Karl Gutzkow
Wally, die Zweiflerin
Des Friedens Wund' ist Sicherheit,
Sorglose Sicherheit; doch weiser Zweifel
Wird Leuchte der Vernunft, des Arztes Sonde,
Der Wunde Grund zu prufen.
Shakespeare
Erstes Buch
1
Auf weissem Zelter sprengte im sonnengolddurchwirkten Walde Wally, ein Bild, das die Schonheit Aphroditens ubertraf, da sich bei ihm zu jedem klassischen Reize, der nur aus dem cyprischen Meerschaume geflossen sein konnte, noch alle romantischen Zauber gesellten: ja selbst die Draperie der modernsten Zeit fehlte nicht, ein Vorzug, der sich weniger in der Schonheit selbst als in ihrer Atmosphare kundzugeben pflegt. Welche naturliche und ihr doch so vollkommen gegenwartige Koketterie auf einem Tiere, von dem sie wahrscheinlich selbst nicht wusste, dass es blind war! Wally gab sich das Ansehen, als ware sie mit ihrer Situation verschwistert; aber nichts ist so reizend, als wenn durch irgendeine fast gelungene Affektation, durch die ganze Haltung eines innerlich mehr reflektierten wie angebornen Wesens einige kleine Lichtritzen schimmern und fur den Mann, welcher sie sehen kann, die versteckten Erleichterungen einer sich einbohrenden Neigung werden. Aber von den zahlreichen Kavalieren, welche Wally umgaben, sahe diese kleinen Lucken der Furcht edler Weiblichkeit niemand. Jene, die Lucken der Furcht, kannte vielleicht der Jockei, der auch wusste, dass die weisse Stute blind war. Aber die ubrigen hingen nur wie der Eisenfeilstaub am Magnet, wie die Nachahmung am Genie, wie das Ordinare am Wunderbaren.
Am Wege schritt, wie es beim Temperamente sich von selbst versteht, im Zweivierteltakte Casar, ein Mann, der imstande war, eine solche Gruppe wie die vorbeisprengende im Nu zu ubersehen und jede darin waltende Figur so zu isolieren, dass er sie alle verarbeitete und an seiner eigenen Individualitat zerrieb. Kennt ihr diese genialen Charaktere, welche durch ihr Schweigen immer mehr ausdrucken, als wenn sie reden, die nur ihr rollendes, siegendes Auge in die Gesellschaft bringen durfen und jede Personlichkeit darin absorbieren in eine Huldigung, die ihnen wird ohne ihr Verlangen? Casar stand im zweiten Drittel der zwanziger Jahre. Um Nase und Mund schlangelten Furchen, in welche die fruhe Saat der Erkenntnis gefallen war, jene Linien, die sich von dem lieblichsten Eindrucke bis zu damonischer Unheimlichkeit steigern konnen. Casars Bildung war fertig. Was er noch in sich aufnahm, konnte nur dazu dienen, das schon Vorhandene zu befestigen, nicht zu verandern. Casar hatte die erste Stufenleiter idealischer Schwarmerei, welche unsre Zeit auf junge Gemuter eindringen lasst, erstiegen. Er hatte einen ganzen Friedhof toter Gedanken, herrlicher Ideen, an die er einst glaubte, hinter sich: er fiel nicht mehr vor sich selbst nieder und liess seine Vergangenheit die Knie seiner Zukunft umschlingen und sie beten: Heilige Zukunft, gluhender Moloch, wann hor' ich auf, mich mir selbst zu opfern? Casar begrub keine Toten mehr: die stillen Ideen lagen so weit von ihm, dass seine Bewegungen sie nicht mehr erdrucken konnten. Er war reif, nur noch formell, nur noch Skeptiker: er rechnete mit Begriffsschatten, mit gewesenem Enthusiasmus. Er war durch die Schule hindurch und hatte nur noch handeln konnen; denn wozu ihn seine toten Ideen machten, er war ein starker Charakter. Ungluckliche Jugend! Das Feld der Tatigkeit ist dir verschlossen, im Strome der Begebenheiten kann deine wissensmatte Seele nicht wieder neu geboren werden; du kannst nur lacheln, seufzen, spotten und die Frauen, wenn du liebst, unglucklich machen!
Casar, wie er einsam wandelte, fuhlte, dass er weinen sollte, und lachte, um die Tranen zu vertreiben.
Da flog Wally mit ihren Begleitern an ihm voruber. Sie schlug mit ihrer Gerte in die Seiten des schonen, aber blinden Gaules (sie wusste es wahrhaftig nicht!) ein sonderbarer Glanz klang durch die Luft, und zu Casars Fussen lagen funf kostbare Ringe.
Sie mussten an der Reitgerte gesteckt haben.
Wally sah, was der Unbekannte am Wege aufnahm; sie machte Miene anzuhalten; aber als der Fremde mit der Zuruckgabe zogerte, blickte sie bos und trieb ihren Schimmel weiter. Die Kavaliere hatten nichts gesehen.
Casar aber, da er die Reiterin sogleich aus den Augen verlor, musste sich auf alles besinnen. Er gefiel sich darin, an eine alte Sage zu glauben, an die Prinzessin im Walde, und sich selbst mit irgendeinem Zauber in Verbindung zu bringen.
Er steckte die Ringe zu sich und hatte sie wieder vergessen, wie er innerhalb der Stadt war.
2
Ein gewisser Regierungsprasident gab einen beinahe landlichen Ball. Wally und Casar sahen sich hier. Casar hatte in einem Anfalle guter Laune die funf Ringe uber seine Handschuhe gezogen. Wally frug ihn, wie er darauf kame?
"Weil meine rechte Hand", antwortete er, "beim Tanzen immer ungeschickt ist. Die Ringe verhindern sie, von dem glatten Rucken der Tanzerinnen abzugleiten."
Wally liess ihn stehen: dieser junge Mann missfiel ihr. Aber sie fuhlte, dass sie sich zerstreuen musse, und tanzte mit Vorliebe. Sie wurde erhitzt, verfolgte Casar und sahe, dass er die Ringe wieder fortgenommen hatte.
Sie wollte sie wiederhaben und rief einem ihrer Employes, einem blondhaarigen Referendar, der eine kleine Schrift uber das Unzeitgemasse politischer Garantien geschrieben hatte. Sie setzte ihm die Lage der Dinge auseinander.
"Ich bin gewohnt", sagte sie, "fur jeden Monat im Jahre einen andern Anbeter zu haben, und ich nehme niemanden an, der sich nicht durch einen Ring in meine Gunst einkauft. An meinem Finger will ich die Ringe nicht: ich trage sie an meiner Reitgerte und mache mir ein Vergnugen daraus, wenn ich von Juli zu Juli ins Bad reise und armen presshaften Leuten sie alle zwolf nacheinander in die heissen Sprudelbecher werfe."
Darauf erklarte sie ihm, wie sie funf davon verloren hatte, und verlangte, dass sie ihr wieder zuhanden, das heisst zur Reitgerte, kamen.
Der junge Mann, welcher uber das Unzeitgemasse politischer Garantien geschrieben haue, versprach sein moglichstes und redete Casar an.
Casar betrachtete ihn und besann sich auf den Verfasser der kleinen Broschure. "Sie verstehen sich darauf", sagte er dann, "als St. Georg gegen die Ungetume der Zeit zu kampfen. Die Ringe der Dame passen zu meinem Schuppenleibe: ich stehe als Lindwurm zu Ihren Diensten!"
"Wie versteh' ich das?" fragte der junge Mann, welcher uber das Unzeitgemasse politischer Garantien geschrieben hatte.
Casar liess ihn stehen. Der Bote wagte nicht, unverrichteter Sache zu Wally zuruckzugehen; eben tanzte sie, sie hatte seine Abweisung glucklicherweise nicht bemerkt.
Der junge Mann half sich: er wusste, von wem die funf Ringe kamen: vier von seinen Freunden, die mit ihm teils auf dem Stadtamte fungierten, teils auf das nachste militarische Avancement warteten; einer gehorte ihm, denn Wallys Sonne stand zufallig wahrend dieses Monats in seinem Zeichen. Die Sache wurde unvermeidlich ein Ehrenhandel; aber er war perfid genug, dem Gegner das Spiel funffach zu erschweren. Casar bekam noch an demselben Abend funf Ausforderungen ins Ohr geflustert.
Er nickte lachelnd zu jeder; fur den folgenden Morgen war alles anberaumt, aber er entfernte sich fruh.
Wally tanzte bis in die Nacht. O welch ein Gluck, sich mit dem faden Mittelgut in ewig gleichen Kreisen herumzudrehen!
3
Es war schon um die eilfte Vormittagsstunde des folgenden Tages, als Wally unter den Handen ihres Kammermadchens sass und ihr Haar flechten liess. Sie hatte einen kleinen Tisch vor sich geruckt, worauf die Erzeugnisse der neuesten Literatur lagen. Naturlich kamen sie frisch aus dem Buchladen; anstandige Leute lesen nicht aus Leihbibliotheken.
Sie blatterte in dem jungsten Musenalmanach von Schwab und Chamisso. "Diese guten Waldsanger", sprach sie vor sich hin, "nehmen sich die Freiheit, sehr ennuyant zu sein. Wenn uns die Reime nicht in einer Art von melodischer Spannung hielten, die Monotonie der Gefuhle und Anschauungen ware todlich. Ich ziehe Prosa vor. Heines Prosa ist mir lieber als Uhland und sein ganzer Bardenhain."
Sie griff nach Heines "Salon", zweiter Band. "Willst du Philosophie studieren, Aurora?" fragte sie ihr Kammermadchen: "Hier sind all die gelehrten, bemoosten Karpfen der deutschen Philosophie mit Fruhlingspetersilie und Vanille zubereitet. Man sollte die Bonbons in Aphorismen aus Heines 'Salon' einschlagen. Welch gesunkenes Volk mussen die Franzosen sein, dass sie gerad auf der Stufe in den Wissenschaften stehen, wo in Deutschland die Madchen."
Einige Schriften vom jungen Deutschland lagen zur Hand, von Wienbarg, Laube, Mundt. "Wienbarg ist zu demokratisch: ich habe nie gewusst, dass ich vom Adel bin", sagte sie; "aber mit Schrecken denk' ich daran, seit ich diesen Autor lese. Laube scheint den Adel nicht abschaffen, sondern uberflugeln zu wollen. Doch bleibt es arg: er ist zudringlich. Er gibt sich in seinen Schriften das Ansehen, als kenne er jede seiner Leserinnen und verlange von ihr eine Hingebung, um die er nicht einmal bittet. Mundt goutier' ich nur halb: denn er wird, je mehr er sich selbst klarzuwerden scheint, fur andere immer unverstandlicher. Verstehst du, Aurora?"
Aurora hatte etwas in den Mund bekommen und musste abscheulich husten. Wally lachte.
Unter den Buchern lag zuletzt die neueste Lieferung der "Carlsruher Bilderbibel", auf welche Wally abonniert hatte.
"Wie sonderbar doch das Christentum auf Velinpapier aussieht!" sagte sie zu sich selbst. "Dienen diese Kupfer zu etwas anderem, als die Aufmerksamkeit noch mehr von dem heiligen Buche abzulenken! Siehe, da steht ein Druckfehler! Ein umgekehrter Buchstabe! Es ist hubsch, in der Bibel Irrtumer zu entdecken."
Wally sahe nur auf das Aussre, auf den Einband, dann las sie etwas. Sie las einige Verse, ein halbes Kapitel und fragte ihr Madchen, wann sie zuletzt in der Kirche gewesen ware?
Aurora war nicht frivol: sie war vor vier Wochen dagewesen.
Wally las, ohne zu horen. Dann fragte sie: "Warum bist du so still?"
Aurora war nicht mehr im Zimmer: Wally blickte sich scheu um und las weiter. Ihr Auge haftete stier auf den Buchstaben: sie schlug eine Seite nach der andern um: dann lehnte sie sich zuruck, eine Trane stand in ihrem Auge. Sie sah mit einem flehenden, verzweifelnden Blick auf den kleinen Tisch, der so viel Widersprechendes friedlich umschloss. Sie stutzte den Kopf auf die Lehne ihres Sessels; es war Sonntag. Die Glocken lauteten, aus der nahen Kirche brausten die Tone der Orgel heruber. Wally war in Tranen aufgelost. Kann man dem Himmel ein schoneres Opfer bringen? Diese Tranen flossen aus dem Weihebecken einer unsichtbaren Kirche. Die Gottheit ist nirgends naher, als wo ein Herz an ihr verzweifelt.
Aurora kam zuruck. Es war Besuch im Gesellschaftszimmer. Wally hatte absagen mussen; aber sie war willenlos. Sie fand die Ritter von den funf Ringen, einige von ihnen leicht verwundet.
Wally erschrak, als sie von dem Vorfalle horte. Casar war am Arme blessiert. Aber schon die Nachricht, dass keine Gefahr vorhanden sei, richtete sie auf; und wie in der menschlichen Seele Schmerz und Freude sich erganzen und das Linderungsmittel des einen Ubels auch alle ubrigen Sorgen heilt, die mit ihm in keiner Verbindung standen, so wandte sie sich teilnehmend dem Gesprache zu. Es war fade, wie immer; aber verzeihlich der Tageszeit wegen. Man soll vor Tische von keinem Menschen verlangen, dass er geistreich sei.
Wally konnte lachen und lachte ubermassig.
4
Beide sahen sich eine Woche spater. Wally hatte nicht das Herz, von dem Vorfalle zu sprechen. Aber es wahrte nicht lange, so sprachen sie uber den Mut.
Sie wollte wissen, ob der Mutige die Gefahr absichtlich verkleinere oder geringer achte, ob der Mut noch wahrend der Gefahr daure oder nur das Vorspiel der Gefahr sei. Casar sagte, er habe nie uber den Mut nachgedacht, besasse ihn auch nicht hinreichend dafur. Wally brannte der Vorfall auf den Lippen; aber sie hielt an sich und lachelte bloss.
"Ich glaube", sagte Casar, "dass es Menschen gibt, deren Mut darin besteht, dass sie die Gefahr gar nicht sehen. Das sind diejenigen, welche als die vorzugsweise Mutigen uberall gefurchtet werden: auf den Universitaten jene unverschamten Knaben, die gegen jedermann die Hand in die Seite stemmen und von Verachtung und Malice ubersprudeln; unterm Militar diejenigen, welche ihren Sabel gern so hangen, dass sie ihn hinter sich klirren horen. Man kann aber sagen, dass wenn diese Menschen Einbildungskraft genug hatten, die Gefahr zu sehen, sie die verzagtesten sein wurden. Der Besonnene ist von Natur niemals mutig. Er folgt nur den Rucksichten und ist unerschrocken, weil die Sache einmal nicht zu andern ist."
Wally fand diese Ausserungen durchaus nicht so liebenswurdig, wie sie gewohnt war, dergleichen von ihren mannlichen Umgebungen zu horen. Es war in ihrem innerlichen Urteile etwas, was einen guten Schein hatte. Sie vermisste an Casar den Reiz der Naturlichkeit. Seine Reflexion zog an, befriedigte aber das Temperament nicht. Nichtsdestoweniger traf sie sehr gut die Gedankenreihe Casars, indem sie fortfuhr: "Ich glaube fast. Sie halten die Tugend fur eine Berechnung?"
"Die Tugend nicht", entgegnete Casar; "aber alles, was man gern fur Instinkt anzusehen gewohnt ist. Unsre Handlungen sollen berechnet sein, unsre Empfindungen sind es. Ich erinnere Sie nur an das Unbequeme mancher Empfindung, mit der wir gern kokettieren, die uns aber in gewissen Zeiten recht zur Unzeit kommt."
"Sie sind ohne Natur", sagte Wally.
"Ich bin ohne Verstellung", fiel Casar ein.
"Ohne Verstellung? Jeder Satz in Ihren Theorien scheint von Ihren zufalligen Zwecken abhangig zu sein."
Casar musste lacheln; er hatte etwas gesagt, was er nicht meinte.
"Glauben Sie", fragte er, "dass es in der Liebe eine Hoflichkeit gibt?"
"Das versteh' ich nicht."
Casar blickte finster und wollte abbrechen.
"Was ist Ihnen?" fragte Wally.
"Ich denke, Sie vermeiden, uber einen Zustand zu sprechen, den Sie vielleicht nicht zu kennen vorgeben."
"Halten Sie mich fur eine Narrin?" fragte Wally, erst bos, dann aber hellte sich ihr Antlitz zu einer Liebenswurdigkeit auf, die Casarn fast einen Augenblick zu verwirren schien.
"Nehmen Sie nur an", sagte er, "wie unzeitig und unbequem man werden kann, wenn man seinen Leidenschaften immer den naturlichen Raum lasst. Ich verspreche zum Beispiel einer Dame, sie einen Tag um den andern zu besuchen. Was heisst das? Sie ist einen Tag um den andern in der Spannung, wo sie glaubt, beglucken zu konnen. Ihre Gedankenreihen werden immer einen Tag uberschlagen, einen Tag, wo sie nicht untreu, aber ohne Rapport und Illusion ist. Man kann nicht unhoflicher sein als an diesem Tage, der uberschlagen werden sollte, der fur die Liebe gar nicht da ist, seine Braut zu uberraschen."
Wally lachte laut auf. Jetzt hielt sie Casarn fur einen Narren und fragte ihn, welche Frau ihm diese Gestandnisse gemacht habe.
Casar war kein Pedant, er lachte mit, fuhr aber fort: "Ich versichre Sie, es ist nichts abscheulicher als das Ungeschickte und Unbequeme. Der Instinkt mag hier manche uble Empfindung hintertreiben; aber sicher geht allein die Combination der Psychologie. Ich mochte um alles in der Welt zu einer gewissen Zeit, unter gewissen Umstanden von der Freundschaft kein Opfer, von der Liebe keine Zartlichkeit verlangen. Mit unsrer rohen Naturlichkeit sind wir immer gewohnt zu ubertreiben; in nichts sind wir aber ubertriebener als in unsern Forderungen. Ist es erhort, was der Enthusiasmus nicht alles in den gefuhlvollen Beziehungen der Geschlechter oder in der Freundschaft zu entdecken glaubte! Wer kann das alles leisten! Wer kann so unhoflich sein, alle diese Leistungen in Anspruch nehmen? Sagen Sie!"
"Ich habe vergessen, Rumohr zu lesen", antwortete Wally.
"Rumohr!" sprach Casar; "Rumohr hatte vielleicht Anstand, aber nicht Geist und Mut genug, eine 'Schule der Hoflichkeit' zu schreiben. Rumohr glaubt an seine Vorschriften und scheut sich doch, die meisten davon anders als in einem gewissen Helldunkel zu geben. Rumohr glaubte, er musse sich immer noch eine Hintertur offenlassen, um nicht fur einen Fant zu gelten. Auch ist dieser Mann so sehr in die Klassizitat verrannt, dass er alle Tugenden und Untugenden des Altertums aufzahlt, aber ein wichtiges, modernes Laster ganz mit Stillschweigen ubergeht, ein Laster, wofur die Alten gar keinen Ausdruck hatten. Rumohr konnte davon nicht sprechen, weil er selbst darin ganz verstrickt ist. Dies ist die Langeweile. Aber was Rumohr? Es gibt eine weit tiefere Hoflichkeitstheorie, welche auf asthetischen und moralischen Prinzipien zu gleicher Zeit beruht. Soll ich ihren Grundsatz nennen? Lassen Sie aus einem christlichen Gebote nur einen Buchstaben weg. Raten Sie!"
Wally wurde rot: nicht des Ratsels wegen, sondern des Christentums.
Casar erganzte sich selbst und sagte: "Lebe deinen Nachsten wie dich selbst! Sei Egoist, ohne deinen Nachbar zu verwunden! Wenn ich mich in die innersten Falten Ihrer Seele (Falten! Ihre junge Seele! Aber die Seele ist immer alt, der Teil der jahrtausendjahrigen Urseele und Weltseele, der in uns wohnt), wenn ich mich in sie versetze, so bin ich gewiss, immer die Wirkungen zu veranlassen, die ich eine Minute vorher schon bestimmen kann. Sie horen mich nicht mehr. Es ist wahr, ich habe zu laut gesprochen."
Der gute Casar mit seinen langweiligen Theorien! Er mochte wunder glauben, wie zart er die Fibern des menschlichen Herzens anatomiere; und hatte schon langst seine Widersacherin innerlichst verletzt. Er wusste dies nicht und schamte sich, so theoretisch debattiert zu haben. Um die Sache war es ihm gar nicht zu tun. Er hatte uberhaupt nur zwei Steckenpferde, auf denen er sich heissreiten konnte, die Verachtung der Musik und die Strenge der Erziehung. Diese beiden Fragen interessierten ihn, weil sie das Nachste beruhrten, das Zimmer des Nachbars gleichsam, weil die Musik sich gern in der Gesellschaft breitmacht und uber Erziehung so viel Empfindsames gefaselt wird. Er pointierte die Verachtung der Musik, um die jungen Damen (welche, wenn man von ihnen Gedanken verlangt, mit Musik antworten) ihre Leere fuhlen zu machen: in der Erziehung aber den Stock, um sich das Geschwatz uber Kinder, das Prasentieren der lieben Kleinen, die Koketterie mit seiner Einzigen oder seinem jungsten Balge vom Leibe zu halten. Auf alles ubrige liess es Casar ankommen. Fur Himmel, Holle, Erde und was drin, drauf und drunter ist, nahm er nur Interesse, um sich zu unterhalten oder eine hubsche Wendung daruber zu haben.
Warum ist Casar kein Schriftsteller geworden? Er wurde ein vortrefflicher Dialektiker sein, immer gute Gedanken haben und jedenfalls einen glanzenden Stil schreiben.
5
Wir sind noch in derselben Gesellschaft, wo uber Herrn von Rumohr so abfallig geurteilt wurde. Wally ist nur hingebender und Casar erschopfter geworden. Er war im Zuge, links und rechts seine zusammenhanglosen Einfalle auszustreuen und grade im Gegensatz zu seiner Hoflichkeitstheorie alle Welt zu verwunden. Die Hauptunterhaltung hatte der lange blonde Mann an sich gerissen, welcher uber das Unzeitgemasse politischer Garantien geschrieben hatte. Mit ihm korrespondierte ein Justizrat, welcher anonymer Verfechter von verschiedenen Lehrbuchern zur Kenntnis des Allgemeinen Landrechts war oder doch sein sollte. Beide zitierten sich wechselseitig als Autoritaten, der Junge den Alten der Carriere wegen: der Alte den Jungen, weil er wusste, dass der Nachruhm in den Handen derer liegt, die nach uns leben. Casar war auf der Folter: er ahnte, dass sie ausschweifen wollten, dass sie auf dem Wege waren, zur schonen Literatur uberzugehen.
"Wirklich?" zitterte er fur sich hinein. "Wahrlich! Ja, sie mussen Oh ." Casar war aufgesprungen.
Er wollte fort. Wally frug ihn, was er hatte?
Der Justizrat, Mitglied einer Liedertafel, das heisst eines Vereins, wo man uber Tafel die schlechten Compositionen eines Zelter und anderer zu singen pflegte, rief: "Ist es nicht auffallend, dass auch nicht ein einziger aus der neuen Schule in Deutschland sich auf Musik versteht. Wie schon hat Tieck die italienische Musik in seinen Sonetten charakterisiert! Wie treffend druckt er in seinem Vorspiel zum 'Gestiefelten Kater' oder zur 'Verkehrten Welt', ich weiss nicht, das Wesen der verschiedenen Instrumente aus! Wie hat die ganze romantische Schule in der Musik gelebt!"
"Und Hoffmann", rief eine altliche Dame, die ihrem Teint nach mit Napoleon verwandt sein konnte.
"Und Hoffmann!", fielen alle ein.
"Ja", rief der Justizrat, "Hoffmann, der mein Kollege war!"
Casar sagte ruhig: "Ich weiss nicht, worin der Zusammenhang der Literatur und der Instrumentation liegen sollte. Goethe scheint mir auch ohne den Kontrapunkt verstandlich zu sein."
Aber der Justizrat hatte das Wort: "Man hat noch immer gefunden, dass irgendeine Beschaftigung, welche dem Dichter sonst noch teuer und lieb war, recht hubsch das Wesen seiner eigenen Poesie ausdruckte. Ich rede von Homer und Ossian nicht, Mannern, die mehr Musiker als Dichter waren; aber Goethe arbeitete in Pappe, wenn ich nicht irre. Schiller war Compagnie-Chirurgus. Nun sehen Sie, das ist prosaisch genug; sagen Sie mir von allen neuen Autoren einen, der ein gutes Urteil uber Musik hatte? Es ist Mangel einer gewissen Saite in der Seele, dass es ganz unmoglich ist, die Namen Menzel, Borne, Heine usw. mit irgendeiner musikalischen Verrichtung zusammenzubringen."
"Die Larmtrommel!" hiess es irgendwo. Man beklatschte den Einfall und nannte ihn witzig. Aber recht hatte der Justizrat; auch Casar, wenn er sagte: "Was kann empfehlenswerter fur die Richtung sein, welche unsre ersten Geister nehmen? Alle fruhere Literatur bildete sich im Interesse irgendeiner vereinzelten Kunst oder Tendenz: die Lessing-Goethische Zeit im Interesse der Antike: die Romantik im Interesse der Malerei: die Phantastik im Interesse der Musik. Erst in unsern Tagen sammelt die Literatur ihre Vorposten, die sich in die fremden Feldlager ganz verloren hatten, und zieht sie in den Kern ihrer Krafte zuruck, um aufs neue zu bestimmen, welches ihr Zweck ist. Ich glaube, dass sich die Literatur ausdehnen wird auf andre Felder, um sie zu befruchten; aber wahrlich, mein Herr, auf die Musik nicht!"
Bis hierher sprach Casar so richtig, dass es unnutz gewesen ware, Unterschriften darauf zu sammeln. Das Folgende schien zweifelhafter: "Was soll uberhaupt die Musik? Diese klingende Mathematik? In der Erziehung sind die geometrischen Kopfe meist die dicksten und hartesten, und in den grossen Musikern habe ich immer Leute gefunden, die, obschon sie immer mit Schlusseln umgehen, doch uber nichts Aufschluss geben konnen. Die Musik ist eine ganz sinnliche Kunst. Wenn Sie dem Otaheiter einen Trauermarsch von Spontini vorspielen, mein Herr, glauben Sie, dass er weinen wird? Er wird springen und seine Kokosschale vor Lebenslust bis auf die Hefe leeren. Musik ist absolut nichts: die Bildung legt erst das hinein, was wir darin zu finden glauben. Wenn ich bei irgendeinem Musikstuck ein solcher Narr bin, an die Unsterblichkeit der Seele zu glauben, so verbinden zu gleicher Zeit Sie damit einen Begriff, welcher vielleicht der entgegengesetzte ist. Wenn Sie bei einer Symphonie von Beethoven an einen gotischen Dom denken, so dachte der Komponist an das Giebeldach einer Bauerhutte. Nein, mein Herr, die Musik wird aufhoren, zu den Kunsten gerechnet zu werden. Nahert sich die Musik in der Oper nicht schon immer mehr der rhetorischen Deklamation? Ist die Sprache, das volle, tonende, menschliche Wort nicht unendlich hoher als der unnaturliche Gebrauch einer ganz im tiefsten Schlunde versteckten zufalligen Fertigkeit? Ich bitte Sie, uberlegen Sie das, mein Herr!"
Hier war keine Verstandigung mehr moglich. Was sind Hunderttausende in der Welt ohne das bisschen Fortepiano, was sie spielen konnen! Es war, als hatte einer gesagt, die Frauen sollten keine Gigotarmel mehr tragen. Was waren diese schmalen Bruste, diese gedankenlosen Kopfe ohne Gigots, ohne Pianoforte! Und doch strafte man Casarn nicht durch Stillschweigen, ging nicht wie wegen eines Tollen zur Tagesordnung uber, sondern schrie auf und rief das Gefuhl, den Himmel, die Moralitat zu Hulfe, um einen Ketzer zu bekehren. Der blonde Unzeitgemasse war so glucklich, die Frage in das Gebiet der Politik hinuberzuspielen und aus der Musik eine Sache des Staates zu machen. Hieruber schwieg Casar.
Ihn verdross nichts mehr als das Warmwerden. Er wusste zu gut, dass die Adler niemals in der Flache horsten. Warum Niagaradonner, wo Knallerbsen genugen? Er gab sich willig dem Spotte Wallys hin, die viel zu leichtsinnig war, auf dergleichen Debatten etwas zu geben, zu eitel, um eine allgemeine Unterhaltung interessant zu finden, und die uberdies weder sang noch spielte. Wally hatte Ideen, aber nur momentan; sie verschmahte es, die Geistreiche zu scheinen, weil sie wusste, dass sie schon war. Fluchtig waren ihre Bewegungen, liebenswurdig, ohne Pedanterei ihre Capricen. Casar fuhlte das und badete sich in dem oberflachlichen Schaume, den Wally von den Ideen nur gelten liess. Casar hatte recht, sie fur unfahig zur Spekulation zu halten. Er nahm sie wie ein humoristisches Capriccio der animalischen Natur.
Beide spotteten im Vertrauen uber sich, uber alle. Was sie sprachen als Sprechenswertes, waren Raketen, die sie sich einander zuwarfen. "Warum brechen Sie uber Politik ab?"
"In Athen durfte kein Volksredner auftreten, der nicht verheiratet war."
"Was Sie gelehrt sind! Ich bin es auch: in Kreta durfte niemand Gesetze geben, der nicht einen Strick um den Hals hatte."
"Das ist dasselbe Gesetz: Die Athener wollten eigentlich auch sagen, der keinen solchen Strick am Halse habe."
"Wie unanstandig!"
"Wally!"
Wally lachte: es war ein hubscher, vertraulicher Ton, in dem ihr Casar drohte. "Was machen Sie mit Leuten, die Ihnen gefallen?" fragte sie ihn, ohne zu wissen, was sie fragte.
"Alles, nur nicht ihre Bekanntschaft."
"Das ist auffallend! Doch konnen Sie recht haben."
"Wonach beurteilen Sie die Menschen, Wally?"
"Nach ihren Werken! O Gott, nein; dies ware ja albern geantwortet, wie im Katechismus. Sagen Sie?"
"Nach dem, was sie sind?"
"Nein, nach dem, was sie imstande waren."
"O Wally, Sie sind liebenswurdig! Woran wurden Sie denken, wenn Sie jemanden prufen wollten, der zu lieben ware?"
"An die ausserordentlichen Falle."
Casar schwieg. Diese Antwort war zu ernst. Er betrachtete die funf Ringe, die er uber seinen Handschuhen trug, und fragte dann: "Sie reisen ins Bad?"
"In acht Tagen."
"Sie werden den Rhein sehen?"
"Von Mainz bis Koln."
"Von Mainz bis Dusseldorf. Sie durfen einen Besuch bei den Malern und bei Immermann nicht unterlassen.
Lage Dusseldorf in Thuringen, es wurde ein zweites Weimar werden."
"Sind die Ufer in der Tat so reizend?"
"Gefallig sind sie und da schon, wo Sie etwas von Ruhrung einfliessen lassen in Ihre Betrachtung."
"Das versteh' ich nicht."
"Das Schone, Wally, ist immer das Uberraschende. Ich bin ursprunglich kalt gegen alles, was in Deutschland fur schon ausgegeben wird. Am Lurleyfelsen, wo der Rhein sich wie ein See verengt, wo Flinten abgeschossen und Waldhorner geblasen werden, um die Echos, von denen die Handbucher sprechen, zu beweisen: da werden Sie durch diese Zurustungen zur Wehmut ubermannt werden. Ihr blondes, bescheidenes Deutschland, dem Sie nichts zutrauten, nicht einmal das Echo des Lurley, wird Sie ruhren, und bei einer fliessenden Trane werden Sie sich gestehen mussen, dass der Rhein in der Tat ein schoner Strom ist."
"Sie wollen sagen, die Natur sprache nur zu uns, je nachdem unser Auge und Herz sie ansieht."
"Ich stand in dem Kolner Dome. Sie kennen das zerrissene Prinzip unserer Zeit, nichts anzunehmen, was vielleicht richtig ist, aber von Leuten proklamiert wurde, die uns widerstehen. Der Enthusiasmus der einen erkaltet immer die andern. Ich wollte den Kolner Dom ironisch betrachten und musste weinen, da ich ihn sahe, uber das Unvollendete der Idee, uber die dunnen Hammerschlage der Ausbauer, welche durch die machtigen Raume picken, uber mich selbst, der sein Herz kunstlich verhartet und zu einer gemachten Empfindungslosigkeit herabgestimmt hatte."
"Die Dampfschiffe fahren zu schnell."
"Sie fahren zu langsam und sind fur das Auge ermudend. Der Gedanke einer feurigen, uber das Wasser kriechenden Schildkrote steht vor unsrer Einbildungskraft, und wir sind einmal daran gewohnt, das Kriechen fur langsam zu halten."
"Ein sonderbares Bild! Woruber nur meine Tante so lacht?"
"Ihre Tante ist eine Spinne, die uber den Ozean kriecht."
"Wieso?"
"Sie spekuliert in Papieren."
"Sie spricht uber Politik: ich verstehe nichts davon."
"Verstunden Sie davon, so glichen Sie einem Schmetterling, der sich in die gaserleuchtete Verwirrung eines Salons verflogen hat."
"Schmetterlinge sind zu Gleichnissen verbraucht."
"Wie die Unsterblichkeit selbst."
Wally errotete. Sie blickte auf Casars frivoles Lacheln und nahm dies Lacheln fur eine Gewissheit, die sie erschrecken machte.
"Wir sahen uns nicht wieder?" fragte sie beklommen.
"Gesetzt, nur die Guten sahen sich", antwortete Casar, "so lasst die Tugend so viel Nuancen ubrig, dass nichtsdestoweniger im Jenseits eine Mannigfaltigkeit entstunde, die in seiner nachsten Nahe zu haben Gott kein Vergnugen machen wurde. Ja, wir selbst wurden uns weigern, alle die zu lieben, welche im Leben ehrliche, aber oft die langweiligsten Menschen waren. Ich weiss aber nicht, wie aus einem langweiligen Menschen plotzlich ein interessanter Engel werden konnte."
"Sie sind kein Christ?"
"Glauben Sie, dass Christus von den Toten auferstanden ist?"
"O Gott, lassen Sie, ich kann daruber nicht nachdenken. Ich"
Sie stockte. In ihrem Auge sprach sich ein zerreissender Schmerz aus. So hatte sie Casar noch nicht gesehen. Sie erhob sich unruhig und war fur diesen Abend verschwunden. Casar begriff hievon nichts. Er war so leichtsinnig, an alles zu denken, nur nicht an die Religion. Aber Wally hatte ihn entzuckt. Soweit Menschen dieser Art noch lieben konnen, war Casar ausser sich. Er folgte Wally ohne Aufenthalt.
6
Wallys Tante litt an nervosen Reizungen und Abspannungen, an Herzklopfen, Ubeln, fur welche die Arzte unter den nassauischen Badern das tristeste, Schwalbach, empfehlen. Wally konnte in Wiesbaden und Ems tanzen, aber in Schwalbach musste sie der alten Dame die Zeitungen und Kurszettel vorlesen (die Frau spekulierte wahrhaftig in Papieren!); in Schwalbach musste sie so manchen hauslichen Dienst ubernehmen, den man bald von sich abwalzen wurde, wenn man nicht das Vergnugen hatte, in einem Bade zu leben.
Sie hatte dies wunderbare Nassau erreicht, diese unterirdische Kuche Hygieas, mit ihren Gebirgskesseln, in denen die heilsamen Quellen sieden und dampfen. Von uppiger Natur kann bei einem Lande nicht die Rede sein, das von Alaun und Schwefel unterminiert ist und in der Ernte immer einen Monat zu spat kommt. Zwerghaft sind die Baume auf den Hugeln: aber reizende Perspektiven offnen sich zahlreich in die weiten Taler. Nichts ist hier schoner als die mannigfachen Schattierungen des grunen Kleides der Natur. Man steht an der morsch zerbrockelnden Mauer einer hohen Strasse und sieht kleines Gestrauch zunachst zu seinen Fussen; dann tiefer einen Wald, der sich mit den schwarzesten Tinten in die tiefste Spalte des Tales verliert und in einem dumpfen Murmeln, in dem Rieseln eines Waldbaches zu enden scheint; dort aber erhebt sich wieder der Blick die grune Alpenmatte entlang, welche am andern Ende des Tales aufwartssteigt. Auf dem frischen, uppigen Teppich weidet das Auge, bis sich die Sehkraft in jenen dunkeln Kranz von Fichten verliert, welcher den aussersten Horizont umsaumt. Ist das nicht viel fur ein Land, wo die Natur sich an gekochtem Wasser erfrischen muss? Das Land ahnelt der Schwabischen Alb. Auch sprechen die Leute mit schwabischem Accent.
Wally hat fur solche Bemerkungen keinen Sinn: ich fuhre sie auch nur an, um durch Wallys Mangel ihre Besitztumer anzudeuten. Sie ist ohne Schwarmerei fur die Natur, ohne Sinn fur Blumen, welche sie zerkaut, wenn sie ihr in die Hand kommen. Sonne, Mond und Sterne gehen ihre Bahnen, ohne von Wally bemerkt zu werden. Jedermann wird bereit sein, sie gefuhllos zu nennen, und ihr dennoch Unrecht tun. Wallys unaussprechlicher Reiz ist ihre Naturlichkeit. Sie gibt sich, wie sie ist, und hat die Tugend, alles beim rechten Namen zu nennen. Sie war sehr unglucklich, in Schwalbach leben zu mussen.
Doch traf sich alles besser, als man erwartet hatte. Das allmahliche Herunterkommen der Romantik erschlafft die bisher angespannten Nerven der Nationen. Es waren Deutsche genug da, die an Hoffmanns Tode litten, Franzosen genug, welche die ublen Folgen von Victor Hugos ruhendem Federkiel spurten. Sie alle wollten Reiz. Die spanische Krisis war vielen in den Unterleib geschlagen und hatte Hypochondrie erzeugt. Stahlbader sind sehr anzuraten. Es war gedrangt in all den Hofen, Goldnen Ketten, Gasthofen zu den beiden Indien. Wally wohnte im Kaisersaal.
Eines Tages stand sie an einem Orte, den sie vor
zuglich liebte, am grunen Tische. Sie hazardierte im Pharo. Sie gewann; sie gewann immer; vielleicht weil Dreistigkeit auch das einzige Geheimnis im Spiele ist. Noch ist es mir unerklarlich, wie die schuchternsten Weiber sich an Dinge wagen, an welche die mutigsten Manner immer mit einer Art von Zaghaftigkeit herangehen. Sie sind die ersten, wo es gilt, einen Turm zu besteigen, auf einem schwindelnden Wege zu gehen, Pistolen abzuschiessen, mit einem Eskamoteur in Korrespondenz zu treten, auf Vexierstuhle und an die Elektrisiermaschine sich zu stellen. Namentlich wird sich auf diese letzten Dinge oft der mutigste Mann nicht einlassen. Warum die Frauen?
Weil sie gewohnt sind zu herrschen? Weil man
ihnen genug sagt, dass ihrer Schonheit nichts widerstehen konne? Wally spielte in der Tat, weil es ihr schon zur andern Natur geworden war, in jeder Lage zu gewinnen.
Plotzlich wird sie unruhig. Sie verliert. Ihr Gluck sturzt zusammen. Sie fuhlt, dass ihr ein Damon entgegentritt und ratet auf Casar. Sie wusste, dass ihr alles Widerwartige nur von einem Manne kommen konnte, der sie beunruhigte und der sie vielleicht zu lieben anfing. Wally blickte um sich; Casar stand in einer Ecke, grusste stumm, bot ihr den Arm und fuhrte sie in die Zimmer ihrer Tante zuruck, einer Dame, welche er einst mit einer Spinne verglichen hatte, die uber das Weltmeer kreucht.
7
Ein Gewitter in Schwalbach ist immer eine Katastrophe; aber sie geht voruber. Noch gefahrlicher ist es, wenn der Himmel jene weinerliche Laune hat, dass er von der grauen Wolkendecke unaufhorlich einen nassen Staub tropfeln lasst. Dann kann man in Schwalbach am besten alle jene Ubel bekommen, fur welche sein Stahlwasser so gut sein soll. Ist man nicht melancholisch, so wird man es erst. Wally weinte den ganzen Tag vor Ungeduld. Sie wollte nach Wiesbaden; aber ihre Tante bestand darauf, dass ihr die spanische Krisis im Unterleibe sasse. Der Geheimerat Fenner von Fenneberg, der Arzt der Saison, warf sich gegen jede Unbesonnenheit ins Mittel. Wally wollte Sterben vor Langerweile. Ihr werdet sagen, sie muss schlecht erzogen worden sein. Gewiss, das war sie.
Casar bot alles auf, ihr die trube Zeit zu verkurzen. Er erzahlte ihr Beobachtungen aus Schwalbach, die gar nicht verdienen, ubergangen zu werden, z.B. folgende: "Haben Sie noch nichts vom tollen Barbel gehort? Das tolle Barbel steht den ganzen Tag vom fruhen Morgen bis in die spate Nacht an der Hinterpforte des Gasthofes zu den beiden Indien, die auf die Landstrasse nach Ems hinausfuhrt, und spaht in die Extraposten, welche den Berg herunterkommen. Sie ist von einem etwas gedruckten Wuchse und hat matte Augen; aber ihre Gesichtsbildung ist im hochsten Grade einnehmend, die Haut von der ganzen Feine und Weisse, welche zu blondem Haare gehort, um blonde Madchen ertraglich zu machen. Der Reiz Barbels wurde noch weit mehr hervortreten, wenn die fixe Idee, welche sie beherrschen soll, ihr nicht den an Wahnwitzigen so unheimlichen Ausdruck und die eigentumliche Verruckung aller Bewegungen gabe. Und woran leidet sie? An zwei verungluckten Saisons. In der ersten soll sie der Gegenstand irgendeiner eleganten Herablassung gewesen sein, die glucklicherweise ohne Folgen blieb. Sie fiel einem jungen Manne in die Augen, der sie dann drei Monate lang nicht aus seinen Handen liess und vielleicht gar mit ihr uber Vorurteile der privilegierten Stande, uber die allgemeine Stimmberechtigung der Liebe und morganatische Ehen philosophiert hat. Er versprach, im nachsten Jahre wiederzukommen. Einen langen Herbst und Winter, einen ganzen Fruhling hindurch war Barbel glucklich und das frommste Madchen in Schwalbach. Sie war die erste und letzte in der Kirche, die freundlichste zu aller Welt. Die Massigung in einem Glucke, das ihre Krafte uberstieg (namlich das Wiedersehen war fur sie schon ein grenzenloses Gluck: wie leicht wird es Gott, seine Geschopfe selig zu machen!). Diese Massigung stand ihr ungemein schon, wie die Leute sagen, die aus ihrer jetzigen Verwirrung das Vorangegangene herausgelockt haben. Da kam die zweite Saison. Barbel stand an der Gartentur der beiden Indien. Ein grosser Reisewagen, turmhoch bepackt, mit sechs Pferden bespannt, glitt am Hemmschuh bedachtig die Hohe herab. Vorn und ruckwarts Bediente, Kammerzofen, Bologneser Hunde, ein Papagei, ein Geschwatz und Gekrachz, das eine ganz neue Welt in das alte Schwalbach zu bringen schien. Barbel stand auf den Zehen, blickte in den offenen Schlag und stiess einen entsetzlichen Schrei aus. Sie hatte die untreue Herablassung gesehen, wie sie die Hand eines jungen reizenden Weibes kusste. Es war des jungen Paares erste Badereise, gleich nach der Hochzeit. Das sahe auch Barbel sogleich ein, nachdem sie wieder zur Besinnung gekommen war, denn noch war sie nicht narrisch; aber sie wurde es; schon durch die Ungewissheit, das Herumlaufen, Fragen, Erkundigen, Abgewiesenwerden durch impertinente Bedienten, durch die Scham, den Mann am Brunnen und auf der Promenade zu sehen und ihm nicht zu Fussen fallen zu durfen. Sie war den Winter uber ganz still. Mit dem Fruhjahr wurde sie unruhig, holte immer tiefere Seufzer, schuttelte viel den Kopf, und nun steht sie seit dem ersten Mai zu jeder Stunde des Tages hinter den beiden Indien und muss immer mehr erkranken, schon am Sonnenstich. Sie sieht in jede Kutsche und schamt sich, wenn man ihr Geld zuwirft. Sie ist fur alle Schwalbacher Bettler der Lockvogel oder der mit Honig ausgefullte Stock, um die wilden Almosenbienen zu fangen. Sie ist die unschuldige Heilige, die stumm fur sie alle bittet und nichts davon hat als immer tiefern Wahnsinn."
"Oh, ich bitte Sie, erzahlen Sie Geschichten, die sich runden und einen Schluss haben!" fiel Wally ein mit der ganzen Fuhllosigkeit, die sie allein schon charakterisieren wurde, wenn sie dieselbe nicht mit allen Frauen gemein hatte, wo es sich um die Herzensleiden irgendeiner ihrer Schwestern handelt. Sie sind dabei alle kalt, eine gegen die andere.
"Den Schluss mussen wir abwarten", sagte Casar, erschrocken uber Wallys Phlegma. Er hatte sie aufgegeben, wenn sie als Phanomen nicht seine Neugier reizte. Auch wurde er sich Vorwurfe gemacht haben, Wally nachgereist zu sein, ware diese Muhe vergebens gewesen. Er dachte in der Tat daran, bei ihr zu irgendeinem Ziele zu gelangen.
8
Nach einiger Zeit teilten sich die Wolken uber dem Tale. Es war moglich, ins Freie zu treten. Casar und Wally stiegen die Strasse nach Ems hinauf. An der Ture der beiden Indien stand das stille Barbel und betrachtete sie beide mit einem wehmutig-ruhrenden Blicke. Wally blieb kalt dabei; er konnte das nicht begreifen.
"Ich will Ihnen, Wally", sagte er, "eine andre Geschichte erzahlen, die sich in unsrer Nahe begibt und in der Tat schon eine Art Schluss hat. Glauben Sie nicht, dass ich die Demokratie so weit treibe und auf Entdeckungen in den Hutten ausgehe. Die Schwalbacher bilden sich ein, ihre Gaste unterhalten zu mussen, und so erfuhr ich etwas, was wurdig gewesen ware, von Hoffmann bearbeitet zu werden. Sie kennen die nassauischen Soldaten, Wally! Sie haben uber Brust und Schulter gelbe Bandeliere, was fur ein preussisches Auge kurios lasst. Die Artillerie ist schoner, aber horen Sie von einem Tambour bei jener Infanterie. Der junge Mensch stand in Wiesbaden und soll ein Meister auf seinem Instrumente gewesen sein. Niemand in der nassauischen Armee schlug wie er die Reveille mit solcher Fertigkeit. Seine Wirbel sollen den Turbillons geglichen haben, welche bei Feuerwerken aufsteigen, nur dass er imstande war, eine Viertelstunde lang die Schlagel in dieser tremulanten Bewegung zu erhalten. Namentlich aber gelang ihm jenes hubsche Stakkato auf der Trommel, das mit Wirbeln untermischt die Erschutterung des Kalbfells plotzlich hemmt und einen ganz abbrechenden Ton, einen Ton ohne alles Echo hervorbringen muss. Sie sehen, welch einen Schatz das Haus Nassau an diesem Tambour hatte. Unglucklicherweise verliebte sich aber der militarische Kunstler, und in ein Madchen, das zwar den Wert der Armee zu schatzen wusste, auch den der Musik, aber einem Trompeter von der Artillerie schon den Vorzug gegeben hatte. Hier musste eine Rivalitat eintreten, welche der Liebe ebensosehr galt wie der Kunst.
Der Tambour verzweifelte nicht; indessen war er zu bescheiden. Er fuhlte, wie sein Instrument, diese monotone Rhythmik, hinter der Trompete zuruckstand. Sein Gegenstand war die Tochter eines Wiesbader Burgers, eines Mannes, den man durch Auszeichnungen ehren konnte. Und wie zeichnete ihn der Trompeter aus! Wenn er des Abends in des gehofften Schwiegervaters Gartchen sass, siehe, dann setzte er das silberne Mundstuck an die glanzende Trompete und blies den Parademarsch 'Frisch auf, Kameraden!', alle Walzer, von denen des Kursaals an bis zu dem Zweitritt der Kirchweih. Das erfreute die Herzen dieser Menschen. Die Nachbarn sammelten sich: sie lauschten, sie klopften an die Gartentur, sie kamen herein und tanzten auf dem grunen Rasen. Der Schwiegervater hatte den ganzen Abend die Nachtkappe zu luften und war unbeschreiblich geehrt. Und wenn der Trompeter mit seinen lustigen Stucken Feierabend machte und sie alle aus dem Gartchen mussten, um in der Finsternis die Beete nicht zu verderben, dann blieb er mit der Tochter noch allein und blies ihr Arien der Schwarmerei vor, 'Schone Minka', 'Mich fliehen alle Freuden', mit sterbenden, gedampften und wie durch Zugwind gehauchten Tonen, bis alles still wurde. Der Tambour horte diese Szenen taglich und verging vor Wehmut. Er war eine sanfte, echt deutsche Heimwehnatur, voller Empfindung und Ehrgefuhl. Jede Nacht badete er sich in Tranen und schlug die Morgenreveille mit matten Handen. Das Feuer seiner Augen erlosch. Er fluchte seinem Instrumente, fluchte der Artillerie und ihren Trompeten. Was hatte er an seiner Trommel! diesem dummen Larmkasten, bei dessen Tonen sich die Gebildeten der Nation das Ohr zuhalten, dieser Klangmaschine, die, wie man mich in meiner Kindheit uberredete, nur dazu da ist, auf dem Schlachtfelde das Geschrei der Verwundeten zu ubertauben! Zum Ungluck gab es Augenblicke, wo der Tambour nichtsdestoweniger auf sein Instrument eifersuchtig wurde. Ist es nicht das wohltatigste Instrument, schlussfolgerte er, wenn es den Menschen anzeigt, wo Feuer ausgebrochen ist, um welche Zeit das Tor geschlossen wird; kann es ruhrendere Tone geben als die dumpfen Wirbel beim Begrabnisse eines meiner Kameraden! Bei der Erinnerung an den Tod sturzten ihm die Tranen aus den Augen, von jenseits drang die Trompete seines glucklichen Nebenbuhlers heruber, ach! diese freudigen Tone durchschnitten grausam seine zitternde Seele. So schwand er hin und wurde immer mehr das blasse Bild der Resignation. Er dachte nur an den Tod und sagte oft, wenn er nicht kame, so musse er selbst sich ihn geben. Damit ging er lange um und weinte viel, sooft er beim Abendmahl und in der Kirche war. Aber es half nichts: die Liebe zermalmte sein Herz, die Eifersucht vernichtete seinen Stolz, statt ihn zu erheben. Noch einmal richtete er sich eines Abends auf, wo alles still war, am Tage vor der Hochzeit der Trompeterbraut, und setzte sich dicht unter ihr Fenster auf einen Stein. Zwischen den Fussen hielt er die Trommel eingespannt und begann sie in der Stille der Nacht, wo alles schlief, so schwermutsvoll und sanft zu ruhren, dass es lange wahrte, bis mehr darauf achteten, wie das Madchen oben in der Kammer. Sie horte diese Serenade, sie wusste alles, denn sie hatte den Tambour gekannt, ihn bevorzugt, ehe die Trompete kam. Sie zitterte unter der Bettdekke, denn es klang wie zum Grab so hohl unterm Fenster. Aber die Tone hoben sich, die Schlagel wurden dringender, die abgestossenen Punkte folgten Schlag auf Schlag: sie musste aufspringen vor Entsetzen; die ganze Strasse schien zu grollen und die Steine dumpf aneinanderzuschlagen. Man rief: "Feuer!" Sie riss das Fenster auf. Draussen war alles still; der Tambour war nirgends zu sehen; auch beim Appell nicht. Man schiffte seine Trommel bei Mainz an der Rheinbrucke auf: ihn selber einen Tag spater auf der namlichen Stelle."
Wally hatte von dieser Erzahlung erwartet, dass sie in einer Beziehung mit Schwalbach stunde, und allem, was auf diese Erwartung keine Rucksicht nahm, nur eine oberflachliche Aufmerksamkeit geschenkt. Sie blickte Casar mit ruhigem Auge an und fragte kalt, was in dieser Geschichte mit Schwalbach zusammenhinge? Casar fand diese Frage naturlich und legte sie sich nicht so emporend aus, als sie ursprunglich war.
"Diese Historie", fuhr er fort, "ist mehre Jahre alt. Der Trompeter heiratete die Tochter des Wiesbader Burgers, nahm seinen Abschied und zog nach Schwalbach, wo er die Direktion der Musiken fur die Saison zu ubernehmen pflegt. Aber seine Frau leidet seit jener traurigen Katastrophe ihres verschmahten Liebhabers an einem unheilbaren Ubel. Hatten die Arzte nicht schon zuweilen ahnliche Beobachtungen gemacht, so wurde man versucht sein, hier an einen Spuk, an eine Rache des gespenstischen Tambours zu glauben. Die Frau des Trompeters hort Tag und Nacht ein dumpfes Murmeln an ihrem Ohr, das sich zu verschiedenen Zeiten steigert und ihr wie der Ton einer Trommel vorkommen muss. Nachts schreckt sie aus dem Schlaf auf, zeigt mit stierem Blick auf die Tur, wo sie den blassen, kleinen Mann mit seinem Instrumente zu erblicken glaubt; sie hat nicht Ruhe, wie tief sie sich auch in die Kissen des Bettes hineinwuhlt. Die Arzte nennen dies eine unnaturlich praponderierende Kraft des Gehorsinnes und konnen sich auf die gleichzeitige Tatsache berufen, dass alle ubrigen Sinne der Frau allmahlich schwinden und der ubermassig hervorbrechenden Gehorskraft zu weichen scheinen. Dabei ist sie abgefallen und bleich, ihr ausserer Korper verringert sich immer mehr: ich sahe sie, es ist eine ganz absorbierte Erscheinung, die Grausen erregt. Sie selbst hat den festen Glauben an die Rache des Tambours, oder wie es diese Leute nennen, dass er im Grabe keine Ruhe habe. Sie versicherte mich, dass das Gespenst ihr uberallhin folge, in Kuche, Boden und Keller; ja auf dem Wege, selbst im Walde sahe sie ihn oft, den Toten, wie er leibhaftig vor ihr stehe, die kleine, bleiche Figur, mit der Trommel auf dem weissen Schurzfell und dieselben gelbledernen Bandeliere um die Schultern gehangt, welche uns Preussen so fatal sind. Die Arzte wissen, dass die Frau bald sterben muss an totaler Nervenentkraftung. Ich glaub' es. Gott, da steht sie!"
"Wo?" schrie Wally auf.
Casar lachte. Es war ein Scherz; aber sie hatte ihn ubel aufgenommen und liess sich mit der bittersten Laune uber seine Spasse und abenteuerlichen Erzahlungen aus.
"Gehen Sie mit Ihren Trommeln und Trompeten! Womit Sie sich doch alles abgeben!" sagte sie murrisch, empfahl sich und wandte sich allein dem Kaisersaal zu, wo sie wohnte.
9
Diese Szene war bald vergessen. Auf die regnerischen Tage folgten mit dem Sonnenscheine tausend Aufforderungen der Natur, ihre Reize zu geniessen. Bis in die entfernteste Umgegend trugen Esel und kleine Gefahrte den weiblichen Teil der Gesellschaft, welche als die Creme der Saison sich zusammengefunden hatten. Wally war eine spruhende Girandole von Freude und Ausgelassenheit. Sie bildete den wahren Mittelpunkt der Gesellschaft, so aber, wie es Wasserkunste gibt, wo man nur hier zu drucken braucht, um auf der entgegengesetzten Seite uberall lustige Fontanen springen zu lassen. Casar war verschlossen und reflektierte viel. Dem Beobachter konnte es nicht entgehen, wie tief sich Wally in seine Neigungen eindruckte. Wenn es nicht Liebe war, die ihn trieb, so war es die Aufgabe, die sich seine Eitelkeit gestellt hatte, Wally, diese Ungezahmte und Unbandige, uberwunden zu haben. Hutet euch, ihr Frauen! Die Liebe der meisten Manner ist nichts als eine Huldigung, welche sie sich selbst bringen.
Der Rhein sollte das Ziel einer Spazierfahrt sein, der sich eine grosse Anzahl von Badgasten angeschlossen hatte. Wally war noch vor diesem Ziele zu sehr ermudet, als dass sie weiterkonnte. Sie blieb bei einem der Bedienten zuruck, um die nachkommenden Wagen abzuwarten. So trennte sie sich unbemerkt von der Gesellschaft, so dass Casar, der auf Abwegen dem Zuge nachgeritten war, erstaunte, sie allein zu finden. Er sprang vom Pferde und gab es dem Bedienten. Wally und Casar gingen voran.
Der Verfuhrung eines grunen Rasenplatzes mitten im Walde widerstanden sie nicht. Wahrend der Wagen und Casars Pferd auf der Strasse hielten, gingen sie dem einladenden Ruheorte entgegen und setzten sich auf abgesagte Baumrumpfe nieder. Es lag etwas Mechanisches in diesen Bewegungen, als wenn eine Verabredung stattgefunden hatte, und doch schwiegen beide. Sie sprachen noch immer nichts, auch als sie beide mit gestutztem Haupte sich gegenubersassen.
"Seit einiger Zeit sind Sie auf mich erzurnt, Casar!" sagte dann Wally.
Ein Lacheln, das man kennen muss, um zu wissen, dass es nur die Maske eines tieferen Schmerzes ist, flog uber ihre Mienen. Das Lacheln Casars konnte Beistimmung oder Verwunderung sein. Er war klug genug, sie daruber im unklaren zu lassen.
"Ihre Geschichten haben mich kaltgelassen", fuhr sie fort.
Daran dachte Casar nicht mehr; aber er sagte: "Hab' ich sie denn verfasst?"
Nach einer Pause seufzte Wally tief auf, schlug ihren Blick zu Boden und begann eine Perspektive in ihr Inneres zu geben, die Casar neu war, an ihr zumal, und die ihn entzuckte. "Ich muss mich, ich muss die Frauen hassen", sagte sie still; "von Natur sind wir grausam, und zu den Gefuhlen, welche wir zu aussern wohl unter Umstanden fahig waren, haben wir ursprunglich nur die blossen Anlagen. Glauben Sie es, Casar, die Frauen gedeihen nur durch die Manner. Sie selber waren imstande, sich untereinander zu zerfleischen. Niemand kann bei dem Elende der Menschen, bei Krieg, Erdbeben, offentlichem und Privatungluck empfindungsloser sein als die Frauen. Verstehen Sie mich recht, solange wir alleinstehen. Was wir von Gefuhl ursprunglich haben, das ist mehr Schauer als Bewusstsein, mehr tierische Furcht als Reflexion einer edlen Seele. Ach, ich zittre oft vor einer Empfindungslosigkeit, die ich nicht zu heilen weiss!"
"Aber woher die spatere Metamorphose der Frauen?" fragte Casar, erstaunt uber die Wahrheit, welche sich in Wallys Antlitze ausdruckte.
Sie stockte: sie blickte ihn an. Er erriet und sank zu ihren Fussen.
Solange diese Situation stumm war, konnte sie zwischen beiden wohl empfunden sein; als aber Wally nach einem Worte suchte, wies sie ihn zuruck.
Ihm war es recht; denn die Reflexion schlug ihn in den Nacken und hatte ihn unwillkurlich aufgerissen, da er auf nichts in seinem Herzen Vorbereitetes stiess und ihm jede Situation fatal war, in der er sich selbst nicht hatte beobachten konnen.
Sie sassen beide wieder auf ihren Baumstammen. Doch war es eine warme Stimmung, die sich ihrer bemachtigt hatte, in der sie wenn auch uber nichts entscheiden, dennoch uber alles unterhandeln konnten.
Wally verhehlte nicht, dass die Zauberrute, welche die im Herzen des Weibes schlummernden Gefuhle erst wecke, die Liebe sei. Casar ergriff ihre Hand und sagte: "Wir sind fur die Illusion beide nicht gemacht. Eine Mucke wurde uns storen, wollten wir zu den Sternen beten. Jede Aufwallung, bei der wir nur einen Augenblick unsre Manieren nicht in der Hand hatten, wurde uns lacherlich scheinen. Helfen wir uns beide! Eine kurze Ubereinkunft kann uns auf die Stufe versetzen, welche uns alle jene Gluckseligkeit gewahrt, die wir durch Zuruckhaltung, Scham, naturliches oder kokettes Wesen niemals erreichen. Wally! Wally!"
Jetzt lag Casar zu Wallys Fussen, wahrhaftig, ohne Bewusstsein, von einem ungeheuchelten Gefuhle ubermannt. Aber was warf ihn nieder? Nicht die Liebe, sondern der Gedanke an eine Humanitatsfrage, die niemanden von euch fremd ist: der Gedanke an jene Augenblicke, wo wir, uberdrussig der konventionellen Formen des Lebens, zu aller Welt herantreten mochten und ihr zurufen: "O warum dies Gehause von Manieren, in welches du Sprode dich zuruckziehst? Warum diese Verhullung des Menschen in und an dir? Warum Zuruckhaltung, du, mein Bruder, du, meine Schwester, da du doch gleichen Wesens mit mir bist, eine Hand wie ich zum Drucke, einen Mund wie ich zum Kusse hast? Ach, wie seh' ich rings um mich her eine so reife Ernte von Liebe und Schonheit! Warum zogern bis auf Jahre, dass ich sie breche? Warum nicht das Entzucken, dass wir alle Menschen sind, schwach und stark, sterblich und unsterblich! Diese unsichtbaren Barrieren, welche die Menschen trennen, welche auch den Jungling vom Madchen trennen, mussen fallen; denn ich kenne dich, dein alles, dein Gehen und Stehen, deine Schwachen und Tugenden: siehe! hier ist meine offne Brust, hier schlagt mein Herz, ich bin nichts, was noch etwas anderes ware, als es ist, nichts, was du fur etwas anderes halten durftest. Weib, in deinen Augen, in den Formen deines Korpers bist du uberreif zur Liebe; und wenn ich dich heut zum ersten Male sahe, so pfluckt' ich dich, denn wir sind die Kinder eines und desselben Planeten, ich Mensch wie du, beide alternd, beide den Tod furchtend, beide elend. Was weichst du mir aus?"
Wally zerfloss in Tranen. So fast hatte Casar zu ihr gesprochen, und sie fuhlte das Entzucken, statt eines Weibes Mensch zu sein. Sie zitterte bei dieser echt philanthropischen Vorstellung, welche, wenn sie allgemein wurde, die Welt durchaus umgestalten und ihre schwierigen Fragen im Nu losen musste. Sie liess die Umarmung Casars zu: nicht, weil sie ihn liebte, oder aus Egoismus, aus Stolz, einen Mann uberwunden zu haben, sondern weil sie sich als das schwache Glied der grossen Wesenkette fuhlte, die Gott erschaffen hat, weil sie wusste, dass sie ja vor der Wahrheit und Natur ganz nackt und bloss und mitleidswurdig war, weil sie zuletzt glaubte, dass diese heissen Kusse, welche Casar auf ihre Lippen druckte, allen Millionen galten unterm Sternenzelt.
Sehet da eine Szene, wie sie in alten Zeiten nicht vorkam! Hier ist Raffiniertes, Gemachtes, aus der Zerrissenheit unsrer Zeit Gebornes: und was ist die Wahrheit Romeos und Juliettens gegen diese Luge! Was ist die egoistische Geschlechtsliebe gegen diesen Enthusiasmus der Ideen, der zwei Seelen in die unglucklichsten Verwechselungen werfen kann! Ich zittre vor einem Jahrhundert, das in seinen Irrtumern so tragisch, in seinem Fluche so anbetungswurdig ist.
10
Die Ubereinkunft der Liebe zwischen Wally und Casar musste ihren Verhaltnissen ein neues Kolorit geben. Wir furchten, dass die Farben allmahlich erbleichen werden. Aber noch sind sie hell und frisch; noch liegt auf Wallys Antlitz der melancholische Schatten jener entzuckenden Verirrung, in Casars Mienen die Resignation und Selbstzufriedenheit, welche selbst blasierte Charaktere und verwitternde Naturlichkeiten ergreifen kann, wenn der immer durstige Becher ihrer Wunsche einmal voll ist bis an den Rand der Erfullung. Das Wiederfinden eines Jugendfreundes unterstutzte Casars reflektierende Personlichkeit, sich in einer Welt zu halten, in welcher er sich seit einiger Zeit gefiel.
Waldemar hiess der neue Ankommling, ein Mann, der einst bluhend und schon war, in der Residenz zu Wallys Anbetern gehorte, dann heiratete und trotz der glanzendsten Verhaltnisse zu keiner Freude kam, da seine Gattin an unheilbaren Ubeln siechte. Die Stimmung dieses Mannes teilte sich seinen Umgebungen mit, erst auch Casar, verlor sich aber an diesem in dem Augenblick, als sie fur ihn durch folgende gemischte Anekdote einen Grund bekam.
Seit Waldemars Ankunft im Bade hatte sich namlich das stille Barbel von den beiden Indien zuruckgezogen. Ihr Betragen gegen ihn liess keinen Zweifel, dass dieser Mann die Ursache ihrer Geistesverwirrung gewesen war. Sie verfolgte Waldemar, wo er sich nur blicken liess, und weinte oft auf dem Wege, wenn er in zahlreicher Gesellschaft voruberging. Jedermann kannte den Zusammenhang dieser tragischen Komodie, doch wollten nicht alle glauben, was Waldemar versicherte, dass er sich dieses Madchens durchaus nicht entsinne, nie mit ihr ein Wort gewechselt und auch im vorigen Jahre zum ersten Male Schwalbach besucht habe. Casar aber glaubte diesen Versicherungen; denn Waldemar war eine treue Seele, die niemanden betruben konnte, noch weniger aber ware eine Unwahrheit uber seine Zunge gekommen. Er nahm den Wahnsinn Barbels von der lacherlichen Seite und suchte Waldemar zu trosten. Ja, diesem melancholischen Manne fehlte nur noch eine neue Ursache seiner Schwermut!
Wally befand sich in einer Stimmung, die ihr den Verkehr mit beiden Mannern, der immer gewisse Grenzen und Nuancen hatte, recht zum Genuss machte. Einst wollte sie in einem Garten zu ihnen unbemerkt herantreten, wahrend beide Freunde unter einem Boskett von verwelkenden Rosen sich unterhielten; da sie aber horte, dass ihr Gesprach religiose Saiten aufgezogen hatte, so furchtete sie, etwas zu verstimmen, und blieb unwillkurlich in einer Weite stehen, dass ihr von dem Gesprochenen nichts entging und sie dabei doch ungesehen blieb. Sie fuhlte das Missliche dieser Situation in einem Augenblicke nicht, wo alle ihre Seelenfaden Gespinste zu schiessen begannen, in die sie sich immer tiefer verstrickte, wo es einer Untersuchung uber die Religion galt.
"Hatt' ich einen grosseren Wirkungskreis", sagte Waldemar, "vielleicht gelange es mir dann, den Unmut meiner Seele zu zerstreuen, wie auf jenen Bergen, auf welchen viel Waldleben herrscht, Tannen rauschen und die Natur in einer steten Bewegung ist, die Nebel sich leichter zerstreuen. Ich bin ein kahler Hugel, jedem Windzuge offen und von jeder Wolke gleich bis tief unter die Augen bedeckt. Nach ideellen Schutzwehren such' ich ebenso vergebens. Die Politik ist nur imstande, meine Schwermut zu vermehren, und die Religion hat man mir durch meine Erziehung verleidet."
"Wer wird auch", entgegnete Casar, "bei ublen Stimmungen Hulfe von der Religion erwarten! Religion ist das Produkt der Verzweiflung: wie kann sie die Verzweiflung heilen?"
"Sie sollte es wohl; jede Religion soll es, welche die Miene der Offenbarung annimmt", sagte Waldemar. "Echte Religion ist positive Heilkraft; aber gleicht das Christentum nicht einer Latwerge, die aus hundert Ingredienzien zusammengekocht ist? Meine Vernunft sagt mir, auch ohne Hahnemanns 'Organon', dass die Krankheiten immer einfache und nur die Symptome zusammengesetzt sind, dass die Natur fur jede ihrer Abnormitaten eine medizinische Rektifikation im simpeln Zustande hat und dass in einer Mixtur von Heilkraften eine Kraft die andere aufhebt. Die unerhorte Uberladenheit des Christentums aus traditionellen, historischen und biblischen Ursachen macht aber, dass es fur den Schmerz der Seele ganz ohne Wirkung ist. Eines seiner Dogmen stort das andre."
Ein Krampf schnurte Wallys Brust zusammen. Sie wankte ohnmachtig fort, bis jener Referendar, der uber das Unzeitgemasse der politischen Garantien geschrieben hatte, ihren Arm ergriff und sie zu Waldemar und Casar fuhrte, von denen er den ersten gesucht hatte.
"Waldemar!" rief er: "was Sie glucklich sind! Ein Ehegatte, und noch bringen sich Ihretwegen die Frauen um."
"Was wollen Sie damit?" fragte Waldemar.
"Sie mussen nicht erschrecken", sagte jener; "aber Ihr verlassenes Barbel ist tot. Sie ging gestern den ganzen Tag um Schwalbach herum, sich ein Grab zu suchen, blieb dann noch lange bei den beiden Indien, wankte darauf mechanisch fort bis an das Schloss Nassau, wo sie sich von der eisernen Hangebrucke hinabgesturzt hat. An der linken Seite von hier, da, wo der Brunnen auf der Brucke steht, soll sie noch mehre Stunden gesessen haben, wie die Leute versichern, die sie dort sahen. Die Gerichte von dort schicken diesen Ring mit, der an dem Finger des Madchens sich befand. Ich hab' ihn hier."
Waldemar erblasste. "Mein Gott!" schrie er. "Dieser Ring"
Casar spruhte auf: "Wie?" rief er; "Waldemar, du hattest dennoch "
"Ja", bemerkte der dritte: "ich kenn' ihn. Sie trugen diesen Ring vor mehren Jahren, Waldemar."
Wally trat hinzu und nahm den Ring. Sie betrachtete ihn und gab mit unpassender Heiterkeit die Erklarung:
"Waldemar, Sie gaben mir vor drei Sommern diesen Ring. Ist eine Verheiratung dem Gedachtnisse so schadlich?"
"Aber wie kam die Ungluckliche zu dem Ringe, den alle Welt als ein Pfand meiner treulosen Versicherungen auslegen wird?" fragte Waldemar mit bleichen Lippen, die doch wieder sprechen konnten, nachdem er sich auf die Huldigungen besann, die er einst Wally gebracht hatte.
"Ich hatte die Gewohnheit", sagte Wally, "die Ringe meiner Verehrer jahrlich im Bade zuruckzulassen, indem ich sie in die Becher, die am Sprudel stehen, warf und diese dann armen Leuten oder Kindern zu trinken gab. So ist die Narrin wohl zu dem Geschenke gekommen."
"Gut erfunden!" flusterte der Referendar, dem im Augenblick auch sein Ehrenhandel mit Casar einfiel. Wally blickte etwas stolz: man kann durchaus nicht sagen, warum, und reichte dem Menschen ihren Arm.
Waldemar sass in tiefes Nachsinnen versunken. Wie wunderbar war der Zusammenhang dieses unglucklichen Ereignisses! Man konnte versucht werden, an eine magnetische Einwirkung zu glauben. Wer erklarte ihm, wie ein Ring eine Neigung veranlassen konnte zu einem Manne, den man nie gesehen! Wie kam es, dass die Arme, gleich als sie ihn zum ersten Male sahe, ihn als den Eigentumer des Ringes erkannte, den sie liebte und mit einer wirklichen Person verwechselte! Er ging tief bekummert in seine Wohnung und uberredete seine kranke Gattin, mit ihm sogleich den Schauplatz so unheimlicher Begebenheiten zu verlassen.
Was aber empfand Casar bei dem Ereignisse? Nicht das Ereignis selbst, nicht den Schmerz seines Freundes, sondern nur eines, was ihn schon oft bei Vergleichung des Todes mit dem Leben interessiert hatte. Das arme Barbel war vor ihrem Ende unruhig in dem Flecken herumgewankt und hatte den Tod gesucht, der ihr notwendig schien. Sie war bis nach der eisernen Brucke gelaufen, um den Troster ihrer Leiden zu finden. Ist es beim Selbstmorde eine unsichtbare Hand, die die Kehle zuschnurt? Geht man wahnsinnig, ohne Bewusstsein in den Tod, wie die Mucke in das brennende Licht sturzt? Oder ist man bei etwa vorhandener Kraft, sich noch als nachdenkend zu fuhlen, schon so mit dem Tode verschwistert, dass jener weitere Akt des Selbstmordes nur die Publikation eines Befehles wird, der schon abgemacht und im stillen ausgefuhrt ist? Daruber sann Casar nach und konnte sich vor Schmerz nicht fassen, als er bei dem Verfolgen von Barbels Benehmen nur darauf zuruckkam, dass die Furcht vor dem Tode doch immer das Ursprungliche und bis zum schwindenden Bewusstsein das
Letzte sei. Die Unzulanglichkeiten der Erhabenheit, sagte er, die Furcht vor dem Tode, der Schmerz, nicht wie Brutus, der alte und der junge, toten, nicht wie Cato sterben zu konnen, die Bitte des Prinzen von Homburg, ihn leben zu lassen: das ist das Tragische unsrer Zeit und ein Gefuhl, welches die Anschauungen unsrer Welt von dem Zeitalter der Schicksalsidee so schmerzlich verschieden macht. Sie wollte sterben und lief einen ganzen Tag, einen Weg von sechs Stunden, um den Tod zu finden, den sie herzlich suchte und den sie furchtete!
So war Casar.
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Jenes feste und prazise Benehmen, das Wally bei der Aufklarung uber den Ring gezeigt hatte, war nur durch die Situation hervorgerufen worden. Auch wird sich niemals ein Weib bei der Leidenschaftlichkeit einer andern enthalten konnen, sich aufzuschnellen und missachtend auf die fremde Verirrung herabzusehen. Diese Stimmung war aber nur eine vorubergehende.
Die Erklarung, welche Waldemar uber das Christentum abgab, hatte auf ihre Seele wie die Beruhrung eines kranken Zahnes gewirkt. Glaubt ihr, Wally habe nach einem Mittelpunkte ihres Lebens gesucht? Wahrlich nicht. Nirgends lagen etwa zerstreute Bruchstucke von Gedanken, die sie gern verbunden hatte. Unmittelbar und zufallig war ihr ganzes Leben: nur im Religiosen stand sie oft wie ein Wanderer auf der Landstrasse, der den Weg verfehlt zu haben glaubt, sich in der Gegend umblickt und mit seinem Ortssinne sich zu orientieren sucht. Es war ein ganz bewusstloses Sinnen, ein traumerisches Fuhlen, dem sie sich tastend und anpochend hingab. Von einer Reflexion, einer zusammenhangenden Untersuchung konnte bei Wally nicht die Rede sein. Sie litt an einem religiosen Tick, an einer Krankheit, die sich mehr in hastiger Neugier als in langem Schmerze ausserte. Sie war wie in einem Zimmer, das sich plotzlich mit Rauch fullt und wo man sich nicht anders helfen kann, als an das Fenster zu springen, es aufzureissen und mit einem unmassigen Gestus nach frischer Luft zu haschen.
Wally wusste selbst nicht, was alles zusammentraf, sie nachdenklicher als je zu machen. Sie hatte zum ersten Male einige Beobachtungen uber ihren Zustand in eine zusammenhangende Kette aufgereiht. Sie war vor ihren Gedanken nicht scheu zuruckgeschreckt, sondern hatte sie diesmal scharf ins Auge gefasst. In einem Brief an eine Freundin suchte sie ihrer Angst Luft zu machen.
Der Brief war vielleicht vollendet. Sie wagte nicht, was sie hatte, wieder durchzulesen. Auch verzweifelte sie wahrend des Schreibens, ihn abzusenden. Sie zerriss ihn.
Einige Minuten blickte sie die Reste an; dann ordnete sie mechanisch, was davon noch vor ihr lag. Die Linien und Buchstaben passten zusammen. Jetzt erst las sie ihn, wo sie gleichsam wusste, dass er ihr nichts mehr schaden konne.
"Meine teure Antonie", hatte sie geschrieben, "Deine geschmackvollen Muster, das sehr hubsche Diadem, was aber wohl zu meinem Haare nicht stehen wird, auch die englischen Nadeln und die neuen Touren zum Cotillon hab' ich bekommen. Ich danke Dir, Antonie! Verzeih mir nur, dass ich nicht jetzt auch mit all dem Entzucken davon spreche, das ich wirklich uber Deine Gefalligkeit und die Gegenstande derselben empfunden habe. Du glaubst nicht, in welcher wunderlichen Stimmung ich heute bin. Und heute musste ich doch schreiben morgen wurd' es schon besser sein. Nur eins sage mir, Antonie, hast Du wohl in Deinem Leben einen frohen, recht frohen Augenblick gehabt? Ich besinne mich vergebens auf einen; denn es ist doch immer eine peinliche Unruhe und Hast, von der wir getrieben werden, eine Angstlichkeit, von welcher die Manner keine Vorstellung haben. Zuweilen erschreck' ich vor dieser pflanzenartigen Bewusstlosigkeit, in welcher die Frauen vegetieren, vor dieser Zufalligkeit in allen ihren Begriffen, in ihrem Meinen und Furwahrhalten. Der Augenblick ist der Urheber unsrer Handlungen und die Vergesslichkeit die Richterin derselben. Ach, Antonie, ich beschwore Dich! Nimm diese Klagen nicht als die Frucht eines regnerischen Tages; oh ich leide an einem Schmerze, der unheilbar ist, da ich ihn gar nicht zu nennen weiss. Das rennt, lauft, springt, lacht, singt, weint, zankt nun sage mir um des Himmels willen, was steckt dahinter? Was ist der Kern dieser spiralformig fortkreiselnden Unruhe? Die Manner sind glucklich, weil man an sie Anforderungen macht. Das Mass ihrer Handlungen ist der Beifall oder der Nutzen, den sie damit gewinnen. Auch dies sage, warum wir den 'Faust' nicht lesen sollen? Die Schilderung jener Zweifel, die eines Menschen Brust durchwuhlen konnen, macht uns vertraut mit ihnen und die Wirkung derselben fur uns weniger gefahrlich. Aber ich fuhl' es, dass sich in jedes Menschen Herzen innere Gedichte entwickeln, eine ganze Historie von Wundern, die wir zu erklaren verzweifeln, Gedichte, in denen wir selbst der von den Gottern verfolgte, geneckte, scheiternde, irrende Ulysses sind. Das ist alles halb, siehst Du. Es ist noch immer nicht das, was ich sagen mochte und nicht sagen kann. Liebe Antonie, das ist der Fluch: man verlangt nichts von uns, man will gar nichts, es kommt gar nichts drauf an. Auch dies noch: wir haben einen Ideenkreis, in welchen uns die Erziehung hineinschleuderte. Daraus durfen wir nun nicht heraus und sollen uns nur mit Grazie wie ein gefangenes Tier an dem Eisengitter dieses Rondells herumwinden. Diese Gefangenschaft unserer Meinungen ach, war Spreu fur den Wind! Rechte will ich in Anspruch nehmen, fur wen? fur was? O Antonie, ich habe nichts, was wert ware, gedacht: ich will gar nicht sagen, gemeint oder gesprochen zu werden. Ich drucke an den Begriffen, die mir zu Gebote stehen; aber sie sind elastisch und geben immer nach und gehen immer wieder zuruck. So glaub' ich, kommen auch die Revolutionen, wenn die Menschen so viel Muhe haben, an ihrer Stirn hin- und herfahren und ihre welke Begriffstyrannei gern sturzen mochten mit etwas, was sie suchen, aber nicht finden konnen. Dann schaffen sie sogar Gott ab, namlich, weil sie ihn wahrhaftig nicht verstehen. Es ist auch schwer, Antonie! Die Schopfung schon gut; aber woher? womit? warum? Der Mensch, der Affe, der Polyp, die Sinnpflanze, das Moos, der Stein, der Kristall, das Wasser, die Luft, der Wind, nichts: wo ist Gott? Oder wollt ihr nicht den Weg des Wassers gehen: so geht den des Feuers! Der Vulkan, das Licht, die Warme, die Elektrizitat, der Magnetismus: wie kann Gott in der Voltaschen Saule stecken?"
Hier musste Wally laut auflachen bei all ihrem Schmerz und Ungluck. Der komische Konflikt der Schulweisheit mit ihrer Melancholie, die Vergleichung Gottes und jenes kleinen Professors der Physik, der sie mit Papinianischen Topfen, Herobrunnen und Luftpumpen so tief in die Natur hatte sehen lassen wollen, ob er gleich selbst nur ein Auge hatte, das waren zu drollige Erinnerungen. Sie zuckte mitleidig mit sich selbst uber sich selbst die Achsel und ging Casar entgegen, der viel ungereimtes Zeug mit ihr zu sprechen hatte.
12
Ein Begegnis, das Wally kurze Zeit darauf erlebte, machte den ersten Abschnitt in ihrem Leben. Es schien, als konnte sie in ihrem jetzigen Aufenthalte die Heiterkeit nicht wiedergewinnen, welche ihrem Charakter entsprach. Ein Umstand aber veranlasste bald die Abreise von Schwalbach.
Wally war eines Abends spat und unmutig zu Bett gegangen. Die Lampe brannte noch auf ihrem Tische; aber sie konnte nicht schlafen. Ihr Blut war in fieberhafter Aufregung. Sie warf sich unruhig hin und her, aber ihre Sinne wollten sich nicht losen.
Da sprang sie auf, setzte sich an den Tisch und fing all die Mittel zu prufen an, welche die Leute anraten, um in gleichmassige Bewegung des Bluts zu kommen. Sie zahlte die zwolf Glockenschlage an der Kirchturmuhr, sie zahlte das Einmaleins her, von vorn und hinten, deklamierte das einzige Gedicht, welches sie bei ihrem schlechten Gedachtnis auswendig wusste: "Eine kleine Biene flog emsig hin und her und sog." Nichts half. Da erblickte sie auf dem Tisch die Anordnungen, welche sie neulich gemacht hatte, um an ihre Freundin zu schreiben. Sie ergriff die Feder und schrieb:
"Meine teure Antonie, Deine geschmackvollen Muster, das sehr hubsche Diadem, was aber wohl zu meinem Haare nicht stehen wird, auch die englischen Nadeln und die neuen Touren zum Cotillon hab' ich erhalten. Ich danke Dir, liebe Antonie! Verzeih mir nur "
"Abscheulich!" rief sie aus und trat an das Fenster. Der Mond beleuchtete hier und dort einen Teil des engen Tales und seiner Umgebungen. Er war mit Wolken bedeckt, die aber nicht eilten, sondern schwer auf ihm hafteten. Es wehte kein Wind. In sanfter, nachtlicher Stille ruhte die malerische Natur. Ein tannenschwarzer Bergrucken begrenzte auf der einen Seite die ovale Rundung des schlummernden Tales. Nirgends die Ahnung eines menschlichen Wesens.
Wally hullte sich in einen leichten Nachtuberwurf. Ihr Zimmer lag zur ebnen Erde. Mit einem Tritte war sie draussen im Freien. Ohne mehr zu wollen, als die Hitze ihres Blutes abkuhlen, stieg sie zur linken Hand die Strasse hinauf, dann wieder hinunter zum Alleesaal hin. Sie wird nur einige Schritte unter den Baumen auf und ab gehen.
Als sie ein weniges weitergekommen war, vernahm sie ein sonderbares Gerausch, welches man fur das Seufzen einer schwankenden Pappel hatte halten konnen, ware ein starker Wind gegangen. Sie erschrak, wie diese Laute sich immer deutlicher als Gestohn und schmerzliche Klage zu erkennen gaben. Es war wie das Jammern eines Verwundeten, der sich furchtet, durch ubergrossen Schmerzausdruck des Mundes vielleicht die brennenden Leiden seines Schadens desto starker zu machen.
Wally blieb betroffen stehen. Ihr siedendes Blut gerann, und die Fieberhitze wich einer kalten Erstarrung, in die der Schreck ihre Glieder versetzte.
Sie sahe, dass sich im Hintergrunde der Allee etwas bewegte, das auf sie heranzukommen schien. Die Angst hatte sich ihrer Seele so sehr bemachtigt, dass sie nicht einmal wagte zu entfliehen. Wie angewurzelt blieb sie stehen und wankte nur, als eine menschliche Figur immer naher trat, mechanisch hinter einen Baum, von dem sie glaubte, dass er ihr Schutz gewahren konne.
Ein Weib kam mit handeringenden Gebarden. Sie wandte sich oft gespenstisch um und suchte etwas, was man nicht sehen konnte, von sich abzuwehren. Dann fuhr sie mit einer grauenerregenden Vehemenz und sie begleitendem Geheul in die Gegend ihres Kopfes, als wolle sie etwas bedecken oder irgendeinen ubergrossen Schmerz stillen. Wally zitterte.
Jetzt stand die Ungluckliche, welche nicht im Fieber zu sein, sondern das volle Bewusstsein zu haben schien, dicht vor ihr. Wally sahe, wie sie schwankte und zu Boden sturzte. Mit einem furchterlichen Geschrei wuhlte das entsetzliche Weib ihren Kopf in den losen Sand und rang, ihre Hande gleichsam zu vervielfaltigen, um den Kopf von allen Seiten bedecken zu konnen. Dabei stohnte sie wieder und sahe sich, wie tief sie auch den Kopf in den Sand hineingewuhlt hatte, um und fuhr mit einem grasslichen Schrei auf, als hatte sie einen Geist erblickt, bis sie ohnmachtig und besinnungslos in dieser grasslichen Lage verstummte.
Wally wagte nicht, einen Laut von sich zu geben. Als das Wesen sich beruhigte, versuchte sie aufzutreten, ob man sie auch nicht horen konne, wagte dreistre Schritte und floh, als sie eine Strecke weit von der Szene entfernt war, der sie hatte beiwohnen mussen. Sie fror an allen Gliedern, als sie auf ihrem Lager sich gebettet hatte, und schlief ein aus Furcht.
Am folgenden Morgen betrieb sie die Abreise. Die Tante zogerte. "Unter keiner Bedingung!" rief Wally; "ich bin eines Ortes mude, der mich umbringen muss." Das war ein furchterlicher Ausdruck; die Tante war diese Wendungen nicht gewohnt. Sie entsetzte sich und reiste ab.
Als Casar sie beide an den Wagen begleitete, erzahlte er ihnen noch, dass die Frau des Trompeters an der gespenstischen Trommelmusik ihres Ohres diese Nacht gestorben sei. Sie sei vor Unruhe aus dem Hause gerannt, habe nachts die ganze Stadt durchirrt, um den grauenhaften Tonen zu entfliehen, und sei in der Allee gefunden worden, wie sie mit dem Kopf in den Sand gewuhlt dagelegen. Wally winkte mit der Hand, dass er schweigen solle. Casar aber glaubte, dass sie ihn zum Abschied grusse; die Pferde zogen an, und, den Spruch des grossen Romers parodierend, sagte er zu dem Fahrzeuge: "Du tragst Casar und sein Gluck!"
Zweites Buch
1
Der Sommer reifte zur Ernte. Aus seinen letzten Faden spann sich ein Herbst voll Kelterlust. Die Astern sammelten noch einmal alle Farben der schonen Vergangenheit, dann starb die Natur, und was zuruckblieb, legte den Frostreif und Nebelflor der Trauer an. Die Strome gerannen, die Wolken zerrieben sich zu Schneeflocken. Der Winter kam in seinen Pelzschuhen angeschlichen und klopfte mit Weihnachtsfreuden an die Reifblumen der Fenster an.
Wally wirbelte sich in einer Lust, die sie so zauberhaft zu regeln verstand. Was Religion! Was Weltschopfung! Was Unsterblichkeit! Rot oder blau zum Kleide, das ist die Frage. Ob's besser ist, die Haare zu tragen a la Madeleine oder sie zusammenzukammen zu chinesischem Schopfe? Tanzen vielleicht auch Spruchworter auffuhren oh, nur gering ist die Zahl der Vergnugungen, welche im Verhaltnis zur zunehmenden Civilisation nicht mehr lacherlich sind: so sehr gering! falls man sich selbst so viel liebt, nicht Karten zu spielen, jene melancholischen Spiele Albions und der nordamerikanischen Yankees, wenn man noch wie Mendelssohn philosophisch und kantisch genug ist, fur den Scherz keinen Ernst und fur den Ernst keinen Scherz aufzuwenden!
Aber eine Unterhaltung ist unerschopflich; ein Spiel unermudlich. Das ist die Koketterie. Wally hatte damit alle Hande und alle Mienen voll zu tun. Kunstliche und naturliche Launen waren die Zahlen, mit welchen sie ihre Umgangsexempel zusammensetzte. Wally liess die ganze Welt wie elastische Figuren auf dem Resonanzboden ihrer Einfalle springen. Sie spielte die kapriziosen Melodien zu allen diesen Bewegungen, welche sie lachen machten. Was wollte sie auch mehr? Sie wollte nicht einmal den Ruf davon, die Neigungen ihrer Umgebungen so unubertrefflich eskamotieren zu konnen. Sie tat alles ohne Stolz, ohne Absicht, ohne Bewusstsein. Sie war bezaubernd!
Casar war die Balancierstange dieser Equilibres. Er rektifizierte wie irgendein chemisches Natron alle die barocken Konfusionen, welche Wally anrichtete. Casar fiel dabei bald hier-, bald dorthin, in jenem ersten Bilde. In diesem letzten nahm Wally bald grossere, bald kleinere Portionen von ihm. Er fehlte aber nie, und diese perspektivische Verschiebung bald zu einer Gunst von einer Linie, bald zu einer von zwei Zollen oder drei, hielt ihn in der Spannung, welche Manner allein zu fesseln imstande ist. Es ist moglich, dass Casar Wally liebte, wenigstens war sie ihm eine Vertraute geworden. Er hatte sie vielleicht einem andern abtreten konnen; aber von ihr sich trennen, das konnte er nicht. Und doch! Vielleicht! Wir sind Scharlatane, wir konnen alles!
Es war auf einem glanzenden Balle, der am Hofe gegeben wurde. Casar, der nicht tanzte, weil die Prinzessinnen zugegen waren und es ihn beleidigt haben wurde, wenn sie ihm durch ihre Kammerherrn die herkommlichen Aufforderungen geschickt hatten, zog sich zuruck. Wally beachtete ihn nicht. Er nahm das leicht. Er wusste, dass Wally weit entfernt war von der gewohnlichen Ansicht deutscher Madchen, dem Tanze eine sinnliche Bedeutung oder die Bedeutung irgendeiner Gunst unterzulegen; er wusste, dass sie diejenigen liebte, mit denen sie nicht tanzte. Und doch war sie heute aufgeregter als jemals. Das nahm ihn wunder und verstimmte ihn. Als Wally zu ihm trat, sprach sie: "Ich habe Sie suchen mussen. Wo stecken Sie? Ich muss Ihnen etwas sagen."
Sie standen in einem der entlegeneren Zimmer. "Und was?"
"Ich werde den sardinischen Gesandten heiraten; aber wir sprechen uns noch!"
Damit war sie verschwunden.
Casar eilte nach Hause. Er hatte durchaus nichts, was ihn druckte, und doch entschloss er sich, eine kleine Reise zu machen. Er war sehr unruhig den ganzen Tag, mehre Tage. Er machte die Reise. Er notierte, zeichnete, schrieb viel Briefe. Er wurde sich vortrefflich zerstreut haben, wenn ihm nicht aus jedem Baum, aus jedem Echo zugeklungen ware: Aber wir sprechen uns noch! Dies Aber! machte ihn verwirrt; denn es klang wie eine so schwarmerische, traumende Liebe, dass er geglaubt hatte, den letzten lechzenden Seufzer, das kaum gelispelte felicissima notte einer Italienerin zu horen. "Sind das schon die Wirkungen der sardinischen Gesandtschaft?" sagte er lachelnd und kehrte hubsch beruhigt in die Residenz zuruck.
Er hatte bald darauf von Wally die Einladung zu einem vertrauten Gesprach.
2
Am Tage, wo die Unterredung mit Wally stattfand, hatte man bei Casar nicht ahnen konnen, mit welcher Katastrophe er schliessen wurde. Casar schien die ganze Beruhigung zu besitzen, welche man von seinem Charakter erwarten durfte. Hochstens liessen sich jene forcierten Scherze, mit welchen er um sich warf, vermuten, dass irgendein Gefuhl wie ein Ereignis bei ihm im Anzuge war, dem er zu entgehen wunschte. Diese Scherze sind immer die uberm Meere kreisenden Mowen, welche den Sturm ankundigen.
Wenn er einem Freunde begegnete, der auf dem Stadtgericht arbeitete, so frug ihn Casar: "Was hast du jetzt unter Handen?"
"Ehescheidungen" hiess es.
"Also noch immer schlechte Ehen?"
"Schlechte Wahlen vor der Hochzeit, Leichtsinn "
"Ganz richtig"; erklarte dann Casar. "Es ist ein Ungluck, wenn man sieht, mit welchem Leichtsinn die Ehen geschlossen werden. Der Besitz einer kleinen Aussteuer lockt den Handwerker, ein Frauenzimmer zu heiraten, welches er gar nicht liebt. Der Staat sollte niemals die Ehe burgerlich vollziehen lassen, bis nicht ein Kind vorhanden ist, welches das Dasein der Liebe vorher ausweisen muss."
Der junge Mann vom Stadtgerichte lachelte zu diesem Vorschlage. Casar ging und begegnete einem andern Freunde.
"Du bist verliebt", sagte er ihm; "aber Antonie ist arm."
Es war dieselbe Antonie, an welche Wally einst schreiben wollte.
"Antonie ist arm!" hiess die weinerliche Bestatigung. "Siehe, was zu tun ware!" schlug Casar vor. "Das Heiraten durch die Zeitungen greift um sich. Aber man ist erst einen Schritt weit gekommen, wenn die Frauen durch Zeitungen nur Manner bekommen. Der zweite Schritt ware, dass sie durch die Zeitungen auch zu Vermogen kamen. Die Madchen sollten sich durch ein Lotto ausspielen. Sie sollten die Manner auffordern, Aktien auf ihren Besitz zu nehmen, Aktien, meinetwegen eine jede zu funfhundert Talern. Hundert Lose dieser Art geben eine Summe von 50000 Talern. Die Wahrscheinlichkeit, dass unter hundert ich du er gewinnen, ist sehr gross: man gewinnt ein Weib, ein reiches Weib, ein schones Weib. Denn um eine Schone muss es sich handeln, der Nebengewinne wegen, welche in Zugestandnissen mancher Art an diejenigen bestehen mussen, welche sich mit Aufopferung von funfhundert Talern der seligen Chance aussetzten, Mann einer schonen Frau und Besitzer zufalliger 50000 Taler zu werden. Mein Lieber, das heisst die Gesellschaft revolutionieren."
Jener hatte nur an Antonie gedacht; Casar an nichts, als sie scheiden.
Der Abend kam heran. Die Tur zu Wallys Gemachern offnete sich. Beide sassen sich stumm gegenuber. Casar, der von Wally nicht erwartet hatte, dass sie sich in ein schwarmerisches schwarzes Kleid werfen wurde: Wally, welche nach einem Blicke in Casars Mienen geizte, der verzeihend, warm und siegend auf sie wirkte.
Liebenswurdig war es von diesem grenzenlosen Leichtsinn, dass er Tranen am Auge hangen hatte. Casar schwamm in Entzucken. Er war auf eine Komodie gefasst und fand eine tragische Szene, die ihn erschutterte. Alles, was sie sprachen, war nur, um den Erklarungen, die sie sich machen wollten, zu entgehen. Casar mochte in seiner Eitelkeit ubertreiben; Wallys Bescheidenheit lag wohl nur darin, dass sie glaubte, Casar um Verzeihung bitten zu mussen. Alles ubrige aber dichtete seine Phantasie hinzu.
Sie hielten ihre Hande ineinander und sprachen recht eifrig uber Dinge, auf welche gar nichts ankam in ihrer Lage. Sie sprachen von der Erfindung des Schiesspulvers, vom Gesetz der Schwere, vom Kompass und der Magnetnadel, woruber sie schnell abbrachen, um nur immer wieder auf Neues zu kommen. So verrann die Zeit, aber das Entzucken Casars stieg. Wallys Hand nahm er und legte sie sanft auf die Lehne des Sofas, um sie als Kopfkissen zu brauchen. Sie lachelte dazu und warf ihm das ganze Polster ihres elastischen Korpers, sich selbst in aller ihrer Anmut nach. Sie hielt ihn umschlungen, wahrend sie unwillig glaubte, dass er es tate. Ihre nur leis' aufgesteckten Locken nestelten sich los und kussten Casars brennende Wangen. Die langen Augenwimpern senkten sich majestatisch sanft auf die blaulichen Ultramarinringel, welche unter dem Auge so viel Leidenschaft verraten. Dieses Herablassen des Vorhangs, dieser Fensterladenschluss der Weiblichkeit, diese Verhullung ist das reizende Gegenteil dessen, was sie scheint, weil sie nur allmahliche Entwaffnung ist. Es ist das Sinken des Tages, der aufsteigende Stern, dessen feuchte Strahlen die Kronen der Blumen auflokkern und die Kelche erschliessen, wahrend die Kelche zu schlafen scheinen. Casar umarmte Wally mit gluhendem Entzucken und rief aus: "O Wally, ich will nicht grausam sein! Ich eile allem zuvorzukommen, was sich auf deiner Lippe zu Tode angstigt und gern sprechen mochte. Ich dringe nicht auf den Besitz dieses gottlichen Leibes, dessen Seele mich stets umhauchen wird. Aber o Gott!"
"Was ist? Casar! Sprich! Fordre! Alles, alles!"
Casar sann und war wie von einem unbekannten Gefuhle ergriffen. Er strich mit der Hand uber seine Stirne und sagte dann leise mit sanften und zartlichen Worten zu Wally: "Sie werden reisen: ich auch. Wir werden uns in vielen Jahren nicht wiedersehen. Da gibt es ein reizendes Gedicht des deutschen Mittelalters, der 'Titurel', in welchem eine bezaubernde Sage erzahlt wird. Tschionatulander und Sigune beten sich an. Sie sind fast noch Kinder: ihre Liebe besitzt die ganze Naivetat ihrer jugendlichen Torheit. Ich spreche nicht von Tschionatulanders Tod, weder vom treuen Hunde, der aus der Schlacht die tragische Botschaft bringt, nicht von Sigunens Klage, wie sie den Leichnam des Geliebten im Arme haltend unterm Baume sitzt, wo Parzifal an ihr voruberkommt im Walde, nicht von dem Edelstein unserer deutschen mittelalterlichen Dichtkunst. Nur jener Zug ist so meisterhaft schon, wo Tschionatulander, als er in die Welt hinausmuss und sein treues Windspiel klug zu den beiden Liebenden hinaufsieht, Sigunen anfleht um eine Gunst"
Casar stockte und sprach dann leise, mit fast verhaltenem Atem: "dass Sigune, um durch ihre Schonheit ihn gleichsam fest zu machen, wie der magische Ausdruck der alten Zeit ist, um ihm einen Anblick zu hinterlassen, der Wunder wirkte in seiner Tapferkeit und Ausdauer dass Sigune in vollkommener Nacktheit zum vielleicht ewigen Abschiede sich ihm zeigen moge."
Wally betrachtete Casar einen Augenblick. Dann erhob sie sich stolz und verliess, ohne ein Wort zu sprechen, das Zimmer. An ihre Ruckkehr war nicht zu denken.
Casars Antlitz zeigte einen schmerzhaften Ausdruck. Er hatte das Hochste bewiesen, dessen seine Seele fahig war, die kindlichste Naivetat, eine ruhrende Unschuld in einer Forderung, die emporend war; aber die Scham, die erst in ihm aufgluhte, verschwand vor seinem Stolze, so edel und rein erschien er sich.
"Sie ist ohne Poesie, sie ist albern, ich hasse sie!" stiess er heftig heraus, trat zornig mit dem Fusse auf, lauschte und verliess, da er nichts als den Schlag der Pendeluhr im Nebensaale vernahm, mit unwillkurlichem Gerausch das Zimmer und das Hotel. Er schwur, es niemals wieder zu betreten.
"Sie hat nicht mich, sie hat die Poesie beleidigt. Sie ekelt mich an!" rief er und malte sich Wally mit den grasslichsten Farben, dass es ihm keine Freude machen musste, noch an sie zu denken. Wenn sie ihm noch einfiel, so geschah es nicht, ohne dass er mit dem Fusse etwas von sich stiess.
3
Inzwischen ruckte Wallys Vermahlung heran. Sie gestand sich oft und selbst ihren Umgebungen, dass es ihr ware, als wurde ein unsichtbares Netz, das sie aber fuhle, immer enger angezogen, und dass es ihr bald zum Ersticken sein musste. Alles, was man nur brachte, um die Atmosphare recht duftend und verfuhrerisch zu machen, druckte ihren Atem noch mehr zusammen; sie ging wie Gretchen im "Faust" und luftete Fenster und Turen, da Mephistopheles im Zimmer es so schwul gemacht hatte.
Noch grosser war aber die Unruhe in ihrem Innern. Sie brauchte gern physikalische Gleichnisse und verglich sich mit dem Gefuhl eines lebenden Wesens, das man in die Glocke einer Luftpumpe setzt; mit dem Vogel, dem es von innen und aussen bei entzogener Luft weh wird. Ach, sie konnte Casar nicht vergessen: sie konnte jene begeisterte Miene des Freundes nicht vergessen, jene unschuldige Seligkeit, die sie an ihm noch nie gekannt hatte und die er damals zeigte, als sie einige aus seinen zuckenden Lippen schleichende Worte mit so pedantischer, altkluger Entrustung aufnahm. Schon im nachsten Augenblicke, als sie gegangen war, war sie sich mit ihrer Tugend recht abgeschmackt vorgekommen.
Wally fuhlte bald, dass Casar an das Unsittliche seines Antrags im Momente nicht gedacht hatte. Sie machte sich den Vorwurf, diese Uberlegung an dem Manne nicht abgewartet zu haben. Auch musste sie sich gestehen, dass Casar ihr vielleicht nie das Prekare der Situation eingeraumt haben wurde. Jetzt wusste sie, worin der ganze Zauber liegt. Sie fuhlte, dass das wahrhaft Poetische unwiderstehlich ist, dass das Poetische hoher steht als alle Gesetze der Moral und des Herkommens. Sie fuhlte auch, wie klein man ist, wenn man der Poesie sich widersetzt. Ach, das qualte sie, untergeordnet zu sein und weniger unschuldig im Grunde als die Poesie, die Menschen braucht und schildert!
Wally schlug die ruhrende Geschichte nach, die ihr Casar erzahlt hatte. Sie weinte mit Sigunen, sie kostete die Unschuld, die in dem Verlobnis der beiden Liebenden des Gedichtes lag, allmahlich immer tiefer. Es liegt in der Schonheit der Natur eine gottliche Gewalt, die bezaubert. Wally beugte und wand sich mit all ihren schonen Grundsatzen und den Lehren, die sie ihrer Erziehung, ja selbst ihrer vernunftigen Uberlegung verdankte, vor dem Ideale des Naturschonen. Sie ging noch weiter. Sie gab die Natur auf, sie hielt sich an die Kunst, an das Gebilde der Phantasie, das in sich abgerundet und hier so richtig gezeichnet war wie jeder logische Zirkel ihrer tugendhaften Entschlusse. Sie kam sich verachtlich vor, seitdem sie fuhlte, dass sie fur die hohere Poesie kein Gegenstand war. So konnte es nicht mehr fehlen, dass sie sich bald selbst dazu machte.
Wie oft war sie Casarn begegnet! Er blickte stolz! Er hatte eine Moral, die uber der ihren war! Er konnte das Auge erheben, das Ideale hub es in ihm! Wally konnte nicht stolz sein, an ihr schien die Reihe der Scham zu sein. Sie furchtete sich vor Casar. Ihre ganze Tugend war armselig, seitdem sie ihm gleichsam gesagt hatte, die Tugend konne nur in Verhullungen bestehen, die Tugend konne nicht nackt sein. Casar hatte an ihr den poetischen Reiz verloren. Er ubersah sie.
Ob es wohl Menschen gibt, dachte Casar eines Tages bei sich selbst, welche die Literatur und das, was dem Leben durch sie an schonen Elementen und Staffagen gegeben wird, fur eine Tyrannei und eine despotische Willkur der Dichter und Kunstler halten? War' ich selbst Autor, so wurde mich dieser Gedanke erschrecken. Ich wurde die Gleichgultigkeit, die Dummheit der Masse immer mit einer Strafe verwechseln, welche ich als Autor fur die Zudringlichkeit meiner Schopfungen mit Recht einernte. Ich wurde zittern, wenn von Buchern die Rede kommt, und wurde immer gewartig sein, dass jemand auftrate und die Literatur in die Kategorie von Warenartikeln stellte, von Ellen- oder Kolonialwaren, die man nimmt oder stehenlasst, je nach Bedurfnis. Ich brauche die Schonheit nicht! Furchterlich, wenn von Homer und Ossian die Rede ware! Ich brauche nicht einmal die Bestrebungen um das Schone, wenn von einem Erstlingsversuche die Rede ware! Ja, es gibt Menschen dieser Art, welche die Poesie fur eine Zumutung halten, Geldmenschen, Aristokraten, manche Konige, auch Frauen, besonders wenn sie schon sind und sie deshalb glauben, der Bildung uberhoben zu sein!
Casar dachte dabei gewiss nicht an Wally; denn welch' ein Unterschied ist es, fur das Ausserordentliche sich interessieren und dem Ausserordentlichen sich als Staffage unterlegen! Er hatte aber in dem Augenblick einen Brief von Wally in der Hand.
"Ich habe Sie beleidigt", schrieb sie ihm; "Sie wissen es ja, Casar, dass der Mutlose immer der Ausfallendste ist.
Wissen Sie noch, wie wir uber Mut stritten? Welch' eine Zeit, wo Sie sich um funf Ringe, die Sie mir noch immer nicht wiedergegeben haben, mit funf Menschen schiessen konnten! Morgen um zehn Uhr abends besuchen Sie das Hotel des sardinischen Gesandten. Sie werden von Auroren, die Sie dort erwartet, an einen Ort gefuhrt werden, den Sie nicht verlassen durfen. Schworen Sie mir, hinter dem Vorhang, den Sie zehn Minuten nach zehn gutigst zuruckziehen wollen, nicht hervorzutreten! Casar, schworen Sie mir! Ich schame mich vor Ihnen, dass ich Scham hatte. Verantworten Sie es einst! Vor Gott! Vor Gott! Aber ich liebe heiss, ewig, unaussprechlich! Wally" Und an Wallys Hochzeitstage zeichneten die Unsichtbaren ein reizendes Gemalde, ein Gemalde in altem Stil, zart, lieblich wie die saubern Farbengruppen, welche sich auf dem sammetweichen Pergamente goldener Gebetbucher des Mittelalters finden.
Rings, wie Rahmen und noch hineinrankend in die Szene, Epheu und Weinlaub. Auf den Asten sitzen Paradiesvogel in wunderbarem Farbenspiel, auf den breiten Blattern der Arabesken schlummern Schmetterlinge, in den Kelchen der Blumen saugen Bienen. Oben schwebt der Vogel Phonix, der fusslose Erzeuger seiner selbst; unten blicken die spitzschnabligen Greifen und huten das Gold der Fabel. Bezaubernd und marchenhaft ist die Verschlingung aller dieser Figuren. Es ist wie ein Traum in den tausend Nachten und der einen. Zur Rechten des Bilds aber im Schatten steht Tschionatulander im goldenen, an der Sonne funkelnden Harnisch, Helm, Schild und Bogen ruhen auf der Erde. Der Mantel gleitet von des jungen Helden Schulter, seine Locken wallen uppig, wie von einem Westhauche gehoben. Das Auge staunt; ein Entzucken lahmt die Zunge. Zur Linken aber schwillt aus den Sonnennebeln heraus ein Bild von bezaubernder Schonheit: Sigune, die schamhafter ihren nackten Leib enthullt, als ihn die Venus der Medicis zu bedekken sucht. Sie steht da, hulflos, geblendet von der Torheit der Liebe, die sie um dies Geschenk bat, nicht mehr Willen, sondern zerflossen in Scham, Unschuld und Hingebung. Sie steht ganz nackt, die hehre Gestalt mit jungfraulich schwellenden Huften, mit allen zarten Beugungen und Linien, welche von der Brust bis zur Zehe hinuntergleiten. Und zum Zeichen, dass eine fromme Weihe die ganze Uppigkeit dieser Situation heilige, bluhen nirgends Rosen, sondern eine hohe Lilie sprosst dicht an dem Leibe Sigunens hervor und deckt symbolisch, als Blume der Keuschheit, an ihr die noch verschlossene Knospe ihrer Weiblichkeit. Alles ist ein Hauch an dem Auge, ein stummer Moment, selbst in dem klugen Auge des Hundes, der die Bewegungen verfolgt, welche der Blick seines Herrn macht. Das Ganze ist ein Frevel; aber ein Frevel der Unschuld.
So stand Sigune einen zitternden Augenblick; da umschlang sie rucklings der sardinische Gesandte, der seine junge Frau suchte. Es war ein Tropfen, der in den Dampf einer Phantasmagorie fallt und sie in Nichts auflost. Die Vorhange fielen zuruck, und Tschionatulander wankte nach Hause. Der Gesandte ahnte nichts. Tiefes Geheimnis.
4
Als Wally mit ihrem Manne nach Paris gekommen war, atmete sie auf. Sie war froh, sich von einer ganz verfehlten Stellung befreit zu sehen. Sie wusste, dass sie in Paris noch immer den sturmischen Bewegungen irgendeiner Neigung ausgesetzt sein konnte, dass ihre eheliche Treue mit weit gefahrlicheren Lockungen wie in der Heimat wurde herausgefordert werden; allein sicher war sie jetzt vor den Zumutungen der Genialitat, vor dem verwirrenden Benehmen Casars, vor Mannern, welche zu poetisch sind, um ganz nach der Mode, und zu modisch, um ganz nach der Poesie zu leben. In Paris siegte sie, wenn sie wollte, noch immer durch die sehr einfachen Kunste der Koketterie. Nur die Situationen sind es, welche dem Leben der Pariser Frauen eine besondere Originalitat geben.
Die Zeit, in welcher Wally mit ihrem Manne nach Paris kam, war bei Anfang des Aprilprozesses.
Wenn man glauben wollte, dass die Julirevolution in den Sitten der hohern Pariser Welt eine Anderung veranlasst hatte, welche gleichsam dem Ernste der Zeit hatte entsprechen sollen, so verkennt man den Charakter der Franzosen. Die alte Revolution, welche eine Strafe der Frivolitat zu sein schien, rottete die Frivolitat doch selbst nicht aus. Die alte politische und gesellschaftliche Verfassung wurde gesturzt, aber die Manieren erhielten sich. An dem Besitztume klebte etwas, was sich nicht von ihm trennen liess; in den Reichtumern, welche kaum den Tod der einen veranlasst hatten, lag ein Zauber, der auch die wieder verwirrte, welche die neuen Herren derselben wurden. Den Leichtsinn tilgte die Guillotine nicht.
Die neueste Revolution hatte zu den alten Elementen des Pariser Lebens neue, zu zwei Aristokratien, der bourbonischen und bonapartistischen, noch eine dritte gesellt, die Aristokratie der Banquiers. Mehr als je wurde das Geld der Hebel des gesellschaftlichen Mechanismus, seitdem eine Klasse in den Vorgrund trat, mit der es in dieser Rucksicht schwer war zu wetteifern. Weil die Pariser das Geld nicht anhaufen, sondern es als Mahlschatz immer wieder aufschutten und von dem Winde umtreiben lassen, so wird jede Lebensausserung dort in den metallischen Strom mit hineingerissen. Dieser Strom ist es, welcher die entsetzlichsten Verheerungen in der Moralitat und Freundschaft anrichtet. Sein Ebben und Fluten macht Leben und Tod. Er ergiesst sich frei, offen, vor allen Augen, nicht einmal unterirdisch. Er walzt seine goldschaumenden Wogen durch die Sale und kleinsten Gemacher. Man ist in Paris immer in der Nahe des Geldes, weniger dessen, was man besitzt, als dessen, wovon man nicht genug haben kann und das man unter allen Umstanden sich zu verschaffen sucht. Daraus entstehen die meisten tragischen und komischen Konflikte der Pariser Gesellschaft.
Wally hatte keine Meditationen notig, um uber diese Dinge ins reine zu kommen. Sie verstand sie bald, da die Begegnisse selbst zu deutlich sprachen und dichterische Erfindungen, Schriften wie die von Balzac, sie hinreichend bestatigten. Wally philosophiert nicht, das wissen wir langst. Sie wird Paris nicht wie ein Phanomen nehmen, sondern wie eine Erfahrung, uber die man erst reflektiert, nachdem sie erlebt ist. Sie wird sich in den dichtesten Strudel der Vergnugungen werfen. Sie wird den Becher der Lust und der Gedankenlosigkeit bis tief auf die Neige leeren. Sie wird jede Minute Leben benutzen, die sie nur verwenden kann, und kame sie einst zuruck von Paris, wird sie von Paris nichts zu erzahlen wissen. Wally gehorte bald zu den glanzendsten Erscheinungen auf dem Theater des Tages und der Nachrede.
Wenn wir im folgenden mehr ein Verhaltnis schildern wollen, das in Wallys Hause und in ihrer Verwandtschaft sich entwickelte, so ist es deshalb, um einesteils uber ihren Mann eine Ansicht zu haben, andernteils, um nichts zu unterlassen, was zuletzt doch berichtet werden musste, weil es eine entscheidende Folge hatte. Wally beherrschte andere Kreise mit derselben siegreichen Gewandtheit. Sie hatte ein grosses Stuck an dem Netz zu weben ubernommen, welches uber Paris ausgebreitet ist und so viel Ehrgeiz, Eifersucht, Tragodie und Idylle in seinen Maschen festhalt. Sie war eine fleissige Bundesgenossin des grossen Feldzuges gegen Natur, Wahrheit, Tugend und Volkerfreiheit, welcher mit dem Leben der Grossen fast immer zusammenfallt; ein Feldzug, dessen Gefahr von den Freuden seiner kleinen Siege im Ernst doch uberboten wird.
Je weniger diese Katastrophe zunachst mit der Seelenrichtung in Wally zusammenhangt, die uns veranlasste, sie zum Gegenstand einer poetischen Darstellung zu machen, desto mehr tragt sie bei, die Draperien zu bestimmen, auf deren Grunde sich die wahrhafte Originalitat Wallys sprechender zeichnete. Indem Wally Szenen erlebt, welche mit ihrer Krankheit nicht in der entferntesten Beruhrung liegen, indem sie von einem Gedankenreiche losgetrennt ist, das sie selbst in sich aufgeregt hatte; muss auch der Kontrast desselben spater nur desto tiefer in ihr Herz schlagen. Wally wandelt sorglos am Rande eines Abgrundes.
5
Eines Morgens hatte Wally soeben die Besuche einiger ihrer Verehrer entlassen und lachte noch uber die Eitelkeit der jungen Manner, welche gestorben waren vor Arger, wenn sie ihrer neuen Gilets, ihrer Reitpeitsche und Lorgnette keine Erwahnung getan hatte, als sie im Nebenzimmer ein lautes Sprechen horte, das immer naher kam und dann plotzlich mit Gewalt unterdruckt wurde, gleichsam als wurde jemand, der sich ihrem Zimmer nahen wollte, mit Heftigkeit zuruckgehalten. Nachdem die hierauf eintretende Stille anzudeuten schien, dass eine Verstandigung dem Besuche hatte vorangehen mussen, offnete sich sturmisch die Tur, und ein junger Mann trat an der Hand ihres Gatten herein, der ihr in dem Ankommling seinen langst aus dem Piemontesischen erwarteten Bruder Jeronimo vorstellte.
"Wahrhaftig, ich habe mich nicht getauscht", rief der junge Italiener. "Ihren Anblick, Madame, sog ich gestern in der Oper drei volle Stunden lang ein. Ich war kaum in Paris angelangt, als mich der Zufall in die Vorstellung der 'Cenerentola' fuhrt und in die reizendste Perspektive, welche ich je gehabt habe. Madame, Sie sassen in einer Loge, von der ich nicht wusste, dass sie die meines Bruders war. Sie trugen blaue Seide, weisse Tullstreifen, einen roten Schal und Marabouts in dem Haar?"
"Ihr Gedachtnis muss weite Taschen haben," sagte Wally, "wenn sie am Morgen noch die Toilette der Damen angeben konnen, die Sie am Abend vorher bei den Italienern bezaubert haben, wie der in dieser Rucksicht bei den jungen Enthusiasten ubliche Ausdruck ist."
"Madame, es sollen viele eine gute Toilette gemacht haben, sagt man. Ich sahe nur Sie. Viele werden sie machen, ich werde nur Sie sehen. Wenn ich die Sprache eines Dichters fuhren konnte, dann wurd' ich erst die Ausdrucke haben, welche Ihrer wurdig sind. Ja, ich muss dies elende Wort 'bezaubern' adoptieren und meine Gefuhle hinter der armseligen Wendung verstecken, dass ich Sie versichre, Ihre Schonheit kann niemals vom Kunstler getroffen werden; denn musste er nicht erblinden in der Anschauung solcher Reize, Madame?"
"Ich schame mich, mein Herr", sagte Wally, "Ihnen ein Wort empfohlen zu haben, das sie lernen sollten, um bald in die Gesellschaft der jungen Enthusiasten einzutreten; denn ich sehe, dass Sie schon Meister sind in diesen allerliebsten Ubertreibungen, die man um so lieber hort, je weniger Grund sie haben!"
"Sie weichen mir aus, Madame; Sie vergessen, wenn Sie glauben, meine Liebe kame Ihnen ungelegen, dass Widerstand die Liebe verdoppelt. Sie haben die Wahl. Es ist wie mit den Sibyllinischen Buchern; aber umgekehrt: immer mehr Liebe, aber doch immer nur die gleiche Summe."
Hier machte der Gesandte, der das Zimmer schon verlassen hatte, ein Gerausch nebenan und zwang beide jungen Leute, einen Moment darauf hinzuhoren. Wally musste uber die etwas steifen Antrage ihres Schwagers lachen. Sein Feuer hatte mehr von dem russischen Spiritus. Fur einen Italiener schien er ihr zu viel Worte zu machen.
"Setzen wir uns aber", sagte sie freundlich, "mein lieber Jeronimo. Wir wollen versuchen, wie wir uns arrangieren. Es gilt nur, dass man sich verstandigt. Wollen Sie meine Farbe tragen? Wollen Sie ins Wasser springen, wenn ich behaupte, es sei nicht tief? Wollen Sie sich mit halb Paris schlagen, wenn ich die Caprice habe, Ihnen Dinge in den Mund zu legen, die Sie uber die Herzogin von Breteuil, die Grafin Allan, die Vikomtesse von Hericourt geaussert hatten? Sie sehen, welche Arbeiten sich Ihnen auferlegen lassen, wenn Sie Herkules genug waren, sich in Dejanira zu verlieben."
"Bezaubernd, Madame, entzuckend! Wie liebenswurdig!"
"Und wenn wir auf dem Fusse hinken, womit der Liebhaber geht: so nehmen Sie den andern, den Fuss der Verwandtschaft, auf dem wir stehen. Ich glaube in der Art wohl, dass Sie ermuden konnen, Jeronimo, aber niemals, dass Sie fallen."
Die Tur offnete sich. Die Vikomtesse von Hericourt trat ein. Sie war eine jener niedlichen Schwatzerinnen, an denen nichts hubscher ist als eine perennierende Begleitung ihrer Stimme mit einer luftpumpenden Bewegung aus der Brust heraus. Sie seufzte bei jeder Periode aus der innersten Tiefe her, und da sie es lachelnd tat und mit glanzendem Auge, bekam dadurch ihr Ausdruck eine hinreissende Gewalt, dass man sich die Triumphe dieser Frau erklaren konnte.
Jeronimo blieb aber bei aller dieser Grazie kalt. Er sprang nicht, wie junge Narren von fashionablem Tone mit Recht tun, wo es sich darum handelt, zwischen zwei schonen Frauen das Gleichgewicht zu erhalten, von einer zur andern uber, sondern biss in seine Handschuhe, verlegen und nur Wally fixierend, die sein Benehmen nur als Affektation eines ubertriebenen Eindrucks auslegen konnte.
Die Vikomtessa hatte so viel mitzuteilen, zu klagen, zu weinen, zu lachen, dass Jeronimo sich mit ihr zu gleicher Zeit entfernte. Er war stumm bis auf den letzten Augenblick geblieben. Die ganze Gelaufigkeit, mit der er begann, war gehemmt. Sie wusste nicht, wie sie diesen Charakter nehmen sollte. Er ist ein Russe, dachte sie unwillkurlich. Aber sie besann sich auf die Russen ihrer Bekanntschaft, auf welche dennoch keines der Merkmale Jeronimos passen wollte; denn die Russen, immer begierig, sich elegant und zivilisiert zu zeigen und den Juchtengeruch durch Bisam, eine Unanstandigkeit also durch die andere zu verdecken, affektieren uberall gegen Damen eine ekelhafte Liebenswurdigkeit, springen von einer zur andern und uben sich in sussen Grimassen. Jeronimo musste also doch ein Italiener sein.
Am Abend kam Jeronimo in die Loge des sardinischen Gesandten. Wally horte ihm gern zu; er hatte Ansichten uber Musik und viel biographische Notizen uber die italienischen Komponisten. Doch alles war fluchtig; denn eine Dame kommt im Theater nicht zur Ruhe. Keine Meinung, die unter den Liebhabern verbreitet ist, ist so falsch als die von der Gunst, welche das Theater der Neigung gewahre. Man wird sein Idol neben sich haben, man wird stundenlang mit ihm flustern konnen; das ist gewiss; aber das Idol wird auch immer zerstreut sein und hinter jeder aufgehobenen Lorgnette einen Mann vermuten, der mit dem Seufzenden neben ihr die Vergleichung aushalt oder ihn wohl ubertrifft in der Huldigung, die er ihr schenkt. Jener Satz gilt nur bei der Sentimentalitat, welche nicht hort und nicht sieht, oder bei jenen kleinen Geschopfen, die uber ein geschenktes Freibillet glucklich sind und alles, was das Theater an Illusionen bietet, fur die Schopfung und die Bekanntschaft ihres Anbeters halten.
Als Wally nach Hause begleitet war von ihrem Schwager und ihn noch einige Zeit bei sich gesehen hatte, zog sie sich in ihre Gemacher zuruck. Es klopfte. Der sardinische Gesandte trat mit einem Armleuchter in ihr Schlafkabinett. Sie erstaunte; denn solche Besuche waren ganz gegen die Verabredung.
"Was ist?" fragte sie gedehnt.
"Liebes Kind", sagte ihr Gatte; "mein Bruder"
"Ihr Bruder ist sehr langweilig."
"Er liebt dich; aber hore nicht auf ihn. Was ich ihm auch vorstellen mag, es ist, wie wenn man Feuer plotzlich ins Wasser wirft; aber hore nicht auf ihn. Ich war in meinen Briefen unvorsichtig. Er liebt dich wie eine Nebelgestalt, die man sich aus Tauschungen zusammensetzt und die man sonderbarerweise jede Nacht wieder vor sein Bett zaubern kann. Er schwarmte mit der Luft, er "
"Was will ich das?"
"Hore nicht auf ihn! Eh' er dich sahe und Nizza nicht verlassen durfte, irrte er in den Waldern und warf Blumen in die Flusse. Seine Neigung ist so stark, dass er jede Lebensfunktion seines Korpers mit dem deinigen verwechselt, dass er "
"Lassen Sie!"
"Hore nicht auf ihn! Warum ist Cupido nur blind? Er ist auch taub, sag' ich oft zu Jeronimo, weil er nicht hort. Sollten seine Sinne verzaubert sein?"
"Oh, Sie werden zum Schwatzer: ich glaube gar, Sie machen Verse."
"Wie ich dich liebe, Wally! Kind, diese Schere auf dem Tisch nehm' ich als eigne Parze meines eignen Geschickes und schneide eine deiner himmlischen Locken, um sie mit verstohlenen Kussen zu bedecken, wenn ich dich selbst nicht habe. Gute Nacht, Wally: vergiss ihn, hore nicht auf ihn!"
Was sollte Wally denken? Der Gesandte hatte ihr eine Locke genommen. Welche Zartlichkeit! Zu dieser Stunde, wo sie ihn nie sah. Sie erbleichte, denn jetzt war ihr dieser Mann erst im Lichte eines Gatten erschienen. Welch ein Bild! Ein Narr! Eine schwerfallige Gestalt! Ein Ungetum, das einen falschen Bart trug! Ein Geizhals, der selbst an Worten sparte und nie umsonst redselig war! Eine hulflose Phantasmagorie, die ein Licht in der Hand hielt und vor ihr stand, leibhaftig, als hatte sie einen Mann in den Vierzigen vor sich gesehen! Sie wischte an ihrem Antlitz, das er beruhrt hatte. Sie luftete das Bett, um es von den unkeuschen Worten zu reinigen, die hineingefallen waren, denn es stand offen. Sie begriff jetzt erst die Lage, in der sie sich befand, dass sie seit vier Monaten an einen Mann verheiratet war, den sie nicht kannte. Sie musse fliehen! schrie es unhorbar in ihr auf, und erst als sie uber die Mittel, diese Torheit zu begehen, nachdachte, schlief sie ein.
6
Am folgenden Morgen bot sich Wally sogleich eine Ursache zur Verstimmung an, als wenn sie die Erinnerung des gestrigen Abends nicht gehabt hatte. Sie horte im Nebenzimmer das zufallige Gesprach zweier Leute ihrer Bedienung, die sich uber den Geiz und die Geldspekulationen der Herrschaft beklagten. Sie staunte uber das okonomische Talent ihres Mannes, der mit Milch gehandelt und Bier gebraut haben wurde, wenn er in Paris zufallig die Anstalten dazu gehabt hatte. Nach jedem Diner liess der Gesandte die Weinreste zusammengiessen und fuhrte seine Bedienten selbst an, wie sie von den Leuchtern die Kerzen nehmen und sie zum Lichtgiesser tragen mussten, der sie gegen brauchbares Wachs eintauschte. Wally verstand viel zu wenig von solchen Dingen, als dass sie ihnen eine rechte Wurdigung hatte geben konnen. Sie fuhlte ein allgemeines Missbehagen ihrer Seele, das sie verhinderte, diesmal das Lacherliche an dem Geize ihres Mannes zu entdecken. Es war eine gefahrliche Stimmung, in der sie an Casar schrieb.
Als sie den Brief beendet hatte und sah, wie nur Kleinigkeiten der Pariser Konversation, satirische Bagatellen und viel Albernheiten aus ihrer Feder geflossen waren, da hatte sie bessre Laune bekommen. Sie freute sich, in Casar einen Mann gefunden zu haben, bei dem der Ernst sich hinter so vielem Scherz verstecken durfte, der nicht pedantisch war und vom Gefuhl keine Uberflutungen verlangte. Das Gefuhl war einmal da, nicht in Gestalt einer das Herz betreffenden Empfindung, sondern in Gestalt einer Tatsache, der sich keine andere Auslegung als die einer Neigung geben liess. Wally liebte jetzt Casar wahrhaftig, ohne sich daruber ein Gestandnis zu machen. Sie hatte sich ihm auf ewig durch jene mystische Szene verpflichtet. Und doch war es weder Scham, was sie an ihn fesselte, noch der Gedanke, ihn besitzen zu wollen. So viel Unschuld bei so vieler Freiheit!
Als Jeronimo zu ihr eintrat, konnte sie mit Lachen seinen heissen Liebesbewerbungen zuhoren, so heiter war sie. Jeronimo machte eine Miene, als ware ihm ein grosses Gluck widerfahren, als hatte, er ein Unterpfand, das ihn gegen Wallys Scherze sicherte. Sie sagte ihm: "Wie tief sind wir doch schon in den Wahnsinn der Liebe versunken! Bart, Kleidung, alles seh' ich heute an Ihnen vernachlassigt! Sie gleichen jenen Shakespeareschen Liebenden in seinen Lustspielen, die so jammerlich von dem Schmerz ihrer Brust verzehrt sind und, je verliebter sie werden, desto langer ihre schwarze Wasche tragen. Und vor acht Tagen sahen wir uns zum ersten Male."
"Vor sechs Monaten", entgegnete Jeronimo.
"Wie, Sie kennen mich langer?"
"Langer, als Sie leben, Madame! Ich kannte Sie schon, als Sie nur noch ein Gedanke waren, der im Schosse Gottes schlummerte. Meine Liebe zu Ihnen ist nur die Erinnerung eines alten Gluckes. Diese schwellenden Lippen, diese jetzt so sprode Brust: ich weiss es, ich habe sie schon einmal gekusst, ich habe sie schon einmal umarmt."
"Fabelhafte Dinge muss ich horen, Jeronimo. Was wurde die Vikomtesse von Hericourt denken, wenn Alfred Jardinier, dieser burgerliche, aber liebenswurdige Anbeter, ihr solche Dinge sagte."
"Lasen Sie Plato, Madame?"
"Nein!"
"Die Seelen meiner Person und der Ihrigen, Wally, sollen einem Schoss entsprossen sein. Die Bilder und Urtypen unsrer Personlichkeit kannte schon die Ewigkeit, und was wir Liebe nennen, ist nur ein Tribut, den wir unsrer Vergangenheit, unserm Gedachtnisse und unsern fruher eingegangenen Verpflichtungen schuldig sind."
"Sie werden mich uberreden wollen, dass Sie urweltliche Rechte auf mich haben; dass Sie diese Hand, welche Sie mir fur eine Zartlichkeit viel zu heftig drucken, schon vor der Sundflut besessen haben. Sie tun Unrecht, eine so kleine Frau, wie ich bin, in die grossen Hallen der Philosophie einfuhren zu wollen."
"Was Philosophie, Wally! Im Schosse Gottes trugen Sie einst dieselben gelben Pantoffeln, mit welchen Ihr Fuss noch jetzt so reizend kokettiert."
"Mit all Ihrer Philosophie sind Sie doch im Irrtum uber die gelben Pantoffeln. Es sind Schuhe, mein Herr; ich erwarte nun von Ihnen, dass Sie sie zu binden versuchen. Machen Sie es ordentlich, und vernachlassigen Sie mir kunftig lieber den Plato als Ihre Toilette, die ganz geschmacklos ist."
Wahrend die Situation, die jetzt folgte, noch nicht beendigt war, trat ein Diener ein und zeigte an, das Cabriolet Jeronimos sei vorgefahren. Sie nahm ihren Schal, klagte viel daruber, dass er mit nichts umzugehen wisse, und stieg, sich auf ihn stutzend, die Treppe hinunter. Jeronimo fasste selbst die Zugel des Pferdes und lenkte das gebrechliche Fahrzeug mit einer Ungeschicklichkeit, die Wally nicht erschreckte, da sie davon nichts verstand. Sie fuhren durch die Boulevards. Jeronimo wollte fahrend sprechen. Er horte nicht auf, den Schoss Gottes im Mund zu haben. Wally hielt ihm diesen wahnsinnigen Mund zu; er ubersah sein Pferd und rannte bei der Porte St. Martin so heftig in die Kutschen der Schauspielerinnen hinein, die vor der Tur des Theaters, wo eben Probe war, hielten, dass seine Bemuhungen, sich herauszuwikkeln, vergeblich wurden. Die Peitsche brauchte er nur zu seinem Missgeschick. Das Pferd baumte sich und hob die Gabel des kleinen Wagens so hoch, dass die beiden darinnen rucklings uberfielen und Gefahr liefen, aus ihrem Sitze herausgeschleudert zu werden. Hier musste ein Ungluck geschehen.
Wally verlor einen Augenblick lang die Besinnung. Als sie wieder im Zusammenhang der schrecklichen Szene war, sahe sie den Wagen aus jener Verwirrung herausgefuhrt und das Pferd von einem Manne beschwichtigt, in welchem sie zu neuem Schreck Casar erkannte. Gott, jetzt fiel es ihr ein, sie hatte ihn schon zwei-, dreimal heute an dem Rande der Boulevards gesehen. War er es gewesen, so konnte die Rettung kein Wunder sein. Er musste sie verfolgt und den Augenblick der notigen Hulfe wahrgenommen haben.
Jeronimo staunte, wie er bei der weiten Fahrt statt Vorwurfe von Wally nur Scherz und Lachen vernahm. Er stotterte Bitten heraus, die sie nicht verstand. Sie war ausser sich vor Entzucken. Jeronimo wusste sich nichts zu erklaren und eilte, ihrem Wunsche nachzukommen. Sie wollte nach ihrer Wohnung zuruck.
Wally stand den ganzen Vormittag wie auf Kohlen. Sie kam nicht vom Fenster, weil sie jede Minute hoffte, Casar an dem Torwege zu sehen. Sie nahm mechanisch an der Mittagstafel teil, ging nicht ins Theater; aber Casar kam nicht. Jetzt erst fiel es ihr ein, dass sie sich getauscht haben konnte, und rief einem ihrer Leute, den sie unverzuglich zu Herrn von Werther, dem preussischen Gesandten, schickte, um uber ihren Anblick Gewissheit zu haben.
Der Bote brachte die vernichtende Nachricht, Casar hatte sich seit langer als vier Wochen in Paris aufgehalten und habe seinen Pass zur Abreise bereits zuruckgenommen.
Wally blieb stumm vor Schmerz. Sie hielt das erblasste Haupt auf der krampfhaften Hand gestutzt und gerann in Eis statt in Tranen. Womit hatte sie diese Demutigung verdient! Sie kannte Casar genug, um zu wissen, wie dieses Betragen mit seinem Wesen zusammenhing. Ach! auch dies nicht ganz so wunderbare, wozu Casar es machen wird, Begegnen an der Porte St. Martin, sagte sie vor sich hin, wird er wie eine Romanenepisode nehmen, um sein ewiges Selbstennui, seine hypochondrische Qualerei damit zu wurzen und aufzustutzen.
Wally seufzte tief auf und durchmass mit Verzweiflungsschritten ihr Zimmer. Es schien ihr der herbste Schlag, der sie treffen konnte. Das Gehen machte sie ruhiger. Sie setzte sich, und jetzt erst konnte sie weinen.
"Womit verdient' ich das?" war ein erstickter Ton ihrer Stimme. Woran dachte sie jetzt! Was hatte sie alles getan, um ihm eine Liebe zu zeigen, an die er, an die sie nicht glaubte und die sich doch so unvertilgbar in ihre Herzen eingenistet hatte! "Womit verdient' ich das?" Ungluckliche Wally! Was hattest du nicht dem Egoismus eines Mannes geopfert? Du gabst ihm deine Seele, deine Gedanken, deine Scham, alles, was du ausser dem armseligen Stand der Verheiratung hattest; und dies alles dem Egoismus, dem Lacheln, vielleicht dem Verrat? "Oh, das ware entsetzlich", schrie sie auf; dem Verrat? Das nicht, Wally! Aber sein Herz ist kalt, er lebt nur von Gefuhlen, die er raffinieren und filtrieren kann, er trotzt gegen sich selbst; du bist die Leiche, die er mit Fussen tritt. Wally! Wally! Ihr Blick fiel auf den noch offenen Brief, den sie an ihn geschrieben hatte. Welches Vertrauen, welche Harmlosigkeit! Wie treue, kindische Worte! Wie alles so selig, so unbewusst verbrecherisch, so suss in etwas, was zuletzt immer eine Ubertretung ihrer Pflicht war! Sie hatte ihm alles gegeben! Sie weinte; ihre Gedanken schwammen fort auf ihren nassen Augen, ihr Bewusstsein sank hin in eine allgemeine Erschopfung, in eine Ohnmacht, die von einem hitzigen Fieber abgelost wurde. Sie sollte erst nach langer Zeit von diesem Schmerze erwachen.
7
Drei Wochen hindurch war der Wachter: Bewusstsein vom Tore der Vernunft verschwunden. Die Gedanken Wallys waren freigegeben, das Dach stand offen, jedes Auge konnte in das gluhende Hirn hineinsehen und die Verwirrung der Ideen mit seinen Blicken verfolgen. Da lagen sie alle, die wie ein Kapital angelegten Eindrucke der Vergangenheit, ohne die lachenden, frohlichen Zinsen des Umgangs und des Bewusstseins zu tragen; nackte Leiber, die des bunten Gewandes der Rede ermangelten, Ideenembryone, so graulich anzusehen wie die Infusorien, die man durch Vergrosserungsglaser in einem Wasserglase unterscheidet. Die Erinnerungen, Ideen und Ideenschatten jagten sich untereinander und gingen wahnwitzig lacherliche Bundsgenossenschaften ein und frassen sich untereinander auf wie Ungetume, denen die Gestalt, die Schonheit, die Freiheit des Willens und das Wort fehlt. So lag Wally drei Wochen.
Als sie zum ersten Male die Augen mit Bewusstsein aufschlug, erblickte sie Auroren und fragte nach allem, was seither geschehen ware. Diese junge berlinische Schwatzerin schlug die Hande zusammen, setzte sich die Mutze der Verwunderung auf und hatte viel von Wallys fieberhaften Phantasiestucken zu erzahlen. Wally fuhlte sich stark zu horen, auch stark, sich zu erinnern. Sie wusste deutlich, wer die Schuld ihres Ubels trug; sie ging auch bald wieder bei diesem Gedanken in die Nebel zuruck und sprach von einem Manne, der sie gerettet, aber nicht besucht hatte.
Aurora sprach von Jeronimo. Sie schilderte seine Verzweiflung. Er hielte sich fur den Urheber von Wallys Leiden, er verliesse das Haus nicht und wurde durch nichts aufgehalten, Augenblicke, wo Wally schliefe, zu benutzen und in ihr Zimmer zu dringen.
"Wer?" fragte Wally.
"Jeronimo!"
Es gehorte noch Anstrengung dazu, dass Wally wieder wusste, warum sie nach Jeronimo gefragt hatte. Sie vergass es und raumte Aurorens Schwatzhaftigkeit das Feld. Diese tummelte sich weidlich darauf. Sie kam immer wieder auf den Italiener zuruck, bis er selbst kam und an Wallys Bett niederkniete. Wally sahe ihn, aber sie erkannte ihn nicht.
Jeronimo stand bleich und hager da. Seine Wangen waren eingefallen und abgezehrt. Die Augen blickten starr und mit einem unheimlichen Feuer. Sein Ausseres war ganzlich vernachlassigt. Hatte man nicht annehmen mussen, dass ihn die Trauer verhinderte, Sorgfalt auf sich zu verwenden, so wurde man zu dem Glauben gezwungen gewesen sein, seine Erscheinung sei die Folge der Armut. Er sprach italienisch; Aurora verstand nichts davon, zu seinem Glucke; denn hatte sie es verstanden, wie wurde es ihr entgangen sein, dass Jeronimos Reden einen bedenklichen Geisteszustand verrieten?
Wally verstand wohl die wahnwitzigen Worte an ihrem Bett, aber sie wusste nicht, von wem sie kamen. Und hatte sie es gewusst, so wurde sie sogleich auf den Zustand reflektiert haben, den sie soeben von sich selbst erfahren hatte. In der Tat, sie verwechselte auch den Wahnsinn, den sie horte, mit dem, welcher sie selbst beherrschte, und flehte unhorbar, ihr nichts zuzurechnen von der Verwirrung, die aus ihrem bewusstlosen Haupte entsprang. Jeronimo kusste ihre Hand. Sie erkannte ihn nicht, als er wie ein Gespenst von ihrem Lager fortschlich.
Benutzen wir den Augenblick, wo der Faden unsrer Erzahlung gehemmt ist durch das Schicksal ihrer Heldin, die sonderbare Erscheinung Jeronimos und das Verhaltnis zu seinem Bruder naher zu erklaren. Jeronimo ist eine widerliche Storung dieses Berichts. Wallys unubertreffliche Originalitat, das bunte Farbenspiel ihrer Laune verdiente wahrlich nicht, von so fratzenhaften Verruckungen menschlicher Gefuhle und Verhaltnissen, wie wir sie kennenlernen werden, paralysiert zu werden.
Luigi und Jeronimo hiessen die beiden Bruder, welche uns bis jetzt nur in so nebelhaften Umrissen erschienen sind. Jener war der altere, dieser der jungre; beide an Jahren so verschieden wie an Gestalt und Gemutsrichtung. Luigi ein praktischer Egoist, Jeronimo ein exzentrischer Schwarmer, dort das drohende Extrem der Bosheit, hier des Wahnsinns. Beide Bruder hatten zu gleichen Teilen ein grosses Vermogen geerbt; aber verschiedenartig war der Gebrauch, den sie davon machten; Luigi geizte, Jeronimo verschwendete. Luigi traf in Jeronimos sanfter Gemutsstimmung keinen Widerstand, als er ihm bei den Verschleuderungen seinen Rat anbot und sich fur bereit erklarte, die Verwaltung seines Vermogens zu ubernehmen. Die Verantwortlichkeit machte Luigi schlecht. Immer im Harnisch gegen Jeronimos Unbesonnenheiten, langst gewohnt, ihn wie ein Zuchtmeister seinen Gefangenen zu behandeln, immer in der Illusion, dass er das Gute, Noble und Ehrliche tate, wahrend er doch nur das Kluge und Nutzliche tat, nahm er seine eigne Verfahrungsweise wie etwas Notwendiges und gewohnte sich daran, Dinge als sein Eigentum zu betrachten, fur welche er zuletzt wirklich einstehen musste. Diese Verwechselung war leicht gemacht und artete in dezidierte Schlechtigkeit aus. Es galt nicht mehr, dass Luigi fur all die Torheiten, die Jeronimo beging und unschadlich machen musste, sich schadlos halten wollte, dass er durch die Verwendungen, die er uberall versuchte, als Jeronimo ins Gefangnis geworfen wurde wegen Karbonarismus, ein Recht uber des jungern Bruders Leib und Leben zu haben sich uberredete, sondern bald wurde es Ziel und Plan bei ihm, einen Menschen, dem nicht zu helfen war, ganzlich zu unterdrucken und das Vermogen an sich zu ziehen, welches Jeronimo noch besass und moglicherweise auf irgendeine seiner fluchtigen Neigungen vererben konnte.
Von einer neuen Torheit, die Jeronimo beging, wusste Luigi erst kaum, wie er sie behandeln sollte. Er hatte ihm von Wally geschrieben, von ihrer Jugend und Schonheit.
Jeronimo bat ihn, nichts von ihren Reizen zu ubergehen. Luigi fahrt in seinen Entzuckungen fort, und Jeronimo schwort ihm in einem Briefe, dass Wally nur fur ihn bestimmt ware. "Lacherlicher Einfall!" sagte Luigi, als er am Tage seiner Hochzeit diesen Brief empfing. Aber Jeronimo horte in seinen Grillen nicht auf. Er drohte, noch in Haft befindlich, die er sich durch eine unbesonnene Totung zugezogen hatte, mit dem Aussersten. Die Idee schien fix bei ihm geworden zu sein. Es ist nicht unmoglich, dass man in ein Bild sich verlieben kann. Arme Wally! Musste deine glatte, stille, liebliche Seele, dein nuchternes, von allem Exzentrischen abseites Leben in solche Strudel gerissen werden?
Luigi wusste, dass sein Bruder nach Paris kommen wurde. Er hatte ein Mittel gegen ihn und scheute sich nicht, da er sahe, welchen Eindruck Wally auf Jeronimo machte, es in Anwendung zu bringen. Was war ihm Wally? Welche Genusse gewahrte sie ihm? Und doch war er nicht so niedrig, sie an seinen Bruder gleichsam verkaufen zu wollen; er war mehr bos als gemein, mehr europaisch schlecht als italienisch ordinar. Er wollte Jeronimos Neigung im Schach erhalten und davon Gewinste ziehen. Sein Geiz sahe mit Schrecken, wie des Bruders Vermogen in den durstigen Sand der Pariser Vergnugungen und Ausschweifungen verrinnen wurde. Er sahe schon tausend Arme geoffnet, tausend Zartlichkeiten als Falle gelegt, er zitterte vor dem weiten Meere, dessen Abgrund bald Jeronimos Erbe verschlingen musste. Er wollte es retten. Er wollte es absorbieren, erst, wie er glaubte, um es zu bewahren, dann, um es nie wieder herauszugeben. Wally musste zu diesem Zwecke dienen. Ihre Koketterie musste Jeronimo fesseln und unglucklich machen. Luigi arbeitete planmassig, um das Hirn des Bruders zu verrucken. Er brachte Grusse, Zartlichkeiten, Locken und zwang den Glucklichen, von Wally sich immer wieder enttauschen zu lassen. Jeronimo war schwach, ein Kind, eine tote Hand seines Vermogens. Luigi eignete sich alles zu. Wer kann zweifeln, dass Wally imstande war, durch ihre unzahligen kleinen Charakterlosigkeiten einen Mann zu vernichten? Sie tat es, ohne darum zu wissen. Sie wurde unbewusst das Werkzeug einer nichtswurdigen Intrigue.
8
Jeronimo hatte fruher eine glanzende Wohnung besessen, jetzt musste er sich einschranken. Er trat in Paris mit all dem Glanze auf, der der Wiederschein seines Vermogens war; jetzt hatte ihn eine ungluckliche Leidenschaft so gebeugt, dass er nicht einmal das Schmerzliche seiner gegenwartigen Lage empfand. Er dammerte in seiner Idee hin. Er gab alles seinem Bruder, seitdem er keine Bedurfnisse mehr kannte. Sein ganzes Vermogen wurde Luigi verschrieben. Zuweilen, am fruhsten Morgen, wenn noch keine Seele auf der Strasse war, besuchte ihn dieser und stieg die vier Treppen hinauf, uber denen Jeronimo wohnte. Denn er wollte nicht, dass sein Bruder irgendeinen Groll gegen ihn fasste. Er gab sich immer das Ansehen, als sorgte er vaterlich fur den Verlassenen, als bewahre er ihm seine Glucksguter, die in seiner truben Seelenstimmung ihm doch eine Last sein wurden. So hatte er auch eines Morgens bedachtig an die Tur der kleinen Kammer gepocht, welche Jeronimo bewohnte. Er trat hinein und fand seinen Bruder lang ausgestreckt auf einem schlechten Bett, dessen er sich als eines Sofa bediente. An den kahlen Wanden hingen einige schlechtgemalte Heiligenbilder. Auf den Kissen rings lagen die zerstreuten Bestandteile einer ganz mangelhaften Toilette; auf dem Tische einige Bucher, die mit Staub bedeckt waren und deshalb ahnen liessen, dass Jeronimo noch aus sich selbst Trost und Unterhaltung schopfen konnte.
Als Luigi eintrat, sprang sein verlassener Bruder auf, grusste mit einer mechanischen Hoflichkeit, fur welche er selbst keinen Grund wusste, raumte schnell einen Stuhl ab und schob ihn zuruck, um seinem Besuche Platz zu machen.
"Ist sie wohl?" war seine erste Frage. Luigi bejahte sie mit dem Lacheln eines Mannes, der hier gleichsam sagen wollte: Es hangt alles von dir ab! oder: Du kannst Vorteil davon ziehen!
Aber Jeronimo war nicht so starken Glaubens. "Sie liebt mich nicht!" rief er aus, "sie ist grausam und kalt! Man sieht, dass ein solches Herz nur im Norden geboren werden konnte."
"Was hangst du auch, mein Sohn!" entgegnete Luigi, "dieser Grille nach? Warum sich einer Leidenschaft hingeben, welche ohne alle innere Begrundung ist und die nur dazu dient, dein ganzes Leben zu verwirren?"
"Sie lasst mich nicht mehr vor!"
"Du zwingst sie dazu; denn Sie liebt mich von Herzen. Was richtest du an! Du bist in der glanzendsten Lage, bist reich, jung, hast eine ausgesuchte Bildung; warum entziehst du dich der Gesellschaft? Warum diese schlechte Wohnung, die dich um deine Annehmlichkeiten und mich um meinen Kredit bringt? Warum dieser vernachlassigte Aufzug, welcher eher dem eines Industrieritters und Bankeruttiers gleicht als dem Range und dem Geiste, den du besitzest?"
"Du bist sehr boshaft, Bruder!" sagte Jeronimo, den ein Vernunftfunke durchleuchtete. "Wenn ich mich vernachlassige, so bist du schuld daran, meine Liebe wahrlich nicht, welche nur dazu dient, das Ungluckliche meiner Lage mich weniger herb fuhlen zu lassen. Wer spiegelt mir die Ungeheuern Verluste vor, die mein Vermogen soll erlitten haben?"
"Ungerechte Beschuldigung!"
"O sieh, Luigi! ich blicke tief in dein Inneres. Dein Geiz ist die Triebfeder deiner Schlechtigkeit. Du hast dir immer das Ansehen gegeben, mein Beschutzer zu sein, und wahrlich, du machtest dich vortrefflich dafur bezahlt. Ich wurde wahrhaftig keine deiner ehrlosen Intriguen zugeben, Mann, wenn ich mir Besonnenheit und Festigkeit des Willens in meiner jetzigen Lage erhalten hatte."
"So ungerecht sprichst du zu einem Bruder, der fur dich sorgt, Jeronimo? Der niemals in dieses verfluchte Schmutznest tritt, ohne von den Geldrollen in seiner Tasche einen schweren Tritt zu haben. Wann komm' ich leer? Ich biete dir alles an: ich beschwore dich anzunehmen. Auch jetzt: siehe! nimm! aber wache uber deine Ausdrucke, die mein Herz verwunden und der Welt Veranlassung zu einem falschen Urteil geben konnen."
"Oh, damit schlaferst du dein Gewissen ein, mit diesen Geldrollen, welche hier liegen und von mir nicht geachtet werden, weil ich keine Bedurfnisse mehr habe! Man hat gut von Reichtumern zu einem Manne reden, der das Gelubde der Armut ablegte. Was furchtest du wohl mehr, Prahler, als meine erwachende Lebenslust? Sie kann niemals kommen, Glucklicher! Du siehst mich dem Tode entgegenreisen und hoffest, bald der Sorge um einen Menschen enthoben zu sein, von dem ich selbst gestehe, dass er fur menschliche Beruhrungen und das im Dasein Gewohnliche kein Kettenglied mehr ist. Du aber warst es, der mich um Wally betrogen hat."
"Lenk' ich die Neigungen dieser schwer zu zugelnden Frau?"
"O Mensch, Bruder, du warst auch als Gatte schlecht genug, mir Hoffnungen zu machen."
"Verachtlicher!" rief Luigi und sprang vom Sitze auf.
"Oh, setze sie vor dein kahlgewaschenes Antlitz, die Maske der Entrustung! Dein Weib musste der Blitzableiter meiner gewitterdrohenden Neigungen und der Hagelwetter werden, welche mein Vermogen ruinieren konnten. Dein Geiz sah alles vorher. Ein teuflisches Spiel hast du mit mir getrieben. Zu den Beleidigungen fugtest du noch meine Entnervung, meine Unfahigkeit, mich fur sie zu rachen, hinzu!"
Und das sagte Jeronimo mit Recht. Denn wie richtig er auch das Benehmen seines Bruders, diese Manier, ihn zu beobachten und in der Hand zu haben, durchschaute, so war er doch in seiner Willenskraft wie gelahmt. Eine unerwiderte Neigung hatte ihn zu Boden geworfen. Er war keines Entschlusses fahig, wenn sein Bruder so schlecht handelte, ihm wieder eine neue Hoffnung zu machen. So lachelte Luigi auch hier, nahm die Geldrollen und liess, indem er sie einsteckte, wie zufallig die Schleife eines blauen Damenkleides aus ihr herausfallen. Jeronimo fing sie auf und presste sie an seine Lippen. Sie war von Wally, ein Raub in derselben Art, wie ihn ihr Gatte oft mit verstellten Zartlichkeiten beging. Wahrend Jeronimo im Entzucken dieses Besitzes schwelgte, fand Luigi Musse, sich ohne Gerausch zu entfernen.
Als er dicht bei seinem Hotel war, offnete sich die Tur desselben, und einer seiner Bedienten trat heraus, ohne ihn zu bemerken. Ein junger Mann sprang auf den fluchtigen Burschen zu, hielt ihn an und fragte ihn dringend, indem er etwas durch Geld belohnte, was noch kommen sollte: "Ist die Grafin zu Hause?"
"Ich glaube nicht."
"Sei aufrichtig: ich muss es wissen!"
"Sie ist bei der Vicomtesse von Hericourt."
"Dort kann ich sie nicht sprechen. Sie war krank?"
"Wer? Die Grafin? Freilich; sie ist vor einer Woche vom hitzigen Fieber genesen."
"Gerechter Gott! Wie lebt sie denn im Hause? Hat sie viel Vergnugungen?"
"Sie wissen wohl, hierin lasst sie sich nichts entgehen. Sie glauben, Herr Baron, ich kenne Sie nicht? Wie oft waren Sie bei der Grafin, als ich noch mit ihr Manege ritt."
"Du kennst mich? Sage ihr nicht, dass du mich gesehen hast: morgen aber hilfst du mir, sie ohne Zeremoniell und weitlaufige Anmeldung sprechen zu konnen!"
Der Gesandte sah dem forteilenden Fremden nach. Er erkannte ihn als einen Deutschen, dem er fruher begegnet sein musste. Der Bediente gab ihm den Namen an; doch hatte er nie gewusst, dass dieser mit Wally in einer Verbindung gestanden hatte. Er trat in sein Hotel.
9
Am folgenden Morgen, als Wally sich noch in den ersten Umrissen ihrer Toilette befand und im neusten Hefte der "Revue de Paris" blatterte, wo sie durch die Schwarmereien eines franzosischen Gelehrten uber deutsche Zustande, die er aber falsch verstanden hatte, sehr belustigt wurde, riss eine unangemeldete Hand die Tur ihres Zimmers auf und sturzte mit einem freudigen Grusse zu Wallys Fussen.
Sie war bleich vor Schrecken, als sie es dulden musste, dass Casar sie sturmisch in seine Arme schloss und ihre Hand mit seinen Kussen bedeckte. "Meine Wally!" war der einzige Ausruf, der uber seine bewegten Lippen dringen konnte. Wally zitterte vor Schrecken und Freude. Auch sie konnte keinen Ausdruck finden.
So sassen sie sich eine Weile stumm gegenuber; aber ihre Blicke sprachen mit feurigen Zungen und hatten tausend Dinge zu gleicher Zeit zu fragen und mitzuteilen. "Dein Tschionatulander!" sprach dann Casar mit holdseliger Ironie. Wally errotete und barg ihr gluhendes Antlitz vor Scham an seine Brust.
"Sie mussen mir diesen sturmischen Angriff verzeihen!" fuhr dann Casar fort. "Ich habe viel bei Ihnen gutzumachen und will es durch Dinge, welche fur Sie von Wert sind."
"Sie haben vor zwei Monaten mir das Leben nur gerettet, um es mir zu nehmen!" sagte Wally.
"Ich wollte Sie nicht besuchen. Ich vermied Sie. Warum?
fragen Sie mich! Ich weiss es nicht. War ich stolz, beleidigt? Nein: es war lacherlich; aber Sie kennen mich, Wally, wie schwierig ich zu behandeln bin. Ich lasse immer auf eine Liebenswurdigkeit zehn unertragliche Torheiten kommen."
"Liebenswurdigkeiten! Unertraglich! Torheiten! Oh, alles, wie sonst mein Casar!"
"Meine Wally! Aber Sie schweben in einer unvermeidlichen Gefahr, aus der ich Sie retten muss. Ihr guter Ruf ist bedroht. Sie verdanken das Ihrem Manne. Welche Leute kommen in Ihr Haus?"
Wally hatte nicht viel Gehor fur diese Worte, fur den Inhalt nicht, nur fur den Schall, den sie an Casars Munde verfolgte. Wenn die Worterbucher es erlauben, sich so auszudrucken, so wollte sie ihn nur sprechen, nicht reden horen.
"Nein, in der Tat, Wally! Wer ist dieser Jeronimo? Alle Welt spricht davon. Es ist unmoglich, dass Sie Anteil an dieser Intrigue haben. Sie kommt allein auf Rechnung Ihres Mannes."
Wally lachelte nur und weidete sich an dem Anblick.
"Nein, bezaubernd sind Sie, Wally!" grollte Casar mit komisch-weinerlicher Stimme; "aber so horen Sie doch und gehen Sie auf etwas ein, das Sie interessiert."
Casar musste sie wecken, mit Kussen wecken aus ihrem Rausche. Er musste Auge an Auge, Stirn an Stirn legen, jeden Zug in Wallys Antlitz bannen, um sie in seiner Gewalt zu haben und seinen Worten Eingang zu verschaffen. Wally tat noch immer nichts, als in einer gewissen gemachten Abwesenheit von unten herauf mit einer halben Wendung ihres Kopfes, mit klugen und verdachtigen Augen an ihn sich hinaufschmiegen und das kussen, was sie grade traf, Auge, Mund, Nasenflugel. Man muss lieben, um diesen malerischen Gestus der Zartlichkeit zu verstehen.
"Wally!"
"Casar!"
"Wer ist Jeronimo?"
"Ein Narr."
"Der Bruder Ihres Mannes?"
"Der Bruder meines Mannes."
"Er liebt Sie."
"Er liebt mich."
"Er ist wahnwitzig."
"Er ist wahnwitzig."
"O, Wally! Wally!"
"Was soll ich nur? Warum inquirieren Sie mich?"
"Man behauptet, Jeronimo wurde mit Vorspiegelungen von Ihnen hingehalten, wahrend Ihr Mann die Zeit benutzt, seinen eigenen Bruder auszuziehen."
"Aus der Komodie! Ein Roman von Eugene Sue, Balzac, Victor Hugo; was soll ich lesen? Raten Sie mir: ich verwildre ganz, Casar."
"Keine Fabel, nein! Im Hotel des sardinischen Gesandten plundert man die unglucklichen Liebhaber."
"Und die glucklichen, Casar, sind langweilig."
"Und die glucklichen Liebhaber, Wally, wollen nicht, dass ihr Idol ein Gegenstand der allgemeinen Beschimpfung ist."
"Wer beschimpft mich?"
"Ihr Mann!"
"Nun, so mussen Sie mich wieder reinwaschen."
"Das will ich; aber "
"Aber "
"Geben Sie mir Aufschlusse, Data, Erklarungen. Wer ist Jeronimo? Was will er? Was hat er? Ahnten Sie nichts? Teilen Sie die Schuld Ihres Mannes?"
"Gott, so horen Sie auf, Casar. An diesen Sachen nehm' ich keinen Teil. Ich habe ja an Ihnen genug, Casar; ich lasse Sie nicht. Reden Sie von der Vergangenheit, von Ihren Lebensschicksalen, von unsern Freunden. Kein andres Wort, oder ich verlasse Sie im Augenblick."
Casar begriff diese Grillen nicht. Verdiente er, so geliebt zu werden!
"Nun dann!" sagte er lachend und argerlich zugleich und begann, auf die Themata einzugehen, welche Wally entzuckten. Bis zur Mittagszeit konnten sie uber diese Dinge sprechen, ja noch in der Loge des Theaters, und nach dem Theater bis tief in die Nacht hinein.
10
Endlich hatte Wally den Zusammenhang ihrer hauslichen Verhaltnisse erfahren. Casar war unermudlich, den Ruf seiner Freundin wiederherzustellen und die offentliche Meinung uber sie zu berichtigen. Sie dankte ihm dafur nicht einmal; denn sie lebte gar nicht in bezug auf diese unwurdigen Dinge, weil sie weder von ihnen eine Vorstellung hatte noch sie fur wert einer Aufmerksamkeit hielt, die grosser gewesen ware als die vollstandige Erschopfung ihres Verhaltnisses zu Casar.
So verflossen einige fur sie unersetzliche Tage. Wally duldete nicht, dass irgend etwas sie im Genusse derselben storte. Sie gab sich wenigen Besuchen preis. Die meisten wies sie ab, vor allen die Anmeldungen Jeronimos, den sie in seinen Leiden mit einer entsetzlichen Grausamkeit behandelte. Sie trat alles mit Fussen, was nicht in unmittelbarer Beziehung auf Casar stand.
"Sie mussen mich uber diesen Unglucklichen anhoren", sprach Casar einst zu ihr. "Er glaubt Rechte auf Sie zu haben und behauptet, dass Sie um den Preis seines Vermogens die seine waren."
Wally lachte hieruber, dann aber sagte sie argerlich: "Was soll ich aber tun? Ich bin dieser Verhandlungen mude, dass mir meine Lage unertraglich wird. Es kommt so weit, dass ich jedes Mittel ergreife, Paris zu verlassen."
"Was tut Ihr Mann? Was sagt er Ihnen? Will er denn alles geschehen lassen?"
"Was geschieht denn? Gutiger Himmel, so schenken Sie den Narrheiten der Welt nicht fortwahrend Ihr Ohr. Ich bin fur Sie ohne Tadel und bedarf nicht mehr, weil ich nur Ihnen gefallen will. O Gott! Ist je zu einem Manne so gesprochen worden?"
"Sie verwirren meinen Kopf, Wally!"
"Gewiss: denn der meinige ist unfahig, noch im Zusammenhange zu denken. Wollen Sie etwas Entscheidendes tun?"
"Nun?"
"Befreien Sie mich aus dieser Lage! Ich gehe mit Ihnen aus Paris und kehre niemals zuruck. In der Einsamkeit will ich wohnen, selbst wenn Sie mich verbergen mussten. Hier ist die Luft verpestet. Sagen Sie alles meinem Manne. Er ist ein Pinsel, der gar keine Rechte auf mich hat. Fort! Gehen Sie noch jetzt hinuber zu ihm."
Als Casar mit dem Gesandten allein war, sagte er zu ihm: "Mein Herr, Sie vernachlassigen den Ruf und die Ruhe Ihrer Frau."
"In welcher Eigenschaft sagen Sie mir dies?" fragte der Gesandte.
"Als Bevollmachtigter und Beauftragter Ihrer Frau, als Freund des Hauses, dem sie angehort, als Teilnehmer an Wallys Lebensschicksalen, die sie betreffen, als betrafen sie mich selbst, zuletzt wenn auch nur als Beschutzer eines Wesens, das unschuldig ist und nicht die Kraft hat, sich von einer Intrigue loszusagen, in welche sie wider ihren Willen verwickelt wurde."
"Sie scheinen von den Verhaltnissen meiner Frau mehr zu wissen als ich selbst. Doch will ich ihre Mitteilungen abwarten, um mich zu irgend etwas bestimmen zu lassen."
"Dann werden Sie freies Spiel haben, mein Herr! Wally lebt nicht mit dem, was um sie vorgeht."
"Dann scheint es, als bauten Sie ihr eine neue Welt."
"Ja, Sie konnen so sagen, wenn Sie darunter verstehen, dass ich die alte einreissen werde. Was konnen Sie tun, um Ihrem Bruder seinen Verstand wiederzugeben und die Reichtumer desselben, welche Sie sich das Ansehen geben, mit Ihrer Gattin zu teilen? Sie wagten es, eine himmlisch reine Seele zu beschmutzen. Sie wagten es, das Leben eines Bruders methodisch zu untergraben. Gegen das letzte werden die Gesetze auftreten, gegen das erste aber Gesinnungen, die sich weder widerlegen noch bestechen lassen."
"Aber auch gegen diese tugendhaften Gesinnungen wird es Gesetze geben; denn Sie wissen, dass diese Art Tugend nicht uberall am Orte ist."
"Die Gesetze werden zu spat kommen."
"Wie sollten sie von Ihnen vereitelt werden?"
"Durch die Entfuhrung Ihrer Frau, die Brandmarkung Ihres Namens, durch die Aufhebung jeder ehrlichen Gemeinschaft mit Ihnen, durch tausend Vorsprunge, welche die Ehrlichkeit vor einem Manne voraus hat, der mit dem guten Namen seiner Frau das Vermogen eines Bruders kauft, der zur einen Seite die Menschen ubel beruchtigt, zur andern wahnsinnig macht. Wahrhaftig, ich schwore Ihnen "
Der Gesandte trat scharf auf Casar zu und hintertrieb hiedurch das, was dieser sagen wollte, er stiess einige Drohungen aus und verliess dann mit einem gemachten Stolze das Zimmer. Casar wollte ihm nach, aber die Tur war ins Schloss gefallen.
Als er in die Zimmer Wallys zuruckkam und er horte, dass sie im Bade sei, verliess er unmutig uber die verlorne Muhe das Hotel. Seine Ausdauer war erschopft. Er war nahe daran, jetzt alles so kommen und so gehen zu lassen, wie es ging. Aber noch an demselben Abende sollte eine Schlusskatastrophe den Knoten durchhauen.
Jeronimos Seelenzustand war unheilbar zerruttet. Es war ihm nur noch eine Kraft geblieben, die gefahrlichste fur seinen unzurechnungsfahigen Zustand, die Kraft, Entschlusse zu fassen und sie um so eher ins Werk zu setzen, weil ihn nichts in seinen Combinationen storte. Jeronimo war fast ein Bild des Todes. Das dunkle Feuer seines Auges hatte sich selbst verzehrt, ein Buschel dunner Haare deckte den kahlen Scheitel. In Regen und Frost stand er vor den Fenstern seiner unglucklichen Neigung, die ihn von sich wies und den ganzen Herbst und Winter mit ihm nicht gesprochen hatte. Dabei versagte er sich das Notwendigste. Er schien verhungern zu wollen. Da ihn aber die Langsamkeit dieser Todesart peinigte, so wahlte er eine schnellere. Nur darum handelte es sich noch bei ihm, wie er vor den Augen Wallys sterben sollte.
Es war an demselben Tage, wo Casar mit dem Gesandten gesprochen hatte, als sich in der Nachtdammerung eine blasse Gestalt von ihrem Lager erhob, nach einem Pistol griff und sich an den erleuchteten Hausern der Pariser Strassen dicht unter den ersten Stockwerken entlangschlich. Es war ein wenig Schnee gefallen. Die Strassen waren leer, oder doch hatte alles, was auf ihnen war, Eile, sie wieder zu verlassen. Nirgends brannten Laternen. Der Kalender hatte Mondschein.
Jeronimo stand endlich vor dem Hotel seines Bruders. Man sah es, dass dieses Haus kein Sitz der Freude war. Nur hie und da war ein Fenster erleuchtet. Jeronimo spahte nach dem, welches zu Wallys Schlafkabinett gehorte. Er sah es, doch war es noch finster. Wally musste aus dem Theater schon zuruck sein. Einige falsche Akkorde auf dem Klavier drangen zu dem Ohr des Unglucklichen. Jeden andern, dessen Geist nicht schon in wahnsinnige Erstarrung ubergegangen war, hatten diese Tone dem Leben wiedergegeben. Jeronimo hatte keine Empfindung als fur das, welches mit seinem Tode und einer Art von Rache zusammenhing. Er tat nichts, als den Hahn seines Pistols zurucklegen.
Jetzt schwiegen die Tone, welche nur in einem Anfalle von Zerstreuung und zufalliger Leere des Bewusstseins angeschlagen schienen. Das Schlafkabinett Wallys erhellte sich. Jeronimo zitterte, denn nah erkannte er zwei Gestalten, welche an den Gardinen des Fensters zuweilen wegrauschten. Bald war es nur noch dieselbe, die zuweilen wiederkehrte. Es musste Wally sein.
Jeronimo wollte nicht anders, als sie im Auge haben. Der Zufall war grausam genug, hier alles zu erleichtern. Vom Vorsprung des Parterrefensters war er bald auf das eiserne Gerust einer Laterne. Die Einschnitte an der Wand des Hauses unterstutzten ihn. Er schwang sich auf, griff mit zuckender Hand an das Fenster und fasste so viel vom Holze, dass er bequem aufgerichtet einige Minuten lang stehen konnte; er stand noch langer; denn in so furchterlichen Augenblicken ermudet der Korper nicht und kann das Unglaubliche leisten.
Wally blieb drinnen an einen Pfeiler ihres Bettes gelehnt. Sie war noch nicht ganz entkleidet; nur was an Schnuren und Bandern ihre Kleider zusammenhielt, das war gelost und machte, dass sie in einer malerischen, die Sinne verlockenden Situation dastand. Sie war sehr indifferent in ihrem Gemute, wie es schien, und griff nach einem Buche, nach einem deutschen Buche, um sich in Paris einzuschlafern. Da storte sie ein Gerausch am Fenster. Sie sieht auf und erblickte durch die angelaufenen Scheiben die ganz undeutlichen Umrisse einer menschlichen Gestalt. Sie eilt hinzu, wischt so viel von dem Tau des Fensters ab, um ein grasslich verzerrtes Antlitz wahrzunehmen, das im Nu beim Knall eines Pistols zerschmettert ist. Sie stosst einen entsetzlichen Schrei aus: der Schuss machte das Haus lebendig. Man eilt von allen Seiten herbei, dringt in Wallys Zimmer; denn hier hatte man den Schuss gehort. Man tritt in das Kabinett und findet Wally bewusstlos am Boden liegen. Die Scheiben sind zerschmettert, und blutige Teile eines zersprungenen Schadels liegen auf dem Fussboden.
Wally hatte sich bald erholt. Sie besann sich auf alles; sie hatte Jeronimo in dem Augenblicke, als das Pistol blitzte, erkannt; niemand zogerte, ihre Vermutung zu bestatigen, als man den hinuntergesturzten Leichnam besichtigte und dem Bruder des Gesandten in ein Antlitz leuchtete, das nicht mehr da war. Aber welch ein tiefer Abgrund ist das weibliche Herz! Wally tobte wie eine Bacchantin. Sie lief, sie schrie, sie riss die Zimmer ihres Gatten auf, der nirgends zu finden war. Sie verbot unter jeder Bedingung, den entsetzlichen Leichnam in das Haus zu tragen. Ware Jeronimo nicht tot gewesen, jetzt hatte sie ihn umbringen konnen. Sie rief nach Casar. Bedienten eilten fort; man traf ihn nicht. Sie schickte zwei-, dreimal. Zuletzt liess sie ihm sagen, dass er am folgenden Morgen um sechs Uhr reisefertig in ihrem Hotel eintreffen sollte.
Hier war kein Besinnen, kein Abraten mehr moglich. Alles musste Hand anlegen, um ihre Sachen zu ordnen und das Notigste auf den Reisewagen zu pakken, der unter den Torweg gezogen wurde. Die Post wurde zur Minute bestellt. Wally war wie verzaubert. Sie befahl, majestatisch, kalt, nordisch, wie eine Alleinherrscherin Moskoviens. Bis tief in die Nacht war sie mit diesen Zurustungen beschaftigt.
Sie hatte in halbem Schlummer gelegen, als sie in der Fruhe aufwachte. Das blutige Ereignis hatte sie vergessen; nur ihr Entschluss beschaftigte sie. Casar erschien, ganz verstort. Sie blickte ihn forschend an, sie befahl. Er begriff nichts, er frug nicht, er folgte willenlos. Unten im Torweg war alles noch um den Wagen beschaftigt, sie zitterte vor Arger, dass hier noch nicht alles beendigt war. Sie dachte gar nicht daran, bei Menschen, welche sie nie wiedersehen wollte, einen angenehmen Eindruck zu hinterlassen. Casars Blick fiel auf eine Blutspur, die von aussen sich in den Torweg und wieder hinauszog. Er wagte nicht zu fragen, so erschreckte ihn dies. Wally schien alles zu wissen, und wie leichtsinnig trat sie uber das kaum getrocknete Blut, das hie und da mit zersplitterten Knochen vermischt war!
Erst als sie beide im Wagen sassen und die Barrieren von Paris im Rucken hatten, teilte ihm Wally das Geschehene mit. Casar schauderte.
Drittes Buch
Wallys Tagebuch
Es ist zu spat, das Leben ihres Bluts
Ist todlich angesteckt, und ihr Gehirn,
Der Seele zartes Wohnhaus, wie sie lehren,
Sagt uns durch seine eitlen Grubeleien
Das Ende ihrer Sterblichkeit vorher.
Shakespeare
Die Einsamkeit meiner jetzigen Lebensweise zwingt mich, den Kreis, in welchem ich mich bewege, nun doch auch in allen seinen Teilen auszufullen. Wie begluckt mich Casars Liebe! Ich will aber nicht ungerecht sein gegen die Aussenwelt und mich wenigstens schriftlich mit ihr beschaftigen, soweit sie ein Recht dazu hat. Viele verdienen es, dass ich auf sie achte: nicht alle. Casar sagt mir, ich ware egoistisch gegen die Welt, er nennt mich sogar grausam. Er meint es gewiss damit aufrichtig. Ich will mich auch mit den andern beschaftigen; aber schriftlich: taglich will ich drei Vormittagsstunden darauf verwenden. Taglich Ob ich das Vorige ausstreiche? Funfmal hab' ich gegen meinen Vorsatz gesundigt, und multipliziere ich die drei vergessenen Stunden mit den funf vergessenen Tagen, so tat ich's funfzehnmal. Ich schreibe ungern, denn ich denke viel schneller, als mein bleierner Stil folgen kann. Casar sagte mir, man musse die Menschen in ihrem ganzen Wesen anatomieren. Dadurch lerne man und vergnuge sich. Casar hat immer recht.
Ich will einige meiner alten Freundinnen zu schildern suchen. Ich vernachlassige alle; wenn ich sie sehe, zeig' ich ihnen, was ich von ihnen schrieb und dass ich sie doch liebe. Ich will Delphinen charakterisieren, sie ist so verschieden von mir.
Delphine gefallt, ohne schon zu sein. Man kann ihr nicht einmal einen ausgezeichneten Wuchs zugestehen, nur ihre Haltung, ihr schwebender Gang kann den Mann veranlassen, auf sie zu achten. Sie tragt sich mit erstaunenswerter Einfachheit. Ihr Haar ist gescheitelt; ein weisser Kantenstrich, wie man ihn unter Huten tragt, hebt diese Einfachheit zu dem lieblichsten Eindruck. Weiss und hellblau stehen ihr gut; eine rote Schleife auf der Brust gibt dieser Monotonie der Toilette eine lachende Auffrischung. Delphine hat einen kleinen Fuss. Sie geht sehr schon. Das will viel sagen! Das Blaue in Delphinens Auge ist nicht rein, es ist mit zu viel Weiss gemischt. Fur die Augenbrauen ist eine schone Wolbung da; aber sie ist nicht stark aufgetragen; dieser Reiz verschwindet. Sie hat einige hubsche Gewohnheiten. So fasst sie z.B. oft mit der linken Hand in die Gegend der Stirn, offnet sie, schliesst mit dem Daumen und dem Zeigefinger einen Kreis und beginnt diesen Kreis allmahlich zu offnen, indem sie aus der Tranendruse des linken Auges zuruckfahrt, das ganze Auge umkreist und die Offnung der beiden Finger wieder schliesst am Ende des Auges. Diese sonderbare Bewegung erfolgt mit Blitzesschnelle und ist deshalb so hinreissend, weil sie immer mit einer Erregung ihrer Seele zusammenhangt. Der grosste Zauber in Delphinens Erscheinung kommt aber von ihrer eigentumlichen Seelenstimmung her. Diese muss man, um kurz zu sein, sentimental nennen; obschon der Ausdruck sie nicht ganz erschopft. Besser wurde man sagen, sie ist musikalisch gestimmt. Denn Musik druckt ihr ganzes Wesen aus: und zwar nach jener einseitigen Richtung hin, wo die Musik nur Wollust der Empfindung ist. Fur plastische Gestaltenschopfung in der Musik, soweit die Musik diese erreichen kann, fur Opern im franzosischen Geschmack, kurz, fur das Dramatische in der Musik ist sie nicht. Die Richtung ihrer Seele ist lyrisch. Alles, was sie mit einem wunderlieblichen Organe spricht, nimmt den Ausdruck des Zarten, Schonenden und Bittenden an. Bittend sind die meisten Tone ihres Lautregisters. Nichts kann hinreissender sein als dies flehende, mit einer gewissen lachelnden und doch schmerzlichen Selbstironie hervorgebrachte: "O Gott!", womit sie so vieles begleitet, was sie spricht. "O Gott!" Dieser Ausdruck soll ihr ewiges Uberwundensein, ihre Hingebung an die Menschheit, an die sie glaubt, ausdrukken. Wer konnte widerstehen, wo solche Tone anschlagen! Delphine ist so willenlos, dass sie die Beute jeder prononcierten Absicht wird. Mit liebenswurdiger Naivetat gestand sie mir einst: Sie wurde jeden lieben, der sie liebt. Oh, wie notig ist es, bei einer solchen Willensschwache, dass sie in die Hut eines Mannes kommt, der so viel geistiges Leben besitzt, um sie ganz durchstromen zu konnen mit seiner eignen Willenskraft! Delphine liebte unglucklich, mehrmals; aber sie ist so unentweiht, ihre fruheren Zartlichkeiten sind so wenig sichtbar in ihrem Benehmen, dass sie dem Manne immer noch als kaum erschlossene Knospe erscheinen muss. Delphine besitzt ausserlich die Reize nicht, einen Mann auf die Lange zu fesseln, aber wer sie einmal, sei es aus Liebe oder Illusion, eroberte, der wird sie nie verlassen konnen, weil ihre Hulflosigkeit, ihre Hingebung entwaffnet. Vielleicht arbeitet sie noch mehr an ihrem Geiste. Sie halt einige Minuten lang die Dialektik eines bloss verstandigen logischen Gesprachs aus; aber dann kann sie es nur fortsetzen, wenn es entweder auf einen gemutlichen und Gefuhlston ubergeht oder auf einen bestimmten vorliegenden Fall, den sie erlebt hat. Uber einen Fall, den man ihr bloss erzahlt, kann sie nicht urteilen, weil sie alle Menschen fur gut halt und alle nach sich selbst richtet. Delphine sollte viel lesen. Sie liest, aber fragmentarisch. Sie ist reich, sie sollte sich durch vielfache Lekture darin zu bilden suchen, was uber die Musik und das blosse Gefuhl hinausliegt. Ihr Organ macht, dass sie schon, ihre keusche Seele, dass sie fast alles richtig liest. Ich horte sie Gretchen im "Faust" lesen, so wahr und hold, wie es der Peche in Wien und Hoffert in Braunschweig kaum gelingen mochte. Casar muss ihr Bucher geben. Was er wohl uber sie urteilt! Er ist ihr diametral entgegengesetzt und sagte mir doch einmal: er musse jede lieben, die ihn liebe, und wurde auch jeder treu sein in seiner Art. Bei ihm ist das Egoismus, bei Delphinen Schwache. Sie konnen sich aber nicht begegnen. Delphine ist eine Judin. Ich habe das gestern nur so hingeworfen, dass Delphine eine Judin ist. Aber welche eigentumliche Richtung musste dies ihrem Wesen geben! Sie wurde unter sehr glanzenden Verhaltnissen erzogen. Das Judentum in seinem Schmutz, mit seinen Zeremonien und Priestern nahte sich ihr niemals. Sie findet keine Reue darin, irgendeines der judischen Gebote zu ubertreten, von welchen sie den grossten Teil gar nicht kannte. Wie originell ist doch ein Madchen, das den ganzen Bildungsgang christlicher Ideen nicht durchmachte und doch auf einer Stufe steht, welche ganz Gefuhl ist, und das so viel Liebenswurdigkeit entwickelt! Delphine kann von der Religion nur wenige Nachrichten haben, einen weiblichen Gottesdienst gibt es in ihrem Glauben nicht, eine hausliche Verehrung kommt in Form von Zeremonien, Gesang oder sonst einer Weise nicht vor, die Konfirmation ist unter uns den Juden nicht erlaubt wie auffallend ist dies alles, und doch hat man es dicht neben sich!
Glucklich ist Delphine zu nennen, denn niemals wird ihr die Religion irgendeine Angstlichkeit verursachen. Ein gewisses unbestimmtes Dammern des Gefuhls muss fur sie schon hinreichend sein, die Nahe des Himmels zu spuren. Sie braucht jene Stufenleiter von positiven Lehren und historischen Tatsachen nicht, die die Christin erst erklimmen muss, um eine Einsicht in das Wesen der Religion zu bekommen. Wir sind weit schwieriger in diesem Betracht gestellt und sollten im Grunde, wenn die Religion die Tugend befordert, weit weniger tugendhaft als die Juden sein; denn unsere Religion ist ein so hoher Munster, dass man ihn zwar ersteigen, aber nicht zu jedem Sims, zu jedem Vorsprunge, zu jedem Seitenturme gelangen kann. Eins aber bemerk' ich, was charakteristisch ist. Niemals konnt' ich als Christin uber meine Religion zu Delphinen sprechen und sie eine Verzweiflung uber meinen Glauben blicken lassen. Es ist dies eine Scham und ein Stolz, welcher unvertilgbar in uns niedergelegt ist und die uns nicht verlassen wurde, selbst wenn vom Christentum alles in uns morsch geworden ist.
Fur christliche Manner, welche widerspenstig gegen den Katechismus sind, muss die Liebe einer Judin von besonderm Reize sein. Sie nehmen hier weder Bigottismus noch eine Zerrissenheit wie die meinige in den Kauf, sondern weiden sich an der reinen, ungetrubten, naturlichen Weiblichkeit, an einem sinnlichen Schmelz der Liebe, welcher die der Christinnen bei weitem ubertreffen soll. Bei einer Judin reduziert sich alles einseitig auf ihre Liebe, Rucksichten tauchen nirgends auf: ihre Liebe ist ganz pflanzenartiger Natur, orientalisch, wie eingeschlossen in das Treibhaus eines Harems, der alles erlaubt, jedes Spiel, jede weibliche (aber wollustig-ergreifende) Gedankenlosigkeit, alles, alles: darum schwillt Delphine von Liebe. Das Segel ihres Herzens ist niemals schlaff, sondern immer aufgeblaht, rund und voll, immer auf rauschender Fahrt.
Casar entdeckt, glaub' ich, in der Liebe zu Judinnen noch einen andern Reiz. Er hat eine ganz heillose Ansicht von der Ehe und will die letztere durchaus nicht als ein Institut der Kirche gelten lassen. Das Sakrament der Ehe ist nach seiner Theorie die Liebe, nicht des Priesters Segen. Wie glucklich wurde Casar sein, wenn er je heiratete, es ohne kirchliche Zeremonie tun zu durfen!
Eine Ehe zwischen einer Judin und einem Christen kann zwar nicht bei uns, aber in andern Landern geschlossen werden; naturlich ist dies eine Ehe ohne den christlichen oder judischen Priester; es ist eine rein zivile Ehe vor den Gerichten, ein Akt der geselligen Ubereinkunft. Ich glaube fast, Casar konnte deshalb seine Neigung zu Delphinen ins Ausserste treiben. Schon bemerk' ich, wie eifrig er sie sucht. Wie leichtsinnig bin ich gestern uber die Abgrunde meines Denkens hingewandelt! Ohne weiteres konnt' ich mich damit beruhigen, diese Zweifel an meinem Glauben hinzunehmen als etwas, das ich mir langst selbst gestanden habe, und doch weiss ich aus meinem fruhern Leben, wie unglucklich ich war, dass ich uber diese Dinge nichts zu denken wagte. Oh, wie machtig ist der Liebe Zauber! Ein mannliches Herz, das uns liebt, ist der Wachter aller unsrer Gedanken und muss die stille Verantwortung dessen tragen, was in der Seele des Weibes Sunde und Emporung ist. Wie sicher fuhl' ich mich, selbst im Entsetzlichsten, wenn ich nur die warme Hand meines Freundes drucken darf! Er nimmt alles auf sich: er ist heiter und lachelt und furchtet nichts. Wenn ich jetzt schon nicht ohne Zagen sehe, wie Casar sich Delphinen immer mehr nahert, wenn ich mir die grausame Wirkung denke, die ein Verhaltnis zwischen beiden in mir Ungluckseligen hervorbrachte: was muss dann kommen, wenn ich die Trummer sehe, welche sich in meiner Seele aufgehauft haben! Die Unruhe, uber die Religion eine Ansicht zu haben, peinigt mich mehr als sonst. Sie hat eine solche, jetzt zur Not gedammte Gewalt uber mich, dass ich glauben muss, die Wegnahme dieses Dammes der Liebe bringt eine Uberflutung in mir hervor, welche selbst den Schmerz uber Casars Verlust mit fortschwemmt. Ich lebe und sterbe mit Casar. Leben kann ich nur mit Casars Liebe. Sterben muss ich, nicht weil Casar imstande war, eine andre mir, ein Madchen einer Frau (ob er es wohl weiss, eine Unberuhrte einer Unberuhrten) vorzuziehen, sondern weil dann alles in mir zusammensinkt. Gott, ich glaube, fast brauch' ich Casar nur, um mich zu beschaftigen und meinen Gedanken eine unschadliche Richtung zu geben. Er kommt. Nur die Erkenntnis ist das Schwere. Das Dasein Gottes selbst bezweifeln hiesse den gegenwartigen Zustand meines Innern fortleugnen. Wurd' ich diese Muhe haben, wenn es nicht in Wahrheit einen Gott gabe! Das Resultat des Atheismus war auch nie ein andres, als dass er in ein System uberging und zuletzt selbst eine Religion wurde. Konnt' es aberglaubigere und bigottere Atheisten geben, als Chaumette, Anacharsis Cloots und Momoro waren! Der Atheismus eine Religion! Eine Ironie, die man satanisch nennen mochte! In einer Reisebeschreibung las ich, dass einer der ersten Gottesleugner der Revolution, Billaud-Varennes, nachdem er auf seiner Flucht erst von der Dressur azorischer Papageien gelebt hatte, dann in Amerika Priester wurde, unter Indianer kam und zuletzt von ihnen als gottliches Wesen verehrt wurde, er, der Gott geleugnet hatte! Diese satanischen Ironien reizen mich. Sollte es moglich sein, dass es noch einst im Himmel einen Gottesdienst gibt! Das Christentum (man lese nur die Offenbarung Johannis) gefallt sich in diesem lacherlichen Widerspruch, als wenn Gott vor sich selber Weihrauch streuen musse. Er etabliert im Himmel eine vollendete Kirche mit Choren der Seligen und Altaren, auf welchen die Cherubim thronen. Goethe benutzte diese Maschinerie fur die Kanonisierung seines Faust.
Aber was jag' ich nach solchen Bemerkungen! Sie haben freilich lindernde Kraft, aber ich schame mich, aus meinem Schmerze Tatsachen heraufzuwuhlen und mich selbst als einen Gegenstand meiner Leiden zu betrachten. Wir sollen Gott furchten und lieben! Dies eine Gebot untergrabt meine Ruhe; denn ich kann es weder befolgen noch mich anklagen deshalb, weil ich es nicht tue. Wir sollen Gott zurnen, heisst das Gebot meiner Weltansicht, welche eine ungluckliche ist und freilich sich nicht damit zufriedengibt, dass jahrlich vier Jahreszeiten kommen und man im Fruhjahr Erdbeeren isst, welche mit Zucker und Milch ein so vortreffliches Surrogat der Vanille sind. Es ist im Grunde nicht viel, was wir besitzen auf Erden. Wir werden geboren oft in den elendesten Verhaltnissen. Wir kriechen tierisch auf dem Boden und werden nur allmahlich aufgerichtet, wie Schlinggewachs an das Spalier der Bildung. Not, Muhsal verfolgt uns uberall; selten ein Genuss, der nicht durch eine Anstrengung erkauft ist. Wir haben so viel mit der Materie zu kampfen. Wir walzen einen Stein wie Sisyphus den Berg hinauf; warum mussen wir es tun? Der Fluch, nicht der Segen der Gotter begleitet uns. Warum sind wir? Oh, konnt' ich mir irgendeinen erweislichen Grund vorstellen, warum diese Planeten im Weltsysteme irren, warum wir auf unserm Planeten so armselig und hulflos kriechen mussen? Was bezweckte Gott damit? War dies eine Grille von ihm? Was kommt darauf an, ob das Gute oder Bose in der Weltordnung produziert wird? Ich bin so unglucklich. Ich weiss hierauf keine Antwort.
Die Fahigkeit, Fragen aufzuwerfen, liess Gott bei der Schopfung oder bei der ewigen Schopfung, bei unsrer Geburt, ohne die entsprechende Fahigkeit, auch Antwort darauf zu geben. Diese Halbheit einer Gabe ist so feindselig. Gott duldete es, dass der Glaube an ihn die Tagesordnung der Geschichte wurde; er duldete es, dass noch heute der Atheismus wie das grosste Verbrechen von den Volkern behandelt wird. Nun, ich denke an Gott; aber warum gab er uns nicht die Fahigkeit, ihn begreifen zu konnen? Verlangt er die Folgen, warum liess er mich ohne die Voraussetzungen? Alle Nationen kommen darin uberein, dass man von Gott nichts wissen konne. Dann weiss ich auch nicht, warum sie an ihn glauben. Oder es darf mich niemand tadeln, wenn ich denke, die Existenz Gottes anzunehmen war eine ganz ausserliche, politische und polizeiliche Ubereinkunft der Volker. Denn warum haben wir halbe Vernunft, halbe Erkenntnis, halben Geist? Warum zu allem nur die Elemente? Und wir sind so vermessen und bauen auf diesen truben Boden Systeme, welche den Schein der Vollendung tragen und uns mit Verpflichtungen willkurlich belasten!
Und zuletzt der Tod! Dieser Schrecken des Tods! Die Krankheit mit ihrer unsaglichen Hulflosigkeit! Das allmahliche Verschwinden des Bewusstseins! Und dies alles nicht einmal so entsetzlich als das Zunehmen an Jahren. Jetzt bin ich zwanzig Jahre: welche Empfindungen werd' ich haben, wenn ich vierzig, funfzig bin und es nun heisst: noch zehn, noch funf sind die Wahrscheinlichkeit! Dies ist eine so folternde Grausamkeit des Schicksals, ein solcher Fluch der menschlichen Natur, dass ich mich nie entschliessen kann, das Gebot der Gottesliebe zu befolgen. Man gab uns einiges, und das meiste wurde uns versagt. Das einzige, was wir in seiner ganzen Vollkommenheit zu besitzen scheinen, ist die Fahigkeit, unsern unglucklichen Zustand zu begreifen und alle die Dinge zu nennen, welche wir vermissen sollen. Ich habe mir ein merkwurdiges Buch verschafft, von dem ich einmal durch Casar horte: die "Fragmente des Wolfenbuttler Ungenannten", welche Lessing herausgegeben hat. Es liegt viel Puderstaub auf dem Buche, viel altfrankisches Wesen; aber das hab' ich abgewischt und mir von meiner Lekture eine ganz moderne Vorstellung gemacht. Der Verfasser soll ein ehemaliger Hamburger Arzt, Reimarus, gewesen sein. Die vollstandige Prufung des Christentums steht in einem Glasschranke auf der Hamburger Bibliothek. Sie wollen das Buch nicht herausgeben. Sie furchten, dass aus dem vergilbten Papiere jener Kritik Motten fliegen, die das Christentum selbst anfressen. Warum Lessing nur sagt, dass der Verfasser jener Fragmente Schmidt heisse! Die "Fragmente" nehmen meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Ihr nuchterner, leidenschaftsloser Ton erschreckt das Gewissen nicht. Ich lese in der besten Laune. Wie der Autor die Bibel zerfleischt, wie er in den glattgescheitelten Mienen jener Fischer und Zollner, welche das Christentum predigten, den Schalk entdeckt, denselben Schalk, den der gottselige Pietismus so oft im Nacken fuhrt! Und doch jammert mich's jener kindlichen, marchenhaften Sage, die der Autor mit so vieler Gelehrsamkeit vernichtet! Nur eines bestimmt mich, ihm beizupflichten, der Hinblick auf das, was uns umgibt, auf unsre Priester, auf ach! wie hangt das alles zusammen! Aus jenem kleinen christlichen Senfkorn ist ein ganzes Senfpflaster geworden, das der gesunden Vernunft die brennendsten Blasen zieht!
Ganz mannlich werden meine Ausdrucke! Und doch konnen die "Fragmente" nicht befriedigen. Sie deuten auf eine Naturreligion, mit deren Voraussetzungen sich die heutige wissenschaftliche Bildung kaum noch begnugen wurde. Die Frage muss hoher liegen. Sie dringt dort nicht in das Innre der Christuslehre ein, sie halt sich nur an deren historische Offenbarung. Ich suche Trost. Wo? Wo? Ich war gefasst auf diese Eiseskalte, mit der mir Casar seinen Entschluss anzeigt. Was ich vermutete, ist eingetroffen. Delphinens Situation reizt ihn. Er wird um ihre Hand bitten. Die Eltern sind ohne Vorurteile, und ich werde ihn verloren haben. Ich bin ruhig. Ich habe keine Tranen fur diesen Verlust. Ich bin in einer furchterlichen Seelenstimmung. Ist dies nicht ein neuer Fluch des Himmels? Oh, jetzt sind mir die Blitze des Schicksals willkommen, denn die Donner, welche ihnen nachrollen, wecken mich immer mehr aus der dumpfen Betaubung meiner Gedanken. Ich muss Licht haben, Aufschluss, Einsicht! Ich denke an Casar nicht mehr. Ich will wissen, erkennen. Warum? Wozu? Oh, das sah' ich alles voraus. Ich bin krank, ich fuhl' es. Sollte das auf ein Zunehmen deuten? Ist auch im Geistigen wie im Korper Wachstum eine Krankheit? Gluckliche Naivetat der vergangenen Zeiten! Ich komme von einer Ausstellung alter Gemalde. Auf vielen, die Transfigurationen und Glorien der Heiligen vorstellen, sah' ich Engel, welche die Geige spielten. Dies wurde mir weniger auffallend gewesen sein, wenn sie es nicht nach Noten getan hatten.
Und doch gleicht die Malerei selbst, die Kunst, diese Lacherlichkeit aus. Die Poesie wurde es nicht konnen. Die Poesie hat diese Einfachheit nicht; sie wurde solche Anomalien immer nur als Travestie geben.
Und wie entwurdigt sie sich, wenn sie es tut! Man sollte den Spott uber das Heilige, das Wuhlen der Mistkafer in duftenden Blumen, bitter verfolgen, auch die Freigeister sollten es; sie, die alle Sorge tragen mussen, nicht mit den Spottern verwechselt zu werden. Es wurde mir viel leichter werden, den gottlichen Begriffen mit Sicherheit nachzuhangen, wenn ich vom Nichts eine Vorstellung festhalten konnte. Aber dies ist unmoglich. Ich habe schon fruh an dieser Verzweiflung gelitten. Ich wollte schon als Kind mir zuweilen alles wegdenken, was ich sahe und denken konnte, Europa, Asien, Afrika, die ganze Erde, den Himmel, alle Schopfung, und dann war es immer, als sturzt' ich von einer unermesslichen Hohe ins Leere hinunter und fiel ohne Aufenthalt. Fast mocht' ich sagen, ich bin seither mit Eindrucken beladener, und es wurde mir schwieriger sein als ehemals, eine solche Vorstellung des Nichts zu fixieren. Ach das hohle, weite Chaos, diese dumpfe Leere, worin das Nichts unsichtbar schlummert! Und Gott, der dieses Nichts selbst ist, namlich dasselbe Nichts, das spater doch ein Etwas wurde! Gott, der in dem Nichts ist und doch wiederum auch in dem Etwas nicht sein soll, weil dies die Welt selbst vergottern heissen wurde! Der pantheistische Gedanke widerstrebt mir, und ich glaube, Frauen werden ihn niemals hegen konnen, weil sie durch sich selbst schon gewohnt sind, alle Dinge in aktive und passive einzuteilen. Wir werden immer anthropomorphische Ideen haben; das Christentum unterstutzt uns darin. Die Vorstellung eines uber uns thronenden Werkmeisters ist ein Bedurfnis, das unsere Phantasie immer geltend machen wird. Jedes andre, ach, alles, alles ist uns verschlossen. Casar wird in Landern wohnen, wo das franzosische Recht herrscht. Er ist glucklich, sich ohne die Kirche verheiraten zu durfen. Eine burgerliche Verbindung wird zwischen ihm und Delphinen stattfinden. Wenn er nur meinen Zustand schonte! Aber er kennt ihn nicht. Wusste er, wie mich seine leichte Manier uber die Religion so tief verwundet! Das Peinlichste ist dies, dass er sich ofter das Ansehen gibt, als liessen sich einige Wahrheiten sogar im christlichen Glauben unumstosslich beweisen. Dann tut er's und beginnt uber die schwierigsten Punkte Entwickelungen, welche er mit ernster Miene durchfuhrt und, wenn er zu Ende ist, fur phantastischen Witz erklart. So begann er neulich folgende Auseinandersetzung der christlichen Lehre von der Dreieinigkeit, eines Begriffes, den ich noch gar nicht anruhrte, weil ich mit seinen Pramissen noch nicht im reinen bin. Er sagte: Die blosse Vaterschaft Gottes ist relativ, sie ist unerkennbar oder, wie Jakob Bohme gesagt hat, ein dunkles Tal. Licht und Erkenntnis kommt erst durch den Sohn. Beide durfen nicht isoliert gedacht werden, ihre Erganzung, ihre Wechselseitigkeit ist der Heilige Geist. Gott als das blosse Alles oder das blosse Nichts ist unerkennbar. Gott muss sich etwas gegenuberstellen, einen Schatten seiner selbst, er musste sich negieren aus seiner Ruhe heraus und schuf die Natur. Die Natur ist nicht Gott, denn dann musste die Natur ein Zustand sein. Nein, die Natur ist eine Tatigkeit Gottes, und alles in Gott Tatige, auf die Aussenwelt Bezugliche, ist in ihm das Englische. Die Engel sind die Herolde des gottlichen Willens, und ihre Zahl ist so unendlich, wie, fast mochte man sagen, die Atome der Welt. Die Engel wohnten ursprunglich in Gott; denn seine Tatigkeit ist seinem Sein immanent. Darum mussten die Engel auch gut sein ursprunglich. Luzifer aber emport sich, Luzifer, der Lichtbringer, der die Finsternis erhellt. Dies Emporen ist eine Tatigkeit Gottes, das heisst Gott wird das Gegenteil seiner selbst, Gott wird Satan. Ja, die Natur ist Teufel, dieselbe Natur, welche fur Gott durchaus nicht vorhanden ist, da sie nur sein Atem ist. Die Natur vor Gott ist so, als ware sie nicht. Vor Gott gibt es auch einen Teufel, als gab' es ihn nicht. Je hoher bei dem einen oder andern das philosophische Bewusstsein ist, desto weniger existiert fur ihn auch der Teufel. Im Christentum ist der Teufel ideell ganzlich ausgetrieben, denn Gott sonderte die menschliche Individualitat von der Natur ab und gab dieser in seinem Sohne eine eigne Offenbarung. Gott wollte den Widerspruch seiner selbst durch sich selbst strafen und an sich seinen eigenen Prozess bussen lassen. Er wurde gekreuzigt, und es herrscht hinfort nicht mehr Gott, nicht mehr Satan, nicht mehr der Mensch, nicht mehr die Natur, sondern das Reich des Geistes, der Freiheit und der Wahrheit. Was hatt' ich nun von dieser Improvisation! Mit einer Art von komischem Atheismus schloss Casar seine mystische Deduktion, welche Menschen von grosserer Einbildungskraft, als ich besitze, viel Beruhigung gewahren mag. Ich soll schon an den Sohn glauben und bin noch mit dem Vater unbekannt. Ich habe mich drei Wochen lang taglich in Vergnugungen berauscht. Ich musste der Welt zeigen, dass ich Casars Entfernung ertragen kann, ich musste es mir selbst zeigen. Aber es erquickt mich nichts mehr. Casars Liebe war die schonste Zerstreuung meiner unglucklichen Seelenstimmung. Ich sinke immer tiefer in Nacht und Verzweiflung. Man erkennt mich nicht wieder. Oft bin ich so von Wehmut aufgelost, dass ich in die Kammer sturze, wo die Erinnerungen meiner ersten Kindheit aufbewahrt liegen. Ich raumte auf in der Verwirrung, um mich zu zerstreuen. Ein Stilett fiel mir in die Hand. Wie mag das hierhergekommen sein? Ich glaube, Casar musste sich schamen, noch zu leben, wenn er keine Auskunft geben kann. Seine Scherze verdecken nur eine Uberzeugung, die vielleicht folgerichtig ist. Ich habe ihm geschrieben, sie auch mir zu geben. In Heidelberg muss ihn mein Brief treffen; er wird sich sogleich hinsetzen, um mir, ich hab' ihm die Hand aufs Herz gelegt und ihn feierlichst beschworen, seine ernsthafte Meinung uber Religion und Christentum zu sagen. Ich zittre, wenn seine Darstellung einlauft.
Das Stilett gehorte meinem Bruder, der in demselben Alter gestorben ist, in welchem ich mich jetzt befinde. Casar sagte mir oft, als Kind hab' er sich fortwahrend damit geangstigt, dass er keines naturlichen Todes sterben wurde. Die Katastrophe des jungen Sand hatte zu seiner Zeit alle jungen Kopfe auf den Gedanken gebracht, dass sie ihnen auch einst abgeschlagen wurden. Keiner, sagte er, glaubte so wurdig zu sein wie Sand, und keiner glaubte deshalb auch, auf einen milderen Tod rechnen zu durfen als Sand. Er gestand mir mit eisigem Grauen, dass er oft stundenlang heimlich mit entblosstem Halse gesessen und sich in die Illusion des Schafotts hineingedacht habe, dass ihm die Tranen geflossen seien aus Verzweiflung, so sterben zu mussen. Es war immer ein wehmutiges, liebes Lacheln, das bei solchen Gestandnissen auf seinen Lippen lag. O Gott! ich vergess' ihn nicht. Fur alles brauch' ich ihn. Er soll mir zu allem Beweise geben! Ich lese das Buch "Rahel", aber nur in Bruchstucken. Viel davon auf einmal verwirrt den Kopf; nicht deshalb, weil das Buch absolut schwer ware, sondern relativ schwer ist es in Beziehung auf Rahel, die sich das Denken so schwer machte. Ich glaube, dass diese Frau unter Denken verstanden hat, die Dinge immer von der verkehrten Seite anfassen oder doch von der entgegengesetzten gegenuber dem gewohnlichen Wege. Sie grabt sich wie ein Maulwurf in die Ideen ein und bezeichnet dann und wann ihre Resultate durch kleine aufgeworfene Hugel, die nichts sagen, namlich nichts Positives, die nur Wahrzeichen sind, dass hier etwas war, was wie ein Gedanke war und was so leicht wieder vergessen ist! Wie reich ist diese Frau an Philosophie und objektiver Vergesslichkeit! Man hat so wenig in ihrem Buche, und doch glaubt man, wenn man es zuschlagt, alles zu haben. Darin seh' ich recht, wie nur die Manner imstande sind, zu produzieren, auch Gedanken. Bettina!- Spielerei alte Gedanken; nur klassische, neue Formen. So sprechen, gehen, laufen, essen, trinken, schlafen, handeln wie es einem gerad' einfallt? Ich konnt' es einmal; jetzt nicht mehr. Bettina hatte so lange freien Willen, sich ein Gesetz zu schaffen; und nun so alt und noch immer kein Gesetz! Ihr Buch ist ungereimte Poesie. Ein freies Weib ist nur ertraglich mit Spekulation. Wieder wie Jakob einen Zug aus dem Rahelbrunnen getan. Aber es ist immer nur Lea, die man erhalt, niemals Rahel. Rahel sitzt hinter den zweimal sieben Jahren und flicht ihren Freiern Korbe. Man glaubt eine Priesterin mit Weissagung in ihr zu finden und wird doch von ihr nur angeregt oder vielmehr nur herausgerissen aus dem alten Kreise seiner Vorstellungen. Es ist furchterregend, eine Frau die Gegenstande so damonisch-linkisch anfassen zu sehen. Will sie es nur anders machen als die andern? Oder wurde ihr diese Originalitat angeboren? Sie gibt nirgends nach, sie ist rastlos in ihren Bestrebungen, die verschiedenen Seiten der Wahrheit zu entdecken, und konnte nicht anders enden als entweder in einem Wahnsinn, der sich mit der Bewegung im Tretrade vergleichen lasst, oder als Anhangerin des Pietismus. Man ist in keiner Situation ubertaubter als beim Untertauchen. Pietismus aber ist die Fahigkeit, leben zu konnen, selbst wenn man Wasser im Ohre hat. Dieser ruhige, verstandige Ton, in welchem ich mich oft tagelang erhalten kann, wird mir oft so unheimlich, dass ich vor mir selbst erschrecke. Sollte es Menschen geben konnen, die wie Vernunftige sprechen und doch wahnsinnig sind? Casar erzahlte mir einst eine Geschichte, die er wahrscheinlich wie vieles dergleichen nur seiner Einbildungskraft verdankt. Sie passt auf meinen Zustand. Kann ich sie noch?
Es war um die zwolfte Stunde, als Alfred von seinem Lager auffuhr und uber das matte Flackern der Lampe erschrak, die er zu loschen vergessen hatte. Eine Zeitlang sass er mit halbaufgerichtetem Korper
Wortlich seine Worte wiederzugeben ist schwer. Ich suche in meinen Papieren, vielleicht find' ich die Geschichte, die er mir einst, von seiner eigenen Hand geschrieben, schenkte. Hier ist sie: Es war um die zwolfte Stunde, als Alfred von seinem Lager auffuhr. Noch flackerte die Lampe, welche er zu loschen vergessen hatte, und zog, wie sie grosser oder schwacher wurde, wolkige Kreise an den Wanden seines Zimmers. Eine Zeitlang sass er mit halbaufgerichtetem Korper im Bette und verfolgte dies gespenstische Spiel an den stummen Wanden. Er suchte nach einem Gegenstand fur dies Bild: er musste an die Welt denken, welche draussen schlummerte, und dachte zuerst an Julien.
"Meine Julie!" sprach er still vor sich hin und erhob sich dann etwas feierlich und mechanisch von seinem Bette. Er horte die Uhr picken, die auf dem Tische vor dem Spiegel stand. Er sahe sich selbst im Spiegel mit bleichen, geisterhaften Zugen und mit Augen, welche wie geschlossen schienen. Dann sass er auf dem Sessel vorm Bett und hatte sich, ohne es zu wollen, angekleidet.
"Ich werde vor Juliens Fenster gehen und den Vorhang wegheben!" flusterte er vor sich hin, aber nur wie zum Scherz, denn Julie wohnte im dritten Stock. Doch ging er.
Die Strassen waren still und ode. Man sieht auf ihnen niemand, auch Alfreden nicht. Wo geht er nur? Aber es ist dunkel, der Mond liegt hinter Wolken, man kann Alfred nicht sehen. Alfred stand vor dem Hause Juliens, ja, er hatte schworen mogen, dass er vor ihrem Fenster stand, das im dritten Stocke lag.
"Es ist nicht moglich", flusterten seine Gedanken; "sie wohnt im dritten Stock; obschon ein kleines Vordach vor dem Fenster liegt, das Moos und Hauslauf anzusetzen pflegt. Die arme Julie! Ich werde fleissiger sein, sie muss kunftig im zweiten Stock wohnen!"
Jetzt war es Alfred, als druckte er an dem Fenster; aber es widerstand. Es war ihm, als klopfte er; aber hinter dem weissen Rouleau brach sich der Schall. Er musste lacheln uber seine lebhafte Einbildungskraft.
"Wie!" dachte er, "wenn du ins Haus trittst, die zwei Stiegen hinaufschleichst und an ihre Kammertur pochtest."
Aber dann musste er durch des Nachbars Haus, das ihm offenzustehen schien, musste uber den Gartenund Hofzaun klettern und von dort einzudringen suchen.
Und das alles gelang vortrefflich. Er stand jetzt gleichsam hoher als Juliens Wohnung war, was er sich nicht erklaren konnte. Da blendete ihn ein Lichtstrahl; ein schnurrender Laut liess sich horen. Julie hatte das Rouleau aufgezogen, sie stand im Nachthaubchen und mit blossen Schultern am Fenster, das sie offnete.
Alfred war nun dicht vor ihr. "Was ist ihr nur?" dachte er; "sie erschrickt, sie offnet den Mund, als wollte sie um Hulfe rufen; was zitterst du, mich zu erkennen, Julie?"
"Alfred!" schrie es durch die stille Nachtluft. Alfred aber lag unten mit zerschmettertem Korper auf dem Pflaster der Strasse. Alfred war ein Nachtwandler. Julie glaubte nichts gesehen zu haben, als Alfred tot war. Sie legte sich wieder in ihr weisses, weiches Bett und traumte von ihm. Am Morgen erfuhr sie alles. Sie lebt noch, aber kummerlich; die Tranen zehren sie auf. Casar hat noch immer nicht geschrieben; doch wird sein Brief desto ausfuhrlicher sein. Einstweilen hab' ich etwas Beruhigung erhalten durch eine Maxime, die empfehlenswert ist. Das luftige Traumbild des Somnambulismus hat mich gestern darauf gebracht. Namlich, man nehme einen recht hohen Standpunkt, einen kosmischen oder planetarischen, wie ich ihn nennen mochte. Man tue und lasse nichts, ohne sich im Zusammenhang der Weltordnung zu fuhlen. Ich denke, wo ich gehe und stehe, an die Beziehungen der ubrigen Himmelskorper zur Erde und abstrahiere von allem, was uber diesem kleinen Erdball geschieht, auf das Universum, das niemand leugnen kann. Und nicht bloss im allgemeinen, sondern ganz im Detail, wie man isst und schlaft. Bei jedem Spaziergange richt' ich den Blick gen Himmel und forsche in dem blauen Meere nach den versunkenen Sternen, die die Nacht erst sichtbar macht. Ich fuhle, wie die Erde unter meinen Fussen kreist und ich gleichsam nur auf ihr stationiert bin, sonst aber dem Allgemeinen angehore. Wie vielen Stolz das gibt! Ich habe jetzt einen Begriff von der Ruhe des Weisen. Ihn kann nichts erschuttern, denn er hort die Planeten rauschen und fuhlt sich als Glied einer grossen Wesenkette. Oh, vielleicht ist noch Hulfe fur mich! Ich fange an, mir die Moglichkeit einer zufriedenen Stimmung zu denken. Jetzt weiss ich, wie in Indien die Bonzen ihre Bussungen moglich machen. Die Abstraktion hebt ihren Stolz; aber sie wurden es nicht aushalten konnen, wenn nicht die Erde fur sie gleichsam verschwande und sie nichts ubrigbehielten als den gestirnten Himmel und das Gefuhl der grossen Wesenkette. Ich musste in die Einsamkeit ziehen. Wenn mich nur eines nicht verfolgte! Namlich die Natur und das Grun. Das Siderische und Tellurische im Menschen bekampfen sich, und wer poetische Stimmungen hat, wird immer der Erde unterliegen. Das Meer, Gebirge und Strome wirken noch immer siderisch auf uns; denn sie sind das Ruckgrat und die grossen Zellgewebe der Erde und veranschaulichen die Kugel. Aber das Peinigende ist die stille Nachbarschaft der Blume, die Bescheidenheit der Idylle, die kleine Existenz mit ihren Kornahrenkranzen und Abendglocken und alles, was so nahe zu unserm Herzen spricht, die Offenbarung Gottes, die wir flustern zu horen glauben, diese grosse Tatsache, die entweder Tauschung oder Wahrheit und in beiden Fallen unenthullbar ist. Das Irdische fasst uns wie im Strudel und reisst uns hinunter in den bodenlosen Abgrund, von wo keine Wiederkunft. Ich las nun alles, was ich schrieb, und zittre, dass ich kaum geschrieben habe, was ich wollte. Eines ist auch ganz unmoglich, geschrieben zu werden: die Verzweiflung und das Grassliche. Namlich jene grausamen, blutsaugenden Traume, die mich wachendes Auges uberfallen und mich hinausstossen in eine hohnlachende, von grasslichen, unnennbaren Dingen drapierte Welt. Wie combinier' ich! Was fur Dinge kommen mir vor die Augen! Ich zittre, wahrend mein Puls ganz richtig und medizinisch schlagt. Muss ich sterben, was verbrach ich, dass mir Raben erscheinen mussen? Ich sehe eine schwarze Halle und einen weiten Sarg. Ein Rumpf fallt von der Decke, wo eine Offnung, hinunter in den Sarg, und den nachsturzenden Kopf greift unser Arzt auf. Oben muss das Schafott sein. Der Mann druckt das blutige Haupt sturmisch auf den rauchenden Korper, passt Fuge auf Fuge, Ader auf Ader und legt einen Silberreifen um die gierig zusammenklaffenden Fleischrander beider Teile. Er dreht sich um, und Leben, galvanisches Leben regt sich in dem Korper, und der Leichnam erhebt sich, ein blasser, schoner Jungling, und schleicht zur Pforte hinaus. Dort, dort eine grune Flur ein Madchen, das Rosen bricht und im Schatten der Allee ausruht. Ein bleiches, gespenstisches Bild schleicht zu ihr heran, spricht nicht, sondern lachelt. Sie umarmt ihn, sie scherzt, sie lacht; er hat auf sich warten lassen, er sei untreu, er gehe zu Doris, er gehe zu Galathee, du Lieber! Und sie kusst seinen blassen Mund. "Oh", rochelt er, "drucke nicht!" Doch sie hort nicht, sie druckt, der Reifen springt Herr Jesus, was geht mit mir vor! Hier brach Wallys Tagebuch auf langre Zeit ab. Sie bekam inzwischen das ihr von Casar versprochene Glaubensbekenntnis. Es war in das Tagebuch eingeheftet und lautete folgendermassen.
Gestandnisse uber Religion und Christentum
Ich will uber den Glauben der Volker sprechen. Aus dem melancholischen Schweigen des Heidelberger Schlosses hol' ich mir abendlich die Geheimnisse jener frommen Naturreligion, fur die ich gluhe. Alles Historische aber, was ich zu fixieren habe, knupf' ich an jene kleine Herberge jenseits des Neckar an, wo Luther auf der Reise nach Worms sein Fruhstuck zu berichtigen vergessen haben soll, ein Fruhstuck, das der Protestantismus dem Katholizismus so teuer hat bezahlen mussen.
Religion ist Verzweiflung am Weltzweck. Wusste die Menschheit, wohin ihre Leiden und Freuden tendieren, wusste sie ein sichtbares Ziel ihrer Anstrengungen, einen Erklarungsgrund fur dies wirre Durcheinander der Interessen, fur die Tapezierung des Firmaments, fur die wechselnde Natur, fur Frost, Hitze, Regen, Hagel, Blitz und Donner, sie wurde an keinen Gott glauben. In progressiver Entwicklung folgt hieraus dreierlei: der naturliche Ursprung der Religion, die Accomodation der gottlichen Begriffe an den jedesmaligen Bildungsgrad und zuletzt die Unmoglichkeit historischer Religionen bei steigender Aufklarung.
Dem Begriffe Offenbarung lasst sich vielleicht eine philosophische Unterlage geben, pantheistischer Art; aber im herkommlichen theologischen Sinne ist die Offenbarung eine Verfalschung der Natur und der Geschichte. Eine saubre Insinuation, sich Gott als Priester zu denken, der im schwarzen Talare zu dem ersten Menschenpaar hinzugetreten ware und ihm Unterricht gegeben hatte in glaublichen und unglaublichen Dingen! Sie machen aus Gott einen Souveran, einen Patriarchen, einen Geistlichen. Sie lassen Gott in sehr unvollkommnen Sprachen reden, zu Zeiten, wo es an stilistischer Vollkommenheit noch uberall fehlte. Niemand war in diesen anthropomorphistischen Konsequenzen einer supernaturellen Offenbarung kecker als die Apostel Jesu; denn: alle Schrift von Gott eingegeben heisst: in der Lehre von der Inspiration Gott zum Mitschuldigen aller der Solocismen und inkorrekten Konstruktionen machen, welche sich im griechischen Texte des Neuen Testamentes finden. Gewisse Kapitel gibt es in den dogmatischen Systemen unsrer Theologen, die sich besser fur Grimms "Kindermarchen" oder "Tausend und eine Nacht" schicken wurden. Dazu gehoren die kriminalisch strafbaren Dogmen von der Offenbarung und Inspiration.
Je naiver die Volker sind, desto sinnlicher und ausserlicher ihre Begriffe vom Weltzwecke: je gebildeter jene, desto geheimnisreicher diese. Die Verwechselung endlicher und unendlicher Ursachen der Weltregierung lag nahe, und so kam es, dass das Altertum so viel Historisches in Mystisches, Mystisches wieder in Himmlisches verwandelte. Der Naturmensch versteht die Welt nur so weit, wie sein Auge reicht. Alles, was uber den Sehkreis seiner sinnlichen Vorstellungen hinausliegt, scheint ihm die erklarende Veranlassung der Unerklarlichkeiten zu sein, die ihn in nachster Nahe umgeben. Daher die zahllosen Details im Glauben der alten Volker: daher die Ubertreibungen der Phantasie, das Ungeheure in Zahlen und Formbildungen. Die alten Religionen sind so ausschweifend wie alles, was man, ich sage nicht, nicht kennt, sondern wie alles, das man noch nicht gesehen hat. In diesen Unformlichkeiten Entstellungen alter Uberlieferungen zu finden, einfache, aber tiefsinnige Keime einer urweltlichen Offenbarung oder auch nur eines heiligen, frommen und simpeln Zeitalters: das heisst, von einer kindischen Ansicht, die wir schon erwahnten, nur eine ernsthafte Anwendung machen.
Das klassische Altertum hatte den schonsten Ausdruck fur das religiose Prinzip der alten Welt: Religion ist alles, was man entweder selbst nicht ist oder nicht kennt. Die Griechen, mit ihren ostlichen Ahnen und deren architektonischen Vorstudien der vollendeten heidnischen Idee, die Griechen setzten die Religion in die Kunst, sie setzten sie in das, was im Ungewissen immer das Gewisse ist, in das Mass aller Dinge, in den Menschen. Man konnte eine einseitige Idee nicht schoner ausdrucken und konnte doch zu gleicher Zeit nicht tiefer sinken. Wenn die Menschheit nach dem Ebenbilde Gottes geschaffen ist, so war sie jetzt da wieder angekommen, von wo sie ausging. Wir werden uns, solange die Erde kreist, in Zirkeln bewegen. Hier war ein Zirkel, dessen Anfang sich in sein Ende zuruckbog.
Ware das Heidentum ohne Kultus gewesen, warum hatte die Menschheit nicht an ihm Genuge finden sollen? Aber die Priester der Religionen pflegen immer diejenigen zu sein, welche ihre Religionen selbst untergraben. Konnten sich die Religionen von Gebrauchen, Ausserlichkeiten, von der Zudringlichkeit ihrer berufenen und verordneten Diener frei erhalten, so wurden sie eine langere Dauer in Anspruch nehmen durfen. Das Heidentum war Poesie und bildende Kunst, war Veredlung der Sinnlichkeit, war Gestaltung der rohen Materie; Julian, der Apostat, fuhlte es wohl, dass die Gotter Griechenlands einen Mann von Geschmack befriedigen konnten. Das Heidentum war tolerant. Es war die friedfertigste Religion von der Welt, solange sie nicht notig hatte, um ihre Existenz zu kampfen. Das Heidentum wurde blutig, verfolgungssuchtig, ich mochte sagen, christlich erst da, als ein sonderbarer Aberglauben zur Aufwiegelung der Volker gepredigt wurde, als sich gleissnerische Frommler in die Gemacher der Furstinnen schlichen und eine Gottesherrschaft, eine Religion, die nicht Friede, sondern das Schwert brachte, eine politische Revolution zu verbreiten suchten. Der Ursprung dieses Ereignisses kam aber auf folgendes zuruck.
In Judaa, einem sehr barocken Lande, trat ein junger Mann namens Jesus auf, der durch eine bedenkliche Verwirrung seiner Ideen auf den Glauben kam, er sei schon seinen Vorfahren als Befreier der Nation, der er angehorte, verkundigt worden. Jesus war aus Nazareth geburtig, unehelichen Ursprungs, Stiefsohn eines braven Zimmermanns namens Joseph. Jesus beschaftigte sich viel mit den Schriften der judischen Literatur, reiste, unterrichtete sich und strebte mit edler Selbstuberwindung nach einer stoischen Sittenreinheit. Jesus fuhlte, dass eine Mission an sein Herz pochte. Es war ihm, als musste er einen Auftrag erfullen, uber den er zeit seines Lebens nicht im klaren war. Er adoptierte den Glauben an einen verheissenen Konig, der seine eitle Nation zur Herrscherin der Welt machen wurde: er erschrak aber selbst vor dieser ubermutigen Verheissung, welche einer wahren Idee Gottes ganzlich unwurdig war. Jesus wusste selbst da noch nicht, wohinaus, als er die ersten unbesonnenen Schritte getan, als er seinen Freund Johannes auf Kundschaft und Prufung der Menge vorausgesandt hatte; er wurde Rabbi, ein erlaubter Volkslehrer, er nahm Schuler zu sich, er predigte Busse und gottseligen Wandel, predigte das reine, das Urjudentum des Moses, er nannte sich Messias und stritt nirgends gegen die falsche Auslegung seiner Absicht, nirgends gegen die Begriffe, welche man in Judaa mit dem Messias verband. Nicht einmal des romischen Joches erwahnte Jesus; er scheint gefuhlt zu haben, dass der Messias nur eine theologische Bedeutung haben konne, und richtete doch seine Invektiven gegen die politische Verfassung in Jerusalem, gegen den hohen Rat und gegen Priester, die er einer zu ihrem Frommen falschen Auslegung der alten Bucher bezuchtigte. Inzwischen mehrte sich die Unruhe, Jesus zog mit Tausenden durch das Land, hielt einen gewaltsamen Einzug in Jerusalem, vergriff sich tatlich an dem Tempel, dem Nationalheiligtume der Juden, und fiel als ein Opfer seiner falschen Berechnung und innerlichen Unklarheit. Er hatte dem tragen Volke Energie zugetraut: es verliess ihn wie Thomas Muntzern, als er keine Wunder tun konnte, wie zahllose Revolutionare alter und neuer Zeit, da sie die Hulfe nicht brachten, die sie versprachen. Jesus wurde gekreuzigt. "Mein Gott, warum hast du mich verlassen?" rief er und starb. Jesus war nicht der grosste, aber der edelste Mensch, dessen Namen die Geschichte aufbewahrt hat.
Dies ist der historische Kern eines Ereignisses, aus welchem spatere Zeiten ein episches Gedicht machten mit Wundern und einer ganz fabelhaften Gottermaschinerie. Eine kleine Anekdote wurde welthistorisch. Die franzosische Revolution hinterliess eine Menge von politischen Wahrheiten, welche im Ansehen geblieben sind, selbst wenn jene weniger glucklich vonstatten gegangen ware. So kam es auch, dass die verungluckte Revolution des Schwarmers Jesu etwas zuruckliess, was zuletzt eine Religion wurde. Sollte hier zum ersten Male ein kleines, zufalliges Faktum den Anstoss zu einer grossen Bewegung gegeben haben? Nein, die Folgen jener Historie mogen so umfassend gewesen sein, wie sie es waren, so kann davon nichts auf die Naivetat der Historie selbst zuruckfallen. Jesus war in Rucksicht auf den judischen Messiasglauben nicht der rechte Messias, sondern ein falscher, so gut wie Theudas, Judas Galilaus und Bar Kochba. In Rucksicht auf die Weltgeschichte war er desgleichen nicht mehr; nur dass seine Anhanger zufallig von der Zeit, von dem unsinnigen Heidenritus, von der Sucht des Geheimnisses profitierten. Das Ereignis, das allen den folgenden Begebenheiten und Revolutionen zum Grunde lag, steht an und fur sich betrachtet auf keiner hohern Stufe als die Lebensumstande des Pythagoras, Zoroaster oder Sokrates.
Jesus war Jude. Er dachte nicht daran, eine neue Religion zu stiften. Es war bei ihm weder von einer Aufhebung noch von einer Erlauterung des Judentums die Rede. Er sagte selbst, dass er nicht gekommen sei, das Gesetz aufzulosen, sondern zu erfullen; ein Ausdruck, der freilich im griechischen Texte mehr sagt als das blosse: Befolgen, aber nicht uber den Begriff eines vollkommnen, in allen seinen Bezugen verstandenen Judentums hinausgeht. Da war auch nicht eine einzige neue Lehre, welche Jesus brachte. Enthullte er tiefer die Geheimnisse Gottes? Nein, er kennt nur jenen padagogischen Gott des Judentums. Waren seine Andeutungen uber die Unsterblichkeit neu? Sie waren es, der dunkeln und zweifelhaften Lehre des Alten Testaments gegenuber: aber seit dreihundert Jahren glaubten die Juden an die Fortdauer nach dem Tode aus eignem Antriebe: die Pharisaer hatten daraus das Feldgeschrei ihrer Parteimeinung gemacht. Was blieb demnach im Munde Jesu ubrig? Eine Moral, welche allerdings veredelnde Kraft hat, aber nie mehr gibt und geben will als das lautre Judentum. Die Moral Jesu halt sich immer dicht bei den Gebrauchen des Zeremonialgesetzes und ist nur darin charakteristisch, dass sie fur den aussern Ritus innerlich entsprechende Gesinnungen forderte. Jesus lehrte: Liebe deinen Nachsten wie dich selbst! So lehrte schon Moses; aber der Stifter einer neuen Religion musste sagen: Liebe deinen Nachsten mehr als dich selbst! Daraus schliesst man, dass Jesus eine Person war, die einzig und allein der Geschichte, keineswegs aber der Religion oder Philosophie angehorte.
Torichter Glaube, das Neue Testament fur die Grundlage einer Religion anzusehen, fur ein Buch, das geschrieben worden ware, um symbolischen Wert zu haben! Der Kanon ist nichts als die erste Erscheinung des Christentums. Das Christentum selbst liegt daruber hinaus: das heisst, vage Begriffe uber ein gescheitertes historisches Ereignis wurden von Mannern herumgetragen, die dabei beteiligt gewesen waren. Die Apostel hatten die Fahigkeit nicht gehabt, eine Begebenheit zu verstehen, welche mit sich selbst in Widerspruchen lag; sie konnten sich nur der Wirksamkeit nicht entschlagen, welche eine so bedeutende Personlichkeit wie die ihres Lehrers auf sie ausubte: sie glaubten seinen dreisten Behauptungen, dass er der Messias ware, und fanden bei der Verbreitung dieser Ansicht darin eine Unterstutzung, dass Jesus seine baldige Wiederkunft versprochen hatte. So entspann sich ein romantisches Truggewebe von Wundern, subjektiven, die Jesus verrichtet habe, objektiven, die an ihm selbst geschehen waren. Die Apostel ubersahen, wie sehr die Mehrzahl dieser Wunder, welche eher auf einen Eskamoteur als auf einen Propheten schliessen lassen (ich erinnere nur an die Fabel von dem Stater im Leibe eines Fisches), das gottliche Geprage ihrer Erzahlungen verwischte. Ja, sie wussten nicht einmal, wieviel sie moralisch wagten, alle ihre Behauptungen wechselseitig ohne Prufung anzunehmen. Denn das Altertum war uberall auf das Ausserordentliche hin gerichtet und konnte sich keine grosse Begebenheit ohne Abweichungen von dem naturlichen Laufe der Dinge erklaren. Auffallend bleibt es indessen, dass die Apostel selbst im Neuen Testamente so wenig scharf und prazis als Verbreiter der Lehre Jesu auftraten, dass erst andere meist ein Amt ubernahmen, was ihnen vor allen zukam. Hatten sie wirklich den Leichnam Jesu gestohlen? Dann klange dies Stillschweigen fast wie boses Gewissen. Hieruber mag ich nichts entscheiden: nur dies scheint fest, dass die Apostel Menschen von borniertem Verstande waren, dass sie uberhaupt viel Ahnlichkeit mit unsern Theologen hatten und dass es zuletzt nicht ohne typische Vorbedeutung war, wenn neben der Krippe Jesu gleich ein Ochs und ein Esel standen.
Diejenigen unter den Anhangern Jesu, welche, ich sage nicht, logische Schlusse machen, doch wenigstens begreifen konnten, wie z.B. der von den Theologen gern zu einem tiefsinnigen Philosophen gestempelte Paulus, befolgten in der Stiftung einer neuen Sekte den dreisten Gang, dass sie in Jesu nur die Neuerung anerkannten. Sie rissen seine Erscheinung als etwas Isoliertes vom Gesetze los. Sie machten aus polizeilichen Differenzen ihres Lehrers mit der Synagoge absichtliche, dogmatische, religionsstiftende. Eine ubermutige Exegese, welche die Stellen des Alten Testamentes in einem straflich verkehrten Sinne auf Jesus bezog, musste ihre Absichten unterstutzen. Jesus wurde ein Wundertater, und er machte als solcher unter den Heiden ein Gluck, das Apollonius von Tyana auch gehabt hatte, ware ihm der Jude Jesus nicht in der Zeit zuvorgekommen. Die geringe Philosophie, die hinzukam, alle diese Marchen zu erklaren und in einen dogmatischen Zusammenhalt zu bringen, waren die Unterscheidungen zwischen physischer und psychischer Natur, zwischen Fleisch und Geist, zwischen dem Gesetz und der Freiheit. Wahrlich, eine Religion musste diese Einfachheit haben, um so um sich zu greifen, wie es das Christentum tat!
Das Christentum ist eine Religion der Personlichkeit. Moses war doch nur der Sendling Gottes, Muhamed Allahs Prophet, sie liessen sich keine gottliche Ehre erweisen! Sehet hier eine Religion, deren unwillkurlicher Stifter von einigen verworrenen Kopfen mit Gott selbst verwechselt wurde, eine Religion, die nichts fur ihren Gegenstand und alles fur ihren ersten Priester tut! Jede allgemeine, jede Weltreligion muss unabhangig von irgendeinem Namen sein, und im Christentum ist man heute noch nicht einig, welche Ehre Gott, welche Jesu gebuhrt. Welch ein Glaube! Wir sind nicht ohne Poesie, wir schwarmen gern, weil wir in jedem Hauche der Natur einen Kuss der Gottheit wahnen, und wurden recht unglucklich sein, wenn wir nicht zuweilen auf unsern herben Lebenswein ein Rosenblatt der Illusion legen durften, ein Rosenblatt, das uns in den Mund kommt und zu trinken hindert und das wir doch nicht missen mochten. Aber hier uberschreitet eine Zumutung die Linie des Ertraglichen. Das Christentum wurzele nicht in Jesu Lehre, sondern in seinem Leben: nicht die Liebe sei es, sagen sie, die er im Abendmahle eingesetzt habe, sondern sein Fleisch und Blut, seine eigne Personlichkeit, die nun immerdar solle gegessen und getrunken werden. Auf die individuellen Begegnisse eines unglucklichen Menschen wird eine Religion gebaut, eine Dogmatik, die sich nicht um die Worte seines Mundes kummert, sondern seine Fusstapfen als Paragraphenzeichen nimmt, seine Nagelmale als Kapiteleinschnitte: kurz, das Christentum ist eine Religion, die auf eines Menschen korperlichen Verrichtungen und Leiden gegrundet ist, eine Religion, die das objektive Evangelium eines Menschen predigt. Armer Rabbi von Nazareth! Statt dass sie weinen sollten uber dein wehmutiges Schicksal, freuen sie sich deines Todes und haben ihn lachendes Mutes im Munde! Die Kreuzigung Jesu wird gar nicht mehr historisch nachempfunden; sondern da alles in des unglucklichen Mannes Leben typisch und als Notwendigkeit gedeutet wird, so geht die Teilnahme und das Mitleiden gleichgultig an dem Schmerze voruber und sieht am Karfreitage immer nur Ostern, bei einem Sterbenden eine grausame Hand, die ihm das Kissen unterm Kopfe wegzieht, damit er schneller sterbe, damit er schneller auferstunde! Das Kruzifix ist eine Zierat geworden, die man im Ohre hangen hat.
Die grosse, imponierende Gewalt des Christentums liegt in seiner welthistorischen Ausdehnung. Nicht, dass ich dieser Lehre die Umgestaltung Europas zuschriebe, nicht, dass ich so ungerecht gegen Gott ware und behauptete, er habe ohne die verworrenen Ideen einiger palastinensischer Fischer und Teppichfabrikanten die Welt nicht auf diesen Gipfel der Kultur bringen konnen: nein, schon dadurch wird die christliche Idee geschwacht, dass sich die germanischen Volker fur sie interessierten und ihre eigne welthistorische Pradestination in jene Lehre legten und das Christuskind als Christoffel durch das Weltmeer trugen. Das einzige, was mich an das Christentum kettet, ist ein magischer, mit Blut beschriebener Kreis; jene schreckhaften Verfolgungen, denen der neue Glaube ausgesetzt war, jene Hekatomben, die das Christentum dem Heidentum opfern musste, die Manner, Weiber, Kinder, die zu Tausenden hingemordet wurden ah, das presst an die Kammern des Gehirns: die Fibern des Nachdenkens ziehen sich zitternd in ihren Versteck: das brennt und schmerzt, wenn man Sinn fur Historie, Sinn fur die Leiden der Menschheit hat. Nur jener Blutstrome wegen bin ich gewissermassen Christ, weil meine Religion die des Schmerzes und mein Kultus der Mut ist. Ich wurde nicht raten, eher ein neues Bekenntnis abzulegen, ehe man nicht im Begriffe und in der Lage ist, dafur dasselbe auszustehen, was das alte Bekenntnis gekostet hat.
Bis hieher konnte noch von einem Christentum die Rede sein. Als der Begriff Kirche erfunden war, als Konzilien und Wurdentrager eingesetzt wurden, da hatte sich die Lehre Jesu in eine neue Art von Heidentum verwandelt, in Mythologie auf der einen, Aristotelismus auf der andern Seite. Zwischen beiden wucherte die Mystik, keine ursprunglich christliche Pflanze, sondern arabisch-judisch-kabbalistisches Gewachs, das in der Philosophie als Platonismus wieder zum Vorschein kam. Das Christentum, insofern es von Priestern und Monchen reprasentiert wurde, war auch nicht einmal eine Religion mehr, sondern nur noch Vorwand einer politischen Tendenz des Zeitalters. Die Hierarchie umgurtete sich mit dem Schwerte und fluchte wie ein Landsknecht. Das Christentum war nun doch ein Reich von dieser Welt geworden. Der tote Rabbi Jesus drehte sich im Grab um: er hatte sich geracht. Wann gab es eine Religion, die in tausend Jahren mit so disparaten Anomalien sich aussern konnte? Der Islam ist zwolfhundert Jahre alt, und noch weht die grunseidne Fahne des Propheten wie damals, als er aus der Wuste zog. Man hatte Jesus zum Stifter einer Religion machen wollen. Jesus hatte sich geracht. Die falsche Auslegung seiner Mission war gescheitert.
Luther versuchte noch einmal, das lecke Schiff einer imaginaren Moglichkeit zusammenzufugen. Ein Bergmannssohn aus Thuringen stieg in das Bergwerk des Christentums hinab, durchhammerte die oberen Flozschichten der Tradition und holte aus den tieferen Erzgangen hervor, was er fur reines, silbernes und goldenes Christentum hielt. Es war eine kuhne Neuerung, die sich aus dem Wittenberger Flachlande, aus der Gegend von Kroppstadt und Treuenbrietzen, die ganz so aussieht wie der gesunde Menschenverstand, entwickelte. Tausende sagten sich von dem romischen Heidentume los, das mit der Seelen Seligkeit einen Aktienhandel durch ganz Europa etabliert hatte. Die Wittenberger Reformation war ein grosser Fortschritt der Menschheit, wenn es gross ist, wie Herr Tholuck getan haben soll, in Rom von den antiken Gotterstatuen zu sagen: Es sind schone Gotzen! Darum handelte es sich: die Menschheit von einem religiosen Mechanismus zu befreien, zu gleicher Zeit aber auch auf dreihundert Jahre die Kunst, die Literatur, die Schonheit aller vergangenen Zeiten und die Schonheit der Ewigkeit zu derogieren. Das ist kein Ungluck, wenn es von einem grossen Glucke ersetzt worden ware. Fur das Christentum geschah in der Reformation alles, fur die Wahrheit und den gesunden Menschenverstand und die Naturreligion aber nichts.
An zwei Begriffen siechte gleich anfangs die Reformation: an einem, den sie nicht abschaffte, an der Kirche; und an einem, den sie neu erfand, am Evangelium.
Biblisches Christentum! Was heisst das? Ein Christentum erfinden, das sich grundete auf falscher Exegese, schlechten kritischen Hulfsmitteln, auf Interpolationen und frommen Betrugereien, auf einer ungestorten und sorglosen Verbindung des Alten und Neuen Testamentes, endlich aber auf jener heillosen Verwechselung zwischen dem Kanon als einer Richtschnur des Christentums, statt dass der Kanon, wie wir zeigten, nur erste Erscheinung, die ganz prekare und subjektiv uberall beanstandete Erscheinung des Christentums war. Der Protestantismus bekam seine symbolischen Bucher, welche die Lehrer beschworen mussten, seine Katechismen, den grossen und den kleinen, nach welchen die Unmundigen an einen Glauben geschmiedet wurden, dem sie schon als Sauglinge durch die Taufe willenlos sich hingeben mussten. Was muss ich glauben? Ich muss glauben, dass Gott die Welt erschaffen hat als wenn ein Gott, der sich in so endlichen Werken, wie die Erde ist, ausspricht, ein Gott, der zugibt, dass etwas ausser ihm ist, ohne er selbst zu sein, als wenn ein Gott, der Raum und Zeit erschaffen hat, um aus Laune irgendeinen kleinlichen Weltzweck zu erfullen, um durch die Dauer zu tun, was ihm ja im Nu gelingen konnte, um ungluckliche, von Zweifeln zerfleischte, halb tierische, halb menschliche Menschen auf einem gewissen Erdballe, in einem gewissen Deutschland, hier in dieser ganzen Misere herumkriechen zu lassen, als wenn ein solcher Gott jemals meinem philosophischen Bewusstsein entsprechen konnte! Aber was Philosophie? Wir reden nicht von Philosophie: ich vergass, dass wir uber einige Ammenmarchen und poetische Grillen sprechen. Ich muss glauben, dass Christus sei ein eingeborner Sohn Gottes, von einer Jungfrau geboren, niedergefahren zur Holle und wieder auferstanden Nein, auch dies ist nicht der Kern des Christentums. Was soll ich glauben? Dass Christus ist unser Mittler, dass er im Abendmahl personlich assistiert als Fleisch und Blut im Brot und Weine, dass er uns rechtfertigt durch die Gnade, dass die Erbsunde, an die ich als Psycholog und Menschenkenner faktisch glaube, theologisch zu erklaren sei, zum grossen Teile aber eine Dogmatik, welche auf jedes einzelne Glied im Korper des Rabbi Jesus gegrundet ist. Der Katholizismus war sinnlicher Gotzendienst mit polytheistischer Farbung. Der Protestantismus wurde mystischer Gotzendienst mit einer Beschrankung auf einen Gott, der aber drei Hypostasen hatte. Wittenberg und der Sand waren Schuld, dass diese Lehre immer flacher, ausserlicher und zankischer sich ausbildete. Aus dem Evangelium, der Bibelmanie und den symbolischen Buchern setzte sich zuletzt das knocherne Skelett der Orthodoxie zusammen, eine Gestalt, die statt des Herzens einen ledernen Beutel, statt des Gehirns eine Anhaufung schwammartiger Stoffe zu tragen hat.
Das zweite Ungluck des Protestantismus war die Beibehaltung des Begriffes der Kirche und die unterlassene Ausgleichung desselben mit dem Begriffe: Gemeine. Hier trat fruh ein Schwanken ein, das auf der einen Seite das Extrem der englischen Hochkirche und auf der andern das quakerische Extrem der allgemeinen Priesterschaft erzeugte. Das Luthertum an und fur sich selbst nahm fruh eine servile Richtung. Es stritt fur das gottliche Recht der Fursten ebensosehr, wie es seine eignen Satzungen in ein legitimes, unantastbares Gewand zu kleiden suchte. Thomas Muntzer schalt mit Recht auf Luther, den Papst von Wittenberg. Das Territorialsystem war die Folge der Schmeichelei. Die Kirche blieb etwas Ganzes, der Glaube wurde nicht an die stille Kammer des Herzens als seinen Tempel verwiesen, sondern die Kirche reprasentierte wie ehemals. Die Geistlichen regieren untereinander. Sie scheinen eine Monarchie fur sich zu bilden und ducken sich ausserdem unter der politischen Souveranitat, so dass es noch heutiges Tages nicht entschieden ist, wie weit sich die kirchliche Autoritat als Landeshoheit erstreckt, wie weit man wagen darf, Agenden zu verfassen und sie mit militarischer Gewalt, wie in den Schlesischen Dragonaden geschehen ist, in Wirksamkeit zu setzen. Hier ist alles vag, hoffartig, augendienerisch, despotisch und erfullt das Herz des Biedermannes mit den schmerzlichsten Gefuhlen.
Die deistische Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts konnte deshalb dem Christentum keinen merklichen Abbruch tun, weil sie bald zu frivol, bald zu witzig war. Der unsittliche Reformator macht nirgends Gluck. Der Witz ist einer so grossartigen Institution wie das Christentum ganzlich unangemessen. Die naive Einfachheit kindlicher und glaubensfreudiger Seelen pariert alle Nadelstiche Voltaires, eines Mannes, den man fur einen Schneider halten mochte, so furchtsam und eitel war er. Das Christentum fordert andere Waffen heraus, uberhaupt keine Waffen, die nur fur den Krieg taugen, sondern solche, welche sich an einen Stiel stecken lassen, positiv und schaffend werden und die Erde zur neuen Saat auflockern. Das achtzehnte Jahrhundert, der mephistophelische Geist der abstrakten Verneinung hauchte mit dem ersten Seufzer aus, der auf der Revolutionsguillotine ausgestossen wurde. Die Negation der Revolution war schon eine schopferische.
Die Flugel meiner Seele schlagen freudiger, weil ich die Morgenrote (ach! die blutige Morgenrote) der neuen Schopfung sich am Himmel malen sehe. Aber noch halte mich zuruck, du sturmischer Genius des Jahrhunderts; noch einmal wurde in Deutschland der Versuch gemacht, zu einem trostreichen Resultate uber die wunderbaren Begebenheiten in Palastina zu gelangen. Die Welt seufzt in ihrer Achse ob der sturmischen Bewegung. Wie glucklich waren wir alle, wenn wir in den Traumen unsrer Jugend uns ewig wiegen durften und uns keine Unruhe der Seele von den Spielen der Unschuld verscheuchte!
Die Kantische Philosophie schien unsern Vatern nach langem Schlafe ein wunderbares Erwachen. Noch nie ist eine Entdeckung mit so reinem Enthusiasmus empfunden worden. Die Kantische Philosophie war Kritizismus: sie war ohne Geheimnisse; aber sie schien den Schlussel der Geheimnisse zu besitzen. Fruher wurde sie auf die Offenbarung und das Christentum angewandt: aber die Konsequenzen, welche sich hier durch sie ergaben, waren von der entgegengesetztesten Art. Der Rationalismus hielt sich an die Unmoglichkeit, das Ding an sich zu erkennen; der Supernaturalismus an die Vermutungen, welche hinter dem Dinge an sich liegen konnten. Das Ding an sich war ebensosehr negativ wie mystisch positiv: das weite Chaos der Zweifel lag in ihm ebensogut wie das Chaos der Gefuhle. Diese beiden Prinzipien uber Christentum machten funfzehn Jahre in Deutschland die Tagesordnung aus. Es war ein Streit um den Anfang eines Zirkels. Der Rationalismus, der von Gott behauptete, dass man vieles von seinem Wesen wisse, manches aber noch unerortert zu lassen habe, begann mit dem Bestimmten und horte mit dem Unbestimmten auf. Der Supernaturalismus, der aus seinen Ahnungen ein System, aus seinen Ungewissheiten eine Dogmatik schuf, fing mit dem Unbestimmten an und horte mit dem Gegenteile auf. So war der Streit ohne des Endes Moglichkeit. Niemand trat aus dem Zirkel heraus. Sie walzten ihre Debatten herum und erschopften sich in Konzessionen praktischer und theoretischer Art. Mischgattungen drangten sich zwischen die Extreme: Damenprediger, welche das Christentum mit Gemalden verglichen, wo die Konturen dem Rationalismus, die Farben dem Supernaturalismus angehoren mussten: Professoren der Theologie, die das Urchristentum wollten; Generalsuperintendenten, welche die Perfektibilitat des Christentums lehrten. Andre, wie Schleiermacher, adoptierten die Dogmatik, wenn ihre Lehrsatze sich gemutlich als Seelenzustande betatigten. Mit einem Worte, sie mochten so freidenkerisch verfahren wie immer; so riss doch niemand den Vorhang der Luge weg. Auf der Kanzel gaben sie niemals jenen Glauben preis, den sie auf dem Katheder anatomisch zergliederten. Uberall trifft man auf Diakone und Konsistorialrate dieser Art, welche sich wie jesuitische Aale theoretisch winden und hin- und herstrauben, praktisch aber sich immer wieder in ihren homiletischen Schleim verstecken.
Schelling und Hegel, jener von katholischer, dieser von protestantischer Seite, stellten den letzten Versuch an, die Philosophie mit der Offenbarung in Einklang zu bringen. Schelling ubertrug allerhand Analogien des Naturprozesses auf die Geheimnislehren des Christentums: er wusste Opfer, Menschwerdung usf. durch witzige Bilder von seiten der Phantasie annehmlich zu machen. Hegel stutzte sich auf den Geschichtsprozess, auf die innerlichen Ruhemomente seiner metaphysischen Logik, deren ganzes Schema allein schon den Begriff der Trinitat ausdruckte. Hegels Philosophie scheint mir auch wahrlich die einzige, die imstande ist, das Christentum zu beurteilen. Ihr Standpunkt ist der historische. Sie bringt einen Schematismus in die Begebenheiten, welcher den innern und aussern Sinnen wohltut. Wodurch ist auch das Christentum eine so imposante Erscheinung? Durch seine historische Stellung. Hegel hat die Verschiedenheit der Zeiten immer vortrefflich charakterisiert und das Eigentumliche des Christentums darin gefunden, dass sich logische und historische Begriffe daran akkommodieren lassen. Aber mehr gelang ihm nicht. Seine Philosophie des Christentums konnte nur da erst anfangen, als die Entwicklung der christlichen Lehre zu Ende war. Hegels Massstab ist uberall die Vergangenheit. Seine Erklarungen sind typischer Art, seine Philosophie ist eine Auslegung. Schelling und Hegel stehen an der Spitze jenes christlichen Dilettantismus, der aus kunstlerischen Interessen sich mit verstopftem Ohre in eine grundlose Flut versenkt. Das Christentum selbst muss dabei seinen Kredit verlieren, wenn nur noch Dichter, Grubler, Kunstler, verzweifelte und polizeilich beaufsichtigte Menschen sich fur die Erklarung seiner Satzungen interessieren. Der gesunde Teil der Menschheit wird in eine andere Stromung des sturmenden Weltgeistes gerissen werden.
Unser Zeitalter ist politisch, aber nicht gottlos. Wie gern verbande es die Freiheit der Volker mit dem Glauben an die Ewigkeit! Aber unchristlich ist unser Zeitalter, denn das Christentum scheint sich uberall der politischen Emanzipation in den Weg zu stellen. Daher jene merkwurdigen Erscheinungen, welche die neuere Zeit auf dem Gebiete, man weiss nicht, soll man sagen, der Politik oder der Religion hervorgebracht hat. Uberall Sektengeist, Religionsstifter, Religionen auf Aktien, Religionen auf Subskription, jede Religion, nur kein Christentum. Man spricht von Priestern, von einer Theokratie, von Gottesdienst, nur nichts Christliches. Es ist erstaunenswert, dass diese Dinge in Frankreich auftauchen, in einem Lande, das fur Europa die Mission der Freiheit hat, in einem Lande, das in der neuern Geschichte fur alle Fragen der Kultur die Initiative ubernommen zu haben scheint. Wir reden hier vom St. Simonismus und den "Worten eines Glaubigen".
In diese beiden Bekenntnisse ist zuerst die Anerkennung der politischen Tendenz des Jahrhunderts niedergelegt. Man hat hier die Unverschamtheit vermieden, welche die hungernden Arbeiter auf das himmlische Brot des ewigen Lebens anweist. Die Religion der Entsagung mag fur Jahre passen, wo die Ernte nicht geraten ist; aber wo Fulle und Verschwendung rings ihre Feste feiern, da murrt die Menschheit uber eine Religion, welche immerfort an das Sichschicken, an die Demut, an den Ratschluss Gottes appelliert. Von dieser Seite des Christentums uberhaupt, die sich dem Zeitgeiste entgegenstellt, kann nicht mehr die Rede sein. Der Unterschied zwischen den beiden Bekenntnissen ist der, dass der St. Simonismus das Christentum antiquiert und durch einige materielle Philosopheme nebst kirchlichen, freilich dem alten Glauben entnommenen Institutionen zu ersetzen sucht, die "Worte eines Glaubigen" dagegen auf den demokratischen Ursprung des Christentums zuruckgehen und unverhohlen eine republikanische Tendenz desselben aussprechen. Der St. Simonismus will den Staat von der Kirche, die "Worte eines Glaubigen" wollen die Kirche vom Staate befreien. Jener weist auf die Zukunft, diese auf die Vergangenheit. Beide aber krankeln an ahnlichen Gebrechen: der St. Simonismus an der Philosophasterei: La Mennais am Katholizismus. Wie soll man in der Kurze uber beide Tendenzen urteilen? Beide sind keine Revolutionen, aber sie sind Symptome. Der St. Simonismus verrat ein Bedurfnis der Menschheit: die "Worte eines Glaubigen" suchen es zu befriedigen, aber sie befriedigen es nur zur Halfte.
Ich habe die Tatsachen der Vergangenheit verfolgt und breche da ab, wo alles, was nun kommen muss, nicht so von mir vorgezeichnet werden kann, sondern in die Hand der Zeitgenossen gegeben ist. Lasset mich an einem Orte innehalten, den wir selber auszufullen haben, bei jenen weissen Blattern der Geschichte, die hinfort von uns beschrieben werden sollen!
Ich hore draussen ein simultanes Glockengelaut: katholische und protestantische Tone. Es ist Pfingsten, ein Fest, wo man zwar nicht mehr plotzlich wie einst in Jerusalem gut Englisch, Spanisch und Sanskrit lernt, was mir sehr lieb ware: wo aber der Heilige Geist auf alle Welt ausgegossen wurde. Wir leben in der Zeit des Heiligen Geistes, von dem Christus selber sagt, dass er uns in alle Wahrheit fuhren und freimachen wurde. So scheint es sogar jener Mann gewusst zu haben, dass die Geschichte immerdar ihre eigne Autoritat bleibt, dass der Weltgeist rastlos wirkt und in uns schafft und die Wahrheit zuletzt nur der Gottesdienst im Tempel der Freiheit ist. Wir werden keinen neuen Himmel und keine neue Erde haben; aber die Brucke zwischen beiden, scheint es, muss von neuem gebaut werden. Es schlug Mitternacht, als Wally das saubergeschriebene Heft durchlesen hatte. Die Wachskerze war tief heruntergebrannt, ihre Augen gluhten, sie hatte Tranen notig, um den heissen Brand zu loschen. Aber die Tranen kamen nicht. Sie sass da, versteinert wie Niobe, der man das Liebste und Teuerste wegschiesst. Rings war alles grauenhaft still, nur der Uhrpendel schwang sich unterm Glase hin und her und zahlte die Minuten, die den Geistern auf Erden zu wandeln vergonnt waren. Wally lebte nur in den Worten, die sie gelesen hatte, und flusterte sich zu: "Ich sterb' auch mit ihnen." Dann ergriff sie mechanisch den kleinen Kerzenrest, der noch brannte, und schritt in ihr Schlafgemach, einen finstern, damonischen Schatten werfend. Noch sechs Monate hielt Wally ein Leben aus, dessen Stutze weggenommen war. Sie, die Zweiflerin, die Ungewisse, die Feindin Gottes, war sie nicht frommer als die, welche sich mit einem nicht verstandenen Glauben beruhigen? Sie hatte die tiefe Uberzeugung in sich, dass ohne Religion das Leben des Menschen elend ist. Sie ging nun damit um, dem ihrigen ein Ende zu machen.
Je unerschutterlicher sich dieser Gedanke bei ihr festgesetzt hatte, desto mehr suchte sie ihn ausserlich zu verbergen. Sie zeigte sogar, je gewisser sie mit sich selbst wurde, eine heitre Unbefangenheit, die die Ruckkehr ihrer fruhern Laune hoffen liess.
Sie war viel auf ihrem Zimmer allein, weinte und rang; aber beten konnte sie nicht. Sie warf sich wohl oft verzweifelnd auf die Knie, aber wie eine eherne Mauer stand es vor ihr, wenn sie flehend die Hand ausstreckte. Sie schrieb noch einzelne ihren Seelenzustand verratende Aphorismen in ihr Tagebuch; die meisten bewegten sich um den Gedanken des Todes. An der Ursache desselben hatte sie nichts mehr, was sie in sich andern konnte. Eine Stelle, welche man spater im Buche fand, war ganz mit Tranen durchnasst. Man konnte das an der geronnenen Dinte und dem zerknitterten Papiere sehen. Sie hiess: O Jesus! Nie warst du mir teurer als tranenvergiessend im Garten von Gethsemane! Jesus! Du batest Gott, dass er den Kelch dieses herben Todes mochte an dir vorubergehen lassen, du, du, der die Welt verandert hat! Und die Junger schliefen. Sie achteten deiner flehenden Stimme nicht, dass sie mit dir wachten, dass sie mit dir weinten auf dem Olberge. Ach, um mich schlafen sie alle, und niemand kennt den Schmerz, der mich verzehrt, niemand wacht mit mir, niemand betet fur mich! Es war an einem truben und regnerischen Herbsttage. Die Kastanien prasselten von den Baumen. Der Wind schlug die Regenschauer an die nassen Fenster. Alles in der Natur schien zu Grabe zu gehen. Wally sass einsam in ihrem Zimmer. Eine Uhr lag neben ihr. Neben der Uhr ein rotes Tuch, das einen unsichtbaren Gegenstand bedeckte.
Eine Stunde verrann nach der andern. Um die sechste dunkelte es. Man brachte ihr Licht. Sie winkte stumm mit der Hand, als man nach ihren Befehlen fragte.
Sie trat ans Klavier und schlug einige Akkorde an. Es schlug sieben Uhr.
Dann setzte sie sich und schrieb einige Zeilen: Ich muss sterben, denn hassenswert schien' ich mir, wenn ich mich durch die Welt schliche und mir selbst verbergen wollte, was ich leide. Wir erkennen Gott nicht. Nun und nimmer mehr. Das tragische und der Menschheit wurdige Schicksal unsers Planeten ware, dass er sich selbst anzundete und alle, die Leben atmen, sich auf den Scheiterhaufen der brennenden Erde wurfen. Alle mussten sie sich opfern aus Hass gegen den Himmel; opfern, wie man Rechnungen verdirbt, die ohne den Wirt gemacht werden. Alle! Alle! Dann ware das Problem gelost, und Gott musste eilen, sich neue Menschen, neue Sklaven zu schaffen. Barbarischer Mord der Volker untereinander, glaubt ihr, werde das Ende der Dinge sein? Die wiedererwachende Roheit der Natur? Hyanen, die sich untereinander zerfleischen, sind euch der Zweck der Geschichte? Grasslicher Gedanke! Prophezeihung, wurdig eines Henkers! Sie werden sterben, aber sie werden alle den Dolch in ihre eigene Brust senken und eine grosse Kette der Freundschaft schliessen, die Menschen! Sie werden sich fassen alle an ihrer Hand und mit der Rechten den Stoss vollbringen und noch im Tode sich mit ihren Kussen bedecken. Sie werden sterben, weil sie reif sind, weil sie das Hochste erreichten in Wissenschaft und Kunst, weil sie alle ineinandergerechnet der Gottheit gleichkommen. Aber die Gottheit sitzt hinter einem Vorhange und verbirgt nach wie vor ihr sprodes Antlitz und zogert, zu kommen und sich zu enthullen. Was haben wir ihr getan? Es schlug acht Uhr. Sie war in eine Aufregung gekommen, welche fur ihren Entschluss nicht passte. Was ist Sturm, Ungewitter, Herbst, was selbst der Schmerz der Seele und des Herzens, wenn der Geist seine Gedanken aufruttelt und die Denkkraft ihre Fuhlfaden ausschiesst? Das Denken erhalt den Mut, den man am Wissen verliert. Wally war so nahe daran, ihre Verirrung zu fuhlen. Aber sie war ein weibliches Herz, das nicht so leicht vergisst, was es einmal wollte, und in sich selbst kein grosses Register von Entschliessungen hat, wo sie wahlen konnte. Sie fiel in den alten Schmerz zuruck.
Um neun Uhr griff sie noch einmal nach der Feder und schrieb: Lebet wohl! Alle! Alle! Armselig war mein Leben; wie klein, wie nichtig alle die Beziehungen meiner Jugend! Und das war wohl des Todes wert; denn ich bin nichts, nur Staub, nur Vernichtung. Mein Leben ist unnutz. Grusset sie alle, grusset den Fruhling des kommenden Jahres, wo ich tot sein werde und keines Vogels Ruf mich wieder wecken wird. Ich danke euch allen, die mich liebten, und Dir, Dir, Casar; allen! Allen! Sie musste noch viel geweint haben. Auch diese Zeilen waren verronnen in nasse Punkte. Sie musste dann den Stoss vollbracht haben mit jenem Dolche, der ihrem toten Bruder gehorte.
Man fand sie auf dem Bette ausgestreckt. Das Licht stand zu ihren Haupten. Sie hatte mit beiden Handen den in das rote Tuch gewickelten und darin auch von ihr wahrend des Stosses gelassenen Dolch in ihr Herz gedruckt und lag da, nicht lachelnd und ruhig, wie wohl in andern Fallen hier getroffen ist, sondern mit krampfhafter Verzerrung ihres schonen Antlitzes und einem Ausdrucke der Verzweiflung in den starren Augen, der erschrecken machte.
Sie wurde mit Geprange bestattet. Die, welche am Grabe standen, beweinten nicht sie selbst, sondern nur ihre Jugend.
Wahrheit und Wirklichkeit
Man kann den Zufall verdammen, man kann selbst uberzeugt sein, dass in allem, was geschieht, eine konsequente Offenbarung der Gottesidee liegt; und doch wurde niemand zu behaupten wagen, dass alles, was geschieht, alles, was wir als geschehen beobachten konnen, etwas andres sei als die zufalligen Ausserlichkeiten jener offenbarten Gottesidee. Ich glaube, dass alles gut ist, was geschieht; glaube aber nicht, dass eben nur das geschehen kann, was geschieht. Unendlich ist das Reich der Moglichkeit, jenes Schattenreich, das hinter den am Lichte der Begebenheiten sichtbaren Erscheinungen liegt. Es gibt eine Welt, die, wenn sie auch nur in unsern Traumen lebte, sich ebenso zusammensetzen konnte zur Wirklichkeit wie die Wirklichkeit selbst, eine Welt, die wir durch Phantasie und Vertrauen zu combinieren vermogen. Schale Gemuter wissen nur das, was geschieht; Begabte ahnen, was sein konnte; Freie bauen sich ihre eigne Welt.
Zwei Garantien der unsichtbaren Welt sind die Religion und die Poesie. Jene schliesst das Reich der Moglichkeit auf, um zu trosten; diese, weil sie die Wirklichkeit erklaren will. Beide beruhen auf Tauschungen, nur ist die Poesie glucklicher, weil sie die Wahrscheinlichkeit fur sich hat. Es ist leichter, an ein Gedicht als an den Himmel glauben. Die Ereignisse des Gedichtes sind oft die heimlichen Erklarungsmotive der Wirklichkeit, die Schopfungen des Autors haben die Analogie fur sich und die Erde; aber der Himmel schwebt in der Luft und ist trotz aller Philosophie ohne Massstab, wie Gott selbst.
Die Geschichte der Poesie zeigt, wie sich in ihr von jeher Wahrheit und Wirklichkeit gestritten haben. Jene Gemuter, welche wir die schalen nannten, entschieden sich fur die Wirklichkeit, die freien fur die unsichtbare Wahrheit, die begabten, die empfanglichen, die sogenannten Leute von Geschmack, Bildung und Erziehung fur das Mittlere zwischen beiden, fur die Wahrscheinlichkeit. Und so ist es noch. Bei jeder neuen Dichtung fragen die einen: "Wo geschah dies?", die andern: "Sollte dies geschehen konnen?" Nur die freien Gemuter entscheiden, ohne zu fragen, weil sie es fuhlen, dass das, was nicht geschieht, immer noch wahr ist, selbst wenn es nicht geschehen kann.
Alles, was die Wirklichkeit kopiert, ist fur die Masse. Diese Gattung der Poesie erhebt sich von der untersten Stufe der Genremalerei bis zu den Romanen von Walter Scott und Bulwer, bis zu den Dramen Ifflands und Kotzebues. Nur hell, blank und geschliffen muss diese Literatur sein, weil sie der Wirklichkeit gegenuber ein Spiegel ist, der sie treu auffasst und wiedergibt. Fur die schalen Gemuter ist nichts genialer, als sie selbst zu zeichnen, wie sie sind: ihre Tante, ihre Katze, ihren Schal, ihre kleinen Sympathien, ihre Schwachheiten. Was haben wir von euern Grillen, von euern Erfindungen, die in der Luft schweben? Gebt uns uns selbst, dem Egoismus den Egoismus! Es gibt Kritiker und Literatoren, die sich nur fur das Kopieren der Wirklichkeit enthusiasmieren konnen. Das Wahrscheinliche ist bei ihnen schon eine Konzession. England hat von jeher diese Art der poetischen Darstellung bevorzugt, Deutschland ist systematisch genug bearbeitet worden, hierin nachfolgen zu mussen. Die alte Literatur steht bei uns versteinert da in Tempeln und in Walhallen, die mittlere war keines Schusses Pulver wert, die neue hat nur noch ein schwankendes und kaltes, von Politik und spekulativer Tragheit ganz darniedergehaltenes Publikum. Darauf kommt alles zuruck: Man will von der Literatur keine Anstrengung haben; die Literatur soll niemanden mehr eine unruhige Nacht machen, sie schildert, sie portratiert, sie stillt die Leselust mit Historie und Bulwer. Die Poesie ist jetzt Selbstbefruchtung. Die Wirklichkeit nahrt sich von ihrem eignen burgerlichen, uberquellenden Fette.
Menschen, die schon eine Stufe hoher stehen, sind mit der Wahrscheinlichkeit zufrieden. Sie wollen nur einige Voraussetzungen, die den Boden der Wirklichkeit beruhren; das ubrige uberlassen sie der Combination und Phantasie. Dies sind die gemutlichen Leser, die sich durch poetische Schopfungen in einen sanften Halbschlummer wiegen lassen, die die Bucher nach der Elle konsumieren. Es muss ihnen nichts zu nahe und nichts zu ferne liegen. Schwebend zwischen Himmel und Erde, ganz willenlos hingegeben den Capricen des Dichters, freuen sie sich zuletzt, dass nun alles, was sie gelesen haben, doch entweder nicht wahr ist oder im entgegengesetzten Falle immer sehr wahrscheinlich bleibe.
Die Wahrheit selbst ist unsichtbar und liegt niemals in dem, was wirklich ist. Die poetische Wahrheit ist schopferisch. Sie baut mit den geheimsten Faden der menschlichen Seele, sie combiniert nicht, wie der Staat, die Familie, die Religion, die Sitten und das Herkommen combinieren, sondern revolutionar. Die poetische Wahrheit offenbart sich nur dem Genius. Dieser lauscht niedergestreckt auf den Boden der Wirklichkeit und hort, wie in den innersten Getrieben der Gemuter eine embryonische Welt mit keimendem Bewusstsein wachst. Wer auf seine Entwickelung lauscht, muss sich oft gestehen, dass ganze Gedichte in ihm sich zusammenreimen aus Motiven, welche die Aussenwelt niemals anerkennen wurde. Dies sollte nicht auch Wahrheit sein? Dies sollte den Dichter nicht entzucken? Die Alten und die Mittleren schufen in dieser Weise nicht: aber die Modernen werden es. Ihre Historien sind nicht die Sage oder Geschichte, sondern die Ideen, die im Schosse der still wirkenden und schaffenden Gottheit schlummern. Die Welt, wie sie ist, wird ihren Gebilden nicht entsprechen; diese werden dem nuchternen Vorwurfe der Unwahrheit und Unwahrscheinlichkeit ausgesetzt sein. Aber noch immer ging das Genie seinem Jahrhunderte voraus.
Zwei Tatsachen mocht' ich aus obigem folgern: die beide weniger literarisch als historisch sind.
Wenn man in Anschlag bringt, dass entschieden schon in der franzosischen Literatur, ohne alle Widerrede auch bei uns allmahlich eine Poesie der ideellen Wahrheit und reellen Unwirklichkeit sich zu entfalten beginnt, wenn man diese Frauengebilde betrachtet, welche die Phantasie der jetzigen begabteren Dichter erfindet, diese originellen Situationen und allem Herkommen widersprechenden Sitten; sollte man diese Erscheinung nicht fur beziehungsreich halten fur unser zukunftiges Leben, fur die Existenz in der Wirklichkeit, fur die weite Unterlage der Masse und des allgemeinen Glaubens? Es ist wahr, die Dichter fangen an, auf immer luftigeren Bahnen zu wandeln: sie schaffen sich ihre eignen Welten mit Thronen, die ihre Phantasie erbaute, mit Richterstuhlen, die ihre eigne Gesetzgebung haben, mit einem Gottesdienst, dessen
Priester nur noch die kleine Gemeinde selbst ist. Es baut sich eine Wahrheit der Dichtung auf, der in den uns umgebenden Institutionen nichts entspricht, eine ideelle Opposition, ein dichterisches Gegenteil unsrer Zeit, das einen zweifachen Kampf wird zu bestehen haben, einmal einen gegen die Wirklichkeit selbst als konstituierte Macht mit physischer Autoritat, sodann einen gegen die Poesie der Wirklichkeit, welche so viel Dichter und so viel Kritiker fur sich hat.
Dies ist ein Symptom unsrer Zeit, aus dem wir bis jetzt noch keinen weitern Schluss ziehen wollen als einen, der vielleicht ausserhalb der Literatur liegt, den ich aber nicht verschweigen will, weil jedes, was die Menschheit ehrt, auf den Lippen des Enthusiasten brennt. Man verwirft mit Recht das Experimentieren mit der Menschheit, aber man geht darin weiter, als man darf, ohne die Menschheit zu beleidigen. Wir furchten uns, den Zeitgenossen etwas zu entziehen, wovon wir uns einbilden, dass es zu ihrem Leben notig ist. Wir glauben an die Institutionen in Sitte, Meinung und politischer Einrichtung wie an die unerlasslichen Lebensbedingungen der Jahrhunderte. Als wenn die Menschheit keine innern Quellen hatte! Als wenn sie unterginge, wenn ihr sie aus dieser ganzen Sundflut ihrer Existenz plotzlich nackt und noch triefend auf den Ararat versetztet! Als wenn die Menschheit nicht immer die erste sein wird, die sich hilft, und diejenige, welche fur sich den besten Rat weiss! Sie zucken die Achseln wie unvorsichtige Arzte, sie furchten fur das Leben des Patienten und quacksalbern an den alten Schaden herum; aber nehmt der Menschheit ein Bein ab: sie wird sich ein neues machen; nehmt ihr, um nur eines, was unmoglich scheint, zu nennen, z.B. das Christentum: glaubt ihr, dass sie untergehen wird? Nehmt ihr eure Gesetzbucher, eure Verfassungen nehmt ihr zuletzt das, worauf gleichsam alles ankommen soll, nehmt ihr euch selbst! und die Menschheit wird fortbestehen. Sie wird alles ertragen und durch Felsen vom starksten Granit noch immer einen Weg finden, der sie zu ihrem Ziele fuhrt.