, sie hat ein kraftiges Herz, des edeln Zornes fahig, und wunderbar tritt dann ein achter Stolz aus ihr hervor. Dann fuhlt man erst, wie vollig wahr und naturlich sie gebildet ist, und denkt mit Freuden der schonen Natur, die sie so massig, klar und ruhig in allen Verhaltnissen bleiben lasst. Nein, ich kann den Glauben an ihre reine Abkunft nicht aufgeben; es wird noch Licht uber sie kommen; diese Ungerechtigkeit, sie der Missdeutung preis zu geben, begeht der Himmel nicht an seinem Liebling!
Richmond druckte, bewegt von dem warmen Eifer des edeln Freundes, seine Hand, er hatte das schone Bild, welches aus seinen beredten Worten vor ihm aufgestiegen, mit einem unaussprechlichen Gefuhl als ein bekanntes, zum Leben auferstandenes in seinem tiefsten Gemuthe aufgefasst und fuhlte sich davon zu sehr geruhrt, um ruhig plaudernd, wie es die Absicht dieses Beisammenseins verlangte, auszuharren.
Auch schien Lord Ormond davon wie von etwas Ausgesprochenem uberzeugt. Freundlich, innig pressten sie sich, Abschied nehmend, an einander und Jeder eilte, reich mit eigenen Gedanken ausgestattet, zur willkommenen Einsamkeit.
Erst als Ormonds Blicke hier in seinem Zimmer auf eine kleine Zeichnung von Ollonie's Hand fielen, gedachte er, wie so ganz er bei jenem Zusammensein mit Richmond seine Absicht ausser Acht gelassen, ihn aufmerksam auf Ollonie zu machen. Er blieb betroffen stehn, dann schien ihn plotzlich Schreck und Schmerz zu uberwaltigen, er hob die Hande gepresst gegen die Stirn, und wir verlassen ihn, um Richmond zu belauschen, der, sein Zimmer durchmessend, seufzend mehr als ein Mal zu sich sprach: Du armer Bruder! Langst war das Ereigniss, das ihrer Feindin und ihren Freunden so auffallend ward, aus den Gedanken Maria's entschwunden; wir finden sie in ihrem Zimmer, halb entkleidet, auf einem Tabouret, vor dem mit ihrem Schmuck belegten Nachttisch sitzen, und die alte, ihr zugetheilte und sie zartlich liebende Kammerfrau beschaftigt, das schone braune Haar, das wie ein seidner Mantel um ihre Schultern hing, zur Nacht zu kammen und in Flechten aufzubinden. Doch immer zog sie kopfschuttelnd den Kamm zuruck; denn immer beruhrte er funf weisse, schlanke Finger, die trotz der wiederholten Verletzung stets bemuht waren, das zarte Haupt zu stutzen, das, schwer von Gedanken, einem unergrundlichen Geheimniss nachzusinnen schien.
Vergeblich hatte die gute alte Errol gehustet, bei Beruhrung des Kammes um Verzeihung gebeten, ihre sonst stets heitere, auf die alte Pflegerin aufmerksame Gebieterin blieb heute den kleinen, sonst so leicht verstandenen Bemuhungen, eine Unterredung anzuknupfen, unzuganglich.
Ihr seid mude, theure Lady, hob sie nun endlich lauter an, und wenn Ihr Eure liebe Hand zuruckziehn wollt, will ich Euch bald zur Ruhe helfen, aber ich muss doch Eure Haare aufbinden. Ein holdes, aber stummes Lacheln war die ganze Antwort, aber die schone Hand ruhte nun friedlich neben der andern im Schooss und die alte Errol eilte ungestort ihr Werk zu vollenden.
Kein Wunder, fuhr sie fort, noch immer bemuht, ihr Rede abzugewinnen, dass Ihr so mude seid; habt Ihr doch heute Nachmittag gar viel Bewegung Euch gemacht. Wahrlich, Euch kann Niemand ubertreffen. Die jungen Damen, so zierlich sie sind, keine weiss bei allen Spielen das zu leisten, was Ihr vermogt, und ware Lord Richmond nicht gekommen, auch die Kavaliere hattet Ihr besiegt, aber der, das liebe Kind, von Jugend auf war er der Klugste, Beste und Geschickteste!
Lord Richmond, so tonte es jetzt uber die Lippen der schweigsamen Lady, Lord Richmond, ja wohl, Du musst ihn kennen, Du warst ja von Jugend auf in Godwie-Castle.
Ja, Mylady, zu Befehl; und Anne, meine liebe jungste Schwester, die an den Master Jepson verheirathet ist, die war seine Amme. Es war von Geburt an ein schones begabtes Kind, und heute, wie er mit Euch um die Wette durch das seidne Tau lief, da war es mir, als sahe ich ihn wieder als Knaben vor mir.
Aber wo warst Du, Errol, ich sah Dich nicht, als wir heute spielten?
Euer Gnaden, der Master Lovelace hatte uns er
laubt, die obere Gallerie, die an den Speisesaal stosst und gerade auf den Platz sieht, zu besuchen, denn Alle wollten gern den jungen Herrn sehen.
Wahrend dem war die alte Errol mit ihrer Arbeit zu
Ende gekommen. Sie kusste jetzt die schonen Hande, da die junge Dame stets ohne Hulfe ihr Bett bestieg, und entfernte sich, froh, dass sie ganz so freundlich, wie gewohnlich, von ihrer jungen Herrschaft entlassen worden war.
Maria fand sich nun allein. Sie dachte, dass der Au
genblick zu beten gekommen sei, und hoffte dann durch den Schlaf ihrer sonderbaren Stimmung enthoben zu werden. Sie kniete in hoffnungsvoller Erwartung des Gebets vor ihrem kleinen Pulte nieder; aber es blieb Alles stumm in ihr, ihr ganzes Innere schien still zu stehen, und sie selbst stand, wie vor etwas Fremdem, in erstaunensvolle Selbstbeschauung aufgelost. Wie die Hallen an einem Feierabend vor dem Feste, so war ihr Herz mit dem vollsten Schmucke angethan, aber die lautlose Stille darin zeigte an, dass der Morgen noch nicht angebrochen war, der dieser stillen Vorfeier Namen und Bedeutung verleihen sollte.
Kindlich geangstigt von dem Gedanken, nicht
beten zu konnen, hob sie flehend ihre Hand zum Himmel. Herr, mein Gott und Vater! rief sie aus tiefer Brust, sieh mich an und sei mir gnadig!
Dann senkte sie ihr schones Haupt lange auf das Pult, kusste endlich inbrunstig ihr kleines griechisches Evangelium, das ihr zur Erbauung diente, und legte sich beklommen und sich selbst entfremdet auf ihr Lager. Da flossen endlich die Thranen, die sie bisher aus Scham bekampft, und sie wehrte ihnen nicht langer, obwol sie es tadelte, so ohne Ursach zu weinen; und wie ein unschuldiges Kind weinte sie sich in die Arme des Schlafes hinuber.
Die Sonne Englands leuchtet nur selten am fruhen Morgen mit dem hellen, farblosen Lichte anderer Lander. In Nebel und feuchte Dunste gehullt, verbreitet sie ein weniger helles und warmendes, aber alsdann von der zartesten Rosenfarbe magisch verklartes Licht. In langen schmalen Streifen sendete sie am andern Morgen ihren zauberischen Glanz durch die bunten gothischen Fenster in das Schlafgemach der hold noch Traumenden. Auf dem glanzenden Tafelwerk an Wanden und Fussboden schienen die farbigen Scheiben ihr Licht als zerstreute Blumen zu malen, gleichsam neckend, um die Schlaferin zu wecken. So ruhte das schone Kind, ganz ubergossen von den bunten Lichtern, auf ihrem Lager, dessen Vorhange, weit zuruckgezogen, ihnen vollen Einzug gonnten. Doch schon zuckten zuweilen die zarten Augenlieder, und eben wollten die feinen Hande die blendenden Lichter aus den Augen streichen, da vollendeten diese selbst das angefangene Werk, und zwei klare Augen offneten sich dem heitern Morgen.
Mit einer unbeschreiblich sussen Empfindung ward sie sich ihrer selbst bewusst. Wie ein Kind, das liebes Spielzeug wieder erkennt, schaute sie, lachelnd aufgerichtet, umher in das lieblich gefarbte Gemach, den Gegenstanden ihre anmuthigen, wohlbekannten Erscheinungen aufs Neue ablauschend. Als sie auch ihr weisses Gewand und sich selbst mit bunten Lichtern ubergossen sah, entschlupfte sie leichten Fusses dem so lustig bestreuten Lager, und hinaus in die Frische des herrlichen Morgens sehnte sich die heisse Brust. Jugendlich erquickt und erfreut durch den gesunden Schlaf, gedachte sie nicht ihrer Empfindungen am Abend, oder glaubte sie doch, nach fluchtiger Erwagung, glucklich beseitigt. Ein doppelt und dreifaches Leben an seliger Heiterkeit fullte ja heute die gestern so beklommene Brust; sie musste ja niederknien, und dies Mal fehlte das Gebet ihr nicht; ja, ein Hymnus von Dank und Liebe gegen Gott stromte aus dem seligen Herzen, und als sie, von Freude und Andacht leuchtend, aufstand, da schien sie die andachtig harrende Errol zu fragen: Ist es nicht eine Seligkeit zu leben?
Mit dem heitersten Lacheln strich sie uber das alte liebe Gesicht, und ein Kind kann nicht theilnehmender nach der Nachtruh der Mutter forschen, als jetzt das schone Fraulein die alte Dienerin befrug.
Dazwischen lauschte sie stets nach den Fenstern hin, und das erwachende Leben in der Natur entging ihren aufmerkenden Sinnen nicht. Zwar war die Zeit des Sommers schon dahin, aber der Herbst hatte noch sein eigenthumliches Leben nicht verloren, und sie horte von fern den Reiher uber dem Moore sich mit vereinzeltem Geschrei erheben, der Drossel nahen sanften Ton und der Seemowe weitgetragenen, gellenden Ruf. Hell lachte sie den Schwalben nach, die, aus dem Mauergesimse emporschwirrend, sich erst an den glanzenden Scheiben mit dem Kopf stossen mussten, ehe sie den rechten Weg in das Weite fanden. Hinter ihnen her strebte ihre Seele mit Ungeduld und schnell half sie selbst sich in die zierliche Morgenkleidung hullen. Dem Klima und der Sitte gemass, bestand diese weder in Mousselin, noch seidenem Stoffe, sondern sie wahlte einen dunkeln Sammet, dessen Rander mit feiner Goldstickerei zu dem goldnen Netze passten, das die glanzenden Zopfe umschloss und von einem kleinen Federhute uberbaut wurde, der so leicht wie ein Heiligenschein um den Kopf sass, weder der Sonne, noch dem Sturme zu wehren vermogend. Wahrend dies in eigentlicher Schnelligkeit bald beendigt ward, hatte sich zu wiederholten Malen ein Gerausch an der Thure horen lassen, das zwar einen ungestum Harrenden andeutete, aber zugleich von einem Willkommenen herruhren musste, denn jedes Mal blickte Lady Maria mit dem schalkhaften Lacheln zur alten Errol auf, die dann jedes Mal lachend nach der Thur hinnickte.
Jetzt war das schone Wesen von Kopf bis zu Fusse geschmuckt, und trotz des dabei waltenden Eifers doch von keinem andern Gefuhle bewegt, als dem der gehorigen Abfertigung eines nothigen Geschafts. Rasch und von eigener freudiger Ungeduld ubereilt, flog sie gegen die Thur, und sogleich sturzte sich Gaston ihr mit dem ausgelassensten Jubel entgegen, und nachdem sie seine Liebkosungen empfangen, jagte er, die kuhnsten Sprunge wagend, und in langen Bogen sie umkreisend und wieder erreichend, um sie her, wahrend sie selbst, wie ein fluchtiges Reh, uber die Stiegen und Gallerien mit ihm hinab eilte in den herrlich ihr entgegen leuchtenden Park.
Aber welch' ein Morgen schien ihr der heutige. Welch' ein Licht, welch' ein Farbenglanz und welch' eine leichte balsamische Luft, von der sie sich wie getragen fuhlte! Welch' ein Gefuhl von Gluck und Muth und Hoffnung schien ihr von ihm auszugehen. Ihre Seele war befreit von dem Kummer, der seine schwere Hand nach ihr in der Einsamkeit auszustrecken pflegte, die Bilder der verlorenen Lieben ihr vorfuhrend und ihr eigenes vereinsamtes Loos.
Ach! wohl gedachte sie ihrer Lieben; aber heute mehrten sie nur die unschuldige Seligkeit des Herzens, und statt ihrer sonst in Thranen gehullten Bilder verklarten sie sich jetzt in heiter blickende Engel, die aus dem gluhenden Morgenhimmel sich schutzend und segnend uber sie herab neigten.
Ja, ich muss glucklich sein! rief sie sich zu, denn dies wollten sie ja von mir; und zum ersten Male fiel es ihr ein, wie sie ihr das Gluck, das aus einer wahrhaft harmonischen Entwickelung des Menschen hervorgehen musse, und das sie jetzt empfand, als die Aufgabe des ganzen Lebens gestellt hatten.
Sie fuhlte, dass sie an diese Aufgabe zu wenig gedacht, aber heute wollte sie dieselbe zugleich losen. Sie hielt den Schmerz fur besiegt in sich oder doch fur aufgelost in kindlicher Ergebung, und dankte im ausgesprochenen Gebete Gott fur das Gluck, zu leben. Zu leben! setzten ihre Gedanken das Gesprach des kindlichen Herzens fort, und zu leben unter den edelsten und besten Menschen.
Sie sandte ihnen allen tausend zartliche Grusse zu, als sie so eben, eine Hohe ersteigend, das in der Ferne uber den Baumen des Parkes sich erhebende Schloss gewahrte. Ach, mit jenen vereint den Tag zu verleben, schien ihr ein nun erst von ihr verstandenes, geschatztes, unnennbares Gluck zu sein.
An dem Fusse einer grossen Eiche, die noch vollbelaubt mit ihren weit ausgebreiteten Zweigen die Anhohe beschattete, befand sich ein kleiner Sitz, den Lady Maria am liebsten bei ihren fruhen Spaziergangen einnahm. Von hier aus hatte sie einen weiten Blick in die reizende Gegend, die fur sie einen besonderen Zauber trug, denn hier konnte sie mit ihren scharfen Augen die fernen Gebirgslinien des Cheriot und die Grenzen Schottlands erspahen. Der Solway, an dessen Ufern sie als Kind gespielt, war zwar verdeckt von dem Gebirge des Peek; aber diese fernen malerischen Linien, diese ersten Grenzwarten des schonen Landes, das sie als ihr Vaterland ansehen musste, gaben ihrer Phantasie stets die Bilder der Heimat, und es war ihr eine Pflicht geworden, taglich hinuber zu schauen, und sie wie liebe Verwandte zu begrussen.
Sie musste sich heute, wie manchen Morgen damit trosten, die Himmelsgegend aufzusuchen; denn so fern hin ruhten noch dichte Nebelschleier um den Horizont. Aber auch dies gab ihrem lebhaften Sinne Genuss, denn gleich einem ungeheuern Oceane breitete sich der Nebel-Hintergrund aus, wahrend der Punkt, wo sie stand, in seiner saftigen Frische wie eine Oase daraus hervor leuchtete.
Voll athmete sie dem schonen Naturbilde entgegen, und Alles ward ihr heut zum Troste oder zur Freude, und jeder Schatten versank, denn ihr Busen war ausgefullt von einem einzigen, unendlichen Wohllaut!
Gaston, an das Ziel der Wanderung seit lange gewohnt, hatte voransturmend sie hier erwartet, und sass nun aufgerichtet gleich einer Schildwache zu ihren Fussen und schaute mit seinen klugen Augen, wie verstandig, in die Gegend hinein.
Doch jetzt zog er die Ohren horchend an, wandte unruhig und knurrend den Kopf, und ohne sich von der schmeichelnden Hand seines Schutzlings beruhigen zu lassen, schlug er plotzlich hell an und fuhr, seinen grossen Korper rasch erhebend, pfeilschnell nach dem Waldwege hin, der von dort aus gleichfalls zu der Hohe fuhrte.
Lady Marie folgte seinem Laufe mit den Augen und sah, wie Gaston sich in seiner ganzen Lange aufgerichtet gegen einen Mann gedrangt hatte, dem er auf diese Weise verwehrte weiter zu schreiten, da sein wildes Gesicht, gegen das seinige gehalten, ihm jede Bewegung mit einem drohenden Knurren erwiederte.
Gaston, Gaston! rief Lady Marie, furchtlos fur sich und erschreckend uber des Thieres Wildheit, komm zuruck, komm zu mir!
Gaston wandte den Kopf nach ihr zuruck, und schnell dem Rufe der lieben Stimme gehorchend, stiess er den Mann, ihn eben so heftig loslassend, fast rucklings uber und war im selben Augenblicke liebkosend zu ihren Fussen. Noch mit ihm beschaftigt, blickte Lady Marie erst auf, als ste den Schatten des nahenden Mannes vor sich am Boden sah, und jetzt erkannte sie zu ihrem lebhaften Missvergnugen Lord Membrocke.
Wer die schnelle Verwandlung ihrer Zuge und ihrer ganzen Gestalt jetzt betrachtete, musste der Worte des Lord Ormond gedenken, denn mit gerothetem Antlitze hob sie sich so stolz empor, dass ihr leuchtender Blick den Mann vor ihr zu bedrohen schien.
Je mehr sie in einer traumahnlichen Bewusstlosigkeit sich den sussesten Gefuhlen hingegeben und die Wirklichkeit nur in dem schmuckenden Gewande dieser Stimmung erblickt hatte, desto ferner war ihr das Andenken an einen Mann getreten, der ihr so viel Veranlassung zum Zurnen gegeben hatte, und ihren Argwohn und ihre Ungeduld unablassig erregte.
Doch der Lord schien nicht geneigt, den Zorn des schonen Frauleins bemerken zu wollen, sondern naherte sich ihr mit der schlauen Ehrfurcht und Unterwurfigkeit, die ihm allein ubrig blieb, um sich in der Nahe dieses stolzen und klugen Kindes erhalten zu konnen.
Mylady, sprach er, sie ehrfurchtsvoll grussend, ich muss Euch sehr fur Eure Befreiung von meinem Feinde danken, da ich, allerdings uberrascht, auf einem friedlichen Spaziergange so fest an der Gurgel gepackt zu werden, mir wenig zu helfen wusste.
Ich erkannte Euch nicht, Lord Membrocke, als ich Gaston zuruck rief, unterbrach ihn Lady Melville, kalt sich von ihm wendend und in die Gegend blickend; es war eine ganz gewohnliche Handlung des Antheils und vielleicht uberflussig, da Gaston Niemand verletzt und mir nur diesen Platz gern einsam zu erhalten trachtet.
Ich konnte gehen, wollt Ihr sagen, um Gastons handfeste Bemuhungen nicht vergeblich zu machen, setzte er spottisch hinzu; ich bin also offenbar hier zuviel, und hattet Ihr gewusst, dass Lord Membrockes Gurgel unter seinen Krallen zusammen geschnurt war, so hattet Ihr vielleicht es nicht der Muhe werth erachtet, ihn abzurufen. Mylady, erlaubt mir Euch zu sagen, Euer Stolz thut hier Euerm schonen Herzen mehr Schaden, als er verantworten kann. Ihr hasst Niemand so heftig, selbst den armen Membrocke nicht, um ihn gleichgultig irgend einer Gefahr ausgesetzt zu sehen, wenn Ihr sie mit einem Laute Eurer holden Stimme abwenden konntet.
Es lag zu viel Wahres in diesem Vorwurfe, als dass er nicht das offene und bescheidene Gemuth Maria's hatte treffen sollen. Sie glaubte ohne Grund eine unweibliche Harte begangen zu haben, und die fruheren Veranlassungen ihrer nothigen Zuruckhaltung uber diesen Vorwurf vergessend, wandte sie sich mit milderem Wesen zu ihm.
Mylord, sprach sie, in den ruhigen Ton der Hoflichkeit ubergehend, Ihr vertraut meinem Herzen nicht zu viel; ich hoffe, dass es sich nie vom allgemein menschlichen Wohlwollen zu gehassiger Ausschliessung verirren wird. Sollten meine Worte in der ersten Ueberraschung gegen Euch das Gegentheil ausgedruckt haben, so mogt Ihr mir verzeihen.
Lord Membrocke jauchzte innerlich, dies stolze Wesen gegen sich in Nachtheil gebracht zu haben, und hatte Lady Maria das boshafte Lacheln gesehen, womit er hinter ihr stehend sie betrachtete, sie hatte vielleicht bereut, auf seine Worte gehort zu haben.
Was konntet Ihr noch sagen, Mylady, erwiederte er sanft zuruckhaltend, was harter ware, als das grenzenlose Misstrauen, womit Ihr mich behandelt, seitdem Euer bezaubernder Liebreiz aus dem geheimen Abgesandten Eurer Freunde Euren zartlichsten und unglucklichsten Anbeter machte.
Ihr habt mir befohlen daruber zu schweigen, fuhr er fort, als die Lady sich augenblicklich anschickte, die Hohe hinabzusteigen, indem er ihr ehrerbietig, aber nahe genug folgte, um ihr Ohr noch zu erreichen, und ich werde Euern Befehl befolgen, so lange meine schwache Kraft es vermag; aber ich beschwore Euch noch ein Mal, wendet um dieser unschuldigen, unfreiwilligen Vergehung meines Herzens nicht Euer Vertrauen ganz von mir. Denkt, ich wiederhole es Euch, dass ich der Einzige bin, dem sich Euer unglucklicher Oheim vertrauen durfte, um Euch, dem letzten ihm gebliebenen Troste, von ihm Kunde zu geben. Er ist umstellt, verfolgt und jeden Augenblick der Gefahr ausgesetzt, seine Sicherheit durch Flucht bewirken zu mussen. Bedenkt, was Ihr thut, indem Ihr mir versagt, Euch zu ihm zu fuhren, und so die Zeit vergehen lasst, die ich viel nutzlicher an seiner Seite zubringen konnte.
Mylord, sprach hier Lady Melville, ohne still zu
stehen, Ihr behandelt mich auf eine unverzeihliche Weise. Eure unschicklichen Verfolgungen lassen mich nichts fur wichtiger halten, als wie ich mich denselben entziehen soll, und das wenigstens darf ich nicht bezweifeln, dass mein Oheim Euch nie zu seinem Vermittler gewahlt haben wurde, hatte er ahnen konnen, mich dadurch in die beleidigende Vertraulichkeit mit einem Manne zu bringen, der damit anfing, mich zum Gegenstande einer unehrerbietigen Neigung zu machen. Aber davon abgesehen, dass das Vertrauen eines der edelsten Menschen Euch hatte bewegen mussen, mich mit Achtung zu behandeln, muss ich jedenfalls einen Mann gering achten, der eine Lage, wie die meinige, zu benutzen sucht, um, wahrend ich meines naturlichen Schutzes beraubt bin, mir Vorschlage zu thun, an die ich nicht denken darf, ohne Eure Nahe gleich der einer giftigen Schlange zu fliehen. Seitdem Ihr meinen Zorn empfunden habt, erst seitdem tretet Ihr als Gesandter auf, und unter der Autoritat der Namen, die mir heilig sind, sucht Ihr mein verscheuchtes Vertrauen wieder zuruck zu bringen. Vielleicht hatte ich Unrecht, Euch noch ein einziges Mal Gehor zu geben, aber ich bin noch zu jung, zu wenig gewohnt mich selbst zu leiten, und war zu uberwaltigt von dem Gedanken an die Moglichkeit dieses letzten, einzigen Schutzes, der mir geblieben, um dem nothigen und allzusehr gerechtfertigten Misstrauen sogleich Gehor geben zu konnen. Ihr habt, auf diese theure Namen hin, mich mit ungekannten Schrecknissen bedrohend, eine Verschwiegenheit von mir erpresst, die mich unaufhorlich beleidigt, die mich wie eine Schuld gegen die edle Familie belastet, der ich das unbedingteste Vertrauen schuldig zu sein glaube, und welche Ihr mir ohne alle Grunde als Gefahr bringend schildern wollt. Aber seid sicher, mein Herz verwirft diese falsche Stellung jeden Tag lebhafter, und eben heute fuhle ich es unerlasslich, mich wieder rein zu stellen; heute noch soll die Herzogin von Nottingham erfahren, was Ihr von mir verlangt, in wessen geheimer Vollmacht Ihr hier zu sein vorgebt, und hat sie fur mich gepruft, dann mogt Ihr immerhin unter dem Gefolge Euch befinden, das sie mir ersehen wird, um mich an den Ort meiner Bestimmung zu fuhren.
Nun, rief hier Membrocke mit einem Zorn, den er langst einmal gegen das muthige Madchen zu versuchen entschlossen war, und wozu er sich ziemlich durch ihre wegwerfende Antwort geneigt fuhlte; nun so folgt denn Euerm ubermuthigen Sinn und seid es dann selbst, welche die letzte Hand an das Schicksal Euers Oheims legt. Wisset, dass das erste Wort, was mich als den geheimen Freund Eures Verwandten vor dieser Frau bezeichnet, mich zwingen wird, ihn ihr zu nennen und seinen Aufenthalt zu entdecken, und wisset, dass es derselbe ist, der, in die Angelegenheiten des Grafen von Bristol verwickelt, von diesem durch ein einziges Wort zum Schaffot gefuhrt werden kann.
Lady Melville bebte hier unwillkurlich zusammen, und als sie ihr schones Antlitz zu ihm wandte, war es erblasst, und ihr grosses Auge schaute voll Entsetzen zu ihm auf.
Ja, vollendete Membrocke, die ihn erfreuende Wirkung beobachtend, ja, Ihr wollt nicht geschont sein, und sollt es denn endlich wissen, wie schrecklich die Lage Euers Oheims ist, wie sehr sie geschont sein will. Gewiss habt Ihr den Namen Buckingham nennen horen, und musst ahnen, dass Eure Verwandten nur zu nah mit diesem erlauchten Geschlechte verbunden sind. Eben jetzt ist Graf Bristol zuruckgekehrt; wegen der spanischen Zwistigkeiten sucht er sich zu rechtfertigen, indem er den Herzog von Buckingham anklagt. Nur zu leicht wurde ihm das gelingen, konnte Graf Bristol den Aufenthalt Euers Oheims entdecken und ihn vor Gericht laden. Genug Zeugnisse werden gegen ihn reden, denn sein edles vertrauungsvolles Gemuth hatte ihn an Schritten theilnehmen lassen, deren Aufdeckung, nach der ganzlich verfehlten, sicher guten Absicht, jedem Theilnehmer den Tod bringen muss, da es die Auflosung der spanischen Vermahlung und den daraus sich jetzt entwickelnden Krieg betrifft. Das Parlament ist versammelt. Graf Bristol muss seine Anklagen beweisen, wenn er nicht das gezuckte Schwert uber sein eigenes Haupt rufen will. Es blieb Euerem Verwandten nichts ubrig, als Flucht. In tiefster Verborgenheit an der Grenze des Konigreichs harrt er, ob die Nachforschungen Bristols ihm nahen werden, um dann sogleich allein, trostlos und verlassen von aller Liebe, in ein fremdes Land zu fliehen. Die ganze Familie Nottingham unterstutzt diese Nachforschungen; denn sie verhehlen sich nicht, dass ohne diese Beweise die Lage des Grafen sehr bedenklich wird. Geht jetzt hin und entdeckt selbst der Tochter des Grafen Bristol, wohin sich der gefluchtet, den sie um den Preis ihres halben Lebens suchen wurde, und wenn dann das Henkerbeil ihn erreicht, so lasst mir wenigstens die Gerechtigkeit widerfahren, dass ich Euch warnte.
Lord Membrocke hatte mit der vollen Sicherheit gesprochen, die er in der Ueberzeugung gewann, sie erschuttert zu haben; aber seine Berechnungen sollten immer an einem solchen weiblichen Karakter scheitern, von dem er uberhaupt keine Vorstellung hatte. Die heftige Erschutterung des ersten Augenblicks bemeisternd, suchte ihr an klares Nachdenken gewohnter Geist diese uberraschenden Thatsachen zu prufen, und, unterstutzt von ihrem Widerwillen und ihrem Misstrauen gegen den Erzahler, weigerte sich bald ihr ganzes Innere, ihm Glauben beizumessen.
Ich kann nicht denken, dass die Lage meines theuern Oheims so ist, wie Ihr sie darstellen wollt, und niemals kann ich annehmen, dass dieser stolze und reine Karakter in irgend eine Handlung verwickelt sein sollte, die ihn zu einer so schimpflichen Verborgenheit zwingen konnte. Hatte dieser Engel von Milde und Gute sich aber zu einem Schritte weiter verleiten lassen, den er bereuen musste, nimmer wurde er geduldet haben, dass ein anderer dadurch in Gefahr geriethe; er ware der Erste gewesen, der dem Parlament als sein eigner Anklager sich gegenuber gestellt hatte. Graf Bristol hatte in ihm selbst seinen Vertheidiger gefunden, ob auch das Henkerbeil, wie Ihr sagt, dann uber seinem Haupte zuckte. Ha! rief sie, begeistert von dem Tugendzeugniss, das sie diesem geliebten Andenken abgelegt, gesteht es nur, Ihr habt eine schlechte Mahr ersonnen, mich von denen zu entfernen, bei denen ich nur allein Schutz und Hulfe finden konnte gegen Euern bosen Willen, und Gott mag Euch vergeben, dass Ihr dazu mir so heilige Namen missbrauchtet.
Wieder eilte sie heftig erzurnt den Weg vor ihm her, welcher nun in einen breiten Laubgang einlenkte, der aus den Fruhstuckssaal zufuhrte, in dem bereits alle Mitglieder des Hauses und der Gesellschaft versammelt waren. Nun so rette Euch Gott, halsstarriges Madchen, rief Membrocke, und Du, theurer unglucklicher Freund, magst mir vergeben, dass ich Dein mir so heiliges Vertauen an ein so trotziges, wildes Wesen verrieth, auf dessen Liebe Du zu viel bautest.
Lady Melville blieb stehen. Trotz der Gewalt, die sie ihrem Herzen anthat, ihre Besonnenheit zu erhalten, ward doch durch die fruheren Worte Membrokke's in ihr eine Angst erregt, die sie nicht mehr zu beschworen vermochte. Tief aber traf sie der letzte Vorwurf selbst aus diesem Munde.
Gott, Du bist mein Zeuge, rief sie, indem ihre Stimme bebte, dass, konnte ich Euch glauben, ich zu Fuss als Bettlerin, ja, selbst mit Euch, bis an den fernsten Punkt der Erde wandeln wurde, ihn aufzusuchen und ihm mit meiner Liebe innig zu dienen, aber Sie schwieg, und Schmerz und Unruhe lagen so unschuldig ruhrend in diesen holden Zugen ausgedruckt, dass Membrocke, selbst einen Augenblick davon ergriffen, beschloss, sie zu seiner wirklichen Gemahlin zu erheben, und nach dieser tugendhaften Entschliessung um so dreister seine bosen Geister aufrief, sie durch alle erdenklichen Tauschungen in seine Gewalt zu bringen.
Wie kann ich nun wieder diesen Betheuerungen glauben, sprach er mit unverstellter Anmassung, da uberhaupt Eure ganze Theilnahme fur Eure naturlichen Freunde in derjenigen untergegangen zu sein scheint, womit Euch hier diese fremde Familie fesselt?
Einen Tag fruher hatte Maria diesen Vorwurf mit Unwillen zuruckgewiesen; heute bebte sie innerlich davor, aus einem ihr selbst noch nicht bekannten Grunde, wie vor einer Wahrheit zuruck.
Ich weiss, fuhr Membrocke fort, durch den Mund Eures Oheims, dass Ihr noch nicht den Namen desselben kennt, Ihr irrt, wenn Ihr ihn fur einen Grafen von Marr haltet, Ihr beginnet selbst dies zu ahnen und wisst, dass Eure Beschutzer ebenso daran zweifeln. Warum war aber Euer Antheil so lau, dass Ihr nicht von mir eine so wichtige Nachricht vernehmen wolltet, die doch wohl unzweifelhaft mir bekannt sein muss?
Marie ergluhte bei dem Gedanken an diese Art von Rechenschaft, die der fremde verhasste Mann von ihr zu fordern schien.
Erinnert Euch, Mylord, rief sie stolz, dass aus meinem Munde an Euch nie ein anderes Wort ergangen ist, als was ich, von Eurer Zudringlichkeit gezwungen, aussprechen musste; dass ich mich nie zu einer Frage herabliess, die den verhassten Zwang Eurer Nahe mir hatte verlangern konnen, dass ich vor Allem nie anerkannt habe, Ihr konntet irgend etwas von denen wissen, die ich zu hoch verehre, um Euch als ihren Abgesandten ansehen zu mogen. Ein Name, wie wichtig mir auch der rechte sein mochte, wurde, aus Euerm Munde gehort, fur mich keinen hohern Werth haben, als jener, den ich jetzt schon als einen von mir irrig angenommenen ansehen muss. Lasst die Vertraulichkeit, womit Ihr mir Rechenschaft abzufordern geneigt seid, Ihr seid und bleibt mir vollig fremd.
Sie eilte vorwarts, bis zur Halfte schon die Allee zurucklegend, und Membrocke fuhlte nun mit Unwillen, wie schwer ihm hier jeder Schritt gemacht wurde, wie er auch jetzt wieder einlenken musste. Er suchte sie daher zu erreichen, und trotz dem, dass Gaston sich zwischen ihn und seine Gebieterin gedrangt hatte, versuchte er doch so nah und vertraulich, wie moglich, neben ihr zu schlendern, da er im Angesicht des angefullten Saales hoffen durfte, bemerkt zu werden. Dies unterstutzte seine Absicht, den Schein eines Einverstandnisses mit ihr zu erwecken und die in Bezug auf sie gefasste gute Meinung zu erschuttern, welches ihn hoffen liess, eine Spaltung hervorzubringen, die sie hilfloser und isolirter machen musste.
Euer Zorn, hob er aufs Neue an, obwol ich immer dessen Ziel sein muss, legt gegen Euern Willen Zeugniss von Euerm treuen kindlichen Herzen ab, das ich nothig hatte, um Euch nun bald Beweise geben und anvertrauen zu konnen, um deren Wirkung ich sicher bin. Bald erwarte ich meinen Pagen von da zuruck, wo er lebt, der mich bei Euch beglaubigen muss. Bis dahin hort auf meine letzte flehende Bitte, und um des Andenkens willen, das Ihr so hoch haltet, schweigt gegen Jeden, der Euch auch noch so wurdig des Vertrauens scheint. Hort Ihr, mein Page sei zuruck, und ich weiss Euch nichts Genugendes zu sagen oder zu geben, dann sollt Ihr selbst den Tag meiner Abreise bestimmen, ich kann Euch nur dem Schutze des Himmels empfehlen.
Lady Melville wurdigte ihn keiner Antwort, sondern suchte ihm voran zu eilen, und wahrend sie jetzt sich dem Saale naherte, gewahrte sie die ganze Gesellschaft um den frohlichen Genuss des Fruhstucks versammelt.
Wie, rief die Marquise Danville, sehe ich recht? Eilt dort nicht unser kleines Geheimniss, Lady Melville, daher, wenn ich nicht irre, am Morgen in derselben Gesellschaft, von der ich sie am Abend begleitet fand? Doch man hat mir gestern Abend bewiesen, dass ich zu schwach sehe, um mich auf meine Augen langer verlassen zu konnen. Lord Ormond, wollt Ihr mir wohl sagen, da jetzt anstatt des Mondes die Sonne am Himmel steht, wer die beiden vertrauten Personen sind, die dort die Allee entlang zu uns eilen? Oder Ihr, Lord Richmond? fuhr sie in bitterem Spotte fort; denn seht, unserm lieben Lord Ormond erstirbt die Antwort auf den Lippen.
Ohne Zweifel, ergriff Lord Ormond fest und kalt das Wort, ist dies Lady Mellville und Lord Membrokke. Lady Melville liebt fruh in dem Genusse der schonen Natur ihr Gemuth zu erheitern und ihre Nerven in der Morgenluft zu stahlen, welches ihr die bezaubernde Gesundheit des Korpers und des Geistes erhalt, der wir uns alle freuen.
Wahrend dem war Richmond fast ungestum von seinem Sitze geeilt, der nun eintretenden Lady Melville die Thur zu offnen, und Ormonds Aufmerksamkeit zog sich einen Augenblick auf Ollonie, die mit einer seltsamen Ueberspannung in Maria's Arme sturzte, sie heftig kusste und dann an ihr voruber aus der Thur verschwand.
Als Maria am Eingange des Saales einen Augenblick hold grussend stehen blieb, und ihre alsbald wieder klar werdenden Augen freundlich uber Alle hinglitten, da war es ihr, als ob ein boser Damon ihr gefolgt, der erst hier in der Nahe dieser edlen Menschen seine Macht uber sie verliere. Ihre Brust entlud sich der herauf beschwornen Noth, und Friede und susse Hoffnung auf Schutz und Gluck unter ihnen, zog wie der Gruss eines Engels in ihr Herz.
Mit einem unbeschreiblichen Gefuhle kindlicher Ehrfurcht und Liebe naherte sie sich den beiden Herzoginnen, die am Ende des Saales in der Nahe des Kamins mit dem alteren Theile der Gesellschaft sich niedergelassen hatten, und innig ihre Hande kussend, ward sie von Beiden nach einer Jeden Art und Weise freundlich begrusst.
Hierher, Mylady, rief jetzt Lady Danville; hier ist ein Platz fur Euch. Wahrlich, Ihr macht es den Leuten schwer, Eure Gesellschaft zu geniessen. Heute Morgen, als ich Euch mit Gaston in den Park fliegen sah, als ob Ihr wer weiss welche Eile hattet, da suchte ich Euch nachzukommen, begierig von Euch die Freuden eines nebligen Herbstmorgens zu erlernen; aber ich fand bald, dass Ihr Euch fur heute einen andern Schuler erwahlt hattet, und ich furchtete zu storen, als ich Lord Membrocke desselben Weges Euch nacheilen sah. Ich kehrte daher schnell zu diesem warmen Zimmer zuruck, hatte auch auf keinen Fall einen so langen Lehrgang ausgehalten, wie Ihr mit Lord Membrocke zuruckgelegt.
Maria hatte sich zu Anfange dieser Rede der Lady genahert. Wahrend des Verlaufs ihrer Worte blieb sie stehen und blickte voll Erstaunen in die bitter lachelnden Zuge der Marquise. Sie war sich eines gegen sie gerichteten bosen Willens so wenig gewartig, dass sie im ersten Augenblicke zweifelte, ob sie recht hore; als sie sich uberzeugen musste, ihr Zusammentreffen mit dem verhassten Lord werde als ein verabredetes angesehen, und laut und mit Hohn als solches beleuchtet, fuhlte sie sich emport. Ihr Antlitz ward von einer hohen Rothe uberdeckt, ihre schlanke Gestalt hob sich zu einer edeln Majestat, und der ernst gebietende Glanz ihrer Augen setzte Richmond in Staunen.
Ich muss zwar annehmen, Mylady, dass Ihr so eben scherzen wolltet; aber Ihr habt in Eurer guten Laune ubersehen, dass Ihr einen Gegenstand wahltet, der selbst im Scherze das Gefuhl einer Frau beleidigt, und ich bin beschamt, Euch an diesen Missgriff erinnern zu mussen.
Haltet zu Gnaden, stolzes Kind, rief die Marquise, hochroth von Zorn; glaubt Ihr in mir einen so lehrbegierigen Schuler zu finden, wie in Lord Membrocke, so seid Ihr im Irrthum. Erlaubt, dass ich Euch auf diesen Missgriff Eurerseits aufmerksam mache. Ihr aber, Lord Membrocke, seid kuhl geworden in Euerm Ritteramte; warum bekennt Ihr denn nicht den Zufall, dem wir Euer empfindsames Zusammentreffen zuschreiben sollen. Konnt Ihr nicht? setzte sie lachend hinzu, da Membrocke mit einem zweideutigen Lacheln die Achseln zuckte.
Wie durfte mein Mund widersprechen, zischelte er, wo die schone Lady Melville sich so bestimmt erklart hat.
Diese Worte wurden mit Willen halb leise gesprochen, wenn auch deutlich genug, um von den zunachst Stehenden verstanden zu werden, und das Gelachter, welches die Marquise ihnen nachschickte, vollendete das Beleidigende derselben. Aber schon erreichten sie nicht mehr das Ohr des unschuldigen Opfers dieser Bosheiten. Denn die alte Herzogin, auf alle ihre Gaste ein wachsames Auge habend, hatte die erhohten Stimmen am Ende des Saales bemerkt, und, der schutzlosen Maria stets mutterlich gewogen, hatte sie schnell ihren Pagen gesandt, sie an ihre Seite zu rufen. Schon hatte das liebliche Madchen, ihre Leiden vergessend, neben der alten Lady Platz genommen, ohne die Vollendung einer Beleidigung zu ahnen, die sie muthig von sich abgelehnt zu haben wahnte.
Richmond war ihr gefolgt. Wie auch seine innere Empfindung uber dies neue Zusammentreffen mit dem Lord sein mochte, dessen bekannter Karakter dem Rufe einer jeden Frau schaden musste, die man in irgend einem Verhaltnisse zu ihm denken konnte: jedenfalls hatte die Art, wie Lady Melville von der boshaften Marquise angegriffen ward, ihm emporend gedunkt. Wenn er sich seine Meinung auch vorbehalten zu mussen glaubte, wollte er doch nimmer dulden, dass man in seiner Gegenwart und in dem Hause seiner Verwandten ein junges schutzloses Wesen zu beleidigen wage. Der Achtung sich wohl bewusst, die man seinem Karakter zollte, widerlegte er durch die ehrfurchtvollste Hoflichkeit gegen die eben Beschuldigte in den Augen der meisten Anwesenden das eben Gehorte. Er bediente sie selbst mit der liebenswurdigsten Galanterie bei dem Fruhstuck, und der anfangliche Zwang und die Absichtlichkeit, die er sich auferlegte, wichen bald dem Vergnugen, das Keinem in der Nahe Mariens fremd bleiben konnte. Ihr Geist besass heute eine besondere Elastizitat, und die Freude hatte zu vollstandig in dem lebhaft erregten Herzen Raum gewonnen, um nicht bald uber Alle dazwischen getretenen Eindrucke zu siegen. Diese Erschutterungen selbst trugen bei, sie noch lebhafter und anziehender erscheinen zu lassen, da sie ihr ganzes Wesen in Aufregung gebracht hatten. Ihre wundervollen klaren Augen wechselten mit einem fesselnden Ausdruck, und ihr leicht bewegtes Mienenspiel deutete schon, ehe noch Worte ihn bezeichneten, den Gegenstand ihrer Empfindungen an.
Es war Richmond nicht moglich, die Augen von ihr zu wenden, obwol er sich einstweilen mehr noch ein Beobachter, als ein Bewunderer, dunkte.
Und warum war denn meine liebe Maria so erzurnt, als ich sie zu mir rufen liess? frug jetzt die alte Lady, zartlich Lady Melville anblickend.
Unsanft beruhrt mitten in dem heiteren Gesprach mit Richmond, schien sie ihm fast zusammen zu schrecken, und schnell ernst und errothend niederblikkend, blieb sie die Antwort zu lange schuldig, um nicht dadurch aufzufallen.
Ich war unhoflich, fuhr die alte Herzogin gutig fort, ich hatte Dich nicht storen sollen, da Du eben heiter warest; aber das war nur die Neugierde der alten Frau, auch mochte ich nicht zugeben, dass Dir etwas zu Leide geschehe; denn ohne Grund erzurnst Du Dich nicht.
Innig kusste Maria ihre Hand. Das Gefuhl dieses Schutzes sollte mich sanft lassen, unter welchen Umstanden es sein mochte, aber ich habe viel mit meinem ungestumen Herzen zu kampfen.
Die alte Herzogin ward so eben angeredet und druckte nur noch die Hand ihres Lieblinges zur begutigenden Antwort. Lady Melville wandte sich aber sogleich zu Richmond; ihr Gesicht gluhte, und ihre Augen standen in Thranen.
O Mylord, rief sie, wie hasse ich in mir diese leicht veranlasste Heftigkeit, und wie wenig vermag ich sie noch zu zugeln, trotz dem, dass ich ihrer so lebhaft mir bewusst bin. Wir sollen wohl nicht gleichgultig bleiben, wenn uns das Unnothige aufgenothigt wird, aber diese Selbstvertheidigung lasst stets einen Stachel in uns zuruck; denn selten bleibt uns die Gelassenheit, die bloss das Rechte uberhaupt vertheidigt. Leicht mischt sich Beschamung des Andern in unsere Worte, und so wird aus der Vertheidigung eine Art von Rache, die uns dann wieder selbst verwundet und vor uns selbst herabsetzt.
Gewiss, versetzte Richmond, ist hierin die Lage einer Frau noch viel zarter, als die eines Mannes. Wir sind in den vielseitigeren Beziehungen unsers Lebens in viel grosserer Gefahr der Missdeutungen, und wir mussen uns fast an diese Voraussetzung gewohnen und sie ertragen lernen, um unsere Handlungen nicht endlich beschrankt zu sehen von dem gefahrlichen Ehrgeiz, jene zu vermeiden. Oft geht der Weg zu einer feststehenden Achtung und Anerkennung nur durch Ertragung uns fern liegender Anschuldigungen, und es gehort gewiss der wahre Muth der Tugend dazu, wenn wir schweigend unsere Rechtfertigung allein der Gerechtigkeit vertraun, die im Laufe der Zeit jedem wahrhaften Bestreben vorbehalten ist. Doch, wie auch dieser Grundsatz als ein allgemeiner Jedem gelten moge, in den meisten Fallen leidet eine Frau zu sehr unter dem leisesten sie treffenden Argwohn, als dass sie nicht eilen mochte, ihn von sich abzuwehren; und ist der Zorn irgendwo Ihrem Geschlechte erlaubt, mochte es hier sein.
O nein, auch da nicht! rief Maria lebhaft. Ich traumte jetzt schon von der Erreichung einer so stillen in sich begrundeten Wurde, einer Sanftmuth der Seele, die in dem Anklager oder Verlaumder allein den Leidenden, den zu Beklagenden sieht; dann aber muss der Zorn fern bleiben, und unsere Worte werden um so mehr den Karakter der Ueberzeugung tragen. Doch als die grosste Sunde sollten Manner sich furchten, eine Frau uberhaupt in die bose Stimmung des Zorns zu versetzen. Denn ware auch das grosste Recht auf unserer Seite, wir werden uns doch stets im Nachtheil befinden, eben weil wir aus unserer Natur heraustreten. Es bleibt ein Misslaut in uns zuruck, hatten wir auch den glanzendsten Sieg davon getragen. Wussten die Manner doch, wie dankbar wir denen sind, in deren Atmosphare wir rein und furchtlos aufathmen, und sorgenlos unserer Natur uns hingeben konnen, ihres Schutzes gewiss und ihrer edeln Beobachtung aller feinen Begrenzungen unserer dann so glucklichen Existenz!
Richmond hob den sinnend niedergeschlagenen Blick bei diesen Worten zu ihr auf. Ein unbeschreibliches Gefuhl sagte ihm, dass er es sei, den sie in der Lebhaftigkeit ihrer Rede bezeichnet hatte; es ward ihm zur hochsten Sussigkeit, sich sagen zu konnen, er werde von ihr verstanden und anerkannt, und als sein Blick, belebt von dieser Empfindung, den ihrigen suchte, da sank er hinter den feinen Schleier der langen seidenen Augenwimper.
Es blieb ihnen keine Zeit, diese zarte Verlegenheit zu bekampfen; die jungere Herzogin erhob sich und forderte Richmond auf, sie nach ihren Zimmern zu begleiten. Er wusste es wohl, dass ihm hier das schwierige Geschaft oblag, seine leicht gereizte Mutter mit der bedrohten Lage ihres Vaters bekannt zu machen, und es kostete ihm in dem gegenwartigen Augenblick eine besondere Ueberwindung, aus dem weichen Zustand, in dem er sich fuhlte, zu all der Besonnenheit zuruckzukehren, die der vorliegende Gegenstand nothig machte.
Es gelang ihm jedoch besser, als er sich zugetraut hatte; ja, er fand heute sogar ein fast neues Talent in sich, das einer leichteren Auffassung der verwickeltesten Umstande, und da er auch seine Mutter von ihrer Sorge um seinen Bruder erleichtert antraf, der in einem langen kindlichen Briefe seiner Verbindung mit Anna Dorset mit der ruhigen Wurde des entschlossenen Mannes gedacht hatte, fand er sie in einer ansprechenden Stimmung.
Sie sah der Ankunft ihres Vaters mit kindlicher Freude entgegen und setzte zu viel Vertrauen in seinen hohen Ruf, um nicht jede Anklage dadurch entkraftet denken zu mussen. Vielleicht hatte es in Richmonds Auftrage gelegen, ihr diese stolze Sicherheit um etwas zu verringern; aber sein stets gegen diese geliebte Mutter so zartliches Herz vermochte es nicht, sie aufs Neue schon heute zu beunruhigen, wo sie eben erst eines solchen Gefuhls in Bezug auf ihren altesten Sohn sich entledigt hatte. Er glaubte nahere Nachrichten von seinem Oheim abwarten und ihre ihm so heilige Ruhe noch eine Zeitlang bewahren zu konnen.
Ein Versuch, seine Mutter zu einiger Mittheilung uber Lady Melville zu bewegen, scheiterte jedoch, da sie ihm mit der kuhlen Ruhe einer Selbstherrscherin erwiederte, dass sie die etwa nothigen Bestimmungen uber dies Fraulein sich selbst vorbehalten und daher alle anderweitigen Bemuhungen, ihr Schicksal aufzuklaren, sich verbeten habe, indem solche der Ehre und dem Gluck des armen Wesens wenig erspriesslich schienen. Sie ziehe vor, ihr auch ohne weitere Aufklarung ihren Schutz zu bewilligen; worin sie sich jetzt bestarkt fuhle, da die Befurchtung, durch sie die Ehre ihrer Familie bedroht zu sehn, nach Roberts mannlicher Fassung verschwunden sei. Dagegen sprach die Herzogin sich sehr wohlwollend uber ihre kunftige Schwiegertochter aus, unterliess auch nicht der reizenden Ollonie zu erwahnen. Es ward ihr leicht, zu erkennen, wie fern Richmond jeder Gedanke an die Plane seiner Familie liege, da er von der heranbluhenden Jungfrau wie von einem lieben Schoosskinde sprach und in jener gleichgultigen Laune, die weder Lob noch Tadel widerlegen mag, den Versicherungen seiner Mutter zuhorte, dass sie von ausgezeichneten Tugenden des Geistes und Herzens sei. Auch schwieg die Herzogin gar bald, denn sie sah in dieser Vernachlassigung eines Madchens, der sie im Geheim die Ehre zugestanden, ihre Schwiegertochter zu werden, eine Beleidigung sowol fur sich, als fur Ollonie's jungfrauliches Gefuhl; und sie konnte das selbst ihrem Sohne nicht schnell genug vergeben, um ihn so freundlich zu entlassen, als er es erwarten durfte. Doch auch dieser Wink sollte dies Mal verloren sein, denn Richmond ging in Gedanken vertieft von dannen, er frug sich nur, wie die Erwahnung der Lady Melville, die doch jetzt aufgehort habe, seiner Mutter Besorgniss zu erregen, sie so auffallend habe verstimmen konnen? Die alte Herzogin wunschte die Gesellschaft um sich fest zu halten, bis sie selbst mit ihrer Familie nach Godwie-Castle zuruckkehren wurde, und sie war daher unermudlich, in den Vergnugungen und Beschaftigungen um sich her die angenehmste Abwechselung zu erhalten.
Es konnte ihr das nicht fehlschlagen, da ihr die reichsten Mittel nach Aussen zu Gebote standen, da ihre stets gleiche Laune und ihre heitere Milde uberall belebend eingriff, und Jeder durch ihren Beifall sich belohnt sah, wenn er zur Heiterkeit des Ganzen die Hand geboten hatte. Trotz diesem uber alle wehenden Panier der Freude kann wohl Niemand bezweifeln, dass nicht allen das Herz zu dieser einen Losung schlug und Viele, von eignen Betrachtungen beschwert, nur jene schickliche Haltung beobachteten, die nirgends das eigene Interesse geltend zu machen sucht.
Lord Ormond befand sich vornehmlich unter diesen letzteren, denn er war sich seiner bewusst geworden, und hatte sich mit einer unbeschreiblichen Erschutterung eingestehen mussen, durch Lady Melville aufs Neue mit einem Gefuhl bekannt geworden zu sein, dem er sich nicht mehr zuganglich gewahnt hatte. Ja, er musste diese Empfindung dies Mal in sich von einer Hochachtung und einer Theilnahme unterstutzt fuhlen, wie bei seiner fruheren, so ungluckselig leidenschaftlichen Liebe niemals der Fall gewesen. Er hatte anfanglich noch die Schwierigkeiten erwogen, die bei seiner Stellung und seinem Range in der Verbindung mit einem unbekannten Wesen, uber dessen Leben noch so viel Dunkel und Zweideutigkeit lag, ihm zu besiegen oblagen. Aber er erkannte jetzt nur eine Schwierigkeit, nur die eine Furcht, ob er, der so viel altere Mann, das Herz dieses Engels je gewinnen konne, und war zu jedem andern Opfer bereit, wenn er dies eine erlangt haben wurde. Er wollte, im Fall man etwa Bedenken truge, seine Gemahlin bei Hofe zu empfangen, seinen Abschied nehmen, und seine Guter durch allen Zauber von Kunst und Kultur zu einem wurdigen Boden fur sie umschaffen. Aber diesen wichtigen Augenblick, der daruber entscheiden sollte, wagte er nicht herbei zu fuhren ja, tausend Bedenklichkeiten liessen ihn vielmehr denselben stets weiter hinaus schieben. Er horte indess nicht auf, sie mit der zartlichsten Aufmerksamkeit zu bewachen, und erkannte nur zu bald mit Sorge, wie die kindliche Ruhe und das herrliche Gleichgewicht ihres ganzen Wesens von ihr zu weichen begann, und bald einer schwermuthigen Stimmung, bald einer uberreizten Lebhaftigkeit Platz machte, was auf einen innerlich leidenden Gemuthszustand schliessen liess. Er suchte sie stets zu unterstutzen, seinen Worten ohne Beziehung einen allgemein beruhigenden Karakter zu geben, sie vor der neugierigen Zudringlichkeit Anderer zu bewahren und ihre eigenen Aeusserungen, die immer mehr den Ausdruck des Leidens trugen, vor Missdeutungen zu schutzen.
Sie schien die Nahe eines sorgsamen Freundes in ihm zu ahnen, und es war ihm, als ob sie ihn stets unter allen ihren Umgebungen suche und in seiner Nahe allein zu der harmlosen Ruhe zuruckzukehren vermoge, die sonst ihr eigenstes Element war. Wie konnte Ormond sich enthalten, auf diese ihm so susse Wahrnehmung die Erfullung der Hoffnungen zu bauen, die ihn jetzt einzig belebten. Und dennoch wagte er das entscheidende Gesprach noch nicht mit ihr einzuleiten. Jeden Versuch, tiefer in ihr Vertrauen einzudringen und namentlich sie uber ihr, ihm stets unbegreiflicher werdendes Verhaltniss zu Lord Membrocke zum Vertrauen zu wecken, blieb nicht nur ohne Erfolg, sondern schien sogar jedes Mal so viel Unruhe, ja, Schmerz ihr zu verursachen, dass er nicht oft sich uberwinden konnte, dazu erneute Veranlassung zu geben.
Wie nahe aber auch dieses Interesse seinem Herzen lag, Ormond hatte sich zu lange gewohnt, seinen Umgebungen eine grossere Theilnahme, als sich selbst, zu schenken, um auch nicht jetzt noch fur Alle theilnehmend zu bleiben, und so lag ihm zunachst ob, Ollonie zu beobachten, welche ihn in die schmerzlichste Unruhe versetzte.
Das holde leidenschaftliche Kind schien jetzt uber alle Grenzen erregt, in einem bestandigen krampfhaften Zustande zwischen Lachen und Weinen zu schweben. Auch hier, wo sonst Ormond das unbedingteste Vertrauen fand, ward er jetzt zuruck gewiesen, und seine vaterlich ernsten Vorstellungen, ihr sonderbar ubertriebenes Wesen mehr zu beherrschen, hatten sie laut weinend, wie in einem Zustande von Verzweiflung, zu seinen Fussen gefuhrt; ja, viele Tage spater durfte nur sein Blick sie aufmerkend erreichen, um neue Thranen aus ihren Augen zu locken.
Immer von der einen Idee erfullt, in Richmond und Ollonie dereinst ein Paar zu sehen, begann Ormond ihren Zustand auf ihr erwachtes Gefuhl fur Richmond zu beziehen. Dass dies Gefuhl bei dem geliebten Kinde fur ihr ganzes Leben bedeutend sein wurde, hatte der zartliche Freund stets erwartet, und nur den Himmel angerufen, sie glucklich in ihrer Liebe sein zu lassen, da ihm die Leiden einer unglucklichen Liebe fur dies Gemuth hochst gefahrlich erschienen. Welches aber ihr Loos bei Richmond sein wurde, das blieb ihm immer, je langer, je mehr ungewiss, denn Richmond hatte ein vorherrschend ernstes Betragen angenommen und hielt sich mehr, als gewohnlich, von dem nahern Umgange der Dame zuruck. Selbst eine fruhere Vermuthung, dass Richmond, von den Reizen der Lady Melville hingerissen, sein Herz an diese verloren habe, bestatigte sich nicht, indem er auch sie zu vermeiden schien, und, sich auf seinem Zimmer in Bucher und Schriften vergrabend, den melancholischen Ernst seiner Zuge hinreichend vor ihm durch die Sorge um Lord Bristol rechtfertigte, dessen Lage immer bedrohlicher sich zu gestalten schien.
Ein auffallendes Ereigniss bestimmte endlich Ormond, den letzten, ihm so gewagt erscheinenden Schritt bei Lady Melville zu versuchen.
Der jungere Theil der Gesellschaft hatte sich durch eine Morgen-Promenade zu Pferde erheitert, und man hatte so eben den Schlosshof erreicht, als Lord Membrocke seinem Pferde die Sporen gab und pfeilschnell auf einen Jungling in Reisekleidern zusprengte, der im Hofe harrend unter den ubrigen Dienern stand und, sogleich dem Lord den Steigbugel haltend, ihm beim Absteigen ein Packet uberreichte.
Zwischen Ormond und Lady Arabella ritt Lady Melville still und gedankenvoll zunachst in den Schlosshof ein. Als sie sich so eben aus dem Sattel gehoben hatte, nahte ihr Lord Membrocke mit triumphirender Miene, hob das Briefpacket in die Hohe und rief, bedeutungsvoll sich neigend: Ich habe die Ehre, Mylady, Euch anzuzeigen, dass mein Page so eben von seiner Reise zuruckgekehrt ist.
Sogleich legte sich Todtenblasse uber Maria's Angesicht; aber als Membrocke noch einen Schritt naher trat, stiess sie einen herzzerreissenden Schrei des Entsetzens aus und sank, ohne dass die uberraschten Anwesenden es hatten verhindern konnen, auf den Boden nieder. Sogleich ward Alles thatig. Mit einer wuthenden Heftigkeit stiess Richmond Lord Membrocke, der ihr zunachst stand und sie beruhren wollte, zuruck und richtete sie selbst auf, indem er mit lauter Stimme nach einem Sessel rief. Denn obwol sie vom Boden aufgehoben worden, so zeigte sie dennoch, dass ihre Besinnung noch nicht vollstandig genug war, um sich auf den Fussen halten zu konnen.
Sie offnete jetzt die Augen und blickte Richmond an; dann schlossen sich diese wieder, und sie schien aufs Neue ihrer Sinne beraubt. Richmond eilte, die Lady auf den herbeigetragenen Stuhl sanft aus seinen Armen niederzulassen, dann ubergab er sie der Sorgfalt der Frauen, bestieg sogleich sein Pferd und ritt, die Herren fluchtig grussend, langsam uber den Hof, in der Richtung des eben zuruckgelegten Weges.
Von der heftigsten Bewegung ergriffen, brachte Ormond mehrere Stunden einsam in seinen Zimmern zu. Nein, er durfte dies geliebte Wesen nicht langer schutzlos den Verfolgungen des Mannes hingeben, der uber sie ein unbekanntes Recht auszuuben schien, das sie mit Entsetzen erfullte, und das sie doch anzuerkennen gezwungen schien. Noch heute wollte er ihr den Schutz anbieten, den seine ehrerbietige Liebe ihr gewahren konnte; als ihr Verlobter hatte er das Recht, ihre Sorgen zu theilen und jeden ihr Ueberlastigen zu entfernen. Langer damit zuruckzuhalten, schien ihm feigherzige Schwache, und er eilte hinweg, um uber ihr Befinden Erkundigung einzuziehn.
Lord Membrocke begab sich indessen mit seinem wichtigen Paket nach seinem Zimmer, wohin ihm sein gewandter Page folgte. Er hob aus einem Briefe Bukkinghams, zu seiner unsaglichen Freude, einen zweiten hervor, der, mit dem Siegelring des Prinzen von Wales verschlossen, die Aufschrift: An Lady Maria Melville, zeigte. Dies schien ihn so vollstandig zu befriedigen, dass er fast Buckinghams Brief zu lesen ubersah, indem er seinem Pagen unaufhorlich Auftrage gab, die, von dem listigen Knaben wohl verstanden, auf eine schnelle Abreise hindeuteten. Wir wollen uns indessen mit dem Inhalte des ungelesenen Briefes bekannt machen, wie es der Lord, wenn auch spater, doch wol schwerlich unterlassen haben wird.
"Du hast aufs Neue gezeigt," schrieb Buckingham, "dass Du eigentlich zu nichts taugst, was uber den Gesichtskreis einer kopflosen Weiberintrigue reicht, und konnte ich in dem alten Eulennest bei diesen lacherlichen Tugendhelden, diesen Nottinghams, einen andern meiner Geschaftsleute brauchen, so wurde ich Dir befehlen, angesichts dieses das Feld zu raumen. Denn wie Du auch die Sache einhullst, es ist nur zu klar, Du hast wie der jammerlichste Stumper das Madchen verschuchtert, ehe Du sie sicher hattest. Du hattest vergessen, dass ich Dir befohlen, sie zwar zu entfuhren, aber dabei eingedenk zu bleiben, dass Du meine Nichte entfuhrtest, die etwas zu weit uber Deine Person erhaben ist, als dass Du mit Deinen gewohnlichen Planen an ihr nicht Deinen Hals wagen wurdest. Genug, Dir bleibt nur das eine Verdienst, dass Du, als ein ausgearteter Verwandter dieser Familie Nottingham, auf eine Zeitlang unter ihnen geduldet werden kannst, und ich entsetze Dich Deines Amtes nicht, damit es Dir vergonnt bleibe, durch Dein ferneres Betragen mir noch einige Proben von Deinem bis jetzt nicht verspurten Witze abzulegen.
Dein Einfall mit dem Briefe ist nicht ubel, und wenn sie Dir darauf freiwillig folgt, so bist Du im Fall der Verfolgung gedeckt; und erkenne ich sie spater an, mochte es wenig darauf ankommen, ob auch die ganze Welt wusste, sie ware mit Dir davongegangen. Ausser vor dem hohen Areopagus der Nottinghams wird die Nichte Buckinghams wol uberall ihre volle Geltung behalten. Ein Hauptspass ist es dabei, dass ich ihnen so, ohne dass sie es ahnen, einen Gegenstand aus den Handen spiele, den sie jetzt mit vornehmer Pietat dulden, und der ihnen so wichtig scheinen wurde in ihrer verwickelten Angelegenheit mit Bristol! So viel ist gewiss, Karl seufzt nach diesem Madchen, wie eine Mutter nach ihrem Schoosskinde, und waren diese Nottinghams seine argsten Feinde, wie sie es uberdies nicht sind, er wurde ihnen den Dienst, ihr Leben gerettet zu haben, mit nichts glauben vergelten zu konnen und selbst auf meine Kosten mit diesem Bristol sie bezahlen. Dabei ruckt die Zeit immer naher, welche das Wollen und das Konnen in eine Hand geben wird; denn Vater Jakob sieht aus wie die verschossenen Gobelins im Ahnensaale, und selbst die grosse Abschliessung von Babys Vermahlung mit Frankreich vergisst er jeden Augenblick wieder, und glaubt, die Infantin werde erwartet.
Beeile Dich jetzt, sie wegzubringen; ich habe mehr zu bedenken, als dies Madchen, und doch muss sie in meinem Gewahrsam bleiben, bis die franzosischen klugen Herren mir ihre Prinzessin uberliefert haben und dieser Prozess, der den hochmuthigen Bristol sturzen soll, beseitigt ist. Dann soll Frankreich, welches schon uber meinen Einfluss zu triumphiren glaubt, erfahren, dass Buckingham gegen die Reize ihrer Prinzessin ein Gegengift in dem Besitz einer berechtigten Nichte hat, und die stolze Herzogin von Nottingham, die einst Buckingham verschmahen durfte, soll bejammern lernen, dass sie Buckinghams Nichte nicht fruher erkannt hat, um ihren Vater damit retten zu konnen.
Wenn Du Dich klug und bescheiden betragst, wird Dein Verdienst beim Vater des Madchens einzukleiden sein; aber sei schnell und lasse mich nicht langer horen, dass Du sie mit Gewalt nicht entfuhren darfst. Folgt sie Dir nicht willig, so befehle ich Dir, entfuhre sie mit Gewalt; denn sie muss verschwunden sein, ehe die Ahnung ihres Werthes laut wird. Bedenke, dass ich keinen Fuss eher aus England setze, bis ich sie gewiss habe. Du findest in Berrystreet Alles zu ihrem Empfange bereit, und wie es der Rang fordert, den sie beim Eintritte in mein Haus einzunehmen berechtigt ist. Du aber wirst sogleich mir selbst die Nachricht des glucklichen Gelingens uberbringen, und dann die Ehre haben, mich nach Frankreich zu begleiten, wohin ich mich begebe, die Hand der koniglichen Henriette zu empfangen und die schonste der Frauen wieder zu sehen.
Warum hast Du mir nicht lachen helfen, als Tomson mit seiner geubten Feder den ruhrenden Brief verfasste, der meine kleine sprode Nichte in meine Hande liefern soll. Ich schwore Dir, dass ich, der ich taglich die Handschrift des Prinzen sehe, sie nicht unterscheiden konnte. Den Siegelring kennt sie auch, denn Karl schwatzt den ganzen Tag von den Wundern, die er und der steife Narr, der Nottingham, an dem Dinge wollen erlebt haben.
Nun, mir kann es recht sein. Dabei merke ich wohl, dass diese Korporation von Heiligen mich als den nahen Blutsverwandten selbst in eine Art Heiligthum gehullt hat, und dass sie meinen Namen mit gehoriger Hochachtung betrachtet. Viel zu viel habe ich Dir nach Massgabe Deiner geringen Verdienste geschrieben, ich furchte fast, es ist ein bischen Langeweile dabei, mitunter denke ich, dass Du mir fehlst. Deine Schulden sind abermals bezahlt, der Kastellan von Berrystreet hat fur Dich einige Wechsel. Buckingham.
NB. Damit Du den Inhalt des ruhrenden OheimsBriefes kennst, erfolgt hier die Abschrift."
Sie lautete, wie folgt:
"O, weigere Dich nicht langer, dem Einzigen zu folgen, der sich dem gefahrlichen Unternehmen unterzog, Dich zu mir zu fuhren!
Ein schreckliches Geschick macht die edelsten Menschen zu meinen bittersten Feinden; Du darfst Dich ihnen nicht vertrauen, ohne grosses Elend uber mich zu bringen. Glaube nicht, dass ich uber die Thorheiten dessen blind bin, dem Du Dich vertrauen musst, aber es blieb mir keine Wahl. Mir ist er ergeben, davon habe ich Proben; muthig und treu ist sein Sinn. Folge ihm ohne Verzug, ohne Sorge, nur an Deinem Herzen kann ich die Schmerzen ausweinen, die mich zerreissen. Ich unterschreibe mich nicht, Du kennst Handschrift und Siegel."
Zwar war Membrocke vom Inhalte beider Briefe wenig erbaut; doch sein Leichtsinn liess ihn bloss im Hintergrunde die Reise nach Frankreich sehn und im nachsten Augenblicke die Sicherheit, jetzt das stolze Fraulein in seinen Besitz zu ziehen. Trotz Buckinghams Droh-Brief behielt er sich doch vor, die Angelegenheiten hier nach seiner Ansicht zu ordnen und, so viel sich nur erreichen liess, fur sich zu gewinnen, denn bei seinem Mangel an aller Achtung fur Frauen zweifelte er nicht, dass eine Fluchtreise tausend Verhaltnisse herbeifuhren musse, welche dann zu seinen Gunsten zu leiten, ihm immer noch ein Leichtes schien.
Fur den Rest des Tages blieb Lady Maria in Gesellschaft der Lady Arabella auf ihrem Zimmer. Lord Ormond und Membrocke mussten beide daher ihre Ungeduld bis zum andern Tage zugelu.
Als Lady Maria am andern Morgen zum Fruhstuck erschien, trug sie den unverkennbaren Ausdruck des tiefsten Grames; ihr Antlitz war blass, und ihre Augen schauten so gross und kalt und mit einem so trostlosen Ausdrucke umher, dass sie Niemand ohne Antheil sehen konnte. Sie blickte von Einem zum Andern in gleicher Theilnahmlosigkeit, und schob ihren Sitz zwischen die jungen Damen ein, die sie alle mit Beweisen der grossten Zartlichkeit uberhauften.
Ormond blieb in der bewegten Stimmung, die ihm der so nah ruckende wichtige Augenblick gab, lieber fern von ihrer Nahe. Membrocke aber genoss die stolze Sicherheit des nahen Gelingens und fragte wenig nach der kleinen Gunst, die zu erringen hier sehr zweifelhaft war. Er kundigte dagegen der alten Lady seine Abreise nach London an, da Seine Majestat die Gnade gehabt habe, ihn zu der Gesandtschaft zu ernennen, die zur hohen Vermahlungsfeierlichkeit sich mit dem Herzog von Buckingham nach Frankreich begeben werde.
Man horte die Nachricht mit so wenig Betrubniss an, als irgend die Hoflichkeit gestattete, und der Lord wendete nun seine gnadige Aufmerksamkeit ausschliesslich der Marquise Danville zu.
Richmond allein naherte sich der Lady Maria. Als er sie anredete, bebte seine Stimme, und als Maria ihre schwermuthigen Augen, von der seelenvollen Stimme ergriffen, zu ihm aufschlug, da strahlte ihr eine solche Fulle des Gefuhls aus seinen Zugen entgegen, dass augenblicklich das verschwundene warme Leben in ihren Busen zuruckkehrte, und ihre Zuge den bezaubernden Ausdruck wieder annahmen, der ihnen so eigen war.
Richmond konnte diese von ihm bewirkte Veranderung nicht verkennen, und er gab sich dem verfuhrerischen Vergnugen hin, an dem Geiste dieses schonen Wesens sich zu erfreuen.
Sie hatten beide ziemlich die Welt um sich her vergessen, und Richmond gewahrte zu spat, dass die Augen seiner Mutter in starrer Prufung auf ihm ruhten. Er horte nicht mehr, was Maria ihm sagte, noch ein Mal blickte er sie an, als wollte er den Ausdruck ihrer Zuge mit sich hinweg nehmen, dann verliess er sie mit der kalten Hoflichkeit, die er seit lange allein fur ihr Verhaltniss passend erachtet hatte. Maria versank aufs Neue in die Apathie, aus der sie nur augenblicklich gerissen schien, und als Lord Membrocke sich ihr mit Zuversicht naherte und sie um eine Unterredung bat, neigte sie bejahend ihr Haupt mit einer Ergebung, als konne keine Gewalt der Erde mehr das drohende Schwert von ihrem Haupte abwenden.
Was ich jetzt von Euch noch zu horen habe, macht es kurz, Mylord! sprach Lady Melville, als sie in einer halb offenen Saulenhalle, die der Lord zu seiner Audienz erbeten hatte, ihn sich ihr nahen sah. Sie hatte alle ihr noch mogliche Kraft und Besonnenheit hervorgerufen, um sich durch nichts uberraschen oder verfuhren zu lassen, und hoffte noch immer, er werde die ihm. uber sie verliehenen Rechte nicht genugend beweisen konnen.
Lord Membrocke fand es leicht, den bescheidenen Mann zu spielen, da er im nachsten Augenblicke seinen Triumph feiern konnte, und indem er ihr ehrerbietig einen Sessel zuschob, blieb er in gemessener Entfernung vor ihr stehen.
Mylady, hob er an, meine Worte sollen Euch nicht langer belastigen. Ich bin nur der Ueberbringer eines Schreibens, das wahrscheinlich beredter zu Euch sprechen wird, und ich bin blos hier, um zu horen, was Ihr, nachdem Ihr den Inhalt kennt, mir zu befehlen haben werdet.
Mit diesen Worten entfaltete er langsam vor den ihn scharf beobachtenden Augen der Lady ein Portefeuille, aus dem er den verhangnissvollen Brief hervorzog. Leichenblasse und hohe Glut wechselten in den Zugen Maria's, als er ihn ehrerbietig. hinhielt. Sie griff darnach, als sie ihn aber gefasst hatte und die ewig theuern Zuge der Handschrift dieses geliebten Oheims zu erkennen glaubte, als diese Ueberzeugung noch durch den Anblick des Abdrucks seines Siegelringes verstarkt ward, unterlag sie ihren machtig sie uberraschenden Empfindungen, und mit einem Strom von Thranen sank sie in den Sessel zuruck. Ach, sie hatte sich verachtet, ware noch ein Zweifel in ihrem unschuldigen Herzen geblieben; und ehe sie noch den Inhalt kannte, war sie schon entschlossen, jede Bedenklichkeit zu unterdrucken und Alles zu befolgen, was ihr darin aufgegeben wurde.
Mit der kindlichsten Ehrfurcht las sie nun die liebevollen Worte, die so viel Schmerz und so viel Liebe und Vertrauen zu ihr ausdruckten; sie presste sie endlich an ihre Brust, hob die in Thranen schwimmenden Augen wie zu einem kurzen Gebete zum Himmel und erhob sich dann vollig entschlossen von ihrem Sessel.
Ich bin jetzt uberzeugt, dass mein Oheim mich selbst zu sich beruft, dass er selbst meine Verschwiegenheit gegen meine Wohlthater verlangt, dass mir kein anderes Mittel ubrig bleibt, die Befehle meines einzigen mir gebliebenen Verwandten zu erfullen, als Euch zu folgen und heimlich zu folgen. Sie sprach diese Worte mit einem Widerstreben, dass sie trotz der Absicht, den Vertrauten ihres Oheims nicht mehr zu beleidigen, doch nicht zu unterdrucken vermochte.
Ich war dieses Eurer so wurdigen Entschlusses gewiss, erwiederte Membrocke, und habe daher Alles zu meiner Abreise vorbereiten lassen. Ich werde, wenn es Euch also gefallt, morgen Mittag offentlich abreisen, am Abend zuruckkehren, und Euch mit einem raschen Pferde und sicheren Gefolge am nordlichen Ausgang des Parkes erwarten. Ihr musst Euch dahin begeben, so bald Ihr Alles in Ruhe wisst; denn uns bleibt in dieser ersten Nacht ein bedeutender Weg zuruck zu legen, um uns vor den gewiss erfolgenden Nachstellungen verbergen zu konnen.
Er hatte sich beeilt, Alles, was nothig war und sie in seinen Einzelheiten erschrecken musste, in diesen Augenblicken der ersten Ueberraschung vor ihr auszusprechen. Sie stand sprachlos vor ihm und er hatte noch lange sprechen konnen, ohne dass sie ihn unterbrochen hatte; denn sie schauderte, wahrend er seinen Plan vor ihr entwarf, uber die schreckliche Lage, in die sie sich durch diesen Entschluss versetzte. Ihre kindliche Liebe, ihr Pflichtgefuhl, alles, was einen Augenblick fruher sie uber jede Rucksicht erhoben hatte, reichte nicht mehr zu, wenn sie nun zugleich der Vertraulichkeit und Gewalt gedachte, die sie diesem Manne einraumte, und des schmahlichen Verdachtes, den sie in dem Kreise ihrer bisherigen Beschutzer uber sich zuruck liess. Die theuern Gestalten in all ihrer ernsten Tugend gingen mahnend an ihr voruber. Ach, wie schwer war es, auf ihre Achtung zu verzichten! Wie erschwerte es die Trennung von ihnen, die auch ohne diese Zugabe ihr Herz zu zerreissen drohte, so grausam! Sie erwog die Moglichkeit, sich rechtfertigen zu konnen, sie wollte einen Brief zurucklassen, der ihre Unschuld betheuern sollte, aber auch dazu sank ihr der Muth, da sie fuhlte, dass nur Angabe der Grunde ihres Schrittes sie rechtfertigen konnte, indem die Flucht mit diesem Manne eine Handlung war, die jede allgemeine Versicherung ihrer Unschuld entkraften musste.
So blieb ihr denn nichts, als vollige Ergebung, und ihr reines Herz hob sich voll Vertrauen zu dem empor, der ihre Unschuld kannte, und in dessen Hand es lag, sie von jeglichem Verdachte zu retten. Sie gedachte mit tiefer Wehmuth der Worte Richmonds, dass das muthige Ertragen des bosen Verdachts, im Gefuhl einer hoheren Absicht, in einzelnen Fallen als eine allgemein Jedem gestellte Aufgabe anzusehen sei, und dass sich daran die Wurde des inneren Bewusstseins starke. Diese Aufgabe nun war ihr so bald zu Theil geworden, und ach, ihm nicht einmal durfte sie es sagen, dass sie sich der Prufung unterzog. Sie fuhlte die ganze Bitterkeit dieses Schmerzes, und ihre junge Brust ergriff ihn mit aller Kraft eines neuen Gefuhls. Aber der Schmerz verleiht auch Kraft, und ihn muthig in seiner ganzen drohenden Gestaltung anblicken, bewaffnet uns unwillkurlich gegen ihn. Maria fuhlte etwas dem Aehnliches. Sie hatte, wahnte sie, das Schmerzlichste durchgefuhlt; jetzt trat das Bild ihres leidenden Verwandten wieder vor ihre Seele, und mit edelm Muthe beschloss sie, auch um so hohen Preis ihm Alles zu sein.
Es mag so bleiben, wie Ihr sagtet, sprach sie zu Lord Membrocke, der, noch immer ohne Antwort, in dem schnellen Wechsel ihrer Zuge ihre Entschliessungen zu lesen versucht hatte.
Ich bitte Euch uberdies um Verzeihung wegen meines Betragens; Ihr musst mich mit den Fehlern entschuldigen, die Ihr ohne Zweifel bei der Art gemacht habt, wie Ihr mich von Eurer Sendung unterrichten wolltet. Ich habe jetzt den besten Willen, Euch zu vertrauen, sorget durch Euer Betragen dafur, dass es mir moglich bleibe, wozu der einzige Wunsch sein kann, dass ich nie etwas Anderes, als den Gesandten meines Oheims, in Euch wahrnehme. Er kniete nieder, um sein spottisches Gesicht zu verbergen, und ihre Hoheit persiflirend, kusste er den Saum ihres Kleides, indem er rief, eine gekronte Konigin solle ihm nicht heiliger sein!
Ein kurzer Schrei Maria's schreckte ihn auf. Sprachlos vor Schreck, deutete sie seitwarts, wo eben eine weibliche Gestalt, der Marquise Danville nicht unahnlich, nach den inneren Gemachern zu verschwand, wahrend am Ende des Kreuzganges Lord Ormond an Richmonds Arm gelehnt sich zeigte.
Steht auf, rief sie heftig, und entehrt mich nicht vor der Zeit durch Euer Betragen! Lord Membrocke erfullte dies so beleidigende Gebot gerade mit so viel Musse, wie nothig war, um gewiss zu sein, dass beide Lords ihn zu ihren Fussen gesehen hatten, und entfernte sich dann, sie vertraulich grussend. Dies entging der unglucklichen Maria, denn bei dem Anblick dieser beiden Manner und der Stellung Membrocke's war sie einer Ohnmacht nahe, und uberwaltigt von der schrecklichen Ueberzeugung, dass ihre Verurtheilung schon jetzt und eben damit angefangen habe. Sie fuhlte aufs Neue ihre Kraft sinken, noch ein Mal fragte sie angstvoll ihr Gewissen, ob es nothig sei, sich selbst so grausam anzuklagen; ja, es fiel ihr sogar der bis dahin nicht moglich geachtete Zweifel an der Forderung ihres Verwandten ein. Sie fuhlte, dass Kummer und Ungluck diesen edeln Mann etwas aus seiner Hohe herabgezogen haben mussten, da er nicht anstand, sie einer so zweideutigen Lage hinzugeben. Aber, rief ihr edles Herz, eben darum muss ich zu ihm; heilen muss meine Liebe dies edle Wesen! Abermals war sie entschlossen, und ein lauter, tiefer Seufzer beendigte diesen schrecklichen Kampf.
Und warum theilt Lady Maria mit Niemand den tiefen Gram, dem sie zu unterliegen scheint, sprach hier eine sanfte, geruhrte Stimme, und Maria, die den Nahenden nicht bemerkt hatte, blickte in Lord Ormonds theilnehmendes Antlitz. Maria schuttelte nur langsam das Haupt, ihre Lippen blieben verschlossen.
O, theure Maria! rief er jetzt lebhafter, warum hat nur ein Einziger das Recht, Euer Vertrauen zu geniessen, ein Einziger, ach, und ein so Unwurdiger! wahrend Lady Maria von den treusten und redlichsten Freunden umgeben ist, die keine Aufgabe zu schwer halten wurden, ihr Ruhe und Heiterkeit wiederzugeben. O Mylady, habt Erbarmen mit Euern Freunden, mit Euch selbst! Die Burde, die Ihr tragt, ist fur Euch allein zu schwer, wahlt einen von uns, dass er so glucklich werde, sie mit Euch tragen zu konnen!
Das steht in Gottes Hand! seufzte Maria und schlug die Augen in trostvollem Glauben zum Himmel auf; dann wandte sie sich, uberwaltigt von der innigen Sprache des edeln Mannes, zu Lord Ormond und reichte ihm sanft die Hand.
Doch, was auch ein unerbittliches Geschick uber meine Handlungen bestimmen mag, seid sicher, Mylord, Euer werde ich gedenken, und dieser Stunde Eures treuen, thatigen Mitgefuhls, und so unmoglich ich Euer Anerbieten annehmen kann, so sicher seid, dass ich seinen Werth tief empfinde, um so tiefer, als ich den hochachte, der es mir so grossmuthig darbietet.
O, rief Ormond dringend, wenn Ihr mich achtet, wenn Ihr Vertrauen zu mir habt, so steht nicht an, mich zu Euerm Beschutzer anzunehmen! O sprecht, was knupft Euch an diesen sittenlosen Mann? Warum konnt Ihr Euch seinem Einflusse nicht entziehn? Glaubt mir, kein Zweifel an Eurer engelgleichen Reinheit trubt meine Verehrung gegen Euch, ich bin gewiss, hollische Tauschungen haben Euch umsponnen, hintergangen seid Ihr, ein Irrthum der Tugend ist es, der Euch von diesem Manne abhangig macht. Redet, sagt nur ein Wort, sagt, dass Ihr selbst Euch von ihm trennen mochtet, und ich will ihn zwingen, dass er nie wieder von diesem Augenblicke an Euch nahen darf.
O nein, nein! rief Maria, haltet ein mit Eurem Eifer, lasst ihn in Frieden, verfolget ihn nicht, ich darf es nicht veranlassen, nicht zugeben. Ormond wandte sich ab mit einem Schmerze, der ihn zu sehr ubermannte, um sogleich wieder reden zu konnen; aber das Gefuhl, dass sie unglucklich sei, und der schreckliche Gedanke, dass sie sich in der Gewalt eines Mannes zu befinden schien, von dem er nur das Nachtheiligste voraussetzen konnte, dies uberwaltigte jede andere Betrachtung, wie sehr er auch durch ihre anscheinende Theilnahme fur diesen Mann zu leiden begann. Er konnte sie nicht verlassen, mit erneutem Antheil wandte er sich zu ihr:
Theure Lady Maria, seht mich als Euern besten Freund an, und dann und in dieser Beziehung wurdigt meine Worte Eurer Aufmerksamkeit! Mein Herz leidet zu heftig bei dem Zustande, in dem ich Euch sehe. Ich wurde Euch Eurem eigenen Gutdunken uberlassen konnen, wenn Ihr glucklich waret, aber Ihr seid es nicht, dieser ungluckselige Mann hat Euch nicht Frieden und Gluck mit dem Vertrauen zu sich einflossen konnen, darum konnen Eure Freunde nicht ruhig bleiben, und glaubt mir, wer Lord Membrocke kennt, fuhlt Sorge um Euch. Er hielt in der Hoffnung einer Antwort inne; aber nur bleicher und bleicher ward ihr schones Angesicht, ihre Lippen offneten sich, aber sie schienen keine Worte sprechen zu konnen, nur bange Seufzer entschwebten ihnen.
Jetzt stand der ungluckliche Mann vor der Vermuthung, die ihm am schwersten ward auszusprechen, und die sich ihm doch endlich unwiderstehlich aufdrangte.
Ich kann Euch nicht verlassen, sprach er, als sie einen schwachen Versuch machte, hinweg zu gehen, und ihm mit der matt erhobenen Hand das Gleiche anzudeuten suchte, ich kann Euch nicht verlassen, Ihr habt mir Freundesrechte zugestanden; o zurnt mir nicht, wenn ich, von meiner Sorge um Euch getrieben, Euch zu dringend erscheine, lasst mich die grosste Angst meines Herzens Euch gestehn und rechnet auch in diesem Falle auf meine grenzenlose Ergebenheit, auf jeden Beistand, dessen Ihr benothigt seid. Ich frage Euch, hat die liebenswurdige Aussenseite dieses Mannes, hat sein munterer Geist Eindruck auf Euer junges, unerfahrenes Herz gemacht, liebt Ihr ihn?
Als ob ein elektrischer Schlag das Fraulein getroffen, so fuhr sie jah empor, und ihr ganzes Leben schien aus den Zauberbanden der Apathie, worin sie im vorigen Momente gefangen lag, zu seiner vollen Energie erwacht; ihre Wangen und ihre Augen hatten Licht bekommen, hoch stand sie sogleich auf, und die Hande an die Brnst gedruckt, rief sie laut und aus tiefer Brust: Gott sei mir gnadig, Mylord, wohin fuhrt Euch Euer erfinderischer Geist? Wie war es Euch moglich, dahin zu gelangen? Nein! nein! Seid sicher, ich liebe ihn nicht und kann ihn nie lieben! nein, die Gerechtigkeit lasst mir widerfahren, dies fur unmoglich zu halten.
Sie hatte sich mit einem so engelreinen UnschuldsEifer zu ihm hingebeugt, dass seine Seele jubelnd ihr Glauben schenkte, und hatte sie fur den Ausdruck seiner Zuge Sinn gehabt, sie hatte darin das hohe Entzucken erkennen mussen, das er bei dieser Wahrnehmung empfand. Sein Augenblick war nun gekommen. Ich glaube, sprach er zitternd, o vergebt mir, wenn ich Euch beleidigte, zurnt mir nicht, aber lasst mich um so dringender fortfahren, wenn Euch kein Gefuhl an ihn bindet, Euch vor ihm zu warnen.
Edler Freund, wenn Ihr Glauben an meine Unschuld habt, erwiederte Maria sanft und ernst, so unterwerfet diesen der Probe, mir ohne Grunde zu vertrauen. Ich hoffe zwar vor Gott gerechtfertigt zu sein; aber es ist mir versagt, so auch vor Menschen dazustehen. Ich muss dies Mal der Stimme meines Gewissens folgen, ich stehe allein, setzte sie voll Wehmuth hinzu, und von allem naturlichen Beistand getrennt.
Nein, rief Ormond, hier sie unterbrechend, Ihr steht nicht allein, nur von Euch hangt es ab, Euch demjenigen, den Ihr Freund genannt, durch die heiligsten Bande auf ewig zu nahern. Ja, theure Maria, ich will es Euch nicht langer verschweigen, ich liebe Euch sagt, dass Ihr mein sein wollt, und macht mich zum glucklichsten Manne. O, vertraut mir, ich will Euch ehren, schutzen und lieben, und die ganze Burde Eures unverdienten Schicksals, wie gross sie auch sein moge, auf mich nehmen, damit Euer Engelherz wieder frei athme und Ihr das Entzucken empfinden moget, namenlos zu beglucken.
Maria hatte ihn mit einem Ausdruck angesehn, der nur zu deutlich mehr Schreck als Freude andeutete; sie druckte jetzt die flache Hand gegen die Stirn, als wollte sie sich zu einem klaren Bewusstsein wecken, wahrend Ormond mit einer Erwartung an ihren Zugen hing, die nur zu deutlich seine tiefe Erschutterung ausdruckte.
Ihr Ihr liebt mich? stammelte sie endlich tonlos, und das schone Auge floss in Thranen uber, die auf Ormonds gefaltete Hande fielen, der, seiner nicht mehr machtig, zu ihren Fussen gesunken war. O Lord Ormond, warum liebt Ihr eben mich? fuhr sie mit einem tiefen Schmerzenstone fort, o warum mich? Doch nein, es kann nicht sein, es wird nicht sein, es ist Euer grossmuthiger Eifer, der Euch zu diesem Glauben fuhrt. Nein, nein, Ihr liebt mich nicht, aber retten wollt Ihr mich, aus der trostlosen Vereinsamung, in der ich dastehe, wollt Ihr mich erretten. Ihr wollt Euch zum Opfer bringen, um mich von dem Einfluss jenes Mannes zu befreien, den Ihr mir so verderblich schildert. O ich habe Euch errathen und erkenne den ganzen Umfang Eures grossmuthigen Herzens! Doch, wie auch Alles kommen mag, ich kann nicht, kann dies grossmuthige Opfer von Euch nicht annehmen. O steht auf, rief sie dringend, als Ormond den Kopf senkte und seine Stellung nicht anderte.
Es war kein Opfer meinerseits, was ich Euch zu bringen dachte, ich war es, der von Euch ein Opfer begehrte, sprach Ormond, nach Fassung ringend, indem er von seinen Knien aufstand. Ich, der Vereinsamte, suchte die Gemeinschaft eines Engels, der alternde Mann beging die Thorheit, die Gefuhle der Jugend zu hegen und ihre Erwiederung fur moglich zu halten ich bin bestraft, und was ich leiden werde, ist die Busse meiner Thorheit. Ihr liebt mich nicht, ich sehe es klar, wenn Ihr das Wort auch gern mir sparen mochtet, doch verstanden habe ich Euch und werde versuchen, es zu uberleben!
O um Gotteswillen, sprecht nicht so! rief Maria hier, von todtlicher Angst ergriffen, und eilte ihm nach, da er bleich und schwankend an einen Pfeiler sich zu stutzen suchte. Thranen des tiefsten, schmerzlichsten Antheils sturzten uber ihre Wangen. Von aller Schuchternheit verlassen, sah sie nur den edeln Leidenden, ach ihrethalben Leidenden; sie ergriff seine Hand und druckte sie zwischen den ihrigen; sie suchte bittend sein Auge, um durch die zartlichste Theilnahme ihm Linderung zu verschaffen, und hatte Ormond das warmste Gefuhl der Freundschaft in diesem schrecklichen Augenblick zu schatzen gewusst, es hatte ihn schon und trostend aus ihren Blicken ansprechen mussen.
Er rang mit dem jahen Wechsel seiner Hoffnungen; er versuchte die korperliche Erschutterung, die ihn selbst uberraschte, zu besiegen; er richtete sich an ihrer zarten Hand, die sie ihm kindlich lieh, empor, er wagte es, den schweren truben Blick aufzuschlagen und blickte, unwiderstehlich hingezogen, zu ihrem lieben Antlitz auf.
Engel, sprach er, tief geruhrt, als er ihre unschuldige, zartliche Sorge um ihn erblickte. Du kannst nicht weh thun, und wenn Du auch das bluhendste Paradies der Zukunft mir in einer Sekunde zur oden Steppe der Wuste verwandelt hattest! Nein, ich will leben lernen und mich so leidlich, wie moglich, schicken, und wenn es nur ware, um Dir keinen Seufzer mehr zu kosten, diesem klaren Auge keine Thrane! Vergesst, was ich Euch sagte, aber vergesst nicht, dass ich Euer warmster Freund geblieben, versprecht mir, ach als kleinen Ersatz fur das, was ich eben verlor, versprecht mir, dass ich Freundes Rechte auf Euch behalten soll.
Sie legte sanft und ernst die Hand in die ihr dargebotene. Mein edler und grossmuthiger Freund! sagte sie dann mit innigem Tone, vielleicht kommt bald der Augenblick, wo nicht mein Mund, doch das Andenken an diese mir geschenkten Rechte Euch mahnen wird. Sie schwieg und fuhlte aufs Neue die Last des eignen Geschicks. Doch Ormond blieb nun wieder stehn, und muthig von dem eigenen Schmerze sich erhebend, wendete er ihrer geheimnissvollen Lage sich wieder ausschliesslich zu.
Muss ich Eure Worte deuten, als ob uns von Euch eine Trennung drohe? Was hat man gethan, Euch von hier wegzuscheuchen? O glaubt mir, von Allen seid Ihr geliebt; jedes Glied dieser Familie achtet sich glucklich, Euch ehrenvollen Schutz zu verleihen, bis die Zeit Euch uber Eure Verhaltnisse aufklaren wird. Warum wollt Ihr nicht den Schutz annehmen, der den Gewahrenden nur Freude schafft? Maria lehnte, sich immer muder in ihrem Geiste fuhlend, gegen einen niedern Fenstersitz. Antworten konnte sie nicht; sie fuhlte sich ubermannt von den Bildern, die in ihrem Geiste auftauchten und verschwanden. Ormond blieb, sie betrachtend, vor ihr stehn, und selbst heftig erregt, sprang sein Geist in Bezug auf sie von einem kuhnen Schlusse zum andern.
Da war ihm plotzlich, als risse die Binde vor seinen Augen. Sie liebt! rief eine Stimme in ihm, und willenlos fast rief sein Mund: Ihr liebt, Maria, jetzt weiss ich Alles, Ihr liebt!
Maria zuckte bei dem Worte zusammen und legte die Hand scheu auf ihr Herz, dann blickte sie Lord Ormond voll Erstaunen fragend wie ein Kind in die Augen.
Ihr liebt, theures Madchen, sagte er noch ein Mal mit hochster Theilnahme, denn sie schien auf diesen Laut aus seinem Munde zu warten, und wie begabt mit hoherer Erkenntniss, setzte er mit uberzeugender Gewalt hinzu: Ihr liebt Richmond!
Irr' flammte ihr Blick bei diesen Worten auf, dann sank sie, die Hand schnell aufs Herz druckend, ohne Laut ohnmachtig nieder. Ormond bezwang, so machtig in Anspruch genommen, leicht seine eigne Stimmung. Er offnete die Scheiben und richtete sie sanft in dem Fenstersitz empor. Bleich, ohne alle Farbe, glich sie einem schonen Marmorbilde. Wunderbar ruhrend spielte das seltsame Lacheln der Ohnmacht um den zarten Mund, wahrend der tiefe Ausdruck des Leidens in der schmerzlich gezogenen Stirn ausgedruckt lag und die herbstliche Sonne, mit blassen Lichtern eindringend, in leichten Goldstreifen das blasse Heiligenbild verklarte.
Bald schien es dem Lord, die Ohnmacht habe sie verlassen. Ruhig, wie bei einer Schlafenden, hob sich der Athem ihrer Brust immer susser ward das Lacheln ihres Mundes, und aus den sanftgeschlossenen Augenliedern drangen einzelne Tropfen und fielen wie Perlen auf den Schooss; aber sie offnete sie nicht, und Ormond blieb, gefesselt von Erwartung, ihr stumm gegenuber. Furchten konnte er ihren Zustand nicht, denn auch die Stirn begann sich jetzt zu lichten, Engel schienen mit ihr zu spielen, so suss ward jeder Zug des lachelnden Gesichtes.
Gewaltsam hatten Ormonds Worte das Geheimniss ihrer Brust entschleiert und durch diesen Namen ihm ein so machtiges Recht verliehen, dass sie dem schnellen Bewusstsein unterlag. Kaum war's eine Ohnmacht zu nennen, was sie uberkam, seltsam war Traum und Bewusstsein in ihrer Seele jetzt verschwistert. Sie wusste wohl, sie ruhte, sanft von der Sonne Strahl bespielt, im Fenstersitze, sie nahm es wahr, dass Ormond gutig schutzend ihr zur Seite stand; doch eben so ohne Erstaunen, ohne einen Uebergang von Vorstellungen, die sie der Wirklichkeit entfremdeten, schaute sie, wie die Bogen des Fensters vor ihr sich auseinander schoben und ihr ein freier Blick in die herrlichste Natur ward. Auf einer weiten Hohe schien ihr Sitz zu stehen, sie blickte in ein bluhend Land, reich an schonen Stadten, machtigen Schlossern und hohen Thurmen und Kathedralen.
Weit ins Land hinein sah sie mit klaren Augen das bunte Treiben eines reichen, weit verbreiteten Volkes, doch der vergangenen Zeit gehorend. Ein Festtag schien fur Alle angebrochen; denn festlich glanzend zog die Bevolkerung nach einer Richtung hin, und aus der weiten Ferne hatte sie Begriff von rauschendem Getone, von Musik, von Menschenstimmen, vom Gerausch der Waffen und vom Jubelruf der Freude.
Ein schmelzend Grun bedeckte die Hohe, auf der sie ruhte, und einsam schien es hier, als reiche der Fuss des Hugels nicht zur Erde hin. Sie fuhlte ein seliges Genugen, ein himmlisches Erlostsein von aller irdischen Sorge; nichts schien ihr obzuliegen, als selig lachelnd zuzuschauen, wie schon gestaltet Alles um sie war. Da sah sie eben naher nun am Rand des Hugels einen Eichenwald, die Sonne schien hinein, der Boden schimmerte vom saftigen Grun des Mooses, und Blatterschatten tanzten wie dunkle Blumen druber hin; da horte sie den Chorgesang der Geistlichen, ein Agnus Dei sangen sie, und bald erschienen in den breiten Wegen sie paarweis mit dem Allerheiligsten, mit holden Knaben, die aus Silberbecken die leichte blaue Wolke des Raucherwerks um sich krauselten. Die Ritter folgten im goldenen Harnisch und mit langen wehenden Federn; auf ihren Schultern trugen Andere den hellen Silbersarg mit goldener Krone, und die Zipfel des koniglichen Purpurmantels hielten Knaben in Gold und dusterer Seide. Viele waren, die in hoher Trauerpracht noch folgten, dann war der breite Weg des Waldes wieder leer, und nur die Sonne spielte mit den Blattern auf dem frischen Grunde. Doch liebliche Tone klangen jetzt; der Wald verhullte noch die neue frohe Mahr, nur Hornerharmonien in heiterer Weise, zu einem Hochzeitsreigen wohlgeschickt, eilten froh voran, dann kam der Zug in bunter Pracht. Wie spielten nun im Glanz der Sonne die bunten goldenen Stoffe der Herren und Frauen, der Edelsteine, der bunten Federn zauberisch Farbenspiel. Der leichte Schritt der schon geschmuckten Rosse schien mehr begeistert von den Hornerklangen, als gelenkt vom leichten Druck des goldenen, Zugels taktmassig hinzuschreiten. Die Schonheit ziert hier die Pracht, und Gluck und Lust entspross in zarter Harmonie, und endlich bot der Mittelpunkt des Zugs sich dar. Zwei schone Knaben fuhrten den milchweissen Zelter, auf dem die junge Schonheit lachelnd ruhte, die, in dem Schmuck der Konigin, wie eine Nymphe des Waldes mit Blatt und Moos und Blumen zu tandeln schien, und einer langen Ranke zarte Faden um einen schonen, koniglichen Mann geschlungen hatte, der innig ihr ergeben, gefesselt schon an ihren Augen hing. Der Zug schien sich zu nahen, den Hugel zu ersteigen; die holde Frau nickte nach Maria hin, sie hob die zarte weisse Hand empor und steckte funf kleine Finger in den goldenen Reifen einer Krone, die sich hoch dann ihr entgegen streckte. Da hob der Mann an ihrer Seite sein Angesicht und sah Maria zartlich an.
Mein Oheim! rief sie. Verschwunden war das Bild, der ganze susse Traum. Sie stand plotzlich aufgerichtet vor Lord Ormond, der zu ihren Fussen lag, und flehend sie beschwor, zum Bewusstsein zu erwachen. Sie sah ihn an mit dem holdesten Lacheln, ihre Augen leuchteten, wie von einem tiefen innern Lichte erhellt, und sanfte Rothe ergoss sich um ihr Angesicht. Ja, sprach sie, als ob Lord Ormond jetzt erst das verhangnissvolle Wort gesprochen, Ihr habt es mir gesagt, jetzt weiss ich es, ich liebe ihn! Dies angstvolle Geheimniss ist nun fort aus meiner Seele, ja, ich liebe ihn! Sie hatte die Hande auf ihre Brust gedruckt, als wollte sie sich das Eigenthumsrecht an dieser Ueberzeugung sichern. Sie hatte, wie es schien, vergessen, was Lord Ormond uber sich selbst ihr gesagt, und war jetzt nur bemuht, ihn zum Vertrauten ihres nun erst verstandenen Gefuhls zu machen. Ormond senkte, noch immer kniend, sein Gesicht auf ihre Hand, die sie ihm willig liess, von unnennbaren Gefuhlen fast betaubt. Da riss sie aus ihren geisterhaften Schwarmereien ein lautes, helles Schluchzen dicht an ihrer Seite. Ormond sprang auf; Maria blickte hin. Ollonie Dorset stand mit schlaff niederhangenden Armen ihnen gegenuber, und mit dem Ausdruck der Verzweiflung im bleichen Gesicht weinten ihre schonen Augen Strome bitterer Thranen.
Als sie sich bemerkt sah, flog sie auf Maria zu, umschlang in voller Qual ihren Nacken und seufzte: Du liebst ihn! O Du Gluckliche! Und Dich, wie liebt er Dich! O nimm ihn, nimm ihn! Ollonie kann sterben fur Euch beide. Ja, Ihr gehort zusammen, es musste so kommen; wie konnte er mich lieb behalten neben Euch. O Maria, ich selbst, ich wollte Euch hassen, wie Ihr so sorglos mein Gluck zerstortet; doch auch ich, auch ich konnte Euch nicht hassen! Ja, ich musste Euch nur heftiger lieben, denn liebenswerther scheint Ihr mir noch durch das Lob seiner Liebe.
O Gott! rief Ormond hier, ganz ausser sich, das theure Wesen in diesem Schmerz zu sehen. So war denn ausgesprochen, was er aus ihrem Zustande nur zu wahr errathen; sie hatte Richmond in der Stille lange geliebt und erst ihr Gefuhl verrathen, seitdem sie ihn fur Maria gluhend wahnte. Wie theilte sich in diesem Augenblick sein Herz zwischen diesem geliebten Madchen und dem theuren Gegenstand seiner Liebe! Still hielt Maria das holde Kind an ihrem Busen fest, ohne Worte, tiefsinnend. Sie wird ohnmachtig, sagte sie dann leise und hob sie mit Ormonds Hulfe auf ihren Sitz.
O! seufzte Ormond tief und schmerzlich, musst Du schones Herz auch die Qual unglucklicher Liebe leiden! Wie habe ich vergeblich gefleht, es mochte ihr erspart bleiben; doch immer ahnte ich ihre Liebe, ja, ich wunschte sie, ehe ich wahnen konnte, dass meinem edlen Richmond der hochste Preis zu Theil geworden.
Still, sprach Maria leise, Ihr seid im Irrthum, Lord Richmond liebt mich nicht, und mein Gefuhl, das Ihr mich kennen lehrtet, hat damit nichts gemein. Doch Ollonie liebt Richmond nicht, Euch liebt sie, theurer Ormond, Euch! Und unbegreiflich habt Ihr Euch getauscht und dies bis diesen Augenblick ubersehen. Ohne Euch zu nennen, hat sie mir langst ihr Geheimniss verrathen, und ich hoffte, Ihr theiltet ihr Gefuhl.
Ormonds Erstaunen raubte ihm die Sprache. Ihre einfachen und bestimmten Worte liessen keine Missdeutung zu, und vor ihm selbst that sich die Ueberzeugung auf, mit tausend schnell gegenwartigen Beweisen. Doch er behielt nur wenig Zeit, diese Gedanken zu verfolgen. Die leichte Erschopfung wich von Ollonie, sie schlug die Augen auf und blickte Beide zartlich an; dann nahm sie Ormonds Hand, druckte sie sanft in Maria's Rechte, und lispelte leise und schwach: So gehort Euch denn! Und Du, lieber, bester aller Menschen, Du werde glucklich!
Sie wollte aufstehen, aber matt geworden, ward sie von Beiden unterstutzt.
Ollonie, sagte Maria sanft, Du hast zwei Hande vereint, die es schon in Freundschaft waren; nicht Liebe wird ihr folgen. Nun aber uberlasst mir die Pflege unserer theuern Ollonie, ich fuhre sie sicher.
Ormond druckte in stummer Sprache die Hande Beider an sein Herz und eilte dann mit seiner vielfach angeregten Qual von dannen. Der Tag, der diesem Morgen folgte, war nun der letzte, den Maria unter dem ehrwurdigen Schutze ihrer grossmuthigen Freunde verleben sollte, und es war ihr die Aufgabe gestellt, unter einem ruhigen Aeussern ihr tief bewegtes Herz zu verbergen. Wenn etwas diesen uberwaltigenden Umstanden das Gleichgewicht zu erhalten vermochte, war es die bestimmte Richtung, die seit Ormonds Worten das Gefuhl ihres Herzens erhalten hatte. Sie gewann, trotz den andrangenden aussern Umstanden Zeit, sich hieruber mit sich vollig zu verstandigen. Wie sie es so lange in sich als unverstandenes Geheimniss hatte tragen konnen, uberraschte sie, und sie bat sich selbst um Verzeihung, dass sie in Verworrenheit und Unruhe und unverstandlichem Wechsel von Freude und Leid hatte verderben konnen, was nun, verstanden, zu einem schonen vollstandigen Schatz ihrer Seele gehorte, sie adelte und ihr eine neue erhebende Weihe zu geben schien. Dass zur selben Zeit diesen Empfindungen der Eintritt ins Leben und jede gluckliche aussere Beziehung abgeschnitten ward, erkannte bei fluchtiger Betrachtung ihr klarer Verstand zu bestimmt, um eine Traumerei daruber zuzulassen, und sie fuhlte, dass sie nur dann, ihrer selbst wurdig, sich als Besitzerin dieses Gefuhls anerkennen konnte, wenn sie eben so bestimmt und aufrichtig ihm die vollstandigste Resignation zur Seite setzte. So heiligte sie beide Gefuhle in ihrer Brust, und als sie nach diesem festen Abschluss mit sich das ubrige Leben anblickte, fuhlte sie sich ihm viel ruhiger gegenuber gestellt, als fruher, und nur, ob sie das Rechte zu thun vorhabe, das nur flosste ihr Bedenken oder Sorge ein, nicht mehr die damit verknupften Opfer. Nur der Brief, der die theuren Schriftzuge trug, konnte immer wieder aufs Neue die Bedenklichkeiten besiegen, die in jeder andern Beziehung ihr der bevorstehende Schritt einflosste. Aber ihren Widerwillen, sich auch nur in vorubergehende Gemeinschaft mit diesem Mann zu setzen, diesen zu uberwinden, fuhlte sie sich ausser Stande. und liess darin endlich ihr Herz gewahren.
Seltsam traf sie Richmonds Anblick, als sie ihn bei der Tafel zuerst wieder sah, und sie wurde ihn schwerlich ohne den Tribut der Weiblichkeit ertragen haben, hatte ihre wahrhaft feste und vollstandige Resignation ihn nicht ohne alle Beziehungen zu sich, blos als das schone Urbild ihrer Liebe ihr erscheinen lassen.
Als er sie anblickte, drang das unaussprechlichste Gefuhl der Befriedigung durch ihr Herz, und sie gewahrte den tiefen schwermuthigen Ausdruck seines Blickes mit der schmerzlichen Ueberzeugung, dass er dem Mitleiden angehore, womit er sie in Bezug zu Membrocke sah. Bald, sagte sie sich, wird der Schritt geschehen, der mich furs Leben aus Deiner reinen Nahe treibt und meinen Namen den Verworfenen beigesellen wird; Du wirst errothen, mich unter diesem Dache einst gesehen zu haben. Ein Seufzer bezeichnete die Schwere des Opfers, das ihr auferlegt war, und sie fuhlte sich fast getrostet, dass ihr Gefuhl nie in seinem Herzen Wiederklang gefunden, und so ihm der Schmerz erspart blieb, an ihr sich scheinbar geirrt zu haben.
Fast war es ein Gluck, dass Ollonie's Zustand ihre Sorgfalt erforderte. Maria besass vollkommen die Eigenschaft der Frauen, das eigene Interesse zuruck zu drangen, und frei und hingebend sich einem fremden aufzuschliessen. Ihr war mit der gutigen Empfindung zugleich der Takt verliehen, unscheinbar und ohne den Leidenden ausser eigne Thatigkeit zu setzen, blos erganzend oder stutzend einzutreten, und namentlich war sie, schnell Olloniens Wesen uberschauend, sie zur Kraft zu wecken bemuht.
Eine lange Unterredung, in der sie doch, die eigentliche Vertraute zu werden, vorsichtig vermied, hatte Ollonie nicht allein uberzeugt, dass Maria sich ihrem theuern Oheim nicht vermahlen wolle, sondern auch in ihr jene jungfrauliche Empfindung geweckt, die sie furs Erste zur Selbstbeherrschung zwingen konnte.
So hoffte Maria sie aus dem leidenschaftlichen Zustand zu erlosen, den ihr die Eifersucht gegeben, und fur Ormond Zeit zu gewinnen, von der sie das Gluck Beider hoffen zu durfen glaubte.
So dem fremden Interesse hingegeben, hatte die junge Heldin fast keinen Blick fur ihre eigene Zukunft ubrig, fiel er aber darauf, dann schaute sie in ein undurchdringliches Dunkel, worin sie nur das eine Bild ihres theuern verfolgten Oheims als Ziel und Lichtpunkt erblickte. Dahin wandten sich dann alle Krafte ihrer edeln Seele, und verliehen ihr den ruhigen Ernst, der zwar alle Bluten des Gluckes verschliesst, aber desto freier und starker jede Tugend der Seele zur Reife bringt. Sie schien sich seit diesem Morgen weit uber die Zeit der Jugend hinaus entruckt, und wie jede Bewegung ihrer Seele sich ihrem Aeusseren mittheilte, so trug ihr ganzes Wesen jene ernste und ruhige Wurde, welche die Abfindung mit dem Leben bezeichnet.
Membrocke konnte dies nicht ubersehen, und es gehorte nicht zu seinen angenehmen Beobachtungen; er hatte sie lieber hinfallig und ausser sich erblickt. Diese feste Haltung schien ihm wenig Rechte uber sie lassen zu wollen, und er verwunschte dies ihm stets neue Aufgaben bereitende Madchen.
Als die Tafel aufgehoben war und die jungeren Personen sich dem frohlichen Beisammensein uberlassen wollten, fuhlte Maria sich unfahig, daran Theil zu nehmen. Ihr Herz sehnte sich mit kindlicher Innigkeit nach dem Beisammensein mit der Herzogin von Nottingham. In ihrer Nahe wollte sie die letzten Stunden durchleben und sich starken zu dem grossen Schritt, der ihr bevorstand.
Schaudernd sah sie, wie Membrocke sich nach der Tafel von Allen beurlaubte. Indem er sich auch ihr ehrerbietig zum Abschiede naherte, warf er ihr einen vertraulichen Blick zu und flusterte: Um neun Uhr bin ich zuruck.
Maria vergass, tief beleidigt, ihr ganzes Verhaltniss zu ihm und antwortete ihm blos durch einen Blick voll Verachtung. Aber ihr Gesicht war, Allen sichtbar, mit Blut ubergossen, und Richmond wendete sich von ihr ab und verliess die Gesellschaft.
Als die beiden Herzoginnen sich entfernt hatten, blieb Maria in dem schmerzlichen Gefuhl, alle hier Versammelten zum letzten Male zu sehen, wie gefangen zuruck. Von Allen nahm sie im Geiste Abschied; ach, Keiner schien ihr mehr unbedeutend oder unliebenswurdig. Selbst die Pagen, die Diener, die noch mit dem Dienste beschaftigt hin und wieder gingen, Alle flossten ihrer Seele das schmerzlichste Interesse des nahen Abschieds ein. Lucie hing sich in ihre Arme und begehrte morgen fruh den Spaziergang mit ihr, und nun ward sie von allen Madchen umgeben, die sie liebevoll drangten, den Jagdzug mitzumachen, den Richmond fur morgen vorgeschlagen und Maria, unfahig ihn zu belugen, abgelehnt hatte. Da entschlupfte sie rasch den ungestumen Liebesbeweisen, die ihre Brust zerrissen, und eben so wenig fahig, allein zu bleiben, fuhrte sie ihren Vorsatz aus, zur jungeren Herzogin sich zu begeben, in deren ernster, gemassigter Nahe sie gegen neue Erschutterung der Art sich gesichert hielt.
Als sie, von dem meldenden Pagen gefuhrt, in das lange gothische Zimmer eintrat, in dessen Fenstervertiefung die Herzogin sass, gewahrte sie zu ihrer Ueberraschung Lord Richmond vor ihren Fussen auf einem niedern Fensterbankchen sitzen.
Willkommen, Lady Maria, sprach die Herzogin, wahrend Richmond schnell aufsprang. Ihr seid gutig, mir Euern Nachmittag schenken zu wollen, da Alle, wie ich hore, sich auf eine Cavalcade begeben. Damit reichte sie Maria die Hand entgegen, welche diese mit beklommenem Herzen an ihre Lippen druckte.
Und doch, Mylady, sprach Maria, furchte ich, seid Ihr zu gutig gewesen, mich anzunehmen. Ihr hattet liebe Gesellschaft, Ihr hattet vielleicht Geschafte, setzte sie hinzu, auf Richmond blickend, der, mehrere Papiere in der Hand haltend, stumm grussend ihr gegenuber stand.
Ich hatte in diesem Fall es Euch aufrichtig gesagt, erwiederte die Herzogin. Wen ich willkommen heisse, der darf auch dessen sicher sein. Setzt Euch, fugte sie hinzu und zog Maria auf einen kleinen Sessel, der nachst ihrem Lehnstuhl stand, und Du, Richmond, nimm Deinen alten Platz hier ein und lies mir das Ende Deines Briefes vor. Meine liebe Maria wird sich so lange mit sich unterhalten.
Richmond that, wie ihm geheissen, und obwol er erst nach einigem Verzuge die Stelle wiederfinden konnte, bei welcher Maria's Ankunft ihn unterbrochen hatte, las er, doch mit einer Stimme, die noch lange vergeblich nach Festigkeit strebte, weiter: "Ich kann unter diesen Umstanden nicht genau angeben, wann mir das Gluck zu Theil werden wird, Dich, meine geliebte Tochter, zu umarmen. Keinesfalls kann ich indess wunschen, dass Du nach London kommest, da in der Hoffnung, die sich uns jetzt darbietet, mir vielleicht vergonnt sein wird, nach Godwie-Castle zu kommen. Dass ich diesen Zeitpunkt herbei sehne und Alles, was in meinen Kraften ist, anwenden werde, ihn zu beschleunigen, wird Dir gewiss sein, und meine Tochter wird nicht wunschen, dass etwas in einer Sache ubereilt werde, wovon die Ehre ihres Vaters abhangt."
Da sei Gott vor, sprach die Herzogin und legte den Brief des Grafen von Bristol, den Richmond ihr reichte, ehrerbietig zusammen: doch bin ich der Meinung, dass mir am allerwenigsten zustehe, mit Besorgniss an diese Beweisfuhrung zu denken. Nicht als Tochter fuhle ich mich um die Ehre meines Vaters besorgt, als Englanderin bin ich besorgt und beschamt; denn sagt, wohin muss es mit einem Lande gekommen sein, in dem sich die Manner, die sich die Saulen des Staates nennen durfen, an die sich die Verehrung zweier Generationen und die Hochachtung fremder Staaten knupft, vertheidigen mussen, gleich als waren sie unbekannte, dem Zweifel unterworfene Emporkommlinge, fur welche keine Thaten reden konnen. England wird erstarren an der Nachricht, Bristol stehe vor dem Richterstuhle eines Parlaments, und neues Weh wird den Namen Buckinghams treffen, der so grenzenloses Elend verbreitet, und mit welchem die Nachwelt alles Ungluck und alle Schande dieser Zeit bezeichnen wird.
Maria schauderte zusammen. Die bittern, strengen Worte der gekrankten Frau bezeichneten die Katastrophe, in die ihr eignes Schicksal nun so geheimnissvoll und gefahrlich verflochten war; sie nannten zugleich den Namen Buckingham in derselben Beziehung, als Membrocke es gethan, und bestatigten die Wahrheit seiner Angaben.
Ich habe Euch, theure Mutter, noch Einiges uber die Vermuthungen des Grafen Archimbald mitzutheilen, hob jetzt Richmond an.
Seine Thatigkeit hat keinen Augenblick gerastet, und so grosse Hindernisse ihm die Wachsamkeit Bukkinghams auch in den Weg legte, ist es ihm mit Hulfe eines machtigen und geheimen Feindes von Buckingham dennoch gelungen, dem Lord Saville auf die Spur zu kommen, der, nach der Ueberzeugung Euers Vaters, die wichtigen Dokumente entwandte, die von der Hand des Herzogs von Olivarez unterzeichnet, das bestimmte und durchaus ehrenvolle Benehmen des Grafen bestatigen. Gewiss ist eine traurige Zeit gekommen, wo Lord Bristol eines Dokuments bedarf, sich freizusprechen von dem schmahlichen Verdachte, sein Vaterland muthwillig und um personlicher Genugthuung willen in einen so gefahrlichen Krieg verwickelt zu haben; aber es ist dahin gekommen, wollen wir uns immer freuen, dass es der Unschuld nie an Freunden fehlt, und dass Lord Bristol die Besten des Landes unter die seinigen zahlt.
Du sagst ein wahres Wort, mein Sohn; aber ich wiederhole es, ich trage Leid um England, das auf dem Wege ist, dem Auslande ein Spott zu werden!
Graf Archimbald, fuhr Richmond fort, scheint uberdies die Auflosung des Konigs zu erwarten. Die Fieberanfalle haben sich wiederholt, und die Idee des Krieges mit Spanien ist ein Schreckbild geworden, dem der ungluckliche, schwache Greis, dessen ganze kleine Politik Zeit seines Lebens in dem Bundniss mit Spanien bestand, zu unterliegen droht.
Buckinghams Abschluss der Vermahlung unseres Prinzen mit der franzosischen Prinzessin soll fast wider Willen des Konigs und des Prinzen geschehen sein. Den Konig hat dieser verwegene Mann zittern gelehrt und das Jawort des Prinzen wahrend einer hitzigen Krankheit erhalten, die ihn gleich nach der Ruckkehr von Spanien uberfiel und uber deren Ursache, obwol Buckingham den Prinzen fast ausschliesslich umgab, doch sehr seltsame Geruchte umlaufen.
So viel ist gewiss, dass der Prinz, stets Allem gnadig, was unsere Familie angeht, Alles angewendet hat, diesen Prozess von dem Grafen Bristol abzuwenden, dass der Konig aber, von Buckingham verhartet und ausser sich uber den Gedanken, am Ende seiner Laufbahn noch einen Krieg zu erleben, den er stets so angstlich vermieden, den Grafen als die einzige Ursache davon ansieht.
Nun, rief die Herzogin, so erhalte Gott sein Leben nur noch so lange, bis er seinen besten und getreusten Diener gerechtfertigt vor sich sieht. O, ich ertruge es nicht, wenn dies gekronte Haupt zur ew'gen Rechenschaft gerufen wurde, ehe er dem sein irdisch Recht gesprochen, der sich um ihn so wohl verdient gemacht.
Hier entglitt dem Busen der unglucklichen, gequalten Maria ein tiefer Seufzer. Der gerechte Wunsch, dieser edeln Frau, ihrer Wohlthaterin, der Mutter Richmonds, dieser heil'ge Wunsch, fur dessen Erfullung auch sie ihre Hande hatte zum Himmel erheben mussen, er enthielt das Todesurtheil uber den einzig ihr gebliebenen Verwandten, uber den theuern Oheim, an den sie trotz des Scheines von Schuld, der ihn zu treffen schien, nicht ohne die tiefste und zartlichste Bewegung des Herzens denken konnte. Ihr blieb jetzt kaum ein Zweifel, dass es der verfolgte Lord Saville war, dem sie diese Rechte zugestehen musste, dass Lord Membrocke ihr Wahrheit gesagt und sie im Begriff sei, zu dem zu fliehen, der den Verfolgungen ihrer Beschutzer preisgegeben war.
Riesenhaft gross trat ihr hartes Schicksal vor sie hin, bereit, alle die zarten Faden zu zerreissen, die sie mit diesen geliebten Menschen hier verbunden hatten.
Die Herzogin missdeutete dieses Zeichen tiefer Theilnahme, und ihre Hand sanft druckend, sprach sie: Gott behute Euch vor ahnlichen Sorgen, liebes Kind, Euer allzu weiches Herz erlage solchen Leiden.
Die Schicksale der Menschen, sprach hier mit tiefer Bewegung Richmond, sind verschieden; nicht zweien wird ein gleiches zu Theil; aber der Schmerz findet zu jeder Brust den Weg, und nur, wie er uns innerlich gefasst findet, macht den Unterschied. Doch die geringsten Schmerzen bleiben immer jene, die das eigne verfehlte Gluck uns giebt. Wer widersteht aber mit dauerndem Muthe, wenn er das Edelste und Liebste, was die Erde fur ihn tragt, in der Gewalt einer bosen Macht leiden und untergehen sieht, ohne dass ihm das Recht verliehen ward, es zu schutzen oder zu vertheidigen.
Wir wollen damit schliessen, so heftige Auskunftsmittel, wie Deinem jugendlichen Eifer zusagen, nicht fur nothig zu halten, sagte die Herzogin mit beschwichtigendem Tone und schien nicht zu gewahren, wie Richmonds Augen an den bleichen, kummervollen Zugen Maria's hingen. Maria sah diese Augen nicht, denn die ihrigen hafteten melancholisch am Boden; aber seine Stimme drang zu ihrem Herzen, und ein wunderbar wonnevoller Schmerz durchzuckte sie.
Das gebe Gott! seufzte er tief auf, und vergeben mogt Ihr meinen truben Worten. Aber ich glaube, setzte er, zur Heiterkeit sich zwingend, hinzu, der Nebel dieser letzten Tage thut es bei mir, ich bin nicht mehr ich selbst, ich fuhle es wohl, denn trube liegt auf mir die Erwartung jedes nachsten Morgens.
Maria's Haupt senkte sich hier auf die Armlehne des Stuhles, in dem die Herzogin sass. Doch diese sah die fallenden Thranen nicht, die sie zu verbergen strebte, sondern ganz Mutter, schaute sie besorgt ihrem Liebling ins Angesicht und prufte mit ihrer Hand angstlich die kalte Stirn.
In Wahrheit, Du bist krank, ich selbst habe, glaub' ich, ubersehen, dass wir vielleicht zu lange hier verweilten. Lass uns zuruckkehren nach Godwie-Castle. Seine hohe gesunde Lage wird Dich am besten wieder herstellen, auch sind wir dort London um so viel naher, und leicht lasst sich jetzt dort ein Kreis versammeln, der Dir Zerstreuung und Erholung giebt.
O, sorgt nicht um meinetwillen, theure Mutter, rief Richmond, nicht diese Luft ist's, die mein Herz so presst, und keine andere Luft lindert dies Weh. Glaubt und vertraut mir nur, aus mir selbst muss ich mich erheben, und ich werde es! Doch Eurem Plan, nach Godwie-Castle zu gehn, widerspreche ich nicht. Wir sind dort London naher, das sage ich auch, und dort muss unser aller Schicksal sich jetzt losen. So gieb denn Befehl zu unserm Empfange dort! sprach die Herzogin, noch immer ganz von Besorgniss eingenommen.
Alle hatten sich erhoben, Richmond wollte gehen. Maria stand vor dem Augenblick, der sie auf immer von ihm trennen sollte. Kaum trugen sie noch ihre wankenden Fusse, und sie hielt sich an dem Lehnstuhle der Herzogin, welche, an einen Tisch getreten, noch einige Papiere fur den Sohn zurecht legte.
Richmond betrachtete Maria, er sah ihre Erschutterung und trat ihr naher.
Und wird Lady Maria noch langer ihren besten Freunden das bisherige Recht zugestehn, sie mit sich zu fuhren? Darf ich ihre Zimmer in Godwie-Castle bereit halten lassen?
Maria versuchte umsonst zu antworten. Nach einigen vergeblichen Bemuhungen, die bebenden Lippen zu offnen, schuttelte sie leise das Haupt.
Ihr wollt uns nicht folgen, fuhr er nun bewegter fort; Ihr verschmaht die Herzen, die Euch so innig ergeben sind, die Ihr durch Eure Nahe habt vergessen lassen, dass ohne Euch zu leben moglich sei? Es ist Euch Niemand etwas unter uns, Niemand darf sich des Gluckes ruhmen, Euch so nothig zu sein, wie Ihr es uns geworden. Ihr seid so gut, so grossmuthig; aber gefuhlvoll wenigstens nicht. Er schwieg; seine Stimme bebte zu heftig und Maria vergingen bei dieser nie gehorten Sprache fast die Sinne. Wie mit einem Siegel waren ihre Lippen verschlossen, und nur die Angst dieses Verstummens hielt sie aufrecht. Sie druckte die Hand endlich auf ihr Herz und hob die Augen zu ihm auf, die das ganze Geheimniss ihres Herzens trugen.
Ich verstehe nicht, sagte die Herzogin und wandte sich, wollt Ihr nicht mit nach Godwie-Castle, Lady Maria?
Ich habe keinen freien Willen, erwiederte jetzt Maria mit dem Ausdrucke der Ergebung.
Gewiss! sagte die Herzogin, welche Kleinmuthigkeit! Was ist Euch? Womit haben wir es versehen, und worin haben wir Euch Zwang aufgelegt? Bestimmt ganz nach Gefallen, ob Ihr uns begleiten oder spater mit meiner Schwiegermutter folgen wollt?
Ich empfinde tief Eure Gute und habe Euch nur aus voller Seele zu danken fur die unendliche Grossmuth, die Ihr mir unablassig beweist. Seid sicher, dass ich nirgends lieber bin, als wo Ihr seid, dass es die susseste Empfindung meines Herzens ware, Euch zu dienen, um nur Eure Nahe nicht zu entbehren.
Die Herzogin fuhlte sich geschmeichelt, vor ihrem Sohne der Gegenstand von so vieler Liebe zu sein, und ungewohnlich freundlich zog sie Maria zu sich und kusste ihre Stirn.
Ihr seid ein liebes gefuhlvolles Kind, sprach sie dabei, ich lege gleichfalls Werth auf Euern Umgang und sehe es gern, wenn Ihr mit uns geht.
Maria's Herz unterlag hier. Sie sank vor ihr nieder, und ihre Hande ergreifend, rief sie flehend: O, in dieser glucklichen Stunde gebt mir Euern Segen, dass er auf meinem Haupte unwiderruflich ruhen moge! Was auch mein dunkles Schicksal uber mich verhangen moge, widerruft ihn nie! Dann werde ich hoffen, dass ein guter Engel mir zur Seite bleibe. Ihre Augen vergossen Thranen, und sie hatte etwas so unwiderstehlich Dringendes, dass die Herzogin ohne Widerstand die Hande auf ihr Haupt legte. Gott segne Euch, liebes Kind! sprach sie dabei mit sichtlicher Ueberraschung. Aber lasst das, steht auf und seid nicht so heftig! Ihr seid ohne Ursache so feierlich, als ob uns das jungste Gericht bevorstande; wir sollen stets uber unsere Gefuhle strenge Disziplin halten, gar leicht werden wir sonst bei geringen Veranlassungen davon uberrascht.
Maria stand auf und trocknete ihre Augen, sie fuhlte die Ruhe des Todes. Mit dieser letzten Erschutterung schien ihre Seele ausgekampft zu haben; sie kam sich wie eine Sterbende diesen geliebten Menschen gegenuber vor; sie konnte keinen Schatten von Hoffnung haben, je wieder mit ihnen vereint zu werden; ihre Trennung schien ihr vollstandig und unwiderruflich, wie durch den Tod. Aber dieses Ueberdenken ihres traurigen Geschicks gab ihr fur den nachsten Augenblick alle Fassung wieder. Sie blickte auf zu Richmond, als er sich jetzt entfernte, und begleitete ihn mit ihren Augen, bis er in der Thur verschwand. Ich habe ihn zuletzt gesehn, sagte sie dann zu ihrem getodteten Herzen.
Sie blieb, bis die alte Herzogin erschien, um ihre Schwiegertochter zur Abendgesellschaft abzurufen. Beide waren von Maria's Blasse uberrascht und gonnten ihr, sich auf ihr Zimmer zuruckzuziehn. Still kusste diese Beiden zum letzten Mal die Hand und ging dann langsam an der Versammlungshalle voruber, aus der eine Heiterkeit schallte, die fur sie nicht mehr vorhanden war.
Als sie in ihr Zimmer trat, verabschiedete sie die gute getreue Errol und blieb dann allein, sich zu ihrem grossen Unternehmen vorzubereiten. Sie hatte nur wenig Anordnung zu treffen; alle gingen darauf hin, sie so unabhangig, wie moglich, von Membrocke zu machen. Sie legte ihre Juwelen und eine bedeutende Summe Geldes, die ihr aus den Wechseln ihres Taschenbuches mitgetheilt war, nebst einem zweiten vollstandigen Anzug zusammen, kleidete sich selbst in ein festes Reisekleid und harrte dann, bis die Glokken des Schlossthurmes Neun schlugen. Dann stand sie auf und warf sich vor dem Betpult nieder, an dem sie nie wieder knien sollte; aber fern von ihr war jede Erweichung. Ihre Zuge schienen von Marmor, hoher Ernst ruhte auf ihrer Stirn, und die Freiheit der Seele, die aus einer klaren und unabanderlichen Anschauung des Pfades, den uns die Pflicht fuhrt, entsteht, selbst wenn wir ihn mit Gefahren umstellt erblicken, diese ward ihr zu Theil und liess sie erkennen, dass nach der Trennung von den ihr so theuren Menschen nichts mehr der Ruhrung werth sei.
Sie flehte Gott um Schutz an: Meine Seele behute und nimm sie in Deine Obhut; gieb mir Kraft, dass ich zu Deiner Ehre vollende, was mir obliegt. Herr, Dein Wille geschehe!
Nach diesem kurzen Gebet stand sie auf, hullte um Kopf und Schultern ihren weiten Mantel, ergriff ihr kleines zusammen gepacktes Eigenthum und eilte aus ihren Zimmern.
Sie wusste die Gesellschaft noch beisammen und musste jeden Augenblick ihr Auseinandergehen erwarten; aber sie war fest entschlossen, es mit furchtloser Gleichgultigkeit zu wagen.
Als sie, um die Gesellschaftshalle zu vermeiden, an welcher voruber sie den Park auf kurzerem Wege erreichen konnte, durch die Gallerie ging, in der sie am Morgen die entscheidensten Augenblicke ihres Lebens durchkampft hatte, dachte sie noch ein Mal mit tiefer Wehmuth an Ormond, und als sie an die Stelle gekommen, wo sie die Ergiessungen seines edlen Herzens empfangen, blieb sie einen Augenblick gefesselt stehen. Da horte sie vom Park her deutlich nahende Schritte und bald mehrere Stimmen. Ihre Lage ward schrecklich, den Nahenden wurden Windlichter vorgetragen, und der Fensterbogen, in den sie treten konnte, war so gross und vom Monde erleuchtet, dass ihre schwarze Gestalt bei dem fluchtigen Blicke erkannt werden musste. Wie durfte sie aber an diesem Aufblick nach diesem Fensterbogen zweifeln, da sie unter mehreren Stimmen die des Lord Ormond erkannte, bei dem sie dasselbe Andenken an diesen Platz voraussetzen musste. Doch blieb ihr keine Wahl, als dem Zufall zu vertrauen, und da die Nahenden sie jetzt erreicht hatten, druckte sie sich fest verhullt in die Ecke des Fensters, mit starrer Erwartung des nachsten Augenblicks.
Die Herren hatten den morgenden Jagdzug geordnet und sprachen von ihren Pferden. Richmond ging mit einem der Herren voran, und als er rasch an dem Fenster voruber streifte, sprach er: Nein, Sir Francis, wahlet, welches von meinen Pferden Euch ansteht, dies Pferd gehort Lady Melville, und ich hoffe, sie wird uns begleiten. Indem strich Ormond voruber, aber das Haupt auf die Brust gesenkt, schien die Erinnerung des hier Erlebten viel zu machtig in ihm zu sein, um noch Sinn fur ein ausseres Zeichen zu haben. Sie waren voruber, nur einzelne Streifen Licht glitten noch uber den Boden hin. Maria entfloh nun, so schnell sie vermochte, ihrer Haft.
Die dunkeln Schatten des Parks waren erreicht. Sie naherte sich dem verabredeten Platze und horte bald die leisen, im welken Laube rauschenden Schritte ihres Gefahrten. Ein unbeschreibliches Entsetzen erschutterte sie, als er vor sie hintrat, sie zu begrussen.
Seid Ihr bereit, Mylord? So eilt denn und fuhrt mich den dornigen Pfad der Pflicht, und denkt, dass, wie ich hulflos auch scheinen moge, doch uber mir Gott im Himmel wacht, wie uber Euch er einst richten wird.
Eure Hulflosigkeit, theure Lady, ist eine eingebildete; im Gegentheil wird dies der erste Schritt zu der ausgezeichneten Stellung sein, wozu Euch Eure Geburt berechtigt. Der machtige Buckingham und Euer edler Oheim werden siegreich hervorgehn aus allen ihnen von dieser stolzen Familie bereiteten Bedrangnissen, daran zweifelt nicht!
O schweigt, ich bitte Euch, von Triumphen, die mit dem Ungluck meiner Wohlthater erkauft sind! Wie konnt Ihr, ein Verwandter dieser edeln Familie, an ihr Ungluck mit Gleichgultigkeit denken, da ich es selbst nicht vermag, selbst um den Preis nicht, den theuern Oheim gerettet zu sehn.
In Wahrheit, ich hatte nicht Vorwurfe erwartet, rief Membrocke, dass ich Eurem Interesse lebhafter zugethan bin, als dem meinigen; aber ich sehe ein, dass Lady Melville fur alle Bewohner der Erde mehr Grossmuth und Gerechtigkeit hat, als fur mich selbst.
Es ist jetzt nicht der Augenblick, einen Wortstreit zu fuhren, erwiederte Maria ernst, und ich bin nicht in der Stimmung, mir eine richtige Erwagung der Zukunft zuzutrauen. Man findet fur gut, sie in ein Dunkel zu hullen, welches mich zu sehr der Willkur eines Einzelnen hingiebt, um mich ihm nicht scharfer beurtheilend gegenuber zu stellen, als unter gesicherten Verhaltnissen der Fall sein wurde. Ich will Euch meine Dankbarkeit aufheben, und sie soll nicht gering sein, wenn Ihr mich meinem naturlichen Schutze ubergeben haben werdet. Lasst uns jetzt unsere Reise beeilen.
In einer kleinen Schlucht, die sie jetzt mit schnellen Schritten erreichten, fanden sie die Pferde und zwei gleichfalls berittene Diener. Schnell und sicher hob. sich Lady Maria in den Sattel, und die Kappe ihres Mantels tief uber ihr Gesicht ziehend, uberliess sie den Zugel Lord Membrocke, welcher ihr zur Seite ritt, wahrend ein Diener den Zug anfuhrte und der andere ihn beschloss.
So blieb Maria stumm in sich selbst verloren, nur des Einen sich bewusst, dass ein neues Leben fur sie angegangen war, und dass ihre Jugend von nun an abgeschlossen hinter ihr lag.
Als der Tag anbrach, befanden sie sich bei einer einsam liegenden Meierei, wo Lord Membrocke eine Sanfte fur Maria bestellt hatte und sie nothigte, einige Erfrischungen zu sich zu nehmen. Noch war es ihm nicht gelungen, sie in ein Gesprach zu ziehen, eben so wenig sagte ihm ihre ganze Haltung zu. Ruhig und gemassigt waren ihre Antworten; sie liessen eben so wenig Vertraulichkeit, als Vorwurfe zu und hielten ihn bestandig in der begrenzten Zuruckhaltung eines Begleiters.
Die feuchte Nacht, die Kalte des Morgens und der angestrengte Ritt hatten indessen Maria eine kleine Erholung nothig gemacht, und sie sah die Ankunft einer Sanfte nicht ungern, da sie ihr noch mehr Abgeschiedenheit zu sichern schien und ihrer grossen Ermudung zu Hulfe kam. Sie benutzte die Gelegenheit, dem Lord ihren Dank fur seine sorgfaltigen Reiseanstalten auszudrucken, da sie sich selbst zu einer milderen Stimmung fur ihn zu bewegen wunschte.
Lord Membrocke war entzuckt uber diese sanfteren Worte, wie er sie noch nie aus ihrem Munde gehort, und leichtsinnig und thoricht glaubte er sich jetzt den Hoffnungen auf ihre Gunst uberlassen zu konnen. Er verdoppelte seine Bemuhungen, welche der traurige Zustand der Meierei wenig begunstigte. Zwar brannte ein hohes Torffeuer in dem weiten Kamine, der den Hausgenossen zugleich als Heerd diente, aber der Rauch schien keinen andern Weg zu kennen, als durch die morschen Fenster und Thuren der grossen Halle selbst. Ein Haufen armlich gekleideter Kinder, ihre duster blickende Mutter und einige sehr wild aussehende Manner theilten diesen Raum mit den Reisenden und schienen in der Ueberzeugung, so vornehmen Leuten nichts zu ihrer Erquickung bieten zu konnen, auch ganzlich gleichgultig gegen ihre Erscheinung zu sein. Membrocke liess indessen Alles herbeischaffen, was seine Reisekuche vermochte, er bereitete selbst Maria's Sitz am Heerde und trocknete mit Sorgfalt ihren feuchten Mantel. Er durfte ihr aber keine lange Rast gonnen, und Maria furchtete selbst eine Unterbrechung ihrer Reise zu sehr, um nicht sogleich bereit zu sein.
Sie bestieg nun ihre Sanfte, und Membrocke setzte sich an die Spitze des Zuges, welcher mit doppelter Eile vorwarts ging, und noch um zwei Diener vermehrt war.
Es war Maria aber nicht vergonnt, zu grosserer Ruhe zu gelangen. Sie fuhlte ein ungemein heftiges Brennen ihres Kopfes und ein so angstliches Klopfen des Herzens, dass ihr Athem zu stocken begann. Die Ruhe ihres Geistes verwandelte sich in eine qualvolle Erregung von Angst und Furcht. Sie bebte bei jedem Gerausch zusammen und wunschte zuletzt nur noch, das neue ungekannte Uebel mochte sie erreichen, da sie das Harteste besser ertragen zu konnen glaubte, als diese Furcht, fur die sie keinen Namen hatte. Es machte ihr daher keinen starkeren Eindruck, als sie um die Mitte des Tages den nachfolgenden Diener herbei sprengen horte, worauf sogleich Membrocke, nachdem er seinen Bericht angehort, den Zug zur grossten Eile antrieb. Sie glaubte an den Bewegungen ihrer Sanfte errathen zu konnen, dass man Seitenwege einschlug, und zweifelte nun nicht langer, dass sie verfolgt wurden. Doch wer verfolgte sie? dieser eine Gedanke loschte alle ubrigen Betrachtungen aus. Sie wagte nicht, Membrocke zu fragen, der, wie sie horte, unruhig hin und her sprengte. Auch blieb ihr wenig Zeit zu Schlussen ubrig, denn das wilde Heranjagen von Pferden uberzeugte sie, dass sie eingeholt waren. Nach einigen Versuchen, die Eile zu verdoppeln, hielt plotzlich die Sanfte, von einem verworrenen Stimmengerausch umgeben.
Halt! Halt! schrie eine wohlbekannte Stimme, und sogleich horte sie Membrocke in einem heftigen Wortwechsel mit Lord Richmond und Ormond. Mit entsetzlicher Ruhe beantwortete Membrocke die Vorwurfe seiner Verfolger. Er fragte sie mit kaltem Hohne, welches Recht sie hatten, ihn und die Lady zu verfolgen, und sie von ihm zuruck zu fordern, da es ihm doch wohl ohne den Willen der Lady selbst nicht hatte gelingen konnen, sie zu entfuhren.
Haltet ein mit dieser Verlaumdung, rief Richmond,
ausser sich; sie ist Euch nicht freiwillig gefolgt. Geraubt habt Ihr sie, mit Gewalt entfuhrt, und ich fordere sie von Euch zuruck im Namen der Herzogin von Nottingham, deren Haus Ihr durch solche That zu beschimpfen wagtet! Augenblicklich ubergebt das Fraulein uns und steht uns dann Rede uber die Beleidigung, die Ihr derselben anzuthun gewagt.
Ueberlasst die Wahl dem Fraulein selbst, lachte
Membrocke; sie mag bestimmen, wem sie folgen will; sie mag sagen, ob sie mir freiwillig gefolgt, oder ich sie entfuhrt habe. Wahrlich, Mylords, wir ereifern uns sehr unnutz, da ein Wort aus dem Munde des schonen Frauleins Euch besser aufklaren wird, als meine eifrigsten Bemuhungen, und glaubt mir, ich bin ganz bereit, Euch die Lady zu uberlassen, wenn sie Euch nur folgen will!
Es lag eine Sicherheit in Membrockes Betragen,
die Ormonds Herz mit den entsetzlichsten Zweifeln erschreckte, wahrend sie Richmonds Zorn nur erhohte.
Haltet ein mit Euern Schmahungen, rief er, Euer
Mund kann die reinste Tugend nicht beschimpfen! Er sturzte zu der Sanfte hin und riss die Thur derselben auf.
Maria hatte jedes Wort der schrecklichen Unterhandlungen gehort und, emport uber Membrockes boshafte Benutzung ihrer Lage, nur zu wohl erkannt, dass ihr keine Rettung von dem schmahlichen Verdachte blieb. Als sie Richmond erblickte, gluhend und ausser sich, mit Seelenangst auf ihre Entscheidung harrend, da verliess sie ihre Besinnung, und ihre erste Bewegung war, sich aus der Sanfte zu sturzen.
Bleibt, Mylady, sagte Membrocke kalt, und beantwortet die Fragen dieser gestrengen Richter! Sagt, folgt Ihr mir aus eignem Antriebe, habt Ihr mich zum Begleiter dieser Reise angenommen, oder habe ich Gewalt gebraucht und Euch entfuhrt?
Entfuhrt? wiederholte mit Abscheu Maria, nein! nein! Er entfuhrt mich nicht, o eher den Tod!
Und doch, schrie Richmond, doch seid Ihr mit ihm! Nun seht Ihr wohl, lachte Membrocke, mit Gewalt erlangt man nichts uber das stolze Kind.
Lady, sprach Richmond, indem er erblassend sich an den Schlag der Sanfte hielt, wie kamt Ihr in seine Gewalt? Nicht um meinetwillen frage ich, mir steht kein Recht zu; sondern um meiner Mutter willen, die um Euch trauert, wie um ihr eigenes Kind. Ich beschwore Euch, antwortet mir, warum verliesst Ihr uns, warum finde ich Euch in der Gewalt des Lord Membrocke? Er schwieg, sichtlich erschopft; seine abgebrochenen Reden, seine am Boden ruhenden Augen zeigten nur zu deutlich die tiefe Bewegung seiner Seele.
Maria fuhlte jedes seiner ruhrenden Worte als eine neue Wunde ihrer Brust. Auf seine Achtung verzichten zu mussen, gegen ihn nicht die Rechtfertigung erwahnen zu durfen, die ihr Andenken bei ihm rein von Schuld erhalten musste, sie glaubte diesen Gedanken in seiner ganzen Qual schon fruher erschopft zu haben; aber wie ganz anders war es jetzt, ihm gegenuber, von seinen ruhrenden Worten, von dem viel ruhrendern Ausdruck seiner Stimme und Mienen begleitet. Noch ein Mal fragte sie sich, ob es hier keinen Ausweg gebe, noch ein Mal seufzte sie nach Rettung; aber die Antwort, die ihr klarer gegenwartiger Verstand ihr gab, blieb dieselbe. Alsbald kam ihr die Kraft zuruck, die schon halb entschwunden geschienen.
Sagt Eurer ehrwurdigen Mutter, theurer Lord, sprach sie dumpf, aber fest, mein Leben wurde ein Dankgebet bleiben fur meine Wohlthater; sagt ihr, ich verdiene noch immer den Segen, den sie auf mein Haupt niedergelegt, noch ein Mal flehe ich sie an, ihn nicht zu widerrufen. Ein Mehreres habe ich zu meiner Rechtfertigung nicht. Ich bitte Euch, verzogert meine Reise nicht und uberlasst mich dem Schutze des Lord Membrocke.
Grosser Gott! rief Richmond mit der hochsten Heftigkeit, wie schrecklich musst Ihr betrogen sein, da Ihr so im Rechte zu sein glaubt! Wie konnen wir Euch verlassen, da wir hieran nicht zweifeln durfen! Mylady, hier ist Lord Ormond; er genoss Euer Vertrauen; ich beschwore Euch, lasst ihn die Umstande prufen, die einen mindestens so auffallenden Schritt veranlassten. Ormond, tretet naher; ich bitt' Euch, redet, bewegt das Fraulein, Euch zu vertrauen. Gewiss, Ihr werdet hintergangen; o, misstrauet Eurer Jugend, Euerm Mangel an Erfahrung; Euer tugendhafter Muth, Euer offener Karakter haben Euch verlockt.
Ormond war zwar naher getreten, aber wie gelahmt von dem Vorgefallenen und ihren eben gehorten Erklarungen. Die Worte erstarben ihm; er hob nur seine Augen zu ihr auf, in denen der Vorwurf mit dem Schmerze um den Vorrang kampfte.
Es ist genug, rief Maria, allen ihren Muth sammelnd, ich werde nicht betrogen; unlaugbare Beweise haben die traurige Nothwendigkeit bestatigt, der ich mich jetzt unterwerfe. Ich muss schweigen, aber vielleicht wurdigt mich noch Gott dereinst des einzigen von mir ersehnten Gluckes, mich vor Euch gerechtfertigt zu sehen; ja, vielleicht ist es mir durch diesen mich niederbeugenden Schritt dereinst noch moglich, meinen theuern Wohlthatern nutzlich zu werden. Lasst mich jetzt, Mylords, und richtet nicht, wenn es Euch moglich ist.
Ihr wollt fort von uns, stammelte Richmond, fort von Euern Freunden? Ihr verschmahet unsern Beistand, Maria, theure Maria?
Die Ungluckliche verhullte ihr Gesicht, ihr Muth war dahin, ihre Sinne schwanden, sie horte nichts mehr.
Es scheint mir, Mylord, dass ich Euch alle Geduld und Nachsicht bewiesen, auf die Ihr irgend Anspruch machen konntet, sprach endlich Membrocke. Ich fordere jetzt, dass Ihr zurucktretet und die Lady ihrer freien Wahl uberlasst, die, wie Ihr gesehen, zu meinen, nicht zu Euern Gunsten ausfiel.
Noch immer ruhten Richmonds Augen auf Maria, die mit verhulltem Gesicht auf ihren Knien in der Sanfte lag und kein Zeichen des Lebens gab, das, den Andern unbewusst, von ihr gewichen war.
Ormond ergriff, von Richmonds Zustand geruhrt, seinen Arm und zog ihn zuruck, wohl einsehend, dass ihre Macht vorlaufig hier nicht ausreiche, doch fest entschlossen, Membrocke nicht aus den Augen zu verlieren.
Membrocke benutzte dies, verschloss die Sanfte und setzte den ganzen Zug in rasche Bewegung.
Als sie dahin zogen und kein Zeichen des Widerstandes in der Sanfte noch eine Hoffnung ubrig liess, sturzte Richmond an Ormonds leidende Brust, und Beide hielten sich im Bewusstsein eines grossen Schmerzes fest umschlungen. Wir mussen Beide jedoch sich selbst uberlassen und der unglucklichen Maria folgen, die wir mehrere Tage spater in einer vollig veranderten Lage wieder finden. Lord Membrocke namlich, nachdem er sie bis dahin mit leidlicher Haltung gefuhrt hatte, ubergab sie eines Morgens beim Aufbruch zur weiteren Fortsetzung der Reise einem andern Begleiter, der angeblich auf einige Zeit ihre Reise leiten wurde, da es ihm jetzt obliege, voran zu eilen, um ihren Oheim von ihrer nahen Ankunft zu unterrichten.
Alles, was Lady Maria von der Gegenwart des Lord Membrocke befreite, schien ihr glaublich und annehmbar. Sie fugte sich daher ohne Gegenrede in diese Anordnung und trennte sich mit erleichtertem Herzen nach kurzem hoflichen Abschiede. Ihrem Oheim durch diesen Mund den Gruss ihrer Liebe voran zu schicken, konnte sie sich nicht uberwinden.
Der Tag, an dem wir uns ihr wieder zugesellen, war einer der angestrengtesten der ganzen Reise. Die anbrechende Nacht verhullte von Aussen die Gegenstande und gestattete keine Wahrnehmungen mehr uber den Weg, den Lady Maria in ihrer kleinen Sanfte zu verfolgen hatte. Die unwillkurliche Zerstreuung, die der Tag ihr gewahrte, horte hiermit auf, und zuruck gedrangt in ihren Sitz, ward sie aufs Neue von allen Bedenklichkeiten uber ihre Lage ergriffen.
So sehr sie sich durch die Entfernung des Lord Membrocke erleichtert fuhlte, konnte sie doch daraus keinen beruhigenden Schluss ziehn. Aufs Neue entzog sie ihm vielmehr ihr muhsam geschenktes Vertrauen, um zu erforschen, ob sie endlich doch von ihm betrogen worden sei. Aber was ward dann aus dem Briefe des Oheims, denn sie nicht bezweifeln konnte? Warum uberliess er sie ohne Widerstand jetzt einer andern Obhut; was konnte ihm eine Entfuhrung aus dem Schlosse ihrer Beschutzer nutzen, wenn er sich nicht dadurch seine Gewalt uber sie sichern wollte? Und in welcher Gewalt war sie jetzt? Setzte sie ihre Reise nach Lord Membrockes Bestimmung fort, sollte sie dennoch ihren Oheim erreichen, oder war noch irgend ein ihr unbekanntes Interesse fur ihre Person, das jetzt uber ihr waltete? Oft erschreckte sie der Gedanke, jener wilde Lord, welcher sie zwang, aus dem Schlosse ihrer Tante zu entfliehen, konne jetzt uber sie gebieten; aber wie wenig stimmte dafur die Art ihrer Behandlung, wie wenig passte das Wesen des Mannes, der ihr Reisegefahrte war, zu den bosen Absichten, die sie dann hatte furchten mussen.
Der Fremde, der sie begleitete, hatte allmalig ihre Achtung und ihr Vertrauen gewonnen.. Obwol er erst im mittleren Alter stand, war dennoch der Ausdruck seines Gesichts von einem tiefen schwermuthigen Ernst, und seine scharfen edeln Zuge wurden durch die Blasse seiner Farbe noch erhoht. Er lachelte nie, aber sein Ernst war mit so viel Milde gepaart, sein Organ so wohltonend, dass eine mehr hervortretende Freundlichkeit nicht vermisst ward. Er war weit davon entfernt, gegen Lady Maria die Dienstbeflissenheit eines galanten Mannes anzunehmen. Ruhig nahm er wahr, was ihr nothig oder angenehm sein konnte, und er ertheilte darnach seine Befehle, ohne jemals selbst sich einer Dienstleistung zu unterziehen. Ihre Anfangs dringenden Aufforderungen, sich uber seine Absichten und Vollmachten zu erklaren, und ihr zu sagen, ob sie noch das fruhere Ziel ihrer Reise erreichen werde, wusste er ganz von sich abzulehnen, indem er mit der hochsten Milde immer aufs Neue wiederholte, dass sie ohne Furcht und Sorge seiner Fuhrung vertrauen konne, dass keine Art von Widerwartigkeit sie treffen solle, so lange sie unter seinem Schutze sei, und dass ihr wahres Wohl bei dem Ziel ihrer Reise jetzt mehr bedacht werde, als fruher. Dabei nothigte er sie aber, ohne Unterbrechung dieselbe fortzusetzen, und ihre Nachtlager waren nicht mehr in wohl eingerichteten Schlossern, sondern in Schlupfwinkeln und Ruinen oder unscheinbaren Hutten, die bei ihrem ersten Anblick wenig Aussicht aus eine menschliche Wohnung gaben. Hier fanden sich Personen, welche so wenig zu ihren Umgebungen zu gehoren schienen, dass Maria's edles Zartgefuhl erschrak, als sie dieselben zu den niedrigen Diensten ihrer Aufwartung sich herablassen sah. Sie horte hier auf den holzernen Sitzen, bei muhsam verstopften Thuren und Fenstern, und einem elenden Gericht von grobem Mehl, die hohen wurdevollen Reden der gebildeten Welt und bemerkte eine Vertrautheit mit allen Formen dieser hohern Kreise, verbunden mit einer stoischen Verachtung der daran haftenden Eitelkeit. Wenn auch haufig in gleichem Maasse die tiefste Bitterkeit dabei hervortrat, erfullte doch das Elend, wozu so gebildete Geister verdammt waren, das Herz Maria's mit Theilnahme, welche sie zur Verzeihung, ja, zur Vertheidigung jeder dadurch erzeugten Harte stimmte. Sie ahnete bald, dass sie allein unter Personen sich befand, welche der verfolgten katholischen Kirche angehorten, die geneigter waren, im Vaterlande zu darben, als in andern Landern geduldete Fluchtlinge zu sein. Auch schienen ihr die kolossalen Ruinen, in denen sie zu verschiedenen Malen einen muhsam geschutzten Wohnort finde, trotz der Nacht, die sie hinfuhrte und oft wieder vor dem Morgen davon wegrief, den zerstorten Klostern anzugehoren, wovon sie in der Geschichte von der Ausrottung der katholischen Religion in England so viel gehort hatte.
Ihr Zartgefuhl und die Achtung fur ihren schwermuthigen Gefahrten hielt sie ab, sich daruber Gewissheit zu verschaffen; ja, sie fuhlte bald ihr eigenes Herz so von Theilnahme fur diese Martyrer erfullt, dass sie nur der eigenen Achtung fur sie genugte, wenn sie in ein ehrendes Schweigen alle weitern Anspruche auf Erlauterungen begrub und damit das Vertrauen vergalt, das man ihr bei ihrem jedesmaligen Empfange bezeigte.
Sie zweifelte eben so wenig, dass ihr Begleiter, seiner Gesinnung nach, zu jenen Unglucklichen gehore, und sein Reisegewand, obwohl es keine bestimmte Form der Kleidung erkennen liess, erinnerte sie doch, ebenso wie sein kahles Haupt, an das Kostum der Priester jener Kirche. Auch ward ihre Reise durch sehr unbesuchte Wege fortgesetzt, und es schien ihr ebenso sehr das Bestreben ihres Begleiters, sich und sein Gefolge wie sie selbst zu verbergen. Ausserdem suchte er, wahrend des Tages an dem Schlage ihrer Sanfte reitend, sie zu unterhalten, und dies auf eine so ausgezeichnete Art, dass der Lady oft die Stunden im Fluge voruber gingen. Auch wusste er sie selbst zu Mittheilungen zu veranlassen, und bekannt mit allen Personen von Bedeutung, die in die Zeit seines Lebens gehorten, beantwortete er alle ihre Fragen auf das Genugendste und mit mancher feinen Gegenbemerkung.
Hauptsachlich lenkte er oft seine Unterredungen auf religiose Gegenstande und entwarf die erschutterndsten Gemalde von den Leiden und Unterdruckungen, welche die Katholiken in England von der Harte und Unduldsamkeit der Protestanten zu erleiden hatten.
Er wusste die Verfolgten zu Helden ihrer Ueberzeugung zu machen, und die Starke und Fulle des Trostes hervorzuheben, der ihnen aus ihrem Glauben erwachse; wogegen er mit einzelnen scharfen Zugen die Gegenpartei schilderte, als in einer von Gott verlassenen ruchlosen Verdorbenheit versunken.
Diese Erzahlungen ruhrten um so mehr das Herz der Zuhorerin, da sie in ihrer eigenthumlichen Zusammenstellung den Stempel der Wahrheit trugen. Auch konnte es an Stoff hierzu nicht leicht fehlen, bei der noch frischen Erinnerung an die wirklichen Greuel der Verfolgung, die unter Elisabeth den vom Volke gehassten Glauben vertilgen sollten. Auch Jakob war noch zu manchen ahnlichen Verordnungen durch die offentliche Meinung gezwungen worden, wenn auch er, obwol selbst eifriger Protestant, Toleranz gern ubte. Eigentliche Verfolgungen wurden gewiss von ihm weder gebilligt, noch veranlasst, aber dennoch zu wenig gehindert, um nicht zu den traurigsten Bedrukkungen Gelegenheit zu lassen.
Maria fand sich bei diesen Unterredungen auf keinem fremden Boden; ihre Erzieher hatten die hochste Toleranz in religiosen Beziehungen gepredigt, und sie kannte sehr wohl den verschiedenen Standpunkt des Religionswesens unter den Regierungen seit Heinrich dem Achten. Sie so vorbereitet und klar zu finden, erregte offenbar die besondere Aufmerksamkeit ihres Begleiters, und seinen geschickten Bemerkungen that sich bald die ahnungslose Seele seiner jungen Gefahrtin zu einer unbefangenen Erzahlung ihrer Erziehung und einer begeisterten Schilderung ihrer Erzieher auf; wodurch ihm mancher unerwartete Aufschluss uber die geheimsten Religionsansichten der wichtigen Person kam, die das Fraulein als ihren Oheim bezeichnete.
Der Weg, den die Reisenden an dem vorliegenden Abend zurucklegten, war so verdorben und uneben, dass ihr Begleiter sich voraus begeben hatte, um die Gefahren zu untersuchen, die dem Transport einer Sanfte bevorstehen konnten. Langsam nur zogen die muden Thiere uber den immer ungleicher werdenden Boden. An Maria's Ohr drangen von Zeit zu Zeit dumpfe Tone, die sie zwar bei dem Fortbewegen des Zuges, dem Anrufen der Pferde und Diener untereinander, nicht verfolgen konnte, die ihr aber zu wohlbekannte Jugenderinnerungen wiedergaben, um sie nicht endlich zu uberzeugen, dass sie in die Nahe der Kuste gekommen, und dass es das Meer sei, das sein majestatisches Wellengerausch zu ihr heruber trug. Diese Ueberzeugung versetzte sie in eine unbeschreibliche Aufregung. Es schien ihr gewiss, dass sich jetzt ihre nachste Zukunft entscheiden musste. An die Kuste hatte man sie gefuhrt und also Wort gehalten, denn hier durfte sie auch ihren Oheim erwarten. Dies geliebte Bild trat mit einem Male, mit dem ganzen Zauber kindlicher Liebe ausgestattet, vor ihre Seele und unterdruckte darin jedes andere Bild, jede andere Beziehung zum Leben. Mit Enthusiasmus ward sie sich der sussen Pflicht bewusst, fur ihn zu leben und sein Schicksal mit ihm zu theilen. Indem sie in dem kleinen Raum der Sanfte niederkniete, stieg ein Gebet aus ihrer Seele, welches Gott Dank sagte fur den heiligen Beruf, den er ihr verliehen, und worin sie ihn anflehte, ihre Seele zu kraftigen, um Alles zu vollenden zu seiner Ehre.
Sehr uberrascht war daher ihr Begleiter, als er den Zug ausruhen liess und, zur Sanfte mit einer Fackel zuruckkehrend, die Lady ohne alle Spuren der Ermudung fand, und mit so leuchtenden Augen, mit so heiterer Stirn, in so fester Stellung uberhaupt, dass die Worte der Theilnahme, die in Bezug auf die Beschwerden des Weges ihm auf den Lippen schwebten, erstarben und er, von Erstaunen uberwaltigt, eine Frage nach der Ursache wagte.
Denkt Ihr, Sir, antwortete ihm entzuckt lachelnd das schone Madchen, ich hore die Stimme des Meeres nicht? Es hat mich in der Wiege zur Ruhe gesungen, es war der Takt zu meinen Jugendtraumen; wo ich es hore, scheint mir die Heimath! Verwandte, Gluck und Sicherheit ahne ich, wo ich seinen Gruss vernehme, und mit der Zuversicht, die ich jetzt empfinde, will ich Euch danken, ehrwurdiger Mann, dass Ihr Wort hieltet, dass Ihr mich mit rastloser Gute und Grossmuth beschutztet und mich jetzt meinem grossen Beruf entgegen fuhrt. O sagt offen, wann werde ich zu ihm gelangen? Ist er mir schon nah? Werde ich bald seinen Segen empfangen?
Wer den Gang ihrer Gedanken so wohl zu erforschen gewusst, wie ihr Begleiter, konnte nicht lange missverstehen, was sie jetzt bewegte, und sein augenblickliches Erstaunen wich einem sehr milden Gefuhl von Theilnahme und Wehmuth, welches in sich wahrzunehmen, ihn vielleicht selbst uberraschte.
Er musste unwillkurlich daran denken, wozu die Natur sie berufen habe, und wozu der Wille der Menschen sie jetzt bestimme, und er sah trube zu Boden, als der fragende Blick aus diesen klaren Augen seine Antwort ihm abzufordern trachtete.
Habt Geduld, liebe Lady! sagte er mit verlegenem Ausdruck, Ihr habt recht gerathen, wenn Ihr am Ziel Eurer Reise Euch glaubt. Das Fernere werdet Ihr dort durch Andere, als mich, horen; mir selbst ist nicht bekannt, ob Euern Hoffnungen die Erfullung nah oder fern liegt.
Nun so lasst uns weiter reisen, rief das Fraulein, damit mir endlich Sicherheit werde, und ich handeln darf, oder erfahren, wer fur mich so uneingeschrankt zu handeln strebt; mein Geist sehnt sich hinaus, ich fuhle Krafte und den Willen, sie meiner Pflicht zu weihn.
Die schnell gegebenen Befehle zur Fortsetzung der Reise unterbrachen diese kurze Unterredung, und bald erreichte der Zug einen Weg, der geebneter schien und, jetzt durch das Hervorbrechen des Mondes sicher erhellt, keine weitern Schwierigkeiten darbot.
Alsbald durchzog man noch ein kleines Waldgehege von durftigem Fichtenholze, und unmittelbar dahinter erkannte die scharf aufmerkende Reisende das Felsenufer des Meeres und die oberen Dacher und Thurmspitzen eines Bauwerks, welches, zwischen die Felsspalten hineingedrangt, unterhalb den Blicken noch entzogen war.
Maria druckte die bebende Hand auf ihr Herz. Sie schien sich zu entsetzen bei diesem Anblick, der sie mit der Ahnung einer grossen Lebensentscheidung erfasste. Aber tief blau ruhte jetzt der aufgehellte Himmel uber den weissen Kreidefelsen, und unzahlige freundliche Sterne blickten mit ihren wohlbekannten Namen und Bildern wie alte Bekannte. Ein susser Trost zog in ihr bewegtes Herz, und als sie gerade uber der hochsten Thurmspitze das Zeichen des Himmelswagens stehn sah, der so auch uber den Zinnen von Burtonhall und dem Waldschlosse der Tante stand, lachelte sie, wie Kinder, die geliebte Spielkameraden wieder sehn.
Es zeigte sich jetzt bei dem Einzug in die felsigen Kustenschluchten ein bequemer Weg, der fast unmerklich ansteigend bis zum Schlosse fort lief, welches nun auf einer Plattform grossartig und geraumig sichtbar ward. Auf der einen Seite mit seinem Unterbau in das Meer reichend, von der andern Seite genugsam von dem Felsen entfernt, um eine freie Stellung und einige Anlagen von Garten zu erlauben, die, so gut es die Rauheit der Kuste zuliess, Versuche der Kultur zu beabsichtigen schienen, hatte das Ganze ein wohlerhaltenes und festes Ansehn. Fur Lady Maria, welche an die rauhe Lage solcher Besitzungen gewohnt war, zeigte sich darin nichts Abschreckendes. Im Gegentheil schweifte ihr Auge mit Entzucken uber das Schloss hinweg, nach dem dunkeln Spiegel des Meeres, das in majestatischer Ruhe, nur seinen eigenen ebenmassigen Bewegungen gehorchend, wie erzurnt von dem Widerstand der kreidigen Ufer, seine dumpfe, gebieterische Stimme vernehmen liess.
O Du lieber Gefahrte meines Lebens, seufzte sie sehnsuchtsvoll, stehe mir bei und sei mein Schutz!
Da ward ihr der liebe Anblick entruckt; die Sanfte lenkte ein, und bald erreichten die Reisenden ein wohl verschlossenes Bruckenthor, vor dem man anhielt, und das sich erst dem ziemlich oft wiederholten Schalle des Hornes offnete, welches einer der Diener ertonen liess.
Alsbald thaten sich die machtigen Thorflugel der innern hohen und festen steinernen Mauer auf, welche von dem Flugel des Schlosses aus einen weitlauftigen, regelmassigen Hof umschloss, der in sehr gefalliger Eintheilung mit Taxus-Hecken und geschnittenen Baumen der leicht durchwinternden Cypressen zu Spaziergangen und Ruheplatzen im Freien bestimmt schien. Um den Theil aber, der sich unterhalb des Schlosses befand, fuhrte ein in offene Bogen eingetheilter Gang, der als eine spatere Anlage sehr zierlich und wohlerhalten zugleich in der Mitte das grosse Eingangs-Portal zeigte, dem sich jetzt die Reisenden auf einem ringsumlaufenden gepflasterten Wege nahten.
Der Begleiter der Lady, der von einigen Dienern bis hierher geleitet war, hob die Lady aus der Sanfte und fuhrte sie schweigend in die wohlerleuchtete grosse Halle ein, die nach allen Seiten Thuren und zwei Haupttreppen zeigte, und die Verbindung des ganzen Hauses zu enthalten schien. Hier empfing sie ein alter gebeugter Diener in zierlicher einfacher Kleidung, der sich vor Maria's Gefahrten bis zur Erde beugte und seine Hand zu kussen strebte, welches dieser aber zu verhindern wusste. Dann warf er einen schnellen Seitenblick auf die Lady und blieb verlegen stehn.
Nun, Miklas, sprach der Begleiter, wie steht es mit unserem Empfange? Willst Du fur die Lady auf das Beste sorgen?
Miklas aber schwieg und zuckte die Achseln, dann hob er italienisch an, in der Hoffnung, dadurch seine Antwort der Lady zu entziehn: Ihr seid noch nicht so weit, wie Ihr hofft, sie weigern sich, die Signora zu empfangen, ihr Obdach zu geben. Ihr musst das erst bewirken, ehrwurdiger Herr, denn Ihro Gnaden sind mehr erzurnt, als willfahrig zu nennen.
Genug, genug! erwiederte der Andere, welcher wohl wusste, dass Maria den alten verstanden hatte; fuhrt die Lady in ein Zimmer und mich zu Eurer Gebieterin! Seid gewiss, Lady, fuhr er zu Maria gewendet fort, dass ich auch jetzt treulich fur Euch sorgen werde.
Der Alte fuhrte die Lady unterdessen gegen eine der Thuren des Untergeschosses, und indem er sie offnete, rief er laut hinein: Margarith, empfange diese Dame!
Maria trat in ein kleines gewolbtes Gemach, dessen hohes Fenster fast bis zur Erde reichte und nach dem hell vom Monde beleuchteten Bogengange des Hofes hinaus ging, und das in seiner ubrigen Ausstattung, wenn auch reinlich und anstandig, doch das Zimmer eines Hausvogtes zu sein schien, wofur sie den Alten sogleich gehalten hatte.
Mit allen Zeichen der Verlegenheit und der Ueberraschung sprang ein junges Madchen aus der Fensternische ihr entgegen, die gleichfalls wohlhabend, aber in die Tracht geringerer Stande gekleidet war. Dicht vor der Lady stehend, konnte sie die Augen nach einem fluchtigen Blick nicht wieder erheben, und begann ein verzweifeltes Spiel der Hande mit ihren silbernen Brustlatzketten.
Maria vergass, dem schonen, verlegenen Kinde gegenuber, sogleich Alles, was sie selbst in diesem Augenblick bewegte, und mit der ganzen holden Freundlichkeit ihres fur jeden Bedrangten stets offenen Herzens, ergriff sie das verlegene Madchen bei der sich straubenden Hand und redete ihr zu: Sei nicht bange, mein Engel, Du sollst in mir keinen unfreundlichen Gast haben; gewiss, fuhr sie fort, bist Du des Hauswarts Tochter, und hast wol noch mehr Geschwister oder eine liebe Mutter, die Du mir wol rufen kannst? Lass doch Deine Angst, sieh, ich setze mich selbst, da Du versaumst, mich zu nothigen; doch lass nur Deine Unruhe, dann wollen wir uns noch viel erzahlen, bis der Vater mich abruft.
Ein tiefer Seufzer stieg hier aus dem Busen der Geangstigten; sie blickte auf und dann schnell nach dem Fenster zuruck. Es war eine so auffallende Qual auf ihrem Gesichte wahrzunehmen, dass Lady Maria sie vorerst aufgab und sich ohne Weiteres fast dicht bei der Thur auf einen ledernen Stuhl niederliess, um ihrer jungen Gefahrtin Zeit zur Besinnung zu lassen. Aber es schien, als ob dies kleine Rathsel damit sich nicht beruhigen konnte. Denn anstatt sich zuruck zu ziehen, stand sie noch immer vor Maria, und wahrend sie oft sich nach dem Fenster umsah, schien sie darauf ihre Stellung vor der Lady abzuandern, dass sie den Anblick desselben ihr entzoge.
Endlich brach sie in Thranen aus und lief mit der Schurze vor den Augen zum Fenster zuruck.
Als Maria sie ein Weilchen hatte weinen horen, gewann ihr Mitleiden uber ernstere Betrachtungen die Oberhand.
Es ist mir leid, dass ich Dich so betrube, liebes Kind, hob sie sanft an; kann ich auch den Grund nicht errathen, will ich Dich doch gern erleichtern, wenn Du mir nur einen andern Platz zeigen willst, wo ich der Ruckkehr meines Begleiters warten kann.
Das Schluchzen horte auf, mit leisen Schritten nahte sich das Madchen. Ach! sprach ein tief betrubtes Stimmchen, theure Lady, was musst Ihr von mir denken; ach, ich Ungluckliche, wie habe ich Euch so schlecht behandelt. Indem fuhr sie erschrocken zusammen und schaute nach dem Fenster um, an dem Lady Maria ein leises Klirren gehort, wodurch aber die Angst des Madchens sich wieder aufs Hochste zu steigern schien. Nein, Lady, brach sie endlich mit gejagter Stimme los, hier konnt Ihr nicht bleiben, es ist hier kalt, es ist hier so unwurdig fur vornehme Leute, ich werde Euch hinfuhren, wo es besser ist.
Wie Du willst, mein Kind, sagte Maria sanft und stand sogleich auf, der Kleinen folgend, die nun zur selben Thur hinaus, fast fliegend vor ihr her in einen Eingang trat, der einen erleuchteten Gang verschloss, an dessen Seite sie eine hohe Thur offnete, die Lady einzutreten nothigte und dann eben so schnell davon lief, als sie vorangeeilt war.
Maria sah sich jetzt in einem ziemlich langen, aber nicht breiten Gemache, welches an der einen Seite der Lange nach vier hohe Fenster zeigte, die so in der Mauer verloren waren, dass sie schmale Kabinette bildeten. Das Zimmer war gewolbt und mit reicher Architektur versehen. Vom Gebalk hing eine grosse, schon gearbeitete Lampe herab und verbreitete uber die nachsten Gegenstande ein klares Licht. Zwei lange Tafeln standen in einiger Entfernung von einander, um den ledernen daran geschobenen Sitzen Raum zu lassen. Die Tische waren mit feinen weissen Tuchern bedeckt, und in schicklichen Zwischenraumen mit leeren silbernen Gerathschaften zum Gebrauch der Tafel bestellt.
Am obern Ende, wo die Tafeln zusammen liefen, stand ein hoher Lehnstuhl von Eichenholz, der, ein wenig erhoht, fast einem kleinen Thron ahnlich sah. Ein rothes Sammetkissen lag auf dem Sitze und zu den Fussen, und davor stand ein kleines Tischchen, ebenfalls mit Tafel-Gerathen besetzt.
Lady Maria konnte daher nicht zweifelhaft sein, dass sie sich in dem Esszimmer des Hauses befand, und zahlte zwolf Lehnstuhle, woraus sie auf die Zahl der taglichen Hausgenossen schloss, und den ubrig bleibenden Patz an den Tafeln auf oftern grosseren Zuspruch beziehen konnte.
Sie ging am Ende des Saales einer Fensternische zu, in der sie ermudet auf einen Sitz niedersank und von hier aus noch ein Mal den Raum uberblickte. Ach, dachte ihr kindliches Herz mit Zartlichkeit, ist dies auch Dein Wohnort, geliebter Mann, den ich vergeblich zu erreichen strebe? Ist an dieser Tafel Dein Platz, und in welcher Beziehung lebst Du hier? Von da hinweg fiel jetzt ihr Blick gegenuber auf eine sonderbare Einrichtung. In dem ganz steinernen Zimmer sah sie am Ende des Saales, dem erhohten Platze gegenuber, eine Wand von geschnittenem Eichenholz, noch ein Mal so hoch und breit, als die Eingangsthur, aber fur einen solchen Zweck gewiss nicht bestimmt; denn es war eine flache Wand, vor der eine kleine Treppe vom selben Holze bis zur Halfte des Ganzen in die Hohe lief. Oben bildete sie einen Absatz, der einen Balkon mit einer Brustlehne hatte, und daruber hing eine silberne Lampe, welche nicht brannte.
So sonderbar diese Einrichtung war, konnte sie die junge Lady doch nur voruber gehend fesseln; denn das Fenster, woran sie ruhte, ging nach der Seite des Meeres hinaus. Die tiefen regelmassigen Tone, womit dieses sich am Fusse des Schlosses brach, drangen zu ihr hinauf und zogen ihre Blicke nach. Der Mond leuchtete hell, und Maria sah nun, wie schon das Schloss in einer Art Bucht gelegen war, an beiden Seiten von vorspringenden Felsufern gegen das Ungestum des Meeres geschutzt. Unter den Fenstern, fast dicht daran grenzend, lief eine Terrasse, die von vergeblichen Versuchen zeugte, den Sturmen des Ozeans gegenuber dem Boden etwas Vegetation zu entlocken. Ach, welche weit abziehenden Erinnerungen traten damit vor ihren Geist! Wie gedachte sie der Kindheit, wo sie selbst als eifrige Blumistin so unermudlich mit den rauhen Elementen ihres Wohnorts gekampft hatte, ihm einige Bluthen zu erziehen. Voll Theilnahme blickte sie nieder, um zu prufen, wie weit man hier damit gelangt sei, und so von Bild zu Bild gefuhrt, versank sie in ein tiefes Sinnen uber die wunderbare Gestaltung ihres Lebens. Das erste Bedurfniss zarter Jugend, sich vertrauend anzuschliessen und die zweifelhaften Schritte ins Leben nach der gereiften Ansicht schutzender Freunde lenken zu konnen, dies musste sie in den schwierigsten Augenblicken ihres Lebens entbehren, und ihren eigenen Geist aufrufen, ihr Stutze und Hulfe zu sein.
Wenn sie einen Blick auf ihre Erziehung warf, musste sie oft glauben, ihre Erzieher hatten ein solches Schicksal fur sie geahnet, da sie mit besonderer Sorgfalt sie uber das Leben aufzuklaren bemuht gewesen waren, und ihren Geist auf Selbststandigkeit und eigene Erkennung der Wahrheit gerichtet hatten. Ach, und doch wie wenig mochten sie ihr Schicksal voraus gesehen haben. Wie war sie aus dem Kreise gerissen worden, in dem sie so sicher sie geborgen glaubten! Wie musste sie sich sagen, dass die Umstande hier alle Berechnungen vernichtet hatten, weil sonst ihre Lage nicht so bis auf das Letzte hilflos hatte sein konnen. Mit ihrer innern Freiheit des Geistes hatten sie ihr Hulfsmittel fur das Leben geben wollen, aber alle andern Mittel, sich ehrenvoll zu behaupten, waren ihr durch dieselbe Liebe entzogen.
Der Name, den sie beibehielt, er sogar war ihr in Zweifel gestellt. Sie durfte es nicht wagen, sich irgend Jemandem verwandt zu nennen, ohne auf schlecht verhehlte Bedenklichkeiten zu stossen, und oft hatte sie die Stirn beruhren mogen und sich fragen, ob ihre ganze Jugend ein spurlos verschwundener Traum gewesen, oder ob jetzt sie ein solcher Zustand quale, aus dem sie vergeblich zu erwachen strebe.
Das erste Zeichen, das sie in der fremden Welt, in die sie so jah gestossen war, aus jener fruhern erhielt, wie ward es ihr zu Theil, und wo fuhrte sie es hin? Konnte sie ubersehen, dass sie unermesslich viel gewagt, dem Manne zu folgen, der damit begann, sich frech ihr zu nahern? Konnte sie sich jetzt geborgen halten, da der Empfang in diesen Mauern so gar kein Zeichen der Theilnahme zeigte, deren sie doch gewiss sein musste, im Fall ihr Oheim sie hier erwartete? und wo Schutz hoffen und suchen, wenn sie verrathen war? Hier erfullte sich ihr unschuldiges Herz mit einem tiefen Schmerze, es war das Andenken an ihre grossmuthigen Wohlthater auf Godwie-Castle, welche fur sie verloren waren. Sie waren fur sie verloren; ihre strenge Tugend eben schied sie auf immer.
Heisse Thranen drangten sich dieser Ueberzeugung nach, und in ihnen tauchte das Bild des edlen Richmond auf, wie er flehend an ihrer Sanfte stand und sie zuruckzufuhren strebte. Ach, es trat aus diesen letzten Augenblicken ein unvergesslicher Ton seiner Stimme in ihre Erinnerung, ein Blick seiner seelenvollen Augen. Wenn sie, in heiliger Einsamkeit mit sich, ihn jungfraulich schuchtern herauf zu rufen wagte, dann offneten sich die Pforten ihres Herzens, von seiner sel'gen Fulle aufgesprengt, und ihr ganzes Wesen blieb lauschend stehen und horchte den Wundern, die einen magischen Kreis, sanft betaubend, um sie zogen. Sie verhullte schuchtern ihr Haupt. Denn eben ungerufen kam der susse Zauber, und trocknete die bittern Thranen und liess das tief betrubte Herz erquickt zuruck, aufs Neue mit sanften Hoffnungen und jugendlichem Vertrauen ausgeschmuckt.
Ein leichter Fusstritt in der Nahe liess sie schliessen, dass sie nicht mehr allein sei. Sie zog den Mantel zuruck und erblickte nun eine altliche Frau, welche sich aus einem anderen Theile des Zimmers der Eingangsthure nahte und dieselbe sorgfaltig mit einem Riegel verschloss. Sodann zundete sie mehrere an den Wanden hangende Lampen an, doch nur auf der Wand, die den Fenstern gegenuber, und ehe Maria, die so eben sich erheben wollte, um sich ihr kund zu geben, dazu gelangen konnte, rollte sie den hohen Lehnstuhl bei Seite und zog einen Teppich weg, worunter sich eine Fallthur zeigte, die sie mit grosser Schnelligkeit offnete und so von einander schlug, dass sie zwei Lehnen bildete, woran sie sichern Schrittes mit ihrer Leuchte in die Tiefe stieg.
Maria fuhlte sogleich, dass sie hier der ungeahnte Zeuge eines Geheimnisses gewesen, und unangenehm davon bewegt, schwankte sie, ob sie sogleich das Zimmer verlassen oder die Ruckkehr der Frau erwarten solle.
Sie entschied sich fur das Letztere, da die verriegelte Thur ihr den Wunsch anzeigte, von Aussen jede Storung zu verhuten, und sie nicht berechnen konnte, welch grosseres Unheil sie anrichte, wenn sie durch ihre Entfernung diesen Eingang unbeschutzt liesse. Die Fremde erhielt das Fraulein lange in unerfulltem Harren, und bald drangte sich ihrem Geiste eine Moglichkeit auf, dies Ereigniss mit demjenigen in Verbindung zu denken, den sie uberall anzutreffen hoffte. Aber wie schauderte sie bei dem Gedanken, dass unter der Erde seine Wohnung sei; welch ein Loos musste ihm dann gefallen sein, wenn seine Gegenwart in solch strenges Geheimniss gehullt ward.
Sie behielt nicht lange Zeit zu Vermuthungen, denn durch ein Gerausch wurden ihre Blicke der eichenen Wand zugerichtet, an der sich ausserhalb Schlosser zu ruhren schienen. Plotzlich thaten sich vor ihren erstaunten Blicken oberhalb der kleinen Treppe die eichenen Wande auseinander, und zeigten eine kleine Thur, welche die Einsicht nach einem hell erleuchteten niedrig gewolbten Gange zuliess.
In dem alten Manne, der hier hervortrat, erkannte Lady Maria den Hausvogt, der sie empfangen hatte, und der damit beschaftigt, den Eingang durch das Ineinanderschieben der Holzwande zu erweitern, jetzt wieder in demselben Augenblicke verschwand, als sie ihn anrufen wollte. Dennoch blieb sie entschlossen, sich um jeden Preis aus der unfreiwilligen Lage einer Lauscherin zu ziehen. Eben erhob sie sich, um dem alten Manne nachzugehen, als sich ihr ein so uberraschender Anblick darbot, dass sie von Erstaunen gefesselt in ihren Fenstersitz zurucksank, der sie, in tiefe Schatten gehullt, jedem Blicke entzog.
Es zeigten sich namlich plotzlich in dem kleinen Eingange der Treppenthur zwei Knaben in Chorhemden mit reich gesticktem Skapulier, welche, lange Wachskerzen tragend, die kleine Treppe hinab in den Saal schritten.
Ihnen folgte eine grosse hagere Frau, welche, in der Kleidung einer Ursuliner-Nonne, mit dem Rosenkranze in der Hand, von einem Geistlichen in der Tracht des Ordens Jesu beim Niedersteigen unterstutzt ward. Als er den Saal erreicht hatte und dem hellen Scheine der Wachskerzen begegnete, erkannte Lady Maria ihren Reisegefahrten, aber ihr Erstaunen fesselte jede ihrer Bewegungen und machte sie jetzt wirklich unfahig, sich zu erkennen zu geben.
Diesen Personen folgten nun mehrere Frauen, alle in vorgerucktem Alter, und alle als Ursulinerinnen gekleidet.
Sie zogen in gemessener Ordnung durch den Saal der Fallthur entgegen und stiegen schweigend, ohne die Kopfe zu erheben oder eine andere Bewegung zu machen, als das langsame Fortschleppen alter schwacher Personen erfordert, die verborgene Treppe hinab.
Der Hausvogt verschloss die Wande, wie die Fallthur hinter sich, so dass die Lady nach einigen Momenten, die noch der Ueberraschung gehorten, zweifelte, ob sie dies Alles wirklich gesehn oder aufs Neue von den Bildern ihrer Phantasie uberwaltigt worden sei. Als sie endlich gewiss war, sich nicht getauscht zu haben, stromte damit zugleich eine Fulle von Beziehungen auf ihr eigenes Schicksal uber sie ein, und ahnend stieg in ihr der Gedanke auf, dass hier in einem scheinbar heimlich erhaltenen Nonnenkloster ihr Oheim unmoglich Schutz und Hulfe gesucht haben konne. Diese Folgerungen wurden plotzlich durch ein ungestumes Klopfen und Hammern an der verschlossenen Eingangsthur unterbrochen, dem gleich darauf ein angstliches Rufen folgte:
O offnet, offnet die Thur, habt Erbarmen und kommt hervor, wenn Ihr noch hier seid! Ein kleiner Wirbel von klopfenden Fingern und das zarte weinerliche Stimmchen uberzeugten Maria bald, dass es Margarith sei, welche sich einzudrangen bemuhte, und da sie selbst nichts lebhafter wunschte, als diesen Zufluchtsort fremder Geheimnisse zu verlassen, so eilte sie hervor und schob mit leichter Muhe den Riegel zuruck.
Margarith sturzte nun todtenblass herein, und verwildert die Blicke umherwerfend rief sie: O, theure Lady, haben sie Euch gesehen? O sagt es mir; ich bin verloren, wenn sie Euch sahen!
Sei ruhig, Kind, ich ward, sehr gegen meinen Willen, von Niemand gesehen, aber bringe mich hier fort, denn ich mochte diese, meiner so unwurdige Rolle nicht weiter spielen.
Ja, ja! ich fuhre Euch fort, rief Margarith, noch immer bleich und zitternd: nichts will ich Euch mehr verbergen; denn Ihr werdet mich nicht unglucklich machen, und ich muss ja doch verzweifeln! Angstvoll die Hande ringend und seufzend liess sie sich jetzt von Maria zur Thur hinausdrangen, und bald hatten Beide das kleine Zimmer erreicht, aus dem sie von dem wunderlichen Kinde zu Anfang fast vertrieben worden war.
Kaum hatte sich die Thur hinter ihnen geschlossen, als die Kleine vor Maria auf ihre Knie niederfiel, und in Thranen ausbrechend in dem flehendsten Tone kindischer Angst sie beschwor, ein ewiges Schweigen uber das Erlebte zu bewahren.
Ach! Ihr wisst nicht, wie schrecklich ich bestraft werden wurde, wenn man wusste, dass ich so unbesonnen die Geheimnisse des Hauses verrieth. Ich durfte nicht frei und, wie jetzt, um meinen guten Vater bleiben; ich musste auch in die Gewolbe beten gehn und mich einsperren in die kleinen Zimmer. Ach! Ihr wurdet mich todten, wenn Ihr Euch gegen den Vater verriethet; ach, und Euch selbst trafe auch gewiss ein trauriges Loos.
Du brauchst mich nicht an eigne Gefahr zu erinnern, sprach schmerzlich geruhrt Lady Maria; Dein Schmerz ist mir genug, und ich werde ihn nicht durch unbesonnenes Schwatzen erhohen. Aber bist Du auch sicher, dass Niemand weiter, als Du, um meine Anwesenheit dort weiss? Kann mich Niemand uberfuhren, dass ich die Wahrheit verhehle?
Nein, nein! stammelte Margarith, offenbar wieder verlegen werdend; wenn Ihr es selbst nicht sagt, wird es Niemand erfahren.
Nun so nimm mein Wort, liebes Kind, dass ich schweige, und verscheuche nun jede Furcht und Sorge vor mir, denn Niemanden will ich betruben, am wenigsten ein so liebes Kind, wie Dich. Sie neigte sich dabei, sie sanft emporzuheben, und druckte einen leichten Kuss auf die Stirn des sich nun verklarenden lieblichen Madchens. Bei dieser entwickelte sich jetzt erst ihre ganze Natur in einer hochst anmuthigen Geschaftigkeit um Lady Maria. Sie nahm ihr den Reisemantel ab, und suchte es ihr auf alle Weise leicht und angenehm zu machen. Die Flamme nagte bereits behaglich an einem reichlichen Torfaufsatze im Kamine. Margarith schob nun den grossen bequemen Lehnstuhl dahin und ein Bankchen zu dessen Fussen, und ruhte nicht, bis Maria alle eigenen Bemuhungen fur ihr Reisegerath aufgegeben hatte und in dem Sessel sich der Ruhe uberliess.
Hierzu fuhlte sie sich auch hinreichend durch die Strapazen des Tages aufgefordert. Es machte ihr Vergnugen, wahrend sie behaglich ruhte, die Kleine mit den Augen zu begleiten, die so anmuthig und geschaftig sich umher drehte, bis sie endlich an einem kleinen Tischchen seitwarts vom Kamine Platz nahm und an einem seidenen Netze eifrig zu knopfeln begann. Dabei schauten die klugen hellen Augen oft zur Lady lachelnd auf, und guckten dann nach dem Fenster und scheu wieder auf ihre Arbeit zuruck.
Da wir nun doch in so kurzer Zeit Freunde und Vertraute geworden sind, liebes Kind, hob Lady Maria endlich an, so mochte ich wohl erfahren, warum Du mich zuerst fast aus diesem Zimmer hinausgejagt hast. Es muss Dich doch dazu ein wichtiger Grund getrieben haben, indem Du vielleicht das Ereigniss voraussehen konntest, was ich erlebt. Nun, werde nicht wieder angstlich, fuhr sie fort, da sie sah, dass Margarithens Kopf gluhend roth auf die Brust sank, und alle Qualen der Angst und Beschamung sie zu ergreifen schienen. Wenn es Dich sehr angstigt, will ich warten, bis Du mehr Vertrauen zu mir fassest, sollte ich hier uberhaupt lange verweilen.
Ach! seufzte Margarith und hielt die Hand an die Stirn, ich mochte es Euch lieber sagen, als gegen eine so gutige Dame so einfaltig und undankbar erscheinen; aber Ihr werdet eine gar bose Meinung von mir bekommen, und doch sind wir Beide ganz unschuldig.
Beide, sagte Maria, was meinst Du denn? Ja, rief Margarith, schnell aufstehend, komm nur hervor, Lanci, wir wollen der lieben Dame Alles sagen.
Voll Ueberraschung wandte die Lady den Kopf, und sah nun aus der Fenstervertiefung einen Jungling in feiner Jagdkleidung mit einem kleinen gefiederten Mutzchen in der Hand hervortreten, der, gleich Margarith, in den gluhendsten Purpur der Beschamung gehullt, schuchtern neben ihr stehen blieb.
Kinder, sagte Maria, trotz der hier am Tage liegenden Intrigue, ganz bezaubert von dem Augenblicke dieser schonen jungen Leute, was habt Ihr denn vor? Weiss denn Dein Vater darum?
Ach, das ist es eben, seufzte Margarith, glaubt Ihr wohl, dass er es nicht leiden will, dass Lanci mich besucht? Lanci ist mein Vetter, wir wurden gross zusammen, und darum haben wir uns so lieb. Mit eins musste Lanci aus dem Schlosse, blos weil man zugesehen hatte, wie wir uns jagten auf dem Abhange. Sie thaten ihn zu dem alten Forster im Walde, und er soll mich nicht besuchen. Liebe Lady, da passt er denn zuweilen auf, wenn Reisende kommen, wie oft geschieht, und kommt so mit herein.
So, so, lachelte Maria, und da habe ich ihn heute Abend wohl hier eingefuhrt?
Ein schneller freundlicher Blitz aus seinen dunkeln Augen, welcher die Fragende traf, sagte Ja, und Margarith setzte nun verschamt hinzu: Seht, liebe Lady, das war meine Angst, als Ihr kamet. Denn Lanci, der schnell wie ein Reh ist, hatte mir schon das Zeichen gegeben, dass ich ihn einlassen sollte, und er klopfte immer wieder, weil er nicht wusste, was mich hinderte zu offnen.
Und auf welche Weise wird denn Lanci eingelassen? fragte die Lady weiter. Beide schauten nach dem niedrigen Fenster und konnten dann ein kleines Lachen nicht unterdrucken, was sie als schuldlos spielende Kinder bezeichnete, dass Maria unwillkurlich mitlachen musste.
Aber, sprach sie dann, sich zum Ernst zwingend, Ihr seid doch recht leichtsinnige Kinder. Hat es der Vater einmal verboten, so wird es grossen Larm geben, wenn er Lanci findet, und mich daucht, das kann jeden Augenblick geschehen, und dann, Margarith, bist Du doch immer ungehorsam.
Ja, sagte hier der Jungling, der gute alte Vater ist es aber gar nicht, der uns trennt; er muss es nur thun, weil es Ihro Gnaden haben wollte. Er hat es mehr als hundert Mal gesagt, wenn ich ein ordentlicher Mann wurde, sollte Margarith meine Frau werden.
Schweig doch davon, Lanci, rief Margarith dazwischen, wer wird davon sprechen.
Aber, sagte Lanci, die liebe Dame denkt sonst, wir sind schlechte Kinder. Wir thun es aber blos heimlich, damit, wenn's herauskommt, der Vater sagen kann, dass wir beide Schuld haben, und wird Margarith dann fortgejagt, so heirathe ich sie gleich.
Nein, sagte Margarith, nicht eher, als bis Du Jager bist; das thue ich dem Vater nicht zu Leid, so lang Du Bursche bist.
Lanci warf den Kopf hinten uber, wie Jemand, der es besser weiss und seiner Sache sehr gewiss ist.
Aber wenn Ihr doch auch dem Vater davon nichts sagen wolltet, setzte jetzt Margarith besorgt hinzu.
Wahrlich, sagte Maria, lachelnd den Kopf schuttelnd, ich werde ganz schwer von allen Deinen Geheimnissen. Wenige Stunden bin ich erst hier, und zwei wichtige Dinge willst Du schon mich zu verhehlen zwingen. Weisst Du wohl, dass das Letzte mir wichtiger scheint, als das Erste?
Beide sahen sich erstaunt und besorgt an, und ruckten dann unwillkurlich dem Sitze Maria's naher, sie flehend anblickend.
Sieh, ich kann es gar nicht leiden, wenn junge Leute heimlich sind, fuhr Maria fort; gewiss habt Ihr schon zuweilen, um Eure kleinen Besuche zu verbergen, allerlei List und Lugen sagen mussen, und das ist immer gottlos und kann Euch verderben. Solltet Ihr Euch denn nicht treu bleiben, wenn Ihr Euch auch nicht sahet? Und wenn Lanci Jager ist und ordentlich um Dich wirbt, wird er Dich schon zur Frau bekommen, da der Vater ihn lieb hat.
Treu bleiben, das ist nicht schwer, sprach Lanci, sich mannlich aufrichtend, und wenn ich sie zanzig Jahr nicht sehn sollte, bliebe ich ihr treu; aber wenn ich nicht manch Mal hierher zu dem armen kleinen Dinge komme, dann hat sie gar keinen Spass mehr, und muss ganz umkommen in dem alten finstern Schlosse. Das konnt Ihr nur glauben, gnadige Lady, so um gar nichts bestehn wir all' die Gefahr nicht; gelogen hab' ich auch noch nie darum, und vielleicht bewahrt mich Gott davor, da er sieht, dass ich es aus guter Absicht thue.
Maria fuhlte sich unwillkurlich von dem Gemisch von Liebe und kindlicher Reinheit geruhrt, das aus Beider Wesen und Worten sprach. Margarith dagegen war durch des Geliebten Vertheidigung wieder traurig angeregt. Maria fuhlte wohl, wie schwer die Furcht einer Trennung auf sie wirke, und da sie den Verhaltnissen, von welchen diese jungen Leute bedrangt wurden, noch so neu und fremd war, stellte sie gern ihr Richteramt ein, hoffend, der gute Engel, der so lange mit ihnen war, werde sie ferner schutzen.
Gott sei Euch gnadig, sagte sie sanft, wie kann ich Euch rathen, da mir Alles hier fremd ist? Ich kann mich nur durch Schweigen unschadlich machen, das will ich. Betet Ihr zu Gott, dass er Euch behute und Euer Herz nicht in Unwahrheit verstricke! Ich will Euch nicht storen, mein Kopf ist ohnehin mude, lasst mich hier ausruhen, und sagt Euch ungestort, was Euer Herz erfreut.
Freundlich dankten die wieder kindlich erheiterten jungen Leute und zogen sich in den tiefen Fenstersitz zuruck, wahrend Maria ungestort ihren Gedanken nachhing.
Aber haufig geschieht es, dass unsere Phantasie aufhort thatig zu sein, wenn die Gegenwart mit ihren Erscheinungen uns so nah geruckt ist, dass wir uns jeden Augenblick als selbst thatig erwarten konnen. Wir schliessen dann im Gegentheil uns wie eine Knospe zusammen, um der Wirklichkeit die gesammelten Krafte darbieten zu konnen, und das ablockende Spiel der Phantasie erbleicht mit seinen bunten Bildern an der Erwartung des nachsten Augenblicks.
So kam es, dass es Maria unmoglich ward, ein Bild hervor zu heben fur ihre eigene Lage, und unbestimmt angeregt, sank ihr mudes Haupt zuruck, und sanfter Schlummer wiegte sie bei dem leisen Gefluster der jungen Leute ein.
Aus einem farblosen Traum erweckte sie der Strahl eines Lichtes, der ihre Augen traf. Vor dem Tischchen der Tochter, an dem die letztere wieder sass, stand der alte Vogt, einen Armleuchter mit Kerzen haltend, und sprach leise in die freundlich aufmerkende Tochter hinein.
Gern, bester Vater, beantwortete das gute Kind die Anrede des Alten, gern will ich fur die arme Dame sorgen, und viel lieber, wenn sie nicht jenen alten Damen anheimfallt, und die freundlichen Zimmer bezieht; denn ich hoffe doch, da wird sie nicht auch geplagt werden.
Schweig, unterbrach sie der Alte, strenger blickend; thue, was vor Dir liegt, sei dankbar fur das Vertrauen Ihrer Gnaden und lass Deine unschicklichen Bemerkungen. Die gnadige Frau hat dem ehrwurdigen Herrn erlaubt, Alles nach seinem Gutdunken einzurichten, und wir waren bis jetzt damit beschaftigt, und ...
Halt, lieber Alter, unterbrach ihn hier Lady Maria, unfahig, durch anscheinenden Schlaf sich hinter die geheimen Verhaltnisse des Hauses zu stehlen, wenn Deine Worte nicht fur mich sind, so fahre nicht fort, denn ich habe, wie Du siehst, ausgeschlafen.
Ueberrascht, aber mit ehrfurchtsvoller Hoflichkeit, wandte sich der Alte schnell zur Lady, und sich bis zur Erde beugend, sagte er in der angemessenen Haltung eines Schlossvogts:
Meine gnadigste Frau, die Besitzerin dieses Schlosses, beehrt mich, Euch, Mylady, hierselbst willkommen zu heissen, und da der vorgeruckte Abend der gnadigen Dame nicht mehr erlaubt, Euch eine Audienz zu ertheilen, ersucht sie Euch, die Zimmer in Besitz zu nehmen, die sie zu Euerm Empfang hat einrichten lassen, und uber Dero Diener zu befehlen, die alles Mangelnde zu ersetzen bemuht sein werden.
In Wahrheit, guter Alter, erwiderte Maria, indem sie sich mit ihrer eigenthumlichen Hoheit erhob, das Willkommen der Dame, deren Gast ich wider Willen bin, kommt so spat und nach so unziemlicher Vernachlassigung, dass ich so einladende Worte mehr auf Eure gute Sitte, als auf die Eurer Herrin beziehen mochte. Doch sei es darum, ich sehe mich nicht ungern blos an Euch und Eure Tochter gewiesen, und bin bereit Euch zu folgen.
Der alte Herr sah mit einigem Erstaunen auf diesen stolzen Anspruch an seine Gebieterin. Aber Domestiken, die alt geworden im Dienste, sehen nicht ungern an denen, die sie bedienen sollen, einen hohen Anspruch auf aussere Achtung hervortreten; sie fuhlen sich selbst dadurch gehoben und glauben sich weniger zu vergeben gegen Personen, die sich selbst zu ehren wissen.
Der Alte mochte noch ausserdem Grunde haben, unserer jungen Heldin Ehrfurcht zu bezeigen, denn es schien, er fuhle sich nun ganz an seinem Platze. Er erwiderte mit stummer Verbeugung die Worte der Lady und schritt dann mit dem hoch gehobenen Leuchter voran, als sie, in ihren Mantel sich hullend, bereit schien ihm zu folgen.
Auf dem entgegengesetzten Flugel im Erdgeschoss des Schlosses offnete Miklas jetzt eine Thur, welche die Lady einlud, in ein grosses Vorzimmer zu treten, das an seinen leeren weissen Wanden die kostbarsten Stuckaturen, von einem grossen Feuer in dem weiten Kamin erleuchtet, zeigte.
Der Alte durchschritt dies Zimmer und bat die Folgenden, in ein daran stossendes Kabinet zu treten, wohin nur Margarith die Lady begleitete. Auf das Angenehmste fuhlte sich Maria von dem ersten Anblicke desselben uberrascht. Es gehorte zu den Zimmern, die uns sogleich einladen zu bleiben und uns Alles darzubieten scheinen, was ein sinniges Leben erfordert. Es war angenehm erwarmt, und nur ein mildes Kohlenfeuer gluhte noch in dem Marmor-Kamin, der den ganzen Hintergrund des schmalen Zimmers einnahm. Davor standen auf einem schonen Teppiche mehrere bequeme Sessel, ganz, wie die Wande und Vorhange des Zimmers, mit grunem Damast und goldenen Borten bedeckt. Es schien, als hatten Freunde so eben von traulicher Zwiesprache sich erhoben, und Maria konnte sich nicht enthalten, voll Hoffnung und Sehnsucht nach ihren leeren Sitzen zu blicken.
Gegenuber zeigte sich das breite hohe Fenster, das in seine tiefen Wande eine kleine Biblothek aufgenommen hatte, wovor ein schon geformtes Lesepult stand, mit allen Einrichtungen zum Schreiben versehn, und an ein kleines Ruhebett war zu ihrer freudigen Ueberraschung eine Harfe gelehnt. Mehrere Bilder, an den Wanden passend vertheilt, schienen alte Portraits und Heiligenbilder, und entgingen vorerst ihrer Betrachtung, da der Schein der Kerzen ihre finsteren Tafeln nur schwach erhellte. Auch drangte Margarith, begierig die Lady mit ihrer Wohnung bekannt zu machen, sie in das Nebenzimmer, das eben so hoch und schmal, als das erstere, durch ein grosses damast-behangenes Bett sich als Schlafzimmer ankundigte.
In der Fensternische war hier eine schwerfallige, aber reich besetzte Toilette angebracht, und ein ungeheurer venetianischer Spiegel vortheilhaft gegen das Fenster aufgestellt. Was aber sogleich Maria's Aufmerksamkeit anzog, war eine der Thur gegenuber eingelegte Nische von schwarzem Marmor, worin, von zwei Wandleuchtern, auf denen Kerzen brannten, erleuchtet, sich das Bild einer Mutter Gottes mit dem Kinde zeigte, von einer so himmlischen Schonheit in Ausdruck und Farbe, dass Margariths Bewegung, womit sie sich augenblicklich davor bekreuzte und das Knie beugte, naturlicher erschien, als ihr schnelles Uebergehen zu den andern Gegenstanden des Gemaches.
Das Bild ruhte auf einem Untersatz von ebenfalls schwarzem Marmor, welcher ziemlich deutlich die Form eines Altars hatte, vor welchem ein kleines Betpult stand, worauf sie ein aus ihrer Reise-Equipage entlehntes griechisches Neues Testament erkannte.
So schon und sinnig auch diese Einrichtung getroffen war, fuhlte Maria doch mit ihrem richtigen Gefuhl eine Absichtlichkeit heraus, die sie fast verletzte, und fruher als der Gegenstand es verdiente, wendete sie sich davon ab, ihr kleines liebes Eigenthum von dem Betpulte wegnehmend und es auf ein Tischchen neben ihr Bett legend.
Nun, theure Lady, rief innig befriedigt Margarith, seid Ihr denn nicht ganz zufrieden mit Eurer Wohnung, und wollt Ihr die kleine Margarith als Eure gehorsame Dienerin annehmen?
Beides, beides, sagte freundlich Maria, sogleich jugendlich in die heitere Stimmung ihrer kleinen Dienerin eingehend, und nun bitte ich Dich, mein Gepack etwas zu ordnen, welches ich hier angehauft sehe.
Ja, theure Lady, vertraut das mir, erwiederte Margarith, und erlaubt vorerst, dass ich Euch Eure Haube abnehme und ein wenig Eure Reisekleider wechseln helfe, denn das wird Euch erquicken und Lust machen zur Abend-Mahlzeit, die mein Vater indessen fur Euch servirt.
Mit vielem Geschick unterzog sich die Kleine jetzt ihren neuen Dienstleistungen, wobei ihr die unendliche Fulle und Schonheit von Maria's Haar manchen Ausruf des Erstaunens entlockte, wie sie uberhaupt jetzt erst die hohe Schonheit ihrer neuen Herrin erkannte und von einer fast scheuen Ehrfurcht davor erfullt ward.
Maria fuhlte sich von dem langentbehrten Behagen an einer gewohnten weiblichen Bedienung und den kleinen Annehmlichkeiten einer bequemen Einrichtung erheitert, und stets sich ihren Empfindungen hingebend, ermudete sie nicht, anmuthig scherzend ihre kleine Dienerin anzuleiten, so dass, als endlich der erquickliche Wechsel der Kleider beendigt war, Beide mit heiterer Stirn der Einladung folgten, welche der alte Herr zum Abendbrod ergehen liess.
An der Thur des Vorzimmers, welches zu ihrem Speisezimmer bestimmt war, schulterte der alte Vogt und uberreichte ihr auf einem silbernen Teller einen fein gebrochenen Streifen Papier, auf dem sie in italienischer Sprache die Worte fand: Hoffet und seid getrost!
Dazu fuhlte sie sich in ihrem Innern vollkommen geneigt, denn ihr war in hohem Grade die gluckliche Gabe zu Theil geworden, mit jedem Augenblicke abzuschliessen und, immer klar in ihrer Stimmung, Jedem sein Recht, sei es in Schmerz oder Zufriedenheit, zu gonnen. Ihr junges, unerfahrenes Leben machte sie noch kindlich sicher, den guten Worten vertrauend, die man ihr bot, und diese jugendliche Hingebung fand doch Schranken in einer seltenen Scharfe der Beobachtung und einem hochst zarten und weit reichenden Gefuhlsvermogen. Sie verlor daher nur selten ihre Sicherheit und Ruhe, was, ihr unbewusst, in diesen Eigenschaften begrundet und, vielleicht fruh von ihren Erziehern erkannt, so schon entwickelt worden war.
Freundlich das Streifchen in der Hand zerdruckend, schritt sie vor und ergotzte sich an den schonen Verhaltnissen des hohen, hell erleuchteten Gemachs.
In der Mitte desselben stand ein kleines Tischchen, mit einem Couvert belegt, wovor ein unermesslich hoher Lehnstuhl geruckt war, dessen goldene, mit bunt benahtem Sammet bedeckte Wande verschiedene erblichene Wappenschilder zeigten.
In einiger Entfernung stand ein mit reichem Silbergeschirr bedeckter Schenktisch, auf dem die angerichteten Speisen dampften.
Ei, sprach Lady Maria, freundlich alle diese Anordnungen beobachtend, Du hast sehr angenehm fur meinen Hausstand gesorgt, lieber Alter! Ich muss Dir Dank sagen, wenn Du Haus-, Hof- und Kuchenmeister zugleich warst; es ist Alles aufs Beste eingerichtet, um nach einer beschwerlichen Reise angenehm ausruhn zu konnen.
Sie richtete dabei ihre Augen huldreich auf Miklas und fand ihn in ihrem Anschaun so ganz verloren, dass er kaum ihre Worte verstanden haben mochte, und wir mussen es unentschieden lassen, ob etwa eine andere Gedankenverbindung in ihm bei dem vollen Anblick des Frauleins aufstieg. Als sie sich indess dem Tische naherte, eilte er herbei und ruckte ihr den Stuhl, sie ehrfurchtsvoll bedienend.
Die durch manche Entbehrungen erregte Esslust des jungen Frauleins gewahrte dem Vater und der Tochter hinlangliche Genugthuung fur ihre Bemuhungen. Sie lobte die trefflichen Seefische und die saftigen Waldschnepfen, indem sie neckend einige Fragen uber Jagd und Jagerei des Schlossgeheges hinwarf, und die ergluhende Margarith sogleich wegschickte, um ihr die auf dem Schenktisch stehenden in Zucker eingelegten Fruchte zu holen.
Dem Alten ging, je langer, je mehr das Herz auf, seinem lieblichen Gast gegenuber. Wie stolz und ernst und ihrer Wurde sich bewusst sie ihm zuerst erschienen war, sah er doch noch nie in einer und derselben Personlichkeit so viel kindliche Unbefangenheit, eine so sorglose Sicherheit und eine Heiterkeit vereinigt, welche die Umgebungen in ihren Kreis zog, ohne ihnen je eine Verwechselung der Verhaltnisse moglich zu machen.
Als er ihr am Ende des Mahles in einem zierlich getriebenen Silber-Geschirr einen kuhlen Wein des uberseeischen Frankreichs darbot, konnte er sein Entzucken kaum hinter seiner Ehrfurcht bergen, als sie lieblich lachelnd ihn auf der Zunge prufte und dann dem alten Wein-Kenner ein wichtiges Zeugniss uber die Gute desselben abgab.
Wolle Gott Euer Gnaden jeden Tropfen zum Segen werden lassen! rief er fast geruhrt.
Amen! erwiederte sie, sich rasch erhebend, indem er mit mehr Gewandtheit, als er sich noch zugetraut, bis zu ihrer Thur voranschritt, sie zu offnen, und ihr jede Courtoisie eines alten, wohlerzogenen Dieners zu erweisen strebte.
Als Maria sich fur die Nacht entkleidet hatte und ihre junge Dienerin entfernen wollte, blieb diese erstaunt stehen und zeigte ihr an, dass sie entschlossen sei, in ihrer Nahe zu bleiben.
Denkt Ihr, Lady, es sei nicht besser, zu zweien in diesem Schlosse zu wohnen? Nein, weiset mich nicht zuruck, Ihr wisst noch nichts von diesem bosen Schlosse. Gott sei uns gnadig, fuhr sie fort, sich bekreuzend, ich bin nicht befugt davon zu sprechen, aber besser ist es, Ihr behaltet mich bei Euch.
So, sagte Maria lachelnd, Du willst also mein Schutz und Schirm sein, und in Deiner Nahe haltst Du mich fur sicherer vor all Deinen angedeuteten Fahrlichkeiten? Sage mir doch wenigstens, ob Du Dich bei meiner Beschutzung als Geisterbannerin zeigen musst, oder bewaffnet mit Degen und Pistolen, damit ich erfahre, welcher Art meine Gefahren sein werden.
Ach, theure Lady, spottet nicht, fuhr Margarith angstlich fort; Ihr mogt wol sehr muthig sein, aber was hier zuweilen geschieht, straubt wol Mannern das Haar, und Ihr wurdet es nicht so leicht ertragen, als Ihr glaubt.
Wenn dem so ware, glaubst Du, dass Dein alter Vater uns hier verlassen und uns schutzlos der Gefahr Preis geben wurde? Geh, geh, Margarith, Du hast zuviel Ammenmahrchen gehort, ich aber kenne thorichte Furcht nicht und verlange allein zu schlafen.
Nein, nein, liebe Lady, Ihr werdet das nicht wollen, ich musste ja den Weg allein zuruck machen, und uberdies sie stockte.
Nun uberdies? fragte die Lady, uberdies bist Du eigensinnig und willst nicht gehorchen.
Ach Ihr zurnt, theure Lady, ich aber bin unschuldig an Euerm Unwillen, denn seht, ich kann wol dieses und jenes Zimmer verlassen, aber weiter nicht, denn denn wir sind ja eingeschlossen.
Eingeschlossen? rief die Lady, und nie sah Margarith schneller veranderte Zuge, als bei diesem Worte. Gefangene! fuhr das Fraulein in hochster Ueberraschung fort, ist es moglich? Margarith, was treibt man mit mir, wer wagt es, so mich zu behandeln, mit welchem Rechte verfugt man uber die Freiheit meiner Person? Sprich! Ich befehle Dir, mir zu sagen, wer ist die Besitzerin des Schlosses? Wo bin ich? und was weisst Du von den Absichten auf meine Person? Doch Du traumst, Madchen, Deine aberglaubische Furcht will mich einschuchtern, damit Du Deinen Willen behaltst; ich selbst werde untersuchen, ob Du mich zu tauschen denkst.
Mit fluchtigem Fusse eilte sie, ein Licht ergreifend, durch das angrenzende Zimmer nach dem grossen jetzt wieder vollig leeren Vorzimmer, das ohne Kerzen, von der Flamme des Kamins nicht mehr erhellt, ein odes geisterhaftes Ansehn hatte. Aber das Fraulein, voll Erwartung und erzurnt uber die Moglichkeit, dass Margarith Recht haben konne, nahm wenig davon wahr; sondern froh nur, die grosse Eingangsthur zu erkennen, eilte sie mit schnellen Schritten darauf zu. Doch sie druckte vergeblich an dem breiten eisernen Schlosse hin und her, und ihr Licht dazu erhebend, erkannte sie bald den einfachen Mechanismus eines von Aussen befestigten Riegels.
Die Ueberzeugung von der Wahrheit dessen, was sie als eine grosse personliche Beleidigung ansah, uberwaltigte ihren Geist fur den Augenblick bis zu einer Art von Betaubung. Sie lehnte den Kopf gegen den Arm und an das verhangnissvolle Schloss, als musse sie auf dieser Stelle Mittel zu ihrer Befreiung ausdenken. Das Licht hing unbeachtet in der andern niedergesunkenen Hand, und die kleine Flamme suchte an ihrem langen niederhangenden Nachtkleide eben weitere Nahrung, als seufzend und mit unterdrucktem Weinen die naher geschlichene Kleine es aus ihrer Hand zog.
Ach, Lady, kommt hier weg, schluchzte sie leise, ach, zurnt nicht langer.
Halt! rief Maria aufschreckend, ich hore Schritte, horst Du es, Margarith?
Heiliger Gott, sei uns gnadig! stammelte Margarith und strebte die Lady mit sich zu ziehn.
Nein, sprach Maria, ich werde diesen spaten Wanderer anrufen, er soll augenblicklich Deinen Vater herbei holen und sagen, dass man mich hier als Gast und nicht als Gefangene behandele!
Nein, nein! o schweigt, rief Margarith, sich vor ihr niederwerfend.
Aber Maria war aufgeregt und zurnend, und als die Fusstritte jetzt vor der Thur anzuhalten schienen, als ob das Gerausch, welches Maria absichtlich an dem Schlosse machte, sie festhielte, rief sie:
Wendet Euch hierher! Habt die Gute, diese Thur von Aussen zu offnen, so Ihr konnt, oder Miklas, den Hausvogt, zu rufen!
Sogleich schien Jemand von Aussen mit Ungestum gegen die Thur zu fahren, und nach einigen ungeschickten Versuchen, sie so aufzudrucken, rasselte es heftig an dem Schlosse, welches zitterte und nachgab.
Maria riss der niedergesunkenen Margarith das Licht aus der Hand, und es hoch hebend blickte sie der aufgestossenen Thur entgegen. Doch voll Grauen bebte sie zuruck, als ein Weib eindrang, dessen verwildertes Ansehen eine Wahnsinnige bezeichnete. Ihre grauen Haare hingen unter einem schwarzen Schleier lang hervor und in dunnen Strahnen uber ihre furchtbar hohe Gestalt, welche nur von nothwendiger Kleidung gedeckt, Hals, und Brust und Arme in widriger Abzehrung zeigte.
Aber vor Allem furchtbar war die Grabesfarbe des Gesichts, die stieren, glanzlosen Augen, und das Lacheln des Wahnsinns um den lippenlosen Mund. Schaudernd trat Maria zuruck, aber angezogen schien die grassliche Erscheinung von ihrem Anblick, sie folgte ihr nach, den mehrarmigen Leuchter gegen sie vorstreckend, und je langer sie mit ihren furchtbaren Augen sie anblickte, desto mehr gewann ihr starres Gesicht einen gemischten Ausdruck von Erstaunen und Wuth.
Wer bist Du? sagte sie mit heiserer Stimme, ich muss Dich kennen! Sie rieb die Stirn, und wieder vordringend, rief sie, hollisch lachend: Du bist so ein Spuk aus der grossen Welt, woraus sie mich vertrieben. Ha, jetzt kenne ich Dich! Doch von wannen kommst Du? Wer brachte Dich hierher? Sendet Dich der Knabe Villiers, den sie Herzog nennen? Ha, ha, ha, ha! Du bist es, und kennst Du mich, die schone Franziska Howard?
Komm, komm! Du entgehst Deinem Schicksal nun nicht, bist Du doch von seinem Blute! Ha, die Rache ist suss, sehr suss.
Gierig streckte sie die Hand aus und ergriff Maria's Gewand, welche, vergeblich mit dem Entsetzen kampfend, ihre Knie wanken fuhlte und, als die kalte Hand des Weibes ihren Hals umspannte, ihrer Sinne beraubt zur Erde sank.
Als sie die Augen wieder aufschlug, leuchtete der fruhe Morgen matt durch das hohe Fenster. Langsam kehrte ihr Bewusstsein zuruck, und sie sah nun, dass sie in dem grossen Himmelbette ihres Schlafgemachs lag, und dass mehrere Personen um sie beschaftigt waren. Ein Versuch, sich zu bewegen, liess sie einen Schmerz und eine Lahmung ihres Armes fuhlen, und jetzt uberzeugte sie sich, dass man daran eine Ader geoffnet, woraus das Blut sich vor ihr in ein Becken ergoss.
Es waren dies Alles die Wahrnehmungen eines noch halb ohnmachtigen Geistes, der sich selbst noch nicht wieder vereinigt fuhlt mit den Zustanden des Korpers.
Sie erkannte den Reisegefahrten, der die Lanzette gefuhrt hatte; sie sah Margarith auf ihren Knien, das Becken haltend; sie fuhlte sich in den Armen einer fremden Frau, deren mildes schneeweisses Gesicht sich dicht neben dem ihrigen zeigte; aber sie hatte sich nicht gleichgultiger dabei fuhlen konnen, wenn sie eine mit diesen Gegenstanden bemalte Holztafel gesehen hatte. Nachdem der nothige Verband umgelegt war und sie aus den Armen der Frau sanft in die Kissen sank, und die grunen Vorhange des Bettes sie in eine angenehme Dammerung hullten, sanken ihre Augenlieder ermattet nieder; der Schlaf trat an die Stelle der tiefen Ohnmacht und vereinigte den durch Schrecken verstorten Geist mit dem genesenden Korper.
Nach einem langen und erquickenden Schlaf erwachte das Fraulein mit der angenehmen Empfindung wieder hergestellter Krafte. Die Ruhe, die ausserhalb der Vorhange ihres Bettes herrschte, war indess eine Wohlthat, welche sie sich zu verlangern suchte, da ihr Geist sogleich zu arbeiten begann, um theils die Begebenheiten der letzten Stunden sich zuruck zu rufen, theils ihre Beziehungen zu sich selbst herauszufinden. Aber ihre Phantasie hatte vor dem letzten Ereigniss einen zu tiefen Eindruck empfangen, um nicht immer darauf zuruck kommen zu mussen. Der Name Franziska Howard, den die grauenvolle Erscheinung sich beigelegt, gehorte einem Wesen, dessen Name mit jenem tiefen Abscheu in England genannt ward, womit man Verbrechen bezeichnet, die in einer zu hohen Sphare sich begeben, um in ihrer ganzen Wahrheit zur Anschauung des Volkes zu gelangen.
Maria war damit unbekannt, aber wenn sie den Aeusserungen dieser elenden Frau nachdachte, ward ihr die Ahnung eines durch Gewissensvorwurfe gestorten Geistes. Schaudernd dachte sie an die Nahe dieser Furie, die in ihren Phantasien sie zu einem bekannten Gegenstande ihrer Wuth gestempelt hatte. Naturlich prufte sie jetzt ihre ganze ubrige Lage, und was unter so bedrohlichen Umstanden ihr etwa noch fur Schutz geblieben sei, und bei dem Zuruckkommen auf diesen Gegenstand, fuhlte sie sogleich eine lebhafte Anerkennung der von Margarith und Miklas ihr bewiesenen Sorgfalt.
Es war klar, dass Miklas die Thur verwahrt hatte, sie vor dem umherwandernden Spucke zu schutzen, dass Margarith, davon unterrichtet, vielleicht um sie nicht zu beunruhigen, den Grund verschwiegen, ihr eigener Ungestum aber diese gutige Vorsorge verhindert hatte, da durch ihr Gerausch an der Thur und ihr Rufen offenbar der schreckliche Gegenstand herbei gezogen worden war.
Erwarmt von dem Gefuhl, hier eine ihr zugewendete gute Absicht anerkennen zu durfen, und lebhaft bewegt von dem Wunsche, das dabei von ihr selbst Verschuldete gut zu machen, griff sie schnell in die Vorhange des Bettes, und sie zuruckdrangend, sah sie Margarith an dem Fussende ihres Bettes auf einem niedrigen Stuhlchen sitzen und an dem Netze knopfeln, das auf ihren Knien ruhte.
Ein freudiger Ausruf des lieben Madchens begleitete ihr Aufblicken, und an dem Bette niedersturzend kusste sie kindlich jubelnd die Hande ihrer Lady und konnte nicht mude werden, sich uber ihre gehoffte Genesung zu freuen.
Aber, setzte sie schuchtern hinzu, theure Lady, zurnt Ihr mir und meinem alten Vater auch nicht mehr?
Gutes Kind, erwiederte Maria, wie ruhrt mich Deine Sanftmuth und Gute, da ich allein die bin, die uber Dich so viel Schrecken brachte, indem ich die Vorsorge Deines Vaters und Deine eigene Schonung verkannte, in meiner Heftigkeit nur mir selbst folgte und Alles dadurch herbei zog, wogegen Ihr mich zu behuten trachtet. Vergieb Du mir dagegen und sei gewiss, ich werde Deine guten Absichten nicht wieder missverstehn.
Ach, theure Lady, Ihr seid wie ein heil'ger Engel, rief Margarith, wie hatte ich Euch wol zu vergeben? Gottes Gnade und die heil'ge Jungfrau haben uns ihren Schutz verliehen, sonst waren wir freilich unterlegen. Aber wie konntet Ihr auch das ahnen, was wir erlebt? Wer es kennt, glaubt es kaum!
Sage mir, liebe Margarith, wenn es Deine Pflicht nicht uberschreitet, unterbrach sie Maria, wer war die grassliche Person, die uns erschreckt hat, und warum geniesst sie bei ihrer Geisteszerruttung die Freiheit, hier umher zu gehn?
Ach, theure Lady, wer mochte die ihr nehmen, da sie die Herrin des Schlosses, unsere gnadige Gebieterin ist.
Die Herrin des Schlosses? rief Maria erschrokken.
Ja, so ist es. Die Lady ist sehr reich, und ihr Gemahl nun schon viele Jahre im Grabe, obwol ich noch recht gut mich des lieben schwermuthigen Herrn erinnere. Gott sei seiner Seele gnadig! Glucklich war er auch nicht, die Leute sprachen Allerlei von ihm. Er musste viel Trauriges erlebt haben; denn ruhrender seufzte kein Mensch. Ach, und dann horten wir ihn eben so die Nachte durch umher wandern und tief, tief seufzen. Des Morgens fanden ihn die Bedienten oft auf den kalten Steinen der grossen Halle oder auf den Treppen eingeschlafen liegen. Alt konnte er dabei nicht werden, das konnt Ihr denken; aber er that keinem Kinde was zu Leide, ja, er liebte sie zartlich, und ich und Lanci und einige Fischerkinder, wir sassen gern um ihn her, und er schnitt uns Bilderchen und knetete uns Puppchen von Wachs.
Mit der gnadigen Frau war es damals noch nicht so weit, wie jetzt, aber lieben thaten sich die Herrschaften nicht. Man sagt, der gnadige Herr sei ein Ketzer gewesen, und die gnadige Frau habe ihn gern durch die heilige Kirche von seiner Schwermuth befreien wollen; aber das sei ihr nicht gelungen, und darum schrien sie oft furchterlich gegen einander und blieben dann wieder getrennt.
So kam es auch, dass die gnadige Frau es gar nicht merkte, als Mylord eines Morgens verschwunden war; und als sie spazieren gehen wollte, fand sie die Leiche des gnadigen Herrn vor einer kleinen verschlossenen Thur dicht vor ihrem Schlafzimmer. Seitdem ist Mylady sehr unruhig, und geht haufig des Nachts umher und beabsichtigt Mylord zu suchen, von dem sie jetzt noch denkt, er schlafe irgendwo und werde sich erkalten. Aber es sind nun fast zehn Jahre, dass der arme Herr zur Ruhe ist, und Mylady weiss dies auch bei Tage und so lange sie gesund ist, aber haufig vergisst sie es wieder.
Das Unheimliche des Eindrucks, den Maria empfangen, ward durch diese Mittheilungen nicht gemildert, und vor Allem schrecklich schien es ihr, in der Gewalt eines sinnberaubten Wesens zu sein. Sie fuhlte die grosste Ungeduld, sich uber die Verhaltnisse, in die man sie gegen ihren Willen gezwangt, Auskunft zu verschaffen, und sich vollkommen gesund fuhlend, verlangte sie das Bett zu verlassen.
Liebe Lady, verzieht einen Augenblick, Pater Clemens will erst Euern Puls untersuchen, ehe er dies zugiebt; ich rufe ihn sogleich.
Wer ist Pater Clemens? sprach Maria. Lass das, liebes Madchen, ich fuhle mich ganz wohl und wunsche nur, dass Du zu Deinem Vater gehst und ihn aufforderst, mir meinen Reisegefahrten herzusenden, den ich nothwendig sprechen muss.
Nun, liebe Lady, sagte Margarith, das ist ja eben Pater Clemens, derselbe, der Euch diese Nacht zu Hulfe kam und Euch nachher zur Ader liess.
Maria war von dieser Entdeckung nicht sehr uberrascht, und wunschte um so mehr das Bett zu verlassen, da sie Sehnsucht trug, sich selbst in unabhangiger Thatigkeit zu fuhlen, diesem unsichern, geheimnissvollen Umherschleichen gegenuber.
Ehe es daher Margarith hindern konnte, ergriff sie die seidene Decke ihres Bettes, und sich hineinhullend, stand sie pfeilschnell auf ihren Fussen, und betrieb nun selbst mit Geschick und Schnelligkeit ihr Ankleiden, wobei sie doch bald Margariths Beistand nothig fand, da der Arm, an dem man die Ader geoffnet, noch ziemlich unbrauchbar war.
Als sie sich dann den sorgfaltigen Handen der neuen Kammerjungfer entzogen, eilte sie der Nebenthur zu und als sie in ihr Wohnzimmer trat, fand sie die Lehnstuhle an ihrem Kamine nicht mehr leer, sondern in der einfachen Kleidung des Ordens Jesu sass ihr Reisegefahrte einer Frau gegenuber, die Maria auf den ersten Blick fur dieselbe erkannte, in deren Armen sie erwacht war.
Beide schienen in ihr Gesprach vertieft und nicht wenig uberrascht, als Maria bluhend, vollstandig gekleidet, und mit jenem klaren und festen Ausdruck des ganzen Wesens, der vom guten Rechte zeigt, vor sie trat.
Pater Clemens, wie wir ihn nun nennen mussen, schien auch nicht sogleich den rechten Ton finden zu konnen, und sein Gesicht war mehr verlegen, als ernst.
Ihr uberrascht uns, Mylady, sagte er, vor sich niedersehend; ich will wunschen, dass Ihr Euch nicht zu fruh fur gesund erklart habt. Ich war gesonnen, Euch Ruhe anzurathen.
Ruhe, Sir? antwortete Lady Maria, Ruhe bedarf nur noch mein Geist; uber das Gefuhl der Gesundheit giebt man sich selbst das richtigste Zeugniss!
Die blasse Frau machte hier eine kleine Bewegung und zog Maria's Aufmerksamkeit dadurch auf sich. Ich irre mich wohl nicht, fuhr sie gegen diese gewendet fort, wenn ich mich Euch verpflichtet halte fur Euern liebreichen Beistand, den Ihr mir in dieser Nacht geleistet?
Ohne die Augen zu erheben, verbeugte sich die Angeredete bloss mit dem Kopfe.
Pater Clemens hatte mich zu diesem Dienst ersehn, erwiederte sie leise; Ihr seid mir nicht dafur verpflichtet.
Maria konnte, trotz dieser kalten Antwort, ihre Blicke nicht sogleich von der anziehenden Person abwenden, die diese Worte sprach, und deren hohe und schlanke Gestalt in der eng anschliessenden schwarzen Kleidung, die sie trug, noch sehr wohl als schon zu erkennen war. Ihr milchweisses Angesicht von der feinsten Regelmassigkeit, mit seinem demuthigen und frommen Ausdruck, rief unwillkurlich das Andenken an jene ruhrenden Heiligenbilder zuruck, die in ihrem kleinen Schrein das ganze Leben zugebracht zu haben schienen, um einem einzigen frommen Gedanken nachzuhangen, Ihr Kopfputz aber erinnerte Maria an die Nonnen, die sie zur Nacht gesehn, obgleich dieser jetzt Schleier und Skapulier fehlten, und allein die eng anliegenden weissen Binden um Stirn und Kinn geblieben waren.
Als sie aus Schicklichkeit die Augen abzog, begegnete sie den Blicken des Pater Clemens, welcher mit sichtlichem Vergnugen den Eindruck zu erwagen schien, den Maria empfing.
Sir, sprach sie hierauf mit Festigkeit, Ihr musst begreifen, dass ich von Euch uber sehr viele Dinge Aufklarung erwarte und die von Euch selbst mir gewunschte Ruhe nicht fruher moglich ist, wie es uberhaupt wohl scheinen mag, sie mochte vorerst eben nicht mein Loos sein!
Ich bin bereit dazu, erwiederte der Pater, obwol ich Euch im Voraus bitten muss, in mir nur den bevollmachtigten Vollzieher hoherer Befehle zu erkennen, denen ich selbst willenlos unterthan bin.
Es beliebt Euch vielleicht, hochwurdiger Herr, mich zu entlassen, sprach hier die blasse Frau, schuchternd sich dem Pater nahernd; ich wurde meinen, einige andere Pflichten zu haben.
Geht, liebe Tochter, sprach Pater Clemens, haltet Euch aber gern bereit, die Einsamkeit dieser Eurer Schutzbefohlenen zu theilen!
Ich habe weder eigene Zeit, noch eigenen Willen; selig, wer gewurdigt wird zu gehorchen, antwortete sie, und ohne ihr stilles Gesicht zu verandern, beugte sie ihr Haupt, welches der Pater segnend beruhrte, worauf sie leicht wie ein Geist an Maria hinschwebte, ohne sie bei dem Grusse ihres Hauptes anzublicken.
Maria sah diesem ganzen Abschiede mit einem anschwellenden Gefuhle zu, welches, als die Thur sich hinter der demuthigen Gestalt schloss, sich Luft zu machen strebte.
Ich bin also in der Gesellschaft von Katholiken? Ihr seid ein Priester jenes Glaubens, und jene Frau gehort zu den Schwestern der heiligen Ursula?
Mit Ruhe setzte sich Pater Clemens bei diesen Worten nieder, ihr den Armstuhl anweisend, der so eben verlassen worden war, und erwiederte dann, seine Augen andachtig erhebend:
Ja, Mylady, Ihr habt es gesagt. Hierher, in diese verponten Mauern hat sich eine kleine fromme Gemeinde gefluchtet, um, dem alten heiligen Glauben ihrer Vater treu bleibend, dem vaterlandischen Boden ein Samenkorn jener ausgerotteten heiligen Frucht zu behuten, zu Gottes allmachtiger Verfugung, am Tage, der da zeigen wird, wessen Reich die Erde Englands ist!
Es ist kein Grund mehr vorhanden, Euch dies zu verbergen; denn fur Verrath burgt uns Eure Gesinnung mehr noch als die ubrige erlangte Sicherheit.
Ehrwurdiger Herr, sprach Maria, ich weiss, dass Eure Verbindungen gegen die Gesetze meines Vaterlandes laufen, und es kann mir keine angenehme Entdeckung sein, mich fur den Augenblick darein verwikkelt zu sehen. Indess, weit davon entfernt, die Treugesinnten Eures Glaubens zu tadeln, bedaure ich vielmehr, dass man die Wurde unserer Kirche dadurch zu erhalten dachte, dass man verfolgend gegen die Eurige auftrate.
Sehr wahr, sprach Pater Clemens, sichtlich belebt, es war das Gefuhl, welches jeder Verblendung der Art folgt, dass, wer einmal aus den Segnungen unserer Kirche tritt, nur durch weltliche Macht Siege erringen konne.
Dies ungerechte Mittel gegen eine tief begrundete Ueberzeugung und den Rath des Gewissens ist zu allen Zeiten und von allen Partheien benutzt worden, erwiederte die Lady, und wir durfen es sicher dem Wesen der Kirche nicht zurechnen, was nur der Despotismus der Unduldsamkeit verschuldete. Aber wenn ich bis so weit sprach, geschah es hauptsachlich, Euch zu uberzeugen, wie ich von Innen heraus den Geist der Kirche, der ich angehore, fur unvertraglich mit den harten Mitteln halte, die angewandt sind, die Eure zu vertilgen. Ich wurde aus dieser Ueberzeugung nie die Hand bieten, Aehnliches zu veranlassen, und daruber keinen weltlichen Richter anerkennen. Jetzt aber sagt mir, auf welche Weise hat mein Schicksal diese Wendung genommen, und was wisst Ihr mir uber die Absichten zu sagen, die mich hierher leiteten?
Euch aus den Handen des schwarzesten Verraths zu befreien, erwiederte Pater Clemens mit Betonung; aus Mitleid fur Eure Jugend und Unschuld, die dem Elende bestimmt war. Wer von Oben her ein so weitreichendes Interesse an Eurem Leben nimmt, weiss ich Euch jedoch nicht zu sagen; ich bin ein beglaubigter Priester des heiligen Ordens Jesu, mir ist nur das blinde Vollziehn dessen gestattet, was jederzeit das Rechte und Beste ist.
Was meint Ihr? unterbrach ihn Lady Maria, heftig bewegt. Ich ward betrogen? Von wem? Sagt, ich bitte Euch, von wem?
Dass nur von Lord Membrocke die Rede sein kann, daruber konnt Ihr gewiss nicht im Zweifel sein, antwortete Pater Clemens, von ihm, der, um Euch aus der Obhut der Familie zu entfuhren, in deren Kreise Ihr lebtet, kein anderes Mittel wusste, als jenen erlogenen Brief.
Grosser Gott! seufzte hier das ungluckliche Madchen, in ihren Sitz zuruckfallend, so hatte ich recht geahnet? Doch wie konnt Ihr den Brief erlogen nennen, rief sie alsbald, sich erhebend, der seine Handschrift zeigt, mit seinem Siegelring gesiegelt, den ich so oft an seiner Hand gesehn?
Armes Kind, es war leicht, Euch zu betrugen, denn die Hollenkunste ahnet ihr nicht, womit gewandte Schreiber eine jede Handschrift nachzuahmen wissen, und dass man Siegelringe stehlen konne, war Euch auch wohl kein vertrauter Gedanke.
Schaudernd verhullte Maria ihr erblasstes Angesicht und ein Gefuhl von Trostlosigkeit, eine Verlassenheit, ein Elend nothigte sich ihrem Geiste mit dieser Entdeckung auf, wie sie es nie empfunden, und ihre erste Flucht, ihr Alleinsein auf der Landstrasse, an Hunger und Mudigkeit erliegend, schien ihr nun ein glucklicher Zustand, da sie damals die Hoffnung trug, ihr lebe der Oheim und in ihm aller Schutz, alle Liebe, aller Trost.
Nach einigen Augenblicken tiefster Erschutterung, die der Pater Clemens, in ernstes Sinnen verloren, nicht zu unterbrechen suchte, rang sich ihr Geist mit neuer Anstrengung empor, sie zog die Hande weg, und den Verkundiger dieser trostlosen Nachrichten schmerzlich anblickend, rief sie mit dem Tone der wahrsten Seelenangst:
Vergebt mir, wenn ich, so grausam betrogen, wie Ihr sagt, und verlassen von Allen, die mir die Natur zum Schutze bestimmte, jetzt die Qual des Misstrauens kennen lerne und sie auch gegen Euch, von dem ich um so viel lieber Gutes dachte, da ich nur Gutes von Euch erfahren, nicht ganz zu bemeistern vermag.
Beweiset mir, edler Sir, was Ihr sagtet, denkt mit Nachsicht, dass, wenn ich annehmen durfte, Ihr allein betrugt mich jetzt, dadurch mein Leben minder hoffnungslos wurde und eine Aussicht mir bliebe, den Schutz zu erreichen, nach dem ich mich sehne. Denkt, setzte sie mit hervorbrechenden Thranen hinzu, dass, wenn Lord Membrocke mich betrogen hat und mein Oheim nichts von mir weiss, mir fast jede Hoffnung schwindet, ihn aufzufinden.
Und nun sprecht, ich beschwore Euch, sprecht die Wahrheit. Haltet ein, rief sie angstvoll, als Pater Clemens die Lippen offnete, hort mich weiter! Man sagt, die Theilhaber Eurer Kirche halten Alle meines Glaubens fur ausgeschlossen aus dem Verbande christlicher Pflichten. Ich kann es nicht denken, ich will es namentlich von Euch nicht denken; aber es konnte sich doch in Euerm Geiste eine Geringschatzung gegen das Schicksal eines Wesens einstellen, das Ihr Ketzerin nennt. Ich verlange nicht, dass Ihr gegen mich warmer fuhlen sollt, als Euer Glaube zulassig halt; aber bedenkt, Sir, dass wir die Wahrheit zu sagen uns selbst schuldig sind, dass jede Seele sich selbst vergiftet, die zu Gunsten irgend eines Planes den heiligen Pfad der Wahrheit verlasst. O Sir, also um Euer selbst willen, um des heiligen Namens willen, den der Orden tragt, zu dem Ihr Euch bekennt, redet die Wahrheit, denkt, dass ich an diesen Namen glaube, gleich Euch, und dass wir durch ihn Strafe oder Vergebung empfangen werden.
Der Pater hatte sie nicht ohne Theilnahme gehort, und vielleicht hatte manche Mahnung ihn nicht ohne Verlegenheit gelassen, aber die Erinnerung an den Orden, dem er verpflichtet war, heilte schnell alle Verletzungen des Gewissens und fuhrte ihn zu seinen Verpflichtungen zuruck, die, auf Gott gefallige Zwekke gerichtet, uber die Mittel keinen Zweifel gestatten.
Konntet Ihr ubersehen, hob er mit Wurde an, wie vorsorglich diejenigen gegen Euch gehandelt, die Euch meiner Obhut vertrauten, wie wurdet Ihr dadurch am besten jenes traurige Vorurtheil widerlegt fuhlen, welches die Feinde unserer heiligen Kirche verbreitet haben, um die Seelen zu verscheuchen, die ohne Befriedigung jener abgefallenen Kaste angehoren und nach dem Mutterschoosse unsrer Kirche sich zurucksehnen.
Die Diener und Dienerinnen dieser vom Heilande stammenden Lehre gehen verfolgt, beleidigt und im Elende schmachtend noch immer, gleich den Jungern des Herrn, uber die vom falschen Wahn ergriffene Erde, und suchen, wie der Hirt im Evangelium, das verirrte Schaf. Wer Euer beklagenswerthes Loos meinen Obern entdeckt habe, kommt mir zu wissen nicht zu. Eure Unschuld indess ruhrte die erhabenen Manner Jesu, und da ihr Einfluss eine noch unsichtbare, aber nicht geringe Macht ist, erhielt ich das Zauberwort, welches Lord Membrocke von Euch abzustehen zwang. Ihr selbst mogt durch unbefangene Aeusserungen und die daran geknupften Nachforschungen Eurer Freunde Lord Membrocke zu dem Plane Veranlassung gegeben haben, der ihm Eure Entfuhrung gelingen liess. Glucklicher, als Eure Freunde, hatte er den entdeckt, den Ihr zu finden strebtet, seine Handschrift ward von einem geschickten Bosewicht nachgemacht, der Siegelring ihm entwendet, und Beides in des Lords Hande geliefert. Ihr liesset Euch tauschen, obwol keine Zeile dieses Briefes die Gesinnungen des Mannes verrieth, dessen Handschrift man wohl nachzuahmen vermochte, aber nicht den Ton seiner Liebe.
O, Ihr sprecht wahr! rief hier Maria, uberwaltigt von der fremden Bestatigung ihrer eigenen Empfindungen.
Und so triumphirte das Bose, und Ihr folgtet dem elenden Verfuhrer, der Euch verkauft hatte an einen vornehmen Wustling, dem er Euch zufuhrte.
Und jetzt, rief Maria, alles Andere ubergehend, wie werde ich es jetzt anfangen, um mich so bald als moglich unter den Schutz meines Verwandten zu begeben? Soll gegen Euch, Sir, der Ihr so viel fur mich gethan, und gegen diese geheimen Freunde, die sich meinem Danke entziehen, meine Verbindlichkeit noch hoher steigen? Soll ich Euch das Gluck dieser Wiedervereinigung verdanken?
Mylady, Ihr findet mich hier an der Grenze meiner Wirksamkeit und Macht. Euch hierher zu fuhren, lauteten meine Vorschriften, ich erwartete hier weitere Bestimmungen zu finden, die jedoch ein ungewohnlicher Zufall verspatet haben muss, und die Euern unfreundlichen Empfang verschuldet haben. Wenn die Vorschriften ankommen, werden sie enthalten, was mit Berucksichtigung Eurer Sicherheit in Bezug auf diesen hochst gerechten Wunsch und seine mogliche Ausfuhrung zu beschliessen ist. Geduldet Euch bis dahin, und uberseht nicht, in nutzloser Sehnsucht nach jenem Ziele, die Annehmlichkeiten, die Euch hier ein ruhiges, ungefahrdetes Leben sichern.
Und wisst Ihr wenigstens nicht mir zu sagen, ob mein Oheim bereits Nachricht von meinem Schicksal und jetzigem Aufenthalte erhielt. Denn nachdem man gewagt hat, diesen theuern Namen zur Ausfuhrung so boser Absichten zu missbrauchen, wie Ihr sagt, und wie tausend von mir nur muhsam unterdruckte Ahnungen mir bestatigen, zweifle ich nicht mehr, dass die ganze Erzahlung uber seine politische Stellung mit zu den Erfindungen jenes Verrathers gehort. Sie einen Augenblick geglaubt zu haben, gereicht mir zur tiefsten Beschamung, da sie den erhabenen Karakter des Mannes befleckte, den ich nie so anzugreifen hatte gestatten sollen.
Das Schicksal dieses Mannes liegt mir zu fern, als dass ich Euch daruber Auskunft geben konnte; aber ich glaube annehmen zu mussen, dass es eine Wendung genommen, die ihn vielleicht augenblicklich aus der Lage setzt, Euch selbst Dienste zu leisten. Es wird ihm sehr zur Beruhigung gereichen, Euch in einer vollkommenen Sicherheit und in den anstandigsten Verhaltnissen zu wissen, da, wie sehr auch das Letztere in dem Hause der Herzogin von Nottingham der Fall war, doch Eure Sicherheit sich als unzulanglich erwiesen hat.
O Sir! seufzte hier Maria, wen trifft der Vorwurf anders, als mich selbst? Meine eigne leichtglaubige Thorheit hat mich dem Schutze entzogen, der sonst ausreichend fur alle andern Falle war.
Ihr habt darin nicht Unrecht, und ich mag es Euch um so weniger ausreden, da Euer Selbstvertrauen in den meisten Fallen weiter geht, als sich mit Eurer zarten Jugend und dem Mangel an Vertrauen vertragt, der nothwendig damit verknupft ist.
Maria fuhlte sich von diesem sanften Verweise des bejahrten Mannes, dessen Grundsatze und Ansichten sie mit Verehrung angehort hatte, wohlthatig beruhrt, und da junge und gut geartete Personen sich stets zu denen hingezogen fuhlen, die sie schonend auf ihre Fehler aufmerksam machen, so hatte Pater Clemens nichts vortheilhafteres wahlen konnen, wenn es uberhaupt sein Wunsch war, sich in der Gunst des Frauleins festzusetzen. Sie hob ihre Augen mit einem so demuthigen Ausdruck zu ihm empor, als hatte sie ihn allein beleidigt, und sagte mit sanfter Stimme:
Ich sehe es wohl ein, dass Ihr ganz recht habt, und Eure Gute, mich daran zu erinnern, ist sehr gross. Ich bin viel zu fruh dem Rathe meiner Verwandten entzogen worden; alle meine Fehler sind daher unbeachtet geblieben, und ich selbst habe versaumt, mit Ernst darauf zu wirken. Aber gewiss will ich von jetzt an, da Gottes Gute mir eine Warnehmung durch Euch schickt, dagegen nicht langer nachsichtig sein. Darf ich Euch indess nun einen Wunsch gestehn, der sehr lebhaft in mir wird, seit ich weiss, dass ich betrogen ward.
Redet, liebe Tochter, erwiederte der Pater Clemens
mit dem vaterlichen Tone, in den das Fraulein ihm selbst so eben hineingeholfen hatte, mit Antheil will ich alle Eure Wunsche horen und fordern, was moglich ist.
Maria offnete die Lippen, aber ein tiefes Roth
deckte plotzlich ihr unschuldiges Angesicht, und ihr Kopf sank auf ihre Brust. Nach einigen verlegenen Augenblicken hob sie schuchtern an:
Glaubt Ihr, verehrter Sir, dass eine aufrichtige Dar
stellung der Wahrheit und meiner damit verflochtenen Thorheit die theure tugendhafte Familie versohnen konnte, die ich durch meine unbesonnene Entfernung so tief beleidigt habe? und konnt Ihr mir, dies zu bewirken, einen Weg zeigen?
Pater Clemens hielt mit der Antwort zuruck, und
hatte Maria nicht eben abgeschworen, ihrem Urtheil unbedingt zu vertraun, so hatte sie nicht ubersehen konnen, dass dieser Gedanke ihm sichtlich widerstrebte.
Es wird zu Eurer Rechtfertigung im Laufe der Zeit
sich sicher eine Gelegenheit finden, erwiderte er nach einigem Bedenken; doch jetzt musst Ihr durchaus Euch von Allen Schritten nach Aussen zuruckhalten, da vorerst nur die spurloseste Zuruckgezogenheit Euch vor den Nachstellungen des machtigen Mannes bewahren kann, gegen dessen weitreichenden Einfluss selbst Euer Oheim Euch nicht zu schutzen vermochte.
Nennt mir, theurer Sir, diesen furchtbaren Mann, der so verhangnissvoll fur mein armes Leben ward, und zugleich seine Grunde, gerade mich zu verfolgen.
Solltet Ihr nie den Namen des Herzogs von Buckingham haben nennen horen? Er ist es, der Euch verfolgt. Lasst Euch damit genug sein, dass er Euer Verderben wollte, und verlangt nicht, dass ich nahere Angaben mache, die zu erwahnen weder meiner geistlichen Wurde ziemt, noch Euch sie anzuhoren.
Maria schwieg, wie gelahmt vor Schrecken und Abscheu; erst nach langer Bekampfung der dadurch erregten Schmerzen fuhr sie schuchtern fort:
Und bin ich hier sicher? Werde ich hier nicht erreicht werden? und wer lasst mir hier Schutz angedeihen? Wem habe ich nachst Euch zu danken?
Den machtigen Obern meines Ordens, die in diesem Hause, welches unter ihrer besonderen Macht steht, schon manche von der Welt verfolgte Unschuld gerettet haben, denen seid auch Ihr verpflichtet. Aber kummert Euch um diese Verpflichtungen nicht, Euer Verwandter wird diese Anspruche dereinst anerkennen und sie zu belohnen wissen.
Und, Sir, fuhr sie fort, und Unruhe und Bekummerniss malte sich in ihren Zugen, stehe ich nicht unter dem Einfluss der schrecklichen Frau, oder wie bin ich vor ihr zu sichern?
Ihr werdet derselben Frau im Laufe des Tages noch vorgestellt werden und Euch dann selbst uberzeugen, dass, wer nicht bei Nacht sich muthwillig ihr entgegen stellt, bei Tage nichts von einer Unglucklichen zu leiden hat, die bei uns allen den hochsten Anspruch auf Mitleiden und sogar auf Achtung besitzt. Ein hochst bewegtes und der weltlichen Begierde ergebenes Leben sucht sie gut zu machen durch eine fromme Hingebung an die heilige Mutterkirche, und sie hat ihr vaterliches Schloss seit dem Tode ihres Gemahls, der so wirksamer Reue unzuganglich war, zu einem Aufenthalt der ehrwurdigen Schwestern gemacht, in deren Kloster sie als Kind erzogen ward, und zu denen sie jetzt sich mit heiligen Gelubden wieder bekannt hat. Ihr werdet unter den Frauen dieses Hauses wurdige Gesellschaft finden, und vor allen in dem Umgang mit Schwester Electa, die Ihr hier saht, ein wahrhaftes Vorbild christlicher Tugenden und weiblicher Demuth erkennen. Wie auch Eure Glaubens-Meinungen abweichen mogen, zweifle ich doch nicht, Ihr werdet der frommen Eintheilung des Tages Euch anschliessen, da sie Euch eine wurdige Beschaftigung mit den hochsten Gegenstanden menschlicher Betrachtungen sichert. Um ein mogliches Aergerniss schwacher Seelen zu verhuten, namentlich um die angstliche Empfindlichkeit Eurer Wirthin nicht zu reizen, die sich schwer uberzeugen liess, dass Ihr Euch hier nicht als Spotterin eindringen wolltet, bitte ich Euch sogar die einfache Kleidung des Hauses anzulegen und so den Frieden zu sichern, den man Euch dann ungestort wird geniessen lassen.
Wie, rief Lady Maria mit ihrer ganzen Lebhaftigkeit, ich sollte das Gewand einer Nonne anlegen? Ich, eine Protestantin, sollte, wenn auch nur in dieser Aeusserlichkeit, den Schein einer Handlung annehmen, die mich von der Kirche trennte, der ich durch Geburt und Ueberzeugung angehore? Nein, Sir, das ist nicht Euer Ernst, oder Ihr denkt sehr gering von dem Eifer, den wir unserer Lehre zuwenden. Ich will mich der Ordnung des Hauses, das mir Schutz verleiht, fugen, aber ohne mich Gebrauchen anzuschliessen, die man mich gelehrt hat, als unvertraglich mit der reinen Lehre des Evangeliums anzusehn. Sicher verspreche ich Euch, durch ein ehrerbietiges Betragen jede Besorgniss wegen einer unwurdigen Spotterei zu verbannen; aber in dem Maasse, wie ich dies thue, soll man auch meine Ueberzeugung ehren und sie nicht als verachtlich ansehn, dass sie sich hinter einen Schein von Luge verbergen musste.
Als Maria Alles gesagt hatte, was ihr aufschwellendes Herz ihr eingab, gewahrte sie erst den ernsten, vorwurfsvollen Blick des Priesters, womit dieser die heftigen Worte der Gereizten begleitete. Nachdem sie sich gesammelt, schien ihr, diesem stillen Vorwurf gegenuber, ihre ganze Rede nur der Ausbruch einer Heftigkeit, die sie sonst stets in sich anfeindete.
Das Stillschweigen, welches Pater Clemens zu beobachten fortfuhr, verstarkte den Vorwurf, den sie sich aufnothigte, und schnell zu ihrer eigensten Natur zuruckkehrend, redete sie mit ruhiger, doch schuchterner Stimme fort:
Ich fuhle, was Ihr sagen wollt, ehrwurdiger Herr, und sehe ein, dass ich heftiger war, als Euer Vorschlag rechtfertigt. Wenn ich Euch tadelnswerth erscheine, so verzeiht mir; der eigne Vorwurf hat mich erreicht, und Euch wollte ich nicht wehe thun.
Schweigend senkte Pater Clemens das Haupt und erhob sich langsam, indem er gesonnen schien, das Fraulein uber die Aufnahme ihrer Entschuldigung im Zweifel zu lassen. Sein Auge hing am Boden, er grusste sie feierlich und verliess das Zimmer ohne die geringste Erwiderung.
Als die Thur sich hinter ihm schloss und die ungluckliche Maria sich allein sah, da uberwaltigte sie das Gefuhl ihrer trostlosen Lage, und sie sank in Thranen aufgelost auf den Teppich hin, ihren Kopf in den Polstern des Lehnstuhls bergend. So verlassen hatte sie sich noch nie gefuhlt. Das Zurnen des Paters, die Art, wie auch er sie jetzt verliess, machten ihr erst fuhlbar, welch eine Stutze er ihr geworden, und wie erschreckend und trostlos sich ihr Leben gestaltet hatte, da ein Blick uber dasselbe ihr sagte, dass alle ihre Hoffnungen niedergesunken und sie von Allen getrennt sei, denen sie vertrauen durfte, und die es fruher oder spater jemals gut mit ihr gemeint.
Zum ersten Male fuhlte sie in ihr sonst so gesundes Herz eine Muthlosigkeit einziehn, wovor sie bisher ihr starker Karakter, ihre Jugend und alle ihr vorschwebenden Hoffnungen bewahrt hatten. Korperlich ermattet, von den Eindrucken dieses Hauses, zu dessen dustern Geheimnissen sie sobald gelangen musste, erschreckt, verfiel sie in eine bisher unbekannte Furcht, und unbestimmte Sorgen fur ihre personliche Sicherheit nahmen ihr vollig die Freiheit des Geistes, die ihr sonst eigen war.
Sie fuhlte dies selbst; aber sie konnte nicht einsehn, wie viel sie ihrer Korperschwache davon zurechnen musste. Doch alle Umstande ihrer Lage schienen ihr allein schon geeignet, sie nieder zu beugen, und diese Ansicht versenkte sie in eine widerstandlose Betrubniss.
Sie liess ihren Thranen freien Lauf, und eine Fulle von Wehmuth drangte sich aus ihrem Busen. Weinend liegen zu bleiben, bis alle Schmerzen ausgeweint waren und sie sterbend sich auflose, schien ihr das Einzige, was ihr ubrig geblieben. Dies hoffte sie in der schmerzlichen Abspannung ihres Geistes, dahin deutete sie die uberhand nehmende Schwache ihres angegriffenen Korpers, darnach sehnte sich ihr ermudetes Herz. Aber es ist selten der Wille des Himmels, unsern Korper zur Zerstorung an unsere Seelenschmerzen zu ubergeben. Nur wer zum ersten Male den Umfang einer Trostlosigkeit kennen lernt, die ihn schnell von allen gewohnten Banden des Lebens ablost, hofft und erwartet sie durch den Tod gelost zu sehen. Eine andere Wechselwirkung ist uns aufgegeben, ein anderer Sieg dem schmerzbeladenen Geiste aufgehoben! Gegen unsern befangenen Willen bleibt die zarte Korperhulle fur die in ihr tobenden Sturme ausreichend, bis wir den Frieden mit allen Erscheinungen in und ausser uns schliessen, und, erstarkt im Kampfe, weder unsere Auflosung hoffen, noch sie zu wunschen wagen. Wer aber einen tiefen, umfassenden Schmerz erlebt, der ihn aus allen Freudentempeln der Vergangenheit scheuchte, der erwacht zum Weiterleben, wie ein Verbannter, der fern von dem Boden der Heimat, wo sein Gluck und seine Lieben wohnen, an der fremden Stelle nichts sucht und erwartet, und als ein stiller theilnahmloser Gast, als ein neid- und freudloser Beobachter die Schatze der Erde nicht mehr fur sich vorhanden glaubt. Oft geht der Ungluckliche diesen Weg, ohne zu ahnen, dass es der Weg zu einer lichtvolleren Erkennung des Lebens ist.
Lady Maria stand nach einigen Stunden erschopfenden Schmerzes von ihren Knien auf, und blickte sich kalt und gleichgultig an, als ihr blasses, leidendes Gesicht aus dem Spiegel zurucksah. Sie hatte keine Fremde gefunden, die ihr gleichgultiger geschienen hatte, als sie sich selbst. Nur eine dumpfe Vorstellung des Erlebten und der augenblicklichen Lage war ihr nach so vielen Anstrengungen und Erschutterungen geblieben, nur eine klagenlose Ergebung, eine vollige Muthlosigkeit, gegen ihr Schicksal anzukampfen; und hatte man jetzt den Schleier der Ursulinerinnen uber sie geworfen, sie wurde ihn lachelnd als eine Wohlthat empfangen haben. Diese Stimmung hatte Zeit um sich zu greifen, denn ob absichtlich oder zufallig, ihre Einsamkeit ward bis zur Mittagszeit nicht gestort.
Margarith meldete ernst und schuchtern, dass das Mittagessen aufgetragen sei, und sie folgte ohne Erwiderung der Meldung. Aber der alte Diener, der heute in ein festes Schweigen gehullt sie bediente, musste voll Erstaunen die leidenden Zuge des schonen Frauleins und ihr ganzlich verandertes Wesen betrachten. Sie grusste mit dem muden Haupte, ohne dass ein Lacheln den stummen Gruss belebt hatte; unberuhrt blieben die Speisen vor ihr stehn, und sanft wies ihre Hand den kleinen goldnen Becher zuruck, dessen Inhalt sie noch gestern so wohl zu schatzen gewusst. Miklas und seine Tochter wechselten Blicke, und auch der Vater konnte die Theilnahme nicht unterdrucken, die sich in einzelnen Tropfen aus den Augen der Tochter stahl. Langst hatte man auch die letzte Schussel unberuhrt hinweggenommen, und harrte, dass Maria sich erheben wurde; aber in tiefes Sinnen verloren, gab sie kein Zeichen, dass sie sich ihrer Lage bewusst war. Mit der ganzen Geduld wohlerzogener Diener hielt der Alte diese Probe aus; doch ehe er es verhuten konnte, kniete Margarith neben dem Fraulein nieder.
Liebe, theure Lady, wollt Ihr Euch niederlegen, sprach sie weinerlich, Ihr musst sehr krank sein.
Als ob ein Schuss an ihr Ohr gefallen, so schreckte die gebeugte Gestalt Maria's bei diesen Worten empor, und schnell aufstehend rief sie hastig und tonlos: Was willst Du? Wie? Wo soll ich hin?
Wollt Ihr nicht ruhen, liebes Fraulein? sprach Margarith, noch schuchterner durch die Aufnahme ihrer ersten Worte. Ihr scheint der Ruhe zu bedurfen.
Ja, Ruhe, Ruhe! seufzte Maria, die habe ich nothig, sehr nothig; wo aber sagst Du, dass ich sie finden soll?
Auf Euerm Bette, erwiederte die Kleine ermuthigt, lasst mich Euch dahin fuhren.
Traumerisch blickte Maria die geschaftige Dienerin an, und mit einem Seufzer, der ihre Brust zu sprengen schien, liess sie sich hinwegfuhren.
Der Abend breitete schon seine Schatten uber das Schlafzimmer Maria's, auf dessen Bette sie unruhig athmend lag, in jenem Zustande von Fuhllosigkeit, womit wir oft einen Zeitraum fullen, in dem geistige und korperliche Ermudung uns wohlthatig gegen den Schmerz abstumpfen, dessen Opfer wir wurden. Maria dachte wenig, und die tiefe Stille, die sie umgab, da Margarith, ob aus eigenem oder fremdem Antrieb, schweigend in einem Eckchen ihrer Befehle harrte, liess sie eine Abfindung mit dem Leben traumen, eine Trennung von der Welt, an die sie mit Befriedigung dachte. Sie schauderte daher erschreckt auf, als ein dunkler Schatten vor dem Fenster voruber nach ihrem Bette glitt, denn sie fuhlte Furcht vor neuen Erschutterungen, und ihr erster Gedanke war, das grauenhafte Wesen der Nacht zu sehn. Beschwichtigend drangen daher die sanften Sprachlaute der Schwester Electa zu ihr nieder.
Der Friede des Herrn sei mit Euch, Mylady, so redete die feine Gestalt sie an, indem sie, uber den Fussboden hinschwebend, dem Bette nahte. Ich wollte Euch meine Dienste anbieten, fuhr sie fort, und Euern Arm verbinden.
Maria richtete sich muhsam auf, erwiederte leise den ersten Gruss und gab sich willig den Bemuhungen hin, welche der weibliche Arzt mit grosser Geschicklichkeit ubernahm. Als dies Geschaft beendigt, zogerte die Schweigende noch einen Augenblick und betrachtete das bleiche Gesicht ihrer Pflegebefohlenen mit Theilnahme.
Ihr seid auch im Uebrigen leidend, liebe Lady, und Eure Hande haben Fieberwarme; soll ich Euch einen kuhlenden Trank bereiten?
Habt Dank, erwiederte Maria, mir ist ganz wohl, und nur mein Kopf entbehrt Ruhe, Ruhe! es ist schwer, sie zu finden, daher bin ich geduldig, dass sie mir fehlt.
Ruhe, hob Electa an, Ruhe kehrt nur ein, wo wir mit frommem Vertrauen, was ausser uns liegt, an die Regierung dessen verweisen, der uber alle Erscheinungen der Erde wacht.
Ich hoffe, sagte Maria, ich befinde mich noch auf dem Wege des Vertrauens, den Ihr bezeichnet, aber ich bin jetzt keines klaren Bewusstseins fahig. Eben mein Kopf hindert mich; es ist Alles abgerissen, ohne Folge und Ausdauer; nur hier, setzte sie seufzend hinzu, ihre Brust beruhrend, hier fuhle ich eine niederbeugende Last.
Nichts beugt uns tiefer, erwiderte die ernste Gefahrtin mit Sanftmuth, als wenn wir von der unruhigen Begierde, das Leben nach unserm Willen zu lenken, abstehen mussen und unsere geringen Krafte kennen lernen, welche Jugend und Unerfahrenheit uns uberschatzen lassen. Doch diese Erkenntniss ist mehr, als alles Andere, eine Gnade des Himmels, und kein susseres Gluck ist, als still harren auf den Willen des Hochsten.
Ja, sagte Maria, unwillkurlich Antheil nehmend, ich habe eine Ahnung von dem Frieden der Seele, in dem jeder Widerstand sich auflost, weil der Einklang gefunden ist mit uns und der Aussenwelt. Aber dies ist das Ziel, nicht der Weg. Nimmer mogen wir dahin gelangen, wenn wir uns nicht in der Theilnahme aller unserer Krafte, kampfend und wieder kampfend, und zu immer neuen Fragen ans Leben bereit erhalten, bis wir alle Antworten vernommen haben, die moglich sind, und nothig zum Frieden mit uns selbst; und wenn dazu Muth und Krafte schwinden, setzte sie schwermuthig hinzu, dann ist uns das Harteste geschehen.
Ach, seufzte Electa nach einer kleinen Pause, junges kuhnes Gemuth, wie gefahrlich ist ein dergestalt herausforderndes Treiben. Der Frieden, den ich meine, ist ein Gnadengeschenk des Himmels, das hernieder fliesst, ohne unser Verdienst, ohne unser kuhnes Ringen. Ich verstehe Euch zum Theil nicht, doch, wie mir scheint, glaubt Ihr diese Gabe Euch selbst mit Euern menschlichen Kraften erwerben zu konnen. Vergebt, aber mich schaudert vor dem Gedanken, das hochste Gnadengeschenk durch den Hochmuth der Menschen verunglimpft zu sehn. Die Welt ist die Versuchung, der wir entsagen sollen, um Frieden zu finden. Wir konnen nicht mit der Welt im Einklang sein und zugleich auch mit dem Willen Gottes, denn die Welt verlockt uns stets zum Widerspruch gegen denselben, ehe wir Alles in ihr als eine Versuchung zum Bosen ansehen lernen und ihr ganzlich absagen.
Mein Geist ist mude und schwach, erwiederte Maria sanft, und ich mochte Euch kein Aergerniss geben, da Ihr sicher gefunden habt, was Ihr als ein unmittelbares Gnadengeschenk Gottes anseht.
Nein, nein! unterbrach Electa hier die angefangene Rede mit mehr Eifer, als Maria diesem stillen Wesen zugetraut. Nein, glaubt nicht, dass ich zu den Gewurdigten des Herrn gehore, denen er seinen Frieden gab. Wenigen nur wird so grosser Lohn zu Theil, Wenigen nur; und ich trage den Fluch der Welt noch auf meinem verlockten Geist, und mein Gebet ist unfruchtbar und kann diese Seligkeit nicht hernieder flehen. Zehn Jahre sind es, dass ich in wahrer reumuthiger Erkenntniss einer Welt entsagt, die den Gesetzen christlicher Demuth Hohn spricht, und die empfangene Sunde hat noch ihren Stachel in mir zuruckgelassen. Und Ihr, armes junges Wesen, scheint in dieser Welt und unter allen ihren zahllosen Verlockungen die Erlangung des Friedens zu hoffen, der selbst da ausbleibt, wo alle Versuchungen der sundigen Welt vor diesen heiligen Mauern umkehren.
Maria konnte nicht ohne Theilnahme die tiefe Zerknirschung, den peinlichen Zustand der armen Seele sehn, die unter dem Schleier stiller Ergebung ein so unruhig kampfendes Herz barg.
Es ist nichts so wirksam, ein edles Gemuth aus den Banden des eignen Kummers zu erlosen, als der Blick auf ein fremdes Seelenleiden, welches bei jungen Personen uberdies noch stets den Wunsch belebt, einwirkend zu helfen; wahrend langere Erfahrung uns die Unzulanglichkeit dieses frommen Eifers einsehen lasst und uns mehr blos zum theilnehmenden Zuschauer macht.
Ihr fandet also auf dem eingeschlagenen Wege nicht den Frieden, nach dem Ihr trachtet? hob Maria nach einer kleinen Pause gutmuthig forschend an. Ihr hattet Euch in der Welt erst mit ihr versohnen mussen, jetzt steht sie wie eine Feindin hinter Euch, und der Hass, den Ihr empfindet, stort eben Euern Frieden, und er kommt nimmer von Gott. Seine Welt ist eine heilige Offenbarung, und unsere Unvollkommenheit ist es, wenn wir sie mit Sunden belastet sehn.
Sprecht nicht so, Ihr wisst nicht, was Ihr sagt, und dass Ihr im Irrthum seid! Es ist Gottes Wille, dass wir die Welt hassen sollen, um uns davon los zu reissen und dem Himmel in seiner reinen Herrlichkeit uns zuzuwenden. Um der Unsterblichkeit unserer Seele willen mussen wir den ewigen Tod der Sunde fliehen; uns kann nur Ruhe in dieser Welt, Versohnung in jener werden, wenn wir die Versuchung hassen lernen und im Gefuhl unserer Schwache davor fliehen. Ihr seid noch in der unglucklichen Sucht befangen, Euch selbst zu berathen, daher hofft Ihr so weltlich, weil das Weltliche Eurer sundigen Neigung zusagt. Erst wenn wir uns selbst verlassen und die ganze Last unserer Verantwortung einem Gotterfullten Fuhrer anheim stellen, erst dann sehen wir ein, wie nutzlos wir uns abmuhten in der eigenen regellosen Thatigkeit. Eine Gnade Gottes ist der geistliche Gehorsam, dem wir allein dann angehoren, und von bevorrechteter geistlicher Erkenntniss gelenkt, werden wir von der Sunde entfernt.
Aber auf welchen Wegen glaubt Ihr, sprach Maria, dass jene Gotterfullten, bevorrechteten Fuhrer fahig wurden, uns Irrende zu leiten und verantwortlich fur uns zu werden? Glaubt Ihr nicht, dass sie mit sich selbst erst anfingen und der Selbstberathung nicht uberhoben waren, um ihren Geist zu der Hohe zu fuhren, die sie nun erst fur Andere zu einem schutzenden Vormund ihrer schwachern Seele macht?
Die heilige Kirche, erwiederte Electa, verleiht ihren Dienern, ohne sie durch die befleckenden Wege gewohnlicher Menschennoth zu fuhren, die Hohe und Heiligkeit, von welcher den Schwachern mitzutheilen sie berufen sind. Ein ganzes Leben, in heiliger Einsamkeit und Unschuld zugebracht, ein Leben, an das nie ein irdisches Verlangen streifte, ein Leben, dass durch die Satzungen der Kirche uber uns so weit erhoben ist, soll von uns nicht mit dem Maassstabe gemessen werden, der unser eignes irdisches, unvollkommenes Dasein uns giebt. Wenn ihnen Kampfe aufgegeben sind, wie uns allerdings die Geschichten der Heiligen sagen, so sind diese so weit uber denen, die wir zu bestehn haben, dass ihrer theilhaft zu werden, schon eine Heiligung fur uns ware. Die Noth, die uns beugt, liegt als ein unbekanntes Gebiet weit ab von ihrer Bahn; und doch suchen sie den Seufzenden dort auf, doch wissen sie ihn zu finden, und die reine Atmosphare ihrer Nahe, zu der sie uns hinziehn, ist der Anfang, womit sie uns Schauder erregen vor unserer weltlichen Gestaltung. Denn allgemach zu dem Muthe zu erstarken, die Seele aufzuthun, die Sunde auszusprechen, von der wir uns selbst nur ein lugenhaftes Gestandniss abzulegen vermogen, die Wahrheit aufgedeckt zu horen von dem geheiligten Munde des Reinen, Untadeligen und uns selbst baar von jeder Tauschung zu erkennen; ferner in der Angst und Qual der Sunde, die uns dann befallt, an ihn uns festhalten und uns nicht verloren halten zu durfen, so lange wir ihm gehorchen, ja von ihm die Last unserer Sunde getragen zu fuhlen, ihn verantwortlich dafur gemacht zu sehen, wenn wir blos befolgen, was sein heiliger Mund gebietet wie ware damit die eitle Sucht zu verbinden, die Retter unserer Seele selbst auf eine Linie der Betrachtung mit uns zu stellen, da sie doch so hoch uber uns stehn.
Es muss ein schones Loos sein, das gefunden zu haben, was Ihr schildert, erwiederte Maria. An einem hochbegabten reinen Geist in unserer Nahe uns aufzuranken und in seiner Klarheit leicht zu erkennen, wo in uns selbst es dunkel blieb; Wahrheit gebend und empfangend, sich auszuheilen von dem leicht gehegten Schein derselben, das ist ein seliges Loos; wer es gekannt, und einsam dann verbleiben muss, der welkt am Boden fruher hin.
England, rief hier Electa mit heiligem Eifer, ist arm geworden an dem heil'gen Troste, den ich meine, und darum verwirrt ein irres Suchen dies arme Land. Der Sunder will vom Sunder Schutz, der von derselben irdischen Noth belastet seufzt, und der fur den Leidenden an seiner Seite nur dieselbe Qual zum Austausch der Empfindung, nicht aber die Kraft zu entsundigen erhalten hat. Alle, die dem neuen Geiste frohnen, alle die, gleich Euch, Mylady, wie mir daucht, an weltliche Bande denken bei dem, was ich auf jene hohern Geistlichen bezog, die werden welk werden vor der Zeit. Denn es ist zwar noch die Wurzel, die ihrer inneren Natur gemass Zweige und Ranken treibt, aber die Hand des Gartners fehlt, die sonst empor das strebende Gewachs gezogen hatte; sich selbst uberlassen, uberwachst sich der Keim, erstickt in eigener ungeregelter Fulle und welkt am Boden hin.
Dies Gleichniss scheint Ihr, gute Schwester, auf unsere Kirche zu beziehen, und fragen mochte ich Euch dagegen, ob Ihr denn die Eure noch auf dem Standpunkte glaubt, den Ihr so eben schildertet, und der sich allerdings in ihrer fruheren Entwickelung vorfand. Nie habe ich ohne Achtung und Verehrung der frommen Manner denken konnen, welche zuerst die Inbrunst ihrer Liebe und Anbetung unter jenen Formen darzustellen strebten, worin nach ihnen so viele Tausende mit gleicher Inbrunst ihr heisses Andachtsgefuhl versenkten, und es heiligten und heilig ubertrugen, durch das unschuldige Verlangen, das Hochste, was uns gegeben ward, zu ehren. Sie hatten sicher einen gottlichen Ruf empfangen, und erstaunenswurdig bleibt, was ihnen in einer Weltherrschaft gelungen, welche ohne Beispiel in der Geschichte steht, und deren Segensfulle in allen Richtungen nachzuweisen ist. Doch eben sie, die Geschichte, lehrt uns auch die ganze Stiftung als ein Menschenwerk betrachten, das der Welt seine grossen Dienste that, und, des Inhalts entledigt, den das Bedurfniss erheischte, nun leer geworden ist und den Gang alles Irdischen, allmaligem Verfall entgegen geht. Noch sind einzelne Seelen mit ihrer frommen reinen Liebe vermogend, einen Sinn hinein zu legen, dem ihrer ersten Stifter ahnlich. Aber dies ist individuell, es ist nicht mehr das Werk, der Geist der Kirche! Haltbar ist nicht, was Basis einer Weltentwickelung war, die, erreicht, nun ein anderes Bedurfniss sucht und findet; und so, erlaubt es mir zu denken, ist die Reformation entstanden, nicht Menschenwerk dem Menschenwerk entgegen, sondern nothwendige Entwickelung der Menschheit in sich, das Bedurfniss eines hoheren Lebens im Geiste, unabhangig von dem Verhaltniss berechtigter Menschen, der Priester, zu unberechtigten, den Laien: mit einem Wort, ein Leben mit Gott durch den freien Genuss des Evangeliums.
So bin ich gelehrt worden zu denken, und so sehe ich Eure Kirche nicht tadelnd, aber als ein ehrwurdiges Vergangenes an, und weiss gar wohl von ihrem wahren Inhalt zu trennen, was nothwendig mit ihrem Verfall als Sunde sich von ihr aus verbreitet hat.
Ungluckseliges Kind, sprach hier Electa, sich bekreuzigend, welch ein Geist spricht aus Euch? Ach, Herr, Herr! Du prufst mich hart in dieser Versuchung, warum muss ich, die Schwache und Ohnmachtige, unsere heilige Kirche angreifen horen? Warum muss ich in ein Gemuth blicken, das sicher geworden ist in so schrecklicher Verlaugnung!
Es war nicht meine Absicht, Euch weh zu thun, unterbrach Maria die Erschutterte in ihren Klagen; ich war eben nicht in der Stimmung, so ernste Dinge mit Euch zu erwagen. Ihr selbst habt mich dazu belebt, und die einmal gewonnene Ueberzeugung zu unterdrucken, fehlt mir jede Anlage. Glaubt nicht, in mir eine verhartete Seele zu finden, ich hoffe eine Christin zu sein, und mein Herz ist voll von dem Glauben an die Offenbarung. Lasst uns damit beschliessen; wir mochten sonst weit uber unsere Befugniss uns hinausreden.
Und jetzt trat Pater Clemens zu ihnen, von dem es ungewiss blieb, ob er ein Zuhorer gewesen, da sein gelegenes und gerauschloses Herzutreten die Antwort der jetzt sich entfernenden Schwester Electa verhinderte, und es im Zweifel blieb, ob sie nachgiebiger oder zuruckstossender ausgefallen sein wurde.
Maria richtete, sichtlich erfreut, sich ihm entgegen, und es war nicht zu ubersehen, wie sie, hold ihn anlachelnd, auf dem einzigen ihr gebliebenen bekannten Gesicht ein Wohlwollen suchte, das sie bei der Fremdheit und Verlassenheit ihrer Lage festzuhalten strebte. Aber Pater Clemens vermied den Blick dieses wiederbelebten Auges, und nachdem er sanft, aber kurz nach ihrem Befinden gefragt, kundigte er ihr trocken an, dass er komme, ihr Lebewohl zu sagen, da er vor Nacht das Schloss verlassen werde.
Bei dieser Nachricht fuhlte sich Maria wie von einem betaubenden Schlage gelahmt, und gleich darauf von einer Fluth so niederschlagender und angstvoller Vorstellungen uberwaltigt, dass sie fast einen Schrei ausstiess und wie vor einem Schreckbilde ihr Gesicht verhullte. Pater Clemens fuhr indess, ohne sich davon scheinbar bewegen zu lassen, mit Ruhe fort: Ihr findet hier ehrenvollen Schutz und alle Gelegenheit, Euern Geist in die Stimmung zu bringen, die Eurer Zukunft die entsprechendste ist. Es wird Euch an belehrendem Umgang nicht fehlen, Ihr werdet Euch Liebe und Wohlwollen erwerben konnen, und jede Theilnahme finden, die der Tugendhafte stets fur alle wahren Interessen des Lebens empfindet. Vor Allem aber denket mit Dankbarkeit gegen Gott daran, dass Ihr durch die Boten seiner Gnade auf Erden aus den Fallstricken des Lasters errettet seid.
Indem mein Auftrag an Euch hiermit vollendet ist, setzte er mit weicherer Stimme hinzu, empfehle ich Euch dem Schutze des Himmels und will Gott bitten, Euerm Geiste diejenige Stimmung zu verleihen, die Euch den Frieden in Euch und zu Euern Umgebungen sichert. Der Herr segne Euch und Maria fuhlte eine kalte Hand auf Ihrem Scheitel, und den angefangenen Segen, dem nun die schnelle Trennung folgen sollte, unterbrechend, ergriff sie die Hand des Monches und zeigte ihm mit dieser raschen Bewegung ihr ruhrendes, von Schmerz und Angst entstelltes Angesicht.
Nein, nein! Ihr konnt mich nicht verlassen wollen, rief sie bebend, so den letzten Trost nicht von mir ziehen; Ihr wollt mich bestrafen fur meine Ungeduld am Morgen, mich noch mehr erschrecken. Nein! rief sie lebhafter, seine Antwort unterdruckend, Ihr konnt mich in dieser fremden Welt nicht ohne Schutz lassen. Bleibt nur hier, ich bitte Euch! Still will ich sein und Euch gehorsam, wie ein Kind dem Vater; Alles will ich thun, was die schreckliche Gebieterin verlangt, denn mein Inneres kann ich behuten, und das Aeussere zu befolgen, soll mich Demuth lehren und Nachsicht gegen fremden Willen. Ich will das dustere Nonnenkleid anlegen, fuhr sie fort, die steigende Bewegung des Pater Clemens nicht sehend, ja, ich will hinab steigen in die finstere Gruft, wo Ihr Gott dient, und hier, wie da, werde ich beten konnen. Aber geht nicht fort, wenn Ihr nicht den Tod uber meinen geangstigten Geist hernieder rufen wollt; oder musst Ihr fort, so nehmt mich mit. Furchtet nicht fur mich auf einer vielleicht beschwerlichen Reise. Ich will Alles entbehren, was die Pflege des Korpers erheischt, ich will mit Euch zu Fusse wandern; ich habe Krafte, glaubt mir. Ach, erdruckt nur nicht den Geist in mir, raubt dem Herzen nicht den letzten Hoffnungsstrahl, und Ihr sollt mich ausdauernd finden und unermudlich in Allem, was Ihr begehrt.
Pater Clemens hatte nicht ohne Ruhrung und Erstaunen ihren Worten gehorcht. Maria hatte in ihrer Angst die Kenntniss der unterirdischen Kirche verrathen, und ihm zugleich eine Anhanglichkeit und ein Vertrauen gezeigt, dass er seinem Herzen nicht wehren konnte, zu uberlegen, ob den Geboten Genuge zu leisten sei, die ihn von ihr vertrieben. Aber es konnte nur ein kurzer Kampf mit seinem menschlichen Gefuhle sein; schnell kehrte der gewohnte Einfluss des Gehorsams wieder, und er suchte sich mit der Hoffnung zu trosten, ihr Schicksal konne noch in dem hohern Willen seiner Obern eine bessere Wendung nehmen.
Ich muss Euch zwar hier verlassen, hob er daher bald gefasst an, als ihr Blick angstlich seiner Antwort entgegen sah, doch geschieht dies mit der innigsten Ueberzeugung, dass fur Euer Wohl damit gesorgt ist. Ich habe bei dem, was Ihr mich thun seht, keine freie Wahl, mir steht nicht zu, zu andern und zu klugeln, mir fehlt die Uebersicht von dem, was nothig ist; es wird erreicht, indem ein Jeder ohne Einspruch auf seinem Platze das Befohlene thut. Dies genugt uns und ist Erfullung unseres Berufs.
Ha! rief Maria, sich erhebend und mit gluhenden Wangen vor ihn tretend, wo ist die furchterliche Gewalt, die Euern hellen Geist in solche Knechtschaft zwangt? Wer seid Ihr, dass Ihr das hohe Recht der Menschen aufgegeben, frei der eigenen Ueberzeugung zu folgen? Wie hat man es vermocht, Euch so in Fesseln einzuschlagen, dass Ihr Euch der freien Berathung mit Euch selbst entzieht, und blind und ohne Zweck ein abgerissenes Dasein lebt, unwissend, ob der Weg, den Ihr mit festgeschlossenen Augen geht, derjenige sein wird, auf dem Ihr vor Gott dereinst wunschen werdet Euch befunden zu haben! Ist das die Stimme des Gewissens, der wir folgen sollen, die Euch von dem verlassenen Wesen fortruft, welches, verlockt durch falsche Kunst, aus ehrenvollem Schutz getrieben, hier unter grauenhaften Umstanden von neuen, dunkel drohenden Gefahren sich umgeben sieht? O, werft ein so fremdes Wesen von Euch, gehorcht dem heiligen Geiste, der in der Brust des bessern Menschen Thun und Lassen richtet! O, dass ich Euch ruhrte, fur Euch selbst, fur mich!
Es entstand eine Pause. Der Pater war in eine Stimmung gebracht, die ihn entsetzte; doch in dem Maasse, als er, was er eben vernommen, innerlich wie eine harte Versuchung zu bezwingen trachtete, riss er sich mit seiner ganzen Kraft davon los, und erwiederte mit mehr Kalte und Harte, als zu erwarten war:
Haltet ein mit Euern unbesonnenen Reden; Euer Verstand ist ein keckes Ding und uberbietet mit leichten Worten schnell jedes Maass, womit Ihr wenigstens trachten solltet, das zu wurdigen, was fremd oder widersprechend erscheint. Lernt erst begreifen, dass, wer zu gehorchen vermag, in sich einer grossern Kraft bedarf, als zum Widerstehen gehort, dass nur der mit Ruhe die aussere Freiheit aufgiebt, der sie nach Innen gesichert halt, und dass der Weg kein fremder ist, auf welchem das Panier des Heilandes weht. Eben darum verstummt die neugierige Frage, ob seine Bahn auch rauh und ode, uber Fels und Trummer, durch stille, nie bemerkte Thaler fuhre. Ihr wisst es selbst nicht, wie ich in Euerm Wesen eben jetzt die Weisheit derjenigen verehre, die Euch hier zur Erkenntniss Eurer selbst die Gelegenheit geben.
Scheltet mich, wie Ihr wollt, rief Maria, schnell seine weitere Rede hindernd, aber verlasst mich nicht; stellt mich so unmundig dar, wie Ihr wollt, uberzeugt Euch nur, dass ich um so mehr Eures Schutzes bedarf. Ich glaube, dass Ihr mich kennt, und Eurer Weisung will ich gehorchen; aber schweigt mir von der fremden Macht, von der ich mich gekannt denken soll. Oder, fuhr sie plotzlich ernster fort, ich muss glauben, wer ich bin, zu wem ich gehore, ist nur ein mir vorenthaltenes Geheimniss, und jene Obern tragen irgend eine Absicht, mich, die Freigeborene, hier als Gefangene verschmachten zu lassen. O entsetzliches Loos! Konnt Ihr es denken, dauert Euch meine Jugend nicht, nicht der Schmerz derer, die mich vielleicht zu finden trachten, und denen ich hier widerrechtlich vorenthalten bin?
Ihr werdet mit dieser Art, die Umstande anzusehen, erwiederte der Pater, unter die Ihr Euch fugen musst, Euer Loos schwerer machen, als es der Wahrheit nach zu nennen ist. Nehmt die Dinge so einfach, wie sie vor Euch liegen, und uberlasst es der Zeit, die Veranderungen darin hervor zu rufen, die der Himmel Euch bestimmt.
Ach, welch ein Rath, fur ein Herz, das in so kurzer Zeit alle Gefahren einer schutzlosen Lage durchkampfen musste, und sich nicht verhehlen kann, dass es auf sich, auf seine eigenen Krafte angewiesen ist, auf eine Erfahrung, so jung und ungepruft, die, muss ich Euern Worten glauben, so unzulanglich sich erwies, dass es einer fremden Einwirkung bedurfte, um die schrecklichen Folgen des ersten selbst gelenkten Schrittes abzuwenden.
Ihr solltet daraus lernen, wie wenig Ihr zur eignen Lenkung Euers Schicksals berufen seid, und dankbar anerkennen, dass Eurer Jugend diese Hulfe von einer Seite kommt, wo mit der reifsten und weit reichendsten Erfahrung der Wille sich verbindet, sie zu Euerm Nutzen anzuwenden.
Nein, nein! Ihr uberredet mich umsonst, diese heimlich waltende Macht als eine wohlthatige anzusehen; ihre Anordnungen sind im eigenen Interesse, mit Beschrankung der Freiheit dessen angeordnet, dem sie zu helfen vorgiebt. Ich will mich frei erklaren. Ich verlange uber mich Gewalt zu haben; diese Mauern will ich verlassen, und heute noch; ich will von Gott geschutzt den suchen, der allein ein Recht hat, mir zu gebieten.
Da Ihr denn selbst diesem heiligen Schutze entsagt, so danket Gott, dass Niemand in diesen Mauern lebt, der Euch zu willfahren berechtigt ist. Ich warne Euch noch ein Mal, ergebt Euch mit Gelassenheit in Eure Lage. Der Widerstand mochte eine Aufmerksamkeit erregen, die Euer Schicksal auf eine Weise bestimmte, wie Ihr sie am meisten furchtet, und wie sie jetzt vielleicht noch abzuwenden ist, wenn Ihr still ergeben Euern aufstrebenden Geist verberget.
Ihr sprecht in Rathseln und lasst doch ahnen, man habe mich zu andern Zwecken hierher gebracht, als mich der Schande zu entziehen. Ihr wisst mehr. Es ist gewiss, Ihr kennt die Absicht, die uber mich bestimmt, und seid nicht ohne Mitleid, ohne Theilnahme. Erbarmt Euch denn und thut mehr; entreisst mich dieser Lage, die so viel Bedrohliches in sich schliesst. Ich muss Euch vertrauen, obwol Ihr Euch so klein, so gering als Diener jener fremden Macht bezeichnet. Ihr habt ein Herz, ich weiss es: Ihr konnt es nicht so sehr im Gehorsam ersticken, dass es Euch nicht sagte, was menschlich und gerecht ist. Furchtet nichts von meiner heftigen Weise, die starker ist, als ich sie sonst in mir kannte, was ich jetzt wohl fuhle; denn die Krafte des Menschen, wenn sie erweckt werden, treiben gute und bose Fruchte, und, eingehegt von treuer Liebe und belebt vom reinsten Vertrauen, kannte ich den Widerstand nicht, den ich heftig in mir sich regen fuhle, wo Beides aus meinem Leben nun verschwunden ist. Doch ich will mich gegen Euch ganz bezwingen lernen; denn Euch muss ich am meisten jetzt vertrauen, wenn ich auch wunsche, Ihr vertrautet in hoherem Grade Euch selbst. Es sind erst Stunden verflossen, seit mein Geist von einer Schwache befallen war, die, mir sonst fremd, mich jetzt mit Angst erfullt. Ich glaubte sonst, der aussern Noth zu widerstehen, sei das Schwerste; aber ein todtliches Grauen umschleicht mich, wenn ich denke, der Geist wird endlich mude und schlaft ein; im Schlaf konnte er geschehen lassen, wovor ihm beim Erwachen grauete. Seht, sagte sie leiser und mit kindlicher Furchtsamkeit ihm nahend, ich zittere fur das Heil meiner Seele! Ihr konnt nicht laugnen, ehrwurdiger Herr, hier wird ein anderer Glaube, als der meine, streng geubt, man wird mich ungern als anders Glaubende hier dulden, man wird den Uebelstand durch Bekehrung heben wollen, und seit heute Morgen fehlt mir der gute Muth, ich konnte siegend mir selbst getreu verbleiben. Ich sehnte mich zu sterben in meinem Schmerze, und konnte nicht recht beten, und jeder Trost, der lebenskraftig sonst aus meinem Glauben mir entgegen trat, war mir so fern, wie hinter Nebeln ein Freund, den man nur schwach erkennt. Das konnte wiederkehren; ich weiss nicht, wie ich sagen soll; sterben mochte ich, nur nicht den Ruckschritt thun zu Eurer Kirche, und moglich halte ich ihn blos, weil mir die neue Erfahrung geworden ist von meiner Geistesschwache.
Ungluckliches Kind! sprach nach einer Pause der Geistliche mit mehr Gefuhl, als er sich gestatten wollte, Ihr ruhrt mich, so sehr ich Euch im Irrthume sehe, und darum desto mehr. Warum ward Euerm fahigen Geiste nicht von Jugend auf die sanfte Lenkung unsrer Kirche zu Theil? Nicht Furcht, nicht Zweifel beugten dann Euern Muth; Ihr wurdet in jedem Glaubensbruder die Verwandten wieder finden, die Euch entrissen sind, wie Tausenden vor Euch. Das ist der Fluch von jener Spaltung der wahren, vom Heilande eingesetzten Kirche, dass Mensch vom Menschen geschieden steht im irren Zweifel, dass der Eine seiner Seele Heil nur dann behutet glaubt, wenn er gering halt und verachtet, was dem Andern heilig erscheint. Wo ist der Anhalt in Eurer Kirche, wenn der Geist ermudet unterliegt, wie Ihr eben an Euch selbst gewahrtet? Der Hochmuth Eurer Selbstgerechtigkeit treibt Euch hinaus, weit uber die Grenzen Eurer wahren Kraft. Ihr unterliegt in dem eiteln Treiben der Welt, und nirgends findet Ihr den Anhalt in dieser Wuste, nirgends den sichern Port, in dem Ihr ausruhen konnt, und Schutz und Hulfe findet. Er ist nur im Schoosse unserer Kirche, nur Eigenthum der frommen Manner, die in heiliger Betrachtung der gottlichen Dinge den Maassstab fur die richtige Wurdigung irdischer Noth gefunden. Sie allein vermogen uns zu stutzen, wo wir erlahmen in dem wilden Jagen nach eitler Lust; und Ihr furchtet diese Stutze, Ihr furchtet sie in dem Augenblicke, wo Ihr Euch schwankend fuhlt in Eurem stolzen Alleinsein.
Genug, ehrwurdiger Sir, unterbrach Maria hier den Eifernden schnell; zu sehr mahnt mich Eure Rede daran, dass ich nicht umsonst furchtete, in diesem Hause den Angriffen Eures Glaubenseifers ausgesetzt zu sein. Nicht zum polemischen Kampfe fuhle ich mich gerustet, und billig solltet Ihr meinem Geschlechte und meiner Jugend dies erlassen wollen, obwol, verhehlen will ich's Euch nicht, mir Einiges beifallt, das darthun mochte, die Erde sei uberall des Herrn, und Hinfalligkeit drucke ihren Stempel auf alles Menschen-Werk. Der Glaube, dem ich angehore, giebt mir Kraft, und eben jetzt, mich aufzulehnen gegen falsches, unklares Treiben. Frei bin ich geboren, und einem hohen Geschlechte gehore ich an, wenn uber seinen Namen mir auch ein Gewebe gezogen ist, in welchem ich Wahrheit von Trug nicht mehr zu trennen weiss. Dem gemass darf ich nicht leiden, dass ich zu unbekannten Zwecken unbekannter Menschen diene und musst Ihr mich verlassen, so begehre ich mindestens durch Euch die kennen zu lernen, die hier gebieten, auf dass ich mich offen mit ihnen selbst verstandigen konne.
Maria hatte ihre volle Energie wieder erlangt; ihr schones Antlitz zeigte Licht und Farben, ihr schlanker Wuchs hob koniglich sich hoher, und der Ton ihrer Stimme hatte die bebende Tiefe, die aus einem gekrankten Herzen kommt.
Pater Clemens ubersah dies nicht und fuhlte wohl, wie wenig furs Erste diese Stimmung geeignet sei, ihrem Schicksal eine bessere Wendung zu geben; aber diese Betrachtung war zugleich mit einem warmen Gefuhl der Theilnahme verbunden und machte es ihm unmoglich, ihren Vortheil ganz zu ubersehen, ja, ihn beschlich sogar ein Gefuhl von Furcht vor derselben Macht, der er diente, als musste er sie davor zu schutzen suchen. Vielleicht hatte ein etwas ruhigeres Nachdenken ihn dieser menschlichen Empfindung entzogen und ihn wieder zum Sklaven seiner aufgenommenen Pflicht gemacht. Haufig indess ubt eine wahrhaft edle Natur auf ein muhsam bezwungenes Gemuth, worin der edle Keim, uberbaut von Absicht und Sophisterei, begraben liegt, die magische Gewalt, belebend zu dem halb Erstorbnen einzudringen. Es entstehen so oft Zeichen eines hohern Daseins in einem sonst leer davon befundenen Leben, wunderbarer, als die Oasen in der Wuste, und verganglicher und leichter uberschuttet von dem heissen Sande des ringsum herrschenden Bodens. Genug, der Pater zogerte nicht, ein Mensch zu sein.
Wunscht diese Zusammenkunft nicht in dieser Stimmung, sagte er leiser, und lasst Euch warnen, den Geist nicht zu zeigen, der Euch belebt. Man furchtet eben Euer hochstrebendes Gemuth, und wenn man sich davon uberzeugt hielte, wurdet Ihr nie mehr diese Mauern verlassen durfen. Erschreckt nicht so heftig, sprach er begutigend weiter, da er die blasse Stirn, den Schreck des edeln Wesens sah, Ihr sollt nicht umsonst mir Vertrauen geschenkt haben. Haltet mich nicht zuruck. Ich kann Euch nutzlicher sein in der Ferne, und ich will es, wenn Ihr mir dagegen feierlich gelobt, Euch hier mit Klugheit zu verhalten, durch keinen Widerspruch eine zurnende Aufmerksamkeit auf Euch zu lenken, still ehrend Electa's und der Andern Glaubenseifer zu begegnen, und ruhig den kuhnen Geist in Fesseln einzuschlagen. Dann, fuhr er schwankend fort, glaubt man vielleicht, wenn ich zu Eurer Freiheit Euch das Zeugniss des beschrankten Sinnes gabe doch genug, unterbrach er sich sichtlich beangstigt. Die Theilnahme macht mich geschwatzig; ich hoffe, Ihr werdet mich nicht missverstehn. Ich ehre jede Absicht meiner Obern und hoffe ihnen nicht zu nah damit zu treten, dass ich zu Duldung und Gehorsam Euch ermahnte.
O, bereut nicht, edler Mann, was Euer menschlich Herz Euch sagen liess, rief kindlich zartlich hier Maria. Ihr habt genug gesagt. Kann ich auch den Grund von diesem Verfahren nicht erkennen, so weiss ich doch die Absicht und will mich wahren, mit Gottes Beistand, obwol ich niemals absichtlich zu tauschen gelernt, sondern es stets verschmaht habe. Ich will Gott bitten, dass er mir eingebe, was nothig ist, die Feinde hier zu tauschen; denn Freiheit ist so suss, und jenseits dieser Mauern lebt noch so manche heitere Hoffnung. Ach, helft mir sie erringen, und glaubt mir die schone Welt, die Gottes Offenbarung war, sie ist nicht sundig, und Sunde nur ist, was sie von Gottes Ebenbild trennt.
Thranen flossen auf die Hand des Priesters, die Maria mit den ihrigen fest umschlossen hatte, und so lebensvoll, so uberzeugt sprach sie ihm zu, dass es fast schien, als habe sie vielmehr das Werk der Bekehrung an ihm versucht und sei weiter darin vorgedrungen, als mit seinem Berufe sich vertragen wolle; denn das niedergeschlagene Auge konnte nicht ganz verbergen, was seine ausdrucksvollen Zuge von innerem Widerspruch und tiefer Ruhrung sagten.
So lasst uns scheiden, sagte er sanft, und Gott behute Euch und lenke Alles nach seinem Wohlgefallen.
Sanft beugte Maria das Haupt, und segnend beruhrte er es einen Augenblick. Leise, aber fest, verliess er das Gemach, und Maria blieb nicht so trostlos zuruck, wie er sie gefunden. Ein Strahl von Hoffnung erhellte die dustern Raume ihres Herzens, in welche mit der vollen Kraft der Jugend das Vertrauen wiederkehrte und der Muth, dem Widerwartigen zu begegnen.
Wir wollen nicht behaupten, dass Maria's Muth derselbe blieb, als sie am nachsten Morgen die Augen aufschlug und ihre Gedanken darauf fielen, dass Pater Clemens langst aus diesen Mauern entfernt sei und sie allein Allem gegenuber stehe, was ihr fremd und besorglich erschien. Aber der gesunde Schlaf der Jugend hatte nicht umsonst ihren Korper erquickt; frei lebte er auf, und in ihm fand die Seele Ruhe.
Margariths Vater bereitete das Fruhstuck an dem lodernden Feuer des Kamins, wahrend Maria sich mit Hulfe der Tochter im Nebenzimmer ankleidete. Bei ihrem Eintritt empfing sie eine sehr feierliche Einladung des alten Dieners, der Herrin des Schlosses sich vorzustellen.
Ich bin bereit, erwiederte Maria mit leichtem Wechsel der Farbe; sagt Eurer Dame meine Willfahrigkeit, ihr aufzuwarten. Sie wird die Stunde Euch vielleicht bestimmt haben, wann sie mich empfangen will, denn wenig kenne ich noch die Ordnung des Hauses.
Ihro Gnaden bedurfen einer langen Morgenruhe, sprach der alte Diener, die Augen niederschlagend. Schwester Electa wird Euch, Mylady, abrufen, wenn Ihro Gnaden dazu bereit sind.
Schon, mein guter Alter, erwiederte Maria; wir sind erst kurze Zeit Bekannte, ich habe Euch aber Dank zu sagen fur die Sorgfalt und Gute, die Ihr mir bei einigen Zufalligkeiten erwieset.
Schuldigkeit, durchaus Schuldigkeit, murmelte der alte erfreute Mann und schob den Sessel zu dem Tischchen, worauf ein Fruhmahl bereitet stand, das der Schlosskuche Ehre machte und nichts vergebens aufgestellt war fur Maria's angeregte Esslust.
Sie beschaftigte sich alsdann damit, die Einrichtung ihrer Zimmer zu mustern, und untersuchte besonders ihre Bibliothek, die, allerdings von einseitiger Auswahl, Maria aufs Neue die unheimliche Ueberzeugung gab, dass man auf alle Weise ihrem Geiste jene Richtung zu geben trachte, welche in diesem Hause die allein geduldete war.
Eine kleine Ausgabe des italienischen Homers war hinter andern Buchern verborgen, offenbar eine Abweichung vom vorgeschriebenen Plan, die Pater Clemens sich erlaubt. Es erfreute sie dies um so mehr, da sie eine trostliche Zusage seiner milden, wohlwollenden Gesinnungen darin wahrnahm, das einzige Unterpfand aller Hoffnung fur ihre Zukunft.
Diese Beschaftigungen wurden von der Schwester Electa unterbrochen, welche erschien, sie zu dem bevorstehenden Besuche abzurufen. Maria empfing sie mit der ihr eignen huldvollen Gute, und fest entschlossen, den Rath des Pater Clemens nicht zu vergessen, so lange es sich mit ihrer Wurde vereinigen liesse, eilte sie mit Margariths Hulfe, ihre Kleidung in eine ernste Form zu bringen, was ihr leicht gelingen konnte, da sie, zum Wechsel ihrer Reisekleider, nur die bei sich fuhrte, die sie als Trauer fur ihre Verwandte getragen. Ihre Juwelen liess sie zuruck, und die Fulle ihrer schonen Locken verbarg sie unter einer schwarz sammetnen Haube, die, an der Stirn mit einer Spitze anliegend, in zwei kleinen Bogen bis zu den Wangen sie umschloss, und wenn auch allerdings zur herrschenden Welttracht gehorend, doch ein ungemein einfaches und ernstes Ansehn verlieh. Sie suchte wahrend dieser Anordnungen ihr Gemuth zu sammeln und den Schauer zu uberwinden, der jeden Augenblick, bei dem Andenken an das Erlebte, ihre Fassung zu uberwaltigen drohte; ja, sie ermahnte sich, hochst vorsichtig in ihren Aeusserungen zu sein und Alles genau zu beobachten, was um sie her vorgehe.
Als sie bereit war, folgte sie der in grossen Ernst versenkten Gefahrtin, welche sie zu dem Hausflur fuhrte, von wo breit geschwungene, schwerfallig verzierte eichene Treppen in die obern Zimmer des Schlosses gingen. Ueberall zeigte sich der prachtliebende Sinn der Erbauer oder Bewohner, und die polirten Stufen stimmten vollkommen mit den dunkeln eichenen Wanden uberein, an denen in goldenen Rahmen eine Reihe Bilder hingen, unterbrochen von kunstlich verzierten Wandleuchtern, welche doch schwerlich mit ihren dicken gelben Kerzen die dunkeln Raume erhellen mochten, die keinen lichten Gegenstand zum Reflex ihrer Strahlen darboten. Der trube Morgen erhellte nur sparsam diese Gegenstande, denn sein an und fur sich schwaches Licht fand keine Unterstutzung in den Scheiben von gemaltem Glase, die keinen Blick nach der Gegend gestatteten, wohin sie fuhrten. Auf der breiten saalartigen Brustung, wo sich beide Treppen oben vereinigten, brannten ein paar schwache Kaminfeuer, und hier fand sich ein Diener, der, dem leisen Befehl der Schwester Electa folgend, hinter einem grossen, sehr roh gezeichneten Gobelin verschwand, welcher den Haupteingang zu den innern Gemachern zu verbergen schien.
Mit einem schrillenden Ton fuhr alsbald diese Vorwand zuruck, und von dem stummen Diener angewiesen, traten Beide in das Innere ein.
Der grosse Saal, der sie aufnahm, schien ganzlich unbenutzt, denn der weisse Marmor seiner Wande zeigte sichtlich die trube Farbe des Staubes und der Feuchtigkeit, wovon die Luft durchdrungen war, und die fast erschreckend die Eintretenden anfiel.
Es folgte auf der rechten Seite, wohin sie sich wendeten, eine Reihe von Zimmern, die reich mit Sammet, seidenen und goldenen Tapeten behangt und ausgestattet waren, zugleich aber, unfehlbar aus einer neuern Zeit herstammend, eine Reihe Gemalde aus der Heiligen- und Legenden-Geschichte enthielten, die jedes feiner ausgebildete Gefuhl fur Kunst emporen mussten. Vor der letzten Thur blieb Electa, welche alle diese Raume mit gesenktem Haupte durchwandert und bei ihrem raschen Vorschreiten Maria nur wenig Zeit gelassen hatte, Beobachtungen zu machen, einen Augenblick stehn, und Maria's Naherkommen erwartend, sagte sie leise: Ehrwurdige Frau wird sie genannt.
Sie druckte die Thur auf, und Maria stand in einem kleinen leeren Raum, der, von oben Licht empfangend, einen Flur bildete, von wo eine schmale Wendeltreppe aus den untern Raumen in die Hohe fuhrte. Augenblicklich rief dieser Anblick ihr die Erzahlung Margariths von jener Treppe zuruck, wo der ungluckliche, wahnsinnige Herr des Schlosses seinen verzweifelnden Geist ausgehaucht hatte, und die kleine spitze Thur, der sie sich naherten, schien mit ihrer breiten Schwelle und tiefen Nische das Sterbelager des Unglucklichen zu sein, auf dem seine Gemahlin ihn am Morgen vergeblich zu erwecken suchte. Schaudernd blieb Maria stehn, und nahm wahr, wie Electa's Schritte gleichfalls zogernd inne hielten, und sie erst nach einem kurzen Gebet, einer Bekreuzigung und Besprengung aus dem an der Thur aufgehangten Weihkessel sich zum Vorschreiten anschickte.
Fast wider Willen folgte ihr mechanisch Maria, und sie standen nun wirklich in einem dustern Schlafgemach, mit dunkeln grun-damastenen Tapeten und einem ungeheuern Himmelbett versehn. Das Zimmer, in enger, halbrunder Form, durch einige schmale, hohe Fenster matt erleuchtet, war das Innere eines Thurms, zu dessen anderer Halfte eine etwas grossere Thur fuhrte, der sie sich jetzt naherten.
Dies zweite Gemach war von einem hellen Kaminfeuer sowol erwarmt, als erleuchtet, denn der Tag blickte auch hier nur sparsam, kaum eingelassen, durch die hohen, aber schmalen gothischen Fenster. Das hell vorspringende Feuer bewirkte aber, dass Maria, im ersten Augenblick geblendet, ausser Stand war, die sie umgebenden Gegenstande zu erkennen, und mit gebeugtem Kopfe an der Thur stehn blieb. Als ihre Augen sich von dem schnellen Wechsel erholt hatten, sah sie sich in einem etwas grosseren, runden und gewolbten Zimmer, an dessen getafelten Wanden und Fussboden das Licht des Feuers zu erblinden schien, da das dunkle Eichenholz mit noch dunklern Tafeln behangen war, welche gefuhlverletzende Darstellungen von Martyrergeschichten enthielten, die eben keinen vortheilhaften Begriff von dem Sinn und Geschmack der Bewohnerin erwecken konnten. Eine Nische von kunstreich durchbrochenem Holze umschloss ein besser gelungenes Bild des Erlosers, vor dem zugleich ein Altar und ein Betschemmel standen. Einige hohe Sitze, welche gleich Chorstuhlen zwischen den Fenstern hinliefen und ein eben so verzierter Schreibtisch waren der zunachst zu ubersehende Inhalt des Gemaches, wovon Maria's Aufmerksamkeit indess abgelenkt wurde, da Electa sie ermuthigte vorzuschreiten. Zunachst dem Kamin, doch so, dass sein Schatten sie deckte, gewahrte sie nun in einem der hohen Chorstuhle eine weibliche Gestalt, welche mit hohler trockener Stimme sie nothigte, naher zu treten. Kein Ton erinnerte Maria an die schrecklichen Laute des Wahnsinns, die sie gefurchtet hatte zu vernehmen, und der Anblick der Person, so traurig und abschreckend er war, passte zu keiner der furchtbaren Erinnerungen. Sie war ohne alle Abweichung von Schnitt und Farbe in ein prachtvolles Nonnengewand gehullt, dessen kostbare Stoffe aus ihrer hohern Wurde sich erklaren liessen, welches ubrigens blos ihr schlaffes, gelbes Angesicht und ihre hagern, langen Hande sehen liess, die von einem Rosenkranz umschlossen, mude vor ihr niederhingen.
Maria, die eine Anrede erwartete, sah sich den prufenden, stechenden Blicken der dustern Erscheinung ausgesetzt, die, ohne alle Rucksicht auf Gastfreundlichkeit, blos das helle Licht des Kamins, in dessen Beleuchtung Maria stand, zu benutzen schien, um die Personlichkeit ihres Gastes vollstandig zu erforschen.
So beleidigend dies auch war, so fuhlte Maria doch eine Beklemmung und Bangigkeit, die es ihr unmoglich machten, selbst diesen krankenden Empfang zu unterbrechen; ja, ihr Auge hing fast mit derselben Achtsamkeit an dieser unheimlichen Gestalt, als musste sie ihre Bewegungen bewachen, um sich vor ihr zu schutzen.
Dies lange Examen ihrer Augen kundigte sich als beendigt an durch ein verachtliches Lacheln, welches plotzlich das leblose Gesicht der alten Lady uberschlich. Halb sich seitwarts wendend, redete sie sodann einen Mann an, der hinter ihrem Stuhl bis auf den Kopf verborgen sass:
Es ist dieselbe eitle Schonheit, die ich an ihr wahrnehme, und die ihre Herkunft mehr bestatigt als die Versicherungen der Betheiligten. Eine gute Aufgabe, wenn der Sinn ihrer Ahnenfrau sich auf sie ubergetragen hat! Ihr konnt dann Eure Weisheit zusammen nehmen, denn zur Zeit reichten alle festen Schlosser von Schottland und England nicht hin, das zu huten, was unter so einer weltlichen Haube hockte. Ein kurzes heiseres Lachen vollendete die unverstandliche Rede.
Wir vertrauen auch keiner weltlichen Hulfe, erwiederte der Angeredete, sondern dem Einfluss und der Furbitte unserer gebenedeiten Mutter Gottes, welche Vorsorge tragt fur die Verirrten ihres Geschlechts, wie Ihr in Demuth anerkennen werdet.
Ein ziemlich misslauniges Gesicht bog sich von dem Antwortenden weg, wahrend die Hande ohne Saumniss ein paar Kreuze schlugen und einige Kugelchen des Rosenkranzes abzahlten.
So ist es, hochwurdiger Herr, sprach sie sodann sehr gleichgultig; die Heiligen haben das Vollbringen, und wer dies Geschlecht kennt, wie ich, der muss hoffen, dass sie sich alle vereinigen werden, es zu vertilgen. Bei den letzten Worten zuckte ein wildes Feuer aus ihren Blicken, und sie schleuderte sie wie einen Blitz auf Maria hin.
Es ist zwar nicht meine Wahl, dass Ihr hier seid, begann sie jetzt, zu dieser gewendet; denn dies Haus geniesst eine Heiligung, die durch profanen Besuch nicht verletzt werden sollte. Da man mich aber versichert, Ihr wurdet durch das Beispiel der hier waltenden heiligen Kirche bald von Euern Irrthumern zuruckgebracht werden, so darf ich die Hand zu einem Werke nicht verweigern, dessen Verdienstlichkeit ich in Demuth erkenne. Ich habe Euch demnach vor mich gefordert, um Euch die Erlaubniss zu ertheilen, unter uns zu erscheinen und durch das, was Ihr sehen werdet, Euern Geist in die Stimmung zu bringen, die Euch mit Eurem Gewissen versohnen wird.
Maria kampfte wahrend dieser trocknen, unfreundlichen Rede mit aller Macht gegen ihr beleidigtes Gefuhl; ihre Wangen rotheten sich, und ihre Augen fullten sich von diesem schmerzlichen Kampfe.
Ihr werdet ohne Zweifel wissen, erwiederte sie jetzt mit bewegter Stimme, wie ich hierher gekommen, und wie wenig es in meine Willkur gestellt worden ist, Euer Haus zu suchen oder zu vermeiden; wenn Ihr aber Grunde habt, den Anordnungen derer, die mich hierher fuhrten, zu folgen, so rechnet es mir nicht an, wenn ich Euch lastig bin. Ich werde Eure Gastfreundlichkeit, wenn Ihr mir sie gewahren wollt, nicht durch ein storendes Betragen vergelten und, so lange ich hier bleiben muss, ehren, was Andern ehrenwerth erscheint, wenn meine Erziehung mir auch eine andere Richtung gab.
Ihr macht vor allen Dingen zu viel Worte. Lange Erwiderungen sind uberall unpassend, wo strenger Gehorsam das Einzige ist, was verlangt wird, und man Eurer Versicherungen nicht bedarf, da sich von selbst versteht, dass Ihr keinen Einwand zu machen habt. Ich muss bekennen, ehrwurdiger Herr, fuhr sie fort, mit demselben kalten, verachtlichen Tone sich wieder ruckwarts wendend, ich finde mich blos aus Achtung fur Eure und des Pater Clemens hohere Erkenntniss darein, dieser jungen und, wie mir scheint, ausserst ubermuthigen Person eine Bevorrechtigung zu gewahren, die nur alle jene eiteln weltlichen Gedanken nahren wird, von denen ihr Kopf sichtlich erfullt ist; auch muss ich mir einige Bestimmungen uber die Dauer solcher Nachsicht vorbehalten.
Die Bestimmungen, denen wir beide gehorchen mussen, werden nicht ausbleiben, erwiederte eben so trocken der Angeredete; und die vorzuglichste Dienerin der heiligen verfolgten Kirche wird uber ihre Stellung zu diesen Willens-Meinungen nicht im Zweifel sein.
Auf dem Gesichte der Lady zeigte sich wahrend dieser Worte ein Kampf widerwilliger Art, und es kostete ihr sichtliche Muhe, eine Massigung zu behaupten, wie dieser aufgenothigte Gehorsam sie ihr auflegte. Doch war es unverkennbar, dass die altere Gewohnheit tyrannischer Eigenherrschaft sich machtig gegen die strengen Anforderungen eines Gehorsams auflehnte, an den sie sich nie ohne Bitterkeit erinnert fuhlte. Genug, genug! Ich sage nicht, dass es fur jetzt anders sein soll; nur, wie lange, werde ich mit Eurem geistlichen Rathe in Ueberlegung ziehn; denn allerdings ist es das Schloss der Howards, in dem wir uns befinden.
Ja, vollendete der Hochwurdige diese Rede, und im
Besitz der hochwurdigen Aebtissin zur heiligen Ursula.
Hohnisch warf sie den Kopf zuruck, und die immer
noch stehende Maria nun wieder ins Auge fassend, sprach sie heftig und rauh:
Die weltliche Haube will ich nicht wieder sehen;
Schwester Electa wird Euch einen passenden Kopfputz bringen. Eure Kleider habe ich Euch noch fur einige Zeit gestattet. Ihr werdet fruh zur Messe erscheinen, im Refectorium zu Mittag essen und die Vesper halten; dazwischen wird der hochwurdige Pater Johannes Euch Unterricht ertheilen, und in dem Maasse, als Ihr fortschreiten werdet in der Entsagung von Euern Irrthumern, werdet Ihr
Ueberlasst mir das Weitere, unterbrach sie Pater Jo
hannes, der die Vollendung ihrer Rede nicht zu wunschen schien, und wahrnahm, wie Maria, von dieser ubeln Behandlung erschuttert, kaum aufrecht zu stehen vermochte. Er naherte sich, aus seinem Versteck hervortretend, dem zitternden Madchen und fuhrte sie selbst, von Electa unterstutzt, zur Thur hinaus.
In dem kleinen Schlafzimmer hielt er sie an. Lasst
Euch, sagte er beruhigend, durch den lobenswerthen, aber etwas heftigen Eifer der hochwurdigen Frau nicht erschrecken. Ihr werdet darunter nicht zu leiden haben, so Ihr Euch sanft und aufmerksam zeigt.
Maria wollte reden, gleich auf der Stelle wollte sie jeden Zweifel aufheben uber das, was man von ihr zu erwarten habe, aber ein krampfhaftes Schluchzen war der Tribut, den ihre geangstigte Natur verlangte. Vergeblich bemuhte sie sich, deutlich zu sprechen, sie brachte nur abgerissene und unverstandliche Worte hervor.
Ich sehe Euch wieder, unterbrach Pater Johannes diese missgluckenden Versuche; uberlegt wohl, was Ihr sagen wollt, Euch wird weder Rath, noch Trost fehlen, aber hutet Euch, durch Widerstand in Kleinigkeiten Eure Verhaltnisse hier muthwillig schlimmer zu machen. Schwester Electa, ich vertraue die Bekummerte Eurer Vorsorge und Euerm Troste. Geht, geht, setzte er abwehrend hinzu und verschwand hinter der Thur in das Gemach, das sie verlassen, wahrend Maria, von Electa gefuhrt, den Weg nach ihren Zimmern zurucklegte.
Ich denke, man hat uns da eine schwere Ponitenz auferlegt, hochwurdiger Herr, begann die erzurnte Lady, vollig ihrer ubeln Laune hingegeben, als der Pater Johannes mit ernstem und ruhigem Antlitze eintrat. Ein Aergerniss, denke ich, fur Alle, die zu einer hohern Begnadigung in dies Haus gelangt sind.
Wenn die Aufgabe schwer ist, die man uns gab, so ist es nicht an Euch, dies zu rugen, erwiederte in ganzlich verandertem, strengem Tone der Geistliche, da nur schwierige und widerstrebende Ausubungen Euch die Wohlthat erzeigen konnen, Euren Geist von den Makeln der Welt zu erretten, die noch in zu grosser Starke Euch anhangen. Ich denke, es gehorte nicht zu Euern Aufgaben, die junge Person, die wir Euch zufuhrten, mit einer Strenge zu empfangen, die sie verschuchtern und gar zum Widerstand reizen wird. Sie musste zutraulich gemacht werden, sie musste die wohlwollendsten Gesinnungen bei uns annehmen konnen, dann sicherten wir uns ihre Aufmerksamkeit, ihre Nachgiebigkeit und Gewohnung, und der Einfluss eines einformigen, von aller Zerstreuung fernen Lebens, dem sie hier anheim fiel, ward dem heiligen Vorhaben gunstig. Ihr habt jedoch, gleich dem hochmuthigen Kinde der Welt, Euerem eiteln Herzen und seiner Lust, zu kranken und zu verachten, Genuge gethan, und wahrscheinlich mehr Unheil in wenigen Minuten angerichtet, als in unserer Macht liegen wird, je wieder gut zu machen. Ich brauche Euch nicht zu sagen, wie weit Ihr dadurch Euch von den Pflichten entfernt habt, deren strenge Erfullung doch das einzige Mittel ist, Euch hier den Schutz zu sichern, dessen Ihr bedurft, dort aber die Vergebung Eurer Sunden und die Errettung von ewiger Verdammung.
Diese harte und strenge Rede wirkte gleich einer Bannformel uber das gereizte Wesen der Lady. Erschreckt von dem blossen Tone ihres Beichtigers, senkte sie beim Anfange seiner Rede schon das Haupt, aber die harten Worte verletzten so sichtlich ihr verwohntes Gemuth, dass sie bald wieder auffuhr, und mit Blick und Mienen ihre Emporung anzudeuten suchte. Da der Geistliche aber die Streiche seiner Worte scharfte, trat nach und nach die Furcht ein, welche man durch die starksten Mittel als das einzig mogliche Joch ihr ubergeworfen hatte, und alsbald zeigte sich auch Zerknirschung, welche ihr die zuletzt gebrauchte Drohung um so lebhafter erregte, als ihr entnervter Geist, von den Vorwurfen eines schwer belasteten Gewissens bedrangt, nur zu empfanglich fur die Androhung kunftiger Strafe war.
So geschah es, dass ohne Gegenrede sich angstvolle Seufzer aus ihrem Munde drangten, und zu allen Trostmitteln ihrer Kirche schreitend, murmelte sie die Gebete ihres Rosenkranzes und schlug mit blindem Eifer Stirn und Brust.
Pater Johannes ging indessen mit langen Schritten auf und nieder, und schien, nachdem er sie zur Ruhe verwiesen, sie ganz vergessen zu haben; und in der That suchte er seine Gedanken in Bezug auf die Personlichkeit der jungen Lady, uber deren fernere Leitung ihm Vollmachten geworden waren, zu ordnen.
Die Lady hatte indessen ihre Andacht beendigt. Nicht wagend, das Nachdenken des wandelnden Priesters zu unterbrechen, und zu einem mussigen Hinbruten auf ihrem Lehnstuhl verdammt, fand ihr Geist allgemach den bequemeren und oft betretenen Weg zur Zeitlichkeit und zu jenen irdischen Zwecken wieder, die ihr, trotz aller aussern Form klosterlicher Strenge, unmoglich so fremd werden konnten, als man es zuweilen, um sie in Furcht und Gehorsam zu erhalten, von ihr erzwang.
Der ungluckliche, verfuhrte Herzog von Sommerset war dem Henkerbeile nur durch Jakobs unbesiegbare Liebe zu ihm entflohn. Dies Schloss war ihm zu einem Gefangnisse der mildesten Art angewiesen. Von der Theilnehmerin oder eigentlichen Urheberin seiner Verbrechen, seiner katholischen Gemahlin, Lady Franziska Howard, war dies alte Besitzthum der Howards zum Heerde des in ihrem Vaterlande verponten und vielleicht eben darum von ihr beschutzten Katholicismus gemacht worden. Von der klugen Herrschaft ihres jesuitischen Beichtvaters geleitet, stand sie bald in Verbindung mit allen Machinationen der dem alten Glauben anhangenden und noch immer sehr machtigen katholisch-jesuitischen Partei, woran sich nur zu viele weltliche Handel anschlossen, die sie zu theilen oder zu erspahen unablassig bemuht war.
Die ungemein einsame und doch feste Lage des Schlosses, die Kusten des nahen Frankreichs, in dem diese Partei ihre machtigsten Anhanger unter dem damals Europa beherrschenden Richelieu zahlte, und das unabhangige, immer noch bedeutende Vermogen der verbannten Lady, machten es zu einem unschatzbaren Schutzpunkte. Nachdem die Herrschaft uber die Eigenthumer bis zur ganzlichen Nullitat des unglucklichen Hausherrn erreicht war, wurden die Anordnungen darin mit einer Ueberlegung und Verschlagenheit getroffen, dass dadurch das Dasein dieses Verstecks und seiner von den Zeitgenossen fast vergessenen Bewohner der Welt entzogen blieb.
Kein gebahnter Landweg wies dahin, und die hohen Ufer, hinter denen das Schloss versteckt war, hinderten den Anblick desselben aus der Ferne. Es wahrzunehmen, blieb nur vom Meere aus moglich, bei Umschiffung eines sehr gefahrlichen Punktes, der, von allen erfahrenen Schiffern vermieden, eine von den Spitzen der Bucht bildete, in welche das Schloss seine festen Mauern senkte.
Wahrend es kaum einem Hause ahnlich sah, das einigen von den strengen Gesetzen dahin verschlagenen Katholiken zur Zuflucht diene, hatten die geschickten Lenker dieser Angelegenheit hier eine klosterliche Stiftung begrundet, welche in ihrer Form die Strenge behauptete, die ihnen bei der Beherrschung eines fast unbezahmbaren Geistes in der Lady Franziska zu Hulfe kam. Ihr war eine gewisse Wurde zugetheilt worden, die ihrer zugellosen Herrschsucht Befriedigung gonnte, ohne sie der geistlichen Zucht zu entziehn, die so nothig war, sie mit allen ihren Planen und Anforderungen dem Willen derer unterzuordnen, die sich die Lenkung ihrer Angelegenheiten so vollstandig angemasst hatten. Sie ward auf diese Weise ganz zu den Zwecken gebraucht, die ihre geistlichen Vormunder verfolgten, und zuweilen wurden dieselben Leidenschaften, die sie zu beherrschen trachteten, ihrer eignen Richtung uberlassen, je nachdem das Eine oder Andere zweckmassiger schien. Nicht zu ubersehn war dabei in der Lady ein grosser Hang, sich diesem Einflusse zu entziehn, obwol ihr gedrangtes Gewissen sie zur Sklavin derselben Manner machte, gegen die sie wiederum ihre ganze List zeigte, um eine uber ihre Erlaubniss reichende Gewalt auszuuben.
Mitten in dieser Stimmung, die am haufigsten nach einer ihr abgezwungenen Zerknirschung eintrat, befand sich jetzt die Lady, als sie sich endlich zu einer Anrede entschloss, die das verdriessliche Schweigen aufheben sollte.
Wenn man mir so ganzlich die Macht entziehen will, die ich meiner Wurde nach uber den weiblichen Theil dieses Hauses besitze, so sehe ich nicht ein, was eben dies Haus ihr nutzen soll, und warum man sie, die doch schon bis zur Kuste vorgedrungen ist, nicht noch den kurzen Weg uber das Meer machen liess, wo sie in Frankreich, denke ich, besser, als hier, aufgehoben werden konnte.
Vielleicht wird dies spater noch nothig werden, erwiederte Pater Johannes nachdenkend; wir setzten vorlaufig auf Eure Weltklugheit und Euern guten Willen Vertrauen, und hatten keineswegs die Absicht, diese junge Person Euerm Einflusse zu entziehn. Ob sie uns nutzlich oder hinderlich werden kann durch den Anspruch ihrer Geburt, ist noch zu unentschieden bei der bestimmten Richtung, die ihr die fruhere Erziehung gab, als dass wir sie jetzt schon unabanderlich aus dem Lande entfernen sollten. Wenn sie uns aber nutzlich bleiben oder werden soll, so bedenkt, dass sie nur entlassen werden kann als unsere Freundin, als die Theilnehmerin aller unserer Interessen, dass sie ihre hohe Geburt nur dann kennen lernen darf, wenn sie damit das schwache Herz zu regieren gelobt, das, durch den Tod ihrer Mutter erschuttert, unempfindlich bleiben konnte fur den Besitz der schonsten Furstin, der erlauchten Henriette von Frankreich.
Und dies hofft Ihr wirklich zu erreichen bei einem Geschopfe, das neben dem Fluche ihres Geschlechtes einerseits den unbezwinglich trotzigen Karakter der Buckinghams tragt, und andrerseits die ganze weltliche Thorheit ihrer Aeltermutter, dieser beruchtigten Maria von Schottland, in jedem Zuge ihres glatten Gesichts? Sperrt sie lieber heute als morgen ein, und lasst jede Hoffnung auf ihre Bekehrung fallen. Damit werdet Ihr wenigstens so viel erreichen, dass Ihr diesem verabscheuungswerthen Buckingham seinen auf sie berechneten Triumph entzieht; Ihr werdet uber sie keinen feiern. Dafur nehmt das Wort einer Frau, die nicht umsonst Menschen gesehen hat.
Pater Johannes schwieg nach dieser Rede, und es war ihm deutlich anzusehn, dass er nicht viel bessere Hoffnungen nahrte.
Pater Clemens, sagte er dann, ruhmte uns die Gute ihres Herzens und die kindliche Hingebung in den Willen alterer Personen. Darauf mussten wir bei unserer Behandlung hinzuwirken suchen, und darum habt Ihr mit Euerm rauhen Empfang so ganz verkehrt gehandelt.
Ha! rief die Lady mit ziemlichem Ungestum, wenn ich nur nicht verstandige und erfahrene Manner von Gute des Herzens und Hingebung in Anderer Willen musste schwatzen horen. So lange der Wille Anderer den Gelusten des eigenen Herzens schmeichelt, so lange findet er uns bereit, ihm zu folgen, so lange sind wir gutig und nachgiebig; und fremde Leiden erwekken unsere Theilnahme so lange, bis wir fur unsere eigenen sie vergeblich suchten. Leerheit des Herzens wie des Lebens, mit einem Worte die Zeit der Jugend, verbreitet nach Aussen diesen thorichten Schein, aber wer hat ihn nicht weichen sehn, sobald die Begierden des Herzens erwachend dem Willen eine Richtung geben. Dasselbe gute Herz, das mit seiner Leerheit Euch tauschet, unterstutzt dann die Vorschlage der Leidenschaften, und kein fremder Wille wird es nachgiebig finden, von dem Wege abzuweichen, auf dem dies gute Herz fort sturmt, unbekummert um die Niederlagen, die es dabei anrichtet. Franziska Howard hat nicht umsonst gelebt: Damals hiess sie auch ein gutes, sanftes Kind, als der alte, schwachkopfige Konig die Familien Essex und Howard vereinigen wollte, und man mir die Puppe und Essex das holzerne Schwert wegnahm, unsere Hande zu einer spatern Vermahlung an einander zu schmieden. Als aber Franziska den schonen Seymour sah und Herzogin von Sommerset werden wollte, da ruhmte Niemand mehr ihr sanftes Herz; denn sie hatte einen Willen bekommen, und unbesiegbare Wunsche liessen sie den Willen Anderer verspotten. O, fruh, sehr fruh hat man mich gelehrt, was es mit dem Guten im menschlichen Herzen fur eine Bewandtniss hat, und von ganzer Seele verachte ich die Heuchler, welche eine Stimmung zeigen, die ihnen mit dem ersten Hauch der Leidenschaft verloren ging. Gebt Acht, fuhr sie fort, da Pater Johannes der Versuchung, solche sundliche Rede seines Beichtkindes mit dem Donner der Busse zu erwiedern, nicht nachgeben zu wollen schien, gebt Acht, wie lange ihre Nachgiebigkeit aushalten wird, wenn man sie hindert, in die Welt zuruckzukehren, wohin jeder Pulsschlag ihres eiteln Herzens sich drangt.
Darum, hob Pater Johannes jetzt an, sei der Widerstand, den sie erfahre, ein unmerklicher, dass sie nicht im Streite Krafte finde, die am ersten absterben werden in der oden Gleichmassigkeit einer Geist todtenden Lebensweise.
Ein kurzes widriges Lachen aus dem Munde der Lady gab ziemlich verstandlich Kunde von ihrer Wurdigung dieser Worte.
Pater Johannes liess dies unbeachtet voruber gehn und fuhr mit Ruhe fort:
Unsere nachsten Nachrichten werden uns den Tod des Konigs melden und die Ankunft der neuen Konigin; dann werden Sturme beginnen, unabsehbarer vielleicht, als wir jetzt ahnen konnen. Die Konigin wird unseres Einflusses bedurfen; denn Misstrauen empfangt sie um ihres heiligen Glaubens willen an der Grenze dieses Landes. Es ist nicht unbekannt geblieben, dass geheime Artikel Karls Macht in seinem Hause beschranken, und abenteuerlich genug malt man das Unbekannte aus. Jetzt gilt die Frage, ob sie Karls Herz besitzen wird. Zwei Leidenschaften theilen sich in ihn, die Sucht des Selbstherrschens, und der dustere Gram um den Tod der Jugendgeliebten und um das einzige Kind dieser Ehe. Halt Karl die Gattin deshalb fern von seinem Herzen, dann ware der grosse Wurf zu wagen, seine Tochter der Konigin zum Geschenk zu senden. Wer sie ihm bringt, wird grosses Recht an seine Liebe haben, und die Konigin wird die seltene Gelegenhett erhalten, eine Grossmuth ihm zu zeigen, fur die er dankbar sein muss.
Und die Tochter, unterbrach ihn die Lady, die Tochter wird der katholischen Gemahlin das Widerspiel halten, Buckingham wird die weltlich gesinnte Nichte in sein Interesse ziehn und fur sein grenzenloses Reich der Gewalt eine neue Stutze finden.
Um daruber entscheiden zu konnen, muss man etwas Hoheres glauben, als Ihr es noch vermogt. Dies Madchen wird nicht mit dem lasterhaften Buckingham gegen ihren Vater sich verbinden.
Aber, fiel sie rasch ein, gegen die katholische Konigin wird die Ketzerin den Vater zu sichern suchen.
Dies ware eher moglich, und dies bleibt noch zu erwagen. Um aber uber diesen Punkt vollig sicher zu werden, wird sie hier fest gehalten und Proben unterworfen, die jeden Zweifel daruber aufheben konnen.
Gut, gut, ich wunsche Euch Gluck dazu. Doch die Welt ist erst der Magnet, der aus dem Schacht des Herzens die verborgenen Erze ans Licht zieht, und zwar von solchem Gehalt, als dieser machtige Magnet allein zu wecken und festzuhalten weiss. Seid Ihr ausserdem aber so vollig sicher, dass sie hier verborgen bleibt? Furchtet Ihr nicht die tausendarmige Macht des gut bedienten Buckingham, nicht diese Nottinghams, die, den listigen Archimbald an der Spitze, viel vermochten, wenn sie wollten?
Wenn sie wollten, betonte spottisch lachelnd der Hochwurdige, aber sie wollen nicht. Kennt Ihr den Irrthum nicht, an dem der hochmuthige Geist dieser Herzogin von Nottingham hinkrankt? Er hindert sie, die Flucht des Frauleins zu rugen, wie sie sonst nicht unterlassen wurde. Streng hat sie jede Nachforschung gehindert und verpont, und dennoch hat diese Ausflucht, die sie sich gestattet, der Welt ein Geheimniss zu entziehn, das ihrem Hochmuthe so verletzend wurde, ihr Gewissen in ein Heer von Vorwurfen gesturzt. Sie glaubt sich halb und halb verpflichtet, die getraumte Sunde ihres Gatten an diesem Wesen gut zu machen, und dass sie der Lockung nicht widerstand, diese saure Pflicht von sich abzuschutteln, reizt ihren stolzen Geist, der vor sich selbst bewundernd dastehn mochte. Und dass sie jede wirksame Verfolgung hinderte, dass sie von Archimbald, der leicht sich zu beruhigen weiss, streng begehrte, ihre Sohne zuruck zu halten, beweist genug, dass sie der Versuchung unterlag. Denn allerdings muss sie dieselbe in Membrocke's Handen jetzt nach so langem Zogern fur verloren halten, und der Gedanke daran qualt sie und entfernt sie doch eben immer mehr von dem Wunsche, sie wieder aufzufinden.
Das gonne ich ihr von Herzen, rief behaglich freundlich die Lady; in ihre eignen Fallen mussen diese Heuchler sich verstricken; besser mochten sie sein, als Andere, um hochmuthig herabsehen zu konnen. Wenn wir der reizenden Sunde in unsern Wegen nicht auszuweichen wissen, ziehn diese Heuchler selbst das Bild der Tugend, womit sie prunken, zu dem Dienst ihrer Sunde hin. Ja, ja, es ist Alles eins. Nur wird der Eine von der Welt gezuchtigt, der Andere dagegen in seinem schwachen Herzen, und der Zufall ist bei Beiden der geschaftige Wirbelwind, der daruber fahrt, und nach allen Ecken hin verwechselt und durch einander wirft, was die jammerliche Klugheit der Menschen gesondert zurecht legte.
Kann man sich Tolleres denken, als dass dieser nekkische Zufall das Madchen, auf dessen Haupte ein unsichtbares Diadem geruht, welches behutet und bewacht war von Allem, was Schlauheit und List nur erdenken konnten, nun verschmachtend, mit Wunden bedeckt und ausgestossen aus aller menschlichen Verbindung, eben auf die Schwelle derjenigen niederlegt, die ihre naturliche Feindin schon um ihres Antlitzes willen ist, und welche nun sogleich geschaftig Alles in ihrer Einbildung so anordnet, dass ihr daraus die hochste Zuchtigung ihres eiteln Herzens erwachsen muss.
Auch uns, erwiederte der Pater, uberraschte dies Ereigniss, das so wenig vorher zu sehen war. Immer war dies Kind uns wichtig, und unsere Absichten mit ihr und dem ganzen Geheimniss haben oft gewechselt. Um die spanische Verbindung zu hindern, ware sie eine vortreffliche Erscheinung geblieben, denn ehelich war Karl verbunden, daruber sind die Beweise vorhanden; doch allerdings war es nur ein letztes Mittel, welches zwar jene, aber auch die Verbindung mit Henriette von Frankreich gehindert oder doch verzogert hatte, vielleicht bis zu dem ungelegenen, sich nahenden Moment seiner grosseren Freiheit als Konig.
Und es ist nicht zu laugnen, Buckingham hat uns gedient, indem er sich zu dienen glaubte, in unserm Solde. War der Prinz nicht auf dieser tollen Reise, wo Jeder heimlich sein verkapptes Interesse unter dem Scheine von Vertrauen barg, mit Buckingham, so konnte Vieles nicht geschehen, und hochst wahrscheinlich war das Madchen unserer Macht entzogen, wenn wir durch Porter auch in Kenntniss ihres ferneren Schicksals blieben.
Eben so war es nothig, dass Lord Nottingham in Madrid starb und sonach im Hause seiner Gemahlin ihr der wahre Schutz fehlte, der einzige, der alle Zweifel der gekrankten Gattin hatte losen, und damit uns eine hochst unwillkommene Entdeckung veranlassen konnen, die dem Prinzen augenblicklich zu ihrem Wiederbesitz verholfen hatte.
Uns war der Ort, den der Zufall ihr angewiesen, nicht erfreulich, bis wir uber ihr ferneres Loos Befehle einzogen. Kaum war zu erwarten, dass Buckingham, obwol sehr gegen unsern Plan, durch die Ueberraschung, die der Prinz erlitt, Theilnehmer des Geheimnisses, sie gerade bei den Nottinghams suchen wurde. Doch bestand der Kardinal damals, da der Tod der Mutter das Hinderniss fur Frankreich aufgehoben hatte, darauf, dass wir diese Storung beseitigten. Es war nachst der geheimen Klausel des Ehekontrakts nicht der unwichtigste Theil von Mazarins Sendung, sie selbst mit hinweg zu fuhren; denn schon furchtete der schlaue Staatsmann die neue Unterjochung des neuen Konigs durch den alten Einfluss Buckinghams, und wollte eine mogliche Steigerung nimmer wagen. Doch verzichtete er endlich auf die schnelle Ausfuhrung dieses Planes, da wir ihm Nachricht gaben, wie der schlaue Herzog mit grosser List sie aufgefunden und unter tausend Thorheiten seines Freundes Membrocke einen Plan entworfen, ganz dazu geschaffen, sie uns ohne das geringste Aufsehn in die Hande zu liefern.
Ein Kinderspiel war es furwahr, da die Chiffern des Herzogs uns alle durch Maxwell bekannt sind, den tollen Tropf, den Membrocke, so lange umher zu jagen, bis wir sie unterdessen mit aller Sicherheit seiner Nachforschung entzogen.
Alles gut bis dahin, sprach Lady Sommerset, aber Ihr spielt gewagtes Spiel. Hier sollen wichtige Interessen, wie unlaugbar Buckinghams Macht ist, wenn sie auf den nachst zu erwartenden Monarchen ubergeht, durch ein Weib aufgewogen werden, die da jung, mit einer seltenen Schonheit und dem Anspruch einer hohen Geburt begabt, sobald sie sich dessen in der Welt bewusst sein wird, gewiss Alles, was Ihr auch bei ihr eingeleitet zu haben glaubt, von sich werfen wird, wenn es ihr hinderlich scheint. Und was dann? Wo wird dann Eure Macht bleiben?
Unschadlich sie zu machen, erwiederte mit eisiger Kalte der Pater Johannes, bleibt uns in jedem Augenblick mitten in dem Glanz der Welt, wie zwischen diesen Mauern, und was die ihr zugedachte grosse Gewalt betrifft, so ist gegen Buckingham bereits eine andere heraufgefuhrt, die von jener nur unterstutzt zu werden brauchte.
Konig Jakob wird sich mit Bristol versohnen, und er wird, gehoben durch allen Einfluss des franzosischen Hofes, eine Rolle spielen, die nie unbedeutend sein kann, wo er sie uberhaupt zu spielen Lust hat.
Mit seinem Interesse liesse sich das Madchen selbst verpflechten; denn mir sagte Pater Clemens, dass sie ihm in ihren Gesprachen, ohne Ahnung dieses Gestandnisses, eine Herzensneigung zu dem Enkel Bristols verrathen, die befordert werden musste, wenn sie der Welt zuruck gegeben werden sollte; denn die Nichte Buckinghams wurde dadurch Familien-Mitglied seiner Feinde.
Ha, der Plan ist gut! Doch soll ich Euch sagen, was ich denke? Sperrt sie ein, vertilgt sie, gleichviel wie, da habt Ihr den Vortheil sicher. Und Karl? Ich musste die Stuarts nicht kennen, wenn ich so thoricht sein sollte zu denken, Liebesgram und Vatersorge um Zwei, die da nicht mehr sind, werde der bluhenden Gattin, von deren Schonheit Ihr so viel Aufhebens macht, hinderlich sein.
Doch sagt mir, fuhr die Lady fort, sagt mir nur das Eine, seid Ihr sicher, dass Karl vermahlt war mit dieser Buckingham? Sind Dokumente daruber? Ist durch die Offenbarwerdung dieser Tochter keine Schande zu hoffen fur Buckinghams stolzes Herz?
Der Prinz war fruher vermahlt, als er hoffen konnte, Prinz von Wales zu werden, erwiederte der Priester, Beide waren noch im zartesten Alter; doch der leidenschaftlich aufgeregte Karl wollte wenigstens die Garantie dieser Vermahlung haben, und der Graf und die Grafin Melville waren die Zeugen.
Der Schlosskaplan Master Brixton vollzog die Ceremonie, die Dokumente sind doppelt ausgefertigt, das eine im Besitz Brixtons, und das andere verwahrte der Herzog von Nottingham hinter dem Bilde der Grafin von Buckingham, welches der Prinz von Wales ihm einst, wahrend eines Aufenthaltes in London, heimlich in die wohl verborgene Nische des Schlafgemachs setzen liess, und dessen Dasein wohl schwerlich ein Mensch ausser dem Herzog kennen mag.
Aber wie konnte Nottingham dessen ungeachtet diese rasende Leidenschaft fassen, da er doch wissen musste, dass sie schon als Gemahlin des Prinzen nach London kam.
Dies erfuhr er erst nach dem Tode seines Bruders, als der Prinz krank darnieder liegend keinen treueren Boten kannte, als eben ihn, der keinen Augenblick sein Bett verliess. Er sendete ihn zur trostlosen Gemahlin, noch auf dieser Hohe sie seiner treuen Gesinnung versichernd; denn fest entschlossen blieb er, sie auf den Thron zu heben, und verrieth somit dem Freunde das Geheimniss.
Ha! ha! lachte die Lady, das war ein guter Auftrag; und daher wurde dann die verschmahte Grafin Bristol schnell in Gnaden zur Braut erhoben!
Doch es sei so! rechtmassiger Geburt oder nicht, vertilgt sie, vertilgt Alles, was den Namen Stuart oder Buckingham tragt; nur dann habt ihr den Erfolg sicher.
Mit diesen Worten erhob sich die Lady und schritt nach ihrem Bet-Pult, den Rest des Morgens einer vorgeschriebenen Andacht zu weihn, die uber den felsenharten Inhalt dieses Wesens auch nicht den kleinsten Einfluss ausubte.
Die Zeit, die jetzt fur die ungluckliche Maria anhob, war ganz dazu geschaffen, ein so junges und lebhaftes Gemuth nieder zu beugen und in eine schwermuthige und dumpfe Stimmung zu versenken.
Sie musste nach einer Zusammenkunft mit Pater Johannes, worin sie nicht ermangelt hatte, ihr Glaubensbekenntniss abzulegen und zu vertheidigen, doch dem Rathe des Geistlichen nachgeben und sich der Ordnung des Hauses fugen.
Er sah wohl ein, dass der boshafte Geist der Lady nicht so weit gezahmt werden mochte, um mit ihr gemeinschaftlich handeln zu konnen, und so wusste er sich dem Fraulein als eine wohlthuende Mittelsperson anzudeuten, an die sich die Hulflose um so lieber anschloss, da ihr sonst nur Margariths kindisches Geschwatz oder der beschrankte Geist der verschuchterten Schwester Electa fur die Stunden blieb, die sie nicht in Gemeinschaft mit der Lady selbst oder im sogenannten Arbeitssaal mit den ubrigen Schwestern zubringen durfte.
Diese Stunden waren ihr fast die unleidlichsten, denn wenn der Kultus, dem sie beiwohnen musste, auch abweichend und, ihren empfangenen Begriffen nach, unzulassig war, konnte es ihr doch nicht schwer werden, daran ihre eigenen Gefuhle anzuknupfen und so die Widerspruche, die ihr von Aussen drohten, in sich auszugleichen.
Hier aber war sie Stundenlang dem ermudendsten Geschwatze ausgesetzt, welches sich um die widerlich entstellten und ubertriebenen Schilderungen merkwurdiger Martyrien oder die Wunder von Heiligen-Bildern und Reliquien drehte, und im Munde beschrankter Personen eine Verzerrung und Krassheit erhielt, welche zu ertragen, ihr die harteste Geistesqual dauchte; und doch blieb ihr dagegen nur der geringe Schutz, ihre Gedanken auf die Handarbeit zu richten, die hauptsachlich in der Anfertigung der groben Kleider und der Sandalen-ahnlichen, von Stricken geflochtenen Schuhe bestand, welche die Kleidung der Nonnen ausmachten.
Es entging Maria nicht, dass das Schloss ausser den Nonnen oft Gastbesuch hatte, der zu dieser klosterlichen Form wenig passte. Die Mittagszeit im Refektorium zeigte fremde geistliche Theilnehmer, von denen sie sich beobachtet sah, ja, aus ihrem Zimmer musste sie den Besuch von Personen empfangen, die sich weiter nicht zeigten, und bei deren Gegenwart auch Lady Sommerset gewohnlich auf mehrere Tage ausblieb, die sonst, als Priorin, bestandig den grossen Lehnstuhl einnahm, der den geheimnissvollen Eingang zur Kirche bedeckte, mit welcher Maria jetzt durch tagliche Theilnahme vollig vertraut geworden war.
Ueber den Zweck dieser Besuche, die ausserdem von dem konsequenten Verfahren des Pater Johannes unterstutzt wurden, blieb kein Zweifel. Sie sollten Maria nicht allein bekehren, sie sollten sie zu einem gewissen Zweck, zu einer theilnehmenden Verpflichtung fur den Orden bekehren.
Sie versuchte anfanglich dem Rath des Pater Clemens zu Folge, auf dem ihre einzige Hoffnung beruhte, eine vollig duldende Haltung zu behaupten, die weder zugestand, noch verweigerte, so dass man sie wirklich fur bekehrt hielt; doch als man nun anfing, ihr in dieser Beziehung nahere Mittheilungen zu machen, emporte sich gegen diese Tauschung ihr stolzes und reines Herz. Sie trat nun bestimmter entgegen, verdoppelte aber dadurch nur die Bemuhungen um sich und zog sich eine peinliche Scene zu, die mit einem Eidschwur endete, den man von ihr uber die Geheimnisse dieses Schlosses begehrte. Nach langem Weigern willfahrte sie endlich, da sie sich kaum denken konnte, dass, ausser dem Fanatismus der Einzelnen, irgend ein boser Zweck diesen Dingen zum Grunde liege, und da sie wohl einsah, dass ihr keine Wahl bleiben wurde, wenn sie nicht selbst jede Hoffnung zum Heraustreten aus diesem Hause damit zerstoren wollte.
Ihr Verhaltniss zu der Lady des Hauses blieb gleich widrig und beklemmend fur sie. War auch eine ahnliche Nacht-Scene nicht wieder vorgefallen, hatte diese doch ein so tief reichendes Ensetzen in ihr zuruckgelassen, dass durch ungewohnliche Tone, die oft Nachts an ihr Ohr drangen und durch eine Nachlassigkeit Margariths einst an die Thur ihres Schlafgemaches vorruckten, ihr hinreichend der grauenvolle Eindruck unterhalten ward, den jene furchtbare Frau ihr eingeflosst hatte.
Fast rathselhaft schien jedoch bei solcher Geisteszerruttung die korperliche Starke sowol, als die Scharfe und Klarheit des Verstandes, die ihr nach solchem Paroxismus verblieb. Wie abschreckend und emporend die Richtung dieses Geistes auch war, setzte sie doch oft ihre gelehrten Umgebungen in Erstaunen, und fuhrte mit ihrem schlagenden Verstande Geistes-Kampfe, wobei ihre Gegner, wofern sie nicht meist zu der durch Weltklugheit beruhmten Gesellschaft Jesu gehort hatten, ihrem durch weitreichende Erfahrungen entwickelten und uberlegenen Scharfblick hatten weichen mussen.
Maria war die Rolle, die sie fruher in der Welt gespielt, verborgen, aber sie bekam ein treues Bild von den Qualen, dem ein durch Sunden zerstortes Gewissen auch bei der grossten Harte des Gemuths nicht entgeht. Sie gewahrte mit Erstaunen, wie diese stolze, jeden Augenblick Widerstand leistende Frau, wie ein Kind eingeschuchtert und bebend vor dem angedrohten Fluch der Kirche, sich den harten Worten des Geistlichen und seinem Willen unterwarf, den sie, wenn sie sich von dieser innern Qual mit allen Hulfsmitteln ihres sophistischen Verstandes wieder befreit hatte, ihrerseits zu unterdrucken, eifrig bemuht war.
Was jedoch unsere junge Heldin nicht erfuhr, sei uns erlaubt, fur den Theil unserer Leser, denen das Leben der Franziska Howard nicht bekannt ist, mit einigen Worten hier einzuschalten.
Nach dem Willen Jakobs des Ersten, die beiden Familien, denen er gleich verpflichtet war, an einander zu knupfen, wurden Lord Essex und Lady Franziska, wie sie uns selbst schon angedeutet hat, schon als Kinder, und beschaftigt noch mit Puppe und holzernem Schwert, mit einander vermahlt, und der vierzehnjahrige Gemahl mit seinem Gefolge nach Italien geschickt, um dort seine Erziehung zu vollenden.
Lady Franziska erbluhte indessen zu einer seltenen Schonheit, und als Hofdame der Konigin fuhrte sie der tagliche Umgang in die Arme eines koniglichen Gunstlings, der, aus dem niedrigsten Stande durch bluhende Schonheit und Liebenswurdigkeit zu den hochsten Wurden und Ehrenstellen von Jakobs lacherlicher Vorliebe emporgehoben, endlich zum Herzoge von Sommerset erklart ward.
Beide Liebende zweifelten nicht, dass Jakob eine Scheinehe, wie sie Lady Franziska fesselte, leicht den Wunschen seines Lieblings opfern wurde, und waren daher sehr erstaunt, dem ungemessensten Zorne des Konigs bei dieser Entdeckung zu begegnen.
Durch die Gunst des Kanzlers Lord Overbury war Sommerset dem Konige bekannt geworden, und von dem ausgezeichneten Geiste und den grossen Kenntnissen dieses Staatsmannes unterstutzt, war es dem vollig unwissenden Junglinge allein moglich gewesen, die Stelle eines Ministers auszufullen, die Jakob ihm aufnothigte.
Er stand auch hier, in sein Vertrauen gezogen, grossmuthig dem Verirrten zur Seite und belebte seine Hoffnung fur die Zukunft. Jakob bestand indessen darauf, dass Lady Franziska ihre Verpflichtungen gegen Essex, der nun voll Liebe gegen seine junge Gattin zuruckgekehrt war, erfullen solle, und verbannte sie bei ihrer hartnackigen Weigerung vom Hofe.
Hier unterhielt Overbury den Briefwechsel der Getrennten und blieb ihr Schutz gegen Jakobs hartere Maassregeln.
Aber die zugellose Leidenschaft der durch Widerspruch Gereizten hinterging die vorsichtige Sorgfalt ihres edeln Freundes; sie fanden Mittel, sich ohne seine Hulfe zu sehen, und vollzogen, gegen den Rath ihres Wohlthaters, ihre in jeder Beziehung unrechtmassige Vermahlung.
Mit dem ganz edeln Zorn eines boshaft hintergangenen Freundes sagte sich Overbury nach dieser Entdeckung von den bisher Beschutzten los, und ihrer eigenen Thorheit uberlassen, ward ihr Geheimniss nur zu schnell dem Konige verrathen, und Beide wurden in den Tower gesetzt.
So aus dem glanzenden Leben ausgestossen, dem Beide ganz ergeben, entwickelten sich alle die gehassigen, schon bereit liegenden Laster Franziskas, und ihren Gemahl, dessen indolenter Karakter mehr gewahrend, als mit handelnd war, ganzlich beherrschend, schwur sie ihrem Wohlthater Overbury eine unversohnliche Rache, da er ihr den Schutz verweigerte, den zu leisten sie selbst unmoglich gemacht hatte.
Die Sammlung ihrer Briefe unter Overburys Adresse, die Summen, die er ihnen vorgestreckt, wurden die sorgfaltig geordneten Dokumente, womit die Lady ihre eigene Mutter an den Konig absendete, ihren Wohlthater zu sturzen.
Der Erfolg ward von einem Gelddefekt unterstutzt, den der ungluckliche Mann nicht nachweisen konnte, und der ebenfalls durch die Agenten der Lady ihm gemacht war.
Unlaugbar hatte er den Zorn des Konigs verdient, indem er den beiden Verliebten so ganz gegen den Willen seines Monarchen Vorschub geleistet. Vergeblich verschwor Overbury seine Theilnahme an der endlichen Vermahlung; Lady Franziska hatte durch nachgemachte Briefe auch dies vollig ausser Zweifel gestellt, und Overbury betrat den Tower an dem Tage, an welchem Lord Sommerset mit seiner Gemahlin ihn verliess, welche, vom Konige begnadigt, ihren ehemaligen Platz bei Hofe wieder einzunehmen hofften. Hier entstand aber ein wuthender Kampf der Eifersucht zwischen dem indessen heimisch gewordenen Herzog von Buckingham, dem neuen Gunstling, und dem zuruckgekehrten, der, von seiner Gemahlin unterstutzt, Alles versuchte, die alten Rechte wieder zu gewinnen.
Overbury hatte indessen Freunde gefunden, die, von Buckingham begunstigt, das Recht der Verurtheilten aufs Neue beleuchteten, und Jakob fing selbst an aufmerksam zu werden, als der Beweis sich zuerst kund gab, Overbury habe die Summen, die er nicht nachzuweisen wusste, nicht veruntreut.
Dies war die Losung fur Lady Franziska, welche, vom Laster einmal ergriffen, jetzt keine Handlung mehr scheute, die sie der offentlichen Schande entziehen und ihre geheime Rache befriedigen konnte.
Overbury ward vergiftet in seinem Kerker gefunden, mit ihm zur selben Zeit starb eines gewaltsamen Todes sein Sekretair, derselbe, der durch die genaue Ordnung und Darlegung aller seinen Herrn vertheidigenden Papiere der Sache diese Wendung gegeben.
Diese wichtigen Dokumente selbst waren verschwunden, aber eine furchtbare Gerechtigkeit erstand gleich nach Lautwerdung dieser Greuel in der offentlichen Meinung. Mit Fingern wies man auf Lady Franziska und ihren Gatten, und es bedurfte nur geringer Anzeichen, um ihnen aufs Neue die Wohnung des Towers anzuweisen, auf dessen dusterer Schwelle sie nun der Schatten ihres gemordeten Wohlthaters empfing.
Hier bildete sich in dem unglucklichen Verbrecher, dem kaum dreissigjahrigen Lord Sommerset, die furchtbare Verwirrung des Geistes aus, die, durch so viel Schuld veranlasst, spaterhin der rachende Begleiter seiner Tage ward; und so hartnackig der Widerstand seiner Gemahlin blieb, so leicht waren doch seinem erschutterten Geiste die Aussagen entrissen, die das Oberhaus bedurfte, um Beide des Lebens fur verlustig zu erklaren.
Lange zogerte Jakob, obwol die Richtigkeit des Urtheils anerkennend, mit der Vollziehung.
Die Zeit verwischte das Andenken dieser Greuel erst aus den Kreisen der Unterhaltung, dann aus den Gedanken der Menschen uberhaupt. Ob sie lebten, ob heimlich das Urtheil an ihnen vollzogen, oder ob sie in einer strengen Verbannung gehalten wurden, war zweifelhaft, zuletzt gleichgultig; und Jakobs Rathe, die den Kampf ihres Herrn kannten, durften zuletzt wagen, ihm selbst vorzuschlagen, die Gefangenen nach dem alten Schlosse der Howards an der Ostkuste von England zu bringen.
Sein Wunsch ward dadurch erfullt; denn es krankte ihn zu sehr, ein Mitglied aus der Familie Howard und seinen ehemaligen Liebling den offentlichen Verbrecher-Tod sterben zu lassen.
So fuhrte sie ein sicheres Geleit dahin, wo sie den Strafen der Einsamkeit und ihren Sunden uberlassen blieben.
Man behielt lange die Gewohnheit, zuweilen durch konigliche Kommissarien von ihrer Gegenwart sich zu uberzeugen, und dies Recht blieb auch noch immer dem nachsten Gerichtshofe, zu jeder beliebigen Stunde das Schloss und die Bewohner zu besuchen, und von ihrer Gegenwart sich zu uberzeugen.
Nach dem Tode des unglucklichen Herzogs, dessen Wahnsinn, durch die harte Behandlung seiner Gattin vermehrt, ihm so fruh den Tod gab, wie wir schon aus Margariths Bericht ersehen haben, horten die lastigen Besuche immer mehr auf, sie blieben aber die Hauptveranlassung einer so sorgfaltigen Verheimlichung der katholischen unterirdischen Kirche, da diese nicht so schnell als die Kleider oder die Personen, die Verdacht erregen konnten, zu verbergen war.
Lady Franziska hatte auf den Rath ihrer geistlichen Freunde mit dem letzten Richter der Stadt Gersey, dem diese Obliegenheit ward, eine Abkunft durch Entrichtung einer Summe Geldes getroffen, und ihr vorruckendes Alter als Motiv ihres Wunsches genannt, unbehelligt von jenen lastigen Nachweisungen verbleiben zu konnen. Dies hatte den besten Erfolg gehabt, da der Richter, selbst in hohen Jahren, sich gern dieser Verpflichtung uberhoben sah, und ihm die Gegenwart der Verbannten viel angenehmer veranschaulicht ward durch einen monatlichen Revers, den er ihr fur die empfangene Abfindung ausstellte. Denn die Nothwendigkeit, sich einer Frau gegenuber zu stellen, uber deren Verbrechen seit dem Tode ihres Gemahls, wie uber ihre Geisteszerruttung so ubertriebene Geruchte in der kleinen Stadt herrschten, dass Jeder das Schloss als einen Pfuhl der Holle floh, war stets eine lastige Pflicht.
Dies ist die Geschichte einer Frau, in deren Nahe wir unsere junge Heldin haben fuhren mussen, und indem uns der Wahrheit nach nur vergonnt war, ihre Lage als ungunstig und unerfreulich zu bezeichnen, ja, als von einer Unsicherheit umgeben, die unsere Theilnahme erregen konnte, mussen wir sie doch auch auf einige Zeit verlassen, um uns in Zusammenhang mit den Dingen zu setzen, die anderswo sich als einflussreich auf ihr Schicksal erzeigen werden. Und zwar mussen wir in manchen Beziehungen uns erlauben, eine Zeit fluchtig zu beruhren, in welche wir unsere Leser fruher bereits eingefuhrt haben.
Dritter Theil
Die beiden Lords, Ormond und Richmond, hatten zwar die Gewissheit, Lady Melville werde mit ihrem Willen von Membrocke geleitet, aber bei dem lebhaften Protest des Frauleins gegen jeden Gedanken einer Entfuhrung hatten sie gleichwol sich uberzeugt, dass sie dessen ungeachtet das Opfer einer Tauschung ward, wofern nicht ihrem ganzen Handeln ein Geheimniss anderer Art zum Grunde lag, das sie ihnen zu verheimlichen gesucht hatte.
Den Ruckweg bis zum Schlosse legten sie unter tausend Planen und Vermuthungen uber dies Ereigniss zuruck, wobei sich indess das Herz Beider straubte, ihr eine innigere Verbindung mit Lord Membrocke als Grund unterzulegen, wozu ihre Handlungsweise an und fur sich allerdings einigen Verdacht darbot.
Die Hauptfrage blieb indess, was unter solchen Umstanden ferner fur sie zu thun sei. Denn hatte sie auch durch die genossene Gastfreundschaft sich verpflichtet halten konnen, Rechenschaft von ihren Handlungen zu geben, so war ihr doch das Recht unbestritten, uber sich selbst zu verfugen, und hiermit auch den Nachforschungen ihrer Freunde eine Grenze gesetzt.
Zwei so zartfuhlende Manner wurden sich dieser Beschrankung ihres Schutzes unter andern Umstanden unbedenklich gefugt haben, waren nicht Beide von der Unmoglichkeit uberzeugt gewesen, Membrocke konne je eine andere, als schlechte Absicht mit Frauen haben, und hatten nicht Beide mit Zuversicht geglaubt, er habe durch die schlauesten Lugen dies klare, nur zu offene Gemuth bethort, ihm zu folgen.
Sie vermutheten, dass die Schwierigkeiten, die sich der Familie Nottingham entgegen gestellt hatten, ihr Auskunft uber ihre Verwandten zu verschaffen, benutzt worden waren, um ihrem Vertrauen eine andere Richtung zu geben, und aufs Neue stieg ihre Sorge, wohin sie wohl gefuhrt sein mochte.
Die Entdeckung ihrer Flucht hatte dabei die Mutter Richmonds und die alte Herzogin so erschuttert, dass die Beiden von Besorgniss erfullt waren, so ohne alle Milderung dieses schmerzlichen Gefuhles, ja, fast mit erhohten Sorgen fur die junge Lady, zuruckkehren zu mussen.
Doch schon fanden Beide die Umstande verandert. Die jungere Herzogin lehnte alle Erklarungen durch die Kalte ab, mit der sie augenblicklich die Sache abzuschliessen trachtete. Keine Spur war mehr ubrig von der heftigen Unruhe, die bei der ersten Nachricht sie fast ihrer stolzen Haltung beraubt hatte.
Wir sind uns das Zeugniss schuldig, die Pflichten der Menschenliebe und der Gastfreundschaft an dieser jungen Person vollkommen erfullt zu haben, erwiederte sie dem lebhaften Vortrage ihres Sohnes, glauben uns aber jetzt fur uns selbst und unsere Umgebungen ihrer vollkommen entledigt durch das Stillschweigen und unerhorte Dunkel, worein sie sich zu hullen fur gut befunden hat.
Ich, die ich dieser jungen Person eine mutterliche Gute erzeigte, ich fuhle, dass ich die Einzige bin, die sich von dieser Handlung gekrankt ansehen kann. Ich gebe aber dies Gefuhl und das damit verbundene Recht meines fernern Schutzes hiermit auf, da ich einsehe, dass ich uberhaupt nur dies zartere Recht besass, sie von der eigenen Lenkung ihres Schicksals abzuhalten. Ich danke Ihnen daher, Mylord Ormond, und Dir, mein Sohn, fur die Bereitwilligkeit, die Wunsche meiner ersten Ueberraschung zu erfullen; ich erklare die ganze Sache damit beendigt und werde, wenn es mir spaterhin zulassig erscheint, aus eigenem Gutdunken daruber bestimmen, ob noch das Eine oder das Andere in dieser storenden Episode unseres wurdigen Familienlebens zu thun sei, und im Fall ich dabei der Hulfe bedurfte, die Eure jeder andern vorziehn.
Du wirst gewiss Deiner Grossmutter selbst Deinen Bericht machen wollen. Meine Abreise nach GodwieCastle ist auf morgen festgesetzt, und ich freue mich Deiner Begleitung, mein Sohn! In Wahrheit, wir alle haben wichtigere Pflichten und Sorgen, als die Thorheiten einer Fremden zu beleuchten oder uns zu Herzen zu nehmen.
So entfernte sich die Lady, jede Gegenrede abschneidend, und so fanden die Lords auch die alte Herzogin, deren vorherrschende Gute zwar eine so stolze Harte nicht zuliess, aber doch von sich selbst fast jedes Interesse ablehnte und mit einem leisen Anhauch von Empfindlichkeit Alles an ihre Schwiegertochter verwies.
Beide Lords trennten sich mit der Ueberzeugung, es sei wahrend ihrer Abwesenheit zu unangenehmen Erorterungen zwischen den beiden Damen gekommen, wobei jedoch Richmond unbekannt blieb, wie er selbst durch die Aeusserungen seiner Theilnahme dieser misstrauischen Frau eine bedeutende Veranlassung geworden, gegen Lady Melville kalter zu werden, und wie daraus eine Abweisung der Vorschlage ihrer Schwiegermutter entstand, welche diese engelgute Frau selbst nicht ohne einige Empfindlichkeit vernehmen konnte.
Was jedoch die Gefuhle anbetrifft, die Richmond in Anspruch nahmen, so fuhlte er auf der Stelle den Vorwurf der Mutter, und wie frei er sich auch davon wusste, ihn verdient zu haben, gelobte er sich doch fest, dass kein anderes Interesse, als das seines ehrwurdigen Grossvaters, dessen schwierige Lage er besser noch, als seine Mutter kannte, ihn vorherrschend beschaftigen solle, bis jene Angelegenheiten eine erwunschtere Wendung genommen haben wurden. Dann, sprach er zu sich selbst, und eine tiefe Rothe drangte sich hervor, dann sei mir Gott gnadig!
Wir finden bald nachher die herzogliche Familie in Godwie-Castle versammelt. Die alte Herzogin hatte Burtonhall verlassen, um sich zu ihrer Schwiegertochter zu begeben, welche bald nach dem letztgemeldeten Ereigniss nach Godwie-Castle zuruckgekehrt war. Die Jahreszeit war zu weit vorgeruckt, um andere Versammlungsorter zu bieten, als die, welche die gesellige Flamme von den behauenen Fichtenstammen, in den weiten Raumen der hohen Kamine durch alle Gemacher heimliche Warme verbreitend, darbot. Der Nordwind erreichte das Schloss durch die unbelaubten Walder, die Sonne blieb verhullt oder blickte nur matt durch dichte Nebelschleier, Licht und Warme waren von aussen her nicht mehr zu erwarten, und die einsamen Bewohner kehrten mechanisch in die alten Gewohnheiten der winterlichen Zeit zuruck.
Es war kaum anzunehmen, dass die Anordnung der Zeit und die Obwaltung des Hauses von denen ausgehe, die ihr Rang dazu berief, viel eher schien es, jene fugten sich in das, was von der Dienerschaft in jahrelanger Gewohnheit und schweigsamen Gehorsam nach dem einmal gekannten Willen ihrer Herrschaften auch jetzt wieder sorgsam ohne Frage eingerichtet war. Man verliess die eigenen Gemacher und verfugte sich in die Versammlungszimmer, wenn die aufwartenden Diener die Stunden dazu meldeten; man trennte sich, wenn die Zeit zu diesem Beisammensein durch den Aufhub der Tafel oder des Fruhstucks angezeigt war, und der Zwang, der uber Allen waltete, schob die streng gehaltenen Stunden selten hinaus.
Es war die Zeit einer bangen Erwartung, die Alle zur Unthatigkeit verdammte, wahrend Sorge, beleidigter Stolz und die Burde eines grossen, erlittenen Unrechts im Geheim die Leidenschaften Aller steigerte, und weder ein Abschliessen mit dem Leben zuliess, noch eine muthige Anstrengung fur die Wiedererlangung des gestorten Friedens.
Wohl wusste die erhabene, also geprufte Familie, dass England den Kummer theile und uber die Beleidigung murre, die jeden edeln Mann in Bezug auf die schimpfliche Behandlung des Grafen Bristol zu betreffen schien. Aber es sind nicht alle Gemuther gestimmt, in der Theilnahme der Menge Trost finden zu konnen. Graf Bristol war am Ende eines glucklichen und ruhmvollen Lebens nicht vorbereitet, es so traurig zu beschliessen, und das stolze Herz seiner Tochter widerstand dem Ungluck mit ergebungslosem Unwillen.
Lord Bristol war vom Hofe und aus London verwiesen. Der Stolz, womit er das Parlament zum Schiedsrichter zwischen seinem Anklager und sich gestellt wissen wollte, war eine Herausforderung zu gefahrlicher Art fur Buckingham, als dass er nicht eine Verweisung vom Konige erpressen sollte, um alle Anstrengungen mit einem Male zu vernichten, die von Seiten der machtigen Familie des Grafen gemacht wurden, um ihn glanzend zu rechtfertigen. Machtlos stand Lord Bristol vor diesem harten Gebot. Das Antlitz seines Konigs war ihm entzogen; der Prinz von Wales, wie es schien, theilte die Meinung des verwegenen Herzogs; zu widerstehen war der Gewalt nicht; der Graf musste vor den Thoren von London umwenden und in der Verbannung sich fur begunstigt halten, dass man das Schloss der Herzogin von Nottingham als Zufluchtsort anzusehn, ihm verstattete.
Was ihm von hier aus zu thun moglich war, beschrankte sich darauf, die Wirksamkeit des Grafen Archimbald und des Lord Richmond durch Alles zu unterhalten, was ihm zu seiner Rechtfertigung an Beweisen zu Gebote stand; doch der Widerstand und die gesetzwidrigen Hindernisse, welche diese auf allen Wegen von Buckinghams Kreaturen aufgestellt fanden, machte ihr Streben zu dem erfolglosen Geschaft der Danaiden und setzte ihre eigene, stets behauptete achtungsvolle Stellung allgemach herab. Ihre offenen Bemuhungen hatten zuerst das Missfallen des Hofes zur Folge, welcher sich nicht an eine Sache erinnert sehen wollte, die nicht zu rechtfertigen war, und in Ansehung der betreffenden ausgezeichneten Person nicht in der Stille sich beseitigen liess.
Die Minister des Konigs, obwol von der Unschuld des Grafen uberzeugt, hatten Buckinghams Willen gegenuber keinen Einfluss auf den Konig, und Lord Salisbury hatte mit engherziger Strenge sich von jeder Theilnahme an seiner Familie ausgeschlossen, sobald sie gegen den einmal ausgesprochenen koniglichen Willen lief. So geschah es, dass der Mann, der noch vor Kurzem im Mittelpunkte der Gnade zweier grossen Hofe, von den Freundschafts- und Gnadenbezeigungen der spanischen und englischen Majestaten uberhauft, und im Begriff gewesen war, eine glanzende Allianz fur sein Vaterland durch die heiligsten Bande zu befestigen, und sich den Segen und den Dank seines Konigs und seines Vaterlandes zu verdienen jetzt, durch die beispiellose Unverschamtheit eines ungeschickten und leichtsinnigen Thoren, sich zum Spielball der boshaften Willkur desselben herabgesetzt sah, angeklagt treulosen Verraths des koniglichen Vertrauens, angeklagt offentlich und laut vor ganz England, vor ganz Europa, und durch den grausamsten Machtspruch zur Verbannung und zu einem Schweigen verdammt, das diesen geachteten Namen zu einem Gegenstande des Zweifels machte.
Bis zu dem Augenblicke waren alle Bemuhungen seiner Freunde, ihm Gelegenheit zur Rechtfertigung auszuwirken, vergeblich gewesen. Ihre Bitten erreichten Jakobs wohlverwahrtes Ohr nicht mehr. Der Prinz zeigte eine Kalte dagegen, die den besorgten Freunden des Vaterlandes die Wahrheit zu bestatigen schien, es habe der Karakter des Prinzen nach der Ruckkehr aus Spanien eine traurige Umanderung erlitten, die man dem entschieden hervorgetretenen Einflusse Buckinghams zuzurechnen, sich fur berechtigt hielt.
Der Konig von Spanien, Bristols unermudlicher
Freund und Bewunderer, hatte, trotz der feindlichen Stellung, die beide Lander jetzt gegeneinander annahmen, seine gerechte Empfindlichkeit uberwunden, und in einem eigenhandigen Schreiben an Jakob seinen Liebling vertheidigt und den Konig fur ihn zu gewinnen gesucht. Jakob hatte diesen Brief nie erhalten, und dem grossmuthigen Philipp ward angedeutet, dass seine Vorliebe dem Grafen eben nicht zum Besten gereiche, da er gerade verklagt sei, der katholischen Majestat zu vortheilhaft gesinnt gewesen zu sein.
Ein gleiches Schicksal hatte Lord Bristols erhabene
Freundin, die edle und ungluckliche Pfalzgrafin Elisabeth, die Tochter Jakobs, die, aus dem Besitzthum ihres Gemahls vertrieben, in trostloser Verlassenheit, jetzt auch der Hoffnung beraubt war, nachdem mit Bristols Sturz der spanische Einfluss auf ihr Schicksal verloren gegangen, von dem sie ihr gesunkenes Gluck wieder aufgerichtet zu sehen hoffte. Vergeblich sagte man ihr, dass Frankreich die Rolle Spaniens ersetzen, dass sie bei dieser politischen Umwalzung nichts verlieren wurde; ihr Langmuth war erschopft, und die Verzweiflung gab ihrer Sprache die ungeschminkte Farbung der Wahrheit. Die dringenden Briefe dieses Inhalts an ihren Vater, die stets von heftigen Ausbruchen gegen Buckingham und von Betheuerungen fur Bristols Unschuld erfullt waren, wurden nicht unterdruckt, sondern Buckingham weidete sich daran, wie sie selbst den Zweck zerstorten, den sie erreichen sollten. Jakob hatte die ungluckliche Verbindung stets als eine Plage betrachtet, wovon sein angstlich bewachtes Friedenssystem bedroht und seine stets sparsam gefullten Kassen zum Oeftern geplundert wurden, und wenn er seiner Tochter diese beiden Belastigungen bisher verziehen hatte, geschah es immer nur in so fern, als das Unheil eines Krieges noch wirklich abgewendet worden war. In dem Augenblicke, wo seine sinkenden Lebenskrafte ihn herzloser und ubellauniger, als je, machten, erbitterte ihn die Vorstellung, dem Kriege mit Spanien nicht mehr entgehen zu konnen, so heftig, dass er, getauscht uber die wahren Urheber desselben, sich durch die Vertheidigung Bristols, der ihm als ein solcher vorgespiegelt worden, wahrhaftig emport fuhlte; zumal, da diese Vertheidigung von einer Prinzessin ausging, von welcher er stets, in truber Vorahnung, die Veranlassung zu einer Katastrophe erwartet hatte, die ihn jetzt eben durch ihren Schutzling erreicht zu haben schien. Er horte daher nicht auf, sich auf das Lauteste uber die Mahnungen der Pfalzgrafin zu beklagen, und es konnte Niemandem entgehen, dass diese Bemuhungen die Sache des Grafen noch mehr verdarben.
So wenig nun unter diesen Umstanden sich ein Weg zu offnen schien, dessen Verfolgung gunstigere Resultate hoffen liess, war doch Graf Archimbald eben, wie Richmond, entschlossen, festen Fusses das bestrittene Feld zu behaupten, da es ausser allem Zweifel blieb, dass London und der Hof, bewacht in allen seinen Abwechselungen, Gelegenheit geben musste, die nie aufzugebende Sache an ein klareres Licht zu ziehen.
So blieben Beide freiwillig von Godwie-Castle getrennt, wahrend der junge Herzog, in einer stillen, leidend ruhigen Fassung, in dem Hause seiner nunmehr anerkannten Braut in London, seine Zeit in gleichem Antheil dem Kummer seiner Familie, wie den Pflichten seines Berufs widmete.
Die jungere Herzogin begriff unter den offen daliegenden Ursachen des Kummers alle Empfindungen ihres Herzens, wie manches ihnen auch beigemischt sein mochte, was sie sich oder Andern einzugestehen nicht geneigt war. Sie hatte sich mit der Angelegenheit der angeblichen Grafin Melville seit ihrer freiwilligen und heimlichen Entfernung von Burtonhall fur abgefunden erklart, und sich, wie ihren Umgebungen, mit der ihr eigenen Art, welche keine andere Meinung aufkommen liess, jede weitere Nachforschung nach dem fernern Aufenthalte nach Ergehen derselben untersagt. Der Name des liebenswurdigen Wesens war daher in den einst von ihr belebten Raumen verklungen, oder wurde nur schuchtern in den langen Wintergesprachen der Dienerschaft erwahnt, welche alle dem gutigen Fraulein zugethan verblieben.
Lord Bristol hatte die endlich geoffneten Gemacher des verstorbenen Herzogs bezogen, und sein rastloser Geist war hier mit der Abfassung von Memoiren beschaftigt, die sein reiches und einflussreiches diplomatisches Leben betrafen. So sich in die Vergangenheit vertiefend, behielt er doch seine gegenwartige Stellung unverruckt im Auge, und auf die Liebe des Konigs zu ihm bauend, die er einst so vollstandig besessen, ging sein lebhafter Wunsch dahin, sich auf irgend eine Weise ihm nahern und sich vor ihm selbst vertheidigen zu konnen.
Eine einzige Vertraute dieses Wunsches gab es fur ihn; dies war seine Tochter. Wie sonst bei Lebzeiten ihres Gemahls, ruhte die Herzogin heute in dem Lehnstuhle, dem Arbeitstische ihres Gemahls gegenuber, von welchem her jetzt das ernste, gefurchte Antlitz des Vaters zu ihr blickte, um dessen hohe Stirn die Locken des starken Haares, von dem Reife des Alters gebleicht, sich majestatisch bauten und den erhabenen Eindruck seiner ganzen Erscheinung zu kronen schienen.
Ich habe meinen Namen vor England nicht zu vertheidigen, meine Tochter, setzte er gelassen ein mit ihr gefuhrtes Gesprach fort, und hatte ich es, so wurde, nach menschlicher Wahrscheinlichkeit, die Zeit nicht aus bleiben, wo es geschehen konnte; aber zu jener Rechtfertigung, nach der, ich gestehe es Dir, mein Herz sich sehnt, dazu mochte es bald an der Zeit sein, oder fur immer zu spat. Mein theurer, dass ich es sagen muss, missleiteter Konig ist am Ende seiner Tage. Soll er sein Auge schliessen, ohne es noch einmal versohnt und wohlwollend auf seinen treuen Diener, den er einst seinen Freund nannte, gerichtet zu haben?
Er hatte sich wahrend dieser Worte erhoben und schritt gedankenvoll durch das kleine Gemach.
Sein stolzes Haupt hatte sich nachdenkend auf seine Brust gesenkt, seine Armen lagen gekreuzt uber einander.
Die Herzogin begleitete ihn mit den ausdrucksvollen Blicken, die ihr so eigen waren, wenn sie sich einen Gegenstand bis zur Klarheit ausdachte, und hier verfolgte sie den Gedanken, dass die personliche Ungnade des Konigs, der Gespiele, Freund und Vertrauter ihres Vaters gewesen, dem dieser mit grenzenloser Hingebung und einer an Enthusiasmus grenzenden Liebe gedient, dies edle Herz tiefer verwundete, als eine offentliche Anklage, an die Niemand im Ernste glaubte, wenn auch sie zu widerlegen, ausser dem Interesse der Mehrzahl lag.
Sie hatte die ruhende Stellung aufgegeben, Gedanke an Gedanke, beflugelt von der Liebe zu dem edeln, innigverehrten Vater, ordneten sich in ihrem Kopfe und rotheten das blasse, zusammengefallene Antlitz mit einem Anhauche fruheren Glanzes.
Nun wohl, theurer Vater, so lasset uns handeln! sprach sie endlich und erhob sich, lebhaft vor ihn hintretend. Die Witwe des Herzogs von Nottingham ist nicht vom Hofe verbannt, ihr wird der Zugang nicht verwehrt sein zu den Stufen des Thrones. Lasset Eure Tochter als Euren Boten voran nach London eilen, diese wankenden Knie werden sich leicht beugen, um fur den Vater Gerechtigkeit zu erflehen, und Jakob wird die Tochter horen, die von dem Herzen des Vaters zu dem seinigen reden will. Ich furchte diesen Buckingham nicht, und Ihr wisst, setzte sie stolz hinzu, ich habe ihn nie gefurchtet; auch ist ja meine Sendung eine Sendung des Friedens! Moge England ungewiss bleiben, ob Jakob versohnt ist mit seinem edelsten Diener; seid nur Ihr es nicht langer, sei nur von diesem Herzen der Schmerz genommen, der es jetzt ergriffen halt.
Bristol betrachtete seine Tochter; ein sanfter Ausdruck glitt uber seine bekummerten Zuge und seine Arme losten sich, die Hande der Tochter zu ergreifen.
Ich danke Dir, Arabella, fur den warmen Antheil, den Du mir bewahrt hast, sprach er sanft, aber vielleicht bedarf ich ihn nicht, um Dich einem so ungewissen Unternehmen auszusetzen, dessen Misslingen Dich tiefer verletzen wurde, als Du berechnen kannst. Diese ersehnte Zusammenkunft ist vielleicht nicht mehr fern, und ich war eben gesonnen, Dich auf meine mogliche kurze Entfernung vorzubereiten, welche mit einem mir gemachten Vorschlage, den Konig zu sehen, zusammenhangt, und welche den Bewohnern dieses Schlosses zu deuten, ich Deiner Klugheit uberlassen muss.
Und habe ich so viel Anspruch an Euer spates Vertrauen, verehrter Herr, um hier mehr als ein blinder Huter Eurer mit Fremden verabredeten und mir bis jetzt so wohl entzogenen Plane zu sein? sprach die Herzogin, sich nach ihrem Sessel zuruckziehend.
Ja wohl, Fremde! seufzte hier Lord Bristol schwer auf, denn in England scheint kein Herz mehr nach dem Takte alter Ehre und alten Rechtes zu schlagen, sondern, wie die Furcht das feige Blut regiert, im jahen Wechsel von Hast und Gleichgultigkeit.
Die Hulfe, die man mir beut, sie kommt von jenen, die aus dem Untergange meiner lang gepflegten, fur England segensreichen Plane ihre eigenen aufbluhen sehen. Richelieu bietet sich zum Vermittler an, durch Richelieu's geheimen Einfluss soll ich den Konig sehen.
Richelieu! rief die Herzogin, in der Ueberraschung ihre Empfindlichkeit vergessend, Richelieu, der Jesuit! der Feind aller Freiheit, aller Tugend! Euer Feind, so lang Ihr England mit Spanien zu vereinen strebtet, er, er wurde Euern Einfluss zu heben suchen, nachdem ihm durch Euren Sturz der beste Vortheil ward, und er begierig mit Eurem Feinde Buckingham die Bande schurzte, die auf immer Alles trennen, was Ihr mit langer Weisheit in andrer Richtung angeknupft! Vater, wollt Ihr mich glauben lehren an den Ruf, der Richelieu zu dem verschlagensten Staatsmanne Europa's stempelt! Wenn er Euch zu tauschen wusste, glaube ich an Alles!
Eben weil ich Dich als so rasch in Urtheil und Aeusserungen kenne, erwiederte Lord Bristol, entzog ich Dir, wie Du bestatigst, nicht ohne Grund, die langsam entstehenden Beweggrunde, die endlich mich zu diesem Punkte fuhren konnten; doch weiss ich, die Ueberzeugung wird Dir bald nothig sein, dass Dein in den Wegen der Politik grau gewordener Vater nicht jetzt in die Schlingen eines franzosischen Kardinals gefallen, sondern dass hier zum ersten Male der Fall eingetreten ist, dass Beide in einem Interesse handeln.
Da die Herzogin ihn nicht unterbrach, fuhr Graf Bristol fort: Was ich zum Wohle des Ganzen mit Spanien so sorgfaltig angesponnen, ist unwiderruflich dahin. Frankreich hat mit neidischen Augen eine Verbindung betrachtet, welche England einen uberwiegenden Einfluss auf alle europaischen Beschlusse verhiess, und wohl wissend, von wem dieser Plan ausging und geleitet ward, und wie nach ihm Keiner ihn fuhren konnte, war ich seinen geheimen Machinationen unaufhorlich preisgegeben. Alle Schwierigkeiten des romischen Hofes wurden von Frankreich geleitet und scheiterten allein an dem seltenen personlichen Verhaltniss, welches zwischen mir und Philipp bestand, und mein einfaches Wort hoher gelten liess, als alle Intriguen des ehrgeizigen Kardinals. Dass aus der unbegreiflichen Versohnung des Prinzen mit Buckingham diese verderbliche Reise entstehen durfte, die Alles vernichten musste, das lag ausser der Berechnung selbst der kuhnsten Wunsche Frankreichs; doch ward es eben so schnell zu dessen Vortheil benutzt, wie es ausser meinen Kraften lag, es unschadlich zu machen. Eine wunderbare Erscheinung in der Welt hat sich hier wiederholt, dass oft die Weisheit durch die Schellenkappe von ihrem Throne gejagt wird, um das Laster darauf zu kronen. Was Richelieu nicht zu hintertreiben gelang mit dem ganzen drohenden Apparate des romischen Hofes, das gelang dem wahnsinnigen Uebermuthe eines boshaften Thoren, der vielleicht in toller Laune seine Schuhschnallen gegen diese Verbindung gewettet hatte. So brutal, so planlos, so ohne Hehl seiner bosen Absicht trat dieser Mensch auf, und dennoch so unwiderstehlich, da er kein Mittel scheute, um gerade das zu zerstoren, worauf Alles beruhte: Treue und Glauben an englische Redlichkeit und reine Sitte.
Und der Prinz? rief die Herzogin. Nie werde ich das Rathsel losen konnen, was er uns dabei aufgiebt. Nicht hoch ist meine Meinung von ihm gewesen, sie ist gerechtfertigt; seine erste Handlung zeigt ihn als einen Mann ohne Haltung, ohne Gute und wahres Ehrgefuhl. Wie konnte er je die Hand Buckinghams ergreifen, die sich einst freventlich gegen ihn erhob, und sich von allen denen wenden, fur die er fruher nur zu leben schien.
Der Prinz, erwiederte Bristol, zeigt sich freilich abweichend von dem, was fruher wir von ihm erwarten durften; aber ehe ich Dir beipflichte, musste ich ihn naher beobachten konnen. Ganz rechne ich seinem Karakter diese Verwandlung nicht zu; es liegt hier irgend ein ausseres Anreizungsmittel zum Grunde, das bis jetzt zu erforschen mir nicht gelang. Doch leider ist so viel gewiss, dass, seit er in Deinem Gemahl seinen guten Engel verloren, er in die Gewalt eines bosen Geistes gerieth, der mindestens seine Handlungen der Welt entstellt wiedergiebt. Vielleicht hatten wir den Schlussel zu allem diesem, wenn Dein Gemahl Zeit behalten hatte, mir den Grund seiner Reise nach Spanien zu entdecken; dass sie vom Prinzen veranlasst war, ist das Einzige, was mir klar geworden.
Wunderbar, sagte die Herzogin duster vor sich hin, er hat ihn mir missgonnt vom ersten Augenblicke an, er hat ihn mir entzogen, so viel er vermochte, er hat ihn mir endlich fur immer geraubt!
Bristol umging es, diese bittere Anklage seiner Tochter durch Widerspruch zu scharfen, und sie abziehend, fuhrte er die abgewichene Unterredung auf ihren Anfang zuruck.
Frankreich hat einerseits erreicht, was es wollte, aber indem es an die Stelle der Infantin die franzosische Prinzessin gesetzt, betrachtet es schon voll Argwohn denjenigen, durch dessen wahnsinnigen Eifer dies erreicht ward. Die Prinzessin soll eine Abgesandte Richelieu's werden, ihr unbestrittener Einfluss auf den Prinzen muss gesichert werden, und schon wird Alles in Bewegung gesetzt, Buckingham zu sturzen oder ihm ein Gegengewicht zu geben, und somit ist Richelieu darauf bedacht, mich an das Interesse der Furstin zu knupfen, durch sie mich mit dem Hofe zu versohnen und Buckingham entgegen zu stellen.
Verzeiht, erwiederte die Herzogin, hier kalt ihn unterbrechend, wenn ich Euch dies Mal nicht verstehe. Einfach, wie Ihr mich erzogen, habe ich von keinem andern Wege, Gluck und Gunst zu erlangen, Begriff bekommen, als von dem offenen Wege des Rechts. Durch eine Kabale Richelieus den Platz Euch wieder gewinnen zu sehen, den Euch vor ganz Europa eine Ungerechtigkeit zu rauben wagte, darauf ware ich nicht verfallen; freilich, die einfache Bitte einer Tochter um Gerechtigkeit fur ihren Vater konnte den stolzen Kardinal beleidigen, indem der Erfolg seine feinen Plane zu ubereilen drohte.
Arabella, sagte Bristol, indem er das gesenkte, strenge Antlitz der Tochter lachelnd betrachtete, Du bist dieselbe noch, wie damals, als Du in dem grossen Thurmzimmer auf dem alten Stammschlosse der Digby, eine echte Erbin ihres stolzen Blutes, mit dem Filetstock Deinem Vater drohtest, wenn er in Deinen Planen, die Welt zu beherrschen, einige Abweichungen anzurathen wagte. Ohne Zwang bist Du erwachsen, ohne Zwang geblieben bis jetzt; schon und vollstandig ist Deine Natur entwickelt, sich selbst Gesetz geworden. Mir schien es stets der einzige Weg, die tiefe Leidenschaftlichkeit Deiner stolzen Natur in sich selbst sich bezwingen zu lassen, und viel hast Du wahr gemacht, was das Vertrauen des Vaters Dir ubertrug; was damit nicht erreicht werden konnte, soll mich nicht uberraschen, denn ich stellte es stets in Zweifel.
O Vater, rief die Herzogin, sich seinen Augen entziehend, es steht nicht wohl, die zu schelten, die, mude von Schmerz und Tauschung, ungleich in ihrem Innern bewegt von Gleichgultigkeit gegen sich selbst und heisser Liebessorge fur die Ihrigen, das einfache Recht zu ihrer Richtschnur wahlt.
Auch schelte ich nicht, noch weniger zurne ich Deinen raschen Worten, doch hute Dich, wie eben jetzt, den verletzten Stolz, der Dich hier so selbst erhoben richten lasst, nicht zu verwechseln mit dem ruhrenden Bedurfniss nach einfachem Recht.
Die schone Seele, die nur darnach lechzt, sie verfehle vor allen Dingen nicht, sich selbst zu prufen, ob sie rein genug gestimmt war, um Recht von Unrecht rein zu scheiden.
Wenn ich die schmutzige Hand ergreife, die sich mir bietet, wer zweifelt, und vor Allem, warum zweifelst Du, dass es ein Opfer ist, was ich in hoherer Absicht bringe? Die Feinde meines Vaterlandes stehen an dem Fuss des Thrones, verloren ist die Hoffnung Englands, verloren der Prinz, bleibt er in den Handen Buckinghams. Mir fehlt, um die Ketten, worin er langsam eingeschmiedet wird, zu brechen, jetzt die Kraft.
Hat Richelieu sich verrechnet, indem er sie fur mich zu brechen sucht, ich habe ihn nicht getauscht, er kennt mein Leben, es tragt keinen Hauch von Selbstsucht; unvorenthalten blieb es ihm, dass dieses Herz nichts eingebusst von seiner warmen Liebe fur England und sein erlauchtes Herrscherhaus. Das Antlitz, was ich wirklich trage, hat Richelieu als Maske vorgenommen; er spricht von Sorge fur England und seinen Thronerben, ich empfinde sie; er heuchelt mir Vertrauen, als ob ich allein das Unheil hindern konnte, und ich fuhle in Wahrheit dazu die Kraft, den Willen. So reden wir dieselbe Sprache; er die Sprache, die mich tauschen soll, um mich als vorlaufiges Mittel gegen Buckingham zu gebrauchen, ich die Sprache der Ueberzeugung und des Herzens, an die er keinen Glauben hat, die er fur Verstellung halt, da er nie eine Beleidigung vergeben wurde, wie ich sie erfuhr, und da er wahnt, ich trachte nur nach einem Standpunkt des Herrschens, entfernt von dem Platz, wo ich Ehre und Ruhm erlangte.
Dem Konige mich zu versohnen, lag ausser seinem Willen, und halt er es fur eine Grille, die mich ihm fast verachtlich macht, dass ich auf der Versohnung mit einem fur ihn vollig abgethanen, leeren Greise so ernst bestand; und doch war, diese zu bewirken, meine erste Bedingung. Ich erwarte die Nachrichten, die mich von hier abrufen sollen mit jeder Stunde.
Am Abende desselben Tages hielt an derselben Treppe der Terrasse, welche einst den leblosen Korper der unglucklichen Maria trug, ein kleiner Trupp wohl bewaffneter Reiter mit einem leeren Handpferde. Aus dem italienischen Flugel glitt der Schein eines wandernden Lichtes an den Fenstern voruber, bis es verschwand. Bald offnete sich eine kleine Pforte nach der Terrasse hin. Eine hohe mannliche Gestalt, in einen Mantel gehullt, trat hervor, legte den Weg bis zur Treppe schnell zuruck, rief dort ein fremdes Losungswort, welches sogleich erwiedert ward, stieg die Treppe hinab und bald verklang der Hufschlag der schnell davon eilenden Rosse in den hart gefrornen Wegen des Waldes.
Die Herzogin von Nottingham brachte ihrer Schwiegermutter am andern Morgen, in Gegenwart ihrer Tochter und der versammelten Dienerschaft, die Empfehlungen des Grafen von Bristol, welcher sich auf einige Tage nach Digby-Castle begeben. Sie trug dabei jene kalte abweisende Miene, welche ihre sanfte Schwiegermutter nie zu verandern versucht hatte, und die alle Uebrigen wie durch eine Mauer entfernt hielt, und so zog ein dusterer Schleier mehr sich um die einsamen Bewohner des in Nebel gehullten, von Sturmen umwehten Schlosses. Noch ein Mal sollte das alte Whitehall, das, seit die Gesundheit des Konigs immer mehr zu sinken begann, verodet war, den Glanz und das Geprange einer Hofceremonie erleben.
Buckingham hatte trotz des Widerstandes des fast sterbenden Jakobs es durchgesetzt, in einer feierlichen Audienz, im Angesichte aller Grossen des Reichs, vom Konige selbst als Stellvertreter des Prinzen von Wales zur feierlichen Vermahlung mit Henriette von Frankreich dahin abgesendet zu werden.
Es war allein eine Befriedigung seiner Eitelkeit, welche ihn dies Opfer von dem kranken Konige erzwingen liess, und die Freude an den misslaunigen Gesichtern der Lords, die zu seinem Triumphe erscheinen mussten, und denen jede Miene des ubermuthigen Mannes zurufen sollte: Ihr empfangt durch mich Eure Konigin!
Fast hatte er gewunscht, Bristol aus seiner Verbannung erlosen zu konnen, um ein Zeuge des Triumphes uber ihn zu sein. Das Hotel des Herzogs glich einem Markte, auf dem alle Erzeugnisse der Kunst und des Luxus in der grossten Auswahl und Schonheit aufgestellt waren, bewacht und mit angstlicher Sorgfalt dem Momente aufgehoben, wo ein Blick des Wohlgefallens, ein Neigen des Hauptes, Dies oder Jenes zum Eigenthum des Herzogs machen wurde. Er versagte den Tage lang Harrenden oft diese ersehnte Ehre, obwol er taglich zwischen ihnen durch nach seinen Zimmern ging, so hartnackig, dass sie ihm nicht anders vorzukommen schienen, als die leblosen Figuren in den Tapeten der Wande. Keiner wagte ihn zu erinnern, dass sie lebten und litten, Keiner der Ehre und Vermogen zugleich an selten verlangte Gegenstande und deren glucklichen Verkauf geknupft hatte, durfte um Gehor bitten, wenn er nicht erleben wollte, vertrieben, vielleicht ohne seine Guter aus dem Raume gejagt zu werden, welchen einzunehmen, Allen schon zur Gunst angerechnet ward.
Die grossen Sale des Erdgeschosses waren in Packhauser umgewandelt, und die kostbarsten Silber-Services, die seltensten Geschirre aller Art, um ein glanzenden Haus von wenigen Wochen in Paris zu machen, wurden hier zum Transport uber das Meer eingerichtet.
Nur Maxwell, der die Launen seines Herrn oft durch eben so hartnackige zu vertreiben wusste, liess sich mit seinen Antragen, bei dem Ankauf neuer Stikkereien und Juwelen zu den zahllosen prachtvollen Kleidern nicht so zuruckweisen, und eine kurze Audienz, die der machtige Kammerling forderte, nothige dem Herzog seine Meinungen ab.
Diesem ganzen wusten Treiben, welches der grossen Katastrophe der Abreise voran ging, fehlte zur hochsten Ungeduld des Herzogs noch immer die eine Person, von der er sich selbst und alle seine Angelegenheiten am liebsten beherrschen liess, wenn ihm dazu selbst die Laune verging.
Dies war Lord Membrocke. Langst war die Zeit voruber, welche ihn zuruckfuhren musste; aber weder von ihm selbst, noch von dem Verlauf seines Auftrages waren Nachrichten eingetroffen, und die Boten, welche Buckingham nach dem Schlosse gesendet, welches er fur den Empfang seiner Nichte einzurichten befohlen, waren alle mit der Meldung zuruckgekommen, dass man dort noch immer die fremde Dame erwarte und von Lord Membrocke keine Spur sich gezeigt habe.
Buckingham wurde nicht gezweifelt haben, dass Membrocke seine Nichte entfuhrt habe, hatte er nicht gewusst, dass derselbe zu einer solchen romanhaften Entschliessung uberhaupt zu gleichgultig und bequem sei, und am wenigsten in einem Augenblicke sich dazu hinneigen wurde, wo er ihm die Aussicht zu einer der glanzendsten Reisen an seiner Seite eroffnet und hiermit seiner einzigen Leidenschaft, seiner grenzenlosen Eitelkeit, das weiteste Feld zur Ernte dargeboten hatte.
Buckingham war in der seltenen Lage, Geduld haben zu mussen, und dies brachte ihn jeden Tag, wo er durch irgend eine Toiletten-Bagatelle an Membrokke's Abwesenheit erinnert ward, ein paar Mal in die entsetzlichste Wuth, worin er ihn verwunschte, die grossten Zuchtigungen und Krankungen ihm verhiess, bis er es wieder vergessen oder ein paar neue unnutze Boten abgesendet hatte, die den fruhern Bescheid wiederholten.
Es war am Tage vor der grossen Audienz in Whitehall, als die Thur des Kabinets sich offnete, in dem der Herzog mit Maxwell rathschlagte, und Membrokke mit seinem eigenthumlichen eleganten Anstande und mit der Sicherheit einer vollkommen gerechtfertigten Erscheinung hereintrat.
Maxwell sah voll Erstaunen, wie Buckingham in seine Arme flog, ihn herzte und kusste, und nicht glucklich genug sich preisen konnte, dass er eben heute komme, einen Tag vor der Audienz, die er jetzt mit der grossten Gelaufigkeit ihm zu schildern begann. Alle dabei gehofften Triumphe, von der lacherlich dargestellten Angst des alten Konigs bis zu dem Wamse und den Juwelen, die ihn dabei zieren sollten, wurden aufgezahlt, und er ruhte nicht, bis er, voll Sorge, Membrocke's Toilette wurde nicht glanzend genug dabei erscheinen, ihm von seinen fertig daliegenden, noch ungemachten Stickereien aufgenothigt hatte, was sich dazu eignete, den Glanz seines Begleiters zu heben.
Wer Beide beobachtete und die fruheren Ausbruche des leichtsinnigen Herzogs vernommen, musste glauben, er supplicire um die Freundschaft und Verzeihung Membrocke's, und dieser sei der Beleidigte und Zurnende; doch nur augenblicklich. Wer wie Maxwell seinen Herrn kannte, den konnte es nicht befremden, denn so beherrschte ihn stets der Augenblick.
Jahrelang konnte er Menschen und Verhaltnisse verfolgen, und mit allen Faden der feinsten und boshaftesten Intrigue umspinnen, und in demselben Augenblick, wo er die verschlagensten Plane ersonnen, zerstreuten ihn bis zur kindischsten Sorglosigkeit und Albernheit die kleinsten Interessen der Geselligkeit und Eitelkeit.
Dagegen trat Membrocke, der sich in seinem Betragen gegen ihn eine gewisse vornehme Zuruckhaltung zum Grundsatz gemacht hatte, mit einer sehr merklichen Verstarkung dieses Wesens vor ihm auf, so dass es endlich der Herzog, aus seiner Zerstreuung zu sich kommend, wohl merken musste. Sogleich, wie vom Blitz von dem Gedanken getroffen, dass er ihm habe zurnen wollen, sprang er auch im Nu in diese Stimmung uber.
Ha, Mylord, rief er, hochroth vor Zorn, ich verstehe jetzt, warum Ihr ansteht, Euch freundlich und offen zu betragen; Ihr furchtet die Rechenschaft, die Ihr mir abzulegen habt. Sprecht augenblicklich, wo habt Ihr sie? Was habt Ihr gewagt gegen meinen Willen zu thun? Ha, gegen meinen Willen! Ihr sollt es furchterlich beklagen, gegen meinen Willen! Bosewicht! Verrather!
Halt! uberschrie Membrocke die wuthende Stimme des Herzogs und druckte den Andringenden so uberlegen zuruck, dass jener mit versetztem Athem inne halten musste. Ich bin nicht gesonnen, hier in Eurem Kabinette eben so der Spielball Eurer ungezogenen Launen zu sein, wie Ihr bei der Angelegenheit mit dieser Dame gewagt habt, mich ausser diesem Hause umher zu jagen. Von Euch begehre ich Rechenschaft! Warum habt Ihr diese Dame, die ich als ein wahrer Edelmann geschutzt und behutet habe, meiner Sorgfalt entzogen? Warum mich auf das Unnutzeste umherziehen, Euch uberall vergeblich erwarten lassen? Bis ich endlich, gegen Euern Willen ohne Zweifel, den einzigen mir zusagenden Ausweg ergriff, hierher zu gehn und von Euch selbst Rechenschaft zu begehren. Ihr erwartet ein freundliches Gesicht, da ich Euch in tiefem Frieden mit Euch selbst beschaftigt finde, wahrscheinlich ohne Gedanken daran, dass Ihr mich umher jagtet, fast bis zum Augenblicke, wo Euer mir gemachtes Reiseanerbieten nicht mehr ausfuhrbar gewesen ware und das Meer uns zu trennen die Gute gehabt hatte.
Nein, nein! rief Buckingham hier, ernst und besorgt blickend, es ist Alles nicht so, wie Du sagst. Lass uns das Geschwatz von Vorwurfen enden, damit wir zur Wahrheit kommen; es ahnet mir, wir sind beide betrogen, und eine Verstandigung unter uns ist nothig. Nimm mein Wort, Du hast seit meinem letzten Briefe zu Burtonhall keinen weitern Auftrag von mir erhalten.
Aber drei Mal die Chiffern, die Deinen bestimmten Willen andeuten, welche ein Mal mich Deine Nichte in andere Hande ubergeben liessen und zwei Mal mich zu vergeblichen Rendezvous fuhrten.
Wir sind betrogen! fuhr Buckingham wild auf. Wo sind die Chiffern? Man hat Dich getauscht. Voll Ungeduld habe ich die Anzeige Deiner Ruckkehr und der Sicherheit Deiner Schutzbefohlenen abgewartet. Erzahle schnell! Eben so schnell mussen die Mittel ergriffen werden, dies Bubenstuck zu entlarven. Ha, von woher kann mir dies kommen? Glaubst Du von den Nottinghams? Doch nein! Sie hatten sie Dir mit dem Degen in der Faust abgenothigt, grossere Feinheiten kennen sie nicht.
Auch haben sie nicht unterlassen, diese Feinheit gegen mich zu versuchen, und nicht ich habe es gehindert, sondern Deine erhabene Nichte selbst.
Sie selbst? schrie Buckingham, halb lachend; hattest Du sie schon am Angelhaken Deiner schonen Augen? Wie, Du hast gewagt, sie in Dich verliebt zu machen?
Ich wurde es nicht gehindert haben, sei gewiss, wenn meine Reize dies Wunder bewirkt hatten. Doch dies Mal kann ich bei meiner sonstigen ziemlichen Wahrnehmung aller Schattirungen weiblicher Entzukkung, die meine unwiderstehliche Person hervor zu rufen vermag, nicht anders, als eingestehn, dass ich auf den ersten, schwachen Anfang vergeblich gewartet habe. Sie hat mich vom ersten bis zum letzten Augenblick mit Misstrauen behandelt, und nur ihre unbegreifliche Klugheit lehrte sie, wahrend der Reise ihr hochmuthiges Zuruckstossen in eine kalte Hoflichkeit umzuandern, womit sie mir die einzige Gelegenheit zur Vertraulichkeit abschnitt; denn ich hatte mich jetzt nicht einmal uber irgend etwas gegen sie zu beklagen.
Ganz naturlich, fiel Buckingham hier ein, Deine unbegreifliche tolle Art, ein Verhaltniss mit ihr anzuknupfen, musste diesen Phonix, in dessen Adern das stolzeste Blut von England fliesst, emporen und Dir den Stab brechen. Weiberkenner! spottete er, dies Madchen war zu hoch fur Deine verbrauchten Theorien!
Thor, rief Membrocke argerlich, hattest Du mir neue Lehren geben wollen? Sie gehorte nicht zu denen, die ich durch Launen, Uebersehn, Qualereien und einen eingestreuten Sonnenblick der Anbetung besiegen konnte; sie hatte das Alles nicht bemerkt, und ihre unbegreifliche Hoheit ich muss es Dir gestehn machte sie von Niemand abhangig. Aber wenn ich sie nach dieser Ueberzeugung unter die zweite Rubrik der Frauen stellte, musste ich aus meiner Gemachlichkeit heraus, und ihr Verzweiflung, Wahnsinn, bleiche Wangen und todte Augen zeigen. Ha, hatten Euer Liebden bessern Rath gewusst? Ich habe noch keine Frau gekannt, die dies lange mit ansah und nicht wenigstens durch einen holden Blick voll Theilnahme lindern wollte; keine fast, die mit diesem ersten Blicke, den ich blos der Tugend und Menschlichkeit verdankte, nicht mein Eigenthum geworden ware.
Diese armen Kreaturen fuhlen sich so gering, und sehen uns so allgewaltig und unabhangig uber sich, dass sie dem Wahnsinn nahe kommen, wenn wir den Glauben in ihnen erwecken, unser Leben, unser Gluck, hange an der Richtung und dem Schimmer ihrer schonen Augen. Habe ich etwa Unrecht? Kanntest Du eine Tugend, die nicht eben dieser ihrer Tugend zum Opfer ward?
Aber meine Nichte, lachte Buckingham, meine Nichte! Hat der erhabene Kenner weiblicher Herzen, vor dem ich armseliger Schuler mich beugen muss, hat er eine dritte Rubrik fur die Nichte des stolzesten Herzogs erfinden mussen? Was sagte sie zu dem Fussfall, zu dem Wahnsinn, zu den bleichen Wangen und todten Augen?
Membrocke riss argerlich den Mantel um die Schulter, und sich im Sessel dehnend, rief er: So viel unnutze Bemuhung! Sie schalt mich wie einen Schulknaben und sah mich spater so wenig an, dass es gleich war, ob ich roth oder blass aussah. Hatte ich Kuhneres gewagt, sie hatte ihren Hund auf mich gelassen und die kleinste Unbesonnenheit brachte mich gleich in Gefahr, den tugendhaften Nottinghams verrathen zu werden; denn ihr Widerwillen, mir nur ein heimliches Wort zu gonnen, war durch die grosste Zuruckhaltung nicht mehr zu uberwinden.
Gottlich, gottlich! rief Buckingham und rieb sich voll Freude die Hande, als ob er nicht grade das Gegentheil gewollt, und mit dem tollsten Leichtsinne Ehre und Tugend seiner Nichte an den verdorbensten Mann, den er kannte, gewagt hatte. Aber, rief er plotzlich, nun musstest Du Gewalt gebrauchen, sie zu entfuhren, oder sollte sie dem Briefe gefolgt sein?
So war es, erwiederte Membrocke. Sie glaubte fruher nicht an meine erdichtete Verbindung mit ihrem in ein fabelhaftes Dunkel gehullten Oheim; aber der unbegreifliche Umstand, dass sie seinen Namen nicht kannte, nachdem ihr die Nachforschungen der Nottinghams bewiesen, es sei kein Graf von Marr, machte sie empfanglich fur den Namen Saville, den ich unterschob, da ich vermuthen musste, die Familie konne ihn gelegentlich bezeichnen, als in Bristols Angelegenheiten bos verwickelt. Misstrauen gegen mich und Furcht, den zu verrathen, den sie anbetet, und den ich bei ihrem ersten Worte an die Familie zu entdecken drohte, hielten sich die Waage und liessen sie allein dies Einverstandniss mit mir ertragen; aber unmoglich ware es mir geworden, sie auf mein Wort zu einer Flucht zu bewegen. Da kam der Brief! Erschuttert ward sie gewaltig bei seinem Anblick, aber es blieb etwas in ihr zuruck. Die Handschrift hatten wir getroffen, nicht so den Ausdruck, die Art und Weise, woran sie gewohnt war. Ihr Gefuhl ward dadurch unterbrochen, zuruckgedrangt, doch lache nur ihrer Unschuld! das Siegel des Ringes entschied. Sie weiss noch nicht, dass man auch unfreiwillig durch Ringe solche Zeichen versenden kann.
Genug, dies war seine Hand. Sie liess sich seitdem von mir leiten. Auch sagte sie mir spater, bemuht, mich zu ihrem eigenen Trost zu rechtfertigen, die Frau Herzogin selbst habe den Namen Saville in einer Unterredung mit Lord Richmond als einen Feind des Grafen Bristol bezeichnet. Du kannst denken, dass sie uberzeugt war, den rechten Weg zu gehn, denn sie bestand den harten Kampf gegen Richmond und Ormond, welche uns verfolgten, ihre Flucht zu vertheidigen und sich in ihrer Gegenwart aufs Neue meinem Schutze zu ubergeben.
Die Tugendhelden zogen ab, drohend und larmend und von meinem Betragen, welches Kalte und Ruhe leicht zu spielen hatte, aufs Aeusserste verletzt.
Sie hatten mir doch Schaden gethan; denn da ich mich den ganzen Tag von ihrer Sanfte entfernt gehalten, sagte man mir am Abend, die Lady sei krank. Sie hatte ein brennendes Fieber, und ich war froh, sie der Hulfe jener Abigail uberlassen zu konnen, deren Haus wir bald erreichten. Dort kostete sie mir eine schlaflose Nacht; denn sie schien todtkrank, und ich glaubte unsere Reise unterbrochen. Gleichwol liess sie mich am andern Morgen rufen. Ich fand sie zwar bleich und mit verweinten Augen, aber vollig angekleidet und zur Abreise fest entschlossen. Ja, sie dankte es mir sogar, als ich ihr bald darauf meldete, dass die Abreise vor sich gehen konne. Obwol sie sichtlich litt, that sie sich doch die grosste Gewalt an und bestieg sogar fur die Halfte des Tages ihr Pferd, welche Bewegung, so wie der Genuss der freien Luft ihr sehr wohl that.
Wir hatten am Abend Sir Patricks Schloss erreicht, wo sie sich, wie immer, nur um Ruhe und Alleinsein bittend, zuruckzog. Als ich am Abend aus den innern Gemachern Patricks trete, schlupft eine kleine graue Gestalt uber die Gallerie und ubergiebt mir einen Brief. Er war von Dir!
Nein, nein, er war nicht von mir! schrie Buckingham.
Eine Deiner unverschamten Chiffern.
Und welche? rief Buckingham gespannt.
Sieh und gehorche! Darunter von fremder Hand, dass ich die Lady zur selben Stunde an Patrick ubergeben solle, mit dem Befehl, den Begleitern, die Du am andern Morgen senden wurdest, sie auszuliefern; ich aber solle schnell in demselben Augenblick aufbrechen, und mich nach Rodwic-House begeben, wo ich Dich selbst in dringender Angelegenheit finden wurde.
Und Du warst wahnsinnig genug, dies zu thun? schrie Buckingham ausser sich; war es doch meine Handschrift nicht, wie konntest Du Dich so betrugen lassen?
Und wann hattest Du Dich je herabgelassen, Deine Befehle selbst zu schreiben? erwiederte Membrocke finster. Wie oft habe ich solche thorichte Botschaften erhalten, wie oft hast Du wiederholt, dass diese Botschaften mit einer der bekannten Chiffern Deiner Unterschrift gleich geltend waren? Hast Du in Thorheit und Leichtsinn sie verrathen, so trage nun die Strafe dafur, denn gewiss ist es, mehrere, wo nicht gar alle sind verrathen. Mich wenigstens haben drei umhergeneckt, aus einer Gegend des Konigreichs in die andere, nach langem Harren wieder weiter, bis ich endlich selbst der Sache mude ward und, ohne mich an etwas anderes zu kehren, hierher kam.
Fort, zu Patrick! schrie Buckingham, mit beiden Beinen aufspringend; lass Surveillant rufen, augenblicklich muss er fort, und Patrick soll her, lebend oder sterbend, gleich viel; alle Chiffern sollen ins Feuer! Ueberall sollen sie eingetauscht werden, wir mussen neue erfinden. Wer, wer hat dies gethan, wer hat dies wichtige Geheimniss errathen konnen, das nur wir beide wissen?
Wer sagt Dir, erwiederte Membrocke, dass die Nottinghams Dir nicht auf der Spur sind? Glaubst Du, sie verkennen die Wichtigkeit der Person, wenn sie Ahnung oder Gewissheit haben?
Ich glaube es nicht, sagte Buckingham abweisend, dies ist eine Weise, zu der sie kein Geschick haben und daher die hohe Miene der Gradheit annehmen, wohinter jeder Dummkopf seine Beschranktheit verstecken kann. Sie hatten in Corpore eine Audienz gefordert, das Knie gebeugt und in Demuth gesprochen: Wir hatten die Ehre, einer Tochter Euer Gnaden das Leben zu retten, Lord Membrocke hat sie uns aber gestohlen, und so weiter und so weiter. Jetzt, glaube nur, schweigen sie aus Hochmuth; sie schamen sich des ganzen Abenteuers. Aber lass mich jetzt, besorge Dir anstandige Kleider und versuche es, des Glanzes nicht unwurdig zu erscheinen, der morgen mich umstrahlen wird. O konnte ich morgen Bristol eine Stunde hier haben zum Zeugen dieser Audienz! Jetzt, jetzt nehme ich den Platz bei der schonen Henriette von Frankreich ein, den er schon mit einem Fusse bei seiner steifen Infantin inne hatte.
Es wird Zeit sein, sagte Membrocke phlegmatisch, nach Orklei-Street zu fahren, Lord Marcliff halt dort ein Wettrennen zu Pferde, ich habe fur ihn Partie genommen.
Ich kann nicht sagen, ob ich Zeit finden werde, an morgen zu denken, Lady Hiacinthe will mich nach ihrem Landhause nehmen.
Und ich massakrire Dich, wenn Du nicht morgen erscheinst, wie ich will, rief Buckingham dazwischen und drohte Membrocke nach, der sehr anmuthig grussend langsam aus dem Zimmer entglitt.
Wenn Buckingham nicht fest uberzeugt gewesen ware, dass kein Mann der Erde sich ihm vergleichen konne, er wurde einem argwohnischen Gefuhl nicht haben entgehen konnen, indem er Lord Membrocke am Tage der Audienz in einer so sorgfaltigen und berechneten Toilette wiederfand, dass Lady Hiacinthe wahrscheinlich allein nach ihrem Landhause gefahren war, um der hierzu erforderlichen Geistesanstrengung Raum zu lassen.
Doch Buckingham, voll kindischer Eitelkeit fur sich selbst, ubertrug diese auf seine Lieblinge, die er blos als Staffage ansah, als Trager des von ihm selbst abfallenden Glanzes. Und so lachte er vor Freude uber Membrockes Galanterie gegen ihn, wie er's auslegte, und rief ihm blos eine Kondolenz fur Lady Hiacinthe zu, die Membrocke mit einem so freundlich zerstreuten Gesicht anhorte, als lage ihm das Verstandniss allzu fern.
Doch Buckingham hatte sich verrechnet, wenn er sich als den Augenpunkt der ganzen Versammlung dachte. Er empfing durch die grausame Harte, womit er den todtkranken Konig herausgerissen, seine Strafe. Sein boses Fieber hatte den Konig lang von dem Anblick aller seiner Unterthanen getrennt, und sein Erscheinen unter ihnen erregte eine Theilnahme, einen Schmerz, der um so heftiger wirkte, da Alles sich hier zu einem Triumph des gefahrlichen Mannes vereinigt sah, der als Qualer und Beleidiger des geliebten Monarchen angesehen ward. Entsetzlich war die Blasse seines Gesichts und die Abzehrung seiner Gestalt. Seine Schwache machte ihn unfahig, allein sich aufrecht zu erhalten. Der Prinz von Wales stutzte ihn, wahrend Jakob nur zuweilen die muden Augen umher warf, und dann mit seiner alten, steifen Art die Hand ausstreckte und mit den Fingern sonderbar schnippte, was aber Alle, die ihn kannten und liebten, als freundlichen Gruss wohl verstanden, und was eine grossere Bewegung unter ihnen hervorbrachte, als die ruhrendsten Worte es vermocht hatten.
So ward aus dem glanzenden Triumphe Buckinghams eine hochst ruhrende Abschiedsscene von einem Konig, der viel Liebe genoss, und den man um so trauriger scheiden sah, als mit ihm nicht zugleich der scheiden wollte, den zu lieben, man als seinen einzigen Fehler, zumal in einem Augenblick, ansah, wo der Alles versohnende Tod uber der widerstandlosen Gestalt des alten Konigs schwebte.
Jeder erinnerte sich einer von ihm empfangenen Gute. Was man getadelt, seine Liebe zum Frieden, seine oft spottelnde Gelehrsamkeit, seine Toleranz gegen die Katholiken, Alles diente jetzt zu seinem Lobe, und um die allgemeine Ruhrung und den Schmerz zu motiviren, den der Anblick der menschlichen Hinfalligkeit, ungeschutzt von Purpur und Krone, einem Jeden hervorrief. Die zahlreiche, glanzende Versammlung drangte sich dem Throne zu, Jeder wollte noch einen Blick haben oder seine Hand, sein Gewand kussen; Jeder kehrte mit Thranen sich weg, und Buckinghams Augen, welche allein trocken blickten, sahen nur erweichte, traurige Menschen, die wenigstens auf einen Augenblick unempfindlich geworden waren fur den Neid und beschamten Stolz, womit er sie sammtlich zu peinigen gehofft.
Uebereilt, gedrangt und fast unbeachtet ging die eigentliche Audienz voruber, und sonderbarer Weise schien ein unbedeutendes Ereigniss mehr Antheil zu erregen, als dieser lang vorbereitete Pomp. Einen Augenblick frei stehend, sein Gefolge hinter sich lassend, trat der franzosische Gesandte noch ein Mal dem Konig nah und bemachtigte sich seiner Hand, indem er ihm zwei Worte leise zuflusterte. Der Konig stiess ihn fast zuruck, krampfte die Hand, die der Gesandte losliess, schnell zusammen und steckte sie in sein Wams. Im selben Augenblicke kniete ein Jungling, an der Hand des Gesandten, vor dem Konige nieder. Lord Richmond Derbery, sprach der Gesandte ziemlich laut; der Konig horte seine Worte theilnehmend an und legte, wie zum Segen, die Hand auf sein Haupt. Aber dann zog er beide Hande angstlich in die Hohe, der Prinz von Wales trat hinzu, und der Gesandte, wie Lord Richmond traten in die Menge zuruck.
Wuthend uber die ganz misslungene Audienz und von unbestimmten Ahnungen bei dem eben Geschehenen ergriffen, sturzte Buckingham von der Thur zuruck, wohinter der Konig verschwunden, und gerade auf Richmond zu, welcher, wie vorbereitet, festaufgerichtet den Herzog zu erwarten schien.
Uebermuthiger Mensch, was habt Ihr gewagt, Euch zu erlauben? Mit welchem Rechte nahmt Ihr fur Euer armseliges Interesse den wichtigsten Augenblick einer Stunde in Anspruch, die mir allein gehorte? Entschuldigt Euch, damit ich vergesse, dass Ihr zu den Knaben einer Familie gehort, die ich hasse und verachte.
Blickt umher, Herr Herzog, sagte Richmond kalt, ohne seine Stellung zu verandern, Euch gehorte diese Stunde nicht allein. Konig Jakob hat sie allen seinen Edeln geschenkt, und ich habe einen Theil erhalten, den Ihr mir nicht rauben konnt, der auch nicht gegen Euch der Entschuldigung bedarf, am wenigsten von Einem aus dem Hause Nottingham, wo die Knaben fruh zu Mannern werden.
Ha, Kind! lachte Buckingham, kannst Du Deinen Degen heben, oder hat ihn Dir die Mutter mit Seide in der Scheide festgenaht? Ha, Kind, antworte doch!
Ihr wisst, sagte Richmond, dass Ihr jetzt nur eine Antwort verdient, die mir diese heiligen Mauern nicht zu geben erlauben; aber nehmt es hin, da Ihr es wollt: Der ist feig, der da reizt, wo er unverletzlich ist!
Ha! schrie Buckingham, ausser sich vor Wuth, und Beide hatten die Hande am Degen und traten sich mit blitzenden Augen gegenuber, aber mit Gewalt trennten die Andern sie, und der Prinz von Wales stand plotzlich unter ihnen, und rief laut und streng: Der Konig befiehlt Frieden und Ruhe!
Schon hatte der franzosische Gesandte, der dem Prinzen zur Seite erschien, Richmond entfernt, und Buckingham ward ebenfalls hinweg gedrangt. Noch hingen die dicksten Nebel gleich grauen Vorhangen vom Himmel herab und hullten die fruhe Morgenstunde des folgenden Tages in ihr trubes Licht, als ein kleiner Trupp wohlbewaffneter Manner vor einem Bruckenthor anhielt, welches einen Seitenflugel des alten Schlosses von Whitehall mit dem untern Theile der Stadt verband. Einem Pfeifchen wurden in bestimmten Absatzen drei Tone entlockt, und bald horte man Tritte uber die Brucke nahen, die Thuren drehten sich langsam auf, und den stillen Gruss still erwiedernd zogen die Reiter uber die Brucke in den Hof, der hier zunachst von den Stallgebauden umschlossen war.
Man stieg ab, und drei von den Mannern folgten dem Thorwart in den mittlern Eingang, wahrend die Zuruckbleibenden die Pferde bei Seite fuhrten, ohne sie abzuzaumen. Durch mehrere alte Theile des Schlosses fuhrte sie eine breite Treppe auf eine Gallerie, welche, vernachlassigt, von Staub und abgefallener Stuckatur verunstaltet, in ihrer fruheren Bestimmung wohl nicht diese Vernachlassigung erlitten hatte.
Durch diese Gallerie, sprach einer der Manner, ging ich zu meiner ersten Audienz bei der Konigin Elisabeth. Dies war damals der Haupteingang; und nicht wahr, wir kommen hier in ihr Bibliothekzimmer? fragte er, sich zum Thorwart wendend.
Euer Gnaden zu Befehl, erwiederte dieser. Hier pflegte die erhabene Frau zuweilen, mit einem Buche die Bibliothek verlassend, lustwandelnd auf und nieder zu gehen, wahrend oft die hochsten Personen fremder Lander hinter den kleinen Fensterchen lauschten, die, sonst klar und heller, als jetzt, von den aussern Vorzimmern hierher die Aussicht offneten; und sie war so gnadig, darauf Rucksicht zu nehmen, und zeigte sich oft, gar prachtvoll, wie ihrer Schonheit es am besten stand, gekleidet.
Mit einem leichten Zucken der Achseln schritt der Fragende weiter; der alte Kastellan offnete nun die kleine, spitze Thur, und sie traten in den weiten Raum, an dessen Wanden zwar noch die in Eichenholz gearbeiteten Bucher-Nischen sich zeigten, aber leer von den Schatzen, welche Elisabeth mit so grossem Nutzen darin gesammelt.
Hier behielten die Wanderer Zeit zu ihren Betrachtungen, denn ihr Fuhrer verliess sie, und sie folgten ihm nicht. Der altere der Anwesenden naherte sich dem hohen, schmalen Fenster, welches nur matt durch seine kleinen Scheiben den truben Tag einliess, und an dessen tiefer Nische der hohe eichene Sessel stand, an dessen Seitenlehnen durch einen ziemlich rohen Mechanismus ein Pult eingeschraubt war, das man von sich schieben und nach sich ziehen konnte. Lange blieb er schweigend davor stehen.
Wie viel grosse und weise Bestimmungen sind von diesem rohen Gestelle fur mein theures Vaterland ausgegangen, sprach er dann, zu seinen Begleitern gewendet. Wer konnte sich der Wohlthaten bewusst sein, die ihr grosser, ihrer Zeit vorangeeilter Geist uber England ausgeschuttet, und noch der Schwachen gedenken wollen, die ihre Zeit leichter auffasste, als ihre Grosse, da jene ihr gemeinsames Theil waren, und zu dieser sie erst heranreifen musste, um sie zu verstehen. Nur Eins, nur Eins aus Deinem Leben weg, und Du warest rein, ein Gipfel aller Herrschergrosse!
Aber er hat Dir auch dies vergeben; er konnte nicht Dein Nachfolger sein, nicht uberall die Spuren Deiner Grosse auf seinem Wege finden, ohne nicht deshalb Dir zu vergeben. Bald, fuhr er fort, aus seinem Selbstgesprache erwachend, bald werdet Ihr Euch wiederfinden und rein verstandigen, wenn Wiederfinden nicht zu den frommen Traumen gehort, die den Reiz der Erde zu Gunsten des Himmels entkraften sollen. Wie scheint mir jede Hoffnung langerer Erhaltung des koniglichen Lebens zu schwinden, wie treulos war es, ihn der Qual des gestrigen Tages auszusetzen.
Ja wohl, Mylord, erwiederte hier der Zweite sehr lebhaft; und wie viel Uebermuth, wie viel Gewalt-Bewusstsein gehorte dazu, dies durchzusetzen; wenn wir den Herzog tadeln, der ewig uns zu tadeln giebt, erleben wir nichts Neues. Doch nicht zu ubersehen bleibt, dass dem Konig ein Sohn, wie es scheint, vergeblich an der Seite lebt. Warum, muss man sich mit Erstaunen fragen, warum geschieht, was ein Wort aus seinem Munde unbezweifelt hindern konnte. Sollte der Herzog auch diesen Mund nicht mehr zu furchten haben? Dann, Mylord, liegt freilich ein unabsehbar weites Feld trubseliger Befurchtungen vor England und allen denen, die durch Verwandtschaft bald nur ein Interesse mit ihm haben sollen. Was meint Ihr, Mylord, was ein Gesandter Frankreichs nach dem gestrigen Tage zu berichten habe?
Gewiss wird er den Verlauf des heutigen Morgens abwarten, ehe er die Depesche siegelt, erwiederte der Aeltere lachelnd; denn schwerlich mochte der gestrige Tag ihm Notizen zu etwas Neuem, seinem Hofe Unbekanntem, geliefert haben. Auf alle Falle wurde ich aber als franzosischer Gesandter der koniglichen Prinzessin von Frankreich den Rath geben, nichts Anderes an dem Hofe ihres Gemahls sein zu wollen, als eine gute Hausfrau, ja, ich glaube sogar, es war dies der Rath, den der spanische Gesandte in London der damals verlobten Infantin gab, und das auf Anrathen eines in Spanien anwesenden Englanders.
Nun in Wahrheit, lachte der Andere, es ware dem franzosischen Gesandten zu rathen, dass er nie einen andern Rath befolgen mochte, als den des braven Englanders, der sicher sein Terrain kannte.
Wenn der Erfolg entscheiden soll, so hatte er es schlecht gekannt, und ihm ware wenig zu trauen.
Und dennoch wage ich es mit ihm, rief der Andere mit Warme, naher tretend; sein Stern steht noch uber England, und sein Wohl ist an ihn geknupft; nur war es des Himmels Wille, dass er nicht Spanien, sondern Frankreich leuchten sollte.
Eine kaum merkliche Verbeugung ward durch den schnellen Eintritt eines alten Mannes unterbrochen, dessen kleine, feine Gestalt und saubere Kleidung den wohlbekannten Master Porter, den Kammerer des Prinzen von Wales, anzeigte.
Wahrend der Aeltere sich zuruckzog, trat der Zweite schnell ihm entgegen. Master Porter, rief er, ich hoffe, Ihr bringt uns gute Nachrichten.
Dies zu beurtheilen, wurde uber mein Verhaltniss hinausgehn, erwiederte Porter, sich tief nach allen Richtungen verneigend; ich kann blos sagen, dass Seine Majestat entschlossen sind, im Bette den Herrn Gesandten zu sprechen, und dass die Herren, die ihn begleiten, sehr leicht in einem Vorzimmer Zutritt erhalten konnen, wenn der Herr Gesandte sie fur sein Gefolge erklart.
Schon gut, Alter, schon gut! Wir wollen diese Erklarung abgeben, lachte der heitere Marquis; aber was meinst Du, werden wir sicher sein?
Der Alte griff schnellend mit der Hand in die Luft und lachelte ein wenig. Ich glaube, der Herr Herzog zurnen etwas mit Seiner koniglichen Hoheit, dem Prinzen, und erwarten seinen Besuch wegen der Vorfalle bei der Audienz, die mein gnadigster Herr zu missbilligen geruht haben. Ich habe in einer halben Stunde die Ehre, den gnadigsten Prinzen zu Seiner Majestat zu begleiten; vielleicht befehlen mir der Herr Marquis, den Prinzen auf die Gegenwart Euer Gnaden vorzubereiten.
So ist denn Alles, wie wir es nur wunschen konnten; lasset uns eilen, theure Lords, rief der Marquis, sich zum Weggehen anschickend.
Bitte unterthanigst zu bemerken, sprach Porter mit etwas zahem Tone dazwischen, dass wenig auf die Launen des Herrn Herzogs zu rechnen ist, dass wir zur Bewachung der Vorzimmer Niemand stellen durften, um nicht unnutzes Aufsehen zu machen. Mein gnadigster Herr, der Prinz, wurde es aber niemals vergeben, wenn durch ein unerwartetes Eindringen des lebhaften Herrn Herzogs eine neue Erschutterung des Konigs erfolgen sollte, da mein gnadigster Herr die des gestrigen Tages schon mit grosser Bekummerniss sah und den Herrn Herzog bis zu seiner Abreise entfernt zu halten wunscht. Sollten der Herr Marquis dazu Jemand ersehen, wurde ihn die Vollmacht des Konigs berechtigen, im ersten Vorzimmer einem Jeden den Eingang zu verweigern.
Machet mich zum Riegel an der Thur, Herr Marquis, sprach jetzt der Jungere der Begleiter, und er wird halten, bis Ihr selbst ihn wegschiebt.
Junger Mann, lachte der liebenswurdige Marquis, dass Ihr, von Stahl und Eisen, leicht Funken spruht erlebte ich schon gestern, aber mir ware in Wahrheit um ein so edles Metall leid, es dem Zerbrechen auszusetzen. Ihr fordert einen gefahrlichen Posten.
Ich suche die Gefahr nicht und habe Euch gestern wenig kaltes Blut gezeigt, ich weiss es, ohne es zu bereuen, erwiederte Jener; aber es gilt heute ein hoheres Interesse, als mich gestern beherrschen konnte, leichtsinnigem Uebermuthe gegenuber. Ihr sollt, im Falle es gilt, auch mein kaltes Blut kennen lernen.
Vertraut ihm, sagte der Aeltere, ich weiss, er wird konnen, was er verspricht.
Wohlan, so zeigt uns den Weg, denn die Hintertreppen in Whitehall hat meine franzosische Verschlagenheit noch nicht erspaht. Aber um Gott! lieber Marquis! rief der alte Konig aus seinem Bette dem eintretenden Gesandten entgegen, ich furchtete mich gestern nicht vor Euch, aber sehr sonderbar war es doch, dass Ihr meine Hand so offentlich ergriffet, und zwar, wie mich dunkt, sehr gegen die Dehors, die man einem koniglichen Haupte schuldig ist, obwol ich sehr geneigt bin, Euch als Reprasentanten meines nachsten Verwandten, meines Bruders von Frankreich, anzusehen.
Und dieser thut hiermit fur seinen ungestumen Gesandten Abbitte, sprach der Marquis; denn mein koniglicher Herr war es, der mir diesen Schritt befahl, und auf dieser Unterredung habe ich bestanden in seinem Namen. Geruhen Euer Majestat, aus meinen Handen dies Privatschreiben meines gnadigen Herrn zu empfangen.
Er kniete nieder, es ihm zu ubergeben.
Ich bitte Euch, mein lieber Marquis, steht auf, ich bitte Euch; ich erlaube Euch zu sitzen und bin sehr erfreut uber die Freundschaft meines koniglichen Bruders, aber nicht sehr uber dessen Mittheilungen hinsichtlich des armen Jungen, des Buckingham, gegen den Alle bose sind, ausser mein Kronprinz und ich. Euer Zettelchen hatte mich fast bose gemacht auf Euch, und ich denke, Ihr wollt ihn selbst horen, er wird sich sehr zu rechtfertigen wissen. Denn dass er den Bristol nicht leiden kann, ist blos Liebe zu mir, weil Bristol mich betrogen, mir den Krieg gebracht, mit dem Feinde konspirirt und die beste Partie in Europa fur meinen Prinzen hintertrieben, was gottlos und schandlich ist, da mir Bristol lieb war, wie mein Auge im Kopfe, und mein altester Freund.
Der Konig gerieth hier in ein kurzes Schluchzen, dessen erste Laute der Marquis abwartete und dann schnell in die Klagen des Konigs eingriff:
Euer koniglichen Majestat zu beweisen, dass der Herr Herzog von Buckingham die Sache falsch angesehen hat und sehr geneigt war, diesen alten Freund Euer Majestat nicht neben sich in dem Herzen zu dulden, davon hat mein koniglicher Herr unumstossliche Beweise erhalten. Es war ihm daher unmoglich, zuzugeben, dass Euer Majestat gekrankt wurden durch den Verdacht gegen einen alten treuen Diener, den der Herr Herzog vielleicht aus eifersuchtiger Liebe zu Euer Majestat zu verstarken trachtete.
Ja, ja, da habt Ihr Recht, sagte der alte Konig, nachdenkend; Steeny, wie ich den Buckingham wohl nenne, liebt mich zu sehr, er konnte wohl ein bischen eifersuchtig sein.
Aber, verstarkte der Marquis die Wirkung, wenn diese Schwache auch um des erhabenen Gegenstandes willen verzeihlich scheint, was muss der treue Diener leiden, der von Jugend auf Euer Majestat mit Leib und Leben gedient, wenn er das Opfer dieser Eifersucht wurde? Und so ist es mit Euerm Bristol, gnadigster Herr! Er verschmachtet, getrennt von Euch, ohne den Trost Eurer Gnade, die das Sonnenlicht seines ganzen Lebens war.
O, Herr Gesandter, rief der alte Konig, und sein Gesicht zuckte vor Ruhrung, Ihr sprecht sehr gut, aber Ihr seid sehr eingenommen fur den Lord. Mein Lebelang habe ich Gerechtigkeit geubt, auch war es zum ersten Male, dass Bristol gegen mich gefehlt. Ich werde Buckingham bitten, mir die Wahrheit zu sagen, und verhalt es sich so, ist mein lieber alter Bristol mir treu gewesen, dann soll er seinen alten Konig wieder finden. Und hort, Herr Marquis, wir konnten uns viel erzahlen aus der alten Zeit, gute und schlechte Tage haben wir erlebt; hatte ich nichts, da stand Bristols Kasse offen, nachher konnte ich nicht Alles lohnen; seht, es hat mir immer geahnet, es mochte so ein bischen von Buckingham herruhren, dass mein alter Bristol plotzlich ein Verrather sein sollte. Aber lasst er sich wohl bedeuten? Gleich wird er wuthend, tobt und tollt, wie ein Kind, und der alte Bristol glaubt es doch nicht, dass ich ihm zurne. Mit dem Gramen, Herr Marquis, da ist es nur nichts, das bildet Ihr Euch ein, weil Ihr nicht wisst, was wir fur alte Freunde sind.
Und wenn es nun doch so ware, Euer Majestat, wenn es dem alten Lord am Leben nagte, dass sein koniglicher Freund ihn nicht mehr vor sein Antlitz lasst, dass er nicht noch einmal das Wort des Vertrauens und der Gute horen soll, was von seiner Jugend her ihn ermuntert hat zum Leben und Wirken fur seinen koniglichen Herrn; wenn der Gram darum sein Haupt bleicher gefarbt, als seine Jahre, und die Ruhe der Nachte sich in dem Wunsche verzehrt, noch ein Mal die Hand seines Herrn zu kussen, wie dann, Euer Majestat?
O, ich bitte Euch, lieber Herr Marquis, haltet mich doch nicht fur so hart und bose, gern wurde ich ihn wiedersehen, besonders wenn er, wie Ihr im Namen meines koniglichen Bruders von Frankreich mir versichert, wenn er unschuldig ist; aber Ihr seht selbst ein, dass das gar nicht moglich ist, denn wenn es Buckingham horte, und ihm bleibt nichts verborgen, wenn er horte, Bristol ware hier gewesen, Ihr konnt denken, was dann nicht allein ich und mein Prinz leiden wurden, sondern auch Bristol. Er schluge ihn todt, wo er ihn fande, und seine Einwilligung zu diesem Wiedersehn gabe er nie, da ich ihn nun einmal habe verbannen mussen. Denkt, dass Ihr selbst nur durch eine List bei mir seid, die mich zwar gestern in der Audienz sehr erschreckte, die ich aber Euch gern verzeihe, um Euers Eifers willen fur meinen alten Freund Bristol.
Der Marquis fuhlte sich von dem Anblick dieses kranken, schwachen Mannes bewegter, als er geahnt. Sein gutes Herz und sein sanfter Sinn war so eingeschuchtert, dass er keinen Begriff mehr von seiner ihm zustehenden Gewalt hatte und, ganz zum Kinde geworden, die Zuchtruthe des ubermuthigen Gunstlings mehr, als jede andere Regung, furchtete.
Und dies, sagte er endlich, sich zusammen nehmend, soll mein Bescheid sein? Der Bescheid, auf den Bristol mit banger Sorge harrt!
Ich verspreche Euch, lieber Marquis, ich werde Alles ausserdem in Ueberlegung nehmen, und meinem alten Bristol sagt nur, denn Ihr, schlauer Herr, steht doch mit ihm in Verbindung, ich lasse ihm sagen, er solle sich nicht gramen; denn wenn er unschuldig ist, wie ich gern glaube, so habe ich ihn eben so lieb, wie vorher. Auch soll er nur sich Zeit lassen, wir versohnen uns schon noch einmal! Freilich, setzte der alte Konig nachdenklich hinzu, von seiner verfallenen Gestalt, gutmuthig lachelnd, zum Marquis aufblickend, freilich, viel Zeit haben wir dazu meinerseits nicht mehr!
O, rief der Marquis, uberwaltigt von Ruhrung, so benutzen Euer Majestat diesen freien, sichern Augenblick! Ja, ich stehe mit ihm in Verbindung, unter dem Schutze Frankreichs, den ich fur ihn in Anspruch nehme, fuhrte ich ihn hierher, im Nebenzimmer harrt er. O sprecht ein Wort, und er liegt zu Euern Fussen!
Um Gott, was ist das! Hulfe, Hulfe! Verrath ich bin verloren, man gebraucht Gewalt! Steeny! Steeny! Baby! zu Hulfe, zu Hulfe! So schrie der alte Konig, indem er die Decken seines Bettes in seiner trostlosen Geistesverwirrung sich vorhielt!
Der Marquis hatte Ueberwindung nothig, diesen fast widrigen Zustand gelassen anzusehen: er fasste sich aber, entschlossen, sein Werk zu vollenden.
Ich muss Euer Majestat erinnern, hob er mit feierlicher Stimme an, dass hier vor Euch der Gesandte Frankreichs steht, beauftragt von Dero koniglichem Bruder, Euer Majestat eine Bitte in Bezug auf den Grafen von Bristol vorzutragen. Es sind weder Morder, noch Verrather, die zu Euer Majestat reden; mein Auftrag ist ein Werk des Friedens.
Nun, nun, sagte der Konig, zu sich kommend und etwas beschamt, ich verstehe wohl, und ist mir einen Gesandten zu empfangen, nichts Fremdes. Er schob sich unruhig in seinem Bette umher, und seine Augen irrten immer nach der Thur hin, durch die der Gesandte eingetreten. Endlich sah er ihn lachelnd an und winkte ihm naher. Leise sagte er dann: Ist er wirklich da?
Der Marquis bejahte es.
Nun hort, sagte er, freudig mit den Augen blinzelnd, dann lasst ihn ein Augenblickchen herein, ehe es Jemand sieht, und haltet Wache, hort Ihr!
Der Marquis flog in das Nebenzimmer. Der grosse Augenblick war gekommen, wonach Bristols Herz so innig sich gesehnt, es sollte geschehen. Der Marquis eilte auf ihn zu, und den Mantel selbst von seinen Schultern ziehend, rief er: Gluck auf, er ist versohnt! Doch, setzte er wehmuthig hinzu, fasst Euch, und vor allen Dingen begnugt Euch mit seiner wieder aufgelebten Liebe, vertheidigt Euch nicht! Er versteht Euch nicht, und Ihr verliert die Zeit!
Wehmuthig druckte Bristol die Hand des Marquis und trat schnell in das bekannte Zimmer seines Konigs.
Ein ununterbrochenes Weinen, mit Worten vermischt, drang aus dem Bette des Konigs ihm entgegen. Aber Bristol kniete vor seinem kaum noch kenntlichen Konige, dessen physisches und geistiges Hinscheiden ihm schmerzlich beim ersten Anblicke einleuchtete, mit derselben Verehrung nieder, wie einst vor den Stufen des Thrones, als er diesen noch in seiner hochsten Kraft besessen.
Der Konig neigte sich uber ihn und legte seine Hande zartlich auf sein Haupt. Bristol wagte nicht zu sprechen, er ehrte, selbst allzu sehr erweicht, die Bewegung des verehrten Monarchen.
Sprich nur, Digby, sagte dieser endlich gefasster, Du hast Deinen Konig nicht zu furchten; denn ich glaube es dem guten Marquis, dass Du mich nicht hast verrathen wollen.
Da sei Gott vor! sprach Bristol und hob sein Haupt frei in die Hohe, dass ein Tropfen Blutes in diesen Adern flosse, der gegen meinen gnadigen Herrn sich auflehnte; Bristol hatte ihn selbst mit der Spitze seines Degens hervorgelockt.
Ich dachte es wohl, mein alter Freund! Aber Du weisst wohl, die Jugend will immer kluger sein, und ich muss Dir im Vertrauen sagen, alles, was Du mit der Infantin damals abgeredet, war mir doch lieber, als was mein lieber Steeny jetzt mit der Franzosin vor hat. Indess sehe ich ein, dass, da es die Infantin nicht sein konnte, uns nur diese konigliche Prinzessin noch ubrig blieb, und immer bleibt gegen Steeny's Eifer nichts zu sagen, wenn er auch darin zu weit gegangen ist, Dein Verdienst schmalern zu wollen. Doch bitte ich Dich um meinetwillen, halte Ruhe und gieb nicht zu, dass aufs Neue Streit entsteht. Sieh, Bristol, ein Anderer wird bald an meiner Statt sein, und ihm werde ich Dich empfehlen, aber meine Stunden sind gezahlt, und gern mochte ich sie ungestort haben.
Und nimmer sollen durch mich diese kostbaren Stunden, die Gott verlangern mag, gestort werden, erwiederte Bristol, tief geruhrt von dem vollig wieder erlangten Vertrauen des theuern Konigs. Ich habe nur einen Wunsch gekannt, er war, mit meinem Konige versohnt zu sein und noch einmal voll Vertrauen die Hand kussen zu durfen, die huldvoll uber mein ganzes Leben reichte.
Du hast Recht gehabt, dies zu wunschen, und Du hast dadurch Deinem alten Freunde wohlgethan. Sie sagen, mein boses Fieber sei jetzt zu Anfang des Fruhjahrs heilsam; aber dies gilt nur fur die Jugend, ich weiss es besser. Gestern, das war meine letzte Audienz! Bald hoffe ich, setzte er mit Andacht und Ruhe hinzu, vor dem Audienz zu haben, welcher der Konig der Konige ist. Im Ganzen, Bristol, furchte ich ihn nicht. Denn ob ich gethan, was moglich war auf meinem Platze, das kann nur der wissen, der allein meine Krafte richtig zu schatzen weiss; aber selten habe ich unterlassen, was ich als Recht erkannte, und wenn Du mir verzeihen willst, alter Freund, dann denke ich, wird mich ein mildes Gericht erwarten.
Bristols lange unbenetzte Augen flossen hier uber; schluchzend druckte er sein Gesicht in die fieberheisse Hand des Konigs und stohnte schmerzlich: O mein Konig, mein theurer Herr, muss ich noch lange nach meinem theuern Konige leben, so wird jeder Hauch Dank und Liebe fur ihn sein; aber vielleicht vereinigt mich Gottes Hand bald wieder mit dem, dem ich hier ausschliesslich meine Krafte weihte.
Ja, sieh, mein Freund, fuhr der Konig fort, und immer freier und ruhiger ward sein Ausdruck, wenn wir reif sind, hier aufzuhoren, das sagt freilich kein Mensch dem andern voraus, aber es giebt etwas in unserm Innern, welches zum Wegweiser dient nach jener Welt; das Leben lost sich von uns selbst ab, es schrumpft zusammen, wir sehen es in allen seinen Theilen verkleinert, wie aus weiter Ferne! Dann, glaube mir, ist es Zeit, da oben wird es weiter und grosser, und der Trieb, der uns Zeitlebens beherrscht, dahin zu wollen, wo wir uns freier bewegen konnen, der fuhrt uns zuletzt ohne Scheu uber die Grenze hinuber. Sie ziehn noch an mir herum, und Jeder will etwas anders, und ich will nichts als Ruhe, um sterben zu konnen; da denke ich, es wird nicht mehr viel schaden, was ich zugebe, und der da oben macht es wieder gut, wenn es meinem armen Lande Schaden bringen sollte. Ich empfehle Dir meinen Kronprinzen. Du weisst am besten, was fur Prinzipia wir befolgt haben, es konnte ihm Noth thun. Bleibe ihm zur Seite, das heisst, wenn Du mit Buckingham versohnt sein wirst, wozu ich Dir Gluck wunschen will; aber ich sage Dir, was er sich einmal in den Kopf gesetzt, das halt er fest, ich konnte Dir viel davon erzahlen, ohne ihn deshalb verkleinern zu wollen.
Jetzt stutzte der Konig und hielt inne, denn ziemlich vernehmlich ward im Nebenzimmer gesprochen; man unterschied die kalte und etwas abstossende Sprache des Prinzen, und die helle und lebendige Stimme des Marquis.
Der Konig ward etwas roth, wahrend er horchte, dann schien er sich zu beruhigen. Leise und heimlich ein wenig lachelnd, sagte er: Steeny ist nicht dabei, der ware schon hereingebrochen; Karl ist aber ein guter Sohn, er wird seinen alten Vater nicht betruben wollen. Doch hore, Lieber, Du thust mir zu Gefallen ein bischen blode und stellst Dich hinter den Bettvorhang, nun hore, thue es!
Bristol litt empfindlich bei dem Gedanken, sich verbergen zu sollen; er stand mit gebeugtem Haupte, und ehe noch die Bitte des Konigs den alten Stolz uberwinden konnte, offnete der Marquis dem Prinzen die Thur, und beide traten ein.
Der Prinz hielt sich abgewendet von Bristol, als sahe er ihn nicht, und ging auf das Bett seines Vaters zu, ohne dass Bristol sich von seinem Platze geregt hatte.
Der Konig streckte ihm mit unruhiger Zartlichkeit die Hande entgegen, die der Prinz in kindlicher Ehrfurcht kusste.
Mein lieber Sohn, mein theures Kind! Gott segne Dich dafur, dass Dein alter Vater Dein erster und letzter Gedanke ist; komm ganz nahe heran, setz Dich auf mein Bett, mein guter Sohn; so redete Jakob seinen Sohn mit dem sichtlichsten Bestreben an, ihn durch Liebe und Freundlichkeit milde zu stimmen.
Ich hoffe, mein theurer Vater befindet sich leidlich, und was hier in meiner Abwesenheit mindestens Unbesonnenes geschehen ist, hat, wie ich hoffen will, keinen Einfluss ausgeubt uber die so leicht erschutterte Gesundheit Eurer Majestat.
Gesundheit, Kind! lachelte der Konig, sieh, Kind, das passt nicht mehr; wo ist hier noch Gesundheit? Und meine Krankheit, Kind, der wollen wir gern eine wohlthatige Erschutterung gonnen.
Wohlthatig, betonte der Prinz, wollte Gott, es gabe eine solche; aber da ich sie nicht herbeifuhren kann, werde ich jeden ohne Unterschied fur eine nachtheilige verantwortlich machen.
Nun, nun, sagte der alte Konig etwas empfindlich, wenn Du erlaubst, mein Kronprinz, wollen wir selbst es noch ubernehmen, unsere Angelegenheiten zu vertreten. Hore, Kind, so musst Du mir nicht kommen, Frieden will ich haben, und Du wirst um meinetwillen ihn nicht mehr lange zu halten brauchen. Nun, setzte er schnell zu seinem gutmuthigen Tone zuruckkehrend hinzu, ich habe Dir nichts Unangenehmes sagen wollen, mein Prinz, komm naher und thue mir die Liebe und vertrage Dich mit dem, der hinter Dir steht und nach Deinem gnadigen Angesicht verlangt.
Mein gnadigster Vater, erwiederte der Prinz, ohne sich umzusehn, hat zu befehlen, wen ich sehn soll, und aus Gehorsam werde ich selbst das thun, was meinem Gefuhl widerstrebt. Aber ich mochte es dem zu uberlegen geben, der dies Opfer veranlasst, ich konnte nicht immer in der Stimmung sein, mich dessen mit Nachsicht zu erinnern.
Hore, sagte der Konig, nach seiner Weise entrustet, Du musst nicht drohen, denn da Du bald Konig sein wirst, ist Dein Zorn viel furchterlicher, wie der meinige. Abgesehen davon, wie er mir erscheinen muss, da ich Dein Konig und Dein Vater zugleich bin, sage ich Dir, mein Prinz, Du hast schon viel von unserm lieben Herzog gelernt, und obwol mir Eure Freundschaft lieber ist, als Eure Feindschaft vor der spanischen Reise, ist mir doch nicht sonderlich lieb, dass Du eben so storrisch wirst, wie Buckingham. Aber Du wirst jetzt gut sein, denn Du bist immer lenksamer, als Buckingham, gewesen. Drum bitte ich, mache mir die Freude und sieh Dich gnadig um.
Ich muss glauben, gnadigster Herr, sprach der Prinz im hartnackigen Ton einer festgefassten Meinung, dass der, den Ihr mir empfehlt, weder den Wunsch hat, meinen Blicken zu begegnen, noch den Muth des reinen Gewissens, mir, dem schwer Gekrankten, gegenuber zu stehn.
Doch diese Worte waren kaum ausgesprochen, als ein paar tonende Schritte den Grafen von Bristol vor den Prinzen fuhrten, und ihn nach einer ehrfurchtsvollen Verbeugung ruhig und fest, wie in die Erde gewurzelt hinstellten.
Ich konnte in Demuth harren, sprach er sanft und ernst, so lang mein gnadiger Konig fur mich sprach, aber ich kann nicht irren, wenn ich annehme, diese letzten Worte Eurer koniglichen Hoheit waren an mich gerichtet. Ich bin hier, und der Muth eines reinen Gewissens leitete den heissen Wunsch eines treuen Unterthanen, das Antlitz der hohen Herrscher in Gnade zu schauen, fur die er redlich und treu gearbeitet, bis grausamer Verdacht seine Krafte lahmte und sein Haar bleichte!
Der Prinz blieb vor seinem Anblick nicht ohne Eindruck. Dieser schone Mann hatte so den unverkennbaren Ausdruck einer hohen Seele, dass es fast unmoglich war, an Verrath und bosen Willen ihm gegenuber zu glauben. Der Prinz entging diesem Eindruck nicht, und erwiederte fast unwillkurlich des Grafen Gruss. Aber wenn er auch nicht glauben konnte, er habe seine Verbindung mit der Infantin getrennt, war er doch von Buckingham so heftig besturmt, ihn als den Urheber des Krieges anzusehn, und zuletzt so gegen den Grafen eingenommen worden, dass er sich fast angewohnt hatte, die oft wiederholt gehorte Luge wegen jener Verbindung, selbst gegen die Stimme seines Innern, als wahr ihm anzurechnen. So hielt der Eindruck der ehrwurdigen Personlichkeit des Grafen gegen so viele eingeimpfte Tauschungen nicht aus, die uberdies noch ein Unrecht verkleiden mussten und ein Geheimniss, dessen der Prinz sich bewusst war.
Ich darf jetzt nicht langer ubersehn, Graf Bristol, sprach er kalt, dass Ihr es seid; doch wenn ich mich weigerte, Euch fruher anwesend zu glauben, denke ich, bezeigte ich damit eben meine Ehrfurcht gegen den Willen des Konigs, der Euch von London verbannte, wo ich Euch dennoch jetzt anwesend finde, ohne dass mir in dem Willen des Konigs eine Aenderung bekannt ward.
Dieser Vorwurf Eurer koniglichen Hoheit trifft mich um so schmerzlicher, erwiederte Bristol sanft, als ich ihn mir lange genug als Einwurf gegen die wohlwollenden Absichten meiner Freunde vorhielt. Aber moge ein sanfteres menschliches Gefuhl die strengste Gerechtigkeit Eurer koniglichen Hoheit unterstutzen und den Grunden Eingang verschaffen, die mich ungehorsam werden liessen.
Schon wandte sich der Prinz ungeduldig ab, aber der Konig, neugierig zuhorchend, bog sich mit dem halben Leibe aus dem Bette hervor und rief lebhaft: Erzahle, Bristol, erzahle, Du hast sicher gute Grunde, wenn Du mir ungehorsam warst, was Dir uberdies schon vergeben ist, aber lass nur horen, wie das Alles zuging, ich hatte ganz vergessen, danach zu fragen.
Der Prinz blieb nun, aber mit allen Zeichen finsteren Widerwillens und trotz der Bitten des Konigs, sich nieder zu lassen, steif von Bristol und dem Marquis abgewendet.
Als ich dem Befehl Eurer Majestat gehorchend, sprach nun Bristol zum Konige gewandt, mich von London entfernte und mich auf die Guter meiner Familie zuruckzog, geschah es nur mit dem festen Willen, von der Gerechtigkeit Euer Majestat die Widerrufung eines Befehls zu begehren, der den unangetasteten Namen eines Mannes beleidigte, den Euer Majestat bisher durch die schwierigsten und gefahrvollsten Auftrage zu ehren gewusst hatten. Aber es war unmoglich, diese unablassig wiederholten Bitten, die in Demuth nur um Gelegenheit zu meiner Vertheidigung nachsuchten, bis zu Euer Majestat gelangen zu lassen; sie sind alle an dem bosen Willen gescheitert, mir diese meinen Feinden gefahrliche Gunst zu versagen.
Mylord, sprach hier der Prinz heftig, es steht dem Angeklagten schlecht, anklagend aufzutreten und Misstrauen als Vorbereitung einer sehr zweifelhaften Rechtfertigung redender Thatsachen auszustreuen.
Angeklagt, betonte mit hoher Stimme der Graf, angeklagt und ungehort, zuruckgewiesen von dem Richterstuhle meines Vaterlandes, von dem Throne meines Konigs! Angeklagt und vergeblich um Raum zur Rechtfertigung flehend. Ja, ich wiederhole es noch ein Mal, Graf Archimbald Glanford brachte in meinem Namen drei Mal dieselbe Bitte vor; meinen Konig hat sie nicht erreicht.
Nein, nein! rief Jakob, es ist so, Carl; ich habe nichts erfahren, zu meinem grossen Leidwesen!
Da gab ich mich endlich dem grossmuthigen Mitleiden des erhabenen Monarchen hin, der bald durch die heiligsten Bande dem Interesse Englands verwandt sein wird und jetzt schon mit wahrer Freundschaft ihm ergeben ist. Die Zerstorung der einst vortheilhaft genannten Plane, die den mit niederriss, der sie in treuer Absicht eingeleitet, sie war der Anfang eines Glucks fur Frankreich, worauf es zu viel Werth legt, als dass es nicht milde und theilnehmend fur den fuhlen sollte, der darunter gelitten.
Der Herr Marquis hat sich lange vergeblich bemuht, Gehor zu finden; die gestrige Audienz machte es ihm moglich, wahrend er um die Gnade bat, den Grafen Richmond einzufuhren, der fur seinen Grossvater um Gerechtigkeit flehte, Euer Majestat ein Papier einzuhandigen, welches von den vergeblich gemachten Versuchen benachrichtigte und diese Audienz fur den Herrn Marquis erbat.
Ja, ja, sagte der alte Konig, das ist Alles so. Ein wenig auffallend war der Schritt, den mein lieber Marquis that; aber wahr ist es, und wir hatten nichts dagegen, auch ohne den Fussfall des jungen Lords, Deines Enkels, mein Bristol, hatten wir eingewilligt.
Aber diese Scene, sagte der Prinz, zum Marquis etwas bitter lachelnd, maskirte vortrefflich die Uebergabe Eurer Depesche.
Der Marquis lachelte, so unbefangen und hoflich sich verneigend, als ob der Prinz ihm eine Galanterie gesagt hatte, und zeigte blos mit der Hand auf den entgegengesetzten Eingang des Zimmers, welcher nach dem Vorzimmer des Konigs fuhrte. Der Marquis hatte allein den wachsenden Sturm eines Streites vernommen, welcher von daher immer heftiger sich horen liess, und den er nicht ungern bisher von den drei lebhaft angehort Sprechenden uberhort sah. Doch jetzt schien die Sache auf dem Punkte, wo er nicht sehr wunschen konnte, die Unterredung verlangert zu sehen; denn das Interesse Frankreichs an dem Grafen durfte nicht uber die leichte Theilnahme menschenfreundlichen Wohlwollens hinausgehend erscheinen, und ein heftiger Schlag gegen eine Thur des Vorzimmers unterbrach jetzt Alle zugleich.
Da haben wir es, schrie der Konig ganz ausser sich, das ist Buckingham! O mein Gott, ich armer, alter Mann, muss ich so gequalt werden! Macht Euch gefasst, er wird wuthend sein. Bristols Namen durfte ich nicht nennen, und nun ist er selbst hier. O, Bristol, wie kannst Du verantworten, mich in eine so unangenehme Lage zu sturzen!
Mit welchen Empfindungen auch bisher der Prinz und Bristol sich gegenuber standen, schnell vereinigte sie das Gefuhl der Beschamung uber das Betragen des alten Konigs. Ja, der Prinz mochte, dem edeln und treuen Bristol gegenuber, vielleicht mit minderer Warme an den Diener denken, dessen Einfluss auf seinen Vater er unmoglich billigen konnte, wenn er sah, zu welcher kindischen Furcht seine fernste Annaherung ihn verdammte.
Euer Majestat, sagte der Prinz rasch vortretend, wird mir gewiss den Befehl geben, den unanstandigen Streit, den man wagt in die Zimmer meines koniglichen Vaters zu verlegen, augenblicklich zu beendigen. Wenn Euer Majestat unterdessen den Grafen von Bristol beurlauben wollen, wird der Herr Marquis die Hinterthur wohl wieder finden, die sich vorher seinen Wunschen aufthat.
Ich danke Euer Koniglichen Hoheit! erwiederte der Marquis schnell, dem Gesandten Frankreichs sollte hier jeder Weg offen stehen. Uebrigens muss ich bedauern, dass ein Zufall denjenigen gerade jetzt versperrt, den ich vorzog zu kommen. Die Thur jenes Kabinets ist verschlossen, wie ich eben untersucht habe. Doch wenn Seine Majestat den Grafen Bristol beurlauben, so darf ich wohl nicht zweifeln, dass er durch jenen Ausgang an meiner Seite Eurer Koniglichen Hoheit ungehindert folgen darf.
Der Prinz druckte die Lippen ein, und es war sichtlich, dass er sich keineswegs dem Herzog gegenuber so sicher fuhlte, wie der Marquis in seiner plotzlich stolzen Haltung ihm aufnothigen wollte.
Aber es war hier ein schneller Entschluss nothig. Denn theils brannte der Prinz vor Begierde, dem Marquis den Anblick des Konigs zu entziehen, der Alles, was gesprochen ward, mit Klagen bekleidete, welche die grenzenlose Gewalt des Herzogs andeuteten, theils musste der Prinz furchten, der Herzog erzwinge den Eingang, und vor dem Bette des Konigs konnten sich Scenen ereignen, die er zu furchten hatte.
Herr Graf von Bristol, sagte er daher plotzlich mit der stolzen Fassung, die ihm so wohl stand, bittet den Konig, Euch zu beurlauben.
Stumm kniete Bristol vor dem Bette nieder, und dieser Augenblick, der ihn fur immer von seinem koniglichen Freunde trennte, ward ihm erleichtert durch die Ueberzeugung, dass, wie auch wenige Augenblicke vorher ihr ruhiges Beisammensein noch einige Symptome seines fruhern edlen Geistes geweckt, doch der, fur dessen Beifall er so gern gelebt und gewirkt, langst von Krankheit, Alter und fremder Anmassung unterdruckt war.
Ja, geh nur, sagte der Konig, ihm gramlich die Hand gebend, ich will es Dir verzeihn, dass Du mich so beunruhigst; aber Du hattest es wohl lassen konnen und abwarten, bis Karl Konig ist, der Deine Angelegenheiten dann besser ausfechten mag, als ich.
O, entlassen mich Euer Majestat nicht so! rief Bristol schmerzlich; ich kam nur, um einen Blick der alten Gnade zu empfangen, um ein Mal mir sagen zu konnen: Ich blieb immer treu, unwandelbar.
Ja, ja, rief der Konig, das bestreite ich auch nicht; aber sieh, daran habe ich nie gezweifelt, und darum hattest Du nicht zu kommen brauchen, aber nun thue mir die Liebe und geh. Leb' wohl, leb' wohl! Es ist Alles gut, Alles gut zwischen Dir und Deinem Konig.
Bristol gab jeden weiteren Versuch auf; stumm kusste er noch einmal die Hand, womit der Konig nun unablassig zum Weggehn winkte und, sich gegen die Wand wendend, jede Unterredung abschnitt. Vor den Zimmern des Konigs hatte sich Lord Richmond ruhig vor die Thur gestellt, die sich nach dem letzten Zimmer vor dem Schlafgemach des Konigs offnete, mit dem festen Vorsatze, hier die Zusammenkunft seines Grossvaters mit dem Konige vor Storungen zu sichern. Doch, eingedenk der Warnungen des Marquis, hatte er den Degen unter dem Mantel, entschlossen, sich jeder Reizung gegenuber fest zu halten, und hoffend, sie werde ihm erspart bleiben.
Doch was konnte fruh oder spat in dem Palaste von Whitehall geschehen und dem verborgen bleiben, der seine besoldeten Aufseher in jedem Winkel desselben hatte.
Richmond blieb, als er den Herzog von fern horte, kein Zweifel, in welcher Absicht er komme. Schon im Vorzimmer horte er das Bestreben, den dienstthuenden Kammerer zu angstigen und die Miene sorgloser Unbefangenheit anzunehmen.
Nun, mein Kind, rief er dem alten Manne entgegen, wie steht es da drinnen? Bist Du ungestort auf Deinem Platze geblieben? Befand sich mein koniglicher Herr ganz wohl diese Nacht?
Ohne die leise Antwort zu beachten, fuhr er fort: Ich hoffe den alten Herrn durch meinen fruhen Besuch, den er nicht mehr erwartet, angenehm zu uberraschen. Sieh, ich hatte Clervon mit seiner Harfe schon um sechs Uhr an meine Thur bestellt, um, so erweckt, in der rosigsten Laune von der Welt mein erstes Fruhstuck unter Jakobs Pantoffeln und ledernen Nachtwamsern zu verzehren. Na, so lache doch, bin ich denn nicht sehr spasshaft, Alter?
Sehr, sehr, Euer Gnaden! stotterte der alte Mann,
von Buckinghams Hand sich etwas erleichternd, die, wie eine eiserne, den alten Mann fast zu Boden druckte.
Nun, nun, lachte Buckingham, geh und lass Dir
einen Morgentrank geben; die Zunge klebt Dir am Gaumen. Oeffne mir die Thur, ich will Dich nicht aufhalten.
Dies war das, was der alte Mann nicht durfte, denn
der Konig hatte ihm sagen lassen, sie nicht fruher zu offnen, als bis er es ihm befehlen liesse.
Seine Majestat stammelte der alte Mann.
Es ist schon gut, schrie Buckingham mit steigender
Wuth, denn er wusste nun, dass ihm der Eingang versagt war; schon gut, ich brauche Deinen Bericht nicht mehr, offne mir die Thur, der Konig wird mir selbst das Weitere sagen.
Eben Seine Majestat haben jeden Eingang verbo
ten.
Verboten? lachte Buckingham, ja, ganz recht; aber
was, denkst Du, dass mich das angeht?
Seine Majestat haben keine Ausnahme befehlen
lassen.
So will ich Dir uber Deine Bedenklichkeiten weg
helfen; aber ich werde es Dir gedenken, dass Du mir gegenuber sie haben konntest; und fort schleuderte er den alten Mann und stiess mit den Fussen die Thur auf.
Voll Erstaunen gewahrte er hier die nachste Thur wieder bewacht, und das von seinem Widersacher vom vergangenen Tage. Dies uberstieg seine Erwartung.
Wer zum Konige gekommen, wusste er nicht, nur, dass der Marquis mit im Spiele sei, ahnete er, ohne sein Interesse fur Bristol moglich zu halten.
Bei Richmonds Anblick durchzuckten ihn zuerst unbestimmte Ahnungen, woruber er sich nahere Aufklarung zu verschaffen entschlossen war.
Ohne Richmonds Stellung zu bemerken, ging er auf die Thur zu, als konne ihm kein Widerstand begegnen.
Als er im Begriff war, die Hand an das Schloss zu legen, trat Richmond vor.
Herr Herzog, sprach er, sich verneigend, der Konig hat fur Jedermann den Eingang untersagt.
Der Herzog trat zuruck und betrachtete spottisch den Grafen. Ach, sagte er, sich verneigend, ein neuer Page? Ja so, das wusste ich nicht; gab man Dir gestern Abend die Achselbander, dass Du heute Morgen noch so laut krahst?
Sieh Kind, Du bist neu, darum habe ich Lust, Dir einen Rath zu geben: Ich bin der Herzog von Buckingham, fur mich existirt nie ein Verbot der Art, als Du auswendig gelernt.
Ich kenne den Herzog von Buckingham, sprach Richmond kalt, und habe ihn nicht nothig zu erinnern, dass ich Degen und Sporen fuhre, also nicht Page bin. Aber beauftragt bin ich von Seiner Majestat, hier auch fur den Herrn Herzog von Buckingham keinen andern Bescheid zu haben, als den vernommenen.
Ich will Euch der Verantwortlichkeit uberheben, diese Thorheit zu wiederholen, sagte Buckingham erbittert; ich befehle Euch zuruck zu treten, ich verlange den Eingang zum Konig.
Der Herr Herzog sind zerstreut, erwiederte Richmond, hier ist nicht Buckinghams Palast, hier ist Whitehall, und diess sind die Gemacher des Konigs, worin nur ein Wille gilt, den ich Euch genannt, und den ich zu vertreten habe.
Was ist das? schrie Buckingham jetzt auf, soll das Wahrheit sein? In diesen Raumen, vor dieser Thur, wagt ein Knabe mir den Weg zu verwehren?
Ich bitte Euch, Herr Herzog, rief Richmond schnell und warm, massigt Eure Ausdrucke, dass sie ein Edelmann ertragen kann, der wehrlos gemacht ist durch den Dienst fur den Konig.
Und Ihr haltet es fur moglich, im Dienst des Konigs mir mit einem Worte entgegen sein zu durfen. Ihr glaubt, Euer Wort, das Wort von ganz England, die Worte der Welt, die Worte des Konigs und aller Konige der Erde wurden Buckingham hier wegtreiben, wenn er einzutreten denkt? Noch einmal, verlasst diesen Platz und hindert keinen Augenblick langer mich in meinem Vorsatz, oder, bei Gott! Ihr werdet es bereuen in Eurer Unwissenheit, wie ich noch zu Eurer Entschuldigung es nehmen will, hier gewesen zu sein!
Entschuldigt mich mit nichts, Mylord, entgegnete Richmond, als mit meinem Willen, hier auf diesem Platz zu bleiben; ich will von Euch nicht entschuldigt sein, denn ich bedarf es nicht!
Ha, Trotz! rief Buckingham, Du stosst die Nachsicht zuruck, die ich habe, so fuhle denn! Wuthend rannte er gegen die Thur und schlug mit dem Griff seines Degens auf das Schloss. Aber eben so sicher und gewandt unterlief Richmond den Herzog, und hielt ihn ruhig und eisern mit steifem Arm von der Thur ab.
Zieh und vertheidige Dich! schrie Buckingham, seinen Degen ziehend; aber Richmond loste sein Degengehange und schleuderte es mit dem Degen in die Mitte des Zimmers.
Ich versprach, nicht zu ziehn, sagte er fest, jetzt steht es Euch frei, einen Mord zu begehen; aber dieser erst eroffnet Euch den Eingang. Er schlug seinen Mantel von einander und stand so mit unbeschutzter Brust vor Buckingham, der von so viel Festigkeit einen Augenblick uberrascht ward, aber dann, von dem Gedanken des Widerstandes wie wahnsinnig gemacht, gegen die Thur und Richmond rannte.
Buckingham war fur einen Riesen an Kraft bekannt, und der Jungling hatte seine volle Gewandtheit nothig, den Herzog zu pariren und seinen Posten zu behaupten; doch im selben Augenblick offneten sich von Innen die Flugel, und der Prinz von Wales zeigte sich in der offenen Thur.
Im Namen des Konigs Frieden! rief er dem erbosten Herzog entgegen und winkte ihn zuruck, der auf nichts sinnend, als die Thur zu erreichen, sich sogleich hineinwerfen wollte.
Der Konig, Herr Herzog. fuhr der Prinz gegen Buckingham fort, ist erstaunt, Euch noch in London anwesend zu horen; er hatte geglaubt, dass die gestrige Audienz keinen Zweifel uber Eure schnelle Abreise zuliesse.
Seine Majestat, entgegnete Buckingham uberrascht, wird den Wunsch nicht verkennen, ihn noch ein Mal zu sehen, und da seine Majestat schon so fruh Audienz gaben, setzte er hohnisch hinzu, den Marquis und Bristol hinter dem Prinzen gewahrend, durfte ich nicht zweifeln, auch ich wurde empfangen worden sein, hatte hier nicht ein Unberufener die Rolle eines Thurwarts ubernommen.
Des Prinzen Auge streifte an Richmond, der sich tief verneigte.
Dies hat mit dem Wunsche des Konigs fur Eure gluckliche Abreise nichts gemein, sagte der Prinz, ich fuge den meinigen hinzu und hoffe Euch unter glucklichern Umstanden wieder zu sehn.
Buckingham erstarrte vor Wuth. Er hatte die Anwesenheit des Prinzen nicht gewusst, er wagte nie, ihn so zu reizen, wie den Konig, da der Prinz seine Wurde wohl kannte und sie, war er einmal entschlossen, vollkommen zu behaupten verstand. Auch legte der Marquis ihm Zwang auf, und nur sein lang genahrter Uebermuth konnte ihn noch an Widerstand und Bosheit denken lassen.
Ich weiss die Befehle dieses Mundes zu achten, hob er an, und bitte nur um die Gnade, mich in dem Schutze des Herrn Marquis wegbegeben zu durfen, da ich in Wahrheit mir keine bessere Sicherheit in diesem von jungen Raufbolden bewachten Palast denken kann.
Dies soll Euch gewahrt sein, sprach der Prinz sehr ernst. Herr Marquis, ich entlasse Euch! Mylord von Bristol lebt wohl! Ich denke, wir werden uns wiedersehn. Seid indessen sicher, dass ich die Worte meines koniglichen Vaters nicht uberhort habe, und Ihr, Lord Richmond, folgt Eurem Verwandten. Ich verkenne nicht, dass Ihr die ersten Zierden eines mannlichen Karakters, Muth und Massigung, in sehr jungen Jahren heute vereinigt habt. Nehmt Euren Degen auf, Ihr wusstet besser, wo er in dem Palast des Konigs hingehort. Herr Marquis, wir werden den Grafen von Bristol mit unserm Gefolge aus Euerm Palaste abholen lassen, und er mag sich dann desselben bis zu seinem eigenen Schlosse bedienen.
Der Prinz grusste stolz und ging voran durch die
jetzt mit Hofleuten angefullten Sale, gefolgt von den so muhsam bezahmten Parteien; er hielt, den Herzog grussend, den Marquis mit einigen Worten zuruck, bis jener mit seinem Gefolge uber den Schlosshof sprengte. Noch sass die Herzogin von Nottingham, nachdem sie sich fur die Nacht zuruckgezogen hatte, traumend der allmalig sinkenden Glut ihres Kamins gegenuber und suchte der Sorge zu wehren, die fur den geliebten Vater, je langer, je mehr ihr Herz erfullte.
Da offnete sich die Thur hinter ihrem Rucken; herein trat Lord Bristol und weckte die Sinnende mit leis aufgelegter Hand.
Es war eine ernste, tief empfundene Freude der beiden schwer Gepruften, und Lord Bristol fuhlte erst recht den Umfang des Erlebten in der Mittheilung an seine Tochter.
Ich bin fur immer von meinem koniglichen Herrn geschieden, Arabella, so schloss er seine lange Erzahlung, aber das Schwerste war mir, ihn von sich selbst geschieden zu sehn!
Und der Prinz? sagte die Herzogin, an die Zukunft denkend.
Gott wird geben, dass seine ausgezeichneten Eigenschaften sich selbst zu achter Thatigkeit uberlassen bleiben, dann wird mein Vaterland zu beneiden sein. Ich selbst, Arabella, setzte er hinzu, ich werde in ihm nicht den Erben des Wohlwollens finden, welches Jakob zu meinem Freunde machte. Doch lass uns diesen truben Gegenstand beendigen, ich habe Dir Freundlicheres vorzutragen. Anna Dorset bittet durch mich um Deinen Segen! Sie ward in derselben Stunde, als ich London verliess, die Gemahlin Deines Sohnes. Dass Du mir diese Ueberraschung zugedacht, that mir wohl. Der Anblick eines glucklichen Familienkreises, worin wahrhaft menschliche Tugenden walten und ungestort sich entwickeln durfen, ist der Balsam, der Noth thut, wenn der grossere Schauplatz menschlicher Thatigkeit ein trubes Bild boslich sich durchkreuzender Leidenschaften darstellt.
Darum, erwiederte die Herzogin, ist tugendhafte Behauptung des Rechts und der Ordnung im Schoosse edler Familien so wichtig, weil aus ihnen die einzelnen Geister hervorgehn, die in das aussere Gewirre kleinlicher Interessen muthig eingreifen und ihrer Zeit den Karakter aufnothigen, der das erdruckte Gute wieder belebt. Mit sicherer Hoffnung sehe ich auf die eben geschlossene Verbindung meines Sohnes; er wird den ehrwurdigen Namen, den er tragt, in der Ehe mit einem Wesen, wie Anna Dorset, wurdig fortpflanzen und seinem Vaterlande ein Reprasentant alt-adeliger Ehre und Sitte sein.
Ich habe die beste Meinung von meinem Enkel und freue mich seiner Nahe; denn Du darfst sie erwarten, sie sehnen sich nach Deinem Segen. Ollony wird sie begleiten, und einige Wochen spater denkt die Grafin Dorset mit Lord Ormond ihnen zu folgen.
Und Richmond, fragte die Herzogin, darf ich ihn nicht erwarten?
Richmond, erwiederte der Lord, scheint vorlaufig ein anderes Interesse zu verfolgen, welches naher, als in einigen Andeutungen, zu erfahren, weniger Mangel an Vertrauen zu mir war, als es in unserer ungemein gedrangten Zeit lag. So viel ist gewiss, dass der edle Jungling sich fur gebunden hielt in allen eignen Wunschen und Handlungen, ehe erreicht war, was ich zu meiner Ruhe gewunscht. Ich habe dies errathen konnen und muss die edle Hingebung, die er mir bezeigt, um so mehr verehren, da jenes Andere kein unbedeutendes Interesse haben kann, indem er augenblicklich, nachdem ich mich befriedigt erklart, sich ihm ausschliesslich hingab.
Er sendet Dir die ehrerbietigsten Grusse und lasst Dir sagen, dass Lord Membrocke plotzlich bei Hofe erschienen sei, und von ihm und Lord Ormond zur Rechenschaft gezogen, ihnen die Ueberzeugung gegeben habe, dass das Fraulein von Melville nicht mehr in den Handen des Lords sei, dass der Lord selbst aber nichts von ihr zu sagen wisse und in Bezug auf die ganze Sache die Verstimmung uber einen gescheiterten Plan zeige; dass er von unbekannter Hand eine Art von Notiz uber ihr ferneres Schicksal erhalten, die er zu verfolgen denke, und nicht ruhen werde, bis er Dir uber Deine Schutzbefohlene gute Nachricht bringen konne.
Mein Sohn, fuhr die Herzogin mit schneidendem Tone auf, hatte, denke ich, abwarten konnen, bis meine Befehle ihn zum Ritter dieser Dame kreirt hatten. Mit Erstaunen und Unwillen sehe ich ihn aus eignem Willen eine Angelegenheit wieder aufnehmen, die ich fur beendigt erklart habe.
Meine Tochter, unterbrach sie der Lord mit einem sanften Lacheln, wir durfen nie ubersehen, dass eine Zeit fur unsere Kinder eintritt, wo sie, von den Tugenden der Aeltern zur Entwickelung getrieben, diese erreicht haben und sich als selbststandig erkennen. Die Zeit tritt dann am entscheidendsten hervor, wenn das Herz von der gewaltigsten Macht uber die Menschen ergriffen wird, ich meine, wenn die Liebe zuerst ihren Einzug halt.
Grosser Gott! rief die Herzogin mit der ihr eigenen Heftigkeit, ich will nicht hoffen, mein Vater, Ihr sprecht von einem vorliegenden Falle! Nein, Ihr habt nur im Allgemeinen bemerkt, nicht Richmond wahnt Ihr in diesem Falle, von ihm glaubt Ihr dies nicht!
Und wenn ich eben ihn bezeichnet hatte, liebe Arabella, was erschreckt Dich daran so heftig? Unmoglich kann Richmond eine unedle Wahl treffen, Melville ist ein alter Name, er nennt sie Deine Schutzbefohlene, er verweist mich an Dich, um uber ihren Werth, ihre Tugenden Auskunft zu erhalten. Robert spricht mit Entzucken von ihr; er treibt den Bruder zur Thatigkeit, wie? Legt dies nicht Alles ein gutes Zeugniss fur sie ab?
Lasst das, bester Lord! sagte die Herzogin mit bebender Stimme und bleicher Stirn, lasst das und sagt, ich beschwore Euch, sagt, was Ihr glaubt, ob Richmond eine solche Neigung bekannte, oder ob Ihr sie wahrgenommen?
Richmond ist zart, fast jungfraulich in seinen Aeusserungen, aber dennoch glaube ich, er liebt das Fraulein, und Robert hat es mir bestatigt, und sein heissester Wunsch scheint diese Verbindung. Doch was ist's mit dieser jungen Person? und Gott! weshalb erschuttert Dich dies so heftig, meine Tochter?
Die Herzogin hatte sich bei den letzten Worten des Lords erhoben, sie wollte ihre Verzweiflung dem vaterlichen Auge entziehen, aber es stromte ein solches Uebermaass von Schmerz und bangen Gedanken auf sie ein, dass sie nicht fahig war, Fassung zu behalten. Sie stutzte sich betaubt auf die Lehne ihres Stuhles, unfahig, ein Wort auf die dringenden und besorgten Bitten des Vaters zu erwiedern. Muhsam wehrte sie endlich seinem Forschen mit der Bitte um Ruhe, und diese ihr als nothwendig erkennend, eilte der Lord, Mistress Morton herbei zu rufen. Wir haben Lord Richmond, seit seiner letzten Anwesenheit in London, nur in offentlichen Beziehungen wiedergefunden und kehren um so lieber zu ihm zuruck, da uns durch die eben erwahnte Mittheilung des Grafen Bristol eine Andeutung uber ihn zukommt, die wir um so lieber verfolgen, da sie uns wieder mit unserer eigentlichen Schutzbefohlenen in Verbindung zu bringen scheint.
Als er eines Abends spat nach dem Palaste seines Bruders zuruckkehrte, meldete man ihm, es harre auf ihn ein Fremder, der nur ihm selbst seinen Namen sagen wolle.
Richmond begab sich nach seinen Zimmern, und alsbald fuhrte man den Fremden vor, der durch seinen wurdigen Anstand, wie durch seine Kleidung sogleich den Geistlichen der herrschenden protestantischen Kirche verkundigte. Sein freundlich ernstes Gesicht und der ruhige Aufblick seiner Augen nahmen sogleich Lord Richmonds Theilnahme in Anspruch, und dieser fuhrte ihn selbst in seine innern Zimmer, ihn hier verbindlich zu seinen Mittheilungen einladend.
Ich weiss nicht, Mylord, ob ich die Angelegenheit, die mich zu Euch fuhrt, eine eigene oder eine fremde nennen soll; gewiss aber bin ich dazu berufen, mich derselben mit allen meinen Kraften anzunehmen. Mein Name ist Brixton und Euch vielleicht in Bezug auf eine junge Dame nicht unbekannt, deren sich Eure verehrungswurdige Familie auf das Gnadigste angenommen hat.
Brixton, rief Richmond freudig uberrascht, Ihr seid derselbe wurdige schottische Geistliche, an den uns Lady Melville verwies, um naheren Aufschluss uber ihre Verhaltnisse zu erhalten?
Derselbe, Mylord, entgegnete Brixton, der durch die unglucklichste Verflechtung von Umstanden, durch eine lange Abwesenheit in Irland, an der grossen und heilig gelobten Pflicht verhindert ward, dem Fraulein allen Beistand zu leisten, den ihre hochst unerwartete Lage nothig machte. Erst als ich wieder in Edinburg war, erhielt ich die Briefe, welche man mir nachzusenden bei der Unstatigkeit meiner Reise fur unmoglich gehalten hatte, zugleich aber die Erlaubniss meines ehrwurdigen Bischofs, mich nach GodwieCastle selbst zu begeben.
Hier stockte er und eine fluchtige Verlegenheit zeigte sich auf seinem Gesichte. Sodann fuhr er mit Hoflichkeit fort:
Ich habe die Ehre gehabt, die Frau Herzogin selbst zu sprechen, und von ihr die niederschlagende Nachricht erhalten, dass dies ungluckliche verlassene Fraulein einen Schritt gethan hat, der sie nicht allein der Missdeutung aussetzt, sondern wahrscheinlich auch in die unglucklichsten Verhaltnisse gesturzt hat, wenn nicht bald etwas zu ihrer Rettung geschieht.
Es gab eine Zeit, an die ich mit Schmerz als eine vorubergegangene denke, wo alle Macht und alles Ansehn der erlauchten Familie Nottingham sich vereinigt haben wurde, um diese Rettung zu beschleunigen.
Ich mache der Frau Herzogin aus ihrer Weigerung keinen Vorwurf; ich konnte mich ihr nur mit halbem Vertrauen mittheilen, da ich durch fruhere Versprechungen gehindert bin, mich uber das ganze Verhaltniss der jungen Dame genugend auszusprechen; ich musste daher auf eine Theilnahme rechnen, die sich vielleicht fur sie hier vorfand, auf ein Vertrauen, welches mir, dem Fremden, um dieses Kleides willen vielleicht geschenkt ward. Frauen sind zu einer grosseren Vorsicht bei Verschenkung ihres Vertrauens berechtigt; auch sind die eignen Familienangelegenheiten ganz geeignet, das grossere Interesse der Frau Herzogin in Anspruch zu nehmen. So habe ich allerdings sehr wenig Erlauterndes uber den unglucklichen Schritt des Frauleins erfahren konnen.
Ich musste mich darein finden und that es um so eher, da mir eine Reise nach London jedenfalls den Schutz zu gewahren verhiess, dessen ich bedurfte. Die Sache hatte sich hier jedoch anders gestaltet. Unfahig, die Personen zu erreichen, die ich als hulfreich kannte, bin ich von einer mir verborgen bleibenden Partei in allem, was ich vorhabe, beobachtet und gehindert; ja, ich habe Ursache zu glauben, dass selbst meine personliche Sicherheit gefahrdet ist.
Sir, rief hier Richmond, dessen anschwellendes Herz aufathmete, diesem Manne, der wahrscheinlich in Godwie-Castle keine freundliche Aufnahme erfahren hatte, und der ihm doch so uber Alles hinaus wichtig erschien, sein Wohlwollen bezeigen zu konnen, nehmt denn vor Allem den Schutz an, den dies Schloss und der Name Nottingham zu leihen vermogen; mein Bruder, der diesen Namen von seinem verehrungswurdigen Vater erbte, tragt ihn nicht mit minderer Ehre.
Freundlich sich neigend nahm der Geistliche diesen Antrag auf.
Ich kann nicht laugnen, dass Eure Gute die Bitte erfullt hat, die ich um so sicherer an Euch thun wollte, als ich mich selbst, setzte er lachelnd hinzu, fur wichtig erklaren muss; doch, fuhr er ernster fort, ein Blattchen vorzeigend, ich hatte nicht den Muth, das Interesse Eurer Familie so fortdauernd in Anspruch zu nehmen, glaubte aber in einer unsichern Lage den von einem Unbekannten und anscheinend Wohlwollenden mir angezeigten Weg nicht verschmahen zu durfen. Kennt Ihr die Handschrift?
Richmond nahm das Blattchen. In unorthographischer Schrift stand darauf:
"Eure personliche Freiheit ist bedroht, sucht das Palais der Nottinghams auf, Lord Richmond wird Euch Schutz verleihen."
Sonderbar! rief Richmond, wer kann Eure Sicherheit bedrohen? Habt Ihr daruber Vermuthungen?
Ich kann in diesem Augenblicke nicht daruber urtheilen, Mylord; es ist so Vieles, so Unerwartetes in meiner Abwesenheit geschehen, dass ich nicht im Stande bin, zu ubersehen, welche Ausdehnung dadurch ein Mitwissen um Verhaltnisse erhielt, die bisher wohl berechnet in ein wohlthatiges Dunkel gehullt waren.
Und gehen diese Verhaltnisse die junge Dame ausschliesslich an, die sich Eure Schulerin nannte? fragte Richmond.
Sie war bis zu dem entsetzlichen Augenblicke, der sie plotzlich aller ihrer Stutzen beraubte, der Gegenstand der zartlichsten Sorgfalt und Liebe, der stolzesten Hoffuungen, der glucklichsten Aussichten fur die Zukunft; und alle, die sie kannten, fuhlten sich durch Pflicht und Liebe berufen, ihr die grosste Verehrung zu weihn. Ach! ich bin in diesem Augenblicke der einzige, der von so vielen und wurdigen Personen ihr geblieben ist. Aber es lebt noch ausser mir ein Wesen, bestimmt, ihr Schutz zu sein von Gott und Rechtswegen, und dies zu erreichen, ist die Absicht meines Hierseins.
Ihr sprecht von dem Oheime des Frauleins, den wir vergeblich getrachtet haben ihr wieder zu finden, nach dem sie sich unablassig sehnte. Sagt, Sir, habt Ihr ihn entdeckt, lebt er hier, und konnen wir uns mit ihm vereinigen, das Fraulein aufzufinden?
Wie sehr beklage ich, Mylord, Euerm wahren und aufrichtigen Eifer nicht mit dem vollen Vertrauen begegnen zu konnen, von dem ich mich zu Euch durchdrungen fuhle; aber, mag es zu Anfang unserer Bekanntschaft gleich ausgesprochen sein, dass ich Euch auf alle Fragen die Antwort schuldig bleiben muss, wenn sie gegen Verpflichtungen streiten, die ich nicht aufzuheben vermag.
Konnt Ihr Euch entschliessen, mir ohne dies Euer Vertrauen zu schenken, konnt Ihr Euch mit mir vereinigen, wo ich Hulfe bedarf, zur Rettung der unglucklichen jungen Dame, so darf ich Euch bei der Wurde meines Amtes schworen, Ihr weihet Beides keiner unedeln Sache, vereinigt Euch mit keinem Unwurdigen.
Genug, Sir; ich achte Eure Zuruckhaltung und werde stets nur das Vertrauen von Euch verlangen, was sich mit jenen fruheren Verpflichtungen vertragt. Glaubt indessen nicht, dass wir so schnell das Fraulein aus den Augen verloren. Ihr Weg ist verfolgt worden von einer Person, auf deren Treue wir uns verlassen konnten, und sie ist, von Lord Membrocke getrennt, in einem Schlosse in Nordhampton zuruck gelassen worden, wahrend der Lord seinen Weg allein fortgesetzt hat, doch zur Zeit noch nicht in London eingetroffen ist, wo er indessen von seinem Freunde, dem Herzog von Buckingham, erwartet wird, da er auf der Liste der Kavaliere steht, die dem Herzog nach Frankreich folgen werden. Mein Diener ist ubrigens dem Lord Membrocke gefolgt, bis er von dem Aufenthalte des Frauleins zu entfernt war, um seine Ruckkehr dahin erwarten zu konnen. Unbezweifelt ist jedoch, dass auch dort ihre Gegenwart mit der grossten Sorgfalt verhehlt wird, da es ihm bei seiner Ruckkehr sogar nicht moglich ward, uber die Anwesenheit der Lady die geringste Spur zu erhalten, viel weniger sie selbst zu sehen.
Die Angelegenheiten meiner Familie legten mir eine Verpflichtung auf, die mich an London band; sonst wurde ich viel fruher geeilt haben, die Spur zu verfolgen, die wir dadurch gefunden, und die mich wenigstens in der einen Beziehung beruhiget, sie nicht mehr in Lord Membrockes unmittelbarem Gewahrsam zu wissen, obwol ich ihn noch dabei im Spiele glauben muss, da der Edelmann, der Besitzer jenes Schlosses, ein Vertrauter des Herzogs von Buckingham ist.
Des Herzogs von Buckingham! rief mit sichtlicher Ueberraschung Master Brixton. Wie? Hat der Herzog Kunde von dem Fraulein? Glaubt Ihr, Mylord, dass Lord Membrocke blos als Agent des Herzogs handelte?
Ich muss dies dahin gestellt sein lassen, erwiederte Richmond, doch rechne ich es mehr der verliebten Thorheit Membrockes zu, womit er das Fraulein, obwol Anfangs sehr zu ihrer Missbilligung, verfolgte.
Anfanglich? erwiederte Brixton. Zweifelt nicht; dieser Thorheit, wie Ihr es richtig nennt, unterlag die Lady auch spater nicht, wie Ihr anzudeuten scheint. Auf eine andere Weise hat man sie zu diesem Schritte veranlasst. Ich kenne sie zu genau, um nicht zu wissen, dass dringende Anforderungen an sie ergangen sein mussen, sie zu diesem gehassigen Schritte zu bewegen.
Sir, rief Richmond bewegt, Ihr habt ein so festes Vertrauen! Denkt Ihr auch ihrer Jugend, ihrer leicht gereizten heftigen Natur? Diese Quelle ihrer eigenthumlichen Seelenschonheit ist zugleich einer Frau so verderblich, fuhrt sie so leicht uber die Grenzen hinaus, ach, die sie nicht mit ihren Augen uberschreiten darf, ohne in Gefahr zu sein.
Ich ehre Euer feines Gefuhl fur die heilige Atmosphare der Sittlichkeit, worin Ihr die weibliche Ehre einhullet, und theile diese Ansicht ganz, erwiederte Brixton; aber Lady Maria ist die schonste Mischung kindlicher Unschuld und eines starken Bewusstseins von Recht und Unrecht; sie hat fur ihre Jugend eine Selbststandigkeit des Karakters, die man nur begreift, wenn man ihre Erzieher und den Zweck ihrer Erziehung kennt. Es ist wahr, Mylord, sie gehort nicht zu den schonen bewusstlosen Seelen ihres Geschlechtes, die aus dem Bereiche einer rein gebliebenen Empfindung alles unwillkurlich entfernt halten, was sie verletzen konnte, instinktartig sich bewahren und eine schone ehrenwerthe Erscheinung bleiben. Lady Maria ist mit Absicht geweckt und zum Bewusstsein gefuhrt worden. Was wahrhaft rein und vor Gott bestandig ist, hat sie scheiden lernen von dem leeren, inhaltlosen Formenwesen, wohinter verkruppelte Seelen sich mit allen Anspruchen auf Achtung zu fluchten vermogen, und wobei das reinere und hohere Gefuhl des Menschen oft mit erdruckter Ueberzeugung dem Banne der tyrannischen Gewalt unterliegt. Sie steht mit dem Maasse ihrer Hingebung oder Versagung stets vor dem Throne einer grossen Idee, die, rein entwikkelt, stets unerreichbar, sie demuthig erhalt vor Gott, kalt und vollig abweisend gegen die von anderswo kommenden Weisungen der Menschen. Sie ist dadurch gerade warmer und nachgiebiger gegen den grossen Verband, den die Natur unter den Menschen knupfte, sie ist voll Ehrfurcht gegen die geselligen Pflichten, die erganzend eintreten, wo dieser nicht stattfindet. Aber sie ist dies Alles mit einer Feinheit und einem Bewusstsein, was eben nothwendig sie rucksichtslos erscheinen lasst nach gewohnlichen Voraussetzungen.
Richmonds Augen ruhten wahrend dieser Worte am Boden; er gedachte des Ideals seiner Brust, er wollte prufen, ob es sich mit den Worten des Geistlichen vertrug; er konnte nicht damit fertig werden; unsicher wogten die Bilder durch einander, und endlich fuhlte er, dass sein Nachdenken schon zu lange gewahrt. Mit einer desto bereitwilligeren Miene eilte er, das Schweigen zu unterbrechen.
Es steht mir in keinem Falle zu, Sir, sprach er rasch, an Worten Zweifel zu hegen, die durch die Erscheinung des Frauleins selbst bestatigt sind, und jedes Misstrauen, das ein so ausserordentliches Schicksal an dem Karakter der Person selbst mit sich fuhrt, wurde um so unedler sein, fest zu halten, als es ohne Zweifel die schmerzlichste Zugabe desselben ist. Noch ein Mal nehmet die Versicherung, dass ich zu jeder Mitwirkung bereit bin und in einigen Tagen hoffen darf, mit meinen Angelegenheiten weit genug gediehen zu sein, um dann die Spur der Lady verfolgen zu konnen. Erhaltet Euch der Sache, Sir, der Ihr so nutzlich werden konnt; es ist mit Euerm Erscheinen ein Hinderniss gehoben, dessen Bedenklichkeit ich stets empfand. Euch wird die Lady vertrauen und Euch zu folgen einwilligen, wenn wir so glucklich sind, sie aufzufinden; was wir jetzt kaum hoffen durften, nachdem es uns schon ein Mal verweigert wurde, wo die eigene Ueberzeugung von Membrockes bosem Willen vielleicht noch nicht eingetreten war.
Seid daher vorsichtig und verlasst den Schutz dieses Hauses nicht, bis zu unserer Abreise. Kennen wir die Absichten des unbekannten Warners nicht, hat er sich doch darin nicht geirrt, Euch hier gesichert zu halten.
Lord Richmond gab nun selbst Befehl, einige Zimmer, die an die seinigen grenzten, fur einen Gast in Bereitschaft zu setzen, und liess dessen Reisegepack von einem verschwiegenen Domestiken, der die Livree ablegte, aus der Herberge herbeischaffen, ohne zu erlauben, dass er die Mauern des Schlosses wieder verlasse.
Der andere Tag ward dazu verwendet, mit dem jungen Herzoge die nothigen Verabredungen zu treffen und Brixton mit denselben bekannt zu machen; zu welcher Berathung sich auch Lord Ormond einfand. Ausser Zweifel waren die Empfindungen der hier zusammentreffenden Manner ganz geeignet, Brixton die Hoffnung eines kraftigen Beistandes zu verheissen, und er beschloss innerlich, mit denselben erst Alles zu versuchen, um seine junge Freundin ihren falschen Beschutzern zu entfuhren, da er sich in jedem anderweitigen Schritte, der ihm Aussicht auf Hulfe verlieh, mannigfach gehindert sah, und er die Warnung, fur seine Freiheit zu sorgen, nicht unbegrundet finden mochte.
Der Widerstand, den er erfahren, schien ihm von einer gemachten Entdeckung uber das Fraulein herzuruhren, und er konnte ihr Verschwinden mit seiner eigenen Verfolgung in Zusammenhang bringen, obwol es ihm hochst unwahrscheinlich blieb, dass dies von der Seite des Herzogs von Buckingham herkommen sollte, den er unmoglich mitwissend und doch verfolgend denken konnte.
Einen Schritt bei Letzterem zu thun, schien ihm bei der Veranderung der Dinge, die uber Alles so viel Dunkelheit gebracht, ein zu gewagtes Unternehmen, da seine Aufmerksamkeit zu erregen, schon Gefahr brachte, ein ihm bisher heilig gehaltenes Geheimniss bloszustellen. Er beschloss demnach, zuerst ihre Befreiung als das Nothigste anzusehen und der Zeit alle fernere Entwickelung anheim zu stellen.
In der grossten Zuruckgezogenheit wartete er daher die Zeit ab, die seinem jungen Beschutzer erlauben wurde, sich ganz der Sache seines Schutzling zu widmen, die aber fur den Augenblick noch in Anspruch genommen war von den uns bereits bekannten Vorgangen in der Familie Nottingham.
An dem Hochzeittage seines Bruders begleitete Richmond seinen Grossvater, den ehrwurdigen Lord Bristol, trotz des prinzlichen Gefolges, bis an die Grenzsteine der vaterlichen Besitzungen, und eilte dann mit dem gluhendsten Eifer zuruck, um sich zu Brixtons Bestimmung zu stellen.
Sein erster Schritt war jetzt, Lord Membrocke aufzusuchen, da nur noch wenige Stunden bis zu dessen Abreise blieben, indem dem Herzoge von Buckingham, zu dessen nachster Umgebung er gehoren sollte, keine Zogerung mehr gestattet war. Doch fand er dies eitle Kind der Welt in ein solches Gewirre der gewohnlichsten Lebensbeziehungen verwickelt, so von Schneidern, Juwelieren, Stickern und Handelsleuten aller Art umgeben, dass ihm keine Beziehung zu Lord Richmond in Erinnerung geblieben schien und er diesen aufforderte, der Tanzstunde beizuwohnen, die ein franzosischer Tanzmeister ihm geben wolle, um ihn in den neuesten zu Paris bei Hofe gebrauchlichen Tanzen zu unterrichten.
Ich denke, Mylord, sprach Richmond mit dem vollsten Ausdrucke der Geringschatzung, Euch wird nicht ganz entfallen sein, dass ich Euer Haus nicht betreten haben kann, um Euern Spassen beizuwohnen, dass es unter uns ernstere Beziehungen giebt, die erortert sein wollen, ehe ich Euch erlauben kann, in diesem Tone Euch zu vergnugen.
Richtig rief Membrocke mit sehr naturlichem Erstaunen, da ihm wirklich im Augenblicke erst die Veranlassung zu Richmonds Besuch einfiel. Wir haben, setzte er lachend hinzu, uber die kleine schlaue Miss eine Zwiesprache zu halten, die ich Euer Liebden strenger Aufsicht entfuhrte.
Richmonds Stirn brannte bei der geringschatzigen Art, wie er hier ein Wesen erwahnen horte, gegen das er sich selbst noch jeden Zweifel vorwarf.
Ich bin nicht gewohnt, Mylord, rief er, ungeduldig ihm naher tretend, in der Gegenwart solcher Thoren ernste Angelegenheiten zu besprechen; zeigt mir Euer Kabinet.
Allerliebst, lachte Membrocke mit schon annehmender guter Laune, allerliebst! Ihr hier versammelte Gesellschaft von Thoren, Ihr meine liebenswurdigen Gefahrten, amusirt Euch wohl, indessen ich in meinem Kabinet ein paar Fledermause jagen will, die uber Nacht herein geflogen. Wollt Ihr mir dabei helfen, Mylord, so nehmt den Vortritt.
Mit stolzer Heftigkeit trat Richmond an ihm voruber in das Kabinet, welches der Lord ihm geoffnet, und trug dies auch eben so den Stempel der Thorheit, wie das erstere, so waren es doch nicht Menschen, sondern leblose Gegenstande, die hier sich jeder ernsteren Beziehung zu widersetzen schienen.
Lasst mich stehn, rief Richmond, als der Lord ihn auf ein mit allerlei Kram belegtes Ruhebette einlud; was ich mit Euch zu reden habe, muss bald abgethan sein. Erklart Euch, ob Ihr der Familie Nottingham, die durch mich zu Euch redet, den angethanen Schimpf gut machen wollt, aus ihrem Kreise ein von ihr beschutztes unbescholtenes Madchen entfuhrt zu haben, ob Ihr es gut machen wollt, indem Ihr mir bekennt, zu welchem Zwecke und wohin Ihr sie entfuhrt; oder ob Ihr es vorzieht, zu jeder Euch beliebigen Stunde mit mir Euern Degen zu kreuzen?
Wahrlich, rief Membrocke, der bei aller Verworfenheit die gewohnliche Kavalier Bravour hatte, um jeden Preis mochte ich das Letztere wahlen, um des Vergnugens willen, Euern jungen Degen kennen zu lernen.
Wohlan, die Bekanntschaft soll Euch werden, erwiederte Richmond, er ist nicht jung genug, um die Sache der Unschuld nicht vertheidigen zu konnen, und, unentweiht, noch nie gezogen worden, um die Laster seines Besitzers zu vertreten.
Dies liegt ausser Zweifel, lieber Lord, spottelte Membrocke, die Nottinghams sind alle wahre Tugendhelden, Ihr seid alle, glaube ich, von Eurer gestrengen Frau Mutter erzogen worden; man sagt, sie habe ihre Erziehungsmethode bei Euerm Vater eingeubt bis sie Euch dann ubernommen.
Nennt den Namen meiner Mutter nicht! rief Richmond heftig; ihr erhabener Karakter und ihre Tugenden liegen ausser Euerm Bereich; ich kann nicht zugeben, ihn von Euch zu horen.
Wahrlich, unterbrach ihn Membrocke zuruckweichend, Ihr beschneidet sehr den Stoff unserer Unterredung! Wovon beliebt es Euch zu sprechen, wenn nicht von den lieben Angehorigen? Ich dachte, wie gut ich es gemacht hatte.
Wir haben uberhaupt nichts mehr zu sprechen, Mylord, erwiederte Richmond kalt; was wir noch vorhaben, wird mit wenig Worten abzuthun sein. Wo werden wir uns finden!
Ja so! sagte Membrocke, und sein Gesicht ward plotzlich nachdenkend, das ist eine schlimme Sache, wo soll ich dazu Zeit finden? Diesen Abend reist der Herzog ab, ich habe noch unabsehbar viel vor bis dahin, Ihr setzt mich wahrlich in Verlegenheit.
Ist das die Sprache eines Mannes von Ehre, sprach Richmond, oder beabsichtigt Ihr eine neue Beleidigung gegen mich durch Eure Ausflucht? Ihr werdet Zeit finden, und sollte es der gegenwartige Augenblick sein und dies Zimmer unser Kampfboden!
Halt! Halt! rief Membrocke, wir mussen nicht mit der Thorheit anfangen, an unserer gegenseitigen Bravour zu zweifeln; die hat jeder Edelmann unseres Namens, so viel wie nothig, um wegen ein paar Unzen Blut mehr oder weniger sich nicht zu kummern. Ich habe nicht die Absicht, Euch zu beleidigen, ja, eigentlich, setzte er gutmuthig hinzu, achte ich alle Manner Eures Stammes wegen ihrer makellosen Ehre, aber Ihr musst Euren Maassstab, zu handeln, nicht den heiteren Kindern der Welt aufnothigen, die andere Ansichten von Lebensgenuss haben, und darum nicht gleich einen ganz gewohnlichen kleinen Liebesroman als eine Ehrensache ansehn.
Richmonds Herz zog sich krampfhaft zusammen. Es lag das Eingestandniss eines solchen Verhaltnisses mit Lady Melville in diesen Worten, und er schauderte zuruck, ihrer so erwahnen zu horen. Halb abgewendet, um seine Erschutterung zu verbergen, rief er mit dem tiefsten Ausdruck von Zorn und Schmerz:
Es kann kein Streit unter uns sein uber Dinge, woruber wir zu verschieden denken, als dass unsere Meinungen sich je erreichen werden. Doch sollen Eure Worte ein solches Verhaltniss zur Grafin Melville andeuten, so sehe ich Euer Verhalten dabei als eine Beleidigung fur unser unbescholtenes Haus an und bestehe auf der einzigen Genugthuung, die Ihr geben konnt.
Mylord, sagte Membrocke, hatte ich Zeit, so wurde ich mich nicht bemuhen, Euch mit Worten aufzuklaren, denn ich liebe, gleich Euch, die prompte Sprache von zwei guten Klingen; so aber will ich, der Aeltere, auch der Gemassigtere und Verstandigere sein. Aufrichtig gesagt, es ist mir die Sache, fur welche Ihr mein Blut fordert, herzlich gleichgultig geworden, und ich habe die Pruderie der kleinen Narrin langst vergessen. Sie ist nicht der Muhe werth, dass zwei Manner, wie wir, uns darum raufen.
Gut, rief Richmond, der einige trostreiche Worte vernommen, mit mehr Ruhe. Auch ich bin kein Kind, das blos seine Waffen versuchen will; doch fordere ich dann von Euch einen offenen Bescheid daruber, wo Ihr das Fraulein hinfuhrtet, in welcher Lage sie sich befindet.
So weit reicht mein guter Wille nicht, Mylord, erwiederte ruhig Membrocke; nun aber seid ruhig und hort mich, fuhr er fort, da Richmond heftig auffuhr. Ihr sollt Alles wissen, was Euch interessiren kann, ich verspreche es Euch; aber seid nicht wie ein gereizter Lowe, ich bin meines Lebens ja nicht sicher mit Euch.
Etwas beschamt uber seine Heftigkeit, die ihn diesem gering geschatzten Manne gegenuber fast in Nachtheil brachte, zog sich Richmond kalt zuruck, entschlossen, genau und scharf, aber ohne Unterbrechung zu horen.
Wir wiederholen hier nicht eine Mittheilung, deren Gegenstand wir bereits kennen. Membrocke liess der Tugend des Frauleins Gerechtigkeit widerfahren; ohne Buckingham zu nennen, verrieth er, dass sie ihn als Begleiter zu ihrem Oheim gewahlt, und legte ziemlich aufrichtig die Machinationen dar, womit er das Fraulein entfernt hatte, wobei er jedoch den Brief verschwieg und dadurch ihre Leichtglaubigkeit dem Erstaunen Richmonds uberliess. Das Ende und ihren Verlust in Sir Patricks Schloss, von wo ihn eine Einladung des Herzogs zu der vorhabenden Reise weggefuhrt, wusste er gleichfalls von der eigentlichen Wahrheit fern zu erzahlen, und ihre Flucht von dort, die ihm bis jetzt wirklich ein Rathsel war, in das uberzeugende Licht der Wahrheit zu stellen. Richmond hatte einen Trost empfangen, der ihn willfahrig machte, die ubrigen Umstande gunstig zu finden, er glaubte Membrocke alles Uebrige, da er so gern an dessen Unschuldserklarung des Frauleins Glauben hatte. Ihre zugleich dabei hervortretende Unbesonnenheit schien ihm nur zu sehr mit seinen eigenen Wahrnehmungen uber sie zu stimmen, als dass er diesen Theil der Erzahlung hatte in Zweifel ziehen sollen. So erklarte er sich denn innerlich zufrieden und stand auch nicht an, es auszusprechen, da er es aufgeben musste, der verworfenen Moral des Lords das Unwurdige seiner Handlungsweise bemerklich zu machen.
Ja, Mylord, sprach Richmond auf dessen Frage, ich will mich zufrieden geben mit Eurer jetzigen Mittheilung und danach handeln, aber seid sicher, Ihr bleibt mir verantwortlich fur die Folgen Eures strafbaren Verfahrens; und horte ich hier nicht die Wahrheit, so werdet Ihr nach Eurer Ruckkehr wohl Zeit finden, mir Antwort zu geben auf das, was ich Euch dann zu sagen haben werde.
O, sicher und gewiss! rief Membrocke, wieder in seinen nachlassigen Ton verfallend; was kann mir angenehmer sein, als eine so ehrenvolle Aussicht bei meiner Ruckkehr.
Mit der grossten Kalte und Hoflichkeit trennten sich Beide, und es sei uns nur noch erlaubt, hinzu zu setzen, dass Membrocke seinem Freunde, dem Herzog von Buckingham, nichts von dieser Unterredung mittheilte. Sein Betragen liess keinen Beifall hoffen, da des Herzogs Hass gegen die Nottinghams stets nach Gelegenheit trachtete, sie anzugreifen; vielleicht auch war es eine gewisse Schadenfreude, die diese edeln Gefahrten gegen einander hegten, und welcher eine mogliche Befriedigung bevorstand, wenn es den Nottinghams gelang, das Fraulein aufzufinden und damit die ehrgeizigen Plane des Herzogs zu durchkreuzen. Membrocke zweifelte nicht, Richmonds leidenschaftliche Stimmung wurde ihm bei ihrem Auffinden schon eingeben, das zu thun, was sie fur den Herzog alsdann ziemlich verloren machte; genug, der Lord entschloss sich, daruber zu schweigen.
Lord Richmond dagegen eilte in grosster Eile zuruck, um mit seinen Freunden nach diesen empfangenen Mittheilungen die nachsten Beschlusse nehmen zu konnen. Dies war nicht minder schwierig, als fruher, geworden, und die einzige zu verfolgende Spur musste sich von dem Schlosse des Sir Patrick aus anknupfen lassen, wohin sie sich zuvorderst zu begeben beschlossen, und zwar Brixton und Richmond, von einigen bewahrten Dienern begleitet. Wir fuhren unsere Leser an einem Nachmittage durch die weitlauftigen Gange und Gallerien des alten koniglichen Schlosses an manchem anscheinend einladenden Eingange voruber, und offnen am Ende eines solchen Ganges eine kleine unscheinbare Thur, die uns in ein leeres und dusteres Vorgemach fuhrt. An dem schwachen Torffeuer des Kamins finden wir einen Jungling in hauslicher Tracht knieend, in einigen Tiegeln einen Teig ruhrend, der, nach dem daneben ausgebreiteten Leinenzeuge und dem starken Geruch von Krautern zu schliessen, einen Umschlag fur irgend einen Leidenden zu enthalten schien.
Schnell und geschickt sehen wir ihn jetzt eben den hinreichend erwarmten Teig in die Tucher schlagen, und leicht und gerauschlos mit der vollen Elastizitat der Jugend in ein Nebenzimmer springen, dessen kleine Thur uns, hinter ihm her, in ein grosseres Zimmer fuhrt, was an Hohe, Umfang und Bauart dem besseren Theile des Schlosses angehort.
Seine innere Einrichtung bietet die seltsamen Widerspruche von geschmacklos geordneten und unreinlich gehaltenen Gegenstanden des Luxus zu den nothigen Verrichtungen der geringeren Beschaftigung eines niedern Standes dar. Alles zeigt uberdies von langerer Vernachlassigung, denn wir finden Kleider und Wasche in unsaubern Zustanden uber einander geworfen, und diese Zerstorung bald erklart, wenn wir den Seufzern folgen, die uns nach einem Winkel des Gemaches zu einem Lager ziehn. Hinter seinen zuruckgeschlagenen Vorhangen sehn wir die bleiche abgezehrte Gestalt eines Greises, die sich seufzend den Handreichungen des geschickten Junglings unterzieht, der eben seine erwarmten Umschlage um den Leib des Kranken legt.
Nun werden die Schmerzen nachlassen, Ohm, spricht er alsdann mit der sichersten Zuversicht; Du wirst dann einschlafen; wenn Du aufwachst, wirst Du Hunger haben und Dich satt essen, und wenn morgen fruh die Sonne scheint, schleppe ich Dich nach Deinem Fenstersitz, und dann bist Du gesund.
Trotz der kuhnen Reihefolge der zu hoffenden Zustande und der wenigen Wahrscheinlichkeit ihrer Erfullung, richteten sich die kleinen, truben Augen des Kranken doch einen Augenblick voll Hoffnung nach dem jugendlichen Troster, als lage in seinen Worten schon ein Balsam, dessen Wohlthat nicht ganz ohne Wirkung bleiben konne.
Doch nach der Art alter Leute, der Jugend ihre glucklichen Kombinationen nicht zu gestatten, selbst wenn ihre Erfullung die eigenen geheimen Hoffnungen aussprache, schuttelte der Alte unwirsch das Haupt, und unter vielen Seufzern hob er fast scheltend an:
Thorheit, Thorheit! Siehst Du so wenig ein, wie ich leide und heruntergebracht bin, um mich in zwolf Stunden durch Deinen Brei wieder auf die Beine bringen zu wollen? Alles steht zwar in der Macht des Herrn, setzte er beinah weinerlich hinzu, und ist mein Ziel noch nicht gekommen, werde ich genesen, aber vielleicht, vielleicht erstehe ich auch nimmer mehr von diesem Schmerzenslager.
O schweig doch! rief der Jungling mit jugendlicher Ungeduld, wie wirst Du doch sterben, Du bist ja noch gar nicht alt und bekommst ja so schone Arznei, wie der Konig selbst. Der Mensch kann viel aushalten, sagte immer Dein Bruder, Margarithens Vater, und da musst Du Geduld haben. Ich gebe Dir auch bald wieder Tropfen, und der Brei wird sicher Deinem Leibe gut thun.
Dies schien in Wahrheit der Fall zu sein, denn das leidende Gesicht des Alten zog sich ruhiger zurecht, und dem angstlichen Stohnen folgte eine Ermattung, die in einen leichten Schlummer uberging.
Still sass der Jungling und blickte in die wohlthatige Ruhe, die sich nach und nach um ihn verbreitete. Sein jugendliches Gesicht trug, trotz der eben bewahrten Thatigkeit, die Spuren der Uebermudung, die vielleicht einige Nachte, an dem Schmerzenslager durchwacht, ihm zugezogen hatten. Seine Augen ruhten erst mit aller Anstrengung weit geoffnet auf seinem Pflegebefohlenen; als aber dessen ruhiger Athem anzeigte, dass die Sussigkeit des Schlafes ihn beschlichen, wurden sie immer matter, und von dem Bilde der Ruhe vor sich sympathetisch ergriffen, senkten sich die schweren Augenlider. Bald fand er eine Stutze auf den weichen Decken des Fussbodens, und es sank ein fester und anhaltender Schlaf auf seine bedurftige Natur.
Nicht lange hatte so die Stille gewahrt, da schlichen leise Schritte durch das Vorzimmer, und in einen weiten Mantel gehullt erschien eine mannliche Gestalt, die, mit schnellen Blicken das Zimmer uberfliegend, die ganze Lage aufzufassen strebte und dann leise den Armstuhl an dem Bette des Kranken einnahm, zu dessen Fussen der Jungling den Schlaf der Unschuld schlief.
Seine lebhaften kleinen Augen flogen von einem Schlafer zum andern, und es war nicht ohne Interesse, die Gedanken darin zu lesen, welche unbewacht sich ganz den so eben empfangenen Eindrucken hinzugeben schienen.
Den Greis vor sich prufte er mit der geringschatzigen Miene eines sicheren Kenners von Leben und Tod, und zog die Lippe gleichgultig empor, als er ihm innerlich das Letztere zuerkannt hatte.
Auf den Jungling zu seinen Fussen starrte er dagegen mit einem Ausdruck von Neid und Neugierde hin. So ruhig, so heiter schlafen konnen! War es ein Gluck, das er nicht mehr begriff, und das ihn doch heimlich an seine verlorne Seligkeit mahnte; war das Geringschatzung gegen ein so unbewegtes Leben, gegen eine so unbedeutende Existenz? Er zuckte mit dem Fusse, der fast dicht an dem lockigen Haupte des vom Schlaf Gerotheten stand, und zog ihn mit verachtlichem Lacheln zuruck. Doch der Alte hatte nur wenig Augenblicke Ruhe gefunden, vielleicht hatte ihn der stechende Blick des Ankommenden aus dem Nebellande der Traume zuruck gelockt.
Unwillkommen schien das Bild des Harrenden dem muden Auge; es schloss und hob sich nur mit einem Seufzer.
Es geht bedeutend besser, wie ich sehe, Alter, rief der Angekommene, ich denke, Du hast uberwunden.
Etwas Ruhe und Schlaf wurden vielleicht bei so geschwachten Kraften das Nothigste sein, doch wie Ihr befehlt, ich bin Euch zu gehorchen bereit, was steht zu vollfuhren? erwiederte ergeben der Kranke.
Deine Genesung ist allerdings nothig und gern gesehn, erwiederte der Angeredete, und die Wohlgeneigtheit Deiner Freunde wunscht sie zuerst um Deinetwillen, weniger machen die aussern Angelegenheiten fur jetzt sie nothig.
Seufzend legte der Alte sein Haupt auf die Kissen zuruck. Nach einer kleinen Pause hob er an:
Ist es mir erlaubt zu horen, auf welche Weise man mit Master Brixton fertig wurde?
Porter! Porter! drohete der Andere mit der erhobenen Hand; Deine erste Frage ist nach diesem Schleicher, den wir Deiner Obhut anvertrauten, und nun, da wir ihn fast erreicht hatten, um ihn unschadlich zu machen, ist er verschwunden, und bis jetzt bleibt jede Auskunft uber ihn uns aus. Man argwohnt nicht ohne Grund, dass er von Dir selbst eine Art Warnung oder gar irgendwo Sicherheit empfing, und es ist nicht mein letzter Auftrag, hieruber Dein Gewissen zu ruhren.
Die lauernde Aufmerksamkeit, womit Porter denn diesen uns wohlbekannten Diener des Prinzen von Wales haben wir vor uns den drohenden Worten gehorcht hatte, ermassigte sich gegen das Ende derselben zu einer stillen Duldermiene.
Mein ganzes elendes Leben ist dem Gehorsam gewidmet gewesen, fur die erhabenen Zwecke, denen ich blind dienen musste, da sie zu erkennen, mein schwaches Vermogen nicht ausreichte. Wo bin ich gegen den hoheren Willen mit dem meinigen eingeschritten? Warum lasst man jetzt am Siechbette des Unterliegenden so harte Worte wie an einen Treulosen ergehen?
Nicht immer sind wir Deines blinden Gehorsams gesichert gewesen; sehr viel hatte man Dir vertraut, und sieht man auf die endlich zu hoffenden Resultate zuruck, sind sie ausgeblieben. Prinz Carl, denke ich, verrath wenig Neigung, seinen unglucklichen katholischen Unterthanen dereinst Schutz zu verleihen; die erhabene Frau, die wir dieser grossen Rache zur Beschutzerin erkoren, wird hier einen einsamen Sitz finden und das Herz ihres Gemahls mehr gegen ihre Absichten verschlossen, als darauf vorbereitet.
Hochwurdiger Herr, erwiederte Porter zuruckgehalten, Ihr seid gekommen, Euch um jeden Preis zu erzurnen; darum hauft Ihr Verbindlichkeiten auf mich, die nothwendig unerfullt bleiben mussten, da sie bei weitem meine Fahigkeiten und meine Stellung uberstiegen. Habt Ihr selbst je mehr von mir gewollt, als die Abneigung, die man dem gnadigsten Herrn durch unsere gebenedeite Kirche einzuflossen trachten konnte, zu ermitteln und die hochwurdigen, zu seinem geistigen Wohl verbundeten Herren in Kenntniss der geheimen Handlungen zu erhalten, die einem so geringen Diener, wie ich, zur Kenntniss kommen konnten?
Und doch denke ich, dass Vieles uns davon entgangen ist, entgegnete der Zurnende, was bei besserer Bedienung Deinerseits uns jetzt nicht so bedeutende Muhe machen wurde. Wann erfuhren wir denn die wahren Verhaltnisse der Grafin von Buckingham? Etwa, wie es noch Zeit war, ihre wichtige und gefahrliche Beziehung zu hindern?
Nein, erwiederte der alte Mann bitter lachelnd, erst da erfuhrt Ihr sie, als der Prinz uberhaupt ein werthvoller Gegenstand ward durch den Tod seines erlauchten Bruders. Bis dahin musste ich zwar aushorchen, aber selten wurden meine Notizen abgefordert, denn die Augen der hohen Bruder waren nur auf den dereinstigen Thronerben gerichtet, und Graf Archimbald war damals gefahrlicher, als alle schonen Grafinnen des Konigreichs. Den Posten bei diesem erlauchten Prinzen hattet Ihr aber einem Andern anvertraut, den ich gern spaterhin zu meinem gestrengen Herrn hatte ubergehen lassen, hatte die unverdient mir geschenkte Gnade des Prinzen dies zugelassen.
Es mag sein, erwiederte in einiger Verlegenheit uber den zuruckgewiesenen Vorwurf der Fremde, dass Deine Dienste erst spater Wichtigkeit erhielten, doch nimmt das den Vorwurf einer lassigen Bedienung nicht von Dir; vielmehr sind Deine Obern der Meinung, dass Du viel gut zu machen habest, wenn nicht die Folgen der fruhern Vernachlassigung Einfluss gewinnen sollen.
Mit dem klaglichsten Ausdruck wandte sich der Kranke, wie unter wiederkehrenden Korperschmerzen, auf seinem Lager, und die Erdfarbe seiner Zuge wechselte mit einzelnen rothen Streifen, wie sie Zorn oder Angst hervorrufen. Er schien die strengen Worte des Redenden eben so wenig ertragen zu konnen, als sich hinreichend rechtfertigen zu durfen, und liess ubellaunig ihn dadurch im Vortheile uber sich.
Indessen konnte dieser Zustand von Gegenwehr gegen einen fremden despotischen Willen, wodurch er auch hervorgerufen war, immer nur eine vorubergehende Erscheinung in dem durch lange Gewohnheit zum Knecht gestempelten Geiste sein. Das Joch, wenn auch abgeschuttelt, umschloss doch bald um so fester wieder seinen Nacken, und es war, als ob der, den wir so rauh verfahren sehn, keinen Zweifel hegte an dieser Unterwerfung, denn er sah mit anscheinend vollkommener Ruhe den Konvulsionen der Emporung zu, die den Alten bewegten, bis sie, in sich ersterbend, nichts zuruckliessen, als die aschgrauen, mienenlosen Gesichtszuge blindester Unterwerfung.
Porter, hob er an, nachdem er dem Alten die nothige Zeit gegonnt, wann sahest Du den Prinzen zuletzt, und wie war damals seine Stimmung?
Der gnadige Herr, erwiederte leise der Kranke, benutzen seit meiner Krankheit den Durchgang durch diese Zimmer, um zu Seiner Majestat zu gelangen, und so geschieht es, dass ich ihn jeden Morgen einige Augenblicke die Gnade habe zu sehn, nicht selten einige Worte zu horen, die allerdings weit uber mein Verhaltniss reichen und nur dem fruheren Vertrauen in Bezug auf Dinge zuzuschreiben sind, die dem armen Herrn das Herz beschweren.
Gut, gut, unterbrach ihn ziemlich ungeduldig der Andere. Wie weit sind wir?
Nicht sehr weit, erwiederte besorgt der Alte, keinesweges so weit, wie zu wunschen stande, und ein alter Diener, der Jahre lang von fruh bis spat seinen Herrn sieht und beobachtet, kann wohl wahrnehmen, was sich verandert und umwandelt in wichtigen Augenblicken.
Nun, nun, rief der Fremde dringend, was meinst Du damit?
Ich bin ein kurzsichtiges Werkzeug meiner Obern, aber wenn mir nach menschlicher Schwache eigne Gedanken uber die Angelegenheiten kommen wollen, die freilich in den besten Handen sind, mochte mir oft scheinen, es sei nicht gerathen, dem gnadigsten Herrn das Herz so zu zerreissen und ihn so ohne Trost zu lassen. Still und sehr tiefsinnig war seine Gemuthsart immer, aber sehr milde, gutig und fugsam, wohlwollend gegen alle Menschen zu gleicher Zeit; und die hohe Dame, die bis dahin im Geheim den gnadigsten Herrn begluckte, und das schone Kind dieses Bundes erhielten neben mancher Sorge doch das Herz des Herrn in dieser gesegneten Stimmung. Seit aber dieses geheime Gluck durch Gottes Willen dem gnadigsten Prinzen genommen, seit auch das holdselige Kind verschwunden, welches die trostreiche Unterstutzung bei seinem Gram hatte werden konnen, ist die Gemuthsart des armen Herrn sehr verandert, und seine Anlagen scheinen eine sehr uberraschende Entwickelung zu erleiden.
Wie meinst Du das? rief aufmerksam werdend der Fremde und ruckte dem Bette naher, den fest schlafenden Jungling leise mit dem Fusse weiter rollend.
Es ist nicht gut, fuhr Porter vorsichtig fort, wenn einem verwohnten Herrn, wie unserm gnadigsten Prinzen, plotzlich Alles fehl schlagt. Nicht alle Gemuther halten derlei Erschutterungen aus, ohne grosse Umwandlungen, am oftersten nachtheilige, zu erleiden. Der Schreck, wenn wir erfahren, wie ohnmachtig unsere eigenen Krafte dem Schicksale gegenuber sind, wird sehr haufig ein Zurnen und nicht selten ein Erzurntbleiben gegen die ganze Welt, was Weh erzeugt um uns her, Weh zuruckfuhrt in das also gemarterte Herz und Wehe! Wehe! ehrwurdiger Herr, wenn es dem inne wohnt, der einen Thron besteigen soll. Den Widerstand, den er gefunden, lasst er erleiden, das Gluck, an das er nicht mehr glaubt, versagt er um so leichter Andern; und menschliche Mittel als unwirksam erfahren zu haben am eignen Schicksal, vertritt der Menschenachtung den letzten Zugang, und ein eigenwilliges, stolzes Selbstvertrauen bleibt der Vertraute solcher gefahrlichen Seeleneinsamkeit.
Alter! Alter! unterbrach ihn hier sein Zuhorer mit einem lebhaften Ausdruck der Theilnahme, der eben sowol der Sache selbst, als der schlauen Beobachtung dessen galt, der so gern als unbedeutend erscheinen wollte und doch nur zu haufige Proben der tiefer gehenden Menschenbeobachtung gab, die ihn zu dem Werkzeuge jener umsichtigen Machthaber gestempelt hatte, welche kein Talent in ihrem Bereich verkannten oder unbenutzt liessen. Sprich, fuhr er fort, sind dies Wahrnehmungen, die Du mit Deiner Schlauheit kombinirst? Stutzen sie sich auf Thatsachen? Gehoren die Winke und Andeutungen dazu, die uber die Folgen der Krankheit des Prinzen von Dir schon ofter gegeben wurden, die sogar unter dem Volke sich verbreitet finden? Ware es mehr, als dies launische Uebelbefinden eines Genesenden? Oder sind es nur von Dir herbeigefuhrte Schlusse, die Deiner Lieblingsidee dienen sollen?
Der Alte zog die Decke uber seine hagern Schultern und sagte so gleichgultig, wie er vermochte:
Legt meine Worte aus, wie Ihr wollt, was hulfen mir weitere Betheurungen; seid Ihr doch einmal darauf gestellt, mich zu kranken und mir zu misstrauen! Lieblingsideen verlernt der am ersten zu hegen, dem kein freier Wille blieb, den kleinsten Wunsch zu fordern; es ist lange her, dass ich von Lieblingswunschen traumte, ich weiss nichts mehr davon.
Du tauschest mich nicht, fuhr der Unerbittliche fort, ich weiss sehr wohl, wie Du uns uberreden mochtest, dies Ungluckskind konne der Welt und seinem Vater erhalten werden, ohne unsere grossern Absichten zu durchkreuzen. Laugne, wenn Du kannst, dass sich alle Deine Beobachtungen bequemen mussen, um dieser Idee unschadlich zu werden; laugne diese Schwache, diese Thorheit fur ein junges unbedeutendes Madchen, fur die Schwache eines vaterlichen Herzens, welches doch, zu dem reichsten Ersatze bestimmt, nur diese leichte Krisis von Schmerz zu uberstehen haben wird, um dann die endlosen Sorgen, die an diesem Wesen ihm gegeben waren, in rechtmassige Freuden verwandelt zu sehn.
Wer konnte wagen wollen, Euch zu tauschen, Hochwurdiger, erwiederte der Alte unterwurfig, die Hauptsachen konnen Euerm scharfen Blicke nimmer entgehn, nur traut Ihr meiner Aufrichtigkeit zu wenig. Was ich Euch uber eine grosse, sehr ernst scheinende Karakterumwalzung des gnadigen Herrn gesagt, verwerft es nicht! Denn der Todesschweiss auf Konig Jakobs Stirn prophezeihet, dass Alles bald zu Tage kommen wird, was in diesem armen Herrn gluht und gahrt. Gedenket daran! Er hat die Ungeduld des Unglucklichen; er wird handeln, um sich zu zerstreun. Gebt Acht, wie seine ersten Schritte sein werden; denn was Ihr hofft, wird vorerst Euch tauschen. Ein Weib legt ihm so bald, nach dieser, keine Zugel an; Henriette von Frankreich wahrscheinlich nimmer, wenn irgend Eine, so ware es vielleicht das gefangene Madchen, das sich mit vollem Rechte Maria Stuart nennt, und das Ihr vielleicht zu Euerm eignen Nachtheil zuruckhaltet.
Nachdenkend schob der Monch die Kappe von der breiten Stirn und zeigte damit fur einen Augenblick das Antlitz des Pater Johannes, des Beichtigers auf dem Schlosse der Lady Howard. Er bemerkte die lauernden Augen des alten Porters nicht, der die Wirkung seiner Worte auf dem enthullten Antlitz suchte, und erkannte, dass sie mit grosser Sorgfalt gepruft wurden.
Ja, hob der Pater dann nachdenkend an, wenn dies Madchen, die Du so gern Maria Stuart nennst, den glaubensvollen Eifer ihrer grossen Ahnfrau hatte, diese unbesiegbare Liebe zu unserer heiligen Kirche, die ihr Haupt fallen liess und selbst ihren gemordeten Schatten noch zu einem drohenden Panier gegen diese Afterkirche machte, was denkst Du, dass wir Deines Rathes bedurften, ihr einen bedeutenden Platz anzuweisen und eben sie der Welt zu erhalten? Aber ketzerisches Blut von beiden Eltern in den Adern, ketzerisch genahrt und erzogen, ist sie starr geblieben gegen die Segnungen meines Unterrichts, meiner Belehrungen, gegen die uberzeugenden Beispiele taglicher kirchlicher Feier, gegen Alles, was ein Gemuth sonst empfanglich macht, wie strengste Einsamkeit, Entziehung von Luft und Bewegung und jener eiteln weltlichen Geistesbeschaftigung, durch deren Angewohnung ihre lasterhafte Erziehung aus diesem Kinde an Jahren, einen Mann an Festigkeit in ihren Irrthumern gemacht hat.
O, o! sprach hier mit vieler Theilnahme der Kranke, steht es so schlimm mit dem armen Kinde?
Ja, so schlimm steht es, erwiederte recht innerlich entrustet der Andere, und so, furchte ich, wird es bleiben und damit ihre Zukunft von ihr selbst herbei gefuhrt sein. Glucklich mussen wir uns preisen, dass uns daruber die Verfugung gestellt ist, denn in Buckinghams Handen, mit der Zuthat hofischer Weltklugheit, die er nicht ermangelt haben wurde ihr zu geben, hatte die erhabene katholische Furstin, die sich hierher begiebt und als eine wahre Gesandtin des Herrn dies Ketzerland betritt, die Martyrer-Krone fruh genug um ihre Schlafe fuhlen konnen. Und unser so sparlich gedeihender Einfluss? Er hielt inne, als fehle ihm die Ergebung, um den Gedanken zu vollenden, der sich ihm nur wider Willen aufgedrangt hatte. Auch Porter schien von ernster Unruhe bei diesen Worten ergriffen, denn zu tief hatten ihn die zu verpflichten gewusst, die sein Gewissen und seine Stellung missbrauchten, als dass er sein Interesse von dem ihrigen hatte ganz abwenden konnen. Die Liebe zu seinem Prinzen, die vielleicht das einzige warme Gefuhl dieses abgetodteten Herzens war, trat doch immer wieder verschuchtert zuruck, wenn dieses machtige Interesse aufkam. Der geheime Wunsch, den Prinzen endlich seiner Kirche zuzuwenden, verdeckte ihm dabei die bosen Wege, die er ging, und die Treulosigkeit, die er in jeder andern Beziehung sich gegen ihn weder erlaubt, noch verziehen hatte, erschien ihm durch solchen Zweck geheiligt.
Es ist freilich dabei Manches zu bedenken, fuhr der Monch fort, und nicht unwichtig ist die Hartnackigkeit des Sinnes, den Du, eben daher abgeleitet, bei dem Prinzen wahrzunehmen vorgiebst. Aber es durfte dies Alles eher zu bestatigen sein, als dies Madchen, so wie sie jetzt ist, hervortreten zu lassen und Bukkinghams Einflusse, der gebrochen werden soll, damit eine neue Verstarkung zu geben.
Hochwurdigster, hob hier der Alte an, wie von einem frischen Gedankenstrome belebt, sagt mir doch, beabsichtigten nicht fruhere Plane, das Fraulein der gnadigsten Prinzessin zu ubergeben, als ein Geschenk fur den Vater, sein Herz damit ganz der grossmuthigen Gemahlin zuzuwenden.
Man hat auch dies bedacht, allerdings, erwiederte Pater Johann, doch blieb es nur damals erwunscht, als ihr Besitz noch nicht entschieden war.
Seit sie unser gesichertes Eigenthum geworden, ist der Plan wenigstens nicht weiter in Anregung gewesen, und selbst unter dem Einflusse der Prinzessin bleibt ihr Hervortreten gefahrlich; denn Buckingham hat unbestreitbare Rechte uber sie, und wird sie sich ihm nicht leichter zuwenden, als der katholischen Furstin?
Der Alte schwieg und vertiefte sich in seine Gedanken, bis er endlich an einer neuen Frage, die sich ihm aufdrangte, angelangt war, die er sich jedoch hutete, als solche zu stellen.
Der Einfluss und die Geschaftigkeit einer grossen Anzahl von Personen, die ihm aus Furcht und Gewinnsucht dienen, setzten den Herrn Herzog oft auf eine sehr uberraschende Weise von Dingen in Kenntniss, die man weislich verborgen halt. Ich habe eine schmerzliche Sorge fur das heilige Schloss und seine Bewohner. Seit lange, glaube ich, gehen uber dasselbe, bis jetzt freilich mehr verlachte und gering geachtete Geruchte; kame aber der Herr Herzog bei vergeblicher Nachforschung auf den Gedanken, von welcher Hand diese ihm wichtige Person ihm entzogen worden und verborgen werde, sollte er da nicht im Weiterschliessen diesen Ort finden konnen und denselben dann der brutalsten Nachsuchung aussetzen?
Alter, erwiederte der Angeredete, Du schiessest an Deinem Ziel voruber. Alles zu ubersehn, ist Dir nicht verliehn, und Deine Vorsorge macht Dich hier kurzsichtig und einfaltig, als standen Dir keine Erfahrungen zur Seite. Wer hat denn bisher spielend diese Verhaltnisse geleitet, wer diese Verbindung, dies Kind gehutet, und stets sie bereit gehalten zum beliebigsten Gebrauche, zur Hintertreibung oder Erreichung nothiger Zwecke, und zwar mit so fester und doch ungeahneter Hand, dass sie sich in volliger Freiheit und Sicherheit traumte?
Hm, erwiederte der Alte mit dem boshaftesten Lacheln, welches er in seiner ganzen Scharfe vortreten liess, ich weiss, Sir, dass es dieselben ehrwurdigen und weisen Herren waren, die endlich die Lady, ohne Ahnung ihres Todes, von ihrem eignen Bruder, der blos zufallig nicht der Herr Herzog selbst war, begraben, und den lang bewachten und festgehaltenen Schatz entwischen liessen, in ziemlicher Ungewissheit, wo er eine Zuflucht gefunden, oder ob ihm uberhaupt noch eine Zuflucht auf dieser Erde nothig sei.
Ein Fehler, unlaugbar ein Fehler, stotterte verwirrt Pater Johann, aber sehr verzeihlich und durch die Umstande entschuldigt. Der hochst weise Hilarius, der diese Aufsicht ubernommen hatte, ward abgefordert nach des Hochsten Rathschluss. Pater Clemens, der uns allgemein wurdig schien, das grosse Geheimniss zu theilen, noch in Frankreich, der Prinz und der Herzog in Spanien, das Kind in Schottland es schien wenig Gefahr vorhanden. Gewiss war es ein merkwurdiges Beispiel, wie das kleinste Versaumniss oft zur Zerstorung der klugsten Unternehmungen fuhren kann. Indessen fehlen dem Klugen selten die Mittel, eine solche blos menschliche Befahrniss wieder abzuwenden, wie der Erfolg gelehrt.
Wohl, sagte trocken Porter, aber es war freilich eine eigne Befahrniss, Sir, dass das Fraulein, wie durch Instinkt getrieben, zu diesen Nottinghams, ihrem alten Schutze, fluchten musste und es endlich der Kabalen des Herrn Herzogs bedurfte, sie aus dieser strengen Obhut zu locken.
Ja, rief der Andere kurz auflachend, es war ein Meisterstuck, diesen eiteln Lord, diesen Membrocke, so blos als Handlanger unserer Plane handeln zu sehen, und Beide, Buckingham wie ihn, Einen um den Andern, anzufuhren.
Denkt Ihr, rief warnend Porter, der Herr Herzog habe dies nicht erkannt? Denkt Ihr, er werde es ruhen lassen? Wie Viele haben jetzt schon den Verrath seiner Chiffern bussen mussen; er sturmt in Wuth gegen alle Verdachtige an, nur immer an dem Einen voruber, der ihm zu nah steht, um ihm verdachtig zu sein; aber darum ist doch die Entdeckung nicht unmoglich, und Maxwell wurde sich durch nichts retten, als indem er uns alle verriethe, daran zweifelt nicht.
Kann sein, erwiederte gleichgultig Pater Johann, furs Erste hat er Alles vergessen, und das Spielzeug, das wir ihm gegeben, der Glanz und die Ehre dieser Brautsendung, die seiner Thorheit eben so viel Nahrung als Gefahren giebt, wird ihn, denke ich, auch nach seiner Ruckkehr hinreichend beschaftigen. Die Gewitter, die uber ihm stehen, und die er fur blauen Himmel halt, werden den Wind aus Frankreich haben und hinter ihm herziehen, bis sie sich in England uber ihm entladen.
Die Scene, die der Prinz durch Buckinghams Unverschamtheit in Whitehall, in Gegenwart des franzosischen Gesandten, bei Bristols Zusammenkunft erlebte, hat ihn uber Vieles nachdenkend gemacht, und er forscht in der Stille, ob wohl an Bristols sogenanntem Verrathe wirklich etwas sein moge. Abwesenheit ist immer Verlust fur solche Gunstlinge; Buckingham wird, denke ich, die Verhaltnisse verandert wieder finden.
Um so mehr, sprach der Alte bedachtig, wird er das Mittel wieder zu erlangen suchen, was ihm ein grosses Gewicht sichert und sein Ansehen wieder herstellen, wenn nicht erhohen muss.
Denkt, Sir, dass zur Zeit, als Ihr Mutter und Kind in der selbst gewahlten Lage nur bewachen durftet, der Herzog von ihrer Wichtigkeit, ja, theils von ihrer Existenz keine Ahnung hatte; jetzt ist es anders, und selbst der Groll, so lange daruber getauscht worden zu sein, scharft das Interesse. Es war eine schwarze Stunde und folgenreich in allen Beziehungen, als mein gnadigster Herr ungewarnt und gerade durch den Herzog die Nachricht des Todes derjenigen erhalten musste, um derentwillen er eben so grosse Opfer gebracht, so grosse politische Plane hatte scheitern lassen, selbst eine Verbindung mit dem fruher so gehassten Herzog eingegangen war. Von da an schreibt sich Alles, was die hochwichtigen fruheren Plane verwirrt und gefahrdet hat, und der Herzog hat, wohl erkennend, welchen ungeahneten Vortheil er verloren, schnell ubersehn, wie wir anerkennen mussen, was ihm nun zu thun oblag. So haben wir ihn sehr richtig wurdigen sehn, dass jetzt ihm vorlaufig nur Schaden daraus erwachsen und seinem hochmuthigen Plane, sich zum Schopfer einer eben so glanzenden Verbindung zu machen, als der, wegen welcher Graf Bristol unterhandelt hatte, diese Entdeckung jetzt keineswegs wunschenswerth sein konnte. Darum musste das Wesen, dessen Werth fur die Zukunft er wohl fuhlte, fur den Augenblick, da der zartliche Schmerz des Vaters ihr eine gefahrliche, Frankreich beleidigende Legitimitat geschenkt hatte, zuruck gehalten werden, aber glaubt mir, er wird es, wenn nur erst die Vermahlung vollzogen, nicht vergessen, dass sie ihm entwandt ist, um seine spateren Plane zu vereiteln. Wer weiss, ob er nicht schon jetzt ihren Aufenthalt kennt und Euch blos eine Aufsicht uber sie lasst, welche selber zu fuhren, ihm beschwerlich sein wurde.
Eine ungeduldige Bewegung des Pater Johannes unterbrach die schnellen fieberisch gesprochenen Worte des Alten.
Ich bin nicht gekommen, Deine Weisheit zu horen, rief er ziemlich ubellaunig, und mich Schwatzereien hinzugeben, die von zu ungleichen Personen gefuhrt werden, um irgend zu einer Ausgleichung fuhren zu konnen. Mein Auftrag an Dich geht diesen Brixton an, der jedenfalls jetzt entfernt und um jeden Preis von dem Prinzen zuruckgehalten werden muss.
Dies habe ich, antwortete mit vollig gesenkter Stimme der Kranke, so lange gethan, als es mir moglich war, den Prinzen allein zu beobachten. Es ist ihm nicht gelungen. Seine Briefe sind in meine Hande gekommen, seine taglichen Besuche an allen Zugangen zu den Gemachern des Prinzen vereitelt worden, zwei Mal, kurz vorher, ehe der gnadigste Herr sich aus denselben begeben, ist er auf meinen Befehl von den Wachen weggetrieben und hiernach von allen Bewohnern des Schlosses verjagt worden, wo er sich zeigte. Von meinem Lager aus habe ich noch Warnungen und Befehle gegen ihn ergehen lassen, und er zeigt sich jetzt nicht mehr; doch, dass er aus seiner Herberge verschwunden, war mir neu.
Seine Wichtigkeit ist nicht zu ubersehn, sprach der Pater; wir wurden ihm zwar seinen so wohl unterrichteten Zogling zu entziehn wissen, wie einem Jeden, doch ist es besser, wenn sie dort unter strenger Aufsicht ihr Leben beschliesst, als dass wir zu dem aussersten Beschluss schreiten mussten. Uebrigens sichert die nahe Kuste von Frankreich ihre schnelle, und dann unerreichbare Entfernung und Trennung von allen Verbindungen mit ihrem Vaterlande.
Brixton wurde indessen durch die Spuren, die er selbst von ihrer Flucht und ihrem Aufenthalte bei den Nottinghams entdeckt hat, dem Prinzen ein willkommener Bote sein und wenigstens die Gedanken ihres Todes, die ihm nach und nach einzuflossen sind, von ihm entfernen; auch ist es nicht rathsam, setzte er fluchtig hinzu, einen Mann zu ihm zu lassen, der, einer der gefahrlichsten Feinde unserer Kirche, eben jetzt sich nachtheilig zeigen konnte.
Wohl, wohl, bekraftigte der Alte; er darf nicht in Verbindung treten mit dem gnadigsten Herrn, dies sehe ich selbst ein, und uberhaupt alle mussen entfernt bleiben, die ihn daran erinnern, was er verloren; weshalb auch Gersey und Hanna mit allen ihren Gesuchen abgewiesen sind.
Diese Beiden, sprach der Pater, hat der Herzog selbst fur gut befunden, unschadlich zu machen. Zur Ruhe gebracht, in der vortheilhaften Stellung, das leere Schloss zu huten, worin sie ein langes Leben der nun zerronnenen Hoffnung widmeten, einst mit diesem gehegten Kinde selbst einen hoch vermogenden Platz einzunehmen, hat Alter und uberstandene Gefahr sie fugsam gemacht, und sie werden Dich nicht mehr belastigen. Du hast furs Erste den Prinzen fortwahrend auf den Tod der Gesuchten vorzubereiten. Unsere ersten Berichte uber die Hoffnungen, die sie zu geben schien, sind durch Pater Clemens nach Frankreich gegangen; doch konnte ich seine Ansichten von Anfang an nicht theilen, denn der gute Herr sieht die Dinge selten in ihrer naturlichen Gestalt. Meine folgenden Berichte sind daher ganz anders ausgefallen, und ich denke die Antwort wird so sein, dass sie es einst bereuen wird, meinen hohen und anerkannten Ruf in Bekehrung ketzerischer Gemuther durch ihren Widerstand angegriffen zu haben. Wenn's nach mir geht, verlasst sie nie wieder die Mauern dieses guten, festen Schlosses! Die Glut des Zornes war am Ende dieser Rede auf die breite Stirn und die duster funkelnden Augen des hochmuthigen Paters getreten, und Porter erkannte genau, was das Fraulein zu erwarten hatte, vertrauten namlich die hoheren Lenker dieses Gewebes den Berichten des in seinem geistlichen Hochmuth verletzten Priesters.
Aber Brixton, unterbrach der alte Mann den Gang des Gesprachs, was denket Ihr mit ihm zu thun? Vielleicht hat er, abgeschreckt durch die vergeblichen Versuche, bereits seine Ruckreise angetreten.
Damit wirst Du uns wenigstens nicht rathen wollen, die Versuche zu seiner Wiederauffindung einzustellen. Ich werde seine Spur finden, verlass Dich darauf und gehabe Dich bis dahin wohl!
Offenbar in der ubelsten Laune, die er sich erregt, theils durch die Erinnerung an die Verletzung seines Hochmuths, theils durch den stets wieder auflebenden Verdacht, Porter mochte sie nicht redlich bedienen, erhob sich der Pater. Stolz grussend verliess er das Krankenlager des Vertrauten, dem er in einer durch Alter und Einsamkeit genahrten Geschwatzigkeit wohl mehr mitgetheilt hatte, als er bei einer ruhigen Berathung mit seinem Verstande und den Grunden des Verdachts gegen ihn fur rathsam gehalten haben wurde.
Porter blickte dem Abgehenden mit einem Ausdrucke nach, der an das boshafte Spiel der Katzen erinnerte, welche, in ruhiger Stellung ihrem schon getroffenen Feinde gegenuber, blos mit der Scharfe ihres Blickes ihn huten, sicher, dass ihnen der beliebige Augenblick zu Gebote steht, wo das Ausstrecken der bekrallten Pfote seiner Freiheit Grenzen setzt.
Dessen ungeachtet sehen wir diesen Ausdruck gemassigt durch die Betrachtungen, die dem Alleingelassenen sich aufnothigen, und nicht undeutlich zog mancher schwere Seelenkampf uber dies gefurchte Gesicht, und konvulsivisch sehen wir ihn seine Dekken drucken, und sich selbst zusammen ziehen und strecken, so dass es schwer wurde, an die Wirksamkeit des Umschlages zu glauben, den der ruhig schlummernde Jungling so vertrauungsvoll ihm umgelegt. Doch wir wissen, dass die Seele des Menschen in eine Zerruttung verfallen kann, die Konvulsionen zu erregen vermag, unzuganglich den Linderungen von Aussen und in uns selbst den Arzt fordernd, der mitleidend oft lange die nothige Hilfe versagt.
Der innere Streit, den wir hier zu schildern suchen, ging, wie immer, dahin, ob die Liebe zu dem von seiner Jugend auf ihm anvertrauten Prinzen, dem er die einzige warme Regung seines Herzens verdankte, und der ihm eben darum vielleicht in der Stille als sein Wohlthater erschien, siegen sollte. Eben so machtig war der Einfluss dieser Priester, durch Erziehung, Gewohnheit, Religion und den fanatischen Eifer der Kirche, ein so machtiges Werkzeug des Ruhmes zu gewinnen, in seinem tiefsten Leben gewurzelt.
Es findet sich in der innern Geschichte aller Menschen mehr oder weniger ein Streit zwischen den Eindrucken der Erziehung und den spateren Ueberzeugungen, und es mochte nicht schwer sein, die Macht der ersteren in jedem Individuum wieder zu erkennen, wie sehr sie auch oft in dem entwickelten Geiste verarbeitet erscheint. Eben so haufig aber tritt uns die Erscheinung entgegen, eine ganzlich ihr hingegebene Natur zu finden, die, tyrannisch beherrscht von den ersten Eindrucken, jede freiere Entwickelung sogar von sich stosst und wie ein Sklave im selbst gewahlten Joche durchs Leben keucht. Beschrankt und der edlen Bestimmung entgegen, das durch Erziehung uberliefert Erhaltene blos als Basis hoherer Entwickelung zu benutzen, scheint uns ein solches Wesen verachtlich und unbeachtenswerth; wie oft aber wurden wir von diesem zuversichtlichen Verwerfungsurtheile abstehen mussen, ware uns ein freier Blick in das Innere erlaubt. Es wachst unter der Last befestigter alter Gewohnheiten und Vorurtheile oft dem Allen entgegen, immer zum geheimen Widerspruche geneigt, ein kleiner zarter Keim freierer Ueberzeugung empor, die vor der schweren Erde, die hoch daruber lastet, nicht bis zur Entwickelung an das aussere Leben gedeiht; aber wenn das nahe Ende den Hochbejahrten aus dem irdischen Sein, worin seine Fesseln haften, hinausgefuhrt, dann erblicken wir zuweilen eine plotzliche Veranderung, von der wir uns angewohnt haben zu sagen: Er ist so sanft, er wird bald sterben. Es sind aber nicht die letzten Tage, die erst dies hohere Leben erzeugen, es sind die verhullten schwachen Versuche der ganzen unfruchtbaren Vergangenheit, die in den letzten Tagen an dem ferner geruckten Leben keinen Widerstand mehr finden, und nun den kleinen Keim gedeihen lassen, den Gott alsobald zum Verpflanzen hinwegnimmt.
Von dieser Betrachtung aus finden wir uns vielleicht in den Zustand des Greises zurecht, dessen zukkendes Gesicht zuletzt von einer diesen Zugen sonst so fremden Ruhrung zeugt. Bald ist es uberwunden; er schaut uber den Rand des Bettes nach dem Schlafer, und endlich, nachdem er die Nothwendigkeit, ihn zu wecken, erkannt, streckt er die durre Hand uber das bluhende Gesicht.
Tief in die Sussigkeit des Schlafes versenkt, wehrt der Jungling die Storung ab, sich anders wendend, um im Schlummer fortzufahren, und bald auch dahin verfolgt, kehrt er aus dem Taumel seiner unschuldigen Traume zuruck und strengt sich an, zu erwachen. Er richtet sich endlich empor und sieht und hort nicht viel, und muss immer wieder von der kalten, durren Hand gereizt werden, ehe er Alles zusammen findet, was zum Erwachen nothig.
Armer Schelm, ruft der Alte ihm mitleidig zu, hast noch lange nicht ausgeschlafen, wie ich sehe, und wirst bose genug sein, dass ich Dich wecke! Setze Dich auf mein Bett und erhole Dich; sieh, da sind schone gesottene Fruchte, erquicke Dich erst, ich habe einen Auftrag fur Dich.
Gern, gern, rief der wieder ermunterte Knabe freundlich! ach, sage mir doch, wie geht es Dir, Ohm, bist Du gesund, hat der Brei geholfen?
Helfen thut Alles, so lange es an der Zeit ist, lachelte trube der Alte: der Tod aber hilft sich auch, wenn er die Arbeit in Empfang nehmen will. Doch lass das, guter Lanci, und nimm Deine Sinne recht zusammen, denn Du musst zeigen, dass Du ein kluger und verschwiegener Junge bist.
Verschwiegen bin ich, rief Lanci zuversichtlich, das hat meine gute Mutter oft geruhmt, und klug konnt Ihr mich ja machen, Ohm, denn Ihr habt's in Fulle, wie ich weiss.
Wir wollen sehn, mein Kind, sprach Porter, doch sag' mir ein Mal, mochtest Du wohl Margarith wiedersehen?
O Ohm, sprach der Jungling verschamt, wie kannst Du davon sprechen, Du weisst, dass ich hier bin, Dich zu pflegen; Du selbst hast es gewollt, einen von Deinen Verwandten wolltest Du um Dich haben, und ich bin gern gekommen, denn ins Schloss durft' ich mich so nicht mehr wagen, und da hab' ich Dich gern gepflegt, bleibe auch bei Dir, bis Du umherlaufst, wie sonst, aber dann redest Du mit dem alten Miklas uber die Margarith und mich, denn zu Weihnachten werde ich Jager, und dann will ich sie auch.
Was ich versprochen, werde ich halten, erwiederte der Ohm, sei aber versichert, dass Alles davon abhangt, wie Du Dich jetzt zeigst. Das beste Loos harrt Dein, wenn Du treu und klug meine Befehle erfullest, und das Gegentheil kann Dein unabwendbares Schicksal sein, zeigst Du Dich hier nicht, wie es nothig ist.
Ach Ohm, Ihr macht mich angstlich. Wie soll ich so grosse Gefahr bestehen? Werde ich das konnen? Die arme Margarith, was soll aus ihr werden, wenn ich sie nicht befreie?
Befreie? wiederholte der Alte streng; weisst Du denn, ob sie jetzt Dir folgen wurde, da die junge Lady, von der Du mir sagst, ihr Herz ganz besitzt und sie nicht von ihr will.
Ach, ich kann's nicht glauben, rief Lanci betrubt. Gesagt hat sie es freilich, und die arme schone Dame, sie musste sich auch todt weinen, wenn Margarith nicht um sie ware, die sie immer trostet.
Das glaube ich auch, Lanci, sagte Porter, darauf eingehend, und darum sollst Du die junge Dame retten helfen, dann hast Du Margarith obenein und keine Noth weiter.
Jesus, Maria, Joseph! rief der Jungling und machte einen Freudensprung durch die Stube. Rede, Ohm, sage, was ich thun muss, alles und klug dazu; verschwiegen obenein will ich sein; Du sollst Dich sehr freuen uber mich; aber nun sage auch, damit ich darnach thun kann.
Porter blickte den Aufgeregten nachdenklich an und schien noch einmal den Entschluss zu prufen, der ihm darum so bedenklich dauchte, weil er dies junge Wesen, halb Kind, halb Jungling, darein verwickeln musste; und doch blieb ihm keine Wahl. Ihm, der zu jeder Intrigue sonst mehr als eine Hand bereit hatte, ihm fehlte es zum ersten Male an einer solchen, da seine Handlungen abweichen sollten von dem bisher befolgten Systeme; ihm kostete auch dies noch einen Seufzer, dann zog er den Jungling naher. Es musste, was geschehen sollte, schnell geschehen.
Du musst noch heute abreisen, doch ganz im Geheim. Wenn die Dunkelheit einbricht, so nimm Deinen Mantel und schleiche Dich aus dem Schlosse. Nimm die westliche Seite des Schlosses wahr und gehe durch den breiten Weg um Buckinghams-Lodge herum; einen weiten, unangebauten Platz musst Du in nordlicher Richtung durchschneiden, dann kommst Du auf den Weg, der Dir bald die grossen, weitlauftigen Gebaude zeigen wird, die Dich zu dem Schlosse des Herzogs von Nottingham fuhren. Hier melde dich beim Thorwart und bitte ihn, dass er Dich zu Lord Richmond fuhrt; will man nicht, so dringe so lange, bis man nachgiebt; ist er nicht anwesend, so harre am Thore, bis er erscheint.
Sodann verlange, dass er Dich allein spricht, und geschieht dies, wie ich nicht zweifle, denn es ist ein herablassender Herr, so sage ihm, die Reise, die er morgen antreten wolle, fuhre zu nichts, mit Dir musse er gehn, wolle er erreichen, was er vorhabe.
Aber was will er denn erreichen? unterbrach Lanci den Ohm.
Schweig, fuhr der Alte fort, Du musst ohne Unterbrechung horen. Er will eben die Lady im Schlosse Howard befreien, und will durch die Welt, und weiss nicht wohin und wo sie zu finden ist.
O, lachte Lanci freudig, dazu bin ich gut, Ohm! Da soll er nur mit mir kommen.
Siehst Du es ein, wozu ich Dich bestimme? fragte der Alte milder. Ja, so ist's. Fragt er Dich nun, so vertraue ihm, wo sie ist, aber was er auch anstellen mag, von wo Du kommst, sage ihm nicht, nie komme mein Name uber Deine Lippen, nie verrathe ein Wort Dein Verhaltniss zu mir; aber alles Andere wende an, um den Lord von der Wahrheit dessen zu uberzeugen, was du sprichst; Alles thue, damit er Dir schnell und unbedingt vertraue, und seine Abreise aufs Lebhafteste beschleunige. Sage ihm, der unbekannte Freund, der Dich sende, lasse ihm die hochste Vorsicht, die grosste Eile empfehlen; nur durch List wurde er das Fraulein retten. Offene Gewalt wurde sie sogleich aus dem Schlosse, selbst aus ihrem Vaterlande fuhren. Meinem Bruder Miklas wirst Du einen Brief uberbringen, den ich sogleich schreiben werde, Du wirst ihn in seine Hande zu spielen wissen und dann genau vollziehen, was er, dadurch veranlasst, Euch zu thun heissen wird.
Ist die Lady befreit, so sage dem Lord Richmond, es gebe nur einen Ort, wo sie sicher sei, dies sei in dem Schlosse seiner Mutter, doch selbst da nur, wenn uber ihren Aufenthalt das tiefste Geheimniss beobachtet werde, da sie von vielen Seiten bedroht sei und jede Kunde von ihrem Aufenthalte ihre nachdrucklichste Verfolgung herbeifuhren konnte.
Jetzt uberlege das Gehorte, wiederhole es mir dann, bevor Du fortgehst, noch ein Mal, und dann gieb mein Schreibzeug und ein Blatt her, worauf ich an Miklas schreiben will. Der lang erwartete Augenblick war gekommen, der 8te April des Jahres 1625 hullte England in Trauer. Konig Jakob war dem Fieber unterlegen, das er so richtig selbst als den Verkunder seines nahen Endes erkannt hatte. Der Tod versohnte auch dies Mal alle Herzen mit dem Hingeschiedenen, an den sich zahllose Vorwurfe und Klagen hefteten, als der Hauch des Lebens noch in ihm zitterte. Milde und Gute schien jedes Wort auszusprechen, und es bestatigte sich abermals, dass der Tod allein die Harte und den Unfrieden der Menschen versohnt, dass nur, was den Kreisen des Lebens entruckt wird, aus dem Bereich ihrer Anfeindung tritt.
Schnell kehrten sich Aller Augen auf das neue Gestirn, das seine Laufbahn beginnen sollte, und es fehlte nicht an argwohnischer Zergliederung, an Befurchtungen moglicher Uebel, um fur das, was wirklich geschah, die Laune zu verderben.
Das schreckenvolle Loos, welches Carl beschieden war, hat fur Mit- und Nachwelt ein weites Feld der Betrachtung eroffnet. Doch gewiss bleibt es, so furchterliche Katastrophen in der Geschichte eines Volks sind nicht von dem einen Haupte verschuldet oder herbei gefuhrt, das als Suhne des Kampfes fallt. Das langsam schleichende Uebel vieler Generationen, worin zuletzt ein Volk verwickelt wird, macht es zum erzurnten Manne, der sich rachen will fur ein tief empfundenes Leid und, blutend aus vielen Wunden, Linderung sucht, und den zuerst opfert, der ihm zunachst die Farben des Feindes tragt, ware das Individuum auch der Schuld fremd geblieben.
Fremd war Carl wohl nicht der Schuld, aber jedenfalls der Schuld fremd, die eine solche Strafe verdienen konnte, und wenn wir ihn, in Widerspruche verstrickt, bald mit gluhendem Eifer seine Pflichten erfullen, und milde und voll guten Willens alle Mittel zur Beseitigung wachsender Uebel ergreifen, bald wieder duster und eigenwillig Menschen und Verhaltnisse verkennen, und die keimende Emporung durch seltsame Missachtung reizen sehen, so mussen wir der Worte des alten Porters gedenken: Er wird mit der Heftigkeit eines Unglucklichen handeln, der sich zerstreuen will.
Wenn es uns gestattet ware, die geheime Geschichte der Menschen zu kennen, die auf der grossen Buhne der Welt uns ihre Rolle vorspielen, und deren Motive zu ergrunden, wahrend wir oft nur das zu erwagen vermogen, was eben wieder als geschichtliche Thatsache vor unsere Sinne tritt, wir wurden erstaunen, wie tief aus dem fest verschlossenen Raume des Herzens oft die Farbe gestiegen ist, die ihre Handlungen tragen! Nachdenkend halten wir ein vor dieser Betrachtung auf der glatten Bahn des Urtheils. Ein schmerzliches Gefuhl drangt sich uns auf, wie getrennt der Mensch vom Menschen steht, wie eher alle Guter der Erde sich mittheilen lassen, als dies geheimnissvolle Gut des Innern, wofur keine Sprache zum Verstandniss gegeben scheint, wofur es vielleicht eine giebt, die aber wenig mehr als ein Traum der Jugend scheint, und deren Laute bald verklingen in der Verhartung des Herzens und des Lebens! Diese Einsamkeit jedoch, die wir uns eingestehen mussen, oft in den reichsten Kreisen des Lebens, sie ist vielleicht die Heimat unserer Andacht, unseres Zusammenhanges mit Gott, dessen ausreichendes Verstandniss wir empfinden, und das uns erquickt durch die Ahnung einer unverlierbaren Gerechtigkeit!
Das aussere Leben Carls des Ersten zu verfolgen, finden wir keine Spuren in den Familienpapieren, die wir hier der Welt ubergeben. Wenn sie auch, Manches von dem geheimen Geschick des Prinzen in leichten Andeutungen verrathend, uber seinen Karakter einen Aufschluss geben konnten, so liegt es doch ausser dem Bereich unserer Absicht, darauf weiter einzugehen.
Carl empfand den Tod seines Vaters mit einer rein kindlichen Hingebung; er hatte bis zum letzten Augenblick ihm Zeit und Ruhe gewidmet, und seine Pflege bis zu den geringsten Handreichungen mit den ubrigen Umgebungen getheilt.
Gewiss hatte so viel Liebe das Ende des Konigs erleichtert und selbst in das gequalte Herz des Sohnes jenen Frieden, jene Stille gebracht, die aus der Erfullung einer heiligen Pflicht entspringt.
Sein dunkles melancholisches Auge blickte um so ruhrender aus dem bleichen Gesicht, und als er an der Leiche des Vaters den gleich ihm ermudeten Hofstaat entliess, um die Vorkehrungen zur Beisetzung nicht zu behindern, konnten die treuen Diener kaum dem Gedanken entgehn, dass der neue Trager der Krone, gleich dem verschiedenen, wie die Zierde eines Paradesarges aussehe.
Langsam, von Wenigen gefolgt, durchschritt er die oden Zimmer, bis er das uns bekannte Gemach des kranken Porters erreicht hatte, wo er allein, schweigend und gesenkten Hauptes, an das Bett des immer noch Leidenden trat.
Dein Herr und Konig ist nicht mehr, wiederholte er die schon bekannt gewordene Nachricht. Ich habe keine Eltern mehr, der Grabstein auf dieser Erde wird immer breiter fur mich. Sprich es jetzt aus, was Du seit langer Zeit andeutest, habe ich auch das Letzte, was mich an diese Welt band, verloren? Furchte nicht, fuhr er fort, da Porter in entsetzlichem Kampfe nach einer Antwort rang; eben jetzt bin ich bereit Alles, auch das Schwerste zu horen.
So troste Gott Euer Majestat, stammelte der Alte und offnete die Lippen, mehr zu sagen, als der Konig, kurz zusammenfahrend, seinen Degen fest an die Seite druckte, ihm Stillschweigen zuwinkte, und wie ein Nachtwandler starr und steif aus dem Zimmer schritt.
Porter blieb in Verzweiflung zuruck; nicht dies hatte er gewollt; aber Carls schnelle Auslegung vermoge der im Augenblick des Schmerzes ihm zunachst liegenden Weise, und seine Entfernung machten es Porter, der selbst ans Bett gefesselt blieb, unmoglich, den Konig zu beruhigen. Ein langeres Nachdenken drangte endlich seine Theilnahme ziemlich in den Hintergrund und liess ihn sogar Sicherheit fur seine eigenen Schritte in dieser Annahme finden, wobei er den Vorsatz fest hielt, bei der Nachricht von ihrer Ruckkehr nach Godwie-Castle dem Konige die Hoffnung zu geben, dass sie noch lebe. Von der Leiche eines Fursten, dessen Tod der Anfang einer eben so wichtigen Epoche fur England ward, als sein Leben bei seinem stillen Gange und seinen wenig hervortretenden Ereignissen kaum eine Spur hinterliess, wenden wir uns zu dem letzten Ruhebette eines Greises, zu gering, um in den Registern der Geschichte einen Raum fur seinen Namen zu finden, wichtig genug fur den Mittelpunkt, fur die Hauptperson unserer Erzahlung, um ihn nicht zu ubersehen.
Wir treten in ein leeres Zimmerchen, welches uns schon bekannt ist, und mit seiner hochgewolbten Dekke, seinen tiefen bis an den Boden reichenden Fenstern uns die Wohnung des alten Miklas, im Schlosse der Herzogin von Sommerset, zeigt.
Leer sehen wir die Wande und mit schwarzen Vorhangen bezogen; kein gastliches Feuer in dem leeren Kamin verbreitet Helle und Warme; im truben, matten Lichte umgeben zwolf Wachskerzen den erhohten Sarg, wo wir die erblasste ehrwurdige Gestalt des alten Miklas gewahren, dessen gefaltete Hande, in denen der Rosenkranz hangt, und die stille Miene des Gebets und der sanftesten Ruhe eher einen in heilige Andacht Versenkten, als einen Gestorbenen ankundigen.
Laut horen wir seitwarts schluchzen und sehen Margarith, in Trauer gehullt, auf der Erde vor Lady Melville knieen, die, auf einem schlichten Stuhl am Sarge sitzend, die Todtenwache mit der trostlosen Tochter theilen will. Auf der andern Seite horen wir ein leises Murmeln von Gebeten, mit der lauteren Betonung einzelner heiliger Namen, und finden Schwester Electa, welche sich dem Dienste unterzogen hat, die Sterbegebete an der Leiche herzusagen.
Sanft horen wir dazwischen die Stimme Marias, die, mit der eignen Wehmuth kampfend, ein liebevolles linderndes Wort fur die arme Margarith spricht.
Aber wie sind die Zuge verwandelt, in die sonst mit dem Schmelz der Jugend und Schonheit zugleich die frische, kraftige Natur solche Fulle des Ausdrucks legte, eine Beweglichkeit der Mienen, den Blick fast wider Willen fesselnd. Die schonen gerundeten Wangen sind langlich und kranklich verfeinert, die Blasse der Haut geht in das Weiss der kleinen Binde uber, die der Klosterhaube sich anschliesst, keine Spur des reichen Haares zeigend. Der schone Mund hat den tiefen Ausdruck des Leidens mit seinen gesenkten Winkeln, seiner erblassten Farbe, und die schone Nase scheint wie durchsichtig in Feinheit und blaulichem Schein. Druber ruhen die grosser blinkenden Augen, wie trostlose Gefahrten, nichts mehr von Aussen suchend, von Innen nichts mehr findend, um ihr voriges Licht anzufachen, nichts bewahrend, als den Abglanz einer reinen erhabenen Seele.
Von der schluchzenden Margarith richtet sich ihr Auge zu dem lieben Greise, von ihm zu ihr zuruck. Sie theilt den Schmerz der Tochter nicht aus Mitleiden allein, sondern in dem Gefuhl des grossen Verlustes, den auch sie an dem edlen, gutigen Greise erlitten, welcher stets bestrebt war, die Harte ihrer Lage durch stille Wohlthaten zu erleichtern. Er hatte sie mit Margarithen oft zur Nachtzeit durch geheime Gange und Thuren an die ihr versagte Luft gefuhrt, und sie sah nun eine Existenz vor sich, die wenig von der in einem Kerker unterschieden war, und dieser an Luft und Bewegung Gewohnten ein baldiges Siechthum zu drohen schien.
Ergeben sieht sie in die Zukunft; nach und nach sind alle ihre Hoffnungen auf Rettung zusammen gefallen. Sie will die Erinnerung fern halten und hat doch kein anderes Leben, als eben in der Erinnerung mit ihren Anklangen von Seligkeit, die den tiefen Schmerz ihrer Brust nahren und den Giftbaum wachsen lassen, unter dessen weit sich ausbreitenden Zweigen die Bluten ihres jugendlichen Lebens welk werden und niedersinken. Sie kommt sich alt vor und denkt, es sei lange her, dass sie jung war; sie konnte denken, schon einmal gelebt zu haben, und zwischen ihrer fruheren Existenz und ihrer jetzigen liege ein Grab, aus dem sie gestiegen, um als ein wankender Geist umher zu gehen, nicht lebend und nicht todt.
Ihr ward nicht der Trost zu Theil, der den schiffbruchigen Lebenswanderer aufs Neue ansiedelt, um in irgend einer Thatigkeit, in der ungestorten Andacht einer reinen Religiositat die Vergangenheit zu uberwinden. Die ausgesuchteste ihrer Qualen war der Zwang, der ihr auferlegt war, in der Nahe und steten Umgebung von Personen zu leben, die in sinn- und geistlose Beschaftigungen sie zu verflechten trachteten, und deren Religiositat bei naherer Bekanntschaft die Abneigung bestatigen musste, die sie gleich bei den ersten Versuchen des Pater Johannes dagegen empfunden hatte.
Der Hass, den ihr blosser Anblick in dem Herzen der Lady Sommerset erregte, da sie die schonen Zuge der Schwester Buckinghams trug, desjenigen, der die Stelle eines Lieblings, wie Sommerset dem Konige war, nach dessen Fall ersetzte und damit ihr todtlicher Feind ward, dieser Hass trat in jedem Augenblick hervor. Er entlud sich mit Schadenfreude an dem unschuldigen Abkommling, ja, Gelindigkeit schienen ihr noch stets die niederbeugenden Maassregeln gegen die Arme, und entschlossen war sie im Innern, dass Buckingham seine Plane auf sie nie erfullt sehen sollte, und sollte sie auch zum Aeussersten schreiten und dies Leben hinwelken lassen, ihm sollte es nie Nutzen schaffen konnen.
Pater Johann, der sein Beichtkind vollkommen kannte, wenn auch die Beichte selbst ihm daruber nur mittheilte, was sie selbst fur gut fand, schutzte Anfangs, wo ihm die Hoffnung auf Marias Bekehrung eine neue Glorie vorspiegelte, seinen Zogling gegen die offenbaren Verfolgungen der Lady. Aber seine uble Laune stieg in dem Maasse, als ihm jenes Ziel entruckt ward, und schnell benutzte die scharfe Beobachterin die schwache Seite des Priesters, um strengere Einschrankungen uber sie zu verfugen. Sie schritt so, wenig Widerstand mehr findend, in ihren tyrannischen Anforderungen fort, bis sie jede kleine Gemachlichkeit, jede Beschaftigung des Geistes, jede Erquickung des Korpers ihr entzogen sah, und suchte die Demuthigung des Geistes, die Trostlosigkeit des Herzens durch die hartesten Worte und Reden zu vollenden.
Maria setzte Anfangs diesen Dingen den jugendlichen Muth, den Stolz ihres edeln Blutes entgegen und fugte sich auf eine Weise, die ihre Beobachterin unsicher machte, ob sie es vermocht hatte, sie zu demuthigen. Als aber ihr Geist in seiner Thatigkeit unterdruckt war, als die Entbehrung der freien Natur ihre Gesundheit untergrub, zeigten sich in ihrem Aeusseren jene Spuren, die wir bereits andeuteten, und ihre Feindin sah den Erfolg ihrer Bestrebungen und fuhr fort, sie danach zu behandeln.
Maria bewohnte langst nicht mehr die reich ausgestatteten Zimmer, die Pater Clemens im gutmuthigen Eifer fur sie eingerichtet hatte. In einem uberhangenden Thurm des altesten Theiles des Schlosses, nach dem Meere hinaus, war ein odes, leeres Zimmer ihr angewiesen, worin sie nichts als ihr Lager, ein Betpult und einen Schrank fand, ihr Nonnenkleid und das wenige ihr gelassene Gepack zu verwahren.
Kein Buch, kein Schreibgerath ward ihr gestattet. Schon am fruhen Morgen ward sie von ihrem harten Lager durch die Glocken aufgeschreckt, die im Innern des Schlosses, fast neben ihrem Zimmer hingen und so machtig zur Fruhmesse riefen, dass der Thurm zu schwanken schien, der keine andere Basis hatte, als einen kleinen Pilaster, der ihn an eine niedere Fensterfronte anlehnte.
Sie stieg dann, dem Sinne verwirrenden Gerausch entfliehend, und von bosen Worten uber Ketzerei und Lauigkeit der Andacht empfangen, in die Gruft, welche die Kirche der Fanatiker war, mit allem Glanze des katholischen Kultus ausgeschmuckt und auf den ermudeten Geist Marias oft wohlthatig wirkend, da ihr Herz doch auch hier in seiner Sprache zum Himmel sich erheben konnte und die Schonheit des Raumes, mit dem ubrigen durren Geistes-Leben kontrastirend, den Misslaut beschwichtigte, in dem ihr Herz den Tag uber zitterte.
Seufzend stieg sie dann ans Licht zuruck, denn sie konnte von da an sich nicht mehr von ihren Umgebungen trennen, und musste mit ihnen widrige Handarbeiten treiben und ihr noch widrigeres Geschwatz anhoren.
Bei Tafel sass sie an einem gesonderten Tische, um die ehrwurdigen Frauen nicht zur Zeit ihrer Erholung zu storen durch ihre unheilige Nahe. Hier war es, wo Lady Sommerset mit allen Stachelreden der Verachtung und des Hasses ihre geringe Kost zu vergiften suchte, und wenn die Thranen des Schmerzes die holden Wangen der Verfolgten immer mehr auszubleichen schienen, verstarkte die Unerbittliche ihre Worte, in der Gewissheit des Erfolgs.
Spat am Abend erst ward sie auf ihren Thurm entlassen, der, seiner oden Wande und ungastlichen Einrichtung ungeachtet, ihr wie eine Freistatt des Friedens erschien.
In den schmalen Raum des Fensters gedruckt, blickte sie oft stundenlang in das melancholisch rauschende Meer hin, und rang in der Ermattung ihres ganzen Wesens nach Kraft und Geduld vor Gott. Da stellte sich dann der heimliche Trost ein, der ihr auf offenen Wegen langst entzogen war, und Miklas mit seiner Tochter erschien, und Beide schutteten in das verwaiste Herz der Dulderin den Trost einer Theilnahme, einer Liebe und Verehrung, der sie nirgends mehr begegnete.
Miklas, war es, der sich der Gefahr freiwillig unterzog, dem verschmachtenden Wesen die Wohlthat der frischen Luft zu verschaffen. Durch eine unscheinbare Thur, auf dem Vorplatze dieses luftigen Baues, stieg man eine schmale Treppe hinab, vielleicht nur von Miklas gekannt, und erreichte dadurch einen kurzen verdeckten Weg, der, von dem ehemaligen Festungswerk herruhrend, unmittelbar in den jetzt ausgetrockneten und zur Weide benutzten Schlossgraben fuhrte, wo, von beiden Seiten durch Walle verdeckt, jetzt die Spazierenden gegen die Unfreundlichkeit der Nachtsturme und der Jahreszeit in etwas geschutzt waren.
Unbeschreiblich war das Entzucken und die Dankbarkeit Marias fur diese Wohlthat, die ihr zwar nicht oft zu Theil ward, aber sie dann auf das Wunderbarste starkte, wozu das herzliche, liebevolle Gesprach mit Margarith beitrug, deren ganze Seele an der geliebten Lady hing und nebenbei ihren kleinen Kummer ausschuttete, da Lanci zum Ohm nach London berufen war und das unschuldige Sehen der beiden Liebenden dadurch sein Ziel gefunden hatte.
Tief erschutterte Maria daher die Nachricht, dass Miklas von einem bosen Fieber befallen darnieder lage, und uberwaltigt von dem Gefuhl, wie Margarith leiden moge, wagte sie die erste Bitte an Lady Sommerset, die Pflege des Alten mit der Tochter theilen zu durfen.
Die Lady liess ihren Falkenblick mit allem Ausdruck hohnischer Schadenfreude auf der Bittenden ruhen; dann gewahrte sie mit einem boshaften Lacheln; denn bereits war Maria dazu ausersehn, diese Pflege zu ubernehmen, da man das Fieber fur bosartig und ansteckend hielt.
Furchtlos und freudig eilte sie zu ihrem alten Freunde, aber er kannte sie nicht mehr, und Maria hatte bald keinen Zweifel, worauf sie Margarith vorzubereiten habe.
Diese Sorge nahm ihren Geist so in Anspruch, dass sie fast ubersah, was ihr selbst damit auferlegt ward, und erst an dem Sarge, wo wir sie wieder finden, ergriff sie das trostlose Gefuhl, wie viel sie verloren habe.
An dem erwahnten Tage ritt in das Stadtchen Boxhall, welches zunachst dem Schlosse der Lady Howard lag, eine kleine Anzahl Manner ein, deren ermudete Pferde hinreichend zeigten, dass sie nicht geschont worden waren, und deren fragende Blicke, die sie an den elenden Hausern des oden, kleinen Stadtchens umherwarfen, deutlich ihr Verlangen nach einer Herberge andeuteten, die den Reitern, wie den Rossen gleich nothig schien. Ein solcher Aufenthalt fand sich allerdings, wie in jedem kleinen Orte, auch hier, und die Herberge zum weissen Lamm, wie sie sich nannte, obgleich ohne grosse Unterstutzung durch haufigen Verkehr mit Fremden, ubertraf durch aussere und innere Einrichtung die geringe Erwartung, womit die Reisenden sich ihr genahert hatten.
Master Haxford, der Wirth, erschien wohlgekleidet mit grosser Gravitat an der Thur des zweistockigen, geraumigen Hauses, als das Getrappel der Pferde die seltene Erscheinung von Gasten verkundigte, und lugte unter seinen dicken Augenbrauen prufend nach den Ankommenden hin, wahrend er zuweilen, ihre Bedurfnisse schon von fern taxirend, einzelne Befehle in das Haus zuruck rief.
So fanden die Reisenden bei ihrer Ankunft den Hausflur mit mehreren Domestiken angefullt, deren weiblicher Theil von einer Frau kommandirt ward, welche das empfehlendste Schild aller Wirthshauser, eine immense Korpulenz und eine glanzende, fast prunkhafte Reinlichkeit, an ihrer kleinen Gestalt zeigte.
Die Reiter, die sich demnach erwartet sahn, stiegen
ohne Weiteres ab, wobei Master Haxford mit Genauigkeit und Schlauheit ihr Rangverhaltniss zu ermitteln trachtete, da ihre durchaus unscheinbare Kleidung sie nicht von einander unterschied.
Es kam daruber spater unter den Eheleuten zu
einem Streit, indem Mistress Haxford den alteren Herrn fur den vornehmsten halten wollte und die Kurzsichtigkeit ihres Mannes, der den jungern dafur nahm, belachelte, weil dieser sich beeilt habe, vom Pferde zu kommen, um den altern ehrerbietig herunter zu heben.
Weib, rief der Wirth vom Lamme, ich kenne diese
Vornehmen besser, als Du. Jetzt macht er sich nichts aus seinem Range, eben weil kein Vornehmer dabei ist, den er damit argern kann, dass er sich brustet. Das sind immer die Herablassendsten gegen die Geringeren, wo sie Niemand sieht, die nachmals die Hochmuthigsten werden. Herabgehoben hat er ihn, aber uber die Schwelle ging er zuerst, nach dem Gepack sah er sich nicht um, wahrend der alte Herr sich aufhielt, selbst Einiges davon mitzunehmen.
Und der schone Page, hob die Wirthin an, ist das
nach Deiner Klugheit vornehmes oder geringes Blut?
Vornehm oder gering, fuhr der Wirth ihr entgegen,
alle haben sie Magen, alle sind sie hungrig und durstig, und Dein Platz ist in der Kuche. Er selbst aber stieg mit einem Schlusselbunde und kleinem Laternenstock durch eine Fallthur in den wohleingerichteten Keller, und entging dadurch den Worten seiner beleidigten Ehefrau, die in der That keinen ungegrundeteren Vorwurf bekommen konnte, als den der Versaumniss der wichtigen Kuchenangelegenheit, da sie dieser in einer seltenen Vollkommenheit vorzustehen verstand.
So sahen die Reisenden bald zu ihrem Vergnugen in dem hellen und wohnlichen Gemach, wo sie das Feuer eines grossen Kamins schon empfangen hatte, auch Vorkehrungen zum Mittagsbrote machen, die ihnen eine ziemliche Bekanntschaft mit den feineren Bedurfnissen der Tafel zu verrathen schienen, vervollstandigt durch mehrere staubige und wohlverpichte Flaschen, die Master Haxford selbst sorgfaltig auf den Schenktisch niedersetzte.
Eine kurze Pause bis zum Auftragen der Speisen, welche die Diener entfernte, benutzten die Reisenden zu einem Austausch ihrer Gedanken.
Jetzt, Mylord, redete Brixton Richmond an, der in schwermuthiges Hinbruten verloren, in die Glut des Kamins starrte, jetzt, wo wir so nah an unserm Ziele sind, muss ich mit Betrubniss eine Veranderung in Eurer Stimmung wahrnehmen, die, verzeiht mir, fast mich furchten lasst, es finden sich Hindernisse in Euch ein, die Ihr vorher nicht erkannt hattet, oder Euch leuchten Schwierigkeiten ein, die mir entgangen sind.
Furchtet dies nicht, theurer Sir, erwiederte Richmond, sich emporraffend und freundlich zu ihm hinblickend, weder ein Zweifel, noch die kleinste Aenderung meines festen Entschlusses, Euch um jeden Preis in Euerem Vorsatz beizustehen, ist in mir eingetreten; im Gegentheil, so nah dem Ziele, fuhle ich es lebhafter, als fruher, wie nothig es ist, alle unsere Gedanken auf die Erreichung desselben zu richten. Mir bleibt nur ein Zweifel, doch geht dieser nicht die Sache selbst, sondern das Verfahren an, das uns durch diesen unbekannten Rathgeber aufgenothigt und meiner Natur so widerstrebend ist, dass ich fur mein Verhalten fast besorgt sein mochte. Erhalt mich etwas bei der Ueberzeugung, dass wir uns dieser Vorschrift fugen sollen, so ist es Eure Nachgiebigkeit, bester Sir, da Ihr allerdings besser, als ich, ubersehen konnt, ob dies einem geraden und offenen Verfahren, wozu ich immer die Neigung behalten werde, vorzuziehen sei.
Nachdenkend horte Brixton diese Worte an und schien noch ein Mal verstandig die Umstande zu prufen.
Mylord, hob er darauf an, meine Einsicht ist nicht so klar, wie Ihr denken mogt. Ich habe dies fruher bekannt, ich muss es wiederholen, wie weit die Entdekkungen sich erstrecken, die durch den Tod ihrer Beschutzer uber das Fraulein gemacht sind, weiss ich nicht. Ob Wahrheit oder neue Tauschungen ihre Verfolgung herbeifuhrten, ob eine elende Galanterie diesen Lord Membrocke leitete, oder eine tiefere, von naher Unterrichteten herruhrende Absicht, ich kann es nicht wissen. Jedenfalls ist jedoch hier eine Partei thatig gewesen, die listiger und machtiger vielleicht ihm entgegen wirkte, und in deren Gewalt wir sie uns denken mussen.
Auffallend, erwiederte Richmond, ist das hartnackige Schweigen des Junglings, dessen Wahrhaftigkeit ich ubrigens vertrauen muss, und der doch diejenigen oder den einen nicht nennen will, der ihn uns gesendet; welche Absicht kann da zum Grunde liegen? Tausend Mal hatte ich Alles fur eine Falle gehalten, in die man uns lockt, gerade um uns abzuziehen, waren die Erzahlungen zu bezweifeln, die der Knabe in der hochsten Unschuld und mit der vollen Geschwatzigkeit der absichtslosen Unbefangenheit giebt, und die so glaubwurdige Nachrichten uber das Fraulein enthalten, dass wir nicht zweifeln konnen, sie zu finden, wohin wir ihm folgen, wenn, was Gott verhuten moge, ihre Verfolger sie nicht schon weiter gefuhrt haben.
Ich bin vollkommen Eurer Meinung, entgegnete Brixton, ich kann nicht zweifeln, dass uns der Knabe redlich bedient; seine eigene zartliche Sehnsucht nach Margarith, die er seine Geliebte nennt, ist nicht erheuchelt und ist in vollkommener Uebereinstimmung mit allen ubrigen Aussagen. Auch muss ich noch bekennen, dass mir seit seiner kindischen Heimlichthuerei, die jedoch alles verrath, was er verhehlen mochte, uber die Geheimnisse des Schlosses eine Ahnung kommt, die in Bezug auf das Fraulein allerdings einen neuen Feind bezeichnen konnte.
Ihr meint, rief Richmond, dass die Einwohner von Howards Schloss Katholiken sind?
Habe ich das gesagt? rief eine uberraschte Stimme, und Lanci, der leis hereingetreten war und diese letzten Worte gehort hatte, stand gluhend vor Schreck vor beiden Mannern.
Du hast es unendlich oft verrathen, doch wohl nie eigentlich beabsichtigt, es zu sagen, sprach Brixton ruhig; sei aber unbesorgt, es soll von uns nicht weiter gebracht werden.
Es thut mir leid, wenn ich es verrathen habe, sagte Lanci, Ihr werdet mich aber nicht so unglucklich machen, davon zu sprechen. Doch hier im Hause, muss ich Euch sagen, passen sie alle sehr auf uns auf; die dicke Wirthin wollte durchaus, ich sollte ihr sagen, wer der Vornehmste sei, sie wollte mich mit Kuchen und Aepfeln futtern, wie einen Affen, ich habe sie aber laufen lassen und habe gesagt, verzeiht Mylord wir waren alle nicht vornehm.
Richmond und Brixton konnten ein Lacheln nicht unterdrucken, welches sich noch verstarkte, als der Knabe wichtig fortfuhr: Es ist aber Zeit, dass wir jetzt beschliessen, wie wir die arme Lady loskriegen, und da denke ich, dass ich den Vorlaufer mache.
Dabei werde ich Dich begleiten, unterbrach Richmond ihn rasch, jeder Schritt, der jetzt geschieht, ist zu wichtig, ihn allein Deiner jungen Ueberzeugung anzuvertrauen. Master Brixton mag sich hier einige Erholung gefallen lassen, bis wir ihm Nachricht geben konnen und seine Gegenwart nothig wird.
Der Knabe schwieg; nach einem Augenblicke sah er beide Herren an und schuttelte den Kopf.
Nun, Lanci, sprach Richmond, gefallt Dir der Plan nicht?
Ich musste lugen, wenn ich Ja sagte, erwiederte er offen; ich mochte nicht, dass Einer hier bleibe, nicht, dass Einer jetzt mit mir ginge.
Und weshalb? fuhr Richmond fort, sei offen, mein Kind, wir wollen gern horen, was Du Dir ausdenkst, da Du bis jetzt Dich treu und gescheidt gezeigt.
Seht, Mylord, hob Lanci an, ich denke, ich muss noch heute weiter. Es ist Freitag, morgen ganz fruh liefert der Wildmeister das nothige Wild fur den Sonntag in die Schlosskuche, dabei muss ich sein, es ist die einzige Art, wie ich oder mein Brief mit herein kommen. Unterdessen, dachte ich, musstet Ihr aber doch nachrucken, damit Ihr zur Hand seid bei den Vorschlagen, die Vater Miklas austheilen wird, und die ich nicht wissen kann. Auch sehe ich jetzt wohl, wo ich bin, und hatte besser gethan, uns und die Pferde noch einen halben Tag hungern zu lassen, als Euch hierher zu bringen.
Was beunruhigt Dich hier, rief Richmond aufstehend; haltst Du es fur moglich, dass man uns hier vom Schlosse aus beobachten konnte?
Ja, erwiederte Lanci, so denke ich; der alte Wildmeister hat mir immer von einer Herberge erzahlt, wo es hoch hergeht, und wo die Katholischen, denn Ihr wisst es ja nun einmal, aus- und einziehen, die von und nach dem Schlosse wollen. Diese ist hier, jetzt habe ich das Schild gesehn: Zum Lamm; so hiess sie, aber der Wildmeister wusste auch nicht, dass sie im Stadtchen liegt, er sagte immer in den Hugeln.
Und glaubst Du, sprach Richmond, dass diese Leute im Solde des Schlosses sind, dass man die Fremden anzeigt, die hier einkehren?
Ja, so sagte der Wildmeister, und er weiss es am besten.
So lasst uns sogleich wieder aufbrechen, rief Richmond, und sie auf alle Weise uber unsern Weg tauschen, damit wir sie unsicher machen oder fruher, als ihre Nachricht, eintreffen.
Brixton stand auf, seine Bereitwilligkeit zu zeigen, als die Thuren sich offneten und die Diener mit den Speisen eintraten, der Wirth mit einer wehenden Serviette voran und mit grosser Geschicklichkeit beiden Gasten zu gleicher Zeit die Stuhle herbeiziehend.
Ein Blick tauschte die Gesinnungen der Beiden aus. Um jedes Aufsehn zu vermeiden, nahmen sie die Mahlzeit an; auch sagte sich Richmond bei einigem Nachdenken, dass jedenfalls den Pferden Ruhe zu gonnen sei, ohne welche jedes weitere Unternehmen Gefahr liefe.
Sie hatten sich kaum niedergelassen, als neues Pferdegetrappel sich vor der Thur horen liess und der Wirth nach einem fluchtigen Blicke durch das Fenster dem Ankommenden entgegen eilte.
Freundliche und ehrerbietige Begrussungen horte man wechseln, und es erhob sich eine ziemlich lange Zwiesprache im Hausflur. Dann horte man die Treppe hinansteigen, und zuletzt erschien der Wirth, den neuen Gast hinter sich, in der Thur und bat um Erlaubniss, den eben angekommenen Herrn an der Mahlzeit Theil nehmen zu lassen.
Es war wenig dagegen zu sagen, da der Fremde sogleich eintrat, und sehr hoflich und mit vielen Worten die Gastfreundlichkeit der Anwesenden in Anspruch nahm.
Kalt ward ihm zugestanden, was nicht gut verweigert werden konnte, und er nahm sehr gemachlich an der andern Seite des Tisches Platz, wo ihm auch Anfangs die Stillung seiner Esslust hinreichende Beschaftigung gewahrte, was ihn jedoch nicht abhielt, seine kleinen stechenden Augen mit grosser Beweglichkeit auf allen anwesenden Personen herumfliegen zu lassen.
Wahrend er, um Athem zu holem, seine Kravatte einen Augenblick luftete, begann er, sich gegen seine Tischgenossen verneigend:
Es ist selten, an dieser Tafel mit so geehrten Gasten zusammenzutreffen; die Gegend ist sonst unbesucht, hat keinen Verkehr; die Nahe des Hafens von Dover zieht dorthin alle Reisenden von Bedeutung.
Diese Rede blieb eine Zeitlang unerwiedert. Endlich fragte Richmond, halb zum Wirthe, halb zum Fremden gewendet: Wie weit rechnet man Dover, und wie ist der Weg dahin?
Sollten Euer Gnaden nach Dover zu gehen beabsichtigt haben, rief der Fremde, muss ich sehr erstaunen uber einen so bedeutenden Umweg; da, wie ich aus Kleidung und Art zu schliessen wage, Dero Weg von London herkommt.
Nicht Jeder beabsichtigt gerade den kurzesten Weg, erwiederte Richmond, und jedenfalls wird Dover erst in einiger Zeit lebhaft werden, wenn die Prinzessin von Frankreich dort anlangt.
Es wird wenig Feierlichkeiten geben, sagte der Fremde nachdenkend, die Landestrauer verbietet jedes Gerausch.
Die Landestrauer? rief Brixton, was meint Ihr damit, mein Herr, wo ist Landestrauer?
Wann habt Ihr denn London verlassen, werthe Herren, sprach der Fremde, dass Ihr den Tod des Konigs nicht mehr erfuhret?
Des Konigs! riefen Alle auf ein Mal.
Und wann starb der theure Herr? fuhr Richmond fort.
Am Abende des achten dieses Monats, erwiederte der Fremde.
Also am Tage unserer Abreise, sagte Brixton mechanisch.
Ich reiste am andern Morgen ab, fuhr der Fremde fort, bin also doch etwas rascher gereist, als die geehrten Herren. Handelsleute, wie ich, fuhr er fort, die meist auf Reisen ihr Leben zubringen, sind aber auch besser mit all den kleinen Vortheilen vertraut, die das Fortkommen erleichtern.
Diese Worte blieben wieder ohne Entgegnung, da Richmond wie Brixton sich tief erschuttert fuhlten von der Nachricht, die sie so eben erfahren hatten. Die Gedankenfolge errathend, nahm der Fremde das Gesprach wieder auf.
Die Trauer in London war sehr gross und allgemein; so lange die guten Leute auch darauf vorbereitet waren, schien es doch, als habe der Tod den Konig im Junglingsalter, in der Fulle der Kraft hinweggenommen. So geht es aber, was man lange besessen, denkt man nie verlieren zu konnen; dieselben, die jetzt weinen und stohnen, sprachen fruher frevelhaft uber ein so weit ausgesponnenes Lebensziel; nun es da ist, schreien sie wieder uber die neuen Aussichten fur den Thron und sehen uberall Gespenster.
Thoren giebt es immer, zu allen Zeiten, bei allen Veranlassungen, sagte Richmond gleichgultig, die Stimme des Volkes war anders uber Jakob, und die Hoffnungen fur seinen Nachfolger lassen sich nicht von Gespenstern verscheuchen, die nur Kinder oder Narren sehen.
Wohl, wohl! erwiederte der Fremde mit niedergeschlagenen Augen, eine treffliche Scheibe Schinken zerlegend; aber diese Vermahlung, diese ungluckliche Vermahlung! Es mag immer eine gute Dame sein, diese nunmehrige Konigin von England, die unter Papisten geborne und erzogene Prinzessin von Frankreich; eine verhasste Katholikin bleibt sie doch, und dass der junge Konig diese mit sich zieht bei seiner Thronbesteigung, hat seine Nachtheile, glaubt mir Sir.
Ich glaube Euch weder, sprach Richmond stolz, noch halte ich es fur schicklich, uber die Gemahlin meines Konigs mich in Klugeleien einzulassen. Ihr Glauben ist Sache ihres Herzens, woruber ihr nicht schon jetzt von jedem mussigen Geschwatz das Gift zubereitet werden sollte. Ich hasse derlei Voraussetzungen, wie ich das Bose hasse, das es ist.
Er stand bei diesen Worten auf, sich gegen Brixton ehrerbietig, gegen den Fremden fluchtig verneigend, und verliess das Zimmer, da er schon seit dem Eintritte des Fremden Lanci vermisste, mit dem er jetzt ihre Abreise verabreden wollte.
Lanci war jedoch nicht zu finden, und er horte von seinem herzukommenden Bedienten, dass derselbe schon vor einer halben Stunde, nach einer fluchtigen Mahlzeit, zu Pferde gestiegen und eilig durch die Hinterthur davon geritten sei.
Als Richmond nach seinem Zimmer zuruck wollte, naherte sich ihm sein Kammerdiener, und er merkte bald, dass dieser ihm etwas zu sagen habe, was keine Zeugen litt.
In den Hausflur zurucktretend, erzahlte ihm derselbe, wie Lanci ihm gesagt, er musse eilen, das Schloss fruher zu erreichen, als der angekommene Fremde, denn ware der erst dort mit der Nachricht von der Anwesenheit einer so starken Gesellschaft, als die Euer Gnaden hier, so wurde es gewiss unmoglich sein, in das Schloss einzudringen. Euer Gnaden sollte ich dies sagen, und vor dem Fremden warnen, zugleich mochtet Ihr den angekommenen Herrn sicher machen, als ob ihr zu verbleiben gedachtet, vielleicht verzogere er dem zu Folge wohl selbst seine Abreise, in der Hoffnung, Euch zu beobachten. Den Leuten im Hause aber habe er weiss gemacht, er habe ein Stuck unserer Reiseequipage im letzten Nachtquartier zuruckgelassen, was er eilig holen musse, ehe es die Herrschaft vermisse.
Richmond ubersah schnell das gescheidte und treue Verhalten des ehrlichen Lanci, und der hochst unangenehme Eindruck, den auf ihn der Fremde gemacht, fand nun seine Bestatigung. Er glaubte namlich in ihm den Kaplan des Schlosses zu erkennen, von dessen boser Autoritat Lanci genug verrathen hatte, um ihn als einen Feind und Verfolger der unglucklichen Lady Maria anzusehen. Es war ihm daher fast unmoglich, ihn in der ersten Aufregung, die in ihm durch diese Entdeckung bewirkt wurde, wieder zu sehen. Er eilte nach seinem Schlafzimmer und liess Master Brixton dahin bescheiden.
Nachdem er ihm alles Erfahrene mitgetheilt, beschlossen sie, der ferneren Weisung des ehrlichen Junglings zu harren, da es allerdings gewiss schien, dass ihnen bei der Anwesenheit des Pater Johannes kein Schritt moglich werden durfte, auf den sie nicht seine Aufmerksamkeit gerichtet fanden.
So peinlich diese Lage, besonders fur Richmonds warmeres Blut, war, beschloss er doch mit dem Anscheine der Ruhe, den Pater zu tauschen und ihn dadurch bis zum morgenden Tage aufzuhalten; ob er selbst langer auszuharren vermogen wurde, wagte er sich nicht zu versprechen. Von dem Augenblicke an, wo Miklas zur Beerdigung fortgetragen war, fuhlte Maria eine Schwache uber ihre Glieder sich verbreiten, dass sie nicht ohne Unterstutzung zu gehen vermochte.
Electa, die zwar bigott und in fanatischen Gefuhlen gluhend, doch stets mitleidig und theilnehmend gegen Maria blieb, leitete die halb Ohnmachtige die hohen Stiegen nach ihrem Thurmzimmer hinauf, da Margarith in fast gefuhlloser Trostlosigkeit auf ihrem Lager ruhte und selbst die geliebte Lady nicht mehr sah, die ihrer Hulfe bedurftig wurde.
Electa, die noch nie das verponte Gemach der unglucklichen Maria betreten hatte, konnte kaum ihr Erstaunen bei dessen Anblick unterdrucken. Unruhig suchten ihre Blicke nach irgend einer Bequemlichkeit fur die Kranke; sie fand nichts als das durftige Lager, das, in dem kleinen Gemache in der Nahe des losen Fensters stehend, von dem unablassig eindringenden Winde bestrichen ward, der in dieser Hohe und von dem Meere aus nie einen Augenblick seine heulende Stimme unterbrach.
Sie legte die jetzt in Ohnmacht Versunkene auf diese elende Lagerstatte und nestelte ihren eigenen Schleier los, um ihn gegen das Fenster aufzuhangen.
Aber nur etwas kaltes Wasser fand sie in einem irdenen Kruge, die Ohnmachtige zu erfrischen. Doch that dies einfache Mittel seine Wirkung, und die Ungluckliche offnete die Augen und blickte in die mitleidigen Zuge Electa's.
Ihr hier? fragte sie sanft; wie ist mir geschehen? Nachsinnend brach sie plotzlich in sanfte Thranen aus, die in etwas die Last von ihrer Brust wegnahmen.
Wie ist Euch nun? fragte Electa. Soll ich Euch entkleiden und zur Ruhe bringen!
Liebe Electa, sagte Maria, bedenkt wohl, was Ihr thut. Man will hier nicht, dass ich Hilfe finde, ich mochte Euch nicht Verweise zuziehen, lasst mich lieber allein; Gott wird mir Kraft geben, oder sein Wille hat es auch anders vor, nun denn
Electa schlug die Augen nieder, sie fuhlte sich beschamt von der Lage des armen Wesens, dem sie nicht zurnen konnte, fur wie verderblich sie auch ihre Geistesverkehrtheit hielt. Ihr Beistand bei ihrer Hinfalligkeit zu leisten, schien ihr doch nicht zu viel.
Ich zweifle nicht, sprach sie daher sich ermannend, unsere ehrwurdige Oberin wird gestatten, dass ich Euch beistehe, und ich gehe, ihre Erlaubniss zu holen.
Maria fuhlte sich zum Widerstande zu schwach, und kaum sah sie sich allein, als der furchtbare Geist des Fiebers uber sie kam, und ihrem Gehirn jene schmerzhaften Bilder von Angst und Grauen eindruckte, die das Blut verzehren und alle Nerven zu zerreissen drohen. Angstvoll, stohnend, ohne Kraft und Gegenwehr, nagte so der schreckliche Wahnsinn an der Unglucklichen, ohne dass Electa oder eine andere Hilfe zu ihrer Linderung erschien. Schon war die Nacht weit vorgeruckt, schon brach sich die Wuth des Fiebers, da nahete aufs Neue ein wildes Geheul ihrer Thur. Selbst in der Verwilderung ihres Geistes erkannte sie die grauenhaften Tone, die so oft zur Nacht das Schloss aufstorten durch den Wahnsinn der furchtbaren Lady Sommerset, und ein heller Schrei des Entsetzens entfuhr ihren Lippen, als sie die Thur aufreissen sah, und die Wahnsinnige mit einem Doppelleuchter und zwei Kerzen hereinsturzte.
Langsam heulend nahte sie sich lauschend; vorgebogen streckte sie den Leuchter nach dem Lager vor und betrachtete mit starren, truben Augen das Schlachtopfer ihrer Wuth.
Ich komme, Dich selbst zu pflegen, rief sie hohnisch, da ich Dir Electa eingesperrt habe. Ja, Du wirst bald genesen, koste nur erst von meiner Arznei! Ein schauderhaftes Lachen folgte diesen Worten. Sie setzte den Leuchter taumelnd auf die Erde und rieb sich wie in grosser Angst die Hande.
Arznei war es! schrie sie plotzlich furchtbar auf, uber Maria hinaus blickend, wie nach einem andern Gegenwartigen. Ich sage Dir, Arznei war es, die ich Overbury schickte, nicht Gift! nicht Gift! nicht nicht Gift! Furchtbar rochelnd wiederholte sie dies letzte Wort viele Mal hinter einander, wahrend sie, starr zum Boden blickend, alles Andere vergessen zu haben schien und so furchtbar zitterte, dass ihre durren Glieder zu knistern schienen. Doch plotzlich, mit dem schnellen Wechsel des Wahnsinns, fuhr sie empor.
Aber Du, Du, rief sie, auf Maria einsturzend, sollst mir bussen! Er war so schnell, den Platz einzunehmen, von dem er ihn verdrangt; Herzog musste der Bube Villiers werden, Herzog, Herzog! wie mein Sommerset, und ich sollte mich nicht rachen? Habe ich doch Dich, auf die er neue Plane des Ehrgeizes baut, bist Du mir doch sicher. Nie, nie sollst Du sie wiedersehn! Nennt mich die ganze Welt Giftmischerin, Morderin, wohlan, ich will den Ruf verdienen, an Dir verdienen.
Mit diesen Worten flog sie auf Maria zu und umklammerte sie mit der Starke des Wahnsinns.
Starr vor Entsetzen hatte die Ungluckliche den ganzen Vorgang mit angesehn und, von der eignen Qual des heissen Fiebers beherrscht, kein Gebein geregt.
Als sie sich aber jetzt in der Todesnoth von den wuthend eingegrabenen Handen des schrecklichen Weibes fast erwurgt fuhlte, erwachte alle Kraft der Jugend, erhoht durch die Ueberspannung des Fiebers, und sie riss sich mit der schrecklichen Last empor und schleuderte die wurgenden Hande von ihrem Halse los. Doch wenn auch ihr erstes Erstaunen, Widerstand zu finden, die Wahnsinnige abgewiesen hatte, mit neuer Wuth fuhlte sich Maria bald umklammert, und ihre eigenen Krafte, vom Fieber verzehrt, schienen zu erlahmen, ihre Besinnung ward undeutlich, ihr Haupt heiss und schwer, ihr Auge liess sie alle Gegenstande im Kreise tanzend sehen.
Noch eine angstvolle Bewegung, sich loszuwinden, machte sie, dann brachen ihre Kniee, sie sank mit ihrer Verfolgerin zur Erde, so dass sie den Armleuchter umwarf und die Kerzen erloschen.
Die tiefste Dunkelheit, welche jetzt beide Ringende umfing, anderte plotzlich die Scene. Die Wahnsinnige schien zu vergessen, was sie vorhatte, als sie Maria nicht mehr sehen konnte; sie liess sie los und richtete sich auf.
Wo bist Du, Sommerset? sprach sie leise; sprich, mein Gemahl, wo soll ich Dich finden? Warum gehst Du so einsam durch die Nacht? Overbury starb ja nicht an Gift, Du, Du wenigstens bist ja unschuldig; ich werde Dich suchen, Du darfst nicht ohne Beichte sterben. Komm in Dein Zimmer, heulte sie von Neuem furchtbar auf, stirb nicht auf der Treppe, ehe Dir die Kirche vergab! Seine Leiche, seine Leiche! schrie sie plotzlich auf, als sie an Maria's daliegenden Korper stiess, und eilte, sich aus der Thur zu sturzen, die eben von Aussen geoffnet ward und einen matten Lampenschein eindringen liess. Wuthend und blind fur jeden Gegenstand sturzte die Elende an der Eindringenden voruber, den langen Gang in grauenvoller Schnelligkeit hinabfliegend, von dem aus sie einen erleuchteten Vorplatz erreichte.
Zum Tode erschreckt trat Margarith nun naher; denn diese arme Leidtragende hatte nach der Ermudung in ihrem Kummer voll Sorge ihres Frauleins gedacht und sich einsam durch die langen Wege geschlichen, die Einzige zu erreichen, bei der sie Linderung hoffte, die Einzige, die ihr in diesem Schlosse geblieben.
Doch wie fand sie dieselbe, todtenbleich und einer Leiche ahnelnd, mit zerrissenen Kleidern, mit blutender Stirne! Margarith zweifelte nicht, das entsetzliche Weib habe sie erdrosselt. Ihr Schmerz und ihre Verzweiflung drohten sie anfanglich zu uberwaltigen, aber das Gefuhl, wie viel darauf ankame, dass sie bei Besinnung bliebe, und die ganzliche Hulflosigkeit ihrer Lage riefen ihre Krafte ins Leben und gaben ihr die Mittel ein, eine Rettung zu versuchen.
Sie brachte die Ungluckliche nach ihrem Bette, sie wusch das Blut ab und verband die Wunde, deren Ursache sie an dem blutig daneben liegenden Armleuchter erkannte, und hatte die unaussprechliche Genugthuung, bald einen Seufzer, dann ein leises Athmen wiederkehren zu horen und endlich die Augen sich offnen zu sehen, die nun keinen Zweifel liessen, dass sie lebe.
Aber wie wenig schien damit erreicht, als Margarith nun erst erkannte, wie zerstort die geliebte Herrin war.
Angstvoll und unsicher irrten die Augen der Erwachten umher, sie verstand keine Frage, die Margarith that, oder konnte doch die krampfhaft verschlossenen Lippen nicht offnen; nur zusammenschaudern sah man sie oft und Margarith versuchte, den fast starren Korper auf das elende Lager zu legen und ihn mit Allem zu bedecken, was in dem elenden Zimmer sich vorfand.
Doch hiermit sah sie auch ihre Hilfsmittel erschopft, denn wie sie ihr weiteren Beistand verschaffen oder einen der Schlossbewohner zur Hilfe bewegen sollte, da ihr Vater nicht mehr lebte, der Einzige, der es gewagt, die strengen Befehle der Schlossfrau hinsichtlich der Unglucklichen zu umgehen, sah sie nicht ein und schien ihr ein hoffnungsloser Versuch. Dabei kam es ihr vor, als furchte die Kranke ihre Entfernung, als erkenne sie den Schutz ihrer Nahe, denn so starr die Zuge waren, druckten sie doch Angst aus, wenn Margarith nach der Thur ging. Schon brach der Morgen an und sendete ein fahles trostloses Licht auf diese Verlassenen, und noch sass Margarith in Planen zu Maria's Rettung vertieft, und verwarf, was sie beschlossen, und beschloss, was sie aufs Neue verwerfen musste. Dabei blieben die Augen der Kranken starr und trube, aber weit offen; der Schauder durchruttelte, wie es schien, hochst schmerzhaft zuweilen ihren kalten, gelahmten Korper, und langst hatte Margarith aufgehort zu fragen, denn angstvoll aber vergeblich war die Anstrengung, zu antworten.
Endlich in immer steigender Angst kniete sie dicht an ihrem Kopfkissen nieder und rief:
Ihr braucht nicht zu antworten, liebe Lady, ich werde Euch nur sagen, was ich thun will; denn so konnt Ihr nicht langer liegen bleiben; ich will ins Schloss gehn, Eure Thure unterdessen verschliessen und Euch herbeischaffen, was Gott mich vielleicht finden lasst.
Auch hier blieb die Antwort aus, aber der Ausdruck von Angst und Betrubniss kehrte starker zuruck, als vorher, und hatte beinahe Margarith zuruckgehalten, hatte sie sich nicht schnell entschlossen, davon zu laufen.
Ihre Sorge war nur, wie sie die Thur, die ohne Schloss war und nur von Innen einen Riegel hatte, verwahren sollte. Sie schleppte einiges Gerumpel, was den fruher erwahnten Eingang verbarg, zusammen. Sie hatte dadurch wenigstens den ersten Versuch verhindert, einzudringen, und durfte um so mehr auf einige freie Zeit hoffen, da Lady Sommerset den auf solche Nachtzustande folgenden Tag uber gewohnlich in ihrem Bette blieb.
So eilte sie nun fluchtigen Fusses zuruck in den bewohnten Theil des Schlosses und hatte in ihrem frommen Eifer, zu helfen, so ganz vergessen, was sie selbst betroffen hatte, dass sie fast vor Entsetzen zurucktaumelte, als sie in das schwarz behangene Zimmer trat, dessen ganze fruhere Einrichtung verschwunden war, nur das leere holzerne Gestell zeigte noch den Ort, von wo, am Abend vorher, der Sarg des Vaters zu seiner Bestattung abgehoben wurde.
Gott sei mir gnadig! rief sie und ware fast zuruckgewichen, aber ein unschuldiges junges Gemuth rechnet sich die Furcht vor einem verehrten Verstorbenen immer als ein Unrecht an, auch war mit der ganzlichen Verlassenheit ihrer Lage und den Anspruchen, die eben jetzt an ihre Entschlossenheit gemacht wurden, der zarte Uebergangspunkt zu einer hohern Periode des jugendlichen Daseins eingetreten, wo die erste Anforderung an eigne Wahl und eigne Entscheidung jenes Gefuhl von Selbststandigkeit hervorruft, das die Seele suss und weh mit der Ahnung eines nun eingetretenen hohern Lebens durchschauert.
Ach, mein Vater! rief sie, kindlich die Hande faltend und an dem leeren Geruste niedersinkend, als truge es noch den geliebten Todten, lenke Du meine Schritte, fuhre Du die Rettung herbei, die uns Noth thut, Du, der Du Alles segnen wirst, was ich fur die Arme thue.
Muthig und gestarkt erhob sie sich, und durchmass furchtlos das kleine Gemach, das der Morgen schon mit einzelnen Sonnenstrahlen erhellte. Sie selbst loste die schwarzen Vorhange an der Hinterwand und offnete das dahinter verborgene Schrankchen.
Da horte sie das Anschlagen der Hunde an der ausseren Mauer; die Eingangsglocke lautete, und sie uberlegte nun, dass die Thatigkeit im Schlosse erwacht und ihr Ruckzug nicht ohne Gefahr sei. Sie horchte, und die kleine Pforte drehte sich, ein lautes Hundegebell gesellte sich innerhalb zu dem fruhern von Aussen.
Ach, nie konnte sie dies Gebell horen, das ihr fast so lieb war, wie bekannte Menschenstimmen, ohne der sussen Zeit zu gedenken, wo mit dem Wildmeister, dessen muntere Ruden es anschlugen, Lanci einzuziehn pflegte und bei der Ablieferung des Wildes die Gelegenheit wohl zu benutzen wusste, ihr einen zartlichen Gruss zuzuflustern.
Seufzend dachte sie seiner weiten Entfernung, und Thranen traten in ihre Augen uber so viel Missgeschick. Doch, sich zusammenraffend, nahm sie ein Sackchen mit Krautern, welche, gekocht, der Vater oft bei plotzlichen Erkrankungen fur sich und Andere angewendet hatte; sodann auch noch eine grosse, warme Decke von bunter Seide mit den Abbildungen von Adam und Eva, ein Prachtstuck aus dem Nachlass ihrer Mutter, womit sie nun die arme erstarrte Lady zu erwarmen beschloss. Ferner legte sie in einen kleinen Tragkorb den Torf, der am Kamin unverbraucht lag, steckte ein Topfchen dazu, um die Krauter zu kochen, nahm das Feuerzeug des Vaters und wollte eben den Ruckweg antreten, da sie aus dem lauten Gesprache im Hofe schliessen konnte, dass der Weg im Schlosse noch frei sei: als ihr Auge durch das uns bekannte Fenster blickte und theilnehmend an der grossen Gestalt des guten Wildmeisters hangen blieb, der ihr Pathe war, Lanci geliebt und das Liebesspiel der unschuldigen Kinder nie gestort hatte.
Er stand mit dem Gesichte nach dem Fenster gekehrt und zahlte aus einem Korbe, den ein Bursche, gebeugt unter der Last, auf der Schulter trug, dem Koche seinen Vorrath zu. Sie ging fast mechanisch naher und druckte ihr blasses Gesicht gegen die Scheiben, fast wunschend, er moge sie sehn, ihr ein Wort des Trostes sagen uber den Vater, den er so geliebt.
Da war es ihr, als zeige der Alte nach ihr hin, der Koch wandte sich um und nickte, wie zur Bestatigung. Er hatte sie erkannt, er wollte sie sprechen, das war gleich zu sehn, denn er betrieb die Ablieferung eilig und warf das grosse, innen gegerbte Fell, das den Vorrath verdeckt hatte, ungeduldig uber den leeren Korb, dass der Bursche selbst fast damit bedeckt ward. Dann schritt er, ihn mit sich nehmend, fest uber den Hof dem Fenster zu, das Margarith schon offnete, um, mit Thranen uberschuttet, den alten Freund des Vaters zu erwarten.
Armes Madchen, sagte der Wildmeister, ihr naher tretend, weine nur, kaum weint man genug um solchen Ehrenmann, solchen Vater! Du bist jetzt schlimm dran, armes Ding! In dem verwunschten alten Eulennest kannst Du ohne Schutz nicht bleiben, fugte er hinzu, als ein Blick auf den Hof ihn uberzeugte, dass der Koch beschaftigt war.
Ach, unterbrach Margarith das Schluchzen, ich bin noch viel schlimmer dran, als Ihr denkt; konntet Ihr mir doch nur Rath geben.
He, Gumpricht! rief der Wildmeister den Koch an, lass mir ein Maass Gewurzsuppe kochen, es ist klamm heut Morgen; ich komme zu Dir, wenn ich das Madel ein wenig getrostet.
Schon gut, schon gut, entgegnete Gumpricht, sollst wohl sonst noch einen Bissen zur Starkung finden, komm nur, am Heerde ist's nicht klamm. Zugleich zog er mit seinen beiden beladenen Knechten in das Schloss hinein.
Margarith, deren Thranen an dem Entschlusse ins Stocken gerathen waren, den Wildmeister um Rath fur ihr Fraulein anzugehn, horte jetzt erst mit Erstaunen, wie heftig der Bursche schluchzte, der, noch immer von dem Felle verhangen, sich an die Mauer des Fensters lehnte.
Was fehlt Euerm Burschen, Pathe? Hort, wie er weint, hat er den Vater auch gekannt?
Ich glaube wohl, sagte der Wildmeister trocken, und zog ihm Korb und Fell vom Kopfe, und zugleich hielt er seine grosse Hand auf Margarithens Mund, die mit einem Schrei zusammen fuhr, als sie Lanci's theure Zuge jetzt erkannte.
Schweigt alle Beide oder ich jage Euch von einander, rief der Wildmeister, die eigne Ruhrung unter angenommenem Zorn verbergend; willst Du mit Deinem Geschrei das Schloss zusammen rufen, dummes Madchen? Und Du, lass das Heulen! schrie er auf Lanci ein, der es schon liess und bereits das Fenstergesims erstiegen hatte, Margarith in seine Arme schliessend. Jetzt musst Du nicht wie ein Madchen sondern wie ein Mann thun, setzte er hinzu, die jungen Leute, die sich stumm umfasst hielten, gutmuthig mit seiner durch einen Mantel breiter gemachten Gestalt deckend.
Ach Margarith, rief jetzt Lanci, unser guter, alter Vater, war er auch sterbend noch bos auf mich?
Niemanden hat er mehr gekannt, Lanci, weinte Margarith. Keinen Segen hat er mir gegeben, aber als er lebte, hat er oft von Dir gesprochen, hatte Dich sehr lieb und sagte immer, der Onkel Porter wurde Alles schon machen mit Dir und mir.
Hat er das gesagt! schrie Lanci freudig auf, o, dann thue auch, was Dir Onkel Porter befiehlt, und folge mir mit Deinem Fraulein, wozu wir Alles bereit haben!
Grosser Gott! Lanci, Du bist ganz verwirrt, wo sollen wir hier fortkommen, wo Du weisst, dass die Lady Alles bewachen lasst.
Sei ruhig, erwiederte Lanci, ist uns auch viel dadurch verdorben, dass Dein guter Vater uns keinen Rath mehr geben kann, mussen wir doch fort, und das sobald als moglich, und ehe Pater Johann zuruck kommt, der schon im Stadtchen angelangt ist.
Nun dann sei uns Gott gnadig, wenn der schon im Stadtchen ist! Lanci, wir konnen, furchte ich, auch wenn die Thore aufstunden und Keiner uns aufhielte, sobald nicht fort.
Seht Ihr wohl, sprach Lanci mit ausbrechendem Zorn zum Wildmeister, habe ich es Euch nicht gesagt, dass das Madchen nicht fort will, dass sie ihr altes Schloss lieber hat, als mich! Aber, wendete er sich zu ihr, die Lady soll ja mit, um ihretwillen geschieht ja Alles.
Wenn Du vernunftig zuhortest, was Dir gescheidte Leute zu sagen haben, dann wurdest Du nicht so unsinniges Zeug von mir reden, rief Margarith, nun auch schmollend; eben um der Lady willen geht es nicht, denn sie liegt sterbenskrank darnieder.
Grosser Gott, welch' ein Ungluck! rief Lanci, nun sind wir Alle schon dran! Die arme Lady, was fehlt ihr denn, sie wird doch nicht sterben, wo ist sie denn, kann ich nicht zu ihr?
Ach, sprach Margarith, ich weiss Dir nicht auf alle Deine Fragen zu antworten, konntest Du nur hier bleiben und mir helfen! Denke nur, sie liegt im Thurmchen nach dem Meere zu, hat ein hartes Lager, kein Feuer, keine Arznei, und vorige Nacht wollte die alte Lady sie erwurgen, als ich dazu kam und sie dadurch gerettet ward. Ach, wenn Du sie siehest, kein Mensch erkennt mehr das schone Fraulein; so haben diese Unmenschen sie misshandelt.
Selbst der Wildmeister schlug vor Erbarmen die Hande zusammen, und Lanci gebehrdete sich ganz trostlos.
Was sollen wir denn thun? rief er endlich, hier stirbt sie gewiss, und was werden die Herren sagen? Wildmeister, sprecht doch, rathet uns doch!
Hort, sagte der Alte, das Ding ist schlimm und, wie mich dunkt, nicht viel zu machen. Lanci habe ich einmal hier, beim Koch will ich bis Mittag verweilen, indess, Margarith, suche Du Lanci hinauf zu bringen, dass er ihr sagt, wie's steht. Horen wird sie ihn doch konnen, und verstandig ist sie auch, wie Miklas sagte, da lasst sie selbst den Bescheid uberlegen; auch thut ein Bischen Hoffnung oft so gut, wie Arznei. Also fort, macht leise und gescheidt, und haltet Euch nicht unnutz auf mit Euch selbst; langer als bis Mittag kann ich nicht bleiben.
Die jungen Leute waren sogleich bereit, zu folgen, und wenn der Weg uber den Flur zuruckgelegt war, blieb nicht viel mehr zu furchten. So schickten sie sich mit ihrer kleinen Last an, den Versuch zu machen, und der Wildmeister schritt uber den Hof zuruck, nach dem Wirthschaftsflugel, wo der Koch sein Reich hatte, der ihn lustig und heiter empfing, und am Heerde niedersetzen liess.
Die ersten Schritte der beiden jungen Leute waren zagend und unsicher, dann flogen sie wie gejagte Rehe und hatten bald den gefahrlichen Platz hinter sich. Da es in den Gangen erst spat Tag ward, und heute der im ganzen Schlosse schon bekannt gewordene Zustand der Lady Allen langere Ruhe gonnte, so erreichten sie ohne Hindernisse den kleinen Thurm, dessen Thur sie noch zu ihrem grossen Troste mit demselben Gerumpel versetzt fanden, wie Margarith es angeordnet hatte.
Nun lass mich erst hinein und verkrieche Dich indess, sonst mochte sie bei deinem plotzlichen Anblick zu sehr erschrecken, rief die Kleine, und nahm, was er trug, und schlupfte hinein, so leise sie es nur vermochte.
Noch lag die Kranke auf derselben Stelle, mit demselben starren Blick, der nur einen bestimmteren Ausdruck von innerer Angst zeigte.
Ach, seufzte Margarith schmerzlich, indem sie ihr naher trat, immer noch so sehr krank, nicht ein wenig besser, liebe Lady?
Der Versuch, zu antworten, den die Kranke machte, misslang wieder, und das verstandige junge Madchen erkannte bald, dass hier keine Nachrichten helfen wurden. Sie breitete daher ihre schone, warme Decke aus, und hullte Schultern und Fusse besorglich ein, dies Alles mit liebreichen Worten begleitend. Dann aber flog sie zum Kamin und legte auf den lange Zeit ungebrauchten Rost die trockenen Torfstucke, machte an kleinen Bundeln Stroh das Feuer an und war entzuckt, als es lustig aufloderte, sie nun ihr Topfchen mit Wasser hineinschob und die Krauter bereit hielt, sie in das siedende Wasser zu schutten. So gelang es ihr endlich, der Leidenden das warme Getrank einzuflossen, welches dieselbe mit besonderem Bestreben zu sich nahm, und dessen wiederholter Gebrauch zu Margariths unaussprechlicher Freude die Starrheit der Zuge zu losen schien, ja, es ihr endlich moglich machte: Gute Margarith, zu stammeln, was auszusprechen, sich ihr ganzes Herz gesehnt hatte. Ihr Blick ward nun milder, ja, die Augenlider senkten sich und blieben endlich ruhen. Margarith lauschte mit angehaltenem Athem; sie war nach einiger Zeit vollig gewiss, dass der Schlaf seinen stillen Segen uber die Leidende gesenkt hatte.
Nun schob sie sich leise zum Heerde, schurte das sanfte Torffeuer, das die kalte Luft des Thurmes wohlthatig veranderte, und blickte sehnsuchtsvoll nach der Thur, tausend Mal die Wonne, sie zu offnen, gegen die Gefahr abwagend, die Kranke dadurch zu erwecken. Sie bezwang sich lange, dann verstarkten sich die Ueberredungsgrunde, es zu wagen, sie glaubte die Lady tiefer eingeschlafen; gegen Mittag musste sie ja ohnehin erweckt werden, um zu entscheiden uber Lancis Mittheilungen. Genug, sie offnete leise, und der dicht davor lauschende Lanci, der sich ziemlich den Zusammenhang gedacht, schlupfte leise herein, und Beide kauerten sich nun, sich durch mitleidige Blicke nach dem Lager verstandigend, am Heerde hin und blickten sich an, stumm lachelnd vor Seligkeit.
Wohl mischten sich Margariths sanfte Thranen und Lancis leise Wehklagen um den Vater ein, aber wer wusste nicht, dass kein Gefuhl des Schmerzes lange Raum findet in der Brust, die von dem Wohllaut begluckter und vereinigter Liebe erfullt wird! Jede Lage, welche die Glucklichen vereinigt, und ware es das letzte Brett des gescheiterten Schiffes in der tobenden Fluth, war' es unter dem Ausbluten der todtlichen Wunde, die Beiden den Tod sichert, war' es in der tiefsten Gruft des Kerkers, die sie schiede von der ubrigen Welt, wenn nur sie Beide nichts scheidet: jeder Ort ist ihnen dann die kleine gluckselige Insel, auf der sie sich befinden, als zur Seligkeit bestimmt, nichts wahrnehmend, was ihnen gebrache, durchdrungen von der Atmosphare innigster Befriedigung! Wer nach dieser letzten geretteten Frucht des Paradieses greifen, und ohne Furcht und ohne Reue ihren geheimnissvollen beseligenden Inhalt geniessen darf: er schweige ohne Klagen still, wenn das Leben andere Opfer fordert; zu einer Ewigkeit von Leiden wurde er das Gegengewicht finden. Bald flusterten sie lauter, und wechselten schneller Frage und Antwort, in der glucklichsten Sicherheit die ganze Welt vergessend. Da horten sie plotzlich leise und endlich lauter wiederholt die Worte:
Wo bin ich? Margarith, bist Du hier? Wer umgiebt mich?
Erschrocken sprangen Beide auf, und Margarith flog nach dem Bette. Aufgerichtet sass hier Lady Maria, und blickte matt und fragend in Margariths treue Augen.
Theure Lady! rief das gute Madchen heiter, o Gott sei gedankt, dass Ihr so weit seid, Ihr konnt ja sprechen und Euch bewegen, nicht? Euch ist besser?
Besser, gutes Kind, erwiederte Lady Maria sanft, wenn auch nicht genesen; ich bin sehr matt, aber Deiner liebevollen Muhe danke ich, dass der qualvolle Zustand endete, in den mich die schreckliche Lady versetzt hatte. Wie hat man Dich aber zu mir gelassen, und wie werde ich zu sichern sein gegen die schreckliche Frau, deren Anblick ich furchte wie den Tod. Doch sage mir, fuhr sie fort, sind wir allein, oder bewegt sich hinter Dir Jemand?
Margarith trat schuchtern seitwarts und zeigte Lanci, der sich auf den Knieen hinter ihr verborgen hatte.
Zurnt ihm nicht, theure Lady, sprach sie dabei, er meint es gut, will uns Beide retten.
Lanci, sagte Lady Maria, bist Du aus London zuruck? Gutes Kind! hier sind schlimme Zeiten indess eingetreten; Margarith und ich haben unsern einzigen Beschutzer verloren.
Ja, Lady! rief Lanci, noch immer auf seinen Knieen liegend und zugleich uberwaltigt von Verehrung und Betrubniss uber ihren Anblick; ja, es ist viel Trauriges geschehn, aber hat Gott Euch einen Beschutzer genommen, so hat er Euch zwei dafur wiedergegeben, die Alles anwenden, Euch hier wegzufuhren.
Lady Maria schwieg einen Augenblick, und sah ihn trube und nachsinnend an; dann sprach sie muthlos:
Niemand von Allen, die mir einst Schutz gaben, kennt mein Gefangniss, guter Lanci, wer sollte ausser ihnen sich mein erbarmen wollen?
Doch, doch, sprach Margarith eifrig und zog Lanci naher, indem Beide vor dem Bette niederknieten, es sind alte Freunde von Euch, liebe Lady!
Nicht wahr, fragte Lanci, recht begluckt lachelnd, Master Brixton ist ein alter Freund von Euer Gnaden?
Brixton! rief Maria, und die Ueberraschung goss ein lang verschwundenes Purpurlicht uber ihr Gesicht. Mein Lehrer! Mein Freund! Mein zweiter Vater!
Ja, Lady! rief Lanci, er ist in Eurer Nahe, und fur Eure Flucht wird gesorgt sein, so bald Ihr gehen konnt; werdet nur gesund.
Gesund? rief Maria, als fruge sie sich selbst, ob sie noch krank sein konne bei dieser Botschaft. Ich bin gesund, gesund genug, um diesem Kerker entfliehen zu konnen. Steht auf, Kinder, damit ich meine Krafte prufe, sie konnen mich nicht verlassen wollen, wo sie mir dienen sollen.
Sie warf die Decke weg und stand plotzlich in ihrem groben Nonnenkleide vor dem erstaunten Lanci. Aber dieser schnelle Aufschwung der Krafte, dem Ruf des starken Geistes gehorchend, war nur vorubergehend; schwindelnd fuhlte sie ihr Haupt von heftigen Schmerzen durchzuckt und sank fast eben so schnell erbleichend auf ihr Lager zuruck.
Betrubt sahen die jungen Leute diesen Zustand mit an und mochten daraus bange Schlusse fur ihre Lage ziehn, als Lady Maria sich anstrengte, sich aufzurichten, und, von Margariths Armen unterstutzt, aufrecht zu sitzen suchte.
Sprich, mein Kind, sprach sie zu Lanci, Du musst mir viel zu sagen haben. Schickte er mir kein Zeichen seines Daseins, hast Du keine Zeile von ihm an mich?
Nein, theure Lady, das nicht. Ich musste heimlich von da fort, wo wir zuletzt rasteten, um Euerm Feinde zuvorzukommen, denn Pater Johannes ist im Anmarsch. Hatte der mich gesehn, so war' ich und vielleicht der ganze Plan verloren gewesen. So bin ich nun vorangeeilt, damit Ihr nur erst wusstet, dass wir da sind, und in der Hoffnung, dass wir eher, als er, ankamen.
Ach, rief Maria schmerzlich, warum verlasst mich meine Kraft! Wie dringend nothig scheint sie mir, um aus diesem wohlverwahrten Kerker zu entfliehn, wo die Lady mich bald vermissen wird und ich dann aufs Strengste bewacht sein werde, erfahrt sie mein Unwohlsein. Denkt denn aber Master Brixton nicht daran, mich von der Lady selbst zu fordern? Wie darf sie mich zuruckhalten, da sie kein Recht uber mich haben kann?
Nein! Nein! liebe Lady, das durfen sie nicht, das wurde uns alle unglucklich machen. Einer, der Alles angeordnet hat, dem sie folgen, weil er es am Besten versteht, er hat es streng verboten.
Und wer ist dieser Eine? fragte Maria.
Ich darf ihn nicht nennen, liebe Lady, fraget mich nicht, aber er meint es gut mit Euch, und ich bin sein Bote, und Ihr werdet mir doch vertrauen?
Ach! sprach Maria, wenn Brixton Dir vertraut und es also will, wie darf ich da noch zweifeln. Doch was kann geschehn, damit ich entkomme, wie soll ich es anfangen?
Diese Frage ward durch einen schleichenden, schleppenden Schritt auf dem Gange unterbrochen, den Alle zugleich mit nicht geringem Entsetzen horten. Es nahte Jemand, dies war gewiss, und Lanci durfte nicht entdeckt werden, ohne Verdacht zu erregen, da er uberdies aus dem Schlosse verwiesen war. Das Gemach hatte nur die eine Thur, welcher man sich jetzt von Aussen immer mehr naherte. Kein Schlupfwinkel, kein Raum war zu ersehn, und beinah ausser sich schweiften die Blicke der Verrathenen umher. Da zeigte Maria sprachlos auf das Fenster, wovor noch Electas Schleier ausgebreitet hing, und Lanci schlupfte ohne Bedenken dahinter, da schon an die Thur gepocht ward und jede Zogerung beim Oeffnen Verdacht erwecken konnte.
Maria legte sich schnell nieder, und Margarith eilte zu offnen, doch fuhr sie fast mit einem Schrei zuruck, als sie Pater Johannes vor sich sah, der mit seinem tuckischen, lauernden Blick sie und das Zimmer, in das er einschritt, uberflog.
Nichts als Kranke finde ich, rief er, Maria's Lager naher kommend, wahrlich grosse Unordnungen, man kann nicht wohl abwesend sein, ohne es bereuen zu mussen! Nun was fehlt denn? Blosse Einbildungen, nicht? Frauentucken? Kenne dergleichen, wird sich finden.
Maria war im ersten Augenblick vom Schreck und Schwache so uberwaltigt, dass sie nicht zu sprechen vermochte; der Unmuth stieg aber heiss empor, und abgebrochen, aber deutlich sprach sie jetzt:
Pater Johann, ich glaube, wir haben uns Beide zu genau kennen gelernt, als dass Ihr mich einer Verstellung fahig halten solltet oder ich Euch zu tauschen suchen mochte.
O! rief Margarith, Muth gewinnend, Hochwurdiger Herr, glaubt doch dies nicht! Sterbend war die arme Lady diese Nacht; sie hatte ganz starre Glieder und war ganz sprachlos, und war' ich nicht dazu gekommen, hatte die hochwurdige Lady sie erwurgt. Ihr seht noch das Blut am Kopfe von ihrem Falle, als die Lady sie nieder warf.
Schweig, rief der Pater ihr zu, wer fragte Dich, und wie kommst Du uberhaupt hieher? Wer hat Dir erlaubt, hier Pflege zu ubernehmen?
Ihr eigenes menschliches Herz, Sir, rief Maria, da ich, von aller Hulfe verlassen, den grausamsten Misshandlungen preisgegeben war. Habt Erbarmen und lasst sie nicht bussen dafur, dass sie mir vielleicht das Leben rettete; ich will alles dulden, was Euer Unmuth uber mich verhangt, nur dies Madchen treffe nicht Euer Zorn.
Pater Johannes warf einen finstern Blick auf Margarith, aber er hielt inne, als spare er ihr Theil ihr wenigstens noch auf. Sodann zu Maria sich wendend, ergriff er ihre Hand und prufte lange schweigend ihren Puls.
Unruhig geht er, fieberisch, vollblutig, murmelte er abgerissen; hat nichts zu bedeuten, fugte er hinzu, sie loslassend. Etwas Seeluft wird gut thun. Steht nur auf und haltet Euch zu einer kleinen Wasserfahrt bereit; um Mittag wird der Wind gut gehen, dann werdet Ihr dies Schloss, was Ihr so hasst, verlassen, und die kleine Ueberfahrt nach Frankreich wird Euch schneller herstellen, als Ihr denkt, setzte er hohnisch hinzu, das todtliche Erschrecken, das sich auf Marias Zugen zeigte, mit Schadenfreude bemerkend.
Grosser Gott! schrie Margarith, das Fraulein soll sterbend, wie sie ist, auf die See? Ist das zu glauben? Erbarmt Euch doch, hochwurdiger Herr, sie stirbt Euch ja unterwegs!
Schweig! rief er, wild auffahrend und gegen Margarith so anlaufend, dass diese voll Entsetzen zuruckwich, bei dem engen Raume des Zimmers aber unglucklicherweise in den Schleier Electas sich verwikkelte, und nun, doppelt entsetzt fur die Folgen zitternd, zu schwanken begann und nach manchem Versuche, sich aufrecht zu erhalten, vor dem keifenden Pater niederfiel. In diesem Augenblicke riss der Schleier von seiner schwachen Befestigung und zeigte dem Pater einen Anblick, der ihn in ein so ungemessenes Erstaunen versetzte, dass seine scheltenden Worte augenblicklich verstummten. Er wandte seine Blicke von Maria zu Margarith und Lanci, und Erstaunen, Wuth und Freude, sie ertappt zu haben, sprachen gleich stark aus seinem anschwellenden Gesicht, wahrend Lanci mit einem kraftigen Sprunge uber das verhullende Gewand setzte und Margarith die Hand reichte, aufzustehen, ohne dem Pater eine grossere Aufmerksamkeit zu schenken, als nothig war, ihn eben bei seinem Sprunge nicht umzuwerfen.
Man sah dagegen deutlich, dass der Pater Johannes fast verwirrt war von dem reichen Stoffe, der sich hier darbot, um Zorn und Verfolgung und alle bosen Absichten, die er fur die Anwesenden in seinem Herzen trug, auszulassen. Zweifelhaft, wie er vernichtend genug sich sogleich ausdrucken sollte, liess er als Vorspiel in Augen und Mienen lesen, was sie zu erwarten hatten.
Das Demuthigende dieser Lage machte aber eine so lebhafte Anforderung an Marias Gefuhl, dass sie alle ihre Krafte aufbot, um Schreck und Schmerz zu uberwinden.
Ihr habt nicht nothig, Pater Johann, sprach sie ernst und zurnend, indem sie sich aufrecht setzte, die Beleidigungen auszusprechen, die Euer mussiges Erstaunen genugsam angekundigt. Dieser Jungling ist allerdings vor Euch verborgen worden, wisst es aber Euch selbst Dank, dass selbst die unschuldigsten Dinge dem, der sie thut, noch Furcht vor Eurer Auslegung einflossen, ich sage Euch, jedoch
Und ich sage Euch, brullte Pater Johann, in namenloser Wuth sie unterbrechend, dass jetzt uber Euch alle der Stab gebrochen ist, dass ich genug von diesem Buben weiss, um einzusehn, in welcher Verbindung Ihr mit ihm stehn mogt, dass mir Krankheit, Pflegerin und Gesellschafter, alle diese verschiedenen Machinationen, mich zu hintergehn, ganz klar sind und Alles geschehn wird, zweifelt nicht, Euch so zu stellen, dass Ihr es bereuen werdet.
Ganz gut, sagte Lanci trotzig, aber mich konnt Ihr nicht halten; ich bin des Wildmeisters Bursche, gehore gar nicht in dies Schloss und verlange, dass Ihr mich augenblicklich ungehindert fortlasst.
Fort? brullte der Pater, fort? Eher wollte ich Dich mit eigenen Handen erdrosseln, als Dich fortlassen, Du Bube, den ich schon hatte zertreten mussen, als Du, Dich schlafend stellend, vor dem Bette Deines alten heuchlerischen Oheims lagest. Ha! wenn ich denke, dass er Dich herliess, dass Du ihm nicht entsprungen bist, ha, welch' ein schnoder Verrath ahnet mir dann, und wie zur rechten Stunde bin ich da gekommen, Euch alle zu vernichten!
Das soll Euch schwer werden! schrie Lanci, sich aus den Handen der zitternden Margarith losreissend, den Pater bei Seite stossend und wie ein Pfeil durch die Thur in den langen Gang entspringend. Eben so schnell flog Margarith nach der Thur und suchte sie vor dem nachdringenden Pater wenigstens augenblicklich zu verschliessen, um Lanci einen kleinen Vorsprung zu gonnen. Aber ihre Krafte reichten gegen die des Paters nicht aus, und Lady Maria eilte ihr nicht zu Hulfe, obwol sie sich von ihrem Lager erhoben hatte; denn lieber wollte sie das Kommende ertragen, als in ein personliches Handgemenge mit dem verachteten Manne gerathen. So unterlag Margariths Widerstand nur zu bald, und nun setzte das Geschrei des Paters dem armen Lanci schneller nach, als es sein schwerfalliger Schritt vermochte. Bald sah sich der ungluckliche Jungling von mehreren herbeigerufenen Aufpassern des Schlosses ergriffen und zu einem der festen Zimmer gefuhrt, welche gelegentlich dienten, die aufzunehmen, die dem Zorne des Paters oder der Lady verfallen waren.
Indessen blieben die beiden unglucklichen Frauen in einem Zustande von Kummer zuruck, den beide nach ihrer Art ausserten. Wahrend Margarith in Verzweiflung die Hande rang, blickte Maria stumm und ohne Worte vor sich nieder, und fuhlte die vollige Verodung, die nach grossen Gemuthserschutterungen uns das Gefuhl ganzlicher Hoffnungslosigkeit lasst.
Jeden Augenblick erwarteten sie ihren Peiniger zuruckkehren zu sehen, und eine Stunde nach der andern schlich trage in dieser bangen Erwartung dahin, ohne ihn oder einen Andern herbei zu fuhren. Mittag war voruber, Beide fingen an, aus der ersten Betaubung zu erwachen, Margariths Thranen horten auf zu fliessen, Maria begann ihre Lage aufs Neue zu betrachten, und die Nahe eines Wesens, das fur sie sorgte und handelte, wie sie auch bedroht war, ihm entfuhrt zu werden, unterliess doch nicht, einiges Leben in ihr aufzuwekken.
Da seufzte Margarith schwer auf und trat vom Fenster zuruck, woran sie sich so lange gelehnt hatte. Denn tief unten an dem kleinen Vorsprunge der naturlichen Bucht, in der das Schloss lag, sah sie das SegelBoot rusten und Pater Johannes mit dem alten Kusten-Schiffer, der seine Leute antrieb, im eifrigen Gesprache begriffen.
Der Plan wird also ausgefuhrt werden, rief hier Maria mit neuem Schmerz, als auch sie sich von jenen Vorkehrungen am Ufer uberzeugt hatte, und ehe mich die vaterliche Liebe meines Wohlthaters erreichen kann, werde ich ihm entrissen, auf immer nach einem fremden Lande entfuhrt, wo mir Tod oder ewiges Gefangniss droht, und kein Arm der Liebe mich mehr erreichen wird.
Welch' ein unerklarlich trauriges Loos ist mir beschieden, und wer bin ich, dass selbst Fremde sich die Hand zu bieten scheinen, mich zu verfolgen und in einer grauenvollen Abgeschiedenheit zu erhalten? Warum giebt man mir nicht lieber den Tod, als mich so langsamen Qualen preiszugeben? O Margarith, armes Wesen! was wird aus Dir werden, und wie habe ich Dein und Lanci's Schicksal zu Euerm Ungluck mit in das meine verflochten!
O denkt nicht an uns, theure Lady, rief hier weinend Margarith, denkt doch nur, ob wir nicht entkommen konnen, da uns doch ausserhalb des Schlosses Hulfe harrt.
Ich kann die Moglichkeit nicht finden, erwiederte Maria angstlich umherblickend; Du weisst, wie alle Ausgange bewacht sind, und wie man in diesem Augenblicke auf uns beide Acht haben wird. Dazu kommt, dass es Tag ist, dass man uns hier nicht lassen wird, bis die Nacht eingebrochen, und doch ware der einzige Ausweg zu entkommen sicher nur, wenn uns die Nacht deckte.
Ihr meint auf dem Wallwege, den der Vater Euch so oft gefuhrt hat, sagte Margarith, ja, hundert Mal habe ich daran schon gedacht, aber wie sollen wir die kleine eiserne Thur offnen, da alle Schlussel des Vaters langst in die Hande des neuen Kastellans ubergegangen sind, der sie alle, wie Gold im Beutel, an seinem Gurtel tragt.
Dies ist also auch nicht moglich, sprach Maria, und wir wollen uns trosten, da das Gelingen dennoch sehr zweifelhaft bliebe; denn der Schlossgarten liegt noch innerhalb der Schlossmauer, obgleich ein Theil derselben wahrscheinlich wegen der Hirten und der Weide in den Graben abgetragen ist.
So ist es allerdings, erwiederte Margarith. Ausser meinem Vater, glaube ich, kannte auch Niemand diese Verbindung mit dem Schlosse, und ein Entkommen ware sicher moglich, hatten wir nur den Schlussel.
Nach einigem Nachdenken rief Lady Maria, plotzlich aufstehend: Und doch, Margarith, versuchen mussen wir es. Lass uns jetzt gleich die Thur untersuchen, was kann uns geschehen, wenn man uns entdeckt? Uebleres, als man schon vor hat, schwerlich, und wer kann mir wehren, die Freiheit zu suchen, die Niemand ein Recht hatte mir zu rauben?
Sie erhob sich, doch war ihr Geist starker, als ihr Korper. Die unleidlichen Schmerzen am Kopfe traten starker hervor, und die Steifheit ihrer Glieder hatte sich noch nicht ganzlich gehoben. Mit tiefem Kummer machte sie die traurige Wahrnehmung, ohne sie jedoch zu aussern, und versuchte Margarith zu folgen, die rustig vor ihr her schritt und, als sie den Gang leer fand, sich uber das Gerumpel hermachte, welches vor dem Treppenthurchen aufgestellt war.
Lady Maria war bemuht, ihr dabei zu helfen, aber ihre Schwache und ihr krankhaftes Gefuhl liessen sie fast unterliegen. Sie gab daher Margariths Bitten nach und bewachte blos den Gang, um, wenn sich etwa Jemand nahern wurde, sogleich es anzeigen zu konnen. Gedankenvoll schlich sie bis zu einem kleinen Vorsprung, der einen Blick auf die grossere Treppe zuliess, ohne sie selbst zu verrathen. Sie sah an der unruhigen Bewegung der verschiedenen Schlossbewohner, dass etwas Ungewohnliches geschehen sein musse, und bald erschien Pater Johannes, von Aussen herbei gerufen und von einem athemlosen Diener begleitet, eilig die Treppe herauf steigend.
Warum hat man meine Vorschrift ubersehn? rief er wild und mit allen Tonen des Zornes; hatte ich nicht ausdrucklich befohlen, dass Hande und Fusse gebunden bleiben sollten?
Ja, antwortete der angstvolle Diener, wo aber Strikke hernehmen, die der Kraft widerstanden, welche die Lady anwendete? Wir alle flogen wie Spreu im Winde, als sie auf uns zulief, und wer konnte denken, dass sie gerade nach der Treppenthur laufen wurde, wovor sie sonst sich so furchtete. Es hat wohl sein sollen, dass beide Herrschaften auf derselben Stelle
In diesem Augenblick schloss sich die Thur, die Worte waren verhallt, und nur einzelne Diener schossen noch zuweilen in grosser Eile uber die Treppe hin.
Von unbestimmtem Grauen beschlichen, stieg die Ahnung in Maria auf, dass der Wahnsinn der Nacht bei Lady Sommerset angehalten habe, und dass in diesem Zustande etwas von ihr unternommen sein musse, was an den Unfall und Tod des unglucklichen Lords erinnere. Die Treppenthur und deren Beziehung auf diese schreckliche Katastrophe kannte sie nur zu wohl, und eilte daher, so schnell sie es vermochte, zuruck, um Margarith eine Nachricht zu bringen, die einige Hoffnung gab, man werde ihnen bei der Verwirrung im Schlosse Zeit zur Ausfuhrung ihres Planes gonnen, welche vielleicht die Aufmerksamkeit des Pater Johannes mehrfach in Anspruch nahm und ihn an der beabsichtigten Entfuhrung jetzt hinderte.
Margarith nahm zwar an der Hoffnung Theil, aber ihr Herz war doch betrubt, da sie die kleine Thur zwar erreicht, aber jeden Versuch, sie zu offnen, vergeblich gesehen hatte.
Verlieren wir nur jetzt nicht den Muth, sprach dagegen Maria, da uns ein kleiner Hoffnungsschein dammert. Lass es uns wagen, und den Armleuchter der Lady anzunden und hierher bringen, vielleicht entdekken wir noch irgend ein Mittel gegen dies hartnackige Thurchen, wenn wir den ganzen Raum untersuchen konnen.
Margarith zeigte sich gleich bereit und eilte zuruck, wahrend bis zu ihrer Wiederkehr Maria noch ein Mal den Gang hinabschlich, ihre Beobachtungen anzustellen.
Die Ruhe war wieder hergestellt, Flur und Treppen leer, und alle Thatigkeit, wie zu hoffen stand, in dem Innern der Gemacher vereinigt.
Froh ging sie jetzt dem Scheine des Lichtes entgegen, der ihr Margariths Annaherung verkundigte, und Beide untersuchten nun mit grosster Aufmerksamkeit die kleine Thur und den angrenzenden Raum des Schlupfwinkels. Aber die Thur war zu fest, um an ihre Oeffnung auf andere Weise, als vermittelst des Schlussels denken zu konnen, und die Mauer umher so dick und von so starken Steinplatten, dass Beide muthlos von ihren Bemuhungen abstanden.
Als sie in das kleine Thurmgemach zuruckkehrten, mit dem Gefuhl, sich in ihr Schicksal ergeben zu mussen, wenn ihnen von Aussen nicht Hilfe kame, sahen sie, dass der Abend herangeruckt war, und uberliessen sich nun der Hoffnung, dass die Vorfalle im Schlosse die Absichten des Paters durchkreuzt und die gefurchtete Abreise verschoben haben konnten. Zeit zu gewinnen, schien ihnen jetzt das Wichtigste, denn sie durften hoffen, dass der Wildmeister, der von allen Vorfallen des Schlosses unterrichtet sein konnte, mit ihrem Beschutzer in Verbindung stehe, und dass vielleicht von dort Versuche gemacht wurden zu ihrer Rettung.
So hielten sie sich hin, Eine in der Andern Hoffnung nahrend, wahrend dieselbe immer schwacher wurde in der eigenen Brust.
Da der Sturm zur Nacht heftiger ging und die Brandung an der Stelle, wo das Segelboot lag, sich zu machtig brach, sahen sie dessen Segel einziehen und es langsam in die grosse Bucht lenken, die es vom Schlosse einige hundert Schritt entfernte und ihren Blicken entzog.
Schon wollten sie der Hoffnung Raum geben, die Reise sei heute ganz aufgegeben, indem die Nacht mit schrecklicher Dunkelheit anbrach und der Sturm sich steigerte; da scheuchte plotzlich ein Schlag an die Thur sie auf. Beim Oeffnen derselben trat Pater Johannes in Begleitung zweier Diener herein. Es blieb ihnen nun kein Zweifel daruber, was ihnen bevorstand, da die Diener einige warme Mantel trugen, welche Pater Johannes ihnen anzulegen befahl.
So schrecklich dieser Augenblick war, konnten sie doch beide nicht ubersehn, in welchem Grade das ganze Wesen des Pater Johannes sich noch verfinstert hatte, und wie blass und unruhig sein Ausdruck war.
Eilt, rief er oft dazwischen, es ist keine Zeit zu verlieren, die See geht immer hoher. Du kannst auf der Reise weinen, rief er Margarith zu, welche, die Hande ringend, ihre Lady und sich selbst umhullte, und beobachtete unterdess die Zuge Maria's, die, zu stolz um ihr Gefuhl zu verrathen, weder Wort noch Blick an ihren Peiniger richtete, sondern mit Ruhe, und so weit korperliche Schwache es gestattete, selbst ihre Kleidung befestigte und ihm nicht den Triumph gonnte, worauf er noch immer zu hoffen schien, dass sie namlich verzweifelnd ihn anflehen wurde.
Doppelt erzurnt uber diese Tauschung, liess er nach den nothigen Vorkehrungen keine Zeit weiter vergehn, sondern schritt nun voran, die Frauen in Begleitung der beiden Diener ihm nach, durch den unbewohnten Theil des Schlosses, endlich eine schmale Wendeltreppe in der Mauer niedersteigend und dann eine Thur aufstossend, die unmittelbar ins Freie fuhrte.
Pater Johannes blieb hier einen Augenblick stehn und schien irgend etwas zu erwarten. Maria behielt Zeit, um wahrzunehmen, wie sie auf einem schmalen gepflasterten Wege standen, der sich hinabsenkte bis zu den Dunen, welche mit ihrem weissen Kalksande wie ein leuchtendes Band das schwarze Meer umsaumten, welches hochkochend, zischend und im raschen Takte seine Wellen gegen die Kusten peitschte.
Nach einem Weilchen vernahm sie ein leises Pfeifen, Pater Johannes erwiederte es, und Maria sah, dass unterhalb des Steinweges, auf dem sie standen, zwei Manner sich naherten, denen Pater Johannes entgegen ging.
Nach einer kurzen Unterredung mit dem einen derselben, rief er den Begleitern der Frauen zu, sie hinab zu fuhren.
Maria schritt abwarts, ohne Hilfe anzunehmen, wahrend Margarith, von Schmerz uberwaltigt, kaum mit der Hilfe beider Manner sich auf den Fussen zu erhalten vermochte.
Es sind Umstande eingetreten, die mich verhindern, Euch zu begleiten, rief Pater Johannes, hier habt Ihr dagegen Euern Fuhrer, der mich ersetzen wird, und dem Ihr unbedingt gehorchen musst. Er wird Euch auf der Reise mit allem Nothigen versorgen und nach Eurer Landung an den Ort bringen, wo es furs Erste rathlich befunden worden ist, Euch zu bewahren. Nur strenger Gehorsam kann Eure Lage erleichtern, der geringste Widerstand wurde sie verschlimmern und dennoch nutzlos sein!
Wenn etwas der Verzweiflung in Maria's Busen ein Gegengewicht lieh, so war es der Unwille, sich so beleidigend behandelt zu sehen. Stolz wendete sie sich von dem grollenden Pater, der jedes seiner Worte mit Gift hatte tranken mogen, um seinen Unmuth an ihr auszulassen.
Eure Erinnerungen sind uberflussig, rief sie kalt, Alles, was ich in diesem Schlosse und von Euch erfuhr, war widerrechtlich und verbrecherisch. Gegen Misshandlungen der Art hat der Machtlose nur die Waffe der Verachtung. Ich muss mich in Euern bosen Willen fugen, aber vor Gott und Menschen protestire ich feierlich gegen die eben beabsichtigte Entfuhrung aus meinem Vaterlande. Die Folgen, welche zu lenken, in einer hohern Macht steht, als in der Eurigen, kommen uber Euch; denn so es Gott gefallt, wird die Stunde nicht ausbleiben, die Euch zur Rechenschaft zieht, und vielleicht ist sie Euch naher, als Ihr denkt.
Mit dem hohen Anstande eines gesicherten Selbstgefuhls, und als ware sie die Freie und Befehlende, schritt sie jetzt vor, so dass die Manner zuruckwichen und Pater Johannes, den ihre Worte wie die Stimme einer Prophetin seltsam erschutterten, einen Augenblick wie gelahmt dastand. Dann fuhr er wild ihr nach und schien sie ergreifen zu wollen, aber es lag in der hohen, ruhig voran gehenden Gestalt die furchtlose Wurde der Unschuld, die selbst den Pater zuruckhielt, als ware er durch eine fremde Atmosphare von ihr getrennt.
Sie schaute nicht mit einem Blicke zuruck und verfolgte den Weg nach den Dunen, wo, wie sie wusste, das Schiff lag, ohne Zogerung oder Schwache zu verrathen.
Pater Johannes winkte den Andern, zu folgen, er selbst starrte dem Zuge sprachlos nach, und ein kalter Schauer lief uber ihn hin, als sahe er einem Leichenzuge nach, dessen Gespenst ihn beruhrt habe. Er versuchte zu rufen, doch die Laute erstarben ihm in der Beangstigung der keuchenden Brust. Ein heimliches Gericht ward uber ihn gehalten, der Augenblick, der wie ein Blitzstrahl die Seele des Sunders erreicht und im Nu Alles ausbrennt, womit er sein Gewissen verhullt hatte, er war eben jetzt gekommen und erhellte das schnode Gewebe, welches er bis dahin blos Klugheit genannt. Die wenigen Worte, womit die gemisshandelte Unschuld sich vor ihm geltend gemacht hatte, sie waren der zundende Blitz geworden. Es rief ihm zu, dass er sie in ihr Verderben, in ihren Tod sende, der, nahme sie das wilde Meer nicht auf, ihr sicherer noch an dem Orte zu Theil werden wurde, wo er sie hinsendete, seiner eigenen Rache genugend und sie jedem andern Bekehrungsversuche entziehend, der, ihm misslungen, keinem Andern wenigstens Ruhm geben sollte.
Aber die Gewohnheit, zu sundigen, lasst Gewissensqualen alt werden, ehe sie Handlungen umgestalten: oft bleibt es dabei, dass sie neben einander sich wechselweis bekampfen, und wer Sieger ward, bleibt uns dann unenthullt.
Er versuchte, seines Gewissens zu spotten, er wollte zuruckkehren nach dem Schlosse und sein Auge verfolgte doch noch den letzten schwarzen Schatten der Geopferten, bis er in dem Umwenden nach dem Ankerplatze verschwand. Er athmete auf und wendete sich so eben, um den Steinweg zu ersteigen, der nach dem Schlosse fuhrte. Lange blieb er hier wie angefesselt stehen, als es ihm schien, er hore einen Schuss aus der Gegend, die er eben mit seinen Blicken verlassen. Das Gerausch des Meeres machte jedoch Alles unsicher, bis endlich ein zweiter Knall, ganz deutlich von einem Feuergewehre, den Lauschenden uberzeugte, dass er sich nicht getauscht.
Muthig und seiner athletischen Starke vertrauend zogerte er keinen Augenblick, nach der Gegend hinzusturzen, wo er jetzt einen Ueberfall furchten musste, dessen Abweisung allein von ihm selbst das unvermeidliche Verderben abwenden konnte.
Doch kehren wir lieber zu Lady Maria zuruck, welche bei dem tiefen Gefuhle ihres harten, unverschuldeten Geschicks jene Innerlichkeit zu finden wusste, welche das Vertrauen auf uns selbst als eine Stutze erkennen lasst, die uns erhalten wird, und den Wurdigen uns zugesellet, von deren geistiger Gemeinschaft kein Druck der ausseren Welt uns zu trennen vermag.
Unter dem zerrissenen, dustern Gewolke des weiten Nachthimmels, der mit der lauten Stimme des Sturmes, mit dem Brausen des aufgewuhlten Meeres ein zurnendes Wechselgesprach zu fuhren schien, schritt die verlassene Jungfrau dahin. Ihre Gedanken waren Gebete, und ihr Haupt hing auf der Brust mit dem heiligen Ausdrucke innern Friedens.
Hoch hob der Wind den Schleier, als wollten Himmel und Wellen das schone Antlitz betrachten, welches, zur Lilie erblasst, in dem Glanze der Unschuld zu leuchten schien.
Ihre Begleiter folgten zwar, aber sie naherten sich ihr nicht, als ahneten sie den erhabenen Zustand von Einsamkeit, in den sie sich versenkt hatte, als trugen sie Scheu vor einem Wesen, welches sie nicht verstehn konnten, das aber den Zauber einer hohen und vollendeten Individualitat um sich verbreitete.
So mit jedem Schritte sich ausserlich mehr dem trostlosen Ziele nahernd, stieg innerlich reiner und reiner, geschieden von Furcht und Bangen, ihre Seele freier empor. Das Ringen mit der Aussenwelt horte auf, sie fuhlte sich auf der Welt allein, aber im selben Augenblicke wendete ihr ganzes Innere sich ungetheilt auf die ausreichende Fulle gottlicher Gemeinschaft; die Bluten ihres Geistes, die welk hernieder hingen, richteten sich auf; und sie bedurfte nichts mehr, weder Gluck, noch Tod.
So innerlich gesichert, kehrte sie mit der stillen Theilnahme nach Aussen zuruck, die am ersten da eintrifft, wo wir uns selbst nicht mehr darin suchen.
Sie horte bald hinter sich zwei bekannte Stimmen, die zusammen klagten und in diesem Zusammenklagen wohl den sussesten Trost fur ihre Klagen fanden. Auch tauschte sie sich nicht, es war Lanci's und Margariths Stimme.
Wie, Lanci? sagte sie, sanft zuruckblickend, sollst Du mit uns entfuhrt werden? Hat man die Gruft des Meeres fur sicherer gehalten, als die Haft des Schlosses? Armer Schelm! Dich hat Dein treuer Eifer fur mich ins Verderben gesturzt, und ich kann nichts thun, als leiden, wie Du und Deine Margarith, und damit ist Euch wenig gedient. Brixton, mein theurer Lehrer, Du wirst in unserm Verschwinden eine traurige Antwort empfangen!
Ach, theure Lady! rief Lanci, lieber sterbe ich mit Euch und Margarith, als getrennt von Euch zu leben und nichts zu Eurer Rettung thun zu konnen. Die uns verfolgen, haben mir einen grosseren Dienst geleistet, als sie dachten und wollten.
Gott behute, fuhr Lady Maria fort, dass Master Brixton sich zu Schritten verfuhren lasse, die seiner Sicherheit nachtheilig wurden. Auch dies, fugte sie hinzu, muss ich ergehen lassen, wie Gott es verhangt; es wird Alles ein Ziel haben, auch sein Schmerz, seine Leiden um mich.
Sie hatten jetzt den Punkt erreicht, wo sich der Weg nach dem Ankerplatze herum zog, und da sie zugleich sich den Fischerhutten naherten, die hier zerstreut hinter durftigem Gestruppe versteckt lagen, trat der von Pater Johannes bezeichnete Fuhrer, welcher Lanci mitgebracht hatte, hervor und nothigte die Lady, in eine der kleinen Hutten einzutreten, aus deren niedern Fenstern ein mattes Licht von dem nassen Torffeuer drang, das vom Heerde aus den winzigen Raum erhellte, wohin sie jetzt dem Fuhrer folgten,
Bleibt hier einen Augenblick, sprach er, bis ich sehe, ob Alles zur Abfahrt bereit ist. Ihr konnt ein wenig Warme sammeln zur Reise, es wird Noth thun.
Er zog sich zuruck, die beiden Bootsknechte an die Thur zur Wache stellend.
Gedankenvoll setzte Maria sich auf einen kleinen Schemmel am Heerde der Hutte nieder, deren abwesende Bewohner ihre geringe Habe ohne Aufsicht zuruckgelassen hatten, da sie auf die langsamen Fortschritte des Feuers an den nassen Torfstucken sich verliessen.
Nicht lange sass sie so in sich gebuckt, da horte sie Hufschlag von Pferden, gleich darauf aber einen heftigen Wortwechsel vor der Thur der Hutte, welcher eben so schnell damit endete, dass der Eingang erzwungen ward und Lady Maria einen Mann gewahrte, der mit der grossten Kraft die Bootsleute zuruckstiess, die sich an ihn hangten, um seinen Eintritt zu hindern.
Bewegt sprang sie auf, eine unbestimmte Ahnung erschutterte sie, und im selben Augenblicke sturzte sich Lanci aus dem Winkel der Hutte in die Gruppe der Ringenden und unterrannte den einen der Schiffer mit solcher Wuth, dass er strauchelte und von seinem Gegner abliess. Mit der grossten Gewandtheit verfolgte dieser den nun wieder gleich gewordenen Kampf und schleuderte den andern Schiffer fort, wahrend er sein Pistol zog, welches zu gebrauchen ihm bisher unmoglich gewesen war. Indem er es auf den Schiffer, der, von Lanci nur augenblicklich abgehalten, sich nun zum neuen Anfall anschickte, abdruckte, streckte er diesen, an der Schulter verwundet, zur Erde nieder.
Rettet Euch, Mylady! rief er im selben Augenblick, gegen Maria gewendet, die, nunmehr Lord Richmond erkennend, eine Schwache und Betaubung fuhlte, die sie willenlos und bebend ohne Bewegung auf ihrem Platze liess.
Habt Vertrauen, mir zu folgen, fuhr er dringend fort, sanft ihr seine Hand reichend; es ist Brixton, der mich sendet, den Ihr finden werdet. O, um Gottes willen, vertraut mir! Er sah sie schmerzlich bewegt und angstvoll an, da hob sie die Augen zu ihm auf, versuchte aufzustehn und schwankte. Doch er fasste sie auf, schnell gewann sie sich Kraft und reichte ihm die kalte, zitternde Hand. Indem er sie gegen den Eingang hinzog, sturzte sich der zweite Schiffer vor ihn hin, nach Hilfe rufend und vergeblich von Lanci daran verhindert.
Zuruck! rief Richmond, indem er ihm das zweite Pistol vorhielt, oder theile das Schicksal Deines Kameraden. Doch hinderte ihn an schneller Ausfuhrung dieser Drohung die Sorgfalt fur die zitternde Maria, und das Hilfegeschrei durchdrang die Luft im Augenblick, als Richmond mit ihr ins Freie trat.
Lanci, rief Richmond entschlossen und zog Maria nach dem Walde zu, Du findest dort ein Pferd, welches Lady Maria Dir erlauben wird mit ihr zu theilen, Du kennst den Dunenhort im Walde, links von der Strasse. Vorlaufig findest Du dort Schutz, wahrend ich hier ihre Verfolgung hindern werde, so lange wie moglich. Triffst Du meinen Diener auf dem Wege, so lass ihn zu mir eilen; Du aber verfolge Deinen Weg, dessen er unkundig ist.
In diesem Augenblick stiess Maria einen Schmerzensschrei aus, denn die Hand, die Richmond noch hielt, ward durch einen heftigen Schlag aus der seinigen geworfen, und sie mit solcher Starke umfasst und fortgetragen, dass sie sich ohne Widerstand darein fand. Die Dunkelheit hatte nachgelassen, und der Himmel leuchtete mit grossen weissen Windwolken, so dass Maria, die beim ersten Hinaustreten aus der Hutte, vom Feuer geblendet, das Nahen ihres Feindes nicht bemerkt hatte, jetzt in ihm den Anfuhrer erkannte, dem Pater Johannes sie ubergeben hatte. Aber ihr Auge durchdrang auch den nachsten Raum, und sie sah, wie Richmond von zwei Mannern gehalten ward, gegen deren Starke er vergeblich ankampfte.
Jeder Augenblick entfuhrte sie weiter von ihm, nach dem Strande hin, und der Kummer, den sie fuhlte, drohte sie zu todten.
Jetzt verschwanden in der dustern Nacht zu immer undeutlichen Umrissen die Gestalten der Kampfenden, und verzweifelnd rang sie mit ihrem Entfuhrer. Da horte sie einen Schuss und wenige Augenblicke darauf eine Stimme, die sie angstvoll beim Namen rief und sich ihr zu nahern schien. Sie antwortete mit einem lauten Hulferuf, ward aber im selben Augenblick von ihrem Trager mit den wuthendsten Fluchen so unsanft in seinem Mantel fast erstickt, dass ihr kaum Athem zum Leben ubrig blieb.
Dabei verdoppelte er seine Anstrengungen, und sie horte nun ganz nah das Gerausch der Wellen und fuhlte durch ihre Umhullung den scharfen Seewind, so dass sie sich uberzeugte, jetzt hinter den Dunen, dicht am Meere angekommen zu sein. Auch musste ihr Fuhrer sich sicherer fuhlen, da er in seiner Eile nachliess, ja, endlich sie niedersetzte und ihr zu gehen befahl.
Lady Maria warf den erstickenden Mantel zuruck, als sie Boden unter ihren Fussen fuhlte, und rasch nach allen Seiten blickend, sah sie sich in einem kleinen Versteck, den eine Spalte in den Dunen bildete, und vor sich das Meer und das unruhig darauf tanzende Boot in kaum funfzig Schritten Entfernung.
Ich werde Euch nicht folgen, rief sie entschlossen, sich zu ihrem Fuhrer wendend, sondern jeden Widerstand leisten und, so nah der Hulfe, die mir Gott sendete, nichts unversucht lassen, Eurer Willkur zu entkommen. Habt Ihr aber Mitleiden mit dem Loose, welches man mir zugedacht, und wollt Ihr mir folgen und mich zu meinen Beschutzern zuruckkehren lassen, so sollt Ihr fordern durfen, und kein Preis wird mir zu hoch scheinen.
Was Ihr werth seid, weiss ich schon, lachte der Fuhrer, und hab's in der Tasche. Dem Pater Johann zu dienen, wird mir wohl besser bekommen, als Euch zu folgen, wo ich nicht Haus noch Hof fande, oder erst kriegen musste, was ich hier schon habe. Geht nur! Geht! An Euch ist nichts gelegen, und was den Widerstand betrifft, den Ihr leisten wollt, da seht Euch vor, meine Vollmacht reicht weit. Er hielt ihr grinsend ein Pistol vor und fugte hinzu: Seht, so viel seid Ihr werth, wenn Ihr Lust kriegt, zu schreien; ich steche dann in die See, und Euch suchen die Raben! Dabei pfiff er leise nach dem Boote zu, was sogleich beantwortet ward.
Nun, rief Maria, so sei mir Gott gnadig! Ist der Tod mein Loos, habe ich mich um so weniger zu scheuen, und ergeben will ich mich nicht und furchte Euer Pistol nicht. Mit einer Schnelligkeit und Kraft, die nur der Ueberreizung ihres ganzen Wesens moglich werden konnte, hatte sie sich ihrem Wachter entrissen, und von der grossen korperlichen Gewandtheit unterstutzt, die ihre Erziehung ihr gegeben hatte, erkletterte sie den steilen Abhang der Dunen und hatte im Angesichte des uberraschten Fuhrers die Hohe fast erreicht, als das Pistol knallte und sie getroffen in den Sand sank.
Doch dieser Schuss gab ihrem Retter die Richtung wieder, die er bei dem Dunkel der Nacht verloren hatte. Lord Richmond und Lanci, welcher unablassig seine Kraft zur Verstarkung des Ersteren anstrengte, erreichten die Hohe der Dunen und sturzten sich den steilen Abhang hinab, in dessen Grunde sie das Boot erblickten, und am Rande des Meeres die dunkle Gestalt des Verfolgten, welcher, Lady Maria auf seinen Armen tragend, in wilder Eile das Boot zu erreichen strebte.
Wuthend sturzte sich Richmond ihm entgegen. Ihn ergreifend, schlug er ihm das nicht mehr geladene Pistol, das er noch in der Hand hielt, ins Gesicht und riss ihm Lady Maria aus seinen Armen. Dem Schmerze, der schweren Last und der vorangegangenen Anstrengung weichend, uberliess er dem Lord fast ohne Gegenwehr die jetzt werthlos gewordene Beute und trachtete nur das Boot zu erreichen, ehe die Entdekkung des Vorgefallenen ihn der Rache preisgabe.
Erschrocken uber den leblosen Zustand der Lady, die keine Frage beantwortete, kein Zeichen der Selbsthulfe machte, wandte Lord Richmond auf den Entfliehenden keine Aufmerksamkeit und eilte den Weg zuruckzunehmen, den er gekommen, als sich abermals die Scene anderte und ein neuer Gegenstand sich ihm entgegen setzte.
Pater Johann hatte den Schauplatz erreicht, und von demselben Schuss, der Richmond leitete, hierher gezogen, erkannte und uberschaute sein Falkenauge augenblicklich die Lage der Dinge. Wahrend er brullend den fliehenden Schiffer zuruck rief, lief er gegen den Lord an, und Beide erkannten sich nun sogleich als die Tischgefahrten des verflossenen Tages. Halt, mein Herr, rief der Pater, den Arm des Lords ergreifend, unsere Freundschaft von gestern Mittag ist wohl nicht ausreichend, Euch eine Einmischung in meine Angelegenheiten zu gestatten; darum geht, wohin Ihr wollt, und bald, rathe ich Euch. Diese Dame aber bleibt bei mir, sie ist mir anvertraut.
Da sei Gott vor, rief Richmond, ehrloser Pfaffe, dass sie Dir uberlassen bliebe. Der letzte Blutstropfen in mir wird sie noch gegen Dich vertheidigen. Und ohne ihn weiter zu beachten, eilte er, so schnell es ihm der immer schwerer werdende Korper der Lady erlaubte, der eben verlassenen Gegend zu, da die bangen Ahnungen, die in ihm uber den Zustand seines Schutzlings aufstiegen, vor allen Dingen es ihm wichtig machten, Menschen und Hulfe fur sie zu erreichen.
Doch war Pater Johann kein so schnell zu besiegender Feind, und Richmond war kaum einige Schritte vorgedrungen, als Lanci aufseufzte, denn er horte das kleine Hornchen blasen, welches der Pater stets auf seiner Brust trug, und welches den ihm untergebenen Huttenbewohnern ein unuberhorbares Zeichen war, sich seinem Schalle nach zu sammeln.
Der Sturm hatte die Mehrzahl zu Hause gehalten oder in der Nahe der Hutten beschaftigt; doch aufmerksam gemacht durch die gefallenen Schusse und das wiederholte Hulferufen, hatten sie sich schon in der Stille gesammelt, ihre Neugierde zu befriedigen. Der Ton des wohlbekannten Horns uberzeugte sie nun, dass ihr machtiger Zwingherr, in dessen Hande ihr bescheidenes Loos gelegt war, ihrer Hulfe bedurfe, und in grosster Schnelligkeit drangen von allen Seiten jetzt schwarze Schatten heran, die sich durch Anrufen kund gaben, wahrend Andere, von Weibern und Kindern geschaftig begleitet, nach den Hutten liefen, um Kienfackeln anzuzunden, welche dort fur den Gebrauch der Fischer bereit lagen.
Richmond ubersah die Gefahr seiner Lage sehr wohl, und die Ahnung, ihr unterliegen zu mussen, wenn ihm keine wirksamere Hulfe wurde, als Lanci's schwacher Arm, mischte in das Gefuhl des Muthes und der Entschlossenheit, das ihn beseelte, jenen bittern Tropfen der Verzweiflung, der die Krafte steigert, aber die Besonnenheit unterjocht.
Er fasste krampfhaft den bewegungslos bleibenden Korper der Lady in seinen linken Arm, und seinen Degen in der Rechten, schickte er sich an, die Gruppe der Manner zu durchbrechen.
Doch es war ein Leichtes, ihn, der nur einen Arm zur Vertheidigung behielt, durch zehn starke Arme, die auf Pater Johannes Befehl auf ihn eindrangen, zu entwaffnen, und er fuhlte sich ubermannt und seines Schwertes beraubt, binnen weniger Augenblicke.
Hoch auf schaumte sein Blut bei dem Gedanken dieser Gewaltthat, und das Schicksal, welches nun Lady Maria bevorstand, steigerte seine Krafte bis zum Uebermenschlichen. Er riss sich noch ein Mal los und schlang beide Arme so fest um den leblosen Korper, den er trug, dass er den Bemuhungen trotzte, sie zu trennen.
Da durchdrang plotzlich eine helle Stimme das dumpfe Gemurmel der Wuth, und Lanci erkannte Margarith, welche laut rufend herbei lief und unablassig ein Wort ausstiess, das plotzlich die geschaftigen Hande von Richmond abzog und den ungleichen Kampf unterbrach.
Die Miliz! Die Miliz aus Dunferling! Rette sich, wer kann! schrie das brave Madchen, athemlos neben Richmond niedersturzend, der bei der augenblicklichen Stille sogleich das Pferdegetrappel erkannte, welches ihm Rettung verhiess.
Ha! rief Pater Johann, wie ein gereizter Tiger vorspringend, wer that mir das? Woher kommt diese Gaunerbande und so schnell herbei? Die Fackeln, die, zu andern Zwecken herbeigeschafft, jetzt aus den Hutten ihr blutrothes Licht naherten, beleuchteten die wilden Zuge des Verrath ahnenden Priesters, dessen rachegluhender Blick wie ein Pfeil hervorschoss.
Sorgfaltig sich noch immer schutzend, aber freier in der Hoffnung der Rettung, streckte Richmond den Nahenden den verhullten Arm entgegen.
Wahret Euch! rief er, so laut er vermochte, Euer Stunde hat geschlagen, der Tod der Herzogin von Sommerset ist bekannt, die Milizen nahen, Euch und das Schloss im Namen des Konigs in Beschlag zu nehmen.
Alle wichen entsetzt bei dieser lauten Rede zuruck.
Pater Johannes warf einen Blick umher, in welchem er mit Wuth und Entsetzen zu fragen schien, ob der Augenblick gekommen, der seiner hier so lang geubten Macht Grenzen setzte. Er fand auf allen den rauhen Gesichtern, die, von den Fackeln erhellt, ihn anglotzten, nur den Ausdruck der scheuen Furcht, welche die achtbare und strenge Miliz von Dunferling sich erworben hatte, verbunden mit der dumpfen Vorstellung von der unbestreitbaren Macht des koniglichen Namens.
Pater Johann hatte mit einem Blick die Wahrheit erkannt; er durfte auf ihren Beistand nicht mehr rechnen, aber sein zweiter Gedanke, welch' eine Holle ward er ihm jetzt! Die Ruckkehr zum Schlosse gewahrte ihm keine Sicherheit mehr; das Boot, die brullende See, auf deren unsichere Wellen er vor wenigen Augenblicken das unschuldige Opfer seiner beleidigten Eitelkeit schonungslos hinaus zu stossen dachte, blieb jetzt seine zweifelhafte Zuflucht, wenn er es erreichen konnte, ehe die dem Fackelschein zueilenden Milizen ihn daran verhinderten. Aber mit der Ueberzeugung, dass sein Schicksal nun entschieden sei, schoss die wilde Glut der Wuth und Rache so gewaltsam in ihm auf, dass er, anstatt zu fliehen, wie ein Wuthender sich auf Richmond sturzte.
Muss ich weichen, brullte er mit grasslichem Geheul, so soll es Euch wenigstens nichts helfen; Du widerspenstiges Weib sollst untergehn! Mit diesen Worten zog er einen langen blitzenden Dolch aus seinem Busen, um ihn der von ihrem Schleier uberdeckten Maria in die Brust zu stossen. Doch Richmond, stets ihn beobachtend, liess sie aus seinem Arm zur Erde sinken und unterlief den Pater, waffenlos, nur von seinem Mantel geschutzt.
Die Miliz, die Miliz! riefen jetzt mehrere Stimmen.
Die Gefahr war nahe, keine Zeit zu verlieren. Wuthend stiess der Pater die Menge zuruck und floh dem Strande zu, in der Dunkelheit bald dem Auge entschwindend.
Richmond dachte nicht daran, ihn zu verfolgen. Rasch kehrte er zu dem Kreise zuruck, der, von den Fackeln erhellt, ihm die Lady am Boden liegend zeigte, Margarith und Lanci neben ihr knieend.
Ein lauter Schrei Margariths, die so eben den Schleier geluftet, richtete Aller Blicke dahin.
Sie ist todt! schrie diese krampfhaft auf, sie schwimmt im Blute, er hat sie doch getroffen!
Unmoglich! rief Richmond, naher fliegend. Aber wie hatte der noch zweifeln durfen, welcher die schone Leiche sah, uberschuttet von ihrem Blute, mit dem blauen Schein des Todes auf Mund und Wangen.
Richmond stand starr und betaubt, sein mannliches Herz kampfte gegen ein bisher ungekanntes Gefuhl, das ihn zu ersticken drohte. Er horte nicht, was um ihn geschah; alle Krafte seiner Seele schienen in dem einen Bewusstsein untergegangen, dass sie todt sei. Erst als einige Personen sich anschickten, die Todte zu beruhren, erwachte er aus seiner Betaubung.
Ruhrt sie nicht an! schrie er heftig auf, den Personen sich zur Abwehr entgegen sturzend, die bisher, von ihm unbemerkt, sich genahert hatten, Keiner darf sie beruhren, Keiner!
Er blieb wieder stehn und betrachtete sie, und der Ausdruck seiner Zuge veranderte sich von Minute zu Minute, als ob Jahre an ihm voruberzogen, die Bluthen der Jugend von seinen Wangen raubend.
Da erhob sich seufzend eine knieende mannliche Gestalt an ihrem Haupte, und sich zu Richmond wendend, sagte Brixton tief bewegt:
Ich halte sie nicht fur todt, aber ihren Tod fur gewiss, wenn sie hier ohne Hulfe bleiben muss.
Ich bitte Euch, Sir, sprach der Anfuhrer der Milizen, Oberst Crawford, erlaubt, dass wir die Verwundete nach dem Schlosse bringen, was bereits von meinen Leuten besetzt ist und ganz zu Ihrer Verfugung steht; wir werden dort der Kranken allen Beistand leisten konnen und gewiss in den Hutten hier Matten finden, von denen eine Bahre zu machen ware.
Ich danke Euch, Herr Oberst erwiederte Brixton, Ihr gewahrt mir mit dieser Nachricht grossen Trost; ich wusste nicht, dass Ihr so schnell Euer Recht wahrgenommen hattet.
Meinen Leuten Eingang zu verschaffen, sprach der Oberst, hat leider meine Ankunft hier verspatet und, wie ich furchte, mehr Unheil zugelassen, als mit der Besitznahme des Schlosses gut gemacht werden kann; doch lasset uns keine Sorgfalt sparen.
Er gab sogleich seinen Leuten die nothigen Befehle zur Besorgung einer Bahre und eilte selbst, durch seine Gegenwart die Eile zu beflugeln.
Richmond hatte sich indessen erholt; die Moglichkeit, ihr Leben noch zu erhalten, hatte ihn zu sich selbst gebracht. Sein Gefuhl schnell mit der alten Kraft beherrschend, gewann er nun Thatigkeit und Aufmerksamkeit fur das, was Noth that.
Er unterstutzte Brixton in seiner Bemuhung, die Lady in eine sitzende Stellung zu bringen, und eilte alsdann, die Anordnungen des Obersten zu unterstutzen, durch welche auch bald eine vortreffliche Bahre von weichen Matten, an Stangen gebunden, herbei geschafft ward, worauf man, mit Brixtons und Margariths Hulfe, den leblosen Korper legte, der nun, durch vier Milizen getragen, langsamen Schrittes nach dem Schlosse gebracht ward.
Welch' eine Veranderung war im Verlauf weniger Stunden hier eingetreten.
Die Thore, die, sonst streng verschlossen, Keinem den Eingang verstatteten, der nicht vorher schon erwartet ward oder eine Beglaubigung brachte, wie sie der Lady Howard oder dem Pater Johann genugte, standen weit geoffnet; im Thorwart-Hauschen sass der alte Huter neben einem Miliz-Soldaten und blickte auf die geoffneten Thore, als necke ihn ein Traum mit versaumter Dienstpflicht.
Der Zug ging, ohne ihm Rede stehen zu mussen, an ihm voruber, die Brucke entlang uber den weiten Hof und verschwand endlich in der Halle des Schlosses.
Hier stand der neue Kastellan in unfreiwilliger Erwartung der Befehle, die eine fremde, sonst so verachtete Autoritat ihm geben wurde, und wagte nicht die bunte Menge zuruck zu weisen, die sich dem Zuge nachdrangte, in doppelter Neugierde, das unzugangliche Schloss, das wie ein bezauberter Schatz zu den unerhortesten Historien Anlass gegeben, in Augenschein zu nehmen und zu erfahren, ob der gefurchtete Pater Johann das schone Madchen wirklich erstochen habe.
Langst hatte Richmond hieruber Brixton seine Meinung mitgetheilt; Beide hielten diese Verwundung fur unmoglich.
Richmond kam der Wahrheit naher, indem er den Schiffer, dem er sie am Strande abgenommen, fur ihren Morder hielt; auch hatte Oberst Crawford bereits Befehl gegeben, die Fluchtigen zu verfolgen und das Abgehen des Bootes zu verhindern, was durch den mit neuer Wuth sich erhebenden Sturm wahrscheinlich auch ausserdem unmoglich geworden war.
Als sie in der Halle angekommen waren, entstand die Frage, wohin man das Fraulein bringen sollte. Margarith trat sogleich dazwischen und empfahl die Zimmer des Erdgeschosses, die uns bereits bekannt sind und von Maria, auf Veranlassung des wohlmeinenden Pater Clemens, bei ihrer Ankunft bewohnt worden waren.
Der Kastellan eilte daher, von mehreren Dienern, die Lichter trugen, begleitet, voran, und bald zog der blutige, entstellte Korper derjenigen in diese Raume ein, welche sie einst glanzend und in aller Fulle jugendlicher Schonheit und Gesundheit betreten hatte.
Eine zweite schwierige Frage war die nach arztlicher Hulfe; denn der Arzt, nach welchem Richmond mit Erlaubniss des Obersten einen reitenden Boten gesendet, war nicht vor Tage zu erwarten und bei dem starken Blutverluste schnelle Hulfe dringend nothig.
Margarith, welche in ununterbrochener Aufmerksamkeit ihrer geliebten Lady zur Seite blieb, wusste auch hier Auskunft zu geben.
Sie bat Lord Richmond, die Schwester Electa von dem Kastellan herbei fuhren und ihr wissen zu lassen, dass eine todtlich Verwundete ihrer Hulfe bedurfe. Sie versicherte zugleich, dass diese fromme Schwester stets, in Abwesenheit des Pater Johann, die Kranken des Schlosses besorgt, und grosse Kenntnisse von schweren Verwundungen und deren Behandlung habe.
Diese Nachricht, die viel Glaubhaftes hatte, da sie mit dem wohlbekannten Gebrauch in Hausern der Art ubereinstimmte, wie man hier vorgefunden zu haben nicht mehr bezweifeln konnte, erregte eine neue Hoffnung fur die bekummerten Freunde der Lady, und als sich nach einiger Zeit die Thur offnete und Electa, von zwei Frauen begleitet, welche verschiedene Spezereien trugen, eintrat, eilte ihr Richmond mit einer Lebhaftigkeit entgegen, vor der das schuchterne Wesen fast entsetzt zuruckbebte.
O, furchtet keine Beleidigung, fromme Frau, fugte er schnell hinzu mit dem herzgewinnenden Tone, der ihm so eigen war. Ihr findet hier hochst bekummerte Freunde, die von Eurer Hulfe Trost und Hoffnung erwarten, wenn nicht den Ausspruch, dass Alles verloren sei.
Schwester Electa antwortete nicht, angstvoll strebte sie nur, sich den Blicken so vieler Manner zu entziehen, und wagte nicht den Fuss vorwarts zu setzen, nicht sich zu bewegen, noch zu fragen, wer ihrer Hulfe bedurfte.
Da schlupfte Margarith um Richmond herum und rief, an Electa's Kleid zupfend:
O eilt, eilt, Schwester Electa! Eure Hulfe ist nothig, es ist Lady Maria, die Pater Johannes erstochen hat.
Mit einem matten Tone des Entsetzens fuhr die bebende Gestalt empor, aber damit schien auch alle Scheu von ihr genommen. Sie schaute angstvoll auf und glitt nun rasch, hinter Margarith her, nach der Bahre hin, die noch in der Mitte des Zimmers stand.
Einen Augenblick kniete sie nieder und starrte mit dem tiefsten Schmerze in die Zuge der Lady, wahrend sie krampfhaft ihre Hande rang; dann stand sie auf, und indem sie gesenkten Blickes vor Lord Richmond trat, sprach sie leise:
Ich muss allein sein. Entfernt Eure Gefahrten! Augenblicklich befolgte Richmond ihr Begehr, und bald sah sich Electa, blos von Frauen umgeben, mit der Hulfsbedurftigen allein.
Ihre ganze besonnene Thatigkeit trat sogleich auf das Vortheilhafteste hervor. Wahrend sie eine der Frauen entsendete, ein Krauterbad zu besorgen, musste die andere gegen den Kamin, dessen helles Feuer alsbald entzundet war, das feine Leinen zum Umkleiden, die Kompressen und Binden des chirurgischen Apparats ausbreiten, und mit feinen Essenzen durchrauchern; wahrend sie selbst mit Margariths Hulfe die in Blut getrankten Kleider der Verwundeten abloste, um erst zu entdecken, wo die Ursache dieses Zustandes zu finden sei.
Brust und Schultern zeigten sich gesund, und bald entdeckte sich uber der linken Hufte die von der Kugel zerrissene Stelle, die eine Ader oder sonst ein bedeutendes Blutgefass gefasst, und den heftigen Blutverlust veranlasst haben musste, dessen Folgen noch nicht zu bestimmen waren.
Unablassig weinend, rief Margarith bei jeder Bewegung Electa's:
Sagt, ist sie todt, wird sie sterben? Lebt sie nicht wieder auf?
Electa war vertieft in ihre Untersuchungen, und da sie die Kugel am Huftknochen sitzend fand, eilte sie zu ihrer Instrumententasche und schickte sich an, mit sicherer Hand den tieferen Einschnitt zu machen, nach welchem die Kugel augenblicklich zur Erde rollte.
Ein Schrei der Freude drang aus Margariths Munde, wahrend sie ihre Fragen nach Leben oder Tod mit verdoppelter Ungeduld wiederholte.
An dieser Wunde stirbt sie nicht, sprach Electa, jetzt zum ersten Male die Lippen offnend; aber was der Blutverlust bereits gethan, ist nicht zu bestimmen. Sie legte jetzt einen vorlaufigen Verband um die Wunde und brachte den starren Korper in das duftende, starkende Bad, dessen gelinde Warme die Kalte und Starrheit des Todes zu losen schien. Auf das Sorgsamste legte alsdann Electa den zweiten Verband an, und liess sie in die mitgebrachte erwarmte und von geistigen Wassern belebte Wasche hullen, und nach ihrem Schlafzimmer tragen, dessen Luft, wie das Lager selbst, Leben kraftigende Dufte und sanfte Warme zu athmen schien.
Noch hatte kein Zeichen des Lebens diese verstandigen und sorgfaltigen Bemuhungen gelohnt, und jetzt erst begannen Electa's Versuche, ihren geschlossenen Lippen einige Tropfen zur innern Belebung einzuflossen. Schlafe, Pulse und Wangen wurden dabei sanft mit geistigen Wassern gerieben, und der Mund, welcher jetzt, geoffnet, grossere Portionen einflossen liess, gab nicht mehr willenlos zuruck, was er empfangen.
Electa konnte nicht umhin, durch ein Zeichen diese Veranderung kund zu thun, bald zeigte sich auch ein leises Rocheln, ein Kampf des schwachen Athems mit der aussern Luft, ein Hohersteigen der Brust, ein leises Zucken, ein Seufzer, eine matte Bewegung, endlich ein plotzliches Aufschlagen der grossen Augen.
Electa's strafender Blick hielt Margariths Freudengeschrei zuruck; denn Besinnung war der Erschopften noch nicht wiedergekehrt, und leise fuhr Electa fort, den jetzt wieder bewegbaren Lippen ihre starkenden Tropfen einzuflossen.
Margariths volles Herz trieb sie aber leichten Schrittes aus dem Zimmer, und nun sturzte sie von Freude gejagt durch die Nebengemacher, die Frauen fast uberrennend, die das Vorzimmer aufraumten, und so laut Lord Richmond rufend, dass, als sie die Halle erreicht, er ihr schon entgegensturzte, in namenlosem Gefuhle der Angst.
Sie lebt! rief sie, ihm in die Arme fliegend, eben hat sie die Augen geoffnet!
Tief erschuttert druckte er das treue Madchen die so bald mit weiblicher Feinheit ihn errathen hatte, so unschuldig ihm ihre Entdeckung verrieth, an seine Brust und setzte sie dann sanft zur Erde, zu Brixton eilend, der in banger Qual, zum Tode erschopft, ihm entgegen harrte.
Eine dankbare Ruhrung verbreitete sich bei der glucklichen Botschaft auf allen Gesichtern, und Margarith weinte in Lancis Armen, von seinen eigenen Thranen begleitet, die Bewegung aus, die seit den letzten Stunden das arme Madchen erschuttert hatte.
Da trotz der Erschopfung, die Brixton fuhlte, eine eigentliche Ruhe fur den Rest der Nacht ihm undenkbar schien, entschied man sich, nach dem Vorzimmer zuruck zu kehren, das an das Zimmer Maria's stiess. Bald waren hier einige Matratzen gegen die angenehme Glut des Kamins gelegt, und Brixton willigte ein, so ruhend, sich einige Erholung zu gonnen, wahrend Richmond und Oberst Crawford, in Sesseln sitzend, durch Unterhaltung die Stunden bis zum Morgen zubringen wollten, und Margarith theils die Botin fur die Nachrichten aus dem Krankenzimmer machte, theils mit Lanci in einem Eckchen die reichen Begebenheiten ihrer letzten Vergangenheit durchsprach.
Schon seit langer Zeit, Mylord, erwiederte Oberst Crawford eine Frage Richmonds, war unsere Aufmerksamkeit auf den geheimnissvollen Inhalt dieses Schlosses gerichtet. Es stand meinen Vorgangern ein Recht zu, hier in beliebiger Frist einzukehren und sich der wirklichen Gegenwart dieser Verwiesenen zu versichern. Eine lange Reihe von Jahren hatte indessen sowol ihre Verbrechen, als ihre Personen zu der Gleichgultigkeit herabgesetzt, die ihnen eine Art von Freiheit zuruck gab. An ihre Entweichung war um so weniger zu denken, da ihnen in ihrem Eigenthume Reichthum genug geblieben war, um ein bequemes Leben zu fuhren, und die Kranklichkeit Beider, die allgemein bekannte Geisteszerruttung des Lords einen solchen Schritt nicht wahrscheinlich machte.
So hatte man nach gerade Besuche unterlassen, die immer etwas Gehassiges behielten, ungern empfangen, mit widrigen Eindrucken fur den Besucher endigten und in allen Beziehungen zwecklos waren. Dagegen blieb unsere Aufmerksamkeit stets rege in Bezug auf diesen Theil des Kustenstrichs, weil hier der Schleichhandel mit einer Unverschamtheit getrieben ward, die sehr nah an seerauberische Ueberfalle streifte und doch von einem Ruckhalte gedeckt war, der unsere Aufmerksamkeit endlich auf das Schloss richtete und den Lord Devenant, der vor mir hier befehligte, zu dem Entschluss brachte, das fast verjahrte Recht wieder in Anwendung zu bringen und seinen Besuch im Schlosse mit einer Untersuchung der Seite, die nach der See zu geht, zu verbinden. Ich ubergehe die zahllosen Schwierigkeiten, die ihm entgegengesetzt wurden, und die, wenn sie auch seinen Verdacht vermehrten, ihn dennoch zu keiner Entdeckung kommen liessen.
Er berichtete daruber nach London, ehe jedoch die Antwort fur ihn eintraf, wurde ihm eine indessen ausgewirkte Erlaubniss des Konigs prasentirt, welche jede Beunruhigung des Schlosses bei Lebzeiten der Herzogin von Sommerset verbot, die man offenbar als todtlich leidend dargestellt hatte.
Indessen hatte der Bericht des Lord Devenant doch zur Folge gehabt, dass mir nach seiner Abberufung der Befehl ward, das Schloss aus der Ferne streng zu beobachten, besonders die Verbindung, die es mit der Umgegend unterhielte, und genau den Augenblick wahrzunehmen, wo die Lady mit Tode abgehen wurde, wonach der Konig, dem die Besitzungen als Lehnsherrn zufallen, berechtigt ware, sogleich davon Besitz zu nehmen, und dies, unter Vorzeigung der mir dazu behandigten Vollmacht, augenblicklich ins Werk zu setzen, um wo moglich zu entdecken, ob der Argwohn, den die Bestimmung des Schlosses erregt, wirklich begrundet sei.
Wir durfen nicht laugnen, Sir, sprach Richmond, dass, wenn wir auch nicht alles Ungluck haben verhuten konnen, wir doch einer glucklichen Kombination von Zufalligkeiten unsere gemeinschaftliche Wirksamkeit verdanken.
Es ist mir nicht vergonnt, die Verhaltnisse der Dame, zu deren Rettung ich dem ehrwurdigen Herrn hier meine Hulfe lieh, ganz klar zu ubersehn, und der Grund, warum man sie hierher fuhrte, bleibt mir deshalb gleichfalls dunkel. Jedenfalls jedoch haben wir ihre Entfuhrung verhindert, welche, zur Nachtzeit und bei so heftigem Sturme unternommen, entweder das Interesse zeigt, das man an ihren Besitz knupfte, oder bei der Gefahr, der man sie rucksichtslos aussetzt, auch die emporende Absicht verrathen kann, sie lieber aufzuopfern, als in ihre fruheren Verhaltnisse zuruckkehren zu sehn.
Und glaubt Ihr, Mylord, fragte der Oberst, dass man die Nahe ihrer Freunde ahnete, dass Eure Absicht, sie hier aufzusuchen, errathen war?
Ich darf daran nicht zweifeln, erwiederte Richmond; langsamer, als ich gewunscht, ist unsere Reise von London hierher vor sich gegangen; sie mehr zu beeilen, ware mit Gefahr fur das Alter und die Gesundheit des ehrwurdigen Herrn verbunden gewesen, dem ich wiederum eben so wenig voraneilen durfte, da ich seiner vollstandigen Kenntniss des Schicksals der Lady in jedem Augenblick bedurfen konnte und auch zweifeln musste, ob die junge, oft schon bitter getauschte Dame mir ohne den Schutz ihres anerkannten Freundes folgen wurde.
Meinen Entschluss, uber Dunferling zu gehen, wo, wie ich aus Lanci's Erzahlung wusste, die einzige bewaffnete Macht vorhanden war, die wir zu Hulfe rufen konnten, wenn der Weg heimlicher Unterhandlung, die uns von einem wohlmeinenden Unbekannten empfohlen ward, nicht zum Zwecke fuhren sollte, muss ich jetzt als ein grosses Gluck ansehn, obwol er durch die nothwendige Verzogerung, die er mit sich fuhrte, unser Zusammentreffen mit dem Pater Johannes herbei fuhrte, welchem unsere Absicht zu verbergen, ich gleich fur eine Unmoglichkeit hielt und daher den Entschluss fasste, durch eine schnelle Ausfuhrung, wo moglich, seinen Einwirkungen zuvor zu kommen und die Hilfe eines Ehrenmannes in Anspruch zu nehmen; welches Vorhaben dann durch die Ehre meiner Bekanntschaft mit Euch so sehr begunstigt ward.
Der Oberst verneigte sich. Richmond fuhr fort:
Lanci vorlaufig blos durch meinen personlichen Beistand zu unterstutzen, trieb mich die Ahnung einer nahen Gefahr. Wenige Stunden nach Ankunft des Pater Johann, und nachdem ich ihn uber mein Verbleiben getauscht hatte, eilte ich ohne alle Begleitung fort, dem Master Brixton die Bitte zurucklassend, ferneren Bescheid abzuwarten, und hoffend, durch die Gegenwart desselben und meiner Leute den Pater Johann uber meine Entfernung zu tauschen. Auch war damals meine Absicht, den Anspruch an Eure Hilfe nur fur Deckung unserer Flucht geltend zu machen, welche ich, ungewiss uber die Mittel, die dem Pater Johann zu Gebote standen, um des Frauleins willen keiner Gefahr aussetzen durfte. Da der Weg jedem Kinde bekannt ist und bei Erreichung der ersten Anhohe nach Lanci's Beschreibung leicht zu finden war, und endlich auch zu Anfang des Waldes ein gluckliches Zusammentreffen mit einem Jagerburschen mich begunstigte, so erreichte ich die Wohnung des alten Wildmeisters, wohin mich Lanci verwiesen, von wo aus er selbst alles Weitere zu unternehmen dachte, und wo sich die bequemsten Verstecke vorfanden. Ueberdies war es mir klar geworden, welch unbedingtes Vertrauen in den Alten gesetzt werden konnte.
Da ich erst am Abend meine Wanderung angetreten hatte, so war es bereits Nacht, als wir die Wohnung des Wildmeisters erreichten, und als mich Lanci empfangen und mit dem Alten bekannt gemacht hatte, horte ich den wenige Tage vorher erfolgten Tod des alten Kastellans, an den wir von unserem unbekannten Freunde hauptsachlich empfohlen waren, und durch dessen Mitwirkung mir die Sache allein ausfuhrbar schien.
Von diesem Augenblick an gab ich die Hoffnung einer heimlichen Entfuhrung auf und war entschlossen, mich am andern Tage in Begleitung Brixtons, den ich erwarten durfte, und dessen Gegenwart jeden Argwohn fern halten musste, nach dem Schlosse zu begeben, Einlass zu begehren und das widerrechtlich gefangen gehaltene Fraulein zuruck zu fordern.
Als ich jedoch meine Absicht mittheilte, musste ich entschiedenen Widerspruch erleiden. Lanci warf sich mir fast zu Fussen und berief sich auf seine bestimmten, dem zuwiderlaufenden Befehle, mit einer seltsamen Mischung kindischer Furcht vor dem Zorn desjenigen, der ihn ausgesendet, und einer grossen Festigkeit, die sein Alter zu uberschreiten schien, in Verschweigung des Namens, den ich ihm nochmals abforderte.
Der alte Wildmeister, dessen schweigsame Wurde mich sehr anzog, schlug sich endlich, von mir zur Erklarung aufgefordert, auf Lanci's Seite; er sagte, mit dem Finger auf den Brief zeigend, den Lanci an den alten Kastellan uberbringen sollte:
Lanci nennt zwar auch mir nicht den Namen dessen, der ihn gesendet; aber ich kenne die Handschrift, und der dies schrieb, wusste Zeitlebens mehr, als andere Menschenkinder, und man hat gut gethan, sich genau nach seinen Vorschriften zu richten.
So willigte ich endlich ein, den Besuch des Wildmeisters auf dem Schlosse, wobei er Lanci mitzunehmen versprach, abzuwarten, da dem Fraulein eine Andeutung der Versuche, die zu ihrer Rettung gemacht wurden, zu wunschen war, auch mit Margariths Hilfe sich vielleicht ein Mittel erdenken liess, die Flucht heimlich einzuleiten, wogegen ich nichts einzuwenden hatte, da Master Brixton dies stets vorzuziehen schien.
Wir alle kurzten die Zeit der Nachtruhe ab, und der Wildmeister entfernte sich, beladen mit dem Wildvorrath fur das Schloss, worunter er Lanci als Trager zu verbergen hoffte.
Der todtlichen Spannung, worein Unthatigkeit vor einer wichtigen Katastrophe den Geist versetzt, zu entgehn, verliess ich die Wohnung bald nach meinem Wirthe und suchte das Schloss auf, das so wunderbar verborgen, und gleichwohl eine so kuhne und sichere Position gefasst halt. Vergeblich suchte ich von Aussen eine Moglichkeit zu erspahen, die unserm Unternehmen gunstig werden konnte.
Der Sturm hatte vom Morgen an mit wuthender Heftigkeit getobt, die kleinen, elenden Hutten, welche zerstreut hinter den Dunen am Strande lagen, gewahrten ein trostloses Bild von Armuth und Elend, und wahrend ich an ihnen hinstrich, sah ich, wie die Fischer aus der See zuruckkehrten, und als ich mich unter sie mischte, horte ich, dass der Sturm zu heftig sei, um sich hinaus zu wagen.
Um so mehr fiel es mir auf, dass nach Verlauf von etwa einer Stunde einer der Schiffer ein Boot losmachte und trotz des zunehmenden Sturmes in See ging. Ich redete den Trupp der zuruckbleibenden Schiffer an, die ihn mit Theilnahme auf der See verfolgten, und seine Gefahr oder seine Geschicklichkeit mit einzelnen Ausrufungen begleiteten, und fragte sie nach der Ursache dieses Wagnisses.
Meine ganze Gegenwart schien unangenehm oder verdachtig. Sie wichen meinen Fragen aus, und nur als ich endlich das Unternehmen als thoricht tadelte, fuhr mich ein alter Fischer ziemlich unsanft an, indem er ausrief:
Er muss wohl fort, der arme Junge, es ist Befehl gekommen, den Kustenschiffer mit seinem Fahrzeug zu holen.
Vom Schlosse? fragte ich plotzlich von der Wahrheit ergriffen; also ist Pater Johannes schon zuruck?
Ja, sagte ein Anderer, gewiss, denn wer sollte sonst ein solch Wagstuck befehlen, wem sonst wurde der Kustenschiffer gehorchen?
Ich war von dem Augenblick an uberzeugt, dass man die Lady zur See entfuhren wollte, und eben diese Ueberzeugung, dass unsere Hilfe, wenn nicht gleich, dann vergebens kommen wurde, trieb mich vom Ufer zuruck, nach der Wohnung des Wildmeisters, den ich nun in der grossten Unruhe erwartete.
Muthlos sah ich ihn endlich nahen. Nach dem, was er auf dem Schlosse erlebt und erfahren, hielt er Alles fur verloren, da Lanci entdeckt und gefangen war, die Lady am Morgen im Wahnsinne ihren Wachtern entsprungen, und eben die Treppe, auf der sie ihren Gemahl vor Jahren todt gefunden, und auf der sie ihn bestandig in ihrem Wahnsinn suchte, hinabgesturzt war und mit gebrochenem Genick ihren Tod gefunden hatte, wodurch, seines Erachtens, die ganze Herrschaft an Pater Johann uberging und keine Gnade mehr zu hoffen schien.
Von Euch, Herr Oberst, unterrichtet uber Eure Vollmachten in Bezug auf diesen Tod, brauche ich Euch nicht zu sagen, dass dies mir jetzt gerade die grosste Hoffnung fur uns alle gab. Doch uberzeugt, wie sehr im Interesse des Pater Johann es sein wurde, die Nachricht zu verheimlichen, beschwor ich den alten Wildmeister, sich nach Dunferling zu begeben, Euch die wichtige Nachricht von diesem Tode mitzutheilen und Euch um schnelle Hilfe zu bitten.
Ich selbst aber kehrte nach der Kuste zuruck, Alles anzuwenden entschlossen, um eine Entfuhrung der Lady, wenn man sie noch beabsichtigen sollte, zu verhindern. Hierzu blieb mir allerdings kein anderes Mittel, als meine Pistolen und mein Degen; denn da ich Eure Ankunft fur wichtiger hielt, als die des Master Brixton und meiner Leute, so sollte der Wildmeister erst auf der Ruckkehr nach dem Stadtchen gehn, um ihre Ankunft zu veranlassen.
Ich hielt mich jedoch am Strande verborgen, um den Verdacht der Schiffer nicht aufs Neue zu reizen, und sah bald das Kustenboot vor Anker liegen, das zu einer langeren Fahrt gerustet zu werden schien.
Die Unterredung der beiden Manner ward hier durch eine Meldung unterbrochen, die ein Unter-Lieutenant der Milizen dem Obersten machen wollte.
Der Oberst beurlaubte sich von Lord Richmond und unterredete sich eine Zeitlang mit dem Offizier, dann verabschiedete er ihn und kehrte wieder ins Zimmer zuruck.
Das Richteramt, Mylord, ist vollstreckt ohne menschliche Zuthat. Eine furchtbare und erschutternde Fugung hat das, was Pater Johannes zum Untergang der unglucklichen jungen Dame bestimmte, zu seinem eigenen herbei fuhren lassen.
Wie, Sir! rief Richmond aufspringend, wie meint Ihr dies?
Der anbrechende Tag, erwiederte der Oberst, hat die zerschellten Leichname des Pater Johann und des Kustenschiffers an den Strand getrieben, wahrend das Wrack des Schiffes auf der hohen See seinem Untergange entgegen treibt.
Es entstand eine augenblickliche Pause unter den beiden Mannern, die dem Gefuhl der Ehrfurcht Raum gab, welches den Menschen ergreift vor dem machtigen Einschreiten einer gottlichen Gerechtigkeit, das die Kombinationen des Menschengeistes uberbietet und seine Absichten durchschneidet.
Es ist ein gerecht Gericht gehalten, Sir, hob Richmond nach einer kleinen Pause an. Der bose Mensch ubersieht in dem hochmuthigen Dunkel, womit er die Mittel zu seinen Zwecken herbeifuhrt, dass er selbst die Gewalt entwickelt, die in zerstorender Gegenwirkung sich auf ihn walzen wird, dass der Keim des Untergangs nothwendig dem Unrecht inne wohnt und dieselben Mittel, die ihm dienen sollten, ihn zerstoren werden.
Ich habe Befehl gegeben, ihre Korper zu beerdigen, begann endlich der Oberst und beurlaube mich, meinen Bericht nach Hofe zu machen, da mir nahere Befehle uber mein ferneres Verhalten fehlen.
Bei dem Tode der beiden hauptsachlich Betheiligten, versetzte Richmond, ist allerdings zu erwarten, dass man eine stille Beilegung der hier vorgefundenen Anzeigen uber die Bestimmung des Schlosses vorziehen wird. Ich muss Euch noch ausserdem bitten, alle Andeutungen uber die Anwesenheit und Verhaltnisse der Lady Melville und unserer Gegenwart aus Euerm Berichte weg zu lassen, da dies aufs Neue Verfolgungen veranlassen konnte, denen wir das Fraulein zu entziehen trachten mussen.
Ich willige um so eher in Euern Wunsch, erwiederte der Oberst, als ich dies als eine Privatsache ansehen muss, die zu meinen Dienstpflichten in keiner Beziehung steht.
Master Brixton hatte eine kurze Ruhe gefunden, und erblickte bei seinem Erwachen seinen jungen Freund, der bereit war, ihm die trostlichen Nachrichten zu wiederholen, welche Margarith von Zeit zu Zeit aus dem Krankenzimmer heruber brachte.
Der Morgen war indessen vollends angebrochen, und die Manner hielten eine Berathung uber ihre nachsten Schritte.
Eine sichere und jede Bequemlichkeit darbietende Zuflucht gewahrte ihnen das Schloss, und dies war das augenblicklich nothigste Bedurfniss fur Lady Maria.
Ein kurzer Aufenthalt schien selbst dem Master Brixton nothig, da seine Gesundheit offenbar gelitten hatte, und so entschlossen sie sich, den Obersten Crawford, den sie offenbar vorlaufig als ihren Wirth ansehen mussten, um diese Bewilligung zu bitten.
Dagegen suchte Brixton es zu verhindern, dass Richmond Nachrichten an seine Familie sende, oder suchte doch sie zu verzogern, indem er ihn bat, den Ausspruch Electas abzuwarten, wann ihre Abreise moglich sein werde.
Richmond willigte um so lieber ein, als er eine Art Scheu fuhlte, sich uber das Fraulein gegen seine Familie zu aussern.
Oberst Crawford kehrte unterdess zu ihnen zuruck, und nachdem er ihren Wunsch auf das Zuvorkommendste bewilligt, folgten ihm die Herren, um das Schloss in Augenschein zu nehmen, und fur sich und ihre Leute die Zimmer zu wahlen. In diese zogen sie sich dann zu einiger Ruhe zuruck, wahrend Oberst Crawford in aller Stille die Ueberreste der Herzogin in den schon seit lange bereit stehenden Sarg legen und in das Erbbegrabniss neben ihrem Gemahle beisetzen liess, und damit das dritte Begrabniss seit seinem kurzen Aufenthalt besorgte.
Den Frauen des Schlosses machte er jeder einzeln in ihrem Zimmer einen Besuch, und forderte sie auf, ihm ihre Verhaltnisse zur Welt und zur verstorbenen Herzogin zu entdecken.
Er bekam hier genug Veranlassung, sich zu uberzeugen, dass die meist aus Frankreich stammenden Frauen, welche hier der Herzogin eine Beschaftigung fur ihre bosen Launen gewahrt hatten, bis auf zwei, die in fanatischer Stupiditat von jeder Mittheilung sich abwendeten, ohne alle Empfindung fur das Ableben ihrer Patronin waren, und dass die Furcht vor der Strafe, die ihrer Korporation harre, ihr einziges Gefuhl blieb.
Der Oberst verhiess ihnen Fursprache und empfahl ihnen ein ruhiges Verhalten in ihren Zimmern. Eben so versammelte er die Dienerschaft der Herzogin, und nachdem er sie von der Straffalligkeit ihres bisherigen Lebens unterrichtet hatte und von den Verhaltnissen, in denen er vorlaufig zu ihnen stehe, schickte er sie an ihre Platze zur Obwaltung des Hauses, liess dann mit militarischer Strenge von seinen Milizen die ausseren Posten besetzen und Keinem den Ausgang gestatten. Zur Versorgung der zahlreichen Bewohner war ein bedeutender Vorrath aller Bedurfnisse vorhanden, und die reichgefullten, nach der See hin gelegenen Gewolbe bestatigten vollkommen den Verdacht, dessen Oberst Crawford, in Bezug auf die Kontrebandirer, bereits erwahnt hatte. In dem Krankenzimmer der Lady Maria ging das Geschaft der Pflege und Heilung seinen stillen gerauschlosen Gang.
Electas Geschicklichkeit und Sorgfalt zeigte sich so vollkommen ausreichend, dass der herbeigerufene Arzt nur taglich den Puls zu fuhlen ubrig behielt, wonach er stets Gefahrlosigkeit und baldige Genesung prophezeihete, und endlich wohlbeschenkt das Schloss verliess.
Es war ein hochst ergreifender Anblick, als Electa endlich den ehrwurdigen Brixton an das Bett seines geliebten Zoglings fuhrte.
Maria wollte seine Hand kussen; er legte sie segnend auf ihr Haupt. Aber was er ihr sagen wollte, konnte seine bewegte Stimme nicht hervorbringen. Still setzte er sich ihr gegenuber, blickte sie an und fuhlte die Thranen nicht, die uber sein ehrwurdiges Gesicht flossen.
Mein Wohlthater! mein Vater! mein Erretter! rief das erschutterte Madchen; welchen Gefahren, welchen Beschwerden habt Ihr Euch ausgesetzt, mich zu retten. O Ihr, mein einziger Schutz auf dieser Erde!
Beruhigt Euch, Lady Maria, erwiederte sanft der ehrwurdige Geistliche, Ihr durft Euch nicht Euern Gefuhlen uberlassen; Eure Genesung ist zu wichtig. Aber Ihr werdet es bald erkennen, dass Euch noch viele Freunde geblieben sind.
Ach, Sir! seufzte Maria, wisst Ihr denn alle, die der unerbittliche Tod von meiner Seite nahm? Konnt Ihr sagen, dass mir ausser Euch noch irgendwer geblieben ist, da der Einzige, den ich zu meinem Ungluck vergeblich zu erreichen strebte, sich mir gegen meine Hoffnung entzieht?
Vertraut mir, theure Lady, sprach Brixton dringend, vertraut mir jetzt Euer Schicksal an, da ich unfehlbar klarer darin sehe, als Ihr selbst. Ihr seid fur den Augenblick in sicherem Schutze, und nichts als Eurer Genesung bedarf es, um Euch wurdigen und begluckenden Verhaltnissen zuruck zu geben.
Maria's Auge hatte erwartungsvoll auf Brixton geruht; es senkte sich jetzt von einer unbestimmten Ahnung erfasst zur Erde, und die dringenden Worte verstummten in einer sussen Ruhe, die der Hoffnung verwandt war.
Brixton behielt Zeit, sie unterdess zu betrachten und mit Schmerz zu bemerken, wie die uberstandenen Leiden und die sie beherrschende Erschopfung diesen schonen jugendlichen Zugen eingepragt waren. Er gedachte derer, die dies Kind mit so grenzenlosen Hoffnungen erzogen hatten, und ihren jetzigen Zustand weder ahnen, noch verhindern konnten; er erinnerte sich, wen er eigentlich vor sich sah, zu welchen Anspruchen er selbst sie hatte entwickeln helfen, und dass von allen diesen Anspruchen in ihm jetzt nichts ubrig geblieben war, als das Verlangen, ihr ein unbemerktes Loos zu sichern, keinem fruher genahrten Wunsche, nur dem des Herzens entsprechend.
Dann fuhlte er mit einer wahrhaft demuthigen Beruhigung, dass es das erreichte Ziel nicht ist, sondern der Weg dahin, der uber den Werth des zuruckgelegten Lebens entscheidet, dass im Verfolgen dieses Weges ein hoheres Resultat der Vernunft sich entwikkelt und das Ziel vertritt, welches wir mit den eiteln Kombinationen unsers Verstandes zu erreichen trachteten.
Und darf ich die Frage wagen, ohne Euch zu erzurnen, hob sie schuchtern nach einer Pause an, wohin Ihr mich zu fuhren denkt, verehrter Sir? wann meine Abreise moglich sein wird? Darf ich es wissen?
Ich hoffe, Lord Richmond, der mit grossmuthigem Eifer mich unterstutzt hat, wird Euch und mich zur Herzogin, seiner Mutter, zuruckfuhren, bis naturlicher Schutz Euch Rang und Unabhangigkeit zuruckgeben kann.
Gewiss, rief Maria, ich irrte mich also nicht, als ich Lord Richmond zu erkennen hoffte? Und zu meiner Wohlthaterin soll ich zuruck? Sagt, hat sie mir verziehen, wird sie der fluchtigen Thorin ihre Hand noch ein Mal reichen? Wer hat sie uber den Betrug aufgeklart, dem ich unterlag?
Schont Euch, theure Lady, sprach Brixton besorgt, da er sie so erregt und die Farben wechseln sah. Werdet erst gesund und erwartet dann das Weitere.
Ich will, sagte sie sanft und lehnte, Electas Ermahnungen folgend, sich in die Kissen zuruck.
Ruhe und Einsamkeit war jetzt ein willkommenes Gebot fur das reiche Leben der Hoffnung in ihrer Brust.
Electa erstaunte selbst uber die schnellen Fortschritte, welche die Kranke in ihrer Genesung machte. Die Wunde heilte schnell unter ihren sorgsamen Handen.
Maria stand und ging bald, ohne weitere Hulfe zu bedurfen, als Margariths jeder Zeit bereiten Arm, und in ihrem Antlitze leuchtete durch die Lilienweisse ein feiner Anhauch wiederkehrender Lebenskraft.
So trug Electa denn selbst in ihrer schuchternen Weise die Bitte der Herren vor, der Lady ihre Gluckwunsche darbringen zu konnen. Nach einem still verlebten Morgen, den Maria, sich selbst uberlassen, in ernstem Nachdenken und einer damit verknupften tiefen Bewegung ihres Herzens zugebracht, empfing sie die Nachricht, dass die Herren in ihrem Wohnzimmer sie erwarteten.
Sie blieb noch einen Augenblick mit niedergeschlagenen Augen sitzen, dann erhob sie sich, und auf die harrende Margarith sich lehnend, schritt sie langsam der Thure zu.
Wie das erste Mal, als sie hier eintrat, standen die Lehnsessel um das gluhende Feuer des Kamins, zu traulichem Beisammensein einladend.
Aber nicht leer waren sie; nicht Fremde, nicht feindlich Gesinnte hatten Platz darauf genommen. Die sich jetzt erhoben und ihr entgegen gingen, waren theure Freunde, Beschutzer, die mit einem Mal die Burde, sich selbst schutzen zu mussen, von ihr genommen hatten.
Dem Obersten Crawford, als Fremden, als Seneschall des Schlosses, gebuhrte der Vorzug, von Brixton ihr zuerst vorgestellt zu werden und ihre ersten schuchternen Worte des Dankes zu horen, die der Oberst mit Ehrerbietung erwiederte, aber sichtlich uberrascht von der Erscheinung der Lady, die selbst im blassen Kolorit der Krankheit noch allen Zauber ihrer ruhrenden Schonheit und Anmuth ubte.
Richmond hatte wahrend dessen versucht, sich zu fassen als ihr erster Aufblick ihn aber traf, naherte er sich ihr, ohne Worte finden zu konnen. Beide fanden sie nicht, aber sich gegenuber zu stehn, das Bewusstsein dieser Nahe, versenkte sie auf einen Augenblick in ein so susses Gefuhl von Befriedigung und Ruhe, dass sie der Worte nicht bedurften.
Es giebt Augenblicke im Leben, die alle Schmerzen der Vergangenheit ausloschen, sprach Richmond mit bewegter Stimme, ein solcher ist der gegenwartige.
Mein Retter! stammelte Maria, wahrend einzelne Thranen aus ihren gesenkten Augen fielen.
O nennt mich nicht so! rief Richmond, schmerzlich aufseufzend, ich habe Euch nicht schutzen konnen, nicht retten vor den grausamen Misshandlungen, denen Euer Leben fast erlegen ware!
Erlegen ware, fiel Maria rasch ein, wenn Ihr mich nicht gerettet; das zerschellte Boot hatte mich nicht geschutzt, da es seine Besitzer untergehen liess, und doch hatte man mich trotz meiner Verwundung darin fortzuschleppen gesucht, hattet Ihr nicht grossmuthig mich meinem Entfuhrer abgekampft.
Lassen wir diese grauenhaften Erinnerungen, fiel Brixton sanft ein, nehmt bei uns Platz, theure Lady, dass wir des Gluckes inne werden, Euch genesen zu sehn.
Sanft lachelnd reichte Maria dem ehrwurdigen Herrn den Arm und nahm einen der Lehnstuhle ein, die nun um sie her von so theuern Personen besetzt wurden.
Mein Herz sehnt sich, theurer Sir, hob Maria an, sich zu Brixton wendend, Euch Rechenschaft zu geben von meinem Leben, seit ich durch den Tod meiner Tante mir selbst uberlassen blieb, und Euch, Mylord, fuhr sie gegen Richmond fort, bin ich ebenfalls Rechenschaft schuldig uber die traurige Verblendung, die mich aus dem Schutze meiner grossmuthigen Wohlthaterin, Eurer Mutter, fuhrte, die mich so hartnackig widerstehn liess, wie Ihr und Lord Ormond einen grossmuthigen Versuch machtet, mich derselben zu entziehen. Mochtet Ihr in dem, was ich hieruber zu sagen haben werde, einigen Anlass finden, mich mild zu richten. Ich hatte mit einem plotzlichen Lebenswechsel nicht die Scharfe des Urtheils, den Schatz der Erfahrung erhalten, die meine Handlungen hatten leiten konnen, mit Beschamung habe ich die thorichte Sicherheit erkannt, womit ich geneigt war, meiner jungen Ueberlegung zu folgen; lasst es Euch ruhren, wie sehr ich dafur bestraft ward, setzte sie mit einem Lacheln voll Anmuth hinzu, das die sanfteste Bitte um Nachsicht aussprach.
Es ist wenigen Menschen ein so ausserordentliches Schicksal zu Theil geworden, als Euch, erwiederte Richmond, wer konnte wunschen, dass Euer unschuldiges Herz, Euer hochgestellter Geist eine Ahnung gehabt hatte von den bosen Absichten, die man Euch sicher mit grosserer Schlauheit zu verhullen suchte, als Ihr vorauszusetzen vermochtet. Wir konnten nur beklagen, dass uns kein Recht zustand, in Euern missleiteten Willen mit hoherer Gewalt einzuschreiten, als eben das einer kurzen Freundschaft, die das Gluck uns gegonnt.
Dass ich diese nicht ausreichend fand, erwiederte Maria, dass irgend etwas mich abhalten konnte, sie fur meine Autoritat anzuerkennen, muss ich mir zum schmerzlichsten Vorwurf machen und kann Eure gutige Absicht, mir Beschamung zu ersparen, nicht weglaugnen; aber gewiss ist es, und ich halte dies zu meiner Rechtfertigung gern fest, dass meine Lage traurig und ungewohnlich war, und gewiss geeignet, Neigung und Pflichtgefuhl in einem unerfahrenen Wesen in Verwirrung zu bringen. Ganz, fuhr sie nun ruhiger fort, ist es mir noch nicht moglich, den Plan und die Absicht zu durchschauen, um derentwillen man mich dem ehrwurdigen Schutze Eurer Familie, Lord Richmond, entzog. Betrogen scheint mir aber jedenfalls von meinen spatern Feinden der gewesen zu sein, der mich zuerst betrog. Doch betrogen werden um Freiheit und Lebensgluck sollte ich, und vielleicht erhielt diese erste Absicht hier noch eine Ausdehnung durch den Hass der Lady Sommerset, welche selbst meinen Tod herbei zu fuhren suchte.
Es wird mir schwer, fuhr sie nach einigem Nachdenken fort, welches keiner der gespannt Lauschenden zu unterbrechen wagte, unter meine Feinde einen Mann zu zahlen, der mir Hochachtung und Vertrauen, ja, Dankbarkeit eingeflosst hat, da er mich von der verhassten Nahe des Lord Membrocke befreite. Er war es zwar, der mich hier in mein Gefangniss fuhrte, aber es schien mir nur zu oft, dass er wider Neigung und Gefuhl einem Zwange gehorchte, der seinen lichtvollen Geist in Fesseln hielt, den er mir auch spater andeutete, und der ihn als einen Anhanger des Ordens Jesu bezeichnete. Er war Monch und nannte sich mit seinem Ordensnamen Clemens.
Musste er mich auch hier begraben, so war er doch freundlich bemuht, mich im Schutze meiner Beschaftigungen und einiger wohlthuenden Aeusserlichkeitn zu erhalten, denn diese Zimmer bestimmte er mir selbst und endlich die grosste Wohlthat, Margarith theilte er mir zu.
Lange habe ich gehofft, er wurde es sein, dem ich meine Befreiung danken konnte, und habe ich mich darin getauscht, so kann ich die Ueberzeugung nicht aufgeben, dass er nur gehindert ward, vielleicht durch eben die Autoritat, der er sich so willig beugte, obschon sein Geist uber ihr stand.
Ich habe ihm daher geglaubt, als er mir die Tauschungen enthullte, die mich in mein Verderben sturzten, obwol ich nicht einzusehn vermochte, warum ich so wichtig war fur einen der machtigsten und, wie Pater Clemens ihn nannte, einen der verdorbensten Grossen des Landes, von dem Lord Membrocke nur als Mittelsperson gebraucht worden war, mich zu entfuhren, und den er den Herzog von Buckingham nannte.
Herzog von Buckingham! rief Brixton, so heftig aufspringend, dass Maria zusammenfuhr, ist es moglich, grosser Gott, in dessen Handen waret Ihr? Und kannte er Euch, sagt, wusste er, wen er in Euch hatte?
Theurer Sir, sagte Maria in sanftem Vorwurf, Ihr vergesst, dass ich selbst mich nicht kenne, dass ich nicht zu sagen wissen wurde, ob er mich kannte, hatte er mir selbst einen Namen beigelegt. Doch jedenfalls wusste er mehr von mir, als ich erwarten konnte, denn betrogen hat er mich nur durch diesen Brief und dieses Petschaft, denen ich zu folgen fur Pflicht hielt, wie ich denn fruher jede andere Art, mich zu uberreden, zuruckgewiesen hatte.
Maria zog hier Beides hervor, es Brixton uberreichend.
Grosser Gott! rief Brixton, als sein Blick auf diese Gegenstande fiel, es ist Alles verrathen!
Pater Clemens, fuhr Maria mit dem Bestreben, den Erschrockenen zu beruhigen, schnell fort, sagte mir, dieser Brief sei nicht von meinem Oheim, dessen geliebte Handschrift er tragt, er sei nur nachgeahmt, und der Inhalt hatte mich warnen sollen, trotz seiner liebevollen Worte: und dieser Ring, den ich so oft spielend von seinem Finger gezogen, er sei ihm heimlich genommen.
Ach theure Lady, sagte Brixton, es andert wenig; war der Herzog unterrichtet, dass Beides von Bedeutung sei, so musste eine hochst wichtige Entdeckung bereits geschehen sein, und Eure Sicherheit bleibt dann noch von einer gefahrlichen Seite her bedroht!
Ich hoffe, rief Richmond mit gluhender Stirn, keine Gefahr, welche den freien Willen der Lady Maria bedroht, kann eintreten, so lange sie Euch vertraut und mir vergonnt, ihren Willen gegen jede Anmassung zu vertreten.
Wobei Ihr uber ein so starkes Gefolge von Milizen, als Euch gut dunkt, ja, uber meine eigene Person, so weit es meine Dienstpflicht erlaubt, gebieten mogt, rief Oberst Crawford, mit tiefer Ehrerbietung sich vor Lady Maria neigend.
Unsere Abreise muss so sehr beschleunigt werden, als es Eure Gesundheit erlaubt, theure Lady, sprach Brixton, von Gedanken, wie es schien, uberfullt. Ich hoffe, die Frau Herzogin, Eure Mutter, Lord Richmond, wird dem Fraulein vorlaufig einen Schutz verleihen, den die hochgeehrte Frau dereinst nicht bereuen wird, gewahrt zu haben; wahrend ich dafur Sorge tragen will, ihr den machtigen und ehrenvollen Schutz zu verschaffen, zu dem ihre Geburt sie berechtigt.
Seid sicher, Mylady, sprach Richmond, Eure freiwillige Ruckkehr wird jeden Zweifel bei meiner Mutter versohnen, und jetzt, wie fruher, werdet Ihr uber uns alle zu gebieten haben.
Wir mussen uns dieser Hoffnung um so mehr freuen, unterbrach Brixton Marias Versuch zu danken, da wir nicht zweifeln durfen, dass der geheime Obere, dessen Gesandter unser junger Freund Lanci ist, und dessen Namen er uns so hartnackig verschweigt, nicht nur ein wohlmeinender Freund ist, indem er uns das Fraulein wirklich finden liess, sondern zugleich auch weit mehr unterrichtet uber das, was man mit ihr vor hatte, als uns furs Erste erlaubt ist zu ubersehen. Wir sind ihm daher das Vertrauen schuldig, seiner dringend empfohlenen Anweisung zu folgen, welche eben dahin ging, den Schutz Eurer Familie, Mylord, vorlaufig in Anspruch zu nehmen.
Ich hoffe, Lady Maria wird kein Bedenken tragen, entgegnete Richmond, durch die Befolgung dieser Anweisung meine Familie zu ehren und zu beglucken.
Ich habe nur die Nachsicht und Verzeihung derselben in Anspruch zu nehmen, erwiederte Maria, und zu erwarten, ob meine Jugend und Unerfahrenheit mir Fursprecher sein werden.
Habt indessen die Gute, hob Brixton an, uns aufs Genaueste, wenn es Euch beliebt, Alles mitzutheilen, sowol wodurch man Euch zu dieser Flucht bestimmte, als was Euch in deren Verfolg begegnete.
Mein Herz sehnt sich nach dieser Mittheilung, erwiederte Lady Maria, und es soll Euch nichts davon entgehen, denn mein Gedachtniss ist mir treu. Doch erlaubt mir, verehrter Sir, ehe ich beginne, Euch eine Frage vorlegen zu durfen, welche immer dringender wird, je mehr mein Bewusstsein in Bezug auf die Verhaltnisse der Welt durch das, was ich erlebte, geweckt ist. Wer bin ich? fuhr sie mit bebender Stimme fort, als Brixton in ahnungsvoller Verlegenheit schweigend zur Erde blickte. Bin ich des Namens berechtigt, den ich jetzt nur bestritten trage? Leben mir Angehorige, und durfen meine Verhaltnisse jemals aus dem Dunkel treten, das sie bis jetzt zu einem Gegenstande des Verdachtes macht und ihre Ehrbarkeit in Zweifel stellt? Ich kann nicht zweifeln, Ihr musst mir Aufschluss geben konnen, denn Ihr waret der Freund, der Vertraute der geliebten Menschen, welche meine Jugend behuteten.
Ihr habt Recht, Lady Maria, sprach Brixton mit Fassung, aber auch mit tiefem Ausdruck wehmuthiger Empfindung. Ich bin unterrichtet von allen Euern Verhaltnissen, aber es ist mir nicht vergonnt, Euch jetzt schon daruber Aufschluss zu geben, so wurdig Ihr trotz Eurer Jugend es seid, Eure Geburt und alles damit Verknupfte zu kennen. Meine Ueberzeugung darf hier nicht entscheiden, mich bindet ein Schwur, dessen Losung mir nicht zusteht. Habt noch eine kurze Geduld, der Augenblick ist von Aussen unterdessen schon gekommen, der, wie ich hoffe, jedes Hinderniss beseitigen wird, und hat sich Eure Zukunft auch anders gestaltet, als Eure Freunde traumten, Ihr werdet Gerechtigkeit finden, verliert nur nicht das Vertrauen darauf.
Maria schwieg, aber in ihren zarten Zugen war der schmerzliche Kampf zu lesen, den sie mit ihrem Zartgefuhl fur Ehre zu kampfen hatte, da, uber die wichtigsten Beziehungen derselben aufs Neue in Ungewissheit zu bleiben, sie, je langer, je mehr herab zu setzen schien.
Ihr selbst, Sir, sprach sie dann mit dem tiefen Ausdruck eines bekampften Gefuhls, Ihr selbst und alle meine Umgebungen, denke ich, haben, so viel ich mir bewusst bin, darauf hingewirkt, ein starkes Ehrgefuhl in mir zu wecken, und jede Unklarheit zu hassen und von mir fern zu halten. Vergebt mir daher, dass ich, im Begriff in die Welt zuruck zu kehren, mit Widerstreben einwillige, mich namenlos und geheimnissvoll ihr wieder darstellen zu mussen. Jedoch, fuhr sie fort, mit kindlicher Hinneigung zu Brixton sich wendend, der sichtlich zu leiden schien, ich will den einen Gedanken festhalten, dass ich Euch durch nichts besser mein unbegrenztes Vertrauen, meine Hochachtung bezeigen kann, als indem ich mich dieser peinlichen Lage unterziehe, ohne Euch weiter zu belastigen.
Seid sicher, erwiederte Brixton geruhrt, ich werde mit allem, was mir zu Gebote steht, eilen, Euch derselben sobald wie moglich zu entziehen, jetzt aber versucht, uns Eure Mittheilungen zu machen.
Ich bin bereit dazu, sprach Maria mild, wenn anders mein gutiger Arzt, der sich dort an der Thur schon einige Mal gezeigt hat, es nicht anders bestimmt.
Ich wurde wagen, Euch eine kurze Ruhe vorzuschlagen, sprach Electa, sich schuchtern nahernd und den Puls fuhlend; Ihr seid sehr bewegt und eine Wiederkehr des Fiebers ware nicht erwunscht.
Gewiss nicht! rief Richmond, lebhaft aufstehend, beurlaubt uns, Mylady, bis wir uns ohne Furcht, Euch zu schaden, wieder nahern durfen.
Lady Maria willigte ein, und die Herren zogen sich nach dem Vorsaal zuruck, indess sie auf ihrem Bette ruhte.
Doch musste Electa ihr bald den Wunsch zugestehn, zuruck zu kehren, und nachdem sich Alle um sie versammelt hatten, erzahlte sie, was uns bereits bekannt ist so weit ihre eigene Kenntniss der Umstande reichte.
Wir unterlassen es, ausfuhrlich den Eindruck zu schildern, den diese Mittheilungen in ihren verschiedenen Beziehungen auf die Zuhorer machen mussten, und erwahnen nur, dass, wahrend sich Nichmond gelobte, Membrockes ehrlose Betrugereien zu strafen, Brixton sich in Besorgnisse gesturzt fuhlte, die um so qualender waren, je weniger es ihm moglich war, die sich durchkreuzenden Absichten in Uebereinstimmung zu bringen mit einer Entdeckung der Geburt des Frauleins, die Buckingham hochst unwahrscheinlich zu ihrem Feinde machen konnte. Er fuhlte, dass ihm nur eine Annaherung an die hochste und dabei zumeist interessirte Person genugend Aufschluss geben konnte, und er kehrte aus seinem tiefen Nachdenken mit einer Aeusserung zuruck, die alle seine Wunsche einschloss, indem sie die mogliche Beschleunigung ihrer Abreise empfahl.
Electa's Entscheidung war hiebei die wichtigste. Sie bat noch um zwei Tage Ruhe, und die Herren, sich diesem Ausspruch fugend, eilten alle Anstalten so zu treffen, dass jede Sorgfalt mit der moglichsten Eile sich vereinigte.
Diese Tage, die Lady Maria in ungestortem Umgange mit ihren Freunden verlebte, hatten einen so auffallenden Einfluss auf ihre Gesundheit und Stimmung, dass sich kein weiterer Aufschub der Reise nothig zeigte und sie dies Haus des Schreckens mit vollig leichtem Herzen verlassen haben wurde, hatte sie das Schicksal ihrer Wohlthaterin Electa nicht mit Sorge erfullt. Dies zarte Wesen, dessen Gemuth ohne Kraft und eigne Bestimmungsfahigkeit, den einzigen Anhalt ihres verfehlten Daseins in der selbst gewahlten Knechtschaft gegen ihre geistlichen Oberen gefunden hatte, und jede unschuldige Sehnsucht nach der Welt als die schnodeste Sunde in sich verfolgte, der sie doch immer wieder unterlag, fuhlte sich nun sogar erschuttert in ihrem Glauben, in ihrer Ergebung gegen diese ihre bisherigen Vorbilder durch die Kenntniss ihrer wahren Gesinnungen, wie sie die letzten Begebenheiten ihr von allen Seiten schonunglos gegeben hatten.
Sie lebte nur so lange noch in leidlicher Fassung, als die Wunde der Lady Maria ihr eine ihrer fruheren Existenz gemasse Beschaftigung gab.
Jetzt, als von dieser Seite ihre Thatigkeit aufhorte und die nahe Abreise der Lady ihr das einzige Wesen zu rauben drohte, zu dem sie sich noch hingezogen fuhlte, von dem sie sich geschutzt sah, da sank ihr ganzes Wesen in Trostlosigkeit zusammen, und Vergangenheit und Zukunft schien ihr eine ununterbrochene Kette von Ungluck und Leiden.
Mit zarter Theilnahme suchte Maria den Zustand der Leidenden nach und nach zu erforschen, und wagte es endlich, den Gedanken einer Ruckkehr in die Welt in ihr anzuregen. Aber sie fand hier das einzige entschiedene Gefuhl der Armen in bestimmter Abneigung dagegen und erfuhr genug, um ein schmerzlich verrathenes Herz zu ahnen, das nur durch ganzliche Flucht aus jeder Beziehung des Lebens Rettung gefunden hatte.
Sinnend sah sie der unentschlossenen Leidenden nach dieser gewonnenen Ueberzeugung gegenuber, muthlos selbst ihrer Zukunft gedenkend, als sie plotzlich von einem Gedanken ergriffen ward, dem sie schnell die Frage folgen liess, ob sie den Aufenthalt des Pater Clemens kenne?
Electa schien von dem blossen Namen wie electrisirt, und augenblicklich gab sie das Kloster in Frankreich an, wohin der Pater sich zuruckgezogen hatte.
Nun, rief Maria lebhaft, so geht zu ihm und unterwerft Euer Leben seiner ferneren Bestimmung!
Engel des Himmels! rief Electa, sich mit Begeisterung vor Maria hinwerfend, welche Eingebung sprach aus Euch. Ja, Ihr habt das Rechte getroffen; doch wie soll ich ihn erreichen? sprach sie plotzlich, zur grossten Muthlosigkeit zuruckkehrend.
Dafur lasst mich sorgen, sprach Maria heiter und sicher; ich gebe Euch mein Wort, Ihr sollt ihn erreichen ohne Fahrlichkeit und Noth. Zugleich stand sie auf, druckte das schuchterne Wesen liebevoll an ihre Brust und begab sich in das Nebenzimmer, wo ihre Freunde sie bereits erwarteten.
Mit der ganzen Warme des Gefuhls, das ihr so eigen war, trug sie ihnen ihre Absichten und Wunsche in Bezug auf Electa vor, und beschwor sie, die Mittel dazu ihr anzugeben und einzuleiten.
Auch fand sie bei Richmond die lebhafteste Bereitwilligkeit, bei Brixton die wohlmeinendste Absicht. Nur Oberst Crawford beobachtete ein angstliches Schweigen und gestand endlich, als ihn Maria zur Theilnahme aufforderte, er bezweifle, dass er einen der Bewohner des Schlosses entlassen durfe, bevor seine Instruktionen aus London angekommen sein wurden, da er sich genothigt sehe, bis dahin alle Vorgefundenen als gleich schuldig und als Gefangene zu betrachten. Er setzte hinzu, wie er hoffe, dass man nach seinem Berichte geneigt sein werde, diese ganze Angelegenheit, da sie in sich als aufgelost anzusehen sei, der Vergessenheit zu ubergeben, und wie er alsdann zu der Erleichterung der Reise des Frauleins alles beitragen wolle, was in seinen Kraften stehe.
O Sir! rief Maria hier mit lebhafter Unruhe, denkt, dass wir morgen das Schloss verlassen, denkt, welch schmerzliche Unruhe ich mit mir nehme, wenn uber dem Schicksal dieses armen Wesens eine trostlose Ungewissheit schwebt und mir nicht selbst vergonnt ist, sie zu ihrer Reise auszurusten.
Vertraut sie mir als Euer Vermachtniss, sprach Crawford ehrerbietig, und heilig soll mir das Interesse des Wesens sein, dem wir zum Theil Euer Leben danken. Mit der punktlichsten Sorgfalt erfulle ich Eure Befehle, und will ihre Reise, der sich hochst wahrscheinlich keine Hindernisse entgegen stellen werden, so sorgsam und anstandig einleiten, dass ausser dem Meere selbst, dem ich nicht zu gebieten vermag, nichts ihren eigenen Wunschen nachstehen soll.
Ich glaube, theure Lady, sprach Brixton, wir durfen nicht weiter in Oberst Crawford dringen, da seiner Neigung hier seine Pflicht entgegen tritt, und gewiss konnen wir ohne Sorge dem edlen Manne unsere Freundin anvertrauen; Euch wird jetzt nur obliegen, sie selbst mit dieser einzigen und bleibenden Auskunft zu versohnen.
Da auch Richmond, auf den Alles, was Pflicht hiess, stets eine starke Gewalt ausubte, schwieg, so fuhlte Maria sich bald selbst zu jener Massigung ihrer Wunsche gestimmt, und sie eilte nun, Electa davon zu unterrichten, welche sie bei weitem weniger dadurch beunruhigt fand, als sie erwartet hatte.
So empfingen denn am nachsten Morgen, als der erste Sonnenstrahl die mit Thau bedeckte Erde zu einem blitzenden Himmel unzahliger glanzender Sterne umschuf, sammtliche Herren das Fraulein in der Halle des Schlosses, wo sie, von Electa und Margarith begleitet, in ihren Reisekleidern ihnen entgegen trat.
Einen Augenblick blieb sie noch stehn, und indem ihr Auge die Gegenstande noch ein Mal uberflog, gedachte sie ernst des Abends, als sie hier mit Pater Clemens eingetroffen und von Margariths Vater empfangen ward, dessen Tochter sie nun fur immer mit sich hinweg fuhrte, und sie hoffte eine Zeit der Leiden abgestreift hinter sich zu lassen, der sie fast unterlegen ware.
Mit Thranen dankte sie noch ein Mal dem Obersten Crawford, umarmte Electa und bestieg mit Margarith dieselbe kleine Sanfte, die sie, von Pater Clemens geleitet, hierher gefuhrt hatte, wahrend die Herren und Lanci mit den ubrigen Dienern sich zu Pferde setzten, und Crawford den Reisezug bis zu dem nachsten Ruhepunkt begleiten zu durfen sich ausbat, da ein ferneres Geleit seiner Milizen von beiden Herren abgelehnt war, um jedes Aufsehn zu vermeiden. Godwie-Castle, als Familiensitz der Nottinghams, erfullte in dem Augenblick, wo wir jetzt uns demselben wieder nahern, seine Bestimmung in seltenem Maasse. Zwar hatte der Graf Bristol seine eigenen Besitzungen fur die nachste Zeit eingenommen, doch ward seine Gegenwart, an die man bei seiner langen Abwesenheit sich keineswegs gewohnt nennen konnte, kaum vermisst, am meisten wohl nur von der empfunden, die es so wohl verstand, uber alle Empfindungen ihres Innern den Schleier zu ziehen, wir meinen seine Tochter, die jungere Herzogin von Nottingham.
Es lag in der Stimmung ihres Innern zu den von Aussen sich ihr darbietenden Umstanden ein Widerspruch, den die stolze Frau mit einem an Unwillen grenzenden Schmerze fuhlte, und diese Stimmung steigerte sich um so mehr, da es ihr an allen Mitteln fehlte, sich derselben zu entledigen, was ihrem stets einschreitenden und ans Beherrschen gewohnten Sinn einen Zwang auflegte, der sie grollend ihren ubrigen Verhaltnissen gegenuber stellte.
Dagegen war der Himmel blau uber allen ubrigen zahlreich versammelten Bewohnern von GodwieCastle.
Anna Dorset, nunmehr berechtigt, die Liebe zu entwickeln und zu gestehn, die sie zu ihrem Gemahl hinzog, zeigte ihre ganze Natur zu einem Reichthume und einer Fulle weiblicher Anmuth entwickelt, die ihren jungen Gemahl fesselte und mit ahnlichem Erstaunen erfullte, als uns wohl ergreift, wenn wir eine Knospe, welche, fest verschlossen, unsern Antheil wenig erregen konnte, am warmen Licht der Sonne zur duftenden Blume entwickelt wiederfinden; gewiss ward dieser mit Gefuhlen vertraut, wie sie einer solchen Ueberraschung gegenuber nicht ausbleiben!
Die Grafin Dorset hatte mit ihrer Tochter Ollony die Neuvermahlten begleitet, und auch Graf Ormond war, nach einer Trennung von mehreren Monaten, in Godwie-Castle wieder eingetroffen.
Graf Archimbald ordnete mit grosser Sorgfalt die Papiere seines Bruders und gab sich dazwischen mit vielem Geschick den gesellschaftlichen Stunden hin, welchen Alle mit Vergnugen beiwohnten, und uber denen die alte Herzogin von Nottingham wie das Prinzip der Gute und Liebe mit ihren ewig klaren, theilnehmenden Augen waltete.
So schien Allen hier eine Zeit der Ruhe eingetreten und fur die Zukunft nur erfreulichen Hoffnungen Raum gestattet zu sein. Dennoch gab es so manche frisch geheilte Wunden und noch reizbar gebliebene Stellen fast in jeder Brust, dass gerade so viel guter Wille, so viel Liebe, so viel wohlverstandene gute Erziehung, als alle besassen, dazu gehorte, um nicht jeden Tag neue Storungen des Gefuhls und der Ruhe, welche zu schutzen, Alle inniges Verlangen trugen, herbei zu fuhren.
Richmonds Abwesenheit, der Zweck derselben, der Jedem bekannt war, und das, was damit zusammen hing, war ein hauptsachlich zum Stillschweigen verwiesener Punkt fur Alle.
Die Herzogin von Nottingham hatte ihren Unwillen uber dies Unternehmen auf eine Weise geaussert und selbst gegen ihren Vater mit einer solchen hartnackigen Entrustung durchgefuhrt, dass Beide daruber in eine Art Spannung gerathen waren, welche die Abreise des alten Lords erleichterte; und dies wohlbekannte Ereigniss liess freilich alle Uebrigen vollig darauf Verzicht leisten, die Meinung der Herzogin milder zu stimmen. Sie unterliess es vollig, den Namen Richmond zu nennen, Niemand wagte, ihr darin voran zu gehn, und das Andenken der unglucklichen Grafin Melville schien bis auf die fernste Erinnerung erloschen.
Und dennoch stand das Bild Beider vor der Seele eines Jeden, nur vorsichtig umgangen in Wort und Andeutung.
Mit der tiefsten Seelenqual erwartete die ungluckliche Mutter Nachrichten, die ihr hartes Geschick erleichtern oder erschweren mussten, und mit der ganzen Grosse der Gefahr, wie sie ihr erscheinen musste, bekannt, behandelte sie ihr ungleiches und finsteres Betragen mit der ganzen Nachsicht einer solchen Berechtigung.
Vergeblich hatte der junge Herzog durch Lord Ormond, der so eben aus London eingetroffen war, Nachricht zu erhalten gehofft; auch ihm war sie ganzlich ausgeblieben, und er selbst hatte sich nur ungern entfernt, ehe ihm Kunde zugekommen.
Die Mittheilungen beider Manner uber diesen ihnen gleich interessanten Gegenstand waren aber dabei von einer Zuruckhaltung geleitet, die nur zu bestimmt ihre Verletzlichkeit in diesem Punkte andeutete, und das Gefuhl, wie ihre Stellung zu jenem Gegenstande sich verandert habe, unterstutzte den Wunsch Beider, in der Zeit die Erledigung ihrer Empfindungen zu suchen. Konnte sich auch Graf Ormond nicht, wie der junge Herzog, durch die heiligsten Interessen abgezogen halten, war dennoch auch ihm in den Worten der unglucklichen Maria uber Ollony ein Aufschluss geworden, der ihn mit der grossten Sorgfalt uber sich zu wachen veranlasste.
Er hatte bei spaterem Nachdenken, trotz seiner wahrhaften Bescheidenheit, doch sich die Wahrheit dieser Entdeckung kaum verbergen konnen und nicht ohne Vorwurf gefuhlt, wie die Befangenheit seines Herzens in anderer Richtung ihn so ganz um die Beobachtung des seine Sorgfalt so nahe angehenden Wesens gebracht hatte.
Er hatte sich eine schnelle Trennung von mehreren Monaten auferlegt, und seine Gedanken waren von da an in dem Schmerze um zwei theure Wesen getheilt.
Er zitterte, Ollony wieder zu sehn, und durfte es doch nicht langer verschieben, da seine Schwester die unbegreiflich lange Trennung mit einer Ungeduld und Betrubniss erfullte, von deren Folgen er sie befreien musste.
Wenn wir mit uns selbst unsicher werden, so machen wir Plane, wie wir uns betragen wollen. Der bessere Mensch giebt sie gewohnlich auf, so bald er in die Lage kommt, fur die er sich ausrustete, denn nur uberhaupt und einem grossen Prinzip getreu sich dem Leben gegenuber zu rusten, ist die Aufgabe, in der sich alle andern losen mussen, wenn wir uns selbst getreu bleiben wollen.
Schon bei Ollony's Anblick wollte keine seiner Ansichten passen. Das schone Kind hatte den letzten Punkt ihrer Entwickelung, und an Hohe und Feinheit der Gestalt, wie an innerer Haltung und zarter Zuruckgezogenheit den Standpunkt erreicht, auf dem es uns klar wird, dass das Flugelkleid der Kindheit mit dem Schleier der Jungfrau vertauscht ward und die Flugel nur noch nach Innen dem Geiste angehoren, verrathen von dem weitsichtigen, tiefen Blicke des ernsten Auges.
Ormond fuhlte im ersten Moment, sie sei auch von ihm geschieden, und was auch der innere Kern ihrer Brust bewahren mochte, sie sei mit sich allein geworden, und dies Finden ihrer selbst schutzte sie gegen Aufregungen und Aeusserungen, wie sie Ormond noch wenige Monate fruher zu beherrschen sich verpflichtet fand.
Die Stille, die ihn von ihr aus anwehte, betrog aber aufs Neue den sonst so geschickten Menschenkenner und unterstutzte die bescheidene Stimmung seiner Seele, die ihn uberredete, jedes Gefuhl, das fruher hier gelebt, als voruber gegangen anzusehen.
Dessen ungeachtet fuhlte er zu seiner eigenen, oft grossen Beschamung sich auf dem Wege, Ollony jetzt seinerseits in dieser Beziehung zu beobachten, und je fremder, getrennter und veranderter sie ihm erschien, desto ofter fuhlte er das Verlangen. dies liebliche Geheimniss zu ergrunden, in diesem ihm einst so offen darliegenden Gemuthe den Veranderungen nachzuspuren, die ihm so anziehend und wichtig erschienen, dass er ihnen den grossten Theil seiner Gedanken zuwandte.
Es war zuletzt ein eigenes Gefuhl von Unbehagen, wenn seine bescheidenen Bemerkungen ihn uberzeugen wollten, sie sei ihm kindlich abgewendet und jungfraulich nicht wieder zugekehrt, und er fuhlte sich endlich in einer Art Aufregung, die ihm einzig von der Besorgniss eingegeben schien, dies junge Wesen so abgeschlossen sich selbst uberlassen zu wissen, woraus sich leicht der Vorsatz gestaltete, sich ihr zu nahern und ihr Vertrauen zu gewinnen.
Wir wollen uns vorlaufig jeder Voraussetzung bei diesem gewagten Unternehmen enthalten, von wesentlichen Ereignissen in anderer Beziehung getrieben.
Der Fruhling hatte indessen die weiten Thore aufgethan und versendete seine reichen Schatze uber die schmachtende Erde. Es drangte sich frohlich ein junges Leben neben dem andern hervor, Platz suchend und findend in dichter Gemeinschaft.
Die Brust des Menschen theilt bewusst oder unbewusst so sussen Eifer; etwas soll anders in ihr werden, zur Klarheit, zur Blute soll es sich durchbrechen, was im Winterschlaf uns eingehullt erscheint, wir fordern von uns, und die Gewahrung ist schon bereit. An Licht und Sonne hangt nicht blos das Blutenleben mit seiner zarten Existenz, der Mensch selbst hofft in diesem freieren Spielraum etwas Grosseres zu leisten und zu vollbringen. Auch sollten wir nicht immer nach dem Geleisteten fragen; es braucht nicht Existenz nach Aussen zu gewinnen, was darum doch als Errungenes, als Wahrheit in solchen Epochen der Seele verbleibt.
Alles genoss nach Massgabe seiner Empfanglichkeit diese schone Jahreszeit und liess sich locken von ihr, hinaus in die uberall einladende Gegend.
Ein stattlicher Zug zu Pferde von Damen und Herren lenkte, nach einem weiten Ausfluge, als schon der Tag sich neigte, durch die breiten Wege des duftenden Waldes dem Schlosse entgegen.
Arabella, Ollony und die junge Herzogin ritten in leichter Zierlichkeit vor den folgenden Herren, doch indem sie die Heerstrasse uberschreiten wollten, entfuhr ihnen Allen zugleich ein freudiger Ausruf der Ueberraschung, Arabella gab ihrem Pferde die Zugel und flog in jagendem Laufe die Heerstrasse hinab.
Richmond, Richmond! rief dagegen Lady Anna ihrem herbeieilenden Gemahle entgegen, und bald fanden sich Alle um den sehnlich Erwarteten versammelt, der nicht saumte, ihrer frohlichen Eile zu begegnen.
O Richmond, rief der junge Herzog, wie bist Du von uns Allen herbei gesehnt, und wie lange hast Du uns ohne den Trost gelassen, von Dir zu horen!
Rechne mir nicht zu, was unvermeidlich in den Umstanden lag, rief Richmond, und denkt nicht geringer deshalb von meiner Liebe gegen Euch. Aber sagt mir jetzt, um mich von jeder Sorge zu befreien, wie ich unsere theure Mutter finden werde?
Die augenblickliche Pause, die hier eintrat, und welche der aufsteigenden Sorge uber die Stimmung der Herzogin galt, ergriff Richmonds zartliches Herz und druckte sich in seinen Zugen aus, als der junge Herzog ihn zu beruhigen eilte, indem er ihm die Versicherung gab, dass sie wohl auf sei, aber in ihrer Stimmung geschont, erst auf seine Ankunft vorbeitet werden musse.
Richmond fuhlte leicht, dass hier eine kleine Verlegenheit obwalte, und es ward ihm nicht schwer, die Veranlassung von sich herzuleiten, da er wohl wusste, wie seine Mutter auf jeden Schritt zur Auffindung der Grafin Melville ein Interdikt gelegt, dem er durch seine Bemuhungen allerdings entgegen gehandelt.
Nun, so bitte ich denn, rief er, sich seiner guten Sache bewusst und der Liebe seiner Mutter vertrauend, eilt mit dieser Vorbereitung, sobald Ihr es vermogt, denn mir folgen auf dem Fusse zwei Personen, deren besonderes Verhaltniss ihr mitzutheilen ich mich sehne, und, indem ich sie indessen Eurer Liebe empfehle, sie zugleich als alte Bekannte nenne, namlich die Grafin Melville und Master Brixton, ihr Erzieher.
Ein Ausruf der Theilnahme war die Antwort auf diese Ankundigung, und wir uberlassen es dem Leser die verschiedenen Veranlassungen in den betheiligten Personen sich selbst hinzu zu denken.
Nach einem kurzen Kampfe entschied sich der junge Herzog, seinen Bruder selbst nach dem Schlosse zu begleiten, und ersuchte den Grafen Ormond, den Reisenden mit Sir Ramsey entgegen zu reiten, sie in seinem Namen zu begrussen und in Godwie-Castle einzufuhren. Dann lenkte er sein Pferd an die Seite seiner Gemahlin, und mit besonderer Aufmerksamkeit ihren Zugel fassend, schien er sich recht ihrer Gegenwart versichern zu wollen.
Graf Archimbald beschloss gleichfalls seinen Liebling zu begleiten, da es ihm hochst unangenehm vorschwebte, ihn der ubeln Laune seiner Schwagerin verfallen zu sehen.
Er eilte sogar dem jungen Herzoge voran, sich bei der Herzogin einzufuhren, und wir glauben, dass der Neffe dies Geschaft dem Oheim gern uberliess.
Ein kurzes Gesprach mit Richmond hatte ihm zu einer gedrangten Uebersicht des Geschehenen verholfen, und er hoffte, diese Mittheilungen wurden versohnend das Herz der Mutter erweichen.
Er fand sie in der strengen und ernsten Haltung, die einen weniger gefassten Mann als Graf Archimbald von jeder Annaherung zuruckzudrangen geeignet war.
Im Gegentheil aber reizte ihn diese Wahrnehmung in einzelnen Fallen noch zu einem starkern Hervortreten der eigenen kalten Scharfe, und sie begannen gewohnlich damit, einander beim ersten Anblick wegen dessen zu zurnen, was sie im Laufe des Beisammenseins gegen einander zu verschulden gewartigten.
Ich hoffe, meine theure Schwagerin, hob er, ihr zuvorkommend, an, ich finde eine gute Stunde zur besten Botschaft, die ich glaube bringen zu konnen. Richmond, der verlorne Sohn, nahert sich dem Schlosse, und ich bin voran geeilt, mir vor allen den Lohn so guter Botschaft von Euerm freundlichen Gesichte abzufordern.
Der jahe, plotzliche Schreck, der mit einer hohen Rothe das strenge Gesicht der Herzogin uberflog, raubte ihr, tief ihr Herz erschutternd, fur einen Augenblick die Sprache. Sichtlich jedoch den Antheil von Freude bekampfend, den diese Nachricht in sich schloss, zeigte sie bald einen Ausdruck, gemass der Stimmung, die sie glaubte zeigen zu mussen.
Ihr uberrascht mich, Mylord! Lasst mich hinzusetzen, dies ist vorlaufig das einzige Gefuhl, dem ich Raum geben kann. Zu fruh lernen Mutter die Nothwendigkeit kennen, ihre Kinder als fremde, sich von ihnen lossagende Personen ansehen zu mussen. Mein Sohn hat mir in seinem letzten Verfahren darin den Unterricht gegeben, der mein Herz zu schmerzlich traf, um mich ganz frei ihm gegenuber zu fuhlen, da ich ausserdem von der Schwache frei bin, darum, weil es eben mein Sohn ist, seinen Handlungen eine blinde Bewunderung zu zollen.
Auf solchen Anspruch scheint er sich auch nicht beschranken zu durfen, erwiederte Graf Archimbald mit kuhler Gleichgultigkeit, im Gegentheil scheint er mit mannlicher Festigkeit erreicht und beseitigt zu haben, was fur uns alle eine Verpflichtung geworden, deren Losung jedoch von so mannigfacher Schwierigkeit war, dass sie, wie billig, das Maass von Thatigkeit einer Frau ubersteigen musste.
Ich erinnere mich nicht, diese Sache, in so fern Ihr von dem Schicksale der jungen Abenteurerin sprecht, der wir Schutz gewahrten, uber meine Krafte hinaus gehalten, wohl aber sie vollstandig fur meine Angelegenheit erklart und Niemandem die Verantwortlichkeit auferlegt zu haben, womit dann der Gegenstand fur alle Andern erledigt und ich, jede unberufene Einmischung als Anmassung und beleidigende Bevormundung meines Willens anzusehen, befugt war.
Es ist nicht anzunehmen, sagte Graf Archimbald, dass wer in der Nahe Eurer Durchlaucht lebt, sich nicht von der Schwierigkeit solcher Einschreitungen uberzeugt haben sollte. Erlaubt mir jedoch, Euch aufmerksam zu machen, dass wir nie so fest uns selbst vertrauen durfen, um nicht die Moglichkeit anzunehmen, es konne ausser unserm Bereich eine Denk- oder Handelsweise stattfinden, die den einen oder andern Gegenstand fruher entwickelt, als uns vielleicht vorbehalten war; wenigstens, setzte er hoflich lachelnd hinzu, habe ich mich ofter in diesem Falle zu befinden geglaubt und nicht ungern an Anderer Thatigkeit die Grenzen der meinigen erkennen gelernt.
Verzeiht, sagte die Herzogin gereizt, ich bin nicht begierig gewesen, eben von meinen Kindern hieruber Belehrung zu empfangen und, um aus dieser Allgemeinheit zu dem besondern, vorliegenden Falle zu gelangen, am wenigsten in einer Sache, deren Verfolgung nichts Ehrenhaftes mehr fur meine Familie haben kann, da Sittenlosigkeit und Unwurdigkeit des Gegenstandes durch ihr eigenes Betragen ausser Zweifel gestellt ist.
Auch daruber mochten sich die abweichendsten Ansichten vertheidigen und sogar beweisen lassen, betonte Graf Archimbald seinerseits ziemlich stark, und ich freue mich, hinzufugen zu konnen, dass Richmond, den wir immer nur in der Wahrheit und der richtigsten Auffassung aller Verhaltnisse fanden, mir daruber die bundigsten Versicherungen gab, deren guter Grund schon dadurch mir bewiesen scheint, dass er die ungluckliche verfolgte Lady in Begleitung des ehrwurdigen Master Brixton seiner Familie wieder zufuhrt, sie ihrem Schutze empfehlend.
Was sagt Ihr? rief hier die Herzogin, schnell aufstehend, mein Sohn, Lord Richmond, fuhrt das Madchen, welches sich unserm Schutze entzog, um mit einem ehrlosen Manne die Flucht zu ergreifen, dies Madchen, deren Namen wir nur mit Errothen vor unsern Tochtern konnten nennen horen, dies Madchen fuhrt er in den Kreis seiner Familie zuruck, und Ihr, Lord Archimbald, Ihr nehmt es uber Euch, mir diese Nachricht zu bringen? O geht, geht, Mylord, Ihr spottet der alternden Frau, Ihr benutzt ihren durch Gram stumpf gewordenen Verstand und versuchet die Macht Eurer Fabeln; jedoch ist jener noch hell genug, und diese sind schlecht ersonnen. Ich glaube viel eher an Eure schlechte Erfindungskunst, als dass ich durch den Glauben an ihre Wahrheit das eigene Kind in meiner Brust zerstoren musste.
Weder zum Fabeln-Erfinden habe ich Talent, Mylady, sagte Archimbald kalt, noch fuhle ich mich geneigt, Euern sehr gegenwartigen Verstand auf Proben zu stellen. Hier ist nicht von so tragischen Momenten die Rede, als Eure Worte andeuten. Die Sache ist sehr einfach die, dass ein junges Madchen hintergangen ward durch die Tucke eines erfahrenen Weltmannes, dass sie nur anscheinend Unrecht that und, bei unbefleckter Sitte, erlost aus einer schmaligen Gefangenschaft, voll Vertrauen die aufsucht, von denen ihr schon ein Mal Schutz und Hulfe zu Theil ward.
Die Herzogin wollte eben in heftiger Rede entgegnen, als schnelle Schritte sich den Vorhangen der Thur naherten und im selben Augenblick sich Richmond zeigte, der mit dem ganzen Enthusiasmus kindlicher Liebe zu den Fussen seiner Mutter sturzte. Das heftige Wort der zurnenden Frau erstarb in ihrem Munde. Der Zauber, den der Anblick eines geliebten Wesens uber alle Krafte unserer Seele ubt und sie aufzulosen scheint in dem Entzucken des Anblickens, der Wohllaut, der unsere Seele erfullt, wenn wir das Bild in der Fulle des Lebens vor uns sehen, was den Hintergrund unseres Herzens mit tiefen, unausloschlichen Farben einnimmt diesem Zauber unterlag das Mutterherz, und Stille kehrte fur einen Augenblick in die aufgeregte Brust ein.
Doch Richmond kannte seine Mutter zu wohl, um nicht in ihren Zugen den kaum bezwungenen Zorn zu erkennen, und ausser Zweifel uber die Ursache, war er Mann genug, den Gegenstand nicht zu scheuen, sondern, sobald als moglich, zu erortern.
O seht mich gutig an, meine theure Mutter, rief er mit dem tiefsten Ausdruck der Liebe, und seid sicher, Ihr durft es ohne Ruckhalt! Was ich Euch zu sagen habe, verdient nicht Euern Zorn, nicht Eure Besorgniss! Ich fuhle mich stark in dem Bewusstsein, so gehandelt zu haben, wie Ihr es von Euerm Sohne gefordert haben wurdet.
Die Herzogin schwieg, unwillkurlich lauschte ihr Ohr den uberredenden Worten des Lieblings, aber das Phantom ihrer Angst trat wieder dazwischen. Schwache schien ihr die verfuhrerische Hoffnung, und sie riss sich mit Anstrengung davon los.
Und ist es wahr, was Lord Archimbald behauptet, sprach die Herzogin dumpf und ihn mit dusterem Auge anblickend, ist es wahr, fuhrst Du die, die sich unserm Schutze entzog, und Ruf und Sitte gleich stark beleidigte, fuhrst Du sie diesem ehrwurdigen Hause zuruck?
So ist es, rief Richmond lebhaft aufstehend, und in Wahrheit, ich rechne es zu dem Besten, was ich zu leisten vermochte. Denn ein edles, vom Schicksal verfolgtes Wesen, unschuldig und rein wie das Licht des Himmels, habe ich aus den Handen der Bosheit befreit, und die grausamste Gewaltthat an menschlicher Freiheit und Wurde verhindert.
Diese Behauptung, mein Sohn, rief die Herzogin gepresst, wirst Du mir beweisen mussen, und diese Beweise werden bei mir eine scharfe Prufung zu bestehen haben. Nicht uberreden werden mich die klugen und geschickten Sophismen eines schonen Madchens, oder ihre ruhrenden Thranen, oder was ihr sonst gelungen sein mag, gegen Dich zur Unterstutzung anzurufen.
Die Grafin Melville, sagte Richmond mit Ernst, hat nie ihr ungluckliches Schicksal zu einem Gegenstand besonderer Unterredungen mit mir gemacht, sie ahnet wohl kaum das Dasein der Kunste, die Ihr eben andeutet, und uberliess es ihrem Lehrer, dem Master Brixton, der sie mit mir auffand und sie keinen Augenblick seitdem verlassen hat, nachdem sie uns beiden das von ihr Erlebte einfach mitgetheilt hatte, mit mir die nothigen Schritte zu uberlegen. Das Dunkel, welches dessen ungeachtet daruber verbreitet ist, das jedoch allein den Motiven gilt, warum man sie um jeden Preis unserer Obhut entziehen wollte, und warum ihre Person so wichtig gehalten wird, dass man ihr lieber den Tod geben, als ein Hervortreten an das Licht gestatten wollte, ist theils Brixtons Geheimniss, theils ihm selbst noch unaufgeklart.
Nun wahrlich, rief die Herzogin, in die widersprechendsten Empfindungen aufgelost, die Aufschlusse, die nach so viel Ausnahmen ubrig bleiben, konnen nicht von Belang sein und schwerlich mein Misstrauen gegen ihre Triftigkeit aufheben. Aber ich empfinde es als eine Harte des Schicksals und kann Dir dafur nicht dankbar sein, dass Du dies in Geheimnisse gehullte Madchen meinem Kreise wieder zuzufuhren trachtest, der sich von jeder Zweideutigkeit frei erhalten sollte.
Und der es bleiben wird, entgegnete Richmond, wenn Ihr das Zeugniss des Master Brixton, eines ehrwurdigen, angesehenen Geistlichen, wenn Ihr das Zeugniss Eures Sohnes, wenn Ihr das Zeugniss der himmlischen Unschuld selbst nicht zuruckstossen wollt, eine vorgefasste Meinung lieber festhaltend.
Die Herzogin hatte vielleicht noch nie eine so feste Sprache von ihrem Sohne gehort. Sie erschrak innerlich, und wie Mutter in ihren Sohnen oft leichter die Autoritat der Mannlichkeit anerkennen, als in deren Vatern, so fuhlte sie sich davon aufgehalten, und das Gefuhl, hier nur die Wahl zwischen einem ernstlichen Erzurnen und einem grossmuthigen Nachgeben zu haben, liess sie, aus dem Ersteren verschuchtert, sich in das Letztere hineinfinden.
Ich gebe Deine eben gesprochenen Worte Deinem eigenen Nachdenken anheim, sprach sie mit jener milden Art, die dem Stolzen so befriedigend wird, weil sie den Andern in Nachtheil setzt, und wenn mein Sohn mir meine Aufgaben nach seinem Ermessen stellt, will ich die Massigung und Selbstbeherrschung, die ich von meinen Angehorigen fordern muss, ihnen vorangehend zeigen.
Ohne Zweifel wird Beides von mir in einem hohen Grade gefordert, indem man mich zwingt, ein junges Frauenzimmer wiederzusehn, deren Ruf durch ihre eigenen zweideutigen Handlungen gelitten hat, uber welche mir Aufklarung zu geben und daran billig meine Einwilligung zu ihrer Wiederaufnahme zu knupfen, man verweigert und es vorzieht, sich vor mir in ein abenteuerliches Dunkel zu hullen.
So willigt Ihr ein, theure Mutter, den Master Brixton zu sprechen, rief Richmond, immer das Ziel im Auge behaltend und die zwischenliegenden Schwierigkeiten verschmerzend; also darf ich ihn Euch zufuhren?
Sollte das nothig sein? sagte die Herzogin kalt, ich denke, dass der Herzog, mein Sohn, bereits seine Einwilligung zu seiner Aufnahme gegeben hat und wir uns nichts weiter zu sagen haben, da ich allerdings nicht in der Stimmung bin, mich gelehrig fur geheimnissvolle Historchen zu erweisen.
Master Brixton und Lady Melville wurden sich dessen ungeachtet nicht als Gaste dieses Hauses ansehn wollen, bevor sie die Einwilligung meiner verehrten Mutter dazu erlangt.
Lady Melville, Lady Melville! rief die Herzogin rasch, weisst Du nicht, mein Sohn, dass der Graf Melville, den sie zu ihrem Vater erhob, kinderlos starb?
Ich weiss es, sagte Richmond fest, doch Brixton giebt ihr mit voller Ueberzeugung diesen Namen, er muss ihr verbleiben, bis wir das Schweigen des ehrwurdigen Mannes aufgehoben sehn.
Nun, sagte die Herzogin mit jenem Lacheln, welches den Andern verwundender, als das Wort trifft, es wird Keiner in Abrede stellen, dass mir viel zugemuthet wird, und an den endlichen Mittheilungen dieses Master Brixton viele und sehr wichtig scheinende Erklarungen haften.
Keiner wird das in Abrede stellen, verehrte Mutter, aber auch Keiner in mir das Vertrauen zerstoren konnen, dass diese uns einst genugend sein werden.
Genug, genug und schon zu viel! erwiederte die Herzogin, ich bin gesonnen, was man von mir fordert, bald zu leisten, um alsdann meine Gedanken von einer so empfindlichen Sache ableiten zu konnen.
Lord Richmond fuhlte, wie passend es sei, hier eine Unterredung abzubrechen, welche jeden Augenblick ihn in Gefahr setzte, die heilige Verpflichtung der Ehrfurcht gegen seine Mutter zu verletzen, die zu erfullen, ihm jederzeit wahres Bedurfniss des Herzens war.
Beide Manner zogen sich, mit hoflicher Kalte entlassen, zuruck, im ubrigen Kreise der Familie sich fur den Zwang entschadigend, den die Unterredung ihnen auferlegt, und die Herzogin verblieb in ihren Gemachern, eine Unpasslichkeit vorschutzend.
Die Unterredung, die sie am andern Morgen dem Master Brixton gewahrte, konnte keinem von Beiden zur Befriedigung dienen.
Die vorgefasste Meinung der Herzogin uber diese Angelegenheit, die halben Mittheilungen, die der wurdige Mann, gebunden durch sein gegebenes Wort, fast nur auf Versicherungen, die den Glauben an seine Person bedingten, machen konnte, fanden wenig Anklang bei der Hartnackigkeit seiner Gegnerin und beschrankten ihn fast auf die einfache Erzahlung, wie es dem Lord Membrocke gelungen sei, das Fraulein zu tauschen, und wie es ihr ferner im Schlosse der Lady Sommerset ergangen.
Ganz ohne Eindruck blieben diese letzten Mittheilungen nicht, und dieser wurde verstarkt durch den ruhigen Bericht uber den Fortgang der Reise, woraus die Herzogin abnahm, dass kein ausgesprochenes Verhaltniss zwischen ihrem Sohne und der Lady obwalte, und die ganze Reise durch Brixtons und Margariths Nahe vollkommen in den Grenzen schicklicher Zuruckhaltung verblieben sein musste.
Sie willigte ein, das Fraulein zu sehn, und sagte Brixton den Schutz zu, den er fur sie bis zu seiner Ruckkehr von London, wohin er sich augenblicklich zu begeben trachtete, erbat.
Jener Empfang war nicht ohne krankende Aeusserungen und mit der stolzen Kalte verbunden, die wenig Muth ubrig lasst. Aber Lady Maria hatte seit lange schon die gluckliche Sicherheit der Jugend verloren, die sie in der ersten Zeit ihres Unglucks ihre ganze Lage klar und ehrenhaft ansehn liess.
Sie erkannte nur zu wohl, wie zweifelhaft ihre Geburt, Name und Zukunft geworden; und fuhlte sie sich auch innerlich gehalten durch die zuversichtlichen Trostungen Brixtons, so entging es ihrem klaren Blikke doch nicht, wie voll Sorge der ehrwurdige Mann war fur die nachsten Schritte, die ihm zu thun oblagen, und ob diese Dinge sich je bis zu der Klarheit entwickeln wurden, um Andern als Beweis und Ueberzeugung dienen zu konnen, das stellte sich ihr in immer zweifelhafterem Lichte dar.
Sie verlernte daher auch in demselben Maasse, Anspruche an die Gunst der Menschen zu machen, da sie sich durch so viel Missgeschick von ihnen ausgeschieden und aller Berechtigung beraubt sah, die ihr unter ihnen einen ehrenvollen Platz anweisen konnte. Sie hatte es daher nur mit tiefer Beschamung geduldet, sich der Familie Nottingham aufgedrungen zu sehn, und war nur den vereinigten Bitten Richmonds und Brixtons gefolgt, als ihr Beide ausserdem keinen schutzenden Aufenthalt zu nennen wussten und Brixton nicht aufhorte, ihr die Hoffnung zu erhalten, dass sie aus dieser misslichen Lage bald in aller Ehre hervorgehen werde.
Sie empfand daher die Kalte der Herzogin als eine nothwendige Zugabe ihres Unglucks und trug sie mit um so stillerer Ergebung, als sie es aufs Tiefste bereute, durch ihre fruhere Unbesonnenheit das Vertrauen dieser edlen Frau selbst erschuttert zu haben.
Es war freilich dies auch die einzige Prufung, die ihr in diesem Hause auferlegt war; denn keiner der Andern stand an, ihr Vertrauen und die alte Liebe zu bezeigen, ja, das Ungluck, das sich in den Augen der Jugend so leicht von dem Verdachte des Unrechts reinigen lasst, schien ihr nur noch grosseres Anrecht auf die schonende Liebe ihrer jungen Freunde zu geben.
In welchen Begrenzungen ubrigens Lady Maria sich gegen ihren Retter, Lord Richmond, gehalten hatte, wahrend einer Reise, wo sie taglich Beweise seiner Gute und Hingebung, seiner gegen jede Zufalligkeit sie schutzenden Vorsorge empfing, hier traten diese Grenzen doch noch bestimmter hervor, und nicht mehr, wie auf der Reise, war es eine selbstgewahlte Entfernung, die sie doch immer in dem Bereich seiner ausschliesslichen Sorgfalt liess, sondern es mussten alle Beziehungen der Art nothwendig aufhoren, wo in der vollig gesicherten Lage und ungestorten Ordnung des Hauses jede Veranlassung dazu wegfiel.
Beide geriethen in eine Entfremdung, die sie fast mit Zweifel erfullte, ob sie beide jemals sich naher gestanden.
Maria fuhlte, wie sie nur angewiesen sei, diese Zuruckhaltung zu unterstutzen, aber es schien ihr bald, als kame ihr Richmonds Gefuhl darin nur zu sehr zu Hulfe. Sie fuhlte sich von einer Schwermuth beschlichen, die sie zwar wohl unter den vor Aller Augen daliegenden Umstanden ihrer Lage verbergen, von der sie sich selbst aber nicht ablaugnen konnte, dass sie einer andern Ursache angehorte, und diese begann ihres Herzens sich mit einer Gewalt zu bemachtigen, die allen andern Kummernissen die Kraft, sie zu beugen, raubte oder doch in diesem einen Gefuhle sie alle zusammen treffen liess.
Sie war zu fromm, zu Gott ergeben, sich den Tod zu wunschen, aber es verging kein Tag, an dem sie nicht dahin kam, mit einem sehnsuchtigen Laut ihrer Brust an ihn, als an die susseste Erquickung, hinzudenken.
Sie machte sich Vorwurfe, dass sie allgemach gleichgultig ward gegen ihr ganzes verwickeltes Schicksal, gegen ihre Zukunft; das Einzige, was noch einen Anspruch an ihre Theilnahme geltend machte, war das Andenken an ihren unglucklichen Oheim, dessen Existenz ihr aufs Neue durch Brixton bestatigt ward, und zwar in jener vollen Glorie der Tugend, worin sie ihn von Jugend an vor Augen gehabt.
Ollony nahm den gewohnten Platz in der Nahe ihrer theuern Lady Maria ein; sie war ihr so viel naher indessen getreten, man konnte sagen, sie war zu der Freundschaft herangewachsen, die sie schwarmerisch zu ihr hinzog.
Beide sahen ahnend einander in die schwermuthigen Augen, aber das heiligste Siegel war auf die jungfraulichen Lippen gedruckt, und das Verstandniss des gemeinsamen Gefuhls gab sich nur kund in der Anziehungskraft, die Beide, an allen Andern voruber, zu einander hinzog.
Dies schone Verhaltniss gewann eine Art Heiligung und ward von Allen unterstutzt, denn keine der ubrigen Frauen rivalisirte mit Ollony.
Lady Anna, die sonst dazu am nachsten stand, hatte eine zu ausschliessliche Beziehung zu ihrem Gemahl gewonnen, um fur das Gefuhl der Freundschaft in solchem Maasse noch zuganglich zu sein. Ja, sie hatte den feinen Takt, der den Frauen in der Liebe so eigen ist, und der bei der Anerkennung von Marias Werth ihr die kaum zu bezwingende Schlussfolge aufnothigte, ein solches Wesen eben musse auch ihrem Gemahl sehr nahe zu stehen vermogen.
Die ungemein feste und edle Haltung jedoch, die der junge Herzog in dieser gefahrvollen Lage behauptete, liess weder im Herzen seiner jungen Gemahlin, noch bei andern ihn beobachtenden Familien Mitgliedern die leiseste Unruhe aufsteigen.
Maria fand an ihm, jetzt wie fruher, ihren wohlwollendsten Beschutzer, stets bemuht, ihr Godwie-Castle als ihre Heimat lieb zu machen, sie durch die feinste Auszeichnung an seine Familie zu knupfen und mit dem Gedanken zu versohnen, dass ihr vielleicht keine andere lebe.
Hierin sah er sich von seiner Gemahlin und allen seinen Geschwistern unterstutzt, und bei der dauernden Vorliebe seiner Grossmutter, und da selbst Lord Archimbald ein besonderes Wohlgefallen nicht verhehlte, schien sich einer solchen Hoffnung fur die Zukunft nichts entgegen zu stellen.
Maria sah dies mit der grossten Anerkennung und bemuhte sich, ihr niedergebeugtes Leben so gutigen Anforderungen gemass zu erhalten.
Aber sie war nie durch das, was sie Andern schien, zu beruhigen; ihre Seele wollte mit sich selbst im Einklang sein, und nur was sie wirklich war, schien ihr wurdig, nach Aussen hervortreten zu lassen.
So entstand ein Kampf, ein Zwiespalt in ihrem Innern, der sie ungleich erscheinen liess und ihren Freunden oft die schmerzlichste Besorgniss einflosste. Tausend Mal wollte sie sich den begeisternden Zuruf wiederholen, womit sie ihr Gefuhl fur Richmond zuerst als freies Eigenthum ihres Herzens sich zum Gluck und zum Segen anerkannt, und alle Anspruche des Lebens daran ausgeloscht hatte, im Gefuhl selbst Alles suchend und findend.
Der Augenblick war voruber, und fur immer war dieser freie Standpunkt der Resignation ihr mit der Ahnung einer Seligkeit verschwunden, die Richmonds Hingebung an ihr Interesse ihr mit einer schoneren Hoffnung eingeflosst.
Es gab freilich fur sein schuchternes Zurucktreten eine Auslegung, welche ihrem scharfen Blicke nicht entging und in der bestimmt kalten Stellung der Herzogin gegen sie liegen konnte, die zu absichtlich uber das Verhalten Richmonds bei ihrer Rettung und der damit verknupften Reise eine blos zuruckgehaltene Missbilligung ausdruckte. Es liess sich wahrscheinlich annehmen, dass Richmonds strenges Ehrgefuhl, fur sich und vielleicht auch fur sie beleidigt, durch sein blos ehrerbietiges Betragen auch den Schatten eines Verdachtes entfernen wollte, gegen welchen auf andere Weise sich aufzulehnen, ihn die Stellung des Sohns zur Mutter verhinderte.
Aber ein wahres Gefuhl der Liebe ist selten bereit, die Entfremdung und Kalte des geliebten, hochgestellten Gegenstandes in ausseren Umstanden zu suchen. In sich selbst, in dem eigenen geringen Werth findet es mit sanfter herzzerreissender Schwermuth den trennenden Grund und zurnt nicht, und will nicht gewinnen und besitzen, wozu es, mit dem Lacheln eines Sterbenden, die Fahigkeit sich versagt halt. So Maria.
Ohne alle Gegenwehr stand sie dem Schmerze still, der nach und nach jeden gesunden Athemzug ihrer Brust verwandelte, und sie hielt zuletzt diesen Schmerz fur ihr Leben, und wehrte ihm nicht einzuziehn und uber alle Hoffnungen der Zukunft das Leichentuch zu werfen. Der Gesichtskreis ihrer Wunsche, ihrer Hoffnungen ward so klein, dass sie zuletzt an dem Gedanken hangen blieb, hier im Bereich seiner Augen sterben zu konnen, sei das hochste ihr noch gebliebene Gluck, und dass sie kaum einen andern Wunsch mehr hegte, als den, es moge keine Veranderung ihrer Lage sie um diesen Vorzug bringen.
So sah sie Brixtons Reise und deren Zweck mit sehr gemischten Empfindungen, die sich endlich von ihr ab dem Andenken des ihr immer noch theuern Oheims zuwandten.
Um sie her gestaltete sich das Leben dagegen in allen Beziehungen, so vielen Anspruchen gemass, glucklich und befriedigend.
Der junge Herzog durchzog seine reichen Besitzungen, und belebte die ganze Gesellschaft zu Streifereien mit ihm in den schonen Forsten und entfernteren Ansiedelungen. Es verging kein Tag, an dem man nicht theils zu Pferde, theils zu Wagen solche Unternehmungen vollfuhrte, wobei sich das Interesse der verschieden Betheiligten vielfach anregte und aussprach.
Lord Ormond blieb der fast ausschliessliche Begleiter von Lady Maria und Ollony, wahrend Richmond nicht selten den Wagen seiner Mutter begleitete oder sich den Fremden anschloss, die, stets im Schlosse anwesend, die Gesellschaft verstarkten.
Eine kleine Grenzstreitigkeit mit Master Allincroff, gutlich durch die wohlwollenden Gesinnungen des jungen Herzogs beigelegt, hatte die Bitte dieses Master Allincroff unabweislich gemacht, auf der neugesteckten Grenze, welche in dem schonsten Eichen Forste sich befand, seine nachbarliche Begrussung anzunehmen und unter Zelten auf dem feinen Teppich der Moose einen Tag zu verleben. Nur die altere Herzogin und Lady Dorset hatten sich der wohlgemeinten Einladung entziehen konnen, alle ubrigen Bewohner von Godwie-Castle aber sich zu Pferde dahin aufgemacht. Die Herzogin und Lucie fuhren in der Mitte der Kavalkade auf dem etwas ungebahnten und steinigen Wege, der, von den bekannten Pfaden ablenkend, endlich in einen Hohlweg fuhrte. Berg ab gehend zeigte sich eine hochst malerische, aber auch nicht ohne Gefahr zu passirende Strasse, die so schmal war, dass der Wagen der Herzogin nur mit Muhe sich durcharbeiten konnte, die Reiter aber genothigt waren, am Rande des Hohlweges die schmalen Jagdwege zu erklimmen. Master Allincroff hatte den Damen viel von der Schonheit dieser von Giessbachen und den schroffsten Felsenabhangen durchschnittenen Gegend zu erzahlen gewusst, und Alle fuhlten sich mit einer Art von Erregung diesen wildromantischen Scenen gegenuber, wobei die Schwierigkeiten, welche der Boden veranlasste, die Heiterkeit und das Leben des ganzen Zuges erhohten, und tausend kleine Neckereien und Scherze herbeifuhrten.
Dadurch, dass die Reiter die Hohe des Hohlweges erstiegen hatten, war der Zug in Stocken und Unordnung gekommen, und Lady Maria hatte sich, ihres klugen Pferdes Fuhrung vertrauend, von Ormond und Ollony getrennt, die, bei einander haltend, mit den Uebrigen die Einfahrt der Kutsche in den tief darunter liegenden Hohlweg abwarteten.
In ihre Gedanken vertieft, hatte sie einen bedeutenden Vorsprung gewonnen und eben eine gelichtete Hohe erreicht, von wo aus sie uber den Felsen hinweg einen Blick auf die Waldgrenze gewann, der sie eine Reihe bunt geschmuckter Zelte und die zum Empfang bereiten Gaste des Master Allincroff erkennen liess.
Auch musste sie als Vorbotin der Erwarteten erkannt sein, denn sie sah, wie man sogleich mit einer weissen Fahne in die Luft wehte, und im selben Augenblick erhob sich ein lustiges Gewehrfeuer aus allen Gebuschen des Waldes und Weges.
Marias Pferd stieg einen Augenblick erschrocken in die Hohe. Doch besanftigt von der liebkosenden Hand und der sanften Stimme der Reiterin, schnob es nur muthig, war bald vertraut mit dem muntern Geplankel, und trug nur desto stolzer sich und seine Fuhrerin.
Bei seinem ersten Schrecken hatte es sich jedoch gewendet, und nachdem Maria es zur Ruhe gebracht, schlug sie die Augen auf und nach dem Hohlwege hin, wo sie den Wagen der Herzogin erwartete. Doch welch' ein Anblick bot sich ihr dort dar!
Die Pferde der Herzogin waren gleichfalls von dem unbesonnen angeordneten Lustfeuern erschreckt worden, aber nicht von besonnener Hand, wie Maria's Pferd, beruhigt, sturzten sie sich mit rasender Eile den gefahrvollen Weg hinab, warfen Vorreiter und Kutscher von ihren Platzen, und jagten uber den steinigen, ungleichen Felspfad dahin, der, bald nach der entgegengesetzten Seite seine hohe, schirmende Wand verlierend, hier an einer Tiefe entlang sich fortzog, die den schaumenden Giessbach in einem reissenden Bergstrome sammelte.
Ein Blick liess Maria's klares Auge die Gefahr ubersehen, die hier fast unabweislich den Untergang der Herzogin und Luciens herbei fuhren musste, wenn sie ohne Hulfe und Aufenthalt diesen entsetzlichen Punkt erreichten.
Noch waren ihre Pferde trotz der Gedankenschnelligkeit ihres Laufes davon entfernt; es blieb eine Moglichkeit, sie aufzuhalten, wenn eben in dem gefahrvollen Wege sich Jemand ihnen entgegen werfen konnte. Aber wo fand sich diese Hulfe? In weiter Entfernung jagten die Reiter vergeblich dem rasenden Sturze nach, der sich unaufhaltsam und unerreichbar ihnen voranwalzte, und sie nur zu Zeugen des entsetzlichsten Unglucks, nicht zu dessen Abwendung herbei zu rufen schien.
Maria war die einzige, die Vorsprung gewonnen hatte; noch ein Mal schaute sie nach Hulfe umher kein lebendes Wesen nahte den Weg hinauf.
Da trat der Gedanke, der die angstvoll zuckende Brust erbeben liess, mit begeisterter Klarheit hervor.
Fur Richmonds Mutter das Leben zu wagen, welch' ein Hochgefuhl in dieser liebenden Brust! Mit Blitzesschnelle druckte sie das elastische Thier, das so stolz sich von der geschickten Hand seiner Gebieterin leiten liess, in die Seiten; es schuttelte sich vor der Tiefe, aber schnell geleitet von der begeistert blickenden Fuhrerin, erreichte es mit einem leichten Satze einen kleinen Felsvorsprung, der die Tiefe zur Halfte theilte, der zweite Sprung auf den Weg trieb sich von selbst und war unaufhaltsam.
Fast ohne Besinnung von der doppelten Erschutterung des Sprunges, erreichte Lady Marie den Boden, aber gegen jede physische Schwache lehnte sich das heldenmassig pochende Herz so machtig auf, dass die Kraft ihr ward, die ihr nothig war.
Ganz nahe schon schaumte der Zug daher. Die wuthenden Vorderpferde an den Zugeln zu ergreifen, das war die Aufgabe einer zarten Frauenhand, aber in dieser Hand lag die ganze Kraft des Herzens concentrirt, das zu lieben und zu sterben verstand. Ihr eignes zitterndes Pferd in halber Richtung lenkend, streckte sie sich, von ihm seitwarts gebogen, dem entsetzlichen Laufe entgegen. Er hatte sie schneller erreicht, als Worte es auszudrucken vermogen. Wohl stutzten die wilden Rosse ob des Widerstandes, aber wie hatte er sie aufhalten konnen, hatte nicht Lady Maria's Pferd, in so nahe Beruhrung mit seinen schaumenden Gefahrten versetzt, erhitzt und erschreckt, einen angstvollen Satz in die Mitte des Weges gemacht und dadurch, gleichsam sich entgegenbaumend, sich mit den Vorderpferden verwickelt, wodurch das linke Pferd sturzte und nun von selbst sich gleichsam ein Knauel der daruber hin strauchelnden Pferde bildete.
Der Wagen stand, blos zuckend noch hin und hergerissen von den arbeitenden Pferden.
Lady Maria war einen Augenblick in diesem Knauel verwickelter Pferde fast vergraben Aber das edle Thier, das sie trug, und auf dem sie noch immer, Besinnung behaltend, sich krampfhaft festhielt, doch ohne ihm eine Richtung geben zu konnen, riss sich selbst mit stolzer Wildheit von seinen tollen Gefahrten los, und frei sich machend durch einen weiten Satz, tauschte es jetzt seine Freiheit um die scheueste Angst, sie wieder zu verlieren, und flog in gejagter Flucht den gefahrvollen Weg hinab.
Maria's Besinnung umhullte sich, ihr Kopf streifte ein paar Mal gegen die niederhangenden Aeste der Baume, sie sah nichts mehr deutlich und fuhlte nur eine heftige schmerzhafte Erschutterung, die sie von da an ihres Bewusstseins ganzlich beraubte.
Die nachfolgenden Reiter, unter ihnen Richmond zuerst, hatten mit dem grossten Schreck das Ungluck gesehen, das die unzeitigen Hoflichkeiten des Master Allincroff uber sie verhangten. Es blieb ihnen nichts ubrig, als der Versuch, den Wagen zu uberreiten, und dies war ein Versuch, den alle Manner unternahmen, all mit trostloser Gewissheit der Unmoglichkeit des Gelingens.
Doch hatte Richmond in verzweifelter Anstrengung fast sein Ziel erreicht; da sah er das fabelhafte Unternehmen der Lady Maria, welche wie ein Geist aus der Luft in zwei gewagten Sprungen auf ihrem Schimmel die Luft durchschnitt; er sah sie im nachsten Augenblicke sich in einen fast gewissen Tod sturzen, sah sie verwickelt in den Knauel der wuthenden Pferde, und sah um diesen hohen Preis den Stillstand des Wagens erkauft, jetzt aber auch sie emporgerissen durch ihr wild gewordenes Pferd und von demselben Schicksal erreicht, welches sie von seiner Mutter abgewendet.
Im selben Augenblicke sah er diese von den Nacheilenden erreicht, sie selbst in der Mitte des Wagens gesund, lebend aufgerichtet, in ihrem Schoosse Lucie, in ihre Kleider schutzend gehullt, das blasse, bethrante Lockenkopfchen hervorstreckend. Ein fluchtiger Blick gab ihm hieruber Sicherheit; er ubersprang daher mit seinem fluchtigen Pferde diese Gruppe, Maria nacheilend.
Es war vergeblich; er konnte ihr Schicksal nicht mehr abwenden. Ehe er sie erreichte, sah er sie widerstandslos vom Pferde herabhangen, dann bei einer ungestumen Bewegung desselben zur Erde fliegen.
Im namlichen Augenblicke hatte er sie fast erreicht, sich vom Pferde herab neben sie niedergeworfen. Ein Strom von Blut quoll ihr aus dem bleichen Munde, die Besinnung hatte sie ganzlich verlassen.
Als Maria zuerst die Augen aufschlug und die gestorte Geisteskraft sammelte, glaubte sie, der Tod habe sie wirklich von allen Qualen erlost und der Himmel seine Seligkeiten aufgethan. Auf duftigem Moose, uber ihr ein luftiges Zelt von Laub und Blumenkranzen, in den Armen der Herzogin ruhend, die sie mit Blicken der Liebe und Angst betrachtet, zu ihren Fussen Richmond knieend, ihre Hande in den seinigen gefasst, bleich mit dem Ausdruck der Zuge, fur den es nur eine Auslegung giebt, sich selbst in einer himmlischen Ermattung fuhlend, in einem Zustande, der alle Krafte gebunden halt und doch der susseste Traumzustand ist, schien sie, versohnt, aller Noth entladen, den Seligen schon zugesellt.
Indem trat Stanloff hervor und erkannte das wiederkehrende Leben, welches Beide, in Schmerz versenkt, nicht wahrgenommen.
Sie lebt! sagte er leise.
Grosser Gott! rief Richmond, ist es Wahrheit, Moglichkeit? Sie lebt! rief er, einen Blick auf sie werfend, dann sprang er auf, und die Arme hoch empor gehoben, sturzte er zum Zelte hinaus.
Maria horte, wie er es dort noch ein paar Mal den wahrscheinlich seiner Botschaft Harrenden wiederholte, und fast im selben Augenblicke lag er wieder zu ihren Fussen und blickte sie an mit dem Jubel der seligsten Freude.
Ein Paar warme Tropfen fielen auf Maria's bleiches, kaltes Gesicht. Sie blickte auf, und die strengen Augen der Herzogin, in Liebe gebrochen, waren der Quell.
Seid vor Allem ganz ruhig, theures Kind; Euer Leben und unser aller Ruhe hangt daran! sagte sie mit weicher Stimme, als Maria einen Versuch zum Sprechen machen wollte.
Stanloff versuchte jetzt, ihr Tropfen einzuflossen, und redete die Herzogin mit der Bitte an, sich selbst einige Ruhe zu gonnen, da die beschwerliche Stellung, der sie sich unterzoge, sie zu sehr angreifen wurde.
Redet mir nicht von Ruhe, erwiederte sie ernst; sie hat nicht an sich gedacht, als sie ihr Leben wagte, das meine zu retten; jede Bewegung kann den schrecklichen Blutstrom erneuen; ich danke Gott, dass sie Ruhe in dieser Stellung findet.
O, meine Mutter! rief hier Richmond und druckte sein Gesicht in die Hand der Herzogin.
Etwas lebhaft zog sie die Hand zuruck.
Wir haben alle, denke ich, Fassung und Massigung in unser Betragen zu legen, da jede Gemuthsbewegung der Kranken todtlich werden kann.
Das werde ich auch konnen, rief Richmond und stand von seinen Knien auf; sagt nur, Stanloff, wenn ich gehen muss, ich will alles thun, was nothig ist.
Es mochte allerdings die hochste Ruhe zu empfehlen sein, erwiederte Stanloff.
Nun, so sei Gott mit Euch, rief Richmond, sich zu Maria beugend, und die Engel, die Euch lieben, mogen Euch erretten.
Maria sah ihm nach, und ihre Seele sagte: Du bist mein Engel und Du heilest mich!
Das Fest des Master Allincroff war nach allen Seiten hin zerstoben. Man hatte die lustigen Zelte im Waldgrunde nur zu erreichen gestrebt, um die sterbende Lady Melville dort sanfter zu betten. Niemand dachte nur des Festes; Alles war in Aufregung und Bekummerniss, in gespannter Erwartung des Ausspruchs Stanloffs, dem keine vorzeitige Aeusserung zu entlocken war, und der Alles davon abhangen liess, ob die gewaltsam gesprengte Ader der Brust sich geschlossen habe oder fortbluten werde.
Die Herzogin schien aufs Tiefste von dem Opfer erschuttert, welches Maria zu ihrer Lebensrettung gebracht; sie hatte, ihre vollige Besinnung behauptend, mit unbeschreiblicher Angst das verzweifelte Unternehmen vor ihren Augen sich begeben sehen. Ihre dadurch bewirkte Rettung schien ihr keinen Antheil zu erwecken, und sie machte sich fast ungeduldig von ihren Kindern los, sogleich zu Fusse Richmond nacheilend, indem sie rasch rief, er habe das Zweckmassigste gethan.
Stanloff folgte, und als man Maria in ihrem Blute fand, das wie ein Quell aus ihrem Munde floss, schien sie, einen Augenblick von Trostlosigkeit uberwaltigt, sympathetisch mit Richmond zu fuhlen, der, die Verungluckte am Boden stutzend, mit allen Ausbruchen des Schmerzes und der Liebe ihren Namen rief.
Es ward, von Allen betrieben, bald eine Bahre von den Polstern des Wagens verfertigt, auf der man Maria sanft in das Thal zu den lustigen, blumengeschmuckten Zelten niedertrug, wo sie der trostlose Geber des Festes empfing, der sich als die nur zu gegrundete Ursache dieses Unglucks ansehen durfte. Stanloffs Bemuhungen war es gelungen, den entsetzlichen Blutsturz zu hemmen. Seit vier Stunden hatte sich das Blut nicht mehr ergossen, er verlangte aber vier und zwanzig Stunden Ruhe, ehe irgend eine weitere Transportirung zuzulassen sei.
Die Herren ertheilten nun die Anordnungen, wie das luftige Zelt zu einer Herberge fur die Nacht einzurichten sei, und alle ubrigen Zelte wurden ihres Inhalts entkleidet, um dies eine damit auszustatten.
Die Herzogin, Ollony, Richmond und Stanloff waren entschlossen, die vorgeschriebenen vier und zwanzig Stunden bei der Kranken zu bleiben. Der Herzog und die ubrigen Damen sollten gegen Abend nach dem Schlosse zuruckkehren, und alles herbeischaffen lassen, was zum Transport der Kranken fur den andern Tag nothig ware.
Master Allincroff entliess seine ubrigen Gaste und erklarte sich entschlossen, mit seinen Leuten das Zelt der Herzogin zu bewachen und zu jeder nothigen Veranstaltung wahrend der Nacht bereit zu sein.
Die Herzogin gestattete endlich, da Maria's Zustand sich gleich blieb, dass Ollony ihre Stelle an deren Lager einnahm, und Richmond hielt sich am Eingange des Zeltes bereit, Stanloff mit jeder Dienstleistung zu unterstutzen.
Gegen Morgen fiel die Kranke in einen sanften Schlaf, und als der Gesang der Vogel sie mit der Sonne erweckte, wurden Alle uberrascht und erfreut, als sie mit kraftiger, klarer Stimme Ollony anredete und lachelnd fragte, ob sie wirklich lebe oder im Paradiese sei?
Stanloff gab nun einige freundliche Worte der Hoffnung, und als die langen vier und zwanzig Stunden ohne neues Oeffnen der Ader voruber gegangen waren, trat man, mit vorsichtig eingerichteten Anstalten vom Schlosse hinreichend versehen, den gefurchteten Ruckweg an.
Als Maria auf ihrer Bahre in den Schlosshof getragen ward, hatten sich alle Bewohner desselben in schmerzlicher Unruhe versammelt, sie zu empfangen, und die lauteste Theilnahme, das Schluchzen der Frauen und Kinder, zeigte hinreichend, wie geliebt das Fraulein von Allen war. Die Herzogin, die kurz vorher zu Wagen eingetroffen war, stand mitten unter ihnen, sie war selbst so mit dem Ereignisse beschaftigt, schien so besorgt und geangstigt uber den Erfolg der Bewegung, die der Kranken, trotz des sorgsamsten Tragens, nicht zu ersparen war, dass sie alles Andere um sich unbeachtet liess.
Maria, mit offenen Augen, aber todtenbleichem Angesicht, lachelte hold wie ein verklarter Engel zu Allen. Sie fuhlte einen Frieden, eine Seligkeit in ihrem Innern, worauf selbst der Gedanke ihres noch moglichen Todes keinen Einfluss uben konnte. Ach! der Thranen werth schien sie sich, als sie Tages vorher anscheinend bluhend und gesund uber die Hofe ritt, und als ob sie jede Theilnahme, jeden Schmerz unrechtmassig errege, bemuhte sie sich, in ihren Zugen den Zustand ihrer Seele auszudrucken.
Die Herzogin befahl, die Bahre nach ihrem Schlafgemach zu tragen, und Maria fand dort Alles zu ihrem Empfange sorgfaltig geordnet. Die Herzogin erklarte, die Pflege der Kranken mit Morton allein ubernehmen zu wollen, und Maria konnte nichts, als die sorgfaltig ordnende Hand an ihre Lippen drucken.
Der Erfolg lohnte so mutterliche Sorgfalt. Es erfolgte kein neuer Blutverlust, die Krafte ersetzten sich schnell, und Maria verliess bald Bett und Zimmer, und streifte, nicht minder schon bei der blasseren Farbe der Wangen, durch Schloss und Park.
Das Ereigniss schien ein neues Band um Alle geknupft zu haben. Die Herzogin hatte, von Dankbarkeit hingerissen, in ihrer Liebe gegen Lady Maria, die immer nur wie unterdruckt in ihr fortbestanden zu haben schien, so lebhaft und ohne Ruckhalt sich gezeigt, dass Alle, belebt durch das Gefuhl ihrer grossmuthigen Aufopferung fur das Leben der theuern Mutter, sich um sie als den Mittelpunkt aller Bemuhungen versammelten.
Auch schien nichts mehr den eigenen Frieden ihr zu storen. Ein stilles Genugen an Allem, wie es war, eine Anhanglichkeit an den Platz, wo ihr so viel Liebe entgegen trat, eine kaum verhehlte Scheu vor jeder moglichen Veranderung dieser Lage, trostete ihre Freunde selbst uber das Misslingen von Brixtons Unternehmungen mit der Hoffnung, das Fraulein werde eine solche Nachricht mit minderem Schmerze ertragen, wenn sie sich in ihrem jetzigen Verhaltniss glucklich fuhle.
Die Gesundheit der jungen Lady ward aber von ihnen allen als ein Gut betrachtet, fur das sie einstehn mussten, und zu ihrer Schonung und Pflege erschien sie noch nicht bei den grosseren Versammlungen der Familie, und blieb, mit Ausnahme kleiner Spaziergange, auf ihre Gemacher beschrankt.
Ein grosserer Kreis von Fremden, der im Schlosse versammelt war, hatte sich bereits zerstreut, und man genoss der grosseren Stille, die der Familienkreis darbot, zugleich mit der Hoffnung, Stanloff werde dem Fraulein bald darin einzutreten erlauben.
Man hatte sich an einem schonen Abend auf den Terrassen versammelt, und heiter mit Stanloff um das Gewunschte streitend, hatte man ihm eben die Zusicherung entlockt, das Fraulein bald zu ihnen hinab zu fuhren, als die Horner auf den Wart-Thurmen neue Fremde ankundigten und dem Herzog die Meldung gemacht wurde, dass sich ein kleiner Trupp Reiter dem Schlosse nahere.
Sir Ramsey, der dazu beauftragt war, die Fremden zu bewillkommnen und ihnen entgegen zu reiten, entfernte sich zu diesem Ende, und Stanloff, seines Auftrags unter diesen Umstanden entlassen, eilte, seine Schutzbefohlene in ihren Gemachern aufzusuchen.
Doch musste Sir Ramsey seinen Weg in kurzer Zeit zuruck zu legen sich beeilt haben, denn mit gluhendem Gesicht und in der vollsten Aufregung sehn wir ihn uber die Terrassen zuruck eilen, und sich dem Herzoge nahern, der im Kreise der Uebrigen der neuen Ankundigung harrte.
Nun, sagte er lachelnd, Ramsey's Eile bemerkend, Du scheinst uns sehr Wichtiges mitzutheilen zu haben. Wer beehrt uns mit seinem Zuspruch? Ich hoffe angenehme Nachrichten zu empfangen.
Der Besuch, der Euer Durchlaucht beehrt, folgt auf dem Fusse; die Meldung kam zu spat, ihn mit allen Ehren empfangen zu konnen. Es ist mir untersagt, ihn zu nennen; doch bitte ich unterthanigst, dass Euer Durchlaucht sich bis in den Schlosshof ihm entgegen bemuhn.
In Wahrheit, fuhr der Herzog mit guter Laune fort, Du bist sehr feierlich und auf die Ehrenbezeigungen Deiner Gaste sehr bedacht; doch wir folgen Dir, denn Du bist ein zu guter Seneschall, um Deinem Rathe nicht vertrauen zu durfen.
Thut dies, gnadigster Herr! sagte Ramsey, unruhig nach den Hallen blickend.
Es zeigte sich jetzt, dass die Ungeduld des eifrigen Seneschalls nicht ohne Grund war, denn mehrere Herren, denen einer mit der vollen, schnellen Haltung, welche den gewohnten Vortritt verkundigt, voranschritt, traten so eben aus der mittelsten Halle auf die Terrasse.
Der Herzog eilte ihnen entgegen, aber der Herr, der das Barett tief in die Augen gedruckt hatte, ubersah fluchtig, fast abwehrend grussend die Bewillkommnung des Herzogs, und dem Kreise der Damen entgegen eilend, naherte er sich so schnell der verwitweten Herzogin, dass er fast allein plotzlich vor ihr stand.
Wollt Ihr erlauben, dass ein alter Freund unangemeldet alte Freundschaft und Gastlichkeit in Anspruch nimmt, sprach der Fremde, indem er rasch den schwarzen Mantel, der ihn fast verhullte, zuruckschob, den Kopf entblosste und der uberraschten Herzogin das schone, ernste Antlitz Carls des Ersten zeigte.
Mein Konig! rief die Herzogin in der hochsten Bewegung.
Der Konig! wiederholten Alle.
Der Konig wandte sich nun, mit Anmuth grussend, zu allen Anwesenden, und mit besonderer Hochachtung zu der edlen Mutter seines verstorbenen Freundes.
Die augenblickliche Verlegenheit, die diesem unerwarteten, fast unerklarlichen Ereigniss folgte, da man den Konig seiner jungen Gemahlin harrend glaubte, und jeden Augenblick die Meldung ihrer Landung ihn alsdann ihr entgegen nach einer ganz andern Richtung fuhren musste, wich doch bald der Nothwendigkeit, jedes Erstaunen zu unterdrucken, welches der Konig erwarten durfte erregt zu haben.
Derselbe schien jedoch so ernst nachdenkend und wie von einem Gedanken vorherrschend beschaftigt, dass man sich unbeachtet in seiner Gegenwart glauben konnte; nur die verwitwete Herzogin und Lord Richmond machten davon eine Ausnahme.
Die Herzogin hatte den ganzen Abend seine zahllosen Fragen zu beantworten, welche unverkennbar irgend einen Zweck hatten, und sich alle um die Reise ihres Gemahls seinen letzten Willen und ihr eignes Leben seit dessen Tode drehten. Eben so Lord Richmond. Der Konig blickte ihn mit langen prufenden Blicken an, wahrend er mit der Herzogin redete, und Jeder sah, dass dieser seine vorzugliche Aufmerksamkeit fessele.
Unser erstes Zusammentreffen, Lord Derbery, sprach er freundlich, war ernster Art, gereichte Euch aber so sehr zur Ehre, dass Ihr es nicht anders wunschen konnt.
Der erste wichtige Moment meines Lebens, unter den Augen Euer Majestat bestanden, erwiederte Richmond bewegt, moge alle folgenden der Art heiligen!
So! sagte der Konig mit beinahe wankender Stimme; habt Ihr seitdem fortgefahren, das Werk ritterlichen Schutzes zu uben?
Richmond blickte uberrascht den Konig an und traf auf das prufende, ausdrucksvolle Auge desselben, worin etwas lag, das er nicht verstand.
Die Gelegenheit soll mich entschlossen finden, hoffe ich, erwiederte er; doch zu suchen braucht sie der Mann nicht.
Brav, brav! rief der Konig, und ich glaube, der Muth, der zu seiner Befriedigung die Gefahren veranlasst, die er zu bestehen trachtet, fuhrt mehr Unheil herbei, als ihm abzuwenden gestattet ist.
Er ward nach diesen Worten aufs Neue still und nachdenkend, und erhob sich sodann, um sich fruh in seine Zimmer zuruck zu ziehn, kundigte seine Abreise auf den andern Tag an und erbat sich, die Zimmer des verstorbenen Herzogs bewohnen zu durfen.
Das zuruckbleibende Gefolge des Konigs bestatigte vollkommen die Ansicht, dass dieser auffallenden Reise eine Absicht von der hochsten Wichtigkeit zum Grunde liegen musse, da die alle Krafte anspannende Schnelligkeit, wie das anbefohlene strenge Geheimniss, den unpassenden Zeitpunkt derselben schien vermitteln zu sollen, und sie vom Konige beschlossen ward, als er vom Sterbebette seines alten Kammerdieners, des Master Porter, kam.
Die Herzogin sah, trotz ihrer kalten Haltung, mit einiger Spannung dem andern Morgen entgegen, der ihr in einer vom Konige erbetenen geheimen Unterredung den wahrscheinlichen Grund seiner Reise offenbar machen sollte.
Der Konig, der schon beim Eintritte in die Gemacher seines Freundes eine lebhafte Bewegung gezeigt hatte, entliess, sich nach Einsamkeit und Ruhe sehnend, sobald es moglich war, die Herren des Hauses, wie seines eigenen Gefolges und durchschweifte nun mit grossen Schritten die schonen Raume.
Porters naher Tod und die Qualen der Sterbestunde, die den Unglucklichen im doppelten Kampf des Geistes und Korpers zu Theil wurden, hatten endlich das lang unterdruckte Gefuhl fur Recht uber alle Sophismen einer jesuitischen Erziehung siegen lassen. Er sah wohl ein, dass die Spur zur Auffindung der unglucklichen Lady Maria, die er durch Lanci gegeben, ihr nur eine hochst bedingte und zweifelhafte Rettung werden wurde, so lange der Konig an ihren Tod glaubte und ihr nicht unmittelbaren Schutz verleihen konnte. So uberwand er jede andere Rucksicht und offenbarte seinem grausam betrogenen Herrn sein ganzes tief verworrenes Leben in allen seinen Beziehungen zu der unglucklichen jungen Dame.
Mit welchem Erzurnen auch der Konig eine solche emporende Beichte anhoren mochte, der Gedanke, sie lebe und sei ihm wieder zu gewinnen, loschte jede andere Regung in ihm aus, und er sah Porter als seinen grossten Wohlthater an, als habe mit diesem letzten Dienst ein ganzes Leben voll Verrath und Luge die Weihe der Tugend bekommen.
Porter empfahl noch mit sterbender Stimme dem Konige, Niemandem zu vertraun, selbst GodwieCastle aufzusuchen, wo er sie gelang Lord Richmonds Versuch finden musste; denn Porter hatte nur zu viel Ursache, zu glauben, die heiligen Vater hatten, ihm unbewusst, den Platz bereits mit andern Kundschaftern besetzt, von dem sie ihn bald durch den Tod abgesetzt wahnten.
Der Konig gab sich nach dieser Entdeckung ganz seinem ungestumen Herzen hin, in dessen Folge wir ihn in einem so kritischen Augenblick den Weg antreten sehn, von dessen glucklichem Erfolg er sich alles Gluck versprach, dessen er sich noch fahig hielt.
Nachdem er die Gesuchte unter den versammelten Damen nicht gefunden und durch Lord Richmonds Anwesenheit sich doch uberzeugt hatte, es musse irgend etwas sich ergeben haben, fuhlte er eine Muthlosigkeit des Geistes, die es ihm unmoglich machte, sich an demselben Abend noch Gewissheit zu verschaffen. Er hatte uberdies in den Gemachern seines Freundes noch ein wichtiges Dokument aufzusuchen, und wir sehn ihn jetzt in das Schlafgemach treten, wohin wir fruher die Herzogin begleitet haben.
Derselbe Gegenstand war auch das Ziel des Konigs; die Holzwand wich dem bekannten Drucke, das schone Bild lachelte ihm entgegen und machte alle Wunden seiner Brust aufs Neue bluten.
Wir enthalten uns, eine Stimmung der Seele zu belauschen, worin dieser zum Ungluck bestimmte Monarch von seiner Jugend und allen ihren Hoffnungen Abschied nahm.
In ewiges Dunkel begraben blieb der Welt diese stille und einflussreiche Geschichte seines Herzens.
Wir sehen ihn in seiner offentlichen Erscheinung nur noch zwischen den zwei verderblichsten Fehlern eines Herrschers getheilt, Schwache und Eigensinn.
Die Zeit, der er verfiel, hatte keine Langmuth mehr. In sich kreissend und gahrend, zerriss sie die Zugel einer Herrschaft, die nicht mehr Schritt hielt mit ihren Forderungen. Sie musste sich in der Willkur mude schwelgen, um die eiserne Ruthe eines Cromwell kussen zu konnen.
Nicht ohne Theilnahme denken wir uns den Konig auf einem Wendepunkte, wo er sich noch ein Mal weich und traumerisch an die Ideale seiner Jugend hangt, freudlos die Zukunft vor sich erblickend, doch nicht ahnend, wie furchtbar sie sich gerustet hatte, ihn zu vernichten.
Jetzt dachte er, wie er seinem Robert einst dies Urbild ihrer Herzen, worin sie sich wie in einem Brennpunkte ihrer Liebe begegnet waren, heimlich, wahrend einer Abwesenheit des Herzogs in London, in dies stille Gemach hatte einsetzen lassen, dies Bild, woran der Herzog nicht mehr die Gefuhle heisser Liebe knupfte, sondern eine Begeisterung, eine Starkung fur Erstrebung alles Guten und Edlen. Er hatte es wagen durfen, ihn zum stillen segenbrinden Engel in seine Einsamkeit zu fuhren. Er wusste, dass Robert von dem Augenblicke an, wo der Prinz in jener verhangnissvollen Nacht, als der Tod des Bruders ihn so viel hoher stellte und so viel ferner der fruh ihm Vermahlten, und er keinen Boten fand, der fernen Leidenden das Wort der Treue zu senden, als Robert, den er sie liebend wusste, dass von dem Augenblicke dieser Entdeckung an er den mannlichen Kampf begann, um uber Gefuhle zu siegen, die er sich nicht mehr glaubte gestatteten zu durfen. Er gedachte, wie stolz und muthig er ihn bis zur Vermahlung mit Arabella Bristol durchgekampft; er gedachte des harten Streites der Liebe mit ihm, als er trachtete, den Liebling von einem Schritte zuruck zu halten, der ihm von der Verzweiflung eingegeben schien; er gedachte aller guten Stunden, aller treuen Dienste, die ihm dies seltene Freundesherz geleistet in Behutung und Bewahrung des gefahrvollen Geheimnisses, und zugleich mit dieser Erinnerungsfeier zog der Schmerz der Einsamkeit durch sein Herz, und er rettete es nur aus allzumachtigem Weh, indem er des Kindes gedachte, das ihm vielleicht noch geblieben.
Schnell nahte er sich dem Bilde, eine Feder bewegte es langsam aus der Wand hervor, dahinter zeigte sich eine Nische, in deren Raum der Konig das vom Freunde behutete Kastchen fand, welches alle wichtigen Dokumente fur die Legitimitat des theuren Kindes enthielt, deren Durchsicht er nunmehr sich mit dem bewegtesten Herzen hingab. Der Konig liess sich am andern Morgen zu dem gemeinschaftlichen Fruhstuck melden und ward von der ganzen Familie mit der ehrfurchtsvollsten Freude empfangen. Er wandte auch jetzt seine Reden fast ausschliesslich an Richmond und ausserte endlich, er sei, wie er horte, so eben erst von einer Reise nach der Ostkuste von England zuruckgekehrt.
Als dies Richmond bestatigte, fragte der Konig, was seinen Geschmack eben nach dieser wenig angebauten Gegend hingezogen?
Mich bestimmten bei dieser Wahl nicht die ge
wohnlichen Anforderungen einer Vergnugungsreise, erwiederte Lord Richmond, es war mehr eine Pflichterfullung, die mich gegen andere Beziehungen gleichgultig machte.
Eine eigne Angelegenheit? sagte der Konig, scharf
ihn anblickend. Doch, unterbrach er sich, Richmonds sichtliche Verlegenheit gewahrend, ich drange mich in Familiengeheimnisse und will Euch nicht in Verlegenheit setzen, nur herzlich wunschen, dass der beste Erfolg diese ausserdem wenig belohnende Reise kronte.
So, darf ich in Wahrheit hoffen, ist geschehen, wie
Euer Majestat die Gnade haben zu wunschen, rief Richmond.
Aber erstaunt sahen die Andern mit ihm, wie der
Konig bei diesen Worten schnell aufsprang und, mit dem lebhaftesten Ausdruck der Freude auf ihn zueilend, ausrief:
O sagt! sagt! Ihr waret glucklich! Grenzenlos wird
mein Dank sein!
Es blieb keine Zeit, diese unzusammenhangenden
Worte zu deuten; der nachste Augenblick hob den fruhern in Ueberraschung auf.
Lady Maria hatte, von Sehnsucht, den Konig zu
sehen, getrieben, Stanloff vermocht, sie nach den Terrassen an dem Saal voruber zu fuhren, worin der Konig fruhstuckte, da sie sich der Familie nicht anschliessen wollte, um einer Prasentation vor dem Konige zu entgehen, bei der Alle in Verlegenheit kommen mussten, indem dem unglucklichen Madchen noch immer kein Recht zu irgend einem Namen zuzustehen schien.
Gaston, ihr steter Begleiter, hatte sich auch dies Mal aus den Zimmern ihr nachgeschlichen, und mit ihr die Nahe des Saales erreichend, zeigte er sich plotzlich aufhorchend und eine Spur suchend, die ihn, trotz des leisen Ruf's Maria's, von ihrer Seite weg dem offenen Saale zuzog.
Er hatte ihn kaum erreicht, als der Konig, wie bereits erwahnt, von seinem Platze aufsprang und sich gegen den stehenden Lord Richmond wendete.
Im selben Augenblicke hatte Gaston den Freund seines Herrn erkannt und sturzte jetzt mit der leidenschaftlichsten Heftigkeit auf den Konig zu.
Die augenblickliche Ueberraschung des Konigs endete sogleich, indem er Gaston erkannte, seine Liebkosungen erwiederte, und, mit ihm dadurch vorgedrangt, jetzt in eine offene Thur der Hallen trat und dadurch der Lady Maria sichtbar ward, die ihn bisher nicht zu erkennen vermocht hatte.
Seht! rief Stanloff, jetzt kennt Ihr den Konig sehen, dort steht er mit Gaston an der Thur.
Maria blickte einen Moment hin, dann stiess sie einen Schrei aus und mit dem Ausruf:
O Gott, mein Oheim! sturzte sie dem Konige zu Fussen.
Unaussprechlich war die Ueberraschung aller Anwesenden. Alles sprang auf und eilte dieser unerwarteten Scene entgegen.
Um Gott, Lady Maria! Was begeht Ihr? rief die Herzogin, aufs Tiefste verletzt und erschrocken uber den plotzlichen Anblick eines Gegenstandes, den ihr stolzes Herz eben dem Konige zu entziehen getrachtet hatte.
Aber schon anderte sich die ganze Scene. Der Konig, zu ihr niedergebeugt, muhte sich, sie in seine Arme zu ziehen, indem er aufs Lebhafteste ihren Namen unter den zartlichsten Ausdrucken rief.
Lady Maria richtete sich auf und sagte, an seine Brust sich lehnend, ernst und zartlich:
Jetzt habe ich wieder eine Heimat auf Erden gefunden. Du wirst mich von allen den Rathseln erlosen, die mich bisher verfolgten, ich werde jetzt einen Namen haben!
O! rief der Konig mit dem Laut des Schmerzes, o Du theures, ungluckliches, verfolgtes Kind! Meine ganze Macht kann nicht ausreichen, was Du gelitten, auszuloschen, Dir wieder zu geben, was Du indessen verloren. Aber einen Namen sollst Du haben, auf den Du mit Stolz blicken kannst, eine Heimat soll Dir werden, des Namens wurdig, den Du mit Recht fuhrst! Frau Herzogin, fuhr der Konig fort, erfahrt jetzt, dass Ihr in den Wohlthaten, die Ihr diesem theuern Kinde gewahrt, Euern Konig Euch zu Euerm lebenslanglichen Schuldner gemacht habt. Hier sei der erste Augenblick, wo ich das susseste Gluck meines Lebens ausspreche. Sie ist meine Tochter, und ihre rechtmassige Mutter ist Elisabeth von Buckingham, die Gott fruher von dieser Erde rief, als ich vor dem Angesichte der Menschen ihre heiligen Rechte anerkennen durfte.
Du der Konig? Elisabeth meine Mutter? rief Maria. Die Ueberraschung schien ihr alle Kraft zu rauben.
Der Konig fuhrte sie nach einem Lehnstuhle, sie zartlich stutzend, wahrend um ihn her das Erstaunen und die Ueberraschung Aller sich in den verschiedensten Erscheinungen kund gab.
Doch wir werden das mutterliche Gefuhl verstehen, wenn wir sagen, dass die Herzogin, deren lange schmerzvolle Befurchtungen wir kennen, ihre Augen zu Richmond erhob, und, zartlich sich an den Herzueilenden lehnend, ihn fest und mit einem seligen Lacheln an ihre Brust druckte.
Mit stummem Entzucken blickte die alte Herzogin auf diese Scene, die sie so wohl verstand, denn der Augenblick, der dem Konige die Tochter, hatte auch ihr den verklarten Sohn, sein in reiner Tugend strahlendes Bild zuruckgegeben.
Dieser ruhrende und uberraschende Moment, der alle Anwesenden aufs Tiefste und Verschiedenartigste bewegte, ward unterbrochen, indem Sir Walther Ramsey mit feierlicher Amtsmiene erschien. Vor dem Konige, der noch immer uber Lady Maria, sie umschlingend, gebuckt stand, beugte der Ankommende die Knie und redete ihn auf folgende Weise an:
Ein koniglicher Bote erreicht so eben dies Schloss, beauftragt, Euer Majestat in tiefer Ehrfurcht anzuzeigen, dass dem Lande das ersehnte Heil geschah und der Boden Englands die Konigliche Henriette von Frankreich, unsere nunmehrige Konigin, empfangen hat.
Der ungluckliche Carl schreckte zusammen, lebhaft druckte er die zitternde Maria an seine Brust, dann riss er sich empor.
Ich danke Euch, Sir Ramsey, fur die erfreuliche Botschaft, Ihr werdet mich von Euern Wunschen unterrichten mussen. Dem ersten Ueberbringer solcher Nachricht darf keiner unerfullt bleiben, den zu befriedigen in unserer Macht steht. Die Augenblicke sind uns also gezahlt, sprach er darauf, zur Herzogin gewendet. Gonnt mir eine kurze Unterredung, Mylady, ich bin sie mir, ich bin sie Euch schuldig und diesem theuren Kinde. Er bat Maria, ihn zu begleiten, und fuhrte Beide in die innern Gemacher.
Was er hier der Herzogin und seiner Tochter zu sagen hatte, kann kein Gegenstand fernerer Mittheilung sein; wir ahnen es aus der Erinnerung aller im Laufe dieser Erzahlung vor uns entwickelten Einzelheiten. Auch brauchte der Konig dazu wenig Zeit. Er bewirkte einen vorlaufig verlangerten Aufenthalt fur seine Tochter bei der Herzogin, da er selbst sich ausser Stande fuhlte, vor der beabsichtigten Entdeckung an seine Gemahlin derselben einen Platz anzuweisen, der ihren Anspruchen gemass war.
Als er in den Saal zuruckkehrte, naherte er sich mit besonderer Huld Lord Richmond.
Was Ihr, Mylord, fur meine Tochter gethan, hat ein Vaterherz gehort und tief empfunden; ich wusste keinen Wunsch, den Ihr mir nennen konnt, dessen Erfullung, so weit es von mir abhangig, nicht eine Befriedigung fur meine Dankbarkeit sein musste. Uebernehmt, bis wir uns wiedersehen, setzte er lachelnd hinzu, das ritterliche Amt, das Ihr so trefflich versteht, bei meiner Tochter! Euch allen, meine Freunde, empfehle ich meine Tochter, Lady Maria Stuart. Zu den Hof-Feierlichkeiten hoffe ich Euch alle als meine liebsten Gaste in London zu sehen.
Der Konig entfernte sich, sie alle grussend, und bald sah man, wie seine schwarze Gestalt, umgeben von dem glanzenden Zuge der Herren des Schlosses, auf schnellem Rosse dahin sprengte. Die koniglichen Boten hatten die erste Audienz der Konigin von England verkundigt. Das Land schien die Wanderung nach London angetreten zu haben. Das Volk stand in dichten Massen an einander gedrangt, der seltenen Lust gewartig, die das Schauspiel solchen Festes auch den Strassen verhiess.
Zwischen durch bewegte sich der Zug des stolzen Adels von England, Schottland und Irland, mit allem Glanze und allen Anspruchen ausstaffirt, die Vermogen und Rang jedem Einzelnen gestatteten.
Die Heiterkeit der Jugend, die sich mit tausend Hoffnungen noch nie erlebter Freuden dem Ziele entgegendrangte, umgaukelte mit ihrer anmuthigen Lebendigkeit den stilleren Zug der Aelteren, welche, solche Freuden und ihre Tauschungen kennend, den erfahrnen Blick, uber die ersten Augenblicke dieser neuen Katastrophe hinweg, ihrer Zukunft entgegenrichteten und manche Anzeichen fanden, welche die ernste Erwartung rechtfertigten, womit sie sich dem neuen Herrscherpaare nahten.
Die Sale des alten prachtvollen Whitehall hatten sich bereits mit den Personen gefullt, welche an die Auszeichnung Anspruch machen durften, hier zu erscheinen. Henriette von Frankreich hatte fur jeden beruhmten Namen ihres neuen Vaterlandes ein anmuthiges Wort, eine schmeichelhafte Bemerkung. Sie schien die gekronte Anmuth zu sein, und ihr Auge leuchtete so heiter und kraftig auf Jeden nieder, wie eine Verheissung glucklicher Zeiten. Kaum widerstand einer der alten finstern englischen Barone der jugendlichen Konigin. Die Absicht, ihr zu misstrauen, die jene, sie sich als Klugheit anrechnend, mitgebracht, war den Meisten entfallen, und ein unfreiwilliges Gestandniss neu gewonnener Hoffnung malte sich auf ihrer geglatteten Stirn, wahrend die ritterliche Jugend am Griffe ihrer Degen mehr der schonen Frau, als der Konigin ihr Leben vereidete.
Karl der Erste sah nicht ohne Theilnahme den Eindruck, den seine schone Gemahlin hervorrief. Er selbst hatte einen erhohten Ausdruck von Heiterkeit und Ruhe, und seine von der Natur zur Schwermuth gestempelten Zuge schienen mit dem Lacheln der Befriedigung der jungen Konigin ein heiteres Leben zu verheissen.
Doch blieb eine Unruhe sichtbar, die seine und der Konigin Blicke ofter dem Eingang entgegenrichtete, durch den sich noch stets Neuangekommene hineindrangten, welche alle bemuht waren, der neuen Landesmutter ihre Huldigung darzubringen.
Die Versammlung, die keinen andern Augenpunkt, als das konigliche Paar, hatte, erkannte bald, dass sich hier etwas begeben solle, welches der ungeduldigen Erwartung sich noch zu entziehen schien und mit doppelter Spannung horchte man auf jeden neuen, von den Herolden verkundigten Namen.
Da entstand schon im Vorzimmer Gerausch und lauter werdendes Gemurmel des Beifalls.
An der Hand des Herzogs von Buckingham erschien ein weibliches Wesen, dessen bezaubernde Schonheit mehr, als der Glanz ihrer Kleidung, alle Anwesenden in gleich grosser Theilnahme bewegte.
So viele laut ausgesprochene und gar nicht uberhorbare Zeichen der Bewunderung hatten der edlen und hochgetragenen Gestalt der so Empfangenen jenen leichten Anflug von Schuchternheit gegeben, welcher der Jugend so bezaubernd ansteht und den zarten Wangen ein tieferes Roth verleiht. Sie trug in den dunkeln Locken ein herzogliches Diadem von den kostbarsten Steinen; ihr purpurnes Sammetkleid war mit dem furstlichen Hermelin besetzt, welcher, von zwei Pagen in der koniglichen Livree getragen, seitwarts des silberstoffenen Unterkleides niederfiel und den reichen Besatz von Juwelen zeigte, womit das Mieder befestigt war.
Sie musste eine Verwandte des koniglichen Hauses sein, denn nur ihnen kam diese Auszeichnung zu; aber wer konnte sie sein?
Wer hatte sie je gesehen, und wie kam sie an die Hand des Herzogs von Buckingham, welcher, stolz auf ihre Nahe, mit hohnlachender Befriedigung das Erstaunen und die Bewunderung der Anwesenden als einen ihm gehorigen Triumph aufzunehmen schien.
Ihr folgte unmittelbar der Herzog von Nottingham mit seiner Gemahlin, seinem Bruder und dem Grafen Archimbald von Glanford. Aber Alles ward still, als die wundersame Erscheinung sich dem Eingange des Audienzzimmers nahte; denn jetzt musste ihr Name proklamirt werden. Sie selbst schien, diesen Moment kennend, mit leichter Schuchternheit ihn verzogern zu wollen; denn einen Augenblick hielt sie inne, und eine tiefe Bewegung malte sich in ihren Zugen. Da hob sie die grossen dunkeln Augen vom Boden, und sie fielen sogleich auf den Konig, der im selben Augenblick, die Hand seiner Gemahlin ergreifend, mit lebhaftem Ausdruck der Freude nach der Fremden hindeutete.
Da erhellte das seligste Lacheln das schone Gesicht der Unbekannten, sie zog die Hand von dem Arme des Herzogs von Buckingham, und in voller Selbstvergessenheit ihrer herrlichen Natur zuruckgegeben, eilte sie mit freudiger Hast, von aller Schuchternheit entkleidet, gross und leuchtend aufgerichtet, wie eine Konigin uber die Schwelle des Saales.
Maria Stuart, Nichte des Herzogs von Buckingham! rief der Herold, und zugleich gewahrten die uberraschten Zuschauer, wie das Konigliche Paar, den Thron verlassend, der jungen Herzogin bis zur Mitte des Saales entgegenging, ihrem Fussfall zuvorkommend, sie umarmte und sie zwischen sich dem Throne zufuhrte, wo zur Linken der Konigin auf der zweiten Stufe des Thrones ein Sessel ihr angewiesen ward, den sie, nachdem die Monarchen sich niedergelassen, mit der unschuldvollsten Sicherheit einnahm.
Der Herzog von Buckingham nahm seinen Platz hinter dem Stuhle seiner Nichte, und der Thursteher proklamirte die Familie des Herzogs von Nottingham, mit dem Zusatze: Richmond, Herzog von Glanford!
Als der junge Herzog sich dem Konige naherte, umarmte ihn derselbe; die Konigin reichte ihm die Hand zum Kusse, und der Ceremonienmeister, Graf Dorset, wies ihm das Tabouret an, das, eine Stufe niedriger, neben dem Lehnstuhle der Herzogin von Buckingham stand.
Die Versammlung erfuhr jetzt, dass sie in beiden so hochbeehrten Personen ein Brautpaar sehe, dessen feierliche Vermahlung in der Kapelle des Konigs gleich nach beendigter Audienz statt haben werde.
Aber was fur ein weites Feld fur die Muthmassungen blieb nach dieser ungenugenden Nachricht zuruck!
Wie wenig hatte ihr Name die aufgeregte Neugierde befriedigt!
Warum gab man ihr den Platz der Prinzessinnen von Geblut? Wo war sie bisher gewesen? Welche Rolle wird ihr ferner zugetheilt sein?
Es steht nicht zu erwarten, dass diese Fragen der Wahrheit gemass beantwortet wurden. Sie beschaftigten eine Zeitlang die Neugierigen; doch als das baldige Verschwinden der Betheiligten allmalig dieser ersten Anregung alle weitere Nahrung entzog, gerieth Alles nach und nach in Vergessenheit.
Die junge Herzogin von Glanford folgte ihrem Gemahl nach Godwie-Castle und verblieb dort im Kreise ihrer Familie, bis die Besitzungen, die der Konig ihr in der Nahe des ehemaligen Schlosses ihrer Mutter verliehen, zu dem Empfange des jungen Paares mit koniglicher Freigebigkeit eingerichtet waren.
Die meiste Zeit des Jahres bewohnten sie Buckingham-Park, so reich an glucklichen Erinnerungen, so nah an Godwie-Castle, so leicht erreichbar fur den Konig, der nie aufhorte, in Maria das Gluck seiner Jugend zu lieben.
Nur selten erschienen sie bei Hofe, ein reicheres Lehen sich schaffend in ihren weitlauftigen Besitzungen, in dem begluckten Kreise ihrer Familie.
Ein Jahr spater fuhrte Maria den Grafen Ormond mit Ollony Dorset zum Altare.
Ormond glaubte, er habe bisher nur geliebt als Versuch, endlich vollstandig seine begluckte Braut zu lieben; Maria hatte eine erfullte Hoffnung mehr erlebt.
Bald ruhte die schone heitere Leiche der alten Herzogin von Nottingham in der Todtenhalle von Godwie-Castle. Ihr herrliches Ende war, wie ihr Leben, ein Segen fur ihre Angehorigen.
Ihrer Schwiegertochter war es beschieden, die heitere Ruhe der Verklarten zu ererben. Der Stachel, der ihr ganzes Leben verwundet und dem Blute seinen scharfen Inhalt gegeben hatte, war mit der Entdekkung von Maria's Geburt verschwunden.
Sie fuhlte mit Reue und Beschamung, wie grausam sie Zeit ihres Lebens den verkannt, den sie so grenzenlos geliebt.
Diese spate, aber tiefe Reue, die ihr doch ohne Beschamung zu Theil ward, da auch nicht ein Blick aus dem Auge der einzigen Vertauten, ihrer ehrwurdigen Schwiegermutter, sie mehr an ihr Vergehn erinnerte, erschutterte ihr stolzes, hartes Selbstgefuhl und rief eine lang versaumte Weichheit der Gefuhle hervor, die den Abend ihres Lebens mit einem sanft leuchtenden Glanz umzog.
Brixton gab den Bitten seines Zoglings nach und beschloss, noch immer thatig und seinem Berufe getreu, Segen spendend, wo er erschien, sein Leben auf Buckingham-Park.
Lanci war als tuchtiger Jagersmann uber die herzoglichen Waldungen gesetzt, und Margarith hatte keine Bedenklichkeiten mehr, ihm ihre Hand zu reichen.
Nach einigen Jahren, als Lady Maria der Konigin aufwartete, druckte ihr diese ein Blatt in die Hand.
Es war aus Frankreich. Pater Clemens schickte ihr seinen Segen und Electa's letzten Gruss. Als Ursulinerin war sie in frommer Stille, bald nach ihrer feierlichen Aufnahme in das Kloster St. Clara, dem Pater Clemens als Beichtvater vorstand, verschieden.
Maria schickte ihr den wehmuthigen Gruss der Liebe nach, mit dem wir gern ein hinuber gegangenes Leben begleiten, das hier in dem zu hart befundenen Boden nicht wurzeln konnte, dessen Bluten dem ersten Nachtfrost erliegen, und uber dessen zarte Ranken wir gern den leichten Himmel sich wolben sehen, unter dessen Decke, dem Auge entzogen, wir die Verpflanzung hoffen in ein milderes, fruchtbareres Land.
Der Herzog von Buckingham hatte nichts weiter mit einer Nichte zu thun, aus der sich so wenig machen liess, und welche die Thorheit beging, ihre glanzende Geburt durch eine ganz gewohnliche Ehe um allen Einfluss zu bringen.
Der Graf von Bristol gehort der Geschichte an. Sein Leben und sein Tod ist zugleich die Katastrophe der Geschichte Englands, an deren verhangnissvoller Schwelle wir eine Familie gesichert und begluckt durch innere und aussere Verhaltnisse verlassen mussen, ohne weiter verfolgen zu konnen, wie die Rollen ihnen zugefallen sein mogen in dem grossen Trauerspiel ihres Vaterlandes.
Henriette von Paalzow
Ste. Roche
Von der Verfasserin von Godwie-Castle
Erster Theil
Der junge Marquis d'Anville hatte sich in seine Bibliothek zuruckgezogen, und wir finden ihn in einer fruhen Morgenstunde, wie es scheint, mit sehr ernsten Angelegenheiten beschaftigt. Bestaubte Aktenstucke, deren vergelbtes Pergament und in Kapseln daran niederhangende Siegel auf wichtige Dokumente schliessen lassen, liegen um ihn her auf Stuhlen und Tischen, und werden abwechselnd verglichen und gepruft mit Briefen und Papieren, welche einen neueren Ursprung verrathen und zu Notizen veranlassen, die der junge Mann alsdann nachdenkend in ein kleines Buch verzeichnet. Sichtlich sind ernste, fast schwermuthige Gedanken dabei in ihm angeregt, denn die Stirn, die sonst der Wohnsitz der Heiterkeit zu sein scheint, ist umwolkt und tragt die Furchen tiefen Nachdenkens. Hinter seinem Rucken hat sich indessen die Thur geoffnet, und es naht sich ihm der holdeste Feind trubsinnigen Nachdenkens, seine junge und schone Gemahlin, deren leichter Schritt sie ihm noch nicht verkundet, wahrend sie selbst mit jugendlicher Schuchternheit zu zagen scheint, und ungewiss, ob sie es wagen darf, ihm zu nahen, sich von dem Ernste seiner Beschaftigungen und dem Ausdruck seiner seitwarts belauschten Zuge imponiren lasst. Gern sahe sie sich von ihm bemerkt und herbeigerufen, aber ihre beredten Augen bleiben naturlich, wenn auch auf ihn gerichtet, dennoch gerauschlos, und sie muss sich entschliessen, sich selbst anzukundigen. "Ich bin unbescheiden, Dich zu storen," hebt sie an "aber ich wusste nicht, dass Du so ernst beschaftigt warst." Bei dem Klange dieser lieben Stimme richtet der junge Marquis das Antlitz der Redenden entgegen, und als ob ein Sonnenstrahl den Wolkenschleier durchbrache, so leuchtet das entzuckte Lacheln der Liebe daraus hervor.
"O, Lucile!" ruft er, ihr die Hand entgegenstrekkend, "stets ersehnt, stets erwunscht und zur rechten Stunde, ist nur Deine Entfernung eine Storung fur mich."
"Auch wollte ich mich nur als Botin des Fruhlings bei Dir melden," antwortete nun, in vollig sichere Heiterkeit zuruckgekehrt, die junge Marquise. "Diese Veilchen, die ihr sehnsuchtiges Herz, der Sonne entgegen, unter dem leichten Reife des alten Mooses hervordrangen, sie tragen in ihrem sussen Dufte das ganze Paradies des Fruhlings, sie erinnern mich an ihre Schwestern in der Provence, an die knospenden Buchengange von Arconville."
"Geliebtes Wesen!" rief ihr Gemahl "es liegt zwischen der schonen Wiege unserer ersten glucklichen Tage ein weit abfuhrender Weg, der hier aus diesem Aktenwuste unabweisbar sich entwickelt. Mahnung an den Fruhling kommt mir aber zur rechten Zeit; er giebt mir Muth, Dir eine Reise vorzuschlagen, die Dich schon jetzt den Freuden des glanzenden Hoflebens entfuhren wird."
"Wie!" rief die junge Frau "verstehe ich Sie recht, Herr Marquis? Sie schlagen mir vor, den Hof inmitten seiner grossten Freuden zu verlassen? Haben Sie die Liste ubersehen, die man gestern in den Zimmern der Konigin herumzeigte, die uns wenigstens noch zwolf Balle, ein Caroussel und einen Maskenscherz von einigen Tagen verspricht? Haben Sie die prachtvollen Roben und Ballkleider vergessen, mit welchen Sie Ihre Gemahlin beschenkt, und die noch nicht zur Halfte den Neid meiner schonen Rivalinnen erregt haben? Wollen Sie, dass die Juwelen, um deren Besitz Sie die alte und neue Welt geplundert, die Perlen, nach denen die Wellen des Meeres noch jetzt seufzend am Strande niedersturzen wollen Sie, dass diess Alles umsonst fur den ersten Debut Ihrer Gemahlin verwendet ward? Wissen Sie nicht uberdies, dass wir das Taubenpaar aus der Provence heissen, und dass ich dem tugendhaften Versailler Hofe das nie gesehne Schauspiel gab, ein Jahr nach der Hochzeit noch von meinem Gemahle geliebt zu sein? Wollen Sie, dass ich all' diesen Triumphen entsage, die mein junges Herz berauschen und was wollen Sie mir zum Ersatze bieten?"
"Nichts, Lucile," rief ihr Gemahl mit dem vollen Ausdrucke entzuckter Sicherheit "nichts, als mich entweder sehr wenig, oder Alles? Lass Deine Roben und Juwelen zuruck ich schenke Dir einen Strohut und pflucke Dir selbst die Blumen darauf!"
Die Marquise wandte sich leicht von ihm ab er folgte dem lieblichen Gesichte ihre Augen standen in Thranen aller neckende Muthwille war daraus verschwunden. Als sie schuchtern zu ihm aufblickte, sagte sie mit dem frommen Ernst einer Betenden: "Bin ich nicht zu glucklich?"
"Lass uns dankbar sein und Gott ehren durch ein lebendiges Gefuhl unseres Glucks," sagte der Marquis "es scheint mir ein schoner Gottesdienst, ein gluckliches freudiges Herz sich zu erhalten und sich des Geschenks seines Lebens zu erfreun! Ich furchte nicht, dass mir die Kraft darin erlahmen wird, i h m gehorsam und getrost zu bleiben, wenn trube Tage kommen; denn ein tugendhaftes Gluck lasst die Gaben des Herzens und Geistes unverkummert empor wachsen."
"Ich furchte wenigstens fur Dich nicht, mein Armand," sagte die Marquise mit jenem Lacheln der Bewunderung, das die Blute des schonsten weiblichen Glucks, nur die hochste Achtung in der hingebensten Liebe, giebt "doch lass' mich erfahren, wo Du mir die Blumen fur meinen Strohhut zu pflucken gedenkst, denn es scheint, in den Waldern von Arconville wird es nicht sein!"
"Fur die nachste Zeit wenigstens nicht, liebe Lucile! Meine Gegenwart wird unvermeidlich auf unsern neuen Besitzungen in Languedoc verlangt ich kann die personliche Uebernahme dieser Guter nicht langer verschieben, denn obwohl sie mir seit drei Jahren gehoren, lehnte ich bis jetzt diesen mir widerstrebenden Akt noch immer von mir ab; doch sehe ich ein, dass mein Anwalt Recht hat, der mir die Verwirrungen vorstellt, die nothwendig daraus entstehen mussen."
"Sind das die Guter, die Du von dem Grafen Crecy, dem alten finstern Bruder Deiner Mutter erbtest?" frug die Marquise.
"Sie sind's," erwiederte ihr Gemahl "und selten ist wohl eine Erbschaft, die eine halbe Million betragen mag, mit schwererem Herzen angetreten worden, als diese ja, ich gestehe Dir, dass ich mich noch nie der Revenuen, die daher kommen, zu einer Erweiterung unseres Etats habe bedienen mogen, dass ich mich mehr als den Verwalter dieser schonen Guter, als den Besitzer ansehe, und ziemlich zu ihrer Verbesserung diese Summen wieder verwendet habe, da die lange trubselige Vernachlassigung derselben dies auch nothig erscheinen liess."
"Ich habe Dich noch nie von diesen Besitzungen sprechen horen," sagte die junge Frau "obwohl ich wusste, dass sie Dir gehorten, und ein Umstand mich fur sie interessirte, namlich die Nahe von Ardoise, dem Schlosse meiner geliebten Tante Franciska. Doch sage mir, darf ich erfahren, warum sie diesen seltsamen Eindruck auf Dich machen?"
"Es gehorte viel Zeit dazu, Dir den ganzen Inhalt dieses Gefuhls zu erklaren," erwiederte der Marquis. "Ich brachte das letzte Jahr seines Lebens bei diesem alten unglucklichen Oheim zu, und er hat vor mir in seinen langen schlaflosen Nachten die Geschichte seines truben und schuldigen Lebens mit einer Klarheit der Erinnerung, mit einer Scharfe der Combination entwickelt, die die Fahigkeit hohen Alters zu ubersteigen schien, und nur dem krankhaften, stets lebendigen Reize seines gequalten Gewissens zuzuschreiben war. Er sah mich allerdings als seinen nachsten Erben an, und darum wunschte er mich in der letzten Zeit seines Lebens, dessen Ablauf er erkannte, um sich zu haben aber in diesem Wunsche, dessen Erfullung die Welt nur als die Pflicht des naturlichen Erben nahm, lag weit mehr die Absicht des Unglucklichen, diesen unbestrittenen Erben empfanglich zu machen fur den Gedanken eines moglichen Verlustes dieser Erbschaft; denn der Hauptinhalt dessen, was ich mir vorbehalte, Dir spater ausfuhrlich mitzutheilen, ist, dass die Moglichkeit vorhanden, es lebe noch Einer, der nahere Rechte auf diese Besitzungen habe."
"Mein Gott," rief die Marquise, "wie seltsam ist das! wie spannst Du meine Neugierde! und sage, hat sich nach dem Tode des alten Herrn keine Entdeckung machen lassen? dauert Deine Ungewissheit ohne alle Muthmassungen fort?"
"Die letzten Anzeichen verlieren sich an der nordlichen Kuste von Frankreich," erwiderte der Marquis "aber trotz dem, dass ich nach dem Tode des Unglucklichen die sorgfaltigsten Nachforschungen anstellen liess, hat bisher keine auf eine Spur leiten wollen, die irgend eine Entdeckung versprache; dessen ungeachtet begreifst Du, dass ich diese Versuche fortsetzen lasse und bisher kein Eigenthums-Gefuhl zu diesen Besitzungen haben konnte. Ueberdies sind noch die Erzahlungen von den traurigen und finsteren Dingen, von denen die Hauptbesitzung der Schauplatz war, mir zu gegenwartig, um es wunschenswerth zu machen, mir dort als anerkanntem Besitzer huldigen zu lassen. Und" setzte er lachelnd hinzu "wie findet mich meine junge Gemahlin, dass ich grade dorthin ihr den Weg vorschlagen will, und wahrlich ihr keinen andern Aufenthalt anzubieten weiss, als eben jenes alte verwunschte Schloss von Ste. Roche, von dem mehr Spuck- und Grauelgeschichten die Gegend durchlaufen, als wir in einem Jahre anzuhoren vermochten."
"Nun," rief Lucile "ich bin nicht abgeneigt, mich ein wenig zu grauen, wenn ich nur recht vollstandig dabei in Sicherheit bin und nicht den ganzen Tag daran zu denken brauche."
"Auch schreibt mir mein Verwalter, er habe den rechten Flugel des Schlosses, der uberhaupt ein neuerer Anbau ist, und eine freiere Aussicht und lichtere Raume gewahrt, so viel dies bei der Abneigung der Arbeiter, das Schloss zu betreten, gehn wollte, etwas aufraumen lassen wogegen Dir zum Grauen jedoch noch genug Veranlassung bleiben wird, da ich aufs Bestimmteste verboten habe, den ubrigen Theil des Schlosses anzuruhren bis auf die ausseren Reparaturen der Dacher, Thuren und Fenster. Den linken Flugel musste ich bis auf Dachbefestigungen auch hiervon ausnehmen, denn dieser steht unter einer besonderen Autoritat, die ich zu respektiren habe angeloben mussen in dem ganzen Umfange, wie dies mein Oheim zu thun sich gelobt hatte. Diese Autoritat ist eine alte Frau, welche ihr Leben in diesem Schlosse, und seit einigen funfzig Jahren in diesem Flugel, oder vielmehr in einer kleinen Behausung vor demselben zubringt, welche Niemand den Einlass gestattet und von Niemand dazu gezwungen werden kann, so dass von allen, die dort leben, sich Niemand ruhmen darf, das Innere dieses geheimnissvollen Ortes betreten zu haben. Bevor ich die Guter ubernahm, hauste sie und ein alter Kastellan in diesem Schlosse, und es war die hochste Zeit, dass eine andere Macht dort einschritt, da das alte Schloss, so fest und fast unverwustbar es auch erbaut ist, doch bei der ganzlichen Vernachlassigung, die es, wie alle ubrigen Besitzungen, erleiden musste, allgemach immer baufalliger zu werden begann."
"O, wie sehne ich mich nach Ste. Roche!" rief die junge Marquise "und wie will ich um das Herz der alten Pfortnerin mich bemuhen, dass sie mir Einlass gewahrt in diese geheimnissvollen Gemacher. Doch sage mir nur noch mit einem Worte, ob Du die Geschichte derselben kennst?"
"Ich kenne sie," erwiederte ihr Gemahl "doch dringe vorerst nicht in mich, sie Dir mitzutheilen; es schmerzt mich, diesen Misslaut in Deine reine Seele zu spielen! Wie entzuckt mich der Gedanke, wenn ich Deinen Zauber empfinde, dass das Bose fur Dich nur eine allgemeine inhaltlose Existenz unter den Erscheinungen hat, dessen Dasein Du kennst, ohne dass Dich seine Bedeutung erreichen konnte. Gonne mir das Gluck, Dich zu behuten und zu bewahren lass mich der Engel mit dem feurigen Schwerte sein, der das Paradies Deiner unschuldigen Gedanken bewahrt."
"O, mein Geliebter," rief die junge Frau "welch' ein Wohllaut des Himmels liegt darin, Dir so anzugehoren, dass selbst meine Gedanken Deines Schutzes geniessen! Glaubst Du, dass es eine Neugierde gabe, die starker ware, als dies Gefuhl?"
"Nein," erwiederte er ernst und geruhrt "ich weiss es, die Deinige wenigstens nicht auch denke ich daran, Dir den Inhalt dieser unglucklichen Geschichte spater auf eine Weise mitzutheilen, die Dich weniger verletzt."
"Bis dahin also will ich Gednld haben, die mir leichter noch durch die Aussicht wird, dies schauerliche Geheimniss in seiner Oertlichkeit zu sehen."
"Doch sieh' da Leonce!" rief der Marquis und eilte seinem Bruder entgegen, der mit der freundlichsten Eilfertigkeit in das Zimmer trat. "Willkommen in Paris, Theurer, Lieber! Seit wann bist Du zuruck?"
"Erst seit diesem Augenblick," rief der junge Mann und begrusste herzlich seine liebenswurdige Schwagerin.
"Nun in Wahrheit," rief Lucile, "lieber Leonce, Sie kommen zur rechten Zeit, mich gegen meinen Gemahl in Schutz zu nehmen; denken Sie nur, er verlangt, dass ich Paris verlassen soll, da noch Niemand daran denkt, sich auf seinen Gutern zu langweilen, und Paris in der vollen Blute seiner auserlesenen Freuden steht. Haben Sie ein ahnliches Anerbieten schon jemals gehort? und was meinen Sie, dass ich thun oder nur antworten soll?"
"Was Sie bereits gethan oder geantwortet h a b e n ," rief Leonce mit dem Ausdrucke inniger "Gottlob," rief die heitere junge Frau "unser BruSichtlich traf die Rede den jungen Mann tiefer, als Leonce arbeitete sich mit sichtlicher Anstrengung "Aha!" fiel die Marquise ein "f u r l a n g e b e s t a t i g t ; das heisst so viel, als: wir haben uns auf lange Zeit von der eigenen Verwaltung losgemacht und sind nicht gesonnen, den alten Ahnenbildern und den Schaferspielen der Gobelin-Tapeten auf dem alten Schlosse Gesellschaft zu leisten."
Leonce lachte. "Es ist wahr, schone Spotterin, ich muthete mir eine Einsamkeit in so grossartiger, aber dennoch melankolischer Umgebung nicht zu ich bin noch zu jung, sie suchen zu durfen, ich muss sie sogar furchten, da ich ihren Zauber nicht lange geniessen durfte, ohne ihm zu unterliegen. Dagegen hilft nur ein sehr muthiges Erfassen des Lebens ich denke Dienste zu nehmen, oder noch eine weitere langere Reise zu machen vielleicht," setzte er hinzu, "nach England."
"Nun, dazu gebe ich nimmermehr meine Erlaubniss!" rief die junge Marquise. "Nach England wollt Ihr? wo die Sonne nie klar, voll und warm Euch bescheint, wo die Sturme des Meeres Euer Gehirn austrocknen, und Eure Empfindungen zum Schweigen verdammt sind vor dem melankolischen Gesprach der Wellen. Niemals," rief sie mit komischem Pathos, "gebe ich dazu meine Erlaubniss, und diese musst Ihr doch wohl haben; da ich das einzige weibliche Haupt dieser, Eurer Familie bin?"
Beide Manner lachelten der guten Laune der liebenswurdigen Frau Beifall zu, der Marquis aber umfasste zartlich seinen Bruder. "Du siehst, mein Lieber, welcher Herrschaft wir beide dienstbar sind, ergieb Dich und willige in meinen Vorschlag, Dich uns anzuschliessen. Sieh', die Reise, die ich vorhabe, wird mir herzlich schwer ich gehe nach Ste. Roche, und ubernehme endlich nach langem Strauben diese mir fast verhassten Besitzungen. Lucile hat eingewilligt, mich zu begleiten; ich mochte ihr zum Lohn fur so viel Nachgiebigkeit gern ihren alten Spielkameraden mitfuhren, denn meine Angelegenheiten werden meine Zeit mehr in Anspruch nehmen, als ihr lieb sein wird."
"Thut das, Leonce," sagte Lucile "und ich will schon dafur sorgen, dass Euch die trubseligen Gedanken vergehen, wenn wir uns auch nicht viel auf aussere Hulfsmittel werden verlassen durfen, da wir in ein wahres altes Gespensterhaus einziehen."
Leonce schwieg noch immer, und der Ausdruck seiner Zuge veranderte sich wieder bis zur Dusterheit; er schien kaum die liebevollen Worte zu verstehen, eigene Gedanken mussten dazwischen getreten sein.
"Gieb es auf, Armand," sagte die Marquise "auf diesem Gesichte steht kein Ja! Das ist die Miene, die ich mehr furchte, als Dein Geisterschloss und kann er uns nur mit ihr begleiten, so behute mich Gott, dass ich ihn mitnehme, er zoge die Geister wie mit Magneten an sich, anstatt er mir helfen soll, sie abzuwehren."
"Leonce," sagte der Marquis zartlich besorgt, "Du bist wirklich seltsam!"
"Vergebt mir," rief Leonce, sich jetzt emporraffend "ich habe sehr Unrecht! Gewiss, Ihr habt Ursache mir zu zurnen, mich thoricht und undankbar zu schelten aber glaubt mir, auch fur mich ist eine wichtige Zeit gekommen ich stehe auf dem Punkte, auf welchem man sich furs folgende Leben eine Richtung geben oder ihrer fur immer entbehren muss. Ich bedarf der Thatigkeit, um mich zu zerstreuen Zerstreuung soll hier nicht Zeit-Todtung heissen, ich fande sie sonst wohl in Paris sie soll das Anbauen, Anranken, Durchdringen des Kerns des hoheren Lebens bezeichnen, und kann ich dann nicht glucklich, will ich doch eines besseren Schicksals werth sein." Er war wieder blass geworden bei diesen Worten, und von der tiefsten Bewegung ergriffen, druckte er sich einen Augenblick in die Arme des Marquis. "Es scheint mir, ich habe keine Zeit zu verlieren", fuhr er ruhiger fort; "daher blieb ich bei Eurem Vorschlage zweifelhaft, und das Nachdenken, worin er mich versetzte, ist mir nachtheilig."
"Und jetzt musst Ihr mit, Leonce!" rief die Marquise munter dazwischen "eben habe ich es entschieden. Ueber Lebenspfade, hohere Richtungen und wie Ihr das alles nennt, entscheidet man am besten auf Reisen nicht auf so hastigen und ungestumen Reisen, als junge Manner machen, wenn sie allein sind, sondern auf solchen, wo man, in bequeme Kutschenkissen gedruckt, an der Seite irgend einer guten, geschwatzigen, launenhaften, lustigen Frau, dahin rollt ausser Thatigkeit gesetzt, doch dem Zwecke gemass sich verhalt, also ohne Gewissensbisse zum mussigen Nachdenken ubergehen kann, wenn die Nachbarin sich mude geschwatzt, oder uber ihre Reisekleider nachdenkt, oder ihre Sieste halt da, mein lieber Leonce, tritt der Moment ein, wo uns grosse Gedanken kommen Lebensrichtungen sich von selbst offenbaren, und ohne den schwerfalligen Wust, den Stadt- und Zimmerluft umhangen; vielmehr wird da Alles klar, hell und heiter, wie die Luft, die uns umstromt, wir vergessen nicht, dass das Leben, das wir mit mystischer Spekulation ergrunden wollen, vor allen Dingen s c h o n ist, und es keine sanftere Wiege giebt, als in den Mutterarmen der Natur und in diese Wiege sollt Ihr, Leonce, und diese Hand legt Euch hinein, trotz des Missverhaltnisses der Grosse denn Euch fehlt etwas Gott weiss, was! das muss erst heil werden, ehe Ihr entscheidende Schritte thut."
Mit innigem Wohlgefallen betrachtete der Marquis seine holde Gemahlin, die ihm so ganz aus dem eigenen Herzen gesprochen hatte. Freundlich druckte er ihre deklamirenden Hande. "Ich danke Dir, Lucile, dass Du ihm Alles gesagt, was ich dachte; lass' mich hinzufugen," fuhr er gegen Leonce fort, "dass Dich jetzt in dieser Stimmung zu verlassen, mir fast unmoglich sein wurde, und da ich doch kaum bleiben konnte, es mein einziger Trost ist, Dich mit mir zu fuhren. Rechne darauf, dass Du mit Deinen direktesten Freunden reisest, die Dir ganz allein uberlassen werden, was Du fur nothig halten wirst, ihnen mitzutheilen."
"Abgerechnet," lachte Lucile, "was ich ihm gelegentlich ablocke oder ablausche."
"So bleibt mir denn keine Wahl," rief Leonce, und sein tragischer Ton verhiess noch wenig Sinn fur die heitereren Anklange seiner jungen Beschutzerin. "So will ich denken, Ihr seid mein Schicksal; nehmt mich mit Nachsicht hin, ich will Eurer Liebe ganz vertrauen ja, ich folge Euch! Aber versprecht mir, dass Ihr mich nicht aufhalten wollt, wenn ich Euch spater doch sage, dass ich fort muss."
"Ich verspreche nichts, als mich jetzt zur Reise zu rusten," rief die Marquise, "und Eures Winkes gewartig zu sein. Richtet jetzt Alles zu meinem Wohlgefallen ein; denn ich will mir einen Vorrath von Einfallen und Capricen sammeln, an denen Ihr beide genug zu thun haben sollt."
Hold grussend entschlupfte sie den Brudern. Als die Thure sich hinter ihr schloss, warf sich Leonce sturmisch in die Arme seines Bruders. "Glucklicher, Glucklicher!" rief er "Dir haben die Engel in der Wiege gelacht, als sie Deiner Zukunft dies Geschenk verhiessen! Dich trennten keine Vorurtheile, keine Launen des Zufalls von dem einzigen und hochsten Wunsche Deines Herzens!"
"So ist es, Leonce," sagte der Marquis fast verlegen uber diese Rede "und ich hoffe, wir sind beide unter guten Zeichen geboren; auch Du wirst glucklich werden."
Leonce schuttelte leise den Kopf. Beide trennten sich zu den nothigen Anordnungen der Abreise. Die Strahlen der Fruhlingssonne erhellten die keimende, knospende Erde, und schienen das Geschaft ihrer Entwickelung mit dem Eifer eines Gebers zu betreiben, der sich seines Reichthums bewusst ist und das Gluck, womit er den Bedurftigen uberschuttet, zu sehen trachtet. Fast hatte man von Stunde zu Stunde die Blatter und Halme zahlen konnen, die sich aus ihren warmen Strahlen zu erschaffen schienen, und ein Tag verhiess schon fur den nachsten die sussesten Wunder.
Wir finden ein Auge in dem Bereiche, dem wir uns nahen, das mit besonders theilnehmendem Ausdrucke diesem Naturtreiben zusah, und Geist und Herz daran zu erquicken trachtete.
In einem von der Sonne erwarmten Gartensaale sass in der offenen Thure Franciska, Grafin d'Aubaine, in friedlicher Stille und Einsamkeit.
Die breiten Buchen- und Lindenwege, die Ardoise zieren und den Park mit dem kleinen Flecken, der dazu gehort, durchschneiden, gaben mit ihren durchsichtigen hellgrunen Blattchen schon eine feine Schattenlinie auf die dazwischen durchblickenden Wiesen und Rasenplatze, die vom Schlosse aus durch jene phantastisch geschnittenen Hecken unterbrochen waren, welche die Architektur fortzupflanzen trachten, den wirklichen Gestaltungen der Natur entgegen tretend.
Das alte Herrenhaus von Ardoise lehnte seinen Rucken gegen die wildreichen Walder dieser schonen Besitzungen, und trennte und schutzte es gegen die an seinen Grenzen hinlaufende Landstrasse. Es hatte daher den doppelten Vorzug einer ungestorten Einsamkeit und einer leicht zu unterhaltenden Kommunikation mit den nahe liegenden Ortschaften und Nachbargutern.
Die Grafin d'Aubaine wusste jetzt beide Vorzuge wohl zu schatzen, wenn in fruheren Jahren eine bestimmte Richtung ihres Innern ihr den ersteren als den vorherrschendsten bei der Wahl ihres Aufenthaltes hatte erscheinen lassen. Bis zum Tode ihrer Aeltern hatte sie abwechselnd hier und auf deren Stammschlosse Mont Real gelebt. Dies war ihrem Bruder zugefallen, und nachdem sich auch ihre jungste Schwester, die Mutter der Marquise d'Anville, an den Grafen Maurepas vermahlt hatte und dessen Guter bewohnte, zog die Grafin Franciska vor, in Ardoise ihren Wohnsitz zu nehmen.
Sie war unvermahlt geblieben und ohne, dass uber die Erlebnisse ihrer Jugend etwas Bestimmtes bekannt gewesen ware, genoss sie von Aeltern, Geschwistern und Freunden die stille ehrende Schonung, mit der man das unverschuldete Missgeschick betrachtet, und die Fugsamkeit in ihren Willen, die man so gern den kleinen Rettungsmitteln widmet, womit ein blutendes, aus dem naturlichen Kreise des Lebens verschlagenes, Herz sich zu schutzen sucht. Auch war die Rucksicht, die sie unaufgefordert ihren Angehorigen auferlegte, keine schwer zu leistende. Ihre Seele war durch das Erlebte den schonen Gang einer wahren Resignation gegangen; losgelost von eignen Hoffnungen und Wunschen, suchte sie sich in keiner ausseren Erscheinung mehr, und war um so hingebender und theilnehmender fur die Zustande um sich her. Selbst ihr vorherrschendstes Bedurfniss: Ruhe, befriedigte sie nie auf Unkosten einer freundlichen Hingebung an die gelegentlichen Anforderungen, sich gesellig zu erweisen und die ganze tiefe umfassende Erfahrung des Unglucks, die ihr geworden, diente ihr nur, ahnlichen Zustanden mit Rath und Theilnahme zu begegnen. Sie kannte keine grossere Wohlthat, als den Anblick glucklicher Menschen, sie nannte sich scherzend darin eine Epicuraerin, und liess nicht ahnen, wie sie das Ungluck aufsuchte und sich ihm hinzugeben verstand, wenn um sie her in dem weitlaufigen Schlosse der Frohsinn zu herrschen schien, den sie sowohl zu wecken und zu unterhalten verstand. Ihre eigene, fruhzeitig von Kummer gezeichnete Gestalt konnte nicht mehr das zeigen, was sie gern bei Andern sah. In der Mitte des Lebensalters, trug sie doch das Ansehn einer Matrone; nur ihre hohe Gestalt war fein und schlank und von dem edelsten Anstande getragen. Die einst so schonen braunen Locken waren schon in Silbergrau verwandelt und bildeten den Uebergang zu dem vollig erblassten stillen Angesichte, dessen tiefgedruckte Augenbrauen und niedergezogene Mundwinkel die ruhrenden Zuge eines Kummers darstellten, der Zeit gehabt hatte, die reichste Schonheit zu seiner Reprasentantin umzuwandeln. Sie trug immer einfache schwarze Kleidung, und die Mode ging unbeachtet an ihr hin, wie sie es unbeachtet zuliess, dass ihre alte Kammerfrau von Zeit zu Zeit in nicht storenden Anordnungen ihr nachzukommen suchte. Angebetet von ihren Dienstleuten, war sie das Kleinod der Familie, und wie man einen kostbaren Schmuck wohlverwahrt lasst, seinen taglichen Genuss nicht wagend, sich des schonen Besitzes sicher wissend, so unterbrachen alle die heilige Ruhe der Tante nur selten, des erwarmenden Gefuhls gewiss, dass sie ihnen lebe, sich ihnen nie zu entziehen strebe.
Diese stille Abgeschiedenheit sollte jedoch eben an dem Tage, wo wir uns in Ardoise einfuhren, eine kleine Umwandlung erleiden, denn die Grafin d'Aubaine war in Erwartung einer jungen Gefahrtin ihrer kunftigen Tage.
Der fruhe Abend hatte sie in ihre oberen Gemacher gefuhrt, wo die leichte Glut eines Kaminfeuers und der helle Schein der Kerzen noch die Beschaftigungen des Winters zuruckrief.
Einige Stunden spater fuhr ein verschlossener Reisewagen mit den Livreen der Grafin durch die nun vollig in Dunkel gehullten Wege des Waldes dem Schlosse zu. Die Thorwachter offneten die eisernen Gitter, die den Hofraum umschlossen, und der Wagen fuhr in den Portikus des Hauses.
"Ist die Frau Grafin noch zu sprechen?" fragte St. Blace, der alte Kammerdiener derselben, und hob sich langsam aus dem bequemen Bocksitze.
"Sie haben befohlen, sogleich die junge Herrschaft einzufuhren," antwortete Mr. Lorint, der Haushofmeister, "und sind besorgt um ihr langes Ausbleiben."
"Nicht meine Schuld, nicht meine Schuld, Mr. Lorint!" rief St. Blace, "wir haben keinen Mondschein, und die Wege im Walde sind noch feucht und aufgeweicht von der Regenzeit wir konnten nur langsam vordringen."
Indem nahten sich Beide dem Wagenschlage, und ihn offnend, hob sich ihnen zuerst die alte Kammerfrau der Grafin, Madame Sulpice, entgegen und liess sich, in ihre Pelze und Mantel gewickelt, von ihren beiden Kameraden uber den Tritt der Kutsche ziehen.
"Ah, Mr. Lorint!" rief sie freundlich "ich hoffe, wir finden Alles wohl auf in Ardoise und kommen zur gesegneten Stunde."
"Ihro Gnaden wenigstens fuhrten ein leidliches Wohlbefinden, und sonst fiel seit zwei Tagen nichts zu vermelden vor."
"Desto besser, Mr. Lorint k e i n e Neuigkeiten besser als trube," erwiederte Mad. Sulpice. "Darf man Euer Gnaden ersuchen, auszusteigen?" fuhr sie, gegen den Wagen zuruckgewandt, fort.
Voll Neugierde beeilte sich jetzt Mr. Lorint der Angekommenen Hulfe zu leisten. Alle Bewohner Ardoise's sahen auf die Veranderung in dem Leben ihrer Gebieterin, die ihr nach so langer Einsamkeit eine stete Begleitung, eine Lebensgefahrtin, wie sie sich selbst daruber ausdruckte, geben sollte, mit einem Erstaunen und einer Erwartung, die man wenigstens durch die Erscheinung des Gegenstandes selbst gerechtfertigt zu sehen hoffte.
Mit der Leichtigkeit der Jugend betrat jetzt den Kutschentritt eine schlanke feine Gestalt, welche den Flor der Haube so uber die Stirn gezogen trug, dass nur das blendend weisse Kinn und der schone Mund sichtbar waren. So getauscht sich Mr. Lorint hierdurch fand, schloss er doch gleich mit sich ab hier eine junge Schonheit zu sehen, und als sie den Boden betrat und mit dem reinsten franzosischen Accent ihn anredete, beschloss er, sie des Vorzugs, den sie eben einzunehmen im Begriff war, wurdig zu erklaren.
"Und werde ich die Grafin d'Aubaine diesen Abend noch sehen?" frug die junge Dame mit einem sanften Tone der Sprache.
"Ich eile, Euer Gnaden zu melden," erwiederte Lorint, "und bitte unterthanigst mir zu folgen."
Die Fremde nahm mit einigen dankbaren Worten von ihren beiden Reisegefahrten Abschied und stieg hinter Lorint die heitere breite Treppe hinan, die, gastlich erhellt, den schonen Marmor der Wande mit seinen kunstreichen Verzierungen zeigte. Lorint offnete einen Vorsaal und beurlaubte sich dann, in eine Nebenthure verschwindend. Kaum sah sich die Fremde allein, als ihr Herz von der tiefen Bewegung uberfloss, welche sie zu beherrschen getrachtet hatte. Die heissesten Thranen sturzten aus ihren Augen, und sie verhullte das Gesicht, dem Schmerze ihres Herzens sich hingebend. Einige Augenblicke hatte sie so den Tribut gezahlt, den eine plotzliche und vollstandige Umanderung aller bisher gekannten und lieb gewesenen Verhaltnisse dem jungen Herzen abnothigten, als sie durch den Gedanken, im nachsten Augenblicke derjenigen gegenuber zu stehen, die sich mit allen Beweisen von Liebe und Theilnahme ihr schon in weiter Ferne bis zum gegenwartigen Tage genaht hatte ihre Thranen versiegen machte und ein neues Bemuhen herauf rief, ihre schmerzliche Aufregung zu beherrschen. Sie trocknete ihre Augen, und ihren Mantel ablegend, gewahrte sie nun erst die Schonheit des Raumes, in dem sie sich befand, der von zwei Kaminen und vielen geschickt vertheilten Kerzen, die ihr Licht von hell polirten Wanden und Fussboden wiedergaben, erleuchtet wurde. Ihre Aufmerksamkeit ward sogleich durch einige lebensgrosse Bilder in Anspruch genommen, Personen aus der Familie darstellend, welche die Fremde in den Kreis einzufuhren schienen, dem sie kunftig angehoren sollte. Es waren schone, edle Gestalten, und ihr Auge blieb mit besonderer Theilnahme an den Zugen einer Dame hangen, welche, im Brautschmucke gemalt, mit so unbeschreiblich anziehenden Mienen auf die junge Beschauerin niedersah, als wolle sie ihr Muth und Lebenshoffnung einreden.
"Ach," seufzte sie leise, "waren das die Zuge der Grafin d'Aubaine, wenn auch von der Zeit der jugendlichen Schonheit beraubt! Wie unbeschreiblich wohl wird mir in Deinem Lacheln als hatte ich Dich langst gekannt, als wusstest Du Alles, was in meinem Herzen vorgeht!"
Indem offnete Lorint die Flugelthuren und lud das Fraulein zum Nahertreten ein. Durch mehrere Gemacher, welche alle, erhellt und vom Kaminfeuer belebt, den Hauch des Geistes trugen, der nur im steten Gebrauche ihnen ihr ansprechendes Dasein einflosst erreichte die Fremde ein Kabinet, das die Zimmerreihe schloss, und, mit grunen, seidenen Vorhangen rings umhangt, wie Waldeinsamkeit und Stille den Wohnenden umfing. An der Schwelle stand plotzlich die hohe Gestalt der Grafin d'Aubaine. Es waren zwar nicht die Zuge, die aus jenem Bilde lachelten, aber wer hatte der sanft verklarten Dulderin in die milden blassen Zuge blicken konnen, ohne zu glauben, er habe gefunden, was er suche.
"O Elmerice," rief die Grafin, das schnell zu ihren Fussen gesunkene Madchen mit beiden Armen umfassend, "suchst Du keinen andern Platz bei Deiner zweiten Mutter?"
Unfahig zu sprechen, sank Elmerice an ihren Busen. Die Grafin, welche jede allzugrosse Erweichung scheute, rang sichtlich mit ihren Gefuhlen, das liebe Wesen, welches sie innig an sich gedruckt hielt, in der naturlich grossen Bewegung zu stutzen.
"Blicke auf, mein Kind, und sei getrost! Du hast e i n e M u t t e r , ich die Freundin meiner Seele verloren! Ach, glaube mir: Du bist mir ein heiliges, uber Alles theures Vermachtniss, und dass sie mit dieser letzten Gabe ihres Lebens mich noch beglucken und ehren wollte, das ist ein Zeugniss ihrer Liebe, woran ich Dich erinnere, dass Du fuhlst, wie sie mich hochhielt, und daran Dein Vertrauen zu mir knupfest."
"Ach, Frau Grafin," rief Elmerice, "wie konnte ich jetzt erst Gefuhle anknupfen wollen, bei denen ich gross gezogen ward meine Aeltern, so lang ich sie beide besass, wetteiferten, Euch zu lieben!"
Elmerice zartlich umschlingend und sie zu sich in das Ruhebette niederziehend, sagte die Grafin: "wie ruhrt mich so viel Liebe, wenn sie, auch unverdient, nur den Geber ziert. Wie ruhrt es mich, dass Deine Mutter so das Herz Deines Vaters bestimmte, ihm fur die nie Gesehene, Ungekannte, eine so warme Theilnahme einzuflossen!"
"Mein Vater kannte Euch nicht?" rief hier Elmerice uberrascht, "wie ist dies moglich? Er muss Euch gekannt haben, denn von ihm erbat ich es oft mir, Euch und Ardoise zu schildern."
"Und that er das?" frug lachelnd und uberrascht die Grafin.
"O hattet Ihr es gehort! Wie ich die Treppe hinauf stieg, erkannte ich Ardoise nach dieser Beschreibung