Karl Immermann
Munchhausen
Eine Geschichte in Arabesken
Erster Teil
Erstes Buch
Munchhausens Debut
Eilftes Kapitel
Worin der Freiherr seinen Abscheu vor dem Laster
des Lugens nicht allein ausspricht, sondern auch
betatigt.
"Was fur ein schandliches Laster ist das Lugen! Denn erstens kommt es leicht heraus, wenn einer zu arg flunkert, und zweitens kann jemand, der sich's angewohnt hat, auch einmal die Wahrheit sprechen, und keiner glaubt sie ihm dann.
Dass mein Ahnherr, der Freiherr von Munchhausen auf Bodenwerder einmal in seinem Leben die Wahrheit sagte, und niemand ihm glauben wollte, das hat bei dreihundert Menschen das Leben gekostet."
"Wie?" riefen der Baron und seine Tochter aus einem Munde.
"Geschatzte Freunde und liebe Wirte, massiget euer Erstaunen", versetzte der Gast, indem er, wie ein Kaninchen, die Nasenflugel zitternd bewegte, und mit den doppelfarbigen Augen zwinkerte. "Nichts naturlicher, als das. Hort nur zu. Der besagte Ahnherr war leider Gottes, wie ihr wisst, ein ungemeiner und erschrecklicher Lugensack. Wer erinnert sich nicht der zwolf Enten, die er mit einem Stucke Schinkenspeck fing, nicht seines halbierten Rosses, welches in diesem Zustande der Halbheit dennoch eine Nachkommenschaft zu erzielen vermogend war, nicht des tollgewordnen Jagdpelzes, nicht der im Posthorn eingefrornen Tone, und und oh! oh! oh! "
Das blaue Auge des Enkels weinte, sein braunes blitzte von tugendhaftem Zorne, er konnte nicht weiterreden. Dem alten Baron und seiner Tochter gelang es endlich, ihn zu beruhigen. Der edle Redner schluchzte noch ein weniges, dann fuhr er so fort: "Es ist meiner Treu recht schlecht von mir, dass ich von meinem in Gott ruhenden Ahnherrn Ubles rede, aber ehrlich wahrt am langsten. Dieser Mensch und Lugner hat die historische Wahrheit auf Jahrhunderte hin vergiftete, und die nachgebornen Geschlechter gewissermassen unter die Botmassigkeit jedes Irrwahns gegeben, der seitdem in der Welt auftrat. Ja, um mich eines Gleichnisses aus einer seiner abgeschmackten Fabeln zu bedienen, es erging der Menschheit nachmals mit jedem falschen Propheten wie dem Baren, den der Ahnherr an die honigbeschmierte Wagenstange lockte, und der sich durch und durch auf selbige hinaufleckte. Denn es mochte den Leuten etwas noch so Unglaubliches vorgeschwatzt werden, sie riefen immer: 'Das muss wahr sein; Munchhausen hat ganz andre Sachen erfahren!' So leckten sich die Leute vor funfzig bis sechzig Jahren auf den Eiszapfen der Aufklarung hinauf, und als sie mit Muhe und Not von diesem wieder heruntergeschroben waren, und die grimmige Erkaltung noch in ihren Eingeweiden rasselte, da kamen die Franzosen und hielten ihnen den Freiheitsbaum vor, mit einer Mischung von Sirup und Kognak bestrichen, und die Narren leckten wieder so tapfer darauf los, dass sie bald alle mit Schmerzen an dem stachlichten Stamme festsassen, und Napoleon mit leichter Muhe sie daran hinter sich herziehen konnte. Nun, diese Begeisterung nahm denn endlich auch ein Ende mit Schrecken und gegenwartig ..."
"Gegenwartig?" fragte der Baron erwartungsvoll. "Gegenwartig", versetzte der Freiherr bedachtig, "werden so viele und verschiedenartige Stangen, Baume und Zapfen, worunter sich auch einige Eisenschienen befinden, mit Honig bestrichen, dass sich noch nicht entscheiden lasst, welches dieser Fangmittel die meisten zu fesseln imstande sein werde."
"Aber das Wort der Wahrheit durch welches Ihr Ahnherr an die dreihundert Menschen totete!" rief das Fraulein Emerentia sanft und dringend.
"Recht so, meine Gnadige", erwiderte der Freiherr. "Allegorie und Phantasiespiele sind aus der Mode, gehoren der Ramlerschen Zeit an; Stoff! Stoff! Stoff! ruft die nach Realitaten hungrige Welt. Hier ist der meinige. Munchhausen, der Ahnher, war trotz seines greulichen Lasters eine selten begabte Natur. Er hatte mit Cagliostro in Verbindung gestanden, zu seiner Zeit Gold gemacht, von der Sorte, die man Knallgold nennt, man versicherte, er hore, nicht im figurlichen, sondern im buchstablichen Sinne, das Gras wachsen, kurz, er hatte tiefe Blicke in so manches Naturgeheimnis getan. Besonders war an ihm ein scharfes Ahnungsvermogen fur eigne Korperzustande ausgebildet worden, und alles, was nachmals in diesem Betreff von nervosen oder somnambulen Personen erzahlt worden ist, war Kleinigkeit gegen das, was glaubwurdige Gewahrsmanner mir von ihm berichtet haben. Er wusste an sich selbst jede Befindensveranderung, wie die Homoopathen die Krankheiten nennen, vorauszuspuren, und trug, sozusagen, seine ganze somatische Zukunft, im Geruch vorgebildet, mit sich umher. Dass einer merkt, wenn ein Schnupfen bei ihm im Anzug ist, will nicht viel bedeuten; aber durch den Schnupfen hindurch die spateren Ubel, die ihn noch betreffen sollen, zu merken, ist allerdings nicht jedem gegeben. 'Theophilus', sagte der Ahnherr eines Tages zu dem Manne, der mein Vater vor der Welt heisst, 'Theophilus, ich kriege morgen einen rechtschaffenen Schnupfen, wenn der voruber ist, gibt's ein kaltes Fieberchen, und darnach wird der Rest der bosen Scharfe als Podagra in den rechten Fuss fahren.' Und richtig, so kam es. Er hatte durch den Schnupfen hindurch das kalte Fieber, durch dieses hindurch das Podagra an sich abgewittert.
Sie haben gewiss von jenem sudamerikanischen Indianerstamme im Gebiete Apapurincasiquinitschchiquisaqua gehort?"
"A ... pa ... pu ... rin ...", buchstabierte der alte Baron. "Jawohl, jawohl haben wir von diesem Stamme gehort", fuhr er nach einigem Besinnen fort. "Wer sollte auch davon nicht gehort haben!"
"Apapurincasiquinitschchiquisaqua", flusterte das Fraulein schwarmerisch vor sich hin.
"Dieser Indianerstamm", sagte der Freiherr, "wohnt dreiundsechzigdreiviertel Meilen sudlich vom Aquator auf einem Bergplateau zweitausendfunfhundert Fuss uber der Meeresflache. Von den schneeichten Piks der Cordilleras rings geschutzt, leben jene Menschen ein einfaches Ur- und Naturleben hin. Nie suchte die Habsucht und Grausamkeit der Konquistadoren sie hinter ihren beschirmenden Felsenwallen heim. Baume gibt es nicht auf Apapurincasiquinitschchiquisaqua wegen seiner hohen Lage, aber unendliche Flachen dehnen sich an den sonnebeschienenen Abhangen der Piks aus, smaragdgrun von einer Grasart, in deren breiten, facherartigen Blattern der Westwind, welcher da bestandig weht, ein melodisches Sauseln zu erwecken nicht mude wird. Zahlreiche Herden von pfirsichblutenen Kuhen und Stieren (so lieblich scherzt dort die Natur in Farben), weiden in den grunen Grasweiden; die feurigen Kalber sind goldgelb, erst nach und nach nehmen sie jenen kalteren Farbenton an. Dieses Rindvieh ist der einzige Reichtum der unschuldigen Apapurincasiquinitschchisaquaner. Sie leben fast nur von der sauren oder sogenannten Schlippermilch, welche ihre schonen Jungfrauen, vom Antlitz bis zu den Fussknocheln tatowiert, mit den feinen, rot- und gelbbemalten Fingern den strotzenden Eutern der Kuhe entziehn."
"Ihr himmlischen Machte, wie reizend!" sagte das Fraulein, in Gefuhl schwelgend.
"Das heisst", erinnerte der Baron, und rieb sich die Stirn, "aus den Eutern gewinnen sie susse Milch, und nachher machen sie den sauren Schlipper daraus."
"Nein!" antwortete der Freiherr. "Der saure Schlipper kommt auf jenem glucklichen Bergplateau von der Kuh, und nur, wenn er lange gestanden hat, und dem Zustande der Verdernis sich nahert, dann geht er in Sussigkeit uber."
"Hm! Hm! Hm! Ja ... aber " murmelte der Alte und schuttelte den Kopf.
"Erstaunen Sie nicht, horen Sie mich ruhig aus. Ist nicht alles Ursprungliche sauer? Wie schmeckt die wilde und unverbildete Kastanie? Kannst du in den jugendgrunen Apfel beissen, ohne das Gesicht verzerren zu mussen, oder in die kindliche harte Pflaume? Geben Trauben, die der buhlerische Strahl der Sonne noch nicht um ihre Unschuld betrog, etwas anderes, als Essig? Pindar singt: 'Das Furnehmste ist Wasser'; ich aber sage: Das Ursprungliche ist sauer."
"Oh, das Ursprungliche!" seufzte Emerentia.
"Sauer ist daher die Milch jener Naturkuhe. Alle Haustiere verlieren bekanntlich durch den Umgang mit Menschen viel von ihrer ursprunglichen Ausstattung; Hund und Katze, die in der Wildnis zottige, energische Bestien sind, werden in unsern Stuben kleine glatte Schmeichler, und so gibt denn auch unser Hornvieh, weil es in alle Widerspruche abschwachender Kultur mit einging, einen Saft, von welchem wir zwar glauben, er sei das Ergebnis unverstimmter Krafte, welcher aber gleichwohl in seiner sussen Schlaffheit nur die herabgekommne Konstitution der zahmen oder Kunstkuh anzeigt. Erst wenn diese sogenannte susse, eigentlich aber entnervte Milch eine Zeitlang gestanden hat, besinnt sie sich wieder auf ihre verscherzte Ursprunglichkeit, fahrt in Reue und Scham zu den klaren Molken und dem gehaltvollen Schlipper auseinander, den die Leute in Niedersachsen auch wohl Waddicke nennen, und nun, in diesem biedern Zustande, wird sie von allen reinen Seelen in der holden Einsamkeit eines bauerlichen Dungerhofes mit Wollust verschlurft. Aber Reue ist keine Unschuld, und unsre Schlippermilch nicht die, welche auf den Hohen von Apapurincasiquinitschchiquisaqua warm von der Kuh gezogen wird. O tranke wieder jeder deutsche Mann saure Milch ..."
"Und rauchte dazu seine Pfeife Tobak ..." fiel der alte Baron mit Warme ein.
" ... ginge dann zwischen Gemusebeeten auf und nieder spazieren! ..." rief der Freiherr.
"Und horte nichts, als: 'Alle neun!' oder 'Sandhase!' von der benachbarten Kegelbahn" seufzte der alte Baron.
"Dann ware Germanien wahrhaft restauriert!" schloss der Gast mit Emphase.
"Aber um der Gotter willen", rief ein hagrer Mann, welcher wahrend dieser Gesprache eingetreten war, "wir erfahren ja noch immer das Wort der Wahrheit nicht, wodurch Ihr Ahnherr dreihundert Menschen vom Leben zum Tode brachte!"
Der Freiherr sah auf seine Uhr, und sagte mit dem Tone geistiger Uberlegenheit, welcher ihm eigen war: "Es mochte dazu heute zu spat sein. Auf morgen also, wenn Sie vergonnen." Er stand auf, nahm eine Kerze, und verliess, allen eine gute Nacht wunschend, das Zimmer.
"Warum fielt Ihr ihm in die Rede, Schulmeister?" sagte der alte Baron verdriesslich zu dem Hagern. "Einen solchen Mann, mit einem so weltumfassenden Gesichtskreise muss man nie im Flusse der Worte storen, es kommt immer dabei etwas zum Vorschein, was unterhalt und belehrt, und am Ende waren wir doch wohl noch zu dem Worte der Wahrheit seines Ahnherrn gediehen, wenn Ihr ihn nicht unterbrochen hattet."
"Schelten Sie mich nicht, mein Gonner, um diesen Freiherrn von Munchhausen, der uns da so unversehens in das Schloss geworfen ist"; erwiderte der Hagre. "Er kann den an Kurze und Lakonismus Gewohnten schon ungeduldig machen, dieser endlose Redner und Erzahler, denn er verfallt immer aus dem Hundertsten in das Tausendste. Kurze aber, die kornige Kurze der Sparter, ist wie ein Kocher, darin gar viele Pfeile stecken; indem erstens ..."
"Es ist schon gut, Schulmeister", fiel ihm der Alte in die Rede, indem er ihn mit einem zweideutigen Blicke mass. "Warum kommt Ihr heute so spat? Wir haben alles aufgespeist."
Der Schulmeister Agesilaus liess seine Augen in die Ecke des Zimmers dringen, worin ein kleiner Tisch stand, armlich gedeckt. Die Knochen eines verzehrten Huhns lagen auf den Tellern verstreut. "Es wollte sich in der Eile nicht des Schilfes genug fur mein Nachtlager schneiden lassen", versetzte er. "So bin ich denn hier nach dem Mahle erschienen, und werde mich zu Hause mit schwarzer Suppe verkostigen mussen." Er zundete seine Blendlaterne an, schlug den groben, zerrissnen Mantelkragen, den er statt des Rockes trug, fester um sich, und entfernte sich nach hoflicher Verbeugung gegen den Baron und das Fraulein.
Der Alte sah sich um und murrte: "Kein zweiter Leuchter mehr hier?" Er nahm aus dem Wandschranke ein Lichtstumpfchen, steckte es in den Hals einer Flasche, und ging mit dieser Vorrichtung aus dem Stegreife davon, in tiefen Gedanken uber die Erzahlungen des Gastes, ohne der Tochter weiter zu achten.
Diese hatte von allen seitherigen Verhandlungen nichts bemerkt, weil sich nach der Schilderung jenes gluckseligen Bergplateaus die romantische Traumerei ihrer bemachtigt hatte, in die sie nicht selten versinken konnte. Jetzt fuhr sie aus diesen Entzuckungen der Abwesenheit empor, und rief: "Grosses, ungeheures Naturbild! Das Smaragdgrun der Wiesen am Abhange der Piks, vermischt mit dem Pfirsichrot der Kuhe und dem Goldgelb der Kalber, sich abhebend von dem Schneeweiss der Cordillerasgipfel im Hintergrunde! O ware ich auf Apapur ... auf Apapur ... auf der Bergebene mit dem unaussprechlichen Namen!"
Ein Windstoss warf das Fenster auf, dessen einer Flugel, nur noch morsch in seinen Nageln hangend, zu Boden fiel, und klirrend zertrummerte. Das Fraulein aber achtete dieses Umstandes nicht sonderlich, sondern hob eine Tischplatte ab, stellte sie gegen die Lucke, und begab sich dann, gleich den ubrigen Personen, zur Ruhe, um von der Bergeb'ne, mit deren langem Namen ich meine Zuhorer schon so oft habe behelligen mussen, weiter zu traumen.
Zwolftes Kapitel
Der Freiherr bringt zwar die angefangne Geschichte
nicht zu Ende, handelt aber von andern
ausserordentlichen Dingen.
Munchhausen hob am folgenden Abende ohne Vorrede also an: "Der sudamerikanische Indianerstamm, welcher uns gestern beschaftigte, bringt es bei seiner sauren Milchnahrung meistens zu einem sehr hohen Alter. Es ist unter ihnen gar nicht selten, dass Manner und Frauen das hunderste Jahr zurucklegen. Weil ihre Sinne und Safte nun immer in der unmittelbarsten Gemeinschaft mit der Natur verblieben, so wissen sie auch durch ein richtiges Gefuhl, wenn die Natur sich ihr Ziel gesetzt hat. Ein solcher Sterbegreis sagt daher ganz genau Stunde, Minute und Augenblick seines Todes voraus, flicht sich die Strohflasche, worin er sich zu bestatten gedenkt ..."
"Die Strohflasche?" fragte der Schulmeister Agesilaus. "Die Strohflasche", erwiderte der Freiherr kaltblutig. "Wenn man mir von Anfang an zugehort hatte, so wurde manche Frage zu sparen sein. Holz haben sie nicht, das sagte ich schon gestern, Sarge konnen sie folglich nicht zimmern, sie mussen sich mit getrocknetem Grase oder Stroh helfen, um ihre Leichenfutterale zu fertigen. Ein solches Futteral hat die Form desjenigen Geflechts, worin der Maraschino von Triest verschickt wird, langlicht-viereckicht, oben mit einem kurzen, etwas engeren Halse. Dahinein kriecht nun der Sterbegreis, nachdem er von seinen Angehorigen Abschied genommen hat, und endet punktlich in dem vorhergesagten Augenblicke. Sobald er verschieden ist, binden sie eine Blase uber die Mundung, und dann setzt sich die ganze Familie im Kreise um das Sterbefutteral her und isst zum Gedachtnis des Verewigten saure Milch. Hierauf tragen sie die Strohflasche nach der Felsenbank Pipirilipi, dem allgemeinen Begrabnisorte des Volks. Dort wird sie zu den ubrigen gestellt. Ich habe jene Ruhestatt selbst gesehen; sie gewahrt einen schonen Anblick. Wie auf Rayolen in einem wohlversehenen Keller stehen dort auf der Felsenbank viele tausend Flaschen nebeneinander, die Vorzeit des Volks ist sozusagen auf Stroh abgezogen."
"Sie waren auch auf dem smaragdgrunen Plateau?" fragte das Fraulein einigermassen befremdet.
"Liebe Seele, wo ware ich nicht gewesen!" antwortete lachelnd der Freiherr. "Ich war vor einigen Jahren europamude, warum? weiss ich selbst nicht, denn es hatte mir niemand etwas zuleide getan, aber ich war europamude, wie man gegen eilf Uhr abends schlafmude wird. Beschloss also, zu reisen, so weit weg, wie moglich. Weil aber heutzutage jeder Mensch, der in Betrachtung kommen will, absonderlich unterweges, interessant sein und den Spleen haben muss, reiste ich erst nach Berlin und liess mich dort im Interessantsein unterrichten; dafur zahlte ich zwei Friedrichsdor Honorar. Dann ging ich nach London, und lernte dort bei einem Master den Spleen; der Tausendsassa war aber teuer, ich musste ihm, Sie mogen es mir glauben, oder nicht, zwanzig Guineen entrichten, und ausserdem schworen, das Geheimnis nicht verraten zu wollen.
Nachdem ich so das Interessante und den Spleen weghatte, gluckte es mir uberall recht sehr. Ich trug mich bald als Englander, bald als Neugrieche, zuweilen lag ich als Dame auf dem Sofa und hatte Migrane; dabei redete ich ein Kauderwelsch von Franzosisch und Deutsch, wie es zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts wahrend der grossen Sprachverderbnis Mode war. In jenen wechselnden Kostumen, und in diesem Deutsch, gorge-de-pigeon, bestand das Interessante; was aber den Spleen angeht, so fuhrte ich immer Kampfer bei mir, um das Geheimnis frisch zu erhalten. Davon bekommt man namlich eine blasse Couleur; ich sah bald aus, als hatte ich schon zehn Jahre im Grabe gelegen. Als ich mich eines Tages in meinem Toilettenspiegel, deren ich damals, wo ich der Eitelkeit fronte, stets mehrere besass, zu Gesichte bekam, und meine bleiche Farbe erblickte, ging mir ein lichter Gedanke im Kopfe auf. 'Sehe ich nicht wie eine Leiche aus?' sagte ich zu mir selber. 'Ich will mich den Verstorbenen nennen.' Gesagt, getan! Dieser Einfall hat Wunder gewirkt. Einen Verstorbenen hatten die Deutschen noch nicht gehabt. Und nun gar ein Verstorbener, der so traulich mit ihnen zu plaudern wusste, und ihnen tausend Geschichtchen erzahlte, die ein Lebender allenfalls auch in jedem Klatschzimmer der Sozietat hatte auftreiben konnen! Jung und alt, Manner und Weiber, Gelehrte und Idioten drangten sich zu den Leichenspuren des Verstorbenen; die alte Fabel wurde wieder neu, welche das Volk hinter einem geschmuckten Verwesten jubelnd herwandern lasst. Geheime Kunste haben es aus der Gruft emporbeschworen, die Menge zu locken. Die Junglinge drangen sich begehrlich heran, mit der buntgeschminkten Frau Venus zu tanzen; immer weiter lockt die pestdampfende Schonheit, welche ihnen wie Zibet und Ambra riecht, die Lusternen; endlich auf einem Kirchhofe fallen die Gewander von den klappernden Gebeinen ab, und ein scheussliches Skelett faucht ihnen den Spruch zu: 'Sic transit gloria mundi.' Aber mit mir kam es nicht so weit, vielmehr blieb ich, obgleich ein duftender Verstorbener, recht inmitten der Gloria Mundi. Nachdem ich so beruhmt geworden war, strich ich durch die ganze Welt, kam auch im Vorbeigehen durch Afrika; in Algier wurde ich arabisch mit allen Formalitaten, hatte dann gutes Logis bei Vizekonigs von Agypten. Er wurde mein Duzbruder, und ich musste ihm tausend Sachen erzahlen, die er mir alle geglaubt hat. Weiter oberhalb nach Nubien zu, unfern der grossen Katarakte, stiess mir ein hubsches Abenteuer mit einem Nilpferde auf. Ich sitze am Strom im Schilf, in naturalibus, wie mich der Herr geschaffen hat, denn anders bin ich in Afrika nie gegangen; esse mein Mittagsbrot in guter Ruhe, siehe da, schiesst eine Bestie von Hippopotamos auf mich zu, und hat mich im Rachen, ehe ich noch rufen kann: 'Qui vive!' Ich indessen nehme in der Geschwindigkeit mein bisschen Geistesgegenwart zusammen, schreie in dem Rachen, als das Vieh mich eben verschlucken will: 'Monsieur! Monsieur! avec permission, je suis son Altesse telle et telle!' Was geschieht? Sie mogen es mir glauben oder nicht: Die gute Seele von Nilpferd spuckt mich auf der Stelle aus, wischt sich die Tranen aus den Augen ..."
"Womit? Womit?" rief der Baron.
" ... mit einem Palmblatte, welches die ehrliche Haut in die rechte Vorderpfote nimmt; errotet, und rennt beschamt davon. So weit haben es Vizekonigs schon in Agypten gebracht, dass selbst die Hippopotamoi vor literarischen Sommitaten Respekt bezeigen."
"Ich meine, das Nilpferd nahre sich nur von Vegetabilien, nicht von Fleisch", wandte das Fraulein bescheiden ein.
"Es ist vermutlich kurzsichtig gewesen, und hat mich fur eine Pflanze angesehen", antwortete der Freiherr. "Ich weiss, was ich weiss; ich habe im Rachen drin gesteckt. Wahrheit muss Wahrheit bleiben, und ehrlich wahrt am langsten. Wo blieb ich stehen? Ja, in Afrika. Warum soll ich Sie aber mit solchen Kleinigkeiten aufhalten? Ich war bald afrikamude, wie ich europamude gewesen war, beschloss daher nach Amerika zu reisen, vorher aber einen Abstecher nach Deutschland und England zu machen, wohin mich verschiedne Grunde zuvor riefen.
Erstens hatte ich das Interessante und den Spleen etwas verlernt, und wollte daher wieder in Berlin und in London meinen Kursus machen. In Afrika sind die Leute gar nicht interessant, der Koran begunstigt diese Richtung nicht, eine arabische Schnauze ist wie die andre, und was den Spleen betrifft, so vertreibt den der Vizekonig von Agypten durch die Bastonade; es gibt kein efficaceres Mittel gegen Schwermut, als sie. Einmal hatte ich mich mit ihm etwas brouilliert, wie das unter Freunden wohl kommen kann; da dachte ich an die moglichen Folgen fur die Fusssohlen, und von dem Gedanken schon war aller Spleen weg, selbst bis auf die Erinnerung. Es kam zum Glucke nicht zu jenen Folgen, wir versohnten uns und assen noch denselben Mittag Sauerkraut mit Schweineohren zusammen, denn er ist ein aufgeklarter Turke, und will nachstens in einer Schrift beweisen, dass Mahomet ein Produkt der Glaubigen sei. Wo blieb ich stehen? Ja so; bei dem Spleen. Nun, das Interessante hatte ich aus Mangel an Anschauungen in meiner Umgebung ebenfalls wieder eingebusst. Ich musste also schon deshalb nach Deutschland und England.
Diesmal war ich genotigt, in Berlin fur den Unterricht im Interessanten eine Bonne zu nehmen, die Mere Oye, der es im Ruckblick auf Personen und Zustande nicht gegangen war wie Lots Weibe bei einer ahnlichen Gelegenheit. Denn, anstatt zur Salzsaule zu erstarren, war sie nur immer gesprachiger und merkurialischer geworden. Viele Leute wollten der guten Mere und Commere etwas am Zeuge flicken; sie sagten, all ihr Geistreicheln und Interessantisieren sei doch purer Waschschaum, aber ich muss die Mere Oye verteidigen. Auf hohe Ziele hat sie es uberhaupt nicht abgesehen; sie gedenkt nur ihrer Ahnmutter, die urlangst durch Schnattern das Kapitol retteten. Und da ubt sie nun mittlerweile ihr Organ, um bei Stimme zu sein, wenn dermaleinst das Kapitol des plattierten Liberalismus in Deutschland gefahrdet werden sollte."
"Warum gingen Sie aber nicht zu Ihrem alten Lehrer?" fragte der Baron.
"Der sass in Paris dazumal und las altfranzosische Manuskripte. Ich reiste von Algier uber Toulon und jene Hauptstadt, und traf ihn auf der Bibliothek. Da sah ich nun ein wahres Wunder jetziger Bucherschnellfabrikation oder Schnellbucherfabrikation. Denn es ist gewiss; Sie mogen mir es glauben, oder nicht, mit der linken Hand schlug er die Blatter des pergamentenen Folianten um, der vor ihm lag, und mit der rechten schrieb er gleichzeitig ein Buch daruber oder daraus, so dass, wenn er links in Folio fertig gelesen hatte, ihm rechts ein Oktavband abgegangen war. Dazwischen diktierte er noch ein spirituelles Billett an eine Komodiantin und unterhielt sich mit einem Arrondissementscommissair grundlich uber das Pariser Grisettenwesen. Er blieb folglich nur drei Stadien hinter Casars Vielseitigkeit zuruck Was aber der zweite Grund meines Abstechers nach Deutschland war, ich wollte mir dort wieder einen guten Bedienten mieten. Meinen bisherigen hatte ich abschaffen mussen; er wollte auch interessant sein, und hielt deshalb bestandig Maulaffen feil. Als Interessanter von Distinktion glaubte ich Einspruch tun zu durfen, aber da die Gewerbefreiheit uberall herrschte, so war in der Sache nichts zu machen; jeder Lump durfte interessant sein.
Nur aus Deutschland wollte ich mir den Ersatzbedienten holen, denn jedes Land hat seine eigentumlichen Produkte, die man nirgends anders so gut bekommt. Spanien hat seine Weine, Italien den Gesang, England die Konstitution, Russland den festesten Juchten, Frankreich die Revolution, und in Deutschland geraten die Bedienten am besten."
Dreizehntes Kapitel
Der Freiherr beginnt eine historische Novelle von sechs verbundenen kurhessischen Zopfen zu erzahlen, wird aber von dem Ausbruche der Verzweiflung bei
dem Schulmeister Agesilaus unterbrochen, und
verspricht geordnetere Mitteilungen
"Da, wo die buschichten Anhohen des Habichtwaldes gegen Abend, die Hugelketten des Reinhartwaldes gegen Mitternacht, der felsichte Sorewald gegen Mittag zu einem weiten Tale auseinandertreten, durch welches die Fulda in mannigfachen Krummungen von Mittag nach Mitternacht ihre Fluten walzt, gegen Morgen aber eine lachende Ebne sich auftut, uber welcher in weiter Ferne der majestatische Meissner sein blaues Haupt erhebt, liegt Kassel ..."
"O ihr heiligen und gerechten Gotter, wohin soll denn nun das wieder fuhren?" stohnte der Schulmeister Agesilaus, den die Erzahlungen des Freiherrn in einen Zustand versetzt hatten, welcher sich schwer beschreiben lasst.
" ... liegt Kassel, die Hauptstadt des Kurfurstentums Hessen. Reinliche, breite Strassen durchschneiden die obere oder Neustadt, deren Gebaude fast alle von regelmassiger Bauart sind, wahrend die untere oder Altstadt mehr dem Schmutze und der Krumme anheimgefallen ist. Mehrere schone offentliche Platze verschonern jenen schoneren Teil der Stadt, unter allen jedoch ist der Friedrichsplatz der schonste, an welchem sich das prachtvolle Schloss mit seinen langen Fensterfluchten erhebt.
Es war um die Zeit, als nach der glucklichen Herstellung der alten Verhaltnisse Kurfurst Wilhelm in die Hallen seiner Vater zuruckgekehrt war, und unter mehreren fruheren bewahrten Einrichtungen auch jene Verlangerung des Haarwuchses wieder eingefuhrt hatte, welche man im Deutschen mit dem Namen Zopf zu belegen pflegt. Auch diese Zeit ist langst voruber, die Kunde von ihr klingt fast wie die Mar von dem versunkenen Eilande Atlantis; der historischen Dichtung aber ziemt es, nichts in der Geschichte verlorengehen zu lassen, nicht einmal den ehemaligen kurhessischen Zopf.
Es war spat abends und Kassels Bewohner schliefen schon, oder legten sich zu Bett. Auf dem Schlosse aber war es im Kabinett des Fursten noch hell. Die Soiree war zwar geendigt, jedoch hielt der alte wurdige Herrscher noch einige seiner Auserwahlten um sich versammelt. Man hatte sich auf die gewohnte Weise von der Zwischenregierung und von dem wunderbaren Umschwunge der Dinge unterhalten. Der Kurfurst, welcher seine Gardeuniform, Klappenweste und steife Stiefeln trug, stand fest auf das spanische Rohr mit goldnem Knopfe gestutzt, und sagte: 'Es bleibet dabei, Ich agnosziere nichts von dem, was Mein Verwalter Jerome inzwischen angeordnet hat. Wer darunter leidet, mag sich an Meinen Verwalter halten, dem Wir nicht die Macht gegeben hatten, auf seinen Kopf neue Sachen einzufuhren, und der mithin bei derartigen Tathandlungen Mandatum exzedieret hat. Wir wissen wohl, dass Wir dieserwegen der Zensur etlicher unruhiger Kopfe unterliegen, aber das lasst Uns vollig unangefochten in Unserem Gewissen, und Wir vertrauen hierinnen ganzlich der gottlichen Providenz, die Uns nach kurzer Uberwaltigung in Unsre Erbstaaten zuruckgefuhret, und deutsche Treue und Redlichkeit auch auf Unsrem Territorio retablieret hat. Habt Ihr das Edikt verfasset, wodurch den Domanenankaufern alle und jegliche Hoffnung, sich in ihrem unrechtfertigen Besitze zu maintenieren, entzogen wird?'
'Das liess ich meine eiligste Sorge sein', versetzte der Angeredete, der Geheime Rat Vellejus Paterculus. 'Es war in der Tat hohe Zeit, dass deutsche Treue und Redlichkeit bei uns retabliert wurde.'
'Man kennet Mich noch nicht gehorig', fuhr der alte kraftige Furst mit erhobener Stimme fort. 'Ich habe schon einmal die Gassenkehrer zur Korrektion der Weichlinge und Schwelger in neumodischen franzosischen Kleidern die Strassen fegen lassen, und es durfte passieren, dass sich gleiches oder ahnliches abermalen ereignete, wenn man Uns zuviel Argernis gibt. Dieses Kassel war unter der Wirtschaft Meines Verwalters ein liederlicher Ort geworden, und alle Zucht und Sitte hatte Abschied genommen.'
Eine Dame naherte sich dem Fursten und sagte mit schmeichelndem Tone: 'Ereifre dich nicht, Vaterchen, du hast ja beides, Zucht und Sitte, hier wieder eingefuhrt.'
Sie und der Geheime Rat Vellejus Paterculus wurden hierauf entlassen. Nur der Baron von Rothschild verblieb noch bei dem Fursten. Er war nach Kassel gekommen, um mit seinem erlauchten Geschaftsfreunde Abrechnung zu halten, und hatte jetzt zu vernehmen, dass der Kurfurst die in des Barons Handen beruhenden Fonds ihm nicht langer zu sieben Prozent lassen konne, sondern auf dem achten fortan bestehen musse.
Der Baron von Rothschild war durch diese Nachricht und Eroffnung im tiefsten erschuttert. Er schwor bei dem Gotte Abrahams, Isaaks und Jakobs, dass ihn eine solche Massregel in das Verderben sturze, da aber sein hoher Glaubiger fest darauf bestand, und ihn fur den Fall des Weigerns mit der Kundigung bedrohte, so gab der Baron endlich mit blutendem Herzen nach und erwog zu seinem Troste im stillen, dass in seiner Bank das Pfund mit zwanzig Prozent wuchre, ihm sonach allerdings zwolf noch ubrig verblieben.
Der Furst hatte bei der ganzen Verhandlung seine Haltung unerschutterlich bewahrt. Jetzt stiess er das Fenster auf, sah in die sternenklare Nacht und sagte: 'Wenn Ich consideriere, dass Ich wieder hier im Palais bin, und welche Interessen Mir die englischen Gelder, die Ich dazumal fur das amerikanische Corps erhielt, in Seinen Handen getragen haben, Rothschild, so muss Ich sprechen: Der alte Gott lebet noch und lasset nicht zuschanden werden.'
Der Baron erwiderte etwas verstimmt: 'Warum soll nicht leben der alte Gott, da noch leben Eur' Hoheit? Wie kann man werden zuschanden mit acht Prozent?'
Wahrend sich diese Begebenheiten im Innern des Schlosses zutrugen, erzahlten unten in der Wachtstube die sechs Gebruder Piepmeyer ihren Kameraden Gespenstergeschichten. Die sechs Gebruder Piepmeyer waren die sechs Sohne des Kastellans Piepmeyer auf der Lowenburg. Dieser Mann hatte, wie es bei solchen Aufsehern herrschaftlicher Schlosser der Fall zu sein pflegt, die loyalsten Gesinnungen, und in denselben auch seine Sohne erzogen. Man konnte daher von dieser Familie behaupten, dass in sieben Individuen nur ein und dasselbe hessische Herz schlage. Vater Piepmeyer war derjenige gewesen, welcher sich bei dem Einzuge des Kurfursten auf einen Eckstein gestellt, jubelnd seinen durch alle Verfuhrungen der Fremdherrschaft hindurch geretteten Zopf geschwungen und gerufen hatte: 'Durchlaucht! Durchlaucht! meiner sitzt noch!' was dem alten Herrn die erste wahre Regentenfreude in seinen Staaten bereitet haben soll. Sobald nun die sechs Sohne Piepmeyer, welche zwei Paar Drillinge waren, die Mutter Piepmeyer in zwei nacheinanderfolgenden Jahren ihrem Gatten geschenkt hatte, in das Soldatenalter traten, liess Vater Piepmeyer alle sechs an einem und demselben Tage in die kurfurstliche Zopf- und Stiefelettengarde eintreten. Sie hatten alle sechs dasselbe Mass, namlich sechs Fuss, drei Striche; hielten auf die vollige Identitat ihrer Stiefeletten und Zopfe, und sahen einander uberhaupt zum Verwechseln gleich, so dass der Kommandeur sie mit verschiedenfarbigen Strichen uber der Nase bezeichnen lassen musste, um sie im Dienst unterscheiden zu konnen. Karl Piepmeyer bekam einen gelben, Heinrich Piepmeyer einen blauen, Ferdinand Piepmeyer einen roten, Guido Piepmeyer einen orangefarbnen, Christian Piepmeyer einen grunen, Romeo Piepmeyer einen silbergrauen und Peter Piepmeyer einen schwarzen Strich uber der Nase. Aber ausser dem Dienste, wo sie sich als Menschen fuhlten, wischten sie die Striche ab.
Diese sechs Bruder von der Lowenburg erzahlten den andern hessischen Wachtmannschaften folgende Geschichte: 'Ihr mogt es nun glauben oder nicht, aber so ist der alte Herr alle Jahre, wahrend er in der Fremde war, an seinem Geburtstage jedesmal droben auf der Burg gewesen. An diesem Tage war es von fruhmorgens an schon immer unruhig droben, es tat sich ein Schwirren in den seidnen Gardinen hervor, die Gardinenbetten knackten, die Harnische in der Rustkammer rasselten, der Wetterhahn auf dem Turme hat unaufhorlich mit den Flugeln geschlagen. Schon als Knaben bemerkten wir alles dieses und noch mehreres, aber wir achteten dessen nicht, bis uns der Vater, nachdem wir funfzehn Jahre alt und konfirmiert worden waren, beiseite nahm und uns das Burggeheimnis entdeckte, welches in nichts anderem bestand, als dass der Kurfurst, wiewohl weit entfernt im bohmischen Lande, dennoch auf seiner Burg seinen Geburtstag feire. Er komme namlich um sechs Uhr abends gerade zur Stunde, wo vorzeiten an der Standetafel die Gesundheit ausgebracht worden sei, und man die Kanonen vor der Aue gelost habe, in das gelbe Kommodenzimmer, worin der alte Fritz als kleiner Junge abgemalt hangt, gegangen, und verlustiere sich dort eine halbe Stunde lang.
Das nachste Jahr gab uns der Vater die Sache zu schauen. Namlich, wir steckten uns mit ihm sacht hinter den grunen Vorhang im gelben Kommodenzimmer. Was geschieht? Wie die Glocke auf dem Schlossturm sechs schlagt, horen wir auf dem langen Rittergange, der zum Zimmer fuhrt, Ture nach Ture aufklappen, endlich springt auch die vom gelben Kommodenzimmer auf, und herein tritt der Herr, wie er leibt und lebt, steife Stiefeln, gekollerte Hosen, Montierung, dreieckichter Hut, Klebelocken, kurz alles und jedes. Setzt sich an das Fenster, was nach dem Garten sieht, macht sich eine Pfeife Tabak an, raucht, dass der Dampf davongeht, kuckt unterweilen in den Garten, klopft, wie die Pfeife zu Ende geraucht ist, dieselbige aus, dass wir nachmals noch die Asche auf dem Getafel gefunden haben, erhebt sich dann, geht still aus dem gelben Kommodenzimmer und so weiter, wo wir denn die Turen im langen Rittergange nacheinander wieder zuklappen horen. Das ganze gelbe Kommodenzimmer war voll Rauch, Varinas linker Hand oben, wir haben alle sieben, wir sechs Bruder und unser Vater, deutlich die Sorte gerochen.'
Als die Gebruder Piepmeyer diese Geschichte ihren Kameraden erzahlt hatten, erhob sich in der Wachtstube ein hitziger Streit; denn ..."
Aber der Freiherr konnte seine Geschichte nicht weiterfuhren, denn es erhob sich auch in dem Zimmer, worin die Gesellschaft versammelt war, ein heftiger Larmen. Bei dem Schulmeister Agesilaus brach namlich in diesem Augenblicke die Verzweiflung, in welche ihn die Erzahlungen des Freiherrn versetzt hatten, auf die gewaltsamste Weise aus. Er warf seinen groben und zerrissenen Mantelkragen ab, und rannte in der kurzen wollnen Jacke, die er unter demselben trug, mit den Gebarden eines Verlornen im Zimmer auf und nieder. "Nein, was zuviel ist, ist zuviel, und der menschlichen Geduld sind ihre Grenzen gesteckt!" rief er schluchzend aus. "Meine hochverehrten Gonner, ich bitte zehntausendmal wegen dieser meiner Unhoflichkeit um Vergebung, aber ich kann mir nicht helfen, ich muss mir Luft machen, sonst bin ich ruiniert mit Kind und Kindeskind! Munchhausens Lugen, Homoopathie, kurhessische Zopfe, saure Milch, Apapurincasiquinitschchiquisaqua, Mama Gans, Rhinozerosse, Verstorbne, Vizekonigs von Agypten, altfranzosische Manuskripte, Grisetten, Juchten, Rothschild, Varinas linker Hand oben wer dabei den Verstand behalten will, der muss einen weniger geordneten Kopf haben, als ich leider besitze. Herr von Munchhausen beginnen zu erzahlen, dann fangen wieder andere Personen an, in diesen Erzahlungen zu erzahlen; wenn man nicht schleunig Einhalt tut, so geraten wir wahrhaftig in eine wahre Untiefe des Erzahlens hinein, worin unser Verstand notwendig Schiffbruch leiden muss. Bei den Frauen, die mit Schachteln handeln, stecken oft vierundzwanzig ineinander, so kann es furwahr auch hier mit den Geschichten gehen, denn wer schutzt uns davor, dass alle sechs Gebruder Piepmeyer sich wieder von sechs Wachtkameraden sechs Geschichten vorplaudern lassen, und dass solchergestalt sich die historische Perspektive in das Unendliche verlangert? Herr von Munchhausen wollten uns das Wort der Wahrheit vertrauen, wodurch Ihr Ahnherr an dreihundert Menschen totete; statt dessen werden wir auf die Cordilleras und von da nach Afrika gehetzt, und jetzt sind wir wieder in Hessen-Kassel, und wissen nicht, warum wir da sind. Herr von Munchhausen, ich halte Sie fur einen grossen, wunderbar begabten Mann, aber ich bitte Sie um die einzige Gnade, erzahlen Sie etwas geordneter und schlichter. Sie wollen, wie ich vernehme, unsrem Herrn Baron langer die Ehre Ihres Besuchs schenken; es muss Ihnen daher selbst daran liegen, uns nicht schon in den ersten Tagen ausser Fassung zu setzen und geistig zu vernichten."
Nach dieser Rede entstand eine bedeutende Pause. Der Wirt sah verlegen, der Gast gross vor sich hin, das Fraulein warf einen Blick des Zorns auf den Schulmeister, einen Blick der begeistertsten Hingebung auf den Freiherrn. Der Schulmeister stand atmend in einer Ecke, und schien sehr angegriffen zu sein.
Zuerst redete der Freiherr wieder und sagte: "Dass ich so brusk unterbrochen worden bin, tut mir leid. Ich kann versichern, dass ich meinen Stoff beherrsche, und dass in meinen Geschichten, wie in meinem Geiste, alles zusammenhangt. Ich wurde Sie aus der hessischen Wachtstube wieder zu den Indianern auf der smaragdgrunen Bergebne ..."
"O die smaragdgrune Bergebne!" rief das Fraulein enthusiastisch.
" ... auf der smaragdgrunen Bergebne zuruckzufuhren imstande gewesen sein, und Sie wurden bald eingesehen haben, in welcher Verbindung die sechs verbundenen kurhessischen Zopfe mit dem Worte der Wahrheit stehen, durch welches mein Ahnherr an die dreihundert Menschen vom Leben zum Tode brachte. Freilich fur manche sind manche Kombinationen zu hoch."
"Jawohl!" rief das Fraulein scharf und bitter. "Kaviar ist nicht fur das Volk. Anders als sonst in Menschenkopfen malt sich in diesem Kopf die Welt."
Da sich keine behagliche Unterhaltung wieder machen wollte, sagte endlich der alte Baron, der dem Schulmeister eigentlich im stillen beistimmte: "Das Schlimmste ware nun, wenn wir Ihrer ferneren, so sehr interessanten Mitteilungen verlustig gingen, lieber Munchhausen."
"Mein Geist hat die Eigenheit", erwiderte dieser, "dass er, wie ein Raderwerk sofort stillesteht, wenn auch nur ein Zahn, nur ein Federchen gebrochen wird. Alles, was den Vorfallen in der Wachtstube zu Kassel folgte, die ganze Ideenverbindung zwischen diesen Ereignissen und meines Ahnherrn Worte der Wahrheit, von welchem ich ausging, ist nun fur immer verloren und bleibt Ihnen auf ewig verhullt; das einzige, was ich zusagen kann, besteht darin, dass ich die Geschichte von den sechs verbundenen Zopfen zu Ende erzahle. Dann muss ich, wenn Sie mich noch weiter horen mogen, auf andre Materien ubergehen."
Der alte Baron ruckte ihm freundlich naher, und flusterte ihm schmeichelnd ins Ohr: "Und bei diesen Materien haltet Ihr Euch mehr an der Stange, nicht wahr, trautestes Munchhausenchen? Ich bitte Euch nicht der Sache halber darum, die ist gewiss so am besten versorgt, wie Ihr sie gegriffen habt; es ist nur wegen unsrer schwachen Fahigkeiten, zu denen Ihr Euch herablassen musst, wenn wir durch Euch aufgeklart werden sollen."
"Ich will alles Fernere herunterzahlen, trocken wie die Zeitung", erwiderte der Freiherr. "Ubrigens kann ich versichern, dass ich mich nach den besten jetztlebenden Mustern gebildet habe, und meine Darstellung so einrichtete, wie die Autoren, welche das Zeitalter und die Nation gegenwartig entflammen und hinreissen, es mich gelehrt haben."
Vierzehntes Kapitel
Die angefangene historische Novelle kommt
glucklich, wenn auch auf unerwartete Weise zu Ende "Nach der Erzahlung der sechs Gebruder Piepmeyer entstand, wie ich sagte, in der Wachtstube zu Kassel ein grosser Streit. Einige Hessen wollten die Wahrheit derselben bezweifeln, und meinten, dass niemand bei lebendigem Leibe umgehn konne. Ein Skeptiker aus Witzenhausen sagte, kein Geist rauche Tabak, und noch viel weniger bleibe von seiner Pfeife Asche nach, das Ganze sei daher eine 'Einbildungskraft' der Gebruder Piepmeyer, wie er sich ausdruckte.
Dagegen sagten vier Gardisten aus Schaumburg, mit Potentaten verhielte es sich anders, als wie mit Partikuliers, die hatten etwas voraus, sie konnten uberall und doch nirgends sein. Zwei Ziegenhainer riefen: 'Wenn er da war und sich verlustieren wollte, so tat er rauchen, und wenn er rauchen tat, so tat Rauch und Asche darnach kommen.' Einer aus Hofgeismar drehte diese Satze um, und folgerte also: 'Weil Piepmeyers Asche finden taten, so hat er rauchen getan, und weil er rauchen getan hat, so hat er auf der Lowenburg sein getan.'
Es nahmen immer mehrere Wachtmannschaften an diesen Debatten teil, und der Larmen wuchs von Minute zu Minute. Da rief der kommandierende Fahnrich, ein junger Herr von Zinzerling, aus einer der ersten Familien des Landes, mit seiner hohen Diskantstimme in das Getose hinein: 'Ihr Sakramenter, in dreier Teufel Namen, rasoniert nicht weiter!' Jede Untersuchung horte demnachst auf, und alle Wachtmannschaften enthielten sich aus Subordination selbst der stillen Gedanken uber den Gegenstand.
Die Nacht hatte inzwischen den ersten Strahlen des Fruhlichts Raum gegeben, welche den Ofen und die Banke der Wachtstube mit gelbrotlichen Streifen saumten. Unvergleichlich war die Wirkung eines scharfen Schlaglichtes am oberen Zinnrande eines Bierkrugs, von welchem ein seltsamer, aber verstandner Reflex den Knopf des Feldwebelstocks traf, welcher daruber am dritten Haken hing. Uberall tiefe, satte Farbentone, klare, durchsichtige Schatten! Die Wachtstube schien keine wirkliche Wachtstube zu sein, sie war heute mehr, sie war eine gemalte.
Was Piepmeyers betrifft, so hatten sie ihre Postenstunden abgestanden, sie durften sich nun einem kurzen Schlafe uberlassen. Ruhig lagen sie nebeneinander auf der Pritsche und schnarchten. Hinter der Pritsche hingen ihre sechs Zopfe eintrachtig herunter, damit der Wachtfriseur dieselben auch wahrend ihres Schlummers neu einflechten konne. Um diese Zeit ereignete sich folgende wunderwurdige Begebenheit. Namlich der Wachtfriseur Isidor Hirsewenzel trat in die Wachstube." "Darin sehe ich denn eben kein grosses Wunder!" fuhr der alte Baron unwillkurlich heraus. "Alles in der Natur und in der Geschichte hangt zusammen", sagte der Freiherr mit Wurde. "Man hore mich ohne Unterbrechung an, das Wunder folgt dem kurhessischen Wachtfriseur Isidor Hirsewenzel auf der Ferse." "Dieser Isidor ist doch nicht ..." sagte das Fraulein schuchtern. "Der namliche Hirsewenzel, welcher seither die deutsche Buhne mit einer so unermesslichen Anzahl von Stucken bedacht hat", versetzte der Freiherr. "Unser Mann und Held, aus einem guten aber herabgekommenen Geschlechte in Olgendorf, einem Flekken in der Nahe der Luneburger Heide entsprossen, hat einen sonderbaren Lebenslauf gehabt. Dramatiker wurde er erst spat; von der Natur war er durchaus zum Lederhandler bestimmt. Der erste Laut, den sein kindlicher Mund von sich gab, klang wie: Leder! Kein Spielzeug von Holz oder Blech vergnugte den heranwachsenden Knaben, die muntre braun- und gelbbemalte Erbsenflinte war ihm ein Greuel, mit Abscheu stiess er das gefallig konstruierte grune Nurnberger Wagelchen, das schuldlose Weihnachtsschaf mit den sinnigen roten Lackaugen zuruck, dagegen begannen seine Blicke zu leuchten, wenn er der Peitsche ansichtig wurde, und der funfgeflochtenen Schnur, wenn er das lederuberzogene Hottpferd besteigen durfte, wenn man ihm die kleine Scherzpatrontasche umhing. Spater war er oft halbe Tage lang aus der vaterlichen Wohnung verschwunden, und wo fand man ihn wieder? In irgendeiner der Gerbereien, welche dem Stadtchen die Hauptnahrung gaben. Ja, einmal war er, kecken Jugendmutes voll, selbst in eine Lohgrube gesprungen, um zu versuchen, ob er nicht noch lebend seine Haut in den so heiss verehrten Zustand bringen mochte; leider zog man ihn zu fruh heraus, als die Ledrifikation erst halb vor sich gegangen war. Unentwickelt blieb demnach der hohere Zustand seiner Bedeckungen, indessen wollten die Kundigen versichern, er habe nach jenem Versuche denn doch immerdar ein dickes Fell behalten.
O ihr Vater und Erzieher, die ihr die heilige Aufgabe habt, die Keime der euch anvertrauten Pflanzen in die Blute zu fordern, hieher tretet, und lernt an einem furchtbaren Beispiele vor den Folgen schaudern, wenn ihr die Stimme der Natur missachtet, und die Gerte, welche rechts hinaus wachsen will, links hinuber zwingt. Nicht allein macht ihr den Baum zum brandigen Kruppel, nein! er wird auch seine Nebenstamme anstecken, das Ungeziefer, welches die krankende Krone ausbrutet, wird die Verwustung viel weiter tragen, als ihr ahnen und berechnen konnt!
Isidor Hirsewenzel von Olgendorf hatte fur Deutschland ein Lederhandler werden konnen, wie wir ihn noch nicht besessen haben. Moglich, dass in der Tiefe seiner Seele Gedanken schlummerten, wodurch der Dampf vom Throne des neunzehnten Jahrhunderts gestossen, und die gegerbte Haut zur Weltbeherrscherin erhoben worden ware! Aber der Vater verstand den Sohn nicht. Er verstand nicht die zukunftschwangern Regungen des Geistes, der uber Balgen, uber Alaun und Lohbereitung, uber Samisch- und Kalkgerberei erfindungengebarend brutete. 'Du bist ein Narr, Dorus', sagte der harte Vater zu ihm, 'Leder kann aus der Mode kommen, die Menschenliebe ist so hoch gestiegen, dass sie sich unversehens auf das Vieh werfen kann; woher aber soll Leder kommen, wenn jeder Hund und Ochs unser Bruder, jedes Schaf unsre Schwester wird und wir des verwandtschaftlichen Lebens schonen? Du also wirst das werden, mein Sohn, wozu ich dich bestimmt habe.'
Isidor weinte, verzweifelte, aber seine Tranen und Seufzer verfingen gegen den eisenfesten Vater nichts; Isidor musste Peruckenmacher werden. Das heisst: Vor der Welt wurde er simpler Friseur, in der Stille aber errichtete er zu seiner Trostung, um seinem Triebe zum Kompakten zu folgen, um sich durch das zerstreute Haar, durch die charakterschwache Pomade, durch den gesinnungslosen Puder dem Zahen, Ledernen wenigstens anzunahern, jene wunderbaren Haargebilde, welche die Welt langst uber Schwedenkopf und Naturscheitel vergessen zu haben schien.
Ich will kurz sein. Sowie der alte Hessenfurst zuruckgekehrt war, entstand uber seinen Wunsch, oder vielmehr Befehl, die grosste Verlegenheit. Die Novella I. de capillis pudrandis zopfificandisque war erlassen, aber es ging mit dieser, wie mit so mancher Institution, sie hatte ihr Dasein vorlaufig nur auf dem Papiere, und das war die Hauptfrage: Konnte der Zopf eine Wahrheit werden? Denn man wusste niemand, der jene Haarformationen der Urwelt noch zu bereiten verstand. Der alte Herr besass zwar seinen in diesen Dingen ergrauten Kunstler, allein es widersprach der Rangordnung und Etikette durchaus, dass dieselbe Hand, welche um die Majestat beschaftigt war, sich gemeinen Kopfen widmen solle.
In dieser Not und Bedrangnis sprang unser Meister aus seinem Puderdunste, wie Aneas aus der Wolke. Er verstand zu frisieren, Toupets einzusalben und aufzusteifen, Zopfe von allen Langen- und Dickenmassen zu flechten. Er wurde prasentiert, tentiert, approbiert, placiert. Der Staat konnte hiemit fur organisiert erachtet werden."
"Nun also, dieser Mann betrat die Wachtstube ..." sagte das Fraulein, welche bei aller Begeisterung fur den Erzahler sich doch nach einem rascheren Fortschritte der Geschichte sehnte.
"Noch nicht, meine Gnadige", versetzte Munchhausen kalt, "so weit sind wir noch nicht. Die historische Darstellung erheischt langsame Entfaltung; auf den Landstrassen sind Eilwagen eingefuhrt, aber, Sie wissen es ja selbst, unsre Romanciers fahren in ihren Geschichten noch mit der sachsischen gelben Kutsche, welche sich ehemals zwischen Leipzig und Dresden bewegte, und zur Vollendung dieser Reise drei Tage gebrauchte, vorausgesetzt namlich, dass der Weg gut war.
In unsrem Isidor war wahrend seiner Lehrjahre eine grosse psychische Revolution vorgegangen. Man sah ihn einsam durch die Walder streifen, er floh der Bruder wilde Reihn, aber ach! das Schonste suchte er nicht auf den Fluren, womit er seine Liebe schmuckt'! Die Liebe erstarb in diesem Busen, eine sinistre Falte des Unmuts lagerte sich auf der denkenden Stirn, Entschlusse reiften in ihm, die zum Schrecken des Geschlechts finstre Taten wurden. Haarscherer durch Bestimmung, dem inneren Berufe nach Lederhandler, Peruckenmacher aus Resignation, wurde er Tragiker aus Menschenhass, dem leider die Reue bis jetzt nicht gefolgt ist. Ja, meine Freunde, alle jene Trauerspiele, worin entweder der Held die Stiefeln seines Bruders zu putzen hat, die Geliebte aber ihn auf jene Welt vertrostet, in welcher er nicht mehr nach Wichse riechen wird, oder worin der Landrat Friedrich Barbarossa seine Dienstleiden erzahlt, der Steuerexekutor Heinrich der Sechste sich mit Beitreibung der Gefallereste plagt, oder der biedre, aufgeklarte Pastor Friedrich der Zweite aus Gielsdorf wegen Rationalismus verdammte Scherereien mit dem Lyoner Konsistorium hat, die stuhlsetzenden Kammerlinge jedoch, also die Abraumer, eigentlich die einzigen handelnden Personen sind, ja, meine Freunde, alles das, und o Gott! wie unendlich viel mehr hat nur die Misanthropie Hirsewenzels geboren. Wir waren damit verschont geblieben, wenn er seinem wahren Berufe hatte folgen durfen."
"Konnte man denn nicht noch jetzt dem Fortschritte des Unheils Einhalt tun?" fragte das Fraulein, sonderbar verlegen.
"O, meine Gnadige!" rief Munchhausen begeistert; "es bleibt doch ewig wahr, das Wort unsres Schiller: 'Was kein Verstand der Verstandigen sieht, das ubet in Einfalt ein kindlich Gemut!' Sie haben da in Ihrer Einfalt einen grossen Gedanken gefunden. Ja, wir wollen, da gegenwartig auf so vieles subskribiert wird, eine Subskription durch ganz Deutschland eroffnen, zu dem Ende, mit vereinten Nationalkraften fur Hirsewenzel eine Gerberei in Schlesien unter den Wasserpolacken anzupachten, ihm so einen heitern Abend des Lebens zu schaffen, die Buhne aber von ihm zu befrein. Ich bin uberzeugt, selbst unsre Fursten, denen ja Poesie und Literatur so sehr am Herzen liegen, geben etwas dazu, einen Gulden oder einen Taler, je nachdem sie uber Gulden- oder Talerland herrschen. Doch fur jetzt nur weiter in meinem Texte.
Als in Isidor der Gedanke an sein verfehltes Dasein einmal recht zum Durchbruch gekommen war, da rief er aus: 'Weil ihr mich im Leben nicht habt zum Leder kommen lassen, so will ich euch, da ich euch leider nicht ans Leben selbst kommen kann, wenigstens das Bild des Lebens, die Buhne ruinieren.
... Die Welt
Ist noch auf einen Abend mein. Ich will
Ihn nutzen, diesen Abend, dass nach mir
Kein Pflanzer mehr in zehen Menschenaltern
Auf dieser Brandstatt ernten soll.
Meine Vorganger im Geschaft, Iffland und Kotzebue, machten die Misere zu Helden; ich will die Sache umkehren, und Helden zu miserabeln Personen machen. Mullner wirkte durch Schuld und Blut, Houwald durch alte Camillen und Bilder, die an den Galgen gehoren, ich will durch Langeweile wirken. Ich will die Langeweile zur dramatischen Dynamis erheben, der Sandmann in den Augen der Helden soll meine Katastrophen bewirken. Meine Helden sollen lieber sterben, oder sonst ein Ungluck erleben, als dass sie noch langer meine Redensarten abhaspeln. Ich will euch ein Stuck schreiben, namens 'Konig Enzian', ein Stuck, dessen Perspektive nicht der Stern der Hoffnung uber dem Grabe, nicht die Nacht des Tartarus unter den Fussen des hinsinkenden Frevlers, nicht die reinliche Entsagung der Wuste oder des Klosters sein soll, sondern eine Chambre garnie im Felsen bei Zwielicht, oben mit einem Deckel versehen, worin der gahnende Mietsmann mit seiner gahnenden Geliebten bei hinlanglichem Essen und Trinken nichts zu tun hat, als Kinder zeugen, die bei der Geburt, anstatt zu schrein, auch schon gahnen. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, es wird eine Krankheit uber unsern Weltteil heraufziehn, geheissen die Cholera. Hin und her werden die Arzte raten, woher das Miasma gekommen, welches die Seuche fortleitete, und man soll nicht erraten, dass es aus der Grube aufstieg, in welche ich den Konig Enzian verspundete. Wehe uber dich Sand-Jerusalem, die du die Juden begunstigest, und kreuzigest immerdar die Propheten; du sollst zweimal die Cholera kriegen, weil du meinen 'Enzian' so oft wirst haben spielen lassen! Ich will einundzwanzig Millionen dreihunderttausend und einen halben Vers, folglich einen halben Vers mehr machen als Lope de Vega; alle sollen parallel nebeneinanderherlaufen, wie die lombardischen Pappeln zu beiden Seiten der Chausee von Halle nach Magdeburg, und dieses Wunder soll nur von dem Wunder der Kuhnheit ubertroffen werden, womit ich versichern will, dass ich nie einen unschonen Vers verfertigtet habe. Nicht durch Fehler und Ausschweifungen will ich die Bretter reizen; nein, ich will das Theater nivellieren, entnerven und abmergeln. Es soll aus meiner Feder nichts kommen, was selbst der Zensur von China verdachtig werden konnte, ich will ein vollig etatsmassiger Poet werden, gleichwohl aber will ich von mir behaupten, ich sei durch grosse Geschichtsepochen, die von keinem Etat etwas wussten, zu Tranen der Ruhrung hingerissen worden, denn Klingeln gehort zum Handwerk. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, es wird die Zeit kommen, da die Schauspieler meine Rollen im Schlaf abspielen, das Auditorium schlaft, und der Kritiker Gottsched am folgenden Tage wahrend seines Nachmittagsschlafchens eine Rezension in die velinpapiernen Blatter stiftet, worin er sagt, das neuste geniale Werk aus meiner unermudlichen Feder habe das Publikum zum Enthusiasmus hingerissen. Mit einem Worte: Ich will Ich sein, und nur mir selber gleich!'
Wie Isidor Wort gehalten hat, das wissen die blasierten Hofrate, Justizrate, Geheimen Sekretarien und Papierjuden von Sand-Jerusalem, aus welchen gegenwartig das dortige Theaterpublikum allein noch besteht. Kein Madchen schleicht sich mit einem Bande seiner dramatischen Werke, ernster oder komischer Gattung' (ich weiss nicht, warum er den bezeichnenden Ausdruck: Sorte, verschmaht hat?) fruhmorgens oder gegen Abend in die duftende Fliederlaube hinten im Garten, wo das gelbe Nasturtium bluht, und der Convolvulus auf seinen Ranken den Falter wiegt und den goldgrun glanzenden Kafer, und liest sich an seinen Sachen heimlich-gluhend in die Bekanntschaft mit ihrem pochenden Herzchen hinein; kein Student, der droben auf dem Weinberge am Flusse von seinem Jugendbruder Abschied nimmt, und mit ihm das Stammbuchblatt wechselt, schreibt einen Vers von Isidor hinein, keinen Kunstler haben seine sogenannten Gestalten zu einem Bilde entzundet. Wer um sechs Uhr abends noch eine Spur von Stimmung in seiner Seele fuhlt, ja, wer auch nur die Aussicht auf einen Robber Whist hat, der meidet das Haus, worin Isidor seine dramatische Suppenanstalt fur Arme errichtet hat, und den Gottsched befriedigt, und die Blasierten von Jerusalem abfuttert. Es ist ihm gelungen, seine damonische Drohung in Erfullung zu setzen. Ja, sie dreschen nunmehr das dreimal gedroschne leere Stroh und worfeln die Spreu, die nicht einmal der Gastwirt Angely seinen vierfussigen Gasten vorgesetzt hatte. Die Buhne kam nach dem etwas derben Ausdrucke der Jugend durch Isidor auf den Hund. Er, er hat es verstanden, wie man die Deutschen behandeln soll. Denn nicht durch Blitze des Genius ist diese sogenannte Nation zu entzunden wie kann man nasse Wolle in Brand stecken? sondern man muss immerfort dasselbe tun, es mag ausfallen, wie es will; dann sagen sie: 'Der muss es doch verstehn'. Es ist ihnen uberhaupt nur daran gelegen, dass das Inventarium in allen literarischen Wirtschaftsrubriken vollstandig sei; denn sie sind gute Haushalter. Sie wurden, wenn Hirsewenzel sich nicht gefunden hatte, auch einen zweiten Cronegk, oder Gellert oder Weisse wieder aufgenommen haben. Isidor, hundertmal abends kritisch totgeschlagen, feierte am andern Morgen seine Auferstehung mit drei neuen mittelmassigen Stucken, die wie ein Echo die ihm vorgeruckten Albernheiten wiederholten. Die Leute aber sagten: 'Der versteht es, so muss man es machen.' Selbst der Heroismus erlahmte endlich an dieser Beharrlichkeit der Industrie; man liess die Fabrik zuletzt spulen und schnurren, ohne ferner Eingriffe in ihre tranduftigen Rader zu versuchen. Aber in die Walhalla kommt er doch nicht, wenn sie fertig wird und ihre Bestimmung behalt, und nicht mit der Zeit vielleicht in ein Brauhaus verwandelt wird. Der Graf von Platen kommt hinein, und der gehort auch hinein, trotz aller seiner Torheiten und Missgriffe, aber Hirsewenzel kommt nicht hinein und schriebe er auch noch einundzwanzig Millionen Verse mehr. Doch ist es freilich noch ungewiss, ob er uberhaupt sterben, und ob nicht vielmehr der Tod jedesmal einnicken wird, so oft er ihn sieht.
Nun, Gott bessre das deutsche Theater!
Melpomene sitzt, von der Szene verscheucht, unten im Keller, da wo die Arbeitsleute an den Versenkungen und Verwandlungen hantieren, der Dolch ist ihrer entkrafteten Hand entfallen und rostet im Moder, im Moder liegt die Maske, welche die gemeinen menschlichen Zuge verschonernd bedecken soll; Schimmel uberzieht dieselbe, und einer der Theaterarbeiter hat ihr die Nase platt getreten. Droben aber uber ihrem Haupte, auf dem Podium, scharrwerkt der larmende Emporkommling mit seinen breitgeruhrten und doch holzern gebliebenen Jamben. Ach, die Arme! Nicht einmal weinen kann sie mehr. Isidor hat sie mit dem Stockschnupfen angesteckt, und verlangt nun grausam spottend von ihr, sie solle Makuba schnupfen lernen, dadurch helfe er sich in allen Noten.
Das alles ist weltbekannt. Nicht so bekannt ist aber der Umstand, dass der Tragode alle die Stucke, die seitdem wie ein nie versiegender Spulicht zwischen den Kulissen hervorgebrodelt sind, bereits wahrend seiner Beschaftigung mit Zopfen und Frisuren in mussigen Nebenstunden verfertigte. Ja, meine Freunde, er hat sie samtlich auf den Vorrat gearbeitet; die Manuskripte lagen in seinem Haaratelier geordnet zwischen den ubrigen Fabrikaten und Sachen, ungefahr so: ein Zopf, 'Die Erdennacht', eine Perucke; 'Genoveva', Pomade; 'Rafaele', der Puderbeutel; 'Die Schule des Lebens', und so weiter. Daher es ihm leicht war, hernachmals den Markt von Sand-Jerusalem mit seiner Ware zu uberfuhren.
Doch meine Farben reichen bei diesem Bilde nicht aus und mein Pinsel ist zu stumpf; ich fuhle das wohl. Solche tiefsinnige asthetisch-poetische Seelenentwikkelungsgemalde abzuwickeln, dass sie jedem so klar werden, wie baumwollnes Garn, musste ich Hotho sein, der in den 'Vorstudien des Lebens und der Kunst' an seiner eignen Geschichte 'aufgewiesen' hat, dass man den 'Don Ramiro' schreiben, an den asthetischen Artikeln der 'Jahrbucher fur wissenschaftliche Kritik, herausgegeben von der Sozietat fur wissenschaftliche Kritik', mitarbeiten, und dennoch sich wichtig vorkommen kann.
Man sang vorzeiten, als Don Ramiro zur Welt gebracht wurde:
Don Ramiro, Don Ramiro!
Langes Leben spinn' dir Klotho!
Ruhmen werden dich die Weisen,
Und dich lesen wird Herr Hotho.
Ich ahme diesem Volksliede nach und singe:
Don Ramiro, Grand zu Hotho,
Du allein, du konntest schildern
Hirsewenzels trag'sches Werden
Dir gemass mit Hegels Bildern.
Isidor naherte sich den sechs Gebrudern Piepmeyer mit Kamm und Nadel bewaffnet. Er kniete nieder, losete die Bander, welche die sechs Haarwuchse fesselten, so dass sie in sechs Fluten von sechs Nacken herniederwallten, und nachdem er mit seinem Gerate in diesem Sechsgelock Ordnung gestiftet hatte, ging er daran, zu strahlen und zu flechten.
In diesem Augenblicke empfing er in seiner melancholischhumoristischen Weltanschauung die Gestalt des Till.
Sie erinnern sich gewiss dieser wundersamen Figur, mit welcher unser damaliger Wachtfriseur, nunmehriger Dichter, so vielen genialen Spass auszurichten sich bemuht hat. Meistens hat der Till es mit einem Barbierer, namens Schelle, er verschmaht aber auch Ratinnen und Polizeidirektoren nicht, nein! es ist zum Totlachen, was fur Spasse der Till angibt, der durchtriebne Vogel, der Till ... und wenn ich an den Till denke, und an Till und Schelle, und Schelle und Till ... und an Teil und Schille ... und an alle die Spasse von dem Till, so so " Der Freiherr brach bei der lebhaften Erinnerung an Tills Spasse in ein konvulsivisches Lachen aus, welches so klang, als wenn holzerne Klotzchen in einer Buchse von Blech hin und her geschuttelt werden. Der alte Baron klopfte ihm den Nacken, Munchhausen erholte sich wieder und fuhr fort:
" ... so kann ich nur bedauern, dass die 'Meerrettiche', die der Dichter auch in sechs Paar Trilogien auf seinem Krautfelde ziehen wollte, nicht fertig geworden sind. Doch vielleicht kommen sie noch nach, denn bei Hirsewenzel ist nichts unmoglich. Bis nun der Meerrettich zum Rindfleisch abgesotten sein wird, mussen wir uns mit dem Till behelfen, dem ich wohl eine Petersilie wunschen mochte, das gabe eine Mariage von Kuchenkrautern, woruber jeder Kochin das Herz im Leibe poppern wurde.
Ich habe immer, wenn ich die Tille sah, an einen Menschen denken mussen, den ich einmal in einem Dorfe zwischen Juterbog und Treuenbrietzen, mich dunkt, es hiess Knippelsdorf, oder so ungefahr, kennenlernte. Die Gegend um Knippelsdorf ist etwas unfruchtbar, nur bei grossen Uberschwemmungen werden die Felder grun, dann gibt es grosse Festlichkeiten, wobei sich die Leute in Grutze satt essen. Aber hubsche Kiefern haben sie da, und Windhafer, soviel ihr Herz begehrt. Die Achse war mir am Wagen gebrochen; ich musste ein paar Stunden im Kruge sitzen, bis der Stellmacher sie, namlich die Achse, repariert hatte. Dieser Aufenthalt zeigte mir 'Knippelsdorfer Zustande'. Es war neun Uhr morgens und ein schoner heisser Julius, indessen schien der Tag durch die runden Fenster der Krugstube nicht absonderlich hell, sie waren gar zu verschmaucht. In der Stube gingen die Huhner spazieren, uneigennutzig, denn zu essen gab es da nichts, wie ich erfuhr, als ich nachfragte. Zu trinken konnte ich bekommen, wenn ich bis zum folgenden Tage bleiben wollte, da wurden sie Dunnbier von Zahne holen, sagten sie. Es roch abscheulich in der Stube, aber auf Reinlichkeit hielten sie doch, denn eine Magd im Neglige mit fliegendem Haar wischte gehorig den langen Tisch ab, und nachher mit demselben Tuche die irdenen Teller. Eine Anzahl von Fliegen summte in der Stube, und die schlug ein hohnischer, blasser, verdrossen-schlafriger Mensch tot, derselbe eben, an den ich mich nachmals immer bei den Tillen erinnerte. Er trug eine Nachtmutze schief uberm Ohr, den tonernen Stummel hatte er im Munde, in herabgetretenen Pantoffeln schlorrte er auf und nieder. So oft er eine Fliege mit der Klatsche erlegt hatte, verzog er die schlaffen Lippen zu einem unangenehmen Lacheln und machte einen Spass uber die tote Fliege. Man konnte sich darauf verlassen, auf jede tote Fliege kam ein Spass; ich habe sie aber samtlich vergessen. Die Magd lachte nicht daruber, ich konnte auch nicht daruber lachen. Sie sagte mir, als ich mich nach ihm erkundigte, er sei der jungere Bruder des Krugwirtes und habe nicht gut tun wollen, deshalb musse er jetzt das Gnadenbrot essen. Seine einzige Beschaftigung sei, sich uber die Fliegen aufzuhalten, die er totgeschlagen habe.
Der Till also ging dem Hirsewenzel, wie gesagt, auf, als er die sechs Zopfe der Gebruder Piepmeyer einflechten wollte. 'Halt', dachte er, 'hier kannst du sofort fur diesen komischen Heros die Studien nach dem Leben machen. Lass uns eine Verwickelung bilden, die an grenzenloser Lustigkeit und kuhner Laune alles hinter sich lasst, was Shakespeare, Holberg und Moliere ersonnen haben. Ich werde die Zopfe der Piepmeyers unentwirrbar zusammenflechten, und wenn sie dann aufstehn, und nicht voneinander konnen, und bei dem Ziehen und Zerren unter Schmerzen Gesichter schneiden, o welche Fulle von komischen Anschauungen werde ich dann haben, ich sehe schon ganze Dutzende von Tilliaden fertig.' Gesagt, getan; er flocht Peter mit Romeo, Romeo mit Christian, Christian mit Guido, Guido mit Ferdinand, Ferdinand mit Heinrich, Heinrich mit Karl zusammen, so dass vier Piepmeyers, ein jeder doppelseitig, linker und rechter Flugel aber einseitig gefesselt waren. Als Isidor sein Werk vollbracht hatte, steckte er sich hinter den Wachtofen, um die Wirkung dieser Intrige zu beobachten.
Ruhig schliefen die Opfer Hirsewenzelscher Komik, traumten von Brot und Fleisch und doppeltem Traktament und hatten kein Arg. Als nun der Tag hoher zu steigen begann, und die Strahlen der Sonne den Ordensstern an der Bildsaule Landgraf Friedrichs des Zweiten auf dem Platze vor dem Schlosse vergoldeten, mit einem Worte, als es sechs geschlagen hatte, trat der Feldwebel zu der Piepmeyerschen Pritschabteilung, um die Farbenstriche uber den Nasen der Bruder aus seinem Vorrate zu erneuen, denn die ganze Strenge des Dienstes sollte nun bald wieder beginnen. Als er indessen einen Blick uber die Pritsche hinaus in ihr Jenseits tat, und die seltsame Verflechtung der bruderlichen Hinterhaupthaare wahrnahm, da entsank ihm vor Erstaunen der aufgehobene Malerpinsel und er starrte die Erscheinung einige Sekunden lang lautlos an. In der Tat war diese auch verwunderlich genug anzuschaun; Piepmeyers sahen von hinten aus wie ein kurhessischer Garderattenkonig.
Indessen kommt ein Feldwebel immer bald wieder zu sich selber. Auch der unsrige gewann nach kurzer Ratlosigkeit seine ganze Fassung sich zuruck, und fuhr die Verbundeten mit den wackern Worten an: 'Kerls! Euch soll ja ein Kreuzsternschockmilliondonnerwetter sechstausend Klafter tief unter den Winterkasten in die Erde schlagen!'
Von diesem biedern Zurufe des tuchtigen Manns fuhren Piepmeyers gleichzeitig aus dem Schlummer auf, und wollten sich gleichzeitig erheben. Da ihnen aber dies Schmerzen verursachte, so sanken sie zuruck, tasteten gleichzeitig nach ihren Zopfen, entdeckten die Ursache der Schmerzen und sagten gleichzeitig wie aus einem Munde, kalten Blutes: 'Herr Feldwebel, es muss sich, derweil wir schliefen, ein dummer Junge in die Wacht geschlichen und einen Jux mit uns verubt haben.' 'Auf Ehre, so ist es', sprach der Fahnrich von Zinzerling, der herzugetreten war. 'Feldwebel, machen Sie den einen Mann los, und der kann wieder seinen Brudern helfen. Wo bleibt der Schelm, der Hirsewenzel?'
Der Feldwebel loste Karl Piepmeyer von Heinrich Piepmeyer ab, Karl trennte demnachst Heinrich von Ferdinand, Heinrich schied Ferdinand von Guido, Ferdinand dismembrierte Guido und Christian, Guido setzte Christian mit Romeo auseinander, Christian endlich stellte den Dualismus zwischen Romeo und Peter her. Nachdem die sechs Bruder solchergestalt wieder in das Fursichsein getreten waren, vollendeten sie ihre reale Existenz durch wechselseitige Herstellung von sechs schlechthin gesonderten Zopfindividualitaten. Hiemit hatte das Ereignis seinen Kreis absolut mit Inhalt erfullt, war der Begriff des Vorfalls zum Von-Sich-Wissen gekommen, oder deutlicher zu reden, das Ding hatte nun ein Ende. Denn dem Feldwebel, welcher sich an den Fahnrich mit der Frage, ob der Vorfall gemeldet werden solle? wendete, erwiderte von Zinzerling gedankenvoll: 'Nein! Wir leben in bewegten Zeiten, und wollen die Garung nicht fortleiten. Der dient den Konigen nicht, der ihrem Argwohn dient. Die Sache bleibt ungemeldet, und ich nehme die Verantwortung auf mich'.
Wie Hirsewenzel unbemerkt hinter dem Ofen entkommen, ist Wachtgeheimnis geblieben."
Funfzehntes Kapitel
Zwei Zuhorer sind in ihren Erwartungen so getauscht, wie die Leser, der dritte Zuhorer fuhlt sich dagegen hochst befriedigt. Der Freiherr teilt einige durftige
Familiennachrichten mit
Der Schulmeister Agesilaus hatte schon wahrend des letzten Teils dieser Erzahlung deutliche Zeichen hergestellter Zufriedenheit von sich gegeben. Vergnugt hatte er seine Hande gerieben, sich auf dem Stuhle hin und her gewiegt, ein Hm! Hm! Ja! Ja! So! So! Ei! Ei! dazwischengeworfen, und den Freiherrn mit einer Schalkhaftigkeit angesehen, welche eine Schattierung von Tiefsinn durchschimmern liess. Nachdem nun Munchhausen zu Ende gekommen war, sprang der Schulmeister auf, lief zu dem Erzahler, schuttelte ihm die Hand, und rief: "Verzeihung, mein hochzuverehrender Gonner, dass ich die Standesunterschiede nicht achte, und Ihnen so geradezu mich nahere, aber wie Not kein Gebot hat, so achtet die Begeisterung keiner Schranke. Erlauben Sie mir, Ihnen auszusprechen, wie mich Ihre diesmalige Diatribe, in die Form einer historischen Novelle gegossen, erquickt hat. So fahren Sie fort, dann sind Sie des Dankes aller Edeln gewiss. Endlich doch einmal Nahrung fur Geist und Herz!"
"Ich verstehe Sie nicht", versetzte ernsthaft der Freiherr.
"Oh! Oh! Oh! aber ich verstehe Sie, mein Hochgeschatzter", rief der Schulmeister. "Ja, ja, Erleuchteter, das kommt bei den Ubertreibungen heraus! Das haben wir davon, dass wir alles auf die Spitze stellen, von allem und jeglichem das Hochste, Uberschwenglichste begehren! Nicht wahr, mein Verehrtester, Sie wollten mit Ihrer anscheinlichen Ironie gegen jenen so oft verkannten und angefeindeten Mann sagen: Seht, zu solchen masslosen Extravaganzen gelangt man, so uberspringt der Spott sich selbst, so fallen die starksten Hiebe, wenn Leidenschaft sie fuhrt, immer uber den zu Hauenden hinaus in das Leere, und darum lernt euch begnugen, ihr Leute, mit dem Vorhandenen, geht zwischen Hass und Enthusiasmus die Mittelstrasse, die von den Weisen aller Zeiten immer die goldne genannt wurde! Diese und ahnliche Lehren wollten Sie durch Ihren ausschweifenden Angriff einscharfen, wenn ich sonst, nicht oberflachlich an der Oberflache Ihrer Reden haftend, deren inneren Sinn richtig aufgefasst habe."
Auf diese Anrede erwartete der Schulmeister etwas Schmeichelhaftes. Der Freiherr sah ihn jedoch nur mit weitgeoffneten Augen starr an, und sagte nach einem langen Schweigen nichts, als: "Herr Professor, Sie sollten uns doch auch noch einen Kommentar uber den 'Faust' schreiben." Dann wandte er ihm den Rucken und suchte die Blicke des Frauleins auf, die ihn aber mieden.
Diese liebte eigentlich im stillen den Helden der Novelle, weshalb ihr auch der Vorschlag, seiner unerschrocknen Wirksamkeit ein Ziel zu setzen, nicht vom Herzen gekommen war. Sie pflegte sich in ihren erregtesten Stunden seine lombardischen Chausseepappelverse zu ihrer Aufrichtung laut vorzusagen. Nun hatte sie jedoch auch, wie alle Damen, eine unglaubliche Furcht vor dem Lacherlichen, und da sie denn doch wahrend Munchhausens Erzahlung sich mit ihrem Lieblinge in dieser Beleuchtung zu einer Gruppe vereinigt sah, so fuhlte sie sich in ihrem Bewusstsein vollig vernichtet, und rang vergebens nach einem Anker fur ihre ratlose Seele. Zugleich aber angstigte sie das Schweigen, welches nach den Verhandlungen zwischen dem Freiherrn und dem Schulmeister in der Gesellschaft entstanden war, und nicht weichen wollte. Denn ihr Vater schnitzte, wie er zu tun pflegte, wenn er ganzlich verstimmt war, mit seinem Federmesser Einkerbungen in den schlechten holzernen Tisch, um welchen alle sassen, und murrte nur halblaut vor sich hin: "Der Schulmeister schnappt noch gar uber! Es war ja die pure, blanke Gottessatire auf den Hirseschwenzel, oder Schmirsehenzel, oder wie der Mensch sonst heissen mag! Denn Dichterei und Romanenwesen ist meine Sache nicht, sondern Naturund Volkerkunde."
Der Schulmeister aber sass schweigend und zornrot da. Er hatte zwar Munchhausens Antwort nicht eben ganz verstanden, fuhlte jedoch, dass darin ein Stich liegen musse. In diesem Punkte war nun nicht mit ihm zu scherzen, denn seine Eitelkeit war nur seiner unbegrenzten Vorliebe fur die Sitten der alten Sparter gleich.
Wer hat nicht einmal die Last solcher Windstillen in der Gesellschaft erfahren? Die gesamte Sozietat sitzt wie eine Flotte, die sich auf dem unbewegten Meeresspiegel nicht zu ruhren vermag. Schlaff hangen die Segel herab, verzweiflungsvoll schaun alle Blicke nach ihnen hinauf, ob nicht ein frisches Luftchen sie endlich schwellen wolle. Umsonst! Das ist, als ob ein Rad in der Schopfung gebrochen, und die ganze Maschine mit Sonne, Mond und Fixsternen in Stockung geraten sei. So sucht eine in Windstille versetzte Gesellschaft auch verzweiflungsvoll nach einem Gedanken, nach einer Vorstellung, ja nur nach einer Redensart, um sie in die Segel der Konversation zu hauchen; vergebens! Nichts will uber die Lippen, nichts horbaren Laut gewinnen. Der Mythus sagt, in solchen Zeiten fliege ein Engel durch das Zimmer, aber nach der Lange derartiger Pausen zu urteilen, mussen zuweilen auch Engel diese Flugubungen anstellen, deren Gefieder aus der Ubung gekommen ist. Endlich pflegt einer sich zum Opfer fur das Gemeinwesen darzubringen, er fahrt mit einer ungeheuren Dummheit heraus, und damit ist der Zauber geloset, das Band der Zungen entfesselt; die Ruder klatschen, die Segel sausen, der Kiel schwirrt lustig durch das Meer von Kunst, Stadtneuigkeiten, Politik, Krankheits- und Gesundheitsumstanden, Religion und Karnevalsballen.
Nachdem das Schweigen in der Gesellschaft, von welcher hier die Rede ist, etliche Minuten gedauert hatte, und die verschiednen Affekte der Schweigenden in die heisse Sehnsucht, ein menschliches Wort zu vernehmen, ubergegangen waren, sagte das Fraulein zu Munchhausen plotzlich, wie von einem guten Geiste erleuchtet: "Es pflegt doch immer im Sommer schoneres Wetter zu sein, als im Winter."
Nach dieser Explosion atmeten alle frei auf und fuhlten sich von dem Zauber erloset, der uber ihnen gelastet zu haben schien, nachdem von unsrem Nationaltragoden so viel die Rede gewesen war. Munchhausen aber kusste dem Fraulein die Hand und versetzte: "Sie haben da eine tiefsinnige Wahrheit ausgesprochen, meine Gnadigste, und ich kenne ausser Ihnen nur noch eine Dame, welche diese grossartige Naturbetrachtung fest im schonen Gemute ergriffen hat, und sie einem Dichter zu aussern pflegt, jederzeit, wo er das Gluck hat, ihr zu nahn. Vergebens, dass der Dichter manches ausgehen liess, was der Welt nicht unbekannt blieb, dass man uberhaupt mit ihm von allem und jedem sprechen kann, weil er so ziemlich fur alles und jedes sich interessiert, und uber die Dinge, von denen er nichts versteht, gern Belehrung empfangt vergebens alles dieses, sage ich die Dame aussert, so oft er das Gluck hat, ihr zu nahen, nur ihre Uberzeugung, dass im Sommer das Wetter schoner zu sein pflege, als im Winter."
"Unmoglich!" rief der alte Baron.
"Vielleicht unmoglich, aber gewiss wahr", versetzte Munchhausen. "Der Dichter ist mein Freund und hat mir die Tatsache bei seinem Ehrenworte beteuert" Munchhausen fuhr heiter fort: "Ich wollte Ihnen einige kurze Nachrichten uber meine Familie geben; hier sind sie. Der sogenannte Lugenmunchhausen ist mein Grossvater, wenn unser Stammbaum in Bodenwerder recht hat. Adolf Schrodter in Dusseldorf hat ihn jungst gemalt, wie er unter Jagern und Pachtern sein Pfeifchen schmaucht, und diesen Leuten seine Geschichten erzahlt. Ein dicker Mann sitzt ihm gegenuber und hat den Rock ausgezogen, um besser zuhoren zu konnen, in seinem Gesichte spricht sich die glaubigste Hingebung aus, und sein grosser Hund, der neben ihm liegt, sieht im sehr ahnlich.
Adolf Schrodter hat meinen Grossvater getroffen, wie kein anderer vor ihm. Das ist aber auch kein Wunder, denn mein Grossvater ist ihm im Traume erschienen, er hat eine Vision von ihm gehabt. Die frommen Maler haben nicht allein Visionen, nein! die andern haben die ihrigen auch. Es malt keiner ein paar Kinder, die von zwei schlechten Kerlen totgemacht werden sollen, oder eine Kegelbahn, oder auch nur ein Portrat, ohne dass er eine Vision von diesen Dingen gehabt hatte. Und das ist der Vorteil dieser weltlichen Gesichte: Man kann immer da die Vergleichung anstellen, und urteilen, ob die Erscheinungen richtig gewesen sind, denn uberall gibt es unschuldige Kinder und schlechte Kerle und Kegelbahnen, und Leute, die sich portratieren lassen; aber bei den frommen Visionen kann man das nie, und man weiss daher auch nicht, ob die lieben Engelein und Heiligen und die Mutter Gottes so ausgesehen haben, wie die Leute behaupten, dass sie ihnen vorgekommen seien.
Dass Adolf Schrodter eine richtige Vision gehabt, bestatigte noch letzthin ein alter eisgrauer Jager von Bodenwerder, der jetzt mit Ratten- und Mausepulver handeln geht, und der denn endlich auch an den Rhein gewandert war. Er kam auf die Kunstausstellung, weil er glaubte, dort Geschafte machen zu konnen und rief, als er das Bildchen sah: 'Das ist der alte Herr, wie er leibte und lebte, wenn er von den zwolf Enten erzahlte!' Das Bildchen soll jetzt, Figuren uber Lebensgrosse, al fresco fur ******** ausgefuhrt werden.
Meinem Vater tat die Abstammung von diesem Manne Zeit seines Lebens den grossten Schaden. Wenn er Geld erborgen wollte und auf Kavalierparole die Ruckzahlung versprach, sobald sie sich tun lasse, sagten die Wucherer, mit denen er unterhandelte: 'Wir bedauern sehr, aber wir konnen nicht dienen, denn Sie sind der Herr von Munchhausen.' Er trat in Kriegsdienste und machte als Stabsrittmeister einst einen allerdings unwahrscheinlich lautenden Rapport; der General glaubte ihm nicht, und davon war die Folge, dass eine grosse Schlacht verloren ging. Kabale uber Kabale wurde gegen ihn gespielt; man drehte die Sache ganz herum, er erhielt in Ungnaden seinen Abschied. Nun widmete er sich dem Finanzfache, da entdeckte er ein geheimes Mittel, die edeln Metalle zu vervielfaltigen, wollte es dem Staate verkaufen, aber der Staat wies ihn zuruck und sagte, es sei schon gut, man wisse, dass er Munchhausen heisse. Auch aus dem Finanzfache wurde er ungnadig dimittiert, weil er ein Schwindler sei, wie es in dem Entlassungsreskripte hiess. Was hat der Staat von seiner Zuruckweisung gehabt? Papiergeld musste er machen.
Mein Vater aber hatte von seinem Geheimmittel auch nichts; er konnte es fur sich nicht in Anwendung bringen, die Kosten der ersten Auslagen waren fur einen Privatmann zu bedeutend. Bei zwolf Frauleins hielt er nacheinander um ihre Hand an, aber
Die erste sagte scheu,
Die zweit' ein Leu
Die dritte spitzig,
Die vierte witzig,
Die funfte hitzig,
Die sechste zornwinkend,
Die siebente borntrinkend,
Die achte stickeiferig sehr,
Die neunte blickschweiferig mehr,
Die zehnte rucksteiferig-hehr,
Die eilft', ein Barbchen, schnipp'sch, zwar weichend, doch gutig,
Die zwolft', ein Korbchen hubsch darreichend, hochmutig: 'Herr von Munchhausen, wir danken fur die uns zugedachte Ehre; Sie fuhren uns doch nur an'.
So schlugen alle meine zwolf projektierten Mutter dem armen Manne sein Begehr ab, bloss wegen seines Namens und wegen der Erinnerung an den Grossvater. Ich ware ohne Mutter geblieben, wenn er nicht zuletzt noch bei einer dreizehnten Gehor gefunden hatte, bei einer Denkerin, die in des Grossvaters Lugenbuche einen geheimen Sinn ahnete, und alles allegorisch und theosophisch auslegte. Sie gab meinem Vater ihr Jawort, nicht aus Liebe zu ihm, wie sie ihm bei der Verlobung offen sagte, sondern aus Achtung fur den Grossvater.
Uber diese Ehe darf ich mich nicht ausprechen. Sie birgt Geheimnisse, die wieder tief in andre Geheimnisse meines tiefsten Seins verflochten sind, und welche mit mir zu Grabe gehen werden. Nur so viel mag ich Ihnen vertrauen: Eine Ehe aus Achtung fur den Vater des Gatten ist fur diesen die ungluckseligste unter den ungluckseligen Ehen. 'Die ungluckliche Ehe aus Delikatesse' von Schroder bedeutet gar nichts dagegen, und 'Die Heirat durch ein Wochenblatt' grundet ein Paradies, mit der Achtungsehe verglichen.
Theophilus, Freiherr von Munchhausen (so heisst der Mann, welcher vor der Welt mein Vater heisst), ergab sich ganz den ernstesten Studien, nachdem es ihm im Leben und in der Ehe so ausserst schlecht gegangen war. Er wurde ein grosser Wassertrinker, und ich habe ihn, wahrend ich in Bodenwerder verweilte, nur dreimal lacheln sehen.
Meine fruheste Jugend verlebte ich durch eine seltsame Verkettung von Zufall, Schickung und Leidenschaft unter dem Vieh, und zwar bei einer Ziegenherde am Ota. Was ich da erfahren, will ich Ihnen spaterhin erzahlen, fur jetzt nur so viel, dass ich meine Knabenjahre, abermals durch eine seltsame Verkettung von Zufall, Schickung und Leidenschaft im vaterlichen Hause zubringen durfte. Da trieb ich denn nun alles und jedes mit dem Manne, dem ich, die Geheimnisse mogen nun sein, welche sie wollen, doch immer meine Tage verdanke.
Vormitags: Philologie, Geographie, Alchimie, Technologie, Spezialhistorie, Generalhistorie, Physik, Mathematik, Statik, Hydrostatik, Aerostatik;
nachmittags: Literatur, Poesie, Musik, Plastik, Drastik, Phelloplastik, gemeinnutzige Kenntnisse;
abends: Gymnastik, Hippiatrik, Medizin, insonderheit Anatomie, Physiologie, Pathologie, Semiotik, Biotik, Materia medica;
nachts repetierten, experimentierten, disputierten wir.
Bei diesem Lehrplane konnte ich allerdings manches aufschnappen."
"Und wann schliefen Sie?" fragte das Fraulein.
"Hin und wieder eine Viertelstunde bei den leichteren Doktrinen", versetzte der Freiherr. "Ich war Schnellschlafer, wie man Schnellaufer hat. In wenigen Minuten konnte ich den Gehalt von Schlafstunden gewohnlicher Menschen zusammendrangen. Von Schlaf kann uberhaupt fur jemand, der sich auf der Hohe des Jahrhunderts halten will, nach der grossen Ausdehnung, welche die Wissenschaft gewonnen hat, heutzutage wohl nicht mehr viel die Rede sein. Neben dieser intellektuellen Bildung, die ich auf Bodenwerder erhielt, wurde mein Charakter, mein Gemut nicht verabsaumt. Ganz besonders brachte mir mein sogenannter Vater den heftigsten moralischen Widerwillen gegen das Lugen bei, weil der Grossvater durch dieses Laster das ganze Familiengluck zerstort hatte. Er folgte in manchen Dingen seinen eigenen Grundsatzen, mein sogenannter Vater, und hielt erstaunlich viel auf die Gewalt der ersten sinnlichen Eindrucke in der Jugend. Ich bekam daher alle Sonn- und Feiertage eine allegorische Figur der Wahrheit, aus Honigkuchenteig gebacken, zu verzehren, namlich, eine unbekleidete Person, die Augen zwei Rosinen, die Nase eine Bamberger Pflaume, auf der Brust eine Sonne von Mandelkernen. Hatte ich nun diese Allegorie mit Wollust verspeiset, so wurde mir dabei unaufhorlich wiederholt: 'Suss, wie der Honigkuchen, ist die Wahrheit.' Wenn ich mir aber den Magen verdorben hatte, und Rhabarber einnehmen musste, so hiess es im einscharfendsten Tone: 'Das ist der bittre Trank der Luge.'
Die Richtigkeit der Methode bewahrte sich an mir. Ich bekam wirklich einen unbesieglichen Abscheu gegen das Lugen und kann wohl sagen, dass aus meinem Munde nie ein unwahres Wort gegangen ist, mit einer einzigen Ausnahme, die aber sofort sich bitter an mir rachte. Lange Zeit konnte ich der Wahrheit oder gewisser Wahrheiten nicht denken, ohne dass mir Honigkuchen, Rosinen und Mandelkerne und Bamberger Pflaumen einfielen, endlich erhob ich mich freilich zu gereinigteren Vorstellungen.
Was aber die einzige Luge meines Lebens, und ihre Folgen betrifft, so ging es damit folgendermassen zu. Ich sitze eines Tages in meinem Zimmer am Schreibepult, und habe eine sehr notwendige Arbeit vor. Der Bediente meldet mir einen Besuch. 'Geh hinaus', sage ich, 'ich ware nicht zu Hause'. 'Der Herr ware nicht zu Hause', sagt er draussen. Sowie der Mensch seine Botschaft ausgerichtet hat, und ich hore, dass mein Besuch abzieht, spure ich eine Unruhe, die mich am Pult nicht weilen lasst; ich muss aufspringen, es wird mir heiss, es wird mir kalt, jetzt wird mir so, dann wird mir so; der Rhabarber fallt mir ein aus meinen Jugendjahren und dessen allegorische Deutung, die Phantasie tritt in ihre ungeheuren Rechte, die geheimen Bezuge zwischen Seele und Leib fangen an zu ziehen, immer wesenhafter, kreaturlicher wachst die Idee des Rhabarbers in mir, bald bin ich vom Kopf bis zur Fusszehe jeder Zoll Rhabarber, die Natur folgt der Vorstellung, das Ubel bricht aus Sie erraten das ubrige!
Die Folgen meiner Luge, durch Rhabarber-Allegorie-Erinnerung bedingt, treten mit einer Starke auf, vor welcher die Wissenschaft scheu zuruckweicht. Vierundzwanzig Arzte gab es in der Stadt; alle kommen nach und nach zu der leidenden Kreatur. Vierundzwanzig Ansichten werden laut, Vierundzwanzig verschiedene und entgegengesetzte Mittel werden verordnet. Der erste halt die Krankheit fur eine Schwache, der zweite fur Hypersthenie, der dritte fur eine neue Form der Schwindsucht. Der vierte verschreibt Sinapismen, der funfte Kataplasmen, der sechste Blahungen; der siebente Adstringentia, der achte Mitigantia, der neunte Corroborantia; Ipekakuanha! ruft der zehnte, nein, Hyoscyamus! schreit der eilfte; keines von beiden, sondern Meerzwiebel, sagt ruhig der zwolfte; dreizehn, vierzehn, funfzehn, sechszehn, siebenzehn operieren, skarifizieren, amputieren, evakuieren, trepanieren; Nummer achtzehn hat in der Diagnose recht, Nummer neunzehn findet die Prognose schlecht; der zwanzigste gibt Borax, der einundzwanzigste Storax, der zweiundzwanzigste findet des Ubels Sitz im Thorax; der dreiundzwanzigste mir Frankenwein bot, der vierundzwanzigste macht mich Kranken scheintot.
Aus diesem Zustande erweckt mich ein Homoopath mit 1/6000000 Gran Arsenik. 'Herr Medizinalrat', flustre ich ihm, entkraftet von vierundzwanzigfacher allopathischer Behandlung zu, 'Herr Medizinalrat, ich hab's vom Lugen!' 'Vom Lugen?' versetzt er. 'Nichts Leichteres dann als die Heilung. Similia similibus. Sie mussen verleumden d.h. lugen mit feindseliger Absicht, dann gibt sich die Krankheit sofort.'
Ein Blitz fahrt durch meine Seele. 'Nach Schwaben!' rufe ich; 'nach Stuttgart! Doktor Nachtwachter ist ein Menschenfreund, er wird mir die Liebe erzeigen, und mich zu meiner Herstellung einige Zeit lang am Literaturblatte mitarbeiten lassen.' Ich werde in Betten eingepackt, in den Wagen gesetzt, erreiche Stuttgart halbsterbend. Der Herausgeber des Literaturblattes kommt eben aus der Standekammer, worin er von dem Drucke, unter dem die Kirche schmachte, redete, bei der Beratung der Kammer uber das Moststeuergesetz. 'Edler Mann', sage ich, 'Sie, aus dessen Antlitz Gute und Redlichkeit leuchten, Nachtwachter Sie Germaniens, der immer abtutet, wie hoch es an der Zeit sei, wenn die Stunde voruber ist, so und so geht mir's.' Ich erzahle ihm den Kasus und trage ihm mein Anliegen vor. 'Gern gewahrt', versetzt Nachtwachter, 'was schiert mich die Literatur?' Er erteilt mir seine Instruktionen fur einen Artikel des Blattes, ich fange danach an zu schreiben. Bei der ersten Seite verspure ich schon Linderung, bei der zweiten Minderung, bei der dritten sammle ich Krafte, bei der vierten bessern sich meine Safte, mit der funften kommt den abgemagerten Gliedern die vorige Rundheit, und die sechste schenkt mir die vollkommene Gesundheit, so dass ich nicht notig hatte, von Autoren und Buchern, denen etwas versetzt werden sollte, weiter zu schreiben, und Nachtwachtern die Vollendung des Artikels uberliess.
So half mir das Stuttgarter Literaturblatt homoopathisch von den durchschlagenden Wirkungen der Luge. Nachtwachter muss in seiner Jugend keinen Rhabarber eingenommen haben, oder keine Imagination besitzen, sonst ware er an seinem Blatte langst verschieden. Ich aber werde mich wohl huten, zum zweiten Male gegen das Gesetz der Wahrhaftigkeit zu sundigen, denn Nachtwachter hilft mir nicht wieder, das weiss ich. Er schreit uber Undank; ich hatte an seinem Herde gesessen, er hatte mich aufgenommen, gastfrei, wie der Capitain Rolando den Gil Blas in seiner Spelunke aufnahm, und doch ware ich so pflichtvergessen gewesen, nicht weiter fur ihn lugen zu wollen, als ich mich auskuriert hatte.
Auf diese und ahnliche Anklagen fuhrt nun freilich ein alter Vers die Verteidigung, welche also lautet:
Die Wahrheit nur verknupft, die Luge halt nicht
Stich;
Betrugest du die Welt, betrugt der Lugner dich."
Eine Korrespondenz des Herausgebers mit seinem
Buchbinder
I. Der Herausgeber an den Buchbinder
Aber, lieber Herr Buchbinder, was fur Streiche machen Sie in jungster Zeit! Neulich schicke ich Ihnen: "Zur Philosophie der Geschichte. Von Karl Gutzkow". Sie aber setzen hinten auf den Titel: "Zur Philosophie der Geschichte von Karl Gutzkow", so, als ob dieses Buch eine innere Geschichte des Autors enthalte, ungeachtet er doch darin von den toten Kraften und den naturlichen Voraussetzungen in der Geschichte, vom abstrakten und konkreten Menschen, von Mann und Weib, von der Leidenschaft, vom Staat, von Krieg und Frieden, von den Obergangszeiten, von Revolutionen, und endlich vom Gott in der Geschichte handelt; mithin das ganze Gebiet des historischen Nachdenkens in seinem Werke durchwandert. Heute aber bekomme ich von Ihnen das erste Buch meiner Munchhausenschen Denkwurdigkeiten zuruck, und da sehe ich, dass Sie die zehn ersten Kapitel ganzlich verheftet, sie hinter die Kapitel eilf bis funfzehn gebracht haben. Ich ersuche Sie unter Ruckgabe des Buches eine Umheftung vorzunehmen.
Der ich ubrigens mit Achtung usw.
II. Der Buchbinder an den Herausgeber
Ew. Wohlgeboren haben mir schmerzliche Vorwurfe gemacht, die ich so nicht auf mir sitzen lassen kann. Ich bin lange genug im Geschaft, und weiss, was es damit auf sich hat. Heutzutage muss, wenn der Autor sich verpudelt hat, ein ordentlicher Buchbinder ein bisschen auf das Verstandnis wirken, durch Winke auf den Ruckentiteln, oder, wo sie sonst sich anbringen lassen.
Die Schriftsteller sind etwas konfuse geworden. Die jungen Leute lesen und lernen zu wenig, aber unsereins, dem sozusagen, die ganze Literatur unter das Beschneidemesser kommt, und der alle die Nachrichten "fur den Buchbinder" durchstudieren muss, deshalb aber genotigt ist, noch rechts und links von den Nachrichten sich umzuschauen, o der gewinnt ganz andre Ubersichten. Da muss man denn helfen, so gut man kann, und oft lasst sich der rechte Gesichtspunkt fur ein Buch feststellen, bloss dadurch, dass man einen Punkt oder ein Komma weglasst, oder zusetzt, wie denn gerade die Sachen sich verhalten.
Bei dem Buche von Karl Gutzkow tat es die Weglassung des Punktes hinter "Geschichte". Ew. Wohlgeboren! Ich habe Spittler eingebunden und Schlozer, und Herders "Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit" sind mir wenigstens hundertmal unterm Falzbein gewesen, und jetzt binde ich Ranke viel ein ich sage Ihnen, die Manner schrieben so schone dicke Bucher, und so viele Noten und Zitate stehen in den Buchern, dass man sieht, wie die Verfasser sich's haben sauer werden lassen mit der Philosophie und der Geschichte ich sage Ihnen, es ist rein unmoglich, dass man auf 305 Seiten, wie Karl Gutzkow getan, den Gott, und die Revolutionen und den Teufel und seine Grossmutter in der Geschichte abhandeln kann. Aber das ist auch gar nicht seine Absicht gewesen, wie sich aus dem Vorworte ergibt, welches ich lesen musste, weil ich einen Karton einzulegen hatte. Denn darin sagt der Autor, er habe keine andere Quellen zur "Philosophie der Geschichte" benutzen konnen, als hochstens einige an die Wand gekritzelte Verwunschungen der Langenweile, oder einige in die Fensterscheiben geschnittne Wahlspruche zahlloser unbekannter Namensinschriften. Wenn er nun das Buch, was er vermutlich auch nur schrieb, um sich die Langeweile zu vertreiben, dennoch herausgab, so konnte das nur in der einzigen Absicht geschehen, Memoiren uber seine schlechten und mangelhaftigen Studien zu liefern, und der Titel, wie ich ihn mit goldenen Lettern setzte, ist ganz richtig, namlich: "Zur Philosophie der Geschichte von Karl Gutzkow".
Warum ich aber die letzten Kapitel Ihres Buches zu den ersten machte, das sollen Sie auch gleich vernehmen. Sie hatten die Munchhausenschen Geschichten wieder so schlicht angefangen, wie Ihre Manier ist: "In der deutschen Landschaft, worin ehemals das machtige Furstentum Hechelkram lag, erhebt sich eine Hochebene" usw., hatten dann von dem Schlosse und seinen Bewohnern berichtet, und waren endlich nach und nach auf den Helden dieser Erzahlungen gekommen.
Ew. Wohlgeboren, dieser Stylus mochte zu Cervantes' Zeiten gut und erspriesslich sein, wo die Leser so sacht und gelind in eine Erzahlung hineinkommen wollten, wie in eine Zaubergrotte, von der die Marlein singen, dass eine schone Elfe davor sitzt, und den Ritter mit wunderleisen Klangen in die karfunkelleuchtenden Klufte lockt. Sie stosst auch nicht in die Trompete, oder blast die Bassposaune, oder macht Pizzicato, sondern sie hat eine kleine goldne Laute im Arm; aus deren Saiten quellen unschuldige, naive Tone, wie harmlose Kinder, die um den Ritter Blumenfesseln schlingen, und eh' er sich's versieht, ist er umsponnen und durch den Grotteneingang gezogen, und steht mitten in dem Reiche der Wunder, bevor er nur gemerkt hat, dass er aus der Welt da draussen hinweggegangen ist.
Aber heutzutage passt die Magie eines solchen sussfesselnden Stils gar nicht mehr.
Ew. Wohlgeboren, heutzutage mussen Sie noch mehr tun, als die Bassposaune blasen. Sie mussen den Tam-Tam schlagen, und die Ratschen in Bewegung setzen, womit man in den Schlachtmusiken das Kleingewehrfeuer macht, oder falsche Quinten greifen, oder vor die Dissonanz die Konsonanz schieben, wenn Sie die Leute "packen" wollen, wie es genannt wird.
Ew. Wohlgeboren, die ordentliche Schreibart ist aus der Mode. Ein jeder Autor, der etwas vor sich bringen will, muss sich auf die unordentliche verlegen, dann entsteht die Spannung, die den Leser nicht zu Atem kommen lasst, und ihn par force bis zur letzten Seite jagt. Also nur alles wild durcheinander gestopft und geschoben, wie die Schollen beim Eisgange, Himmel und Erde weggeleugnet, Charaktere im Ofen gebacken, die nicht zu den Begebenheiten stimmen, und Begebenheiten ausgeheckt, die ohne Charaktere umherlaufen, wie Hunde, die den Herren verloren haben! Mit einem Worte: Konfusion! Konfusion! Ew. Wohlgeboren, glauben Sie mir, ohne Konfusion richten Sie heutzutage nichts mehr aus.
Ich habe, soweit ich vermochte, in diesem Stucke bei den Munchhausianis fur Sie gesorgt, und ein bisschen Konfusion gestiftet, soviel es sich tun liess, damit die benotigte Spannung entstehe. Sehen Sie, so wie jetzt das Heft gebunden ist, kann kein Mensch bisher erraten, woran er ist, wer der alte Baron ist, und das Fraulein und der Schulmeister, und wo sich die Sache zutragt? Hat sich aber ein tuchtiger Leser erst durch einige Kapitel hindurchgewurgt, dann wurgt er sich auch weiter, denn es geht den Leseleuten so, wie manchem Zuschauer in der Komodie. Er argert sich uber das schlechte Stuck, er gahnt, er mochte vor Ungeduld aus der Haut fahren, aber dennoch bleibt er sitzen, weil er einmal sein Entreegeld gegeben hat, und dafur auch seine drei Stunden absitzen will.
Also, Ew. Wohlgeboren, ich dachte. Sie standen von dem Verlangen nach Umheftung ab. Der ich ubrigens usw.
III. Der Herausgeber an den Buchbinder
Lieber Herr Buchbinder, Sie haben mich uberzeugt. Ach, ich lasse mir jetzt von jedermann raten in meinem Metier, selbst von Ihrem Jungen, wenn er mir etwa Vorschlage uber das neue Buch machen kann. Es hat mir schon so mancher Junge Zurechtweisungen erteilt, und ich habe sie nicht befolgt und schwer darob bussen mussen.
Es soll also bei der Verheftung bleiben, und wenn Sie oder Ihr Junge in der Folge merken, dass ich wieder gegen die Spannung, oder die unordentliche Schreibart gesundigt habe, dann heften Sie nur nach Gutdunken die Kapitel durcheinander, und verbessern auf solche Weise das Buch. Ich glaube sogar, dass ich nicht der erste in solchem Verfahren bin; Herr Steffens hat gewiss bei seinen Novellen von Walseth und Leith und den vier Norwegern und Malcolm dem Buchbinder eine gleiche Vergunstigung eingeraumt.
Vor ein sieben, acht Jahren hatte mir noch keiner so etwas bieten durfen, aber ich bin
mude geworden, hatte ich geschrieben, lieber Herr Buchbinder, und recht im Vertrauen auseinandergesetzt, warum man in der Welt jetzt so mude werden kann.
Zwei Damen aber, denen ich den Brief vorlas, sagten, das durfe durchaus nicht stehen bleiben; der mude und weinerliche Ton zieme sich platterdings nicht fur mich.
Sie haben recht. Mag die Welt uns alles versagen, die Geschichte und die Natur kann sie uns nicht versperren. Ich will die Buben heulen und greinen lassen uber das Elend, welches sie doch eben hauptsachlich machen helfen.
Nein, Herr Buchbinder, unsere Augen sollen wakker bleiben, und die Wunden sollen uns schon stehen.
Aber was halten Sie von dem "Munchhausen", und was meinen Sie, das aus ihm werden wird?
IV. Der Buchbinder an den Herausgeber
Ew. Wohlgeboren, aus dem "Munchhausen" wird nichts; da Sie denn doch meine Meinung wissen wollen. Dieses tut indessen nichts. Ein Buch, aus dem nichts wird, mehr oder weniger in der Welt, verschlagt nichts. Und dann konnen wir den einzelnen Abschnitten doch noch in etwa nachhelfen. Fur diesen ersten habe ich schon so ein Hausmittelchen in Gedanken. Der ich ubrigens usw.
V. Der Herausgeber an den Buchbinder
Welches Hausmittelchen, lieber Herr Buchbinder? Ich bin ausserst gespannt auf Ihre ferneren Mitteilungen. Mit Achtung usw.
VI. Der Buchbinder an den Herausgeber
Ew. Wohlgeboren, Briefwechsel sind jetzt beliebt, wenn sie auch nur Nachrichten von Schnupfen- und Hustenanfallen der Korrespondenten enthalten. Lassen Sie unsern Briefwechsel im ersten Buche mit abdrucken; der hilft ihm auf.
VII. Der Herausgeber an den Buchbinder
Auch unsre letzten Zettel?
VIII. Der Buchbinder an den Herausgeber
Jawohl.
IX. Der Herausgeber an den Buchbinder
Wohl!
X. Der Buchbinder an den Herausgeber
(Kuvert um die Briefe des Herausgebers)
Erstes Kapitel
Von dem Schlosse Schnick-Schnack-Schnurr und
seinen Bewohnern
In der deutschen Landschaft, in welcher ehemals das machtige Furstentum Hechelkram lag, erhebt sich eine Hochebne, von braunem Heidekraute uberwachsen. Hin und wieder sticht aus dieser dunkeln Flache ein spitziges Gestein hervor, mit weissstammigen Birken oder dunkeln Tannen umsaumt. Nach Mitternacht rucken die Steinlager so nahe aneinander, dass sie fur eine kleine Gebirgskette gelten konnen. Verschiedne Fusspfade laufen durch die Ebne, vereinigen sich aber in der Nahe der beiden hochsten Felsen zu einem breiteren Wege, der zwischen diesen Felsen sacht bergan fuhrt. Nach einigen Windungen fallt derselbe in eine Strasse, welche ehemals bepflastert gewesen sein mag, nun aber durch ausgerissene Steine und grundlose Geleise mehr das Ansehen eines gefahrlichen Klippenweges erhalten hat. Nichtsdestoweniger ist diesem holprichten und halsbrechenden Wege bis auf die neuesten Zeiten der Name der Schlossstrasse verblieben. Denn man sieht oder sah, kurz nachdem man sie betreten, das Schloss, welches die Uberschrift dieses Kapitels nennt, auf einem ziemlich kahlen Hugel liegen.
Je naher man demselben kommt, oder kam, denn am heutigen Tage ist davon nur noch ein Trummerhaufen ubrig, desto deutlicher springt, oder sprang die ungemeine Baufalligkeit des Schlosses in das Auge. Was zuvorderst die Pforte betrifft, oder betraf, so standen zwar deren beide steinerne Pfeiler noch, und auf dem rechten hatte sich sogar der statuarische Lowe als Wappenhalter zu behaupten gewusst, wahrend sein Partner von dem linken Pfeiler hinab in das hohe Gras gesunken war, allein das eiserne Pfortengegitter selbst war langst weggebrochen und zu andern Zwecken verwendet worden. Die Gefahr, welche hieraus fur das Gebaude von rauberischen Uberfallen zu besorgen stand, war aber nur bei trocknem Wetter vorhanden. Wenn es regnete (und es pflegt oft in jener Gegend zu regnen), so verwandelte sich bald der Burghof in einen undurchwatbaren Sumpf, auf welchem, wenn die Geschichte nicht Lugen berichtet, zuweilen selbst Schnepfen sich hatten betreten lassen.
Vollig entsprechend diesem Zugange war das Aussere und Innere des Schlossgebaudes selbst. Die Wande hatten ihre Tunche, ja zum Teil ihren Bewurf verloren. Nach einer Seite hin war die Giebelwand bedeutend ausgewichen und durch einen Balken gestutzt worden, der aber am unteren Ende auch schon zu morschen begann, und daher nur eine geringe Zuversicht gewahrte. Liess man sich nun durch diesen Anblick nicht abschrecken, in das Gebaude eintreten zu wollen, so bot die Ture immer noch ein grosses Hindernis dar. Denn die Feder war in dem alten verrosteten Schlosse langst untatig geworden, und die Klinke gab nur wiederholtem und gewaltsamem Drucken nach, bei welchem sie aber nicht selten aus ihrer Mutter fuhr und dem Klinkenden in der Hand sitzen blieb. Die Bewohner pflegten sich daher auch mehr eines nach und nach sehr erweiterten Loches in der Wand zum Ein- und Ausgange zu bedienen, und dieses nur fur die Nachtzeit durch vorgesetzt Tonnen und Kasten zu versperren.
Wenn man die Fenster die Augen eines Hauses nennen darf, so konnte man dieses sogenannte Schloss mit gutem Rechte zum Teil erblindet heissen. Denn nur vor wenigen und den notwendigsten Zimmern waren jene Augen noch ersichtlich, viele andere Gelasse waren fur immer durch die zugemachten Laden in Dunkelheit versetzt worden, weil sich die Scheiben nach und nach aus den Rahmen verloren hatten.
Zwischen so morsch gewordnen vier Pfahlen und in kahlen, vernutzten Zimmern Lauste noch vor wenigen Jahren ein bejahrter Edelmann, den sie in der ganzen Gegend nur den alten Baron nannten, mit seiner gleichfalls verbluhten nachgerade vierzigjahrigen Tochter Emerentia. Er gehorte zu dem weitlauftigen Geschlechte derer von Schnuck, welches weit umher in diesen Landschaften seine Besitzungen hatte, und sich in folgende Linien, Zweige, Aste und Nebenaste spaltete, namlich in die I. Altere, oder graumelierte Linie Linie Schnuck
Muckelig; gestiftet von Paridam, Herrn auf und zu
Schnuck-Muckelig.
1. Alterer oder aschgraumelierter Zweig Zweig
Schnuck-Muckelig-Pumpel.
2. Jungerer oder silbergraumelierter Zweig Zweig
Schnuck-Muckelig-Pimpel.
II. Jungere oder violette Linie Linie Schnuck
Puckelig, gestiftet von Geyser, Burgmannen auf
und zu Schnuck-Puckelig.
1. Alterer oder violetter Zweig mit Schuttgelb.
Zweig Schnuck-Puckelig-Schimmelsumpf.
a. Ast Schnuck-Puckelig-Schimmelsumpf-Mot
tenfrass.
b. Ast Schnuck-Puckelig-Schimmelsumpf, ge
nannt aus der Rumpelkammer.
(NB. Stand nur auf vier Augen.)
2. Jungerer oder violetter Zweig, genannt im Grutz
felde. Zweig Schnuck-Puckelig-Erbsenscheu
cher.
a. Ast Schnuck-Puckelig-Erbsenscheucher von
Donnerton.
b. Ast Schnuck-Puckelig-Erbsenscheucher in der
Boccage. Davon der Nebenast: Schnuck
Puckelig-Erbsenscheucher in der Boccage
zum Warzentrost.
Von diesem Nebenaste war unser alter Baron entsprossen.
Die vielfaltige Teilung des Geschlechts derer von Schnuck hatte eine bedeutende Teilung des Stammerbes zur Folge gehabt, und namentlich in der jungeren Linie, welche von jeher durch grosse Fruchtbarkeit ausgezeichnet war, die Guter in eines jeden Erbherrn Handen merklich gemindert. Man war daher zu der Erfindung uberzugehen genotigt gewesen, dass denen von Schnuck alle Kirchenpfrunden und alle Kriegsamter im Furstentume von Rechts wegen gehoren; eine Erfindung, die um so eher bei den Fursten von Hechelkram Glauben fand, als die Schnucks, wie gesagt, uber das ganze Land verbreitet waren, und Vetter Botho sagte, es sei so, Vetter Gunter behauptete, es sei so am besten, Vetter Achaz einfliessen liess, die Schnucks und ihr Anhang bildeten die eherne Mauer um den Thron, Vetter Bartholomaus folgerte, weil es notwendig sei, dass die Schnucks existierten, so mussten sie auch die Mittel zu ihrer Existenz, d.h. Pfrunden und Amter, haben, sechsunddreissig andre Schnucks aber noch sechsunddreissig andre Grunde fur die Richtigkeit der Erfindung zum Vorschein brachten. Die Fursten, welche nur von Schnucks umgeben waren, und von diesen nichts anderes horten, als vorgedachte Reden, mussten wohl endlich an die Richtigkeit der Erfindung glauben. Bedeutend wirkte auch auf die Starkung dieses Glaubens der Umstand ein, dass nach der Verfassung von Hechelkram der jedesmalige Furst seine jedesmalige Geliebte aus dem Geschlechte derer von Schnuck zu beziehen hatte. Diese Damen waren aber, wie sich von selbst versteht, im agnatischen Interesse tatig.
Die Erfindung war daher bald fest begrundet, und gelangte als Anhang in den Landeskatechismus. Nun konnten die von Schnuck unbesorgt hinleben und ihren Samen mehren, wie Sand am Meere. Wenn sie das Ihrige verzehrt hatten, so zehrten sie als Generale auf Regimentsunkosten weiter, und die Sohne, ausser einem, liessen sie Pralaten oder Geheime Rate im hochsten Kollegio werden. Denn ich habe die Erfindung nicht ganz vollstandig vorgetragen: Nach derselben war jeder Schnuck, wenn er den Zivildienst wahlte, geborner Geheimer Rat im hochsten Kollegio.
"Sie stocken ... Sie seufzen ... Herr Herausgeber?"
"Ach, meine Gnadige, ist es nicht ein Ungluck fur einen armen Erzahler, dass er immerfort die alten Geschichten wieder aufwarmen muss? Die Sachen, die ich da berichte, schienen schon vor funfzig Jahren durch die Romanenschreiber jener Zeiten so verbraucht zu sein! Und ich muss den langstgekochten Kohl doch wieder zum Feuer rucken!"
"Sie erzahlen ja von der Vergangenheit, Herr Herausgeber, und dahinein gehoren allerdings solche alte Geschichten."
"Ich danke Ihnen tausendmal fur diese Erinnerung, meine Gnadige. Jawohl, ich erzahle von der Vergangenheit, von Dingen, die ab und tot sind, wie die weiland in der Schmiede gewesene Adelskette. Meine Phantasie riss mich nur hin, dass ich mir die Erfindung derer von Schnuck als der Gegenwart oder nachsten Zukunft angehorig vorstellen musste. Nein, sie wird nicht wieder aufkommen, diese Erfindung; gegen sie spricht wirklich eine ungeheure Majoritat, die Majoritat aller rechtlichen Leute, die es sich haben sauer werden lassen in der Welt. Also nur ohne Stocken und Seufzen weiter in diesen Sagen der Vorzeit!"
Unser alter Baron hatte in seinen jungen Tagen von dem Herrn Vater nur das Schloss Schnick-SchnackSchnurr ererbt, welches fruherhin ein Pachthof gewesen, und erst spaterhin zu seinem Ehrentitel gediehen war. Es warf jahrlich etwa zweitausend Gulden ab, oder hochstens zweitausendfunfhundert. Der selige Vater hatte das Wohnhaus wohl in Fach und unter Dach erhalten, die Wappenlowen standen recht majestatisch auf den beiden Pfeilern, zwischen denen sich eine eiserne Pforte befand, wie sie nur sein musste, der Hof war damals auch noch gepflastert, und in den Zimmern hingen schone bunte Familienbilder, standen rotlich lackierte Stuhle und Kommoden mit goldnen Leisten. Hinter dem Schlosse aber hatte der Vater einen Garten in streng-franzosischem Geschmack anlegen und Schafer und Liebesgotter von Sandstein hineinsetzen lassen.
Zweitausend oder zweitausendfunfhundert Gulden jahrlich sind zwar nur ein schmales Einkommen fur einen Edelmann, allein unser alter Baron hatte sich damit in seiner landlichen Abgeschiedenheit doch wohl aufrechtzuerhalten vermocht, wenn er nur nicht mit dem Gedanken aufgewachsen ware, er sei geborner Geheimer Rat im hochsten Kollegio. Aber seit seinem vierzehnten Jahre legte er sich mit dieser Vorstellung nieder, und stand mit derselben morgens wieder auf; sie gab ihm eine Sicherheit des Bewusstseins, welche nichts zu erschuttern vermochte. Gelernt hatte er, die Wahrheit zu sagen, wenig oder nichts, sein Herr Vater war dagegen, und der Meinung gewesen, viel wissen sei fur einen Kavalier unanstandig.
Er hatte eine freie, sorglose und gutmutige Sinnesart; es vergnugte ihn, andern mitzuteilen, und sein eignes Vergnugen liebte er nicht minder. Er gab gern Gastereien, ging gern mit einem Dutzend guter Freunde auf die Rehjagd, und hielt nach dieser Anstrengung ein, womoglich hohes Spielchen mit seinen Weidgenossen fur die beste Erholung. Auch wenn er allein war, speiste er nicht gern unter sechs Schusseln, wozu, wie sich von selbst versteht, alter Rheinwein vom besten gehorte. In Kleidern hielt er sich sauber, Diener unterhielt er nicht ubermassig viele, etwa funf oder sechs fur sich und seine Gemahlin, die aus der alteren, oder graumelierten Linie, aus der Linie Schnuck-Muckelig-Pumpel entsprossen war; nebst einer Kammerjungfer und einer Garderobiere fur diese seine Gemahlin. Letztere hatte nun wieder ihr hauptsachliches Vergnugen an Brillanten, Perlen, Roben und Spitzen, und ihr Gemahl versagte ihr in Beziehung auf solche Gegenstande keinen ihrer Wunsche; denn, sagte er, wenn das Zeug auch viel kostet, so gehort es einmal zu unserm Stande, und was standesmassig ist, kostet nie zu viel.
Ermudete unsern alten Baron die hausliche Einformigkeit, so machte er mit Gemahlin, Kammerjungfer, Garderobiere, mit den funf oder sechs Dienern und diesem oder jenem Hausfreunde, welcher auch der Erholung bedurftig war, und ihn um Mitnahme ansprach, interessante Reisen in die benachbarten fremden Lander, von denen er dann neugestarkt zu seinen Gastereien, Jagden und Spielen zuruckkehrte. Diese stillen Familienfreuden mundeten ihm nach solchen Ausflugen immer doppelt wohl.
Der Himmel hatte seine Ehe mit einer einzigen Tochter gesegnet, welche in der heiligen Taufe den Namen: Emerentia erhielt. Dieses Kind war von jeher ausnehmend schwarmerischer Art, es verdrehte schon als Saugling die Augen auf eine wunderbare Weise. Als die kleine Emerentia grosser wurde, horte sie ihre Mutter fast von nichts andrem erzahlen, als von den Damen der Linien Schnuck-Muckelig und SchnuckPuckelig, welche die Geliebten der Fursten von Hechelkram gewesen waren. Die Mutter zeigte auch dem Kinde diese Damen unter den Familienbildnissen; lauter schone Frauenzimmer mit hohen Frisuren, gelben, grunen oder roten Adriennen, grossen Blumenstraussen und entblossten Schultern! Da sie nun immerfort von den Geliebten horte, und die Frauenzimmerbildnisse ihr gar zu wohl gefielen, so setzte sie sich in den Kopf, dass sie ebenfalls zu einem solchen Berufe ausersehen sei, ein Gedanke, der noch mehr befestigt wurde, als der Furst Xaverius Nicodemus der Zweiundzwanzigste von Hechelkram das Schloss besuchte. Er nahm die damals dreizehnjahrige Emerentia auf den Schoss, liebkoste ihr zartlich, und fragte sie: "Willst du mein Brautchen werden?" Sie bedachte sich nicht lange, sondern versetzte rasch: "Ja, wie alle die Damen, die da hangen." Der Furst hob die Kleine vom Schosse und sagte lachelnd zu ihrer Mutter: "Ah, la petite ingenue!"
Die Zeit verwischte zwar den Fursten Xaverius Nicodemus den Zweiundzwanzigsten, da sie ihn nicht wiedersah, allgemach aus ihrem Herzen, dagegen setzte sich in ihr die Standesvorstellung, die Vorstellung an sich, dass sie bestimmt sei, mit einem Hechelkramischen Fursten in zartliche Verhaltnisse zu treten, immer fester in ihr, wobei sie sich durchaus nichts Arges dachte, woran sie aber mit solcher Innigkeit hing, wie ihr Vater an seinen Geheimenratsgedanken. Weil nun das Herz nicht in das Leere seinen Drang versenden mag, sondern gern an liebevoll-gediegner Wirklichkeit ausruht, so hatte ihre schwarmende Phantasie nach einigem Umherschweifen im leeren Raume auch bald den sichtbaren Gegenstand gefunden, der ihr den kunftigen Liebhaber unter den Fursten von Hechelkram vorbilden musste. In der Tat war dieser Gegenstand ganz geeignet, die Einbildungskraft eines fuhlenden Madchens knacken, der Mund wollte zwar seines Berufes wegen fur die Gesetze reiner Verhaltnisse etwas zu gross erscheinen, aber ein schwarzer Schnurrbart von wunderbarer Fulle, welcher uber den Lippen hing, machte diesen Ubelstand wieder gut. Die grossen, grellen, himmelblauen Augen blickten sanft und grade vor sich hin, und liessen auf eine Seele vermuten, in welcher die Milde bei der Starke wohnte.
Bekleidet war dieser idealisch-schone Nussknacker mit einer rotlackierten Uniform und weissem Unterzeuge; auf dem Haupte aber trug er einen imponierenden Federhut. Emerentia hatte ihn zu ihrem Namenstage geschenkt bekommen. Sobald sie seiner ansichtig wurde, erzitterte sie, erseufzte sie, errotete sie. Niemand verstand ihre Regung. Sie aber trug den Nussknacker auf ihr einsames Zimmer, stellte ihn auf den Kamin, blickte ihn lange gluhend und weinend an, und rief endlich: "Ja, so muss der Mann aussehen, dem sich dieses volle Herz zu eigen ergeben soll!" Von der Zeit an war der Nussknacker ihr vorlaufiger Geliebter. Sie hielt mit ihm die zartlichsten Zwiegesprache, sie kusste seinen schwarzen Schnurrbart, sie hatte dem ganzen Verhaltnisse eine so tiefe Beseelung gegeben, dass sie jederzeit des Abends, wenn sie sich zum Schlafengehen entkleiden wollte, schamhaft zuvor ihrem Freunde auf dem Kamin das Haupt mit einem Tuche verhullte. Nussknacker liess sich das alles gefallen, stand zuversichtlich auf seinen Fussen, und blickte mit den grossen, blaugemalten Augen mildkraftig vor sich hin.
Emerentien hatte diese schone Liebe rasch gereift. Von der Natur war sie, wenn auch nicht mit Reizen, doch mit bluhenden Gesichtsfarben und runden Armen ausgestattet worden; es konnte ihr daher an Verehrern unter den benachbarten Landjunkern nicht fehlen. Aber sie schlug alle Bewerbungen von der Hand und sagte, sie folge ihrem Ideal und gehore der Zukunft an. Unter dem Ideal verstand sie den auf dem Kamin und unter der Zukunft einen Hechelkramischen Fursten.
Ihre Eltern liessen ihr ganz freie Hand. Sie sagten, in den Linien Schnuck-Muckelig und Schnuck-Puckelig seien alle Gefuhle seit Jahrhunderten der heraldisch-richtigen Bahn gefolgt. Es lasse sich also nichts daran andern und modeln, was ihre Tochter empfinde.
Um die Zeit der vielfaltigsten und heissesten Bewerbungen machte ihr Vater mit den Seinigen eine der obengedachten Erholungsreisen zur Starkung auf die Beschwerden der Jagd und des Spiels. Der Ausflug war diesmal in die Bader von Nizza gerichtet. Die Familie reiste unter fremdem Namen, denn sechs feurige Landjunker hatten geschworen, dem Fraulein nachzueilen bis an das Ende der Welt, und sie wollte allein sein, allein mit ihrem Nussknacker, dem heiligen Meer und den ewigen Alpen gegenuber.
Die Familie hiess in Nizza die von SchnurrenburgMixpickelsche. Eines Tages gehen SchnurrenburgMixpickels am Strande spazieren; das Fraulein geht etwas voran, den Freund im Ridicule. Plotzlich sehen die Eltern sie wanken; der Vater springt zu, und empfangt die Tochter in seinen Armen. Bleich ist ihr Antlitz, aber von Entzucken strahlen ihre Augen, sie liegt wie eine Selige am Busen des Vaters. Ihre Blicke dringen schuchtern in die Ferne, und kehren dann wie mit goldnen Schatzen der Wonne beladen, in sich zuruck. Auch die Eltern erstaunen, als sie den Blicken der Tochter in die Ferne folgen. Denn von der andern Seite des Strandes schreitet ihnen eine Gestalt entgegen, Nussknacker zu entzunden. Von schoner, gedrungner, proportionierlicher Gestalt, sprach sich in allen seinen Gliedern mannliche Kraft aus, aus seinem glanzenden, hellroten Gesichte mit breiten, festen Kinnbacken leuchtete der Entschluss, auch die harteste, vom Geschick ihm vorgelegte Nuss zu im grossen, weisse Unterkleider, rote Uniform, Federhut, grellblaue, und doch milde Augen, hellrot-glanzendes Gesicht, wie lackiert, breiter Mund, verborgen von der wunderbaren Fulle des schwarzen Schnurrbarts, eine schone gedrungne Gestalt, Kraft in allen Gliedern, kurz Nussknacker in jeder Miene, Form, Falte.
Besorgt tritt er hinzu und fragt, was der Dame fehle? Der Vater fragt ihn seinerseits: mit wem er die Ehre habe ...? "Ich bin", versetzt der Fremde, indem er die Nasenflugel zitternd bewegt, und mit den Augen zwinkert, "Signor Rucciopuccio, von Geburt ein Senese, in Kriegsdiensten Seiner Majestat, des Kaisers aller Birmanen, bei den Truppen auf europaische Art, Kommandeur der sechsten Elefantenkompanie."
"Ei der tausend, da sind Sie wohl verteufelt weit her?" fragte der alte Baron. "Es geht noch", erwiderte der Fremde, indem er sich in den Huften zurechtruckte, dass die Gelenke knackten.
Der Alte fragte ihn uber die Birmanen aus, die Mutter musterte die Stickerei an seinem Kragen, Emerentia flusterte, in einen Abgrund von Gluck verloren, nichts als: "O Rucciopuccio!.. " So kamen sie in das Hotel der Familie, wo sich der Fremde nach kurzem Verweilen beurlaubte mit der Bitte, seine Besuche wiederholen zu durfen, und nachdem er die Augen nochmals bedeutend-zwinkernd auf Emerentia geworfen hatte.
Lasst mich von ihr schweigen! Der Traum ist Wahrheit geworden, das Herz hat sich seinen Wunsch verkorpert, und in die Sichtbarkeit ausgeschaffen! Am andern Tage lasst sich der Kommandeur der sechsten birmanischen Elefantenkompanie wieder anmelden. Wo das Schicksal gesprochen hat, sind die Menschen uber Worte hinweggehoben. Er tritt in die eine Ture, sie tritt in die andre; er zupft am Schnurrbart, sie zupft am Schnupftuch; heut wird er blass, und sie wird rot, er breitet die Arme aus, sie breitet die Arme aus, er neigt sich zu ihr, sie neigt sich zu ihm, und: "Fureinander geschaffen!" ist der erste Laut, den ihre gluhenden Lippen nach der Wonne des ersten Kusses finden. "Fureinander geschaffen!" wiederholt Rucciopuccio beteuernd, indem er abermals mit den Augen zwinkert und die Nasenflugel zitternd bewegt.
Aber diesem rascherbluhten Lenze der Liebe folgte ein verheerender Sturm, der alle Rosen jahlings zu knicken drohte. In Emerentien erwachte namlich die ganze Dialektik feinfuhlender weiblicher Herzen, wenn sie nicht wissen, was sie wollen. Die Arme fuhlte sich durch einen scharfen Konflikt der Gefuhle zerspalten. Der Nussknacker war ihr Ideal, ein Furst von Hechelkram ihre Zukunft, der Birmane Rucciopuccio aus Siena die Gegenwart und Wirklichkeit. Sollte sie dem Ideale und der Zukunft untreu werden um Gegenwart und Wirklichkeit? Sollte sie Wirklichkeit und Gegenwart opfern und bei Ideal und Zukunft vielleicht eine alte Jungfer werden? Bose Wahl, schreckliche Kampfe, die alle Gotter und Damonen ihres Busens aus dem Schlummer weckten! Eine weibliche Feder wird in einem Anhange zu den gegenwartigen Erzahlungen diesen Teil von Emerentias Geschichte ausmalen. Nur eine Schriftstellerin versteht sich auf die Entzaserung aller der geheimen Fasern und Zasern, welche das Gewebe solcher Note bilden.
Endlich siegten Gegenwart und Wirklichkeit uber Zukunft und Ideal. Das Schicksal raumte namlich zuvorderst das Ideal hinweg, indem es die Hand der Mutter leitete. Diese ergriff, als sie einmal sich von der Tochter unbemerkt wusste, den Nussknacker, und liess ihn auf den Kehricht hinter dem Hotel werfen. Dahin gehorte er auch, nachdem er seine Mission erfullt, und die Idee, deren holzerner Trager er gewesen war, volles geschichtliches Leben in Rucciopuccio gewonnen hatte. Rucciopuccio aber schwor, als er bei seiner Geliebten auf den Grund des Kummers gedrungen war, ihr mit heiligen Eiden bei dem Affen Hannemann: er sei eigentlich ein Hechelkramischer Furst, ein vertauschter Knabe, durch teuflische Kabale nach Siena gebracht, und von dort zu den Birmanen verschlagen. Bald werde er nach Hechelkram zuruckkehren, sein vaterliches Reich unter Vorlegung authentischer Urkunden in Anspruch zu nehmen.
Zweites Kapitel
Emerentias Liebe glaubte, was Rucciopuccios Liebe beschworen hatte, besonders da der Eid auf den Affen Hannemann abgelegt worden war, der in Hindostan eines noch grosseren Ansehens geniesst, als je einem Affen in Europa, wo sie doch auch viel gelten, zuteil geworden ist. Alles hatte sich nun in den schonsten Einklang gesetzt; die Bestimmung der Tochter aus dem Gesamthause Schnuck, das Nussknacker-Ideal und der Furst von Hechelkram unter der Hulle des kaiserlich birmanischen Kriegsbeamten aus Siena. Man konnte in diesem Falle sagen, die Erfullung habe die Erwartung uberflugelt.
War Emerentia in das tiefste Geheimnis ihres Rucciopuccio eingedrungen, so konnte sie sich dagegen nicht entschliessen, ihm ihren wahren Namen zu entdecken. Der Geliebte war arglos und schwatzhaft; das merkte sie nach kurzer Bekanntschaft. Wie leicht war es moglich, dass er das Geheimnis ausplauderte, dass es uber die Alpen zu den sechs feurigen Landjunkern drang, dass diese ihr Wort losten, und nachgesprengt kamen, und dann ade, du stilles Himmelsgluck in Nizza! Fur Rucciopuccio blieb Emerentia daher die Freiin von Schnurrenburg-Mixpickel, und hiess Marcebille, weil ihr dieser Taufname besonders suss und romantisch klang.
Es waren nun fur beide Liebende die herrlichen Tage angebrochen, in welchen die Leute einander bestandig beim Kopfe haben, Lippen auf Lippen pressen, in welchen, wenn die Geliebte nieset, der Liebende Aolsharfen und Engelsgesang zu vernehmen meint, und wenn der Geliebte ein Gahnen verbirgt, die Liebende einen neuen himmlischen Ausdruck in seinen teuren Zugen entdeckt, in welchen, lustwandeln sie miteinander, Sonne, Mond und Sterne beschworen werden, auf ihr Gluck herabzuschauen, wenn sie sonst nichts zu sprechen wissen. Rucciopuccio und Emerentia machten alle diese Krisen der Liebe grundlich durch; besonders gingen sie viel miteinander spazieren. Er fuhrte sie an das Meer, er fuhrte sie auf die Alpen, er fuhrte sie in Garten, er fuhrte sie in Olivenwaldchen, er fuhrte sie bei Tage, er fuhrte sie bei Nacht, und zartlich rief sie oft, noch nie sei sie so anmutig gefuhrt worden.
Ein leichtes Wolkchen am Horizonte ihrer Freuden war es, dass der Pratendent von Hechelkram nie Geld hatte. Er versicherte sie, er habe soundso viel tausend Lak Rupien vom Birmanenkaiser an ruckstandigem Solde zu beziehen, die jeden Posttag eintreffen konnten; indessen bis zum Eingange dieser Zahlung musste sie ihm freilich mit ihrer Sparbuchse aushelfen. Als diese erschopft war, sagte er, es musse nun durchaus ein Wechsel des Schicksals vor der Tur stehen, und um diesem gleichsam symbolisch vorzuarbeiten, wolle er kleine Papierstreifen beschreiben, die in der Welt auch Wechsel genannt wurden, weil sie die wunderlichsten Abwechselungen von Freiheit und Notwendigkeit hervorzubringen pflegten.
So flossen abermals einige Wochen in Liebesgluck und Wechselverfertigung hin. Eines Abends gingen sie wieder in einer paradiesischen Gegend spazieren, angeweht von jenen Luften dort, welche in die Brust des Kranken wie Balsam dringen, und der Wange des Gesunden gleich seidnen Handchen schmeicheln. Sie hatten sich ganz in hohe Ahnungen uber Gott und Unsterblichkeit verloren, sie sprachen, dass es gleich in den "Stunden der Andacht" hatte abgedruckt werden konnen, da standen plotzlich acht Juden und sechzehn Hascher, denn jeder Jude hatte sich zwei Hascher auf den Leib gemietet, vor dem seligen Paare. Die Juden hielten Rucciopuccio ganze Hande voll symbolischer Papierstreifen unter die Augen, und die Hascher riefen auf italienisch: "Marsch!" indem sie ihre Spiesse wie wegweisend ausstreckten.
"Um alle Heiligen, Geliebter!" rief Emerentia, "was ist dieses?" "Nichts, meine Teuergeschatzte, als eine hollische Kabale, Wechselarrest geheissen", versetzte Rucciopuccio, der keinen Augenblick seine Fassung verlor. "Der Kaiser aller Birmanen ist ein Tyrann. Ein Tyrann, sage ich; ein schmahlicher Tyrann! Er kann mich nicht entbehren, er reklamiert mich; ich soll ihm auch die siebente, achte und neunte Elefantenkompanie, die er inzwischen gebildet hat, organisieren helfen. Auf gradem Wege setzt er es nicht durch, da spielt er denn mit den ruppigen Juden unter einer Decke (o wie klein fur einen Kaiser!), die mussen mich hier in Wechselarrest setzen, und von da komme ich auf den Schub von Gefangnis zu Gefangnis, bis nach Hinterindien; ich sehe es voraus. O Furstendienst! Furstendienst! **********
Verlasset euch nicht **** auf die Kinder der Menschen, weil bei ihnen kein Heil zu hoffen ist!"
Rucciopuccio hob bei diesen Worten die Augen gen Himmel und legte die Hand auf sein Herz, wie der Graf von Strafford, als man ihm ankundigte, dass Karl Stuart es sich gefallen lassen wolle, dass er, Strafford, sich fur den Konig kopfen lassen wolle.
Emerentia aber naherte sich ihm zitternd, und rief: "Du verlasset mich, da " Sie flusterte ihm etwas in das Ohr. Uber das hellrotglanzende Antlitz Rucciopuccios legte sich eine Totenblasse, worauf ein Farbenspiel in demselben sichtbar ward, welches von allen sonst in menschlichen Gesichtern vorkommenden Farbungen so sehr abwich, dass selbst die Juden und Hascher erstaunt zurucktraten, und Emerentia ausser sich hatte geraten mussen, ware sie nicht mit sich und ihrem Geschick zu sehr beschaftigt gewesen.
Rucciopuccio erholte sich aber bald wieder, und sagte zu Emerentien mit ruhiger Freundlichkeit: "Dieses sind naturliche Folgen naturlicher Ursachen, die kein weiser Mann bestaunt. Verlasse dich auf mich, Marcebille, ich sprenge die Ketten des Tyrannen, ich komme wieder als Hechelkramischer Furst, und hole dich ab von dem Schlosse deiner Vater zu Schnurrenburg. Der Geist legt mir ein Trostlied auf die Lippen, bewahre es im tiefsten Schrein des Herzens als heiliges Gemutsgeheimnis; daran wollen wir uns einst wiedererkennen:
Einst liebtest du den Nussknacker,
Nach dem Nussknacker liebtest du mich;
Nun holet das Schicksal, der Racker,
Erst den Nussknacker, dann holt es mich!
Der Nussknacker sank auf den Kehrich,
Und mich rauben die wilden Birmanen;
Nussknacker kehrt nicht, aber kehr' ich,
Hol' ich ab dich vom Schloss deiner Ahnen!"
Die Hascher verhinderten die Fortsetzung dieser Ode, indem sie ihn abfuhrten. Emerentia sank in Ohnmacht. Zwei Juden brachten sie ihren besturzten Eltern.
Drittes Kapitel
Weitere Nachrichten von dem alten Baron und seinen
Angehorigen
Als die Eltern nach einer ziemlich trubseligen Reise mit Emerentien wieder auf dem Schlosse SchnickSchnack-Schnurr angekommen waren, wollten die feurigen Landjunker ihre unterbrochnen Werbungen erneuern, aber das verstimmte Fraulein wies sie jetzt noch entschiedner zuruck, als fruherhin. Ihre Gesundheit hatte offenbar durch den Kummer gelitten, die Zuge des Gesichtes nahmen oft einen seltsamen Ausdruck an, die Speisen machten ihr Widerwillen, sie befand sich hin und wieder sehr ubel. Der alte Baron liess einen Arzt kommen; der Arzt sprach mit dem Fraulein unter vier Augen, kam mit einem langlichten Gesichte aus dem Zimmer und sagte zu den Eltern: "Die Luft von Nizza ist ihr zu nahrhaft gewesen, das ist eine Luft fur Schwindsuchtige, aber nicht fur Vollblutige, es entstand eine Uberfullung von Saften in ihr, sie muss in eine zehrende Luft, in ein anderes Bad, da kommt alles wieder in das Gleichgewicht. Auch allein muss sie reisen, damit sie Trubsal hat und Sehnsucht, dann zehrt sie um so eher ab." Die Eltern glaubten dem guten verstandigen Arzte, und liessen Emerentien in ein anderes Bad, worin eine zehrende und abmagernde Luft wehte, reisen, ganz allein liessen sie sie reisen, weil der Arzt es so haben wollte.
Die Kur musste sehr grundlich und nachhaltig vorgenommen werden, wenn sie anschlagen sollte; das Fraulein blieb deshalb viele Monate lang im Bade. Dann kam sie zuruck, gesunder und wohler, als sie je zuvor gewesen war. Auch ihre Stimmung hatte sich ganz wieder erheitert; sie lebte in dem festen Vertrauen, dass Signor Rucciopuccio als glucklicher Pratendent von Hechelkram eines Tages ankommen werde, sie aus dem Schlosse abzuholen. Die Mutter sagte: "Wenn das ist, so steht alles wohl, dann hast du in Nizza nur deine Bestimmung erfullt."
Viele Jahre verflossen seitdem. Der alte Baron war nun wirklich ein alter Baron, Fraulein Emerentia eine alte Jungfer geworden, die alte Baronesse aber inzwischen an einem erblichen Familienubel des Zweiges Schnuck-Muckelig-Pumpel gestorben. Die Jahre hatten das Alter gemehrt und die Gelder gemindert, woraus sich aber der Baron wenig machte. Sagte ihm sein Rentmeister: "Herr Baron, die Pachte und die Zinsen reichen nicht zu", so war die Erwiderung: "Tut nichts, wenn alles aufgezehrt ist, gehe ich in das hochste Kollegium, und lebe von meiner Besoldung; ich bin geborner Geheimer Rat. Geld muss ich haben, also verkauft nur einige liegende Grunde, lieber Rentmeister."
Der Rentmeister achtete sich nach diesen Worten, und verzettelte nach und nach alle liegenden Grunde, die zum Schlosse gehorten, Felder, Wiesen, Triften, Holzungen. Als er das letzte Stuck losgeschlagen hatte, trat er wieder zu dem alten Baron in das Zimmer und sagte: "Ew. Gnaden, mit den liegenden Grunden waren wir nun fertig; ich begehre meinen Abschied, denn wo keine Renten sind, da ist kein Rentmeister mehr vonnoten."
"Sehr wahr!" versetzte der alte Baron, "so wahr, als wie, dass zweimal zwei vier tun; ich will Euch ein Attest schreiben uber wohlgefuhrte Administration; was mich betrifft, so gehe ich jetzt in das hochste Kollegium und werde Geheimer Rat."
Ach! aber als er nach dem hochsten Kollegio fragte, so war ein solches nicht mehr vorhanden, und als er nach den Fursten von Hechelkram fragte, so sagte man ihm, die hatten langst aufgehort zu regieren, und als er sich bei dem Reichstage erkundigen wollte, wie er seine wohlhergebrachten Anspruche durchzusetzen habe, so horte er, das Deutsche Reich ware schon vor soundso vielen Jahren einmal unversehens dem Kaiser unter den Handen weggekommen. "Sonderbar!" rief der alte Baron, "wie ist das nur zugegangen?" Er versank in tiefes Nachdenken, und dachte mehrere Jahre lang daruber nach, wie nur das Deutsche Reich habe wegkommen, der Hechelkramische Furstenstamm aufhoren konnen, zu regieren, und wie es moglich sein sollte, dass er nicht mehr geborner Geheimer Rat im hochsten Kollegio sei? Fur die beiden ersten Probleme fand er zuletzt noch eine Losung, aber das letzte, das Geheimeratsproblem blieb ihm unlosbar, und deshalb kam er endlich auf den Gedanken, die gegenwartigen Verhaltnisse seien nur ein kurzer Ubergang, die alte, gute Zeit stehe schon wieder vor der Ture, und werde bald anklopfen. Mit diesem Gedanken erhielt er seine ganze Heiterkeit zuruck. Er nahm sich vor, in der daraus entspringenden Uberzeugung zu leben und zu sterben.
Inzwischen waren die Brillanten, Perlen, Roben und Spitzen der seligen gnadigen Frau vertrodelt worden, dann wurde das eiserne Gitterwerk von der Pforte abgebrochen und, benebst den Pflastersteinen des Hofplatzes, samt allen entbehrlichen Hausmobilien, nach und nach in Geld umgesetzt. Derweilen biss auch der Wappenlowe in das Gras, darauf brockelte der Bewurf von den Wanden, und dann wich die Giebelmauer gefahrlich aus ihrer lotrechten Stellung, ohne dass eine Reparatur versucht werden konnte, weil die rohen Handwerksleute nur, wenn sie Geld sehen, Hand und Fuss regen.
Viertes Kapitel
Die blonde Lisbeth
In dem nach und nach sotanerweise herabgekommenen sogenannten Schlosse Schnick-Schnack-Schnurr musste sich der alte Baron mit seiner Tochter Emerentia, die seit dem Eintritte in die stehenden Jahre so sehr an Fulle zunahm, wie die Mittel abnahmen, kummerlich und einsam behelfen. Die Jagd hatte naturlich aufgehort, weil die Waldgrunde verschwunden waren, in denen dieses Vergnugen sich betreiben lasst, und an Spiel war auch nicht mehr zu denken; man hatte um Rechenpfennige die Stiche machen mussen. Allmahlich waren daher auch die Freunde seltener geworden, zuletzt blieben sie ganz aus, waren auch wohl zum Teil gestorben. Vater und Tochter hatten sich am Ende den Kaffee und die sparlichen Mahlzeiten selbst bereiten mussen, denn auch die Bedienten und Magde schlichen sich allgemach aus Mangel der Bezahlung weg, ware diesem durftigen und zusammensinkenden Haushalte nicht eine Stutze in der blonden Lisbeth erwachsen, welche, sobald sie die Hande zu Dienstleistungen zu regen imstande war, dem alten Baron und dem Fraulein wie die geringste Magd aufwartete, kochte, wusch, sauberte, dabei aber immer hold und freundlich aussah, und wenn sie das Schwerste verrichtet hatte, so tat, als habe sie nichts getan.
Die blonde Lisbeth war ein Findelkind. Ein altes Weib hatte einst vor Jahren eine grosse Schachtel, mit kleinen Lochern versehen, auf das Schloss gebracht, sie einem Bedienten ubergeben, und ihm gesagt, darin sei ein Geschenk fur den Herrn, welches ein guter Freund schicke. Indem nun der Bediente die Schachtel zu dem gnadigen Herrn hineintrug, fing das Geschenk darin an, sich zu regen, und ein feines Geschrei zu erheben. Der Mensch hatte es bald vor Schreck zu Boden fallen lassen, besann sich indessen doch, und setzte die Schachtel vorsichtig auf einen Tisch in des gnadigen Herrn Zimmer. Der alte Baron offnete den Deckel, und ein kleines Magdlein von hochstens sechs Wochen streckte ihm aus den Lumpchen, womit der arme Wurm kummerlich bekleidet war, wie hulfeflehend die Armchen entgegen, indem die kleine Kehle sich wacker in den ersten Lauten ubte, welche die Menschheit von sich gibt.
Ubrigens lag das Kindlein weich in Baumwolle gebettet. Sonst aber fanden sich durchaus keine Amulette, Kleinodien, Kreuze, versiegelte Papiere, welche auf den Ursprung des kleinen Wesens hindeuteten, und ohne welche ein wohlkonditionierter Romanenfindling sich eigentlich gar nicht sehen lassen darf. Kein Mal unter der linken Brust, kein eingebranntes, oder eingeatztes Zeichen am rechten Arme, von welchem sich dermaleinst im Schlafe das Gewand verschieben konnte, dass jemand, der zufallig die Schlafende sieht, Soupcon bekommt, und weiter nachfragt, wie? oder wann? und so fort kurz nichts, gar nichts, so dass mir selbst um die Wiedererkennung bange wird.
Nur ein graues Blatt Papier lag in der Schachtel, mit der Nachricht beschrieben, dass das kleine Madchen christlich getauft sei und Elisabeth heisse. Die Worte waren kaum leserlich; der Schreiber hatte offenbar seine Hand verstellt. Ringsumher in den Ecken des Blattes wimmelte es von Buchstaben, Krahenund Krackelfussen, die aber trotz aller Bemuhungen, sie zusammenzustellen, sich denselben ebensowenig fugten, als die Charaktere, welche auf dem Papiergelde sich zerstreut vorzufinden pflegen. Dieses Blatt war um einen Zylinder geschlungen, welcher zwei optische Glaser einfasste. Der alte Baron nahm den Zylinder, blickte durch das Okularglas, richtete das Perspektiv gegen das Freie, um sich die Erlauterung des Fundes aus der Luft zu holen, aber soviel er auch richtete und durchblickte, er bekam nichts, als blaue Luft und verworren-schwimmende Gegenstande zu sehen.
Uber diesen vergeblichen Anstrengungen, die Krackelfusse zusammenzustellen, und durch das optische Glas die Wahrheit zu entdecken, war wohl eine halbe Stunde vergangen, wahrend welcher der Baron noch gar nicht dazu gekommen war, sich nach dem Geber der vor ihm liegenden Gottesgabe zu erkundigen. Auch der Bediente, der mit aufgesperrtem Munde bald das Kind, bald die Anstrengungen seines Gebieters betrachtete, hatte bisher verabsaumt von dem alten Weibe zu reden. Endlich verfiel der alte Baron auf die unter den obwaltenden Umstanden so naturliche Frage, der Bediente gab die Auskunft, die er erteilen konnte, wurde der Spitzbubin nachgesandt, rannte einen halben Tag lang in allen Richtungen umher, kam aber unverrichteter Sache zuruck, denn er hatte weder das alte Weib gesehen, noch jemand getroffen, der sie gesehen hatte.
Inzwischen waren die Frauen, die alte Baronesse, welche damals noch lebte, und Fraulein Emerentia, in das Zimmer getreten, und der alte Baron, der mit seiner eigenen Verwunderung noch zu schaffen hatte, musste jetzt dem Sturme von Ausrufungen und Fragen Rede stehn, welcher uber die Lippen der Gemahlin und Tochter strich. Eine Dienerin war gefolgt und sorgte, wahrend die Herrschaften uber die Exegese des Ereignisses verhandelten, fur die notdurftige Futterung und Stillung des noch immer schreienden Kindes.
Als dieses still, lachelnd und schlummernd wieder in seiner Schachtel lag, setzte sich die Familie um den Tisch, worauf letztere stand, zu einer Beratung nieder, was mit dem Findlinge zu beginnen sei. Der Hausund Schlossherr, dessen Torheiten nur von seiner unverwustlichen Gutmutigkeit ubertroffen wurden, war sofort der Meinung, dass das Kind zu behalten, und wie ein eignes aufzuziehen sei. Seine Gemahlin leistete ihm einigen Widerstand, bequemte sich indessen doch bald zum milderen Entschlusse, da ihr einfiel, dass der altere Zweig der graumelierten Linie, der Zweig Schnuck-Muckelig-Pumpel selbst mutterlicherseits von einem Findlinge abstamme, in welchem eine Tochter hoher Herkunft gesteckt habe. Den heftigsten Einspruch hatte er von Emerentien zu erleiden. Das Fraulein war nach ihrer zweiten Badereise so uberaus tugendsam, zartsinnig und verschamt geworden, dass auch die entfernteste Beziehung auf die Verhaltnisse, durch welche wir entstehen und werden, sie tief verletzen konnte. Sie mochte die Blumen nicht mehr leiden, seitdem ihr ein durchreisender Professor die Bedeutung der Staubfaden auseinander gesetzt hatte, sie war vom Tische aufgestanden, als man erzahlte, dass die braune Diane sechs Junge geworfen habe, und hatte vor ihrem Fenster Scheuchanstalten besonderer Art gegen die Sperlinge anbringen lassen, um die Schnabeleien nicht mit ansehen zu durfen, womit diese Tiere nach der Lebhaftigkeit ihres Naturells leider gegeneinander nur zu freigebig sind.
In dem Findlinge ahnete sie nun, wie sie sagte (und die Ahnung der Frauen ist stets sicher und wahr), eine Frucht verbotener Liebe. Worte, die sie vor Scham kaum hervorzubringen vermochte! Sie erklarte, dass sie eine solche nur mit Abscheu anzusehen vermoge, dass ihr das Verbleiben der Kreatur unertraglich sein werde. Sie beschwor ihren Vater, das Kind einer offentlichen Anstalt zu ubergeben. Aber der alte Baron blieb fest bei seinem Vorsatze, und da die Mutter, wie schon berichtet worden ist, auch auf seine Seite getreten war, so musste sich Emerentia endlich, wiewohl mit grossem Widerwillen, fugen.
Diesen liess sie aber in der Folge auf jede Weise an dem Kinde aus, und selbst, als die blonde Elisabeth, oder Lisbeth, wie sie im Schlosse genannt wurde, heranwuchs, und das beste, zutatigste Wesen wurde, mochte sie sich selten dazu verstehen, ihr einen gutigen Blick zu gonnen. Lisbeth dagegen war durch nichts in den sonderbaren Neigungen, die ihr die Natur vorgezeichnet zu haben schien, irrezumachen. An dem Fraulein, die ihr so ubel begegnete, hing sie mit einer unglaublichen Zartlichkeit, sie verrichtete freudig das Schwerste fur sie, liess sich von ihr schelten, und lachelte danach noch eins so freundlich, wogegen sie dem alten Baron, der doch eigentlich ihr alleiniger Beschutzer und Wohltater war, nur eine Empfindung widmete, welche die Grenzen der Dankbarkeit nicht uberschritt.
Funftes Kapitel
Der alte Baron wird Mitglied eines
Journal-Lesezirkels
In ihm war, als Jagd, Spiel und Gastereien fur ihn aufgehort hatten, und nur die Schwalben oder Fledermause, welche durch die Mauerlucken schlupften, in den unbewohnten Zimmern des sogenannten Schlosses zu nisten, allenfalls noch fur Besuche gelten konnten, eine grosse Langeweile entstanden, die anfangs auf keine Weise sich beschwichtigen lassen wollte. Zwar malte er sich zur Unterhaltung seine Erwartung bestens aus, wie er bald als Geheimer Rat im hochsten Kollegio sitzen werde, neben sich den Herrn von Soundso und den Herrn von Daundda auf der Adelsbank, er stellte sich den Prasidenten lebhaft vor, und alle Besonderheiten des altertumlichen Konferenzsaals, er entwarf das Bild des Sessionstisches mit den grossen Haufen von Schriften und Papieren darauf, die er mit seinen Herrn Nachbarn nicht zu lesen habe, sondern welche von gelehrten und burgerlichen Beisitzern durchzustudieren seien; aber als dieses Gemalde von ihm zum hundertsten Male im stillen vollendet und seinen zwei Angehorigen beschrieben worden war, wurde es ihm doch zu eintonig, und er sehnte sich nach anderer Beschaftigung. Diese versuchte ihm nun seine Tochter Emerentia zu gewahren, indem sie ihrerseits eine Schilderung zu liefern begann, wie Furst Hechelkram, pseudonym Rucciopuccio geheissen, plotzlich eines Tages in einem rotlackierten Wagen mit sechs Isabellen bespannt, ankommen, einen schottischkarierten Laufer mit Blumenhut und seidenem goldbefranstem Schurz hereinschicken und anfragen lassen werde, ob Marcebille oder Emerentia, nach der er so lange das ganze Schnurrenburg-Mixpickelsche Geschlecht vergebens hindurchgefragt habe, bis er endlich zufallig erfahren, sie sei eine geborne Schnuck-Puckelig ob sie, Emerentia, noch an die Stunde denke, die Stunde der Andacht in Nizza? Wie sie sich fur diesen Fall schon ihre Antwort ausgedacht, also lautend: "Gnadigster Herr! In den Blutentagen der Jugend opferten wir der Leidenschaft auf dem Altare unserer Herzen! Fur dieses Opfer ist uns der Weihrauch ausgegangen. Aber der Altar blieb stehen; lassen Sie uns auf demselben der Freundschaft ein Opfer entzunden, fur welches ich ewig, Ihnen gegenuber, Vorrat besitzen werde!" Wie sie dann, mit dem grossen goldenen Stiftskreuze begnadiget, ein Schloss in der Nahe seiner Residenz beziehen, nur seine Freundin im reinsten platonischen Sinne sein, ihn nie anders als vor Zeugen sprechen, ihn mit seiner Gemahlin versohnen, uberhaupt der segnende Genius des Furstenhauses und des Landes werden wolle.
Allein den alten Baron unterhielt diese Schilderung auch nicht; er hielt sie fur ein "Carmen" wie er sich ausdruckte, und womit er Gedicht sagen wollte. Von Gedichten war er aber nie ein sonderlicher Liebhaber gewesen. Endlich fiel er auf den Gedanken, zu lesen, da er gehort hatte, dass damit so viele Menschen ihre Zeit hinbrachten. Indessen wollten auch die Bucher, deren eine kleine Sammlung von seinem Vater her noch auf dem Speicher stand, und unter denen er auf gut Gluck jetzt wahlte, wenig Trost gewahren. Die Sachen wurden ihm darin alle zu lang und ausgesponnen abgehandelt; der Autor sagte oft erst auf der vierundzwanzigsten Seite, was er mit der ersten gemeint hatte, pflegte uberhaupt die Forderung an den Leser zu stellen, dass er seine Gedanken zusammenhalten solle, und dazu konnte sich der alte Baron in seinen vorgeruckten Jahren nicht mehr bequemen. Er wollte Abwechselung, Zerstreuung, mancherlei, wie vorlangst in seinen grunen und lustigen Tagen.
Alles dieses fand er auf einmal, da ihm der gute Einfall wurde, in einen Journalzirkel einzutreten, der alle Wissbegierige auf dem Flachenraume der umliegenden vier Quadratmeilen mit Geistesnahrung versorgte, und dessen Reichhaltigkeit ihm schon lange gepriesen worden war. Der Unternehmer hatte, um die Nebenbuhler in der erwahnten weiten Ausdehnung unrettbar daniederzuschlagen, nicht weniger als samtliche Zeitschriften des deutschen Vaterlandes in seinen Mappen versammelt. Es fanden sich sonach darin nicht nur die Morgen- die Abend- die Nachmittagsund Mitternachtblatter, sondern auch die Boten fur West, Ost, Sud, Nord, Nordwest und Sudsudost; der Gesellschafter und der Eremit; die groben und die eleganten Journale; die Lesefruchte und die Extrakte aus den Lesefruchten; die liberalen, die servilen, die rationalistischen, feudalistischen, supranaturalistischen, konstitutionellen, superstitionellen, dogmatischen, kritischen Organe; die Fabelwesen: Phonix, Minerva, Hesperus, Isis; das Ausland, das Inland; Europa, Asien, Afrika, Amerika und die Stimmen aus Hinterpommern; der Komet, der Planet, das Weltall kurz, im ganzen vierundachtzig Hefte, so dass jeder Teilnehmer am Zirkel die Woche hindurch in jeder der zwolf Tagesstunden ein Journal zu lesen bekam.
Diese Unterhaltung war ganz nach dem Sinne des alten Barons. "Endlich", rief er frohlich aus, als er sich mit dem Umfange der ihm neueroffneten Vorratskammern bekannt gemacht hatte, "endlich doch Gedrucktes, welches einen belehrt, ohne zu beschweren!" In der Tat gewannen seine Vorstellungen durch das Lesen der Journale bald eine ausserordentliche Bereicherung. Hatte ihm das eine Blatt eine kurze Notiz von dem grossen Giftbaume in Indien gegeben, der die Atmosphare auf tausend Schritte hin ansteckt, so lehrte ihn das folgende, wie die Kartoffeln im Winter vor Frost zu bewahren seien; in dieser Minute las er von Friedrich dem Grossen, in der nachsten von der Grafenberger Wasserkur, aber nicht lange, denn gleich darnach erzahlte einer die Geschichte der neuen Entdeckungen im Monde. Eine Viertelstunde war er in Europa, dann spazierte er wieder, wie von Fausts Mantel entruckt, unter Palmen; bald hatte er einen historischen Christus, bald einen mythischen, bald gar keinen; vormittags fiel er mit der aussersten Linken die Minister an, nachmittags war er absolutistisch gesinnt, abends wusste er nicht, wo ihm der Kopf stand, und ging als Juste-Milieu zu Bette, um nachts vom Taschenspieler Janchen von Amsterdam zu traumen.
Er hatte nie geglaubt, noch so glucklich werden zu konnen. Dass seine Umstande indessen immer mehr sich verschlimmerten, und dass er endlich nur auf einen kleinen Lehnsstamm, der ihn eben vor dem aussersten Mangel schutzte und unangreifbar war, beschrankt ward, kummerte ihn wenig. Sagte ihm die blonde Lisbeth, das Haus bekomme nach der Giebelwand zu Risse, und konne uber Nacht einmal einsturzen, so pflegte er zu erwidern: "Lass mich zufrieden. Ich habe noch sechs Hefte durchzustudieren." Wurde sie dringender, so rief er argerlich: "Ehe das Schloss einsturzt, bin ich Geheimer Rat!" und sie musste unverrichteter Sache weichen.
Freilich entstand durch das unendliche Material, welches er taglich zu verarbeiten hatte, in seinem Kopfe eine grosse Verwirrung der Vorstellungen, und er musste zuweilen das Haupt in beide Hande nehmen, um sich zu besinnen, ob er noch in unserem, oder in einem fremden Weltteile, oder ob er uberhaupt nur noch auf der Erde und nicht schon langst im Sirius sei? Auch begann er von jetzt an, alles zu glauben, was er horte, und wenn man ihm gesagt hatte, die Vogel sangen nach Noten. Denn, pflegte er oft gegen die Seinigen zu aussern, es kann heutzutage nichts Dummeres geben, als den Kopfschuttler und Zweifelmutigen zu machen; man muss nur Mitglied unsres Journal-Lesezirkels geworden sein, um zu erfahren, dass nichts so wunderbar ist, was nicht jetzo vorfallt; die Menschen und die Sachen und die Erfindungen sind in einem erschrecklichen Fortschritte, und wenn er noch zunimmt, so erleben wir, dass das Wasser Balken bekommt, und dass man mit Extrapost von hier direkt nach Londen fahrt.
Konnte etwas seine Stimmung truben, so war es der Mangel eines Freundes, dem er sich hatte erschliessen, mit dem er seine Ideen hatte austauschen mogen. Die Sehnsucht nach einem Gleichgestimmten, nach einem fordernden Umgange wurde oft sehr gross in ihm. Seine Tochter konnte diesem Verlangen nicht genugen, sie hing nur ihren empfindsamen, ideellen Richtungen nach, und hegte fur Realkenntnisse wenig Sinn; Lisbeth aber hatte ein fur allemal, da er mit ihr von den Dingen, die ihn so mannigfach beschaftigten, reden wollen, ablehnend erwidert: sie wolle sich nichts in den Kopf setzen lassen.
Sechstes Kapitel
Wie der Dorfschulmeister Agesel durch eine deutsche Sprachlehre um seinen Verstand gebracht wurde, und
sich seitdem Agesilaus nannte
Einigermassen, wenn auch nicht genugend, wurde die Sehnsucht des alten Barons befriedigt, sie erhielt sozusagen, wie das Sprichwort lautet, eine Birne fur den Durst, als der Schulmeister Agesilaus in seine Nahe kam. Dieser Mann, welcher fruher Agesel geheissen hatte, und ein alter Bekannter des Barons war, bekleidete bis zu dem Umschwunge in seinem Schicksale das Amt, die Jugend eines benachbarten Dorfchens im Lesen und Schreiben zu unterrichten. Er wohnte in einer Hutte von Lehmwanden, die ausser der Schulstube nur sein Schlafkammerchen fasste, hatte dreissig Gulden jahrlichen Gehalt, ausserdem das Schulgeld: zwolf Kreuzer fur den Knaben und sechs fur das Madchen, einen Grasfleck fur ein Rind und das Recht, zwei Ganse in die Gemeindeweide mit einzutreiben. Er versah seinen Dienst ohne Tadel, lehrte die Jugend nach der alten Manier, so wie sie im Dorfe seit hundert und mehreren Jahren gebrauchlich war, buchstabieren: G-e-, Ge, s-u-n-d, sund, h-e-i-t, heit; Gesundheit B-e-t, Bet, t-e-l, tel, Bettel, s-a-c-k, sack; Bettelsack usw. und brachte die fahigsten Kopfe nicht selten so weit, dass sie Gedrucktes ohne sonderliche Anstrengung lesen lernten. Was das Schreiben anlangte, so ging auch aus seinen Handen dieser und jener hervor, der den eignen Namen zustande zu bringen wusste, wenn man ihn nicht ubereilte, sondern ihm die notige Zeit liess.
In diesem Systeme war unser Schulmeister funfzig Jahre alt geworden. Da ereignete es sich, dass die allgemeinen Steigerungen des Zeitalters auch einen neuen Lehrplan im Lande hervorriefen, der bis zu den Dorfschulmeistern umbildend durchgreifen sollte. Seine Vorgesetzten schickten ihm ein Lehrbuch der deutschen Sprache zu, eines von denen, welche die ABC-Wissenschaft tiefsinnig und philosophisch begrunden wollen, und erteilten ihm die Weisung, seine bisherige rohe Empirie zu rationalisieren, sich selbst zuvorderst aus dem Buche zu unterrichten, und dann danach die veranderte Belehrung der Jugend anzufangen.
Der Schulmeister las das Buch durch, er las es noch einmal durch, er las es von hinten nach vorn, er las es aus der Mitte, und er wusste nicht, was er gelesen hatte. Denn es war darin gehandelt von Stimmlauten und Mitlauten, von Auf- In- und Umlauten; er sollte daraus die Laute truben und verdunnen lernen, er sollte durch Sauseln, Zischen, Pressen, durch Naseln und Gurgeln die Laute hervorbringen, er vernahm, dass die Sprache Wurzeln treibe und Seitenwurzeln, er erfuhr endlich daraus, dass das I der reine Urlaut sei, und dass dessen Erzeugung durch starkes Zusammendrucken des Kehlkopfes nach dem Gaumen hin geschehe.
Er bat Gott um Erleuchtung in diesen Finsternissen, aber sein Flehen prallte zuruck von dem ehernen Himmel. Er setzte sich wieder vor das Buch, mit der Brille auf der Nase, um scharfer zu sehen, wiewohl er bei Tageslicht wohl noch ohne Glaser fertig werden konnte. Ach, nur deutlicher traten seinen bewaffneten Augen die furchtbaren Ratsel des Daseins, die SauseZisch- Press- Nasen- und Gurgellaute entgegen! Darauf legte er das Buch weg, futterte seine Ganse und gab einem Jungen, der gerade dazukam und sagte, der Vater wolle das Schulgeld nicht zahlen, zwei derbe Maulschellen, um durch das praktische Leben Aufschluss fur die Theorie zu gewinnen. Umsonst. Er ass eine Knackwurst, sich korperlich zu starken. Vergebens. Er leerte einen ganzen Senftopf, weil er gehort hatte, dieses Gewurz scharfe den Verstand. Eitles Bemuhen!
Er legte das Buch abends vor dem Schlafengehen unter sein Kopfkissen. Leider fuhlte er am anderen Morgen, dass weder die Wurzeln, noch die Seitenwurzeln ihm in den Kopf gedrungen waren. Gern hatte er das Buch, wie Johannes jenes vom Engel getragne, auf die Gefahr der empfindlichsten Leibschmerzen hin, verschlungen, ware er dadurch des Inhaltes Meister geworden; aber welche Hoffnungen konnte er nach dem Bisherigen von einem so gewagten Versuche hegen?
Die Schule stand still, die Kinder fingen Maikafer, oder jagten die Enten in den Teich. Die Alten aber schuttelten den Kopf und sagten: "Mit dem Schulmeister hat es seine Richtigkeit nicht." Eines Tages, nachdem er sich wieder in seinen verzweiflungsvollen Bemuhungen um den Sinn der Dunnung und Trubung abgearbeitet hatte, rief er: "Wenn ich dieser Bestie von Buch nur erst an einem Flecke beigekommen bin, so gibt sich vielleicht das ubrige von selbst!" Er nahm sich vor, zuvorderst den reinen Urlaut I nach der Anweisung des Buchs zu erzeugen.
Er setzte sich daher auf seinen Grasfleck zum Rinde, welches dort, unbekummert um rationelle Lauterzeugung, empirisch brummte, stemmte die Arme in die Seite, druckte den Kehlkopf stark nach dem Gaumen hin, und stiess nun die Tone hervor, welche sich auf solche Weise veranstalten lassen wollten. Sie waren hochst sonderbar, und so auffallend, dass selbst das Rind vom Grase emporblickte und seinen Herrn mitleidig ansah. Eine Menge Bauern hatte der Schall herbeigezogen; sie standen neugierig und verwundert um den Schulmeister her. "Gevattern!" rief dieser und ruhte einen Augenblick von seiner Anstrengung aus, "passt einmal auf, ob es der reine Urlaut I wird?" Darauf gab er sich wieder an die Kehlkopf-Gaumendrukkung. "Gott behute!" riefen die Bauern, und gingen nach Hause, "der Schulmeister ist ubergeschnappt, er quiekt schon wie ein Ferkel."
Und wirklich stand der arme Schulmeister nahe an der Grenze, uber welche die Bauern ihn bereits gesprungen glaubten. Die Frist war abgelaufen, welche man ihm zum Selbstunterrichte gesetzt hatte, er sollte jetzt nach dem Buche lesen lernen lassen, eine Visitation seiner Schule durch den Herrn Schulrat Thomasius nahte heran, die Verzweiflung trat ihm zum Herzen, und seine Gedanken begannen zu schwarmen. Andre sind durch das Bruten uber der unbefleckten Empfangnis der Jungfrau Maria, oder uber dem Geheimnisse der Trinitat, oder von dem Gedanken an die Ewigkeit verruckt geworden; warum sollte ein Dorfschulmeisterlein nicht durch eine moderne Sprachlehre den Verstand verlieren konnen? Genug, ich erzahle es, und wer mir nicht glauben will, frage im Dorfe Hackelpfiffelsberg nach. Da hat sich die Geschichte zugetragen, und jedes Kind weiss dort davon.
Ein reisender Student kam in jenen Tagen durch Hackelpfiffelsberg, der kehrte in der Schenke ein, und vernahm von dem narrischgewordenen, oder narrischwerdenden Schulmeister. Es war ein feiner, denkender Kopf, der sich besonders auf Psychologie verlegt hatte, und der daher eine grosse Begierde verspurte, den Kranken kennenzulernen. Er fand ihn in leinenen Armeln sitzen, die behaarte Brust offen, eine grosse weisse Nachtmutze auf dem Kopfe. "Wie geht es, Meister?" fragte der Student. "So, so, Fremdling", versetzte der Schulmeister. "Nicht wahr, die alten Spartaner waren Kerle? Keine mussige Gelehrsamkeit, keine Qualerei mit Umlauten, Inlauten, Brustlauten! Alles auf Tatkraft, auf das wirkliche Leben berechnet, den Korper abgehartet, den Sinn zugespitzt zu Apophthegmen! Mich soll der Henker holen, wenn ich mir nicht alles in Zukunft lakedamonisch einrichte! Meine wackern Vorfahren! Denn was ist Agesel? Agesel ist nichts, verstummelt, verdorben aus Agesilaus, dem tapfern Konige von Sparta. Die Turken vertrieben die Griechen, darunter waren naturlich die Nachkommen des Konigs Agesilaus auch, und die haben sich allmahlich bis hieher verzettelt, die Endsilbe ist aber unterweges verlorengegangen. O, man musste nicht von den Wurzeln und den Ableitungen die Zeit her die Krank' gekriegt haben, wenn man so etwas unglaublich finden wollte!"
"Hoho", dachte der Student, "steht es dermassen hier? Aber ein anziehender Fall! Ich muss ihn beobachten." Er blieb den ganzen Tag uber bei dem Schulmeister, und merkte durch viele Fragen aus seinen krausen Antworten endlich sich so viel ab, dass der Kranke in fruheren Jahren eine alte Schwarte uber die Sitten und Gebrauche jenes griechischen Freistaates gelesen hatte, schon damals von denselben hochlich entzuckt gewesen war, dass nun gegenwartig die gleichsam in Schlummer gelegenen Vorstellungen erwachten und ein fieberhaftes Leben in ihm gewannen. Abends trug der Student folgendes Notizenschema in seinem Tagebuche ein: "Paralysierung des Denkvermogens in einem beschrankten Geiste durch unverdaulichen Denkstoff.
Allmahliches Denk-Nichts.
Eintreten einer pragnanten antiken Idee im Vacuo.
Die Atome des aufgelosten Denkvermogens schie
ssen an dieser Idee an.
Zustand des Rappelns.
Konsolidation des Rappelns
Fixe Idee.
Ausserdem vernunftiger Mensch.
NB. Nach der Ferienreise weiter auszufuhren."
Es mochte ohngefahr ein Vierteljahr nach diesen Vorfallen verstrichen sein, als der Schulmeister, nur bekleidet mit einem braunen, groben Mantel, in der Hand eine junge Tanne, vor den alten Baron trat, der dem Schlosse die freie Luft genoss. Der Baron wusste im allgemeinen schon von den Dingen, die seinem Bekannten widerfahren sein sollten, und trat daher drei Schritte vor ihm zuruck, besonders da er ihn mit dem nicht gerade dunn zu nennenden Tannenstamme gerustet sah. Aber der Schulmeister lachelte, und legte, als ob er die Gedanken des andern erriete, die junge Tanne ab. Dann machte er dem Baron eine hofliche Verbeugung, und sprach die ublichen Begrussungsworte, ohne dass in Ton oder Wendung etwas Exzentrisches hervorgesprungen ware. Der Baron fasste daher Mut, ging auf den Schulmeister zu, ergriff seine Hand und sagte: "Nun, wie geht's Euch, alter narrischer Teufel? Was fur Streiche habt Ihr denn angefangen, Agesel?"
"Agesilaus, wenn ich bitten darf, gnadiger Herr", erwiderte der Schulmeister sanft und hoflich. "Ich habe diesen meinen guten, ehrlichen Stammnamen wieder angenommen."
Der Baron entfernte sich nun doch wieder etwas von seinem Besuche, und sah ihn mit scheuen Blicken von der Seite an. Der Schulmeister aber fuhr gesetzten Wesens fort: "Ich weiss, was Sie von mir denken, mein Gonner. Sie halten mich fur verruckt. Sie irren sich, Herr Baron; ich bin nicht verruckt. Es sollte mir leid tun, wenn ich mich in diesem Zustande befande, denn dann konnten Sie mir mit Recht dasjenige versagen, um welches ich Sie dringend ansprechen muss. Ich habe meine funf Sinne vollkommen beisammen, und weiss, dass ich ein Nachkomme des alten Konigs Agesilaus bin, dass ich folglich die Verpflichtung habe, spartanisches Leben und Wesen in mir darzustellen, welches wohl uberhaupt ein herrliches Korrekti-vum fur diese weichliche, abgeschwachte, ubergelahrte und sophistische Zeit sein mochte."
Der Baron fragte, um nur etwas zu sagen: "Ist es denn wahr, was ich gehort habe, dass Ihr abgesetzt seid, Herr ... Herr ... Agesilaus ... nicht? so nennt Ihr Euch?"
"Abgesetzt allerdings, fortgejagt, wenn Sie so wollen, durch den Schulrat Thomasius", erwiderte Agesilaus ruhig. "Nachdem ich das grammatische Fieber, in welches ich durch jene Hollen-Lautlehre gesturzt worden war, uberwunden hatte, hielt ich es fur meine Schuldigkeit, die mir anvertraute Dorfjugend lakedamonisch zu bilden. Ich wies sie daher an, zu stehlen und sich nur nicht betreffen zu lassen, um ihre List und Kuhnheit zu uben, ich erregte Streit und Schlagerei unter ihnen, um ihre Herzhaftigkeit zu prufen, und ich prugelte sie allwochentlich dreimal ohne Grund ab nach dem Muster der Geisselung am Altare der Diana. Herrlich schlug auch meine Methode an. Die Jungen fanden, dass noch nie so lustig Schule gehalten worden sei, rauften sich, dass es eine Art war, ohne zu mucksen, stahlen ihren Eltern die Apfel vor der Nase weg, und liessen sich nicht erwischen, verschmerzten selbst die grundlosen Prugel wegen der sonstigen Ergotzlichkeiten, die sie jetzt ungestraft hatten. Aber die dummen Bauern konnten meinen Plan nicht fassen. Sie schrien, dass ich ihre Brut von Grund aus verderbe, und verklagten mich. Da hat mich nun der Schulrat nun, er ist auch keiner von den hellsten Kopfen von dannen getrieben, und also ereilte mich das Fatum."
"Ich wundre mich nur", sagte der Baron, der sich noch immer von seinem Erstaunen nicht erholen konnte, "uber alle die gelehrten Anspielungen, die Euch da so vom Munde stauben, wie Federn vom Kissen, wenn das Bett gemacht wird. Woher habt Ihr das Fatum und die sophistische Zeit, und was Ihr sonst noch vorbrachtet?"
"Es kommt mir alles dieses und mehreres dergleichen, wenn ich es gebrauche, wie durch innere Eingebung und Erleuchtung", antwortete der Schulmeister. "Seit die Urerinnerung an meine tapferen und unvergleichlichen Vorfahren in mir aufgewacht ist, stehen meinem Geiste Dinge zu Gebote, welche freilich vordem in meinem Dorfleben mir nicht gelaufig waren."
Er trug nun dem Baron sein Anliegen vor, welches darin bestand, ihm Obdach und notdurftige Leibesnahrung zu gewahren, da er nach seiner Absetzung von allem entblosst sei und nichts besitze, als was er um und an sich trage. Der Baron nahm Anstand, einen tollen Menschen (denn dafur hielt er den Schulmeister), im Schlosse zu beherbergen, gleichwohl litt es sein gutes Herz nicht, einen Durftigen hungern und frieren zu lassen. Er wies ihm daher ein kleines, verfallenes Gartenhauschen, welches in der entferntesten Ecke des franzosischen Gartens auf einem Schneckenberge stand, und ehemals grun angestrichen gewesen war, zum Quartier an. Damit war sein Schutzbefohlner vollkommen zufrieden. Er zog ein, nannte den Schneckenberg das Gebirge Taygetus, und taufte ein kleines Wasserchen, welches ziemlich trage unter sogenanntem Entenflott in der Nahe dahinschlich, zum Eurotas um. Einmal des Tages kam er auf das Schloss, mit den Bewohnern ihre kargliche Mahlzeit zu teilen; die zweite hielt er in seiner Behausung ab. Sie pflegte in der Regel aus einer Art von Mehlbrei zu bestehen, den er auf dem Schneckenberge an Reisigfeuer zurichtete, und seine schwarze Suppe nannte. Ausser seinem Mantel hatte er keine Kleidungsstucke; sein Getrank schopfte er vom Brunnen mit einem alten irdenen Topfe, der ihm den spartanischen Becher oder Kothon bedeuten musste, und von welchem er ruhmte, dass er, wie jenes antike Schopfgefass, wegen seines eingebognen Randes jegliches Trube und Unreine vom Munde abhalte; alle Woche aber holte er vom Schlosse sich frisches Stroh zur Lagerstatt, und hiess dies, sich Schilf im Eurotas schneiden.
Nach einiger Zeit hatte der Baron alle Furcht vor seinem Gaste verloren. Denn er bemerkte, dass dieser uber jeden Gegenstand so verstandig dachte und redete, wie der gesetzteste Alltagsmensch, und dass auch seine spartanischen Vorstellungen sich zu einer sogenannten unschadlichen Schrolle, oder zu dem, was man den Wurm bei einem Menschen nennt, gemildert hatten. In der Tat musste er gestehen, dass unter den Gesetzen Schmalhansens, des Kuchenmeisters, die uber Schloss und Gartenhauschen herrschten, die lakedamonische Einfachheit vollkommen gerechtfertigt war, und dass ihrem Anhanger daher die Zugabe von der Ahnenschaft des Konigs Agesilaus wohl mit durchgehen konnte. Seine Gesellschaft wurde ihm nun sehr lieb; er hatte doch jemand, mit dem er in den langen Herbst- und Winterabenden plaudern konnte; er durfte nicht mehr befurchten, an dem Ideenreichtume, den die Journale in ihm hervorbrachten, zu ersticken.
Freilich war, wie wir im Anfange dieses Kapitels sagten, der Schulmeister nur eine Birne fur den Durst. Uber Geschichten und Anekdoten konnte sein Gonner mit ihm verhandeln, und des lebhaftesten Gespraches sicher sein, wenn er wichtige Punkte der Historie zur Sprache brachte, wie zum Beispiel: Ob Brutus recht gehabt habe, Casarn zu erstechen, was aus der Welt geworden sein mochte, wenn die Franzosen die Revolution nicht zustande gebracht hatten, oder wenn Friedrich der Grosse und Napoleon Zeitgenossen gewesen waren, und was dergleichen mehr war. Dagegen fehlte dem vermeintlichen Abkommlinge des Konigs von Lakedamon aller Sinn fur die Kuriositaten aus der Lander- und Volkerkunde, und aus dem Gebiete der Erfindungen, Handels- und Gewerbsverhaltnisse, denen der Baron gerade am leidenschaftlichsten sich zuneigte.
Mit dem Fraulein hatte der Schulmeister manchen Streit und sie duldete ihn eigentlich nur ihres Vaters wegen. Er war ihr besonders durch eine feurige Rede verhasst geworden, in welcher er die Sitte der Spartaner, auch die Jungfrauen bei den Festen der Gotter nackt tanzen zu lassen, hochlich herausstrich. Ein Nervenanfall hatte sie nach dieser Rede ergriffen und mehrere Wochen lang unpasslich gemacht. Er nahm sich daher auch spaterhin eine grossere Vorsicht in seinen Lieblingsreden zur Richtschnur, um den Boden, auf dem er seine Freistatt gefunden hatte, nicht zu unterwuhlen. Andernteils wurde es nach und nach der allgemeine Grundsatz der drei Akademiker von Schnick-Schnack-Schnurr, eine zarte Schonung der gegenseitigen Schossneigungen walten zu lassen.
In diesen Verhaltnissen lebten der alte Baron, das Fraulein und der Schulmeister ihre seltsam-abgeschiedenen Tage hin. Eines Abends sagte der Schlossherr zu seinem Schutzlinge: "Ihr seid jetzt weit ruhiger und gleichmutiger, Herr Agesilaus, als vor Zeiten, wo es Euch doch im Grunde besser ging, als jetzunder. Damals konntet Ihr streckenlang sehr murrisch und verdriesslich sein."
"Murrisch und verdriesslich nun wohl nicht, mein Gonner", versetzte der Schulmeister, "aber tiefsinnig und melancholisch. Wenn ich so meine schmutzigen Jungen in einem fort buchstabieren liess, eine Woche nach der andern, einen Monat nach dem andern, und sich das ohne Resultate fortsetzte, diejenigen, welche lesen gelernt hatten, die Schule verliessen, und frische Rangen, die noch nichts wussten, wieder hineinkamen, und immer, immerdar wieder von vorn dasselbe angefangen werden musste, da konnte mir das ganze Leben zuletzt vollig dunn und unzusammenhangend vorkommen, und es gab Nachte, worin mir traumte, das menschliche Dasein sei nur ein langes, leeres ABC, von dem die Buchstaben XYZ in der Ewigkeit standen, und aus welchem nie ein verstandiger Satz, ja nur ein sinnvolles Wort wurde. Wollte ich mir dann zu meinem Troste sagen, ich sei eben nur ein armer Dorfschulmeister, die Trube dieser Meinung entspringe aus meiner gedruckten Lage, und glucklichere Menschen, wie hohe Obrigkeiten oder gar durchlauchtige Potentaten seien wohl in dem Falle, ihrer Existenz einen Zusammenhang zu geben, so war die Beschwichtigung doch nicht lange stichhaltend. Denn ich musste erwagen, dass das Regieren uber Land und Leute doch auch nur so ein odes, langwieriges Buchstabieren sei, und dass, wenn man es an irgend einem Zipfel zum Lesenlernen gebracht habe, dieser verschwinde, und an der andern Seite ein neues Fibelschutzenwesen zu stammeln beginne. Aber seit ich meine Ahnen kenne, seit ich weiss, welche herrliche Erinnerungen in mir sich fortsetzen, und durch mich lebendig zu erhalten sind, ist alles in mir Ruhe und Freudigkeit, haben sich die Bestandteile des Lebens im Kreise um mich her gestellt, kurz, bin ich zur Klarheit und zum Bewusstsein durchgedrungen."
"Sonderbar!" rief der alte Baron vor sich hin, als der Schulmeister nach dieser Ausserung fortgegangen war. "Wie es scheint, muss der Mensch immer einen Sparren haben, um recht zusammenzuhalten. Die Vernunft ist wie reines Gold, zu weich, um Facon anzunehmen; es muss ein tuchtig Stuck Kupfer, so eine Portion Verrucktheit darunter getan werden, dann ist dem Menschen erst wohl, dann macht er Figur und steht seinen Mann. Was fur ein Gimpel war der Schulmeister sonst, und wie gescheit spricht er jetzt, seitdem es bei ihm rappelt. Das Leben ist doch ein kurioses Ding, und ware ich nicht geborner Geheimer Rat im hochsten Kollegio, so konnte mir auch vor mir bange werden. Aber da ich der bin, so muss ich naturlich meinen vollen Verstand besitzen."
Siebentes Kapitel
Der Freiherr von Munchhausen wird auf den Boden
dieser Geschichten geschleudert
Die blonde Lisbeth war in das Gebirge gegangen, Zinsenruckstande von den Bauern einzutreiben. Sie hatte dieselben zufallig in einem alten vergessnen Rentenregister, welches unter anderem Gerull in einer Polterkammer lag, verzeichnet gefunden. Ihr Pflegevater war angstlich gewesen, das Kind so allein in das Gebirge ziehen zu lassen, sie aber hatte mutig geantwortet: "Wer wird mir etwas tun? Ich schaff' das Geld!" hatte sich an des Schulmeisters Eurotas einen Weidenstecken geschnitten, ein Reisetaschchen voll der notigsten Wasche umgehangt, Schnurstiefelchen angezogen, einen Strohhut verwegen auf das kecke Hauptlein gesetzt, und war so furbass gewandert.
Wahrend ihrer Abwesenheit gingen die drei Zuruckgelassenen, der Baron, das Fraulein und der Schulmeister eines Nachmittags in dem verwilderten franzosischen Garten spazieren. Sie verkehrten aber nicht miteinander, wie dies meistens bei solchen Gartenwanderungen zu geschehen pflegte, sondern hingen in verschiedenen Wegen und Stegen ihren eigenen Gedanken nach. Die Pfade um das Schloss her waren fast uberall von Dornen versperrt, oder durch sumpfiges Erdreich feucht, der trockne Sand, welcher die Gartenstege noch immer einigermassen bedeckte, verdiente daher ohne Zweifel den Vorzug, wenn man lustwandeln wollte.
Damit aber diese gemeinsame Erholung einem jeden seine vollige Freiheit lasse, und der Stoff der Gesprache nicht zu verschwenderisch eingezehrt werde, hatte der alte Baron fur die Gartenerholung Aufhebung des geselligen Verkehrs als Regel festgesetzt. Sollte eine Ausnahme eintreten, und Gesprach herrschen, so war von ihm ein untruglich andeutendes Zeichen erfunden worden. Er schrieb namlich an solchen Tagen einem Genius von Sandstein, der, den Finger auf dem Munde, vor einer kleinen dusteren Laube stand, und zu den noch am besten erhaltenen Kunstwerken des Gartens gehorte, mit Kreide das Wort: "Colloquium" auf die Brust; eines von den wenigen lateinischen Wortern, deren er sich noch aus seinem Jugendunterrichte erinnerte. Sowie daher jemand von der taglichen Gesellschaft in den Garten trat, sah er nur nach der Brust des Genius, und schwieg oder redete, je nachdem die Meinung des Schlossherrn lautete, denn, in so grosser Armut er sich befand, alle seine Umgebungen waren gewohnt, sich punktlich nach seinen Wunschen zu richten.
Heute stand kein "Colloquium" auf der Brust des Genius angekreidet. Der alte Baron war schon seit einigen Wochen in einer truben, sehnsuchtigen Stimmung, welche, gerade heute zu besonderer Verdusterung erwachsen, ahnlichen Launen bei dem Schulmeister und Emerentien begegnete, so dass beide mit der ihnen auferlegten Trappistenregel an diesem Tage besonders zufrieden waren. Wie es wohl zu gehen pflegt; lange Zeit bleiben die eigentlichen Grundempfindungen eines Kreises von Tagestauschungen uberhullt; endlich aber drangen sie sich doch wie Springfluten unwiderstehlich an die Oberflache hervor.
Die Gefuhle der drei lustwandelnden Personen brachen, da letztere weit genug voneinander gingen, um sich fur unbelauschbar halten zu konnen, in Selbstgesprache aus. Der alte Baron schritt zwischen zwei Taxuswanden auf und nieder, welche ehemals auf ihrer oberen Flache die zierlichste Abwechselung von Kreuzen, Pfeilern und Urnen dargeboten hatten, nun aber langst aus aller Schur gewichen waren, und nur noch unformliche, missgestaltete Klumpen gruner Blatter und Aste zeigten. Sein Schritt war heftig, sein Blick schwer. "Ja", rief er aus, "wenn ich einen Mann hatte, der mich verstande, mit dem ich laut denken konnte, der Sinn fur einen weiten Gesichtskreis besasse, dann liesse sich herrlich und in Freuden leben! Immer Neues, Wunderbares muss ich haben, die Journale genugen mir schon nicht mehr, sie fangen an, mir schal vorzukommen; Hypothesen, Hypothesen begehre ich, eine gewaltiger als die andre, denn nur Hypothesen loschen den Wissensdurst, wenn er einmal entflammt worden ist. Was hilft es mir, dass ich heute von den Ungeheuern gelesen habe, die in jedem Wassertropfchen leben, mit Kugelleibern, oder tausend Fussen, oder Russeln oder Sagezahnen? Bin ich danach kluger, als zuvor? Nein. Dummer im Gegenteil. Wie entstehen sie? Was treiben sie? Was fressen sie? Wie begatten sie sich? Sind es Saugetiere, die lebendige Junge zur Welt bringen, oder eierlegende Fische? O fande ich doch nur einen Mann, mit dem ich alles so recht durchsprechen konnte, der eine Erklarung auch fur das Dunkelste gabe, gleichviel welche! Der Schulmeister ist ein ehrlicher Kauz, aber doch im Grunde ein dummer Teufel mit seinen alten Spartanerflausen. Ich habe mir einen verruckten Menschen unterhaltender gedacht; der Agesel beginnt, mich zu langweilen."
Er trat verstimmt zu einem steinernen Schafer, der an dem einen Ende der Taxuswande stand, und vorzeiten Flote geblasen hatte, nun aber nur noch vergeblich den Mund spitzte und die Arme in der gezwungenen musikalischen Haltung leer vor sich hinstreckte, weil die Flote ihnen langst von der Zeit entfuhrt worden war. Der alte Mann lehnte sich duster an den verstummelten Schafer; vor seinem geistigen Gesichte walzten sich, schossen und kugelten riesige Infusionstiere umher, bis ihm die Gedanken in das Formlose zergingen.
Inzwischen umkreisete Fraulein Emerentia ein mit Muscheln eingefasstes Becken, welches freilich schon seit geraumen Jahren so trocken lag, wie das Rote Meer, als die Israeliten hindurchgingen. Ein Delphin streckte in der Mitte dieses Beckens seine aufgestulpte Nase empor. Er hatte von Gluck zu sagen, dass er aus Kupferblech bestand; ohne diese Konstitution hatte er in solcher Trocknis rettungslos verschmachten mussen. Auch ein Unbeschaftigter! Woher sollte der Wasserstrahl ihm zufliessen, den er sonst aus den Nustern in die Hohe gesendet hatte? Das Fraulein umschritt, wie gesagt, das Becken, und sah bald auf dessen Grund, bald auf den Delphin, bald auf die bunten Kiesel, welche, in Sternen, Rauten und Blumen eingelegt, den Platz um das Becken zierten, ohne dass sie von einem dieser Gegenstande Trost fur ihre wehmutigen Empfindungen zugesprochen bekommen hatte. "Hartes Los", flusterte sie schwermutsvoll vor sich hin, "mit einem reichen Herzen, mit einem zarten Gemute unter kalten, abstossenden Naturen leben zu mussen! Wer versteht hier die heilige Sehnsucht, die mich so ganz nach Rucciopuccio erfullt, dem Fursten von Hechelkram im Geheimen? Ich weiss, das Schicksal, welches unser Leben wendet, will still erwartet sein, und darum greift kein ungestumes Verlangen im Busen der Entwickelung der Tage vor, nein, geduldig harrt der glaubige Sinn des liebenden Weibes auf den seligen Augenblick, da der goldlackierte Wagen vor dem Schlosse halten und der Laufer mit Blumenhut und Schurz in die Ture springen wird, fragend nach Emerentien, die in den Stunden der Andacht zu Nizza Marcebille hiess. Aber eine feinfuhlende zweite Seele, ein sympathetisches Gemut wunschest du dir, und darfst du dir wunschen, arme Emerentia, die Qual des Harrens zu lindern! Nun, wie steht es um die Befriedigung dieses Verlangens hier? Welche Personen umgeben dich? Wirst du in deinen Seufzern von irgend jemandem, mit dem dich dein Los verbunden hat, begriffen? Der gute Vater ist gut, sehr gut, aber lacht er nicht, wenn du ihm die Geheimnisse deiner Brust leise und schamhaft enthullst? O wie verderblich ist die einseitige Verstandeskultur, welche der Mensch von Journalen empfangt! Wie hohlt sie das Herz aus! Und jener spartanische Pobelnarr nein, denke ihn nicht zu Ende, diesen Narren, dessen zynische Reden schon in der Erinnerung meine keusche Seele aus tausend Wunden bluten machen. O komm, Mensch, fuhlender Mitmensch, den ich nicht kenne, aber gestaltet vor den Augen meines Geistes sehe, der du mich verstehen wirst ohne Wort, wie der heilige Mond, wenn ich zu ihm aufblicke, dem das Unaussprechliche in mir klar sein wird, wie ein Spruch der Einfalt, komm, Troster, Paraklet, mir meine sussen Ahnungen auszudeuten, und mich in dem zu begreifen, worin ich mich selbst nicht fasse!" Nach dieser Rede, die Emerentien gewiss jeder Leserin von Gemut teuer macht, setzte sie sich dem Delphin gegenuber auf einen unformlichen Rasenhugel, der ehemals eine Bergere gewesen war, und fuhr fort, herzbrechende Seufzer auszustossen.
Auch der Schulmeister war nicht glucklich. Er kauerte auf seinem Gebirge Taygetus, oder Schneckenberge, vor einem Feuer, welches der Wind hin und her wehte, und kochte schwarze Suppe. Denn es hatte zum Mittagsessen auf dem Schlosse Spinat gegeben, das einzige Gericht, welches er, sonst nicht auf Leckerei gestellt, zu geniessen unvermogend war, weil er behauptete, es schmecke nach Rauchtabak. Wahrend seiner Beschaftigung polterte und brummte er folgende Reden heraus: "Schlimm! Schlimm, beim Kukkuck, wenn man mit Ignoranten zu tun hat! Das Fraulein ist eine Mondscheinprinzessin, und der alte Baron, dem ubrigens Gott seine Gute an mir vergelten mag, ein Konfusionarius! Ich kriege es nicht heraus! Bis nach Bohmen kann ich die Spuren meiner Vorfahren verfolgen, als sie sich vor den Turken fluchteten, aber weiter geht's nicht, von da bis hieher Nacht, Finsternis, unwegsame Wuste! Mein Eltervater war aus Buxtehude, also haben die Spartaner einen Haken bis zur Nordsee geschlagen. Wie reim' ich nun diesen Haken mit der Niederlassung der ubrigen Ageselschen oder vielmehr Agesilausschen Familie in hiesigen Landen zusammen? Und doch, da die Sache ihre Richtigkeit hat, so muss sie sich auch beweisen lassen. O, ein Gelahrter, ein Forscher, der mir hulfe, die Vermutungen zusammenstellte, und selbst Vermutungen hatte, wo mir alle Vermutungen ausgehn; o, ein solcher Mann fehlt mir nur allzusehr!" Er ruhrte heftig in der schwarzen Suppe und seine Reden gingen in einzelne abgebrochne Ausrufungen uber, die von dem Verdrusse seiner Seele zeugten.
Nach einigen Minuten erseufzte das Fraulein am trocknen Wasserbecken so laut, dass selbst ihr Vater am Flotenblaser ohne Flote und der Schulmeister auf dem Taygetus es vernahmen. Aus Sypathie stimmten sie ihrerseits ein, so stark sie nur vermochten, und es stieg daher ein dreifacher, gewaltiger Seufzer der Sehnsucht im Garten des Schlosses Schnick-SchnackSchnurr empor. Kaum war er verklungen, so ertonte aus einer Ecke des Gartens, zunachst der einfassenden Hecke, ein lautes Gerausch, wie wenn jemand von einer nicht unbedeutenden Hohe herabfalle, ein Hufschlag, wie von einem davoneilenden Pferde, und das Gesprach zweier Menschen, von denen der eine fragte: "Wie ist es, mein gnadiger Herr? Haben Sie sich wehe getan?" der andre aber antwortete: "Durchaus nicht, durchaus nicht, du weisst ja, dass mir kein Sturz etwas tut, auch liegt hier, wie du siehst, ein weicher Haufen Unkraut und Gras zusammengetrieben, auf den bin ich gesunken, als ich aus den Luften herniederschwebte." "Soll ich dem Pferde nachrennen?" fragte die eine Stimme. "Nein", versetzte die andre, "wir sind am Ziel, welches das Schicksal uns wies. Lass die Kreatur auch ihrem Ziele nachlaufen, welches ohne Zweifel in dem Stalle des Verleihers sein wird, aus dem ich den Klepper im Stadtchen entnahm."
Der alte Baron, das Fraulein und der Schulmeister naherten sich jetzt dem Orte, wo der Fall und dieses Gesprach erschollen war, und sahen zwei Manner, welche sie in nicht geringes Erstaunen versetzten. Der eine war eine stammige Figur, deren Eigentumer seine vierzig und mehreren Jahre zahlen mochte, mit einem durchaus blassen, aber kraftig muskulosen Gesichte, aus dem zwei grosse lebhafte Augen hervorstrahlten. An seiner Kleidung zeichnete sich sonst nichts aus, dagegen konnte ein ubermassig grosser Strohhut mit fussbreiten Krempen auffallend erscheinen, welcher einige Schritte von dem Fremden im Sande lag. Dieser Strohhut war eigentlich kein Strohhut; seine Form schwankte zwischen Mutze und Kaskett. In Zukunft soll er, wo er noch vorkommt, der Strohhelm heissen.
Der andere war noch untersetzter und gedrungener, als der erste, schien mit ihm in gleichen Jahren zu sein, hatte aber die gewohnliche Gesichtsfarbe eines gesunden Menschen. Seine Augen waren womoglich noch greller, als die des Herrn, denn in diesem Verhaltnis musste wohl der erste zu dem zweiten stehen, da letzterer in einer eiergelben Livree stak, einen lakkierten Bedientenhut auf dem Kopfe trug und sich um den ersten mit einer Kleiderburste bemuhte, allerhand Erd- und Grasspuren von dem lichtgrauen Uberrocke desselben zu tilgen.
Indem die Gesellschaft vom Schlosse sich den Fremden naherte, blickten diese auf, der erste sagte dem zweiten etwas in das Ohr, worauf der Diener den Strohhelm von der Erde erhob und seinem Herrn darreichte. Letzterer trat den dreien entgegen und sagte mit wunderbaren Muskelbewegungen im Antlitz zum alten Baron einige hofliche Worte der Entschuldigung, dass er so unangemeldet in seinen Garten gefallen sei. Der Baron versetzte, das habe gar nichts zu bedeuten, und der Schulmeister machte dazu eine tiefe Verbeugung. Beide musterten erstaunt die Zubehorungen des Fremdlings, wie man die Papierhefte, Rollen und Streifen wohl nennen durfte, welche aus den Seiten- Rucken- und Brusttaschen seines Rocks, ja sogar aus den Offnungen eines ledernen Ranzens hervorsahen, den er an einem Querriemen uber die Schultern geworfen trug.
Die Aufmerksamkeit des Frauleins war dagegen in diesen ersten Augenblicken weit mehr von dem Bedienten gefesselt worden. In der Tat zeigte der Aufzug dieses Menschen auch so manches von einer gewohnlichen Livree Abweichende. Denn um von dem Strausse wilder Feldblumen zu schweigen, der an seinem Hute duftete, so musste gewiss jedem sonderbar vorkommen, dass er einen grossen bunten Tuch wie einen Schurz sich um die Huften geknupft hatte.
Der Herr war indessen in die Mitte zwischen den Baron und den Schulmeister getreten, durch diese Bewegung war auch das Fraulein veranlasst worden, ihn achtsamer zu betrachten, und sich zu nahern; so bildeten die drei eine Gruppe von Horern um den Fremden, welche wie von selbst entstanden war. "Lassen Sie uns, geschatzte drei Unbekannte, nicht zu lange in einem leeren Erstaunen einander gegenuberstehen", hob er mit einer gewissen Feierlichkeit an, welche jedoch die Wiederholung jener Muskelbewegungen im Antlitz, auf die wir schon hingedeutet haben, nicht verhinderte. "Ich fuhle etwas in mir, welches mir sagen will, dass unser Zusammentreffen in diesem verwilderten franzosischen Garten Folge einer siderischen Konjunktion ist, welcher die Signatur unserer vier Mikrokosmen entspricht. Ist dem also, so wurde alles gehaltlose Verwundern, und der eitle Apparat nichtssagender Komplimente, welcher die Vorhalle unbedeutender Bekanntschaften auszieren muss, nur eine Verschwendung kostlicher Minuten sein. 'Hasche nach Minuten, denn auf ihren Fittichen ruht die Ewigkeit!' sagt uns ein weiser Dichter. Die tiefste Ahnung meiner Seele ruft mit vernehmlicher Stimme: Es war vorbestimmt; die Zeit war dazu reif, dass mein Pferd an jener Hecke bocken, sich baumen und mich zuerst auf jenen Unkrauthaufen schleudern, demzufolge aber in Ihren freundlichen und empfanglichen Kreis befordern musste."
"Sind Sie vom Pferde gesturzt?" fragte der alte Baron. "Jawohl", versetzte der Fremde; "doch eigentlicher zu reden, ich flog mehr und beschrieb in der Luft eine Kurve, deren Berechnung wohl die Elemente der Ellipse ergeben mochte. Ich bin auf einer gelehrten Fusswanderung begriffen, deren Zweck es ist, das Mineral zu entdecken, wodurch man Luft doch still vorderhand noch von diesen Dingen! Weil ich mich aber ermudet fuhlte, nahm ich in der Stadt, vier Meilen von hier, ein Mietpferd zu dem Abstecher in diese Gegend. Hieher wiesen mich geheime Andeutungen in manchen Schriften, welche die Menge nicht beachtet, die aber Korner gediegenen Goldes enthalten. Auch eigne Kombinationen machten es mir wahrscheinlich, dass hier ein Stock des Min doch, wie gesagt, still davon! Ich hing auf meinem Pferde verschiednen Untersuchungen nach, wie es denn meine ziemlich ausgebreiteten Studien mit sich bringen, dass das Verschiedenartigste mir gleichzeitig durch den Kopf zu laufen pflegt. Ich fand, dass die Infusionstiere, deren Okonomie mich unter andrem kurzlich beschaftigt hat, eigentlich unentwickelte Karpfen sind, und Gedachtnis besitzen ..."
"Konnen Sie mir mehr von den Infusionstieren sagen?" unterbrach der alte Baron mit einem schwarmerischen Eifer den Redner.
"Soviel Sie begehren; mit diesen Geschopfen habe ich in dem vertrautesten Umgange gestanden", erwiderte jener.
"Dazwischen sann ich meinen Hypothesen uber die Vertreibung und Verpflanzung der alten Nationen durch die Volkerwanderung nach, bewies mir, dass viel griechisches Blut unter uns rollt, worauf auch schon in der Sprache so manches hinweiset, wie z.B. Kater, abstammend von , reinigen, saubern, weil jenes Tier die Hauser von Mausen reiniget; Katze, von der Praposition , herab, gegen, darauf hin, druber hin, durch hin, entlang; denn sind nicht die Katzen in ihrer geschmeidigen und sturmischen Beweglichkeit gewissermassen die lebendig gewordene Praposition Kata? Springen sie nicht unaufhorlich von Dachern und Baumen herab? Nicht gegen Mauern? Nicht, wenn ein Vogel im Laube spielt, drauf hin? Nicht, scheint der Mond auf den Soller, druber hin? Nicht durch dick und dunn hin? Nicht Kornfelder entlang? Also, griechische Rudera, wohin wir in Deutschland treten ..."
"Spartanische doch insbesondere auch?" fragte der Schulmeister mit funkelnden Augen.
"Die werden sich naturlich ebenfalls sehr leicht entdecken lassen", erwiderte der Fremde.
Der Schulmeister druckte dem alten Baron hinter dem Rucken des Fremden feurig die Hand, und der Schlossherr, der an die Infusionstiere dachte, und alle Standesunterschiede vergessen hatte, erwiderte dieses Zeichen der Begeisterung mit Warme. Der Fremde fuhr fort: "Diesen und vielen andern Gedanken hing ich auf dem Rucken meines Tieres mit Bequemlichkeit nach, denn es gehorte zu denen, welche aufgehort haben, Freunde von Leibesbewegung zu sein, und konnte nur durch die Gerte meines nachwandelnden Dieners, womit derselbe die Schenkel des Lassigen bestrich, im notdurftigsten Gange erhalten werden. Ich erzahle diese Umstande so ausfuhrlich, weil sie dem nachfolgenden Vorfalle erst seine volle Bedeutung geben. Namlich, als ich in den Weg einbiege, der sich dort entlangst Ihrer Gartenhecke hinzieht, und mein Mietross im gesetztesten Schritte einherschleicht, ich aber an nichts weniger denke, als mit dem Schlosse und seinen Bewohnern anzuknupfen, scheut das Pferd, als sahe es, gleich Bileams Eselin eine Erscheinung, wirft den Kopf in die Hohe, hebt sich auf die Vorderfusse, bockt mit einer unglaublichen Schnellkraft, schlagt sofort auch hinten aus, springt mit einem Seitensatze in das Dornengebusche; ich aber, bugellos geworden, schwebe in der von mir schon beschriebenen Kurve, gemass dem Parallelogramm der zusammenwirkenden Krafte des Bockens, des Ausschlagens und des Seitensatzes uber die Gartenhecke auf den Krauthaufen. Wahrend des Schwebens aber und bei dem Niederprallen entsteht in mir blitzartig eine intellektuelle Anschauung, die mit sinnlicher Starke vom Kreuze aufwarts durch das Ruckenmark in die Gehirnnerven steigt, und in Worte ubersetzt, lautet: 'Dies ist ein grosser historischer Moment, ein Ausgangspunkt wichtiger Entwickelungen.' Damit Sie aber erfahren, wer so unvermutet in die Mitte aller Ihrer Beziehungen geschleudert wurde, so vernehmen Sie meinen Namen, Stand und Charakter. Ich bin der Freiherr von Munchhausen, Mitglied fast aller gelehrten Gesellschaften, in die Akademie der Arkadier zu Rom mit der Bezeichnung: 'Der nie Verwelkende', aufgenommen."
Achtes Kapitel
Handelt von dem Bedienten Karl Buttervogel und von der freundlichen und ehrenvollen Aufnahme, welche
der Freiherr von Munchhausen im Schlosse
Schnick-Schnack-Schnurr fand
"Und ich", sagte der Diener, dreist zu den Herrschaften herantretend, "bin der Bediente Karl Buttervogel, burste meinem Herrn die Kleider aus, und putze seine Stiefeln. Die gnadige Dame da sehen verwundert meinen Blumenstrauss am Hute, und dieses Tuch an, welches beinahe wie ein Lauferschurz lasst; ja, ich ware so ein Laufer, den jede Schnecke einholen wurde; ich habe zu schwer hier an meinem Tornister zu schleppen, worin die Instrumente des gnadigen Herrn stekken. Nein, ich pfluckte mir die Blumen aus Langerweile, wahrend mein Herr die Luft untersuchte, und was den Schurz betrifft, so habe ich mir den umgeknupft, meine Unterkleider vor den verdammten Dornen in acht zu nehmen, durch die der gnadige Herr sich absolut hindurcharbeiten wollte. Ich glaube nicht, dass die Schindmahre vor einem historischen Momente gescheut ist, wie Sie sagen, sondern die Dornen rissen sie, und davon wurde das Vieh fuchstoll."
Der alte Baron und der Schulmeister horten mit Verwunderung diesen uberkecken Reden eines Dieners zu. Munchhausen suchte mit einem gewichtigen Blicke den Vorlauten in seine Schranken zuruckzuweisen, da aber jener den Blick ertrug, ohne sich niederschlagen zu lassen, so senkte der Herr die Augen, und die Zuge seines Gesichtes begannen, ein geheimes geistiges Leiden auszusprechen. In dem Fraulein aber war die heftigste Gemutsbewegung entstanden. Ihre Wangen hatten sich bei den Reden Karl Buttervogels in Purpurglut gefarbt, ihre fliegenden Blicke schweiften von dem Herrn zum Diener, und von diesem zu jenem, wahrend die Lippen leise Fragen an das Schicksal vor sich hin flusterten, welche wie: "Lauferschurz? Blumenhut?" lauteten.
Der alte Baron lud den Freiherrn von Munchhausen auf das freundlichste ein, bei ihm so lange vorlieb zu nehmen, als es ihm gefiele, was Munchhausen dankbar annahm. Alle begaben sich hierauf aus dem Garten in das Haus, nachdem der Schlossherr seinem Gaste, der das zerstorte Gebaude einigermassen stutzig anblickte, zuvor eroffnet hatte, die Wirtschaft sei in diesem Augenblicke durch allerhand Zufalligkeiten etwas in Unordnung geraten, auch solle gebaut werden. Auf der Treppe, die vom Hausflure zu dem Wohnzimmer fuhrte, hatte der Freiherr beinahe wieder ein Ungluck gehabt. Denn eine von den morschgewordnen Stufen knackte, als er sie betrat, und brach. Hierauf verlor er das Gleichgewicht, wollte sich an dem Gelander halten, fasste aber nur in die dunne Luft, weil das Gelander vorlangst zu Brennholz verwendet worden war. Er ware gefallen, wenn ihn nicht der alte Baron am Rockzipfel gehalten hatte. So aber kam er doch wieder glucklich auf seinen Fussen zu stehen, und wurde vorlaufig in das Wohnzimmer gefuhrt, bis seine Appartements instand gesetzt waren. Diese Einrichtung besorgte der Schulmeister, da mit dem Fraulein nichts anzufangen war. Sie sass verklarten Blicks in einer Ecke des Zimmers, sah vor sich hin, und ihre Gedanken schienen abwesend zu sein. Als der Vater zu ihr sagte: "Renzel (so nannte er sie, wenn er besonders guter Laune war), wo kriegen wir den Nachttisch her fur den Fremden?" versetzte sie: "O Vater, es wird Tag!" und als er sie bat, die Bettung des Gastes zu besorgen, blickte sie ihm starr in das Antlitz und verstand ihn nicht. Der Schulmeister, welcher unter sotanen Umstanden sich zum Haushofmeister anerbot, bewies dagegen eine nicht geringe Anstelligkeit. Er war wahrend seines Dienstes zu Hackelpfiffelsberg sich Knecht und Magd gewesen, und hatte dadurch die genauste Kenntnis aller kleinen hauslichen Geschafte erworben. Flink raumte er von der Vorratskammer, die der Schlossherr zum Gastzimmer bestimmt hatte, weil sie das einzige Gelass war, welches noch Fenstern hatte, die getrockneten Apfel, die Bohnen und Erbsen hinweg, welche fur den Winterbedarf dort aufgeschuttet lagen, sorgte fur das Haupt des Fremden, indem er die lose Gipsbekleidung der Decke mit einer Stange abstiess, fegte den Estrich rein, verjagte die Spinnen aus ihren luftigen Schlossern, nahm aus den Betten der Schlossbewohner die noch einigermassen entbehrlichen Stucke, stellte verschiedene Holzfragmente mittelst Sage, Hammer und Nagel zu einer Art von Sponde zusammen, und wusste selbst noch einen ertraglichen Tisch und Stuhl fur den Freiherrn aufzutreiben.
Nach vollbrachtem Werke ging er hinunter und fand den alten Baron um zehn Jahre verjungt. Munchhausen hatte ihm die Wirtschaft der Infusionstiere mit so reizenden Farben geschildert, dass sein Zuhorer in Entzuckung geraten war, er hatte ihm ganze Idyllen, Epen und Tragodien vorgetragen, die sich in jedem Wassertropfen seiner Versicherung nach ereigneten. Als der Schulmeister nun einige Augenblicke mit Munchhausen allein gelassen wurde, gab ihm dieser auf Verlangen sein Wort, dass er unfern von Buxtehude in einem Bauerndorfe die deutlichsten Spuren spartanischer Sitte und Abkunft angetroffen habe, indem die Leute dort nichts von den Wissenschaften hielten und von Schmutz starrten. Der Schulmeister ging hochst befriedigt von dannen, um seine schwarze Suppe zu verzehren, und uberliess Emerentien den Freiherrn.
Nach einer Pause, die so feierlich war, als diejenige zu sein pflegt, welche die Komodianten vor der grossen Szene machen, in welcher die Liebe dadurch uber die Kabale siegt, dass Ferdinand seiner Luise Rattenpulver in Limonade eingibt, nach einer Pause, lang und lastend, wie die vorstehende Periode, sagte das Fraulein schuchtern zum Freiherrn: "Herr von Munchhausen, Sie treten wie ein mythisches Produkt unsrer Zustande mit innerer Notwendigkeit in die Burg meiner Vater. Schon haben Sie sich selbst in Ihrer Gartenrede als einen durch beziehungsvolle Beziehungen mit unsern Wunschen und Aussichten Verknupften empfunden. Verargen Sie es daher der schuchternen Jungfrau nicht, wenn sie, die Gesetze der Zuruckhaltung, welche sonst meinem Geschlechte eignen, brechend, Sie herzlich und dringend fragt: Gibt es noch Laufer?"
"Ja, meine Gnadige", erwiderte der Freiherr mit ernster Ruhrung; "es gibt allerdings noch Laufer."
"Pflegen sich wohl Fursten dergleichen Laufer zu halten?" fragte das Fraulein, indem sie eine Trane im rechten Auge zerdruckte.
"Nur ein Furst ist dessen fahig!" rief Munchhausen, und fuhrte das Taschentuch an sein linkes weinendes Auge.
"Und nun die letzte Frage an Ihr schones Herz, edler Mann, eine Frage, in der Sie meine Seele empfangen: Tragt ein Laufer, wo er erscheint, Blumenhut und Schurz?"
"Blumenhut und Schurz bleiben die Zeichen eines Laufers bis an das Ende der Tage", sprach der Freiherr erhaben, und streckte, wie schworend, den Daumen und die beiden ersten Finger der rechten Hand empor.
"Ich danke Ihnen fur diese Stunde", sagte das Fraulein. "Mein Leben beginnt wieder seine Schwingen zu regen. Das Schicksal gibt mir ein Zeichen; auf die Lippen der Unschuld, auf die Lippen Ihres Karl legte es sein bedeutendes Wort, wundersamen Tonen meines Tiefinnersten entsprechend, Schatzen des Busens, die sich eben leuchtend dem Dunkel entrungen hatten. Sie aber, hoher Meister, legten zart und weise die susse Fabel als schlichte, treue Wahrheit aus. O ich wusste wohl, dass ich hier verstanden werden wurde!"
"Durchaus verstanden!" rief Munchhausen.
In diesem Augenblicke trat der alte Baron, der inzwischen die Einrichtung der Gaststube besichtigt hatte, wieder in das Zimmer, und lud Munchhausen ein, ihm dahin zu folgen, damit er es sich vorderhand etwas bequem machen konne.
Emerentia sagte, als sie allein war: "Er ist erschienen, der mich ohne Wort versteht; der Himmel halt uns die Verheissungen, die er uns in der Sehnsucht gibt! Bald, bald wird nun auch Rucciopuccio kommen, der Furst von Hechelkram, seine Freundin im reinsten Sinne des Worts abzuholen."
Neuntes Kapitel
Verstandnisse und Missverstandnisse, Sehnsucht,
Orden, Gesinnungen und Ehrenstellen; Gorres und
Strauss; die Pucelle d'Orleans, Zeichen, Wunder und
neue Geheimnisse
In den nachsten Tagen nach der Ankunft des Fremden ging das schwarmende Entzucken der Schlossbewohner uber den wunderbaren Mann in den ruhigeren, aber um so festeren Glauben uber, dass in ihm der vom Verhangnis bestimmte Heiland ihrer Wunsche erschienen sei. Denn der alte Baron merkte schon am ersten Abende, an welchem er Munchhausens Unterhaltung genoss, dass mit den Kenntnissen, Erfahrungen, Schicksalen, Blicken, Ideen und Hypothesen seines Gastes niemand zwischen Himmel und Erde sich zu messen vermoge. Er war, seinen Erzahlungen zufolge, fast in allen bekannten und unbekannten Gegenden der Erde gewesen, hatte samtliche Kunste und Wissenschaften getrieben, zu Weinsberg Blicke in das Geisterreich getan, war durch alle Lagen des Lebens abwechselnd als Kuchenjunge, Krieger, Staatsmann, Naturforscher und Maschinenbauer gegangen. Selbst in aussermenschliche Regionen war sein Lebenslos geworfen worden; er liess nach den ersten Stunden der Bekanntschaft merken, dass er einen Teil seiner Tage unter dem Vieh zugebracht habe.
Der alte Baron hatte hauptsachlich die Abendstunden, in welchen die Gesellschaft sich im Wohnzimmer zu versammeln pflegte, und bei dem Scheine einer Kerze auf den holzernen Schemeln um den kiefernen Tisch sass, sich zu Mitteilungen erbeten. Fur die Gartenpromenaden war von ihm ein noch strengeres Silentium festgesetzt worden, als fruherhin, "denn", sagte er, "man muss den Tag zum Nachdenken frei behalten, daruber, was Munchhausen am Abend erzahlt; des Stoffes wird sonst zuviel, und wir werden alle drehend, wie die Schafe, von der Weisheit dieses Mannes." Aus dem Journalzirkel trat er nun wieder aus; in seinem Gaste besass er jetzt mehr, als ihm eine Zeitschrift bieten konnte, der Geist aller Journale erschien in Munchhausen verkorpert. Immer ging der wunderbare Mann bei seinen Erzahlungen von etwas Bekanntem und Verburgtem aus, erhob sich aber von dieser Grundflache zu den kuhnsten und abenteuerlichsten Schwungen, so dass man wohl sagen konnte, er stelle recht eigentlich in seiner Person den gewaltigen Fortschritt unserer Zeit dar.
Freilich blieb die Empfindung des Schlossherrn nicht ganz ohne eine hin und wieder hervortretende entgegengesetzte Beimischung. Munchhausen redete auch viel von Literatur und Poesie, und konnte bei solchen Gesprachen leicht satirisch werden. Der alte Baron hatte aber an diesen Gegenstanden kein Interesse, und hasste die Satire; weshalb er denn auch derartigen Konversationen sich nur mit einem gewissen Unbehagen hingab. Wirklich verletzt aber fuhlte er sich, wenn Munchhausen, wie er nicht selten tat, seine Meinung ausserte, alle Menschen seien gleich geboren, und nur der Wahn, der aber fur immer ab und tot sei, habe den einen durch seine Geburt zu Vorzugen bestimmt ausgeben konnen, die nicht auch das Eigentum aller seiner Mitbruder gewesen seien.
Mit dem Fraulein gestaltete sich das Verhaltnis des Gastes bald grundlich und tief in das zarte Verstehen ohne Worte aus, welches unsere sinnigen und hochstehenden Frauen so sehr lieben. Wenn sie ihm zuflusterte, ein unaussprechliches Etwas durchwoge sie, so versicherte er, dass er sie vollkommen begreife; und konnte sie fur den Drang ihrer Empfindungen nur Vordersatze ohne Nachsatze finden, so liess er sie ahnen, dass letztere in seiner verschwiegenen Seele ausgesprochen ruhten. Daneben erquickten sie die glanzenden Schilderungen, welche er von fremden Gegenden gab, im Grunde ihres Herzens, und bis zur Schwarmerei stieg ihre Regung, wenn er die vierundzwanzigsilbigen Namen, welche in Mexiko, Peru oder Indien gebrauchlich sind, aussprach.
Zwar fuhlte auch sie sich jezuweilen durch ihn verwundet. In dem Glauben namlich, ihr dadurch nur noch um so mehr zu gefallen, sprach er einige Male seine Meinung aus, dass nur das Weib ihren Empfindungen treu bleibe, bei dem Manne aber der Spruch gelte: "Aus den Augen, aus dem Sinne!" weshalb denn auf kein von diesen unbestandigen Wesen gegebnes Versprechen jemals zu rechnen sei. Er konnte freilich nicht wissen, wie ungestum solche Ausspruche ihren Erwartungen entgegentraten. Sie pflegte darauf zu versetzen: "Herr von Munchhausen, Karls und Ihre Erscheinung widerlegt mir im Sinne hoherer Ahnung zum voraus diesen Satz." Wenn sie nun das sagte, verstand er sie wirklich nicht, und war auch nicht so dreist, es ihr zu versichern.
Indessen gingen diese einzelnen Missstimmungen immer bald in dem Gefuhle der Hingebung und Begeisterung unter, welches Vater und Tochter ihm widmeten; ja sie dienten durch den Kontrast dazu, diesem Gefuhle nur noch grossere Leidenschaftlichkeit zu geben. Dagegen war der Schulmeister dem Freiherrn gegenuber in einer eignen Stimmung, die sich nur mit den Scherzbildern vergleichen liess, welche von der einen Seite angesehen, ein lachelndes Gesicht, von der andern betrachtet, eine verdriessliche Fratze zeigen. Die Personlichkeit Munchhausens nebst seinen Reden hatte nicht verfehlen konnen, auch auf den Schulmeister einen tiefen Eindruck zu machen; wir wissen, welche Aussichten fur die Bestatigung seiner teuersten Uberzeugungen auch er an diesen Mann des Schicksals knupfte. Nun aber konnte er sich schon nicht mit der Darstellungsweise Munchhausens uberall einverstanden erklaren. Er war von seinem Elementarunterrichte her an Einfachheit gewohnt; er hatte den Knaben und Madchen die Erschaffung der Welt, den Sundenfall, die Opferung Isaaks, und die Geschichte des keuschen Joseph, ohne Episoden einzumischen, immer schlicht heraberzahlt. Der Freiherr aber, uberwaltigt von seinen Erinnerungen, uberfullt mit Bezugen, Ruckblicken und Seitenblicken, schachtelte dermassen Nebengeschichten in seine Hauptgeschichten ein, und verstieg sich oft in ein solches Labyrinth dabei, dass dem armen Schulmeister, welcher notgedrungen den Theseus in jenen Irrgangen spielen musste, der Faden der Ariadne haufig aus den Handen schlupfte. Ausserdem hatte er zu bemerken, dass Munchhausen, der ihn fur einen untergeordneten Mitesser ansah, wie er es denn in der Tat auch war, ihm keinesweges mit der gefalligen Aufmerksamkeit begegnete, wie dem alten Baron und dem Fraulein, ja sich sogar vergebens von ihm anmahnen liess, die Wanderung der vertriebenen Spartaner nach dem Furstentume Hechelkram urkundlich fur ihn auseinanderzusetzen.
Er war daher abwechselnd bose auf den Freiherrn, und hingerissen von ihm. So wahr ist es, dass jeder Prophet schon in seiner ersten Gemeine den Thomas findet, welcher ihm heute folgt, und ihn morgen verleugnet.
An einem der Erzahlabende sagte der alte Baron zu seinem Gaste: "Weiss Gott, dass ich nicht gern an Wunder glaube, und im Grunde auch der Meinung bin, die Natur sei ein Haus, worin man noch immer jeden Tag neue Zimmer und Kammern entdeckt, aber wenn ich bedenke, wie Ihr, liebster Munchhausen, uns dahergeschleudert wurdet, just, als wir, wie ich nun von Emerentien und dem Schulmeister herausgebracht habe, gleichzeitig nach einem Manne, wie Ihr seid, das allerlebhafteste Verlangen empfanden, und auf einen Schuss den dicken Sehnsuchtsseufzer hervorstiessen so weiss ich wahrhaftig nicht, ob dergleichen mit rechten Dingen zugehen kann."
"Und was ware denn daran so wunderbar, wenn Sie, meine Freunde, mich herangeseufzt hatten?" rief Munchhausen. "Daruber sind wir denn doch nun wohl aufgeklart, dass dem menschlichen Geiste, wenn er sich recht in einem Punkte konzentriert, ein gesteigertes Vermogen beiwohnt, wie denn z.B. Gorres in einem uberaus glaubwurdigen Buche, in seiner 'Christlichen Mystik', erzahlt, die heilige Katharina habe einmal wegen leichter Indisposition nicht kommunizieren konnen, und deshalb wahrend der Altarhandlung in einer entfernten Ecke der Kirche gekniet; das habe aber gar nichts zu sagen gehabt, denn die Hostie sei uber das ganze Schiff der Kirche hinweg ihr in den Mund geflogen.
Nun sage ich immer: Was dem einen recht ist, muss dem andern billig sein. Konnen die Frommen sich das Venerabile von hundert und mehreren Schritten herbeibeten, so haben die Weltlichen, wenn sie nur ihr Verlangen auch energisch auf einen Punkt richten, gewiss ebenfalls die Macht, diesen Punkt, bestehe er nun in Geld, Frauen, Ehre, herbeizuziehn; und jede Partei kriegt auf solche Weise, was sie wunscht, die Frommen empfangen das eine, was not tut, die Weltlichen das andre, was hilft. Ich bin also uberzeugt, dass Ihre drei Sehnsuchten meinem Mietpferde magische Schlingen um die Fusse legten, die es in den Dornenweg entlangst der Gartenhecke zogen, und dass es dann vor der mystischen Gewalt Ihrer Seufzer scheute, solchergestalt aber durch die nachfolgenden Zwischenursachen hindurch mich zu Ihnen beforderte."
"Ja, Munchhausen", rief der alte Baron, "Ihr seid gleichsam aus der Luft wie ein Donnerkeil unter uns geschlagen!"
Munchhausen fuhr fort: "Wie kame es denn, wenn eine solche Macht des menschlichen Willens nicht bestande, dass so manches gute, schone Madchen sich mit dem hasslichsten, einfaltigsten Tropfe vermahlt? Der Tropf hat es sich einmal in den Kopf gesetzt, eine schone Frau zu bekommen; er richtet sein ganzes Verlangen auf eine solche, und sie gibt ihm richtig ihre Hand, ohne selbst zu wissen, wie es zugegangen ist. Wieder ein andrer hat mehr Liebhaberei an Ehrenstellen und hohen Posten; er weiss nichts, gar nichts, er kann eigentlich keinem Schreiberdienste vorstehen, aber er ist ein Mann von 'Gesinnung' d.h. nach der Auslegung, die wir Eingeweihten unter uns dem Worte geben: er besitzt die starkste Intensivitat des Sinns, sich und seinen Herrn Vettern alles mogliche Gute und noch etwas mehr zu verschaffen, uberzeugt, dass, wenn es nur ihm und den Herrn Vettern wohl gehe, es auch mit dem Glucke des Landes wohl bestellt sei.
Louis quatorze sagte: 'l'Etat, c'est moi'. Wir haben nun gegenwartig keinen Louis quatorze, aber eine Clique haben wir, eine schone, vollstandig organisierte Clique, mit Ober- und Untercliquiers von dauerhafter Gesinnung und die Clique sagt:
'l'Etat, c'est la clique'.
Mais, pour revenir a mes moutons: Ein Gesinnungsmann ohne Kenntnisse und Verstand wunscht sich in der Stille, solange mit solcher Inbrunst zum Statthalter oder Minister, bis er eines Tages, also brevetiert, aufsteht. Die Welt schreit von kleinen Intrigen, die gespielt worden seien; ach, Possen! sie sollte dafur sich einen Blick in grosse Naturgeheimnisse anzueignen suchen. Die mystische Kraft der Sehnsucht hat gewirkt, dass dem Gesinnungsmanne die Statthalterei in den Mund flog, wie ..."
"Eine gebratene Taube!" fiel der alte Baron ein.
"Die Hostie der heiligen Katharina, nach Gorres"; sagte Munchhausen. "Ich habe mir im Herzogtume Dunkelblasenheim einmal den Landesorden ersehnt; d.h. ich habe nicht sehnsuchtsvoll, wiewohl vergebens, danach geseufzt, sondern ihn realiter an meinen Rock herbeigesehnt. Der Herzog ist ein guter alter Mann, seine Bildung datiert noch von Gellerts Fabeln, daruber ist er nicht hinausgekommen, und in heiterer Ruckerinnerung an dieses kindliche Lehrmittel hat er den Orden vom grunen Esel gestiftet, mit Komturen, Grosskreuzen und Kleinkreuzen. Der Esel frisst in einer Umkranzung von Sternen Disteln, und die Ordensdevise lautet: 'L'appetit vient en mangeant'. Nun, nach diesem grunen Eselorden verlangte ich heftig, denn man war in Dunkelblasenheim kaum noch beim Wege angesehen, wenn man nicht zu den Eseln gehorte; so wurden die Ritter nach einer abkurzenden Redefigur benannt. Eines Morgens kommt mein damaliger Stiefelputzer Kalinsky vor mein Bette, halt mir den Frack, der in der Stube gehangen hatte, ausgespreitet unter die Augen und ruft: 'Herr von Munchhausen, Sie sind uber Nacht auch ein Esel geworden.' Ich sehe hin und erstaune denn doch ein wenig, denn richtig sitzt im dritten Knopfloch das changeante Band, und daran hangt das Kreuz mit dem Distelfreunde und der Devise. Ich springe aus dem Bette, erkundige mich im Hause, ob jemand sich habe einschleichen und den Spass veruben konnen? Aber die Ture war die ganze Nacht uber fest verschlossen gewesen, Kalinsky war der erste, der von aussen kam.
Der Orden ist da, wo aber stecken deine Verdienste? frage ich mich selbst. Hast du irgend Verdienste um Dunkelblasenheim? Ich prufte auf das ernsteste mein Gewissen; ich loste die letztgedachte Hauptfrage in sechs Unterfragen auf:
* * * * * *
Aber auf alle Fragen und Unterfragen musste ich mir mit Nein! antworten. Ich hatte kein Verdienst, gar kein Verdienst, nicht das geringste Verdienst um jenen Staat. Um andere Staaten habe ich mir Verdienste erworben, aber nicht um Dunkelblasenheim. Ich luge Ihnen nichts vor, mein Wahlspruch ist: 'La verite, toute la verite, rien que la verite'.
Und der Orden war doch da. Also abermals eine Erfahrung von der mystischen Kraft der reinen Sehnsucht. Das Wunderbare bei der Sache, und was ich mir noch nicht habe erklaren konnen, war, dass nicht worden war, sondern dass es auch seinerseits auf das changeante Band eingewirkt hatte, so dass dieses sich von selbst in das Knopfloch knupfte. Ich versuchte, den Knoten zu losen, aber er war so fest geschlungen, dass mir dieses nur mit der grossten Muhe gelang. Auch nachher blieb das Band untrennbar haften, wie Johanna Rodriguez nach Gorres' 'Christlicher Mystik', Band 2 pagina 569 fest am Kreuze haften blieb, auf welches sie sich locker gelegt hatte."
"O ware ich Johanna Rodriguez!" flotete das Fraulein.
"Dummes Zeug!" brummte der Schulmeister.
"In diesem Buche von Gorres mussen ja erstaunliche Dinge stehen", sagte der alte Baron.
"O", rief Munchhausen, "ganz andere Dinge stehen noch darin! Dem heiligen Filippo Neri schwoll, nach Gorres, das Herz vom Beten so an, dass es ihm zwei falsche Rippen zerbrach, namlich die vierte und funfte; der heilige Petrus von Alcantara brannte so in Liebesflammen, dass der Schnee um ihn schmolz, und dass er einmal bei Winterszeit, um sich abzuloschen, in einen gefrornen Teich springen musste, worauf das Eis um ihn zischte und kochte, wie in einem Gefasse uber grossem Feuer ..."
"Hort auf, hort auf!" rief der alte Baron. "Mir schwindelt."
Feurig fuhr Munchhausen fort: "Gorres sagt auch: die Heiligen rochen sehr schon, besonders wenn sie den Aussatz hatten. Was aber das Lieblichste ist: sie geben Ol von sich. Die heilige Lutgardis druckte sich das Ol aus den Fingern, Christina mirabilis hatte es in den Brusten, und von der Abtissin Agnes von Monte Pulciano fullten die Klosterschwestern ganze Kruge ab. Gorres hat auch diesen Olbildungsprozess sehr richtig an den Korper verteilt, wie er denn uberhaupt nichts so roh und unzugerichtet hinschreibt, sondern alle die Sachen, welche sich an den Heiligen ereignen, aus der hoheren Physiologie ableitet. In den unteren, beschatteten Regionen des Leibes bilde sich das milde oder fette Ol, sagt Gorres ..."
"Verstehe, verstehe, eine Art von Baumol, Salatol", rief der alte Baron dazwischen und schwenkte seine Mutze; "wo aber rechte Heiligkeit herrscht, grunliches Provencerol ..."
"O gabe ich auch Ol von mir!" schmachtete das Fraulein.
" ... Oben jedoch, in den hoheren Regionen, also etwa vom Zwerchfelle aufwarts, komme es mehr zur Produktion eines fluchtigen Ols, Aromas, sagt Gorres. Zuweilen nun, wenn gerade in der Luft eine besondere Beschaffenheit obwaltet, schlagt sich dieses Aroma als Manna in Form eines Kreuzes nieder, was dann die Glaubigen vom Heiligen abkratzen und aufessen. So hat es sich nach Gorres bei der schon erwahnten Abtissin Agnes von Monte Pulciano zugetragen."
"Munchhausen! Munchhausen!" rief der alte Baron, blies die Backen auf, und stiess einen Strom Luft aus denselben hervor, wie er zu tun pflegte, wenn ihm ein Gedanke zu machtig wurde "wir leben in einer grossen Zeit. Uberall, durch das ganze Reich des Wissens hin, stiftet sich Licht und Zusammenhang. Was dem Filippo Neri mit seinem Herzen begegnete, ist ja in einem hoheren Gebiete nur dasselbe, was sich tagtaglich in einer niederen, animalischen Sphare ereignet.
Wenn doch die Zeiten der Gorresschen Wunder ganz wiederkehrten, so konnte man ja fast alle Haushaltungsbedurfnisse mit einem seiner Heiligen bestreiten, und ersparte hundert Auslagen, die das Leben jetzt so sehr verteuern! Ein Gorresscher Heiliger heizte uns das Zimmer durch, gabe Ol, unten fettes, oben fluchtiges, ein paarmal im Jahre auch eine Schussel Manna ..."
"Guter, schuldloser Vater!" sagte Emerentia und blickt ihren Vater mitleidig an. "Ob es je dahin wieder kommen wird, weiss ich nicht", sagte Munchhausen, "aber mit dem Gorresschen Buche habe ich selbst mein dreifarbiges Wunder erlebt."
Der Schulmeister war hinausgegangen. Ihm machten diese Erzahlungen grosse Beschwerlichkeit, denn er war entschiedner Rationalist. Der Baron und seine Tochter forderten den Freiherrn dringend auf, das dreifarbige Wunder zu berichten, und Munchhausen hob wieder an:
"Geschatzte Freunde und Zuhorer, wissen Sie hiemit, dass ich das vielbelobte christlich-mystische Buch auf meinem Bucherbrette neben dem 'Leben Jesu' von Strauss stehen hatte. Doctis pauca sufficiunt; Gelehrten ist gut predigen, ich brauche Ihnen, mein wurdiger Altvater und Schlossherr, nicht des breiteren den Inhalt der letzteren Schrift auseinanderzusetzen, denn es ist Ihnen aus Ihrer Journallekture bekannt, dass, wie der christliche Mystiker noch bis auf die neueste Zeit die Nagelmale sich hat reproduzieren lassen, der andere dagegen dem Heilande nicht einmal sein Dasein in den Evangelien gonnt, sondern behauptet, die apostolische Kirche sei eine Art von Aktiengesellschaft gewesen, die sich den Erloser auf gemeinschaftliche Kosten angeschafft habe, weil sie ihn bedurft. Es war unvorsichtig von mir, dass ich zwei so widerhaarige Bucher zusammengestellt hatte; ich musste voraussehen, dass sie sich nicht vertragen wurden. Und so kam es auch. Eines Nachts wache ich von einem sonderbaren Gerausch auf, welches aus meiner Bibliothek tont. Ich nehme die Kerze, leuchte hin, und habe einen seltsamen Anblick. Strauss und Gorres sind in wutendem Kampfe begriffen, namlich so, dass die beiden einander zugekehrten Buchdeckel aufeinander zuschlagen, wie die Flugel erboster Truthahne. Der Kirchenrat Paulus, Steudel, Marheineke, selbst Tholuck, die rechts und links von diesen beiden Werken gestanden hatten, waren scheu zur Seite gewichen, so dass die Gegner vollen Raum zur Entfaltung ihrer Polemik in den Buchdeckeln gefunden hatten. Dabei gaben sie sonderbare Tone zu vernehmen. Im 'Leben Jesu' liess sich ein feines, nagendes Knispern, wie von fressenden Mausen horen, dagegen grunzte und grolzte die dicke 'Mystik' in einer Art von Strohbass. Ich nahm meinen armen Gorres, der auch schon ganz warm geworden war, wenngleich nicht gluhend, wie der heilige Petrus von Alcantara, vom Brette, streichelte ihn, redete ihm mit guten Worten zu, und brachte es denn endlich auch dahin, dass sich das Buch von seiner entsetzlichen inneren Aufregung beruhigte; wahrend das 'Leben Jesu' noch immer mit dem einen Deckel in die leere Luft hineinfocht, gegen einen Wunderglauben, der ihm gar nicht mehr gegenuberstand.
Wie ich nun aber den Einband von Gorres untersuchte, um zu sehen, ob er in diesem Strausse mit Strauss nicht Schaden gelitten habe, da erschien mir das dreifarbige Wunder. Ich hatte namlich den Gorres in Purpur binden lassen, und, was sagen Sie dazu, meine Freunde? Der Autor hatte vor Alteration zwischen dem Purpur blaue und weisse Streifen bekommen. In der Tat, meine Wertesten, die 'Christliche Mystik' hatte das alte, wohlbekannte, revolutionare Koblenzer Blau, Rot und Weiss von Anno 1793 angelegt. Ein Farbenkundiger sagte mir nachmals, diese Trikolore sei die eigentliche Grundfarbe des Autors und trete bei jeder Erregung, auch bei der mystischen, aus allen anderen Uberpinselungen immer wieder siegreich an ihm hervor.
Nun, dem sei, wie ihm wolle. Ich stellte meinen Gorres auf ein andres Brett, hatte ihm jedoch in der Nachtmudigkeit abermals einen unschicklichen Platz gegeben, wie ich am folgenden Morgen sah. Namlich, neben Voltaires 'Pucelle' hatte ich ihn gestellt. Aber diesem verschollnen Spotte gegenuber hat sich die christliche Mystik sehr machtig und uberwaltigend erwiesen. Denken Sie sich, die 'Pucelle' war in der Nacht von dem frommen Buche bekehrt worden, wahrscheinlich durch die sich in demselben entwikkelnde fette und aromatische Olbildung. Sie mogen es glauben, oder nicht, es liegt mir nichts daran, aber es ist wahr. Das frivole Gedicht war in sich geschlagen, der Text verschwunden, und ich hielt, als ich einen Blick hineintat, ein in Halbfranz gebundnes Buch voll unschuldigweisser Papierblatter in Handen, statt der gotteslasterlichen Spasse von Charles sept, Agnes Sorel, Dunois, Jeanne und ihrem Esel. Ja, was noch mehr sagen will, das Papier schamt sich seiner fruheren Sunden, es liegt ein leiser roter Schimmer daruber, dem Satze zum Trotz; 'litterae non erubescunt'. Ich will es doch gleich herbeiholen, Sie durch den Augenschein zu uberzeugen."
Munchhausen lief rasch, wie eine Bachstelze hinaus. Der alte Baron ging, mit den Handen in der Luft fechtend, seine Mutze in die Hohe werfend, und sie, wie einen Ball wieder auffangend, im Zimmer auf und nieder und rief: "Ein Teufelskerl, der Munchhausen! Man muss ihm nach, man mag wollen oder nicht! Im Anfang stemme ich mich jederzeit gegen seine Geschichten, aber ehe ich mich dessen versehe, haben sie mir die Schlinge uber den Kopf geworfen und nehmen mich mit fort. Was sagst du dazu, Renzel?"
Emerentia versetzte: "Ich hoffe, die besondere Luftbeschaffenheit auch noch zu erleben, und aus meinem Aroma Manna zu erzeugen."
"Eine Narrin bist du", polterte der alte Schlossherr, "die immer nur an sich denkt, und nie ihren Gesichtskreis erweitern mag! Wenn ich nun ebenso ware, und nichts von heute abend mir zur Ausbeute gewanne, als den selbstsuchtigen Wunsch, mir den grunen Esel in das Knopfloch zu sehnen? Denkst du, dass dein alter Vatery nicht auch noch gern in seinen letzten Tagen einen Orden truge, ohne irgendeins der sechs Verdienste um Dunkelblasenheim? Aber ich bin nicht so enggesinnt; mir liegt meine Ausbildung am Herzen, und noch heute abend frage ich Munchhausen uber seine zweifarbigen Augen und sein Ergrunen aus, denn wir stecken einmal mitten in den sonderbaren und ausserordentlichen Dingen, zudem stort uns auch der Schulmeister nicht mit seiner einfaltigen hohnischen Miene."
Zehntes Kapitel
Das kurzeste Kapitel dieses Buches nebst einer
Anmerkung des Herausgebers
Die letzteren Reden zu verstehen, muss gesagt werden, bevor Munchhausen wieder das Zimmer betritt, dass unter den vielen wunderwurdigen Dingen, die den Schlossbewohnern an dem Gaste auffielen, zwei im vorzuglichsten Grade ihr Erstaunen erregten. Er hatte namlich ein blaues und ein braunes Auge, welcher Umstand seinem Antlitze einen ungemein charakteristischen Ausdruck gab, um so charakteristischer, als, wenn seine Seele voll gemischter Empfindungen war, die verschiedenen Elemente solcher Stimmungen gesondert in den beiden Augen hervortraten. Fuhlte er z.B. eine freudige Wehmut, so leuchtete die Freude aus dem braunen Auge, die Wehmut dahingegen zitterte im blauen. Denn diesem blieben die zarten, dem braunen die starken Gefuhle zugewiesen.
Sein Gesicht war, wie ich es schon beschrieben habe, namlich bleich, mit einem gelblichen Anfluge, etwa von der Farbe des pentelischen Marmors, oder eines in Wachs gesottnen Meerschaumpfeifenkopfes, der seinen Raucher noch nicht gefunden hat. Stiegen in ihm Affekte auf, welche bei uns andern ein Erroten hervorzubringen pflegen, so lief uber seine Gesichtsflache ein gruner Farbenton. Daher hatte der alte Baron auch sehr richtig den Ausdruck: Ergrunen, gebraucht, und wir werden uns desselben ebenfalls bedienen mussen, wenn Munchhausen im Verlaufe dieser Geschichten in Affekt geraten und die Farben wechseln sollte.
Anfangs hatten die Schlossbewohner diese Phanomene mit einem geheimen Schrecken betrachtet. Bald indessen tilgten die grossen Eigenschaften des Mannes und seine hinreissenden Darstellungen den Schrecken, und es blieb nur eine starke Neugier nach, was es mit jenem Farbenspiele fur eine Bewandtnis haben moge? Diese Neugier war begreiflicherweise in dem alten Baron am starksten.
Aber sie sollte auch an diesem Abende noch nicht gestillt werden. Denn nachdem er mit seiner Tochter eine geraume Zeit auf die Ruckkunft Munchhausens gewartet hatte, trat statt seiner der Bediente Karl Buttervogel in das Zimmer und sagte: "Mein Herr lasst sich entschuldigen; er kann das Buch nicht finden. Auch muss er" setzte der Mensch geheimnisvoll und halbleise hinzu "seine chemischen Mittel brauchen."
"Mittel? Chemische Mittel?" fragte der alte Baron besorgt. "Ist Sein Herr krank geworden?"
"Das nicht", versetzte Karl Buttervogel, "aber der Lebenspurzess kam in Abnahme und die Gassen mussen angewendet werden."
"Er will wohl sagen: Lebensprozess, und: Gase?" sprach der alte Baron nach einigem Besinnen. "Aber was soll denn das bedeuten?"
"Ich weiss nicht", erwiderte der Bediente mit einer wichtigen Miene. "Es ist noch nicht aller Tage Abend und mit meinem Herrn steht es so so. Ein gescheiter Herr, ein gelahrter Herr, aber, aber, ich lobe mir Vater und Mutter!"
Der Schlossherr drang vergebens in den Menschen, sich naher zu erklaren. Das neue Geheimnis hatte indessen nicht Zeit, in den Seelen der Schlossbewohner Wurzeln zu schlagen, denn Munchhausens Reden waren gerade in den Tagen, welche diesem Abende folgten, besonders gehaltreich, so dass der alte Baron selbst die Frage nach den Ursachen des Farbenspiels im Antlitze seines Gastes eine Zeitlang vergass.
Wir werden im folgenden einige dieser Reden und Erzahlungen zur Kunde der Lesewelt bringen.
Anmerkung
Hier schliessen sich die Kapitel eilf bis funfzehn an, welche der wohlwollende Buchbinder der Spannung halber vorgeheftet hat. Ich habe uber die Ratschlage nachgedacht, welche mir von diesem Manne heimlicherweise erteilt worden sind, werde sie befolgen, und kann dem gunstigen Leser in den folgenden Buchern die allerherrlichsten und kostbarsten Dinge versprechen. Der "Munchhausen" wird ein Buch, bei dem man nicht begreift, wie Gott der Herr, ohne es gelesen zu haben, mit der Schopfung fertig geworden ist.
Die deutsche Literatur hebt erst von meinem "Munchhausen" an. Der gunstige Leser glaube diesen Verheissungen! Ich hatte mir zu denselben wohl eigentlich einen von den jungen Leuten in Hamburg, Berlin oder Leipzig mieten mussen, aber ich dachte zuletzt, eigne oder fremde Fabrik gelte gegenwartig in diesem Artikel gleich viel, und darum ersparte ich mir den Heuerlohn und die Komplimente.
Sechzehntes Kapitel
Warum der Freiherr von Munchhausen grun anlief,
wenn er sich schamte oder in Zorn geriet
Nach so manchen interessanten Abenden fiel dem alten Baron wieder seine Frage ein, welche er vorlangst hatte tun wollen. Es war eine schone Stunde des Vertrauens; Munchhausen hatte seit mehreren Tagen nur Dinge vorgetragen, die den Schlossherrn und seine Tochter auf das angenehmste beruhren mussten; selbst der Schulmeister schien von seiner Verstimmung wieder etwas zuruckgekommen zu sein.
Der Wirt ruckte daher dem Gaste, nachdem das sparliche Abendessen, bestehend aus Salat und Eiern, verzehrt worden war, freundlich naher, und sagte: "Ihr wart recht gefallig, lieber Munchhausen, wenn Ihr uns heute eine stichhaltende Hypothese uber Eure zweifarbigen Augen und Euer Ergrunen zum besten gabet. Unmoglich konnen Euch diese Naturwunder entgangen sein; nun seid Ihr aber ein Mann, der uber alles nachdenkt, also habt Ihr gewiss auch daruber eine Hypothese fertig."
"Keine Hypothese habe ich daruber fertig, sondern ich weiss, wie es damit sicherlich zusammenhangt", versetzte Munchhausen und zog die Augenbraunen in die Hohe, dass das blaue und das braune Auge noch gewaltiger hervortrat, als gewohnlich. "Was die Zwiefarbigkeit meiner Sehorgane betrifft, so leiten sich diese aus Geheimnissen meiner Erzeugung ab werden Sie nicht rot, meine Gnadige, ich beruhre diesen Punkt nicht weiter die leider uber ganze Regionen meines Daseins einen schwarzen Schatten werfen. Wie oft habe ich den Tagelohner beneidet, der im sauren Schweisse seines Antlitzes, bei dem harten Stucke Schwarzbrot, welches seine Kinnladen zermalmen, doch den sussen Trost nimmer entbehrt: Du bist, wie jeder andre Mensch entstanden, und fahrest dahin, wo deine Vater ruhn. Aber ich ... oh! Doch den Schleier uber diese Abgrunde! Sie sind tief und schrecklich, armer Munchhausen!
Meine Freunde, ich kann Ihnen uber mein blaues und braunes Auge nur folgendes sagen: Die Safte, oder Substanzen, oder Materien, oder Spezies Himmel, wie soll ich es anfangen, Ihnen die Sache deutlich zu machen, ohne meinen sogenannten Vater blosszustellen?
Oder die Ingredienzien, oder die Simpla
Meine Teuren, kennen Sie Mischungen?"
"Lieber Meister, muhen Sie sich nicht ferner ab", sagte das Fraulein weich und herzlich; "ich verstehe Sie ganz."
"O Gott, welches Gluck, einander immer ohne Wort zu verstehen!" rief Munchhausen und kusste dem Fraulein, wie gewohnlich, die Hand. "Ich brauche also von diesem Gegenstande nicht weiter zu reden, und wende mich gleich zu der Erklarung des Grunwerdens, um " "Ja, dabei verlieren wir aber!" riefen der alte Baron und der Schulmeister wie aus einem Munde; "denn wir haben Sie durchaus nicht verstanden." Munchhausen rausperte sich, antwortete und sprach: "Romische I. 0,208 Glyzerin + 0,558 Wasser + 1,010
Kohlensaure bei 110 getrocknet =
Blau.
Romische II. 0,035 kohlensaures Natron + 0,312
Chlorwasserstoffsaure + 0,695 Glyzerin
bei 108 getrocknet = Blau, zum Nach
dunkeln geneigt.
Verstanden?" "Ja, das lasst sich eher horen!" riefen der Baron und der Schulmeister. "Dabei kann man doch etwas denken." "Nun also genug von dem blauen und braunen Auge", sagte Munchhausen. "Was mein Grunwerden betrifft, wenn andere Leute erroten, so habe ich das von einem furchtbar-tragischen Schicksale in der Liebe wegbekommen. Wenn es Sie nicht ermudet, so will ich Ihnen einen kurzen Abriss meiner Liebesschicksale liefern."
"Munchhausen, Sie in der Liebe, es muss etwas Grosses gewesen sein!" rief das Fraulein mit leuchtenden Augen.
"Ja, mein Fraulein, es war ein ausserordentliches Schauspiel", erwiderte Munchhausen. "Und besonders deshalb war es ausserordentlich, weil ich die Liebe nicht so auf das Geratewohl, wie andere junge Leute, sondern nach einem gewissen Plane trieb. Ich bin, solange ich denken kann, immer klares Bewusstsein gewesen; alle Seelenkrafte lagen gesondert in mir, wie die Spezies in den Buchsen einer Apotheke, ich habe Tage erlebt, an welchen ich zugleich mit dem Verstande Schlussfolgerungen machte, mir von der Phantasie goldene Luftschlosser vormalen liess, und in unbestimmten Gefuhlen schwelgte. So gelang es mir denn auch, den machtigsten Affekt, der den Menschen sonst uberfallt, wie ein Feuer bei Nacht, aus seinen Bestandteilen in mir aufzuerbauen, und mich auf die eigentliche Hauptleidenschaft meines Lebens formlich vorzubereiten. Ich war in die Entwickelungsjahre getreten, und hatte mir klar gemacht, dass die Liebe aus Sinnlichkeit, Geist, Empfindung und Phantasie, Selbstsucht und Hingebung bestehe. Also sechs Elemente, die ich nach und nach in mir durchzuarbeiten versuchen musste.
Ich hielt mich damals, in diesem Teile meiner wunderlich umhergeworfenen Jugend im Palaste eines frankischen Pralaten auf, der bei der gewaltsamen Umkehrung der dortigen Verhaltnisse die Pralatur verloren, die Einkunfte derselben jedoch zum grosseren Teile behalten hatte, und daher noch immer seine Tage in Wohlleben hinbringen konnte. Hauptsachlich hielt der alte Herr auf eine leckere Tafel, und diesen Genuss ihm vorbereiten zu helfen war auch ich bestimmt. Ich entzundete das Feuer des Herdes, ich nahm die herkommlichen Abwaschungen der dem Dienste geweihten Gefasse vor, ich setzte die Maschine in Gang, mit welcher der Spiess zusammenhing, des Bratens Halter; kurz, denn wozu Umschreibungen? ich war Kuchenjunge bei dem Pralaten, aber ich war ein denkender Kuchenjunge.
Der Pralat ging von dem Grundsatze aus, dass eine jede Kochin nur die sechs ersten Monate ihres Dienstes hindurch gut koche, nachher aber sich zu vernachlassigen pflege. Er schaffte daher auch alle Semester eine neue Kochmagd an, und ich erkannte bald, dass, wenn ich bei ihm nur drei Jahre lang aushielte, ich alle sechs Elementarstudien der Liebe mit den Kochinnen der sechs Semester werde durchmachen konnen. Denn es war in dieser Kuche hergebracht, dass die Kochin den Kuchenjungen lieben musste. Die Sache hatte also keine Schwierigkeit.
Das erste Vorstudium musste, wie sich von selbst versteht, die Sinnlichkeit sein."
Das Fraulein wollte sich erheben. Munchhausen hielt sie zuruck und sagte: "Furchten Sie auch jetzt nichts, meine Verehrte, von der Sinnlichkeit, ich habe von diesem Zeitabschnitte nur zu berichten, was selbst in einer Madchenpension mit angehort werden konnte. Es diente damals in der Kuche die alte Wally; wie man sagte, eine naturliche Tochter von Lucinde Schlegel. Sie hiess bei dem Gesinde die Zweiflerin, weil sie in ihrer Hasslichkeit und Welkheit daran verzweifelte, noch einen Mann zu bekommen.
Wenn man sie reden horte, so hatte man freilich glauben sollen, dass sie ein ziemlich freies Leben gefuhrt habe, denn ihre Ausserungen klangen frech und unanstandig genug. Aber der Kutscher, der auf seine Weise ein Spotter war, behauptete, er habe sie von jeher gekannt; sie sei alle ihre Lebtage uber eine garstige Person gewesen und schon deshalb von Sunde frei geblieben. Ihre Zoten seien nur wie die Krankheit der Huhner, wenn sie anfangen, zu krahen, ohne gleichwohl durch solche Stimmubungen jemals die rechte Hahnenhaftigkeit zu erringen.
Wir hatten bloss ein Titularverhaltnis der Kuchenordnung gemass zusammen; ich glaube, dass wir uns kaum einmal die Hand gegeben haben. Dennoch lernte ich von ihr, was Sinnlichkeit sei, namlich der gerade Gegensatz von allem, was die alte Zweiflerin von sich sehen und horen liess. Nachher hat sie freilich in der Welt ausgebreitet, wir waren sehr zartlich gewesen; ich hatte, da mein Taufname zu prosaisch geklungen, ihr Casar geheissen, und was dergleichen Schnurren noch mehr sind, woran kein wahres Wort ist.
Die Sinnlichkeit hatte ich also nun theoretisch kennengelernt, die Wally kam fort, und Seraphine wurde Kochin. Sie schimpfte gewaltig auf ihre Vorgangerin und sagte, in ihr erscheine das wahre echte weibliche Wesen, wovon Wally nur ein Zerrbild gewesen sei. Sie trug einen graugelben Umschlagetuch und befand sich leider auch im ehernen Zeitalter, obgleich sie aus Jung-Deutschland stammte. Es war ein sonderbares echt weibliches Wesen, dieser Seraph Seraphine! Ich schlug aber mit ihr, oder mit einer Klappe zwei Fliegen, kriegte namlich bei ihr zugleich den Geist und die Empfindung in der Liebe weg, hatte sonach grossen Profit von ihr, denn ich sparte durch sie ein Semester. Unser Bundnis kam folgendermassen zustande. Ich spickte just einen Hasen auf der einen Seite, und sie tat es auf der andern Seite. Da sah sie verschamt auf, warf mir einen seelenvollen Blick zu, dass sich mir das Herz im Leibe umdrehte, und fragte: 'Will Er mich, mit Erlaubnis zu sagen, lieben, Musje?' Ich versetzte: 'Ja, wenn Sie so befehlen, Jungfer Seraphine.' Darauf gaben wir uns uber dem Hasen einen Schmatz und spickten den Hasen, trunken von Entzucken, fertig. Wie ich sie beschrieben, so war die Form der Bundschliessung in der Pralatenkuche. Die Kochin musste observanzmassig anfangen, der Kuchenjunge durfte es beileibe nicht, er hatte, wenn er sich unterstanden, zuerst den Liebesantrag zu machen, von der Geliebten die schonsten Ohrfeigen gekriegt.
Die Seraphine war auf zwei Tage mit ihren Gaben eingerichtet. Den einen Tag war sie namlich voll Geist, und den andern voll Empfindung und so immer regelmassig einen um den andern Tag abwechselnd. Ich bekam also von ihr den Geist und die Empfindung in der Liebe. Damit war es aber folgendermassen bestellt. Sie liebte eine Herzstarkung in der Stille zu nehmen, konnte jedoch nicht viel vertragen und wurde leicht duselig. In diesem Zustande hatte sie Geist, das heisst, sie sprach Zeug, was kein Mensch verstand. Den andern Tag hatte sie den Katzenjammer, da war sie voll Empfindung. Ich machte ihr nun alles dieses nach, um das Verhaltnis im Schwunge zu erhalten. Aber unglucklicherweise war es gleich in der Anlage versehen worden. Ich hatte namlich an dem Tage, wo sie den Katzenjammer ausstand, der Flasche zugesprochen, und war geistvoll geworden. Den folgenden Tag, wo sie wieder Geist bekam, befand ich mich im Katzenjammer und in der Empfindung, und so ging nun das Verfehlen immer fort, wir passten nie aufeinander, mein Katzenjammer traf auf ihren Geist, und mein Geist auf ihre Empfindung. Daraus entstanden naturlich heftige Zankereien, unter denen die Kuchenangelegenheiten litten, so dass auch der Pralat sich genotigt sah, sie noch vor Ablauf ihres Semesters fortzuschicken. Es war ein Gluck. Ich bin nie der starkste gewesen, und kann wohl sagen, dass ich auf dieser Liebesstation jammerlich heruntergekommen war.
Die folgende Kochin hiess 'das Kind', weil sie sich selbst so nannte. Warum? weiss ich nicht, denn ich glaube schwerlich, dass sie zu denen gehorte, von denen gesagt worden ist: So ihr nicht werdet, wie diese usw. Die konnte einem was zu raten aufgeben. Zuweilen war sie stundenlang verschwunden, und wenn wir sie suchen gingen, fanden wir sie auf dem Dache sitzen, oder sie kam auch wohl schakernd auf einem Besen den Rauchfang herabgefahren. Es kann kein Menschenwitz erfinden, was fur Zeug das Kind zusammenzuflunkern verstand. Ihr Hauptkunststuck aber war Ach, gnadiges Fraulein, wenn ich nicht irre, wurden Sie draussen gerufen."
Das Fraulein verstand diesen zarten Wink und ging hinaus, mit dem dankbarsten Blicke auf Munchhausen. Er fuhr fort: "Das Kind konnte namlich radschlagen, oder Purzelbaume schiessen, ohne die Schamhaftigkeit zu verletzen. Wie sie es moglich gemacht, weiss ich nicht, aber die Sache ist richtig; sie kehrte ihr Unterstes zuoberst, und alle Kenner und Stimmfuhrer, die zusahen, versicherten einstimmig, sie habe die weibliche Schamhaftigkeit dadurch nicht verletzt, vielmehr seien ihre Purzelbaume eine wahre Bereicherung der hoheren Gemutswelt.
Bei ihr studierte ich die Phantasie der Liebe. Unsre Liebe war namlich pure, klare Phantasie, wir konnten einander leiden wie Hund und Katze; aber die hochtrabendsten Sachen schrieb sie daruber, wahre Hymnen; und hinterher wusste sie mir doch immer so einen recht tuchtigen Kniff abzugeben, dass ich hatte aufschreien mogen. Die gemeine Sage bleibt wahr, die von den *s, wozu sie gehorte, behauptet, diese fingen in der Schalkheit da an, wo andere Schalke aufhorten. Es ist ein Buch uber das Kind verfasst worden, worin es das personifizierte Mittelalter genannt wird. Nun, es hatte denn freilich auch schon ein mittleres Alter erreicht, und die Schonheit druckte es ebenfalls nicht sonderlich mehr, als es sich auf kindische Weise der Phantasie in der Liebe ergab. Ich war recht vergnugt, als ich des Kindes quitt war, denn Sie glauben nicht, wie sehr solche Einzelstudien der Liebe angreifen.
Die folgenden beiden Kochinnen, Jule und Jette, waren die besten von allen, sie waren reine Kochinnen, ohne Geist, Empfindung, Phantasie. Bei diesen lernte ich die Selbstsucht und die Hingebung der Liebe. Namlich Julen, die den Herrn betrog, wo sie konnte, ubrigens aber das rechtschaffenste, gutherzigste Ding von der Welt war, nahm ich alle ihre Schwanzelpfennige, die sie sich bei den Markteinkaufen machte, ab. Sie schnellte bloss fur mich; wahrhaftig, so tat sie. Ich aber brauchte Geld, ich wollte mir gern einen neuen Rock kaufen und Rumohrs 'Geist der Kochkunst', um mich in meinem Fache auszubilden. Ich sagte immer zu ihr: 'Gebe Sie nur her, Geliebte; Geben ist seliger als Nehmen; ich gonne Ihr die Seligkeit, und bin mit dem Geringeren, mit dem Gelde zufrieden.' Was hatte ich davon? Meine funfte Probegeliebte, die Jette, ein durchtriebener Vogel, hat mir die ganze Summe wieder gemaust, als wir unter Schwuren der Zartlichkeit schieden. Nun, Hingebung muss auch sein; ich habe es ihr nicht nachgetragen."
Munchhausen machte eine Pause, um sich zu erholen. Das Fraulein war wieder eingetreten. Nach einigem Schweigen, wahrenddessen er einen Blick, in dem die ganze Schwarmerei der Jugend leuchtete, zum Himmel emporgeschickt hatte, fuhr er also fort:
"O, was ist die gewohnliche, unbewusste, roh-zutappische Liebe gegen die bewusste Liebe, gegen die Liebe, die nach Prinzipien liebt? Jahre waren verflossen, die Kuche lag weit hinter mir. Das Spiel des Lebens sah mich heiter an vom grunen Tisch, wenn stark pointiert wurde, und die Kugel fur die Bank sprang. Munchhausen war ein Mann geworden, ein Mann im vollen Sinne des Worts. Dennoch trafen auch ihn die Zweideutigkeiten des Glucks. Ich hatte eine kleine Verdriesslichkeit gehabt, die mich zwang, inkognito zu leben, weit, weit von hier.
Nun muss ich Sie, meine Freunde, mit einer Eigenschaft bekanntmachen, die mit den Geheimnissen meiner Erzeugung zusammenhangt. Je reifer ich wurde, desto mehr entwickelten sich in mir gewisse mineralische, oder genauer zu reden, metallische Bezuge, so dass ich von Geld nicht reden horen konnte, ohne in ein Zittern der Ekstase zu geraten. Da sah ich in meinem Inkognito, welches so streng war, dass ich nur verstohlen ausgehen durfte, die, welche alle sechs Bestandteile der Liebe zu einem grossen Ganzen in mir kombinierte. Sie war nicht schon, sie hatte wenig Verstand und keine Eigenschaften, dennoch aber mein gnadiges Fraulein, mich dunkt, Sie werden schon wieder draussen gerufen."
Emerentia stand abermals auf, warf von neuem einen dankenden Blick auf den Erzahler, und sagte: "Munchhausen, ich habe Sie immer verehrt, aber von heute bete ich Sie an." Darauf ging sie wieder hinaus.
"Zum Geier!" rief der alte Baron, "warum schickt Ihr denn heute meine Tochter immer fort?"
"Ihr Zartgefuhl zu schonen", versetzte der Freiherr. "O konnten wir so alle Frauen zur Literatur hinausschicken, die getauften und die agyptischen Marquisen, dann sollten Sie einmal sehen, wie bald alles kraftig wieder in Witz, Laune und Ironie aufbluhen wurde!
Meine Geliebte war also nicht schon, nicht klug, nicht angenehm, aber sie sagte mir, dass sie eine ausserordentlich reiche Erbin sei. Und sowie dieses Wort erklungen war, regten sich in mir die metallischen Bezuge, und, Sie mogen es glauben oder nicht, es liegt mir nichts daran, aber es ist wahr; es tat in mir einen Ruck, dass mir die Rippen krachten, wie dem Filippo Neri, als ihm das Herz schwoll, und auf einen Schuss, wie sechs Rosen von Damaskus an einem Stengel, brachen in mir auf
1. die Sinnlichkeit |
2. der Geist |
3. die Empfindung |
4. die Phantasie ' in der Liebe.
5. die Selbstsucht |
6. die Hingebung |
Mich soll der Teufel holen denn ich werde allemal lyrisch, wenn die selige Ruckerinnerung an diese Tage uber mich kommt habe ich meine angebliche reiche Erbin nicht geliebt, wie noch nie eine Frauensperson geliebt worden ist! Ich war sinnlich, aber nie ohne Empfindung, denn ich weinte immerfort, so dass ich mir eine Tranenfistel zuzog. Geist spendierte ich, dass es nur so eine Art hatte; wie oft rief ich: 'Arm in Arm mit dir fuhle ich eine Armee in meiner Faust! Ich habe Heroenmut, den alten Sauerteig des Jahrhunderts wegzufegen, und die Kauzlein aus den Hohlen zu treiben, worin sie noch immer blinzelnd uber ihren verlegnen faulen Eiern bruten, denen nie eine lebendige Wirklichkeit entkriechen wird!'"
"Munchhausen!" fuhr der Schlossherr auf; "die Geschichte nimmt eine unangenehme Wendung. Das Alte ist gut, und man muss wohlerworbene Rechte achten." Auch er ging hinaus.
"Meine Geschichte muss zu Ende, und da niemand sonst mehr hier ist, so will ich sie Ihnen auserzahlen, Herr Schulmeister", sagte der Gast des Schlosses Schnick-Schnack-Schnurr. "Hingebung und Selbstsucht fluteten wie zwei Strome durch unser Verhaltnis. Ich gab ihr mein Herz, mehr wert, als eine Million, und bekam von ihr manchen Louisdor. Schone, freundliche Taille des Lebens, in welcher beide einsetzten, gewinnend zu verlieren! Dass die Phantasie nicht leer ausginge, ersann ich ein freundlich Marchen, ich stamme von Furstenblut ab, sagte ich ihr, sagte es ihr so oft, dass ich es endlich selbst glaubte."
Der Schulmeister warf das Haupt in den Nacken, als habe er einen Schlag vor die Stirne bekommen. Seine Lippen krempelten sich zu einer Art von Wulst zusammen; er sah sehr verdriesslich aus.
Munchhausen aber achtete in seinem Feuer dieses Umstandes nicht. "Herrlicher Traum! warum musste ich aus dir erwachen?" rief er. "Ich hatte ja alles gern dulden wollen, das Erkalten der Geliebten, die Entdeckung, dass sie schon andre vor mir geliebt, und was sonst noch Widerwartiges an und von ihr? Warum aber musstest du mich so hart prufen, Schicksal? Warum beruhrtest du die Stelle, wo ich sterblich war, da du doch meine inneren metallischen Bezuge kanntest?
Es kam der Tag
o lasst von ihm
Sich Hollengeister nachtlich unterreden!
es kam der Tag, an welchem unheimliche Gestalten in mein Leben traten, bedrohliche Gewalten mich umspannen mit geisterhaftem Netz und die grause Trennung befahlen. In den Schaudern jenes Augenblicks sagte sie mir unter andern Kleinigkeiten, zu denen unser Verhaltnis gefuhrt hatte, das entsetzliche Wort: mit der reichen Erbschaft werde es klaglich genug ausfallen, denn sie habe erfahren, dass ihr Vater arm, wie eine Kirchenmaus sei. Das traf! Ich fuhlte meine Safte gerinnen, ich fuhlte, dass sie sich nach neuen chemischen Gesetzen mischten und entmischten. Meine Gebeine schlotterten, und obschon ich bald meine aussere Fassung wiedergewann, so merkte ich doch, dass uber meine Wangen ein fremdes Etwas lief, als ich erroten wollte. Die Elemente in mir waren in Aufruhr, und aus diesem Chaos haben sich denn ganz neue Humoralgruppen in mir gestaltet.
Seit jenem Tage sah ich immer bleich aus, und wenn mir nachmals Zorn, Schreck, Freude, Scham das Blut in das Gesicht trieb, so lief ich grun an. Dieses Ergrunen kam daher, dass ich durch die furchtbare Entdeckung meiner sechsten oder Hauptgeliebten alle Verwandtschaft mit edlen Metallen einbusste, und dass daher eines der unedlen, namlich cuprum oder Kupfer, mir in das Blut trat. Kupfer steckt in jedem menschlichen Korper nach den neuesten Untersuchungen; bei meiner Entstehung aber war etwas zuviel davon verwendet worden, und der Uberschuss ging mir ins Blut. Wenn ich mir zur Ader lasse, kriegt der Cruor eine ganz grune Haut. Alle mogliche Mittel habe ich gebraucht, um die Sache wieder in das Geschick zu bringen, jedoch vergebens. Es ist immer angenehmer, rot zu werden, als grun. Ich bin durch die Kuprositat meines Blutes in so manchen unschuldigen Freuden gehemmt. So darf ich nichts Saures geniessen, keine Gabelspitze Salat, denn, habe ich mich einmal in dieser Beziehung vergessen, gleich schlagt der Grunspan mir an allen Gliedern aus, wie das Manna an der Abtissin Agnes von Monte Pulciano. Es ist sehr lastig. Berzelius in Stockholm, der mich vielfach analysiert hat, warnte mich vor Zinn- und Zinkgruben, weil Zinn und Kupfer Glockenspeise, Zink aber damit vermischt, Tombach gibt, und die Ausdunstungen in jenen Gruben mir leicht eine abermalige metallische Komposition zuziehen konnten. Sie ermessen, wie unangenehm mir bei meiner Wissbegierde und Reiselust solche Beschrankungen vorkommen mussten, und noch dazu, da ich gerade den Rammelsberg bei Goslar, wo sie auf Zink bauen, besuchen, und von da nach den Zinnbergwerken von Cornwall reisen wollte. Ich schlug nachher die Warnung in den Wind und befuhr dennoch die Zinkgrube am Rammelsberge bei Goslar. Es waren bose Wetter darin, mir wurde heiss und schwul. Als ich mit meinem Steiger wieder an das Tageslicht gekommen war, sah er mich verwundert an, und sagte; 'Mein Herr, Sie mussen an Mennige gekommen sein, denn Sie sind orangegelb im Gesicht geworden.' Er wollte mich abwischen; mir aber fiel die Warnung ein, ich liess mir einen kleinen Handspiegel reichen, und siehe da! ich war wirklich im Antlitz hochgelb, wie eine reife Pomeranze. Mein Blut war in der Zinkgrube tombachen geworden. Ich schamte mich vor dem Steiger, sagte ihm, ich wisse nicht, was es sei, aber abwischen helfe nichts. Recht beschamt ging ich von dem Grubenhauschen fort, aus dem mir der Steiger mit allen alten und jungen Burschen, Zimmerhauern und Pochjungen, die gerade zu Tage waren, verwundert und lachelnd nachsah.
Das bisschen Zink wurde ich zwar glucklicherweise wieder los durch eine Schmelzkur, aber die Reise nach Cornwall musste ich zu meinem grossten Leidwesen aufgeben. Was ware daraus geworden, wenn mich die Zinndampfe noch gar in Glockenspeise umgesetzt, und wenn ich angefangen hatte, ohne Privilegium zu lauten?
Solche metallische Naturspiele im Menschen bleiben also immer hochst verdriesslich. Kupfer im Blute ist so schlimm, als Kupfergeld in der Tasche. Nicht leicht ward ein Sterblicher gleich mir in der Liebe gezuchtigt. Ich habe aber auch durch dieses Schicksal einen solchen Widerwillen gegen die Leidenschaft bekommen, dass ich mich nachher nie wieder dazu verstehen wollte, obgleich ich Grafinnen, Furstinnen und Prinzessinnen die Hulle und die Fulle haben konnte. Vornehme Damen haben haufig den seltsamsten Geschmack in der Liebe. Daher mochte es ruhren, dass die ganze vornehme weibliche Welt hinter mir her war, wo ich erschien. Sie wandten den schonsten Adonissen in Dolman, Ulanencollet und Legationsfrack den Rucken, wenn ich, der schlichte Partikulier, der unscheinbare Privatgelehrte, dahertrat mit dem pentelischen Marmorkolorit und grun anlief. Was fur Erklarungen habe ich anhoren, was fur Winke uberhoren mussen, welches Unheil habe ich gestiftet! In Dunkelblasenheim machte ich grune Schminke Mode, weil die regierende Herzogin gesagt hatte, in mir sei der ewiggrune Gott der Jugend erschienen, und die ganze hohere Welt die Andeutung verstand. Sie waren eben einmal wieder ganz aschgrau geworden in Dunkelblasenheim; nun strichen sie sich grun an und meinten, sie hatten die Jugend damit. An einem andern Orte fiel mir die Prinzessin von Mezzo Cammino da Napoli di Romania zu Fussen und bat mich um Gottes willen, ihr nur wenigstens eine Exspektanz auf mein Herz zu geben. Sie tat mir in der Seele weh sie war eine schone Person aber gebrannte Kinder scheuen das Feuer! Ich hob sie hoflich auf, fuhrte sie zum Sofa und sagte: 'Durchlaucht, es geht nicht. Ich habe einmal Ungluck in der Liebe und wer weiss, was durch Sie bei mir in Konfusion gebracht wurde. Sie dauern mich, liebe Durchlaucht, aber jeder Mensch ist sich selbst der Nachste.'
Den hochsten Abscheu empfinde ich vor meiner ehemaligen sechsten oder Hauptgeliebten. Ich habe mir tausendmal gesagt: Sie konnte ja nichts dafur, dass sie keine reiche Erbin war, aber die Natur lasst sich nicht zwingen. Immer und immer durch Grunspan an die Enttauschung uber seine schonsten Hoffnungen erinnert zu werden, ist am Ende auch keine Kleinigkeit! Der Mensch bleibt Mensch. Ich glaube, dass, wenn ich die Hauptgeliebte wiedersahe, ich mich nicht wurde fassen konnen, ich, der ich doch sonst so ziemlich mich zu beherrschen weiss."
Siebenzehntes Kapitel
Die drei Schlossbewohner erteilen dem Freiherrn von Munchhausen vernunftigen Rat; er aber bleibt auch
fur den Bedienten Karl Buttervogel teilweise ein
Ratsel
Nachdem Munchhausen seine Erzahlung vollendet hatte, fragte er den Schulmeister, warum der alte Baron fortgegangen sei, und noch immer nicht wiederkomme?
"Herr von Munchhausen", versetzte Agesilaus, "Sie haben zwar auf eine eben nicht freundliche Weise in Ihrer Liebesgeschichte meiner teuersten Uberzeugungen gespottet, indessen ist meine Sinnesart nicht so beschaffen, andern etwas nachzutragen, und ich kann ganz gerne Unrecht leiden, ohne mich dafur zu rachen. Ich will Ihnen, trotz Ihrer satirischen Anspielungen auf mich, in betreff unsres alten Herrn einen wohlgemeinten Rat erteilen."
"Welche satirische Anspielungen auf Sie, Herr Schulmeister?"
"Sie beliebten zu sagen, dass Sie jenem Frauenzimmer eine furstliche Abstammung vorgelogen hatten. Ich aber erlaube mir, Ihnen zu versichern, dass, wenn ich eine ahnliche Abstammung von mir aussage, damit keinesweges Lugen vorbringe, welche ich uberhaupt herzlich verabscheue."
"Ich beteure, Herr Schulmeister, dass meine Seele nicht an Sie gedacht hat. Grosser Gott, kann denn ein Erzahler nicht einmal in dieser Einode den Deutungen entgehen?"
"Wohl, diese Angelegenheit bleibe, wie manches andere, vorderhand auf sich beruhen", sagte der Schulmeister. "Der Rat, den ich Ihnen erteilen wollte, ist folgender. Unser alter Herr hat sich die Ruckkehr fruherer Verhaltnisse, und die Hoffnung auf das Amt, welches er sein angebornes nennt, steif und fest in den Kopf gesetzt. In dieser Beziehung ist er toll, und schon lange qualt mich die Besorgnis, dass aus der Geheimeratsidee, wenn wir sie nicht so sehr schonten, einmal plotzlich der vollig ausgewachsene Wahnsinn hervorspringen wird. Sie aber ruhren unvorsichtig verzeihen Sie meine Freimutigkeit, Herr von Munchhausen nur zu oft daran, wie es denn heute abend auch noch geschehen ist. Und es ware doch schlimm, wenn der sonst so vortreffliche und geistesgesunde Mann mutwilligerweise von uns andern Vernunftigen um seine Besinnung gebracht wurde.
Die menschliche Seele hat, wie der Korper, nur ein bestimmtes Mass von Kraften des Wachstums", fuhr der Schulmeister fort. "Ward dieses erschopft, so bleibt der Mensch geistig stehen, wie er nach dem zwanzigsten Jahre nicht mehr leiblich wachst. Deshalb begreift das Alter die Jugend nicht, und ungewohnliche Ereignisse finden darum immer nur bei denen Anklang, die noch im geistigen Wachstum stehen. Kann sich nun der Mensch mit allen seinen Seelenkraften vollstandig in die von der Natur ihm bestimmte Lange und Breite legen, so wird er nicht verruckt, sondern er bleibt an einem Ziele stehen, andernfalls aber geht es ihm wie einem, der in der Entwickelungszeit eine starke Hemmung erleiden muss; der Uberschuss von Kraften schlagt ihm als Krankheit nach innen und er bekommt einen Stich. Unser alter Herr war durchaus bestimmt, Geheimer Rat auf der Adelsbank zu werden, da ware er stehen, oder vielmehr sitzen geblieben, und als vollig vernunftiger Mann zu seinen Vatern versammelt worden. Weil er aber bis dahin nicht vordringen konnte, so setzte sich ihm der Geheime Rat gewissermassen als Knoten in die Seele, der, nicht gereizt, vielleicht ein ruhiges Lebensende herankommen lasst, gerieben und entzundet aber, einen unheilbaren Brand auch uber die noch gesunden Teile des Geistes verbreiten mochte."
Der Freiherr wunderte sich uber die Weisheit des Schulmeisters und gelobte, seinem Rate Folge zu leisten. Darauf zundete Agesilaus seine Handlaterne an und ging nach dem Gebirge Taygetus, uberzeugt, ein gutes Werk getan zu haben.
Munchhausen suchte den alten Baron auf und fand ihn draussen im Mondschein hinter dem Schlosse wandeln. Er wollte ihn um Entschuldigung bitten, der andere fiel ihm aber in die Rede und sagte: "Lasst doch die Narrenpossen; ich habe Euch den Hieb lange vergeben, da ich weiss, dass Ihr mich nicht absichtlich beleidigen wolltet. Zudem konnt ihr andern auch gar nicht fassen, was es bedeutet, durch die Geburt zu einer Ehre, oder einem Vorzuge, oder einem Amte, wie der Geheimeratsposten ist, bestimmt zu sein. Ihr redet also uber solche Sachen, wie der Blinde von der Farbe, und man muss euch euer Geschwatz daruber nicht so ubelnehmen. Nein, ich blieb nur hier draussen, weil ich, aufrichtig gesagt, an Liebessachen keinen sonderlichen Anteil nehme und dachte, Ihr wurdet wohl so gutig sein, mir einmal unter vier Augen ohne Umschweif das Ergrunen zu erklaren. Uberhaupt wunschte ich, bester Munchhausen, meiner Tochter wegen, Ihr sprachet von Romanenangelegenheiten wenig oder gar nicht mehr.
Meine Tochter hat in diesem Punkte einen Sparren", fuhr der Alte mit leiserer Stimme fort, indem er dicht zu Munchhausen trat. "Es ist immer schlimm, wenn die Frauenzimmer nicht heiraten, oder keine Kinder bekommen, denn auf Zartlichkeit sind denn doch nun einmal die armen Dinger durchaus gestellt, und die versetzt sich ihnen dann leicht, dass sie entweder langweilige, empfindsame Bucher schreiben, oder mit Papageien und Schosshunden quengeln, unertraglich fur andere. Meine Tochter halt sich nun weder Schosshund noch Papagei, dagegen einen Gedankenund Erinnerungsliebhaber, mit dem sie verkehrt, wie mit einer lebendigen Mannsperson. Besonders im Mondschein, wie jetzo, ist sie immer sehr aufgeregt, und deshalb hutet Euch, Freund, diesen Zustand zu steigern; bedenkt, was fur ein Elend fur mich alten Mann es ware, wenn ihre Krankheit aus diesem stillen und sonst unschadlichen Faseln in einen lauten Raptus uberginge!"
Munchhausen fehlte die Zeit, dem Vater beruhigende Versicherungen zu geben, denn in der Taxuslaube hinter dem Genius des Schweigens entstand ein Gerausch und hervor trat Fraulein Emerentia, die in der Laube der ganzen Rede zugehort hatte. "Zum Henker", rief der alte Baron, "das habe ich sauber gemacht!" Er entfernte sich eilig in das Schloss.
Emerentia naherte sich Munchhausen und sprach mit sanfter Stimme: "Es ist eine zu alte Erfahrung, dass die hoherstehende Natur von ihren Umgebungen fur wahnwitzig gehalten wird, als dass mich die Worte des Vaters verletzen konnten. Vergebung daher ihm, und ferne sei es von mir, das Recht der Wiedervergeltung zu uben und Sie auf seine Einbildungen aufmerksam zu machen.
Aber Dank bin ich Ihnen schuldig, teurer Meister, fur die unvergleichliche Zartheit, mit welcher Sie mich heute zweimal aus dem Zimmer sendeten. Eine so rucksichtsvolle Behandlung tut unendlich wohl. Ich muss Ihnen meinen Dank durch eine Warnung betatigen. Huten Sie sich vor dem Schulmeister, reizen Sie seine Ihnen bekannte Verrucktheit nicht durch hingeworfene Ausserungen, welche er auf sich und seine fixe Idee beziehen kann. Ich habe Ursache, zu glauben, dass die Krankheit dieses Mannes im Steigen ist; denn er kocht schon die sogenannte schwarze Suppe, ohne ihrer benotigt zu sein und schlaft zuweilen im Freien auf dem lacherlichen Gebirge Taygetus Zeichen gewiss einer innerlichen Garung. Welches Ungluck, wenn er plotzlich wutend wurde, den Vater, wie leicht moglich, ansteckte, und beide die Riesenkraft der Raserei entfalteten! Wir Vernunftigen waren schwerlich imstande, sie zu bewaltigen, ja nur uns vor ihnen zu retten."
Das Fraulein fuhr fort: "In den Stunden, in welchen ich der Empfindung nicht nachhing, habe ich viel uber den Wahnsinn nachgedacht und bin auf folgendes Resultat gekommen. Aller Wahnsinn ist eigentlich eine krankhafte Richtung der Natur, das Individuum in das Masslose zu erweitern, und uber die Schranken hinaus, welche die Selbstverleugnung und eine edle Ergebung in die Beschlusse des Schicksals ihm setzt, ihm Guter, Gefuhle und Genusse anzueignen. Deshalb ist die geistige Krankheit auch verhaltnismassig haufiger bei Personen aus den geringen Standen, die so vieles entbehren mussen, und schafft bei ihnen die Einbildung, dass sie Konige, Kaiser, ja Gott seien, oder dass sie grosse Schatze besitzen. Auch die Furcht vor Feinden und Verfolgern, welche nicht selten als Ausserung des Wahnsinns auftritt, und auf den ersten Anblick meiner Erklarung zu widersprechen scheint, bestatigt sie doch nur. Solche arme und unangesehene Leute haben nicht selten das geheime, nagende Gefuhl ihrer Unbedeutendheit; nun kann nur ein Zufall, ein Missgeschick ihre Seele erschuttern, so fangen sie an, eine ertraumte Wichtigkeit in der Menge von geheimen Feinden, welche ihnen die schwarmende Phantasie vorgaukelt, zu geniessen. Daher kommt es denn auch im Gegenteil, dass Fursten und vornehme Personen, wenn sie ihren Verstand verlieren, in Stumpfsinn und Hinbruten zu verfallen, oder sich ganz alberne Ideen einzubilden pflegen, wie z.B. dass sie von Glas seien, einen Sperling im Kopfe tragen und was dergleichen mehr ist. Naturlich; sie haben schon alles, was das menschliche Herz begehrt, deshalb muss die kranke Seele entweder uber dem Ungestalteten bruten, oder sich mit den abenteuerlichsten, von Wunsch und Begehren ganz fernen Vorstellungen nahren.
Die Anwendung dieser allgemeinen Bemerkungen auf den Schulmeister zu machen, ist sehr leicht. Die Natur hatte ihm eine Beimischung von Selbstgefuhl gegeben, welche mit seinem geringen Amtsberufe nicht in Einklang stand, und diesen Einklang hat er sich nun durch seine stolze Traumerei von der spartanischen Abkunft luftschlossartig gestiftet und erbaut."
Munchhausen erstaunte noch mehr uber diese Rede, als uber die der andern Personen, welche er heute abend hatte sprechen horen. Er ging auf sein Zimmer, roch in die Luft hinaus, wie er oft zu tun pflegte, um die Beschaffenheit derselben fur seine Zwecke zu erkunden, setzte sich auf sein Bett, und liess sich vom Bedienten Karl Buttervogel, welcher inzwischen mit dem Waschwasser hereingekommen war und seinem Herrn die Nachtmutze aufgesetzt hatte, die Stiefeln ausziehen.
"Karl", sagte Munchhausen, "wir sind hier in einem Tollhause. Der alte Baron, das Fraulein, der Schulmeister sind samtlich verruckt. Jeder von ihnen hat merkwurdigerweise einen klaren Blick in den Zustand des andern, und was noch merkwurdiger ist, sie reflektieren ausserst gescheit uber den Wahnsinn. Aber nimm dich doch in acht; denn solche Zustande konnen durch die geringste Veranlassung gesteigert werden."
"Ich werd' schon", versetzte Karl Buttervogel, indem er seinem Herrn die Beinkleider abstreifte. "Dem Fraulein hab' ich lang' was angesehen, sie schiesst zuweilen so verzwickte Blicke auf mich. Aber gnadiger Herr, warum sind wir denn so fortgegangen, wo uns die drei Herren so reichlich in allem unterhielten, und Sie nichts zu tun hatten, als sich ein paar Stunden von ihnen studieren zu lassen? Und warum kriechen wir hieher in dieses verwunschene Schloss, wo sich wahrhaftig keine Maus satt fressen kann? Ich liege in einem dunkeln Loche, weder von Sonne noch Mond beschienen, und will ein Halunke sein, wenn ich seit drei Tagen Fleisch gerochen habe! Dazu sind die Wanzen in meiner Spelunk', jeden Morgen bin ich zerbissen, als hatte ich mich mit sechs Jagdhunden herumgebalgt! Lassen Sie uns je eher, je lieber fort, gnadiger Herr, denn so gern ich Ihnen diene, hier halte ich es nicht lange aus."
"Hier bleibe ich, solange die Ursache dauert, welche mich hergefuhrt hat"; erwiderte der Freiherr mit Ansehn.
"Die Ursache, welche hergefuhrt hat", sagte Karl Buttervogel, "ist doch nur, dass Sie vom Pferde fielen, und diese hat aufgehort."
"O du Tor und Kurzsichtiger", rief Munchhausen zornig, "der du immer nur den Sturz vom Pferde erkennst und nicht wahrnimmst "
"Was, mein gnadiger Herr?"
"Nichts!" versetzte Munchhausen barsch, warf sich auf sein Bette, dass die Not- und Hulfssponde, welche der Schulmeister roh zusammengefugt, knackte, und schlief sogleich ein.
Karl Buttervogel stand mitten im Zimmer, die Kleidungsstucke seines Herrn auf dem Arme, und sagte, als er ihn schnarchen horte: "Es ist wahrhaftig recht schlecht von meinem Herrn, dass er mir nicht sagen will, warum wir hier in dem vermaledeiten Neste bleiben? Keinen Lohn kriegt man von ihm, sondern wird ewig vertrostet auf die Zeit, wo er die Luft wird festmachen konnen, wie sie's in Paris tun, und dennoch kein ganzes Zutrauen! Ich weiss doch, dass er nicht mit rechten Dingen in die Welt gekommen ist, warum sagt er mir denn nicht, was er hier vorhat?"
Zweites Buch
Der Wilde Jager
Erstes Kapitel
Der Hofschulze
Im Hofe zwischen den Scheuren und Wirtschaftsgebauden stand mit aufgekrempten Hemdarmeln der alte Hofschulze und schaute achtsam in ein Feuer, welches zwischen Steinen und Kloben am Boden entzundet, lustig flackerte. Er ruckte einen kleinen Amboss, der danebenstand, zurecht, legte sich Hammer und Zange zum Griffe bereit, prufte die Spitzen einiger grossen Radnagel, die er aus dem Bruststucke des vorgebundenen Schurzfells zog, legte die Nagel auf das Bodenbrett des Leiterwagens, dessen Rad er ausbessern wollte, und drehte die Stelle des Rades, von welcher ein Stuck Schiene abgebrochen war, achtsam nach oben, worauf er durch untergeschobene Steine das Rad in seiner Stellung festigte.
Nachdem er wieder ein paar Augenblicke in das Feuer gesehen hatte, ohne dass seine hellen und scharfen Augen davon zu blinzeln begannen, fuhr er rasch mit der Zange hinein, hob das rotgluhende Stuck Eisen heraus, legte es auf den Amboss, schwang den Hammer daruber, dass die Funken spruhten, schlug das noch immer glutrotliche um das Rad, da wo die Schiene fehlte, schlug und schweisste es mit zwei gewaltigen Schlagen fest, und trieb dann die Nagel, welche es in seiner weichen Dehnbarkeit noch immer leicht hindurchliess, an ihre Platze.
Einige der starksten und heftigsten Schlage gaben dem eingefugten Stucke das letzte Geschick. Der Schulze stiess mit dem Fusse die vor das Rad gelegten Steine hinweg, fasste den Wagen bei der Stange, um das geflickte Rad zu prufen, und zog ihn ungeachtet seiner Schwere ohne Anstrengung quer uber den Hof, so dass die Huhner, Ganse und Enten, welche sich ruhig gesonnt hatten, mit grossem Geschrei vor dem rasselnden Wagen entflohen, und ein paar Schweine aus ihrem eingewuhlten Lager grunzend auffuhren.
Zwei Manner, von denen der eine ein Pferdehandler, der andre ein Rendant oder Rezeptor war, hatten, unter der grossen Linde am Tische vor dem Wohnhause sitzend und ihren Trunk verzehrend, der Arbeit des alten, rustigen Mannes zugesehen. "Das muss wahr sein", rief jetzt der eine, der Pferdehandler, "Ihr hattet einen tuchtigen Schmidt abgegeben, Hofschulze!"
Der Hofschulze wusch in einem Stalleimer voll Wasser, welcher neben dem kleinen Ambosse stand, sich Hande und Gesicht, goss dann das Feuer aus, und sagte: "Ein Narr, der dem Schmidt gibt, was er selbst verdienen kann." Er nahm den Amboss, als sei er eine Feder, auf, und trug ihn nebst Hammer und Zange unter einen kleinen Schoppen zwischen Wohnhaus und Scheure, in welchem Hobelbank, Sage, Stemmeisen, und was sonst zu Zimmer- und Schreinergewerk gehort, bei Holz und Brettern mancher Art stand, lag oder hing.
Indem der Alte sich unter dem Schoppen noch zu schaffen machte, sagte der Pferdehandler zu dem Rezeptor: "Wollen Sie glauben, dass der auch alle Pfosten, Turen und Schwellen, die Kisten und Kasten im Hause mit eigner Hand flickt, oder, wenn das Gluck gut ist, auch neu zuschneidet? Ich meine, wenn er wollte, konnte er auch einen Kunstschreiner vorstellen und wurde einen richtigen Schrank zuwege bringen."
"Da seid Ihr im Irrtum", sprach der Hofschulze, der das letzte gehort hatte und, das Schurzfell jetzt abgetan, im weissleinenen Kittel aus dem Schoppen trat. Er setzte sich zu den beiden Mannern an den Tisch, eine Magd brachte ihm auch ein Glas, er tat seinen Gasten Bescheid und fuhr dann fort: "Zu einem Pfosten, zu einer Ture und Schwelle gehoren nur ein Paar gesunde Augen und eine firme Faust, aber ein Schreiner braucht mehr. Ich habe mich einmal vom Hochmut verleiten lassen, und wollte, wie Ihr es nennt, einen richtigen Schrank zuwege bringen, weil mir Hobel und Meissel und Reissschiene auch bei dem Zimmerwerk durch die Hande gegangen waren. Ich mass und zeichnete und schnitt die Holzer zu, auf Fuss und Zoll hatte ich alles abgepasst; ja, als es nun an das Zusammenfugen und Leimen gehen sollte, war alles verkehrt. Die Wande standen windschief und klafften, die Klappe vorne war zu gross, und die Kasten fur die Offnungen zu klein. Ihr konnt das Gemacht noch sehen, ich habe es auf dem Sill stehen lassen, mich vor Versuchung kunftig zu wahren, denn es tut dem Menschen immer gut, wenn er eine Erinnerung an seine Schwachheit vor Augen hat."
In diesem Augenblicke liess sich ein lustiges Wiehern aus dem Pferdestalle gegenuber vernehmen. Der Pferdehandler rausperte sich, spuckte aus, schlug sich Feuer an, blies dem Rezeptor eine starke Dampfwolke in das Gesicht, sah sehnsuchtig nach dem Stalle und dann gedankenvoll vor sich nieder. Hierauf spuckte er nochmals aus, nahm den lackierten Hut vom Kopfe, strich mit dem Arme uber die Stirn und sagte: "Noch immer eine schwule Witterung." Dann schnallte er seine lederne Geldkatze vom Leibe, warf sie mit Getose auf den Tisch, dass der Inhalt klang und klirrte, losete die Riemen und zahlte zwanzig blanke Goldstucke hin, bei deren Anblicke die Augen des Rezeptors zu funkeln anfingen, und nach denen der alte Hofschulze gar nicht hinsah. "Hier ist das Geld!" rief der Pferdehandler, die Faust geballt auf den Tisch stemmend, "krieg' ich die braune Stute dafur? Sie ist, weiss Gott, nicht einen Heller mehr wert."
"Dann behaltet Euer Geld, damit Ihr nicht zu Schaden kommt", versetzte der Hofschulze kaltblutig. "Sechsundzwanzig, wie ich gesagt habe, und keinen Stuber darunter. Ihr kennt mich nun die Jahre her, Herr Marx, und solltet daher wissen, dass das Dringen und Feilschen bei mir nicht verschlagt, weil ich nie von meiner Sprache abgehe. Ich begehre, was mir eine Sache wert ist und tue niemalen vorschlagen, und so konnte ein Posaunenengel vom Himmel dahergefahren kommen, er kriegte die Braune nicht unter sechsundzwanzig."
"Aber Gott's Sackerlot", schrie der Pferdehandler erbost, "aus Fordern und Bieten besteht doch der Handel, und meinen eignen Bruder uberfrage ich, und wenn kein Vorschlagen mehr in der Welt ist, so hort alles Geschaft auf!"
"Im Gegenteil", erwiderte der Hofschulze, "das Geschaft kostet dann weit weniger Zeit und ist schon um deshalb profitlicher, aber auch ausserdem haben beide Teile von einem Handel ohne Vorschlagen vielen Nutzen. Ich habe es immer erlebt, dass, wenn vorgeschlagen wird, sich die Natur erhitzt, und zuletzt niemand mehr recht weiss, was er redet oder tut. Da lasst denn der Verkaufer, um nur dem Gehader ein Ende zu machen, die Ware oft unter dem Preise, den er im stillen bei sich festsetzte, und der Kaufer seinerseits in der Begierde und Brunst des Bietens vertut sich ebenso oftmals. Ist aber gar keine Rede von Ablassen, dann bleiben beide schon ruhig, und wahren sich vor Schaden."
"Da Ihr so vernunftig redet, so werdet Ihr meinen Antrag jetzt besser erwogen haben", hob der Rezeptor an. "Wie gesagt, die Regierung will alle Korngefalle der Hofe in hiesiger Gegend in Geld umwandeln. Sie hat allein den Schaden davon, denn Korn bleibt Korn, aber Geld ist heute so viel und morgen so viel wert, indessen ist es nun einmal ihr Wille, um der Last des Aufspeicherns quitt zu werden. Ihr tut mir also den Gefallen, und unterschreibt diese neue, auf Geld lautende Urkunde, die ich da zu diesem Behufe schon mitgebracht habe."
"Durchaus nicht", antwortete der Hofschulze eifrig. "Es ist ein alter Glaube hierzulande, dass wer seinem Hofe eine Last auflegt, dafur zur Strafe nach seinem Tode auf dem Hofe umgehen muss. Ich weiss nicht, wie es damit beschaffen ist, aber das weiss ich: Vom Oberhofe sind seit vielen hundert Jahren nur Korner an die Gotteszelle gegeben worden, und damit wolle sich also das Rentamt begnugen, wie das Stift sich damit begnugt hat. Wachst Geld auf meinem Acker? Nein. Korn wachst darauf. Woher wollen sie also das Geld nehmen?"
"Ihr sollt ja nicht ubervorteilt werden!" rief der Rezeptor.
"Es muss alles beim alten bleiben", sagte der Hofschulze feierlich. "Das war noch eine gute Zeit, als die Tafeln mit den Verzeichnissen der Lasten und Abgaben der Bauerschaft in der Kirche hingen. Dazumalen stand alles fest, und kein Gezank hat sich nimmer daruber begeben, wie neuerdings nur gar zu oft. Hernacher hiess es, die Tafeln mit den Huhnern und Eiern und Maltern und Summern schadeten der Andacht, und sie wurden hinweggetan. Im Gegenteil, sie hatten immer zu Predigt und Gesang gehort, wie Amen und Segen; ich fur mein Teil, wenn ich sie ansah, besonders beim dritten Teile oder der Nutzanwendung, hatte die erbaulichsten Gedanken bekommen, zum Exempel: Uberhebe dich nicht, denn da steht geschrieben, wieviel Zinsroggen und Schlosshafer du geben musst, oder auch so: Wenn du draussen Lasten zu tragen hast, hier im Gotteshause bist du frei, und was dergleichen mehr war. Nun aber, als man auf die leeren Stellen sah, gingen die Gedanken immer wandern und suchen nach den Tafeln, und es dauerte geraume Zeit, ehe und bevor die Menschheit wieder recht nach dem Pastor hinhorte."
Er ging in sein Haus. "Das ist ein alter Racker!" rief der Pferdehandler, als er seinen Handelsfreund nicht mehr sah, indem er den lackierten Hut verdriesslich wieder auf den Kopf stulpte. "Wenn der nicht will, so bringt ihn der Teufel nicht herum. Das Schlimmste ist, dass der Kerl die besten Pferde in der Gegend zieht, und sie im Grunde sozusagen billig genug losschlagt."
"Ein starres, widerhaariges Volk hierzulande", sagte der Rezeptor. "Ich bin erst vor kurzem aus Sachsen herversetzt, und merke den Abstand. Dort wohnen die Leute beisammen und deshalb mussen sie schon hoflich und nachgiebig und betulich miteinander sein. Aber hier sitzt ein jeder auf seinem Kampe, hat sein Holz, sein Feld, seinen Wiesewachs um sich, als gabe es sonst nichts in der Welt. Darum halten sie auch auf ihre alten Schnurren und Faxen so steif, die anderwarts uberall abgekommen sind. Was fur Muhe habe ich schon mit den andern Bauern wegen der dummen Umschreibereien gehabt, aber dieser hier ist doch der schlimmste."
"Das kommt daher, Herr Rezeptor, weil er so reich ist", bemerkte der Pferdehandler. "Mich wundert, dass Sie es mit den andern in der Bauerschaft ohne ihn durchgesetzt haben, denn der hier ist ihr General und Advokat und alles, sie richten sich in jeglicher Sache nach ihm. Er buckt sich vor keinem. Vorm Jahre kam ein Prinz hier durch; wie er den Hut vor dem abnahm, war es wahrhaftig, als wollte er sagen: Du bist der und ich bin der. Der Mistfink! Fur die Stute sechsundzwanzig Pistolen haben zu wollen! Aber das ist das Ungluck, wenn der Bauer zu viel Vermogen kriegt. Wenn Sie dort durch das Eichholz hindurch sind, gehen Sie eine geschlagene halbe Glockenstunde durch seine Felder. Und alles bestellt, dass es nur so eine Art hat. Ich bin mit meiner Koppel vorgestern durch den Roggen und Weizen geritten, und Gott strafe mich, wenn was anderes als die Kopfe von den Pferden uber die Ahren hinubersahen. Ich dachte, ich wurde ersaufen."
"Woher hat er's denn?" fragte der Rezeptor.
"Oh!" rief der Pferdehandler, "da liegen hier mehrere solcher Hofe herum, man heisst sie Oberhofe; wenn die nicht manchen Edelmann ausstechen, so will ich nicht Marx heissen. Das Erdreich ist von uralter Zeit zusammengeblieben. Und sparsam und fleissig ist der Nichtsnutz von jeher gewesen, das muss man ihm lassen. Sie sahen ja, wie er sich abascherte, nur um dem Schmidt die paar Groschen Verdienst zu nehmen. Jetzt freit seine Tochter einen andern jungen Geldschlingel; die kriegt mit! Ich bin an der Leinwandkammer durchgegangen, der Flachs und das Garn, das Gebild, die Wasche und alle mogliche Kramerei ist bis unter die Decke gestopft. Und dazu gibt ihr der alte Schabhals noch bare sechstausend Taler mit. Blicken Sie nur um sich; ist es nicht hier, als ob man bei einem Grafen ware?"
Wahrend der letzten Reden hatte der verdriessliche Pferdehandler sacht in die Geldkatze gegriffen und den zwanzig Goldstucken, gleichsam gleichgultig tuend, noch sechs hinzugefugt. Der Hofschulze trat wieder in die Ture, und der andre sagte brummend, ohne ihn anzusehen: "Da liegen die sechsundzwanzig, weil es einmal nicht anders sein soll."
Der alte Bauer lachelte schalkhaft und sprach: "Ich wusste wohl, dass Ihr das Pferd kaufen wurdet, Herr Marx, denn Ihr sucht fur den Rittmeister in Unna eins zu dreissig Pistolen, und mein Braunchen passt Euch dazu, wie bestellt. Ich ging auch nur in das Haus, um die Goldwaage zu holen, und konnte vorhersehen, dass Ihr Euch unterdessen besonnen haben wurdet."
Der Alte, welcher in seinen Bewegungen bald etwas ungemein Rasches, bald wieder die grosste Bedachtigkeit zeigte, je nachdem das Geschaft war, was er trieb, setzte sich an den Tisch, wischte langsam und sorgfaltig seine Brille ab, spannte sie uber die Nase und fing nun an, die Goldstucke genau zu wagen. Zwei oder drei musterte er als zu leicht aus, woruber der Pferdehandler ein heftiges Gezeter erhob, welchem der Hofschulze schweigend und kaltblutig, die Waage in der Hand behaltend, zuhorte, bis der andre statt der verworfenen vollwichtige hervorholte. Endlich war die Sache beendigt, der Verkaufer packte bedachtig das Geld in ein Papier und ging mit dem Pferdehandler nach dem Stalle, um ihm das Pferd zu uberliefern.
Der Rezeptor wartete die Ruckkunft der beiden nicht ab. "Mit solchem Klotz ist nichts anzufangen", sagte er, "aber wenn du uns nur nicht so ordentlich auf die Termine bezahltest, wir wollten dich " Er fuhlte nach seinen urkundlichen Papieren in der Tasche, merkte an ihrem Knittern, dass sie noch darin seien, und schlich vom Hofe.
Aus dem Stalle traten der Rosskamm, der Schulze und ein Knecht, welcher zwei Pferde, das des Rosskammes und die erkaufte braune Stute hinter sich herfuhrte. Der alte Schulze sagte, indem er die letztere zum Abschiede streichelte: "Es tut einem immer leid, wenn man eine Kreatur, die man aufzog, losschlagt, aber wer kann dawider? Nun, halte dich brav, Braunchen!" rief er und gab dem Tiere einen herzhaften Schlag auf die runden, glanzenden Schenkel.
Der Pferdehandler war indessen aufgestiegen und sah mit seiner langen Figur und der kurzen Schossjakke unter dem breitkrempigen lackierten Hute, mit seinen erbsengelben Hosen uber den durren Lenden und den hochhinaufreichenden ledernen Kamaschen, mit seinen Pfundspornen und mit seiner Peitsche wie ein Wegelagerer aus. Er ritt, ohne Lebewohl zu sagen, fluchend und wetternd davon, die Braune am Leitzaum nachziehend. Keinen Blick wandte er nach dem Gehofte zuruck, die Braune dahingegen drehte mehrere Male den Hals um und wieherte wehmutig, als wollte sie klagen, dass ihre gute Zeit nun voruber sei. Der Hofschulze blieb, die Arme in die Seite gestemmt, mit dem Knechte stehen, bis der Zug durch den Baumgarten verschwunden war. Dann sagte der Knecht: "Das Vieh gramt sich." "Warum sollte es nicht?" erwiderte der Hofschulze, "gramen wir uns doch auch. Komm auf den Futterboden, wir wollen Hafer messen."
Zweites Kapitel
Rat und Anteil
Indem er sich mit dem Knechte dem Hause zuwandte, sah er, dass der Platz unter den Linden schon wieder von neuen Gasten eingenommen war. Diese hatten aber ein sehr verschiedenartiges Ansehen. Denn es sassen da drei bis vier Bauern, seine nachsten Nachbarn, und neben ihnen sass ein bildschones Madchen. Dieses bildschone Madchen war die blonde Lisbeth, welche im Oberhofe genachtiget hatte.
Ich werde mich nicht vermessen, ihre Schonheit zu beschreiben; es kame dabei doch nur auf rote Wangen und blaue Augen hinaus, und diese allerliebsten Dinge, so frisch sie sich in der Wirklichkeit halten, sind schwarz auf weiss etwas abgestanden. Es denke sich daher jeder Leser seine jetzige oder ehemalige Geliebte, und jede Leserin blicke in den Spiegel, oder erinnere sich, wie sie an ihrem Brauttage ausgesehen hat, so wird die Lisbeth vor allen Leuten dastehen, wie sie leibt und lebt.
Der Hofschulze ging, ohne sich vorlaufig um die langhaarigen, bekittelten Nachbarn zu kummern, auf seinen bluhenden Gast zu und sagte: "Nun? Gut geschlafen, Mamsellchen?"
"Prachtig", versetzte Lisbeth.
"Was haben Sie denn am Finger? Sie tragen ihn ja verbunden?" fragte der Alte.
"Nichts", antwortete das junge Madchen und errotete. Sie wollte eine andere Unterredung anfangen. Der Hofschulze liess sich aber nicht irren, ergriff ihre Hand, an welcher sie den Finger verbunden trug und rief: "Es ist doch nicht schlimm?"
"Nicht der Rede wert", versetzte Lisbeth. "Als ich Eurer Tochter gestern abend nahen half, fuhr mir die Nadel in den Finger, und da hat er geblutet, das ist alles."
"Ei! Ei!" sagte der Hofschulze schmunzelnd, "und wie ich sehe, ist es sogar der Ringfinger; das bedeutet was Gutes. Wissen Sie wohl, dass wenn eine Jungfer einer Braut hilft am Brautlinnen nahen und verwundet sich am Ringfinger, sie noch im namlichen Jahre auch Braut wird? Nun, ich gratulier' schonstens zum schmucken Freiersmann."
Die Bauern lachten; die blonde Lisbeth liess sich nicht aus der Fassung bringen, sondern rief frohlich: "Und wisst Ihr auch meinen Spruch, den ich von der Sproden gelernt habe? Er lautet:
Soweit der Herr die Lilien kleidet,
Und auch die jungen Raben weidet,
Geht mein Hab und Gut;
Drum, wer nach mir fragen tut,
Der soll tun nach mir fragen
Mit vier Pferden vorm Wagen!"
"Und " fiel der Hofschulze ein
"Er soll mich fangen, wie die Maus
Und angeln, wie einen Fisch,
Und schiessen, wie ein Reh "
Ein Schuss fiel in der Nahe. "Sehen Sie, Mamsellchen, das trifft zu", rief der Alte.
"Lasst jetzt Eure losen Reden, Hofschulze", sagte das junge Madchen. "Ich bin darum bei Euch eingekehrt, um von Euch Rat wegen der Gulten zu bekommen, und den gebt mir also nun auch ohne Scherz und Possen."
Der Hofschulze setzte sich, um zu horen und zu reden, in Positur, die Lisbeth zog ein Schreibtaflein heraus und las die Namen der Bauern ab, bei welchen sie in den Tagen zuvor umhergewandert war, um die Ruckstande der Zinsen fur ihren Pflegevater einzutreiben. Sie erzahlte dabei dem Hofschulzen, dass und unter welchen Vorwanden sie sich geweigert hatten, ihre Schuld abzustossen. Der eine wollte langst bezahlt haben, der andere hatte gesagt, er sei neu auf dem Hofe, der dritte wusste von gar nichts, der vierte hatte getan, als hore er nicht gut, und so fort, so dass das arme Madchen, wie ein Voglein, das bei Winterszeit nach Futter fliegt und kein Kornlein aufzupicken findet, von Tur zu Tur leer abgewiesen worden war. Wer aber glaubt, dass diese vergebliche Muhe sie in Kummernis gesturzt habe, der irrt; ihr konnte nichts etwas anhaben, sie erzahlte ihre beschwerlichen Wanderungen mit heitrem Munde.
Der Hofschulze schrieb mehrere der ihm genannten Namen mit Kreide auf den Tisch und sagte, als sie ihre Liste geschlossen hatte: "Was die andern betrifft, so wohnen die nicht bei uns, uber die habe ich keine Macht, und wenn sie so schlecht sind, ihre Pflicht und Schuldigkeit zu verleugnen, so streichen Sie die Schelme nur aus, denn mit Prozessen kriegt man nichts vom Bauer. Aber die in unserer Gemarke wohnen, gegen die werde ich Ihnen zu Ihrem Rechte helfen, dazu haben wir noch Mittel."
"Oho!" sagte einer der Bauern halblaut zu ihm; "tut Ihr doch, Schulte, als hattet Ihr immer das Strop1 im Rockarmel bei Euch. Wann soll die Heimlichkeit vor sich gehen?"
"Schweigt, Baumschulte, denn solche spottliche Worte mochten Euch zu Schaden werden", versetzte der Alte mit Ernst.
Der Angeredete wurde betreten, schlug die Augen nieder und erwiderte kein Wort. Lisbeth dankte dem Alten fur die zugesagte Hulfe und fragte nach den Wegen und Stegen zu den andern, die sie noch in der Schreibtafel hatte. Der Hofschulze bezeichnete ihr den Pfad zu dem nachsten Hofe uber die Pfaffenwiese, an den drei Muhlen vorbei, durch die Hollenberge. Als sie ihren Strohhut aufgesetzt, ihren Stecken genommen, fur gute Bewirtung gedankt, und sich solchergestalt zum Gehen gerustet hatte, bat er sie, bei der Wiederkehr sich so einzurichten, dass sie die Hochzeit uber und bis zum zweiten Tage nach derselben im Hofe bleibe, dann hoffe er ihr die Versicherung uber die Zinsen oder diese sogar vielleicht selbst zugleich nach Hause mitgeben zu konnen.
Als die schlanke und edle Gestalt des jungen Madchens hinter den letzten Walnussbaumen des Baumgartens verschwunden war, sagte einer der Bauern: "Wenn der alte Herr Baron die fruher zur Schaffnerin gehabt hatte, so ware er nicht so heruntergekommen und hatte nicht zu besorgen, dass ihm das Haus einmal uber dem Kopfe zusammensturzt. Ubrigens ist es unrecht, dass sie das Kind allein im Lande herumlaufen lassen."
"Daran sehe ich eben kein Unrecht", erwiderte der Hofschulze. "Ich habe noch nicht erlebt, dass einem ordentlichen Madchen Schlechtigkeiten widerfahren waren. Eine reine Jungfer kann unter Rauber und Morder gehen, unter Gesindel und Betrunkne, sie tun ihr so leicht nichts. Vorigen Herbst, als hier nebenan das Volk auf der Heide im Lager stand, hatte sich meine Tochter bei einem Gange uber Feld unter einen marschierenden Trupp verloren. Ja, von niemand war sie angetastet worden; sie hatten sie, weil sie mude geworden war, ganz sauber auf einen von ihren Vorspannwagen gehoben, und so wurde sie hier am Hofe richtig abgesetzt. Ein Frauenzimmer, was die Mannsleute angreifen, pflegt von Hause aus angreifische Ware zu sein."
Die Bauern sprachen jetzt von dem Gegenstande, welcher sie zu dem Hofschulzen gefuhrt hatte. Eine neue Strassenanlage, die mit der grossen Chaussee Verbindung stiften sollte, bedrohte sie mit dem Verluste einiger kleinen Wiesenstucke, uber welche der Weg notwendig zu legen war, wenn er zustande kommen sollte. Gegen diesen Verlust suchten sie sich nun, obgleich die Anlage zum Vorteil aller umliegenden Bauerschaften gereichte, auf jede Weise zu schutzen, und wie er abzuwenden sein mochte, daruber wollten sie sich bei dem Besitzer des Oberhofes Rats erholen. Wirklich zeigte sich auch der Hofschulze in dieser Angelegenheit sehr eifrig und gab ihnen die besten Mittel und Wege an die Hand, wie sie der Forderung des Staates unter dem Schutze buchstablicher Vorschriften der Gesetze entgehen, oder doch wenigstens das Nachgeben hinzogern konnten. Sie mochten nur sagen, die Stucke seien ihnen ganz notwendig, wenn sie nicht zugrundegehen sollten, mochten einen ubermassigen Preis auf sie setzen, den und den angehen, welcher in der Sache abzusprechen habe und welcher, wenn sie ihn recht zu behandeln wussten, schon ein Zeugnis ausstellen werde, dass die Strasse auch anders gelegt werden konne, und was dergleichen mehr war, welches freilich auf eine ganz andere Sinnesweise hinauszulaufen schien, als die wir schon von dem Hofschulzen in seinem Verkehre mit Menschen kennengelernt haben.
Indessen wurde aus seinem Gesprache mit den Nachbarn klar, dass diese Bauern sich den Heischungen des Staats zum offentlichen Nutzen gegenuber im Zustande des Krieges glaubten, welcher bekanntlich alle Mittel, die zum Zweck fuhren, gutheisst. "Wir werden schon unsre Frucht einfahren und zu Markte fuhren konnen, wie bisher, ohne grosse Strassen notig zu haben, und was geht uns alles ubrige an?" sagte der Hofschulze im Verlaufe der Unterredung. "Mogen sie bauen und graben, was sie wollen, sie sollen uns aber ungeschoren lassen. Wenn es nach denen ginge, so waren wir bald vom Erb von wegen des gemeinen Nutzens, wie es heissen wurde", fugte er hinzu.
"Guten Tag, wie geht's?" rief eine hier wohlbekannte Stimme. Ein Fusswanderer, ein Mann in anstandiger Kleidung, aber von den grauen Kamaschen bis zur grunen Schirmkappe bestaubt, war durch den Torweg eingetreten und hatte sich dem Tische genahert, ohne von den Redenden anfanglich bemerkt zu werden. "Ei, Herr Schmitz, sieht man Sie auch einmal wieder?" sagte der alte Bauer sehr freundlich und liess fur den Ermudeten durch den Knecht das Beste, was sich im Keller befand, herbeiholen.
Die Bauern ruckten vor dem neuen Ankommlinge hoflich zusammen. Er wurde zum Sitzen genotigt und bewerkstelligte diese seine Niederlassung mit bedachtsamer Vorsichtigkeit, um nicht, was er bei sich trug, zu zerbrechen. In der Tat war ein solches Verhalten auch notwendig, denn der Mann war bepackt wie ein Lastwagen, und die Umrisse seiner Gestalt glichen einem Konglomerate zusammengeschnurter Ballen. Nicht allein, dass die Rocktaschen, mit manchem Runden, Viereckten, Langlichten befrachtet, in sonderbarer Bauschung weit vom Leibe abstanden, auch Brust- und Seitenbehalter, zu gleichen Zwecken verwendet, bildeten mannigfach geformte Wulste und Erhohungen, die um so scharfer hervortraten, als der Sammler, um nichts von seinen Schatzen zu verlieren, den Rock, ungeachtet der herrschenden Sommerwarme, fest zugeknopft trug. Selbst das Innere der Kappe hatte zur Aufbewahrung kleinerer Gegenstande dienen mussen und erhielt von diesem Inhalte ein kurbisartiges Ansehen. Er schlurfte den ihm vorgesetzten guten Wein mit sichtbarem Behagen, das altliche, von Wandern und Hitze aufgedunsene und gerotete Antlitz gewann allmahlich seine ihm naturliche Farbe und Form wieder. "Gute Geschafte gemacht, Herr Schmitz?" fragte der Hofschulze lachelnd. "Dem Anscheine nach sollte man es glauben."
"Es geht noch", versetzte der Sammler. "In der lieben Erde steckt ein rechter Segen. Nicht allein Korn und Gewachse bringt sie immerdar hervor und wird nicht mude; auch Altertumer erntet ein aufmerksamer Forscher ihr fortwahrend ab, soviel auch danach schon gescharrt und gegraben worden ist. Ich habe denn einmal wieder so mein Gangelchen durch das Land gehalten, kam dieses Mal bis an die Grenze vom Siegenschen. Nun bin ich auf dem Ruckmarsch, will heute noch zur Stadt, musste aber unterweges bei Euch, Schulze, mich etwas ausruhen, denn mude ward ich freilich."
"Was bringen Sie denn mit?" fragte der Hofschulze.
Der Sammler klopfte sacht und freundlich auf alle Erhohungen und Wulste seiner verschiedenen Taschen und sagte: "Ei nun, Liebes und Gutes, allerhand Siebensachen. Eine Streitaxt, ein paar Donnerkeile, Kattenringe, prachtig mit grunem Rost uberzogen, Aschenkruglein, Tranenflaschen, drei Gotzen und ein paar kostbare Lampen." Dann schlug er mit der umgewandten Hand an seinen Nacken und fuhr fort: "Und ein ganz komplett erhaltenes Stuck korinthischen Erzes habe ich mir hier, weil ich sonst keinen andern Platz mehr hatte, hier im Rucken unter dem Rocke festgebunden. Nun, es wird sich denn wohl leidlich machen, wenn es alles erst gesaubert ist und in Reihe und Glied steht."
Die Bauern bezeugten ihre Neugier nach einigen der Sachen; der alte Schmitz erklarte sich aber unfahig, dieselbe zu befriedigen, weil die Altertumer so sorgfaltig verpackt und mit so ausgeklugelter Benutzung jedes Raumchens eingesenkt seien, dass es schwerhalte, die ganze Befrachtung, wenn sie geloset worden, wieder zustande zu bringen. Der Hofschulze sagte seinem Knechte etwas in das Ohr; dieser ging in das Haus. Inzwischen erzahlte der Sammler ausfuhrlich von dem Fundorte der verschiedenen Erwerbungen, ruckte dann seinem Gastfreunde naher und sagte vertraulich: "Was aber die allerwichtigste Entdeckung dieser Reise ist; ich habe nun wahr und wahrhaftig den Ort gefunden, wo Hermann den Varus schlug."
"Ei, ei, ei", versetzte der Hofschulze und schob seine Mutze hin und her.
"Alle sind sie auf dem falschen Wege gewesen, Clostermeier, Schmid, und wie sie heissen mogen, die daruber geschrieben haben!" rief der Sammler feurig. "Immer wollten sie den Varus in der Richtung auf Aliso, wovon doch auch noch kein Mensch ausgeforscht hat, wo es eigentlich gelegen genug aber mitternachtwarts sich zuruckziehen lassen, und demnach sollte die Schlacht zwischen den Quellen der Lippe und Ems, bei Detmold, Lippspringe, Paderborn und Gott weiss wo noch? vorgefallen sein "
Der Hofschulze sagte: "Ich glaube, der Varus musste aus allen Kraften suchen, nach dem Rhein zu kommen, und das konnte er nur, wenn er ins offene Land gelangte. Drei Tage soll die Bataille gedauert haben, darin lasst sich schon ein Stuck marschieren, und so bin ich vielmehr der Meinung, dass die Attacke in den Bergen, die unsre Borde einschliessen, also gar nicht weit von hier vorgefallen ist."
"Falsch! Falsch, Hofschulze!" rief der Sammler. "Hier unterwarts war alles besetzt und verstopft von Cheruskern, Katten und Sikambrern. Nein, weit mehr nach Mittag ist die Schlacht gewesen, der Ruhrgegend nahe, nicht weit von Arnsberg. Varus musste sich durch das Gebirg hindurchworgen, er hatte nirgends einen Ausweg, und seine Gedanken standen auf den Mittelrhein, wohin der Weg quer durch das Sauerland geht. So dachte ich es mir immer, so, und jetzt habe ich die untruglichsten Bestatigungszeichen entdeckt. Dicht an der Ruhr fand ich das korinthische Erz und kaufte die drei Gotzen, und da sagte mir ein Mann aus dem Dorfe, dass kaum eine Stunde davon im Walde zwischen den Bergen eine Stelle liege, wo Knochen in ungeheurer Anzahl zwischen dem Sand und Kies aufgeschichtet seien. Hui! rief ich, es wird Tag. Ging mit einigen Bauern hinaus, liess nachgraben, und siehe da, wir fanden Knochen, wie ich sie nur wunschte. Das ist also der Platz, wo Germanicus sechs Jahre nach der Teutoburger Schlacht die Uberreste der romischen Legionen bestatten liess, als er seine letzten Zuge wider Hermann machte, und folglich habe ich dort das richtige Schlachtfeld entdeckt."
"An die tausend und mehrere Jahre pflegen sich Knochen nicht zu erhalten", sagte der Schulze und bewegte zweifelmutig das Haupt.
"Sie haben sich versteinert in den Mineralien dort", sprach der Sammler zorneifrig. "Ich muss Euch nur den Glauben in die Hand geben, da ist einer, den ich mitgebracht habe."
Er zog einen grossen Knochen aus dem Busen und hielt denselben seinem Widerpart unter die Augen. "He, was ist das?" fragte er triumphierend.
Die Bauern starrten den Knochen verdutzt an. Der Hofschulze antwortete, nachdem er ihn prufend betrachtet hatte: "Ein Kuhknochen, Herr Schmitz. Sie sind auf einen Schindanger gestossen und nicht auf das Teutoburger Schlachtfeld."
Grimmig steckte der Sammler das bescholtene Altertum wieder an seinen Platz und stiess einige heftige Reden aus, denen der alte Bauer in derselben Weise zu begegnen wusste. Es sah daher nach einem Zanke zwischen beiden Mannern aus; indessen hatte es damit nicht viel zu bedeuten. Denn es war schon hergebracht, dass sie uber solche und ahnliche Dinge aneinander gerieten, wenn sie zusammenkamen. Immer aber blieben sie trotz dieser Streitigkeiten gute Freunde. Der Sammler, der sich das Brot am Munde absparte, um seine Liebhaberei zu befriedigen, pflegte sich das Jahr hindurch wochenlang bei den gefullten Fleischtopfen des Oberhofes auszufuttern und half wieder seinerseits dem Gastfreunde mit allerhand Schreibereien in dessen Geschaften; denn er war seines Zeichens ein ehemaliger kaiserlicher geschworner und immatrikulierter Notarius.
Endlich sagte der Hofschulze nach vielem nutzlosen Hinund Herreden von beiden Seiten: "Ich will mit Ihnen uber den Walplatz nicht streiten, obgleich ich dabei verbleibe, dass Hermann den Varus hier herum geschlagen hat. Es liegt mir aber uberhaupt nicht viel daran, die Sache ist mehr fur die Herrn Gelehrten, denn wenn der andere romische General sechs Jahre darauf, wie Sie mir oftmalen erzahlt haben, schon wieder mit einer Armee in hiesigen Gegenden stand, so hat die ganze Bataille wenig zu bedeuten gehabt."
"Davon versteht Ihr nichts, Hofschulze!" fuhr der Sammler auf. "Auf der Hermannsschlacht beruht das gesamte deutsche Wesen. Wenn Hermann der Befreier nicht gewesen ware, so sasset Ihr nicht so breit hier zwischen Euren Hecken und Pfahlen. Aber ihr Leute lebt nur von einem Tage zum andern und Geschichte und Altertumer sind euch nichts nutze."
"Oho, Herr Schmitz, da tun Sie mir doch gross Unrecht!" versetzte der alte Bauer stolz. "Weiss Gott, was fur Plasier es mir macht, bei Winterszeit die Chroniken und Historienbucher zu lesen, und Sie selbst wissen, dass ich mit dem Schwerte von Carolus Magnus (der Alte sprach die zweite Silbe lang aus), welches nun seit tausend und mehreren Jahren im Oberhofe aufbewahrt wird, umgehe, wie mit meinem Augapfel, folglich ..."
"Das Schwert Karls des Grossen!" sagte der Sammler hohnisch. "Freund, ist es denn nicht moglich, Euch diese Grillen aus dem Kopfe zu bringen? Hort doch nur "
"Und ich sage und behaupte, dass es das echte und aufrichtige Schwert Caroli Magni ist, womit er hier auf dem Oberhofe den Freistuhl gesetzet und eingerichtet hat. Und das Schwert wirket und vollbringet noch heutzutage sein Amt, obgleich davon nicht weiter geredet werden darf." Der Alte sprach diese Worte mit einem Ausdrucke in den Mienen und mit einer Gebarde, die etwas Erhabenes hatten.
"Und ich sage und behaupte, dass das eitel Torheiten sind", eiferte der Sammler. "Ich habe den alten Flederwisch an die hundert Male untersucht, er hat kein halb Jahrtausend erlebt und ruhrt vielleicht aus der Soester Fehde her, wo ihn ein Reisiger des Erzbischofs, der sich hier in den Buschen verkrochen, mag haben stehen lassen."
"Dass dich!" rief der Hofschulze und schlug mit der Faust auf den Tisch. Dann murmelte er vor sich hin: "Nun warte! Dafur sollst du heute deine Strafe kriegen."
Der Knecht trat aus der Ture. Er trug ein Gefass aus gebrannter Erde, von bedeutendem Umfange und fremdartigem Ansehen, es steif und achtsam mit beiden Handen an den Henkeln gefasst.
"Ei Gott!" rief der Sammler, als es ihm naher zu Gesichte kam, "das ist ja eine prachtige grosse Amphora! Woher stammt denn die?"
"Ich habe", versetzte der Hofschulze gleichgultig, "den alten Topf vor acht Tagen in meiner Kiesgrube gefunden, als Grand ausgestochen wurde. Es stand noch mehr des Zeuges umher, was aber die Leute mit den Grabscheiten zerschlagen haben. Der Topf allein ist erhalten worden. Ich wollte doch, dass Sie ihn sahen, da Sie einmal hier sind."
Mit feuchten Blicken betrachtete der Sammler das grosse, wohlerhaltene Gefass. Endlich stammelte er: "Ist daruber kein Handel zu machen?"
"Nein", versetzte der alte Bauer kalt, "ich will den Topf mir selber aufheben." Er gab dem Knechte einen Wink, dieser wollte die Amphora in das Haus zurucktragen, wurde aber daran von dem Sammler gehindert, welcher, die Augen nicht von dem Gefasse wendend, den Eigentumer mit den mannigfaltigsten und beweglichsten Wendungen anging, ihm den ersehnten Weinkrug abzustehen. Es war indessen alles vergebens; der Hofschulze verblieb den eindringlichsten Bittworten gegenuber in unerschutterlicher Seelenruhe und machte auf diese Weise den unbewegten Mittelpunkt der Gruppe, um welchen die Bauern, die dem Handel mit aufgesperrten Maulern zuhorchten, der Knecht, der das Gefass an den Henkeln gefasst, dem Hause zustrebte, und der Altertumler, welcher dasselbe am untern Ende festhielt, die aufgeregten Seiten- und Nebenfiguren bildeten. Zuletzt sagte der Hofschulze, dass er in Willens gewesen sei, seinem Gaste den Topf, wie so manches fruher aufgefundene Stuck zu schenken, weil er selbst seine Freude daran habe, die alten Sachen auf den Brettern der Sammlung an den Wanden ringsherum in Ordnung gestellt, zu sehen, dass ihm aber die bestandigen Angriffe auf das Schwert Caroli Magni verdriesslich seien, und dass er deshalb auch mit dem Topfe seinen Willen behalten wolle.
Kleinlauten Tons versetzte hierauf der Sammler nach einer Pause, dass Irren menschlich ware, dass die Waffen des Mittelalters sich nach den Zeitaltern oft nicht genau unterscheiden liessen, dass er auf diese Uberbleibsel sich weniger, als auf Romersachen verstande, und dass allerdings manches an dem Schwerte auf ein hoheres, uber die Soester Fehde hinausreichendes Alter zu deuten schiene. Vorauf der Hofschultze entgegnete, dass ihm dergleichen allgemeine Redensarten nichts frommen konnten, dass er den Zwist und den Zweifel an seinem Schwerte ein fur allemal abgetan wissen wollte, und dass es nur ein Mittel gabe, in den Besitz des alten Topfes zu kommen, namlich, wenn der Herr Schmitz auf der Stelle eine Schrift von sich gabe, worin das im Oberhofe, aufbewahrte Schwert formlich fur das wahre Schwert Caroli Magni anerkannt wurde.
Nach dieser Eroffnung hatte der Altertumler freilich einen harten Kampf zwischen seinem antiquarischen Gewissen und seiner antiquarischen Begierde zu kampfen. Er warf die Lippe auf und trommelte mit den Fingern auf der Stelle umher, wo er den Knochen vom Teutoburger Schlachtfelde stecken hatte. Sichtlich war sein Bestreben, uber die Anmahnungen des ihn zur Unwahrheit verlockenden Gelustes Herr zu werden. Endlich aber erhielt dennoch die Leidenschaft, wie dieses immer zu geschehen pflegt, die Oberhand. Hastig forderte er Feder und Papier und stellte mit fliegender Eile, zuweilen seitwarts nach der Amphora schielend, ein unumwundenes Bekenntnis aus, dass er nach oftmaliger Besichtigung des Schwertes im Oberhofe solches fur das des Kaisers Karls des Grossen erkannt und befunden habe.
Diese Urkunde liess der Hofschulze von den beiden Bauern als Zeugen mit unterschreiben, und steckte dann das Papier, mehrmals zusammengeschlagen, zu sich. Der alte Schmitz aber fasste heftig nach der auf Kosten seines besseren Bewusstseins erkauften Amphora. Der Hofschulze sagte, er wolle ihm den Topf andern Tages nach der Stadt schicken; wie hatte aber ein Sammler wohl jemals auch nur einen Augenblick lang die korperliche Innehabung eines teuer erworbenen Besitzstuckes entbehrt? Entschieden lehnte der unsrige jeden Verzug ab, liess sich eine Schnur geben, zog diese durch die Henkel, und hing sich daran das grosse Weingefass uber die Schulter. Sie schieden demnachst im besten Einvernehmen, nachdem der Sammler noch zur Hochzeit gebeten worden war. Er gewahrte mit seinen Winkeln, mit den bauschig abstehenden Rockschossen und der hin und her wackelnden Amphora an der linken Seite einen abenteuerlichen Anblick, als er von dannen zog.
Die Bauern boten ihrem Ratgeber die Zeit, versprachen, sich seinen Rat merken zu wollen und gingen dann, ein jeder zu seinem Gehofte. Der Hofschulze, dem im Laufe einer Stunde mit allen Menschen, die sich bei ihm zusammengefunden hatten, jegliches Vornehmen gegluckt war, trug erst die erwonnene Anerkennungsurkunde auf die Kammer, worin er das Schwert Caroli Magni verwahrte, dann ging er mit dem Knechte auf den Futterboden, um den Hafer fur die Pferde ihm zuzumessen.
Drittes Kapitel
Der Oberhof
"Westfalen bestund aus einzelnen Hofen, deren jeder seinen eigentumlichen und freien Besitzer hatte. Mehrere solcher Hofe machten eine Bauerschaft aus, die gewohnlich den Namen des altesten und vornehmsten Hofes fuhrte. Es grundet sich in der ersten Anlage der Bauerschaften, dass der alteste Hof auch der erste im Range bleiben und der vornehmere werden musste, wo von Zeit zu Zeit die davon ausgegangenen Kinder, Enkel, Hausgenossen zusammenkamen und einige Tage feierten und zechten. Der Anfang, oder das Ende des Sommers war die gewohnliche Zeit dazu, wo jeder Hofbesitzer etwas von seinen gezogenen Fruchten und auch wohl ein junges Stuck Vieh zum Bauermahl mitbrachte. Man besprach sich uber mannigfaltige Gegenstande und nahm Rucksprache, Heiraten wurden da geschlossen, Todesfalle angezeigt, und der Sohn als eingetretenes Haupt seines vaterlichen Erbes erschien dann gewiss mit volleren Handen und ausgesuchterem Viehe bei seinem ersten Eintritt in die Versammlung. An Zwisten konnte es bei solchen Freudentagen nicht fehlen, dann trat der Vater als Haupt des altesten Hofes in die Mitte und legte mit Einstimmung der ubrigen den Zank bei. Wurden einige Hofbesitzer wahrend der andern Jahrszeit irgendeiner Ursache halber uneins, so brachten beide bei der nachsten Versammlung ihre Beschwerde vor, und beide waren damit zufrieden, was ihre Mitgenossen fur gut oder recht fanden. War alles aufgezehrt, der zur Feier bestimmte Baum ausgebrannt, so hatte das Fest, die Versammlung ein Ende. Jeder kehrte dann zurucke, erzahlte seinen zu Hause schon wartenden Hausgenossen die Begebenheiten des Festes und ward mit ihnen lebendige und stets fortdauernde Urkunde aller Vorfalle ihrer Bauerschaft.
Dergleichen Zusammenkunfte hiessen Sprachen, Bauersprachen, weil samtliche Hofbesitzer einer Bauerschaft, um sich zu besprechen, zusammenkamen, und Bauergerichte, weil hier die Irrungen der schon stillschweigend in einen Verein getretenen Manner beigelegt oder zuruckgewiesen wurden. Da die Bauersprachen und Bauergerichte beim altesten oder vornehmsten Hofe gehalten wurden, so hiess solcher Hof auch Richthof, und die Bauergerichte und Bauersprachen auch Hofsprachen und Hofgerichte, welche bis auf heutigen Tag noch nicht ganz verschwunden sind. Der alteste Hof, der Richthof ward nun im vorzuglicheren Sinne Hof genannt, womit man den Haupthof oder Oberhof in der Bauerschaft und dessen Besitzer als das Haupt oder den Hauptmann der ubrigen bezeichnete.
So hatten wir ungefahr die Entstehung von dem ersten Vereine und den ersten Gerichtsanstalten der westfalischen Hofe oder Bauerschaften. Sie kann uns um desto weniger befremden, wenn man bedenket, dass Westfalens ehemalige Gestalt nur eine langsame Bevolkerung und allmahlichen Anbau verstattete, und dieses allmahliche Fortschreiten gerade so zu den simplen und einformigen Einrichtungen, als zu der gleichen Bildung, Sitte und Gewohnheit fuhrte, die wir bei Westfalens alten Bewohnern antreffen."
Diese Stelle aus Kindlingers "Munsterischen Beitragen" fuhrt uns auf den Schauplatz der Handlung. Sie verdeutlicht uns den Helden der letzteren, den Hofschulzen. Er war der Besitzer eines der grossten und reichsten Haupt- oder Oberhofe, welche in den dortigen Gegenden, freilich jetzt bis zu geringer Anzahl zusammengeschmolzen, liegen.
Uber diese uralten Wehren freier Manner ist der Atem der Zeiten markenverruckend und rechtetilgend hingefahren. Die anfangliche germanische Genossenschaft, in welche jeder nur eintrat, Leibes und Lebens sicher zu werden, nicht, Leib und Leben zu verlieren, ist langst zerstort; der Vasallendienst hat an der Freiheit geruttelt, die Ministerialitat hat daran geruttelt, und endlich sind die Trummer eigenartiger Selbstandigkeit in den grossen Not- und Bergehafen des modernen Staats getrieben worden. In diesem schwimmen sie (um dem Gleichnisse treu zu bleiben), stossen und prallen aneinander an, oder sind auch wohl seitwarts auf das Trockne geworfen. Dort verwittern sie, mit Tang, Flechten und Schneckenhausern besetzt, nach und nach, wahrend jener Uberzug den Schein eines neuen Gebildes fortsetzt.
Aber es ist etwas Merkwurdiges um die ersten Stammerinnerungen, und die Volker haben ein so langes Gedachtnis, wie die einzelnen Menschen, denen ja auch die Eindrucke der fruhesten Kinderzeit bis in das hochste Alter hinauf getreu zu bleiben pflegen. Erwagt man nun, dass eines Menschen Leben neunzig wahren kann und daruber, dass der Volker Jahre aber Jahrhunderte sind, so ist es weiter nicht zu verwundern, dass in den Gegenden, in welche sich unsere Geschichte nunmehr begeben hat, manches noch hin und wieder aufstosst, welches nach der Zeit zuruckweist, in welcher der grosse Frankenkaiser die eigensinnigen Sassen mit Feuer und Schwert zu bekehren wusste.
Weckt also die Natur da, wo sonst der oberste Richter und Erbe der Gegend wohnte, wieder einmal besondere Eigenschaften in einem Menschen auf, so kann an den jahrtausendalten Erinnerungen und zwischen den Grenzen und Graben, die doch noch erkennbar sind, eine Gestalt erwachsen, wie unser Hofschulze, eine Gestalt, deren Geltung zwar von den Machten der Gegenwart nicht anerkannt wird, welche aber fur sich selbst und bei ihresgleichen einen langst verschwundenen Zustand auf einige Zeit wiederherstellt.
Doch das klingt fur diese Arabeskengeschichte zu ernsthaft. Sehen wir uns lieber im Oberhofe selbst um! Wenn das Lob der Freunde immer ein sehr zweideutiges bleibt, so darf man dagegen dem Neide der Feinde vertrauen, und am glaubwurdigsten ist ein Pferdehandler, der die guten Umstande eines Bauern herausstreicht, mit welchem er nicht des Handels einig werden konnte. Zwar liess sich von dem Hofe nicht, wie der Rosskamm Marx sagte, behaupten, es sei darin, als ob man sich bei einem Grafen befinde, dagegen nahm man, wohin man blickte, baurischen Wohlstand und einen Segen wahr, welcher dem hungrigsten Menschen zurufen musste: hier kannst du dich mit satt essen, die Schussel ist immerdar voll.
Der Hof lag ganz allein an der Grenze der fruchtbaren Borde, da wo sie in das Hugel- und Waldland ubergeht. Die letzten Felder des Hofschulzen stiegen schon sacht die Anhohen hinauf, und eine Meile von dort war Gebirg. Der nachste Nachbar der Bauerschaft wohnte eine Viertelstunde vom Hofe. Um diesen breitete sich alles Besitztum, welches eine grosse landliche Wirtschaft notig hat, aus; Feld, Wald, Wiese, unzerstuckelt, in geschlossenem Zusammenhange.
Von der Anhohe herab liefen die Felder durch die Ebene, bestens bestellt. Es war aber um die Zeit der Roggenblute; der Rauch ging von den Ahren und wallte in den warmen Sommerluften, ein Opfer der Scholle. Einzelne Reihen hochstammiger Eschen oder knorrichter Rustern, zu beiden Seiten der alten Grenzgrabern gepflanzt, fassten einen Teil der Kornfelder ein und bezeichneten, von weitem her kenntlich, die Marken des Erbes, bestimmter als Steine und Pfahle vermogen. Ein tiefer Weg zwischen aufgeworfenen Erdwallen fuhrte quer durch die Felder, mundete rechts und links an verschiedenen Orten in Seitenpfade aus und fuhrte, wo das Getreide aufhorte, in ein kraftig bestandenes Eichenwaldchen, unter welchem sich erdgelagerte Saue gutlich taten, dessen Schatten aber auch fur den Menschen erquicklich waren. Dieser Kamp, welcher dem Schulzen sein Holz lieferte, drang bis wenige Schritte vom Gehofte vor, umfasste es von beiden Seiten und gab so zugleich gegen die Ost- und Nordwinde Schutz.
Nur mit Stroh war das Wohnhaus, welches sich in seinen weiss und gelb angestrichenen Wanden von Fachwerk zweistockig erhob, gedeckt, aber da diese Bedeckung immer sehr wohl instand erhalten ward, so hatte sie nichts Durftiges, verstarkte im Gegenteil den behaglichen Eindruck, den das Gehoft machte. Das Innere lernen wir schon bei Gelegenheit kennen; jetzt sei nur gesagt, dass auf der andern Seite des Hauses um einen geraumigen Hof Stalle und Scheunen liefen, an denen auch das scharfste Auge keine schadhafte Stelle an Mauer und Bewurf erspahen konnte. Grosse Linden standen vor der Hofture, und dort, nicht nach der Waldseite zu waren auch, wie wir schon erfahren haben, die Ruhesitze angebracht. Denn der Hofschulze wollte, selbst wenn er rastete, seine Wirtschaft im Auge behalten.
Gerade dem Wohnhause gegenuber sah man durch ein Gittertor in den Baumgarten. Dort breiteten starke und gesunde Obststamme ihre belaubten Zweige uber frischem Graswuchs, Gemuse- und Salatstucken aus; hier und da ernahrte ein schmales Beet dazwischen rote Rosen und gelbe Feuerlilien.
Doch waren solcher Beete nur wenige. In einer echten Bauerwirtschaft bleibt der Boden dem Bedurfnisse gewidmet, selbst wenn dem Eigentumer seine Umstande Luxus mit der Natur verstatten. Deshalb haben wir in solchen Hofen eine Empfindung froher Ruhe aller Sinne, wie sie Prachtgarten, Parks und Villen nicht zu erregen vermogen. Denn das asthetische Landschaftsgefuhl ist schon ein Produkt der Uberfeinerung, weshalb es denn auch nie in eigentlich robusten Zeiten auftritt. Diese halten vielmehr die Stimmung zur Mutter Erde, als zu der Allernahrerin fest, wollen und verlangen nichts von ihr, als die Gabe des Feldes, der Viehweide, des Fischteiches, des Wildforstes.
So weit das Auge uber den Baumgarten hinausblickte, sah es auch nur Grun. Denn jenseits des Gartens lagen die grossen Wiesen des Oberhofes, auf welchen der Schulze Raum und Futter fur seine Pferde besass. Ihre Zucht, mit Fleiss betrieben, gehorte zu den eintraglichsten Nahrungsquellen des Erbes. Auch diese grunen Grasflachen waren von Hecken und Graben umschlossen; eine derselben fasste einen Weiher ein, in welchem ausgefutterte Karpfen zugweise umherschwammen.
Auf diesem reichen Hofe zwischen vollen Scheuern, vollen Boden und Stallen hantierte der alte, weit und breit angesehene Hofschulze. Bestieg man aber den hochsten Hugel, zu dem sich seine Felder hinauf erstreckten, so erblickte man von dort die Turme dreier der altesten Stadte Westfalens.
Es ging zu der Zeit, von welcher ich rede, auf eilf Uhr vormittags, und der ganze weitlaufige Hof war so still, dass sich fast nur das Rauschen der Lufte in den Baumwipfeln des Kamps vernehmen liess. Der Schulze mass dem Knechte Hafer zu, womit dieser, den Sack uber der Schulter, langsamen Schrittes nach dem Pferdestalle ging, die Tochter zahlte in der Linnenund Garnkammer ihre Ausstattung nach, eine Magd besorgte die Kuche. Was sonst von Menschen im Hofe lebte, lag und schlief, denn es ging gegen die Ernte, in welcher Zeit es bei den Bauern am wenigsten zu tun gibt, und die Arbeiter jede Minute zu benutzen pflegen, um gewissermassen auf Rechnung der herannahenden schweiss- und muhevollen Tage in voraus zu schlafen. Uberhaupt konnen die Landleute, wie die Hunde, zu allen Stunden bei Tage und bei Nacht schlafen, wann sie wollen.
Viertes Kapitel
Worin der Jager einem Menschen, namens Schrimbs oder Peppel seinen Begleiter nachsendet, und selbst
auf den Oberhof kommt
Aus den Hugeln, welche die Felder des Hofschulzen begrenzten, traten zwei Manner von verschiedenem Ansehen und Alter. Der eine, im grunen Jagdcollet, die kleine Mutze uber das lockige Haupt geworfen, die leichte Lutticher Flinte im Arme, war ein bluhend schoner Jungling, der andere, in stillere Farben gekleidet, ein altlicher Mann von treuherziger Miene. Der Jungere schritt rasch wie ein Edelhirsch dem Alteren voran, der seines Orts mehr den langsamen Gang eines ausgedienten, aber dem Herrn noch stets anhanglich nachschleichenden Jagdhundes hatte. Als sie auf einen freien Platz vor den Hugeln getreten waren, setzten sie sich auf einen grossen Stein, der dort nebst mehreren andern lag, im Schatten einer machtigen Linde. Der Jungere gab dem Alten Geld und Schriften, deutete ihm die Richtung an, in welcher er nun seinen Weg fortsetzen musse, und sagte zu ihm: "Jetzt Jochem, geh und sei gescheit, dass wir des vermaledeiten Schrimbs oder Peppel habhaft werden, der solche abscheuliche Lugen ausgedacht hat. Und sobald du ihn entdeckt hast, gib mir Nachricht."
"Ich werd' g'scheit sein", erwiderte der alte Jochem. "Ich frage immer so sacht und unter der Hand in den Flecken und Stadten nach einem, der sich Schrimbs oder Peppel schreibt, und es musste mit dem Henker zugehen, wenn ich den Gauch nicht ausfindig machen wollte. Sie halten sich derweile inkognitoverborgen, bis Sie von mir ein Weiteres vernehmen."
"Wohl", sagte der junge Mann, "und nur immer ausserst vorsichtig und bedachtsam gehandelt, Jochem, denn wir sind nicht mehr im lieben Schwabenland, sondern da haussen unter Sachsen und Franken."
"Die wusten Kerl'!" versetzte der alte Jochem. "Sie haben halt lang von Schwabenstreichen gesprochen, sie sollen verspuren, dass der Schwab auch ein feiner Vogel sein kann, wann's nottut."
"Immer rechts dich gehalten, mein Jochem, denn dahin weisen die letzten Spuren von dem Schrimbs oder Peppel", sagte der junge Mann, indem er aufstand, und dem Alten zum Abschiede herzlich die Hand schuttelte. "Immer rechts, versteht sich", erwiderte dieser, gab dem andern die vollgestopfte Weidtasche, die er bis jetzt getragen hatte, lupfte den Hut, und ging dann zwischen den Kornfeldern einen Seitenpfad rechts nach der Gegend zu hinab, wo man in der Ferne eine der im vorigen Kapitel angedeuteten Turmspitzen ragen sah.
Der junge Mann mit der Jagdflinte ging dagegen gerade gegen den Oberhof hinunter. Er mochte etwa hundert Schritte weit gegangen sein, als er etwas keuchend hinter sich herkommen horte und sich umdrehend sah, dass sein alter Begleiter ihm folgte. "Ich wollte Sie noch um eins gebeten und ersucht haben", rief dieser, "tun Sie, da Sie nun allein und sich selbst uberlassen sind, dass Schiessgewehr von sich, denn Sie treffen doch nichts und richten, weiss Gott, noch einmal ein Ungluck an, wie neulich schon beinahe geschehen ware, da Sie nach dem Hasen zielten und beinahe das Kind niedergeschossen hatten."
"Ja, es ist verwunscht, immer zu zielen und nimmer zu treffen!" rief der junge Mann. "Ich will mich auch wahrhaftig uberwinden, so schwer es mir fallen wird, denn du weisst ja, dass es mir von meiner seligen Mutter her anklebt, allein ich will mich, wie gesagt, uberwinden, und es soll kein Schrotkorn aus diesen Laufen fliegen, solange ich von dir entfernt bin".
Der Alte bat ihn um das Gewehr. Dem aber weigerte sich der junge Mann, indem er sagte, dass es ohne Gewehr ja gar keine Uberwindung koste, das Schiessen zu lassen, und seine Handlungsweise dann alles Verdienst einbusse. "Das ist auch wahr", erwiderte der Alte und ging nun getrost, ohne einen zweiten Abschied zu nehmen, da der erste noch vorhielt, seine ihm angewiesene Strasse zuruck. Der junge Mann blieb stehen, setzte das Gewehr auf den Boden, stiess den Ladestock in den Lauf und sagte: "Es wird hart halten, den Schuss herauszubringen, und er darf doch nicht darin bleiben." Dann warf er es wieder uber die Schulter und schritt auf den Eichenkamp des Hofschulzen zu.
Dicht vor demselben von einem schmalen Raine ging eine Kette Feldhuhner mit schmetterndem Flugelschlage und Geschrei auf. Jauchzend riss der junge Mann das Gewehr von der Schulter, rief: "Da werde ich ja gleich der Schusse quitt!" schlug an, es knallte zweimal aus dem Doppelgewehre, die Vogel flogen unversehrt davon, der Jager sah betroffen ihnen nach, sagte: "Diesmal, meinte ich, musste ich was getroffen haben, nun will ich mich aber auch gewiss uberwinden"; und setzte seinen Weg durch das Eichenwaldchen nach dem Hofe fort.
Als er zur Ture eintrat, sah er in einem geraumigen, hohen Flure, welcher den ganzen mittleren Teil des Hauses einnahm, den Hofschulzen mit Tochter, Knechten und Magden bei dem Mittagsessen sitzen. Er bot mit seiner sonoren, wohlklingenden Stimme freundlichen Gruss; der Hofschulze sah ihn achtsam, die Tochter verwundert an, was die Knechte und Magde betrifft, so sahen ihn diese gar nicht an, sondern assen, ohne seiner zu achten, weiter. Der Jager trat zu dem Hofwirte und erkundigte sich nach der Entfernung der nachsten Stadt und dem Wege dahin. Anfangs verstand der Schulze diese ihm fremdklingende Sprache nicht, die Tochter aber, welche kein Auge von dem schonen Jager verwandte, half ihm den Sinn entdecken, und er gab darauf richtigen Bescheid. Diesen verstand wieder der Jager seinerseits erst nach dreimaligem Fragen, brachte aber endlich doch heraus, dass die Stadt auf dem schwer zu findenden Fusswege unter zwei starken Stunden nicht zu erreichen sei.
Die Mittagshitze, der Anblick des vor ihm stehenden reinlichen Mahls und sein eigner Hunger riefen in dem Jager die Frage auf: ob er nicht hier fur Geld und gute Worte Essen und Trinken und bis zur Abendkuhle Obdach erhalten konne?
"Fur Geld nicht", versetzte der Hofschulze, "fur ein gutes Wort aber Mittagsessen und Abendbrot dazu und Rast, solange es dem Herrn beliebt"; liess einen spiegelblanken zinnernen Teller, Messer, Gabel und Loffel, ebenso blank wie der Teller, aufsetzen und notigte den Gast zum Sitzen. Dieser sprach dem kraftigen gekochten Schinken, den grossen Bohnen, den Eiern und Wursten, woraus die Mahlzeit bestand, mit allem Appetite der Jugend zu, und fand, dass die weit und breit als bootisch verschrieene Landeskost gar so ubel nicht sei.
Geredet wurde von den Wirten wenig, denn der Bauer spricht wahrend des Essens nicht gern, doch erfuhr der Jager von dem Hofschulzen auf Befragen, dass hier herum in der ganzen Gegend kein Mensch, namens Schrimbs oder Peppel, bekannt geworden sei. Die Knechte und Magde, welche gesondert von den Herrenplatzen am andern Ende der langen Tafel sassen, waren ganz stumm und blickten nur auf die Schussel, aus welcher sie mit ihren Loffeln die Speise zum Munde fuhrten.
Nachdem sie aber abgegessen und sich die Mauler gewischt hatten, trat eines nach dem andern vor den Herrn und sagte: "Baas2, meinen Spruch." Der Hofschulze teilte hierauf jedem eine sprichwortliche Redensart oder eine Bibelstelle mit. So sagte er zum ersten Knechte, einem rothaarigen Kerl: "Jach sein zum Hader, zundet Feuer an, und jach sein zu zanken, vergiesst Blut"; zum zweiten, einem dicken, langsamen Menschen: "Gehe hin zur Ameise, du Fauler, sieh ihre Weise an und lerne"; zum dritten, einem kleinen schwarzaugichten verwegen blickenden Gesellen: "Besser ein Sperling in der Hand, als ein Reiher auf dem Dache." Die erste Magd empfing den Spruch: "Hast du Vieh, so warte sein, und tragt dir's Nutzen, so behalte es"; und zur zweiten sagte er: "Es ist nichts so fein gesponnen, es kommt endlich an die Sonnen."
Nachdem jeder auf solche Weise bedacht worden war, gingen alle zu ihren Arbeiten, der eine gleichgultig, der andere betroffen aussehend. Die zweite Magd war von ihrem Spruche blutrot geworden. Der Jager, welcher allgemach den ortsublichen Dialekt verstehen lernte, hatte diesem Unterrichte mit Erstaunen zugehort und fragte nach dessen Beendigung, was er bezwecke?
"Dass sie daruber nachdenken", sagte der Hofschulze. "Wenn sie heute abend hier wieder zusammenkommen, so sagen sie mir, was sie sich bei den Spruchen gedacht haben. Die meiste Arbeit auf dem Lande ist derart, dass die Leute nebenbei noch allerhand Gedanken haben konnen, und da fallen ihnen denn alle die schlechten Sachen ein, die hernachmals in Liederlichkeit, Lug und Trug ausbrechen. Beim Pferdefuttern denken sie, wie sie Hafer auf die Seite bringen konnen, und wenn die Magd die Kuh melkt, so steht ihr immer der Liebste vor Augen. Kriegt aber der Mensch so einen Spruch auf zu raten, so ruht er nicht ehender, als bis er die Moral davon heraus hat, und derweile ist die Zeit vergangen, ohne dass ihm etwas Ubles in den Sinn kam."
"Ihr seid ja ein wahrer Weltweiser und Priester!" rief der Jager, dessen Verwunderung hier mit jedem Augenblicke zunahm.
"Es lasst sich viel mit dem Menschen ausrichten, wenn man ihm die Moral beibringt", sagte der Hofschulze bedachtig. "Die Moral steckt aber in kurzen Spruchen besser, als in langen Reden und Predigten. Meine Leute halten sich viel langer, seitdem ich auf die Moral verfallen bin. Freilich das ganze Jahr hindurch geht es mit den Spruchen nicht; wahrend der Bestellzeit und in der Ernte hort alles Nachdenken auf. Dann tut es aber auch nicht not, denn sie haben zu Schlechtigkeiten keine Zeit."
"Ihr macht also formliche Abschnitte in Eurem Unterrichte?" fragte der Jager.
"Bei Winterszeit gehen die Spruche gemeiniglich nach dem Dreschen an und dauern bis zum Saen", versetzte der Hofschulze. "Im Sommer aber werden sie von Walpurgis bis gegen die Hundstage zugeteilt. Das sind die Zeiten, wo es bei dem Bauer am wenigsten zu verrichten gibt."
Der Jager erkundigte sich, was fur ein Bewandtnis es mit dem Rotwerden des einen Madchens gehabt habe, und erhielt darauf folgende Antwort: "Die hat etwas auf dem Gewissen, und in solchen Fallen ist es meine Manier, einen Spruch anzubringen, woraus das raudige Schaf sieht, dass ich um den Fehler weiss. Wir wollen abwarten, ob er bis heute abend gewirkt haben wird."
Er liess den jungen Mann allein, und dieser sah sich in Haus, Hof, Baumgarten und Wiesen um. Mehrere Stunden brachte er in dieser Beschauung zu, da jedes einzelne ihn anzog. Die landliche Stille, das Wiesengrun, die Wohlhabenheit, die aus dem ganzen Hofe ihm entgegenstrotzte, machte den angenehmsten Eindruck auf ihn und regte in ihm den Wunsch an, lieber in so weiter Naturfreiheit, als in den engen Gassen einer kleinen Stadt die acht oder vierzehn Tage zuzubringen, welche bis zum Empfange der Nachrichten vom alten Jochem verstreichen konnten. Da er sein Herz auf der Zunge trug, so ging er auf der Stelle zu dem Hofschulzen, der im Eichenkampe ein paar Baume zum Fallen anschlug, und sprach sein Begehr aus. Er erbot sich dagegen zu allem, worin er seinem Wirte nutzlich werden konne.
Die Schonheit ist eine gar gute Mitgift. Sie ist ein Schlussel, der wie jener kleine goldne, sieben Schlosser, von denen keins dem andern ahnlich sah, zauberisch offnet. Ein Pass ist sie, auf den der Trager, ohne dass in den Nachtquartieren Visas genommen zu werden brauchen, frei durch alle Welt geht; in Romanen und Novellen spannt sich die Schonheit uber alle Klufte und Abgrunde der Unwahrscheinlichkeit hinweg, wie die siebenfarbige Brucke der Iris.
Ware der Jager nicht so schon gewesen, was fur weitlauftige Motive hatte ich ersinnen und erspinnen mussen, um den Hofschulzen zur Gewahrung des Quartiers an ihn willig zu machen! So jedoch brauche ich nur zu sagen, dass der Alte die schlanke und doch kraftige Gestalt, das ehrliche und dabei vornehmprachtige Antlitz des Junglings eine Zeitlang betrachtete, erst zwar nachhaltig den Kopf schuttelte, dann aber freundlich werdend nickte und zuletzt ihm seine Bitte erfullte. Er wies dem Jager ein Eckstubchen im obern Stocke des Hauses an, von wo man nach der einen Seite uber den Eichenkamp nach den Hugeln und Bergen, nach der andern uber weite Wiesenflachen und Kornfelder sah.
Freilich musste der Gast anstatt des Mietzinses die Erfullung einer sonderbaren Bedingung versprechen. Denn der Hofschulze liess auch der Schonheit nicht gern etwas ganz unentgeltlich zufliessen.
Funftes Kapitel
Der Jager verdingt sich zum Wildschutzen, und des Abends erzahlen Knechte und Magde die Ergebnisse
ihres Nachdenkens uber die moralischen Spruche Er fragte namlich den jungen Mann, ehe und bevor er ihm Quartier zusagte, ob er, wie sein gruner Anzug, das Gewehr und die Weidtasche zu lehren scheine, ein Liebhaber von der Jagd sei? Jener erwiderte darauf, dass, solange er denken konne, er mit Leidenschaft, ja mit einer wahren Raserei gepirscht habe, wobei er denn freilich verschwieg, dass durch sein Pulver und Blei ausser einem Sperlinge, einer Krahe und einer Katze noch kein Gottesgeschopf vom Leben zum Tode gebracht worden war. Wirklich verhielt es sich so. Er konnte nicht leben, ohne nicht des Tages einige Male geknallt zu haben, schoss aber regelmassig vorbei und hatte nur in seinem achtzehnten Jahre einen Sperling, in seinem zwanzigsten eine Krahe, in seinem vierundzwanzigsten eine Katze erlegt; das war alles. Ein sonderbares Ereignis vor seiner Geburt mochte ihm die bei so wenigen Erfolgen sonst unbegreifliche Neigung, wie ein Mal, aufgedruckt haben. Wenigstens hielt er selbst dafur, dass aus dieser Signatur der Hang abzuleiten sei, uber den er in besonnenen Stunden hochst verdriesslich werden konnte.
Nachdem der Hofschulze die bejahende Antwort des Gastes empfangen hatte, ruckte er mit seinem Antrage hervor, welcher dahin ging, dass der Jager taglich ein paar Stunden gegen das Wild im Felde liegen solle, welches seinen Kornbreiten, besonders den die Hugel hinansteigenden manchen Schaden zufuge. "Dort in den Bergen", sagte der alte Bauer, "sind die grossen Jagden der Edelleute; die Kreaturen haben mir schon in den vergangenen Jahren Saat genug abgeatzt und daniedergewalzt, aber in diesem ist es erst recht schlimm geworden, denn der junge Graf druben ist auch ein scharfer Jager und hat seinen Wildstand vermehrt, so dass die Hirsche und Rehe wie die Schafe aus dem Walde treten und mein' Muhe und Schweiss verruinieren. Ich verstehe mich nicht auf die Sache und den Knechten mag ich es nicht gerne erlauben, weil sie unter dem Vorwande, sich auf den Anstand zu stellen, mir leicht unordentlich werden konnen, darum haben die Bestien mitunter gewirtschaftet, dass sich einem das Herz im Leibe umwenden musste. Nun kommen Sie mir gerade zupass, und wenn Sie mir diese vierzehn Tage bis zur Ernte die Hollenteufel aus dem Korne halten, so sollen Sie damit Ihr Quartier bezahlt haben."
"Was? Ich ein Wildschutz? Ich ein Wilddieb?" rief der junge Mann und lachte so herzlich und schallend auf, dass er den Hofschulzen ansteckte. Noch lachend strich dieser uber das feine Tuch, aus welchem die Kleidung seines Gastes gemacht war, und sagte: "Eben darum, weil es bei Ihnen wohl keine sonderliche Gefahr haben wird, wenn Sie auch attrappiert werden. Sie werden sich schon eher loszumachen wissen, als so ein armer Knecht. Die Fliegen fangen sich in den Spinnweben, die Wespen schlupfen durch. Doch was ist das uberhaupt ein Verbrechen, sein Eigentum gegen die Ungetume, die es fressen und zugrunde richten, zu verdefendieren!" rief er, indem plotzlich der lachende Ausdruck seines Gesichts in den des loderndsten Zornes uberging. Die Stirnadern schwollen ihm an, das Blut trat dunkelrot in seine Wangen, die Augapfel verloren ihr Weisses und wurden rotlich; man hatte vor dem Alten erschrecken konnen.
"Ihr habt recht, Vater, es gibt nichts Unvernunftigeres, als die sogenannten Jagdgerechtsame", sagte der Jager, um ihn zu beruhigen. "Deshalb will ich die Sunde uber mich nehmen, zum Frommen Eures Gutes am Wildbann der hiesigen Edelleute zu freveln, obgleich ich eigentlich dadurch "
Er wollte etwas hinzusetzen, brach aber schnell ab und ging auf andere gleichgultige Gegenstande uber.
Wer aber glaubt, dass die Unterhaltung dieses westfalischen Hofschulzen und schwabischen Jagers so flussig vonstatten gegangen sei, wie meine Autorfeder sie niedergeschrieben hat, der irrt sich. Vielmehr waren noch oft mehrmalige Wiederholungen notig, ehe und bevor ein notdurftiges Verstandnis zwischen ihnen eintrat. Hin und wieder musste selbst die Fingerund Zeichensprache zu Hulfe genommen werden. Denn der Hofschulze hatte in seinem Leben nichts von einem: ch hinter dem: s gehort, auch brachte er alle Tone hinten aus der Gurgel, oder wenn man will, aus dem Rachen hervor. Dagegen war dem Jager das gottliche Geschenk, welches uns von den Tieren unterscheidet, ganz zwischen die Lippen und Vorderzahne gelegt worden, von wo denn die Laute mit wundersamer schwertrachtiger Fulle und sausendem Zischen ausbrachen. Aber durch diese fremden Schalen hindurch hatten der alte und der junge Mann bald aneinander Behagen gefunden. Da sie beide vom echtesten Schrot und gewichtigsten Korn waren, so mussten sie wohl einer des andern Kern erkennen.
Auf seiner Eckstube hatte jedoch der Jager auch Schalen entdeckt, die ihn nach ihrem Kerne verlangen machten. Er sah namlich, als er seine leichten Habseligkeiten und schweren Goldrollen aus der Jagdtasche nahm, um sich hauslich einzurichten, in der Ecke des Zimmers ein Nachthaubchen, ein Tuchlein und ein Rockchen sauber uber die Lehne eines Stuhles gehangt. Alle diese Stucke waren, wie der Augenschein lehrte, getragen, dennoch leuchteten sie von Schneeweisse. "Ei!" rief der Jager, "hat hier vor mir ein hubsches Maidel gehaust? Da werde ich schon Gluck haben." Er wollte in einer Laune, die ihn plotzlich anstiess, sich das Nachthaubchen aufsetzen, es war aber viel zu klein fur sein Haupt. Er mass an der Zerknitterung der Bander das Oval des Gesichtes ab und fand dieses ohne Tadel. Das Rockchen deutete auf den zierlichsten Leib und das Tuchlein liess nach den Falten und nach der Beugung, die es behalten, vermuten, dass unter ihm ein junger, runder Busen geschlagen habe. Plotzlich aber errotete er unter diesen Spielereien bis hoch hinauf zu den Schlafen, er schamte sich ihrer, die ihn freventlich bedunken wollten, er stellte den Stuhl mit den Kleidungsstucken hinter einen Schirm, um sie nicht ferner zu sehen, und setzte sich zum Schreiben nieder, die schweifenden Gedanken in Ordnung zu bringen.
Als er abends in den Flur hinunter zum Essen gerufen wurde, fand er die Knechte und Magde, die ihr Abendbrot schon fruher genossen hatten, im vollen Erzahlen um den Hofschulzen.
Dieser hatte auch bereits seinen Salat verzehrt, horte zu, und bestatigte oder bestritt, was seine Moralschuler vorbrachten. Der rothaarige Knecht, welcher die Warnung vor dem Zanken erhalten hatte, sagte: "Das ist ein rechtes Gluck, Baas, dass Ihr mir gerade heute die Lehre gegeben habt, denn ich begegnete, wie ich die Pferde in die Nachtweide trieb, dem Pitter vom Bandkotten, auf den ich schon langst fuchsfalsch bin, und da habe ich ihm die Nase braun und blau geschlagen."
"Dieses ging ja aber schnurstracks gegen die Vermahnung!" rief der Hofschulze.
"Behute Gott", versetzte der Rothaarige. "Als zum Beispiel, so fuhrte ich einen Zaunpfahl bei mir, um damit die Pferde einzutreiben, und wie ich nun den Pitter ansichtig wurde und ihn niedergeschmissen hatte, so dachte ich, du willst dem Hund mit dem Pfahl eins versetzen, dass er auf Lebenszeit genug hat, weil er namlich an allen Madchen herumkaressiert, so dass man gar nicht mehr ankommen kann. Aber da dachte ich auch, dass ich so viel daruber nachgedacht hatte: 'Jach sein zum Hader, zundet Feuer an, und jach sein zum Zanken, vergiesst Blut', und gab ihm bloss einen Puff auf die Nase und damit gut, und dann noch einen Tritt ins Kreuz und liess ihn laufen."
"Nun insofern mag es gut sein, aber kunftig kannst du auch das Puffen und Treten unterlassen, wenn du uber den Spruch nachgedacht hast", erwiderte der Hofschulze.
Der kleine Schwarzaugige, Verwegne sagte: "Meiner Treu', es ist und bleibt wahr, dass ein Sperling in der Hand besser ist, als ein Reiher auf dem Dache. Darum habe ich die Gedanken auf die Gertrud druben eingestellt, weil sie gar zu hoffartig ist, und auf Michael einen Verspruch mit dem Wicht3 von Holschers getan, die ich kriegen konnte."
"Magst du sie denn leiden?" fragte der Hofschulze.
"Ne", erwiderte der Kleine, "es wird aber doch schon gehen."
Der dicke Langsame, welcher zur Ameise geschickt worden war, ihre Weise anzusehen, erklarte, dabei nichts gelernt zu haben, "denn", sagte er, "ich bin auf keine Ameise gestossen". Dagegen sagte die erste Magd: "Euer Spruch, Baas, trifft nicht zu. 'Hast du Vieh, so warte sein, und tragt dir's Nutzen, so behalte es.' Denn ich habe die Kuhe zu Abend gehorig gemelkt und abgewartet, und Nutzen wurden sie mir auch tragen, aber behalten darf ich sie darum doch nicht."
"Der Spruch geht auf eine eigene Wirtschaft, und wenn du eine bekommst, so wird er eintreffen", antwortete der Hofschulze. "Ja so", sagte das Madchen. "Aber Ihr habt eine eigene Wirtschaft, Baas, und das Vieh tragt Euch Nutzen und Ihr behaltet es, und doch wartet Ihr nicht sein."
"Es ist ein Spruch fur Frauenzimmer, nicht fur Mannsleute", antwortete der Hofschulze etwas barsch. "Und nun lass dein Fragen und schliess die Milchkammer zu."
Das Madchen, welches am Mittage von dem Spruche: "Es ist nichts so fein gesponnen, es kommt endlich an die Sonnen", rot geworden war, hatte bisher seitwarts und in sich gekehrt gesessen, an ihrer Schurze gezupft und scheu vor sich nieder geblickt.
Als nun die ubrigen Knechte und Magde gegangen waren, schlich sie sich zu ihrem Herrn, zupfte ihn verstohlen am Rock und ging mit ihm vor die Ture ins Freie. Nach einiger Zeit kam der Hofschulze allein zuruck und sagte zu seiner Tochter: "Es ist richtig, die Gitta4 hat mir's eben gestanden, sie hat sich mit dem Matthies vergangen. Sprich du weiter mit ihr und sag ihr, wenn sie sich sonst ordentlich halte, wolle ich sorgen, dass der Matthies an ihr seine Schuldigkeit tue."
"Ich habe mir's gleich gedacht", antwortete die Tochter, ohne uber die Entdeckung und den ihr erteilten Auftrag verlegen zu werden.
Nach ihrer Entfernung sprach der Jager seine Verwunderung uber die Gewalt aus, welche er seinen Wirt in diesem Falle hatte uben sehen. "Das ist ganz leicht", versetzte der Hofschulze. "Ein jeder weiss, dass er nicht bei mir in Dienst bleibt, wenn ich auf ihn einen Argwohn habe, und er nicht bekennt und zu Kreuz kriecht. Tut er das aber, so vergebe ich ihm oder nehme mich seiner an. Da es mir meine Umstande zulassen, bei allem Lohn einen Taler mehr zu geben, als meine Nachbaren, so mag keiner vom Oberhof herunter. Kriege ich nun von etwas Wind, so ziele ich darauf mit einem Spruche hin, und gemeiniglich wird dann gebeichtet, weil namlich der Sunder weiss, dass ausserdem ihm der Dienst aufgesagt ist."
Sie wunschten einander gute Nacht, und der Jager ging auf sein Zimmer. Er entkleidete sich, schlug die Decke des Bettes zuruck und sah an kleinen Faltchen der ubrigens blendend weissen Leintucher, dass die Leute nicht fur notig gefunden hatten, dieselben nach dem letzten Besuche, welcher auf dieser Stube geherbergt, zu wechseln. Eine wunderbare Empfindung durchrieselte ihn; er hatte das Madchen, welches hier geruht, schon ganz vergessen gehabt, nun fiel ihm das Nachthaubchen wieder ein, er nahm es vom Stuhl, mass abermals an der Zerknitterung das Oval des Gesichtes ab, druckte es an seine Wange, wie um sie zu kuhlen, und brach plotzlich in heftige Tranen aus. Denn in dieser jungen, saftschwangern Natur lagen noch alle Widerspruche des Ernsten und Narrischen, welche das Leben spater bis zur Gleichgultigkeit abdampft, chaotisch nebeneinander.
Seine Unruhe, als er sich zwischen den Decken ausgestreckt hatte, wurde vermehrt, als er sich auf einmal erinnerte, dass er bei dem Abschiede von dem alten Jochem diesem ja gar nicht gesagt habe, wo er wahrend dessen Spurfahrt verweilen wolle.
Sechstes Kapitel
Der Jager schreibt an seinen Freund Ernst im
Schwarzwalde
Mentor, mein Mentor, dem leider der verstandige Jungling Telemachos fehlt, was wirst Du sagen, wenn Du meine Hand und Uberschrift des Briefs zu schauen bekommst? Du, unter Deinen Tannen und Uhrmachern, wirst mich nach Reisen und Fahrten aller Art endlich weich und still auf meiner Alm im Schlosse meiner in Gott ruhenden Vater wissen und ausrufen, nachdem Du Gegenwartiges gelesen: "Unser Wissen ist eitel Stuckwerk!" Du wirst Dir einbilden und wohlgefallig (Du Treuer!) Dir sagen, wenn Du abends in der Schreibtafel die Agenda durchstreichst, weil sie Nummer fur Nummer Akta geworden sind: "Endlich wird er nun sich zur Decke gestreckt haben, des Feldbaus warten, oder eine nutzliche Anlage, etwa eine Papiermuhle, machen, und das heisse Blut hochstens an den Sauen und Hirschen seines Wildbanns auslassen", und ist von allem dem nicht ein Tuttelchen wahr, obgleich ich auch hier, Gott sei es geklagt, auf die Jagd gehe, aber im Dienste eines westfalischen Bauern als Wilddieb gegen meine Herrn Standesgenossen.
Ich bitte Dich, verliere die Geduld nicht; denn wenn seltsame Dinge von der Seele heruntergebeichtet werden sollen, so darf der Sunder schon etwas stocken und zaudern, und der Beichtvater muss es sich gefallen lassen, das Tuchel lange vor dem Antlitz zu halten. In der Ohrenbeicht' aber fuhle ich mich trotz meines guten Tubinger Protestantismus immer Dir gegenuber, wenn ich etwas habe auslaufen lassen, was nicht innerhalb der Schnur war. Die Sunde kann ich nicht verschworen, aber, ist sie begangen, so verspure ich wie ein Glaubiger der allgemeinen Kirche ein wahres Reinigungsbedurfnis in der Seele, und mein moralischer Reiniger bist Du. Du hast mich in hundert Noten der Art schon losgesprochen ach nein! das hast Du nicht, Du hast immer bitter gezankt und gescholten, aber es ist nun einmal mein Schicksal; ich kann die Last nicht bei mir verschliessen, ich lege sie an der Schwelle des Tempels der Athene, heisst des wohlbekannten Oberamtmannshauses unfern der Holle (bei Donaueschingen) nieder, und habe dann neue Kraft und frischen Mut zu Gutem und Bosem. Also: Iterum confiteor ohne aufs Absolvo zu rechnen.
Confiteor ... aber was?
Seit vierzehn Tagen aus Schwaben, liege ich seit acht hier in einem sogenannten Oberhofe unweit Ich musste gestern abbrechen, denn nachdem ich geschrieben, wo ich sei, fehlte mir auf einmal die Brukke zu der Eroffnung, warum und weswegen ich hergekommen? Ich muss also die Sache auf eine andere Weise einleiten. Trotz der bunten Schreibart, die vielleicht noch mit unterlaufen wird, bin ich ernst, klar und in mir gefasst. Daher sollen Dir Dinge entdeckt werden, die Du wenigstens in dieser bestimmten Gestalt noch nicht von mir vernommen hast.
Die Geschichtschreiber pflegen an die Spitze ihrer Werke zuweilen allgemeine Satze zu stellen, in denen sich der innerste Sinn der Begebenheiten, welche sie schildern wollen, auspragen soll. Einige solcher Betrachtungen werde ich jetzt meiner Geschichtserzahlung voranschicken, weil sie Dir dadurch vielleicht fasslicher wird.
Nach der scharfsinnigen und fruchtbaren Hypothese eines tiefblickenden Naturlehrers entspringen die Instinkte der Tiere aus traumartigen Vorstellungen von den Dingen, welche der Instinkt erstrebt. Der Zugvogel traumt von den fernen Gegenden, in welche er wandert, in traumartigen Umrissen sieht die sibirische Waldschnepfe die deutschen Sumpfstrecken, die Schwalbe den Kustensaum Afrikas. Traumartig schweben der Spinne die Umrisse und Radien ihres Netzes, der Biene die Sechsecke ihres Stockes vor. Es ist eine Hypothese, aber ich nannte sie sinnreich und fruchtbar, weil sie die Kreatur gerade in dem, was ihre bedeutendste Tatigkeit ist, aus der Region des Maschinenmassigen in ein gottdurchleuchteteres Gebiet hebt.
Wir armen bewussten Menschen scheinen nun von dieser gottlichen Sicherheit des Angreifens und Fassens alles Stoffes entblosst zu sein. Aber es ist nur scheinbar. Alles Genie und Talent ist nichts weiter als Instinkt. Nenne mir den Kunstler, den Dichter, der beides nicht aus sogenanntem dunklem Drange geworden ware! Wir andern haben freilich so bestimmte Fingerzeige nicht in uns, indessen sind fast jedem Menschen vielleicht jedem auch ganz feste Richtungen, unverruckbare Punkte eingeboren, welche aussen oft als Launen, Grillen, Seltsamkeiten, Liebhabereien erscheinen, dennoch aber vielleicht auf das allerfesteste Gesetz der Seele hindeuten. Es sind dieses nicht die sogenannten Grundsatze, Maximen, Lebensweisen, Gewohnungen das alles kann angebildet und angelernt werden nein, was ich meine, ist etwas ganz anderes, aber freilich schwer zu beschreiben.
Diese Lichter des innern Menschen sind Halbtraume des Instinkts. Von dem nuchternen Tagesscheine des Verstandes entscheucht, von der wuhlenden Hand der Selbstbeschauung zerschlagen, wirken sie nicht so siegreich, wie bei dem Wandervogel und bei der Biene das unwiderstehliche Muss, glucklich ist aber derjenige, der die Stimme jener Traume hort und ihr folgt.
Das Genie wird geboren, sagt man, und daruber ist jeder einverstanden. Ich fuge hinzu: Nicht alle werden als Genies, aber dazu wird jeder geboren, sich sein Schicksal zu machen. Selbst die willkurlich scheinenden Grillen sind zuweilen feste Wegweiser zum Gluck. Erinnerst Du Dich noch des armen Tagelohners in Ludwigsburg, welcher, sonst verstandig und fleissig, sich steif und fest einbildete, im Park lagen Granaten, und der zu jeder Freistunde in den Alleen danach suchte, Kiesel und Quarz aufhob und betrachtete? Die Leute hielten ihn fur verruckt, und eines Abends fand er in einem der dunkelsten Gange, eifrigst auf Granaten erpicht, eine vollgespickte Brieftasche, die er ehrlich genug war, dem Verlierer einzuhandigen. Dieser belohnte ihn mit einem Geschenke, welches seine Umstande auf Lebenszeit verbesserte. Das Sonderbarste war, dass, sobald jener Fund getan war, sein Suchetrieb in ihm versiegte.
Ich habe nun auch in mir ganz bestimmte Instinkte, denn ich will sie nur geradezu so bei mir nennen. Meine Jagdlust mag ich nicht anfuhren, denn es bleibt mit der abenteuerlichen Seite der Region, welche ich Dir bezeichnete, allerdings immer etwas Missliches, obgleich ich nicht berge, dass ich des Gedankens nicht Meister werden kann, mein bestandiges Schiessen und Fehlen musse doch irgendeinen, mir freilich nicht begreiflichen Zweck haben. Aber lassen wir diesen weidmannischen Instinkt, der mir den Spitznamen: "der wilde Jager", bei Euch zugezogen hat, vorderhand auf sich beruhen!
Aber ein Zweites in mir ist etwas Ernsteres, und doch kein Vorsatz, keine Uberzeugung, keine Leidenschaft sondern ein wahrer Instinkt. Es ist ein unbeschreibliches Gefuhl fur die Frauen. Solange ich denken kann, wohnt es mir bei. Ich kann es Dir eigentlich nicht schildern. Mich durchsauselt die Ahnung einer unendlich milden Losung aller Schmerzen, das Vorempfinden des uberschwenglichsten Erfullens und Erganzens, sehe ich eine Frau. Und nicht bloss Jugend und Schonheit, Reiz und Anmut bewegen meine Seele in einem Bade so erquickender Fluten, sondern in der Unscheinbarsten gewahre ich etwas Gottliches, wenn sie mir begegnet. Oft hat mich ein solches zufalliges und gleichgultiges Treffen von truben leidenschaftlichen Aufregungen wie mit einem Zauberschlage geheilt; oft habe ich mich auch scheu vor allen weiblichen Zirkeln zuruckgehalten, weil in mir etwas vorgegangen war, was ich unter Frauen zu bringen fur unerlaubt hielt. Seit einiger Zeit habe ich angefangen, meine Blicke auf die Verwickelungen der Welt und Zeit zu richten. Da muss ich Dir nun gestehen, dass unter allen den Dingen, nach deren Ruckkehr die Menschen seufzen, mir die Herstellung des wahren und beseligenden Verhaltnisses zwischen den beiden Geschlechtern als das sehnenswerteste erschienen ist. Aber freilich mag dieser Friede wohl der Lohn sein, welcher andern, erst in den ubrigen Punkten zum Frieden gelangten Zeiten aufbewahrt wird.
Dich werden diese Bekenntnisse uberraschen, denn Du hast mich nicht gar zu selten rauh und tolpisch im Umgange mit Frauen gesehen, auch war ich noch nie verliebt. Vielleicht werd' ich es auch nie. Das schlimmste Unrecht tatest Du mir, wenn Du glaubtest, dass aus mir noch gar ein Sussling werden konnte. Nein, dazu passen wir uberhaupt bei uns zulande nicht. Nimm meine Worte, wie sie geschrieben sind sie stammeln von einem Naturgeheimnis. Nun genug der Reflexion und jetzt eine schlichte Historie. Als ich eben nach den Gutern zuruckgekehrt war, lernte ich in der Nachbarschaft meine Verwandte, Baronesse Clelia kennen, die sich fruher in Wien aufgehalten hatte. Ich benahm mich gegen sie, wie es einem schwabischen Vetter geziemte, sie desgleichen, wie meinem Muhmchen zukam. Keines von beiden dachte an eine Verbindung, wohl aber mochte der Verwandtschaft eine solche gar passlich vorgekommen sein, denn aus freundlichen Blicken, geselligen Aufmerksamkeiten und zwei oder drei Handedrucken, wie sie ein unbefangenes Wohlwollen gibt und nimmt, war bald fur uns ein Netz zusammengestrickt worden, aus welchem wir schlechterdings als Braut und Brautigam hervorgucken sollten; und der alte Oheim fragte mich eines Tages ganz naiv, wann denn die offentliche Erklarung vor sich gehen werde.
Wir waren gewaltig betroffen, und wie zwei Leute sonst alles mogliche anwenden, um einander habhaft zu werden, so liessen wir nichts unversucht, in der Meinung der Sippschaft voneinanderzukommen, was in der freundlichsten Einigkeit von beiden Seiten geschah. Muhmchen Clelia hatte bei diesen Lockerungsbestrebungen ein noch grosseres Interesse, als ich, denn es liess sich bald vermerken, dass ihr Herz ihr nach Schwaben nur an einem Faden gefolgt war, den ein schoner Kavalier in den osterreichischen Erblanden hielt.
Bei den Anstrengungen, die wir solcherweise machten, fielen die lacherlichsten Szenen vor, insbesondere von meiner Seite, der ich fur diese spitzfindigen Kombinationen der Verhaltnisse gar nicht zugerichtet bin. Ich wollte alle Schuld, dass ein Schein von Neigung entstanden war, auf mich nehmen, verwikkelte mich daruber in die unsinnigsten Erklarungen, bekannte mich endlich fur schon anderweit im Auslande verlobt, widerrief diese Luge im nachsten Augenblicke kurz, ich stellte bei der ganzen Sache den Helden einer ziemlich lustigen Novelle dar.
Indessen wurde diese nur im Kreise der nachsten Bekanntschaft angeklungen und verklungen sein, wenn sich nicht ein fremder Storenfried herbeigemacht und sie zur Befriedigung seines schlechten Witzes gemissbraucht hatte.
Es hielt sich namlich damals seit einiger Zeit bei uns ein Mensch auf, namens Schrimbs, oder Peppel, wie er andererorten geheissen hat. Der Himmel weiss, wieviel Namen er uberhaupt in der Welt gefuhrt haben mag und noch fuhrt! Schon das Aussere dieses Menschen war hochst auffallend, er sah im Gesichte ganz verwittert aus, und dennoch konnte man kein rechtes Alter an ihm abnehmen, denn trotz der Runzeln auf Wangen und Stirn war unter seinen Haaren kein weisses zu entdecken, und seine Haltung ungebeugt, sein Muskelfleisch straff, sein Benehmen jugendlich-petulant. Ich weiss nicht, wie ich Dir diesen Schrimbs oder Peppel beschreiben soll; er war alles und jedes. Wie der Aal entschlupfte sein Geist jeglichem Bemuhen, ihn in einer bestimmten Lage festzuhalten, wie Quecksilber zerrann dieses kalte, schwere, und doch unendlich fluchtige und trennbare Wesen unter der leisesten Beruhrung in lauter perlende Kugelchen, die denn doch immer wieder zu einer grosseren koagulierten. Du musst von ihm gehort haben, denn er war nach und nach in vielen Stadten unter den verschiedensten Gestalten. Vielleicht ist er sogar in Deine Nahe gekommen. In Tubingen machte er den Magister und focht sich theologisch herum, in Stuttgart abwechselnd den Politiker und lyrischen Dichter, in Weinsberg half er unserem alten Justinus noch mehr Geister sehen, als dieser schon mit seinen zwei Augen erblickt.
Dieser Mensch hatte eine Gabe zu fabulieren und zu schwadronieren, wie ich sie noch nimmer bei jemand wahrgenommen habe. Er besass einen aristophanischen Witz, eine gaukelnde Einbildungskraft und eine unerschopfliche Laune, vor allem aber eine Lust und Freude am Lugen, die wirklich auch genial war. Keiner achtete ihn und doch war er uberall eingefuhrt; unsre geschlossenen Gesellschaften taten ihre Turen vor ihm auf, unsre Familien- Wein- und sonstigen Kranzchen flochten ihn sich als Blume ein, denn Du weisst wohl, dass, so schwerfallig und abgesondert wir uns halten, es doch noch von je alle Scharlatane bei uns mit uns durchgesetzt haben. Man hielt ihn fur nichts Besseres, als fur ein Stuck honetten Gauners und doch blickte man sehnsuchtig nach ihm aus, liess er einmal auf sich warten. Obgleich ich uberzeugt bin, dass er eigentlich schlechte Streiche nirgends begangen hat, denn sonst wurde er leiser, versteckter, kunstlicher aufgetreten sein. Eine gewisse theoretische Unwahrhaftigkeit war in ihm zur andern Natur geworden; gegen die Gesetze wird er sich nicht verfehlt haben.
Du fragst: Wodurch fesselte er euch denn? Ja, wodurch? Durch tolle Marchen, die er uns erzahlte, durch Sarkasmen, Luftsprunge. In seinen Marchen griff er mit unerhorter Dreistigkeit das Nachste auf, oder eine offentliche Person, und drehte und wendete und drillte sie so lange, bis sie unter seinen Handen ein phantastischer Popanz wurde, der dann, wenn man ihm naher in das Gesicht sah, in Blasen auseinanderplatzte. Mir war oft bei seinen Geschichten zumute, als sehe ich eine Wasserhose entstehen, wandeln, sich auflosen. Eine schwache Wolke schwebt uber dem Meere, diese fasst mit einem langen, feinen Finger in den unendlichen Ozean, aufwarts kocht, wirbelt und tanzt das emporgestorte Wasser, es pfeift und zischt; Nebel und Schaum rings umher, und Blitz ohne Donner! so ruckt das Phantom, welches nicht Dunst und nicht Woge mehr ist, sprungweise vor, bis es platschernd zerbricht.
Ich sagte zuweilen fur mich: In diesem Erzwindbeutel hat Gott der Herr einmal alle Winde des Zeitalters, den Spott ohne Gesinnung, die kalte Ironie, die gemutlose Phantasterei, den schwarmenden Verstand einfangen wollen, um sie, wenn der Kerl krepiert, auf eine Zeitlang fur seine Welt stille gemacht zu haben. Dieser Schrimbs oder Peppel, dieser geistreiche Satirikus, Lugenhans und humoristisch-komplizierte Allerweltshaselant ist der Zeitgeist in persona; nicht der Geist der Zeit, oder richtiger gesagt: der Ewigkeit, der in stillen Kluften tief unten sein geheimes Werk treibt, sondern der bunte Pickelharing, den der schlaue Alte unter die unruhige Menge emporgeschickt hat, auf dass sie, abgezogen durch Fastnachtspossen und Sykophantendeklamation von ihm und seiner unergrundlichen Arbeit, nicht die Geburt der Zukunft durch ihr dummdreistes Zugucken und Zupatschen store. Denn zweierlei war das Merkwurdigste an dem Vagabunden: Erstens, er trug nicht reine Marchenpoesie vor, sondern die grotesken Erfindungen und Gestalten wurden von ihm mit solcher Ruhe, Uberzeugung und Ernsthaftigkeit hingestellt, sie sassen ihm so in Fell und Fleisch fest, dass man in wahrender Erzahlung zu keinem dichterischen Behagen gelangte, man musste ihn entweder fur verruckt halten, oder an seinen Sachen, wie unsinnig sich das ausnahm, auf eine Stunde glauben. Zweitens, wenn er auch meistens in seinen milesischen Fabeln die Toren und Schacher der Zeit durchnahm, so fuhlte man bald wenigstens ich hatte die Empfindung nach kurzer Bekanntschaft dass der Hohn nicht aus einer tugendhaft-erzurnten Seele quoll, sondern aus einem Sinne, dem eigentlich das Verkehrte lieb, notwendig, Bedurfnis und Stoff des Daseins war. Und darin kennst Du nun meine Grundsatze. Ich halt' mich ans Positive. Begeisterung und Liebe ist die einzig wurdige Speise edler Seelen. Einen Schwank mag ich wohl leiden. Aber das Spotteln, Nergeln und Grinseln um den Kehricht her, dem schon viel zuviel Ehre geschieht, wenn er nur genannt wird, ist mir im innersten Mute zuwider.
Als ich zuruckkam, fand ich ihn in unserm ganzen Kreise eingeburgert. Die alten Ohme und Vettern wollten sich ausschutten uber seine Einfalle oder sperrten den Mund so weit auf, als die Muskeln es vertragen wollten, wenn er ihnen ihre eigenen hausbackenen Personen, in wunderbaren Capriccios diese zuruckspiegelnd, zeigte. Ich horte mit zu, war wechselsweise von seinen Reden berauscht und unangenehm ernuchtert. Es kann selbst sein, dass ich mich Clelien nicht so genahert haben wurde, hatte ich nicht bei den verzwickten Schnurren ein doppeltes Bedurfnis nach einer einfachen, wahren Geselligkeit empfunden. Zu den Abenteuerlichkeiten des Schrimbs oder Peppel gehorte auch, dass er sich regelmassig des Tages drei Stunden uber mit drei jungen Leuten einschloss, die kurz nach ihm eingelaufen waren und die Unbefriedigten hiessen. Sie sprachen namlich nie ein anderes Wort, als: sie fuhlten sich unbefriedigt, und sahen immer starr und sonderbar vor sich hin. Woher die gekommen waren, wusste auch niemand, da sie aber still und nuchtern lebten, so konnten sie nicht verdachtig erscheinen. Mit den drei Unbefriedigten schloss sich also Schrimbs, wie gesagt, taglich drei Stunden lang ein. Was sie zusammen trieben, erfuhr keiner. Aber weder ein Geschaft, noch eine Einladung, noch ein Spaziergang mit andachtigen Zuhorern, noch sonst etwas, konnte ihn abhalten, wenn die Stunde des Einschliessens kam, alles aufzugeben, und in das Haus zu gehen, worin die geheimnisvollen Zusammenkunfte stattfanden. Wollte man ihn daruber ausforschen, so pflegte er mit seiner abscheulichen Ruhe und Wurde zu sagen, die Unbefriedigten studierten ihn; wollte man den Sinn dieses ratselhaften Ausdrucks kennenlernen, so versetzte er gemeiniglich, es sei ihrer Studien wegen, dass sie ihn studierten, und fragte man ihn, was fur Studien diese seien, so war die Auskunft: diejenigen, weswegen ihn die Unbefriedigten studierten.
Nun zum Schluss der Geschichte. Unsere ganze Nicht-Liebesnovelle, Clelias und meine, hatte er mit durchgelebt, schien indessen nicht sehr darauf geachtet zu haben. Als die Sache aber allmahlich wieder in das Gleiche kam, bringt mir, wie ich mich zum Besuch in der Stadt aufhalte, Freund Pfleiderer besturzt ein lithographiertes Blatt, worauf unser ganzes Verhaltnis, alle unsere Wendungen und Schritte, um ohne Aufsehen in eine gleichgultige Ferne auseinanderzurucken, zur wildesten Bambocciade verstellt zu lesen sind. Sie hiess: "Geschichte von Ganserich und Ganschen, die sich in ihren Herzen irrten".
Er sagte mir, dass das Ding vom Abenteurer herruhre, was auch nach den ersten Satzen zu erkennen war. Der habe es in einer Gesellschaft erzahlt, es sei allerliebst befunden worden, ein schnellfassender und schreibender Kopf habe es aufgezeichnet und auf allgemeines Begehren der lieben Schadenfreude zum Frommen fur die Mitglieder der Gesellschaft lithographieren lassen. Jeder teile es im Vertrauen seinen nachsten Bekannten mit, und so mache es schon die Runde durch die halbe Stadt.
Ich las und las, und was mich darin betraf, hatte ich verschmerzen konnen, ja ich gestehe, dass ich uber manches lachen musste. Aber auch Clelia war naturlich nicht darin verschont.
Und das versetzte mich in einen Zorn, der mich taub und blind und rasend machte. Ich schwor dem Schelme die schrecklichste Rache. Nun hatte ich, um diese zu kuhlen, mich in seiner Wohnung auf Lauer legen sollen. Aber da siehst Du den dummen Streich, der sich immer meinem Handeln beizumischen pflegt! Einsiegelte ich das lithographierte Blatt und schrieb dem Urheber, ich werde dann und dann mich bei ihm melden und Genugtuung fordern, kurz, eine formliche Kriegserklarung. Als ich zur bestimmten Stunde nach seiner Wohnung ging, fand ich das leere Nest; Hals uber Kopf war er abgereist. Ich hielt es fur eine Finte, sturzte nach dem Hause, worin die geheimnisvollen Zusammenkunfte gefeiert wurden, weil ich ihn dort vermutete, aber da sassen die drei Unbefriedigten und jammerten, dass ihnen der Meister, wie sie den Gauch nannten, entschwunden sei. Vielfaltige Nachfragen zeigten mir endlich eine Spur des Fluchtigen. Sie wies hieher, nach Norden, nach Niederland. In den Wagen gesetzt, mit dem alten Jochem, der noch verwirrter ist, als ich, und von Stadt zu Stadt nachgesprengt, bis ich denn hier vorlaufig vor Anker gegangen bin. Ich habe namlich den Jochem allein weiterspuren lassen, denn vor allen Dingen ist Inkognito notig, wenn wir ihn entdecken wollen, und mich erkannten die Leute uberall fur das, was ich war. Weiss Gott, wie es zuging, da ich mir doch alle Muhe gab, mich zu verstellen. Des Inkognitos wegen ist auch der Wagen in Koblenz stehengelassen worden. Von da fuhren wir per Post, oder gingen auch streckenweise. Ich freue mich, wie ein Kind, dass ich die Geschichte vom Herzen heruntergebeichtet habe, denn nun darf ich von Dingen schreiben, die angenehmer sind. Nicht sagen kann ich Dir, wie wohl mir hier zumute geworden ist in der Einsamkeit der westfalischen Hugelebene, wo ich bei Menschen und Vieh seit acht Tagen einquartiert bin. Und zwar recht eigentlich bei Menschen und Vieh, denn die Kuhe stehen mit im Hause zu beiden Seiten des grossen Flurs, was aber gar nichts Unangenehmes oder Unreinliches hat, vielmehr den Eindruck patriarchalischer Wirtschaft vermehren hilft. Vor meinem Fenster rauschen Eichenwipfel, und neben denen hin sehe ich auf lange, lange Wiesen und wallende Kornfelder, zwischen denen sich dann wieder jezuweilen ein Eichenkamp mit einem einzelnen Gehofte erhebt. Denn hier geht es noch zu, wie zu Tacitus' Zeiten. "Colunt discreti ac diversi, ut fons, ut campus, ut nemus placuit." Darum ist denn auch so ein einzelner Hof ein kleiner Staat fur sich, rund abgeschlossen, und der Herr darin Konig, so gut als der Konig auf dem Throne.
Mein Wirt ist ein alter prachtiger Kerl. Er heisst Hofschulze, obgleich er gewiss noch einen andern Namen fuhrt, denn jener bezieht sich ja nur auf den Besitz seines Eigentums. Ich hore aber, dass dies uberall hier so gehalten wird. Nur der Hof hat meistenteils einen Namen, der Name des Besitzers geht in dem der Scholle unter. Daher das Erdgeborne, Erdzahe und Dauerbare des hiesigen Geschlechtes. Mein Hofschulze mag ein Mann von etlichen sechzig Jahren sein, doch tragt er den starken grossen knochichten Korper noch ganz ungebeugt. In dem rotgelben Gesichte ist der Sonnenbrand der funfzig Ernten, die er gemacht hat, abgelagert, die grosse Nase steht wie ein Turm in diesem Gesichte, und uber den blitzenden blauen Augen hangen ihm weisse struppige Brauen, wie ein Strohdach. Er gemahnt mich, wie ein Erzvater, der dem Gotte seiner Vater von unbehauenen Steinen ein Mal aufrichtet und Trankopfer darauf giesst und Ol, und seine Fullen erzieht, sein Korn schneidet, und dabei uber die Seinigen unumschrankt herrscht und richtet. Nie ist mir eine kompaktere Mischung von Ehrwurdigem und Verschmitztem, von Vernunft und Eigensinn vorgekommen. Er ist ein rechter uralter freier Bauer im ganzen Sinne des Worts; ich glaube, dass man diese Art Menschen nur noch hier finden kann, wo eben das zerstreute Wohnen und die altsassische Hartnackigkeit, nebst dem Mangel grosser Stadte den primitiven Charakter Germanias aufrechterhalten hat. Alle Regierungen und Gewalten sind daruber hingestrichen, haben wohl die Spitzen des Gewachses abbrechen, aber die Wurzeln nicht ausrotten konnen, denen dann immer wieder frische Schosslinge entsprossen, wenngleich sich diese nicht mehr zu Kronen und Wipfeln zusammenschliessen durfen.
Die Gegend ist durchaus nicht, was man eine schone nennt, denn sie besteht lediglich aus wellenden Hebungen und Senkungen des Erdreichs, und das Gebirge sieht man nur in der Ferne; 's ist dieses auch mehr eine finstre Berglehne, als eine schonliniierte Kette. Aber eben ihre Anspruchslosigkeit, dass sie sich nicht aufgeputzt einem gegenuberstellt, fragend: "Wie gefall' ich dir?" sondern bis in die kleinsten Partikeln als fromme Schaffnerin dem Anbau durch menschliche Hande dient, macht sie mir doch sehr wert, und ich habe gute Stunden auf meinen einsamen Streifereien genossen. Vielleicht tut der Umstand auch das Seinige, dass mein Herz einmal wieder ganz ungestort seine Pendelschwingungen ausschwingen darf, ohne dass vernunftige Leute am Uhrwerke rucken und drehen.
Poetisch bin ich sogar geworden, was sagst Du dazu, mein alter Ernst? Hab' etwas hingeworfen, wozu mich ein gottlichschoner Sonnentag, den ich vor Zeiten in den Waldgrunden des Spessart verlebte, zuerst anspornte. Ich glaube, es wird Dir gefallen. Es heisst: "Die Wunder im Spessart".
Am liebsten sitze ich droben auf dem Hugel an einem stillen Platze zwischen den Kornfeldern des Hofschulzen, die dort zu Ende gehen. Man hat eine geraumige mit Kraut und Brombeergebusch bewachsene Einsenkung des Bodens vor sich; rings im Kreise um sie her liegen grosse Steine, einer, gerade dem Felde gegenuber, ist der grosste, uber dem spannen drei alte Linden ihre Zweige aus. Dahinter rauscht der Wald. Die Stelle ist unendlich einsam und beschlossen und heimlich, besonders jetzt, wo man im Rucken das mannshohe Korn hat. Da droben bin ich viel. Freilich nicht immer in sentimentaler Naturbetrachtung, es ist auch mein gewohnlicher abendlicher Anstandsort, von wo ich dem Schulzen die Reh' und Hirsch' aus dem Korn schiesse.
Sie nennen den Platz den Freistuhl. Vermutlich hat also dort vor alters das Femgericht im Schrecken der Nacht seine Verdikte ausgebrutet. Als ich meinem Schulzen ihn lobte, ging eine Freundlichkeit uber sein Gesicht. Er versetzte nichts, nahm mich aber nach einiger Zeit ohne Veranlassung mit auf eine Kammer im obern Stock des Hauses, offnete dort einen eisenbeschlagenen Koffer und zeigte mir in demselben ein altes rostiges Schwert liegend. Mit Feierlichkeit sagte er: "Das ist eine grosse Raritat; es ist das Schwert Caroli Magni, seit tausend und mehreren Jahren beim Oberhofe aufbewahrt, und noch in voller Kraft und Gewalt." Ohne weitere Erklarungen hinzuzufugen, klappte er den Deckel wieder zu. Ich hatte um alles seinen Glauben an dieses Heiligtum nicht zerstoren mogen, obgleich mich mein fluchtiger Blick lehrte, dass der Flamberg kaum ein paar hundert Jahre als sein konne. Er zeigte mir aber ein formliches Attest uber die Echtheit der Waffe, von einem gefalligen Provinzialgelehrten ihm ausgestellt.
Hier will ich denn nun unter den Bauern bleiben, bis mir der alte Jochem Nachricht von dem Schrimbs oder Peppel gibt. Es ist zwar die achtzig Meilen her kuhler in mir geworden, denn gar viel tut's, wenn vierzehn Tage zwischen dem Vorsatz und der Ausfuhrung liegen, auch steht nun die Frage, welche Rache ich eigentlich an ihm nehmen soll? aber das wird sich schon alles finden.
Dieser Brief, wie ich ihn uberlese, kommt mir ganz possierlich vor. Vorn stehen recht hubsche Bemerkungen, hinten dergleichen, ich brauche mich ihrer gar nicht zu schamen, und in der Mitte ist's, als ob ein dummer Bub' seine Eulenspiegelei erzahlt.
Nun, ich werd' ja endlich auch klug werden. Wenn einen die Leut' nur verstanden in der Fremde! Alles muss man drei- mal sagen, bevor's gefasst wird. Und wenn man nicht gar ein Stockschwab ist, sondern im Gegenteil in der Welt umhergekommen, und andere vielfaltig hat reden horen, so kann man sich selbst durch unser Zischen und Prasseln hin und wieder beschwert fuhlen. Wir haben doch Geist, soviel wie die ubrigen, warum konnen wir denn das Wort nicht gelind, sanft und zart von uns geben, sondern sprechen immer: "Keescht?" Aber ich denke, aus: "Keescht" kann allezeit durch Abschwachen und Filtrieren: "Geist" werden, nicht aber umgekehrt aus "Geist", "Keescht". Und so wird's der Herr in diesem Punkt wie in allen andern wohl mit uns brav gemeint haben.
Mentor, hoffentlich horst Du bald mehr von
Deinem Nicht-Telemach
Schilt ihn aber tuchtig aus, darum bitt' ich Dich.
Siebentes Kapitel
Worin der Jager dem Hofschulzen eine alte
Geschichte von seinen Eltern erzahlt
Mehrere Tage gingen im Oberhofe auf die gewohnte stille und einformige Weise hin. Der alte Jochem liess noch immer weder von sich noch von dem entwichenen Abenteurer horen, und seinen jungen Gebieter wollte doch nachgerade eine stille Unruhe beschleichen. Denn so umspinnt uns alle die jetzige geregelte Zeit, dass niemand, und sei er noch so ungebunden, lange ausdauern kann ohne den Rucken an ein Geschaft, oder an ein Verhaltnis zu lehnen.
Mit dem Hofschulzen verkehrte er zwar, sooft er konnte, und die originelle Eigentumlichkeit des Mannes behielt fur ihn ihre ganze Anziehungskraft, welche sie am ersten Tage der Bekanntschaft uber ihn ausgeubt hatte, aber teils war der Alte meistens in seiner Wirtschaft sehr beschaftigt, teils hatte er viel mit andern abzureden, da taglich Menschen im Hofe einsprachen, die ihn um Rat oder Hulfe angingen. Bei diesen Gelegenheiten bemerkte der Jager, dass der Hofschulze im eigentlichen Sinne des Worts nie etwas umsonst tat. Er war gegen Nachbarn, Gevattern und Freunde zu allem bereit, aber sie mussten ihm immer etwas dagegen leisten, und ware es nur die unentgeltliche Ausrichtung eines Auftrags nach einer in der Nahe belegenen Bauerschaft, oder eines andern kleinen Dienstes dieser Art gewesen.
Taglich wurde geknallt, freilich immer vorbei, so dass der Alte, der stets ins Schwarze traf, er mochte zielen, worauf er wollte, uber diese fruchtlosen Bemuhungen verwunderte Augen zu machen begann.
Es war ein Gluck fur unsern Jager, dass gerade um jene Zeit der zunachstwohnende Gutsbesitzer sich mit seiner Familie und Dienerschaft auf einer Reise befand, sonst wurden ihn wahrscheinlich doch einmal die zunftigen Schutzen oben am Freistuhl ertappt haben.
Gern ware der junge Schwabe in manches eingedrungen, was ihm verhullt blieb. Der erste Knecht fragte den Schulzen eines Tages, ob das Korn droben am Stuhl nicht angeschnitten werden solle, da es vollkommen reif sei? erhielt aber von seinem Herrn den Bescheid, dass es bis nach der Hochzeit stehen bleiben musse. Diese Worte wurden dem Jager nicht weiter aufgefallen sein, wenn er damit nicht unwillkurlich den Inhalt eines Gesprachs in Verbindung gesetzt hatte, dessen unbemerkter Ohrenzeuge er kurz zuvor geworden war.
Zwei benachbarte Hofbesitzer, welche seinen Wirt besuchten, hatten ihn namlich, so dass der Jager es horte, befragt: Wann das Geding sein solle? und zur Antwort erhalten: Am zweiten Tage nach der Hochzeit, mit dem Hinzufugen, dass dann zugleich der Schwiegersohn die Losung empfangen werde. Der junge Mann brachte diese Reden mit der Schonung des reifen Korns am Freistuhl in Zusammenhang, ohne gleichwohl die eigentliche Bedeutung sich klarmachen zu konnen.
Seinerseits sagte der Hofschulze einmal zum Jager, als dieser wieder mit leerem Pulverhorn und leerer Weidtasche in den Hof zuruckkehrte: "Wie ist das, junger Herr? Sie treffen ja niemalen was?"
Der Jager war gerade in einer verdriesslichen Stimmung, die zuweilen am offensten macht. Er versetzte daher kurzweg: "Dass ich nichts treffe, ist nicht meine Schuld, und dass ich dennoch immerdar schiessen muss, liegt auch nicht an mir, das hangt mir von Mutterleib an."
"Wie? Von Mutterleib?" fragte der Hofschulze.
"Ich kann es nicht anders nennen", erwiderte der Jager. "Ihr seid ein so verstandiger Mann, dass ich keinen Grund habe, Euch eine Geschichte vorzuenthalten, welche Euch meine Jagerei, uber die Ihr, wie ich sehe, schon seit einiger Zeit den Kopf schuttelt, einigermassen erklarlich machen wird. Man hat Muttermaler in Form von Sternen, Kreuzen, Kronen, Schwertern, weil die Frau, welche den Menschen trug, sich an einem grossen Orden, an einem Kirchenzuge, an einer Kronung versah, oder unter Kriegsgetummel ihre Schwangerschaft abhielt; warum sollte einer nicht Jager von Mutterleib aus sein konnen?"
Der Hofschulze notigte seinen jungen Gast an den Tisch unter den Linden vor der Ture, liess eine Flasche sehr trinkbaren Weins bringen, und der Jager begann hierauf folgendergestalt seine Erzahlung.
"Meine Mutter hatte sich mit meinem Vater erst nach einem trauer- und tranenvollen Brautstande verbinden durfen. Die Verwandten und viele Umstande waren gegen die Heirat gewesen, indessen hatte die Liebe, welche beide zueinander trugen, doch endlich obzusiegen gewusst, und die Ringe durften gewechselt werden. Die Folge jenes langen Hinderns und Zuruckhaltens war nicht, wie es oft zu geschehen pflegt, ein rasches Erkalten nach gewonnenem Besitze, sondern eine ausserst zartliche Ehe gewesen, so dass also in diesem Falle der Wunsch der Leidenschaft sein Recht darwies. Noch in jetzigen Tagen erzahlen bejahrte Leute, welche meine Eltern in den ersten Jahren ihrer Ehe gekannt haben, von dem schonen Paare, das immerfort wie Liebhaber und Geliebte miteinander umgegangen sei. Die Zartlichkeit meiner Mutter ausserte sich nun auch in einer Sorge um das Leben und die Gesundheit des Vaters, welche freilich oft in das Ubertriebene ging. Blieb er von einem Spaziergange oder einem Besuche in der Nachbarschaft einige Minuten uber die bestimmte Zeit aus, so schickte sie angstlich nach ihm; war seine Farbe nicht ganz so munter, wie gewohnlich, gleich furchtete sie eine schwere Krankheit und wollte den Arzt herbeigeholt wissen, um alles hatte sie ihn nicht in der Nacht reisen lassen, und wo er ging oder stand, musste er sich vor Zugluft in acht nehmen. Wahrend sie fur ihre eigene Person hart, unbekummert und mutig blieb, sah sie in jeglichem, was meinen Vater umgabe, Schreck und Gefahrde."
"Ja, ja", murmelte der Hofschulze vor sich hin, "die vornehmen Leute haben zu dergleichen Zeit. Bei uns Bauern kommt es auf einen Puff nicht an."
"Am instandigsten flehte ihn meine Mutter an, sich der Jagd zu enthalten. Sie hatte in den ersten Jahren ihrer Ehe einen verworrenen Traum, von dem sie sich beim Erwachen nur einer schonen grunen Uniform, worin sie meinen Vater gesehen, und dass ihn in derselben ein Ungluck betroffen, zu erinnern wusste. Nun fielen ihr alle die Geschicke, die sich auf Jagden ereignen konnen: scheugewordene Pferde, unvermutet losgegangene Schusse, Eber, die den Schutzen anrennen, und was dergleichen mehr war, ein, und sie liess sich daher von meinem Vater das Wort geben, nie diesem verhangnisvollen Genusse wieder fronen zu wollen. Er willfahrte ihr gern, denn er sah ihre Liebe zu ihm, und war uberhaupt dem Weidwerke nicht leidenschaftlich ergeben, obschon er es, wie ihm sonst nach seinen Verhaltnissen zukam, getrieben hatte.
Mehrere Jahre der Ehe blieben kinderlos. Endlich fuhlte meine Mutter ihren Schoss gesegnet. Sonst pflegt, wie man mir gesagt hat, in diesem Zustande die Neigung der Frau zu dem Manne abzunehmen, und sich der verborgen reifenden Frucht zuzuwenden, meine Mutter machte aber von dieser Regel eine Ausnahme. Ihre Liebe zu dem Vater wuchs noch, wenn sie eines Wachstums fahig war. Zugleich stellte sich die Erinnerung an den fruher gehabten und seitdem fast vergessenen Traum wieder bei ihr mit Heftigkeit ein, dessen eigentliche Bilder ihr jedoch nicht deutlich werden wollten, obgleich sie stundenlang sich damit abmuhte, sie hervorzurufen. Nochmals musste mein Vater sein fruheres Gelubde in ihre Hand wiederholen.
Inzwischen ruckte der Sankt Hubertus-Tag heran, an welchem der Furst, mit dem mein Vater eng zusammenhing, die jahrliche grosse Jagd zu veranstalten pflegte. Es war in seiner Umgebung schon verwundernd viel davon geschwatzt worden, warum mein Vater sich in den Jahren zuvor unter allerhand Vorwanden von den Jagden zuruckgehalten habe, endlich hatte man den wahren Grund aufgespurt, und der etwas rohe und leichtfertige Kreis mag sich trefflich uber den gehorsamen Ehemann lustig gemacht haben. Der Furst, derb und zufahrend, wie er war, nahm sich vor, den Gehorsam zu Falle zu bringen. Es war so Sitte, dass schon an dem Tage vor Hubertus ein lustiges Bankett auf dem Jagdschlosse gegeben wurde. Der Saal, in welchem es stattfand, war an den Wanden mit Hirschgeweihen, Armbrusten und alten Jagdspiessen ausgeziert. Da wurde denn, wie man bei uns zu sagen pflegt, tapfer geburstet, d.h. gezecht, und wer an dem Bankette teilnahm, konnte sich naturlich von der Hubertusjagd nicht lossagen.
Mein Vater wurde also um keinen Preis einen Partner des Schmauses abgegeben haben, wenn ihn nicht der Furst durch eine List nach dem Jagdschlosse zu ziehen gewusst hatte. Er liess ihn namlich unter dem Vorwande eines Geschafts berufen und hielt ihn in langen Gesprachen hin, bis der Lakai meldete, dass serviert sei. Da wollte mein Vater fortreiten, aber ein zweiter Lakai brachte, ausgesandt, die Nachricht, der Reitknecht habe verstanden, der Herr bleibe zur Tafel, und sei bis auf den Abend mit den Pferden nach Hause geritten. 'Nun, da es so ist, lass dir's gefallen und nimm hier vorlieb', sagte der Furst. 'Du kannst doch nicht die zwei Stunden zu Fuss nach Hause gehen.' Was sollte mein Vater beginnen? So unlieb es ihm war, er musste bleiben. Bei Tafel, als es ziemlich larmend zu werden anfing, warf einer die Frage hin, ob er morgen mit zur Jagd komme?
Ohne seine Antwort abzuwarten, rief ein anderer: 'Nein, er darf nicht, seine Frau hat es ihm streng verboten.' 'Ist es wahr', fragte der Furst laut uber die ganze Tafel hin, 'dass dir deine Frau befohlen hat, kein Gewehr mehr abzudrucken? Wenn dem so ist, und du gehorchst, so bist du ja ein wahrer Mustermann fur Stadt und Land.' Ein schallendes Gelachter folgte diesen Worten, obgleich darin nicht viel Lachenswertes steckte.
Mein Vater argerte sich, nahm sich aber zusammen und versetzte, dass dem nicht so sei; wie man denken konne, dass seine Frau ihm so etwas befehlen werde? und dergleichen mehr, was ein jeder in seiner Lage und in einer so wilden Gesellschaft entgegnet haben wurde. 'Topp!' rief der Furst, 'das ist recht, so hilfst du uns also morgen Sankt Hubert Devotion erzeigen' und als mein Vater sich mit einer Reise, mit Besuch, mit Unpasslichkeit entschuldigen wollte 'Oho! die Frau Gemahlin steckt doch dahinter! Nun, der Sache mussen wir auf den Grund kommen! Erinnert mich das nachste Mal, wo ich mit der Gestrengen zusammentreffe, dass ich ernstlich danach bei ihr anfrage.'
In diesem Augenblicke fasste mein Vater seinen Entschluss. Er hielt es fur notig, der Mutter einen argerlichen Auftritt, wie er von des Fursten Derbheit immer zu besorgen stand, zu ersparen, und sagte daher: 'Damit jedermanniglich sehe, dass an all dem Argwohn nichts sei, so werde ich die Jagd morgen mitmachen.' Ein Beifallsklatschen erscholl, unter Getose wurde die Tafel aufgehoben; der Furst rief mit etwas schwerer Zunge: 'Bist du aber morgen nicht um sechs Uhr am Versammlungsplatze, so holen wir alle dich in corpore aus den Federn.' Mein Vater nahm kurz und trocken seinen Urlaub, fuhr den lugnerischen Lakaien, der draussen im Vorgemache ihn verschmitzt lachelnd befragte, ob er nun die Pferde befehle? barsch an, und ging die Treppe hinunter uber den Hof selbst nach dem Stalle, wo er den Reitknecht mit den Pferden fand, der sich keinen Augenblick vom Jagdschlosse entfernt hatte.
Hieraus ersah nun mein Vater, dass das Ganze ein angelegter Plan gewesen sei. Beim Heimreiten uberlegte er den seinigen. Sich von dem gegebenen Worte zuruckzuziehen, war unmoglich, denn dann hatte er wirklich am nachsten Morgen den ganzen Schwarm vor dem Hause gehabt zu Angsten und Schrecken der Mutter. Er beschloss daher die Jagd wirklich mitzumachen, jedoch sobald als nur moglich sich zu entfernen, und um sein Absein eine Zeitlang vor den ubrigen zu verbergen, seinen guten Freund, den Oberjagermeister, dessen finsteres Gesicht Missbilligung der getriebenen Scherze ausgedruckt hatte, zu ersuchen, dass ihm der entfernteste Stand angewiesen werde, von dem er bei gunstiger Gelegenheit entkommen zu konnen hoffte. Um aber fur die Zukunft dem Fursten und der ganzen Gesellschaft Respekt einzuflossen, sollten tags darauf schriftliche Erklarungen an die argsten Schreier des Jagdschlosses abgehen, welche diese entweder einstecken, oder worauf sie zu Pistolen greifen mussten.
Zu Hause zog er einen alten verschwiegenen Diener in sein Vertrauen, liess die prachtige Jagduniform, in welcher jeder Kavalier bei den grossen Hofjagden erscheinen musste, heimlich aus dem Schranke nehmen, und verspurte, wie er selbst lange Jahre nachher, wenn diese Geschichte wieder auf das Tapet kam, zu erzahlen pflegte, trotz seines Missmuts ein geheimes Behagen, als er das grune, schimmernde Collet mit den blitzenden Knopfen, der goldenen, reichen Stickerei, den Achselschnuren, den schweren Epauletts aus dem umgelegten Seidenpapier, und das prachtige Couteau mit glanzenden Steinen am Griff aus dem Futteral hervorkommen sah, nachdem er so lange den Anblick dieser Gegenstande entbehrt hatte. Meiner Mutter sagte er irgendeinen gleichgultigen Grund, weswegen er den folgenden Tag uber von Hause entfernt sein werde. Es gelang ihm, sie zu tauschen; sie legte sich ruhig an seiner Seite schlafen.
In der Nacht aber hatte sie den fruheren angstlichen Traum, auf dessen Einzelheiten sie sich seither im Wachen nicht zu besinnen vermocht hatte. Sie sah meinen Vater sich vom Lager erheben, einen Blick der Bekummernis auf sie, die Schlafende, werfen, leise auf den Zehen aus dem Zimmer schleichen. Der Traum fuhrte sie hierauf nach der Garderobe. Dort legte mein Vater Stuck vor Stuck die prachtige grune Uniform an. Sie konnte sich nicht satt an ihm sehen, er kam ihr gar zu schon vor, und doch beschwor sie ihn instandigst und mit der aussersten Herzensangst, von seinem Vorhaben abzustehen. Er liess sich aber nicht hindern, schnallte das Couteau um, und in dem Augenblicke wieherte ein Pferd. Nun zerbrach blitzschnell das bisherige Traumgesicht, und mit Entsetzen sah sie meinen Vater blutigen Hauptes unten im Hofe auf dem Pflaster liegen. Ehe sie noch sich zu ihm helfend hinbeugen konnte, wieherte das Pferd, welches sie wunderbarerweise nicht sah, zum zweiten Male, und sie erwachte, wie es ihr vorkam, von einem wirklichen Pferdewiehern aus den Schrecknissen des Traumes geweckt. Schlaftrunken tastete sie umher, um des Vaters Wange sich zur Beruhigung zu streicheln, aber der Taumel ihrer Sinne wich der angstvollsten Erinnerung, denn das Bett neben ihr war verlassen, die Decke zuruckgeschlagen. Sie schellte dem Madchen, fragte, wo der Herr sei? Diese, welche ihn im Gange verstohlen an sich hatte voruberschlupfen sehen, antwortete zogernd: 'In der Garderobe.' Nun war sie nicht langer zu halten, eiligst warf sie ein Nachtgewand uber und begab sich mehr laufend als gehend nach der Garderobe. Dort die Ture geoffnet, hatten beide Eltern voreinander den gleichen Schreck und meinten zu Boden sinken zu mussen. Der Vater stand, wie ihn die Mutter getraumt hatte, prachtig geschmuckt, in seinem Glanz und Flimmer von der roten Morgensonne umspielt, und schnallte eben das Couteau an. Es folgte ein heftiges Fragen und Erklaren, die Mutter wollte ihn durchaus nicht ziehen lassen, bis er auf die eindringlichste Weise ihr erwiesen hatte, dass fur dieses Mal schlechterdings an dem Vorhaben nichts zu andern sei. Indem sie noch miteinander stritten, wieherte des Vaters gesattelt stehendes Reitpferd unten vom Hof herauf zum dritten Male. Sie sturzte an das Fenster, sah das feurige Tier in den Boden hauen und sich heben, das bose Ende ihres Traums trat ihr vor die Augen, sie beschwor meinen Vater bei dem Lebendigen unter ihrem Herzen, wenigstens nicht zu reiten, da sie die bestimmte Ahnung habe, dass ihm heute damit ein Ungluck begegnen werde, sich vielmehr des leichten Wagens zu bedienen. Hochst verstimmt rief er dem Bedienten zu: 'So lass anspannen!' druckte die Mutter sanft nach der Ture zu und bat sie um Gotteswillen, sich doch nur wieder niederzulegen, da sie ja in ihrem leichten Gewande von der Morgenkalte schwer krank werden konne, und sprang dann, als er sie auf dem Wege nach dem Schlafkabinett glaubte, rasch die Haupttreppe hinunter, um nur zu Ross und an diesem vermaledeiten Tage vom Hofe zu kommen.
Aber meine Mutter, einmal argwohnisch gemacht, schlupfte eine kleine Seitentreppe hinab, die ebenfalls auf den Hof fuhrte, um sich zu versichern, ob auch der Wagen genommen werde. Indem sie nun unten anlangte, sah sie, dass mein Vater schon zu Pferde sass, und mit dem Tiere, welches er in seinem Verdrusse heftig behandelt und dadurch unruhig gemacht hatte, kaum zurechtkommen konnte. Mit einem lauten Geschrei flog sie durch die Ture auf den Hof; das Pferd, von der plotzlich erscheinenden weissen Gestalt bis zur Wut gesteigert, drehte sich wie toll auf den Hinterfussen um, geriet auf eine schlupfrig-abschussige Stelle, ruschte aus und sturzte. Nun lag mein Vater wirklich mit blutendem Kopfe auf dem Pflaster, meine Mutter aber konnte ihm nicht helfen, denn auch sie sank ohnmachtig an der Ture zusammen."
Der Jager hielt atmend inne, bewegt von seiner eigenen Erzahlung, deren Einzelheiten, wie er nach einer Pause sagte, ihm so lebhaft vorschwebten, weil der Vorfall mit den kleinsten Zugen von den Dabeigewesenen ihm mehr als hundertmal berichtet worden sei. Er sei die Haus- und Familiengeschichte geworden. Sein Zuhorer strich sich die Haare bedachtig auf der Stirn und sagte nach einer Weile: "Dass die Sache keine schlimmen Folgen gehabt hat, stellt sich dar, denn Sie sitzen da ganz frisch und gesund, junger Herr."
"Glucklicherweise war der Schreck das Argste dabei gewesen", erwiderte der Jager. "Mein Vater hatte sich schnell bugellos zu machen gewusst, sein Epaulett war ihm, von der heftigen Bewegung gelost, unter den Kopf gefahren und schutzte vor einem zu harten Aufschlagen; er kam mit einer leichten Wunde davon. Auch meiner Mutter, fur welche das Schlimmste zu befurchten stand, half ihre uberaus kraftige Natur. Sie erholte sich und dauerte ihre Zeit aus, obgleich die Gedanken an jenen Morgen sie keinen Augenblick verliessen."
"Und daher, meinen Sie, ruhre Ihre Jagdlust?" fragte der Hofschulze.
"Ich kam einige Monate nach dem Ereignisse zur Welt mit einem Male unter dem Herzen in der Form eines Hirschfangers. Sobald ich zum Buben erwachsen war, hielt mich keine Vermahnung und Zuchtigung ab, mit den Jagern umherzulaufen. Und so ist das fortgegangen bis auf den heutigen Tag, ohne dass ich, wie Ihr ja leider nun auch gemerkt habt, zu diesem Treiben durch Beute und Erfolg irgendeine Anreizung empfinge."
"Wenn Ihre Frau Mutter von den Jagdsachen einen solchen Schreck bekommen hat, so musste sie Ihnen ja ehender einen Abscheu davor eingeimpft haben", sagte der Hofschulze.
"Nein!" rief der junge Jager, und seine Augen begannen in dunklerem Feuer zu leuchten, wie immer der Fall war, wenn sich die Rede auf solche Gegenstande wandte. "Davon versteht Ihr nichts, Hofschulze. Kann ein menschliches Wesen unwillkurlich auf ein andres durch Blut, Seele und Sympathie wirken, so fallt diese Wirkung auch ganz in der dunkeln Kammer vor, darin die Krafte nach ihren eigenen Rechten hin- und herfahren, sausen und weben, und Gebild schaffen, dessen Figur kein Verstand vorhersieht und auf welches niemand gefasst ist. Abscheu kann Lust, Furcht kann Mut, Sehnsucht Ekel erzeugen, und ist niemand, der den Stammbaum dieser und ahnlicher Zeugungen aufzurichten vermochte."
"Davon verstehe ich wirklich nichts, und geht mich auch nichts an", sagte der Hofschulze. "Aber aus der Geschichte, welche Sie da so plasierlich erzahlt haben, ziehe ich eine dreifache Moral."
"Ihr haltet sehr viel auf Moral."
"Die Moral unterscheidet uns von dem Vieh", versetzte der Hofschulze feierlich. "Das Vieh hat eigentlich alles besser als die Menschenkreatur, es findet den Weg sicherer, es hat sein ihm gewiesenes Futter und lustert nicht nach anderem, es tragt seinen Rock anerschaffen auf seinem Leibe, es furchtet sich nicht vor dem Tode, es treibt keine unnutze Wollust, aber Moral hat das Vieh nicht; Moral hat nur der Mensch." "Und in meiner Geschichte stecken drei Moralen?" "Drei. Die will ich Ihnen jetzt auch nicht vorenthalten, junger Herr Jager."
Achtes Kapitel
Worin der Hofschulze eine dreifache Moral aus der
Geschichte des Jagers zieht
"Erstens", sagte der Hofschulze, "lehret die Geschichte, dass, wenn Ihre Passion wirklich von Ihrer Frau Mutter sich herschreibt, der Herr noch jetzunder seinen Spruch wahr macht, welcher lautet: Ich will die Sunden der Vater heimsuchen an den Kindern bis in das dritte und vierte Glied. Denn an und vor sich ist die Jagerei eine erlaubte und lustige Sache. Nun aber sundiget der Mensch jederzeit, wenn er sich wider etwas setzt, was Herkommens ist bei seinesgleichen, dadurch kriegt die Gleichgultigkeit ein Gewicht und hat Folgen, wie Pestilenz darnach kam, als David sein Volk zahlen liess, weil das nicht Herkommens bei den Juden war. Ihre Frau Mutter nun verfiel in Sunde, weil sie den Herrn Vater nicht auf die Jagd gehen lassen wollte, da das zu seinem Stande gehorte, und darum ist an Ihnen eine Torheit gesetzt, das Schiessen ohne Treffen. Sie sollten aber suchen, mit der Gewalt davon loszukommen, weil solche Neigungen nicht aus den Wirkungen in der dunkeln Kammer, nicht aus den Kraften und den eigenen Rechten, wie Sie es nannten, herruhren, sondern einzig und allein aus der Torheit, durch welche Sie gross Ungluck anrichten konnen. Auch die Madchen haben mitunter das Gelust, Feuer anzulegen, sie lassen es aber wohl bleiben, wenn sie scharf zusammengenommen werden. Es kann und soll aber der Mensch, uber den kein anderer gesetzt worden, an ihm selber der Herr und Zuchtmeister sein.
Zweitens tut die Geschichte lehren, dass im Ehestande gar zu viel Liebe schadlich ist. Denn Ihr Herr Vater wurde mit dem Pferde nicht gesturzt sein, wenn Ihre Frau Mutter nicht so besorgt aus der Ture gesprungen ware. Sie wollte ihn vor Gefahr huten und brachte ihn eben recht in Gefahr. Wie leicht konnte ihn einer von den Herrn niederschiessen, an die er nach der Jagd Briefe schreiben wollte! Im Ehestande muss alles moderiert sein, auch die Liebe, weil die Sache fur die Hitze und den Eifer zu lange wahrt. Vorher kann der Mensch tun, was er will, danach kommt nichts, aber der Ehestand macht einen Abschnitt und gibt ein Exempel, da muss der Mensch sich zusammennehmen, denn auf Eheleute sieht ein jeder, und Argernis, welches durch sie kommt, ist doppelt Argernis. Mit einem losledigen Menschen haben wenige Verkehr, aber auf den Haus- und Ehestand verlasst sich aller Handel und Wandel, Nachbarhulfe und Ansprache, Christentum, Kirchen- und Schulzucht, Haus und Hof, Rind und Kind, und wie sollen nun alle diese Sachen in gehoriger Ordnung und Verfassung bleiben, wenn die Eheleute selbst sich wie die Gecken betragen? Bei uns Bauern kommt der Fehler weniger vor, aber bei den Stadtleuten, mit denen ich vielfaltig hier und da haussen verkehre, und deren Gebrauche ich daher kenne, will mir in dem Punkte manches schlimm gefallen. Wenn ein Mann sein Weib schlagt, oder angrunzt ohne Not, so gibt er Argernis, denn der Apostel schreibt, dass die Manner ihre Weiber lieben sollen, wie der Herr Christus seine Gemeine liebt, aber wenn ein Weib ihren Mann so unterkriegt mit Karessen und sussen Reden, dass er zwischen guten Freunden vor Angst nicht mehr zu bleiben weiss, wenn die Stunde schlagt, da er hat nach Hause kommen sollen, oder dass er sich von allem zuruckhalten muss, was ihm das Herze frohlich macht, so gibt sie auch Argernis, denn der Apostel Paulus schreibt nicht minder, das Weib solle den Mann furchten. Die Furcht aber besteht mit solchem Verhalten nicht, vielmehr treibet sie dahin, dass dem Manne sein freier Wille gelassen werde, denn der Ehestand soll den Mann erbauen, nicht aber ihn daniederreissen, weil abermals der namliche Apostel Paulus an die Korinther schreibt: 'Der Mann ist nicht vom Weibe, sondern das Weib ist vom Manne.'
Ich habe hier jezuweilen bei guter Witterung grosse Gesellschaft von Stadtleuten, die fur Plasier den Tag im Freien zubringen, und gegen Abend wieder heimfahren. Da sehe ich nun mitunter, dass die Neugeheirateten, die etwa erst im zweiten Jahre Mann und Frau sind, denn spaterhin hort dieses Wesen gemeiniglich auf, miteinander ein Anblicken und Anblinzeln, Loffeln und Schlecken treiben, als seien sie mutterseelenallein und niemand ausser ihnen um sie und neben ihnen. Darin stecken nun wieder drei Argernisse."
"Schade", unterbrach ihn der Jager lachend, "dass Euch kein Philosoph von Profession anhort, Hofschulze. Er wurde die architektonische Symmetrie Eures Gedankenbaus loben. Drei Argernisse, entsprechend drei Moralen!"
Der Schulze fuhr, ohne sich storen zu lassen, fort: "Erstens sind immer in der Gesellschaft Leute, die gerne freien mochten und nicht konnen, und in denen stiftet so ein offentliches Liebeswesen geheimen Neid und stille Abgunst, wovor der Mensch seinen Nachsten bewahren soll. Dieses ist das erste Argernis. Zweitens lasst, wenn sie sich vor so vielen Leuten nicht scheuen, das zu tun, was in die Verborgenheit gehort, vermuten, dass sie daheim eine Brinneiferigkeit haben, welche die Gesundheit ruiniert, und drittens denkt dieser und jener in der Gesellschaft: Was dem einen recht, ist dem andern billig, geniert ihr euch nicht, genier' ich mich auch nicht, durft ihr schmatzen, darf ich kratzen; lasst nun alle geheimen Wurmer und Otterngezuchte, welche er im Herzen tragt und sonst bei sich behielte, los, die schlechten, spottischen Reden, die Schraubereien und Verleumdungen, welche denn wieder von andern aufgefangen und erwidert werden, so dass das ganze Plasier zugrunde geht. Auf diese Weise habe ich es erlebt, dass durch so ein offentlich loffelndes Ehepaar lauter Zank und Hader in eine Gesellschaft kam, der immer mehr stieg, je mehr die Eheleute miteinander karessierten.
Dagegen ist es eine wahre Freude, bisweilen vernunftige junge Leute zu sehen, die bescheiden und anstandig sich betragen; das Frauchen sitzt da, und der Mann da, jedes diskuriert hoflich mit seinen Nachbarn, keines scheint auf das andere zu achten, von Handgeben und Kussen ist nun gar nicht die Rede, und doch sieht man den roten, muntern Gesichtern an, dass sie zu Hause Gluck und Segen miteinander haben; gleichsam zwei Apfel sind sie an einem Zweige, die auch nicht nacheinander umgucken und doch zusammen wachsen, gedeihen und reifen. Der Ehestand ist ein Segensstand, aber er will mit Vernunft und Geschick und Manierlichkeit angegriffen sein, sonst macht er, wie der Wein im Ubermass, trunken, dumm und ungesund. Er ist wie der grune Zweig am Apfelbaum; was darauf zum Gedeihen kommen soll, muss hubsch still und ruhig sich daran halten bei Sonnenschein und Regen."
"Eure Moralien klingen zwar ziemlich hausbacken, aber es liegt doch etwas Wahres darin", sagte der Jager. "Der gesunde Menschenverstand behalt immer recht, obschon er selbst nicht das letzte Recht ist. Was meine Eltern betrifft, so spricht deren nachheriges Verhaltnis auch gewissermassen fur Eure Satze.
Meine Mutter ist nach dem entsetzlichen Schreck wie umgewandelt gewesen, er hatte auf sie wie ein Sturzbad gewirkt, der Vater hat spaterhin gehen, kommen, sich kleiden durfen, wie, vornehmen konnen, was er gewollt, und von der Zeit an, wo ich selbst zum Bewusstsein gelangte, erinnere ich mich der Ehe meiner Eltern, als einer zwar liebevollen, aber freien und ruhigen."
"Ja, ja", sprach der Hofschulze, "so musste es sich wenden. Allzuscharf macht schartig, der Bogen, welcher zu sehr gespannt wird, bricht, und hinter heissem Wetter kommt kuhles. Aber Ihnen will ich doch eine gute Lehre geben, junger Herr. Wenn Sie inkognito bleiben, und wie Sie sich mir verkundiget haben, fur den Sohn von Burgersleuten gelten wollen, so mussen Sie mir keine Geschichte erzahlen von Jagdschlossern und furstlichen Banketten und goldenen Uniformen und Bedienten und Reitknechten."
"Ach, die Lehre kommt zu spat!" rief der junge Jager lustig. "Das Verstellen hilft mir nichts, ich sehe es wohl ein, und wenn ich auch wie der Vogel Strauss den Kopf wegstecke, man erblickt mich dennoch. Verratet mich aber nicht; ich habe meine Grunde zu der Bitte, die Ihr mit gutem Gewissen erfullen konnt, denn ein Verbrechen habe ich nicht begangen."
"Nein, das soll wohl sein, Sie sehen nicht danach aus", sagte der Hofschulze lachelnd.
"Jetzt nehmt von meiner Seite eine Lehre an. Ihr seid ein alter, gesetzter Mann, dem mehr daran liegen muss, seine Absichten fur sich zu behalten, als mir. Wenn Ihr Eure Geheimnisse, welche Ihr zweifelsohne habt, vor mir und meinem Nachspuren bewahren wollt, so musst Ihr meine Aufmerksamkeit nicht selbst rege machen, musst mir nicht das Schwert Karls des Grossen mit so feierlicher dunkler Rede zeigen."
Der Hofschulze richtete sich in die Hohe. Seine grosse Gestalt schien noch zu wachsen, und der Mond, welcher inzwischen aufgegangen war, warf seinen Schatten lang in den Hof. Er sagte mit tiefem Tone und mit einem Nachdruck, der dem andern durch Mark und Bein ging: "Wehe dem, welcher die Geheimnisse des Schwertes Caroli Magni sieht oder hort, wenn es dergleichen gibt!" Darauf setzte er sich nieder, schenkte seinem Gaste das letzte Glas ein, und tat, als ob nichts vorgefallen sei.
Dieser schwieg verlegen. Er merkte, dass mit dem Alten in manchen Dingen nicht zu scherzen sei. Um wieder ein Gesprach in Gang zu bringen, sagte er endlich: "Ihr verspracht drei Moralen aus meiner Geschichte, habt aber bis jetzt mir nur zwei mitgeteilt."
"Die dritte", versetzte der Hofschulze, "ist keine Rede, sondern eine Handlung und Verrichtung." Mit diesen Worten deren Sinn er nicht weiter aufklarte, ging er in das Haus.
Neuntes Kapitel
Der Jager erneuert eine alte Bekanntschaft
Am folgenden Tage zur Mittagsstunde horte der Jager unter seinem Fenster ein Gerausch, sah hinaus und bemerkte, dass viele Menschen vor dem Hause standen. Der Hofschulze trat in sonntaglichem Putze soeben aus der Ture, gegenuber aber hielt am Eichenkampe ein zweispanniger Karren, auf welchem ein Mann in schwarzen Kleidern, anscheinend ein Geistlicher, zwischen mehreren Korben sass. In einigen derselben schien Federvieh zu flattern. Etwas hinterwarts sass eine Frauensperson in der Tracht des Burgerstandes, welche steif vor sich hin auf dem Schosse ebenfalls einen Korb hielt. Vorn bei den Pferden stand ein Bauer mit der Peitsche, den Arm uber den Hals des einen Tiers gelegt. Neben ihm hielt sich eine Magd, auch einen Korb, mit schneeweisser Serviette uberlegt, unter dem Arme.
Ein Mann in weitem, braunem Oberrocke, dessen bedachtiger Gang und feierliches Antlitz ohne Widerspruch den Kuster erkennen liess, schritt mit Wurde von dem Wagen dem Hause zu, stellte sich vor den Hofschulzen hin, lupfte den Hut und gab folgenden Reimspruch von sich:
Wir sind allhier vor Eurem Tor,
Der Kuster und der Herr Pastor,
Des Kusters Frau, die Magd daneben,
Die Gift und Gabe zu erheben,
So auf dem Oberhofe ruht;
Die Huhner, Ei'r, die Kase gut.
So sagt uns an, ob alles bereit,
Was fallig wird zur Sommerszeit.
Der Hofschulze hatte bei Anhorung dieses Spruchs den Hut tief abgenommen. Nach demselben ging er zum Wagen, verbeugte sich vor dem Geistlichen, half ihm in ehrerbietiger Stellung herunter und blieb dann mit ihm seitwarts stehen, mancherlei Reden wechselnd, welche der Jager nicht horen konnte, wahrend die Frau mit dem Korbe auch abstieg und sich nebst dem Kuster, dem Bauer und der Magd wie zu einem Zuge hinter jenen beiden Hauptpersonen aufstellte. Der Jager ging, um den Zusammenhang dieses Auftritts zu erfahren, hinunter, sah im Flur weissen Sand gestreut, und die daranstossende beste Stube mit grunen Zweigen geschmuckt. Die Tochter sass darin, ebenfalls sonntaglich geputzt, und spann, als wolle sie noch heute ein ganzes Stuck Garn liefern. Sie sah hochrot aus und blickte von ihrem Faden nicht auf. Er ging in das Zimmer und wollte eben bei ihr Erkundigung einziehen, als schon der Zug der Fremden mit dem Hofschulzen die Schwelle vom Flure aus betrat. Voran ging der Geistliche, hinter ihm der Kuster, dann der Bauer, dann die Kusterfrau, dann die Magd, zuletzt der Hofschulze; alle einzeln und ungepaart. Der Geistliche trat auf die spinnende Tochter, welche noch immer nicht emporsah, zu, bot ihr freundlichen Gruss und sagte: "So recht, Jungfer Hofschulze, wenn die Braut noch so fleissig ihr Radchen dreht, da kann sich der Liebste volle Kisten und Kasten erwarten und verhoffen. Wann soll denn die Hochzeit sein?" "Auf Donnerstag uber acht Tage, Herr Diakonus, wenn es erlaubt ist", versetzte die Braut, wurde womoglich noch roter, als zuvor, kusste dem Geistlichen, welcher noch ein jungerer Mann war, demutig die Hand, nahm ihm Hut und Stock ab und reichte ihm zum Willkomm einen Erfrischungstrunk. Die andern, nachdem sie Reihe herum die Braut ebenfalls mit Handschlag und Gluckwunsch bedacht hatten und durch einen Trunk erquickt worden waren, verliessen die Stube und gingen auf den Flur, der Geistliche aber unterhielt sich mit dem Hofschulzen, der bestandig seinen Hut in der Hand, in ehrerbietiger Stellung vor ihm stand, uber Gemeindeangelegenheiten.
Gern hatte der junge Jager, welcher, von den ubrigen unbeachtet, aus einer Ecke der Stube den Auftritt mitangesehen hatte, schon fruher den Geistlichen begrusst, wenn es ihm nicht unbescheiden vorgekommen ware, die Anreden und Antworten der Fremden und Hofesgenossen, welche trotz der bauerlichen Szene etwas Diplomatisches hatten, zu storen. Denn in dem Diakonus war von ihm mit Erstaunen und Freude ein ehemaliger akademischer Bekannter wiedergefunden worden. Jetzt verliess der Hofschulze auf einen Augenblick das Zimmer und nun ging der Jager zum Diakonus, ihn bei seinem Namen begrussend. Der Geistliche stutzte, fuhr mit der Hand uber die Augen, erkannte jedoch auch den andern sogleich wieder und freute sich nicht weniger, ihn zu sehen. "Aber" fugte er den ersten Grussworten hinzu "jetzt und hier ist keine Zeit zur Unterhaltung, kommen Sie nachher mit, wenn ich vom Hofe abfahre, dann wollen wir zusammen plaudern; hier bin ich ein offentlicher Charakter und stehe unter dem Banne des gebietendsten Zeremoniells. Wir durfen voneinander keine Notiz nehmen, fugen auch Sie sich passiv dem Ritual; vor allen Dingen, lachen Sie uber nichts, was Sie sehen, das wurde die guten Leute auf das hochste beleidigen. Und diese alten, festen Sitten, so seltsam sie aussehen mogen, haben doch auch immer ihr Ehrwurdiges." "Sorgen Sie nicht", versetzte der Jager, "aber ich mochte doch wissen ..." "Alles nachher!" flusterte der Geistliche, nach der Ture blickend, durch welche soeben der Hofschulze wieder hereinkam. Er trat vor dem Jager, wie vor einem Fremden, zuruck.
Der Hofschulze und seine Tochter trugen die Speisen auf dem Tische, welcher in dieser Stube gedeckt stand, selbst auf. Da kam eine Huhnersuppe, eine Schussel gruner Bohnen mit einer langen Mettwurst, Schweinsbraten mit Pflaumen, Butter, Brot und Kase, wozu eine Flasche Wein gestellt wurde. Alles dies wurde zu gleicher Zeit auf den Tisch gestellt. Der Bauer war von den Pferden ebenfalls hereingekommen. Als alles stand und dampfte, lud der Hofschulze den Diakonus hoflich ein, es sich gefallen zu lassen.
Es war nur fur zwei Personen dort gedeckt; der Geistliche, nachdem er ein Tischgebet gesprochen, setzte sich und etwas von ihm entfernt der Bauer. "Esse ich hier nicht mit?" fragte der Jager. "Ei behute", antwortete der Hofschulze, und die Braut sah ihn verwundert von der Seite an. "Hier isst bloss der Herr Diakonus und der Kolonus, Sie setzen sich draussen bei dem Kuster zu Tische." Der Jager ging in ein anderes, gegenuberliegendes Zimmer, nachdem er noch zu seiner Verwunderung bemerkt hatte, dass der Hofschulze und seine Tochter auch die Bedienung jenes ersten und vornehmsten Tisches selbst ubernahmen.
In dem andern Zimmer traf er den Kuster, die Kusterin und die Magd um den dort gedeckten Tisch stehen, und, wie es schien, mit Ungeduld ihres vierten Genossen warten. Auch auf diesem Tische dampfte dieselbe Speise, wie auf der Pastorstafel nur fehlte Butter und Kase, auch zeigte sich dort statt des Weines Bier. Mit Wurde trat der Kuster an den Oberplatz und liess, die Augen in den Schusseln, abermals folgenden Spruch vernehmen:
Alles, was da fleucht und kreucht auf der Erden,
Liess Gott der Herr fur den Menschen erschaffen
werden;
Huhnersuppe, Bohnen, Wurst, Schweinsbraten,
Pflaumen sind allerwegen
Gottesgaben, gib, o Herr, dazu uns deinen Segen!
Worauf die Gesellschaft Platz nahm, der Kuster obenan. Dieser wurde von seiner Gravitat nicht verlassen, wie die Kusterin nicht von ihrem Korbe, den sie dicht neben sich hinstellte. Dagegen hatte die Pastorsmagd den ihrigen anspruchslos beiseite gesetzt.
Bei dem Mahle, welches aus wahren Bergen auf den Schusseln bestand, wurde kein Wort gesprochen; der Kuster verschlang in ernster Haltung ungeheuer zu nennende Portionen, und die Frau blieb wenig hinter dem Manne zuruck; am bescheidensten zeigte sich in diesem Punkte auch wieder die Magd. Was den Jager betrifft, so beschrankte er sich fast nur auf das Zusehen; das heutige Zeremonialessen war nicht nach seinem Geschmack.
Nach beendigtem Mahle sagte der Kuster zu den beiden Magden, welche diesen Tisch bedient hatten, feierlich schmunzelnd: "Jetzt wollen wir denn, geliebt es Gott, die allhier erfallende Gebuhr und den guten Willen in Empfang nehmen." Die Magde hatten vorher schon den Tisch abgeraumt und gingen jetzt hinaus, der Kuster aber setzte sich auf einen Stuhl mitten in der Stube, die beiden Frauenspersonen, die Kusterin und die Magd, setzten sich ihm rechts und links zur Seite, vor sich die neugeoffneten Korbe. Nachdem die Erwartung, welche diese drei ausdruckten, einige Minuten gedauert hatte, traten die beiden Magde, begleitet von ihrem Herrn, dem Hofschulzen, wieder ein. Die erste trug einen Korb mit weitlauftigem Flechtwerk oben, in welchem Huhner angstlich gackerten und mit den Flugeln plusterten. Sie stellte ihn vor den Kuster hin und dieser sagte, hineinschauend und nachzahlend: "Eins, zwei, drei, vier, funf, sechs; es ist ganz richtig." Darauf zahlte die zweite Magd aus einem grossen Tuche ein Schock Eier in den Korb der Pastorsmagd, und sechs Stuck runder Kase, nicht ohne genaues Nachzahlen des Kusters. Dieser sagte, als es geschehen war; "So, nunmehro hatten der Herr Diakonus das Ihrige; jetzunder kame der Kuster." Ihm wurden in den Korb seiner Ehehalfte dreizehn Eier und ein Kase zugeteilt. Sie prufte jedes Ei durch Schutteln und Geruch, ob es auch frisch sei, und merzte zwei aus. Nach diesen Verhandlungen erhob sich der Kuster und sprach zum Hofschulzen: "Wie ist es, Herr Hofschulze, von wegen des zweiten Kases, welchen Kusterei annoch vom Hofe zu gewartigen hat?" "Ihr wisst selbst, Kuster, dass der zweite Kase vom Oberhofe nimmer anerkannt worden ist", versetzte der Hofschulze. "Dieser angebliche zweite Kase ruhte auf dem Baumannserbe, welches vor hundert und mehreren Jahren mit dem Oberhofe in einer Hand vereinigt war. Hernachmalen ist die Trennung wieder eingetreten, und es haftet demnach hier auf dem Hofe nur ein Kase."
Uber des Kusters rotbraunliches Gesicht hatten sich die starksten Falten gelagert, welche dasselbe nur aufzutreiben vermogend gewesen war, und zerlegten es in mehrere bedenkliche Abschnitte von viereckter, rundlichter, winklichter Gestalt. Er sprach: "Wo ist das Baumannserbe? Zersplittert und zerspellt wurde es in den unruhigen Zeitlauften. Soll Kusterei darunter leiden? Dem sei nicht so. Jedennoch, unter ausdrucklichem Vorbehalt aller und jeder Rechtszustandigkeiten wegen des seit hundert und mehreren Jahren strittigen, vom Oberhofe erfallenden zweiten Kases, empfange ich und nehme ich hiemit an auch den einen Kase. Sonach ware die Zinsgebuhr an Pastor und Kuster abgestattet, und es kame nunmehr der gute Wille." Dieser bestand in frischgebackenen Rollkuchen, wovon sechs in den Pastorskorb und zwei in den des Kusters gelegt wurden. Hiemit war das ganze Empfangsgeschaft beendigt. Der Kuster trat dem Hofschulzen naher und sagte folgenden dritten Spruch her:
Die Huhner waren alle sechs richtig,
Und die Kase alle vollwichtig;
Die Eier sind befunden worden frisch,
Und was sich gebuhrte, stand auf dem Tisch.
Deshalb der Herr Euren Hof bewahr'
Vor Hungersnot und Feuersgefahr!
Bei Gott und Menschen ist beliebt,
Wer Gift und Gaben richtig gibt.
Der Schulze machte darauf eine dankende Verbeugung. Die Kusterin und die Magd trugen die Korbe hinaus und packten sie auf den Wagen. Zu gleicher Zeit sah der Jager, dass die eine Hofesmagd aus dem Zimmer, worin der Geistliche gespeist hatte, Schusseln und Teller auf den Flur trug, und sie, indem jener auf die Schwelle des Zimmers trat, vor seinen Augen wusch. Nachdem sie diese Reinigung verrichtet, naherte sie sich dem Geistlichen, er holte aus einem Papiere eine kleine Munze und gab sie ihr.
Der Kuster liess sich indessen den Kaffee schmekken, und da auch fur den Jager eine Tasse hingestellt worden war, so setzte sich dieser zu ihm. "Ich bin hier fremd", sagte der junge Mann, "und verstehe zum Teil die Gebrauche nicht, welche ich heute gesehen habe; wollen Sie mir dieselben nicht erklaren, Herr Kuster? Ist es eine Verpflichtung, dass die Bauern den Herrn Diakonus in Naturalien unterhalten mussen?"
"Verpflichtung in betreff der Huhner, Eier und Kase, nicht der Rollkuchen, welche der gute Wille sind, jedoch auch jederzeit unverweigerlich abgestattet werden", erwiderte der Kuster hochst ernsthaft. "Zum Diakonat oder zur Oberpfarre in der Stadt sind drei Bauerschaften als Filiale eingepfarrt, und ein Teil der Pfarr- und Kustereieinkunfte bestehet in der Zinsgebuhr, welche von den einzelnen Hofesstellen alljahrlich erfallet. Diese nun, wie sie uberall seit undenklichen Zeiten feststeht, einzusammeln, halten wir per Jahr zwei Gange, oder Fahrten, namlich die gegenwartige Sommer- oder kleine Fahrt, und dann die Winter- oder grosse Fahrt, kurz nach Advent. Bei der Sommerfahrt erfallen die Zinshuhner, die Zinseier und Zinskase, an dem einen Hofe so viel, an dem andern so viel; erstere Rubrik, namlich die der Huhner, erfallet jedoch nur pro Diaconatu, Kusterei hat sich mit Eiern und Kasen zu begnugen. Im Winter erfallen die Kornzinsen an Gerste, Hafer und Roggen; da kommen wir mit zwei Karren, weil eine die Sacke nicht zu fassen vermoglich ware. So halten wir denn zweimal per Jahr die Rundfahrt durch die drei Bauerschaften."
"Und wohin geht die Reise von hier?" fragte der Jager.
"Directe nach Hause", versetzte der Kuster, knopfte seinen Oberrock los und zog ein Federkissen hervor, welches er, ungeachtet der warmen Witterung zum Schutze seines Magens aufgelegt hatte. Nunmehr aber, nach der starken Mahlzeit mochte ihm dasselbe doch beschwerlich fallen. "Gegenwartige Bauerschaft ist die letzte, und gegenwartiger Oberhof der letzte Hof in selbiger, auf welchem denn auch das herkommliche Zinsessen vor sich geht", sagte er.
Der Jager bemerkte, dass, wie es ihm vorgekommen, in der Mahlzeit, bei den Begrussungen, bei der Empfangnahme der Lebensmittel, ja sogar bei dem Waschen der Teller und Schusseln eine vorherbestimmte Ordnung geherrscht habe, worauf sich der wurdige Kuster, wie folgt, weiter vernehmen liess: "Allerdings; in jeglichem bei diesen Zinsfahrten ist eine Observanz und ein striktes Recht, von welchem nicht abgewichen werden darf. Morgens um sechs Uhr rucken wir aus der Stadt aus, der Herr Diakonus, ich, meine Frau und die Pastorsmagd. Vom Reymannskotten wird, jedoch auf hofliches Suchen und Erbitten, die Karre gestellt, welche das liebe Gut ladt, und der Kolonus geht mit und verlasst den Herrn Diakonus nun und nimmer, setzt sich auch, wie Sie gesehen haben, einzig und allein mit ihm zu Tisch. Den ersten Huhnerkorb nahmen wir aus der Stadt mit, da dieser aber bei dem ersten Hofe schon voll wird, so leihet nunmehr letzterer einen neuen fur den zweiten, und so fort bis hieher. Der Kolonus futtert hier seine Pferde mit einem Scheffel Hafer, der vom Balstrup erhoben und mitgenommen worden ist, und die Magd, welche die Teller und Schusseln vor den Augen des Herrn Diakonus wieder rein waschen muss, erhalt dafur ihre drei und einen halben Stuber, gleichfalls heute zu diesem Zweck und Ende erfallen und empfangen auf dem kleinen Beek, Bauerschaft Branstedde."
"Und die Spruche, die Sie so laut und vernehmlich vortrugen, Herr Kuster, ruhren diese auch von alters her?" fragte der Jager.
"Ja freilich", versetzte der Kuster. "Indessen", fuhr er wohlgefallig fort, "habe ich einiges, was darin an die finstern Zeiten erinnerte, weggelassen oder verbessert, wie es sich fur die Gegenwart schicken will. So lautet der Text in der Danksagungsrede eigentlich zum Schluss:
Wenn ihr aber uns verkurzen wollen,
So soll euch alle der Teufel holen,
Und fehlt am Kas' ein einzig Lot,
So kriegt ihr gar die Schwerenot!
Diese unschicklichen Reime habe ich nach und nach eingehen lassen, indem ich Jahr fur Jahr einen nach dem andern bei mir behielt, oder so tat, als ob ich den Husten dabei kriegte, und was dergleichen Anschlage mehr waren, denn mit den Bauern muss man freilich bei allen Neuerungen langsam zu Werke gehen. Es hat doch Widerspruch abgesetzt, und einige von den Dorfmicheln wollen durchaus diese Grobheiten nicht fahren lassen, weil sie sagen, dass selbige einmal dazugehoren. Sie entrichten die Zinsgebuhr nicht, wenn ich ihnen den Teufel und die Schwerenot nicht anwunsche; der Hofschulze ist darin vernunftiger."
Der Kuster wurde abgerufen, denn die Karre war angespannt, und der Geistliche nahm von dem Hofschulzen und seiner Tochter, die jetzt ebenso ehrerbietig und freundlich vor ihm standen, wie bei allen ubrigen Verhandlungen dieses Tages, mit herzlichen Handedrucken und Worten Abschied. Nun schwankte der Zug einen andern Weg, als den er gekommen war, zwischen Kornfeldern und hohen Wallhecken fort. Der Kolonus mit der Peitsche vor seinen Pferden, die Karre langsam hinterdrein bewegt, auf ihr jetzt ausser den beiden Frauenspersonen der Kuster sitzend zwischen den Korben, und der Fursorge wegen wieder das Federkissen vor die Magengegend gestopft.
Der Jager hatte sich bei der Abfahrt bescheidentlich zuruckgehalten, war aber, als die Zinskarre sich eine Strecke weit entfernt hatte, mit raschen Sprungen nachgeeilt, und fand den Diakonus, welcher ebenfalls hinter seinem eingesammelten Gute zuruckgeblieben war, auf einem anmutigen Baumplatze schon seiner harren. Hier, frei vom Zeremoniell des Oberhofes, umarmten sie einander, und der Diakonus rief lachend: "Das hatten Sie wohl nicht gedacht, in Ihrem ehemaligen Bekannten, der in jener grossen Stadt seinen jungen schwabischen Grafen so sauberlich auf dem schlupfrigen Boden der Wissenschaft und des eleganten Lebens umherfuhrte, eine Figur wiederzufinden, welche Sie an Ehr'n Lopez in dem 'Spanischen Pfarrer' von Fletcher erinnern muss?"
"Ihr Kuster ist, wenn auch kein lustiger Diego, doch ein ganzer Mann", versetzte der Jager. "Er hat mir wie ein wahrer Zeremonienmeister der Zinspflicht das ganze Ritual ausgelegt, und sich bei dem Empfangen, Verwahren und Spruchsprechen mit solcher Wurde und Klugheit benommen, dass ich ihn jedem bevollmachtigten Minister, welcher eine verwickelte Angelegenheit seines Hofes zu schlichten hat, als Muster empfehlen mochte."
"Ja", sagte der Geistliche, "das ist heute sein Ehrentag, auf den er sich schon sechs Wochen vorher freut. Uberhaupt gibt es unter den Kustern noch viele komische Figuren, welche sonst so sehr jetzt abnehmen. Das bestandige Anhoren hoher und erbaulicher Worte von ihrem Standpunkte der Dienstbarkeit dabei, das Lauten, das Ansagen der Geburten und Sterbfalle gibt ihrem Wesen einen wundersamen Schwung, mit welchem nun wieder ihr glucklicher Appetit, oder besser zu sagen, ihre masslose Fressgier seltsam kontrastiert. Denn da sie zu Hause nicht viel zu beissen und zu brechen haben, so versorgen sie sich auf Kindtaufen, Hochzeiten und Leichenschmausen fur ganze Wochen, und verschlingen die ausserordentlichsten Portionen, aber immer mit einem Anstriche von Salbung, und nicht selten die hellen Tranen der Mitfreude oder Mittrauer in den Augen. Der meinige hat nun zu allen diesen Standeseigenschaften noch den Privatcharakter der Feigheit; er ist ein ausgemachter Poltron und ich habe mit ihm auf einsamen nachtlichen Wanderungen zu Kranken oder Sterbenden schon die lustigsten Szenen erlebt.
Doch lassen wir den Kuster und seine Narrheiten. Was die Prozedur betrifft, welcher Sie heute beiwohnten, so ist es unumganglich notwendig, dass ich mich ihr in Person unterziehe; mein ganzes Verhaltnis zu den Leuten ware gebrochen, wenn ich zu ekel ware, die alte Sitte mitzumachen. Mein Vorganger im Amte, der nicht aus hiesiger Gegend war, schamte sich der terminierenden Fahrten, und wollte schlechterdings nichts damit zu tun haben. Was war die Folge davon? Er geriet in die ubelsten Zwistigkeiten mit diesen Landgemeinen, welche selbst auf den Verfall des Kirchlichen und des Schulwesens Einfluss hatten. Zuletzt musste er gar um seine Versetzung einkommen und ich nahm mir gleich vor, als ich die Pfarre erhielt, in allen Dingen mich nach Ortsgebrauch zu verhalten. Hiebei habe ich mich denn bisher sehr wohl befunden, und weit gefehlt, dass der Schein der Abhangigkeit, welchen mir diese Fahrten geben, meinem Ansehen schaden sollte; es wird vielmehr dadurch erhoht und befestiget."
"Wie sollte es auch anders sein!" rief der Jager. "Ich muss Ihnen gestehen, dass bei dem ganzen Einhergange, ungeachtet alles Komischen, was Ihr Kuster daruber auszubreiten wusste, mich ein Gefuhl der Ruhrung nicht verliess. Ich sah in diesem Empfangen der einfachsten leiblichen Gaben einerseits, und in der Ehrfurcht, womit sie anderseits dargeboten wurden, gewissermassen das frommste, schlichteste Bild der Kirche, welche zu ihrem Bestande des taglichen Brotes notig hat, und das Bild der Glaubigen, welche ihr das irdische Bedurfnis in der demutigen Uberzeugung, dass sie damit sich ein Hochstes und Ewiges erhalten, darreichen, so dass weder auf der einen noch auf der andern Seite eine Knechtschaft, vielmehr bei beiden nur die Innigkeit des vollkommensten Wechselbezuges entsteht."
"Es freut mich", rief der Diakonus, und druckte dem Jager die Hand, "dass Sie die Sache so ansehen, uber welche vielleicht ein anderer gespottelt haben wurde, daher es mir, wie ich Ihnen nun gestehen darf, im ersten Augenblicke auch gar nicht recht war, in Ihnen unvermutet einen Zeugen jener Szenen zu finden."
"Gott bewahre mich, dass ich uber etwas, was ich in diesem Lande gesehen, spottelte!" versetzte der Jager. "Ich freue mich jetzt, dass mich ein toller Streich zwischen diese Walder und Felder geschleudert hat, denn sonst wurde ich die Gegend wohl nicht kennengelernt haben, da sie auswarts wenig in Ruf steht, und in der Tat auch nichts Anziehendes fur abgespannte und uberreizte Touristen haben kann. Aber mich hat hier die Empfindung starker, als selbst in meiner Heimat angefasst: Das ist der Boden, den seit mehr als tausend Jahren ein unvermischter Stamm trat! Und die Idee des unsterblichen Volkes wehte mir im Rauschen dieser Eichen und des uns umwallenden Fruchtsegens fast greiflich mochte ich sagen, entgegen."
Es ergaben sich aus dieser Ausserung Reden zwischen dem Diakonus und dem Jager, welche beide fuhrten, indem sie der Karre langsam folgten.
Zehntes Kapitel
Von dem Volke und von den hoheren Standen
"Das unsterbliche Volk!" rief der Diakonus. "Ja, dieser Ausdruck besagt das Richtige. Ich versichere Ihnen, mir wird allemal gross zumute, wenn ich der unabschwachbaren Erinnerungskraft, der nicht zu verwustenden Gutmutigkeit und des geburtenreichen Vermogens denke, wodurch unser Volk sich von jeher erhalten und hergestellt hat. Rede ich aber von dem Volke in dieser Beziehung, so meine ich damit die besten unter den freien Burgern und den ehrwurdigen, tatigen, wissenden, arbeitsamen Mittelstand. Diese also meine ich, und niemand anders vorderhand. Aus ihnen aber, und aus dieser ganzen Masse haucht es mich wie der Duft der aufgerissnen schwarzen Ackerscholle im Fruhling an, und ich empfinde die Hoffnung ewigen Keimens, Wachsens, Gedeihens aus dem dunkeln, segenbrutenden Schosse. In ihm gebiert sich immer neu der wahre Ruhm, die Macht und die Herrlichkeit der Nation, die es ja nur ist durch ihre Sitte, durch den Hort ihres Gedankens und ihrer Kunst, und dann durch den sprungweise hervortretenden Heldenmut, wenn die Dinge einmal wieder an den abschussigen Rand des Verderbens getrieben worden sind. Dieses Volk findet, wie ein Wunderkind, bestandig Perlen und Edelsteine, aber es achtet ihrer nicht, sondern verbleibt bei seiner genugsamen Armut, dieses Volk ist ein Riese, welcher an dem seidenen Fadchen eines guten Wortes sich leiten lasst, es ist tiefsinnig, unschuldig, treu, tapfer, und hat alle diese Tugenden sich bewahrt unter Umstanden, welche andere Volker oberflachlich, frech, treulos, feige gemacht haben.
Ich werde nicht, wie Levaillant die Tugenden der Hottentotten auf Kosten der europaischen Zivilisation herausstrich, den Lobredner idyllischer Rustizitat und kleinburgerlicher Enge machen, ich fuhle sehr wohl, dass uns allen durch den Umschwung der Zeiten die Neigung zu glanzenden, geschmackvollen Dingen, zu einer Art von Aristokratie des Daseins mitangeboren ist, welche ausserhalb der Mittelverhaltnisse liegt, und von der wir uns, ohne an der Naturlichkeit unseres Wesens Einbusse zu leiden, nicht losmachen konnen, aber ich muss doch folgendes aus meiner eigenen Geschichte hier anfuhren. Ich war, da ich jenen jungen Vornehmen zu fuhren hatte, wahrend ich noch selbst der Fuhrung gar sehr bedurftig war, unter allen den geistreichen, eleganten, schillernden und schimmernden Gestalten der Kreise, die mir durch mein damaliges Amt zugewiesen waren, ebenso geistreich, halbiert, kritisch und ironisch geworden, wie viele; genial in meinen Anspruchen, wenn auch nicht in dem, was ich leistete, unbefriedigt von irgend etwas Vorkommendem, und immer in eine blaue Weite strebend; kurz ich war dem schlimmeren Teile meines Wesens zufolge, ein Neuer, hatte Weltschmerz, wunschte eine andere Bibel, ein anderes Christentum, einen andern Staat, eine andere Familie, und mich selbst anders mit Haut und Haar. Mit einem Worte, ich war auf dem Wege zum Tollhaus, oder zur insipidesten Philisterei; denn diese beiden Ziele liegen meistens vor den Fussen der modernen Wanderer. Und da bin ich denn doch erst hier zwischen den wunderlichen aber achtbaren Originalen meiner Mittelstadt und unter diesen landlichen Wehrfestern wieder zu mir selbst gekommen, habe Posto gefasst, den Schaum der Zeit von mir weichen sehen und Mut bekommen, mir ein liebes hausliches Verhaltnis zu grunden. Denn in dem Volke sind die Grundbezuge der Menschheit noch wach, da ist das richtige Verhaltnis der Geschlechter noch fest ausgepragt, da gilt das Geschwatz noch nichts, sondern das Gewerbe und der Beruf, den jeder hat, da folgt der Arbeit in gemessener Ordnung die Ruhe, da ist von den Vergnugungen das Vergnugen noch nicht verbannt. Horen Sie den Jubel in der Stadt oder auf dem Lande bei sonntaglichen Tanzen, bei Hochzeiten und Scheibenschiessen, und urteilen Sie, ob der Spass so bald in der Welt aussterben wird, wie die gramlichen Junglinge der Gegenwart meinen? Es gibt Mussigganger, schlechte Ehen und bose Weiber auch hier in Stadt und Land, aber sie heissen bei ihren und nicht bei vornehm umgebogenen Namen. Jene Mischungen von Langeweile und Begeisterung endlich, wie sie mir einst ein Freund treffend nannte, aus denen in den sublimierten Kreisen der Gesellschaft manches Perverse hervorgeht, und aus deren einer derselbe Freund auch die blutige Tat der armen, schonen, bejammernswerten Frau ableitete, deren Ungluck darin bestand, einen mittelmassigen Dichter und grossen Selbstling geheiratet zu haben, liegen dem Volke ganz fern. Das ganze potenzierte und destillierte Genre, der Hermaphroditismus des Geistes und Gemutes, welchen die Musse eines langen Friedens hie und da erzeugt hat, wird dem Stock und Stamm der Gemeinschaft immer fremd bleiben.
In dieser orthopadischen Anstalt gerader und normaler Verhaltnisse legten sich denn meine etwas verbogenen Glieder auch wieder zurecht. Freilich muss man in der Stille und Abgeschiedenheit von den brausenden Stromungen der Gegenwart auf sich wachen, denn die Gefahr des Verbauerns steht auch nahe, indessen noch hange ich durch stille aber feste Faden mit dem Weltganzen zusammen, nur mit dem Unterschiede, dass sie sich jetzt bloss um die Gegenstande schlingen, zu denen mich ein geistiges Bedurfnis hinweist, wahrend ich mir fruher manches geistige Bedurfnis, wie es so manche unserer Zeitgenossen machen, einzubilden wusste."
Der Jager ging nach dieser Rede des Diakonus schweigend und mit gesenktem Haupte neben ihm her. "Was ist Ihnen?" fragte sein Bekannter nach einer Pause.
"Ach", sagte jener, "Ihr Bild vom deutschen Volke ist wahr, und es macht mich nur traurig, dass teilweise uber dieser Grundflache ein so wenig entsprechender Gipfel steht. Dieses tuchtige Volk wurde bei weitem mehr ausrichten, es wurde weit entschiedener Front machen, wenn in den hoheren Standen eine gleiche Tuchtigkeit lebte! Schlimm, dass ich, ich selbst sagen muss: Dem ist nicht so."
"Leider", erwiderte der Diakonus, "sind unsre hoheren Stande hinter dem Volke zuruckgeblieben, um es kurz und deutlich auszusprechen. Dass es viele hochst ehrenwerte Ausnahmen von dieser Regel gebe, wer wollte es leugnen? Sie befestigen aber eben nur die Regel. Der Stand als Stand hat sich nicht in die Wogen der Bewegung, die mit Lessing begann und eine grenzenlose Erweiterung des gesamten deutschen Denkens, Wissens und Dichtens herbeifuhrte, getaucht. Statt dass vornehme Personen geboren sind, die Patrone alles Ausgezeichneten und Talentvollen zu sein, halten bei uns noch viele Grosse das Talent fur ihren naturlichen Feind, oder doch fur lastig und unbequem, gewiss aber fur entbehrlich. Es gibt ganze Landstriche im deutschen Vaterlande, in welchen dem Adel, ein Buch zu lesen, noch immer fur standeswidrig gilt, und er statt dessen larmende, nichtige Tage abhetzt, wie in den Zeiten jener Burgerschen Parforcejagd-Ballade. Das Aufallendste hiebei ist, dass selbst nach der ungeheuren Lehre, welche die Weltkriege den Privilegierten erteilt hatten, diese noch nicht eingesehen haben, es sei mit dem leeren Scheine nunmehr fur immer vorbei, und der erste Stand musse notwendig sich in sich selber grundlich fassen und restaurieren. Es war seine erste Obliegenheit, dies zu begreifen, es war die Lebensfrage fur ihn, ob er sich mit dem Heiligtume deutscher Gesinnung und Gesittung nunmehr inniglich verbunden, allem wahrhaftquellenden geistigen Leben der Gegenwart Schirm und Schutz geben mochte, damit das Zauberbad dieses Lebens seine altersstarren Glieder verjunge. Er hat seine Stellung und diese Frage nicht verstanden, hat in allerhand kleinen Hausmittelchen seine Erkraftigung gesucht, und ist daruber obsolet geworden. Nie und zu keiner Zeit hat ein Stand anders als durch Ideen existiert. Auch den ersten haben Ideen geschaffen und erhalten, anfanglich die der Kampfestapferkeit und Lehnstreue, demnachst die der besondern Ehre. Gegenwartig ist durch die Errettung des Vaterlandes, welche von allen Standen ausging, die hochste Ehre ein Gemeingut geworden; weshalb denn die oberen Stande das Protektorat des Geistes hatten ubernehmen mussen, wenn sie wieder etwas Besonderes sein und vorstellen wollten."
"Ich habe", sagte der Jager kleinlaut, "in einer hohen und vornehmen Familie, die ich vor kurzem auf meinen Streifereien kennenlernte, die zwanzigjahrigen Tochter auf gut schwabisch mit der 'Iphigenie' bekannt machen mussen, welche sie noch nie gelesen hatten, weil die Eltern Goethe fur einen jugendverfuhrerischen Schriftsteller hielten."
"Und wer weiss, ob das Haupt dieser Familie, welche ich ubrigens nicht kenne, nicht eine von den Figuren ist oder sein wird, welcher man Bahnen der Kultur anvertraut?" sagte der Diakonus. "Der unbefangene Beobachter hat in dieser Hinsicht zuweilen die erschreckendsten Kontraste anzuschauen. Nun mussen Sie einraumen, dass ein franzosischer Marquis oder Duc, von dem eine gleiche Barbarei gegen einen Klassiker seiner Nation verlautete, in der Pariser Sozietat fur Lebenszeit verloren ware."
"Das Beispiel von Frankreich fordert hier von selbst zur Frage auf", sagte der Jager. "Wie kommt es nur, dass sich dort ganz naturlich gemacht hat, was bei uns nie zustande kommen will, namlich: ein bestandiger Kontakt der Grossen mit den Geistern und mit dem Geiste der Nation, eine zarte Achtung vor dem geistigen Ruhme der Nation, und eine unbedingte Anerkennung der Literatur, als der eigentlichen Habe der Nation?"
"Die franzosische Nation, ihr Geist und ihre Literatur haben und sind Esprit", versetzte der Diakonus. "Der Esprit ist ein Fluidum, welches die Natur unter den zu seiner Erzeugung gunstigen Voraussetzungen an ganze Lander und Volker austeilen kann. Es ist also dort in Frankreich eine naturliche Brucke von dem Volksgeiste und von der Literatur zu dem Geiste der vornehmen Klassen geschlagen, letztere ergreifen in ihrem Interesse ohne Anstrengung nur das ihnen Gleichartige. Wir haben keinen Esprit. Unsere Literatur ist ein Produkt der Spekulation, der freiwaltenden Phantasie, der Vernunft, des mystischen Punkts im Menschen. Die Gaben dieser von Grund aus gehenden Arbeit des Geistes sich anzueignen sind eben nur wieder Geister, welche die Arbeit stahlte, vermogend. Mit Leichtfertigkeit ist deutscher Art nicht beizukommen. Die Vornehmen arbeiten aber nicht gern, sie ziehen es bekanntlich vor, zu ernten, wo sie nicht gesaet haben. Deshalb ist es wieder naturlich wenn auch das Verwerfungsurteil uber die Barbarei des ersten Standes bei Kraften stehenbleibt dass er locker mit deutschem Geiste zusammenhangt; zu einem naheren Bundnisse hatte er sich uber Gebuhr anstrengen mussen."
"Zu leugnen ist doch auch nicht, dass gerade durch die Absonderung des deutschen Geistes von dem Atem der hohen Sozietat ihm manche Tugenden erhalten worden sind", sagte der Jager; "seine Frische, seine eigensinnige herbe Jungfraulichkeit, sein rucksichtsloses Um- und Vorgreifen. Denn jede Erfindung der schaffenden Seele, welche vor Augen haben muss, mit gewissen Forderungen der Gesellschaft zusammenzutreffen, wird notwendigerweise mechanisiert. Unsere Wissenschaft, unsere Philosophie, unsere Literatur sind Tochter Gottes und der Natur; mit welchen andern mochten sie einen Tausch solches Stammbaums eingehen?"
Hier wurden diese Gesprache von einem heftigen Schreien, ja Brullen unterbrochen, welches sich an der Zinskarre erhob. Hinzueilend sahen sie den Kuster in entsetzter Stellung, die Arme wie Wegweiser ausgebreitet, das Gesicht braun und weiss gesprenkelt, den Mund wie Laokoon aufgesperrt. Um ihn her standen die Frauenspersonen und der Kolonus, der seine Karre zum Stehen gebracht hatte. Die Kusterin klopfte dem Kuster den Rucken, die Magd hatte ihm den Rock halb aufgeknopft, aus welchem das Federkissen gefahrlich hervorhing. Der Diakonus forschte nach der Ursache des Auftritts und erfuhr von seiner Magd (denn der Kuster war noch immer sprachlos), dass der Kuster von der Karre abgestiegen sei, um, wie er gesagt, der lieben Verdauung wegen etwas zu gehen, da sei ein grosser schwarzer Hund dicht an ihm vorbei quer uber den Weg hinubergeschossen, der Kuster habe aber sofort jenes Geschrei oder Gebrull erhoben, so dass beinahe die Pferde scheu geworden seien.
In diesem Augenblicke gab die Kusterin ihrem Manne, bei dem das Klopfen nicht verfangen wollte, mit den Worten: "Wenn alles bei der Maulsperre vergebens ist, so hilft das!" aus Leibeskraften eine Ohrfeige. Alsobald flogen die Kinnbacken des entsetzten Mannes zusammen wie Torflugel, er wischte sich die Tranen aus den Augen und sagte zu seiner Frau: "Ich danke dir, Gertrud, fur diese Backpfeife, durch welche du mich von schweren Leiden kuriert hast." Und zum Diakonus sich wendend: "Ja, Herr Diakonus, ein wutender, ein toller Hund! Schweif eingeklemmt, rote und dabei triefende Augen, Schaum vor der Schnauze, blaue Zunge, heraushangend, taumelnder Gang, kurz alle Kennzeichen der wasserscheuen Wut!"
"Um Gottes willen, wo hat er Euch gebissen?" rief der Diakonus erblassend.
"Nirgend, mein Herr Diakonus", versetzte der Kuster feierlich, "nirgend; dem Allmachtigen sei Dank dafur. Aber wie leichtlich hatte er mich beissen konnen. Ich habe das Ungeheuer, wie andere einen grimmen Wolf durch Geigenspiel in die Flucht schlugen, durch den Ton meiner Stimme, die mir Gott gegeben, verscheuchet und verjaget, als es eben im Anspringen auf mich begriffen war. Er stutzete und schwang sich seitswarts die Wallhecke hinauf. Mir aber blieben von der ubermenschlichen Anstrengung jenes heilsamen Angstrufes die Kinnbacken in der Maulsperre verfangen und verfestiget, bis meine gute Ehefrau, wie Sie gesehen, mir die wirksame Backpfeife verordnete. Das ist ein Zinstag, an welchen ich gedenken werde!"
Der Diakonus und der Jager hatten Muhe, ein Lachen zu verbeissen. Die Magd sagte, sie glaube nicht, dass der Hund toll gewesen sei, er moge wohl nur seinen Herrn verloren gehabt haben, in welchem Falle die Kreaturen sich immer sehr ungebardig anstellten. Wirklich sah man den Hund in einiger Entfernung auf einem Feldwege ruhig und schweifwedelnd hinter einem Packentrager hergehen. Der Kuster, dem diese Bemerkung mitgeteilt wurde, liess sich nicht aus der Fassung bringen, sondern sprach ernsthaft: "Wie leichtlich hatte der Hund toll sein konnen!"
Der Diakonus liess ihn und sein Fuhrwerk sich wieder in Bewegung setzen und trennte sich an dieser Stelle von dem Jager, da, wie er sagte, ihr Gesprach doch gestort sei, und der Kolonus es ihm verdenken werde, wenn er dessen Gesellschaft auf dem ganzen Heimwege meide. Bei dem Abschiede musste der junge Schwabe seinem Bekannten das Versprechen geben, ihn auf einige Tage in der Stadt zu besuchen. Darauf gingen sie nach verschiedenen Richtungen auseinander.
Eilftes Kapitel
Die fremde Blume und das schone Madchen. Die
Gelehrte Gesellschaft
Die Sonne stand noch hoch am Himmel, und dem Jager war es nicht gelegen, so fruh in den Oberhof zuruckzukehren. Er trat auf eine der hochsten Wallhekken, sah sich in der Gegend um und meinte, dass er eine Hugelgruppe, welche in geringer Entfernung ihre buschichten Haupter erhob, wohl noch durchstreifen und doch vor spat abends wieder in seinem Quartiere sein konne. Das Wiederfinden des Diakonus und sein Gesprach hatte manche Erinnerungen der fruheren Zeiten in ihm aufgeweckt; er war unruhig und sehnte sich in dieser Stimmung nach Pfaden, die er noch nicht betreten, nach Bergen und Baumen, an deren Anblick er sich noch nicht gewohnt hatte. Tief, tief seine heisse Seele in das kuhle Waldesdunkel, in den feuchten Dunst bemooster Felsen, in den begeisteten Schaum springender Quellen zu tauchen, danach lechzte er; danach schmachtete er aus der brutenden Warme der Kornfelder.
Der Anblick des Diakonus hatte ihm wohl und wehe gemacht; ihre erste Bekanntschaft war durch die unerschrockene Gymnastik des Geistes, in welcher die Jugend ihre ersten uberschwellenden Krafte zu tummeln liebt, bezeichnet gewesen. Jener, alter, und wie erwahnt worden, schon Fuhrer eines jungen vornehmen Schweden, hatte sich dennoch als ein immer fertiger Disputant und Opponent zu den Studenten gehalten, und manche Stunde der Mitternacht war dem Jager mit ihm in eifrigem Kampfen und Ringen vergangen. "Ja", rief er, indem er immer furbass den Hugeln zuschritt, "du, mein deutsches Vaterland, bleibst doch der ewig geweihte Herd, die Geburtsstatte des heiligen Feuers! Uberall, auf jedem Fleckchen in dir wird dem Dienste des Unsichtbaren geopfert, und der Deutsche ist ein Abraham, der dem Herrn den Altar baut allerwege, wo er auch nur die Nacht uber gerastet hat." Er gedachte der Reden seines Bekannten und der Situation, in welcher sie vorgefallen waren. "Das wird auch anderwarts nicht vorkommen, dass ein armer Pastor, hinter seiner Huhnerkarre herschreitend, sich an der unsterblichen Idee der Nation begeistert", sagte er. "Lacherlich und erhaben! Lacherlich, weil das Erhabene auch durch das Armlichste und Kleinste bei uns hindurchsieht und die Formen des Geringen siegreich zerbricht! Wie reich bist du, mein Vaterland!"
Sein Fuss betrat frisches, feuchtes Wiesengrun, besaumt von Buschen, unter denen ein klares Wasser rann. Dieser vollen, gesunden, jungen Seele taten noch symbolische Handlungen not, sich und ihrem Drange zu genugen. In kurzer Entfernung zeigten sich kleine Felsen, uber die ein schmales, schlupfriges Pfadchen lief. Er ging hinuber, klomm zwischen den Klippen nieder, streifte den Armel auf, ritzte das Fleisch seines Armes und liess das Blut in das Wasser rinnen, indem er ein stilles, frommes Gelubde ohne Worte sprach. Er legte den Arm in das Wasser, die Flut kuhlte ihm mit anmutigem Schauder das heisse Blut ab. So, halb knieend, halb sitzend an dem feuchten, dunkeln, umklippten Orte blickte er seitwarts in das Offene; da wurden seine Augen von einer prachtvollen Erscheinung gefangengenommen. Zwischen den Grasern waren alte Baumtrumme verweset und starrten schwarz aus dem umgebenden lustigen Grun. Einer derselben war ganz ausgehohlt, in seinem Inneren hatte sich der Moder zu brauner Erde niedergeschlagen, und aus dieser und aus dem Trumm, wie aus einem Krater, bluhte die herrlichste Blume empor. Uber dem Kranze sanfter runder Blatter erwuchs ein schlanker Stengel, der grosse Kelche von unnennbar schoner Rote trug. Tief in den Kelchen stand ein geflammtes zartes Weiss, welches in leichten grunen Aderchen nach dem Rande zu auslief. Es war offenbar keine hiesige, es war eine fremde Blume, deren Samenkorn, wer weiss, welcher? Zufall in den durch die Verwesungskrafte der Natur bereiteten Gartenboden getragen, und eine gunstige Sommersonne auch hier zum Wachsen und Bluhen gebracht hatte.
Der Jager erquickte sein Auge an diesem reizenden Anblicke, der ihn belohnte, als er das Gelubde getan hatte, mit Leib und Seele dem Vaterlande angehoren und zeitlebens keine Gotter haben zu wollen, als die heimischen. Trunken von der Magie der Natur lehnte er sich zuruck und schloss in sussen Traumereien die Augen. Als er sie wieder offnete, hatte sich die Szene verandert.
Ein schones Madchen in einfachem Gewande, den Strohhut uber den Arm gehangt, kniete vor der Blume, hielt deren Stengel zartlich, wie den Hals des Geliebten umschlungen, und blickte, die holdeste Freude der Uberraschung in den Augen, tief in einen der roten Kelche. Sie musste, wahrend der Jager zuruckgebeugt lag, leise herbeigekommen sein. Ihn sah sie nicht; die Klippen verdeckten ihn, und er hutete sich wohl, eine Bewegung zu machen, welche ihm die Erscheinung verscheuchen konnte. Aber, als sie nach einer Weile atmend von dem Kelche emporschaute, fiel ihr Blick seitwarts in das Wasser, und sie gewahrte den Schatten eines Mannes. Nun sah er sie sich verfarben, die Blume aus ihren Handen entlassen, ubrigens aber regungslos auf den Knieen bleiben. Er erhob sich mit halbem Leibe zwischen den Klippen, und vier junge, unschuldige Augen trafen einander mit feurigen Strahlen. Nur einen Augenblick! denn alsobald stand das Madchen, Glut im Antlitz, auf, warf den Strohhut uber das Haupt und war mit drei raschen Schritten hinter den Buschen verschwunden.
Er kam nun auch aus den Klippen hervor und streckte den blutigen Arm nach den Buschen aus. War der Geist der Blume lebendig geworden? Er sah diese wieder an, sie wollte ihm nicht mehr so schon bedunken, wie wenige Augenblicke zuvor. "Eine Amaryllis", sagte er kalt, "ich erkenne sie jetzt, ich habe sie im Gewachshause." Sollte er dem Madchen nachfolgen? Er wollte es, eine geheime Scheu fesselte aber seinen Fuss. Er fasste an seine Stirne; getraumt hatte er nicht, das wusste er, "und das Ereignis", rief er endlich mit einer Art von Anstrengung, "ist auch so absonderlich nicht, dass es getraumt werden musste! Ein hubsches Madchen, die des Weges daherkommt und sich auch an einer hubschen Blume erfreut, das ist das Ganze!"
Er strich zwischen unbekannten Bergen, Talern, Gelanden umher, solange ihn die Fusse tragen wollten. Endlich musste er an den Ruckweg denken. Spat, im Dunkeln, und nur mit Hulfe eines zufallig gefundenen Fuhrers erreichte er den Oberhof.
In diesem brummten die Kuhe, der Hofschulze sass auf dem Flure mit Tochter, Knechten und Magden zu Tische und wollte moralische Gesprache beginnen. Aber dem Jager war es unmoglich, darauf einzugehen, es kam ihm alles verwandelt, roh und ungefuge vor. Er suchte rasch seine Stube, nicht wissend, wie er noch langer in das Ungewisse hin hier werde verweilen konnen. Ein Brief, den er oben von seinem Freunde Ernst aus dem Schwarzwalde fand, vermehrte noch sein Missbehagen.
In dieser Stimmung, welche einen Teil der Nacht dem Schlummer raubte und die sich selbst am folgenden Morgen noch nicht verloren hatte, war es ihm sehr erwunscht, dass ihm der Diakonus ein kleines Wagelchen schickte, ihn nach der Stadt abzuholen.
Schon von weitem zeigten Zinnen, hohe Mauern und Bastionen, dass der Ort, einst ein machtiges Glied im Bunde der Hansa, seine grosse, wehrhafte Zeit gehabt habe. Der tiefe Graben war noch vorhanden, wenngleich zu Baumpflanzungen und Kuchengarten verwendet. Sein Fuhrwerk bewegte sich, nachdem das dunkle, gotische Tor durchfahren war, etwas muhsam auf dem zerschrotenen Steinpflaster und hielt endlich vor einer freundlichen Wohnung, an deren Schwelle ihn schon der Diakonus empfing. Er trat in einen heitern, behaglichen Haushalt ein, belebt von einer munteren, hubschen Frau, und einem Paar lebhafter Knaben, die sie ihrem Eheherren geboren hatte.
Nach dem Fruhstuck machten sie einen Gang durch die Stadt. Die Strassen waren ziemlich menschenleer. Zwischen alten Schwibbogen, Turmchen, Kragsteinen, Fragmenten von Steinfiguren zeigten sich nicht selten Sumpfstellen, Baumplatze, Grasflecke. Um ein altes Gebaude, mit vier zierlichen Spitzsaulen an den Ecken und einer Kranzung von Rauten und Rosen aus Sandstein sprang ein mutwilliges Wasserchen; Efeu und wilder Wein hatte sich in den Ritzen des Mauerwerks eingenistet. Ringsumher die tiefste Einsamkeit. "Ist es nicht, als ob man den Geist der Geschichte leibhaftig weben und spinnen sieht?" sagte der Jager an dieser oder einer anderen ihr ahnlichen Stelle. "Ja", versetzte der Diakonus, "man wird hier, wie von selbst, zum Altertume hingefuhrt, und eine erinnernde Stimmung bemachtigt sich der Seele. Dazu kommt, dass auch ein Teil der Bevolkerung aus menschlichen Ruinen besteht."
"Wieso?" fragte der Jager.
"Weil es hier sehr wohlfeil leben ist, ferner wegen der Stille des Orts und vielleicht auch wegen seiner dem menschlichen Alter ahnlichen Physiognomie ziehen sich hieher viele bejahrte Leute aus Amt und Geschaft zuruck, ihre letzten Tage unter diesem verwitternden Gemauer zuzubringen", sagte der Diakonus. "Greiser Beamten und Offiziere, welche hier ihre Pensionen verzehren, betagter Rentner, welche das Comptoir jungeren Handen uberlassen haben, gibt es hier eine Menge. Wenn nun auch viele dieser Ausruhenden nur langweilige alte Tropfe sind, so stosst man doch auch auf manchen, der sich umgetan hat, einen reichen Schatz von Erfahrung bewahrt und von dem man Dinge zu horen bekommt, die nicht so allgemein bekannt sind. So erzahlen gewissermassen die steinernen Trummer Geschichte und die Menschentrummer, welche darunter umherwanken, Memoiren. Hier sollen Sie gleich ein solches Fragment kennenlernen, einen alten Hauptmann; nur bitte ich Sie, widersprechen Sie ihm in nichts, denn Widerspruch kann er nicht ertragen."
Er klingelte an der Ture eines ziemlich gut aussehenden Hauses, welches hinter Kastanien beschattet lag, ein Diener offnete und fuhrte mit steifer militarischer Haltung den Besuch in ein Zimmer, welches von Sauberkeit glanzte. Dann ging er den Herrn zu rufen, welcher, wie er sagte, die Huhner futtere. Der Diakonus blickte sich fluchtig im Zimmer um und sagte dann rasch zum Jager: "Der Hauptmann ist heute franzosisch, also um Gottes willen keine patriotische deutsche Aufwallung, er mag vorbringen, was er will!" Der Jager hatte sich gleichfalls im Zimmer umgesehen. Alles atmete darin das Andenken an die Taten des Empire. Napoleon stand als ganze Figur im bekannten Oberrocke, die Arme gekreuzt, auf dem Schreibschranke, ausserdem war er mehrmals in Busten und Medaillons vorhanden. Da hing Murat in dem bekannten Theaterkostume zu Ross, Eugen, Ney, Rapp. Es fehlte nicht der General bei dem Besuche der Pestkranken zu Jaffa, der erste Konsul zu St. Cloud und der Kaiser bei dem Abschiede von den Garden zu Fontainebleau. Viele, diesen gemasse Darstellungen reihten sich ihnen an. In einer Ecke des Zimmers sah der Jager ein Bucherbrett mit den Werken von Segur, Gourgaud, Fain, Las Cases und andern, welche zu dieser Autorenreihe gehorten.
Dennoch hatte er die Mahnung seines Begleiters nicht ganz verstanden und wollte ihn eben um nahere Erlauterung bitten, als der Hauptmann das Zimmer betrat. Es war ein altlicher Herr in blauem Oberrock, das rote Band im Knopfloch. Durch das hagere Gesicht zogen sich unzahlige Runzeln und auch einige Schmarren. Er begrusste seine Gaste mit trockener Hoflichkeit, lud sie zum Sitzen und liess sich den Namen des Jagers nennen, den der Diakonus ohne Arg aussprach, ehe sein Trager es verhindern konnte. "Ich habe", sagte der Hauptmann, indem er nachsann, "einen dieses Namens bei den Wurttembergern in Russland gekannt. Der Zufall fuhrte uns mehrmals zusammen, bei Smolensk gerieten wir beide in Gefangenschaft, halfen uns aber bald wieder heraus."
"Das war mein Oheim", erwiderte der Jager. Diese Entdeckung gab ihm sogleich einen naheren Bezug zu dem Hauptmann, dessen ganzes Gesicht sich erheiterte. Er druckte dem Neffen seines alten Kameraden die Hand und liess sich nun in seinen Kriegserinnerungen bis zur Schlacht von Leipzig ungemessen gehen. Dort aber bekamen sie einen Halt und stockten, sozusagen, hinter einem Schlagbaume, uber den sie nicht hinwegsprangen. Am Schlusse seiner Erzahlungen sagte er: "Es ist um einen grossen Mann eine eigene Sache, und die Menschheit schaufelt sein Bild aus dem Schutte hervor, mag das Ungluck diesen noch so hoch uber ihm aufgeturmt haben. Was haben alle die Siege, die zweimal nach Paris fuhrten, den Siegern in betreff des Nachruhmes geholfen? Nichts. Es sind Tatsachen geblieben, die alle Welt kalt anhort und weitererzahlt, aber der Kaiser, der Kaiser bleibt die einzige Gestalt jener Tage. Er hat die Menschen gequalt, und dennoch vergottern sie ihn, ei, ein wenig Qual ist dem Menschengeschlechte nutzer als allzu schlaffes Wohlleben! Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: An den gusseisernen Monumenten mit den spitzigen Kirchendachern werden die Invaliden wachen und die Gegitter den reisenden Englandern aufschliessen, aber nur an der Vendomesaule werden jeden funften Mai frische Immortellen liegen."
Der Diakonus erhob sich; der Hauptmann fragte, ob er den Fremden nicht noch anderweit zu sehen bekomme, was der Diakonus bejahte, da, wie er hinzufugte, sein junger Freund ihm das Vergnugen machen werde, an der Gelehrten Gesellschaft teilzunehmen. "In ihr hoffen wir diesmal stark auf Sie, liebster Hauptmann", sagte er. "Ich werde euch aus den Papieren meines seligen Freundes einen Beitrag liefern, welcher euch zeigen soll, welche Jungelchen den grossen Kaiser geschlagen haben wollen", versetzte der Hauptmann ironisch.
"Das ist ja ein wutender Bonapartist", sagte der Jager draussen zum Diakonus. "Tageweise", versetzte dieser. "Johann, konnen Sie uns nicht das preussische Zimmer zeigen?" mit diesen Worten wandte er sich an den begleitenden Diener. Der Mensch sah sich angstlich um, nach einigem Schweigen antwortete er: "Der Herr wird wohl gleich ausgehen; treten Sie nur sacht hinein, ich will hier auf Posten bleiben." Der Diakonus ging mit seinem Gaste uber den Flur nach der andern Seite des Hauses und tat ihm ein Zimmer auf, vor dessen Fenstern Weinranken einen grunen Schimmer verbreiteten und welches eine anmutige Aussicht auf bluhende Gartenbeete hatte. Das erste, was dem Jager auffiel, weil es der Ture gerade gegenuberstand, war ein Tropaon auf hohem Postamente, zusammengefugt aus Kanonen, Waffen, Fahnen, Kriegesgerat. An dem Postamente glanzten in goldenen Ziffern die Jahreszahlen 1813, 1814, 1815 und uber dem Tropaon an der Wand prangten in einer Einfassung von goldenen Sternen die Namen der Befreiungsschlachten auf weissem Grunde. Die Wande dieses Zimmers waren von den Busten der verbundeten Herrscher und ihrer Feldherrn geschmuckt. Da sah man den Abschied der Freiwilligen, Blucher und Gneisenau in ihren Regenmanteln nach der Schlacht an der Katzbach uber die Heide reitend, den Einzug in Paris, die Plane von Leipzig und Belle-Alliance. Und um den symmetrischen Gegensatz zu dem franzosischen Zimmer zu vollenden, so fehlte auch hier eine kleine Sammlung von Kriegsbuchern nicht, von Deutschen in deutschem Sinne geschrieben.
"Nun sagen Sie mir, was bedeutet das?" fragte der Jager, welcher die Gegenstande umher mit Verwunderung betrachtete. "Ist Ihr Hauptmann ein Amphibium?" "Ein Stuck davon", erwiderte der Diakonus. "Ich hore eben die Ture klinken, er hat das Haus verlassen, ich kann Ihnen mit Musse die Kontraste auslegen, uber welche Sie erstaunen."
Er notigte seinen Gast auf ein Canape, dann fuhr er so fort: "Unser Hauptmann ist ein rechtwinklichter, schroffer und unvermischter Charakter. Deshalb haben sich seine Erinnerungen wie zwei mathematische Figuren auseinandergelegt. Er diente bei den Franzosen mit grosser Auszeichnung; Sie haben gesehen, dass ihm unter jenen Adlern das rote Band zuteil geworden ist. Nach der Schlacht von Leipzig wurde sein Corps aufgelost, er war als Deutscher sich selbst und den vaterlandischen Verhaltnissen zuruckgegeben. Indem nun das Kriegsgetummel weiter raste, und alle Welt gen Frankreich zog, ware es unnaturlich gewesen, wenn der alte Degen hatte zuruckbleiben sollen; er nahm daher preussische Dienste, und kampfte mit so vielen andern Tausenden nun auf derselben Seite, welche er noch vor wenigen Monaten zu vernichten sich bestrebt hatte. Auch unter diesen Fahnen war seine Tapferkeit belobt, namentlich soll er spaterhin in den morderischen niederlandischen Schlachten wie ein Lowe gestritten haben. Er empfing zu dem Kreuze der Ehrenlegion das Eiserne, jenem so feindlich gewordene.
Nach dem Frieden blieb er nur noch kurze Zeit im Heere; seine Strapazen und Wunden hatten ihn murbe gemacht. Hieher zog er sich mit seiner Pension zuruck, welche ihm ein anstandiges Auskommen gewahrte. Indem nun jedermann um ihn her in den wiedererworbenen westlichen Teilen des Vaterlandes sich mit seinen Gefuhlen einzurichten wusste, die Sympathien des gesturzten Reichs und der neuen Deutschheit amalgamierte, oder wenigstens zusammenschweisste und lotete, wollte es unserem armen storrigen Hauptmann nicht so wohl gelingen. Den Degen in der Faust hatte er ohne Reflexion darauf losgeschlagen, fur oder wider; aber in der Musse und im Nachdenken des Friedens uberfiel ihn eine Spaltung und Verwirrung, welche ihn fast toll machte. Er konnte es nicht in sich beherbergen, dass er binnen Jahresfrist ein tapferer Franzose und ein tapferer Preusse gewesen sein sollte, dass er bis zum Oktober 'la perfidie du cabinet de Berlin' habe zuchtigen und nach dem Oktober das Vaterland retten helfen. Mit seltsamen Blikken betrachtete er die beiden Orden, die streitbaren Lowen, welche wie friedliche Lammer nebeneinander auf seiner Brust ruhten. Er stiess Reden aus und verubte Handlungen, die seinen Bekannten bange um ihn machten.
Ich weiss von diesen Dingen nur durch andere, denn ich war damals noch nicht hier. Moglich, dass der Zustand durch die Nachwirkung seiner Kopfwunden und des russischen Eises befordert worden ist, doch bin ich uberzeugt, dass die Ursache desselben im Geistigen, in dem Leisten- und Fachartigen seines ehrenwerten Sinnes gelegen hat. Endlich nahm sich ein Fieber seiner an, machte ihm Leib und Seele frei. Unmittelbar nach der Herstellung richtete er die sonderbare Lebensweise sich ein, deren Zeichen und Spuren Ihnen aufgefallen sind, und in dieser habe auch ich ihn erst kennengelernt.
Er stiftete namlich militarische Ordnung in seinen Erinnerungen und teilte sie, sozusagen, in zwei abgesonderte Corps ein, die fur sich agieren. Eine Zeitlang ist er Franzose und ganz versenkt in die Herrlichkeit der Napoleonischen Zeit, dann wird er wieder eine Zeitlang ebenso entschiedener Preusse und Lobredner des Aufschwungs jener grossen Epoche der Volksbewegung. Diese Phasen treten abwechselnd ein, je nachdem ihn eine Vorstellung, die dem einen oder andern Kreise angehort, in Beschlag nimmt, und sie dauern so lange, bis der Stoff der Vorstellung sich abgesponnen hat. Es versteht sich, dass er auch immer nur einen Orden, entweder den preussischen, oder den franzosischen tragt. Diesem Turnus gemass hat er denn auch die beiden abgesonderten Wohngelasse sich ausgerustet, und neben jedem ein besonderes Schlafgemach. Druben unter den Marschallen bringt er zu, wenn er Franzose ist, und hier bei dem Tropaon verweilt er, wenn er die preussischen Tage hat. Nicht wahr, wir besitzen hierzulande gute Originale?"
"In der Tat", versetzte der Jager, "man fuhlt sich bei Ihnen wie in der Welt des 'Tristram Shandy'. Ubrigens kann ich nicht sagen, dass mir die Manier des guten Hauptmanns, so barock sie auch aussieht, gerade unvernunftig vorkame. Mancher Deutsche, welcher eine geraume Zeit lang selbst nicht gewusst hat, was er eigentlich war, Franzose oder Deutscher, wurde durch sie seinen Charakter reiner und einfacher erhalten haben. Wie das Gemut ihm unbewusst einen Streich spielte! Zu dem vaterlandischen Zimmer erwahlte er das bestgelegene mit gruner lieblicher Aussicht, wahrend das franzosische unerquicklich an der kahlen, oden Strasse liegt."
"In einem Punkte ist der Hauptmann hochst achtbar", sagte der Diakonus, "in dem, dass, wenn auch seine Phantasie tage- und wochenweise an den fremden Erinnerungen haftet, dennoch nie der leiseste Wunsch nach der Zeit des allgemeinen Elends in ihm aufkeimt. Fur unsere Gelehrte Gesellschaft ist er vom grossten Nutzen, denn er besitzt einen wahren Schatz an einem Hefte personlicher Denkwurdigkeiten eines verstorbenen, ihm innigst verbunden gewesenen Freundes, eines Offiziers.
Man lernt aus denselben das Kleinleben des Krieges kennen, was die eigentlichen Geschichtsbucher, Schlachtbeschreibungen und militarischen Berichte gar nicht enthalten, und weil ein Mensch von hinreissendem Gefuhl und treuer Beobachtungsgabe jene unbefangenen Notizen aufgeschrieben hat, so ist mir nicht selten bei einzelnen Partien zumute geworden, als rolle sich vor mir eine neue Ilias und Odyssee ab. Wenigstens leidet und handelt darin der Einzelne trotz des passiven Gehorsams und der mechanischen Kriegsfuhrung unserer Tage, wie ein homerischer Held. Von diesen Denkwurdigkeiten liest nun zuweilen der Hauptmann in unserer Gesellschaft Abschnitte vor."
Der Jager erkundigte sich nach der Gelehrten Gesellschaft, deren Dasein er in dieser Stadt nicht vermutet hatte, und der Diakonus erzahlte ihm, indem er ihn aus dem Hause des Hauptmanns weiter durch die Stadt fuhrte, lachelnd und heiter von ihrer eigentumlichen Gestalt, ihren Gesetzen und ihren produktivsten Mitgliedern, unter denen ausser einem Dichter ein Sammler und ein Reisender von Profession vorkamen. Er sagte ihm, dass er ihm schon deshalb heute den Wagen geschickt habe, damit er einer Sitzung beiwohnen konne, die auf den Abend bestimmt worden sei und ihm vielleicht einige angenehme Stunden bereite.
Unter diesen Gesprachen waren sie zu einem geraumigen Wiesenplatze gekommen, welcher aber gleichwohl noch innerhalb der Ringmauern der Stadt lag. Auf demselben erhob sich eine alte gotische Kirche, grun wie die Wiese. Der Jager konnte an ihrem Anblicke sein Auge nicht ersattigen. Teils war schon die Farbe des Sandsteins, wie sie bezeichnet worden, ausserst eigen; teils aber hatte die Natur auch ihr willkurlichstes Spiel mit dem lockeren und murben Material getrieben, und in dem reichen Pfeiler- und Schnitzwerk, an den Kanten und Ecken durch Regenschlag und Nasse ganz neue Figurationen hervorgebracht, so dass das Gebaude wenigstens stellenweise aussah, als sei es nicht aus des Menschen, sondern aus ihrer Hand hervorgegangen. "Wie sonderbare Symbole werden oft um uns her gestellt!" rief der Jager. "Hier steht die Kirche, an welcher, mindestens an deren Ornamenten sich nicht unterscheiden lasst, was davon der Baumeister gewollt, und was Zeit und Wetter hinzugefugt haben, und gestern erschien mir an einer Blume im Walde ein schones Madchen."
Der Diakonus fragte naher nach, und der Jager erzahlte ihm mit glanzenden Augen und bewegter Stimme sein Waldabenteuer. "Nach Ihrer Beschreibung zu urteilen, sind Sie mit der blonden Lisbeth zusammengetroffen", sagte jener. "Das liebe Kind streift im Lande umher, ihrem alten faselnden Pflegevater Geld zu verschaffen; sie war auch bei mir vor einigen Tagen, wollte sich aber nicht verweilen. Wenn sie es war, so hat Ihnen die Natur wirklich ein Symbol gezeigt, denn auch das Madchen ist in Moder und Verfall aufgebluht, wie Ihre Wunderblume aus dem alten Baumtrumm. Uber ihr halten schirmende Geister die Hande, sie ist das liebenswurdigste Aschenbrodel und ich wunsche ihr nur den Prinzen, der sich in ihren kleinen Schuh verliebt."
Auf dem Ruckwege sollten der Sammler und der Reisende besucht werden, beide waren aber nicht zu Hause. In der Wohnung des Diakonus hatten sich dagegen bei der Frau mehrere Freundinnen eingefunden, anscheinend zufallig, eigentlich jedoch wohl in der Absicht, den jungen hubschen Fremden in Augenschein zu nehmen. Sein munteres trauliches Wesen brachte ihn bald mit allen den Frauenzimmern, unter denen keine einzige Hassliche war, in naive Beruhrung, und es schadete ihm bei ihnen nicht, dass sie hin und wieder uber seine Zischlaute heimlich lacheln mussten.
Er hatte sich bei Tische seiner Verschwiegenheit geruhmt. Als man aufgestanden war, zog ihn die Wirtin rasch beiseite und flusterte ihm zu: "Sagen Sie den beiden" sie zeigte auf zwei ihrer Freundinnen, welche zum Essen geblieben waren "nichts vom heutigen Abende, es soll daraus eine Uberraschung fur sie gesponnen werden." "Sie meinen", versetzte er, "die Gelehrte Gesellschaft des heutigen Abends." "Dieselbe", erwiderte die Frau schalkhaft, "und verschweigen Sie, wenn Sie sich auch sonst verschnappen sollten, wenigstens den Ort der Zusammenkunft, wie heisst er doch nur gleich?"
Er nannte ihr harmlos den Ort, den er zufallig auch bereits vom Diakonus erfahren hatte. "Richtig!" rief die Frau, eilte zu ihren Freundinnen, und alle drei verliessen flusternd und lachend das Zimmer.
Zwolftes Kapitel
Brief und Antwort
Der Oberamtmann Ernst an den Jager
Wenn Du mich Mentor nennst, so steckt Pallas Athene in mir, und wenn ich dann trotz meiner Gottlichkeit immer noch an dem unfolgsamen Telemach hange, so muss wohl das unerbittliche Schicksal daran schuld sein, dem Gotter und Menschen sich beugen.
Sage mir, was bist Du? Wo fangt bei Dir die Vernunft an, und wo hort die Torheit auf Mischwesen? Willst Du ewig ein Kind bleiben? Kommt es denn immer in Dir nur zu Bluten und setzen sich nie Fruchte ab? Ich dachte, man wurde alles mude, absonderlich dummer Streiche, und Du hattest den Reiz der Neuheit in dieser Materie allgemach uberwunden.
Allerdings glaube ich, dass der Mensch von dunkeln Instinkten manches zu erdulden hat, und insonderheit mag Deinem Blute durch die schwarmende und ubertriebene Zartlichkeit Deiner Eltern, welcher Du Deine Entstehung verdankst, der Kitzel eingeimpft worden sein, von Abenteuern zu Abenteuern fortzustrudeln. Wenn Du aber meinst, dass aus solchen instinktelierenden Anstossen irgend etwas Grosses, ja dass nur etwas Gutes und Gescheites daraus hervorgehen konne, so bist Du gewaltig im Irrtum, ich habe immer die Handlungen der Menschen erst anfangen sehen, wo diese Region dammriger Willkurlichkeiten hinter ihren Fussen lag. Von der Geschichte Deines Ludwigsburger Granatensuchers hast Du das Ende vergessen. Der Mensch gewohnte sich nach dem kleinen Glucke, welches ihm sein Raptus gebracht, das Trinken an, ging oder taumelte einmal bei spater Abendzeit in der Gegend umher und fiel in den Neckar, aus dem man am andern Morgen seine Leiche zog. Ihr Ritter der Nachtseite der Natur greift aber immer aus den Tatsachen nur das heraus, was in euren Kram passt, und woran ihr kapuzinerhaft euren Spruch demonstrieren konnt.
Dein Umherschweifen hat Dir manche schone Stunde und viele tausend Gulden unnutz geraubt, mit Deinem verwunschten Schiessen wirst Du einmal ubel ankommen; was Deine Verehrung der Frauenzimmer betrifft, so ist diese Andacht fur mich eine neue Bekanntschaft, ich hatte bis jetzt in der Hinsicht nichts Absonderliches an Dir verspuren konnen. Beinahe krank bin ich aber von Deinem Briefe geworden, denn es gibt nichts Verhangnisvolleres, als wenn ein Mensch in Deinen Jahren und Verhaltnissen noch Streiche macht, die man kaum einem heimatlosen Studenten verzeiht. Die Leute glauben nicht an die Torheit, sie suchen und finden in solchen Eulenspiegeleien Grunde und Absichten. Was die Deinige zur Folge gehabt hat, will ich Dir kurz und praktisch vorhalten. Man steht bei Deinem einmal hingeworfenen Worte fest, Du seist schon im Auslande versprochen, man setzt Deine Reise mit diesem Geschwatz in Verbindung, sagt, Du habest nur einen Vorwand ergriffen, um zu entrinnen, und werdest unversehens mit einem aufgelesenen alten akademischen Liebchen wiederkehren. Fraulein Clelia ist durch Deine Ritterschaft aufs ausserste blossgestellt und ganz trostlos. So erzahlte mir Pfleiderer, der von Stuttgart hier durchreiste. Ausserdem hat die Sache verblumt schon im "Merkur" gestanden, und was der "Merkur" weiss, dass weiss bekanntlich ganz Schwaben.
Ich habe mich nun kurz resolviert. Deiner seligen Mutter versprach ich einst, fur Dich Sorge tragen zu wollen bei allen Exzessen, zu denen Dich Dein sturmisches Temperament verleiten mochte; und als guter Geschaftsmann will ich mein Wort halten. Die Sommerferien stehen vor der Tur, eine Bewegung tut mir auf die ewige Schreiberei auch not, der Arger, wenn ich Dich treffe, wird die Motion verstarken kurz, in acht Tagen schliess' ich mein Oberamt zu, reise den Rhein hinab, biege nach Deiner Tacitischen Germania, wo Du unter Bohnen, Schweinen und Bauern so genussreiche Tage verlebst, hinuber, fasse Dich, wo ich Dich finde, und will dann sehen, ob Du mich wirst allein zuruckreisen lassen.
Ubrigens bin ich, wie immer
Dein Freund Ernst
*
Der Jager an den Oberamtmann Ernst
Ich sende Dir diese Zeilen nach Stuttgart entgegen, wo sie in Wilhelms Handen fur Dich beruhen bleiben, denn Du wirst als ein wahrer Glaubiger gewiss erst in unserer National-Kaaba Dein Gebet verrichten, bevor Du hinausziehst in die Fahrlichkeiten des falschen Auslandes.
Nun ist mir erst wohl. Du hast mir die Lektion gegeben, und so steht alles in gehoriger Ordnung. Dass Du mir nachrennst, entzuckt mich, denn ich sehe daraus, dass Torheit ansteckt und machtiger ist, denn Vernunft. Wenn Du kommst, will ich mit Dir, geduldig wie ein Lamm heimreisen, sofern sich nicht inzwischen der Schrimbs oder Peppel noch findet, wozu freilich wenig Anschein. Konnte ich nur des alten Jochem erst wieder habhaft werden! Wer weiss, wo der arme Kerl umherrennt? Ich habe schon in verschiedenen offentlichen Blattern nach ihm Erkundigung getan, jedoch bis jetzt vergebens.
Hier in dieser altertumlichen Stadt verweile ich seit mehreren Tagen bei einem guten Bekannten, den ich unversehens wiedergefunden habe. Eine gar hubsche Hauslichkeit und ein angenehmer Kreis umgibt ihn. Auch hier habe ich narrische Sonderlinge kennengelernt, welche doch dabei gute, schatzbare, unterrichtete Menschen sind, so dass man uber sie lacheln und ihnen zugleich von Herzen zugetan sein kann. Welche Masse von Bildung, Wissen und Eigenartigkeit ist bei uns uberallhin verbreitet! Wenn diese Reise auch weiter keinen Nutzen hat, so wird sie mir schon dadurch, dass sie mir jene Uberzeugung recht in die Hand gab, heilsam sein.
Der Gipfel unserer Geselligkeit war der vorgestrige Abend, wo ihre Gelehrte Gesellschaft (lache nicht!) eine Sitzung hielt. Sie haben eine Akademie zusammen gestiftet, in welcher die verschiedenartigsten Aufsatze vorgelesen werden. Diese sind aber statutenmassig bis auf weiteres aller Veroffentlichung durch den Druck streng entzogen. Jeder muss Strafe zahlen, der sich zur Unterstutzung einer vorgetragenen Meinung auf eine Flugschrift oder ein Zeitblatt beruft, und von den Zusammenkunften bleiben die Frauen ausgeschlossen. In dieser Gesellschaft brachte ich einen wahrhaft platonischen Abend zu, denn wenn wir alle auch lange nicht so schon redeten, wie die Griechen, so kam doch so viel Urteil, Beobachtung, Scherz und Laune zum Vorschein, dass Du Dich verwundern wirst. Ich schreibe namlich in den Morgenstunden die Geschichte dieses Abends unter dem Titel: "Ein Gastmahl", fur Dich nieder. Eine unvermutete Wendung hatte ich der Sache zubereitet, indem ich in meiner Unschuld gegen die Frauen zum Verrater der Zusammenkunft geworden war, und diese dem Abende einen phantasievoll humoristischen Abschluss gaben.
Ach, Lieber! es ist mir zumute, als stehe mir die Poesie des Lebens so nahe, dass ich sie hinter jedem Busche jetzt und jetzt werde mit Handen greifen, aus jedem Blumenkelche in mich hineinsaugen konnen! Da, dort, uberall guckt die Elfe hervor und sieht mich mit Liebesaugen an. Ward denn jegliches Dasein bestimmt, wie eine der verwickelten algebraischen Gleichungen nur annaherungsweise ein Analogon von Auflosung darzubieten, oder gibt es nicht auch schlichte, plane Existenzen, die aus Sehnsucht und Erfullung ein reines Fazit ziehen? Und was denkst Du Dir bei diesen geschraubten Worten, die da unwillkurlich meiner Feder entflossen sind?
Ich bin so wenig ein Dichter, als Du ein Schwarzwalder Uhrmacher bist, aber bisweilen bricht die Poesie aus jedem, wie die Trane aus der Rebe im Lenz. Das sind dann schicksalsschwangere Momente, Momente, in denen unsere Sterne sich ruhren, und dadurch die Krafte unsres kleinen Selbstes ruhren und regen. Ich schrieb Dir von dem Spessarter Marchen, welches ich da hingeworfen, und nun ist's sonderbar, dass sich einzelne Elemente dieser Erfindung, z.B. das unvermutete Treffen eines Freundes, ein kurioses Waldabenteuer, korperlich hinstellen, freilich ganz verschieden von meinem Poem, aber im innersten Sinne doch verwandt, so dass es ist, als wollten mich meine Spessarter Zauberfiguren mit Wirklichkeit nekken.
Hiebei musst Du Dir gar nichts Besonderes vorstellen; es gibt nur so wunderbare Stimmungen, in denen man mehr seine Gedanken, als sein Leben lebt. So will mir das Waldgefuhl nicht aus dem Sinn, es flutet grun und kuhl mit frischem Borkengeruch durch meine Seele, und gelbe Funken kreuzen den stillen, trostlichen Schein.
In Leben und Tod, mein alter Ernst,
Dein Narr
N.S. Die arme Clelia dauert mich herzlich. Wie schlecht, dass ich ihrer erst jetzt gedenke! Was mich betrifft, so mogen sie von mir schwatzen, was sie wollen.
Dreizehntes Kapitel
Der Jager schiesst und trifft
Immer wurde unser junger Schwabe von seinen schwarmerischen Empfindungen wieder durch einen ausseren Eindruck abgezogen, der ihm etwas Neues zufuhrte. So besuchte er den Sammler, den wir auf dem Oberhofe kennengelernt haben, einige Tage, nachdem er den Brief an seinen Freund geschrieben hatte. Der alte Schmitz hatte ihm schon hin und wieder ein saures Gesicht gemacht, dass seine Schatze noch nicht fruher in Augenschein genommen worden waren, indessen erheiterte sich dieses jetzt bald, als der Jager, angelegentlich fragend, in der kleinen, engen und dunkeln Wohnung mit ihm durch die aufgestapelten alten Klosterbilder, Pergamenthaufen, Waffen, Urnen und Gefasse hindurchwanderte, und den gelegentlich erfolgenden Auseinandersetzungen: Wo Hermann den Varus geschlagen? ein aufmerksames Ohr lieh. Der Jager sah manches ihm Neue und wurde von der ganzen Beschauung noch mehr Nutzen gehabt haben, wenn ihm sein Fuhrer Musse gelassen hatte, die einzelnen Stucke genauer zu betrachten. Allein, sobald er einige Sekunden lang bei einem verweilt hatte, riss ihn der Ungeduldige mit schreienden Worten zu einem andern hin, in der Besorgnis, dass irgend etwas ubersehen bleiben mochte.
Er lebte, nach Sammlermanier, ganz einsam und nur seinen Seltenheiten hingegeben. Ein grosser, schwarzer Kater, welcher ihm treu anhing, machte seine ganze Hausgenossenschaft aus. Dieser ging denn auch heute, wie es seine Gewohnheit war, ernsthaft durch die Zimmer hinter den beiden menschlichen Beobachtern, wie ein dritter Altertumsfreund einher.
Der Alte war eigentlich infolge einer unglucklichen Liebe Sammler geworden. In seiner Jugend hatte er einem schonen Madchen sein Herz zugewandt, welche, zu fruh elternlos, unter der Obhut oder vielmehr Nichtobhut eines schwachen, nachlassigen Vormundes stand und bei ihrem Leichtsinn zu unabhangig war, um verstandig bleiben zu konnen. Nachdem sie den treuen Verehrer vielfaltig durch Grillen und Zweideutigkeiten gekrankt hatte, setzte sie ihrem Benehmen durch offenbare Untreue die Krone auf. Der Himmel strafte sie aber doppelt dafur; er liess sie ihr Herz an einen Unwurdigen hangen und bald hernach in eine schwere Krankheit verfallen, von welcher sie nicht wieder erstand. Auf dem Totenbette trat die Reue ihren wankelmutigen Busen an, sie schickte nach dem Verlassenen, es erfolgte eine Aussohnung, und sie setzte ihn zum Erben ihres Nachlasses ein. Unter diesem befand sich eine Menge goldener, silberner, emaillierter, seidner Kleinigkeiten, die das lebhafte Ding zusammengekauft, erbettelt, erstoppelt hatte, da ihr Auge, wie das der Elstern, an allen glanzenden Dingen hing, und ihre Hand besitzen musste, was ihrem Auge gefiel. Der Hinterbliebene stellte nun daraus ein kleines Kabinett sehr ordentlich zusammen, aber bald wollte ihm das Vorhandene nicht mehr genugen, die Medaillen, die Figurchen, die gemalten Portefeuilles und Mappen forderten Gesellschaft, und er gab sie ihnen durch Munzen, Metallsachen, Siegelkapseln, schon geschriebene Pergamenturkunden. Dergleichen greift aber immer weiter um sich, es zieht gewissermassen magnetisch das Gleichartige an, und ehe er es sich versah, hatte daher seine Umgebung und sein Leben die nachherige Gestalt bekommen. Da nun die Liebhaberei bei ihm gefuhlvollen Urspungs war, so gab sie ihm auch nicht das Trockene und Leblose, wodurch die Sammler in der Regel der Abdruck ihrer Sachen werden; er behielt vielmehr eine freundliche und milde Sinnesart.
Der Jager hatte neben einigem Guten viel Geringes besichtigen mussen. Jetzt fiel sein Blick in eine Ecke, worin die uns bekannte Amphora mehr versteckt als gewiesen stand. "Wie? Und dieses herrliche Gefass zeigen Sie mir nicht? Das ist ja leicht das schonste Ihrer ganzen Sammlung!" rief er erstaunt.
Eine Traurigkeit beschattete das Antlitz des Sammlers, seine gelaufige Zunge stockte, er ging in die Ecke, streichelte die Amphora, wie ein Vater sein krankes Kind streichelt, und erzahlte dem Jager zutraulich die Geschichte ihrer Erwerbung. "Seit der Zeit nun", fuhr er fort, "dass ich gegen mein Gewissen dem Hofschulzen ein Attest uber sein falsches Karlsdes-Grossen-Schwert ausstellte und mir durch diese Unwahrheit die Amphora zueignete, macht mir oft die ganze Sammlung keine rechte Freude mehr. Denn bei Altertumern beruht alles auf der Wahrheit, und wer fur ein fremdes gelogen hat, der kann auch leicht den Glauben an seine eigenen verlieren. Es geht mir schon hin und wieder so; ich sehe die Donnerkeile zweifelnd an, ich habe bereits getraumt, meine so schonen Brakteaten seien nachgemachte Scharteken. Das Ende vom Liede wird wohl sein, dass ich die Amphora zuruckgebe und mir mein falsches Attest wieder aushandigen lasse, wenn ich gleich nicht weiss, wie ich den Verlust des prachtigen Gefasses werde uberstehen konnen."
Der Jager musste ungeachtet des kummervollen Gesichtes, welches der alte Mann machte, lacheln, und sagte: "Mit Ihrer Gewissenhaftigkeit ware nie ein Museum zustande gebracht worden. Aber sagen Sie mir, was fur eine Bewandtnis hat es eigentlich mit dem Schwerte, auf welches der Hofschulze einen so ausserordentlichen Wert legt?"
Hierauf gab der Sammler dem Jager folgende wundersame Auskunft. "Dass hier auf unserer roten Erde der geweihte Boden der Freigerichte, welche man nur sehr uneigentlich Femgerichte genannt hat, war, wissen Sie", sagte er. "Freigerichte waren sie, und Freigerichte blieben sie trotz aller spateren Entstellungen und Missbrauche, namlich die Gerichte der ursprunglich freien Markengenossen, die so unbeschrankt auf ihrer Wehr sassen, als der Konig in seiner Pfalz. Das aber werden Sie nicht wissen, dass in mehreren Distrikten und so auch nahe hiebei manche Hofe, welche das Freischoffenrecht hatten, immer noch die Tradition dieses Besitzes erhalten, und dass dieselbe vom Vater auf den Sohn, vom Sohn auf den Enkel fortgepflanzt wird. Naturlich ist jetzt die Sache zu einer blossen Spielerei herabgesunken. Aber Wissende gibt es wirklich noch immer, die von Zeit zu Zeit sich bei den alten Freistuhlen versammeln, und durch Mitteilung der geheimen Erkennungszeichen und des Rituals neue Wissende machen. Anfangs nahmen einige Behorden von dem Hokuspokus Notiz, wollten in die Mysterien eindringen, aber das gelang ihnen nicht, die Bauern trieben ihr Wesen nur um so vorsichtiger und blieben gegen alle Anmutungen, den Sinn der Losung zu verraten, standhaft. Seitdem bekummert man sich nicht mehr darum.
Der Oberhof gehort nun recht eigentlich zu den alten Freischoffengutern. Nach dem Bauernglauben war es Karl der Grosse, der die Gerichte einsetzte, und das Gewaffen, was in dem Hofe aufbewahrt wird, gilt fur das Richtschwert, welches der Kaiser zum Zeichen der Investitur dem ersten Besitzer gegeben habe. Der Hofschulze, der ein gar schlauer Vogel ist, hat, sein Ansehen zu steigern, sich diesen Glauben zunutze gemacht, und spielt nun eine Art von Freigrafen. Er soll nicht selten mit den Schoffen der umliegenden grossen Hofe am Freistuhl zusammenkommen. Ja man spricht, dass durch ihn in die leeren Possen wieder ein Gehalt gebracht worden sei, dass sie uber manche Sachen wirklich ihre geheimen Urteile fallen. So viel ist wenigstens gewiss, dass die Gerichte sich selbst uber die wenigen Streitigkeiten wundern, die aus jener Gegend vor sie gebracht werden, obgleich unser Land sonst die Heimat der Prozesskramer ist."
"Aber wie ist das moglich, da ihnen ja jede Macht der Ausfuhrung fehlt?" fragte der Jager, den diese seltsame Entdeckung ganz traumerisch bewegte.
"Nun", sagte der Sammler, "sie konnen freilich keinen Widerspenstigen mehr am Baume aufknupfen, aber wenn sie ihm nun Hulfe, Beistand, Vorschub versagten, es durch ihren Einfluss, da sie die Reichsten in der Gegend sind, dahin brachten, dass ihn auch die andern mieden, keiner mit ihm im Kruge tranke, Knecht und Magd nicht bei ihm aushielte; wie dann? Ware das nicht auch ein Zwang, zwingend genug? Was vermag nicht die Meinung von Standesgenossen uber den Menschen? Es werden mitunter dort umher einzelne in auffallender Art freunde- und genossenlos, das dauert eine Weile, dann nahert sich ihnen wieder alles. Man spricht, diese seien Verfemte, und nur ihre Nachgiebigkeit hebe den Bann wieder von ihrem Hause."
Der Jager reimte nunmehr sich manches zusammen, was ihm bisher unverstandlich geblieben war. Er teilte seine Vermutung, dass binnen kurzem am Freistuhl etwas vorgehen werde, dem Sammler mit, und fragte ihn eifrig, ob es nicht moglich zu machen sei, einem solchen heimlichen Gerichte aus der Verborgenheit zuzuschauen? Damit wollte indessen der Sammler als mit einer gefahrlichen Sache nichts zu tun haben.
Der Fuhrmann trat ein, welcher den Jager nach dem Oberhofe befordern sollte und sagte, dass der Wagen vor der Ture stehe. Der Jager hatte namlich mit dem Diakonus die Absprache genommen, sich in der Stadt einquartieren zu wollen, hielt es jedoch fur ziemlich, seinem alten Wirte in Person Dank und Lebewohl zu sagen. Einen Teil des Weges uber hatte er weder auf diesen, noch auf das Fuhrwerk acht, da seine Gedanken um den Freistuhl und die Geheimnisse des Femgerichtes schwebten, die noch immer schattenartig in der Gegenwart fortlebten. "Sonderbares Land", rief er fur sich, "in welchem alles ewig zu sein scheint! Wie kommt es, dass aus dir noch kein grosser Dichter hervorgegangen ist? Diese Erinnerungen, welche von dem Boden nicht weichen wollen, diese alten Sitten und Gebrauche mussten doch wohl imstande sein, eine Einbildungskraft zu entzunden!" Er ubersah, dass das Talent keine Feldfrucht ist, sondern wie das Manna in der Wuste vom Himmel fallt.
Als er auf die Aussendinge wieder zu merken begann, nahm er wahr, dass sein Waglein sich schnekkenartig fortbewegte, weil das eine Pferd stark lahmte. Er entschloss sich kurz, liess das Fuhrwerk heimgehen und machte den ubrigen Weg zu Fuss. Freilich konnte er nun nicht, wie er gewollt, am namlichen Tage zur Stadt zuruckkehren, musste sich vielmehr bequemen, die Nacht auf dem Lande zuzubringen.
Er fand den Hofschulzen an einem Scheurentore zimmern. Als dieser von seiner Arbeit die blitzenden Augen unter den weissen Brauen gegen ihn emporhob, kam er ihm nach den erhaltenen Aufschlussen wie der Alte vom Berge vor. Der Jager meldete ihm seinen bevorstehenden Abzug. Jener erwiderte: "Das ist mir lieb, das Frauenzimmerchen, welches vor Ihnen die Stube hatte, liess mir sagen, sie wurde heute oder morgen zuruckkommen; der mussten Sie doch weichen, und ich konnte Sie nur unbequem logieren."
Der ganze Hof schwamm in dem beginnenden roten Abendlichte. Eine reine Sommerwarme durchdrang die von keinem Dunste beschwerten Lufte. Es war ganz einsam zwischen den Gebauden; alle Knechte und Magde mussten wohl noch auf dem Felde zu tun haben. Auch im Hause sah er niemand, als er nach seinem Zimmer ging. Dort ordnete er, was er an diesem Orte zuweilen aufgeschrieben hatte, packte seine wenigen Sachen zusammen und sah sich dann nach dem Gewehre um.
Dieses war jedoch verschwunden. Er begriff nicht, wer es ihm fortgenommen haben konne, und ging, bei dem Hofschulzen Erkundigung einzuziehen, uber den Gang nach der Treppe zu. In einem Gelasse seitwarts glaubte er ein Gerausch zu vernehmen "vielleicht ist eine Magd darin, die dir es auch nachweisen kann" dachte er und klinkte die Tur auf. Er war aber in die Schlafkammer der Tochter geraten und sah erschreckt eine unzweideutige Gruppe. Herzklopfend schritt er rasch nach seinem Zimmer zuruck; der Brautigam, ein junger starker Bauer, folgte ihm dahin nach. "Das mussen Sie nicht fur ubel nehmen", sagte dieser. "Denn das zweite Aufgebot ist gewesen, und nachsten Donnerstag ist die Hochzeit, und wenn es soweit ist, so hat sich keiner um so etwas zu bekummern, und der Pastor und der eigene Vater fragt nichts darnach. Es wird diese Nacht bei uns im Hofe Korn gesackt, deshalb musste ich meine Braut heut zu Nachmittage besuchen."
"Mich geht das nichts an", antwortete der Jager verwirrt, "wenn ich nur wusste, wo mein Gewehr ist." "Dieses will ich Ihnen sagen", antwortete der junge Bauer, "der Schwiegervater hat es heimlich weggenommen und dort hinter dem grossen Schranke versteckt, denn er sagte, der dritte Choral aus Ihrer Geschichte ware "
"Was? Choral? Ihr wollt wohl Moral sagen?"
"Jawohl. Also der dritte Choral aus Ihrer Geschichte ware, dass man einem Fehlschutzen von Mutterleib aus kein Schiessgewehr unter Handen lassen musse. Ein gewohnlicher Fehlschutz ware wenig zu astimieren, aber ein Fehlschutz von Mutterleib konnte grossen Schaden anrichten."
Der Jager horte nicht langer auf diese Reden hin, warf vielmehr seine Weidtasche um, eilte nach dem Schranke, zog hinter demselben das Gewehr hervor, lud, und war mit zwei Schritten aus dem Hofe nach dem Freistuhl, sich die unruhig wogenden Bilder aus der Seele zu schiessen. Schon im duftigen goldenen Dammer des Eichenkamps hatte er seine Lebensgeister wieder beisammen. "Nun das muss wahr sein", rief er, "die Idyllenschreiber haben uns die Bauernwelt arg verzeichnet! Sowohl die schaferlich-zarten, als die knolligen Kartoffelpoeten.
Sie ist eine Sphare, so mit derber Natur, wie mit Sitte und Zeremonie ausgefullt, und gar nicht ohne Anmut und Zierlichkeit, nur liegt letztere woanders, als wo sie in der Regel gesucht wird. Ist der Bursch aus Unenthaltsamkeit vor der Zeit in sein Recht getreten? Gewiss nicht. Es ist so Herkommen, lieblicher, lustiger Brauch, und sein Madchen wurde sich vielleicht fur verachtet halten, wenn er ihn nicht mitmachte."
Droben auf dem Hugel am Freistuhl ward ihm sehr wohl. Das Korn wiegte sauselnd die Ahren, schwer von Segen, des Vollmondes grosse gluhrote Scheibe stieg am Ostrande des Himmels auf und noch wirkte der Widerschein der in Westen abgeschiedenen Sonne. Die Atmosphare war so rein, dass dieser Widerschein gelbgrun glanzte. Er empfand seine Jugend, seine Gesundheit, seine Hoffnungen. Hinter einen grossen Baum am Waldrande stellte er sich; "heute will ich doch erproben", sagte er, "ob das Geschick nicht zu beugen ist. Ich schiesse nur, wenn mir etwas bis auf drei Schritte vor dem Rohre nahekommt, und da musste es ja mit Zauberei zugehen, wenn ich fehlen sollte."
Im Rucken hatte er den Forst, vor sich die Senkung mit den grossen Steinen und Baumen des Freistuhls, gegenuber umschlossen die gelben Kornfelder den einsamen Ort. In den Wipfeln uber ihm gurrten noch einzelne verlorne Tone der Turteltaube, durch die Aste der Baume am Freistuhle fingen die wilden Lindenschwarmer an mit den grunroten Flugeln zu schwirren. Allgemach begann es auch im Walde am Boden sich zu ruhren. Ein Igel kroch schlafrig durch das Laub; ein Wieselchen zog den geschmeidigen Leib aus einer Steinspalte, nicht breiter, als der Kiel einer Feder, hervor. Buschhaslein sprangen mit vorsichtigen Satzen, zwischen jedem innehaltend, sich duckend und die Loffel legend, ins Freie, bis sie, mutiger geworden, auf dem Rain am Kornfelde sich emporhoben, tanzelten, miteinander spielten, und die Vorderlaufe zu scherzenden Schlagen brauchten.
Der Jager hutete sich wohl, dieses Hasenvolk zu storen. Endlich trat ein schlankes Reh aus dem Walde. Klug die Nase in den Wind streckend, links und rechts aus den grossen, braunen Augen umherschauend, schritt das Tier auf den feinen Fussen mit leichter Grazie einher. Jetzt war das Zarte, Wilde, Fluchtige dem Geschosse des Versteckten gegenuber angelangt, es war so nahe, dass es fast nicht gefehlt werden konnte, er wollte abdrucken, da schreckte das Reh zusammen, tat einen Sprung in veranderter Richtung gerade auf den Baum zu, hinter welchem der Jager stand, sein Schuss ging los, das Wild setzte in gewaltigen Sprungen unverwundet waldein, zwischen dem Korne aber war ein Schrei erschollen, und wenige Augenblicke nachher kam eine weibliche Gestalt auf einem schmale Pfade, der in der Linie des Schusses lag, aus den Feldern hervorgewankt.
Der Jager warf die Flinte weg, sturzte auf die Gestalt zu und meinte vergehen zu mussen, als er sie erkannte. Es war das schone Madchen von der Blume im Walde. Sie hatte er statt des Rehes getroffen. Sie hielt die eine Hand auf der Gegend zwischen Schulter und linker Brust, dort quoll unter dem Tuche reichlich das Blut hervor. Ihr Antlitz war bleich und etwas von Schmerz verzogen, doch nicht entstellt. Sie holte dreimal tief Atem und sagte dann mit sanfter und matter Stimme: "Gottlob, es muss nichts gefahrlich verletzt sein, denn ich kann Atem holen, wenn es mir auch Schmerzen macht. Ich will versuchen", fuhr sie fort, "den Oberhof zu erreichen, zu dem ich auf diesem Richtwege gelangen wollte, wo mich nun das Ungluck treffen musste. Geben Sie mir Ihren Arm." Er fuhrte sie einige Schritte hugelabwarts, da zuckte sie zusammen und sagte: "Es geht doch nicht, die Schmerzen sind zu heftig, ich konnte unterweges ohnmachtig werden. Wir mussen schon an diesem Orte aushalten, bis Leute herbeikommen und eine Tragbahre verschaffen konnen."
Trotz ihrer Wundschmerzen hielt sie ein Packchen fest in der linken Hand, dieses reichte sie ihm jetzt und sagte: "Verwahren Sie es mir, es ist das Geld, welches ich fur den Herrn Baron eingesammelt habe, ich mochte es verlieren. Wir mussen auf langeres Bleiben uns gefasst machen", fugte sie hinzu. "Wenn es Ihnen moglich ware, mir ein Lager zu bereiten und etwas Warmendes zu geben, dass die Kalte nicht zur Wunde schlagt!"
So hatte sie die Besonnenheit fur sich und ihn. Er stand sprachlos, bleich und starr, wie eine Bildsaule; die Verzweiflung wuhlte in seinem Herzen und liess kein lautes Wort uber die Lippen. Jetzt gab ihm ihre Aufforderung Bewegung, er eilte nach dem Baume, hinter dem er seine Weidtasche abgelegt hatte. Dort sah er auch das ungluckliche Gewehr liegen. Wutend ergriff er es und schlug es mit solcher Kraft gegen einen Stein, dass der Schaft zersplitterte, die Laufe sich bogen, und die Schlosser von ihren Schrauben lossprangen. Er verwunschte den Tag, sich, seine Hand. Zu dem Madchen zuruckgesturzt, welches sich auf einen Stein des Freistuhls gesetzt hatte, fiel er ihr zu Fussen und flehte, den Saum ihres Kleides kussend, unter heftigen Tranen, die nun aus seinen Augen mit Gewalt brachen, sie um ihre Vergebung an. Sie bat ihn, doch nur aufzustehen, er habe ja nicht dafur gekonnt, die Wunde sei gewiss nicht bedeutend, er moge ihr nur jetzt helfen. Er richtete ihr nun einen Sitz auf dem Steine zu, indem er die Weidtasche auf denselben legte. Um ihren Hals band er sein Tuch, um ihre Schultern legte er locker und lose seinen Rock. Sie setzte sich auf den Stein, er nahm neben ihr Platz und bat sie, zu ihrer Erleichterung ihr Haupt an seine Brust zu neigen. Sie tat es.
Der Mond war in volliger Klarheit uber einen Teil des Himmels gedrungen und beschien fast taghell die beiden durch einen rohen Zufall einander so Nahegeruckten. In der vertraulichsten Nahe sass der Fremde mit der Fremden, sie stiess leise Schmerzenstone an seiner Brust aus, und von seinen Wangen flossen unaufhaltsame Tranen. Rings aber um sie her verbreitete sich nach und nach das Schweigen und die Einsamkeit der Nacht.
Endlich wollte es das Gluck, dass ein spater Wanderer durch die Kornfelder ging. Der Ruf des Jagers erreichte sein Ohr, er eilte herzu und wurde nach dem Oberhofe geschickt. Bald darauf liessen sich Fusstritte hugelan Kommender vernehmen; es waren die Knechte, welche einen Tragsessel mit Kissen brachten. Der Jager hob die Verwundete sanft hinein und so gelangte sie spat in der Nacht unter das Obdach ihres alten Gastfreundes, der sich freilich sehr verwunderte, die Erwartete in diesem Zustande ankommen zu sehen.
Zweiter Teil
Drittes Buch
Acta Schnickschnackschnurriana
Erstes Kapitel
Gegenseitige Offenheiten
"Diese Ziegen am Helikon "
"Ota wollt Ihr sagen "
"Nein, Helikon will ich sagen, ich habe mich fruher versprochen. Diese Ziegen am Helikon, unter welche ich als Knablein geriet, hatten ehedem einen Bund zur Verfeinerung ihrer Wolle gestiftet"; ausserte Munchhausen.
"Es freut mich", rief der alte Baron, "dass wir jetzt unter das Vieh kommen! Auf diesen Punkt in Euren Historien war ich immer noch einigermassen gespannt, denn das andere, was Ihr seither vortrugt, wollte mir nicht mehr recht unterhaltend scheinen nehmt mir's nicht ubel, Mann, aber Offenheit muss unter Freunden sein."
"Versteht sich am Rande", sprach Munchhausen feierlich. "Die Ziegen also ..."
"Guter Meister, kannst du mir zusichern, dass in der Geschichte nichts vorkommt, was mein Zartgefuhl beleidiget?" fiel das Fraulein ein. Sie nannte Munchhausen seit einer erhebenden Szene, die sich zwischen ihnen vor einigen Tagen zugetragen hatte, du.
"Nicht das geringste, Diotima-Emerentia", antwortete der Freiherr. "Zu jener Viehart gehoren zwar der Ordnung der Natur gemass Bocke, auch kommen diese in meiner Geschichte vor, ich werde aber delikat sein und sie die Gatten der Ziegen nennen. Ferner tritt ein Mistkafer auf, der soll das Ross des Trygaos heissen; eine Schmeissfliege flicht sich ein du wirst mich fassen, wenn ich von der blauen Schwarmerin spreche."
"Ich werde dich ganz fassen, mein Meister", antwortete das Fraulein mit einem ihrer unbeschreiblichen Blicke. "Ja", sagte Munchhausen, "darin bist du du, und deinen Schwestern gleich. Wenn nur der Bock der Gatte der Ziegen heisst, so konnen sie alles anhoren."
"Hort, Kinder", rief der alte Baron halb scherzend, halb argerlich, "dieses du und du, und du du klingt ein wenig, als wenn der Kuhhirt dutet. Ich dachte, ihr bliebet beim Sie, es ist ein feinerer, spitzerer Laut. Ich liebe dich, Renzel, und ich schatze Euch, Munchhausen, deshalb will ich fur euch beide klug sein. Eine Mariage ware nichts mehr in euren Jahren."
"Mariage!" rief das Fraulein und errotete. "O, wie verstehen Sie, mein Vater, mich einmal wieder recht grundlich miss!" Sie ging aus dem Zimmer.
"Mariage!" rief der Freiherr und ergrunte. "Nein, mein wurdiger Altvater, befurchten Sie keine Mariage. Ich konnte Ihre unschatzbare Tochter tausend Jahre lang du nennen und dachte nicht an Mariage. Zur Mariage gehort Amour; ich spure keinerlei Amour fur meine Diotima-Emerentia. Es ist der Ort und ist die Stunde, Ihnen eine wichtige Entdeckung zu machen. Ich fuhle eine Achtung fur jenes reine weibliche Wesen, die in das Unermessliche geht, sie lasst sich nur mit der Begeisterung Kuhnes fur Theodor Mundt vergleichen. Wenn Emerentia nieset, so ist das fur mich ein Gedicht; aber meine Empfindungen stehen zu derselben Zeit abgesondert, gleichsam geronnen, fur sich, sie haben keinen Verkehr mit der Achtung, sie fuhren ihren eigenen Haushalt; kurz, denn Offenheit muss ja, wie Sie selbst herzlich und bieder aussprachen, unter Freunden sein Ihre gottliche Tochter ist mir trotz aller Wertschatzung, die ich fur sie empfinde, durchaus zuwider."
"Eigentlich sollte ich das ubelnehmen, ich als Vater", sagte der alte Baron. "Aber mir liegt hauptsachlich nur daran, dass zwischen euch keine Mariage zustande kommt, und deshalb ist es mir lieb, dass Ihr Renzeln nicht leiden konnt. Nennt sie denn also in Gottes Namen du. Unter uns, heisst das, nicht vor dem Schulmeister. Anfangs wart Ihr mir als Schwiegersohn wie eine erwunschte Stutze meines Alters vorgekommen, aber seit Ihr so manches Naturspiel an Euch entfaltet, hat sich die Sache geandert. Zwar erschrecke ich vor nichts mehr an Euch. Wenn Ihr nach Euren geheimen Experimenten oft verteufelt mineralisch riecht, wie Nenndorf, Pouhon und Aachen durcheinander, pflege ich zu sprechen: 'Tut nichts, grosse Manner haben ihre Eigenheiten', und nehme eine starkere Prise Doppelmops. Ich halte Euch wirklich fur einen grossen Mann, aber zum dritten Male sei es gesagt: Unter Freunden muss Offenheit sein obschon ich Eure Qualitaten wahrhaft anerkenne Ihr seid nachgerade fur mich ein Kerl geworden, vor dem ich eine stille Aversion verspure."
Munchhausens Wangen nahmen die Farbe des Smaragds an, die doppelfarbigen Augen zwinkerten zum Teil, zum Teil leuchteten sie von Tranen. Er griff in hoher Bewegung nach der Hand seines Wirtes, fuhrte sie an sein Herz und rief: "Wie danke ich Ihnen fur dieses ruckhaltslose Gestandnis! Ist das nicht eine andere und mannlichere Gesinnung, frei heraus zu sagen, was einer auf dem Herzen hat, als jene altbakkene Empfindsamkeit und hofliche Scheu, die Schlangen im Busen nahrt und auf die Lippen Nachtigallen schickt?"
"Kann denn nicht der deutsche Mann zum deutschen Manne sagen: 'Du bist ein Schafskopf' und dennoch mit ihm in Ruhe und Frieden leben?" rief der alte Baron eifrig.
"Kann ich Sie denn nicht fur einen alten Einfaltspinsel halten, und nichtsdestoweniger Sie herzlich lieben?" schrie Munchhausen.
"Bruder!" schluchzte der alte Baron und fiel seinem Gaste um den Hals, "Gott soll mich verdammen, wenn deine Gesellschaft mir nicht von Herzen abschmeckend zu werden anfangt. Ich meinte, du wurdest mir die Journale ersetzen, aber du kommst mir nach und nach alberner vor als irgendein Journal."
"Glaubst du denn, Bruder", versetzte der Freiherr und gab seinem Wirte einen Kuss, "dass ich eine Stunde langer bei dir und bei deiner schrumpflichten Tochter vergahnen wurde, wenn ich nur irgendwo anders Obdach und etwas zu beissen und zu brechen hatte?"
Die bewegten beiden Manner lagen einander lange sprachlos in den Armen. Zuerst erhielt der Wirt notdurftig seine Fassung wieder und stammelte: "Mein Bruder also?"
"Dein Bruder!" flusterte der Gast
"Und in des Worts verwegenster Bedeutung!"
Der Schulmeister trat ein. Die neuen Freunde wischten ihre Augen, der Schulmeister aber sagte: "Das gnadige Fraulein lasst anfragen, ob, wenn sie wiederkomme, keine Anspielungen, die ihr unangenehm waren, weiter vorfallen wurden?" Ihr Vater sandte den Boten mit der beruhigendsten Erklarung hinaus, welcher die Nachricht hinzugefugt wurde, dass nichts als die grosste gegenseitige Offenheit im Zimmer herrsche.
Als das Fraulein, noch eine leichte Rote auf den Wangen, erschien, ging ihr Munchhausen entgegen, kusste, wie er pflegte, ihr die Hand und sagte ernst: "Keine Mariage, meine Diotima-Emerentia!"
"Keine Mariage, mein Meister", erwiderte das Fraulein in wurdiger Haltung.
So standen die beiden jungen Leute ohne Liebesund Heiratsgedanken einander gegenuber; ihre Hande blieben verbunden. Der Vater trat zwischen sie, legte seine Rechte, wie segnend auf die verbundenen Hande, blickte gen Himmel und rief: "Nie in diesem Leben eine Mariage!"
Die Ruhrung des Abends war gross. Der Ziegen am Helikon wurde nicht weiter gedacht. Keine der drei Personen, welche auf dem Wege der Offenheit einander so nahegeruckt waren, mochte einen Bissen in den Mund nehmen. Der Schulmeister, welcher nichts von dem ganzen Hergange begriff, ass alles auf.
Von den tiefsinnigen Bemerkungen, welche Munchhausen an diesem Abende mitteilte, hat die Geschichte folgende bewahrt.
"Die Zeit verlangt Wahrheit, die ganze Wahrheit, nichts als die Wahrheit. Es muss noch dahin kommen, dass keiner dem andern eine Ohrfeige ubelnehmen darf, wofern letztere nur aus einer teuren Uberzeugung entsprang. Kein Briefgeheimnis, kein Hausgeheimnis! Alle diese obsoleten Begriffe mussen fallen! Alles muss offentlich sein! Die Spalten der Zeitungen durfen sich selbst den Beobachtungen uber die Vorgange des Orts, wohin niemand schicken zu konnen Kaiser Karl der Funfte bedauerte, nicht verschliessen."
"Was fur ein Ort ist dieser, mein Meister?" fragte das Fraulein.
"Er heisset auf Ebraisch Gehenna", versetzte der Freiherr. "Ah so", sagte das Fraulein und tat, als ob sie Munchhausen verstehe.
Dieser fuhr fort: "Alles muss offentlich sein fur das neue priesterliche Geschlecht der Wahrheit! Gott der Herr hat zwar Herz und Hirn unter Hullen von Knochen, Hauten und Fleisch gesetzt, und deshalb meinte die Menschheit lange Zeit, sie durfe manches, was Herz und Hirn ihr beschaftige, unter Hullen verwahren, aber sie hat im Irrtum gestanden, es ist ein Versehen bei der Schopfung vorgefallen. Brust und Kopf sollten eigentlich mit Glasschiebern erschaffen werden, was nur damals im Drange der Geschafte ubersehen worden ist. Ich weiss dieses von Nostradamus, den ich kurzlich sprach, und der es von Gott unmittelbar hat."
"Wer ist Nostradamus?" fragte der alte Baron.
"Ein emeritierter Professor der Naturgeschichte zur Leiden", antwortete der Freiherr, nahm ein Licht und empfahl sich.
Nach Munchhausens Abgange sagte das Fraulein zu ihrem Vater: "Damit nie wieder eine Anspielung der Art, wodurch ich heute aus dem Zimmer gescheucht ward, verlaute, bin ich im Begriff, Ihnen, mein Vater, sobald der Herr Schulmeister sich entfernt haben wird, eine grosse Eroffnung zu tun." Der Schulmeister ging und murmelte: "Ich werde heute meinen Entschluss fassen." Der alte Baron, welcher eigenen Gedanken nachhing, horte auf seine Tochter nicht hin, sondern verliess mit den Worten: "Es ist eine Scheidewand gefallen und ich werde mir nun Licht schaffen"; das Zimmer.
Emerentia hatte sich wie sie sagte, aus weiblicher Schamhaftigkeit, und um den Blick des Vaters zu meiden mit dem Antlitze der Wand zugekehrt, als sie sich anschickte, die grosse Eroffnung zu tun. Sie bemerkte daher den Abgang ihres Vaters nicht und sprach eine geraume Zeit die tiefsten Herzensangelegenheiten der tauben Wand gegenuber aus, bis sie, hingerissen von ihrem Feuer, sich plotzlich umwendete und sah, dass es ihr an einem Horer fehle und, wie sie nun vermuten musste, immer gefehlt habe. Da blieb ihr das Wort zwischen den Lippen haften und der Rest ihrer Eroffnung im Herzen stocken; stumm und verdriesslich suchte sie ihr Lager auf.
Zweites Kapitel
Der Autor gibt einige notwendige Erklarungen
Die Geheimnisse des Schlosses, welches ich auch wohl fernerhin Schnick-Schnack-Schnurr nennen muss, weil ich ihm, wie vielem, was in dieser Geschichte vorkommt, leider nicht den rechten Namen geben darf die Geheimnisse des besagten Schlosses, sage ich, nicht uber die Gebuhr undurchdringlich zu machen, muss hier teilweise berichtet werden, was die drei handelnden Personen mit ihren Reden gemeint hatten.
Munchhausen war nicht sobald auf der Stammburg derer von Schnuck-Puckelig-Erbsenscheucher in der Boccage zum Warzentrost warm geworden, als seine Anwesenheit in dem Gemute des Barons, seiner Tochter und des Schulmeisters grosse und verschiedenartige Bewegungen hervorbrachte, wie denn ein bedeutender Mensch niemals in einen Kreis tritt, ohne dass von ihm in den Verhaltnissen des Kreises Umwandelungen ausgehen. Der Kreis unseres Schlosses hatte sich bis zu Munchhausens Ankunft von seinen leidenschaftslosen Einbildungen still ernahrt, es fehlte aber viel, dass dieser idyllische Zustand seitdem noch fortdauerte, vielmehr wurden die drei Akademiker von Schnick-Schnack-Schnurr in entzucktem Herzklopfen, brennender Neugier und ernster Selbstbetrachtung umgetrieben.
Emerentien war das entzuckte Herzklopfen zugefallen.
Sie hatte Rucciopuccion, den Birmanen aus Siena, der eigentlich der Pratendent von Hechelkram war, durch alle niederen Hullen hindurch, welche Laune oder tiefberechnete Absicht ihn anzulegen getrieben, erkannt. Das Herz der Frauen ist in solchen Dingen ein sicherer Wegweiser; Damayanti sah dem Wagenlenker des Konigs Rituparna sofort an, dass in ihm ihr Gatte Nala die Peitsche schwinge, Theodolinde von Bayern merkte gar bald, als sie dem angeblichen Freiwerber den Becher kredenzte, dass er ihr bestimmter Brautigam Autharit, Konig von Lombardien sei, und es wahrte nicht lange, so wusste Emerentia, woran sie mit dem Bedienten Karl Buttervogel war.
Erschreckt nicht, meine Teuren! Die Sache hatte sich ganz naturlich zugetragen, namlich folgendermassen. Anfangs war die Gestalt des so sehnlich zuruckerwarteten Geliebten wie ein Traumbild vor ihr auf und nieder gewallt, nach und nach hatte das Traumbild bestimmte Zuge angenommen, endlich wich jeder Zweifel und machte der gewissesten Gewissheit Raum.
Denkt an Emerentiens Bewegung, als die beiden Fremdlinge die Burg ihrer Vater betraten, als aus dem Munde des Dieners die verhangnisvollen Worte: "Blumenhut" und "Lauferschurz", erklangen, als der Diener selbst mit dem improvisierten Blumenhute und Lauferschurze vor ihr stand! War ihrem Geiste nicht seit so vielen Jahren der Laufer als Vorlaufer des Fursten von Hechelkram erschienen? Da stand nun ein Laufer vor ihr, das bunte Taschentuch als Schurz um die Hufte gewunden, den Strauss von Feldblumen am Hute, kein gewohnlicher gemachter Laufer, nein, ein unwillkurlich zusammengefugter, ein Schicksalslaufer!
Es durchzuckte ihr Herz. Wenn sie in diesem Augenblicke den Wink der himmlischen Machte nicht begriffen hatte, so wurde sie sich selbst haben verachten mussen. "Aber vorsichtig, Emerentia", flusterte sie dem pochenden Herzen zu, "vorsichtig, dass die letzte Tauschung nicht die schlimmste werde!"
Sie richtete jene tiefsinnig prufenden Fragen an Munchhausen, welche er so wenig verstand, als die unglucklichen Leser des ersten Teils dieser Geschichten sie werden verstanden haben. Munchhausen aber gab ihr darauf die befriedigendsten Antworten. Jetzt war sie versichert, dass ihr durch Blumenhut und Schurz die Erscheinung des Fursten von Hechelkram angekundiget worden sei. "Aber wo, wo weilest du?" fragte ihre sehnsuchtige Seele.
Munchhausen begann zu erzahlen, ein Tag nach dem andern verstrich, Rucciopuccio blieb unsichtbar. Ihr Gemut litt unter der unruhigen Erwartung. Endlich fasste sie sich ein Herz (was wagt nicht ein liebendes Weib?) und schuchtern sagte sie zu dem Diener Karl Buttervogel eines Tages, gerade als sie ihn den Rock Munchhausens ausklopfend fand: "Karl, sein Sie wahr gegen mich! Wo weilt der Grossere, in dessen Dienste Sie eigentlich stehen?"
Karl Buttervogel liess den Klopfstock sinken, riss die Augen auf, spuckte, wie gemeine Leute bei Verlegenheiten zu tun pflegen, aus, und sagte: "Mich soll der Teufel holen, wenn mein Herr grosser ist, als ich, und ich kenne keinen Grosseren, und mit meinem Dienen hat es zum langsten gewahrt."
"Wie?" fragte das Fraulein in hochster Spannung.
"Denn diese Kondition gefallt mir nicht, und ich werde mich bald auf meine eigene Hand setzen", fuhr Karl Buttervogel fort.
"Was?" rief das Fraulein, von einem uberwaltigenden Gedanken erschreckt. Sie wankte und war einer Ohnmacht nahe. Munchhausen, dem der Diener mit dem Rocke zu lange machte, kam in Hemdarmeln die Treppe heruntergestolpert und fing die Freundin auf. "Schlingel, was trodelst du wieder? Lauf jetzt und hole Essig fur das gnadige Fraulein!" rief er Karln zu. Dieser versetzte trotzig: "Ich bin kein Schlingel, denn Sie geben mir keinen Lohn, aber Essig tue ich holen aus Barmherzigkeit." "Munchhausen", flusterte Emerentia in den Armen des Freiherrn, "Sie sehen mich in meinem Schmerz und zeigen mir ein menschlich Herz. Schmerz nenne ich diese Stimmung, denn auch das Ubermass der Freude kann wehe tun. Ich bin in einer unaussprechlichen Verfassung und beschwore Sie, mir zu sagen: Sind Sie und Ihr Karl die Vorlaufer jemandes, oder sind Sie ..." Munchhausen fuhr seltsam zusammen, zitterte mit den Nasenflugeln, sah sich scheu um, liess Emerentien nicht ausreden, sondern stotterte hastig: "Was Vorlaufer? Lassen Sie sich doch nichts in den Kopf setzen, meine Diotima. Gott verdamme mich, wenn uns jemand nachgelaufen kommt. Wir sind da, ich und mein Taugenichts von Bedienten, und man muss uns nehmen, wie wir sind, und nicht wahnen, dass noch ein anderer uns folge und hier auf dem Schlosse ankommen konne."
"Also ist es klar und entschieden, mein Gluck!" rief das Fraulein. Der Bediente Karl Buttervogel kam mit Essig. Emerentia spreche sich und ihr Gluck jetzt selbst aus.
Drittes Kapitel
Blatter aus Emerentias Tagebuche
"Was Vorlaufer! Es kommt uns niemand nachgelaufen" und: "Ich kenne keinen Grosseren, diese Kondition gefallt mir nicht, ich setze mich auf meine eigene Hand." So hat denn also des Schicksals Zeichen recht. Blumenhut und Lauferschurz deuten nicht in die ungewisse Ferne, nein, in der nachsten Nahe halt sich, den meine Seele ewig lieben wird, mein Furst, mein Freund, der Birmane von Nizza! Nach langen Prufungsjahren schlagt die Stunde der Wiedervereinigung, die Augen meines Freundes suchen mich unter den Tochtern von Zion, und Sulamith schlaft nicht, die Taube. Niemanden sendet er voraus, "gleich kommt er selbst, er ist im Schlosse, denn es lauft ihm ja niemand nach" er ist da, denn "er kennt ja keinen Grosseren". Gluckliche Emerentia!
*
Aber welcher von beiden ist's? Ist's der Freiherr, oder bis du es, Karl? Hier prufe, hier sei bedachtsam, hier zeige deinen ganzen Scharfsinn, Herz!
*
Ach, das Herz ist stumm. Munchhausen und Karl sind mir beide gleichgultig. Das ist nun herrlich fur die ferneren Beschlusse des Geschicks, da ich dem Fursten nur Freundin im reinsten Sinne des Worts sein will, aber ubel fur den Augenblick.
*
Denn ich erkenne den Plan des Pratendenten von Hechelkram. Unter der Verkleidung will er seine Emerentia erforschen, und wie herrlich wurde sie ihre Aufgabe losen, wenn sie plotzlich vor den Wahren trate und sprache: "Furst, Sie sind erkannt; Liebe sieht mit Adlersblicken, Treue halt, was sie gefasst, teuren Hauptes leisestes Nicken kundet den ersehnten Gast!"
*
Dass mir beide so gleichgultig sind! Eigenartige Qual, seltsame Verwirrung, festgeschurzter Knoten!
*
Ich glaube, der Freiherr ist's. Wir standen heute am Entenpfuhl, friedlich fischte das Gefieder nach dem grunen Flott zu unsern Fussen, ein erquickender Landregen fiel sanft vom grauen Himmel, der Freiherr erzahlte mir eine seiner sinnigen Geschichten, wie er vorlangst durch ein Senfpflaster, auf das Haupt gelegt, und dessen Ziehkraft sich ein ausgefallenes Bein wieder eingerenkt habe mein Busen wurde so weit, mir wurde so wohl und so weh, so so
Dumme Storung! Da werde ich gerufen, um Speck auszugeben. Wo die Lisbeth nur bleibt, die Landstreicherin, das unnutze Geschopf? Kommt sie wieder, soll sie es entgelten.
*
Nein! Nein! Nein! Das Geheimnis ward offenbar, Karl ist Rucciopuccio! Da sitze ich in der tiefen Stille der Mitternacht auf meiner einsamen Kammer und vertraue euch stummen Blattern die wundersame Post. Ja, wundersam muss ich wohl diese Fugung nennen, welche zum zweiten Male den Nussknacker entscheidend in mein Leben blicken lasst.
Ich stand heute in der Fruhe schon mit einer Fulle von Ahnungen von meinem Lager auf. Die Strumpfe sahen mich so bedeutend an, in den Pantoffeln war ein stilles Wesen und Weben, die lange Schnuppe des Nachtlichts, welches herabgebrannt war, wies tiefsinnige Figuren. Ist es mir doch einmal bestimmt, dass nichts gewohnlich um mich sein kann, bin ich doch in allen meinen Tagen das Spielwerk dunkler, hoher Machte gewesen!
Mein Haupt war wirr und wust! Ich stiess das Fenster auf, die gluhende Wange im Morgenwinde zu kuhlen. Von Nizza hatte ich in der Nacht getraumt, vom Meer, von den Alpen. Die beiden Juden hatte ich auf dem hochsten Gipfel gesehen, die mich nach der schrecklichen Katastrophe den Eltern brachten. Sie standen in einer Glorie von Sonnenstrahlen, hatten Schmerz in den Zugen, und ich horte den einen zum andern sagen: "Dass man uns gemacht hat zu guten Staatsburgern, das ist die Trauer von unsren Leuten in der Gegenwart, woraus sie malen Bilder und schreiben Verse. Die alte Zeit, die alte Zeit war besser, Jakob, wo wir rumliefen, wie unsre Vater in der Wuste Sin, die da lieget zwischen Elim und Sinai."
Ein bedeutender Traum, ein prophetischer Traum! Was weiss ich von der Wuste Sin, die da lieget zwischen Elim und Sinai? Im Traume lernte ich diese ebraischen Namen; die hohere Hand wollte mir einen Wink geben: "Siehe, ich bin da und werde wirken ein Wunder in deiner Nahe."
Ich sah zum Fenster hinaus.
Karl trat unten in den Hof. "Himmeltausend Sakrament!" rief er, "kriege ich heute wieder nichts zu fressen?" Entsetzliche Ausdrucke fur das Tagebuch eines zarten Madchens! aber ich muss ja alles treu mit den kleinsten Zugen berichten.
Der Laut jener Worte brachte mir alte Erinnerungen zugetragen. Wie aus weiter Ferne drang es, gleich der Stimme, die mir einst lieb war, in das Ohr! Diese sonderbare Ahnlichkeit der Tone, das Fluchen der Furst pflegte auch bisweilen zu fluchen, doch bediente er sich mehr der sogenannten schweren Angst mein Traum von Nizza, die trauernden Juden, die Wuste Sin, die Zeichen am Nachtlicht, das Pantoffelwesen, die bedeutenden Strumpfe
Karl setzte sich auf einen Stein im Hofe, sagte: "Ich muss mal in den Taschen suchen" suchte in der linken Jackentasche, rief: "Na, wenigstens noch ein paar alter, uberjahriger Nusse gegen das Verhungern" griff in die andere Tasche, zog daraus hervor
Ich hielt mein Herz mit bebender Hand, ging in die Speisekammer und schnitt fur Karin ein Butterbrot
Ich kann nicht weiter schreiben die Erinnerung uberwaltigt mich meine Pulse fliegen
*
Ich bin ruhiger. Gestern schwamm der Segen, der mir geworden, ein buntverwirrender Farbenschimmer vor meinen Augen, heute hat er sich zum entzuckenden Landschaftsbilde auseinandergesetzt, in welchem jeder Baum spricht: "Mein Schatten gehort dir", und die gemalte Quelle flustert: "Schwester, ruhe an meinem Borde!"
Ich trat mit dem Butterbrote leise hinter Karl Buttervogel. Zum letzten Male stehe der Name in den Blattern! Er hatte mich nicht kommen horen und knackte ruhig mit dem Instrumente, welches er aus der rechten Jackentasche gezogen hatte, seine Nusse auf.
Ich sah ihm uber die Schulter. Aber ach! da wankten meine Kniee, ich liess das Butterbrot fallen, Karl liess den Nussknacker fallen, ich hob den Nussknacker auf und Karl hob das Butterbrot auf! Ich druckte den Nussknacker an meine Lippen. Er war es, er war es! Der alte, treue Knacker, die erste, auf Rucciopuccio hindeutende Liebe! O ihn, ihn hatte ich gleich erkannt. Und hatte ich ihn denn auch verkennen konnen? Des Menschen Antlitz und Gestalt wandelt sich leider mit den Jahren, ein Nussknacker bleibt, was er war.
Ach, bitter-schmerzlich war dennoch dieses Wiedersehen! Das teure Heiligtum meiner Jugend sah mich an, wie eine Ruine. Von dem Rot der Uniform war der brennende Glanz gewichen, die Farbe der Unterkleider liess sich kaum noch erkennen, erloschen waren die schonen, grellblauen Augen, der Mund hatte durch das bestandige Knacken seine beste Kraft verloren, einen Hut trug er kaum noch, nur den Schnurrbart hatte die Missgunst der Zeiten verschont; er hing schwarz und voll wie in jenen goldenen Tagen uber den alt und mude gewordenen Lippen.
Ein Strom von Tranen befreite die Brust. Dann fasste ich mich und dachte an mich und mein Geschick. Karl hatte das Butterbrot verzehrt und sah mich gross an. "Gelt", rief er (ich muss ja seine eigenen Worte brauchen) "das ist ein narrischer Kerl? Ich habe den Schurken einmal vor vielen Jahren in einem italienischen Badenest auf'm Kehricht hinterm Hause gefunden. Ich steckte ihn zu mir und brauche ihn seitdem fortwahrend, und der Racker" (ich erliege fast der Qual solche Worte zu schreiben) "ist immer noch ganz. Dazumal diente ich bei vierzehn Berliner Edelleuten, die das Bad brauchten und sich zusammen einen Bedienten hielten."
"Furst", sagte ich ernst und gehalten, "verstellen Sie sich nicht langer. Weder Ihre Bedientenjacke noch die scheusslichen Ausdrucke, zu denen Sie Ihre edeln Lippen zwingen, um unerkannt zu bleiben, tauschen mich ferner. 'Was Vorlaufer! Es kommt uns niemand nachgelaufen', und: 'Ich kenne keinen Grosseren', die bedeutenden Strumpfe, das Pantoffelwesen, die Zeichen an der Schnuppe des Nachtlichts, mein Traum von Nizza, die trauernden Juden, die Wuste Sin, die da lieget zwischen Elim und Sinai, das waren schon Symbole, welche nicht trugen konnten. Nun die Melodie Ihrer Stimme, Ihr Fluch, jetzt gar der geliebte Nussknacker in Ihrer Hand, und endlich, dass Sie von dem Kehricht wissen und von der finstern Tat meiner verklarten Mutter, welche Nussknackern in jenes Elend verstiess alles das mein Gott, leugnen Sie doch nicht weiter, haufen Sie nicht unnutze Qual auf ein armes Madchen, die immer Ihrer wert geblieben ist! Sein Sie gut und liebevoll, lassen Sie die Maske fallen und sprechen Sie: 'Emerentia, ja, ich bin es'."
"Was soll ich denn sein?" rief er. "Ich bin kein Es. Ich bin, was ich bin Donnerwetter!"
Seine rauhe Festigkeit machte mich doch einen Augenblick wieder zweifelhaft. "Wenn Sie es nicht sind", sagte ich entschlossen, "so ist es Ihr Herr, denn einer von Ihnen beiden muss es sein."
Ich wollte gehn. Karl hielt mich aber am Kleide zuruck. Mein Mittel hatte gewirkt. "Ich sehe wohl", sagte er, "dass es Ihnen ein Ernst ist, wenn ich es bin. Also wollte ich Sie nur fragen, was daraus wird, wenn ich es bin?"
"Wenn Sie es sind", versetzte ich, "so bin ich Ihre Freundin im reinsten Sinne des Worts. Mein ganzes bisheriges Leben war eine Vorbereitung auf diesen grossen Moment. Gnadigster Herr! In den Blutentagen der Jugend opferten wir der Leidenschaft auf dem Altare unserer Herzen! Fur dieses Opfer ist uns der Weihrauch ausgegangen. Aber der Altar blieb bestehen; lassen Sie uns auf demselben der Freundschaft ein Opfer entzunden, fur welches ich ewig, Ihnen gegenuber Vorrat besitzen werde."
Karl kratzte sich im Kopfe (der Ungeheure! so tat er) und sagte: "Ich denke nur immer noch, Sie haben mich bloss zum besten. Indessen aber will ich's versuchen, und wer mich anfuhrt, den soll der Teufel holen. Das heisst also, Sie sind meine Freundin, heisst namlich, wenn Sie meine Freundin sind, so mussen Sie auch dafur sorgen, dass ich mehr zu essen und zu trinken kriege. Wenn Sie auf diese Manier meine Freundin sind, so will ich's sein. Dann sehen Sie nur gleich heute zu, dass ich einmal ein rechtschaffen Stuck Fleisch kriege."
Er spielte furchterlich mit mir. Dass er seinen wilden Humor selbst in diesem grossen Momente nicht ablegte! O Manner, Manner, wie geht ihr mit uns um! Eine Lustigkeit der Verzweiflung ergriff mich, und in den Bahnen seiner ausschweifenden Laune ihm folgend, rief ich: "Sie sollen heute zwei Pfund Rindfleisch haben!"
Das erschutterte ihn. Er sah mein Leiden, welches durch den Scherz schauerte. Tranen traten in sein Auge, er sagte: "Sie sind doch sehr gut, und ich bin's denn also." Er ging, ubermannt von edler, menschlicher Ruhrung.
In seinen Tranen fand ihn mein Gefuhl, wie mein Verstand ihn schon fruher erkannt hatte. Seiner Rolle blieb er sonst treu. Mittags meldete er sich um die zwei Pfund Rindfleisch. Ich gab sie ihm und bereitete fur uns einen Pfannkuchen, den Vater tauschend mit der Nachricht, die Katze habe das Fleisch gefressen. Er hat es rein aufgegessen; seine Verstellung muss ihm doch schwergefallen sein.
Wo die alberne Lisbeth nur bleiben mag, der Aschenbrodel? Mit dieser Welt im Busen muss ich nun jetzt am Feuerherde stehen! Auch war der Pfannkuchen versalzen und ungeniessbar.
*
Heute ist es zu einer vollstandigen Erklarung zwischen uns gekommen. Ich erinnerte ihn an unsere Spaziergange bei Nizza, so an die Wechselverfertigung, an die sechste Elefantenkompanie und an die Kabale des Kaisers aller Birmanen. Ich erinnerte ihn an Hechelkram und an seine Rechte darauf. Ich nannte ihm den sussen Namen jener Zeit: Rucciopuccio. Ich fragte ihn, ob er wohl an alles das noch denke? Er sagte zu allem ja.
Auch in dieser vertrauten hingebungsvollen Stunde blieb er Bedienter in Wort, Gebarde, Haltung. Ich bat ihn herzlich, er moge doch mir gegenuber diese hassliche Hulle aufgeben und der Furst sein. Er versetzte, es gehe nicht an, ich mochte ihn um Gottes willen zufriedenlassen. Ich will nicht weiter in ihn dringen, er furchtet vermutlich, dass, wenn er sich vor mir demaskiert, er sich auch sonst vergessen konne, denn welche unendliche Muhe muss den Hohen dieses angelegte niedere Wesen kosten!
Sein Inkognito hat vermutlich einen Doppelzweck. Mich wollte er unerkannt prufen, und dann will er auch im Verborgenen abwarten, welchen Erfolg seine Verwendungen an einige Machtige des Hofes um Hechelkram haben werden. Ich sagte ihm diese meine Vermutungen in das Antlitz, und er antwortete: Es sei alles so, wie ich meine.
Wie es ihm nur moglich gewesen ist, mich zu finden, da ich in Nizza Marcebille von SchnurrenburgMixpickel hiess? Daruber werde ich ihn doch nachstens befragen.
Die Entwickelung unserer Angelegenheit muss in Geduld abgewartet werden. Erfolgt seine Anerkennung als Furst, so wird sich auch fur mich das Stift finden. Ich erfulle mein Schicksal und bin ruhig.
Eins geht mir aber im Kopfe umher. Er hat keine Gemahlin. Das wird meiner Stellung eine ihrer Bluten abstreifen. Ich wollte ja der segnende Schutzgeist seines Hauses sein, die Gatten miteinander versohnen. Das fallt nun weg. So halt uns das Leben doch nie ganz Wort.
*
Dass er so gar nicht Rucciopuccion ahnlich sieht! Vergebens muhe ich mich ab, einen Zug der Vorzeit in seinem Gesichte zu erspahen. Aber freilich ist es denn auch einige Jahre her, dass wir auseinanderkamen
Die dumme Lisbeth hat mir vor ihrem Abzuge mein Schreibzeug verkramt, ich muss mich mit Federn behelfen, die alle bequemen schriftlichen Ergiessungen unmoglich machen. Sie ist ein abscheuliches Geschopf
und dann hat er viel auszustehen gehabt. Er bekam selbst hin und wieder von seinen Herrn Schlage. Naturlich! Die indischen Fursten sind Barbaren.
Auch Munchhausen ist mir nun entziffert. Dieser hohe Geist, dieser neue Prophet der Natur und Geschichte wird der Kammerherr des Fursten sein, oder sein Adjutant, oder sein Hofstaatssekretar, oder eine andre dieser reinen, idealen Gestalten.
Auch ihm wird seine Rolle schwer, ich sehe es wohl. Sein schmerzliches Zucken, wenn er den Gebieter zum Scheine anfahren muss! Neulich tat er so, als ob er den Stock gegen ihn brauche, und der Furst tat, als schreie er.
*
Munchhausens Geschichten werden mir jetzt klar. Der Vater nimmt sie wortlich und glaubt daran zum Teil. Ich ahnete gleich eine geheime Bedeutung und habe mich nicht getauscht. Die smaragdgrune Bergebene Apapurin ... usw. ist unsere Jugend, goldgelbe Kalber der Empfindung grasen auf ihr, die Gedanken der Jungfrau sind pfirsichrot und alle Ausserungen ihres Wesens herb und keusch, wie Schlippermilch. Nachher spaltet sich die Welt ihres Inneren, diese Spaltungen und Unterspaltungen werden durch die sechs Gebruder Piepmeyer angedeutet, einander zum Verwechseln ahnlich, wie unsere Spaltungen, dann kommt die Prosa des Lebens unter dem Bilde des Wachtfriseurs Hirsewenzel und flicht den grossen Knoten widerstrebender Verhaltnisse, den Rattenkonig gemischter Empfindungen.
Manches einzelne bleibt mir freilich in jener Symbolik noch dunkel. Welcher Moment des weiblichen Lebens wird z.B. durch die Folgen der einzigen Luge Munchhausens dargestellt?
*
Ein kostlicher Genuss ist es, zu sehen, wie das Hohe, das Gottliche unter der Knechtsgestalt, in welcher es hin und wieder erscheinen muss, siegreich fur den Kundigen hervorblitzt. Wiewohl mein erlauchter Freund den Bedienten zum Erschrecken naturlich spielt, so lasst sich Furstenblut dennoch nicht verleugnen, und davon wurde mir heute die Erfahrung.
Der Pratendent von Hechelkram putzte die Stiefeln seines sogenannten Herrn. Ich habe nun wohl sonst bemerkt, wenn ich die Diener dieses Geschaft verrichten sah, dass sie es in unedler gebuckter Stellung, mit widerlich kurzen, schnellen, heftigen Bewegungen ausfuhrten ein unerfreulicher Anblick!
Ganz anders, was ich heute sah.
Karl sass. Er hielt sich vornehm nachlassig zuruckgebeugt, er sah kaum den Stiefel an, langsam fuhr seine Hand mit der Burste uber diesen, der so tief unter seiner Wurde war, hin und her und beruhrte das gemeine Leder obenhin, nur zum Schein.
Freilich wurde der Stiefel nicht ganz blank, und Munchhausen schalt Karln, sich verstellend, Faulpelz. Das ist eine der schwersten Prufungen, welche mir dieses Verhaltnis auflegt, dass ich, um es in seiner ganzen Wahrheit zu zeichnen, so viele gemeine Fluch- und Schimpfworter, euch, o ihr meine reinen Blatter, aufdrangen muss! Der Furst hat einen unglaublichen Appetit. Heute verzehrte er wieder eine ganze Bratwurst, und sie gehorte zu den grosseren im Kreise ihrer Schwestern! Das indische Klima wird so an ihm gezehrt haben. Wenn sie ihm nur bekommt!
*
Vor meinen Ohren summt ein altes Lied:
Einst liebtest du den Nussknacker,
Nach dem Nussknacker liebtest du mich ...
So weit kann ich's, aber die folgenden Verse wollen mir nicht beifallen, wie oft ich's auch fur mich hin singe. Dabei uns zu erkennen war in der furchterlichen Stunde, wo uns die Juden schieden, das heilige Gelobnis. Ich habe den Fursten daran erinnert, aber auch er kann die folgenden Verse nicht finden.
Mir ist es unmoglich geworden, dem wilden Humor, der in dem Namen: Karl Buttervogel flattert, mich ferner zu fugen. Bin ich denn nicht ein Weib, d.h. ein Wesen ohne allen Sinn fur Ironie; tiefem, schlichtem Ernste einzig hingegeben? Um mich nicht aus dem Bilderkreise, den der Furst gewahlt, zu entfernen, nenne ich ihn vor den andern Karlos den Schmetterling. Der Vater lachte, als er diese Bezeichnung zum ersten Male von mir horte. Er versteht mich nie. Munchhausen begriff mich wieder ganz, begriff mich, ohne dass ein Wort der Erklarung zwischen uns gewechselt wurde.
Er sagte: "Wenn der Esel" (o Gott, wie leide ich!) "nur dadurch nicht stolz wird!" Ja freilich wird, wenn so nach und nach uber ihm das Licht verklarender Beziehungen und Bezeichnungen aufgeht, der angestammte Stolz sich herrlich zeigen!
O Munchhausen, Munchhausen, grosser Herzenskundiger!
Viertes Kapitel
Blatter aus dem Tagebuche eines Bedienten
Auch Karl Buttervogel fuhrte ein Tagebuch. Da er sich viel in der Welt umhergetrieben und bei hundert Herrschaften gedient hatte, so war es ihm zur Gewohnheit geworden, kleine kurze Notizen in seine Brieftasche einzutragen, die sich denn dort vermischt mit Anzeichnungen seiner Auslagen fanden. Die Brieftasche hatte Decken von ehemals rotem Schafsleder. Denn ihre Farbe war durch die rauhe Faust der Zeit allgemach ausgetilgt worden; sie sahen jetzt fast aschgraulich aus. Vier Blatter gelben, oftbenutzten Pergamentes, auf welchem der Bleistift kaum noch eine Spur nach sich lassen wollte, waren eingeheftet; die Seitentasche enthielt eine gemalte Blume, mit einem Reime darunter, einen kleinen immerwahrenden Kalender und einen Kamm.
Dieses ehrwurdige Altertum schloss folgende Herzensergiessungen Karlos' des Schmetterlings in sich:
Erstes Blatt
Den sechzehnten Juni: Ausgerissen von Stuttgart. Hab' mein Putzzeug im Wirtshaus stehenlassen. Von der Rieke keinen Abschied nicht genommen. Ging zu rasch.
*
Den zweiundzwanzigsten Juni: Angekommen auf'm Schloss durch Pferdsturz. Sehr viel Hunger und Durst gelitten. Floh', Wanzen und sonstiges Ungemach. Gefallt mir hier gar nicht.
*
Vor Wachs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3 Stuber Vor blauen Zwirn . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 Stuber Vor Sachen aus der Apotheke . . . . . . . . 18 Stuber Vor einen Brief . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12 Stuber Vor waschen zu lassen . . . . . . . . . . . . . . . 8 Stuber Vor meinem Herrn vor eine
gemeinnutzliche Kollekte . . . . . . . . . 3 Heller
was mir alles mein Herr noch zahlen muss. Seit Lichtmess keinen Lohn nicht gekriegt. Tut drei Gulden vierundzwanzig Kreuzer.
*
Den sechsundzwanzigsten Juni: Seit drei Tagen nichts zu fressen gehabt. An mein' Rieken kontinuierlich immerwahrend gedacht. Ist kaum noch auszustehen. Sichtlich mager geworden.
*
O Rieke, dein Getreuer
Aus Schwaben oder Bayern,
Dem ist es nicht gegonnen,
Wenn abends sinkt die Sonnen,
Dass er an deiner Brust
Dich kusst nach Herzenslust.
Vorstehenden Spruch gemacht gestern nacht als den achtundzwanzigsten Juni, da ich nicht schlafen konnt' von wegen Hunger und Floh'.
Zweites Blatt
Den funften Juli: Lange nichts eingeschrieben in die Brieftafel. War zu beschaftigt die Zeit her. Ausserordentlich mich verbessert in meiner ganzen Lag' und Kondition. Fraulein verliebt in mich.
Durchaus nicht gewisst und erfahren, wie sich's zugetragen. Gefragt und getribeliert und endlich auf den Kopf mir zugeschworen, ich sei's.
Nicht ausweichen gekonnt und endlich zugesichert, ich wollt's sein, wenn und wofern ich meine gehorige Verkostigung erlange.
Meinen alten Nusskracher mir fortgenommen und dazu geweint. Glaub', sie ist verruckt.
Sogleich am namlichen Tag zwei Pfund Rindfleisch gegessen. Sehr schones Gefuhl danach gehabt. Zum erstenmal wieder in Ruh' an mei' Rieken gedacht.
*
Den siebenten Juli: Uber alles und jedes befragt, als zum Exempel von Furst und Hechelkram und seligen Spaziergangen in Nitze und von Rutscheputsche. Kein Wort verstanden, indessen aber mir alles gefallen gelassen und immerdar ja gesagt.
*
Den achten Juli: Grosse Gewissensbisse gehabt um mei' Rieken. Bratwurst gessen, wornach sich die Beangstigung gemindert.
Nicht dafur gekonnt, dass ich in dies Malheur verfallen.
Drittes Blatt
Den neunten Juli: Schones Gefuhl empfunden durch die neue Lieb. Sehr geschmeichelt gefuhlt von der Lieb vornehmer Person. Gar nicht mehr den Bedienten gefuhlt in der neuen Lieb. Stiefeln in diesem Gefuhl geputzt. Angeschnauzt von meinem Herrn und abgeschwartet5 in der Still', weil Stiefeln nicht blank gewest. Alles verschmerzt im Gefuhl der Lieb.
Abends zwolf harte Eier gessen. Ausserst selig zu Bette gangen.
*
Vor Flecke aus dem Tuch zu bringen nimmt man Toback, kocht ihn ab und schmiert's Tuch mit ein. Dann geburstet und am Sonnenschein getrocknet, ist alles 'raus.
Viertes Blatt
Den zwolften Juli: Heut meinen Entschluss gefasst nach langem Kampf. Mich risalfiert, Rieken ewig zu lieben und das Fraulein zu heiraten, wofern mir mei' fernere gute Verkostigung zugesagt wird.
Alle Andenken verbrannt von Rieken, um nicht wieder Kampf zu leiden.
Dennoch ausserst viel Furcht gehabt vor dem alten Baron, von wegen zum Hausnausschmeissens, wenn's 'rauskommt.
Vier Stuber vom Fraulein geschenkt gekriegt, um mir ein' Erholung zu machen.
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Angespielt heute von ferne auf fernerweite gute Verkostigung, wofern geheiratet werden soll. Missverstanden geworden. Mich entschlossen, nachstes Mal mich deutlicher zu machen.
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Den vierzehnten Juli: Kunftigem Schwiegervatern heute vor Plasier die Stiefeln ausgezogen. Ihn dabei bedeutsam angeblickt, um die Entdeckung vorzuspielen. Auch nicht verstanden worden. Nachgerade banglicht.
Gar keine Lust mehr zum Dienen bei Munchhausen. Gar zu viel gewisst von seinen Geheimnissen und seit jeher keinen rechten Respekt nicht vor einem chemisch-praparierten Menschen gehabt. Durch die neue Lieb' vollends ganz stolz geworden. Mich erniedrigt gefuhlt durch die einformigen Rockausklopfereien und sonstigen Amtsverrichtungen. Will Furst von Hechelkram werden, wann's nicht anders ist und das Fraulein darauf besteht. Soll mir sagen, wo's Furstentum liegt, damit ich drum einkommen kann.
*
Am selbigen Tag, nachts: Mein Herr von Munchhausen heute abermals seine Schmierereien vorgenommen und mir dadurch ganz widerwartig geworden. Mir vorgenommen, bei erster Gelegenheit grob zu werden, um auf eine feine Manier aus dieser Sklaverei zu kommen.
Gefallt mir jetzt recht wohl hier. Ubrigens doch eigne Lag', und weiss der Schinder, was draus werden soll. In ein so wunderbares Verhaltnis war Fraulein Emerentia mit ihren Gedanken, Traumen und Empfindungen geraten. Man kann sich daher vorstellen, wie es ihr Bewusstsein verletzen musste, als der Vater die Besorgnis vor einer Mariage zwischen ihr und Munchhausen ausserte.
Ubrigens wusste sie kaum noch, ob sie auf der Erde wandelte. Sie dachte und sah nur den Pratendenten von Hechelkram, den Altar der Freundschaft und das ihr winkende Stiftskreuz. Der kleine Haushalt litt freilich sehr unter dieser glucklichen Entwirrung schwieriger Verhaltnisse. Auf die Suppe musste nach und nach ganz verzichtet werden, da sie niemals zu geniessen stand, oder der Schulmeister hatte mit seiner schwarzen auszuhelfen. Alles Fleisch aber stahl regelmassig die Katze, weil der maskierte Furst unersattlich war. Der alte Baron wunschte sich hundertmal des Tages uber verdriesslich seine Lisbeth zuruck. Wo er die Katze, die vermeintliche Rauberin der Speisen sah, schlug er nach ihr; ach, er wusste nicht, dass Karlos der Schmetterling die Schlange war, die er am Busen nahrte. Nannte nun gar seine Tochter diesen Namen (und sie nannte seit der grossen Entdeckung Buttervogeln nie anders) so wollte er, nachdem er einige Male uber den bluhenden Tropus gelacht hatte, schier verzweifeln, denn er begann zu furchten, dass sein armes Kind sich mit starken Schritten einer ungluckseligen Verwandlung nahe.
Funftes Kapitel
Der Autor fahrt fort notwendige Erklarungen zu geben Aber der alte Mann hatte noch andern Verdruss. Es ist eine bewahrte Erfahrung, dass der Mensch Leckerbissen, wie Kaviar und Gansleberpasteten schleunig mude wird und nur die einfachste Speise, das Brot, immer essen mag. So geht es auch mit den Nerven des geistigen Gaumens. Sie stumpfen sich rasch gegen den wollustigsten Kitzel ab; Erschutterung und Staunen werden ihnen bald trivial. Wer Marchen horte, sehnt sich doch wieder bei Gelegenheit nach der trokkensten Zeitung; woraus abzunehmen, dass alle, welche mit Wundern auf die Menschen wirken wollen, mit Wundern sparsam sein mussen.
Wie gross war dem alten Schlossherrn sein Gast im Anfang vorgekommen, wie hatte seine Seele sich in dessen Erzahlungen so ganz befriedigt gefuhlt, und wie bald erlosch dieser Genuss! Es liefen nicht vierzehn Tage ins Land, so fuhlte sich der Baron von Schnuck-Puckelig-Erbsenscheucher in der Boccage zum Warzentrost unmustern, wie damals, als er seiner Erwartungen mude zu den Journalen griff, und damals, als er der Journale mude, sich nach einem gleichgestimmten Freunde sehnte, und damals, als er des gleichgestimmten Freundes, namlich des Schulmeisters mude, heftig nach, er wusste selbst nicht wem? verlangte. Zuerst glaubte er, es liege ihm im Unterleibe und nahm ein Brechmittel ein. Das Mittel wirkte, sein Zustand blieb aber derselbe. Allgemach erkannte er die wahre Ursache Munchhausen war ihm langweilig geworden, wie seine Erwartungen, die Journale, der Schulmeister.
Seine Geschichten klangen ihm jetzt lange nicht seltsam genug, die ausschweifendsten Abenteuer kamen ihm schal vor. Er pflegte nunmehr, wenn Munchhausen einen Bericht vollendet hatte, zu versetzen: "Ist noch gar nichts, Liebster, Bester, mir ist einmal ganz etwas anderes widerfahren." Worauf er seinerseits sich bemuhte, Uberbietendes vorzutragen, freilich selten uber den ersten Anlauf hinausgelangte.
Der Freiherr hatte nach der Novelle von seinen sechs Geliebten viel und mancherlei horen lassen, was leider durch das Sieb der Geschichte gefallen ist. Einiges ist indessen aufbehalten geblieben.
Munchhausen erzahlte von dem Furstentume Sprenkel, worin er einstmals, da man nach Standen verlangend gewesen, Stande aus Blatterteig verfertiget habe. Diese Reprasentanten von Blatterteig hatten allen verfassungsmassigen Nutzen gebracht, bis der Nachfolger gekommen ware und sie aufgegessen hatte, weil er willens sei, neue von Spritzkuchenteig backen zu lassen.
Der alte Baron versetzte: Das sei gar nichts, Blatterteig konne ein jeder essen. Er habe einmal gesehen
Munchhausen erzahlte von dem Kaisertume Kleinchina, rechts von Grosschina im Stillen Weltmeere uber Formosa hinaus belegen, worin der Patriotismus im Frieden so stark geworden sei, dass alle Jahre am Geburtstage des grossen Goldfisches (so heisse nach orientalischer Sprechsitte der Kaiser von Kleinchina) die Mandarinen der ersten drei Rangklassen in den Thronfarben anliefen, namlich braun und blau.
Der alte Baron versetzte: Das sei gar nichts; die Farbung der Haut moge wohl von einem Ausschlage, von einer Art Nesselsucht herruhren; dergleichen pflege sich rasch wieder zu verlieren. Er habe einmal gesehen
Munchhausen erzahlte vom tiefsinnigen polnischen Starosten, der ein tiefsinniges Buch uber die Kunst der Gegenwart geschrieben, und selber aus Kunstenthusiasmus in Tiefsinn verfallen sei, worin er sich fur einen Pinsel gehalten habe und zwar fur den Pinsel seines Lieblingsmalers. Die Geschichte war wirklich anmutig und lieblich anzuhoren, denn sie lehrte weiter, dass der tiefsinnige Pole oder polnische Tiefsinn als Pinsel gerade so sich benommen und ausgedruckt habe, wie fruherhin, so dass zwischen dem ehemaligen Starosten und nachmaligen Pinsel durchaus kein Unterschied bemerkbar gewesen sei. Er folge, sagte Munchhausen, in diesen Angaben nur dem Kammerdiener des Polacken, dem grimmen Hagen aus Nibelungenland, welcher fur eine Zulage von sechs polnischen Gulden zum Jahresliedlohn das tiefsinnige Buch seines Brotherrn den Deutschen zuganglich gemacht habe.
Der alte Baron versetzte: Es sei gar nichts, dass ein Mensch sich fur einen Pinsel halte, da so viele Pinsel uberzeugt seien, Menschen zu bedeuten. Er habe einmal gesehen
Munchhausen sagte, wenn ihm diese Geschichte keine Verwunderung abzwinge, so werde ihn doch ein Beweis seines eigenen Genies in Erstaunen setzen. Er habe namlich bei dem jetzigen Aufschwunge kunstlerischer Begabung auch in sich das plastische Element gefuhlt und sei deshalb Diszipel einer beruhmten Akademie geworden. Die Methode und Influenz habe sich zum Erstaunen an ihm bewahrt, denn er sei in der ersten Woche schon Leonardo da Vinci, in der zweiten Michelangelo, in der dritten Raffael gewesen offentlichen gedruckten Nachrichten zufolge. In der vierten sei aus ihm eine Komplikation von Vinci-Angelo-Raffael geworden. Spaterhin habe er sich auf das Niederlandische geworfen und nach vierundzwanzig Stunden der kleine Rembrandt geheissen.
"Mich ennuyierte aber die Malerei", fuhr Munchhausen fort, "beschloss Bildhauer zu werden und zwar furs erste Phidias. Naturlich auch durch hohere Richtung, Vorsatz und Erleuchtung von oben. Ich schlief eines Abends mit diesem Gedanken in einem Butterkeller ein. Wie ich hinein gekommen, gehort nicht zur Sache; genug, ich schlief im Butterkeller. In der Nacht hatte ich Traume von Gotter- und Heldengeschichten, merkte wohl, dass ich mit den Fausten umherhantierte, wusste aber doch nicht, was ich eigentlich machte, weil ich immer halb im Schlaf blieb. Am andern Morgen kam der Butterhandler in den Keller, mit der Lampe, leuchtete umher und schrie: 'Herrjemine, was ist aus der Butter geworden!' Ich wachte nun auf, sah mich um und erstaunt' ein wenig, denn siehe da, ich hatte im Schlaf, bloss mit der Hand die Gruppe der Zentauren und Lapithen gebildet aus Butter, im ersten, strengen, erhabenen Stil. Die Topfe waren alle leer, so hatte ich in der Butter gewirtschaftet. Mein Butterhandler wollt' anfangs keifen, nachher beruhigte er sich, weil er merkte, dass mit dem Werke ein gut Stuck Geld zu verdienen sei. Wir trugen die Buttergruppe vorsichtig die Treppe hinauf und setzten sie in die Sonne, um ihr die rechte Beleuchtung zu geben. Das war aber nicht wohl bedacht, denn in der Sonne schmolzen die Figuren, erst die Lapithen und dann die Zentauren. War das nicht wundersam?"
"Was? Dass Sie Zentauren und Lapithen aus Butter machten, oder dass dieses Gebilde, als Sie ihm die rechte Beleuchtung gaben, schmolz?" fragte der alte Baron. "Letzteres", erwiderte Munchhausen. "Um ein solches Kunstwerk hatte der Himmel schon einmal den Gang der Naturgesetze unterbrechen konnen. Dass die Butter in der Sonne zerging, dass kein Wunder geschah, finde ich wundersam."
Der alte Baron versetzte: "Das ist vollends nichts, denn es lautet zu subtil."
So wollte keine Erzahlung vor dem Sinne des Schlossherrn mehr Stich halten. Munchhausens Genie hatte sich in der Meinung seines Wirtes rascher abgebraucht, als ein Ministerium des Julithrons verwittert. "Kann er mir denn nicht echte Merkwurdigkeiten erzahlen?" rief der alte Mann oft bitterbose, wenn ihn sein Gast verlassen hatte, "so etwas so etwas was sich gar nicht erzahlen lasst?"
Nur zwei Abenteuer waren es, auf welche die Wissbegierde des alten Barons sich noch einigermassen gespannt hielt: Munchhausens Fata unter dem Vieh, insbesondere unter einer Ziegenherde am Helikon, und dann, wie er unlangst in Schwaben Poltergeister und Damonen kennengelernt. Auf beide hatte der Freiherr zu ofterem im voraus hingewiesen, immer aber war die Erzahlung durch zufallige Ereignisse verschoben worden, wie denn noch jungst das erste Kapitel dieses Buches nicht halten konnte, was seine ersten Worte versprachen.
In seiner gelangweilten Stimmung warf der alte Baron ein Auge forschender Verdriesslichkeit, oder verdriesslichen Forschens auf die Person des Freiherrn, und da wurde ihm nun so manches Gegenstand der Verwunderung. Die ergrunenden Wangen und die doppelfarbigen Augen mussten freilich durch die Erlauterungen Munchhausens fur vorlaufig beiseitegestellt gelten, dagegen hatten sich an dem ausserordentlichen Manne neue geheimnisvolle Phanomene in Menge aufgetan. Schon dass der Freiherr stets traurig und dunkel sprach, wenn er im allgemeinen der Umstande bei seiner Erzeugung gedachte, war ein seltsames Ding, hiezu kam aber noch das ungewohnliche Verhaltnis zwischen Herrn und Diener, welches sich bald im Schlosse bemerklich machte.
Es ist eine weitverbreitete Klage der Zeit, dass ihre Fortschritte auch den Ubermut der Dienstboten gesteigert haben. Unter den vielen schlechten Bedienten aber, welche die Gegenwart gebiert, war Karl Buttervogel (denn fur uns behalt er diesen Namen) sicherlich einer der schlechtesten. Wenn ihm sein Herr etwas befahl, so tat er es auf das erste Geheiss gar nicht, auf das zweite auch noch nicht, und auf das dritte tat er es zwar, aber so, als tue er es um Gottes willen. Den Rock klopfte er dem Gebieter aus, wenn er Lust hatte, und alles ubrige, was zu seinem Dienste gehorte, verrichtete er, insofern er dazu Belieben trug. Fuhr ihn aber sein Herr an, oder drohte er, ihn zu schlagen, so warf der Bursche mit so spitzigen, frechen und sonderbaren Reden um sich, dass auch der Argloseste daruber erstaunen musste.
Einstmals sagte der alte Baron, als er Zeuge eines derartigen Auftritts geworden war, bei welchem Karl Buttervogel ausgerufen hatte, Munchhausen solle sich huten, er wisse ja wohl, dass zum Freiherrn: "An Eurer Stelle, Freund, jagte ich den Unverschamten fort." "Ich darf nicht", versetzte Munchhausen, schmerzlich gen Himmel blickend, "weil "
"Dass? Weil? Was fur ein Dass? Was fur ein Weil?" murmelte der alte Baron.
An einem andern Tage hatte Munchhausen im Zorn wirklich den Rucken des Widerspenstigen bestrichen. Karl Buttervogel lief fort, schimpfte wie ein Rohrsperling und wiederholte unaufhorlich: "Mich prugeln? So ein Munkel?"
"Munkel?" fragte der alte Baron. "Was ist ein Munkel?" Es lag am Tage, dieser Bediente wusste etwas von seinem Herrn, was nicht fur jedermanns Ohr taugte.
Die Geheimnisse Munchhausens fanden ihren Gipfel in seinen heimlichen Experimenten. Er schickte namlich wochentlich Karln in die Apotheke der nachsten Stadt, darauf nahm er ihm die Spezies ab, verschloss sich in seiner Stube, verhing die Fenster, und dort hinter Schloss und Riegel und nesseltuchnen Vorhangen tat er Dinge, welche nur das Auge Gottes sah. Es verbreitete sich, wenn er so experimentierte, durch das Schlusselloch ein feiner mineralischer Dunst im Hause; dass Munchhausen selbst hernach wie eine starke Schwefelquelle duftete, haben wir schon aus dem Munde des alten Barons gehort. Einst hatten die Bewohner des Schlosses wahrend eines solchen geheimen Experiments einen grossen Schrecken. Es geschah namlich in der Stube ein starker Knall, Munchhausen stiess heftig die Ture auf, Dampf quoll heraus, Dampf erfullte die Stube, im Dampfe aber stand Munchhausen bleich und entsetzt. Allerhand Flaschen- und sonstiges Gerate, mit seltsam schillernden Feuchtigkeiten erfullt, stand auf dem Tische umher. Munchhausen raumte es eilig und verstort hinweg, als er nach einigen Augenblicken sich wieder zu sammeln wusste.
Dieser Auftritt vollendete die Spannung des alten Barons. Alles Interesse, welches er fruher an den Erzahlungen seines Gastes gehabt hatte, ubertrug sich nun auf dessen Person. Und so gewann der Held durch die Grobheit seines Bedienten, durch mineralischen Geruch, durch Dampf und Knall den Anteil, welchen er auf dem einen Felde eingebusst hatte, auf dem andern sich zuruck. "Ein langweiliger Erzahler, aber eine merkwurdige historische Person, vielleicht das einzige Exemplar seiner Gattung!" sagte der alte Schlossherr.
Leider blieb seine brennende Neugier ohne Befriedigung, denn niemand konnte ihm ein Licht uber den Mann anzunden, der unter den Menschen kaum seinesgleichen zu haben schien. Munchhausen wich mit siegreicher Gewandtheit allen Versuchen, ihn bis uber einen gewissen Punkt hin zu erforschen, aus. Den Bedienten aber uber den Herrn zu verhoren diesen Gedanken hatte er, als er fluchtig in ihm einstmals emporgestiegen war, weit von sich hinweggewiesen. Trotz aller seiner Narrheiten war der Baron von Schnuck ein Mann von altdeutscher Sitte und Hoflichkeit. Noch niemals hatte er vergessen, was er seinem Gaste schuldig war. So, zwischen Verlangen und Unmoglichkeit, den Schleier zu heben, umgetrieben, wurde sein Herz bis zum Rande voll von Unruhe und Verdriesslichkeit.
Der Schulmeister endlich war in den Zustand ernster Selbstbetrachtung hineingeraten. Er begann sich noch mehr, als fruher, von den Zusammenkunften der Schlossbewohner fernzuhalten, und sass tagelang einsam auf dem Gebirge Taygetus, wie ein indischer Busser seine Nasenspitze betrachtend.
Kam er dann doch wieder einmal zu den ubrigen, so zog er sich immer bald wieder zuruck, denn niemand achtete seiner, Munchhausen nicht, weil er den Abkommling des Konigs Agesilaus nicht bedurfte, das Fraulein nicht, weil sie, wie wir wissen, allem Irdischen uberhaupt bereits entruckt war, der alte Baron nicht, weil er uber den Munkel nachsann.
Was Munchhausen betrifft, so erhielt sich dieser wunderbare Charakter zwar ausserlich die Fassung, in welcher er so stark war; durch seinen Busen aber sturmten auch manche Sorgen. Dass er den alten Schlossherrn mit seinen Erzahlungen langweile, hatte er schon seit geraumer Zeit bemerkt, dass sich ein gefahrliches Grubeln an seine Person zu heften beginne, musste er nun gewahr werden. Dieses war ihm unangenehm. Ihm lag daran, noch eine Zeitlang als ruhiger, wenn auch hochst geistreicher und vielerfahrener Privatmann das Obdach und die Speise des Schlosses zu geniessen. Er nahm sich daher vor, einen wahren Heroismus im Erzahlen zu entfalten und den Baron dadurch womoglich abzulenken, solchergestalt aber dem Schicksal die freie und mannliche Stirn zu weisen, welche von keinem Schlage bisher zu zerschmettern gewesen war.
Wahrend auf diese Weise die Bewohner des Schlosses sich entscheidenden Begebenheiten naherten und ihre Charaktere zu reifen begannen, war Karl Buttervogel der einzige Gluckliche. Er ass Rindfleisch, Bratwurst und Eier, soviel ihm das Fraulein von diesen Nahrungsmitteln zustecken konnte, bediente seinen Herrn mit der Uberzeugung, dass es nur von ihm abhange, denselben zu sturzen, und empfand alle Zauber einer geheimen, hohen Liebe.
Sechstes Kapitel
Die Ereignisse eines Abends und einer Nacht
An jenem Abende, an welchem Munchhausen und der Schlossherr gegenseitig offen geworden waren, liess sich Karl Buttervogel funfmal rufen, bevor er zu seinem Herrn kam, der sich entkleiden wollte. Als er endlich erschien, holte der Herr mit den Worten: "Du Gauch! Du Bestie!" nach ihm aus, der Diener aber ergriff einen Stuhl, hielt ihn zu seiner Verteidigung vor sich hin und schrie, als ob er am Spiess stake. Auf dieses Geschrei eilte der alte Baron im Nachtkleide die Treppe hinauf, Emerentia aber, tief in ihre Welt versunken, horte davon nichts, sondern fuhr in ihren Eroffnungen gegen die Wand fort, in welchen sie noch begriffen war. Der alte Baron, das Nachtlicht in der Hand, fragte: "Was gibt es denn hier schon wieder?" Munchhausen versetzte: "Mit diesem Racker ist nichts mehr anzufangen, jeden Tag wird er fauler, ich weiss nicht, was dem Ungeheuer im Kopfe steckt!" "Liebe steckt dem Ungeheuer im Kopfe!" schrie der Mensch erbost; "Liebe von einer ganz vornehmen Person, und es gibt Schwiegervater, die noch von nichts wissen und sich sehr verwundern werden, wofern fernerweite gute Verkostigung ausgemacht wird."
"Ist der Kerl verruckt?" sagte der alte Baron.
"Und am Dienst habe ich keinen Geschmack mehr, und am allerwenigsten mag ich so einem Munkel noch ferner dienen, der mich noch uberdem prugeln will!" rief Karl Buttervogel. "Und ich begehr' meinen Lohn, zwolf Gulden, vierundzwanzig Kreuzer seit vier Monaten, und was ich ausgelegt habe, tut auch zweiundvierzig Stuber, drei Heller, und das begehre ich und fordre ich, und dann gehe ich gleich fort, denn ich kriege doch ausserdem mein gutes Essen und Trinken durch meine Konnexionen, und wenn mir noch ein Wort zu nahe gesagt wird, so gebe ich alles an bei meinem Schwiegervater von der unnaturlichen Erzeugung und den chemischen Schmierereien "
Munchhausen setzte sich erschopft auf sein Bett. Er zitterte, wie gewohnlich, mit den Nasenflugeln, seine Miene war ausserst leidend. "Schreckliches Verhangnis, welches mich in die Hand eines Buben gibt!" stohnte er. "O warum schwieg ich nicht auch gegen dich, Unmensch, wie ich gegen jeden sonst geschwiegen habe? Ich offnete dir mein Herz, ich bedurfte einer Seele, die ich in die Apotheke schicken konnte, und du wirst hingehen und mich verraten."
"Alteriere dich nicht, Bruder", sagte der Schlossherr. "Dieses Individuum bleibt ewig ein Bedienter; uber solches Pack mussen sich Manner unserer Extraktion nicht argern. Freilich, was die unnaturliche Erzeugung und das Chemische angeht, da ware ich ausserst verlangend "
Munchhausens Gebarde wurde gross. "Verlange nicht danach", sagte er erhaben. "Ich kenne dich, du bist schwach, Baron Schnuck, du kannst Offenheit ertragen, du kannst ertragen, dass der deutsche Mann zum deutschen Manne sagt: 'Schafskopf!' aber das wurdest du nicht ertragen. Du hangst an Ideen, die du mit der Ammenmilch eingesogen hast, du willst den Menschen menschlich gezeugt. Die Entdeckung, welcher dein unseliger Furwitz zusteuert, wurde dich deinen Freund kosten!" Er warf mit leidenschaftlicher Heftigkeit seine Kleidungsstucke ab und sah im Hemde zum Fenster hinaus, den Anwesenden den Rucken kehrend.
Karl Buttervogel rief, ohne sich storen zu lassen, in dieses Konzert: "Und es ist schandlich von so einem Herrn, wenn so ein Herr immer lugen tut. Das Lugen ist fur uns geringe Leute, wir konnen oft nicht daruber hin, und der liebe Gott vergibt es uns, weil wir sonst unser Brot nicht haben, und wenn ich erst meinen gnadigen Schwiegervater besitze und auf meine fernerweite gehorige Bekostigung rechnen darf, so will ich's auch lassen, und von so einem Herrn, wie von meinem Herrn von Munchhausen ist es sehr unrecht, und allen Leuten lugt er etwas vor, und allerorten hat er gelogen, und sie sind so dumm und glauben ihm auch immer, obgleich kein wahres Wort aus seinem Munde geht."
"Es ist gut, Karl, bringe das andere draussen an", sagte Munchhausen, sich umwendend. Der Ton seiner Stimme war sanft aber fest geworden. Er band einen rot- und gelbseidnen Tuch mutzenartig um den Kopf, so, dass die Zipfel an seinen Ohren herunterfielen. "Gute Nacht, Bruder Schnuck, du hast recht, man muss sich uber dergleichen Leute nicht argern. Ich werde mich ohne Diener zu behelfen wissen. Du kannst gehen, Karl, ich brauche dich nicht weiter, deine zwolf Gulden vierundzwanzig Kreuzer sollst du morgen ausgezahlt erhalten. Geh, Karl, folge deinen hoheren Sternen, du kannst nun gut und gern deinen Anteil an der Luftverdichtungsaktienkompanie, den ich dir zugedacht hatte, entbehren."
Karl Buttervogel machte ein langes Gesicht, liess den Stuhl, den er bis jetzt noch immer vor sich hin gehalten hatte, sinken, und sagte, so kleinlaut, als er vorher trotzig gesprochen hatte: "Wie, mein Herr von Munchhausen?"
"Luftverdichtungsaktienkompanie?" fragte der alte Baron.
"Ja", antwortete Munchhausen und streifte den Strumpf vom linken Beine, "in Paris haben sie ein Mittel gefunden, die neueren Chemiker, Luft korperlich zu machen, sie in fester Gestalt darzustellen."
"Korperlich? In fester Gestalt?"
"In einer Masse zwischen Schnee und Eis, ungefahr wie steifer Brei. Als ich von der Sache horte, liess ich mich naher in sie ein und uberzeugte mich sehr bald, dass die also korperlich und fest gemachte Luft, vermoge Prazipitierens, Kalzinierens, Oxydierens und gewisser anderer Mittel, die vorderhand mein Geheimnis bleiben, in eine solche Dichtigkeit, Harte und Schwere zu treiben sei, dass sie sich vom Steine nicht unterscheide."
"Vom Steine nicht unterscheide?"
"Nein. Warum erstaunst du, Schnuck? Was Brei ist, kann doch auch Stein werden. Willst du die Probe? Karl, erzeige mir die Freundschaft, denn befehlen darf ich dir nichts mehr, und bringe aus der Reisetasche mir die grune Kapsel Nummer vierzehn."
Karl Buttervogel, dessen ganzes Benehmen sich, seitdem von der Luftverdichtungsaktienkompanie die Rede war, in die fugsamste Demut verwandelt hatte, lief beflissentlich nach der Reisetasche und holte die grune Kapsel Nummer vierzehn, aus welcher Munchhausen einen faustgrossen Stein nahm. Er zeigte dem alten Baron den Stein und fragte ihn, was er wohl glaube zu sehen?
Der alte Baron versetzte, indem er den Stein gegen das Nachtlicht hielt und ihn blinzelnd beschaute: "Meines Erachtens ist das ein Feldquarz."
"Fest gemachte, prazipitierte, kalzinierte, oxydierte und durch gewisse andere geheime Mittel versteinerte Luft ist es", sagte Munchhausen gahnend und tat den Stein wieder an seinen Ort. Er streifte den Strumpf auch vom rechten Beine und fuhr fort: "Du siehst nun mit deinen Augen; haue mit Stahl dagegen, so gibt der Luftstein Feuer, solche Festigkeit hat derselbe."
"Das ist ja eine ganz ungeheure, unermessliche, unberechenbare Erfindung!" rief der alte Baron.
"Ziemlich wichtig ist sie allerdings", sagte Munchhausen kalt. "Gebaut wird allenthalben jetzo zu Friedenszeiten, Hauser, Brucken, Strassen, Palaste, Narrenhauser, Monumente. Das Material ist nur in manchen Gegenden zu teuer. Das will ich denn fur solche steinarme Landstriche liefern, namlich versteinerte Luft. Luft ist uberall zu haben. Die Bereitungskosten sind so gar gross eben nicht, es kommt hauptsachlich bei dem ganzen Prozesse auf die Beschaffenheit der Luft selbst an, und der rechten Steinluft glaube ich hier auf der Spur zu sein. Deshalb rieche ich und schnuffle ich so viel im Winde umher. Hier wollte ich die Fabrik anlegen; die Mutterfabrik, von der dann gelegenen Orts die Tochterfabriken ausgehen sollen, quantum satis. Das Unternehmen wird auf Aktien gegrundet, die Bestatigung des Statuts habe ich in der Tasche. Es muss, wenn das Geschaft einigermassen schwunghaft getrieben wird, schon nach einem Jahre, schlecht gerechnet, eine Dividende von einhundertsechsunddreissig drei achtel Prozent geben. Dieses ist denn die Luftverdichtungsaktienkompanie, nach welcher du fragtest. Zwei Direktoren werden angestellt mit offenem Kredit, zwolf besoldete Verwaltungsrate; die Zahl der Sekretare und der ubrigen Unterbeamten ist vorlaufig auf einige und vierzig bestimmt. Karln da, meinen ehemaligen Diener, wollte ich zum technischen Mitdirektor machen nun, das geht denn nun jetzt nicht mehr an, und ich muss mich nach einem andern umsehen."
Hier stiess Karl Buttervogel einen solchen Seufzer aus, dass die Stube widerhallte. Der alte Baron aber blies die Backen auf, warf seine Nachtmutze gegen die Decke und tat einen Schritt, den man einen Satz nennen konnte, so dass seine Kerze wild aufflackerte. "Hast du noch Aktien?" fragte er Munchhausen, der sich gleichgultig zu Bette legte.
"Alle untergebracht", versetzte dieser, die Decke uber sich ziehend, "stehen schon hoher als pari. Ich will dir aber doch deine Gastfreundschaft vergelten, Schnuck. Dein Schloss ist etwas baufallig; sobald meine Fabrik und die Aktienkompanie ins Leben getreten ist, baue ich dir ein neues aus meinem Material."
Der alte Schlossherr setzte heftig sein Licht weg, schoss auf den im Bette zu, nahm ihn mit beiden Handen beim Kopfe und rief: "So werde ich ja kunftighin gleichsam in einem Luftschlosse wohnen, du Mordkerl!"
"Meinetwegen kannst du es so nennen, alter Junge", antwortete Munchhausen. "Reisse mir nur die Ohren nicht ab. Siehst du, das ist ja eben das Grosse in der Gegenwart, dass so vieles, was lange nur als uraltes Marchen, Bild oder Gleichnis galt, aufgebracht durch die Kinderphantasie der Anfangszeiten, nunmehr durch die Forschungen der Wissenschaft sich als historische Realitat ausweiset. Und so kommt denn auch das verjahrte Sprichwort von Luftschlossern durch meine Aktienkompanie zur Wurde wahrer Existenz. Luftbauten werden nicht mehr phraseologisch gemeint sein, sondern die Menschen werden wirklich ihr Geld hineinstecken. Aber geh zu Bette, Schatz, ich bin mude und will schlafen."
Munchhausen wendete sich um und schlief ein. Der alte Baron murmelte: "Das gewinnt denn freilich jetzt eine andere Gestalt, wir kommen ins Praktische. Er muss er muss " der Alte ging in so tiefen Gedanken fort, dass er selbst sein Nachtlicht mitzunehmen vergass.
Von dem Scheine dieser Kerze duster beleuchtet, blieb Karl Buttervogel neben dem Bette stehen. Sein Gesicht war von Besturzung ganz aufgelaufen, bisweilen schlich eine dicke Trane die Nase entlang, regungslos stand er da, wie eine Bildsaule, und liess die Tranen, ohne sie abzuwischen, still fliessen. Der Urheber der Betrubnis schnarchte dazu. Nachdem der traurige Diener uber eine Stunde also gestanden, gab er sich daran, die Kleidungsstucke des Freiherrn, welche am Boden und auf den Stuhlen zerstreut umherlagen, sacht zu erheben. Er legte sie sorgfaltig geordnet an die ihnen bestimmte Stelle, nahte sich auf den Zehen dem Bette, zupfte den Freiherrn am Hemde und flusterte: "Gnadiger Herr!"
Munchhausen fuhr auf, rieb sich die Augen und sagte: "Warum weckst du mich, Impertinenter?"
"Ich wollte Sie nicht wecken", erwiderte Karl Buttervogel schuchtern, "sondern nur fragen, wann Sie morgen fruh befehlen, geweckt zu werden?"
"So!" rief Munchhausen. "Willst wieder bei mir im Dienst bleiben, du Vieh? Nein, mein Sohn, halte fest an deinem Entschlusse, geh, geh von dem Lugner, sei nicht so dumm, ihm zu glauben, ihm, dem kein wahres Wort aus dem Munde kommt, mit einem Worte: pack dich, du Schuft!"
Karl Buttervogel sank am Bette auf seine Kniee, ergriff die Hand des Freiherrn, kusste sie, heulte und schluchzte, dass es einen Stein hatte erbarmen mogen, selbst einen aus Luft, und rief: "Gnadiger Herr, ich weiss ja, dass ich ein Schuft gewesen bin. Aber ich will es in meinem ganzen Leben nicht mehr tun. Ach, vergeben Sie mir doch nur dieses eine Mal, damit ich technischer Mitdirektor bleibe, ich habe schon so sehr auf diesen Posten und auf dieses gute Brot gerechnet, und ware ein geschlagener Mann, wenn mir's entginge, denn mit dem Herrn Schwiegervater kann es noch im weiten Felde stehen, und wer weiss auch, ob mir die fernerweite gute Verkostigung ausgemacht wird, wofur ich's allein tue, und ich will nimmer wieder von der unnaturlichen Erzeugung plappern und vom Munkel und von den chemischen Schmierereien, weil ich sehe, dass es Sie krankt, und von Lohn, und was ich ausgelegt, soll gar keine Rede mehr sein, nein, alles gratis, Aus- und Anziehen und Wasserholen und sonst, und ich wollte doch so gern Ihr Bedienter bleiben."
"Dein scheusslicher Eigennutz lasst dich so eifrig diese Bitte aussprechen", sagte Munchhausen ernst. "Die technische Mitdirektorschaft ist es allein, welche dir im Sinne liegt. Aber troste dich, mein Freund, du wirst nichts verscherzen, wenn du von mir gehst. Wie sollte ein Lugner jemals Wahrheit sagen? Auch die Luftverdichtungsaktienkompanie habe ich nur vorgespiegelt."
"O nein, nein, nein!" rief Karl Buttervogel laut und begeistert. "Ich lass' mich nicht irremachen. Nein, wenn der gnadige Herr auch sonst jezuweilen aus Liebhaberei 'n bissel flunkern, damit hat es seine volle Richtigkeit. Ach, ich sehe wohl, der gnadige Herr prufen mich nur noch und spassen schon; und ich bleibe bei Ihnen."
"Nun denn", sagte Munchhausen, "fur dieses Mal will ich dir verzeihen; es ist aber das letzte Mal. Ob du indessen technischer Mitdirektor wirst, hangt lediglich von deiner ferneren Auffuhrung ab. Und nun hole mir den Stock da her, du Spitzbube, denn der neue Kontrakt, welchen wir beide abschliessen, will seine Bekraftigung und Draufgabe haben."
Karl Buttervogel brachte den Stock, welcher in der Nahe des Bettes stand, getragen, sein Herr zog ihm damit einige sogenannte Jagdhiebe uber den Buckel; der Diener achzte zwar unter der Last dieser Streiche, schuttelte sich aber nachher und sagte getrostet: "Es wird einem doch gleich wieder so wohl, wenn man wieder seine feste Anstellung hat."
Nach seinem Abgange blieb der Freiherr im Bette emporgerichtet sitzen und sprach: "Erstaunlich, was fur eine Gewalt ich uber meine Umgebungen ausube!" Er warf sich auf sein Kissen nieder, wandte sich um und schlief abermals ein. Indessen sollte ihm noch keine dauernde Nachtruhe gegonnt sein. Denn nachdem er etwa eine halbe Stunde geschlummert haben mochte, erwachte er wieder von einem Gerausche am Fenster. Im ersten Augenblicke meinte er, dass Diebe sich zum Einsteigen rusteten; halb schlaftrunken fuhr er aus den Federn und an das Fenster, sah aber, nun durch den kuhlen Nachtwind vollig geweckt, unten im Hofe eine dunkle Gestalt, mit einer uberlangen Stange in der Hand. "Wer ist da? Und was soll das?" rief Munchhausen die Gestalt an.
Dieser erwiderte: "Ich bin es, der Schulmeister, auch Agesilaus geheissen, und diese aus mehreren Bohnenstiefeln zusammengefugte grosse Stange klopfte an Ihr Fenster, um Ihre Aufmerksamkeit mir zuzuwenden, Herr von Munchhausen, da mein leises und bescheidenes Rufen Ihres werten Namens nicht verfangen wollte. Noch Licht in Ihrem Zimmer sehend, hielt ich es nicht fur unhoflich, eine Zwiesprach mit Ihnen zu begehren, welche ich denn hiemit begehrt haben will. Mich verlangt sehnlichst nach einer Unterredung uber einen mir hochwichtigen Gegenstand. Wollen Sie mir wohl leise, auf dass die Hausbewohner nicht erwachen, die Ture offnen und den Zutritt in Ihr Gemach verstatten?"
"Zum Teufel, Herr, das werde ich bleibenlassen!" rief Munchhausen argerlich. "Wer erlaubt Ihnen, die Leute aus dem Schlafe zu storen? Was Sie mir zu sagen haben, konnen Sie mir von da unten sagen."
"Auch dieses", versetzte ruhig der unten mit der Stange. "Die Unterredung aber muss vor sich gehen, damit ich heute noch meinen Entschluss fassen kann. Kurze, die kornige Kurze der Sparter sei mein Muster, denn es zieht hier etwas stark an der Ecke. Herr von Munchhausen, der Mensch, welcher uberhaupt diesen Namen verdient, hat Gedanken. Diese Gedanken haben einen Inhalt und dieser Inhalt kann wahr oder falsch sein. Falsch ist er, wenn er der Wirklichkeit wider-, wahr, wenn er ihr entspricht. Was nun die Wirklichkeit sei, ist zwar schwer zu sagen, indessen, bis dieses grosse Geheimnis entdeckt wird, mussen wir mit dem, was andere Menschen uber unsere Gedanken denken, uns behelfen. Deshalb ist es so uberaus wichtig, letzteres zu erfahren, weil wir dadurch zwar noch nicht die Wirklichkeit selbst, aber doch gleichsam eine Anweisung auf sie in die Hande bekommen. Eine solche Anweisung wunschte ich gegenwartig von Ihnen zu empfangen, Herrn von Munchhausen."
"Herr, kommen Sie zur Sache! Nennen Sie diese Umschweife Kurze?" rief Munchhausen zornig, denn es fror ihn am Fenster.
"Zur Sache denn! Ich begehre Ihre Gedanken uber meine Gedanken. Ich denke mir noch immer, dass ich meine Abkunft von den Lakedamoniern und insonderheit von jenem ihrem grossen Konige herleiten darf. Was aber denken Sie uber diese meine Gedanken?"
Munchhausen riss die Geduld. "Ich denke, dass Sie ein Narr sind!" rief er und wollte das Fenster zuschlagen.
"Einen Augenblick erbitte ich mir noch Gehor. Ihre Ausserung macht mir klar, dass Sie meine mir bis jetzt teuerste Uberzeugung fur unrichtig halten. Waren Sie wohl so gefallig, mir den Beweis der Unrichtigkeit zu fuhren, mir auseinanderzusetzen, warum die Agesels nicht von jenem griechischen Volke abstammen konnen?"
"Nein. Sein Sie, was Sie wollen, Athener oder Spartaner, mir gilt es gleich!" Munchhausen schlug das Fenster zu, murrte: "Das ist ja heute eine verhenkerte Nacht!" sprang wieder in sein Bette, wandte sich zum dritten Male um und schlief zum dritten Male ein.
Jetzt aber liess ihn der Geist, welcher heute spuken ging, kaum eine Viertelstunde rasten. Er war kaum wieder eingeschlummert, als er sich derb am Arme geruttelt fuhlte. Auffahrend mit den Worten: "Sackerlot, was gibt es nun schon wieder?" sah er zu seinem grossen Erstaunen bei dem Schimmer der Nachtkerze den alten Baron abermals vor dem Bette stehen, noch gekleidet, wie fruher, namlich an den Fussen gelbe Pantoffeln und den Leib in einen roten kattunenen Schlafrock mit grunen Weinblattern eingehullt. "Bruder Munchhausen", sagte der Schlossherr und setzte sich auf den Stuhl vor dem Bette, "nimm es nicht ubel, dass ich dich store, aber ich kann kein Auge schliessen. Du hast mir mit deiner Luftentreprise eine Unruhe in das Blut geworfen, dass ich in meiner Kammer nicht zu bleiben vermag. Sieh mir einmal recht steif ins Gesicht, und sage mir dann, Kavalier gegen Kavalier: Hast du mir nichts vorgelogen?"
"Schnuck ..."
"Ich bitte dich, habe mir nichts vorgelogen! Ich glaube dir gern; es ware schrecklich, wenn du gelogen hattest, denn meine ganze Seele ist schon bei dem Unternehmen, die Freude meines Alters ware dahin, wenn nichts aus der Sache wurde. Und an und fur sich ist sie auch nicht unglaublich, da so viele andere staunenswerte Erfindungen neuerdings gemacht worden sind, als zum Beispiel: Licht aus Unrat zu ziehen, und Essig aus Holz, Zitronensaure aus Kartoffeln und Zucker aus Urin. Warum sollen sie also nicht Steine aus Luft machen konnen? Fallt sie uns doch oft schwer genug auf die Brust! Dein Wort wird mir daher genugen, dein Manneswort: Hast du mir nichts vorgelogen?"
Der im Hemde mit dem Zipfeltuche um das Haupt sah seinen Wirt starr an und sagte feierlich: "So wahr du geborener Geheimer Rat im hochsten Gericht wirst, so wahr tritt die Luftverdichtungsaktienkompanie ins Leben."
"Wohl", versetzte der im roten kattunenen Schlafrock mit den grunen Weinblattern, "nun bin ich beruhigt."
Der Freiherr bat seinen Wirt um Gottes willen, ihn denn auch ruhen zu lassen, der Alte aber war ausser aller Fassung und blieb unter erhitzten Reden auf dem Stuhle sitzen. "Du musst mir einen Gefallen tun, Munchhausen", rief er. "Abweisen lasse ich mich nicht von deiner Kompanie, denn die Zeiten sind schmal und einhundertsechsundreissig drei achtel Prozent nach dem ersten Jahre stehen nicht zu verachten. Wenn mir Lisbeth die Zinsen bringt, kriege ich eine runde Summe, eine Aktie zu bezahlen ich will und will und will eine haben."
"Verfluchter Aktienschwindel!" rief der Freiherr. "Ich habe dir ja gesagt, dass keine mehr zu kaufen ist. Geh doch um aller Heiligen willen zu Bette!"
"Und zu Bette gehe ich nicht!" kreischte der aufgeregte Alte. "Versagst du mir die Luftaktie, so lass ich dich morgen zum Hause 'nauswerfen!"
"Das ist ja eine schone Erfahrung, die ich an dir mache!" sagte Munchhausen und lehnte sich matt zuruck. "Seit wir einander du nennen, kommen nichts als Grobheiten zwischen uns zum Vorschein. Es bleibt also doch wahr, dass manche Freundschaften durchaus nur auf: Sie eingerichtet sind und diesen Terminus ohne Gefahrde nicht verlassen durfen."
Der alte Baron, der von seiner Aufregung zuruckgekommen war, bat seinen Gast um Verzeihung, und es sei nicht so ubel gemeint gewesen, sagte er. Dann ersuchte er ihn, ihm wenigstens eine besoldete Anstellung bei der Kompanie zu geben, damit er doch einigen Vorteil von der Unternehmung ziehe. "Ja, was soll ich aus dir machen?" fragte Munchhausen. "Das Direktorium ist besetzt, der Verwaltungsrat vollzahlig, Sekretariats- und Botengeschafte passen nicht fur dich; das einzige Syndikat, das Richteramt fur die Streitigkeiten unter den Luftaktionaren, ist noch offen willst du das haben?"
"Ei!" rief der alte Baron, "dieses wurde mich ganz trefflich kleiden. Es ware eine Zwischenbeschaftigung, eine gute Vorubung auf die Zeit, da die alten Verhaltnisse wiederhergestellt werden, und ich meinen geborenen Geheimerratsposten im hochsten Gericht antrete. Ja, das nehme ich mit Freuden an."
"Topp!" rief Munchhausen. "Du sollst Richter unter den Luftverdichtern werden und einen Gehalt von sechsmalhunderttausend Pfund Luftsteinen jahrlich beziehen. Denn wir haben, wie man in China mit Reis, als dem gangbarsten Produkte der Landeskultur bezahlt, die Verfugung getroffen, nur in unserem Produkte, namlich in versteinerter Luft alle Besoldungen zu entrichten."
"Sehr vernunftig", versetzte der alte Baron. "So spart ihr bar Geld. Ich bin damit zufrieden. Nur bitte ich mir probemassige Luftsteine aus und verwahre mich gegen allen Mull und Abfall."
Munchhausen musste hierauf dem neuen Syndikus noch ein Langes und Breites von der Bereitung der Luft erzahlen, wobei er sich freilich die eigentlichen Fabrikgeheimnisse vorbehielt.
Damit aber war sein Zuhorer noch nicht zufrieden, sondern er forschte auch grundlich nach der Verfassung der Kompanie, nach den stimmfahigen und stimmlosen Mitgliedern, nach dem Gesellschaftskapital, nach der Geschaftsfuhrung, nach den Universal-, General-, Partikular- und Spezialversammlungen, damit er, wie er sagte, beizeiten alles erfahre, was zu seinem Amte ihm zu wissen not tue.
Munchhausen gab ihm uber jeden dieser Punkte, obgleich er lieber geschlafen hatte, notgedrungen die bundigste Auskunft, so dass er sich ganz heiser sprechen musste. Endlich ging der Alte.
Die Nacht war uber diesen Vorfallen und Gesprachen verstrichen. Phobus mit dem goldenen Haar sah in das Fenster. Erschopft legte sich Munchhausen abermals zuruck, um wenigstens noch eine Stunde Morgenruhe zu geniessen. "Es ist doch ubel, wenn man bei den Leuten allzuviel Ideen anregt", sagte er vor dem Einschlafen.
Aber bald erhob sich unter seinem Fenster das Getose einer eifrig arbeitenden Sage; der Ton, welcher vom erschrecklichsten Schrillen in einem unausgebildeten Sopran zum schauderhaftesten Schnurren in einem verdorbenen Alt regelmassig sich senkend, bekanntlich auch den Taubsten erwecken kann. Munchhausen sagte anfangs zu sich selbst: "Es ist nur Tauschung", und stopfte sich tief in die Kissen hinein; dann sagte er: "Es ist zwar keine Tauschung, aber ich will diesen sinnlichen Eindruck durch Abstraktion uberwinden." Er begann daher von dem Schrillen und Schnurren seine Gedanken mit Macht seitwarts zu fuhren, und wurde vielleicht bei der grossen geistigen Kraft, die ihm beiwohnte, des Sinneneindrucks Meister geworden sein, wenn sich nicht plotzlich mit dem Sagegerausche ein heftiges Rumoren uber seinem Haupte verbundet hatte. Es liess sich namlich ein Gepolter uber seiner Stube vernehmen, als ob der ganze Soller umgekehrt wurde. Zwischen Sagegerausch und Sollergepolter eingeklemmt, konnte er es nicht langer aushalten. Er rief: "So ist es und bleibt es demnach unmoglich, heute zu einem leidlichen Schlafe zu gelangen!" und sprang mit beiden Fussen aus dem ruhelosen Bette. Er schellte und liess sich von seinem technischen Mitdirektor, der zugleich Pratendent von Hechelkram und Karlos der Schmetterling war, ankleiden.
Von der durchwachten Nacht sah er sehr gelbgrunlich aus, und die Augen standen ihm wust im Kopfe. Das Sagen aber ruhrte vom Schulmeister und das Rumoren vom alten Baron her.
Siebentes Kapitel
Warum der Schulmeister sagte und warum der alte
Baron rumorte
Der Schulmeister war, nachdem der Freiherr das Fenster zugeworfen hatte, mit einem Seufzer und dem Ausrufe: "Nicht einmal eine Widerlegung!" in seine Wohnung auf dem Taygetus gegangen. Dort blieb er, kopfschuttelnd und sinnend, die kleine Blendlaterne vor sich auf den Tisch gestellt, einige Stunden lang sitzen. Er blickte unverwandt in das Licht der Laterne und hatte seine beiden Arme auf die Kniee gestemmt. Nachdem er so langere Zeit gesessen, erhob er sich, strich mit der Hand langsam uber sein Kinn und sagte: "Ja, es ist so, ich bin daruber nun im klaren und habe meinen Entschluss gefasst." Er ging in die Ecke, worin sein Lager aufgeschuttet war, und sprach, es mit untergeschlagenen Armen betrachtend: "Dieses ist Stroh, und zwar krummes, keinesweges aber Schilf." Er nahm die Laterne, begab sich mit ihr hinaus, leuchtete auf dem Platze vor dem Gartenhauschen umher und sprach: "Ein gewohnlicher Schneckenberg, und was da unten murmelt, ist ein Wasserlein ohne Namen." Er holte den Becher oder Kothon, das heisst, den alten irdenen Topf aus dem Gartenhauschen und zerschmetterte ihn mit den Worten: "Du sollst mich nicht mehr verfuhren!" durch einen heftigen Wurf. Dann sank er auf sein Strohlager zu einem festen und erquicklichen Schlummer nieder. Nach wenigen Stunden, als das Fruhlicht angeglommen war (denn er brauchte wenig Schlaf), erhob er sich wieder, ruckte ein altes Schreibzeug zurecht, fand glucklicherweise einen Bogen Papier und schrieb an den Schulrat Thomasius.
Mit diesem Briefe in der Hand trat er hinaus in das Morgenrot. Er freute sich der aufsteigenden Sonne und rief: "Es ist denn doch ein anderes Ding, die liebe Gottessonne, als der langst begrabene Heidengotze Helios." "Guten Morgen, Agesel!" rief eine Stimme von unten ihm zu. "O gluckliche Vorbedeutung!" sagte der Schulmeister, "ich werde wieder bei meinem Taufnamen genannt, ja, den Agesilaus hatten wir wohl hinter uns." Hinabblickend sah er den Kreisboten, welcher, seinen braunen Stecken in der Hand und die schwarzlederne Skripturentasche uber den Rucken gehangt, langst des Gartens durch die Dornen seinen Dienstweg schritt. "Halt!" rief der Schulmeister und warf den Brief hinunter, "nehmt das an den Herrn Schulrat mit, Rittersporn, aus Gefalligkeit."
Er ging nach dem Schlosse, wo er das Fraulein, welche auch wenig geschlafen hatte, schon munter fand. "Konnte ich nicht eine nutzliche Beschaftigung erhalten?" fragte er sie. "O ja", war die Antwort, "es ist Holz zu sagen und kleinzumachen." Frohlich ging der Schulmeister nach dem Holzstall, stellte den Sagebock unter dem Fenster des Freiherrn auf und begann nun jene gerauschvolle Arbeit, von welcher im vorigen Kapitel die Rede gewesen ist, emsig und unverdrossen, sich schon freuend auf das Hacken, wenn das Sagen vorbei sein mochte.
Letzteres ware sonach erklart, mit dem Rumoren aber hatte es folgende Bewandtnis. In den alten Baron war durch die industriellen Entwurfe der Nacht ein unausloschliches Feuer gedrungen. Vor seinen Augen erhoben sich Brucken, Kunststrassen, Palaste, ja ganze Stadte aus versteinerter Luft. Er hatte sich zwar, nachdem er Munchhausen verlassen, abermals niedergelegt, konnte jedoch jetzt ebensowenig schlafen, als vorher, sondern walzte sich, die Luftbauten vor den brennenden Augen, schlaflos von einer Seite zur andern. Nicht lange wahrte es, so wurde er bei seiner Lebhaftigkeit des unangenehmen Bettes mude, sprang auf und ging, einen narrischen aber festen Plan im Busen, auf den Soller.
Es war ihm namlich eingefallen, dass die Streitigkeiten unter den Luftaktionaren haklicht und spitzig ausfallen konnten, und dass es daher, um das Syndikat mit Auszeichnung zu verwalten, ratlich sein durfte, im voraus den Scharfsinn auf gerechte Urteilsfallungen einzuuben. Er beschloss daher, sich eine vorlaufige Gerichtsstube einzurichten, und zwar fern von storendem Gerausche, oben auf dem Soller in der sogenannten Polterkammer, in welcher Lisbeth die Notizen uber die Zinsruckstande gefunden hatte. Munchhausen sollte, das war sein Entwurf, ihm erdichtete Rechtsfalle, wie sie die jungen Studenten im Praktiko nach den Pandekten ausklauben, vorlegen, und er wollte sie dann nach der ratio nunquam scripta des Luftrechtes entscheiden.
Er schloss die Polterkammer im ersten Dammer auf. An der schragen Dachwandung, wo gebrochene Lichter sich zwischen den Ritzen der Ziegeln und Schindeln hindurchstahlen, stand ein ehemaliger L'hombretisch mit eingelegten Holzfiguren auf drei Beinen, den ernannte er zur Gerichtstafel. Er musste, um zu ihm zu gelangen, einige Reihen leerer Champagnerflaschen, drei alte zerbrochene japanische Vasen, ein messingnes Papageienbauer und ein verbogenes Jagdhorn wegraumen; Zeugen und Denkmaler einstiger glucklicher Tage. Hierauf liess sich der Tisch bequem in die Mitte der Polterkammer bringen und mit Hulfe eines Gueridons von vergilbtem Alabaster, der sich dort auch irgendwo fand, auf einen sicheren vierten Fuss stellen. In einer andern Ecke stand ein orangepluschener Grossvaterstuhl, den schob er als Richterstuhl hinter die Gerichtstafel. Nun fehlten nur noch die Akten, die Bucher und das Richterkostum, um dem Ganzen das gehorige ehrwurdige Ansehen zu geben. Akten und Bucher fanden sich leicht, denn es lagen da ganze Bundel alter Papiere und Haufen schweinslederner Bande auf dem Boden umher. Er nahm verschiedene Konvolute unbeantwortet gebliebener Mahnbriefe auf und bedeckte damit die Gerichtstafel. An deren Randern ringsherum stellte er den "Abbe de la Pluche", "Schelmuffskys Reisen", das "Curieuse Welttheater" und die "Asiatische Banise" samt dem "Leben der weltberuchtigten Frau Neuberin" als richterliche Hand- und Hulfsbibliothek auf. Das Kostum liess sich schwerer entdecken, doch war er auch in dieser Beziehung zuletzt glucklich. Denn als er von der der Dachwand entgegengesetzten einen Bettschirm mit Schafern aus Gessners "Idyllen" hinweggetan hatte, sah er eine Reihe alter Kleidungsstucke an den Nageln hangen. Unter diesen erblickte er einen schwarzen Domino, von dem er sich erinnerte, ihn auf der Vermahlungsredoute des letzten Fursten von Hechelkram getragen zu haben, eine Sammettoque, in der seine Gemahlin einst einen englischen Herzog bezaubert hatte, und eine abgelegte Spitzenfraise, deren Geschichte ihm entfallen war. Er nahm diese drei Stucke, welche ihm Richtermantel, Barett und Kragen bedeuten mussten, und hing sie an einem Pflocke der Gerichtstafel gegenuber auf.
Nachdem der Schlossherr, also rumorend, die Gerichtsstube eingerichtet hatte, setzte er sich in den orangepluschenen Grossvaterstuhl, legte die Hande auf die Gerichtstafel und freute sich uber sein zustandegebrachtes Werk.
"Das hat mir gefehlt!" rief er. "Eine feste praktische Beschaftigung mangelte mir! Darum fuhlte ich ungeachtet aller Studien bisher eine so peinigende Leere. Denn wie gefullte Blumen zwar die schoneren zu sein scheinen, eigentlich aber krankeln und fruher absterben, als die einfachen, so ist ein unbeschaftigter Mensch, wenn er seinen Geist auch noch so herrlich schmuckt, im besten Falle doch nur einer gefullten Blume gleich. Die Krafte seiner Seele vergeuden sich in eitler Blatterfulle und abgesehen davon, dass nach ihm keine Frucht bleibt, so erstickt er auch selbst bald an dem Ubermasse missgewandter Safte. Dagegen leitet ein tatiger Beruf die Geister, welche das Leben nahren, in die rechten Rohren und Kanale, von denen sie dann in gesunden und gottgefalligen Bildungen als schlanke Stengel, frische Blatter, duftige Bluten ausgehen. Alle mussigen Menschen, und seien sie die bestgearteten, haben oder bekommen eine Neigung, andern wehe zu tun, nur um doch mit etwas ihre Tage auszufullen, wahrend der Fleiss, der durch Geschick oder durch Vorsatz auferlegte, auch geringere Seelen zu veredeln pflegt. Nicht mit Unrecht kann man sagen, dass er wie ein Magnet durch fortgesetztes Tragen unglaublicher Lasten machtig wird, wahrend die Tragheit ein Stahl in der Scheide ist, den zuletzt doch der Rost zernagt. Auch ist ferner zu sagen, dass die emsigen Bienen, obzwar ihnen die Natur einen scharfen Giftstachel gegeben hat, nur gereizt stechen, und den Nichtbeleidiger unbeleidigt durch ihren Schwarm hindurchgehen lassen, wogegen die nicht sammelnden Wespen jeden, auch den Ruhigsten mutwillig anzufallen pflegen. Weshalb der Fleiss ein Freund seiner selbst und anderer genannt werden darf, die Faulheit aber als Feindin an sich und jedermann handelt. Und darum ist es mir so lieb, dass meine letzten Tage nunmehr aus dem mussigen Schwarmen, welches mich ganz aushohlte und vernichtigte, in eine ruhmliche Tatigkeit sich retten, bei welcher ich mit gutem Gewissen und starkem Bewusstsein geduldig die Ruckkehr der alten Verhaltnisse und meinen Eintritt in das hochste Gericht erwarten kann. Auch dass der Wohlstand sich wieder hebt, ist keinesweges gering zu schatzen. Sechsmalhunderttausend Luftsteine sind ein schones Einkommen, denn wenn ich das Tausend Steine auch nur auf zehn Taler anschlage, so gibt das eine jahrliche Revenue von sechstausend Talern. Von diesen will ich viertausend verzehren, und den Rest zurucklegen, halb fur meine Tochter und halb fur mein Pflegekind Lisbeth zu einer Aussteuer."
Achtes Kapitel
Rechtsfalle und Auseinandersetzungen
Als der Syndikus und Luftverdichter diese Rede vollendet hatte, horte er jemand auf den Soller kommen, rief ihn an und sah, dass es Karl Buttervogel war, der, wie er seinen Namen rufen horte, ein Stuck Wurst, welches ihm zum Fruhstuck dienen sollte, schnell in die Jackentasche steckte. Der begunstigte Diener pflegte namlich auf dem Soller seine heimlichen Mahlzeiten zu halten, weil ihm das Fraulein dieses ausdrucklich vorgeschrieben hatte, solange sein verlarvter Zustand dauern wurde.
"Sieh, sieh, mein Freund!" rief der alte Baron, der fur Esswaren ein scharfes Auge bekommen hatte, seitdem er sich so uberaus mager behelfen musste, "was hat Er da? Schmecken Ihm so fruh schon die fetten Bissen?" "Ja", versetzte Buttervogel, "ich hab' die Wurst der Katz' abgejagt, die damit aus der Kuche sprang." "Nun, dann sei Ihm dieselbe gegonnt", antwortete der alte Baron, "es ist mir lieb, dass das Ungeheuer auch einmal merkt, wie es tut, wenn einem der Brocken vor dem Munde weggeschnappt wird."
Karln war es gar nicht recht, dass der Soller seine Einsamkeit verlieren sollte. Er stand, kratzte sich im Kopfe, seufzte und sagte endlich: "Werden der gnadige Herr von nun an hier ofters sitzen?" Auf die bejahende Antwort des Alten seufzte der bisher wohlverkostigte Pratendent noch lauter, so dass der Schlossherr neugierig wurde die Ursache dieses Grams zu erfahren, jedoch aus dem Bedienten nur eine Rede von stiller Beschaftigung, gegenseitiger Storung, gutem Brote, vornehmer Liebe und Heiratserbieten, wenn fernerweite Verkostigung zugesagt werde, bringen konnte ein Gemengsel, in welchem er sich nicht zurechtzufinden wusste. "Was will Er eigentlich und warum sieht Er mich immer so sonderbar an?" fragte er Karln, der keinen Blick von ihm verwandte.
"Gnadiger Herr", sagte der Schmetterling mit der Wurst in der Tasche, "es geht nun und nimmer mit zwei Verrichtungen an einem Orte! Wo ein Webstuhl steht, kann keine Hobelbank stehen. Wofern Sie hier sitzen bleiben, ist's aus mit all meiner Freude auf Schnick-Schnack-Schnurr, und Schwiegervater haben sonst auf Schwiegersohne einige Rucksicht genommen und ihnen nicht ihr Brot verdorben, besonders wenn Schwiegersohne mit dem gehorigen Respekt sich betragen, und ich kann sagen, dass noch kein unrechter Gedanke gegen Sie in dieses mein Herz gekommen ist, und neulich verstanden Sie mich nicht, als ich Ihnen die Stiefeln auszog und Sie bedeutsam anblickte, und heute wird's auch wohl noch dunkel bleiben zwischen uns, das tut aber nichts, wenn das Herz nur was taugt, und Gott sieht nicht den Rock an, sondern den Mann, und ich wollte Sie so gern schon einmal vorlaufig kindlich verehren, und deshalb bitte ich, reichen Sie mir Ihre Hand zum Kusse und dann tun Sie mir den Gefallen, vom Soller zu gehen!"
"Von allem Seinem Gewasche verstehe ich bloss, dass Er mich so gern von hier fort haben will, von welchem Verlangen ich nun aber wieder den Grund nicht einsehe", sagte der Baron. "Hier hat Er indessen meine Hand. Er scheint mir dennoch ein guter Kerl zu sein, und spricht vermutlich so dummes Zeug, weil Er auch nicht geschlafen hat, denn die Nacht war unruhig." Der Alte reichte dem Bedienten die Hand zum Kuss, dieser ergriff sie seufzend und druckte mit den halblauten Worten: "Was hilft mir die Hand, wenn ich den Soller nicht behalte?" einen Kuss darauf, woruber der Schlossherr geruhrt wurde und einige Tranen vergoss. Er befahl hierauf seinem Verehrer, den Herrn zu ihm zu rufen, da er notwendig mit diesem sprechen musse, und er solle auch wieder mitkommen. Karl Buttervogel ging die Sollertreppe hinab und murrte: "Das weiss ich schon, auf all mein Gluck legt der Teufel seinen Schwanz; wo soll ich nun in Zukunft meine stillen Mahlzeiten halten?"
Er suchte seinen Herrn in der Stube, im Hofe; endlich fand er ihn im Garten in der Taxuslaube hinter dem Genius des Schweigens. Dort hatte Munchhausen, um dem unermudlichen Sagen des Schulmeisters zu entrinnen, seinen Kaffee getrunken, und war dann auf der Moosbank etwas eingenickt. Abermals erweckt, machte er ein erbarmenswurdiges Gesicht und hatte nicht einmal mehr die Kraft, den Diener auszuschelten. Denn er konnte keine Nachtwachen vertragen; der Schlaf war sein einziges Bedurfnis, ausser diesem hatte er fast keins. Als er die Bestellung gehort, rief er: "Ist denn der Alte ganz des Teufels?" und machte sich mit dem verdriesslichen Bedienten verdriesslich auf den Weg zu seinem Wirte. Unterweges gingen sie an dem Sagebocke des Schulmeisters vorbei, an welchem dieser im Schweisse seines Antlitzes hantierte. Er warf dem Freiherrn einen geruhrten Blick zu, hielt einen Augenblick mit seiner Arbeit inne und sagte: "Obgleich Sie mich nicht lieben, Herr von Munchhausen, so haben Sie mir doch die grosste Wohltat heut zu Nacht erwiesen. Ich verdanke Ihnen mein Leben!" "Dass ich nicht wusste", antwortete Munchhausen betroffen. Im Hausflur schnitt das Fraulein Bohnen. Sie liess das Messer ruhn und sagte zu Munchhausen:
"Verstehst du mich in diesem Augenblicke, Meister?" "Nein!" fuhr Munchhausen unwillkurlich heraus. "Wie!?" rief Emerentia uberlaut und liess vor Schreck die Bohnenschussel auf den Boden fallen, dass das Geschirr zerbrach.
Auf dem Absatze der Sollertreppe lehnte sich der Freiherr erschopft an seinen Bedienten und sagte: "Karl, ich furchte eine Katastrophe. Der eine verdankt mir sein Leben, dem ich uber Nacht gesagt habe, er sei ein Narr; die andere hat es nun weg, dass ich sie nicht immer verstehe, und in den dritten ist der Teufel der Industrie gefahren. Die Faden beginnen mir aus der Hand zu schlupfen."
"Sie sind etwas herunter, mein Herr von Munchhausen", erwiderte Karl Buttervogel, "Sie haben sich lange nicht chemisch geschmiert, ich muss bald in die Apotheke gehen. Ubrigens ist mir alles gleich, wenn ich nur technischer Mitdirektor werde."
"Niedergesetzt, Munchhausen, mir gegenuber, und gleich einige Rechtsfalle aus der Luftmaterie mir vorgelegt, und Er, Buttervogel, kann als Aktuarius das Protokoll fuhren!" rief der alte Baron den Eintretenden entgegen. Der Freiherr sah mit Verwunderung die Anstalten in der Polterkammer und nunmehrigen Gerichtsstube. Er wollte sich ein Ansehen geben und sagte ernsthaft zu seinem Wirte, derartiges Sturmen liebe er nicht, Fabrikanlagen seien mit der grossten Besonnenheit zu grunden, Hast und Leidenschaft sturze dabei in dasjenige Verderben, welches Defizit heisse. Karl Buttervogel aber, der endlich gern seines Stuckes Wurst froh geworden ware, wandte bescheidentlich ein, er verstehe nicht so flussig zu schreiben, um dem von ihm erforderten Dienste gewachsen zu sein.
Der alte Baron liess sich aber nicht abweisen. "Was!" rief er in seinem Fieber; "erlahmst du Grunspecht eher als ich Graukopf? Schame dich! Allons! Munter geblieben, die Augen aufgehalten! Und was Ihn betrifft, Buttervogel, so tue Er bloss so, als schreibe Er, wenn Er mit der Feder nicht rasch fertigwerden kann. Er sitzt nur der Vollstandigkeit wegen mit da."
Munchhausen musste sich fugen und an der andern Seite der Gerichtstafel dem alten Baron gegenuber auf einem holzernen Schemel Platz nehmen. Der Bediente setzte sich mit einer Feder in der Hand zur schmalen Seite der Tafel. Munchhausen schuttelte den Rest seiner Geisteskrafte zusammen und legte dem alten Baron folgende Rechtsfalle vor:
"Die Luftverdichtungsaktienkompanie kommt wegen widriger Umstande nicht zustande. Frage: Was geschieht mit den gezahlten Einschussen?"
Urteil des alten Barons
In Betracht; dass widrige Umstande widrige Umstande sind, wofur niemand kann: In Betracht; dass vor allen Dingen gehabte Muhe und Anstrengung zu belohnen ist, damit niemand den Mut verliere, abermalen gemeinnutzige Plane zu entwerfen: behalten Direktoren, Verwaltungsrate und Syndikus die Einschusse und teilen sich darin ratierlich. Syndikus mit doppelter Portion.
V.R.W.
"Vortrefflich!" rief Munchausen, "du dringst zum Erstaunen schnell in die Geheimnisse der Praxis ein. Es bleibt eine ewige Wahrheit, Amt gibt Verstand."
"Mit diesem Bescheide bin ich als technischer Mitdirektor ebenfalls zufrieden", sagte Karl Buttervogel.
"Nun ein zweiter etwas verwickelterer Fall", sprach Munchhausen.
"Her damit!" rief der alte Baron. "Mir wird keine Nuss zu hart sein."
"Trebaz soll Maven ein Haus bauen. Auf Steine lautet der Pakt. Trebaz baut ein regelrechtes Haus aus Steinen, im Bruche gehauen. Mav weigert Bezahlung, weil er Luftsteine gemeint. Frage: Wer hat recht?"
Urteil des alten Barons
Mav. Der Ausdruck: "Steine" ist zweifelhaft. In dubiis res ad minimum redigenda est. Minimum ist Luft. Darum soll in Zukunft bei Baukontrakten allezeit die Vermutung pro interpretatione aeriori, fur die luftigere Auslegung streiten, und wer das bisher brauchlich gewesene sogenannte solide Material genommen, den Schaden haben. Trebaz unterliegt, bekommt kein Geld und zahlt Kosten.
V.R.W.
"Deine Weisheit setzt mich in Erstaunen, Bruder Schnuck", sagte Munchhausen. "Jetzt aber nimm dich zusammen, denn der dritte Fall spielt einigermassen in das Gesellschafts- und Strafrecht.
Zwei Luftaktionare bekommen miteinander Streit und der eine schilt den andern: 'Windbeutel'. Frage: Ist darin eine Injurie enthalten?"
Urteil des alten Barons
Da Wind Luft ist, nur Luft in Bewegung;
Da Luft, mithin auch Wind, recht eigentlich den Stoff darstellt, welcher zum Metier der Aktienkompanie gehort;
Da niemand durch etwas, was zu seinem Metier gehort, beschimpft werden kann, der Ausdruck: "Beutel" aber ganz unverfanglich ist;
ergehet Sentenz, dass die Aktionare einander "Windbeutel" nennen durfen, ohne dafur Genugtuung begehren zu konnen.
V.R.W.
"Das finde ich ungerecht", sagte Karl Buttervogel, "und wer mich als technischer Mitdirektor so nennt, dem gebe ich eine Ohrfeige."
"Der Aktuarius macht sich zu laut", sagte der alte Baron. "Gehe Er hinaus, Buttervogel, ich habe uberdies an Seinen Herrn eine Frage zu richten, bei welcher ich Seine Anwesenheit nicht wunsche." Karl entfernte sich eiligst.
Der Schlossherr holte aus einem Winkel drei alte bestaubte Familienbildnisse hervor, namlich einen Mann im Harnisch mit Tressenhut und Kommandostab, einen im schwarzen Mantel und weissen Halskragen und einen im lichtblauen Hofkleide; stellte sie vor Munchhausen auf und sagte: "Diese sind meine Ahnen: Athelstan, Florestan und Nerestan von Schnuck-Puckelig. Athelstan war Generalfeldmarschall, Florestan Kanzler, Nerestan Oberzeremonienmeister. Kann ich es nun vor ihnen verantworten, dass ich, als Edelmann von alter Familie mich tatig bei einer Unternehmung bezeige, welche denn doch am Lichte besehen, keinen andern Zweck hat als Handel und Wandel und Geldprofit, und an welcher allerhand Leute geringer Herkunft teilnehmen werden, ja, der sogar ein Bedienter als technischer Mitdirektor vorstehen soll? Leiden die Standesbegriffe nicht dabei, welche sonst erheischten, dass der Adel keine Handelschaft und kein Gewerbe treibe? Sieh, der Zweifel ist mir in wahrender Verhandlung aufgestossen."
Munchhausen versetzte, dass in gedachter Beziehung der Adel mit der Zeit fortgeschritten sei, es marchandiere heutzutage jedermann, Graf, Freiherr und Furst, wie die geringste Kramerseele, unbeschadet der Standesbegriffe. Der Stand sei wie der geweihte Charakter der Priesterschaft ein unausloschlicher, ein Graf durfe an der Borse wuchern und den Juden das Brot vor dem Munde wegnehmen und bleibe nichtsdestoweniger ein so unversehrter christlicher Graf, wie einer, und wenn etwa noch ein Kreuzzug nach Jerusalem zustandekommen sollte, werde ihn keiner der Seinigen von der Entreprise zuruckweisen. "Indessen", setzte er hinzu, "wenn du darin zu delikat bist, so folge diesem schonen Gefuhle, denn wir haben freilich bei unserem Luftverdichtungsgeschafte mit unterschiedlichem Pack zu tun, und zarter ist immer zarter."
"Nein", rief der alte Baron, "was andere sich erlauben, das ist mir unverboten! Ich habe in solchen Dingen gar kein Privat- sondern nur ein Standesgewissen. So ware denn alles in Ordnung; nun wollen wir aber auch auf nichts denken und sinnen, als wie wir dem Geschafte den schwunghaftesten Betrieb geben." Er nahm die drei Familienbildnisse und trug sie wieder in ihren Winkel. Diesen Augenblick, als der alte Aktienschwarmer den Rucken wendete, benutzte Munchhausen und entwischte. Er eilte die Treppe hinunter in sein Zimmer, stulpte hastig den Strohhelm auf das uberwachte, gluhende Haupt, lief uber den Flur zur Ture, uber den Hof zwischen den beiden Wappenlowen, dem stehenden und dem liegenden hindurch in das Freie, und suchte irgendeine einsame Bauerhutte, oder auch nur einen abgelegenen Platz in Wald oder Feld, um endlich Ruhe zu finden fern von dem Schlosse, in welchem er unvorsichtigerweise die industrielle Begeisterung entzundet hatte.
Neuntes Kapitel
Der Freiherr von Munchhausen beginnt einen
Heroismus im Erzahlen zu entfalten
Einige Zeit wartete der Schlossherr auf die Ruckkunft seines Freundes, da diese aber nicht erfolgte, so begab er sich in sein Zimmer, legte die Nachtkleidung ab und seine gewohnlichen Tageskleider an, welche in einem kurzen polnischen Schnurrocke von grunem Sommerzeuge, in strohfarbenen kurzen Hosen und schwarzen Kamaschen bestanden. Er setzte dazu seine gelb und schwarz gefleckte Seehundsmutze auf, und ging, ein spanisches Rohr mit porzellanenem Knopf in der Hand, da ihn die Unruhe daheim nicht leiden wollte, in das Freie, um allerhand Fabrikanlagen vorlaufig an Ort und Stelle zu uberdenken.
Draussen roch ihm die Luft naturlich ganz anders, als fruherhin, wo er uber ihre steinernen Bestandteile noch nicht aufgeklart gewesen war. Ihr Geruch, den er durch vielfaches Riechen und Schnuffeln ausprufte, kam ihm so kalkicht und gipsern vor; er wusste nicht, wo er fruher seine Nase gehabt hatte, solches nicht zu merken. Ein Bauer, der am Schlosshofe voruberging und den alten Baron bei dem einen Wappenlowen stehen sah, die Nase spurend gegen die Wolken erhoben, grusste ihn hoflich und sagte: "Es stinkt verflucht." "Merkt Ihr auch etwas?" fragte der alte Baron freudig. "Wer sollte das nicht merken?" rief der Bauer; "sie brennen druben Kalk in der Grube, der Stank zieht im Winde weit umher."
Der Syndikus der Luftverdichtungsaktienkompanie verachtete herzlich die durftige Auslegung dieses armseligen Bauern und ging quer durch die Dornen uber Gras und Anger nach einem freien Platze, der ihm zur Anlegung der Fabrik besonders tauglich zu sein schien, weil dort weit und breit umher die frischeste Luft wehte. Er mass den Platz in der Lange und in der Quere durch Schreiten ab, notierte die Raummasse in seiner Brieftasche, erwog, wo das Laboratorium stehen sollte, wo das Magazin fur die Luftsteine und wo das Comptoir. Hierauf brachte er eine fluchtige Handzeichnung mit Bleistift zu Papiere, die ihm sehr wohl auszusehen deuchte, und worin das Magazin die Form einer Null hatte. Er war recht zufrieden mit diesen Vorarbeiten und argerte sich nur daruber, dass ihn Munchhausen bei denselben im Stiche liess. Indem er zufallig nach der Abdachung des Platzes, welche von einigen wilden Kastanien und Zwergeichen bestanden war, hinuntersah, bemerkte er, dass ein Mensch von seiner Raststatte unter einem der Baume aufsprang und dann fortlief. Dieser Fluchtling kam ihm, obgleich er ihn nur von hinten sah, wie Munchhausen vor. Er rief ihm nach; der Laufer horte aber nicht, sondern rannte querfeldein.
Wirklich war es Munchhausen, dem auch dort das erzurnte Geschick noch keinen Frieden gonnen wollte. Ich verspreche aber den Lesern, ihn nun ruhig irgendwoanders ausschlafen und ihn vor Abend nicht wieder erscheinen zu lassen.
Der alte Baron hatte noch viel an jenem Tage zu tun und lief im Freien hin und her. Am meisten machte ihm die Ermittelung eines Weges zu schaffen, auf dem die Luftsteine zur nachsten grossen Handelsstrasse geschafft werden konnten, denn das Land war ringsumher uberaus uneben und hockricht. Nachdem er die Pfade, die der grossen Strasse zuliefen, grundlich an mehreren Stellen untersucht hatte, entschied er sich kurzweg fur Anlegung einer Eisenbahn mit etwa zwolf Tunnels und funfzehn gewolbten Brucken. "Denn", sagte er, "wer gewinnen will, muss sich vor den ersten Auslagen nicht scheuen." Er uberschlug, dass der Personentransport die Kosten mit einbringen helfen werde, "denn naturlich kommen", sagte er, "jahraus jahrein viele tausend Reisende, um diese so sehr merkwurdige Fabrik zu besuchen, die Sehenswurdigkeiten meines Schlosses gar nicht einmal in Anschlag gebracht."
Nichts war ihm verdriesslicher, als dass die Fabrik nicht bereits stand. Erst gegen Abend kam er in die Burg seiner Vater zuruck, ermudet, schweisstriefend, aber im Herzen frohlich. Den ganzen Tag uber hatte er an Speise und Trank nicht gedacht, und nun musste er mit einem ziemlich oberflachlich behandelten Ruhrei nebst einem versottenen halben Grashechte furliebnehmen. "Wer mich zwischen diesen kahlen Wanden, an dem schlechten kiefernen Tische, dem ausgekochten Fischlein und der brenzlichten Eierspeise gegenuber sitzen sahe, musste mich fur einen verlorenen Mann und Hungerleider halten", schmunzelte er. "Wo ist da, menschlichem Gedenken nach die Hoffnung irgendeiniges Gluckes ersichtlich? Und doch steht das Gluck nahe, ganz nahe, denn sechsmalhunderttausend Luftsteine hat noch nie ein Schnuck zu beziehen gehabt. Wahrlich, es ist ein eigenes Ding um das Geschick des Menschen. Der Mensch kann durch Unmut zur Verzweiflung gebracht, in seinem Zimmer die Pistole laden, sich zu erschiessen, wahrend unten an der Ture schon der Postbote klopft, ihm den Brief mit der Nachricht von der reichen Erbschaft des unbekannten Vetters aus Surinam zu bringen. In gegenwartiger Zeit ist nun der erfindende Geist des Menschen, der in einem Augenblicke Leid in Freude, Klage in Jauchzen verwandeln kann, der reiche Vetter aus Surinam; unterdessen freilich schmeckt dieser Grashecht sehr zahe und fast wie Leder."
Etwas spater kehrte Munchhausen heim, ausgeschlafen, neugestarkt, mit hellen, grellen Augen. Er fuhlte in sich Kraft und Mut, dem Alten die Spitze zu bieten, und war entschlossen, ihn heute abend nicht zu Worte kommen zu lassen, sondern ihn, sozusagen, daniederzuerzahlen. Es freute ihn, als er horte, das Fraulein sei unpass und werde deshalb nicht von der Gesellschaft sein; so durfte er sich auch vor ihren Fragen und Bemerkungen sicher halten. Weil aber ein Vorleser den Faden ununterbrochener in seiner Hand zu behalten vermag, als ein Erzahler, stopfte er auf seinem Zimmer sich einige geschriebene Hefte voll der ungereimtesten Erzahlungen in die Brusttasche seines Rocks, und trat so gerustet zu seinem Wirte ein, der eben von Karl Buttervogel den halben Grashecht abraumen liess, von dem er nur ein Weniges hatte geniessen konnen.
"Aha", rief der Alte Munchhausen entgegen, "kommt der Ausreisser endlich? Ich habe mit Ihm noch ein Huhnchen zu pflucken. Lasst da Seinen Vertrauten und Kompagnon in der Sonnenhitze allein die Arbeit tun! Wenn Ruhe zu dergleichen Unternehmungen gehort, so konnen sie doch auch ohne Betriebsamkeit nimmer geraten. Vergonne mir, dich daran zu erinnern. Und nun setze dich her, sieh hier den Grundriss, den ich entworfen, und lass uns daruber in eine umstandliche Beratung treten, damit der Bau begonnen werden kann."
Langst hatte Munchhausen ein Heft aus seinem Busen gerissen, es entfaltet, und auf seinen Augenblick gewartet. Jetzt, als der alte Baron eine Pause machte, um Atem zu schopfen, setzte er rund und rasch ein und las mit unhemmbarer Schnelligkeit, wie folgt.
Ich
Fragment einer Bildungsgeschichte
Mein sogenannter Vater, welcher den hauslichen Unfrieden, von dem ich die unschuldige Ursache war, nicht langer ertragen konnte, sagte zu meiner angeblichen Mutter: "Desdemona, es muss geschieden sein. Ich habe es geduldet, dass du mir taglich einige und dreissigmal sagtest, du seiest meine Gattin nicht aus Liebe zu mir, sondern aus Achtung fur meinen seligen Vater, den Lugner, geworden; geduldet sechzehn Jahre und neun Monate lang, aber dass du diesen armen Wurm, den ich mir habe sauer genug werden lassen, bestandig knuffst, wo du ihn siehst, verletzt mein Gefuhl allzusehr. Lebe wohl, Desdemona, wir wollen einander nicht fluchen, wir wollen aneinander schreiben, aber miteinander leben konnen wir nicht langer."
Er lockte mich mit einem Zuckerplatz zu sich, steckte mich, da ich noch nicht gehen und stehen konnte, obgleich ich ubrigens bereits kluger war als mancher Dreissiger, in seine linke Rocktasche und sturzte ab, wahrend die verlassene Gattin sich im Gefuhle weiblicher Wurde an das Fortepiano setzte und: "Nach so viel Leiden" usw. sang.
Mein Vater sturzte die Dorfstrasse hindurch, er sturzte auf die Strasse nach Braunschweig. Ich bat ihn langsamer zu gehen, die heftige Bewegung mache mir Schmerzen, und wirklich zerschlug ich mir beinahe die Nase an seinem Beine, gegen welches die linke Rocktasche flog. Er aber horte nicht auf mich, sondern sturzte immer heftiger fort, unter Tranen rufend: "Du solltest ein Opfer jenes bosen Weibes werden, du sauer zubereiteter Wurm? Dem sei nicht also. Du bist das Produkt meiner tiefsten Studien, mein liebstes Kleinod, mein teuerster Schatz!" Ich litt unaussprechlich bei den Ausbruchen dieser heftigen Zartlichkeit und bei den durch sie hervorgebrachten sturmischen Bewegungen der Rocktasche. Damals schopfte ich die erste Erfahrung von dem Satze, dass die Menschen, wenn ihre Liebe recht heiss ist, dem Gegenstande derselben hundsubel machen konnen.
Zum Gluck kam ein Postillion halben Weges mit einer leeren Extrachaise von Braunschweig retour gefahren; den bestach mein sogenannter Vater, der Schwager verriet fur einen Spezies seine heiligsten Pflichten, nahm uns auf, kehrte um und setzte uns vor Braunschweig ab. Dort mietete mein Vater einen Hauderer, der uns uber Scheppenstedt, Magdeburg, die Walachei hindurch nach Thessalonich fuhr. In Scheppenstedt sollte gerade damals eine allgemeine deutsche Akademie errichtet werden, in Magdeburg war Landestrauer, weil die Klosse in dem Jahre nicht geraten wollten, in der Walachei werden lauter Wallachen gezogen, bei Thessalonich kommt man schon in das Turkische.
Wenn ich nur nicht immer in der Rocktasche hatte sitzen mussen! Ich hatte den brennendsten Drang nach Selbstandigkeit, nach unumschrankter Beobachtung, und musste da immer zwischen Schinken und Semmel und Sauerbraten verachtlich zubringen, denn mein Vater pflegte auch sein Fruhstuck in die linke Rocktasche zu senken, und ich durfte nur so eben aus der Schlitze gucken. Ich sagte zu meinem Vater in jedem Nachtquartiere: "Papa, die Tasche steht mir nicht mehr an, lassen Sie mich neben Ihnen sitzen." Er aber gab mir dann jederzeit einen vaterlichen Kuss und schlug mir meine Bitte ab, weil ich ihm, wie er sagte, ausser der Tasche verlorengehen konne. Mein jugendlicher Frohsinn schwand in der Tasche, ich fuhlte, dass ich mich selbst mundig sprechen musse, und wartete auf die erste gunstige Gelegenheit, diesen Entschluss auszufuhren.
In Thessalonich machten wir Halt und bezahlten unsern Hauderer. Der Hauderer erhielt gute Ruckfracht, namlich einen gefuhlvollen, liberalen Russen mit seinen vier frisch angekauften zirkassischen Sklavinnen. Bei Thessalonich geht wie gesagt, schon das Turkische an. Mein Vater wollte dort ein Mittel gegen die Emanzipation der Frauen ausfindig machen, und ich sollte Kadett bei den Janitscharen werden, sobald ich gehen und stehen konne. Wir hatten Empfehlungsbriefe nach der Turkei von Hannover mitgenommen. Indessen wendete das Schicksal alles gar anders.
Mein Vater (ich mag nicht immer das Beiwort: "Sogenannt", hinzufugen, versteht sich also in Zukunft von selbst) ging viel spazieren, hauptsachlich um meinetwillen, um, so sagte er, mir fruh Empfindung fur die schone Natur beizubringen, uberlegte nur nicht, dass ich in der linken Rocktasche von der schonen Natur wenig zu sehen bekam und ihm daher in meiner Finsternis auf das Wort glauben musste, wenn er stillstehend, oder zwischen seinen Beinen durchguckend, in welcher Positur die Landschaft immer am reizendsten aussieht, von der gottlichen Aussicht, von der blauen duftigen Ferne und dem goldenen Morgenoder Abendrote laut schwarmte. Eine recht verkehrte Erziehung! Ich bat ihn flehentlich, er moge mich doch wenigstens in einen seiner Stiefeln stecken, wie die Samojeden ihre Kinder bei sich fuhren er trug weite Schlappstiefeln mit seidenen Troddeln vorn jedoch vergebens. Auch aus den Stiefeln furchtete er mich zu verlieren. Meine Lage wurde allgemach unertraglich und ich weinte oft die linke Rocktasche ganz nass.
Eines Tages sass mein Vater mit dem Rucken gegen einen Olbaum gelehnt, sah die Sonne untergehen und war ausser sich uber ihren purpurnen Widerschein im Meerbusen von Thessalonich. Sonst pflegte er bei allem Enthusiasmus die Hande in der Tasche zu halten, so dass kein Entrinnen gedenkbar war. Dieses Mal ubermannte ihn aber seine Begeisterung, er schlug unter Interjektionen die Hande uber dem Kopfe zusammen, und ich benutzte den Augenblick, um aus der Tasche zu schlupfen. Da sah ich um mich, da atmete ich, da ward mir wohl nach langer Kerkerhaft. Ich kroch, ging, stolperte, lief ein wenig, wie es eben glucken wollte, wahrend mein Vater seine Rede an Sonne und Meer fortsetzte. Ich war eben in der Furcht vor Schlagen auf dem Ruckwege nach der Tasche denn mein Vater zuchtigte mich ungeachtet aller Liebe sehr oft in der empfindlichsten Art als das Verhangnis mit mir die wunderlichen Spiele begann, welche sich so lange fortsetzen und mir die eigentumlichsten Erfahrungen geben sollten.
Plotzlich fuhle ich mich namlich von einem grossen, dunkeln Etwas uberschattet, hore einen Larmen, wie wenn ein Baum knattert und fallt, fuhle ein rauhes Gefieder und zwei scharfe Krallen an meinem Leibe, sehe mich pfeilschnell erfasst, in die Lufte gefuhrt, wolkenhoch emporgetragen. Mit Entsetzen erkenne ich mein Los, und rufe mir zu: "Du bist in den Fangen eines Lammergeiers, du armer, deinem Vater so sauer gewordener Wurm! Warum, Unglucklicher, verliessest du die Tasche?" Die Lage des Kindes war schaudervoll! Uber mir der goldgelbe Bauch und die korallenrot gluhenden Augen des Ungeheuers, um mich Luft und Wolken oder Schwarme folgenden und krachzenden Gefieders, welches dem Geier seine Beute missgonnt, tief, schwindlicht tief unten Land und Meer wechselnd als dunkele und blanke Streifen! Der Geier fliegt und fliegt; er ist ein Geier, der auf Reisen geht und sich seinen Mundproviant hat mitnehmen wollen. Das Ungeheuer schreit bestandig: "Pfy! Pfy!" Da rufe ich mit dem Witze der Verzweiflung: "O, wenn du Pfy! schreien kannst, so rufe doch zuerst uber dich Pfy! aus, abscheulicher Franz Moor der Lufte; Pfy! uber deine mehr als unredliche Handlungsweise! Nach der Naturgeschichte fallst du zuweilen ausnahmsweise Hirtenknaben an. Bin ich denn ein Hirtenknabe? Bin ich nicht das gebildete Kind gebildeter Eltern? Hast du nicht selbst Kinder, Barbar? Jammert dich der Vater nicht, der drunten mit dem Rucken gegen den Olbaum gelehnt sitzt, vermutlich noch immer die Sonne sinken sieht, und an den Sohn in der Tasche glaubt?"
Ich war, man sieht es hieraus, uber meine Jahre gereift. Der Geier kehrte sich aber an meine Reden nicht, sondern flog und flog.
Ein Blitz, ein Knall, ein Fall! Aus unermesslicher Hohe sturze ich hinab; mir vergeht Horen und Sehen. Als ich von meiner Betaubung erwache, liege ich weich gebettet, und ohne dass mich eines meiner Glieder schmerzt. Ich sehe mich auf dieser Lagerstatte um; sie ist ein Carbonaromantel von blauem Tuch, ausgespannt zwischen zwei Tamarisken. Ein langer, bleicher Mann steht neben den Baumen, die abgeschossene Perkussionsflinte in der Hand, der furchterliche Geier liegt einige Schritte davon blutig am Boden, schlagt mit den Flugeln und zuckt und schnappt in letzten Zugen. Etwas weiterhin graset, abgezaumt, ein Reitpferd.
"I killed the vulture", sagte der grossmutige Brite nachdenklich, hob mich vom Carbonaromantel herunter, hielt mir seine Hand zum Kusse hin und fuhr gleichgultig fort: "You shall stand indebted for it all your life, Sir. Adieu."
Er zaumte sein Pferd auf, schlug den Carbonaro malerisch um die Schultern, bestieg den Klepper und ritt fort. "Um Gottes willen, Mylord, habt Ihr mich darum gerettet, um mich in dieser Einode dem Hunger, dem Durst, den wilden Tieren preiszugeben?" rief ich. "Bei der Gnade des Himmels! nehmt mich auf der Kruppe Eures Pferdes mit." "You would deprive me of my comfort", versetzte der grossmutige Englander kalt und ritt wirklich fort, so dass ich ihn bald aus dem Gesichte verloren hatte. "Elender", sagte ich dumpf, "ist dieses die Grossmut Albions? Du dachtest an dein Jagdvergnugen und nicht an das gebildete Kind gebildeter Eltern, an den sauer zubereiteten Wurm seines Vaters, als du schossest. Geh, falscher, heuchlerischer Brite, wir sind quitt! Bewaffne dich mit dem ganzen Stolze deines Englands, ich, ein deutscher Knabe, verwerfe dich!"
Durch diesen Monolog fuhlte sich meine Seele erhoben und gekraftigt. Ich empfand zugleich, was ich meiner Ehre gegen den verruchten Geier schuldig war, der noch immer schnappte und jappte, trat daher zu ihm und sagte: "Ein anderes Mal sehen Sie besser zu, wen Sie vor sich haben, Federvieh! Die Naturgeschichte erlaubt Ihnen, ausnahmsweise auf Hirtenknaben zu stossen, nicht aber auf gebildete Kinder gebildeter Eltern." Der Geier drehte seinen borstigen Schnabel matt nach mir um und verschied sodann, wie es mir vorkam, mit einiger Reue in den Augen.
Ich betrachtete mir die Gegend. Nichts als Felsen und Klippen, eine uber der andern, und in der Ferne noch hohere Kuppen! Flechten, Moose und Heiden bedeckten den Stein, Alpenroslein zeigten die roten Kronen, wilder Lorbeer, Tamarisken, Johannisbrotstauden standen in leichten, dunnen, malerischen Gruppen umher. Ich war auf einer bedeutenden Hohe, denn die Luft zog scharf und kuhl, allem Vermuten nach auf einem der beruhmten griechischen Berge, denn der Geier war mit mir sudwestlich geflogen, aber auf welchem? Ich befand mich in der peinigendsten Ungewissheit uber diesen Punkt, weil ich einsah, dass es vor allen Dingen notig sei, mich ortlich zurechtzufinden, um den richtigen Weg nach Thessalonich und der linken Rocktasche einzuschlagen, die mir bei den schweren Erfahrungen, welche ich in so kurzer Zeit uber Geier und Englander gemacht hatte, schon jetzt wie ein verlorenes Paradies vorkam.
Aber wie diese Kenntnis erlangen? Die Gegend schien so einsam, dass kein Tier, geschweige denn ein Mensch sich erblicken liess. Ich wollte anfangs das Geschick befragen und an meinen Jackenknopfen abzahlen, ob ich auf dem Ota, Parnass, Olymp, Pindus oder Helikon stehe? verwarf aber dieses Auskunftsmittel als zu kindisch und meiner nicht wurdig.
Das Dunkel nahte sich, die Kuppen der Berge wurden violett, Hunger und Durst begannen mich zu peinigen, und ich stand noch immer allein da droben, ich und der tote Geier die einzigen lebenden Wesen in jener Einode! Mich fror in meiner leichten turkischen Janitscharenkadettenuniform, die mir mein Vater schon hatte machen lassen! Sie bestand in weissen Pumphoschen, in einem auf europaische Art zugeschnittenen roten Collet mit gelben Litzen und in dem Turban, der damals noch nicht abgeschafft war. Ein kleiner blecherner Sabel klirrte an meiner Seite und einen Schnurrbart trug ich auch, vorlaufig einen mit Kohle gezeichneten.
Um wenigstens meinen Durst zu loschen denn gegen den Hunger gab es da freilich nichts, als Stengel, Blatter und Alpenrosen kroch ich zu einer Quelle, welche zwischen grunlichen Klippen hervorsprudelte und an diesem ihrem Ursprunge von einigen der schonsten Lorbeern uberstanden war. Ich ahnete, dass es mit diesem Wasser eine eigene Bewandtnis haben musse, denn Gewalt und Klarheit wohnten in ihm so nahe beieinander, dass es kein gewohnlicher Spring sein konnte. Zischend und schaumend drang der Strahl unter dem moosigen bekrauterten Steine an das Licht, als koche er, und einen Schritt weiter floss schon das klarste beryllgrunste Nass ohne Unruhe, Schaumblasen, Wirbel in seinem Rinnsale.
Ich buckte mich zur Quelle und netzte meine Lippen, aber wie wurde mir da! In meinen Eingeweiden tat es ein Grimmen, in meinem Blute ein Wallen, in meinen Gliedern ein Gluhen, in meinem Herzen ein Klopfen, in meinem Haupte ein Schwarmen! Die wundersamsten Phantastereien begannen mir vor den Sinnen umherzugehen. Meine rote Janitscharenkadettenuniform kam mir vor wie das rote Meer, meine weissen Pumphoschen leuchteten mir wie der Schnee der Alpen und mein kleiner blecherner Sabel gemahnte mich wie das Schwert des Alexander. Ich offnete die Lippen, und sie sprachen unwillkurlich:
Gesperret lange Zeit in eine Tasche,
Selbstandigwerdenwollend ausgekrochen,
Nahm in die Krallen dich der Gei'r, der rasche,
Dem Albions Grossmut drauf den Hals gebrochen,
Und als dir nun gesunken die Courage,
Fuhlst du in Grimmen, Gluhen, Wallen, Pochen
Dein Herz geloset fluten gleich der Trane
Des Stocks im Lenz, am Born der Hippokrene!
Ja, ich hatte unversehens aus der Hippokrene getrunken und war sonach am Helikon! Meine Lippen offneten sich abermals und skandierten unwillkurlich:
Sauerbereiteter Wurm des gutigsten Vaters,
Fur die Kadettenanstalt des grossesten Sultans
Mit dem Sabel aus Blech bewaffneter Knabe,
Streife das rote Collet und die weissen batistnen
Hoschen vom Leibe dir ab und glanze in reiner
Klassischer Nacktheit!
Wirklich warf ich Sabel, Collet, Turban, Pumphoschen, kurz alles und jedes ab, walzte und kugelte mich wie toll umher, unwillkurlich, von dem Musenwasser getrieben. Schon hatten sich wieder neue Bilder in meine Seele und Weisen auf meine Lippen gedrangt; ich sang:
Feinsliebchen, wenn du suchest mich,
Trala!
Du findest mich ganz sicherlich
Sasa!
Wie bei der Lamp' ich sitz' und mach'
Ein Liedchen fur den Almanach!
Feinsliebchen, weisst du, was das ist?
Trala!
Ein Buchlein voll von Jesu Christ
Sasa!
Und Blumelein und O! und Ach!
Das ist der Musenalmanach!
Ich hatte rasch den Entschluss gefasst, einen Musenalmanach zu schreiben, ganz allein ich selbst; um mir mein Brot zu verdienen, "denn" rief ich
Warum denn andre brauchen und deren
Instrumente?
Ein rechter Virtuose spielt jedes Instrumente.
Er blast mit seinem Munde, dem Finger funfe
dienen,
Das lippenhauchgenahrte, das Floteninstrumente,
Und streichet mit dem Bogen, geknupft am
Ellenbogen,
Das saitenstegbewehrte, das Geigeninstrumente,
Derweil an seinen Schenkeln sich hellen Schalles
stosset
Das Kindern klingklangwerte, das
Beckeninstrumente,
Und Klopfel an den Knieen mit mut'ger Ruhrung
ruhren
Das kesselbauchbeschwerte, das
Paukeninstrumente,
Von seinem Haupte aber die Glocklein schwingend
bimmelt
Das Rossschweif' nie entbehrte, das
Halbmondinstrumente.
So mit Geblas' und Streichen, mit Stossen, Ruhren,
Bimmeln
Sah ich, als sein der Meister funf da der
Instrumente,
'Nen einz'gen jungst noch spielen am Markt das
mannigfalte
Flot- Geige- Becken- Pauken- und
Halbmondinstrumente.
Damit war meine Begeisterung noch nicht erschopft. Formen und Verse, Weisen und Reime, Laiche, Stollen, Stanzen, Assonanzen, Dissonanzen, Dezimen, Kanzonen, Terzinen, Handwerksburschenlieder, Sprichwortliches, Afrikanisches, Madekassisches, an Personen, Gelegenheit, Denk- und Sendeblatter, Runenstabe, Gepanzertes und Geharnischtes, Blatter und Bluten, Schutt alles dieses und noch unendlich viel mehr entquoll meinen unermudlich vom Wasser bewegten Lippen, so dass ich glaube, ich armes nacktes Kind habe da droben auf dem Helikon an jenem Abende in wenigstens sechs Dutzenden der verschiedensten Arten und Weisen meine Kindlichkeit lyrisch ausgesprochen. Ich weiss nicht, ob ich mich nicht totgeschrieen haben wurde und ein lyrisches Opfer geworden ware, hatte nicht das Schicksal, welches mich schon aus den Fangen des Geiers rettete, nunmehr mich auch von den Folgen jenes hippokrenischen Sauerbrunnens befreit.
Auf einmal namlich, als ich eben ansetzte, meine Empfindungen im Geiste eines enthaupteten Hottentotten auszustromen, fuhlte ich mich von allen Seiten angerannt, ubergerannt, beschnoppert, beleckt, befuhlt, bestossen, betrampelt. Zu Boden geworfen, sah ich nichts uber mir und um mich als gelbe Augen, durre Beine, rauche bartige Gesichter. Eine Herde wilder Ziegen war mit ihren Zicklein zum Orte gekommen und ubte an mir diese etwas sturmische Bewillkommung aus. Mein anfanglicher Schreck dauerte indessen nur wenige Augenblicke; ich erkannte sehr bald, dass ich gutmutigen Wesen in die Pfoten gefallen war, die nur durch ihre Individualitat bestimmt wurden, so unbequem ihre Freude uber den Fund des kleinen Lyrikers zu aussern. Das waren keine blutdurstige Lammergeier, es waren sanfte, milde Ziegen mit den besten Herzen. Sie riefen alle im Chore: "Ach, der arme Kleine! der Verlassene! Da liegen seine Haute, er muss eine furchterliche Krankheit gehabt haben, wovon sie sich abgeschalt haben, nun sieht er wie geschunden aus. Lasst uns seine Wunden lecken! der Jammervolle!" Ich musste im stillen uber diese unerfahrenen Ziegen lacheln, welche meine Janitscharenkadettenuniform fur einen abgestreiften Balg und meine heile, weisse Haut fur geschunden ansahen, beschloss indessen Achtung vor dieser Volksmeinung zu haben und nicht ubereilt mir durch Eroffnung einer hoheren Wahrheit bei den Ziegen zu schaden. Indessen war ich doch bald genotigt, Einspruch zu tun, denn alle Ziegen leckten in ihrer wohltatigen Absicht so eifrig an mir umher, dass ich es vor Kitzel nicht langer aushalten konnte. Ich ergriff daher das rechte Vorderbein derjenigen Ziege, welche mir die alteste und verstandigste zu sein schien, mit meinen kindlichen Handen, druckte es an mein Herz und sagte: "Ehrwurdige Mutter, ich danke Ihnen. Genug nun des Leckens! Vertrauen Sie der Natur, und uberlassen Sie ihr die Nachheilung meiner Ihrer Ansicht zufolge wunden und geschundenen Haut!" Wirklich liessen die gutmutigen Ziegen, sobald sie meinen Wunsch vernommen hatten, von ihrer Leckkur ab.
Die Zicklein, welche bisher diese Szene der Barmherzigkeit mit possierlichen Mienen und Gebarden umstanden hatten, drangten sich jetzt, entsetzt seitwarts blickend, den Muttern so innig an, wie die jungste der Niobiden dem Schosse, der sie doch nicht vor den schrecklichen Pfeilen zu bergen imstande war. Sie schrieen meckernd: "Der Geier! der bose Geier!" und zitterten und bebten, als ob jener tote Bosewicht sie noch fressen konnte. Anfangs schauerten auch die Mutter bei seinem Anblicke zusammen, indessen fassten sie sich bald und beruhigten die Zicklein mit verstandigem Meckern. "O", rief eine der Ziegen, "wie vielen Dank sind wir diesem armen kleinen Findlinge schuldig! Ohne ihn wurden wir wahrscheinlich den Verlust eines von euch, ihr teuren Kinder, zu beweinen haben! Der Lammergeier sah aber ihn und nahm ihn an eurer Statt in die Lufte!" Hier erwachte mein ganzer Stolz, und auf die Gefahr hin, es mit diesem Ziegenvolke auf der Schwelle unserer neuen Bekanntschaft zu verderben, sprach ich: "Meine Damen, Sie sind im Irrtum. Dass jener Rauber mich fur einen Hirtenknaben hielt, den er nach der Naturgeschichte ausnahmsweise zuweilen anfallen darf, war schon unverzeihlich von ihm, dass er mich aber gar fur ein Ziegenlamm hatte halten sollen, dazu traue ich ihm denn doch zuviel Verstand zu." "Das Wundfieber phantasiert aus ihm", riefen alle
Ziegen, "er weiss nicht, was er spricht." "Meine Schwestern", hob die alteste der Ziegen an; "uns dieses kleinen verlassenen Wesens anzunehmen erfordert unsere Ziegenpflicht; um so mehr, da es ein Opfer fur eines unserer Kinder geworden ist. Bringen wir denn es vor allem unter Obdach, und spaterhin wollen wir uberlegen, was von uns fur ihn geschehen kann!"
Die Herde setzte sich in Bewegung, die Mutter voran, die Zicklein folgend. Die Mutter stiessen mich mit ihren Kopfen vorwarts; ich weinte und schrie, dass ich erst meine Janitscharenkadettenuniform wieder anziehen wolle, denn die klassische Nacktheit beginne mir frostig zu werden, davon aber wollten die Ziegen nichts wissen, sondern hielten es fur eine neue Fieberphantasie, dass ich in jene kranken Hullen kriechen wolle. Ich musste mich daher fugen, klammerte mich zwischen zweien der Gesetztesten mit den Handen an deren Zottelpelzen an, und konnte so notdurftig mit der Herde mich fortbewegen.
An Abgrunden vorbei, auf rauhen Pfaden, uber welche meine tierische Gesellschaft sicher ging, gelangten wir zu einer grossen Felsenhohle, dem von der Natur gebildeten Stalle dieser wilden Ziegen. Raumlich und wohnlich war die Hohle, ein warmer Hauch schlug aus der tiefen Wolbung meinem frierenden Korper wohltuend entgegen, der Boden und die Seitenwande waren mit weichem Moose ausgepolstert, das ertastete ich, als wir hineingingen. Der susse, aromatische Duft des Thymians, welcher auf jenem Gebirge uberall bluht, drang in die Hohle, kurz, dieser Aufenthaltsort konnte nicht trostlicher gedacht werden, wenn man einmal von der linken Rocktasche seines Vaters verbannt sein sollte.
Die Ziegen streckten sich auf dem weichen Moose nieder und begannen ihr Wiederkauungsgeschaft, die Zicklein legten sich ihnen an die Euter, und sogen, aber was wurde aus mir, dem Fremdlinge ohne Familienverbindungen in diesem Kreise? Traurig sass ich in einer Ecke auf meinem Moosklumpen, hungerte und durstete. Endlich ersuchte ich bescheiden auch um einige Milchnahrung, wenn die Kinder des Hauses gesattigt sein mochten. "Glaubst du denn", rief die alteste der Ziegen, welche die andern Sisi nannten, "dass wir dich nicht langst auch zu unsern Nahrungsquellen herbeigelassen haben wurden, wenn wir nicht wussten, dass dein Wundfieber jede Uberladung des Magens todlich machen kann?" Ich bat sie bei den Hauptern ihrer hoffnungsvollen Lammer, es darauf zu wagen, ich verschmachte sonst, worauf sich unter der Herde eine ziemlich lebhafte Verhandlung uber die Zulassigkeit oder Nichtzulassigkeit des Saugens in meinem Zustande ergab, welche in den Beschluss auslief, dass mir ein weniges an Milch wohl verstattet werden moge. Froh uber diese Entscheidung kroch ich zur barmherzigen Sisi und sog die ersehnte, heilsame Nahrung in mich. Als ich aber im besten Saugen war, wurde ich schon wieder abgestossen, weil ein mehreres, wie die um mich besorgten Ziegen angstlich ausriefen, mir sicherlich schaden wurde. Ich war daher nur halbsatt geworden, indessen doch vor dem Hungertode nunmehr geschutzt.
Uber meine Nachtruhe entstand darauf eine zweite Verhandlung, welche ein Streit zu werden drohte, denn die Ziegen waren gegen mich so liebevoll gesinnt, dass jede mich in ihren Pfoten erwarmen und keine mich der andern gonnen wollte. Ich musste voraussehen bei diesem Liebesfeuer die ganze Nacht uber ungewarmt zu bleiben, rief daher: "Wohltatige und rechtschaffene Ziegen, teilt euch in euren kleinen Lyriker, lasst ihn bei jeder von euch eine halbe Stunde liegen!" Dieser Vorschlag fand Beifall, zuerst nahm mich die alte Sisi in ihre Pfoten, dann die Riri, dann die Quiqui, dann die Nini, dann die Mimi, dann die Lili, dann die Pipi, dann die Fifi, dann die Bibi, dann die Didi, dann die Wiwi, dann die Kiki, endlich und zuletzt morgens gegen vier Uhr die Zizi, die jungste dieser meckernden Grazien. Denn diese Namen, alle in i endigend, fuhrten die zwolf Ziegen, aus denen die Herde bestand. Ich hatte sie durch ihre Gesprache zufallig erkundet. Was meine Nacht betraf, so war sie freilich unruhig, denn ich hatte fast nichts zu tun, als mich niederzulegen und wieder aufzustehen, indessen erfror ich doch nicht.
Wundert ihr euch, dass ich das Gemecker der Ziegen so bald verstehen lernte? Ihr hattet euch eher daruber verwundern sollen, dass ich den Englander verstehen konnte.
Betrachtungen uber mein sonderbares Schicksal raubten mir den wenigen Schlaf, den mir der Wechsel meiner zwolf Wohltaterinnen allenfalls noch hatte verstatten mogen. "So bist du denn", dachte ich, "indem du deine Selbstandigkeit erringen wolltest, in die Klauen eines Usurpators und darauf nach kurzem lyrischem Taumel unter das Vieh geraten, von welchem du nicht einmal fur voll angesehen wirst." "Erlaube mir", rief hier der alte Baron, da Munchhausen einen Augenblick innehielt, "diese hirnlosen Geschichten zu unterbrechen und mit dir von unserer Fabrik"
"Sogleich", versetzte Munchhausen, "meine Erzahlung geht zu Ende." In den nachsten Tagen besuchte ich mit den helikonischen Ziegen und ihren Zicklein die Weide. Ich muss ihnen das Zeugnis erteilen, dass sich die Ziegenmutter gegen mich immer gutig und liebevoll betrugen, und dass auch ihre Kinder nicht allzuarg mit mir umgingen, obschon diese freilich, mutwillig, wie die Jugend einmal ist, allerhand neckende Possen trieben, welche auf mich Bezug hatten, z.B. sich gegen mich baumten, mir uber den Kopf wegsprangen, nach mir stiessen, und was dergleichen Schalkstorheiten mehr waren, die ich als gebildetes Kind gebildeter Eltern nur verachten konnte. "Du bist unter Ziegen", sagte ich zu mir selbst, wenn der Grimm in mir uberwallen wollte, "vergiss das nie, kleiner Munchhausen, du sauer zubereiteter Wurm deines Vaters." Ich fuhlte, dass ich mich dem Zustande, in den mich nun einmal die Fange des Geiers und die Kugel des grossmutigen Englanders geworfen hatten, anbequemen musse, versuchte also zuvorderst auf allen vieren zu laufen, da ich ohnehin auf meinen beiden kleinen menschlichen Fussen noch nicht recht fortkommen konnte, und bestrebte mich ausserdem, auf jene baumenden, springenden, stossenden Scherze einzugehen, freilich nicht ahnend, wohin dieses Anbequemungssystem fuhren sollte.
Wenn die gutigen und liebevollen Ziegenmutter sich nur nicht von vorgefassten Ideen so sehr hatten leiten lassen! Aber es war meinen Bitten unmoglich, sie zu bewegen, dass sie mir meine Janitscharenkadettenuniform zukommen liessen; sie blieben steif und fest dabei, dass dieses Collet, diese Hosen, dieser Turban Uberbleibsel krankhafter Hautungen seien. Nackt war ich also, und nackt blieb ich, so dass mich in den ersten Tagen meines ziegenhaften Lebens entsetzlich fror, bis die Haut eine Gegenwirkung zu entwickeln begann, welche den erkaltenden Einfluss der Luft allgemach aufhob. Auch von der Milch bekam ich immer nur halbe Portionen aus Sorge um mein angebliches Wundfieber. Oft knurrten meine Eingeweide vor Hunger. Bei allem dem war ich der Liebling der ganzen Herde und samtliche zwolf Ziegen auf i nannten mich nur ihren herzigen Jungen. Ich hatte meine Verwunderung daruber, so viel Menschliches unter dem Volke zu finden, welches doch, wie ich aus allen Reden und Ausserungen, die ich horte, abnahm, in einer volligen Einsamkeit und Absonderung von der ubrigen Welt auf diesen helikonischen Hohen erwachsen war, und gegen die Menschen, von denen es nur durch Horensagen wusste, eine so tiefe Verachtung hegte, wie die tugendhaften Houyhnhnms des Dechanten Jonathan Swift gegen die sundlichen Yahoos.
Das Leben einer Ziege, insonderheit einer wilden, hat sonst viel Schones. Der erste Fruhstrahl drang golden, wie ihn die Ebene nicht kennt, in unsere Hohle und beleuchtete ihre moosigen Klufte, vor denen nach dem Tage zu leichte Geflechte wilden Weines und bunter Winden hingen. Rote Lichter und farbige Schatten umspielten die Herde, die umher an den Steinen und Mooswulsten noch lag und schlummerte, bald aber sich erhob und die Glieder dehnend in den Morgenwind hinausschritt, der die Waldreben und Winden sauselnd bewegte. Wie herrlich glanzte dann der hohe Gebirgsrucken mit seinen tausend Zakken und Klippen vor uns, wie nagte geschaftig der scharfe Zahn an den wurzigen Krautern, die ihn bedeckten, wie leckmaulerig wurde, wenn diese Kost genossen war, emporstrebend die aromatische Rinde der Stauden und Baume abgeschalt, wie labte nach solcher Speise die susse Kuhle der gottlichen Quelle! Die Lufte wehten erquicklich und labend uber diese Gipfel hin. Sie waren mit keinem Dunste der Ebene befrachtet und erzahlten die Sagen der alten schonen Gotterwelt. Tief drunten in weiter Ferne lagen die Stadte der Menschen mit dem gemeinen Wuste ihres Wesens; zu diesen seligen Hohen drang der Schrei des Bedurfnisses nicht und nicht der Seufzer der Sorge. Bisweilen erklang aus dem Gestein, umsprosst von wilden Rosen und Feigen, der melodische Schall der Steindrossel oder tonte aus den Heiden und Thymusbuschen der goldene Laut der Zikade. Alles klang hier voller, reiner, unschuldiger in der Nahe des Bornes, den der Huf des heiligen Rosses aufriss, denn alles hatte aus ihm getrunken; selbst die Graser, Blumen, Busche, Baume, welche das schaumende und doch so ruhige Nass benetzte, oder auch nur mit seinem feinen Dufte erreichte, standen stolzer und vornehmer da, als die Gewachse der Flache. Wenn der Alpenhauch ihre Spitzen und Kronen ruhrte, beschrieben die Stengel und Zweige schone, dem Auge wohltuende Linien in den Luften. So war jegliches da droben verfeinert, abgeklart und selbst im Kraftigen zart; Scheltworte, zu denen etwa einmal eines gegen das andere sich vergass, adelten die Winde des Helikon in zierliche Epigramme um; dieses war, was die Nahe bot, die Ferne aber zeigte auch nur Erhabenes: Die gottlichen Haupter des Pindus, Parnassus und Kitharon.
Mittags rasteten wir gewohnlich auf einer sonnigen Halde. Dann kamen die Gatten der Ziegen zu einem kurzen, aber traulichen Besuche. Sie bewohnten eine andere Felsengrotte an der entgegengesetzten Seite des Berges und fuhrten eine abgesonderte Wirtschaft, denn zwischen beiden Geschlechtern bestanden hier die edelsten und keuschesten Verhaltnisse. Dann begannen die gymnischen Spiele der Jugend, welchen nur in dem niedern Zustande gemeiner zahmer Ziegen die herabwurdigende Bezeichnung von Bockssprungen zukommen kann. Hier war in diesen Spielen feurige Kraft und die Blume der komischen Grazie zu schauen. Rings im Kreise gelagert freuten sich die sanften Mutter und die ernsten, ehrwurdigen, bebarteten Vater der herrlichen uberquellenden Lust und dachten ihrer einstigen Zeit. Meldete sich nun wieder der Glaubiger unter dem Zwerchfell, der nie die Schuld einzufordern vergisst, d.h. wollten die Ziegen und ihre Gatten noch etwas fressen, so schied man mit herzlichem Grusse und dem frohen, getrosten Worte: "Auf Wiedersehen!" Beide Geschlechter gingen zu ihren Weideplatzen, und nun wurde noch ein leichtes Vesperfutter abgerupft. Wenn aber die dammernde Eos mit Rosenfingern herabsank, und der Abendtau den klassischen Boden zu netzen begann, schritten wir lieblich meckernd heimwarts, erreichten vor der volligen Finsternis die bergende Hohle und streckten uns saugend oder wiederkauend in ihrer behaglichen Warme auf dem sammetnen Moose aus. Bald goss ein leichter, traumeloser Schlummer seinen Balsam auf uns nieder, machte unserem Saugen und Wiederkauen ein Ende.
Ich sage: "Wir", ich sage: "Uns", ich sage: "Unserem". Mit mir war namlich eine wunderbare Veranderung vorgegangen. Ich lernte von Tage zu Tage flinker auf allen vieren laufen, ich nahm an den gymnischen Spielen der Jugend, bei welchen ich mich anfangs hochst ungeschickt betragen hatte, allgemach immer dreister teil und rannte eines Tages erhobenen Leibes, Kopf gegen Kopf mit einem Bocklein, welches mich zu diesem Stosskampfe herausgefordert hatte, so tapfer zusammen, dass das Bocklein sturzte, ich aber stehen blieb, woruber alle Ziegen und ihre Gatten ein herzlich meckerndes Gelachter aufschlugen. Ich hatte, da mir die Milchnahrung nicht genugte, mich an das Nagen von Grasern und Knabbern von Baumrinde gegeben, zuerst den heftigsten Widerwillen gegen diese Speise verspurt, allmahlich aber ihn schwinden sehen und gefunden, oder zu finden gewahnt, dass Gras wie gruner Kohl und Rinde wie Krautsalat schmecke alles das war in mir vorgegangen, aber ich hatte dessen nicht geachtet, weil ich nicht uber mich nachdachte. Ein unvorhergesehener Vorfall entzundete endlich in mir die Fackel der Selbsterkenntnis und lehrte mich meinen umgestalteten Zustand verstehen.
Eines Abends liege ich in der Hohle neben der Ziege Quiqui. Die Zicklein sind von den Eutern abgegangen und schlafen schon, die Mutter kauen wieder und unterhalten sich von Freiheit und Notwendigkeit. Ich schlafe noch nicht. Es geht mir etwas im Kopfe umher, was ich nicht zu nennen weiss, es ist ein formloses Etwas, was sich nach und nach durch die Kehle in die unteren Regionen hinabsenkt und dort ein losgebundenes Leben fur sich anfangt. Meine Kinnbakken beginnen sich kreuz und quer ubereinander zu schieben, und ein sonderbares Nachschroten ohne Gegenstand auszufuhren; bald ergreift die angrenzenden und dann die unteren Teile die Mitleidenschaft, mir wird sehr ubel, Dinge, die ich fur immer abgetan glaubte, steigen in mir auf, ich weiss nicht, was das bedeuten soll, ich befurchte, einen gefahrlichen Magenkrampf zu haben, ich achze, ich stohne. Teilnehmend rutscht die Quiqui herzu und fragt, was mir fehle? So gut ich unter dem unaufhaltsamen Schieben und Schroten der Kinnbacken es vermag, schildere ich ihr den Zustand; und wer beschreibt meinen Schreck, als die sanfte Quiqui, Tranen vergiessend und mich zartlich an sich druckend, ausruft: "Heil dir und Segen, herziger Junge! Du bist nun ganz der Unsere, du kaust wieder!" "Ihr Gotter!" rufe ich (denn auf dem Helikon spricht man nur mythologisch) "was ist aus mir geworden?" Ich habe aber nicht Zeit, diese Ausrufungen fortzusetzen, denn alle eilf andern Ziegen, welche den Freudenschrei der Quiqui vernommen haben, drangen sich um mich, und sind wie ausser sich, die Lili leckt mich, die Pipi neckt mich, die Riri schmiegt sich an, die Fifi riecht mich an, die Titi will mich kussen, die Wiwi hatte vor Liebe mich fast gebissen, Bibi, Didi, Kiki scherzen, Mimi, Nini herzen; von dem Jubel erwachen die Zicklein und Bocklein, horen halb schlaftrunken, was vorfiel, und nun erbrauset erst der rechte bacchische Taumel. Das springt, bockt, baumt, stosst, rennt um mich her, das schuttelt sich, ruttelt sich, tanzelt, schwanzelt, hanselt, dass keine Phantasie, und ware sie die kuhnste und leichtfertigste, diese tolle Szene, beleuchtet von einem zweifelhaften Mondschein, sich vorzustellen vermochte. Nur die ehrwurdige Sisi behielt einigermassen ihre Fassung, legte, als sie durch das Gewirre zu mir dringen konnte, ihre mutterliche Pfote segnend auf mein Haupt und sprach: "Mogen dich Pan und alle Faunen beschutzen, du junger Geretteter!"
Endlich legt sich der Sturm und alles lagert sich wieder zum Schlummer. Ich aber liege, halbtot von allen den Pfoten, Schnauzen, Kopfen, Bauchen, die mir Liebe hatten erzeigen wollen. Der Schreck war freilich das meiste gewesen, denn keines der gutmutigen Tiere hatte mir wehe getan, sie hatten sich vor jeglicher Roheit zu huten gewusst. Nur das Schieben und Schroten der Kinnbacken wollte nicht wieder gelaufig in Gang kommen, dieser ganze Hergang war durch die Heftigkeit der Neigungen, die ich erdulden mussen, gehemmt worden, ich empfand einige Storungen im Verdauungsgeschafte.
Aber wie wenig bedeuteten diese Unbequemlichkeiten gegen den Seelenschmerz und die geistige Unruhe, die ich in jener Nacht durchzudulden hatte! "Ist es moglich, dass du unter Ziegen aufgehort haben solltest, ein Mensch zu sein?" sprach ich zu mir selber. "Warum hast du dich gehenlassen, warum deine angeborene Wurde nicht im Auge behalten, nicht treu und fest im Auge behalten die schreckliche Gefahr herabziehenden Umgangs und erschlaffender Gewohnheit?" Noch zitterte in mir ein schwacher Strahl der Hoffnung, dass alles nur Tauschung sein moge. Ungeduldig wachte ich dem Tage entgegen, der mir Gewissheit bringen musste, wenn auch vielleicht eine schreckliche. Bei dem ersten Schimmer der Morgenrote schlupfte ich, wahrend die Herde noch ruhte, aus der Hohle, rief: "Bedenke, dass du Mensch bist!" und wollte aufrecht einherschreiten, aber, o ihr Himmlischen, es ging damit nicht; ich war genotigt, auf allen vieren zu laufen, auf allen vieren zur Quelle Hippokrene, welche mir die Wahrheit zeigen sollte.
Uber ihren klaren und gottlichen Spiegel gebeugt, sah ich nunmehr, dass alle schwarzen Ahnungen recht hatten, dass das Entsetzliche geschehen war. Ich sah aus ihrer Flut einen mit zottigem Vlies bedeckten Leib mir abschreckend entgegenstarren, dunn und knochern gewordene Gliedmassen, die, als ob sie Scham empfanden, sich in Fell hullten, ich sah spitzund steifgewordene Ohren und ach! jene von meinem Umgange mit der Herde mir so bekannte Physiognomie, in welcher der Mund sich zum breiten Maule verzogen, die Nase die lacherliche Streckung nach vorn angenommen hatte, die Augen aber, erschreckt von diesen Verwandlungen, nach den Seitenbeinen des Schadels auseinandergewichen waren; mit einem Worte, denn wozu so viele? Im Spiegel der Poesie sah ich mich als jungen, wenigstens werdenden Bock.
"Dahin also ist es gekommen!" rief ich, und suchte zu verzweifeln. "Bist du darum deinem Vater so sauer geworden, darum aus seiner Tasche gekrochen, um als Gehornter und Beschweifter zu enden?" Denn die Musenquelle hatte mir ausser allem, was ich beschrieben, auch an Stirn und Ruckgrat Keime gewiesen, welche mit den Jahren, wenn das Wetter gunstig war, zu Horn und Schweif erbluhen konnten.
Ich war sehr angegriffen und bedurfte der Starkung, oder tat es die Nuchternheit des Morgens? genug, ich musste fressen, und schalte einen der Lorbeerbaume uber der Hippokrene ab. Die bitterlich-herbe Rinde bekam mir wohl. Ich suchte jetzt abermals zu verzweifeln, oder, da dieses nicht gelingen wollte, mindestens mein Los zu bejammern. Auch das gluckte nur zum Teil. "Wie verstehe ich das?" fragte ich mich. "Du hast deine Menschheit zum grosseren Teile eingebusst und kannst keine Verzweiflung, ja nicht einmal einen recht tuchtigen Jammer zuwege bringen?"
Da machte ich eine Entdeckung in meinem Inneren, die noch schlimmer war, als die ausseren Wahrnehmungen, welche mir die Quelle gegeben hatte. Ich merkte namlich, als ich mich scharf prufte, dass ich den Verlust meiner Humanitat eigentlich nur der Form wegen und ehrenhalber betrauere, im Grunde aber mit dem Fell an Leib und Gliedern, mit dem breiten Maule, der nach vorn gestreckten Nase, den seitwarts abgewichenen Augen, mit den Keimen an Stirn und Ruckgrat wohl zufrieden sei. Meine Seele war, das empfand ich, auch bereits in der Verbockung begriffen. O Menschen! Menschen! Menschen! nehmt an dieser Tatsache ein warnendes Beispiel. Wahrlich, das Tier kommt rasch genug in euch zum Vorschein, wenn ihr nicht unablassig auf euch achtet.
Ich graste und hing Betrachtungen dieser tiefsinnigen Art nach, als die Ankunft der Herde mich in denselben storte. Die guten Ziegen waren schon besorgt um mich gewesen und zeigten, als sie mich bei der Hippokrene denkend und grasend fanden, die unverstellteste Freude, so dass nicht viel an einer Wiederholung der nachtlichen Auftritte gefehlt haben wurde, wenn ich nicht Ruhrung und Erschutterung uber mein neues Gluck vorgeschutzt und sie ersucht hatte, meine durch das Wiederkauen etwas angegriffene Gesundheit zu schonen. "Ja, er bedarf der Ruhe", riefen die edeln Ziegen und entfernten ihre Pfoten und Mauler von mir. Der Platz an der Hippokrene wurde fur heute zur Weidestelle ersehen, und ich horte sie lange, wahrend sie frassen, in erhohter Stimmung und in einem sogenannten schonen Stile mein Gluck preisen, dass ich endlich vernunftig und einer der Ihrigen geworden sei.
"So geht denn also durch das ganze Reich der Wesen derjenige Zug, von welchem ich glaubte, dass er nur meinen ehemaligen Kameraden, den Menschen, angehore!" dachte ich bei diesen Gesprachen. "Erst wenn sie jemand zu sich heruntergezogen und ihn in seiner besten Eigenart vernichtet haben, glauben sie, dass er vernunftig geworden sei, und einer der ihrigen zu heissen verdiene. So zerklopft der Wegewarter an der Chaussee die grossen Steine und pflastert dann mit den kleinen Brockelchen die gemeine Heerstrasse des taglichen Verkehrs zu Fuss, zu Pferd und zu Wagen, mitunter auch zu Esel." "Erlaube mir", rief der alte Baron hier abermals dazwischen, "diese hirnlosen Geschichten nunmehr zu unterbrechen, und lass uns von unserer Fabrik" "Sogleich", versetzte Munchhausen. "Meine Erzahlung dauert kaum noch eine Viertelstunde." Ich war nun gleichsam Hahn im Korbe bei den guten und edlen Ziegen am Helikon. Sie liebten mich fast mehr, als ihre eigenen Kinder; naturlich, ich war ja das Kind ihrer Wahl und hatte fur sie ausserdem das besondere Interesse, dass noch einige Reste der Menschheit in mir staken, welche ihre fernere Erziehung ebenfalls auszutilgen berufen schien und hoffen durfte. Sie bildeten und besserten unaufhorlich an mir, d.h. sie leckten und putzten mich bestandig, um den vollkommenen Bock aus mir herauszulecken und zu -putzen, und jedes Funkchen widerstrebender Menschheit mir abzulecken. Ich musste mir das gefallen lassen, obgleich ich es gern gesehen hatte, ein Stuckchen Mensch zu bleiben, der moglichen Falle halber, in welchen ein zweites Metier von grossem Nutzen sein kann. Auch meine Sprache war ihnen noch nicht akademisch genug; sie meinten, es sei nicht das reine toskanische Meckern. Ich muss hier einschalten, dass ich mich deshalb so rasch mit meinen Wohltaterinnen hatte verstandigen konnen, weil meine erste Kindheit mir teilweise unter deutschen Kanzelrednern hingegangen war, und ich daher nur bekannte Tone horte, als ich zu den Ziegen kam, nur bekannte Tone im Gesprach mit ihnen zu wiederholen brauchte. Indessen, wie gesagt, mein Meckern sollte doch noch nicht ganz rein sein, es mochte wohl noch in etwa den Kanzelredner verraten. Die gelehrte Ziege Pipi gab sich daher an das Werk und unterwies mich im Meckern nach den Regeln der Grammatik. Ich lernte rasch und fand, dass das Ziegenidiom einen grossen Reichtum an eigentumlichen Wendungen fur unklare Vorstellungen habe, weshalb es manchen Zeiten zu empfehlen sein durfte, um darin die Geschafte des offentlichen Lebens abzuhandeln.
Tage kamen und Tage gingen, daraus wurden Wochen und aus den Wochen stellten sich Monate zusammen, ohne dass unser idyllisches Leben auf dem Helikon irgendeine bedeutende Storung erlitten hatte, ausser dass wir Zicklein mitunter von den Muttern zu sehr allein gelassen wurden und in einer dieser Verlassenheiten zwei junge Bocke einbussten, welche, den ersten ein Steinadler, den andern ein Goldadler auffrass. Unser Gefuhl wurde von diesen Verlusten schmerzlich beruhrt, obschon die Ziegen Fifi und Riri durch gluckliche Entbindungen fur den Ersatz sorgten. Jenes nicht selten vorkommende Alleinsein und die Einbusse der beiden Bocklein machte die Reste der Menschheit in mir nachdenken. Ich fragte, wenn wir so uns selbst uberlassen umherirrten, kein gutes Futter finden konnten, oder uns durch unuberlegte Sprunge die Fusse verstauchten, oder auch wohl vom richtigen Pfade ganzlich abgekommen waren, wo denn die Mutter seien? und erhielt zur Antwort, dass sie ihre Sitzungen hielten. Fragte ich nun weiter, aus was Grund und zu was Ende diese Sitzungen stattfanden? so erwiderten mir meine Altersgenossen, es seien die Sitzungen des Wohltatigkeitsvereins. Freilich blieb ich durch solche Antworten so klug als vorher; ich scharfte indessen das Auge der Beobachtung und kam auch binnen kurzem der Sache auf den Grund. Leider entdeckten da meine Forschungen gewisse Schattenseiten an dem sonst so liebenswurdigen und vollkommenen Zustande der helikonischen Ziegenherde.
Die wohltatigen und rechtschaffenen Mutter hatten namlich einen Verein "zur Linderung des Elendes leidender Naturwesen" gestiftet. Dieser Verein war aus den Trummern eines fruheren, untergegangenen entstanden, welcher auf die Verfeinerung ihrer Pelze abgezielt hatte. Ein reisender Waldesel war namlich einstmals uber den Helikon gekommen, hatte aus der Hippokrene gesoffen und darauf von dem wundervollen Gespinste der Tubetziege phantasiert, aus welchem in Kaschmir die herrlichen und kostbaren Schals gewebt werden. Der phantasierende Esel hatte weder Tubetziegen noch Kaschmirschals selbst gesehen, sondern im Walde einen armenischen Kaufmann davon reden horen, der zwar mit den Schals bekannt war, die Ziegen aber auch nie in Augenschein genommen hatte, sondern nur von seinem verstorbenen Bruder gehort haben wollte, es gebe dergleichen. Die Phantasie des Esels entzundete aber die Phantasie der Mutter und befruchtete ihren Geist mit dem Ideale einer tubetischen Hochgebirgsziege. Dieses ferne hohe Bild brachte in ihnen den Trieb der Nacheiferung hervor, ihre Pelze dunkten ihnen seit dem Tage roh und gemein, sie verbanden sich, durch ein Leben im hoheren Sinne des Worts ihre Wolle zu verfeinern und es womoglich bis zu Kaschmirwolle zu bringen, denn der Pelz ist einer Ziege das, was schonen Seelen ihr Gemut ist.
Das Leben im hoheren Sinne des Worts konnte aber nur dadurch in das Werk gerichtet werden, dass sie alle Gemeinschaft mit ihren Gatten abbrachen und die Milch bei sich behielten. Diese Schritte bedrohten nun die ganze Herde mit dem Untergange, und als die Seufzer der Gatten und das Wimmern der Zicklein ihnen die Gefahr einleuchtend gemacht hatten, so mussten sich die hochherzigen Ziegen entschliessen, dem schonen Unternehmen zu entsagen; schmerzlich ergriffen, denn wie es ihnen vorkam, war wahrend der wenigen Tage, wo Gatten und Kinder darbten, ihr Pelz schon merklich feiner geworden.
Aus diesem Wolleverbesserungsvereine war der "Verein zur Linderung des Elendes leidender Naturwesen" hervorgegangen, weil das hohere Selbst der helikonischen Ziegen Befriedigung wollte und fur die Einbusse Ersatz heischte. Der neue Verein bekummerte sich um jedes Ungluck und half allen Insekten, Vogeln und kleinen Saugetieren, die in Not staken. Er hielt wochentlich seine regelmassigen Sitzungen; ich habe mehreren derselben beigewohnt, da man mich als Bocklein von guten Anlagen fur wurdig hielt, so edle und gemeinnutzige Tathandlungen kennenzulernen. Die Ziegen pflegten an einer beschatteten Stelle des Berges im Kreise umherzuliegen und wiederzukauen; die verstandige tugendhafte Sisi aber, welche auf einem erhohten Steine in der Mitte des Kreises ruhte, fuhrte in diesen Konferenzen das Prasidium. Wahrend des Wiederkauens wurden denn nun Notfalle der verschiedensten Art in barmherzige Erwagung gezogen, als z.B. wie einer Hummel zu helfen sei, welche die Ziege Riri hatte in das Wasser fallen sehen? ob man nicht einer erlahmten und erstummten Grille eine Art Hackbrettlein aus Blattchen und Dornchen zurichten lassen konne, um ihr die Ausubung ihrer Kunst fur die Zukunft wenigstens einigermassen moglich zu machen? oder in welcher Art einer in ihrem Loche darbenden Maus Futter fur sich und ihre Jungen geschafft werden moge, von der die Ziegen wussten, dass sie ohne Verschulden in solche Nahrungslosigkeit geraten war, und was dergleichen wohltatige Massnahmen mehr waren, welche den helikonischen Ziegen und ihrem Vereine einen fast gottlichen Namen bei allem notleidenden Geschmeisse zuwege gebracht hatten. Ich sage: Bei dem Geschmeisse, denn was die edleren Geschopfe betrifft, so wollten diese von dem Vereine und seinen Taten nichts wissen. Die Steindrossel horte auf zu singen, wenn die Ziegen in der Nahe ihres Busches ratzuschlagen begannen, eine weisse Hinde, welche zuweilen besucheshalber auf den Berg kam, wies, als die Ziegen ihr den Antrag machten, in den Wohltatigkeitsverein zu treten, statt aller Antwort nur den stolzen Rucken, und die Lorbeerbaume, unter welchen die Sitzungen vor sich gingen, habe ich oft die Kronen hochmutig schutteln sehen, wenn die Reden der Ziegen im tonendsten Schwunge und ergiebigsten Flusse waren. Ja, einer jener geweihten Baume musste die Nahe der barmherzigen Ziegen selbst korperlich nicht vertragen konnen. Er bekam ein krankes Ansehen und ging endlich ganz aus.
Auch erreichten die Mutter nicht in allen Fallen ihre tugendhaften Zwecke. Es war streng verboten, dass von irgendeiner Ziege privatim, ohne Aufsehen, aus dem Stegreife, wie sie sie fand, Not gelindert werden durfte; nein, alle Wohltatigkeit sollte seit der Stiftung des Vereins im Geschaftswege verwaltet werden, und die Einzelziege war streng angewiesen, dem leidenden Wesen, welches sie traf, voruberzugehen und uber den Fund nur dem Vereine zu berichten. Auf diese Weise wollten die helikonischen Mutter die gemeine, instinktartige Milde ausrotten und an deren Statt die hohere, selbstbewusste, die administrierende Milde pflanzen. Da es nun aber immer mit einiger Weitlauftigkeit verknupft war, eine Sitzung zustande zu bringen, die Sitzungen selbst jedoch das Weitlauftigste bei der ganzen Sache wurden, indem die Ziegen meckernd und wiedermeckernd gleichsam ausser ihrem Futter auch die Barmherzigkeit wiederkauten, so kam oft alle Hulfe zu spat. Die Hummel, welcher ein auf der Stelle zugeworfenes Blatt das Leben gerettet hatte, war wahrend der Reden uber die Pflicht, sie zu retten, untergegangen, und die Maus, der die vorubergehende Einzelziege ein paar Korner hatte zuscharren konnen, bis es zum Gesamtwirken fur sie kam, Hungers gestorben.
Mitunter war etwas unternommen worden, was gegen die Natur anging. So konnte fast keine der lahmen Grillen mit den Kunsthackbrettchen fertig werden. Am schlimmsten waren, wie ich schon angedeutet habe, die langen und weitlauftigen Sitzungen des helikonischen Ziegenvereins fur uns Zicklein und Bocklein. Wenn wir wahrend derselben ohne Weg und Steg und oft ohne Futter umherliefen, wenn Gefahren und Raubtiere uns Ausserachtgelassenen drohten, da konnten wir armen Schluckerchen nicht selten unsere bitteren Tranen daruber vergiessen, dass die Mutter an ertrinkende Hummeln, lahme Grillen und hungernde Mause dachten und uns vergassen. Indessen waren solche Tranen und jene Missgluckungen im ganzen unwichtig. Die Helikonierinnen lernten sich durch den Verein in ihrer Vortrefflichkeit immer mehr fuhlen und an ihrer eigenen Tugend begeistern, und darauf kam es doch hauptsachlich vor allem an.
Ich habe lange nicht gewusst, auf was Art diese
Stimmung, welche die eigene Familie um Geschmeiss hin und wieder vernachlassigen lehrte, und eine schlichte und unscheinbare Barmherzigkeit zu einem glanzenden Geschafte aufzublasen antrieb, bei den Helikonierinnen entstanden war. Endlich konnte ich mir das Ratsel erklaren. Die helikonische Herde soff namlich, wie wir wissen, aus der Hippokrene. Diese Quelle wirkt nun bei allen, welche sie trinken, die gewaltigsten Dinge, jedoch nur bei den durch das Schicksal dazu Vorbestimmten jenen reizenden Wahnsinn, den wir kennen, bei vielen dagegen versetzt sich das Wasser und schafft entweder die abscheulichsten Wurfelreime, wie bei mir der Fall war, so oft ich trank, oder einen sozusagen erhitzten und geschwollenen Zustand im Handeln und Empfinden, den man die bluhende Prosa des Lebens nennen konnte.
Die helikonischen Ziegen gehorten nicht in die
Reihe der zum reizenden Wahnsinn Vorbestimmten. Bei ihnen wirkte die Quelle den Drang zu unnotigen Tugenden und uberflussigen Wohltatigkeiten. Ihr Zustand war bluhende Prosa. Dieser Zustand ruhrte von versetzter Hippokrene her.
Wie oft musste ich, als ich nachmals mehr unter
Menschen kam, und ihre geschmacklosen Herrlichkeiten, ihre Aufspannungen fur und um das Erbarmliche kennenlernte, still fur mich ausrufen: "Versetzte Hippokrene!" Wo diese mit der bluhenden Prosa in ihrem Gefolge auftritt, da stirbt das melodische Geton der Steindrossel, da weiset die stolze weisse Hinde vornehm den Rucken, da schuttelt der Lorbeer zornig die Krone, oder geht aus.
Auch die Gatten der Ziegen soffen fur gewohnlich aus der Hippokrene und wollten hinter den Gattinnen nicht zuruckbleiben. Sie gehorten ebenfalls nicht in die Reihe der zum reizenden Wahnsinn Vorbestimmten, was mir gewiss jeder, der einmal einen solchen Gatten gesehen hat, auf mein Wort glaubt. Da nun die Gattinnen ihnen schon das Elend des Geschmeisses weggenommen hatten, so waren sie auf dessen Laster beschrankt und stifteten unter sich einen Verein "zur Rettung sittlich verwahrloseter Naturwesen". Der Zweck desselben war, durch moralische Einwirkung, durch tugendhafte Anrede und herzliche Aufmunterung zum Guten alle die Tierlein, welche ihrer Natur nach stechen, beissen, kratzen, stehlen, oder sich von schmutzigen Dingen nahren, zu einem unschadlicheren und reineren Leben anzufuhren. Nach der Absicht der Stifter sollte, wenn der Verein wirklich durchgriffe, die Mucke ihrem Stachel und der Floh seinem Blutdurst entsagen lernen, die Elster auf den Diebstahl verzichten, Wurmer und Maden aber von Unrat und Aas sich entwohnen.
Da ich mich allein bei den Ziegen aufhielt, so kann ich nicht sagen, wie weit der Besserungsverein mit seiner Tatigkeit gediehen war, als ich auf den Helikon kam. Ich weiss nur, dass allerhand Geziefer auch auf diesem heiligen Berge stach, biss, kratzte, stahl und Unaussprechbares frass, weiss aber nicht, ob es gebessertes oder ungebessertes war. Einer einzigen Versittlichungsgeschichte Augen- und Ohrenzeuge bin ich geworden, von ihr will ich berichten, muss ich sogar berichten, da sich eine Katastrophe mit ihr verband, welche zu weiteren Schicksalen Munchhausens des Kindes, damals Bockchens, fuhrte.
Die vereinigten Bocke ... oder vielmehr die sittlichen Gatten der wohltatigen Ziegen waren an dem Tage, der meiner Auffindung folgte, an den Ort gekommen, wo der grossmutige Englander sein Pferd hatte grasen lassen und der tote Lammergeier lag. Wo das Pferd gestanden, fanden sie einen Kafer mit schwarz-glanzenden Flugeldecken, einen der Art, welche bei Aristophanes die Knechte des Trygaos dem Herrn fur den Ritt zu Zeus auffuttern, und die Deutschen Mistkafer nennen. An dem Halse des Geiers aber bemerkten sie die stahlblaue Fliege, Schmeissfliege geheissen. "Ich will, Bruder Schnuck, ungeachtet deine gottliche Tochter nicht zugegen ist, dennoch den Kafer aus Rucksicht auf deine Delikatesse nur das Ross des Trygaos und die Fliege die blaue Schwarmerin nennen", sagte Munchhausen, vom Manuskripte aufsehend.
"Erlaube" rief der alte Baron fast wutend.
"Erlaube mir", sagte Munchhausen, "dir die Geschichte von dem Kafer und der Fliege vorzutragen."
"Dreht sich einem nicht das reine Herz im Leibe um", rief einer der Gatten, "zwei Mitwesen in solcher Niedertracht zu sehen? O Bruder, lasst uns hier helfend einschreiten, lasst uns diesen Gefallenen die rettende Klaue reichen, entwohnen wir den Kafer von seinen ublen Neigungen, die Fliege von der Leidenschaft, selbst die ungeborene Zukunft ihres Stammes einem verdorbenen Elemente einzupflanzen, machen wir Kafer und Fliege zu anstandigen Leuten, die in der guten Gesellschaft fortkommen konnen!"
Allgemeiner Beifall folgte dieser Rede. Einstimmig beschloss man, das Ross des Trygaos und die blaue Schwarmerin sollten sittlich und anstandig werden, sie mochten wollen oder nicht. Vorsichtig scharrte der Redner, der Ziegengatte Solon (sie hatten sich lauter Namen von weisen und erhabenen Mannern des Altertums beigelegt), den Kafer von seinem Mahle mit der Klaue hinweg und trieb ihn in eine Felsritze, die sofort durch einen vorgewalzten Kiesel zum Besserungsgemache erschaffen wurde. Diese Unternehmung hatte wenig Schwierigkeiten gehabt, denn ehe ein Kafer zum Fliegen gelangt, dauert es einige Zeit mit Bauchdehnen und Halsrecken. Schlauer musste man mit der Fliege zu Werke gehen, der wohlbeschwingten Schwarmerin. Indessen gelang es dem jungen Plato, einem Ziegengatten von der unerreichbarsten Hoheit der Gedanken, die zu Bessernde zu beschleichen, sie mit seinen Lippen zu erschnappen und zwischen denselben nach dem Astloche eines Feigenbaumes zu tragen, worin sie durch einen vorgestopften Pflock verspundet wurde. Man teilte das freudige Ereignis bei der nachsten Zusammenkunft den Gattinnen mit, welche nicht verfehlten, an den Hoffnungen des Vereins den lebendigsten Anteil zu nehmen. Auf diese Weise erhielt ich von der Sache Kunde. Wir Zicklein und Bocklein mussten nun den Ort, wo das Pferd des grossmutigen Englanders gestanden, rein scharren, die erwachsene Herde sturzte aber den Leichnam des toten Geiers in einen tiefen Abgrund, um von den beiden eingesperrten Zoglingen der Sittlichkeit alle Anreizungen zum Laster zu entfernen.
In den folgenden Tagen begannen nun Solon und Plato, unterstutzt jezuweilen von den ubrigen Mitgliedern des Vereins, ihre Reden und Ermahnungen an das Trygaosross und die blaue Schwarmerin. Solon lag vor der Felsritze und hielt seine Schnauze an ein federspulenkleines Lochlein, welches der Kiesel unbedeckt liess; Plato stellte sich an dem Feigenbaume auf die Hinterfusse, hielt sich mit den Vorderfussen am Stamme fest und legte das Honigmaul gegen das Astloch, um sich verstandlich zu machen. In dieser Stellung oder Lage hielten die beiden Bocke ihre Besserungsreden, wenn sie nicht frassen, der eine die Feigen des Baumes, der andere das junge Laubgespross, welches an der Felsritze gerade in der wucherndsten und saftigsten Fulle wuchs.
"Ist es denn nicht besser, sich an reiner und reinlicher Nahrung zu sattigen?" sprach Solon zum Kafer, wenn er von dem Genusse des Laubes ausruhte. "Fuhlst du denn nicht, du armer Gesunkener, dass uns alle, Ziegen, Kafer und Fliegen, Zeus der Vater in die Furchen der brutenden Mutter aussate, die Speise aus der Hand der Gotter, nicht aber sie aus der Pforte, die da stets nur auslasst und nimmer ein, zu empfangen? Schreckliche, unbegreifliche Verirrung, das, was Trift und Gefilde heilsam in das Reich der blonden Demeter emporschickt, zu verachten, und erst dann danach zu streben, wenn es, in den Hades gestossen, dem gestaltenlosen Schattengebiete der traurigen Persephoneia angehort! Liebst du des Hafers goldenes Korn, warum frissest du nicht Hafer? Gelustet dich nach dem Spross des Grases, weshalb beissest du nicht in Gras? Was reizt, was verfuhrt dich, das alles erst umgestimmt, entmischt, abgenutzt zu mogen? Hore dieses freudige Knirschen und Rauschen vor deinem Kerker, vernimm, wie ich in dem saftigen, fetten Portulak, in der wilden bittern Kresse, in dem erfrischenden Sauerklee schmause. Konntest du denn nicht, wenn du frei warest, neben mir bruderlich sitzen und dieser von der Oreas uns verliehenen Blatter dich erfreuen, als einige Schritte weiter zuruck, ein Helot und Barbar, zu harren, ob dir ein von der Harpyie besudeltes Mahl werde? Oder sagst du: 'Ich bin Kafer, du bist ein Ziegengatte'? Nun so blicke auf deinesgleichen, sieh, wie der kleine rote zirpende Schelm das sussduftende Blatt der Lilie nagt, wie der Runde mit kupferbraunen Flugeln und grunem Schilde im Schosse der Rose schwelgt! Denen folge, denen schliesse dich an, bei ihnen ist deine Stelle! Friss Lilien, wenn du nicht Hafer, friss Rosen, wenn du nicht Portulak, Kresse und Sauerklee fressen willst!"
Nach diesen Reden fuhlte sich der edle Solon immer mit neuem Appetite versehen und war zu erhohter Tatigkeit an den Bergkrautern aufgelegt. Plato, wenn er vom Feigenfrass rastete, hielt Ermahnungen ungefahr des namlichen Inhalts an seine Schulerin. Auch er riet der Fliege auf das eindringlichste, verdorbenes Fleisch zu lassen, in Zukunft Feigen zu fressen und auf Feigen ihre Eier zu legen. Er suchte besonders auf das Muttergefuhl zu wirken und in glanzenden Bildern ihr vorzustellen, welch ein begabteres Geschlecht ihre Brut werden wurde, wenn sie statt in Dust und Dunst, da droben auf sonnebeschienenem, luftegewiegtem Zweige auskame. Auch er verzehrte nach seinen Reden immer wieder Feigen, solange dergleichen noch am Baume hingen, dann nagte er die Zweige ab, so dass der Baum ein ziemlich verwustetes Ansehen zu bekommen anfing.
Das Ross des Trygaos und die blaue Schwarmerin lebten bei diesen Ermahnungen in ihren Besserungslochern ein trauriges Leben. Sie waren beide schlichte, rohe Naturwesen ohne alle Theorie, praktischen Trieben ergeben. Anfangs rasten sie wie wahnwitzig brummend und schnurrend in den Kerkern umher, da ihnen dieses aber nichts half, so wurden sie still und horten den Reden ihrer Verbesserer zu. Von denen verstanden sie nun aber nicht das mindeste, als, dass der Kafer Lilien und Rosen fressen, die Fliege sich zu Feigen wenden solle Zumutungen, die Ross und Schwarmerin ausser sich setzten, weil sie ihnen das Beleidigendste dunkten, was ihnen nur gesagt werden konnte. "Seelenverkaufer! Seelenverkaufer!" brummte der Kafer. "Warum soll denn unsereins nicht fressen, was unsereinem schmeckt?" "Ich such', such', such' Geruch!" summte die Fliege. Am meisten argerte es die beiden Kandidaten der Sittlichkeit, dass sie ihre Besserer draussen behaglich in Laub und Feigen knarpen horten, und dass denen die tugendhaften ermahnenden Reden gleichsam nur dienten, sich der Verdauung halber nach dem Essen eine Bewegung zu machen. Indessen nahmen die Dinge fur beide eine sehr ernste Gestalt an, denn sie bekamen naturlich nicht das allergeringste zu essen und fielen daher wahrend ihrer Bearbeitung zu einem reineren Leben jammerlich ab. Das Trygaosross wurde so matt, dass es kaum noch auf den Fussen stehen konnte; die blaue Schwarmerin liess kraftlos die Flugel hangen.
In dieser traurigen Verfassung uberkam sie der den Tieren eingepflanzte schlaue Trieb der Selbsterhaltung. Sie setzten sich vor zu heucheln, und gaben klagliche und melancholische Tone von sich. "Hore!" rief Solon dem Plato zu (denn Felsritze und Feigenbaum waren einander nahe); "das Laster schlagt in sich, die ersten Kennzeichen der Reue sind zu spuren." "Meine arme Gefallene achzt auch schon uber ihr Unheil", versetzte Plato. Nach einiger Zeit pruften die beiden ehrwurdigen Ziegengatten den Sinn der Bekehrten, indem Plato ein Stuckchen Feige, welches noch am Baume gehangen hatte, vorsichtig in das Astloch schob, Solon aber ein Lilien- und Rosenblattchen unter den Kiesel in die Felsritze zu bringen wusste.
Ross und Schwarmerin erbebten vor Grimm bei dieser Darlegung abscheulicher Antrage, wie sie ihnen vorkommen mussten. Die Schwarmerin wich entsetzt vor dem Feigenstucklein in die letzte Ecke des Astloches zuruck, das Ross stiess die Blatter, deren Geruch ihm den Atem raubte und die Luft seines Wohnortes ihm zu verpesten schien, mit den kurzen, kraftigen Beinen von sich ab. "Niedertrachtiger Gestank!" brummte es. "Sollte man's glauben, dass es Narren gibt, die an dem greulichen Zeuge Behagen finden? Ich ersticke! O meine Ambrosia!" "Feigen! Feigen! Feigen! Kinderpapp! Kinderpapp!" tosete die Schwarmerin.
Aber ihre Lage war zum Aussersten gediehen. Die Besserer draussen, das begriffen die Opfer der Sittlichkeit drinnen, konnten es bei guter Nahrung mit ansehen, wenn sich das Geschaft auch noch so sehr in die Lange zog. Hunger tut weh, Verstellung tat not, die draussen zu tauschen. Der Kafer uberwand sich und frass unter Verwunschungen und Zuckungen etwas Lilien und Rosen, welches er aber alsobald wieder von sich gab, so ubel bekam ihm der hohere und reinere Lebensgenuss! Die Fliege bezwang ihr schauderndes Gemut und verrichtete uber der Feige einigermassen und gleichsam zur Probe das, was von ihr im Namen der Tugend gefordert wurde. Plato und Solon hatten gelauscht und an dem Gerausche, welches drinnen entstanden, abgenommen, dass etwas Entscheidendes vorgefallen sein musse. Offnend jetzt die beiden Verliesse, sahen sie Lilien und Rosen angenagt, das Feigenstucklein beschmeisst, Ross und Schwarmerin aber halb ohnmachtig auf dem Rucken liegen. Solon und Plato umarmten einander mit den Vorderbeinen und riefen: "Triumph! die Tugend hat gesiegt! Das Laster ist aus dem Busen dieser sittlich Verwahrloseten gewichen, sie werden nie wieder in ihre schimpflichen Angewohnungen zuruckfallen!"
Der Jubel drang zu den ubrigen Ziegengatten, welche ungeachtet ihrer Ehrwurdigkeit den frohen Fall mit einem herrlichen Reigentanze in den kuhnsten Sprungen feierten. Auch die Mutter und uns Zicklein und Bocklein zog das Getose herbei. Die Mutter wurden mit wenigen freudigmeckernden Worten von dem Gelingen der Versittlichung in Kenntnis gesetzt, sahen Ross und Schwarmerin die Fusse von sich strekken und vergossen Tranen der Ruhrung. Wie die Frauen denn immer mit blitzschneller Ahnung das Hochste, Richtigste treffen, so ging auch in den helikonischen Ziegen damals die Blute des versittlichenden Wirkens auf. "Lasst uns aus diesen beiden der Tugend gewonnenen Wesen ein Paar machen!" riefen die Ziegen begeistert. "Verheiraten wir sie miteinander, und als Aussteuer geben wir ihnen so viele Lilien, Rosen und Feigen, als sie am Helikon finden konnen!"
Ein unglaublicher Sturm des Entzuckens folgte diesem Vorschlage. Zwar wollte der ehrwurdige Moschus den Zweifel erheben, ob selbiges Ehebundnis wohl fruchtbar ausfallen mochte, und der kritische Bion erst die Neigungen von Braut und Brautigam prufen; aber die erwahnten Bedenken fanden keinen Anklang, vielmehr rief der Chorus der ubrigen einhellig: "Wo die Tugend zusammenfuhrt, kommt es auf Neigung und Fruchtbarkeit nicht an!"
Man wollte sogleich zu diesen Hymenaen im Namen der Sittlichkeit schreiten. Plato und Solon nahmen das Trygaosross und die blaue Schwarmerin auf ihren Rucken. Sie schritten voran, die ehrwurdigen Gatten folgten ihnen paarweise, denen folgten die rechtschaffenen und wohltatigen Mutter, hinter den Muttern sprangen wir Zicklein und Bocklein, und so setzte sich der Zug nach dem Platze an der Hippokrene in Bewegung, wo die Hochzeit gefeiert werden sollte.
Dort angekommen, nahm die alte verstandige Sisi das Ross zwischen ihre Lippen, die gute Quiqui aber tat desgleichen mit der Schwarmerin. Sie trugen demnachst das Brautpaar zu einem hohen Steine, stellten die beiden jungen Leute, welche von der freien Luft erfrischt, wieder stehen konnten und uberhaupt mit jedem Augenblicke munterer zu werden schienen, auf den Stein nebeneinander, und darauf schlossen wir alle, jung und alt einen weiten Kreis um das Paar. Das in der Eile entworfene Programm der Festlichkeiten ordnete diese Reihenfolge derselben an: Strophe; Reden von Solon und Plato; Gegenstrophe; Zeremonie, Schlussgesang, gymnisches Spiel, Reigentanz, Festmahl.
Eine der kleinen lahmen Grillen, die einzige, welche mit dem Kunsthackebrettlein aus Blattchen und Dornchen hatte fertig werden konnen, war zur Festsangerin ernannt worden. Als daher der Kreis sich gebildet hatte, schritt oder hupfelte vielmehr diese Dichterin des Wohltatigkeitsvereins zur heiligen Quelle, netzte darin ihre Fresszangen ein weniges, verdrehte darauf die goldgelben Augelein im Kopfe, erreichte mit einem lahmen Sprunge das Gezweig einer Tamariske, nach vergeblichen Bemuhungen, auf einen der Lorbeerbaume, den niedrigsten unter allen, zu gelangen, stimmte das Hackebrettlein, putzte die Fresszangen an demselben ab, und sang nun, das Kunstinstrumentlein schlagend, begeistert folgende:
Strophe
Der Kafer ist ein Schweinichen,
Brumm! Brumm!
Die Fliege hat sechs Beinichen,
Summ! Summ!
Die Fliege hat den Kafer lieb,
Der Kafer ist ein Herzensdieb;
Summ! Summ! Brumm! Brumm! Brumm! Brumm!
"Herrliche Poesie! Nahrung fur Gemut und Gefuhl!" meckerten die Ziegen. "Reines Gefuhl, mit keinem Gedanken belastet! Echt lyrisch!" murmelten die Bokke. Solon und Plato traten in den Kreis vor das Brautpaar und redeten nacheinander. Sie hielten ihm in eindringlichen Worten die Schandlichkeit seines fruheren Lebenswandels vor, dann fuhrten sie aus, dass die Gottin der Tugend eine gute alte Mama sei, immer zum Verzeihen bereit, dann kamen sie auf Lilien und Rosen, Feigen, Felsritzen und Astlocher. Im ersten Teile machten sie das Brautpaar herunter, im zweiten erhoben sie es, in der Nutzanwendung wussten sie selbst nicht mehr, was sie wollten ihre Sermone hatten gleich als Muster von Kasualreden abgedruckt werden konnen.
Ich glaubte zu bemerken, dass das Brautpaar auf die Reden nicht achte, sondern nur Leib und Flugel einzuuben scheine, teilte diese Beobachtung meinen Nachbarn mit, die jedoch, ganz in die Wurde des Festes versenkt, meiner Worte nicht achteten. Nach den Reden sang die Grille folgende
Gegenstrophe
Und ist er denn ein Schweinichen,
Brumm! Brumm!
Und hat sie denn sechs Beinichen,
Summ! Summ!
So reicht einander jetzt die Fuss'
Und sei der Ehestand euch suss;
Brumm! Brumm! Summ! Summ! Summ! Summ!
Indem es aber nun zur Zeremonie kommen sollte, und die Ziegen Sisi und Quiqui das Paar ersuchten einander die Fusse zu geben, nahm die Feierlichkeit eine plotzliche unerwartete und ungluckliche Wendung. Denn zur Rechten wurde in der Entfernung der Hufschlag eines Pferdes horbar, und zur Linken kroch unten durch einen Bergspalt ein Fuchs, oder ein Wolf oder ein anderes Raubtier. Ich weiss nicht, was dem Pferde begegnen mochte, das aber sah ich, weil ich auf der aussersten Linie des Kreises stand, dass das Raubtier ein Stuck Fleisch im Rachen trug. Alsobald drang in die beiden jungen Leute auf dem Steine eine konvulsivische Bewegung, ihren scharfen Sinnen brachten die Lufte von weitem verfuhrerische Botschaft zu, Ross und Schwarmerin sammelten ihre letzten von der Sittlichkeit verschont gebliebenen Krafte, spreiteten die Flugel aus, und mit dem Gebrumm: "Mist! Mist! Mist!" und mit dem Gesumm: "Luder! Luder! Luder!" flog der Brautigam rechts, die Braut links davon, ungeruhrt von Besserungsversuchen, Reden, Ruhrungen, Strophen und Gegenstrophen das alte Lasterleben von vorn zu beginnen.
Die entsetzte Uberraschung der Freier, als Odysseus plotzlich aus Bettlerlumpen mit sieghafter Hoheit hervorleuchtete und die totenden Pfeile vor sich hingoss, kann nicht grosser gewesen sein, als der Schreck der Mutter und ihrer Gatten bei diesem Anblicke, welcher ebenfalls sozusagen die Hoheit der Natur aus Lumpen hervorscheinen machte. Anfangs standen sie da, stumm, starr, regungslos, gleichsam ein grosses Viehstuck aus Stein, dann aber ergriff sie der haltungsloseste Taumel, und sie rannten nach allen Richtungen ebenfalls auseinander, entweder, weil sie die sittlich Verwahrloseten wieder einfangen wollten, oder auch nur uberschattet von dem Damon, welcher sich ungeheurer Augenblicke zu bemachtigen pflegt. Die Zicklein und Bocklein folgten, so dass die den Gipfel hinan und hinunter rennenden, springenden, stolpernden, sturzenden Tiere demselben ein Ansehen gaben, wodurch er mehr der Kuppe eines thessalischen Zauberberges, als der heiteren musischen Hohe glich.
Was mich betrifft, so war ich an der Quelle zuruckgeblieben. Warum sollte ich hinter Kafer und Fliege herlaufen? Mein eigenes Schicksal machte mich bange. Ich furchtete die Ruckkehr der Herde.
Die Mutter hatten mir namlich schon vor einigen Tagen angekundigt, dass, um auch die letzten Reste der verhassten Menschlichkeit in mir auszutilgen, ich nachstens aus der weiblichen Erziehung entlassen und den Handen der Gatten ubergeben werden solle. Dagegen straubten sich nun aber jene Reste mit aller Macht und vielleicht ebenso heftig, wie die Neigungen des Trygaosrosses gegen Lilien und Rosen. Denn mir blieb ein physischer Abscheu gegen die Gatten beiwohnen, so sehr ich ihre ehrwurdigen Eigenschaften achtete. Aber letztere hatten gewisse naturliche Begabungen an ihnen nicht zu tilgen vermocht, und ich empfand das innigste Grauen vor dem Augenblikke, der mich ihrer Atmosphare so nahe bringen sollte. Indessen standen ganz andere Dinge in den Sternen geschrieben.
Der Hufschlag des Pferdes naherte sich, und es kam ein altlicher, dicker Mann, dem ein dunner folgte, nach der Stelle zu geritten, wo ich stand. Der Mann trug einen gelben Hut, einen gelben Rock, eine gelbe Hose und eine gelbe Weste, sah sehr blass und aufgedunsen und ausserst verdriesslich aus. Schon sein Ansehen und der vollig gleichgultige Blick, mit dem er die Gegend uberschaute, wurde mich gelehrt haben, von welchem Volke dieser Fremdling sei, wenn ich ihn auch nicht sobald hatte reden horen. Der Diener half seinem Herrn vom Pferde, fuhrte ihn zu dem Steine, auf welchem das Brautpaar gestanden hatte, liess ihn niedersitzen, gab ihm ein spanisches Rohr in die Hand, schob dessen Knopf unter sein Kinn, und richtete auf diese Weise gleichsam die Statue eines gefuhllosen Naturbeschauers zu. Der Herr liess namlich alles phlegmatisch mit sich vornehmen und antwortete nur sparlich auf die Reden des Dieners, welcher ziemlich gesprachig war.
Aus ihrer Unterhaltung erfuhr ich, dass der gelbe Dicke ein reicher, vom Geschafte zuruckgezogener Rentenierer war, welcher unweit Amsterdam und eine Stunde von Haarlem auf seinem Landhause gelebt hatte. Da sich die Anfalle des Podagras bei ihm mehrten und gewisse Vorboten der Wassersucht erschienen, so war ihm von seinem Arzte eine Reise in die sudlichen Lander verordnet worden. Dazu wollte sich denn auch Mynheer van Streef verstehen und erklarte seine Bereitwilligkeit, bis in den Reichswald bei Kleve zu reisen. Der Arzt erklarte aber dagegen, er sei missverstanden worden und nannte ihm die ungeheure Meilenzahl, welche er wenigstens abzureisen habe. Der Hollander war hieruber anfangs, soweit sein Naturell dies zuliess, in einige Verzweiflung geraten, jedoch endlich, weil der Arzt ebenfalls ein ruhiger hartnackiger Altniederlander war, und seinem Patienten mit grosster Fassung Todestag, ja Todesstunde vorausgesagt hatte, wenn er nicht Folge leiste, genotigt gewesen, sich zu fugen, und an die Reise zu denken, die er in sudostlicher Richtung vornehmen musste, da er sudlich auf der Karte die verordnete Meilenzahl nicht vor sich sah.
Um dies zu verstehen, muss gesagt werden, was ich aus den Gesprachen heraushorte, dass namlich Mynheer van Streef durchaus nur seine Meilen in gerader Richtung, ohne durch Umwege und Absprunge ihre Zahl zu erfullen, verreisen wollte. Denn da ihm die Reise ausserst zuwider war, so hasste er alles, was ihr den Schein einer Wanderung zum Vergnugen hatte geben konnen. Er zog deshalb auf seiner Karte von Europa nach dem Lineal mit Bleistift einen Strich von Amsterdam nach Sudosten, mass daran die Meilen, fand, dass ihre Zahl sich genau auf dem Gipfel des Helikon vollende, und war so, immer streng dem Striche nachreisend, und weder rechts noch links abweichend, allgemach auf den geheiligten Berg gekommen.
Hier trostete ihn nun der Diener, nachdem er ihm Vorstehendes in einzelnen Bemerkungen erinnerlich gemacht hatte, um ihn durch den Gedanken an die Notwendigkeit der Reise und ihre strenge Konsequenz aufzurichten, mit dem Ausrufe:
"Mynheer, wir sind am Ziel, und morgen geht es nach unserem schonen Welgelegen zuruck."
"Gottlob", sagte der Hollander, der sich bei dem Gedanken an sein Landhaus ein wenig erheitert fuhlte, "und ich will, wenn wir nach Hause gekommen sind, ein Lusthaus anbauen und das soll heissen: Vreugde en Rust. Und aus der Ruhe will ich nicht wieder gehen, mochte auch meine Wassersucht so uberhandnehmen, dass alle Deiche von Seeland bedroht waren. Ich kenne gar nichts Wahnschaffneres, als diese griechischen Gegenden, in denen ein beschwerlicher Berg nach dem andern kommt, wo man keine Aussicht auf Kanale und Wiesen hat, und der Himmel die unnaturliche blaue Farbe nicht los wird."
"Es kann nicht uberall Altniederland sein", versetzte der Diener und stopfte sich eine kleine tonerne Pfeife; "es muss auch solche nichtsnutzige Striche Landes geben."
"Wenn ich da mein Landhaus Welgelegen betrachte", fuhr Mynheer van Streef fort, der jetzt etwas gesprachiger wurde, obgleich sein Gesicht so verdriesslich blieb, wie fruher, "was fur eine andere Gegend ist das! Nebenan liegt Mynheer de Jonghes Schoone Zieht und auf der andern Seite Mynheer van Tolls Vrouw Elizabeth, und mitteninne liegt Welgelegen. Ich will nun gar nicht reden von meinen innerlichen Schonheiten und bequemen Dingen, von der Menagerie, von meinem mit bunten Steinen gepflasterten Hofe, vom Muschelhauschen, von der Voliere, von den Goldfasanen und den Mistbeeten voll Hyazinthen, die hier elend wild wachsen aber Sebulon, denke nur an die schone Aussicht auf den Kanal, uber den alle Tage die sechs braun angestrichenen Treckschuiten von den Jagerchen gezogen werden und auf die unabsehliche Wiese dahinter, in der dann doch auch nicht eine einzige Erhabenheit, so gross wie ein Maulwurfshugel ist, und den Hintergrund von zwolf Windmuhlen im Gange! Und dann sieht man das nicht alle Tage, nein, einen um den andern Tag nebelt oder regnet es, so dass die Entbehrung das Gluck, um sich blicken zu konnen, erhoht, und der Himmel bleibt immer, auch wenn es helles Wetter ist, bescheiden, massig und grau. Wie wird dir denn Sebulon, wenn du an alles das denkst?"
"Abscheulich wird mir zumute", rief Sebulon und warf zornig seine Pfeife an den Boden, dass sie zerbrach. "Hole der bose Feind diese verdammten griechischen Wusten!"
"Ereifre dich nicht, Sebulon", sagte der Herr schlafrig, mit verdrossenem Mundhangen. "Ein Hollander ereifert sich nicht, oder er prugelt wenigstens jemanden dabei, auf dass der Eifer einen Nutzen habe. Mache mir jetzt Tee, das Wasser dort scheint noch so ziemlich klar zu sein, wie es in diesem vermaledeiten Lande sein kann, denn freilich, Wasser von Utrecht ist es nicht. Ich will unterdessen in der 'Elektra' unseres grossen Vondel lesen." Er nahm ein Buch aus der Tasche, schlug es auf, und las halblaut mit sonderbarem Pathos die Anfangsverse der Vondelschen "Elektra":
O zoon van Atreus zoon, die't opperste gezagh,
In't Grieksche Leeger had, toen hy voor Troje lagh,
Nu zietge zelf het gee, daer staegh uw hart naer
haeckte.
Dit's Argos, d'oude Stad, daer uw gemoed om
blaeckte.
Dit's't woud van Jo zelf, dat dolgeprickelt dier.
Het wolfsveld van Apol, den wolvenschrick, is
hier,
En dees vermaerde Kerck, die Argos Juno wydde,
Rijst ginder hemelhoogh, aen uwe rechte zijde ...
"Ja, ja", unterbrach sich Mynheer van Streef, "das ist denn freilich etwas griechischer, als diese helikonische Knuppeldammwirtschaft." Er summte sacht in seinem Vondel weiter.
Sebulon hatte unterdessen die Reiseteemaschine, welche sein Herr uberall mit hinnahm, aus dem Mantelsacke hervorgeholt, Feuer angezundet, Wasser aus der Hippokrene geschopft, es gekocht und grunen Tee aufgeschuttet. Als das unentbehrliche Getrank bereitet war, reichte er seinem Herrn eine Tasse.
Mynheer van Streef fuhrte sie so langsam und murrisch zum Munde, wie er in allen seinen Bewegungen bisher gewesen war. Er kostete und kostete, die schlaffen Lippen zogen sich ein wenig zusammen, dann schluckte er bedachtig den Inhalt der Tasse hinunter, und sagte; "Sebulon noch eine." Sebulon sah seinen Herrn bedenklich an und schuttelte den Kopf. Die zweite Tasse trank Mynheer van Streef, ohne zu kosten, aus. Seine Augen bekamen wahrend des Trinkens eine Art von Glanz und er sagte: "Sebulon noch eine." Sebulon reichte ihm zitternd und eine grosse Unruhe in seinen Zugen die dritte Tasse. Diese sturzte Mynheer van Streef beinahe hastig hinunter und darauf sah er fast gen Himmel.
"Ach, Mynheer!" rief der Diener besorgt, "was ist Euch widerfahren? Sonst braucht Ihr ja auf drei Tassen Tee drei Viertelstunden, und hier geht es wie mit Extrapost in den Magen."
Der alte Hollander sah sehr nachdenklich aus und sagte endlich nach langem Schweigen: "Sebulon, dieser Tee hier schmeckt mir besser als der auf meinem Landhause Welgelegen eine Stunde von Amsterdam."
Da raufte der treue Diener sein Haar, weinte und schrie: "O wehe mir, wehe! Mynheer van Streef ist auf diesem nichtswurdigen Berge toll geworden; sein Tee schmeckt ihm dahaussen besser als daheim; er lobt die Fremde auf Kosten von Altniederland, er ist abgefallen von Oranjeboven und Altniederland."
"Sebulon erhitze dich nicht", sagte der Herr gleichmutig und freundlich. "Ich habe meinen Verstand nicht verloren. Weisst du, was Schwarmerei bedeutet? Es ist der Zustand, worin sich der Hanswurst von Franzosen, und der Bull von Englander oft befindet, und der deutsche Muff fast immer, Altniederland aber niemals. Die Sache sollte aber zur Probe auch einmal an uns kommen, denn bei Gott ist kein Ding unmoglich. Ich liefere die Probe. Ich schwarme, Sebulon, das ist das Ganze. In dem Tee muss etwas sein; ich bin von dem Tee ein Schwarmer geworden, denn ich muss es noch einmal sagen; er schmeckt wahrhaftig besser, als der auf meinem Landgute Welgelegen. Es wird aber schon wieder vergehen."
Nur mit Muhe gelang es dem schwarmerischen Hollander, seinen Diener zu beruhigen. Am meisten wirkte dazu die Versicherung, dass aller Wahrscheinlichkeit nach dieser exaltierte Zustand eine rettende Krise seines Ubels sei, dass die Wassersucht durch die Schwarmerei eine Stopfung erhalten habe. Der alte Schwarmer stand auf und schickte sich zum Ruckwege an, Sebulon packte das Teegerat zusammen. Mynheer van Streef sah sich um und sagte: "Ich mochte wohl ein Angedenken an diesen ziemlich ertraglichen Platz und an die schone Stunde, in welcher mir der Tee so wohl schmeckte, mitnehmen, ein Erinnerungszeichen an die hiesige Schwarmerei." "Was sollen wir mitnehmen?" versetzte Sebulon noch immer ziemlich kleinlaut, "wir konnen doch nicht die Boompges (er meinte die Lorbeeren) oder die grossen Klinker (er meinte die Klippen) einpacken." In diesem Augenblicke sah er mich, der ich hinter einem Felsen den schwarmerischen Auftritt belauscht hatte, zog mich hervor und rief: "Was fur eine Kreatur ist das?" Der schwarmerische Hollander besah mich, und sagte dann langsam: "Wirf dem Vieh einen Strick um den Hals, Sebulon. Das will ich mitnehmen als Angedenken an diese schone Stunde. Es scheint zu einer unbekannten Tierart zu gehoren; Mynheer de Jonghe, der in Batavia gewesen ist, soll mir sagen, ob sie auch auf Java vorkommt."
Was sollte ich machen? Ein Entrinnen war nicht moglich, auch muss ich bekennen, dass die Reste der Menschheit in mir einige Freude daruber empfanden, wieder unter ihresgleichen zu kommen; obgleich eine geheime dustere Ahnung mir zuflusterte, dass die Schwarmerei des Hollanders mir druckend werden konne. Ich liess mir das Fangseil geduldig um den Hals schlingen und verliess mit meinem neuen Herrn, der sacht voranritt, und Sebulon, der mich am Stricke hinter sich her fuhrte, den Berg, auf welchem mir so vieles begegnet war. Vor unserem Abmarsche hatte Sebulon die Kantinen, die zu beiden Seiten des Pferdes hingen, mit Wasser der Hippokrene fullen mussen zu einem nochmaligen Tee auf dem Landhause Welgelegen.
Am Fusse des Berges war Mynheer van Streef schon wieder ebenso verdriesslich, wie vorher, und diese Stimmung blieb ihm auch wahrend der ganzen Reise. Wir setzten dieselbe, nachdem wir in ebnere Gegenden gekommen waren, zu Wagen fort, d.h. Herr und Diener sassen im Wagen, und ich lief nebenher ihr mogt mir es glauben oder nicht, es liegt mir nichts daran, aber wahr muss wahr bleiben ich habe die paar hundert Meilen zu Fuss zuruckgelegt, ausgenommen eine kurze Strecke des Adriatischen Meers, die wir auf einer sklawonischen Schebecke durchschnitten. Ja, neben hollandischen Schwarmern lasst sich schon zu Fuss fortkommen!
Bald genug aber sehnte ich mich auf den Helikon zuruck. Denn die Herrschaft von Altniederland ist die harteste, die es gibt. Ich wurde behandelt wie eine Kolonie, fur mein Futter musste ich selbst sorgen, auf der sklawonischen Schebecke bekam ich, Gott verdamme mich, nichts zu geniessen als den Duft von Hyazinthenzwiebeln, die Mynheer van Streef gekauft hatte, und welche neben meinem Verschlage lagen. Dazu die Einseitigkeit einer Reise nach dem Bleistiftstrich! Denn nach diesem machte mein Herr auch seine Ruckfahrt. Die meisten Merkwurdigkeiten der Orter lernt man oft nur zur Halfte kennen. So z.B. habe ich in Frankfurt das Inkompetenzgebaude nicht zu sehen bekommen, weil unser Strich durch die Judengasse ging.
Nun, diese Unannehmlichkeiten hatten zuletzt auch ein Ende. Wir trafen in Amsterdam und eine Stunde spater auf dem Landhause Welgelegen ein. Bei dem Anblicke des Kanals, der ebenen Wiese, der zwolf Windmuhlen, endlich bei dem Anblicke seines stillen Hauses mit den herabgelassenen Fenstervorhangen, mit dem buntgepflasterten Hofe, mit der Voliere aus vergoldetem Draht und mit dem grunen, eingezaunten Flecke, auf welchem Gold- und Silberfasanen nebst anderem Getier spazierengingen, vergoss Mynheer van Streef zwei runde Tranen und sagte zu Sebulon: "O Welgelegen!" weiter aber nichts. Sebulon schluchzte, beugte sich vor dem Tore zur Erde, gleichsam um sie zu kussen und versetzte: "Welgelegen ist Welgelegen, Mynheer van Streef." In der Pforte standen sechs nordhollandische Magde mit goldenen Blechen in den Haaren, alle weiss und rund und sauber gekleidet, dass sie glanzten. Sie machten einen Knicks, kussten ihrem Herrn die Hand und sagten: "Viel Gluck und Heil zur Ruckkunft, Mynheer." Ihren Kreis trennte ein kleiner Mann, roten Antlitzes, aber ganz weiss und ehrwurdig eingepudert, schuttelte dem Heimkehrenden die Hand und sprach: "Ich habe davon erfahren, dass Ihr heute kommen wurdet, da wollte ich gleich zusehen, ob die Kur angeschlagen habe." "Doktor, ich schwarmte auf dem Helikon, danach wurde mir besser, und ich bin vollig hergestellt", versetzte der Patient. Der Doktor hatte ihn inzwischen prufend beschaut und erwiderte kaltblutig: "Nein, Mynheer van Streef, Ihr seid noch ebenso krank, als da Ihr abreistet, Ihr musst deshalb von neuem auf Reisen gehen, sonst sterbt Ihr dann und dann." Er nannte den Todestag.
Hier aber sah und horte ich, wenn ich fruher hollandische Schwarmerei kennengelernt hatte, was hollandische Wut heissen wolle. Denn das Gesicht von Mynheer van Streef wurde graubraun, die Stirnadern schwollen an, dass sie Baumwurzeln glichen, und er goss uber den Doktor eine solche Flut von Scheltreden aus, dass ich uber den Reichtum der Landessprache in derartigen Wendungen erstaunen musste. Der Doktor seinerseits fuhlte auch in sich eine niederlandische Begeisterung erwachen und schimpfte den Patienten aus, Sebulon schimpfte auf den Doktor, die erste Nordhollanderin schimpfte auf Sebulon, dass er sich in den Streit der Herren mische, die zweite auf die erste, dass sie auf Sebulon schimpfe, die dritte auf die zweite, dass sie auf die erste schimpfe, die vierte auf die dritte, dass sie auf die zweite schimpfe, die funfte auf Sebulon, die erste, zweite, dritte und vierte insgesamt, die sechste schimpfte auf niemand insbesondere, sondern im allgemeinen. Es erinnerte mich dieses verwikkelte Schimpfgemalde durchaus an den gegenwartigen Zustand der deutschen Tagesliteratur.
Auf so laute und sturmische Weise ging der Empfang des schwarmerischen Hollanders in der Hofespforte seines stillen Landhauses vor sich. Die Goldfasanen, die Silberfasanen und einige indianische Raben der Voliere schrieen in das allgemeine Geschrei auch hinein, und Gott weiss, ob nicht noch Tatlichkeiten das Fest gekront haben wurden, wenn nicht plotzlich in der Entfernung das reitende Jagerchen, und hinter ihm am Seile vom Pferde gezogen, das braune Nationalfahrzeug sichtbar geworden ware. Bei diesem Anblicke ebneten sich die zornigen Wellen, aller Antlitz begann friedlich und freundlich zu leuchten, und wie aus einem Munde riefen Doktor, Patient, Sebulon und sechs Nordhollanderinnen: "Die funfte Schuite!" "Kommt aber heute zwei Minuten zu spat", setzte Mynheer van Streef hinzu, indem er auf seine Uhr sah. Er ging freundlich in sein Landhaus; der Doktor bestieg besanftiget die Schuite nach Amsterdam.
So schlichtete der Anblick der funften Schuite von Haarlem diese niederlandischen Wirren. Ich war, als gehore ich zur Familie, meinem Herrn bis auf den Hausflur gefolgt, aber eine Magd trieb mich ziemlich unsanft von den Stiegen und fing sogleich an, heftig nachzuscheuern, wo ich gestanden hatte, obgleich ich mir selbst das Zeugnis geben muss, dass ich mich sehr anstandig auf dem Flure von Welgelegen benommen habe. Sebulon sperrte mich auf einem der grunen Platze zu den Gold- und Silberfasanen ein, d.h. ich kam nicht zu diesem Gefieder unmittelbar, sondern erhielt einen eigenen kleinen Abschlag, wie denn auch jeder Goldfasan und jeder Silberfasan seinen besonders abgesteckten und eingefriedigten Platz hatte, vermutlich, weil Mynheer van Streef selbst bei den Tieren hollandische Neigungen voraussetzte. Ich fand ziemlich gute Weide, wenn auch nicht so aromatische Krauter, wie am Helikon, frass mich endlich einmal in Musse wieder satt und verschlief den meisten Teil der folgenden Tage aus ubergrosser Ermudung von dem langen Reisewege. Erst etwa eine Woche spater bekam ich sonach die Fahigkeit wieder, aufzumerken, uber meine Umgebung und mich nachzudenken.
Als dieser Zeitpunkt eingetreten war, habe ich die Lebensweise eines hollandischen Rentenierers, der sich vom Geschaft zuruckgezogen hat, grundlich kennenlernen. Denn mein Weide- und Wohnplatz lag hart unter den Fenstern des Lusthauschens, welches durch den Hof von dem Haupthause getrennt, dem Herrn des Landhauses zu seinem taglichen Vergnugungsorte diente, es mochte Sonnenschein oder Nebel, Sturm oder Regen sein. Sebulon hatte mir einen Felsen von Klinkern etwa vier Fuss hoch aufgebaut, welcher Klein-Helikon genannt wurde. Auf diesen kletterte ich haufig und konnte von ihm aus alles sehen, was in dem Lusthauschen vorging, das meiste auch horen, was darin gesprochen wurde, da die Fenster, wenn das Wetter nicht gar zu schlecht war, nach der Menagerieseite zu, offen zu stehen pflegten. Nach der Kanalseite aber waren sie stets geschlossen und auch verhangt bis auf eine kleine, zur Beobachtung der Treckschuiten notwendige Offnung.
Des Morgens um acht Uhr kam Mynheer van Streef regelmassig in sein Lusthaus gegangen. Er trug dann seinen Fruhanzug von zeisiggrunem Kamelott und eine rote Mappe unter dem Arme. Mit der Pfeife und dem Teegerate folgte ihm die erste Magd, denn zu Hause liess er sich nur von den Frauenzimmern bedienen, Sebulon war nur auf der Reise zum Diener erhoht worden, in dem Landhause Welgelegen hatte er seine Stellung als Haus- oder Gartenknecht wieder eingenommen. Mynheer van Streef trank nun seinen Tee, nicht rasch, wie auf dem Helikon, sondern wirklich, wie Sebulon gesagt hatte, die Tasse in einer Viertelstunde, wozu er langsam den Rauch aus der angezundeten Pfeife blies und in geregelten Zeitabschnitten wechselweise mit starrem Blicke nach dem Kanal und nach uns, seiner Menagerie, aussah. Sonst nahm er wahrend dieser Zeit nichts vor, denn er war der Meinung, dass jedes Geschaft fur sich betrieben werden musse. Nach dem Fruhstucksgeschafte schickte er sich zu dem zweiten an, namlich den Text seiner Kansbilletts, die er in der roten Mappe verwahrte, Stuck vor Stuck, obgleich derartige Schriftwerke bekanntlich gleich lauten, nachzulesen. An den Zinstagen gesellte sich dazu die Arbeit, die Coupons abzuschneiden. Diese Muhen pflegten die zwolfte Tagesstunde heranzubringen. Dann erschien ein Diener aus dem Landhause Schoone Zicht und einer aus der Vrouw Elizabeth, brachte einen hoflichen Gruss von Mynheer de Jonghe und Mynheer van Toll und die Anfrage ihrer Herrn: Wie Mynheer van Streef geschlafen habe und sich befinde? Mynheer van Streef antwortete nach langer Uberlegung jeden Tag dasselbe; dass die Nacht ziemlich ruhig gewesen sei, und das Befinden, Gott sei Dank, sich leidlich verhalte. Wenn diese Boten abgefertigt waren, wurde Sebulon geklingelt und nach der Schoonen Zieht und der Vrouw Elizabeth entsendet mit hoflichem Grusse von Mynheer van Streef an Mynheer de Jonghe und Mynheer van Toll und seinerseitiger Anfrage, wie diese beiden Herren geschlafen hatten und sich befanden?
Nach vorgedachten Anstrengungen wurde zur Herstellung der erschopften Lebenskraft wieder Tee getrunken, geraucht und die Meldung des zuruckkehrenden Sebulon entgegengenommen. Darauf ging Mynheer van Streef in das Haupthaus, kam angekleidet zuruck in den Hof, stellte sich vor die Voliere und demnachst vor jeden Abschlag der Menagerie, sah die Einwohnerschaft der Voliere und dann jedes von uns eine geraume Zeit lang bedachtig an, schuttelte auf jeder dieser Stationen das Haupt und sagte, sooft er schuttelte: "Unvernunftige Tiere!" Dieses tat er jeden Tag, auch wenn es regnete, Sebulon hielt ihm dann nur wahrend dieser geringschatzigen Betrachtungen den Regenschirm uber.
Waren die Allokutionen an die Voliere und Menagerie geendiget, so ging er wieder in das Haupthaus und speiste, es mochte dann etwa vier Uhr nachmittags sein, zu Mittag; hielt darauf seine Mittagsruhe und kehrte, abermals eine Mappe unter dem Arme, jetzt aber eine grune, sechs Uhr abends in das Lusthaus zuruck. Er trank nunmehr seinen dritten Tee, rauchte, wie sich von selbst versteht, abermals dazu und las dann Amsterdamer Stadtobligationen, die er in der grunen Mappe verwahrte. Daruber pflegte es dunkel zu werden; Mynheer van Streef klappte gahnend die Mappe zu, sah noch einmal nach dem Kanal, verliess hierauf das Lusthaus und zog sich in das Haupthaus zuruck. Sobald es vollig dunkel war, schloss Sebulon die Pforte; die Lichter, welche in den Fenstern des Hauses eine kurze Zeit lang leuchteten, erloschen allgemach ein Zeichen, dass Herr und Dienerschaft in ihren Betten von den Anstrengungen des Tages ausruhten. Das tiefste Schweigen und die lautloseste Stille senkten sich auf Welgelegen herab.
Ich habe unter den Beschaftigungen des Tages anzumerken vergessen, dass Mynheer van Streef auch den Ankunftsaugenblick jeder der sechs Schuiten, welche taglich von Haarlem nach Amsterdam voruberfuhren, auf einer schwarzen Tafel, welche im Lusthauschen hing, zu notieren pflegte, und aus den Unterschieden wochentlich eine mittlere Zeit herausrechnete. Ich horte ihn zuweilen sagen, es sei sein grosster Kummer, dass diese Mittelzeiten nie stimmen wollten, auch wenn er sie auf Monate, ja selbst Jahre schluge, und dass daher die rechte mittlere Ankunftszeit einer Treckschuite noch immer ein unlosbares Ratsel ware.
So ging ein Tag wie der andere hin.
"O Herr!" seufzte ich bei diesem niederlandischen Leben in Freude und Rast oft (denn ich bediente mich bei meinen Ausrufungen nun nicht mehr der Mythologie) "was fur eine Langeweile! Steht denn mein Herr nur eine Stufe uber dem Faultier und nicht tief unter dem Elefanten, dem stolz-empfindlichen Rosse, dem ruhrigen Hunde, obschon er Kansbilletts und Amsterdamer Stadtobligationen liest? Und doch dunkt er sich was Rechtes, glaubt eine unsterbliche Seele zu besitzen, und doch behandelt der schwarmerische Barbar uns Tiere mit Verachtung!" Es war naturlich, dass sich auf solchem Wege kein Verhaltnis der Zuneigung zwischen mir und ihm entfalten konnte; dieser Hollander war nicht geeignet, Liebe zu erwekken. Ich drehte ihm daher auch immer den Rucken zu, wenn er vor meinen Verschlag trat. Um der Last der schrecklichen Langeweile von Welgelegen mich zu entziehen, suchte ich mit meinen Nachbarn in der Menagerie Umgang anzuknupfen. Ich hatte recht leidliche Leute zu Nachbarn, links einen Goldfasan und rechts einen Silberfasan, hinter mir ein paar Schildkroten in einem grossen Sandkasten und einen jungen Biber, dessen Schwanz in Wasser hing. Es ware mir interessant gewesen, mit so Vogeln, Amphibien und amphibienartigen Geschopfen auch einmal meine Ideen auszutauschen, aber dazu wollte sich hier keine Gelegenheit finden. Diese Partikuliers waren von dem geistigen Drucke, der uber Welgelegen lastete, so gebeugt, dass alle meine Versuche, ihnen naherzutreten, mein herzliches Meckern und so mancher treugemeinte Bockssprung keinen Anklang fanden. Die Fasanen lagen meistens, den Kopf unter die Flugel gesteckt, dumpf hinbrutend da, die Schildkroten zogen sich, sobald sie sich an ihrem Kohle satt geknabbert hatten, unter ihr Schild zuruck, der Biber hatte fur nichts Sinn als fur das kalte Wasser um seinen Schweif.
Meine Pein zu scharfen diente die berufene hollandische Reinlichkeit. Es wurde namlich auf uns Tiere eine besondere Kehrmagd gehalten, welche bei ihrem Mitgesinde Dreck-Griete hiess, weil ihr anbefohlen war, die ausserste Sauberkeit unserer Wohnstatten in Obacht zu nehmen. Sie brachte den Tag uber in einer Art von Portierhauschen am Eingange des Haupthauses zu und lugte bestandig auf die Menagerie hinaus. Liess nun ein Fasan eine Feder fallen, oder fiel sonst etwas vor, was nicht zu vermeiden stand lieber Gott, man bleibt denn doch Tier! alsobald schoss diese ihrem Berufe fanatisch ergebene Reinigungsperson, bewaffnet mit einem langen Borstbesen hervor, riss den betreffenden Verschlag auf und sauberte vermoge des Besens die Stelle. Meine Kollegen waren zu sehr Vieh, um sich hieraus etwas zu machen, aber in mir hatte der Mensch teil an dergleichen Verkommenheiten, in mir schamte sich der Mensch vor einer solchen Uberwachung seiner eigensten und innersten Angelegenheiten. Ich war oft in der grossten Verlegenheit zwischen Mussen und nicht Mogen, zwischen naturlichen Wunschen und der Furcht vor der auflauernden und schon zum konventionellen Borstbesen greifenden Dreck-Griete!
Die Langeweile die Isolierung die ewig drohende Kehrmagd meine Lage wurde von Tage zu Tage furchterlicher! Munchhausen war damals unglucklich, ganz unglucklich! Das Schicksal hatte mich zu hart angefasst, ich war ein Opfer kalter Schwarmerei geworden; das ist das Schrecklichste, was es zwischen Himmel und Erde gibt.
Eine tragische Verzweiflung bemachtigte sich meiner. Ich sann auf Selbstmord. Ich wollte die Natur zwingen; wie andere sich der Speise enthalten, wollte ich dem Borstbesen der Reinigungsperson sein Opfer unterschlagen lange fur immer! Denn ich fuhlte, dass, mit Heldenmut den Entschluss durchgefuhrt, der Organismus untergehen musse. Diese Weise, zu enden, dunkte mich die erhabenste, reinste, sie kam mir neu und unnachahmlich vor.
Ich hielt mich still fur mich. Zwei Tage lang rastete das Turschloss meines Verschlages. Die Reinigungsperson umschlich mich unheimlich spahend. Ich dachte: "Schleich du; ich sterbe!"
Am dritten Tage liess Mynheer van Streef die Spaherin rufen und fragte sie, was mir fehle? ich stehe ja so verdrossen und ohrhangerig da? Griete berichtete dem Herrn, was sie wusste. "So muss man abwarten, ob es sich bis morgen mit ihm bessert", sprach mein fuhlloser Gebieter, "und wenn das nicht geschieht, so gebt ihm -" Er verordnete das schnelle und unwiderstehliche Mittel, gegen welches in solchen Fallen selbst der Heldenmut eines Cato sich fruchtlos stemmen wurde.
"Nein, es ist zu viel!" meckerte ich ingrimmig und traurig zugleich; indem ich am Felsen Klein-Helikon niedersank und meine heisse Stirn wider diese Klinker stiess. "Nicht leben konnen, und nicht sterben durfen!" Ich sah schon im Geiste den Augenblick, der meinen Entschluss gewaltsam brechen wurde, und das furchtbare Instrument in Grietens Hand, ich sah mich schon wieder schamrot, entwurdigt, in die alten Konflikte zuruckgeworfen, denen meine freie Seele sich entronnen wahnte.
Ach, der namliche Tag sollte mich noch etwas ganz anderes sehen lassen! Wie schwach steht es um die sogenannten grossen Vorsatze! Bittere und demutigende Erfahrung, die ich an mir selber machte!
Mynheer van Streef empfing an diesem Tage einen Besuch von seinen Nachbarn de Jonghe und van Toll. Die Besitzer der drei Landhauser Welgelegen, Schoone Zicht und Vrouw Elizabeth pflegten einander nur einmal im Jahre gegenseitig zu besuchen. Die Tage waren ein fur allemal festgestellt, und sonst sahen einander die drei Hollander nicht, obgleich die Landhauser kaum funfhundert Schritte voneinander entfernt waren. Wenn sie zusammenkamen, so zeigte der Wirt seinen Gasten den Zuwachs vom letzten Jahre in dem, woran seine Seele hing. Mynheer van Toll hielt auf ein reiches Porzellankabinett, Mynheer de Jonghe auf eine Sammlung von Naturalien und Mynheer van Streef auf seine Menagerie am meisten.
Nachdem die drei Freunde im Lusthauschen Tee getrunken hatten, fuhrte mein Gebieter seinen Besuch zu unsern Verschlagen und fragte de Jonghen, der, wie wir wissen, in Ostindien gewesen war, ob er eine Tiersorte, wie die meinige, auf Java kennengelernt habe. Schon bei dem ersten fluchtigen Uberblicke, den mir der Naturaliensammler widmete, fingen seine Augen an zu glanzen, und seine farblosen Wangen wurden von einer leichten Rote uberflogen. Ich musste mich erheben, Mynheer de Jonghe betrachtete mich von allen Seiten, hob meine Pfoten, die noch nicht ganz vergessen hatten, Menschenarme zu bedeuten, auf, untersuchte mein Vlies, guckte mir in den Rachen, befuhlte meinen Schadel.
Mynheer van Streef sah dieser Analyse mit dem ruhigen Stolze eines glucklichen Besitzers zu. Nach vielfaltigem Anschauen und Tasten war Mynheer de Jonghe zu dem Bekenntnisse gedrungen: "Nein, diese Tiersorte kommt nicht auf Java vor. Ich glaubte anfangs, es sei der kleine gefleckte Hirsch, moose-deer, welchen man auf Ceylon findet, aber der Bau des Schadels widerspricht dieser Annahme. Der Schadel hat etwas vom Affen, der ganze ubrige Leib gehort in das Ziegengeschlecht. Es hilft keine Menschenmacht dawider, wir mussen eine neue Spezies ernennen. Dieses Geschopf, woran Ihr, Mynheer van Streef, eine gar grosse Seltenheit besitzt, muss der Bockaffe, capra simiae proxima, heissen."
"Ich fand ihn", versetzte Mynheer van Streef, "auf einem griechischen Platze, in einer unvergesslichen Stunde. Sebulon, sage zur Gertruid, dass wir heute von dem Wasser, welches du in den Kantinen mitbrachtest, den dritten Tee trinken wollen, wofern es sich frischgehalten hat. Ich mochte sehen, wie es auf Mynheer van Toll und Mynheer de Jonghe wirkt."
Er ging mit dem ersteren zu seinen Hyazinthen, welche die zweite Stelle in seinem Herzen einnahmen. Mynheer de Jonghe bat um die Erlaubnis, bei dem Bockaffen zuruckbleiben zu durfen. Als er sich mir gegenuber allein sah, sagte er: "Dass Mynheer van Streef dich, du einziges Exemplar, mir ablasst, ist nicht zu denken, die Dienerschaft wird nicht zu bestechen sein, folglich muss ich dich stehlen lassen."
Nach diesen unzweideutigen Worten kehrte mein Gebieter mit seinem zweiten Freunde von den Hyazinthen zuruck. "Wie ich Euch sagte, Mynheer van Streef" sprach Mynheer van Toll "es halt sich auf Vrouw Elizabeth seit einigen Tagen ein fremder Maler und Chemikus auf, der eine besondere Mischung der Farben entdeckt hat, wodurch auch auf dem Porzellan das vollkommene Helldunkel von Rembrandt sich erzielen lasst. Ich wollte durch ihn eine grosse Vase in dieser Manier malen lassen, und alle Anstalten des Gluhens und Einbrennens sind auch schon gemacht, nur war ich uber den Gegenstand noch verlegen, weil ich einen ganz neuen fur die neue Manier zu haben wunschte. Gar gerne mochte ich nun den sogenannten Bockaffen in Helldunkel auf meiner Vase sehen, weil den gewiss noch niemand hat, und ich bitte Euch daher, dass Ihr mir die nachbarliche Gefalligkeit erzeigen wollet, meinem Chemikus diese Nacht den Zugang zur Menagerie zu verstatten. Er soll an dem Tiere bei Laternenlicht seine Studien machen und in dieser Beleuchtung eine Farbenskizze von ihm entwerfen."
"Nein, Mynheer van Toll, das geht nicht an", versetzte der Hausherr. "Die nachtliche Ruhe von Welgelegen darf unter keiner Bedingung gestort werden. Ihr konnet bei Tage dieses fremde Tier durch Euren Chemikus in Helldunkel abzeichnen lassen." Gertruid ging mit dem Teegerate nach dem Lusthauschen. "Kommt hinein", fuhr Mynheer van Streef fort, "ich will Euch, meine Freunde und Nachbarn eine neue Sorte Tee zu kosten geben."
"Wieder also sollst du gestohlen werden!" dachte ich fur mich. "Bist du denn so kostbar?" Inzwischen war es im Lusthauschen sehr lustig geworden, freilich nur auf niederlandische Weise. Offenbar hatte das Wasser der Hippokrene durch die Reise seine Kraft nicht verloren. Die drei Freunde waren nach der ersten Tasse vom Teetische aufgestanden und gingen, phantastisch erregt, ohne sich umeinander zu bekummern, im Stubchen auf und nieder. De Jonghe versuchte, wahrend er ging, einen Pas aus der "Menuet a la Reine" zu bewerkstelligen, van Toll sang in einem sonderbaren Falsett das Nationallied, van Streef zog den Vorhang des Kanalfensters auf, offnete letzteres selbst und vergass, die eben vorbeifahrende sechste Schuite am schwarzen Brette zu notieren.
Statt eines drei hollandische Schwarmer! Wunderbares Wasser! Selbst eine Stunde von Amsterdam wirktest du Zeichen, obschon zu Tee verkocht! Bald sollte die Schwarmerei wieder mich in ihre Kreise reissen, mich, den schicksalbezeichneten Helden der abenteuerlichsten Bildungsgeschichte, welche jemals die Erde sah. Van Toll trat an das Menageriefenster des Lusthauschens und flusterte hinunter: "Nach Mitternacht schicke ich den Chemikus mit einem Nachschlussel her, dich abzureissen. Du sollst, und du sollst mir auf die Vase in Rembrandtschem Helldunkel!" Er trat zuruck, de Jonghe naherte sich hierauf dem Fenster und rief, mit einem sehnsuchtigen Blicke auf mich, halblaut hinaus:
"Stehlen lass' ich dich noch vor Mitternacht und dann auf der Stelle ausstopfen!"
"Ausstopfen!? Nein, nein, das geht in das Ungeheure! Du sublime au ridicule " Meine Sinne schwanden.
Als ich wieder zu mir selbst kam, stand Mynheer van Streef allein vor meinem Verschlage und Sebulon neben ihm. "Sebulon", sagte mein Gebieter, "der Besuch ist nun fort, und da kann also etwas geschehen, was sich vor Fremden nicht ziemt. Ich bin durch das Teetrinken wieder in die helikonische Stimmung gekommen. Ich mochte der ganzen Welt helfen und rasch! Sage der Griete, sie konne auf der Stelle mit dem fremden Tiere hier verrichten, was nach meinem fruheren Befehle erst morgen vorgenommen werden sollte."
"Wird wohl nicht mehr notig tun", versetzte Sebulon trocken. "Es scheint wieder munter zu sein, seht nur, Mynheer, welche lustige Sprunge es macht."
Ach nein, es war nicht mehr notig! Die grassliche Perspektive, ausgestopft zu werden, hatte mit einem Schlage alle selbstmorderischen Gedanken in mir vernichtet, mich dem Leben in jeder Beziehung wiedergegeben und die gewaltigste Lebenslust in mir angefacht. Ich sprang wie unsinnig im Verschlage umher, das nannte jener hollandische Hausknecht Lustigkeit, ich stiess entsetzliche Tone aus, mich verstandlich zu machen, meinem Gebieter den Verlust seines Teuersten anzukundigen, daruber lachten die Blinden!
Sie gingen, es wurde dunkel, Sebulon schloss die Pforte. "Unglucklicher, lege auf die Mauer, uber welche Mynheer de Jonghe seine Mordknechte steigen lassen wird, Selbstschusse und Fussangeln! Durch die Pforte kommt hochstens der unschuldige Chemikus, euren armen kleinen Bockaffen im Helldunkel seiner harmlosen Laterne abzureissen!" schluchzte ich. "Wie wird er sich betruben, der Getauschte, wenn er statt seines Studienobjektes nur die leere Statte findet! Jammer uber dich Welgelegen, wenn du morgen erwachest, und dein Kleinod dir gestohlen siehst! Traure, traure, Vrouw Elizabeth, deine Vase bleibt unbemalt!
Warum kann der Chemikus nicht vor Mitternacht kommen, und die Bande de Jonghes nach Mitternacht? So wurde der Chemikus noch bei Laternenlicht zeichnen, wenn die Bande anlangte, sie verscheuchen, und diese Nacht ware wenigstens gewonnen. Zufall, Zufall, du betrunkener Wurfelspieler! Tolles Ratsel des Daseins, grimmiger Wust chaotischer Verwirrung! O mein Vater, mein Vater, wo eilest du? Eile herbei, deinen dir so sauer gewordenen Wurm vor dem Letzten, Schrecklichsten zu erretten! Du bist wissbegierig und reisest viel, mein guter Vater, vielleicht besuchst du einmal auch das Kabinett von Mynheer de Jonghe, und welch ein Augenblick wird es dann sein, wenn du deinen unglucklichen Sohn vielleicht zwischen einer Fischotter und einem sibirischen Eichhorn siehst! Zwar ich vergesse, wer ich bin, ich rede irre du wirst mich nicht erkennen!
Ausgestopft zu werden! Gedanke, der das Hirn sieden macht, und alle Sehnen krachen! Nichts als Balg zu sein und Werg! Aus glasernen Augen dumm und starr zu schauen, und ewig den Draht in Rucken und Beinen zu fuhlen, als einzigen haltenden Grundsatz! Neben sich nur Balge zu haben, und diese ganze trockene Unsterblichkeit lediglich auf Kampfer und Spiekol gegrundet!"
In solchen jammerlichen Betrachtungen ging mir ein Teil jener merkwurdigsten Nacht meines Lebens hin. Ich fuhlte zugleich, dass die ausserste Beangstigung in meinem Korper Folgen hervorbrachte, denn ich konnte, da ich im Verlauf meines Kummers als Mensch mir vor die Stirn schlagen wollte, wunderbar genug, dies mit meinen Vorderbeinen bewerkstelligen, ich konnte an mein Fell fassen, und die Haare fielen ab, sowie ich sie nur beruhrte, endlich schien in meinem Antlitze ein formliches Umziehen und Quartierverandern von Maul, Nase und Augen vor sich zu gehen, so ruckten und knackten dort die Knochen. Aber auf alles dieses hatte ich weiter nicht acht, ganz verloren in die Furcht vor dem Ausstopfen.
Gegen Mittemacht Gerausch draussen vor der Mauer, Klimmen, Herabwerfen einer Strickleiter! Ein Kerl steigt an ihr nieder, tappt zwischen Biber und Schildkrote vorsichtig hindurch Ich sitze (denn ich vermochte auch schon wieder zu sitzen) stumm da, und raufe mir vollends alles Fell ab; seine rauhe Tatze ergreift mich hui und davon mit mir uber die Mauer! Ich hange schlotternd und an allen Gliedern gebrochen in seinen Armen. "Was, zum Teufel, habe ich denn da gefasst? Das ist ja kein " murrt er, wahrend er einige Schritte langst des Kanals nach dem Landhause Schoone Zicht zu macht. Ehe er zu Ende gesprochen, sturzt ihm ein Mann entgegen, ruft mit einer von der Tugend selbst gebildeten Stimme heftig: "Steh du Dieb, ich sah dich uber die Mauer steigen!" und haut auf ihn mit einem Degen ein. Der Dieb Sunde gibt keinen Mut lasst mich fallen und lauft davon. Ich falle in den Kanal, jener unbezahlbare Retter springt, immer den Degen in der Faust, mir nach, holt mich heraus, ruft: "Wie, ein nacktes Kind?" und tragt mich, dem von diesen jahen Abwechselungen das Haupt schwindelt, zu einer Laterne hin, die etwa hundert Schritte von der Stelle am Kanale brannte. Bei dem Schimmer dieser Blendlaterne sehe ich meinem Retter in das Antlitz, und wer fasst's, wer glaubt's, wer sagt's, was ich empfinde? Es ist mein Vater, mein sogenannter Vater!
Was die Furcht und der Jammer nicht gekonnt, die Freude vollbringt es. Ich finde die Sprache wieder, und, zwar noch immer etwas meckernd, aber doch verstandlich, ist: "Vater! Vater! Dein Kind!" mein erstes Wort. Mit heissen Tranen sturze ich an seine Brust, er erkennt mich, wie ich ihn erkannt, und doch schweige, Lippe! falle, Vorhang uber diese unbeschreibliche Szene!
Stumm vor Ruhrung steckt er mich ohne weiteres wieder in seine linke Rocktasche. Darin finde ich ihn ganz. Alle lieben Erinnerungen gehen mir in jener Tasche auf; es ist noch ein Rest Fruhstuck darin; ich versuche, es zu essen. Es gelingt; ich kann wieder Brot und Wurst essen! Ich bin ein Mensch wieder, das gebildete Kind gebildeter Eltern! Aber wie ging das zu? Mein Vater tragt mich in das Lusthaus Vrouw Elisabeth. Er ist's ja, er ist der gute Chemikus, der sich dort aufgehalten, der mit dem Nachschlussel zu mir kommen, mich nach Mitternacht bei Laternenlicht abreissen wollte, aber von einer unerklarlichen Unruhe getrieben (sein Vaterherz war's, das so sturmisch geklopft hatte!), vor Mitternacht sich aufmachte, einen Degen zu sich steckte, weil das Abenteuer immer einige Gefahr hatte, und so am Kanal Zeuge des Diebstahls wurde.
Wie ich diese ersten Erklarungen der wunderbaren Geschichte empfangen, ich weiss es nicht mehr zu sagen. Mein Vater stammelte nach der Tasche hinunter, worin ich sass, ich stammelte hinauf, wir begriffen uns durch Naturlaute. "Aber warum machtest du nicht Larmen, mein Vater, als du den Dieb uber die Mauer steigen sahst?" fragte ich in einem ruhigen Augenblicke. "O Sohn", versetzte er, "um einen Menschen zu retten, haben sich wohl schon grossere Unwahrscheinlichkeiten begeben mussen, als dass man einen Dieb erst einsteigen und dann wieder herauskommen lasst. Du konntest nur gerettet werden, wenn diese Unwahrscheinlichkeit vorfiel, denn machte ich fruher Larmen, so erwachte das Landhaus Welgelegen, die Pforte wurde besetzt, du bliebst mir unsichtbar und in den Handen von Mynheer van Streef." Diese Antwort stellte mich vollkommen zufrieden.
Wir waren unter solchen und ahnlichen Gesprachen vor Vrouw Elizabeth angekommen; mein Vater zog die Klingel und weckte dadurch den Portier, der ihm sein Zimmer auftat. In der Helligkeit, welche durch Wachskerzen und Alabasterlampen hervorgebracht wurde, umarmten wir uns nun erst bei voller Musse. "Vater, wie sehe ich aus?" war meine erste Frage.
"Abscheulich, mein Sohn", versetzte er. "Deine Zuge sind in einer wunderbaren Unordnung, es ist, als waren Nase, Mund und Augen bei dir berauscht gewesen und erwachten nun in Winkeln, wohin sie nicht gehoren. Die Ohren mussen wir vor allen Dingen stutzen, sie haben sich etwas zu uppig gen Himmel erhoben, an den Extremitaten sind dir uberflussige Haarbuschel gewachsen, auch deine Sprache schmettert sonderbar; warst du etwa bei einem Trompeter in der Lehre? Du kommst mir vor wie eine durcheinandergeworfene Bibliothek oder Garderobe, die einzelnen Bestandteile deiner Totalitat sind richtig vorhanden, aber es fehlt die Harmonie."
"Alles nichts, mein Vater", sagte ich, nachdem ich vor den Spiegel getreten war, und mich wieder so ziemlich menschlich gesehen hatte. Er brannte, meine Geschichte zu vernehmen. Ich gab sie ihm in grossen Umrissen. Er glaubte, ich habe getraumt. "Sieh mich an", versetzte ich, "und sage dann noch einmal, dass dies Traume gewesen seien. Das letzte Wunder", so schloss ich meinen Bericht, "war das grosste. Hat man auch nur noch ein Funkchen Humanitat in sich, und soll man ausgestopft werden, so nimmt sich bei diesem Gedanken jenes Funkchen zusammen und man restauriert sich von innen heraus. In den Tiefen von Angst, Grauen, Verzweiflung habe ich mich sozusagen als Menschen zum zweiten Male geboren und die Tierhulle durch Seelenkampfe abgestreift."
"Streife jetzt nur auch eine anstandige Hulle uber!" rief mein Vater, ging zu einer Kommode und holte daraus die weissen Pumphoschen, das rote Collet, den kleinen blechernen Sabel und den Turban hervor. Grosser Gott! die Janitscharenkadettenuniform war auch da! "Wo fandest du sie?" fragte ich ihn. "Im griechischen Gebirge, welches ich nach dir verzweiflungsvoll, wie Ceres Proserpinen suchte, durchrannte", antwortete er. "Ich fand die Stucke auf einem Felsenabhange und glaubte, dass dich ein Raubtier gefressen habe." "Aber mein Vater", sagte ich, indem ich die Hosen anzog, "an den Kleidungsstucken war ja kein Blut, woher also dieser Glaube?" "Konnte dich das Raubtier nicht rein herausgefressen haben?" erwiderte er, etwas verstimmt uber meine kritischen Zweifel. Er musste mir nun auch seine Geschichte erzahlen. Sie war einfach. Aus Schmerz uber meinen Verlust hatte er, nachdem er jede Hoffnung aufgegeben, mich wiederzufinden, sich noch eifriger den chemischen und physikalischen Studien ergeben, wie fruherhin, und unter anderem auch jenes Farbenbereitungsgeheimnis entdeckt, welches ihn dem Hollander van Toll so wert machte. In der Heimat litt ihn der Kummer nicht, er reiste durch die Lande Europas als dusterer, zerrissener Porzellanmaler. Unterweges traf er mehrere Kollegen. Durch die allerseltsamste Fugung brachte uns das Schicksal wieder zusammen. Er ging bei Nacht aus, einen Bock zu zeichnen und traf seinen Sohn.
Wir machten uns noch vor Tagesanbruch von Vrouw Elizabeth fort, denn mein Vater fuhlte wohl, dass, da er dem Eigentumer das fremde Tier nicht auf die Vase liefern konne, seine Rolle im Landhause ausgespielt sei. Wir benutzten die erste Schuite nach Amsterdam, und dort die erste Gelegenheit nach Bodenwerder. Als wir im Wagen sassen, ich wie in den ersten Zeiten in der Tasche, fiel mir der Gedanke an Frau von Munchhausen, die Gemahlin meines Vaters, schwer auf das Herz. Ich teilte ihm die Besorgnis mit und setzte hinzu: "Wird so es uns nicht gehen, wie Mynheer van Streef, der in der Pforte seines Landhauses zum zweiten Male auf Reisen geschickt werden sollte?"
"Nein, mein Sohn", erwiderte er, "die vortreffliche Frau ist bereits vor sechs Monden gestorben, von mir begraben und hinlanglich beweint worden." Ich zollte ihrem Andenken ebenfalls einige nachtragliche Zahren.
Auf Bodenwerder widmete sich mein Vater nun ganz dem Werke meiner Ausbildung. Denn obgleich ich, wie aus dem Verlaufe dieser Geschichte erhellt, schon als kleines Kind wie ein Buch sprach, so fehlte es doch meinem Wissen an Zusammenhang, der jetzt erzielt werden musste. Einen Augenblick dachten wir daran denn ich gab zu meinem Bildungswerke auch jederzeit meine Stimme mich nach Lorinsers Ideen ohne Griechisch und Lateinisch bloss durch Haus- und Wirtschaftskenntnisse zum Manne zu machen, allein es entstand die Besorgnis, dass ich bei dieser Methode leicht wieder in meinen fruheren Zustand versinken konnte, und es dann vielleicht nicht einmal bis zum Bock, sondern nur bis zum Schops brachte. Wir liessen also Lorinser Lorinser sein und mein Unterricht wurde in der Art geregelt, welche ich in einer meiner fruheren Erzahlungen zu schildern versucht habe.
Noch oft unterredeten wir uns uber die Einzelheiten meiner ausserordentlichen Geschichte. "Sage mir nur, mein Sohn", sprach mein Vater eines Tages, "welche historische Lehre ziehst du aus allen diesen unglaublichen Vorfallen?" "Vater", versetzte Munchhausen das Kind, "die Geschichte ist erhaben uber alle Lehren. Willst du aber aus der meinigen durchaus einen Satz ziehen, so ist es die einfache Wahrheit, welche jeder Student fuhlt dass die Sohne auf die Taschen ihrer Vater angewiesen sind." Hier machte der alte Baron noch einen letzten Versuch, den Strom Munchhausens zu hemmen, denn seine Krafte waren schon halb gebrochen. Der Freiherr hatte aber auch jetzt Rat und Starke, ihm zu begegnen, denn ehe der Schlossherr seinen Spruch vorbringen konnte, war bereits das zweite Manuskript entfaltet und die Geschichte "von den Poltergeistern in und um Weinsberg" angefangen.
Als der Freiherr auch diese zu Ende gelesen hatte, schlief der alte Baron, erschopft von den Anstrengungen der letzten vierundzwanzig Stunden und den ausgezeichnet albernen Erzahlungen seines Gastes einen festen und gesunden Schlummer. Der Freiherr stellte sich triumphierend neben den Sessel des Schlafenden und rief mit gedampfter Stimme: "Habe ich dich endlich unter mir, du alter Nachtschwarmer und Ruhestorer?
Ubrigens ist meine Lage auf diesem Schlosse bedenklich geworden", fuhr er ernsthaft fort. "Theoretisch darf man den Leuten so viele Dinge, welche der Pobel Lugen nennt, vorsagen, als man will, aber wehe dem, der ihnen etwas in den Kopf setzt, woran sich ihr Eigennutz heften kann! Sie glauben's, sie glauben's, und die Schuler treiben den Meister in die Enge. Ich furchte, dass ich einen Fehler begangen habe, als ich die Luftverdichtungsaktienkompanie hier zur Sprache brachte, und der wurde schlimmer sein, als ein Verbrechen."
Zehntes Kapitel
Die Gesellschaft des Schlosses beginnt sich in ihre
Elemente aufzulosen
Wahrend des ganzen Tages, an welchem der alte Baron ruhelos umhergetrieben, und das Fraulein unpass geworden war, hatte der Schulmeister Holz gesagt und darauf gespalten. Am folgenden Morgen empfing er durch den Kreisboten, welcher ihn in aller Fruhe auf seinem Strohlager weckte, eine Antwort von dem Schulrate Thomasius, die ihn sehr froh machte. Er warf sogleich seinen braunen Mantelkragen um, sauberte das Gemach des Gartenhauschens von allen Spuren der Bewohnung, stellte den schlechten Tisch und den holzernen Schemel, welche Stucke die einzigen Meubles dieses Gelasses waren, in Ordnung, den Tisch namlich an die Wand und den Schemel mit dem Sitze unter den Tisch, und schrieb darauf mit Bleistift nicht ohne Muhe und Nachdenken folgende Zeilen an die Wand:
"Allhier habe ich, Christoph Agesel, weiland Schulmeister auf und zu Hackelpfiffelsberg neun Monate lang in schwerer Krankheit zugebracht, welche mir durch eine unverstandliche Sprachlehre angetan worden war. Nachdem der grundgutige Gott mir meine Gesundheit wieder verliehen, scheide ich von diesem Orte, an welchem ich manche schone Stunde verlebte, mit Dank fur die Vergangenheit und mit Hoffnungen fur die Zukunft.
Wie reizend ist doch die Empfindung
Ganz wieder bei Verstand zu sein,
Er bleibt die herrlichste Erfindung,
Schutzt uns vor leeren Traumerein;
Man wird damit auf Erden fast
Bereits zu einem Himmelsgast."
Nach dieser Schaferstunde seiner Muse schritt der Schulmeister hinaus in den Garten, wo uber allen Verwilderungen und Trummern der wolkenlose blaue Himmel leuchtete, warf einen dankenden und abschiednehmenden Blick den ausgewachsenen Taxusfiguren, dem Genius des Schweigens, dem Flotenblaser ohne Flote und dem Delphin ohne Wasserstrahl zu, und ging dann in das Schloss, um dem Herrn desselben seine veranderten Entschlusse kundzutun.
Dem alten Baron schmerzte noch von den phantastischen Erzahlungen Munchhausens das Haupt. Um von diesen wesenlosen Dingen seine Vorstellungen zu befreien, war er, ohne vorher den gewohnten Fruhgang durch den Garten zu machen, sogleich nach dem Verlassen des Bettes zur Gerichtsstube hinaufgestiegen. Dort sich an die Tafel setzend, gelang es ihm auch, seine Gedanken zu sammeln.
Er stutzte den Arm auf die Tafel, legte das Haupt in die Hand und sagte: "Ich merke recht wohl, wo dieses hinaus will. Es reut ihn, sein Luftverdichtungsgeheimnis in einem unvorsichtigen Augenblicke dahingegeben zu haben, darum sucht er mir durch die unsinnigsten Faxen zu entschlupfen. Nein, mein kluger Freund, das soll dir nicht gelingen. Zum Gluck kennen wir deine schwache Seite, und gegen diese habe ich bereits meinen Operationsplan entworfen. Unter Freunden soll Offenheit herrschen, nach diesem Grundsatze werde ich verfahren und hinter deine Heimlichkeiten zu kommen suchen, du unaufhaltsamer Schnurrenerzahler! Unbegreiflich, woher der Mensch alles das Zeug nimmt! Er muss ein sonderbares Leben gefuhrt haben; mitunter ist es mir, als habe ich ihn schon irgendwo gesehen, ich weiss nur nicht, wo?"
Der Schulmeister betrat den Soller, bot seinem bisherigen Beschutzer einen ehrerbietigen guten Morgen und ersuchte ihn dann ohne weitere Vorrede um einen seiner alten, abgelegten Rocke. Auf die verwunderte Frage des alten Barons, wie er gerade jetzt auf dieses Verlangen falle, da er sich so lange mit dem braunen Mantelkragen beholfen habe, erwiderte der andere, dass letztere Bekleidung ihm als Menschen in seiner Zuruckgezogenheit wohl erlaubt gewesen sei, sich aber nicht mehr ziemen wolle, wenn er, wie jetzt der Fall, in das offentliche Leben wieder einzutreten gedenke. In diesem werde nur der Rock anerkannt. "Ich habe", fuhr er fort, indem er einen Brief hervorzog, "gestern an meinen verehrten Vorgesetzten, den Herrn Schulrat Thomasius unter unumwundener Darlegung meiner fruheren und jetzigen Gemutsverfassung geschrieben und ihn ersucht, mir einen Lehrposten von neuem anzuvertrauen, da ich mich vollkommen fahig fuhle, denselben zu bekleiden, nur nicht auf einem Dorfe, wo jene furchtbare Sprachlehre eingefuhrt sei, sondern etwa weit hinten im Gebirge, wohin diese Geissel Gottes noch nicht Zugang gefunden habe. Darauf antwortet mir nun der wurdige Mann mit dem ruckgehenden Boten, dass ich, wenn er bei einer personlichen Zusammenkunft sich von der Wahrheit meiner Behauptungen uberzeuge, sogleich nach Hackelpfiffelsberg heimkehren konne, indem mein Nachfahr im Amte mit vorberuhrter Sprachlehre auszukommen gleichfalls unvermogend, vor kurzem habe abgesetzt werden mussen, weil er aus Kummer und Unruhe, zwar nicht wie ich in Einbildungen, jedoch in Trunk und unduldbare Ausschweifungen versunken sei. Unvonnoten sei es aber, mich vor der Sprachlehre selbst noch zu furchten, da sie neuerdings bei einer abermaligen Umgestaltung des Schulplanes auch schon wieder abgeschafft worden sei. So bin ich denn also hier, mein gutiger Gonner und Schirmherr, Ihnen fur alle mir erwiesene Grossmut den empfundensten Dank zu sagen. Sie um die von mir erwahnte letzte Gabe anzusprechen, und mich Ihnen hierauf, jedoch hoffentlich nicht fur ewig, gehorsamst zu empfehlen."
Der alte Baron war vom Kopf bis zu den Fussen Erstaunen und sagte: "Seid Ihr denn, Herr Agesilaus "
"Vollig bei mir, allerdings", fiel der geheilte Schulmeister ein. "Ich bitte Sie aber instandigst, mich fortan Agesel zu nennen, denn ein Agesel war ich, ein Agesel bin ich, und ein Agesel werde ich sein, und gewesen sein, dahier und in jener Ewigkeit."
"Nein, das ist aber nicht auszuhalten!" rief der alte Baron und schlug zornig auf die Gerichtstafel. "Gestern lugt mir Munchhausen vor, er sei ein Bock gewesen und aus Verzweiflung wieder Mensch geworden, und heute wird in Wahrheit und vor meinen sichtlichen Augen ein Verruckter vernunftig. So darf man denn auf niemand sich verlassen und konnte uber solche Streiche selbst narrisch werden, hatte man nicht so viele Geschafte im Kopf."
"Es schmerzt mich, dass ich meinem Gonner Kummer bereite", sagte der Schulmeister sanft. "Das in Ihren Augen unangenehme Ereignis ist auf ganz naturlichem Wege herbeigefuhrt worden, und alle hochschatzbaren Bewohner dieses Schlosses haben daran ihren Teil."
"Wie? Naturlich? Es ist unrecht von Euch, Schulmeister, wiederhole ich. Konntet Ihr nicht bleiben, was Ihr wart? Warum wollt Ihr nun fortlaufen? Wir lebten hier so eintrachtiglich zusammen, man hatte sich aneinander gewohnt, eines lehnte sich an das andere; nun kommt ein Riss in den schonen Kreis."
"Wenn etwas meine Freude uber mich und mein hergestelltes Selbst zu truben vermag, so ist es das Gefuhl, Sie verlassen zu mussen", antwortete der Schulmeister. "Gnadiger Herr, ich kann nicht dafur, dass ich meinen Verstand wiederbekommen habe. Mangel an Anerkennung ist daran schuld. Ich bin nie unter Ihnen anerkannt worden. Gleich zu Anfang, als ich die Ehre hatte, bei Ihnen zu sein, fand ich fur meine Idee von spartanischer Abstammung und Lebensweise weder bei Ihnen noch bei dem gnadigen Fraulein Anklang oder Widerspruch, sondern man liess mich und meinen Wurm gehen, als vollig unschadlich und keiner Beachtung wurdig. Diese Kalte steigerte sich aber zur verletzendsten Gleichgultigkeit, als der Freiherr von Munchhausen, welchen Gott Ihnen gesegnen moge, Gast des Schlosses SchnickSchnack-Schnurr wurde. Wahrend er der Empfindsamkeit des Frauleins schmeichelte, Ihren Geheimenratsbegriff abwechselnd hochstellte oder reizte, und wahrend Sie beide fortfuhren, von Ihren ungewohnlichen Gedanken gegenseitig aufmerkende Kunde zu nehmen, bekummerten weder Sie noch der Freiherr sich um die Vorstellungen eines armen Dorfschulmeisters "
"Ihr werdet ausfallend, Schulmeister!" rief der alte Baron. "Nach Eurer Folgerung ware ich also selbst "
"Mein Gonner verstehe mich", unterbrach ihn der andere. "Die Sprache fuhrt in ihrem Eigensinne derartige verfangliche Wendungen herbei, welche der Sprechende keinesweges beabsichtigte. Ich folgere nicht; meine einzige Absicht ist, mich Ihnen aufzuschliessen. Weder durch eingehendes Lob gehoben, noch durch Widerspruch gekraftigt, entbehrte sonach die Pflanze meines Wahnwitzes (um bildlich zu reden) des befruchtenden Regens sowohl, als des Sturmes, der ihre Wurzeln im Boden befestiget hatte. Sie musste also nach und nach in solcher Durre vertrocknen, welken und absterben. Dies schlich lange in mir umher; Sie wurden, wenn Sie mich naher zu beobachten nicht unter Ihrer Wurde gehalten hatten, gesehen haben, dass ich schon seit geraumer Zeit still und nachdenklich einherging. Ich fuhlte die spartanische Idee in mir von Tage zu Tage bleicher und farbloser werden. Durch eine unumwundene Erklarung des Freiherrn von Munchhausen in vorgestriger Nacht wurde ihr volliges Verscheiden hervorgebracht, und seitdem bin ich der Dorfschulmeister Agesel von niederer deutscher Herkunft.
Anerkennung, mein Gonner, braucht jedermann. Der grosste Held und der hochste Dichter bleiben ohne sie und zeigte sie sich auch nur durch wutende Feindseligkeit gewiss nicht Held und Dichter. Es ist toricht, wenn kalte Menschen einen in dieser Beziehung Darbenden auf sein eigenes Bewusstsein verweisen, weil gerade die besten und tuchtigsten Seelen immerdar an sich zweifeln, und von andern eine so grosse Meinung haben, dass sie in deren Schatzung ihr Gericht finden. Alle Eigenschaften konnen durch tote Gleichgultigkeit der Umgebungen zugrunde gerichtet werden.
Anerkennung, Herr Baron, braucht auch der Narr, wenn er Narr bleiben soll. Er will entweder gebunden und in die Zwangsjacke gesteckt, oder in seiner eigentumlichen narrischen Vorstellungsart angesprochen sein. Lasst man ihn aber laufen, so wird er bald vernunftig, er mag wollen oder nicht."
"Schulmeister", rief der alte Baron, "Ihr sprecht da grosse Dinge aus. Demnach ware alle Unvernunft "
" ... sehr bald zu heilen, ja vielleicht schon ganz in der Welt ausgegangen, wenn nicht darauf geachtet wurde", sagte der Schulmeister. "Ein Satz, der nicht nur im Privatleben ernstlich erwogen, sondern auch Fursten und Gewalthabern zum Nachdenken anempfohlen zu werden verdient. Der Larmen und das Geschrei um widersinnige Vorstellungen und Handlungen ruhrt auch meistenteils nicht aus einem Widerwillen gegen sie, sondern daher, dass jeder Mensch in sich den Narren fuhlt, und ihn liebt und zu erhalten wunscht. Er macht daher uber den Narren seines Nachsten so grosses Aufheben, oder richtiger zu reden: er widmet ihm Anerkennung, weil er bei sich denkt: Was du willst, dass dir die Leute tun sollen, das tue ihnen zuerst."
Der alte Baron verwunderte sich jetzt wie schon fruher einmal uber die Weisheit des Schulmeisters, die ihm geblieben war, obgleich er wieder den Sinn eines gewohnlichen Menschen angelegt hatte. Als er etwas der Art aussprach, meinte der Schulmeister, dieser Tiefsinn, der ihm allerdings nicht recht eigne, moge ihm wohl noch als Nachubel seines Zustandes anhaften, indessen hoffe er auch davon bald befreit und gewohnlicher Mensch in der vollsten Bedeutung des Wortes zu werden.
Da der Schlossherr sah, dass es seinem Gaste voller Ernst war, zu scheiden, so erlaubte er ihm, von mehreren abgelegten Rocken, welche an den Pflocken in der Gerichtsstube umherhingen, sich einen auszuwahlen. Der Schulmeister war lange unschlussig, ob er einen leberfarbenen Frack oder eine veilchenblaue Pekesche mit Sammetvorstossen nehmen sollte, entschied sich aber endlich doch fur die Pekesche, weil sie den Regen besser abhielt, als der Frack.
Als er sie eben vom Pflocke nahm, trat Karl Buttervogel mit einer angstlichen Miene in die Gerichtsstube. "Gnadiger Herr", sagte er, "wie ich jetzt unten durch die Stube linker Hand, worin Sie Ihre Familienurkunden aufbewahren, ging, sah ich, dass die Wand gegenuber der Giebelwand einen grossen Spalt und Riss bekommen hat, woraus ich abnehme, dass die Giebelwand noch weiter ausgewichen ist, als fruher, und wahrscheinlich anfangt, das Dach mitzunehmen."
"Ganz wohl", versetzte der alte Baron. "Ich wollte nur, ein Teil des Hauses sturzte ein, ohne dass eine merkliche Gefahr fur uns andere daraus entstande, denn dann ware dein Herr gezwungen, Ernst zu machen, und vorlaufig fur die hiesigen notwendigsten Reparaturen zu sorgen."
"Ja, aber bis dass die Sache zustande kommt, mochte ich wohl ausziehen", sprach der Bediente. "Und ich wollte den gnadigen Herrn gebeten haben, mir das Logis auf dem Schneckenberge zu geben, da der Herr Schulmeister es nun geleert hat, und es ware doch schade, wenn die angenehme Sommerwohnung nicht benutzt wurde, und mein bisheriges Loch liegt dicht neben der Wand mit dem Sprunge, und ausserdem liebe ich die freie Luft und eine Aussicht ins Grune, und mag gerne mitunter vor mich sein, und auch das gnadige Fraulein kann mich dort ungestorter sprechen, und wenn man seine Wurst nicht mehr in Ruhe essen darf, so ist alles hausliche Vergnugen zum Henker, und hier oben haben nun der gnadige Herr Ihr Gerichtsregiment und "
"Schweige, schweige!" rief der alte Baron. "Bei dir wachsen wirklich, wie ich in einer englischen Komodie las, die Grunde gemein wie die Brombeeren; die Halfte von dem, was du sagtest, genugt. Du bist ein Poltron, und denkst nur, wie ihr geringen Leute alle zu tun pflegt, an dein teures Leben. Schlafe ich nicht auch in der Nahe jener geborstenen Wand? Aber ziehe nur auf den Schneckenberg, es ist mir selbst lieb, wenn jemand dort wohnen bleibt, der doch wenigstens halb und halb zu uns gehort. Du sollst mir ein Trost fur den Schulmeister sein".
Dieser bereitete sich zum Abgehen. Der alte Schlossherr reichte ihm nicht ohne Ruhrung die Hand, welche der Schulmeister mit dankbaren Tranen kusste. "Gott lohne Ihnen alles Gute, was Sie mir erzeigt haben!" rief er. "Er segne Ihre Tage und schenke Gedeihen allem, was Sie vornehmen!"
"Schulmeister", sagte der Alte und legte ihm feierlich die Hand auf die Schulter; "wenn ich mir es reiflich uberlege, so geht Ihr im rechten Augenblicke. Grosse Umgestaltungen der Lebensverhaltnisse sind immer zerstorerisch fur den bisherigen Umgang. Das Schloss wird der Schauplatz wichtiger Unternehmungen werden, in denen Ihr keine Stelle fandet und angesichts derer Ihr Euch unbehaglich fuhlen wurdet.
Unter uns behaltet es aber bei Euch: An dem Geheimeratsposten liegt mir so viel nicht mehr. Wisst Ihr, was Luft ist? Wenn Euer Schulhaus baufallig werden sollte, so eroffnet mir die Sache vertrauensvoll, es soll Rat geschafft werden fur Material zum selbstkostenden Preise. Unglaublich ist, was wir hier vorhaben, und dennoch ist es wahr, denn ein Kavalier hat es dem andern zugesichert, und aus Unrat machen sie jetzt Licht und aus dem, was man sonst weggoss, Zucker. Noch eins; Euer Weg fuhrt Euch nahe am Oberhofe vorbei, erkundigt Euch doch dort, ob sie etwas von der Lisbeth wissen, sie wollte bei dem Hofschulzen vorsprechen. Mich verlangt von Herzen nach dem Kinde, besonders jetzt, wo ich ihr die Freude machen kann, ihr eine gesicherte Zukunft zu versprechen."
Viertes Buch
Poltergeister in und um Weinsberg
I.
Das Juliusspital und die beiden alten Weiber
In Wurzburg angekommen, war mein erster Gang nach dem Juliusspitale. Das prachtige Gebaude, die Reinlichkeit und Stille der grossen Hofe, Gange und Sale, das zufriedene Aussehen der Alten und Rekonvaleszenten welche im freundlichen Garten ihren Sonnenschein genossen alles das machte einen wohltuenden Eindruck auf mich. Ich liess mich in die Kellerei fuhren, pries die werktatige Menschenliebe Julius Echters von Messelbaum und leerte auf sein Andenken eine Flasche Leisten, eigenes Wachstum des Spitals. Ich wurde gesprachig, der Kellermeister, welcher mir trinken helfen musste, wurde es auch, ein Wort gab das andere, und im Laufe dieser Gesprache sagte ich zu ihm: "Es ist hier bei Ihnen so anmutig, dass man wunschen konnte, zu Ihren Alten und Siechen zu gehoren."
"Ja, es lasst sich schon im Juliusspital leben", versetzte der Kellermeister behaglich und strich seinen Bauch. "Wir haben die schonsten Lagen und davon erhalt jeder, der zu seiner Gesundheit schweren, feurigen Weines bedarf ohnentgeltlich, die Flasche mag funf oder sechs Gulden kosten. Auch fur gewohnlich bekommt Mann und Weib sein Mass Landwein taglich und Brot, Fleisch und Zugemuse, soviel bewaltiget werden mag. Die Leute werden daher auch, sobald sie die Pfrundnerschaft hier erlangt haben, gesund, still und frohlich, wenn sie vorher noch so kranklich und verdrossen gewesen sind. Zank und Hader fallt kaum unter uns vor, und dass gar einer aus dem Juliusspital sich wieder in die Welt gesehnt hatte, ist unerhort geblieben, bis auf einen Fall, von dem aber auch noch immer gesprochen wird, obgleich seitdem manches Jahr verstrichen ist."
Ich erkundigte mich naher nach diesem unerhorten Falle und erfuhr "a simple story", dass vor langerer Zeit ein Paar alter Weiber, die immer zusammengehockt und ein Zischeln und Plaudern miteinander gehabt hatten, aus dem Spitale fortgelaufen und nicht wieder entdeckt worden waren. Man habe weder im Main noch weiterhin in der Tauber oder im Kocher damals Leichname aufgefunden, die alten Weiber seien auch nicht in ihrer Heimat gesehen und alle Nachforschungen vergeblich gewesen, so dass es ihnen allen gedeucht, die Erde musse sie verschluckt haben. Ich fragte, ob an diesen beiden alten Weibern irgend etwas merkwurdig gewesen sei? worauf mir der Kellermeister verneinend antwortete und hinzufugte, es seien eben nur zwei gewohnliche alte Weiber gewesen.
Nichtsdestoweniger war das Ereignis in diesem Kreise von solcher Schwere und Bedeutung, dass sich ein Gehulfe und ein Aufseher, welche wahrend unserer Unterredung die Kellerei betraten, sobald sie den Gegenstand, woruber wir sprachen, vernahmen, auch in ihrer Weise daruber ausserten. Ich horte also noch zweimal die Geschichte von den zwei weggelaufenen alten Weibern mit verschiedenen Nebenumstanden, die der Gehulfe und der Aufseher wussten. So erzahlte der Aufseher, das Zischeln und Plaudern der Mutter Ursel und Mutter Beth' habe sich um lauter Rockenstubengeschichten gedreht, in denen sie unerschopflich gewesen seien.
In der Zerstreuung schlug ich ein Buch auf, welches auf dem Tische lag und fand die beruhmte "Seherin von Prevorst". Mein Erstaunen war nicht gering. Denn dasselbe Werk hatte ich schon in zwei andern Gelassen des Spitals liegen sehen. "Ei", sagte ich zum Gehulfen, "beschaftigen Sie sich hier auch mit diesen Dingen? Das ware mir lieb; da konnten wir heute abend, wenn Ihre Geschafte vorbei sind, und Sie mir die Ehre erzeigen wollten, im Wirtshause mein Gast zu sein, ein Stundchen in Handwerksgesprachen verplaudern. Ich bin halber Doktor; da es aber (weiss der Himmel, wie es zuging?) mit meinen Rezepten nicht recht klecken wollte, verfiel ich auf die geheimen, heiligen und mystischen Behandlungen, um es womoglich bis zur Produktion einer in die unsere hereinragenden hoheren Welt zu bringen. Ein paar Lichtschimmer, hie und da ein Stuckchen spharischer Musik, oder ein unmotivierter Knall gelang mir auch glucklich unterweilen, der kleinen Lappalien von Brieflesen mit dem Nabel und Gucken durch dicke Bretter naturlich zu geschweigen. Aber die recht grossen Sachen, die eigentlich zusammenhangenden Darstellungen aus dem Mittelreiche habe ich noch nicht zustande bringen konnen, und deshalb wollte ich denn jetzt vor die rechte Schmiede gehen, namlich nach Weinsberg, um die Sache aus dem Grunde zu erlernen. Wie wurde es mich freuen, wenn ich schon unterweges in Wurzburg einen Mann gefunden hatte, von dem ich Licht und Belehrung in dieser schwierigen Materie mir erhoffen durfte!"
"Sie irren sich in mir, mein Herr", versetzte der Gehulfe. "Ich beschaftige mich nicht mit Geister- und Sehersachen. Wenn man den ganzen Tag akute und chronische Ubel unter Handen hat; greifliche Leiden, wie Gicht, Hektik und Kachektik, so will sich keine Zeit fur die hohere Welt und das Mittelreich finden, auch muss ich gestehen, dass erstere noch nie in unsere Krankenstationen hereingeragt hat, und dass wir mit Chinin, islandischem Moos, Merkur, und was dieser Potenzenreihe anhangig ist, ausreichen. Die mehreren Exemplare des Prevorstischen Werkes, uber welche Sie vielleicht bei Ihrem Gange durch unsere Anstalt sich verwundert haben, ruhren von einer auffallenden Zusendung her. Es wurde namlich unbegehrt auf einmal wohl ein Dutzend ohne Begleitungsschreiben in das Juliusspital geschickt, und wir haben durchaus nicht ermitteln konnen, wer uns dieses sonderbare Geschenk (denn niemals hat jemand dafur Bezahlung verlangt) gemacht hat. Ein Unbekannter hatte das Paket dem Turwarter in die Hand geschoben und war dann verschwunden."
Ohne mir etwas dabei zu denken, fuhr mir die alberne Frage zwischen die Lippen: "Waren die beiden Ihnen so teuren alten Weiber damals noch im Spital, als dieses Werk Ihnen von anonymer Hand zuging?"
Der Kellermeister, der Gehulfe und der Aufseher sannen nach und versetzten dann einhellig: "Nein, es war weit spater; die alten Weiber waren schon mehrere Jahre zuvor entsprungen."
II.
Erste Ankundigungen einer hoheren Welt
Am andern Tage fuhr ich uber Mergentheim, Kunzelsau, Ohringen nach Heilbronn. Es war bereits etwas dunkel, als ich ankam. "Wie weit ist Weinsberg von hier?" fragte ich einen Fuhrmann, der auf der Strasse seine Karre trieb. "Zwei Stunden", war die Antwort. "Oho", dachte ich, "da ware es wundersam, wenn mir nicht hier schon etwas begegnen sollte. Die letzten schwachsten Wirkungen des Weinsberger Pandamoniums mussen mindestens bis hieher sich erstrecken. Also pass auf, Munchhausen." Munchhausen war damals kein gebildetes Kind gebildeter Eltern mehr, er war Jungling, schwarmerischer Jungling voll Ahnung und Sehnsucht nach dem Jenseits.
Ich passte auf und erlebte etwas. Neben der Kilianskirche fliesst in einer Vertiefung der Brunnen, von welchem Heilbronn den Namen erhalten hat, weil durch sein Wasser einst ein alter Schwabenherzog geheilt worden sein soll. Ich stieg zwischen der steinernen Umfassung die Stufen hinunter, und setzte mich den Rohren, aus welchen die Quelle sprudelt, gegenuber auf einen Stein. Bald fuhlte ich in den unteren Teilen meines Korpers eine Kalte und auch oben wehte es mich kuhl an. "Nun, da haben wir es!" sagte ich zu mir. "Seid ihr schon da, ihr anhauchenden Geister?" Ich blieb noch eine Weile sitzen und merkte, dass Kalte und Wehen immer starker wurde. Sie machten zuletzt einen formlichen Wind. Als ich den Stein befuhlte, auf dem ich gesessen, fand ich ihn feucht, woraus zu entnehmen ist, dass die abgeschiedenen Seelen sich auch durch Nasse ankundigen. Ich ging ins Wirtshaus, wo schon die Lichter angezundet waren. Unterweges hatte das Wehen und Blasen und das Nasse noch stets zugenommen, und ein in der Ture seines Ladens stehender, in den Schranken des Zerebralsystems befangener Heilbronner Speditionshandler sagte: "'s ist a wust Wetter."
Du armer Blinder!
Im Wirtshause ass ich Feldhuhn und Krautsalat. Die Feldhuhner tragen sie dort allerliebst auf mit dem unberupften Kopfe und um den Hals ein papiernes Kragelchen. Den Oberkellner, der mir ein sinniger Mensch zu sein schien, forschte ich nach Weinsberg aus, und erfuhr zu meiner Freude, dass es jetzt recht lebhaft dort sei, und das Zwischenreich sich im vollen Gange befinde.
"Haben Sie nicht hier im Gasthofe ein Zimmer, worin etwas erscheint?" fragte ich ihn im Vertrauen. Der Oberkellner versetzte, er habe seinem Herrn schon langst geraten, sich fur die immer starker werdende Nachfrage von Liebhabern unter den Reisenden ein Geisterzimmer einzurichten, allein der wolle sich nicht darauf einlassen, weil er die Sache fur eine vorubergehende Mode halte und sage, sein Haus konne durch eine Stube mit Zwischenreich in Verruf kommen.
"Ich halte mir aber fur meine eigene Rechnung ein Gemach, worin es bei Nacht wenigstens etwas poltert oder schnurrt, und wenn Sie einen Gulden auf die Rechnung zulegen, steht es Ihnen zu Dienst"; flusterte er mir zu. Mit Freuden schlug ich ein, musste ihm aber das Geheimnis uber die Sache versprechen, "denn", sagte er, "wenn sie auskommt, so bin ich um meinen Posten, oder muss von der Geisterstube Abgaben entrichten, welche sie nicht einbringt. Sonst trieb ich einen kleinen Handel mit Seifenkugeln, Zahnbursten, wohlriechenden Wassern und Patentrasiermessern, wie das in Wirtshausern so gebrauchlich ist, aber die Steuern waren zu schwer, und deshalb liess ich das Geschaft eingehen und etablierte als stillen Nebenverdienst die Stube mit Geistergepolter."
Wir gingen vorsichtig zum Hinterhause hinaus und durch einen finstern Gang, worin allerhand Geratschaften und Weintonnen standen, nach einem kleinen Seitengebaude, welches vermutlich das Waschgelass in sich fasste, denn es roch nach Seife aus dessen offenstehenden Fenstern. Darin schloss mir der Oberkellner eine Kammer auf, in der eine herrlich verdorbene Luft brutete. Er wollte diese Atmosphare entschuldigen, ich aber unterbrach ihn und fragte, ob er sich nicht besser auf das Metier verstehe? Gerade ein solcher muffiger Dunst und Schwaden sei der rechte Geisterbrodem.
Es war ganz darin, wie es da sein muss, wo das Kernbeisser-Eschenmichelsche Wunderwesen sein Quartier aufschlagen soll; die Wande sahen wie verwitterte Damonen aus, und von der Decke hatten die Poltergeister den Kalk abgetrampelt. Ich liess den Oberkellner gehen, hing meine Kleidungsstucke an den Nagel, merkte, dass nach der guten Abendmahlzeit, die ich eingenommen hatte, die heilige Tatigkeit meiner Unterleibsnerven beginne, war sonach reif zum hoheren Schauen, blies deshalb die Kerze aus und rannte im Dunkel auch gleich gegen einen recht groben Geist an, der sich wie eine Tischecke anfuhlte. Darnach legte ich mich zu Bette, und es blieb eine Zeitlang still. Nur war mir's sonderbar, dass mein Kopf immer tiefer sank und meine Fusse immer hoher zu liegen kamen. "Aha", dachte ich, "ihr zieht die Federn weg, wohin sie gehoren, und stopft sie dorten hin, wo sie nicht am Platze sind, ihr unruhiges, sundhaftes Gesindel!" Ich konnte uber diese Tatigkeit der Damonen nicht lange nachdenken, denn mit einem Male verbreitete sich durch eine Ritze in der Ture ein Lichtschimmer im Gemache, es war, als ob jemand draussen gehe, die Stiege neben meiner Kammer emporwandle, und sich uber mir zur Ruhe begebe. Ich rief mit lauter Stimme: "Wenn das da draussen kein Weinsberger Geist, sondern ein Hausknecht ist, so antworte es!" Es antwortete aber niemand, und bald darauf horte ich den Geist furchterlich schnarchen. Nun trat wieder ein Schweigen von wohl einer Stunde ein, wahrend welcher Zeit ich die Augen und Ohren offenhielt, wie ein Hase. Da auf einmal horte ich ein brockelndes Gerausch an der Wand, wo ich meine Kleider aufgehangt hatte, und ein Fallen. Zugleich spurte ich das Aufsteigen von Staub. "Jetzt seid still, Damonen!" rief ich, "ich habe nun genug neue Erfahrungen eingesammelt. Ihr konnt euch wie Regentropfen ankundigen, ihr zieht einem die Federn unterm Kopfe weg, ihr trampt wie ein Hausknecht und ruhrt Staub auf ich bitte mir nun Ruhe aus, Kerls, denn ich will schlafen."
Wirklich schlief ich, nachdem die Geister auf diese Anrede muckmausestill geworden waren, ein. Allein noch vor Tagwerden erwachte ich wieder von unendlichen Beklemmungen, welche der damonische Brodem in der Kammer und dann auch meine unnaturliche Lage mit dem Kopfe unten, mit den Fussen oben, mir verursachte. Das Blut war mir so zu Kopfe gestiegen, dass ich zu ersticken meinte, ich hielt mich aber ganz still und dachte: "Stickst du, so stickst du als Opfer fur die Ausbreitung hoherer Erkenntnis." Endlich wurde es denn doch Tag, ohne dass ich erstickt ware, und da sah ich ein noch viel grosseres Wunder, als dasjenige gewesen ware, wenn die Geister mir die Federn unterm Kopfe weggezogen hatten. Ganz umgekehrt hatten sie mich; vermutlich wahrend des Schlafes. Ich lag mit dem Kopfe drunten am Fussende, und die Beine ruhten droben auf dem Kopfkissen; ein in den Schranken des Zerebralsystems Befangener wurde gesagt haben, dass ich am Abend zuvor mich verkehrt niedergelegt habe. Ich stand auf und sah, dass das fallende Gerausch von meinen Kleidungsstucken entstanden war, welche die Geister mit dem Nagel von der Wand herabgeworfen hatten. Dessen Ausziehen konnte ihnen freilich keine grosse Muhe verursacht haben von wegen der brocklichten Umstande, worin sich, wie schon angefuhrt worden ist, die Wand befand.
Ich trank meinen Kaffee, dann zum zweiten Fruhstuck eine Flasche Affenthaler, fuhlte meine Glaubenskraft hierauf in der gehorigen Verfassung, gab dem Oberkellner seinen Gulden, erklarte mich mit seiner Bedienung vollkommen zufrieden, versprach die Kammer neben dem Waschgelasse allen Hohererwelthereinragungsmannern meiner Bekanntschaft bestens zu empfehlen, und rollte dann den blauen Bergen zu, zwischen denen Weinsberg liegt.
III.
Der magische Schneider
Nicht weit vom Orte in einem engen Talwege, von wo ich bereits deutlich die Weibertreue ragen sah, bemerkte ich, dass ein spindeldurrer Mensch vor meinem Wagen auf der Landstrasse hin und her wankte, der nach gemeinen Begriffen fur betrunken gelten konnte, denn er taumelte in der Tat ausserordentlich und fiel nach einigen Versuchen, Grund und Boden dennoch fest unter den Fussen zu halten, nebenan in den Graben. Seine Lage da unten zwischen Wegerich, Nesseln und Vogelkraut war nicht die eines gewohnlichen Menschen, denn ganz symmetrisch war er gefallen, mit dem Rucken und Kopfe genau in die Mitte des Strassengrabens, die Arme und Fusse aber rechts und links auf die Rander des Grabens gestreckt, so dass der Meridian gerade durch sein Zentrum ging. Dieses ausserordentliche Schauspiel regte meine besondere Teilnahme an, ich stieg vom Wagen, hob mit Hulfe meines Fuhrmannes den Sinnlosen hinauf, und dachte, in Weinsberg werde sich wohl ein Ort finden, wo er ausschlafen konne.
Endlich waren wir angelangt, und Doktor Kernbeisser, dem ich schon empfohlen worden war, empfing mich recht freundlich. "'s ist gut", sagte er, "dass Sie kommen. Fur zwei Mann wird der Sache zuviel, wir brauchen junge Krafte, um die Geisterwelt gehorig bestreiten zu konnen, 's ist heute einmal wieder ein tolles Getreibe hier und das Zwischenreich ganz des Henkers. Das ist ein Gerutsche, Gebrumme, Gepoltre, Gedusele, Gedudele, Geschreite, Gewinsele und ein Gerumore durcheinander, dass man nicht weiss, wo man zuerst anfassen soll. Ich helf' herzlich gern meinen Nebenmenschen in der unsichtbaren Welt, aber es kann einem auch zuviel werden. Der eine will erlost sein, der andere hat'n Schatz vergraben, der ein Geheimbuch uber die Seite gebracht, dazwischen fallen die Sonnenkreise ab, wie reife Maulbeeren, dem soll man was vorbeten, dem auf'm Klavier was vorspielen, wir wissen beide nicht, ich und mein Freund Eschenmichel, wo uns der Kopf steht."
Ich bat ihn, sich zu beruhigen, was an mir sei, werde geschehen, ihnen Aushulfe zu geben. Wir gingen in das Haus, welches mit seinem freundlichen Garten an die Stadtmauer stiess. Drinnen rief uns Eschenmichel, der eben eine Somnambule bestrich und vor Eifer mich gar nicht begrusste, an: "Kommt der Durr?" "Nein", versetzte Kernbeisser, "vorderhand bring' ich nur den Munchhausen." "Wer ist der Durr?" fragte ich. "Der magische Schneider", versetzte Kernbeisser, "den wir uns zum Sukkurs verschrieben haben. Ein Satan von Kerl! (O Gott, verzeihe mir meine Sunde und dieses Fluchwort!) Er hat mehr Gewalt uber die Damonen, als wir beide zusammengenommen, er schnauzt sie an, dass es nur so eine Art hat und bringt sie zur Rason. Er sollte uns beistehen und hatte auch sagen lassen, dass er heute kommen wolle. Gott hat ihm den Sinn wunderbarlich aufgeschlossen und mit herrlichen Kraften gerustet; er steht im Zentro der Dinge und sieht von da die Radien ausstrahlen in die Peripherie, wo sie die Schale und die Kruste und die Figur der sogenannten ausseren Welt bilden, uber welcher dann die himmlischen Wolken wie suchende und liebende Mutter schweben. Diese streben mildregnend bis zum Zentro einzudringen, dass Himmel und Kreatur eins werde in ewiger Losung und Bindung, und "
"Schwatz nit so viel, Kernbeisser!" rief hier Eschenmichel dazwischen; "ich kann vor deinem Getos' die Strunz hier nicht vernehmen, welche soeben beginnt mit der inneren Sprach' mir das Geheimnis des Jungsten Tages auseinanderzusetzen."
"Ich muss doch dem Munchhausen den Durr beschreiben!" rief Kernbeisser zugleich zornig und ermattet. "Immer storst du mich im Aufschwung. Nun ist meine Anschauung zerbrochen, meine Kraft dahin, und ich bin fur den Rest des Tages nur noch ein Lump. Haben Sie den Durr nicht unterweges erschaut?"
Ich wollte eben verneinend antworten, als der Fuhrmann eintrat und fragte, was denn mit dem toten Menschen auf dem Wagen werden solle. Ich bat Kernbeissern um einen Aufbewahrungsort fur meinen Schutzling. Er sagte ihn gern zu, ging mit hinaus, um den Menschen vom Wagen heben zu lassen, schlug aber wie ausser sich die Hande uber dem Kopfe zusammen, als er ihn, der wirklich wie tot auf dem Grunde des Fahrzeuges lag, ansichtig wurde, und rief: "Das ist ja der Durr! das ist ja der Durr! das ist ja der magische Schneider! O Himmel, muss ich dich wieder in diesem Zustande sehen, Durr? Schauen Sie", sagte er zu mir, "dieses ist die einzige Schwache des ausserordentlichen Menschen; er besauft sich einen um den andern Tag, woran aber freilich sein reizbares Nervensystem schuld ist. In dieser Verfassung kann er nun von allen seinen schonen magischen Gaben keinen Gebrauch machen, und so geht die Halfte seines Lebens fur die hohere Welt verloren. O Durr! Durr! Durr! Aber, was kann's helfen? Nehmt ihn sauberlich herunter und legt ihn auf Stroh, dass er ausschlafe."
Der magische Schneider, den ich so unwissend aus dem Strassengraben in das Hauptquartier des Geisterreiches befordert hatte, wurde in einen Stall getan, ich aber zog nunmehr bei den Thaumaturgen ein. Bald nachher setzten wir uns ohne vorgangiges Wunder zu Tisch.
IV.
Der Gergesener Die innere Sprache Das Examen
Rigorosum
An dieser ersten Mittagstafel nahm ausser den Hausgenossen ein Mensch mit wilden Blicken teil, von dem ich schon gehort hatte, dass er seines Zeichens ein Besessener sei und hin und wieder grunze. Dieses war naturlich, denn es sass in ihm der Teufel einer, welche einstmals in die Gergesener Saue gefahren waren. Auf dem kurzen Wege, welchen er in einer solchen Behausung bis zum Teiche machte, wo hinein sich die Herde damals sturzte, hatte er das schweinische Leben so lieb gewonnen, dass er noch immer von Zeit zu Zeit jene Tone horen liess. Uberdies verlangte er mitunter nach Schweinefutter, insbesondere nach Gerstenschrot. "Wir geben's ihm aber nicht, er muss Hausmannskost essen, wobei er oft jammerlich brullt und zuckt", sagte Kernbeisser. "Ich habe von ihm die wunderbarsten Aufschlusse erhalten", sprach Eschenmichel im Seherton. "Die Zeit ist aber fur solche Mitteilungen noch nicht reif."
"Wie steht's heut, Pochhammer?" fragte er den Besessenen. "Bis jetzt noch so ziemlich, Herr Doktor", versetzte dieser sehr hoflich und in der Sprache eines gewohnlichen Menschen, "aber es wird leider nicht lange dauern, er kullert schon etwas unterm Zwerchfell, es ist ihm wieder eine Ratz' durch den Kopf gelaufen, o weh da steigt er auf da sitzt er in der Kehle schon da da oih! oih! oih!" So fing er an zu grunzen, und dazwischen schrie er unaufhorlich mit rauher Stimme: "Kleien! Schrot! Kleien! Schrot!" Eschenmichel betete, Kernbeisser sagte tolle Knittelreime auf den Gergesener her, und die ubrigen Tischgenossen assen ruhig fort, denn dergleichen gehorte hier zu den alltaglichen Dingen, aus welchen niemand mehr ein Aufhebens machte.
Wahrenddem trat der Knecht, den ich im Hofe gesehen hatte, ein, und sagte: "Der Durr ist erwacht und begehrt zu trinken." "Ei, was hat der Schliffel ein Gefall", rief Kernbeisser. "Er soll sich hereinscheren und hier erst seine Arbeit verrichten, und dann wollen wir weiter sehen." "Ja, schicke den Magischen zu uns, sage ihm, der Gergesener grunze heute ausnehmend"; fugte Eschenmichel hinzu. O ihr himmlischen Krafte, welche Finsternis muss doch da drunten in der Holle sein! Gott bewahre uns alle vor dem Abgrunde, darin Astaroth heult, und Beelzebub einen feurigen Reif schlagt!
Der magische Schneider trat ein, noch unsicheren Ganges, mit roten Augen, die Zunge zwischen den trockenen Lippen hin und her bewegend. Kernbeisser und Eschenmichel gaben ihm zum Willkomm die Hand und forderten ihn auf, den Gergesener zu beschworen. "Den wollen wir bald zahm kriegen", sagte der Schneider, und trank ein grosses Glas Neuen aus. Er krempelte die Rockarmel auf, reckte seine spindeldurren Glieder, vor den Besessenen tretend, aus, hielt ihm die geballte Faust vor den grunzenden Mund und rief: "Bist gleich ruhig! Ich, der Durr, befehl's dir, kraft meiner magischen Gewalt. Was fur Sitten sind das, du Schweinteufel? Kannst du nicht sprechen, wie die andern, oder hast auf dem Weg nach dem Wasser deinen teuflischen Dialekt vergessen? Ich an deiner Stelle wurde mich doch schamen, den Schweinen nachzuahmen. Bist gleich ruhig, ich befehl's dir! Hast du keine Dankbarkeit nicht, dass dir einstmals vergonnt ward, dein Logis nach deinem Gefallen zu wahlen? Kreuch 'nunter auf der Stell', oder ich haue den Pochhammer so lang', bis dass du's fuhlen sollst."
Auf diese Anrede und besonders auf die letzte Drohung wurde der Gergesener Teufel stiller, das Grunzen ging in ein Gequiek, wie das eines Ferkels uber, und verlor sich hierauf nebst dem Geschrei um Kleien und Schrot allmahlich ganz. Pochhammer wischte sich den Schweiss von der Stirne, gab dem magischen Schneider die Hand und sagte: "Ich danke Ihnen gehorsamst, Herr Durr, er sitzt nun ganz verzagt unten und schluchzt, wie ein Kind." "So sind sie all'", sprach der Magische, "hochmutig und obenaus, aber wenn man sie brav kuranzt, fallen sie zusammen, wie eine aufgestochene Fischblas'. Gebt mir zu trinken."
Pochhammer verlangte nachtraglich vom Braten, der wahrend der damonischen Szene ihm vorubergegangen war, und ass wacker. "Bekommt nun davon der Gergesener etwas ab?" fragte ich. "Behute", versetzte Eschenmichel, "die Teufel nehmen keine irdische Speise zu sich, ich zweifle selbst, dass dieses Geschrei um Kleien und Schrot anders als symbolisch gemeint ist, wenigstens wurde, wenn Pochhammer dergleichen hinunterwurgte, nur der Geist, sozusagen, des Schweinfutters an den Damon in ihm gelangen."
Inzwischen hatte Kernbeisser dem magischen Schneider zartliche Vorwurfe gemacht. "O Durr", sagte er, "was fur ein wuster Kerl bist du ausserordentlicher Mensch! In welche Tiefe warst du wieder heute verfallen!" "Ich weiss nicht, ob es ein Graben, oder eine Lehmgrube war, worein ich verfallen gewesen", rief der Magische. "Ein Graben, verehrtester Meister", sagte ich. "Ich freue mich ausserordentlich, Ihre Bekanntschaft zu machen, und dass ich so glucklich gewesen bin, Ihnen gleich eine kleine Gefalligkeit haben erweisen zu durfen."
"Ihr Narren denkt immer, unsereiner konne halt stets nuchtern und leer sein, und dabei doch die grossen Ding' verrichten", sprach der magische Schneider. "Das geht so nicht. Die Teufelsbannungen und Beschworereien ziehen einem greulich den Nervengeist ab, und wenn man nicht nachgiesst, wurde man bald fertig sein. Ich hatt' im Dorf uberm Wald heut eine Dienstmagd zu besprechen, in der ein mordbrennerischer Schwed' aus dem Dreissigjahrigen Krieg sitzt; der Gauch wollt' durchaus wissen, ob in dem von ihm angezundeten Hause, was er mir selbst nicht nennen konnte, seine lederne Feldflasch' mit verbrannt sei, die er seitdem vermisse; eher konne er nicht zur Ruhe kommen. Das Geschaft hatte mich stark angegriffen, denn der Schwed' liess sich erst gar nicht bedeuten. Hernach musste ich mich starken, und von der Stark' geriet ich darauf in einige Schwachheit."
Nach Tische besah ich mit Kernbeisser das ganze Etablissement. In den Stuben umher sassen und schliefen sechs bis sieben Hellseherinnen, ich wurde mit ihnen in Rapport gesetzt und erhielt die wichtigsten Aufklarungen uber die geheimsten Dinge, als zum Beispiel, wann ich die erste Uhr geschenkt bekommen habe, welchen Namen mein grosser Hund fuhre, den ich zu Hause gelassen, wieviel ich dem Wirt in Ulm schuldig verblieben sei? Bei einigen rutschte, klopfelte, tappelte, klaschte, polterte es in den Stuben, dazu war ein Regen an den Fenstervorhangen und hin und wieder ein bisschen Lichtschimmer, auch das Gerausch, wie wenn man Papier oder Kalk an die Erde wirft. Im ganzen waren damals drei Geister und zwei Geistinnen auf den Beinen, doch ich irre mich; ein Kind gehorte auch noch dazu, welches einmal im Leben sein Butterbrot hatte fallen lassen, und sich daruber in jener Ewigkeit nicht zufriedengeben konnte. Der eine Geist trug einen schwarzen Rock, der andere eine Art von Schanzlooper, der dritte hatte Stiefeln an; von dem kam das Poltern. Wie die Geistinnen gingen, ist mir entfallen, das Kind aber hatte das Zeichen im Gesicht, ungeachtet welches Werther vorzeiten Lottens jungsten Pflegebefohlenen kusste. So naturlich geht es im Zwischenreiche zu. Wer hienieden Stiefeln trug, zieht jenseits keine Schuhe an, und so weiter. Taten uns ubrigens alle nichts, die Geister, nur die Hellseherinnen litten von ihnen, denn die sollten ihnen helfen. Das ging bis zu dem Kinde hinab, welches sein hienieden fallengelassenes Butterbrot jammerlich schreiend verlangte.
Als wir in den Hof kamen, horte ich den Knecht zur Magd sagen: "Schnuckli buckli koramsi quitsch, dendrosto perialta bump, firdeisinu mimfeistragon und hauk lauk schnapropap?" Die Magd versetzte: "Fressaunidum schlinglausibeest, pimple, timple, simple, feriauke, meriaukemau."
Ich hatte Ziegen und Englander verstanden, aber diese Mundart war mir dunkel. Auf Befragen erfuhr ich, dass es die innere Sprache der Seherin von Prevorst sei, die Ursprache der Menschheit, die sie in ihren Verzuckungen gefunden. "Wir bedienen uns ihrer seitdem, wenn wir innig werden uber Angelegenheiten, die uns besonders zu Herzen gehen." "Und was sagte der Knecht zur Magd?" "Er fragte sie: 'Hast mir Knodel aufgehoben?' und sie versetzte: 'Ja'."
Ich sollte mein Gutachten uber diese Sprache abgeben, und erklarte, sie komme mir in manchen Wurzeln verwandt mit derjenigen vor, worin Asmus seine Audienz bei dem Kaiser von Japan gehabt habe. Ubrigens scheine sie mir ein wenig weitschweifig zu sein. "Ja, sie konnt' halt kurzer sein", erwiderte Kernbeisser. "Dafur ist aber die innere Schrift, oder die Urschrift der Menschheit, welche die Seherin auch gefunden hat, desto praziser. Kennen Sie dieselbe?" "Ich kenne sie, sie ist ja mit abgedruckt", versetzte ich. "Ich schreibe gegenwartig an einem Aufsatze, worin ich sie gegen den Einwurf der Spotter, dass sie aussehe, als hatten die Huhner auf dem Papiere gekratzt, verteidige, und die feinen, jedoch kenntlichen Unterschiede zwischen dem Sanskrit von Prevorst und den Huhnercharakteren an den Tag bringe."
Kernbeisser umarmte mich und sagte: "An Ihnen haben wir einen wahren Freund und Bruder gewonnen." Eschenmichel aber, der uns nachgeschlichen war, zog ihn beiseite, und ich horte ihn die halblauten Worte zu jenem sprechen: "Du bist immer zu rasch, wir wollen ihn erst prufen, bevor wir ihn in unserer Gemeinschaft aufnehmen." Kernbeisser schuttelte den Kopf uber Eschenmichels Zweifelsucht, doch musste er sich fugen, und die beiden Doktoren nahmen mich nun nach dem Garten mit. Dort setzten wir uns in die Laube, und das Examen rigorosum nahm seinen Anfang.
Vor dieser Prufung hatte ich einige Scheu getragen, denn ich traute mir die rechten Kenntnisse in der Geisterlehre noch nicht zu. Indessen lief sie glimpflich genug ab. Zwar auf Eschenmichels Fragen, wie hoch der Himmel und wie tief die Holle sei, wieviele Himmel und wieviele Quartiere in der Holle es gebe, welches die verschiedenen Klassen der Damonen seien, und wie eine jede aussehe, konnte ich nur notdurftige Antworten geben, weil ich alle die Dinge erst hier lernen wollte. Desto besser bestand ich bei Kernbeisser. Denn dieser fragte mich, woher jegliches Bose, die schlechten Leidenschaften, der Hochmut, die falschen Begriffe und die oberflachlichen Kenntnisse unter den Menschen ruhrten? Darauf antwortete ich herzhaft: "Aus dem Kopfe." Weitere Frage: "Wodurch dringen wir in das Sein und Wesen der Dinge ein, erfahren, was im Himmel und auf Erden vorgeht, und heiligen uns zu Gefassen Gottes?" Antwort: "Durch den Unterleib."
Die Examinatoren erklarten hierauf, es seien zwar in meinen Kenntnissen noch Lucken bemerklich geworden, aber den Glauben habe ich, und der sei die Hauptsache. Ich wurde sonach auf das Gangliensystem in Eid und Pflicht genommen und dann zum Mitgliede des Weinsberger Geisterbundes ernannt. Eschenmichel sagte, man habe eine wichtige Unternehmung vor, wovon ich den nachsten Tag mehr horen solle. In der Freude meines Herzens erzahlte ich, da das Geisterwesen etwas still geworden zu sein schien, von allerhand profanen Dingen, die mir wahrend der Reise begegnet waren, kam dann auch auf Wurzburg, das Juliusspital und die beiden entlaufenen alten Weiber. Davon aber wollten meine Meister nichts wissen, sie unterbrachen mich heftig und riefen, uber Wurzburg solle ich nun und immerdar schweigen, der Ort sei ihnen unangenehm und rege ihnen widrige Erinnerungen auf.
V.
Himmel und Holle zogern anfangs zu Weinsberg in
Konflikt zu geraten
In den nachsten Tagen lernte ich nun die Sinnesart der beiden Doktoren genauer kennen. Kernbeisser war ein gemutlicher alter Knabe, der sich hin und wieder selbst uber die Damonen lustig machte, einem fleissig vom Alten und Neuen einschenkte und dabei komische Schnurren erzahlte, wie sich das Geisterpack mitunter so hundstoll betrage. Daruber konnte er lachen, dass ihm der Atem verging. Er gefiel mir sehr wohl in der hoheren Welt muss alles vorratig sein, auch ein Schwanklein und Spasslein.
Eschenmichel dagegen hielt sich mehr zuruck und hatte etwas Lauerndes in seinem Wesen, er sah nicht geradeaus, sondern seitwarts, oder schielte von unten empor. Er war immer in Ekstase, ich habe ihn den Bissen nicht in das Salz tauchen sehen, ohne dass ihm die Augen verzuckt im Kopfe umherrollten. Ware er kein Prophet gewesen, man hatte ihn leicht fur einen Schelm halten konnen, da er aber ein Prophet war, so konnte er, wie sich von selbst versteht, kein Schelm sein.
Bald teilte er mir den Plan mit, auf welchen er fruher hingewiesen hatte, und dieser bestand in nichts Geringerem, als darin, einen Poltergeist zu bekehren. "Das ist noch grosser", rief ich, "als ein Trygaosross und eine blaue Schwarmerin versittlichen zu wollen!"
"Es hat jede Kenntnis und Beschaftigung ihre Stufen", versetzte er. "Fur den Anfang war das blosse Geistersehen, und dass man erfuhr, wie es im Zwischenreiche zugeht, hinreichend. Nach diesem trat der Magische mit seinen gewaltigen Kraften in unser Werk ein, der hat nun schon Macht uber den Spuk, beschwort ihn und bringt ihn zur Ruhe, aber dabei darf die Sache auch nicht stehenbleiben. Wir mussen, wie gesagt, eine der Kreaturen, die um uns her schwarmen, wie die Mucken ums Licht, fromm machen; auf diese Weise setzen wir Fuss in Bugel, und konnen darauf in diesem dritten Stadio der Thaumaturgie weiterkommen."
"Namlich", rief ich, hingerissen von dem Gedanken aus, "wenn wir die Poltergeister in den Himmel gebracht haben, so machen wir uns sacht an die lasslichsten Verdammten, zu denen vom Zwischenreiche aus doch wohl auch eine Hinterture sich entdecken lassen wird, beginnen bei denen unsere Missionsgeschafte, und so immer weiter und weiter hinunter, hinunter!"
"Wir werden es nicht erleben", sprach Eschenmichel mit verdrehten Augen, "aber unseren Nachkommen ist es vorbehalten, selbst den Teufel zum Christen zu machen."
Kernbeisser lachte, dass er sich nicht zufriedengeben konnte und rief: "'s ist schad', dass du dann nicht mehr auf Erden weilest, Bruder Eschenmichel, denn wenn der Teufel erst von Gottes Gnaden sein wird, so wurdest du gewiss Leibarzt von des Teufels Gnade werden." Er hatte uberhaupt mancherlei gegen diesen Fortschritt der Thaumaturgie einzuwenden, meinte, es mochte nicht gut sein, so tief die Hande in das Geisterreich zu stecken, man wisse nicht, was man aufwuhle, Poltergeister seien Poltergeister bis ihn Eschenmichel anfuhr und gewaltig bedraute.
"So bist du immer", erwiderte Kernbeisser schmollend, "wenn es nach dir ginge, wurde jedermann, der sich einen Einwurf gegen dich erlaubte, gehangt oder geradert!" "Du irrst dich ganzlich in mir", sprach Eschenmichel, "ich bin die Sanftmut selbst." "Ja, im Geist der Inquisition", flusterte Kernbeisser.
Indessen fugte er sich, wie immer, wenn sein Kollege den Kopf aufsetzte. Er war uberhaupt so sanft, gutmutig und inkonsequent, als der andere den Eifer, die Harte und Folgerichtigkeit besass, welche zum Seher- und Feuergeiste gehoren.
Es wurde also nun von uns dreien der Plan des Bekehrungsgeschaftes festgestellt. Die erste Sorge musste sein, das Objekt herbeizuschaffen, namlich den zu bekehrenden Geist. Leider war unter dem Vorrate des Etablissements nichts Taugliches. Mit dem Gergesener, als einem eigentlichen dickhautigen Teufel zu beginnen, erschien misslich, die Sache konnte durch den ersten Versuch, wenn er nicht gelang, zu sehr blossgestellt werden. Die anderen aber, die drei Geister, zwei Geistinnen und das Kind liessen sich auch schwerlich verwenden, denn erstens standen sie nur auf einem hoflichen Besuchsfusse mit den Hellseherinnen, hatten sich bei ihnen nicht eigentlich einquartiert, und zweitens war nichts Schlimm-Damonenhaftes in ihnen; sie hatten nur Dinge von dem Belang der schwedischen Feldflasche oder der Butterbemme im Kopfe.
Wir dachten hin und her, wie wir Rat schaffen und eines handfesten, vom Hollenfeuer mindestens aus einiger Entfernung angesengten Bengels habhaft werden sollten. Unendlich bedauerten Eschenmichel und ich, dass wir des magischen Schneiders und seiner Hulfe in solcher Not entbehren mussten. Aber dieser grosse Mensch lag fast immer im Stalle auf Stroh wegen des einzigen Fehlers, womit die Natur ihn belastet hatte. Was Kernbeisser angeht, so hatte er sein Vergnugen an ihm, trostete uns auch, wenn wir klagten und sagte: "Lasst's gut sein. Der Durr gehort, wie der Tell, nicht in den Rat, er ist der Mann der Tat. Haben wir den Heiden von Damon erst, so wird keiner kraftig sein im Werke, gleich der nimmersatten Gurgel."
Ich dachte im stillen: "Diese schwabischen Kindskopfe sind gut zum Erfinden, aber dann die Sache gehorig einzurichten, ihr eine Regel, Ordnung und Form zu geben, dazu bedarf es eines norddeutschen Verstandes. Ist's genug, dass in und um Weinsberg die Geister wild wachsen wie Wegerich? Hatte man sie nicht in Kultur legen konnen? Das Terrain in Schlage verteilen? Nach den Regeln von der Spargelzucht sie in Beeten ziehen, dass wenn man einen braucht, man ihn stache? Gott segne mir doch meine heimatlichen Gefilde an der Elbe, Oder und Weser! Diese Suddeutschen werden nie klug werden.
Du musst hier die Ehre Norddeutschlands retten und das Ding zum Ende fuhren", dachte ich. Klebte und pappte mir also aus den "Prevorstischen Blattern", der "Seherin von Grossglattbach" und anderen Sachen dieses Schlages eine Art von Geisterfalle zusammen, in Form einer gewohnlichen Mausefalle und ging damit an alle entlegene Orte der Gegend, auf Kirchhofe, hinter alte Mauern, in verfallene Keller, ja selbst in heimliche Gemacher, stellte meine Falle auf und murmelte dazu folgenden Spruch in der inneren oder Ursprache: "Rummeldebummeldefimmeldepippeldehusseldebusseldekimmeldelummelde schwips!" was sich auf deutsch nicht genau wiedergeben lasst, aber in der Umschreibung ungefahr soviel bedeutet, wie: "Ist's gefallig?" Ich sass stundenlang bei der Falle, es wollte sich aber nichts fangen.
Weil alle Bestrebungen der Vorsteher auf diesen einen Punkt gerichtet waren, so begann das Etablissement zu verfallen. Das Grunzen des Gegeseners wurde seltener, mehrere der Hellseherinnen schlichen sich im stillen weg, da sie keine regelmassige Behandlung mehr fanden, mit ihnen verloren sich die drei Geister, die zwei Geistinnen und die Halfte vom Kinde, denn im Zwischenreiche kann auch ein halber Geist fur sich bestehen. Das Gerausch, Poltern und Schlurfen verklang, und nur die dem Hause treugebliebene andere Halfte des Kindsgeistes wimmerte noch ein wenig; es liess sich aber der Tag vorhersehen, wo auch dieser Laut ersterben und das Weinsberger Etablissement ohne allen Geist sein wurde.
Wahrend dieser Verlegenheit horte ich eines Tages aus Kernbeissers Munde sonderbare Worte. Ich sass, versteckt von einem Holunderbaume hinter einem Vorsprunge der Stadtmauer lauernd bei meiner Geisterfalle. Kernbeisser kam in den Garten, sah mich nicht, ging heftig auf und nieder und rief endich: "Ich sag's und hab' es stets gesagt, sie sturzt uns ins Verderben. Sie stellt die Ding' allzusehr auf die Spitz'." Hier wurde er meiner ansichtig, erschrak heftig und fragte mich, ob ich seine Worte verstanden habe. Als ich verneinte, schopfte er Atem und erklarte sie fur die Reminiszenz aus einem Schwanke.
VI.
Die engbrustige Nahterin
Wenn ich, die Geisterfalle in der Tasche, durch die Strasse nach dem Tore zu wanderte, war mir vor einem kleinen Hauschen hinter Rebstocken eine Frauensperson aufgefallen, welche regelmassig, sofern das Wetter nur einigermassen hell war, draussen neben der Ture sass und im Freien nahte. Sie sah sehr blass aus, und hielt sich zusammengekrummt, auch wenn sie von ihrer Arbeit emporblickte. Ihre Augen strahlten von einer eigenen Blaue, und in ihrem ganzen Wesen bleichte etwas, was an die Blumen erinnerte, welche eigentlich fur Sonnenschein bestimmt, zufallig im Schatten aufbrechen mussten. Ich hatte mich mit ihr in das Gesprach gelassen und von ihr erfahren, dass sie eine arme Nahterin sei, von Jugend auf an Krampfen gelitten habe, und schon seit langerer Zeit von fortwahrender Engbrustigkeit geplagt werde, weshalb sie denn auch, sooft es nur angehe, ihr Tagwerk im Freien verrichte, weil die Stubenluft sie bedrucke.
In den Antworten dieser Person zitterte hin und wieder eine Angstlichkeit, zu welcher kein ausserer Grund vorhanden war. Als ich einst in sie drang, mir zu sagen, warum sie so haufig ohne Veranlassung seufze und in gewohnliche Worte einen schmerzlichen Ton lege, wollte sie anfangs mit der Sprache nicht heraus, entdeckte mir aber endlich, dass sie, seitdem in dem Kernbeisserschen Hause das Wesen so machtig geworden sei, gar keine Ruhe mehr habe. Durch alle die Dinge, welche sie von Freunden und Gevattern uber die dortigen Ereignisse vernommen, sei sie in die grosste Furcht gesetzt worden, dass sie, wie sie sich ausdruckte, auch einmal so werden konne, was sie nach ihrer Sinnesart fur das schrecklichste Ungluck halten musse. Der Gedanke daran lasse ihr Tag und Nacht keinen Frieden, und sie bete unablassig, dass der Herr sie damit verschonen wolle. "Haben Sie denn irgend schon Anwandlungen in sich gespurt?" fragte ich sie. "Ach nein", versetzte sie, "es ist bei mir bis auf meine kranklichen Umstande alles wohl in Ordnung, ich weiss, wohin der Hohlsaum gehort und wohin die Doppelnaht. Aber es wird so viel von den Sachen gesprochen, und sie sollen hier uberall in der Luft umherschweben, und wie leicht ist es da moglich, dass sich auch einmal etwas auf eine arme Nahterin setzt, besonders wenn sie viel sich draussen aufhalten muss. Es kann einen anfliegen, man weiss selbst nicht wie, besonders wenn man einen Vater gehabt hat, der nicht viel auf Gottes Wort hielt. Ich tue daher auch, wenn ich irgend Musse habe, in der Bibel lesen, um mich zu bewahren. Hatte ich nur Geld und an einem andern Orte Arbeit zu gewartigen, da reist' ich nach Reutlingen zu meiner Bas' und zoge ganz weg aus der hiesigen Gegend."
Um die Zeit, da die Engbrustige mir dieses Vertrauen schenkte, kam ich eines Tages zum magischen Schneider in seinen Stall. Er war gerade nuchtern und sass auf dem Stroh emporgerichtet. "Meister", sagte ich zu ihm, "ware es Euch wirklich so gar unmoglich, einmal mehrere Tage hindurch in der leeren Verfassung zu bleiben?" "Das heisst ohne Strich?" fragte er. "Ihr trefft meine Meinung", versetzte ich. "Wenn es um das Himmelreich ginge, wollte ich versuchen, mich zu zwingen, vorausgesetzt, dass ich dann geraume Zeit lang ganzlich zufriedengelassen wurde", sagte er.
Ich stellte ihm die Not vor, worin wir uns befanden, und dass er allein uns helfen konne.
Sein Ehrgeiz war erregt. Er stand auf, konnte sich so ziemlich auf den Fussen halten, reckte mit heftiger Gebarde die Faust aus und rief: "Das musst' ja mit dem Henker zugehen, wenn ich nicht so einen Kujon auftriebe! Ich will's Zechen verschworen, bis wir einen haben und wissen, wo die Bekehrung anzugreifen steht. Fur das Himmelreich kann ich alles, nur beding' ich mir aus, so viel unterweilen zu kriegen, als notig tut, die Kraft' zusammenzuhalten und in die Saft' keine Stockung zu bringen. Gebt mir ein Nossel Alten, Herr von Munchhausen."
Ich lief in das Haus, sagte Kernbeissern und Eschenmicheln, dass uns ein Stern der Hoffnung zu leuchten beginne, man solle mich nun aber ganz allein mit dem Magischen schaffen lassen. Dann brachte ich letzterem das begehrte Nossel, welches er auf einen Zug leerte.
Nach diesem war er seiner Krafte machtig worden. "Folge mir nun keiner!" rief er; "vorderhand werde ich Weinsperg absuchen, und sehen, ob sich hier noch ein unbekannter Damon verkrochen hat." Kernbeisser und Eschenmichel traten in den Stall. "Gebt mir Zechgeld mit", rief der magische Schneider. Kernbeisser gab ihm einen Gulden und sprach: "O Durr, du ausserordentlicher Mensch, besauf dich aber nicht, und verabsaume daruber das grosse Werk, da es denn einmal nach meines Freundes Willen zustand kommen soll!" "Was denkt Ihr von mir?" schrie der Magische ergrimmt. "Ich schwor', um das Himmelreich an mich zu halten. Ihr seht mich entweder gar nicht, oder mit einem Damon wiederkommen." Er wollte gehen. Eschenmichel schickte sich an, ihm einen Segen voll Salbung zu erteilen. "Lasst's Geschwatz weg!" rief der magische Schneider. "Hier braucht's Faust', und keiner Redensarten."
Nach seiner Entfernung blieben wir drei im Stalle zu innigem Gebete vereiniget fur den glucklichen Erfolg dieser Sendung. Ich betete in der Ursprache, Eschenmichel mischte in sein Gebet einige Verwunschungen der Gegner, Kernbeisser sagte zum Schluss des seinigen: "'s ist 'ne verwunschte G'schicht', dass die ganze Hoffnung der hoheren Welt gegenwartig auf einem Schneider beruht!" "Dein Humor, dein unheiliger Humor wird uns zugrund richten", fuhr ihn Eschenmichel an. "Was uns zugrund richten wird, lehrt die Folge", versetzte Kernbeisser. "Ich sag's und bleib' dabei, man muss nichts ubertreiben. Das Zwischenreich war in gehoriger Ordnung und Verwaltung, nun soll es uber die Gebuhr angestrengt werden; wir wollen sehen, was dabei herauskommt und wer zuletzt das Bad bezahlt."
"Schweig!" rief Eschenmichel. "Ich schweig' schon", versetzte Kernbeisser.
VII.
Grobschmidt oder Meister? Eine Frage an euch, ihr
himmlischen Machte
Drei Tage vergingen, ohne dass wir vom Magischen etwas anderes horten, als was uns Leute zubrachten, die hin und wieder von ungefahr in das Etablissement kamen. Sie erzahlten uns, dass er in alle Locher und Spelunken krieche, nach kurzem Verweilen aber daraus wieder hervorkomme und zuweilen murre: "Es sitzt nichts drin."
Am vierten Tage war er aus Weinsberg verschwunden und zufolge der Aussage eines Ehinger Spitzenkramers, der durch die Stadt hausieren ging, nach dem Gebirg wandernd gesehen worden. Wir mussten nun dem Himmel das Weitere anheimstellen, und ich schlenderte haufig durch die Gassen des Stadtleins, da ich bei erloschenem Geisterwesen sonst dort nichts zu beginnen wusste.
Auf einem dieser Gange fiel es mir auf, dass die engbrustige Nahterin nicht mehr vor ihrem Hause sass. "Ist die Jungfer Schnotterbaum krank?" fragte ich einen Nachbar. "O nein", versetzte der Mann, "aber sie muss Betrubnis haben, denn wir horen sie den ganzen Tag uber in ihrer Stube seufzen und mit sich selbst reden." "Ei", sagte ich, "da will ich zu ihr gehen und sie trosten." "'s geht nicht", erwiderte der Nachbar, "sie halt sich eingeschlossen und hat sogar das Schlusselloch verstopft."
In diesem Augenblicke fuhr die Nahterin von innen an ihr Fenster, sah nach uns mit unheimlichen Augen und schoss dann wieder in die hinterste Ecke ihres Zimmers. "Der Person fehlt etwas", sagte ich, "man muss doch suchen, ihr zu helfen." Ich ging ins Haus. "Jungfer Schnotterbaum, tun Sie auf", sagte ich, nachdem ich vergebens an der Ture geklinkt hatte. "Nein!" rief sie, "er kommt sonst mit und setzt sich auf mich." "Wer denn?" fragte ich. "Mein Vater, der Magister", versetzte sie. "Jetzt kann er nicht hereindringen, denn Fenster und Turen sind verschlossen, und im Schlusselloche stickt ein Pfropfen. Aber sobald ich nur ein weniges offne, kreucht er ein." "Haben Sie ihn denn gesehen?" fragte ich. "Nein", rief sie, "aber der Durr hat ihn gesehen. Der garstige Balg tat, sooft er dieser Tage hier vorbeikam, nach mir ein greulich Blicken, dass es mir durch die Seele fuhr, und gestern brullt' er mich an: 'Dir steht's nah! Wahr' dich!' Das, und meine Angst zuvor es ist gewiss, er geht um und wird sich auf mich setzen, und dann konnen die Geheimnisse an den Tag kommen, die mich zeitlebens unglucklich machen werden! O du arme Anna Katharina Schnotterbaum, womit hast du das verschuldet?"
Da alle meine Versuche, Einlass zu bekommen, umsonst waren, wandte ich mich zu dem Nachbarn zuruck, und bat ihn um Aufklarung uber diese dunklen Reden. Er versetzte, er wisse nicht, was der Schneider mit der Nahterin vorgenommen habe, ubrigens konne der magische Kerl, wie er ihn nannte, den Menschen anschauen, dass ihm Horen und Sehen vergehe. "Es ist ein Ungluck", fuhr dieser Mann fort, "dass der Polterkram sich hier etabliert hat. Man ist gar nicht mehr sicher, dass man nicht auch einen Geist in der Familie besitzt, der bei Gelegenheit Sachen ausschwatzt, die nicht vors Publikum gehoren. Ist man einmal begraben, so muss die Sach' fur hienieden vorbei sein, wenn aber darnach alte Geschichten herfurgeplappert werden, so gibt's nichts als Prozess' und Unruh' und Verfeindungen. Als zum Beispiel, ich bin Spezereihandler, habe in meinem Geschaft den erlaubten kaufmannischen Vorteil genommen. Nun fahren mir aber da druben Skrupel in den Sinn, weil man jenseits nichts zu tun hat, fange an, zu rumoren im Gewolb' und im Laden, werfe die Kasten durcheinander, stosse die Laden am Magazin auf, dass das Salz vom Einregnen feucht wird, errege meinen Erben Beschwer und Gewissenszweifel was kommt dabei heraus? Ich wunschte wahrhaftig, dass die Regierung ein Einsehen tate, und dass durch Hochste Entschliessung das gesamte Zwischenreich Landes verwiesen wurde."
Mir waren diese aus der einseitigen Tatigkeit des Zerebralsystems entspringenden Plaudereien sehr langweilig, ich drang daher in den Nachbar, mehr von der Schnotterbaum, ihrem Vater und ihren Geheimnissen mir zu sagen, auf welche sie auch schon bei fruheren Gesprachen mit mir angespielt hatte. "Ihr Vater", sagte er, "war ein Magister, der noch seine fuchsrote Perucke trug, sie ist, dass ich es Ihnen nur entdecke, ein Jungfernkind; der Alte hatte sich mit der Aufwarterin eingelassen, da er Prazeptor im Stift war. Ein verwetterter, leichtfertiger Kamerad, der seine Schraubereien uber alles hatte und selbst Gotteswort nicht verschonte, weshalb ihn die Leute fur einen Atheisten hielten und ihn mieden. Er wurde auch seiner Prazeptorschaft entsetzt wegen des Argernisses mit der Aufwarterin und wegen der gottlosen Reden. Nach dem strich er viel umher, hatte die Nas' hier und andererorten in jedem Kohl und suchte sich von seinen Schreibereien kummerlich zu ernahren. An der Anna Katharina hat er aber doch rechtschaffen gehandelt, er nahm sie auf seine alten Tage zu sich, dass sie ihm wasche und koche. Da sie aber von Jugend auf sehr fromm gewesen, so mogen ihr die lasterlichen Reden, die der Alt' auch noch in seinen letzten Jahren nicht lassen konnte, eine grosse Trubsal erschaffen haben, und dazu kommt, dass er einige Zeit vor seinem Ende in eine grosse Unruhe verfallen ist, wie diese sich immer bei den bosen Christen zu begeben pflegt, wenn der Tod anfangt, die Sens' zu schleifen. Er ist ohne Nachtmahl verstorben. Das alles hat sich die Anna Katharina, seine Tochter, zu Gemut gefuhrt, und meinte sie gleich nach seinem Abscheiden, er konne nicht selig geworden sein. Uberdies hat er sie mit einem Geheimnis belastet, und das ist's, worauf die Schnotterbaum zielt. Was es ist, weiss niemand aus ihr herauszuholen, sie sagt nur, es sei derart, dass kein Mensch sich dessen versehe, und ganz Schwabenland erstaunen werde, wenn es an den Tag komme. Ihr Vater habe den einen Teil seiner Entdekkung auf einer seiner Streifereien, den andern aber hier zu Weinsperg im Kernbeisserschen Etablissement gemacht. Das Geheimnis sei auch von ihm niedergeschrieben worden in einer versiegelten Schrift, die er sein Testament genannt, und die hinterlegt worden, wo? will sie oder kann sie nicht sagen. Gegen uns war sie uberhaupt in der letzteren Zeit schweigsam geworden, vermutlich weil sie die vielen Fragen angstigen."
Hier wurden unsere Unterredungen von einem dritten Manne unterbrochen, der vom Tore herkam und uns eifrig zurief: "Wisst's was Neues? Wisst's was Neues? Ja, wann die Ehinger nicht waren, ihr erfuhrt euer Lebtage hier nichts Neues. Der Durr ist droben in der Teufelsschmied' und hammert, als sollten heut noch zwolf Paar Hufeisen fertig werden. Und dazwischen fahrt er grimmig auf den Geist ein, den er auf dem Ambosse hat." "Was ist das, und was bedeutet die Teufelsschmiede?" fragte ich. "Eine alte verfallene Schmiedewerkstatt", versetzte der Nachbar, "die schon seit hundert Jahren wust lag, weil niemand drin arbeiten mochte. Sie sagen, diese Werkstatt habe einem Grobschmidt zugehort, der in Untaten hingefahren sei. Der letzte, welcher sich an die Gesprache nicht kehren wollte und das Gemauer bezog, soll einen solchen Schrecken darin bekommen haben, dass er selbst sein Schmiedewerkzeug im Stich und darin liess."
"Nun, dem Himmel sei Dank", rief ich, "jetzt wird der Magische wohl Rat geschafft haben! Wollt ihr mich, meine Freunde, hinauf in die Teufelsschmiede begleiten?" Der Ehinger schutzte Verhinderung in Spitzengeschaften vor, der Nachbar aber erklarte sich zum Mitgehen bereit. So machten wir uns auf die Wanderung. Unterweges schlossen sich, als sie horten, wovon die Rede war, noch sechs bis sieben Strassenjungen uns an.
Wir stiegen bergauf, kamen, nachdem die Rebhugel in unserem Rucken lagen, in eine wilde, einsame Gegend, wo sich nach einem beschwerlichen Klimmen uber Fels und Steingeroll ein Trupp armlicher Hutten zeigte, der ein Dorf hiess. Etwas abseitig wies mir mein Begleiter einen Kamp von Schwarztannen und sagte, darunter liege die Teufelsschmiede. Unter den Baumen war es sehr finster, ein dunkler Tumpel stehenden Wassers, der in der Mitte des Platzes zwischen hochaufgewehten Haufen gelber Tannennadeln stockte, spiegelte nichts zuruck, hinter demselben sah ich die vier Brandmauern eines Gebaudes ragen, aus welchen der Hals des Schlotes wie ein Zeigefinger emporwies; denn das Dach war eingesturzt. In diesen Trummern horten wir heftige Schlage auf den Amboss.
Wir traten hinein und sahen den Magischen in voller Arbeit. Er hatte den Rock abgeworfen, die Hemdarmel zuruckgestreift und schlug mit einem rostigen Hammer unaufhorlich auf den Amboss. Sein Gesicht war von Russ, der sich hier herum noch stellenweise an den Wanden erhalten hatte, geschwarzt, aus dieser Finsternis brannten seine roten Augen, die weit aufgerissen, ihm wild im Kopfe rollten, die durren Glieder flogen wahrend des Hammerns wie die Teile des Kinderspielzeuges, welches Hampelmann genannt wird. Unsere Begleiter, die Jungen, lachten, als sie ihn sahen, der Nachbar nannte den Anblick scheusslich, ich fand ihn erhaben.
Zwischen dem Hammern rief er jezuweilen: "Bist endlich murb, du Mordgeist?" Anfangs sah er uns, in seine Arbeit vertieft, gar nicht, als er uns aber erblickte, liess er den Hammer sinken und sagte: "Nun hastu genug, nun bistu zahm! Wie sehr im Irrtum waret Ihr, Herr von Munchhausen, mir von meiner gewohnten Lebensweise abzuraten! In jener elendigen Nuchternheit konnten meine abgeschwachten Krafte durchaus keinen Geist entdecken, sobald ich mich aber, wie gestern abend geschah, einmal wieder tapfer anfullte, war auch meine Begabung in ihrem vollen Flor wieder beisammen. Ich weiss nicht, wie ich in diese wuste Gegend, und zwischen diese Trummer geraten bin, ausser, dass es mir wahrscheinlich ist, durch ubernaturliche Fuhrung hineinbefordert zu sein. Heute in der Fruhe nun, sobald ich die Augen aufschlug, stand er vor mir dort an der Esse, russig, das Schurzfell vorgebunden, wollte grob sein, fragte, was ich in seiner Schmiede tat', ich sollte mich 'naus scheren "
"Wer?" fragten wir alle.
"Wer? Wer sonst, als der Grobschmidt, der hier umgehen tut? Aber ich nahm ihn wacker zusammen, sagt', ob er nicht wiss', dass ich der Durr sei, schmiss ihn auf seinen eigenen Amboss, und arbeitet' ihm mit dem Hammer so lange auf die luftigen Knochen los, bis er klein beigab, zu winseln begann, mir seine verborgene Missetat bekannte und auch schon einige Lust, erloset zu werden, spuren lasst. Nur sei hier der rechte Ort nicht, den Heilsweg zu betreten, es sei hier oben zu einsam, er musse mehr unter Menschen, sagte er."
"Wo ist er?" fragten die Strassenjungen. "Ich will ihn euch zeigen", rief der Magische, packte den grossten Jungen bei den Haaren, stiess ihn mit der Nase auf den Amboss und rief:
"Siehst ihn nun?"
"Ja, ja", schrie der Knabe, dem das Blut aus der Nase drang, "ich sehe ihn." Die andern Jungen versicherten zitternd, sie sahen ihn ebenfalls, ich hatte ihn von Anfang an gesehen, sobald der Magische ihn nur genannt hatte, ob der Nachbar ihn gesehen, weiss ich nicht. "Mit der Nas' muss man diese ahitophelschen, antichristischen Zeiten auf die Geister stossen, sonst sind sie blind bei sehenden Augen!" rief der Magische.
Er horchte nach dem Ambosse hin, rief dann: "Willst wandern und dir Quartier suchen? Wohl, voran! Sa sa, nur voran! Immer voran! Darin muss man euch freie Hand lassen." Er schritt, die Glieder ekstatisch reckend und schuttelnd, zur Trummerschmiede hinaus, mit starren Blicken dem Grobschmidt folgend, der durch die Lufte voranflog. Es war so dunkel geworden, dass man keine Hand vor Augen sehen konnte, dennoch erblickte ich ihn ganz deutlich, als ich mit der Stirn gegen einen Baum fuhr, denn da spruhten die hellen Schmiedefunken mir vor dem Gesicht umher.
Es ging immer bergunter nach Weinsberg zu, die Jungen waren vorangesprungen, die ersten der Glaubigen. Wegen der Finsternis waren zum Gluck nicht viele Leute mehr auf den Strassen, sonst hatte es gewiss einen Auflauf gegeben. Unweit des Hauses der Nahterin rief der magische Schneider uberlaut: "Aha! Schlupfst da hinein?" sprang in das Haus, sprengte mit einem heftigen Fusstritte die Ture und war schon in Zeichen und Wundern mitten inne, als ich etwas spater die Stube betrat. Der Nachbar hatte sich voll Furcht und Zittern entfernt.
Die Schnotterbaum lag an der Erde, verdrehte ihren Korper, achzte und stohnte. Der Magische kniete uber ihr, hielt ihr die Faust geballt vor den Mund und polterte: "Hab' ich's Euch nicht angesagt? Ist er nicht eben in Euch hineingefahren?" "Ach wohl", winselte die Nahterin, "es musste ja so kommen! Als Ihr die Ture sprengtet, fuhr er mir wie ein kuhler Wind in den offenen Mund. Tut mir die Gnade, und befreiet mich von ihm, er stosst mir fast das Herz ab."
"Das werde ich wohl bleiben lassen", versetzte der Magische, "es ist mir sauer genug geworden, den Hund fur die beiden Herren zu erwischen, nun soll er sich erst in Euch zum Glauben bekehren."
"Das tue ich mein Tage nicht", rief der Damon aus der Schnotterbaum, "ich bin ein gottloser Magister, und ein solcher will ich leben und sterben!"
Diese Antwort setzte mich in das grosste Erstaunen. "Meister", sagte ich zum Schneider, "ist uns denn etwa der Grobschmidt unterweges abhanden gekommen? Diese Jungfer Schnotterbaum scheint anstatt seiner ihren verstorbenen Herrn Vater zur Einquartierung empfangen zu haben."
"Nichts als Winkelzug'!" rief der Magische. "Solche Hollenbrut wechselt in einem Augenblicke sechzigmal die Farb', um nur ein Schnippchen zu schlagen. Ein Grobschmidt und kein Magister sitzet und wohnet in der Schnotterbaum, und zwar'n der Grobschmidt oben aus der Teufelsschmiede, der seinen Knecht mit dem Hammer erschlagen und dann in den grundlosen Tumpel gesturzt hat, allwo seine Knochen noch tief unter Schlamm und Moder liegen."
Weinend und schluchzend sagte die Nahterin: "O Gott, muss ich einen so furchtbarlichen Geist in mir beherbergen? Ich glaubte zum wenigsten, mit meinem seligen Herrn Vater davonzukommen." "Ja, Jungfer", sprach der Schneider und half ihr vom Boden auf, "dawider hilft nun nichts. Wem ein Damon beschieden ist, der bekommt ihn. Ubrigens werdet Ihr wohl einsehen, dass fortan Eure Stelle nur in dem Etablissement der Herren Doktoren Kernbeisser und Eschenmichel sein kann."
Traurig und erschopft antwortete die Schnotterbaum: "Dem ist so. Die Schickungen mussen nun ihren Gang gehen." Sie packte ein Bundelchen Wasche zusammen und gab ihrem Hanfling Futter auf acht Tage. Dann legte sie ihre Nahsachen in sauber gefaltete Pakete, reichte diese einem Jungen und hiess ihm, sie den Leuten zuruckzubringen, mit der Bestellung, sie konne nicht mehr arbeiten, denn sie habe einen Damon im Leibe.
Wahrend dieser kleinen Beschaftigungen kamen Kernbeisser und Eschenmichel, denen schon etwas angesagt worden war. Durr, welcher, als die beiden Doktoren eintraten, mitten in der Stube stand, sagte gross und ruhig, wie Falstaff, als er den Percy bringt: "Da habt ihr den Damon!"
Wir fuhrten die Schnotterbaum im Triumph nach dem Etablissement und gaben ihr ein kleines Familienfest aus dem Stegereif. Durr ging oder taumelte vielmehr bald nach seinem Stalle, worin er ein fur allemal seine Wohnung aufgeschlagen hatte, der ausserordentliche Mensch. Kernbeisser liess zur Ehre der Magie den Stall mit bunten Lampen erleuchten.
Sehr glucklich sanken wir alle auf unser Lager. Wir glaubten uber alle Berge zu sein. Eschenmichel stand nur in Zweifel, ob er den Damon katholisch oder evangelisch machen solle. Die Schnotterbaum lag die Nacht durch in wutenden Krampfen, was uns weiter nichts anging, denn wir hatten es nicht mit ihr, sondern mit ihrem Mietsmanne.
Die folgenden Tage und Wochen waren freilich sturmisch, und wir sahen, dass wir noch nicht einmal die Vorhugel des Berges, geschweige den Berg erstiegen hatten. Der magische Schneider blieb dabei, dass der Grobschmidt aus der Teufelsschmiede in die Schnotterbaum gefahren sei, und kampfte wie ein Held fur diese Wahrheit, die er, sooft er nuchtern war, dem Damon unter furchterlichen Bedrauungen in das Antlitz sagte, oder vielmehr in den Mund der Besessenen hinein. Dagegen versicherte der Damon, er sei kein Grobschmidt, sondern ein Magister, habe keinen Knecht mit dem Hammer erschlagen, sondern nur uber dies und das frei gedacht.
Es war wohl das erstemal, dass das Zwischenreich so mit sich selbst in Konflikt geriet. Denn einer von beiden konnte doch nur recht haben, der Seher Durr, oder der Damon. Die Schnotterbaum verhielt sich dabei leidend. Sie pflegte zu sagen: "Ich bin dermassen herunter, dass mir's gleich ist, wen ich in mir trage, den Grobschmidt oder den Magister, meinen Vater. Ist's der letztere, dann haben sich die Herren eine Rute gebunden, als sie mich ins Haus nahmen, denn der Magister wird eine Bosheit auslaufen lassen, von welcher ihnen nichts traumet."
VIII.
Der Geist eines Grobschmidts mit den Erinnerungen
eines Magisters
Endlich nach unablassiger Bedrauung, vielem und oftmaligem Anschreien, Beschworen in dem Idiome der inneren oder Ursprache, schrecklichem Gebarden und Einwirken durch Augenrollen brachte es der magische Schneider dahin, dass der Damon in sich schlug und anfing der Wahrheit, wenn auch noch nicht Gotte die Ehre zu geben.
Eschenmichel hatte dazu durch fleissige Vorhaltungen in seiner logisch-scharfen Manier wacker mitgeholfen. So zum Beispiel sagte er eines Tages zum Damon: "Wenn wir sehen, dass du ein Grobschmidt bist, so kannst du doch kein Magister sein, begreifst du das nicht, Verworfener?" Damon wurde dazumal ganz still und schamte sich vermutlich seiner Dummheit.
Am vierzehnten September abends sieben Uhr erfolgte die erste offene Beichte. Das Leibliche der Jungfer Schnotterbaum lag damals, von den unaufhorlichen Krampfen und Anspannungen besturmt, fast im Zustande der Auflosung. Der Damon aber sprach aus ihr, zwar mit schwacher jedoch mit vernehmlicher Stimme, ja, er wolle es nur gestehen, er sei der Grobschmidt Bumpfinger aus der Teufelsschmiede und nicht der Magister Schnotterbaum, von Hall burtig. Gestand hierauf auch alles ein, was wir bereits von ihm wussten.
Die folgenden Tage wurden nun verwendet, den Damon in seiner wahren Gestalt recht fest werden zu lassen. "Denn", sagte Durr, "schlagt er wieder in den Magister zuruck, so geht die Arbeit von vorn an." Er musste deshalb wohl zwanzigmal seine Grobschmidtsgeschichte vom ermordeten Knecht wiederholen, dergestalt, dass die Schnotterbaum von diesen Anstrengungen ungeduldig wurde und einstmals ausrief: "Liebe Herren, lasst es nun gut sein, er hat es ja schon so oft dargelegt, und im ubrigen wird er doch nicht mehr sagen, als ihm mein Vater eingibt."
Diese Rede klang dunkel, wir sollten aber bald die Aufklarung empfangen. Denn nachsten Tages wurde auf Eschenmichels Antreiben ein scharfes Verhor mit dem Damon erhoben, dessen Zweck dahin ging, allerhand nahere Auskunfte uber hollische Dinge und uber Eigentumlichkeiten des Zwischenreichs zu erlangen. Ich will die Hauptfragen und die darauf gegebenen Antworten hieher verzeichnen. ESCHENMICHEL: Wie bist du in das Zwischenreich gelangt? DAMON: Wie man vom Fleck kommt. Guckt' erst ein wenig in die Holl', konnten mich aber da nicht brauchen, weil ich nicht an sie glaubt', die Holl' uberhaupt dummes Zeug ist. ESCHENMICHEL: Dummes Zeug? DAMON: Ja, dummes Zeug. MAGISCHER SCHNEIDER: Wie sieht die Holl' aus? DAMON: Sie sieht gar nicht aus. MAGISCHER SCHNEIDER: Gar nicht aus? DAMON: Nein, gar nicht aus.
Hier machte das Verhor eine Pause. Wir sahen
einander voll Erstaunen an. Kernbeisser rief: "All
mein Lebtage macht ihr diesen Damon nicht zu
einem regelmassigen und aufrichtigen Grobschmidt! Kein Grobschmidt wird sagen, die Holle sei dummes
Zeug und sehe gar nicht aus. Fur solche Zweifel
hantiert er selbst zuviel im Feuer." "Nur still",
sagte Eschenmichel, "man muss nicht verzagen." Das Verhor nahm folgendermassen seinen Fortgang. MAGISCHER SCHNEIDER: Hastu was vom Teufel erfahren? DAMON: O ja, die ganze Wahrheit. ESCHENMICHEL: Wie sieht der Teufel aus? DAMON: Er hat auch kein Aussehen nit. KERNBEISSER: Wie denn so? DAMON: Er ist auch nix. Er ist auch dummes Zeug. MAGISCHER SCHNEIDER mit furchterlicher Gebarde: Bistu denn kein Grobschmidt nit? DAMON zitternd: Ach wohl bin ich der, aber von Holl' und Teufel denk' ich just wie der Magister Schnotterbaum. "'s ist klar! 's ist klar!" rief Kernbeisser, "der Grobschmidt kann sich von den Erinnerungen, Gedanken und Zweifeln des Magisters noch nicht losreissen!" Durr fluchte und wetterte, dass man die Nucken des Zwischenreiches nie auslerne. "Das ist ja eben das Erhabene und Gottliche", sprach Eschenmichel mit Salbung, "dass in diesem Gebiete sich immer tiefere Tiefen austiefen, und unter dem Abgrunde der Abgrund grundet. Aller Wahrscheinlichkeit nach sind zu gleicher Zeit zwei Geister in die Schnotterbaum gefahren, der Grobschmidt und der Magister; diese haben sich nun in ihr unaufloslich miteinander verwickelt und verschlungen und verknotiget, so dass man nicht mehr weiss, wo der Schmidt anfangt und der Magister aufhort. Demnach tritt denn der grossen und merkwurdigen Erfahrung, die wir an dem halben Kindsgeiste haben, diejenige nicht kleinere und unmerkwurdigere Tatsache symmetrisch entgegen, welche wir hier erleben, namlich, dass im Zwischenreiche auch eine vollige Konfusion der Geister moglich ist."
Nach dieser tiefsinnigen Bemerkung bat ich um die Erlaubnis, allein mit der Schnotterbaum reden zu durfen, welche mir auch gegeben wurde, da niemand Lust bezeigte, das Verhor jetzt fortzusetzen, und der Damon daher, seines Zwanges entledigt, aus dem Halse wieder in die Magengegend hinabsank, wie unsere Kranke sagte. Als die andern das Zimmer verlassen hatten, befragte ich sie, ob sie mir nicht den wunderbaren Vorgang erklaren konne. "Ach", versetzte sie weinend, "ich lebe in grosser Qual. Ich werde von Tag zu Tag schwacher, und sehne mich inbrunstig nach meiner Nahstub', und nach meinem sonnigen Platz unter den Rebstocken, da meine ich, wurde mir gleich wieder wohl werden bei Hohlsaum und Doppelnaht. Nun weiss ich freilich wohl, denn die Herren und der Durr sagen es mir ja taglich, dass dieses schwache und sundliche Gedanken sind. Wer einmal ein Gefass der Wunder ist, muss aushalten, und so will ich denn auch, ich armer, elendiger Mensch.
Ich denk' den ganzen Tag uber an die Gottlosigkeiten (der Himmel verzeihe mir, dass ich so sprechen muss!) meines seligen Herren Vaters, und da ich ein sehr gutes Gedachtnis von jeher gehabt, und daher nichts vergessen habe, was mir von demselben zu Ohren gekommen ist an lasterlich-leichtfertigen Sachen uber Bibel und Christentum, so drangt sich das alles nun jetzt zuhauf in mir empor, und die Sachen werden laut in mir, die ich so sehr verabscheue. Und da der Grobschmidt, den ich bei mir fuhren soll, von nichts weiter in mir hort, als von diesen Magistersunden, so mag es wohl daher kommen, dass in den schrecklichen Abendstunden, wo der Durr und die beiden Herren ihr schweres Werk mit mir beginnen, wo ich zwischen Beten, Singen, Ausfragen, Faustdrohen, Anschnarchen und Anbrallen nicht weiss, wo mir der Kopf steht, wo es mir grun und gelb vor den Augen wird, meine Sinne sich verwirren und ich wie im hitzigen Fieber rede "
"Wie? Jungfer Schnotterbaum?"
"Ach, ich bitte Sie, mir das unbedachte Wort nicht ubelzunehmen und es ja nicht den andern Herren zu verraten. Nein, ich wollte vielmehr sagen, wo, wahrend ich im hitzigen Fieber liege, das Ding in mir zu reden anfangt, dass dann, sage ich, der Grobschmidt auch nur Magistersachen zu sagen weiss, und der Affe des Magisters ist. Eine Erklarung kann ich Ihnen nicht geben." Was war damit erklart? Die Auslegung erschien doch gar zu durftig. Und so blieb dieses grosse Ratsel der Geisterwelt ungelost.
Wurde sogar mit jedem Tage dunkler. Befragten wir namlich den Grobschmidtsdamon, ob er sich der Vorfalle aus seinem Erdenleben wohl noch erinnere, so antwortete er: O ja, er wisse die Stunde noch ganz genau, da er im Stift zum ersten Male lateinische Stunde gegeben. Erkundigte man sich, was ihm in gegenwartiger Zuruckgezogenheit am leidesten tue, versetzte er, dass er seinen Juvenal nicht bei sich habe.
IX.
Tatsache: die Erlosung eines Damons hangt von
tausend Zufalligkeiten ab
Obiger Satz ist aus Eschenmichels Diario abgeschrieben, der gleich mir seit dem ersten Tage dieser magischen Behandlung genau Buch fuhrte. Wir hatten uns in die Schriftverfassung geteilt. Ich brachte die historischen Tatumstande zu Papier, und er zog aus denselben die ubernaturlichen Folgerungen. Nun merket das neue Wunder! Ohne dass wir vor dem Schreiben uns besprachen, passte jederzeit seine Folgerung auf mein Faktisches wie ein Handschuh auf den andern. Daraus ist zu schliessen, dass diejenigen, welche von der hoheren Welt berichten, unter dem Flugelschlage der Inspiration schreiben, erhaben uber alle Kritik.
Eschenmichel sagte am dreissigsten Oktober: "Lasst uns, da mit diesem halbschlachtigen Geiste sonst nichts zu beginnen ist, jetzunder an seine Bekehrung gehen." Kernbeisser entgegnete: "Wolltest du, Bruder, mich nicht lieber die Schnotterbaum kurieren lassen? die Person verfallt sichtlich." "Nein", rief Eschenmichel, "auf den Damon kommt es an, nicht auf die Schnotterbaum!"
Am folgenden Tage, den ersten November spuckte der magische Schneider in seine Hande, wie er zu tun pflegte, wenn er Schwieriges vorhatte, und nachdem er durch kraftige Formeln den Damon von der Magengegend in den Hals hinaufgebracht, redete er ihm ins Gewissen, sagte ihm, er solle sich schamen, ob ihm nicht das lausige, lumpichte Zwischenreich zum Verdruss sei? schilderte ihm die himmlischen Freuden, malte diese mit Pastoralklugheit etwas doppelfarbig, so dass sie den Grobschmidt wie den Magister anziehen konnten, sagte unter anderem, da droben bleibe das Eisen immer warm, was geschmiedet werden solle, und fur jede lateinische Stunde gebe es drei Kreuzer mehr, als auf Erden, sprach endlich geradezu davon, dass hier nicht gefackelt werden durfe, sondern der Damon sich erlosen lassen musse.
Auf diese Busspredigt war Damon anfangs sehr grob. Sagte, wir sollten uns alle packen, wir besassen nicht soviel Verstand im ganzen Leibe, wie er im kleinen Finger. Was uns sein Heil angehe? Er sei mit dem Quartier in der Schnotterbaum zufrieden. "Glaubt ihr auch in den Himmel zu kommen?" fragte er. "Ja", riefen wir einhellig. "Nun, dann ist das schon ein hinreichender Grund fur mich, haussen zu bleiben", versetzte er. "Denn solche Tropfe, wie ihr seid, wurden mir die ewige Seligkeit verleiden. Bekummert euch um eure Siebensachen, lasst mich ungeschoren, ich will platterdings nicht erlost sein."
Er fugte noch allerhand Spottereien hinzu, die ich nicht nachschreiben mag. Aber sie waren wirklich, cerebraliter genommen, das Gescheiteste, was hier seit Monaten sich laut gemacht hatte. Eschenmichel, Kernbeisser und ich konnten dagegen nichts aufbringen, hullten uns folglich schweigend in unser hoheres Bewusstsein. Aber der Schneider war der Mann nicht, sich von einem tuckischen Geiste einschuchtern zu lassen. Zeigte sich der Damon grob, so wurde der Schneider grober, auf ein Schimpfwort hatte dieser zehn starkere, und mit Grunden, die der Damon hinterlistigerweise brauchen wollte, liess er sich gar nicht ein; er sagte nur, wenn solche Sophismen sich in die Unterredung einschleichen wollten, mit donnerndem Ton: "Halt's Maul!"
Nachdem Schneider und Damon einander wohl eine Stunde lang wie die Rohrsperlinge ausgeschimpft hatten, wurde der Damon wirklich kleinlaut und brummte: "Der Vernunftigste gibt nach. Mit solchem verwetterten Bugeleisen ist ja gar nicht auszukommen. Gut, ich will mich erlosen lassen, aber wie soll ich's anfangen? Ich hab' ja keine Hand' und Fuss', etwas Gutes zu schaffen." "Du dummer Damon!" rief der Magische, "was braucht's da Hand' und Fuss'? Du wirst erlost, damit gut." "Nur nicht immer so ungeschliffen!" erwiderte der Damon. "Ihr konnt doch mit Geistern manierlich umgehen, besonders wenn man in einer Frauensperson sitzt."
"Siehstu deinen guten Engel neben dir stehen?" fuhr ihn der Schneider an, da ein Lichtstrahl durch das dunkle Zimmer schoss. Nachher horten wir, der Knecht sei zur namlichen Zeit unten mit der Stallaterne uber den Hof gegangen. Wie wunderbar, dass der himmlische Bote gerade diesen naturlichen Vorfall wahlte, seine Erscheinung eindringlicher zu machen! "Ich seh' alles, was ihr seht; ihr habt mich schon fast ebenso verstutzt und verdutzt gemacht, wie die Schnotterbaum", antwortete der Damon auf die Frage des Schneiders.
Letzterer fragte den Damon, wie der Engel aussehe? und erhielt zum Bescheide: "So, wie ein Engel sich tragt; ein Habit, weiss, von Nessel, blaue Flugel mit Gold verbramt." Damon gab diese und mehrere dergleichen Nachrichten mit murrender, unwilliger Stimme; offenbar belastigte ihn der himmlische Geschaftstrager. Im Verlaufe der desfalls gepflogenen Unterredungen sagte er einmal: "'s ist doch grausam, dass ich nun noch gar einen Engel auf den Pelz krieg', da ich nimmer an Engel geglaubt habe!" Hier aber brachte ihm Kernbeisser, der sich sonst in der ganzen Sache als handelnde Person zweiten Ranges darstellte, einen Kernschuss bei. Er warf ihm namlich rasch ein, dass Damon seiner Denkungsart zufolge ja auch nicht an ein Leben nach dem Tode geglaubt haben konne, und nun stecke er doch selbst mit Haut und Haar mitten drin. Dieser Grund traf den Damon, machte ihn zahm, und von jetzt an liess er den Engel uber sich ergehen.
Letzterer wurde nun beauftragt, sich gehorigen Orts zu erkundigen, wann die Erlosung des GrobschmidtMagisters zu gewartigen stehe? Er versprach, gleich dieserhalb abzureisen, und, da die Wege noch so ziemlich seien, nach dreien Tagen abends sieben Uhr wieder einzutreffen mit hoffentlich gunstiger Resolution.
Die drei Tage gingen in stiller Erwartung hin. Der Engel bildete, das begriff jeder, eine neue Katastrophe in diesem Wunderdrama. Eschenmichel schlug alles nach, was er in der Kabbala, bei den Gnostikern und bei Emanuel von Swedenborg uber Engel finden konnte, Kernbeisser sah mit tranenden Blicken in die Wolken und dichtete schone Lieder, in deren einem er den seelenvollen Ausdruck eines Kalbsauges pries. Die Schnotterbaum, welche kaum noch vom Lager aufzustehen vermochte, zupfte still an der Bettdecke, schaute seltsam vor sich hin, und ich horte sie zuweilen wie unwillkurlich sagen: "Was der Damon verschwieg, der Engel bringt's an Tag."
Wer aber am dritten Tage abends sieben Uhr ausblieb, war der Engel. Damon kam, wie gewohnlich, folgsam aus der Magengegend heraufgestiegen, wusste auf Befragen nicht das mindeste uber den Ausgebliebenen zu vermelden, hielt sich etwas kurz und fast spottisch in seinen Antworten und ausserte, da sehe man, dass auf solche Leute kein Verlass sei. Der Magische ergoss hierauf einen Regen von Fluch-, Beschworungs- und Schimpfworten uber den Nichterscheinenden, in der Meinung, ihn dadurch herbeizuzwingen. Es war aber alles vergebens. Bis nach Mitternacht wurde jegliche thaumaturgische Kunst fruchtlos angewendet; der nichtsnutzige Damon lachte und schrie unaufhorlich: "Ich bleib' unerlost! Ich bleib' unerlost! Juchheirassasa! Juchheirassasa!" Endlich wurde die Schnotterbaum von diesen Dingen schwach und drohte, fur tot liegenzubleiben. Da fing Kernbeisser des Magischen aufgehobenen Arm, welcher schon wieder eine Himmelszwangsgebarde ausfuhren wollte und rief: "Du bist zu heftig, du ausserordentlicher Mensch; deine Gaben und Krafte sind fur die verworfenen Geister eingerichtet, aber diese sussen, seligen, rosigen Flugelknaben wollen mit Zartheit behandelt sein. Deshalb ist mein Vorschlag: Du behaltst den Damon, und uberlassest mir und meinem Bruder Eschenmichel, der mich mit seinen Kenntnissen unterstutzen wird, den Engel."
Diese Geschaftseinteilung fand den Beifall des Magischen und wurde auch sogleich ausgefuhrt. Kernbeisser setzte sich vor die Besessene hin und sang mit sanfter Stimme:
Du lichtes, leichtes Wesen,
Wo sauseln deine Schwingen?
Wir dursten, zu genesen
An deines Fluges Ringen.
Bist du denn nicht ein Traumen
Aus unsern ersten Tagen?
Wie lange willst du saumen,
Von ihnen uns zu sagen?
Von unsern Kinderreden,
Und kindlichem Geluste?
Du fuhrtest uns durch Eden,
Fuhr' uns auch durch die Wuste!
Darin nur eine Quelle
Den Schmachtenden erquicket:
Die fromme, heil'ge Welle,
Die unter Wimpern blicket!
Die Kranke schluchzte, und der Engel war sogleich da. Er entschuldigte sein spates Erscheinen und sagte, sein allzugrosser Eifer trage Schuld. Er sei namlich, wie eine in unaufhaltsamem Fluge begriffene Kugel uber das Ziel, den himmlischen Raum, hinausgeschossen immer weiter und weiter in das sogenannte grosse Nichts, habe freilich, sobald er des Irrtums innegeworden sei, kehrt gemacht, indessen doch durch seinen ubermassigen Schuss Zeit und Weg verloren. Was die Erlosung betreffe, so werde diese am dreizehnten Dezember Schlag acht Uhr erfolgen. Engel empfahl sich darauf. Damon lachte und sagte: "Wenn ich am dreizehnten Dezember erloset werde, so will ich Hans heissen. Ich habe noch etwas auf dem Herzen und ehe das nicht herunter ist, kein Gedanke an Erlosung."
"Was hast du auf dem Herzen?" fragte Kernbeisser. "Herr, fraget nicht danach", antwortete der Damon, "es ist ein verfangliches Ding, keinem nutz, zweien zu grossem Schaden!" Eschenmichel wurde verlegen und bat Kernbeissern, von weiterem Eindringen abzustehen, man musse auch gegen Damonen diskret sein. "Nein", sagte Kernbeisser, "wenn er etwas auf dem Herzen hat, da wird nicht eher Ruhe, als bis es herunter ist".
Ach, der Damon hatte wohl recht gehabt! Am dreizehnten Dezember abends acht Uhr keine Erlosung! Er kam bis auf die Lippen, da fiel ihm auf einmal wieder ein blasphemischer Gedanke ein, und alsobald rutschte er auch wieder hinunter, so dass ein jeder von uns das Gerausch horte. Es war, wie wenn ein Sack auf den Fussboden fiel. Der magische Schneider rief: "Sein guter Engel muss es doch aber wissen, muss auch den blasphemischen Gedanken vorhersehen, wie darf er denn die Leut' so anfuhren?" Der Engel, durch Kernbeissers sanften Gesang berufen, kam, bat um Vergebung, er musse sich im Datum geirrt haben, es sei droben gar zu viel zu tun, und er setzte nun den Termin fur die Erlosung auf den funften Januar, dann, als auch dieser fruchtlos verstrich, auf den dritten Februar, und so, bei immer wiederkehrenden Fehlschlagungen der Erlosung nacheinander auf sechs verschiedene Tage in den Monaten Marz, April, Mai.
Der Damon blieb fest in der Schnotterbaum sitzen, die nun schon Anfalle von Bewusstlosigkeiten hatte. "Ja, was ist das?" sagte Eschenmichel, "wir mussen denn doch den Engel daruber ernsthaft zur Rede stellen." "Wie kannstu uns so oft tauschen?" fragte Kernbeisser sanft und freundlich den Engel. Dieser erwiderte mit holder, susser Stimme aus der Schnotterbaum auf englisch, d.h. in der Engelssprache nichts weiter als:
"Popobelo".
Es war das erstemal, dass er sich dieses Idioms bediente; vorher hatte er immer Deutsch mit uns gesprochen. Kernbeisser und Eschenmichel muhten sich vergebens um den Sinn jenes Wortes ab. Da uberkam mich plotzlich die Inspiration und ich verdeutschte ihnen "Popobelo" folgendermassen: "Meine Herren, ich kann furwahr nicht dafur, dass so viel Irrtum in dieser Geschichte vorgeht. Die Erlosung eines Damons hangt von tausend Zufalligkeiten ab, die sich nicht berechnen lassen. Seit Sie das Zwischenreich so sehr in Erregung gebracht haben, und allerorten und -enden die hohere Welt in die niedere hereinragt, kann man sich auf nichts mehr verlassen, und alle Naturgesetze sind durchlochert. Die ganze Atmosphare ist voll von Wirkungen in die Ferne und Blicken in die Weite, Luft und Licht wissen nicht mehr, wo aus oder ein? Die Schwere hat sich auf den Fuss der Leichtigkeit gesetzt und die Materie ist unter die Husaren gegangen. Zentripetal- und Zentrifugalkraft spielen miteinander Kammerchenvermieten, die Farben klingen und die Tone leuchten, der Nervengeist aber fliesst wie eine grosse Bruhe uberall umher. In einer so durcheinandergeworfenen Natur halt kein Element mehr Stich. Der Damon besitzt also gar kein sicheres Transportmittel mehr zu seiner Beforderung, dazu rappelt es, rutscht es, quietscht es ihm bestandig vor seinen Augen von andern Poltergeistern, so gerat er denn in Arger, wird in seinem Arger wieder gottlos, und die Vorsehung selbst kann an ihm ihr Exempel nicht losen."
Nach dieser meiner Rede in gutem Deutsch blieben die beiden Thaumaturgen lange stumm, ernsten Betrachtungen hingegeben. Engel hatte sich gleich nach dem "Popobelo" entfernt. Endlich sagte Eschenmichel: "So konnte es also dahin kommen, dass die Magie sich selbst aufhobe. Tun wir nicht besser, innezuhalten und die Sache bei dem Bisherigen bewenden zu lassen?"
"Nein vorwarts!" rief der Schneider. "Vorwarts!" wiederholte Kernbeisser, der mit Eschenmichel die Rolle getauscht zu haben schien und seit dem Eingreifen des Engels ebenso kuhn und leidenschaftlich sich bezeigte, als er fruher bedenklich gewesen war.
"Vorwarts!" sprach zu unserer aller Erstaunen auch der Damon aus der Schnotterbaum mit dumpfer Stimme. "Ich werd' der Sach' ein End' machen und mich selbst erlosen, Nachstkunftigen Mittwoch soll's geschehen."
X.
Tatsache: in Gegenwart der Polizei erscheint weder
Damon noch Engel
Ein Zwischenfall, der sich an einem der folgenden Tage ereignete, wandte auf einen Augenblick unsre gespannten Erwartungen von dem nachstkunftigen Mittwoch ab. Mit dem wachsenden Flor der Schnotterbaumschen Wunder hatte sich namlich das Etablissement nach und nach wieder zu bevolkern angefangen. Zuerst war der Gergesener aufs neue grunzend geworden, dann kehrten mit den Hellseherinnen die drei Geister und zwei Geistinnen zuruck, nur die zweite Halfte des Kindsgeistes musste sich verirrt haben, denn sie blieb aus. Unser Lager war demnach wieder vollstandig assortiert, und wir taten uns nicht wenig auf unsern Reichtum zugute.
Aber nicht bloss bei uns herrschten die besten damonischen Umstande, auch uber das ganze Stadtchen hatte sich der Segen ergossen. Es gab in ganz Weinsberg fast kein Haus mehr, worin es nicht spukte; ein Poltergeist begann, sozusagen, zur Einrichtung einer ordentlichen Wirtschaft zu gehoren. Daruber kamen nun freilich manche Geschafte in Stockung, denn zur Dammerungsstunde wollte niemand mehr gern allein wohin gehen, weil trotz des Gewohnlichen, welches die Sache erhielt, die Furcht noch immer den Sinn der Menschen befing. Ausserordentliche Dinge erzahlte man sich; so sollte zum Beispiel in der Teufelsschmiede den glaubwurdigsten Nachrichten zufolge der Hammer, womit der Schneider den Damon zuerst auf dem Ambosse bearbeitet hatte, noch immer im Hammern begriffen sein ohne Arm, der ihn regierte, recht wie der Hegelsche Gott in der Geschichte.
Wie nun das Heilige stets, bevor es selbst zu weltlicher Macht gelangt, dem Arme der weltlichen Obrigkeit verfallt, so geschah es auch hier. Die Behorden nannten in ihrer rohen Weise das Hereinragen der hoheren Welt in die Gassen von Weinsberg einen lasterlichen Unfug, und ihre Hand begann druckend uber dem Wirken und Weben der zarten Sphare zu lasten. Bei zehn Gulden Strafe wurde verboten, einen Geist zu sehen, geringere Leute, die sich dessen unterfingen, sollten mit burgerlichem Arrest gebusst werden. Hart lag der Druck uber Dschinnistan; der Hammer hammerte nur noch bei Nacht, wo niemand ihn horte.
Auch dem Etablissement war ein Besuch der Polizei angekundigt worden und nicht lange dauerte es, so erschien der Beamte. Der Schneider hatte uns allen aber Mut eingesprochen chen, wir erwarteten daher gefasst jenen Boten der Gewalt. Auch war dessen Personlichkeit ganz geeignet unsere Zuversicht zu steigern. Wir sahen in ihm einen noch nicht bejahrten Mann von gefalligem Ausseren erscheinen, der sein Kommen sozusagen entschuldigte und um Verzeihung bat, dass er den Befehl der Oberen ausfuhren musse. "Glauben Sie mir, meine Herren, dass ich den Kreis Ihrer verehrungswurdigen Bestrebungen aus eigenem Antriebe nie storen wurde", sagte der hofliche Beamte. "Die Polizei darf keine Feindin der Wunder sein, sie muss selbst jezuweilen Wunder tun, muss Dinge sehen, die niemand sonst sieht, zum Beispiel Verschworungen gegen Thron und Altar und was dergleichen mehr ist. Also nur ein weniges Ubernaturliches, meine Herren, wahrend ich anwesend bin, und ich will zufrieden sein und weit mehr glauben."
Die Schnotterbaum lag entkraftet auf dem Bette, warf dem Beamten aus ihren matten Augen einen sonderbar lachelnden Blick zu und sagte: "Ich kenne Sie recht wohl." "Und ich Sie auch, Jungfer Schnotterbaum", versetzte der Beamte. "Ich habe mich hin und wieder mit Ihrem seligen Herrn Vater sehr angenehm unterhalten, obgleich seine Grundsatze nicht in allewege die meinigen sein durften. Wenn ich nicht irre, so beruht auch noch in unserem Archive "
Hier unterbrach ihn der Magische, welcher die Zeit kaum erwarten konnte, eine Probe seiner Gaben abzulegen, rief: "Jetzt wollen wir einmal dem Herrn den Glauben in die Hand geben!" tat das, was ich von ihm schon mehrere Male berichtet habe, sich mit Kraft zu salben, und begann das thaumaturgische Werk. Aber die Schnotterbaum blieb ruhig liegen, sagte mit ihrer naturlichen, nicht mit der damonischen Stimme hin und wieder: "Was fur Seitenstiche, die ich verspur', sie sind mein Letztes"; weiter aber nichts. Der Damon kam nicht. Der Schneider, auf dem der Beamte sein Auge still und hoflich ruhen liess, griff sich noch starker an, warf die grasslichsten Blikke, deren er machtig werden konnte, umher, und gebardete sich wie ein schaumbedeckter Schamane. Aber die Schnotterbaum blieb ruhig liegen und kein Damon erschien. Plotzlich schnappte der Magische in einer ungeheuren Formel, die er unvollendet liess, kurz ab, rief, den Beamten zornig anblickend: "Wenn ich immer beguckt werde, dann weichen die beiden Geister der Stark', welche mir helfen!" und rannte aus der Stube.
Der Beamte sprach jetzt noch hoflicher als zuvor: "O meine Herren, ich sehe wohl, dass Sie mich fur meine Zudringlichkeit bestrafen wollen. Durfte ich nichtsdestoweniger Sie Herr Doktor Eschenmichel wohl ersuchen, mir gefalligst den Damon vorzustellen, der hier so oft seine Aufwartung gemacht hat?" Eschenmichel zog die Achseln in die Hohe, ging gleichwohl zur Schnotterbaum und sprach mit dem Damon auf kabbalistisch und swedenborgisch. Aber die Schnotterbaum blieb ruhig liegen und der Damon kam nicht. Eschenmichel folgte darauf dem Schneider, indem er sagte, dass Geschafte ihn abriefen. "Ich bin untrostlich", sagte der Beamte, "dass ich diese Storungen in Ihren Geschaftsbetrieb bringe. Ware es nicht zu vermessen, so wurde ich mich gleichwohl ermussiget sehen, auch Sie Herr Doktor Kernbeisser zu bitten "
"Doch nicht, dass ich den Damon herbeischaffe?" rief Kernbeisser, der durch alle Verlegenheit hindurch ein Lacheln hatte blicken lassen. Sein Humor verliess ihn auch in dieser drangvollen Lage nicht. Er fuhr fort: "Der muss nunmehr in contumaciam zum Tode verurteilt werden. Aber", sprach er weinend (denn die Ubergange von Lachen zu Tranen waren bei ihm unglaublich rasch); "das liebe Englein wird kommen, der zarte Bub', er tut mir schon den Gefallen, er lasst seinen alten Kernbeisser nicht im Stich."
Er setzte sich zum Bette, nahm die Hand der Kranken in die seinige und sang mit sanfter Stimme:
Ich weiss, dass du vorhanden
Im ew'gen Lichte webest,
Weiss auch, dass du zu Banden
Des Ird'schen niederschwebest!
Ich musste ganz zerbrechen,
Zerbrache mir mein Schauen!
So hart konnt ihr nicht rachen
Ein glaubiges Vertrauen.
Es blieb aber alles still in der Schnotterbaum. Nach einer Pause sagte sie, namlich die irdische Person Schnotterbaum: "Gebt Euch keine Muhe, lieber Herr, auch er kommt heute nicht."
Kernbeisser stand auf und sah sehr verwirrt aus. "Vielleicht ein anderes Mal, Herr Doktor, wird es besser gelingen", sagte der Beamte in der mildesten, trostendsten Art. "Lassen Sie sich daruber keine grauen Haare wachsen. Aber Ihr Herr Kollege wird nach Ihnen verlangen." Kernbeisser ging.
"Sollten Sie vielleicht ein Mittel besitzen, Herr von Munchhausen?" fragte mich jener humane Offiziant. "Nein, mein Herr", erwiderte ich, "ich bin hier nur Lehrling und Handlanger." "Nun dann ..." Es war deutlich, er wollte mit der Schnotterbaum allein sein. Ich fugte mich seinem Winke.
Der Beamte blieb uber eine Stunde bei der Kranken. Ich kam, weil ich nicht annehmen konnte, dass er noch bei ihr sei, und weil ich mich nach ihrem Befinden erkundigen wollte, unversehens zu der Unterredung, von welcher ich noch die letzten Worte horte. Die Schnotterbaum fragte den Beamten:
"Ist es auch keine Sunde?" und er erwiderte: "Nein, gewiss nicht; Sie tun vielmehr ein gutes Werk damit."
"Herr von Munchhausen" (mit diesen Worten wandte er sich an mich) "Sie sind hier Zeuge einer merkwurdigen Tatsache auf dem Gebiete der hoheren Welt geworden." "Jawohl", versetzte ich, "es ist die Tatsache:
'In Gegenwart der Polizei erscheint weder Damon
noch Engel.'
Ich werde nicht ermangeln, dem Herrn Doktor Eschenmichel sie bemerkbar zu machen." Wirklich schrieb Eschenmichel, als ich davon zu ihm redete, sie in seinem Diario nieder. Er hatte schon wieder Mut gefasst.
XI.
Bekenntnisse einer Sterbenden
Kernbeisser war zerbrochen und vernichtet. Durr schlief. Ich war stark im Glauben und hoffte auf den nachstkunftigen Mittwoch.
Aber die Entscheidung sollte noch rascher heranrucken. Gegen zehn Uhr abends liess uns die Schnotterbaum rufen. Wir fanden sie vollig entkraftet und kaum noch fahig zu reden. Die Magd wurde herbeigeholt, unterstutzte sie mit ihren Armen, und so halb emporgerichtet, gab sie uns, oft unterbrochen von ihrer Schwache, folgendes zu vernehmen:
"Ihr Herren, es geht mit mir zu Ende. Die Geistersachen haben mich zu sehr mitgenommen. Vielleicht hatt' einige irdische Arznei meinen schwachen und gebrechlichen Leib langer hingehalten; indessen sei es fern' von mir, an den Pforten der Ewigkeit jemand anzuklagen.
Ich werd' den nachstkunftigen Mittwoch schwerlich erleben. Ob der Grobschmidt oder der Magister, mein seliger Herr Vater, in mir gesessen, ich weiss es nit, nehm' auch keinen Anteil mehr daran. Ich muss ohne sie oder einen von beiden vor Gott. Der Magister hat mir etwas anvertraut, woruber er auf einer seiner Wanderungen Licht erhalten, und welches derart ist, dass kein Mensch sich dergleichen denken kann. Es hat mich uberaus sehr gequalt, ist aber nicht uber meine Lippen gekommen. Ich hielt's auch meistenteils fur eine Schnurr', darin der Magister von jeher stark war. Weiss auch noch nit, ob etwas Wahres daran ist.
Nun aber horet und vernehmet, Ihr Herrn. Der Magister hat mir auch erzahlt, dass er diese verborgene Sache zu Papier gebracht, und das verschlossene Papier sein Testament benamset habe. Bisher wusste ich nun dessen Aufbewahrungsort nicht. Vor kurzen jedoch ist mir offenbart worden, dass es im hiesigen Polizeiarchive und zwar in dem Gefach S unter verschiedenen nicht mehr brauchbaren und staubigen Papieren hinterlegt worden sei, und dorten allerdings noch beruhe.
Nun aber Ihr Herren tut mit meiner Entdeckung und in betreff des bisher unbekannt gebliebenen Testamentes, was Euch gut dunkt. Mich lasst mit mir allein und schickt mir, wenn ich bitten darf, geistlichen Beistand."
Die Magd musste sie zurucklegen, und ihre Brust begann zu rocheln. Wir verliessen das Zimmer und sandten nach dem Geistlichen. Keiner von uns legte sich nieder. Gegen Mitternacht kam die Magd und sagte, dass sie verschieden sei. Kurz vor ihrem Ende habe sie geaussert: "Es steht kein Engel bei mir, aber ich bin dennoch getrost. Das Unheil ist ohne meinen Willen uber mich gekommen; es wird mir vergeben werden."
"Also wieder eine, die in die Stricke des Zerebralsystems zuruckfiel!" rief Eschenmichel. "Dieser Umstand, meine Herren, bleibt vorderhand unter uns."
Alle unsere Gedanken wendeten sich mit Macht gegen das Testament des Magisters Schnotterbaum. Nach kurzer Verfinsterung durch den dunkeln Korper der Polizei schien die Sonne der hoheren Welt nur um so sieghafter leuchten zu sollen. Denn Eschenmichel schrieb auf der Stelle an den Beamten, teilte ihm die Entdeckung mit, und bat ihn um die Erlaubnis fur die Etablissementsgenossen, an dem bezeichneten Orte nach dem Testamente suchen zu durfen. "An dem Rande des Grabes", so schloss der Brief, "in dem Augenblicke, wo der scheinbare Tag weicht und die heiligen Finsternisse ihre Lichter anzunden, trat die Welt der Geister wieder in ihre unzerstorlichen, urewigen Rechte ein. Aus ihr erscholl die Stimme, welche einen Moment lang zum Schweigen gebracht worden war, um den Glauben am Zweifel zu prufen. Hat sie Wahrheit gesprochen, so mussen alle Staubwirbel, welche die Geschaftigkeit des modernen Unglaubens aufwuhlt, sich zerstreuen und verschwinden."
"Eigentlich ist's nicht ganz richtig", sagte Kernbeisser, als er den Brief uberlesen hatte. "Denn der Magister hatte ihr bei Lebzeiten vom Testament gesagt, soweit ich die gute Schnotterbaum verstanden habe." "Schweig!" rief Eschenmichel, und siegelte den Brief.
Zwischen der Leiche im Hause und dem verhangnisschwangern Polizeiarchiv eingeklemmt verbrachten wir den Rest der Nacht in einer wild-unruhigen, verworrenen Stimmung. Wir wollten dieses sagen, und unsere Lippen sprachen jenes. Wir wollten jubelnde und triumphierende Reden uber den Sieg der Thaumaturgie halten, und ehe wir uns dessen versahen, schlugen sie in Klagelieder um. Wir wollten lachen und mussten heisse, schmerzhafte Tranen von den Wangen wischen. Ein Geist, vielleicht machtiger, als alle bisherigen Poltergeister in und um Weinsberg ging durch das Etablissement.
Fruhmorgens sandte Eschenmichel seinen Brief an den Beamten. Sehr bald kam eine Antwort von diesem, worin er auf die allerverbindlichste Weise seine Freude uber die hergestelte Tatigkeit der Wunder ausdruckte und meldete, dass er, um allen Unterschleif zu vermeiden, sofort das Polizeiarchiv habe unter Siegel legen lassen. Er bestimmte die Stunde der Nachsuchung und schloss damit, dass er, um dem ganzen Einhergange die grosstmogliche Offenkundigkeit und feierlichste Wurde zu geben, mehrere Honoratioren des Stadtchens und einige Fremde von Auszeichnung dazu einladen lassen werde.
Eschenmichel muhte seinen Geist in Vermutungen ab, was das mystische Testament enthalten werde. "Vielleicht die Entdeckung, wo er die Kleider des erschlagenen Knechts gelassen", sagte er unter anderem. "Du vergissest", erwiderte Kernbeisser, "dass es ja nicht der Grobschmidt, sondern der Magister geschrieben hat." "Mir ist hoch zumut!" rief Eschenmichel. "Mir angst", sagte Kernbeisser.
Durr schlief noch immer. Ich packte im stillen meinen Koffer. Warum? weiss ich nicht. Mir war, als musse ich packen. Gewiss auch noch ein damonischer Einfluss zu guter Letzt.
XII.
Das Testament des Magisters Schnotterbaum
Als die Stunde gekommen war, gingen wir nach dem Rathause. Vor demselben hatte sich eine grosse Menge Volks versammelt, welches sich ehrerbietigst verneigte und uns Platz machte, als wir uns naherten. Auf dem Vorsaale erwartete uns der Beamte, welcher zur Feier des Tages sich in seine Staatsuniform geworfen hatte, mit mehreren Honoratioren, unter denen ich den Spezereihandler bemerkte. Von ausgezeichneten Fremden sah ich freilich niemand als den Ehinger Spitzenkramer. Es mochten wohl an funfzig Menschen aller Art oben versammelt sein, in deren Gesichtern Neugier, Befremden, Spannung sich auf die mannigfaltigste Weise kundgaben. So weit wie heute hatte sich die Thaumaturgie noch nicht in die Kreise des profanen Lebens gewagt; schon das musste alle Erwartungen entfesseln, dazu aber kam noch der Tod der Jungfer Schnotterbaum. Dieser setzte selbst die Leidenschaften in Bewegung.
Der Beamte empfing die beiden Geschaftstrager der hoheren Welt mit einer Artigkeit, die fast an Demut grenzte, und sagte zu einem seiner Dienenden leise: "Achten Sie auf Durr." "Irgendeine Auszeichnung, wahrscheinlich das Ehrenburgerrecht der Stadt, wird wohl die Folge der Sache sein", dachte ich. "Vielleicht bekommst du auch etwas ab."
Uber dem Schluselloche der Archivstube lagen Papierstreifen mit Siegeln, diese wurden fur unverletzt erkannt und sodann hinweggenommen. Der Beamte liess die Stube offnen; wir nahmen den staubigen Schranken und Repositorien gegenuber Platz. Fur Kernbeisser und Eschenmichel waren auf einer Erhohung in der Mitte des Gemachs zwei eilig herbeigeschaffte Ehrensessel hingestellt worden. So sassen sie denn, allen Blicken sichtbar, uber uns andere erhoht, da.
Indem ich mich zufallig wahrend dieser vorbereitenden Handlungen umwandte, sah ich jemand in unserem Rucken durch die offene Ture herein und hinter eine spanische Wand schlupfen, welche zunachst der Ture stand. Da ich etwas neugierig bin, benutzte ich einen Augenblick, in welchem ich mich fur unbeachtet halten durfte, um mich auch hinter der spanischen Wand umzusehen. Zu meinem allergrossten Erstaunen aber fand ich hinter derselben einen Bekannten, den ich auf der Stelle mir erinnerlich zu machen wusste, namlich den Gehulfen aus dem Wurzburger Juliusspital, mit dem ich mich uber die "Seherin von Prevorst" und die beiden entlaufenen alten Weiber unterhalten hatte. Ich wollte meiner Verwunderung durch einen Ausruf Luft machen, der Gehulfe hielt mir aber den Mund zu und sagte: "Erregen Sie kein Aufsehen, die vorseiende heilige Handlung darf nicht gestort werden, ein Zufall fuhrt mich auf dieser meiner Reise durch Weinsperg, und es war wohl naturlich, dass ich ein Zeuge des merkwurdigen Ereignisses zu werden wunschte, von welchem ich, sobald ich im Wirtshause abgetreten war, zu horen bekam. Was den Umstand betrifft, dass ich hier hinter der spanischen Wand zuzusehen, oder vielmehr zuzuhoren wunsche, so ist dieses letztere eine Liebhaberei von mir, die sonder Zweifel zu den vollig unschuldigen gehort."
Ich weiss nicht, welcher abermalige geheime Einfluss mich trieb, nach dieser Entdeckung turwarts zu schleichen, um in das Freie zu entgleiten. Der Mensch ist dunkeln, unerklarlichen Anstossen so haufig unterworfen. Aber zwei Tursteher wiesen mich zuruck und sagten: "Niemand darf das Gemach verlassen, bis die Handlung vorbei ist." "Ei! Ei!" dachte ich, "werden die Geistersachen nun mit solcher polizeilichen Strenge behandelt?"
Der Beamte hatte inzwischen der Versammlung ihren Anlass in einer bundigen Rede auseinandergesetzt, und forderte eben, als ich zu dem erhohten Sitze der beiden Doktoren der Geisterwelt zuruckkehrte, diese auf, das Fach zu bezeichnen, worin das Testament des seligen Magisters Schnotterbaum nach dessen Angabe liegen solle. Eschenmichel gab mit herzhafter Stimme das Fach an. "Nun merket wohl auf, meine Mitburger", sprach der Beamte. "Liegt das Testament des verstorbenen Magisters, so wie behauptet wird, in dem Fache S unter verschiedenen nicht mehr brauchbaren und staubigen Papieren, so habt ihr ein Wunder, mit Handen zu greifen. Denn selbst seine Tochter, die tugendsame, durch die beiden Herren so zweckmassig behandelte und nun in der Ewigkeit versierende Jungfer Anna Katharina Schnotterbaum wusste von dem Aufbewahrungsorte nichts, weil ihr seliger Vater ihr denselben keinesweges entdeckt hatte. Er war vielmehr nur zweien Menschen auf Erden bekannt, dem Testator und mir, dem der alte Schaker einstmals in einer Weinlaune das versiegelte Papier eingehandiget hatte, ohne gleichwohl dessen Inhalt mir zu offenbaren. Es sind also nur zwei Falle moglich. Entweder muss ich mit den beiden Herren unter der Decke gespielt, und ihnen den Ort verraten haben, oder er ist durch den Geist des Magisters aus jener Welt heraus kundgetan. Der dritte Fall lasst sich nicht gedenken "
"Wenn ich reden durfte " sagte ich, von neuem durch geheimen Anstoss hingerissen.
"Nein, Herr von Munchhausen", sprach der Beamte mit Ansehen, "Sie durfen hier nicht reden. Sie sind ein Auslander und haben bei uns keine Stimme." Er warf einen so bezeichnenden Blick auf sein Dienstpersonal, dass der innere Impuls, weiter zu sprechen, plotzlich in mir verschwand. "Wissen Sie einen dritten Fall, meine Herrn?" fragte er Kernbeisser und Eschenmichel. "Ich bin uberzeugt, dass es Ihnen nur um Wahrheit zu tun ist."
"Nein", versetzte Eschenmichel mutig. "Nein", erwiderte Kernbeisser schuchtern.
"Wisst ihr einen dritten Fall, versammelte Schwaben?" rief der Beamte in das Publikum hinein. "Nein!" war die einstimmige Antwort der Menge. "Glaubt ihr, dass ich den beiden Herrn Doktoren die Sache gesteckt habe, dass die Polizei ein falsches Wunder hier verfertigen hilft?" Abermaliges sturmisches Nein.
"So ware also der Tatbestand mit volliger Gewissheit hergestellt, und nur der Geist des Magisters kann den beiden erleuchteten Mannern die Notiz haben zufliessen lassen", sagte der Beamte. "Wir werden aber unter solchen Umstanden, und da noch im Jenseits, in dem Lande, wo alle Tauschung schwindet, von dem Testamente Rede gewesen ist, seinem Inhalte die allerernsteste Beachtung zu widmen haben. Gewiss erlebt die Thaumaturgie heute einen hohen Triumph. Wie beklage ich, dass ich fur ihre wurdigsten Priester die Ehrensessel bei dieser erhabenen Feier nur auf dasjenige Gerust stellen lassen konnte, von welchem herab wir leider mitunter auf dem Markte andere Personen dem Volke zeigen mussen. Der Herr Doktor Eschenmichel brachte uns aber die Damonophanie zu rasch uber das Haupt, und so mussten wir in der Hast zu jener allerdings standeswidrigen Vorrichtung greifen, weil keine andere im Augenblick zu ermitteln war."
Er gab einem Schreiber den Befehl, im Fache S nachzusuchen. Aller Herzen pochten vor Unruhe. Der Schreiber ging, suchte, warf erst einige gebraunte Hefte aus dem Fache, dass eine Wolke Staubes aufstieg, zog dann ein vergilbtes Kuvert hervor, und las mit vernehmlicher Stimme dessen Aufschrift ab, welche also lautete: "Hierin ist enthalten der letzte Wille Jodoci Zebedai Schnotterbaums, lebzeitig Magisters der Freien Kunste, aus Hall in Schwaben burtig.
Dem ernannten Exekutor, dem Zufall, wird die Publikation ubertragen."
Ein allgemeines: "Ah!" der befriedigten Erwartung wurde horbar. Eschenmichel sass wie ein Triumphator auf seiner Buhne, Kernbeisser wurde immer bleicher, je deutlicher sich der Sieg auf die Seite des Wunders neigte.
Ein grosser schwarzer Rabe kam in diesen Augenblicke in das Archiv gehupft und auf den Tisch, an welchem der Beamte sass. Er setzte sich zutraulich vor ihn hin und blickte wie ein Eingeweihter nach den Thaumaturgen. "Sieh! Sieh! mein alter Claus, du Unglucksvogel, was willst du hier?" sagte der Beamte und streichelte den Rucken des zahmen Tieres, welches seinem Herrn uberallhin folgte. Die Siegel des Testaments wurden gleichfalls als unverletzt anerkannt, der Schreiber brach sie auf Befehl und hob, deutlich, dass niemandem ein Laut entging, folgendermassen zu lesen an:
Zwischenbetrachtung des Erzahlers
O Menschenschicksal! Menschenschicksal! An welchen jahen Abgrunden taumelst du wie ein Nachtwandler hin! Durch das goldene Tor von Byzanz traumst du, zu schreiten, dem Pfauenthrone des Moguls in Delhi wahnst du, dich zu nahern, da tont der weckende Ruf, und du liegst zerschmettert unten, herabgesturzt von der Firste des Dachs, uber welche du bewusstlos klettertest! Wie hatte Kernbeissers Blasse recht, wie hatte der schwarze Rabe recht, wie hatte ich recht, als ich von der Moglichkeit eines dritten Falls reden wollte!
Das Testament des Magisters Schnotterbaum enthielt folgende Bestimmungen und Aufschlusse.
"Da der Tod eine gewisse, Zeit und Stunde desselben aber eine ungewisse Sache ist, so habe ich mich entschlossen, bei allbereits merklicher Abnahme meiner Krafte, jedoch vollig gesundem Verstande meinen letzten Willen aufzurichten. Ich habe immer zu den Leuten gehort, welche auf Erden ihren Willen nicht haben sollten, aber meinen letzten will ich haben und durchsetzen.
Blutarm bin ich in die Welt gekommen, blutarm bin ich auf derselben gewallt und blutarm werde ich sie aller Wahrscheinlichkeit nach verlassen. Aber ein Testament darf auch der Armste machen, und daran kann ihn kein Tyrann verhindern. Ich hoffe nicht missverstanden zu werden, wenn ich daran erinnere, dass des Menschen Sohn, welcher nicht hatte, da er sein Haupt hinlegen sollte, ein Testament errichtete, aus welchem die Geschlechter zweier Jahrtausende Erbgenahmen worden sind. Diesen Menschensohn, genannt Jesus der Christ, habe ich zeitlebens liebgehabt, aber ganz in der Stille; nicht wie Regan und Goneril ihren Vater liebten, sondern gleichsam a la Cordelia, oder da ich generis masculini bin, a la Cordelius. Ich wurde deshalb fur einen bosen Christen und Atheisten gehalten, welches ich mir wohl gefallen lassen konnte, da ich die Liebe der Regans, Gonerils, der Edmunde und Cornwalls an ihren Fruchten erkannte.
Ich besitze an zeitlichen Gutern drei Stucke, namlich meinen sterblichen Leichnam, eine naturliche Tochter und einen alten von mir durchaus zerlesenen Juvenal, Gottinger Ausgabe von Vandenhoeck vom Jahre 1742. Uber meinen Leichnam eroffne ich die Sukzession der Aszendenten, vermache ihn namlich der Mutter Erde, und mag er zusehen, wie er darin zu seiner Auferstehung kommen will; vorderhand wunsche ich, zu schlummern. Meine naturliche Tochter vermache ich ihrer Nahterei, welche ich sie habe mit allen Feinheiten dieser Kunst erlernen lassen. Um meinen Juvenal sollen die Hauptstadte der Welt wurfeln, und welche die niedrigsten Augen wirft, ihn haben und behalten als immerwahrendes Fideikommiss.
An ewigen und unzeitlichen Gutern besitze ich eine grosse Wahrheit und deren Bestatigung durch ein eminentes Exempel, welches wieder mit einem unglaublichen Geheimnisse zusammenhangt. Diesen Zusammenhang von Wahrheit, Exempel und Geheimnis verlasse und vermache ich allen Leuten von gesunder Vernunft. Da die genaue Bezeichnung des Erben zu den Hauptstucken eines gultigen Testaments gehort, so merke ich hier an, dass unter den titulo honorifico Bedachten nicht gemeint sind: 1. die sogenannten grossen Kopfe 2. die edeln Charaktere 3. die bedeutenden Menschen 4. die gefuhlvollen Seelen 5. diejenigen, welche man
a. die Hochverdienten, oder
b. die Allverehrten und Allgeliebten nennt; sondern meine Erben sollen sein die Leute von gesunder Vernunft, eine leider neuerdings nur zu sehr herabgekommene und unscheinbar gewordene Sekte.
Denn die Vernunft, welche ich meine, bietet ihren Anhangern nur Armut und Nichtachtung, sie selber geht auch nicht in Sammet und Seide, sondern in einem schlichten weissen Gewande. Puffen, Bander und Schmelz fehlen ihrem Anzuge ganz, auf den Wangen brennt ihr nicht die bei den meisten beliebte hektische Rote, sondern die reine Farbe der Gesundheit steht auf denselben, die fur den verwohnten Geschmack zu derb und frisch ist; kurz, sie hat nichts, was reizen und verfuhren kann.
Die grosse Wahrheit, welche ich besitze, ist: dass es keine Tollheit, keinen noch so verruckten Sparren und keine Einfaltspinselei gibt, welche jemals wirklich sturbe unter den Menschen. Vielmehr ist das Abtun der allergreulichsten Irrtumer immer nur eine Scheintotung und sie leben zu gehoriger Zeit stets wieder auf, nicht etwa mit gewechselter Garderobe, o nein! in solche Unkosten setzt sich ihr Konig und Oberfeldherr nicht, sondern, wie sie waren, erstehen sie wieder und in der alten, elendigen, bettelhaften Gestalt. Wenn ein Reich durch die Dummen und Memmen gesturzt und durch die Klugen und Tapfern gerettet worden, so beginnt einige Tage nach der Rettungsstunde ganz sicherlich die Herrschaft der Dummen und Memmen wieder. Wenn es Millionen Male vorkam, dass die Sklaven ihre Herren beraubten und ermordeten und nur die Treue des Freien fromm-schutzend die Hand uber Gut und Haupt des Gebieters hielt, so stellt sich die alte Liebhaberei fur Sklaven jederzeit wieder ein, und wenn der menschliche Geist endlich auf den Punkt gediehen zu sein schien, die Geisterwelt im Geist zu erfassen, so ragt unversehens das verjahrte, jammerliche, krupplichte Zeichen-, Wunder- und Gespensterwesen, der muffigste mystische Trodel in die nur scheinbar befreit gewesene Welt herein.
Empfanget in der Erlauterung dieser letzten Worte, meine teuren Erben, die Bestatigung durch das eminente Exempel. Wir haben die Reformation gehabt und demnachst eine grosse Philosophie und Literatur. Wir glaubten, endlich dahin gekommen zu sein, Fetische, Amulette, Poltergeister und andern Polterkram fur abgeschafft erachten zu durfen. Endlich meinten wir, dahin wenigstens gekommen zu sein, das Empyreum sowohl als den Hades nur in der adaquaten Sphare des aufgeschlossenen menschlichen Bewusstseins wirkend zu erblicken und in dessen ausserem Leibe, in der Geschichte. Aber mitnichten. Im neunzehnten Jahrhundert ruhret sich plotzlich wieder das erstunkene, erlogene, sichtbar-unsichtbare Gelichter; die gespenstischen Weinschrotter, Kellerasseln und Grabwurmer kriechen aus ihren Lochern, der heilige Name Gottes und des Menschensohns wird in diesen ekelhaften Stank und Dampf hineingerufen, die Mysten und Epopten, den Narren oder den Schalk im Busen, verdrehen die Augen und entbloden sich nicht, Worte des ewigen Lebens ihren Faseleien an die zerruttete Stirn zu setzen. Der Bauch der Vetteln soll plotzlich mehr wissen, als das Haupt und das Herz der Weisen, und alles dieses Zeug, dieser Wasch und Klatsch, wofur man ebensowohl Pratorii 'Wunschelrute', Erasmi Francisci 'Hollischen Proteus' und den 'Vielformigen Hinzelmann' als Gewahrsleute anfuhren konnte, wird von einem nicht unzahlreichen Pobel aller Stande geglaubt und sanftselig weiter verbreitet.
'Ei', werdet ihr, meine Erben, sagen, 'was fur ein schlechtes Legat hinterlassest du uns? So stehen ja die Hexenprozesse vor der Ture.' Geduld, ihr Teuren! Es ist allerdings sehr moglich, dass unsere Enkel abermals Hexenprozesse erleben, indessen ganz nahe stehen sie doch noch nicht bevor, und zwar von wegen des unglaublichen Geheimnisses, welches mit dem eminenten Exempel verbunden ist. Ihr wisst, liebe Erbgenahmen, dass die Herren Doktoren Eschenmichel und Kernbeisser, welche hauptsachlich den Geistertrodel in schwunghaften Betrieb gebracht haben, von der Welt fur gelehrte und wurdige Manner gehalten werden, und fur Manner haltet auch ihr sie wahrscheinlich. Wenn es nun aber an den Tag kommt, was mir bekannt ist, dass dem nicht so sei, so kann es kaum fehlen, dass die damonischen Geschafte in einigen Verruf geraten, die Sache, bildlich zu reden, eine Posse wird, und unsere Nachkommen vielleicht doch in den nachsten dreissig Jahren noch vor der Ruckkehr der Hexenprozesse bewahrt bleiben.
Meine teuren Erben, die Herren Doktoren Kernbeisser und Eschenmichel sind nicht mannlichen Geschlechts.
Auf einer meiner Streifereien, die ich unternahm, um mir mein Bettelbrot zu verschaffen, kam ich durch eine Stadt, worin sich ein weltberuhmtes Spital fur Alte und Sieche befindet. Es ist eine geraume Reihe von Jahren her. Ich liess mir die Anstalt zeigen und durchwanderte die langen Reihen der alten Manner und Frauen, welche ihre letzten Tage da zubrachten. Wie es nun wohl zufallig kommen kann, dass sich unserem Geiste die Gestalt eines Baumes, Felsens, Hauses untilgbar einpragt, so wollte es der Zufall (denn es sei ferne von mir, diese Geschichte irgend romantisch aufzuschmucken), dass mir zwei alte Frauen, welche von den andern sich gesondert hielten und sehr eifrig miteinander verkehrten, besonders auffielen. Es war weiter gar nichts Merkwurdiges an den beiden Alten. Gewohnliche alte Weiber, wie es deren Tausende gibt, aber ihre Statur und Physiognomie machte dennoch einen unausloschlichen Eindruck auf mich, so dass mir gleich damals klar wurde, ich wurde sie wiedererkennen, wo und wann ich sie jemals sahe.
Nach einigen Jahren und mehreren Schicksalen gelangte ich in dieses unser Stadtlein, entschlossen, hier nunmehr fur Lebenszeit zu rasten. Ich horte sogleich von der Anlage und von dem Fortgange des Kernbeisserschen Etablissements und erbat mir naturlich unverweilt Zutritt zu dieser grossten Sehenswurdigkeit des Ortes. Allein wie wurde mir, geliebte Erben, als mir der Herr der Anlage mit seinem Freunde entgegentrat! Ich meinte, der Boden schwanke unter meinen Fussen und das Haus tanze mir vor den Augen, denn man mag auf alles gefasst sein, wenn man zu frommen Wundertatern geht (sie haben uns an vieles gewohnt); allein darauf ist man nicht gefasst, in zwei Mannern der hoheren Welt zwei alte Weiber wiederzuerkennen.
Ja, meine Erben, es ist ausgesprochen, das grosse Wort des Ratsels. Wenn die Natur nicht das nur von Komodienschreibern erfundene Spiel der Menachmen nachahmt, wenn sie, die unerschopflich erfindende Gottin jedem Exemplare, welches sie aus der Form wirft, einen Zug besonderer Ausstattung mitgibt, so habe ich mich nicht irren konnen, lebe vielmehr und will sterben in der Uberzeugung: Die Herren Doktoren Kernbeisser und Eschenmichel sind zwei alte Weiber, die ich vor langerer Zeit im Juliusspitale zu Wurzburg gesehen habe.
Wie und wann sie aus demselben entkommen, auf welche Weise ihnen der Gedanke an das unter ihren Handen erbluhte Etablissement geworden, das habe ich nicht erfahren konnen. Nur so viel lasst sich einsehen, dass sie, wenn sie ihre Rockenstubengeschichten fur Wahrheiten verkaufen wollten, genotigt waren, Mannskleider anzulegen, ihren Diskant zum Bass zu verstellen, und uberhaupt das zu scheinen, was sie nie waren.
Das Geheimnis ware sonach gegenwartig hier deponiert, und damit hatte das ganze Legat seine vollstandige Stiftung erhalten. Die frommen und sussen Seelen werden es ein lasterliches nennen; in meinem Sinne jedoch ist es recht eigentlich eins zu frommen Zwecken.
Den Zufall aber ernenne ich zum Testamentsvollstrecker, und soll es von ihm abhangen, ob und wann dieser letzte Wille eroffnet und die Erbfolge nach demselben angetreten wird. Ich halte sehr viel vom Zufall, seit ich gesehen, welche erbarmliche Fratze die Menschen aus der Vorsehung machen. Es bestimmt mich auch noch ein anderer Grund. Ich weiss, dass im Rachen des Lowen Erbarmen wohnen kann und aus den Krallen des Tigers Rettung gefunden werden mag, dass aber keine Gnade ist bei den Propheten. Bei meinem Leben kommt es daher nicht heraus. Aber, wie ich meiner Nachwelt die Wissenschaft nicht unterschlagen darf, so will ich doch auch die Kunde nicht beschleunigen. Der Zufall verwalte alles und gebe das Zeichen, wann es an der Zeit ist. Denn die Propheten werden auch meinen toten Staub nicht ungeruhrt lassen, wenn sie erfahren, dass ich ihr Geschlecht entdeckt habe. Von einem derselben weiss ich es wenigstens gewiss.
Die grossten Verfolgungen, geliebte Erben, sind von jeher uber diejenigen ergangen, welche im Lehrstuhl, auf der Kanzel, im Staatsrat und im Heerbefehl die alten Weiber ausfindig machten!
Ich bete dich an, Vernunft, Tochter Gottes, Schirmherrin der Manner, Atem der Seele! Ich bete dich an im Geist und in der Wahrheit. Du erschutterst mir Herz und Nieren; fuhre mich, bleibe bei mir bis an das Ende meiner Tage! Ein schlichtes, farbloses Gebet, ein Gebet in Knechtsgestalt! Ich will damit auszukommen suchen.
Vorstehendes ist mein letzter Wille ohne Ort und Datum, denn ich wunschte, dass er allerorten und zu jeder Zeit galte.
Jodocus Zebedaus Schnotterbaum
A.A.L.L.M.
Requiscat anima mea in pace!"
Nachschrift
(Mehrere Jahre spater)
Ich erlebte das Ende der Szene nicht. Als bei den bezuglichen Worten des Testaments zuerst ein atemloses Schweigen des Todes im Archive eintrat, dann aber Jubel, Hohn, Schreck, Unwille, Entsetzen, Spott, Schimpf, kurz jeglicher Affekt sich in Blick, Miene, Schrei Luft machte, und die Doktoren, wie von einem Kernschusse vernichtet, in die Sessel zurucksanken, benutzte ich diesen Moment und entwischte. Mit drei Sprungen war ich im Etablissement, empfahl dem Knechte mein gepacktes Kofferchen zur Nachsendung, die er auch redlich bewerkstelligt hat, und lief spornstreichs zum Tore hinaus, denn die Sache, das fuhlte ich wohl, war hier aus, rein aus. Auf der Strasse rannte ich an dem Magischen vorbei, den eine finstere Macht fortbewegte. Der gemeine Mann nennt sie den Schub. Er wusste aber noch von seinen Sinnen nichts und hat daher nachmals mit Recht behaupten konnen, er sei aufgehoben und von dannen gefuhrt worden in der Entzuckung.
Spater erfuhr ich den weiteren Verlauf der Dinge. Freilich gingen mir daruber zwei ganz verschiedene Berichte zu. Der eine lautete folgendermassen: Sobald namlich der Magister Schnotterbaum von jenseits zu Ende gesprochen, sei der Gehulfe hinter der spanischen Wand hervorgetreten und dem Testamente mit den Worten: "Ei Mutter Ursel und Beth', sieht man euch so unerwartet hier wieder?" ein gewichtiger Bestatiger geworden. Der Beamte habe hierauf mit seiner immerfort noch steigenden teuflischen Sanftmut und Hoflichkeit zu den Propheten gesagt, er fur seine Person halte das Schnotterbaumsche Testament fur einen sarkastischen Scherz des alten bosen Magisters und glaube, dass der fremde Herr Doktor, getauscht von einer fluchtigen Ahnlichkeit sich irre, indessen gebiete ihm freilich in der Sache allein seine Pflicht, da er zugemessene Befehle habe, das Ereignis in jeder Richtung festzustellen. Es liege auf der Hand, dass selbst in betreff der Wunder viel darauf ankomme, ob sie ein Mann, oder ob sie ein altes Weib erzahle, und da zufalligerweise gerade ein Sachverstandiger anwesend sei, so musse er zwar mit blutendem Herzen und die beiden Herren inniglich verehrend sie dennoch ersuchen, sich mit dem fremden Doktor behufs weiterer Veranlassung gefalligst hinter die spanische Wand zu begeben.
Der Beamte habe alles wutenden Widerstandes ungeachtet seinen Willen durchzusetzen gewusst und nach einer Viertelstunde sei von dem Gehulfen aus Wurzburg auf dessen Ehre und Gewissen das Gutachten abgestattet worden, dass der Magister Schnotterbaum mit keiner Luge belastet das Zeitliche gesegnet habe.
Nach dem zweiten Berichte war alles mit der Publikation des Testaments vorbei. Die aufgeregten Affekte gingen in ein schallendes Gelachter uber; der Gehulfe trat lachend hervor und konnte vor Lachen kein bestimmtes Wort uber die Anerkennung oder Nichtanerkennung der Helden dieses Tages aussprechen. Das Gelachter war so ansteckend, dass der alte drollige Kernbeisser endlich selbst mit einstimmte und rief: "'s ist der ausbundigste Schwank, der zu erdenken gewesen, beweist aber nichts gegen das Zwischenreich." Diese allgemeine Heiterkeit des Ausgangs soll um so anmutiger gewesen sein, als, wie versichert wird, der Beamte auch in diesen Momenten seinen wahren oder angelegten unzerstorlichen Ernst beibehalten hat. Von Untersuchung hinter der spanischen Wand keine Rede.
Indessen verfehlte das Testament des Magisters nicht, seine Wirkung nachhaltig zu aussern. Denn wohin ich seitdem kam, uberall hatte sich die Volksmeinung gebildet, dass der alte Schnotterbaum das Geschlecht der Koryphaen des Geisterglaubens wirklich entdeckt habe.
Dadurch aber hatte in der Tat, wie sich deutlich spuren liess, die hohere Welt, namlich die KernbeisserEschenmichelsche, einen Stoss erlitten. Die Erben des Magisters aber traten die Erbschaft nach seinem Testamente ohne Vorbehalt an.
Dritter Teil
Funftes Buch
Hochzeit und Liebesgeschick
Erstes Kapitel
Worin der Hofschulze dem einaugigen Spielmann auseinandersetzt, warum er keine seiner neun Jacken
einbussen wolle
An einem klaren Augustmorgen brannten im Oberhofe so viele Kochfeuer, als ob die Bevolkerung samtlicher Ortschaften in der Runde zum Mittagsmahle erwartet werde. Uber der Herdflamme, durch grosse Klotze und Scheiter zu ungewohnlicher Grosse entzundet, schwebte an dem eingezahnten eisernen Haken der machtigste Kessel, welchen die Wirtschaft bewahrte. Sechs oder sieben eiserne Topfe umstanden mit ihrem siedenden und brodelnden Inhalte diese Gluten. Auf dem Platze vor dem Hause nach dem Eichenkampe zu prasselten, wenn die Geschichte die Wahrheit sagt, neun Feuer, und ebenso viele, oder hochstens eines weniger auf dem Hofe in der Nahe der Linden. Uber allen diesen Kochstatten waren Bocke oder Roste errichtet, auf welchen Bratpfannen standen, oder an welchen Kessel von nicht geringer Grosse hingen, obschon keiner derselben sich mit dem Umfange dessen, der uber dem Herde seine Pflicht leistete, vergleichen durfte. Die Gluten verbreiteten in dem Hause und um dasselbe eine starke Hitze, rote Funken spruhten allenthalben empor und flogen auch wohl unter das Strohdach, erloschen aber unschadlich inmitten des gefahrlich Brennbaren, gleichsam, als wollte das Element dem arglosen Zutrauen, welches die Hofesbewohner in seine Treue setzten, dankbar entsprechen.
Die Magde des Oberhofes gingen mit Schaumloffeln oder Gabeln zwischen den Kochstatten geschaftig hin und her. Es durfte, sollte die Speise den Gasten munden, nicht gefeiert werden mit Abschaumen und Umwenden, denn in dem grossen Kessel uber dem Herde gaben acht Huhner die Kraft zur Suppe her, und in den ubrigen dreiundzwanzig oder vierundzwanzig Topfen, Kesseln oder Pfannen sotten oder brieten sechs Schinken, drei Truthahne, funf Schweinsbraten, nebst der entsprechenden Anzahl von Huhnern.
Diesem Geflugel war namlich das bevorstehende Fest am verhangnisvollsten geworden. Der Hahn, welcher die gelichteten Reihen seiner Teuren uber die Nahrplatze des Hofes fuhrte, sah sich unterweilen wehmutig um, oder blickte zornig nach den Feuern, die sein Liebstes fur fremde Freuden zurichteten, und in einer entfernten Ecke des Hofes bewegte der Morgenwind einen grossen Haufen brauner, gelber und weisser Federn, hin und wieder eine derselben bis in die Nahe der Feuer wirbelnd.
Wahrend die Magde in den Bratpfannen nachgossen, die Schinken anstachen, unter den Truthahnen die Glut erfrischten, von den Huhnern und der Suppe den Schaum hinwegnahmen, waren auch die Knechte fleissig an ihrem Werke. Der schwarzaugige Verwegene richtete im Baumgarten mit Bocken, Blocken und Brettern eine gewaltige lange Tafel zwischen den Blumenbeeten und unter den Fruchtstammen zu, nachdem ihm ein ahnliches Gerust bereits im Flure gelungen war. Der dicke Langsame bekleidete die Pforten des Hauses, die Wande des Flures und die Turen der beiden Zimmer, in denen wir den Diakonus und seinen Kuster einstmals haben speisen sehen, mit grunen Birkenstammen. Er seufzte nachdrucklich uber diese grune und lustige Arbeit, auch fiel ihm, wie es schien, die Glut beschwerlich. Dennoch war ihm ein nachgiebigeres Geschaft zugefallen, als seinem Mitknechte, dem zornigen Rothaarigen. Denn er hatte doch nur mit schmiegsamen Maien zu tun, jenem aber lag ob, das Vieh festlich zu zieren. Den Kuhen namlich und Rindern, welche an der einen Seite des Flurs hinter ihren Krippen standen, vergoldete der Rothaarige mit Schaumgold die Horner, oder band ihnen bunte Schleifen und Quasten um dieselben. In der Tat war dieses eine verdriessliche Arbeit besonders fur einen jahzornigen Menschen. Denn manche Kuh und dieses und jenes Rind wollte schlechterdings nichts von dem Feste wissen, schuttelte mit dem Kopfe oder schwang die Horner seitwarts, sooft ihm der Rothaarige mit dem Leimpinsel und den Schaumgoldblattern nahte. Er bezwang lange seine Natur und gab nur zuweilen ein dumpfes Murren von sich, wenn ihm ein Horn den Pinsel oder die Blatter aus der Hand schlug. Laute, welche die allgemeine Stille, womit alle Beschaftigte ihre Arbeit verrichteten, kaum unterbrachen.
Als aber die Zierde des Stalles, eine grosse Weissgefleckte, mit welcher er sich wohl schon eine Viertelstunde lang umsonst abgemuht hatte, endlich sogar heimtuckisch ward und ihm einen gefahrlichen Stoss versetzen wollte, da riss dem Rothaarigen die Geduld. Er sprang zur Seite, ergriff jenen Zaunpfahl, mit dem er einst den Pitter vom Bandkotten verschont hatte, und der sich zufallig in der Nahe befand, und gab dem widerspenstigen Tiere mit dem dicksten Ende des Pfahls einen so gewaltigen Schlag in die Weichen, dass die Kuh aufstohnte. Ihre Seiten begannen zu fliegen und ihre Nustern zu schnauben.
Der Langsame liess die Maie, welche er in der Hand hielt, sinken, die erste Magd sah vom Kessel auf, und beide riefen wie aus einem Munde: "Gott behut' uns! Was tust du?"
"Wenn so ein Aas keine Rason annehmen will, und will sich nicht mit Manier vergolden lassen, so soll ihm das Donnerwetter die Knochen zerschmeissen!" rief der Rothaarige. Er riss der Kuh das Haupt herum und schmuckte sie nun schoner als alle ihre Gefahrtinnen. Denn das Tier, in seinen Schmerzen sanftmutiger geworden, stand jetzt ganz still und liess mit sich vornehmen, was der rauhe Kunstler wollte.
"Das kann Euch eine teure Hochzeit werden", sagte die erste Magd. "Denn die Blasse ist melk, und wenn sie verkalbt, so seid Ihr vom Hof."
"Und wenn Ihr noch ein einziges Mal Euren Rachen aufreisst, so kriegt Ihr auch den Zaunpfahl an den Hirnkasten!" rief der Zornige. "Denn der Baas hat mir lange keinen Spruch mitgeteilt und jach sein zum Hader tut auch mitunter gut, und an so einem Ehrentage muss man keinen Menschen kujonieren." Er gab der geschmuckten Blasse einen Schlag auf die Huften und sagte: "Nun stehe gerade und halte die Horner steif, damit du nach etwas aussiehst, wenn die Herrschaften hier speisen."
Wahrend auf diese nachdruckliche Weise unten die Hochzeitsanstalten betrieben wurden, legte der Hofschulze oben in der Kammer, worin er das Schwert Karls des Grossen verwahrte, seinen Staat an. Das hauptsachlichste Stuck des Feierputzes, welches die Bauern der dortigen Gegend tragen, ist die Menge der Jacken, welche sie unter dem Rocke anziehen. Je reicher der Bauer ist, um so mehrere Jacken zieht er bei ausserordentlichen Gelegenheiten an. Der Hofschulze besass deren neun, und alle waren von ihm bestimmt, sich am heutigen Tage auf seinem Leibe zu versammeln. Er hatte sie hinter einem Saatlaken, welches wie ein Vorhang den einen Teil der Kammer von dem andern schied, der Reihe nach an Pflocken nebeneinander aufgehangt, erst die unteren von wollenem geblumtem Damast, silbergrauem oder rotem, dann die oberen von braunem, gelbem, grunem Tuche. Diese waren mit schweren silbernen Knopfen geziert. Hinter dem Saatlaken besorgte der Hofschulze seinen Anzug.
Er hatte sein weisses Haar sauber gekammt, und das gelbe, frischgewaschene Antlitz leuchtete darunter hervor wie ein Rubsenfeld, uber welchem im Mai Schnee gefallen ist. Der Ausdruck naturlicher Wurde, welcher diesen Zugen eigen war, hatte sich heute noch um ein grosses vermehrt; er war Brautvater und fuhlte das. Seine Bewegungen waren noch langsamer und gemessener als damals, wo er mit dem Rosskamm feilschte. Sorgfaltig prufend beschaute er jede Jacke, bevor er sie von ihrem Pflocke nahm, und legte sie darauf bedachtsam eine nach der andern an, ohne sich bei dem Zuknopfen irgend zu ubereilen.
Eben war er mit den damastenen fertig geworden und wollte zu denen von Tuch ubergehen, als draussen vor der Ture der Kammer ein Leierkasten erklang, und folgendes Lied aus einer von Trunk und Heiserkeit verwusteten Kehle zu tonen begann:
Fordre niemand mein Schicksal zu horen,
Dem das Leben noch wonnevoll winkt;
Ja wohl konnte ich Geister beschworen
Weiter liess der Hofschulze den Schwanengesang Kosciuszkos nicht kommen, sondern rasch hinter dem Saatlaken hervortretend, ging er zur Ture und rief argerlich hinaus: "Was soll das? Was soll das Geplarr im stillen Hochzeitshaus?"
"Ich wollt' mich nur anmelden", erwiderte die heisere Stimme, indem die Pfeife des Leierkastens, welche bei dem letzten Worte des Liedes in Tatigkeit gewesen war, auspfiff. Herein trat, oder vielmehr drangte sich eine missgewachsene, kahlkopfige Gestalt, in eine kurze, grobe Jacke und zerrissene Hosen gekleidet, mit Holzschuhen an den Fussen. Es war der einaugige Spielmann, der bei den Bauern in der Gegend der Patriotenkaspar hiess, weil er in den Unruhen von 1787 als funfzehnjahriger Knabe zu den hollandischen Patrioten gelaufen war. Er wusste viel von Schoonhoven, Gorkum und Nieuwpoort zu erzahlen; jener Feldzug war die grosse Zeit seines Lebens gewesen. Ubrigens galt er fur einen schlechten Menschen, dem man nicht gern begegnete, schutzte sich vor dem Hungertode durch den Pfennigerwerb seines Leierkastens, und lag oft wochenlang unter freiem Himmel, oder in einsamen Schoppen und Stallen, denn ein eigenes Obdach besass er nicht, obgleich er in seiner Jugend ein artiges Erb angetreten hatte, welches ihm aber in sonderbarer Weise verlorengegangen war. Neben seinem Singen schoner neuer Lieder, "gedruckt in diesem Jahr", trieb er auch einen kleinen Handel mit Schriften, wie: "Des Herzogs von Luxemburg Verbundnis mit dem Satan" oder "Die schone Caroline als Husarenoberst", welche auf dem Leierkasten zur Anreizung der Wissbegierigen ausgebreitet lagen, wenn er sang und spielte.
Der Hofschulze war, verdriesslich uber die Unverschamtheit des Patriotenkaspars, zuruckgetreten, stemmte die Arme in die Seiten und rief: "Wer ruft Euch? Schert Euch vom Hofe! Hier wird Euch nichts gereicht."
"Nein", versetzte der einaugige Spielmann, indem er das unversehrt gebliebene Auge tuckisch unter den dunnen Brauen zusammenkniff, "hier wird mir nichts gereicht, das weiss ich wohl, Hofschulze. Ihr lasst mich durch den Hund vom Hofe herunterhetzen, wenn ich hier anstimmen will: 'Auf! Auf, ihr Bruder, und seid stark!' oder das Mantellied, oder: 'Das Kanapee ist mein Vergnugen'. Ja, so tut Ihr, und wenn es nach Euch ginge, ware ich langst vor Hunger zusammengeschnurrt, wie eine Backpflaume. Dieses verrichtet Ihr an mir, obgleich Ihr wohl wisst, dass Ihr derjenige seid, welcher einstmals mir Haus und Hof abfeimte und mich zu diesem Leierkasten darniedergebracht hat."
Der Hofschulze warf einen Blick auf den eisenbeschlagenen Koffer, worin sein Richtschwert lag, dann trat er dem einaugigen Spielmann einen Schritt naher, sah ihn lange gross und gelassen an, und fragte ihn darauf: "Wer ist schuld, dass der Oberhof nach meinem Tode in die fremde Freundschaft ubergeht und nicht bei meinem Samen bleibt?"
"Ich", antwortete der Spielmann, und drehte am Leierkasten, dass dieser einige Misstone von sich gab. "Ich habe Euch dazumal Euren Jungen und Erben totgeschlagen. Ihr wisst aber wohl, was der Junge wider mich ersonnen hatte, und wie ich um mein linkes Auge gekommen bin. Und deshalb hattet Ihr nicht so mit mir verfahren durfen, wie Ihr verfahren seid, denn man darf den Menschen wohl abtun, aber ihn nicht elend machen."
"Seid Ihr anders als gehorig geheischen und geladen worden?" fragte der Hofschulze kalt. "Habe ich Euch nicht nach richtigem Freistuhlsrecht und Konigsbann vermaledeiet und Euch gewiesen echtlos, rechtlos, friedelos, ehrlos, sicherlos, misstatig? He?"
"Nein", versetzte der Spielmann und lachte hohnisch. "Mein Fleisch und Blut und Gebein ist, wie es sich gebuhret, gewiesen und zugeteilt den Krahen und Raben und den Vogeln und andern Tieren in der Luft, meine Seele aber dem lieben Herrgott, wenn sie derselbe zu sich nehmen will."
"Amen", sprach der Hofschulze. "Warum ruhrt Ihr diese Dinge auf?"
"Es sind alte Geschichten, sie mogen schlafen", sagte der Spielmann, ingrimmig eine seiner fliegenden Schriften zerreissend, welche auf dem Deckel des Leierkastens lag und das hollische Verbundnis des Herzogs von Luxemburg enthielt. "Ich komme wegen Hungers zu Euch. Mich hungert. Ich hab' seit drei Tagen nichts gefressen. Die Leute wollen mir nichts mehr geben, weil sie der Lieder uberdrussig sind. Hochzeitshaus ist offen Haus. Deshalb habe ich das Recht auf die Befugnis, auf den Oberhof zu kommen. Ich wollte Euch gebeten haben, dass Ihr mich zum Spassmacher fur heute nachmittag annehmet und mir dafur, wie Recht, Speise und Trank reichen lasset."
Der Hofschulze besah den unglucklichen Spassmacher von oben bis unten und sagte dann langsam: "Ihr habt nicht die Statur und Manier, dass die Leute uber Euch lachen konnen. Auch ist Steinhausen bereits genommen worden und mit zwei Spassmachern gibt es Zank."
"Steinhausen", rief der Spielmann zornig, "weiss nicht halb die Spasse, wie ich! Ich habe die besten und neuesten, von denen sich Steinhausen nichts traumen lasst."
"Dennoch bleibt es bei Steinhausen", erwiderte der Hofschulze, ohne die Miene zu verziehen, denn er hatte im Laufe des Gesprachs seine gewohnliche Ruhe bald wiedergewonnen. Er fugte aber dem abweisenden Bescheide hinzu, dass der andere sich fern von den Gasten in den Eichenkamp setzen durfe und dort der Stillung seines Hungers gewartig sein konne.
Aber in diesem sonderbaren Volke lebt selbst bei den Geachteten und Ausgestossenen ein gewisser Stolz fort. Der Spielmann warf auf das letzte Anerbieten seines rauhen Feindes trotzig den Nacken empor und rief: "Umsonst habe ich noch nie Brot gegessen, und wenn Ihr mir nicht vergonnen wollt, fur Euch zu arbeiten, so will ich fortfahren zu hungern."
Er wandte sich und ging der Ture zu. Der Hofschulze wartete seine vollige Entfernung nicht ab, um hinter das Saatlaken zuruckzutreten. Der Spielmann blieb aber in der Ture stehen, und als er sah, dass sein Widersacher ihn nicht bemerken konnte, setzte er leise seinen Leierkasten ab, schlich auf den Zehen unhorbar wieder in die Kammer, blickte sich spahend um, flusterte: "Hier muss es irgendwo herum stecken! Wo steckt es?"
Der Koffer erregte seine Aufmerksamkeit, er schlug sacht den Deckel zuruck und hatte beinahe seine Freude durch einen Schrei verraten, als er das rostige Gewaffen darin liegen sah. "Nun ist es gut, nun will ich dir schon einen Tort antun, den du zeitlebens nicht verwinden sollst", murmelte er. Ohne Gerausch zu machen, klappte er den Deckel zu, bewegte sich leise nach der Ture, zog den Schlussel von derselben, warf den Leierkasten an dem Tragriemen uber die Schulter, trat jetzt, als kehre er noch einmal zuruck, hart auf und rief mit lauter Stimme: "Hofschulze, noch ein Wort!"
Der Hofschulze, der gerade mit seinem Hochzeitsputze fertig geworden war, schritt in diesem Augenblicke hinter dem Saatlaken hervor. Sein Ansehen war hochst stattlich. Ein lichtblauer offenhangender Tuchrock mit weiten, geraumigen Armeln gab der grossen, markigen Gestalt Umfang und Fulle, darunter sassen die neun Jacken, die er nur so weit zugeknopft hatte, dass alle, eine unter der andern, sichtbar blieben. Auf das Haupt hatte er sich den dreieckichten Hut mit breitem Rande, an der Seite in die Hohe gekrempt, gedruckt, an den Fussen trug er leinene Kamaschen, glanzend von Weisse, und ein grosser Stock bewehrte die braune, runzlichte Faust. Erstaunt uber die vermeintliche Wiederkehr des Spielmanns blieb er einige Augenblicke schweigend stehen, der Spielmann schwieg ebenfalls, weil er sich an dem Anblicke seines Feindes, dem er einen todlichen Verdruss bereiten zu konnen sich bewusst war, wie an dem eines aufgeschmuckten Opfers, im stillen weiden mochte. So standen einander der Reiche und der Bettler des Standes schweigend gegenuber; der Reiche voll Verachtung, der Bettler mit dem Gefuhle, dass auch ihm eine Macht uber den Reichen geworden sei.
Endlich fragte der Hofschulze: "Was wollt Ihr noch?"
"Hofschulze", versetzte der Spielmann mit erheuchelter Demut, "Hunger tut doch gar zu weh und Standhaftigkeit halt nicht vor gegen knurrende Eingeweide. Ich wollte Euch nur noch sagen, dass ich im Eichenkampe heute nachmittag sitzen und auf die Brokken warten werde, die von Eurem Tische fallen."
"Ich dacht's wohl", sagte der Gluckliche stolz. "Hochzeit macht alle satt, ist ein Sprichwort, es soll bei Euch auch zutreffen." Er wollte gehen. Der Spielmann vertrat ihm den Weg. "Erlaubt", sagte er, "dass ich Euch noch einen Augenblick betrachte. Ihr seid trefflich gekleidet. Der Rock kostet seine Mandel Taler. Aber eine Sitte will mir nicht gefallen, die mit den neun Jacken. Wenn man herumgekommen ist in der Welt, wenn man dabei war,wie die alte Orange dazumal in Schoonhoven vermolestiert wurde6, und bei der Ubergabe von Gorkum und hernach auch noch allerhand Dieses und Jenes in der Fremde gesehen hat, so lobt man nicht jegliches, was die Leute daheim tun. Neun Jacken, eine unter der andern darin konnt Ihr Euch ja gar nicht ruhren, und werdet mussen, besonders beim Essen, eine Hitze ausstehen, nicht zu ertragen."
"Fur Plasier wird dergleichen uberhaupt nicht angezogen", antwortete der Hofschulze feierlich. "Sondern weil ich neun Jacken bezahlen kann, so trage ich neun Jacken, und weil es so hergebracht ist seit hundert und mehreren Jahren, und die gute Sitte es erfordert, und mein Vater und mein Grossvater immer neun Jacken trugen auf allen Hochzeiten und Kindelbieren. Wie viele sollte ich denn nach Eurem Rate anziehen, Kaspar?"
Der Patriotenkaspar dachte nach und sagte dann: "Etwa sechs."
"Gut. Also die siebente, achte und neunte lege ich ab, wenn ich Eurer Meinung folge. Nun kommt aber einer, dem die sechste Jacke nicht gefallt, und ein anderer, dem die funfte missbehagt, und wieder einer, dem die vierte anstossig ist. Dieses geht nun so fort. Es werden sich, wenn ich erst bis zur dritten Jacke herunterprozessiert bin, stets Leute finden, die mir diese, und Freunde, die mir die zweite widerraten. Kein vernunftiger Grund ist aber vorhanden, warum ich diesen Leuten abschlagen soll, was ich Euch gewahrte. Jetzt trage ich also noch eine Jacke und meinen Rock daruber. Weil ich jedoch einmal in das Ausziehen gekommen bin, und weil mir in der Sommerwarme uberhaupt alles und jegliches Zeug auf dem Leibe Beschwernis macht, ei, so bleibe ich vielmehr in der Ubung, werfe erst den Rock ab und dann die letzte Jacke, und wofern die Hitze einigermassen stark ist, auch noch endlich das Hemde, gehe dann also splitterfaselnackt umher, wie ein gerupfter Sperling, was eine Schande ist und nicht gut lasst.
In allen Sachen muss man daran halten, wie sie eine Ordnung und ihren Bestand haben und des Herkommens sind. Waret Ihr nicht zu den hollandischen Patrioten und noch sonst allerwarts herumgelaufen, sondern hubsch im Kolonate sitzen geblieben, so waren Euch die dummen Dinge und Hoffartigkeiten aus dem Kopfe geblieben. Weil Ihr aber die alte Orange draussen mit hattet vermolestieren helfen, so dachtet Ihr, Ihr durftet uns hier auch Molesten machen, die Welt gehore Euer und ausserdem noch etwas. Ihr erhobet Eure Augen zu meiner Tochter, was Ihr als Kolon nicht durftet, und daraus entsprang Sunde und Schande, Vergewaltigung, Mord und Totschlag. Ich musste an Euch Recht nehmen, Ihr seid bis zum Leierkasten heruntergekommen, und ich trage noch meine neun Jacken. Wer dazu die Macht und Gewalt hat, der soll sich auch die neunte nicht abdisputieren lassen, denn er weiss wohl, womit er anfangt, aber nicht, wo er aufhort, und dieses ist die Moral von der Sache."
Zweites Kapitel
Ein Topf lauft uber und eine Braut wird geschmuckt Der Hofschulze war nach seiner Rede langsam aus der Kammer und die Treppe hinuntergegangen, gefolgt von dem Spielmann, der auf die Schlussfolgerungen des Alten nichts zu erwidern wusste und sich unten aus dem Hofe schlich. Im Flur uberschaute der Hofschulze die getroffenen Anstalten; die Feuer, die Kessel, die Topfe, die grunen Maien, die bebanderten und vergoldeten Horner seines Rindviehs. Er schien mit allem zufrieden zu sein, denn er nickte mehrere Male wohlgefallig mit dem Kopfe. Er schritt durch den Flur hofwarts und dann nach der Seite des Eichenkamps, sah die dortigen Feuer lodern und gab gleiche Zeichen des Beifalls, jedoch immer mit einer gewissen Hoheit. Wenn der weisse Sand, womit der ganze Flur und der Platz vor dem Hause dick bestreut war, unter seinen Fussen so recht lebhaft rauschte und knackte, schien ihm dies ein besonderes Vergnugen zu machen.
Jetzt war er von seinem beaufsichtigenden Gange in die Nahe des Herdes zuruckgelangt. Ein Topf, welchen die Magde zu tief in die Gluten geschoben, war im Uberkochen begriffen und drohte, seinen Inhalt zu verschutten. Schon war ein Teil des letzteren in das Feuer gewallt, welches sich zischend gegen diesen Feind wehrte. Von den Magden und Knechten war eben zufallig niemand im Flur, da sie im Baumgarten sich mit der Tafel beschaftigten. Der Hofschulze hatte nun allerdings dem Fortschritte des Unheils durch Abrucken mit eigener Hand Einhalt tun konnen, aber er war weit entfernt, so die Haltung des Brautvaters, welche ihm verbot, irgend etwas an diesem Tage selbst anzufassen, zu verlieren. Vielmehr stand er ruhig neben dem uberkochenden Topfe, ruhig wie jener spanische Konig, welcher die gluhende Kohle lieber seinen Fuss versengen liess, als dass er sie etikettewidrig selbst weggenommen hatte. Er begnugte sich damit: "Gitta!" zu rufen, auch nicht hastig und leidenschaftlich, sondern langsam und ruhig. Es dauerte daher einige Zeit, bevor die Magd Gitta herbeikam, und als sie endlich gekommen war, erschien die Hulfe zu spat, denn der Topf hatte nichts mehr zu verschutten.
Der Hofschulze liess sich diesen Verlust nicht kummern, die Magd musste ihm einen Stuhl vor das Haus setzen, er nahm dort, dem Eichenkampe gegenuber, Platz, und erwartete, die Schenkel gerade vor sich hingestreckt, Hut und Stock in der Hand, von der goldenen Sonne prachtig beleuchtet, still und wacker den weiteren Fortgang der Dinge.
Inzwischen schmuckten zwei Brautjungfern die Braut auf ihrer Kammer. Rings um sie her standen bunt mit Blumen bemalte Laden und Packen in Leinwand, welche die Ausstattung an Gebild, Betten, Garn, Wasche und Flachs enthielten. Selbst in der Ture und bis weit auf den Gang hinaus war alles besetzt. Inmitten dieser Reichtumer sass die Braut vor einem kleinen Spiegel, hochrot und ernsthaft. Die erste Brautjungfer legte ihr die blauen Strumpfe mit roten Zwickeln an, die zweite warf ihr den Rock von schwarzem, feinem Tuche uber, und liess diesem Stukke die Jacke gleichen Stoffes und gleicher Farbe folgen. Darauf beschaftigten sich beide mit dem Haare, welches zuruckgestrichen und hinten in einer Art von Rad zusammengeflochten wurde.
Wahrend dieser Zurustungen sagte die Braut kein Wort. Desto gesprachiger waren ihre Freundinnen. Sie lobten den Putz, priesen die aufgestapelten Schatze, und hin und wieder liess ein verstohlener Seufzer ahnen, dass sie lieber Geschmuckte als Schmuckende gewesen waren. Unerschopflich waren sie in Hochzeitsgeschichten, welche jedoch samtlich darauf hinausliefen, dass die und die dasselbe angezogen habe, was nun auch die Tochter vom Oberhofe der Landessitte gemass zu tragen hatte. Als diese Erzahlungen endlich doch versiegten, kam das Ausbleiben der dritten Brautjungfer an die Reihe. Sie hatte sich unpass melden, jedoch zugleich sagen lassen, sie werde wohl noch imstande sein, zu kommen, wenn auch spater als die andern. Nun war es aber schon zehn Uhr vormittags, in einer halben Stunde musste die Glocke anfangen zur Trauung zu lauten, es war die hochste Zeit, dass die dritte erschien, ohne welche die Braut fur nicht gehorig begleitet gelten konnte. "Sie kommt gewiss", sagte die zweite Brautjungfer, "an so einem Tage macht sich ja kein Mensch etwas daraus, wenn ihm auch etwas schlimm ist." "Und was wollt ihr mit mir wetten", rief die erste, "dass sie nicht kommt? Ich weiss, was ich weiss, weiss, mit den Schmerzen ist es so weit nicht her, aber der Verdruss ist zu gross, und sie kann sich nicht zwingen; das hat ihr von jeher gefehlt."
"Ei Gott", sagte die Braut, welche hier zum ersten Male ihre Sprache fand, angstlich, "das ware ja ein erschreckliches Ungluck, und wenn sie ausbliebe, so wurde aus der ganzen Hochzeit nichts." Sie wurde lieber den Brautigam gemisst, als die dritte Brautjungfer entbehrt haben.
"Wenn du mir folgen willst, Kordelchen, so lass uns auf den Notfall denken", sprach die zweite Brautjungfer, ein flinkes, anstelliges Madchen. "Ich pack' deinen zweiten Feiertagsanzug aus, wir warten noch ein Stuckchen, und wenn die Sibyll' dann nicht da ist, so kleid' ich die Stellvertreterin fur sie ein."
Ohne die Antwort der Braut abzuwarten, hatte das Madchen eine der Laden aufgetan und aus derselben den saubern neuen Staat mit allem Zubehor an Bandern und Krausen genommen. Ihre Gefahrtin stiess wahrenddessen durch das Radgeflecht der Haare einen silbernen Pfeil, und dann brachten beide Madchen mit feierlichen Mienen der Braut die Krone zugetragen. Denn die Madchen der dortigen Gegend tragen an ihrem Ehrentage keinen Kranz, sondern eine Krone von goldenen und silbernen Flittern. Der Kaufmann, welcher ihren Putz liefert, leiht die Krone nur dar und nimmt sie nach dem Hochzeitstage zuruck. So wandert sie von einem brautlichen Haupte zum andern. Es liegt etwas Schones und Wahres in diesem Gebrauche und ich musste mich sehr irren, wenn er nicht aus dem gottlichen Instinkte des Volkes entsprungen ware, der freilich darin, wie in allem, worin er schopferisch hervortritt, nur unbewusst gewaltet hat. Das Hochste, Einzige, was nur einmal das Leben zieren kann, soll nie als Eigentum in Besitz genommen werden, soll stets nur leihweise die Stirn des Glucklichen beruhren. So darf der Lorbeerkranz um die Scheitel des Helden und Dichters, so darf das Blatt, welches sich, wann Vater und Mutter weinend segnen, durch die Locke der Jungfrau schlingt, nur Gunst und Zeichen eines Augenblicks sein. O es ware zu wunschen, dass mancher unserer stadtischen Damen versagt ware, mit anspruchsvollem Stolze die welke Myrte zu betrachten, die sie im geschmuckten Kastchen unter dem grossen Spiegel verwahren, dass sie sich vielmehr hatten gewohnen mussen, gleich den westfalischen Bauerinnen die Krone morgen auf einem andern Haupte zu erblicken, welche sie heute trugen, und welche gestern ebenfalls eine andere getragen hat!
Drittes Kapitel
Worin der Autor fortfahrt, die Vorbereitungen zur
Hochzeit zu beschreiben
Die Braut senkte ihr Haupt ein wenig, als die Freundinnen ihr die Krone aufsetzten, und ihr Antlitz wurde, als sie die leichte Last auf ihrem Haare fuhlte, womoglich noch roter als fruher. Es ist schon im Menschenleben, dass jeder einen Augenblick erlebt, worin alle konigliche Macht und Majestat vor ihm zunichte wird. Diesen Augenblick erlebt nicht nur der Feldherr, der durch einen Sieg die Hauptstadt rettet, oder der Kanzler, der mit einem Federzuge die Grenzen des Reichs um das Doppelte zu mehren weiss; es erlebt ihn jeder einmal, er musse sich auch sonst Tag fur Tag durch ein gedrucktes Dasein hindurch beugen und winden. Der Tagelohner hat ihn, der sein neugeborenes erstes Kind auf den Arm nimmt und selbst der todkranke Bettler empfindet ihn, wenn ihm ein pflichtgetreuer und gewissenhafter Priester die heilige Kommunion reicht.
Auch unsere Braut, von der sonst nicht viel zu sagen ist, fuhlte diesen Augenblick, als sie die Krone auf ihrem Haupte empfing. In dem dunkelschwarzen Haare, welches sie ausnahmsweise mitten unter dem blonden Volke besass, funkelten die goldenen und silbernen Flitter gar lustig. Sie richtete sich, angefasst von ihren Freundinnen auf, und die beiden breiten golddurchwirkten Streifen, welche zur Krone gehoren, fielen ihr lang auf den Rucken hinunter. Die Knechte standen schon vor der Ture, um die Ausstattung in den Flur hinabzuschaffen, die Brautjungfern nahmen ihre Freundin bei der Hand, eine erhob das Spinnrad, welches bei den nachfolgenden Zeremonien ebenfalls seine Bestimmung hatte, und so gingen die drei langsam die Treppe hinunter zum Brautvater, wahrend die Knechte die Laden und Packen ergriffen und sie in den Flur zu tragen begannen.
Inzwischen hatte der Hofschulze unten vor der Ture Gelegenheit gehabt, seine Fassung zu beweisen. Denn kaum war er draussen einige Minuten lang gewesen, als ein junger Bursche, der Hochzeitbitter, langsam durch den Eichenkamp gegen das Haus zu geschritten kam, dessen verlegene Miene mit seinem Putze und mit dem lustigen Busche von gewiss funfzig farbigen Bandern am Hute wenig ubereinstimmte.
"Nun, was ist das?" fragte ihn der Hofschulze. "Was soll das traurige Gesicht? Passierte ein Ungluck?"
"Ach", versetzte der junge Hochzeitbitter, "werdet mir nicht bose, Hofschulze. Holscher will nicht kommen."
Der Alte liess vor Schreck seinen Hut fallen und seine Zuge verwandelten sich. "Wie?" rief er nach einigem Schweigen. "Holscher will nicht kommen? Mein nachster Nachbar? Ei, das ware ja dem ganzen Plasier und Feste ein grosser Schimpf. Und warum will er nicht kommen? Du bist gewiss in deiner Rede steckengeblieben."
"Nein, das nicht", versetzte der Hochzeitbitter. "Ihr wisst, an Maulwerk fehlt mir's nimmer, und ich bringe auch alles immer heraus, gehorig geschrieen, wie es sein muss. Ich kann die Rede aufs Schnurchen, wie ich sie allerorten hersagte, und so auch bei Holscher:
Ihr lieben, guten Hochzeitsleute,
Kommt morgen auf den Hof, nicht heute;
Der Brautigam und auch die Braut,
Die werden vom Herrn Pastor getraut,
Und wenn getraut ist, geht's zu Tisch,
Darauf wird sein viel Fleisch, kein Fisch,
Es wird da sein auch ein Stuck Wurst,
Ist gut fur den Hunger und weckt den Durst.
Auch findet ihr einen oder mehrere Schinken,
Auf welche sich sehr gut lasst trinken,
Ein Mostertstuck wird nicht vergessen,
Das sollt ihr dann mit Mostert essen,
In der Suppe sind Huhner, die nicht krahn,
Das Beste sind vier Puterhahn',
Die lagen funfzig Jahr' an der Kett'
Davon sind sie geworden fett,
Kommt ihr zum Oberhofe nicht,
So seid ihr alle schlechte Wicht' "
Der junge Bursche wurde noch lange in diesen Versen, die er laut schreiend mit eintonigem Fall der Stimme vortrug, fortgefahren haben, wenn ihn nicht der Hofschulze ungeduldig unterbrochen und zu ihm gesagt hatte: "Ich brauche deinen Spruch nicht. Warum bleibt Holscher aus?"
"Weil ich ihn statt gestern, erst heute fruh eingeladen habe", erwiderte kleinlaut der Hochzeitbitter. "Sie hatten mir gestern uberall so viel eingeschenkt, dass ich gegen Abend duselig geworden war und einschlief und Holscher ganz verschlief, wo ich denn nun heute fruh nachholen wollte, aber ..."
"Holscher liess das nicht gelten und sagte, es schikke sich nicht, erst am Hochzeitmorgen gebeten zu werden, es gehore sich spatestens den Tag zuvor, nicht wahr?" fiel der Hofschulze ein.
"Jawohl", antwortete der Bursche, "und er sagte auch, es heisse in dem Spruch:
Kommt morgen auf den Hof, nicht heute
wenn er aber morgen komme, so habe er das leere Nachsehen."
Der Hofschulze bohrte seinen Stock tief in die Erde. Das Blut war ihm dermassen in das Antlitz getreten, dass seine Stirnadern geschwollen starrten. Er sah den Hochzeitbitter mit einem furchtbaren Blicke an, vor dem dieser den Hut abnahm und drei Schritte zurucktrat. Dann sagte er: "Wenn ich mich nicht menagieren musste, absonderlich heute, so kriegtest du diesen Stock hinter die Ohren, dass du das Aufstehen vergessen solltest. Holscher kommt nicht, das weiss ich, ich kenne ihn darin, er ist einer, der sich nicht vernegligieren lasst. Und wenn ich selbst zu ihm ginge, was sich aber auch durchaus nicht schickt, er wurde es abschlagen. Jedermann wird nun nach Holscher fragen, das wird ein Kujonieren geben, ei! ei! ei! Was fur einen Schaden hast du mir an der Hochzeit gestiftet! Konnt ihr denn das verruchte Zechen nicht lassen? Denkt ihr immer, ohne das gediehet ihr nicht? Sieh mich an, ich werde zu Martini neunundsechzig und fasse alles noch stramm mit an, und doch soll der noch auftreten, der mir nachsagen kann, er habe mich anders wie gewohnlich gesehen."
"Ihr seid auch was Apartes, mit Euch kann sich niemand in Vergleichung stellen", sagte der junge Bursche schuchtern.
"Ei was!" fuhr der Hofschulze auf. "So wie ich bin, hat der liebe Herrgott alle Menschen haben wollen, und es ist nur Eure Schlemmerei und Liederlichkeit, die Euch nicht so werden lasst."
Wahrend dieses rauhen Auftrittes hatten die Knechte mit den Packen und Laden auf der Treppe und im Flur ein grosses Gerausch gemacht, und es war sonach die fruhere Stille des Oberhofes sehr unterbrochen worden. Jetzt trat die Braut, gefuhrt von den beiden Brautjungfern, in die Ture, das Haupt fest und steif unter der zitternden Goldkrone haltend, als ob sie furchte, den Ehrenschmuck zu verlieren. Sie reichte dem Vater die Hand und bot ihm, ohne aufzusehen, den guten Morgen, worauf der Alte ohne alle Ruhrung "Schon Dank" versetzte und seine fruhere Positur wieder annahm. Die Braut setzte sich an die andere Seite der Ture, nahm ihr Spinnrad vor sich und begann eifrig zu spinnen, in welcher Arbeit sie observanzmassig bis zu dem Augenblicke, wo der Brautigam sie zum Brautwagen fuhrte, fortfahren musste.
Der nachlassige Hochzeitbitter hatte sich unterdessen verstohlen entfernt. Die zweite Brautjungfer unterrichtete den Hofschulzen von dem Ausbleiben der Sibylle, woran, wie sie hinzufugte, keine Unpasslichkeit, sondern das boshafte Wesen schuld sei, weil sie namlich selbst ein Auge auf den Wilhelm, den Brautigam, gehabt habe. Die Glocke begann eben zum ersten Male zu lauten, und es war nun durchaus keine Zeit zu verlieren. Der Hofschulze, der seit einer Viertelstunde aus einer Verdriesslichkeit in die andere gesturzt wurde, murmelte tiefsinnig vor sich hin: "Wenn nur alles klug geht bei dieser Hochzeit! Alle die Scherereien hm! hm! ei! ei! Indessen muss der Mensch seine Kontenance behalten." Er gab, wiewohl sehr ungern die Erlaubnis, anstatt der boshaften Eifersuchtigen Lisbeth als dritte Brautjungfer einzukleiden, mit welchem Bescheide sich die zweite entfernte, um den Putz zu Lisbeth zu tragen. Auch die erste ging, im Baumgarten den Strauss fur den Brautigam zu pflucken.
In der Ferne liessen sich schon einzelne Tone der Musik horen, welche das Herannahen des Brautwagens verkundigten. Aber auch dieses Zeichen, dass der entscheidende Augenblick bevorstehe, der ein Kind vom Hause der Eltern loset und den Vater bei dem Kinde in den Hintergrund der Anhanglichkeit schiebt, brachte keine Regungen in den Personen hervor, welche wie Musterbilder alter Brauche an den beiden Seiten der Hofture sassen. Die Tochter spann, hochrot aber gleichgultig aussehend, unverdrossen fort, der Vater sah gerade vor sich hin, und beide. Braut und Brautvater, wechselten miteinander kein Wort.
Die Brautjungfer suchte unterdessen im Baumgarten den Strauss fur den Brautigam zusammen. Sie wahlte spatbluhende Rosen, Feuerlilien, orangegelbe Sternblumen, Blumen, welche sie dort Jelangerjelieber, an andern Orten Jesublumlein nennen, und Salbei. Gross, dass man drei Hochzeiter hoherer Stande damit hatte ausstatten konnen, geriet dieser Strauss, denn bei den Bauern muss alles in das Gewicht fallen. Auch nicht ganz lieblich duftete er, denn die Salbei verbreitete einen starken, die Sternblume sogar einen ubeln Geruch; indessen durfte beides, insbesondere die Salbei, nicht fehlen, sollte der Strauss herkommliche Vollstandigkeit besitzen. Als sie ihn fertig hatte, hielt ihn das Madchen mit stolzer Freude vor sich hin, und verknupfte ihn dann mit einer breiten dunkelroten Schleife. Darauf ging sie ihren Posten bei der Braut einzunehmen.
Viertes Kapitel
Der Jager und sein Wild
Wahrend das Zeremoniell so durch den ganzen Oberhof waltete, waren auf dem Zimmer, welches der wilde Jager fruher bewohnt hatte, zwei junge Leute ohne alles Zeremoniell beisammen. Vier warme Wangen hielten keine bestimmte Farbe, sondern spielten bald in Purpur, bald in Rosenrote, bald in einem fliegenden Bleich; vier blaue Augen suchten einander, und wenn sie sich gefunden, zogen sie, wie erschrokken uber ihr Wagnis, den Vorhang der Wimpern vor sich nieder; zwei Lippenpaare hatten gern gemeinsame Beschaftigung vorgenommen; da diese ihnen aber noch versagt war, so zuckten sie fur sich in wundersamer, unruhiger Tatigkeit, die des eigentlichen Ziels entbehrte.
Das junge Madchen sass am Fenstertischchen und saumte ein schones Tuchlein, welches der Jungling fur sie in der Stadt gekauft und ihr zum Festputz verehrt hatte. Sie stach sich heute noch ofter in die Finger als an dem Abende, da sie der Braut am Linnen nahen half, denn wenn die Augen die Nadel nicht uberwachen, so geht diese ihre eigenen boshaften Wege.
Der Jungling stand vor ihr und hatte eine Arbeit fur sie unter Handen. Er schnitt ihr namlich eine Feder. Denn endlich, hatte das Madchen gesagt, musse sie doch Nachricht geben, wo sie geblieben sei und um Erlaubnis bitten, noch einige Tage im Oberhofe verweilen zu durfen. Er stand an der andern Seite des Tischchens, und zwischen ihm und dem Madchen duftete eine weisse Lilie und eine Rose, frisch abgeschnitten, im Glase. Mit der Arbeit ubereilte er sich nicht, er fragte, bevor er das Messer anlegte, das Madchen vielfaltig, ob sie lieber mit weicher oder mit harter Spitze schreibe, fein oder stumpf, ob er die Fahne stutzen oder lang lassen solle? und richtete noch mehrere dergleichen Fragen an sie, so grundlich, als solle ein Schreibmeister mit der Feder ein kalligraphisches Kunstwerk liefern. Auf diese umstandlichen Fragen gab das Madchen mit halber Stimme viele und unbestimmte Antworten, bald sollte die Feder so und bald sollte sie so geschnitten werden, und dann sah sie ihn zuweilen an und seufzte jedesmal, wenn sie das tat. Der Jungling seufzte noch ofter, ich weiss nicht ob uber die unbestimmten Antworten, oder uber sonst etwas. Einmal gab er ihr die Feder in die Hand, damit sie an der zeigen sollte, wie lang sie die Spalte wunsche. Sie tat es, und als sie ihm die Feder zuruckreichte, empfing er noch etwas mehr, namlich ihre Hand. Diese wurde von der seinigen so ergriffen, dass die Feder daruber zu Boden fiel und eine Zeitlang ihnen aus dem Gedachtnisse kam, weil alles Bewusstsein in die beiden Hande gefahren war, die einander sanft streichelten oder druckten daruber lauten meine Quellen verschieden.
Ich will euch ein grosses Geheimnis verraten. Der Jungling und das Madchen waren der Jager und die schone blonde Lisbeth. Und wenn ihr einmal recht freundlich gegen mich sein, mich nicht immer so bezweifeln und bemakeln wollt, wodurch ihr manches Gute in mir, und euch manche Freude zerstort habt, so tue ich euch jetzt den Gefallen, und erzahle euch, wie es den beiden jungen Leuten im Oberhofe ergangen war, nachdem der Jager die Lisbeth statt des Rehes geschossen hatte.
Die Verwundete war in jener Nacht auf ihr Zimmer getragen worden und der Hofschulze, der ganz verstort, was ihm selten begegnete, aus seiner Kammer hervorkam, hatte sogleich nach dem nachsten Chirurgus geschickt. Dieser Mann wohnte aber anderthalb Stunden vom Oberhofe, er schlief fest und ging ungern bei Nacht aus. Der Morgen war daher schon angebrochen, als er endlich mit seinen notdurftigen Instrumenten anlangte. Er nahm das Tuch von den Schultern, betrachtete die Wunde und machte ein ausserst schwieriges Gesicht. Indessen mussen selbst die Bedenklichkeit eines Dorfchirurgen vor der offenbaren Geringfugigkeit eines Falls weichen. Der Schuss des jungen Schwaben hatte Lisbeth glucklicherweise bloss gestreift, nur zwei Schrotkorner waren in das reine, jungfrauliche Fleisch gedrungen, aber auch nicht tief. Der Chirurgus zog sie heraus, legte einen Verband auf, empfahl Ruhe und kaltes Wasser und ging mit dem stolzen Gefuhle nach Haus, dass, wenn er nicht so schleunig herbeigerufen worden ware und nicht so unverdrossen bei Nacht seine Pflicht getan hatte, unfehlbar der kalte Brand zu der Wunde hatte treten mussen.
Lisbeth war wahrend des Harrens auf die Hulfe gefasst gewesen, und hatte kaum geklagt, obgleich ihr totenblasses Gesicht verriet, dass sie Schmerzen litt. Auch die Operation, welche durch die schwere Hand des Chirurgen peinigender wurde, als notig, hatte sie mutig ausgehalten. Sie liess sich die Schrotkorner geben und schenkte sie dem Jager mit einem Scherze. Es seien Treffkorner, sagte sie zu ihm, er solle sie aufheben, er werde damit glucklich sein.
Der Jager nahm die Treffkorner, wickelte sie in Papier und liess das Haupt seines schonen Wildes, weil es schlummern wollte, aus den sanft umfangenden Armen. In denen hatte Lisbeth seit dem Eintritte in die Stube des Oberhofes mit ihren Schmerzen geruht, wie droben am Freistuhl. Unverwandt hatte er mit kummervollem Auge in ihr Antlitz geschaut und war zuweilen einem freundlichen Blicke begegnet, welchen sie, wie um ihn zu beruhigen, zu ihm emporschickte.
Er ging in das Freie. Unmoglich konnte er jetzt den Oberhof verlassen, er musste, so sagte er, doch die Heilung der armen Verletzten abwarten, das erforderte die Menschlichkeit, fugte er hinzu. Im Baumgarten fand er den Hofschulzen, der, da er erfahren, dass keine Gefahr vorhanden sei, seinen Geschaften nachging, als habe sich nichts ereignet. Er bat den Alten, ihm noch langer Quartier zu geben. Der Hofschulze sann nach und wusste kein Gelass fur den Jager. "Und wenn es auch nur ein Verschlag auf dem Speicher ware!" rief der Jager, der auf die Entschliessung seines alten Wirtes mit einer Angstlichkeit harrte, als hange davon sein Schicksal ab.
Nach langem Besinnen fiel diesem endlich ein solcher Verschlag auf dem Speicher ein, worin er Frucht bewahrte, wenn die Ernte fur die gewohnlichen Raume zu ergiebig ausgefallen war. Jetzt war er leer und diesen wies nun der Alte seinem jungen Gaste an, setzte aber hinzu, dass es ihm da droben wohl nicht gefallen werde. Der Jager ging hinauf, und obgleich der kahle und verdriessliche Raum nur von einer Dachluke sein geringes Licht empfing, und zum Sitzen sich da nichts vorfand, als ein Brett und ein Kasten, so gefiel es dem Jager doch dort oben wohl. "Denn", sagte er, "alles ist mir einerlei, wenn ich hier nur bleiben darf, bis ich daruber sicher bin, dass ich mit meinem verwunschten Schiessen keinen Schaden angerichtet habe. Es ist schones Wetter, und ich werde nicht viel oben zu sein brauchen."
Er war auch wirklich nicht viel oben in seinem Verschlage, sondern mehr unten bei Lisbeth. Er bat sie so oft wegen des Schusses um Verzeihung, dass sie ungeduldig wurde und ihm mit einem Stirnfaltchen des Verdrusses, welches ihr allerliebst stand, sagte, er solle das nun sein lassen. Nach funf Tagen war sie vollkommen geheilt, der Verband konnte abgelegt werden und nur leichte rotliche Punktchen an der weissen Schulter deuteten noch die Stellen der Verwundung an.
Sie blieb im Oberhofe, denn sie war vom Hofschulzen, wie wir wissen, schon fruher zur Hochzeit gebeten worden. Diese verspatete sich um einiges, weil die Ausstattung zum bestimmten Tage nicht fertig werden wollte. Der junge Jager blieb auch, obgleich ihn der Hofschulze nicht einlud. Er lud sich aber selbst zur Hochzeit, indem er eines Tages dem Alten sagte, die Landesgebrauche seien ihm so merkwurdig, dass er sie auch auf einer Hochzeit kennenzulernen wunsche. Er sagte dies, nachdem er schon vielfaltig unten bei Lisbeth gewesen war. Und als er es vorbrachte, flammte sein Gesicht und er konnte das Verlangen nach Erweiterung der Kenntnisse nicht so recht ohne zu stocken kundtun.
Bald hatte der Jager zwei Tageszeiten, eine ungluckliche und eine gluckliche. Die ungluckliche war, wenn Lisbeth, und sie tat es alle Tage, am Brautlinnen half. Der Jager wusste dann gar nicht, was er mit seiner Zeit beginnen sollte. Nun sahen ihn die Baume des Gartens und die Eichen des Kamps erst recht wie sein Waldmarchen an. Zuweilen blickte er gen Himmel, aber noch ofter zur grunen, schwellenden Erde nieder, die er hin und wieder hatte kussen mogen, so lieb war ihm der Boden geworden, auf dem er gar manches erlebt hatte. Wenn seine Gedanken Worte wurden, so lauteten sie: "Das schone Madchen an der schonen Blume und dann ihr liebes Blut droben am Freistuhl und nun und nun "
Aber das alles fullte ihm die Seele nicht aus. Er bedurfte einer Gesellschaft, freilich war ihm nicht jede recht, denn dem Hofschulzen wich er eher aus, wenn er ihm begegnete. Aber nach der Linnenkammer war er oft unterweges, worin er die Madchen plaudern horte und worin Lisbeth still half. Hatte er aber die Klinke in der Hand um aufzudrucken, dann uberzog sein Antlitz dunkle Glut, er wandte sich stolz und ging trotzig, wie ein Lowe, die Treppe hinunter, zum Hofe hinaus, weit, weit in das Feld, ohne sich umzusehen.
Die gluckselige Zeit begann, wenn Lisbeth von ihrer Arbeit ruhte und frische Luft schopfte. Dann war es gewiss, dass beide zusammentrafen, der Jager und sie. Und ware er noch so weit hinten im Gebusch gewesen, es kam ihm dann vor, als sagte ihm jemand: "Jetzt ist Lisbeth im Freien." Dann flog er hin, wo er sie vermutete, und siehe, seine Ahnung hatte ihn nicht getauscht, denn schon von weitem erblickte er die schlanke Gestalt und das liebliche Antlitz. Sie pflegte sich dann wohl seitwarts nach einer Blume zu bucken, als achte sie seiner nicht. Vorher hatte sie freilich nach der Gegend gesehen, woher er kam.
Nun gingen sie zusammen durch Feld und Aue, denn er bat sie darum herzlich, dass es ihr wie eine Sunde vorkam, ihm die kleine Bitte abzuschlagen. Und je weiter sie sich vom Hofe in die wallenden Felder, in die grunen Wiesen verloren, desto freier und frohlicher wurde ihnen zumute. Und wenn die rote sinkende Sonne alles ringsumher und ihre jugendlichen Gestalten mit verklarte, dann meinten sie, es konne ihnen keine Angst und Pein mehr im Leben kommen.
Der Jager tat der Lisbeth auf diesen Gangen alles zu Gefallen, was er ihr nur an den Augen absehen konnte. Wenn sie zufallig nach einem Busche wilder Feldblumen sah, die entfernt vom Wege auf einer hohen Hecke bluhten, so hatte er sich auf die Hecke geschwungen, ehe noch der Wunsch nach den Blumen in ihre Seele gekommen war. Und wo der Weg sich etwas abschussig senkte, oder ein Stein im Wege lag, oder wo es ein geringes Wasserlein zu uberschreiten gab, da streckte sich sein Arm ihr stutzend und fuhrend entgegen und sie lachte uber die unnotige Dienstfertigkeit, und nahm den Arm dennoch, und liess ihren noch eine Zeitlang in dem seinigen, auch wo der Weg wieder eben geworden war.
Auf diesen stillen und anmutigen Gangen hatten die jungen Seelen einander viel mitzuteilen. Er erzahlte ihr von den schwabischen Bergen, von dem grunen Neckar, von der Alb, vom Murgtale und von dem Berge Hohenstaufen, auf dem das grosse Kaisergeschlecht entsprossen sei, dessen Taten er ihr auch erzahlte. Dann sprach er von der grossen Stadt, worin er studiert habe, und von den vielen klugen Leuten, die ihm dort bekannt geworden seien. Und endlich erzahlte er ihr von seiner Mutter, wie er diese so zartlich lieb gehabt habe, und wie es daher wohl kommen moge, dass ihm nachher jede Frau teuer und wert erschienen sei, weil er bei jeder an seine selige Mutter gedacht habe.
Die Lisbeth musste dagegen von ihrem einfachen Leben erzahlen. Darin kamen keine grossen Stadte und keine klugen Leute vor und auch keine Mutter! Und dennoch meinte er, nie etwas Schoneres gehort zu haben. Denn jede niedere Pflicht, die sie geleistet, hatte sie durch Liebe geadelt, und von dem Fraulein und dem alten Herrn Baron wusste sie tausend ruhrende Zuge anzugeben, auf allen Platzen im Schlossgarten und hinter demselben waren ihr Geschichten begegnet, und aus den Buchern, die sie sich verstohlen vom Soller geholt, hatte sie erstaunliche Dinge uber fremde Volker und Lander herausgelesen, und sonderbare Vorgange zu Wasser und zu Lande, und alles hatte sie behalten.
Wohl hatte der Diakonus recht gehabt, als er die Lisbeth mit der Blume verglich, die in Dust und Moder erbluht war. Die Natur hatte an diesem blonden Madchen ihre Allmacht bewahren wollen. Sie hatte sich in einem Maienrausche vorgesetzt, durch die Tat zu sprechen: "Sehet da mein Werk! Eure Erziehung ist Stuckerei und Flickerei." In der Seele dieses Madchens war alles neu, ganz, frisch, jungfraulich. Dieses Madchen war verstandig, wie ein Rechenmeister, und hatte mit den Bauern um den letzten Zinsgroschen sich gestritten, den sie ihrem Pflegevater verschaffen wollte, und dieses Madchen war doch auch ganz lyrisch, ganz hingerissen, ganz quellendes und wiedergebarendes Empfangen. Uber ihr Antlitz zogen die Geister der Dinge, die sie sah und horte, ein sichtbarer Reigen. Wenn der Jager ihr von den klugen Gesprachen der Weisen erzahlte, so lag ein feines Verstehen um die Lippen, wenn er ihr sagte, dass Karl von Anjou mit finsterem unbeweglichem Gesichte zugesehen, als er den jungen unschuldigen Konradin hinrichten lassen, so faltete sich die reine Stirn und Tranen flossen unter diesen lieben zornigen Falten; aber eine susse Trunkenheit, ein seliger Sonnenschein durchleuchtete das Antlitz, wenn er ihr das grune, wilde Murgtal schilderte und dazu mit seiner tiefen, wohlklingenden Stimme das Lied sang:
Susser, goldner Fruhlingstag!
Inniges Entzucken!
Wenn mir je ein Lied gelang,
Sollt' es heut nicht glucken?
Alles, was er in diese unberuhrte Brust sate, das keimte, sprosste, wurzelte darin, bluhte und trug Frucht. Der Jager ward nicht mude, ihr aus seinem Vorrate zu geben, denn er empfing wieder das hundertste Korn; seine Welt kam ihm verklart, gelichtet, vergottlicht zuruck aus dem Lacheln Lisbeths und von ihren frischen Lippen. So wogte es zwischen ihnen hin und wider, ein Seliges, Unausgesprochenes, Unaussprechliches und war der Wonne kein Ende. Jegliches gefiel ihm an ihr. Wenn er ihr an einer schlimmen Stelle des Weges die Hand reichte und wohl fuhlte, dass der leise Druck leiser erwidert wurde, so durchschauerte ihn die Freude, und wenn er ihr dann gleich wieder die Hand druckte und die ihrige nun regungslos in der seinigen blieb, gleich als wollte sie sagen: "Verschwenden wir das Beste nicht!" so gefiel ihm das auch. Ebenso war es mit den Blicken. Ihr Auge ruhte einmal oder zweimal des Tages hingegeben an ihm und dann nicht wieder, er mochte es mit dem seinigen auffordern, wie dringend er wollte. Dass sie in allem Mass hielt, gefiel ihm so sehr. Ja, es gefiel ihm sogar, dass ihre Oberlippe ein klein wenig zu kurz war, und die weissesten Zahne zum Vorschein kamen, wenn sie lachte oder lebhaft sprach. Denn dieser Mangel gab in seinen Augen ihrem Gesichte etwas reizend Kindliches, lieblich Unfertiges, was wie alles in ihr auf die letzte, susseste Vollendung durch den Hauch der Zartlichkeit harrte.
So gingen ihnen die Tage hin, einer nach dem andern im Oberhofe. Der Hofschulze sah freilich mit andern Augen drein, musste zwar geschehen lassen, was er nicht hindern konnte, aber er schuttelte haufig den Kopf, wenn er seine jungen Gaste so viel miteinander gehen und verkehren sah. Dann pflegte er fur sich zu sagen: "Es ist unrecht von so einem Junker." Seine rauhen Gedanken flogen wie ein widriger Sturm um diese reine Knospe, die zur Blute aufbrechen wollte. Er nahm sich vor Lisbeth bei erster gunstiger Gelegenheit zu warnen.
Wovor? Zwischen ihr und ihrem Freunde war alles Unschuld, Demut, der keuscheste Traum eines guten Geistes. Noch war das Wort Liebe nicht uber ihre Lippen gekommen und gekusst hatten sie einander auch noch nicht. Wenn er zu Nacht in dem elenden Verschlage auf sein Strohlager sank, so hatte er vorher die Luke aufgestossen und die Sterne schienen ihm wie Lisbeths Augen tief in das Herz hinein, bis er entschlummerte. Wenn sie ihr Bettchen unten im Stublein suchte, so kniete sie am Stuhle vor dem Bettchen nieder, und faltete die Hande und meinte, ein schones Gebet zu sprechen, obgleich ihre Lippen kein Wort sagten. Er rief oben leise fur sich hin, wenn seine Wimpern sich schlossen: "Der ganzen Welt mochte ich vertrauen, wie sie mir so wohl gefallt." Sie flusterte, indem sie sanft ihre Wange an das Kissen druckte: "Er ist der beste Mensch, den ich noch gesehen habe" und dann schliefen sie beide ein und die harmlosen Gedanken besuchten einander in den webenden Schatten der Nacht.
Das waren die Tage, von welchen geschrieben steht: Sie bluhen einmal und nicht wieder!
Funftes Kapitel
Die Storung. Was sich in einer Dorfkirche zutrug
Endlich hatte der Jager die Feder geschnitten. Er schob Lisbeth ein Blatt Papier hin und bat sie, zu versuchen, ob sie schreibe. Sie tat es, konnte aber damit nicht zurechtkommen, sie habe Zahne, sagte sie. Er sah, was sie geschrieben, es war ihr eigener Name in den klarsten, ebensten Zugen. Die feinen Buchstaben entzuckten ihn. "Ich glaube, an der Feder liegt es nicht", stammelte er, "ich wollte wohl, ohne sie zu kappen, ein ganzes Gedicht damit niederschreiben." "Tun Sie es", versetzte Lisbeth und schlug die Augen nieder, "Sie sagten mir ja uberdies, dass Sie mir das Tuch mit einem Scherze haben schenken wollen."
"Oh der Scherz wird wohl ausbleiben " rief der Jager, nahm Feder und Papier, setzte zu dem Worte: "Lisbeth" das Wortlein: "An", und schrieb einige Reimzeilen nieder.
Lacht nicht uber sie! Der Jager konnte seinen guten, runden schwabischen Vers machen, und hatte bessere zustande gebracht, ware er freieren Herzens gewesen.
Ich wollte dir mit leichten Scherzen
Die arme kleine Gabe reichen;
Da trat mir ein Gefuhl zum Herzen,
Das jene Scherze machte weichen.
Es war die fromme sanfte Ruhrung,
Wenn man durch guter Genien Fuhrung
Die lieblichste Natur erbluht,
Und aus sich selbst entfaltet sieht.
In deinem Ernst, in deinem Lachen
Gehorst du dir nach holdem Rechte;
Was deine frischen Lippen sprachen,
Es ist das Deine, drum das Echte:
Wo solche Zauber im Gemute,
Folgt das Geschick, wie Frucht der Blute,
So lebe, lebe immerzu
Dein Los, dir eigen, hold wie du!
Er hatte diese Verse mit fliegender Feder geschrieben, denn die Glocke lautete schon, und Lisbeth, die im Hochzeitszuge nicht fehlen durfte, schien unruhig zu werden. Jetzt reichte er das Blatt mit abgewandtem Gesichte ihr hin und trat von ihr hinweg an das andere Fenster. Nach einigen Sekunden horte er hinter sich tief atmen und dann leise schluchzen. Rasch wandte er sich und hatte den ruhrendsten Anblick. Lisbeth stand, etwas gebeugt, als drucke sie die Verehrung, welche sie empfangen, und hielt das Blatt in der reizendsten Unbehulflichkeit mit beiden Handen vor sich hin, wie ein Kind, das die glanzende Weihnachtbescherung sich noch gar nicht anzueignen wagt. Die hellen Tranen flossen ihr unter den Wimpern, dabei lachelte sie, und sah den Jager mit dem glaubigsten Vertrauen an, als wollte sie sagen: "Wenn du einen armen Findling so hubsch besingen kannst, so musst du es wohl recht herzlich mit ihm meinen." Endlich fand ihre Empfindung ein lautes Wort und sie lispelte: "Sie machen zuviel aus mir und ich werde noch ganz eitel durch Sie werden."
Er trat, fest seinen flammenden und doch so sanften Blick auf sie heftend, ihr entgegen und wollte ihre Hand kussen. Sie war kussenswert, diese Hand. Es ist, als ob manchem nichts schaden konne. Trotz aller Arbeit war die Hand weich und zart geblieben. Lisbeth entzog sie seinem Munde und bot ihm, die Augen schliessend, die Lippen dar. Jauchzend wollte er mit den seinigen sie ruhren, da offnete sich die Ture und die Brautjungfer trat mit dem Putze und ihrem Anliegen ein. Die Gestorten traten erschreckt auseinander, Lisbeth zu ihrem Tuchlein, der Jager, ohne sie anzusehen, an das Fenster, von wo er dann mit niedergeschlagenem Blicke aus dem Zimmer schlich. Denn das Gefuhl ist auch darin nur sich selbst gleich, dass es mit dem Bewusstsein der reinsten Tugend die Furcht des lichtscheusten Verbrechens paart. Du denkst an das geliebte Madchen zugleich mit deinen Gedanken an Gott, du sagst, wie der Jager in deinen einsamen Entzuckungen: "Konnte ich diese Liebe, wie meine beste Tat, von den Dachern rufen!" und dann verleugnest du sie wie Petrus den Herrn der ersten Basenfrage, und rufst, ob man von dir glaube, dass du so toricht seist?
Draussen war unter dem Glockengelaute die Musik immer naher gekommen, und jetzt wurde der Brautwagen, gezogen von zwei starken Pferden am andern Ende des Weges, der durch den Eichenkamp leitete, sichtbar. Die erste Brautjungfer stand mit ihrem dikken, zum Teil ubelriechenden Strausse ehrbar neben der Braut, die Knechte standen bei den Packen und Laden im Flur, zum letzten Anfassen bereit; der Hofschulze schaute unruhig nach der zweiten und nach der improvisierten dritten Brautjungfer sich um; denn wenn diese nicht vor der Erscheinung des Brautigams den Platz, den ihnen der Tag anwies, nahmen, so war es nach seinem Gefuhle um die ganze Feierlichkeit geschehen. Doch da kamen die beiden Erwarteten eben noch zur rechten Zeit die Treppe herunter und stellten sich zu der ersten, als der Wagen gerade auf den freien Platz vor dem Hause hinauslenkte.
Gleichmutig im Gesicht, wie alle Hauptpersonen dieses Festes, stieg der Brautigam vom Wagen. Junge Leute, seine nachsten Freunde, folgten ihm bebandert und bestrausst. Er schritt langsam auf die Braut zu, die auch jetzt noch nicht emporsah, sondern immerfort nur spann und spann. Nun befestigte ihm die erste Brautjungfer den grossen Strauss, worin Sternblume und Salbei dufteten, vorn auf der Brust an dem hochzeitlichen Kleide. Der Brautigam empfing diesen Schmuck, ohne zu danken, denn der Dank gehorte nicht zum Herkommen. Er reichte seinem Schwiegervater stillschweigend die Hand, dann sie ebenso stillschweigend der Braut, die sich darauf erhob und zu den Brautjungfern stellte, zwischen die erste und zweite und vor die dritte.
Wahrenddessen hatten die Knechte die Ausstattung auf den Wagen geschafft. Die Szene bekam etwas Wildes, denn indem die Menschen mit dem Gepack zwischen den Kochfeuern hindurchliefen, wurde mancher brennende Klotz von seinem Orte hinweggestossen, knisterte und spruhte in dem Wege, den das Brautpaar zu gehen hatte. Nach dem Linnen, dem Flachs, den Betten, den Kleidungsstucken nahm die Braut mit ihren drei Jungfern und dem Spinnrade, welches sie selbst trug, auf dem Wagen Platz. Der Brautigam setzte sich abgesondert von ihr in den hintersten Teil des Fahrzeuges, und die jungen Bursche mussten diesem zu Fusse folgen, da die Ausstattung zu viel Raum einnahm, um ihnen noch Sitze zu gestatten. Hieruber machte der eine hergebrachte Spasse gegen den Hofschulzen, auf welche dieser schmunzelnd antwortete. Er ging hinter den jungen Burschen her, und zu ihm gesellte sich der Jager. So gingen zwei zusammen, welche an diesem Tage die entgegengesetztesten Empfindungen hegten. Denn der Hofschulze dachte an nichts, als an die Hochzeit, und der Jager an nichts weniger, als an sie, obgleich seine Gedanken um den Brautwagen flogen.
Fahre dieser nun langsam nach dem Hofe des Brautigams, wo schon die ganze Hochzeitsgesellschaft, Manner, Frauen, Madchen, junge Bursche aus allen umliegenden Wehren, und uberdies die Freunde aus der Stadt, der Hauptmann und der Sammler seiner warten. Dort wird abgeladen; wir gehen inzwischen voran zur Kirche, die in der Mitte der ganzen Bauerschaft auf einem grunen Hugel, beschattet von Walnussbaumen und wilden Kastanien liegt. In der Sakristei beschaftigte sich der Diakonus still mit seinem Texte. Er gehorte zu den glucklichen Geistlichen, deren innerste Glaubenskraft vom Zweifel, welchen die neuere Wissenschaft erst recht grundlich ausgeschaffen hat, nicht beruhrt wird. Die verfluchtigenden Vorstellungen, welche in das Christentum eingedrungen sind, waren ihm nicht fremd geblieben, und sein Geist musste zu sich sagen, dass darin mehr Wahrheit sei, als in dem Buchstaben des Orthodoxen. Aber es ging ihm mit der heiligen Geschichte, wie es uns mit unsern Eltern geht. Wir erkennen ihre Schwachen und sind doch, wo es auf etwas ankommt, immer ihre Kinder. Denn er wurde gleich ein anderer, wenn er das Heiligtum betrat; zwischen dessen Wanden verschwand ihm die Kalte, er empfand das Evangelium in allen seinen Ausstrahlungen, Wundern und Widerspruchen als eine ewige Tatsache, und als eine wirkliche, nicht als eine gemachte. So war er denn nie in der Kirche Lippenglaubiger, sondern erbaut, um andere zu erbauen.
Auch heute war er in den Gegenstand seiner Predigt fromm vertieft. Indessen storte ihn einigermassen der Kuster, welcher, ohne noch dort ein Geschaft zu haben, auch in der Sakristei verweilte, seinen Oberen mit verlegenen Blicken anschaute und dazu unablassig seufzte. Der Diakonus sah sich endlich genotigt, ihn zu fragen, was dies zu bedeuten habe?
"Beklemmung, Beangstigung, ein ungemeines Blutwallen und Zudringen der Safte nach dem Kopfe hat es zu bedeuten, Herr Diakonus", versetzte der seufzende Kuster.
"Es ist nicht zu verwundern, dass Ihr beklommen seid", antwortete lachelnd der Diakonus. "Dieses Kopfkissen, welches Ihr jahraus, jahrein, sobald wir die Stadt verlassen, eingeknopft auf dem Unterleibe tragt, die Witterung mag so schon sein, wie sie will, muss Euch das Blut wallen machen und die Safte zu Kopfe treiben."
"Es ist nicht dieses, mein Herr Diakonus", erwiderte der Kuster, indem er seinen ausgestopften Unterleib streichelte, welcher sich in sonderbaren Wellenlinien, Wulsten und Knoten darwies, weil der Inhaber die Federn des Kissens nicht ganz gleich verteilt und verstrichen hatte. "Es ist nicht dieses. Besser bewahrt, wie beklagt, ich weiss ja, was eine hartnackige Verkaltung auf sich hat. Das Kissen ist gleichsam ein Teil von mir geworden und ruht mir ohne die mindeste Beschwer auf dem Herzen. Aber weshalb ich beklommen bin, das ist die Furcht vor einer Herabsetzung meines Ansehens und vor einer Schandung sozusagen des ganzen Kusterstandes, welche mir auf dieser ungluckseligen Hochzeit bevorsteht."
"Wie denn so?"
"Der Herr Diakonus wissen, dass der Schulmeister loci vor nunmehr beinahe acht Tagen verstorben ist, und seine Stelle noch keine Besetzung gefunden hat. So fehlet also dieser Hochzeit der zweite observanzmassige Aufwarter7, und da hat nun der Hofschulze, dieser alte eigensinnige Mann sich nicht entblodet, mir gestern an- und zumuten zu lassen, ich solle statt des fehlenden Schulmeisters aufwarten, weil Kuster und Schulmeister miteinander die meiste Ahnlichkeit und Verwandtschaft hatten, woruber ich denn die ganze Nacht hindurch kein Auge zugetan habe. Annoch kann ich vor Herzklopfen mich nicht zufriedengeben."
"Freilich wurde bei der Aufwartung die eigene Leibesnahrung nicht so wohl gedeihen", sagte der Diakonus.
"Dieses nebenbei", sprach der Kuster sehr ernst. "Notigenfalls wurde durch Bundelschnuren und Serviettenverpackung dafur gesorgt werden, dass Kusterei in ihren Gerechtsamen keinen Schaden erlitte. Aber dass die Wurde eine Beeintrachtigung dulden musste und die Freiheit der Stelle von allen und jeden Aufwartediensten eine Verletzung erfuhre; dieses ist die Hauptsache. Und ehe ich ein solches Prajudiz aufkommen lasse, wodurch mittelst fernerer Nachlassigkeit der Amtsnachfolger Kusterei einer immerwahrenden Last unterzogen werden konnte, sterbe ich lieber, obschon ich einsehe, dass meine Weigernis einen furchtbarlichen Larmen hervorbringen kann, denn der Hofschulze ist in allem fest, was er sich vorsetzte. Daher entspriesset denn wohl nicht ohne Grund einiger Kummer."
Der Diakonus, der durch das Geschwatz des narrischen Kusters sich in seinen Gedanken unangenehm geirrt fuhlte, beschwichtigte ihn mit der Versicherung, dass er seinen Einfluss verwenden werde, um den Hofschulzen von dem rechtswidrigen Verlangen abzubringen. Der Kuster ging, etwas erleichtert, da es Zeit war, und die Menschen sich schon in der Kirche versammelt hatten, hinaus und begann auf der Orgel die hergebrachte "Schlacht von Prag" zu spielen. Er kannte namlich nur ein Praludium, und dieses war jene verschollene Schlachtmusik, an welche sich vielleicht noch einige altere Leute erinnern, wenn ich ihnen in das Gedachtnis zuruckrufe, dass das Tongemalde mit dem Aufmarsche der Zietenschen Husaren anfangt. Von diesem Aufmarsche wusste der Kuster dann immer mit freilich nicht selten kuhnen Gangen sich in die gangbaren Kirchenmelodien hinuberzuschwingen.
Wahrend des Liedes betrat der Diakonus die Kanzel, und als er die Augen zufallig auf die Versammlung warf, hatte er einen unerwarteten Anblick. Ein vornehmer Herr vom Hofe stand namlich mitten unter den Bauern, deren Aufmerksamkeit er zerstreute, weil sie von ihrem Gesangbuche immer empor- und nach seinem Sterne schielten. Der vornehme Herr wollte mit irgendeinem Bauern in das Gesangbuch sehen, um in das Lied einzustimmen, da aber jeder, sowie der Herr vom Hofe sich ihm naherte, ehrerbietig auswich, so gelangte er nicht zum Zwecke und erregte nur eine fast allgemeine Unruhe. Denn wenn er in eine Kirchenbank sich setzte, so rutschten auf der Stelle samtliche darin sesshafte Bauern bis in die ausserste entgegengesetzte Ecke, und entflohen der Bank ganzlich, wenn der Vornehme ihnen nachrutschte. Dieses Rutschen und Entrutschen wiederholte sich in drei bis vier Banken, so dass der Herr vom Hofe, der in der besten Absicht diesen Dorfgottesdienst besuchte, es endlich aufgeben musste, zu einer tatigen Teilnahme an demselben zu gelangen. Er hatte Geschafte in der Gegend und wollte die Gelegenheit nicht verabsaumen, durch Herablassung die Herzen dieser Landleute fur den Thron zu gewinnen, dem er sich so nahe wusste. Deshalb war in ihm, sobald er von der Bauernhochzeit horte, der Vorsatz entstanden, ihr leutselig von Anfang bis zu Ende beizuwohnen.
Den Diakonus beruhrte der Anblick des Vornehmen, den er aus den glanzenden Zirkeln der Hauptstadt kannte, nicht wohltuend. Er wusste, welche sonderbare Sitte der Predigt folgen werde, und furchtete den Spott des Vornehmen. Seine Gedanken verloren daher von ihrer gewohnlichen Klarheit, seine Gefuhle waren etwas bedeckt und er kam, je weiter er redete, um desto weiter aus der Sache. Seine Zerstreuung wuchs, da er bemerkte, dass der Vornehme ihm verstehende Blicke zuwarf und bei einigen Stellen beifallig mit dem Haupte nickte; meistenteils da, wo der Redner mit sich am unzufriedensten gewesen war. Er beschnitt daher die einzelnen Teile der Traurede, und eilte sich, zur Zeremonie zu gelangen.
Das Brautpaar kniete nieder und die verhangnisvollen Fragen ergingen an dasselbe. Da trug sich etwas zu, was den vornehmen Fremden in den aussersten Schreck versetzte. Denn er sah links und rechts, vor sich und hinter sich, Manner und Frauen, Madchen und junge Bursche dicke Knittel, aus Sacktuchern gewunden, hervorziehen. Alles war aufgestanden, zischelte untereinander und sah sich, wie es ihm vorkam, mit wilden und heimtuckischen Blicken um. Da es ihm nun unmoglich war, den richtigen Sinn dieser Vorbereitungen zu erraten, so verliess ihn alle Fassung, und weil die Knittel doch unwidersprechlich auf jemand deuteten, der Schlage empfangen sollte, so kam ihm der Gedanke, dass er der Gegenstand einer allgemeinen Misshandlung sein werde. Er erinnerte sich, wie scheu man ihm ausgewichen war, und er bedachte, wie roh der Charakter des Landvolkes ist, und wie die Bauern vielleicht, weil ihnen seine herablassende Gesinnung nicht bekannt sei, sich vorgenommen hatten, den ihnen unbequemen Eindringling zu entfernen. Alles dieses ging blitzschnell durch seine Seele und er wusste nicht, wie er Wurde und Person vor dem entsetzlichen Angriffe wahren sollte.
Als er noch ratlos nach Entschlussen rang, schloss der Diakonus die Feierlichkeit, und es entstand augenblicklich der wildeste Tumult. Samtliche Knitteltrager und Knitteltragerinnen sturzten schreiend und tobend und ihre Waffen schwingend nach vorwarts, der Herr vom Hofe aber war uber mehrere Banke mit drei Satzen seitwarts nach der Kanzel zu gesprungen, erstieg dieselbe im Nu und rief von diesem erhohten Standpunkte mit lauter Stimme in die tobende Menge hinunter: "Ich rate euch, mich nicht anzutasten! Ich hege die besten und herablassendsten Gesinnungen gegen euch, aber jede mir zugefugte Beleidigung wird der Monarch ahnden, wie eine ihm selbst widerfahrene."
Die Bauern aber horten nach dieser Rede nicht hin, von ihrem Vorhaben begeistert. Sie rannten dem Altar zu, und unterweges bekam schon dieser und jener unabsichtliche Prugel, bevor das eigentliche Ziel derselben erreicht war. Dieses war der Brautigam. Die Hande uber den Kopf schlagend, bahnte er sich mit aller Anstrengung eine Gasse durch die Menge, welche ihre Knittel auf seinem Rucken, seinen Schultern und uberhaupt allerorten, wo Platz war, tanzen liess. Er lief, sich gewaltsam Raum schaffend, nach der Kirchture zu, hatte aber, bevor er dieselbe erreichte, gewiss uber hundert Schlage empfangen, und kam so, wacker zerblaut an seinem Ehrentage aus dem Heiligtume. Alles lief ihm nach; der Brautvater, die Braut folgten, der Kuster schloss unmittelbar hinter dem letzten die Ture ab und verfugte sich in die Sakristei, welche einen besonderen Ausgang in das Freie hatte. In wenigen Sekunden war die Kirche leer geworden.
Noch stand indessen der vornehme Herr auf der Kanzel. Der Diakonus aber stand vor dem Altare, sich gegen den Vornehmen mit freundlichem Lacheln verbeugend. Dieser hatte, als er auf seinem Felsen Ararat sah, dass die Prugel nicht ihm zugedacht waren, beruhigt die Arme sinken lassen, und fragte, als jetzt Stille eingetreten war, den Diakonus: "Sagen Sie mir um des Himmels willen, Herr Prediger, was bedeutete dieser wutende Auftritt und was hatte der arme Mensch seinen Angreifern getan?"
"Nichts, Ew. Exzellenz", versetzte der Diakonus, der ungeachtet der Wurde des Orts Muhe hatte, ein Lachen uber den Hofling auf der Kanzel zu verbeissen. "Dieses Abklopfen des Brautigams nach der Trauung ist ein uralter Gebrauch, den sich die Leute nicht nehmen lassen. Sie sagen, er solle bedeuten, dass der Brautigam fuhle, wie weh Schlage tun, damit er sein kunftiges hausherrliches Recht wider die Frau nicht missbrauche."
"Ja, das sind denn doch aber wunderbare Sitten ..." murmelte die Exzellenz und stieg von der Kanzel. Unten empfing sie der Diakonus sehr hoflich und wurde von ihr mit drei Kussen auf der flachen Wange beehrt. Dann fuhrte der Geistliche seinen vornehmen Bekannten in die Sakristei, um ihn von dort in das Freie zu entlassen. Der noch immer Erschrockene sagte, er musse erst uberlegen, ob er an dem ferneren Verlaufe der Festlichkeit teilnehmen konne. Der Geistliche bedauerte dagegen auf dem Wege nach der Sakristei unendlich, dass er nicht fruher von dem Vorhaben Seiner Exzellenz Kunde erhalten habe, weil er dann imstande gewesen sei, Nachricht von der Prugelsitte zu erteilen und so Furcht und Schreck abzuwenden.
Nachdem beide sich entfernt hatten, war Stille und Schweigen in der Kirche. Es war ein artiges Kirchlein, reinlich und nicht zu bunt; ein reicher Wohltater hatte manches dafur getan. Die Decke war blau gemalt mit goldenen Sternen, an der Kanzel zeigte sich kunstliches Schnitzwerk und unter den Leichentafeln der alten Pfarrer, welche den Fussboden bedeckten, befanden sich sogar zwei oder drei von Messing. Reinlich und sauber wurden die Banke gehalten, auch darauf hatte der Hofschulze mit seinem grossen Einflusse hingewirkt. Eine schone Decke zierte den Altar, uber dem sich ein geschlungenes marmoriert angestrichenes Saulenwerk erhob.
Hell fiel das Licht zu dem Kirchlein ein, die Baume sauselten draussen und zuweilen bewegte ein gelindes Luftchen, das durch eine zerbrochene Scheibe drang, die weisse Scharpe, womit der Engel uber dem Taufbecken bekleidet war, oder die Flitter der Kronen, welche, von den Sargen der Jungfrauen genommen, die Pfeiler umher schmuckten.
Braut und Brautigam waren fort, der Brautzug war fort, und doch war es nicht ganz einsam in dem stillen Kirchlein. Zwei junge Leute waren darin zuruckgeblieben und wussten nicht voneinander und das war so zugegangen. Der Jager hatte sich, als die Hochzeitleute die Kirche betraten, von ihnen abgesondert und war still eine Treppe zu einer oberen Prieche hinaufgegangen. Dort setzte er sich auf einen Schemel ungesehen von den andern, abgewendet von ihnen und von dem Altar, ganz fur sich und allein. Er schlug sein Gesicht in seine Hand, aber das konnte er nicht lange ertragen, die Wange und Stirn gluhte ihm zu stark. Das Kirchenlied drunten fiel mit seinen ernstgezogenen Tonen wie ein kuhlender Tau in seine Glut, er dankte Gott, dass endlich, endlich ihm das grosste Gluck beschieden sei, und in die frommen Worte da unten sang er unaufhorlich seine weltlichen Verse hinein:
In deinem Ernst, in deinem Lachen
Gehorst du dir nach holdem Rechte! ...
Ein kleines Kind, welches sich neugierig heraufgeschlichen hatte, nahm er sanft bei der Hand und streichelte diese. Dann wollte er ihm Geld geben, aber er liess es sein, druckte es an sich und kusste ihm die Stirn. Und als das Kind, angstlich von den heissen Liebkosungen, die Treppe hinuntergehen wollte, fuhrte er es sacht hinab, dass es nicht falle. Dann kehrte er zu seinem Sitze zuruck und horte nichts von der Rede und nichts von dem Larmen, der ihr folgte, in tiefe, selige Traume versunken, die ihm seine schone Mutter zeigten und sein weisses Schloss auf grunem Berge und ihn und noch jemand in dem Schlosse.
Lisbeth war in ihrem fremdartigen Anzuge verlegen und scheu hinter der Braut hergegangen. "Ach", dachte sie, "in dem Augenblicke, wo der gute Mensch von mir sagt, ich ware immer naturlich, muss ich geborgte Kleider tragen." Sie sehnte sich in die ihrigen zuruck. Die Bauern, die Leute aus der Stadt horte sie hinter sich zischelnd ihren Namen nennen, der vornehme Herr, welcher vor der Kirche dem Zuge entgegentrat, besah sie lange prufend durch seine Lorgnette. Das alles musste sie erleiden, als sie eben so schon besungen worden war, als ihr Herz von Freude und Entzukken uberflutete. Sie trat halbbetaubt in die Kirche ein und nahm sich vor, bei dem Ruckwege von dem Zuge zu bleiben, damit sie auf keine Weise wieder der Gegenstand des Gesprachs oder gar der Scherze werde, uber welche sie sich seit einer Viertelstunde weit hinaus fuhlte. Auch sie horte von der Rede wenig, so sehr sie sich zwang, dem Vortrage ihres verehrten geistlichen Freundes zu folgen. Und als die Ringe gewechselt wurden, da erregten ihr die gleichgultigen Gesichter des Brautpaares eine sonderbare Empfindung, gemischt aus Wehmut, Neid und dem stillen Unwillen, dass ein so himmlischer Augenblick an stumpfen Seelen vorubergehe.
Nun entstand der Tumult und da entfloh sie unwillkurlich hinter den Altar. Als es wieder still geworden war, holte sie tief Atem, zupfte an ihrer Schurze, strich sich eine Locke, die ihr auf die Stirn gefallen war, sacht zuruck und fasste sich ein Herz. Sie wollte sehen, wie sie unbemerkt auf Nebenwegen zum Oberhofe zuruckgelangen und der leidigen Kleider quitt werden mochte. Mit kleinen Schritten und niedergeschlagenen Augen ging sie durch einen Seitengang nach der Ture zu.
Aus seinen Traumen endlich erwacht, kam der Jager die Treppe hinunter. Auch er wollte die Kirche verlassen, wusste aber freilich nicht, wohin dann? Sein Herz bebte, als er Lisbeth sah; sie schlug die Augen auf und blieb schuchtern und fromm stehen. Dann gingen sie, ohne einander anzuschauen, stumm der Ture zu, auf deren Drucker er seine Hand legte, sie zu offnen. "Sie ist verschlossen!" rief er mit einem Laut des Entzuckens, als sei ihm das hochste Gluck widerfahren. "Wir sind in der Kirche eingeschlossen!"
"Eingeschlossen?" fragte sie voll sussem Schreck. "Warum macht Sie das besturzt? Wo kann man besser aufgehoben sein als in einer Kirche?" sagte er seelenvoll. Er schlug sanft seine Arme um ihren Leib, mit der andern Hand fasste er ihre Hand, so fuhrte er sie nach einer Bank, notigte sie darauf nieder und setzte sich neben sie. Sie sah in ihren Schoss und liess die Bander an dem buntfarbigen Jackchen, welches sie trug, durch die Finger gleiten. Er hatte seinen Kopf auf dem Betbrette aufgestutzt, sah sie von der Seite an und beruhrte das Haubchen, welches sie trug, wie um den Stoff zu prufen. Er horte ihr Herz klopfen und sah ihren Hals gerotet. "Nicht wahr, es ist ein abscheulicher Anzug?" fragte sie nach langem Schweigen kaum horbar. "Oh!" rief er und knopfte seine Weste auf, "ich sah nicht nach dem Anzuge!" Er fasste ihre beiden Hande, druckte sie sturmisch gegen seine Brust und zog sie dann von der Bank.
"Ich ertrag's nicht so still zu sitzen! Lassen Sie uns die Kirche besehen!" rief er. "Hier ist wohl nicht viel Sehenswurdiges", versetzte sie zitternd. Er ging mit ihr zu dem Taufsteine, auf dessen Grunde noch etwas von dem heiligen Nass stand, denn es war vor der Hochzeit schon eine Taufe in der Kirche gewesen. Sie musste mit ihm auf den Grund und in das Wasser hinabsehen. Dann tauchte er den Finger hinein und netzte erst ihre und dann seine Stirn.
"Um Gottes willen, was machen Sie?" rief sie angstlich und wischte rasch die ihr frevelhaft dunkende Befeuchtung ab. "Wiedertauferei treibe ich", sagte er wunderbar lachelnd. "Dieses Wasser weiht die Geburt zum Leben, und dann geht das Leben so fort lange, lange, heisst Leben und ist keins und dann bricht das wahre Leben auf, und man sollte dann von neuem taufen." Sie wurde angstlich in seiner Nahe und stammelte: "Kommen Sie, ein Ausgang wird durch die Sakristei zu finden sein." "Nein", rief er, "erst die Totenkronen wollen wir besehen; zwischen Geburt und Grab erlebt unser Leben sein Leuchtendes, sein Schones!" Er fuhrte sie zu der stattlichsten Totenkrone am gegenuberstehenden Pfeiler und murmelte auf dem Wege mit trunken-irren Blicken die Stelle von Gray, welche mit seinen ubrigen Gedanken nicht zusammenhing, und auf welche ihn nur der Ort bringen konnte: "Viel Tropfen reinsten Glanzes bergen des Meeres dunkele unermessene Tiefe, viel Blumen brachen auf, um ungesehen zu bluhen und ihre Susse an die ode Luft zu verschwenden!"
Dachte er an das Madchen, von dessen Sarge die strahlende Totenkrone war? Ich weiss es nicht. Flittern und glanzende Ringe hingen an dunnem Zindel herunter. Er riss zwei Ringe ab und flusterte: "Ihr seid nur schlechte Reifen, aber zu kostlichem Gold will ich euch weihen und heiligen!" Er steckte, ehe die Lisbeth es verwehren konnte, ihr den einen und den andern darauf sich an. Dabei sah er zornig aus, seine Lippen schurzte ein erhabener Unmut, er legte seine geballte Faust dem Madchen auf den Nacken, als wollte er sie zuchtigen, dass sie seine Seele ihm entwendet habe. In diesem starken jungen Gemute riss die Liebe, wie ein Waldstrom im Gebirge, tiefe Schluchten und Spalten.
"Oswald!" rief sie und trat vor ihm zuruck. Es war das erstemal, dass sie seinen Vornamen nannte. "Wir konnen das ebensogut tun, wie die dummen Bauern", sagte er, "und sind keine anderen Ringe zur Hand, so nehmen wir sie vom Sargschmuck, denn das Leben ist starker als der Tod." "Nun gehe ich", seufzte sie atmend und wankte. Ihr Busen flog, dass das Mieder wild bewegt wurde.
Aber schon hatten seine starken Arme sie umstrickt und aufgehoben und vor den Altar getragen. Dort liess er sie nieder, die halb ohnmachtig an seiner Brust lag, und stammelte schluchzend vor Liebesweh und Liebeszorn: "Lisbeth! Liebe! Einzige! Entsetzliche! Feindin! Rauberin! Vergib mir! Willst du mein Du sein? Mein ewiges, susses Du?"
Sie antwortete nicht. Ihr Herz schlug an seinem, sie schmiegte sich ihm an, als wollte sie mit ihm verwachsen. Ihre Tranen flossen auf seine Brust. Nun hob er ihr Haupt empor, und die Lippen fanden sich. In diesem Kusse standen sie lange, lange.
Dann zog er sie sanft neben sich auf die Kniee nieder, und beide erhoben vor dem Altare betend die Hande. Sie konnten aber nichts vorbringen als: "Vater! lieber Vater im Himmel!" Und das wurden sie nicht mude, mit wonnezitternder Stimme zu rufen. Sie riefen es so zutraulich, als ob der Vater, den sie meinten, ihnen die Hand reiche.
Endlich verstummte dieses Rufen und sie legten das Gesicht schweigend an das Altartuch. Mit dem Arme aber umschlang eines des andern Nacken, die Wangen gluhten, eine an der andern, und die Finger spielten sanft in den Locken. Es war keine Unruhe mehr in den Herzen; sie schlugen still und gleichmassig.
So knieten die beiden eine Zeitlang vereinigt lautlos im Heiligtume. Plotzlich fuhlten sie ihre Haupter leise angeruhrt und sahen empor. Der Diakonus stand zwischen ihnen mit leuchtendem Antlitz und hielt seine Hande segnend auf ihren Scheiteln. Er war zufallig aus der Sakristei noch einmal in die Kirche getreten und hatte mit geruhrtem Erstaunen die Verlobung gesehen, die hier abseitig der Hochzeit und im Angesichte Gottes zustande gekommen war. Auch er redete nicht, aber seine Augen sprachen. Er zog den Jungling und das Madchen an seine Brust und druckte seine Lieblinge herzlich an sich.
Dann ging er mit dem Paare, es fuhrend, in die Sakristei, um es von dort zu entlassen. So gingen die drei aus der kleinen, stillen, hellen Dorfkirche.
Sechstes Kapitel
Die ferneren Ereignisse eines Hochzeittages
Unterdessen hatte sich das Hochzeitgefolge mit den Musikanten und dem Brautpaare wieder im Oberhofe eingefunden, und alles stand und sass im Flur, Hof und Garten umher. Noch immer loderten die Feuer und waren die Magde geschaftig. Die farbigen Jacken der Madchen, die sonderbar geformten Schneppenhauben der Frauen und die lichtblauen Rocke der Manner gaben der Szene ein buntes und fremdartiges Ansehen. Der Oberhof hatte sich ganz mit Menschen erfullt, denn es waren wohl an die hundert Personen versammelt, welche der Brautvater hatte einladen lassen. Steinhausen, der Spassmacher, war auch schon unter ihnen, verhielt sich aber noch still, denn seine Stunde sollte erst nachmittags kommen. Um das Brautpaar bekummerte sich niemand sonderlich. Der Brautigam half den Tisch im Flure decken. Die Braut sass mit den beiden ihr treugebliebenen Brautjungfern fur sich und in einiger Entfernung von den ubrigen Frauen unter den Linden im Hofe. Zuweilen und insoweit sie sich von ihrem Getranke abmussigen konnten, spielten die Musikanten, denen ein besonderer Tisch im Baumgarten angewiesen worden war, kurze Stucklein, ohne jedoch eine eigentliche Aufmerksamkeit zu erregen, denn die meisten hielten ihren Sinn nur auf die weissbedeckten Tafeln geheftet, auf welchen nun die Magde allgemach anzurichten begannen.
Der Brautvater hatte unterdessen von neuem Gelegenheit gehabt, seine Fassung zu erweisen. Zwar, dass ihm der Diakonus, als er in den Hof kam, verkundigte, die fremde Exzellenz, welche er soeben im Kruge bekomplimentiert, sei von ihm ungeachtet des Schrecks in der Kirche dennoch veranlasst worden, die Hochzeit zu besuchen, konnte seinem Stolze nur behaglich sein. Aber sonst ging so manches bei dem Plasier, wie er fur sich hinmurmelte, nicht in der gehorigen Manier. Schon dass seine Voraussagung eintraf und dass ihn bei der Ruckkehr in den Oberhof ein jeder befragte, warum Holscher nicht komme? war ihm sehr verdriesslich gewesen. Dann verdross es ihn, dass die dritte Brautjungfer Lisbeth zuruckgeblieben war und nicht, wie sich gebuhrte, bei seiner Tochter sass. Der Hauptmann, der heute seinen preussischen Tag hatte und das Eiserne Kreuz trug, steigerte den Arger. Nach uralter Sitte war namlich fur die vornehmen und stadtischen Gaste im Flure gedeckt worden, und fur die geringeren Leute im Baumgarten. Denn der Bauer, welcher nicht zum Vergnugen, sondern in Last und Plage viel draussen sein muss, halt das Obdach des Hauses fur den besten Segen und glaubt den zu ehren, dem er dieses anbietet. Der Hauptmann aber, der rasch einsah, dass der Aufenthalt in der heissen und dumpfen Enge unangenehm sein werde, ordnete an und kommandierte, dass er mit der Braut, dem Pastor, dem Brautvater und dem Sammler im Baumgarten speisen wolle, liess auch sofort die Gabeln, welche die vornehmen Gaste ausnahmsweise bekamen, nach der Tafel im Freien tragen. Es war dies schon geschehen, als der Hofschulze hinzukam und mit grossem Unmute die abermalige Abweichung vom Hergebrachten gewahrte. Er stiess einen tiefen Seufzer aus, welches bei ihm ein Zeichen verhaltenen Zornes war, bezwang sich indessen und ausserte gegen den Hauptmann, der ihn militarisch kurz fragte, ob er des Henkers gewesen sei, dass er seine Freunde aus der Stadt habe am Herde rosten wollen? mit gehaltener Hoflichkeit: Wie die Herrschaften es sich am liebsten einrichteten, so sei es ihm auch recht und angenehm.
Aber dem Diakonus, der ihn darauf beiseite nahm, um eine Angelegenheit von Wichtigkeit mit ihm zu ordnen, hielt er desto hartnackiger Stich. Der Diakonus wollte namlich seinen unglucklichen Kuster von dem Aufwartedienste frei haben, weil er wirklich befurchtete, dass das Ehr- und Rechtsgefuhl dieses Mannes es auf den aussersten Widerstand ankommen lassen und vielleicht die vollige Storung des ganzen Hochzeitfestes herbeifuhren werde. Bei diesem Punkte fuhlte sich jedoch der Hofschulze zu fest in seinen begrundeten Anspruchen und verblieb unweigerlich dabei, dass der Kuster die Gaste bedienen musse, da der alte Schulmeister gestorben und ein neuer noch nicht angekommen sei. Aus seinen Reden ging hervor, dass er einen Kuster nur fur die Spielart eines Schulmeisters hielt, wie denn in der Tat auch an vielen Orten beide Posten in einer Person vereinigt zu sein pflegen. Der Geistliche suchte mit aller Gelassenheit ihn durch verschiedene Grunde auf andere Gedanken zu bringen, und schlug endlich vor, den Spassmacher Steinhausen zum zweiten Aufwarter zu ernennen. Dieser Vorschlag verletzte aber recht eigentlich den Hofschulzen, er erklarte dem Diakonus, dass er nur deshalb, weil der Herr noch nicht lange in der Gegend sei und darum die Manieren nicht innehaben konne, ihm die Rede hingehen lasse. Denn erstlich sei nicht die mindeste Ahnlichkeit zwischen einem Schulmeister und dem Spassmacher, und zweitens werde es ja fur seinen Eidam im hochsten Grade despektierlich sein, einen solchen Kompagnon zu haben.
Die Debatte dauerte zwischen beiden Mannern unentschieden fort. Sie wurde mit Anstand und Ruhe gefuhrt, aber ein Ende und Ziel liess sich nicht voraussehen. Dies war um so beklagenswerter, als bereits die meisten Suppenkubel und Schusseln auf den Tafeln dampften, und alles nach der Mahlzeit verlangte, die doch ohne die gehorige Aufwartung nicht zustande kommen konnte.
Der Kuster hatte sich, da er seine Sache in guten Handen sah, aus Politik, um nicht personlich uberrumpelt zu werden, auf einige Zeit vom Oberhofe entfernt. Er ging zwischen den Wallhecken spazieren, und mit ihm ging einer der fremden Hochzeitgaste, ein alter Schirrmeister, der im nachsten Postorte gerade seine zehn Ruhestunden genoss, und die Gelegenheit nicht hatte vorbeigehen lassen wollen, vom Hochzeitbraten zu kosten ein weitlauftiger Anverwandter des Hofschulzen. Er gehorte zu den ausgedienten Kriegsknechten, die nach vielen Muhen und Strapazen einen sogenannten Ruheposten bekommen. Der Ruheposten unseres Schirrmeisters gestattete ihm viermal im Monat sein Bette aufzusuchen, sonst lag er bei Nacht und bei Tage auf der Landstrasse. Er hatte so viel Kupfer auf der Nase, als ein rechtschaffener Schirrmeister haben muss, war ein Funfziger, d.h. hoch in den Funfzigen, rustig und wacker, und litt nur von seinen Feldzugen her an der Gicht, die ihn zuweilen ganz kontrakt machte.
Der Kuster und der Schirrmeister unterhielten sich in dieser Zwischenzeit vor Tische vom menschlichen Leben und vom hochsten Gute. "Wenn man so wie ich auf vielen Hochzeiten gewesen ist", sagte der Kuster, "wenn man sieht, wie die jungen Leute einander heiraten, nach neun Monaten ein Kind kriegen, und dann immer so fort, jedes Jahr ein frisches Kind nun stirbt dieses und jenes Kind, und die, welche leben bleiben, heiraten nach mehreren Jahren auch, und zuletzt stirbt alles miteinander, und hat das, wenn man seine sechzig Jahre auf den Schultern tragt, wie gesagt, einige Male mit durchmachen mussen, so kommt einem das menschliche Leben ganz einerlei vor und wie eine Kugel, die sich immer umdreht."
"Das menschliche Leben kommt mir mehr gleichsam als wie eine Reise vor", sagte der Schirrmeister.
Der Kuster sah seinen Gefahrten lange erstaunt an und sprach darauf: "Dieser Gedanke ist ganz neu, denn ich fand ihn noch nirgends in den vielen Buchern, die ich doch gelesen habe."
Der Schirrmeister fuhlte sich geschmeichelt und versetzte: "Unterweges fallt unsereinem allerhand ein. Es soll mir ganz recht sein, wenn dieser Gedanke noch nirgendwo geschrieben steht, denn Bucher zu lesen habe ich freilich keine Zeit."
Der Kuster fuhr in seinen Betrachtungen folgendermassen fort: "In dieser vernunftigen Fassung uber das menschliche Leben sanftigen sich auch die menschlichen Wunsche. Ich war zu meiner Zeit in der Jugend sehr obenaus und wollte platterdings Theologie studieren. Fruhprediger musste ich wenigstens werden; das stand fest. Es war aber dazumal mit dem Unterrichte eine verkehrte Sache, und die Lehrer hatten nicht die Manier, dass man etwas begreifen konnte. Ich begriff nichts und wurde so nach und nach Kuster, wozu man freilich auch nicht ohne Gaben sein darf. Gegenwartig habe ich eigentlich nur noch drei Wunsche auf dieser Welt."
"Und die sind?" fragte der Schirrmeister.
"Erstlich wunsche ich, dass jemand einmal ein ordentliches und ausfuhrliches Buch von Kustersachen schriebe und darin auseinandersetzte, worin das Amt und die Wurde eines Kusters besteht, was man ihm mit Fug zumuten darf und was nicht. Denn alles will uns jetzt zu Leibe, und es gibt keinen angefochteneren Stand, weshalb es dann ein wahres Bedurfnis der Zeit ware, dass in den Vorstellungen uber Kuster und Kustereien einmal wieder bessere Ordnung gestiftet wurde."
"Was ich mir wunsche, ist geringer", sagte der kupfernasige Schirrmeister. "Ich bin mit meinem Posten ganz zufrieden, man lernt auf jeder Station andere Menschen kennen, es gibt immer etwas Neues, und die fremden Gegenden auf dem Kurs verschaffen einem auch bestandig Abwechselung. Hat man einmal Langeweile, nun, so liest man zur Unterhaltung seinen Personenzettel, kurz, ich mochte diesen Beruf mit keinem anderen vertauschen und ware ganz glucklich, wenn ich nur ein einziges Mal tuchtig schwitzen konnte."
"Tut Ihnen das so not und kommen Sie nie dazu?" fragte der Kuster.
"Not sehr, denn das Reissen in den Gliedern von meinen Strapazen her nimmt von Jahr zu Jahr zu. Das ist auch ganz regular, denn dergleichen Ubel mehren sich immer, wenn man bei jedem Wind und Wetter hinaus muss. Konnte ich aber einmal so recht von Grund der Seele schwitzen, ich hatte wohl auf einige Zeit Ruhe. Dazu gelange ich indessen nie, weil ich nur viermal im Monate zu Hause schlafe."
"Dann konnten Sie ja doch schwitzen", sagte der Kuster.
"Keine Moglichkeit. Habe es versucht, aber die Gedanken lassen den Schweiss nicht vorbrechen", versetzte der Schirrmeister. "Namlich, wenn ich eben ein paar Stunden im Bette gelegen habe und der Fliedertee nun seine Wirkung tun will, so fange ich an zu denken: jetzt futtern die Pferde, die du vorgelegt kriegst, jetzt wird schon der Wagen geschmiert, nun stehen der Herr Sekretar auf, nun sehe ich sie in ihrem Warschauer Schlafpelz sitzen und die Charten und Papiere fertig machen, alleweile ist der Briefzettel geschrieben, und alleweile die Personenkarte da schlagt es sechs, und ich muss aufstehen, trocken, wie ich mich hinlegte, denn wenn man seine vollige Ruhe nicht hat und an andere Dinge denken muss, so lost sich die Natur nicht, und wenn man den Fliedertee eimerweis tranke. Dieses fehlt also an meiner volligen Zufriedenheit, und so ist das menschliche Gluck nie vollkommen."
"Ja", sagte der Kuster, "es mangelt immerdar etwas, welches auch heilsam sein mag, denn sonst verlangten wir nicht nach dem Himmel. Mein zweiter Wunsch ware, dass doch endlich ein Einsehen getan wurde und alle Hunde abkamen, oder wenigstens mit Knuppeln vor den Beinen umherlaufen mussten, wegen der moglichen Tollheit. Hier an dieser Stelle, Schirrmeister, war es, wo ich durch eine solche Kanaille, die von jener Wallhecke herabsprang, am letzten Zinstage einen Todesschreck hatte. Man sollte uberhaupt seinen Nebenmenschen vor Alterationen mehr behuten und bewahren. Tolle Menschen lasst man auch viel zu frei umhergehen. So habe ich zu meinem Erstaunen gehort, dass der ubergeschnappte Schulmeister von Hackelpfiffelsberg, welcher eine Zeitlang bei dem alten Herrn Baron eingesperrt war, seit gestern frank in der Gegend gesehen worden ist. Wenn einem nun unversehens dieser Wutige begegnete "
Aber der Kuster konnte seinen Satz nicht enden, denn es ereignete sich etwas, was selten vorzukommen pflegt, namlich: der Wolf in der Fabel erschien. Um die Ecke herum trat namlich plotzlich mit einer Flinte bewaffnet der Schulmeister Agesilaus oder vielmehr Agesel in der veilchenblauen Pekesche mit Sammetvorstossen. Er ging munteren und beherzten Schrittes auf die beiden Manner zu, denn er war auf dem Wege nach dem Oberhofe. Aber ihn sehen, einen Laut des Schreckens ausstossen, sich blitzschnell umkehren und mit gewaltiger Schnelligkeit entfliehen, war bei dem Kuster eins.
Er lief, die Hande vorgestreckt, spornstreichs nach dem Hochzeithause und sturzte mit dem Geschrei: "Rettet euch!" unter die Gaste, die alsobald aufgestort, teils den Kuster in bewegten Gruppen umwogten, teils zum Fluchten Anstalt machten. Der Hofschulze, welcher von der allgemeinen Unruhe nicht angesteckt wurde, trat fragend zum Kuster und erhielt von ihm den Bescheid, dass einer oder mehrere Tolle, ja vermutlich das ganze Irrenhaus in der Nahe ausgebrochen sei, und die verruckte Gesellschaft, furchtbar mit Flinten und Keulen bewaffnet, sich nahe.
Die Weiber erhoben ein Geschrei, der Hofschulze, welcher von sich auf andere schloss und nicht annehmen konnte, dass die Furcht in dem Masse ubertreibe, wie hier der Fall war, machte zum ersten Male in seinem Leben ein verlegenes Gesicht, und alles war in Besturzung als der Schirrmeister mit dem vermeintlichen Tollen in den Hof trat.
"Agesel!" riefen alle, die ihn kannten, und deren waren nicht wenige. "Ist dieses das ganze entsprungene Irrenhaus?" fragte der Hauptmann. "Ihr seid und bleibt ein Poltron, Kuster!" "Man kann noch nicht wissen " stammelte der zitternde Kuster, der seinen Versteck hinter der Exzellenz vom Hofe, die indessen auch unter den Gasten eingetroffen war, genommen hatte, vermutlich weil er im Schutz des Vornehmsten am sichersten zu sein glaubte. Die Exzellenz sah verwundert umher und wusste abermals nicht, woran sie war.
Agesel warf einen wehmutigen Blick auf die Versammlung, einen schmerzlichen gen Himmel und sagte dann seufzend:
"Ich ahne recht wohl, was dieser Vorgang zu bedeuten hat. Ja, wer einmal einem gewissen Ungluck unterworfen gewesen ist, vor dessen Schritten fleucht immerdar die Furcht her und ruft:
'Geht aus dem Wege!' Meine Herren aus der Stadt! Ich kann Sie versichern, dass ich gewohnlicher Mensch in der vollsten Bedeutung des Wortes bin. Euch Bauern, die ihr dies vielleicht nicht verstehen wurdet, sage ich, dass es bei mir keinesweges rappelt, sondern dass ich auf den Oberhof komme, um mich nach der Pflegetochter vom Schlosse zu erkundigen. Wer mir das glauben will, der tut wohl daran, und wer es nicht glauben will, der kann es bleiben lassen. Die Flinte, welche den Kuster vielleicht erschreckt hat, habe ich droben am Freistuhl, bei dem ich vorbeikam, im Walde gefunden. Schaft und Rohr lagen gesondert und zum Teil beschadigt an verschiedenen Stellen, mich jammerte das gute Eisen und Holz, ich band es notdurftig mit Bast und Bindfaden zusammen, und stellte so den Anschein einer Flinte dar, welcher aber, wie der Augenschein lehrt, durchaus unschadlich ist."
Er zeigte das zusammengeflickte Schiessgewehr vor, welches, wie man leicht errat, das des Jagers war. Wer es zu sehen bekam, uberzeugte sich mit einem Blicke, dass es keine Gefahr bringen konne. Die gesetzten Reden des Schulmeisters brachten ein allgemeines Zutrauen in seinen hergestellten Verstand zuwege. Dem Diakonus kam plotzlich ein Gedanke, durch den so unvermutet in die Hochzeit eintretenden Agesel den ganzen Streit uber das Aufwarten beizulegen. Er sagte dem Hofschulzen seine Meinung, dieser billigte sie, und beide richteten an den Schulmeister das Ersuchen, als zweiter Aufwarter bei der Mahlzeit zu dienen. Nichts konnte dem Manne erwunschter sein. Er versetzte, dass sein ganzes Bestreben jetzt dahin gehe, nutzlich zu wirken, dass er daher mit Freuden die Gelegenheit, die ihm heute dazu durch das Bedienen der Gaste gewahrt werde, ergreife, und in diesem anscheinend zufalligen Ereignisse eine wahre Fugung des Himmels erkenne, indem er nicht verschweigen konne, dass der Herr Schulrat Thomasius ihm gewisse Aussicht auf die Schulmeisterstelle der Bauerschaft gegeben habe, daher das vorlaufige Aufwarten gleichsam schon den Anfang des ihm zugesagten Dienstes darstelle. Nach dieser Rede band er sich hurtig eine weisse Schurze vor, holte mit Geschicklichkeit einen gekochten Schinken vom Feuer und setzte ihn anstandsvoll auf die Tafel im Baumgarten.
Sonach waren alle Hindernisse beseitiget, und die ganze Hochzeitgesellschaft nahm auf eine gereimte Einladung des Burschen, der Holscher zu bitten vergessen hatte, Platz. Die Braut, die Brautjungfern, der Diakonus, der Brautvater, die stadtischen Freunde, die Exzellenz, der Schirrmeister und die grossten Hofesbesitzer mit ihren Frauen stellten sich um die Tafel unter den Baumen im Garten, die geringeren Leute und die jungen Bursche und Madchen unter Anfuhrung des Kusters um die im Flur. Der Diakonus sprach an seinem Tische ein Gebet, der Kuster eins an dem seinigen. Hierauf wurde an beiden Tischen ein geistliches Lied angestimmt.
Fur Lisbeth war zwischen den Brautjungfern ein Platz offengelassen worden. Der Hofschulze sah sich unruhig nach ihr um. Sie kam nicht. Dagegen kam wahrend des Gesanges der Jager, uberblickte die Tafel, fand fur sich keinen Platz offen, weil die zwei unerwarteten Gaste, die Exzellenz und der Schirrmeister, schon allen Raum hinweggenommen hatten, Lisbeths Platz aber unbesetzt. Freudeglanzend wurde sein Antlitz, er schlich sich sacht seitwarts nach dem Hause, um sein Madchen aufzusuchen. Sie trat ihm bei den Linden entgegen, umgekleidet, in ihrem gewohnlichen Anzuge, den Strohhut auf dem Haupte. "Nun ist mir wohl, nun bin ich wieder wie ich sein muss!" rief sie freundlich. "Ich weiss", sagte er, "du magst dich nicht verstellen, du wolltest neulich nicht einmal leiden, dass ich dir an deinem Haare zeigen durfte, was fur Zopfe die schwabischen Madchen tragen."
"Nein", sagte sie, "niemals was vorstellen, was man nicht ist."
Sie wollte nach dem Tische im Baumgarten gehen, der Jager hielt sie aber zuruck und rief: "Wie? In dem leichten stadtischen Kleidchen willst du dich als Brautjungfer an den Tisch setzen! Da erwarte nur, dass dich der Hofschulze, der streng auf Ordnung und Kostum halt, fortweiset!" "Ja, was soll ich beginnen?" fragte sie verlegen; "das hassliche steife Zeug lege ich nimmermehr wieder an."
"O meine Geliebte", sagte der Jager zartlich, "wollen wir denn unser Gluck unter die Bauern tragen? Dasitzen und rohe Spasse anhoren und langweilige Brauche mit anschauen? Ist's denn nicht der Tag unserer Tage? Gehort er nicht ganz uns unter Gottes liebem Himmel und auf Gottes gruner Erde? Mussen wir zwei nicht allein beieinander bleiben, fern, fern von den anderen Menschen? Ich wollte dich bitten, mit mir zu gehen, den Hugeln zu, den Platz suchen, wo ich dich zum ersten Male fand bei der schonen Blume!"
"Wie darf ich das? Was wurden sie von mir im Oberhofe sagen", versetzte sie scheu. Sie entfernte sich von ihm.
"Wohl! Wohl!" rief er halbzornig. "So setze dich denn nieder bei deinen Kameradinnen; fur mich ist aber nicht gedeckt, ich gehe zu Wald!" Er ging trotzig einer Seitenpforte zu, die in das Freie fuhrte. Ein stechender Schmerz sass ihm im Herzen. Um nichts, wenn ihr wollt. Das ist die Liebe. Aber er hatte noch nicht die Pforte erreicht, als er seine Schulter leise angeruhrt fuhlte. Er wandte sich um; Lisbeth war ihm nachgefolgt. "Wenn sie dir nichts zu essen geben wollen, da mag ich auch nichts, und wo du bleibst, bleibe ich auch"; sagte sie herzlich und zog ihn, bevor er etwas erwidern konnte, nun selbst durch die Pforte in das Freie. Er umfasste sie und beide sprangen durch Wiese und Feld.
Siebentes Kapitel
Der vornehme Herr vom Hofe macht vergebliche Anstrengungen, sich herabzulassen. Der Spassmacher
Steinhausen wird jedermann verstandlich
Die Braut sass quer vor dem Tische und ruhrte keinen Bissen an. Der Brautvater, welcher dem Auftritte zwischen dem Jager und Lisbeth aus der Entfernung zugeschaut hatte und infolge desselben den Platz der dritten Jungfer leer bleiben sehen musste, flusterte gekrankt und ingrimmig: "Dieser Untugend werde ich noch vor Abend mit der Manier ein Ende machen." Auch er ass wenig. Desto angelegener liessen die Bauern sich dieses sein, hatten ihre Messern, ein jeder das seinige aus der Tasche hervorgezogen, womit sie ohne Gabeln fertig zu werden wussten, und sprachen den Huhnern tapfer zu, ohne daruber ihre mutigen Vorsatze auf Schinken, Mostertstucke und Braten daranzugeben. Eine unendliche Last von Essbarem dampfte auf den Tafeln, fast schien es selbst diesen Appetiten gegenuber, unmoglich, alles zu bewaltigen, wenn nicht dennoch die Schnelligkeit, womit die ersten Gange vom Angesichte der Welt verschwanden, dazu die Aussicht gegeben hatte. Alles schrotete, kaute, schluckte, und es ist nicht erlogen denn ich bin ja nicht Munchhausen, oder wenigstens nur zur Halfte er , wenn ich sage, dass mancher Bauer binnen wenigen Minuten ein ganzes Huhn uberwunden hatte, und dass ein Schinken fur sechs Mann nur so eben zureichte. Auch die Stadter liessen sich die reinliche, derbe Kost trefflich munden, der Schirrmeister aber ass fur zwei Bauern und trank fur drei. Was das Getrank betrifft, so muss ich leider, wie undichterisch dies klingen mag, von Bier berichten. Jeder hatte seinen irdenen Deckelkrug gefullt vor sich stehen, und wenn derselbe geleert war, so klappte der Inhaber auf eine eigene landesubliche Weise mit dem zinnernen Deckel, worauf frische Fullung erfolgte. Selbige besorgte der erste Aufwarter, der Brautigam, aus einer machtigen Schleifkanne eingiessend, mit welcher er, eine weisse Serviette vorgesteckt, die Tafeln umkreiste. Dieser Konig des Festes hatte von seinem Ehrentage nichts als Prugel vorhin und Muhe anjetzt, denn die Deckel klappten unaufhorlich, bald hier, bald da. Nur der Diakonus und die stadtischen Gaste erhielten Wein vorgesetzt. Der Schulmeister lag der Aufwartung in betreff des Festen ob, flink und gewandt, recht heiter in diesem Geschafte.
Es gab unter den Gasten nur zwei, welche die allgemeine Befriedigung nicht ganz teilten, der eine aus Verlegenheit, der andere aus Furcht. In Furcht befand sich namlich der Kuster und in Verlegenheit der vornehme Herr vom Hofe. Dem Kuster hatte der grosste Irrenarzt von Europa ein schriftliches Zeugnis einhandigen konnen, dass der Schulmeister bei Sinnen sei, es wurde ihm doch nicht wohl geworden sein in der Nahe dieses Menschen, der mit so gefahrlichen Werkzeugen, wie Schusseln, Tellern, Messern, unbewacht um ihn her hantierte. Er dachte im stillen an alle die Falle, worin ein Verruckter, lange Zeit scheinbar hergestellt, plotzlich wieder wutend geworden ist, und nun mit dem, was er gerade in der Hand hat, dem nachsten, besten die Hirnschale zerschmettert. Diesem Schicksale wenigstens einigermassen vorzubeugen, setzte er unter dem Vorwande, dass es in dem von Hitze gluhenden Flure kuhl ziehe, seinen Hut auf, obgleich dies allgemein auffiel. Wirklich war der arme Kuster in einer traurigen Lage. Seine Esslust uberstieg womoglich noch die des Schirrmeisters, der heutige Tag war ein solcher, an dem er hatte zeigen wollen, was Kinnbacken zu leisten vermogen, und nun ging ihm dieser schone Traum so hasslich aus. Denn nichts hindert den Menschen mehr am Schlucken als Furcht und Angst. Der Kuster fuhlte sich unglaublich gehemmt. Hatte er eben auch in einem selbstvergessenen Augenblicke einen starken Bissen zum Munde gefuhrt, etwa eine Huhnerkeule oder einen Streifen Rindfleisch von der Machtigkeit einer halben Hand, siehe! so flog hinter ihm der aufwartende Schulmeister, vielleicht eine Kelle in der Faust, vorbei, und Huhnerkeule oder Rindfleischstreifen sassen ihm auf der Stelle fest, verzaubert, wie Schiffe auf dem Lebermeere, zwischen den Zahnen. Umsonst suchte er durch haufiges Trinken die hinabfuhrenden Wege geschmeidiger zu machen; der Schreck erhielt seine Kehle in Trocknis trotz alles Giessens. So, zwischen Entsetzen und Appetit, glich er, wenn dieses Gleichnis nicht zu niedrig klingt, dem Hunde, der vor einer erwischten Bratwurst sitzt, vor Wollust zittert, sie zu verschlingen, und dabei scheu nach dem Herrn sieht, der aus der Entfernung bereits mit der Peitsche herbeieilt.
Der vornehme Herr vom Hofe machte unterdessen vergebliche Versuche, sich herabzulassen, und geriet daruber in Verlegenheit. Er sass zwischen dem Hofschulzen und dem Diakonus und hatte gegenuber zwei Bauerfrauen, die bei ihren Mannern sassen. Als das gewaltige Essen begann, fuhlte er wohl, dass er in diese Tatigkeit nicht einzugreifen vermoge, auch erregten ihm die Speisen keinen Hunger und er begnugte sich, nur zum Schein etwas auf den Teller zu nehmen. Dort aber blieb es unberuhrt liegen, ungeachtet der Hofschulze, der seine Kost nicht gern verschmaht sah, ihn mit einiger Empfindlichkeit notigte, auch zu essen. Das konnte er nicht, jedoch bestrebte er sich, leutselig zu sein, denn zu diesem Ende und um das Volk, soviel an ihm war, durch hinreissende Manieren fur den Thron gewinnen zu helfen, war er ja nur wieder unter die Bauern gekommen.
Um in diese Manieren einen gewissen Fortschritt vom Geringeren zum Grosseren zu bringen, sah er die gegenubersitzenden Bauern mit einer sussen Freundlichkeit an und winkte dazu gnadig mit dem Haupte, als wollte er sagen: "Nun, schmeckt's, ihr ehrlichen Landleute?" Daruber lachten aber die Bauern, und einer stiess seinen Nachbar an mit den Worten: "Ist der Kerl verruckt?" Der vornehme Herr vom Hofe glaubte, als er des Lachens inneward, seine Huld nicht deutlich genug von sich gegeben zu haben, er beschloss daher, zuvorderst das andere Geschlecht zu gewinnen, liess sich zwei Teller geben, stellte sie vor sich hin, schnitt zwei gute Stucke von dem vor ihm stehenden Truthahne ab, legte sie auf die Teller und reichte diese Leckerbisslein den beiden Bauerweibern, die noch ziemlich rund und hubsch waren. Die Weiber, zugleich mit einer artigen Redensart, welche ihnen unverstandlich blieb, angesprochen, guckten verlegen, rot und stumm auf die Teller, ohne die Gaben der Courtoisie anzuruhren. Ihre Manner aber sahen mit sonderbaren Blicken nach dem Geber hinuber; der eine nahm seiner Frau den Teller mit den Worten: "Du brauchst nicht von anderer Leute Tellern zu essen, du hast deinen eigenen"; weg und reichte ihn dem soeben geschaftig vorbeifliegenden Schulmeister. Der andere warf ihn sogar argerlich mit der Befrachtung unter den Tisch, indem er halblaut rief: "Was zu grob ist, ist zu grob!" Der vornehme Herr vom Hofe begriff durchaus diese Einhergange nicht, er suchte sich rechts und links, gerade und schrage hinuber so liebenswurdig als moglich zu machen, aber alles war vergebens, weil er immer mit holder Ungezwungenheit, die zwischen die festgestellte Ordnung der Tafel trat, dartun wollte, dass es ihn gar nicht beenge, unter so geringen Leuten zu sitzen. Aber das erschien den bauerlichen Tischgenossen eben wie die grosste Unart, und bis zum Schweinsbraten hatte sich flusternd so ziemlich die Meinung festgestellt, dass man vornehme Leute fur hoflicher gehalten habe. Der umsonst sich Herablassende, welcher ausserlich die Fassung des Hofes behielt, obgleich ihm innerlich immer ubler zumute ward, sagte endlich zum Hofschulzen: "Ihr habt hier recht eigentumliche Sitten, Alterchen."
Auf diese huldreiche Anrede mass der Hofschulze seinen vornehmen Gast mit den Augen und versetzte dann stolz und bedachtig: "Ich weiss nicht, Herr, ob die Sitten hier anders sind, als anderer Orten, denn ich bin nie uber Borde und Haarstrang hinausgekommen, habe auch niemalen Lust dazu gehabt. Richtig ist es, dass hier alles mit der Manier zugeht, alles und jedes seine Ordnung, Zeit und den gewiesenen Platz hat, jedermann die ihm gebuhrende Reverenz geniesst, so dass ich den Halbhufner, den Kotter, und wer es sonst sein mag, jeden bei seiner Gebuhr nennen muss, freilich aber auch pratendiere, dass mich niemand anders als Hofschulze nennt, das heisst, versteht sich, von meinesgleichen, denn, Herr, hinter den Bergen mogen wohl andere Sitten und Gebrauche herrschen."
Es war gut, dass in diesem Augenblicke das letzte Gericht der Mahlzeit, der Rollkuchen, verzehrt war, und von weiterer Herablassung seitens des vornehmen Herren nicht mehr die Rede sein konnte, denn man kann nicht wissen, bis zu welchen unangenehmen Auftritten dieselbe noch gefuhrt haben wurde. Der Diakonus sprach das Gratias, abermals ertonte ein geistliches Lied, und darauf ging alles von den Tischen, die gleich einem Schlachtfelde nur noch Knochen, Gerippe und Schwarten zeigten. Die Weiber tranken Kaffee, die Manner setzten ihr Biertrinken fort, die Musikanten stimmten allgemach ihre Instrumente. Steinhausen, der Spassmacher, begann sein Amt, indem er von einer Gruppe zur andern ging, hier das Ratsel aufgab: wann der Hase uber die meisten Locher laufe? dort einen Rotkopf warnte, er solle nicht so nahe an die Scheune gehen, um nicht Feuer anzulegen, einem dritten Haufen die Geschichte vom Prinzen Pralle erzahlte, der gefallen sei vom Stalle, hatte weinen wollen, aber keine Augen gehabt, und was dergleichen mehr war an Ratseln, Schwanklein und Posslein, die er auf jeder Hochzeit anbrachte und die nie ihre Wirkung verfehlten. Die Bauern lachten, dass die Hofesmauern hatten Risse bekommen mogen; wen er recht entzuckte, der gab ihm einen Puff, nicht eben allzu sanft, worauf Steinhausen einen Klaps zuruckgab, oder mit den Fussen ausschlug, wie ein Pferd, ohne dass diese Tatlichkeiten irgendeine Storung des guten Vernehmens und des allervollkommensten Verstandnisses hervorbrachten, welches zwischen dem Spassmacher und seinen Zuhorern herrschte.
Wahrend man so dort einander durchaus begriff,
dauerten in einer andern Ecke des Hofes die Missverstandnisse fort. Der vornehme Herr hatte sich namlich mit dem alten Hauptmann in ein Gesprach eingelassen, welches eine patriotische Farbung erhielt. Der Alte war sehr gesprachig uber die Affaren, denen er auf der vaterlandischen Seite beigewohnt, und erging sich mit Behagen in diesen Kriegesgeschichten. Jener Kavalier war vorzeiten dem Hauptquartiere attachiert gewesen, und konnte also so ziemlich folgen. Im Verlaufe dieser Unterredungen rief er plotzlich mit einem feucht verklarten Blicke: "Diese grosse Zeit, die der Herr segnete! Was fur herrliche Fruchte hat sie aber auch gebracht!" Er faltete die Hande dabei.
Das Gesicht des alten Hauptmanns wurde so trokken, wie ein Sandfeld, welches seit sechs Wochen keinen Regen gesehen, und er versetzte: "Fruchte? Ei!"
"Ein Vaterland!" rief der Hofmann mit Pathos.
Der alte Hauptmann hatte etwas zuviel Wein getrunken. Er schuttelte sich, als ob er, mit Erlaubnis zu reden, an Ungeziefer litte und polterte dann rucksichtslos: "Vaterland! Schwere Angst! Und alles vergessen oben, was geschehen, mit Schlauchspritzen die Feuer ausgespritzt, und wenn wir kunftiges Jahr das Jubilaum feiern, vermutlich damit wegkriechen mussen beiseite, nur damit so geduldet werden, keine Anerkennung, keine Unterstutzung von Donnerwetter! Verzeihen Exzellenz, dass ich Sie stehen lassen, aber ich kann die Pfeife nicht entbehren und will sie mir dort bei den Bauern anstecken."
Er ging und liess den Kavalier stehen, dessen Beziehungen im Oberhofe anfingen mythisch zu werden. Im Grunde war es ihm lieb, dass der alte Offizier sich so brusk von ihm entfernte, denn er erwog, dass der angeregte Gegenstand zu zarter Natur sei, um ihm, in seiner Stellung so nahe dem Throne, ein ferneres Gesprach zu verstatten.
Ein Unwille hatte sich seiner Seele bemeistert, er nahm sich vor, geeigneten Ortes ein Wort uber den in diesen Gegenden herrschenden schlechten Geist fallen zu lassen, vorderhand aber seine Rolle rein auszuspielen. "Wenn diese Bestien die feineren Andeutungen von Gute und Huld nicht verstehen, so will ich mich gleichsam encanaillieren", sagte er fur sich. Er trat zu einer Gruppe von Bauern, welche Steinhausen eben verlassen hatte, fasste zwei bei der Hand (denn er konnte sich dazu verstehen, weil er Handschuhe trug) und rief im biedersten Hoftone, dessen er machtig werden konnte: "Wie freut man sich, wenn man immer in Zwangsverhaltnissen leben muss, darf man einmal unter euch gemutliche, von jeder Fessel der Konvenienz entbundene Naturmenschen treten!"
Dieses Lob klang den Bauern wie Chaldaisch, und sie begannen sich nun vor ihrem Gonner zu furchten, denn sie meinten, er habe ihnen eine neue Steuer ankundigen wollen. Sie wichen daher, wie in der Kirche, scheu vor ihm zuruck, und die beiden an der Hand Ergriffenen steckten die Hande in die Rocktaschen. Der Diakonus, welcher die ganze Zeit uber den Muhwaltungen seiner vornehmen Bekanntschaft mit Behagen gefolgt war, trat zu dem unglucklichen Herablassenden und sagte: "Exzellenz, die Leute sind zu dumm, um Sie zu fassen. Ubrigens bin ich der untertanigen Meinung, dass Sie, wofern Sie langer unter ihnen verweilten, bald von Ihrem Glauben zuruckkommen wurden."
"Wieso?"
"Gemutlich sind die Bauern gar nicht. Exzellenz, die Leute haben keine Zeit zum Gemut. Gemut kann man nur haben, wenn man wenig zu tun hat, der Bauer aber muss sich zuviel placken und schinden, um sich auf das Gemut legen zu konnen. Er ist durch und durch gerader Verstand, Ernst, Eigensinn und erlaubter Eigennutz. Weil diese Mischung nun aber wie fur die Ewigkeit bei ihm zu sein scheint, so hat sie etwas Ehrwurdiges, etwas so Ehrwurdiges wie der Granit, der auch, hart und schwer, die Erde halt. Der Bauernstand ist der Granit der burgerlichen Gemeinschaft."
"Sie mussen sie besser kennen. Wenigstens aber hatte ich darin recht, dass ich sie von den Fesseln der Konvenienz geloste Naturmenschen nannte."
"Im Gegenteil Exzellenz verzeihen der Bauer ist zwar viel im Freien, aber nichts weniger als ein Naturmensch. Er hangt so sehr von Konvenienz, Herkommen, Standesbegriffen und Standesvorurteilen ab, wie nur die hochste Klasse der Gesellschaft. Im Mittelstande allein gilt die Freiheit des Individuums, in diesem Stande fliesst einzig der Strom der Selbstbestimmung nach Charakter, Talent, Laune und Willkur. Der Bauer denkt, handelt, empfindet standesmassig und hergebrachterweise. Die Abstufungen werden in den Dorfern wenigstens ebenso festgehalten als in den Schlossern und Palasten. Ich unterstehe mich, Ihnen zu versichern, dass dieser Hofschulze auf den Kolonen mit demselben Stolze hinuntersieht, wie nur der reichste Majoratsherr auf den Briefadel von gestern blicken kann. Ich wollte es keinem Burschen aus einem kleinen Hofe raten, um die Tochter aus einem Oberhofe zu freien. Dieselben Verwickelungen wurden entstehen, als in dem Falle, wenn ein Kaufmannsdiener zu einer Erbgrafin emporblickt. Gerade hier vom Oberhofe geht eine alte halbverklungene Sage umher, die den schauderhaften Ausgang einer solchen missgewandten Neigung meldet. Durch meinen nahen Verkehr mit diesen Leuten hat sich die Ansicht bei mir festgestellt, dass der Bauernstand nur einen zweiten ihm ahnlichen hat, den sogenannten alten oder hohen Adel, wo ein solcher namlich noch wahrhaft besteht. Der Mittelstand ist eine von beiden ganz verschiedene Schicht. Bauer aber und hoher Aristokrat stimmen darin uberein, dass ersterer sowohl als letzterer weniger sich, als ihrer Gattung angehoren, zuvorderst Bauer sind und Aristokrat und erst nachher Mensch."
Der mythische Kavalier, welcher diese unerwartete Parallele zu horen bekam, schwieg einige Zeit tiefsinnig. Dann versetzte er: "Sie haben, Herr Prediger, dieses mehr aus Buchern. Ich versichere Sie, dass wir mit der Zeit fortgeschritten sind. Wir heiraten sogar Judinnen."
"Exzellenz", fuhr der Diakonus mit aller Vergessenheit eines deutschen Gelehrten heraus, "der Adel, den Sie meinen, ist ein reines Garnichts und kommt mir hochstens vor wie der Schwamm im Hause."
Hierauf wollte die Exzellenz ein Gesicht machen, welches erhaben aussehen sollte; es liess sich jedoch nur vornehm an. In diesem Augenblicke kam sein Privatsekretar und meldete, dass der Wagen, zur Weiterreise fertig, vor dem Hofe halte. Er ging hierauf, sehr hoflich von dem Hofschulzen und dem Diakonus geleitet, zur Pforte, wo er beide entliess. Gedanken hatte er nicht uber das Vorgefallene, sondern nur die Absicht, auch den Diakonus als unruhigen Kopf bei Gelegenheit zu denunzieren.
Dieser ging mit dem Hofschulzen still lachelnd zuruck, sagte aber nichts. Im Baumgarten spielten die Musikanten auf und der Tanz begann. Der Brautigam, welcher nun endlich auch zu einem Vergnugen gelangte, fuhrte zuerst die Braut auf, dann brachte er sie den nachsten Anverwandten, einem nach dem andern zu, um auch ein Gangelchen mit ihr zu machen. Erst tanzten sie Menuett, einen Munteren darauf, und dann den sogenannten Schustertanz mit seinen possierlichen Sprungen. Das Gras im Baumgarten war bald niedergetanzt und der Boden so glatt geworden wie eine Tenne. Die Kopfe hatten sich erhitzt, die Manner jauchzten, die Madchen kreischten und es war viel Larmens, Springens und Jubilierens im Oberhofe.
Achtes Kapitel
Eine Idylle in Feld und Busch
Indessen liefen der Jager und sein Wild durch den Eichenkamp nach den Kornfeldern, Triften und Hugeln. Das Wild floh nicht vor dem Schutzen, es liess sich kussen und streicheln; es war ein sehr zahmes Wild geworden. Der Jager trieb tausend Possen mit dem Wilde, er ringelte die gelben Locken sich um die Finger, und dann kusste er sie, er druckte, wenn die weissen Zahne seines Madchens zwischen den Lippen zu sehr hervorschienen, die Lippen sanft zusammen und sagte, das Gesichtchen sei nicht fertig geworden und er musse es vollenden. Er fasste das feine Ohrlappchen, und kniff es etwas, doch nicht allzusehr. Dann zupfte er sie auch wohl am Kleide und wendete sich um und tat, als habe er es nicht getan. Solche kindische Possen trieb der erwachsene Mensch. Lisbeth ging still mit freudeschwimmendem Gesicht fur sich hin und ihre Hande falteten sich oft unwillkurlich wie zum Gebet. Zuweilen flusterte sie: "O du!" Aber weiter sagte sie nichts. Trieb der Jager seine Possen zu arg, so drohte sie ihm mit dem Finger, dann sah er sie aus seinen dunkelblauen tiefen Augen so ernst an, als zogen Gedanken der Ewigkeit durch seine Seele. Dann lachte sie und rief: "Ich furchte mich vor dir", und er schmeichelte: "So fluchte dich in Sicherheit!" und breitete die Arme aus. Das tat sie denn auch. Sie sturzte mit heftiger Zartlichkeit wider seine Brust, dass die Locken schutterten und manche sich losete, und dann ruhten sie lange umschlingend umschlungen, er in ihr und sie in ihm, der einige, ganze, vollkommene Mensch.
Er nannte sie sein Herz, sein Madchen, sein Reh. Sie nannte ihn nur Oswald, aber immer mit einem anderen Ausdrucke, und alle Tone auf der Laute der Liebe, vom schwarmerischen Entzucken bis zum scherzenden Schmeichelgefluster klangen und zitterten in dem einen Worte. Sie hatte keine eigentlich schone Stimme, es lag darin etwas Bedecktes, Rauhes, aber seit heute quoll etwas unendlich Susses aus dieser Umhullung hervor. Es war, als ob auch die Psyche ihrer Tone erwacht sei und die Flugel nach Entfaltung rangen.
Jeder dieser Scherze, alle diese Possen und die kleinsten Kleinigkeiten hatten einen Engel, der nahm sie und legte sie am Throne Gottes nieder. Denn es war die erste Liebe, die echte, die einzige, die in diesen beiden jungen, unschuldigen Herzen brannte und klopfte! In der Fulle ihrer Vorahnungen, von gesunder, treibender Hoffnung schwanger, hatten sie einander gefunden, kein Entsagen, keine Tauschung hatte sie noch um einen Tropfen warmen Blutes gebracht, vollendet, wie Aphrodite aus dem Schaume des Meeres, erstand ihnen das Gluck. Das ist die Liebe, die wie jene Wunderpflanze aus Osten, vor unseren sichtlichen Augen wachst.
Diese Liebe kummert sich nicht um die Landesstege und -wege. Der Jager und sein Wild hatten nach der schonen Blume gehen wollen, vergassen aber diesen Vorsatz, ehe sie noch funfhundert Schritte vom Hofe waren. Sie gingen, liefen, schwankten umher, sie wussten nicht, wo? War der Himmel nicht uberall blau, war die Erde nicht allerorten grun? Es gingen Leute voruber, die sahen sie nicht; zuweilen hatten sie gar keinen Weg unter den Fussen, des achteten sie nicht. Zufallig kamen sie so Hand in Hand auf die Hohe am Freistuhl. "Ei!" rief der Jager, "das ist schon, wie fromme Pilgrime sollen wir alle Stationen besuchen." Er fuhrte sie zu dem Steine, darauf sie in jener Schmerzensnacht zusammen gesessen hatten.
Das uberreife Korn, welches der Hofschulze noch immer nicht hatte schneiden lassen, knickte fast unter der Burde seiner Ahren, die Sonne schwamm wie ein zerflossenes Gold in diesem Segen, und doch war die Stelle kuhl und frisch, denn aus dem Forste wehte ein gelinder Wind. Die Kronen der Linden uber ihnen schauerten leise. Da sassen sie nun wieder, glucklich vereinigt und schauten uber die helle freundliche Gegend hin und freuten sich, dass sie auf der Welt waren. "Ich will deine Wunden um Verzeihung bitten", sagte der Jager, nahm ihr das Tuch ab und kusste die feinen roten Punktchen zwischem dem Busen und der glanzenden Schulter. Sie duldete es ohne Strauben, sie hatte die kleinen Hande kreuzweise auf ihren Schoss gelegt, so sass sie da, ein ergebenes Opfer der Liebe, aber sie sah ihn schamhaft bittend an. Den Blick ertrug er nicht, Tranen sturzten ihm aus den Augen, wie damals, als er mit ihrem Haubchen sein Spiel trieb, er legte ihr hastig das Tuch um Busen und Schulter, fiel ihr zu Fussen, druckte ihre Kniee wider sein Herz und lief dann eine Strecke von ihr weg auf den Rain, um seiner Bewegung Meister zu werden.
Als er zuruckkam, fand er sie nicht mehr auf dem Steine. Besturzt blickte er umher. Da erscholl ein leises Kichern aus einer der alten Linden. Er sah erstaunt nach dem Baume und machte eine Entdeckung, die er fruher ubersehen hatte. Der Baum war hohl und bot in seinem Inneren geraumigen Platz fur ein Versteckens dar. Er zog sein Madchen scherzend und schakernd heraus.
Nun stand sie vor ihm, und er mass ihre Grosse an der seinen. Sie reichte ihm gerade bis zur Brust, hatte also das rechte Mass, denn der Kopf des Weibes soll nur bis zum Herzen des Mannes reichen, dann gibt es den echten Bund, den rechten Bund. Er fasste sie bei beiden Handen, sah ihr liebevoll in die klugen, treuen Augen, und fragte sie; "Sag mir an, meine Lisbeth, wie ist es nur zugegangen, dass du so geworden bist, so eigen, tief und sonderbar?"
"Wie bin ich denn?" fragte sie unschuldig. "Ich bin, wie ich bin, wie soll man anders sein? Ich tat, was mir oblag, viel verdanke ich auch dem Fraulein und dem alten Herrn Baron, die beide so klug und gebildet sind. Was in den Buchern stand, die ich fur mich las, behielt ich, und dann hatte ich jederzeit schon als Kind uber alles meine Gedanken, von denen ich gar nicht wusste, woher sie kamen."
"Die werden wohl das Beste an dir getan haben, meine Lisbeth. Wollen wir nun zur schonen Blume gehen? Mich dunkt, sie bluht nahebei."
Sie nahm seinen Arm, bat ihn aber, nun vernunftig zu sein. Sie gingen durch den Forst, kleine grune Stege hinab. Sein Herz, ihr Herz war ruhiger geworden, sie genossen sich und ihre Seligkeit gesanftigter; eine Sabbatstille hatte sich in ihre Busen gesenkt. Von gleichgultigen Dingen sprachen sie, dazwischen von ihrer Zukunft, die wie ein rosenroter Traum vor ihnen schwebte. Sie sagte ihm, er moge nur alles so einrichten, wie ihn gut dunke, wenn er wolle, sei sie die Seinige; an der Einwilligung ihrer Pfleger zweifle sie nicht.
"Ich auch nicht!" rief er mit unwillkurlichem stolzem Jauchzen. Sie sah ihn fragend und erstaunt an. Er erschrak und suchte sich mit einer ubel erfundenen Ausrede zu helfen, die nur ein liebendes Madchen glauben konnte. Von seinen Verhaltnissen wusste sie nichts, sie hatte auch eigentlich nie so recht danach gefragt. War nicht sein Blick treu, seine Rede ehrlich und verstandig, der Druck seiner Hand sanft und bieder? Hiess er nicht Oswald Waldburg? Was brauchte sie mehr zu wissen? Er aber hatte sich einen Streich heute ausersonnen, einen Streich bei dem Gedanken an das Gelingen dieses Streiches schwindelte ihm der Kopf vor Freude. Er wollte die Wonne geniessen, sein Liebstes mit einer Fulle von Gluck zu uberraschen.
An der Senkung des Forstes, da wo er in die Wiesen auslief, begegnete ihnen eine Frau mit einem Korbe voll fruher Apfel. Er kaufte ihr einige ab, "denn", sagte er, "wir mussen doch an unsere Wirtschaft denken. Wenn wir noch ein Stuckchen Brot dazu hatten, so konnten wir eine Herrenmahlzeit halten." "Damit will ich Ihnen dienen", sagte die Frau, "ich habe Weissbrot aus der Stadt mitgenommen, um es in den Kotten umher zu verkaufen, wenn Sie mir aber etwas abnehmen, brauche ich es nicht weiter zu tragen." Sie offnete ein weisses Tuch, welches sie nebst dem Korbe trug und er nahm zwei Brotchen heraus.
Nun gingen sie quer durch die Wiesen und nicht lange, so sahen sie ihren lieben Platz, den sie seit dem ersten Zusammentreffen noch nicht wieder besucht hatten. Als sie die Busche erblickten, die kleinen Felsen und die schwarzen Baumtrummer, freuten sie sich wie die Kinder. Ihr erster Gang war nach der Blume. Die war aber inzwischen verwelkt und die roten Kelche hingen blass und erschopft vom Stengel herunter. Lisbeth seufzte, er aber sagte: "Die Blume starb, die Liebe lebte auf, geben wir der Blume ein Grab im Heiligtume der Liebe!" Er streifte die Kelche vom Stengel, pfluckte das Blatt einer wilden Lilie, bereitete daraus ein Rollchen, steckte das Verwelkte hinein und reichte Lisbeth den kleinen grunen Sarg. Sie sah ihn, eine Trane im Auge, an, dann schob sie ihn unter ihr Tuch und bestattet ihn an ihrem Busen.
Es war zwischen Nachmittag und Abend und das Wasser unter den kleinen Felsen schickte berauschenden Duft empor. "Nun wollen wir speisen wie die Konige!" rief er frohlich. "Bist du hungrig?" "Ei ja", versetzte sie lachend, "es ist nicht wahr, dass die Liebe von der Luft lebt." "Hore, mein Herz", sagte er, "da hast du eine kuhne Wahrheit ausgesprochen, wirst es aber mit allen Romanschreibern zu tun bekommen. Im Vertrauen: Mich hungert auch!" "Es ist doch ein Unterschied", sagte sie lachelnd. Sie nahm jetzt seinen Ohrzipfel, wie er fruher ihren, legte die Lippen an sein Ohr und flusterte: "Man hungert wohl, aber der Hunger tut nicht so weh."
Sie wollte sich auf einen Baumtrumm ihm gegenuber setzen, er zog sie auf seinen Schoss. Sie ass aus seiner Hand, und er ass aus ihrer, und so vollbrachten sie ihr kleines Mahl von Brot und Apfeln. Dann setzten sie sich unter einen Haselstrauch am Bache und sahen den klaren Wellchen zu und den Fischlein, die darin hin und her scherzten. "Du konntest mir jetzt einen Gefallen tun und mir dein Waldmarchen erzahlen, wovon du mir schon ofter sprachest", sagte sie. "Ach!" rief er, "haben wir nichts Besseres zu tun, als erzahlen und vorlesen?" Er wollte sie umarmen, sie entzog sich ihm aber, legte einen Zweig von der Haselstaude zwischen ihn und sie und sagte: "Da bleib jenseits sitzen und erzahle, zum Kussen haben wir immer noch Zeit genug."
Er zog die Blatter und Blattchen, auf welche er das Marchen geschrieben hatte, und die er zufallig bei sich trug, aus der Tasche, las und erzahlte frei, wechselsweise. Wenn er ein Blatt zu Ende gelesen hatte, so warf er es in den Bach, da trugen es die Wellen davon. "Was tust du?" fragte Lisbeth. "Es hat seine Bestimmung erfullt, wenn du es gehort hast", versetzte er. Die Wellen liessen es aber nicht verlorengehen, sie trugen es zu mir; ihr sollt es nachher horen.
Anfangs horte sie achtsam zu und liess sich manches erklaren, was sie nicht verstand. Spaterhin schien sie zerstreut zu werden. Sie flocht ein Kronchen von Blumen und Gras, wie um durch diese Arbeit ihre Gedanken zusammenzuhalten. Auch er eilte zum Ende, seine Fabel gefiel ihm nicht mehr. Dieser Wirklichkeit gegenuber schien ihm sein Ersonnenes matt und schal.
Als er auserzahlt hatte und sie nichts sagte, fragte er sie, wie es ihr gefallen habe. "Ja sieh", erwiderte sie schuchtern, "es ging mir eigen mit deinen Wundern im Spessart. Ich glaube, ich hatte sie in der Stube horen mussen, da wurde ich mir den Wald hinzugedacht haben, aber hier unter den grunen Blattern, bei den wehenden Winden und dem fliessenden Wasser kam mir alles so unnaturlich vor, und ich konnte nicht recht daran glauben."
Die Antwort machte ihn froh, als habe er das begeistertste Lob vernommen. "Aber deinen Lohn sollst du dennoch erhalten, denn manches hat mir sehr darin gefallen. Ich hab' dir ein Kronlein geflochten, damit will ich dich kronen als meinen Konig und Herrn", sagte sie liebreich.
Er sank vor ihr nieder, druckte sein Gesicht an ihren Leib und empfing die Blumenkrone von ihr auf seinem Haupte. Zu ihr aufschauend mit verklarten Blicken rief er: "Weihe meine Lippen, dass sie immer Reines reden! Lege deine Finger auf sie!" Ihre Hande hatten die Eigenheit, dass sie oft plotzlich erkalteten, was freilich auf ein warmes Herz deutete. So war es auch jetzt. Er fuhlte die reine Kuhle an seinen heissen Lippen, er sog sie ein; sie schauerte ihm wie Tempelschauer bis in das tiefste Herz. Lieblich fuhlte sie dagegen ihre Finger von seiner Lippenglut erwarmt.
Das Abendrot glanzte durch die Klippen und Busche. Trunken gingen sie langs des Baches auf und nieder. Ein Lied fiel ihm ein, er sang:
Meine Liebe, meine Lieb' ist ein Segelschiff,
Auf hohem Meer zwischen Bank und Riff;
Der Kiel so stark und der Wind so gut,
Und das Schiff fahrt weiter und weiter voll Mut.
Meine Liebe, meine Lieb' o du Segelschiff,
Und furchtest dich nicht vor Bank und Riff?
"Ich furchte mich nicht vor Riff und Bank,
Mich treibet hindurch guten Windes Drang."
Meine Liebe, meine Liebe, und weisst du denn,
Wohin die kuhnliche Fahrt soll gehn?
"Weiss nicht, wohin mich fuhret der Wind,
Weiss nur, dass die Segel blahet der Wind."
Der Pilot, der schlief am Steuer ein,
Traumt von Wundergestaden, vom Palmenhain,
Statt seiner fasste das Steuer ein Gott,
Nach Wundern und Palmen der beste Pilot!
Sie hatte dem Liede fast angstlich zugehort. "Ei, wie bist du darauf gekommen?" fragte sie. "Das passt nicht auf unsere Liebe, unsere Liebe ist ein Nachen, der auf dem Spiegel eines klaren Weihers schaukelt." "Es ist auch nicht auf unsere Liebe gemacht", versetzte er, "es ist das Lied eines Freundes, meines besten Freundes, an dessen gefahrliche Liebe ich in meinem Glucke denken muss. Sein Liebesschiff fahrt dahin durchs wuste Meer, und moge ein Gott an seinem Steuer stehen, wie er gesungen hat!"
"Ach, das muss wohl eine verwegene frevelhafte Liebe sein, die Liebe deines Freundes, deren Schiff so dahinfahrt!"
"O nein, Lisbeth, eine fromme Liebe, eine heilige Liebe, und dennoch starren die Widerspruche ringsum sie her, wie Klippen!"
"Kann denn auch die fromme Liebe ein solches Schicksal haben?" fragte sie. "O Kind! Kind!" rief er, von einem seltsamen Schauer gefasst, "lass uns nicht weiter davon sprechen! Gebe der Himmel, dass unsere Liebe nicht Ich will dir etwas sagen. Ich gehe gleich nach dem Schlosse zu deinen Pflegern und bringe unsere Sache in Ordnung. Noch vor volliger Nacht erreiche ich wohl den Ort auf der Halfte des Weges, da schlafe ich, und bin morgen in der Fruhe am Ziel und am Abend wieder bei dir."
Er wollte sie erst nach dem Oberhofe zuruckgeleiten. "Nein", sagte sie, "lass uns hier auseinandergehen, hier wo wir so froh waren!" Er gab ihr eine Rolle Gold, die er jetzt immer bei sich tragen musste, weil er keinen Verschluss dafur hatte, und bat sie, ihm sie zu verwahren.
Sie schieden. Als sie eine Strecke auseinandergegangen waren, sahen sie sich um, eilten noch einmal zuruck, umschlangen sich inniglich, ohne zu reden, und gingen dann stumm ihre verschiedenen Wege, der Jager uber die Klippen der Gegend zu, wo das Schloss lag, Lisbeth durch die Wiese nach dem Oberhofe.
Neuntes Kapitel
Jaher Sturz
Nur das Weib weiss, was Liebe ist, in Wonne und Verzweiflung. Bei dem Manne bleibt sie zum Teil Phantasie, Stolz, Habsucht; das Weib wird durch den Kuss ganz Herz vom Scheitel bis zur Fusssohle. Da ist keine Fiber, kein Nerv, der nicht jubelte, oder jammervoll zuckte!
Lisbeth kam nach dem Oberhofe, ohne zu wissen, wie. Ihr Busen klopfte, ihre Wangen waren heiss, sie druckte die Rolle Gold zartlich an ihr Herz, denn er hatte sie ihr ja gegeben. Unaufhorlich flusterte sie: "Er ist gar zu gut"; und wusste weiter nichts zu sagen. Ach, das Worterbuch eines liebenden Madchens enthalt nur diese funf Worte und dann das Wortlein: du! aber was ist der Reichtum aller Sprachen gegen die selige Armut dieses Worterbuches?
Im Oberhofe tosete das Tanzgelag. Alles hatte sich nun nach dem Baumgarten gezogen, wo man Lichter und Laternen angezundet hatte, weil die Dammerung bereits eingebrochen war. Die Gaste, welche nicht tanzten, sassen und standen umher. Lisbeth wurde durch den Larmen zuerst aus ihren Traumen geweckt, sie schlupfte von der Seitenpforte, durch welche sie wieder in den Hof eintrat, rasch in das Haus, um nicht bemerkt und dann wohl gar zum Tanze aufgefordert zu werden.
Sie ging nach ihrem Stublein und zundete arglos das Lampchen an, obgleich sie sich hatte sagen konnen, dass der Schein durch das Fenster ihre Anwesenheit verraten musse. Aber sie hatte zu diesem und allem Ahnlichen keine Uberlegung. Ihre Seele wallte, flutete, es war ihr zumute, als stehe sie auf einem hohen Berge, rote Wolken zu ihren Fussen, rote Wolken, so weit sie blickte, und in der Ferne ragten goldene Kuppeln aus den roten Wolken hervor. Nun wusste sie, was Gluck ist, sie konnte es aber nicht aussprechen.
Sie setzte sich an das Tischchen im Fenster, sah die Blumen an, die dort im Glase bluhten, dann hob sie ein Blatt der Lilie auf, welches abgefallen war und vereinigte es wieder sanft mit dem Kelche, dann warf sie durch das Fenster einen Kuss ihrem Wanderer nach und bat die Lufte, den Kuss ihm zuzubringen.
Sie stand auf und ging hin und her, denn ihr Gemut war zu sehnsuchtsvoll und unruhig. Sie wollte das grune Sarglein aus ihrem Busen nehmen, da ruhrte sie mit ihrer Hand an die junge Brust, und es uberflog sie bei dieser Beruhrung ein Schauer der Ehrfurcht vor ihr selbst. Ihr Leib kam ihr geheiligt vor, denn sie war geliebt.
Aber nicht lange blieb sie in dieser erhabenen Stimmung. Scherzender Jubel ergriff sie. Sie fasste ihre Schurze mit beiden Handen und machte zu dem Schrei der Musik da draussen fur sich ein Tanzchen rund um das Zimmer. Dann fiel ihr die Goldrolle wieder ein, welche sie auf das Tischchen gelegt hatte. "Was sein ist, ist mein, ich muss doch sehen, wieviel er geerbt hat!" rief sie. Er hatte ihr gesagt, er sei ein Forster aus Schwaben, der nach der hiesigen Gegend gereist sei, um eine Erbschaft zu heben. Als sie die Rolle offnete, sah das Gold sie mit blitzenden Augen an. Sie zahlte und zahlte, das wollte fur sie kein Ende nehmen. Nimmermehr hatte sie geglaubt, dass so viel Gold auf Erden sei. "Ach, ist er so reich?" rief sie frohlich in die Hande klopfend, als sie die hundert und etlichen Doppelpistolen auf den Tisch gezahlt hatte.
"Da bauen wir uns ein eigenes Haus mit Milchkammerchen und einem Brunnlein, klar und kalt!" jauchzte sie. "Jetzt aber lass sehen, wie sich das Gold in eine Reihe gezahlt ausnimmt, so auf dem Haufen sieht man gar nicht, wieviel man hat. Ich will es am Boden in einer langen Reihe aufzahlen, und die Lampe stelle ich dazu, so geht mir nichts verloren."
So badete der arme schone Findling oben in den Wellen der seligsten Lust. Der Hofschulze aber sagte zum alten Schmitz, dem Sammler, der auch, wie er, den ganzen Tag uber verdriesslich gewesen war und ihm jetzt eroffnete, dass er ihn notwendig uber die Amphora und das Schwert Karls des Grossen zu sprechen habe: "Nach diesem, Herr Schmitz, jetzt habe ich eine notwendige Verrichtung." Er hatte den Schein des Lampchens in Lisbeths Stube wahrgenommen und sich sogleich vorgesetzt, zu ihr zu gehen, um, wie er fur sich sagte, Ordnung in dem Handel zwischen ihr und dem Jager zu stiften. "Ich werde dem Kinde sagen" sprach er, indem er seinen Hut auf dem Haupte und den Stab in der Hand, langsam und bedachtig durch den Flur schritt. Bei seinem Vieh stand er einen Augenblick stille, denn die prachtig geschmuckte Blesse stohnte ungeachtet ihres Putzes an Stirn und Hornern erbarmlich, und als er hinleuchtete, stand das arme Tier ganz krumm zusammengezogen. "Was ist denn das nun wieder?" rief der Hofschulze. "Was wird es sein?" versetzte der Rothaarige, der aus einer dunkeln Ecke des Stalles hervorkam, trotzig, "das Vieh hat seinen Eigensinn, davon ist es krank, ich habe ihm aber schon was eingegeben." Der Hofschulze beschaute mit zornigem Schmerz die Leiden seines besten Stucks; aber auch dieser Anblick entlockte ihm kein Fluch- oder Scheltwort, sondern er stiess nur sein gewohnliches "Ei! Ei! Ei!" aus und setzte dann dumpf hinzu: "Diese Hochzeit, auf welche ich gespart und gehofft habe, nimmt ein ubles Ende."
Er stieg die Treppe empor und trat so hart auf, dass die Stufen drohnten. Dann offnete er die Ture von Lisbeths Stube fest und rauh. Sie hatte die Lampe in der Hand und in dem Schurzchen die Goldstucke, mit denen sie ihr kindliches Spiel treiben wollte. Bei seinem plotzlichen Eintritte erschrak sie, fasste sich jedoch und blieb ruhig am Tischchen stehen.
Etwa eine Viertelstunde mochte er mit ihr in einem Gesprache gewesen sein, welches sie anfangs gar nicht verstand, als jemand, der unter dem offenen Fenster vorbeiging, einen Schrei, ein Klingen wie von fallendem Gelde und ein Gerausch horte, wie wenn einer zu Boden sturzt und dabei ein Gerat hart beruhrt. Zugleich erlosch der Schein. Der Mann blieb stehen und gleich darauf kam der Hofschulze aus dem Hause. "Was gab es da droben?" fragte ihn jener. "Eben nichts", versetzte der Alte. "Junge Frauenzimmer sind schreckhaft, wenn man ihnen die Sache in aller Manier bei dem rechten Namen nennt. Besser Leid tragen, als Schmach tragen." Er ging in den Baumgarten und gab der ersten Brautjungfer den Auftrag, hinaufzugehen.
Das Madchen verstand ihn in dem Getose nicht recht und meinte, sie solle Lisbeth zum Tanze herunterholen. Sie sprang rasch hinauf und rief, um sich nicht zu lange von ihrem Vergnugen abzumussigen, in die dunkele Stube hinein: "Sind Sie hier? Sie werden gebeten, zum Tanze zu kommen!" erschrak aber heftig, als ihr aus der Ecke des Zimmers ein inniges Schluchzen antwortete. Besturzt rannte sie hinab, fand unten ihre Gefahrtin, und beide Madchen kehrten darauf mit einem Lichte zuruck.
Nun hatten sie einen Anblick, der selbst diese rohen Geschopfe erschutterte. Denn an der Stelle, wo noch vor einer Viertelstunde eine Jubelnde und Frohlockende gestanden, lag nun eine Zerbrochene. Lisbeth war an dem Tische niedergesunken in ihre Kniee, ihre Arme hingen schlaff herab, schlaff ruhte der Leib in den Huften, die blonden Locken hatten sich gelost und umflossen das gebeugte und weinende Gesicht. Das Gold war ihrer Schurze entfallen und hatte sich, eine blanke Saat, um sie ausgestreut, nicht weit von ihr lag die ausgeloschte Lampe.
Die Madchen standen eine Weile verlegen und stumm. Sie wussten mit diesem Bilde des tiefsten Schmerzes nichts anzufangen. Eine erhob die Lampe, zundete sie wieder an, und stellte sie auf den Tisch, die zweite wiederholte schuchtern die Worte: "Sie werden gebeten, zum Tanze zu kommen."
Hierauf hob Lisbeth ihr Antlitz gegen sie empor, und nun zogen sich die Madchen voll Grauen aus der Stube zuruck. Denn die Wangen waren leichenweiss geworden und die Augen in ihren Hohlen zuruckgetreten und so voll Tranen, dass sie stromenden Quellen glichen. Die Brautjungfern gingen hinunter zum Tanze, tanzten, hatten den Vorfall bald vergessen, und Lisbeth blieb allein. Denn niemand sprach unten von ihr, sonst ware der Diakonus wohl zu ihr gegangen, da er sie sehr lieb hatte.
Als sie allein war, begann sie ein Werk, so ernst und traurig, als ihre Spiele von vorhin frohlich und ausgelassen gewesen waren. Mit einem Blicke des Ekels und Abscheus sah sie das Gold am Boden an, dann uberwand sie sich dennoch, raffte mit zitternden Fingern die Stucke auf, die nun nur noch ihre Schande widerspiegeln sollten, und rollte sie wieder ein, indem ein erhabener Hohn ihren Mund umzuckte. Dann warf sie die Rolle verachtlich in einen Kasten, und verachtlich warf sie das grune Sarglein dazu, und deckte dann ein Tuch uber das Hingeworfene. Sie fand das Blatt mit den Versen Oswalds an sie; da brachen noch einmal heftige Tranenfluten aus ihren Augen; es waren die letzten Zahren, welche sie heute abend weinte. Dann hielt sie das Papier an die Flamme der Lampe, und sah kalt es verlodern. Das Tuch, welches der Jager ihr geschenkt, zerschnitt sie und liess die Stucke zu Boden fallen, da, wo die Asche von dem Papiere lag. Nun nahm sie an sich entsuhnende Handlungen vor. Sie wusch ihre Finger, die sie auf seinen Mund hatte legen mussen. Dann wusch sie die Lippen, welche seine Kusse geduldet und wiedergegeben hatten.
Alle diese Handlungen verrichtete sie schweigend, nicht einmal einen Seufzer stiess sie aus. Ihr Schmerz war so gross, dass er auch nicht durch ein Selbstgesprach sich erleichtern mochte. In den Kelch der Rose, den der susseste Hauch soeben aufgeschmeichelt, war ein atzendes Gift getropft worden fuhlt ihr, wie die Rose in ihren keuschesten Tiefen zucken musste? Fragt ihr mich, ob sie dem glauben konnte, was der alte Bauer ihr gesagt, so antworte ich, dass ich es nicht weiss. Denn alles weiss der Dichter zwischen Himmel und Erden, aber eines weiss er nicht: das Innerste, Feinste, Heimlichste eines liebenden Madchens.
Das kann ich sagen: Sie musste ihre Seele schanden lassen, als diese nackt dalag vor Gott und Oswald, weil sie nichts von ihrer Seele fur sich behalten, sondern alles an Gott und den Geliebten ergeben hatte. Nur in Gott und in ihrem Geliebten wollte sie ihre Seele noch besitzen, da horte sie, dass dieser Wille eine Sunde gewesen sei und eine Torheit.
Sie weinte nicht mehr, ihre Augen waren heiss und trocken geworden. Ihre Gestalt hatte sich gestreckt, sie hielt sich gerader als sonst, ihre Bewegungen waren langsamer geworden, sie sah vornehm aus. Ruhig ordnete sie ihr Haar unter dem Mutzchen, welches sie aufsetzte, dann verhing sie das Fenster und entkleidete sich still und zuchtig. Sie loschte die Lampe und bestieg ihr Lager, auf dem sie sich gerade ausstreckte, die Hande uber der Brust gefaltet. In dieser Lage, worin sie kein Schlummer besuchte, obgleich sie die Wimpern geschlossen hielt, liess sie, ohne dass ein Laut von ihr horbar wurde, wie eine schone Leiche, die Krafte in sich wuhlen, welche ein neues Leben der Auferstehung in ihr entzunden wollten. Wahrend die Geliebte so traurige Abend- und Nachtstunden zubrachte, sturmte der Liebende durch das Dunkel frohlich der Gegend zu, die er am andern Morgen erreichen wollte. Er hatte noch immer sein Blumenkronchen auf dem Haupte und noch immer sang er das Schifflied seines Freundes, freilich in lyrischer Unordnung, oft die letzte Strophe zuerst, und die erste zuletzt, auch wohl Verse der einen Strophe in die andere hinein. Nun wusste er, warum die Frauen ihm stets eine so wonnevolle Ahnung erweckt hatten, sie waren ihm die Traube gewesen aus dem Kanaan der Liebe, darin Milch und Honig fliesst. "An meine Mutter werde ich freilich nun weniger denken!" rief er "oder noch ofter als sonst" setzte er gleich darauf hinzu. Sein Dasein war ihm voll, ganz, gerundet worden.
Er freute sich seines Streichs, seines Schwabenstreichs. "Es ist im Grunde sehr gleichgultig, dass sie Grafin Waldburg-Bergheim wird", sagte er, "aber eine Lust wird es doch sein, wenn ich sie aus dem Wagen hebe in die Fahre uber den Neckar und sie nun druben auf der grunen Hohe das Schloss mit den beiden Seitenflugeln sieht und mich fragt: 'Ei, Oswald, wem gehort das prachtige Schloss?' Ich werde dann sprechen: 'Meine liebe Lisbeth, dem reichsten Kavalier der Gegend, und ich wollte dir eine unverhoffte Freude machen, ich bin sein Forster, wir wohnen auch auf der schonen Hohe, dort, sieh, in der kleinen Dienstwohnung, die du neben dem Schieferturmchen schaust. Vorlaufig bring' ich dich aber ehrbar zu meiner Frau Base, die bei der Herrschaft Ausgeberin ist.' Nun steigen wir aus und gehen den Weg durch den Park sacht den Schlossberg hinan. Die Leute, die uns begegnen, grussen gar ehrerbietig, da fragt die Lisbeth: 'Du musst hier gute Freunde haben, Oswald?' 'O ja', versetze ich, 'die Leute halten etwas von mir, haben aber auch gar manches durch mich.' Nun sind wir am Schloss, gehen durch eine Hinterture ein, dass kein Aufsehen entsteht. Ich bring' sie ins purpurne Damastzimmer, da wird sie wohl etwas staunen uber die Teppiche und die Vergoldungen und meinen, sie durfe in dem prachtigen Raume nicht bleiben. 'Bleibe immerhin und mache dir's bequem, Lisbeth', sage ich, 'der gnadige Herr ist gut und dir schon gewogen, ich habe ihm von wegen deiner geschrieben, werde mir nur nicht untreu um seinetwillen.' Jetzt habe ich eigentlich vor, dass ich aus dem Zimmer gehen und nach einiger Zeit wiederkehren will, aber ich glaube, dass ich mich nicht werde halten konnen, sondern ich werde mich unter der Ture umwenden und sprechen: 'Hor' Lisbeth, noch ein Wort. Nimm mir's nicht ubel, ich hab' dich doch betrogen. Ich bin leider nicht der Forster, sondern nur der Graf Soundso. Willst du die Frau Forsterin daran geben und seine gnadige Frau Grafin werden?' Da bin ich denn begierig, was fur ein Gesicht sie machen wird. Und meine Hauptfreude ist, dass ich mir denke: sie wird nach dem ersten Schreck eben gar kein verlegenes oder absonders freudiges machen, sondern sanft und liebevoll antworten: 'Du sollst mir so lieb sein, wie der Forster.' Es ist, wie gesagt, an allem dem wenig gelegen, aber es freuet einen doch, wenn man sein Lieb in Sammet und Seide kleiden kann, und ihm Perlen um den Hals hangen, und Brillanten in das Haar stecken und den Fuss der Trauten auf Teppiche von Brussel setzen darf."
So schwarmte und scherzte sich der Jungling die Bilder der lachendsten Zukunft zusammen. Es war hoch Mitternacht geworden und sein Korper denn doch der Ruhe bedurftig. Auf der Hohe des Gebirges fand er einen einsamen Schoppen. Er ging hinein und fuhlte, dass der Raum voll Heu war. Abgehartet durch seine Reisen und in den letzten Wochen nicht verwohnt, stellte ihn dieses einfache Lager vollkommen zufrieden. Er beschloss die Nacht in dem Schoppen zuzubringen. Als er die Augen schloss, sagte er: "Jetzt wird sie traumen und dich auch im Traume mit lieben Namen nennen!"
Das sagte er vielleicht in dem Augenblicke, als Lisbeth in ihrem Bette von den wutenden Schmerzen uberwaltigt, sich krampfhaft krummte und endlich doch in ein leises und jammervolles Stohnen ausbrach.
Die Wunder im Spessart
Waldmarchen
"Bist du wohl schon, Lisbeth, an einem klaren Sonnenmorgen durch einen schonen Wald gegangen, zu dem der blaue Himmel durch die grunen Kronen einblickte, wo dich der Otem der Baume wie ein Hauch Gottes anwehte und dein Fuss von den Spitzen der Graser tausend blitzende Perlen streifte?"
"Wohl bin ich das, Oswald, erst noch neulich, als ich durch das Gebirg nach den Zinsen und Gulten ging. Es ist gar herrlich im grunen, frischen Wald; ich konnte tagelang hindurchwandern, ohne einem Menschen zu begegnen, und furchtete mich nicht. Der Rasen ist der Mantel Gottes, man ist von tausend Englein beschirmt, man stehe oder sitze darauf. Jetzt ein Hugel und dann eine Ecke; ich lief und lief, weil ich immer dachte, dahinter schwebe der Wundervogel mit blauen und roten Schwingen und dem Goldkronchen auf dem Haupte. Ich lief mich heiss und rot, und nicht mud'; man wird nicht mude im Walde!"
"Und sahst du hinter Hugel und Hecke den Wundervogel nicht schweben, so standest du atmend still und hortest weit, weit aus dem Eichental herauf den Schall der Axt, die Uhr des Forstes, die da ansagt, dass auch in solcher lieben Einode dem Menschen seine Stunde rinne."
"Oder weiterhin, Oswald, die freie Sicht den Hang hinauf zwischen dunkeln, runden Buchen und oben doch wieder der Kamm der Halde von hohen Stammen beschlossen! Da weideten rote Kuhe und schwangen die Glocklein, der Tau im Grase gab der Senkung im Sonnenlicht einen silbergrauen Schein, und die Schatten der Kuhe und der Baume spielten darauf Versteckens miteinander."
An einem solchen sonnenklaren Morgen begegneten vor vielen hundert Jahren zwei Junglinge einander im Walde. Es war in dem grossen Waldgebirge, der Spessart genannt, welches die Markscheide zwischen den lustigen rheinischen Gauen und dem gesegneten Frankenlande macht. Das ist dir ein Wald, liebe Lisbeth, der zehn Stunden in der Breite und zwanzig in der Lange, Ebenen und Berge, Taler und Klufte bedeckt.
Auf der grossen Heerstrasse, die querdurch vom Rheinlande nach Wurzburg und Bamberg lauft, begegneten einander die Junglinge. Der eine kam von Abend, der andere von Morgen. Ihre Tiere waren so verschieden als ihre Wege. Der vom Morgen sass auf einem gelben frohlich tanzenden Rosslein und stolzierte gar stattlich im bunten Wappenrock unter rotem Sammetbarett, von welchem die Reiherfedern herabwallten; der vom Abend trug eine schwarze Kappe ohne Abzeichen, einen langen Schulermantel gleicher Farbe, und ritt auf einem bescheidenen Maultiere.
Als der junge Ritter dem fahrenden Schuler sich auf Rosseslange genahert hatte, hielt er seinen Gelben an, bot dem andern freundlich die Zeit und sagte: "Guter Gesell, ich wollte soeben absteigen und meinen Morgenimbiss halten. Da nun aber zur Minne, zum Spiele und zum Mahl zwei gehoren, wenn diese drei lustigen Dinge gehorig vonstatten gehen sollen, so wollte ich Euch fragen, ob Ihr nicht auch absteigen und mein Partner sein wollt? Eurem Grauen wurde ein Maulvoll Gras nicht minder schmecken, als meinem Gelben. Der Tag wird heiss werden, und den Tieren ist einige Rast vonnoten."
Der fahrende Schuler war mit dem Vorschlage zufrieden. Beide stiegen ab und setzten sich an der Strasse auf dem wilden Thymian und Lavendel nieder, von welchem, wie sie sich setzten, eine ganze Wolke Wohlgeruchs emporstieg und hundert Bienchen, die in ihrer Arbeit gestort wurden, sich summend erhoben. Ein Knapp', der mit einem schwerbeladenen Gaule dem jungen Ritter gefolgt war, nahm die beiden Tiere in Empfang, reichte seinem Herrn aus dem Schnappsack Flasche und Becher nebst Brot und Fleisch, kandarte die Tiere ab und liess sie seitwarts vom Heerwege grasen.
Der fahrende Schuler fasste in die Seitentasche des Mantels, zog die Hand verdriesslich zuruck und rief: "O uber meine ewige Zerstreuung! Hatte ich mir doch heute morgen in der Herberge das Fruhstuck so sauber zurechtgelegt und eingewickelt, da muss mir etwas anderes eingefallen sein, und uber diesen Gedanken habe ich meine Kost vergessen."
"Wenn es weiter nichts ist", rief der junge Ritter, "hier ist genug fur Euch und mich!" Er teilte Brot und Fleisch, schenkte den Becher voll und reichte Festes und Flussiges dem andern hin. Hiebei fasste er ihn scharfer ins Auge, und so tat der andere auch, und da entfuhr ihnen beiden ein Ausruf des Erstaunens. "Seid Ihr nicht ..." "Bist du nicht ..." riefen sie. "Freilich bin ich der Konrad von Aufsess!" rief der junge Ritter. "Und ich Petrus von Stetten!" der andere. Sie umarmten einander und konnten sich vor Freude uber dieses unvermutete Wiedersehen kaum fassen.
Es waren Spielkameraden, die sich zufallig im grunen Spessart trafen. Die Vater hatten auch Freundschaft miteinander gehabt, die Sohne hatten zusammen Ball geschlagen, sich hundertmal des Tages gezankt und ebenso oft versohnt. Der junge Petrus war aber von jeher stiller und nachdenklicher gewesen als sein Gefahrte, dem nichts im Kopfe sitzen blieb, als die Namen der Waffenstucke und des Reitzeugs. Endlich hatte Petrus dem Vater erklart, er wolle gelahrt werden, und war gen Koln gezogen, zu den Fussen des beruhmten Albertus Magnus zu sitzen, der aller bekannten Wissenschaften Meister war, und von dem das Gerucht sagte, er sei auch in geheime Kunste tief eingeweiht.
Eine geraume Zeit verfloss seitdem, in welcher keiner etwas von dem anderen horte. Nachdem der erste Sturm der Freude sich jetzt gelegt hatte, und das Fruhstuck beseitigt worden war, fragte der Ritter den Schuler, wie es ihm denn gegangen sei?
"Darauf, mein Freund, kann ich dir eine sehr kurze und musste ich dir eine sehr lange Antwort geben", versetzte der Schuler. "Eine kurze, wenn ich dir bloss die aussere Figur und Schale meines zeitherigen Lebens vorzeichnen soll; eine lange, o eine unendlich lange, begehrst du, den inneren Kern aus dieser Schale zu kosten!"
"Ei, Narrchen", rief der Ritter, "was fur schwere Reden fuhrst du da! Gib mir die Schale und ein Stuckchen vom Kern, wenn die ganze Nuss zu gross fur eine Mahlzeit ist."
"So wisse", erwiderte der andere, "dass mein sichtbares Leben zwischen engen Ufern rann. Ich wohnte in einem kleinen dusteren Gasschen bei stillen Leuten, im Hinterhause. Mein Fenster ging auf den Garten hinaus, dessen Baume und Stauden ihren ernsten Hintergrund von den Mauern des Tempelhauses erhielten. Ich hielt mich sehr einsam und fur mich, knupfte weder mit den Burgern, noch mit den Schulern Umgang an. So ist es gekommen, dass ich von der grossen Stadt nichts kennengelernt habe, als die Strasse von meinem Hauschen nach den Dominikanern, wo mein grosser Meister lehrte.
Wenn ich nun in meine Klause zuruckgekehrt war und die Mitternacht bei der Studierlampe herangewacht hatte, so blickte ich wohl aus dem Fenster, um die erhitzten Augen an dem dunkeln Sternenhimmel abzukuhlen. Dann sah ich nicht selten in dem gegenuberliegenden Tempelhause Licht; bei dem Scheine roter Fackeln zogen die Ritter in ihren weissen Ordensmanteln wie Geister durch die Galerien, verschwanden hinter den Pfeilern und kamen dann wieder zum Vorschein; im aussersten Eck des Flugels wurden vor den Fenstern Vorhange niedergelassen, durch deren dunne Stellen aber ein wundersamer Schein drang, und hinter welchen sich Weisen vernehmen liessen, welche suss und schaurig wie verbotenes Geluste durch die Nacht drangen.
So gingen meine Tage hin, unscheinbar von aussen, innen aber ein glanzendes Fest aller Wunder. Albertus zeichnete mich bald vor den ubrigen Schulern aus; nicht lange, so merkte ich, dass er gewisse Worte, die den andern unbeachtet voruberschlupften, gegen mich mit einer besonderen Betonung zu wiederholen pflegte; Worte, die auf den geheimnisvollen Zusammenhang alles menschlichen Wissens und auf eine tief unten in dunkler Verschwiegenheit treibende gemeinsame Wurzel des grossen Baumes hinwiesen, welcher da droben am Lichte seine gewaltigen Zweige als Grammatik, Dialektik, Redekunst, Zahlenlehre, Geometrie, Astronomie und Musik auseinanderlegte. Sein Auge ruhte bei solchen Worten durchdringend auf mir, und meine Blicke liessen ihn erkennen, dass er eine tiefe Sehnsucht nach den letzten und grossten Schatzen seines Geistes in mir entzundet hatte.
So kam es denn allgemach, dass ich der Vertraute seiner heimlichen Werkstatt und der Lehrling wurde, auf den er einen Teil seines Pfundes als kostbares Vermachtnis vererben wollte. Es gibt nur ein Mark der Dinge, welches hier im Metall lastet und wieget, dort in der schwankenden Pflanze, im leichtsinnigen Vogel vom Urkern sich abzulosen ringt. Alles wandelt und verwandelt sich; Gott wirkt zwar in der Natur, aber die Natur wirkt auch fur sich, und wer der rechten Krafte Meister ist, der kann ihr eigenes und selbstandiges Leben hervorrufen, dass ihre sonst in Gott gebundenen Glieder sich zu ganz neuen Regungen entfalten. Mein hoher Meister fuhrte mich an sicherer Hand dem Brunnen zu, wo jenes Mark der Dinge quillt. Ich tauchte meinen Finger hinein, da wurden alle meine Sinne voll ubermenschlichen Schauens. In der russigen Schmelzkuche sassen wir seitdem oft zusammen und schauten in die Gluten des Ofens; er vorn auf niedrigem Schemel, ich hinter ihm kauernd, mich fest an ihn druckend und ihm die Kohlen oder die Erze darreichend, die er mit der Linken in den Tiegel warf, denn mit der Rechten hielt er mich liebreich gefasst. Da wehrten sich die Metalle, die Salze und die Sauren prasselten, wie in einer festen Burg wollte sich der hohe Konig, der alle Welt regiert, inmitten scharfwinklichter Kristalle verteidigen, zornig entbrannten die roten, blauen und grunen Vasallen und streckten uns die gluhenden Speere abwehrend entgegen, aber wir brachen die Werke und kampften die Mannen danieder, und uber Schlackentrummer hinuber lieferte sich uns demutig der glanzende Furst aus. Das Gold an sich ist nichts fur den, der sein Herz nicht an Irdisches hangt, aber diese teuerste und kostlichste Gabe der Natur in allem und jedem, auch in dem Geringfugigsten und Unscheinbarsten zu erkennen, das gilt dem Weisen viel. Zu andern Stunden wiesen uns die Sterne ihre Kreise, die als Geschichte sich ablosten und zur Erde sanken, oder die innigen Verwandtschaften der Tone und der Zahlen wurden wach, und zeigten uns die Bundnisse, welche zu schildern kein Wort genugt, die sich vielmehr nur wieder in Zahl und Ton offenbaren. In allem diesem geheimen Wesen und Weben aber schwebte, dass es nicht wieder zu kalter klebriger Gestaltung gerinne, ewig verbindend und ewig losend, sich in dem Hader nie verwelkender Jugendkraft in sich und an den Dingen entzweiend, das Grosse, Unergrundliche; der dialektische Gedanke.
O selige, genugliche Zeit des erschlossenen Verstehens, des Wandelns durch die inneren Sale des Palastes, an dessen metallener Pforte die andern vergeblich anklopften! Endlich "
Der fahrende Schuler, dessen Lippen bei der Erzahlung sich in einem dunkeln Rote immer gluhender gefarbt hatten, und dessen Augen von einem seltsamen Feuer blitzten, hielt hier, wie aus seiner Begeisterung plotzlich ernuchtert, inne. Der Ritter wartete vergeblich auf die Vollendung der Rede, dann sagte er zu seinem Freunde: "Nun? Endlich "
"Endlich", versetzte der Schuler mit einem gezwungen- gleichgultigen Tone, "mussten wir uns doch trennen, wenn auch nur auf kurze Zeit. Mein hoher Meister schickt mich jetzt nach Regensburg, aus der Sakristei des Domes gewisse Schriften zu erbitten, die er als Bischof dort zuruckgelassen hat. Ich bringe sie ihm und werde dann freilich meine Tage, wenn es angeht, bei ihm verleben."
Der junge Ritter tropfelte den Rest des Weins in den Becher, sah hinein und trank den Wein bedachtiger als er fruher getan hatte. "Du hast mir da wunderbare Sachen vertraut", hob er nach einigem Schweigen an, "Sachen, in die ich mich nicht wohl zu finden weiss. Gottes Welt scheint mir so schon geputzt zu sein, dass es mir kein Vergnugen machen wurde, diese lieblichen Schleier abzustreifen, und, wie du sagst, in das Innere der Kreatur zu schauen. Der Himmel blaut, die Sterne leuchten, der Wald rauscht, die Krauterlein duften, und ist dieses Blauen, Leuchten, Rauschen und Duften nicht das Allerschonste, hinter welchem es kein Schoneres mehr gibt? Verzeihe mir; aber ich bin nicht neidisch auf deine geheime Wissenschaft. Du Armer! Rot macht sie nicht, diese Wissenschaft. Deine Wangen sind ganz bleich und eingefallen."
"Einem jeden werden seine Pfade gewiesen, dem einen dieser, dem andern jener", versetzte der Schuler. "Nicht der Sprung des Blutes macht das Leben aus; weiss ist der Marmor, und Marmorwande pflegen die Raume einzuschliessen, in welchen Gotterbilder aufgerichtet stehen. Doch genug davon, und nun zu dir. Was hast du denn getrieben, seit wir uns nicht sahen?"
"Ach davon", rief der junge Ritter Konrad mit seiner ganzen Lustigkeit, "ist wenig zu vermelden! Ich stieg zu Ross und stieg wieder herunter, fuhr an manchen guten Furstenhofen umher, verstach manchen Speer, gewann manchen Dank, misste manchen Dank, schaute in manches minniglichen Weibes Auge. Meinen Namen kann ich schreiben, meinen Degenknopf drucke ich daneben in Wachs ab, ein Lied kann ich reimen, wenn auch nicht so gut, wie Meister Gottfried von Strassburg. Schwertleite und Waffenwacht brachte ich hinter mich und empfing den Ritterschlag zu Forchheim, jetzt reite ich gen Mainz, wo der Kaiser das Turnier halten will, mich bass zu tummeln und des Lebens zu freuen."
Der Schuler sah nach dem Stande der Sonne und sagte: "Es ist traurig, dass wir nach diesem herzlichen Treffen uns so bald wieder trennen sollen. Aber doch wird es, wenn wir unser Ziel heute zu erreichen wunschen, notwendig sein."
"Komm mit gen Mainz!" rief der andere, indem er aufsprang und den Schuler in einer sonderbar geruhrten Stimmung, die gleichwohl ein Lachen zuliess, ansah. "Lass das finstere Regensburg und den Dom und die Sakristei; erheitere dein Antlitz unter frohlichen Gesellen am runden Tisch in der Weinlaube und vor den Blumenfenstern lieblicher Madchen, lass deine Ohren durch Floten- und Schalmeienklang reinbaden von den schauerlichen Vigilien der Tempelherren, die ja in der ganzen Christenheit fur arge Ketzer und Baffometuspriester gelten. Komm mit gen Mainz, mein Petrus!"
Die letzten Worte sprach er schon im Sattel. Er streckte dabei wie flehend seine Hand nach dem Freunde aus. Dieser wandte sich seitwarts ab und zog seinen Arm verweigernd zuruck. "Was fallt dir ein?" rief er unwillig lachelnd. "Ach, mein Konrad, hatte ich nicht vorher gesagt, dass jedem seine Strasse gewiesen sei, so wurde ich dir zurufen: Kehre du um, du Leichtsinn, du Fahrlassiger! Die Jugend vergeht, der Scherz verklingt, das Lachen will eines Tages plotzlich nicht mehr gelingen, weil das Antlitz zu starr geworden ist, oder grinset widerwartig aus welken Runzeln! Wehe dem, wessen Scheuren dann nicht voll, wessen Kammern nicht gerustet sind! Ach! es muss etwas Trubes um so ein kahles, verarmtes Alter sein, und das Sprichwort hat wohl recht, welches sagt: Zu lustig am Morgen, schafft abends Kummer und Sorgen. Wenn ich dich so ansehe, mein Jugendbruder, kann mir recht bange um dich werden, o wer weiss, wie verwandelt ich dich wiedertreffe!"
Der Ritter schuttelte dem ernsten Schuler herzlich die Hand und rief: "Vielleicht bist du verwandelt, stossen wir wieder aufeinander, prunkst in Sammet und Seide, und tust's uns allen zuvor!" Er sprengte davon, und aus der Ferne horte der Schuler ihn noch ein Lied singen, welches damals von Mund zu Munde ging und ungefahr so lautete:
Die schonste Rose, die da bluht,
Das ist der rosenfarbne Mund
Von wonniglichen Weiben;
Sie tut sich erst als Knospe kund,
In sich geschlossen, und bemuht,
So recht fur sich zu bleiben!
Der Mai kusst alle Rosen wach,
Auf rosenfarbnen Mund der Kuss:
Die Lippe kommt zum Bluhen;
Drum keine Lippe ohne Kuss,
Und jedem Kuss an seinem Tag
Der schonsten Lippen Gluhen!
Ein Schmetterling flog vor dem Schuler auf. "Ist das Leben der meisten Menschen nicht dem Flattern dieses Falters zu vergleichen?" sagte er. "Bunt und leicht prunkt er dahin und doch sind seine Freuden so kurz und ode. Mit gewaltigen, grossen Augen blickt er umher, aber die matten Spiegel empfinden nur eine leere Abwechselung von Licht und Schatten, nicht die volle Gestalt, die feste Farbe." Der Wald sah ihn aus seinen grunen Tiefen mit unwiderstehlichem Blick an. "Was tut's", rief er, "wenn mein geduldig Tier auf diesem Rasen eine Weile allein zuruckbleibt! Es lauft mir nicht davon, ich spure so eine innige Sehnsucht, ein Stundchen da hineinzuwandern, wie labend muss es da tief drinnen sein!"
Er schritt seitab von der Landstrasse auf einem engen Pfade, der sich nach kurzem Gehen zwischen den hohen Stammen zu Tale senkte, in den Wald und war bald in einer volligen Einsamkeit, in der es um ihn her rauschte, flusterte, schwirrte, und nur einzelne Sonnenlichter, grunlich gebrochen, wie Irrlichter ihn umspielten. Zuweilen war es ihm, als ob sein Name hinter ihm aus der Ferne gerufen werde, er wusste selbst nicht, der Ruf kam ihm widerwartig und hassenswurdig vor, dann hielt er den Ton auch wohl wieder fur eine Tauschung, aber er mochte dies oder das denken, furbass schritt er nur immer tiefer in den dunkeln Forst. Grosse knorrige Baumwurzeln lagen wie Schlangen quer uber den Weg hin gespannt, dass der Schuler beinahe uber sie gestolpert ware, Hirschkafer standen wie Edelwild im Moose. Aus kleinen Felsgrotten leuchtete der Psittichglanz des Goldmooses. Der Schweiss stand ihm vor der Stirne, wie er so immer hastiger sich in das Dickicht hineinarbeitete und vor der lichten Sonnenwelt da draussen floh. Aber es war nicht bloss der Gang, der ihm heiss machte, auch sein Gemut arbeitete unter der Last schwerer Erinnerungen. Endlich kam er, nachdem ihm der Pfad langst unter den Fussen geschwunden war, auf einen schonen, glatten, dunkeln Platz unter machtigen Eichen. Noch immer horte er aus der Ferne seinen Namen rufen. "Hier wird mich der rohe Laut von da draussen nicht mehr erreichen", sagte er, "hier werde ich still geborgen sein." Er sank an einem grossen moosbedeckten Steine nieder, seine Brust wogte, er kampfte mit einem gewaltigen Geluste. "Vergib mir, hoher Meister, meinen Furwitz", rief er; "aber es gibt ein Wissen, dem die Tat folgen muss, sonst erdruckt es den Sterblichen! Hier, naher dem Herzen der grossen Mutter, wo unter dem Spriessen und Wachsen schon vernehmlicher ihre Pulse klopfen, hier muss ich es aussprechen, dass Zauberwort, welches ich von deinen schlafenden Lippen ablauschte, als du es im Traume sprachest; das Wort, auf dessen Ertonen die Kreatur den Schleier hinwegwirft, die Krafte sichtbar werden, die unter Rinde und Haut und im Kerne des Felsens arbeiten, und die Sprache des Vogels dem Ohre verstandlich klingt."
Seine Lippen zuckten, das Wort zu sprechen, aber noch hielt er inne, denn vor sein Auge trat der kummervolle Blick, mit dem ihn sein grosser Meister Albertus gebeten hatte, nach seinem Beispiel von der zufallig erlangten Kunde keinen Gebrauch zu machen, da schwere Dinge dem Menschen bevorstanden, der mit Absicht das Zauberwort sprache.
Plotzlich jedoch rief er es, wie von dem Verbote und von der Furcht nur um so gewaltiger vorwarts gestossen, laut in den Wald, indem er seine Rechte ausreckte.
Alsobald tat es in ihm einen Schlag und einen Ruck, dass er meinte, der Blitzstrahl habe ihn getroffen. Seine Augen erblindeten, und es wahr ihm, als ob ihn ein reissender Wirbelwind im Kreise durch den unermesslichen Raum schleudere. Als er entsetzt und schwindlicht mit den Handen umhergriff, fuhlte er zwar den moosigen Stein, an dem er gestanden, und kam dadurch in seinem Innern wieder zur Erde zuruck, aber nun geschah an ihm ein neues unheimliches Zeichen. Denn wie er vorher gleich einem Sandkorn durch das All geschleudert worden war, so kam es ihm nun vor, als ob sich sein Leib in das Unendliche ausdehne. Unter furchtbaren Schmerzen trieb die neue in ihm aufgewachte Kraft seine Gliedmassen zu ungeheurer Grosse, dass er meinte, er musse an den Himmel ruhren. Die Wande seines Hauptes und seiner Brust wurden tempelweit, in sein Ohr fielen Tone, fremd, zerreissend, himmlisch, und er sagte zu sich: "Das ist der Gesang der Sterne in ihren goldenen Bahnen." Endlich machten die Schmerzen einer prickelnden Wollust Raum, in welcher er seinen Korper wieder zu gewohnlichem Masse zusammenschrumpfen fuhlte, wahrend die Riesengestalt wie eine aussere Schale oder eine Art von Atmosphare in luftigen Umrissen um ihn stehen blieb. Die Finsternisse wichen von seinen Augen, indem sich grosse, gelbglanzende Lichtflachen, wie bei dem Gefuhle der Blendung, von den Apfeln ablosten und in die Augenwinkel zogen, wo sie allmahlich verschwanden.
Wahrend er so wieder sehend wurde, sang ein feiner, sussstimmiger Chor um ihn her er wusste nicht, waren es die Vogel allein, oder gaben auch Zweige, Stauden und Graser ihren Beitrag? ganz vernehmlich:
Wir durfen's ihm sagen,
Er muss es ertragen;
Gehort uns nun eigen,
Wird balde
Im Walde
Erkalten und schweigen.
In dem moosigen Felsblock murrte es leise aber horbar, es war, als ob der Stein sich regen wollte und konnte es nicht, wie ein Scheintoter. Der Schuler blickte auf die Flache des Steins, ach! da liefen die grunen und roten Adern zu einem uralten Antlitz zusammen, welches ihn aus muden Augen so wehmutig und hulfeflehend anschaute, dass er sich erschuttert abwandte und bei den Baumen, Pflanzen und Vogeln Trost suchte.
Unter denen war auch alles verwandelt. Wenn er auf das kleine braune Moos trat, so achzte es und schrie uber den unsanften Druck, und er sah, wie es die behaarten Handchen rang und die gelben oder grunen Hauptlein schuttelte. Die Stengel der Pflanzen und die Stamme der Baume befanden sich in einer immerwahrenden schraubenformigen Bewegung, und zugleich liess ihn die Rinde oder die aussere Haut in das Innere blicken, worin feine Geisterlein zartglanzende Tropfchen in die Rohren schutteten. Dann stieg das klare Nass von Rohre zu Rohre, indem sich unaufhorlich Klappen offneten und zuschlossen, bis es oben in den Haarrohrchen der Blatter zu einem grunen Dufte wurde. Leichte Verpuffungen und Feuer entzundeten sich nun in dem Geader der Blatter; ein Atherisches, Flammendes spieen unaufhorlich ihre feingeschnittenen Lippen aus, wahrend ebenso unaufhorlich der schwerere Teil jener feurigen Erscheinungen in weichen Dampfwellen durch die Blatter hin und her schlich. In den blauen Glockenblumen, die auf dem feuchten Waldgrunde standen, war ein Klingen und Singen; sie trosteten mit einem schonen Liede das arme alte Antlitz im Stein und sagten, wenn sie nur vom Boden los konnten, so wurden sie ihm herzlich gern die Erlosung bringen. Aus den Luften blickten den Schuler sonderbare grune, gelbe und rote Zeichen an, die immer sich zum Bilde fugen wollten und dann wieder auseinanderbrachen, von allen Seiten kroch und schritt das Gewurm und Gekafer an ihn heran und trug ihm verworrene Anliegen vor; der eine wollte dies sein, der andere das, der eine begehrte eine neue Flugeldecke, der andere hatte sich den Russel abgebrochen; was in den Luften zu schweben pflegte, bettelte um Sonnenschein, das Kriechende dagegen um die Feuchtigkeit. Dieses ganze Gesindel nannte ihn seinen Herrgott, so dass ihm fast wieder die Sinne zu schwanken begannen.
Auch bei den Vogeln war des Zwitscherns, Plapperns und Erzahlens kein Ende. Ein Buntspecht kletterte an der Borke einer grossen Eiche auf und nieder, hackte und pickte nach den Wurmern und ward nicht mud' zu schreien: "Ich bin der Forster; ich muss fur den Wald sorgen!" Der Zaunkonig sagte zum Finken: "Es ist gar keine Freundschaft mehr unter uns; der Pfau will nicht leiden, dass auch ich ein Rad schlage, er meint, er habe allein das Recht dazu, und hat mich verklagt beim hochsten Gericht, und ich kann doch ein so schones Radlein schlagen mit meinem braunen Schwanzlein." Der Fink versetzte: "Lass mich zufrieden. Ich fress' mein Korn und kummere mich sonst um nichts; ich hab' ganz andere Sorgen, zu meinem Waldschlag lern' ich die eigentlichen kunstmassigen Weisen nur hinzu, wenn sie mich blenden; es ist aber schrecklich, dass aus einem erst was Rechtes wird, wenn man so hart verstummelt worden ist." Von Diebstahlen plauderten die andern und von Mordtaten, die niemand gesehen, als die Vogel:
Sie fliegen wohl uber den Kreuzweg hin,
Schaut keiner nach ihnen hin!
Dann setzten sie sich auf den Zweigen straff zurecht, kuckten den Schuler spottisch an und zwei freche Kohlmeisen riefen: "Da steht der Zauberer und hort uns zu und weiss nicht, was mit ihm geschieht; nun, der wird Augen machen!" "Der wird Augen machen!" schrie der ganze Haufen und flog mit einem Gezwitscher davon, welches wie ein halbes Lachen klang.
Indem bekam der Schuler einen Wurf in das Gesicht, er blickte empor, da sah er ein ungeschliffenes Eichhorn, das hatte ihm die hohle Nuss auf die Stirne geworfen, lag platt auf seinem Aste auf dem Bauche, stierte ihm ins Gesicht, und rief: "Die hohle fur dich, die volle fur mich!" "Ihr ungezogenes Gesindel, lasst den fremden Herrn doch zufrieden!" rief eine schwarz und weisse Elster, die wackelnd durch das Gras herzugeschritten kam. Sie setzte sich dem Schuler auf die Schulter und sagte ihm ins Ohr: "Ihr musst nicht uns alle nach jenen unhoflichen Bestien beurteilen, gelahrter Herr, es gibt auch unter uns wohlgezogene Leute. Da seht einmal durch die Offnung hindurch jenen weisen Mann, das Wildschwein, wie es ruhig steht und seine Eicheln verzehrt und dabei im stillen seine Gedanken hat. Herzlich gern will ich Euch Gesellschaft leisten und Euch erzahlen, was ich nur weiss, das Reden ist mein Vergnugen, besonders mit alten Leuten."
"Wenn das ist, so wirst du bei mir deine Rechnung nicht finden, ich bin noch jung", versetzte der Schuler.
"Ach Himmel, wie sich die Menschen tauschen konnen!" rief die Elster und sah ganz gedankenvoll vor sich hin.
Indem war es dem Schuler, als hore er aus noch grosserer Tiefe des Waldes ein Seufzen, dessen Ton ihm durch das Herz drang. Er fragte seine schwarz und weiss gesprenkelte Gesellschafterin nach der Ursache, die sagte ihm aber, sie wolle zwei Eidechsen darum ausforschen, die dort ihr Morgenbrot assen. Er ging nun mit der Elster auf der Schulter nach dem Orte, wo diese Tierchen sich befinden sollten. Da hatte er eine wunderhubsche Schau. Die beiden Eidechschen waren gewiss vornehme Fraulein, denn sie sassen unter einem grossen Pilze, der wie ein prachtvolles Schirmzelt sein goldgelbes Dach uber ihnen ausspannte. Dort sassen sie und schlurften mit den braunen Zungelchen den Tau vom Grase, dann wischten sie sich die Maulchen an einem Halmlein ab und gingen miteinander im anstossenden Lusthain von Farrenkrautern spazieren, welcher vermutlich der einen zugehorte, die ihre Freundin bei sich zum Besuch hatte. "Schack! Schack!" rief die Elster; "der Herr mochte gern wissen, wer geseufzt hat?" Die Eidechschen hoben die Kopfchen empor, wedelten mit den Schwanzchen und riefen:
Prinzessin in der Laub' am Bronnen,
Der Kanker hat sie eingesponnen.
"Hm! Hm!" sagte die Elster und wackelte mit dem Kopfe, "dass man so vergesslich sein kann! Ja freilich, in der nahen Hainbuchenlaube schlaft die schone Prinzessin Doralice, die der bose Konig Kanker eingesponnen hat. O mochtet Ihr sie erretten, gelahrter Herr!" Den Schuler trieb das Herz, er fragte die Elster, wo die Laube sei? Der Vogel flog voran von Zweig zu Zweig, den Weg zu zeigen; so kamen sie an eine stille Wiese, rings eingeschlossen, durch welche ein Bachlein, aus einer Felsenspalte springend, floss, wo gar artige Laublein von Hainbuchen standen. Die Baumchen hatten ihre Zweige zur Erde geschlagen, so dass sie den Boden wie ein Dach uberwolbten, durch diese Dacher aber stachen die Facherblatter des Farrenkrauts und schufen den Laubhauslein die Lucken und Giebel. Die Elster sprang auf eins der Laubhauslein, schaute durch eine Lucke und flusterte geheimnisvoll: "Hier schlaft die Prinzessin." Mit klopfendem Herzen trat der Schuler hinzu, kniete vor der Offnung der Laube nieder und blickte hinein ach! da wurde ihm ein Anblick, der ihm Sinn und Seele in noch gewaltigeren Aufruhr jagte, als da er das Zauberwort aussprach. Auf dem Moose, welches wie ein Pfuhl die schone Last umquoll, ruhte die reizendste Jungfrau und schlummerte. Ihr Haupt lag etwas erhoht, den einen Arm hatte sie unter den Nacken geschoben, die weissen Finger leuchteten aus dem Goldbraun der Locken, welche in langen weichen Fluten sich zartlich um Hals und Busen schmiegten. Mit unsaglicher Wonne und Wehmut schaute der Schuler in das herrliche Antlitz, auf den Purpur der Lippen, auf die Blute der Glieder, von denen ein verklarender Widerschein auf das dunkele Mooslager fiel. Dass die Schlaferin, wie von einem geheimen Drucke belastet, in susser Angst zu atmen schien, machte sie in seinen Augen nur noch verlockender, er fuhlte, dass sein Herz auf immerdar gefangengenommen sei, und nur an diesem Munde sein Lechzen stillen konne. "Ist es nicht schade", sagte die Elster, die durch die Lucke in die Laube gehupft war, und sich der Schlaferin auf den Arm setzte, "dass eine so schone Prinzessin sich hat mussen einspinnen lassen?" "Wie? Einspinnen?" fragte der Schuler; "sie ruht ja, in ihren weissen Schleier gehullt." "O Torheit!" rief die Elster, "ich sage, es sind Spinnweben und der Konig Kanker hat sie eingesponnen." "Wer ist der Konig Kanker?"
"Im menschlichen Zustande war er ein reicher Garnspinnerherr", versetzte die Elster, indem sie wohlgefallig mit dem Schwanze wippte. "Er hatte seine Garnspinnerei nicht weit von hier, ausser dem Walde, am Flusschen, und an die hundert Arbeiter spannen unter ihm. Das Garn wuschen sie im Flusschen. Darin wohnt aber der Nix, und der war ihnen schon lange bitterbose, weil sie mit der ekelhaften Wasche seine klaren Fluten trubten, und weil alle seine Kinder, die Schmerlen und die Forellen, von der Beize abstanden. Er wirrte das Garn untereinander, die Wellen mussten es uber den Rand des Ufers schleudern, er trieb es abwarts in die Strudel, um den Spinnerherrn zu warnen, aber alles war vergeblich. Endlich, am Johannistage, an welchem die Flussgeister Macht haben, zu schrecken und zu schaden, spritzte er der ganzen Garnwascherzunft und ihrem Haupte, da sie eben wieder ihre Wascherei recht frech und gewissenlos trieben, Feienwasser in das Antlitz, und, wie wilde und blutdurstige Menschen Werwolfe und Werkater werden konnen, so sind die Garner und ihr Haupt Werkanker geworden. Sie liefen alle vom Flusschen zum Walde und hangen mit ihren Geweben uberall an Baumen und Strauchen umher. Die Spinner sind gewohnliche kleine Kanker geworden, fangen Fliegen und Mucken; ihr Herr aber hat fast seine fruhere Grosse behalten und heisst der Kankerkonig. Er stellt den schonen Madchen nach, umspinnt sie, betaubt sie mit seinem giftigen Dunste und saugt ihnen dann das Blut vom Herzen. Zuletzt hat er diese Prinzessin uberwaltigt, welche von ihrem Gefolge im Walde abgekommen war. Sieh dort dort dort regt er sich zwischen den Buschen."
Wirklich war es dem Schuler, als sehe er durch die Zweige gegenuber einen riesigen Spinnenleib schimmern, zwei haarige Fusse, dick wie Menschenarme arbeiteten sich durch das Laub; eine entsetzliche Angst um die schone Schlaferin ergriff ihn, er wollte dem Ungeheuer entgegensturzen. "Umsonst!" rief die Elster und schlug mit den Flugeln; "alle verzauberte Menschen haben furchtbare Krafte, das Ungetum wurde dich in der Umknotung ersticken, aber streue deiner Schonen Farrensamen auf die Brust, der macht sie unsichtbar vor dem Kankerkonig, und solange nur ein Staubchen davon liegt, dauert der Segen aus." Eiligst streifte der Schuler den braunen Staub von der unteren Flache eines Farrenblattes ab und tat, wie ihm der Vogel gesagt hatte. Indem er sich hiebei uber die Schlaferin beugte, ruhrte ihr Othem seine Wange. Verzuckt rief er: "Gibt es kein Mittel, dieses geliebte Bild zu befreien?" "Oh!" schrie der Vogel und schoss wie toll in Zickzackflugen um den Schuler, "wenn Ihr mich um so ein Mittel befragt, das gibt es wohl. Unser weiser Alter in der Kluft hat den Eibenbaum in Verwahr, wenn Ihr davon einen Zweig bekommt und mit demselben die Stirne der Schonen dreimal beruhrt, so weicht alle Fesselung von ihr,
Denn vor den Eiben
Die Zauber nicht bleiben;
sie wird in Eure Arme sinken und Euch, als ihrem Retter, angehoren." In diesem Augenblicke war es, als ob die Schlafende die Reden des Vogels vernahme. Ihr schones Gesicht wurde von einer zarten Rote uberzogen, ihre Zuge nahmen den Ausdruck einer unendlichen Sehnsucht an. "Fuhre mich zum weisen Alten!" rief der Schuler halb von Sinnen.
Der Vogel sprang in die Busche, der Schuler eilte ihm nach. Die Elster flatterte einen engen Felsenweg empor, der bald nur noch uber Morast und wild umhergeworfene Steinblocke gefahrlich hinanleitete. Von Block zu Block musste der Schuler klimmen, wollte er nicht im Sumpfe versinken. Seine Kniee zitterten, seine Brust keuchte, seine Schlafe bedeckte kalter Schweiss. Er rupfte in der Eile Blumen und Blatter ab und streute sie auf die Steine, damit er den Weg wiederfinden mochte. Endlich stand er auf bedeutender Hohe vor einem geraumigen Felsenportal, aus dessen dunkelem Schlunde ihm eine Eisluft entgegenstrich. Die Natur schien hier noch in der uralten Garung zu sein, so furchterlich und zerrissen starrte das Gestein uber, neben, vor der Hohle.
"Hier wohnt unser Weiser!" rief die Elster, indem sich ihre Federn vom Kopf bis zum Schweife straubten und krausten, so dass sie ein unheimliches und widerwartiges Ansehen bekam. "Ich will dich bei ihm anmelden und fragen, wie er uber deinen Wunsch gesonnen ist?" mit diesen Worten schlupfte sie in die Kluft. Sie kam aber gleich wieder herausgesprungen und rief: "Der Alte ist murrisch und eigensinnig, er will nicht anders dir den Eibenzweig geben, als wenn du ihm alle Ritzen der Hohle verstopfest, denn er sagt, die Zugluft sei ihm empfindlich. Aber ehe du damit fertig wirst, kann manches Jahr vergehen." Der Schuler raffte des Mooses und Krautes zusammen, soviel er fassen konnte, und ging nicht ohne Schauder in die Hohle. Drinnen sahen ihn von den Wanden Tropfsteinfratzen an, er wusste nicht, wohin er sein Auge vor den abscheulichen Gestalten retten sollte. Er wollte tiefer in den Felsging dringen, da schnarchte es ihm aus der hintersten Ecke entgegen: "Zuruck! Store mich nicht in meinen Forschungen, treibe da vorne dein Wesen!" Er wollte entdecken, wer da spreche, sah aber nichts als ein Paar gluhroter Augen, die aus dem Dunkel leuchteten. Nun gab er sich an seine Arbeit, stopfte uberall Moos und Kraut ein, wo er eine Spalte sah, durch welche ein Schimmer des Tageslichtes drang, aber das war ein schwieriges und, wie es schien, unendliches Werk. Denn, glaubte er mit einer Spalte fertig zu sein und sich zu einer anderen wenden zu konnen, so fiel das Eingestopfte wieder heraus und er musste von vorn beginnen. Dazu schnarrte das Schnarchende im Hintergrund der Hohle Tone und Laute ohne Sinn ab und liess nur bisweilen verstandliche Worte ausgehen, die so klangen, als ob es sich seiner tiefen Forschungen beruhme.
Die Zeit schien dem Schuler im reissenden Fluge unter seiner verzweiflungsvollen Arbeit voruberzueilen. Tage, Wochen, Monate, Jahre kamen, so dunkte ihm, und schwanden, und dennoch spurte er weder Hunger noch Durst. Er glaubte sich dem Wahnwitze nahe und wiederholte sich still mit einer Art von rasender Leidenschaft die Jahreszahl und dass er am Tage Peter und Paul zu Walde gegangen sei, um nicht gar aus aller Zeit zu treten. Wie aus weiter Ferne sah ihn das Bild seiner geliebten Schlummernden an, er weinte vor Sehnsucht und Trauer und doch fuhlte er keine Trane uber die Wangen rinnen. Auf einmal war es ihm, als sehe er eine bekannte Gestalt sich der Schlaferin nahern, entzuckt sie betrachten und sich dann wie zum Kusse uber sie beugen. In diesem Augenblicke ubermannten ihn Schmerz und Eifersucht, alles um sich her vergessend sturzte er gegen den dunkeln Hintergrund der Hohle. "Den Eibenzweig!" rief er heftig. "Da wachst er!" antwortete das Gluhende, Schnarchende, und zugleich fuhlte er die Zweige eines Baumes in der Hand, der aus einer finsteren Spalte der Grotte emporstand. Er brach an einem Zweige, da tat es ein Winseln um ihn her, das Gluhende schnarchte starker als jemals, die Hohle schwankte, schutterte, sturzte zusammen, Nacht wurde es vor den Augen des Schulers, und unwillkurlich rief es aus ihm hervor:
Vor den Eiben
Kein Zauber tut bleiben.
Als seine Augen wieder helle wurden, sah er sich um. Ein durrer, sonderbar missfarbiger Stecken lag in seiner Hand. Er stand zwischen Gestein, welches sich zu einer Kluft wolbte, die aber nicht eben machtig war. In der Tiefe klangen schrillende, pfeifende Tone, wie sie die grossen Eulen von sich zu geben pflegen. Die Gegend umher war wie verwandelt. Es war eine massige Anhohe, kahl und armlich, mit unbedeutenden Steinen ubersaet, zwischen denen auf der einen Seite nach der Tiefe zu durch feuchtes Erdreich der Weg hinableitete, den er heraufgekommen war. Von den grossen Felsblocken war keiner mehr zu erschauen. Ihn fror, obgleich die Sonne hoch am Himmel schien. Es bedunkte ihn, als habe sie denselben Stand, wie damals, als er ausgegangen war, den Zweig zu holen, der nun zum durren Stecken in seiner Hand geworden war. Er ging den Pfad uber die Steine hinab, das Wandern fiel ihm beschwerlich, er musste sich auf den Stecken stutzen, das Haupt hing auf die Brust hinab, er horte seinen Otem, der muhsam aus ihr hervordrang. An einer schlupfrichten Stelle des Pfades glitt er aus und musste sich am Gebusch halten. Dabei kam ihm seine Hand dicht vor das Auge, die sah grau und runzlicht aus. "Herr Gott!" rief er, von einem Schauder gepackt, "bin ich denn so lange ?" Er wagte seinen eigenen Gedanken nicht auszusprechen. "Nein", sagte er, sich gewaltsam beruhigend, "es tut die kuhle Waldluft, dass mich so friert, matt bin ich von der Anstrengung geworden, und das gebrochene fahlgrune Licht, welches durch die Busche fallt, gibt den Handen die seltsame Farbe." Er schritt weiter und sah auf den Steinen die wilden Blumen und Blatter liegen, welche er bei dem Hinaufklimmen dahin gestreut hatte, den Weg zu merken. Sie waren frisch, als seien sie eben hingelegt worden. Damit war ihm ein neues Ratsel gesetzt. Ein Kohler hockte seitwarts vom Wege im Geholz und schnitt Aste ab, den fragte er nach dem Tage.
"Ei Vater", versetzte der Kohler, "seid Ihr ein so boser Christ, dass Ihr Apostelntag nicht kennt? Wir haben Peter und Paul, wo der Hirsch aus dem Wald ins Korn tritt. Ich will meinem Jungen da aus dem Maserast ein Spielwerk schneiden, sonst arbeit' ich nicht an dem Tag, aber das ist zur Lust und Ergotzlichkeit, und die ist erlaubt, sagt der Kaplan."
"Ich bitte dich, Gesell", rief der Schuler, den das Grauen immer starker durchrieselte, "sag' mir an, welche Jahrzahl schreibt ihr in der Christenheit?" Der Kohler, von dem auch die Feiertagswasche den Russ nicht hatte bringen mogen, hob sich mit seinen machtigen Gliedern schwarz zwischen den grunen Buschen empor, und sprach nach einigem Besinnen die Jahreszahl aus. "O du mein Heiland!" schrie der Schuler und sturzte, von seinem Stecken nicht gehalten, auf den Steinen zusammen. Dann schleuderte er den Stekken hinweg und kroch zitternd den Steinpfad hinab.
Verwundert trat der schwarze Kohler, den Maserast in der Hand, aus den Strauchen auf die Steine, sah den Stecken liegen, bekreuzte sich und sprach: "Der ist von der Eibe, die da droben wachst im Eulenstein, wo der Schuhu horstet. Sie sagen, sie schaffe den Zauber, und lose geschaffenen Zauber. Gott behute uns! der Alte hatte bose Dinge auslaufen lassen." Dann ging er in die Busche zuruck, seiner Hutte zu, um das Spielwerk fur seinen Knaben zu schnitzen. Unten auf der lustigen Waldwiese neben der Hainbuchenlaube, am klaren Wasserlein, welches dort seine Rander zu einem breiten Becken auseinandergespult hatte, sassen der junge Ritter Konrad und die Schone, welche er ohne magische Kunste aus dem Schlummer geweckt hatte. Lieblich drangten sich rote, blaue und gelbe Kelche aus den Grasern um sie her, und das Paar bluhte in Jugend und Schonheit, der Ritter in seinem bunten Schmuck, die Jungfrau in ihren silberglanzenden Schleiern, als die herrlichste Blume aus diesem Schmelz empor. Er hatte seinen Arm sanft um ihren Leib gelegt und sagte, ihr treu und zartlich in das Auge sehend: "Bei der Asche meiner lieben Mutter, und bei dem heiligen Zeichen auf dem Griffe dieses Schwerts, ich bin, der ich mich dir genannt habe, Herr meiner Schlosser und meiner Tage, und beschwore dich nun, du holdseliges Wunder dieses Forstes, dass deine Lippen das Wort sprechen, welches mich auf ewig dir in den Besitz geben wird, den der Priester vor dem Altare weihen und segnen soll."
"Was fur ein Wort begehrst du noch?" sagte die Schone leise, indem sie zuchtig die Wimpern senkte. "Hat nicht mein Auge, meine Wange, mein klopfender Busen alles gesprochen? Minne ist eine gewaltige Konigin; sie fahrt daher unversehens und ergreift, den sie mag, ohne Widerstand zu dulden. Bringe mich, bevor der Tag sinkt, nach dem Kloster am Odenwald zur frommen Abtissin, sie wird mich unter Schirm nehmen, dort will ich zwischen stillen Mauern harren, ob du kommen und mich heimfuhren willst." Sie wollte aufstehen, der junge Ritter hielt sie aber sanft zuruck und sagte: "Lass uns an diesem Platze, wo meine Seligkeit wie ein goldenes Marchen emporsprosste, noch einige Augenblicke verweilen. Furchte ich doch noch immer, dass du mir, gleich einer reizenden Waldnymphe verschwindest! Hilf mir, dass ich an dich glaube und an deine holde Sterblichkeit. Wie bist du hergekommen? Was war mit dir?"
"Ich war", versetzte die Schone, "heute morgen zu Walde geflohen vor meinem Vormunde, dem Grafen Archimbald, dessen Absichten plotzlich, ich weiss nicht, ob auf mich, oder auf meine Guter, bos und erschreckend hervorgetreten waren. Was hilft der Jugend und dem Weibe reiches Erbe? Es ist immerdar schutzlos und verlassen. Ich wollte mich zur Abtissin fluchten, ich wollte den Kaiser in Mainz antreten, kaum
wusste ich selbst, was ich wollte. So kam ich in diese grunen Baumhallen. Mein Herz war nicht auf den Helfer gerichtet, meine Gedanken haderten mit dem Himmel.
Auf einmal, wie ich diese Wiese schon vor mir liegen sah, war mir, als wurde da druben in den Buschen etwas gesprochen, worauf ich mich und alles um mich her verwandelt fuhlte. Ich kann dir das Wort, oder den Laut nicht beschreiben, mein Geliebter! Der Gesang der Nachtigall klingt heiser gegen seine Sussigkeit und das Rollen des Donners ist, mit ihm verglichen, nur ein schwaches Flustern. Es war gewiss das Geheimste und Zwingendste, was es zwischen Himmel und Erde geben kann. Auch auf mich ubte es eine unwiderstehliche Gewalt, da es in meinen fassungslosen Geist, in das Getummel meiner Sinne fiel und kein Gedanke des Heils ihm in mir entgegentrat. Meine Augen schlossen sich und doch sah ich den Weg vor meinen Fussen, den die Fusse, wie von unsichtbaren, weichen Handen gelenkt, wandeln mussten. Ich schlief und schlief doch nicht, es war ein unbeschreiblicher Zustand, in dem ich endlich unter jener Laube auf weichem Moose niedersank. Es sprach und sang alles um mich her, in mir fuhlte ich den Wogenschlag der jubelndsten Wonne, jeder Tropfen Blutes leuchtete und tanzte durch die Adern und doch sass mir im tiefsten Herzen das allerausserste Grauen vor dieser Verfassung und die heisseste Bitte um Erweckung aus meinem Schlafe. Aber ich spurte, dass von dem Grauen nichts in mein Antlitz trat, wunderbarerweise konnte ich mich selbst schauen und sah, dass meine Wangen von der Wonne lachelten, als wurden mir himmlische Freudenlieder zugesungen. Immer weiter griff die Wonne in mein Herz, immer weiter drangte sie das Grauen zuruck, eine furchtbare Angst befiel mich, dass dieses Punktchen ganz aus mir getilgt und ich eitel Wonne werden wurde.
In dieser Not, und dem Verschwinden alles Bewusstseins nahe, gelobte ich mich dem, der mich erwecken und befreien werde, zu eigen. Ich sah nun durch meine geschlossenen Augenlider eine dunkele Gestalt sich uber mich beugen. Das Antlitz war edel und gross, und doch fuhlte ich einen tiefen Widerwillen gegen diesen und es flog wie ein Schatten durch meine Empfindung, dass er es gewesen sein mochte, der das verdammliche Wort gesprochen habe. Aber immer rief ich stumm in mir und doch laut fur mich: 'Wenn er dich weckt und befreit, so musst du ihm fur diese uberschwengliche Wohltat angehoren, denn du hast es gelobt.' Er hat mich nicht geweckt!"
"Ich, ich habe dich geweckt, mein teures Lieb, und nicht mit Zauberspruch und Segen, nein, mit heissem Kuss auf deine roten Lippen!" rief der junge Ritter entzuckt und hielt die schone Emma fest umschlungen. "Das sind wohl rechte Wunder im Spessart gewesen, die uns zusammengefuhrt haben. Ich hatte mich draussen am Heerweg von meinem geliebten Freunde Petrus getrennt nach seltsamen verfanglichen Gesprachen. Als ich einige hundert Schritte geritten war, uberfiel mich noch einmal eine grosse Sorge um ihn, ich sass ab und wollte wiederholt ihm ans Herz legen, seine dunkelen Wege zu lassen und mit mir gen Mainz zu ziehen. Als ich mich wandte, sah ich ihn in den Wald schlupfen. Ich rief seinen Namen, er aber horte mich nicht. Die Sporen verhinderten mich am raschen Gehen; ich konnte ihm nur von weitem folgen, doch liess ich nicht ab, hinter ihm her zu rufen, was aber vergeblich blieb. Endlich verschwand mir sein schwarzer Mantel zwischen den Baumen. Auch ich sah die schone grune Wiese schimmern und wollte mir den lichten Blumenschein besehen. So kam ich her, nachdem ich noch die Kreuz und Quer nach meinem Freunde gesucht hatte. Auch mich umgab es hier im Walde aus den Luften wie ein Wuhlen und Schwingen, das Gewurm war in einer Bewegung, die Vogel verfuhrten ein so eigenes Flattern und Zirpen. Weil ich aber an die helle gute Strasse dachte, auf die ich den Petrus gern bringen wollte, so hat mir vermutlich das Wesen nichts anhaben konnen. Als ich dich schlummernd fand, drang mir mit der Gewalt der sussesten Liebe ein ungeheures Mitleid um dich in das Herz, ich frohlockte und weinte doch Tranen, die heissesten, die je aus meinen munteren Augen gekommen. Ich glaube, dass mir vergonnt war, in den Winkel zu schauen, wo dir das Grauen wohnte. Schluchzend und lachend rief ich:
Die schonste Rose, die da bluht,
Das ist der rosenfarbne Mund
Von wonniglichen Weiben;
Am Kuss des Mai'n die Ros' ergluht,
Es soll der schonste Rosenmund
Nicht ungekusset bleiben!
und da boten meine Lippen in Gottes Namen den deinen ihren Gruss ..."
"Und die Fesseln fielen ab von mir, ich erwachte, und mein erster Blick traf in dein treues weinendes Auge", rief die schone Emma. "Ich dankte Gott, auf dessen Namen ich mich jetzt wieder besann, dass ich erloset sei, und dann dankte ich ihm, dass du es gewesen, der mich befreiet habe, und nicht jener Dunkle."
Der junge Ritter war nachdenklich geworden. "Ich furchte", sagte er, "alle diese geheimnisvollen Waldwunder stehen mit Petrus in Zusammenhang. Ich furchte, dass ich an dem Tage, wo ich meine Liebe gewann, meinen Freund verloren habe. Wo mag er nur geblieben sein?"
Das Paar fuhr erschreckt auseinander; denn sie sahen in dem Wasser zu ihren Fussen zwischen ihren bluhenden Hauptern ein eisgraues, greises abgespiegelt. "Hier ist er", sagte ein zitternder, gebeugter, schneeweisser Alter, der hinter ihnen stand. Er trug den neuen, schwarzen Mantel des Schulers.
"Ja", sagte der Alte mit schwacher, erloschener Stimme; "ich bin dein Freund Petrus von Stetten. Ich stand schon lange hinter euch und horte eure Reden, und die Geschicke sind klar geworden. Es ist noch der Peter- und Paulstag, an dem wir uns trafen und trennten draussen auf dem Heerwege, der kaum tausend Schritte weit von hier lauft und seit wir voneinander gegangen sind, mag eine Stunde verstrichen sein, denn der Schatten, den der Strauch da auf den Rasen wirft, ist nur um ein Geringes gewachsen. Wir waren vierundzwanzig Jahre alt vor dieser Stunde, du bist darin um sechzig Minuten, ich aber bin derweile um sechzig Jahre alter geworden. Ich habe vierundachtzig. So sehen wir uns wieder; ich habe es freilich nicht gedacht."
Konrad und Emma waren aufgestanden. Sie schmiegte sich scheu an den Geliebten und sagte leise: "Es ist ein armer Irrsinniger." "Nein, du schone Emma", sagte der Alte, "ich bin nicht irre. Dich habe ich geliebt, mein Zauber fiel auf dich, und ich hatte dich haben konnen, ware es mir vergonnt gewesen, in Gottes Namen dir den roten Mund zu kussen, was der einzige Segen ist, womit schone Minne erweckt wird. Statt dessen musste ich nach dem Eibenzweige gehen und dem Schuhu seine Klause vor Wind und Wetter verwahren helfen. Nun, wie es gekommen ist, so musste es kommen. Er hat die Braut, und ich habe den Tod davongetragen."
Konrad hatte immerfort starr in das Gesicht des Alten gesehen, um durch die Runzeln und Falten hindurch ein fruheres Lineament des Jugendfreundes zu entdecken. Endlich stammelte er: "Ich beschwore dich, Mensch, uns zu verkunden, wie diese Verwandlung hat zugehen konnen, damit uns nicht ein Schwindel fasst und zu schrecklichen Dingen treibt!"
"Wer Gott versucht und die Natur, uber den sturzen Gesichte, an denen er rasch verwittert", antwortete der Alte. "Dabei bleibt der Mensch, wenn er auch die Pflanzen wachsen sieht und die Reden der Vogel verstehen lernt, so einfaltig wie zuvor, lasst sich von einer albernen Elster Fabeln von der Prinzessin und vom Kankerkonige aufbinden, und sieht Frauenschleier fur Spinnweben an. Die Natur ist Hulle, kein Zauberwort streift sie von ihr ab, dich macht es nur zur grauen Fabel."
Er schlich langsam in die Waldgrunde. Konrad wagte nicht, ihm zu folgen. Er leitete seine Emma aus dem Schatten der Baume nach der heiteren Strasse, wo das Licht in allen Farben um die Kronen der Stamme spielte.
Noch einige Zeit lang horten die Wanderer im Spessart hinter Felsen und dichten Baumgruppen zuweilen mit einer hohen und geisterhaften Stimme Reime sprechen, die dem einen wie Unsinn, dem anderen wie tiefe Weisheit klangen. Gingen sie dem Schalle nach, so fanden sie den Alten, der noch so wenige Jahre zahlte, wie er, erloschenen Auges, die Hande auf die Kniee gestutzt, starr in die Weite blickte und die Spruche vor sich hinsagte, deren keiner aufbehalten geblieben ist. Nicht lange aber, so wurden sie nicht mehr gehort, und auch den Leichnam des Alten fand man nicht.
Konrad freite seine Emma; sie gebar ihm schone Kinder und er lebte bis zu spaten Jahren mit ihr in grosser Freude und Lust.
Sechstes Buch
Walpurgisnacht bei Tage
Erstes Kapitel
Wache Traume
Als der Jager am Morgen nach seinem schonsten Tage im Heu erwachte, schmerzte ihn heftig sein Kopf. Denn man sei so verliebt, als man will, der Duft von frischem Heu nimmt den Kopf ein, und er hatte den Tod von der unvorsichtig gewahlten Lagerstatt haben konnen. Anfangs zwar hatten die lieblichsten Traume von Lisbeth sein Hirn umgaukelt. Ihm traumte, ein Bauer trete mit einem verschlossenen Korbe zu ihm und sage, darin sei ein Geschenk, der Herr wisse wohl, von wem? Nun offnete er den Korb, und ein weisses Taubchen war darin mit purpurroten Fusschen und purpurrotem Schnabel. Er erstaunte uber die Weisse und Schonheit des Tierchens und hatte seine grosse Freude daran. Wie wurde ihm aber, als das Tierchen sein rotes Schnablein offnete und zu ihm sprach:
"Lisbeth schickt mich zu dir und lasst dir sagen " die Taube redete aber nicht aus; sie wurde angstlich, flatterte scheu fort, und er bekummerte sich im Traume daruber, dass er nicht zu erfahren bekam, was sein Madchen ihm durch den zarten Boten hatte sagen lassen wollen.
Nach diesem hatte er verworrene Gesichter und gegen Morgen eins, was ihm kaum noch wie ein Traum vorkam, es schien ihm Wirklichkeit zu sein, die in seine vom Heuduft umwolkten Sinne fiel. Es war ihm, als ob oder vielmehr, es war in der Tat so. In einer anderen Ecke des Schoppens begann es sich zu ruhren, und der Jager sah, wie eine dunkele Gestalt sich reckte, er horte, wie sie gahnte und darauf sprach: "Mein' Treu, ich glaub', 's ist halber sieb'n." Die Stimme war eine ihm ganz bekannte. Die Gestalt erhob sich, tastete umher und kam an den Ort, wo der Jager lag, befangen von dem Dunste des Schoppens und unfahig, ein Glied zu bewegen, angstlich starr unter der Last des Alps, der ihn druckte. "Ei, was a wuster G'sell" rief die Gestalt. "Hast nit heime finden konnen? Bist ins Heu gekrochen? Nun, schlaf aus, ich verstor' dich nit weiter."
Mit diesen Worten entfernte sich die Gestalt. Der Jager wollte: "Jochem!" rufen, konnte aber keinen Laut aus der zusammengeschnurten Kehle bringen. So lag er noch eine Zeitlang. Endlich setzte sich das stockende Blut doch wieder gewaltsam in Bewegung, er konnte seine Arme und Fusse regen. Hastig sprang er von dem gefahrlichen Lager auf und eilte in das Freie, um Gottes reine Luft einzuatmen.
Draussen pfiff ihm ein rauher Nordostwind entgegen. Ein brenzlichter Geruch schwebte in der Luft, und ein Bauer, der vorbeiging, sagte: "Es gibt heut Haarrauch." Er fragte den Mann nach dem nachsten Wirtshause, welches ihm in einiger Entfernung auf einer Hohe gezeigt wurde. Sein Weg lief uber ein hohes, braunes Heideland, in geringer Entfernung in der Tiefe sah er aber grune Wiesen, durch welche sich der Fluss, der sie speiste, in zwanzig Windungen schlangelte. Scharen von Landleuten waren mit dem zweiten Hiebe auf den Wiesen beschaftigt. Auf manchen Wiesen wurde die Grummet auch schon gewendet.
Im Wirtshause heilte sich der Jager von seinen Kopfschmerzen durch das kalte Wasser, in welches er sein brennendes Antlitz eintauchte. Aber er blieb nichtsdestoweniger unwohl. In der Brust fuhlte er ein eigenes Drucken und Wuhlen, was ihn zwar nicht angstlich machte, aber ihn doch an den Blutsturz erinnerte, den er als Achtzehnjahriger gehabt hatte und dem ahnliche Empfindungen vorhergegangen waren. Sein Arzt auf der Universitat hatte ihn damals nach der Herstellung gewarnt und ihm gesagt, er musse sich vor unordentlichem Leben und Gemutsbewegungen in acht nehmen, denn so vollsaftigen Konstitutionen, wie der seinigen, droheten bestandig Ruckfalle des Ubels, wenn es einmal sich Bahn gebrochen habe. Nun war seine Lebensweise in den letzten Wochen freilich nicht die ordentlichste, seine Stimmung aber nur eine Gemutsbewegung gewesen.
Er nahm Speise und Trank um dadurch die erregten Lebensgeister zu beruhigen. Wirklich fuhlte er sich auch danach besser. Er fragte nach dem Schlosse, wo es liege? Da horte er nun seltsame Dinge. "Sie mussen bald fertig sein da droben, der alte Herr Baron und das gnadige Fraulein und der fremde Herr", sagte der Wirt. "Denn man sieht sie kaum noch ausser dem Hause. Das sieht auch ganz gefahrlich aus, und der Landbaumeister, der gestern hier vorsprach, sagte, wenn nicht bald repariert werde, so musse die Obrigkeit Einsehen haben und auf Abtragung des Dinges dringen, welches jeden Tag einsturzen konne."
Der Jager verwunderte sich uber diese Reden, die mit Lisbeths Beschreibungen in so grossem Widerspruch standen. Die Anwesenheit eines Fremden in dem sogenannten Schlosse kam ihm storend vor; er fragte den Wirt: was fur ein Fremder das sei?
"Oh", versetzte der Mann, "diesen Menschen kann keine Menschenseele beschreiben; ich glaube aber, dass er Gold macht."
Der Jager schuttelte den Kopf uber die narrischen Nachrichten, die er hier empfing und machte sich rasch auf den Weg, denn ihn drangte es, das Geschaft, was seiner Liebe beigesellt war, zu Ende zu bringen. An diese dachte er mit aller Freude des Herzens und dennoch schlich ein tragischer Hauch uber die reinen Wellen, welche in seinem Busen wallten. Denn so ist es mit der Liebe. Am Tage nach der sussesten Erklarung wirst du, all dein Gluck inniglich durchfuhlend, verlegen sein, ausser Fassung, in Zwiespalt mit dir und der Welt. Du wirst es nicht sagen, weder laut noch leise, aber einen Gedanken wirst du haben und zurnen, dass du ihn nicht unterdrucken kannst den Gedanken: Ware es noch vorgestern! Das ist keine Reue, das ist kein Wankelmut, aber du fuhlst, vorbei sei das alte Leben, ein neues beginne. Und was dieses dir bringen werde, wissen nur die Spinnerinnen, deren Gesang du horst, deren Werk aber erst in deiner Todesstunde offenbar wird.
In so unruhiger Bewegung machte der Jager seinen Weg. Er glaubte einen Nachtraum seines Traumes zu erleben, als er auf einmal nicht weit von der Strasse drei junge Leute unter einem Baume sitzen sah, in welchen er, wenn nicht alle Ahnlichkeiten trogen, die drei Unbefriedigten wiedererkannte, von welchen in dem Briefe an seinen Freund Ernst im Schwarzwalde die Rede gewesen ist. Sie trugen noch, wie damals in Stuttgart, grune Sammetrocke, grune Sammethosen und grosse grune Sammetschirmkappen, und ihre Gesichter waren im Gegensatz zu dieser hoffnungsfarbigen Tracht auch noch so bleich und leidend wie damals. Der Jager stand einen Augenblick still und horte den einen zu den andern sagen: "Mut, Bruder, wir sind am Ziele, oder alle Zeichen, die wir eingesammelt haben und die auf unseres Meisters Nahe deuten, trogen." Der Jager wollte sich ihnen nahen, denn er hatte hin und wieder mit diesen Unbefriedigten sich in Stuttgart unterhalten. Er wollte sie fragen, was sie so unvermutet in diese Gegend fuhre? Aber da standen sie alle drei auf und schlugen einen anderen Weg ein. Ihnen nachzugehen hatte er aber keine Lust. Vielmehr verfolgte er seine Strasse.
Er war jedoch nicht lange gegangen, so sah er einen neuen Bekannten, oder wenigstens einen Landsmann, wie das erste Grusswort ihm den Wanderer als solchen zu erkennen gab. Ein untersetzter Mann, der einen Packen auf dem Rucken trug, kam ihm derben Schrittes entgegen. Da er sich schwabisch angesprochen horte, so blieb der Jager bei dem Landsmanne stehen und fragte ihn nach Herkunft und Gewerbe. "Ei", versetzte der Packentrager, "ich bin ja der Ehinger Spitzenmann. Ja, die Ehinger wandern uberall umher, musst' einmal auch diese Gegend besuchen. Zudem hab' ich noch ein apartes Geschaft hier, wann ich meine Spitzen bei einigen Bauern herum ausgeboten hab'. Ich such' was oder wen in dem Schloss nah'zu, darf nicht davon reden, denn die Sach' betrifft eine Ehinger Heimlichkeit, aber wie ich mein', ist die Spur nach dem Schloss richtig."
Der Ehinger Spitzenkramer trennte sich darauf von dem Jager. Letzterer hatte abenteuerliche Gedanken uber den Fremden im Schlosse, der ein Goldmacher sein sollte und den sein Landsmann suchte, konnte jedoch denselben nicht lange nachhangen, denn bald fesselte ein Anblick der unerwartetsten Art seine Aufmerksamkeit. Der Weg kreuzte die grosse Heerstrasse, welche den Osten Deutschlands mit dem Westen verbindet, und auf dieser sah er ein wundersames Fahrzeug sich langsam heranbewegen. Gezogen wurde es von zwei Ochsen mit Bugeln, woran Schellen klingelten, den Wagen selbst aber hatte man von weitem fur einen sogenannten uberdeckten Wurstwagen halten konnen. Er war dieses aber nicht, sondern ebenfalls ein ostliches oder wenigstens ostartiges Gefahr. Auf Stutzen ruhte ein Dach von rotem Tuch mit gelben Troddeln uber einem weitlauftigen Kasten, den schmale Borde umschlossen. In diesem Kasten lagen orientalische Polster, und auf den Polstern sass mit gekreuzten Beinen ein Turke und hielt den Bernsteinknopf seiner Pfeife am Munde. Nicht allein war dieser Turke in dem Kasten, sondern verschiedenes anderes Getier teilte denselben mit ihm; ein Paar Affen in Kafichen und drei oder vier Papageien. Neben den Ochsen ging ein junger Neger in weissen Hosen und roter Jacke, lenkte sie, wo es notig war, trieb sie jedoch nicht sonderlich an, so dass das Fuhrwerk sich nur langsam fortschob.
Der Jager begriff nicht, wie der Orient plotzlich hieher komme, sein Erstaunen wuchs aber, als der Turke, dessen blasses und geistreiches Gesicht etwas ungemein Gelangweiltes offenbarte, ihn in reinem Deutsch nach der Entfernung des Schlosses fragte, dem der junge Liebende ebenfalls zustrebte. Als er den Fremden bei der Antwort naher ansah, schoss ihm plotzlich eine Erinnerung durch den Kopf. Ein sehr ahnlicher Kupferstich, den er kurz vor seiner Abreise aus Schwaben gesehen hatte, fiel ihm ein, und es wurde ihm klar, dass er so glucklich sei, zwischen den Affen und Papageien den beruhmtesten Reisenden der Gegenwart zu erblicken, den Liebling aller modernen Damen und Herren.
Als der Jager bescheiden seine Vermutung aussprach, wurde ihm die Bestatigung aus dem Munde des deutschen Turken und Semilasso gab sich sogleich mit dem jungen Grafen in ein geistreiches Gesprach. Er erzahlte ihm, dass er aus dem Morgenlande zuruckkehre, um den Abend jetzt mit seinen gewonnenen Erfahrungen aufzuklaren. "Die Journale haben verbreitet", sagte er, "dass ich noch eine Zeitlang in Smyrna verweilen werde; ich pronierte auch dieses Gerucht und reiste in der Stille ab, teils um den Okzident zu uberraschen, teils um einen Streit unter den Gelehrten anzufachen uber die Frage, wo ich nun eigentlich sei, ob in Ost oder in West? Die einen werden sich auf Augenzeugen berufen, die mich in Smyrna gesehen, die anderen werden meine Karte abdrukken lassen, die ich ihnen sandte. Es kann", sagte Semilasso mit feierlicher Leichtigkeit und anmutigem Gahnen, "eine interessante Debatte werden, welche das Publikum ein paar Monate lang beschaftigt, denn das will immer angeregt und gekitzelt sein."
Der Jager befragte ihn uber seine Reiseroute, worauf Semilasso versetzte: "Ich bestieg in Smyrna ein osterreichisches Schiff, fuhr quer durch das Mittellandische Meer an den Saulen des Herkules vorbei, um Portugal herum durch die Biskayische See, lenkte in den Kanal ein und debarkierte in Havre. Die gerade Linie ist so langweilig; es lebe die krumme! Mein Dromedar und der Hengst von Dongola folgen mir um einen Tagemarsch. Mein Kammerdiener geht, armenisch gekleidet, als Furier voraus, und so haben die Leute an jedem Orte, den die Reise beruhrt, drei Tage lang von mir zu reden, einen, wo der Furier ankommt, einen, wo ich ankomme, und einen, wo der Dromedar und Hengst ankommen."
Der Jager sah verwundert das Ochsengefahr an. Semilasso erriet seine Gedanken, lachte und sagte: "Meine Ochsen sind Ihnen auffallend. Ich kaufte sie in der Normandie; im Orient fahrt man fast nur mit diesen Tieren, sie passten in meine jetzige Liebhaberei und in mein System. Denn seit alle Welt sich blitzschnell fortbewegt, ist es bei mir Prinzip geworden, nur Schritt zu fahren, habe daher, um mich nicht von der plebejischen Eile verfuhren zu lassen, diese Ochsen vorgespannt und mache so taglich hochstens vier Meilen. Von Havre bin ich drei Wochen unterwegs. Theodor Mundt wird if possible an dieses Schrittfahren tiefsinnige Untersuchungen uber Weltfragen und wichtige Probleme der Zivilisation knupfen. In diesem Theodor erlebe ich uberhaupt mein eigentliches Reflexions- und spekulatives Leben. Ich kann sagen, dass ich manches aus Laune und in unbewussten Anstossen getan habe. Aber Theodor ruckt alles welthistorisch und bedeutend zurecht im kleinen auf seinem Studierstubchen. Theodor und ich stellen eine umgekehrte telegraphische Anstalt dar. Ich mache da droben im Freien wunderbar arbeitende Bewegungen, welche die Hand Theodors, des Telegraphisten, regieren, so dass sie unten im Turmgemache ein niedlich Figurchen meiner Winkel und Charaktere nachzeichnet. Er hat mich sogar zu einem Stilmuster gemacht. Daruber habe ich doch lachen mussen. Denn an meinen Stil glaube ich nicht. Ich will eher glauben, dass Theodor eine Komodie machen konne, als dass ich glaube, ich schreibe einen Stil. Wie kame ich zu Stil? Gehore ich denn zur Roture? Meine Wappenvogel fliegen uber allen Stil hinaus. Aber, passons la dessus, Theodor sagt, ich habe Stil, es mag also drum sein. Wenn er mich nur nicht kopierte! Ich habe ihm ausdrucklich gesagt, als ich ihn bei der ersten Bekanntschaft zum Handkuss zuliess, dass er sich nicht unterstehen solle, nun auch offiziell reisen zu wollen. Dennoch hat er sein Wort gebrochen und ist auch ein Spazierganger und Weltfahrer geworden. Nichts lassen diese Leute einem uber. Was will so ein Ding erspaziergangern und erweltfahrern? C'est un singe, qui a fait ses etudes."
Der Halbturke Semilasso hatte sich in einen solchen Arger uber seinen getreuesten Anhanger hineingeredet, dass ihm die Pfeife ausgegangen war. Er fasste sich jedoch bald wieder und sprach von dem Zwecke seiner heutigen Reise. Abermals vernahm der Jager mit Erstaunen von einem, der mit ihm dasselbe Ziel hatte. Auch Semilasso wollte auf dem Schlosse seinen Besuch abstatten.
Als der junge Jager fragte, wen Semilasso dort kenne oder zu finden hoffe? glitt der beruhmte Reisende daruber hin und sprang, wie es schien, von einer plotzlichen Erinnerung uberwaltigt, zu Betrachtungen allgemeiner Art ab, die mit seinen vorigen Ausserungen keinen erkennbaren Zusammenhang hatten. "Ich habe immer", rief er angenehm lebhaft, "im stillen lachen mussen, wenn man sich, wie es jetzt Mode ist, den Kopf daruber zerbricht, durch welche styptische Mittel der allgemeinen Erschlaffung des Menschengeschlechtes entgegenzutreten sei. Das Abnuchtern und Versanden der Jetztlebenden ist ein ziemlich konstatiertes Faktum. Das will man nun mit Religion, Patriotismus, Philosophie, Naturbetrachtung, mit, was weiss ich noch? hemmen. Es hilft nichts, da liegt der Trost nicht, er steckt ganz woanders, ist mit Handen zu greifen, und niemand hat ihn gefasst, es geht damit wie mit dem Ei des Kolumbus.
Wie entstehen die Menschen? Wie entstehen sie denn, mein Bester? Der Schwachling heiratet die kraftige Jungfrau, der kraftige Mann die Bleichsuchtige, haufig kommen auch Hektik und Hektik zusammen. Was fur Kinder muss das geben? Auf das Physische wird gar nicht mehr gesehen, es ist, als ob wir nichts als Geist, Rucksicht, Verhaltnis, Geld waren. Daher ruhrt denn das matte, aschgraue, totlebendige Geschlecht.
Sehen wir uns dagegen unter den Tieren um! Gehen wir in die Stammschafereien, in die Gestute, ja, besuchen wir nur einen tuchtigen Okonomen, der auf sein reines friesisches Vieh halt. Wie macht man es denn da? Man halt auf Vollblut. Und eine edle Rasse folgt der andern. Da sitzt es. There's the rub. Will man wieder ein munteres, geistreiches, poetisches, lebensfrisches Menschengeschlecht haben, so muss man vor allen Dingen fur Vollblut sorgen, man muss Rasse stiften. Reine Kreuzungen, reine Kreuzungen, junger Freund, darauf kommt es an! Dass aber diese nicht moglich sind, wenn wir gewisse veraltete Meinungen und Formalitaten festhalten, leuchtet ein.
Lange mit diesen Ideen beschaftigt, fand ich in Agypten das Genie, welches sie befruchtete. Ich sage nichts, qui a compagnon, a maitre, aber unter uns: Haben mich hier meine Vermutungen nicht getrogen, so werden Sie binnen Jahresfrist von einem Institute unter den Kassuben auf meiner Herrschaft horen, gegrundet nach dem Muster von Trakehnen. Suffit! Ich kann sagen, ich schwarme dafur, mein Dromedar ist mir nicht so lieb wie dieser Gedanke, von dessen Ausfuhrung ich mir ungeheure Resultate verspreche."
Semilasso, der diese Gedanken mit grossem Feuer vortrug, liess unerortert, ob er auch bei seinen Standesgenossen Vollblut zu schaffen fur moglich halte, Vollblut, nicht im aristokratischen, sondern im physischen Sinne. Aber mit graziosem Lacheln setzte er hinzu: "Ich bedaure nur eins, dass ich nicht mehr in den Jahren bin, um selbst praktisch die Sache angreifen zu konnen, ich werde mich leider auf die Verwaltung beschranken mussen, auf die trockene Verwaltung."
Zweites Kapitel
Eine Uberraschung eigener Art
Den jungen Jager widerten diese Auseinandersetzungen an. Sobald es die Hoflichkeit erlaubte, machte er Semilasson eine Verbeugung und eilte, dem langsamen turkischen Fahrzeuge voranzukommen, was auch seinen raschen Fussen gelang. Der Deutschturke blieb im Schritte, so dass der Jager ihn bald weit zuruckgelassen hatte. Dieser sah nach einer Stunde das sogenannte Schloss auf seinem kahlen Hugel liegen. Schon die Strasse mit den ausgerissenen Steinen und den grundlos gewordenen Geleisen hatte ihn sonderbar uberrascht, noch mehr aber setzte ihn das Ansehen des Gebaudes in Erstaunen. Er zweifelte einen Augenblick, ob er auch an der rechten Stelle sei. Als er aber die beiden Wappenlowen sah, den stehenden und den liegenden, so musste er sich davon uberzeugen. Nun schritt er uber den Schlosshof auf das Haus zu. Es war ganz still in demselben und um dasselbe her; nur die Bachstelzchen liefen an der Pfutze im Hofe auf und nieder. Er klinkte an der Ture; sie war zwar nicht verschlossen, aber von innen verrammelt, und Larmen wollte er doch nicht gleich zur Eroffnung der Bekanntschaft machen. Er liess also von weiteren Versuchen gegen diesen Eingang ab. Das Loch neben der Ture war ebenfalls mit Tonnen und Kisten verstellt; auch hier hatte er nur polternd und ungestum eindringen konnen; er glaubte das gleichfalls unterlassen zu mussen. Selbst die Fenster des Hauses, namlich die praktikabeln, nicht die mit Brettern oder Laden geblendeten Fensterhohlen waren samtlich verschlossen, nur eins stand offen, und er horte in dem Zimmer, zu dem es gehorte, heftig schnarchen, ein Beweis, dass ein Lebendiger in dem Zimmer war. Eine Leiter stand in der Nahe, so dass die Moglichkeit vorhanden war, sich mit diesem Lebendigen in Verbindung zu setzen. Indessen konnte ihm auch dies nicht recht anstandig vorkommen. Er beschloss daher, geduldig in einem Hofe der Nachbarschaft zu warten, bis das verwunschte einsame Kastell zuganglich werden wurde. Vorlaufig aber setzte er sich auf einem Stein, der im Hofe lag, zur kurzen Rast nieder, denn der Weg seit fruh morgens und jetzt ging es schon auf Mittag hatte ihn ermudet. Von diesem Steine uberblickte er den Schauplatz. Er sah den verwilderten unordentlichen Platz voll Nesseln, Disteln und Wegerich, die zerstorte Pforte, das elende, kluftige, verfallene Haus mit dem durchlocherten Dache. Alles das sah in dem nun schon heranwehenden grauen Haarrauche noch unheimlicher und jammervoller aus, als gewohnlich.
Und dennoch ergriff unseren jungen Jager bei dem Anblicke dieses bettelhaften Elendes eine fromme Ruhrung, welche die zwiespaltigen Empfindungen in seiner Brust verwischte, die von den sonderbaren Begegnissen des Morgens hervorgerufen worden waren. Denn er erinnerte sich an die anmutigen Beschreibungen, die ihm Lisbeth von dieser Zerstorung gemacht hatte, die er nun vor Augen sah. "So gibt es denn Gemuter, fur welche das Hassliche nicht da ist, weil sie in allem nur das Schone erblicken!" rief er freudig aus. "So bluht eine Unschuld des Geistes, welche rosengleich auch den odesten Schutt uberwachst und zudeckt. Ich las einmal in einem Aufsatze von Ranke, der alte, ehrwurdige Pius sei ein Charakter gewesen, der in allem nur das Trostliche gesehen habe. Ich las das damals, wie man manches liest, ohne mir dabei eben viel zu denken. Nun aber habe ich etwas Ahnliches erlebt und nicht an einem alten Manne, sondern an einem jungen Madchen, und was das Susseste bei der Sache ist, an meinem Madchen."
Drittes Kapitel
Die drei Unbefriedigten treten mehr in die Handlung
ein
Kaum hatte der Jager einige Minuten den Hof verlassen, als derselbe von neuen Wanderern betreten ward. Die drei Junglinge in grunem Sammet kamen namlich aus den Dornen neben dem Garten und krochen durch eine Offnung der Hofmauer, weil sie ihre Brillen nicht aufgesetzt hatten und wegen Kurzsichtigkeit die offene Pforte nicht sahen. Das Haus erblickten sie indessen notdurftig, sie naherten sich demselben, versuchten zu offnen, aber auch ihnen wollte das nicht gelingen. Sie seufzten und klagten, dass vielleicht nur wenige Schritte sie von ihrem ersehnten Meister trennten, und eine verrammelte Ture ihrem Drange ein Ziel setzte. Traurig gingen sie vor dem Schlosse auf und nieder.
Die Geschichte dieser drei unbefriedigten Junglinge in grunem Sammet war einfach aber lehrreich. Sie waren Bruder, Sohne eines reichen Bankiers in Hamburg und hiessen Karl Emanuel, Karl Nathanael und Karl Gabriel. Ihr Vater hatte ihnen die sorgfaltigste Erziehung geben lassen, weil er wunschte, drei ausgezeichnete Manner erzeugt zu haben. Sie wuchsen in geistreicher Gesellschaft heran, denn in dem Hause des alten Bankiers versammelte sich alles, was auf den Namen eines klugen Mannes Anspruch machen konnte.
Die Fahigkeiten der drei Knaben entwickelten sich auch fruh in der entschiedensten Weise. Karl Gabriel lief jeden Abend in die Komodie, hatte in seinem vierzehnten Jahre einen kleinen Roman mit der Tanzerin Rosamira, stand in den Zwischenakten am Buffet, ass Eis oder trank Punsch und gab danach Kritik von sich. Karl Nathanael ging dagegen auf das Kaffeehaus, las Zeitungen und spekulierte, als er den Cornelius Nepos exponierte, in den Fonds, Karl Emanuel war ein stiller Junge, der am liebsten zu Hause sass, gern Bratapfel ass und bei allen Dingen nach dem: Warum? fragte. Der alte Bankier beobachtete diese Erscheinung, liess eines Tages, als er seine Tasse Morgenschokolade trank, die Sohne vor sich treten und sagte zu Karl Emanuel: "In dir steckt ein Philosoph"; zu Karl Nathanael: "Aus dir wird ein Staatsmann"; zu Karl Gabriel: "Du bist zum Dichter geboren". Dieser Beruf war ihm nicht ganz erwunscht. Er hatte lieber einen grossen Maler in der Familie gehabt, weil die Maler jetzt besser bezahlt werden als die Dichter. Indessen liess er sich, da es nun einmal nicht anders sein sollte, auch den Dichter gefallen. Die drei Bruder aber hielten sich nach jenem Tage fur das, wozu sie der Vater bestimmt hatte, und wurden in ihrer Meinung von einigen Schauspielern, Doktoren der Philosophie und von einem dimittierten Legationssekretar unterstutzt, welche Personen bei ihrem Vater offenes Couvert hatten.
Karl Gabriel studierte in Berlin, um durch keinen Natureindruck von der Poesie abgezogen zu werden, Karl Nathanael in Munchen, der tiefen politischen Weisheit wegen, welche er da immer vor Augen haben konnte, Karl Emanuel in Gottingen, weil er glaubte, dass Mettwurst die Spekulation starke. Als sie in die Jahre gekommen waren, worin der Mensch seine Taten zu vollbringen anfangt, schrieb ihr Vater an sie drei gleichlautende Billette des Inhalts, er erwarte jetzt von ihnen Grosses. Karl Emanuel setzte sich darauf hin, um ein neues System zu erfinden, Karl Nathanael griff zur Feder, um eine nie erhorte politische Wahrheit zu offenbaren, Karl Gabriel ging im Tiergarten spazieren, um ein Trauerspiel zu ersinnen, welches die Reformation der Buhne bewirken sollte. Sie gaben sich die grosste Muhe jeder in seinem Fache, aber sie war umsonst. Nicht einmal den Titel zu einem Trauerspiele fand Karl Gabriel trotz seiner vielen Spaziergange im Tiergarten, er begriff nicht, wie einen geborenen Dichter die Musen so im Stich lassen konnten. Karl Nathanael brachte nach langem Sinnen den Satz heraus: "Die Staaten teilen sich in Monarchien, Aristokratien und Demokratien." Aber ein kundiger Freund, dem er davon sprach, riet ihm, mit dieser politischen Wahrheit nicht hervorzutreten, weil sie kaum ganz neu zu nennen sei. Karl Emanuel machte es, wie Karl Gabriel, namlich, er machte nichts.
Als sie die Vergeblichkeit ihrer Bestrebungen einsahen, zerfielen sie mit dem Leben. Gabriel nannte die Quelle der Dichtung uberhaupt versiegt und knupfte in diesem Unmute ein kurzes verdriessliches Verhaltnis mit Gervinus an, bis sie sich auch wieder trennten, weil ein Malcontenter dem anderen bald unausstehlich wird; Emanuel hatte einen Augenblick Lust, fromm zu werden, konnte aber dazu nicht recht gelangen, weil sein Gedachtnis schwach war und die Frommen viele Redensarten auswendig behalten mussen. Am glucklichsten war noch verhaltnismassig Nathanael, er resignierte und legte sich in seinem zweiundzwanzigsten Jahre auf den reinen Papierwucher. Freilich klagte auch er, wie seine Bruder, dass der Himmel dumm und die Erde abgeschmackt sei, indessen machte er doch guten Profit.
Die drei Bruder hatten sich, als ihre Hoffnungen scheiterten, zusammengetan. Sie klagten einander vor, wenn ihr Gahnen es zuliess. Auch darin waren sie unglucklich, dass niemand sonst ihr Weh mitempfand. Emanuel pflegte zu sagen: "Nichtiges Dasein"; Nathanael: "Nuchterne Zustande"; Gabriel: "Kahles, vernutztes Leben". Viele Leute hielten sie fur Narren. Ich aber sage: Es ist ein grosses Missgeschick, wenn ein Jungling kein reformatorisches Trauerspiel machen, kein neues philosophisches System erfinden, keinen Umschwung in den politischen Ideen des Zeitalters hervorbringen kann.
Als sie am tiefsten herunter waren, stand ihnen jedoch die Hulfe am nachsten. Sie lernten namlich einen Mann kennen, einen wunderbaren Mann, einen Mann, der mehr zu sein schien als ein Mensch. Nach wenigen Unterredungen, die in geheimnisvollen Worten gefuhrt wurden, horten sie, dass dieser ubermenschliche Mann das Mittel besitze, ein klassisches Trauerspiel zu verfertigen, dem Philosophen aber und dem Politiker auch zu helfen.
Die Existenz dieses Mannes war ein Geheimnis und ein Wunder. Sie erfuhren in einer Stunde der Weihe von ihm, was sie vor Erstaunen beinahe starr machte. Der Umgang mit dem Meister ubte auf die drei Unbefriedigten den wohltatigsten Einfluss. Damals war es, wo sie grunen Sammet anlegten, das Kleid der Zukunft und der Erwartung. Karl Gabriel fand sogar den Titel und die Begeisterung zu einem Trauerspiele, welches "Das Trauerspiel" heissen und das Tragische an und fur sich ohne Rucksicht auf ein bestimmtes Ereignis behandeln sollte.
Aber die Hulfe blieb nicht nahe, sondern verschwand in die Ferne. Seit diesem Trauertage liefen die drei Unbefriedigten umher wie Frauen mit falschen Wehen. Die falschen Wehen leiteten indessen nach einiger Zeit auf die wahre Spur, die wahre Spur jedoch leider nur bis zu einer verrammelten Ture vorderhand. Uber dieses symbolische Ereignis ergingen sich die drei grunen Sammetrocke in Betrachtungen. Karl Gabriel sagte, er wolle den Helden seines Trauerspiels: "Das Trauerspiel", auf eine erschutternde Weise an einer verrammelten Ture niederstechen lassen, in welche er hineingewollt, aber nicht hineingekonnt; Karl Emanuel behauptete, alle Philosophie bestehe eigentlich darin, zugemachte Turen nicht aufzumachen, wogegen Karl Nathanael versicherte, die hochste Maxime der Staatsweisheit sei, alte Tonnen und Kasten von innen vorzuschieben, wenn Schloss und Riegel nicht mehr halten wollten.
Als sie, ich weiss nicht zum wievielsten Male vor dem Schlosse und vor der Fronte seiner Baufalligkeit auf und nieder gegangen waren, stiess der Dichter mit seiner Nase an die gegengelehnte Leiter und entdeckte dadurch dieses Motiv. Der Philosoph setzte die Brille auf und sah das oben offenstehende Fenster, der Staatsmann aber, der von dieser doppelten Entdekkung horte, schlug vor, auf der Leiter emporzuklimmen und zum Fenster einzublicken. Denn auch sie horten oben schnarchen und zogen daraus den Schluss, dass dort jemand sein musse, der schnarche. Vielleicht liess er sich erwecken und moglich, dass man dann mit ihm uber die Eroffnung des Schlosses unterhandeln konnte.
Diese Idee war wohl eine gluckliche zu nennen und sie wurde sogleich ausgefuhrt. Karl Gabriel stieg zuerst die Leiter hinauf, die andern Bruder folgten und alle drei reckten sich oben so hoch empor, dass sie in das Zimmer sehen konnten. Als dieser Moment gekommen war, liess sich ein dreifaches "Ach!" des Entzuckens von ihnen horen. Mit sanfter Stimme riefen sie nun einen grossen Namen vergebens, darnach riefen sie lauter, jedoch umsonst; endlich schrieen sie, es war indessen fruchtlos. Dieser Schlaf schien ein Totenschlaf zu sein.
Karl Gabriel, der kuhne Dichter, schlug darauf vor, den Schlummernden mit einigem Kalk zu bewerfen, wogegen sich aber Karl Emanuel und Karl Nathanael erklarten, indem sie sagten, dass man einen solchen Mann nicht mit Kalk werfen durfe. "Bisweilen kommt es mir vor", sagte Gabriel, "als blinzle er." "Optische Tauschung, mein Bruder", versetzte Nathanael, "warum sollte er sich gegen uns, seine treuesten Anhanger, verstellen?"
Als Nathanael das gesagt hatte, knackte es unter ihnen. Die alte Leiter, welche uber die Jahre hinaus war, das Gewicht von drei Unbefriedigten tragen zu konnen, bekam einen gefahrlichen Sprung und eiligst stiegen sie und erschrocken hinab, nicht gewillt von der Hohe ihres Standpunktes zu sturzen. Sie gingen in den verwilderten franzosischen Garten, um dort das Weitere zu erharren.
Viertes Kapitel
Ein chronischer Schlafer und ein seltenes Beispiel von
Bediententreue
Wahrend dieser Begebenheiten sass der alte Baron, unwissend noch uber die Verrammelung des Schlosses, etwa eine Viertelstunde von diesem in einem krausen und durcheinandergewirrten Busche von Hagdornen, Eschen und Birken, der auf einem kleinen Hugel wuchs. Er hatte den Ort in seinen wohlhabenden Tagen zum Vogelherde benutzt; es stand aber von der fruheren Vorrichtung nichts mehr als der Pfahl fur den Lockvogel nebst den vier Pfosten, zwischen welchen die Hutte erbaut gewesen war. Das Dach und Bretterwerk war langst verfault oder von armen Leuten gestohlen. An diesem stillen und wusten Platze sass der Schlossherr und lauerte auf einen gleichsam Vogel, aber nicht auf einen Finken, Hanfling oder Kreuzschnabel, sondern auf den Bedienten Karl Buttervogel.
Die Strasse nach der Stadt zog sich namlich unter dem Hugel durch. Karln hatte er vor kurzem auf ihr fortwandern sehen, und sogleich war von ihm beschlossen worden, dem Bedienten bei der Heimkehr, die mittags zu erwarten stand, den Weg zu verlegen, ihn auf den Vogelherd zu rufen, mit ihm dort, begunstigt von der Einsamkeit des Ortes, ein scharfes Verhor anzustellen und dadurch womoglich hinter die Geheimnisse Munchhausens zu kommen.
Der alte Herr hatte lange uber diesen Entschluss mit seinem Zartsinne gefochten, endlich aber war er doch zu dem Resultate gediehen, dass er ihn unbeschadet seines Gewissens ausfuhren durfe, weil ein so dankvergessener Gast, wie der Freiherr von Munchhausen, durchaus keine Rucksicht verdiene.
Die Verhaltnisse im Innern des Schlosses hatten sich namlich folgendermassen gestellt:
Durch den Abzug des Schulmeisters waren die Akademiker von Schnick-Schnack-Schnurr desjenigen Individuums quitt geworden, welches einer jeden menschlichen Gemeinschaft not tut, namlich des Sundenbockes. Irgendeiner muss in jedem Hause vorhanden sein, an welchem die ubeln Launen, die Zornmutigkeiten und die verdriesslichen Stimmungen ausgelassen werden durfen. Ohne einen solchen Abzugskanal lasst sich ein dauerhafter hauslicher Friede gar nicht denken. Ich habe ein Hauswesen gekannt, in welchem so lange zwischen der Herrschaft und den ubrigen Hauptpersonen eine vortreffliche Einigkeit bestand, als ein dummes und ungeschicktes Madchen, eine entfernte Verwandte, tagtaglich auszuschmalen war. Herr und Frau begingen aber den Torenstreich, dieses Madchen fortzuschicken aus dem Grunde, weil der Arger und Larmen mit ihr im Hause zu gross sei. Und von Stund an horte alle Vertraglichkeit auf; es war, als ob in der Dummen und Ungeschickten der Schutzgeist des Herdes verscheucht worden sei, der Mann zankte mit der Frau, die Frau schmollte mit dem Manne, der erwachsene Sohn und die mannbare Tochter hatten ein bestandiges Schrauben und unangenehmes Reiben miteinander; selbst die Hausfreunde bekamen Augen fur die Schwachen ihrer Wirte und erkalteten, kein Gesinde wollte mehr bleiben, weil es die erschwerte Last der ubeln Behandlung nicht zu tragen vermochte kurz, es war eben mit allem Komfort zwischen jenen vier Pfahlen vorbei, als man rechten Komfort darin stiften wollte. So konnen sich die Menschen uber ihre nachsten Verhaltnisse und Umgebungen tauschen. Und in der grossen Welthistorie geht es mitunter nicht anders zu. Einem Volke tut ein tuchtiger Feind not, nur solange es ihn besitzt, ist es in Flor. Solange Rom sich mit Karthago herumbiss, setzte es alles bose Wesen draussen ab, als aber die Nebenbuhlerin in Trummern rauchte, ging die innerliche bose Wirtschaft an; von Napoleon hat nicht einer bloss gesagt, er sei fur uns viel zu fruh gefallen.
Doch um von Rom und Karthago und Napoleon und uns zum Schlosse Schnick-Schnack-Schnurr zuruckzugelangen solange der Schulmeister auf dem Gebirge Taygetus sass, wussten der alte Baron und seine Tochter, wohin mit ihren verdriesslichen Stimmungen, und als er abzog, wurde es buchstablich wahr, was der Schlossherr gesagt hatte: Es kam eine Lucke in den schonen Kreis. Das Gluck war bekanntlich nicht die Gottin des dortigen Herdes, es gab also viel Anlass zu Verstimmungen, an wem sollten sie nun ausgelassen werden? Hatte das Fraulein Lisbeth gehabt, so ware wenigstens ihr geholfen gewesen, so aber wie die Sachen standen, gab es durchaus keinen Rat. Vater und Tochter waren zu sehr aneinander gewohnt um miteinander hadern zu konnen. Der Bediente Karl Buttervogel war fur Emerentien Karlos, der geliebte und verehrte Schmetterling, fur den alten Baron ein zu geringfugiges Individuum. In dieser Not und Verlegenheit sank der Freiherr von Munchhausen von einem langweiligen Erzahler, der er fur den alten Baron bereits geworden war, zum Sundenbock herab.
Ja, es ist richtig, wenn auch betrubt; dieser grosse und wunderbare Charakter war bald dahin gediehen, wo der verachtete Schulmeister Agesel gestanden hatte; er wurde wechselweise von dem alten Baron und seiner Tochter uber die Achsel angeschaut. Das war namlich so zugegangen.
Der Baron Schnuck-Muckelig in der Boccage zum Warzentrost verbracht einige unmutige Tage nach dem Abzuge des Schulmeisters und suchte sich durch wiederholtes Besichtigen des freien Platzes, wo die Luftverdichtungsfabrik zu stehen kommen sollte, leidlich hinzuhalten. Er dachte, Munchhausen werde rucksichtsvoll genug sein, auch ohne Erinnerung ihm das Geheimnis der Bereitung kundzutun. Munchhausen schwieg. Hiernachst spielte er von ferne auf Pflichten der Gastfreundschaft an, welche nicht verabsaumt werden durften. Munchhausen schwieg. Darauf gab er die Sache naher und sagte, es sei nicht gleichviel, jemandem etwas in den Kopf zu setzen, man musse auch Wort halten konnen. Munchhausen schwieg. Endlich wurde er klar und rief: "Wenn du mir nicht die Luftfabrik machst, so bist du kein ehrlicher Mann!" Munchhausen seufzte und schwieg.
Emerentien war die Zeit ebenso lang geworden, wie ihrem Vater. Der Pratendent von Hechelkram ass Wurst, Eier und Rindfleisch, soviel ihm von diesen Dingen die Hand der Liebe reichte, blieb aber nach wie vor Bedienter, die Gemeinheit seiner Maske tauschend in Worten und Werken festhaltend. Unglaublich war es, bis zu welchem Grade sich dieser maskierte Furst verstellen konnte, besonders seitdem er fern von den vornehmeren Personen dieser Geschichte in dem Gartenhause auf dem Taygetus wohnte und bis auf die zu leistenden Dienste sein eigener Herr geworden war. Emerentia begann zu zittern, wenn sie, die Wurst unter der Schurze, das Stiftskreuz im Herzen, nach dem verfallenen Schneckenberge ging, und war eines Tages bei einem unbeschreiblichen Anblicke genotigt gewesen, zu Karln zu sagen: "Furst, spielen Sie nicht zu naturlich." Bei dieser Gelegenheit hatte Karl Buttervogel erwidert: "Immer und ewig sich genieren mussen, tut keinem Menschen gut. Wofur bin ich hieher in des Schulmeisters seine alte Kabache gezogen, wenn ich meine Freiheit nicht haben soll? Ich verlange und bestehe darauf, dass wofern ich es platterdings sein soll, mir meine fernerweite Verkostigung draussen hingesetzt wird, stillschweigend, ohne Ansprache und Bekummernis um mich."
Emerentia wurde hochrot vor Zorn, denn diese Antwort war zu grob, um sie selbst einem Fursten hingehen zu lassen. Sie rief: "Und ich bestehe darauf, dass Ew. Durchlaucht nunmehr bald aus Ihrem Inkognito hervortreten, denn meine Lage wird Ihnen gegenuber von Tage zu Tage zarter und peinlicher. Gnadiger Herr, erwacht denn nicht Ihr Mitleid mit einem armen Madchen, dessen Lebenshoffnung Sie sind?" setzte sie weicher werdend hinzu, und einige Tranen liefen uber ihre Wangen. Karl ass schon die Wurst, die ihm Emerentia gebracht hatte, und da sein Herz der Ruhrung immer am offensten war, wenn er Wurst ass, so tat ihm die Weinende leid, er trat daher, das letzte Stuck in der Hand, zu ihr und sagte: "Ich bin ja, weiss Gott, kein schlechter Kerl, und Frauenspersonen muss man alles zu Gefallen tun, was nur menschenmoglich ist. Wenn ich also nur wusst', wie ich's anfangen sollte, so geschah's ja alsobald. Wofern aber mit meinem Herrn Rucksprach' genommen wurde, so konnt' es sein, dass ich's wurde, denn er weiss fur alles Rat und hat mehr Grutz im kleinen Finger als wir beide im ganzen Leib, sonst war' er nicht vermoglich, so schreckbar zu lugen, wie er lugen tut." "Ich verstehe Ihren Wink", versetzte das Fraulein, wischte sich die Tranen ab und ging getrostet vom Taygetus.
Dieser Vorfall ereignete sich an dem Tage, an welchem der alte Baron gegen den Freiherrn klar geworden war. Emerentia hatte sich seit der Stunde, wo sie Munchhausen zum ersten Male nicht verstanden, in einer stillen Entfernung von ihm gehalten, welche jedoch die Fortdauer achtungsvoller Empfindungen noch nicht ganz ausschloss. Jetzt war es ihr sogar lieb, eine Gelegenheit zu finden, mit ihm wieder anknupfen zu durfen. Sie setzte sich daher nieder und schrieb folgenden Brief an ihn: Munchhausen! Ich nenne Sie nicht mehr du, denn schmerzlich habe ich einsehen lernen, dass wir einander doch nicht ganz so nahe standen, als schone Traume mir sagen wollten. Denken Sie an den Augenblick, da ich die Bohnenschussel fallen liess, weil Sie mich nicht begriffen. Indessen ist mir ein hohes Gefuhl von Ihnen geblieben, und das Schicksal lehrt uns wohl, uns begnugen, wo uns die volle Befriedigung versagt wird.
Munchhausen, Karl hofft auf Sie. Sie haben, wenn Sie wollen, alles in der Hand; einem Manne, gleich Ihnen, ist nichts unmoglich. Erinnern Sie sich Ihrer Verpflichtungen gegen ihn, helfen Sie ihm zu dem Seinigen. Ich sage nichts weiter.
Emerentia
Munchhausen rieb sich die Augen, als er diesen Brief uberlesen hatte. Er las ihn zweimal, bevor er einen Sinn finden konnte, endlich glaubte er doch einen solchen gefunden zu haben und rief: "Die Bestie hat mich also endlich auch noch bei meiner Anbeterin wegen des ruckstandigen Lohnes verklagt. Schlimm, schlimm, schlimm! Aber man muss schon in den sauren Apfel beissen, denn es gibt nichts Gefahrlicheres fur die weibliche Verehrung, als wenn der Verehrte seinem Bedienten etwas schuldig bleibt."
Er hatte eben eine kleine dunne Einnahme von fernher empfangen. Traurig riss er das Kuvert mit den funf Siegeln auf, zahlte, was er notdurftig entbehren konnte, wehmutig ab, rief den Schmetterling und gab ihm das Geld mit einer Flut harter Reden. Karl horte nicht auf die Beschimpfungen hin. Wenn er Geld bekam, so war er gegen alles andere gleichgultig, er dankte dem Himmel, der ihm abermals so unerwartet half. Freudetrunken lief er in den verwilderten franzosischen Garten und zahlte sein Geld auf dem Postamente des Schafers ohne Flote uber.
Munchhausen schrieb an Emerentien: Diotima!
Denn das bleibst Du mir. Nenne Dich Emerentia, mir bleibst Du Diotima. Karl ist bezahlt. Ich war ihm allerdings seit Lichtmess Lohn schuldig. Vielfache Gedanken und unter diesen hauptsachlich die tiefe Seelenbewegung, in welche mich Dein Umgang und Geist versetzt hatten, bewirkten, dass mir die Kleinigkeit aus dem Sinne gekommen war.
Dank fur Deine Erinnerung. Wie ich nie, oder nur ein einziges Mal in meinem Leben log, so bezahlte ich auch stets meine Schulden; denn Ausnahmen von dieser Regel befestigten sie eben. Deine Wunsche sind Befehle
Deinem Munchhausen
Emerentia wurde starr, als sie diesen Brief empfing. Sie hatte darauf gerechnet, dass der Freiherr durch seine grossen diplomatischen Verbindungen die Restauration des Furstentums Hechelkram bewirken solle, und er gab dem Pratendenten Lohn! Zerstort ging sie in den Garten. Karl sprang ihr vom Schafer entgegen, schuttelte in einem ledernen Beutelchen den klingenden Inhalt und rief jauchzend: "Ich hab' mei' Geld, ich hab' mei' Geld! O was fur ein gluckseliger Tausendsassa bin ich! Ich mocht' den ganzen Markt von Cannstatt auskaufen." Emerentia versetzte nichts; sie stand bleich und entsetzt da. "So ist es denn also wahr", sagte sie, nachdem Karl fort und auf seinen Schneckenberg gesprungen war, "dass ein fortwahrendes Rollespielen mit der Rolle identifiziert. Dieser Furst wird mir noch innerlich zum Bedienten, wenn ich nicht bald die Entscheidung herbeifuhre. Furs erste aber soll das gekrankte Weib zu jenem Verderblichen reden, uber den ich mich so hart enttauscht sehe."
Sie ging nach ihrem Zimmer und schrieb an Munchhausen: Mein Herr!
Ich bin fortan fur Sie weder Diotima noch Emerentia, sondern das Fraulein von Schnuck. Die Linie, der ich angehore, ist die Linie Muckelig. Verstehen Sie mich? Nein, Sie verstehen mich nicht. Ich aber durchschaue Sie. Sie wollen mich erniedrigen. Sie wollen, dass mir der Bediente Bedienter bleibt. Armer Spotter! In dem vollen Gefuhle meiner Wurde, erhaben uber Ihre Possen
Emerentia, Freiin von Schnuck-Muckelig
in der Boccage zum Warzentrost
Munchhausen verwunschte sein Los, als er diesen Zettel erhielt. "Das Geld an den Schlingel weggeworfen und nun das noch!" rief er. "Was will denn dieses verruckte Fraulein, die mir wahrhaftig so unleidlich zu werden anfangt als Pst! Still, Munchhausen Der Alte lasst mir keine Ruhe, ich weiss mir nicht Rat gegen seine verdammten Luftgedanken, und nun busse ich auch diesen letzten Stutzpunkt ein. O Munchhausen, Munchhausen, konntest du doch nur "
Er wollte sagen: "Von deinen Renten leben" vollendete aber nicht, sondern schrieb gleich ein zweites Billet, welches nichts als das Wort enthielt:
Diotima?!
Aber er fand es nach einiger Zeit uneroffnet vor seiner Ture wieder. Der alte Baron und Emerentia begegneten einander draussen in der Gegend zwischen dem Schlosse und dem Platze, wo die Luftsteinfabrik stehen sollte. Der Vater sah verdriesslich und zerstort, die Tochter kalt und stolz aus. "Ich furchte, Renzel", sagte der Alte, "wir haben einen Phantasten im Quartier. Noch hangt meine Hoffnung an einem dunnen Faden, Gott gebe, dass der nicht reisst!" "Meine Hoffnung ist bei den Toten", versetzte das Fraulein erhaben. "Edle Seelen werden leicht betrogen, ich schame mich nicht, dass mich ein durftiger Witzling tauschen konnte. Die Schuppen fallen mir von den Augen, nur Gemeines sehe ich noch, wo ich sonst gutmutig bewunderte." "Ich verachte ihn auch bereits recht herzlich", sagte der alte Baron, "es ist nur der Punkt hier in Erwagung zu ziehen, dass auch solche Haselanten im Besitze wichtiger Fabrikgeheimnisse sein konnen, und wenn denn das doch der Fall ware und man hatte ihn, ohne die Sache zu erfahren, aus dem Hause getrieben, so ware es ausserordentlich schlimm.
Wir wollen ihm daher unsere Gesinnungen fuhlbar machen, Renzel, aber so, dass ihm noch eine Hinterture offenbleibt, damit womoglich seine Ambition erweckt wird, und mir das Syndikat nicht entgeht. Nur wenn alle Aussicht verschwindet, wollen wir ihm sagen, dass er sich packen konne."
Nach diesem Tage gaben der alte Baron und das Fraulein dem Freiherrn ihre Gesinnungen zu erkennen, d.h. sie behandelten ihn schlecht. Munchhausen, welcher fuhlte, wie sehr er durch seine politischen Fehler sich die Stellung im Schlosse SchnickSchnack-Schnurr verdorben habe, machte verzweifelte Anstrengungen sie herzustellen und liess das glanzendste Brillantfeuer seines Witzes in tausend Einfallen, wunderbaren Capriccios und Maren spielen. Das Fraulein aber zeigte sich um so gelangweilter, je brillanter Munchhausen wurde. Sie wandte ihm bei den Colloquiis im Garten den Rucken, fiel ihm haufig mit einer Bemerkung uber schlechtes Wetter in die Rede, oder sagte, wenn sie ihn hatte aussprechen lassen, weiter nichts, als: "Spasse fur den Volkskalender." Ihr Verhalten druckte unbedingte Geringschatzung aus. Der Schlossherr knupfte dagegen die seinige noch an Bedingungen. Die Summe seiner Reden ging dahin, dass er an den Erzahlungen des Gastes, ehe und bevor die Fabrikangelegenheit in Ordnung gebracht sei, wenig Geschmack zu finden vermoge. Zuweilen horten beide Schlossbewohner gar nicht zu, sondern sprachen miteinander von Wirtschaftsangelegenheiten, wahrend der Freiherr die buntesten Wunder vortrug.
So gingen mehrere Tage hin. Die Situation war fur den Helden immer peinlicher geworden. Doch die Krafte seines Geistes waren unerschopflich und gerade in Verlegenheiten entfaltete sich erst deren ganzer Reichtum. Eines Abends, wo das Fraulein auf ihrem Zimmer an ihrem Tagebuche schrieb, der alte Baron und er aber stumm lange Zeit nebeneinander im Versammlungsgemache auf und nieder gegangen waren; brauchte er die Ruhrung als grosses, heroisches Mittel. Er fing namlich plotzlich an heftig zu schluchzen, und da der alte Baron sich erstaunt umwandte, so stellte er sich mit den stromenden doppelfarbigen Augen vor seinen Wirt, nahm dessen beide Hande, sah ihm bewegt in das Antlitz und rief mit einer von Weinen gehemmten Stimme: "Konnt ihr es uber das Herz bringen, du und deine gottliche Tochter, euren Freund so zu misshandeln, wie ihr tut? Nennen wir uns nicht du? Bin ich nicht dein Bruder in des Worts verwegenster Bedeutung?"
"Eben darum, weil wir uns du nennen, muss Offenheit herrschen", versetzte trocken und ungeruhrt der alte Schlossherr. "Ich merke schon, was diese Krokodilstranen bezwecken sollen. Du bist ein Krokodil ein Chamaleon will ich sagen. Ich lasse mich nicht langer foppen, nicht langer lasse ich mich an der Nase herumfuhren. Von deinen Ziegen und deinen Hollandern und deinen Poltergeistern habe ich den Pfifferling gehabt. Darum ein Wort fur tausend: Kannst du Luft versteinern?"
"Bruder, sei nicht so hart "
"Hart bin ich, hart will ich sein, steinhart wie Luftstein. Wisch dir die Tranen von der Nase, sie erweichen mich nicht. Du hast mir den Geheimen Rat verleidet und die trostlichen Gedanken an das hochste Gericht durch dein Luftprojekt, du Luftspringer! Die Ruhe meines Alters hast du vergiftet. Nun sind zwei Falle moglich. Entweder kannst du Luft versteinern oder du hast mir's vorgelogen. Im ersten Falle soll dir alles vergeben sein, ich werde Syndikus, kriege fur sechstausend Taler Fabrikat jahrlich und damit basta. Hast du mir's aber vorgelogen, so wollte ich dich ersuchen, dich an deine vielfachen anderweitigen Verbindungen in der Welt zu erinnern, die sich gewiss schon lange nach dir sehnen und dir es ubelnehmen wurden, wenn du langer dein Pfund in diesem abgelegenen Schlosse vergraben wolltest. Hieruber sehe ich morgen deiner bestimmten Erklarung ohne alle Einkleidungen, Geschichten und Carmina entgegen."
Mit diesen unzweideutigen Worten trennte sich der Wirt von seinem Gaste. Letzterer blieb im Zimmer stehen, legte die Hand an seine Stirn und sagte nach tiefem Besinnen: "Behaupten muss ich mich noch eine Zeitlang hier, es geht nicht ohne dieses. Ich muss ihn erwarten hier, ihn, meinen Freund, meinen Kurator. Kann ich mich nicht durch Worte und Tranen halten, so muss ich es durch den Zustand des Epimenides versuchen." Er ging auf sein Zimmer und legte sich augenblicklich nieder.
Am folgenden Vormittage um eilf Uhr fragte der alte Baron Karl Buttervogeln, der von des Freiherrn Gemache herabkam: "Ist Sein Herr noch nicht aufgestanden?" "Nein", versetzte Karl, "er schnarcht, dass es nur so eine Art hat, wenn das so fortgeht, kann es lange dauern." Der Schlossherr stellte sich vor das Zimmer seines Gastes und horte wirklich ein ungemein kraftiges Schnarrwerk da drinnen.
Um ein Uhr bei Tische, wo sich nur Vater und Tochter zusammenfanden, warf Emerentia nachlassig die Worte hin: "Dieser Mensch scheint uns heute zu verschmahen." Karl wurde berufen, hinaufgesandt und brachte den Bescheid, der gnadige Herr habe sich eben so weit ermuntert, um allenfalls etwas Suppe und Gemuse zu sich nehmen zu konnen, wenn man die Gute haben wollte, ihm davon zu senden. Emerentia gab dem Bedienten das Verlangte, der alte Baron liess hinaufbestellen, er bitte, dass der Freiherr aufstehe. Nach einiger Zeit kam Karl mit den leeren Tellern zuruck und sagte: "Mit dem letzten Bissen im Munde wieder auf die linke Seite gefallen und weiter geschnarcht." "Zum Henker, was bedeutet das?" rief der Schlossherr. Um vier Uhr nachmittags ging er, da kein Munchhausen sichtbar wurde, selbst hinauf. Munchhausen schlief. Der alte Baron rief ihn an, ruttelte ihn, schuttelte ihn, Munchhausen richtete sich etwas auf, sah ihn schlaftrunken an, lallte mit schwerer Zunge: "Warum weckst du mich?" und fiel auf den Rucken. Um sechs Uhr, um acht Uhr abends hatten gleiche Weckversuche die gleichen Erfolge, oder vielmehr Nichterfolge. Munchhausen schlief.
Der erste Tag war sonach verschlafen. Am andern nahm der alte Baron allerhand larmende Geschafte vor, er brachte z.B. schweres Gerat und Mobelwerk von der Gerichtsstube herab und hatte dessen kein sonderlich Arg, wenn ein Stuck donnernd gegen Munchhausens Stubenture flog. "Denn", brummte er ingrimmig, "ich will diesen verruchten Kerl denn doch wohl wachkriegen!" Alles vergebens. Munchhausen schlief auch den zweiten Tag hindurch mit Ausnahme kurzer Esspausen. Karl Buttervogel berichtete, sein Herr sei zwar aufgestanden und habe sich angekleidet, aber immer mit halbgeschlossenen Augen und mit Gahnen. Sobald er das letzte Stuck angezogen gehabt, sei er wieder in einen Stuhl gesunken und sitzend eingeschlafen.
Am dritten Tage schnarchte Munchhausen starker, als je zuvor. Der alte Baron, der die ganze Nacht schlummerlos zugebracht hatte, sass bekummert auf der Gerichtsstube. Emerentia sang unten im Hause auf Befehl ihres Vaters. Denn dieser meinte, was sein Rutteln und Rumoren nicht zuwege gebracht, werde der helle und durchdringende Gesang der Tochter bewirken. Als sie ihre besten Gange und Kadenzen von sich gegeben hatte und eine Pause entstand, stellte sich der Schlossherr an die Sollertreppe und rief hinunter: "Karl!" Karl Buttervogel trat aus des Freiherrn Dormitorium. "Ist er wach?" fragte der alte Baron. "Ich hab' mir die Ohren zugehalten, denn ich bin kitzlig gegen Musik", versetzte der Bediente, "mein gnadiger Herr aber legten sich auf die andere Seite und lachelten im Schlaf wie ein Engel. Jetzt eben verlangen sie mit zugemachten Augen Waschwasser, werden also wohl aufstehen wollen, um sich dann zum Schlummer niederzusetzen. Glauben mir der Herr Baron, Sie treiben es mit meinem Herrn nicht durch, was der sich vornimmt, das fuhrt er aus, wachend oder schlafend."
Zornig lief der alte Baron in die Gerichtsstube zuruck, rannte mit grossen Schritten auf ihr hin und her, stiess an den Tisch, dass ein Teil der aufgestellten juristischen Handbibliothek herabfiel und polterte: "Da habe ich mir einen schonen Storenfried und eine wakkere Rute Gottes in das Haus geladen! Das ist nun der Gipfel des Unglucks! Ich sehe es kommen! Ich sehe es kommen! Dieser Mensch schlaft uns allen Schlaf weg in und um Schnick-Schnack-Schnurr! Wie ein starker Fresser eine ganze Wirtschaft auszehren kann, so wird uns der Schnarcher an Schlummer bankerott machen. Schon tue ich die Nacht kein Auge zu. Der Henker hole die Stunde, in welcher der Sunder in unsere Mitte geschleudert wurde!"
Er stieg die Treppe hinab und fand unten auf dem Vorsaale Emerentien, welche wieder beginnen wollte zu singen. "Lass nur das Geplarr!" fuhr sie der Vater an, "Sankt Ursel mit den eilftausend Jungfrauen sange den nicht auf." "Verachten wir ihn, mein Vater", erwiderte Emerentia, "und lassen wir ihn sich der Vergessenheit entgegenschlummern!" "Ich kann doch den Schlummerbalg nicht immer im Hause behalten und ihn unnutz futtern!" fuhr der alte Baron auf.
"Wenn er nur wenigstens die Essstunden auch verschlummerte! Aber zum Fruhstuck, Mittags- und Nachtmahl ist er regelmassig wach! Folglich darf ich ihn nicht verachten. Verachten kann man nur den, der einen nicht inkommodiert. Und Munchhausen ist mir jetzt zur grossten Beschwer und ich wurde den fur meinen besten Freund halten, der mir diesen Gast vom Halse schaffte."
Er ging in das Zimmer des Freiherrn. Dieser sass auf seinem Stuhle und das Haupt hing ihm auf die Brust hinab. Er schlief fest und tief. Der alte Baron nahm eine Feder, setzte sich vor ihn, kitzelte ihn mit der Feder um den Mund und rief;
"Munchhausen, wach auf!"
Einer kitzelnden Feder musste selbst der beharrliche Schlummer des Freiherrn weichen. Er kratzte sich an der gekitzelten Stelle, riss die Augen weit auf, sah seinen Wirt wust an und fragte dann matt und verdrossen: "Was willst du, Schnuck? Warum lassest du mich nicht in Ruhe?"
"Ich wunschte von dir zu erfahren, wie lange du hier noch zu schlafen gedenkst?" sagte der alte Baron sehr ernst.
"Ich wunschte, dass du mich lieber fragtest, woher dieser chronische Schlummer ruhrt?" versetzte in gedehntem Tone der Freiherr.
"Ich wunschte allerdings, dass du auch daruber mir eine Aufklarung geben mochtest", sprach der alte Baron.
"Ich wunschte, dass du dich an meine Jugendbildungsgeschichte erinnertest, die ich dir einst vortrug", versetzte der Freiherr, schon wieder lallend und nur noch das braune Auge offenhaltend; denn das blaue war ihm bereits von neuem zugefallen. "Habe ich dir nicht erzahlt, dass mein sogenannter Vater mich in so vielen Sprachen und Wissenschaften unterrichtete, dass an gewohnlichen, ausreichenden Schlummer damals nicht zu denken war? Es blieb also in meiner Jugend aller Schlaf, welchen andere Menschen zu der Zeit abmachen und entwickeln, in mir unabgemacht und unentwickelt stecken. Dieser versetzte und zuruckgehaltene Schlaf bricht nun jetzt in meinen Mannesjahren aus, er entfaltet sich unaufhaltsam und wird nicht eher zu Ende sein, als bis ich nachgeholt habe, was ich in der Jugend versaumte. Dieses ist die naturliche Erklarung meines gegenwartigen Zustandes, uber den mich ein Traum inspirierte."
"Wohl. Wer mit dir verkehrt, muss sich immer auf Wunderdinge gefasst halten. Kalt will ich also bei dieser inspirierten Ankundigung bleiben, ganz kalt, und dich nur in aller Seelenruhe fragen: Wie lange dauerte jener anstrengende Jugendunterricht, und wieviel weniger als andere Menschen schliefest du wahrend desselben?"
"Drei Jahre. Massig angeschlagen, busste ich Nacht fur Nacht sechs Stunden Schlummer ein", erwiderte der Freiherr kaum horbar und traumerisch das Haupt hin und her wiegend.
Der alte Baron schob seinen Stuhl an den Tisch, nahm ein Stuck Kreide, welches dort lag, und rechnete auf dem Tische. Nachdem er den Strich unter den Zahlen gezogen hatte, sagte er: "Vorausgesetzt, dass unter jenen drei Jahren kein Schaltjahr war, so hast du wahrend derselben sechstausendfunfhundertundsiebenzig Stunden Schlafdefizit gehabt und wurdest folglich neun Monate, drei Tage und achtzehn Stunden jetzt bei mir nachschlummern mussen. Wie?"
Er wendete sich um, da er keine Antwort bekam und sah, dass der chronische Zustand seines Gastes schon wieder eingetreten war. Stolz erhob er sich und rief: "Keine Rucksicht der Gastfreundschaft und Hoflichkeit kann mich verpflichten, einen Menschen neun Monate, drei Tage und achtzehn Stunden bei mir schlafen zu lassen. Ich habe an dir gehandelt, wie ein Kavalier sich gegen den anderen benehmen soll, die Geduld ist aber nun erschopft, und hore es oder hore es nicht ich kundige dir hiemit Krieg und Fehde an. Darunter verstehe ich, dass ich dich aus dem Schlosse zu bringen wissen werde, in dem du nichts als Unheil und Verwirrung gestiftet hast."
Nach dem Abgange des Schlossherrn offnete Munchhausen die Augen und sagte zu Karl Buttervogel, der ein stummer Zeuge dieser Szene gewesen war: "Karl, willst du mir treu bleiben?" "O mein gnadiger Herr", rief Karl Buttervogel, "wie konnte ich es wohl uber das Herz bringen, Ihnen untreu zu werden, da Sie mir soeben noch vor kurzem meinen vollen Lohn gegeben haben, zwolf Gulden vierundzwanzig Kreuzer. Nein, wenn der Mensch Geld kriegt, so muss er treu sein, wie ein Hund, und Hauser muss man auf ihn bauen konnen, und so lange wie der letzte Kreuzer vorhalt, muss er an seinem Herrn halten, denn dafur ist er Bedienter, und ein Bedienter, der seinen Herrn verrat, der ihn ordentlich bezahlt, ist kein Bedienter nicht, sondern ein Schuft."
"Schweige!" rief Munchhausen. "Rede nicht, sondern handle, Buttervogel. Es liegt mir jetzt alles daran, allein im Schlosse zu sein, aus dem mich der Alte forttreiben will. Locke daher das Fraulein ins Freie "
"Das wird nicht notig sein", fiel Karl Buttervogel ein, "denn sie hat sich selber schon, ganz blumerant aufgetakelt, ins Freie gelockt, ich habe sie eben mit einem grossen Dinge unter der Schurze nach meinem Schneckenberge gehen sehen."
"Gut, das halbe Werk ist sonach getan. Locke denn also noch den Alten ins Freie."
"Ich will so tun, als ginge ich nach der Stadt in die Apotheke fur Sie, um wieder Spezies zu holen furs chemische Schmieren, und wenn ich an ihm im Hause vorbeigehe, so will ich munkeln: 'Ja, wenn ich sprechen durfte' so wird er mir nachgegangen kommen, um mich auszufragen."
"Tue das, Karl, mache mir das Schloss rein von allem lastigen Personal, ich will daraus eine Festung fur mich schaffen", sprach der Freiherr von Munchhausen mit seiner ganzen ihm so eigentumlichen Wurde. Auf dem Vogelherde sass also, verlockt von dem scheinbaren Stadtgange des Bedienten, der alte Baron, wahrend Emerentia dieses namlichen Bedienten, der fur sie kein Bedienter war, mit einem leckeren Gerichte am Schneckenberge harrte. Der Schlossherr hatte seinen Plan entworfen. So geradezu jemand aus dem Schlosse zu bringen, der sich darauf versteift zu haben schien, bei ihm neun Monate, drei Tage und achtzehn Stunden mit den Wachpausen fur Essen und Trinken abzuschlafen, konnte misslich erscheinen. Der alte Baron wunschte daher nichts mehr, als irgendeinen Umstand zu erkunden, welcher ihn allenfalls berechtigte, die offentliche Macht gegen den Propheten anzurufen, der ihm nun wie ein Tagedieb vorkam. Einen solchen Umstand hoffte er von dem Bedienten Karl Buttervogel herauszubringen, denn das Wort "Munkel" und die bestandige Erwahnung von ungeheuren Geheimnissen, welche um die Personlichkeit des Freiherrn nebelten, deutete nach seiner Meinung offenbar auf Verschuldungen oder wenigstens auf Verwickelungen hin, die ihm den Arm der Polizei, so hoffte er, wider den chronischen Schlafer willfahrig machen sollten.
Er hatte sich mit diesen Gedanken unter eine Vogelbeerstaude gesetzt und uberlegte die Mittel, mit denen er Karl Buttervogeln plaudern machen wollte. Der Mensch hatte ihn immer so freundlich und geruhrt, wir wissen weshalb? seither angesehen, dass er hoffte, auf sein Gefuhl wirken und seinen Mund durch Liebe und Dankbarkeit aufschliessen zu konnen. Er nahm sich daher vor, ihn auf bewegliche Weise zu bewegen.
Karl sass indessen, um seinen Stadtgang glaublich zu machen, eine halbe Stunde vom Vogelherde in einem Kruge und vertrank einen Teil des Lohnes, den ihm die diplomatischen Missverstandnisse zwischen dem Fraulein und seinem Herrn gespendet hatten. Dem alten Baron wurde daruber die Zeit lang und da er an seiner Kriegslist nichts mehr zu denken fand, so nahmen seine Vorstellungen eine andere Richtung, welche folgendes Selbstgesprach offenbarte.
"Ich habe mich resigniert", sagte er. "Der heutige Tag zeigt mir meine Lage im wahren Lichte. Munchhausen erscheint mir als das, was er ist, als ein grosser Frevler. Vielleicht ist er der Vater von Kaspar Hauser. Moglich auch, dass er ein beruchtigter Giftmischer ist wegen der bestandigen chemischen Experimente. Auf jeden Fall ein Mann, dem zu vertrauen bedenklich sein muss. Ein unnaturlicher Charakter, abnorm in jeder Beziehung. Welcher Mensch ausser ihm, sammelt Schlaf von seiner Jugendzeit auf fur neun Monate, drei Tage, achtzehn Stunden. Es ist zwar eine Klage manches Schulmanns, wie ich gelesen habe, dass auch die jetzt gar zu sehr angestrengte Jugend nachher schlafrig werde, aber dann schlafen sie mit offenen Augen, die Jungens werden rein dumm vom vielen Lernen, naturlichen Nachschlaf kriegen sie aber deshalb nicht. Dieser Nachschlaf ist folglich wieder ganz eine Veranstaltung a la Munchhausen.
Ich traue ihm nicht mehr. Seit heute verlasse ich mich auf meine gesunden Sinne und nicht auf Flirren und Flausen. Luft ist Luft und wird mein Tage nicht Stein. Das ganze Projekt ist Windbeutelei und die Luftverdichtungsaktienkompanie nicht so viel wert."
Der alte Baron blies bei den letzten Worten uber seine flache Hand hin, senkte dann tiefsinnig das Haupt und sprach nach einer Pause: "Wunderbar! Wie demjenigen, der eine grosse Wahrheit entdeckt, zugleich viele andere Wahrheiten mit einem Schlage aufzugehen pflegen, so zerstort die Zerstorung eines grossen Irrtums auch seine Nachbarn. Seit ich nicht mehr an versteinerte Luft glaube, bin ich auch misstrauisch geworden uber die Ruckkehr der alten Verhaltnisse und meinen Eintritt in das hochste Gericht als geborener Geheimer Rat. Es ist zuviel Gras daruberhin gewachsen, meine Tage sind gezahlt; ich erlebe es nicht mehr, das fuhle ich wohl.
Und so ware ich denn ein armer, alter, zerbrochener, abgebrauchter Mann? Nein! Mitnichten. Schon regen sich neue Gedanken in mir, die jugendliche Krafte aufwecken. Das ist eben der wunderbare Segen der Gegenwart, dass niemand untergehen kann, der sich mit rustigem Arm und beherzter Brust in ihre Fluten wirft. Erlischt hier ein Licht, so flammt es da wieder auf, die unendliche Mannigfaltigkeit der Mittel, Gedanken und Anregungen macht jede welkende Hoffnung zu einem Phonix, der sich zwar bestattet, aber aus dem Feuergrabe immer wieder auflebt.
Ich habe schon wieder Aussicht, Mut, eine Zukunft. Ich glaube nicht mehr an den geborenen Geheimen Rat, ich glaube nicht mehr an die Luftverdichtungskompanie; ade Syndikat! Ade ihr sechsmalhunderttausend Luftsteine, mit denen ich salariiert werden sollte Fahret wohl, ihr nichtigen Traume und Schaume und macht einem soliden Geschafte Platz. Das religiose Bedurfnis ist machtig erwacht in der Zeit und schmachtet nach der Herstellung der Hierarchie. Diesem Bedurfnisse zu genugen, muss ein grossartiges Institut in das Leben gerufen werden. Ich werde Jesuiten auf Aktien kommen lassen. Schon morgen reise ich, um die notige Protektion und Forderung mir zu verschaffen, wenn ich inzwischen Munchhausen loswerden kann, nach "
Der alte Baron gab nicht an, wohin er reisen wollte, denn es unterbrach ihn ein Gerausch unten auf der Strasse. Er sah den Bedienten kommen und rief ihn an. Karl Buttervogel murmelte fur sich, indem er dem Rufe auf den Vogelherd folgte: "Treu bin ich meinem Herrn bis funf Taler, wenn er aber mehr geben will, da kann der Mensch nicht widerstehen."
So kamen beide auf dem Vogelherde zusammen; der Bediente mit der Absicht, sich um mehr als funf Taler bestechen zu lassen, der Schlossherr in der Meinung, ihn durch Gute zu ruhren, denn ausser Gute hatte er nichts bei sich.
"Er hat wohl auch von dem Wege viel Muhe gehabt bei der Warme, mein Freund? Setze Er sich mir da gegenuber unter die Ruster" sagte der Schlossherr im gutigsten Tone. "Ich kann schon stehen", versetzte der Bediente, "ich wurde unter der Ruster sitzen wie auf Kohlen und mir, mit Respekt zu melden, das Gesass verbrennen, wenn ich in Gegenwart von einem so gnadigen Herren sitzen tun sollte. Jeder an seinem Platze und an seinem Orte, das ist so das beste, der Herr Baron sitzend und ich hier stehend in alle Ewigkeit."
"Es kommt mir so vor, als halte Er etwas auf mich", sagte der alte Baron nach einer Pause, wahrend welcher er vergeblich nach einem schicklichen Anknupfungspunkte suchte.
"O gnadiger Herr", rief Karl Buttervogel erregt, beugte sich zu dem Schlossherrn nieder und kusste dessen Rock, "wie ich Sie liebe, das kann keine Menschenzunge aussprechen. Denn warum sollte ich Sie denn auch nicht lieben, da Wurst und Eier bis jetzt nicht gemangelt haben, und da ich gewiss fernerweit gute Verkostigung kriege, und der gnadige Herr so ein ehrwurdiges Ansehen haben und die ganze Positur so etwas Martialisches und da die nahere Verbindung bevorsteht, und Schwiegersohne Schwiegervater schon aus Pflicht lieben mussen, und da"
"Nun wohl, Buttervogel", rief der alte Baron, "lass' Er die vielen Grunde, die mir auch zum Teil dunkel sind, denn ich weiss nicht, was Er mit der Wurst und mit den Eiern und den Verbindungen und den Schwiegervatern und Schwiegersohnen sagen will. Wenn Er wirklich auf mich etwas halt, so kann Er mir einen Gefallen tun, und ich ersuche Ihn darum."
"Tausend Gefallen fur einen, gnadiger Herr!" rief Karl Buttervogel. "Soll ich Ihnen den grunen Rock ausbursten, oder an dem Schlafrock mit den Weinranken das Loch im Armel zunahen, oder "
"Nichts von allem dem. Sondern mich interessiert Sein Herr bis in die kleinsten Umstande seines Lebens und uber manches mochte ich Aufschluss haben. Erinnere Er sich nun, wie gut ich an Euch gehandelt habe, sei Er dankbar fur so viele Gastfreundschaft, erwage Er, was Er mir fur meine Gute schuldig ist, und wenn dadurch in Ihm ein richtiges Gefuhl entstand, so sage Er mir, warum Sein Herr Seine Grobheiten vermischt mit geheimen Anspielungen duldet? denn dahinter muss notwendig etwas stecken."
"Dahinter steckt auch etwas", sagte Karl Buttervogel ernsthaft. "Und ich wollte mich wohl verfuhren lassen aus Liebe und Erkenntlichkeit zu dem gnadigen Herrn Baron und zum Delinquenten an meinem Herrn von Munchhausen werden, wenn nur ..." Er sah starr nach der Hosentasche des alten Barons.
"Was, Karl? Spreche Er Sich deutlich aus, mein Sohn."
Karl Buttervogel machte eine krumme Hand und sah den Schlossherrn dabei geruhrt an. "Sie haben als Vater an uns gehandelt, und wer so ist, wie Sie, der macht mich weichherzig und da kenne ich gar keine Pflichten und lass' meinen eigenen Bruder im Stich. Aber insofern ..."
"Aber insofern? Stocke Er doch nicht so oft. Heraus mit der Sprache! Was versteht Er unter dem Munkel, wie Er Seinen Herrn nennt, und unter den Geheimnissen der Erzeugung?"
Karl Buttervogel spuckte vor sich nieder, sah dann wieder nach der Hosentasche des alten Barons, machte den Gestus des Geldzahlens und fuhr darauf plotzlich, als der Schlossherr diesen Gebarden stumm und verwundert und ohne auf den Sinn ihrer Forderung einzugehen, zusah, mit der Frage heraus:
"Haben Sie wohl uber funf Taler bei sich?"
"Nein", versetzte der alte Baron etwas verlegen. "Ich trage kein Geld bei mir."
"So bleibt auch das Geheimnis bei mir", sagte Karl Buttervogel.
Der alte Baron rief entrustet: "Also aus Liebe zu mir will Er mir nichts sagen, aber fur Geld wurde Er Seinen Herrn verraten!"
"Ja", rief der Bediente, "fur Geld kann man alles kriegen, denn die Zeiten sind teuer und ohne Nebenverdienst geht es einmal nicht in der Welt, und weil es in der Freundschaft bliebe, so ware es auch kein Verrat, und die Liebe zu Ihnen ist zu gross, und Sie konnten es mir gewissermassen befehlen von wegen der kindlichen Ehrfurcht, die ich gegen Sie haben tun muss, und warum fangt mein Herr solche Sachen an und ich wurde es auch nicht fur ein paar Groschen tun, denn das ware schimpflich, aber funf Taler machen einen Unterschied, und das Hemde ist mir naher als der Rock, und Bestechung ist nur ein Vorurteil, aber ohne Geld und Gaben bin ich meinem Herrn so treu wie Gold, und keine Menschenmacht soll mich von meiner Schuldigkeit abwendig machen, und das konnen Sie mir auch gar nicht verdenken, denn Sie wurden sich auch so einen ehrlichen Kerl zum Bedienten wunschen, der alles mit sich in die Sterbegrube nahme, wenn Sie sich chemisch schmieren mussten, weil namlich "
"Schweige Er!" rief der alte Baron, welcher befurchtete, dass Karl Buttervogel sich in ein neues Meer von Grunden sturzen wurde. Verdriesslich riss er Blatter von den Stauden, zwischen denen er sass, und zerpfluckte sie. Karl Buttervogel entfernte sich gleichfalls verstimmt uber die unverletzte Treue, die er seinen Grundsatzen gemass dem Herrn bewahrt hatte, von dem Vogelherde.
Funftes Kapitel
Wofur Semilasso von dem Ehinger Spitzenkramer angesehen wird. Der alte Baron rennt nach einem
Burgermeister und a public character im braunen Oberrock tritt auf, dessen Erscheinung die wenigsten
Leser vermuten mogen
Das turkische Fahrzeug war langsam bis an den Fuss des Schlossberges oder -hugels gediehen, konnte jedoch dort nicht weiter auf der holprichten Strasse vordringen. Semilasso sah sich daher genotigt, abzusteigen und zu Fuss bergan zu gehen. Der Ehinger Spitzenkramer holte ihn ein und gab sich mit ihm in ein vertrauliches Gesprach, weil er ihn wegen der fremdartigen Kleidung, worin der beruhmte Reisende sich zeigte, fur seinesgleichen oder vielmehr fur etwas noch Geringeres, als er selbst war, hielt, namlich fur einen Kunstreiter oder fur den Inhaber einer Tierbude. Denn zwischen diesen beiden Vermutungen schwankte der Ehinger in seinen Gedanken.
Semilasso hielt es bei seinem freien Weltblicke nicht unter sich, mit den verschiedenartigsten Leuten ohne Zwang zu verkehren. Er gab daher der Ansprache des Ehingers leichte und naturliche Erwiderung, redete mit ihm uber die Spitzenkloppeleien in dem Distrikte, woher der Ehinger geburtig war und die er auf seinen Reisen besucht hatte. Den Standesunterschied bewahrte er nur insofern, dass er nicht auf der Seite des Weges gehen mochte, den die Fusse des Spitzenkramers traten. Vielmehr wollte er gern die ganze Breite der Strasse zwischen sich und dem Ehinger sehen. Kam daher dieser zu ihm hinuber, so kreuzte Semilasso die Strasse nach der anderen Seite zu. Da aber der Ehinger die geheime Absicht dieser ausweichenden Bewegungen nicht kannte und am liebsten dicht neben seinen Reisebegleitern gehen mochte, so folgte er dem vornehmen Turken uberallhin und beide waren daher die Schlossstrasse hinauf in einer bestandigen Zickzack- und Schlangelwanderung begriffen.
Oben stand Semilasso still und wischte sich mit einem Taschentuche von feinem Batist den Schweiss von der Stirn. Der Ehinger zog eine Branntweinflasche aus dem Ranzel, nahm einen derben Schluck und bot seinem Genossen, dessen Eigenschaften ihm so unbekannt waren, die Flasche gleichfalls dar. Semilasso wies aber mit einem Zuge des innigsten Widerwillens in dem feinen blassen Gesichte den Schnaps zuruck und schien uberhaupt nachgerade den Ehinger lastig zu finden. Seine Neigung zu dem Manne stieg nicht, als dieser mit der Frage sich an ihn wandte: "Sagt mir, Landsmann, wo Ihr Eure Bude stehen habt?" und als er durch verwunderungsvolle Erkundigung von ihm herausbrachte, wofur er angesehen wurde. "Voila ce qui est bien drole!" sagte er mit einer susssauerlichen Mischung im Tone der Stimme und suchte dem Ehinger zu entkommen, der ihn aber mit wiederholentlichen Fragen nach der Bude bis vor die Ture des Schlosses verfolgte. Denn er hatte viel Geld gelost und wollte sich nun auch in der Tier- oder Bereiterbude ein Vergnugen machen.
An der Schlossture nahm jedoch die Verrammelung derselben die Aufmerksamkeit beider Wanderer statt alles anderen in Anspruch. Sie riefen, sie pochten, sie ruttelten, aber im Innern des vereinsamten Schlosses antwortete niemand, niemand kam von innen an die Ture, sondern es schnarchte da drinnen nur taub und gefuhllos weiter. Zuletzt mussten sie sich wie die ubrigen an der Ture Gewesenen auch von der Notwendigkeit des Wartens uberzeugen. Zufallig hatten sie einander von dem Zwecke ihrer Wanderung nichts mitgeteilt, sie gingen auch jetzt ohne nahere Erklarung nach verschiedenen Seiten ab. Semilasso schlug, da der Ehinger mit ihm wieder die Schlossstrasse hinunterwandern wollte, einen Nebenweg in das Gebusch ein, um nur von diesem Plebejer sich loszumachen. Er brauchte dabei einen wahrscheinlichen Vorwand; die Geschichte hat ihn aber vergessen oder Scheu getragen, ihn aufzuzeichnen. Der Ehinger stellte sich dagegen unten am Fusse des Hugels zu dem turkischen Fahrzeuge und suchte sich die Zeit, so gut es gehen wollte, mit den Affen und Papageien zu vertreiben. Auch mit dem jungen Neger sprach er. Dieser redete gebrochen Deutsch und antwortete auf die Frage, wo sein Herr die Bude stehen habe? nachdem er ihren Sinn gefasst hatte: "Kein Herr mein Bud' halten wollt' sagen Mein Herr kein Bud' halten Furst sein heissen nicht aussprechen kann den Namen schwierig."
Uber diese Auskunft wollte sich der Ehinger des Todes verwundern, lachte aus vollem Halse und rief: "O, was fur ein Ansehen sich so ein Volk geben kann! Der Junge lugt wahrhaftig schon wie gedruckt und wenn ich den Herrn nach seinem Stand' frag', ist er ein Konig wenigstens."
In diesem Augenblicke ging der alte Baron rasch an dem Gefahr voruber. Er war so verdriesslich, dass ihm selbst der fremdartige Anblick des Fahrzeuges keinen Blick abnotigte, er stieg vielmehr, ohne sich umzusehen, die Schlossstrasse empor. "Landsmann", rief der Ehinger, der alle Volker der Erde fur seine Kompatrioten hielt, dem Alten nach, "Euer Laufen hilft Euch nit, Ihr kommt oben nit ein, die Zugang' sind verbollwerkt." Der Baron wandte sich um, fragte, was das bedeuten sollte? und erfuhr zu seinem grossten Arger, was wir schon wissen.
"Nein!" rief der alte Baron knirschend vor Zorn, "was zu arg ist, ist zu arg! Ich futtere den Hasenfuss, er verruckt uns allen die Kopfe und zum Beschluss und zur Kronung der Schandtaten treibt er die rechtmassigen Eigentumer aus dem Hause und setzt sich darin fest. Das ist offenbare Gewalt, Friedensbruch und Beschadigung mit gemeiner Gefahr, und auf der Stelle laufe ich zum Burgermeister, denn jetzt, jetzt tut Polizeihulfe not." Mit einer Schnelligkeit, die man seinem Alter nicht hatte zutrauen sollen, lief der Schlossherr zuruck und bog in den Weg, der nach dem Dorfe fuhrte, worin der Burgermeister wohnte.
Als er aber rasch um eine Hecke schwenkte und nichts im Sinn und Auge hatte, als den ihm nun so verhasst gewordenen Duzbruder, rannte er heftig mit einem andern zusammen. Dieser andere war ein Mann, der in entgegengesetzter Richtung dahergeschritten kam und wegen seiner Kurzsichtigkeit oder aus Zerstreuung auf den alten Baron nicht geachtet hatte. Da er auch sehr rasch ging, so war das Zusammenprallen, wie gesagt, ein heftiges, der Schlossherr verlor seine Seehundskappe vom Haupte, der Mann im braunen Oberrock (denn einen solchen trug der zweite) den Strohhut. Nachdem beide ihre Kopfbedekkungen aufgerafft hatten, machten sie einander gegenseitige Entschuldigungen, denen der im braunen Oberrock die ironische Bemerkung hinzufugte, dass diese Art Bekanntschaften zu knupfen die glucklichste sei, weil sie mit dem Gefuhle beginne, dass einer dem anderen etwas nachzusehen habe, der erste Moment derselben daher sich von aller Uberspannung in den Erwartungen fernhalte.
"Mit wem habe ich die Ehre ...?" fragte der alte Baron.
"Ach", versetzte der im braunen Oberrock, "lassen wir meinen Namen unausgesprochen! Durch eine seltsame Laune des Schicksals, deren es mehrere an mir ubte, ist mir auch ein Name zuteil geworden, der mehr versprach, als meine geringe Personlichkeit zu halten imstande gewesen ist. Aber vergonnen Sie mir dagegen eine Frage: Wissen Sie nicht, ob sich ein gewisser Freiherr von Munchhausen hier herum in der Nahe aufhalt?"
Der alte Baron sah den Fremden gross an. "Haben Sie auch durch ihn gelitten? Konnen Sie mir irgendeinen haltbaren Verdacht wider ihn liefern, mittelst welches ich ihn vor die Gerichte bringe?" fragte er darauf mit Eifer.
"Mein Herr", versetzte der andere, "was denken Sie von mir? Ich habe mit diesem Freiherrn von Munchhausen ganz eigene und zarte Beziehungen, die mir die Lippen uber ihn versiegeln wurden, selbst wenn ich etwas Schlechtes von ihm wusste. Sonach kann ich nur meine Frage wiederholen: Halt sich dieser Mann hier in der Nahe auf?"
"In meinem Schlosse sitzt der Spitzbube und hat sich verbarrikadiert!" rief der alte Baron. "Dort geht die Strasse hinauf, und ich bin in diesem Augenblicke auf dem Wege, die Polizei wider ihn zu Hulfe zu rufen." Er lief eilig seine Strasse nach dem Dorfe weiter.
"Halten Sie an!" rief der Fremde mit starker Stimme dem Davoneilenden nach. "Der Freiherr ist zwar ein grosser Schalk, gehort aber doch nicht in die Kategorie der Spitzbuben und ist uber die Angriffe der Polizei erhaben." Der alte Baron horte aber nicht auf ihn, sondern rannte spornstreichs seinen Weg. "O der Unselige, in welche Verwickelungen hat er sich gebracht!" sagte der Fremde. "Ich muss sehen, wie ich ihn rette", setzte er murmelnd hinzu und lief die Schlossstrasse hinauf.
Denn auch er lief mehr als er ging, was einen ziemlichen Kontrast mit seiner Figur abgab, die man schon zu den korpulenten zahlen konnte. Es war ein breitschulteriger untersetzter Mann, dieser Fremde im braunen Oberrock, der seinen Wanderstock bei jedem Schritte mit Energie auf die Erde stiess. Er besass eine grosse Nase, eine markierte Stirn, deren Protuberanzen jedoch mehr Charakter als Talent anzeigten und einen feingespaltenen Mund, um den sich ironische Falten wie junge spielende Schlangen gelagert hatten, die jedoch nicht zu den giftigen gehorten. Seine Augen wurden in den Reisepassen gewohnlich als graue bezeichnet. Sie lagen auch wirklich wie hellgraue Perlhuhner in ihren Hohlen unter Brauen eingewuhlt, die trockenem gelbbraunlichem Reisig glichen. Mehrere Damen seiner Bekanntschaft aber, die ihm wohlwollten, behaupteten, diese Augen hatten einen angenehmen blauen Ausdruck, und seit der Zeit glaubte er selbst an ihre Blaue. Nicht allein in dem Antlitze dieses Mannes, der nach seinem Habitus ein Vierziger zu sein schien, sondern uberhaupt in seinem gesamten Wesen war eine eigene Mischung von Starke, selbst Schroffheit, mit Weichheit, die hin und wieder in das Weichliche uberging, sichtbar.
"Es ware ja traurig, wenn dieser merkwurdige Charakter in einem elenden Abenteuer umkame, man muss sehen, man muss sehen ..." flusterte der braune korpulente Laufende, als er die beiden Wappenlowen erreicht hatte. Da die Absicht der gegenwartigen Geschichten nicht sein kann, den Leser beizeiten uber jenen Fremden zu unterrichten ...
Brief des Herausgebers an den Buchbinder
Hiebei, lieber Herr Buchbinder, Manuskript des "Munchhausen", soweit ich geschrieben habe. Nicht wahr, hier ware wieder so ein Ort, uber den Braunen eine ungemeine Spannung zu stiften? Geheimnisvoll ... dunkel ... Andeutungen usw. Sie verstehen mich. Ich wollte doch aber nicht ohne Ihren Rat verfahren. Der ich mit aller Achtung usw.
Antwort des Buchbinders
Ew. Wohlgeboren! Beileibe jetzt keine Spannung mehr. Spannung genug durch Semilasso, den Jager, die drei Unbefriedigten, den Ehinger Spitzenmann und den alten Herrn Baron, der zum Burgermeister lauft. Zuviel Spannung uberspannt; die Leser mochten Ihnen am Ende gar abgespannt werden. Nein, jetzt durch eine tuchtige Entdeckung Effekt gemacht, je unerwarteter, desto besser. Mit besonderer Hochachtung usw.
Fortsetzung der Erzahlung
Da die Absicht der gegenwartigen Geschichten nur sein kann, den Leser beizeiten uber jenen Fremden zu unterrichten, indem die Folter langst abgeschafft ist und nur noch in englischen Romanen durch dreibandelange Spannung missbrauchlicherweise angewendet wird, so ist hier zu sagen, dass der korpulente Mann im braunen Oberrock niemand anders als der bekannte Schriftsteller Immermann war.
Er befand sich auf einer seiner jahrlichen Ferienreisen, wahrend welcher die eine Halfte seiner Dusseldorfer Freunde ihn da, die andere dort versorgt. Er kommt aber immer wieder nach Dusseldorf zuruck, weil
So kommt er denn immer wieder von diesen Kreuzund Querzugen durch Deutschland zuruck, nachdem er durch Berge, Taler, Hohlen und Klufte, Hutten, Palaste, Kirchen und Graber geschweift ist, ein weltdurstiger und weltfroher Odysseus, den keine Kalypso zuruckzuhalten fur gut fand.
Gegenwartig befand er sich auf einer Wanderung nach den Extersteinen, die er noch nicht gesehen hatte. In der Nahe der Stadt, worin der Diakonus wohnt, bog er jedoch von der geraden Strasse ab, um den Helden dieser Geschichten aufzusuchen, mit welchem er wirklich Beziehungen der eigensten Art hatte, und dem er wichtige Mitteilungen machen wollte, entscheidende Mitteilungen fur seines Schutzlinges Geschick. Denn in diesem Verhaltnisse stand Munchhausen zu Immermann. Immermann ubte eine Art von Kuratel uber den Freiherrn aus.
Sechstes Kapitel
Der bekannte Schriftsteller Immermann fuhrt eine
sehr ernste Unterredung mit dem Freiherrn von
Munchhausen. Karlos der Schmetterling entschliesst sich, bewogen durch den Anblick eines Sauerbratens
und die Zuredungen seiner Geliebten, endlich die
Maske abzuwerfen
Der Schriftsteller lief, als er den Schlosshof erreicht hatte, gerade auf das Haus zu, indem er fortwahrend fur sich murmelte: "Hatte ich ihn nur erst aus dieser Klemme! Sich so zu verfahren und zu versteigen, gerade in dem Augenblicke, wo ich ihm ein anstandiges und sicheres Brot verschaffen kann! Wenn sie mein Wort nur gelten lassen!" Er druckte an der Klinke der Ture. Da sie sich aber so nicht offnen lassen wollte, so stemmte er sich mit der ganzen Gewalt seiner Schultern gegen sie, und da ihn die Natur mit einer ziemlichen Leibeskraft ausgestattet hatte, gelang ihm, was Semilasson und den drei Unbefriedigten so wenig, als dem Jager moglich gewesen war. Die morsche Ture wich namlich aus den Angeln, einige innen vorgesetzte Tonnen und Kisten fielen um, die Ture fiel auf sie und in das Innere des Flurs, der Schriftsteller fiel auf die Ture, wenigstens halb, und solchergestalt, fast mit der Ture in das Haus fallend, eroffnete er gewaltsam den Zugang zu dem Schlosse SchnickSchnack-Schnurr, dessen Inneres ohne seine Dazwischenkunft vielleicht lange unzuganglich geblieben ware. Einen Augenblick sich erholend und im Flure stehenbleibend horte er oben das heftige Schnarchen. "Der Schaker! Was hat er nun da vor!" rief der Schriftsteller lachend und eilte die Treppe hinauf. In Munchhausens Zimmer standen mehrere Flaschchen und Glaserchen mit den seltsamschillernden Feuchtigkeiten, deren schon einmal Erwahnung geschehen ist, gefullt, auf dem Tische. Der Inhalt war hin und wieder verschuttet und ein scharfer mineralischer Dunst wurzte die Luft. Nahe bei dem Tische schlief aber der Freiherr auf einem Stuhle, das Haupt zur Seite hangend, den festesten und gesundesten Schlaf, obgleich der Apparat auf dem Tische anzudeuten schien, dass er noch wenige Minuten zuvor gewacht haben musse. Ganz uberaus schnarchte er und lachelte wirklich, wie Karl Buttervogel gesagt hatte, gleich einem Engel in seinem Schlummer. Der Schriftsteller uberblickte einige Augenblicke schweigend und ironisch schmunzelnd den Schlafer und die chemischen Zurustungen, dann setzte er seine Brille auf, wie er immer vor wichtigen Momenten zu tun pflegt, schlich sich auf den Zehen zu dem Freiherrn, schlug ihm auf die Schulter und flusterte ihm in das Ohr: "Keine Verstellung gegen mich, alter Freund!"
Das hangende Haupt des Freiherrn fuhr rasch empor, so dass er gegen die Nase des Schriftstellers anstiess und die Brille aus ihrer richtigen Stellung brachte, die Augen Munchhausens offneten sich weit, starrten mit dem Ausdrucke eines unglaublich freudigen Erstaunens den Besuch an und schienen zu sagen: Nun, das muss wahr sein, wenn die Not am hochsten, ist die Hulfe am nachsten. Er blieb aber sprachlos.
Der Schriftsteller nahm die Brille ab, wischte die Glaser mit seinem Taschentuche rein und rief dann mit der Brille in der Hand lebhaft gestikulierend, dem Freiherrn zu: "Nun sagt mir, Erzkauz und Herzog der Phantasterei, Marquis von Traumland und Konig aller modernen Zigeuner und Bettelstudenten " " ... gefursteter Abt in qualitate qua, Herr zu Irrlicht, Nebeltau und Wildfeuer, Baron des unheiligen Reichs der Motten, Ziegenmelker und Karpfenschwanze8, Grand aller bohmischen Dorfer, Erbbelehnter in samtlichen kunftigen neuen Entdeckungen, Grosspensionar von Lirum Larum etc. etc. etc." fiel der Freiherr seinem Kurator in die Rede. "Ihr seid im Zuge mit Euren gewohnlichen unaufhaltsamen Bezeichnungen, und ich will Euch darin helfen", setzte er hinzu.
"Nein, Herr von Munchhausen", erwiderte der Schriftsteller, der plotzlich ernst geworden war, kalt. "Vergeuden wir die edle Zeit nicht mit mussigen Spielen des Witzes! Ich bin mit Ihnen sehr unzufrieden. Immer noch sah ich Sie auf der Hohe der Wogen, jetzt aber scheinen Sie ganzlich unter der Flut zu sein. Was soll dieses Schlafen? Was soll das Verrammeln in einem Hause, welches nicht Ihnen gehort? Fuhlen Sie denn nicht, dass Sie durch solche Eulenspiegeleien sich fallenlassen?"
"Herr Immermann, Sie irren", versetzte Munchhausen. "Ich schlief ein, als ich mir gegen den alten Narren, meinen Wirt, durchaus nicht anders mehr zu helfen wusste. Darin ahmte ich nur das Stratagem erfinderischer Kopfe nach. Ich versichere Sie, man wird vielleicht bald von dem chronischen Schlummer mehrerer Projektenmacher horen, wenn ihr Latein erschopft ist."
"Und das Turverrammeln?"
"Konnte ich denn wissen, dass Ihre gewichtige Kraft mir so nahe sei? Ich wollte Zeit gewinnen, eine halbe Stunde entscheidet oft alles, in einer halben Stunde kann der Himmel einfallen und dann sind wir durch jegliche Erdennot hindurch. Und wirklich habe ich recht gehabt. Sie sind da, der alte Baron nicht, der sonst vielleicht schon hier ware und alle ruhige Besprechung unmoglich machte."
"Mein Herr, lassen Sie diese possenhafte Betrachtung einer intrikaten Lage!" fuhr der Schriftsteller seinen Klienten barsch an. "Der alte Baron lauft nach dem Burgermeister, um Polizeihulfe herbeizuschaffen! Begreifen Sie nun Ihre Position? Sorge ich darum vaterlich fur Sie, schicke ich deshalb gewissenhaft die Flaschchen der von Ihnen bereiteten Tinktur an den Oberkammerherrn, schreibe ich mir, um Ihnen endlich ein sicheres Brot bei dem geistreichen Erbprinzen von Dunkelblasenheim zu verschaffen, beinahe die Finger lahm, damit Sie nun schmachvoll in dem Protokolle irgendeines obskuren Polizeibeamten endigen? Nein, Munchhausen, ich kann Sie fast nicht mehr achten, Sie sind doch ein gar zu verlogener Schelm."
Der Freiherr hatte wahrend dieser harten Anrede sacht unter seinen Kleidungsstucken gewuhlt. Jetzt zog er daraus einen schwarzen Frack hervor und einen kleinen zusammengelegten Klapphut. "Was sehen Sie?" fragte er seinen rauhen Beschutzer in einem ruhigen, man mochte sagen, uberlegenen Tone.
"Einen Frack und einen Klack!" rief der Schriftsteller noch immer zornig, obgleich diese harmlosen Gegenstande keine Entrustung verdienten.
Munchhausen zog an dem kleinen Klapphute, da wurde er grosser, er griff dehnend in die Offnung, da wurde er dreieckicht, er nahm aus den Seitenwanden einen weissen Federbusch und steckte ihn auf, da war es ein Offizierhut, wie er nur sein musste. Dann krampelte er den Frack um, hakelte das seidene Unterfutter los, da kam uberall rotes Tuch zum Vorschein und am Kragen und an den Aufschlagen weisses mit Goldstikkerei. Er warf seinen Rock ab, zog diese phantasievolle Uniform an, setzte den Hut auf und ein Offizier in fremden Diensten stand vor dem Schriftsteller.
Dieser betrachtete die neue Gestalt, welche sich wie durch Zauberei vor ihm gebildet hatte, mit Erstaunen. "So sind Sie denn also wirklich was ich noch immer nicht glauben wollte Sie sind ..." "St! mein Lieber ", rief der Freiherr plotzlich angstlich werdend. "Sprechen Sie ein gewisses Wort nicht aus; es ist das einzige, was mir Schrecken erregt! Ich wollte Ihnen nur zeigen, dass meine Mittel nicht erschopft sind. Aus jenen Westen, Jacken und Tuchern, die Sie da liegen sehen, kann ich auf Verlangen Neugriechen, Matrosen, Jockeis herstellen mittels Knopfens, Wendens, Steckens ein ziemlich gewandter Proteus. Und so moge der alte Baron und ein Burgermeister, der Teufel und seine Grossmutter gegen dieses Schloss heranrucken, mir soll das Herz nicht abwarts sinken. Sie haben mich in Ihrer rauhen Manier angefahren, Sie haben einen hohen Ton gegen mich angestimmt, als seien Sie wunder wie weit uber mir und ich nur eine mediokre Figur. Ich bin gegen solche Beleidigungen empfindlich. Deshalb frage ich Sie jetzt, womit habe ich sie verdient? Wissen Sie einen einzigen schlechten Streich von mir, mein Herr?"
Der Schriftsteller versetzte nach einigem Besinnen: "Nein. Wahrheit muss Wahrheit bleiben. Einen eigentlich schlechten Streich weiss ich allerdings nicht von Ihnen. Wie hatte ich mich auch mit einem Escroc so weit einlassen mogen?"
"Nun denn!" rief Munchhausen, und seine Gestalt, von der roten Uniform gehoben, nahm eine Art komischer Erhabenheit an. "Ich habe phantasiert, ja! Ich habe tolle Streiche ausgehen lassen, ja! Ich habe es mit der Wahrheit ziemlich oder vielmehr unziemlich leicht genommen, ja! Ich war uberall und nirgends, mein Name war mir stets so gleichgultig wie der Rock, den ich gerade zufallig trug aber mein Ehrenwort hatte ich mir darauf gegeben, alles dieses Schwarmen, Phantasieren, Fabulieren, Vagabondieren uneigennutzig zu treiben, und obgleich ich der Freiherr von Munchhausen heisse, dieses Ehrenwort habe ich gehalten. Die Kasse manches Narren stand mir zu Gebote und blieb unberuhrt von mir; hochstens erlog ich mir hin und wieder Obdach und freie Bekostigung, wenn ich sonst nicht wusste, wohin mein Haupt legen und was beissen oder brechen?"
"Waren Sie stets so uneigennutzig?" fragte der Schriftsteller mit scharfem Akzent.
"Nein", rief Munchhausen plotzlich wieder kleinlaut, "ich will mich gegen Sie nicht besser machen, als ich bin. Einmal habe ich einer einfaltigen Gans Liebe vorgelogen, um zu ihres Vaters Geld und Gut zu gelangen und da musste ich zuletzt erfahren, dass kein Geld und Gut vorhanden sei. Diese eigennutzige Luge ohne Erfolg brachte nun eine ganz greuliche und ekelhafte Nachwirkung in mir hervor. Denn es gibt kein abscheulicheres Gefuhl fur einen Charakter, wie ich bin, als Witz und Phantasie umsonst ausgespendet zu haben. Und da gab ich mir eben das Ehrenwort, fortan in der reinen unselbstischen Erfindung zu schwelgen."
"Doch im Grunde eine traurige Schwelgerei!" sagte der Schriftsteller.
"Die lieblichste und uppigste!" rief der Freiherr begeistert. Seine Zuge nahmen ein Geprage an, wie es noch niemals in ihnen gesehen worden war. Seine Augen leuchteten wunderlich und schrecklich, durch die Irrgange seiner Lineamente schlichen Schelmerei, Spott, trunkenes Behagen, wie schone Madchen, die in einem vernachlassigten Park spazierengehen. Mit den Fingern griff er in die Lufte, als wollte er da tausend lustige Erinnerungen sich greifen, er sah wie der Geist Capriccio aus. "Was ist das susse Feuer, welches die Traube in unsere Adern giesst, was sind die veratmenden Ohnmachten des hochsten Liebesrausches gegen das selige Behagen, mit allen stolzen Torheiten der Zeit zu tandeln, zu scherzen, zu spielen und des Witzes urkraftige Blitze in alle Spelunken hinableuchten zu lassen! Man fuhlt sich wahrhaft als Schopfer;
eine neue Welt ersteht, durch welche man als Konig und Wohltater hinzieht, denn hinter den Radern des Siegeswagens bluhen in den Geleisen phantastische Blumen auf, welche dem Gefolge lieblicher duften als Rosen und Jasminen. Ich habe viele Narren glucklich gemacht und da die Welt aus Narren besteht, so habe ich die Welt begluckt, so weit mein streifender Fuss sie betrat.
Was soll ein gescheiter Kerl jetzt anders tun als lugen, die Prahlhanse zum besten haben, umherlaufen, sich wandeln und verwandeln? In Kriegsdienste gehen? Napoleon hat das Heldentum ausgebeutet, wie er selbst ungefahr mit den namlichen Worten auf Sankt Helena sagte, fur funfzig und mehrere Jahre, es ist heutzutage als sahe man bleierne Soldaten aufgestellt, darunter ist auch immer noch einer als General und mehrere sind als Hauptleute lackiert, aber bleierne Soldaten sind sie alle. In der Staatskunst sich versuchen? Auch da verlangt man nach einem Chef, der's ist, der nicht bloss so heisst. Zeigt mir einen Richelieu, oder nur einen schlauen, geschminkten Mazarin und ich werde Legationsrat. In Papier spekulieren? Pfui! Ich bin ja kein Jude. Den Tiefdenker machen, das Original, den Sonderling, den Unglucklichen? Abgebraucht. Was bleibt ubrig? Lugen, Flirren, Flausen produzieren. Ein Lugner war ich, ein Lugner bin ich, ein Lugner will ich sein! Ich habe auf Tollheiten spekuliert, das ist das hochste und nobelste Hasardspiel, was es gibt. Lucian ist mein Evangelium und Ebu Seid von Serug mein Herr und Meister!
Und da ich ein solcher bin, wie konnen Sie, mein Herr, sich herausnehmen, mir so unhoflich zu begegnen?"
"Was!" rief der Schriftsteller Immermann, "du emporst dich, Geschopf, wider deinen Schopfer?"
"Alter Freund", versetzte der Freiherr mit ruhiger Hoheit, "Ihr seid nicht der Mann, einen Mann wie mich zu schaffen. Ihr habt einige meiner Abenteuer aufgeschrieben und demnach ein Stuck meiner Biographie geliefert, das ist das Ganze, und wer weiss noch, ob mir und meinem Rufe damit sehr gedient gewesen ist, denn Ihr habt wenig Kredit in der Literatur. Ihr besorgt mir die Flaschen mit der Huhneraugenessenz an den Oberkammerherrn, und wollt mir durch dieses und andere Mittel mein sicheres Brot bei dem Erbprinzen von Dunkelblasenheim verschaffen. Ob ich Euch dafur zu danken habe, weiss ich erstlich noch gar nicht, denn vielleicht sagt mir die gebundene Lage nicht zu. Ware das aber auch, so sind jene Dienste kleine Gefalligkeiten, die ich Euch dadurch reichlich vergutet habe, dass ich Euch erlaubte, aus mir ein Buch zu machen."
"Sie behaupten also im vollen Ernste, ein selbstandiger Charakter zu sein?" fragte der Schriftsteller befremdet.
"Freilich. Ich weiss gar nicht, wie Sie mir vorkommen. Nehmen Sie sich nur in acht, dass Sie nicht ganz gegen mich verschwinden, dass Sie nicht fur eine Erfindung von mir gelten. Was hatten Sie mir geben oder leihen konnen? Sie sind kein Genie "
"Nein", versetzte der andere ohne alle Ironie oder Empfindlichkeit.
"Sie sind hochstens ein Talent, doch sind Sie auch das nicht, sondern nur ein Nachahmer. Sie ahmten immer nach, erst Shakespeare, dann Schiller, zuletzt Goethe. In Ihren Arbeiten ist mehr Witz, Phantasie, Reichtum als in denen der andern, die Ideen stromen Ihnen aus ergiebigeren Quellen zu als den andern, aber Sie sind ein mittelmassiger Kopf und ein seichter Geist. Adel und Hoheit der Weltanschauung kann man Ihnen nicht absprechen, wenn Sie nur nicht so trivial waren. Sie haben einige Figuren in vollendeter Wahrheit geschaffen, konnten Sie sich an eine Erscheinung hingeben, so ware Ihnen vielleicht geholfen. Sie waren stets ein Dichter von Gesinnung, leider aber ohne alles Gefuhl und ohne Liebe."
Der Schriftsteller schuttelte dem Freiherrn die Hand, lachte und sagte: "Ich hatte schon gemeint, dass Ihr ernsthaft mit mir anbinden wolltet, nun sehe ich aber, dass Ihr Spass macht, alter Spotter. Ihr habt den Ton meiner offentlichen Beurteiler ziemlich lustig kopiert. Jetzt bestehen allerhand Leute hauptsachlich darauf, dass ich mehr Liebe haben solle. Sie fordern es aber so entsetzlich grob, dass die Liebe, welche ein scheues, feines Kind ist, sich weinend versteckt, oder schleicht, sie ahnen nicht, wohin?"
In diesem Augenblicke sah er durch das Fenster und erschrak. Denn er erblickte den alten Baron in der Ferne, der mit dem Burgermeister herbeikam. "Wir schwatzen hier Allotria!" rief er hastig, "und da naht schon das Corps Ihrer Angreifer! Rasch einen Plan der Verteidigung und des Ruckzuges aus diesem Kastelle ersonnen. Wie ware es "
"Wenn wir improvisierten!" fiel Munchhausen ein und warf die rote Uniform ab benebst dem Hute. "So gelingt alles am besten. Das ganze Leben ist ein Impromptu." Er verwandelte das militarische Kleid in den Frack und den dreieckichten Hut in den Klack zuruck, forderte auch, dass sein Biograph sich entferne, denn er wolle, sagte er, allein seinen Mann stehen. Dieser aber schwor, dass er seinen Helden nicht verlassen werde und so musste er sich die Waffenbruderschaft gefallen lassen, wohl die ungewohnlichste, die seit langer Zeit vorgekommen ist. Freilich aber hatte der Schriftsteller noch ausser seinem zartlichen auch ein grosses egoistisches Interesse dabei, dass der Freiherr von Munchhausen in diesem Kampfe nicht umkam. Denn um von tausend Grunden nur einen anzufuhren: Er hatte Herrn Schaub in Dusseldorf die Fortsetzung der Munchhausenschen Abenteuer versprochen, und wo blieben die Abenteuer, wenn Munchhausen unterging?
Schriftsteller und Held verabredeten in der Eile doch einige allgemeine Massregeln. Wir aber uberlassen vorderhand die Ereignisse im Schlosse ihrer Entwickelung und verfugen uns nach dem Schneckenberge. Auf diesem Gebirge Taygetus sass das Fraulein mit feierlicher Miene und im ungewohnlichsten Putze, der aus einem ehemals rosenfarbenen Seidenkleide, einem weissen Flortuche, einer Scharpe, worauf der Tempel der Liebe gestickt war, und grunen Atlasschuhen bestand. In der Hand hielt sie einen elfenbeinernen Facher mit der Geschichte Amors und Psychens, und ihr Haar zierte ein Paradiesvogel, dem nur vor Alter die Schwungfedern ausgefallen waren. Einen Ridicule von sogenannten Freundschaftslappchen zusammengefugt, trug sie an einem Arme und eine Tandelschurze von schwarzem Taffent mit Phantasieblumen eingefasst, hatte sie vorgebunden.
In diesem Aufzuge stellte sie die verschollene Freiin von Schnurrenburg-Mixpickel aus den Badern zu Nizza dar. So kostumiert war sie dort mit Rucciopuccio gelustwandelt und den Juden in die Arme gefallen, als die verhangnisvolle Stunde der Trennung schlug. In frommer Erinnerung an die susseste und schwerste Zeit ihres Lebens hatte sie den ganzen Staat aufbewahrt und er war durch alle Sturme der Zeiten, durch das ganze Elend der Verarmung hindurch gerettet worden. Heute hatte sie ihn mit erhabenem Lacheln aus dem Koffer hervorgeholt, und ihn, nachdem sie ihr Werk in der Kuche besorgt, angelegt, denn ihre Seele brutete einen grossen Entschluss und sie wollte mit starken Mitteln auf den maskierten Fursten wirken. Sie sass vor einem kleinen Tischchen, welches der Schulmeister aus einem alten Brette und mehreren abgestumpften Zaunstacken da droben zusammengefugt hatte, um, wenn das Wetter schon war, seine schwarze Suppe im Freien geniessen zu konnen. Auf dieses Tischchen hatte sie einen Korb gestellt, der mit einer weissen Serviette zugedeckt war. Ganzlich in die Welt ihrer Traume verloren, achtete sie der drei unbefriedigten Junglinge nicht, welche nach ihr in den Garten gekommen waren. Diese achteten ihrerseits wieder nicht auf Emerentien, und so nahm keiner von dem anderen Notiz, was bei idealistischen Naturen ofter vorzukommen pflegt, auch wenn sie im engsten Raume zusammen sind. Die Unbefriedigten sassen alle drei um das trockene Wasserbecken und sahen den kupfernen Delphin ohne Strahl tiefsinnig an. Emerentia dagegen wiegte sinnend ihr Haupt, dass der nicht recht fest eingesteckte Paradiesvogel zuweilen nach der Wange zu eine trunkene Bewegung machte, und faltete spielend den elfenbeinernen Facher auf und zu.
In diesem Sinnen, Wiegen und Spielen hatte ihre Seele die reizendsten und glanzendsten Bilder der Vergangenheit hervorgezaubert, als sie plotzlich durch den Ruf: "Alle Donnerwetter!" aus ihren Phantasien erweckt wurde. Karl Buttervogel stand vor ihr. Er war auf seinem Ruckwege vom Vogelherde durch ein Loch in der Hecke unter dem Schneckenberge gekrochen, denn er ging, wie alle Bedienten nicht gern auf dem geraden Wege nach Hause, sondern pflegte sich, wo es nur moglich war, einen heimlichen Katzensteig zu bahnen.
Nichts in der Welt hatte ihn mehr uberraschen konnen, als was er jetzt vor seiner Wohnung zu sehen bekam. Er stand, eine starre Bildsaule vor Emerentien, musterte mit rollenden Augen ihre Gestalt und ihren bunten Putz, der Mund lief ihm voll Wasser und: "Alle Donnerwetter!" waren die einzigen Worte, die er von Zeit zu Zeit hervorbringen konnte.
Emerentia sah, wie sie auf den Pratendenten von Hechelkram wirkte. Ihre Brust schwoll von dem sussen Triumphe, den sie erlebte. Nach einer Pause, wahrend welcher sie sich an seinem Entzucken geweidet hatte, lispelte sie, ihr Antlitz hinter dem Facher verbergend: "Nun? O Nizza!"
"Nitze! Nitze!" schrie Karl Buttervogel berauscht. "O meine vierzehn Berliner Herrn! Was wurden meine vierzehn Berliner Herrn sagen, wenn sie mich jetzt sahen, mich gluckseligen Esel und Kerl."
Karl Buttervogel war nicht gefuhllos. Rieke in Stuttgart hatte wirklich sein ganzes Herz besessen, und wenn er ihr auch um die bessere Verkostigung im Schlosse untreu geworden war, so wissen wir aus seinem Tagebuche, welche Kampfe ihn dieser Wandel gekostet hatte. Emerentiens Neigung war nun, die Wahrheit zu sagen, bisher mehr seiner Eitelkeit und seines Appetites Schmeichlerin gewesen, erwidert hatte er sie bis heute nicht. Aber als er das Fraulein so wunderbar geschmuckt sah, ging in seinem Busen eine Umwalzung vor. Ganz richtig hatte sie ihn geschatzt; es bedurfte starker Reize, um diesen Schmetterling zu vermogen, seine Flugel zum Fluge der Liebe zu entfalten. Das rote Kleid, die grunen Schuhe, die gelbe Scharpe, der Paradiesvogel, der ganze bunte Putz alles das machte ihn wirblicht und er schwor bei der Asche seiner Vater, dass er noch nie eine so prachtvolle Person, wie sein stummes Wort uber sie lautete, gesehen habe. Nach langem Staunen, Mustern und Seufzen schleuderte er seinen lackierten Hut weit hinter sich, wischte sich das Maul und tat einen Schritt gegen Emerentien, unfehlbar in der Absicht, ihr den Handschuh zu kussen, denn bis zu ihren Lippen verstiegen sich seine kuhnsten Gedanken nicht.
Emerentia streckte den Facher streng und zuruckweisend ihm entgegen. Er blieb besturzt stehen, sah sie verlegen an und wusste nicht, was diese Sprodigkeit bedeuten sollte. Auch sie schwieg, denn sie hatte beschlossen, die Grosse dieses Momentes nicht durch rohe Worte herabzuziehen, sie wollte nur durch Zeichen mit ihrem Verehrer reden. "Gnadiges Fraulein", rief Karl Buttervogel endlich mit klagender Stimme, "dieses ist sehr unrecht, und heisst einen armen Schuft auf den Geruch von einem Braten einladen. Doch wie ist mir denn? Alle Donnerwetter! Wenn man den Teufel an die Wand malt, so kommt der Kujon! Auch ein Braten muss hier in der Nahe sein, denn meine Nase trugt mich nicht und es steigt ein Duftlein auf und in dem Korbe hol' mich dieser und jener "
Emerentia gab mit dem Facher ein Zeichen, welches Karln berechtigte, die Serviette von dem Korbe zu erheben. Er tat es und nun ereignete sich etwas, was erfunden in einem Gedichte zu den grossten Fehlern gezahlt werden wurde; zwei Motive wurden namlich fur die Handlung gleichzeitig in Bewegung gesetzt. "Sauerbraten!" rief Karl Buttervogel und liess die Serviette fallen. "Sauerbraten!" wiederholte er jubelnd. In der Tat lag ein lecker zubereiteter Sauerbraten, Karls Lieblingsessen, auf der Schussel in dem Korbe. Seine Augen gingen wie trunkene Wanderer zwischen dem Fraulein und dem Sauerbraten hin und her, seine Seele spaltete sich in zwei Halften und in jeder schlug sein Herz, endlich uberwog die eine Halfte, er riss ein Messer aus der Tasche und wollte damit dem Sauerbraten eins versetzen. Da schlug ihm aber Emerentia mit dem Facher auf die Hand und zwar nicht sanft, sondern empfindlich, ihm zugleich mit dem Zeigefinger der andern Hand drohend.
Der zuruckgeschreckte Pratendent geriet in eine Art von Wut. "Alle Hagel!" schrie er, erbost mit dem Messer nach dem Braten stechend, "was soll das bedeuten? Denn sich so aufzudonnern, dass es einem rot und grun und gelb vor den Augen wird, und man gar nicht weiss, wo man vor Angst und Herzeleid bleiben soll, und einem Sauerbraten dazu aufzusetzen und noch dazu mit Zwiebeln, und dann das Zuruckweisen und Fachergeschlage ist nicht auszuhalten. Denn entweder, oder. Alle Geschichten und Siebensachen in der Welt haben ihren Grund, oder sie haben ihren Grund nicht. Und also entweder soll ich den Sauerbraten fressen oder ich soll ihn nicht fressen. Und entweder wollen das gnadige Fraulein nunmehr recht liebreich gegen mich sein, oder Sie wollen es bleiben lassen. Und fur die Langeweile stehe ich hier nicht mit meinem Herzeleid und mit dem erbarmlichen Hunger im Leibe, sondern wissen muss der Mensch, woran er ist, und was er tun soll, und das will ich auch tun, wie ein rechtschaffener Kerl, wenn ich nur erst weiss, was."
Emerentia warf auf die Maske dieser Gemeinheit einen ihrer leidendsten und zugleich verachtlichsten Blicke. Dann beschrieb sie mit dem Facher eine stolze schwungvolle Linie in der Luft, hierauf deutete sie mit demselben nach dem Schlosse und endlich gab sie das Zeichen, womit eine Dame andeutet, dass jemand sich entfernen konne.
Karl Buttervogel folgte mit gespannter Aufmerksamkeit allen diesen Zeichen. Seine Seelenkrafte waren durch die Ekstase des Augenblicks gescharft; er verstand den Sinn seiner Herrin. "Ich hab's! Ich hab's!" rief er und drehte sich auf den Absatzen um. "Denn dass ich mich immer so gemein gemacht habe und so niedertrachtig, das gefallt gnadigem Fraulein nicht, und ich soll's jetzo sein, Furst und Hechelkram und so weiter, wofern fernerweite gute Verkostigung ausgemacht wird, und nach dem Schlosse soll ich gehen und es dem gnadigen Herrn Baron ansagen, denn der muss es doch vor allen Dingen wissen und die Heimlichkeit und das Gepuschele unter der Hand gefallt gnadigem Fraulein nicht mehr, und wenn ich das getan habe, dann machen wir uns frei offentlich uber den Sauerbraten her, und gnadiges Fraulein lasst mich die Hand kussen und die ganze Sache wird, wie gnadiges Fraulein wollen und befehlen, mit mir nichtsnutzigem Tausend-sappermenter in Ordnung gebracht."
"Karlos!" rief Emerentia, vor Freuden, sich so ohne Worte verstanden zu sehen, ihr Gelubde brechend, "endlich lassen Sie also die Maske fallen! Also fuhlen Sie doch nun selbst, dass dieses geheime Verhaltnis, welches zwischen uns bestand, fur ein zartes Madchen langer nicht tragbar war, dass wenigstens der Vater Sie kennen und in der Sache klar sehen muss! Ja, Sie haben begriffen, was ich meinte. Gehen Sie, Furst, zu meinem Vater, entdecken Sie sich ihm; ich will Ihrer hier mit der Speise warten, welche Sie so lieben und die ich Ihnen lieber als uns gonnen mochte."
"Den Augenblick gehe ich zu ihm, und wenn er mit Gute nicht will, so werde ich sackgrob sein, denn ich bin in einer ausnehmenden Rage, denn wenn man sich so rausstaffiert, wie gnadiges Fraulein, und den fremden Kuckuck da ins Haar steckt, so muss das einen Menschen ganz toll machen und die Natur in Unordnung bringen und der Braten tut freilich auch das Seinige dazu!" rief Karl Buttervogel. "Bleiben gnadiges Fraulein nur hier oben bei dem Braten, damit ihn die Katze nicht holt und ich will mich unten am Schmerlenbach ein wenig renovieren, damit alles mit der Sauberkeit geschieht, und der gnadige Herr Baron gleich sehen, wenn ich auftrete, dass mit mir nicht zu spassen ist. Das Gesicht wasch' ich mir unten am Schmerlenbach, und mit meinem Kamm, den ich bei mir hab', kamm' ich mir das Haar glatt, und den Rock staub' ich aus, und "
"Genug, Furst!" rief Emerentia. "Ich brauche Ihre Toilette nicht naher kennenzulernen. Gehen Sie, Ruhe meinen Tagen und Schlummer meinen Nachten zuruckzubringen!"
Der Pratendent und Schmetterling raffte seinen lakkierten Hut auf, sprang den Schneckenberg hinunter und kroch wieder unten durch die Hecke in das Freie. Emerentia lachelte wohlgefallig und flusterte: "Erste Liebe, einzige Liebe!" Dann deckte sie den Korb mit der Serviette zu, denn die Fliegen waren, weil man August schrieb, etwas zahlreich und zudringlich. Hierauf wiegte sie wieder sinnend das Haupt und spielte abermals mit dem Facher, ihn auf und zu faltend. Sie begleitete diese Gebarden mit der Abschiedsode von Nizza, namlich mit den ersten beiden Zeilen derselben, denn die folgenden hatte sie vergessen. Anfangs summte sie dieselben leise, nach und nach fing sie an, lauter zu singen.
Siebentes Kapitel
Der Mann im braunen Oberrock beginnt sein
allgemeines Vermittelungsgeschaft
"So wollen wir also die Sache angreifen!" mit diesen Worten schloss die eilige Unterredung zwischen dem Freiherrn von Munchhausen und dem Schriftsteller Immermann.
"Und Sie haben mein Patent in der Tasche?" fragte Munchhausen.
"Den eigenhandigen Brief des Erbprinzen", versetzte der Schriftsteller. "Tun Sie mir jetzt den Gefallen und schlafen Sie wieder ein, derweile ich fur Sie wirke." Munchhausen wollte Einwendungen machen. "Lieber, keine Worte weiter!" rief sein Bundesgenoss. "Die Garde wird aufgespart fur die Hohe und den Gipfel des Gefechtes, zu fruh die Kerntruppen verbrauchen, heisst die Niederlage mutwillig herbeifuhren. Mich also lassen Sie ja die ersten Schwarmfeuer, Chocs und Chargen fur Sie machen, es kommt vielleicht der Augenblick auch, wo Sie ins Feuer mussen." Er ging eilig die Treppe hinunter und Munchhausen warf sich halb unwillig in seinen Kleidern auf das Bette.
Rasch, um Terrain zu gewinnen, machte der Schriftsteller unten eine Bewegung uber den Hof und trat dem alten Baron und dem Burgermeister schon in der Nahe der Wappenlowen entgegen. Dem Burgermeister folgte ein Polizeisoldat von ziemlich grimmigem Ansehen. Der Schlossherr erstaunte uber den fremden Mann in seinem Hofe, noch mehr aber uber die Bresche, welche in den Umschliessungen der Burg entstanden war. Er wollte auf den Schriftsteller zurnen, als dieser sich zu der gewaltsamen Eroffnung bekannte, wurde aber durch dessen Auseinandersetzung besanftiget, dass manche Hindernisse nicht zart zu behandeln seien und man hin und wieder, um nur vorwarts zu kommen, die Ture einrennen musse.
Indessen winkte er dem Burgermeister, ihm in das Schloss zu folgen. Der Burgermeister winkte seinerseits dem Polizeisoldaten, der bloss ein Bandelier aber keinen Sabel trug, denn diesen hatte er wahrend der letzten Prugelei unter den Bauern, wobei er einhauen mussen, verloren. Der Polizeisoldat griff ingrimmig nach der Stelle, wo der Sabel sitzen sollte, zog aber nichts hervor und empor als seine eigene leere jedoch zusammengeballte Faust, die er drauend nach vorwarts in die Luft schlenkerte. Hierauf ruckte die feindliche Kolonne gegen das Schloss vor und der Beschutzer Munchhausens wich, Schritt vor Schritt ihr Raum gebend, gegen die Bresche zuruck.
Wahrend dieses Ruckzuges suchte er alle Mittel hervor, die entschlossenen Gegner von ihrem Vorhaben abzubringen. "Was wollen Sie eigentlich?" rief er den alten Baron an. "Den schlummerkopfigen Haselanten, den Hanswurst von Turenverrammler einstecken lassen!" versetzte der Schlossherr. "Einstekken lassen", wiederholte der Burgermeister. "Lassen", sagte der Polizeisoldat und schob seine Dienstmutze verwegen auf das linke Ohr. Der Burgermeister wendete sich mit Ansehen zu seinem Untergebenen um und sagte: "Es ist wohl gut, Marzeters, dass Ihr die Worte Eures Vorgesetzten aufhebt, aber immer hubsch mit Umsicht verfahren! Ihr lasst ihn nicht einstecken, sondern Ihr steckt ihn ein." "Ein. Ganz wohl, Herr Burgermeister", sagte Marzeters.
Schlossherr und Behorden drangen weiter vor. Munchhausen schnarchte oben, dass die Luft unten zitterte. "Schnarch du nur!" rief der alte Baron hinauf zum Fenster. "Lebendig oder tot, wachend oder schlafend musst du fort. Konnt Ihr wohl einen schlafenden Menschen tragen, Marzeters?" Marzeters sagte:
"Wenn er nicht gar zu fest schlaft, denn dann wird die Kreatur so schwer wie ein Bleiklumpen, so trage ich ihn hinweg und ware er drei Mann hoch da." Der Schriftsteller befand sich in der hochsten Verlegenheit. Gerade in diesem Augenblicke, wo seinem Kuranden ein glanzendes Gluck bevorstand, musste ihm alles daran liegen, dass dessen Name von keinem offentlichen Skandal unangenehm beruhrt werde. Er hatte in der Tasche, was die Feinde, wenn sie es erblickten, augenblicklich zuruckschrecken musste, und dennoch wagte er nicht, davon Gebrauch zu machen, weil ja die neue Stellung Munchhausens keinen ostensiblen Charakter haben sollte. Wahrlich diplomatische Verwickelungen der eigensten Art! Er war unter denselben bis an die eingebrochene Ture zuruckgewichen. "Konnen Sie es denn vor Ihrem Gefuhle verantworten", so redete er in dieser letzten Not den Schlossherrn an, "einen Mann, der, wie ich vernommen, von Ihnen so hochgeschatzt worden ist, in dieser harten Manier zu behandeln?" "Eben darum, weil ich ihn ganz uberaus verehrt habe, soll er nun sitzen", erwiderte der alte Baron. Der Schriftsteller fand diese Entschliessung naturlich, nur nicht trostreich. "Kennen Sie mich, Herr Burgermeister?" fragte er den Beamten. "O ja, Herr ", versetzte dieser und gab ihm seinen vollen Titel und Namen. "Wir waren ja noch kurzlich in dings da zusammen." "Nun denn, ich verburge mich fur den Freiherrn von Munchhausen und verspreche, Ihnen denselben in jeder anstandigen Art zu gestellen; lassen Sie nur jetzt von ihm ab!"
"Ihre Burgschaft in Ehren fur jeden sicheren Mann, von dem man weiss, woher? und wohin?" erwiderte der Burgermeister, "aber der Munchhausen da hat, wie ich hore, weder Pass noch sonstiges Legitimationspapier, deshalb kann ich Sie nicht fur ihn gut sprechen lassen, denn er ist Vagabonde im rechtlichen Sinne des Worts." "Worts", sagte der Polizeisoldat Marzeters.
"Nun denn!" rief der Schriftsteller, der bereits in die Turoffnung selbst zuruckgedrangt war und in diesem Extreme seine ganze Entschlossenheit wiederfand "alle menschlichen Mittel sind erschopft treibt mich nicht zum Aussersten! Ehe ich den Freiherrn verhaften und beschimpfen lasse, mit dem ich es mir habe so sauer werden lassen, ehe breche das Verderben uber uns alle herein! Ihr seht, unbarmherzige Verfolger meines Schutzlings, ich habe ziemlich starke Arme, zwar bin ich kein Simson, aber dieses Schloss ist auch nicht das philistervolle Haus zu Gasa; sondern geborsten, zerspalten und kaum noch in seinen Wanden stehend. Ich fasse diese Pfosten an und neige mich vorwarts, wenn ihr beharret, und die Sprunge und Wandrisse hier herum mussten mich sehr tauschen, oder es gelingt mir, einen Teil des Mauerwerks auf mich und euch zu sturzen, und moge Munchhausen dann mit herabfallen, immerhin! Denn es ist besser, dass er ehrlich von Freundes Hand sterbe, als dass er schmahlich in die Fesseln der Polizei gerate!"
Er fasste die Turpfeiler an. Der Burgermeister rief angstlich:
"Um Gottes willen, Herr Baron, zuruck! Er macht Ernst; man kennt ihn darin. Er pflegt zu seinen Bekannten zu sagen, dass er bis auf einen gewissen Punkt Geduld habe wie ein Lamm, aber uber den Punkt hinaus sei es mit dem Lamme fur ewige Zeiten vorbei."
"Was wollen Sie denn?" fragte der alte Baron zitternd vor ohnmachtigem Grimme. Marzeters war uber die mutmassliche Fallweite des Schlosses zuruckgesprungen, und wiederholte zum ersten Male in seinem Leben entsetzenshalber nicht das letzte Wort des Vorgesetzten. Der Schriftsteller begehrte kalt einen Waffenstillstand von einer Stunde, wahrend welcher ihm, wie er sagte, hoffentlich etwas einfallen werde, wodurch sich alle Teile zufriedenstellen lassen mochten. Widrigenfalls sollten die Feindseligkeiten dann aufs neue beginnen. Dieser Vorschlag wurde angenommen. Dem Schlossherrn gestattete der Verteidiger, zu der Burg seiner Vater einzugehen, doch musste er sich auf Ehrenwort verpflichten, innerhalb seiner vier Wande nichts Feindliches wider den Freiherrn vorzunehmen und mit Ablauf des Waffenstillstandes sich wieder hinauszubegeben. Dem Burgermeister und dem Polizeisoldaten wurde ihr Standquartier auf dem Hofe angewiesen.
Der Schriftsteller ging stirnreibend in das Schloss. Das war ein grosser Fehler. Er busste damit den besten strategischen Vorteil ein. Vor dem Schlosse beherrschte er den Kampf, nun aber wurden Ereignisse moglich, welche dem ganzen Gange der Operationen eine von seinem Willen unabhangige Wendung gaben.
Immer heftiger war der Wind geworden. Er hatte den unheimlichen Nebel herangeweht, Haarrauch geheissen. Man konnte nicht vierzig Schritte weit sehen. Unter dem Schutze dieses Dunstes ruckten, als kaum der tapfere Kommandant von Schnick-SchnackSchnurr das Zimmer seines Kuranden betreten hatte, von allen Seiten, gefuhrt durch den blinden Zufall, Massen gegen das Schloss vor, welche den Waffenstillstand nicht mit abgeschlossen hatten und folglich den Burgfrieden keinesweges zu achten brauchten.
Achtes Kapitel
Entdeckungen uber Entdeckungen
Es war ein Uhr mittags. Der alte Baron hatte heute noch nicht einen Bissen genossen. Ihn hungerte trotz alles Argers. Er suchte Emerentien, sie war aber freilich weder im Wohnzimmer noch in ihrem Schlafgemache zu finden. In der Kuche sah er ein verglimmendes Feuer. "Mich dunkt, wir sollten heute Sauerbraten bekommen", sagte er, "vielleicht ist er gar und ich kann mir immer schon ein Stuckchen abschneiden fur den ersten Angriff." Es roch recht lieblich und nahrhaft da zwischen den Brandmauern, aber ach, die Topfe und Schusseln auf dem Herde waren leer. Auf dem Schemel lag die Hauskatze, eine von den schwarz- und gelbgestreiften, ruhig und harmlos, mit zugekniffenen Augen spinnend. Der alte Baron sah grimmig von den leeren Schusseln nach der Katze, von dieser nach jenen. Er hielt sich nicht langer und mit dem Rufe:
"Ich will dir Bestie denn doch endlich das Fressen wohl verleiden!" gab er der armen Unschuldigen einen so heftigen Schlag, dass das treue Haustier schreiend aufsprang und winselnd forthinkte, denn eine Pfote war ihm von dem Stockschlage gelahmt worden.
Der Blick des zornigen Hausherrn fiel auf ein Buch, welches neben dem Herde lag. Er erkannte Emerentias Handschrift, wurde neugierig und begann darin zu lesen, nur die letzten Blatter, so dass er nicht den ganzen Zusammenhang von seiner Tochter Gedanken und Gefuhlen daraus entnehmen konnte, aber leider erfuhr er schon durch das, was er las, ein neues, nur zu grosses Unheil.
Es war Emerentias Tagebuch. Sie pflegte, was sie am Abend geschrieben, am Morgen darauf in der Kuche zu ihrer Erholung sich vorzulesen. Nun hatte sie in den letzten Wochen, da sich der Schatz ihrer anderweitigen Vorstellungen und Erinnerungen ausgeleert haben mochte, nur eingezeichnet, was sie an Lebensmitteln dem maskierten Fursten zugesteckt hatte, den sie aus einer zartlichen Grille gerade auf diesen Blattern nur Karlos nannte, also mit dem Namen, der ihrem Vater entzifferbar war. Zu seinem Entsetzen las er demnach, dass der Bediente Karl Buttervogel die Katze gewesen war, welche das Schloss in Hungersnot versetzt, dass sein eigenes Fleisch und Blut dieses hausliche Elend gestiftet hatte.
Ohne ein Wort zu sagen, liess er das Tagebuch fallen. Heimlich murmelnd ging er die Treppe nach dem Soller hinauf in seine Gerichtsstube, als musse ihm da irgendein Gedanke kommen, der ihm Luft in die Brust schaffen konne. Munchhausen hatte er fast vergessen. Karlos, den Schmetterling oder die Katze, wie man ihn nun nennen will, abzustrafen, nicht mit Worten, sondern mit Werken, dahin zielten alle seine Gedanken. Oben musterte er irren Blickes die abgelegte Garderobe seiner Gemahlin, die an den Pflocken umherhing. Man hatte sehen konnen, dass seine Vorstellungen nicht bei diesen Roben, Spenzern und Taffentmanteln waren, die Augen suchten nur mechanisch Gegenstande, um sich anzuheften. Er riss, ohne zu wissen, was er tat, ein altes Kleid vom Pflocke, dahinter wurde ihm ein Paar Pistolen an Nageln aufgehangt, sichtbar, und neben den Pistolen hing ein Pulverhorn. Die Pistolen von den Nageln nehmend, versuchte er ihre Schlosser. Sie waren gut eingeolt gewesen, die Hahne knackten und die Steine gaben lustig Feuer. Er schuttelte das Pulverhorn, es war nicht leer. Er lud die eine Pistole, und wurde zum Verhangnis vielleicht auch noch eine Kugel gefunden haben, wenn er nicht in seinem gefahrlichen Werke von jemand unterbrochen worden ware, und zwar von dem, den er in seinem erbitterten Sinne trug.
Karl Buttervogel betrat namlich, gerade als der alte Baron die Pistole mit Pulver geladen hatte, ohne vorher anzupochen, die Gerichtsstube, um die Gebote seiner Dame auszufuhren. Er betrat die Stube mit den Empfindungen eines Fursten, eines Liebenden und eines Esslustigen. Hechelkram schwebte zwar seiner Seele immer nur noch in unbestimmten Umrissen vor, desto fester zeichneten sich die Gefuhle des Liebenden und Esslustigen in ihm. Stolz und keck trug er sich, hatte Stiefeln und Rock rein abgeburstet, den lackierten Hut in der Hand, und das rot und weiss geblumte Halstuch von Zitz vorn in einer ubermassig grossen Schleife zusammengebunden. Zum Zierat war von ihm in dem Knopfloche ein Tannenreis und eine gelbe Malve befestigt worden.
So trat er hochst mutvoll und sicher, denn ihn starkte die Erinnerung an Emerentias rotes Kleid, zu dem Manne ein, dessen Schwiegersohn zu heissen jetzt sein heissestes Verlangen war.
Die Zuge des alten Barons nahmen bei Karls Erscheinen den Ausdruck einer giftigen Sussigkeit an. Er setzte sich in seinen Lehnstuhl, legte die Pistolen vor sich auf den Tisch, holte tief Atem und sagte dann: "Er kommt mir gerade recht, mein Sohn."
"Allerdings Sohn, nichts als Sohn und so weiter Sohn", versetzte Karl sich rauspernd.
"Trete Er doch etwas naher hieher zu mir", sagte der alte Baron, indem die Finger seiner rechten Hand unruhig auf dem Tische spielten.
"Niemals vor jetzt", erwiderte Karl Buttervogel und setzte seinen lackierten Hut auf, denn er glaubte als Furst und glucklich Liebender sich diese Rucksicht schuldig zu sein. "Sondern hier stehenbleiben und der Tisch zwischen uns, wahrend die Anhaltung geschieht und Maske fallen gelassen wird. Denn alles muss seine Ordnung haben, und wenn keine Ordnung mehr in der Welt ist in Fursten- und Heiratssachen, so ware der Mensch ein Dummerjahn und ein rechter Flegel. Also hier stehenbleiben aus der Entfernung, in dieser Distanz und Augenmass von zehn Fuss wird Rede gehalten und nachher noch Zeit genug zum Hingehen und Niederfallen und Handkussen, wenn Ruhrung ausbricht, geschluchzt wird und Schwiegervater Schwiegersohn umarmt, insofern namlich nichts weiter als dieses ausser allem dem Sonstigen platterdings unmoglich wenngleich schwierig und wirklich effektiv."
Der alte Baron sah den Bedienten, der in diesen fremden Zungen redete, sprachlos an.
"Da man namlich Furst ist "
Der Schlossherr fasste seinen Kopf mit beiden Handen. Karl fuhr, ohne sich storen zu lassen, die Hande in die Hosentaschen steckend (denn er hielt dies fur vornehm), und sich auf den Fussen hin und her wiegend (das kam ihm namlich erhaben vor), fort: "Da man namlich Furst ist, so wird Hechelkram sich finden, wenn auch verborgen vor jetzt und in Zukunft. Maske ware hiemit fallen gelassen, hier oben wie unten im Garten. Nach diesem Schwiegersohnsangelegenheit sehr notig und fast schon zu spat. Nichtsdestoweniger, weil namlich uberhaupt und dennoch gnadiges Fraulein sehr von mir angegriffen gewesen, und durchaus gewollt, ich soll's sein, zugesagt darauf, immer Wurst und Eier und Rindfleisch gegeben, und jetzt sich meisterhaft angezogen, Sauerbraten gekocht, so wird Widerstand unmoglich und wofern fernerweite gute Verkostigung ausgemacht wird, muss sich Rieke in Stuttgart das Maul wischen und obgleich keine Bestechung erfolgt ist, was schmerzlich war und unrecht, einen Bedienten fur nichts und wieder nichts verfuhren zu wollen, so wird hiemit um die Hand gebeten und ganzlich entschlossen ist man, Fraulein unten im Garten zu heiraten."
"Er will sich mit meiner Tochter verbinden?" stammelte der alte Baron.
"Dieses ware die Absicht und Contentement, wofern Heirat zur Verbindung gehort", sagte Karl.
"Komme Er jetzt wenigstens, mein Sohnchen", schmeichelte der Schlossherr in einem keuchenden Tone. "Komme Er jetzt wenigstens zu mir."
"Ganz wohl", versetzte Karl Buttervogel. "Man sieht, dass Ruhrung im Gang ist und Tranen nicht ohne sein werden."
Er ging zu seinem Schwiegervater, der die Zeit kaum erwarten zu konnen schien, um sich an dem Schwiegersohne zu letzen. Den Hut auf dem Kopfe behaltend, kniete er vor dem alten Baron nieder und sagte: "Folglich bate man hiedurch um Ihren Segen!"
"Da hast du den Segen, du Racker, du Spitzbube!" schrie der Alte und reichte dem Liebenden eine der schwersten, klatschendsten und schmerzhaftesten Ohrfeigen, welche wohl jemals in Deutschland geschlagen worden sind. Der Hut fiel dem Geohrfeigten vom Kopfe, er sprang heulend auf, hielt die blutige feuernde Wange mit beiden Handen und sturzte nach der Ture. Der grimmig-gereizte alte Mann aber sturzte ihm, die eine Pistole ergreifend nach zur Treppe, uberlaut rufend: "Tot schiess' ich den Halunken! den Hund! die Katze, die ganz Schnick-Schnack-Schnurr kahlgefressen hat!"
Der Bediente voran auf der Treppe, der alte Baron hinterher
Hier verrichtet unsere Erzahlung das Mirakel, welches einst jenem Wundertater, dessen Name mir entfallen ist, gelang. Er war in ein Sterbehaus berufen, um einen Toten aufzuerwecken, unterweges sah er einen Schneider aus dem Fenster sturzen, den hiess er, weil er keine Zeit fur ihn ubrig hatte, so lange in der Luft schweben, bis er vom Toten zuruck ware, tat hierauf im Sterbehause was seines Amtes war, kehrte darnach zu dem schwebenden Schneider zuruck und liess ihn sanftlich zur Erde nieder kommen.
Unsere Erzahlung hat dringende Geschafte in Munchhausens Zimmer, sie fixiert daher den Bedienten Karl Buttervogel und den alten Baron Schnuck im Herabsturzen von der Treppe und lauft zum Freiherrn, wo sie in dem engen Stubchen vor den vielen Menschen, die es inzwischen erfullt haben, kaum noch ein Unterkommen finden kann. Denn unter dem Mantel des Haarrauches waren die drei Unbefriedigten, der Ehinger Spitzenkramer und Semilasso in das Schloss eingedrungen. Froh uber die Offnung, die nach ihrem Abzuge entstanden war, hatten sie nicht aufeinander geachtet, waren, vom Instinkt geleitet, die Treppe hinauf und in das Zimmer gegangen, worin sich nun grosse und merkwurdige Entdeckungen zutragen sollten. "Ja, er ist es!" riefen die drei Unbefriedigten.
"C'est lui", sagte Semilasso.
"'s ist der namliche", sprach der Ehinger Spitzenkramer.
Diese Personen umstanden in verschiedener Stellung das Bette des Freiherrn. Der Ehinger klopfte namlich mit seinem Stocke den Schlafer sanft unter den Fusssohlen, um ihn zu erwecken, Semilasso sah ihn mehr von weitem durch seine Glaser an, die drei Unbefriedigten hatten die Hande des Schlafenden inbrunstig gefasst und Karl Gabriel der Dichter war neben dem Bette auf die Kniee gesunken. Munchhausen liess sich von dem klopfenden Stocke des Ehingers nicht erwecken, sondern behielt sein Engelslacheln bei. Der Schriftsteller, welcher sich so hatte uberrumpeln lassen, sass mit einem verlegenen Gesichte hinter dem Tische und zeichnete mit der Feder allerhand seltsame und inkorrekte Arabesken auf einen Bogen Papier, welcher vor ihm lag. Die Fremden aber ergingen sich in freudigen Ausrufungen uber das Gluck, ihre Vermutungen bestatigt zu finden, Karl Gabriel sprach von der poetischen Divination, die ihm Schnick-Schnack-Schnurr als das leuchtende Grab gezeigt habe, worin dieser Merlin des neunzehnten Jahrhunderts ruhe und Orakel spende, Karl Emanuel sagte, er habe sich, als der Meister ihnen in Schwaben jammervoll abhanden gekommen sei, a priori konstruiert, dass er in Westfalen sein musse, Karl Nathanael sprach von einem glucklichen politischen apercu, welches ihm den Weg gewiesen, der Ehinger schwatzte von seinem Vetter Bestelmeier, der hausierend hier durchgekommen und ihm in Aschaffenburg auf der Schlossterrasse erzahlt habe, so ein grungelber Teufelskerl, wie damals einer bei ihnen zu Ehingen gewesen, sei ihm allhier zu Pferd sichtbar geworden, der vornehme Deutschturke wollte durch Korrespondenten in Bonn die Nachricht erhalten haben, welche ihn gleichzeitig mit den anderen nach diesem Schlosse gezogen hatte.
Nach so freudigen Reden schien aber die Szene ernster werden zu wollen. Denn der Ehinger, welcher die drei Unbefriedigten wie die Kletten an dem Freiherrn hangen sah und ihn mit seinem Stocke nicht erwecken konnte, meinte vermutlich, dies durch ein herzhaftes Schutteln bei den Handen sicherer bewerkstelligen zu konnen, rief ihnen daher zu: "Marsch, ihr Grunrock'! Was tut ihr so nahe bei meinem Captain, lasst mich hinzu, denn das Hemd ist ihm naher als der Rock!" und wollte Karl Gabriel wegziehen. Karl Gabriel stiess aber mit der anderen verwandten Hand den Ehinger zuruck, der Ehinger wollte Gewalt brauchen, Karl Nathanael und Karl Emanuel schutzten den Bruder, der Ehinger tobte und schimpfte, die drei Bruder riefen: "Was will der Mensch bei unserem Meister?" und alles schien sich zu einer Zankerei oder gar Schlagerei anzulassen. Semilasso litt wahrend dieser lauten Vorgange sehr. Auch er hatte die schmerzliche Sehnsucht nach dem Freiherrn und wusste ja, dass er nur ihm angehore. Dennoch verbot ihm ungeachtet seiner Genialitat das angestammte Wappengefuhl sich zwischen so niedere Personlichkeiten zu drangen, von denen er leicht einen Stoss oder Schlag erhalten konnte. Er sah sich daher angstlich nach dem Schriftsteller um und sagte zu diesem, wahrend die anderen um den Freiherrn, wie um den Leichnam des Patroklus sich stritten: "Mein Herr, Sie scheinen hier der einzige Unparteiische zu sein, ich ersuche Sie, das Richteramt zu ubernehmen und jene Franken und Unglaubigen dort von meinem Doktor durch die Kraft vernunftiger Zuredungen zu entfernen, denn mein ist er und mir gehort er an!"
"Meine Herren!" rief hier der Schriftsteller, froh, wieder zu der Leitung der Angelegenheiten berufen zu werden, mit seiner Stentorstimme. Die Streitenden liessen ab und horchten auf. "Meine Herren, dieser wundersame Mann, der trotz des Lar-mens, welchen Sie zu erregen so gefallig sind, seinen Schlummer fortsetzt, scheint eine alte Bekanntschaft von Ihnen zu sein." "Nun freilich!" versetzten alle.
"Gleichwohl will es mir vorkommen, als walteten noch etliche und zwar nicht geringe Missverstandnisse in betreff der Personlichkeit ob", fuhr der Schriftsteller fort.
"Kein Missverstandnis nit, nit das mindeste Missverstandnis, kein Gedank' von einem Missverstandnis", eiferte der Ehinger Spitzenmann. "Er ist kein Missverstandnis nit, sondern der Captain Gooseberry, wie er sich selbst genannt hat, in Diensten der Konigin der Koralleninseln im Stillen Weltmeer, welcher letzthin bei uns auf der Schwabischen Alb war, und uns das grosse, profitliche Auswanderungsprojekt vorlegte, mir und meinen funfzig Freunden zu Ehingen."
"Je proteste hautement contre toute atteinte, qu'on voudroit porter a mes droits", lispelte Semilasso. "Der Mann tauscht sich auf eine eklatante Weise. Ich versichere bei meiner Ehre, dass ich das Vergnugen habe, in diesem Schlafer den Doktor Reifenschlager wiederzuerkennen, den grossen produktiven Kopf, dessen Bekanntschaft ich vor kaum einem Jahre in Agypten machte. Er war es, der meine Ideen von Rasseveredelung unter den Menschen durch reine Kreuzungen gesunder Exemplare ohne weitere Formalitaten, ausbildete und in vierundzwanzig Stunden den Plan zu einem Vollblutsinstitute vorlaufig unter den Kassuben entwarf. Ich verlor ihn zufallig bei der Pyramide des Cheops aus den Augen und nachmals horte ich, er habe sich in Alexandrien eingeschifft, von wo mir denn aber spaterhin eine Zeitlang alle Spuren ausgingen."
"Grenzenlose Irrtumer!" riefen die drei Unbefriedigten. "Lasst mich reden, Bruder", sagte Karl Emanuel, "denn als Philosoph werde ich die Fassung behalten, welche hier not tut. Schlummernder vergib, dass ich vor solchen Ohren es entweihe! Nein, Packenmann Ihr und Morgenlander Ihr, der Mann da, der mehr als Mensch ist, dieser heilig Ruhende ist weder ein elender Captain Gooseberry von den Korallenriffen, noch der Vollblutsdoktor Reifenschlager bei der Pyramide des Cheops, sondern kein anderer, als " Er hielt atmend inne.
"Wer?" fragten alle voll der hochsten Spannung.
" ... der grosste Mann der Zeit, kein Mann eigentlich mehr, sondern der Begriff des Mannes, oder der mannliche Begriff, vielleicht noch zu konkret ist dieses gefasst, abstrakter gegriffen muss es von ihm heissen, der Begriff ..."
Munchhausen niesete im Schlummer. "Zur Gesundheit!" riefen die Anwesenden.
" ... griff, riff, iff, ff", fuhr Karl Emanuel fort. "O, konnte ich ihn doch nur abstrakt genug nennen! Der reine Begriff, riff, iff, ff; scheinbar nur gestorben am vierzehnten November 1831 an den Folgen der Cholera, scheinbar begraben auf dem Kirchhofe draussen vor dem Tore, wo in dem Sarge statt seiner das Nichts liegt, welches wieder das Etwas ist, in der Tat fortlebend, Tabak schnupfend und Whist spielend, also nicht bloss mit dem subjektiven Fuhlen, Meinen und Wahnen gefasst, sondern wirklich und folglich vernunftig mit einem Worte: Der grosse, unsterbliche, ewige Hegel, welcher ist der Paraklet, das heisst der Geist, zur Vollendung der Zeiten versprochen, mit dem anhebt das Tausendjahrige Reich, in welchem herrschen sollen die Hegelianer."
"Erlauben Sie", sagte der Schriftsteller, "dieses wird mir selbst etwas zu transzendental. Wie verstehen Sie das eigentlich, mein Allerwertester?"
"Rede du in Bildern, Gabriel, zu der Menge", sprach Karl Emanuel. "Die Ausdrucke des Systems klingen unbeschnittenen Ohren dunkel."
Karl Gabriel, der Dichter, sagte: "Der grosse Mann fuhlte namlich, dass sein Werk vollendet sei auf Erden fur den grossen Haufen. Er fuhlte, dass es Zeit sei, sich in die heilige Unsichtbarkeit zuruckzuziehen und in dieser fur wenige Eingeweihte durch die letzten und hochsten Wunder des Geistes zu wirken. Er tat daher mit Hulfe einer grandiosen Intrige, welche die Redner am Grabe spielten, so, als sterbe er und werde begraben, wurde aber aufgehoben von seinen Jungern, nahm bei Nacht Extrapost nach Zehlendorf und weiter, und geht nun umher in der Verborgenheit, sich einzelnen Erwahlten offenbarend und diesen die innersten Arkana der Weisheit enthullend.
Uns drei Brudern manifestierte er sich auf einem Spaziergange bei Stuttgart, stillte alle unsere Schmerzen, befriedigte unser Sehnen und spielte mit uns Whist. Dann verschwand er uns, und endlich nach Jammer und Leid sehen wir ihn hier wieder, zwar schlafend, aber auch im Schlafe als Gott."
Neuntes Kapitel
Der Schriftsteller Immermann eroffnet das Protokoll
uber die Frage Munchhausen
Die Eroffnungen Karl Emanuels und Karl Gabriels wurden bei nur einigermassen ruhigen Menschen die grosste Sensation hervorgebracht haben. Aber in dem erregten Kreise, welcher sich um das Bette des schlafenden Freiherrn gebildet hatte, verhallten sie fast wirkungslos. Alle drangten auf den Schriftsteller ein und verlangten, ein jeder an seinem Teile, er solle die anderen aus dem Zimmer entfernen, wobei jedoch, wie sich von selbst versteht, die drei Unbefriedigten nur fur einen Mann standen. Keiner kannte den erwahlten Schiedsrichter; das tat aber nichts; denn es kam ihnen nur auf einen Richterspruch an. So geschah hier, was allenthalben unter ahnlichen Umstanden geschieht. Wenn ein paar Menschen sich tuchtig zanken, so rufen sie einen zufallig Vorubergehenden zur Entscheidung auf, weil jeder meint, dass diese unmoglich wider ihn ausfallen konne.
Der Schriftsteller sah auf seine Uhr und erschrak, weil nur noch funfzehn Minuten vom Waffenstillstande ubrig waren. Er sagte den Interessenten an Munchhausen in fliegender Hast, der Gegenstand ihrer Liebe und Verehrung liege gewissermassen da wie Polen vor der ersten Teilung oder heutzutage Luxemburg und Limburg9. Er wolle daher uber die allseitigen Behauptungen, Anspruche und Befugnisse Protokoll eroffnen, bitte aber, sie deutlich und vor allen Dingen kurz zu fassen.
Damit waren alle einverstanden. Semilasso bat nur mit einem feinen Lacheln, einige Arrierepensees haben zu durfen. Immermann faltete den Bogen, auf den er die Arabesken gekritzelt hatte, schrieb an den Kopf des Bogens: "Actum dann und dann", und verzeichnete zwischen den Schnorkeln, Ranken, Vogelkopfen und Fratzen, womit das Papier bedeckt war, folgende Erklarungen der Anwesenden10.
Semilasso gibt historisch zu erkennen, dass Schlummernder, welcher kein anderer sei, als der Doktor Reifenschlager von der Pyramide des Cheops, ihm versprochen habe, das Vollbluts- und Menschenveredelungsinstitut auf seinen Gutern in der Lausitz einzurichten. Verlangt daher, dass Schlummerer, sobald er erwache, mit ihm in Schritt ab- und nach der Lausitz fahre, wo die Fonds fur das Institut schon bereitgestellt seien.
Ehinger Spitzenkramer: Captain Gooseberry, der da schlaft, hat ihm und seinen funfzig Ehinger Freunden im Auftrage der Konigin der Koralleninseln Land auf dem Stillen Weltmeere zugesagt. Wer dreissig Morgen nimmt, bekommt vierzig Gulden Belohnung. Geld braucht keiner mitzubringen, denn es ist alles an Ort und Stelle umsonst zu haben. Man lebt dort meistens von Pasteten, die der grosse Pastetenbaum tragt, die Landespflanze. Er kommt wild fort, tragt dann aber warme Pasteten, die geringere Frucht. Wird einige Kultur an den Baum gewandt, so tragt er die wohlschmeckenderen kalten Pasteten und, je nachdem der Dunger ist, mit Rebhuhner- oder Hasengefullsel. Die Konigin der Koralleninseln wird die Kolonisten Reihe herum heiraten; nach der Hochzeitnacht erhalt der jedesmalige Gatte ein Paar baumwollener Strumpfe, eine schwarzseidene Nachtmutze, einen Rock von Zwillich und heisst Prinz von Geblut. Die Kolonistinnen kriegen Minister und heissen dann burgerliche Madamen. Verlangt, dass Captain Gooseberry sich baldigst nach Bremen begebe, ihm und seinen funfzig Ehinger Freunden das Schiff anzeige, mit welchem sie absegeln konnen, ihnen zugleich Reisegeld und Landscheine uberschicke.
Die drei Unbefriedigten durch den Mund Karl Gabriels: Bitten wortlich ihre Erklarungen zu Protokoll zu nehmen. "Wir waren bodenlos unglucklich, das Leben sah uns durr an wie die Wuste Sahara und trieb uns Staubwirbel in die Augen. Wir lechzten wie trockene Eimer in der Sonnenglut, denn ich Karl Gabriel konnte kein Trauerspiel machen, Karl Nathanael keine nie erhorte politische Wahrheit, Karl Emanuel kein neues System. Da erschien uns jener schlummernde Gottmensch, vernahm unsere Note, entdeckte sich uns und die Geschichte seiner wunderbaren Entruckung in die Unsichtbarkeit, erloste uns von der Pein der Nichtbefriedigung. Er offenbarte uns namlich, dass seine Philosophie da draussen in der Welt nur die Hulle einiger geheim abgezogener Formeln sei, mit Hulfe welcher man alles zustande bringen konne, selbst Butter und Kase. Mir, dem Dichter, gelobte er die Formel fur das reine und abstrakte Trauerspiel, welches ich 'Das Trauerspiel' nennen solle, dem Staatsmann verhiess er die Formel fur die nie erhorte politische Wahrheit, dem Philosophen machte er kund, dass zwar uber sein eigenes System hinaus, wie fur sich klar sei, nichts liege, dass er ihm aber die Formel geben wolle, wonach es verstandlich werde. Wir beiden anderen spurten einen stillen Neid auf Karl Emanuel, denn offenbar war diesem das grosste Geschenk verheissen worden.
Inmitten der vorbereitenden Weihen verschwand er, entschwand er, schwand. Wir verlangen, dass man uns allein lasse bei ihm, zu kussen seine leuchtenden Fusse, zu fassen den Zipfel seines Mantels, zu harren, bis er aufwacht und uns die drei abstrakten Formeln mitteilt."
Es waren nur noch zehn Minuten vom Waffenstillstande ubrig. Der Schriftsteller befand sich in der sichtlichsten Verlegenheit, denn samtliche Interessenten an Munchhausen riefen ihn jetzt zur Entscheidung auf, die, das sah er vorher, sie mochte ausfallen, wie sie wollte, ihm die Interessenten nicht vom Halse schaffen, sondern sie ihm erst recht auf den Hals bringen wurde. Immer dichter zog sich der Knauel der Anwesenden um ihn zusammen, da rief er in einem Anstosse von Verzweiflung: "Ich setze hiemit ein Provisorium fest, denn nur die Zeit kann die Schlichtung so verschiedenartiger Forderungen bringen. Jener grosse Mann und angebliche Reifenschlager-Gooseberry-Hegel bleibt auf gemeinschaftliche Kosten liegen, samtliche Herren, welche ihn fur sich reklamieren, ziehen sich vor das Schloss zuruck und auch ich halte mir Protokoll offen fur die Anspruche des Hofes, in dessen geheimen Diensten ich zu stehen die Ehre habe. Dieser wunderbare Schlafer ist namlich weder der Doktor Reifenschlager, noch der Captain Gooseberry, noch der in die Unsichtbarkeit aufgehobene unsterbliche Hegel, sondern "
Zehntes Kapitel
Ein Munkel! Ein Munkel!
"Ein Munkel, ein Munkel!" schrie Karl Buttervogel, entsetzt hereinsturzend und den Kopf mit beiden Handen haltend. Ein Schuss fiel dicht vor der Ture, alle Anwesende erschraken und zogen sich in eine Fensterecke zuruck, der alte Baron aber trat wutend mit der abgeschossenen Pistole in der Hand zur Ture herein.
Karl Buttervogel war auf den Schuss gegen den Tisch gesturzt, hatte diesen umgerannt, die Glaser zerbrochen, die chemischen Flussigkeiten rauchten am Boden umher oder atzten Locher in das Arabeskenprotokoll bei dem Eintritte seines Verfolgers aber taumelte er aufheulend hinter das Bette des Freiherrn, kauerte sich dort nieder und ergoss sich in einer unhemmbaren Flut von Grunden, Bitten und Gestandnissen, denn die Todesfurcht hatte seine Zunge zu wundersamer Gelaufigkeit entbunden, und er schwatzte unaufhaltsam vermutlich deshalb, weil er glaubte, so lange als er rede, noch nicht totgeschossen zu sein.
Der Schriftsteller, der in diesem Dunst, Dampf, Knall, Getummel kaum sich selbst vor dem Umgeranntwerden zu bewahren vermocht hatte, trat uber den umgesturzten Tisch, das teilweise durchlocherte Konferenzprotokoll und die rauchenden Flussigkeiten hinweg heftig auf den alten Baron zu und rief, die Uhr ihm vor die Augen haltend: "Diesen groblichen Bruch der Vertrage moge Ihnen das Volkerrecht verzeihen, Herr Baron, ich kann es nicht. Sie haben die Feindseligkeiten dreissig Sekunden vor Ablauf des Waffenstillstandes begonnen."
"Mein Herr", polterte der alte Baron, "der Sie sich hier einmischen, ohne dass ich begreife, mit welchem Rechte, ich habe es nicht mit Ihrem albernen Waffenstillstande, noch mit jenem verruchten Nachschlafer von neun Monaten, drei Tagen und achtzehn Stunden zu tun, sondern ich verfolge mein Recht wider den Kerl von Bedienten, der mich noch groblicher beleidigt hat, als der Herr, der Turenverrammler! Erst mich abgefressen, und kahlgefressen; die Katze, das unschuldige Tier, in schandlichen Verdacht und Prugel gebracht, und dann zu guter Letzt mich und meine Tochter noch durch freche Reden beschimpft der Gaudieb "
" ... in Ruhrung gewesen, ganz aufgelost fast vor Tranen, nichts als Schwiegersohn vom Kopf zum Fuss, hingekrochen wie ein Hund zum gnadigen Herrn, um den Segen gebeten, und dann statt des Segens Ohrfeigen gekriegt, oh, oh, oh, das schmerzt, das tut weh ..." wimmerte Karl Buttervogel dazwischen.
"Also hinweg, mein Herr, und hindern Sie mich nicht in meinem Hausrechte!" rief der alte Baron. "Diese Pistole war nur blind geladen und ich schoss ab, weil Donner und Knall das Herz des Mannes erfrischt, aber den Schuft da will ich hinter dem Bette seines Schelms von Gebieter hervorholen und ihm mit dem Kolben der Pistole so lange den Rucken dreschen, bis er genug hat, und das soll kein leerer Larmen sein."
"Nun dann in Gottes Namen!" rief der Schriftsteller. "Ich sehe, die Gegenwart ist zu einer planmassigen Behandlung grosser Angelegenheiten nicht geeignet. Vergebens, dass man uber eine Frage der Zeit den Bogen zum Protokolle bricht und alles in den schonsten Gang bringt in der Nachbarschaft fangen ein Paar Narren miteinander Spektakel an, blind wird geknallt, der eine Narr fluchtet sich auf neutrales Gebiet, der andere hinterdrein und umgeschmissen ist Protokoll, Konferenz, Tisch, und die Sache steht auf dem Kopfe, die eben noch auf den Fussen stand. So walte denn du weiter, Macht der Umstande! Ich ergebe mich in deine Fugungen." Er trat zur Seite, einen wehmutigen Blick auf den Schlummernden werfend.
Der alte Baron naherte sich mit starken Schritten dem Bette und rief Karl Buttervogel mit donnernder Stimme zu: "Will Er wohl gleich dahinter hervorkommen?"
"Nein, niemals dahinter hervor!" rief Karl, der inzwischen unaufhorlich fortgesprochen hatte, ohne dass auf ihn gehort worden war, zitternd. "Niemals dahinter hervor, denn so ein Pistolenkolben sieht nicht, wohin er schlagt, aber alles andere dem gnadigen Herrn zu Gefallen tun, wie gerne! Denn durch so eine Ohrfeige wird das Menschenkind schon klug gemacht und alle schlechten Gedanken gehen ihm aus dem Kopfe von Furst und Hechelkram und vornehmer Lieb' und es sein wollen, wenn fernerweite gute Verkostigung zugesagt wird, und Riek' in Stuttgart ist vor mich gut genug und keine andere, und auf diesen Herrn da, der schlaft, ganz und gar keine Rucksicht zu nehmen notig, denn wer so seinen Bedienten in der Not verlasst und einschlummert, wenn man blind geladen totgeschossen worden ist, der ist gar kein Herr nicht, sondern nur ein schlechter Munkel."
"Was? Der Doktor Reifenschlager? Der Captain Gooseberry? Der unsterbliche Hegel?" riefen die Interessenten an Munchhausen dazwischen.
"Munkel! Munkel! Munkel! Nichts als Munkel, so hat er sich selbst genannt, wenn er mir von seiner Erzeugung die verfluchten und ganz unmenschlichen Geschichten erzahlte!" schrie Karl Buttervogel lauter.
"Der Mensch will vermutlich Homunkulus sagen", sprach der Schriftsteller.
"Und ich weiss doch, was der gnadige Herr Baron da mit der Pistole bedeuten wollen und wornach Ihr Sinn steht, und Not bricht Eisen und fur nichts und wieder nichts verrate ich meinen Herrn nicht, aber fur funf Taler hatte ich's schon heut morgen getan und sein Leben muss der Mensch retten und wenn einem das Wasser bis an den Kragen geht, so schreit die Kreatur, und niedertrachtig ist es dabei hergegangen, wie mein Herr entstanden ist, und wenn der Mensch nicht mehr von Vater und Mutter abstammt, so hort aller Verlass auf; denn bloss so zusammengekocht zu werden, wie mein Herr, das ist nichts und kann ein jeder. Und weil meines gnadigen Herrn sein gnadiger Herr Vater mit seiner gnadigen Frau Gemahlin keine Kinder zuwege bringen konnte, weil die gnadige Frau den gnadigen Herrn nur aus Achtung fur den alten Lugen-munchhausen, den gnadigen Herrn Grossvater von meinem gnadigen Herrn geheiratet hatte, was eine trockene Ehe gibt, und der gnadige Herr Vater doch so gern einen Herrn Sohn gehabt hatten ganz vor sich und apart und ohne schonen Dank an die gnadige Frau und so viel verstanden haben von Apothekerwissenschaften und unnaturlichen Schnurralien, so haben sie da meinen Herrn einstmals aus verschiedenem Jux und Siebensachen, Gassen, Kochsalz, Salpeter und was weiss ich sonst noch alles von Teufelskram zusammengebraten, geschmort, gekocht, geschmolzen, gerostet, abfiltriert, woruber sie eine uberaus ausnehmende Freude gehabt, aber in schrecklichen Verdruss mit der gnadigen Frau gekommen, die den sogenannten Herrn Sohn aus dem Schmelztiegel und der Bratpfanne gar nicht vor Augen haben leiden mogen, denn das konnen die Weibsleute nicht vertragen, so etwas, und alles muss seinen regularen Gang gehen bei ihnen, und deshalb auch immer nachmals mein gnadiger Herr sich chemisch geschmiert, mit den Sachen, die ich aus der Apotheke geholt, um sich wieder aufzufullen und herzustellen, und mir alles dieses vor Jahren schon entdeckt aus Bedurfnis nach einem liebenden Freunde, weil sie auch sehr betrubt gewesen sind uber diese Geheimnisse und nur mit Schmerzen an ihren Herrn Vater gedacht, und da fliesst sie ja noch heute am Boden umher die chemische Schmierung und also ist es nun heraus und am Tage, was mein gnadiger Herr eigentlich sind, und weil ich doch nun meinem ehemaligen Herrn Schwiegervater ganz umsonst einen so schonen Gefallen getan habe, so bitte ich gehorsamst, dass Sie die Absicht aufgeben mit dem Pistolenkolben, denn ich bin unglucklich genug, und von Wurst und Eiern und Rindfleisch wird wohl nichts weiter gebrummt werden, weshalb mir noch der technische Mitdirektor bleibt und das ist gewiss und wahrhaftig, dass er kein naturlich entstandener Menschenchrist ist, wie wir alle, sondern ein von seinem chemischen Saurenvater, wie er ihn auch unterweilen nannte, zusammenpraparierter Munkel, dieser Herr von Munchhausen."
"Munchhausen?" riefen die Interessenten erstaunt.
"Munchhausen heisst der Mann, der Ihnen das Menschenrasseveredelungsinstitut organisieren, Ihnen Land auf den Koralleninseln verschaffen, Ihnen die drei magischen abstrakten Formeln mitteilen wollte", sagte der Schriftsteller. "Es durften noch mehrere Plane und Projekte von ihm an das Tageslicht kommen, die er unter verschiedenen Gestalten zum Wohle der Menschheit ersonnen, wenn einmal sein Leben vollstandig beschrieben werden wird." "Aber wer ist er denn eigentlich?" fragten alle. "Sein eigener Vater und Grossvater, der nie gestorbene nimmer verwelkte ehemalige Jagd- und Pferdegeschichtenerzahler Freiherr von Munchhausen auf und zu Bodenwerder", sagte der Freiherr, der sich hier zum Erstaunen der Versammlung starr und steif von seinem Bette emporrichtete, mit hohlem Ton und weitgeoffneten glasernen Augen. "Im Besitz eines Lebens- und Verjungungselexiers; dadurch erhalten, restauriert und nach Massgabe der Zeiten metamorphosiert schon seit nunmehro zwei Menschenaltern, was jener Tropf von Bedienten missverstandlich aufgefasst hat, wie denn uberhaupt der Freiherr von Munchhausen oft so unglucklich gewesen ist, missverstanden zu werden."
Nach dieser neuen Erklarung schloss Reifenschlager-Gooseberry-Hegel-Homunkulus-Munchhausen die Augen und fiel abermals zu dem Schlummer des Gerechten nieder. Unter den Anwesenden aber zeigten sich Symptome, dass ihr Verstand solchen Vorfallen nicht gewachsen sei.
Der alte Baron stand abseitig und stiess mit der Fussspitze an die Scherben der Glaser, als wollte er deren Inhalt untersuchen. Er hatte, sobald Karl Buttervogel seiner wundersamen Entdeckungen quitt geworden war, die Pistole sinken lassen und seine Augen nahmen allgemach einen seltsam-irren Ausdruck an. Zuweilen warf er dem Schlafer einen scheuen Blick von der Seite zu und murmelte dabei: "Nicht einmal ein Mensch, nur ein Munkel, o pfui, und ihn du genannt pfui pfui!" Die Interessenten rieben mit sonderbaren Gebarden die Stirnen, Semilasso rezitierte franzosische Verse, der Ehinger hieb mit dem Stocke auf den Boden, die drei Unbefriedigten kehrten ihre Sammetkappen um, so dass die Schirme hinten zu sitzen kamen. Draussen pfiff der Wind, das alte Schloss bewegte sich in seinen Grundfesten und die Sonne sah durch den weissen Dunst, in ihrem Strahlenlichte geschwacht und entstellt, wie ein riesiger gelber Eidotter zum Fenster herein. Alle fuhlten, dass ihre Vernunft im Schwanken war, und nur Karl Buttervogel war mit seinem Lose zufrieden. Er sass hinter dem Bette und dankte Gott, dass er durch einen Verrat zur rechten Zeit dem drohenden Pistolenkolben entgangen war.
In dieser allgemeinen Not und Bedrangnis erschien der Schriftsteller wieder als der einzige noch ubrige Halt; und alle wiederholten ihre Frage an ihn: "Wer ist er denn eigentlich?"
"Meine Herren", versetzte der Schriftsteller, "ich weiss es nicht."
"Wie?"
"Mir ist vielleicht mehr von seinen Lebensumstanden bekannt als Ihnen", sagte Immermann, "wer er aber eigentlich ist, das weiss ich so wenig, als Sie."
Eilftes Kapitel
Der Brief eines Erbprinzen rettet den Helden vor der
Polizei
"Wenn er nur erst sitzt, so wollen wir es bald herauskriegen" mit diesen Worten betrat der Burgermeister, den kein Waffenstillstand mehr hemmte, gefolgt von seinem Untergebenen, die Stube. "Denn solche Angaben, wie ich zum Teil unten vor dem Fenster gehort habe, streiten gegen alle Wahrscheinlichkeit und dadurch lasse ich mich nicht irremachen", setzte der entschlossene Mann hinzu und gab dem Polizeisoldaten Marzeters den Befehl, Munchhausen, wenn er nicht erwachen wollte, aufzuheben und fortzutragen. Marzeters naherte sich dem Bette. In diesem Augenblicke aber erwachte der ganze Enthusiasmus der Anhanger. Ohne an ihre Spaltungen zu denken, die unheimlichen Entdeckungen uber des Freiherrn Personlichkeit vergessend, scharten sich die Unbefriedigten und der Ehinger um das Lager, entschlossen zum aussersten Widerstande gegen die offentliche Macht, welche ihnen den Helden ihrer Hoffnungen und Aussichten rauben wollte. Selbst Semilasso vergass seinen Stand und stellte sich als Kamerad dicht neben den Ehinger, denn er dachte nur an sein Institut nach dem Muster von Trakehnen und an weiter nichts sonst. Vergebens war es, dass der Burgermeister Gehorsam dem Gesetze forderte, die Interessenten riefen, dieser Mann sei uber dem Gesetze. Der Burgermeister aber, der in seinem Amte nicht mit sich scherzen liess, sagte zu Marzeters: "Der Kerls sind zu viele und wir stehen gegen die Ubermacht, also lauft und holt Bauernhulfe, Landsturm aus der nachsten Nachbarschaft! Haben mussen wir ihn!" "Ihn", wiederholte Marzeters und lief fort. Auch die Drohung schreckte indessen die Anhanger nicht, ihre Mienen wurden nur noch entschlossener. Die Unbefriedigten krempelten ihre Rokkarmel auf, der Ehinger schwang seinen schweren Prugel, Semilasso zog sogar einen turkischen Dolch, von dem er behauptete, er sei an der Spitze vergiftet. Alles redete durcheinander und die Szene schien sich zu einem Blutvergiessen anzulassen, wenn die aufgebotene Hulfe wirklich herbeikam. In diesem Gewirre hatte sich der Schriftsteller dem Kopfende des Bettes genahert und der Freiherr flusterte ihm aus seinem Schlummer unhorbar fur die anderen zu: "Es hilft nicht, das letzte Mittel muss gebraucht werden, brauchen Sie es!" Als nun das Getose am heftigsten tobte und der Burgermeister schon rief: "Da kommen ja die Bauern!" zog der Schriftsteller rasch einen Brief mit grossem Siegel aus der Tasche und sprach mit lauter Stimme: "Im Namen des Hofes, in dessen geheimen Diensten ich zu stehen die Ehre habe, bitte ich um Ruhe und Gehor."
Der Larmen verstummte, das Siegel wurde besehen, von Semilasso und von dem Burgermeister in seiner bedeutenden Eigenschaft anerkannt, von den anderen nicht bezweifelt. Der Burgermeister rief den Bauern, die inzwischen vor dem Schlosse angekommen waren, zu, sie sollten unten warten, der Schriftsteller aber eroffnete der ganzen Versammlung, dass dieser Mann, an den sich so viele Forderungen und Erwartungen knupften, fernerhin nicht mehr dem Privatleben angehoren konne, am allerwenigsten ein Gegenstand polizeilicher Verfolgung sei, sondern zu hohen Dingen, zu einer offentlichen Stellung berufen, nunmehr in eine ganz andere Spahre ubergehe. Der geistreiche Erbprinz von Dunkelblasenheim wahle ihn namlich zu seinem Gesellschafter und Vertrauten.
Obgleich nun das Gebiet, auf dem sich unsere Geschichte ereignete, nicht zu Dunkelblasenheim gehorte, und obgleich die Anwesenden, ausser Semilasso, kaum fruher von dem Lande Dunkelblasenheim gehort hatten, so wirkte doch die blosse Erwahnung eines Hofes mit magischer Kraft auf die Loyalitat samtlicher Versammelten. Kein Wort wurde laut, in den Mienen sprach sich Hingebung und Unterwurfigkeit unter die Beschlusse irgendwelches Erbprinzen aus; der Burgermeister nahm seine Mutze ab.
Der Schriftsteller erbrach den Brief und las folgendes Berufungsschreiben vor:
"Ich erwarte Sie mit Ungeduld. Nie habe ich mich auf jemand so gefreut, wie auf Sie. Seitdem ich Sie im Bade zu * sah, nahmen Sie mir Kopf und Herz, wie eine Geliebte ein. Sie kennen die schwierigen Verhaltnisse, unter denen Sie hier vorderhand auftreten mussen, der Oberkammerherr wird aber Ihre Schritte leiten, er beherrscht das Terrain und Sie durfen ihm vertrauen. Ich mag nicht gern versprechen, hoffe aber, dass Sie mit mir zufrieden sein sollen, wenn die Toten ihre Toten begraben haben werden und das Leben an das Tageslicht kommt.
Munchhausen, horen Sie das Wort eines Mannes, dessen Hande leider noch gebunden sind: Ihnen wird er die Zukunft des Landes anbefehlen. Inzwischen wollen wir uber den alten Sauerteig lachen, schone Plane bilden, einander von Tage zu Tage mehr werden. Sehen Sie in mir nicht den Herrn; ich bin stolz darauf, den geistreichsten und liebenswurdigsten Mann unserer Zeit meinen Freund nennen zu durfen. Unser Unterhandler hat sich die Burgerkrone damit verdient, dass er Sie hieher zu bringen wusste."
Empfindungen verschiedener Art erregte dieses Schreiben. Erstaunen, Verehrung und Schmerz machten sich durch halbe Reden, Ausrufungen, Seufzer Luft. Am kurzesten fasste sich der Burgermeister, denn nachdem er noch einmal das Siegel angesehen hatte, machte er vor dem Schlafer eine tiefe Verbeugung, bat den Schriftsteller, er moge, wenn der Freund des ihm unbekannten Erbprinzen aufwache, ein gutes Wort fur ihn einlegen und ihm sagen, wie zart er sich benommen habe, denn Gunst am Hofe, liege dieser, wo er wolle, konne nicht und niemals schaden. Dann ging er hinunter, sagte zu den Bauern und zu Marzeters, sie mochten nach Hause gehen, es sei ein Irrtum vorgefallen, der Fremde sei kein Vagabonde, sondern ein angesehener Mann und eine grosse Kreatur, und begab sich dann selbst nach Hause.
Aber die drei Unbefriedigten und der Ehinger Spitzenkramer wehklagten, dass ihre Freude so kurz gedauert habe. Sie fragten auch mit niedergeschlagenen Blicken, ob denn alle Hoffnung verschwunden sei, dass der Wiedergefundene nicht dennoch der Captain Gooseberry von den Koralleninseln, oder der unsterbliche Hegel sein konne, und der Name Munchhausen nur eine Larve sei? worauf der Schriftsteller ihnen erwiderte, dass ihm zwar jene Charaktere problematisch zu sein schienen, dass aber dadurch der wunderbare Gehalt des ausserordentlichen Mannes durchaus nicht geschmalert werde, dass man vielmehr fest glauben musse, er werde halten, was er versprochen. Der Schriftsteller fugte trostend hinzu, sie mochten demnach nur mit Vertrauen der Anweisungen auf Land in den Koralleninseln, wo die warmen und kalten Pastetenbaume wuchsen, sowie der abstrakten drei Formeln harren, er werde bei seinem grossen Freunde die Sache in Anregung bringen, sobald dieser die ersten Wochen am Hofe uberwunden habe. Munchhausen werde nach wie vor der Heiland der nach dem Unerhorten verlangenden Menschheit bleiben.
Damit mussten sich die abgewiesenen Interessenten nun freilich zufriedengeben, aber das Scheiden tat ihnen doch weh. Die drei Unbefriedigten waren noch bleicher geworden, als sie gewohnlich aussahen; sie kussten dem schlummernden Meister die Hande. Karl Gabriel hauchte einen leisen Kuss auf seine Lippen und flusterte: "O sei dennoch Hegel und gib uns die drei Formeln!" und dann gingen sie aus der Stube und hatten gern geweint, wenn sie vor Trockenheit dazu vermogend gewesen waren. Der Ehinger schlug mit seinem Stocke abermals sanft gegen die Fusssohlen des Freiherrn und sagte: "Adieu! Ei, was werden die funfzig Ehinger Freunde sagen!" und ging dann auch.
Semilasso war zuruckgeblieben. "Reifenschlager oder Nichtreifenschlager", sagte er; "das Institut richtet er mir ein, das weiss ich, denn mag er den anderen Leuten etwas vorgeflunkert haben, mit mir meinte er es wahr, die Idee von der Veredelung der Menschenrasse hatte ihn wahrhaft ergriffen."
He took a french leave d.h. er wollte abziehen, wie Katz' vom Taubenschlag, doch unter der Ture wandte er sich um. Er naherte sich dem Schriftsteller und sagte: "Apropos, die Anstellung an dem Hofe, in dessen geheimen Diensten Sie zu stehen die Ehre haben, hat noch ein dessous des cartes, bekennen Sie das nur. Mir sind die Verhaltnisse jenes Hofes so ziemlich klar, ich weiss, wie abhangig der Erbprinz ist, niemals hatte er gewagt sich selbstandig einen Gesellschafter anzuschaffen, also muss der alte Herr seinen Konsens gegeben haben; wie aber passt unser Held fur den?"
"Nun freilich", versetzte der Schriftsteller, "die Sache hat allerdings noch ihren Haken. Mit Ew. Gnaden kann man schon frei reden, Sie verstehen sich auf solche Feinheiten. Vor den geringen Leuten mochte ich nicht davon sprechen. Munchhausen wird nur anonymer Gesellschafter des Erbprinzen, eigentlich Geheimer Huhneraugenessenzbereiter bei dem alten regierenden Herrn ohne offiziellen Charakter wegen der Rucksichten, die auf den Obersanitatsrat zu nehmen sind."
Zwolftes Kapitel
Eine wundersam verwickelte Hofgeschichte
"Geheimer Huhneraugenessenzbereiter?" fragte Semilasso mit einem feinen Lacheln.
"Geheimer Huhneraugenessenzbereiter", sagte der Schriftsteller. "Wenn Sie die Verhaltnisse des Hofes, in dessen geheimen Diensten ich zu stehen die Ehre habe, kennen, so werden Sie wissen, dass der alte Herzog in dem Spleen seiner vorgeruckten Jahre nur noch ein Interesse an seinen Huhneraugen nimmt, die ihn in der Tat auch arg plagen. Ohne diese Pein aber wurde dennoch die ganze Existenz des alten Herrn zusammenbrechen, denn der Verdruss gehort ihm zum Leben notwendig hinzu; er ist einer von den Charakteren, die aus Liebhaberei verdriesslich sind. Diese maussade Laune erleichtert ubrigens die Staatsverwaltung ausserordentlich. Die Regierungsgeschafte werden in Dunkelblasenheim auf eine hochst einfache Art getrieben; namlich wenn den alten Herrn die Huhneraugen zu heftig schmerzen, so schlagt er etwas ab, und wenn es leidlich damit steht, so genehmigt er, auf solche Weise motivieren sich die unerwartetsten Entschliessungen ganz naturlich. Das Schneiden der Huhneraugen war daher auch von jeher eines der wichtigsten Geschafte am Hofe; der Obersanitatsrat war damit begnadiget, nun ist der Mann auch alt geworden, hat blode Augen bekommen und in den letzten Jahren den Herzog mehrmals in das Fleisch geschnitten, woraus denn strenge Regierungsmassregeln entsprangen. Der alte Herr verlangte daher schon seit einiger Zeit nach einer Abhulfe dieses Ubelstandes."
Semilasso lachelte noch feiner, und der Erzahler fuhr fort:
"Dem Vater gegenuber steht nun der Erbe, ein von jenem durchaus verschiedener Charakter, witzig, phantasievoll, ein geistreicher Herr, gleichsam ein Genie, oder kurz ja hm ..."
Semilasso lachelte immer feiner, und der Erzahler fuhr fort:
"Er langweilt sich auch, denn er mochte gern regieren. Seine gewohnliche Gesellschaft war ihm etwas abschmeckend geworden und es mochte dies ungefahr zu derselben Zeit sich ereignet haben, als der Obersanitatsrat den Vater am haufigsten in das Fleisch geschnitten hatte. Er begann daher sich nach einem anregenden Umgange zu sehnen, nach einem Universalkopfe, der ihn bestandig beschaftige, gerade als der Vater nach einer sanfteren Behandlung seiner Huhneraugen verlangte."
Semilasso lachelte nun so fein, dass keine Feder die Feinheit dieses Lachelns mehr beschreiben kann. Der Erzahler kam dadurch beinahe aus der Fassung, die jedem Erzahler not tut, fuhr indessen doch fort:
"Der Oberkammerherr hatte die Wunsche des regierenden und zukunftigen Herrn, welche ihm Befehle sein mussten, zu vernehmen. Der Oberkammerherr hat eine sehr zarte Stellung zwischen Gegenwart und Zukunft. Der Oberkammerherr hatte mit den grossten Schwierigkeiten nach allen Seiten hin zu kampfen. Die offenbarste war, dem Erben zu genugen. Niemals, wie Sie sehr richtig ahneten, wurde der regierende Herr zugelassen haben, dass der Erbe sich ein Genie zum Ideenaustausche halte, denn von Ideen und Genie mag er uberhaupt nichts wissen.
In dieser Verlegenheit konnte ich dem Oberkammerherrn helfen. Dass Munchhausen der Mann fur den Erbprinzen sei, daruber waren wir bald einig, es ware aber hiemit noch nichts gewonnen gewesen, wenn dieser seltene Charakter, der nichts unter seiner Wurde halt, nicht zufallig einer neuen Huhneraugenessenz auf der Spur gewesen ware und sie wirklich endlich entdeckt hatte, ein probates Mittel, welches das Ubel zwar nicht zu heben vermag, da es uberhaupt unheilbar ist, aber es doch bedeutend lindert, so dass der alte Herr, der schon mehrere Flaschen derselben verbraucht hat, sich seitdem nur in dem Zustande einer fortwahrenden Semi-Verdriesslichkeit befindet. Durch diesen glucklichen Zufall war der Ausweg gebahnt. Munchhausen geht namlich an den Hof von Dunkelblasenheim und der alte Herr weiss nicht anders, als dass er bloss seiner Huhneraugen wegen komme. Nur unterderhand wird er das Gesellschaftsgenie des jungen Herrn, der an ihm, wie an einer verbotenen Frucht naschen will. Man fuhlt aber wohl, dass eben wegen dieser Heimlichkeit sein Einfluss unberechenbar werden muss, und dass er recht eigentlich dazu bestimmt ist, kunftig eine grosse Rolle im Herzogtume zu spielen. Ich habe mir daher auch schon ein Heft weissen Papieres einbinden lassen und den Titel darauf gesetzt: 'Munchhausen am Hofe'; denn meine Feder soll seinen Schritten auch in dieser hohen Sphare mit der Zeit folgen."
"Sie sagten aber, wenn ich nicht irre, dass auch seine Anstellung bei dem regierenden Herrn keinen offiziellen Charakter haben werde?"
"Ja, das ist eben das Schonste. Der Umstand, den ich nun zu berichten habe, bot die zweite interessante Schwierigkeit dar. Der alte Herr hangt namlich an dem Obersanitatsrat, nicht aus Liebe, sondern aus Gewohnheit, wie an einem alten Stuck Meuble, weil der Mann denn doch seine vierundzwanzig Jahre hindurch das Amt versehen hat. Er befahl daher ausdrucklich, dass der Obersanitatsrat von dem Substituten und dessen Mittel nichts erfahren durfe. Dieses Geheiss war nun in der Tat schwer auszufuhren. Endlich fanden wir dennoch Rat, der Oberkammerherr und ich. Der Obersanitatsrat bekommt namlich alle Sonnabende, welche von jeher die gewohnlichen Schneidetage waren, ein stumpfes Messer in die Hand geschoben, womit der dem Herzoge weder helfen noch schaden kann und damit bildet er sich denn ein sein Amt zu verrichten. Wir hatten fur diese List Antezedentien, denn es gibt ihrer mehrere in Dunkelblasenheim, welche sich die Illusion machen, mit stumpfen Messern ihre Pflicht zu tun.
Der alte Herr ist aber ganz glucklich daruber, dass er zum ersten Male in seinem Leben ein Geheimnis vor Hof und Staat hat, da bisher Hof und Staat nur Geheimnisse vor ihm hatten. So ist diese Intrige in mehreren Gangen und Stockwerken, einem uber dem anderen, gleich den Stollen in dem Salzbergwerke von Wieliczka oder den Totenkammern in den Katakomben ausgehohlt und ausgetieft, und man wird immer recht den Kopf zusammennehmen mussen, um die Beziehungen, in welchen Munchhausen nur Geheimer Huhneraugenessenzbereiter und in welchen er geheimster Gesellschafter des Erbprinzen ist, klar auseinanderzuhalten."
"Aber irgendeinen offentlichen und anerkannten Charakter muss er doch haben, um Figur in Dunkelblasenheim machen zu konnen", sagte Semilasso. "Car sans titre vous n'y etes rien du tout."
"Der Herzog hat ihm den Schatz ubertragen", versetzte der Schriftsteller. "So hat er Ehre und kann doch keinen Schaden tun, denn im Schatze von Dunkelblasenheim ist nie etwas. Ew. Gnaden sehen nun zugleich", fuhr der Schriftsteller fort, indem er einen bedeutenden Blick auf die Glasscherben und auf die Flecke, welche die inzwischen verdampften chemischen Flussigkeiten in das Arabeskenprotokoll eingefressen hatten, warf, "wie fur uns Eingeweihte das Homunkuluswunder, welches dieser seltene Schwarmer seinen nachsten Umgebungen vorgeredet hatte, oder seine Umgebungen sich hatte einbilden lassen, naturlich ausgeht. Huhneraugenessenzbereitungsversuche! Nichts als Huhneraugenessenzbereitungsversuche!"
"Schade!" rief Semilasso und seufzte. "Ich hatte mir schon gedacht ..." Er vollendete nicht, sondern ging nach einem zweiten Seufzer und einem Blicke auf Munchhausen, in dem sich eine gemischte Empfindung spiegelte, von dannen. In seiner Seele war durch den Wunderbericht Karl Buttervogels eine grosse Bewegung entstanden; er war der einzige in dem Kreise der Interessenten gewesen, der ihm eine gewisse Sympathie, wenigstens eine Hinneigung zur Sympathie gewidmet und schon im stillen erwogen hatte, ob nicht statt des Menschenrasseveredelungsinstitutes eine chemische Menschenfabrik zu grunden sein mochte. Denn Semilasso hielt so wenig als irgendein Kavalier auf die Wunder des Evangeliums, um desto mehr aber auf die modernen Wunder. Nun an der Quelle unterrichtet, dass Munchhausen kein sich mit Gas und Sauren auffullender Homunkulus, sondern nur ein Wirklicher Geheimer Huhneraugenessenzbereiter war, fuhlte er sich etwas enttauscht, ging in dieser Stimmung die Schlossstrasse hinunter, setzte sich verstimmt zu seinen Affen und Papageien in die turkische Ochsenkarre, fuhr im Schritt durch Sturm und Nebel davon, fror und hatte heute gern im Dampfwagen auf der Eisenbahn oder auch nur in der Schnellpost gesessen, denn er begriff, dass es Lagen des Lebens gibt, in welchen man am liebsten warm sitzt und wie andere gewohnliche Menschen rasch vom Flecke kommt.
Dreizehntes Kapitel
Der einzige praktische Charakter dieses Buches
erreicht seinen Zweck
Die letzten Verhandlungen zwischen dem Schriftsteller und Semilasso waren ohne einen anderen Zeugen als den schlafenden Helden, um dessen Ruhestatt die Ereignisse sich in so sturmischem Wirbel drehten, vor sich gegangen. Der alte Baron war namlich noch vor dem Scheiden der Interessenten stillschwarmend aus der Stube gewankt, mit den Fingern vor sich hin gestikulierend, die Sollertreppe hinauf. Sein altes Gehirn stand dem vereinten Angriffe so vieler Abenteuer nicht langer, es wich und gab der Zerstorung nach. Oben auf der Gerichtsstube begann er ein gefahrliches Werk, unbemerkt, denn in dem Schlosse achtete jetzt keiner auf den anderen.
Karl Buttervogel hatte sich dagegen, als die Interessenten an Munchhausen und der Burgermeister sich zum Kampfe rusteten, in dieser Aufregung und Verwirrung leise hinter dem Bette empor und in das Fenster geschwungen, wo die Leiter von den drei Unbefriedigten her noch angelehnt stand. Katzengeschwinde setzte er seine Fusse auf dieses erwunschte Fluchtmittel und klomm darauf mit ungemeiner Schnelligkeit draussen hinunter, festen Willens, das Schloss, in welchem er so trube Erfahrungen gemacht hatte, nie wieder zu betreten. Auch in ihm war wahrend der vorangegangenen drangvollen Momente eine grosse Veranderung geschehen. Die Ohrfeige, welche er zum Segen empfangen, und dann der angedrohte Pistolenkolben hatten ihn ganzlich hergestellt und in die ihm gewiesenen Schranken zuruckgefuhrt. Karl Buttervogel war ein durchaus praktischer Charakter; die Tauschungen des Gefuhls und der Einbildungskraft konnten ihn auch wohl eine Zeitlang mitnehmen, aber die Wirklichkeit blieb seine Lehrerin und Freundin.
Sein Streben ging jetzt nach dem Gartenhause auf dem Schneckenberge, aber die grosste Furcht hatte er, dem Fraulein zu begegnen. Denn alle Gedanken an eine Verbindung mit ihr, an seine Furstenwurde und an Hechelkram waren aus ihm herausgeohrfeigt worden und selbst auf fernerweite gute Verkostigung wollte er lieber verzichten, als immer einem Manne gegenuberstehen, der auf eine so schmerzliche Art sich weigerte, ihm Vater zu werden.
Der Himmel hilft dem, der mit Ernst sich vorsetzt, ein neues Leben zu beginnen. Als er von der Seite in den Garten lugte, sah er den Schneckenberg von seiner Geliebten unbesetzt. Sie war in ihrer ungeduldigen Erwartung auf die Entscheidungen aus dem Schlosse aufgestanden, hatte den Berg verlassen und ging unten im Garten zwischen den ausgewachsenen Taxuswanden mit grossen Schritten hin und her, immerdar die ersten beiden Verse ihres Schicksalsliedes singend.
Karl Buttervogel schlich, um ganz sicher zu verfahren, entlangst der Hecke aussen durch die Dornen, kroch abermals durch das Loch in der Hecke, rutschte, um nicht gesehen zu werden, auf dem Bauche den Schneckenberg hinan, fand zu seiner grossten Freude oben den Sauerbraten unversehrt, nahm ihn eiligst und schlupfte damit schleunigst in sein Gartenhauslein. Dort geborgen dankte er zuvorderst Gott, dass ihm in dem Schiffbruche seiner Hoffnungen wenigstens dieser Troster geblieben sei. Dann aber fasste er den Entschluss, der ihm wie durch eine Erleuchtung von oben kam. Er beschloss namlich, die Verbindung mit dem Freiherrn, die zu seinem Naturell und Wesen ihm immer unpassender zu werden schien, zu losen, mit anderen Worten, unverweilt und auf der Stelle ganz und gar fortzulaufen. Es gibt Orte, an welchen die Leute, wie in der Hohle des Trophonius, erhabenen Wahnsinn zu sprechen anfangen, wenn sie dieselben betreten; dieses Gartenhaus schien dagegen bestimmt zu sein, die Insassen zur gesunden Vernunft zuruckzubringen. Der Schulmeister Agesel hatte darin einst sich und seinen Verstand gefunden, Karl war der zweite, dem zwischen diesen Wanden ein Licht uber seine eigentliche Lage aufging.
Er entsagte der Aussicht auf die technische Mitdirektorschaft und fuhlte bloss, dass er ein Bedienter sei, dem sein Herr vor wenigen Tagen den Lohn voll ausbezahlt habe, und der ein Paar Stiefeln von jenem in Verwahrung fuhre, die ihm fur das seitdem Verfallene Bezahlung seien. Rasch seine Siebensachen zusammenpackend, den Tornister auf den Rucken hangend, die Stiefeln Munchhausens daruber geschnallt, den Sauerbraten nicht vergessend, sondern ihn in die Serviette sturzend, erspahte er den Augenblick, wo Emerentia zwischen den Taxuswanden dem Gebirge Taygetus den Rucken wendete. Jetzt sprang er mit Tornister, Stiefeln und Sauerbraten zum Gartenhause hinaus, das Gebirge hinunter, kroch wiederum, nun aber zum letzten Male durch das Heckenloch, fuhlte sich im Freien und frei, hielt sich aber nicht auf, sondern lief was er laufen konnte durch Dornen, Disteln und Gestrauch, bis er atmend eine freie Anhohe erreichte, auf der er stillstehend sich umblickte. Er sah niemand in der Nahe und beschloss daher die Wanderung nun gemutlicher fortzusetzen, vorher aber sich durch eine Mahlzeit zu starken.
Es war die Anhohe, auf welcher die weiland Luftfabrik zu stehen kommen sollte. Jetzt setzte sich Karl Buttervogel darauf nieder und ass dort seinen Sauerbraten, der keine Luftgestalt war. So hatte dieser praktische Mensch einen wahren und reellen Vorteil aus dem Schlosse Schnick-Schnack-Schnurr davongetragen, an dem Tage, an welchem den ubrigen, die mit grossen Erwartungen in dasselbe einzogen, dort nur Verfehlung, Enttauschung, Schmerz uber den grossen Mann, der vor ihren Augen zwar nicht zum Himmel aber doch zu Hofe emporgehoben wurde, aufging. Nachdem er den Sauerbraten verzehrt hatte, dankte er abermals Gott und ging dann, sich der ersten Herrschaft, die er auf seinem Wege finden mochte, als einen treuen und geschickten Menschen, der auch mit Pferden umzugehen wisse, anzubieten. Unterweges trug er sich nach seiner Manier wohl an die hundert Grunde vor, warum er weglaufe; genugend erschien schon der einzige, dass er sich vor ferneren Prugeln im Schlosse furchtete.
Vierzehntes Kapitel
Eine furchtbare Laune des Geschicks
"Triumph!" rief der Schriftsteller, als Munchhausens Zimmer rein geworden war.
"Triumph!" rief der Freiherr und sprang vom Lager auf. "Das war eine Schlacht, wie die an der Moskwa, und schlafend habe ich sie gewonnen, bloss durch meinen General habe ich gesiegt."
"Lassen wir die sinistern Erinnerungen ruhen!" versetzte der Schriftsteller. "Sie wollten Euch zerreissen, wie die Bacchantinnen den Orpheus und jeder wollte sich seinen Teil zueignen, aber ich habe Euch ganz, unzerteilt, unzerstuckelt erhalten. Reifenschlager, Gooseberry usw. usw."
" ... Professor Pips, Lord Drum, Mr. Raquette, Legationsrat von Sachtleben, Duca di ... di ..."
" ... usw. usw. Vertieft Euch nicht in die Vergangenheit. Fort aus dem verwunschten Schlosse! Wenn noch jemand kame "
Munchhausen schrak etwas zusammen, dann aber fasste er sich und sagte: "Dieser Jemand wird nicht kommen. Es ware ja die albernste Laune, eine Laune, die ich selbst dem Schicksale nicht zutraue, wenn ein junger, plumper, unerfahrener Mensch mich ausfindig machte; zudem ist das Schloss in diesem verruchten Nebel auf zwanzig Schritte Entfernung nicht zu sehen."
Ein Hacken wie mit einem Beile liess sich uber ihren Kopfen vernehmen, zugleich sang Emerentia unten lauter, ohne dass die Worte verstandlich waren. Der Wind schnob, pfiff, die Wande schutterten. Der Schriftsteller machte ein angstliches Gesicht. Er verlangte, dass Munchhausen augenblicklich mit ihm das Schloss verlassen solle. "Nein!" rief der Freiherr, "dort im Schlafe ist mir ein allerliebstes spirituelles Billett an den Erbprinzen eingefallen, worin ich ihm den Plan unserer kunftigen geheimen genialen Lebensweise vorzeichnen will, und zugleich ein submisses Danksagungsschreiben an den regierenden Herrn fur meine semioffizielle Anstellung in den angemessensten Ausdrucken; solche Ideen, Penseen, Attrappen und Calembourgs mussen aber improvisiert und nicht destilliert werden, nur aus dem Stegreif geraten sie."
"Toller Mensch!" rief der Schriftsteller und bezeichnete ihm den Ort, wo er seiner mit den Wechseln zur Reise nach Dunkelblasenheim warten wollte. Es war ein Dorf ganz in der Nahe, wo sich eine fur Altertumsfreunde merkwurdige Kirche mit einer sonderbar geformten Krypte befand. "Bestellt ein gutes Abendessen, sprengt einen Burschen fur doppeltes Trinkgeld nach der Stadt, um uns Champagner zu verschaffen; wir wollen einen lustigen Abend haben und uns des Lebens freuen, das wie Champagner zu brausen beginnt!" rief der Freiherr seinem Kurator nach.
Er ging trallernd ein paarmal in der Stube auf und nieder, richtete den umgesturzten Tisch auf, legte sich zwei Bogen Postpapier zurecht, und schrieb nun, wahrend das Schloss schutterte, der Wind heulte und das Lied Emerentias unten wie das Lied der Parzen immer schrillender klang, gleichzeitig die beiden Briefe, den spirituellen und den submissen, erst eine Zeile Geist an den Erbprinzen und dann eine Zeile Angemessenes an den regierenden Herrn.
Dazwischen schnitt er lustige Grimassen, pfiff die Anfange von Opernarien, oder deklamierte grosse Rauscheworte aus Tragodien. Sein buntes, abenteuerliches, wildes Leben war ihm wahrend des Schlafes in der Schlacht vor der Seele vorubergegangen, er fuhlte sich von sich begeistert, er war in einer komischen Ekstase. Das Leben bei Hofe, seine wunderbare Doppelstellung zwischen den Huhneraugen des alten und dem geistigen Bedurfnisse des jungen Herrn sah ihn aristophanisch schillernd an, er blickte in eine ganze Welt von Schnurren und diplomatischen Faxen hinein.
In diesem Rausche vernahm er nicht, dass jemand mit entschiedenem Schritte die Treppe heraufkam, die Ture offnete und sich hinter ihn stellte. Er sass, das Haupt tief auf die Briefbogen gebuckt, so dass ihm der Fremde nicht in das Gesicht sehen konnte. Nachdem dieser einige Augenblicke so stillschweigend gestanden hatte, wahrend Munchhausen immer emsig fortschrieb, sagte der Fremde: "Verzeihen Sie meine Dreistigkeit, ich suche den Herrn Baron "
Munchhausen fuhr empor, unwillkurlich fiel sein Blick in den gegenuberhangenden Spiegel; er sah das Antlitz des Fremden darin, die Feder entsank seiner Hand, sein gelbes Gesicht wurde nicht grunlich, sondern weissgrau, seine Zuge, die eben sich sarkastisch geformt hatten, blieben wie gefroren in diesem Ausdrucke stehen, sein Mund offnete sich; er glich einer komischen Maske aus Stein. Der Fremde seinerseits stand gleichfalls vor Uberraschung regungs- und sprachlos. So bildeten die beiden, welche sich hier so wunderbar fanden, einige Sekunden lang die seltsamste Gruppe.
"Was!?" rief endlich Munchhausen, als er die Sprache wiederfand.
"Was!?" rief der Fremde.
"Habe ich so unerwartet die Ehre, den Herrn Grafen von Waldburg" stammelte Munchhausen.
"Zu dienen, Herr Schrimbs oder Peppel", versetzte der Jager.
"Ei, das ist ja heute ein an plotzlichen Rencontres uberaus gesegneter Tag", sagte der Freiherr, dessen Zuge jetzt wieder flussig wurden, um in ein unverhehlbares Beben uberzugehen. "Der Teufel hole den Teufel!" fugte er ingrimmig murmelnd hinzu. "Er hat mich mit den Possenspielen des Morgens und mit dem Lockgesange des Erbprinzen eingelullt, um mich nun unter die Fauste dieses Schwaben zu werfen."
"In der Tat, ich erwartete Sie nicht hier", sagte der Jager. "Da es sich indessen wider alles Vermuten so fugt "
"So will ich den Herrn vom Hause rufen, nach dem Sie, wenn ich nicht irre, verlangten", rief Munchhausen, sprang auf und wollte zur Ture hinausrennen. Der Jager vertrat ihm aber den Weg, sah auf die Pistole, die am Boden lag, und sagte kalt: "Ich danke Ihnen, Herr Schrimbs oder Peppel. Den Herrn Baron will ich mir schon selbst aufsuchen zu seiner Zeit, erst aber mit Ihnen ein altes Geschaft in Ordnung bringen."
"Wenn ich Sie nur verstande!" versetzte Munchhausen.
Der Jager erhob die Pistole vom Boden und sagte: "Ich werde mich gleich ganz deutlich machen, Herr Schrimbs oder Peppel."
"Freiherr von Munchhausen, wenn ich bitten darf", rief der Held, sich selbst vergessend.
"Desto besser. So sind Sie also von Adel und ich kann Sie bei dieser Qualitat fur mein Vorhaben um so fester halten."
Funfzehntes Kapitel
Wie der Freiherr von Munchhausen plotzlich Mut
bekommt und uberhaupt ein ganz anderer Mann ist,
als mancher sich denken mag
Munchhausen machte Schritte nach dem Fenster zu. Der Jager aber, welcher allen seinen Bewegungen mit dem Scharfblicke eines Falken folgte, sprang ihm vor und warf die von aussen angelehnte Leiter in den Hof. "Sie scheinen mich verhindern zu wollen, frische Luft zu schopfen", sagte Munchhausen, gezwungen lachelnd.
"Mein Herr", fuhr der Jager mit seiner tiefen Stimme, die in diesem Raume wie ein Donner klang, auf, "ich will im Gegenteile mit Ihnen einen Gang in die freie Luft machen. Zu dieser Pistole wird sich eine zweite hier irgendwo herum finden, denn ein Paar gehort immer zusammen, und sonach ersuche ich Sie, mir anzuzeigen, wo diese zweite liegt und etwas Pulver und Blei, denn so wahr ich der bin, dessen Namen Sie genannt haben, heute werden Sie mir nicht verschwinden, sondern mir fur das anmutige Marlein vom Ganserich und Ganschen Rede stehen. Obgleich ich Sie beinahe vergessen hatte, in ganz andere Empfindungen verloren, so lebt doch bei Ihrem Anblicke in mir das Gedachtnis an das auf, was ich mir und hauptsachlich meiner Anverwandten schuldig bin."
"Wenn ich mich uber den Sinn Ihrer Reden nicht tausche, so wollen Sie sich mit mir schiessen?" sagte der Freiherr, mit den Nasenflugeln zitternd. Sein Gegner machte eine unruhige Bewegung. "Nur noch eine Frage: War das Marchen von Ganserich und Ganschen witzig?" Der Jager schlug die Augen nieder. "Nun denn Ihr Schweigen ist auch eine Antwort was beweiset dann Ihr Pistolenschuss gegen den Witz? Sie schiessen das sterbliche Individuum Munchhausen nieder, der Witz bleibt von Ihrer Kugel ungetroffen und lebt unsterblich fort."
"Es ist noch sehr die Frage, ob ich Sie treffe; Sie konnen ebensowohl mich erschiessen!" rief der Jager.
"Nein", sagte Munchhausen auf einmal ganz ruhig, indem er den Jager von oben bis unten mit seinen Blicken musterte, "Sie werden mich totschiessen, wenn ich mich Ihrem Pistolenlaufe gegenuberstelle. Ich weiss das sicherlich. Der verruckte Zufall, der die Verspatung meiner Person an diesem Orte zuliess, der Sie nicht einige Minuten spater kommen machte, wo Sie in das leere Nest getreten waren, beweiset mir, dass das Schicksal gegenwartig betrunken ist und hin und her torkelt. Mich ergreift, mich ergreift die heisse, dicke, blinde Faust! Gerade so ein junger Herr und Graf, der ein junger Herr und Graf ist, wird berufen, einem Manne, wie ich bin, das Lebenslicht auszublasen. Ich weiss, dass Sie noch nie etwas getroffen haben, mich wurden Sie treffen, wenn ich so toll ware, Ihnen zur Scheibe zu dienen. Um also Ihnen ein grosses Verbrechen an den Erwartungen der Welt und der Welt einen grossen Verlust zu ersparen "
"Refusieren Sie das Duell?" fragte der Jager zornfunkelnd.
"Ja", versetzte der Freiherr ruhig. "Das Duell ist fur Narren und junge Landjunker, die weiter nichts als Blut in sich haben. Wissen Sie, was in mir steckt? Geist! Geist! Geist! Wenn ich sterbe, stirbt ein ganzes Gottergeschlecht von Einfallen, Phantasien, unvergleichlichen Sprungen der Laune und Erfindung. Konnen Sie meinen uber das ganze Erdenrund verbreiteten Anhangern Ersatz schaffen? Nein. Sind Sie imstande, den Erbprinzen uber mich zu trosten? Nein. Und also sage ich Ihnen, wie Mirabeau seinen Herausforderern, die ihn mit dem Munde nicht widerlegen konnten, sagte: 'Wartet, bis die Konstitution fertig sein wird' warten Sie, bis ich alle meine Erzahlungen, die dieses Rund wie ungeborene Embryonen bevolkern, vorgetragen haben werde." Er schlug bei den letzten Worten an seinen Kopf.
Des Jagers Zuge begannen, die ausserste Verachtung auszudrucken. Seine Gestalt erhob sich stolz, er stand wie ein Lowe da, der, seine Beute zu verschlingen eben im Begriff, plotzlich von ihrem Zittern zu einer geringschatzigen Grossmut hingerissen, die aufgehobene Tatze sinken lasst.
Munchhausens Glieder flogen, er fasste irr mit der Hand in sein Haar, welches sich gestraubt hatte. Es war ein erbarmenswurdiger Anblick. "Ja", rief er dumpf und keuchend, indem er die Worte muhsam hervorstiess, "ich furchte mich vor dem Tode! Der gedankenloseste Narr, der sich nicht vor ihm furchtet! Da wird mein Leib liegen, und da herum verspritzt mein Gehirn, die Werkstatt prachtiger Gebilde. Um den Mund noch ein Spott, der nicht sterben kann, und den die bleichen Lippen doch verschweigen mussen. Und dann die erstickende Erde uber einem eingepackt wie ein Hering, nur leider nicht eingesalzen dieses allgemeine Burken der Menschengeschlechter und endlich gar die Wurmer o pfui! pfui! Aus aus mit dem letzten Atemzuge!
Woher kommen wir als aus dem Nichts? Wohin werden wir gehen anders als ins Nichts? Wir entstehen, also werden wir auch vergehen. Leugnet die Konsequenz, wenn ihr's wagt! Ich sagte es mir oft, wenn ich um Mitternacht bei meiner Kerze eingeschlafen war, dann auffuhr in Gedanken der Vernichtung und mein entsetztes Gesicht gegenuber im Spiegel sah ...
Aber das Leben ist auch nur ein Fieber, ein Fieber des Nichts, mithin ein krankes Nichts! schuttelt's ab, ihr meine Nerven, lasst euch nicht unterkriegen, ihr meine tapferen Muskeln und Sehnen die Knochen bleiben ja doch eine Zeitlang nachher ubrig nichts in der Welt geht uber ein schones, reinliches Skelett so so so ah! ah! Luft! Warme! Immer besser! besser! Dieu merci, es ist uberstanden "
Der Jager hatte wahrend dieser verworrenen Reden dem Freiherrn den Rucken gewendet und das Pistol an einen Nagel gehangt. Jetzt wollte er, ohne dem von ihm verachteten Feinde einen Blick zu gonnen, aus der Ture gehen. Munchhausen aber rief ihm mit fester Stimme zu: "Herr Graf, ich ersuche Sie, zu bleiben!" Der Jager drehte sich um und sah erstaunt einen verwandelten Menschen. Munchhausens Glieder hatten Ruhe gewonnen, er stand, wie ein Mann stehen muss, sein Gesicht sah gleichmutig und zuversichtlich aus.
Im gesetztesten Tone sprach er: "Wenn Sie sich zu dem alten Herrn Baron hinaufbemuhen wollen, der sich da oben mit Holzhacken ein Vergnugen zu machen scheint, so werden Sie vermutlich von ihm eine zweite Pistole nebst Pulver und Kugeln erhalten konnen. Ich nehme diese da an der Wand und bin bereit, mit Ihnen draussen die begehrte Schiessubung anzustellen."
Die Reihe, in Verwirrung zu geraten, war jetzt an dem Jager, der sich in diese plotzliche Umwandelung einer Memme nicht zu finden wusste. "Gehen Sie, mein Herr", sagte Munchhausen, "warum, staunen Sie? Der Mut ist ein Paroxysmus, die Feigheit ist auch ein Paroxysmus. Ich habe diesen Paroxysmus, an dem manche Menschen zeitlebens leiden, in einem akuten Anfalle uberstanden. Fortan werde ich sein, was freilich bis jetzt zu dem vollen Blutenkranze meiner Eigenschaften noch mangelte, ein todverachtender Held."
Der junge Jager, der sich diesem urplotzlich entstandenen Heroismus gegenuber mit Worten nicht zu helfen wusste, fuhr in seiner Unbehulflichkeit heraus: "Ich furchte, Sie sind auch darin nur wieder ein Lugner."
"Lugner!" rief Munchhausen stolz. "Jetzt haben Sie mich beleidigt, starker, als ich Sie beleidigt hatte. Ich konnte jetzt den ersten Schuss verlangen; der Lugner verzichtet aber auf dieses Recht. Lugner!" wiederholte er mit Hoheit. "Es kann sein, dass mir der Mund uber dieses Kapitel bald versiegelt werden wird. Deshalb fuhle ich mich veranlasst, Ihnen in aller Kurze ein Kollegium von Luge und Wahrheit zu lesen.
Herr Graf, alle Menschen sind Lugner, nur mehr oder weniger entwickelte. Die sogenannten tugendhaften und edeln Charaktere haben nur nicht den Verstand zur echten und vollkommenen Luge; ihre Luge bleibt ihnen im Blute, zwischen dem massigen Fleische oder den dicken Stirnhauten stecken, sie bringen es hochstens zur Halbluge, zu der egoistischen Luge. Lugen Sie nicht, Herr Graf, wenn Sie sich so zornig, so nach meinem Blute lustern darstellen, oder tun, als liege Ihnen die Ehre Ihrer Muhme Clelia am Herzen? Das Duell mit mir ist Ihnen im Grunde ganz gleichgultig, aber Sie haben Ihren schwabischen Vettern gesagt: 'Wo ich den Schelm treffe, da geht es ihm ubel', und nun halten Sie Ihr Wort, wie wenn Sie gesagt hatten: 'Heute nachmittag wollen wir zusammen spazierengehen.' Hinz lugt, wenn er zu Kunzen sagt: 'Ich freue mich, Sie wohl zu sehen', denn er weiss gar nicht, ob Kunzen wohl ist und von Freude ist sein Herz weit entfernt; Kunz lugt, wenn er an Hinzen schreibt:
'Der Ihrige', denn er gehorte niemals Hinzen. Der Familienvater lugt, wenn er von Pflichten gegen Frau und Kinder redet; nein, sein Haus ist seine Bequemlichkeit, und die muss er sich naturlich seinerseits auch zu erhalten wissen; der Offizier, der seine Leute mit einer Rede vom Vaterlande in das Feuer fuhrt, lugt; denn an das Vaterland denkt er nicht, sondern ans Avancement, wenn die Bursche ihm mutig folgen; der Prediger auf der Kanzel lugt, der Richter im Richterstuhle lugt, der Furst auf dem Throne lugt sie lugen alle, alle, nur haben sie nicht die Virtuositat darin, sie bringen ungeschickte, phantasielose, entkraftete Lugen hervor, und ihr schweres Blut, ihr massiges Fleisch, ihre dicken Stirnhaute nennen die Halblugner Tugend.
Wie anders bei uns begunstigten Sonntagskindern, deren es freilich immer nur wenige gibt, ich aber bin ihr Chef! Gleich schonen, nackten, schlafenden Madchen liegen die Dinge um uns her, der Empfangnis gewartig; wir heiraten sie nicht in plumper Ehe, wir zeugen nicht mit ihnen schlafrig-legitime Kinder, nein, Don Juans der Erfindung, gehen wir zwischen diesen wollustig geoffneten Lippen, zwischen diesen Busen und Huften auf und nieder und scherzen hier und kussen dort, und erwacht fuhlen sie sich Mutter, woruber die alten Vettern und Basen sich des Todes verwundern wollen; den gesegneten Schossen aber entspringen kleine mutige Kobolde, tolle Kinder der Liebe, an denen freilich kein gutes Haar und kein wahres Wort ist. Sie sind ein durchaus rechtschaffener Mann, Herr Graf, und unfahig solches Leichtsinnes, danken Sie Gott fur Ihre Tugend, aber richten Sie nicht uber unsereinen. Ich bin der Casar der Lugen; ich kann von mir sagen, wie 'der krummnasige Kerl von Rom': Ich kam, sah und log!" "Jetzt hole ich das Pistol!" rief der Jager. "Das ware nun eine Antwort! Aber halt, noch einen Augenblick!" sagte Munchhausen, zog aus seinem Busen eine goldene Kapsel von ziemlicher Grosse, druckte am Scharnier, dass sie aufsprang und liess den Jager hineinsehen. Es lag ein Packchen Staatspapiere, fest zusammengefaltet, darin, und am inneren Rande waren Namen eingraviert, die der Jager auf das Geheiss seines wunderlichen Feindes lesen musste. "Was soll das?" fragte er.
"Ein Vermachtnis an Ihre Ehre, wenn ich bleiben sollte", sagte Munchhausen. "In Fallen, wie der unsrige, wo man sich ohne Sekundanten schiesst, ist der Uberlebende zu solchen Ritterdiensten verpflichtet. Ich habe eine Tochter "
"Sie?"
"Ich; hab' sie, weil sie mein ist, konnte ich mit Polonius sagen, wollte ich scherzen, ich will aber uber diese Tochter nicht scherzen. Mein Herr, ich werde Ihnen jetzt nichts vorseufzen, mein Herr, ich werde Ihnen nichts vorweinen, uberhaupt, mein Herr, nicht den Sentimentalen vor Ihnen spielen; ich werde Ihnen nur sagen, dass, auch wenn man viel gelogen und manches Abenteuer gehabt hat, es immer ein eigenes Gefuhl bleibt, eine Tochter zu besitzen, von der man nicht weiss, wo sie ist. Ich zeugte sie vor nunmehr zwanzig Jahren fern von hier mit einer einfaltigen aber ziemlich hubschen Gans. Sie lasen die Namen der Mutter, des Orts, auch wie ich damals hiess. Wenige Wochen nach ihrer Geburt sah ich sie zufallig bei einem alten Weibe, der sie ubergeben worden war, und da nahm ich mir einen Augenblick vor, zu werden, was man einen ordentlichen, gesetzten Mann nennt. Ich gab der Alten meine Barschaft fur das Kind, weil es aber nicht viel war, so suchte ich ihren Eigennutz durch Hoffnungen zu kodern, imaginierte eine hochst seltsame Vorrichtung von Instrument, welches, wenn es richtig gebraucht wurde, die Herkunft des Kindes offenbarte, und bildete der Vettel ein, dadurch werde einmal ein hoher Stand ihres Pfleglings an das Tageslicht kommen. So glaubte ich vorlaufig fur mein Fleisch und Blut gesorgt zu haben. Aber ich tauschte mich, denn als ich nach einiger Zeit in besseren Umstanden mich wieder nach dem Kinde erkundigte, war das alte Weib durchgegangen, hatte vermutlich mein Geld sich zunutze gemacht und den Saugling vor eine fremde Pforte gelegt."
"Wenn man Ihnen nur glauben durfte "
Hier aber geriet der Freiherr in einen erhabenen Zorn, dass er selbst seinem jungen Feinde imponierte. Er ballte die Fauste, knirschte mit den Zahnen, rollte die Augen, stampfte mit den Fussen und rannte wie rasend einige Male auf und nieder. "Bei Himmel und Holle!" rief er, "wenn man ein Genie ist, muss man darum ein Gaudieb sein? Bin ich ein zusammengeronnener Homunkulus, wie der Spitzbube Karl mir nachplauderte, oder bin ich nicht ein Fabrikat, in derselben Retorte ausgebacken, worin ihr anderen alle ausgebacken wurdet? Sackerlot! Wenn ich von dem Kinde rede, so meine ich's ernsthaft, obgleich durchaus nicht empfindelnd ich bitte mir Glauben fur diese Versicherung aus. Aber ich denke sie mir so reizend, so schon, so gut so so ... ich kann's nicht aussprechen, wie ich sie mir denke. An etwas muss der Mensch seine Gedanken hangen, wenn er auch kein Herz hat."
Er schlug wutend an seine Brust und schrie fast: "Nein! Nein! Hier ist kein Herz drinnen, ich weiss es! Alles leer, nuchtern, dumpf oh! hu! 's ist, als wenn man an einen hohlen Topf schlagt. Was kann ich dafur? Warum hat er mir keins hineingeschaffen? Anderen gibt er keinen Verstand, die werden von jedermann entschuldigt; mir gab er kein Herz, und die Entschuldigung soll nicht gelten? Aber Gedanken habe ich und die hangen an der Tochter. Immer suchte ich sie, nimmer fand ich sie. Indessen habe ich einen Freund bei Ihnen in Stuttgart, der hat mir vor kurzem Hoffnung gemacht, es sei vielleicht moglich, dem Dasein des Kindes noch auf die Spur zu kommen. Ich schreibe seine Adresse auf, derweil Sie hinaufgehen. Schiessen Sie mich tot, so besorgen Sie die Kapsel an die Adresse. Der Inhalt gehort dem Kinde, wenn es entdeckt wird, es ist von Geschenken erspart, die ich hin und wieder bekam, und ich habe lieber gehungert, als beruhrt, was ich einmal in der Kapsel zuruckgelegt hatte. Jetzt gehen Sie und holen Sie die zweite Pistole!"
Sechzehntes Kapitel
Walpurgisnacht bei Tage
Der junge Jager, welchem in diesem tollen Schlosse so unerwartete Dinge begegnen sollten, ging wie traumend die Sollertreppe hinauf, dem Schalle der Beilschlage nach, welche mit kurzen Zwischenpausen immer von neuem zu tonen begannen. Er offnete die Ture der Bodenkammer, welche die Gerichtsstube des Schlossherrn bedeuten musste, aber da hatte er einen Anblick, der ihm Grauen und Schreck erregte. Der alte Baron wirtschaftete namlich in dem verwirrtesten Aufzuge dort umher. Er hatte sich eine Pferdedecke wie einen Mantel um die Schultern geworfen, auf den Kopf einen alten Damenhut mit verblichenen Blumen gesetzt, einen Strick wie eine Kette sich um den Hals geknupft. Die weissen Haare sahen struppicht unter dem Hute in einzelnen Flocken hervor, die Augen starrten wild und glasern so trieb er, ein komischer Lear, die Werke des Wahnsinns, welchen Nachtwachen, Erwartungen, Grubeln, Zorn und zuletzt die aberwitzigsten Phantastereien in ihm ausgebrutet hatten. Er fuhr mit grossen Schritten auf der Bodenkammer hin und her, ein Beil in der Hand; der Tisch war zur Seite geschleudert, der alte Lehnstuhl lag in Trummern, um diese Trummer hatte er Kleidungsstucke, Flaschen, Gerull und Gerumpel allerart, welches die Bodenkammer verwahrte, aufgehauft. Jetzt lief er mit dem Beile an das Giebelfenster, bog sich hinaus, hackte an der Stutze, welche gegen die Giebelwand gelehnt war, dann kehrte er zu dem Gerumpel zuruck, nahm was er fassen konnte und warf Kleider, Flaschen, zerbrochenes Gerat zum Fenster hinaus. So wechselte er in seinen verruckten Beschaftigungen von Sekunde zu Sekunde ab und trieb dieselben mit solcher Anstrengung, dass ihm der Schweiss vom Haupte floss. Dazwischen rief er mit voller und tonender Stimme unverstandliche Worte wie: "Fort mit euch! Fort mit euch Eindringlingen, erkennt euren Herrn, der in Frankfurt gekront wurde, dem ihr Treue auf die Wahlkapitulation gesprochen habt!"
Der Jager hatte sich bei seinem Eintreten in eine Ecke gedruckt und sah dem unheimlichen Schauspiele einige Minuten lang entsetzt zu. Dann fasste er sich ein Herz, schritt mutig vor, ging zu dem Wahnwitzigen, der eben wieder am Hacken war und sagte festen Tones: "Herr Baron, was treiben Sie?"
Der Alte fuhr hastig herum, sah den Jager mit seinen starren Augen gross an, schwang das Beil und rief: "Sie mussen sehr unwissend sein, dass Sie mich so fragen. Kennen Sie den letzten deutschen Kaiser nicht? Mein Bruder ist geborener Geheimer Rat im hochsten Gericht. Ich ward in Frankfurt gesalbt und gekront." Nun legte er die Hand an seine Stirn, wie wenn er nachsanne und sprach dann leiser, wie ein Mensch, der im Schlaf redet: "Ich war lange abwesend lange lange gefangengenommen vom Reichsfeinde, von Munchhausen o pfui! nannte mich Du mit einem Munkel Luftversteinerung Aktien auf Jesuiten und dann dann "
"Aber" hier richtete er sich majestatisch auf und seine Stimme donnerte "das heilige Romische Reich ist ewig, die alten Verhaltnisse kehren immer wieder und der Kaiser stirbt nicht. Ich komme zuruck, jedoch da ist alles in Unordnung, da hat sich Genist allerorten eingehangt, da muss ich Ordnung stiften und reine Bahn machen."
Er warf die Trummer des Lehnstuhls hinaus und ein paar leerer Flaschen. "Das sind die Fursten!" rief er. "Wie haben sie sich mausig gemacht! Aber ich leide keine Hoheit neben meiner, denn ich bin der Kaiser." Er hackte draussen vor dem Giebelfenster. "Den Bundestag habe ich bald durchgehackt, diese Stutze ist ohnehin sehr morsch!" rief er erhaben lachend.
Bei diesen grauenvoll lacherlichen Dingen fasste sich der Jager in den gesunden Tiefen seines schwabischen Herzens und sprach zu sich: "Der ungluckliche Alte hat den Verstand verloren und du kannst ihn in diesem Zustande nicht um die Lisbeth bitten. Sie ist dein, das Madchen, du wirst ihr den traurigen Zustand mit Schonung beibringen und ihr dann fur den armen Pflegevater sorgen helfen. Jetzt hast du weiter nichts hier zu tun, als dich mit dem verruchten Schrimbs oder Peppel oder Freiherrn von Munchhausen zu schiessen." Er konnte nicht wissen, in welche Gefahr der Alte sich und ihn durch das Hacken setzte, sonst wurde er ihm mit Gewalt das Beil entwunden haben.
"Walpurgisnacht bei Tage!" setzte er, sich dennoch schuttelnd vor Grauen, seinen Worten hinzu. Er sah die zweite Pistole auf dem Tische liegen, die nahm er und das Pulverhorn dazu; beides steckte er zu sich. Sein scharfes Auge spahte nach Kugeln; es entdeckte sich ihm ein lederner Beutel, der von einem Brette herabhing, welches der Alte durch das Hinwegraumen des Gerulls von seiner Verhullung entblosst hatte. Er ging nach dem Brette, seine Vermutung tauschte ihn nicht, es war ein Kugelbeutel, der da herabhing.
Er nahm ihn, da rollte etwas nach, was auch auf dem Brette vergessen gelegen hatte, es fiel auf den Boden. Mechanisch hob er es auf; es war ein Zylinder mit dickem Staube uberzogen, viele Jahre mochte der dort gelegen haben. Ein Papier war um den Zylinder gewunden.
Der alte Baron schoss wie ein Pfeil herbei und fasste beide Arme des jungen Mannes. "Halt Rauber!" rief er, "du darfst die Mitgift der kaiserlichen Prinzessin nicht entwenden. Ja! Ja! " sagte er, den Zylinder tiefsinnig betrachtend und das Papier von demselben loswickelnd; "das ist die Mitgift der kaiserlichen Prinzessin, meiner lieben Tochter." Der Jager mochte mit diesem neuen Ausbruche des Unsinns nichts weiter zu schaffen haben, er liess daher dem Alten, was diesem so wichtig zu sein schien, und wollte gehen. Der Alte hatte das Papier, auf welchem, wie dem Jager ein fluchtiger Blick gezeigt hatte, in den Ecken allerhand Buchstaben und Charaktere standen, glatt und grade gestrichen, die Glaser des Zylinders abgewischt und hindurchgesehen. "Ach Lisbeth! Lisbeth!" seufzte er.
Dieses Zauberwort fesselte den Jager an die Statte. Zu seiner Verwunderung sah er, dass der Alte sich platt auf den Boden setzte und bitterlich zu weinen anfing wie ein Kind. "Ach", sagte er und sah wieder durch den Zylinder in die leere Luft, indem er dabei das Blatt Papier steif in der anderen Hand hielt, "ich sehe mein Kind Lisbeth noch immer nicht dadurch. O wie gern legte ich meinen Kopf auf ihren Schoss und liesse ihn streicheln von ihren sanften Handen, denn die Regierungssorgen machen mude und ein Kaiser bleibt auch ein Mensch!"
Vergebens bemuhte sich der Jager, Aufschlusse von dem Alten zu erlangen. Dieser faselte nur durcheinander von Lisbeth und von der kaiserlichen Prinzessin, welche einst die Mitgift in das Haus gebracht habe, aber durch die Glaser nicht zu entdecken sei.
"Hm!" rief der Jager, der vor Ungeduld brannte, irgendetwas zu entdecken, was die unsichtbaren Keime der Dinge, die um ihn her zu sprossen schienen, an das Tageslicht bringen mochte; "das Ding da muss doch eine Beziehung auf die Lisbeth haben. Was ist es denn eigentlich?" Er nahm es dem Alten aus der Hand, der nun ganz weich und nachgiebig geworden war, seine Tranen abgetrocknet hatte und selig lachelte, weil dem zerstorten Geiste die Gestalt der lieblichen Pflegetochter vorschwebte. Es bedurfte keiner langen Untersuchung um ihn ins klare zu setzen. Der Zylinder war eine jener optischen Spielereien mit einem Okularglase und einem konzentrierenden Objektivglase, welches verschiedene Figuren oder einzelne Buchstaben, die auf einer Flache umher zerstreut sind, zum Bilde oder zum lesbaren Satze versammelt. Man fertigt zu diesen Glasern Blatter, die in der Mitte, wenn der Scherz vollkommen sein soll, ein kleines Bild oder ein Wort tragen, in den Ecken und Winkeln umher aber nur ein sinnloses Gemisch zeigen. Sieht man nun auf ein solches Blatt durch das Glas, so verschwindet, was in der Mitte steht und es fugt sich aus den Ecken und Winkeln eine andere Gestaltung zusammen.
Der Jager nahm auch das Blatt dem Alten aus der Hand. In der Mitte stand das Wort: Nizza und kein Komma oder Punktum dahinter. Er stellte sich an den Tisch, legte das Blatt zurecht und richtete das Glas darauf, um zu sehen, was ihm dasselbe aus den Ecken und Winkeln zusammenfuhren wurde.
Das Auge des Dichters gleicht einem solchen Glase. Es versammelt zum Bilde, was weit umher zerstreut ist und keine Gestalt annehmen zu konnen scheint, und oft verschwindet ihm das, was ihm zunachst vorschwebt. Munchhausen schrieb unten hastig seinen Kreuz- und Querbrief an den Erbprinzen und dessen Vater zu Ende, siegelte beide, setzte die Adresse an den Freund in Stuttgart auf, tat sie in die goldene Kapsel und sagte: "Es ist nicht wahr, dass ich mich nicht vor dem Tode furchte, aber ich habe Ehre zwischen mich und meine Feigheit geschoben, getrieben, gekeilt; Ehre steckt wie ein Pflock vor der Feigheit und lasst sie nicht zum Herzen dringen, Ehre ist etwas Grosses und mehr wert als Tugend, denn zur Ehre gehort kein Herz, ohne welches Tugend sich nicht zu behelfen weiss."
"Brav will ich sterben, wie ein Brautigam!" rief er. "Als Offizier sieht man selbst noch im Tode besser aus, darum rasch meine Uniform angelegt, meine rote Phantasieuniform und hinweg ihr unangenehmen Erinnerungen, die ihr euch an den Rock hangt! Sie ist tot! tot! tot! die Gans, oder eingesperrt, oder verheiratet. O du meines Lebens einzige Luge, deren ich mich schame und die mir selbst diese Abschiedsstunde vergiften will, hinweg!"
Er legte die rote Uniform an, setzte den Offizierhut auf, der aus dem kleinen Klack entstanden war, sah sich mit einer Art von schmerzlichem Wohlgefallen im Spiegel und philosophierte, vermutlich um den Pflock vor seinem Herzen festzuhalten, so weiter: "Ein Edelmann zu sein, unermesslicher Vorteil, unschatzbares Gluck, selbst wenn man, wie ich, nicht die Ehre hat der Freiherr von Munchhausen zu sein, sondern nur der doch still! Selbst die Lufte sollen nicht erfahren, wer ich bin. Karl! Als Schrimbs, Peppel, Reifenschlager liefe ich jetzt fort, wahrhaftig, so tate ich, als Freiherr von Munchhausen halte ich Stich. Karl! Wo bleibt der Schlingel? Ich will ihn noch abstrafen vor meinem Ende, das soll meine letzte gute Handlung auf Erden sein. Tut der Name schon so viel, wieviel mehr erst die Sache. Ja, der Adel ist eine Magie, Bourgeoisie und Philosophie mogen sagen, was sie wollen. Adel ist eine Schrift mit sympathetischer Dinte; tausendmal verschwunden kommt sie immer wieder zum Vorschein. Selbst, wenn man sich in eigener Person zum Ritter schlagt, kriegt man Ehre, und Ehre ist wieder eine Magie, ein Bann, eine Zauberformel. Hatten die Hasen Ehre, sie standen wie die Lowen. Wohl hatte Heine recht, wenn er sagte, Mirabeau wurde den Thron zu erschuttern nicht den Mut gehabt haben, ware er nicht Graf gewesen, und ich sage, der Artillerieleutnant Bonaparte ware nicht Kaiser der Franzosen geworden, hatten seine Vorfahren nicht im goldenen Buche von Bologna gestanden. Hundert burgerliche Stimmen in mir rufen: Reiss aus, denn du kannst es, reiss aus vor diesem morderischen Schwaben! Aber Munchhausen steht, Munchhausen steht wie ein Held, Munchhausen wird als Held zu fallen wissen. Karl! Karl! Ich muss den Esel mir selbst herbeiholen."
Munchhausen schoss in seiner roten Uniform gleich einer Feuerflamme des Herrn durch den Vorsaal, die Treppe hinunter, aus dem Hause nach dem Garten, um den Schneckenberg zu erklimmen, in dessen Hauslein er den Diener vermutete. In diesem Augenblicke kam der junge Jager vom Soller. Seine Schritte waren schwankend, er hielt sich, was er wohl noch nie getan hatte, am Treppengelander fest, wie ein Siecher. Es musste ihm etwas ganz Unerhortes begegnet sein, denn man wurde umsonst versuchen, den Ausdruck seines Antlitzes zu schildern. Ein halbes Lacheln wurde von Zugen des aussersten Schmerzes und einer zornigen Verachtung durchschnitten, Uberraschung, Spott, herber Unwille, dieser vielleicht nicht auf einen einzelnen Menschen, sondern auf ein unbarmherzig neckendes Geschick, kampften auf diesen reinen Wangen, auf dieser edeln Stirn, wie Sonnenblitze, Regenschauer, fahle Lichter und tuckische Wolkenschatten an manchem Tage kampfen, den die Natur ausersehen zu haben scheint, geheime Prozesse unter den Lamien, Empusen und Lemuren zur Entscheidung zu fuhren.
Seine Pistole brachte er nicht mit. An dem Zimmer Munchhausens schlich er vorbei, scheu wie ein Verbrecher. Er hielt die Hand den Augen vor, als furchte er jemand zu begegnen. Es war ein Knarren und Knacken in dem alten wurmfrassigen Schlosse, als wolle der Baugeist, der es zusammengefugt, ausziehen.
In dem Nebel draussen standen die Gegenstande unheimlich zu Schemen verschattet. Er wollte eben den Weg nach der Schlossstrasse einschlagen, als ein wilder Larmen im Garten seine Schritte einen Augenblick lang hemmte. Auf den Gesang des Frauleins, welchen er schon fruher von weitem gehort hatte, war seine Aufmerksamkeit nicht gerichtet gewesen; plotzlich aber ward Munchhausens Stimme vernehmbar, welcher uberlaut rief: "Was! Holle, Teufel und alle Furien und Parzen
Jetzt holet das Schicksal, der Racker "
Das Fraulein kreischte:
"Erst den Nussknacker, dann holt es mich!
Gutiger Himmel, diese kaiserlich birmanische Uniform "
"Dieser Anzug, das rote Kleid, der Paradiesvogel o Tod und Elend!"
Das Gartentor rasselte. Eine Gestalt kam herbeigesprungen. Es war Munchhausen. Er hatte den Hut verloren. Sein Haar flatterte im Winde. Als er den Jager erblickte, rief er keuchend:
"Bei meiner Ehre, ich wollte nicht ausreissen, aber "
"Ich kann mich nicht mit Ihnen schiessen!" rief der Jager und lachte zerstort.
" ... der bose Feind ist hinter mir ... Sassa! Adieu!" Er sprang fort und uber die Mauer.
Das Fraulein kam gelaufen, auch flatternden Haares. "Rucciopuccio! Wo hatte ich meine Augen?" rief sie und verschwand nach wenigen Schritten im Nebel.
"Walpurgisnacht bei Tage!" murmelte der Jager abermals. Als er den Talgrund erreicht hatte, horte er hinter sich oben ein Krachen und dann ein donnerartiges Getose, wie wenn ein Gebaude zusammensturzt.
Siebenzehntes Kapitel
Gedanken in einer Krypte
Der Schriftsteller, welcher seinen Namen zu dieser Arabeskengeschichte hergegeben hat, weil eben kein anderer zu finden war, sah sich achtsam in der Krypte um. Dergleichen Krypten oder Klufte finden sich unter vielen katholischen Kirchen.
Die Kirche, von welcher hier die Rede ist, gehorte sonst zu einer alten, reichen, nachmals aufgehobenen und endlich bis auf die Fundamente abgebrochenen Abtei. Sie ist daher alt, reichverziert, nur etwas in Verfall geraten. Neben dem Hochaltare und zu beiden Seiten desselben fuhren die unter einem Uberbau befindlichen Stufen in die unterirdische Kirche. Durch Geraumigkeit und uberallhin verteilte Zieraten entspricht sie dem oberen Tempel. Eine vierfache Reihe von kurzen, dicken Saulen tragt das Gewolbe, an den Kapitalern der Saulen sind bizarre Vogel-, Schlangenund Menschenkopfe angebracht; hinter dem Altare, der sich in der Austiefung nach Morgen befindet, erhebt sich das Kreuz und der Gekreuzigte hangt daran, Maria und Johannes stehen unten am Stamme des Kreuzes und diese ganze Gruppe ist von derber Faust mit grellen Zugen der Trauer und des Schmerzes in Sandstein ausgehauen, den man, in der Absicht zu verschonern, mit glanzend weisser Olfarbe uberstrichen hat. Ringsumher sind Seitennischen, in welchen die Passionsgeschichte in kleineren Darstellungen aus Holz oder Stein erscheint, untermischt mit Grabmonumenten der Abte, deren einige diesen unterirdischen Ort zu ihrer Bestattung wahlten. Die Steine, welche von einem Teile weggebrochenen Mauerwerks herruhren, liegen in einigen unordentlichen Haufen in dem dustersten Teile der Krypte umher, dazwischen liegen auch Pfeiler, welche schadhaft geworden waren und deshalb holzernen Stutzbaumen haben Platz machen mussen, und einer ist schief gegen die Wand gelehnt.
Auch hier verbreitete die ewige Lampe ein dammerndes Licht, welches mit dem durch die kleinen Fensteroffnungen von aussen einfallenden Tagesscheine verbunden, die wunderbarsten Schattenspiele um die Gruppe am Kreuz, um die Kriegsknechte, die den Heiland begleiten, um Simon von Cyrene, an den Grabern, an den Pfeilern und ihren Kapitalern umher schuf, und selbst zwischen den Schutthaufen und den umgewandten Pfeilern dunkle geisterhafte Winkel errichtete. Die Zuge des Schmerzes sahen in diesem Lichte noch scharfer und entsetzlicher aus, ein furchterlicher Hohn schien von den Fratzen an den Kapitalern in sie hineinzuschreien; Schutt und Trummer erschienen grosser als sie waren.
Solche Krypten wurden als Grabeskirchen um die Gebeine der Martyrer ausgetieft, uber welchen sich die Kirchen der alten Zeit erhoben. Denn wie das Heidentum die Erfindungen des Lebens verewigte und die Statten festlich bezeichnete, wo das Ross entsprang und der erste Olbaum gepflanzt wurde, so hat das Christentum mit seiner Erfindung Besitz von der Erde genommen, mit dem Grabe. Erst das Christentum hat das Grab erfunden und seine sussen Zauber. Die morschen Knochen der Enthaupteten, Gepfahlten und Gesteinigten machten, wo sie lagen, das Land in der Runde umher zinsbar und uber dem Erdreiche, welches das Blut der Zeugen gedungt hatte, bluhten die Riesenblumen, die Dome, auf, in welchen Andacht, Askese, Pracht des Kultus und die Magie der Kunste wie ein berauschender Duft wallte und wehte.
Geadelt wurden die Grabeskirchen durch den Gedanken an die Katakomben und Hohlen, in welchen die ersten Geschlechter der Bekenner den Auferstandenen feierten, durch den Gedanken an das Grab der Graber, welches den Auferstandenen zu fesseln unvermogend gewesen war.
Der Wanderer erlebte an diesem einsamen Orte, wo alles Gespenstische, Schattenartige, Sonnenabgewandte der Religion sich zu einer Leichenorgie zusammengefunden hatte, eine jener Stunden, die er seine mystischen nennt, von denen er aber nachmals nur stammelnd Rechenschaft zu geben weiss. In diesen Stunden malt ihm seine Phantasie keine glanzenden Bilder vor, noch erlegt ihm der Verstand, der scharfe Schutz, einen haltbaren Satz, noch treibt ihm das Gefuhl Tranen in das Auge, sondern er ist in den Dingen und sie sind in ihm. Ihr wesenhaftes Leben ist der Pulsschlag seines Blutes. Indem er auf einem der umgesturzten Pfeiler sass, den Kopf auf den Arm gestutzt, umspielt von den Schatten und Lichtern dieser Grabeskluft, war er in den fruhen, buntgemischten Ursprungszeiten des Christentums und sah die Gotter im Streite mit dem Lamme. Lamm und Olymp kampften um die Seelen der gottverworrenen Menschen, die mit der einen Hand sich an dem geheiligten Zeichen der aussersten Schmach, mit der andern an den Hornern des Altars anklammern. Sie essen das Fleisch und trinken das Blut des Gottes, um den neuen Bund in sich zu starken; bis in die Grufte der Toten wird der verwandelte Wein gespendet, um die Abgeschiedenen von Hades und Tartarus fernzuhalten und im Himmelreiche zu konsignieren, aber das hilft alles nichts, die Gotter sind schlau und schleichen sich unter mancherlei Verkleidungen in das feindliche Lager, dort nekkenden Missverstand, Irren und Wirren anzurichten. Der Vogel der Juno spreizt sein Rad an den Wanden der Katakomben aus und schreit von Unsterblichkeit, Bacchus der Gott schickt seine Tiger, schleudert den Wurfspiess in den Weinberg des Herrn, Apoll erinnert sich, wie er bei Admeten die Schafe gehutet, und maskiert sich als guter Hirte, frech zeigt sich sogar der Phallus in der Welt, welche Entsagung buchstabierend einlernt, das allerschwerste Wort, das Wort, immer wieder von der armen Menschenlippe vergessen.
Eigentumliches Kampfgewimmel, schwarmendes Larvenspiel der Vorstellungen! Wunder auf Wunder mussen geschehen, um die Macht des drangenden Paganismus abzuwehren; diese Zeiten, die man zu den einfachsten, geistigsten des Christentums hat umpragen wollen, sind die sinnlichsten, materiellsten; man will es mit Handen greifen, das Heilige, der Glaube hat sich in seinen eigenen Tiefen anstatt der Wolken, die Zeus versammelt, und der Furche, in welche Demeter das Korn sat, einen neuen Stoff erzeugt. Dieser Stoff ist die Trane, das Leiden, das Geheimnis, die Entzuckung. Er schwelgt an dem Stoffe, er geniesst ihn.
Und nun? Wer mag die Stromung nennen, in welcher das Schiff unserer Tage fahrt. Wer das Wort des Ratsels aussprechen, an dem die Geschlechter der Erde nagen? So viel ist richtig: der Tod und der Himmel sind zuruckgewichen in den Hintergrund der Gedanken, und auf der Erde will der Mensch wieder menschlich heimisch werden. Heisst das: Er will das Fleisch bei Champagner und Austern emanzipieren? Nein. Heisst's: Die Erde soll ihm nur das Mistbeet sein, in dem er sich sein Gemuse zieht? Nein. Sondern mit den Blitzen seines Geistes will er die Erde durchdringen, dass sie geistschwanger werde, er will sich an ihr eine Freundin seiner besten Stunden, eine ernste und doch heitere Gefahrtin seiner reifsten und mannlichsten Jahre gewinnen.
Und da wird wieder die Religion in das Mittel treten mussen. Denn die Weltgeschichte ist immer nur das Gewand der Gottesgeschichte. Aber wie? Der Atem der Zeit sauset, und wen er beruhrt, der weiss nicht, wie er gestern dachte, noch wie er morgen denken wird. Abgetan liegt das Mittelalter hinter uns mit seinen zwei Entdeckungen, der Hierarchie und der christlichen Kunst. Die Kunst busst, wo sie sich jetzt gegen den Himmel wenden will, ihre Naivetat ein und mit der Naivetat hat eine Kunst ihre Jungfrauschaft verloren und mit ihrer Jungfrauschaft alles. Denn die Kunst wird nie ehrbare Hausfrau und Mutter; sie ist entweder Jungfrau oder Metze. Rom kann noch donnern und blitzen, es kann von mancher sauerlichen Stimmung ausgebeutet werden, es kann sogar noch grossen Nutzen stiften durch Verbindung mit tuchtigen Welfen allzu tolpelhaften Ghibellinen gegenuber, aber sein Regiment ist vorbei, seitdem selbst mancher Bauer weiss, dass man der Sonne nicht gebieten durfe, um die Erde zu laufen.
Also eine neue Entdeckung tut der Religion not, wenn das dritte Weltalter anbrechen soll. Wie, wenn es abermals etwas von einem heiteren Paganismus annahme? Wenn das Formeln- und Dogmenwesen aufhorte, und die Satzungen des Tridentinischen Konzils und die Satze der Symbolischen Bucher sich vollig und ehrlich antiquierten, anstatt die gegenwartige fiktive Herrschaft noch so fortzuschleppen? Wenn die Spruche des Evangeliums nicht mehr gebraucht wurden, die Menschen und die Verhaltnisse zu verwirren? Wenn jeder sich rechtschaffen uberzeugte, das Christentum sei eine von Ewigkeit beschlossene und in Ewigkeit fortzeugende Tatsache, erhaben uber die kleinliche Diplomatie, die sich in der Folgerung offenbart: das darf nicht zugegeben werden; denn sonst fallt auch das und das uber den Haufen?
Der Geist der Geschichte muss allgemeiner die Geister durchdringen, als bisher geschehen ist. Die Kirchengeschichte muss die Menschen mehr belehren als der Katechismus und das Credo und das Symbolum. Sich inniglich und haltbedurftig als eines der letzten Glieder der grossen Kette zu empfinden, die aus unzahligen Ringen besteht, unter denen auch die Sekten, die Ketzereien, der Krieg gegen die Waldenser und die Weihnacht zu Canossa so wenig fehlen durfen als die Konzilien, die Gedanken der Kirchenvater und die Glaubenstaten der Reformatoren das wird das neue Christentum sein, welches mit der Krippe zu Bethlehem im Busen des Glaubigen beginnt und in dessen letzten andachtigen Minuten die jungste Offenbarung feiert. Die Erleber dieser neuen Konfession (denn Lippen werden nicht oft sie zu bekennen vermogend sein, weil dieses Dogma uber das Wort hinausgeht) werden zugleich Katholiken sein und Protestanten und Quaker und Ketzer. Anfangs wird die Gemeine klein sein und verachtet oder des abscheulichsten Indifferentismus bezuchtiget, nach und nach wird sie sich ausbreiten und zuletzt die allgemeine Kirche werden.
Die Stiftung dieser Kirche wird nicht von dem Willen der einzelnen abhangen. Unbewusst, durch schwere, vielleicht furchtbare Ereignisse wird der Geist Gottes sein unwiderstehliches Notigungsrecht ausuben. Aber so ausgeweitet, in diesem erschlossenen Bewusstsein wird der Mensch erst wurdig sein, von der Erde auf neue Weise Besitz zu nehmen. Dann wird sie ihm Kranze bieten, deren Duft und Glanz noch niemand ahnet. In dem Sinne werden der Enkel Enkel wieder Heiden werden, dass sie es fur Gewinn achten, wenn sie einen Gott mehr bekommen.
Intermezzo
Wahrend der Schriftsteller sich in der Krypte seinen zur Zeit noch verbotenen Gedanken ergab, trug sich in der nahen Schenke eine derbe Szene des Lebens zu. In der Stube namlich fuhr durch einen Kreis gaffender Bauern eine Gestalt, deren auffallender Anzug durch die Eile, womit sie ihr Ziel verfolgt hatte, in Unordnung geraten war. Sie hatte eine Erkundigung angestellt, welche ihr von den Bauern nicht hatte gegeben werden konnen, und war darauf rasch zur Ture hinaus wieder dem Ziele ihrer Verfolgung nachgeeilt. Obgleich diese Gestalt die wunderlichste und lacherlichste Figur bildete, so lachten die Bauern dennoch nicht, sondern standen in stummen, nachdenklichen und zum Teil verlegenen Gruppen umher. Einige strichen sich das Haar glatt, andere sagten: "Hm!" und zwei legten den Finger an die Nase. In der Mitte aber stand ein Mann, dessen Anzug eine etwas hohere Beschaftigung anzeigte, denn er trug einen abgeschabten grauen Frack und eine gelbe Nankingmutze mit einer Troddel. Dieser hatte eine besonders nachdenkliche Miene angelegt, er offnete endlich seinen Mund und sprach: "Hab' ich's euch nicht hundertmal gesagt, Leute, die Natur steckt voller Wunder, hab' ich's nicht? Schock, Gegenschock, das ist ein grosses Geheimnis."
Die Bauern gaben ihm teils mit Worten, teils durch Gebarden recht, denn er erfreute sich unter ihnen einer grossen Autoritat. Er war der Chirurgus, welcher Lisbeth verbunden hatte und erklarte alle Ubel, welche den Menschen treffen konnen, aus dem Schock und Gegenschock, wie er sich in seiner Terminologie ausdruckte.
"Zum Beispiel", fuhr der Chirurgus fort, indem er ein Glas Wacholderbranntwein gegen den bosen Nebel trank; "die Natur draussen wird im Herbst oder so gegen das Fruhjahr rheumatisch, das tut ein Geschnaube von Winden hin und her, in diesem Augenblicke warm, im nachstfolgenden kalt, Regnen und Graupeln vom Himmel, Feuchtigkeit mit einem Worte:
Katarrh draussen Schock. Gleich die Natur inwendig auch zu schnauben angefangen Hitze, Kalte, Augen tranend und fliessend Katarrh inwendig Gegenschock! Verstanden, Leute?"
Die Bauern bejahten und gaben dem Chirurgus vollkommen recht, denn sie hatten seine Theorie an Feier- und Werkeltagen oftmals vortragen horen, und sie mit ihrem Spruche: "Wie du mir, so ich dir", vollkommen ubereinstimmend gefunden. Aber wie die Anwendung derselben auf die Person zu machen sei, welche soeben das Zimmer verlassen hatte, daruber waren sie weniger im klaren. Sie erwogen in ihren Gesprachen, wie das Fraulein, woruber sie immer, wo sie sich gezeigt, wegen ihren "gecken" Reden gelacht, nun auf einmal so gefasst und ganz bei sich unter sie getreten sei, sie gefragt habe, ob sie keinen Mann in roter Uniform vorbeikommen gesehen, wie das Fraulein sie beschworen habe, ihr die Wahrheit zu sagen und zu glauben, dass sie wohl wisse, was sie tue, denn sie habe zwar fruher viel an einen Fursten gedacht und an ein Stiftskreuz, aber es konne sein, dass dergleichen nur Luge von einem anderen oder eine Einbildung von ihr gewesen sei, den Mann jedoch habe sie plotzlich an seiner roten Uniform und an einem Liede wirklich und wahrhaftig wiedererkannt, und diesen Mann musse sie ausforschen, denn er habe ihr einst grosses Unrecht zugefugt, und dafur musse er ihr Genugtuung leisten, sollte sie ihn auch bis an das Ende der Welt verfolgen. "Sie brachte das alles so erbarmlich und anzuglich und so recht adrett heraus, dass man ihr glauben musste, und dass wir ihr gern den Roten entdeckt hatten, ware er uns nur bekannt gewesen", sagte der alte Bauer, der sich am gesprachigsten in jenen Erlauterungen gezeigt hatte. "Aber wo liegt hier der Schock?" setzte er fragend hinzu.
"Ja, und absonderlich der Gegenschock?" fragte ein jungerer Bauer.
Der Chirurgus liess sich noch ein Glas Wacholderbranntwein geben, um seine Darstellungskrafte zu scharfen, so taten auch die Bauern um ihre Fassungsgaben zu starken. Nachdem die Glaser geleert und dem Wirte zuruckgegeben worden waren, erhob der Chirurgus wieder seine Stimme und sprach: "Das wisst ihr doch alle, Leute, dass es sich bei den Frauenspersonen lediglich und ganz allein um den Punkt dreht, ob sie einen Mann kriegen oder ob sie keinen Mann kriegen?"
"Versteht sich!" riefen die Bauern ohne den mindesten Zweifel.
"Nun also. Ein Frauenzimmer, wie a propos das Fraulein, hat keinen Mann, aber vor alters einen Liebhaber gehabt. Der Liebhaber ist weg Einsamkeit lauter Einbildungen, Geckereien pure Verrucktheit Furst Stiftskreuz. Plotzlich von draussen der alte Liebhaber wieder da Schock "
Freudig riefen die Bauern: "Aha, inwendig im Frauenzimmer auch nichts als der simple Liebhaber schlechtweg Frauenzimmer wieder klug Gegenschock!"
Der Chirurgus sah mit grosser Genugtuung umher und empfand ein ausserordentliches Behagen, dass seine Lehren in diesem Kreise schon so tiefe Wurzeln geschlagen hatten und dass die Bauern mit einer leichten Nachhulfe von seiner Seite fertig zu argumentieren wussten. Das Gesprach zwischen ihm und den Bauern setzte sich nun uber denselben Gegenstand, namlich uber die Verwandlung des Frauleins, fort, und mancher Wunsch wurde laut, dass es ihr gelingen moge, ihren roten Liebhaber einzuholen, obgleich es, wie einige bemerkten, verwunderlich sei, dass eine so alte Person hinter einem Manne her durch die Welt laufe. "Sie sah aber auch heute im Gesicht ganz anders und junger aus", bemerkte einer. "Das kam von der kalten Luft", versetzte ein anderer. "Nein, vom Gegenschock", sprach der Chirurgus mit Ansehen und schloss durch dieses Wort die Debatte.
Wahrend der Gesprache, deren Inhalt soeben notdurftig angefuhrt worden ist, futterten vier Pferde vor dem Eingange zur Schenke aus Krippen, die ihnen untergestellt worden waren und in welche der Postillion Brot einschnitt, in der Wirtsstube aber sass ein ernster Mann hinter dem Tische in der Ecke. Die Pferde gehorten zu einer glanzenden Reiseequipage, welche an den Schlagen ein adeliches Wappen zeigte, unten und oben Magazine und hinten einen Sitz hatte, in welchem eine schlafende Kammerjungfer sass, wahrend der Kammerdiener, der mit ihr sonst den Sitz teilte, neben dem Schlage stand und in dieser vom Dienst freien Pause eine Zigarre rauchte. Denn die Herrschaft war ungeachtet des dichten Nebels nach einer nahen romantisch gelegenen Klippe gehupft, um so viel zu sehen, als eben zu sehen war. Gehupft muss es heissen, denn sie gingen nicht, sondern sie hupften, wann sie aus dem Wagen stiegen. Es waren junge vornehme Gatten, die unmittelbar nach der Vermahlung ihr frisches Gluck durch die Welt spazierenfuhrten.
Der Mann in der Stube sass dagegen sehr ernsthaft hinter einem Buche und las. Er war ein alter Bekannter, sogar ein Stuck von einem ehemaligen Nebenvormunde der jungen Dame. Zufallig hatte sie ihn einen Tag nach ihrer Vermahlung mit dem Kavalier aus den osterreichischen Erblanden getroffen, von ihm erfahren, dass auch er eine Rheinreise anzustellen im Begriff stehe und ihm sogleich einen Platz in ihrem Wagen angeboten. Der junge Ehemann machte zwar uber diesen Zeugen seiner Flitterwochen ein etwas verdriessliches Gesicht, die junge Dame spurte einen Augenblick spater aus gleichem Grunde eine leichte Reue, aber Verdriesslichkeit und Reue kamen zu spat, denn der ernste Mann hatte das liebenswurdige Erbieten schon angenommen. Man musste sich also zusammen auf den Weg begeben und ineinander zu schicken suchen, wie es gehen wollte. Nicht wenig lachte die junge Dame, als sie erfuhr, welches der eigentliche Reisezweck ihres Begleiters sei. Sie meinte, es sei wunderseltsam, dass die Vernunft hinter der Torheit herjage, das Einholen sei zweifelhaft, denn die Vernunft habe Elefantenfusse und die Torheit federnde Sohlen. Und als er uber diese leichten Reden ein verstimmtes Gesicht machen wollte, so hatte sie mutwillig gerufen: "Was gilt die Wette, dass Sie der einzige von uns allen sind, welcher auf dieser Reise Schwabenstreiche begeht?"
Nie war eine verschiedenartigere Gesellschaft zusammen auf Reisen gewesen. Die jungen Gatten wollten immer weiter, immer weiter, in Mainz sprachen sie von Rotterdam, in Koblenz von Amsterdam, in Koln sprach der junge Kavalier von England, was besucht werden solle, seine Dame rief: "Nein, Schottland muss ich wenigstens sehen!" Der ernste Begleiter sehnte sich dagegen schon nach den ersten zwanzig Meilen in seine Amtsstube zuruck. Den jungen Gatten war kein Turm zu hoch und kein Felsen zu steil, sie mussten ihn erklimmen; er blieb dagegen meistenteils unten, und suchte sich so leidlich als moglich im Tale auf seine eigene Hand zu unterhalten. Wenn die Dame nun davon horte, so kannte ihre Munterkeit keine Schranken. Doch waren ihr und dem Gemahle die besonderen Neigungen, denen ihr Gefahrte unterweges nachging, nicht gerade unlieb, denn er storte sie deshalb weniger, als sie anfangs befurchtet hatten.
Dieser Mann besass ein sehr ehrliches, wohlgebildetes, aber etwas aschgrauliches Gesicht, und zwischen Nase, Wangen und Kinn die Runzel, welche man die Aktenrunzel nennen kann. Er mochte in der Mitte der Dreissig stehen, sah jedoch viel alter aus. Er gehorte zu einer Klasse von Reisenden, die Yorick nicht in der "Vorrede im Desobligeant" aufzahlt, und die immer mehr ausstirbt; er war der Geschaftsmann auf Reisen.
Der Oberamtmann Ernst vom Schwarzwalde denn so wird er wohl heissenhatte unterwegs nur Gedanken an sein Amt, an seinen alten Aktuarius und an die gelb angestrichenen Schranke seines Archives. Ihn verliess der Arger daruber nicht, dass er es bei seiner Oberbehorde nicht hatte durchsetzen konnen, die Formulare zu den gewohnlichen Expeditionen lithographieren lassen zu durfen, wodurch nach seiner innigsten und pflichtmassigsten Uberzeugung nicht allein Zeit, sondern selbst Aufwand an Kosten erspart werde; ein Punkt, der ihm beinahe das Herz abstiess, denn, pflegte er fur sich zu sagen, wenn der Unverstand zu breit regiert, so wird er dem ruhigsten Staatsburger unertraglich. Gern ware er schon bei Frankfurt wieder umgekehrt, und nur die Vorstellung, dass diese Reise ein Geschaft sei, hielt ihn bei ihr fest. Ihr Ende wunschte er jedoch mit Sehnsucht heran.
Indessen sollte sein Beharren doch auch einen Lohn empfangen, der ihn einigermassen schadlos hielt fur die Felsen, Burgen, Kirchen, Sammlungen, die er, wie er vielleicht nicht ganz unrichtig bemerkte, daheim schon ebensogut gesehen hatte. In der Nahe des Rheins und den Strom entlangst begannen namlich die Reste der franzosischen Verwaltung und die offentliche Gerichtspflege, welche ihm neu war, seine Aufmerksamkeit zu fesseln und nahmen bald sein ganzes Interesse in Anspruch. Nun gab es kein Regierungs- und kein Justizhaus, was er nicht besuchte, ja seine Wissbegierde erstreckte sich bis zu den Friedensrichtern und Polizeiburos hinunter. Er stellte sich uberall selbst als den Oberamtmann Ernst vom Schwarzwalde vor und in diesem dienstlichen Charakter gelang es ihm, mit Geschaftsleuten mannigfaltige Verbindungen anzuknupfen, die ihm bisweilen auf Spaziergangen am Strome unter Klippen und Trummern, oder byzantinischen Portalen und Weinhugeln vorbei zu schonen Aufschlussen uber Stempelsachen verhalfen, oder ihn mit dem Mechanismus der Sicherheitspolizei bekannt machten. Dann und wann hatte er selbst den Trost, seinen Gram uber die nicht zu erlangen gewesene Lithographierung der Formulare in den vertrauten Busen eines Friedensrichters auszuschutten, der ahnliche Gebresten uber die Kurzsichtigkeit seiner Vorgesetzten ihm verstohlen entdeckt und ihm dadurch eine Zuversicht aufgeregt hatte. So konnte er denn eher die Beschwerden dieser Reise ertragen. Er liess das junge Ehepaar, wie er sich ausdruckte, umherrasen nach Belieben, und fing an, sich in der Fremde mehr zu Hause zu fuhlen. War er auf sein eigenes Selbst angewiesen, so las er in dem Buche, welches er mitgenommen hatte, namlich im wurttembergischen Gesetzbuche. Er war, nachdem er sich so eingerichtet hatte, jetzt zuweilen recht munter. Nur daruber empfand er Kummer, dass in keiner der Rheinstadte, welche die Reise beruhrte, gerade Assisen gehalten wurden. Denn einer solchen Verhandlung beizuwohnen ware seine hochste Freude gewesen, weil er nicht zu begreifen vermochte, wie man einen armen Sunder bloss so mundlich und ohne wenigstens hundert Protokolle zum Schafott befordern konne. Von Koln war er, wie er dem Jager fruher angekundigt hatte, rechts abgegangen nach Westfalen. Gern ware er allein gereiset, aber die junge Dame Clelia bekam plotzlich die Laune, ihren Vetter, den sie sehr lieb hatte, auch sehen zu wollen, und so musste er sich mit einem sauersussen Gesichte unendlich glucklich schatzen, noch langer die Ehre des Zusammenseins mit ihr zu haben.
Nach der Klippe, die in der Nahe dieser Schenke uber einem rauschenden Waldbache hing, mitzugehen, hatte er naturlich auf das entschiedenste und hoflichste abgelehnt, sich vielmehr wahrend des Aufenthalts zu seiner Lekture niedergesetzt. Diese brachte in ihm stets eine Art von Rausch hervor. Er fuhlte sich immer, solange er in dem wurttembergischen Gesetzbuche las, oder unmittelbar nach der Lesung der Gegenwart und Umgebung entruckt. Dadurch hatte er heute fast eine unangenehme Szene haben konnen.
Die Erscheinung des Frauleins zog ihn namlich eine Zeitlang von dem Buche ab. Er betrachtete ihren Anzug, er horte ihre Reden und seine Meinung hatte sich bald festgestellt. Nachher vernahm er von den Gesprachen der Bauern und des Chirurgen wenig oder nichts, denn er wunschte die Materie zu Ende zu lesen, bei deren Erwagung ihn jener sonderbare Auftritt gestort hatte. Als dieses geschehen war, stand er auf, ging zu dem Haufen und fragte mit Wurde, indem sein Auge den Chirurgen als einen Nichtlandmann herausgefunden hatte: "Ist hier niemand unter euch, der eine Art von Amt bekleidet?"
Die Bauern, die bisher nicht auf ihn geachtet hatten, betrachteten ihn jetzt aufmerksam und neugierig. Schon seine Bekleidung musste ihre Verwunderung erregen, denn eine dergleichen war in dieser Gegend noch nicht gesehen worden. Er trug namlich gegen Regen und Staub einen sogenannten Mackintosh, welcher offenstehend, dem Manne das Ansehen einer Vogelscheuche, zugeknopft aber die Gestalt einer Wurst gibt. Der Oberamtmann hatte ihn zugeknopft und sah daher aus wie eine Wurst. Dieser Rock und die plotzliche Frage machten die Bauern stutzen; sie stiessen einander an, flusterten, aber niemand gab eine Antwort.
"Ist hier niemand unter euch, der eine Art von Amt bekleidet?" wiederholte der Oberamtmann, scharfer betonend.
Der Chirurgus trat vor, denn seine Ehre erlaubte ihm nicht, auf eine so bestimmte Frage anonym zu bleiben. Er war sich zwar bewusst, keinerlei Staatsexamen gemacht zu haben und mitunter in Notfallen auch zu rasieren; das schadete aber dem Gefuhle seiner Wurde nicht und trotzig, das Chemisett aus der Weste zerrend, sagte er: "Allerdings habe ich ein Amt in dieser Gemeine, nicht eine Art von Amt, sondern ein Amt."
"So geht, Freund, jener Person nach und bringt sie zum Vorsteher, damit sie nach ihren Papieren befragt werde, denn ihr Anzug und ihr ganzes Betragen war hochst auffallend, und das Passreglement schreibt vor, auf solche verdachterregende Inividuen uberall Augenmerk zu haben."
"Freundschaft", versetzte der Chirurgus mit dem landublichen Ausdrucke, "ich verstehe Euch nicht."
Der Oberamtmann, welcher sich weit aus Westfalen entruckt wahnte, rief zornig: "Ich sage Euch, Ihr sollt mit jener Person zum Gemeinevorsteher gehen."
"Freundschaft", erwiderte der Chirurgus, "wenn Ihr etwas beim Vorsteher zu suchen habt, so geht selbst zu ihm." Die Bauern murrten und drangten sich halb lachend und halb ergrimmt naher.
Der Oberamtmann, der vom Schwarzwalde her die Mittel kannte, widerspenstige Eingesessene zum Gehorsam zu bringen, warf rollende Blicke im Kreise umher und rief mit starker Stimme: "Wisst ihr, wer ich bin?"
"Ihr seid nicht recht klug, Freundschaft", fuhr der Chirurgus heraus, der in so starker Gesellschaft einen ausnehmenden Mut besass. Sich vergessend, trat der Oberamtmann auf ihn zu, die Hand erhoben, die Bauern aber drangten sich tumultuarisch zwischen beide, der Chirurgus sah in solcher Verschanzung sehr giftig und tollkuhn aus, ein Bauer fing die aufgehobene Hand des Oberamtmannes, zwei andere zerrten hinten an dem Mackintosh, so dass die Figur des Oberamtmanns dem Schmetterlinge zu gleichen begann, welcher der Trauermantel heisst, die anderen liessen bedrohliche Gebarden sehen, und die wildeste Unbill stand bevor, wenn nicht in diesem verhangnisvollen Augenblicke das junge Paar die Stube betreten hatte.
Clelia hatte auf einen Augenblick ihre Laune eingebusst und sich schuchtern hinter den Gemahl gestellt. Dieser rief den Bauern einige freundlich begutigende Worte zu, und da sie schon wussten, dass er ein Vornehmer war, so liessen sich die Leute auch sogleich beschwichtigen. Die Hand des Oberamtmannes wurde ihrer Haft entlassen. Der Mackintosh bekam ebenfalls seine Freiheit wieder, die Bauern setzten sich still in eine Ecke. Nur der Chirurgus drohte noch einige Male von fern mit der Faust.
Clelia sass bei dem Buche und sah lachelnd nach dem Oberamtmanne, der verlegen und verdriesslich im Zimmer auf und nieder ging. "Um des Himmels willen, was hatten Sie denn hier vor?" fragte ihn der junge Kavalier leise.
"Diese Schelme versagten mir den Gehorsam, als ich einen zu dem Gemeinevorsteher schicken wollte", polterte der Oberamtmann.
"Aber, mein Gott, Freund, wir sind ja nicht im Schwarzwalde", sagte sein Reisegefahrte lachelnd.
Hier schien der eifrige Beamte erst wieder ganz zu sich selbst zu kommen. Er warf einen besturzten Blick auf sein Buch, wurde etwas rot und stotterte: "Man kann sich wohl einmal vergessen, wenn man sich in eine Materie vertieft hat." Er wollte das Buch nehmen, der Kavalier kam ihm aber zuvor, las den Titel und rief verwundert: "Wie? Sie studieren gar auf der Reise in Ihrem Gesetzbuche?" "Ich habe es allerdings mitgenommen", versetzte der Oberamtmann, "um in mussigen Stunden, deren es auf Reisen manche gibt, einige schwierige Punkte darin reiflicher zu uberdenken, als dieses bei der Geschaftslast zu Hause moglich ist."
Clelia summte halb singend zwischen den Lippen:
Niemals ward ein edler Bote
So bedient von Damen suss
Als der grosse Don Quixote,
Da er das Kastell verliess.
Ihr Gemahl biss sich auf die Lippen und alles sah dem Ausbruche eines Gelachters uber den armen Oberamtmann ahnlich, als dieser sich mit grossem Ernste zu der jungen mutwilligen Dame wandte und sagte: "Gnadigste Frau, wenn Sie mich fur eine Art von Akten Don Quixote halten, dem das wurttembergische Landrecht uberall seinen Oberamtsbezirk phantasmagorisch zeigt, so erlaube ich mir, Ihnen zu erwidern, dass der Ritter von La Mancha in seinem Wahne von einer Zeit der Grossmut, Tapferkeit und Courtoisie in einer nuchternen Gegenwart durchaus nicht geringzuschatzen war, und dass daher, wer jetzt in dieser zerfahrenen, reisenden, umherrennenden Zeit nur in einem Dinge, und sei es auch nur das wurttembergische Landrecht und ein Oberamtsbezirk, zu Hause sein mag, keinesweges zu den schlechtesten Staatsburgern gehoren durfte."
Auf diese komisch-feierliche Anrede streifte die junge Dame den Handschuh von ihrer weissen Hand, hielt diese zum Kusse dem Geschaftsmanne hin und sagte: "Ich vergebe Ihnen, denn eigentlich blutet Ihnen doch das Herz, Ernst, wenn Sie sich so rauh gegen mich anstellen, was Sie freilich meines Gemahles wegen tun mussen, um ihn nicht eifersuchtig zu machen, da man ja weiss, dass ich immer Ihre stille Liebe war."
Solchen plotzlichen Wendungen war er nicht gewachsen und wusste ihnen um so weniger zu stehen, als es ihm immer besonders wohl tat, wenn man ihn fur eine zartliche Natur hielt. Er beugte sich daher auf Clelias Hand, kusste sie nicht ohne Ausdruck, sah ihr gedankenvoll in das schone, bluhende Antlitz, seufzte und lachte dann plotzlich, wie in tiefer Zerstreuung, auf. In dieses Lachen waren nunmehr die jungen Gatten einzustimmen berechtigt und so endete der ganze Einhergang lustig.
Der Kammerdiener meldete, dass der Oberhof nur wenige Stunden entfernt sei. Clelia aber, die noch bis vor kurzem ihr Vergnugen geaussert hatte, den Vetter mitten aus den Bauern herauszuholen, anderte jetzt plotzlich, was ihr taglich zu ofterem begegnete, ihre Meinung, hielt es fur schicklich, nach der Stadt zu fahren und Oswald dahin bestellen zu lassen. Wie hatte der junge Gemahl, der nichts als Glut und Zartlichkeit war, wie hatte der geheime zartliche alte Anbeter widerstehen konnen? So schwebte denn die kleine volle Gestalt, die ein braunseidener Uberrock knapp umschloss, am Arme des Gemahls grazios zur Ture hinaus und zeigte, als die Manner ihr die Hand zum Einsteigen boten, das zierlichste Bein uber dem feinen Fusse. Der Oberamtmann erklarte, als er einsteigen sollte, dass er nach der Stadt gehen wolle, weil er um diese Stunde daheim sich seine Motion zu machen pflege. Der junge Kavalier konnte kaum einen Ausruf des Entzuckens bei dieser Nachricht, die ihm den Wagen ungeteilt mit seiner Dame versprach, unterdrucken. Sie sah errotend mit halbgeoffneten Lippen vor sich hin, er stieg zu ihr ein, legte ihr aufmerksam die Boa, welche heruntergefallen war, um Schulter und Leib, und die beiden Glucklichen, deren ganzes Wesen in susser, suddeutscher Sinnlichkeit schwamm, rollten davon.
Auch der Oberamtmann kehrte in erhohter Stimmung nach der Schenkstube zuruck, um sein Buch zu holen. Er pfiff sogar fur sich ein Stuckchen aus der "Zauberflote", woruber er jedoch erschrak, als er es horte. Inzwischen war der Mann im braunen Oberrock aus der Krypte wieder nach der Schenke gekommen und erkundigte sich in der Stube ungeduldig bei dem Wirte, ob noch kein Freiherr von Munchhausen dagewesen sei und nach ihm gefragt habe. Auf die verneinende Antwort des Wirtes, der sehr einfaltig zu sein schien, gab ihm der Schriftsteller, der nicht gern in der Schenke warten, sondern sich durch einen abermaligen Gang die Zeit vertreiben wollte, seine Karte, damit kein Missverstandnis und keine Namenverwechselung vorfallen moge. Der einfaltige Wirt, der nicht lesen gelernt hatte und vermutlich glaubte, dass ein dritter unparteiischer Zeuge in dieser dunkelen Angelegenheit das beste Licht verbreiten konne, reichte die Karte dem Oberamtmanne mit der Bitte, sie ihm zu entziffern. Dieser las was darauf gedruckt stand, und musterte dann den Fremden, zu dem ihn schon bei dem ersten Sehen eine gewisse Sympathie hingezogen, mit glanzenden Blicken. Der Blitz von Galanterie, der bei dem Kusse auf Clelias Hand sich in seinem Herzen entbunden hatte, fachte die geschaftliche Begeisterung nur noch mehr bei ihm an. Er fragte den anderen rasch und leidenschaftlich: "Wissen Sie vielleicht, ob in einem der Orte weiter abwarts von Koln gegenwartig Assisen gehalten werden?"
Der Gefragte stutzte, besann sich und versetzte: "Assisen? Gegenwartig? Weiter abwarts? Ich weiss nicht doch ja wenn mir recht ist ich erinnere mich in Elberfeld konnen sie bald im Gang sein."
"Elberfeld? Wie weit von hier?"
"Acht bis neun Meilen."
Der Oberamtmann schnippte wie ein Knabe der erfahrt, dass keine Schule heute sei, mit den Fingern und rief frohlich: "So kann ich ja wahrhaftig doch noch so glucklich sein, einer Assise beizuwohnen."
Der im braunen Oberrock setzte jetzt abermals seine Brille auf, legte die Hande auf den Rucken, trat dem Oberamtmanne dicht unter die Augen, zog seine Brauen zusammen, sah ihn scharf an und sagte darauf: "Gluckselig, mein Herr? Sonderbarer Schwarmer!" Er ging.
Der Oberamtmann blickte ihn nach. "Ware doch kein Mann fur mich", sagte er nach einer Pause. Auch er ging, sein Buch in der Tasche, die Galanterie fur Clelia und die Elberfelder Assise im Herzen.
Auch die Bauern erhoben sich und wollten gehen, desgleichen der Chirurgus. Da kam aber der Ehinger Spitzenkramer in das Zimmer gesturzt und rief uberlaut: "Wisst's was Neues? Wisst's was Neues? Ja, wann die Ehinger nit waren, ihr erfuhrt euer Lebtag' nichts Neues."
"Was ist denn vorgefallen?" fragten die Bauern.
"Vorgefallen? Nichts vorgefallen, eingefallen ist was. Das alte Schloss da droben eine halbe Stund' von hier ist eingefallen in eurem wusten Wind und Wetter hierzuland'. Ein Mann, der am Dorf vorbeilief, sagt' es mir soeben! O wenn mein Captain Gooseberry nur nicht noch darin verweilt hat!"
"Zum Henker!" riefen die Bauern, "das ist ja ein vertrackter Streich. Wenn nur der alte Herr Baron nicht darunter zu Schaden gekommen ist! Kommt alle hin!" Sie brachen sturmisch auf, die einen, um zu helfen, die anderen aus Neugier.
Der Chirurgus war tiefsinnig in der Mitte der Stube stehengeblieben, den Finger an die Nase gelegt. "Wollt Ihr nicht mit?" fragte der Ehinger, der noch einmal zuruckkam. "Ihr konnt vielleicht Hulf' schaffen."
"Allerdings", versetzte der Chirurgus, und brachte den noch von fruherer Zeit heraushangenden Busenstreifen in Ordnung. "Trepanieren oder zum wenigsten sezieren. Aber, Freundschaft, lasst uns langsam nachgehen, denn der Schutt muss doch erst hinweggeraumt werden, bevor die Lebendigen oder zum wenigsten die Toten herauskommen. Ubrigens kann dieses anscheinliche grosse Ungluck eine sehr nutzliche allgemeine Hauptveranderung bei dem alten Herrn Baron hervorbringen."
"Wie das?" fragte der Ehinger.
"Freundschaft, passt auf. Sturz Fall auf einen harten Korper Schock! Pia Mater Revolution im Cerebellululo Lebensgeister in Aufruhr Befreiung Gegenschock! Ich sage nichts weiter." Womit soll ich dich vergleichen, alte narrische Erde? Bist du ein Kase, auf dem Milben umherkrabbeln? Bist du ein Schachbrett, auf welches eine unsichtbare Hand die Figuren nach einer gewissen Ordnung und Regel stellt, und wo dann der grosse Spieler sie planvoll Zug und Gegenzug machen lasst, weil er mit sich selber die geheimnisvolle Partie spielt? Oder bist du ein Mittelding von beiden, ein schones, getafeltes, blankgebohntes Parkett, auf dem bei dem Schalle der Floten und Geigen reizende Madchen und hubsche Junglinge den Cotillon tanzen, den reichen, tourenunerschopflichen Tanz, und alte Herren umherstehen, und zartliche verwelkte Mutter umhersitzen? Niemand weiss, ob ihn nicht eine Schone in einer artigen Kaprice, wie das launenvolle Gluck, holt, auf dass er mit dem holdatmenden Glucke noch eine unerwartete Runde durch den Saal mache; und andere, welche meinen, ihnen konne es nicht entgehen, bleiben ungeholt. Plotzlich zerstort ein ungeschickter und ubersehener Stuhl die kunstlichsten Reigen und manche zartliche Mutter wird unversehens auf den Fuss getreten, und die alten Herren wissen nicht, wohin sie sich vor einer improvisierten wilden Promenade der Jugend retten sollen. Manadisch raset der Schwarm bis in die fernsten Seitenzimmer, und die Whisttische werden umkreiset; einen Augenblick sehen runzlichte Gesichter aus Galakleidern von der gemalten Coeurdame auf nach den lustklopfenden Busen der tanzenden Madchen und zwei Tiefdenker, die Punsch trinken und philosophieren uber schwerbewegliche Dinge, sind gestort und versenken sich in die Betrachtung leichtgeschwungener Glieder einen Augenblick nur die Jugend promeniert nach dem Saale zuruck und Robber und Philosopheme nehmen wieder ihren Fortgang.
Ja, alte narrische Erde, du bist kein milbentragender Kase, du bist auch kein quadriertes Brett fur streng berechnete Zuge. Du bist das Parkett, auf dem wir im Cotillon geholt werden, oder stehen bleiben nach Damenlaune, auf dem die alten Herren ins Gedrange kommen und die zartlichen Mutter vor Schmerz uber ihre gemisshandelten Fusse zuweilen aufschreien mochten, auf dem holzerne Stuhle den schonsten Reigen zerbrechen konnen, auf dem der Ubermut der Jugend zwischen die Karten und Argumente der Gala und Philosophie fahrt, auf dem plotzlich alles auseinanderlauft und sich ebenso plotzlich alles wieder zusammenfindet! "Ist es moglich? bin ich verzaubert heute? oder bist du es wirklich?" rief der junge Graf Oswald, der jetzt den Kamm des Gebirges wieder erreicht hatte einen Menschen in blauem Kittel und Holzschuhen an, der ihm entgegenkam, ein grosses Bund Heu auf dem Rukken.
Der alte Mensch sah auf, liess zwar das Bund Heu sinken, gab aber sonst kein Zeichen lebhafter Verwunderung von sich, sondern sagte bloss: "Ei, da sind Sie ja! Ich dacht' wohl, dass Sie mich nicht sitzenlassen wurden." Darauf kusste er seinem jungen Gebieter freundlich die Hand.
"Jochem, bist du's, oder bist du's nicht?"
"Ja freilich bin ich's, mein Herr Graf."
"Aber um des Himmels willen, wie kommst du denn hieher, und was treibst du hier? Und warum suchtest du mich denn nicht auf?" Er legte seine Hand auf den Kittel des Alten, gleichsam um sich durch das korperliche Gefuhl zu uberzeugen, dass ein wirklicher Mensch vor ihm stehe.
Der Alte liess sich ruhig befuhlen, ehe er antwortete. Denn er gehorte zu den Leuten, die nur sehr selten aus der Fassung kommen. Er schob seinem jungen Gebieter das Bund Heu hin, dieser musste sich darauf setzen, Jochem stellte sich vor ihn und erzahlte nun folgendermassen.
"Will Ihnen alles vermelden, mein Herr Graf", sagte er, "aber eins nach dem anderen. Wie ich hieher komm'? Zuruck von der grossen Reis', die ich auf Ihren Befehl machte. Hab' mich immer rechts gehalten, wie meine Kommission lautete, kam erst nach Kassel, wuste Kerl' dort, sonst nichts zu sehen, dann nach Magdeburg, auch wuste Kerl' dort, sonst auch nichts zu sehen, dann nach Berlin, ebenfalls wuste Kerl' dort, ebenfalls sonst nichts zu sehen; und so retour wieder hieher uber Magdeburg und Kassel, da's Geld gerad' zur Halft' ausgeben war zu Berlin, und ich uberdies meine Kommission schon ausgerichtet hatte alldort. Was ich hier treib'? Sitz' schon seit acht Tagen beim Bauer im Heu, helf' ihm Heu machen, um mir mein Tagebrot zu verdienen, denn der letzte Kreuzer war ausgeben, als ich diese wuste Gegend wieder erreicht hatt'. Warum ich Sie nicht aufgesucht? Hatten damals beim Abschied keine recht deutliche Sprach' miteinander gefuhrt, wo ich meinen Herrn Grafen wiederfinden sollt'. Dacht' also, das Sicherste war', wenn ich sitzen blieb', wo ich eben war, denn das wusst' ich, dass mein Herr Graf mich ausspuren wurden und abholen, und sass' ich im Mittelpunkt der Erd'. Blieb deshalb auch ganz ruhig und macht' in Zufriedenheit mein Heu, obgleich es eine Lebensart ist, die sich nicht ganz fur meinen sonstigen Stand schickt. Dacht' aber immer: 'Heut kommt der Herr Graf und holt dich ab, und kommt er heut nicht, so kommt er morgen', und so hat sich's nun auch zugetragen."
Unserem Oswald tat es nach den fratzenhaften Ereignissen des Tages wehmutig wohl, mit seinem Alten zusammenzutreffen. Eine Trane trat in sein Auge. Er druckte dem Alten die Hand und sagte: "Du hattest ganz recht, Jochem, als du glaubtest, ich werde nach dir forschen, und sassest du im Mittelpunkte der Erde." Jochem blieb hierbei trocken, wie immer und versetzte: "Sie haben auch schwabisch Blut im Leib, mein Herr Graf, und das verlasst einander nicht" Oswald sah sich um und erblickte verwundert einen Heuschoppen in der Nahe, der ihm so vorkam, wie der, in welchem er die Nacht zugebracht hatte. "Wo hast du in voriger Nacht geschlafen?" fragte er.
"Dort im Schoppen", versetzte der Alte, "wie alle Nacht mein Amt ist, um dem Bauer sein Heu zu bewachen."
Sein Gebieter erzahlte ihm nun, dass sie diesem Umstande zufolge schon in der Nacht unwissend zusammen gewesen seien, woruber Jochem anfangs erstaunte und ausserte, unter dem wusten Volk wisse man gar nicht, was einem alles begegnen konne, es sei erstaunlich, dass zwei Landsleut' zusammen im Heu lagen und einander nicht erkannten. "Ich wollt' anfangs den Menschen, der sich da ins Heu eingedrungen, bei Nacht hinaustreiben", fugte er hinzu, "liess es aber doch sein, weil ich dacht', er mochte sich draussen erkalten. So ist Menschenfreundlichkeit doch immer etwas Gutes und zu vielen Dingen nutz."
"Jochem", sagte der Graf, "hattest du mich hinausgetrieben, so wurdest du mich fruher erkannt haben."
Dieser Einwurf machte den Alten verwirrt. Er sah stutzig vor sich nieder, dann ballte er die Faust und murmelte ingrimmig: "Nun sag' ich's doch! In der Fremd', unter dem wusten Volk steht alles windschief. Man weiss bei den Sachsen und Polacken nicht, ob man menschenfreundlich oder menschenfeindlich sein soll."
Er besann sich und fuhr fort: "Von meiner Kommission habe ich noch gar nicht geredet. Den Schrimbs oder Peppel "
"Lass ihn", unterbrach ihn sein Gebieter besturzt.
"Nein, seine Kommission muss man gehorig ausrichten!" rief Jochem eifrig. "Den Schrimbs oder Peppel hab' ich richtig gefunden. Ich hab' ihn auf der Schlossbrucken zu Berlin stehen sehen, er kuckt' ins Wasser und ich sah ihn von hinten und da ging er fort und ich konnt' ihn nicht einholen, aber ich hab' mich nicht getauscht und wenn wir nun uns beide dahin auf den Weg machen, so werden wir ihn gar nicht verfehlen."
Wie nach Homer der Mensch, er mag noch so unglucklich sein, immer Hunger behalt, so gibt es auch Dinge, die den Betrubtesten zu lachen machen konnen. Der junge Graf Oswald war sehr betrubt, aber die Entdeckung Jochems, dass Schrimbs oder Peppel auf der Schlossbrucke zu Berlin gestanden habe, bewirkte, dass er lachen musste. Jochem, der seine Sachen sehr gut gemacht zu haben glaubte, fuhlte sich dadurch etwas beleidigt. Nach einer Pause fragte er: "Was hatten mir denn nun der Herr Graf zu befehlen?"
Oswald war von seiner kurzen Lustigkeit schon wieder zuruckgekommen. Er stand auf, ging heftig hin und her, ballte seine Hand, druckte sie wider die Stirn, sein schones Antlitz zuckte vor Schmerz, er riss an seinen braunen Locken, er nagte an seiner Lippe. Der Alte, der sich in seinen jungen Herrn nicht zu finden wusste, stellte sich, die Kniee nach vorn gebogen, die Hande und Arme auf seine Schenkel gestemmt, hin und sah ihm traurig zu. "Mit Ihnen ist etwas vorgegangen, mein Herr Graf", sagte er ehrlich und sanft.
Da trat Oswald rasch zu ihm. Er druckte den Kopf des Alten heftig gegen seine Brust und rief im herzzerreissendsten Tone: "Ja! Ja! mit mir ist etwas vorgegangen!" Leise weinend sagte er ihm ins Ohr: "Ich habe eine Braut, Jochem!"
Aber hier brachen die Gefuhle des alten trockenen Menschen mit einem Ungestum aus, der nicht zu beschreiben ist. Jubelnd und schreiend stiess er seinen jungen Herrn wie einen niederen Knaben von sich zuruck, sprang in dem Nebel auf dem braunen Heideplatze schwerfallig und ungeschickt wie ein alter treuer Hund, der den Herrn wiedersieht, umher, klatschte in die Hande und rief: "Juchhe! Juchhe! Ach, das Gluck, das ausbundige Gluck! Ach, so sollen meine alten Augen denn noch den Tag erleben, wo ich meinem Herrn Grafen und seiner schonen, lieben gnadigen Braut zur Hochzeit aufwarten darf! O uber den klugen Einfall von meinem Herrn Grafen! Ach wo ist sie, wo ist das liebe gute gnadige Fraulein, dass ich ihr die Fusse kusse und den Saum des Rocks?" Seine abgenutzten Krafte reichten aber nicht weiter. Er musste stillstehen, hielt sich die Seiten, keuchte und war ausser Atem.
Der junge Graf Oswald hatte sich auf die Erde geworfen, das Gesicht in das Heu gedruckt. Seine Arme waren ausgestreckt daruber hingebreitet; er schluchzte bitterlich. "Alles, alles kann die Liebe ertragen!" jammerte er. "Not ertragt sie und Elend verkittet sie und selbst die Untreue weiss sie zu uberdauern und in die Bahn der Treue hold zuruckzufuhren! Aber eines ertragt Liebe nicht: Das Lacherliche! Das ScheusslichLacherliche! Musst du lachen, wenn du dein Lieb im Arme haltst und denkst, woher sie ruhrt, so ist es aus mit der Liebe, aus! Liebe stirbt vom grellen Lachen! O mein susser, einziger Tag o du Tag meiner Tage! so rasch gingst du unter, herrliche Sonne? Ach, meine Brust, wie tut sie weh! Die Fratzen haben sie zerschnitten mit dem grellen Lachen und sie wird bluten, sehr bluten!"
Er richtete sich empor und schuttelte sich wie vor Fieberfrost in dem hasslichen kalten Dunst da droben auf der Bergeshalde. Seine dunkelen Locken hingen ihm tief wie Wolken in das Gesicht. Dumpf sagte er: "Nimm dieses Geld, Jochem, bezahle damit, was du etwa schuldig bist und deine Zehrung. Erwarte mich in der Stadt bei dem Diakonus. Morgen, oder vielleicht noch heute abend komme ich hin. Jetzt gehe ich nach dem Oberhofe, um dem Madchen Adieu zu sagen."
"Adieu?" fragte der Alte, der aus dem Himmel seiner Freude gesturzt war.
"Ich werde das Madchen, mit welchem ich mich verlobte, nicht heiraten", sagte Oswald, bemuht, seiner Stimme Festigkeit zu geben. Sie ging aber bei den letzten Worten in ein gebrochenes Zittern uber. Er schritt schnell uber den Abhang des Berges nach der Borde hinunter.
Der alte Jochem sah ihm nach. Er beschaute das Geld, welches ihm der Graf gegeben hatte, dann sah er die Stelle an, wo die Klagen seines Herrn erschollen waren, dann nahm er seinen Hut in die Hand und drehte ihn, Kopf und Krempe achtsam betrachtend, hin und her. Er setzte den Hut wieder auf und sprach sodann: "Wenn dieser mein Herr Graf sich mit dem Madchen verlobt hat, so wird er ihr nicht Adieu sagen, sondern sie heiraten."
Hierauf ging er nach dem Gehofte seines Bauern, um mit diesem alles in Richtigkeit zu stellen, seinen eigentlichen Rock wieder anzuziehen und sodann zu tun, was ihm der Graf befohlen hatte. Der Schriftsteller ging zum zweiten Male nach der Krypte. "Sollte er mich missverstanden haben? Sollte er mich dort erwarten? Gesprochen habe ich freilich davon ..." sagte er fur sich. Munchhausens Ausbleiben machte ihn unruhig. Er ging nicht ohne einen leichten Schauder durch die Kirche nach den Stufen, die in die Kluft hinunter fuhrten. Seine sonderbaren Gedanken hatten ihm den dusteren Ort mystisch bevolkert.
Die Ahnung hatte ihn nicht getauscht. Indem er zu den Schatten und truben Lichtern der Kluft eintrat, horte er ein Gerausch in der Nahe des Altars. Er fasste sich ein Herz, ging zu der Stelle und fand wirklich den, auf den er so lange gewartet hatte. Hinter der Gruppe am Kreuz sass Munchhausen auf einem alten Opferstocke, den man, weil er unbrauchbar geworden sein mochte, dort hingestellt hatte. Als der Schriftsteller seinen Kuranden naher betrachtete, soweit dieses die Dunkelheit des Ortes zuliess, erschrak er, denn der Abenteurer sah ganz anders aus, wie am Morgen. Sein Gesicht schien vollig eingefallen zu sein, die Backenknochen schienen weit hervorzustehen. Auch der Anzug war in Unordnung. Keinen Hut hatte er auf dem Kopfe, die Uniform klaffte vorn weit auseinander, die Weste war aufgerissen, die nackte Brust zeigte sich. Er sprach kein Wort. Der Schriftsteller fasste seine Hand an, sie war grabeskalt.
Dieser nahm sich zusammen und sagte fest: "Was soll das? Warum sitzt Ihr hier? Folgt mir nach der Schenke!"
"Kommt sie?" flusterte Munchhausen leise mit hohler Stimme.
"Wer?"
"Sie! Der bose Feind. Hu! An den Rocken kennt man sich wieder, wenn die Gesichter unkenntlich geworden sind. Warum zog ich meinen roten Rock an, warum ging das Rosakleid nicht verloren und der grune Schuh und der Paradiesvogel? Abscheuliche Erinnerung!"
"Welche Erinnerung?"
"Die! Erinnert Euch an heute morgen! Einen Punkt gibt es im Leben jedes Menschen, an den darf man nicht ruhren, sonst wird der Mensch toll. Eine Gestalt gibt es, wenn die kommt und sich an den Pfeiler Laran gegenuber stellt, und nichts weiter sagt als: 'Er ist's!' so kann Lara sich nicht mehr zufriedengeben. Eine Gans zu belugen und zu verfuhren, um Geld zu kriegen und dann horen zu mussen, die Gans sei kahl, gerupft! Puh! Einzige Sunde meines Lebens! Abbussen wollte ich sie durch tausend bussfertige uneigennutzige Lugen! Umsonst! Die Gans erscheint wieder. Armer Munchhausen! Wie herrlich standest du da noch vor drei Stunden! Munchhausen war gross, Munchhausen war ein Held, denn Munchhausen hatte selbst die Feigheit uberwunden und wollte sich schiessen. Und so zertrummern zu mussen!"
"Man wird Euch ja wohl vor Angriffen und Zudringlichkeiten schutzen konnen", sagte der Schriftsteller, der nun allgemach den Zusammenhang begriff.
"Wer? Schutzen? Nein!" antwortete der Freiherr todesmatt. "Du kannst dich vor dem Lichte verbergen, du kannst eine Hohle finden vor dem Orkan, wenn er dahersauset, und buckst du dich beizeiten, so fahrt die Kanonenkugel uber dich hin, aber du kannst dich nicht verstecken vor einem tollen Weibe, das dir nachlauft. Sie hat mich ausgewittert, sie wird mich finden allerorten. Es gibt Vorurteile in der Welt. Man soll heiraten, wen man ... Sie heiraten! Schrecklicher Gedanke!"
Der Schriftsteller dachte: "Ich hoffe, der Ehrgeiz soll auf ihn wirken." Er sagte daher: "Munchhausen, der Erbprinz erwartet Euch." Aber mit einer vielsagenden Gebarde nahm der Freiherr aus der Tasche seiner Uniform den Brief jener hohen Person und zerriss ihn. Der Schriftsteller, den diese symbolische Handlung ausserst betroffen machte, fragte ihn, was er denn nun eigentlich vorhabe, was er beginnen wolle?
"Verdampfen! Verduften! Verschwinden!" sagte der Freiherr. "Ihr seht mich nie wieder, Ihr hort nichts mehr von mir. Lebt wohl! Mein Tagwerk ist getan. Lasst uns wie Manner scheiden! Keine Trane bei diesem Abschiede! Sie werden mir nachzupfuschen suchen, aber Ihr werdet, das weiss ich, ewig Euren Freund vermissen."
Sein Kurator suchte alle Grunde hervor, womit ein Mann, der sich in heiler Haut weiss, den Leidenden uberzeugen zu konnen glaubt, dass es die Pflicht des Leidenden sei, nicht zu leiden. Er erinnerte ihn an die Aufgabe, die das Leben jedem zu losen gebe, namlich sich zusammenzunehmen und unter allen Umstanden gefasst zu bleiben. Er sprach von Cato, Sokrates und von anderen grossen Mannern des Altertums, er sagte ihm zuletzt, eine feuchte und kalte Krypte sei wenigstens auf keinen Fall der Ort, um lange darin ohne Schnupfen und Husten zu verweilen.
"Nun denn!" rief Munchhausen, dessen Lebensgeister noch einmal wild aufzuspringen schienen, "so will ich eine neue Religion stiften und Ihr sollt Ali sein, der erste der Glaubigen. Bringt Wein her, feurigen Wein, schaumenden Wein, wir wollen den Manen des Toten da am Kreuz eins zutrinken!"
Der Schriftsteller trat drei Schritte zuruck. "Nein, das wollen wir hubsch bleiben lassen!" rief er so tonend, dass es durch das Gewolbe hallte. "Alles muss seine Grenzen haben."
"Wofern Ihr das nicht wollt, so verschafft mir wenigstens einen Mantel und einen Hut, damit ich mich anstandig sehen lassen kann", sagte der Freiherr.
Der andere wandte sich, stieg aus der Krypte empor, um das Begehrte herbeizuschaffen. Er war jedoch kaum oben angelangt, als er ein heftiges Getose unten vernahm. Es war, als ob Steine von ihrem Orte gebrochen wurden und dann schollernd niederfielen. Sogleich eilte er, schlimmer Ahnung voll, in die Kluft zuruck. Munchhausen war von seinem Sitze verschwunden. Der andere sah sich um; nirgends war er zu erblicken. Er rief; es erfolgt aber keine Antwort. Er suchte hinter den Pfeilern, in den Seitennischen hinter den Grabmalern, bei den Steinhaufen; vergebens! Der Freiherr hatte sich nirgends versteckt.
Nach der Schenke zuruckgekehrt, bewog er einige Bauern, ihm mit Laternen und Windlichtern zu folgen. Bei deren Scheine wurde nun eine zweite sorgfaltige Nachsuchung vorgenommen. Umsonst! man forschte nach einem geheimen Gange aus der Krypte, aber diese zeigte sich, wohin man leuchtete, umschlossen, auch wollten die Bauern von einem solchen nie etwas gehort haben. Man prufte endlich mit Stokken und Hacken das Pflaster und Gemauer, ob es nicht irgendwo losgebrochen und nur notdurftig wieder zugesetzt sei. Pflaster und Gemauer waren uberall fest. Diese vergebliche Arbeit dauerte uber eine Stunde. Endlich musste man von ihr abstehen. Munchhausen war und blieb auf unbegreifliche Weise verschwunden.
Vierter Teil
An Ludwig Tieck
Sie schrieben mir vor einigen Monaten und sprachen mir Ihre Freude uber den ersten Teil des "Munchhausen" aus, den Sie damals gelesen hatten. Dieser Brief kam ganz frei aus Ihrer Seele, denn ich hatte es unterlassen, Ihnen ein Exemplar meines Buches zu senden. Er war mir unverhofft und eine freudige Uberraschung. Doppelt aber erfreute er mich. Denn einmal musste es mir wohl sehr lieb sein, dass Sie sich so an den Anfangen meines Werkes ergotzt hatten, dann aber zeugte die liebenswurdige Lebhaftigkeit Ihrer Worte von der fortbluhenden Jugend, welche wie ein Kranz schoner Rosen Ihre ehrwurdigen Schlafen umschmuckt.
Ich nahm mir gleich vor, Ihnen zu antworten und zu danken. Nachher aber uberlegte ich, dass der beste Dank die Tat ist und schwieg daher bis zur Vollendung des ganzen Werkes. Nun ist es fertig und ich widme Ihnen seinen Abenteurer und seine guten Menschen, seine Possen und seinen Ernst mit diesem letzten Teile. Daruber reden kann ich nicht; es wirke auf Sie, wie es eben die Kraft und Fahigkeit in sich besitzt. Aber einen offenen Brief schreibe ich Ihnen dazu vor dem Angesichte auch anderer Leser, denn manches wollte ich Ihnen sagen, was sich in einem solchen doch noch besser ausnimmt, als unter einem Siegel, welches nur Ihre Hand erbrache.
Immer habe ich mich am glucklichsten gefuhlt, wenn mein freies Gemut sich zum Schuldner fur empfangene Wohltat bekennen durfte. Dieses reine Gluck empfinde ich auch jetzt, indem ich an Sie schreibe. Man hat mich oft einen Nachahmer genannt, und der Tadel, der in dieser Bezeichnung liegt, mag meine fruhesten Versuche nicht ohne Grund getroffen haben, obgleich mich nie ein affischer Trieb kitzelte, sondern stets ein innerer Drang bewegte. Spater, als mich Leben und Bildung gereift hatten, meine ich jederzeit ein Eigenes gebracht zu haben, wenn ich mich fremden Mustern anlehnte. Ich vermied keine Reminiszenzen, weil ich wusste, dass diese doch immer ein nur mir gehoriges Leben in mir aufgeweckt hatten. So mochte ich denn eher den Namen eines Schulers fur mich in Anspruch nehmen. Und in einer Zeit, worin so viele Meister, wie sie behaupten, vom Himmel fallen, durfte ein guter Schuler der Abwechselung halber kein ganz verachtlicher Gast am Parnass sein.
Auch zu Ihrem Schuler bekenne ich mich gern, freudig und offentlich. Sie haben unter uns Deutschen einen ganz neuen Scherz erfunden, Sie haben der Natur fur manchen ihrer geheimsten magischen Tone die Zunge geloset, viele Beobachtungen und Erfahrungen haben Sie mitgeteilt, die vor Ihnen niemand gemacht hatte. Alles nun, was in mich von Ironie, Spott, Laune gelegt worden war, ein tiefes Bedurfnis, welches mich von meiner Kindheit her oft froh machte, oft auch angstigte, die Signatur der stummen Dinge zu erkennen, endlich mein Verlangen, mich uber das eigenste Wesen der Dichter und der Buhne aufzuklaren alles das fand, wie haufig! bei Ihnen Lehre, Beispiel, Fuhrung. Ich verehre Sie als einen meiner Meister und in meinen guten Stunden wage ich mir zu sagen, dass Ihnen der Schuler gerade keine Schande mache.
Aber eine elegische Empfindung kann ich nicht bewaltigen, wenn ich an Sie denke. Sie stehen gefeiert, wurdig, nachwirkend da, das ist wahr. Um eine Entfaltung jedoch hat das Missgeschick der Umstande Sie und uns gebracht. Sie hatten der Vater des deutschen Lustspiels werden konnen, wenn die Buhne Ihrer frischesten Zeit entgegengekommen ware, und dieses Lustspiel wurde das grosste der modernen Zeiten geworden sein. Denn nicht auf das Einzelgeschick eines Liebespaares, oder auf die Schilderung einer narrischen Sitte, oder eines in der Verborgenheit sein Wesen treibenden Toren kam es Ihnen an, sondern Ihre komische Muse lachelte uber die ganze Breite der Welt und der Zeit, sie schmuckte mit bunten Blumen, die sich dann wieder zauberisch in Schellen verwandelten, die offentlichen Charaktere, sie fuhrte mit reizender Schalkheit, die wie Ehrfurcht aussah, komische Konige und Helden im Triumphe auf. Wenn ich an die Kraft und Gewalt Ihrer Figuren mich erinnere, an den tiefsinnigen, freien, grossen, unerschrockenen Humor in "Oktavian", "Zerbino", "Kater", "Daumchen", "Blaubart", "Fortunat" und in der "Verkehrten Welt", so weiss ich nur ein Gegenbild zu diesem Lustspiele in der ganzen Geschichte der Poesie zu finden; es ist das des Aristophanes. Ich habe oft Ihre Gedichte vorgetragen, und wenn es mir gelang, dem Dichter nachzukommen, so kann ich wohl sagen, dass empfangliche Zuhorer in einen bacchischen Taumel der Lust gerieten.
Aber keine attische Buhne empfing Sie und brachte auf den Brettern Ihre Produktion zu der Fulle und Vollreife, die nun einmal der Dramatiker nur gewinnen kann, wenn er seine Geschopfe da droben auf dem Geruste in Fleisch und Blut umherwandeln sieht. Man sagte, diese Sachen seien sehr schon, sehr witzig und liessen sich uberaus wohl anhoren, aber aufzufuhren seien sie nicht. Das war aber eine Unwahrheit. Denn ich habe hier den "Blaubart" zweimal darstellen lassen. Ich hatte weniger Muhe von ihm, als zum Beispiel vom "Glockner von Notre Dame", die Schauspieler fanden sich bald hinein und spielten mit Lust und Liebe darin, was aber den Erfolg betrifft, so war dieser bei der ersten Darstellung ein entschiedener und bei der zweiten der allerglanzendste. Wenig hatte das Stuck gekostet, und viel brachte es ein. Ich wollte nicht dabei stehenbleiben, sondern ich dachte schon an "Fortunat", selbst an "Daumchen" und an das schnurrende Tier in Stiefeln. Aber die Dusseldorfer Buhne ging wegen Mangels an Gunst, Schutz und Geld unter, und so blieben denn jene Gedanken Traume.
Warum ich diese Saite hier beruhrt habe? Weil mir Ihr ganzes Bild vorschwebte und zu einem vollen Menschenleben die Entwickelungen und die Vereitelungen gehoren. Wenn ich mit Ihnen Mund gegen Mund reden durfte, so hatten unsere Gesprache immer einen Gehalt; eine gewohnliche Dedikations-Epistel konnte ich Ihnen daher nicht schreiben. Nehmen Sie meine Worte auf, wie ich sie gemeint habe, und vor allen Dingen leben Sie noch lange, leben Sie munter und kraftig fort, sich und uns zum Segen!
Dusseldorf, den 20. April 1839,
(an dem Tage, wo die letzten Seiten des "Munchhausen" zu Ende geschrieben wurden).
Immermann
Siebentes Buch
Das Schwert Karls des Grossen
Erstes Kapitel
Der Lendemain in einem Oberhofe
Wahrend des Hochzeitschmauses und des Tages, der darauf folgte, hatte der einaugige Spielmann im Eichenkampe nicht weit vom Oberhofe gesessen. Man brachte ihm Speise und Trank dorthin, er ruhrte aber nur wenig an und genoss auch dieses wenige mit Widerstreben, etwa so viel, als hinreichte, seinen wutenden Hunger zu stillen. Die Stelle, wo sich dieser Mensch aufhielt, lag kaum funf Schritte von der Strasse ab, die durch den Kamp fuhrte, sie war von den dicksten und hochsten Stammen uberstanden, deren einer mit seinen gewaltigen Wurzelknorren eine naturliche Brustwehr vor dem Erdreich bildete, welches hinter ihm in eine Vertiefung ablief, auf deren Rande man bequem sitzen konnte.
Dort sass denn auch der Spielmann und sah beharrlich lauernd nach dem Hause hinuber. Zuweilen erhob er sich mit halbem Leibe, um aufzustehen, und dies geschah, wenn sich eben niemand in der Ture und im Flure des Oberhofes blicken liess, aber bei dem Abund Zulaufen der Menschen dauerte das immer nur einen Augenblick. Sobald wieder Menschen sichtbar wurden, setzte er sich immer wieder unwillig hin. Auch drehte er zuweilen heftig an seinem Leierkasten, worauf dieser widerwartige Tone von sich gab, die pfeifend und heulend ausklangen. Daruber machten die Leute, die eben vorbeigingen (und es gingen viele an jenem Tage durch den Eichenkamp), ihre groben Spasse, und einer oder der andere sagte, der Patriotenkaspar pfeife aus dem letzten Loche. Doch ausserte sich so meistens nur das junge Volk, dessen Erinnerung den Spielmann bloss als eine lacherliche Gestalt kannte; die Alten bekummerten sich hier so wenig um ihn als andererorten, wenn sie ihm zufallig begegneten. Die Spasse der jungen Leute liess der Patriotenkaspar ruhig und ohne Erwiderung an sich vorubergleiten, oder hochstens zwinkerte er dazu mit seinem unversehrt gebliebenen Auge. Ging aber ein Alter vorbei, der gar nicht tat, als ob er, der Patriotenkaspar, der die alte Orange in Schoonhoven mit hatte vermolestieren helfen, da sitze, so ballte er grimmig in dessen Rucken die Faust und murmelte: "Ihr Schubjakken! Aber ich werde euren Obersten schon ..."
Was ihm am Tage misslungen war, namlich in das Haus einzudringen, das meinte er, werde ihm in der Dunkelheit des Abends glucken. Aber er hatte sich getauscht. Denn als es finster wurde, begannen ein paar Magde vor dem Hause ein Topfwaschen und Kesselscheuern, welches bis spat dauerte und ihn verhinderte, unbemerkt hineinzuschlupfen. Als diese mit dem letzten Kessel fertig waren, hatten inzwischen zwei Betrunkene sich in die Ture gestellt, wovon der eine dem anderen seinen Prozess klarmachen wollte, den er seit mehreren Jahren uber eine Durchgangsgerechtigkeit fuhrte. Der andere sagte nach jedem Satze seines Nachbarn: "Verstanden", und fragte darauf: "Wie war es aber eigentlich?" Der Prozessfuhrende wiederholte dann seinen Satz, der andere noch einige Male sein verstehendes und fragendes Wort; so ruckte die Geschichte ausserst langsam vor, und es war kein Ende derselben abzusehen. Dabei hatten die beiden noch gerade so viel Besinnung, um jeden, der zwischen ihnen durch in die Ture gehen wollte, mit heftigen Gebarden zuruckzuweisen, weil sie, in die Prozessgeschichte vertieft, behaupteten, hier sei keine Durchgangsgerechtigkeit. Weshalb denn auch mehrere, die sich mit jener Absicht ihnen naherten, um Streit zu vermeiden, zuruck und neben dem Hause vorbei nach der Hofture gingen, der Spielmann aber die Ausfuhrung des Vorsatzes, der ihn an seine Stelle fesselte, aufgeben musste, solange die Betrunkenen da standen. Endlich, es war schon Mitternacht, kam ein Dritter vom Flure nach der Ture gegangen, fasste, ohne ein Wort zu sagen, die beiden von hinten am Kragen, zog sie zuruck und in den Flur, schlug aber darauf sogleich die Ture zu und verriegelte sie von inwendig. Sie wurde nachmals nicht wieder aufgetan.
Die Hochzeitgesellschaft verlor sich gegen ein Uhr nachts und der Oberhof lag nun in dunkelen Schatten still und lautlos da. Jetzt erhob sich der Spielmann von seinem Sitze und umschlich das Gehoft tuckisch spahend wie eine Katze, um irgendwo eine offenstehende Lucke oder sonst eine vergessene Offnung zu finden, durch welche er eindringen konnte. Aber es wollte sich nichts dergleichen finden, und als er an der niedrigsten Stelle der Hofesmauer sich bereitete, uberzusteigen, erhoben die Hunde im Hofe ein solches Gebell, dass er befurchten musste, es moge jemand im Gehofte wach werden. Er wich daher auf den Zehen und die Zahne zusammenbeissend zuruck und ging wieder, seine Fluche verschlingend, nach der Sitzstelle im Eichenkampe, wo er nun ebenso hartnackig in der Nacht ausharrte, wie bei Tage.
So sass dieser Mensch einen ganzen Nachmittag, einen Abend und mehrere Stunden der Nacht hindurch, erpicht auf sein Vorhaben. Und gleichwohl war dieses nicht auf ein grosses Verbrechen oder einen reichlichen Vorteil gerichtet; er wollte dem Hofschulzen weder seine Geldsacke rauben, noch ihm das Haus uber dem Kopfe anzunden, sondern nur ihm einen Schabernack anzutun ubte der Feind des Reichen eine solche zahe Beharrlichkeit.
Gegen vier Uhr morgens endlich, als die Gegend noch im halben Dammer lag, wurde die Ture aufgestossen, ein Knecht kam herausgegangen um Wasser zu holen und diesen Augenblick benutzte der Lauerer, um in das Haus zu schlupfen. Er lief uber den Flur und die Treppe hinauf, sich vorlaufig zu verbergen und wahrend des Tages, wann, wie er vorher wusste, der Oberhof von allen Bewohnern verlassen werden wurde, mit seiner Beute zu entkommen.
Nachdem es heller Morgen geworden war, ging der Hofschulze, zwei grosse Geldsacke tragend von dem oberen Teile des Hauses nach der Stube unten neben dem Flure und hinter ihm drein ging der Schwiegersohn. Dort setzten sich beide schweigend, wie gestern bei allen wesentlichen Stucken der Hochzeit, an einen grossen Tisch. Jeder von ihnen offnete einen Sack und zahlte aus demselben dreitausend Taler in harten runden Talern auf. Es storte den Hofschulzen nicht, dass mehrere Hausgenossen und auch einige Nachbarn, welche sich schon im Hofe eingefunden hatten, vom Flure aus, oder in der Ture der Stube stehend, diesem Aufzahlen zusahen. Vielmehr schien es ihm lieb zu sein, Zeugen bei dieser Handlung zu haben, die seinen Reichtum dartat, wie ein hin und wieder zur Seite geworfener stolzer und schmunzelnder Blick andeutete. Das ganze Geschaft nahm wie es begonnen worden, seinen Fortgang und erreichte auch so seine Endschaft; namlich beide Hauptpersonen redeten kein Wort miteinander wahrend des Geldzahlens. Als sechstausend blanke Taler auf dem Tische lagen und von dem Schwiegersohne sorgfaltig nachgesehen worden waren, schrieb dieser stumm die Quittung uber die empfangene Mitgift und reichte seinem Schwiegervater den Schein, ohne Dank zu sagen, hin, strich sodann das Geld wieder in die beiden Sacke ein und setzte sie zur vorlaufigen Verwahrung in einen Wandschrank, der sich in der Stube befand und von welchem er die Schlussel zu sich steckte.
Der alte Schmitz hatte das Geschaft unterbrechen wollen und war mit der Ausserung, dass er nach der Stadt zuruck wolle, vorher aber seine Sache mit dem Hofschulzen in Ordnung bringen musse, zu diesem in die Stube getreten. Der Hofschulze verweigerte jedoch heute wie gestern, ohne von seinen Talern aufzusehen, jede Einlassung, bis das ganze Plasier, wie er sich ausdruckte, zu Ende sein werde, worauf er gern uber alles und jedes zu Dienst stehen wolle. Denn zwei Sachen zu gleicher Zeit zu treiben, war nicht sein Ehrgeiz, er brachte immer erst eine vollstandig zu ihrer Richtigkeit, ehe und bevor er eine andere angriff, und mit diesem Grundsatze war er zu den guten Umstanden gelangt, in denen wir ihn kennengelernt haben. Der alte Sammler entfernte sich verdriesslich und ging nach einem Stalle, worin er etwas hatte niedersetzen lassen, dessen Besitz jetzt seine Seele druckte. Er sah es unter wehmutigen Gedanken an und wunschte sehnlich das Ende des Plasiers herbei, welches fur ihn kein Plasier war, weil es die Qual der Unentschiedenheit fur ihn verlangerte.
Von der Regel, nur ein Geschaft zu derselben Zeit zu treiben, machte indessen der Hofschulze in betreff der kranken Blesse eine Ausnahme. Er begab sich ungeachtet der noch bevorstehenden Hochzeitvergnugungen zu dem Tiere, sah nach, ob ihm auch die Hausmittel gereicht wurden, die er verordnet hatte, schaute es mitleidig an, schuttelte den Kopf, streichelte ihm sanft die Weichen und behandelte es uberhaupt viel zartlicher, als seine Tochter oder seinen Schwiegersohn. Leider schien diese Sorgfalt wenig zu verschlagen, da der Zaunpfahl die Kuh zu hart beruhrt hatte. Sie stohnte noch erbarmlicher als gestern. Uber den rothaarigen Knecht fuhlte er den heftigsten Verdruss, denn er hatte dessen Gewaltsamkeit noch spat in der Nacht vor dem Schlafengehen erfahren. Sogleich hatte er dem Menschen den Dienst aufgesagt. Als er ihn daher jetzt ansichtig wurde, rief er heftig: "Was treibst du dich hier noch umher?"
"Ich wollte Euch nur fragen, Baas, ob es Euch ein Ernst gewesen ist mit dem Aufsagen?" versetzte der Rothaarige.
"Wenn ich aufsage, so heisst das Aufsagen und wenn ich nicht lache, so ist das kein Spass", erwiderte der Hofschulze.
"Es ist aber unrecht, dass wenn man den besten Willen hat zur Lustbarkeit und dafur sorgen will, dass alles recht schon wird, man aufgesagt kriegt", antwortete der Rothaarige.
"Wenn ich einer Kreatur, die in ihrer Unvernunft keinen Begriff davon hat, dass Hochzeit ist, die Rippen im Leibe kaputt schlage, so hilft das nicht absonderlich zur Lustbarkeit", versetzte der Hofschulze kaltblutig. "Genug, du bist aus dem Dienste und kannst froh sein, dass ich dir nicht den Schaden vom Lohne abziehe, wie Rechtens ware."
Der Rothaarige bat hierauf seinen gewesenen Herrn nur um die Vergunstigung, wenigstens noch ein paar Tage im Hofe bleiben zu durfen, da es ihm gar zu despektierlich sei, gerade auf einer Hochzeit fortgejagt worden zu sein. Diese Erlaubnis gab ihm der Hofschulze, jedoch unter der Bedingung, dass er sich nicht in den heutigen Zug mische, denn er wolle ihn, sagte er, bei dem Plasier nicht vor Augen haben. Der Rothaarige setzte sich mit einem giftigen Blicke auf einen Schemel im Flur, nicht weit von der kranken Blasse, deren Qualen ihm durchaus keine Gewissensbisse aufzuregen schienen. Er greinte und sagte halblaut fur sich: "Konnte ich dem alten Hunde noch zu guter Letzt einen rechten Possen spielen, so wurde mir das eine wahre Herzerquickung sein." Der Hofschulze ging mit den Worten: "Es muss alles mit Manier behandelt werden, selbst ein Vieh" zu seinen Gasten, die sich schon wieder in bedeutender Anzahl zu versammeln angefangen hatten, und den Platz vor dem Hause nach dem Eichenkampe zu trinkend und rauchend erfullten.
Denn heute war der Tag, an welchem die Neuverheiratete mit uralt hergebrachter Feierlichkeit in ihr kunftiges Wohnhaus eingeruhrt werden musste. Zu dieser Feierlichkeit gehorte eine Fahne, viel Schiessgewehr, abermals ein Schmaus, jedoch diesesmal im Gehofte des jungen Ehemannes und wieder das Spinnrad, welches bei der Hochzeit seine Dienste geleistet hatte.
Der Hochzeitbitter befestigte an einer Stange, von welcher bunte Bander herabflatterten, ein grosses weisses Leintuch und richtete so die Fahne zu. Gegen dreissig junge Burschen hatten Flinten bei sich, diese luden sie mit grobem Schrot oder auch mit Kugeln, sich in lauter und gerauschiger Art vermessend, dass sie der Fahne tuchtig eins versetzen wollten. Die eine Brautjungfer brachte das Spinnrad getragen und endlich erschien die Braut in ihrem gestrigen Putze, gar sehr verschamt, nichtsdestoweniger aber immer noch mit der Brautkrone geschmuckt, obgleich sie von den Anwesenden unter derben Scherzreden als Jungefrau begrusst wurde. Nun ordnete sich der Zug und setzte sich nach dem Gehofte des Schwiegersohnes in Bewegung. Der Bursche mit der Fahne marschierte an der Spitze, sodann folgte das Ehepaar, diesem schlossen sich die mit den Flinten an, und darauf schritt der Brautvater einher, den ubrigen Hochzeitgasten zuvor.
Von den stadtischen Gasten erschien nur der alte Schmitz im Zuge. Denn die ubrigen, der Diakonus, der Hauptmann und der Kuster waren nach der Stadt zuruckgekehrt. Der Kuster war kein Freund vom Schiessen, am wenigsten machte ihm eine solche Ergotzlichkeit Freude, wenn scharf geladen war. Er pflegte daher an dem zweiten Tage der bauerlichen Hochzeiten jederzeit eilige und unaufschiebbare Geschafte vorzuschutzen, um sich mit Anstand entfernen zu durfen. Am dritten Tage kehrte er dann mit seiner Magd in das Hochzeithaus zur Abholung des ihm gebuhrenden Bundels zuruck. Heute hatte er noch einen besonderen Grund gehabt, sich schleunigst fortzubegeben. Denn von Agesel, der sich auch heiter und rustig anfangs unter den Festgenossen auf dem Platze befunden hatte, war ihm mit einem der unheimlichsten Blicke, wie ihn wenigstens bedunkte, das verhangnisvolle Wort zugeraunt worden: "Ich muss Sie durchaus im Vertrauen sprechen, Herr Amtsbruder!" Grund genug, seine Schritte stadtwarts zu beflugeln.
Was den Diakonus betrifft, so hatte er vor seiner Abreise das junge Paar, welches er so unerwartet vor dem Altare gefunden, sprechen wollen, um mit ihnen uber ihre Zukunft zu beraten, die ihm freilich, nachdem er von der Uberraschung jenes Augenblicks zum Bedenken zuruckgekommen war, sehr zweifelhaft aussah. Er erstaunte, als er horte, dass der Jager abwesend und Lisbeth unpass sei. Indessen hatte er wirkliche Geschafte in der Stadt, wie der Kuster erdichtete, und deshalb konnte er nicht langer ausserhalb verweilen. Er verliess sich darauf, dass die jungen Leute zu ihm kommen wurden, und dass dann das Notige uberlegt werden konnte. Manche Sorge machte ihm das liebliche Verhaltnis; er sah, da er den Stand des Jagers kannte, nicht ein, wie aus jener Liebe sich ein Bund fur das Leben gestalten sollte.
Agesel trennte sich, sobald der Zug den Platz vor dem Hause verliess, von den anderen, denn auch ihn riefen nahere Interessen ab. Er ging nach dem Schulhause, welches zu beziehen er gegrundete Aussicht hatte, besichtigte das Gebaude oder vielmehr das Baufallige, welches ein Haus vorstellen wollte, mass den Weidefleck ab und verglich dessen Flacheninhalt mit dem Hackelpfiffelsberger. Diese Untersuchung lieferte ein gunstiges Ergebnis. Er hatte hier drei Quadratruten mehr als dort, worauf sich immer noch eine Gans mit sattfressen konnte. Wahrend des Abmessens hing er seinem Plane nach, den er in den Worten zu dem Kuster angedeutet hatte.
Als der Zug uber die nachsten Umgebungen des Oberhofes hinaus war, wurde es in diesem ganz still, so dass man die Fliege an der Wand gehen horen konnte, denn auch die Knechte und Magde waren nach der Snaat11 des Schwiegersohnes gelaufen. Nur der rothaarige Knecht sass grollend unten im Flur bei den Kuhen. Er war ein wilder tuckischer Kerl und seine Gedanken gingen in dieser Einsamkeit von einem Frevel zum anderen. Er blickte das Feuer auf dem Kochherde an und sagte: "Wenn ein Brand davon in das Stroh des Stalles geschleudert wurde, so floge der rote Hahn dem Alten auf das Dach, und es wurde dennoch immerhin heissen, ein Funken sei zufallig, da kein Mensch auf das Feuer achtgehabt, in das Stroh gesprungen." Nach dem Wandschranke, worin die Mitgift stand, sah er und murmelte: "Ein tuchtiger Beilschlag, und der Deckel sprange auf, und unsereins hatte sechstausend Taler, womit sich weit ausser Landes kommen lasst. Da fragt kein Kuckuck nach einem." Ihn uberlief es heiss, er streckte zuweilen seine Hand nach dem Feuer aus und zuweilen erhob er sich dann wieder vom Schemel, als wollte er nach der Stube gehen, worin sich der Wandschrank befand.
In diesen gefahrlichen Gedanken horchte er plotzlich auf, denn oben an der Treppe horte er Gerausche, als ob jemand sacht uber den Gang schleiche nach der Treppe zu. Er stand auf und schlich ebenfalls sacht nach dem Treppenfusse, um zu sehen, wer denn da oben so verstohlen zu gehen genotiget sei. Man konnte namlich von unten den Raum des Ganges zunachst der Treppe uberblicken. Nicht lange wahrte es, so blickten zwei uberraschte Gesichter einander an, von denen eins blitzschnell den Ausdruck des grossten Schrecks und Entsetzens annahm. Der Knecht sah namlich zu dem Spielmann auf, der einen langen mit einem Tuche umwickelten Gegenstand unter dem Arme vorsichtig nach der Treppe geschlichen kam und schon den einen Fuss auf deren erste Stufe gesetzt hatte, als er den Blick hinunterwerfend, den unten ansichtig ward, den er freilich weit vom Hofe bei dem Schiessen um die Snaat vermutend gewesen war. Einige Augenblicke standen die beiden, die einander unwillkommene Zeugen wurden, der eine des ausgefuhrten, der andere des vorgesetzten Frevels, glotzend einander gegenuber, der eine oben, der andere unten. Dann aber sprang der Spielmann zuruck, und der Knecht horte ihn die Treppe nach dem Soller hinauflaufen. "Der Kerl hat stehlen wollen!" rief der Knecht und sturzte die Treppe hinauf.
In jenem vielversprechenden Fragmente des "Faust", welches Lessing hinterlassen hat, erklart der Magus, den Geist der Holle fur den schnellsten unter allen, welcher von sich ruhmt, dass er so schnell sei, als der Ubergang vom Guten zum Bosen. Aber auch einen Engel gibt es, der diesem Teufel die Spitze bietet, er wirkt die Ubergange vom Bosen zum Guten, oder wenigstens zum minder Schlimmen, und diese sind in der Menschenbrust, selbst in der rohsten, oft nicht langsamer als die Werke jenes Teufels.
Der rothaarige tuckische Knecht, welcher noch soeben selbst an Mordbrennerei und Raub gedacht und sich in dem Augenblicke, wo er den Spielmann erblickte, nur geargert hatte, dass sein Vorhaben durch einen Lauscher vereitelt werde, hegte schon in der zweiten Halfte des namlichen Augenblicks keinen anderen Gedanken, als dass der Spitzbube von Spielmann seinen Herrn bestehlen wolle, und dass er, der Knecht, das nicht leiden durfe, sondern den Dieb festnehmen und dem Hofschulzen uberliefern musse. Er sturzte also die Treppe hinauf, fiel vor ubergrosser Eile uber einen Kasten, der oben auf dem Gange stand, so, dass er sich vor Schmerz nur langsam aufrichten konnte, liess aber dennoch von seinem Vorsatze nicht ab,
sondern setzte die Verfolgung fort, wenn auch langsamer, als er sie angefangen hatte.
Oben auf dem Soller kam ihm der Spielmann aus der Ecke, worin sich der Verschlag des Jagers befand, entgegen. Der Knecht, dessen Arme von dem Falle nicht gelitten hatten, packte ihn bei der Schulter, dergestalt, dass der Spielmann wie eine Jacke ohne korperlichen Inhalt hin und her flog, und rief: "Halunke, was hast du gestohlen?"
"Nichts", versetzte der Spielmann, der ungeachtet aller Angst vor dem baumstarken Knechte den Trotz beibehielt, der solchen Leuten in solchen Lagen eigen zu sein pflegt; "seht Ihr etwas bei mir?" Wirklich trug der Spielmann nichts mehr unter dem Arme. Der Knecht untersuchte seine Kleidungsstucke, aber auch in denen war nichts zu entdecken. Ausser der alten grauen Jacke, den zerrissenen und geflickten Hosen und seinem eigenen armseligen Leibe fuhrte er nichts an und bei sich. Der Knecht liess die Hande sinken und sah aus wie einer, der nicht weiss, was er tun oder denken soll.
Der Spielmann, dessen Zuversicht wuchs, je unschlussiger er den Knecht werden sah, sagte keck: "Nun, habe ich gestohlen?" "Ich weiss nicht", versetzte der Rothaarige, "wohin du es abgeworfen hast, aber ich will dich prugeln, dass dir die Seele aus dem Leibe geht, damit du mir die Stelle anzeigst."
"Gut", rief der Spielmann, der sich nicht einschuchtern liess, "prugelt mich nur ab, prugelt einen unschuldigen Menschen nur ab, Eurem Herrn zu Gefallen, der Euch aus dem Dienste jagte!" Er hatte von seinem Versteck das Gesprach zwischen dem Hofschulzen und dem Rothaarigen gehort.
Diese Erinnerung warf den Knecht auf die andere Seite hinuber. "Nein!" rief er mit einem Fluche, "stehlen soll zwar keiner bei ihm, solange ich noch im Hofe bin, denn dafur bin ich sein Knecht, aber zu Gefallen tue ich ihm auch nichts, denn dazu hat er mich zu schlecht behandelt." "Nun denn, so lasst mich laufen", sagte der Spielmann.
"Sprich, was du begangen hast, Kerl, und du sollst laufen", versetzte der Knecht.
Der Spielmann sah sich um, als furchte er selbst hier einen Lauscher, dann murmelte er dem Knechte ins Ohr: "Einen Schabernack habe ich dem Hofschulzen antun wollen, und, wie ich hoffe, auch angetan. Sonst habe ich nichts wider ihn vorgenommen, noch vornehmen wollen."
Der Knecht dachte nach. "Vor Schabernack brauche ich den Alten nicht zu bewahren, sondern nur vor Stehlen, Brennen und Viehschaden; das ist meine Obliegenheit." Dann gab er dem Spielmann einen Streich mit der Hand und rief: "Lauf, du Hund!" Der Spielmann folgte dieser Weisung und sprang behende die Sollertreppe hinunter. Der Rothaarige hinkte ihm langsam nach. Unten im Flure sagte er: "Wenn der Baas ein Stuck Schabernack hat, so kann es mir ganz recht sein, wofern er nur nicht an Geld oder Gut beschadiget wird. Denn 'hilf dir zuvor selber, ehe du andere arzeneiest'. Diesen Spruch hat er mir letzte Martini mitgeteilt und danach halte ich mich nun. Ich helfe mir zuallererst selber und meiner Bosheit auf ihn durch den Schabernack, den ihm der blinde Halunke angetan hat." Hierauf setzte er sich wieder, wo er gesessen hatte, als ob nichts vorgefallen ware; entschlossen, um keinen Preis etwas von dem geheimen Besuche des Patriotenkaspars im Oberhofe zu verlautbaren.
Zweites Kapitel
Wie der Sammler und der Hofschulze sich abermals
entzweiten
Der Hochzeitzug umging indessen die Snaat des Schwiegersohnes. Die Menschen schrien und jauchzten, von haufig genossenen geistigen Getranken erregt, dazwischen knallten die Gewehre, womit die jungen Burschen nach dem Tuche der Fahne zielten, und sooft ein Schuss traf, erhob sich ein noch lauterer Jubel, denn es ist ein Ehrenpunkt bei diesem Brauche, dass die Fahne ganz zerschossen in das Haus der jungen Eheleute gelangt, weil der Umstand fur ein gunstiges Vorzeichen gilt. Alles war heute wilder und sturmischer als gestern, denn die Bauern lieben es, die letzten Augenblicke einer Festesfreude besonders gierig auszukosten.
Das Firmament spielte bei dieser heftigen und larmenden Szene mit. Der Zug um das weitlauftige Gelande dauerte, da er nur im langsamen Schritt vorruckte, mehrere Stunden, und schon hatte sich der Haarrauch herbeigemacht, der bald alles in seine Nebel hullte. Die Bauern waren uber den alten Bekannten durchaus nicht verdriesslich, vielmehr steigerte der Schwaden, Qualm und Geruch ihre Lust. Wie nun so die Gestalten grau durch den Nebel zogen, das Jauchzen aus dem Schwaden hervorbrach und die Blitze von den Schussen gelbrotlich in dem Qualme zuckten, bekam das Ganze etwas Schattenhaftes, und es war, als ob Gotze Krodo mit seinem Koboldsgefolge emporgestiegen sei und unter Knall und Geprassel von seiner alten Domane Besitz nehme.
Auf diese Weise wurde der jungen Frau ihr Eigentum gezeigt. Die Fahne kam, kaum noch aus Fetzen bestehend, in das Haus des Schwiegersohnes und alles hatte sonach einen guten Anschein. Es war uber dem Zuge zwei Uhr nachmittags geworden und die ganze Hochzeitgenossenschaft setzte sich nun im Hause der neuen Gatten abermals zu einem derben Schmause nieder, man kann denken, mit welcher Esslust. Diesmal wurde das Essen durch keine vornehmen und sonstigen fremdartigen Einwirkungen gestort; die Bauern waren rein unter sich und taten nichts als essen und trinken.
Nach dem Schlusse des Mahles erfolgte die letzte Handlung in diesem Festdrama. Die junge Frau hatte namlich jetzt noch die Gaben einzunehmen. Sie erhob sich mit feierlicher Miene von der Speisetafel, setzte sich an einen Tisch zur Seite, liess Spinnrad und Haspel neben sich stellen, schlug zwei ihrer Rocke, deren sie mehrere trug, uber den Schoss zuruck und erwartete so, die Augen niedergeschlagen, die Spenden der Gaste. Diese standen einer nach dem anderen ebenso feierlich auf, gingen zu ihr, und legten ein jeder schweigend einige Groschen ihr unter die zuruckgeschlagenen Rocke. Einige legten auch Naturalien auf den Tisch vor ihr; ein Huhn, einen Kuchen, ein Mandel Eier oder sonst dergleichen. Nachdem jeder seine Gabe dargebracht hatte, ging die Beschenkte Reihe herum bei den Gasten und dankte einem jeden derselben mit den namlichen Worten. Nun war sie erst wirkliche Hausfrau im Jurgenserbe (so hiess der Hof des Schwiegersohnes) geworden. Sie legte ihre Brautkrone ab und tanzte als Frau in dem Reigen mit, der nun zum Schlusse der Hochzeit im Baumgarten begann.
Wahrend des Tanzes sprach der Hofschulze leise und eifrig mit einigen Bauern. Es waren die Besitzer der reichsten Nachbarhofe. Sie nickten und sagten: "Es bleibt dabei, wir kommen alle." Hierauf nahm er den Schwiegersohn beiseite und flusterte ihm zu: "Vergiss nicht ... zu morgen ... die Losung ..." "Ich werde es wahrhaftig nicht vergessen, denn ich trage das grosste Begehren danach; der Haarrauch kommt wie gerufen, so bleibt alles in der Heimlichkeit", versetzte der Schwiegersohn.
Der alte Schmitz hatte ungeduldig in der Nahe gewartet. Sobald der Hofschulze von seinem Eidam zurucktrat, ging der Sammler auf ihn zu und sagte ihm mit einer zugleich murrischen und verlegenen Miene, dass es nun wohl endlich an der Zeit sei, ihr Geschaft abzumachen.
"Allerdings kann nun das Geschaft vor sich gehen, denn der Tanz ist nur noch ein Plasier fur die jungen Leute", erwiderte der Hofschulze. "Was ist es denn, Herr Schmitz?"
"Nicht hier", versetzte der Sammler. "Zwar mochte ich gern von hier abgehen, denn ich muss doch wieder durch, wenn ich nach der Stadt will und deshalb hatte ich gewunscht, heute morgen auf dem Oberhofe die Sache richtig zu machen. Dort aber muss sie vorgenommen werden, weil ich das Meinige gleich mit mir nehmen will." Er sagte die letzten Worten mit sichtlicher Uberwindung.
"Auch dieses", antwortete der Hofschulze. Die beiden alten Leute gingen nebeneinander nach dem Oberhofe. Der Sammler sprach fast gar nicht und der Hofschulze nur weniges. Dazu gehorte, dass er sagte, er sei von Herzen froh, dass das Plasier seine Endschaft erreicht habe, denn nach den ersten Konfusionen und Tumulten, die sich zugetragen, habe ihm immer ein Druck am Herzen gesessen, als musse ein grosses Malheur bevorstehen.
"Es ist bekannt, dass Ihr an Ahnungen glaubt, Hofschulze", sagte der alte Schmitz.
"Von Ahnungen weiss ich nichts Sonderliches", erwiderte der Hofschulze kalt. "Aber Vorgeschichten gibt es", fuhr er sehr ernsthaft fort. "So habe ich damals Anno zwolf die ganze russische Armee uber den Hellweg ziehen sehen, als ich auswarts gewesen war und nach Hause ging."
"Es war wohl um die Mitternachtsstunde, Hofschulze?"
"Nein, nachmittags um vier Uhr bei trubem Wetter im September, mich dunkt, gerade um die Zeit, als der Franzose in Moskau einzog; Herr Schmitz."
"Dergleichen ist nun purer Aberglaube!" rief der alte Schmitz, welchem ein Streit mit dem Hofschulzen vielleicht angenehm gewesen ware, um sich fur das, was bevorstand, in Feuer zu jagen.
Der Hofschulze blieb aber ganz freundlich und erwiderte gelassen: "Nein, eine Gabe Gottes, Herr Schmitz."
Unter diesen Reden waren sie nach dem Oberhofe gekommen. Der Alte stutzte einigermassen, als sein Gast ihn bat, mit ihm zu den Stallen zu gehen, und noch mehr befremdete es ihn, da er wahrnahm, dass dieser kaum ein Zittern verbergen konnte. Wie wuchs aber sein Erstaunen, als der Sammler die Ture des Huhnerstalls aufriss, heftig mit der Hand hineindeutete und erstickten Tones rief: "Da steht Eure Amphora und ich bitte mir dagegen meinen Schein aus!" Wirklich sah der Hofschulze im Stalle den Weinkrug stehen, der schon einmal der Gegenstand eines so heftigen Streites gewesen war, und den der Sammler in der Dunkelheit des vorigen Abends hatte dahin bringen lassen. Er trat drei Schritte zuruck und fragte, indem er den alten Schmitz gross ansah: "Was soll das, und was bedeutet dieses?"
Der alte Sammler, dem die Sache das Herz durchschnitt, sprudelte wie eine Flasche, von welcher der Pfropfen abgeflogen ist: "Es bedeutet, dass Ihr Eure Amphora wiederbekommt, um welche ich mein Gewissen, welches in einer schwachen Stunde eingeschlafen war, nicht belasten will, und welche mir zwar, das weiss Gott, noch das allergrosste Vergnugen macht, jedoch ein unrechtes und verbotenes! Durch solche Schandtaten, und indem immer ein Schelm dem anderen seinen Plunder als echtes Altertum attestierte, sind die Sammlungen mit Narrenpossen und Quisquilien angefullt worden. Ich aber will dazu nicht die Hand bieten, dass Euer Lerchenspiess noch einmal kunftig von einem grossen Herrn, der in solchen Sachen die liebe Einfalt und Dummheit ist, fur schweres Geld angekauft wird, sondern ich begehre meinen Schein zuruck, worauf das sogenannte Karls-des-Grossen-Schwert wieder wird, was es war und ist und bleiben soll, namlich ein Bratenspiess fruhestens aus der Soester Fehde, den ein Reisiger des Erzbischofs hier mag in den Buschen haben stehenlassen."
"Demnach wollen Sie also die alten Zweifel an dem Schwerte von Carolus Magnus wieder regen und ruhren?" fragte der Hofschulze, der sich zwar gegen den anderen scheinbar ruhig ausnahm, jedoch auch mit einiger Muhe nach Atem rang.
"Es sind keine Zweifel, es ist die klarste Gewissheit; meinen Schein, meinen Schein her!" stammelte der Sammler, der die schleunigste Beendigung des Geschafts wunschte, weil er fuhlte, wie der Mut der Wahrheit im Angesichte der Amphora bei ihm sank.
"Sie behalten den alten Topf, und ich behalte den Schein, Herr Schmitz", sagte der Hofschulze und bohrte seinen Stock wieder wie gestern bei dem Vorfalle mit dem Hochzeitbitter, tief in die Erde. Der Sammler fragte ihn heftig, ob das sein letztes Wort sei? welche Frage der Hofschulze bejahte, mit dem Hinzufugen: "Handel ist Handel."
"Dann kommt die ganze Sache in den Anzeiger!" rief der alte Schmitz zornig und machte sich, ohne von seinem Wirte Abschied zu nehmen, auf den Weg. Der Hofschulze stand noch einige Augenblicke voll nachdenklichen Verdrusses vor dem Stalle. Er war so bose auf die Amphora, dass er sie hatte zerschlagen konnen, ware sie nicht eines anderen Eigentum gewesen. Die Erwahnung des "Rheinisch-Westfalischen Anzeigers" war ihm schwer auf das Herz gefallen. Denn er wusste, dass dieses Blatt, welches durch alle Ortschaften, Weiler und Gehofte des Landes seine Wanderung macht, dem Kredit des Schwertes sehr schaden konne, wenn darin stehen werde, letzteres sei ein Bratenspiess fruhestens aus der Soester Fehde.
"Ei! Ei! Ei!" sagte er missmutig, "muss mir das doch noch heute begegnen, nachdem ich glaubte, allen Arger uberstanden zu haben! Es ist also doch wahr, dass man von dem, was einem das Liebste ist, zu keinem Menschen reden soll; sie fechten es einem nur an. Hatte ich dem Herrn Schmitz nicht einstmalen in der Vertraulichkeit die Sache mit dem Schwerte entdeckt, nimmer ware mir daruber die Streiterei und Zweifelsucht und Makelung entstanden, die mich seitdem jahraus jahrein verfolgt hat." Er ging in das Haus, fragte den rothaarigen Knecht, ob jemand dagewesen sei? welches dieser grinsend verneinte, und stieg dann zu der Kammer empor, in welcher er die Waffe verwahrte, um an ihrem Anblicke seinen Mut zu erfrischen. Auch wollte er sie fur die morgende heimliche Weihe, bei welcher sie eine Hauptrolle spielen sollte, vom Staube saubern. Denn das Schwert war lange nicht gebraucht worden.
Drittes Kapitel
Die Geschichte eines Geachteten
Der Patriotenkaspar hatte sich, nachdem er vom Rothaarigen verabschiedet worden war, noch immer in der Nahe des Oberhofes umhergetrieben, um mit dem alten Schmitz zu sprechen. Denn zu diesem hatte der gemiedene und geringgeschatzte Mensch eine Art von Verhaltnis. Der Sammler hatte ihm manchen Groschen geschenkt und sah ihn nicht ungern. Weil der Patriotenkaspar uberall umherstrich und -kroch, so war es ihm moglich gewesen, dem alten Raritatenfreunde hin und wieder eine nutzliche Nachweisung zu erteilen, oder ihm auch wohl selbst irgendein seltsam geformtes Schnitzwerk zuzubringen. Der alte Sammler war daher auch der einzige, bei dessen Anblick in die arme und elende Brust dieses jammerlichen Bettlers ein Gefuhl drang, dass er doch nicht ganz und gar auf dieser Gotteswelt ein Ausgestossener sei. Fur den alten Schmitz ware er durchs Feuer gegangen, er, der sonst am vergnugtesten lachte, wenn anderen etwas recht Ubles begegnet war.
Jetzt lauschte er hinter einer Wallhecke an einem Felde des Oberhofes, ob er seinen alten Gonner nicht allein ansichtig werden mochte. Als er ihn vorher in der Gesellschaft des Hofschulzen vorbeiwandern gesehen, hatte er nicht gewagt, ihn anzureden. Entdekken wollte er ihm etwas vorlangst Geschehenes, und ihn um eine sonderbare Hulfe ersuchen. Nach langem Harren war ihm endlich die rechte Stunde dazu gekommen. "Nun ich meine Lust gebusst habe an dem alten Bluthunde und er den Tort hoffentlich nicht verwindet, den ich ihm angetan denn es liegt wohl versteckt, tief versteckt, und das Dach wird er darnach nicht abdecken lassen nun will ich auch mein Recht erleiden, wie recht ist", sagte er hinter seiner Wallhecke.
Der alte Schmitz kam vom Oberhofe zuruck und ging voruber. Der Patriotenkaspar begrusste ihn und sagte: "Herr Schmitz, ich habe hier auf Sie gewartet, weil ich Ihnen etwas offenbaren wollte."
So verdriesslich der Sammler war; diese Anrede, in welcher er nur die Ankundigung eines Fundes fur sein Kabinett zu horen glaubte, machte ihn aufmerksam. Er stand still und fragte: "Was ist es denn, Kaspar?" "Nein", versetzte der Spielmann, indem er seinen Leierkasten uber den Rucken warf, "hier kann es nicht geschehen, sondern an Ort und Stelle muss es veroffenbart werden."
Er ging dem Sammler auf dem Wege, der nach dem Hofe des Schwiegersohnes fuhrte, voran, bog jedoch einige hundert Schritte von diesem Hofe in einen Seitenpfad ein, der zwischen Erdwanden vertieft unter hohen Rustern dunkel fortlief. Nicht weit hinein kreuzte den ersten Pfad ein zweiter. Er war noch dunkler, weil ihn noch hohere Baume uberschatteten.
An diesem Kreuzwege, der einsam und schauerlich zwischen den Erdwallen, Rustern, zwischen Brombeergebusch, Nachtschatten und Schierling lag, setzte der Spielmann seinen Leierkasten ab, bog einen Brombeerbusch zuruck, so dass ein grosser Stein entblosst wurde, kniete vor dem Steine nieder und sagte dann, halb ruckwarts nach dem Sammler gewendet: "Hier war's."
Der Sammler, welcher glaubte, der Patriotenkaspar werde dort etwas fur ihn aus der Erde scharren, trat dicht zu ihm hin, senkte seinen Kopf, so dass er fast die Schulter des Knienden beruhrte und fragte eifrig: "Was? Was?"
Der Patriotenkaspar sah ihm, mit dem Auge unstet zwinkernd in das Gesicht und sagte heiser und gedampft: "Hier habe ich einstmals des Hofschulzen seinen Sohn, den Fritze, totgeschlagen."
Ein Knabe, der von einem Strauche eben eine lekkere Beere pflucken will und dem Unversehens unter dem Strauche eine Natter mit funkelnden Augen entgegenzischt, kann nicht erschreckter zuruckfahren, als der alte Schmitz bei dieser Eroffnung vor dem Patriotenkaspar zuruckfuhr. Den Blick starr auf ihn heftend und ruckwarts vor ihm weichend, als furchte er, einem gestandigen Morder seinen Rucken preiszugeben, entfernte er sich bis in die entgegengesetzte Ecke des Kreuzweges. Dort blieb er stehen, den Patriotenkaspar immer in das Auge gefasst, unschlussig, ob er nun sich wenden, so fortgehen und dadurch den gefahrlichen Menschen aus seinem beobachtenden Blicke verlieren sollte.
Der Patriotenkaspar seinerseits richtete sich an dem Steine empor. Als er bemerkte, welchen Eindruck seine Worte auf den einzigen Gonner machten, den er besass, nahm sein Auge einen wehmutigen Glanz an, und in der verwusteten Stimme zitterte etwas wie Trauer, als er so sprach: "Ach, mein lieber Herr Schmitz, warum furchten Sie sich doch vor mir? Ich bin ja ein armer, zerlumpter, von Hunger entkrafteter Mensch. Sehen Sie, da kehre ich meine Taschen um, und es ist nichts darin, weder Messer, noch Hammer noch sonst etwas, womit ich Sie erstechen oder erschlagen konnte. Wenn Sie sich aber vor meinen Fausten furchten, so will ich da mit meinem Halstuche sie binden, so dass Sie ganz sicher sein konnen, dass Ihnen kein Leid von mir widerfahrt. Ich wollte Ihnen bloss die alte Geschichte erzahlen und Sie um eine Gute und Gefalligkeit bitten."
Der Sammler, der sich noch immer nicht zu fassen wusste, sagte: "Ich glaube. Ihr seid betrunken, Kaspar."
"Nein, Herr Schmitz, wusste nicht, woher das kommen sollte, indem ich wenig genossen habe", versetzte der Patriotenkaspar. "Ich wiederhole Ihnen in der Nuchternheit: Hier habe ich des Hofschulzen seinen Fritze totgeschlagen. Es ist aber lange her und Gras ist daruber gewachsen. Indessen will ich mein Recht uber diese Tat haben, denn nunmehr ist die Stunde dazu gekommen, nachdem ich meinem Feinde und Uberwaltiger den Tort getan habe, den er verdiente, und dazu suche ich Ihren Rat und Beistand, weil Sie ein Schriftgelehrter sind und mir mitunter eine Gutigkeit erwiesen haben."
Der klagende und sanfte Ton, womit der Patriotenkaspar dieses vorbrachte, flosste dem alten Schmitz Mut ein. Neugierig, wie er von Natur war, empfand er ein Verlangen nach den Dingen, die einen Menschen bewegen konnten, uber einen verschollenen Frevel zum Anklager wider sich zu werden. Der Patriotenkaspar schwieg aber, senkte seinen Blick und schien eine Aufmunterung erwarten zu wollen. Endlich sagte der Sammler: "Ich habe wohl vor Jahren davon gehort, dass ein Sohn des Hofschulzen plotzlich zu Tode gekommen sei; es hiess aber damals, er sei mit der Stirn auf einen Stein geschlagen."
"Ja, so hiess es damals", versetzte der Patriotenkaspar. "Mit der Stirn schlug er allerdings auf einen Stein, und zwar auf diesen da, neben welchem ich stehe, allein nicht von selbst, sondern von einem anderen mit der Faust gegen den Stein gestossen, und wer ihn so lange mit der Faust gegen den Stein stiess, bis die Hirnschale zerbarst, das war ich."
"Also hatte doch jenes zweite alte Gerucht, was auch im stillen hie und da umherlief, recht!" sagte der Sammler. "Aber wie kam es, dass die Geschichte nicht angezeigt und den Gerichten uberwiesen wurde?"
"Das hangt mit diesem meinem ausgeschlagenen Auge, mit des Hofschulzen seinem Hochmut und mit dem Freistuhl da droben an jenem Berge zusammen", sagte der Spielmann.
Der Sammler versetzte: "Bringt Eure Geschichte ordentlich und im Zusammenhange vor, Kaspar. Denn aus diesen zerstuckelten Reden kann sich niemand vernehmen."
Der Patriotenkaspar erzahlte hierauf an dem Mordsteine stehend, dem alten Schmitz, welcher ihm gegenuber an der anderen Seite des Kreuzweges stehenblieb, folgendes:
"Herr Schmitz, in den Geschichten, die ich da auf meinem Leierkasten feilhabe, kommen mitunter auch Sachen vor von Leuten, die ihresgleichen achteten und von sich ausstiessen. Als zum Beispiel: einen trieben sie vor diesem aus, weil er gar zu gerecht war, und ein General wurde zu alten Zeiten verbannt, weil sie ihm nachsagten, er mache den armen Leuten das Brot teuer, und dann gab es auch wieder einmal einen Herzog, der geachtet wurde, weil er seinen Freund nicht hatte verlassen wollen. Diese armen elendigen Verbannten fuhrten ein jammerliches Leben. Meistenteils ist zwar dergleichen nur bei grossen Herren und vornehmen Standespersonen vorgekommen, aber auch unter dem Bauerstande kann sich die Sache zutragen, und mit mir hat sie sich begeben.
Herr Schmitz, ich war zu meiner Zeit ein flinker, anstelliger Kerl und hatte mehr Witz als aller der Bauerpobel hier herum zusammengenommen. Sah auch recht gut aus "
"Ei", fiel der Sammler ein, "Ihr habt ja stets eine hohe Schulter gehabt, Kaspar."
"Das tut nichts", erwiderte der Patriotenkaspar, "demohnerachtet kann man doch schon aussehen. Sah also recht gut aus, ehe ich das eine Auge verlor und in die Hungersnot versank, hatte was erlebt draussen als junger Mensch. Denn, wie Sie wissen, war ich dabei, als die alte Orange in Schoonhoven vermolestiert wurde und kam auch nach Gorkum und Nieuwpoort mit den Patrioten dazumal. Ich schor mich den Teufel um den Krimskrams hier unter den Bauerkerls, sagt' ihnen oft die Wahrheit uber ihre Einfalt und es setzte schon gleich zu Anfang viel Streit und Wortwechselung mit ihnen. Es gab nie keinen Vertrag mit ihnen recht, denn sie konnten es mir nicht verzeihen, dass ich kluger war als sie und gewitzter. Also gut; wie ich meine vollen Jahre erreicht hatte, trat ich das Kolonat an, denn Sie mussen wissen, dass der Windkotten uns gehorte, mir und meiner Familie; ein recht hubsches Erb mit Feld, Baumgarten und Wiesenwachs, was nachgehends freilich parzelliert worden ist, und das Haus hat der Jude abbrechen lassen, der das Ganze zuletzt kaufte, so dass ich selbst kaum noch weiss, wo die Statte gelegen hat.
Wie ich nun so Kolon und Hofesbesitzer war, da ging der rechte Verdruss erst an, Herr Schmitz. Denn ich konnte es gar nicht vertragen, dass die Grossen besser sein wollten, als wir Kleinen, und dass so ein Hofschulze es wie eine Gnade ansah, wenn er mit einem Kotter trank. Denn ich dachte: Ich baue so gut mein Feld, wie ihr, was habt ihr denn also voraus? Ich setzte mich also dreist zu ihnen, wenn ich im Kruge mit ihnen zusammentraf, ich sprach bei ihnen ungefordert ein. Wenn ich an einem der Grossen voruberging, tat ich so als musse er mich zuerst grussen, und meinte, es wohl mit ihnen durchsetzen zu konnen. Aber, Herr Schmitz, man setzt dergleichen mit den Menschen nicht durch, denn man ist immer nur einer und sie sind viele, und das halt zusammen wie Pech und Schwefel. Grob behandelten sie mich, wenn ich sie besuchte, im Kruge ruckten sie von mir weg, und wollte ich von ihnen auf Landstrasse und Nachbarweg zuerst gegrusst sein, so lachten sie mir unter die Nase und keiner lupfte den Hut. Von allen aber war der Hofschulze im Oberhofe der Grobste und Stolzeste und Schlimmste; denn er ist immer unmenschlich reich gewesen und hat grosses Ansehen von jeher gehabt.
Also, Herr Schmitz, den Hofschulzen nahm ich mir apart aufs Korn und dachte: Du sollst mir daran glauben. Er hatte aber eine Tochter aus erster Ehe, denn drei Frauen hat der alte Kerl begraben lassen und zum letztenmal, woraus nun die ist, die gestern Hochzeit machte, freite er, wie er schon ziemlich in den Jahren war. Die Tochter sah recht gut aus, und ich war ihr auch recht gut, aber die Hauptsache, dass ich mich an sie machte, war doch der Stolz, und weil ich mir einbildete, ich konne alles durchsetzen, was ich wolle, und werde das Madchen schon 'rumkriegen, wenn ich es nur recht anzufangen wisse. Ich hatte schon gemerkt, dass sie auf Tanzen und Kindelbieren nach mir hinhorte, wenn ich so erzahlte von meinen Fahrten, und darauf baute ich meinen Ratschlag und sah sie unaufhorlich starr an, wenn ich ihr nahe kam, so dass sie nicht wusste, wo sie die Augen lassen sollte. Fing auch an, mich uber mein Vermogen schon zu kleiden, das beste lichtblaue Tuch musste ich zum Rocke haben und liess mir an die Jacken silberne Knopfe setzen, die kein anderer von den Kolonen hatte, wodurch ich in Schulden geriet. Eines Sonntages geht die Magdalis an mir voruber, wie ich besonders herausgeputzt war und sagt: 'Ihr zieht Euch doch an, wie keiner sonst, Kaspar.' 'Das geschieht ganz allein um Euch, Magdalis', antwortete ich, 'und wenn ich all mein Hab und Gut zusetzte, so wollte ich mich noch schoner kleiden, wofern es Euch nur gefiele.' Sie wurde rot und damit hatte ich sie weg. Denn wenn man den Madchen sagt, dass man um ihretwillen einen neuen Rock angezogen hat, so sind sie kaputt.
Also die Sache kam in Gang und ich will Sie damit nicht aufhalten, Herr Schmitz. Genug, die Magdalis gab zu, dass ich an ihr karessieren durft', und war alles bald zwischen uns in Richtigkeit, wie es die Ordnung ist unter Liebesleuten. Auch die Magdalis dacht' in ihrer Dummheit, dass der Vater, weil es einmal so weit gekommen, werd' ein Auge zudrucken mussen. Deshalb nahmen wir beiden Gimpel die Absprache zusammen, dass ich um sie anhalten solle. Aber da kam ich schon an, Herr Schmitz, wie ich die Sache vortrug bei dem Alten. Denn selbst musste ich sie vortragen; ein Freiwerber wollte sich dazu nicht verstehen. In meinem Leben ist mir kein grimmigerer Mensch vorgekommen, als der Hofschulze, wie er sich benahm, da ich meinen Spruch herausgesagt hatte. Ich wurde mit einem solchen Zorn und Hohn angelassen, dass mir die Knochen bebten vor Argernis. Es fehlte nur, dass er mich fortpeitschen liess, und noch heut am Tage weiss ich nicht, wie ich vom Hofe gekommen bin.
Gut, dachte ich, willst du sie mir nicht zur Frau geben, so soll sie Der Alte hielt sie eingesperrt und sein Sohn, der Fritze, auch aus der ersten Ehe, passte mir auf. Aber man kann die Leute schon belauern, wenn man nur will. Was nicht bei Tage geht, das geht bei Nacht, und darf man nicht zur Tur 'rein, so steigt man uber die Mauer. Ich war denn also alle Nachte, die Gott werden liess, bei der Magdalis, zu der ich durch das Fenster gelangte. Doch sie kamen dahinter, Herr Schmitz, der Alte und sein Sohn. Und nun machten sie zusammen einen Plan auf mich, mir aufzulauern und mir das Leben zu nehmen."
"Das ist nicht wahr", unterbrach hier eifrig der alte Schmitz die Erzahlung. "Der Hofschulze ist ein eigensinniger Mann, aber Schlechtigkeiten hat er nie getrieben."
"Nun dann hat es der Junge, der Fritze, auf seine eigene Hand getan", sagte der Patriotenkaspar. "Genug, ich weiss, was ich weg gekriegt habe bei der Gelegenheit. Also, Herr Schmitz, eines Abends, wo es ganz dunkel war und ein schweres Unwetter heraufzog, komme ich auch von meinem Erb da heruber meinen gewohnlichen Weg geschritten. So hore ich da, wo Sie jetzt stehen, Herr Schmitz, etwas rascheln in der Dunkelheit, und ehe ich noch meine Gedanken zusammennehmen kann, springt das, ohne einen Laut von sich zu geben, auf mich zu, und ich habe einen Schlag mit einem Knuppel uber den Kopf und einen Stoss in das linke Auge weg, dass mir beinahe Horen und Sehen vergeht. Im Auge ist's mir, als ob ein Dutzend Messer darin umgedreht wurden, Nasses lauft mir uber die Backe ich aber denke, hier geht's noch um Haut und Haar, ist's Auge schon weg und kriege meinen Kujon zu packen, und reisse ihm den Knuppel weg, denn, Herr Schmitz, ein Mensch, dem sie das Auge ausschlagen, hat furchterliche Krafte und gebe ihm die Erwiderung auf seinen Schadel, dass er aufgrolzt und ich an der Stimme den Fritze erkenne. Er bettelt um Gnade, aber ich schreie: 'Meine Gnade sollst du gleich spuren!' reisse ihn in die Hohe; 'du verfluchtiger Augenmorder!' rufe ich, und stosse so lange den Bengel mit dem Kopf gegen den Stein hier, bis er stumm wird. Einen Ohrring hatte ich ihm bei der Balgerei abgerissen (denn er trug welche) den hielt ich in der Hand, wusste nicht, was damit anfangen, konnte ihn freilich nur wegwerfen, aber der Mensch ist bei solcher Gelegenheit wie von sich; unter dem Stein habe ich den Ring verscharrt, soll mich wundern, ob er noch da liegt?"
Der Patriotenkaspar, welcher den letzten Teil der Erzahlung mit so lebendigen Gebarden vorgebracht hatte, dass seinem alten Zuhorer ein Schauder uber die Haut rieselte, walzte trotz seiner anscheinenden Kraftlosigkeit den Stein hinweg, kratzte etwas in der Erde darunter und zog mit einem gellenden Freudenschrei, als habe er den kostlichsten Schatz entdeckt, einen Ohrring hervor, der nicht verrostet war, weil er stark vergoldet gewesen sein mochte. "Ei, wie so ein Ding ubrigbleibt, wenn der Mensch langst verrottet ist!" rief er, und gab den Ring dem alten Schmitz, der ihn nur zagend annahm.
"Als ich nun dem Fritze das Seinige gereicht hatte, liess ich ihn liegen und ging nach Hause, Herr Schmitz", fuhr der Patriotenkaspar fort. "Es war nun starkes Unwetter geworden und bei dem Donnern und Blitzen unterweges wurde mir graulich zumute. Ich dachte: Die Magdalis erwartet dich in ihrer Kammer, und ihr Bruder liegt da tot am Kreuzweg, und der Hofschulze schlaft und lasst sich nichts traumen, und du gehst uber das Stoppelfeld. Zu Hause nahm freilich der greuliche Schmerz im Auge alle meine Besinnung weg, und nur unterweilen konnte ich mir vorstellen, dass sie mir nun vielleicht den Kopf abschlagen wurden. Es kam aber alles ganz anders, Herr Schmitz.
Den anderen Tag liess ich den Feldscherer holen, und der sagte mir, dass das Auge heidi sei, denn mit uns Bauersleuten machen die Doktors nicht viele Umstande. Na, das Auge lief auch wirklich aus, Herr Schmitz, und schrumpfte weg, und ich erwartete alle Tage die Gerichte im Erb, die mich abholen wurden, denn fliehen mochte ich nicht. Aber keine Gerichte kamen.
Dagegen kam ein Kerl, der der Fronbot hiess, von wegen des Dings droben unter den drei Linden, und sagte, ich sei geheischen und geladen zum Stuhl, sie wollten's unter sich abmachen, und ich sollt' Rede und Antwort stehen. Ich rief: Er sollte sich zum Teufel scheren, sie konnten mir dies und das tun, dem Amtmann sei ich Rede und Antwort schuldig.
Wie ich nun zum ersten Male den Kopf wieder aus dem Loch hervorstrecke, hore ich kuriose Geschichten. Der Alte hat seinen Sohn gleich nachdem die Leiche gefunden worden, begraben lassen und uberall gesagt, der Junge sei spat nach Hause gegangen und habe einen bosen Fall getan. Keine Anzeige hat er gemacht und alles bleibt still von der Sache, und kein Amtmann und kein Kriminal bekummert sich um mich. Ja, was soll das bedeuten? denke ich.
Ich konnte es aber bald spuren, Herr Schmitz. Es war mir schon auffallig gewesen, dass wahrend meiner Wehtage nicht eine Menschenseele nach mir fragte, denn wenn ich auch nicht viele Freunde hatte, so besuchte mich doch je zuweilen sonst einer oder der andere. Aber da sass ich ganz allein und verlassen, und zuweilen tat mich nicht nur meine wunde Augenhohle schmerzen, sondern ich heulte auch mit dem gesunden Auge meine bitteren Tranen. Als ich nun wieder 'naus ging, so wollte ich, weil ich nicht verfolgt wurde, bei einem Nachbar vorsprechen, aber der schob zur Hinterture hinaus, als ich in die Vorderture trat. Im Kruge ruckten sie zischelnd zusammen, als ich kam und riefen den Wirt beiseite und sprachen sacht mit ihm und der kam dann zu mir und sagte: 'Kaspar, Ihr konnt nicht verlangen, dass ich um Euretwillen meine Nahrung einbusse. Sie wollen nicht mehr bei mir sitzen, wenn ich Euch zapfe.' 'Nicht mehr bei Euch sitzen?' fragte ich wild. 'Still!' rief er. 'Ich will's Euch heute abend offenbaren, Ihr habt mir manchen Taler zu verdienen gegeben, und darum kann ich Euch den Gefallen wohl tun. Kommt heute abend, wenn alles zur Ruhe ist, her, da sag' ich's Euch.'
So ging ich denn den Abend, wie Polizeistunde geboten war, und niemand mehr in der Stube sass, zu ihm. Und da erzahlte er mir, dass der Hofschulze uber den Tod seines Jungen mit den anderen zusammengewesen sei droben am Freistuhl, und habe gesagt, er wolle keine Anzeige wider mich machen, und keiner solle es tun, aber er habe mich mit seinem Schwert von Carolus Magnus verfeimt und geachtet, und die Sache sei schon durch die Bauerschaft und weil die Grossen drin einig seien, so seien die Kleinen auch nicht dawider und sei ich also nun aus dem Frieden und aus der Freundschaft gesetzt bei allen.
Ich lachte und rief: 'Was scher' ich mich um euren Frieden und um eure Freundschaft!' Aber ich hatte ubel gelacht, Herr Schmitz. Keine Anzeige kam wider mich bei den Gerichten ein, was damals leicht moglich war, denn der grosse Krieg war eben im Gange, und alles lief bunt uber Eck, und als es wieder ruhig worden, war die Sache schon alt; jedoch ein Verfeimter war ich und ein Verfeimter blieb ich, und das war boser als Verhor und Urteil. Herr Schmitz, das Menschenkind kann alles ausstehen, Not und Krankheit und Feuersbrunst und Gewaltzwang, aber von seinesgleichen verstossen sein, das kann das Menschenkind nicht ausstehen. Denn der Vogel fliegt mit seinesgleichen, und der Hirsch geht in Rudeln und der Fisch im Wasser schwimmt selbzwanzig dahin und dorthin, selbst der Wolken wandern immer mehrere zusammen, wie sollte das Menschenkind es allein bestehen konnen? Sie hielten 's, was sie oben am Freistuhl ausgemacht. Und die Kleinen mussten's ihnen nachtun. Wenn ich mir Stroh und Korn borgen wollte, wie der Fall sein kann in jeder Wirtschaft, kriegte ich nichts; einmal brannte meine Scheune, die liessen sie brennen und kamen mit der Spritze, als nur noch die Trummer rauchten, und wenn sie an meinem Erb' vorbeigingen, so greinten sie hohnisch und spuckten aus, und wenn ich selbst zu ihnen trat, so wiesen sie mir den Rukken. Das frass mir ins Herz hinein und ich sagte: 'Ich will's euch allen zuvor tun, dass ihr Seelenverkaufer die Kranke vor Arger kriegt und will mir Gesellschaft und Kameraden aus der Stadt halten.' Zechte also brav auf meine eigene Faust, liess mich mit Menschen in der Stadt ein, Schreibergehulfen und Ladenburschen und so dergleichen, gab denen grosse Traktamente auf dem Erb. Aber es wollte mir dergestalt nicht schmecken, Herr Schmitz, und wenn ich noch so viele lustige Schreibergehulfen und Ladenburschen bei mir hatte, so wurgte es mir in der Kehle, weil ich immer dachte: Sie sind doch nicht deinesgleichen. Naturlich geriet ich auch durch die Lebensart tief in die Schulden hinein; auf einmal kam mir nun der Jude, der mir vorgeschossen hatte, uber den Hals und liess mir das Erb anschlagen. Ich wurde herunter gepfandet und hatte dann die Erde zum Lager und den Himmel zum Dach. Und so bin ich denn nach und nach, Herr Schmitz, zu dem Leierkasten, in diese Lumpen, in den Hunger und in die Kalte geraten, und so ein raudiger Bettelhund geworden, wie Sie mich da sehen."
Der arme und jammerliche Mensch sah nach dieser Erzahlung mit dem Blicke eines so kalten und bodenlosen Elendes vor sich hin, dass es den alten Schmitz, der von Natur weichherzig war, erbarmte. Er begriff nun wohl, dass er von dem unglucklichen Morder nichts zu befurchten habe, trat ihm daher naher und sagte: "Ich fasse noch nicht recht den Grund, weshalb der Hofschulze Euch den Gerichten entzog, denn, wenn ich auch sonst wohl einsehen kann, warum er mit seinem Freigerichte hantiert, so hatte ihm in diesem Falle Eure offentliche Verurteilung doch eine grossere Genugtuung gegeben."
"Oh", rief der Patriotenkaspar, "das ist eben die ausbundige Bosheit des alten Blutsaugers!" Er raufte seine buschichten Augenbraunen. "Denn wie ich nachgehends gehort habe, so sind Zeugen gewesen, zu denen der Bengel, der Fritze, sich beruhmend gesagt hatte, er wolle mir an dem Abende auflauern. Nun war der dicke Knuppel neben dem Toten gefunden worden und mein Auge war doch auch weg, also folglich konnte ich mich auf Notwehr berufen, und den Kopf hatten sie mir nicht 'runter gehauen, sondern ich ware vermutlich mit etwas Gefangnis davongekommen. Das sah der alte Satan voraus und deshalb wollte er mich auf seine eigene Hand fur zeitlebens unglucklich machen. Ich habe aber auch eine Wut auf ihn gehabt die Jahre her bei meinem Leierkasten, Herr Schmitz, ich kann Ihnen nicht sagen, was fur eine Wut. Und lange konnte ich ihm nicht beikommen, aber nun "
"Pfui", sagte der alte Schmitz. "Schamt Euch, Kaspar, wer wollte so rachgierig sein!"
Der Patriotenkaspar sturzte seinem Gonner zu Fussen, umschlang die Kniee des alten Mannes mit seinen hageren und haarichten Fausten, als wollte er ihn um Verzeihung fur seine Sinnesart bitten und rief mit hohlem zerreissendem Tone: "O Herr Schmitz! Rachgierig muss der Mensch sein, wenn sie ihm alles genommen haben, sonst verkommt er gar. Ich ware langst verhungert, aber ich frass meine Rache, und so blieb ich leben. Es steht wohl geschrieben: 'Segnet, die euch fluchen', aber es gibt keinen, keinen auf Erden, fur den es geschrieben steht, zum wenigsten keinen Unglucklichen."
"Nun, und was soll ich mit dieser ganzen sonderbaren Geschichte anfangen? Was treibt Euch, sie gerade mir und jetzt zu erzahlen?" fragte der Sammler.
Der Patriotenkaspar erhob sich und sagte: "Herr Schmitz, ich will nun mein Recht haben. Ich habe mein Herze befriedigt und nun will ich mein Recht desgleichen haben. Ich will nicht langer unter dem Banne von meinesgleichen leben, sondern mein Urteil haben vor den Gerichten des Konigs. Ihnen habe ich die Sache erzahlt, weil Sie sich doch auch auf Amtssachen verstehen, damit Sie ein hubsches und richtiges Protokoll aufnehmen, worin alles gehorig steht von Notwehr und von den Zeugen, denen der Fritze gesagt hat, er wolle mir auflauern (denn es leben ihrer noch einige), damit mir nicht der Kopf abgehauen wird. Dazu habe ich keine Lust, aber sitzen will ich ein paar Jahre recht gerne. Im Gefangnis betrage ich mich ordentlich, mache mir Uberverdienst, komme mit einem guten Attestat vom Direktor zuruck, lege von meiner Sparsumme einen Winkelkramladen an, und dann soll das Donnerwetter dem in die Eingeweide fahren, der mich noch ferner hoch necken oder verachten will!
Also, Herr Schmitz, tun Sie mir die Gefalligkeit, das Protokoll zu schreiben, ich will dann drei Kreuze darunter setzen und es selbst in die Gerichte tragen."
Der Sammler liess sich das Jahr, worin die Mordtat vorgefallen war, nennen. Er dachte nach und sagte dann: "Kaspar, das Protokoll wurde keinen Erfolg haben. Die Sache ist verjahrt."
"Was heisst das: Verjahrt?"
"Das heisst: Ihr mogt uber die Sache angegeben werden, oder Euch selbst angeben, ja, Ihr mogt, wie Ihr tut, die Strafe begehren, so wird dem keine Statt gegeben, denn nach dem Ablaufe von dreissig Jahren ist eine Untat ab und tot vor dem Richter. Ihr musst also Euer Geschick schon so nehmen, wie es einmal liegt und es bis an Euer Lebensende tragen."
Er ging an dem Totschlager voruber, gab ihm den silbernen Ring, da dieser bei naherer Betrachtung ihm nichts Merkwurdiges gezeigt hatte, zuruck und entfernte sich. Der Geachtete stand betroffen, sann uber die Verjahrung und konnte darin durchaus keinen Sinn finden. "Also", sagte er endlich, "meine Gedanken an die Missetat muss ich behalten und bis in jene Ewigkeit mit hinuberschleppen; aber wenn ich mit meinem Fell die Sache bussen will, so geht das nicht mehr an, weil dreissig Jahre voruber sind!"
Ein Larmen, der ganz in der Nahe entstand, unterbrach sein Nachsinnen und machte ihn aufmerksam. Kaum zwanzig Schritte vom Kreuzwege kamen auf dem Wege vom Oberhofe Menschen gelaufen und andere begegneten ihnen, die vom Hofe des Eidams gegangen kamen. "Wisst ihr's schon?" fragten die vom Oberhofe uberlaut. "Was denn?" versetzten die anderen. Ihren Weg eiligst nach dem Jurgenserbe fortsetzend, riefen die vom Oberhofe: "Der Hofschulze hat eine Uberfahrung12!"
"Das ware der Henker!" riefen die ersten und liefen nach dem Oberhofe zu.
Der Patriotenkaspar fletschte die Zahne, sprang wie unsinnig auf dem Mordplatze umher und schrie: "Heisa! Heisa! So ist's recht. Die Tochter machte ich dir zur Hur', den Jungen zu Brei, und dich macht' ich nun zunicht'! Ihr sollt erfahren, was es heisst, geringere Leute verachten! Konnt' ich jetzt mein Protokoll aufgenommen kriegen, ware ich ganz zufrieden!"
Viertes Kapitel
Der Hofschulze kommt wieder zu sich und Lisbeth
schreibt an den Diakonus
Auf der Kammer, worin er das Schwert Karls des Grossen verwahrte, sass oder lag der Hofschulze blass und halb betaubt neben der eisenbeschlagenen Kiste. In diesem Zustande war er von einer Magd, die vor der Kammer vorbeiging, gefunden worden, kurz nachdem er sich die Treppe hinaufbegeben hatte. Sie war erschreckt hinuntergesprungen und hatte von dem Vorfalle Larmen gemacht, den einige Vorubergehende weitertrugen.
Die Magd kehrte mit Essig zuruck und bestrich ihres Brotherrn Schlafe. Das einfache Mittel brachte ihn auch bald wieder zu sich selbst, denn der Schlagfluss war eine Vergrosserung des Unfalls, der den alten Bauer betroffen hatte. Er war nur von einem Schwindel und von jener Betaubung befallen worden, wie sie die Folgen eines plotzlichen grossen Schrecks zu sein pflegen, besonders bei alten Leuten. Als er von dem scharfen Geruche des Essigs wieder erwachte, hob er sich, ohne dass ihn das Madchen zu unterstutzen brauchte, sogleich strack auf seine Fusse, fuhr mit der Hand uber die Stirn und warf seinen ersten Blick in die Kiste, deren Deckel aufgeklappt war. Mit einer Mischung von Entsetzen und Kummer kehrte aber der Blick des alten Mannes in sich zuruck; er klappte hastig den Deckel zu, als wollte er den Verlust seines Teuersten jedem Auge verbergen und trieb die Magd an, ihn zu verlassen. Diese fragte zwar, was dem Baas zugestossen sei, erhielt jedoch keine andere Antwort von ihm, als dass ihn eine plotzliche Schwache, vielleicht von dem vielen Plasier, welches gestern und heute gewesen, angewandelt habe.
Als er auf der Kammer allein war, stand der Hofschulze erst eine geraume Zeit mit ubereinandergeschlagenen Handen ohne sich zu regen, da. Dann setzte er sich auf die Kiste und nahm seinen Kopf in beide Hande, um alle Winkel des Gedachtnisses zu durchforschen. Darauf erhob er sich, offnete abermals die Kiste, wie wenn er es nicht fur moglich halte, dass das Schwert daraus habe verschwinden konnen, liess aber augenblicklich den Deckel zufallen, da er wohl sah, dass er nur in die Leere blicke, und stohnte wie ein verwundeter Stier.
Nach diesem begann der Alte ein stummes eifriges Suchen in der Kammer. Er kehrte jedes Gerat um, er durchspurte jeden Winkel, er leerte alle Kisten und Kasten aus, welche dort vor und hinter dem Saatlaken umher standen. Kein Platz blieb undurchforscht, aber alle diese Muhe war vergebens, denn das Schwert zeigte sich nirgends. Indem horte er unten die Stimme seines Eidams und seiner Tochter, sowie der Freunde und Nachbarn, welche von der Tanzgesellschaft herbei gekommen waren, um nach ihm zu sehen. Rasch verliess er die Kammer, um nicht in seinen Anstrengungen betroffen zu werden und ging hinunter, scheinbar gefasst. Dort stellte sich alles mit Fragen nach seinem Befinden um ihn, worauf er dieselbe Antwort gab, welche schon die Magd empfangen hatte und hinzufugte, dass ihm wieder ganz wohl sei. Er bat die Leute, sich in ihrer Lustbarkeit nicht storen zu lassen und wieder zum Tanze zuruckzukehren; eine Aufforderung, welcher mehrere folgten, andere aber auch nicht. Diese blieben vielmehr im Hofe, weil sie an dem Tanze kein Vergnugen hatten, es kamen noch fortwahrend Leute vom Jurgenserbe und so war ein bestandiges Ab- und Zugehen von Menschen.
Als nun der Hofschulze sah, dass er der Zeugen nicht quitt werde, beschloss er alles Fernere auf die Nacht zu versparen. Er setzte sich still in seine Stube und sagte dem Eidam, er moge die Mitgift nach Hause tragen, was dieser auch mit einem Gehulfen tat. Mehrere Nachbarn stellten sich zu ihm und mit diesen sprach er nun so ordentlich und vernunftig, wie immer seine Sitte war. Niemand merkte ihm etwas an, und nur wer gewusst hatte, was vorgefallen war, wurde aus seinen geschwollenen Stirnadern, aus den Augen, die zuweilen hervorquollen, und aus den Griffen, die der Alte hin und wieder nach seiner Brust tat, auf das, was in ihm vorging, haben schliessen konnen.
Wahrend ein ungeheurer Verdruss und Schreck unten sich so heimlich hielt, hatte auch oben im Hause ein leidendes Kind seine Entschlusse reif gedacht. Lisbeth war in schweren Korperschmerzen den ganzen Vormittag uber auf ihrem Lager geblieben und hatte sich erst um die Zeit, als ihr alter Gastfreund seine trostlose Entdeckung machte, erhoben und angekleidet. Sie war so ernst, bleich und still, wie am Abend zuvor, da ihre Tranen versiegten. Aber diese hatten den Augen des Madchens nicht geschadet; sie leuchteten von einem fast uberirdischen Glanze. Der hohe Berg, auf dessen Gipfel sie im Jubel ihrer Wonne zu stehen gemeint hatte, war unter ihr eingesunken, und die roten Wolken hatten sich verzogen, aber dennoch kam es ihr vor, als schritte sie ebenso hoch und noch hoher einher, und es war ihr, als trugen Lufte ohne Wolken, atherreine und atherklare ihre Fusse.
Sie setzte sich an ihren Tisch und sagte mit einer himmlischen Zuversicht im Ton: "Ein Findling ist Gottes Kind. Und wen Vater und Mutter in der Irre stehengelassen haben, den wird Gott bei der Hand nehmen und nach Hause fuhren." Die Schmerzen hatten eine wunderbare Verwandelung in ihr gewirkt. Zu ihren sogenannten Pflegern wollte sie nimmer zuruckkehren. Denn als sie, von Leiden, wie von zukkenden Blitzen durchwuhlt, wahrend der Nacht auch einen Blick auf ihre Vergangenheit warf, so sah sie schaudernd und wie von einem strengen Seher erbarmungslos unterrichtet, in welchen jammerlichen und lachensdurren Umgebungen sie gelebt hatte. Sie blickte in die traurigen und unreinlichen Trummer hinein, zwischen denen sie so mutfroh und rein geblieben war, und sie hatte weinen mogen, wenn ihr noch eine Trane ubrig gewesen ware, als sie nun erkannte, dass ein faselnder alter Mann und eine halbverwirrte Torin denn doch die einzigen gewesen waren, die sich ihrer angenommen hatten. In einen Augenblick des aussersten Entsetzens drangte sich eine Ewigkeit von qualenden und widerwartigen Vorstellungen zusammen zerrissen und gepeinigt wandte sie den Blick von diesen unheimlichen Gesichten ab und in die Zukunft, worin freilich die Augen Oswalds erloschen waren und nur noch das Auge Gottes durch die Finsternisse strahlte. So hatte das Ungluck die susse Bewusstlosigkeit, worin das Kind Jungfrau geworden war, zerstort, und das Wachen der Wahrheit in der wunden Brust geschaffen.
Sie schrieb einen Brief an den Diakonus. Zu diesem hatte sie grosses Vertrauen, und den wollte sie zu ihrem Fuhrer wahlen. Nach dem Eingange, in dem sie sagte, dass eine schmerzliche Aufregung sie uber ihr Geschick erleuchtet habe, lautete der Brief folgendermassen:
"Sie hatten wohl nicht gedacht, lieber Herr Prediger, als Sie gestern die Hand auf mein Haupt legten, dass Sie von mir heute so traurige Worte horen wurden. Wenn ich es Ihnen nur recht deutlich machen kann, wie mir eigentlich zumute ist! Denn wenn Sie das nicht einsehen, so konnen Sie mir auch nicht helfen. Es ist aber gewiss recht schwer, sich deutlich zu machen mit verwirrtem Kopfe und klopfendem Herzen und bebender Hand. Sie sind jedoch ein so guter und kluger Mann, dass Sie sich auch vielleicht aus dem Stammeln eines armen Madchens vernehmen konnen.
Ach, lieber Herr Diakonus, es ist mir ausserordentlich ubel gegangen seit gestern. Es hatte wohl gestern den Anschein, als konne ich eine Braut sein, und das will bei einem so armen und verlassenen Madchen, wie ich bin, noch mehr sagen, als bei anderen, die wissen, woher sie stammen. Heute aber bin ich keine Braut mehr, nein gewiss nicht. Warum ich keine mehr bin, das kann ich Ihnen nicht sagen; ich schame mich zu sehr. Ihrer lieben Frau werde ich es anvertrauen, wenn ich erst ruhiger geworden bin, ganz in der Stille.
Ein Madchen, welches kein Kind mehr ist, denkt wohl zuweilen an das Heiraten und so habe ich denn auch hin und wieder daran gedacht, obgleich ich wenig Aussicht dazu hatte. Wenn mir aber die Vorstellungen davon kamen und von der Liebe, so war immer das erste Gefuhl, dass die Liebe die ganze Wahrheit und nichts als Wahrheit sei und zwar die Wahrheit in der Brust, und eine solche Offenheit, dass man dem anderen auch nicht das Kleinste verschweigt. Hatte ich eine Sunde begangen, wovor mich freilich Gott geschutzt hat, so wurde ich meinem Freunde die Sunde haben beichten mussen, ehe ich ihm noch meine Liebe gestand. Denn wenn zwei Menschen, wie es ja lautet, ein Leib und eine Seele werden sollen, so darf doch auch nicht ein Staubchen zwischen ihnen sein von Verschweigen, Hinterhalt, Verstellung und Kunstelei. Ja, noch offener soll man gegen den Liebsten sein, als gegen Gott, denn dieser sieht selbst scharf genug, aber der arme Liebste hat ja nicht so durchdringende Augen und soll uns doch ebenso genau kennen, wie Gott, weil er sich nicht auf dieses und jenes in uns, sondern auf alles in allem Zeit seines Lebens verlassen muss. Wer mir also, wenn er sagt, dass er mich liebe, dennoch einen Schein vorweben kann, von dem muss ich glauben, was sie mir wider ihn vorbringen, und mochte es auch das Allerschlimmste sein. Wer mir sagt, Herr Diakonus, er sei ein armer Forster und ist ein grosser Graf, der kann auch noch anderen Lug und Trug wider mich vorhaben. Ach Gott! Ach Gott! Zuweilen denke ich: Es ist gar nicht moglich, dass ein Mensch, der so gut aussieht, so schlimm sein kann!
Ich bin eigentlich ganz elend worden, und ware in den Schmerzen dieser Nacht wohl gestorben, hatte mir nicht mein Stolz geholfen. Weil ich aber tief gedemutigt werden sollte, so hat mich das sehr stolz gemacht, ganz uberaus stolz. Nun ist dieser Stolz freilich wohl nur Hulfe in der aussersten ersten Not, und deshalb fluchte ich mich zu Ihnen. Ich bitte Sie, gonnen Sie mir eine Freistatt in Ihrem Hause, Kosten mache ich Ihnen ja nicht viel und Ihrer lieben Frau kann ich doch immer etwas helfen. Sie sind immer sehr gut und freundlich gegen mich gewesen und werden mich gewiss nicht verlassen. Nach dem Schlosse gehe ich auf keinen Fall zuruck, mich schaudert davor. Das war wohl bisher gut so weit, aber nun geht es nicht mehr; nein, nein. Ich bin also wie eine Staude, die vom Boden abgeschnitten ist und weiss noch kein Erdreich, worin ich wieder wachsen kann.
Dass Sie sich aber uber mich nicht irren, so muss ich Ihnen sagen, dass ich gar kein Verlangen nach der Kirche habe, oder nach der Religion, wenigstens nicht mehr als sonst. Ich habe mir schon Vorwurfe daruber machen wollen, denn man sagt ja immer, dass der Mensch im Ungluck hauptsachlich viel beten musse, aber das muss denn wohl ein anderes Ungluck sein, als meines. Ich fuhle mich als ein so ordentliches, unschuldiges Madchen, dass ich nicht begreife, warum ich Gott gerade jetzt besonders bitten sollte, nur beizustehen. Sondern es ist uber mich verhangt worden, und nun trage ich es, und er lasst mich gehen in meiner Weise. Auch kann der Gott, von dem gepredigt wird, einem Herzen nicht helfen, welches sich weggegeben hatte und sich nun wieder zurucknehmen muss. Dem hilft sicherlich auch ein Gott, aber er steht in keinem Liede, sondern ganz tief im Herzen selbst ist er verborgen, stumm, und ich glaube, der grosse Stolz, den ich empfinde, ist sein Kleid.
Haben Sie nur rechte Geduld mit mir, mein lieber, lieber Herr Diakonus, Sie und Ihre Frau; Sie sollen sehen, die Lisbeth hilft sich schon heraus, denn von einem Tage zum anderen kann man doch nicht verloren sein, wenn es gleich den Anschein davon hat. Es ist aber erstaunlich, was fur Schmerzen der Mensch aushalten kann. Ware ich nur katholisch, so ginge ich zu den Barmherzigen Schwestern; es muss eine recht angenehme Beschaftigung sein, zeitlebens die armen Kranken zu pflegen. Und nehmen Sie mir das schlechte Schreiben nicht ubel; es wollte aber nicht besser gehen. Durch den Uberbringer bitte ich um Antwort."
Die Entschuldigung wegen der Handschrift ware nicht notig gewesen; denn die Zuge waren so eben und klar, wie sonst. Keine Trane war auf das Blatt gefallen. Sie sah sogar gleichmutig aus und alle ihre Zuge leuchteten wirklich von einem wunderbaren Stolze. Sie rief einen Knaben herbei und schickte ihn mit dem Briefe nach der Stadt.
Funftes Kapitel
Lisbeth und Oswald
Aber ihre ganze Fassung war hin, als sie gedankenvoll durch das Fenster nach den Hugeln blickend, durch die Nebel einen Mann herankommen sah, eine bekannte Gestalt. Heftig bedeckte sie ihr Gesicht mit den Handen und noch einmal brach ein Strom der bittersten Tranen aus den schon erschopft gewesenen Augen. Ihre Wangen wurden eiskalt und ihre Hande starben ab "Ach! Ach! Ach!" war alles, was die Brust, die sich so grimmig beraubt wahnte, zu achzen vermochte. Was sollte sie tun? Ihre Seele wurde von der Verzweiflung in zwei Halften gespalten. Ach, das war er ja immer noch, der da so langsam herbeigeschritten kam, "gewiss", dachte sie blitzschnell, "geht er so langsam, weil ihn die Schuld druckt; wie wurde er sonst fliegen! Das ist seine Kleidung, das ist sein Gang, das ist sein Antlitz, und nur er ist es nicht, nur er nicht!"
Sie strich uber ihre Schlafe, die ein kalter Schweiss bedeckte. Dann sah sie sich im Zimmer um, wo noch manches vom vorigen Abend die Verwirrung ihrer Sinne bezeugte. Auch in dieser gramvollen Not schamte sie sich, dass er etwas unordentlich bei ihr finden konnte. Sorgfaltig verbarg sie ihre Nachtkleider unter der Decke des Bettes und sah nach, ob auch dieses recht in Ordnung und uberall von der Decke uberhullt ware, denn gemacht hatte sie es freilich gleich, nachdem sie aufgestanden war. Sie ruckte den Tisch am Fenster gerade und stellte die Stuhle an ihre Platze, auch den Zunder von dem verbrannten Gedichte kehrte sie sauber beiseite, und die Stucke des zerschnittenen Tuches, welche auch noch am Boden lagen, erhob sie und legte sie auf den Tisch. Sie tat das alles so emsig, wie wenn das glucklichste Madchen den Brautigam erwartet, und doch stockte ihr der Tod im Herzen.
Ach, er kam immer naher! Was was sollte sie tun? Wie gern ware sie in seine Arme gesturzt und hatte sich in diesen suss-giftigen Schlingen mit ihren Schmerzen ersticken lassen! Und doch musste sie vor ihm fliehen, unerreichbar weg, denn trat er in das Zimmer und heftete er seinen Blick auf sie, so war es um sie geschehen, das fuhlte sie wohl. Kaum den Boden unter ihren Fussen sehend, schwankte sie aus dem Zimmer und wahlte den Versteck, der sich ihren irren Sinnen zunachst darbot. Kein Gedanke, keine Uberlegung, dass er ja nicht zu ihren Pflegern gegangen sein wurde, wenn er es ubel mit ihr meinte, kam in die gestorte Seele.
Denn die Liebe ist, ungeruttelt, gottlicher Scharfsinn. Die Blitze ihrer Ahnung sehen das Verborgenste, sie gleicht dem Wunderrosse, welches Mahomet zwischen dem Umsturzen und Auslaufen eines Wasserkruges durch alle sieben Himmel trug und ihm die Herrlichkeiten eines jeden zeigte verstort, in falsche Bahnen gelenkt, ist sie Wahnsinn, der bei Domen vorubergeht, ohne sie wahrzunehmen, und Maulwurfshugel fur Alpengipfel ansieht.
Oswald betrat unten das Haus. Er hatte nie gedacht, dass er uber eine Schwelle so scheu wie ein Sunder wurde schreiten mussen. Ein grimmiger Verdruss uber die ekelhaften Schlangenknauel des Lebens, uber den plumpen Spass des Daseins, welcher oft Spulicht und die Blume des Weines zusammen mischt, sass ihm am Herzen. Immer kranker fuhlte sich dieses Herz. Noch hingen die Locken des Junglings verwirrt vor seinem Antlitz, um welches zuweilen eine fliegende Rote ergossen war, und seine Augen sprangen unstet zwischen den Gegenstanden hin und her, ohne einen derselben mit ihren Blicken zu treffen. Er schritt an den Leuten voruber, die im Flur waren und an dem Hofschulzen, ohne jemand zu grussen.
Sein Herz war voll von Gram aber auch voll von Entschluss. Zu Lisbeth ging er, zu der Lisbeth, welche ihn gestern mit dem Wiesenkronchen als ihren Konig und Herrn gekront hatte, und die er nun der sussen Dienstbarkeit entlassen wollte. Denn ihr Bild war ihm besudelt worden; freilich ohne Schuld der Unschuldigsten. Aber ist das Liebesgefuhl, stark wie der Tod, nicht auch verletzlich, gleich den Hornern der Schnekke? "Es muss mir das nicht bei ihr einfallen", hatte Oswald unaufhorlich auf dem Wege zu sich gesagt. "Sie wird zwar unglucklich, aber werde ich's nicht auch? Nicht tief, tief unglucklich? Ach, wie wollte ich an ihrer Seite daheim werden in meinem Herzen, daheim und selig zu Hause sein bei mir, und jedes Winkelchen kennenlernen, darin lieblich Gerate steht und Kruge wurzig duften voll sanften Weines und Oles, und muss nun doch wieder mich selber draussen suchen gehen! Aber die Braut des Grafen Waldburg darf nicht "
Er tat die Ture des Zimmers mit dem gewaltigsten Herzpochen auf. "Sie" wollte er sie nennen und zu ihr sagen, dass er komme, um von ihr Abschied zu nehmen, sie solle ihn aber nicht fragen, was sich so plotzlich zwischen sie beide gedrangt habe. Mit diesen Gedanken trat er in das Stubchen, vernichtet fast von dem bevorstehenden Augenblicke und als er sie nicht fand, da rief er: "Sie ist nicht hier!" mit eben dem Entzucken, mit welchem er gestern die verschlossene Ture der Dorfkirche begrusst hatte. Denn nun hatte er sie ja noch, vielleicht zwei, vielleicht gar drei Minuten, bis sie wieder in das Zimmer trat.
Er setzte sich am Bette nieder und streichelte die Decke, als streichle er ihre Hand. Dann schob er die Hand unter die Decke am Fussende, wo er ihre Nachtkleider vermutete, und da geriet ihm ihr Mutzchen zwischen die Finger. Er druckte das Mutzchen mit seinen Fingern, denn er wollte Abschied nehmen von allem, was sie beruhrt hatte.
Dann legte er die Hande in den Schoss und sah vor sich hin und um sich her, lange. Ach, alles war reinlich und sauber umher und der Hauch ihrer Nahe webte noch in dem kleinen Zimmer. Es kam ihm vor, als sei es darin golden helle, als scheine die Sonne draussen und doch dunstete der graue, hassliche Nebel auch um dieses Haus. Nach einem langen Schweigen sagte er beklommen: "Ich hatte nicht hierher kommen, ich hatte ihr schreiben sollen; so schwere Dinge soll man schriftlich abmachen."
Sie blieb immer aus. Er begann, sich nach ihrer Erscheinung zu sehnen, stand auf und ging unruhig hin und her. "Was?" rief er, indem er sich plotzlich uber dieser Sehnsucht ertappte, "du verlangst danach, von ihr Abschied zu nehmen?" Sein Blick fiel in den kleinen Spiegel an der Wand, er sah seine Locken in greulicher Verwirrung, schamte sich dieses Anblikkes, strich sie in Ordnung, und ein Gesicht sah dahinter hervor, welches zwar bleich war, aber sich doch nicht so ubel ausnahm, wie er noch vor wenigen Augenblicken gemeint hatte, dass es sich ausnehmen musse.
Denn eine sanfte Warme hatte sein ganzes Inneres durchdrungen, welches seit einigen Stunden wie erfroren gewesen war. Es hob sich eine Last von seinem Herzen, es trat wie ein schwerer Fluch von seiner Seele zuruck. Mit jedem Augenblicke wurde ihm freier und freier; ihm ward zumute, wie dem begnadigten Sunder, wie dem verlorenen Sohne, da der Vater ihm ein kostliches Mahl anrichten liess. Ganz und voll durchdrang ihn eine unaussprechliche Empfindung, die aus hulfreichem Mitleid und schopferischer Zartlichkeit gemischt war; ein herzliches Wollen, ein tiefes Entschliessen und eine gottliche Geburtswehe des Gemutes. Alles das wallte wie ein Meer in ihm empor und in die Fluten dieses Meeres sanken die Fratzen des sogenannten Schlosses hinab und wurden nicht mehr gesehen.
Ja, er hatte sie wieder, die zufallig Gefundene, rasch Geliebte, fur die Ewigkeit Erkannte! Er hatte sein Reh wieder, sein Madchen, sein Herz, und was gestern noch Gluck war, das war heute eine schwere, susse Eroberung durch die Tapferkeit seiner warmsten Blutstropfen geworden. Er rieb sich vor Vergnugen die Hande; jauchzend rief er: "Bin ich nicht frei, bin ich nicht zu meinem allergrossten Glucke ganz frei?" Und dann setzte er sich auf den Stuhl am Fenster, auf dem sie zu sitzen pflegte, nahm die Feder, mit der sie eben den traurigen Brief an den Geistlichen geschrieben hatte und focht damit in der Luft hin und her, frohlich wie ein Junker, der seinen ersten Degen erhalten hat. Er schrieb nicht mit der Feder auf dem Papiere, nein in den Luften zog er einen schonen Schnorkel aus L und O geschlungen und freute sich uber die gefallige Form dieser Buchstaben und um dieselben zog er ein lateinisches W. Ihm dunkte das ein trefflicher Namenszug zu sein. Mutig rief er; "Und ware sie von Raubern und Mordern entsprossen, und ware sie unter dem Hochgerichte geboren, sie bliebe doch die Lisbeth, und doch wurde sie mein!"
Wer von der Geliebten Abschied nehmen will, gehe nicht in ihr Zimmer, sondern schreibe an sie, obgleich auch dann wohl manches Billett zerrissen werden und statt des Billetts der Liebende sich auf den Weg machen mochte.
Sechstes Kapitel
Suchen und nicht Finden
Er sagte: "Aber erfahren darf sie es nie, nie darf sie nach ihrem Ursprunge forschen. Auf mich allein und in meine Brust muss sie gepflanzt sein." Da war nun das Erdreich, in welchem die arme abgeschnittene Staude wieder wachsen sollte, und sie wusste es nicht. Sie war so nahe, dass sie fast seine Stimme horen konnte und doch wusste sie es nicht. Nichtige Note! Ihr gehort zur Liebe, wie Schwindel zum Rausche.
Sie kam aber immer nicht. Er wurde unruhig, ging hinunter und fragte nach ihr. Die eine Magd wollte sie den ganzen Tag uber nicht gesehen haben, die andere meinte, sie sei aus dem Hofe gegangen. Er durchstrich die nachsten Umgebungen des Oberhofes, aber da war nichts von Lisbeth zu erblicken. Es fing schon an, duster zu werden.
Sein Herz wurde ihm nach kurzer Freude noch schwerer als fruher. Ihr Verschwinden war ihm unerklarbar. Er ging wieder auf ihr Zimmer, worin er wegen der Dunkelheit die Gegenstande nicht mehr unterscheiden konnte. Nach kurzem Verweilen trieb es ihn abermals hinunter, er traf nun den Hofschulzen an und erkundigte sich bei dem, wo sie sei? "Die wird nach Ihnen nicht viel mehr fragen, junger Herr", versetzte der Alte. "Sie ist gewitziget." "Was!" rief Oswald in ausserster Besturzung und wollte von dem Hofschulzen nahere Auskunft haben. Diese versagte aber der Alte, denn er hatte zwar seine Pflicht, wie er meinte, gegen das Madchen uben mussen, aber mit dem jungen verliebten Hitzkopfe mochte er nichts zu tun haben. Liebessachen gehorten uberhaupt nicht zu den Gegenstanden, die fur ihn von Wichtigkeit waren, und worin er Treue und Glauben als Pflichten anerkannte. Um sich des Junglings durch irgendeinen Vorwand, wahr oder falsch, zu entledigen, setzte er hinzu: "Junge Frauenzimmer sind wetterwendisch; es mag ihr wohl so ernst nicht gewesen sein, nun schamt sie sich und will sich nicht vor Ihnen sehen lassen."
Ein Weiteres war von dem Alten nicht herauszubringen. Ausser sich sturzte Oswald zum dritten Male nach Lisbeths Zimmer, als musse sie dort sein, wenn er sie suche. Er hatte ein Licht mitgenommen. Lisbeth fand er nicht, wohl aber bei dem Scheine des Lichtes und mit dem Scharfsinn, den der Kummer gibt, die traurigen Zeichen der zerstorten Liebeshuld. Er nahm, was auf dem Kasten lag, hinweg, da sah er drinnen seine Goldrolle und das grune Sarglein liegen, von Lisbeths Busen verstossen, hinweg geworfen! Die Stucke des zerschnittenen Tuchleins sah er; der Schnitt ihrer Schere hatte eigentlich dem Bande zwischen ihnen gegolten! Auch ein halbverbranntes Stuckchen Papier erhob er vom Boden, denn alles war ihm wichtig, was sein Elend ihm erleuchten konnte. Noch stand darauf:
In deinem Ernst, in deinem Lachen
Gehorst du dir
Weiter war nichts zu lesen. "Ja", rief er, "du gehorst nur dir und keinem anderen, aber das Lachen wird dir wohl eigener sein, als der Ernst!" Er war bose auf sie, er zurnte ihr ingrimmig, denn auch er glaubte, was der Hofschulze ihm gesagt hatte, und meinte, das Madchen habe nur in einem Anstoss, der rasch verflogen sei, sich in seinen Arm gelegt. Es war das Unglaublichste, was es nur geben konnte, aber er hatte nicht geliebt, wenn er gezweifelt hatte. Liebe ist so feige, dass sie vor ihrem eigenen Schatten erschrickt; Liebe ist blind in der Wahl, noch blinder in der Qual.
Er stellte sich an die Ture des Zimmers und rief mit sanfter Stimme uber den Gang: "Lisbeth!" Sie horte ihn wohl, aber sie antwortete ihm nicht, denn sie war entschlossen, lieber zu verhungern und zu verdursten, als sich zu zeigen, so lange er im Oberhofe sei. Fest hielt sie ihre Hand auf die Lippen gedruckt und wimmerte leise wie ein blutendes Kind, dass sie nicht hinaus und an seine Brust fliegen durfe. Er suchte in mehreren Gemachern nach ihr, aber das ubersah er, worin sie sich befand. Nun ging er nach dem Zimmer und sah die Goldrolle und das grune Sarglein abermals an, und wollte das Sarglein zu sich stecken, denn was ging ihn das Gold an? aber er nahm die Rolle und liess das Sarglein liegen, so verwirrt waren seine Gedanken. Die Blumen riss er aus dem Glase und warf sie heftig zu Boden, aber dann tat ihm dieser Zorn doch leid, und er hob sie wieder auf, wenigstens die Lilie, weil er wusste, dass diese der Lisbeth besonders gefallen hatte.
Fast wahnsinnig vor Leid machte er einen neuen Gang in die Dunkelheit und als auch der vergebens war, blieb er erschopft vor dem Hofe stehen und jeder Windstoss, jeder ferne Ruf musste ihm Lisbeths Gang oder Stimme bedeuten. Aber sie kam nicht. Zornig trat er in das Haus zuruck und fragte jeden wild, ob er noch nicht Lisbeth gesehen habe? und dann vertauschte er wieder das Haus mit dem Platze vor dem Hofe, dort immer von neuem horchend.
So trieb es Liebesmuhe umsonst bis spat abends. Mit der verzweiflungsvollen Unruhe des Junglings bildete die unzerstorliche aussere Fassung des Hofschulzen einen merkwurdigen Gegensatz. Wahrend der junge Graf wie ein verwundeter Lowe umhertosete, sass der alte Bauer gleich einem Bilde aus Stein an seinem Tische, die entsetzlichste Aufregung zuruckhaltend im verschwiegenen Herzen.
Siebentes Kapitel
Ein Trauerspiel im Oberhofe
Melpomene hat zwei Dolche. Der eine ist blank, haarscharf geschliffen, schneidet schnell und grabt glatte, rein ausblutende Wunden. Der andere rostig, voll Scharten, reisst in das Fleisch unselige Zerstorung. Mit dem einen tritt sie Konige und Helden an, mit dem anderen pflegt sie sich ofter bei Bauern und Burgern einzuschleichen. Der eine trifft um grosse, unleugbare Guter, um Krone, Reich, Leben, der andere qualt um Nichtigkeiten, um einen Schall, um des Schalles Widerhall. Denn die Menschen werden nicht von den Dingen, sondern von den Meinungen uber die Dinge gepeiniget.
Der Palast ist nicht der einzige Schauplatz der Tragodie. Wer jetzt bei den Schatten der Nacht unter das Dach des Oberhofes hatte blicken konnen, wurde haben zugestehen mussen, dass dort die leidenschaftlichste Tragodie im Gange sei.
Es war so spat geworden, dass die Nachbarn sich zuruckgezogen, die Knechte und Magde sich schlafen gelegt hatten und das Feuer auf dem Herde erloschen war. Der Hofschulze verschloss darnach alle Turen des Hauses und bereitete sich zu seinem Werke, welches er fur die Nacht verspart hatte. Fur ganz einsam hielt er sich, aber er war belauscht. Als die Turen abgeschlossen wurden, schlich sich eine dunkele Gestalt zu der Spahestelle im Eichenkamp und setzte sich dort nieder, das Gesicht nach dem Oberhofe gewendet. Es war der einaugige Spielmann, welcher inzwischen gehort hatte, dass sein Feind nicht am Schlage gestorben sei und nun sehen wollte, ob ihm nicht wenigstens die Qual aufliege, welche der Rachsuchtige ihm in heissem Grimme anwunschte. Nicht lange durfte er auf die Freude dieses Anblicks warten. Denn bald leuchtete in dem dunkelgewordenen Oberhofe ein Licht auf. "Aha", sagte der Spielmann, "jetzt gibt er sich ans Suchen." Das Licht begann eine Wanderung, jetzt erschien es hier, dann zeigte es sich da. "Nun sucht er in den Stuben", sagte der Spielmann. Zuweilen verschwand es. "Hinten hinaus liegt auch nichts!" frohlockte der Spielmann. Plotzlich kam es wieder rasch zum Vorschein. "Da bist du ja schon gewesen!" murmelte der Feind voll ingrimmiger Lust. So begleitete er jeden Schritt des verraterischen Lichtes mit seinem Hohne. Wie das Licht nicht mude ward zu wandern und der Reiche in seiner verzweiflungsvollen Anstrengung mit ihm, so ward der Bettler draussen im Dunkel nicht mude, das Licht und den Reichen zu verspotten. Endlich als es auf Mitternacht ging, und der Schein noch immer da und dort flammte, konnte er sich nicht massigen, sondern er feierte seinen nachtlichen Triumph durch ein Lied, welches er auf dem Leierkasten tonen liess. Es war eins der sanften, stillen Lieder, welche das Volk auf den Gassen zu horen bekommt, er aber riss an dem Griff, dass die Walze, heftig umgeschwungen, die langsame Weise in das wildeste Allegro trieb.
Damals um diese Mitternachtstunde sass auf dem Flure im Oberhofe der alte Bauer und ruhte eine kurze Zeitlang von seinem Suchen aus. Das Licht stand neben ihm und in dessen mattem Scheine glichen die gefurchten Zuge des Antlitzes tiefen Graben, die sich durch ein graues Feld ziehen, denn seine Gesichtsfarbe war von Schmerz und Gram um den ihm unbegreiflichen Verlust aschfahl. Die Augen waren fast aus ihren Hohlen getreten und er sah starr mit ihnen auf den Boden. Alles hatte er unten durchsucht, selbst das Stroh in dem Stalle umgewendet und nichts gefunden.
Jetzt erhob er sich, um in dem ersten Stock des Hauses nachzusehen. Das Licht vor sich hinhaltend, ging er zitternd und gebeugt langsam die Treppe hinauf und hielt sich am Gelander. Oben stand er still und uberschlug, wo er seine Forschungen anstellen musse. Denn auch in dieser verzweiflungsvollen Seelenstimmung verliess ihn seine Bedachtigkeit nicht. Er erinnerte sich, dass er in der Kammer, worin die Kiste stand, schon gleich nach dem Wahrnehmen des Raubes nichts undurchstobert gelassen hatte; dort also ware jede erneute Muhe umsonst gewesen. Aber alle anderen Gemacher, Gelasse, Ecken und Winkel durchspahte er. Er ruckte die Schranke ab, wo dergleichen standen, und blickte hinter jede Kiste. Er offnete die Schranke und Kisten, buckte sich uber sie und leuchtete hinein. Jedes Gerat, welches einen Gegenstand verbergen konnte, nahm er auch hier von seinem Platze und sah nach, ob das Schwert nicht dahinter liege. Uber diesem stillen und vergeblichen Suchen gingen wieder mehrere Stunden hin. Der Morgen begann schon zu dammern.
Wie der alte Mann so, unaufhorlich gehend, sich buckend, spahend, nie ubereilt in seinen Bewegungen, aber auch nimmer rastend, umherwanderte, gewahrte diese unablassige, stumme, stete, gleichmassige Muhe einen peinlichen und fast schauerlichen Anblick. Ware er rascher in seinen Bewegungen gewesen, so wurde man ihn haben einem Raubtiere vergleichen konnen, welches nach seinen Jungen sucht; so aber, wie er sich verhielt, glich er einer ewigen, toten, stillwuhlenden Naturkraft.
Das letzte Gemach, welches er durchforschte, war Lisbeths Zimmer. Er dachte nicht daran, dass er ein entkleidetes und schlafendes Madchen dort hatte finden konnen. Er verwunderte sich auch nicht, dass er Lisbeth nicht darin fand, dass ein anderer es und in solcher Art, wie er sah, innehatte, denn er hatte sich uber nichts verwundert, seine Seele war gleichgultig gegen alles, ausser gegen den einen Gegenstand, der sie erfullte. Nun hatte sich die Sache gewendet. Der Alte war in Bewegung und der junge Mann ruhte, oder regte sich wenigstens nicht, erschopft von Anstrengung und Leiden. Er hatte sich, nachdem er der Hoffnung leer geworden war, Lisbeth heute wiederzusehen, uber ihr Bette geworfen, um etwas zu beruhren, was ihr Korper beruhrt hatte. So lag er, die Arme uber das Kissen gebreitet und dieses an seine Wangen druckend. Leise stohnte er und rief zuweilen schluchzend den schwabischen Schmerzenswunsch: "Ich wollt', ich war' bei meiner Mutter!" Die Mutter, nach der er hinverlangte, lag aber im Grabe, und die Geliebte, um die er bekummert war, sass wenige Turen von ihm, in der Nachtkalte frierend, ein erstarrtes Voglein, welches tages zuvor so lieblich gesungen hatte.
Der Hofschulze bekummerte sich nicht um Oswald, und der Jungling horte nicht, dass der Hofschulze in das Zimmer getreten war. Auch hier tat und vollbrachte nun der Alte sein muhevoll vergebliches Werk. Der Schweiss troff ihm von der Stirne. Er seufzte tief und machte sich jetzt auf den Weg nach dem Soller, dem letzten noch undurchforschten Raume des Hauses. Als er in die Nahe der Sollertreppe kam, stand er jedoch plotzlich still und ein Schauder schuttelte seine Glieder. Nachdem dieser Schauder voruber war, hatten seine Zuge ein verandertes Ansehen gewonnen. Die Muskeln des Antlitzes spannten sich straff an, die Augenhohlen wurden weiter, in seine Augen trat ein seherischer Glanz, sie blickten unbeweglich mit geisterhaftem Blicke vor sich hin, als schaue er etwas, ein Ding oder einen Ort, und plotzlich griff er mit der Hand nach der Luftgestalt, die ihm der auf der Hohe seiner Anstrengungen gewordene ekstatische Zustand vorspiegelte. Jene Handbewegung brachte ihn zu sich selbst zuruck. Er blickte nun mit seiner gewohnlichen Art um sich her, strich sich uber die Stirne, die Anspannung der Muskeln liess nach, die Brauen sanken herunter, die Augenhohlen nahmen ihre gewohnliche Grosse an, er sah aus, wie zuvor. Der ganze Paroxysmus hatte nur wenige Sekunden gedauert. Aber ohne Zweifel war wahrend desselben etwas Ausserordentliches in ihm vorgegangen. "Also da liegt es!" murmelte er froh und beruhigt, und stieg raschen Schrittes die Sollertreppe hinauf.
Oben achtete er dessen nicht, dass er mit dem brennenden Lichte neben Stroh und Heu vorbeiging; eine Unvorsichtigkeit, wofur jeder Knecht ohnfehlbar den Dienst bei ihm verwirkt haben wurde. Geraden Schritten ging er auf den Verschlag zu, worin Oswald so unbequeme und doch so gluckselige Nachtstunden zugebracht hatte. Mit der Sicherheit eines, der weiss, dass ihn seine Vermutung nicht tauscht, machte er die Ture auf und sah sich im Verschlage um.
Aber als er nun das Lagerstroh umgekehrt und die wenigen Sachen, welche der enge, kahle Raum enthielt, hinweggetan hatte, brach er gewaltsam zusammen. Denn zwischen diesen vier leeren Bretterwanden war das Schwert Karls des Grossen auch nicht zu finden. Das brennende Licht entsank seiner Hand, er setzte sich oder fiel vielmehr auf einen dort stehenden Kasten und stiess einen furchtbaren Schrei aus, einen von den Lauten, die sich nicht beschreiben lassen, weil die Natur in ihnen ihre eigensten, nur sich selbst vorbehaltenen Rechte ubt.
Das Licht schwelte mit seiner Flamme auf dem Fussboden in der Nahe des umherzerstreuten Strohes. Der Hofschulze aber hatte kein Auge fur diese Feuersgefahr. Er blieb auf dem Kasten sitzen. Die Kniee hatte er zum Haupte emporgezogen, die Arme auf die Kniee gestemmt und mit seinem Munde nagte er an den Handen. So blieb er, ohne dass er sein Lager aufgesucht hatte, oben, bis es heller Tag geworden war.
Achtes Kapitel
Wie der einaugige Spielmann seine Absicht bei einem
leidenschaftlichen Juristen erreicht
Am folgenden Morgen zwischen zehn und elf Uhr hielt ungefahr eine halbe Stunde vom Oberhofe ein kleiner leichter Wagen vor einem einzeln stehenden Hause. Den Schlag des Wagens offnete der alte Jochem, welcher auch das Pferd denn der Wagen war ein Einspanner gelenkt hatte, und half dem darin sitzenden Manne heraus. Dieser war der Mann im graubraunen Mackintosh, der Oberamtmann Ernst.
"Ihr bleibt nun hier, Jochem", sagte der Oberamtmann, "ich aber will das Geschaft in der Bauerkate, in dem sogenannten Oberhofe besorgen."
"Warum fahren Sie nicht vor, Herr Oberamtmann", fragte der alte Jochem.
"Weil ich alles Aufsehen vermeiden will", versetzte der Geschaftsmann. "Wie Ihr mir Euren Herrn beschreibt, Jochem, ist er in einer etwas erhohten Stimmung. Unterhandlungen aber mit Leuten in solcher Stimmung wollen ganz besonders vorsichtig angefasst sein, sonst misslingen sie leicht. Ich wurde mit dem Wagen die Leute im Hofe aufmerksam machen, der Graf konnte vielleicht durch die Anwesenheit von Zeugen gereizt werden, und was dergleichen mehr sein durfte. Deshalb ziehe ich es vor, allein, gleichsam schleichend, nach der Kate zu gehen, ihn so zu uberraschen und sacht mit fortzunehmen. Eine Liebschaft, Jochem, sagt Ihr?"
"So sagt' ich, Herr Oberamtmann", versetzte der alte Jochem. "Aber er wollt' nichts mehr damit zu tun haben und weinte dabei erbarmlich."
"Kenne das, Jochem", sagte der Oberamtmann. "Rixae amantium usw." Er schlug die Hande uber dem Kopfe zusammen, dass der Mackintosh wie das Segel eines Hamburger Evers flog und rauschte und rief: "Grosser Gott, so behielte ja der 'Merkur' recht mit der Reise nach dem aufgelesenen Schatzchen!"
"Herr Oberamtmann", sagte der alte Jochem, "wenn ich Ihnen raten soll, so schicken Sie mich nach dem Hofe, denn ich weiss doch allein meinen Herrn zu behandeln." Der Oberamtmann mass den Alten mit einem geringschatzigen Blicke und schuttelte das Haupt. Der Alte, den dieser Blick etwas verdross, und der die Eigenheit hatte, dass er zuweilen laut dachte, murmelte, dass jeder es verstehen konnte: "Wenn der ihn mit seiner Unterhandlung aus dem Oberhofe fortbringt, so will ich nicht Jochem heissen."
Nicht weit von dem Platze, auf welchem dieses Gesprach vorfiel, torkelte unter den Tannen ein Mensch umher, dessen Gebarden einen Betrunkenen verrieten. Was diesen Betrunkenen vor anderen seines Zustandes auszeichnete, war, dass er nicht fiel, obgleich ein Leierkasten, den er auf dem Rucken trug, hin und her rutschend das Gewicht auf der Seite vermehrte, auf welche er sich gerade neigte. So aber mit dem bald links, bald rechts fliegenden Leierkasten gewahrte der Patriotenkaspar denn dieser war der Betrunkene das Schauspiel eines auf hohen Wellen treibenden Schiffes, welches gleichwohl nicht untergeht. Er hatte sich von dem Erlose des Silberringes, den er an einen Hausierer verkauft, auf das Rachegefuhl der Nacht in dem kalten Morgennebel gutlich getan, und war so in diese Verfassung geraten, welche ihn jedoch nicht hinderte, zwar heftige aber doch vollig zusammenhangende Reden zu fuhren, die er unaufhorlich hervorsprudelte.
Der Weg nach dem Oberhofe lief durch die Tannen. "Das Pferd bleibt wohl ruhig hier stehen", sagte der Oberamtmann. "Geht doch etwas voran, Jochem, und haltet mir den Menschen da seitab; Ihr wisst, dass ich mit Betrunkenen nicht gern zu schaffen habe."
Jochem ging voran und der Oberamtmann folgte in gemessener Entfernung. Er sah, dass der Alte mit dem Betrunkenen sich in ein Gesprach gab, und rief, was da vor sei? Jochem kam zuruck und meinte, das sei der kurioseste Fuselichte, der ihm jemals vorgekommen. "Bloss die Beine sind benebelt", sagte er; "im ubrigen ist der wuste Kerl vernunftig und spricht verstandlich wie ein nuchterner Mensch von Protokoll und Mord und Totschlag."
Als der Oberamtmann diese Worte horte, horchte er hoch auf. "Was gibt es denn damit?" fragte er sehr gespannt. Sein Widerwille gegen den Betrunkenen war viel kleiner als seine Neugier nach dem Protokolle und nach dem Mord und Totschlag. Er ging daher zu dem Patriotenkaspar, der wirklich einen eigenen Rausch hatte, von dem sozusagen nur die Extremitaten angegangen waren, das Gehirn aber unversehrt geblieben war. Ein nicht seltener Fall bei erschopften Korpern. Der betrunkene Spielmann rief dem Oberamtmanne gleich entgegen: "Konnt Ihr mir ein Protokoll machen, he?"
"Mein Freund, das konnte ich allerdings wohl", versetzte der Oberamtmann mit einem juristischen Lacheln.
"Nun denn, so kommt Ihr mir ja wie ein wahrer Retter in der Not entgegen", rief der Spielmann und wollte den Oberamtmann umarmen. Dieser wich zuruck, daruber verlor Kaspar das Gleichgewicht und fiel mit der Nase auf die Erde. Er raffte sich aber gleich wieder empor, liess den Fall sich nicht anfechten und fuhr fort: "Macht mir ein Protokoll, und ich will Euch zeitlebens dankbar sein."
"Aber was soll denn in dem Protokolle stehen?" fragte der Oberamtmann. "Herr", sagte der alte Jochem, "wollen Sie nicht weiter nach dem Oberhofe?" "Ich bitte Euch, Jochem, lasst mich doch; man muss jeden Menschen anhoren", versetzte ungeduldig der Oberamtmann, dessen Teilnahme an diesem nach einem Protokolle durstigen Trunkenen sichtlich wuchs.
"Mord und Totschlag soll darin stehen!" rief der Patriotenkaspar. "Ich habe einen Menschen totgeschlagen und keiner will mir ein Protokoll daruber machen, auf dass ich mein Recht und meine Strafe empfange, wie sich gebuhrt."
Die Gestalt des Oberamtmanns verwandelte sich bei dieser unerwarteten Nachricht zu der holzernen Saule, an welcher er seine Inkulpaten zuchtigen liess. Ein solcher Fall war ihm nie vorgekommen. Auch der alte Diener zeigte sich erstaunt und rief: "Ich sag's ja immer, wenn man aus Schwabenland heraus ist unter die Franken und Sachsen und Polacken gekommen, hort Recht und Gerechtigkeit auf. 's ist a wust Volk haussen."
"Ihr habt einen totgeschlagen und sie wollen kein Protokoll daruber aufnehmen?" fragte der Oberamtmann einigermassen entsetzt.
"Richtig einen totgeschlagen und keine Moglichkeit, mein Protokoll daruber gemacht zu kriegen!" erwiderte der Spielmann.
Der Oberamtmann bedachte sich, senkte das Haupt, spannte in dieser denkenden Stellung den Mackintosh wie einen Wandschirm aus, und sagte dann: "Dieser Mensch ist entweder verruckt, denn der Trunk hat ihn, wie augenscheinlich, nicht um seinen Verstand gebracht, oder es herrscht eine Nachlassigkeit der Behorden hier, die ohne Beispiel sein durfte." Er hielt dem Patriotenkaspar die funf Finger seiner rechten Hand vor die Augen und fragte: "Was seht Ihr da?"
"Funf Finger", versetzte der Spielmann.
"Guckt einmal da oben hinauf. Was seht Ihr uber Euch?"
"Den Himmel. Es ist aber noch Haarrauch, deshalb sieht man nicht viel vom Himmel."
"Sagt mir die Wochentage her." Der Spielmann nannte alle Tage vom Sonntag bis zum Samstag in ihrer gehorigen Reihenfolge.
"Welches sind die zehn Gebote?" Der Spielmann hob von dem "nicht andere Gotter haben neben mir" an und liess keins aus.
Nach dieser Geisteserforschung sprach der Oberamtmann: "Dieser Mensch ist so wenig irr als ich oder Ihr, Jochem. Folglich ein gestandiger Totschlager, der von Reue und Gewissensbissen zerfleischt, sich angibt, dennoch nicht eingezogen, ja nicht einmal zur Anzeige gelassen wird. Schone Wirtschaft! Was fur ein Staat! Kommt mit hinein in jenes Haus", sagte er zum Patriotenkaspar, "es wird ja wohl ein Bogen Papier nebst Feder und Dinte darin zu haben sein. Ich will etwas kurzes Schriftliches von Euch aufnehmen und mir wahrenddessen uberlegen, was weiter in der Sache zu tun ist."
"Aber Herr Oberamtmann, der Oberhof " sagte der alte Jochem.
"Der Oberhof lauft uns ja nicht fort", versetzte der Jurist, "und Euren Herrn werde ich eine Stunde spater auch noch finden. Diese Sache geht vor, man soll von mir nicht sagen, dass ich von einem Kapitalverbrechen gehort habe und meiner Wege dabei vorubergegangen sei. Bleibt Ihr bei dem Pferde, Jochem, und Ihr, Mensch, folgt mir."
Man sieht, dass der Oberamtmann kurz vor der Fahrt im wurttembergischen Landrechte gelesen hatte. Er ging voran in das einsam liegende Haus; der Patriotenkaspar torkelte nach, sehr vergnugt, ein Protokoll gemacht zu bekommen, und der alte Jochem blieb kopfschuttelnd bei dem Pferde stehen, welches eine Art von Krippenbeisser war, denn es stiess bestandig mit dem Kopfe nach vorn hinunter.
Neuntes Kapitel
Das Freigericht und was diesem folgte
Oswald trat in einer seltsamen Stimmung aus der Ture des Oberhofes. Ihm ware wohler gewesen, so bedunkte es ihn, wenn er Lisbeth im Sarge vor sich gesehen hatte, dann ware er jammernd uber den Sarg gesturzt, hatte auf den erstarrten Lippen mit seinen Kussen einen kurzen Schein der Lebenswarme hervorgerufen, hatte sich das Herz in Tranen totgeweint. Aber ein Albernes, eine Grille, etwas unbegreiflich Dummes schied ihn von ihr, oder etwas noch Schlimmeres, eine plotzliche Reue uber den rasch geschlossenen Bund; so musste er auch glauben. Der Zorn, der Schmerz uber diesen unsichtbaren Feind, uber einen dumpfen und stumpfen Zauber, den er nicht losen, ja nicht einmal anfassen konnte, frass ihm tief in die Brust hinein. "Ein leichtes, veranderliches Madchen, die heute sich hingibt und morgen sich sprode versagt!" murrte er ingrimmig und empfand es wie ein scharfes Messer in seinen Eingeweiden, dass er solche Worte sprach. Es fiel ihm nicht ein, dass er ein grosser Graf und Lisbeth ein armer Findling sei, dass dieses verlassene Madchen auch ihr reichstes ausserliches Gluck in der Ehe mit ihm finden musse; in seinen schwarmerischen und wutenden Gedanken sah er sie hoch uber sich. Er war der niedere Schafer, sie die Prinzessin, die ihn nach Willkur an sich gezogen hatte, nach Willkur ihn nun verstiess. In so furchtbarer Gemutsverfassung, in so bitterer Pein fand er das grosse Gesetz der Liebe, welches dem Liebenden ewig seine Stelle zu den Fussen der Geliebten anweiset, und ware diese eine aus dem Staube hervorgegangene Bauerin. Habe du die Schatze des Moguls, grune der Lorbeerkranz des Ruhmes um deine Schlafe, fuhre du Salomos geisterbeherrschenden Ring, krone dich der Reif der Hoheit, die Geliebte wird, und nicht im abgeschmackten Gleichnis, sondern in der Wahrheit und Wirklichkeit deine Konigin sein, demutig wirst du den zaubergewaltigen Ring in ihren Schoss legen, der Kranz wird dich drucken in ihrer Nahe, ein Bettler wirst du immerdar bleiben vor ihr, und auch als Konig ein Sklav'.
In solchen ausgeweinten, ausgeleerten, ausgenuchterten Stunden ergreift den Menschen eine wilde Gleichgultigkeit und zugleich scharft sich in ihm eine Art von gedankenlosem Merken auf die unbedeutendsten Dinge. An der Stelle, wo du verzweifeltest, sahst du, ob ein Grashalm so oder so gebogen war, du wusstest, dass an dem Busche, der da stand, zwanzig Knospen aufgebrochen waren, genau so viele, nicht mehr und nicht minder, du konntest den Hirten, der gerade seine Herde dem Platze vorbei trieb, lange nachher aus der Erinnerung malen, so genau beobachtetest du seinen Rock, den messingenen Kamm im Haar und seine nichtsbedeutenden Gesichtszuge. Du verwunschest dein Geschick, und erkennst wahrend deiner schaumendsten Fluche, dass der Vogel, der dort in weiter Entfernung auf einem durren Aste sitzt, eine Krahe ist und nicht eine Dohle.
Oswald war gleichgultig uber alles geworden und ware mit seinem juristischen Freunde abgereiset, hatte sich dieser jetzt am Oberhofe eingefunden. Aber er sah auch mit den verwachten und geroteten Augen alles, er horte alles, was um ihn vorging. Vor dem Hause stand der Hofschulze mit einem anderen Bauern im Gesprach. Sie standen mit dem Rucken gegen die Ture, so dass sie den jungen Grafen nicht bemerkten. "Hofschulze", sagte der Bauer, "es kann doch nun einmal nichts helfen, kommt also nur immerhin zum Stuhl, denn das Gericht muss gehegt werden auch ohne dieses." Der Hofschulze antwortete auf das anfangs mit einem tiefen Seufzer, dann sagte er so hohl, als steige die Stimme aus dem Grabe empor: "Ich will kommen, aber ich weiss nicht, ob es ohne das Schwert gelingen wird." Der Bauer ging seitwarts ab, der Hofschulze wandte sich um und Oswald sah, dass das Antlitz seines alten Wirtes ganz verfallen war. So blickte auch der Hofschulze in das zerstorte Antlitz seines jungen Gastes; sie warfen einander finstere und doch nichtssagende Blicke zu, und dann ging jeder seiner Wege; der junge Graf durch die Felder, der alte Bauer in das Haus. Auf seinem Wege sagte Oswald zerstort lachend: "Sie werden heute ihren Hokuspokus am Freistuhl machen; ich will mich verstecken und zusehen, was kann der Mensch Besseres tun, als etwas Neues beobachten?" Nicht lange nach diesem Auftritte wanderten zehn bis zwolf Bauern von verschiedenen Seiten die Pfade den Hugel hinauf nach dem Freistuhle. Es waren die reichsten Hofesbesitzer der Umgegend. Die Gesichter dieser Leute waren ernsthaft und feierlich. Ihre Schritte ubereilten sie nicht, und wo auch zwei zusammen gingen, wurde dennoch kein Wort gewechselt. Diese alten Freibankbauern trugen auch heute noch ihren Feierputz, und die grossen breitkrempigen Hute gaben ihnen ein schweres und wurdiges Ansehen. Der Nebel, der noch immer fortdauerte, umhullte die heimlichen und schweigenden Wanderer.
Als sie oben am Freistuhle angekommen waren, einer nach dem anderen, setzten sie sich schweigend und einander nicht begrussend auf die Steine umher, die in der Einsenkung zwischen den Brombeergebuschen lagen, der grosste aber unter den drei alten Linden blieb leer und fur den Freigrafen aufbehalten. Sie sassen wohl eine Viertelstunde lang, ohne einander anzusehen, geschweige dass sie zusammen geredet hatten. Jeder blickte starr und fest vor sich hin. Zuletzt kam der alte Bauer, welcher mit dem Hofschulzen gesprochen hatte, der Fronbote; nachst dem Besitzer des Oberhofes der kundigste in den Sitten und Gebrauchen der Vater. Dieser stellte sich ausserhalb des Kreises der Steine hin, auf seinen Knotenstock gestutzt und nach der Gegend des Oberhofes hinuntersehend.
Von dieser Gegend kam nach einer Viertelstunde der Hofschulze heraufgegangen, der Freigraf. Neben ihm ging sein Eidam. Feiermassig war auch sein Anzug, aber gebuckt und kummervoll sein Gang. Den Eidam liess er an einer uber hundert Schritte vom Freistuhl entfernten Stelle zuruckbleiben, das Gesicht von diesem abgekehrt. Der Fronbote ging dem Hofschulzen entgegen, fuhrte ihn bis an den Kreis und sagte:
Herr Graf, mit Urlaub und mit Behagen
Tue ich Euch fragen;
Soll ich; Euer Knecht,
Euch den Konigsstuhl setzen, wie Recht?
Der Hofschulze erwiderte:
Alldieweil die Sonne mit Rechte
Bescheinet Herren und Knechte
Und alle unsere Werke,
Spreche ich, das Recht zu starken,
Den Stuhl zu setzen eben,
Und rechte Mass zu geben.
Der Fronbote ging hierauf durch den Kreis zu dem grossen Steine unter den drei alten Linden, legte die Hand an denselben, als setzte er ihn wie einen Stuhl zurecht, stellte ein kleines Kornmass, welches er unter dem Rocke hervorzog, vor den Stein, blieb selbst daneben stehen und rief dem Hofschulzen, der sich noch immer ausserhalb des Kreises befand, folgenden Spruch zu:
Herr Grafe, lieber Herre;
Ich vermahne Euch bei Eurer Ehre,
Ich bin Euer Knecht,
Darum sagt mir fur Recht,
Ob diese Mass ist gleich
Fur arm und reich,
Zu messen Land und Sand
Bei Eurer Seelen Pfand?
Der Hofschulze antwortete:
Ich erlaube Recht und verbiete Unrecht
Bei Peen der alten erkannten Recht.
Er ging nun auch in den Kreis, schritt, ohne von seinen Genossen begrusst zu werden, oder sie zu begrussen, auf den Stein unter den Linden, den Konigsstuhl, zu, setzte sich, stellte seine Fusse auf das Kornmass und entblosste das Haupt, welchem Beispiele die Bauern folgten. Dann zog er eine Flechte von Weidenzweigen aus dem Rockarmel und gab sie dem Fronboten, der sie auf einen tischartigen Stein vor dem Stuhle legte.
Die Bauern murmelten und einer fragte: "Die Wyd sehen wir; wo ist das Schwert?"
Der alte Freigraf zuckte zusammen und der Fronbote antwortete statt seiner: "Es hat nicht gleich auf der Stelle gefunden werden konnen."
"Nachbarn", sagte der Hofschulze zitternden Lautes, "es ist ein Malheur mit dem Schwerte von Carolus Magnus geschehen, und wenn ihr so wollt, stehen wir auf und gehen heim."
"Nein!" riefen die Bauern; "aber dass das Schwert mangelt, ist schlimm, denn es bedeutet das Kreuz, woran der Herr Christus gelitten hat."
Sie blieben in nachdenklichen Stellungen. Auch ihr alter Vorstand hatte Muhe, seine Fassung zu behalten. Er erhob indessen die Stimme und sprach zum Fronboten:
Ich biete, zu sagen mir:
Sind Notschoffen allhier?
Oder Mann, die nicht wissen?
Das sage mir beflissen.
Der Fronbote sah sich im Kreise um und versetzte dann mit lautem Tone:
Alle Mann sind wissend und gerecht,
Weder Notschoffen, weder Juden, weder Knecht.
Jetzt redete der Hofschulze die Versammlung mit folgenden Worten an: "Ist es die rechte Statte und die rechte Stunde, Ding und Gericht zu halten nach Freistuhlsrecht unter echtem Romischen Konigsbann?" Die Bauern antworteten einstimmig: "Ja, sie ist es"; und der Hofschulze fuhr fort: "So warne ich euch vor Unlust, Keif, Scheltwort. Niemand soll sprechen, denn mit Fursprach, niemand scheiden vom Gericht, denn mit Urlaub. Dieweil " setzte er hinzu
Dieweil an diesem Tage
Mit eurer aller Behagen
Unter dem hellen Himmel klar,
Ein frei Feldgericht offenbar
Wo Notschoffen keine
Gehegt beim lichten Sonnenscheine,
Nicht in Schluften
Nicht in Kluften
Zwischen sieben Uhr fruhe
Und ein Uhr mittags; siehe!
Alle Mann auch nuchtern kommen sind,
Konigsstuhl und Mass man recht befind't,
So sprecht das Recht ohne Witz und Wonne,
Weil scheint die Sonne.
Die Bauern sprachen: "Wir wollen's."
Der Hofschulze fragte abermals: "Was gibt dem Freischoffen Fug und Recht?"
Die Bauern murmelten dumpf: "Hebende Hand, blickender Schein, gichtiger Mund."
Darauf sagt der Fronbote: "Herr Grafe, es steht draussen ein Mann, der Begehr am Ding und Gericht hat."
Der Hofschulze wandte sich wieder an die Versammlung und sprach: "Ist es euch genehm und zum Behagen, dass mein Eidam vom Jurgenserb, frei, keinem eigenbehorig, ohne Schimpf noch Schande, unverleumd't im Lande, wissend gemacht werde auf roter offener Erde, fahe Losung und Heimlichkeit, wie Kaiser Carolus gesetzt zu seiner Zeit?"
Die Freischoffen erwiderten: "Es geschehe." Der Hofschulze gab nun dem Fronboten einen Wink, dieser ging zu dem Eidam und fuhrte ihn herbei. Der junge Bauer sah sehr stolz und freudig aus, als er in den Kreis trat, in welchem er die hochste Ehre von seinesgleichen empfangen sollte.
Der Fronbote gab ihm Anweisung, darauf entblosste der junge Bauer sein rechtes Knie, kniete bedeckten Hauptes vor seinem Schwiegervater nieder, legte die linke Hand auf die Weide, die ihm der Fronbote vorhielt, und empfing in dieser Stellung vom Hofschulzen die Vermahnung vor Eidbruch, die ihm unter schweren Verwunschungen erteilt wurde. Bei der Weide solle er denken an den Strick um den Hals, hiess es darin, und bei der Linde, die er sehe, an den Baum, der den Verrater trage. Vermaledeit sei dessen Fleisch und Blut, der Wind solle ihn verwehen, die Krahen, Raben und Tiere in der Luft sollen ihn verfuhren und verzehren.
Noch schrecklichere Drohungen enthielt dieses Verwarnen. Der Eidam verzog aber keine Miene dabei. Hierauf nahm ihm der Fronbote den Eid ab, den der neue Schoffe nachsprach. Er schwor, die Feme zu huten:
Vor Mann, vor Weib,
Vor Dorf, vor Traid,
Vor Stock, vor Stein,
Vor gross, vor klein,
Auch vor Quick
Und vor allerhand Gottesgeschick,
Ohne vor dem Mann,
Der die heilige Feme hegen und huten kann,
Und nicht zu lassen davon
Um Lieb noch um Leid,
Um Pfand oder Kleid,
Noch um Silber, noch um Gold,
Noch um keinerlei Schuld.
Als der Eidam den Eid geleistet hatte, wollte er aufstehen, der Fronbote hielt ihn aber in seiner knienden Stellung fest und sagte, sich vergessend, und aus der feierlichen Redeweise in seine Bauersprache fallend: "Wollt Ihr denn wie das liebe Vieh Schoffe sein? Ihr kriegt ja erst die Losung."
"Auch gut!" rief der junge Bauer, dem die furchterliche Verwarnung und der Eid ein Behagen erregt zu haben schien. "Her mit der Losung!"
Der Hofschulze setzte den Hut auf, der Eidam musste ihn abnehmen und nun sagte jener: "Die Losung und das Notzeichen, das ich dich lehre, lautet: Stock, Stein, Gras, Grain."
"Gut", versetzte der Eingeweihte. "Stock, Stein, Gras, Grain, das ist wohl zu behalten. Aber was bedeutet: Stock, Stein, Gras, Grain?"
"Neige dein Ohr zu meinem Munde", versetzte der Freigraf, "du sollst den heimlichen Sinn erfahren, den ausser dir nicht einmal die Lufte horen durfen."
Indem der Eidam sich zu den Lippen des Schwiegervaters hinuberbeugte, rief aber der alte Fronbote uberlaut: "Halt! Das Ding ist geschandet, wir haben einen Lauscher in der Nahe, ich horte ein Gerausch ganz deutlich."
"Nun ja", sagte Oswald, der hinter der alten Linde hervortrat, gezwungen lachend, "ich habe euch belauscht. Ich stand in dem hohlen Baume da. Das Horchen, welches ich noch nie getan, wollte mir aber so schlecht behagen, dass ich mich ruhrte, um fortzugehen, womoglich da in den Forst, euch unbemerkt. Nehmt mir 's nicht ubel, ich werde nichts von euren Sachen verraten, es ist, als ob ich sie nicht gehort hatte." Er trat in den Forst zuruck und verlor sich unter den Baumen.
Wie wenn bei einem frohlichen Mahle plotzlich ein fremder Eindringling durch eine ungeheure Beleidigung der ganzen Gesellschaft den Fehdehandschuh hinwirft anfangs ist alles lautlos und gleichsam versteinert, mit einem Male aber springt jeder auf und lasst das verletzte Gefuhl in Blick, Gebarde, Drohung, Zornes- und Racheworten ausschaumen, so wirkte hier die unerwartete Erscheinung des fremden Zeugen anfangs nur ein atemloses Staunen und die Bauern sahen ihm, ohne ein Wort zu sagen, nach, bis er im Forste verschwunden war. Dann aber sprangen sie wutend auf, ballten die Fauste und ergossen sich in einem Strome von wilden Reden, Drohungen, Verwunschungen. Einige riefen: "Soll das geschehen durfen wider uns?" Andere antworteten: "Nimmermehr; tot sollte man ihn schlagen!" "Tot!" riefen alle und bekraftigten dieses finstere Wort durch ein lautes Murren, welches schauerlich von der nebelumgebenen Hohe klang. An eine Fortsetzung des Freigerichts wurde nicht gedacht.
Der Hofschulze war wahrend des Getoses stumm geblieben, sein Antlitz sah aber kreideweiss aus. Als jetzt nach jenem Murren eine augenblickliche Stille eintrat, erhob er sich und sagte: "Nachbarn, wollt ihr mir uberlassen, die Sache in aller Manier zu schlichten?"
Die Bauern versetzten: "Tut das, Hofschulze. Nur dass nichts auskommt von der Heimlichkeit."
"Ich hoffe, es soll nichts auskommen", versetzte der Hofschulze, mit einem seltsamen Lacheln.
"Wie wollt Ihr es anfangen?" fragten seine Nachbarn.
"Ich will euch nur veroffenbaren", sagte der Hofschulze und sein Lacheln wurde immer sonderbarer, "dass ich eine Sache von meinem Vater seliger ererbt habe, die, wenn man sie gehorig braucht, jemandem den Mund schliesst uber jegliches Ding, woruber man will."
"Ja", sagte einer, "so etwas musst Ihr wohl innehaben, denn vom Oberhofe ist niemals was herunter geschwatzt worden" Sie schuttelten ihm die Hand und liefen nach allen Richtungen hugelabwarts auseinander, unterweges ihr Murren, Schelten und Verwunschen fortsetzend.
Als die beiden Alten oben auf der Hohe allein waren, wechselten sie miteinander die allerverwunderlichsten Blicke. Der Fronbote hatte seit dem Abgange des jungen Grafen wie ein Falke nach jedem Gesichtszuge seines Freigrafen gespaht.
Er verstand ihn und der Freigraf verstand den Fronboten; es bedurfte aber dazu keines Wortes unter ihnen.
Nach langem Schweigen erhob zuerst der Fronbote seine Stimme und sagte: "Wollt Ihr mir eine Nachbargefalligkeit tun, Hofschulze?"
"Ja, wenn ich kann", versetzte der Hofschulze.
"Ihr konnt schon", sagte der alte Fronbote. "Es fehlt mir im Nussholz an Fallern und auf der Pfaffenwiese an Grummetwenderinnen. Darf ich Eure Knechte und Magde dazu vom Oberhofe mitnehmen, die Knechte nach dem Nussholze schicken und die Magde nach der Pfaffenwiese? Ihr kriegt sie aber vor spat abend nicht zuruck, denn es ist viel zu tun."
"Nehmt sie nur alle mit, Knechte und Magde, und behaltet sie bis zum spaten Abend draussen"; antwortete der Hofschulze.
"Ich tue Euch auch einen Gefallen dagegen", sagte der Fronbote. "Ihr spracht neulich, dass Ihr den alten Brunnen hinter der Scheure wieder aufnehmen wolltet; er ist aber ganz versperrt; das Gestrohde vor dem Zugange will ich Euch daher immer schon etwas wegraumen, wenn ich hinunterkomme."
"Es soll mir lieb sein", erwiderte der Hofschulze. "Wohin geht Ihr von hier aus?" fragte der Fronbote.
"In die Hollenberge, um nach den Mandeln zu sehen", antwortete der Hofschulze, und schlug, ohne sich weiter zu verweilen, einen Pfad zwischen den Kornfeldern ein. Der Fronbote sah ihm nach und sagte dann: "Wenn man nun einstmals unvermutet um Sachen befragt werden sollte, so kann man schworen, dass er weder in den Oberhof noch in den Forst da gegangen ist, dem Menschen nach." Hierauf schritt er den Weg zum Oberhofe hinunter.
Der Hofschulze kehrte, als er einige hundert Schritte gegangen war, um und ging in den Forst, bebend, bleich, ausser sich.
Zehntes Kapitel
Wie der Hofschulze und der Graf Oswald aneinander
und auseinander gerieten
Unten im Oberhofe befahl der Fronbote den Knechten zum Holzfallen nach dem Nussholze, den Magden zum Grummetwenden nach der Pfaffenwiese zu gehen, der Baas habe sie ihm fur den Tag verstattet. Sie sollten sich Brot mitnehmen und am Abend werde er Ihnen das eingebusste Mittagsessen wohl ersetzen, fugte er hinzu.
Die Knechte und Magde gehorchten ihm, denn der alte Fronbote war des Hofschulzen genauester Freund und galt wie der Herr selbst im Hofe, wenn jener entfernt war.
Nachdem sich alle Menschen, wie er glaubte, aus dem Hofe entfernt hatten, blieb er noch einige Minuten in dem stillen Hause stehen und sagte dann wohlgefallig: "Jetzt kann hier geschehen, was recht ist." Darauf ging er uber den Hof nach den Stallen. Zwischen der Scheure und dem Pferdestalle war ein schmaler Gang, der noch dazu durch Rasen und Reisig etwas versperrt war. Diese Hindernisse raumte der Fronbote hinweg, legte sie jedoch so, dass sie mit leichter Muhe wieder an ihren Platz getan werden konnten. Von dem Gange gelangte er auf ein kleines dunkeles Platzchen hinter der Scheure, welches kaum acht Fuss im Gevierte hielt. Nur ihm und dem Hofschulzen war das Dasein dieses Platzchens kund, auf welchem der alte Brunnen des Oberhofes stand, der, welcher gebraucht worden war, ehe durch den Bau der neuen Scheure vor dreissig Jahren das Platzchen verbaut wurde, welches durch einen Winkel der hinter der Scheure durchziehenden Hofesmauer entstand.
Ein grosser Holunderbaum, welcher an dieser Mauer grunte, uberschattete das Platzchen und machte es feucht. Nesseln und Unkrautspflanzen wucherten dort in wilder Fulle. Der Fronbote schlug einige der hochsten Nesseln zuruck, und seine rauhen Fauste empfanden nichts von ihrem Brennen. Er stiess mit dem Fusse die Kroten fort, die auf den feuchten Steinen in Menge sassen, nahm ein Paar morscher Bretter, womit der Brunnen uberdeckt war, hinweg, beugte sich uber die niedrige Brunnenmauer, liess einen Stein hinunterfallen und freute sich, als das Platschern unten anzeigte, dass noch Wasser in dem Brunnen war. Er legte einige grosse Steine neben den Brunnen und einen Strick, den er aus der Tasche zog, legte er dazu. Dann schwang er sich ungeachtet seines Alters rustig an dem Holunderbaume uber die Mauer, nachdem er noch ein Blatt von dem Baume abgebrochen hatte. Auf dem Blatte pfiff er eine Melodie, wahrend er draussen durch Wiesen und Felder nach seinen Besitzungen ging. Zuerst wollte er das Nussholz und dann die Pfaffenwiese besuchen.
Als das Haus des Oberhofes ganz still geworden war, tat es oben an der Ture der Kammer, worin das Schwert Karls des Grossen gelegen hatte, ein leises Klinken, so leise, als furchte der Klinkende, dass auch nur das geringste Gerausch von ihm vernommen werden mochte. Darauf schlich es ebenso leise uber den Gang nach dem Zimmer Lisbeths, und dann wurde es wieder eine Zeitlang ganz still, als werde an der Ture gehorcht, ob jemand in dem Zimmer sei. Darauf klinkte die Ture des Zimmers schon etwas lauter und als nun letztere geoffnet worden war, ging es oben und tat ein Kramen wie von jemand, der nicht mehr darauf achtete, ungehort zu bleiben.
Aber plotzlich ertonte unter dem Kramen ein Schrei, es kam aus dem Zimmer gesprungen, die Ture desselben wurde rasch zugeworfen, es rannte uber den Gang, huschte in die Kammer und auch deren Ture flog mit Gerausch zu.
Kurz nach diesem Vorgange betrat der Hofschulze mit dem jungen Grafen Oswald das Haus. Das war ungefahr um die Zeit, als der Fronbote sein Geschaft am Brunnen getan hatte. "Welche Versicherung begehrt Ihr von mir, dass ich Eure Heimlichkeit nicht ausbringe?" fragte Oswald seinen alten Gastfreund. "Ich bin willfahrig mit Euch gegangen, als Ihr mich oben im Forste darum ersuchtet, aber nun beeilt Euch und sagt mir an, was Ihr wollt." Mit einem schweren Seufzer setzte er hinzu: "Es gefallt mir nicht mehr bei Euch, und ich muss fort."
"Ich werde Ihnen da droben meine Meinung veroffenbaren, da droben in der Kammer am Gange", sagte der Hofschulze so muhsam und stockend, dass jedes Wort sich wie von Klammern in seiner Brust loszuringen schien. Er liess den Gast vorangehen und folgte ihm mit schweren und drohnenden Schritten.
Als sie oben in die Kammer eingetreten waren, schob der Hofschulze den Riegel vor das Schloss und warf seinen lichtblauen Feiertagsrock ab. Dann reckte er seine Glieder und die ganze Gestalt wuchs wieder wie damals, als er im Mondschein den Jager warnte, an die Geheimnisse des Schwertes zu ruhren. Er wiegte die Arme und Fauste, gleichsam um ihre Kraft zu prufen, hin und her.
Oswald, durch dessen Seele eine finstere Ahnung flog, sagte nicht ohne Schauder: "Was soll das?"
Der Alte zog die buschichten Brauen in die Hohe und versetzte kalt: "Einer von uns beiden verlasst diese Kammer nicht lebend."
"Was!" rief Oswald entsetzt. "Ihr wollt mich ermorden? Zum Meuchelmorder wollt Ihr an Eurem Gaste werden?"
"Keinesweges", sagte der Hofschulze ruhig wie in guten Tagen, "sondern es soll alles mit der Manier zugehen. Jetzt horet mich an, junger Herr Graf oder Furst, oder wer Ihr sonst sein moget, denn es kann sich treffen, dass ich auf dieser Kammer liegen bleibe, und drum ist mir sehr vonnoten, dass Ihr eine gute Meinung von mir heget und behaltet. Das Gemute des Menschen kann ein vieles ertragen, aber vom Ubermass wird es in die Desperation getan. Ich bin desperat, Herre, und kann dafur nichts. Meine Seele ist voll Note und Pein und schreit wie ein Hirsch nach der Wasserquelle. Es ist zuviel Kreuz und Herzeleid uber mich gekommen in diesen paar Tagen und das letzte war das schlimmste. Mein Schwert ist mir gestohlen, mein Schwert! mein Schwert! Das Schwert von Carolus Magnus! Ich bin wie Asche und Scherben, wenn ich daran gedenke. Nun behorchen Sie auch noch die Heimlichkeit, meine Heimlichkeit! Ei, Herre, war das recht? Nachdem ich Ihnen Logement gegeben manchen Tag und mich ganz in der Ordnung mit Ihnen betragen? Sie werden es ausbringen und haben uns eine Schande angetan, eine Schande, dass mir zumute ist, als ware meiner Tochter durch Sie Gewalt geschehen "
Oswald rief: "Ich schwore, nichts ..."
" ... zu verraten, das wollen Sie schworen", fiel der Hofschulze ein. "Sie schworen es heute und brechen es morgen, ich verstehe mich auf solche Schwure. Wer dergleichen absonderliche Heimlichkeit erfuhr, der verrat sie auch an seinen Freund, oder an seine Liebste, oder an ein Blatt Papier, oder an die Lufte und die Sache kommt unter das Schwabenvolk draussen im Reich. Nein, nur der Tod stopft den Mund uber diese Dinge, auch sagen die alten Rechte ganz genau, wer Freigerichtes Heimlichkeit sieht, ohne wissend zu sein, der ist des Lebens los. Ich habe einen Hass auf Sie, wie auf keinen Menschen sonst in der Welt, denn sagen muss ich Ihnen auch nur: In der Nacht zeigte mir das Gesicht mein Schwert in Ihrem Verschlage, darunter stecken Sie also auch mit, und nun tun Sie das das das "
Er hielt, von innerer Wut zusammengeschnurt, einige Augenblicke inne. Dann fuhr er pathetisch fort: "So dachte ich da droben auf der Hohe am Stuhl: Herr, Herr, wie soll das werden? Die Heimlichkeit darf nicht von der roten Erde, wie aber magst du es gleichwohl schlichten? Du kannst nicht drei hinter ihm hergehen lassen, die ihn fassen am Kreuzweg und aufhenken und ihm lassen Geld und Gold und ihr Messer neben ihn stecken in die Borke des Baumes nach Konigsrecht! Und darfst du ihn locken in dein Gehofte und abmeucheln und sollst noch so etwas Schandhaftiges auf dich laden in deinen uraltesten Tagen, o pfui, o pfui! Auf einmal aber tat es in mir einen Blitzschlag und eine innerliche Erleuchtung und ich wusste, wie ich mich zu fassen und zu verhalten habe. Denn ich bin zwar noch stark bei Kraften, aber Sie sind jung und auch nicht schwach, und so sind wir einander gleich. Deshalb wollen wir nun kampfen um unser Leben, Mann gegen Mann, Auge in Auge blikkend. Schlage ich Sie darnieder, so ist Ihr Grab im alten Brunnen bereitet und die Heimlichkeit bleibt auf der roten Erde, tun Sie es mir an, so hat es Gott also gewollt; auf jegliche Weise aber ist dieses ein wahres und aufrichtiges Gottesgericht. Also frisch ans Werk, denn ich weiss mir sonst nicht zu helfen!"
Er erhob eine Axt, die neben ihm stand, und sah, indem er sie leicht wie eine Feder emporschwang, furchtbar aus, gleich einem von den Streitern Wittekinds in den Schlachten bei Detmold und an der Hase.
"Seid Ihr bei Sinnen, Hofschulze?" rief Oswald. "Ich furchte mich vor keinem Feinde, aber womit soll ich mich verteidigen gegen Euch alten, rasenden Mann?"
"Dort steht eine zweite Axt", sagte der Hofschulze. "Nehmt sie, Herre; jegliches Gerat kann zu einer Waffe werden in des Mannes Faust, und wie geschrieben steht, so sind sie vor alten Zeiten auch solcherweise mit Streitaxten aufeinander losgegangen."
"Ich nehme die Axt nicht und haue mich nicht mit Euch herum wie ein Schlachter und Stierfaller", versetzte stolz und fest der junge Graf. "Ihr seid, scheint es, in der Berserkerwut, dem uralten Wahnsinne Eures Stammes. Ihr werdet aber zu Euch selbst kommen und Euch dann schamen mit mir so verfahren zu sein um Possen ..."
"Possen!" schrie der alte Bauer mit einer entsetzlichen Stimme. "Possen!" wiederholte er ebenso laut und stiess den Stiel der Axt so heftig auf den Boden, dass ein Teil des Kalks von der Decke fiel. "Herr! Herr! In den Possen bin ich alt und grau geworden, und mit den Possen habe ich mir Recht genommen an einem Schalk und Sohnesmorder, und mit den Possen folgen mir meine Landsleute, wohin ich sie haben will, wie eine Lammerherde, und um die Possen verstehen sie mich, ohne dass wir ein Wort miteinander zu reden brauchen, also mogen es wohl fur euch da draussen in Schwabenland Possen sein, aber fur mich und meinesgleichen sind es keine Possen nicht. Und Herr, ich will jetzo mein Recht haben und meine Rache an Euch und die Sicherheit von wegen der Heimlichkeit. So wahr der Herr lebt, ich suche das alles nicht wie ein schlechter und boshafter Mensch, sondern in grausamer Herzensangst und Unruhe wisst Ihr ein ander Mittel, sagt es an aber werden muss mir es, mein Recht und die Sicherheit, und werden soll mir es, so wahr uns hier niemand hort als Gott und die vier weissen Wande, denn der Fronbote hat die Menschen hinweggeschafft vom Hofe und nur das blode Vieh brullt da drunten in seinem Stalle."
Das Saatlaken bewegte sich und eine bleiche, jungfrauliche Gestalt trat dahinter hervor. "Ihr irrt Euch, Hofschulze", sagte Lisbeth zitternd am ganzen Korper, aber mit fester Stimme. "Aus meinem Verstekke treibt es mich hervor. Euch vor Torheit zu retten. Nicht Gott allein horte Euch und die stumme Wand, sondern auch ich horte Euch und er setzte mich zu einer Zeugin Eurer wilden Gedanken. So hat Euch also Gott mit Eurem Vermessen in mir zuschanden werden lassen, deshalb steht von den Werken blinden Grimmes ab."
Die Gewalt dieser plotzlichen Erscheinung war zu gross, als dass der Hofschulze nicht vor ihr mit seiner doch nur fieberhaften Aufregung hatte zusammenbrechen mussen. Er liess die Axt fallen, seine Gestalt schrumpfte gleichsam vor dem zitternden Madchen, welches doch so fest sprechen konnte, ein, stumm und gebeugt verliess er die Kammer.
Oswald war uberrascht, freudig und kummervoll vor Lisbeth in die Kniee gesunken. Ach, sie war wieder da, aber wie sah sie aus, und wie streng und kalt hatte sie ihn einen Augenblick angesehen, um dann beharrlich von ihm wegzublicken! "Kommst du endlich wieder zum Vorschein, Lisbeth?" stammelte er. "O was hattest du vor? Du hast mir mein Leben gerettet, denn ich glaube, die Kraft wurde mir ausgegangen sein dem wutenden Alten gegenuber."
"Sie haben mir dafur nicht zu danken, Herr Graf oder Furst, um zu sprechen wie der Hofschulze sprach", versetzte Lisbeth. "Was ich hier tat, wurde ich jedem Fremden erwiesen haben." Sie wollte das in einem kalten Tone sagen, aber die Stimme bebte so heftig, dass es wie Zorn klang.
Die Liebe hort in solchen Fallen nur auf die Worte und deren Klang. Zornig und besturzt sprang er auf, trat weit von ihr zuruck und sagte schneidend: "Also ist es wahr? Also doch verabschiedet nach vierundzwanzig Stunden?"
"Ich habe mit Ihnen nichts mehr zu reden", erwiderte Lisbeth kaum horbar. "Ich bitte Sie, mich ruhig meiner Wege gehen zu lassen. Ich wollte nach der Stadt zu dem Herrn Diakonus, von dem ich vorhin einige Zeilen auf meinem Zimmer gefunden habe, dass er mich aufnehmen will."
"Nach der Stadt wollte ich auch", sagte er kalt lachelnd. "Wie aber die Sachen zwischen uns stehen, so werden Sie wohl meine Begleitung ablehnen."
"Ich furchte mich nicht und bin gewohnt, allein zu wandern", antwortete Lisbeth. "Ubrigens darf ich Ihnen ja die offene Strasse nicht verbieten, die Ihnen wie mir gehort." Sie verliess die Kammer und ware er ihr nachgefolgt, so hatte er ein Schluchzen wahrnehmen konnen, welches das ganze Wesen des armen Kindes aufzulosen drohte.
Er hatte sie nur fragen durfen: "Was hast du gegen mich Lisbeth? Sage mir 's! Selbst wenn du meinst, dass ich geraubt und gemordet habe, so musst du mir mein Verbrechen doch nennen." Dann hatte sie gesprochen und er hatte gesprochen und aus dem Sprechen ware wahrscheinlich ein Lachen uber die unnutzen Kummernisse geworden. Aber er dachte nicht daran sie zu fragen. Denn Liebe ist alles; auch ungerecht und hochmutig ist Liebe, sie sieht in manchen Fallen die Geliebte lieber treulos oder veranderlich, als unter der Wucht eines Missverstandnisses erliegend.
Ingrimmig knirrte er mit den Zahnen, als er allein war. "Es ist unglaublich!" rief er, "freilich aber doch wahr." Er stiess seine Stirn wider die Wand, um nur einen recht heftigen korperlichen Schmerz zu empfinden. Dann rief er in seine Brust hinein, in welcher es eben wieder unheimlich zu wuhlen begann: "Herauf ihr kleinen roten Schlangen! Herauf ans Tageslicht!" Die Axt nahm er, die der alte wilde Bauer ihm hatte aufnotigen wollen und warf sie mit solcher Gewalt nach einem Kasten, dass die Scharfe des Beils tief in das Holz fuhr und darin stecken blieb.
Ein Gerausch draussen verriet ihm, dass Lisbeth fortgehe. Obgleich sie ihm nicht mehr gehorte, so war ihm doch, als sei noch Leben im Oberhofe, solange Lisbeth darin verweilte. Nun aber kam es ihm vor, als offne sich das Grab. "Fort aus dem Grabe!" rief er und sprang Lisbeth nach. Sie stand, ihr Bundelchen unter dem Arme, unten einen Augenblick still und zuckte zusammen, als sie Oswald kommen sah. Er wollte ihr das Bundel abnehmen, sie versagte es mit stummer Gebarde. Sie ging und er schlug, mehrere Schritte zwischen sich und ihr Raum lassend, denselben Weg ein. So geschieden und sich scheidend verliessen sie den Oberhof, in welchem ihnen viel begegnet war, beides, Freude und Schmerz.
Eilftes Kapitel
Eine Art von Feldzug
In keinem Trauerhause fehlt es an jemand, der auf eine so lacherliche Weise zu weinen weiss, dass er die Wehklage der anderen fast in Unordnung bringt und nahe dem Umschlagen in eine geheime Heiterkeit. Der wurdigste Vater mag sich bei der wohlgemeintesten und wohlgesprochensten Ermahnung an seine mannbare Tochter ja davor in acht nehmen, dass irgendein sonderbar mithandelnder Zipfel ihm ein durchaus komisches Ansehen leihe. Ernste Manner vom grossten Verdienst haben nicht selten das Ungluck gehabt, dass ihre feierlichsten Handlungen durch den ungeschickten Eifer eines Anhangers fast wie Schnurren ausliefen. Mir ist, um auf das Trauerhaus noch einmal zuruckzukommen, der Fall bekannt, dass eine ganze Familie am Begrabnistage einer teuren Verwandten in das tiefste Leid eingetaucht um einen Tisch her versammelt sass, plotzlich aber zu einem argerlichen und unwiderstehlichen Lachen fortgerissen wurde, weil einer, und gerade der Schluchzendste, sacht eine baumwollene Nachtmutze hervorholte, diese sich auf den Kopf setzte und unter derselben fortfuhr zu schluchzen. An und fur sich war diese Handlung hochst vernunftig, weil er das Herannahen eines Rheumatismus im Kopfe fuhlte und demselben mit der warmenden Hulle begegnen wollte. Gleichwohl wirkte sie in so anstossig erheiternder Weise! Denn eine baumwollene Nachtmutze gehort nun einmal zu den Dingen, die unwiderstehlich jeden feierlichen Ernst zerstoren.
Der neckende Geist, welcher bei allen truben oder erhabenen Angelegenheiten des Lebens sein Spiel zu treiben scheint, hatte auch den Kuster wieder in die Nahe des Oberhofes gefuhrt. Dieser Mann war namlich gekommen, sein Deputat an Lebensmitteln von der Hochzeit einzufordern. Rasch hatte sich das Geschaft gemacht, weil schon alles fur ihn bereit stand. Jetzt wandelte er mit seiner korbtragenden Magd den Weg voran, den auch unser leidendes Liebespaar zu gehen hatte. Der Nebel war endlich verweht, die Sonne sah wieder golden vom Himmel, es war ein angenehmer, klarer Tag, wenn auch etwas kuhl. In der Heiterkeit der Lufte war dem Kuster der Gedanke zugeweht, nach so manchen Angsten ein frohes und genugliches Mahl im Freien zu halten, da er sich auf der Hochzeit selbst, wie wir wissen, nicht zum vierten Teile satt gegessen hatte. Er bezweckte dabei zugleich, wie wir nachmals horen werden, die Erfullung seines dritten Lebenswunsches, des Wunsches, der in dem Gesprache mit dem kupfernasigen Schirrmeister unausgesprochen blieb, weil das Gesprach damals leider nicht zum ruhigen Abschlusse gedieh.
In solchen Gedanken schritt er denn also mit seiner Magd furbass. Die Magd konnte wegen des schweren Korbes nicht rasch gehen, er bestellte sie daher nach dem sogenannten alten Spritzenhauschen, welches auf der Halfte des Weges lag, und ging eilig voran, weil er unterweges in einem einzelnen Hause noch eine Verrichtung hatte.
Zu der langsam nachwandelnden Magd gesellte sich aber, als ihr Herr ihrem Gesichte entschwunden war, ein zweiter Wanderer, der Schulmeister Agesel. Die Magd hatte wohl von den Einbildungen des Schulmeisters vernommen, da sie aber zu den mutvollen Personen ihres Geschlechts gehorte, so furchtete sie sich nicht vor ihrem Begleiter, vielmehr war es ihr lieb, Gesellschaft zu finden. Der Schulmeister seinerseits war erfreut, die Magd zu finden, denn er wollte an ihren Herrn, nicht ihm ein Leid zuzufugen, sondern den Leugner von seinen gesunden Verstandeskraften zu uberzeugen. Nachdem er im allgemeinen uber diesen Punkt mit der Magd gesprochen hatte, sagte er zu ihr: "Es ist ja mein offenbarer Schaden und eine Sache, die mir mein ganzes Brot und den Kredit in der Bauerschaft verderben kann, wenn der Kuster, der noch dazu ein halber Amtsbruder von mir ist, uberall umherlauft und mich bei den Leuten anschwarzt. Deshalb muss ich ihn notwendig davon uberzeugen, dass ich meine funf Sinne beisammen habe."
"Naturlich", versetzte die Magd. "Wenn mich einer eine Diebin schilt, so muss er auch horen konnen, warum ich keine Diebin bin."
"Nun also!" fuhr der Schulmeister eifrig fort, "und heute muss es geschehen, denn die Gelegenheit kommt mir nie so gunstig wieder."
"Wie das?" fragte die Magd.
"Wenn ich ihn in der Stadt aufsuche oder im Freien ansprenge, so reisst er aus, wie er mich nur erblickt. Halt er aber, wie Ihr mir sagt, im alten Spritzenhauschen seine Mahlzeit ab, und ich trete mit meiner Rede unversehens in den Eingang, so muss er wohl Stich halten und alle meine Grunde anhoren, denn es ist wider die Natur der Furcht, dass er gegen mich sturzen, mich uberrennen und so das Freie gewinnen sollte."
Die Magd dachte einen Augenblick nach und sagte dann: "Da ist nur eines zu befurchten."
"Was?" fragte der Schulmeister.
"Dass er ein Fach an der anderen Seite ausschlagt und so durchbricht. Denn das Spritzenhauschen ist sehr alt und verfallen und die Lehmwande haben uberall grosse Locher, zu denen der Tag einscheint, und wenn mein Herr in der Angst und Furcht gegen so ein Loch sturzt, so stehe ich nicht dafur, dass er die ganze Wand einrennt, denn, kriegt er die Manschetten, da ist mit ihm nicht zu spassen."
"Deshalb musst Ihr mir einen Gefallen tun, Madchen", sagte der Schulmeister.
"Und welchen?" fragte die Kustermagd.
"Tretet vor das grosste Loch auf der anderen Seite, und lehnt Euch gegen die Wand, damit wenigstens die Hauptgefahr des Entrinnens abgewehrt wird, denn dass er auch Euch umrennen sollte, ist nicht wahrscheinlich, weil Ihr eine robuste Person seid."
"Ich will das recht gerne tun", versetzte die Magd, "denn seinem Nebenmenschen muss man helfen, wo man kann."
Nachdem dieses sinnreiche Gesprach zwischen dem Schulmeister und der Magd soweit gediehen war, wurde auch noch verabredet, zu welcher Zeit der Anschlag gegen den Kuster ausgefuhrt werden sollte. Der Schulmeister sagte der Magd, dass er sie in der Nahe des Spritzenhauschens vorangehen lassen und sich verstecken wolle, bis sie ihm ein Zeichen gebe, dass es fur ihn Zeit sei, hervorzubrechen und mit seinem Amtsbruder ein Wort der Verstandigung zu reden.
Nach diesen Verabredungen gingen die beiden Personen ihres Weges weiter. Einige Zeit lang blieb nun die Strasse ganz still und einsam. Dann aber erhob sich ein auffallender Larmen die Felder hindurch, welche sie zu beiden Seiten begrenzten. Die jungen Bursche, welche das Hochzeitgefolge gemacht hatten, waren namlich noch in irgendeinem Kruge versammelt gewesen, um einen Nachtrunk zu halten, denn der Bauer kann eine Lustbarkeit, wenn sie auch mit allen Anhangen voruber ist, immer noch nicht schliessen. Im Kruge war nun unter sie eine Kunde gedrungen, dass der junge Fremde etwas Unrechtes habe ausgehen lassen. Was es gewesen sei, daruber lauteten die Nachrichten verworren oder schwiegen auch wohl ganz. Nach einigen Berichterstattern sollte er das Schwert weggenommen haben, nach anderen ausfallend gegen den Hofschulzen gewesen sein, ein dritter kam der Wahrheit naher, indem er erzahlte, der Fremde habe die Heimlichkeit droben am Freistuhle in Unordnung gebracht. Es genugte ihnen aber uberhaupt nur zu horen, dass ein Fremder irgendein Unrecht begangen habe, um ihre schon erhitzten Kopfe noch mehr zu entflammen. Die meisten hatten ihre Gewehre noch bei sich, in mehreren der Laufe staken sogar noch Schusse. An Pulver fehlte es auch nicht und in seiner Aufregung begann nun der Haufen, nachdem er viel getrunken hatte, durch die Gegend zu schwarmen, ohne eine eigentlich feindselige Absicht, aber doch gefahrlich in seiner planlosen Leidenschaft, wenn dieselbe durch den geringsten Anreiz zum Ausbruche gebracht wurde.
Sie schossen ihre Gewehre ab, luden wieder, larmten und schrien. Zwischen diesen Trupps von drei, vier, funf Menschen, die naher oder ferner die Strasse umschweiften, kam nun unser verdustertes Paar einhergegangen. Lisbeth ging auf der linken Seite der Strasse, Oswald auf der rechten und zwischen ihnen war die ganze Breite des Weges. Um nichts auch verminderten sie dieselbe, wenn ein larmender Trupp mit drohender Gebarde links oder rechts an ihnen voruberstreifte, oder ein Schuss fiel, der, wie man am Pfeifen der Kugel merkte, durch einen schlimmen Zufall leicht das Verderben hatte bringen konnen. Schweigend, bleich, ohne sich irren zu lassen, ging das einander entfernte Paar seinen Weg durch diese Bedrohungen und Schrecknisse hindurch und nur, wenn an Lisbeths Seite sich ein larmender Trupp zeigte, oder ein Schuss fiel, sah sich Oswald besorgt nach ihr um, warf aber, wenn er bemerkte, wie sie ohne seines Beistandes in diesen Gefahren sich bedurftig zu zeigen, furder schritt, einen Blick des schmerzlichsten Zornes dann nach der anderen Seite der Felder.
Ungefahr eine halbe Stunde mochten sie in diesem Larmen und Schiessen gegangen sein und wirklich musste der Himmel uber ihren Hauptern wachen, denn sonst hatte gewiss die Hand irgendeines der berauschten Schutzen den Lauf des Gewehres in verhangnisvoller Richtung angeschlagen. Da sah Oswald in einiger Entfernung auf einem freien Platze unter Baumen vor sich einen Haufen von wohl zwanzig Bauern, die samtlich mit Gewehren bewaffnet waren. Augenscheinlich lauerten die wilden Menschen, deren Reden und Schwadronieren schon von weitem sich horen liess, ihm auf. Er erschrak. An sich dachte er nicht, nur an Lisbeth, wie er sie ungefahrdet dem rohen Haufen voruberbringen mochte. Es kam ihm in dieser Not ein Gedanke und da ihm nichts Besseres einfallen wollte, so beschloss er sein Heil mit dem zu versuchen, was ihm eben eingefallen war.
Rasch ging er voran und mutig auf den Haufen zu. Zuvorderst stand ein langer junger Kerl in blauem Kittel, der sein Gewehr drohend durch die Luft schwang und ihm wie der Anfuhrer der ubrigen vorkam. An diesen beschloss er sich mit seiner Kriegslist zu wenden, die auf dem uralten Grundsatze des Herrschens durch Teilung beruhte.
Er begrusste daher den Menschen so freundlich, als seine Stimmung es ihm gestatten wollte und bat ihn, mit ihm zur Seite zu treten, da er ihm notwendig etwas im geheimen zu sagen habe. Der Mensch sah seine Kameraden fragend an, folgte aber doch dem Ersuchen. "Ihr scheint mich hier nicht durchlassen zu wollen", sagte Oswald zu ihm, so dass es die ubrigen nicht horen konnten. Wirklich versperrten sie die ganze Strasse. "Nein", sagte der Mensch, "denn Sie haben was begangen." "Ja, das habe ich auch",erwiderte Oswald, "und es tut mir herzlich leid, aber es lasst sich doch noch ein Wort daruber reden, und zu Euch muss ich das sprechen, denn Ihr seid der einzige Nuchterne und Verstandige von der ganzen Kompanie da." "Ja, der bin ich", erwiderte der lange Bauer und taumelte. "Also nur her das Wort, denn ein Wort muss der Mensch mit sich reden lassen, absonderlich, wenn er vernunftig angesprochen wird."
"Ihr seht doch da das Frauenzimmer?" sagte Oswald. "Die sehe ich", versetzte der Bauer. "Nun, diesem jungen Frauenzimmer habe ich versprochen, sie eine Strecke zu geleiten, und dagegen konnt Ihr nichts haben." "Nein, dagegen kann man nichts haben", sagte der Bauer. "So lasst mich sie also begleiten, bis wohin ich es ihr versprochen habe und dann kehre ich hieher zu Euch zuruck, und bringe mit Euch meine Sache an diesem Platze in Ordnung", fuhr Oswald fort. "Das musst Ihr nun den anderen verdeutschen, denn Ihr seid der einzige Nuchterne und Verstandige von der ganzen Kompanie da."
Der lange Bauer, der gerade noch so viel Verstand besass, um gegen den Reiz der Eitelkeit empfindlich zu sein, wandte sich stolz zu seinen Genossen um und rief in einem hochfahrenden Tone: "Macht Platz da dem Herrn!" "Was!" versetzte der Haufen; "bist du geck?" "Macht Platz da, ihr betrunkene Bagage", rief der einzige Nuchterne und Verstandige noch lauter. "Selbst Bagage!" schrien die anderen und einer rief:"Ich glaube, der hat Tollbeeren gefressen!" "Ich will dir die Tollbeeren an den Hirnkasten geben!" erwiderte der Lange und schoss sein Gewehr ab, zwar nur in die Luft, indessen gab dieser Knall das Zeichen zu einer allgemeinen Schlagerei. Denn einige sturzten auf den Schiessenden zu und rannten dabei andere uber, die, hiedurch beleidiget, sich zu rachen entbrannten, der Verwirrung ihrer Sinne aber nicht die Uberrennenden angriffen, sondern dritte Unschuldige, welche sich am fernsten von dem Streit gehalten hatten. So war bald jeder, ohne dass er wusste wie? mit einem Gegner versehen; alles balgte sich herum, Ohrfeigen, Puffe, Stosse regnete es, wenn auch nicht vom Himmel; dazwischen platzten die Gewehre ab, die aber zum Gluck hier alle nur mit Pulver geladen waren, und es gab eine wilde Kampf- und Blutszene (denn schon manche Wange und Nase war aufgeschlagen), welche sich von der Strasse nach dem angrenzenden Kornfelde walzte, weil die Schwacheren zufallig an dieser Seite gestanden hatten und sich dorthin zuruckzogen, um wenigstens auf Garben und Mandeln zu einer weicheren Niederlage zu gelangen.
Als Oswald seine List selbst uber die Erwartung hinaus gelungen und den Platz frei sah, winkte er Lisbeth, die in einiger Entfernung angstlich stillgestanden hatte. Scheu ging sie uber den Platz, ohne sich nach der Schlagerei umzusehen, und als sie einige hundert Schritte von dort ausser dem Bereiche dieser Roheiten war, erwartete sie ihren Beschutzer. "Ich habe Ihnen Dank zu sagen fur Ihren Beistand", sprach sie, als Oswald sich ihr genahert hatte. "Nicht den geringsten", versetzte er. "Ich wurde mich jedes Frauenzimmers angenommen haben, mit welchem ich desselben Weges gegangen ware." Sie wandte sich von ihm ab und er von ihr und beide gingen in der fruheren Weise weiter.
Eine halbe Stunde von dort lag das alte Spritzenhauschen. Dieses kleine Gebaude war unter den Streitigkeiten zweier Bauerschaften daruber, welche dasselbe zu erhalten habe? verfallen und darauf hatten sich die beiden Bauerschaften neue Spritzenhauser erbauen mussen. Die Wolken des Himmels schauten durch die Offnungen im Dache und die Lufte des Feldes fuhren zur Turoffnung hinein und zu den Lochern in dem lehmernen Fachwerke wieder hinaus. In diesem luftigen Lusthauschen hatte der Kuster sein Mittagsquartier aufgeschlagen, um eine recht vergnugliche Mahlzeit zu halten, nach welcher sein Sinn mit einem besonderen Verlangen stand. Er sass auf altem Holzwerk, welches sich dort noch hatte vorfinden lassen; vor ihm war eine Serviette ausgebreitet, auf welche die Magd nun Brot und Fleisch legte, auch eine Flasche Wein stellte, die man ihm auf besonderes Wunschen vom Oberhofe hatte mitgeben mussen, weil er seiner Versicherung nach am Hochzeittage der Furcht vor dem Schulmeister wegen zu keinem ordentlichen Schlucke gekommen war. Die ganze Zurustung dieses landlichen Mahles liess der Kuster mit einem feierlichen Schmunzeln geschehen. Er weidete sich wie es schien an den grossen Augen der Magd, welche nicht begriff, warum ihr Herr, der, wenn er sonst im Freien etwas verzehrte, ein Stuck Brot ohne viele Umstande aus der Tasche ass, zu dieser Mahlzeit so schwerfallige Vorbereitungen machen liess.
Nachdem alles Essbare aufgesetzt worden war, und die Magd ein Glas Wein eingeschenkt hatte (denn auch ein Glas war vom Oberhofe leihweise mitgegeben worden), teilte der Kuster seiner Dienerin ein Stuck Brot und Fleisch zu und fragte sie dann, bevor er selbst anbiss, was sie wohl davon denke, dass er sich hier so hauslich niederlasse und sein Mittagsessen im Freien halte?
"Ja, was soll ich davon denken?" erwiderte die Magd. "Ich denke, es gibt hin und wieder kuriose Einfalle, die dem Menschen anwehen, wie der Wind."
"Du denkst das vermutlich nur, Gudel, weil wir uns hier im Winde befinden, der allerdings einigermassen stark durch das Spritzenhauschen hindurchzieht. Nicht ein blosser kurioser Einfall ist es von mir, im Freien hier mir gehorig decken zu lassen, sondern lange hatte ich mir vorgenommen und nur immer nicht der Gelegenheit dazu habhaft werden konnen, einmal Hochzeitfreude ohne den lastigen Zwang, den mir mein Stand auferlegt, zu geniessen. Es war dieses mein dritter und grosster Lebenswunsch. Denn wohl mag mancher, der draussen umherschleicht, den Kuster beneiden, dass er sich an der Hochzeittafel so vollstopfen kann, wie jener denkt, weil er nahe der Schussel sitzt, und ihm unter den ersten stets prasentiert wird. Aber die Burde des Amtes beachtet der oberflachliche Urteiler nicht! Keinen beschaftigteren Mann gibt es wohl auf einer Hochzeit als den Kuster. Denn erst muss er singen und dann muss er beten und uber Tische die Augen allerorten haben, seinen zierlichen Spass anbringen zur rechten Zeit und in rechten Einschnitten, und abtrumpfen, wer sich zu mausig macht und ermuntern, wer wie ein Tuckmauser dasitzt. Wahrend dieser Amtshandlungen isst und trinkt nun zwar ein Kuster, was er kann, aber auch nur gleichsam pflichtmassig schlingt er alles hinunter, ohne rechtes Gefuhl von Speise und Trank. Weshalb ich sagen darf, dass mir von den mehreren hundert Hochzeiten, denen ich beigewohnt habe, wenig Erinnerung verblieben ist. Nun aber muss es nach meiner Uberzeugung eine der schonsten Empfindungen sein, in voller Seelenruhe und in dankbarer Erhebung zu Gott, dem Geber alles Guten, zugleich der Festesspeise und Trankung froh zu werden, zu geniessen und dabei der feierlichen Gelegenheit zu denken, bei welcher man geniesst, des Tages, an welchem ein von Gott selbst gestifteter Stand sich begrundet. Diese aus Erbauung und Wohlgeschmack zusammengesetzte Empfindung hatte ich gern schon lange einmal gehabt, konnte aber wie gesagt auf den Hochzeitschmausen selbst nie dazu gelangen. Als ich nun im Oberhofe vorgestern durch gerechte Furcht vor einem Rasenden um alle Hungersstillung gebracht wurde, erkannte ich plotzlich den Finger Gottes und entschloss mich sogleich zu diesem meinem heutigen Hochzeitnachschmause, den ich denn auch bei noch frischer Erinnerung an Predigt, Lied, Orgelspiel, abgelegt die Last meines Amtes, abgestreift die Fessel des Ranges, hier unter Gottes freiem Himmel (denn das Dach des Spritzenhauschens will wenig sagen) in der schonen gemischten Empfindung zu halten denke, welche, wie ich deutlich verspure, wahrenden Redens bereits in mir aufgestiegen ist. Wolltest du mich aber fragen, Gudel, warum ich nicht zu Hause nachspeise so ware dieses eine unnutze Frage. Denn abgesehen von der Kurrende, welche heute zu mir gelaufen kommt, um die Buchse zu uberreichen, und welche mir alle Gedanken vertreiben wurde, so fehlt mir uberhaupt zwischen meinen vier Pfahlen bei dem Reden meiner Ehefrau jegliche Einbildungskraft, und sie wurde nur gemeines Essen sein, diese Hochzeitspeise, welche ich dort zu mir nahme."
Die Magd hatte von der langen Rede ihres Brotherrn wenig oder nichts verstanden. Sie dachte nur an den Schulmeister, von dem ihm eine Uberraschung bevorstand und fragte den Kuster: "Mogt Ihr jemand lieber vor Tische sprechen, oder nach Tische, Herr?"
"Ich weiss nicht, wie du auf diese Frage kommst, Gudel", versetzte der arglose Kuster. "Indessen, da du einmal fragst, so antworte ich: nach Tische spreche ich niemand gern, wie du weisst, sondern liebe zu schlummern."
"Wohl, so will ich draussen auch mein Stuck Brot und Fleisch verzehren", erwiderte die Magd ohne allen logischen Zusammenhang. Sie ging aus dem Spritzenhauschen, stellte sich an die durchlocherte Wand und winkte dem Schulmeister, der sich in der Nahe schon versteckt aufgestellt hatte.
Leise schleichend naherte sich der Schulmeister dem Spritzenhauschen. Auch er hatte eine Rede vorbereitet, fast so lang als die des Kusters gewesen war. Sie begann so: "Herr Amtsbruder, es ist endlich Zeit, verjahrten Irrtumern zu entsagen. Der Mann soll den Mann erkennen, wie er ist, das ist Mannespflicht. Schamen soll der Mann sich nicht, erkannten Irrtumern zu entsagen. Blicken Sie in das Herz eines Mannes, welcher Ihrer Freundschaft nicht unwurdig ist, stossen Sie einen Mann nicht von ihrer Brust zuruck, welcher an derselben zu ruhen recht herzlich sich sehnt!" Nach diesem Erregung des Gefuhls bezwekkenden Eingange wollte er durch eine klare Auseinandersetzung auf den Verstand des Verstandesleugners wirken.
Jenen Eingang still fur sich wiederholend schlich er zum Spritzenhauschen, worin der andere eben, auch durch seine Rede zu einer Art von erbaulichem Seelentaumel gesteigert, das erste Stuck Rindfleisch in die Hand genommen hatte. In diesem Augenblicke horte der Kuster hinter der Wand neben der Turoffnung mit sanfter Stimme sagen (denn der Schulmeister wollte seine Erscheinung stufenweise vorbereiten): "Herr Amtsbruder, es ist endlich Zeit, verjahrten Irrtumern zu entsagen ..." Er kannte die Stimme "geronnen fast zu Gallert durch die Furcht" sass er da, das Stuck Rindfleisch starr erhoben haltend vor dem geoffneten und doch nicht zufassenden Munde, ein mitleidswurdiges Bild! Aber eine schwache Hoffnung im letzten Winkel seines Herzens flusterte ihm zu:"Nein, es ist nicht moglich, es muss eine Tauschung sein, so hart kann dich der Herr nicht strafen." Doch da erschien in der Turoffnung das Entsetzliche, die Harpyie, die nun abermals auch diese Nachmahlzeit besudeln wollte, das Haupt der Gorgone wurde sichtbar, wirklich stand der tolle Kerl, der Agesilaus, in der Ture, diesmal sogar mit einem Knotenstocke bewaffnet! Aufsprang der Kuster, schleuderte dem Feinde, was er in der Hand hatte, in das Antlitz, namlich das Rindfleisch, und sturzte schreiend nach dem hinteren Teile des Hauschens, sich gegen die lehmerne Wand druckend und mit Augen, die fast aus ihren Kreisen schossen, nach seinem Gegner starrend. Der Schulmeister, von dieser Unvernunft erzurnt und von dem Wurfe mit dem Rindfleische auf das empfindlichste beleidigt, verlor nun alle Geduld. Mit den Worten: "Wenn du verfluchter Kerl nicht horen willst, so sollst du fuhlen!" sprang er, den dikken Knotenstock schwingend, in das Hauschen auf den Kuster zu. Unfehlbar wurde er diesen jetzt fur seine Meinung, er sei rasend, wie ein Rasender abgestraft haben, wenn nicht die Verzweiflung den Kuster gerettet hatte. Hatte derselbe vorher geschrieen, so brullte er nunmehr. Brullend griff er mit der Faust durch ein Loch der Lehmwand hinter sich und fasste die Magd, welche aussen wacker gegengestemmt stand, in den Schopf. Die Magd, welche sich so schmerzlich beruhrt fuhlte, vergass nun auch ihre Aufgabe, die Wand zu halten; sie zerrte sich vielmehr mit aller Kraft ihres starken Leibes von der Wand ab, um der Faust aus dem Schopfe quitt zu werden. Dadurch wurde der Kuster, der sich an diesem letzten Strohhalme in seiner aussersten Not, an einem menschlichen, mitfuhlenden Wesen, krampfhaft festhielt, gegen die Lehmwand heftiger gepresst. Die Lehmwand leistete unter solchem Drucke keinen langeren Widerstand, sondern brach zusammen und der Lehm uberschuttete den Kuster scheusslich gelb von oben bis unten, so dass er aussah, wie ein Konig der gelben Erbsen; indessen wurde er von der Magd, an deren Schopfe er gleichsam wie ein Geschleifter hing, in das Freie gerissen und erhielt nur einen Schlag uber die Nase vom Schulmeister. Der genotangsteten Magd gluckte es endlich, den Brotherrn mit Zurucklassung eines Haarbuschels in seiner Hand abzuschutteln und der Kuster sturzte draussen immer brullend zu Boden. Die Magd sprang von dannen, der belehmte und nasenblutende Kuster raffte sich nun auf und sprang ihr nach, und der Schulmeister, dem sein wohlgemeinter Verstandigungsversuch so ubel geraten war, rasete in seiner blinden Wut, wie Ajax in die Herde, in das schuldlose Mahl des Entsprungenen. Er zerriss die Serviette, trat die Fetzen mit den Fussen, schleuderte die Weinflasche gegen einen Stein und warf Brot, Fleisch, Huhner, Eier, Salz, Kuchen nach allen vier Winden, kurz, er benahm sich ganz so, als sei er der, wofur er irrtumlich gehalten wurde.
Eine so traurige Wendung erbaulicher Essgedanken bereitete dem Kuster seine ausnehmende Feigheit.
Zwolftes Kapitel
Aus dem Tode Leben
Aber dieser abgeschmackte Vorfall brachte an einer anderen Stelle eine tragische Wirkung hervor.
Lisbeth war auf ihrem Wege gerade dem Spritzenhauschen gegenuber angekommen, als das Gebrull des Kusters in demselben erscholl. Was nun die erhitzten Bauern mit ihrem gefahrlichen Schiessen nicht uber sie vermocht hatten, das bewirkte das Geschrei der Feigheit; sie entsetzte sich, floh vor dem Orte, wo jener furchtbare Ton drohnte, und sturzte, wie von einem dunkelen Triebe geleitet, bewusstlos in die Arme Oswalds, die sich ihr entgegenbreiteten. Er fuhlte die Geliebte abermals an sich ruhen, wenn auch nur aus Angst, aber dieser neue plotzliche Ubergang von einem zum anderen entfesselte die Damonen in ihm, die schon seit zwei Tagen an ihrem Gefangnisse geruttelt hatten. Das alte Ubel, welches Schmerz, Angst, Zorn, korperliche Anstrengungen, selbst das Ubermass der Freude an seinem Liebestage, in ihm emporgewuhlt, brach klaglich aus.
Mit einem Schrei fasste er an seine Brust. Mit einem zweiten Schrei stiess er Lisbeth fast zuruck. "Ich hab's gedacht, mein Blut, da ist es!" achzte er und ein dunkler Purpurstrom quoll aus seinem Munde. Er taumelte und sank auf eine Rasenerhohung. "O mir! Ich ersticke " waren seine letzten Worte, denn es folgte ein zweiter Anfall des grimmigen Ubels. Sein Gesicht war wie eines Toten Antlitz.
Im ersten Augenblicke war Lisbeth uber das Zuruckstossen erschrocken gewesen. Aber was wollte dieser Schreck gegen das Entsetzen bedeuten, als sie das Blut ihres Lieblings sah? Ja, ihres Lieblings! Sein Achzen, sein Blut, sein Totenantlitz gab ihr augenblicklich den Liebling zuruck. Vergessen war der Lugner, nur der sterbende Geliebte lag vor ihr. Mit einem Rufe, in dem sich Zartlichkeit, Jammer und die allerausserste Besorgnis zum herzzerreissendsten Tone mischten, sturzte sie zu ihm nieder und sah ihm mit dem Blicke der innigsten Verzweiflung in die muden und erloschenen Augen. Weinend und wimmernd legte sie ihre unschuldigen Finger auf seine Lippen, als konne sie damit den furchtbaren Blutstrom hemmen. Noch immer sandte die in ihren Tiefen versehrte Brust einzelne Tropfen nach, obgleich die Gewalt des Ubels bereits gebrochen zu sein schien. Keiner Befleckung an Handen und Kleid achtete sie, sie, die Reine, Reinliche. Sie rief heftig und mit lauter Stimme: "Gott! Gott! Gott!" als musse Gott ihr helfen, denn auf Erden wusste sich das ungluckliche Madchen keinen Rat. Unwillkurlich war sie in die Kniee gesunken. So entstand dem Kranken eine Ruhestatte fur sein Haupt auf ihrem Schosse, denn sie hatte sich mit dem Leibe ruckwarts gebeugt, um ihm die Lage bequem zu machen. Er lag auf dem Rucken, seine Augen waren geschlossen, seine Wangen vollig farblos. Matt und kalt hingen die Arme in das Gras hinunter; in welchem liebliche Vergissmeinnicht bluhten, gleichsam ein Blumenspott uber den Jammer der Menschen. Sie aber hatte ihm um Haupt und Brust ihre Arme gebreitet in der allerzartlichsten und sanftesten Weise. Traurig schaute sie in sein Gesicht, soviel sie vermochte. So ruhte er ganz von ihr umfangen und an sie gelehnt im Heiligtume jungfraulicher Liebe und Bekummernis! Sie wusste nicht, was sie tun sollte, ihm seinen Schmerz zu erleichtern, sie hatte zur Qelle werden mogen, zum umspulenden Bade, wenn das ihm Linderung zu verschaffen vermocht hatte. Schluchzend fragte sie ihn, ob er auch so bequem ruhe? und bat ihn dann instandigst nicht zu antworten, weil ihm das Sprechen schaden konne.
In der Tiefe dieser Not empfand sie den heissesten Drang sich mit ihm zu verstandigen. "Ach", schluchzte sie, "mein Oswald, vergib mir doch nur und fuhle, dass du nicht sterben darfst! O mein Gott, du musst ja nicht sterben, musst's nicht, denn was sollte dann aus mir werden, wenn du sturbest?
Nicht wahr, Oswald, du stirbst nicht, du tust mir das nicht zuleide? Ach, kannst du es mir denn so ubelnehmen, dass ich ein ordentliches Madchen bleiben will? Siehst du, mein Oswald, deine Frau musste ich werden, deine ehrliche Frau und sonst nichts weiter! Denn ware ich auf deine Schlechtigkeit eingegangen, Oswald, da hatte ich mich auch an dir versundigt und hatte dich mit zum Bosewicht werden lassen, und das darf die Geliebte nicht; nicht einen Flecken darf sie auf ihren Freund kommen lassen. Denn das ist eine schlechte Liebe, die nur den anderen herzen und kussen will, wie es auch sei, nein, dass das Leben des Liebsten rein bleibe und unbefleckt und unverworren, das ist die wahre Liebe, und die habe und hege ich im Herzen zu dir, mein Oswald, wie sie nur ein Madchen haben und hegen kann, ja gewiss, so ist es. Und habe sie gehabt und gehegt immerdar, wie ich nun wohl fuhle, obgleich ich mich vor dir versteckte. Sturbest du hier auf der Stelle, Oswald, und ich konnte dich retten durch Unrecht, doch tate ich es nicht, das sage ich dir frei heraus. Denn meine Schande konnte ich noch allenfalls uberstehen, Oswald, aber nicht deine; nein, wahrhaftig nicht. Deine Ehre sitzt mir tiefer im Herzen, als meine. Und so musst du mir auch von Herzen vergeben, Oswald, dass ich nicht dein Liebchen, wie du wolltest, werden mochte, und ich weiss auch gar nicht, wie der bose Gedanke in dein gutes Herz gekommen ist. Ich hatt' es auch nimmer geglaubt, aber du hattest gelogen, Oswald, und die Luge ist aller Laster Siegel. Wer unter der Heimlichkeit einhergeht, der hat, was er verbergen muss, und wer seinem Madchen etwas vorlugen kann, der will sie auch nicht in Wahrheit zu seiner Frau nehmen. Deshalb glaubte ich dem alten Bauer, was er mir von dir sagte, und ware beinahe gestorben an dem Glauben. Es soll dir nun alles vergeben sein, alles, von meiner Seite ganz von Herzensgrunde, und wir wollen einander recht, recht freundlich Adieu sagen, wenn du wieder gesund bist, und wenn du stirbst, so will ich dir einen Busch Goldlack auf das Grab setzen und mich totweinen darauf. Ach, wie hast du mich so betruben konnen? wenn ich dich ansehe, ist es mir noch immer unbegreiflich. Aber ich zurne dir nicht, zurne du mir nun aber auch nicht! Wie gerne ware ich deine Grafin geworden, und dann hattest du mich ja am dritten Tage nach der Hochzeit verstossen konnen, so hatte ich doch an deinem Herzen geruht, und hatte in Ehren dran geruhet, Oswald!"
Die innerste Seele des Madchens schwatzte in diesem Geplauder, welches zuweilen von schweren Seufzern und heftigem Schluchzen und Erkundigungen nach seinem Befinden unterbrochen wurde.
Aber wie stand es um Oswald? Glucklich. Er horchte auf, er ahnete, er schloss den Zusammenhang; durch alle Schmerzen seiner wunden Brust ging ein himmlisches Erkennen. Er wusste nun, dass er nur verleumdet worden war, dass die keuscheste und ehrenzarteste Liebe nicht einen Augenblick aufgehort hatte, ihm anzugehoren. Um seine Wangen begann ein seliges Lacheln zu spielen, die Augen offneten sich und helle Zahren der Wonne blinkten darin. Lisbeths liebliches Antlitz schwamm vor diesen schwimmenden Blicken, sie kam ihm leuchtend, wie eine Heilige kam sie ihm vor. Er konnte nicht sprechen, aber ein Zeichen musste er ihr geben. Er hob seinen rechten Arm auf, zeigte Lisbeth mit einer freundlich-schmerzlichen Miene den Ring, den er noch an einem Finger der rechten Hand trug von der Dorfkirche her, legte sie auf sein Herz, fuhrte dann den Ring zum Munde und streckte die Hand gen Himmel, dann liess er sie wieder auf seine Brust sinken und zog dann ihre Hand herbei, sie in die seinige zu legen und sie mit ihr vereinigt auf seiner Brust ruhen zu lassen. Dazu sah er sie mit einem Blicke an, dass, wenn zwolf Zeugen von ihm vor dem Richter ausgesagt hatten: "Diesen haben wir morden sehen", und er mit einem solchen Blicke seine Unschuld versichert hatte, der Richter ihm und nicht den zwolf Zeugen geglaubt haben wurde.
Ein zartliches Madchen ist ein glaubiger Richter in solchen Dingen. Lisbeth folgte seinen Gebarden mit der Aufmerksamkeit brautlicher Liebe und als sie den Sinn gefasst hatte, da sagte sie weiter nichts als: "Ah!" Aber in diesem Laute war alle Wonne, die seit dem Anfang der Zeiten in menschlichen Herzen gewallt hatte. Es war ihr, als sei sie auf dem Hochgerichte, wo man sie unschuldig hinrichten wollen, begnadiget worden, bei lebendigem Leibe war sie in den Himmel erhoben worden; in den Himmel seiner unbefleckt gebliebenen Liebe. "O mein Gott!" sagte sie und konnte sonst nichts vorbringen. Ein Zittern der Entzuckung durchflog ihren Korper, sie meinte zu sinken und den geliebten Freund aus ihren Armen zu verlieren. Da nahm sie sich zusammen, um nicht durch ihre Unruhe ihm zu schaden. Nun wusste sie, dass sie seine Frau Grafin werde, wenn er nicht sterbe, und Oswald hatte recht gehabt, sie machte sich nicht sonderlich viel aus der Frau Grafin, sie wollte es ebenso gern sein, wie sie Frau Forsterin geworden ware.
So fanden Lisbeth und Oswald einander wieder. Stumm ruhte ihr Auge an seinem und seines an ihrem und die herzlichsten Tranen flossen von den Wimpern. Die Hande blieben auf seiner Brust vereinigt, sanft streichelte sie seine Finger, zumal den, an welchem er den Ring trug, den Dolmetsch des hergestellten sussesten Einverstandnisses. Ein Jungling lag, vom heftigsten Blutsturze erschopft, dem Tode nahe und sein Madchen war bei ihm und wusste das, und Jungling und Madchen waren dennoch beide gluckselig.
Achtes Buch
Weltdame und Jungfrau
Erstes Kapitel
Worin der Diakonus vom Zufall und von der wahren
Liebe spricht
Mehrere Wochen nach jenem glucklichen Ungluck ging die junge Dame Clelia mit dem Diakonus in seinem Garten auf und nieder. Der Oberamtmann Ernst, der die dunkleren Stellen des wurttembergischen Gesetzbuches doch endlich ergrundet hatte und daran vorderhand nichts weiter zu studieren fand, sass gelangweilt in einer Jelangerjelieber-Laube, und ihr Gemahl schoss mit einer Windbuchse, die er irgendwo aufgetrieben, hinter dem Garten unter Baumen nach Sperlingen. Es war ganz still in dem Predigerhause. Die Fenster eines Zimmers, welche nach dem Hofe hinausgingen, waren grun verhangen und unter diesen Fenstern sass Lisbeth mit einer weiblichen Arbeit beschaftigt.
Die junge Dame Clelia, welche ein leichtes Gahnen nicht verbergen konnte, sprach zum Diakonus: "Lieber Herr Prediger, sagen Sie mir, was dunkt Ihnen vom menschlichen Leben? Denn ich habe Lust mit Ihnen etwas zu philosophieren."
"Das tut mir sehr leid, gnadige Frau", versetzte der Diakonus. "Es beweiset, wie ermudend Ihnen der Aufenthalt in meinem Hause sein muss. Wenn so schone Lippen sich zur Philosophie bequemen, so mussen wirklich alle Ressourcen der Unterhaltung versiegt sein."
Clelia lachte und sagte: "Zu galant fur einen Kanzelredner und fur einen Lehrer der Moral viel zu bosartig." In ihrer raschen Weise fasste sie die Hand des Geistlichen und rief:
"Wie wir Ihnen alle dankbar sein mussen fur das Ubermass von Gastfreundlichkeit, womit Sie uns aus der abscheulichen Kneipe erlosten und bei sich in Ihrem beschrankten Hauslein aufnahmen, mich samt Jungfer und Gemahl (sie bediente sich dieser Reihenfolge ganz naiv), und jenem meinem Geschaftsanbeter dort in der Laube, das fuhlen Sie wohl ohne Versicherung von meiner Seite, und Sie mussen mir, wenn wir scheiden, unter Ihrem Amtseide versichern, uns kunftiges Jahr in Wien Revanche zu geben. Dass man aber, wenn man gern mit seinem jungen Manne ins Weite mochte, ungern zu lange bei einem kranken Vetter bleibt, der sein Tage nicht vernunftig werden wird "
"Er leidet noch sehr", sagte der Diakonus ernst.
"Bin ich denn gefuhllos fur sein Leiden?" warf Clelia kurz ein. "Hatte ich noch Vergnugen in Holland und England, wenn ich sein krankes Bild mit mir nahme? Bin ich ihm nicht herzlich gut? Sehne ich mich nicht, ihm zwanzig Kusse auf die dummen Lippen zu geben, zwischen denen sein Blut hervorsturzte? Aber ist deshalb ein solcher Wachtposten bei einem Siechenbette, zu dem einen der Arzt nicht einmal hinzulasst, etwas Angenehmes? Und sein Sie nur ganz aufrichtig, lieber Herr Pastor, Ihre kleine Frau sahe auch nicht ungern einen gewissen Reisewagen anspannen."
"Wie konnen Sie nur so etwas denken, meine Gnadige!" rief der Diakonus etwas verlegen, denn er erinnerte sich an den Text einiger Gardinenpredigten.
Schelmisch fuhr Clelia fort: "Ich musste mich auf hochrote Wangen und auf einen gewissen Glanz in den Augen der Hausfrauen nicht verstehen! Es ist auch gar keine Kleinigkeit, funf Menschen mehr im Hause zu haben, die man eigentlich nicht kennt, und die einem allen Platz wegnehmen. Der Herr Gemahl laden in liebenswurdiger mannlicher Unbekummertheit ein und die arme Frau hat nachher die Sorge. Aber lassen Sie das nur gut sein. Trotz der roten Wangen und der glanzenden Augen bleibt sie eine liebe, charmante Frau und soll in Wien willkommen sei. Dort ist Raum im Hause und der Haushofmeister sorgt fur alles."
Der Diakonus, der sein Zartgefuhl durch dieses Gesprach unangenehm beruhrt fand, sagte, um es zu unterbrechen: "Sie wollten mit mir uber das menschliche Leben philosophieren, gnadige Frau."
"Eigentlich wollte ich Sie nur fragen, ob das menschliche Leben nicht ein Ding ohne Sinn und Verstand sei?" sagte Clelia. "Ein junger Mann lauft aus Schwaben weg, um mich an einem Menschen zu rachen, der seine Persiflage uber mich getrieben; er racht mich aber nicht, sondern schiesst ein junges Madchen und verliebt sich in sie. Dann qualen die beiden Leutchen (wie wir nun nach und nach herausgebracht haben, Ihre Frau und ich) einander bis auf den Tod um nichts, und das Ende dieser hochst lacherlichen Geschichte ist ein furchtbarer Blutsturz, der leicht einen Toten in die Komodie hatte liefern konnen. Wo ist da vernunftiger Zusammenhang?"
"Sie lassen etwas aus in der Geschichte", sagte der Diakonus.
"Nun ja. Ich schrieb, als ich uberall horen musste, ich sei bescholten, an meinen Brautigam nach Wien und erklarte ihm hochst edel, eine Bescholtene durfe nicht seine Gemahlin werden; er sei frei und des gegebenen Wortes ledig. Dieser affektvolle Brief wirkte denn dermassen auf ihn, dass er sich in kurzester Frist zum Herrn aller Schwierigkeiten machte, die unserer Verbindung entgegengestanden hatten und, so rasch die Pferde Tag und Nacht laufen wollten, nach Stuttgart eilte."
"Und aus solchen offenbaren Zeichen erkennen Sie den Gott nicht, der in Ihrem und Ihres Vetters Schicksale waltete?" fragte der Diakonus mit komischem Ernst.
"Welcher Gott?"
"Der Zufall!" rief der Diakonus feierlich.
"Das ist ein schoner Gott", versetzte Clelia und lachte.
"Gnadige Frau", sagte der Diakonus, "glauben Sie mir sicherlich, die Welt wird erst wieder anfangen zu leben, wenn die Menschen sich erst wieder vom Zufall hin und her stossen lassen, wenn man z.B. ausgeht, um Rache zu nehmen, und sich nicht daruber verwundert, findet man statt der Rache eine Braut, wenn man (Sie verzeihen meine Freimutigkeit) in einer zufalligen allerliebsten Aufwallung entsagende Briefe nach Wien schreibt, und ebenso zufallig von der Entsagung zum Haubchen abfallt. Unsere Zeit ist so mit Planen, Tendenzen, Bewusstheiten uberdeckt, dass das Leben gleichsam wie in einem zugesetzten Meiler nur verkohlt und nie an der freien Luft zur lustigen Flamme aufschlagen kann. Die Lebensweisheit der wenigen Vernunftigen heutzutage besteht folglich darin, sich von der Stund und von dem Ungefahr fuhren zu lassen, nach Launen und Anstossen des Augenblicks zu handeln."
"Bravo!" rief Clelia. "Sie sind ein wahrer Priester fur uns Weltkinder. Und das sagt er alles so ernsthaft, als sei es ihm damit bitterer Ernst."
"Ich predige ja nur uber ein christliches Gebot", sprach der Diakonus lachelnd.
"Wie lautet dieses sogenannte christliche Gebot?"
"Sorge nicht um den anderen Tag", versetzte der Diakonus. Die junge Dame begehrte jetzt auch seine Exegese uber die leeren Note des Liebespaares. Er bedachte sich etwas und sagte dann: "Ich muss hier schwerfalliger werden als bei dem anderen Thema. Zuvorderst sei Ihnen gesagt, dass diese Liebe mich ruhrt, die Liebe meines Freundes und des guten Madchens, welches er auf so ungewohnliche Weise kennengelernt hat. Ich meine, in ihnen ein vom Schicksal bezeichnetes Paar zu sehen und ein volliges Aufgehen zweier Seelen ineinander. Die Liebe ist nun Leid, wie alle Dichter singen, sie ist der Herzen selige Not und ein ruhrender Gram. Wer von der Liebe Tranen scheidet, der scheidet sie von ihrem Lebensquell; eine lachende Liebe ist keine.
Wahrlich, die echte Liebe ist ein Ungeheures!" fuhr er mit Warme fort. "Nicht in tauber Redeblume, sondern wesentlich, wirklich und wahrhaftig gibt der Liebende seine Seele weg! Diese also weggegebene und der Hut berechnenden Verstandes entlassene Seele ist aus den Fugen, unbeschutzt liegt sie da und ohne Verteidigung durch irgendeine Selbstsucht, welche unsere nuchternen Tage schirmt. In dieser ihrer gottlichen Schwache ist sie nun eine Beute fur jedes Raubtier von grimmigem Zweifel, furchterlichem Argwohn, zerfleischendem Verdacht. Aber im Kampf mit diesen Raubtieren erstarkt sie. Aus ihren tiefsten und noch nie bis dahin entdeckten Abgrunden holt sie neue Waffen und eine ungebrauchte Rustung hervor; sie lernt sich in ihren verborgenen Reichtumern begreifen, sie vollzieht eine Art von herrlicher Wiedergeburt und feiert nun auf dieser Stufe die wahre, die himmlische Hochzeit, von welcher die andere nur das vergroberte irdische Abbild ist. Unverwelklich ist der Kranz, der auf jenem Siegesfeste der liebenden Seele getragen wird, und er verschwindet nicht in den Schatten der Brautnacht.
Darum zwingt eine ewige Notwendigkeit die wahre Liebe, sich Not zu schaffen, wenn sie keine Not hat. Denn nicht trage geniessen will sie, sondern kampfen und siegen. Trubsal ist ihr Orden und Jammer ihr geheimes Zeichen. Traun, ein Kind kann uber die Leiden Oswalds und Lisbeths lachen, die nicht kindischer erfunden werden mochten! Aber ohne diese kindischen Leiden waren zwei Seelen von solcher Tiefe, Schwere, Susse und Feurigkeit wohl wieder voneinander gekommen, statt dass sie in den Qualen der Einbildung sich das rechte Wort und den wahren Gruss gegeben haben, an dem sie einander uber alle Zeit hinaus erkennen werden."
Die junge Dame Clelia war durch diese Rede des Diakonus in ein Gebiet gefuhrt worden, in welchem ihr nicht heimisch zumute sein konnte. Anfangs meinte sie fur sich, sie musse sich etwas schamen, denn mit ihrem Kavalier aus den osterreichischen Erblanden hatte sie freilich wahrend des Brautstandes mehr gelacht als geweint. Nachher meinte sie, die Gelehrten sprachen zuweilen nur, um etwas zu sagen; und endlich verstand sie den Geistlichen gar nicht mehr. Als er mit seiner Auseinandersetzung zu Ende war, rief sie: "Schade, dass die beiden lieben Leute einander nicht heiraten konnen!"
"Wie?" rief der Diakonus voll aussersten Erstaunens. Denn auf diese Wendung war er bei der jungen, gutmutigen Frau nicht im Traume gefasst gewesen, zumal nach solchem Gesprache.
Zweites Kapitel
Worin ein humoristischer Arzt nutzliche Wahrheiten
uber die behandlung kranker Personen vortragt Das Nahen des Arztes, welcher von dem Krankenzimmer herunter in den Garten kam, schnitt weitere Erorterungen vorlaufig ab. Der Doktor war ein uberaus dicker Mann, der voll guter Einfalle steckte und diese mit der grossten Trockenheit herauszubringen wusste. Clelia, die mit solchen Leuten eine naturliche Wahlverwandschaft hatte, pflegte in seiner Gegenwart zu sprechen, als sei er nicht zugegen. Und so sagte sie auch jetzt, als der Arzt langsam uber den Hof gewatschelt kam, ganz laut: "Da kommt der Doktor und wird uns nun sagen, dass es mit Oswald anfange, besser zu gehen. Das heisst, vierzehn Tage lang mag er allenfalls einen oder den anderen von uns eine Viertelstunde annehmen, vierzehn Tage darauf konnen die Besuche langer werden, und nach sechs Wochen werden wir hoffentlich so weit sein, dass der Rekonvaleszent in der Mittagssonne eine halbe Stunde spazieren gehen darf. Dies nennen die Arzte Herstellung."
Wirklich hatte der Arzt noch bis gestern den Zustand des Kranken als bedenklich und der hochsten Schonung bedurftig dargestellt. Streng war jeder Verkehr zwischen ihm und der Aussenwelt untersagt gewesen; niemand, weder die Frauen, noch selbst der Diakonus und sein neuer Vetter aus Osterreich hatten ihn besuchen durfen. Nur dem alten Jochem war er zur Obhut und Pflege von dem unnachsichtigen Arzte anvertraut worden, die jener denn auch in aller Treue ausgeubt hatte.
Angstliche Sorge und Spannung, die in dem kleinen mit Gasten plotzlich so angefullten Hause alle, besonders in den ersten Tagen der Krankheit, bewegte, konnte sich daher nur durch eifriges Fragen und Nachfragen und durch jede Liebesgefalligkeit, die von draussen nach dem Krankenzimmer hinein zu leisten war, geltend machen. Am unruhigsten war Clelia gewesen, welche ihren Vetter wahrhaft lieb hatte. Auch der Oberamtmann, der in seinem Wagen den Leidenden nach der Stadt befordert hatte, zeigte eine grosse Anhanglichkeit. Tief betroffen waren der Diakonus und seine Frau gewesen. Lisbeth hatte anfangs viel geweint. Dann fiel es den anderen auf, dass sie plotzlich die Gefassteste, und wie es schien, Gleichgultigste von allen wurde. Diese Verwandelung geschah nach einer Unterredung, die sie mit dem Arzte gehabt hatte. Sie wurde der Frau des Diakonus bei deren vermehrten Haussorgen sehr nutzlich, und ein Geschaft hatte sie seit ihrem Eintritte in das Haus ausschliesslich fur sich in Anspruch genommen, die Bereitung alles dessen, was Oswald bedurfte. Ein zarter und stiller Verkehr waltete zwischen beiden, ungeachtet dass Lisbeth, wie sich von selbst versteht, unter dem strengsten Banne des arztlichen Verbotes befangen war. Sie sandte ihm mit dem leichten und kuhlenden Tranke, welchen er geniessen durfte, jederzeit die schonsten Blumen, die sie im Garten fand. Er hielt diese sanften Boten in seiner Hand des Tages, und bei Nacht ruhten sie an seinem Herzen und von dieser Ruhestatte empfing Lisbeth sie am anderen Morgen wieder. Wenn die Hausfrau sie nicht beschaftigte, pflegte sie im Hofe unter den Fenstern des Krankenzimmers zu sitzen. Dort verweilte sie, bis es vollig dunkel geworden war, ihre stille Madchenarbeit verrichtend. Sie war gegen jedermann sanft und freundlich, liess sich aber mit niemand ein, sondern blieb sehr fur sich. Ein Vorfall hatte sich wahrend jener Tage ereignet, der die Gaste etwas wider sie einnahm, den Oberamtmann sogar in Zorn versetzte. Auf heute hatte der Arzt den Eintritt einer entscheidenden Krisis vorherverkundiget. Der Diakonus, Clelia und der Oberamtmann gingen ihm daher gespannt entgegen, wahrend Lisbeth ruhig unter dem Fenster sitzen blieb. Der Arzt hatte die Worte Clelias gehort, wandte sich daher an diese, und sagte:"Gnadige Frau, ich darf Ihnen etwas kurzere Fristen versprechen. Unser Patient ist hergestellt, und wenn allerseits verehrte Anwesende heute und etwa morgen und etwannest ubermorgen noch einige Rucksicht auf seinen Zustand nehmen, so wird er wohl uberubermorgen ausgehen durfen, als ein zwar noch etwas blasser aber doch durchaus geheilter Mann."
"Wie?" riefen alle wie aus einem Munde. "Und Sie erklarten ihn noch gestern fur nicht ausser Gefahr?"
Der Arzt zog sein breites und fettes Gesicht in solche Falten, dass er wie ein Silen aussah und sagte: "Eine Notluge, gnadige Frau und liebe Herren, eine Notluge, ohne welche der rechtschaffenste Mann, absonderlich aber der Arzt, nicht durch dieses Jammertal kommt. Denn wollte der Arzt immer die Wahrheit sagen, so wurfen sie ihn zum Hause hinaus."
"O Sie Schelm! Gewiss haben Sie wieder einen Ihrer Streiche auslaufen lassen!" sagte der Diakonus lachelnd. Clelia drang in den Arzt, um den Zusammenhang zu erfahren, und er fuhr folgendermassen fort. "Wenn man", sagte er, "wie ich, eine Reihe von Jahren doktert, wenn man seine von vielen Rezepten nicht mehr abhangende Praxis hat, so beginnt man ohne Scheu einzugestehen, dass die Natur doch zuletzt der Geheime Medizinalrat oder Obermedizinalrat ist. Wir Arzte sind nur scharfere Zeugen der Natur, horen feiner, was sie flustert und wispert, als andere Menschen, sonst aber sind wir keine Hexenmeister. Der Natur, wenn sie leise sagt: 'Bitte! bitte!' die Bitte zu gewahren, alles fernzuhalten, was sie in ihrem Gange stort, das ist unsere ganze Kunst. Die Krankheiten werden meistensteils nur gefahrlich durch Gelegenheitsursachen, welche das Walten der Natur storen. Auch dieser Blutsturz ware bei der vortrefflichen Konstitution des Herrn Grafen wahrscheinlich ganz von selbst geheilt, das Blutgefass, welches sich ergossen hatte, hatte sich mit Ruhe und hochstens etwas zusammenziehend Sauerlichem von Natur geschlossen. Meine Weisheit hat nur darin bestanden, dass ich die der Natur feindliche Gelegenheitsursache entfernt zu halten wusste."
"Ich sehe einmal wieder nicht, wohin dieses Kauffahrteischiff steuert", sagte Clelia. "Welche Gelegenheitsursache meinen Sie?"
"Ihre und der ubrigen verehrten Anwesenden Liebe, Freundlichkeit, Besorgnis und Teilnahme an meinem Patienten", versetzte der Arzt trocken. "O meine geschatzten Freunde, Sie glauben nicht, wie viele Kranke dem Arzte durch Liebe und Teilnahme der Angehorigen zugrunde gerichtet werden! Zwar in den ersten Tagen lasst man den Leidenden wohl ruhig liegen und behandelt ihn vernunftig, aber spaterhin, wenn es nun heisst, er bessere sich, oder er sei Rekonvaleszent, da beginnt ein wahrer Kultus des Krankenzimmers, in den Augen des gewissenhaften Arztes der schlimmste Teufelsdienst. Vergebens rufen die muden und zitternden Nerven: Lasst uns in Frieden! Umsonst sehnt sich das in Unordnung gebrachte Blut nach Stille, fruchtlos ist es, dass die letzten Kohlen der Entzundung in sich verglimmen mochten es hilft alles nichts, besucht wird, gefragt wird nach dem Befinden, unterhalten wird, vorgelesen wird, sogenannte kleine Freuden werden bereitet und voll Verzweiflung sieht man das Schlachtopfer der Liebe, was man gestern voll guter Hoffnung verliess, heute elend wieder. Deshalb sterben auch in Privathausern verhaltnismassig mehr Menschen als in wohlbeaufsichtigten Lazaretten. Und darum pflege ich auf Kranke mit Umgebungen voll Liebe und Teilnahme, die ich nicht abhalten kann, von vorneherein doppelt so viel Zeit zu rechnen, als auf Kranke ohne liebevolle Umgebungen. Hier nun "
"Es ist doch abscheulich, uber die edelsten Empfindungen so zu spotten!" rief Clelia heftig.
" ... sah ich einen ganzen Herd von Liebe und Teilnahme, als ich zum Grafen berufen wurde", fuhr der Arzt, ohne sich erregen zu lassen, fort. "Edle Empfindungen, uber die mir nicht einfallt zu spotten, welche mir aber als Arzt nur als ebenso viele widrige Gelegenheitsursachen und Indikationen erscheinen mussten, dass der Patient, befragt, besprochen, unterhalten, durch Vorlesungen aufgeregt und durch kleine Freuden im entzundlichen Stadio verzogert, leicht seine paar Monate abliegen konne. Deshalb griff ich zu der Notluge, dass er in grosser Gefahr sei, dann folgte die einfache Gefahr, dann der bedenkliche Zustand, dann die langsame Hebung der Krafte, und auf heute endlich wurde die Wirkung einer entscheidenden Krise versprochen. Er war aber nie, verehrte Anwesende, in grosser Gefahr und kehrte nach den ersten zehn Tagen schon machtig zu. Einem Kranken tut niemand not, als einer, der ihm zu den bestimmten Stunden die Arzenei reicht und allenfalls ein verschobenes Kissen zurechtlegt; und dann Langeweile, o du nicht genug zu preisende Gottin des Siechenbettes! Man sollte Hygieen gahnend darstellen; denn es ist nicht auszusagen, welche Riesenschritte die Besserung macht, wenn der Leidende weiter gar nichts zu tun hat als zu gahnen. Darum setzte ich unseren Grafen auf die wenig aufregende
Gesellschaft seines alten Dieners und dann auf Langeweile und habe ihn durch diese beiden Potenzen in kurzer Zeit wieder auf die Fusse gebracht und wenn ich ihn noch ferner besuche, so besuche ich ihn jetzt mehr als Freund denn als Arzt."
"Schade", rief Clelia nach dieser Erorterung spitz, "dass Sie sich nicht selbst als niederschlagendes Pulver verschreiben konnen. So durfen wir ihn denn also heute sehen?"
Der Arzt schaute rund im Kreise um und warf dabei auch seinen Blick in den Hof, wo Lisbeth noch immer sass. "Ich unterscheide", sagte er nach einer Pause bedachtig. "Sie, gnadige Frau, und der Herr Oberamtmann und der Pastor durfen ihn ohne Schaden schon heute besuchen, mein Kind Lisbeth dort muss aber bis morgen warten."
Er empfahl sich. Clelias muntere Seele war durch die letzte Rede des alten Silen doch etwas empfindlich gemacht; sie stand einige Augenblicke schweigend, nagte an ihrer schonen Lippe und rief dann: "Fancy!"
Fancy, die Kammerjungfer, liess sich horen und wurde gleich darauf sichtbar. "Fancy, bringe mir meine Crespine und setz' deinen Hut auf, wir wollen noch etwas spazierengehen", sagte ihre junge Gebieterin.
"Durfen wir Sie nicht zu unserem Freunde begleiten?" fragten der Diakonus und der Oberamtmann.
"Nein", versetzte die schone Empfindliche mit kurzem Ton, "zu den ganz unschadlichen Besuchern mag ich mich denn doch nicht gern zahlen lassen."
Sie verschwand mit Fancy. Die Manner gingen nach dem Krankenzimmer. Als der Diakonus bei Lisbeth vorbeiging, sagte er erstaunt und halb leise zu ihr: "Sie scheinen sich uber des Doktors Nachricht wenig gefreut zu haben."
"Ich wusste schon lange die Wahrheit", versetzte Lisbeth mit niedergeschlagenen Augen. "Der Arzt hatte meine Angst gesehen und mir entdeckt, wie die Sache stand." "Und Sie konnten sich uberwinden, Oswald nicht zu besuchen?" "Warum nicht? Wenn er nur gesund wird! Kam ich und meine Sehnsucht da in Betracht?"
Drittes Kapitel
Speisesaal und Krankenzimmer
Das Wiedersehen war sehr freundlich und herzlich gewesen. Als die beiden Manner das Krankenzimmer verlassen hatten, gingen sie nach dem allgemeinen Versammlungssalchen und dort sagte der Oberamtmann: "Ich habe eigentlich nie ein schoneres Gefuhl fur einen Freund, als wenn ich ihm wider seinen Willen einen Dienst fur das Leben leisten kann. Denn bei Gefalligkeiten, die man den Wunschen des anderen erweiset, ist man nie sicher, dass sich nicht Eitelkeit, weichliches und selbstliebiges Wesen mit einmischt. Wenn man aber gegen die Schossneigungen des Freundes an ihm seine Schuldigkeit tut, dann hat man die reine Empfindung treu erfullter Pflicht; wohl die schonste im Leben."
"Soll das denn auf unseren Freund eine Anwendung finden?" fragte der Diakonus etwas befangen.
"Allerdings", erwiderte der Oberamtmann, "und Ihren Beistand erbitte ich mir auch, Herr Diakonus, zu dem, was ich vorhabe. Nachdem der Graf nun wiederhergestellt ist, oder wenigstens in ganz kurzer Zeit sein wird, kann ich an mein Geschaft mit ihm oder vielmehr fur ihn denken. Meine erste Obsorge muss namlich jetzt sein, diese unangemessene und fast verruckte Liebschaft zu zerstoren."
Der Diakonus brauste hier, seine geistliche Fassung etwas vergessend, auf und rief in den bestimmtesten Ausdrucken, dass er zur Zerstorung einer solchen Liebe, welche keine Liebschaft sei, nicht die Hand biete, vielmehr sie, solange sie das Gastrecht seiner Schwelle geniesse, zu schutzen wissen werde. Man wurde hierauf, obgleich man sich in gewissen Grenzen zu halten wusste, gegenseitig sehr warm und erschopfte alles, was an heftigen und starken Versicherungen und Gegenversicherungen gesagt werden konnte. Endlich fiel dem Diakonus die Frage ein, welche bei dergleichen Gelegenheiten die erste sein musste, meistenteils aber die letzte zu sein pflegt. Er erkundigte sich namlich nach den Grunden einer so starken Abneigung gegen diese Verbindung.
"Ihre Frage kann mir auffallend erscheinen, Herr Diakonus, indessen will ich sie beantworten", erwiderte der Oberamtmann. "Mein Freund ist, wie Sie wissen, aus der ersten Familie des Konigreiches, seine Herrschaft gleicht an Umfang manchem Furstentume; geborener Reichsstand ist er und das Blut unserer Konige hat sich mit seinem Geschlechte mehrere Male vermischt. Wenn er nun den aufgelesenen Findling heiratet, so fallen seine Kinder, wie Bastarde, von der Bank und sind sukzessionsunfahig, daruber verliert er die Freude an seiner Herrschaft, weil er namlich weiss, dass er sie fur die fremde Linie aufhebt. Mit den Anverwandten verhetzt er sich, in seinen Verhaltnissen zerruttet er sich, bei Hofe kehren sie ihm den Rucken, der Gemahlin muss er sich schamen, in der Kammer wird er aus ubler Laune ein hohler widersprecherischer Schreier, kurz, er wird auf alle Weise ein elender und verkummerter Mann. Weil er aber dazu gar keine Anlage hat, sondern vielmehr ungeachtet mancher Torheit bestimmt ist, sich zu einem ganz herrlichen und prachtigen Charakter herauszuarbeiten, zu einer Freude und Zier des Landes, deshalb Herr Diakonus, und deshalb, weil ich seiner sterbenden Mutter mein Wort auf ihn gegeben habe, ist es meine Pflicht, dieses Verhaltnis, welches fur mich eine Liebschaft bleibt, zu zerstoren."
Die Streitenden gingen mit grossen Schritten auf und nieder.
Der Diakonus pries die Unschuld und den Schwung der Neigung, welche so entgegengesetzte Gefuhle aufregte. Allein der hartnackige Geschaftsmann liess sich dadurch nicht ruhren, sondern sagte: "Ich will ihn auch gar nicht daran hindern, das Madchen geliebt zu haben. Er feire sie in seiner Erinnerung, er mache Gedichte der Wehmut an sie, Sonette und Terzinen soviel er will, er trage ihre Locke oder ihren Schattenriss, was er nun von ihr besitzt, auf dem Herzen, immerhin! Liebe ist Liebe, aber Ehe ist Ehe. Die Ehe ist ein Geschaft, ein hochst wichtiges Geschaft. Nicht umsonst handelt ein Abschnitt in allen Landrechten von der Ehe und vom Eingebrachten und von der Gutergemeinschaft. Die Ehe soll dem Menschen einen Boden unter die Fusse geben, nicht den Boden unter den Fussen wegziehen. Ein Geschaft muss ein Objekt haben, Liebe ist aber kein Objekt. Liebe gehort zur Ehe wie der frohliche Trunk zum Abschluss eines guten Kaufes; aber uber das Glas Wein schliesst man den Handel nicht. Er braucht noch gar nicht zu heiraten, denn er ist noch sehr jung, will er es aber tun, so gibt es unter unseren Grafinnen und Furstinnen und unter denen nebenan in Baden und Bayern auch schone, bluhende, gute Madchen; darunter soll er sich auslesen, die Bettlerin aber soll er lassen.
Ich weiss wohl, dass jedes missgefugte Liebespaar von seiner Torheit einen neuen Himmel und eine neue Erde datiert und die erste probehaltige Ausnahme. Wenn man aber nach wenigen Jahren die sogenannten Ausnahmen wiedersieht mit hangenden Flugeln, den Schmetterlingsstaub jammerlich von den Schwingen gerieben, vernutzt, abgeblasst, so wendet sich einem das Herz im Leibe bei dem Anblicke von so trubseligen Bestatigungen der allgemeinen Regel um."
Der Diakonus, dessen Verstand unwillig manches zugeben musste, was der andere vorbrachte, bediente sich jetzt der Wendung, welche bei einem Streite so ziemlich klar die Niederlage anzeigt. Er sagte namlich, dass diese Drohungen wohl nicht ganz der Ernst des Oberamtmannes sein mochten, dass er gewiss Bedenken tragen werde, sie in ihrem vollen Umfange auszufuhren.
Darauf versetzte der Amtmann sehr kalt und fest: "Sie wurden im Irrtume sein, wenn Sie diese Meinung wirklich hegten. Ich bemerke wohl, dass die Scherze, welche die junge Baronesse in ihrer liebenswurdigen Laune zuweilen uber mich macht, Sie zum Lachen uber mich anreizen, und es mag auch wahr sein, dass ich eine ziemlich sonderbare und graue Aktenfigur bin. Ich habe neulich den sogenannten Patriotenkaspar verhort, daruber den Grafen vergessen, kam zu spat auf den Oberhof und fand meinen Freund, der vielleicht gesund mit mir gefahren ware, erst wieder, als er blutend am Wege lag. Das war ein Schwabenstreich. Indessen kann man solche begehen und doch bei manchem Punkte unbesieglich sein. Glauben Sie mir, dass, wo ich mich in meinem Amte und Rechte fuhle, alles von mir abgleitet, wie von einem Felsen und dass ich dann fest zu stehen weiss, wie ein Fels. Meinen liebsten Freund aber vor einem unsaglichen Elende zu bewahren, wie ich es nun einmal ansehe, das ist recht eigentlich meine Amtspflicht und mein Recht. Ich werde demnach, was ich angekundiget habe, durchzufuhren wissen."
"Aber was wollen Sie denn mit ihm beginnen? Er ist doch mundig!" rief der Diakonus ereifert.
"Leider!" versetzte der Oberamtmann. "Es gibt Leute, die wenigstens bis zum dreissigsten Jahre unter Kuratel stehen sollten. Indessen ist auch ein Mundiger anzufassen. Was ich beginnen will? Ihm jeden nur moglichen Grund vortragen, die Verbindung ihm unleidlich machen; Urlaub mir verlangern lassen, mit ihm auf sein Schloss reisen, Oheime, Vettern und Basen in Bewegung setzen, die Sache vor den Konig bringen, seine Standesgenossen aufregen, es darauf ankommen lassen, dass er mir die Ture weiset, dann doch nicht gehen, immerfort einsprechen, den Einspruch noch zwischen die Verlobung werfen, ja selbst am Altare, wenn es notwendig ist, einen Skandal bereiten. O ein Mann und Freund kann viel, wenn er nur beharrlich will. So wahr ich der Oberamtmann Ernst vom Schwarzwalde bin, mit meiner Zustimmung wird sie nicht Grafin Waldburg-Bergheim."
"Und mit meiner auch nicht", sprach hier eine dritte Stimme. Die schone Clelia war, von ihrem Spaziergange zuruckgekehrt, in den Saal getreten und hatte unbemerkt von den Mannern, gehort, wovon die Rede war. "Nein, Herr Diakonus", sagte sie, "Sie sehen die Sache doch etwas zu sehr von Ihrem Standpunkte an. Ich bin gewiss gut und freundlich gegen jeden und wunsche allen ein solches Lebensgluck, wie ich es erlangt habe, aber auch meine Erfahrung hat mich gelehrt, dass Missbundnisse nie zum Heile fuhren, und da es sich hier um das Los meines teuersten Anverwandten handelt, so stelle ich mich ganz auf die Seite des Oberamtmannes."
Die schone junge Frau sagte dies so feierlich, als hatte sie in ihrem zwanzigjahrigen Leben schon wenigstens hundert uble Erfahrungen von Missbundnissen vor Augen gehabt. Der Oberamtmann kusste ihr dankbar und geruhrt die Hand und der Diakonus schwieg.
Es war inzwischen im Nebenzimmer gedeckt worden und man setzte sich zu Tische. Auch der junge Gemahl hatte sich nach seiner Sperlingsjagd, die nicht sehr ergiebig gewesen war, zur Gesellschaft gefunden und nur Lisbeth fehlte. Der Diakonus suchte, so gut es ihm gelingen wollte, der vorhergegangenen Szenen ungeachtet den beredten Wirt zu machen. Es gluckte ihm aber nicht ganz, denn seine Seele war abwesend und in Bekummernis bei dem Paare, uber dessen Haupter sich nach manchem Leiden noch zuletzt so schwere Wolken anhauften.
Die ganze Gesellschaft war eigentlich verstimmt und redete wenig. Der Oberamtmann fuhlte die Schwierigkeit seiner Aufgabe, zwei Herzen zu trennen, die einen geistlichen Beistand hatten, und dachte uber die Mittel nach, diesem Einflusse entgegenzuarbeiten. Zwischen dem jungen Ehepaare aber hatte sich der erste Streit erhoben und zwar auch uber das Liebespaar. Der Gemahl war namlich nach seiner Ruckkehr von dem Windbuchsenvergnugen unterrichtet worden, dass der Vetter hergestellt sei, und hatte, als er seine Gemahlin von dem Spaziergange heimkommend gesprochen, ihr in aller Freundlichkeit aber mit bestimmtem Tone den Entschluss eroffnet, nunmehr abreisen zu wollen, da sie unmoglich jetzt noch eine Sorge um Oswald mit auf die Reise nehmen konne. Schon dass er so bestimmt sprach, regte ihren Widerspruch auf und sie fuhlte wohl, dass wenn sie den Anfangen solcher Emanzipation nicht entgegentrete, es leicht um die ganze Zukunft ihres Regiments geschehen sein durfte. Sie erklarte daher ebenso bestimmt, dass sie noch bleiben und so lange bleiben werde, bis sie ihren geliebtesten Anverwandten von einem schlimmeren Ubel befreit sehe, als dem Blutsturze, namlich von seinem verkehrten Heiratsvorsatze. Der Oberamtmann fasse alles zu rauh an, sie als Frau wisse allein in solcher Verwickelung das Richtige zu treffen und den Knauel mit Feinheit zu entwirren. "Du kennst meine Festigkeit, Edmund", sagte sie zuletzt; "ich bin ganz fest in dieser Sache, zu deren Behandlung mich der Himmel selbst offenbar hieher hat kommen lassen, also stehe ab von dem Vorsatze, mich nach deinen Wunschen bewegen zu wollen." Er erwiderte ihr darauf hoflich, dass er an ihrer Festigkeit nie gezweifelt habe, dass sie ihm aber unter solchen Umstanden verzeihen moge, wenn er, solange ihr Geschaft hier daure, einen Besuch bei seinem Oheim im Osnabruckschen abstatte, denn an diesem elenden Orte konne er es nicht langer aushalten.
So endete demnach der susse Friede der Flitterwochen und es war noch keine Versohnung erfolgt, als man sich zu Tische setzte. Gemahl und Gemahlin sprachen daher auch nicht, sondern sahen stumm auf ihre Teller. Was endlich die Hausfrau betrifft, so hatte diese wirklich das hochrote Antlitz und die glanzenden Augen, von welchen Clelia gesprochen hatte, und welche unwiderleglich anzeigen, dass eine Wirtin sich sehnt, wieder ungestort in ihrer stillen Hauslichkeit zu leben. Sie war die gastfreiste Frau von der Welt, aber die Einladungen des Diakonus, die von ihm ohne Rucksicht auf Raum und Grenzen des kleinen Hauswesens ausgegangen waren, hatten ihr eine Last aufgeburdet, unter welcher sich selbst der Sinn einer Baucis geheimen Missgefuhls nicht wurde haben enthalten konnen.
Man stand auf und wunschte einander gute Nacht. Vor dem Fortgehen sagte aber der Oberamtmann zum Diakonus: "Unbegreiflich ist es mir, wie Sie, Herr Pastor, die Partei eines Madchens nehmen konnen, welches, nach allen Anzeigen zu schliessen, eine sehr gefuhllose Seele hat."
"Gefuhllose Seele?"
"Ist sie, als sie von dem Unfalle ihres alten Pflegevaters horte, zu ihm geeilt, wie es einem dankbaren Kinde eignete? Hat sie sich nicht begnugt, zu fragen, ob er wohl aufgehoben sei? und als sie erfuhr, dass gute Leute sich seiner angenommen hatten, tat sie da etwas anderes, als ihm das Geld schicken, welches sie fur ihn verwahrte?"
"Herr Oberamtmann", versetzte der Diakonus, "die Lisbeth hat den Spruch im Herzen empfangen und ausgetragen: 'Du sollst Vater und Mutter verlassen und dem Manne anhangen.' Es tut wohl, endlich einmal auch auf eine Natur zu stossen, wenn man so viele Puppen gesehen hat. Ich habe da die Unterscheidungen und Bezeichnungen aufgestellt, welche, wie wir vernehmen, unser grosser Dichter von weiblichen Wesen zu gebrauchen pflegte. Mir will es so vorkommen als ob Goethe, wenn er noch lebte und die Lisbeth sahe, sie eine Natur nennen wurde." An diesem Abende ereignete sich, was hin und wieder in Liebesschicksalen vorkommt. Die Umherstehenden streiten gewaltig miteinander und regen eine wahre Ilias auf uber die Frage, ob zwei Menschen verbunden bleiben sollen oder nicht! und die Liebe ruht wahrend des Kampfes seitwarts unter Rosenbuschen in holder Eintracht. Lisbeth und Oswald wussten nicht, welche Schlachten um ihr Geschick ausgefochten wurden oder sich vorbereiteten. Lisbeth hatte eine heimliche liebliche Freude sich zugedacht. Sie pfluckte die schonsten Astern im Garten und wand sie zum Kranze. Mit dem Kranze schlich sie, als es dunkelte, leise an die Ture des Krankenzimmers, horchte dort klopfenden Herzens und pochte, als sie im Zimmer nicht reden horte, so sacht an, dass nur ein feines Gehor, wie es der alte Jochem besass, den fast unhorbaren Schall vernehmen konnte. Auch er kam in seinen Sokken an die Ture geschlichen und offnete sie ohne Gerausch.
"Wacht der Graf?" flusterte Lisbeth.
"Nein", versetzte ebenso leise der Alte. "Er schlummert im Lehnsessel, das Gesprach mit den beiden Herren hat ihn etwas matt gemacht. Kommen's nur herein!"
Kaum den Boden mit ihren Fusssohlen beruhrend schritt Lisbeth durch das Krankenzimmer. Im Lehnstuhle sass Oswald und schlief. Sein Antlitz war so weiss wie Marmor, er sah vornehmer und prachtiger aus als je. Die schone Stirn zeigte noch klarer als sonst die lichten, innigen Gedanken, welche hinter ihrer Wolbung wohnten. Leicht gerotet waren die vollen, gutmutigen Lippen, und um sie und um die reinen Wangen schwebte das friedlichste Lacheln. Er traumte vielleicht, und mochte wohl von seiner Liebe traumen. So sass er da, ein reizendes, hohes Junglingsbild; eine Mischung von siegfreudigem Apoll und schwarmendem gefuhlstrunkenem Bacchus, noch nie so klar in dieser seiner Grundform ausgepragt, als heute, wo die geschlossenen Wimpern allen Zugen etwas Festes und Ewiges gaben.
Lisbeth naherte sich dem Schlafenden und beugte sich uber sein Haupt. Aber sie ruhrte ihn nicht an und liess kaum ihren Atem um seine Wangen spielen, um ihn nicht aufzuwecken. Dann legte sie leicht und leise wie eine beschenkende Himmelsgestalt ihren schonen Kranz von roten, gelben und blauen Astern in seinen Schoss. Und dann setzte sie sich ihm gegenuber in einen Sessel und sah ihn, die Hande uber der Brust gekreuzt, lange an.
Nachdem sie so lange stumm gesessen, wendete sie ihr Antlitz. Der Alte stand ihr zur Seite und empfing ihren ersten Blick. Von diesem Blicke erschuttert, sank er leise auf das Knie und kusste ihre Hand.
Die Gnostiker erzahlen, dass die Engel einst eine unaussprechlich schone Gestalt fluchtig an sich voruberschweben sahen, die sie nachmals nie wieder erblickten, obgleich sie aonenlang mit heisser Sehnsucht einer zweiten Erscheinung harrten. Sie schufen dann endlich, sagen die Gnostiker, in Nacherinnerung an die Geschaute, ein schwaches Abbild jenes himmlischen Urbildes. Dieses Abbild war der Mensch. Es kann sein, dass in Lisbeths Zugen etwas von dem Ausdrucke der den Engeln einst erschienenen Schonheit schimmerte. Der Alte stammelte flusternd: "O liebe, liebe, junge gnadige Grafin."
Lisbeth errotete. "Warum nennst du mich immer schon so?" fragte sie leise.
"Weil ich mir Sie gar nicht als Liebste oder Braut denken kann, sondern Frau sind Sie, liebe Frau von meinem jungen Herrn, gar kein' Sehnsucht nicht und kein Verlangen, sondern schon ganz eins mit ihm und herzenseinig."
"Nun sage mir, wie geht es ihm und wovon hat er heute gesprochen?" fragte Lisbeth.
"Ach", sagte der Alte, "Kranke haben so ihre wehmutigen und zaghaften Stunden. Mein Herr sagte heut', das Gluck, was er mit Ihnen haben wurd', kam' ihm gar zu schon und herrlich vor, er konnt' nicht aussprechen, wie unsaglich lieb er Sie haben tat', und deshalb furchtete er, die wuste Welt wurd' sich drein legen zwischen ihn und sein Gluck, und der Damon wurde drauf treten "
"Damon sagte er wohl", sprach Lisbeth.
"Damon oder Damon, 's kommt alles auf eins heraus, er meinte aber gewiss den Teufel"; fuhr Jochem fort. "Er sagte diese trubseligen Sachen viel schoner und besser, als ich sie hervorbringen kann, indessen hatt' ich rechte Muh', ihm Trost einzusprechen."
Lisbeth nahm die Hand des Alten und lispelte: "Wenn er erwacht, so sage ihm, ich sei hier gewesen und habe mich an ihm gefreut. Sage ihm dann auch, er solle mir nicht ubelnehmen, besuche ich ihn morgen und auch vielleicht noch ubermorgen nicht, denn ganz gesund musse er erst sein, wenn er mich sehen solle, und ich sei ohnedies doch immer und ewig bei ihm." Tief atmend, aber so leise, dass der Alte sein Ohr ihren Lippen nahern musste, setzte sie hinzu: "Und weiter sollst du ihm sagen, er musse sich nicht vor der Welt und dem Damon furchten, denn er sei mein Oswald und ich sei seine Lisbeth, und die Welt und der Damon hatten keine Macht uber zwei Menschen, die einander von Grund des Herzens gut seien. Er solle nur ganz getrost an mich denken, denn ich sei Er, und er sei Ich, und wir seien Eins, und zwischen uns konne nichts kommen."
"Werd' alles genau ausrichten und bestellen", antwortete der Alte. "Und 's ist gut, dass mein Herr es nicht von Ihnen hort, denn mit Ihrer Stimm' und dem ganzen Ton vorgetragen, mocht's ihn doch unruhig machen und der Brust noch schaden. Aber wenn ich's ihm in meiner groben Manier erst zuricht' und hinterbring', so uberwindet er's schon eher."
Lisbeth erhob sich und ging. Bald nachher erwachte Oswald und horte vom Alten, welche liebliche Zuversicht seinem Schlummer nahe gewesen sei.
Viertes Kapitel
Die Leiden einer jungen Strohwitwe
Indessen schien wirklich die idyllische Liebe bei ihrem Zusammentreffen mit der Aussenwelt bosen Geschicken entgegenzugehen. Denn der Oberamtmann wiederholte am folgenden Tage in einem zweiten ruhigeren Gesprache dem Diakonus seine unerschutterlichen Vorsatze. Die schone Clelia, welche bei der hochsten Gutmutigkeit doch alle Meinungen einer vornehm erzogenen Dame hegte, sprach wahrend einer Morgenunterhaltung ihm ebenfalls wieder ihre Uberzeugung gegen ein Ehebundnis aus.
Seine Seele war bekummert und erschuttert. Auf der Seite der Gegner stand die Vernunft mit hundert Grunden in Reihe und Glied, und er war selbst ein zu ruhiger und besonnener Mann, als dass er nicht insgeheim mancher Stimme im feindlichen Lager beigefallen ware. Das zerschnitt ihm aber das Herz, welches den beiden Liebenden mit Innigkeit zugetan war und sich schon an der Aussicht geweidet hatte, durch sie die Anschauung eines seltenen Gluckes zu gewinnen. Indessen hatte er nur noch wenig Hoffnung darauf, denn er meinte auch wie jeder dritte Zeuge eines Verhaltnisses, dass keine Leidenschaft den Angriffen des Verstandes auf die Lange gewachsen sei. So befurchtete er denn von der Herstellung Oswalds nichts als Einbusse, tiefes Leid und Zerstorung.
Die schone Clelia hatte ubrigens beim Erwachen eine unerwartete Nachricht empfangen. Als sie namlich in das Morgengewand geschlupft war und sich nach ihrem Gemahle erkundigte, brachte ihr Fancy ein Billett von ihm, aus dem sie sah, dass er wirklich in der Nacht Extrapost genommen hatte und zum Besuche bei dem Oheim im Osnabruckschen abgereiset war. Das Billett sagte ihr das zartlichste Lebewohl, sagte ihr, dass er ihren Morgenschlummer nicht habe storen wollen und sprach den empfundensten Wunsch aus, dass eine baldige Schlichtung der Verwirrung, wie sie sich dieselbe vorgenommen, die Dauer dieser ersten ihm so schmerzlichen Trennung abkurzen moge. Selbst eine Locke von seinem Haare hatte er beigelegt, Nachschrift uber Nachschrift hinzugefugt und eine Stelle im Briefe bezeichnet, welcher von ihm ein Kuss aufgedruckt worden sei, wie er sagte.
Nachdem die schone Verlassene diesen Brief gelesen hatte, schwieg sie eine Zeitlang und sah das feine rosenrote Papier so an, als ob es die Absage einer Soiree bei dem Fursten, wie er nun heissen mochte, enthalte, auf welche sich die ganze feine Welt Wiens schon seit vierzehn Tagen gefreut hatte. Fancy musste sie erinnern, dass die Schokolade kalt werde; sie versetzte, dass sie keinen Appetit habe und befahl dem Madchen, die Tasse wegzutragen. Fancy gehorchte.
Sie sass hierauf etwa eine Viertelstunde im Sofa und stutzte das Haupt gedankenvoll auf den schonen Arm. Dann ging sie eine halbe Stunde im Zimmer auf und nieder und dann klingelte sie. Fancy kam. Ihre Gebieterin stand mitten im Zimmer und sagte zu der Jungfer, die zugleich Schatzmeisterin und Vertraute war: "Fancy, es freut mich, dass mein Mann so fest ist. Ich bin fest, er ist fest, dieses gegenseitige Festsein verburgt mir eine geordnete Zukunft. Nichts Unangenehmeres als zwei Gatten, die einander mit weichen Nachgiebigkeiten qualen. Jeder muss seinen Willen haben und den durchzufuhren wissen, dann findet man sich gegenseitig zurecht und es entsteht ein heiterer geregelter Lebensgang. Es freut mich, dass mein Mann abgereist ist."
"Warum sollten Sie sich auch daruber nicht freuen, gnadige Frau?" erwiderte Fancy, die der Gebieterin nie widersprach.
"Ich werde ungestorter, in grosserer Ruhe meine Aufgabe hier losen, die ich mir gestellt habe, so allein und fur mich", sagte Clelia.
Fancy erwiderte hierauf nichts, sondern nickte nur zuversichtlich beistimmend mit dem Kopfe. "Aber dennoch bleibt es auffallend", fing die Baronesse nach einer Pause an, "dass mein Mann abreisen konnte."
"Auffallend bleibt es allerdings", sagte Fancy. "Unterhalte mich", sprach Clelia. Fancy unterhielt hierauf die Gebieterin so gut sie konnte und erzahlte ihr von allen Bekanntschaften, die sie rasch nach Art der Kammerjungfern im Stadtchen gemacht hatte; von der Frau des Steuereinnehmers, von der Tochter eines Assistenten und auch vom Kuster, der ihr mit seiner barocken Weise aufgefallen war, und uber den sie bei der und der Gelegenheit herzlich hatte lachen mussen, so komisch war sein Betragen gewesen.
Der Stoff dieser Mitteilungen hatte sich noch lange nicht erschopft, als die Dame sie unterbrach und sie um Gottes willen bat aufzuhoren mit dem albernen Zeuge von Steuereinnehmerfrauen und Assistententochtern und Kustern, denn sie habe entsetzliches Kopfweh. Fancy verstummte auf der Stelle, holte Kolnisches Wasser und rieb ihrer leidenden Herrin die Schlafe damit ein. "Du bist ein gutes Madchen, Fancy", sagte Clelia sanft wahrend dieser Muhwaltung zu der Dienerin, "aber sehr langweilig kannst du mitunter sein."
"Gnadige Frau", antwortete Fancy schuchtern und doch mit einem gewissen Pathos, "all mein Verdienst ist, Ihnen treu zu sein und Ihnen zu gehorchen wie eine Sklavin. Unterhaltung kann freilich ein so beschranktes Madchen, wie ich bin, nicht haben."
Clelia liess sich darauf bei ihrem Vetter anmelden. Die Begrussung beider Verwandten war sehr liebevoll, denn sie waren einander gut wie Bruder und Schwester. Dennoch empfand Clelia nach den ersten Reden einen gewissen Zwang, denn sie war sich ja geheimer Absichten gegen seine Wunsche bewusst. Sie kurzte daher den Besuch unter dem Vorwande, dass viel Sprechen ihm noch schadlich sein mochte, ab. Dann hatte sie die Unterredung mit dem Diakonus. Darauf wollte sie die Hausfrau sprechen, aber diese hatte in ihrer Wirtschaft die Hande voll zu tun. Sie verlangte daher nach dem Oberamtmanne. Der war jedoch auf dem Gerichte und sprach mit einem Beamten uber Dienstsachen. Nun begehrte sie wieder den Diakonus zu sprechen, welcher sich indessen zu einer Synode hinbegeben hatte.
Die Toilettenstunde war hieruber herangekommen, und diese gab nun einige Zerstreuung. Wahrend Fancy das Haar ihrer Dame ordnete, erfuhr sie das Projekt, welches diese beschaftigte. Sie fasste ihre eigenen verschwiegenen Gedanken. Diese halten wir uns nicht fur berechtigt zu offenbaren, denn auch gegen Kammerjungfern soll man diskret sein. Nur so viel: Wie alle ihre Schwestern war Fancy eine geschworene Freundin von Mesalliancen. Zwar hatte sie auf Lisbeth neidisch sein durfen, dagegen aber stritt ihr Gemut. Bei aller Schlauheit hatte das Madchen ein dankbares Herz. Der junge Graf Oswald hatte einst ihrem alten invaliden Vater eine Versorgung als Kastellan ausgemacht, ihn dadurch vom Hungertode gerettet. "Man muss hubsch erkenntlich sein", dachte Fancy und entwarf ihren Soubrettenplan.
Sie legte etwas boshaft das schone, noch nie getragene blaue Mousseline-de-Laine-Kleid heraus und kleidete uberhaupt ihre Herrin heute mit besonderer Sorgfalt. Als Clelia sich im Spiegel so schon geschmuckt sah, seufzte sie und sagte: "Schade, dass man das fur die Tauben und Sperlinge im Hofe angezogen hat."
"Recht schade!" versetzte Fancy. "Der Herr hatten sich so sehr darauf gefreut die gnadige Frau in dem neuen Kleide zu sehen."
"Nun, es wird ja hier keine Ewigkeit wahren", warf die schone Frau leicht hin.
"Die Ewigkeit ist lang", versetzte die gefallige und nachgiebige Fancy. "Nein, eine Ewigkeit wird es wohl nicht wahren."
Nach Tische (sie speiste nur mit der Hausfrau, denn die Manner hatten absagen lassen, und das Mahl war deshalb etwas einsilbig, wie alle Diners zweier Damen und von sehr kurzer Dauer) liess die junge Baronesse ihre Uhr repetieren und sagte: "Halb drei. Das wird ein langer Nachmittag werden." Sie las etwas, aber das Buch zog sie nicht an, dann sang sie etwas zur Gitarre, aber sie horte bald auf, denn sie behauptete, heiser zu sein. "Fancy, meine Crespine!" rief sie. Fancy brachte die schwarzseidene Crespine. Clelia ging etwas in den Garten, aber die Mucken schwarmten ihr dort zu wild, und deshalb kehrte sie bald wieder in ihr Zimmer zuruck.
"Wenn mein Vetter erfahrt, welcher Langenweile ich mich um sein wahres Heil ausgesetzt habe, so musste er der undankbarste Mensch sein, sagte er mir nicht zeitlebens Dank", sprach sie zu Fancy, die ihr die Crespine abgenommen hatte und in den verknitterten Spitzen um den vollen Nacken Ordnung stiftete.
"Er musste der undankbarste Mensch sein", erwiderte Fancy.
Sie nahm Stramin zur Hand und fing etwas an zu sticken. Inzwischen war der Oberamtmann zuruckgekommen und liess anfragen, ob er aufwarten durfe. In der Durre dieses Tages erschien ihr der Geschaftsmann wie ein Retter aus der Not; gern wurde er angenommen. Als er seine verehrte Schone in dem neuen, reizenden Anzuge sah, begannen seine Augen wacker zu werden, er sah ganz verklart aus. Das Sticken aus freier Hand schien ihr einige Beschwerde zu verursachen. Er fragte sie lebhaft, ob er ihr den Stramin halten durfe. Sie bejahte im schmeichelndsten Tone. Mit leuchtenden Blicken setzte sich nun der Oberamtmann zum Dienste der Galanterie auf ein Fussbankchen zu den Fussen der jungen Dame nieder, nahm den Stramin fest in seine beiden Hande und sah so ernsthaft auf die Rosen, die unter Clelias Nadel entstanden, als habe er ein Todesurteil vor Augen. Auch Clelia stickte eifrig, als arbeite sie um das tagliche Brot, und Fancy sass im Fenster, mit einer Beeiferung ohnegleichen nahend.
Die Spannung der nachsten Augenblicke war nicht gering. Endlich fragte Clelia ihren grauen Verehrer, wie er die Sache mit dem Vetter anzugreifen gedenke? worauf er ihr ungefahr die namliche Auskunft gab wie dem Diakonus. Clelia fuhr aber heftig auf und erklarte, dass sie ein solches Verfahren durchaus nicht zugeben werde, dass das ein rauhes und unmenschliches Verfahren sei, welches ohnehin nicht einmal einen gunstigen Erfolg zusichere, weil die Liebe durch so unmittelbaren Widerspruch nur wachse, und was dergleichen mehr war, geeignet, den ganzen Plan des Oberamtmanns umzuwerfen. Sie hatte den Stramin aus ihren Handen entlassen und der Oberamtmann hielt ihn sonach besturzt und gedankenlos allein in den seinigen.
"Aber mein Gott", sagte er traurig, "was wollen Sie denn, dass geschehen soll?"
"Daruber habe ich meinen Entschluss gefasst", erwiderte Clelia ernst. "Er ist auf die Kenntnis des weiblichen Herzens gegrundet. Kurz, wenn ich irgend etwas auf Sie vermag, wenn Sie wirklich mir in dem Masse vertrauen, wie es den Anschein hat, so uberlassen Sie mir die Leitung der Sache, denn von solchen Dingen begreift ihr Manner uberhaupt nichts."
Der Geschaftsmann wollte Widerspruch erheben, aber sie sah ihn so bestimmt an, er furchtete so sehr von ihr verabschiedet zu werden, sie kam ihn heute in dem blauen Mousseline-de-Laine-Kleide reizender als je vor, er hatte sich so glucklich gefuhlt, als er ihr den Stramin gehalten genug, er gab wehmutig und kleinlaut nach. Unter der Ture aber wendete er sich nochmals um, ging zu ihr, fasste ihre beiden Hande, druckte sie gegen seine Brust, seufzte und sagte: "Das ganze Geschick unseres Freundes steht auf dem Spiele. Nur Kalte und Konsequenz kann ihn retten. Wird Ihnen Ihre weibliche Gutmutigkeit nicht einen Streich spielen? Wenn sich nun Stohnen und Wehklagen erhebt, werden Sie dann standhalten?"
"Daruber sein Sie ganz ruhig", versetzte Clelia. "Fancy, du kennst meine Festigkeit."
"Ich kenne die Festigkeit der gnadigen Frau", sagte Fancy.
Nach der Entfernung des Oberamtmanns fragte die Baronesse ihre Zofe: ob sie wohl ihren Plan errate? Die Zofe versetzte, dass sie ein zu dummes Madchen sei, um so kluge Plane erraten zu konnen. "Ich werde", sagte darauf die Baronesse, indem sie sich von Fancy die seidenen Schuhe, welche sie etwas druckten, ausziehen liess und ihre kleinen Fusse in rote goldgestickte Pantoffelchen steckte, "ich werde auf weibliche Art die Sache ordnen, Fancy."
Sie nahm eine gefallige Lage auf dem Sofa an. Fancy setzte sich auf das Bankchen des Oberamtmanns zu ihren Fussen, sah ihr demutig in das Gesicht und erwiderte: "Gnadige Frau, Sie konnen gar nichts anderes sein, als das edelste weibliche Wesen."
"Meinst du?" versetzte die Gebieterin lachelnd und streichelte ihrer ergebenen Jungfer die Wange. "Nun hore meinen Plan. Nach allem, was ich von der Lisbeth hore, ist sie ein gutes und braves Madchen. Solche Gemuter leben nur im Glucke ihres Freundes und entsagen dem eigenen, wenn man ihnen klarmacht, dass sie das Ungluck des zweiten werden konnen. Ich will auf das Gemut des Madchens mit allen Grunden wirken und bringe es ohne Zweifel dahin, dass sie in meine Hande ihre Liebe und meines Vetters Wort zuruckgibt. Entsagen soll sie, entsagen wird sie, dann werde ich sie weit weg zu entfernen wissen. Tot muss sie fur Oswald sein, ich aber sorge, wie sich von selbst versteht, zeitlebens als Mutter fur sie. Nur die schlechte, unwahre Liebe will um jeden Preis den Besitz des Geliebten; die reine, wahre weiss sich selbst freudig zu opfern", setzte Clelia begeistert hinzu, indem sie sich von Fancy einen Handspiegel vorhalten liess, weil sie fuhlte, dass eine Locke heruntergefallen war, die wieder aufgesteckt werden musste.
Fancy ergoss sich in Versicherungen, dass diejenige ein elendes Madchen sein musse, welche nicht willig auf den Geliebten verzichte, sobald seine Lebensruhe davon abhange, und Clelia fuhr fort: "Sehen aber darf ich sie nicht vor der entscheidenden Unterredung, denn meine ganze Festigkeit muss ich allerdings fur diesen Hauptschlag zusammenhalten und keinem unzeitigen Mitleid mich aussetzen."
"Nein!" rief Fancy eifrig, "nein, sehen durfen Sie sie durchaus nicht. Denn dann konnten Sie weich werden, Ihre Grunde wurden sich vielleicht, sozusagen, zerbrockeln, und das Madchen mochte Sie gewinnen und alles ware verloren. Wenn Sie aber plotzlich mit aller Ihrer Klugheit bewaffnet, sie kommen lassen, gnadige Frau, dann wollte ich doch wohl einmal diejenige sehen, die Ihnen widerstehen konnte. So wie Sie sich die Sache ausgedacht haben, muss sie gelingen und mich dauert nur die arme Lisbeth, die um den schonen Grafen kommt, denn ich, gnadige Frau, bin freilich nicht so fest wie Sie, sondern nur ein einfaltiges, weichherziges Madchen."
Nach diesen Vorfallen verging der Abend der jungen Dame in einer gewissen stillen Erhebung. Die Nacht war jedoch unruhig, und die Bewohner des Hauses wurden durch mehrmaliges Schellen in dem Zimmer der Baronesse aus ihrem besten Schlummer geweckt. Clelia schellte nach ihrer Jungfer deshalb so oft, weil sie durchaus nicht schlafen konnte. Sie gab ihrem Lager die Schuld, welches Fancy ganz abscheulich gemacht habe, liess von ihr die Kissen anders legen, da das nicht helfen wollte, die Decken besser ordnen, und als auch die besser geordneten Decken keinen Schlaf bringen wollten, die Matratze wenden.
So wurde Fancy geschellt, entlassen, wieder geschellt, wieder entlassen. Fancy, der ihr Gewissen in betreff des Lagers nicht das mindeste vorwarf, ertrug gleichwohl schweigend die Verweise der Herrin, oder schalt sich auch selbst einmal wegen ihrer Nachlassigkeit, und legte, ordnete, wendete mit der Geduld einer Heiligen die Bestandteile des so ungerecht verklagten Lagers. Aber es half alles nichts und gegen Morgen bekam Clelia einen Anfall von Krampfen. Fancy pflegte die arme Kranke mit Essigather und Orangenblutentee, den sie sogleich rasch und still zu bereiten wusste, treulichst. Das Ubel losete sich auch, und unter Tranen, welche die beklommene Brust erleichterten, machte Clelia am Busen ihrer Vertrauten dem verhaltenen Schmerze Luft. Sie weinte sehr und klagte uber ihren Gemahl, der sie so herzlos habe verlassen konnen, sie furchte, sagte sie, dass er sie doch nicht so liebe, wie sie gedacht, sie nannte sich endlich schluchzend eine arme, aufgegebene schutzlose Frau. Fancy notigte ihr so viel Orangenblutentee ein, wie nur moglich, und schalt dabei auf das ganze mannliche Geschlecht, von dem sie behauptete, dass es im allgemeinen nichts tauge und nur zum Verderben der Frauen erschaffen sei. Der gnadige Herr mache denn leider auch keine Ausnahme, sagte sie und das Ubelste sei, dass sich, wenn er fest dabei verbleibe, seinen Oheim im Osnabruckschen so lange zu besuchen, als die gnadige Frau hier Geschafte habe, gar kein Ende des verzweiflungsvollen Zustandes absehen lasse.
Am anderen Tage war Clelia sehr leidend und medizinierte. Ihr Befinden besserte sich nicht, als sie vernahm, dass Lisbeth in der Fruhe auf eine halbe Woche zu ihrem alten Pfleger verreiset sei, den sie nun, da sie uber Oswald ganz ruhig geworden war, wiederzusehen verlangte. Sie hatte sich ausserdem zu dieser Reise deshalb bestimmt, weil sie jede Versuchung meiden wollte, den Geliebten durch ihre Gegenwart jetzt, wo er sanft und allmahlich in das Leben zuruckkehren sollte, aufzuregen.
Funftes Kapitel
Worin der Hofschulze seine letzte Rede uber
allerhand wichtige Gegenstande halt
An einem der nachsten Tage ging der Diakonus auf das Gerichtshaus, wo er als Zeuge vernommen werden sollte. Mehrere Menschen, die gleich ihm hinbeschieden worden waren, standen unten vor der Ture, und andere sprachen mit ihnen uber den Gegenstand, der vor einigen Wochen die grosste Verwunderung im Stadtchen erregt hatte, dann den Leuten aus dem Sinne gekommen war und nun, als das Gericht die Sache wieder aufnahm, von neuem zu reden gab.
Die Zeugen sollten uber den Patriotenkaspar und den Oberhof verhort werden. Der Oberamtmann war namlich an jenem Tage, wo er den Einaugigen traf, uber den Fall ins klare und mit einer protokollarischen Darstellung desselben zustande gekommen. Auch er uberzeugte sich zwar, dass die Sache verjahrt sei, gleichwohl meinte er, sie habe eine solche Gestalt, dass wenigstens das Tatsachliche in aller Form Rechtens festgestellt werden musse. Der Amtseifer des Geschaftsmannes wurde selbst durch den traurigen Zwischenfall mit seinem jungen Freunde nicht von dieser Bahn abgeleitet. Er trug daher, was er geschrieben, zu dem Vorstande des Gerichts, gab die notigen Erlauterungen dazu und das Gericht ging ebenfalls in die Ansicht ein, dass ein gestandiger Morder wenn auch von noch so alter Zeit her, wenigstens vorderhand nicht auf freien Fussen stehen und unverhort bleiben durfe.
Man schritt daher gegen den Patriotenkaspar zur Verhaftung. Dieser hielt von dem Leiterwagen herunter, auf dem man ihn einbrachte, Reden an das Volk, verfluchte die Gerichte von seinesgleichen und pries die Gerichte des Konigs, vor denen er nunmehr seine alte Schuld abbussen wolle. Zugleich beruhmte er sich des Torts, den er seinem Todfeinde angetan. Das Gericht wollte sich indessen auch nicht so ohne weiteres mit einer vielleicht nachher getadelten Arbeit belasten, fragte daher hoheren Ortes an, von da geschah eine Ruckfrage noch weiter hinauf und die Bescheidung erfolgte erst nach mehreren Wochen. Sie ging dahin, dass allerdings, um die Sache aufzuklaren, die notigen Vernehmungen geschehen sollten.
Gerade kurz vor den Tagen, von welchen hier die Rede ist, war jene Bescheidung eingetroffen.
Besichtigungen wurden daher vorgenommen, Zeugen abgehort und diese Dinge brachten die Angelegenheit wieder in das Gedachtnis der Menschen zuruck. Die sonderbare Art von Macht, welche der Hofschulze ausgeubt, kam zur Sprache, der einaugige Frevler hatte kein Hehl, dass er seinem Feinde das Schwert an einen verborgenen Ort weggetan habe und obgleich dieser Tatumstand kaum ein Verbrechen, sondern mehr nur einen Mutwillen darstellte, so war er es doch gerade, und was mit ihm zusammenhing, wodurch die Leute am meisten beschaftigt wurden. Man verwunderte sich, dass ein Uraltes, langst Verschollenes sich wie eine unabhangige Macht im Staate hatte hinstellen konnen.
Auch der Name des Diakonus geriet auf die Zeugenliste. Die Untersuchung ruhte in den Handen eines Richters, der sich viel mit historischen Studien beschaftigte, und diese fanden hier reichliche Nahrung. Er machte daher die Sache wohl weitlauftiger, als sie streng genommen zu werden brauchte, und horte jeden ab, der einigen Aufschluss uber das Wesen des Oberhofes und das Treiben seines Besitzers zu geben vermochte. Deshalb hatte er denn den Diakonus gleichfalls vorladen lassen, weil dieser, wie bekannt war, viel mit dem Hofschulzen verkehrte, obgleich er von dem eigentlichen Gegenstande der Nachforschungen nicht das mindeste wusste.
Man liess den Diakonus seines Standes wegen nicht im Zeugenzimmer warten, sondern berief ihn sofort in die Verhorstube. Dort wohnte er einem sonderbaren Auftritte bei. An den Schranken stand der einaugige Morder und in einer Ecke sass der Hofschulze, uber dessen verfallenes Aussehen der Diakonus erschrak. Der Morder stand ganz strack da und sein reicher Feind sass in zusammengekrummter Haltung. "Noch einmal fordere ich Euch auf", sagte der Richter zum Patriotenkaspar, "mir zu entdecken, wohin Ihr das Schwert getan habt; bedenkt, dass Ihr durch hartnackiges Verleugnen Euer Schicksal erschwert. Hofschulze, sagt ihm ins Gesicht, dass Ihr Euer ganzes Haus danach vergeblich durchsucht habt, dass es also nicht im Oberhofe liegen konne."
"Wenn der Mensch keine Hexenmeisterkunste ausgeubt und es in einen Balken inwendig hineingehext hat, so liegt es draussen irgendwo und der Bosewicht muss wissen, wo es liegt", sagte der Hofschulze, indem er einen Blick des grimmigsten Zornes auf den Entwender warf.
Der Einaugige, der mehr seinen Feind im Auge behielt, als den Richter, versetzte: "Und dennoch liegt es im Oberhofe, Hofschulze, aber finden werdet Ihr es schwerlich, wenn Ihr nicht das ganze Haus von Grund aus umreisst. Und das ist eben meine Freude, dass Ihr das wissen sollt, und daran vergehen, dass es Euch so nahe ist und dennoch verborgen bleibt. Mein Schicksal weiss ich. Daumenschrauben und Leiter gelten nicht mehr; Ihr konnt mich also hochstens langer sitzen lassen, Herr Richter, und das mogt Ihr tun, denn ich schweige und werde schweigen, musste ich auch hundert Jahre absitzen. Wo das Schwert liegt, diese Sache geht mit mir in die Grube."
Der Richter, welcher gar zu gern das alte Schwert gesehen hatte, fuhr den hartnackigen Verleugner heftig an, der Hofschulze aber richtete sich auf, unterbrach ihn und sagte mit plotzlicher Hoheit: "Lasset es gut sein, Herr Richter, wenn meine Bitte etwas gilt, denn ich habe mich besonnen und dieser Bosewicht wird nichts verraten. Ich werde mich ohne das Schwert zu behelfen wissen."
Der Richter liess den Patriotenkaspar abfuhren. "Seid nun so gut", sagte der Hofschulze, "die Sachen von mir aufzunehmen, die mit den anderen Dingen stimmen, welche bereits von mir geschrieben stehen."
Der Richter schien etwas in Verlegenheit zu geraten und erwiderte: "Das gehort ja nicht zur Sache und ich muss uberhaupt erst den Herrn Diakonus vernehmen." Dessen Verhor war kurz, es drehte sich eigentlich um nichts. Der Hofschulze wartete ruhig die Beendigung ab; dann wiederholte er seine fruhere Bitte. "Soweit ich Euch im allgemeinen verstanden habe", sagte der Richter, "wollt Ihr Sachen aufgeschrieben wissen, die sich nicht ziemen."
"Nicht ziemen!" rief der Hofschulze mit erhohter Stimme. "Ich habe Euch auf alle Fragen nach der Heimlichkeit und wie ich sie verwaltet, Rede gestanden, und nun verlange ich auch mit der Manier, dass meine Auskunfte und Zusatze gehorig dazugetan werden, und soweit mir die Rechte bekannt sind, durft Ihr mir die Zunge nicht stumm machen."
"Nun denn", rief der Richter halb angstlich halb argerlich seinem Schreiber zu, "zeichnen Sie auf, was der Alte sagt."
"Ja, alt bin ich, und alt ward ich in Ehren", versetzte der Hofschulze gelassen. Der Diakonus wollte gehen. "Nein, bleiben Sie, Herr Diakonus", sagte der Hofschulze, "es ist mir gar sehr lieb, dass Sie zufallig hier sind, denn ich astimiere Sie als einen frommen und gelehrten Mann von Herzen, und es kann mir nicht schaden, wenn auch Sie meiner Art und Manier Zeugenschaft geben. Herr Skribent", sagte er zu dem Schreiber so gebietend, als habe er an Gerichtsstelle zu befehlen, "schreibet genau auf, was ich zu wissen tue.
Herr Richter, ich mag mit meinem Schwerte und mit der Heimlichkeit am Stuhl wohl wie ein Narr da in den Schriften stehen, und Possen, wenn mir recht ist, nannte der junge vornehme Herr, an dem ich mich in meiner Angst vergreifen wollte, die Sachen, woran mein Herz gehangen hat. Ich will aber jetzt explizieren, was vor eine Bewandtnis es mit diesen Possen gehabt hat. Allerhand habe ich erlebt in der Bauerschaft, Friedenszeiten und Kriegeslaufte und Hagelschlag, Uberschwemmung, gute Ernte und Misswachs und Viehsterben. Nun sah ich denn, seitdem ich in die Jahre getreten war, wo das Menschenkind anfangt nachzudenken, dass hin und her die Herren kamen, die sich auf die Schreiberei verstehen und auf das Besserwissen als die Leute, welche die Sache angeht, und die kuckten nach, wenn alles geschehen war, das Korn niedergetreten und das Vieh in den letzten Zugen lag und die Wasser wieder im Ablaufen sich befanden. Hatte aber gar der Feind geplundert und ravagiert, da kamen sie vollends erst lange darnach und notierten sich's auf, denn wahrend der Gefahr war meistens keiner der Herren zu finden.
Die Herren taten dann ordinieren, wie alles wieder in Richtigkeit zu bringen sei, mehrestenteils aber sagten sie Sachen des Sinnes und Verstandes, dass wenn der Hagel nicht gefallen ware, so hatte sich das Korn nicht umgelegt und ohne die Lungenfaule mussten die Kuhe noch am Leben sein. Unterweilen wurde auch wohl einiges Geld geschickt, es kam aber selten an den Rechten, und im ganzen rappelten diejenigen sich am besten wieder heraus, welche nicht auf die Hulfe der Herren da draussen warteten, sondern sich selber halfen, wohingegen ich manche Menschen habe ganz herunterkommen sehen, die immerdar bei jedem Unfall meinten, es musse nun von da draussen ihnen das Malheur gutgemacht werden.
Erstaunend absonderlich aber war eine Sache. Mitunter machte ein Herr von der Schreiberei unter uns Bauern Dinge, woruber wir lachen mussten und dann traf es sich wohl, dass ein solcher Herr ein paar Jahre darauf von weither mit vier Pferden durch die Bauerschaft gefahren kam und hatte eine Miene, als habe er bei Erschaffung der Welt mitgeholfen und allerhand bunte Bander vorne am Rocke.
Dieses alles nun in meinen einfaltigen Gedanken betrachtend, vermeinte ich letztlich, dass die Herren von der Schreiberei da draussen uns Bauern eigentlich wenig hulfen, und das auch eigentlich nicht wollten, sondern nur schreiben und sich nach und nach in die Wagen mit vier Pferden hineinschreiben. Und Gott verzeihe mir die schwere Sunde, einstmalen, als ich bei einem Rubsenfelde vorbeiging, worinnen die Pfeifer waren, so fielen mir die Herren ein und wusste nicht, wie das geschah. Nun auf der anderen Seite hatte ich meine Reflexion, wie das Wesen in der Welt so eigentlich bestellt sei. Da dachte ich (denn ich habe immer in meinem Leben Nachgedanken gehabt) dass ein ordentlicher Mensche schon durchkommt, der auf Wind und Wetter achtet, und auf seine Fusse schaut und in seine Hande und sich mit seinen Nachbarn getreulich zusammenhalt.
Sehet, ihr Herren, darauf kommt es mehrestenteils nur an. Und nach diesem gewohnte ich mir selbst zuerst die Gedanken nach Hulfe von draussen ab, zahlte meine Steuern und trug meine Lasten, im ubrigen aber hielt ich mich vor mich und liess es mir lieber, wenn ein Malheur passierte, etwas saurer werden, als dass ich die Herren da draussen um Beistand angesprochen hatte. Hernacher gewohnte ich es auch den Leuten um mich herum ab. Sie nahmen an mir ein Exempel, und so taten wir Nachbarn uns allmahlich zusammen, sprangen einander bei, ordinierten unser Wesen fur uns, und kam von vielen Sachen, um die sie andererorten ein grosses Hallo erheben, nichts uber die Gemarkung hinaus. Und als der Mordhund da, der mir nun mein Schwert gestohlen hat, an meinem Sohne zum Missetater geworden war und zufalligerweise auch ungefahr um die namliche Zeit einer am Stuhle droben nach unserer alten Regel und wie der hergebrachte Orden ist, wissend gemacht werden sollte, kam es mir ein, diese alte heimliche Sache zu brauchen wider den Totschlager und es gluckte und ich setzte ihn aus dem Frieden, feimte ihn ins Elend hinein und machte ihn zum Zeichen vor Grossen und Kleinen, dass keiner unrecht tun durfe. Als aber die Sache erst einmal im Gang war, gelang sie immer besser; wenige Prozesse wurden in das Amt getragen, und die meisten Frevel gar nicht angezeigt, sondern machten die Scherereien unter uns ab. Denn uber Mein und Dein und wem die Mauer gehort und jener Wiesenstreifen, kann man schon selbst mit seinem Bauerverstande fertig werden. Wenn aber wo eingebrochen ist, so kennt fast immerdar das Dorf den Dieb, was freilich oft nicht strenge zu beweisen steht, wornach denn ein solcher angezeigter Spitzbube frech und zum Skandal ganz schandhaft umhergeht und sich seiner Beute wohl noch gar erfreut, die der Bestohlene nicht wiederkriegt. Handhabten also selber Recht und Gerechtigkeit in allem Frieden und konnte uns niemand darum anfassen, denn wir taten keinem was zuleide, sondern gingen nur nicht mit dem Ungerechten und Frevelhaften um, wenn wir ihn in die Feime gesetzt hatten; es entstand aber weit grossere Furcht dieserhalb unter den Leuten als vor Urtel und Gefangnis."
Die Rede des alten Bauern rauschte in ihren rohen und strudelnden Ausdrucken wie ein Waldbach daher, der uber Wurzeln, Knoten und Kiesel stromt. Er sprach ohne zu stocken. Der Richter wollte ihn unterbrechen, der Hofschulze aber sagte: "Ich bitte und ersuche Euch, Herr Richter, mich ganzlich aussprechen zu lassen, denn noch manches habe ich zu veroffenbaren. Herr Richter und Herr Diakonus, wenn wir so unser Wesen fur uns allein in Geschick brachten, so waren wir darum keine Unruhestifter und Tumultuanten. Denn hatten wir auch die Herren von der Schreiberei nicht ganz sonderlich in der Astimation, so schlug uns doch jederzeit das Herz, wenn wir an den Konig dachten. Ja, ja, gegenwartig schlagt mir mein Herze in meinem Leibe, da ich seinen Namen ausspreche. Denn der Konig, der Konig muss sein, und nicht ein Buchstabe darf abgenommen werden von seiner Macht und von seinem Ansehen und von seiner Majestat. Weil er namlich ist der oberste General und der allerhochste Richter und der gemeine Vormund. Denn es arrivieren freilich mitunter Sachen, darin man sich nicht selbst helfen kann und nicht zu raten weiss mit seinen Nachbarn. Da ist es dann Zeit, dass man den Konig anruft in der Not. Aber, wie ein ordentlicher Mensche dem lieben Gott nicht um jede Bagatelle Molesten macht, als zum Beispiel, wenn einem der kleine Finger wehe tut an der linken Hand: sondern wo die Kreatur nicht mehr aus noch ein weiss, da schreit sie zu ihm, also soll der Konig nicht angeschrieen werden um jeden Groschen, der mangelt, sondern in der rechten echten Not allein, und zu allen ubrigen Tagen soll man nur sein Herze erfreuen und erquicken an dem Konige; denn er ist das Abbild Gottes auf Erden. Zum Plasier ist uns hauptsachlich der Konig gesetzet und nicht zum Hans in allen Ecken. Aber wo nun der Geangstete und Bedrangte seinem Leibe keinen Rat mehr weiss, da tut er sich aufmachen und steckt Brot und sonstigen Mundproviant zu sich und tut viele Tage gehen. Und endlich stellt er sich an Ort und Stelle vor das Schloss und hebt sein Papier in die Hohe und dieses sieht der Konig und schickt einen Lakaien oder Heiducken, oder was fur Kramerei und Package er sonst um sich hat zu seiner Aufwartung, herunter, und lasst sich das Papier bringen und lieset es, und hilft, wenn er kann. Wenn er aber nicht hilft, so steht nicht zu helfen, und das weiss dann der arme Mensche, geht stille nach Hause und leidet seine Not wie Schwindsucht und Abnehmungskrankheit.
Sie sagen, er mache sich nichts aus den Leuten; dieses ist aber eine grobe Luge, denn er hat die Untertanen sehr gerne und behalt es nur bei sich, und ein recht gutes Herz hat er, wie es ein deutscher Potentate haben muss, und ein sehr prachtiges. Es ist erstaunlich und eine Verwunderung kommt einen an, wenn man die Manner, die davon wissen, hat erzahlen horen, wie er sich in der grausamen Not, als der Franzose im Lande hausete, sozusagen das Brot vor dem Munde abgebrochen hat, und hat seinen Prinzen und Prinzessinnen zu Geburtstagen und Weihnachten nur ganz erbarmliche Prasente gemacht, bloss, damit er den armen Untertanen, die ganz ausgesogen waren, nicht viel koste. Dieses segnet ihm nun der liebe Gott an seinen alten Tagen in Fulle, und er ist wieder recht in guten Umstanden und ganz wohlauf, und Gott erhalte ihn lange dabei! Und noch neulich hat er einem armen Menschen in unserer Nachbarschaft, den einer wegen Zinsen und Lasten mitten im Winter hatte vom Hofe herunter subhastieren lassen wollen, das Geld aus seiner Tasche gegeben, und wenn er kann, soll ihm der es wiedergeben, und wenn er nicht kann, so tut es auch nichts, hat der Konig gesagt.
Deshalb haben wir immer, mochten wir auch von vielen Geschichten um uns herum nichts wissen, wenn wir anstiessen, gerufen: 'Der Konig soll leben!'
Jetzt komme ich auf meine letzte Sprache, Herr Diakonus und Herr Richter. Wenn der Mensche bei sich fertig ist, so gehen seine Gedanken wandern mit den Wolken, die da ziehen, und mit den Lastwagen, die vorbeifahren uber den Hellweg. Und so gingen die meinigen auch mitunter uber Borde und Haarstrang hinaus und ich dachte, wenn nun da draussen sich auch jedermann so lernte auf sich verlassen und stellte sich zusammen mit seinesgleichen, der Burger mit dem Burger, der Kaufmann mit dem Kaufmann, der Gelahrte mit dem Gelahrten und auch der Edelmann mit dem Edelmanne, und machten ihre Sachen mehrenteils untereinander ab ohne die Herren von der Schreiberei draussen, so waren die Pfeifer aus der Rubsaat getan und es musste eine ganz herrliche und kostbare Wirtschaft geben. Denn die Menschen waren dann nicht wie die dummen Kinder, die immer schreien: 'Vater! Mutter!' wenn sie einen Augenblick alleine sind, sondern gleichsam ein Furst ware jeder bei sich zu Hause und mit seinesgleichen. Dann ware auch erst der Konig ein recht grosser Potentate und ein Herre sondergleichen, denn er ware der Konig uber vielmalhunderttausend Fursten.
Dieses ist nun die Moral von der Heimlichkeit am Stuhle und von dem Schwerte von Carolus Magnus und von den sogenannten Possen, die ich getrieben. Schreibet alles recht genau auf, Herr Skribent, was ich gesagt habe, denn ich will nicht wie ein einfaltiger Mann in Euren Schriften stehen, und es soll mir ganz lieb sein, wenn meine Meinung noch andere zu lesen bekommen und es reflektiert mich nicht, wenn sie selbst bis zu dem Konige getragen wird. Von diesem habe ich nie etwas zu bitten bedurft, und ich gebrauche ihn nicht zu meines Leibes Notdurft. Aber voll Freuden bin ich immer gewesen, sein Untertan zu sein wie ein geborener Furst und mein Herz habe ich an ihm erfrischet all mein Lebtage."
Leuchtend waren die hellblauen Augen des Hofschulzen wahrend des letzten Teils dieser Rede geworden, seine weissen Haare hatten sich wie Flammen emporgerichtet, die Gestalt stand wieder gross und gerade da. Der Richter sah vor sich nieder, der Diakonus dem Alten in das Antlitz; er gemahnte ihn wie ein Prophet des alten Bundes. Mit hoflicher Verbeugung und stillem Gruss entfernte sich der alte Bauer.
Der Diakonus folgte ihm tiefbewegt. Draussen holte er ihn ein, legte ihm die Hand auf die Schulter, schuttelte seine Rechte und sagte ergriffen und geruhrt: "Ihr habt mich erbaut, Hofschulze. Jetzt aber will ich als Euer Seelsorger und Priester Euch erbauen."
Der Alte war im Vorsaale schon wieder der schlichte Bauer geworden, der krank und angegriffen aussah. "Tuen Sie das", sagte er, "Herr Diakonus, denn Zusprache ist mir not. Ich habe gar zu viel Verdruss gehabt letzthin. Ich kann es nicht uberkriegen, dass die Scham geblosst ist von den heimlichen und scheuen Dingen, und sie nun umhergetragen werden in den Schriften und von dem jungen Herrn ins Reich geschleppt. Nach dem Schwerte will ich nicht weiter trachten, denn es hilft mir doch nichts, aber der Kummer darum wird mein Herz zernagen. Der Stuhl wird nun wohl eingehen."
"Lasst den Freistuhl verfallen, das Schwert aus dem Auge des Tages geschwunden sein, lasst sie die Heimlichkeit von den Dachern schreien!" rief der Diakonus mit geroteter Wange. "Habt Ihr nicht in Euch und mit Euren Freunden das Wort der Selbstandigkeit gefunden? Das ist die heimliche Losung, an der Ihr Euch erkennt und die Euch nicht genommen werden kann. Gepflanzt habt Ihr den Sinn, dass der Mensch von seinen Nachsten abhange, schlicht, gerade, einfach; nicht von Fremden, die nur das Werk ihrer Kunstlichkeit mit ihm herauskunsteln, zusammengesetzt, erschroben, verschroben; und dieser Sinn braucht nicht der Steine unter den alten Linden, um gutes Recht zu schopfen. Eure Freiheit, Eure Mannlichkeit, Eure eisenfeste Natur, Ihr alter, grosser, gewaltiger Mensch, das ist das wahre Schwert Karls des Grossen, fur des Diebes Hand unantastbar!"
"Herr Diakonus, Sie machen mir viel zu viele Komplimente", erwiderte der Hofschulze bescheiden. "Indessen werde ich Ihre Worte im Herzen bewegen und sehen, was ich damit anfangen kann."
Sie gingen bis auf die Strasse zusammen. Dann trennten sie sich. Der Diakonus war in einer Erschutterung, wie er sie lange nicht empfunden hatte.
Sechstes Kapitel
Ernste und feierliche Erklarungen zwischen der
Baronesse und dem Oberamtmann
Die junge Dame Clelia hatte inzwischen die ermudendsten Tage verlebt. Das Medizinieren unterhielt sie wohl anfangs, indessen war doch der Reiz der grossen Arzeneiflasche, welche der alte Silen gefallig verschrieben hatte, bald abgebraucht. Sie fand, dass die Mixtur nach gar nichts schmecke und liess sie, nachdem sie einige Essloffel voll zum Teil eingenommen hatte, argerlich zum Fenster hinauswerfen. Sie sagte, sie wolle die Naturkrafte walten lassen, die ganze arztliche Kunst sei Scharlatanerie.
Es fiel ihr ein, dass sie einige Briefschulden abzutragen habe; Fancy musste daher das mit gepresstem braunem englischem Leder uberzogene und mit Goldstaben gezierte Reiseschreibzeug auf den Tisch setzen, offnen, die feinen roten, gelben und blauen Briefblattchen, die Stahlfedern mit silbernem Griff, die Oblaten von Mundlack mit Devisen und den bronzenen Briefbeschwerer herausnehmen. Als dieser geschmackvolle Apparat bereitgestellt war, erklarte Clelia, dass sie nicht wisse, was sie aus dem elenden Orte schreiben solle. Fancy packte still den bronzenen Briefbeschwerer, die farbigen Blattchen, die Oblaten und die Stahlfedern ein, schloss das Schreibzeug zu und stellte es wieder weg.
Gern ware Clelia mit ihrem Vetter ofter zusammengekommen, aber es blieb bei kurzen, formellen Besuchen, denn ihre Gutmutigkeit konnte im Bewusstsein dessen, was geschehen sollte, eine befangene Stimmung nicht uberwinden. Auch Oswald war einsilbig; er sehnte sich nach Lisbeth und entbehrte sie schmerzlich. Diese blieb mehrere Tage lang aus, und die Qual des Harrens gab der jungen Baronesse die ubelste Laune, die sich plotzlich gegen das arme Kind wendete.
"Fancy", sagte sie am dritten Tage, "wenn das Madchen morgen nicht kommt, wenn ich noch langer hier herumgefuhrt werde, so furchte ich bei der Unterredung von meiner Heftigkeit."
"Es ware nicht zu verwundern, wenn die gnadige Frau heftig wurden, denn so lange auf sich warten zu lassen, ist unerlaubt", erwiderte Francy.
Die junge Dame bedachte sich und sagte: "Aber wenn mir recht ist, so habe ich ihr ja gar nicht ankundigen lassen, dass ich mit ihr reden wollte."
"Nein, sie weiss nichts davon", sagte Fancy.
"Nun, so darf ich ihr ja auch deshalb nicht zurnen!" rief Clelia zornig.
"Wenn Sie sonst nicht wollen, gnadige Frau, nein."
Der Stramin, dieser Zeitvertreiber, wurde abermals zur Hand genommen. Clelia nahte eine halbe Dreifaltigkeitsblume, seufzte aber plotzlich, liess den Stramin in den Schoss sinken und sagte gepresst und schwer: "Edmund kann es nie verantworten, was er an mir getan hat."
Fancy seufzte auch und sprach: "Ich hatte das nimmermehr von dem Herrn gedacht."
"Jungfer", sagte ihre Gebieterin mit einem strengen Tone, "ich verbitte mir alle Bemerkungen uber meinen Gemahl."
"O mein Gott!" rief Fancy und weinte, "nun sehen die gnadige Frau, was es zur Folge hat, wenn Herrschaften ihre Untergebenen durch zu grosse Gute verziehen. Ich erlaube mir schon Bemerkungen uber den gnadigen Herrn."
Sie schluchzte und konnte sich uber ihren Fehler gar nicht zufriedengeben.
"Lass es doch nur gut sein, das Schluchzen!" rief Clelia argerlich. "Ich habe mich jetzt ganz kurz entschlossen. Meine Gesundheit kann ich hier nicht zusetzen. Ich werde die Sache doch dem Oberamtmann uberlassen."
Fancy war die Beredsamkeit selbst, diesen Entschluss zu loben. "Ja", sagte sie nach einer preisenden Rede uber die doch stets so richtigen Gedanken der Herrin, "ja, der Herr Oberamtmann mag nur die Leutchen, die nicht zusammengehoren, auseinanderbringen. Fur die gnadige Frau passt das auch nicht, Sie haben zu so etwas Feinem und Verwickeltem keine Anlage, nicht ein Kind konnten Sie, wenn es eine dumme Unart auslassen will, davon abhalten, aber der Herr Oberamtmann ist darauf gewitzigt, o der hort das Gras wachsen und macht einen mit der feinen List nach seiner Pfeife tanzen, wie er will. Ich wette darauf; womit Sie sich in Gedanken schon drei Tage lang angstigen, das hat er morgen in einem Viertelstundchen fertig; die Mamsell reist sacht ab, weint ein paar Tranen, trocknet sie auf der nachsten Station, den jungen Herrn Grafen wird er auch bald herum haben, denn er besitzt einen ganz ausserordentlichen Verstand in dergleichen Sachen, und so klug Sie sind, gnadige Frau, darin stehen Sie ihm nach. Nein, Ihre Gesundheit durfen Sie nicht zusetzen und noch dazu umsonst, denn es wurde Ihnen schwerlich glucken, aber der Herr Oberamtmann ist der Mann dazu. Gleich hole ich ihn her, damit Sie ihm Ihre veranderte Meinung sagen konnen."
Die Baronesse hatte gern den unaufhaltsamen Fluss dieser Reden gehemmt, es war ihr aber nicht moglich, Fancys Zunge zum Schweigen zu bringen. Jetzt endlich konnte sie zum Worte kommen. Hochrot und mit den kleinen Fussen stampfend, rief sie: "Nein! Nein! Nein! du sollst den Oberamtmann nicht holen, ich bin ebenso klug als er, Fancy bleib hier! Fancy! Fancy!" Aber Fancy horte nicht, sondern sprang fort. "Gott!" rief Clelia, fast weinend vor Verdruss, "es ist doch zu arg mit einer solchen Gans von Madchen, die immer das Echo von einem macht, da bringt sie wahrhaftig den Aktenmenschen schon herauf; der Himmel sei ihm gnadig, wenn er sich uber mich mokiert! Aber was sage ich ihm? denn nicht um die Welt lasse ich ihn sich einmischen."
Der Oberamtmann betrat mit Fancy das Zimmer. Fancy hatte ihm wirklich gesagt, die gnadige Frau wisse sich durchaus keinen Rat, die Mesalliance zu hindern, und der erfahrene Geschaftsmann konnte seinen Triumph daruber nicht verbergen. Es ware moglich gewesen, dass Clelia ihm dennoch die ganze Angelegenheit in seine Hande zuruckgegeben hatte, aber dann musste er sich respektvoll, ernst und zuruckhaltend nehmen. Er kam jedoch schmunzelnd, mit einer gewissen Uberlegenheit in Blick und Haltung, er nahm sich vor, einen Scherz aus der Sache zu machen, sie nicht zu wichtig zu nehmen. Es war der erste Scherz, den der arme Oberamtmann auf der Reise ausgehen liess und Ort und Stunde konnten dazu nicht unglucklicher gewahlt sein.
Sobald Clelia das Schmunzeln ihres Geschaftsfreundes und ehemaligen Nebenvormundes sah, sobald sie bemerkte, dass er ihr leichthin imponieren wolle, und gar, als sie mit weiblicher Ahnungsgabe seine Absicht, scherzen zu wollen, spurte, kehrte sie in den Besitz ihrer ganzen Festigkeit zuruck, die wir an ihr zu bewundern schon mehrmals Gelegenheit gehabt haben.
Er trat ihr nahe und sagte lachelnd: "Nun, liebes Kind, muss der Ritter von der traurigen Gestalt dennoch vorrucken?" Er wollte ihre Hand ergreifen. Clelia zog sie zuruck und entfernte sich von ihm. Seine fruheren Beziehungen zu ihr hatten ihm das Recht vertraulicher Anreden gegeben, und wie oft war von ihm dieses Recht geubt worden! Aber heute wollte Clelia nicht sein liebes Kind sein, heute verlangte sie die volle Courtoisie und Titulatur von ihm.
Er folgte ihr nach. "Clelchen", sagte er noch schmunzelnder, "es ist mir lieb, dass Sie einsehen, fur dergleichen nicht zu passen. Nun, schamen Sie sich nur nicht; Don Quixote tritt vor den Riss." Abermals trachtete er nach ihrer Hand, die er zartlich kussen wollte, denn Geschaftsmanner sind nie galanter, als wenn sie den Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit in Verlegenheit sehen. Clelia riss jedoch beinahe ihre Hand zuruck und rief mit scharfem Akzent: "Herr Oberamtmann, ich weiss durchaus nicht, was Sie bei mir und von mir wollen!"
Der Oberamtmann machte ein Gesicht, ahnlich dem, was er zu machen pflegte, wenn einer seiner Inkulpaten, von dem er behaglich das unumwundenste Gestandnis erwartete, plotzlich sich auf ein entschiedenes Leugnen verlegte. Er sah Clelia starr an, dann ging er im Zimmer auf und nieder. Hierauf nahm er den Stramin in die Hand, als ob dieser ihm einen Faden in dem Labyrinthe darleihen konne, dann offnete er das Schreibzeug und blickte tiefsinnig das farbige Postpapier an, endlich stellte er seine Uhr, obgleich sie richtig ging. Nach diesen vorbereitenden Handlungen trat er vor Clelia und sagte mit dem tiefsten Ernste: "Gnadige Frau, ich bin kein Narr."
Clelia versetzte nicht minder ernsthaft: "Und ich bin nicht Ihr liebes Kind und nicht Ihr Clelchen, Herr Oberamtmann."
Die Feierlichkeit dieser gegenseitigen Ausserungen war so gross, dass Fancy ein Lachen verbeissen musste. Es trat wieder ein langes Schweigen ein. Endlich unterbrach es der Oberamtmann und sagte: "Ich muss Sie ersuchen, bis morgen abend die Einwilligung der sogenannten Braut, welche wie ich hore, heute abend zuruckkommen wird, herbeizuschaffen. Wofern Umstande dies verhindern sollten, so werden Sie entschuldigen, wenn ich das Versprechen Ihrer Muhwaltung in der Sache als von Ihnen widerrufen betrachte und mich derselben unterziehe." Nach diesen Worten, die er gemessen und kalt vorgebracht hatte, empfahl er sich mit einer steifen Verbeugung.
Clelia kam an diesem Abende nicht zu Tische. Fancy suchte sie durch eine Vorlesung zu zerstreuen. Sie las ihr namlich ein vierzehn Tage altes rheinisches Zeitungsblatt vor, welches auf dem Zimmer lag. Sie las es von Anfang bis zu Ende, erst las sie von den Verwickelungen im Orient, dann von den Kreuz- und Querzugen der Christinos und Karlisten, dann, wie liebenswurdig sich der und der da und da benommen, dann von der soundsovielsten grossen ministeriellen Krisis in Frankreich, endlich von einigen deutschen Handeln. Hierauf ging sie zu den Anzeigen uber, an deren Spitze die Verkundigung von Assisen in Elberfeld stand. Es folgten zu vermietende Wohnungen, brave Madchen sagten, dass sie gut nahen und bugeln konnten und ein Anstreicher suchte einen gesitteten Jungling fur sein Geschaft. Spater sehnte sich jemand nach einem entflogenen Kanarienvogel, einem anderen war dagegen ein brauner Dachshund zugelaufen. Dazwischen fuhren die Dampfschiffe regelmassig alle Morgen, auch waren reingehaltene Bleicharte zu haben, wobei aber ein zweifelsuchtiger Leser ein grosses Fragezeichen mit Rotstift gesetzt hatte. Zuletzt wurde Harmoniemusik an verschiedenen Orten gemacht, und dazu der Saison angemessene Speise dargeboten.
Clelia widmete dieser ganzen Vorlesung wenig Aufmerksamkeit. Nur als sie von den Assisen horte, mochten ihre Gedanken, welche sich noch immer argerlich bei dem Oberamtmann aufhielten, angeregt werden, weil sie ihn so oft sehnsuchtig davon hatte reden horen. Sie rief: "Nun dahin konnte man ihn ja gleich schicken, wenn er sich hier lastig machen will!"
Spat horte man einen Wagen vorfahren. Lisbeth kehrte zuruck.
Clelia befahl ihrer Jungfer, das Madchen gegen die Mittagsstunde des folgendes Tages zu ihr zu rufen, "denn", sagte sie, "wenn man jemand wider seinen Willen zu etwas bestimmen will, so darf man ihn nicht im Neglige empfangen." Sie ging mit vieler Wurde zu Bett und dachte in dieser Nacht, wenn sie erwachte, nicht einmal an ihren pflichtvergessenen Gemahl, sondern nur an die Aufgabe des folgenden Tages.
Siebentes Kapitel
Was Lisbeth auf die Ermahnungen zu einer
uneigennutzigen und entsagenden Liebe antwortete
Fancy nahm im ersten Morgenstrahl von dem Blumenbrette vor ihrem Fenster, wo der Diakonus einige seiner schonsten Exemplare aufbewahrte, ein prachtiges Myrtenbaumchen herein, musterte die langsten und frischesten Zweige, an denen sich zugleich Knospchen und runde frische Bluten befanden, wehte mit einem leichten bunten Federwedel etwas Staub, der sich auf die Blatter gesetzt hatte, ab, summte dazu, aber so leise, dass ihre Gebieterin nebenan es nicht horen konnte, die alte "veilchenblaue Seide" aus dem "Freischutzen", lachelte, seufzte dann, legte die Hand auf die Brust und liess das Myrtenbaumchen im Zimmer stehen, um es gleich zu haben, wie sie fur sich sagte. Hierauf ging sie zu Lisbeth, und richtete ihre Bestellung aus. Lisbeth war ernst und wehmutig, denn sie hatte bei dem alten Pfleger eine trube Probe zu bestehen gehabt. Fancy wollte ihr etwas sagen, aber diesem ernsten Antlitze gegenuber erstarb ihr schlaues Wort auf der Lippe.
Die junge Dame, der im wahren Interesse ihres nachsten Verwandten ein so schwieriges Geschaft oblag, erhob sich und sagte nach dem Fruhstuck: "Fancy, was ziehe ich denn wohl heute an?" "Gnadige Frau", erwiderte Fancy, "Sie mussen ganze Toilette machen." "Nun, nur nicht zu ubertrieben", sagte die Baronesse. "Nein, nicht zu ubertrieben", versetzte Fancy.
Sie kramte hierauf in den Koffern und Kartons und nahm den gewahltesten Putz heraus. Zum Anzuge bestimmte sie das noch nicht getragene prachtige Kaschmirkleid von violetter Farbe mit einer Schnippentaille, und fugte dem Kleide einen weissen Mousselinede-Soie-Schal hinzu. Unter den Strumpfen suchte sie die feinsten a jour gewebten aus und unter den Schuhen ein Paar von schwarzem Atlas. Kurze weisse Handschuhe mit Spitzen garniert nahm sie aus einem Karton. Als es nun an die Musterung des Schmuckes ging, so schien ihr eine schwere Chatelaine mit goldenen und silbernen Gliedern, gotischem Schloss und Medaillon schicklich zu sein. Drei Armbander dunkten ihr nicht zuviel, eins mit Steinen, deren Anfangsbuchstaben den Namen: Clelia zusammensetzten, ein prachtiges Geschenk des abwesenden Herrn und zwei einfachere, das eine ein schlichter Goldreifen, das andere mit Turquoisen besetzt. Fur die Haarflechten legte sie eine goldene Kette zurecht; ein blitzendes Diadem wollte sie nachfolgen lassen, bedachte sich aber noch zur rechten Zeit, dass man im Guten zuviel tun konne und stellte es wieder beiseite. Es versteht sich, dass ein gesticktes Taschentuch vom feinsten Batist nicht vergessen wurde.
Wahrend dieser ernsten und grundlichen Vorbereitung rustete sich Clelia ebenfalls und zwar in hoherer Weise zu der Unterredung mit Lisbeth. Sie las einen Roman und erwog dabei, was sie dem Madchen sagen wollte. In der Tat war Oswalds Abenteuer so sehr gegen alle Voraussetzungen seiner Verhaltnisse, dass ihr die starksten Grunde, hergenommen aus dem Wesen uneigennutziger Liebe, echten Schicklichkeitsgefuhls und frommer Ergebung in reicher Fulle zustromen mussten; Grunde, die nach ihrer Meinung eine schlagende Wirkung auf ein edles weibliches Gemut nicht verfehlen konnten. Sie erging sich mit Wohlgefallen in den Reden, welche diese Grunde naher entwickeln sollten, und las dazwischen immer einige Seiten des Romans. Da er zu denen gehorte, welche bei uns zweite Auflagen erleben, so leitete er ihre Gedanken von dem Gegenstande, der ihre Seele beschaftigte, nicht ab. Sie war so sehr in ihr Vorhaben vertieft, dass sie auf Fancys Tun und Treiben nicht achtete und des Fluges der Stunden ebenfalls nicht inneward, die unter solchen Ubungen innerer Beredsamkeit rasch zu verfliessen pflegen.
Fancy musste sie erinnern, dass die Zeit gekommen sei, sich kleiden zu lassen. Noch immer in ihre Gedanken und Grunde verloren widmete sie dem Anzuge keine Aufmerksamkeit. Sie liess die einfachen Strumpfe von den zierlichen weissen Fussen streifen und diese mit den spinnwebenfeinen durchbrochenen bekleiden, es fiel ihr nicht auf, als Fancy, nachdem sie die Flechten gemacht, dieselben mit der goldenen Kette umwand, sie schlupfte in das prachtige Kaschmirkleid, empfing die schwere Chatelaine um die schone Taille und liess sich den Schal von Mousseline de Soie um Hals und Schultern legen, ohne bei einem dieser Stukke eine Erinnerung zu machen. Nur als ihr Fancy die weissen garnierten Handschuhe mit blassroten Bandschleifen brachte, stutzte sie und sagte: "Fancy, das sind ja Ballhandschuhe."
"Gnadige Frau", versetzte Fancy ernst, "sie gehoren zur vollen Parure."
Clelia musterte sich, trat vor den Spiegel und rief: "Mein Gott, der Anzug ist ja viel zu recherchiert! Du hast mich geputzt, als fuhren wir zu Liechtensteins in die Soiree. Den Augenblick ein anderes Kleid her, die Chatelaine fort, die Goldkette aus den Flechten!"
"O Himmel, was habe ich wieder gemacht!" jammerte Fancy. "Ich dummes Madchen!" Es klopfte. "Ach! Ach! da ist die Lisbeth schon!"
"Hinaus, sag ihr "
" ... dass die gnadige Frau zu recherchierte Toilette gemacht hatten, sich einfacher anziehen mussten ..." Fancy wollte fort.
"Bleib!" rief Clelia ausser sich. "Du warest albern genug, auch so etwas zu sagen. Ich glaube, du hast in dem Neste deinen Verstand verloren. Es klopft schon wieder ... Sie hat uns reden horen, es fallt mir kein Vorwand ein ach, du Imbecille, in welche Verlegenheit setzest du mich! Handschuhe!"
"Hier", sagte Fancy.
"Weg damit! Soll ich wie eine Opernprinzessin dasitzen, welche sehen lassen will, wie freigebig ihre Liebhaber sind?
Willst du mir nicht auch noch gar einen Facher in die Hand geben? Schwarze, bescheidene!"
"Schwarze, bescheidene!" rief Fancy und brachte die verlangten.
"Armband!"
Fancy knupfte mit unerhorter Schnelligkeit die drei Armbander um, wahrend Clelia nach der Ture sah.
"Fertig?"
"Ja."
"Herein! Himmel, du hast mir ja drei Armb" aber sie vollendete das Wort nicht und der Uberfluss des Armschmuckes war nicht mehr zu beseitigen. Denn schon trat Lisbeth herein. Es war ein grosser Gegensatz, diese schlanke, vornehme junge Gestalt im einfachen Gewande der etwas zu kleinen und vollen Baronesse im hochsten Putz gegenuber. Sie trat bescheiden aber sicher auf, Clelia wollte sich anfangs Airs geben, dieses Bestreben zerbrach indessen sogleich an ihrem grundguten Wesen. Sie reichte verlegen-freundlich Lisbeth die Hand, setzte sich ins Sofa, liess einen Sessel stellen und flusterte Fancy zu, sie solle sich in ihrem Zimmer nebenan aufhalten. Als ob es zufallig geschahe, breitete sie ihr Taschentuch aus und entzog dadurch wenigsten die Pracht der Chatelaine und der Armbander (denn sie wusste auch die linke Hand mit dem Tuche zu bedecken) den Blicken Lisbeths. Wieviel wurde sie darum gegeben haben, wenn sie statt des Kaschmirkleides das von Mousseline de Laine angehabt hatte! Der volle Putz raubte ihr die Halfte ihrer Festigkeit. Sie suchte eine Zeitlang vergebens nach einem schicklichen Anknupfungspunkte des Gesprachs und so sassen beide, als Fancy sie allein gelassen hatte, eine Zeitlang schweigend einander gegenuber. Lisbeth sah vor sich hin und hatte keine Ahnung von dem, was folgen sollte, denn Clelia war ihr immer gutig begegnet.
Endlich sammelte sich diese so weit, um die Unterredung beginnen zu konnen. Sie sagte ihrem Besuche, dass bis jetzt der Gedanke an Oswalds Krankheit alle anderen Vorstellungen in den Hintergrund gedrangt habe, dass aber nun mit seiner Herstellung die Verhaltnisse des Lebens in ihr Recht wieder einzutreten begannen, und dass sie daher wunsche uber die Gestaltung der Zukunft mit ihr ein ebenso ernstes als vertrauliches Wort zu reden. Da sie diesen Eingang zwar mit aller ihr zu Gebote stehenden Wurde aber doch hochst liebreich vorgebracht hatte, so konnte Lisbeth denselben nur fur eine Vorrede zu freundlichen Erklarungen ansehen. Schuchtern versetzte sie, dass die Baronesse ihr mit solchen Worten eine grosse Freude mache, und fasste nach Clelias Hand, um sie zu kussen. Indem sie aber ihre Lippen der Hand naherte, fiel ihr ein, wer sie durch Oswalds Liebe sei, sie richtete sich daher sanft auf und liess die Hand Clelias fallen, welche ein Erstaunen uber diesen Hergang nicht verbergen konnte.
"Nun also, mein Kind, wie soll denn das nun werden?" sagte Clelia, etwas verlegen mit dem Schal spielend.
Lisbeth errotete, senkte ihr Haupt wieder und versetzte: "Von der Zeit unserer Verbindung ist zwischen uns noch nicht die Rede gewesen, zwischen dem Grafen und mir."
"Verbindung!" rief Clelia lebhaft. "Ei! Ei! mein liebes Kind, Sie sprechen ja von der Verbindung mit meinem Vetter, als sei diese eine ausgemachte und sich von selbst verstehende Sache."
Lisbeth hob langsam ihr Antlitz empor, sah Clelien mit grossen Augen an und fragte: "Wovon wollten Sie denn mit mir reden, gnadige Frau?"
Die Wirkung einer einfachen aber zur rechten Zeit angebrachten Frage ist oft gross. Clelia hatte sich auf eine begeisterte Versicherung, auf flammende Reden gefasst gemacht und wurde diesen Gluten mit gleichem Feuer begegnet sein. Nun aber sollte sie schlichtweg sagen, was sie wolle? und diese Zumutung setzt in vielen Lagen des Lebens in eine nicht geringe Verlegenheit. An ihr war jetzt die Reihe, die Augen niederzuschlagen; sie sprach, dass man es hatte Stottern nennen konnen: "Sie scheinen gar nicht erwogen zu haben, Lisbeth denken Sie nur nicht, mein liebes Madchen, dass ich Sie kranken will nein gewiss nicht und waren Sie nur so ware ich ja voll Freude indessen gibt es doch Dinge in der Welt unwiderleglich vorhandene Dinge Dinge, Lisbeth mein Gott, Sie mussen mich ja wohl verstehen ..."
"Ja, gnadige Frau, ich verstehe Sie nun", sagte Lisbeth mit einem Tone, als unterdrucke sie ein stilles Weinen.
"Auf denn also, Lisbeth, Mut!" rief Clelia, Atem schopfend. "Nur zeigen darf man einem so reinen Gemute das Richtige, und es ergreift es. Die wahre Liebe liebt das Gluck des Geliebten. Und das Gluck? Ist es ein trunkener Augenblick, ist es die Aufwallung der Flitterwochen? Ach nein. Das wahre Gluck besteht doch zuletzt nur in der Harmonie mit allen Verhaltnissen des Lebens; in dem Gefuhle von dieser Harmonie. Sie dem Gegenstande der Neigung unverstimmt zu lassen, das ist Liebe, das ist tugendhafte Liebe. Sie fuhlen ja nun selbst, teure Lisbeth, was ich gern unausgesprochen lasse. Es geht nicht, es geht wahrhaftig nicht. Mein Gott, waren Sie doch nur aber Sie empfinden es, wenn Sie meinen Vetter aufrichtig lieben, so durfen Sie ihn nicht heiraten. Und nun kommen Sie, mein armes Kind, kommen Sie an meine Brust, und weinen Sie sich aus, denn wahrhaftig, ich weiss mit Ihnen zu empfinden."
Sie breitete ihre Arme gegen Lisbeth aus. Diese lehnte aber mit einer demutigen Bewegung das Liebeszeichen ab und sagte: "Gnadige Frau, entschuldigen Sie, wenn ich an dieser Statte noch nicht zu ruhen wage. O mein Gott, wie weit sind wir auseinander, wie hatte ich das mir denken konnen, und wie soll ich es nun anfangen, alles, was mir im Herzen wogt, Ihnen auszusprechen und dennoch die Bescheidenheit gegen Sie nicht zu verletzen? Sie wussten mit mir zu empfinden? Gnadige Frau, ich wenigsten weiss mit Ihnen nicht zu empfinden."
"Wie? Sie fuhlen keine Verpflichtung, ihm zu entsagen?" fuhr Clelia auf.
"O nein! nein! nein!" rief Lisbeth mutig. "Diese Verpflichtung fuhle ich durchaus nicht, Frau Baronesse. Entsagen soll ich ihm, das ist Ihre Meinung. Und warum? Dass der Findling nicht in das Haus der Grafen Waldburg eindringe, dass der Graf Oswald eine Grafin heiraten konne oder eine Furstin, dass er in Harmonie bleibe, wie Sie es nennen, mit den Verhaltnissen des Lebens. Ja, ich weiss, so steht es geschrieben oft in den Liebesgeschichten, die ich gelesen. Das Madchen halt eine schone Rede von Entsagung und von Pflicht und dann verhullt sie sich und geht weg und der Liebste sieht sie nie wieder. Gnadige Frau, wenn die Leute, die solche Geschichten aufschreiben, das nicht aus ihrem Kopfe erfinden, so sind solche Madchen ungereimte Madchen, abscheuliche Madchen, Verraterinnen an ihren Liebsten! Gluck? Ich kenne nur ein Gluck und nur ein Elend! Und mein Gluck ist, wenn ich mit Oswald zusammenbleibe und sein ehrlich Weib werde und das Elend des Gegenteils kann ich gar nicht ausdenken, denn es ist unsaglich. So also steht es mit mir. Und von ihm sollte ich geringer denken, als von mir? Von ihm, der mich sein Leben, seine Zuversicht genannt hat? Worte sollten das gewesen sein, Worte eines, der nicht weiss, was er spricht? Nein, ein treuer Mensch sagte sie, ein wahrer, ein aufrichtiger Mensch. Die Entsagung, welche Sie von mir verlangen, ware ja also das schwerste Verbrechen, das ich nur an Oswald begehen konnte. Ich wurde sundig an seiner unsterblichen Seele, zugabe ich, dass ihm ein Name, ein Wappen werter sei, als das Heiligtum seiner Empfindungen! Zur Schelmin wurde ich an dem Herzblute meines Brautigams, welches seine Lippen verschutteten, weil er einen Tag lang sich nicht in Lisbeth zu finden wusste. Zu Tode wollte er sich bluten, weil ich in meiner dummen Torheit die Breite eines Landweges zwischen uns gesetzt hatte! Und er sollte leben bleiben, wenn ich die Welt und das Schweigen und die Finsternis zwischen uns wurfe! Nein! Ich entsage ihm nicht, nicht entsage ich ihn in das Elend und in die Leere hinein!"
"Gott wird Sie aufklaren!" eiferte Clelia. "Gott wird diese Trugschlusse der Leidenschaft zunichte machen! Das ist eben deren Entsetzliches, dass nichts fur sie vorhanden ist als sie, nicht Erde nicht Himmel, und dass sie sich so in die greuliche Ode hineinsturmt, daraus nachher kein Entrinnen! Aber Gott wird Ihnen beistehen, wird Sie schirmen vor dem geistigen Tode. Sie sind fromm, ich sehe Sie in die Kirche gehen, Sie im Gesangbuche lesen. Gott wird ein Licht in Ihrer Seele anzunden."
"Gott ist bei mir in dieser Stunde, er legt mir die Worte auf meine einfaltigen Lippen", erwiderte Lisbeth. "Ich weiss nicht, ob ich fromm bin, kummerlich bin ich herangewachsen, aber zur Kirche habe ich mich freilich immer gehalten und an den Allmachtigen glaube ich. Jedoch, seit ich Oswald liebe, habe ich nur ein Gebet und das lautet: 'Vater sei mit ihm und mir!' Ich bete nicht fur ihn allein und nicht fur mich allein, sondern fur uns beide bete ich, und das, meine ich, ist das Licht, welches Gott mir in der Seele entzundet hat. Die Erde sehe ich unter mir, den Himmel uber mir, und wo wehet der Sturm, der mich fortsturmt?"
Leidenschaftlich rief Clelia: "Bedenken Sie doch nur seine Verhaltnisse, bedenken Sie seine Verwandten, von denen die meisten so stolz sind, bedenken Sie unseren Konig, bedenken Sie endlich Oswalds eigenes Herz, das von ausseren Umstanden, von Widerspruch mit den Forderungen der Welt so leicht in Verlegenheit gesetzte Herz eines Mannes, sehen Sie doch um des Himmels willen die Dinge, wie sie sind!"
"Ja, gnadige Frau, ich sehe die Dinge, wie sie sind, nicht wie sie scheinen. Hatte er noch Eltern, so ware es etwas anderes. Der Eltern Macht ist von Gott, das weiss ich, obgleich ich Arme keine hatte. Entsagen wurde ich ihm zwar immer nicht, wenn er auch noch Vater und Mutter besasse, aber geduldig harren und zu ihm sprechen: 'Oswald, harre auch du in Geduld, bis Gott deiner Eltern Sinn wendet!' Jedoch so! Verhaltnisse und immer Verhaltnisse! Ei, ist es nicht auch ein Verhaltnis, wenn ich seine Frau bin? Also Verhaltnis gegen Verhaltnis, und wir wollen erwarten, welches das machtigere und bessere sei! Nehmen seine stolzen Oheime und Tanten ihn in ihre Arme, dass er darin ruhe und lachle und wachse und gedeihe? Nein. Aber ich werde es tun. Baut ihm Ihr Konig sein Haus auf? Nein. Aber ich werde es tun mit des Himmels Hulfe. Und wenn er einmal so schwach sein sollte, verlegen auszusehen uber mich, denn es ist moglich, dass Sie darin recht behalten nun, der Schwache wird eben die Starke beigesellt! Ich werde seine Starke sein, ich werde ihn fragen: 'Oswald schamst du dich meiner?' Und wahrlich, gnadige Frau, auf die Frage wird er ja sagen, aber er wird sich ermannen und fur alle Zeiten den unwurdigen Kleinmut ablegen."
Clelia wurde immer erbitterter. "Ich wurde mich tief gedemutigt fuhlen durch einen Gatten so hoch uber meinem Stande", sagte sie herb und schneidend.
"Das kann wohl sein", versetzte Lisbeth. "Darin hat jeder seinen eigenen Sinn. Ich fuhle mich gar nicht gedemutiget dadurch, dass er ein grosser Graf ist und ich ein geringes Madchen ohne Herkommen bin. Er konnte noch zehnmal grosser sein und ich wurde dennoch keine Demutigung empfinden. Ja, ich weiss, es hat auch Madchen gegeben in meiner Lage, die winselnd sprachen: 'O warst du ein armer Hirt, mein hoher Liebster!' Ich aber, ich wunsche mir ihn gar nicht zum Hirten herunter; nicht soll er seine Grosse ablegen um meine Kleinheit! Sondern das ist eine neue Seligkeit fur mich, dass er so vornehm ist, und mich emporhebt aus meiner Niedrigkeit und mich zur Grafin macht und auf sein hohes Schloss fuhrt. Ach, ich will ja nichts mehr von mir oder durch mich, sondern alles nur von ihm, alles, alles, neben seinem Gefuhle auch Ruhm, Ansehen, Reichtum! Je mehr er mir gibt, desto begluckter fuhle ich mich. Denn seine Liebe ist uberstromendes Geben und meine durstiges, lechzendes Empfangen. Ich bin sein Geschopf, er ist mein irdischer Schopfer; Gott schafft mich durch ihn zum zweiten Male. Unter den Flugeln der Liebe will ich schlummern und traumen, auf der Hohe, wohin mich diese Schwingen tragen, erwachen, und sie mit frohem Lerchengesange als die Wohnstatte begrussen, die mir mein Schicksal anwies."
Noch schneidender sagte Clelia, vielleicht um eine entgegengesetzte Regung, die sich anmelden mochte, zu verbergen: "Es ist allerdings hochst wohlfeil und bequem, auf solche Art eine schrankenlose Zartlichkeit zu beweisen."
Aber Lisbeth blieb ganz ruhig und antwortete im mildesten Tone: "Gnadige Frau, das kam nicht aus Ihrem Herzen. Sie sagten es nur, weil Sie sich so in den Eifer gegen mich hineingesprochen haben. Wir sind hier zwei Frauen allein, kein Mann hort uns und deshalb darf ich wohl dreister reden, als sich sonst fur mich ziemte. Ich weiss nicht, wie mir wird, mein Auge schwimmt, und meine Lippe fuhl' ich zittern, zum Aussersten haben Sie mich gebracht, horen Sie denn das Ausserste, was ein Madchen sprechen kann. Bin ich's noch selbst? Wie kommen mir solche Gedanken? Aber Sie sollen sie horen. Sie sind Frau, und Sie waren Madchen. Bebten und erroteten Sie nicht, wenn Sie nur dachten, dass eine andere Hand als die Ihrige Ihre Schulter beruhre? Und nun haben Sie Ihrem Gemahle Seele und Leib ergeben, Ihre Person haben Sie ihm hingegeben und Ihre jungfrauliche Ehre! Sind wir darin nicht gleich? Hat die Braut eines Kaisers etwas Hoheres als die Majestat ihrer jungfraulichen Ehre? Ich bin eine Jungfrau, meine gnadige Baronesse. In der Ehre der Jungfrau fuhle ich mich geadelt und der Braut des Kaisers gleich. Demutig nehme ich alles an von Oswald, aber nicht gedemutiget, mit freudigem Stolze kann auch ich Mitgift nennen und Eingebrachtes, denn was Ihr Vetter mir geben mag, ich gebe ihm stets doch mehr, als er zu geben jemals imstande sein wird."
Sie schwieg. Die Glut der sussesten Scham flammte ihr auf Wangen, Hals und Nacken. Ihr Blick ruhte durchdringend auf Clelien. Diese fuhlte ihre Mittel erschopft. Sie winkte, dass Lisbeth sich entfernen moge. Lisbeth ging nach der Ture.
Sobald aber Clelia die unwiderstehlichen Augen des Madchens nicht mehr sah, kam ihr noch einmal der den Weltkindern eigentumliche Ubermut zuruck. Sie rief der Abgehenden leichthin nach: "Ihr seid beide torichte und unsinnige Kinder! Fur jetzt weiss ich nichts mit dir anzufangen, aber ich wette, in wenigen Tagen sprichst du ganz anders und gibst mir recht, denn das verfliegt, wie es angeflogen ist."
Die Jungfrau wandte sich um und naherte sich mit dem Ansehen einer Priesterin der Weltdame. Erhaben leuchteten ihre Augen, mit voller, tonender und gehaltener Stimme sprach sie: "Wie tauschen Sie sich! Lassen Sie ab von der Tauschung, welche Sie um eine heilige Erscheinung bringt! Ich bitte Sie, lassen Sie ab von dem Wahne, hier mit einer Grille, mit einer Laune des Augenblicks zu tun zu haben. Sie wurden in diesem Wahne uns noch bittere Schmerzen und sich fruchtlose Muhe machen.
Kennen Sie das Wort: 'Ewig', Frau Baronesse? Ich hatte es, glaube ich, fruher nie gesprochen, denn ich pflegte uberhaupt nichts zu sagen, wobei ich mir nichts zu denken wusste. Aber als er mich in der Kirche aufhob und mich vor den Altar niederwarf, ein Weihegeschenk der Liebe fur Gott den Allmachtigen, da durchtonte plotzlich das Wort wie mit tausend Zungen mein Innerstes und seit der Stunde singt es durch alle meine Gedanken und Empfindungen immer und immer wie ein himmlisches Halleluja: 'Ewig!' Denn wer die wahre Liebe empfangt, der empfangt die Ewigkeit in seinem Herzen. An der Ewigkeit aber ist kein Vergang und so ruhren Sie denn auch nicht weiter das ewige Wort meines Herzens an, gnadige Baronesse! Die Frau unseres Wirtes hier, die sich hin und wieder mit mir beschaftiget hat und der Meinung ist, ein Madchen brauche aus Buchern nicht viel zu lernen, aber durch den Anblick schoner Menschen lerne ein Madchen etwas, gab mir in den letzten Wochen Briefe von einer Freundin zu lesen. Die Freundin hat mit ihrem Manne in einer kurzen, himmlischen Ehe gestanden, und der Mann hatte immer gesagt, das Gluck sei zu schon, als dass es lange dauern konne. So war denn auch sein Tod wirklich bald erfolgt. Von den letzten Tagen schrieb nun die Freundin unter anderem auch. Er hatte eine furchterliche Krankheit, die den Hals zusammenschnurte, so dass der Mensch ersticken muss. Den letzten Tag nun hatte der Kranke kaum noch sprechen konnen, aber immerdar hatte er auf seinen Trauring gesehen und auf denselben gewiesen und dazu mit der grossten Anstrengung hervorgestossen das Wort: 'Ewig!' Er wand sich in seiner Todesqual, aber das Wort keuchte er, solange ein Laut aus seinem armen Munde kommen konnte. Und so starb er in der Ewigkeit der Liebe.
Also wird es nun auch mit mir sein und Oswald. Es ist moglich, dass wir nicht lange beieinander sind, denn auch uns steht ja ein grosses und unbeschreibliches Gluck bevor. Aber wer nun zuerst sterben mochte, der wird dem andern, solange die Lippe lallen kann, zustammeln: 'Ewig!' als ein Wort des Trostes, dass die Erde des Grabes die Liebe nicht uberschutte! Was aber das Grab nicht vermogen wird, davon werden Sie, gnadige Frau, gewiss abstehen, denn in Ihnen ist ein liebliches und freundliches Leben. Vergeben Sie mir, dass ich so ohne Ruckhalt sprach, ich wurde alles Ihrem Vetter uberlassen haben, denn er ist mein Herr, ware er schon ganz hergestellt. Da er aber noch nachleidet, so musste ich reden, weil ich zu reden aufgefordert wurde, und musste ihn und mich verteidigen gegen die Welt und den Damon, wovon er vor einigen Tagen vorahnend gesprochen hat!"
Letztes Kapitel
Frohliche Siege
Clelia lag erschuttert und aufgelost im Sofa. Durch alle Torheiten der lieblichen Torin hatte sich die Natur gewaltig Bahn gebrochen. Sie achtete nicht mehr darauf, die Chatelaine zu verbergen, ihr Taschentuch hatte sie erhoben und vor das Gesicht gedruckt.
Fancy trat in die Ture des Seitenkabinetts. "Kommen Sie einen Augenblick herein, lassen Sie ihr Zeit", flusterte sie. Lisbeth ging etwas besturzt in das Cabinet. Fancy notigte sie auf einen Sessel und mass mit einem seidenen Faden den Umkreis ihres Haargeflechtes und dann legte sie das Mass an einige Zweige des Myrtenbaumchens. Sie schnitt die Zweige ab und verband sie zum Kranze.
Auch das Madchen hatte eine Trane im Auge. Sie sagte wahrend Ihrer Arbeit: "Wenn ich sie so weinen sehe, schame ich mich meiner Listen, und doch waren sie notwendig. Denn hatte ich sie nicht durch meine Unterwurfigkeit konfus gemacht und sie nicht in die Verlegenheit hineingeputzt, so hatten Sie, junge gnadige Grafin, mit ihr einen harteren Stand bekommen, oder der Herr Oberamtmann packte die Sache wieder an und dann wurden Sie es nicht durchgesetzt haben. Die Fancy ist aber dankbar. Seien Sie so gutig, dem Herrn Gemahl zu sagen, die Kastellanstochter habe sich fur den alten Vater revanchiert."
Lisbeth verstand nicht, was das Madchen wollte. Sie hatte auch nicht Zeit, danach zu fragen, denn in Clelias Zimmer horte sie laut schluchzen und dann ebenso laut lachen und darauf wieder schluchzen und so wechselte es immer ab zwischen Lachen und Schluchzen. Endlich rief es leise und innig ihren Namen. Als Sie in das Zimmer trat, kam ihr Clelia entgegen, schloss sie in ihre Arme, nannte sie Kusine und sagte: "Du sollst ihn haben."
Die junge liebliche Torin gehorte zu den glucklichen Naturen, die, wenn sie narrische Streiche gemacht zu haben einsehen, ohne viele Weiterungen durch Wort und Tat bekennen: Wir haben narrische Streiche gemacht. Kein Schmollen, kein Hinzogern, kein falscher Widerstand hauchte uber den Spiegel dieser komisch anmutigen Seele. Lisbeth hatte sie uberwunden, und sie schamte sich nun der Niederlage nicht. Sie druckte sie an sich, sie streichelte ihre Wangen, sie gab ihr die zartlichsten Namen, nannte sie ihr kaiserlich Kind und eine geborene Prinzessin der Ehre. Lisbeth war von dem plotzlichen Wechsel wie betaubt und ruhte freudetrunken an der Brust der ihr noch vor wenigen Minuten so feindlich gewesenen neuen Freundin. Clelia schlug ihren Arm um den Nakken des brautlichen Kindes und ging mit ihr halbtanzend auf und nieder; dann stellte si'e sich mit ihr vor den Spiegel, stemmte die Hande in die Seite und sagte, drollige Vergleichungen anstellend: "Cendrillon und daneben alle drei Fraulein Schwestern in einer Person." Sie drohte ihrem Spiegelbilde, schnitt ihm neckische Gesichter und rief: "Wie kann man sich so aufdonnern?"
Sie war in einem Taumel der Lust und trieb darin Ruhrendes und Possenhaftes durcheinander. Plotzlich kam aber Fancy gesprungen und rief: "Gnadige Frau, der Oberamtmann!"
"O mein Himmel!" rief Clelia. "Der muss weg, gleich weg, unter jeder Bedingung weg! Wie kriegen wir ihn weg? Fancy, gib einen guten Rat!" Sie lief hin und her, ihr Taschentuch windend.
"Wenn wir nur einen Prozess oder ein Aktenstuck ihm in der Ferne zeigen konnten!" rief Fancy, die nun fast ebenso angstlich sich zeigte, als ihre Gebieterin. "Mit Speck fangt man Mause Hm! Wie? Ja was richtig ich hab's Viktoria!"
"Was?"
"Wo ist die Assise?"
"Die Assise?"
Fancy lief auf das gestern abend gelesene Zeitungsblatt zu. "Hier!" sagte sie und zeigte mit dem Finger auf eine der Anzeigen.
Clelia lachte. "Nun, albernes Madchen?"
"Hinein, gnadige Frau mit der jungen Dame in mein Kabinett!" rief sie, "Sie mochten sich nicht genug verstellen konnen. Ich schaff den Oberamtmann fort."
Clelia eilte mit Lisbeth in das Kabinett. Der Oberamtmann trat in das Zimmer. "Ich horte hier laut sprechen", sagte er. "Die Stimme der Baronesse unterschied ich und die des Madchens. Wo ist Ihre gnadige Frau? Wie steht es?"
"Ganz vortrefflich", versetzte Fancy mit Emphase. "Die sogenannte Braut ist beseitigt, abgemacht, hinuber. Noch heute abend reist sie nach Hamburg und wird dort Erzieherin in einer Pension, mit sechsundfunfzig Talern Gehalt. Aber wie haben auch die gnadige Frau gesprochen! Gottlich, sage ich Ihnen, Herr Oberamtmann, von Tugend, Entsagung und uneigennutziger Liebe; Sie wurden Ihr blaues Wunder gehort haben, ich wurde recht erbaut und fasste gute Vorsatze fur mein ganzes Leben, wenn ich auch einmal sollte das Ungluck haben, dass mich ein junger vornehmer Herr heiraten wollte. Die Lisbeth bat die Baronesse zuletzt kniefallig um Verzeihung, dass sie nur im Ernst an den Grafen gedacht habe. Jetzt ist sie mit dem Kinde spazieren gegangen, um in der freien Natur sie zu trosten und sie noch recht in der Vernunft zu befestigen. Wenn sie aber nach Hamburg abgereist ist, dann will sie auch den Herrn Vetter auf eine gute Art zu behandeln anfangen."
Kein treuer Staatsdiener, dem von seiner vorgesetzten Behorde ein glanzendes Lob zugeht, kann frohere Augen machen, als der Oberamtmann machte. Er schlug in die Hande, dass es schallte, zog einen ganzen Schoppen Luft in sich und rief: "Nun, Gott sei Dank! So ware denn also dieses schwierige Geschaft glucklich beendigt. Ach, Sie glauben nicht, Fancy, was fur eine Angst ich ausgestanden habe. Aber meinen Kopf hatte ich daran gesetzt, es durchzutreiben."
"Sie konnen lachen", sagte Fancy. "Wir haben die Not gehabt, und Sie hatten das Zusehen. Und was halte ich hier in der Hand, Herr Oberamtmann?" Sie hob das Zeitungsblatt empor.
"Was denn, liebe Fancy?" Er las. "Zeitung vom vom ei, die habe ich nicht zu sehen bekommen! Hm! Was steht denn da? Assisen in Elberfeld!" rief der Geschaftsmann mit einem Freudenschrei.
"Das hat die gnadige Frau heute gefunden, und feurige Kohlen sammelt sie auf Ihrem Haupte, vergibt Ihnen die Szene von gestern abend und trug mir auf, Ihnen das Blatt da zu zeigen, damit Sie Ihren Wunsch erfullen konnen. Der Ort soll nicht gar zu weit von hier sein. Wenn Sie gleich Post nahmen, so kamen Sie noch spat abends dort an. Und unterdessen, dass Sie fort sind, machen wir hier alles mit dem jungen Herrn fertig."
"Also wirklich soll ich doch noch das offentliche Verfahren kennenlernen!" sprach der Oberamtmann geruhrt. "Grosser Gott, wenn sie nur nicht schon voruber sind! Sie gingen nach der Anzeige da vor vierzehn Tagen an. Ich hoffe indessen noch zwei oder drei Tage zu erhaschen, denn wie ich am Rheine vernahm, so pflegen sie in die dritte Woche ihrer Dauer uberzugreifen." Er wischte sich die Augen. "Deine Baronesse ist doch eine herrliche Frau", sagte er. "Empfiehl mich ihr auf das angelegentlichste und sage ihr, in drei Tagen sei ich wieder da, wenn nicht etwa gar zu interessante Sachen vorkamen, denn dann bliebe ich wohl noch etwas langer aus. Adieu, liebe Fancy."
"Sie fahren?"
"Sogleich. Ich gehe auf der Stelle selbst zum Posthalter."
Er eilte fort.
Fancy sprang ausgelassen im Zimmer umher. Clelia trat mit Lisbeth aus dem Kabinette. Lisbeth trug den Myrtenkranz, den ihr Clelia drinnen aufgesetzt hatte. "Lauf, Fancy, lauf!" rief sie. "Schaff mir den Diakonus, lebendig oder tot", setzte sie in ihrer sprudelnden Laune hinzu. Fancy lief hinunter.
"Was haben Sie denn mit mir vor, gnadige"
"Clelia sollst du mich nennen, werde ich nicht deine Kusine?" versetzte die Baronesse und gab ihr einen leichten Schlag mit dem Zeigefinger uber die Wange. "Was ich mit dir vorhabe? Trauen will ich euch lassen, im Augenblick!"
"Mein Gott, welche Ubereilung!" rief Lisbeth froh und besturzt.
"Keine Widerrede", sagte Clelia. "Soll es geschehen, so kann es nur in der Ubereilung geschehen. Drei Tage bleibt der Oger weg, das Aktenungeheuer; nicht drei Viertelstunden will ich verlieren. Euer Bund ist ausser aller Ordnung und Regel, in der Ordnung und Regel kriegen wir's nimmer fertig. Hurli burli muss es gehen. Himmlisch kannst du sprechen. Herzkind, und einer jungen Strohwitwe, die noch dazu das Ungluck hat, selbst in ihren Landlaufer von Gemahl verliebt zu sein, den Kopf schon verdrehen; aber kennst du die Welt, das taube, hartmaulige Tier? Brautleute sind zu trennen, eine Verlobung ist ruckgangig zu machen, da muss man also einen Riegel vorschieben, einen von denen, die nicht weichen und wanken. O die Ehe, der gute, feste, unweichsame Riegel! Immer gleich sieht er aus, man mag ihn von der oder der Seite beschauen. Seid ihr getraut, so mogen sie schimpfen, skandalieren, schikanieren, ihr sitzt geborgen hinterm Riegel. Da hat selbst der Kaiser seine Macht verloren. Ihr seid Mann und Frau und sie mussen sehen, wie sie sich drein finden. Jetzt aber komm her, mein Brautlein, dass ich dich schmucke."
Sie stellte ihren Juwelenkasten neben sich, setzte sich in einen Lehnstuhl und Lisbeth musste vor ihr auf dem Fussschemel knien. "Ein anderes Kleid konnen wir dir nicht anziehen, denn meine sind dir zu weit, du schlankes Reh, aber die besten Brillanten schenke ich dir"; sagte sie. Ein reiches Collier, die Brosche und die dazugehorigen Ohrgehange nahm sie aus dem Kasten. Sie legte der Knienden die prachtigen Steine an und um und wie gern liess sich die gluckliche, halbbetaubte Lisbeth zieren! "Sieht sie in ihrem weissen Cambrickleidchen und mit den Diamanten vom reinsten Wasser nicht aus wie ein Marchen, einfach, strahlend, armlich, feenreich?" rief sie, als sie ihr Werk vollendet hatte. Sie erhob die Geschmuckte und drehte sie nach allen Seiten, um die Wirkung der Brillanten zu prufen.
Der Diakonus kam. Fancy hatte ihn von der Strasse hereingeholt. Er kehrte eben aus dem Gerichtshause zuruck, den Auftritt mit dem Hofschulzen noch in Haupt und Herzen. Seine Frau, die auch schon etwas von der Revolution in ihrem Hause gehort hatte, folgte. Fancy schloss den Zug. Die Wirte sahen mit Erstaunen auf Lisbeth, die wirklich dastand, ein armes, reiches, weisses, buntes Wunder. "Kleine Frau", rief Clelia ihre Wirtin an, "Sie bekommen heute freies Haus. Sobald wir hier unsere Pflicht getan haben, reise ich ab; denn den Oberamtmann uberlasse ich euch, ihr Guten, und der wird denn auch bald zornschnaubend seiner Wege gehen."
"Herr Pastor", sagte sie gravitatisch zum Diakonus, "Sie werden ersucht, Ihren Mantel anzulegen, die Baffchen vorzustecken und sofort Ihr heiliges Amt zu verrichten."
"Wie?" versetzte der Diakonus ausserst befremdet. "Ohne Aufgebot, ohne Formalitaten ..."
"Einspruch erfolgt nicht, auf Kavalierparole", sagte Clelia noch feierlicher. "Und was die Formalitaten betrifft, so steht hier eine bekranzte Braut, druben im Zimmer sitzt ein harrender Brautigam, ich habe mich als ehestiftende Juno aus dem Stegreife in Staat geworfen, zwei ehrliche Leute als Zeugen werden zu haben sein, weitere Formalitaten sind wohl uberall zu einer Hochzeit nicht erforderlich."
Er versagte auf das bestimmteste die Bitte. Clelia wurde aber dringender und fand an der Frau des Geistlichen eine Bundesgenossin. "Ich dachte, liebes Kind, du gabest nach", sprach sie mit einem verlegenen vielsagenden Blicke.
Mit der ganzen Offenheit, welche seine Ausserung uber den modernen Adel gegen die Exzellenz auf dem Oberhofe geziert hatte, rief der Diakonus, sich vergessend: "Nein, mein Schatz, weil du etwas langer Last in der Kuche behaltst, deshalb kann sich dein Mann nicht scharfen Verweisen oder gar Strafen aussetzen."
"Daruber will ich Sie beruhigen!" rief Clelia. "Ich kenne Ihren *, er ist in Karlsbad ganz uberaus freundlich gegen mich gewesen, denn er erwartet von mir eine Gefalligkeit bei uns daheim. Eine Hand wascht die andere, ich verburge mich dafur, dass Sie mit einer leichten Zurechtweisung, die Ihnen nur des Scheins halber erteilt werden wird, entschlupfen sollen, zumal da in der Sache selbst nichts Unrechtes geschieht." Fancy schlich fort; sie wusste, wo der Ornat hing.
"Gnadige Frau", versetzte der Diakonus emst, "die Formen sind einmal in der Welt und die Formen sind heilsam. Entschuldigen Sie, wenn ich mich innerhalb der mir gewiesenen Schranken halte."
Aber auch Clelia konnte ernsthaft werden. So fest und gehalten, dass es alle Anwesende uberraschte, sagte sie: "Meine Eitelkeit erlebt wenigstens einen kleinen Triumph daruber, dass Sie mir so bald und so vollstandig Genugtuung geben. Sie grollten mit mir gar sehr in Ihrem Herzen, dass ich die Bettlerin, das Findelkind denn ich darf sie so nennen, sie weiss, wie lieb ich sie gewonnen habe nicht in der altesten Familie des Reichs haben wollte, und nun weigern Sie sich, ja Sie, zwei Lieblinge Ihres Herzens allen Noten zu entheben. Und weshalb weigern Sie sich? Einer Form, einer armseligen Form wegen, deren Verletzung Ihnen moglicherweise eine kleine Unannehmlichkeit im Amte machen konnte. O ihr anderen, wann werdet ihr doch ablassen, euch uber uns aufzuhalten? Ich bin doch besser als Sie. Denn ich ward wenigstens von dem koniglichen Gemute dieses Kindes, welches ich nun mit Freuden fur meine Verwandte, Grafin Waldburg, erkenne, rasch bekehrt. Sie aber scheinen der Bitte einer Frau unnahbar zu sein, die nur begehrt, was der Augenblick gebietet, den Sie mir ja auch als Lehrer der Menschen angepriesen haben. Wohl, ich dringe nicht weiter in Sie. Aber die Zukunft der beiden schiebe ich Ihnen in Ihr Gewissen. Fur alle Qualereien, Hemmungen, Verdriesslichkeiten oder gar Missgeschicke, welche Oswald und Lisbeth noch haben konnen, bin ich fur meine Person nicht ferner verantwortlich."
Der Diakonus stand betreten. Von Anfang an hatte ja eine Stimme in seinem Innern fur die Bitte der Baronesse gesprochen. Diese Stimme redete um so lauter, als er kurz zuvor so tief bewegt worden war. Das Grosse, Echte, Menschliche war ihm in der Gerichtshalle so nahegetreten; er fuhlte, dass es Dinge und Verwickelungen gebe, in denen der Mensch sich vergessen und nur an das Wesen, und an das Los anderer denken soll.
Nach einigem Schweigen erwiderte er Clelien: "Sie haben mich auf eine Probe gestellt. Selten wird es vorgekommen sein, dass ein Geistlicher sich scharf tadeln lassen muss vor einer heiligen Handlung, die man von ihm begehrt. Folgte ich einer kleinlichen Empfindlichkeit, so wurde ich bei meinem Versagen beharren. Ich bin aber nicht empfindlich, sondern erklare Ihnen ganz einfach: Sie haben recht. Ich bin bereit, dem Bunde, welcher uns alle, wie es scheint, durch seine liebliche Kraft uber das Gewohnliche erhebt, Weihe und Unlosbarkeit zu geben."
Fancy hatte sich schon wahrend der letzten Worte mit dem Ornate in der Ture gezeigt. Der Diakonus ging hinaus und kam nach einigen Augenblicken im priesterlichen Kleide zuruck. "Wollen wir ihn nicht vorbereiten lassen?" fragte Clelia. "Wozu?" versetzte der Diakonus. "Das Gottliche regt nicht auf; es beruhigt. Still treten wir bei ihm ein und ich sage ihm dann in kurzen Worten sanft, was wir wollen; das ist wohl die beste Vorbereitung."
Er nahm Lisbeth bei der Hand, die Frauen folgten. Schweigend und gefasst gingen diese guten Menschen nach dem Zimmer, in welchem sich auf den Glucklichen, der noch nichts ahnete, sogleich ein Segen herniederlassen sollte, rein, gross, himmlisch.
Ende
Zwei Briefe
I
Sie wollen mir, lieber Herr Buchbinder, wie ein Londoner Publikum, das Nachspiel zu der Tragodie, die einen heiteren Ausgang gewann, nicht erlassen. Sie fragen mich nach unterschiedlichen Dingen und Personen, und da Sie mir wahrend der Arbeit rechtschaffen beigestanden haben, teils durch Heften des Manuskripts, teils durch guten Rat, so will ich Ihnen auch darin gern, inwieweit ich kann, gefallig sein.
Vor allen Dingen wunschen Sie zu wissen, was der Arzt zu der Vermahlung gesagt habe. Herr Buchbinder, Sie sind ein schlauer Vogel. Der Doktor kam ungefahr eine Stunde nach der Trauung in das Haus und fand noch alles in Entzucken und Tranen. Er war aber gar nicht entzuckt und vergoss auch keine Trane. Sondern bitterbose war er und rief: "Verdammt, dass der Humor immer wortlich genommen wird! Allerdings war der Graf in grosser Gefahr, und noch jetzt ist ein Ruckfall zu besorgen, wenn man ihn nicht vor Gemutsbewegungen in acht nimmt." Er hatte hierauf mit der Baronesse ein Gesprach unter vier Augen. Infolge desselben wusste die junge Dame die neue Grafin zu bestimmen, dass sie noch an ihrem Hochzeittage mit ihr abreiste, und so trennte sich das Paar wenige Stunden nach seiner ewigen Vereinigung unter heissen Tranen, aber mit freiem und wurdigem Entschlusse. Nachdem Clelia ihren entronnenen Gemahl aus dem Osnabruckschen sich wiedergeholt hatte, reisten sie zusammen durch Holland, Belgien, Frankreich, England bis nach Schottland. Die junge Frau oder Braut sah vieles, merkte auf alles und wechselte mit ihrem Gemahle oder Brautigam die schonsten Briefe. Man sah ihr nirgend an, dass sie nur ein Findling war, sondern sie betrug sich wie eine geborene Grafin. In England wurde sie der Konigin vorgestellt, diese kusste sie auf die Wange und die Frau von Lehtzen nannte sie "my dear Eliza".
Endlich nach sechs oder sieben Monaten schlug die Stunde der Heimkehr. Der Graf, nun ganz wiederhergestellt, kam den Reisenden bis Rotterdam entgegen und fuhrte sein brautliches Weib in grosser Wonne auf das hohe Schloss am Neckar.
Der alte Baron, uber welchen sich bei dem Einsturze des Schlosses schutzend ein Stuck Dach gespreitet hatte, wurde dadurch vor dem Zerquetschen bewahrt. Er schlug nur mit der Stirn auf einen harten Korper, einen Stein oder Balken, auf und trug eine grosse Brausche davon. Einige Tage lag er betaubt, als er aber wieder zukehrte, war er von allen und jeglichen Einbildungen geheilt. Entweder muss daher an ihm das Dogma des Dorfchirurgen vom Schock und Gegenschock sich bewahrt haben, oder die fixen Ideen sind ihm fruher von einem Knoten im Hirne entstanden, den ihm die Erschutterung des Falles gesprengt hat. Genug, er war auf den Kopf gefallen und dadurch zu Verstande gekommen.
Einen grossen Schmerz hatte der alte Mann uber die Gefuhllosigkeit seiner Pflegetochter, wie er ihr Benehmen nannte. Er wollte sie auch deshalb gar nicht sehen, als sie ihn endlich besuchte, und sie musste, nachdem sie drei Tage instandig bittend verweilt hatte, unverrichteter Sache abreisen. Jede Einladung nach dem Schlosse am Neckar hat er beharrlich abgelehnt. Die jungen Gatten sorgen aber dennoch fur ihn durch einen seiner alten Freunde, der von ihnen ins Vertrauen gezogen worden ist. Dieser zahlt ihm namlich reichliche Summen aus unter dem Vorwande, es seien Ruckstande von Zinsen, die sein ehemaliger Rentmeister nachlassigerweise uneingefordert gelassen habe. Der alte Baron wohnt bei diesem Freunde zur Miete, hat sich wieder Jagdgewehr angeschafft, schiesst Rehe, so viele er treffen kann, trinkt Rheinwein nach Bedurfnis und lebt ganz der Gegenwart.
Der Schulmeister Agesel liess in den "RheinischWestfalischen Anzeiger" einrucken, er erklare jeden, der ihn nicht fur einen gewohnlichen Menschen im vollen Sinne des Worts halte, fur einen Schurken, worauf der Kuster aus Furcht, insultiert zu werden, seine andere Furcht nach und nach bemeistern gelernt hat.
In Dunkelblasenheim steht alles beim alten. Nationallied ist noch immer der Gesang der Fische aus Wielands Marchen:
Hatten's gern besser
Statt immer schlimmer;
Und raten immer,
Und treffen's nie.
Munchhausen wird in den hochsten Kreisen der Gesellschaft ganz ausserordentlich vermisst.
Von dem Verschwinden dieses wunderbaren Mannes ist der Schleier nie geluftet worden. Naturlich muss die Krypte einen geheimen Ausgang gehabt haben, wer nur wusste, wo? Eine ganz sonderbare Nachricht verbreitete sich unlangst. Ein Reisender wollte namlich in einem kleinen Gebirgsstadtchen im Hohenzollern-Hechingenschen einen Mann, genau aussehend wie unser Held, mit einer altlichen Dame lustwandeln gesehen haben. Auf Befragen hatte man dem Reisenden
gesagt, jener Mann heisse Munch, genannt Hausen, lebe vom Ackerbau, sei ein nutzlicher Staatsburger, guter Gatte und wurde ohne Zweifel ein ebenso guter Vater werden, wenn seine Frau noch Kinder bekommen konnte.
Ware dieser unschadliche Acker- und Staatsburger wirklich Freiherr von Munchhausen, so hatte sich in unserer lehrreichen Geschichte gerade das Gegenteil von dem ereignet, was in anderen Geschichten vorzukommen pflegt. Denn in denen werden meistens alle Vernunftigen toll, in der unsrigen aber waren durch tuchtige Eingriffe des Lebens, sei es mittelst
Nichtachtens auf die Schrolle, sei es mittelst Fallens auf den Kopf, oder mittelst Wiedererscheinens einer alten Geliebten, alle Tollen oder Halbtollen vernunftig geworden. Gewiss ein trostlicher Ausgang!
Mit Wehmut wende ich mich zu Ihrer Frage nach Karl Buttervogel. Dieser praktische Charakter ist leider an seiner einzigen Schwache untergegangen, er starb namlich am Ubermass von Grunden. Das ging so zu. Bald nach dem Verlassen des Munchhausenschen Dienstes fand er eine neue Herrschaft, bei welcher er auch mit Pferden umgehen musste, d.h. er wurde zugleich Kutscher. Einstmals fuhr er nun in einem holprichten Wege so schlecht, dass ihn sein Herr heftig anliess und ihn fragte, warum er nicht im Geleise bleibe? Karl hatte hierauf einfach antworten sollen, dass er gen Himmel, statt auf die Strasse gesehen habe. Er wandte aber den Kopf ruckwarts und trug dem Herrn unaufhaltsam eine Fulle von Grunden vor. Da schlug der Wagen in ein tiefes Loch, Karl sturzte vom Bock, fiel vor das Rad, dieses ging uber ihn weg und jammerlich kam er um. An seinem Grabe weint Rieke aus Stuttgart, die er geheiratet hatte, mit zwei unmundigen Kindern. Ich weiss, dass auch Sie seinem Andenken eine Trane zollen werden.
Was das optische Glas zu lesen gegeben, kann ich Ihnen nicht sagen. Es liegt unter den Trummern des Schlosses, die nicht hinweggeraumt worden sind.
Habe ich Sie nun zufriedengestellt, lieber Herr Buchbinder? Der ich mit aller Achtung usw. N.S. Beinahe hatte ich den Oberamtmann vergessen. Eine Geschichte mit so vielen Personen ist wie ein Wirtshaus voll Gaste. Bei der punktlichsten Aufmerksamkeit wird doch immer der und jener sitzengelassen. Er kam aus dem gewerbfleissigen Wuppertale zuruck, schon sehr verstimmt, denn von der Assise hatte er nichts zu sehen bekommen. Den ersten Tag seines Dortseins konnte er namlich wegen Uberfullung des Saales mit Menschen nicht hinein, am zweiten Tage wurde eine Sache bei verschlossenen Turen verhandelt und am dritten eine ausgesetzt, weil der Hauptzeuge fehlte; womit die damalige Quartalsitzung schloss.
Als er nun gar seinen Freund, den er brautlos erwartete, vermahlt wiederfinden musste, kannte sein Zorn keine Grenzen. Aber die Ehe sass wirklich wie ein guter Riegel fest und spottete jeglicher Bemuhungen, sie hinwegzuschieben. Er reiste auf der Stelle ab, hat sich in den Schwarzwald vergraben und nichts mehr von sich horen lassen. Sein Glaube an die Menschheit soll sehr gesunken sein und Clelien nennt er, wie man sagt, nur Armiden, die listige Verfuhrerin. Oswald hofft indessen doch noch ihn auszusohnen.
II
Du fragst mich nicht nach den komischen Leuten, obgleich Du, lustig wie ein Knabe, an ihnen Dein Ergotzen hattest und Dich selbst nicht scheutest, uber "den gemeinsten aller gemeinnen Bedienten" wie Du ihn nanntest, zu lachen. Du fragst mich nach Oswald und Lisbeth. Ihre Geschichte sei ja noch nicht aus, sagst du.
Nein, ihre Geschichte ist auch nicht aus, sie hat erst begonnen. Ich hatte nicht solchen Anteil beiden gewidmet, wenn sie zu denen gehorten, deren Blute das Lauten der Hochzeitglocken zu Grabe lautet. Die Geschichte ihres Herzens und innersten Geistes nahm von dem Segen des Priesters den Ausgang.
Ein zu fruhes Beieinandersein der Liebenden hat etwas Ungeschicktes. Das Leben ist nun einmal roh, es trennt mehr, als dass es verbinde. Der Tag wirft viel Schaum und trube Flut zwischen zwei Herzen, die noch nicht gelernt hatten und auch unter solchen Umstanden nicht lernen konnen, miteinander vertraut zu sein denn auch das echte Vertrauen will gelernt werden. Daher kommt es denn, dass die meisten einander zu fremd und doch zu nahe in den Ehestand treten. Und so entsteht die trube und unreine Gestalt vieler Ehen. In manchem Zufalligen hatten die Verbundenen das Wesenhafte zu finden gewahnt, das nimmt Abschied, und nun klagen sie uber bittere Enttauschungen, wo sie im Gegenteil sich vielleicht der Entfaltung eines Wesenhaftesten zu erfreuen hatten.
Unser Paar wurde durch anscheinendes Missgeschick uber diese gefahrliche Sandbank des Lebens hinubergespult. Draussen, in Wald und Feld, ausser dem Pferch der Zivilisation hatten sie einander gefunden, hatten einander vor aller Bekanntschaft geliebt, der Blitz der Ahnung hatte dem einen des andern ewiges Sein und Werden erleuchtet. Aber nun galt es, den kostbaren Gewinn fur die Erde zu festigen. An dem Tage ihres Bundes wurden sie getrennt! Trauriges Los, gluckseliges Los! In Sehnsucht und Wehmut, in zartem Harren und Darben lernte nun eines des andern Tiefstes aus; das Feinste und Wahrste der Seelen, der Blutenstaub des inneren Menschen wehte hinuber und heruber. Die Leidenschaft konnte nicht aufkommen, denn die Hoffnung, festgeankert auf dem Grunde des Sakraments, hielt sie mit sanfter Hand nieder, die Ferne zeigte jedem die zweite teure Gestalt in verklarten Umrissen.
Daher kannten sie einander, als er ihr bei Rotterdam aus dem Boote half, aber sie kannten einander in der edelsten und kostlichsten Weise. Den ewigen Menschen hatte eines in dem andern erschauen gelernt, nicht den zufalligen. Die Begeisterung des ersten Liebesrausches hatte die susseste und zugleich die ernsteste hohe Schule durchgemacht. In allen Tiefen des Bewusstseins hatte sich das Aufjauchzen des Gefuhls als hohe Vernunft wiedergefunden.
Und nun haben sie einen Glauben, den nichts erschuttern kann. Wenn der Tag seinen Schaum heranspult und das Bild des Liebsten verunreinigt; wenn die Laune kommt und das Sonderbare, Dumpfe, so sprechen sie: Das ist nicht Oswald, das ist nicht Lisbeth, das ist der Zufall. Eines ist fur das andere nur da in der schonen Figur jener akademischen Zeit ihrer Liebe.
Nach allen Seiten hin erbaut sie die Ehe, die den Namen einer heiligen verdient. Denn sie haben einander einen Doppelschwur geleistet ohne Worte. Eins wollen sie sein und bleiben, aber eins im Leben und in der Welt, nicht sich versteckend vor Leben und Welt. Mit Liebe wollen sie den stumpfen Widerstand der Materie uberwinden. Der ist gross. Denn ihr Schritt hat freilich in alle Verhaltnisse den tiefsten Riss gemacht. Man lasst Lisbeths Liebenswurdigkeit zwar gelten, aber das Findelkind bleibt ihnen doch ein Findelkind. Die Bekannten haben gestutzt, die Freunde getrauert, die Familie ist ausser sich gewesen, habsuchtige Vettern schielten froh nach der Zukunft. Zwischen diesen durren Klippen, in solcher Wildnis ist ihnen die Aufgabe gesetzt, den Garten eines schonen, fruchttragenden Lebens auszusaen. Daher hat denn ihre Geschichte nur erst begonnen. Uberallhin mussen sie sich aufstellen, jeden Schatz aus sich zutage fordern, sie mussen sich vollenden fur die Welt und fur die Zwecke der Welt, um das Recht des Herzens darzulegen.
"Eine Liebesgeschichte und nichts weiter!" werden manche sagen. Wenn es nichts weiter wurde, so ist daran meine geringe Fahigkeit, nicht mein Sinn schuld. Mein Sinn stand darauf, eine Geschichte der Liebe nachzuerzahlen, der Liebe zu folgen bis zu dem Punkte, wo sie den Menschen fur Haus und Land, fur Zeit und Mitwelt reif, mundig, wirksam zu machen beginnt.
Deine Seele hat manchen Gedanken von mir in sich empfangen, Du hast ihn gepflegt und mir schoner zuruckgegeben. Von Dir vernahm ich zuweilen erst, was ich eigentlich gedacht hatte. Hore denn auch jetzt, was meine rauhe und ungestume Lippe Dir zustammelt; pflege es in einem feinen, guten Gemute.
Unsere Zeit ist gross, der Wunder voll, fruchtbar und guter Hoffnung. Aber irr und wirr taumelt sie noch oft hin und her, weiss die Stege nicht und plaudert wie im Traume. Das ruhrt daher, weil das Herz der Menschheit noch nicht wieder recht aufgewacht ist. Denn nicht abhanden kam der Menschheit das Herz, es ward nur mude und schlief etwas ein. Im Herzen mussen sich die Menschen erst wieder fuhlen lernen, um den neuen Weg zu erkennen, den die Geschlechter der Erde wandeln sollen, denn vom Herzen ist alles Grosste auf Erden ausgeschritten. Moses sah an das Elend seines Volkes und fuhrete es hinweg; Christus wollte sein gottliches Licht nicht fur sich behalten, sondern in uberstromender Liebe gab er es seinen Brudern; nach dem heiligen Grabe lechzete die durstige Brust der Kreuzfahrer, Luther tat mit seinem Herzen die tiefe Frage nach der ewigen Seligkeit, vor welche sich schmauchende Kirchenkerzen gestellt hatten, die von Messgewandern und Weihrauchwolken verhullt war.
Wenn ich aber das viel gemissbrauchte und deshalb ubel berufene Wort brauche, so weisst Du, dass ich damit nicht den schlaffen, von der Empfindelei getauften Muskel meine, der in einer Flut matter Tranen schwimmt. Das volle, starke Herz meine ich, vom Atem Gottes und gottlicher Notwendigkeiten durchweht und begeistet. Ich meine das Herz, welches das schone Weib des Kopfes ist. Von ihm wird es befruchtet und gibt die Kraft seines Mannes und Herrn wieder als gottliches Kind mit tiefen welterlosenden Augen. Dieses Herz erscheint den Schwachen nicht selten kalt und roh, und doch ist es das Warmste, was es gibt, denn es entzundet mit seinem Brande die Volker. Und das Zarteste ist es auch, denn nicht irdische Stumper ruhren es, sondern die Himmlischen spielen darauf, wie auf einer Aolsharfe, und es tonet seine ewigen Akkorde unter den Fingern der Elohim.
Unsere Zeit ist ein Kolumbus. Sie sieht wie der Genueser mit den Blicken des Geistes das ferne Land hinter der Wuste des Ozeans. Desselbengleichen erlebt sie die Geschicke des Kolumbus. Auch ihr laufen die Kinder nach, halten sie fur wahnwitzig und zeigen an den Kopf. Auch sie steht vor manchem Rate von Salamanca und soll sich aus Kirchenvatern widerlegen lassen. Auch heuer gibt es diesen und jenen heuchlerischen Johann von Portugal, der ihr das Geheimnis abgekauft zu haben wahnt und die Karavelle aussendet von den Inseln des Grunen Vorgebirges, aber nach vierzehn Tagen den schlechten Bootsmann entmutigt wiederkehren sieht. Sie hat die Anker gelichtet und steuert und steuert.
Aber der Genueser hatte die Bussole am Bord und nach der richtete er sein Schiff und liess sich nicht irremachen, als die Nadel unter entlegenen Graden abzuweichen begann. Die Nadel zeigte ihm den Pfad.
In das Schiff der Zeit muss die Bussole getan werden, das Herz. Und keine Abweichung muss den Seefahrer irren, wenn die Reise immer weiter und weiter vordringt. Dann wird nach verzweiflungsvollem Hoffen und Harren plotzlich in einer Nacht vom Schiffe: "Land!" gerufen werden, und die Insel San Salvador wird nachsten Morgens entdeckt daliegen, wild, uppig, mit grossen und schonen Waldern, mit unbekannten Blumen und Fruchten, von reinen, lieblichen Luften uberhaucht und umspult von einem kristallklaren Meere. Und es kann sein, dass auch die Zeit nach Ophir und nach des Tartarkhanes Gebiete entsteuert zu sein wahnet, und in diesem Wahne, ein erhaben phantasierender Kolumbus, abstirbt, und dass erst spatere Jahre erfahren, Amerika sei an jenem Morgen entdeckt worden.
Fussnoten
1 So heisst in manchen Gegenden ein Strick. 2 Ausdruck fur Brotherr. 3 Provinzialismus fur: Madchen. 4 Abgekurzt fur: Brigitta. 5 Soll wohl heissen: geschlagen. 6 Er meint vermutlich den Vorfall, den die Erbstatthalterin in den hollandischen Unruhen auf ihrer Reise nach dem Haag erlebte. 7 Bei den Hochzeitmahlzeiten der Bauern in dortiger Gegend warten der Brautigam und der Schulmeister auf; sonst niemand. 8 Vermutlich sind hier die rastlos schwirrenden grauen Nachtfalter mit dem fischschweifartigen Hinterleibe genannt. 9 Ist nun auch schon veraltet. Doch wer weiss? 10 Unbegreifliches Verfahren! Warum setzte er die Interessenten nicht von der ihrem Meister und Freunde drohenden Gefahr in Kenntnis? Sie wurden sich mit ihm gegen die Feinde verbundet haben und nachsen. Statt dessen verliert er die Zeit mit unnutzem Protokollieren! Es ist offenbar, dass sein erster Fehlschritt ihm das klare Bewusstsein von der Lage der Sache getrubt hatte. 11 Die Umgrenzung des zu einem Hof gehorigen Feld-, Wiesen- und Baumgrundes. 12 Anfall von Schlagfluss.