Johann Wolfgang Goethe
Wilhelm Meisters Wanderjahre
oder
Die Entsagenden
Erstes Buch
Erstes Kapitel
Die Flucht nach Agypten
Im Schatten eines machtigen Felsen sass Wilhelm an grauser, bedeutender Stelle, wo sich der steile Gebirgsweg um eine Ecke herum schnell nach der Tiefe wendete. Die Sonne stand noch hoch und erleuchtete die Gipfel der Fichten in den Felsengrunden zu seinen Fussen. Er bemerkte eben etwas in seine Schreibtafel, als Felix, der umhergeklettert war, mit einem Stein in der Hand zu ihm kam. "Wie nennt man diesen Stein, Vater?" sagte der Knabe.
"Ich weiss nicht", versetzte Wilhelm.
"Ist das wohl Gold, was darin so glanzt?" sagte jener.
"Es ist keins!" versetzte dieser, "und ich erinnere mich, dass es die Leute Katzengold nennen."
"Katzengold!" sagte der Knabe lachelnd, "und warum?"
"Wahrscheinlich weil es falsch ist und man die Katzen auch fur falsch halt."
"Das will ich mir merken", sagte der Sohn und steckte den Stein in die lederne Reisetasche, brachte jedoch sogleich etwas anders hervor und fragte: "Was ist das?" "Eine Frucht", versetzte der Vater, "und nach den Schuppen zu urteilen, sollte sie mit den Tannenzapfen verwandt sein." "Das sieht nicht aus wie ein Zapfen, es ist ja rund." "Wir wollen den Jager fragen; die kennen den ganzen Wald und alle Fruchte, wissen zu saen, zu pflanzen und zu warten, dann lassen sie die Stamme wachsen und gross werden, wie sie konnen." "Die Jager wissen alles; gestern zeigte mir der Bote, wie ein Hirsch uber den Weg gegangen sei, er rief mich zuruck und liess mich die Fahrte bemerken, wie er es nannte; ich war daruber weggesprungen, nun aber sah ich deutlich ein paar Klauen eingedruckt; es mag ein grosser Hirsch gewesen sein." "Ich horte wohl, wie du den Boten ausfragtest." "Der wusste viel und ist doch kein Jager. Ich aber will ein Jager werden. Es ist gar zu schon, den ganzen Tag im Walde zu sein und die Vogel zu horen, zu wissen, wie sie heissen, wo ihre Nester sind, wie man die Eier aushebt oder die Jungen, wie man sie futtert und wenn man die Alten fangt: das ist gar zu lustig."
Kaum war dieses gesprochen, so zeigte sich den schroffen Weg herab eine sonderbare Erscheinung. Zwei Knaben, schon wie der Tag, in farbigen Jackchen, die man eher fur aufgebundene Hemdchen gehalten hatte, sprangen einer nach dem andern herunter, und Wilhelm fand Gelegenheit, sie naher zu betrachten, als sie vor ihm stutzten und einen Augenblick stillhielten. Um des altesten Haupt bewegten sich reiche blonde Locken, auf welche man zuerst blicken musste, wenn man ihn sah, und dann zogen seine klarblauen Augen den Blick an sich, der sich mit Gefallen uber seine schone Gestalt verlor. Der zweite, mehr einen Freund als einen Bruder vorstellend, war mit braunen und schlichten Haaren geziert, die ihm uber die Schultern herabhingen und wovon der Widerschein sich in seinen Augen zu spiegeln schien.
Wilhelm hatte nicht Zeit, diese beiden sonderbaren und in der Wildnis ganz unerwarteten Wesen naher zu betrachten, indem er eine mannliche Stimme vernahm, welche um die Felsecke herum ernst, aber freundlich herabrief: "Warum steht ihr stille? versperrt uns den Weg nicht!"
Wilhelm sah aufwarts, und hatten ihn die Kinder in Verwunderung gesetzt, so erfullte ihn das, was ihm jetzt zu Augen kam, mit Erstaunen. Ein derber, tuchtiger, nicht allzu grosser junger Mann, leicht geschurzt, von brauner Haut und schwarzen Haaren, trat kraftig und sorgfaltig den Felsweg herab, indem er hinter sich einen Esel fuhrte, der erst sein wohlgenahrtes und wohlgeputztes Haupt zeigte, dann aber die schone Last, die er trug, sehen liess. Ein sanftes, liebenswurdiges Weib sass auf einem grossen, wohlbeschlagenen Sattel; in einem blauen Mantel, der sie umgab, hielt sie ein Wochenkind, das sie an ihre Brust druckte und mit unbeschreiblicher Lieblichkeit betrachtete. Dem Fuhrer ging's wie den Kindern: er stutzte einen Augenblick, als er Wilhelmen erblickte. Das Tier verzogerte seinen Schritt, aber der Abstieg war zu jah, die Voruberziehenden konnten nicht anhalten, und Wilhelm sah sie mit Verwunderung hinter der vorstehenden Felswand verschwinden.
Nichts war naturlicher, als dass ihn dieses seltsame Gesicht aus seinen Betrachtungen riss. Neugierig stand er auf und blickte von seiner Stelle nach der Tiefe hin, ob er sie nicht irgend wieder hervorkommen sahe. Und eben war er im Begriff, hinabzusteigen und diese sonderbaren Wandrer zu begrussen, als Felix heraufkam und sagte: "Vater, darf ich nicht mit diesen Kindern in ihr Haus? Sie wollen mich mitnehmen. Du sollst auch mitgehen, hat der Mann zu mir gesagt. Komm! dort unten halten sie."
"Ich will mit ihnen reden", versetzte Wilhelm.
Er fand sich auf einer Stelle, wo der Weg weniger abhangig war, und verschlang mit den Augen die wunderlichen Bilder, die seine Aufmerksamkeit so sehr an sich gezogen hatten. Erst jetzt war es ihm moglich, noch einen und den andern besondern Umstand zu bemerken. Der junge, rustige Mann hatte wirklich eine Polieraxt auf der Schulter und ein langes, schwankes eisernes Winkelmass. Die Kinder trugen grosse Schilfbuschel, als wenn es Palmen waren; und wenn sie von dieser Seite den Engeln glichen, so schleppten sie auch wieder kleine Korbchen mit Esswaren und glichen dadurch den taglichen Boten, wie sie uber das Gebirg hin und her zu gehen pflegen. Auch hatte die Mutter, als er sie naher betrachtete, unter dem blauen Mantel ein rotliches, zart gefarbtes Unterkleid, so dass unser Freund die Flucht nach Agypten, die er so oft gemalt gesehen, mit Verwunderung hier vor seinen Augen wirklich finden musste.
Man begrusste sich, und indem Wilhelm vor Erstaunen und Aufmerksamkeit nicht zu Wort kommen konnte, sagte der junge Mann: "Unsere Kinder haben in diesem Augenblicke schon Freundschaft gemacht. Wollt Ihr mit uns, um zu sehen, ob auch zwischen den Erwachsenen ein gutes Verhaltnis entstehen konne?"
Wilhelm bedachte sich ein wenig und versetzte dann: "Der Anblick eures kleinen Familienzuges erregt Vertrauen und Neigung und, dass ich's nur gleich gestehe, ebensowohl Neugierde und ein lebhaftes Verlangen, euch naher kennen zu lernen. Denn im ersten Augenblicke mochte man bei sich die Frage aufwerfen, ob ihr wirkliche Wanderer oder ob ihr nur Geister seid, die sich ein Vergnugen daraus machen, dieses unwirtbare Gebirg durch angenehme Erscheinungen zu beleben."
"So kommt mit in unsere Wohnung", sagte jener. "Kommt mit!" riefen die Kinder, indem sie den Felix schon mit sich fortzogen. "Kommt mit!" sagte die Frau, indem sie ihre liebenswurdige Freundlichkeit von dem Saugling ab auf den Fremdling wendete.
Ohne sich zu bedenken, sagte Wilhelm: "Es tut mir leid, dass ich euch nicht sogleich folgen kann. Wenigstens diese Nacht noch muss ich oben auf dem Grenzhause zubringen. Mein Mantelsack, meine Papiere, alles liegt noch oben, ungepackt und unbesorgt. Damit ich aber Wunsch und Willen beweise, eurer freundlichen Einladung genugzutun, so gebe ich euch meinen Felix zum Pfande mit. Morgen bin ich bei euch. Wie weit ist's hin?"
"Vor Sonnenuntergang erreichen wir noch unsere Wohnung", sagte der Zimmermann, "und von dem Grenzhause habt Ihr nur noch anderthalb Stunden. Euer Knabe vermehrt unsern Haushalt fur diese Nacht; morgen erwarten wir Euch."
Der Mann und das Tier setzten sich in Bewegung. Wilhelm sah seinen Felix mit Behagen in so guter Gesellschaft, er konnte ihn mit den lieben Engelein vergleichen, gegen die er kraftig abstach. Fur seine Jahre war er nicht gross, aber stammig, von breiter Brust und kraftigen Schultern; in seiner Natur war ein eigenes Gemisch von Herrschen und Dienen; er hatte schon einen Palmzweig und ein Korbchen ergriffen, womit er beides auszusprechen schien. Schon drohte der Zug abermals um eine Felswand zu verschwinden, als sich Wilhelm zusammennahm und nachrief: "Wie soll ich euch aber erfragen?"
"Fragt nur nach Sankt Joseph!" erscholl es aus der Tiefe, und die ganze Erscheinung war hinter den blauen Schattenwanden verschwunden. Ein frommer, mehrstimmiger Gesang tonte verhallend aus der Ferne, und Wilhelm glaubte die Stimme seines Felix zu unterscheiden.
Er stieg aufwarts und verspatete sich dadurch den Sonnenuntergang. Das himmlische Gestirn, das er mehr denn einmal verloren hatte, erleuchtete ihn wieder, als er hoher trat, und noch war es Tag, als er an seiner Herberge anlangte. Nochmals erfreute er sich der grossen Gebirgsansicht und zog sich sodann auf sein Zimmer zuruck, wo er sogleich die Feder ergriff und einen Teil der Nacht mit Schreiben zubrachte.
Wilhelm an Natalien
Nun ist endlich die Hohe erreicht, die Hohe des Gebirgs, das eine machtigere Trennung zwischen uns setzen wird als der ganze Landraum bisher. Fur mein Gefuhl ist man noch immer in der Nahe seiner Lieben, solange die Strome von uns zu ihnen laufen. Heute kann ich mir noch einbilden, der Zweig, den ich in den Waldbach werfe, konnte fuglich zu ihr hinabschwimmen, konnte in wenigen Tagen vor ihrem Garten landen; und so sendet unser Geist seine Bilder, das Herz seine Gefuhle bequemer abwarts. Aber druben, furchte ich, stellt sich eine Scheidewand der Einbildungskraft und der Empfindung entgegen. Doch ist das vielleicht nur eine voreilige Besorglichkeit: denn es wird wohl auch druben nicht anders sein als hier. Was konnte mich von dir scheiden! von dir, der ich auf ewig geeignet bin, wenngleich ein wundersames Geschick mich von dir trennt und mir den Himmel, dem ich so nahe stand, unerwartet zuschliesst. Ich hatte Zeit, mich zu fassen, und doch hatte keine Zeit hingereicht, mir diese Fassung zu geben, hatte ich sie nicht aus deinem Munde gewonnen, von deinen Lippen in jenem entscheidenden Moment. Wie hatte ich mich losreissen konnen, wenn der dauerhafte Faden nicht gesponnen ware, der uns fur die Zeit und fur die Ewigkeit verbinden soll. Doch ich darf ja von allem dem nicht reden. Deine zarten Gebote will ich nicht ubertreten; auf diesem Gipfel sei es das letztemal, dass ich das Wort Trennung vor dir ausspreche. Mein Leben soll eine Wanderschaft werden. Sonderbare Pflichten des Wanderers habe ich auszuuben und ganz eigene Prufungen zu bestehen. Wie lachle ich manchmal, wenn ich die Bedingungen durchlese, die mir der Verein, die ich mir selbst vorschrieb! Manches wird gehalten, manches ubertreten; aber selbst bei der Ubertretung dient mir dies Blatt, dieses Zeugnis von meiner letzten Beichte, meiner letzten Absolution statt eines gebietenden Gewissens, und ich lenke wieder ein. Ich hute mich, und meine Fehler sturzen sich nicht mehr wie Gebirgswasser einer uber den andern.
Doch will ich dir gern gestehen, dass ich oft diejenigen Lehrer und Menschenfuhrer bewundere, die ihren Schulern nur aussere, mechanische Pflichten auflegen. Sie machen sich's und der Welt leicht. Denn gerade diesen Teil meiner Verbindlichkeiten, der mir erst der beschwerlichste, der wunderlichste schien, diesen beobachte ich am bequemsten, am liebsten.
Nicht uber drei Tage soll ich unter einem Dache bleiben. Keine Herberge soll ich verlassen, ohne dass ich mich wenigstens eine Meile von ihr entferne. Diese Gebote sind wahrhaft geeignet, meine Jahre zu Wanderjahren zu machen und zu verhindern, dass auch nicht die geringste Versuchung des Ansiedelns bei mir sich finde. Dieser Bedingung habe ich mich bisher genau unterworfen, ja mich der gegebenen Erlaubnis nicht einmal bedient. Hier ist eigentlich das erstemal, dass ich stillhalte, das erstemal, dass ich die dritte Nacht in demselben Bette schlafe. Von hier sende ich dir manches bisher Vernommene, Beobachtete, Gesparte, und dann geht es morgen fruh auf der andern Seite hinab, furerst zu einer wunderbaren Familie, zu einer heiligen Familie mochte ich wohl sagen, von der du in meinem Tagebuche mehr finden wirst. Jetzt lebe wohl und lege dieses Blatt mit dem Gefuhl aus der Hand, dass es nur eins zu sagen habe, nur eines sagen und immer wiederholen mochte, aber es nicht sagen, nicht wiederholen will, bis ich das Gluck habe, wieder zu deinen Fussen zu liegen und auf deinen Handen mich uber alle das Entbehren auszuweinen.
Morgens.
Es ist eingepackt. Der Bote schnurt den Mantelsack auf das Reff. Noch ist die Sonne nicht aufgegangen, die Nebel dampfen aus allen Grunden; aber der obere Himmel ist heiter. Wir steigen in die dustere Tiefe hinab, die sich auch bald uber unserm Haupte erhellen wird. Lass mich mein letztes Ach zu dir hinubersenden! Lass meinen letzten Blick zu dir sich noch mit einer unwillkurlichen Trane fullen! Ich bin entschieden und entschlossen. Du sollst keine Klagen mehr von mir horen; du sollst nur horen, was dem Wanderer begegnet. Und doch kreuzen sich, indem ich schliessen will, nochmals tausend Gedanken, Wunsche, Hoffnungen und Vorsatze. Glucklicherweise treibt man mich hinweg. Der Bote ruft, und der Wirt raumt schon wieder auf in meiner Gegenwart, eben als Erben vor dem Abscheidenden die Anstalten, sich in Besitz zu setzen, nicht verbergen.
Zweites Kapitel
Sankt Joseph der Zweite
Schon hatte der Wanderer, seinem Boten auf dem Fusse folgend, steile Felsen hinter und uber sich gelassen, schon durchstrichen sie ein sanfteres Mittelgebirg und eilten durch manchen wohlbestandnen Wald, durch manchen freundlichen Wiesengrund immer vorwarts, bis sie sich endlich an einem Abhange befanden und in ein sorgfaltig bebautes, von Hugeln rings umschlossenes Tal hinabschauten. Ein grosses, halb in Trummern liegendes, halb wohlerhaltenes Klostergebaude zog sogleich die Aufmerksamkeit an sich. "Dies ist Sankt Joseph", sagte der Bote; "jammerschade fur die schone Kirche! Seht nur, wie ihre Saulen und Pfeiler durch Gebusch und Baume noch so wohlerhalten durchsehen, ob sie gleich schon viele hundert Jahre im Schutt liegt."
"Die Klostergebaude hingegen", versetzte Wilhelm, "sehe ich, sind noch wohlerhalten." "Ja", sagte der andere, "es wohnt ein Schaffner daselbst, der die Wirtschaft besorgt, die Zinsen und Zehnten einnimmt, welche man weit und breit hierher zu zahlen hat."
Unter diesen Worten waren sie durch das offene Tor in den geraumigen Hof gelangt, der, von ernsthaften, wohlerhaltenen Gebauden umgeben, sich als Aufenthalt einer ruhigen Sammlung ankundigte. Seinen Felix mit den Engeln von gestern sah er sogleich beschaftigt um einen Tragkorb, den eine rustige Frau vor sich gestellt hatte; sie waren im Begriff, Kirschen zu handeln; eigentlich aber feilschte Felix, der immer etwas Geld bei sich fuhrte. Nun machte er sogleich als Gast den Wirt, spendete reichliche Fruchte an seine Gespielen, selbst dem Vater war die Erquickung angenehm, mitten in diesen unfruchtbaren Mooswaldern, wo die farbigen, glanzenden Fruchte noch einmal so schon erschienen. Sie trage solche weit herauf aus einem grossen Garten, bemerkte die Verkauferin, um den Preis annehmlich zu machen, der den Kaufern etwas zu hoch geschienen hatte. Der Vater werde bald zuruckkommen, sagten die Kinder, er solle nur einstweilen in den Saal gehen und dort ausruhen.
Wie verwundert war jedoch Wilhelm, als die Kinder ihn zu dem Raume fuhrten, den sie den Saal nannten. Gleich aus dem Hofe ging es zu einer grossen Tur hinein, und unser Wanderer fand sich in einer sehr reinlichen, wohlerhaltenen Kapelle, die aber, wie er wohl sah, zum hauslichen Gebrauch des taglichen Lebens eingerichtet war. An der einen Seite stand ein Tisch, ein Sessel, mehrere Stuhle und Banke, an der andern Seite ein wohlgeschnitztes Gerust mit bunter Topferware, Krugen und Glasern. Es fehlte nicht an einigen Truhen und Kisten und, so ordentlich alles war, doch nicht an dem Einladenden des hauslichen, taglichen Lebens. Das Licht fiel von hohen Fenstern an der Seite herein. Was aber die Aufmerksamkeit des Wanderers am meisten erregte, waren farbige, auf die Wand gemalte Bilder, die unter den Fenstern in ziemlicher Hohe, wie Teppiche, um drei Teile der Kapelle herumreichten und bis auf ein Getafel herabgingen, das die ubrige Wand bis zur Erde bedeckte. Die Gemalde stellten die Geschichte des heiligen Joseph vor. Hier sah man ihn mit einer Zimmerarbeit beschaftigt; hier begegnete er Marien, und eine Lilie sprosste zwischen beiden aus dem Boden, indem einige Engel sie lauschend umschwebten. Hier wird er getraut; es folgt der englische Gruss. Hier sitzt er missmutig zwischen angefangener Arbeit, lasst die Axt ruhen und sinnt darauf, seine Gattin zu verlassen. Zunachst erscheint ihm aber der Engel im Traum, und seine Lage andert sich. Mit Andacht betrachtet er das neugeborene Kind im Stalle zu Bethlehem und betet es an. Bald darauf folgt ein wundersam schones Bild. Man sieht mancherlei Holz gezimmert; eben soll es zusammengesetzt werden, und zufalligerweise bilden ein paar Stucke ein Kreuz. Das Kind ist auf dem Kreuze eingeschlafen, die Mutter sitzt daneben und betrachtet es mit inniger Liebe, und der Pflegevater halt mit der Arbeit inne, um den Schlaf nicht zu storen. Gleich darauf folgt die Flucht nach Agypten. Sie erregte bei dem beschauenden Wanderer ein Lacheln, indem er die Wiederholung des gestrigen lebendigen Bildes hier an der Wand sah.
Nicht lange war er seinen Betrachtungen uberlassen, so trat der Wirt herein, den er sogleich als den Fuhrer der heiligen Karawane wiedererkannte. Sie begrussten sich aufs herzlichste, mancherlei Gesprache folgten; doch Wilhelms Aufmerksamkeit blieb auf die Gemalde gerichtet. Der Wirt merkte das Interesse seines Gastes und fing lachelnd an: "Gewiss, Ihr bewundert die Ubereinstimmung dieses Gebaudes mit seinen Bewohnern, die Ihr gestern kennenlerntet. Sie ist aber vielleicht noch sonderbarer, als man vermuten sollte: das Gebaude hat eigentlich die Bewohner gemacht. Denn wenn das Leblose lebendig ist, so kann es auch wohl Lebendiges hervorbringen."
"O ja!" versetzte Wilhelm. "Es sollte mich wundern, wenn der Geist, der vor Jahrhunderten in dieser Bergode so gewaltig wirkte und einen so machtigen Korper von Gebauden, Besitzungen und Rechten an sich zog und dafur mannigfaltige Bildung in der Gegend verbreitete, es sollte mich wundern, wenn er nicht auch aus diesen Trummern noch seine Lebenskraft auf ein lebendiges Wesen ausubte. Lasst uns jedoch nicht im Allgemeinen verharren, macht mich mit Eurer Geschichte bekannt, damit ich erfahre, wie es moglich war, dass ohne Spielerei und Anmassung die Vergangenheit sich wieder in Euch darstellt und das, was voruberging, abermals herantritt."
Eben als Wilhelm belehrende Antwort von den Lippen seines Wirtes erwartete, rief eine freundliche Stimme im Hofe den Namen Joseph. Der Wirt horte darauf und ging nach der Tur.
"Also heisst er auch Joseph!" sagte Wilhelm zu sich selbst. "Das ist doch sonderbar genug und doch eben nicht so sonderbar, als dass er seinen Heiligen im Leben darstellt." Er blickte zu gleicher Zeit nach der Ture und sah die Mutter Gottes von gestern mit dem Manne sprechen. Sie trennten sich endlich: die Frau ging nach der gegenuberstehenden Wohnung. "Marie!" rief er ihr nach, "nur noch ein Wort!" "Also heisst sie auch Marie!" dachte Wilhelm; "es fehlt nicht viel, so fuhle ich mich achtzehnhundert Jahre zuruckversetzt." Er dachte sich das ernsthaft eingeschlossene Tal, in dem er sich befand die Trummer und die Stille, und eine wundersam altertumliche Stimmung uberfiel ihn. Es war Zeit, dass der Wirt und die Kinder hereintraten. Die letztern forderten Wilhelm zu einem Spaziergange auf, indes der Wirt noch einigen Geschaften vorstehen wollte. Nun ging es durch die Ruinen des saulenreichen Kirchengebaudes, dessen hohe Giebel und Wande sich in Wind und Wetter zu befestigen schienen, indessen sich starke Baume von alters her auf den breiten Mauerrucken eingewurzelt hatten und in Gesellschaft von mancherlei Gras, Blumen und Moos kuhn in der Luft hangende Garten vorstellten. Sanfte Wiesenpfade fuhrten einen lebhaften Bach hinan, und von einiger Hohe konnte der Wanderer nun das Gebaude nebst seiner Lage mit so mehr Interesse uberschauen, als ihm dessen Bewohner immer merkwurdiger geworden und durch die Harmonie mit ihrer Umgebung seine lebhafte Neugier erregt hatten.
Man kehrte zuruck und fand in dem frommen Saal einen Tisch gedeckt. Obenan stand ein Lehnsessel, in den sich die Hausfrau niederliess. Neben sich hatte sie einen hohen Korb stehen, in welchem das kleine Kind lag; den Vater sodann zur linken Hand und Wilhelm zur rechten. Die drei Kinder besetzten den untern Raum des Tisches. Eine alte Magd brachte ein wohlzubereitetes Essen. Speise- und Trinkgeschirr deuteten gleichfalls auf vergangene Zeit. Die Kinder gaben Anlass zur Unterhaltung, indessen Wilhelm die Gestalt und das Betragen seiner heiligen Wirtin nicht genugsam beobachten konnte.
Nach Tische zerstreute sich die Gesellschaft; der Wirt fuhrte seinen Gast an eine schattige Stelle der Ruine, wo man von einem erhohten Platze die angenehme Aussicht das Tal hinab vollkommen vor sich hatte und die Berghohen des untern Landes mit ihren fruchtbaren Abhangen und waldigen Rucken hintereinander hinausgeschoben sah. "Es ist billig", sagte der Wirt, "dass ich Ihre Neugierde befriedige, um so mehr, als ich an Ihnen fuhle, dass Sie imstande sind, auch das Wunderliche ernsthaft zu nehmen, wenn es auf einem ernsten Grunde beruht. Diese geistliche Anstalt, von der Sie noch die Reste sehen, war der heiligen Familie gewidmet und vor alters als Wallfahrt wegen mancher Wunder beruhmt. Die Kirche war der Mutter und dem Sohne geweiht. Sie ist schon seit mehreren Jahrhunderten zerstort. Die Kapelle, dem heiligen Pflegevater gewidmet, hat sich erhalten, so auch der brauchbare Teil der Klostergebaude. Die Einkunfte bezieht schon seit geraumen Jahren ein weltlicher Furst, der seinen Schaffner hier oben halt, und der bin ich, Sohn des vorigen Schaffners, der gleichfalls seinem Vater in dieser Stelle nachfolgte.
Der heilige Joseph, obgleich jede kirchliche Verehrung hier oben lange aufgehort hatte, war gegen unsere Familie so wohltatig gewesen, dass man sich nicht verwundern darf, wenn man sich besonders gut gegen ihn gesinnt fuhlte; und daher kam es, dass man mich in der Taufe Joseph nannte und dadurch gewissermassen meine Lebensweise bestimmte. Ich wuchs heran, und wenn ich mich zu meinem Vater gesellte, indem er die Einnahmen besorgte, so schloss ich mich ebenso gern, ja noch lieber an meine Mutter an, welche nach Vermogen gern ausspendete und durch ihren guten Willen und durch ihre Wohltaten im ganzen Gebirge bekannt und geliebt war. Sie schickte mich bald da-, bald dorthin, bald zu bringen, bald zu bestellen, bald zu besorgen, und ich fand mich sehr leicht in diese Art von frommem Gewerbe.
Uberhaupt hat das Gebirgsleben etwas Menschlicheres als das Leben auf dem flachen Lande. Die Bewohner sind einander naher und, wenn man will, auch ferner; die Bedurfnisse geringer, aber dringender. Der Mensch ist mehr auf sich gestellt, seinen Handen, seinen Fussen muss er vertrauen lernen. Der Arbeiter, der Bote, der Lasttrager, alle vereinigen sich in einer Person; auch steht jeder dem andern naher, begegnet ihm ofter und lebt mit ihm in einem gemeinsamen Treiben.
Da ich noch jung war und meine Schultern nicht viel zu schleppen vermochten, fiel ich darauf, einen kleinen Esel mit Korben zu versehen und vor mir her die steilen Fusspfade hinauf und hinab zu treiben. Der Esel ist im Gebirg kein so verachtlich Tier als im flachen Lande, wo der Knecht, der mit Pferden pflugt, sich fur besser halt als den andern, der den Acker mit Ochsen umreisst. Und ich ging um so mehr ohne Bedenken hinter meinem Tiere her, als ich in der Kapelle fruh bemerkt hatte, dass es zur Ehre gelangt war, Gott und seine Mutter zu tragen. Doch war diese Kapelle damals nicht in dem Zustande, in welchem sie sich gegenwartig befindet. Sie ward als ein Schuppen, ja fast wie ein Stall behandelt. Brennholz, Stangen, Geratschaften, Tonnen und Leitern, und was man nur wollte, war ubereinander geschoben. Glucklicherweise, dass die Gemalde so hoch stehen und die Tafelung etwas aushalt. Aber schon als Kind erfreute ich mich besonders, uber alles das Geholz hin und her zu klettern und die Bilder zu betrachten, die mir niemand recht auslegen konnte. Genug, ich wusste, dass der Heilige, dessen Leben oben gezeichnet war, mein Pate sei, und ich erfreute mich an ihm, als ob er mein Onkel gewesen ware. Ich wuchs heran, und weil es eine besondere Bedingung war, dass der, welcher an das eintragliche Schaffneramt Anspruch machen wollte, ein Handwerk ausuben musste, so sollte ich, dem Willen meiner Eltern gemass, welche wunschten, dass kunftig diese gute Pfrunde auf mich erben mochte, ein Handwerk lernen, und zwar ein solches, das zugleich hier oben in der Wirtschaft nutzlich ware.
Mein Vater war Botticher und schaffte alles, was von dieser Arbeit notig war, selbst, woraus ihm und dem Ganzen grosser Vorteil erwuchs. Allein ich konnte mich nicht entschliessen, ihm darin nachzufolgen. Mein Verlangen zog mich unwiderstehlich nach dem Zimmerhandwerke, wovon ich das Arbeitszeug so umstandlich und genau, von Jugend auf, neben meinem Heiligen gemalt gesehen. Ich erklarte meinen Wunsch; man war mir nicht entgegen, um so weniger, als bei so mancherlei Baulichkeiten der Zimmermann oft von uns in Anspruch genommen ward, ja bei einigem Geschick und Liebe zu feinerer Arbeit, besonders in Waldgegenden, die Tischler- und sogar die Schnitzerkunste ganz nahe liegen. Und was mich noch mehr in meinen hohern Aussichten bestarkte, war jenes Gemalde, das leider nunmehr fast ganz verloschen ist. Sobald Sie wissen, was es vorstellen soll, so werden Sie sich's entziffern konnen, wenn ich Sie nachher davor fuhre. Dem heiligen Joseph war nichts Geringeres aufgetragen, als einen Thron fur den Konig Herodes zu machen. Zwischen zwei gegebenen Saulen soll der Prachtsitz aufgefuhrt werden. Joseph nimmt sorgfaltig das Mass von Breite und Hohe und arbeitet einen kostlichen Konigsthron. Aber wie erstaunt ist er, wie verlegen, als er den Prachtsessel herbeischafft: er findet sich zu hoch und nicht breit genug. Mit Konig Herodes war, wie bekannt, nicht zu spassen; der fromme Zimmermeister ist in der grossten Verlegenheit. Das Christkind, gewohnt, ihn uberallhin zu begleiten, ihm in kindlich demutigem Spiel die Werkzeuge nachzutragen, bemerkt seine Not und ist gleich mit Rat und Tat bei der Hand. Das Wunderkind verlangt vom Pflegevater, er solle den Thron an der einen Seite fassen; es greift in die andere Seite des Schnitzwerks, und beide fangen an zu ziehen. Sehr leicht und bequem, als war' er von Leder, zieht sich der Thron in die Breite, verliert verhaltnismassig an der Hohe und passt ganz vortrefflich an Ort und Stelle, zum grossten Troste des beruhigten Meisters und zur vollkommenen Zufriedenheit des Konigs.
Jener Thron war in meiner Jugend noch recht gut zu sehen, und an den Resten der einen Seite werden Sie bemerken konnen, dass am Schnitzwerk nichts gespart war, das freilich dem Maler leichter fallen musste, als es dem Zimmermann gewesen ware, wenn man es von ihm verlangt hatte.
Hieraus zog ich aber keine Bedenklichkeit, sondern ich erblickte das Handwerk, dem ich mich gewidmet hatte, in einem so ehrenvollen Lichte, dass ich nicht erwarten konnte, bis man mich in die Lehre tat; welches um so leichter auszufuhren war, als in der Nachbarschaft ein Meister wohnte, der fur die ganze Gegend arbeitete und mehrere Gesellen und Lehrbursche beschaftigen konnte. Ich blieb also in der Nahe meiner Eltern und setzte gewissermassen mein voriges Leben fort, indem ich Feierstunden und Feiertage zu den wohltatigen Botschaften, die mir meine Mutter aufzutragen fortfuhr, verwendete."
Die Heimsuchung
"So vergingen einige Jahre", fuhr der Erzahler fort. "Ich begriff die Vorteile des Handwerks sehr bald, und mein Korper, durch Arbeit ausgebildet, war imstande, alles zu ubernehmen, was dabei gefordert wurde. Nebenher versah ich meinen alten Dienst, den ich der guten Mutter, oder vielmehr Kranken und Notdurftigen leistete. Ich zog mit meinem Tier durchs Gebirg, verteilte die Ladung punktlich und nahm von Kramern und Kaufleuten ruckwarts mit, was uns hier oben fehlte. Mein Meister war zufrieden mit mir und meine Eltern auch. Schon hatte ich das Vergnugen, auf meinen Wanderungen manches Haus zu sehen, das ich mit aufgefuhrt, das ich verziert hatte. Denn besonders dieses letzte Einkerben der Balken, dieses Einschneiden von gewissen einfachen Formen, dieses Einbrennen zierender Figuren, dieses Rotmalen einiger Vertiefungen, wodurch ein holzernes Berghaus den so lustigen Anblick gewahrt, solche Kunste waren mir besonders ubertragen, weil ich mich am besten aus der Sache zog, der ich immer den Thron Herodes' und seine Zieraten im Sinne hatte.
Unter den hilfsbedurftigen Personen, fur die meine Mutter eine vorzugliche Sorge trug, standen besonders junge Frauen obenan, die sich guter Hoffnung befanden, wie ich nach und nach wohl bemerken konnte, ob man schon in solchen Fallen die Botschaften gegen mich geheimnisvoll zu behandeln pflegte. Ich hatte dabei niemals einen unmittelbaren Auftrag, sondern alles ging durch ein gutes Weib, welche nicht fern das Tal hinab wohnte und Frau Elisabeth genannt wurde. Meine Mutter, selbst in der Kunst erfahren, die so manchen gleich beim Eintritt in das Leben zum Leben rettet, stand mit Frau Elisabeth in fortdauernd gutem Vernehmen, und ich musste oft von allen Seiten horen, dass mancher unserer rustigen Bergbewohner diesen beiden Frauen sein Dasein zu danken habe. Das Geheimnis, womit mich Elisabeth jederzeit empfing, die bundigen Antworten auf meine ratselhaften Fragen, die ich selbst nicht verstand, erregten mir sonderbare Ehrfurcht fur sie, und ihr Haus, das hochst reinlich war, schien mir eine Art von kleinem Heiligtume vorzustellen.
Indessen hatte ich durch meine Kenntnisse und Handwerkstatigkeit in der Familie ziemlichen Einfluss gewonnen. Wie mein Vater als Botticher fur den Keller gesorgt hatte, so sorgte ich nun fur Dach und Fach und verbesserte manchen schadhaften Teil der alten Gebaude. Besonders wusste ich einige verfallene Scheuern und Remisen fur den hauslichen Gebrauch wieder nutzbar zu machen; und kaum war dieses geschehen, als ich meine geliebte Kapelle zu raumen und zu reinigen anfing. In wenigen Tagen war sie in Ordnung, fast wie Ihr sie sehet; wobei ich mich bemuhte, die fehlenden oder beschadigten Teile des Tafelwerks dem Ganzen gleich wiederherzustellen. Auch solltet Ihr diese Flugelturen des Eingangs wohl fur alt genug halten; sie sind aber von meiner Arbeit. Ich habe mehrere Jahre zugebracht, sie in ruhigen Stunden zu schnitzen, nachdem ich sie vorher aus starken eichenen Bohlen im ganzen tuchtig zusammengefugt hatte. Was bis zu dieser Zeit von Gemalden nicht beschadigt oder verloschen war, hat sich auch noch erhalten, und ich half dem Glasmeister bei einem neuen Bau, mit der Bedingung, dass er bunte Fenster herstellte.
Hatten jene Bilder und die Gedanken an das Leben des Heiligen meine Einbildungskraft beschaftigt, so druckte sich, das alles nur viel lebhafter bei mir ein, als ich den Raum wieder fur ein Heiligtum ansehen, darin, besonders zur Sommerszeit, verweilen und uber das, was ich sah oder vermutete, mit Musse nachdenken konnte. Es lag eine unwiderstehliche Neigung in mir, diesem Heiligen nachzufolgen; und da sich ahnliche Begebenheiten nicht leicht herbeirufen liessen, so wollte ich wenigstens von unten auf anfangen, ihm zu gleichen: wie ich denn wirklich durch den Gebrauch des lastbaren Tiers schon lange begonnen hatte. Das kleine Geschopf, dessen ich mich bisher bedient, wollte mir nicht mehr genugen; ich suchte mir einen viel stattlicheren Trager aus, sorgte fur einen wohlgebauten Sattel, der zum Reiten wie zum Packen gleich bequem war. Ein paar neue Korbe wurden angeschafft, und ein Netz von bunten Schnuren, Flocken und Quasten, mit klingenden Metallstiften untermischt, zierte den Hals des langohrigen Geschopfs, das sich nun bald neben seinem Musterbilde an der Wand zeigen durfte. Niemanden fiel ein, uber mich zu spotten, wenn ich in diesem Aufzuge durchs Gebirge kam: denn man erlaubt ja gern der Wohltatigkeit eine wunderliche Aussenseite.
Indessen hatte sich der Krieg, oder vielmehr die Folge desselben, unserer Gegend genahert, indem verschiedenemal gefahrliche Rotten von verlaufenem Gesindel sich versammelten und hie und da manche Gewalttatigkeit, manchen Mutwillen ausubten. Durch die gute Anstalt der Landmiliz, durch Streifungen und augenblickliche Wachsamkeit wurde dem Ubel zwar bald gesteuert; doch verfiel man zu geschwind wieder in Sorglosigkeit, und ehe man sich's versah, brachen wieder neue Ubeltaten hervor.
Lange war es in unserer Gegend still gewesen, und ich zog mit meinem Saumrosse ruhig die gewohnten Pfade, bis ich eines Tages uber die frisch besate Waldblosse kam und an dem Rande des Hegegrabens eine weibliche Gestalt sitzend oder vielmehr liegend fand. Sie schien zu schlafen oder ohnmachtig zu sein. Ich bemuhte mich um sie, und als sie ihre schonen Augen aufschlug und sich in die Hohe richtete, rief sie mit Lebhaftigkeit aus: 'Wo ist er? habt Ihr ihn gesehen?' Ich fragte: 'Wen?' Sie versetzte: 'Meinen Mann!' Bei ihrem hochst jugendlichen Ansehen war mir diese Antwort unerwartet; doch fuhr ich nur um desto lieber fort, ihr beizustehen und sie meiner Teilnahme zu versichern. Ich vernahm, dass die beiden Reisenden sich wegen der beschwerlichen Fuhrwege von ihrem Wagen entfernt gehabt, um einen nahern Fussweg einzuschlagen. In der Nahe seien sie von Bewaffneten uberfallen worden, ihr Mann habe sich fechtend entfernt, sie habe ihm nicht weit folgen konnen und sei an dieser Stelle liegengeblieben, sie wisse nicht wie lange. Sie bitte mich instandig, sie zu verlassen und ihrem Manne nachzueilen. Sie richtete sich auf ihre Fusse, und die schonste, liebenswurdigste Gestalt stand vor mir; doch konnte ich leicht bemerken, dass sie sich in einem Zustande befinde, in welchem sie die Beihulfe meiner Mutter und der Frau Elisabeth wohl bald bedurfen mochte. Wir stritten uns eine Weile: denn ich verlangte, sie erst in Sicherheit zu bringen; sie verlangte zuerst Nachricht von ihrem Manne. Sie wollte sich von seiner Spur nicht entfernen, und alle meine Vorstellungen hatten vielleicht nicht gefruchtet, wenn nicht eben ein Kommando unserer Miliz, welche durch die Nachricht von neuen Ubeltaten rege geworden war, sich durch den Wald her bewegt hatte. Diese wurden unterrichtet, mit ihnen das Notige verabredet, der Ort des Zusammentreffens bestimmt und so fur diesmal die Sache geschlichtet. Geschwind versteckte ich meine Korbe in eine benachbarte Hohle, die mir schon ofters zur Niederlage gedient hatte, richtete meinen Sattel zum bequemen Sitz und hob, nicht ohne eine sonderbare Empfindung, die schone Last auf mein williges Tier, das die gewohnten Pfade sogleich von selbst zu finden wusste und mir Gelegenheit gab, nebenher zu gehen.
Ihr denkt, ohne dass ich es weitlaufig beschreibe, wie wunderlich mir zumute war. Was ich so lange gesucht, hatte ich wirklich gefunden. Es war mir, als wenn ich traumte, und dann gleich wieder, als ob ich aus einem Traume erwachte. Diese himmlische Gestalt, wie ich sie gleichsam in der Luft schweben und vor den grunen Baumen sich her bewegen sah, kam mir jetzt wie ein Traum vor, der durch jene Bilder in der Kapelle sich in meiner Seele erzeugte. Bald schienen mir jene Bilder nur Traume gewesen zu sein, die sich hier in eine schone Wirklichkeit auflosten. Ich fragte sie manches, sie antwortete mir sanft und gefallig, wie es einer anstandig Betrubten ziemt. Oft bat sie mich, wenn wir auf eine entblosste Hohe kamen, stillezuhalten, mich umzusehen, zu horchen. Sie bat mich mit solcher Anmut, mit einem solchen tief wunschenden Blick unter ihren langen schwarzen Augenwimpern hervor, dass ich alles tun musste, was nur moglich war; ja ich erkletterte eine freistehende, hohe, astlose Fichte. Nie war mir dieses Kunststuck meines Handwerks willkommener gewesen; nie hatte ich mit mehr Zufriedenheit von ahnlichen Gipfeln, bei Festen und Jahrmarkten, Bander und seidene Tucher heruntergeholt. Doch kam ich diesesmal leider ohne Ausbeute; auch oben sah und horte ich nichts. Endlich rief sie selbst mir, herabzukommen, und winkte gar lebhaft mit der Hand; ja, als ich endlich beim Herabgleiten mich in ziemlicher Hohe losliess und heruntersprang, tat sie einen Schrei, und eine susse Freundlichkeit verbreitete sich uber ihr Gesicht, da sie mich unbeschadigt vor sich sah.
Was soll ich Euch lange von den hundert Aufmerksamkeiten unterhalten, womit ich ihr den ganzen Weg uber angenehm zu werden, sie zu zerstreuen suchte. Und wie konnte ich es auch! denn das ist eben die Eigenschaft der wahren Aufmerksamkeit, dass sie im Augenblick das Nichts zu Allem macht. Fur mein Gefuhl waren die Blumen, die ich ihr brach, die fernen Gegenden, die ich ihr zeigte, die Berge, die Walder, die ich ihr nannte, so viel kostbare Schatze, die ich ihr zuzueignen dachte, um mich mit ihr in Verhaltnis zu setzen, wie man es durch Geschenke zu tun sucht.
Schon hatte sie mich fur das ganze Leben gewonnen, als wir in dem Orte vor der Ture jener guten Frau anlangten und ich schon eine schmerzliche Trennung vor mir sah. Nochmals durchlief ich ihre ganze Gestalt, und als meine Augen an den Fuss herabkamen, buckte ich mich, als wenn ich etwas am Gurte zu tun hatte, und kusste den niedlichsten Schuh, den ich in meinem Leben gesehen hatte, doch ohne dass sie es merkte. Ich half ihr herunter, sprang die Stufen hinauf und rief in die Hausture: 'Frau Elisabeth, Ihr werdet heimgesucht!' Die Gute trat hervor, und ich sah ihr uber die Schultern zum Hause hinaus, wie das schone Wesen die Stufen heraufstieg, mit anmutiger Trauer und innerlichem schmerzlichen Selbstgefuhl, dann meine wurdige Alte freundlich umarmte und sich von ihr in das bessere Zimmer leiten liess. Sie schlossen sich ein, und ich stand bei meinem Esel vor der Tur, wie einer, der kostbare Waren abgeladen hat und wieder ein ebenso armer Treiber ist als vorher."
Der Lilienstengel
"Ich zauderte noch, mich zu entfernen, denn ich war unschlussig, was ich tun sollte, als Frau Elisabeth unter die Ture trat und mich ersuchte, meine Mutter zu ihr zu berufen, alsdann umherzugehen und wo moglich von dem Manne Nachricht zu geben. 'Marie lasst Euch gar sehr darum ersuchen', sagte sie. 'Kann ich sie nicht noch einmal selbst sprechen?' versetzte ich. 'Das geht nicht an', sagte Frau Elisabeth, und wir trennten uns. In kurzer Zeit erreichte ich unsere Wohnung; meine Mutter war bereit, noch diesen Abend hinabzugehen und der jungen Fremden hulfreich zu sein. Ich eilte nach dem Lande hinunter und hoffte, bei dem Amtmann die sichersten Nachrichten zu erhalten. Allein er war noch selbst in Ungewissheit, und weil er mich kannte, hiess er mich die Nacht bei ihm verweilen. Sie ward mir unendlich lang, und immer hatte ich die schone Gestalt vor Augen, wie sie auf dem Tiere schwankte und so schmerzhaft freundlich zu mir heruntersah. Jeden Augenblick hofft' ich auf Nachricht. Ich gonnte und wunschte dem guten Ehemann das Leben, und doch mochte ich sie mir so gern als Witwe denken. Das streifende Kommando fand sich nach und nach zusammen, und nach mancherlei abwechselnden Geruchten zeigte sich endlich die Gewissheit, dass der Wagen gerettet, der ungluckliche Gatte aber an seinen Wunden in dem benachbarten Dorfe gestorben sei. Auch vernahm ich, dass nach der fruheren Abrede einige gegangen waren, diese Trauerbotschaft der Frau Elisabeth zu verkundigen. Also hatte ich dort nichts mehr zu tun noch zu leisten, und doch trieb mich eine unendliche Ungeduld, ein unermessliches Verlangen durch Berg und Wald wieder vor ihre Ture. Es war Nacht, das Haus verschlossen, ich sah Licht in den Zimmern, ich sah Schatten sich an den Vorhangen bewegen, und so sass ich gegenuber auf einer Bank, immer im Begriff anzuklopfen und immer von mancherlei Betrachtungen zuruckgehalten.
Jedoch was erzahl' ich umstandlich weiter, was eigentlich kein Interesse hat. Genug, auch am folgenden Morgen nahm man mich nicht ins Haus auf. Man wusste die traurige Nachricht, man bedurfte meiner nicht mehr; man schickte mich zu meinem Vater, an meine Arbeit; man antwortete nicht auf meine Fragen; man wollte mich los sein.
Acht Tage hatte man es so mit mir getrieben, als mich endlich Frau Elisabeth hereinrief. 'Tretet sachte auf, mein Freund', sagte sie, 'aber kommt getrost naher!' Sie fuhrte mich in ein reinliches Zimmer, wo ich in der Ecke durch halbgeoffnete Bettvorhange meine Schone aufrecht sitzen sah. Frau Elisabeth trat zu ihr, gleichsam um mich zu melden, hub etwas vom Bette auf und brachte mir's entgegen: in das weisseste Zeug gewickelt den schonsten Knaben. Frau Elisabeth hielt ihn gerade zwischen mich und die Mutter, und auf der Stelle fiel mir der Lilienstengel ein, der sich auf dem Bilde zwischen Maria und Joseph als Zeuge eines reinen Verhaltnisses aus der Erde hebt. Von dem Augenblicke an war mir aller Druck vom Herzen genommen; ich war meiner Sache, ich war meines Glucks gewiss. Ich konnte mit Freiheit zu ihr treten, mit ihr sprechen, ihr himmlisches Auge ertragen, den Knaben auf den Arm nehmen und ihm einen herzlichen Kuss auf die Stirn drucken.
'Wie danke ich Euch fur Eure Neigung zu diesem verwaisten Kinde!' sagte die Mutter. Unbedachtsam und lebhaft rief ich aus: 'Es ist keine Waise mehr, wenn Ihr wollt!'
Frau Elisabeth, kluger als ich, nahm mir das Kind ab und wusste mich zu entfernen.
Noch immer dient mir das Andenken jener Zeit zur glucklichsten Unterhaltung, wenn ich unsere Berge und Taler zu durchwandern genotigt bin. Noch weiss ich mir den kleinsten Umstand zuruckzurufen, womit ich Euch jedoch, wie billig, verschone. Wochen gingen voruber; Maria hatte sich erholt, ich konnte sie ofter sehen, mein Umgang mit ihr war eine Folge von Diensten und Aufmerksamkeiten. Ihre Familienverhaltnisse erlaubten ihr einen Wohnort nach Belieben. Erst verweilte sie bei Frau Elisabeth; dann besuchte sie uns, meiner Mutter und mir fur so vielen und freundlichen Beistand zu danken. Sie gefiel sich bei uns, und ich schmeichelte mir, es geschehe zum Teil um meinetwillen. Was ich jedoch so gern gesagt hatte und nicht zu sagen wagte, kam auf eine sonderbare und liebliche Weise zur Sprache, als ich sie in die Kapelle fuhrte, die ich schon damals zu einem wohnbaren Saal umgeschaffen hatte. Ich zeigte und erklarte ihr die Bilder, eins nach dem andern, und entwickelte dabei die Pflichten eines Pflegevaters auf eine so lebendige und herzliche Weise, dass ihr die Tranen in die Augen traten und ich mit meiner Bilderdeutung nicht zu Ende kommen konnte. Ich glaubte ihrer Neigung gewiss zu sein, ob ich gleich nicht stolz genug war, das Andenken ihres Mannes so schnell ausloschen zu wollen. Das Gesetz verpflichtet die Witwen zu einem Trauerjahre, und gewiss ist eine solche Epoche, die den Wechsel aller irdischen Dinge in sich begreift, einem fuhlenden Herzen notig, um die schmerzlichen Eindrucke eines grossen Verlustes zu mildern. Man sieht die Blumen welken und die Blatter fallen, aber man sieht auch Fruchte reifen und neue Knospen keimen. Das Leben gehort den Lebendigen an, und wer lebt, muss auf Wechsel gefasst sein.
Ich sprach nun mit meiner Mutter uber die Angelegenheit, die mir so sehr am Herzen lag. Sie entdeckte mir darauf, wie schmerzlich Marien der Tod ihres Mannes gewesen und wie sie sich ganz allein durch den Gedanken, dass sie fur das Kind leben musse, wieder aufgerichtet habe. Meine Neigung war den Frauen nicht unbekannt geblieben, und schon hatte sich Marie an die Vorstellung gewohnt, mit uns zu leben. Sie verweilte noch eine Zeitlang in der Nachbarschaft; dann zog sie zu uns herauf, und wir lebten noch eine Weile in dem frommsten und glucklichsten Brautstande. Endlich verbanden wir uns. Jenes erste Gefuhl, das uns zusammengefuhrt hatte, verlor sich nicht. Die Pflichten und Freuden des Pflegevaters und Vaters vereinigten sich; und so uberschritt zwar unsere kleine Familie, indem sie sich vermehrte, ihr Vorbild an Zahl der Personen, aber die Tugenden jenes Musterbildes an Treue und Reinheit der Gesinnungen wurden von uns heilig bewahrt und geubt. Und so erhalten wir auch mit freundlicher Gewohnheit den aussern Schein, zu dem wir zufallig gelangt und der so gut zu unserm Innern passt: denn ob wir gleich alle gute Fussganger und rustige Trager sind, so bleibt das lastbare Tier doch immer in unserer Gesellschaft, um eine oder die andere Burde fortzubringen, wenn uns ein Geschaft oder Besuch durch diese Berge und Taler notigt. Wie Ihr uns gestern angetroffen habt, so kennt uns die ganze Gegend, und wir sind stolz darauf, dass unser Wandel von der Art ist, um jenen heiligen Namen und Gestalten, zu deren Nachahmung wir uns bekennen, keine Schande zu machen."
Drittes Kapitel
Wilhelm an Natalien
Soeben schliesse ich eine angenehme, halb wunderbare Geschichte, die ich fur dich aus dem Munde eines gar wackern Mannes aufgeschrieben habe. Wenn es nicht ganz seine Worte sind, wenn ich hie und da meine Gesinnungen bei Gelegenheit der seinigen ausgedruckt habe, so war es bei der Verwandtschaft, die ich hier mit ihm fuhlte, ganz naturlich. Jene Verehrung seines Weibes, gleicht sie nicht derjenigen, die ich fur dich empfinde? und hat nicht selbst das Zusammentreffen dieser beiden Liebenden etwas Ahnliches mit dem unsrigen? Dass er aber glucklich genug ist, neben dem Tiere herzugehen, das die doppelt schone Burde tragt, dass er mit seinem Familienzug abends in das alte Klostertor eindringen kann, dass er unzertrennlich von seiner Geliebten, von den Seinigen ist, daruber darf ich ihn wohl im stillen beneiden. Dagegen darf ich nicht einmal mein Schicksal beklagen, weil ich dir zugesagt habe, zu schweigen und zu dulden, wie du es auch ubernommen hast.
Gar manchen schonen Zug des Zusammenseins dieser frommen und heitern Menschen muss ich ubergehen: denn wie liesse sich alles schreiben! Einige Tage sind mir angenehm vergangen, aber der dritte mahnt mich nun, auf meinen weitern Weg bedacht zu sein.
Mit Felix hatte ich heut einen kleinen Handel: denn er wollte fast mich notigen, einen meiner guten Vorsatze zu ubertreten, die ich dir angelobt habe. Ein Fehler, ein Ungluck, ein Schicksal ist mir's nun einmal, dass sich, ehe ich mich's versehe, die Gesellschaft um mich vermehrt, dass ich mir eine neue Burde auflade, an der ich nachher zu tragen und zu schleppen habe. Nun soll auf meiner Wanderschaft kein Dritter uns ein bestandiger Geselle werden. Wir wollen und sollen zu zwei sein und bleiben, und eben schien sich ein neues, eben nicht erfreuliches Verhaltnis anknupfen zu wollen.
Zu den Kindern des Hauses, mit denen Felix sich spielend diese Tage her ergotzte, hatte sich ein kleiner, munterer, armer Junge gesellt, der sich eben brauchen und missbrauchen liess, wie es gerade das Spiel mit sich brachte, und sich sehr geschwind bei Felix in Gunst setzte. Und ich merkte schon an allerlei Ausserungen, dass dieser sich einen Gespielen fur den nachsten Weg auserkoren hatte. Der Knabe ist hier in der Gegend bekannt, wird wegen seiner Munterkeit uberall geduldet und empfangt gelegentlich ein Almosen. Mir aber gefiel er nicht, und ich ersuchte den Hausherrn, ihn zu entfernen. Das geschah auch, aber Felix war unwillig daruber, und es gab eine kleine Szene.
Bei dieser Gelegenheit macht' ich eine Entdeckung, die mir angenehm war. In der Ecke der Kapelle oder des Saals stand ein Kasten mit Steinen, welchen Felix, der seit unserer Wanderung durchs Gebirg eine gewaltsame Neigung zum Gestein bekommen, eifrig hervorzog und durchsuchte. Es waren schone, in die Augen fallende Dinge darunter. Unser Wirt sagte, das Kind konne sich auslesen, was es wolle. Es sei dieses Gestein uberblieben von einer grossen Masse, die ein Fremder vor kurzem von hier weggesendet. Er nannte ihn Montan, und du kannst denken, dass ich mich freute, diesen Namen zu horen, unter dem einer von unsern besten Freunden reist, dem wir so manches schuldig sind. Indem ich nach Zeit und Umstanden fragte, kann ich hoffen, ihn auf meiner Wanderung bald zu treffen. Die Nachricht, dass Montan sich in der Nahe befinde, hatte Wilhelmen nachdenklich gemacht. Er uberlegte, dass es nicht bloss dem Zufall zu uberlassen sei, ob er einen so werten Freund wiedersehen solle, und erkundigte sich daher bei seinem Wirte, ob man nicht wisse, wohin dieser Reisende seinen Weg gerichtet habe. Niemand hatte davon nahere Kenntnis, und schon war Wilhelm entschlossen, seine Wanderung nach dem ersten Plane fortzusetzen, als Felix ausrief: "Wenn der Vater nicht so eigen ware, wir wollten Montan schon finden." "Auf welche Weise?" fragte Wilhelm. Felix versetzte: "Der kleine Fitz sagte gestern, er wolle den Herrn wohl aufspuren, der schone Steine bei sich habe und sich auch gut darauf verstunde." Nach einigem Hin- und Widerreden entschloss sich Wilhelm zuletzt, den Versuch zu machen und dabei auf den verdachtigen Knaben desto mehr Acht zu geben. Dieser war bald gefunden und brachte, da er vernahm, worauf es abgesehen sei, Schlegel und Eisen und einen tuchtigen Hammer nebst einem Sackchen mit und lief in seiner bergmannischen Tracht munter vorauf.
Der Weg ging seitwarts abermals bergauf. Die Kinder sprangen miteinander von Fels zu Fels, uber Stock und Stein, uber Bach und Quelle, und ohne einen Pfad vor sich zu haben, drang Fitz, bald rechts bald links blickend, eilig hinauf. Da Wilhelm und besonders der bepackte Bote nicht so schnell folgten, so machten die Knaben den Weg mehrmals vor- und ruckwarts und sangen und pfiffen. Die Gestalt einiger fremden Baume erregte die Aufmerksamkeit des Felix, der nunmehr mit den Larchen- und Zirbelbaumen zuerst Bekanntschaft machte und von den wunderbaren Genzianen angezogen ward. Und so fehlte es der beschwerlichen Wanderung von einer Stelle zur andern nicht an Unterhaltung.
Der kleine Fitz stand auf einmal still und horchte. Er winkte die andern herbei: "Hort ihr pochen?" sprach er. "Es ist der Schall eines Hammers, der den Fels trifft." "Wir horen's", versetzten die andern. "Das ist Montan!" sagte er, "oder jemand, der uns von ihm Nachricht geben kann." Als sie dem Schalle nachgingen, der sich von Zeit zu Zeit wiederholte, trafen sie auf eine Waldblosse und sahen einen steilen, hohen, nackten Felsen uber alles hervorragen, die hohen Walder selbst tief unter sich lassend. Auf dem Gipfel erblickten sie eine Person. Sie stand zu entfernt, um erkannt zu werden. Sogleich machten sich die Kinder auf, die schroffen Pfade zu erklettern. Wilhelm folgte mit einiger Beschwerlichkeit, ja Gefahr: denn wer zuerst einen Felsen hinaufsteigt, geht immer sicherer, weil er sich die Gelegenheit aussucht; einer, der nachfolgt, sieht nur, wohin jener gelangt ist, aber nicht wie. Die Knaben erreichten bald den Gipfel, und Wilhelm vernahm ein lautes Freudengeschrei. "Es ist Jarno!" rief Felix seinem Vater entgegen, und Jarno trat sogleich an eine schroffe Stelle, reichte seinem Freunde die Hand und zog ihn aufwarts. Sie umarmten und bewillkommten sich in der freien Himmelsluft mit Entzucken.
Kaum aber hatten sie sich losgelassen, als Wilhelm ein Schwindel uberfiel, nicht sowohl um seinetwillen, als weil er die Kinder uber dem ungeheuren Abgrunde hangen sah. Jarno bemerkte es und hiess alle sogleich niedersitzen. "Es ist nichts naturlicher", sagte er, "als dass uns vor einem grossen Anblick schwindelt, vor dem wir uns unerwartet befinden, um zugleich unsere Kleinheit und unsere Grosse zu fuhlen. Aber es ist ja uberhaupt kein echter Genuss als da, wo man erst schwindeln muss."
"Sind denn das da unten die grossen Berge, uber die wir gestiegen sind?" fragte Felix. "Wie klein sehen sie aus! Und hier", fuhr er fort, indem er ein Stuckchen Stein vom Gipfel losloste, "ist ja schon das Katzengold wieder; das ist ja wohl uberall?" "Es ist weit und breit", versetzte Jarno; "und da du nach solchen Dingen fragst, so merke dir, dass du gegenwartig auf dem altesten Gebirge, auf dem fruhesten Gestein dieser Welt sitzest." "Ist denn die Welt nicht auf einmal gemacht?" fragte Felix. "Schwerlich", versetzte Montan; "gut Ding will Weile haben." "Da unten ist also wieder anderes Gestein", sagte Felix, "und dort wieder anderes, und immer wieder anderes!" indem er von den nachsten Bergen auf die entfernteren und so in die Ebene hinab wies.
Es war ein sehr schoner Tag, und Jarno liess sie die herrliche Aussicht im einzelnen betrachten. Noch standen hie und da mehrere Gipfel, dem ahnlich, worauf sie sich befanden. Ein mittleres Gebirg schien heranzustreben, aber erreichte noch lange die Hohe nicht. Weiter hin verflachte es sich immer mehr, doch zeigten sich wieder seltsam vorspringende Gestalten. Endlich wurden auch in der Ferne die Seen, die Flusse sichtbar, und eine fruchtreiche Gegend schien sich wie ein Meer auszubreiten. Zog sich der Blick wieder zuruck, so drang er in schauerliche Tiefen, von Wasserfallen durchrauscht, labyrinthisch miteinander zusammenhangend.
Felix ward des Fragens nicht mude und Jarno gefallig genug, ihm jede Frage zu beantworten; wobei jedoch Wilhelm zu bemerken glaubte, dass der Lehrer nicht durchaus wahr und aufrichtig sei. Daher, als die unruhigen Knaben weiterkletterten, sagte Wilhelm zu seinem Freunde: "Du hast mit dem Kinde uber diese Sachen nicht gesprochen, wie du mit dir selber daruber sprichst." "Das ist auch eine starke Forderung", versetzte Jarno. "Spricht man ja mit sich selbst nicht immer, wie man denkt, und es ist Pflicht, andern nur dasjenige zu sagen, was sie aufnehmen konnen. Der Mensch versteht nichts, als was ihm gemass ist. Die Kinder an der Gegenwart festzuhalten, ihnen eine Benennung, eine Bezeichnung zu uberliefern, ist das Beste, was man tun kann. Sie fragen ohnehin fruh genug nach den Ursachen."
"Es ist ihnen nicht zu verdenken", versetzte Wilhelm. "Die Mannigfaltigkeit der Gegenstande verwirrt jeden, und es ist bequemer, anstatt sie zu entwickeln, geschwind zu fragen: woher? und wohin?" "Und doch kann man", sagte Jarno, "da Kinder die Gegenstande nur oberflachlich sehen, mit ihnen vom Werden und vom Zweck auch nur oberflachlich reden." "Die meisten Menschen", erwiderte Wilhelm, "bleiben lebenslanglich in diesem Falle und erreichen nicht jene herrliche Epoche, in der uns das Fassliche gemein und albern vorkommt." "Man kann sie wohl herrlich nennen", versetzte Jarno, "denn es ist ein Mittelzustand zwischen Verzweiflung und Vergotterung." "Lass uns bei dem Knaben verharren", sagte Wilhelm, "der mir nun vor allem angelegen ist. Er hat nun einmal Freude an dem Gestein gewonnen, seitdem wir auf der Reise sind. Kannst du mir nicht so viel mitteilen, dass ich ihm, wenigstens auf eine Zeit, genugtue?" "Das geht nicht an", sagte Jarno. "In einem jeden neuen Kreise muss man zuerst wieder als Kind anfangen, leidenschaftliches Interesse auf die Sache werfen, sich erst an der Schale freuen, bis man zu dem Kerne zu gelangen das Gluck hat."
"So sage mir denn", versetzte Wilhelm, "wie bist du zu diesen Kenntnissen und Einsichten gelangt? denn es ist doch so lange noch nicht her, dass wir auseinandergingen!" "Mein Freund", versetzte Jarno, "wir mussten uns resignieren, wo nicht fur immer, doch fur eine gute Zeit. Das erste, was einem tuchtigen Menschen unter solchen Umstanden einfallt, ist, ein neues Leben zu beginnen. Neue Gegenstande sind ihm nicht genug: diese taugen nur zur Zerstreuung; er fordert ein neues Ganze und stellt sich gleich in dessen Mitte." "Warum denn aber", fiel Wilhelm ihm ein, "gerade dieses Allerseltsamste, diese einsamste aller Neigungen?" "Eben deshalb", rief Jarno, "weil sie einsiedlerisch ist. Die Menschen wollt' ich meiden. Ihnen ist nicht zu helfen, und sie hindern uns, dass man sich selbst hilft. Sind sie glucklich, so soll man sie in ihren Albernheiten gewahren lassen; sind sie unglucklich, so soll man sie retten, ohne diese Albernheiten anzutasten; und niemand fragt jemals, ob du glucklich oder unglucklich bist." "Es steht noch nicht so ganz schlimm mit ihnen", versetzte Wilhelm lachelnd. "Ich will dir dein Gluck nicht absprechen", sagte Jarno. "Wandre nur hin, du zweiter Diogenes! Lass dein Lampchen am hellen Tage nicht verloschen! Dort hinabwarts liegt eine neue Welt vor dir; aber ich will wetten, es geht darin zu wie in der alten hinter uns. Wenn du nicht kuppeln und Schulden bezahlen kannst, so bist du unter ihnen nichts nutze." "Unterhaltender scheinen sie mir doch", versetzte Wilhelm, "als deine starren Felsen." "Keineswegs", versetzte Jarno, "denn diese sind wenigstens nicht zu begreifen." "Du suchst eine Ausrede", versetzte Wilhelm, "denn es ist nicht in deiner Art, dich mit Dingen abzugeben, die keine Hoffnung ubriglassen, sie zu begreifen. Sei aufrichtig und sage mir, was du an diesen kalten und starren Liebhabereien gefunden hast?" "Das ist schwer von jeder Liebhaberei zu sagen, besonders von dieser." Dann besann er sich einen Augenblick und sprach: "Buchstaben mogen eine schone Sache sein, und doch sind sie unzulanglich, die Tone auszudrucken; Tone konnen wir nicht entbehren, und doch sind sie bei weitem nicht hinreichend, den eigentlichen Sinn verlauten zu lassen; am Ende kleben wir am Buchstaben und am Ton und sind nicht besser dran, als wenn wir sie ganz entbehrten; was wir mitteilen, was uns uberliefert wird, ist immer nur das Gemeinste, der Muhe gar nicht wert."
"Du willst mir ausweichen", sagte der Freund; "denn was soll das zu diesen Felsen und Zacken?" "Wenn ich nun aber", versetzte jener, "eben diese Spalten und Risse als Buchstaben behandelte, sie zu entziffern suchte, sie zu Worten bildete und sie fertig zu lesen lernte, hattest du etwas dagegen?" "Nein, aber es scheint mir ein weitlaufiges Alphabet." "Enger, als du denkst; man muss es nur kennen lernen wie ein anderes auch. Die Natur hat nur eine Schrift, und ich brauche mich nicht mit so vielen Kritzeleien herumzuschleppen. Hier darf ich nicht furchten, wie wohl geschieht, wenn ich mich lange und liebevoll mit einem Pergament abgegeben habe, dass ein scharfer Kritikus kommt und mir versichert, das alles sei nur untergeschoben." Lachelnd versetzte der Freund: "Und doch wird man auch hier deine Lesarten streitig machen." "Eben deswegen", sagte jener, "red' ich mit niemenden daruber und mag auch mit dir, eben weil ich dich liebe, das schlechte Zeug von oden Worten nicht weiter wechseln und betrieglich austauschen."
Viertes Kapitel
Beide Freunde waren, nicht ohne Sorgfalt und Muhe, herabgestiegen, um die Kinder zu erreichen, die sich unten an einem schattigen Orte gelagert hatten. Fast eifriger als der Mundvorrat wurden die gesammelten Steinmuster von Montan und Felix ausgepackt. Der letztere hatte viel zu fragen, der erstere viel zu benennen. Felix freute sich, dass jener die Namen von allen wisse, und behielt sie schnell im Gedachtnis. Endlich brachte er noch einen hervor und fragte: "Wie heisst denn dieser?" Montan betrachtete ihn mit Verwunderung und sagte: "Wo habt ihr den her?" Fitz antwortete schnell: "Ich habe ihn gefunden, er ist aus diesem Lande." "Er ist nicht aus dieser Gegend", versetzte Montan. Fitz freute sich, den uberlegenen Mann in einigem Zweifel zu sehen. "Du sollst einen Dukaten haben", sagte Montan, "wenn du mich an die Stelle bringst, wo er ansteht." "Der ist leicht zu verdienen", versetzte Fitz, "aber nicht gleich." "So bezeichne mir den Ort genau, dass ich ihn gewiss finden kann. Das ist aber unmoglich: denn es ist ein Kreuzstein, der von St. Jakob in Compostell kommt und den ein Fremder verloren hat, wenn du ihn nicht gar entwendet hast, da er so wunderbar aussieht." "Gebt Euren Dukaten", sagte Fitz, "dem Reisegefahrten in Verwahrung, und ich will aufrichtig bekennen, wo ich den Stein her habe. In der verfallenen Kirche zu St. Joseph befindet sich ein gleichfalls verfallener Altar. Unter den auseinandergebrochenen obern Steinen desselben entdeckt' ich eine Schicht von diesem Gestein, das jenen zur Grundlage diente, und schlug davon so viel herunter, als ich habhaft werden konnte. Walzte man die obern Steine weg, so wurde gewiss noch viel davon zu finden sein."
"Nimm dein Goldstuck", versetzte Montan, "du verdienst es fur diese Entdeckung. Sie ist artig genug. Man freut sich mit Recht, wenn die leblose Natur ein Gleichnis dessen, was wir lieben und verehren, hervorbringt. Sie erscheint uns in Gestalt einer Sibylle, die ein Zeugnis dessen, was von der Ewigkeit her beschlossen ist und erst in der Zeit wirklich werden soll, zum voraus niederlegt. Hierauf als auf eine wundervolle, heilige Schicht hatten die Priester ihren Altar gegrundet."
Wilhelm, der eine Zeitlang zugehort und bemerkt hatte, dass manche Benennung, manche Bezeichnung wiederkam, wiederholte seinen schon fruher geausserten Wunsch, dass Montan ihm so viel mitteilen moge, als er zum ersten Unterricht des Knaben notig hatte. "Gib das auf", versetzte Montan. "Es ist nichts schrecklicher als ein Lehrer, der nicht mehr weiss, als die Schuler allenfalls wissen sollen. Wer andere lehren will, kann wohl oft das Beste verschweigen, was er weiss, aber er darf nicht halbwissend sein." "Wo sind denn aber so vollkommene Lehrer zu finden?" "Die triffst du sehr leicht", versetzte Montan. "Wo denn?" sagte Wilhelm mit einigem Unglauben. "Da, wo die Sache zu Hause ist, die du lernen willst", versetzte Montan. "Den besten Unterricht zieht man aus vollstandiger Umgebung. Lernst du nicht fremde Sprachen in den Landern am besten, wo sie zu Hause sind? wo nur diese und keine andere weiter dein Ohr beruhrt?" "Und so warst du", fragte Wilhelm, "zwischen den Gebirgen zur Kenntnis der Gebirge gelangt?" "Das versteht sich." "Ohne mit Menschen umzugehen?" fragte Wilhelm. "Wenigstens nur mit Menschen", versetzte jener, "die bergartig waren. Da, wo Pygmaen, angereizt durch Metalladern, den Fels durchwuhlen, das Innere der Erde zuganglich machen und auf alle Weise die schwersten Aufgaben zu losen suchen, da ist der Ort, wo der wissbegierige Denkende seinen Platz nehmen soll. Er sieht handeln, tun, lasst geschehen und erfreut sich des Gegluckten und Missgluckten. Was nutzt, ist nur ein Teil des Bedeutenden. Um einen Gegenstand ganz zu besitzen, zu beherrschen, muss man ihn um sein selbst willen studieren. Indem ich aber vom Hochsten und Letzten spreche, wozu man sich erst spat durch vieles und reiches Gewahrwerden emporhebt, seh' ich die Knaben vor uns, bei denen klingt es ganz anders. Jede Art von Tatigkeit mochte das Kind ergreifen, weil alles leicht aussieht, was vortrefflich ausgeubt wird. Aller Anfang ist schwer! Das mag in einem gewissen Sinne wahr sein; allgemeiner aber kann man sagen: aller Anfang ist leicht, und die letzten Stufen werden am schwersten und seltensten erstiegen."
Wilhelm, der indessen nachgedacht hatte, sagte zu Montan: "Solltest du wirklich zu der Uberzeugung gegriffen haben, dass die samtlichen Tatigkeiten, wie in der Ausubung, so auch im Unterricht zu sondern seien?" "Ich weiss mir nichts anderes noch Besseres", erwiderte jener. "Was der Mensch leisten soll, muss sich als ein zweites Selbst von ihm ablosen, und wie konnte das moglich sein, ware sein erstes Selbst nicht ganz davon durchdrungen?" "Man hat aber doch eine vielseitige Bildung fur vorteilhaft und notwendig gehalten." "Sie kann es auch sein zu ihrer Zeit", versetzte jener; "Vielseitigkeit bereitet eigentlich nur das Element vor, worin der Einseitige wirken kann, dem eben jetzt genug Raum gegeben ist. Ja, es ist jetzo die Zeit der Einseitigkeiten; wohl dem, der es begreift, fur sich und andere in diesem Sinne wirkt. Bei gewissen Dingen versteht sich's durchaus und sogleich. Ube dich zum tuchtigen Violinisten und sei versichert, der Kapellmeister wird dir deinen Platz im Orchester mit Gunst anweisen. Mache ein Organ aus dir und erwarte, was fur eine Stelle dir die Menschheit im allgemeinen Leben wohlmeinend zugestehen werde. Lass uns abbrechen! Wer es nicht glauben will, der gehe seinen Weg, auch der gelingt zuweilen; ich aber sage: von unten hinauf zu dienen, ist uberall notig. Sich auf ein Handwerk zu beschranken, ist das Beste. Fur den geringsten Kopf wird es immer ein Handwerk, fur den besseren eine Kunst, und der beste, wenn er eins tut, tut er alles, oder, um weniger paradox zu sein, in dem einen, was er recht tut, sieht er das Gleichnis von allem, was recht getan wird."
Dieses Gesprach, das wir nur skizzenhaft wiederliefern, verzog sich bis gegen Sonnenuntergang, der, so herrlich er war, doch die Gesellschaft nachdenken liess, wo man die Nacht zubringen wollte. "Unter Dach wusste ich euch nicht zu fuhren", sagte Fitz; "wollt ihr aber bei einem guten alten Kohler, an warmer Statte die Nacht versitzen oder verliegen, so seid ihr willkommen." Und so folgten sie ihm alle durch wundersame Pfade zum stillen Ort, wo sich ein jeder bald einheimisch fuhlen sollte.
In der Mitte eines beschrankten Waldraums lag dampfend und warmend der wohlgewolbte Kohlenmeiler, an der Seite die Hutte von Tannenreisern, ein helles Feuerchen daneben. Man setzte sich, man richtete sich ein. Die Kinder waren sogleich um die Kohlersfrau geschaftig, welche, gastfreundlich bemuht, erhitzte Brotschnitten mit Butter zu tranken und durchziehen zu lassen, kostlich fette Bissen den hungrig Lusternen bereitete.
Indes nun darauf die Knaben durch die kaum erhellten Fichtenstamme Versteckens spielten, wie Wolfe heulten, wie Hunde bellten, so dass auch wohl ein herzhafter Wanderer daruber hatte erschrecken mogen, besprachen sich die Freunde vertraulich uber ihre Zustande. Nun aber gehorte zu den sonderbaren Verpflichtungen der Entsagenden auch die: dass sie, zusammentreffend, weder vom Vergangenen noch Kunftigen sprechen durften, nur das Gegenwartige sollte sie beschaftigen.
Jarno, der von bergmannischen Unternehmungen und den dazu erforderlichen Kenntnissen und Tatfahigkeiten den Sinn voll hatte, trug Wilhelmen auf das genaueste und vollstandigste mit Leidenschaft vor, was er sich alles in beiden Weltteilen von solchen Kunsteinsichten und Fertigkeiten verspreche; wovon sich jedoch der Freund, der immer nur im menschlichen Herzen den wahren Schatz gesucht, kaum einen Begriff machen konnte, vielmehr zuletzt lachelnd erwiderte: "So stehst du ja mit dir selbst im Widerspruch, indem du erst in deinen altern Tagen dasjenige zu treiben anfangst, wozu man von Jugend auf sollte eingeleitet sein." "Keineswegs!" erwiderte jener; "denn eben dass ich in meiner Kindheit bei einem liebenden Oheim, einem hohen Bergbeamten, erzogen wurde, dass ich mit den Pochjungen gross geworden bin, auf dem Berggraben mit ihnen kleine Rindenschiffchen niederfahren liess, das hat mich zuruck in diesen Kreis gefuhrt, wo ich mich nun wieder behaglich und verjungt fuhle. Schwerlich kann dieser Kohlerdampf dir zusagen wie mir, der ich ihn von Kindheit auf als Weihrauch einzuschlurfen gewohnt bin. Ich habe viel in der Welt versucht und immer dasselbe gefunden: in der Gewohnheit ruht das einzige Behagen des Menschen; selbst das Unangenehme, woran wir uns gewohnten, vermissen wir ungern. Ich qualte mich einmal gar lange mit einer Wunde, die nicht heilen wollte, und als ich endlich genas, war es mir hochst unangenehm, als der Chirurg ausblieb, sie nicht mehr verband und das Fruhstuck nicht mehr mit mir einnahm."
"Ich mochte aber doch", versetzte Wilhelm, "meinem Sohn einen freieren Blick uber die Welt verschaffen, als ein beschranktes Handwerk zu geben vermag. Man umgrenze den Menschen, wie man wolle, so schaut er doch zuletzt in seiner Zeit umher; und wie kann er die begreifen, wenn er nicht einigermassen weiss, was vorhergegangen ist. Und musste er nicht mit Erstaunen in jeden Gewurzladen eintreten, wenn er keinen Begriff von den Landern hatte, woher diese unentbehrlichen Seltsamkeiten bis zu ihm gekommen sind?"
"Wozu die Umstande?" versetzte Jarno; "lese er die Zeitungen wie jeder Philister und trinke Kaffee wie jede alte Frau. Wenn du es aber doch nicht lassen kannst und auf eine vollkommene Bildung so versessen bist, so begreif' ich nicht, wie du so blind sein kannst, wie du noch lange suchen magst, wie du nicht siehst, dass du dich ganz in der Nahe einer vortrefflichen Erziehungsanstalt befindest." "In der Nahe?" sagte Wilhelm und schuttelte den Kopf. "Freilich!" versetzte jener; "was siehst du hier?" "Wo denn?" "Grad hier vor der Nase." Jarno streckte seinen Zeigefinger aus und deutete und rief ungeduldig: "Was ist denn das?" "Nun denn!" sagte Wilhelm, "ein Kohlenmeiler; aber was soll das hierzu?" "Gut! endlich! ein Kohlenmeiler! Wie verfahrt man, um ihn anzurichten?" "Man stellt Scheite anund ubereinander." "Wenn das getan ist, was geschieht ferner?" "Wie mir scheint", sagte Wilhelm, "willst du auf sokratische Weise mir die Ehre antun, mir begreiflich zu machen, mich bekennen zu lassen, dass ich ausserst absurd und dickstirnig sei."
"Keineswegs!" versetzte Jarno; "fahre fort, mein Freund, punktlich zu antworten. Also! was geschieht nun, wenn der regelmassige Holzstoss dicht und doch luftig geschichtet worden?" "Nun denn! man zundet ihn an." "Und wenn er nun durchaus entzundet ist, wenn die Flamme durch jede Ritze durchschlagt, wie betragt man sich? lasst man's fortbrennen?" "Keineswegs! man deckt eilig mit Rasen und Erde, mit Kohlengestiebe und was man bei der Hand hat, die durch und durch dringende Flamme zu." "Um sie auszuloschen?" "Keineswegs! um sie zu dampfen." "Und also lasst man ihr so viel Luft als notig, dass sich alles mit Glut durchziehe, damit alles recht gar werde. Alsdann verschliesst man jede Ritze, verhindert jeden Ausbruch, damit ja alles nach und nach in sich selbst verlosche, verkohle, verkuhle, zuletzt auseinandergezogen als verkaufliche Ware an Schmied und Schlosser, an Backer und Koch abgelassen und, wenn es zu Nutzen und Frommen der lieben Christenheit genugsam gedient, als Asche von Wascherinnen und Seifensiedern verbraucht werde."
"Nun", versetzte Wilhelm lachend, "in Bezug auf dieses Gleichnis, wie siehst du dich denn an?" "Das ist nicht schwer zu sagen", erwiderte Jarno, "ich halte mich fur einen alten Kohlenkorb tuchtig buchener Kohlen, dabei aber erlaub' ich mir die Eigenheit, mich nur um mein selbst willen zu verbrennen, deswegen ich denn den Leuten gar wunderlich vorkomme." "Und mich?" sagte Wilhelm, "wie wirst du mich behandeln?" "Jetzt besonders", sagte Jarno, "seh' ich dich an wie einen Wanderstab, der die wunderliche Eigenschaft hat, in jeder Ecke zu grunen, wo man ihn hinstellt, nirgends aber Wurzel zu fassen. Nun male dir das Gleichnis weiter aus und lerne begreifen, wenn weder Forster noch Gartner, weder Kohler noch Tischer, noch irgendein Handwerker aus dir etwas zu machen weiss."
Unter solchem Gesprach nun zog Wilhelm, ich weiss nicht zu welchem Gebrauch, etwas aus dem Busen, das halb wie eine Brieftasche, halb wie ein Besteck aussah und von Montan als ein Altbekanntes angesprochen wurde. Unser Freund leugnete nicht, dass er es als eine Art von Fetisch bei sich trage, in dem Aberglauben, sein Schicksal hange gewissermassen von dessen Besitz ab.
Was es aber gewesen, durfen wir an dieser Stelle dem Leser noch nicht vertrauen, so viel aber mussen wir sagen, dass hieran sich ein Gesprach anknupfte, dessen Resultate sich endlich dahin ergaben, dass Wilhelm bekannte: wie er schon langst geneigt sei, einem gewissen besondern Geschaft, einer ganz eigentlich nutzlichen Kunst sich zu widmen, vorausgesetzt, Montan werde sich bei den Verbundeten dahin verwenden, dass die lastigste aller Lebensbedingungen, nicht langer als drei Tage an einem Orte zu verweilen, baldigst aufgehoben und ihm vergonnt werde, sich zu Erreichung seines Zweckes da oder dort, wie es ihm belieben moge, aufzuhalten. Dies versprach Montan zu bewirken, nachdem jener feierlich angelobt hatte, die vertraulich ausgesprochene Absicht unablassig zu verfolgen und den einmal gefassten Vorsatz auf das treulichste festzuhalten.
Dieses alles ernstlich durchsprechend und einander unablassig erwidernd, waren sie von ihrer Nachtstatte, wo sich eine wunderlich verdachtige Gesellschaft nach und nach versammelt hatte, bei Tagesanbruch aus dem Wald auf eine Blosse gekommen, an der sie einiges Wild antrafen, das besonders dem frohlich auffassenden Felix viel Freude machte. Man bereitete sich zum Scheiden, denn hier deuteten die Pfade nach verschiedenen Himmelsgegenden. Fitz ward nun uber die verschiedenen Richtungen befragt, der aber zerstreut schien und gegen seine Gewohnheit verworrene Antworten gab.
"Du bist uberhaupt ein Schelm", sagte Jarno; "diese Manner heute nacht, die sich um uns herum setzten, kanntest du alle. Es waren Holzhauer und Bergleute, das mochte hingehen, aber die letzten halt' ich fur Schmuggler, fur Wilddiebe, und der lange, ganz letzte, der immer Zeichen in den Sand schrieb und den die andern mit einiger Achtung behandelten, war gewiss ein Schatzgraber, mit dem du unter der Decke spielst."
"Es sind alles gute Leute", liess Fitz sich darauf vernehmen; "sie nahren sich kummerlich, und wenn sie manchmal etwas tun, was die andern verbieten, so sind es arme Teufel, die sich selbst etwas erlauben mussen, nur um zu leben."
Eigentlich aber war der kleine, schelmische Junge, da er Vorbereitungen der Freunde, sich zu trennen, bemerkte, nachdenklich; er uberlegte sich etwas im stillen, denn er stand zweifelhaft, welchem von beiden Teilen er folgen sollte. Er berechnete seinen Vorteil: Vater und Sohn gingen leichtsinnig mit dem Silber um, Jarno aber gar mit dem Golde; diesen nicht loszulassen, hielt er furs beste. Daher ergriff er sogleich eine dargebotene Gelegenheit, und als im Scheiden Jarno zu ihm sagte: "Nun, wenn ich nach St. Joseph komme, will ich sehen, ob du ehrlich bist, ich werde den Kreuzstein und den verfallenen Altar suchen" "Ihr werdet nichts finden", sagte Fitz, "und ich werde doch ehrlich bleiben; der Stein ist dorther, aber ich habe samtliche Stucke weggeschafft und sie hier oben verwahrt. Es ist ein kostbares Gestein, ohne dasselbe lasst sich kein Schatz heben; man bezahlt mir ein kleines Stuck gar teuer. Ihr hattet ganz recht, daher kam meine Bekanntschaft mit dem hagern Manne."
Nun gab es neue Verhandlungen, Fitz verpflichtete sich an Jarno, gegen einen nochmaligen Dukaten, in massiger Entfernung ein tuchtiges Stuck dieses seltenen Minerals zu verschaffen, wogegen er den Gang nach dem Riesenschloss abriet; weil aber dennoch Felix darauf bestand, dem Boten einscharfte, die Reisenden nicht zu tief hineinzulassen, denn niemand finde sich aus diesen Hohlen und Kluften jemals wieder heraus. Man schied, und Fitz versprach, zu guter Zeit in den Hallen des Riesenschlosses wieder einzutreffen.
Der Bote schritt voran, die beiden folgten; jener war aber kaum den Berg eine Strecke hinaufgestiegen, als Felix bemerkte, man gehe nicht den Weg, auf welchen Fitz gedeutet habe. Der Bote versetzte jedoch: "Ich muss es besser wissen! Denn erst in diesen Tagen hat ein gewaltiger Sturm die nachste Waldstrecke niedergesturzt; die kreuzweis ubereinandergeworfenen Baume versperren diesen Weg: folgt mir, ich bring' euch an Ort und Stelle." Felix verkurzte sich den beschwerlichen Pfad durch lebhaften Schritt und Sprung von Fels zu Fels und freute sich uber sein erworbenes Wissen, dass er nun von Granit zu Granit hupfe.
Und so ging es aufwarts, bis er endlich auf zusammengesturzten schwarzen Saulen stehenblieb und auf einmal das Riesenschloss vor Augen sah. Wande von Saulen ragten auf einem einsamen Gipfel hervor, geschlossene Saulenwande bildeten Pforten an Pforten, Gange nach Gangen. Ernstlich warnte der Bote, sich nicht hineinzuverlieren, und an einem sonnigen, uber weite Aussicht gebietenden Flecke, die Aschenspur seiner Vorganger bemerkend, war er geschaftig, ein prasselndes Feuer zu unterhalten. Indem er nun an solchen Stellen eine frugale Kost zu bereiten schon gewohnt war und Wilhelm in der himmelweiten Aussicht von der Gegend naher Erkundigung einzog, durch die er zu wandern gedachte, war Felix verschwunden; er musste sich in die Hohle verloren haben, auf Rufen und Pfeifen antwortete er nicht und kam nicht wieder zum Vorschein.
Wilhelm aber, der, wie es einem Pilger ziemt, auf manche Falle vorbereitet war, brachte aus seiner Jagdtasche einen Knaul Bindfaden hervor, band ihn sorgfaltig fest und vertraute sich dem leitenden Zeichen, an dem er seinen Sohn hineinzufuhren schon die Absicht gehabt hatte. So ging er vorwarts und liess von Zeit zu Zeit sein Pfeifchen erschallen, lange vergebens. Endlich aber erklang aus der Tiefe ein schneidender Pfiff, und bald darauf schaute Felix am Boden aus einer Kluft des schwarzen Gesteines hervor. "Bist du allein?" lispelte bedenklich der Knabe. "Ganz allein!" versetzte der Vater. "Reiche mir Scheite! reiche mir Knuttel!" sagte der Knabe, empfing sie und verschwand, nachdem er angstlich gerufen hatte: "Lass niemand in die Hohle!" Nach einiger Zeit aber tauchte er wieder auf, forderte noch langeres und starkeres Holz. Der Vater harrte sehnlich auf die Losung dieses Ratsels. Endlich erhub sich der Verwegene schnell aus der Spalte und brachte ein Kastchen mit, nicht grosser als ein kleiner Oktavband, von prachtigem altem Ansehn, es schien von Gold zu sein, mit Schmelz geziert. "Stecke es zu dir, Vater, und lass es niemand sehn!" Er erzahlte darauf mit Hast, wie er, aus innerem geheimem Antrieb, in jene Spalte gekrochen sei und unten einen dammerhellen Raum gefunden habe. In demselben stand, wie er sagte, ein grosser eiserner Kasten, zwar nicht verschlossen, dessen Dekkel jedoch nicht zu erheben, kaum zu luften war. Um nun daruber Herr zu werden, habe er die Knuttel verlangt, sie teils als Stutzen unter den Deckel gestellt, teils als Keile dazwischengeschoben, zuletzt habe er den Kasten zwar leer, in einer Ecke desselben jedoch das Prachtbuchlein gefunden. Sie versprachen sich beiderseits deshalb ein tiefes Geheimnis.
Mittag war voruber, etwas hatte man genossen, Fitz war noch nicht, wie er versprochen, gekommen; Felix aber, besonders unruhig, sehnte sich von dem Orte weg, wo der Schatz irdischer oder unterirdischer Wiederforderung ausgesetzt schien. Die Saulen kamen ihm schwarzer, die Hohlen tiefer vor. Ein Geheimnis war ihm aufgeladen, ein Besitz, rechtmassig oder unrechtmassig? sicher oder unsicher? Die Ungeduld trieb ihn von der Stelle, er glaubte die Sorge loszuwerden, wenn er den Platz veranderte.
Sie schlugen den Weg ein nach jenen ausgedehnten Gutern des grossen Landbesitzers, von dessen Reichtum und Sonderbarkeiten man ihnen so viel erzahlt hatte. Felix sprang nicht mehr wie am Morgen, und alle drei gingen stundenlang vor sich hin. Einigemal wollt' er das Kastchen sehn, der Vater, auf den Boten hindeutend, wies ihn zur Ruhe. Nun war er voll Verlangen, Fitz moge kommen. Dann scheute er sich wieder vor dem Schelmen; bald pfiff er, um ein Zeichen zu geben, dann reute ihn schon, es getan zu haben, und so dauerte das Schwanken immerfort bis Fitz endlich sein Pfeifchen aus der Ferne horen liess. Er entschuldigte sein Aussenbleiben vom Riesenschlosse, er habe sich mit Jarno verspatet, der Windbruch habe ihn gehindert; dann forschte er genau, wie es ihnen zwischen Saulen und Hohlen gegangen sei? Wie tief sie vorgedrungen? Felix erzahlte ihm ein Marchen uber das andere, halb ubermutig, halb verlegen; er sah den Vater lachelnd an, zupfte ihn verstohlen und tat alles mogliche, um an den Tag zu geben, dass er heimlich besitze und dass er sich verstelle.
Sie waren endlich auf einen Fuhrweg gelangt, der sie bequem zu jenen Besitztumern hinfuhren sollte; Fitz aber behauptete, einen naheren und bessern Weg zu kennen; auf welchem der Bote sie nicht begleiten wollte und den geraden, breiten, eingeschlagenen Weg vor sich hinging. Die beiden Wanderer vertrauten dem losen Jungen und glaubten wohlgetan zu haben, denn nun ging es steil den Berg hinab, durch einen Wald der hoch- und schlankstammigsten Larchenbaume, der, immer durchsichtiger werdend, ihnen zuletzt die schonste Besitzung, die man sich nur denken kann, im klarsten Sonnenlichte sehen liess.
Ein grosser Garten, nur der Fruchtbarkeit, wie es schien, gewidmet, lag, obgleich mit Obstbaumen reichlich ausgestattet, offen vor ihren Augen, indem er regelmassig, in mancherlei Abteilungen, einen zwar im ganzen abhangigen, doch aber mannigfaltig bald erhohten, bald vertieften Boden bedeckte. Mehrere Wohnhauser lagen darin zerstreut, so dass der Raum verschiedenen Besitzern anzugehoren schien, der jedoch, wie Fitz versicherte, von einem einzigen Herrn beherrscht und benutzt ward. Uber den Garten hinaus erblickten sie eine unabsehbare Landschaft, reichlich bebaut und bepflanzt. Sie konnten Seen und Flusse deutlich unterscheiden.
Sie waren den Berg hinab immer naher gekommen und glaubten nun sogleich im Garten zu sein, als Wilhelm stutzte und Fitz seine Schadenfreude nicht verbarg: denn eine jahe Kluft am Fusse des Berges tat sich vor ihnen auf und zeigte gegenuber eine bisher verborgene hohe Mauer, schroff genug von aussen, obgleich von innen durch das Erdreich vollig ausgefullt. Ein tiefer Graben trennte sie also von dem Garten, in den sie unmittelbar hineinsahen. "Wir haben noch hinuber einen ziemlichen Umweg zu machen", sagte Fitz, "wenn wir die Strasse, die hineinfuhrt, erreichen wollen. Doch weiss ich auch einen Eingang von dieser Seite, wo wir um ein gutes naher gehen. Die Gewolbe, durch die das Bergwasser bei Regengussen in den Garten geregelt hineinsturzt, offnen sich hier; sie sind hoch und breit genug, dass man mit ziemlicher Bequemlichkeit hindurchkommen kann." Als Felix von Gewolben horte, konnte er vor Begierde sich nicht lassen, diesen Eingang zu betreten. Wilhelm folgte den Kindern, und sie stiegen zusammen die ganz trokken liegenden hohen Stufen dieser Zuleitungsgewolbe hinunter. Sie befanden sich bald im Hellen, bald im Dunkeln, je nachdem von Seitenoffnungen her das Licht hereinfiel oder von Pfeilern und Wanden aufgehalten ward. Endlich gelangten sie auf einen ziemlich gleichen Fleck und schritten langsam vor, als auf einmal in ihrer Nahe ein Schuss fiel, zu gleicher Zeit sich zwei verborgene Eisengitter schlossen und sie von beiden Seiten einsperrten. Zwar nicht die ganze Gesellschaft: nur Wilhelm und Felix waren gefangen. Denn Fitz, als der Schuss fiel, sprang sogleich ruckwarts, und das zuschlagende Gitter fasste nur seinen weiten Armel; er aber, sehr geschwind das Jackchen abwerfend, war entflohen, ohne sich einen Augenblick aufzuhalten.
Die beiden Eingekerkerten hatten kaum Zeit, sich von ihrem Erstaunen zu erholen, als sie Menschenstimmen vernahmen, welche sich langsam zu nahern schienen. Bald darauf traten Bewaffnete mit Fackeln an die Gitter und neugierigen Blicks, was sie fur einen Fang mochten getan haben. Sie fragten zugleich, ob man sich gutwillig ergeben wolle. "Hier kann von keinem Ergeben die Rede sein", versetzte Wilhelm; "wir sind in eurer Gewalt. Eher haben wir Ursache zu fragen, ob ihr uns schonen wollt. Die einzige Waffe, die wir bei uns haben, liefere ich euch aus", und mit diesen Worten reichte er seinen Hirschfanger durchs Gitter; dieses offnete sich sogleich, und man fuhrte ganz gelassen die Ankommlinge mit sich vorwarts, und als man sie einen Wendelstieg hinaufgebracht hatte, befanden sie sich bald an einem seltsamen Orte; es war ein geraumiges, reinliches Zimmer, durch kleine, unter dem Gesimse hergehende Fenster erleuchtet, die ungeachtet der starken Eisenstabe Licht genug verbreiteten. Fur Sitze, Schlafstellen, und was man allenfalls sonst in einer massigen Herberge verlangen konnte, war gesorgt, und es schien dem, der sich hier befand, nichts als die Freiheit zu fehlen.
Wilhelm hatte sich bei seinem Eintritt sogleich niedergesetzt und uberdachte den Zustand; Felix hingegen, nachdem er sich von dem ersten Erstaunen erholt hatte, brach in eine unglaubliche Wut aus. Diese steilen Wande, diese hohen Fenster, diese festen Turen, diese Abgeschlossenheit, diese Einschrankung war ihm ganz neu. Er sah sich um, er rannte hin und her, stampfte mit den Fussen, weinte, ruttelte an den Turen, schlug mit den Fausten dagegen, ja er war im Begriff, mit dem Schadel dawiderzurennen, hatte nicht Wilhelm ihn gefasst und mit Kraft festgehalten.
"Besieh dir das nur ganz gelassen, mein Sohn", fing der Vater an, "denn Ungeduld und Gewalt helfen uns nicht aus dieser Lage. Das Geheimnis wird sich aufklaren; aber ich musste mich hochlich irren, oder wir sind in keine schlechten Hande gefallen. Betrachte diese Inschriften: 'Dem Unschuldigen Befreiung und Ersatz, dem Verfuhrten Mitleiden, dem Schuldigen ahndende Gerechtigkeit.' Alles dieses zeigt uns an, dass diese Anstalten Werke der Notwendigkeit, nicht der Grausamkeit sind. Der Mensch hat nur allzusehr Ursache, sich vor dem Menschen zu schutzen. Der Misswollenden gibt es gar viele, der Misstatigen nicht wenige, und um zu leben, wie sich's gehort, ist nicht genug, immer wohlzutun."
Felix hatte sich zusammengenommen, warf sich aber sogleich auf eine der Lagerstatten, ohne weiteres Aussern noch Erwidern. Der Vater liess nicht ab und sprach ferner: "Lass dir diese Erfahrung, die du so fruh und unschuldig machst, ein lebhaftes Zeugnis bleiben, in welchem und in was fur einem vollkommenen Jahrhundert du geboren bist. Welchen Weg musste nicht die Menschheit machen, bis sie dahin gelangte, auch gegen Schuldige gelind, gegen Verbrecher schonend, gegen Unmenschliche menschlich zu sein! Gewiss waren es Manner gottlicher Natur, die dies zuerst lehrten, die ihr Leben damit zubrachten, die Ausubung moglich zu machen und zu beschleunigen. Des Schonen sind die Menschen selten fahig, ofter des Guten; und wie hoch mussen wir daher diejenigen halten, die dieses mit grossen Aufopferungen zu befordern suchen."
Diese trostlich belehrenden Worte welche die Absicht der einschliessenden Umgebung vollig rein ausdruckten, hatte Felix nicht vernommen; er lag im tiefsten Schlafe, schoner und frischer als je; denn eine Leidenschaft, wie sie ihn sonst nicht leicht ergriff, hatte sein ganzes Innerste auf die vollen Wangen hervorgetrieben. Ihn mit Gefalligkeit beschauend, stand der Vater, als ein wohlgebildeter junger Mann hereintrat, der, nachdem er den Ankommling einige Zeit freundlich angesehen, anfing, ihn uber die Umstande zu befragen, die ihn auf den ungewohnlichen Weg und in diese Falle gefuhrt hatten. Wilhelm erzahlte die Begebenheit ganz schlicht, uberreichte ihm einige Papiere, die seine Person aufzuklaren dienten, und berief sich auf den Boten, der nun bald auf dem ordentlichen Wege von einer andern Seite anlangen musse. Als dieses alles so weit im klaren war, ersuchte der Beamte seinen Gast, ihm zu folgen. Felix war nicht zu erwecken, die Untergebenen trugen ihn daher auf der tuchtigen Matratze, wie ehmals den unbewussten Ulyss, in die freie Luft.
Wilhelm folgte dem Beamten in ein schones Gartenzimmer, wo Erfrischungen aufgesetzt wurden, die er geniessen sollte, indessen jener ging, an hoherer Stelle Bericht abzustatten. Als Felix erwachend ein gedecktes Tischchen, Obst, Wein, Zwieback und zugleich die Heiterkeit der offenstehenden Ture bemerkte, ward es ihm ganz wunderlich zumute. Er lauft hinaus, er kehrt zuruck, er glaubt getraumt zu haben; und hatte bald bei so guter Kost und so angenehmer Umgebung den vorhergegangenen Schrecken und alle Bedrangnis, wie einen schweren Traum am hellen Morgen, vergessen.
Der Bote war angelangt, der Beamte kam mit ihm und einem andern, altlichen, noch freundlichern Manne zuruck, und die Sache klarte sich folgendergestalt auf. Der Herr dieser Besitzung, im hohern Sinne wohltatig, dass er alles um sich her zum Tun und Schaffen aufregte, hatte aus seinen unendlichen Baumschulen, seit mehreren Jahren, fleissigen und sorgfaltigen Anbauern die jungen Stamme umsonst, nachlassigen um einen gewissen Preis und denen, die damit handeln wollten, gleichfalls, doch um einen billigen, uberlassen. Aber auch diese beiden Klassen forderten umsonst, was die Wurdigen umsonst erhielten, und da man ihnen nicht nachgab, suchten sie die Stamme zu entwenden. Auf mancherlei Weise war es ihnen gelungen. Dieses verdross den Besitzer um so mehr, da nicht allein die Baumschulen geplundert, sondern auch durch Ubereilung verderbt worden waren. Man hatte Spur, dass sie durch die Wasserleitung hereingekommen, und deshalb eine solche Gitterfalle mit einem Selbstschuss eingerichtet, der aber nur als Zeichen gelten sollte. Der kleine Knabe hatte sich unter mancherlei Vorwanden mehrmals im Garten sehen lassen, und es war nichts naturlicher, als dass er aus Kuhnheit und Schelmerei die Fremden einen Weg fuhren wollte, den er fruher zu anderm Zwecke ausgefunden. Man hatte gewunscht, seiner habhaft zu werden; indessen wurde sein Wamschen unter andern gerichtlichen Gegenstanden aufgehoben.
Funftes Kapitel
Auf dem Wege nach dem Schlosse fand unser Freund zu seiner Verwunderung nichts, was einem alteren Lustgarten oder einem modernen Park ahnlich gewesen ware; gradlinig gepflanzte Fruchtbaume, Gemusfelder, grosse Strecken mit Heilkrautern bestellt, und was nur irgend brauchbar konnte geachtet werden, ubersah er auf sanft abhangiger Flache mit einem Blicke. Ein von hohen Linden umschatteter Platz breitete sich wurdig als Vorhalle des ansehnlichen Gebaudes, eine lange, daranstossende Allee, gleichen Wuchses und Wurde, gab zu jeder Stunde des Tags Gelegenheit, im Freien zu verkehren und zu lustwandeln. Eintretend in das Schloss, fand er die Wande der Hausflur auf eigene Weise bekleidet; grosse geographische Abbildungen aller vier Weltteile fielen ihm in die Augen; stattliche Treppenwande waren gleichfalls mit Abrissen einzelner Reiche geschmuckt, und in den Hauptsaal eingelassen, fand er sich umgeben von Prospekten der merkwurdigsten Stadte, oben und unten eingefasst von landschaftlicher Nachbildung der Gegenden, worin sie gelegen sind, alles kunstreich dargestellt, so dass die Einzelnheiten deutlich in die Augen fielen und zugleich ein ununterbrochener Bezug durchaus bemerkbar blieb.
Der Hausherr, ein kleiner, lebhafter Mann von Jahren, bewillkommte den Gast und fragte, ohne weitere Einleitung, gegen die Wande deutend: ob ihm vielleicht eine dieser Stadte bekannt sei, und ob er daselbst jemals sich aufgehalten? Von manchem konnte nun der Freund auslangende Rechenschaft geben und beweisen, dass er mehrere Orte nicht allein gesehen, sondern auch ihre Zustande und Eigenheiten gar wohl zu bemerken gewusst.
Der Hausherr klingelte und befahl, ein Zimmer den beiden Ankommlingen anzuweisen, auch sie spater zum Abendessen zu fuhren; dies geschah denn auch. In einem grossen Erdsaale entgegneten ihm zwei Frauenzimmer, wovon die eine mit grosser Heiterkeit zu ihm sprach: "Sie finden hier kleine Gesellschaft, aber gute; ich, die jungere Nichte, heisse Hersilie, diese, meine altere Schwester, nennt man Juliette, die beiden Herren sind Vater und Sohn, Beamte, die Sie kennen, Hausfreunde, die alles Vertrauen geniessen, das sie verdienen. Setzen wir uns!" Die beiden Frauenzimmer nahmen Wilhelm in die Mitte, die Beamten sassen an beiden Enden, Felix an der andern langen Seite, wo er sich sogleich Hersilien gegenuber geruckt hatte und kein Auge von ihr verwendete.
Nach vorlaufigem allgemeinem Gesprach ergriff Hersilie Gelegenheit zu sagen: "Damit der Fremde desto schneller mit uns vertraut und in unsere Unterhaltung eingeweiht werde, muss ich bekennen, dass bei uns viel gelesen wird und dass wir uns, aus Zufall, Neigung, auch wohl Widerspruchsgeist, in die verschiedenen Literaturen geteilt haben. Der Oheim ist furs Italienische, die Dame hier nimmt es nicht ubel, wenn man sie fur eine vollendete Englanderin halt, ich, aber halte mich an die Franzosen, sofern sie heiter und zierlich sind. Hier, Amtmann Papa erfreut sich des deutschen Altertums, und der Sohn mag denn, wie billig, dem Neuern, Jungern seinen Anteil zuwenden. Hiernach werden Sie uns beurteilen, hiernach teilnehmen, einstimmen oder streiten; in jedem Sinne werden Sie willkommen sein." Und in diesem Sinne belebte sich auch die Unterhaltung.
Indessen war die Richtung der feurigen Blicke des schonen Felix Hersilien keineswegs entgangen, sie fuhlte sich uberrascht und geschmeichelt und sendete ihm die vorzuglichsten Bissen, die er freudig und dankbar empfing. Nun aber, als er beim Nachtisch uber einen Teller Apfel zu ihr hinsah, glaubte sie, in den reizenden Fruchten ebenso viel Rivale zu erblikken. Gedacht, getan, sie fasste einen Apfel und reichte ihn dem heranwachsenden Abenteurer uber den Tisch hinuber; dieser, hastig zugreifend, fing sogleich zu schalen an; unverwandt aber nach der reizenden Nachbarin hinblickend, schnitt er sich tief in den Daumen. Das Blut floss lebhaft; Hersilie sprang auf, bemuhte sich um ihn, und als sie das Blut gestillt, schloss sie die Wunde mit englischem Pflaster aus ihrem Besteck. Indessen hatte der Knabe sie angefasst und wollte sie nicht loslassen; die Storung ward allgemein, die Tafel aufgehoben, und man bereitete sich zu scheiden.
"Sie lesen doch auch vor Schlafengehn?" sagte Hersilie zu Wilhelm; "ich schicke Ihnen ein Manuskript, eine Ubersetzung aus dem Franzosischen von meiner Hand, und Sie sollen sagen, ob Ihnen viel Artigeres vorgekommen ist. Ein verrucktes Madchen tritt auf! das mochte keine sonderliche Empfehlung sein, aber wenn ich jemals narrisch werden mochte, wie mir manchmal die Lust ankommt, so war' es auf diese Weise."
Die pilgernde Torin
Herr von Revanne, ein reicher Privatmann, besitzt die schonsten Landereien seiner Provinz. Nebst Sohn und Schwester bewohnt er ein Schloss, das eines Fursten wurdig ware; und in der Tat, wenn sein Park, seine Wasser, seine Pachtungen, seine Manufakturen, sein Hauswesen auf sechs Meilen umher die Halfte der Einwohner ernahren, so ist er durch sein Ansehn und durch das Gute, das er stiftet, wirklich ein Furst. Vor einigen Jahren spazierte er an den Mauern seines Parks hin auf der Heerstrasse, und ihm gefiel, in einem Lustwaldchen auszuruhen, wo der Reisende gern verweilt. Hochstammige Baume ragen uber junges, dichtes Gebusch; man ist vor Wind und Sonne geschutzt; ein sauber gefasster so Brunnen sendet sein Wasser uber Wurzeln, Steine und Rasen. Der Spazierende hatte wie gewohnlich Buch und Flinte bei sich. Nun versuchte er zu lesen, ofters durch Gesang der Vogel, manchmal durch Wanderschritte angenehm abgezogen und zerstreut.
Ein schoner Morgen war im Vorrucken, als jung und liebenswurdig ein Frauenzimmer sich gegen ihn her bewegte. Sie verliess die Strasse, indem sie sich Ruhe und Erquickung an dem frischen Orte zu versprechen schien, wo er sich befand. Sein Buch fiel ihm aus den Handen, uberrascht wie er war. Die Pilgerin mit den schonsten Augen von der Welt und einem Gesicht, durch Bewegung angenehm belebt, zeichnete sich an Korperbau, Gang und Anstand dergestalt aus, dass er unwillkurlich von seinem Platze aufstand und nach der Strasse blickte, um das Gefolge kommen zu sehen, das er hinter ihr vermutete. Dann zog die Gestalt abermals, indem sie sich edel gegen ihn verbeugte, seine Aufmerksamkeit an sich, und ehrerbietig erwiderte er den Gruss. Die schone Reisende setzte sich an den Rand des Quells, ohne ein Wort zu sagen und mit einem Seufzer.
"Seltsame Wirkung der Sympathie!" rief Herr von Revanne, als er mir die Begebenheit erzahlte, "dieser Seufzer ward in der Stille von mir erwidert. Ich blieb stehen, ohne zu wissen, was ich sagen oder tun sollte. Meine Augen waren nicht hinreichend, diese Vollkommenheiten zu fassen. Ausgestreckt wie sie lag, auf einen Ellbogen gelehnt, es war die schonste Frauengestalt, die man sich denken konnte! Ihre Schuhe gaben mir zu eigenen Betrachtungen Anlass; ganz bestaubt, deuteten sie auf einen langen zuruckgelegten Weg, und doch waren ihre seidenen Strumpfe so blank, als waren sie eben unter dem Glattstein hervorgegangen. Ihr aufgezogenes Kleid war nicht zerdruckt; ihre Haare schienen diesen Morgen erst gelockt; feines Weisszeug, feine Spitzen; sie war angezogen, als wenn sie zum Balle gehen sollte. Auf eine Landstreicherin deutete nichts an ihr, und doch war sie's; aber eine beklagenswerte, eine verehrungswurdige.
Zuletzt benutzte ich einige Blicke, die sie auf mich warf, sie zu fragen, ob sie allein reise. 'Ja, mein Herr', sagte sie, 'ich bin allein auf der Welt.' 'Wie? Madame, Sie sollten ohne Eltern, ohne Bekannte sein?' 'Das wollte ich eben nicht sagen, mein Herr. Eltern hab' ich, und Bekannte genug; aber keine Freunde.' 'Daran', fuhr ich fort, 'konnen Sie wohl unmoglich schuld sein. Sie haben eine Gestalt und gewiss auch ein Herz, denen sich viel vergeben lasst.'
Sie fuhlte die Art von Vorwurf, den mein Kompliment verbarg, und ich machte mir einen guten Begriff von ihrer Erziehung. Sie offnete gegen mich zwei himmlische Augen vom vollkommensten, reinsten Blau, durchsichtig und glanzend; hierauf sagte sie mit edlem Tone: sie konne es einem Ehrenmanne, wie ich zu sein scheine, nicht verdenken, wenn er ein junges Madchen, das er allein auf der Landstrasse treffe, einigermassen verdachtig halte: ihr sei das schon ofter entgegen gewesen; aber ob sie gleich fremd sei, obgleich niemand das Recht habe, sie auszuforschen, so bitte sie doch zu glauben, dass die Absicht ihrer Reise mit der gewissenhaftesten Ehrbarkeit bestehen konne. Ursachen, von denen sie niemand Rechenschaft schuldig sei, notigten sie, ihre Schmerzen in der Welt umherzufuhren. Sie habe gefunden, dass die Gefahren, die man fur ihr Geschlecht befurchte, nur eingebildet seien und dass die Ehre eines Weibes, selbst unter Strassenraubern, nur bei Schwache des Herzens und der Grundsatze Gefahr laufe.
Ubrigens gehe sie nur zu Stunden und auf Wegen, wo sie sich sicher glaube, spreche nicht mit jedermann und verweile manchmal an schicklichen Orten, wo sie ihren Unterhalt erwerben konne durch Dienstleistung in der Art, wonach sie erzogen worden. Hier sank ihre Stimme, ihre Augenlider neigten sich, und ich sah einige Tranen ihre Wangen herabfallen.
Ich versetzte darauf, dass ich keineswegs an ihrem guten Herkommen zweifle, so wenig als an einem achtungswerten Betragen. Ich bedaure sie nur, dass irgendeine Notwendigkeit sie zu dienen zwinge, da sie so wert scheine, Diener zu finden; und dass ich, ungeachtet einer lebhaften Neugierde, nicht weiter in sie dringen wolle, vielmehr mich durch ihre nahere Bekanntschaft zu uberzeugen wunsche, dass sie uberall fur ihren Ruf ebenso besorgt sei als fur ihre Tugend. Diese Worte schienen sie abermals zu verletzen, denn sie antwortete: Namen und Vaterland verberge sie, eben um des Rufs willen, der denn doch am Ende meistenteils weniger Wirkliches als Mutmassliches enthalte. Biete sie ihre Dienste an, so weise sie Zeugnisse der letzten Hauser vor, wo sie etwas geleistet habe, und verhehle nicht, dass sie uber Vaterland und Familie nicht befragt sein wolle. Darauf bestimme man sich und stelle dem Himmel oder ihrem Worte die Unschuld ihres ganzen Lebens und ihre Redlichkeit anheim."
Ausserungen dieser Art liessen keine Geistesverwirrung bei der schonen Abenteurerin argwohnen. Herr von Revanne, der einen solchen Entschluss, in die Welt zu laufen, nicht gut begreifen konnte, vermutete nun, dass man sie vielleicht gegen ihre Neigung habe verheiraten wollen. Hernach fiel er darauf, ob es nicht etwa gar Verzweiflung aus Liebe sei; und wunderlich genug, wie es aber mehr zu gehen pflegt, indem er ihr Liebe fur einen andern zutraute, verliebte er sich selbst und furchtete, sie mochte weiterreisen. Er konnte seine Augen nicht von dem schonen Gesicht wegwenden, das von einem grunen Halblichte verschonert war. Niemals zeigte, wenn es je Nymphen gab, auf den Rasen sich eine schonere hingestreckt; und die etwas romanhafte Art dieser Zusammenkunft verbreitete einen Reiz, dem er nicht zu widerstehen vermochte.
Ohne daher die Sache viel naher zu betrachten,
bewog Herr von Revanne die schone Unbekannte, sich nach dem Schlosse fuhren zu lassen. Sie macht keine Schwierigkeit, sie geht mit und zeigt sich als eine Person, der die grosse Welt bekannt ist. Man bringt Erfrischungen, welche sie annimmt, ohne falsche Hoflichkeit und mit dem anmutigsten Dank. In Erwartung des Mittagessens zeigt man ihr das Haus. Sie bemerkt nur, was Auszeichnung verdient, es sei an Mobeln, Malereien, oder es betreffe die schickliche Einteilung der Zimmer. Sie findet eine Bibliothek, sie kennt die guten Bucher und spricht daruber mit Geschmack und Bescheidenheit. Kein Geschwatz, keine Verlegenheit. Bei Tafel ein ebenso edles und naturliches Betragen und den liebenswurdigsten Ton der Unterhaltung. So weit ist alles verstandig in ihrem Gesprach, und ihr Charakter scheint so liebenswurdig wie ihre Person.
Nach der Tafel machte sie ein kleiner mutwilliger Zug noch schoner, und indem sie sich an Fraulein Revanne mit einem Lacheln wendet, sagt sie: es sei ihr Brauch, ihr Mittagsmahl durch eine Arbeit zu bezahlen und, sooft es ihr an Geld fehle, Nahnadeln von den Wirtinnen zu verlangen. "Erlauben Sie", fugte sie hinzu, "dass ich eine Blume auf einem Ihrer Stickrahmen lasse, damit Sie kunftig bei deren Anblick der armen Unbekannten sich erinnern mogen." Fraulein von Revanne versetzte darauf, dass es ihr sehr leid tue, keinen aufgezogenen Grund zu haben, und deshalb das Vergnugen, ihre Geschicklichkeit zu bewundern, entbehren musse. Alsbald wendete die Pilgerin ihren Blick auf das Klavier. "So will ich denn", sagte sie, "meine Schuld mit Windmunze abtragen, wie es auch ja sonst schon die Art umherstreifender Sanger war." Sie versuchte das Instrument mit zwei oder drei Vorspielen, die eine sehr geubte Hand ankundigten. Man zweifelte nicht mehr, dass sie ein Frauenzimmer von Stande sei, ausgestattet mit allen liebenswurdigen Geschicklichkeiten. Zuerst war ihr Spiel aufgeweckt und glanzend; dann ging sie zu ernsten Tonen uber, zu Tonen einer tiefen Trauer, die man zugleich in ihren Augen erblickte. Sie netzten sich mit Tranen, ihr Gesicht verwandelte sich, ihre Finger hielten an; aber auf einmal uberraschte sie jedermann, indem sie ein mutwilliges Lied, mit der schonsten Stimme von der Welt, lustig und lacherlich vorbrachte. Da man in der Folge Ursache hatte zu glauben, dass diese burleske Romanze sie etwas naher angehe, so verzeiht man mir wohl, wenn ich sie hier einschalte.
Woher im Mantel so geschwinde,
Da kaum der Tag in Osten graut?
Hat wohl der Freund beim scharfen Winde
Auf einer Wallfahrt sich erbaut?
Wer hat ihm seinen Hut genommen?
Mag er mit Willen barfuss gehn?
Wie ist er in den Wald gekommen
Auf den beschneiten, wilden Hohn?
Gar wunderlich von warmer Statte
Wo er sich bessern Spass versprach,
Und wenn er nicht den Mantel hatte
Wie grasslich ware seine Schmach!
So hat ihn jener Schalk betrogen
Und ihm das Bundel abgepackt:
Der arme Freund ist ausgezogen,
Beinah wie Adam bloss und nackt.
Warum auch ging er solche Wege
Nach jenem Apfel voll Gefahr,
Der freilich schon im Muhlgehege
Wie sonst im Paradiese war!
Er wird den Scherz nicht leicht erneuen;
Er druckte schnell sich aus dem Haus,
Und bricht auf einmal nun im Freien
In bittre, laute Klagen aus:
"Ich las in ihren Feuerblicken
Doch keine Silbe von Verrat!
Sie schien mit mir sich zu entzucken
Und sann auf solche schwarze Tat!
Konnt ich in ihren Armen traumen,
Wie meuchlerisch der Busen schlug?
Sie hiess den raschen Amor saumen,
Und gunstig war er uns genug.
Sich meiner Liebe zu erfreuen,
Der Nacht, die nie ein Ende nahm,
Und erst die Mutter anzuschreien
Jetzt eben, als der Morgen kam!
Da drang ein Dutzend Anverwandten
Herein, ein wahrer Menschenstrom!
Da kamen Bruder, guckten Tanten,
Da stand ein Vetter und ein Ohm!
Das war ein Toben, war ein Wuten!
Ein jeder schien ein andres Tier.
Da forderten sie Kranz und Bluten
Mit grasslichem Geschrei von mir.
'Was dringt ihr alle wie von Sinnen
Auf den unschuld'gen Jungling ein!
Denn solche Schatze zu gewinnen,
Da muss man viel behender sein.
Weiss Amor seinem schonen Spiele
Doch immer zeitig nachzugehn:
Er lasst furwahr nicht in der Muhle
Die Blumen sechzehn Jahre stehn.'
Da raubten sie das Kleiderbundel
Und wollten auch den Mantel noch.
Wie nur so viel verflucht Gesindel
Im engen Hause sich verkroch!
Da sprang ich auf und tobt' und fluchte,
Gewiss, durch alle durchzugehn.
Ich sah noch einmal die Verruchte,
Und ach! sie war noch immer schon.
Sie alle wichen meinem Grimme,
Doch flog noch manches wilde Wort;
So macht' ich mich mit Donnerstimme
Noch endlich aus der Hohle fort.
Man soll euch Madchen auf dem Lande
Wie Madchen aus den Stadten fliehn!
So lasset doch den Fraun von Stande
Die Lust, die Diener auszuziehn!
Doch seid ihr auch von den Geubten
Und kennt ihr keine zarte Pflicht,
So andert immer die Geliebten,
Doch sie verraten musst ihr nicht."
So singt er in der Winterstunde,
Wo nicht ein armes Halmchen grunt.
Ich lache seiner tiefen Wunde,
Denn wirklich ist sie wohlverdient;
So geh' es jedem, der am Tage
Sein edles Liebchen frech belugt
Und nachts, mit allzu kuhner Wage,
Zu Amors falscher Muhle kriecht.
Wohl war es bedenklich, dass sie sich auf eine solche Weise vergessen konnte, und dieser Ausfall mochte fur ein Anzeichen eines Kopfes gelten, der sich nicht immer gleich war. "Aber", sagte mir Herr von Revanne, "auch wir vergassen alle Betrachtungen, die wir hatten machen konnen, ich weiss nicht, wie es zuging. Uns musste die unaussprechliche Anmut, womit sie diese Possen vorbrachte, bestochen haben. Sie spielte neckisch, aber mit Einsicht. Ihre Finger gehorchten ihr vollkommen, und ihre Stimme war wirklich bezaubernd. Da sie geendigt hatte, erschien sie so gesetzt wie vorher, und wir glaubten, sie habe nur den Augenblick der Verdauung erheitern wollen.
Bald darauf bat sie um die Erlaubnis, ihren Weg wieder anzutreten; aber auf meinen Wink sagte meine Schwester: wenn sie nicht zu eilen hatte und die Bewirtung ihr nicht missfiele, so wurde es uns ein Fest sein, sie mehrere Tage bei uns zu sehen. Ich dachte ihr eine Beschaftigung anzubieten, da sie sich's einmal gefallen liess zu bleiben. Doch diesen ersten Tag und den folgenden fuhrten wir sie nur umher. Sie verleugnete sich nicht einen Augenblick: sie war die Vernunft, mit aller Anmut begabt. Ihr Geist war fein und treffend, ihr Gedachtnis so wohl ausgeziert und ihr Gemut so schon, dass sie gar oft unsere Bewunderung erregte und alle unsere Aufmerksamkeit festhielt. Dabei kannte sie die Gesetze eines guten Betragens und ubte sie gegen einen jeden von uns, nicht weniger gegen einige Freunde, die uns besuchten, so vollkommen aus, dass wir nicht mehr wussten, wie wir jene Sonderbarkeiten mit einer solchen Erziehung vereinigen sollten.
Ich wagte wirklich nicht mehr, ihr Dienstvorschlage fur mein Haus zu tun. Meine Schwester, der sie angenehm war, hielt es gleichfalls fur Pflicht, das Zartgefuhl der Unbekannten zu schonen. Zusammen besorgten sie die hauslichen Dinge, und hier liess sich das gute Kind ofters bis zur Handarbeit herunter und wusste sich gleich darauf in alles zu schicken, was hohere Anordnung und Berechnung erheischte.
In kurzer Zeit stellte sie eine Ordnung her, die wir bis jetzt im Schlosse gar nicht vermisst hatten. Sie war eine sehr verstandige Haushalterin; und da sie damit angefangen hatte, bei uns mit an Tafel zu sitzen, so zog sie sich nunmehr nicht etwa aus falscher Bescheidenheit zuruck, sondern speiste mit uns ohne Bedenken fort; aber sie ruhrte keine Karte, kein Instrument an, als bis sie die ubernommenen Geschafte zu Ende gebracht hatte.
Nun muss ich freilich gestehen, dass mich das Schicksal dieses Madchens innigst zu ruhren anfing. Ich bedauerte die Eltern, die wahrscheinlich eine solche Tochter sehr vermissten; ich seufzte, dass so sanfte Tugenden, so viele Eigenschaften verlorengehen sollten. Schon lebte sie mehrere Monate mit uns, und ich hoffte, das Vertrauen, das wir ihr einzuflossen suchten, wurde zuletzt das Geheimnis auf ihre Lippen bringen. War es ein Ungluck, wir konnten helfen; war es ein Fehler, so liess sich hoffen, unsere Vermittelung, unser Zeugnis wurden ihr Vergebung eines vorubergehenden Irrtums verschaffen konnen; aber alle unsere Freundschaftsversicherungen, unsre Bitten selbst waren unwirksam. Bemerkte sie die Absicht, einige Aufklarung von ihr zu gewinnen, so versteckte sie sich hinter allgemeine Sittenspruche, um sich zu rechtfertigen, ohne uns zu belehren. Zum Beispiel, wenn wir von ihrem Unglucke sprachen: 'Das Ungluck', sagte sie, 'fallt uber Gute und Bose. Es ist eine wirksame Arzenei, welche die guten Safte zugleich mit den ublen angreift.'
Suchten wir die Ursache ihrer Flucht aus dem vaterlichen Hause zu entdecken: 'Wenn das Reh flieht', sagte sie lachelnd, 'so ist es darum nicht schuldig.' Fragten wir, ob sie Verfolgungen erlitten: 'Das ist das Schicksal mancher Madchen von guter Geburt, Verfolgungen zu erfahren und auszuhalten. Wer uber eine Beleidigung weint, dem werden mehrere begegnen.' Aber wie hatte sie sich entschliessen konnen, ihr Leben der Roheit der Menge auszusetzen, oder es wenigstens manchmal ihrem Erbarmen zu verdanken? Daruber lachte sie wieder und sagte: 'Dem Armen, der den Reichen bei Tafel begrusst, fehlt es nicht an Verstand.' Einmal, als die Unterhaltung sich zum Scherze neigte, sprachen wir ihr von Liebhabern und fragten sie: ob sie den frostigen Helden ihrer Romanze nicht kenne? Ich weiss noch recht gut, dieses Wort schien sie zu durchbohren. Sie offnete gegen mich ein Paar Augen, so ernst und streng, dass die meinigen einen solchen Blick nicht aushalten konnten; und sooft man auch nachher von Liebe sprach, so konnte man erwarten, die Anmut ihres Wesens und die Lebhaftigkeit ihres Geistes getrubt zu sehen. Gleich fiel sie in ein Nachdenken, das wir fur Grubeln hielten und das doch wohl nur Schmerz war. Doch blieb sie im ganzen munter, nur ohne grosse Lebhaftigkeit, edel, ohne sich ein Ansehn zu geben, gerade ohne Offenherzigkeit, zuruckgezogen ohne Angstlichkeit, eher duldsam als sanftmutig, und mehr erkenntlich als herzlich bei Liebkosungen und Hoflichkeiten. Gewiss war es ein Frauenzimmer, gebildet, einem grossen Hause vorzustehn; und doch schien sie nicht alter als einundzwanzig Jahre.
So zeigte sich diese junge, unerklarliche Person, die mich ganz eingenommen hatte, binnen zwei Jahren, die es ihr gefiel bei uns zu verweilen, bis sie mit einer Torheit schloss, die viel seltsamer ist, als ihre Eigenschaften ehrwurdig und glanzend waren. Mein Sohn, junger als ich, wird sich trosten konnen; was mich betrifft, so furchte ich, schwach genug zu sein, sie immer zu vermissen."
Nun will ich die Torheit eines verstandigen Frauenzimmers erzahlen, um zu zeigen, dass Torheit oft nichts weiter sei als Vernunft unter einem andern Aussern. Es ist wahr, man wird einen seltsamen Widerspruch finden zwischen dem edlen Charakter der Pilgerin und der komischen List, deren sie sich bediente; aber man kennt ja schon zwei ihrer Ungleichheiten, die Pilgerschaft selbst und das Lied.
Es ist wohl deutlich, dass Herr von Revanne in die Unbekannte verliebt war. Nun mochte er sich freilich auf sein funfzigjahriges Gesicht nicht verlassen, ob er so schon frisch und wacker aussah als ein Dreissiger; vielleicht aber hoffte er, durch seine reine, kindliche Gesundheit zu gefallen durch die Gute, Heiterkeit, Sanftheit, Grossmut seines Charakters; vielleicht auch durch sein Vermogen, ob er gleich zart genug gesinnt war, um zu fuhlen, dass man das nicht erkauft, was keinen Preis hat.
Aber der Sohn von der andern Seite, liebenswurdig, zartlich, feurig, ohne sich mehr als sein Vater zu bedenken, sturzte sich uber Hals und Kopf in das Abenteuer. Erst suchte er vorsichtig die Unbekannte zu gewinnen, die ihm durch seines Vaters und seiner Tante Lob und Freundschaft erst recht wert geworden. Er bemuhte sich aufrichtig um ein liebenswurdiges Weib, die seiner Leidenschaft weit uber den gegenwartigen Zustand erhoht schien. Ihre Strenge mehr als ihr Verdienst und ihre Schonheit entflammte ihn; er wagte zu reden, zu unternehmen, zu versprechen.
Der Vater, ohne es selbst zu wollen, gab seiner Bewerbung immer ein etwas vaterliches Ansehn. Er kannte sich, und als er seinen Rival erkannt hatte, hoffte er nicht, uber ihn zu siegen, wenn er nicht zu Mitteln greifen wollte, die einem Manne von Grundsatzen nicht geziemen. Dessenungeachtet verfolgte er seinen Weg, ob ihm gleich nicht unbekannt war, dass Gute, ja Vermogen selbst, nur Reizungen sind, denen sich ein Frauenzimmer mit Vorbedacht hingibt, die jedoch unwirksam bleiben, sobald Liebe sich mit den Reizen und in Begleitung der Jugend zeigt. Auch machte Herr von Revanne noch andere Fehler, die er spater bereute. Bei einer hochachtungsvollen Freundschaft sprach er von einer dauerhaften, geheimen, gesetzmassigen Verbindung. Er beklagte sich auch wohl und sprach das Wort Undankbarkeit aus. Gewiss kannte er die nicht, die er liebte, als er eines Tages zu ihr sagte, dass viele Wohltater Ubles fur Gutes zuruckerhielten. Ihm antwortete die Unbekannte mit Geradheit: "Viele Wohltater mochten ihren Begunstigten samtliche Rechte gern abhandeln fur eine Linse."
Die schone Fremde, in die Bewerbung zweier Gegner verwickelt, durch unbekannte Beweggrunde geleitet, scheint keine andere Absicht gehabt zu haben, als sich und andern alberne Streiche zu ersparen, indem sie in diesen bedenklichen Umstanden einen wunderlichen Ausweg ergriff. Der Sohn drangte mit der Kuhnheit seines Alters und drohte, wie gebrauchlich, sein Leben der Unerbittlichen aufzuopfern. Der Vater, etwas weniger unvernunftig, war doch ebenso dringend; aufrichtig beide. Dieses liebenswurdige Wesen hatte sich hier wohl eines verdienten Zustandes versichern konnen: denn beide Herren von Revanne beteuren, ihre Absicht sei gewesen, sie zu heiraten.
Aber an dem Beispiele dieses Madchens mogen die Frauen lernen, dass ein redliches Gemut, hatte sich auch der Geist durch Eitelkeit oder wirklichen Wahnsinn verirrt, die Herzenswunden nicht unterhalt, die es nicht heilen will. Die Pilgerin fuhlte, dass sie auf einem aussersten Punkte stehe, wo es ihr wohl nicht leicht sein wurde, sich lange zu verteidigen. Sie war in der Gewalt zweier Liebenden, welche jede Zudringlichkeit durch die Reinheit ihrer Absichten entschuldigen konnten, indem sie im Sinne hatten, ihre Verwegenheit durch ein feierliches Bundnis zu rechtfertigen. So war es, und so begriff sie es.
Sie konnte sich hinter Fraulein von Revanne verschanzen; sie unterliess es, ohne Zweifel aus Schonung, aus Achtung fur ihre Wohltater. Sie kommt nicht aus der Fassung, sie erdenkt ein Mittel, jedermann seine Tugend zu erhalten, indem sie die ihrige bezweifeln lasst. Sie ist wahnsinnig vor Treue, die ihr Liebhaber gewiss nicht verdient, wenn er nicht alle die Aufopferungen fuhlt, und sollten sie ihm auch unbekannt bleiben.
Eines Tages, als Herr von Revanne die Freundschaft, die Dankbarkeit, die sie ihm bezeigte, etwas zu lebhaft erwiderte, nahm sie auf einmal ein naives Wesen an, das ihm auffiel. "Ihre Gute, mein Herr", sagte sie, "angstigt mich; und lassen Sie mich aufrichtig entdecken, warum. Ich fuhle wohl, nur Ihnen bin ich meine ganze Dankbarkeit schuldig; aber freilich " "Grausames Madchen!" sagte Herr von Revanne, "ich verstehe Sie. Mein Sohn hat Ihr Herz geruhrt." "Ach! mein Herr, dabei ist es nicht geblieben. Ich kann nur durch meine Verwirrung ausdrukken " "Wie? Mademoiselle, Sie waren " "Ich denke wohl ja", sagte sie, indem sie sich tief verneigte und eine Trane vorbrachte: denn niemals fehlt es Frauen an einer Trane bei ihren Schalkheiten, niemals an einer Entschuldigung ihres Unrechts.
So verliebt Herr von Revanne war, so musste er doch diese neue Art von unschuldiger Aufrichtigkeit unter dem Mutterhaubchen bewundern, und er fand die Verneigung sehr am Platze. "Aber, Mademoiselle, das ist mir ganz unbegreiflich " "Mir auch", sagte sie, und ihre Tranen flossen reichlicher. Sie flossen so lange, bis Herr von Revanne, am Schluss eines sehr verdriesslichen Nachdenkens, mit ruhiger Miene das Wort wieder aufnahm und sagte: "Dies klart mich so auf! Ich sehe, wie lacherlich meine Forderungen sind. Ich mache Ihnen keine Vorwurfe, und als einzige Strafe fur den Schmerz, den Sie mir verursachen, verspreche ich Ihnen von seinem Erbteile so viel, als notig ist, um zu erfahren, ob er Sie so sehr liebt als ich." "Ach! mein Herr, erbarmen Sie sich meiner Unschuld und sagen ihm nichts davon."
Verschwiegenheit fordern ist nicht das Mittel, sie zu erlangen. Nach diesen Schritten erwartete nun die unbekannte Schone, ihren Liebhaber voll Verdruss und hochst aufgebracht vor sich zu sehen. Bald erschien er mit einem Blicke, der niederschmetternde Worte verkundigte. Doch er stockte und konnte nichts weiter hervorbringen als: "Wie? Mademoiselle, ist es moglich?" "Nun was denn, mein Herr?" sagte sie mit einem Lacheln, das bei einer solchen Gelegenheit zum Verzweifeln bringen kann. "Wie? was denn? Gehen Sie, Mademoiselle, Sie sind mir ein schones Wesen! Aber wenigstens sollte man rechtmassige Kinder nicht enterben; es ist schon genug, sie anzuklagen. Ja, Mademoiselle, ich durchdringe Ihr Komplott mit meinem Vater. Sie geben mir beide einen Sohn, und es ist mein Bruder, das bin ich gewiss!"
Mit ebenderselben ruhigen und heitern Stirne antwortete ihm die schone Unkluge: "Von nichts sind Sie gewiss; es ist weder Ihr Sohn noch Ihr Bruder. Die Knaben sind bosartig; ich habe keinen gewollt; es ist ein armes Madchen, das ich weiterfuhren will, weiter, ganz weit von den Menschen, den Bosen, den Toren und den Ungetreuen."
Darauf ihrem Herzen Luft machend: "Leben Sie wohl!" fuhr sie fort, "leben Sie wohl, lieber Revanne! Sie haben von Natur ein redliches Herz; erhalten Sie die Grundsatze der Aufrichtigkeit. Diese sind nicht gefahrlich bei einem gegrundeten Reichtum. Sein Sie gut gegen Arme. Wer die Bitte bekummerter Unschuld verachtet, wird einst selbst bitten und nicht erhort werden. Wer sich kein Bedenken macht, das Bedenken eines schutzlosen Madchens zu verachten, wird das Opfer werden von Frauen ohne Bedenken. Wer nicht fuhlt, was ein ehrbares Madchen empfinden muss, wenn man um sie wirbt, der verdient sie nicht zu erhalten. Wer gegen alle Vernunft, gegen die Absichten, gegen den Plan seiner Familie, zugunsten seiner Leidenschaften Entwurfe so schmiedet, verdient die Fruchte seiner Leidenschaft zu entbehren und der Achtung seiner Familie zu ermangeln. Ich glaube wohl, Sie haben mich aufrichtig geliebt; aber, mein lieber Revanne, die Katze weiss wohl, wem sie den Bart leckt; und werden Sie jemals der Geliebte eines wurdigen Weibes, so erinnern Sie sich der Muhle des Ungetreuen. Lernen Sie an meinem Beispiel sich auf die Standhaftigkeit und Verschwiegenheit Ihrer Geliebten verlassen. Sie wissen, ob ich untreu bin, Ihr Vater weiss es auch. Ich gedachte durch die Welt zu rennen und mich allen Gefahren auszusetzen. Gewiss diejenigen sind die grossten, die mich in diesem Hause bedrohen. Aber weil Sie jung sind, sage ich es Ihnen allein und im Vertrauen: Manner und Frauen sind nur mit Willen ungetreu; und das wollt' ich dem Freunde von der Muhle beweisen, der mich vielleicht wieder sieht, wenn sein Herz rein genug sein wird, zu vermissen, was er verloren hat."
Der junge Revanne horte noch zu, da sie schon ausgesprochen hatte. Er stand wie vom Blitz getroffen; Tranen offneten zuletzt seine Augen, und in dieser Ruhrung lief er zur Tante, zum Vater, ihnen zu sagen: Mademoiselle gehe weg, Mademoiselle sei ein Engel, oder vielmehr ein Damon, herumirrend in der Welt, um alle Herzen zu peinigen. Aber die Pilgerin hatte so gut sich vorgesehen, dass man sie nicht wiederfand. Und als Vater und Sohn sich erklart hatten, zweifelte man nicht mehr an ihrer Unschuld, ihren Talenten, ihrem Wahnsinn. So viel Muhe sich auch Herr von Revanne seit der Zeit gegeben, war es ihm doch nicht gelungen, sich die mindeste Aufklarung uber diese schone Person zu verschaffen, die so fluchtig wie die Engel und so liebenswurdig erschienen war.
Sechstes Kapitel
Nach einer langen und grundlichen Ruhe, deren die Wanderer wohl bedurfen mochten, sprang Felix lebhaft aus dem Bette und eilte, sich anzuziehn; der Vater glaubte zu bemerken, mit mehr Sorgfalt als bisher. Nichts sass ihm knapp noch nett genug, auch hatte er alles neuer und frischer gewunscht. Er sprang nach dem Garten und haschte unterwegs nur etwas von der Vorkost, die der Diener fur die Gaste brachte, weil erst nach einer Stunde die Frauenzimmer im Garten erscheinen wurden.
Der Diener war gewohnt, die Fremden zu unterhalten und manches im Hause vorzuzeigen; so auch fuhrte er unsern Freund in eine Galerie, worin bloss Portrate aufgehangen und gestellt waren, alles Personen, die im achtzehnten Jahrhundert gewirkt hatten, eine grosse und herrliche Gesellschaft; Gemalde sowie Busten, wo moglich, von vortrefflichen Meistern. "Sie finden", sagte der Kustode, "in dem ganzen Schloss kein Bild, das, auch nur von ferne, auf Religion, Uberlieferung, Mythologie, Legende oder Fabel hindeutete; unser Herr will, dass die Einbildungskraft nur gefordert werde, um sich das Wahre zu vergegenwartigen. 'Wir fabeln so genug', pflegt er zu sagen, 'als dass wir diese gefahrliche Eigenschaft unsers Geistes durch aussere reizende Mittel noch steigern sollten.'"
Die Frage Wilhelms: wenn man ihm aufwarten konne? ward durch die Nachricht beantwortet: der Herr sei, nach seiner Gewohnheit, ganz fruh weggeritten. Er pflege zu sagen: "Aufmerksamkeit ist das Leben!" "Sie werden diesen und andere Spruche, in denen er sich bespiegelt, in den Feldern uber den Turen eingeschrieben sehen, wie wir hier z.B. gleich antreffen: 'Vom Nutzlichen durchs Wahre zum Schonen.'"
Die Frauenzimmer hatten schon unter den Linden das Fruhstuck bereitet, Felix eulenspiegelte um sie her und trachtete, in allerlei Torheiten und Verwegenheiten sich hervorzutun, die Aufmerksamkeit auf sich zu leiten, eine Abmahnung, einen Verweis von Hersilien zu erhaschen. Nun suchten die Schwestern durch Aufrichtigkeit und Mitteilung das Vertrauen des schweigsamen Gastes, der ihnen gefiel, zu gewinnen; sie erzahlten von einem werten Vetter, der, drei Jahre abwesend, zunachst erwartet werde, von einer wurdigen Tante, die, unfern in ihrem Schlosse wohnend, als ein Schutzgeist der Familie zu betrachten sei. In krankem Verfall des Korpers, in bluhender Gesundheit des Geistes ward sie geschildert, als wenn die Stimme einer unsichtbar gewordenen Ursibylle rein gottliche Worte uber die menschlichen Dinge ganz einfach aussprache.
Der neue Gast lenkte nun Gesprach und Frage auf die Gegenwart. Er wunschte den edlen Oheim in rein entschiedener Tatigkeit gerne naher zu kennen; er gedachte des angedeuteten Wegs vom Nutzlichen durchs Wahre zum Schonen und suchte die Worte auf seine Weise auszulegen, das ihm denn ganz gut gelang und Juliettens Beifall zu erwerben das Gluck hatte.
Hersilie, die bisher lachelnd schweigsam geblieben, versetzte dagegen: "Wir Frauen sind in einem besondern Zustande. Die Maximen der Manner horen wir immerfort wiederholen, ja wir mussen sie in goldnen Buchstaben uber unsern Haupten sehen, und doch wussten wir Madchen im stillen das Umgekehrte zu sagen, das auch golte, wie es gerade hier der Fall ist. Die Schone findet Verehrer, auch Freier, und endlich wohl gar einen Mann; dann gelangt sie zum Wahren, das nicht immer hochst erfreulich sein mag, und wenn sie klug ist, widmet sie sich dem Nutzlichen, sorgt fur Haus und Kinder und verharrt dabei. So habe ich's wenigstens oft gefunden. Wir Madchen haben Zeit zu beobachten, und da finden wir meist, was wir nicht suchten."
Ein Bote vom Oheim traf ein mit der Nachricht, dass samtliche Gesellschaft auf ein nahes Jagdhaus zu Tische geladen sei, man konne hin reiten und fahren. Hersilie erwahlte zu reiten. Felix bat instandig, man moge ihm auch ein Pferd geben. Man kam uberein, Juliette sollte mit Wilhelm fahren und Felix als Page seinen ersten Ausritt der Dame seines jungen Herzens zu verdanken haben.
Indessen fuhr Juliette mit dem neuen Freunde durch eine Reihe von Anlagen, welche samtlich auf Nutzen und Genuss hindeuteten, ja die unzahligen Fruchtbaume machten zweifelhaft, ob das Obst alles verzehrt werden konne.
" Sie sind durch ein so wunderliches Vorzimmer in unsere Gesellschaft getreten und fanden manches wirklich Seltsame und Sonderbare, so dass ich vermuten darf, Sie wunschen einen Zusammenhang von allem diesem zu wissen. Alles beruht auf Geist und Sinn meines trefflichen Oheims. Die kraftigen Mannsjahre dieses Edlen fielen in die Zeit der Beccaria und Filangieri; die Maximen einer allgemeinen Menschlichkeit wirkten damals nach allen Seiten. Dies Allgemeine jedoch bildete sich der strebende Geist, der strenge Charakter nach Gesinnungen aus, die sich ganz aufs Praktische bezogen. Er verhehlte uns nicht, wie er jenen liberalen Wahlspruch: 'Den Meisten das Beste!' nach seiner Art verwandelt und 'Vielen das Erwunschte' zugedacht. Die Meisten lassen sich nicht finden noch kennen, was das Beste sei, noch weniger ausmitteln. Viele jedoch sind immer um uns her; was sie wunschen, erfahren wir, was sie wunschen sollten, uberlegen wir, und so lasst sich denn immer Bedeutendes tun und schaffen. In diesem Sinne", fuhr sie fort, "ist alles, was Sie hier sehen, gepflanzt, gebaut, eingerichtet, und zwar um eines ganz nahen, leicht fasslichen Zweckes willen; alles dies geschah dem grossen, nahen Gebirg zuliebe. Der treffliche Mann, Kraft und Vermogen zusammenhaltend, sagte zu sich selbst: 'Keinem Kinde da droben soll es an einer Kirsche, an einem Apfel fehlen, wornach sie mit Recht so lustern sind; der Hausfrau soll es nicht an Kohl noch an Ruben oder sonst einem Gemuse im Topf ermangeln, damit dem unseligen Kartoffelgenuss nur einigermassen das Gleichgewicht gehalten werde.' In diesem Sinne, auf diese Weise sucht er zu leisten, wozu ihm sein Besitztum Gelegenheit gibt, und so haben sich seit manchen Jahren Trager und Tragerinnen gebildet, welche das Obst in die tiefsten Schluchten des Felsgebirges verkauflich hintragen."
"Ich habe selbst davon genossen wie ein Kind", versetzte Wilhelm; "da, wo ich dergleichen nicht anzutreffen hoffte, zwischen Tannen und Felsen, uberraschte mich weniger ein reiner Frommsinn als ein erquicklich frisches Obst. Die Gaben des Geistes sind uberall zu Hause, die Geschenke der Natur uber den Erdboden sparsam ausgeteilt."
"Ferner hat unser wurdiger Landherr von entfernten Orten manches Notwendige dem Gebirge naher gebracht; in diesen Gebauden am Fusse hin finden Sie Salz aufgespeichert und Gewurze vorratig. Fur Tabak und Branntwein lasst er andere sorgen; dies seien keine Bedurfnisse, sagt er, sondern Geluste, und da wurden sich schon Unterhandler genug finden."
Angelangt am bestimmten Orte, einem geraumigen Forsterhause im Walde, fand sich die Gesellschaft zusammen und bereits eine kleine Tafel gedeckt. "Setzen wir uns", sagte Hersilie; "hier steht zwar der Stuhl des Oheims, aber gewiss wird er nicht kommen, wie gewohnlich. Es ist mir gewissermassen lieb, dass unser neuer Gast, wie ich hore, nicht lange bei uns verweilen wird: denn es musste ihm verdriesslich sein, unser Personal kennen zu lernen, es ist das ewig in Romanen und Schauspielen wiederholte: ein wunderlicher Oheim, eine sanfte und eine muntere Nichte, eine kluge Tante, Hausgenossen nach bekannter Art; und kame nun gar der Vetter wieder, so lernte er einen phantastischen Reisenden kennen, der vielleicht einen noch sonderbarern Gesellen mitbrachte, und so ware das leidige Stuck erfunden und in Wirklichkeit gesetzt."
"Die Eigenheiten des Oheims haben wir zu ehren", versetzte Juliette; "sie sind niemanden zur Last, gereichen vielmehr jedermann zur Bequemlichkeit. Eine bestimmte Tafelstunde ist ihm nun einmal verdriesslich, selten, dass er sie einhalt, wie er denn versichert: eine der schonsten Erfindungen neuerer Zeit sei das Speisen nach der Karte."
Unter manchen andern Gesprachen kamen sie auf die Neigung des werten Mannes, uberall Inschriften zu belieben. "Meine Schwester", sagte Hersilie, "weiss sie samtlich auszulegen, mit dem Kustode versteht sie's um die Wette; ich aber finde, dass man sie alle umkehren kann und dass sie alsdann ebenso wahr sind, und vielleicht noch mehr." "Ich leugne nicht", versetzte Wilhelm, "es sind Spruche darunter, die sich in sich selbst zu vernichten scheinen; so sah ich z.B. sehr auffallend angeschrieben: 'Besitz und Gemeingut'; heben sich diese beiden Begriffe nicht auf?"
Hersilie fiel ein: "Dergleichen Inschriften, scheint es, hat der Oheim von den Orientalen genommen, die an allen Wanden die Spruche des Korans mehr verehren als verstehen." Juliette, ohne sich irren zu lassen, erwiderte auf obige Frage: "Umschreiben Sie die wenigen Worte, so wird der Sinn alsobald hervorleuchten."
Nach einigen Zwischenreden fuhr Juliette fort, weiter aufzuklaren, wie es gemeint sei: "Jeder suche den Besitz, der ihm von der Natur, von dem Schicksal gegonnt ward, zu wurdigen, zu erhalten, zu steigern, er greife mit allen seinen Fertigkeiten so weit umher, als er zu reichen fahig ist; immer aber denke er dabei, wie er andere daran will teilnehmen lassen: denn nur insofern werden die Vermogenden geschatzt, als andere durch sie geniessen."
Indem man sich nun nach Beispielen umsah, fand sich der Freund erst in seinem Fache; man wetteiferte, man uberbot sich, um jene lakonischen Worte recht wahr zu finden. Warum, hiess es, verehrt man den Fursten, als weil er einen jeden in Tatigkeit setzen, fordern, begunstigen und seiner absoluten Gewalt gleichsam teilhaft machen kann? Warum schaut alles nach dem Reichen, als weil er, der Bedurftigste, uberall Teilnehmer an seinem Uberflusse wunscht? Warum beneiden alle Menschen den Dichter? weil seine Natur die Mitteilung notig macht, ja die Mitteilung selbst ist. Der Musiker ist glucklicher als der Maler, er spendet willkommene Gaben aus, personlich unmittelbar, anstatt dass der letzte nur gibt, wenn die Gabe sich von ihm absonderte.
Nun hiess es ferner im allgemeinen: Jede Art von Besitz soll der Mensch festhalten, er soll sich zum Mittelpunkt machen, von dem das Gemeingut ausgehen kann; er muss Egoist sein, um nicht Egoist zu werden, zusammenhalten, damit er spenden konne. Was soll es heissen, Besitz und Gut an die Armen zu geben? Loblicher ist, sich fur sie als Verwalter betragen. Dies ist der Sinn der Worte "Besitz und Gemeingut"; das Kapital soll niemand angreifen, die Interessen werden ohnehin im Weltlaufe schon jedermann angehoren.
Man hatte, wie sich im Gefolg des Gesprachs ergab, dem Oheim vorgeworfen, dass ihm seine Guter nicht eintrugen, was sie sollten. Er versetzte dagegen: "Das Mindere der Einnahme betracht' ich als Ausgabe, die mir Vergnugen macht, indem ich andern dadurch das Leben erleichtere; ich habe nicht einmal die Muhe, dass diese Spende durch mich durchgeht, und so setzt sich alles wieder ins gleiche."
Dergestalt unterhielten sich die Frauenzimmer mit dem neuen Freunde gar vielseitig, und bei immer wachsendem gegenseitigem Vertrauen sprachen sie uber den zunachst erwarteten Vetter.
"Wir halten sein wunderliches Betragen fur abgeredet mit dem Oheim. Er lasst seit einigen Jahren nichts von sich horen, sendet anmutige, seinen Aufenthalt verblumt andeutende Geschenke, schreibt nun auf einmal ganz aus der Nahe, will aber nicht eher zu uns kommen, bis wir ihm von unsern Zustanden Nachricht geben. Dies Betragen ist nicht naturlich; was auch dahinterstecke, wir mussen es vor seiner Ruckkehr erfahren. Heute abend geben wir Ihnen einen Heft Briefe, woraus das Weitere zu ersehen ist." Hersilie setzte hinzu: "Gestern machte ich Sie mit einer torigen Landlauferin bekannt, heute sollen Sie von einem verruckten Reisenden vernehmen." "Gestehe es nur", fugte Juliette hinzu, "diese Mitteilung ist nicht ohne Absicht."
Hersilie fragte soeben etwas ungeduldig, wo der Nachtisch bleibe, als die Meldung geschah, der Oheim erwarte die Gesellschaft, mit ihm die Nachkost in der grossen Laube zu geniessen. Auf dem Hinwege bemerkte man eine Feldkuche, die sehr emsig ihre blank gereinigten Kasserollen Schusseln und Teller klappernd einzupacken beschaftigt war. In einer geraumigen Laube fand man den alten Herrn an einem runden, grossen, frischgedeckten Tisch, auf welchem soeben die schonsten Fruchte, willkommenes Backwerk und die besten Sussigkeiten, indem sich jene niedersetzten, reichlich aufgetragen wurden. Auf die Frage des Oheims, was bisher begegnet, womit man sich unterhalten, fiel Hersilie vorschnell ein: "Unser guter Gast hatte wohl uber Ihre lakonischen Inschriften verwirrt werden konnen ware ihm Juliette nicht durch einen fortlaufenden Kommentar zu Hulfe gekommen." "Du hast es immer mit Julietten zu tun", versetzte der Oheim, "sie ist ein wackres Madchen, das noch etwas lernen und begreifen mag." "Ich machte vieles gern vergessen, was ich weiss, und was ich begriffen habe, ist auch nicht viel wert", versetzte Hersilie in Heiterkeit.
Hierauf nahm Wilhelm das Wort und sagte bedachtig: "Kurzgefasste Spruche jeder Art weiss ich zu ehren, besonders wenn sie mich anregen, das Entgegengesetzte zu uberschauen und in Ubereinstimmung zu bringen." "Ganz richtig", erwiderte der Oheim, "hat doch der vernunftige Mann in seinem ganzen Leben noch keine andere Beschaftigung gehabt."
Indessen besetzte sich die Tafelrunde nach und nach, so dass Spatere kaum Platz fanden. Die beiden Amtleute waren gekommen, Jager, Pferdebandiger, Gartner, Forster und andere, denen man nicht gleich ihren Beruf ansehen konnte. Jeder hatte etwas von dem letzten Augenblick zu erzahlen und mitzuteilen, das sich der alte Herr gefallen liess, auch wohl durch teilnehmende Fragen hervorrief, zuletzt aber aufstand und, die Gesellschaft, die sich nicht ruhren sollte, begrussend, mit den beiden Amtleuten sich entfernte. Das Obst hatten sich alle, das Zuckerwerk die jungen Leute, wenn sie auch ein wenig wild aussahen, gar wohl schmecken lassen. Einer nach dem andern stand auf, begrusste die Bleibenden und ging davon.
Die Frauenzimmer, welche bemerkten, dass der Gast auf das, was vorging, mit einiger Verwunderung achtgab, erklarten sich folgendermassen: "Sie sehen hier abermals die Wirkung der Eigenheiten unsers trefflichen Oheims; er behauptet: keine Erfindung des Jahrhunderts verdiene mehr Bewunderung, als dass man in Gasthausern, an besonderen kleinen Tischchen, nach der Karte speisen konne; sobald er dies gewahr worden, habe er fur sich und andere dies auch in seiner Familie einzufuhren gesucht. Wenn er vom besten Humor ist, mag er gern die Schrecknisse eines Familientisches lebhaft schildern, wo jedes Glied mit fremden Gedanken beschaftigt sich niedersetzt, ungern hort, in Zerstreuung spricht, muffig schweigt und, wenn gar das Ungluck kleine Kinder heranfuhrt, mit augenblicklicher Padagogik die unzeitigste Missstimmung hervorbringt. 'So manches Ubel', sagt er, 'muss man tragen, von diesem habe ich mich zu befreien gewusst.' Selten erscheint er an unserm Tische und besetzt den Stuhl nur augenblicklich, der fur ihn leer steht. Seine Feldkuche fuhrt er mit sich umher, speist gewohnlich allein, andere mogen fur sich sorgen. Wenn er aber einmal Fruhstuck, Nachtisch oder sonst Erfrischung anbietet, dann versammeln sich alle zerstreuten Angehorigen, geniessen das Bescherte, wie Sie gesehen haben. Das macht ihm Vergnugen; aber niemand darf kommen, der nicht Appetit mitbringt, jeder muss aufstehen, der sich gelabt hat, und nur so ist er gewiss, immer von Geniessenden umgeben zu sein. 'Will man die Menschen ergotzen', horte ich ihn sagen, 'so muss man ihnen das zu verleihen suchen, was sie selten oder nie zu erlangen im Falle sind.'"
Auf dem Ruckwege brachte ein unerwarteter Schlag die Gesellschaft in einige Gemutsbewegung. Hersilie sagte zu dem neben ihr reitenden Felix: "Sieh dort, was mogen das fur Blumen sein? sie decken die ganze Sommerseite des Hugels, ich hab' sie noch nie gesehen." Sogleich regte Felix sein Pferd an, sprengte auf die Stelle los und war im Zuruckkommen mit einem ganzen Buschel bluhender Kronen, die er von weitem schuttelte, als er auf einmal mit dem Pferde verschwand. Er war in einen Graben gesturzt. Sogleich losten sich zwei Reiter von der Gesellschaft ab, nach dem Punkte hinsprengend.
Wilhelm wollte aus dem Wagen, Juliette verbat es: "Hulfe ist schon bei ihm, und unser Gesetz ist in solchen Fallen, dass nur der Helfende sich von der Stelle regen darf; der Chirurg ist schon dorten." Hersilie hielt ihr Pferd an: "Jawohl", sagte sie, "Leibarzte braucht man nur selten, Wundarzte jeden Augenblick." Schon sprengte Felix mit verbundenem Kopfe wieder heran, die bluhende Beute festhaltend und hoch emporzeigend. Mit Selbstgefalligkeit reichte er den Strauss seiner Herrin zu, dagegen gab ihm Hersilie ein buntes, leichtes Halstuch. "Die weisse Binde kleidet dich nicht", sagte sie, "diese wird schon lustiger aussehen." Und so kamen sie zwar beruhigt, aber teilnehmender gestimmt nach Hause.
Es war spat geworden, man trennte sich in freundlicher Hoffnung morgenden Wiedersehens; der hier folgende Briefwechsel aber erhielt unsern Freund noch einige Stunden nachdenklich und wach.
Lenardo an die Tante
Endlich erhalten Sie nach drei Jahren den ersten Brief von mir, liebe Tante, unserer Abrede gemass, die freilich wunderlich genug war. Ich wollte die Welt sehen und mich ihr hingeben und wollte fur diese Zeit meine Heimat vergessen, von der ich kam, zu der ich wieder zuruckzukehren hoffte. Den ganzen Eindruck wollte ich behalten, und das einzelne sollte mich in die Ferne nicht irremachen. Indessen sind die notigen Lebenszeichen von Zeit zu Zeit hin und her gegangen. Ich habe Geld erhalten, und kleine Gaben fur meine Nachsten sind Ihnen indessen zur Austeilung uberliefert worden. An den uberschickten Waren konnten Sie sehen, wo und wie ich mich befand. An den Weinen hat der Onkel meinen jedesmaligen Aufenthalt gewiss herausgekostet; dann die Spitzen, die Quodlibets, die Stahlwaren haben meinen Weg, durch Brabant uber Paris nach London, fur die Frauenzimmer bezeichnet; und so werde ich auf Ihren Schreib-, Nah- und Teetischen, an Ihren Negliges und Festkleidern gar manches Merkzeichen finden, woran ich meine Reiseerzahlung knupfen kann. Sie haben mich begleitet, ohne von mir zu horen, und sind vielleicht nicht einmal neugierig, etwas weiter zu erfahren. Mir hingegen ist hochst notig, durch Ihre Gute zu vernehmen, wie es in dem Kreise steht, in den ich wieder einzutreten im Begriff bin. Ich mochte wirklich aus der Fremde wie ein Fremder hineinkommen, der, um angenehm zu sein, sich erst erkundigt, was man in dem Hause will und mag, und sich nicht einbildet, dass man ihn wegen seiner schonen Augen oder Haare gerade nach seiner eigenen Weise empfangen musse. Schreiben Sie mir daher vom guten Onkel, von den lieben Nichten, von sich selbst, von unsern Verwandten, nahern und fernern, auch von alten und neuen Bedienten. Genug, lassen Sie Ihre geubte Feder, die Sie fur Ihren Neffen so lange nicht eingetaucht, auch einmal zu seinen Gunsten auf dem Papiere hinwalten. Ihr unterrichtendes Schreiben soll zugleich mein Kreditiv sein, mit dem ich mich einstelle, sobald ich es erhalten habe. Es hangt also von Ihnen ab, mich in Ihren Armen zu sehen. Man verandert sich viel weniger, als man glaubt, und die Zustande bleiben sich auch meistens sehr ahnlich. Nicht was sich verandert hat, sondern was geblieben ist, was allmahlich zu- und abnahm, will ich auf einmal wieder erkennen und mich selbst in einem bekannten Spiegel wieder erblicken. Grussen Sie herzlich alle die Unsrigen und glauben Sie, dass in der wunderlichen Art meines Aussenbleibens und Zuruckkommens so viel Warme enthalten sei als manchmal nicht in stetiger Teilnahme und lebhafter Mitteilung. Tausend Grusse jedem und allen!
Nachschrift
Versaumen Sie nicht, beste Tante, mir auch von unsern Geschaftsmannern ein Wort zu sagen, wie es mit unsern Gerichtshaltern und Pachtern steht. Was ist mit Valerinen geworden, der Tochter des Pachters, den unser Onkel kurz vor meiner Abreise, zwar mit Recht, aber doch, dunkt mich, mit ziemlicher Harte austrieb? Sie sehen, ich erinnere mich noch manches Umstandes; ich weiss wohl noch alles. Uber das Vergangene sollen Sie mich examinieren, wenn Sie mir das Gegenwartige mitgeteilt haben.
Die Tante an Julietten
Endlich, liebe Kinder, ein Brief von dem dreijahrigen Schweiger. Was doch die wunderlichen Menschen wunderlich sind! Er glaubt, seine Waren und Zeichen seien so gut als ein einziges gutes Wort, das der Freund dem Freunde sagen oder schreiben kann. Er bildet sich wirklich ein, im Vorschuss zu stehen, und will nun von unserer Seite das zuerst geleistet haben, was er uns von der seinigen so hart und unfreundlich versagte. Was sollen wir tun? Ich fur meinen Teil wurde gleich in einem langen Brief seinen Wunschen entgegenkommen, wenn sich mein Kopfweh nicht anmeldete, das mich gegenwartiges Blatt kaum zu Ende schreiben lasst. Wir verlangen ihn alle zu sehen. Ubernehmt, meine Lieben, doch das Geschaft. Bin ich hergestellt, eh Ihr geendet habt, so will ich das Meinige beitragen. Wahlt Euch die Personen und die Verhaltnisse, wie Ihr sie am liebsten beschreibt. Teilt Euch darein. Ihr werdet alles besser machen als ich selbst. Der Bote bringt mir doch von Euch ein Wort zuruck?
Juliette an die Tante
Wir haben gleich gelesen, uberlegt und sagen mit dem Boten unsere Meinung, jede besonders, wenn wir erst zusammen versichert haben, dass wir nicht so gutmutig sind wie unsere liebe Tante gegen den immer verzogenen Neffen. Nachdem er seine Karten drei Jahre vor uns verborgen gehalten hat und noch verborgen halt, sollen wir die unsrigen auflegen und ein offenes Spiel gegen ein verdecktes spielen. Das ist keinesweges billig, und doch mag es hingehen; denn der Feinste betriegt sich oft, gerade weil er zu viel sichert. Nur uber die Art und Weise sind wir nicht einig, was und wie man's ihm senden soll. Zu schreiben, wie man uber die Seinigen denkt, das ist fur uns wenigstens eine wunderliche Aufgabe. Gewohnlich denkt man uber sie nur in diesem und jenem Falle, wenn sie einem besonderes Vergnugen oder Verdruss machen. Ubrigens lasst jeder den andern gewahren. Sie konnten es allein, liebe Tante; denn Sie haben die Einsicht und die Billigkeit zugleich. Hersilie, die, wie Sie wissen, leicht zu entzunden ist, hat mir in der Geschwindigkeit die ganze Familie aus dem Stegreif ins Lustige rezensiert; ich wollte, dass es auf dem Papier stunde, um Ihnen selbst bei Ihren Ubeln ein Lacheln abzugewinnen; aber nicht, dass man es ihm schickte. Mein Vorschlag ist jedoch, ihm unsere Korrespondenz dieser drei Jahre mitzuteilen; da mag er sich durchlesen, wenn er Mut hat, oder mag kommen, um zu sehen, was er nicht lesen mag. Ihre Briefe an mich, liebe Tante, sind in der besten Ordnung und stehen gleich zu Befehl. Dieser Meinung tritt Hersilie nicht bei; sie entschuldigt sich mit der Unordnung ihrer Papiere u.s.w., wie sie Ihnen selbst sagen wird.
Hersilie an die Tante
Ich will und muss sehr kurz sein, liebe Tante, denn der Bote zeigt sich unartig ungeduldig. Ich finde es eine ubermassige Gutmutigkeit und gar nicht am Platz, Lenardon unsere Briefe mitzuteilen. Was braucht er zu wissen, was wir Gutes von ihm gesagt haben, was braucht er zu wissen, was wir Boses von ihm sagten, um aus dem letzten noch mehr als dem ersten herauszufinden, dass wir ihm gut sind! Halten Sie ihn kurz, ich bitte Sie. Es ist so was Abgemessenes und Anmassliches in dieser Forderung, in diesem Betragen, wie es die Herren meistens haben, wenn sie aus fremden Landern kommen. Sie halten die daheim Gebliebenen immer nicht fur voll. Entschuldigen Sie sich mit Ihrem Kopfweh. Er wird schon kommen; und wenn er nicht kame, so warten wir noch ein wenig. Vielleicht fallt es ihm alsdann ein, auf eine sonderbare, geheime Weise sich bei uns zu introduzieren, uns unerkannt kennen zu lernen, und was nicht alles in den Plan eines so klugen Mannes eingreifen konnte. Das musste doch hubsch und wunderbar sein! das durfte allerlei Verhaltnisse hervorbringen, die bei einem so diplomatischen Eintritt in seine Familie, wie er ihn jetzt vorhat, sich unmoglich entwickeln konnen.
Der Bote! der Bote! Ziehen Sie Ihre alten Leute besser, oder schicken Sie junge. Diesem ist weder mit Schmeichelei noch mit Wein beizukommen. Leben Sie tausendmal wohl!
Nachschrift um Nachschrift
Sagen Sie mir, was will der Vetter in seiner Nachschrift mit Valerinen? Diese Frage ist mir doppelt aufgefallen. Es ist die einzige Person, die er mit Namen nennt. Wir andern sind ihm Nichten, Tanten, Geschaftstrager; keine Personen, sondern Rubriken. Valerine, die Tochter unseres Gerichtshalters! Freilich ein blondes, schones Kind, das dem Herrn Vetter vor seiner Abreise mag in die Augen geleuchtet haben. Sie ist verheiratet, gut und glucklich; das brauche ich Ihnen nicht zu sagen. Aber er weiss es so wenig, als er sonst etwas von uns weiss. Vergessen Sie ja nicht, ihm gleichfalls in einer Nachschrift zu melden: Valerine sei taglich schoner geworden und habe auch deshalb eine sehr gute Partie getan. Sie sei die Frau eines reichen Gutsbesitzers. Verheiratet sei die schone Blondine. Machen Sie es ihm recht deutlich. Nun aber, liebe Tante, ist das noch nicht alles. Wie er sich der blonden Schonheit so genau erinnern und sie mit der Tochter des liederlichen Pachters, einer wilden Hummel von Brunette, verwechseln kann, die Nachodine hiess und die wer weiss wohin geraten ist, das bleibt mir vollig unbegreiflich und intrigiert mich ganz besonders. Denn es scheint doch, der Herr Vetter, der sein gutes Gedachtnis ruhmt, verwechselt Namen und Personen auf eine sonderbare Weise. Vielleicht fuhlt er diesen Mangel und will das Erloschene durch Ihre Schilderung wieder auffrischen. Halten Sie ihn kurz, ich bitte Sie; aber suchen Sie zu erfahren, wie es mit den Valerinen und Nachodinen steht und was fur Inen, Trinen vielleicht noch alle sich in seiner Einbildungskraft erhalten haben, indessen die Etten und Ilien daraus verschwunden sind. Der Bote! der verwunschte Bote!
Die Tante den Nichten
(Diktiert)
Was soll man sich viel verstellen gegen die, mit denen man sein Leben zuzubringen hat! Lenardo mit allen seinen Eigenheiten verdient Zutrauen. Ich schicke ihm Eure beiden Briefe; daraus lernt er Euch kennen, und ich hoffe, wir andern werden unbewusst eine Gelegenheit ergreifen, uns auch nachstens ebenso vor ihm darzustellen. Lebet wohl! ich leide sehr.
Hersilie an die Tante
Was soll man sich viel verstellen gegen die, mit denen man sein Leben zubringt! Lenardo ist ein verzogener Neffe. Es ist abscheulich, dass Sie ihm unsere Briefe schicken. Er wird uns daraus nicht kennen lernen, und ich wunsche mir nur Gelegenheit, mich nachstens von einer andern Seite darzustellen. Sie machen andere viel leiden, indem Sie leiden und blind lieben. Baldige Besserung Ihrer Leiden! Ihrer Liebe ist nicht zu helfen.
Die Tante an Hersilien
Dein letztes Zettelchen hatte ich auch mit an Lenardo eingepackt, wenn ich uberhaupt bei dem Vorsatz geblieben ware, den mir meine inkorrigible Neigung, mein Leiden und die Bequemlichkeit eingegeben hatten. Eure Briefe sind nicht fort.
Wilhelm an Natalien
Der Mensch ist ein geselliges, gesprachiges Wesen; seine Lust ist gross, wenn er Fahigkeiten ausubt, die ihm gegeben sind, und wenn auch weiter nichts dabei herauskame. Wie oft beklagt man sich in Gesellschaft, dass einer den andern nicht zum Worte kommen lasst, und ebenso kann man sagen, dass einer den andern nicht zum Schreiben kommen liesse, wenn nicht das Schreiben gewohnlich ein Geschaft ware, das man einsam und allein abtun muss.
Wie viel die Menschen schreiben, davon hat man gar keinen Begriff. Von dem, was davon gedruckt wird, will ich gar nicht reden, ob es gleich schon genug ist. Was aber an Briefen und Nachrichten und Geschichten, Anekdoten, Beschreibungen von gegenwartigen Zustanden einzelner Menschen in Briefen und grosseren Aufsatzen in der Stille zirkuliert, davon kann man sich nur eine Vorstellung machen, wenn man in gebildeten Familien eine Zeitlang lebt, wie es mir jetzt geht. In der Sphare, in der ich mich gegenwartig befinde, bringt man beinahe so viel Zeit zu, seinen Verwandten und Freunden dasjenige mitzuteilen, womit man sich beschaftigt, als man Zeit sich zu beschaftigen selbst hatte. Diese Bemerkung, die sich mir seit einigen Tagen aufdringt, mache ich um so lieber, als mir die Schreibseligkeit meiner neuen Freunde Gelegenheit verschafft, ihre Verhaltnisse geschwind und nach allen Seiten hin kennen zu lernen. Man vertraut mir, man gibt mir einen Pack Briefe, ein paar Hefte Reisejournale, die Konfessionen eines Gemuts, das noch nicht mit sich selbst einig ist, und so bin ich in kurzem uberall zu Hause. Ich kenne die nachste Gesellschaft; ich kenne die Personen, deren Bekanntschaft ich machen werde, und weiss von ihnen beinahe mehr als sie selbst, weil sie denn doch in ihren Zustanden befangen sind und ich an ihnen vorbeischwebe, immer an deiner Hand, mich mit dir uber alles besprechend. Auch ist es meine erste Bedingung, ehe ich ein Vertrauen annehme, dass ich dir alles mitteilen durfe. Hier also einige Briefe, die dich in den Kreis einfuhren werden, in dem ich mich gegenwartig herumdrehe, ohne mein Gelubde zu brechen oder zu umgehen.
Siebentes Kapitel
Am fruhsten Morgen fand sich unser Freund allein in die Galerie und ergotzte sich an so mancher bekannten Gestalt; uber die Unbekannten gab ihm ein vorgefundener Katalog den erwunschten Aufschluss. Das Portrat wie die Biographie haben ein ganz eigenes Interesse; der bedeutende Mensch, den man sich ohne Umgebung nicht denken kann, tritt einzeln abgesondert heraus und stellt sich vor uns wie vor einen Spiegel; ihm sollen wir entschiedene Aufmerksamkeit zuwenden, wir sollen uns ausschliesslich mit ihm beschaftigen, wie er behaglich vor dem Spiegelglas mit sich beschaftiget ist. Ein Feldherr ist es, der jetzt das ganze Heer reprasentiert, hinter den so Kaiser als Konige, fur die er kampft, ins Trube zurucktreten. Der gewandte Hofmann steht vor uns, eben als wenn er uns den Hof machte, wir denken nicht an die grosse Welt, fur die er sich eigentlich so anmutig ausgebildet hat. Uberraschend war sodann unserm Beschauer die Ahnlichkeit mancher langst vorubergegangenen mit lebendigen, ihm bekannten und leibhaftig gesehenen Menschen, ja Ahnlichkeit mit ihm selbst! Und warum sollten sich nur Zwillingsmenachmen aus einer Mutter entwickeln? Sollte die grosse Mutter der Gotter und Menschen nicht auch das gleiche Gebild aus ihrem fruchtbaren Schosse gleichzeitig oder in Pausen hervorbringen konnen?
Endlich durfte denn auch der gefuhlvolle Beschauer sich nicht leugnen, dass manches anziehende, manches Abneigung erweckende Bild vor seinen Augen voruberschwebe.
In solchem Betrachten uberraschte ihn der Hausherr, mit dem er sich uber diese Gegenstande freimutig unterhielt und hiernach dessen Gunst immer mehr zu gewinnen schien. Denn er ward freundlich in die innern Zimmer gefuhrt, wo er kostliche Bilder bedeutender Manner des sechzehnten Jahrhunderts sah, in vollstandiger Gegenwart, wie sie fur sich leibten und lebten, ohne sich etwa im Spiegel oder im Zuschauer zu beschauen, sich selbst gelassen und genugend, nur durch ihr Dasein wirkend, nicht durch irgendein Wollen oder Vornehmen.
Der Hausherr, zufrieden, dass der Gast eine so reich herangebrachte Vergangenheit vollkommen zu schatzen wusste, liess ihn Handschriften sehen von manchen Personen, uber die sie vorher in der Galerie gesprochen hatten; sogar zuletzt Reliquien, von denen man gewiss war, dass der fruhere Besitzer sich ihrer bedient, sie beruhrt hatte.
"Dies ist meine Art von Poesie", sagte der Hausherr lachelnd; "meine Einbildungskraft muss sich an etwas festhalten; ich mag kaum glauben, dass etwas gewesen sei, was nicht noch da ist. Uber solche Heiltumer vergangener Zeit suche ich mir die strengsten Zeugnisse zu verschaffen, sonst wurden sie nicht aufgenommen. Am scharfsten werden schriftliche Uberlieferungen gepruft; denn ich glaube wohl, dass der Monch die Chronik geschrieben hat, wovon er aber zeugt, daran glaube ich selten." Zuletzt legte er Wilhelmen ein weisses Blatt vor mit Ersuchen um einige Zeilen, doch ohne Unterschrift; worauf der Gast durch eine Tapetenture sich in den Saal entlassen und an der Seite des Kustode fand.
"Es freut mich", sagte dieser, "dass Sie unserm Herrn wert sind; schon dass Sie zu dieser Ture herauskommen, ist ein Beweis davon. Wissen Sie aber, wofur er Sie halt? Er glaubt einen praktischen Padagogen in Ihnen zu sehen, den Knaben vermutet er von vornehmem Hause, Ihrer Fuhrung anvertraut, um mit rechtem Sinn sogleich in die Welt und ihre mannigfaltigen Zustande nach Grundsatzen fruhzeitig eingeweiht zu werden." "Er tut mir zu viel Ehre an", sagte der Freund, "doch will ich dies Wort nicht vergebens gehort haben."
Beim Fruhstuck, wo er seinen Felix schon um die Frauenzimmer beschaftigt fand, eroffneten sie ihm den Wunsch: er moge, da er nun einmal nicht zu halten sei, sich zu der edlen Tante Makarie begeben und vielleicht von da zum Vetter, um das wunderliche Zaudern aufzuklaren. Er werde dadurch sogleich zum Gliede ihrer Familie, erzeige ihnen allen einen entschiedenen Dienst und trete mit Lenardo ohne grosse Vorbereitung in ein zutrauliches Verhaltnis.
Er jedoch versetzte dagegen: "Wohin Sie mich senden, begeb' ich mich gern; ich ging aus, zu schauen und zu denken; bei Ihnen habe ich mehr erfahren und gelernt, als ich hoffen durfte, und bin uberzeugt, auf dem nachsten eingeleiteten Wege werd' ich mehr, als ich erwarten kann, gewahr werden und lernen."
"Und du artiger Taugenichts! Was wirst denn du lernen?" fragte Hersilie, worauf der Knabe sehr keck erwiderte: "Ich lerne schreiben, damit ich dir einen Brief schicken kann, und reiten wie keiner, damit ich immer gleich wieder bei dir bin." Hierauf sagte Hersilie bedenklich: "Mit meinen zeitburtigen Verehrern hat es mir niemals recht glucken wollen, es scheint, dass die folgende Generation mich nachstens entschadigen will." Nun aber empfinden wir mit unserm Freunde, wie schmerzlich die Stunde des Abschieds herannaht, und mogen uns gern von den Eigenheiten seines trefflichen Wirtes, von den Seltsamkeiten des ausserordentlichen Mannes einen deutlichen Begriff machen. Um ihn aber nicht falsch zu beurteilen, mussen wir auf das Herkommen, auf das Herankommen dieser schon zu hohen Jahren gelangten wurdigen Person unsere Aufmerksamkeit richten. Was wir ausfragen konnten, ist folgendes:
Sein Grossvater lebte als tatiges Glied einer Gesandtschaft in England, gerade in den letzten Jahren des erhabenen William Penn. Das hohe Wohlwollen, die reinen Absichten, die unverruckte Tatigkeit eines so vorzuglichen Mannes, der Konflikt, in den er deshalb mit der Welt geriet, die Gefahren und Bedrangnisse, unter denen der Edle zu erliegen schien, erregten in dem empfanglichen Geiste des jungen Mannes ein entschiedenes Interesse; er verbruderte sich mit der Angelegenheit und zog endlich selbst nach Amerika. Der Vater so unseres Herrn ist in Philadelphia geboren, und beide ruhmten sich, beigetragen zu haben, dass eine allgemein freiere Religionsubung in den Kolonien stattfand.
Hier entwickelte sich die Maxime, dass eine in sich abgeschlossene, in Sitten und Religion herkommlich ubereinstimmende Nation vor aller fremden Einwirkung, vor aller Neuerung sich wohl zu huten habe; dass aber da, wo man auf frischem Boden viele Glieder von allen Seiten her zusammenberufen will, moglichst unbedingte Tatigkeit im Erwerb und freier Spielraum der allgemein-sittlichen und religiosen Vorstellungen zu vergonnen sei.
Der lebhafte Trieb nach Amerika im Anfange des achtzehnten Jahrhunderts war gross, indem ein jeder, der sich diesseits einigermassen unbequem befand, sich druben in Freiheit zu setzen hoffte; dieser Trieb ward genahrt durch wunschenswerte Besitzungen, die man erlangen konnte, ehe sich noch die Bevolkerung weiter nach Westen verbreitete. Ganze sogenannte Grafschaften standen noch zu Kauf an der Grenze des bewohnten Landes, auch der Vater unseres Herrn hatte sich dort bedeutend angesiedelt.
Wie aber in den Sohnen sich oft ein Widerspruch hervortut gegen vaterliche Gesinnungen und Einrichtungen, so zeigte sich's auch hier. Unser Hausherr, als Jungling nach Europa gelangt, fand sich hier ganz anders; diese unschatzbare Kultur, seit mehreren tausend Jahren entsprungen, gewachsen, ausgebreitet, gedampft, gedruckt, nie ganz erdruckt, wieder aufatmend, sich neu belebend, und nach wie vor in unendlichen Tatigkeiten hervortretend, gab ihm ganz andere Begriffe, wohin die Menschheit gelangen kann. Er zog vor, an den grossen, unubersehlichen Vorteilen sein Anteil hinzunehmen und lieber in der grossen, geregelt tatigen Masse mitwirkend sich zu verlieren, als druben uber dem Meere um Jahrhunderte verspatet den Orpheus und Lykurg zu spielen; er sagte: "Uberall bedarf der Mensch Geduld, uberall muss er Rucksicht nehmen, und ich will mich doch lieber mit meinem Konige abfinden, dass er mir diese oder jene Gerechtsame zugestehe, lieber mich mit meinen Nachbarn vergleichen, dass sie mir gewisse Beschrankungen erlassen, wenn ich ihnen von einer andern Seite nachgebe, als dass ich mich mit den Irokesen herumschlage, um sie zu vertreiben, oder sie durch Kontrakte betriege, um sie zu verdrangen aus ihren Sumpfen, wo man von Moskitos zu Tode gepeinigt wird."
Er ubernahm die Familienguter, wusste sie freisinnig zu behandeln, sie wirtschaftlich einzurichten, weite, unnutz scheinende Nachbardistrikte kluglich anzuschliessen und so sich innerhalb der kultivierten Welt, die in einem gewissen Sinne auch gar oft eine Wildnis genannt werden kann, ein massiges Gebiet zu erwerben und zu bilden, das fur die beschrankten Zustande immer noch utopisch genug ist.
Religionsfreiheit ist daher in diesem Bezirk naturlich, der offentliche Kultus wird als ein freies Bekenntnis angesehen, dass man in Leben und Tod zusammengehore; hiernach aber wird sehr darauf gesehen, dass niemand sich absondere.
Man wird in den einzelnen Ansiedelungen massig grosse Gebaude gewahr; dies ist der Raum, den der Grundbesitzer jeder Gemeinde schuldig ist; hier kommen die Altesten zusammen, um sich zu beraten, hier versammeln sich die Glieder, um Belehrung und fromme Ermunterung zu vernehmen. Aber auch zu heiterm Ergotzen ist dieser Raum bestimmt: hier werden die hochzeitlichen Tanze aufgefuhrt und der Feiertag mit Musik geschlossen.
Hierauf kann uns die Natur selbst fuhren. Bei heiterer Witterung sehen wir gewohnlich unter derselben Linde die Altesten im Rat, die Gemeinde zur Erbauung und die Jugend im Tanze sich schwenkend. Auf ernstem Lebensgrunde zeigt sich das Heitere so schon, Ernst und Heiligkeit massigen die Lust, und nur durch Massigung erhalten wir uns.
Ist die Gemeinde anderes Sinnes und wohlhabend genug, so steht es ihr frei, verschiedene Baulichkeiten den verschiedenen Zwecken zu widmen.
Wenn aber dies alles aufs Offentliche und gemeinsam Sittliche berechnet ist, so bleibt die eigentliche Religion ein Inneres, ja Individuelles, denn sie hat ganz allein mit dem Gewissen zu tun, dieses soll erregt, soll beschwichtigt werden. Erregt, wenn es stumpf, untatig, unwirksam dahinbrutet, beschwichtigt, wenn es durch reuige Unruhe das Leben zu verbittern droht. Denn es ist ganz nah mit der Sorge verwandt, die in den Kummer uberzugehen droht, wenn wir uns oder andern durch eigene Schuld ein Ubel zugezogen haben.
Da wir aber zu Betrachtungen, wie sie hier gefordert werden, nicht immer aufgelegt sind, auch nicht immer aufgeregt sein mogen, so ist hiezu der Sonntag bestimmt, wo alles, was den Menschen druckt, in religioser, sittlicher, geselliger, okonomischer Beziehung, zur Sprache kommen muss. "Wenn Sie eine Zeitlang bei uns blieben", sagte Juliette, "so wurde auch unser Sonntag Ihnen nicht missfallen. Ubermorgen fruh wurden Sie eine grosse Stille bemerken; jeder bleibt einsam und widmet sich einer vorgeschriebenen Betrachtung. Der Mensch ist ein beschranktes Wesen; unsere Beschrankung zu uberdenken, ist der Sonntag gewidmet. Sind es korperliche Leiden, die wir im Lebenstaumel der Woche vielleicht gering achteten, so mussen wir am Anfang der neuen alsobald den Arzt aufsuchen; ist unsere Beschrankung okonomisch und sonst burgerlich, so sind unsere Beamten verpflichtet, ihre Sitzungen zu halten; ist es geistig, sittlich, was uns verdustert, so haben wir uns an einen Freund, an einen Wohldenkenden zu wenden, dessen Rat, dessen Einwirkung zu erbitten: genug, es ist das Gesetz, dass niemand eine Angelegenheit, die ihn beunruhigt oder qualt, in die neue Woche hinubernehmen durfe. Von druckenden Pflichten kann uns nur die gewissenhafteste Ausubung befreien und was gar nicht aufzulosen ist, uberlassen wir zuletzt Gott als dem allbedingenden und allbefreienden Wesen. Auch der Oheim selbst unterlasst nicht solche Prufung, es sind sogar Falle, wo er mit uns vertraulich uber eine Angelegenheit gesprochen hat, die er im Augenblick nicht uberwinden konnte; am meisten aber bespricht er sich mit unserer edlen Tante, die er von Zeit zu Zeit besuchend angeht. Auch pflegt er Sonntag abends zu fragen, ob alles rein gebeichtet und abgetan worden. Sie sehen hieraus, dass wir alle Sorgfalt anwenden, um nicht in Ihren Orden, nicht in die Gemeinschaft der Entsagenden aufgenommen zu werden."
"Es ist ein sauberes Leben!" rief Hersilie; "wenn ich mich alle acht Tage resigniere, so hab' ich es freilich bei dreihundertundfunfundsechzigen zugute."
Vor dem Abschiede jedoch erhielt unser Freund von dem jungern Beamten ein Paket mit beiliegendem Schreiben, aus welchem wir folgende Stelle ausheben:
"Mir will scheinen, dass bei jeder Nation ein anderer Sinn vorwalte, dessen Befriedigung sie allein glucklich macht, und dies bemerkt man ja schon an verschiedenen Menschen. Der eine, der sein Ohr mit vollen, anmutig geregelten Tonen gefullt, Geist und Seele dadurch angeregt wunscht, dankt er mir's, wenn ich ihm das trefflichste Gemalde vor Augen stelle? Ein Gemaldefreund will schauen, er wird ablehnen, durch Gedicht oder Roman seine Einbildungskraft erregen zu lassen. Wer ist denn so begabt, dass er vielseitig geniessen konne?
Sie aber, vorubergehender Freund, sind mir als ein solcher erschienen, und wenn Sie die Nettigkeit einer vornehm reichen franzosischen Verirrung zu schatzen wussten, so hoffe ich, Sie werden die einfache, treue Rechtlichkeit deutscher Zustande nicht verschmahen und mir verzeihen, wenn ich nach meiner Art und Denkweise, nach Herankommen und Stellung kein anmutigeres Bild finde, als wie sie uns der deutsche Mittelstand in seinen reinen Hauslichkeiten sehen lasst.
Lassen Sie sich's gefallen und gedenken mein."
Achtes Kapitel
Wer ist der Verrater?
"Nein! nein!" rief er aus, als er heftig und eilig ins angewiesene Schlafzimmer trat und das Licht niedersetzte; "nein! es ist nicht moglich! Aber wohin soll ich mich wenden? Das erstemal denk' ich anders als er, das erstemal empfind' ich, will ich anders. O mein Vater! Konntest du unsichtbar gegenwartig sein, mich durch und durch schauen, du wurdest dich uberzeugen, dass ich noch derselbe bin, immer der treue, gehorsame, liebevolle Sohn. Nein zu sagen! des Vaters liebstem, lange gehegtem Wunsch zu widerstreben! wie soll ich's offenbaren? wie soll ich's ausdrukken? Nein, ich kann Julien nicht heiraten. Indem ich's ausspreche, erschrecke ich. Und wie soll ich vor ihn treten, es ihm eroffnen, dem guten, lieben Vater? Er blickt mich staunend an und schweigt, er schuttelt den Kopf; der einsichtige, kluge, gelehrte Mann weiss keine Worte zu finden. Weh mir! O ich wusste wohl, wem ich diese Pein, diese Verlegenheit vertraute, wen ich mir zum Fursprecher ausgriffe! Aus allen dich, Lucinde! und dir mocht' ich zuerst sagen, wie ich dich liebe, wie ich mich dir hingebe, und dich flehentlich bitten: 'Vertritt mich, und kannst du mich lieben, willst du mein sein, so vertritt uns beide!'"
Dieses kurze, herzlich-leidenschaftliche Selbstgesprach aufzuklaren, wird es aber viele Worte kosten.
Professor N. zu N. hatte einen einzigen Knaben von wundersamer Schonheit, den er bis in das achte Jahr der Vorsorge seiner Gattin, der wurdigsten Frau, uberliess; diese leitete die Stunden und Tage des Kindes zum Leben, Lernen und zu allem guten Betragen. Sie starb, und im Augenblicke fuhlte der Vater, dass er diese Sorgfalt personlich nicht weiter fortsetzen konne. Bisher war alles Ubereinkunft zwischen den Eltern; sie arbeiteten auf einen Zweck, beschlossen zusammen fur die nachste Zeit, was zu tun sei, und die Mutter verstand alles weislich auszufuhren. Doppelt und dreifach war nun die Sorge des Witwers, welcher wohl wusste und taglich vor Augen sah, dass fur Sohne der Professoren auf Akademien selbst nur durch ein Wunder eine gluckliche Bildung zu hoffen sei.
In dieser Verlegenheit wendete er sich an seinen Freund, den Oberamtmann zu R., mit dem er schon fruhere Plane naherer Familienverbindungen durchgesprochen hatte. Dieser wusste zu raten und zu helfen, dass der Sohn in eine der guten Lehranstalten aufgenommen wurde, die in Deutschland bluhten und worin fur den ganzen Menschen, fur Leib, Seele und Geist, moglichst gesorgt ward.
Untergebracht war nun der Sohn, der Vater jedoch fand sich gar zu allein: seiner Gattin beraubt, der lieblichen Gegenwart des Knaben entfremdet, den er, ohne selbsteigenes Bemuhen, so erwunscht heraufgebildet gesehn. Auch hier kam die Freundschaft des Oberamtmanns zustatten; die Entfernung ihrer Wohnorte verschwand vor der Neigung, der Lust, sich zu bewegen, sich zu zerstreuen. Hier fand nun der verwaiste Gelehrte in einem gleichfalls mutterlosen Familienkreis zwei schone, verschiedenartig liebenswurdige Tochter heranwachsen; wo denn beide Vater sich immer mehr und mehr bestarkten in dem Gedanken, in der Aussicht, ihre Hauser dereinst aufs erfreulichste verbunden zu sehn.
Sie lebten in einem glucklichen Furstenlande; der tuchtige Mann war seiner Stelle lebenslanglich gewiss und ein gewunschter Nachfolger wahrscheinlich. Nun sollte, nach einem verstandigen Familien- und Ministerialplan, sich Lucidor zu dem wichtigen Posten des kunftigen Schwiegervaters bilden. Dies gelang ihm auch von Stufe zu Stufe. Man versaumte nichts, ihm alle Kenntnisse zu uberliefern, alle Fahigkeiten an ihm zu entwickeln, deren der Staat jederzeit bedarf: die Pflege des strengen gerichtlichen Rechts, des lasslichern, wo Klugheit und Gewandtheit dem Ausubenden zur Hand geht; der Kalkul zum Tagesgebrauch, die hoheren Ubersichten nicht ausgeschlossen, aber alles unmittelbar am Leben, wie es gewiss und unausbleiblich zu gebrauchen ware.
In diesem Sinne hatte Lucidor seine Schuljahre vollbracht und ward nun durch Vater und Gonner zur Akademie vorbereitet. Er zeigte das schonste Talent zu allem und verdankte der Natur auch noch das seltene Gluck, aus Liebe zum Vater, aus Ehrfurcht fur den Freund seine Fahigkeiten gerade dahin lenken zu wollen, wohin man deutete, erst aus Gehorsam, dann aus Uberzeugung. Auf eine auswartige Akademie ward er gesendet und ging daselbst, sowohl nach eigener brieflicher Rechenschaft als nach Zeugnis seiner Lehrer und Aufseher, den Gang, der ihn zum Ziele fuhren sollte. Nur konnte man nicht billigen, dass er in einigen Fallen zu ungeduldig brav gewesen. Der Vater schuttelte hieruber den Kopf, der Oberamtmann nickte. Wer hatte sich nicht einen solchen Sohn gewunscht!
Indessen wuchsen die Tochter heran, Julie und Lucinde. Jene, die jungere, neckisch, lieblich, unstat, hochst unterhaltend; die andere zu bezeichnen schwer, weil sie in Geradheit und Reinheit dasjenige darstellte, was wir an allen Frauen wunschenswert finden. Man besuchte sich wechselseitig, und im Hause des Professors fand Julie die unerschopflichste Unterhaltung.
Geographie, die er durch Topographie zu beleben wusste, gehorte zu seinem Fach, und sobald Julie nur einen Band gewahr worden, dergleichen aus der Homannischen Offizin eine ganze Reihe dastanden, so wurden samtliche Stadte gemustert, beurteilt, vorgezogen oder zuruckgewiesen; alle Hafen besonders erlangten ihre Gunst; andere Stadte, welche nur einigermassen ihren Beifall erhalten wollten, mussten sich mit viel Turmen, Kuppeln und Minaretten fleissig hervorheben.
Der Vater liess sie wochenlang bei dem gepruften Freunde; sie nahm wirklich zu an Wissenschaft und Einsicht und kannte so ziemlich die bewohnte Welt nach Hauptbezugen, Punkten und Orten. Auch war sie auf Trachten fremder Nationen sehr aufmerksam, und wenn ihr Pflegvater manchmal scherzhaft fragte: ob ihr denn von den vielen jungen, hubschen Leuten, die da vor dem Fenster hin und wider gingen, nicht einer oder der andere wirklich gefalle? so sagte sie: "Ja freilich, wenn er recht seltsam aussieht!" Da nun unsere jungen Studierenden es niemals daran fehlen lassen, so hatte sie oft Gelegenheit, an einem oder dem andern teilzunehmen; sie erinnerte sich an ihm irgendeiner fremden Nationaltracht, versicherte jedoch zuletzt, es musse wenigstens ein Grieche, vollig nationell ausstaffiert, herbeikommen, wenn sie ihm vorzugliche Aufmerksamkeit widmen sollte; deswegen sie sich auch auf die Leipziger Messe wunschte, wo dergleichen auf der Strasse zu sehen waren.
Nach seinen trocknen und manchmal verdriesslichen Arbeiten hatte nun unser Lehrer keine glucklichern Augenblicke, als wenn er sie scherzend unterrichtete und dabei heimlich triumphierte, sich eine so liebenswurdige, immer unterhaltene, immer unterhaltende Schwiegertochter zu erziehen. Die beiden Vater waren ubrigens einverstanden, dass die Madchen nichts von der Absicht vermuten sollten, auch Lucidorn hielt man sie verborgen.
So waren Jahre vergangen, wie sie denn gar leicht vergehen: Lucidor stellte sich dar, vollendet, alle Prufungen bestehend, selbst zur Freude der obern Vorgesetzten, die nichts mehr wunschten, als die Hoffnung alter, wurdiger, begunstigter, gunstwerter Diener mit gutem Gewissen erfullen zu konnen.
Und so war denn die Angelegenheit mit ordnungsgemassem Schritt endlich dahin gediehen, dass Lucidor, nachdem er sich in untergeordneten Stellen musterhaft betragen, nunmehr einen gar vorteilhaften Sitz nach Verdienst und Wunsch erlangen sollte, gerade mittewegs zwischen der Akademie und dem Oberamtmann gelegen.
Der Vater sprach nunmehr mit dem Sohn von Julien, auf die er bisher nur hingedeutet hatte, als von dessen Braut und Gattin, ohne weiteren Zweifel und Bedingung, das Gluck preisend, solch ein lebendiges Kleinod sich angeeignet zu haben. Er sah seine Schwiegertochter im Geiste schon wieder von Zeit zu Zeit bei sich, mit Karten, Planen und Stadtebildern beschaftigt; der Sohn dagegen erinnerte sich des allerliebsten, heitern Wesens, das ihn zu kindlicher Zeit durch Neckerei wie durch Freundlichkeit immer ergotzt hatte. Nun sollte Lucidor zu dem Oberamtmann hinuberreiten, die herangewachsene Schone naher betrachten, sich einige Wochen, zu Gewohnheit und Bekanntschaft, mit dem Gesamthause ergehen. Wurden die jungen Leute, wie zu hoffen, bald einig, so sollte man's melden, der Vater wurde sogleich erscheinen, damit ein feierliches Verlobnis das gehoffte Gluck fur ewig sicherstelle.
Lucidor kommt an, er wird freundlichst empfangen, ein Zimmer ihm angewiesen, er richtet sich ein und erscheint. Da findet er denn, ausser den uns schon bekannten Familiengliedern, noch einen halberwachsenen Sohn, verzogen, geradezu, aber gescheit und gutmutig, so dass, wenn man ihn fur den lustigen Rat nehmen wollte, er gar nicht ubel zum Ganzen passte. Dann gehorte zum Haus ein sehr alter, aber gesunder, frohmutiger Mann, still, fein, klug, auslebend nun hie und da auszuhelfen. Gleich nach Lucidor kam noch ein Fremder hinzu, nicht mehr jung, von bedeutendem Ansehn, wurdig, lebensgewandt und durch Kenntnis der weitesten Weltgegenden hochst unterhaltend. Sie hiessen ihn Antoni.
Julie empfing ihren angekundigten Brautigam schicklich, aber zuvorkommend, Lucinde dagegen machte die Ehre des Hauses wie jene ihrer Person. So verging der Tag ausgezeichnet angenehm fur alle, nur fur Lucidorn nicht; er, ohnehin schweigsam, musste von Zeit zu Zeit, um nicht gar zu verstummen, sich fragend verhalten; wobei denn niemand zum Vorteil erscheint.
Zerstreut war er durchaus: denn er hatte vom ersten Augenblick an nicht Abneigung noch Widerwillen, aber Entfremdung gegen Julien gefuhlt; Lucinde dagegen zog ihn an, dass er zitterte, wenn sie ihn mit ihren vollen, reinen, ruhigen Augen ansah.
So bedrangt, erreichte er den ersten Abend sein Schlafzimmer und ergoss sich in jenem Monolog, mit dem wir begonnen haben. Um aber auch diesen zu erklaren, und wie die Heftigkeit einer solchen Redefulle zu demjenigen passt, was wir schon von ihm wissen, wird eine kurze Mitteilung notig.
Lucidor war von tiefem Gemut und hatte meist etwas anders im Sinn, als was die Gegenwart erheischte; deswegen Unterhaltung und Gesprach ihm nie recht glucken wollte; er fuhlte das und wurde schweigsam, ausser wenn von bestimmten Fachern die Rede war, die er durchstudiert hatte, davon ihm jederzeit zu Diensten stand, was er bedurfte. Dazu kam, dass er, fruher auf der Schule, spater auf der Universitat, sich an Freunden betrogen und seinen Herzenserguss unglucklich vergeudet hatte; jede Mitteilung war ihm daher bedenklich; Bedenken aber hebt jede Mitteilung auf. Zu seinem Vater war er nur gewohnt unisono zu sprechen, und sein volles Herz ergoss sich daher in Monologen, sobald er allein war.
Den andern Morgen hatte er sich zusammengenommen und ware doch beinahe ausser Fassung geruckt, als ihm Julie noch freundlicher, heiterer und freier entgegenkam. Sie wusste viel zu fragen, nach seinen Land- und Wasserfahrten, wie er, als Student, mit dem Bundelchen auf'm Rucken die Schweiz durchstreift und durchstiegen, ja uber die Alpen gekommen. Da wollte sie nun von der schonen Insel auf dem grossen sudlichen See vieles wissen; ruckwarts aber musste der Rhein, von seinem ersten Ursprung an, erst durch hochst unerfreuliche Gegenden begleitet werden, und so hinabwarts durch manche Abwechselung; wo es denn freilich zuletzt, zwischen Mainz und Koblenz, noch der Muhe wert ist, den Fluss ehrenvoll aus seiner letzten Beschrankung in die weite Welt, ins Meer zu entlassen.
Lucidor fuhlte sich hiebei sehr erleichtert, erzahlte gern und gut, so dass Julie entzuckt ausrief: so was musse man selbander sehen. Woruber denn Lucidor abermals erschrak, weil er darin eine Anspielung auf ihr gemeinsames Wandern durchs Leben zu spuren glaubte.
Von seiner Erzahlerpflicht jedoch wurde er bald abgelost; denn der Fremde, den sie Antoni hiessen, verdunkelte gar geschwind alle Bergquellen, Felsufer, eingezwangte, freigelassene Flusse: nun hier ging's unmittelbar nach Genua; Livorno lag nicht weit, das Interessanteste im Lande nahm man auf den Raub so mit; Neapel musste man, ehe man sturbe, gesehen haben, dann aber blieb freilich Konstantinopel noch ubrig, das doch auch nicht zu versaumen sei. Die Beschreibung, die Antoni von der weiten Welt machte, riss die Einbildungskraft aller mit sich fort, ob er gleich weniger Feuer darein zu legen hatte. Julie, ganz ausser sich, war aber noch keineswegs befriedigt, sie fuhlte noch Lust nach Alexandrien, Kairo, besonders aber zu den Pyramiden, von denen sie ziemlich auslangende Kenntnisse durch ihres vermutlichen Schwiegervaters Unterricht gewonnen hatte.
Lucidor, des nachsten Abends (er hatte kaum die Ture angezogen, das Licht noch nicht niedergesetzt), rief aus: "Nun besinne dich denn! es ist Ernst. Du hast viel Ernstes gelernt und durchdacht; was soll denn Rechtsgelehrsamkeit, wenn du jetzt nicht gleich als Rechtsmann handelst? Siehe dich als einen Bevollmachtigten an, vergiss dich selbst und tue, was du fur einen andern zu tun schuldig warst. Es verschrankt sich aufs furchterlichste! Der Fremde ist offenbar um Lucindes willen da, sie bezeigt ihm die schonsten, edelsten gesellig-hauslichen Aufmerksamkeiten; die kleine Narrin mochte mit jedem durch die Welt laufen, fur nichts und wieder nichts. Uberdies noch ist sie ein Schalk, ihr Anteil an Stadten und Landern ist eine Posse, wodurch sie uns zum Schweigen bringt. Warum aber seh' ich diese Sache so verwirrt und verschrankt an? Ist der Oberamtmann nicht selbst der verstandigste, der einsichtigste, liebevollste Vermittler? Du willst ihm sagen, wie du fuhlst und denkst, und er wird mitdenken, wenn auch nicht mitfuhlen. Er vermag alles uber den Vater. Und ist nicht eine wie die andere seine Tochter? Was will denn der Anton Reiser mit Lucinden, die fur das Haus geboren ist, um glucklich zu sein und Gluck zu schaffen? hefte sich doch das zapplige Quecksilber an den ewigen Juden, das wird eine allerliebste Partie werden."
Des Morgens ging Lucidor festen Entschlusses hinab, mit dem Vater zu sprechen und ihn deshalb in bekannten freien Stunden unverzuglich anzugehn. Wie gross war sein Schmerz, seine Verlegenheit, als er vernahm: der Oberamtmann, in Geschaften verreist, werde erst ubermorgen zuruckerwartet. Julie schien heute so recht ganz ihren Reisetag zu haben, sie hielt sich an den Weltwanderer und uberliess mit einigen Scherzreden, die sich auf Hauslichkeit bezogen, Lucidor an Lucinden. Hatte der Freund vorher das edle Madchen aus gewisser Ferne gesehen, nach einem allgemeinen Eindruck, und sie sich schon herzlichst angeeignet, so musste er in der nachsten Nahe alles doppelt und dreifach entdecken, was ihn erst im allgemeinen anzog.
Der gute alte Hausfreund, an der Stelle des abwesenden Vaters, tat sich nun hervor; auch er hatte gelebt, geliebt und war, nach manchen Quetschungen des Lebens, noch endlich an der Seite des Jugendfreundes aufgefrischt und wohlbehalten. Er belebte das Gesprach und verbreitete sich besonders uber Verirrungen in der Wahl eines Gatten, erzahlte merkwurdige Beispiele von zeitiger und verspateter Erklarung. Lucinde erschien in ihrem volligen Glanze, sie gestand, dass im Leben das Zufallige jeder Art, und so auch in Verbindungen, das Allerbeste bewirken konne; doch sei es schoner, herzerhebender, wenn der Mensch sich sagen durfe: er sei sein Gluck sich selbst, der stillen, ruhigen Uberzeugung seines Herzens, einem edlen Vorsatz und raschen Entschlusse schuldig geworden. Lucidorn standen die Tranen in den Augen, als er Beifall gab, worauf die Frauenzimmer sich bald entfernten. Der alte Vorsitzende mochte sich in Wechselgeschichten gern ergehen, und so verbreitete sich die Unterhaltung in heitere Beispiele, die jedoch unsern Helden so nahe beruhrten, dass nur ein so rein gebildeter Jungling nicht herauszubrechen uber sich gewinnen konnte; das geschah aber, als er allein war.
"Ich habe mich gehalten!" rief er aus. "Mit solcher Verwirrung will ich meinen guten Vater nicht kranken; ich habe an mich gehalten: denn ich sehe in diesem wurdigen Hausfreunde den Stellvertretenden beider Vater; zu ihm will ich reden, ihm alles entdecken, er wird's gewiss vermitteln und hat beinahe schon ausgesprochen, was ich wunsche. Sollte er im einzelnen Falle schelten, was er uberhaupt billigt? Morgen fruh such' ich ihn auf; ich muss diesem Drange Luft machen."
Beim Fruhstuck fand sich der Greis nicht ein; er hatte, hiess es, gestern abend zu viel gesprochen, zu lange gesessen und einige Tropfen Wein uber Gewohnheit getrunken. Man erzahlte viel zu seinem Lobe, und zwar gerade solche Reden und Handlungen, die Lucidorn zur Verzweiflung brachten, dass er sich nicht sogleich an ihn gewendet. Dieses unangenehme Gefuhl ward nur noch gescharft, als er vernahm: bei solchen Anfallen lasse der gute Alte sich manchmal in acht Tagen gar nicht sehen.
Ein landlicher Aufenthalt hat fur geselliges Zusammensein gar grosse Vorteile, besonders wenn die Bewirtenden sich, als denkende, fuhlende Personen, mehrere Jahre veranlasst gefunden, der naturlichen Anlage ihrer Umgebung zu Hulfe zu kommen. So war es hier gegluckt. Der Oberamtmann, erst unverheiratet, dann in einer langen, glucklichen Ehe, selbst vermogend, an einem eintraglichen Posten, hatte nach eignem Blick und Einsicht, nach Liebhaberei seiner Frau, ja zuletzt nach Wunschen und Grillen seiner Kinder erst grossere und kleinere abgesonderte Anlagen besorgt und begunstigt, welche, mit Gefuhl allmahlich durch Pflanzungen und Wege verbunden, eine allerliebste, verschiedentlich abweichende, charakteristische Szenenfolge dem Durchwandelnden darstellten. Eine solche Wallfahrt liessen denn auch unsere jungen Familienglieder ihren Gast antreten, wie man seine Anlagen dem Fremden gerne vorzeigt, damit er das, was uns gewohnlich geworden, auffallend erblicke und den gunstigen Eindruck davon fur immer behalte.
Die nachste so wie die fernere Gegend war zu bescheidenen Anlagen und eigentlich landlichen Einzelnheiten hochst geeignet. Fruchtbare Hugel wechselten mit wohlbewasserten Wiesengrunden, so dass das Ganze von Zeit zu Zeit zu sehen war, ohne flach zu sein; und wenn Grund und Boden vorzuglich dem Nutzen gewidmet erschien, so war doch das Anmutige, das Reizende nicht ausgeschlossen.
An die Haupt- und Wirtschaftsgebaude fugten sich Lust-, Obst- und Grasgarten, aus denen man sich unversehens in ein Holzchen verlor, das ein breiter, fahrbarer Weg auf und ab, hin und wider durchschlangelte. Hier in der Mitte war, auf der bedeutendsten Hohe, ein Saal erbaut, mit anstossenden Gemachern. Wer zur Hauptture hereintrat, sah im grossen Spiegel die gunstigste Aussicht, welche die Gegend nur gewahren mochte, und kehrte sich geschwind wieder um, an der Wirklichkeit von dem unerwarteten Bilde Erholung zu nehmen: denn das Herankommen war kunstlich genug eingerichtet und alles kluglich verdeckt, was Uberraschung bewirken sollte. Niemand trat herein, ohne dass er von dem Spiegel zur Natur und von der Natur zum Spiegel sich nicht gern hin und wider gewendet hatte.
Am schonsten, heitersten, langsten Tage einmal auf dem Wege, hielt man einen sinnigen Flurzug um und durch das Ganze. Hier wurde das Abendplatzchen der guten Mutter bezeichnet, wo eine herrliche Buche rings umher sich freien Raum gehalten hatte. Bald nachher wurde Lucindens Morgenandacht von Julien halb neckisch angedeutet, in der Nahe eines Wasserchens zwischen Pappeln und Erlen, an hinabstreichenden Wiesen, hinaufziehenden Ackern. Es war nicht zu beschreiben, wie hubsch! schon uberall glaubte man es gesehen zu haben, aber nirgends in seiner Einfalt so bedeutend und so willkommen. Dagegen zeigte der Junker, auch halb wider Willen Juliens, die kleinlichen Lauben und kindischen Gartchenanstalten, die, nachst einer vertraulich gelegenen Muhle, kaum noch zu bemerken; sie schrieben sich aus einer Zeit her, wo Julie, etwa in ihrem zehnten Jahre, sich in den Kopf gesetzt hatte, Mullerin zu werden und, nach dem Abgang der beiden alten Leute, selbst einzutreten und sich einen braven Muhlknappen auszusuchen.
"Das war zu einer Zeit", rief Julie, "wo ich noch nichts von Stadten wusste, die an Flussen liegen, oder gar am Meer, von Genua nichts u.s.w. Ihr guter Vater, Lucidor, hat mich bekehrt, seit der Zeit komm' ich nicht leicht hierher." Sie setzte sich neckisch auf ein Bankchen, das sie kaum noch trug, unter einen Holunderstrauch, der sich zu tief gebeugt hatte. "Pfui ubers Hocken!" rief sie, sprang auf und lief mit dem lustigen Bruder voran.
Das zuruckgebliebene Paar unterhielt sich verstandig, und in solchen Fallen nahert sich der Verstand auch wohl dem Gefuhl. Abwechselnd einfache, naturliche Gegenstande zu durchwandern, mit Ruhe zu betrachten, wie der verstandige, kluge Mensch ihnen etwas abzugewinnen weiss, wie die Einsicht ins Vorhandene, zum Gefuhl seiner Bedurfnisse sich gesellend, Wunder tut, um die Welt erst bewohnbar zu machen, dann zu bevolkern und endlich zu ubervolkern, das alles konnte hier im einzelnen zur Sprache kommen. Lucinde gab von allem Rechenschaft und konnte, so bescheiden sie war, nicht verbergen, dass die bequemlich angenehmen Verbindungen entfernter Partien ihr Werk seien, unter Angabe, Leitung oder Vergunstigung einer verehrten Mutter.
Da sich aber denn doch der langste Tag endlich zum Abend bequemt, so musste man auf Ruckkehr denken, und als man auf einen angenehmen Umweg sann, verlangte der lustige Bruder: man solle den kurzern, obgleich nicht erfreulichen, wohl gar beschwerlichern Weg einschlagen.
"Denn", rief er aus, "ihr habt mit euren Anlagen und Anschlagen geprahlt, wie ihr die Gegend fur malerische Augen und fur zartliche Herzen verschonert und verbessert; lasst mich aber auch zu Ehren kommen."
Nun musste man uber geackerte Stellen und holprichte Pfade, ja wohl auch auf zufallig hingeworfenen Steinen uber Moorflecke wandern und sah, schon in einer gewissen Ferne, allerlei Maschinenwerk verworren aufgeturmt. Naher betrachtet, war ein grosser Lustund Spielplatz, nicht ohne Verstand, mit einem gewissen Volkssinn eingerichtet. Und so standen hier, in gehorigen Entfernungen zusammengeordnet, das grosse Schaukelrad, wo die Auf- und Absteigenden immer gleich horizontal ruhig sitzenbleiben, andere Schaukeleien, Schwungseile, Lusthebel, Kegel- und Zellenbahnen, und was nur alles erdacht werden kann, um auf einem grossen Triftraum eine Menge Menschen verschiedentlichst und gleichmassig zu beschaftigen und zu erlustigen. "Dies", rief er aus, "ist meine Erfindung, meine Anlage! und obgleich der Vater das Geld und ein gescheiter Kerl den Kopf dazu hergab, so hatte doch ohne mich, den ihr oft unvernunftig nennt, Verstand und Geld sich nicht zusammengefunden."
So heiter gestimmt kamen alle vier mit Sonnenuntergang wieder nach Hause. Antoni fand sich ein; die Kleine jedoch, die an diesem bewegten Tage noch nicht genug hatte, liess einspannen und fuhr uber Land zu einer Freundin, in Verzweiflung, sie seit zwei Tagen nicht gesehen zu haben. Die vier Zuruckgebliebenen fuhlten sich verlegen, ehe man sich's versah, und es ward sogar ausgesprochen, dass des Vaters Ausbleiben die Angehorigen beunruhige. Die Unterhaltung fing an zu stocken, als auf einmal der lustige Junker aufsprang und gar bald mit einem Buche zuruckkam, sich zum Vorlesen erbietend. Lucinde enthielt sich nicht zu fragen, wie er auf den Einfall komme, den er seit einem Jahre nicht gehabt; worauf er munter versetzte: "Mir fallt alles zur rechten Zeit ein, dessen konnt ihr euch nicht ruhmen." Er las eine Folge echter Marchen, die den Menschen aus sich selbst hinausfuhren, seinen Wunschen schmeicheln und ihn jede Bedingung vergessen machen, zwischen welche wir, selbst in den glucklichsten Momenten, doch immer noch eingeklemmt sind.
"Was beginne ich nun!" rief Lucidor, als er sich endlich allein fand: "die Stunde drangt; zu Antoni hab' ich kein Vertrauen, er ist weltfremd, ich weiss nicht, wer er ist, wie er ins Haus kommt, noch was er will; um Lucinden scheint er sich zu bemuhen, und was konnte ich daher von ihm hoffen? Mir bleibt nichts ubrig, als Lucinden selbst anzugehn; sie muss es wissen, sie zuerst. Dies war ja mein erstes Gefuhl; warum lassen wir uns auf Klugheitswege verleiten! Das Erste soll nun das Letzte sein, und ich hoffe, zum Ziel zu gelangen."
Sonnabend morgen ging Lucidor, zeitig angekleidet, in seinem Zimmer auf und ab, was er Lucinden zu sagen hatte hin und her bedenkend, als er eine Art von scherzhaftem Streit vor seiner Ture vernahm, die auch alsobald aufging. Da schob der lustige Junker einen Knaben vor sich hin, mit Kaffee und Backwerk fur den Gast; er selbst trug kalte Kuche und Wein. "Du sollst vorangehen", rief der Junker, "denn der Gast muss zuerst bedient werden, ich bin gewohnt, mich selbst zu bedienen. Mein Freund! heute komme ich etwas fruh und tumultuarisch; geniessen wir unser Fruhstuck in Ruhe, und dann wollen wir sehen, was wir anfangen: denn von der Gesellschaft haben wir wenig zu hoffen. Die Kleine ist von ihrer Freundin noch nicht zuruck; diese mussen gegeneinander wenigstens alle vierzehn Tage ihr Herz ausschutten, wenn es nicht springen soll. Sonnabend ist Lucinde ganz unbrauchbar, sie liefert dem Vater punktlich ihre Haushaltungsrechnung; da hab' ich mich auch einmischen sollen, aber Gott bewahre mich! Wenn ich weiss, was eine Sache kostet, so schmeckt mir kein Bissen. Gaste werden auf morgen erwartet, der Alte hat sich noch nicht wieder ins Gleichgewicht gestellt, Antoni ist auf die Jagd, wir wollen das gleiche tun." Flinten, Taschen und Hunde waren bereit, als sie in den Hof kamen, und nun ging es an den Feldern weg, wo denn doch allenfalls ein junger Hase und ein armer, gleichgultiger Vogel geschossen wurde. Indessen besprach man sich von hauslichen und gegenwartig geselligen Verhaltnissen. Antoni ward genannt, und Lucidor verfehlte nicht, sich nach ihm naher zu erkundigen. Der lustige Junker, mit einiger Selbstgefalligkeit, versicherte: jenen wunderlichen Mann, so geheimnisvoll er auch tue, habe er schon durch und durch geblickt. "Er ist", fuhr er fort, "gewiss der Sohn aus einem reichen Handelshause, das gerade in dem Augenblick fallierte, als er, in der Fulle seiner Jugend, teil an grossen Geschaften mit Kraft und Munterkeit zu nehmen, daneben aber die sich reichlich darbietenden Genusse zu teilen gedachte. Von der Hohe seiner Hoffnungen heruntergesturzt, raffte er sich zusammen und leistete, andern dienend, dasjenige was er fur sich und die Seinigen nicht mehr bewirken konnte. So durchreiste er die Welt, lernte sie und ihren wechselseitigen Verkehr aufs genaueste kennen und vergass dabei seines Vorteils nicht. Unermudete Tatigkeit und erprobte Rechtlichkeit brachten und erhielten ihm von vielen ein unbedingtes Vertrauen. So erwarb er sich allerorten Bekannte und Freunde, ja es lasst sich gar wohl merken, dass sein Vermogen so weit in der Welt umher verteilt ist, als seine Bekanntschaft reicht, weshalb denn auch seine Gegenwart in allen vier Teilen der Welt von Zeit zu Zeit notig ist."
Umstandlicher und naiver hatte dies der lustige Junker erzahlt und so manche possenhafte Bemerkung eingeschlossen, eben als wenn er sein Marchen recht weitlaufig auszuspinnen gedachte.
"Wie lange steht er nicht schon mit meinem Vater in Verbindung! Die meinen, ich sehe nichts, weil ich mich um nichts bekummere; aber eben deswegen seh' ich's nur desto besser, weil mich's nichts angeht. Vieles Geld hat er bei meinem Vater niedergelegt, der es wieder sicher und vorteilhaft unterbrachte. Erst gestern steckte er dem Alten ein Juwelenkastchen zu; einfacher, schoner und kostbarer hab' ich nichts gesehen, obgleich nur mit einem Blick, denn es wird verheimlicht. Wahrscheinlich soll es der Braut zu Vergnugen, Lust und kunftiger Sicherheit verehrt werden. Antoni hat sein Zutrauen auf Lucinden gesetzt! Wenn ich sie aber so zusammen sehe, kann ich sie nicht fur ein wohl assortiertes Paar halten. Die Ruschliche ware besser fur ihn, ich glaube auch, sie nimmt ihn lieber als die Alteste; sie blickt auch wirklich manchmal nach dem alten Knasterbart so munter und teilnehmend hinuber, als wenn sie sich mit ihm in den Wagen setzen und auf und davon fliegen wolle." Lucidor fasste sich zusammen; er wusste nicht, was zu erwidern ware, alles, was er vernahm, hatte seinen innerlichen Beifall. Der Junker fuhr fort: "Uberhaupt hat das Madchen eine verkehrte Neigung zu alten Leuten; ich glaube, sie hatte Ihren Vater so frisch weg geheiratet wie den Sohn."
Lucidor folgte seinem Gefahrten, wo ihn dieser auch uber Stock und Stein hinfuhrte; beide vergassen die Jagd, die ohnehin nicht ergiebig sein konnte. Sie kehrten auf einem Pachthofe ein, wo, gut aufgenommen, der eine Freund sich mit Essen, Trinken und Schwatzen unterhielt, der andere aber in Gedanken und Uberlegungen sich versenkte, wie er die gemachte Entdeckung fur sich und seinen Vorteil benutzen mochte.
Lucidor hatte nach allen diesen Erzahlungen und Eroffnungen so viel Vertrauen zu Antoni gewonnen, dass er gleich beim Eintritt in den Hof nach ihm fragte und in den Garten eilte, wo er zu finden sein sollte. Er durchstrich die samtlichen Gange des Parks bei heiterer Abendsonne; umsonst! Nirgends keine Seele war zu sehen; endlich trat er in die Ture des grossen Saals, und, wundersam genug, die untergehende Sonne, aus dem Spiegel zuruckscheinend, blendete ihn dergestalt, dass er die beiden Personen, die auf dem Kanapee sassen, nicht erkennen, wohl aber unterscheiden konnte, dass einem Frauenzimmer von einer neben ihr sitzenden Mannsperson die Hand sehr feurig gekusst wurde. Wie gross war daher sein Entsetzen, als er bei hergestellter Augenruhe Lucinden und Antoni vor sich sahe. Er hatte versinken mogen, stand aber wie angewurzelt, als ihn Lucinde freundlichst und unbefangen willkommen hiess, zuruckte und ihn bat, zu ihrer rechten Seite zu sitzen: Unbewusst liess er sich nieder, und wie sie ihn anredete, nach dem heutigen Tage sich erkundigte, Vergebung bat hauslicher Abhaltungen, da konnte er ihre Stimme kaum ertragen. Antoni stand auf und empfahl sich Lucinden; als sie, sich gleichfalls erhebend, den Zuruckgebliebenen zum Spaziergang einlud. Neben ihr hergehend, war er schweigsam und verlegen; auch sie schien beunruhigt; und wenn er nur einigermassen bei sich gewesen ware, so hatte ihm ein tiefes Atemholen verraten mussen, dass sie herzliche Seufzer zu verbergen habe. Sie beurlaubte sich zuletzt, als sie sich dem Hause naherten, er aber wandte sich, erst langsam, dann heftig, gegen das Freie. Der Park war ihm zu eng, er eilte durchs Feld, nur die Stimme seines Herzens vernehmend, ohne Sinn fur die Schonheiten des vollkommensten Abends. Als er sich allein sah und seine Gefuhle sich im beruhigenden Tranenerguss Luft machten, rief er aus:
"Schon einigemal im Leben, aber nie so grausam hab' ich den Schmerz empfunden, der mich nun ganz elend macht: wenn das gewunschteste Gluck endlich Hand in Hand, Arm in Arm zu uns tritt und zugleich sein Scheiden fur ewig ankundet. Ich sass bei ihr, ging neben ihr, das bewegte Kleid beruhrte mich, und ich hatte sie schon verloren! Zahle dir das nicht vor, drosele dir's nicht auf, schweig und entschliesse dich!"
Er hatte sich selbst den Mund verboten, er schwieg und sann, durch Felder, Wiesen und Busch, nicht immer auf den wegsamsten Pfaden hinschreitend. Nur als er spat in sein Zimmer trat, hielt er sich nicht und rief: "Morgen fruh bin ich fort, solch einen Tag will ich nicht wieder erleben!"
Und so warf er sich angekleidet aufs Lager. Gluckliche, gesunde Jugend! Er schlief schon; die abmudende Bewegung des Tages hatte ihm die susse Nachtruhe verdient. Aus trostlichen Morgentraumen jedoch weckte ihn die allerfruhste Sonne; es war eben der langste Tag, der ihm uberlang zu werden drohte. Wenn er die Anmut des beruhigenden Abendgestirns gar nicht empfunden, so fuhlte er die aufregende Schonheit des Morgens nur, um zu verzweifeln. Er sah die Welt so herrlich als je, seinen Augen war sie es noch; sein Inneres aber widersprach: das gehorte ihm alles nicht mehr an, er hatte Lucinden verloren.
Neuntes Kapitel
Der Mantelsack war schnell gepackt, den er wollte liegenlassen; keinen Brief schrieb er dazu, nur mit wenig Worten sollte sein Ausbleiben vom Tisch, vielleicht auch vom Abend, durch den Reitknecht entschuldigt werden, den er ohnehin aufwecken musste. Diesen aber fand er unten, schon vor dem Stalle, mit grossen Schritten auf und ab gehend. "Sie wollen doch nicht reiten?" rief der sonst gutmutige Mensch mit einigem Verdruss. "Ihnen darf ich es wohl sagen, aber der junge Herr wird alle Tage unertraglicher. Hatte er sich doch gestern in der Gegend herumgetrieben, dass man glauben sollte, er danke Gott, einen Sonntagmorgen zu ruhen. Kommt er nicht heute fruhe vor Tag, rumort im Stalle, und wie ich aufspringe, sattelt und zaumt er Ihr Pferd, ist durch keine Vorstellung abzuhalten; er schwingt sich drauf und ruft: 'Bedenke nur das gute Werk, das ich tue! Dies Geschopf geht immer nur gelassen einen juristischen Trab, ich will sehen, dass ich ihn zu einem raschen Lebensgalopp anrege.' Er sagte ungefahr so und verfuhrte andere wunderliche Reden."
Lucidor war doppelt und dreifach betroffen, er liebte das Pferd, als seinem eigenen Charakter, seiner Lebensweise zusagend; ihn verdross, das gute, verstandige Geschopf in den Handen eines Wildfangs zu wissen. Sein Plan war zerstort, seine Absicht, zu einem Universitatsfreunde, mit dem er in froher, herzlicher Verbindung gelebt, in dieser Krise zu fluchten. Das alte Zutrauen war erwacht, die dazwischenliegenden Meilen wurden nicht gerechnet, er glaubte schon bei dem wohlwollenden, verstandigen Freunde Rat und Linderung zu finden. Diese Aussicht war nun abgeschnitten; doch sie war's nicht, wenn er es wagte, auf frischen Wanderfussen, die ihm zu Gebote standen, sein Ziel zu erreichen.
Vor allen Dingen suchte er nun aus dem Park ins freie Feld, auf den Weg, der ihn zum Freunde fuhren sollte, zu gelangen. Er war seiner Richtung nicht ganz gewiss, als ihm, linker Hand, uber dem Gebusch hervorragend, auf wunderlichem Zimmerwerk die Einsiedelei, aus der man ihm fruher ein Geheimnis gemacht hatte, in die Augen fiel und er, jedoch zu seiner grossten Verwunderung, auf der Galerie unter dem chinesischen Dache den guten Alten, der einige Tage fur krank gehalten worden, munter um sich blickend erschaute. Dem freundlichsten Grusse, der dringenden Einladung heraufzukommen widerstand Lucidor mit Ausfluchten und eiligen Gebarden. Nur Teilnahme fur den guten Alten, der, die steile Treppe schwankenden Tritts heruntereilend, herabzusturzen drohte, konnte ihn vermogen, entgegenzugehen und sodann sich hinaufziehen zu lassen. Mit Verwunderung betrat er das anmutige Salchen: es hatte nur drei Fenster gegen das Land, eine allerliebste Aussicht; die ubrigen Wande waren verziert oder vielmehr verdeckt von hundert und aber hundert Bildnissen, in Kupfer gestochen, allenfalls auch gezeichnet, auf die Wand nebeneinander in gewisser Ordnung aufgeklebt, durch farbige Saume und Zwischenraume gesondert.
"Ich begunstige Sie, mein Freund, wie nicht jeden; dies ist das Heiligtum, in dem ich meine letzten Tage vergnuglich zubringe. Hier erhol' ich mich von allen Fehlern, die mich die Gesellschaft begehen lasst, hier bring' ich meine Diatfehler wieder ins Gleichgewicht."
Lucidor besah sich das Ganze, und in der Geschichte wohl erfahren, sah er alsbald klar, dass eine historische Neigung zugrunde liege.
"Hier oben in der Friese", sagte der Alte, "finden Sie die Namen vortrefflicher Manner aus der Urzeit, dann aus der naheren auch nur die Namen, denn wie sie ausgesehen, mochte schwerlich auszumitteln sein. Hier aber im Hauptfelde geht eigentlich mein Leben an, hier sind die Manner, die ich noch nennen gehort als Knabe. Denn etwa funfzig Jahre bleibt der Name vorzuglicher Menschen in der Erinnerung des Volks, weiterhin verschwindet er oder wird marchenhaft. Obgleich von deutschen Eltern, bin ich in Holland geboren, und fur mich ist Wilhelm von Oranien, als Statthalter und Konig von England, der Urvater aller ausserordentlichen Manner und Helden.
Nun sehen Sie aber Ludwig den Vierzehnten gleich neben ihm, als welcher" wie gern hatte Lucidor den guten Alten unterbrochen, wenn es sich geschickt hatte, wie es sich uns, den Erzahlenden, wohl ziemen mag: denn ihn bedrohte die neue und neueste Geschichte, wie sich an den Bildern Friedrichs des Grossen und seiner Generale, nach denen er hinschielte, gar wohl bemerken liess.
Ehrte nun auch der gute Jungling die lebendige Teilnahme des Alten an seiner nachsten Vor- und Mitzeit, konnten ihm einzelne individuelle Zuge und Ansichten als interessant nicht entgehen, so hatte er doch auf Akademien schon die neuere und neueste Geschichte gehort, und was man einmal gehort hat, glaubt man fur immer zu wissen. Sein Sinn stand in die Ferne, er horte nicht, er sah kaum und war eben im Begriff, auf die ungeschickteste Weise zur Ture hinaus und die lange, fatale Treppe hinunter zu poltern, als ein Handeklatschen von unten heftig zu vernehmen war.
Indessen sich Lucidor zuruckhielt, fuhr der Kopf des Alten zum Fenster hinaus, und von unten ertonte eine wohlbekannte Stimme: "Kommen Sie herunter, um's Himmels willen, aus Ihrem historischen Bildersaal, alter Herr! Schliessen Sie Ihre Fasten und helfen mir unsern jungen Freund begutigen wenn er's erfahrt. Lucidors Pferd hab' ich etwas unvernunftig angegriffen, es hat ein Eisen verloren, und ich musste es stehen lassen. Was wird er sagen? Es ist doch gar zu absurd, wenn man absurd ist."
"Kommen Sie herauf!" sagte der Alte und wendete sich herein zu Lucidor: "Nun, was sagen Sie?" Lucidor schwieg, und der wilde Junker trat herein. Das Hin- und Widerreden gab eine lange Szene; genug, man beschloss, den Reitknecht sogleich hinzuschikken, um fur das Pferd Sorge zu tragen.
Den Greis zurucklassend, eilten beide jungen Leute nach dem Hause, wohin sich Lucidor nicht ganz unwillig ziehen liess; es mochte daraus werden, was wollte, wenigstens war in diesen Mauern der einzige Wunsch seines Herzens eingeschlossen. In solchem verzweifelten Falle vermissen wir ohnehin den Beistand unseres freien Willens und fuhlen uns erleichtert fur einen Augenblick, wenn von irgendwoher Bestimmung und Notigung eingreift. Jedoch fand er sich, da er sein Zimmer betrat, in dem wunderlichsten Zustande eben als wenn jemand in ein Gasthofsgemach, das er soeben verliess, unerwunscht wieder einzukehren genotigt ist, weil ihm eine Achse gebrochen.
Der lustige Junker machte sich nun uber den Mantelsack um alles recht ordentlich auszupacken, vorzuglich legte er zusammen, was von festlichen Kleidungsstucken, obgleich reisemassig, vorhanden war; er notigte Lucidorn, Schuh und Strumpfe anzuziehen, richtete dessen vollkrause, braune Locken zurecht und putzte ihn aufs beste heraus. Sodann rief er hinwegtretend, unsern Freund und sein Machwerk vom Kopf bis zum Fusse beschauend: "Nun seht Ihr doch Freundchen, einem Menschen gleich, der einigen Anspruch auf hubsche Kinder macht, und ernsthaft genug dabei, um sich nach einer Braut umzusehn. Nur einen Augenblick! und Ihr sollt erfahren, wie ich mich hervorzutun weiss, wenn die Stunde schlagt. Das hab' ich Offizieren abgelernt, nach denen die Madchen immer schielen, und da hab' ich mich zu einer gewissen Soldateska selbst enrolliert, und nun sehen sie mich auch an und wieder an, weil keine weiss, was sie aus mir machen soll. Da entsteht nun aus dem Hinund Hersehen, aus Verwunderung und Aufmerksamkeit oft etwas gar Artiges, das, war' es auch nicht dauerhaft, doch wert ist, dass man ihm den Augenblick gonne.
Aber nun kommen Sie, Freund, und erweisen mir den gleichen Dienst! Wenn Sie mich Stuck fur Stuck in meine Hulle schlupfen sehen, so werden Sie Witz und Erfindungsgabe dem leichtfertigen Knaben nicht absprechen."
Nun zog er den Freund mit sich fort, durch lange, weitlaufige Gange des alten Schlosses. "Ich habe mich", rief er aus, "ganz hinten hingebettet. Ohne mich verbergen zu wollen, bin ich gern allein: denn man kann's den andern doch nicht recht machen."
Sie kamen an der Kanzlei vorbei, eben als ein Diener heraustrat und ein Urvater-Schreibzeug, schwarz, gross und vollstandig, heraustrug; Papier war auch nicht vergessen.
"Ich weiss schon, was da wieder gekleckst werden soll", rief der Junker; "geh hin und lass mir den Schlussel. Tun Sie einen Blick hinein, Lucidor! es unterhalt Sie wohl, bis ich angezogen bin. Einem Rechtsfreund ist ein solches Lokale nicht verhasst wie einem Stallverwandten"; und so schob er Lucidorn in den Gerichtssaal.
Der Jungling fuhlte sich sogleich in einem bekannten, ansprechenden Elemente: die Erinnerung der Tage, wo er, aufs Geschaft erpicht, an solchem Tische sass, horend und schreibend sich ubte. Auch blieb ihm nicht verborgen, dass hier eine alte, stattliche Hauskapelle zum Dienste der Themis, bei veranderten Religionsbegriffen, verwandelt sei. In den Reposituren fand er Rubriken und Akten, ihm fruher bekannt; er hatte selbst in diesen Angelegenheiten, von der Hauptstadt her, gearbeitet. Einen Faszikel aufschlagend, fiel ihm ein Reskript in die Hande, das er selbst mundiert ein anderes, wovon er der Konzipient gewesen. Handschrift und Papier, Kanzleisiegel und des Vorsitzenden Unterschrift, alles rief ihm jene Zeit eines rechtlichen Strebens jugendlicher Hoffnung hervor. Und wenn er sich dann umsah und den Sessel des Oberamtmanns erblickte, ihm zugedacht und bestimmt, einen so schonen Platz, einen so wurdigen Wirkungskreis, den er zu verschmahen, zu entbehren Gefahr lief, das alles bedrangte ihn doppelt und dreifach, indem die Gestalt Lucindens zu gleicher Zeit sich von ihm zu entfernen schien.
Er wollte das Freie suchen, fand sich aber gefangen. Der wunderliche Freund hatte, leichtsinnig oder schalkhaft, die Ture verschlossen hinter sich gelassen; doch blieb unser Freund nicht lange in dieser peinlichsten Beklemmung, denn der andere kam wieder, entschuldigte sich und erregte wirklich guten Humor durch seine seltsame Gegenwart. Eine gewisse Verwegenheit der Farben und des Schnitts seiner Kleidung war durch naturlichen Geschmack gedampft; wie wir ja selbst tatouierten Indiern einen gewissen Beifall nicht versagen. "Heute", rief er aus, "soll uns die Langeweile vergangener Tage vergutet werden; gute Freunde, muntere Freunde sind angekommen, hubsche Madchen, neckische, verliebte Wesen, und dann auch mein Vater, und Wunder uber Wunder! Ihr Vater auch; das wird ein Fest werden, alles ist im Saale schon versammelt beim Fruhstuck."
Lucidorn war's auf einmal zumute, als wenn er in tiefe Nebel hineinsahe, alle die angemeldeten bekannten und unbekannten Gestalten erschienen ihm gespenstig; doch sein Charakter in Begleitung eines reinen Herzens hielt ihn aufrecht, in wenigen Sekunden fuhlte er sich schon allem gewachsen. Nun folgte er dem eilenden Freunde mit sicherem Tritt, fest entschlossen, abzuwarten, es geschehe, was da wolle, sich zu erklaren, es entstehe, was da wolle.
Und doch war er auf der Schwelle des Saals betroffen. In einem grossen Halbkreis rings an den Fenstern umher entdeckte er sogleich seinen Vater neben dem Oberamtmann beide stattlich angezogen. Die Schwestern, Antoni und sonst noch Bekannte und Unbekannte ubersah er mit einem Blick der ihm trube werden wollte. Schwankend naherte er sich seinem Vater, der ihn hochst freundlich willkommen hiess, jedoch mit einer gewissen Formlichkeit, die ein vertrauendes Annahern kaum begunstigte. Vor so vielen Personen stehend suchte er sich fur den Augenblick einen schicklichen Platz; er hatte sich neben Lucinden stellen konnen, aber Julie, dem gespannten Anstand zuwider, machte eine Wendung dass er zu ihr treten musste; Antoni blieb neben Lucinden.
In diesem bedeutenden Momente fuhlte sich Lucidor abermals als Beauftragten, und gestahlt von seiner ganzen Rechtswissenschaft, rief er sich jene schone Maxime zu seinen eignen Gunsten heran: "Wir sollen anvertraute Geschafte der Fremden wie unsere eigenen behandeln, warum nicht die unsrigen in eben dem Sinne?" In Geschaftsvortragen wohl geubt, durchlief er schnell, was er zu sagen habe. Indessen schien die Gesellschaft, in einen formlichen Halbzirkel gebildet, ihn zu Uberflugeln. Den Inhalt seines Vortrags kannte er wohl, den Anfang konnte er nicht finden. Da bemerkte er, in einer Ecke aufgetischt, das grosse Tintenfass, Kanzleiverwandte dabei; der Oberamtmann machte eine Bewegung, seine Rede vorzubereiten; Lucidor wollte ihm zuvorkommen, und in demselben Augenblicke druckte Julie ihm die Hand. Dies brachte ihn aus aller Fassung, er Uberzeugte sich, dass alles entschieden, alles fur ihn verloren sei.
Nun war an gegenwartigen samtlichen Lebensverhaltnissen, diesen Familienverbindungen, Gesellschafts- und Anstandsbezugen nichts mehr zu schonen; er sah vor sich hin, entzog seine Hand Julien und war so schnell zur Ture hinaus, dass die Versammlung ihn unversehens vermisste und er sich selbst draussen nicht wiederfinden konnte.
Scheu vor dem Tageslichte, das im hochsten Glanze uber ihn herabschien, die Blicke begegnender Menschen vermeidend, aufsuchende furchtend, schritt er vorwarts und gelangte zu dem grossen Gartensaal. Dort wollten ihm die Kniee versagen, er sturzte hinein und warf sich trostlos auf den Sofa unter dem Spiegel: mitten in der sittlich-burgerlichen Gesellschaft in solcher Verworrenheit befangen, die sich wogenhaft um ihn, in ihm hin und her schlug. Sein vergangenes Dasein kampfte mit dem gegenwartigen, es war ein greulicher Augenblick.
Und so lag er eine Zeit, mit dem Gesichte in das Kissen versenkt, auf welchem gestern Lucindens Arm geruht hatte. Ganz in seinen Schmerz versunken, fuhr er, sich beruhrt fuhlend, schnell in die Hohe, ohne die Annaherung irgendeiner Person gespurt zu haben: da erblickt' er Lucinden, die ihm nahe stand.
Vermutend, man habe sie gesendet, ihn abzuholen, ihr aufgetragen, ihn mit schicklichen, schwesterlichen Worten in die Gesellschaft, seinem widerlichen Schicksal entgegen zu fuhren, rief er aus: "Sie hatte man nicht senden mussen, Lucinde, denn Sie sind es, die mich von dort vertrieb; ich kehre nicht zuruck! Geben Sie mir, wenn Sie irgendeines Mitleids fahig sind, schaffen Sie mir Gelegenheit und Mittel zur Flucht. Denn, damit Sie von mir zeugen konnen, wie unmoglich es sei, mich zuruckzubringen, so nehmen Sie den Schlussel zu meinem Betragen, das Ihnen und allen wahnsinnig vorkommen muss. Horen Sie den Schwur, den ich mir im Innern getan und den ich unaufloslich laut wiederhole: Nur mit Ihnen wollt' ich leben, meine Jugend nutzen, geniessen, und so das Alter im treuen, redlichen Ablauf. Dies aber sei so fest und sicher als irgend etwas, was vor dem Altar je geschworen worden, was ich jetzt schwore, indem ich Sie verlasse, der bedauernswurdigste aller Menschen."
Er machte eine Bewegung zu entschlupfen, ihr, die so gedrangt vor ihm stand; aber sie fasste ihn sanft in ihren Arm. "Was machen Sie!" rief er aus. "Lucidor!" rief sie, "nicht zu bedauern, wie Sie wohl wahnen, Sie sind mein, ich die Ihre; ich halte Sie in meinen Armen, zaudern Sie nicht, die Ihrigen um mich zu schlagen. Ihr Vater ist alles zufrieden; Antoni heiratet meine Schwester." Erstaunt zog er sich von ihr zuruck. "Das ware wahr?" Lucinde lachelte und nickte, er entzog sich ihren Armen. "Lassen Sie mich noch einmal in der Ferne sehen, was so nah, so nachst mir angehoren soll." Er fasste ihre Hande, Blick in Blick! "Lucinde, sind Sie mein?" Sie versetzte: "Nun ja doch", die sussesten Tranen in dem treusten Auge; er umschlang sie und warf sein Haupt hinter das ihre, hing wie am Uferfelsen ein Schiffbruchiger; der Boden bebte noch unter ihm. Nun aber sein entzuckter Blick, sich wieder offnend, fiel in den Spiegel. Da sah er sie in seinen Armen, sich von den ihren umschlungen; er blickte wieder und wieder hin. Solche Gefuhle begleiten den Menschen durchs ganze Leben. Zugleich sah er auch auf der Spiegelflache die Landschaft, die ihm gestern so greulich und ahnungsvoll erschienen war, glanzender und herrlicher als je; und sich in solcher Stellung, auf solchem Hintergrunde! Genugsame Vergeltung aller Leiden.
"Wir sind nicht allein", sagte Lucinde, und kaum hatte er sich von seinem Entzucken erholt, so erschienen geputzt und bekranzt Madchen und Knaben, Kranze tragend, den Ausgang versperrend. "Das sollte alles anders werden", rief Lucinde; "wie artig war es eingerichtet, und nun geht's tumultuarisch durcheinander!" Ein munterer Marsch tonte von weitem, und man sah die Gesellschaft den breiten Weg her feierlich heiter heranziehen. Er zauderte entgegenzugehen und schien seiner Schritte nur an ihrem Arm gewiss; sie blieb neben ihm, die feierliche Szene des Wiedersehens, des Danks fur eine schon vollendete Vergebung von Augenblick zu Augenblick erwartend.
Anders war's jedoch von den launischen Gottern beschlossen; eines Posthorns lustig schmetternder Ton, von der Gegenseite, schien den ganzen Aufstand in Verwirrung zu setzen. "Wer mag kommen?" rief Lucinde. Lucidorn schauderte vor einer fremden Gegenwart, und auch der Wagen schien ganz fremd. Eine zweisitzige, neue, ganz neuste Reisechaise! Sie fuhr an den Saal an. Ein ausgezeichneter, anstandiger Knabe sprang hinten herunter, offnete den Schlag, aber niemand stieg heraus; die Chaise war leer, der Knabe stieg hinein, mit einigen geschickten Handgriffen warf er die Spriegel zuruck, und so war in einem Nu das niedlichste Gebaude zur lustigsten Spazierfahrt vor den Augen aller Anwesenden bereitet, die indessen herankamen. Antoni, den ubrigen voreilend, fuhrte Julien zu dem Wagen. "Versuchen Sie", sprach er, "ob Ihnen dies Fuhrwerk gefallen kann, um darin mit mir auf den besten Wegen durch die Welt zu rollen; ich werde Sie keinen andern fuhren, und wo es irgend not tut, wollen wir uns zu helfen wissen. Uber das Gebirg sollen uns Saumrosse tragen, und den Wagen dazu."
"Sie sind allerliebst!" rief Julie. Der Knabe trat heran und zeigte mit Taschenspielergewandtheit alle Bequemlichkeiten, kleine Vorteile und Behendigkeiten des ganzen leichten Baues.
"Auf der Erde weiss ich keinen Dank", rief Julie, "nur auf diesem kleinen, beweglichen Himmel, aus dieser Wolke, in die Sie mich erheben, will ich Ihnen herzlich danken." Sie war schon eingesprungen, ihm Blick und Kusshand freundlich zuwerfend. "Gegenwartig durfen Sie noch nicht zu mir herein, da ist aber ein anderer, den ich auf dieser Probefahrt mitzunehmen gedenke, er hat auch noch eine Probe zu bestehen." Sie rief nach Lucidor, der, eben mit Vater und Schwiegervater in stummer Unterhaltung begriffen, sich gern in das leichte Fuhrwerk notigen liess, da er ein unausweichlich Bedurfnis fuhlte, nur einen Augenblick auf irgendeine Weise sich zu zerstreuen. Er sass neben ihr, sie rief dem Postillon zu, wie er fahren solle. Flugs entfernten sie sich, in Staub gehullt, aus den Augen der verwundert Nachschauenden.
Julie setzte sich recht fest und bequem ins Eckchen. "Rucken Sie nun auch dorthin, Herr Schwager, dass wir uns recht bequem in die Augen sehen."
Lucidor. Sie empfinden meine Verwirrung, meine Verlegenheit; ich bin noch immer wie im Traume, helfen Sie mir heraus.
Julie. Sehen Sie die hubschen Bauersleute, wie sie freundlich grussen! Bei Ihrem Hiersein sind Sie ja nicht ins obere Dorf gekommen. Alles wohlhabende Leute, die mir alle gewogen sind. Es ist niemand zu reich, dem man nicht einmal wohlwollend einen bedeutenden Dienst erweisen konne. Diesen Weg, den wir so bequem fahren, hat mein Vater angelegt und auch dieses Gute gestiftet.
Lucidor. Ich glaub' es gern und geb' es zu; aber was sollen die Ausserlichkeiten gegen die Verworrenheit meines Innern!
Julie. Nur Geduld, ich will Ihnen die Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit zeigen. Nun sind wir oben! Wie klar das ebene Land gegen das Gebirg hinliegt! Alle diese Dorfer verdanken meinem Vater gar viel, und Mutter und Tochtern wohl auch. Die Flur jenes Stadtchens dort hinten macht erst die Grenze.
Lucidor. Ich finde Sie in einer wunderlichen Stimmung; Sie scheinen nicht recht zu sagen, was Sie sagen wollten.
Julie. Nun sehen Sie hier links hinunter, wie schon sich das alles entwickelt! Die Kirche mit ihren hohen Linden, das Amthaus mit seinen Pappeln hinter dem Dorfhugel her. Auch die Garten liegen vor uns und der Park.
Der Postillon fuhr scharfer.
Julie. Jenen Saal dort droben kennen Sie; er sieht sich von hier aus ebenso gut an wie die Gegend von dort her. Hier am Baume wird gehalten; nun gerade hier spiegeln wir uns oben in der grossen Glasflache, man sieht uns dort recht gut, wir aber konnen uns nicht erkennen. Fahre zu! Dort haben sich vor kurzem wahrscheinlich ein Paar Leute naher bespiegelt und, ich musste mich sehr irren, mit grosser wechselseitiger Zufriedenheit.
Lucidor, verdriesslich, erwiderte nichts; sie fuhren eine Zeitlang stillschweigend vor sich hin, es ging sehr schnell. "Hier", sagte Julie, "fangt der schlechte Weg an, um den mogen Sie sich einmal verdient machen. Eh es hinabgeht schauen Sie noch hinuber, die Buche meiner Mutter ragt mit ihrem herrlichen Gipfel uber alles hervor. Du fahrst", fuhr sie zum Kutschenden fort, "den schlechten Weg hin, wir nehmen den Fusspfad durchs Tal und sind eher druben wie du." Im Aussteigen rief sie aus: "Das gestehen Sie doch, der ewige Jude, der unruhige Anton Reiser, weiss noch seine Wallfahrten bequem genug einzurichten, fur sich und seine Genossen: es ist ein sehr schoner, bequemer Wagen."
Und so war sie auch schon den Hugel drunten; Lucidor folgte sinnend und fand sie auf einer wohlgelegenen Bank sitzend, es war Lucindens Platzchen. Sie lud ihn zu sich.
Julie. Nun sitzen wir hier und gehen einander nichts an, das hat denn doch so sein sollen. Das kleine Quecksilber wollte Ihnen gar nicht anstehen. Nicht lieben konnten Sie ein solches Wesen, verhasst war es Ihnen.
Lucidors Verwunderung nahm zu.
Julie. Aber freilich Lucinde! Sie ist der Inbegriff aller Vollkommenheiten, und die niedliche Schwester war ein fur allemal ausgestochen. Ich seh' es, auf Ihren Lippen schwebt die Frage, wer uns so genau unterrichtet hat?
Lucidor. Es steckt ein Verrat dahinter!
Julie. Jawohl! ein Verrater ist im Spiele.
Lucidor. Nennen Sie ihn.
Julie. Der ist bald entlarvt. Sie selbst! Sie haben die lobliche oder unlobliche Gewohnheit, mit sich selbst zu reden, und da will ich denn in unser aller Namen bekennen, dass wir Sie wechselsweise behorcht haben.
Lucidor (aufspringend). Eine saubere Gastfreundschaft, auf diese Weise den Fremden eine Falle zu stellen!
Julie. Keineswegs; wir dachten nicht daran, Sie zu belauschen, so wenig als irgendeinen andern. Sie wissen, Ihr Bett steht in einem Verschlag der Wand, von der Gegenseite geht ein anderer herein, der gewohnlich nur zu hauslicher Niederlage dient. Da hatten wir einige Tage vorher unsern Alten genotigt zu schlafen, weil wir fur ihn in seiner abgelegenen Einsiedelei viele Sorge trugen; nun fuhren Sie gleich den ersten Abend mit einem solchen leidenschaftlichen Monolog ins Zeug, dessen Inhalt er uns den andern Morgen angelegentlichst entdeckte.
Lucidor hatte nicht Lust, sie zu unterbrechen. Er entfernte sich.
Julie (aufgestanden ihm folgend). Wie war uns mit dieser Erklarung gedient! Denn ich gestehe gern: wenn Sie mir auch nicht gerade zuwider waren, so blieb doch der Zustand, der mich erwartete, mir keineswegs wunschenswert. Frau Oberamtmannin zu sein, welche schreckliche Lage! Einen tuchtigen, braven Mann zu haben, der den Leuten Recht sprechen soll und vor lauter Recht nicht zur Gerechtigkeit kommen kann! der es weder nach oben noch unten recht macht und, was das Schlimmste ist, sich selbst nicht. Ich weiss, was meine Mutter ausgestanden hat von der Unbestechlichkeit, Unerschutterlichkeit meines Vaters. Endlich, leider nach ihrem Tod, ging ihm eine gewisse Mildigkeit auf, er schien sich in die Welt zu finden, an ihr sich auszugleichen, die er sich bisher vergeblich bekampft hatte.
Lucidor (hochst unzufrieden uber den Vorfall, argerlich uber die leichtsinnige Behandlung, stand still). Fur den Scherz eines Abends mochte das hingehen, aber eine solche beschamende Mystifikation Tage und Nachte lang gegen einen unbefangenen Gast zu veruben, ist nicht verzeihlich.
Julie. Wir alle haben uns in die Schuld geteilt, wir haben Sie alle behorcht; ich aber allein busse die Schuld des Horchens.
Lucidor. Alle! desto unverzeihlicher! Und wie konnten Sie mich den Tag uber ohne Beschamung ansehen, den Sie des Nachts schmahlich-unerlaubt uberlisteten? Doch ich sehe jetzt ganz deutlich mit einem Blick, dass Ihre Tagesanstalten nur darauf berechnet waren, mich zum besten zu haben. Eine lobliche Familie! und wo bleibt die Gerechtigkeitsliebe Ihres Vaters? Und Lucinde!
Julie. Und Lucinde! Was war das fur ein Ton! Nicht wahr, Sie wollten sagen: wie tief es Sie schmerzt, von Lucinden ubel zu denken, Lucinden mit uns allen in eine Klasse zu werfen?
Lucidor. Lucinden begreif' ich nicht.
Julie. Sie wollen sagen: diese reine, edle Seele, dieses ruhig gefasste Wesen, die Gute, das Wohlwollen selbst, diese Frau, wie sie sein sollte verbindet sich mit einer leichtsinnigen Gesellschaft, mit einer uberhinfahrenden Schwester, einem verzogenen Jungen und gewissen geheimnisvollen Personen! das ist unbegreiflich.
Lucidor. Jawohl ist das unbegreiflich.
Julie. So begreifen Sie es denn! Lucinden wie uns allen waren die Hande gebunden. Hatten Sie die Verlegenheit bemerken konnen, wie sie sich kaum zuruckhielt, Ihnen alles zu offenbaren, Sie wurden sie doppelt und dreifach lieben, wenn nicht jede wahre Liebe an und fur sich zehn- und hundertfach ware; auch versichere ich Sie, uns allen ist der Spass am Ende zu lang geworden.
Lucidor. Warum endigten Sie ihn nicht?
Julie. Das ist nun auch aufzuklaren. Nachdem Ihr erster Monolog dem Vater bekannt geworden und er gar bald bemerken konnte, dass alle seine Kinder nichts gegen einen solchen Tausch einzuwenden hatten, so entschloss er sich, alsobald zu Ihrem Vater zu reisen. Die Wichtigkeit des Geschafts war ihm bedenklich. Ein Vater allein fuhlt den Respekt, den man einem Vater schuldig ist. "Er muss es zuerst wissen", sagte der meine, "um nicht etwan hinterdrein, wenn wir einig sind, eine argerlich-erzwungene Zustimmung zu geben. Ich kenne ihn genau, ich weiss, wie er einen Gedanken, eine Neigung, einen Vorsatz festhalt, und es ist mir bange genug. Er hat sich Julien, seine Karten und Prospekte so zusammen gedacht, dass er sich schon vornahm, das alles zuletzt hierher zu stiften, wenn der Tag kame, wo das junge Paar sich hier niederliesse und Ort und Stelle so leicht nicht verandern konnte: da wollt' er alle Ferien uns zuwenden, und was er fur Liebes und Gutes im Sinne hatte. Er muss zuerst erfahren, was die Natur uns fur einen Streich gespielt, da noch nichts eigentlich erklart, noch nichts entschieden ist." Hierauf nahm er uns allen den feierlichsten Handschlag ab, dass wir Sie beobachten und, es geschehe, was da wolle, Sie hinhalten sollten. Wie sich die Ruckreise verzogert, wie es Kunst, Muhe und Beharrlichkeit gekostet, Ihres Vaters Einwilligung zu erlangen, das mogen Sie von ihm selbst horen. Genug, die Sache ist abgetan, Lucinde ist Ihnen gegonnt.
Und so waren beide, vom ersten Sitze lebhaft sich entfernend, unterwegs anhaltend, immer fortsprechend und langsam weitergehend, uber die Wiesen hin auf die Erhohung gekommen an einen andern wohlgebahnten Kunstweg. Der Wagen fuhr schnell heran; augenblicks machte sie ihren Nachbar aufmerksam auf ein seltsames Schauspiel. Die ganze Maschinerie, worauf sich der Bruder so viel zugute tat, war belebt und bewegt; schon fuhrten die Rader eine Menschenzahl auf und nieder, schon wogten die Schaukeln, Mastbaume wurden erklettert, und was man nicht alles fur kuhnen Schwung und Sprung uber den Hauptern einer unzahlbaren Menge gewagt sah! Alles das hatte der Junker in Bewegung gesetzt, damit nach Tafel die Gaste frohlich unterhalten wurden. "Du fahrst noch durchs untere Dorf", rief Julie, "die Leute wollen mir wohl, und sie sollen sehen, wie wohl es mir geht."
Das Dorf war ode, die Jungern samtlich hatten schon den Lustplatz ereilt, alte Manner und Frauen zeigten sich, durch das Posthorn erregt, an Tur und Fenstern, alles grusste, segnete, rief: "O das schone Paar!"
Julie. Nun, da haben Sie's! Wir hatten am Ende doch wohl zusammengepasst; es kann Sie noch reuen.
Lucidor. Jetzt aber, liebe Schwagerin!
Julie. Nicht wahr, jetzt "lieb", da Sie mich los sind.
Lucidor. Nur ein Wort! Auf Ihnen lastet eine schwere Verantwortlichkeit; was sollte der Handedruck, da Sie meine uberschreckliche Stellung kannten und fuhlen mussten? So grundlich Boshaftes ist mir in der Welt noch nichts vorgekommen.
Julie. Danken Sie Gott, nun war's abgebusst, alles ist verziehen. Ich wollte Sie nicht, das ist wahr, aber dass Sie mich ganz und gar nicht wollten, das verzeiht kein Madchen, und dieser Handedruck war, merken Sie sich's! fur den Schalk. Ich gestehe, es war schalkischer als billig, und ich verzeihe mir nur, indem ich Ihnen vergebe, und so sei denn alles vergeben und vergessen! Hier meine Hand.
Er schlug ein, sie rief: "Da sind wir schon wieder! in unserm Park schon wieder, und so geht's bald um die weite Welt und auch wohl zuruck; wir treffen uns wieder."
Sie waren vor dem Gartensaal schon angelangt, er schien leer; die Gesellschaft hatte sich, im Unbehagen, die Tafelzeit uberlang verschoben zu sehen, zum Spazieren bewegt. Antoni aber und Lucinde traten hervor. Julie warf sich aus dem Wagen ihrem Freund entgegen, sie dankte in einer herzlichen Umarmung und enthielt sich nicht der freudigsten Tranen. Des edlen Mannes Wange rotete sich, seine Zuge traten entfaltet hervor, sein Auge blickte feucht, und ein schoner, bedeutender Jungling erschien aus der Hulle.
Und so zogen beide Paare zur Gesellschaft, mit Gefuhlen, die der schonste Traum nicht zu geben vermochte.
Zehntes Kapitel
Vater und Sohn waren, von einem Reitknecht begleitet, durch eine angenehme Gegend gekommen, als dieser, im Angesicht einer hohen Mauer, die einen weiten Bezirk zu umschliessen schien, stillehaltend, bedeutete, sie mochten nun zu Fusse sich dem grossen Tore nahern, weil kein Pferd in diesen Kreis eingelassen wurde. Sie zogen die Glocke, das Tor eroffnete sich, ohne dass eine Menschengestalt sichtbar geworden ware, und sie gingen auf ein altes Gebaude los das zwischen uralten Stammen von Buchen und Eichen ihnen entgegenschimmerte. Wunderbar war es anzusehen, denn so alt es der Form nach schien, so war es doch, als wenn Maurer und Steinmetzen soeben erst abgegangen waren, dergestalt neu, vollstandig und nett erschienen die Fugen wie die ausgearbeiteten Verzierungen.
Der metallne, schwere Ring an einer wohlgeschnitzten Pforte lud sie ein zu klopfen, welches Felix mutwillig etwas unsanft verrichtete; auch diese Tur sprang auf, und sie fanden zunachst auf der Hausflur ein Frauenzimmer sitzen von mittlerem Alter, am Stickrahmen mit einer wohlgezeichneten Arbeit beschaftigt. Diese begrusste sogleich die Ankommenden als schon gemeldet und begann ein heiteres Lied zu singen, worauf sogleich aus einer benachbarten Ture ein Frauenzimmer heraustrat, das man fur die Beschliesserin und tatige Haushalterin, nach den Anhangseln ihres Gurtels, ohne weiteres zu erkennen hatte. Auch diese freundlich grussend fuhrte die Fremden eine Treppe hinauf und eroffnete ihnen einen Saal, der sie ernsthaft ansprach, weit, hoch, ringsum getafelt, oben druber eine Reihenfolge historischer Schilderungen. Zwei Personen traten ihnen entgegen, ein jungeres Frauenzimmer und ein altlicher Mann.
Jene hiess den Gast sogleich freimutig willkommen. "Sie sind", sagte sie, "als einer der Unsern angemeldet. Wie soll ich Ihnen aber kurz und gut den Gegenwartigen vorstellen? Er ist unser Hausfreund im schonsten und weitesten Sinne, bei Tage der belehrende Gesellschafter, bei Nacht Astronom, und Arzt zu jeder Stunde."
"Und ich", versetzte dieser freundlich, "empfehle Ihnen dieses Frauenzimmer als die bei Tage unermudet Geschaftige, bei Nacht, wenn's not tut, gleich bei der Hand, und immerfort die heiterste Lebensbegleiterin."
Angela, so nannte man die durch Gestalt und Betragen einnehmende Schone, verkundigte sodann die Ankunft Makariens; ein gruner Vorhang zog sich auf, und eine altliche wunderwurdige Dame ward auf einem Lehnsessel von zwei jungen, hubschen Madchen hereingeschoben, wie von zwei andern ein runder Tisch mit erwunschtem Fruhstuck. In einem Winkel der ringsumher gehenden massiven eichenen Banke waren Kissen gelegt, darauf setzten sich die obigen dreie, Makarie in ihrem Sessel gegen ihnen uber. Felix verzehrte sein Fruhstuck stehend, im Saal umherwandelnd und die ritterlichen Bilder uber dem Getafel neugierig betrachtend.
Makarie sprach zu Wilhelm als einem Vertrauten, sie schien sich in geistreicher Schilderung ihrer Verwandten zu erfreuen; es war, als wenn sie die innere Natur eines jeden durch die ihn umgebende individuelle Maske durchschaute. Die Personen, welche Wilhelm kannte, standen wie verklart vor seiner Seele, das einsichtige Wohlwollen der unschatzbaren Frau hatte die Schale losgelost und den gesunden Kern veredelt und belebt.
Nachdem nun diese angenehmen Gegenstande durch die freundlichste Behandlung erschopft waren, sprach sie zu dem wurdigen Gesellschafter: "Sie werden von der Gegenwart dieses neuen Freundes nicht wiederum Anlass zu einer Entschuldigung finden und die versprochene Unterhaltung abermals verspaten; er scheint von der Art, wohl auch daran teilzunehmen."
Jener aber versetzte darauf: "Sie wissen, welche Schwierigkeit es ist, sich uber diese Gegenstande zu erklaren, denn es ist von nichts wenigerem als von dem Missbrauch furtrefflicher und weit auslangender Mittel die Rede."
"Ich geb' es zu", versetzte Makarie, "denn man kommt in doppelte Verlegenheit. Spricht man von Missbrauch, so scheint man die Wurde des Mittels selbst anzutasten, denn es liegt ja immer noch in dem Missbrauch verborgen; spricht man von Mittel, so kann man kaum zugeben, dass seine Grundlichkeit und Wurde irgendeinen Missbrauch zulasse. Indessen, da wir unter uns sind, nichts festsetzen, nichts nach aussen wirken, sondern nur uns aufklaren wollen, so kann das Gesprach immer vorwartsgehen."
"Doch mussten wir", versetzte der bedachtige Mann, "vorher anfragen, ob unser neuer Freund auch Lust habe, an einer gewissermassen abstrusen Materie teilzunehmen, und ob er nicht vorzoge, in seinem Zimmer einer notigen Ruhe zu pflegen. Sollte wohl unsere Angelegenheit, ausser dem Zusammenhange, ohne Kenntnis, wie wir darauf gelangt, von ihm gern und gunstig aufgenommen werden?"
"Wenn ich das, was Sie gesagt haben, mir durch etwas Analoges erklaren mochte, so scheint es ungefahr der Fall zu sein, wenn man die Heuchelei angreift und eines Angriffs auf die Religion beschuldigt werden kann."
"Wir konnen die Analogie gelten lassen", versetzte der Hausfreund, "denn es ist auch hier von einem Komplex mehrerer bedeutender Menschen, von einer hohen Wissenschaft, von einer wichtigen Kunst und, dass ich kurz sei, von der Mathematik die Rede."
"Ich habe", versetzte Wilhelm, "wenn ich auch uber die fremdesten Gegenstande sprechen horte, mir immer etwas daraus nehmen konnen: denn alles, was den einen Menschen interessiert, wird auch in dem andern einen Anklang finden."
"Vorausgesetzt", sagte jener, "dass er sich eine gewisse Freiheit des Geistes erworben habe; und da wir Ihnen dies zutrauen, so will ich von meiner Seite wenigstens Ihrem Verharren nichts entgegenstellen."
"Was aber fangen wir mit Felix an?" fragte Makarie, "welcher, wie ich sehe, mit der Betrachtung jener Bilder schon fertig ist und einige Ungeduld merken lasst."
"Vergonnt mir, diesem Frauenzimmer etwas ins Ohr zu sagen", versetzte Felix, raunte Angela etwas stille zu, die sich mit ihm entfernte, bald aber lachelnd zuruckkam, da denn der Hausfreund folgendermassen zu reden anfing.
"In solchen Fallen, wo man irgend eine Missbilligung, einen Tadel, auch nur ein Bedenken aussprechen soll, nehme ich nicht gern die Initiative; ich suche mir eine Autoritat, bei welcher ich mich beruhigen kann, indem ich finde, dass mir ein anderer zur Seite steht. Loben tu' ich ohne Bedenken, denn warum soll ich verschweigen, wenn mir etwas zusagt? sollte es auch meine Beschranktheit ausdrucken, so hab' ich mich deren nicht zu schamen; tadle ich aber, so kann mir begegnen, dass ich etwas Furtreffliches abweise, und dadurch zieh' ich mir die Missbilligung anderer zu, die es besser verstehen; ich muss mich zurucknehmen, wenn ich aufgeklart werde. Deswegen bring' ich hier einiges Geschriebene, sogar Ubersetzungen mit: denn ich traue in solchen Dingen meiner Nation so wenig als mir selbst; eine Zustimmung aus der Ferne und Fremde scheint mir mehr Sicherheit zu geben." Er fing nunmehr nach erhaltener Erlaubnis folgendermassen zu lesen an.
Wenn wir aber uns bewogen finden, diesen werten Mann nicht lesen zu lassen, so werden es unsere Gonner wahrscheinlich geneigt aufnehmen, denn was oben gegen das Verweilen Wilhelms bei dieser Unterhaltung gesagt worden, gilt noch mehr in dem Falle, in welchem wir uns befinden. Unsere Freunde haben einen Roman in die Hand genommen, und wenn dieser hie und da schon mehr als billig didaktisch geworden, so finden wir doch geraten, die Geduld unserer Wohlwollenden nicht noch weiter auf die Probe zu stellen. Die Papiere, die uns vorliegen, gedenken wir an einem andern Orte abdrucken zu lassen und fahren diesmal im Geschichtlichen ohne weiteres fort, da wir selbst ungeduldig sind, das obwaltende Ratsel endlich aufgeklart zu sehen.
Enthalten konnen wir uns aber doch nicht, ferner einiges zu erwahnen, was noch vor dem abendlichen Scheiden dieser edlen Gesellschaft zur Sprache kam. Wilhelm, nachdem er jener Vorlesung aufmerksam zugehort, ausserte ganz unbewunden: "Hier vernehme ich von grossen Naturgaben, Fahigkeiten und Fertigkeiten, und doch zuletzt, bei ihrer Anwendung, manches Bedenken. Sollte ich mich daruber ins Kurze fassen, so wurde ich ausrufen: 'Grosse Gedanken und ein reines Herz, das ist's, was wir uns von Gott erbitten sollten!'"
Diesen verstandigen Worten Beifall gebend, loste die Versammlung sich auf; der Astronom aber versprach, Wilhelmen in dieser herrlichen, klaren Nacht an den Wundern des gestirnten Himmels vollkommen teilnehmen zu lassen.
Nach einigen Stunden liess der Astronom seinen Gast die Treppen zur Sternwarte sich hinaufwinden und zuletzt allein auf die vollig freie Flache eines runden, hohen Turmes heraustreten. Die heiterste Nacht, von allen Sternen leuchtend und funkelnd, umgab den Schauenden, welcher zum erstenmale das hohe Himmelsgewolbe in seiner ganzen Herrlichkeit zu erblikken glaubte. Denn im gemeinen Leben, abgerechnet die ungunstige Witterung, die uns so oft den Glanzraum des Athers verbirgt, hindern uns zu Hause bald Dacher und Giebel, auswarts bald Walder und Felsen, am meisten aber uberall die inneren Beunruhigungen des Gemuts, die, uns alle Umwelt mehr als Nebel und Misswetter zu verdustern, sich hin und her bewegen.
Ergriffen und erstaunt hielt er sich beide Augen zu. Das Ungeheure hort auf, erhaben zu sein, es uberreicht unsre Fassungskraft, es droht, uns zu vernichten. "Was bin ich denn gegen das All?" sprach er zu seinem Geiste; "wie kann ich ihm gegenuber, wie kann ich in seiner Mitte stehen?" Nach einem kurzen Uberdenken jedoch fuhr er fort: "Das Resultat unsres heutigen Abends lost ja auch das Ratsel des gegenwartigen Augenblicks. Wie kann sich der Mensch gegen das Unendliche stellen, als wenn er alle geistigen Krafte, die nach vielen Seiten hingezogen werden, in seinem Innersten, Tiefsten versammelt, wenn er sich fragt: 'Darfst du dich in der Mitte dieser ewig lebendigen Ordnung auch nur denken, sobald sich nicht gleichfalls in dir ein beharrlich Bewegtes, um einen reinen Mittelpunkt kreisend, hervortut? Und selbst wenn es dir schwer wurde, diesen Mittelpunkt in deinem Busen aufzufinden, so wurdest du ihn daran erkennen, dass eine wohlwollende, wohltatige Wirkung von ihm ausgeht und von ihm Zeugnis gibt.'
Wer soll, wer kann aber auf sein vergangenes Leben zuruckblicken, ohne gewissermassen irre zu werden, da er meistens finden wird, dass sein Wollen richtig, sein Tun falsch, sein Begehren tadelhaft und sein Erlangen dennoch erwunscht gewesen?
Wie oft hast du diese Gestirne leuchten gesehen, und haben sie dich nicht jederzeit anders gefunden? sie aber sind immer dieselbigen und sagen immer dasselbige: 'Wir bezeichnen', wiederholen sie: 'durch unsern gesetzmassigen Gang Tag und Stunde; frage dich auch, wie verhaltst du dich zu Tag und Stunde?' Und so kann ich denn diesmal antworten: 'Des gegenwartigen Verhaltnisses hab' ich mich nicht zu schamen, meine Absicht ist, einen edlen Familienkreis in allen seinen Gliedern erwunscht verbunden herzustellen; der Weg ist bezeichnet. Ich soll erforschen, was edle Seelen auseinanderhalt, soll Hindernisse wegraumen, von welcher Art sie auch seien.' Dies darfst du vor diesen himmlischen Heerscharen bekennen; achteten sie deiner, sie wurden zwar uber deine Beschranktheit lacheln, aber sie ehrten gewiss deinen Vorsatz und begunstigten dessen Erfullung."
Bei diesen Worten oder Gedanken wendete er sich, umherzusehen, da fiel ihm Jupiter in die Augen, das Glucksgestirn, so herrlich leuchtend als je; er nahm das Omen als gunstig auf und verharrte freudig in diesem Anschauen eine Zeitlang.
Hierauf sogleich berief ihn der Astronom herabzukommen und liess ihn eben dieses Gestirn durch ein vollkommenes Fernrohr in bedeutender Grosse, begleitet von seinen Monden, als ein himmlisches Wunder anschauen.
Als unser Freund lange darin versunken geblieben, wendete er sich um und sprach zu dem Sternfreunde: "Ich weiss nicht, ob ich Ihnen danken soll, dass Sie mir dieses Gestirn so uber alles Mass naher geruckt. Als ich es vorhin sah, stand es im Verhaltnis zu dem ubrigen Unzahligen des Himmels und zu mir selbst; jetzt aber tritt es in meiner Einbildungskraft unverhaltnismassig hervor, und ich weiss nicht, ob ich die ubrigen Scharen gleicherweise heranzufuhren wunschen sollte. Sie werden mich einengen, mich beangstigen."
So erging sich unser Freund nach seiner Gewohnheit weiter, und es kam bei dieser Gelegenheit manches Unerwartete zur Sprache. Auf einiges Erwidern des Kunstverstandigen versetzte Wilhelm: "Ich begreife recht gut, dass es euch Himmelskundigen die grosste Freude gewahren muss, das ungeheure Weltall nach und nach so heranzuziehen, wie ich hier den Planeten sah und sehe. Aber erlauben Sie mir, es auszusprechen: ich habe im Leben uberhaupt und im Durchschnitt gefunden, dass diese Mittel, wodurch wir unsern Sinnen zu Hulfe kommen, keine sittlich gunstige Wirkung auf den Menschen ausuben. Wer durch Brillen sieht, halt sich fur kluger, als er ist, denn sein ausserer Sinn wird dadurch mit seiner innern Urteilsfahigkeit ausser Gleichgewicht gesetzt; es gehort eine hohere Kultur dazu, deren nur vorzugliche Menschen fahig sind, ihr Inneres, Wahres mit diesem von aussen herangeruckten Falschen einigermassen auszugleichen. Sooft ich durch eine Brille sehe, bin ich ein anderer Mensch und gefalle mir selbst nicht; ich sehe mehr, als ich sehen sollte, die scharfer gesehene Welt harmoniert nicht mit meinem Innern, und ich lege die Glaser geschwind wieder weg, wenn meine Neugierde, wie dieses oder jenes in der Ferne beschaffen sein mochte, befriedigt ist."
Auf einige scherzhafte Bemerkungen des Astronomen fuhr Wilhelm fort: "Wir werden diese Glaser so wenig als irgendein Maschinenwesen aus der Welt bannen, aber dem Sittenbeobachter ist es wichtig, zu erforschen und zu wissen, woher sich manches in die Menschheit eingeschlichen hat, woruber man sich beklagt. So bin ich z.B. uberzeugt, dass die Gewohnheit, Annaherungsbrillen zu tragen, an dem Dunkel unserer jungen Leute hauptsachlich schuld hat."
Unter diesen Gesprachen war die Nacht weit vorgeruckt, worauf der im Wachen bewahrte Mann seinem jungen Freunde den Vorschlag tat, sich auf dem Feldbette niederzulegen und einige Zeit zu schlafen, um alsdann mit frischerem Blick die dem Aufgang der Sonne voreilende Venus, welche eben heute in ihrem vollendeten Glanze zu erscheinen versprache, zu schauen und zu begrussen.
Wilhelm, der sich bis auf den Augenblick recht straff und munter erhalten hatte, fuhlte auf diese Anmutung des wohlwollenden, vorsorglichen Mannes sich wirklich erschopft, er legte sich nieder und war augenblicklich in den tiefsten Schlaf gesunken.
Geweckt von dem Sternkundigen sprang Wilhelm auf und eilte zum Fenster; dort staunte, starrte er einen Augenblick dann rief er enthusiastisch: "Welche Herrlichkeit! welch ein Wunder!" Andere Worte des Entzuckens folgten, aber ihm blieb der Anblick immer ein Wunder, ein grosses Wunder.
"Dass Ihnen dieses liebenswurdige Gestirn, das heute in Fulle und Herrlichkeit wie selten erscheint, uberraschend entgegentreten wurde, konnt' ich voraussehen, aber das darf ich wohl aussprechen, ohne kalt gescholten zu werden: kein Wunder seh' ich, durchaus kein Wunder!"
"Wie konnten Sie auch?" versetzte Wilhelm, "da ich es mitbringe, da ich es in mir trage, da ich nicht weiss, wie mir geschieht. Lassen Sie mich noch immer stumm und staunend hinblicken, sodann vernehmen Sie!" Nach einer Pause fuhr er fort: "Ich lag sanft, aber tief eingeschlafen, da fand ich mich in den gestrigen Saal versetzt, aber allein. Der grune Vorhang ging auf, Makariens Sessel bewegte sich hervor, von selbst wie ein belebtes Wesen; er glanzte golden, ihre Kleider schienen priesterlich, ihr Anblick leuchtete sanft, ich war im Begriff, mich niederzuwerfen. Wolken entwickelten sich um ihre Fusse, steigend hoben sie flugelartig die heilige Gestalt empor, an der Stelle ihres herrlichen Angesichtes sah ich zuletzt, zwischen sich teilendem Gewolk, einen Stern blinken, der immer aufwarts getragen wurde und durch das eroffnete Deckengewolb sich mit dem ganzen Sternhimmel vereinigte, der sich immer zu verbreiten und alles zu umschliessen schien. In dem Augenblick wecken Sie mich auf; schlaftrunken taumle ich nach dem Fenster, den Stern noch lebhaft in meinem Auge, und wie ich nun hinblicke der Morgenstern, von gleicher Schonheit, obschon vielleicht nicht von gleicher strahlender Herrlichkeit, wirklich vor mir! Dieser wirkliche, da droben schwebende Stern setzt sich an die Stelle des getraumten, er zehrt auf, was an dem erscheinenden Herrliches war, aber ich schaue doch fort und fort, und Sie schauen ja mit mir, was eigentlich vor meinen Augen zugleich mit dem Nebel des Schlafes hatte verschwinden sollen."
Der Astronom rief aus: "Wunder, ja Wunder! Sie wissen selbst nicht, welche wundersame Rede Sie fuhrten. Moge uns nur dies nicht auf den Abschied der Herrlichen hindeuten, welcher fruher oder spater eine solche Apotheose beschieden ist."
Den andern Morgen eilte Wilhelm, um seinen Felix aufzusuchen, der sich fruh ganz in der Stille weggeschlichen hatte, nach dem Garten, den er zu seiner Verwunderung durch eine Anzahl Madchen bearbeitet sah; alle, wo nicht schon, doch keine hasslich, keine, die das zwanzigste Jahr erreicht zu haben schien. Sie waren verschiedentlich gekleidet, als verschiedenen Ortschaften angehorig, tatig, heiter grussend und fortarbeitend.
Ihm begegnete Angela, welche die Arbeit anzuordnen und zu beurteilen auf und ab ging; ihr liess der Gast seine Verwunderung uber eine so hubsche, lebenstatige Kolonie vermerken. "Diese", versetzte sie, "stirbt nicht aus, andert sich, aber bleibt immer dieselbe. Denn mit dem zwanzigsten Jahr treten diese, so wie die samtlichen Bewohnerinnen unserer Stiftung, ins tatige Leben, meistens in den Ehestand. Alle jungen Manner der Nachbarschaft, die sich eine wackere Gattin wunschen, sind aufmerksam auf dasjenige, was sich bei uns entwickelt. Auch sind unsre Zoglinge hier nicht etwan eingesperrt, sie haben sich schon auf manchem Jahrmarkte umgesehen, sind gesehen worden, gewunscht und verlobt; und so warten denn mehrere Familien schon aufmerksam, wenn bei uns wieder Platz wird, um die Ihrigen einzufuhren." Nachdem diese Angelegenheit besprochen war, konnte der Gast seiner neuen Freundin den Wunsch nicht bergen, das gestern abend Vorgelesene nochmals durchzusehen. "Den Hauptsinn der Unterhaltung habe ich gefasst", sagte er; "nun mocht' ich aber auch das einzelne wovon die Rede war, naher kennen lernen."
"Diesen Wunsch", versetzte jene, "zu befriedigen, finde ich mich glucklicherweise sogleich in dem Falle; das Verhaltnis, das Ihnen so schnell zu unserm Innersten gegeben ward, berechtigt mich, Ihnen zu sagen, dass jene Papiere schon in meinen Handen und von mir nebst andern Blattern sorgfaltig aufgehoben werden. Meine Herrin", fuhr sie fort, "ist von der Wichtigkeit des augenblicklichen Gesprachs hochlich uberzeugt; dabei gehe voruber, sagt sie, was kein Buch enthalt, und doch wieder das Beste, was Bucher jemals enthalten haben. Deshalb machte sie mir's zur Pflicht, einzelne gute Gedanken aufzubewahren, die aus einem geistreichen Gesprach, wie Samenkorner aus einer vielastigen Pflanze, hervorspringen. 'Ist man treu', sagt sie, 'das Gegenwartige festzuhalten, so wird man erst Freude an der Uberlieferung haben, indem wir den besten Gedanken schon ausgesprochen, das liebenswurdigste Gefuhl schon ausgedruckt finden. Hiedurch kommen wir zum Anschauen jener Ubereinstimmung, wozu der Mensch berufen ist, wozu er sich oft wider seinen Willen finden muss, da er sich gar zu gern einbildet, die Welt fange mit ihm von vorne an.'"
Angela fuhr fort, dem Gaste weiter zu vertrauen, dass dadurch ein bedeutendes Archiv entstanden sei, woraus sie in schlaflosen Nachten manchmal ein Blatt Makarien vorlese; bei welcher Gelegenheit denn wieder auf eine merkwurdige Weise tausend Einzelnheiten hervorspringen, eben als wenn eine Masse Quecksilber fallt und sich nach allen Seiten hin in die vielfachsten unzahligen Kugelchen zerteilt.
Auf seine Frage, inwiefern dieses Archiv als Geheimnis bewahrt werde, eroffnete sie: dass allerdings nur die nachste Umgebung davon Kenntnis habe, doch wolle sie es wohl verantworten und ihm, da er Lust bezeige, sogleich einige Hefte vorlegen.
Unter diesem Gartengesprache waren sie gegen das Schloss gelangt, und in die Zimmer eines Seitengebaudes eintretend, sagte sie lachelnd: "Ich habe bei dieser Gelegenheit Ihnen noch ein Geheimnis zu vertrauen, worauf Sie am wenigsten vorbereitet sind." Sie liess ihn darauf durch einen Vorhang in ein Kabinett hineinblicken, wo er, freilich zu grosser Verwunderung, seinen Felix schreibend an einem Tische sitzen sah und sich nicht gleich diesen unerwarteten Fleiss entratseln konnte. Bald aber ward er belehrt, als Angela ihm entdeckte, dass der Knabe jenen Augenblick seines Verschwindens hiezu angewendet und erklart, Schreiben und Reiten sei das einzige, wozu er Lust habe.
Unser Freund ward sodann in ein Zimmer gefuhrt, wo er in Schranken ringsum viele wohlgeordnete Papiere zu sehen hatte. Rubriken mancher Art deuteten auf den verschiedensten Inhalt, Einsicht und Ordnung leuchtete hervor. Als nun Wilhelm solche Vorzuge pries, eignete das Verdienst derselben Angela dem Hausfreunde zu; die Anlage nicht allein, sondern auch in schwierigen Fallen die Einschaltung wisse er mit eigener Ubersicht bestimmt zu leiten. Darauf suchte sie die gestern vorgelesenen Manuskripte vor und vergonnte dem Begierigen, sich derselben sowie alles ubrigen zu bedienen und nicht nur Einsicht davon, sondern auch Abschrift zu nehmen.
Hier nun musste der Freund bescheiden zu Werke gehen, denn es fand sich nur allzuviel Anziehendes und Wunschenswertes; besonders achtete er die Hefte kurzer, kaum zusammenhangender Satze hochst schatzenswert. Resultate waren es, die, wenn wir nicht ihre Veranlassung wissen, als paradox erscheinen, uns aber notigen, vermittelst eines umgekehrten Findens und Erfindens ruckwartszugehen und uns die Filiation solcher Gedanken von weit her, von unten herauf wo moglich zu vergegenwartigen.
Auch dergleichen durfen wir aus oben angefuhrten Ursachen keinen Platz einraumen. Jedoch werden wir die erste sich darbietende Gelegenheit nicht versaumen und am schicklichen Orte auch das hier Gewonnene mit Auswahl darzubringen wissen. Am dritten Tage morgens begab sich unser Freund zu Angela, und nicht ohne einige Verlegenheit stand er vor ihr. "Heute soll ich scheiden", sprach er, "und von der trefflichen Frau, bei der ich gestern den ganzen Tag leider nicht vorgelassen worden, meine letzten Auftrage erhalten. Hier nun liegt mir etwas auf dem Herzen, auf dem ganzen innern Sinn, woruber ich aufgeklart zu sein wunschte. Wenn es moglich ist, so gonnen Sie mir diese Wohltat."
"Ich glaube Sie zu verstehen", sagte die Angenehme, "doch sprechen Sie weiter." "Ein wunderbarer Traum", fuhr er fort, "einige Worte des ernsten Himmelskundigen, ein abgesondertes, verschlossenes Fach in den zuganglichen Schranken, mit der Inschrift: 'Makariens Eigenheiten', diese Veranlassungen gesellen sich zu einer innern Stimme, die mir zuruft, die Bemuhung um jene Himmelslichter sei nicht etwa nur eine wissenschaftliche Liebhaberei, ein Bestreben nach Kenntnis des Sternenalls, vielmehr sei zu vermuten: es liege hier ein ganz eigenes Verhaltnis Makariens zu den Gestirnen verborgen, das zu erkennen mir hochst wichtig sein musste. Ich bin weder neugierig noch zudringlich, aber dies ist ein so wissenswerter Fall fur den Geist- und Sinnforscher, dass ich mich nicht enthalten kann anzufragen: ob man zu so vielem Vertrauen nicht auch noch dieses Ubermass zu vergonnen belieben mochte?" "Dieses zu gewahren, bin ich berechtigt", versetzte die Gefallige. "Ihr merkwurdiger Traum ist zwar Makarien ein Geheimnis geblieben, aber ich habe mit dem Hausfreund Ihr sonderbares geistiges Eingreifen, Ihr unvermutetes Erfassen der tiefsten Geheimnisse betrachtet und uberlegt, und wir durfen uns ermutigen, Sie weiterzufuhren. Lassen Sie mich nun zuvorderst gleichnisweise reden! Bei schwer begreiflichen Dingen tut man wohl, sich auf diese Weise zu helfen.
Wie man von dem Dichter sagt, die Elemente der sichtlichen Welt seien in seiner Natur innerlichst verborgen und hatten sich nur aus ihm nach und nach zu entwickeln, dass ihm nichts in der Welt zum Anschauen komme, was er nicht vorher in der Ahnung gelebt: ebenso sind, wie es scheinen will, Makarien die Verhaltnisse unsres Sonnensystems von Anfang an, erst ruhend, sodann sich nach und nach entwickelnd, fernerhin sich immer deutlicher belebend, grundlich eingeboren. Erst litt sie an diesen Erscheinungen, dann vergnugte sie sich daran, und mit den Jahren wuchs das Entzucken. Nicht eher jedoch kam sie hieruber zur Einheit und Beruhigung, als bis sie den Beistand, den Freund gewonnen hatte, dessen Verdienst Sie auch schon genugsam kennen lernten.
Als Mathematiker und Philosoph unglaubig von Anfang, war er lange zweifelhaft, ob diese Anschauung nicht etwa angelernt sei; denn Makarie musste gestehen, fruhzeitig Unterricht in der Astronomie genossen und sich leidenschaftlich damit beschaftigt zu haben. Daneben berichtete sie aber auch: wie sie viele Jahre ihres Lebens die innern Erscheinungen mit dem aussern Gewahrwerden zusammengehalten und verglichen, aber niemals hierin eine Ubereinstimmung finden konnen.
Der Wissende liess sich hierauf dasjenige, was sie schaute, welches ihr nur von Zeit zu Zeit ganz deutlich war, auf das genaueste vortragen, stellte Berechnungen an und folgerte daraus, dass sie nicht sowohl das ganze Sonnensystem in sich trage, sondern dass sie sich vielmehr geistig als ein integrierender Teil darin bewege. Er verfuhr nach dieser Voraussetzung, und seine Calculs wurden auf eine unglaubliche Weise durch ihre Aussagen bestatigt.
So viel nur darf ich Ihnen diesmal vertrauen, und auch dieses eroffne ich nur mit der dringenden Bitte, gegen niemanden hievon irgendein Wort zu erwahnen. Denn sollte nicht jeder Verstandige und Vernunftige, bei dem reinsten Wohlwollen, dergleichen Ausserungen fur Phantasien, fur ubelverstandene Erinnerungen eines fruher eingelernten Wissens halten und erklaren? Die Familie selbst weiss nichts Naheres hievon, diese geheimen Anschauungen, die entzuckenden Gesichte sind es, die bei den Ihrigen als Krankheit gelten, wodurch sie augenblicklich gehindert sei, an der Welt und ihren Interessen teilzunehmen. Dies, mein Freund, verwahren Sie im stillen und lassen sich auch gegen Lenardo nichts merken."
Gegen Abend ward unser Wanderer Makarien nochmals vorgestellt; gar manches anmutig Belehrende kam zur Sprache, davon wir nachstehendes auswahlen.
"Von Natur besitzen wir keinen Fehler, der nicht zur Tugend, keine Tugend, die nicht zum Fehler werden konnte. Diese letzten sind gerade die bedenklichsten. Zu dieser Betrachtung hat mir vorzuglich der wunderbare Neffe Anlass gegeben, der junge Mann, von dem Sie in der Familie manches Seltsame gehort haben und den ich, wie die Meinigen sagen, mehr als billig, schonend und liebend behandle.
Von Jugend auf entwickelte sich in ihm eine gewisse muntere, technische Fertigkeit, der er sich ganz hingab und darin glucklich zu mancher Kenntnis und Meisterschaft fortschritt. Spaterhin war alles, was er von Reisen nach Hause schickte, immer das Kunstlichste, Klugste, Feinste, Zarteste von Handarbeit, auf das Land hindeutend, wo er sich eben befand und welches wir erraten sollten. Hieraus mochte man schliessen, dass er ein trockner, unteilnehmender, in Ausserlichkeiten befangener Mensch sei und bleibe; auch war er im Gesprach zum Eingreifen an allgemeinen, sittlichen Betrachtungen nicht aufgelegt, aber er besass im stillen und geheimen einen wunderbar feinen praktischen Takt des Guten und Bosen, des Loblichen und Unloblichen, dass ich ihn weder gegen Altere noch Jungere, weder gegen Obere noch Untere jemals habe fehlen sehen. Aber diese angeborne Gewissenhaftigkeit, ungeregelt wie sie war, bildete sich im einzelnen zu grillenhafter Schwache; er mochte sogar sich Pflichten erfinden, da wo sie nicht gefordert wurden, und sich ganz ohne Not irgendeinmal als Schuldner bekennen.
Nach seinem ganzen Reiseverfahren, besonders aber nach den Vorbereitungen zu seiner Wiederkunft, glaube ich, dass er wahnt, fruher ein weibliches Wesen unseres Kreises verletzt zu haben, deren Schicksal ihn jetzt beunruhigt, wovon er sich befreit und erlost fuhlen wurde, sobald er vernehmen konnte, dass es ihr wohl gehe, und das Weitere wird Angela mit Ihnen besprechen. Nehmen Sie gegenwartigen Brief und bereiten unsrer Familie ein gluckliches Zusammenfinden. Aufrichtig gestanden: ich wunschte, ihn auf dieser Erde nochmals zu sehen und im Abscheiden ihn herzlich zu segnen."
Eilftes Kapitel
Das nussbraune Madchen
Nachdem Wilhelm seinen Auftrag umstandlich und genau ausgerichtet, versetzte Lenardo mit einem Lacheln: "So sehr ich Ihnen verbunden bin fur das, was ich durch Sie erfahre, so muss ich doch noch eine Frage hinzufugen. Hat Ihnen die Tante nicht am Schluss noch anempfohlen, mir eine unbedeutend scheinende Sache zu berichten?" Der andere besann sich einen Augenblick. "Ja", sagte er darauf, "ich entsinne mich. Sie erwahnte eines Frauenzimmers, das sie Valerine nannte. Von dieser sollte ich Ihnen sagen, dass sie glucklich verheiratet sei und sich in einem wunschenswerten Zustande befinde."
"Sie walzen mir einen Stein vom Herzen", versetzte Lenardo. "Ich gehe nun gern nach Hause zuruck, weil ich nicht furchten muss, dass die Erinnerung an dieses Madchen mir an Ort und Stelle zum Vorwurf gereiche."
"Es ziemt sich nicht fur mich zu fragen, welch Verhaltnis Sie zu ihr gehabt", sagte Wilhelm; "genug, Sie konnen ruhig sein, wenn Sie auf irgendeine Weise an dem Schicksal des Madchens teilnehmen."
"Es ist das wunderlichste Verhaltnis von der Welt", sagte Lenardo; "keinesweges ein Liebesverhaltnis, wie man sich's denken konnte. Ich darf Ihnen wohl vertrauen und erzahlen, was eigentlich keine Geschichte ist. Was mussen Sie aber denken, wenn ich Ihnen sage, dass mein zauderndes Zuruckreisen, dass die Furcht, in unsere Wohnung zuruckzukehren, dass diese seltsamen Anstalten und Fragen, wie es bei uns aussehe, eigentlich nur zur Absicht haben, nebenher zu erfahren, wie es mit diesem Kinde stehe.
Denn glauben Sie", fuhr er fort, "ich weiss ubrigens sehr gut, dass man Menschen, die man kennt, auf geraume Zeit verlassen kann, ohne sie verandert wiederzufinden, und so denke ich auch bei den Meinigen bald wieder vollig zu Hause zu sein. Um dies einzige Wesen war es mir zu tun, dessen Zustand sich verandern musste und sich, Dank sei es dem Himmel, ins Bessere verandert hat."
"Sie machen mich neugierig", sagte Wilhelm. "Sie lassen mich etwas ganz Besonderes erwarten."
"Ich halte es wenigstens dafur", versetzte Lenardo und fing seine Erzahlung folgendermassen an.
"Die herkommliche Kreisfahrt durch das gesittete Europa in meinen Junglingsjahren zu bestehen, war ein fester Vorsatz, den ich von Jugend auf hegte, dessen Ausfuhrung sich aber von Zeit zu Zeit, wie es zu gehen pflegt, verzogerte. Das Nachste zog mich an, hielt mich fest, und das Entfernte verlor immer mehr seinen Reiz, je mehr ich davon las oder erzahlen horte. Doch endlich, angetrieben durch meinen Oheim, angelockt durch Freunde, die sich vor mir in die Welt hinausbegeben hatten, ward der Entschluss gefasst, und zwar geschwinder, ehe wir es uns alle versahen.
Mein Oheim, der eigentlich das Beste dazu tun musste, um die Reise moglich zu machen, hatte sogleich kein anderes Augenmerk. Sie kennen ihn und seine Eigenheit, wie er immer nur auf eines losgeht und das erst zustande bringt, und inzwischen alles andere ruhen und schweigen muss; wodurch er denn freilich vieles geleistet hat, was uber die Krafte eines Particuliers zu gehen scheint. Diese Reise kam ihm einigermassen unerwartet; doch wusste er sich sogleich zu fassen. Einige Bauten, die er unternommen, ja sogar angefangen hatte, wurden eingestellt, und weil er sein Erspartes niemals angreifen will, so sah er sich als ein kluger Finanzmann nach andern Mitteln um. Das Nachste war, ausstehende Schulden, besonders Pachtreste, einzukassieren; denn auch dieses gehorte mit zu seiner Art und Weise, dass er gegen Schuldner nachsichtig war, solange er bis auf einen gewissen Grad selbst nichts bedurfte. Sein Geschaftsmann erhielt die Liste; diesem war die Ausfuhrung uberlassen. Vom einzelnen erfuhren wir nichts; nur horte ich im Vorbeigehen, dass der Pachter eines unserer Guter, mit dem der Oheim lange Geduld gehabt hatte, endlich wirklich ausgetrieben, seine Kaution zu karglichem Ersatz des Ausfalls innebehalten und das Gut anderweit verpachtet werden sollte. Es war dieser Mann von Art der 'Stillen im Lande', aber nicht, wie seinesgleichen, dabei klug und tatig; wegen seiner Frommigkeit und Gute zwar geliebt, doch wegen seiner Schwache als Haushalter gescholten. Nach seiner Frauen Tode war eine Tochter, die man nur das nussbraune Madchen nannte, ob sie schon rustig und entschlossen zu werden versprach, doch viel zu jung, um entschieden einzugreifen; genug, es ging mit dem Mann ruckwarts, ohne dass die Nachsicht des Onkels sein Schicksal hatte aufhalten konnen.
Ich hatte meine Reise im Sinn, und die Mittel dazu musst' ich billigen. Alles war bereit, das Packen und Loslosen ging an, die Augenblicke drangten sich. Eines Abends durchstrich ich noch einmal den Park, um Abschied von den bekannten Baumen und Strauchen zu nehmen, als mir auf einmal Valerine in den Weg trat: denn so hiess das Madchen; das andere war nur ein Scherzname, durch ihre braunliche Gesichtsfarbe veranlasst. Sie trat mir in den Weg."
Lenardo hielt einen Augenblick nachdenkend inne. "Wie ist mir denn?" sagte er; "hiess sie auch Valerine? Ja doch", fuhr er fort; "doch war der Scherzname gewohnlicher. Genug, das braune Madchen trat mir in den Weg und bat mich dringend, fur ihren Vater, fur sie ein gutes Wort bei meinem Oheim einzulegen. Da ich wusste, wie die Sache stand, und ich wohl sah, dass es schwer, ja unmoglich sein wurde, in diesem Augenblick etwas fur sie zu tun, so sagte ich's ihr aufrichtig und setzte die eigne Schuld ihres Vaters in ein ungunstiges Licht.
Sie antwortete mir darauf mit so viel Klarheit und zugleich mit so viel kindlicher Schonung und Liebe, dass sie mich ganz fur sich einnahm und dass ich, ware es meine eigene Kasse gewesen, sie sogleich durch Gewahrung ihrer Bitte glucklich gemacht hatte. Nun waren es aber die Einkunfte meines Oheims; es waren seine Anstalten, seine Befehle; bei seiner Denkweise, bei dem, was bisher schon geschehen, war nichts zu hoffen. Von jeher hielt ich ein Versprechen hochheilig. Wer etwas von mir verlangte, setzte mich in Verlegenheit. Ich hatte mir es so angewohnt abzuschlagen, dass ich sogar das nicht versprach, was ich zu halten gedachte. Diese Gewohnheit kam mir auch diesmal zustatten. Ihre Grunde ruhten auf Individualitat und Neigung, die meinigen auf Pflicht und Verstand, und ich leugne nicht, dass sie mir am Ende selbst zu hart vorkamen. Wir hatten schon einigemal dasselbe wiederholt, ohne einander zu uberzeugen, als die Not sie beredter machte, ein unvermeidlicher Untergang, den sie vor sich sah, ihr Tranen aus den Augen presste. Ihr gefasstes Wesen verliess sie nicht ganz; aber sie sprach lebhaft, mit Bewegung, und indem ich immer noch Kalte und Gelassenheit heuchelte, kehrte sich ihr ganzes Gemut nach aussen. Ich wunschte die Szene zu endigen; aber auf einmal lag sie zu meinen Fussen, hatte meine Hand gefasst, gekusst, und sah so gut, so liebenswurdig flehend zu mir herauf, dass ich mir in dem Augenblick meiner selbst nicht bewusst war. Schnell sagte ich, indem ich sie aufhob: 'Ich will das Mogliche tun, beruhige dich, mein Kind!' und so wandte ich mich nach einem Seitenwege. 'Tun Sie das Unmogliche!' rief sie mir nach. Ich weiss nicht mehr, was ich sagen wollte, aber ich sagte: 'Ich will', und stockte. 'Tun Sie's!' rief sie auf einmal, mit einem Ausdruck von himmlischer Hoffnung. Ich grusste sie und eilte fort.
Den Oheim wollte ich nicht zuerst angehen, denn ich kannte ihn nur zu gut, dass man ihn an das Einzelne nicht erinnern durfte, wenn er sich das Ganze vorgesetzt hatte. Ich suchte den Geschaftstrager; er war weggeritten; Gaste kamen den Abend, Freunde, die Abschied nehmen wollten. Man spielte, man speiste bis tief in die Nacht. Sie blieben den andern Tag, und die Zerstreuung verwischte jenes Bild der dringend Bittenden. Der Geschaftstrager kam zuruck, er war geschaftiger und uberdrangter als nie. Jedermann fragte nach ihm. Er hatte nicht Zeit, mich zu horen: doch machte ich einen Versuch, ihn festzuhalten; allein kaum hatte ich jenen frommen Pachter genannt, so wies er mich mit Lebhaftigkeit zuruck: 'Sagen Sie dem Onkel um Gottes willen davon nichts, wenn Sie zuletzt nicht noch Verdruss haben wollen.' Der Tag meiner Abreise war festgesetzt; ich hatte Briefe zu schreiben, Gaste zu empfangen, Besuche in der Nachbarschaft abzulegen. Meine Leute waren zu meiner bisherigen Bedienung hinreichend, keineswegs aber gewandt, das Geschaft der Abreise zu erleichtern. Alles lag auf mir; und doch, als mir der Geschaftsmann zuletzt in der Nacht eine Stunde gab, um unsere Geldangelegenheiten zu ordnen, wagte ich nochmals, fur Valerinens Vater zu bitten.
'Lieber Baron', sagte der bewegliche Mann, 'wie kann Ihnen nur so etwas einfallen? Ich habe heute ohnehin mit Ihrem Oheim einen schweren Stand gehabt; denn was Sie notig haben, um sich hier loszumachen, belauft sich weit hoher, als wir glaubten. Dies ist zwar ganz naturlich, aber doch beschwerlich. Besonders hat der alte Herr keine Freude, wenn die Sache abgetan scheint und noch manches hintennachhinkt; das ist nun aber oft so, und wir andern mussen es ausbaden. Uber die Strenge, womit die ausstehenden Schulden eingetrieben werden sollen, hat er sich selbst ein Gesetz gemacht; er ist daruber mit sich einig, und man mochte ihn wohl schwer zur Nachgiebigkeit bewegen. Tun Sie es nicht, ich bitte Sie! es ist ganz vergebens.'
Ich liess mich mit meinem Gesuch zuruckschrecken, jedoch nicht ganz. Ich drang in ihn, da doch die Ausfuhrung von ihm abhange, gelind und billig zu verfahren. Er versprach alles, nach Art solcher Personen, um fur den Augenblick in Ruhe zu kommen. Er ward mich los; der Drang, die Zerstreuung wuchs! ich sass im Wagen und kehrte jedem Anteil, den ich zu Hause haben konnte, den Rucken.
Ein lebhafter Eindruck ist wie eine andere Wunde; man fuhlt sie nicht, indem man sie empfangt. Erst spater fangt sie an zu schmerzen und zu eitern. Mir ging es so mit jener Begebenheit im Garten. Sooft ich einsam, sooft ich unbeschaftigt war, trat mir jenes Bild des flehenden Madchens, mit der ganzen Umgebung, mit jedem Baum und Strauch, dem Platz, wo sie knieete, dem Weg, den ich einschlug, mich von ihr zu entfernen, das Ganze zusammen wie ein frisches Bild vor die Seele. Es war ein unausloschlicher Eindruck, der wohl von andern Bildern und Teilnahmen beschattet, verdeckt, aber niemals vertilgt werden konnte. Immer erneut trat er in jeder stillen Stunde hervor, und je langer es wahrte, desto schmerzlicher fuhlte ich die Schuld, die ich gegen meine Grundsatze, meine Gewohnheit auf mich geladen hatte, obgleich nicht ausdrucklich, nur stotternd, zum erstenmal in solchem Falle verlegen.
Ich verfehlte nicht, in den ersten Briefen unsern Geschaftsmann zu fragen, wie die Sache gegangen. Er antwortete dilatorisch. Dann setzte er aus, diesen Punkt zu erwidern; dann waren seine Worte zweideutig, zuletzt schwieg er ganz. Die Entfernung wuchs, mehr Gegenstande traten zwischen mich und meine Heimat; ich ward zu manchen Beobachtungen, mancher Teilnahme aufgefordert; das Bild verschwand, das Madchen fast bis auf den Namen. Seltener trat ihr Andenken hervor, und meine Grille, mich nicht durch Briefe, nur durch Zeichen mit den Meinigen zu unterhalten, trug viel dazu bei, meinen fruhern Zustand mit allen seinen Bedingungen beinahe verschwinden zu machen. Nur jetzt, da ich mich dem Hause nahere, da ich meiner Familie, was sie bisher entbehrt, mit Zinsen zu erstatten gedenke, jetzt uberfallt mich diese wunderliche Reue ich muss sie selbst wunderlich nennen wieder mit aller Gewalt. Die Gestalt des Madchens frischt sich auf mit den Gestalten der Meinigen, und ich furchte nichts mehr, als zu vernehmen, sie sei in dem Ungluck, in das ich sie gestossen, zugrunde gegangen; denn mir schien mein Unterlassen ein Handeln zu ihrem Verderben, eine Forderung ihres traurigen Schicksals. Schon tausendmal habe ich mir gesagt, dass dieses Gefuhl im Grunde nur eine Schwachheit sei, dass ich fruh zu jenem Gesetz, nie zu versprechen, nur aus Furcht der Reue, nicht aus einer edlern Empfindung getrieben worden. Und nun scheint sich eben die Reue, die ich geflohen, an mir zu rachen, indem sie diesen Fall statt tausend ergreift, um mich zu peinigen. Dabei ist das Bild, die Vorstellung, die mich qualt, so angenehm, so liebenswurdig, dass ich gern dabei verweile. Und denke ich daran, so scheint der Kuss, den sie auf meine Hand gedruckt, mich noch zu brennen."
Lenardo schwieg, und Wilhelm versetzte schnell und frohlich: "So hatte ich Ihnen denn keinen grossern Dienst erzeigen konnen als durch den Nachsatz meines Vortrags wie manchmal in einem Postskript das Interessanteste des Briefes enthalten sein kann. Zwar weiss ich nur wenig von Valerinen: denn ich erfuhr von ihr nur im Vorbeigehen; aber gewiss ist sie die Gattin eines wohlhabenden Gutsbesitzers und lebt vergnugt, wie mir die Tante noch beim Abschied versicherte."
"Schon", sagte Lenardo: "nun halt mich nichts ab. Sie haben mich absolviert, und wir wollen sogleich zu den Meinigen, die mich ohnehin langer, als billig ist, erwarten." Wilhelm erwiderte darauf: "Leider kann ich Sie nicht begleiten: denn eine sonderbare Verpflichtung liegt mir ob, nirgends langer als drei Tage zu verweilen und die Orte, die ich verlasse, in einem Jahr nicht wieder zu betreten. Verzeihen Sie, wenn ich den Grund dieser Sonderbarkeit nicht aussprechen darf."
"Es tut mir sehr leid", sagte Lenardo, "dass wir Sie so bald verlieren, dass ich nicht auch etwas fur Sie mitwirken kann. Doch da Sie einmal auf dem Wege sind, mir wohlzutun, so konnten Sie mich sehr glucklich machen, wenn Sie Valerinen besuchten, sich von ihrem Zustand genau unterrichteten und mir alsdann schriftlich oder mundlich der dritte Ort einer Zusammenkunft wird sich schon finden zu meiner Beruhigung ausfuhrliche Nachricht erteilten."
Dieser Vorschlag wurde weiter besprochen; Valerinens Aufenthalt hatte man Wilhelmen genannt. Er ubernahm es, sie zu besuchen; ein dritter Ort wurde festgesetzt, wohin der Baron kommen und auch den Felix mitbringen sollte, der indessen bei den Frauenzimmern zuruckgeblieben war.
Lenardo und Wilhelm hatten ihren Weg, nebeneinander reitend, auf angenehmen Wiesen unter mancherlei Gesprachen eine Zeitlang fortgesetzt, als sie sich nunmehr der Fahrstrasse naherten und den Wagen des Barons einholten, der, von seinem Herrn begleitet, die Heimat wiederfinden sollte. Hier wollten die Freunde sich trennen, und Wilhelm nahm mit wenigen, freundlichen Worten Abschied und versprach dem Baron nochmals baldige Nachricht von Valerinen.
"Wenn ich bedenke", versetzte Lenardo, "dass es nur ein kleiner Umweg ware, wenn ich Sie begleitete, warum sollte ich Valerinen nicht selbst aufsuchen? warum nicht selbst von ihrem glucklichen Zustande mich uberzeugen? Sie waren so freundlich, sich zum Boten anzubieten; warum wollten Sie nicht mein Begleiter sein? Denn einen Begleiter muss ich haben, einen sittlichen Beistand, wie man sich rechtliche Beistande nimmt, wenn man dem Gerichtshandel nicht ganz gewachsen zu sein glaubt."
Die Einreden Wilhelms, dass man zu Hause den so lange Abwesenden erwarte, dass es einen sonderbaren Eindruck machen mochte, wenn der Wagen allein kame, und was dergleichen mehr war, vermochten nichts uber Lenardo, und Wilhelm musste sich zuletzt entschliessen, den Begleiter abzugeben, wobei ihm wegen der zu furchtenden Folgen nicht wohl zumute war.
Die Bedienten wurden daher unterrichtet, was sie bei der Ankunft sagen sollten, und die Freunde schlugen nunmehr den Weg ein, der zu Valerinens Wohnort fuhrte. Die Gegend schien reich und fruchtbar und der wahre Sitz des Landbaues. So war denn auch in dem Bezirk, welcher Valerinens Gatten gehorte, der Boden durchaus gut und mit Sorgfalt bestellt. Wilhelm hatte Zeit, die Landschaft genau zu betrachten, indem Lenardo schweigend neben ihm ritt. Endlich fing dieser an: "Ein anderer an meiner Stelle wurde sich vielleicht Valerinen unerkannt zu nahern suchen; denn es ist immer ein peinliches Gefuhl, vor die Augen derjenigen zu treten, die man verletzt hat; aber ich will das lieber ubernehmen und den Vorwurf ertragen, den ich von ihren ersten Blicken befurchte, als dass ich mich durch Vermummung und Unwahrheit davor sicherstelle. Unwahrheit kann uns ebensosehr in Verlegenheit setzen als Wahrheit; und wenn wir abwagen, wie oft uns diese oder jene nutzt, so mochte es doch immer der Muhe wert sein, sich ein fur allemal dem Wahren zu ergeben. Lassen Sie uns also getrost vorwartsgehen; ich will mich nennen und Sie als meinen Freund und Gefahrten einfuhren."
Nun waren sie an den Gutshof gekommen und stiegen in dem Bezirk desselben ab. Ein ansehnlicher Mann, einfach gekleidet, den sie fur einen Pachter halten konnten, trat ihnen entgegen und kundigte sich als Herrn des Hauses an. Lenardo nannte sich, und der Besitzer schien hochst erfreut, ihn zu sehen und kennen zu lernen. "Was wird meine Frau sagen", rief er aus, "wenn sie den Neffen ihres Wohltaters wiedersieht! Nicht genug kann sie erwahnen und erzahlen, was sie und ihr Vater Ihrem Oheim schuldig ist."
Welche sonderbare Betrachtungen kreuzten sich schnell in Lenardos Geist. "Versteckt dieser Mann, der so redlich aussieht, seine Bitterkeit hinter ein freundlich Gesicht und glatte Worte? Ist er imstande, seinen Vorwurfen eine so gefallige Aussenseite zu geben? Denn hat mein Oheim nicht diese Familie unglucklich gemacht? und kann es ihm unbekannt geblieben sein? Oder", so dachte er sich's mit schneller Hoffnung, "ist die Sache nicht so ubel geworden, als du denkst? denn eine ganz bestimmte Nachricht hast du ja doch niemals gehabt." Solche Vermutungen wechselten hin und her, indem der Hausherr anspannen liess, um seine Gattin holen zu lassen, die in der Nachbarschaft einen Besuch machte.
"Wenn ich Sie indessen, bis meine Frau kommt, auf meine Weise unterhalten und zugleich meine Geschafte fortsetzen darf, so machen Sie einige Schritte mit mir aufs Feld und sehen sich um, wie ich meine Wirtschaft betreibe: denn gewiss ist Ihnen, als einem grossen Gutsbesitzer, nichts angelegener als die edle Wissenschaft, die edle Kunst des Feldbaues." Lenardo widersprach nicht; Wilhelm unterrichtete sich gern; und der Landmann hatte seinen Grund und Boden, den er unumschrankt besass und beherrschte, vollkommen gut inne; was er vornahm, war der Absicht gemass; was er saete und pflanzte, durchaus am rechten Ort; er wusste die Behandlung und die Ursachen derselben so deutlich anzugeben, dass es ein jeder begriff und fur moglich gehalten hatte, dasselbe zu tun und zu leisten: ein Wahn, in den man leicht verfallt, wenn man einem Meister zusieht, dem alles bequem von der Hand geht.
Die Fremden erzeigten sich sehr zufrieden und konnten nichts als Lob und Billigung erteilen. Er nahm es dankbar und freundlich auf, fugte jedoch hinzu: "Nun muss ich Ihnen aber auch meine schwache Seite zeigen, die freilich an jedem zu bemerken ist, der sich einem Gegenstand ausschliesslich ergibt." Er fuhrte sie auf seinen Hof, zeigte ihnen seine Werkzeuge, den Vorrat derselben sowie den Vorrat von allem erdenklichen Gerate und dessen Zubehor. "Man tadelte mich oft", sagte er dabei, "dass ich hierin zu weit gehe; allein ich kann mich deshalb nicht schelten. Glucklich ist der, dem sein Geschaft auch zur Puppe wird, der mit demselbigen zuletzt noch spielt und sich an dem ergotzt, was ihm sein Zustand zur Pflicht macht."
Die beiden Freunde liessen es an Fragen und Erkundigungen nicht fehlen. Besonders erfreute sich Wilhelm an den allgemeinen Bemerkungen, zu denen dieser Mann aufgelegt schien, und verfehlte nicht, sie zu erwidern; indessen Lenardo, mehr in sich gekehrt, an dem Gluck Valerinens, das er in diesem Zustande fur gewiss hielt, stillen Teil nahm, obgleich mit einem leisen Gefuhl von Unbehagen, von dem er sich keine Rechenschaft zu geben wusste.
Man war schon ins Haus zuruckgekehrt, als der Wagen der Besitzerin vorfuhr. Man eilte ihr entgegen; aber wie erstaunte, wie erschrak Lenardo, als er sie aussteigen sah. Sie war es nicht, es war das nussbraune Madchen nicht, vielmehr gerade das Gegenteil; zwar auch eine schone, schlanke Gestalt, aber blond, mit allen Vorteilen, die Blondinen eigen sind.
Diese Schonheit, diese Anmut erschreckte Lenardon. Seine Augen hatten das braune Madchen gesucht; nun leuchtete ihm ein ganz anderes entgegen. Auch dieser Zuge erinnerte er sich; ihre Anrede, ihr Betragen versetzten ihn bald aus jeder Ungewissheit: es war die Tochter des Gerichtshalters, der bei dem Oheim in grossem Ansehen stand, deshalb denn auch dieser bei der Ausstattung sehr viel getan und dem neuen Paare behulflich gewesen. Dies alles und mehr noch wurde von der jungen Frau zum Antrittsgrusse frohlich erzahlt, mit einer Freude, wie sie die Uberraschung eines Wiedersehens ungezwungen aussern lasst. Ob man sich wiedererkenne, wurde gefragt; die Veranderungen der Gestalt wurden beredet, welche merklich genug bei Personen dieses Alters gefunden werden. Valerine war immer angenehm, dann aber hochst liebenswurdig, wenn Frohlichkeit sie aus dem gewohnlichen gleichgultigen Zustande herausriss. Die Gesellschaft ward gesprachig und die Unterhaltung so lebhaft, dass Lenardo sich fassen und seine Besturzung verbergen konnte. Wilhelm, dem der Freund geschwind genug von diesem seltsamen Ereignis einen Wink gegeben hatte, tat sein mogliches, um diesem beizustehen; und Valerinens kleine Eitelkeit, dass der Baron, noch ehe er die Seinigen gesehen, sich ihrer erinnert, bei ihr eingekehrt sei, liess sie auch nicht den mindesten Verdacht schopfen, dass hier eine andere Absicht oder ein Missgriff obwalte.
Man blieb bis tief in die Nacht beisammen, obgleich beide Freunde nach einem vertraulichen Gesprach sich sehnten, das denn auch sogleich begann, als sie sich in dem Gastzimmer allein sahen.
"Ich soll, so scheint es", sagte Lenardo, "meine Qual nicht loswerden. Eine ungluckliche Verwechslung des Namens, merke ich, verdoppelt sie. Diese blonde Schonheit habe ich oft mit jener Braunen, die man keine Schonheit nennen durfte, spielen sehen; ja ich trieb mich selbst mit ihnen, obgleich so vieles alter, in den Feldern und Garten herum. Beide machten nicht den geringsten Eindruck auf mich, ich habe nur den Namen der einen behalten und ihn der andern beigelegt. Nun finde ich die, die mich nichts angeht, nach ihrer Weise uber die Massen glucklich, indessen die andere, wer weiss wohin, in die Welt geworfen ist."
Den folgenden Morgen waren die Freunde beinahe fruher auf als die tatigen Landleute. Das Vergnugen, ihre Gaste zu sehen, hatte Valerinen gleichfalls zeitig geweckt. Sie ahnete nicht, mit welchen Gesinnungen sie zum Fruhstuck kamen. Wilhelm, der wohl einsah, dass ohne Nachricht von dem nussbraunen Madchen Lenardo sich in der peinlichsten Lage befinde, brachte das Gesprach auf fruhere Zeiten, auf Gespielen, aufs Lokal, das er selbst kannte, auf andere Erinnerungen, so dass Valerine zuletzt ganz naturlich darauf kam, des nussbraunen Madchens zu erwahnen und ihren Namen auszusprechen.
Kaum hatte Lenardo den Namen Nachodine gehort, so entsann er sich dessen vollkommen; aber auch mit dem Namen kehrte das Bild jener Bittenden zuruck, mit einer solchen Gewalt, dass ihm das Weitere ganz unertraglich fiel, als Valerine mit warmem Anteil die Auspfandung des frommen Pachters, seine Resignation und seinen Auszug erzahlte, und wie er sich auf seine Tochter gelehnt, die ein kleines Bundel getragen. Lenardo glaubte zu versinken. Unglucklicher- und glucklicherweise erging sich Valerine in einer gewissen Umstandlichkeit, die, Lenardon das Herz zerreissend, ihm dennoch moglich machte, mit Beihulfe seines Gefahrten, einige Fassung zu zeigen.
Man schied unter vollen, aufrichtigen Bitten des Ehepaars um baldige Wiederkunft und einer halben, geheuchelten Zusage beider Gaste. Und wie dem Menschen, der sich selbst was Gutes gonnt, alles zum Gluck schlagt, so legte Valerine zuletzt das Schweigen Lenardos, seine sichtbare Zerstreuung beim Abschied, sein hastiges Wegeilen zu ihrem Vorteil aus und konnte sich, obgleich treue und liebevolle Gattin eines wackern Landmanns, doch nicht enthalten, an einer wiederaufwachenden oder neuentstehenden Neigung, wie sie sich's auslegte, ihres ehemaligen Gutsherrn einiges Behagen zu finden.
Nach diesem sonderbaren Ereignis sagte Lenardo: "Dass wir, bei so schonen Hoffnungen, ganz nahe vor dem Hafen scheitern, daruber kann ich mich nur einigermassen trosten, mich nur fur den Augenblick beruhigen und den Meinen entgegengehen, wenn ich betrachte, dass der Himmel Sie mir zugefuhrt hat, Sie, dem es bei seiner eigentumlichen Sendung gleichgultig ist, wohin und wozu er seinen Weg richtet. Nehmen Sie es uber sich, Nachodinen aufzusuchen und mir Nachricht von ihr zu geben. Ist sie glucklich, so bin ich zufrieden; ist sie unglucklich, so helfen Sie ihr auf meine Kosten. Handeln Sie ohne Rucksichten, sparen, schonen Sie nichts."
"Nach welcher Weltgegend aber", sagte Wilhelm lachelnd, "hab' ich denn meine Schritte zu richten? Wenn Sie keine Ahnung haben, wie soll ich damit begabt sein?"
"Horen Sie!" antwortete Lenardo. "In voriger Nacht, wo Sie mich als einen Verzweifelnden rastlos auf und ab gehen sahen, wo ich leidenschaftlich in Kopf und Herzen alles durcheinanderwarf, da kam ein alter Freund mir vor den Geist, ein wurdiger Mann, der, ohne mich eben zu hofmeistern, auf meine Jugend grossen Einfluss gehabt hat. Gern hatt' ich mir ihn, wenigstens teilweise, als Reisegefahrten erbeten, wenn er nicht wundersam durch die schonsten Kunst- und altertumlichen Seltenheiten an seine Wohnung geknupft ware, die er nur auf Augenblicke verlasst. Dieser, weiss ich, geniesst einer ausgebreiteten Bekanntschaft mit allem, was in dieser Welt durch irgendeinen edlen Faden verbunden ist; zu ihm eilen Sie, ihm erzahlen Sie, wie ich es vorgetragen, und es steht zu hoffen, dass ihm sein zartes Gefuhl irgend einen Ort, eine Gegend andeuten werde, wo sie zu finden sein mochte. In meiner Bedrangnis fiel es mir ein, dass der Vater des Kindes sich zu den Frommen zahlte, und ich ward im Augenblick fromm genug, mich an die moralische Weltordnung zu wenden und zu bitten: sie moge sich hier zu meinen Gunsten einmal wunderbar gnadig offenbaren."
"Noch eine Schwierigkeit", versetzte Wilhelm, "bleibt jedoch zu losen: wo soll ich mit meinem Felix hin? denn auf so ganz ungewissen Wegen mocht' ich ihn nicht mit mir fuhren und ihn doch auch nicht gerne von mir lassen; denn mich dunkt, der Sohn entwickele sich nirgends besser als in Gegenwart des Vaters."
"Keineswegs!" erwiderte Lenardo, "dies ist ein holder vaterlicher Irrtum: der Vater behalt immer eine Art von despotischem Verhaltnis zu seinem Sohn, dessen Tugenden er nicht anerkennt und an dessen Fehlern er sich freut; deswegen die Alten schon zu sagen pflegten: 'Der Helden Sohne werden Taugenichtse', und ich habe mich weit genug in der Welt umgesehen, um hieruber ins klare zu kommen. Glucklicherweise wird unser alter Freund, an den ich Ihnen sogleich ein eiliges Schreiben verfasse, auch hieruber die beste Auskunft geben. Als ich ihn vor Jahren das letztemal sah, erzahlte er mir gar manches von einer padagogischen Verbindung, die ich nur fur eine Art von Utopien halten konnte; es schien mir, als sei, unter dem Bilde der Wirklichkeit, eine Reihe von Ideen, Gedanken, Vorschlagen und Vorsatzen gemeint, die freilich zusammenhingen, aber in dem gewohnlichen Laufe der Dinge wohl schwerlich zusammentreffen mochten. Weil ich ihn aber kenne, weil er gern durch Bilder das Mogliche und Unmogliche verwirklichen mag, so liess ich es gut sein, und nun kommt es uns zugute; er weiss gewiss Ihnen Ort und Umstande zu bezeichnen, wie Sie Ihren Knaben getrost vertrauen und von einer weisen Leitung das Beste hoffen konnen."
Im Dahinreiten sich auf diese Weise unterhaltend, erblickten sie eine edle Villa, die Gebaude im ernstfreundlichen Geschmack, freien Vorraum und in weiter, wurdiger Umgebung wohlbestandene Baume; Turen und Schaltern aber durchaus verschlossen, alles einsam, doch wohlerhalten anzusehn. Von einem altlichen Manne, der sich am Eingang zu beschaftigen schien, erfuhren sie, dies sei das Erbteil eines jungen Mannes, dem es von seinem in hohem Alter erst kurz verstorbenen Vater soeben hinterlassen worden.
Auf weiteres Befragen wurden sie belehrt: dem Erben sei hier leider alles zu fertig, er habe hier nichts mehr zu tun und das Vorhandene zu geniessen sei gerade nicht seine Sache; deswegen er sich denn ein Lokal naher am Gebirge ausgesucht, wo er fur sich und seine Gesellen Mooshutten baue und eine Art von jagerischer Einsiedelei anlegen wolle. Was den Berichtenden selbst betraf, vernahmen sie, er sei der mitgeerbte Kastellan, sorge aufs genaueste fur Erhaltung und Reinlichkeit, damit irgendein Enkel, in die Neigung und Besitzung des Grossvaters eingreifend, alles finde, wie dieser es verlassen hat.
Nachdem sie ihren Weg einige Zeit stillschweigend fortgesetzt, begann Lenardo mit der Betrachtung, dass es die Eigenheit des Menschen sei, von vorn anfangen zu wollen; worauf der Freund erwiderte, dies lasse sich wohl erklaren und entschuldigen, weil doch, genau genommen, jeder wirklich von vorn anfangt. "Sind doch", rief er aus, "keinem die Leiden erlassen, von denen seine Vorfahren gepeinigt wurden; kann man ihm verdenken, dass er von ihren Freuden nichts missen will?"
Lenardo versetzte hierauf: "Sie ermutigen mich zu gestehen, dass ich eigentlich auf nichts gerne wirken mag als auf das, was ich selbst geschaffen habe. Niemals mocht' ich einen Diener, den ich nicht vom Knaben heraufgebildet, kein Pferd, das ich nicht selbst zugeritten. In Gefolg dieser Sinnesart will ich denn auch gern bekennen, dass ich unwiderstehlich nach uranfanglichen Zustanden hingezogen werde, dass meine Reisen durch alle hochgebildeten Lander und Volker diese Gefuhle nicht abstumpfen konnen, dass meine Einbildungskraft sich uber dem Meer ein Behagen sucht und dass ein bisher vernachlassigter Familienbesitz in jenen frischen Gegenden mich hoffen lasst, ein im stillen gefasster, meinen Wunschen gemass nach und nach heranreifender Plan werde sich endlich ausfuhren lassen."
"Dagegen wusst' ich nichts einzuwenden", versetzte Wilhelm, "ein solcher Gedanke, ins Neue und Unbestimmte gewendet, hat etwas Eigenes, Grosses. Nur bitt' ich zu bedenken, dass ein solches Unternehmen nur einer Gesamtheit glucken kann. Sie gehen hinuber und finden dort schon Familienbesitzungen, wie ich weiss; die Meinigen hegen gleiche Plane und haben sich dort schon angesiedelt; vereinigen Sie sich mit diesen umsichtigen, klugen und kraftigen Menschen, fur beide Teile muss sich dadurch das Geschaft erleichtern und erweitern."
Unter solchen Gesprachen waren die Freunde an den Ort gelangt, wo sie nunmehr scheiden sollten. Beide setzten sich nieder, zu schreiben; Lenardo empfahl seinen Freund dem oberwahnten sonderbaren Mann, Wilhelm trug den Zustand seines neuen Lebensgenossen den Verbundeten vor, woraus, wie naturlich, ein Empfehlungsschreiben entstand; worin er zum Schluss auch seine mit Jarno besprochene Angelegenheit empfahl und die Grunde nochmals auseinandersetzte, warum er von der unbequemen Bedingung, die ihn zum ewigen Juden stempelte, baldmoglichst befreit zu sein wunsche.
Beim Auswechseln dieser Briefe jedoch konnte sich Wilhelm nicht erwehren, seinem Freund nochmals gewisse Bedenklichkeiten ans Herz zu legen.
"Ich halte es", sprach er, "in meiner Lage fur den wunschenswertesten Auftrag, Sie, edler Mann, von einer Gemutsunruhe zu befreien und zugleich ein menschliches Geschopf aus dem Elende zu retten, wenn es sich darin befinden sollte. Ein solches Ziel kann man als einen Stern ansehen, nach dem man schifft, wenn man auch nicht weiss, was man unterwegs antreffen, unterwegs begegnen werde. Doch darf ich mir dabei die Gefahr nicht leugnen, in der Sie auf jeden Fall noch immer schweben. Waren Sie nicht ein Mann, der durchaus sein Wort zu geben ablehnt, ich wurde von Ihnen das Versprechen verlangen, dieses weibliche Wesen, das Ihnen so teuer zu stehen kommt, nicht wiederzusehen, sich zu begnugen, wenn ich Ihnen melde, dass es ihr wohlgeht; es sei nun, dass ich sie wirklich glucklich finde oder ihr Gluck zu befordern imstande bin. Da ich Sie aber zu einem Versprechen weder vermogen kann noch will, so beschwore ich Sie bei allem, was Ihnen wert und heilig ist, sich und den Ihrigen und mir, dem neuerworbenen Freund zuliebe, keine Annaherung, es sei unter welchem Vorwand es wolle, zu jener Vermissten sich zu erlauben; von mir nicht zu verlangen, dass ich den Ort und die Stelle, wo ich sie finde, die Gegend, wo ich sie lasse, naher bezeichne oder gar ausspreche: Sie glauben meinem Wort, dass es ihr wohl geht, und sind losgesprochen und beruhigt."
Lenardo lachelte und versetzte: "Leisten Sie mir diesen Dienst, und ich werde dankbar sein. Was Sie tun wollen und konnen, sei Ihnen anheimgegeben, und mich uberlassen Sie der Zeit, dem Verstande und wo moglich der Vernunft."
"Verzeihen Sie", versetzte Wilhelm; "wer jedoch weiss, unter welchen seltsamen Formen die Neigung sich bei uns einschleicht, dem muss es bange werden, wenn er voraussieht, ein Freund konne dasjenige wunschen, was ihm in seinen Zustanden, seinen Verhaltnissen notwendig Ungluck und Verwirrung bringen musste." "Ich hoffe", sagte Lenardo, "wenn ich das Madchen glucklich weiss, bin ich sie los." Die Freunde schieden, jeder nach seiner Seite.
Zwolftes Kapitel
Auf einem kurzen und angenehmen Wege war Wilhelm nach der Stadt gekommen, wohin sein Brief lautete. Er fand sie heiter und wohlgebaut; allein ihr neues Ansehn zeigte nur allzudeutlich, dass sie kurz vorher durch einen Brand musse gelitten haben. Die Adresse seines Briefes fuhrte ihn zu dem letzten, kleinen, verschonten Teil, an ein Haus von alter, ernster Bauart, doch wohlerhalten und reinlichen Ansehns. Trube Fensterscheiben, wundersam gefugt, deuteten auf erfreuliche Farbenpracht von innen. Und so entsprach denn auch wirklich das Innere dem Aussern. In saubern Raumen zeigten sich uberall Geratschaften, die schon einigen Generationen mochten gedient haben, untermischt mit wenigem Neuen. Der Hausherr empfing ihn freundlich in einem gleich ausgestatteten Zimmer. Diese Uhren hatten schon mancher Geburts- und Sterbestunde geschlagen, und was umherstand, erinnerte, dass Vergangenheit auch in die Gegenwart ubergehen konne.
Der Ankommende gab seinen Brief ab, den der Empfanger aber, ohne ihn zu eroffnen, beiseitelegte und in einem heitern Gesprache seinen Gast unmittelbar kennen zu lernen suchte. Sie wurden bald vertraut, und als Wilhelm, gegen sonstige Gewohnheit, seine Blicke beobachtend im Zimmer umherschweifen liess, sagte der gute Alte: "Meine Umgebung erregt Ihre Aufmerksamkeit. Sie sehen hier, wie lange etwas dauern kann, und man muss doch auch dergleichen sehen, zum Gegengewicht dessen, was in der Welt so schnell wechselt und sich verandert. Dieser Teekessel diente schon meinen Eltern und war ein Zeuge unserer abendlichen Familienversammlungen; dieser kupferne Kaminschirm schutzt mich noch immer vor dem Feuer, das diese alte, machtige Zange anschurt; und so geht es durch alles durch. Anteil und Tatigkeit konnt' ich daher auf gar viele andere Gegenstande wenden, weil ich mich mit der Veranderung dieser aussern Bedurfnisse, die so vieler Menschen Zeit und Krafte wegnimmt, nicht weiter beschaftigte. Eine liebevolle Aufmerksamkeit auf das, was der Mensch besitzt, macht ihn reich, indem er sich einen Schatz der Erinnerung an gleichgultigen Dingen dadurch anhauft. Ich habe einen jungen Mann gekannt, der eine Stecknadel dem geliebten Madchen, Abschied nehmend, entwendete, den Busenstreif taglich damit zusteckte und diesen gehegten und gepflegten Schatz von einer grossen, mehrjahrigen Fahrt wieder zuruckbrachte. Uns andern kleinen Menschen ist dies wohl als eine Tugend anzurechnen."
"Mancher bringt wohl auch", versetzte Wilhelm, "von einer so weiten, grossen Reise einen Stachel im Herzen mit zuruck, den er vielleicht lieber los ware." Der Alte schien von Lenardos Zustande nichts zu wissen, ob er gleich den Brief inzwischen erbrochen und gelesen hatte, denn er ging zu den vorigen Betrachtungen wieder zuruck. "Die Beharrlichkeit auf dem Besitz", fuhr er fort, "gibt uns in manchen Fallen die grosste Energie. Diesem Eigensinn bin ich die Rettung meines Hauses schuldig. Als die Stadt brannte, wollte man auch bei mir fluchten und retten. Ich verbot's, befahl, Fenster und Turen zu schliessen, und wandte mich mit mehreren Nachbarn gegen die Flamme. Unserer Anstrengung gelang es, diesen Zipfel der Stadt aufrechtzuerhalten. Den andern Morgen stand alles noch bei mir, wie Sie es sehen und wie es beinahe seit hundert Jahren gestanden hat." "Mit allem dem", sagte Wilhelm, "werden Sie mir gestehen, dass der Mensch der Veranderung nicht widersteht, welche die Zeit hervorbringt." "Freilich", sagte der Alte, "aber doch der am langsten sich erhalt, hat auch etwas geleistet.
Ja sogar uber unser Dasein hinaus sind wir fahig, zu erhalten und zu sichern; wir uberliefern Kenntnisse, wir ubertragen Gesinnungen so gut als Besitz, und da mir es nun vorzuglich um den letzten zu tun ist, so hab' ich deshalb seit langer Zeit wunderliche Vorsicht gebraucht, auf ganz eigene Vorkehrungen gesonnen; nur spat aber ist mir's gelungen, meinen Wunsch erfullt zu sehen.
Gewohnlich zerstreut der Sohn, was der Vater gesammelt hat, sammelt etwas anders, oder auf andere Weise. Kann man jedoch den Enkel, die neue Generation abwarten, so kommen dieselben Neigungen, dieselben Ansichten wieder zum Vorschein. Und so hab' ich denn endlich, durch Sorgfalt unserer padagogischen Freunde, einen tuchtigen jungen Mann erworben, welcher womoglich noch mehr auf hergebrachten Besitz halt als ich selbst und eine heftige Neigung zu wunderlichen Dingen empfindet. Mein Zutrauen hat er entschieden durch die gewaltsamen Anstrengungen erworben, womit ihm das Feuer von unserer Wohnung abzuwehren gelang; doppelt und dreifach hat er den Schatz verdient, dessen Besitz ich ihm zu uberlassen gedenke; ja er ist ihm schon ubergeben, und seit der Zeit mehrt sich unser Vorrat auf eine wundersame Weise.
Nicht alles jedoch, was Sie hier sehen, ist unser. Vielmehr, wie Sie sonst bei Pfandinhabern manches fremde Juwel erblicken, so kann ich Ihnen bei uns Kostbarkeiten bezeichnen, die man, unter den verschiedensten Umstanden, besserer Aufbewahrung halber hier niedergestellt." Wilhelm gedachte des herrlichen Kastchens, das er ohnehin nicht gern auf der Reise mit sich herumfuhren wollte, und enthielt sich nicht, es dem Freunde zu zeigen. Der Alte betrachtete es mit Aufmerksamkeit, gab die Zeit an, wann es verfertigt sein konnte, und wies etwas Ahnliches vor. Wilhelm brachte zur Sprache: ob man es wohl eroffnen sollte? Der Alte war nicht der Meinung. "Ich glaube zwar, dass man es ohne sonderliche Beschadigung tun konne", sagte er; "allein da Sie es durch einen so wunderbaren Zufall erhalten haben, so sollten Sie daran Ihr Gluck prufen. Denn wenn Sie glucklich geboren sind und wenn dieses Kastchen etwas bedeutet, so muss sich gelegentlich der Schlussel dazu finden, und gerade da, wo Sie ihn am wenigsten erwarten." "Es gibt wohl solche Falle", versetzte Wilhelm. "Ich habe selbst einige erlebt", erwiderte der Alte; "und hier sehen Sie den merkwurdigsten vor sich. Von diesem elfenbeinernen Kruzifix besass ich seit dreissig Jahren den Korper mit Haupt und Fussen aus einem Stucke, der Gegenstand sowohl als die herrlichste Kunst ward sorgfaltig in dem kostbarsten Ladchen aufbewahrt; vor ungefahr zehn Jahren erhielt ich das dazugehorige Kreuz mit der Inschrift, und ich liess mich verfuhren, durch den geschicktesten Bildschnitzer unserer Zeit die Arme ansetzen zu lassen; aber wie weit war der Gute hinter seinem Vorganger zuruckgeblieben; doch es mochte stehen, mehr zu erbaulichen Betrachtungen als zu Bewunderung des Kunstfleisses.
Nun denken Sie mein Ergotzen! Vor kurzem erhielt ich die ersten, echten Arme, wie Sie solche zur lieblichsten Harmonie hier angefugt sehen, und ich, entzuckt uber ein so gluckliches Zusammentreffen, enthalte mich nicht, die Schicksale der christlichen Religion hieran zu erkennen, die, oft genug zergliedert und zerstreut, sich doch endlich immer wieder am Kreuze zusammenfinden muss."
Wilhelm bewunderte das Bild und die seltsame Fugung. "Ich werde Ihrem Rat folgen", setzte er hinzu; "bleibe das Kastchen verschlossen, bis der Schlussel sich findet, und wenn es bis ans Ende meines Lebens liegen sollte." "Wer lange lebt", sagte der Alte, "sieht manches versammelt und manches auseinanderfallen."
Der junge Besitzgenosse trat soeben herein, und Wilhelm erklarte seinen Vorsatz, das Kastchen ihrem Gewahrsam zu ubergeben. Nun ward ein grosses Buch herbeigeschafft, das anvertraute Gut eingeschrieben; mit manchen beobachteten Zeremonien und Bedingungen ein Empfangschein ausgestellt, der zwar auf jeden Vorzeigenden lautete, aber nur auf ein mit dem Empfanger verabredetes Zeichen honoriert werden sollte.
Als dieses alles vollbracht war, uberlegte man den Inhalt des Briefes, zuerst sich uber das Unterkommen des guten Felix beratend, wobei der alte Freund sich ohne weiteres zu einigen Maximen bekannte, welche der Erziehung zum Grunde liegen sollten.
"Allem Leben, allem Tun, aller Kunst muss das Handwerk vorausgehen, welches nur in der Beschrankung erworben wird. Eines recht wissen und ausuben gibt hohere Bildung als Halbheit im Hundertfaltigen. Da, wo ich Sie hinweise, hat man alle Tatigkeiten gesondert; gepruft werden die Zoglinge auf jedem Schritt; dabei erkennt man, wo seine Natur eigentlich hinstrebt, ob er sich gleich mit zerstreuten Wunschen bald da-, bald dorthin wendet. Weise Manner lassen den Knaben unter der Hand dasjenige finden, was ihm gemass ist, sie verkurzen die Umwege, durch welche der Mensch von seiner Bestimmung, nur allzu gefallig, abirren mag.
Sodann", fuhr er fort, "darf ich hoffen, aus jenem herrlich gegrundeten Mittelpunkt wird man Sie auf den Weg leiten, wo jenes gute Madchen zu finden ist, das einen so sonderbaren Eindruck auf Ihren Freund machte, der den Wert eines unschuldigen, unglucklichen Geschopfes durch sittliches Gefuhl und Betrachtung so hoch erhoht hat, dass er dessen Dasein zum Zweck und Ziel seines Lebens zu machen genotigt war. Ich hoffe, Sie werden ihn beruhigen konnen; denn die Vorsehung hat tausend Mittel, die Gefallenen zu erheben und die Niedergebeugten aufzurichten. Manchmal sieht unser Schicksal aus wie ein Fruchtbaum im Winter. Wer sollte bei dem traurigen Ansehn desselben wohl denken, dass diese starren Aste, diese zackigen Zweige im nachsten Fruhjahr wieder grunen, bluhen, sodann Fruchte tragen konnten; doch wir hoffen's, wir wissen's."
Zweites Buch
Erstes Kapitel
Die Wallfahrenden hatten nach Vorschrift den Weg genommen und fanden glucklich die Grenze der Provinz, in der sie so manches Merkwurdige erfahren sollten; beim ersten Einritt gewahrten sie sogleich der fruchtbarsten Gegend, welche an sanften Hugeln den Feldbau, auf hohern Bergen die Schafzucht, in weiten Talflachen die Viehzucht begunstigte. Es war kurz vor der Ernte und alles in grosster Fulle; das, was sie jedoch gleich in Verwunderung setzte, war, dass sie weder Frauen noch Manner, wohl aber durchaus Knaben und Junglinge beschaftigt sahen, auf eine gluckliche Ernte sich vorzubereiten, ja auch schon auf ein frohliches Erntefest freundliche Anstalt zu treffen. Sie begrussten einen und den andern und fragten nach dem Obern, von dessen Aufenthalt man keine Rechenschaft geben konnte. Die Adresse ihres Briefs lautete: "An den Obern, oder die Dreie." Auch hierin konnten sich die Knaben nicht finden; man wies die Fragenden jedoch an einen Aufseher, der eben das Pferd zu besteigen sich bereitete; sie eroffneten ihre Zwecke; des Felix Freimutigkeit schien ihm zu gefallen, und so ritten sie zusammen die Strasse hin.
Schon hatte Wilhelm bemerkt, dass in Schnitt und Farbe der Kleider eine Mannigfaltigkeit obwaltete, die der ganzen kleinen Volkerschaft ein sonderbares Ansehn gab; eben war er im Begriff, seinen Begleiter hiernach zu fragen, als noch eine wundersamere Bemerkung sich ihm auftat: alle Kinder, sie mochten beschaftigt sein, wie sie wollten, liessen ihre Arbeit liegen und wendeten sich mit besondern, aber verschiedenen Gebarden gegen die Vorbeireitenden, und es war leicht zu folgern, dass es dem Vorgesetzten galt. Die jungsten legten die Arme kreuzweis uber die Brust und blickten frohlich gen Himmel, die mittlern hielten die Arme auf den Rucken und schauten lachelnd zur Erde, die dritten standen strack und mutig; die Arme niedergesenkt, wendeten sie den Kopf nach der rechten Seite und stellten sich in eine Reihe, anstatt dass jene vereinzelt blieben, wo man sie traf.
Als man darauf haltmachte und abstieg, wo eben mehrere Kinder nach verschiedener Weise sich aufstellten und von dem Vorgesetzten gemustert wurden, fragte Wilhelm nach der Bedeutung dieser Gebarden; Felix fiel ein und sagte munter: "Was fur eine Stellung hab' ich denn einzunehmen?" "Auf alle Falle", versetzte der Aufseher, "zuerst die Arme uber die Brust und ernsthaft-froh nach oben gesehen, ohne den Blick zu verwenden." Er gehorchte, doch rief er bald: "Dies gefallt mir nicht sonderlich, ich sehe ja nichts da droben; dauert es lange? Doch ja!" rief er freudig, "ein paar Habichte fliegen von Westen nach Osten; das ist wohl ein gutes Zeichen?" "Wienach du's aufnimmst, je nachdem du dich betragst", versetzte jener; "jetzt mische dich unter sie, wie sie sich mischen." Er gab ein Zeichen, die Kinder verliessen ihre Stellung, ergriffen ihre Beschaftigung oder spielten wie vorher.
"Mogen und konnen Sie mir", sagte Wilhelm darauf, "das, was mich hier in Verwunderung setzt, erklaren? Ich sehe wohl, dass diese Gebarden, diese Stellungen Grusse sind, womit man Sie empfangt." "Ganz richtig", versetzte jener, "Grusse, die mir sogleich andeuten, auf welcher Stufe der Bildung ein jeder dieser Knaben steht."
"Durfen Sie mir aber", versetzte Wilhelm, "die Bedeutung des Stufengangs wohl erklaren? denn dass es einer sei, lasst sich wohl einsehen." "Dies gebuhrt Hoheren, als ich bin", antwortete jener; "so viel aber kann ich versichern, dass es nicht leere Grimassen sind, dass vielmehr den Kindern zwar nicht die hochste, aber doch eine leitende, fassliche Bedeutung uberliefert wird; zugleich aber ist jedem geboten, fur sich zu behalten und zu hegen, was man ihm als Bescheid zu erteilen fur gut findet; sie durfen weder mit Fremden noch unter einander selbst daruber schwatzen, und so modifiziert sich die Lehre hundertfaltig. Ausserdem hat das Geheimnis sehr grosse Vorteile: denn wenn man dem Menschen gleich und immer sagt, worauf alles ankommt, so denkt er, es sei nichts dahinter. Gewissen Geheimnissen, und wenn sie offenbar waren, muss man durch Verhullen und Schweigen Achtung erweisen, denn dieses wirkt auf Scham und gute Sitten." "Ich verstehe Sie", versetzte Wilhelm, "warum sollten wir das, was in korperlichen Dingen so notig ist, nicht auch geistig anwenden? Vielleicht aber konnen Sie in einem andern Bezug meine Neugierde befriedigen. Die grosse Mannigfaltigkeit in Schnitt und Farbe der Kleider fallt mir auf, und doch seh' ich nicht alle Farben, aber einige in allen ihren Abstufungen, vom Hellsten bis zum Dunkelsten. Doch bemerke ich, dass hier keine Bezeichnung der Stufen irgendeines Alters oder Verdienstes gemeint sein kann, indem die kleinsten und grossten Knaben untermischt so an Schnitt als Farbe gleich sein konnen, aber die von gleichen Gebarden im Gewand nicht miteinander ubereinstimmen." "Auch was dies betrifft", versetzte der Begleitende, "darf ich mich nicht weiter auslassen; doch musste ich mich sehr irren, oder Sie werden uber alles, wie Sie nur wunschen mogen, aufgeklart von uns scheiden."
Man verfolgte nunmehr die Spur des Obern, welche man gefunden zu haben glaubte; nun aber musste dem Fremdling notwendig auffallen, dass, je weiter sie ins Land kamen, ein wohllautender Gesang ihnen immer mehr entgegentonte. Was die Knaben auch begannen, bei welcher Arbeit man sie auch fand, immer sangen sie, und zwar schienen es Lieder jedem Geschaft besonders angemessen und in gleichen Fallen uberall dieselben. Traten mehrere Kinder zusammen, so begleiteten sie sich wechselsweise; gegen Abend fanden sich auch Tanzende, deren Schritte durch Chore belebt und geregelt wurden. Felix stimmte vom Pferde herab mit ein, und zwar nicht ganz unglucklich, Wilhelm vergnugte sich so an dieser die Gegend belebenden Unterhaltung.
"Wahrscheinlich", so sprach er zu seinem Gefahrten, "wendet man viele Sorgfalt auf solchen Unterricht, denn sonst konnte diese Geschicklichkeit nicht so weit ausgebreitet und so vollkommen ausgebildet sein." "Allerdings", versetzte jener, "bei uns ist der Gesang die erste Stufe der Bildung, alles andere schliesst sich daran und wird dadurch vermittelt. Der einfachste Genuss sowie die einfachste Lehre werden bei uns durch Gesang belebt und eingepragt, ja selbst was wir uberliefern von Glaubens- und Sittenbekenntnis, wird auf dem Wege des Gesanges mitgeteilt; andere Vorteile zu selbsttatigen Zwecken verschwistern sich sogleich: denn indem wir die Kinder uben, Tone, welche sie hervorbringen, mit Zeichen auf die Tafel schreiben zu lernen und nach Anlass dieser Zeichen sodann in ihrer Kehle wiederzufinden, ferner den Text darunterzufugen, so uben sie zugleich Hand, Ohr und Auge und gelangen schneller zum Recht- und Schonschreiben, als man denkt, und da dieses alles zuletzt nach reinen Massen, nach genau bestimmten Zahlen ausgeubt und nachgebildet werden muss, so fassen sie den hohen Wert der Mess- und Rechenkunst viel geschwinder als auf jede andere Weise. Deshalb haben wir denn unter allem Denkbaren die Musik zum Element unserer Erziehung gewahlt, denn von ihr laufen gleichgebahnte Wege nach allen Seiten."
Wilhelm suchte sich noch weiter zu unterrichten und verbarg seine Verwunderung nicht, dass er gar keine Instrumentalmusik vernehme. "Diese wird bei uns nicht vernachlassigt", versetzte jener, "aber in einen besondern Bezirk, in das anmutigste Bergtal, eingeschlossen geubt; und da ist denn wieder dafur gesorgt, dass die verschiedenen Instrumente in auseinanderliegenden Ortschaften gelehrt werden. Besonders die Misstone der Anfanger sind in gewisse Einsiedeleien verwiesen, wo sie niemand zur Verzweiflung bringen: denn Ihr werdet selbst gestehen, dass in der wohleingerichteten burgerlichen Gesellschaft kaum ein trauriger Leiden zu dulden sei, als das uns die Nachbarschaft eines angehenden Floten- oder Violinspielers aufdringt.
Unsere Anfanger gehen, aus eigener loblicher Gesinnung, niemand lastig sein zu wollen, freiwillig langer oder kurzer in die Wuste und beeifern sich, abgesondert, um das Verdienst, der bewohnten Welt nahertreten zu durfen, weshalb jedem von Zeit zu Zeit ein Versuch, heranzutreten, erlaubt wird, der selten misslingt, weil wir Scham und Scheu bei dieser wie bei unsern ubrigen Einrichtungen gar wohl hegen und pflegen durfen. Dass Eurem Sohn eine gluckliche Stimme geworden, freut mich innigst, fur das ubrige sorgt sich um desto leichter."
Nun waren sie zu einem Ort gelangt, wo Felix verweilen und sich an der Umgebung prufen sollte, bis man zur formlichen Aufnahme geneigt ware; schon von weitem horten sie einen freudigen Gesang; es war ein Spiel, woran sich die Knaben in der Feierstunde diesmal ergotzten. Ein allgemeiner Chorgesang erscholl, wozu jedes Glied eines weiten Kreises freudig, klar und tuchtig an seinem Teile zustimmte, den Winken des Regelnden gehorchend. Dieser uberraschte jedoch ofters die Singenden, indem er durch ein Zeichen den Chorgesang aufhob und irgendeinen einzelnen Teilnehmenden, ihn mit dem Stabchen beruhrend, aufforderte, sogleich allein ein schickliches Lied dem verhallenden Ton, dem vorschwebenden Sinne anzupassen. Schon zeigten die meisten viel Gewandtheit, einige, denen das Kunststuck misslang, gaben ihr Pfand willig hin, ohne gerade ausgelacht zu werden. Felix war Kind genug, sich gleich unter sie zu mischen, und zog sich noch so leidlich aus der Sache. Sodann ward ihm jener erste Gruss zugeeignet; er legte sogleich die Hande auf die Brust, blickte aufwarts, und zwar mit so schnackischer Miene, dass man wohl bemerken konnte, ein geheimer Sinn dabei sei ihm noch nicht aufgegangen.
Der angenehme Ort, die gute Aufnahme, die muntern Gespielen, alles gefiel dem Knaben so wohl, dass es ihm nicht sonderlich wehe tat, seinen Vater abreisen zu sehen; fast blickte er dem weggefuhrten Pferde schmerzlicher nach; doch liess er sich bedeuten, da er vernahm, dass er es im gegenwartigen Bezirk nicht behalten konne; man versprach ihm dagegen, er solle, wo nicht dasselbe, doch ein gleiches, munter und wohlgezogen, unerwartet wiederfinden.
Da sich der Obere nicht erreichen liess, sagte der Aufseher: "Ich muss Euch nun verlassen, meine Geschafte zu verfolgen; doch will ich Euch zu den Dreien bringen, die unsern Heiligtumern vorstehen, Euer Brief ist auch an sie gerichtet, und sie zusammen stellen den Obern vor." Wilhelm hatte gewunscht, von den Heiligtumern im voraus zu vernehmen, jener aber versetzte: "Die Dreie werden Euch, zu Erwiderung des Vertrauens, dass Ihr uns Euren Sohn uberlasst, nach Weisheit und Billigkeit gewiss das Notigste eroffnen. Die sichtbaren Gegenstande der Verehrung, die ich Heiligtumer nannte, sind in einen besondern Bezirk eingeschlossen, werden mit nichts gemischt, durch nichts gestort; nur zu gewissen Zeiten des Jahrs lasst man die Zoglinge, den Stufen ihrer Bildung gemass, dort eintreten, um sie historisch und sinnlich zu belehren, da sie denn genugsamen Eindruck mit wegnehmen, um, bei Ausubung ihrer Pflicht, eine Zeitlang daran zu zehren."
Nun stand Wilhelm am Tor eines mit hohen Mauern umgebenen Talwaldes; auf ein gewisses Zeichen eroffnete sich die kleine Pforte, und ein ernster, ansehnlicher Mann empfing unsern Freund. Dieser fand sich in einem grossen, herrlich grunenden Raum, von Baumen und Buschen vielerlei Art beschattet, kaum dass er stattliche Mauern und ansehnliche Gebaude durch diese dichte und hohe Naturpflanzung hindurch bemerken konnte; ein freundlicher Empfang von den Dreien, die sich nach und nach herbeifanden, loste sich endlich in ein Gesprach auf, wozu jeder das Seinige beitrug, dessen Inhalt wir jedoch in der Kurze zusammenfassen.
"Da Ihr uns Euren Sohn vertraut", sagten sie, "sind wir schuldig, Euch tiefer in unser Verfahren hineinblicken zu lassen. Ihr habt manches Ausserliche gesehen, welches nicht sogleich sein Verstandnis mit sich fuhrt; was davon wunscht Ihr vor allem aufgeschlossen?"
"Anstandige, doch seltsame Gebarden und Grusse hab' ich bemerkt, deren Bedeutung ich zu erfahren wunschte; bei euch bezieht sich gewiss das Aussere auf das Innere, und umgekehrt; lasst mich diesen Bezug erfahren."
"Wohlgeborne, gesunde Kinder", versetzten jene, "bringen viel mit; die Natur hat jedem alles gegeben, was er fur Zeit und Dauer notig hatte; dieses zu entwickeln, ist unsere Pflicht, ofters entwickelt sich's besser von selbst. Aber eins bringt niemand mit auf die Welt, und doch ist es das, worauf alles ankommt, damit der Mensch nach allen Seiten zu ein Mensch sei. Konnt Ihr es selbst finden, so sprecht es aus." Wilhelm bedachte sich eine kurze Zeit und schuttelte sodann den Kopf.
Jene, nach einem anstandigen Zaudern, riefen: "Ehrfurcht!" Wilhelm stutzte. "Ehrfurcht!" hiess es wiederholt. "Allen fehlt sie, vielleicht Euch selbst.
Dreierlei Gebarde habt Ihr gesehen, und wir uberliefern eine dreifache Ehrfurcht, die, wenn sie zusammenfliesst und ein Ganzes bildet, erst ihre hochste Kraft und Wirkung erreicht. Das erste ist Ehrfurcht vor dem, was uber uns ist. Jene Gebarde, die Arme kreuzweis uber die Brust, einen freudigen Blick gen Himmel, das ist, was wir unmundigen Kindern auflegen und zugleich das Zeugnis von ihnen verlangen, dass ein Gott da droben sei, der sich in Eltern, Lehrern, Vorgesetzten abbildet und offenbart. Das zweite: Ehrfurcht vor dem, was unter uns ist. Die auf den Rucken gefalteten, gleichsam gebundenen Hande, der gesenkte, lachelnde Blick sagen, dass man die Erde wohl und heiter zu betrachten habe; sie gibt Gelegenheit zur Nahrung; sie gewahrt unsagliche Freuden; aber unverhaltnismassige Leiden bringt sie. Wenn einer sich korperlich beschadigte, verschuldend oder unschuldig, wenn ihn andere vorsatzlich oder zufallig verletzten, wenn das irdische Willenlose ihm ein Leid zufugte, das bedenk' er wohl: denn solche Gefahr begleitet ihn sein Leben lang. Aber aus dieser Stellung befreien wir unsern Zogling baldmoglichst, sogleich wenn wir uberzeugt sind, dass die Lehre dieses Grads genugsam auf ihn gewirkt habe; dann aber heissen wir ihn sich ermannen, gegen Kameraden gewendet nach ihnen sich richten. Nun steht er strack und kuhn, nicht etwa selbstisch vereinzelt; nur in Verbindung mit seinesgleichen macht er Fronte gegen die Welt. Weiter wussten wir nichts hinzuzufugen."
"Es leuchtet mir ein!" versetzte Wilhelm; "deswegen liegt die Menge wohl so im argen, weil sie sich nur im Element des Misswollens und Missredens behagt; wer sich diesem uberliefert, verhalt sich gar bald gegen Gott gleichgultig, verachtend gegen die Welt, gegen seinesgleichen gehassig; das wahre, echte, unentbehrliche Selbstgefuhl aber zerstort sich in Dunkel und Anmassung. Erlauben Sie mir dessenungeachtet", fuhr Wilhelm fort, "ein einziges einzuwenden: Hat man nicht von jeher die Furcht roher Volker vor machtigen Naturerscheinungen und sonst unerklarlichen, ahnungsvollen Ereignissen fur den Keim gehalten, woraus ein hoheres Gefuhl, eine reinere Gesinnung sich stufenweise entwickeln sollte?" Hierauf erwiderten jene: "Der Natur ist Furcht wohl gemass, Ehrfurcht aber nicht; man furchtet ein bekanntes oder unbekanntes machtiges Wesen, der Starke sucht es zu bekampfen, der Schwache zu vermeiden, beide wunschen es loszuwerden und fuhlen sich glucklich, wenn sie es auf kurze Zeit beseitigt haben, wenn ihre Natur sich zur Freiheit und Unabhangigkeit einigermassen wieder herstellte. Der naturliche Mensch wiederholt diese Operation millionenmal in seinem Leben, von der Furcht strebt er zur Freiheit, aus der Freiheit wird er in die Furcht getrieben und kommt um nichts weiter. Sich zu furchten ist leicht, aber beschwerlich; Ehrfurcht zu hegen ist schwer, aber bequem. Ungern entschliesst sich der Mensch zur Ehrfurcht, oder vielmehr entschliesst sich nie dazu; es ist ein hoherer Sinn, der seiner Natur gegeben werden muss und der sich nur bei besonders Begunstigten aus sich selbst entwickelt, die man auch deswegen von jeher fur Heilige, fur Gotter gehalten. Hier liegt die Wurde, hier das Geschaft aller echten Religionen, deren es auch nur dreie gibt, nach den Objekten, gegen welche sie ihre Andacht wenden."
Die Manner hielten inne, Wilhelm schwieg eine Weile nachdenkend; da er in sich aber die Anmassung nicht fuhlte, den Sinn jener sonderbaren Worte zu deuten, so bat er die Wurdigen, in ihrem Vortrage fortzufahren, worin sie ihm denn auch sogleich willfahrten. "Keine Religion", sagten sie, "die sich auf Furcht grundet, wird unter uns geachtet. Bei der Ehrfurcht, die der Mensch in sich walten lasst, kann er, indem er Ehre gibt, seine Ehre behalten, er ist nicht mit sich selbst veruneint wie in jenem Falle. Die Religion, welche auf Ehrfurcht vor dem, was uber uns ist, beruht, nennen wir die ethnische, es ist die Religion der Volker und die erste gluckliche Ablosung von einer niedern Furcht; alle sogenannten heidnischen Religionen sind von dieser Art, sie mogen ubrigens Namen haben, wie sie wollen. Die zweite Religion, die sich auf jene Ehrfurcht grundet, die wir vor dem haben, was uns gleich ist, nennen wir die philosophische: denn der Philosoph, der sich in die Mitte stellt, muss alles Hohere zu sich herab, alles Niedere zu sich herauf ziehen, und nur in diesem Mittelzustand verdient er den Namen des Weisen. Indem er nun das Verhaltnis zu seinesgleichen und also zur ganzen Menschheit, das Verhaltnis zu allen ubrigen irdischen Umgebungen, notwendigen und zufalligen, durchschaut, lebt er im kosmischen Sinne allein in der Wahrheit. Nun ist aber von der dritten Religion zu sprechen, gegrundet auf die Ehrfurcht vor dem, was unter uns ist; wir nennen sie die christliche, weil sich in ihr eine solche Sinnesart am meisten offenbart; es ist ein Letztes, wozu die Menschheit gelangen konnte und musste. Aber was gehorte dazu, die Erde nicht allein unter sich liegen zu lassen und sich auf einen hohern Geburtsort zu berufen, sondern auch Niedrigkeit und Armut, Spott und Verachtung, Schmach und Elend, Leiden und Tod als gottlich anzuerkennen, ja Sunde selbst und Verbrechen nicht als Hindernisse, sondern als Fordernisse des Heiligen zu verehren und liebzugewinnen. Hievon finden sich freilich Spuren durch alle Zeiten, aber Spur ist nicht Ziel, und da dieses einmal erreicht ist, so kann die Menschheit nicht wieder zuruck, und man darf sagen, dass die christliche Religion, da sie einmal erschienen ist, nicht wieder verschwinden kann, da sie sich einmal gottlich verkorpert hat, nicht wieder aufgelost werden mag."
"Zu welcher von diesen Religionen bekennt ihr euch denn insbesondere?" sagte Wilhelm. "Zu allen dreien", erwiderten jene; "denn sie zusammen bringen eigentlich die wahre Religion hervor; aus diesen drei Ehrfurchten entspringt die oberste Ehrfurcht, die Ehrfurcht vor sich selbst, und jene entwickeln sich abermals aus dieser, so dass der Mensch zum Hochsten gelangt, was er zu erreichen fahig ist, dass er sich selbst fur das Beste halten darf, was Gott und Natur hervorgebracht haben, ja, dass er auf dieser Hohe verweilen kann, ohne durch Dunkel und Selbstheit wieder ins Gemeine gezogen zu werden."
"Ein solches Bekenntnis, auf diese Weise entwikkelt, befremdet mich nicht", versetzte Wilhelm, "es kommt mit allem uberein, was man im Leben hie und da vernimmt, nur dass euch dasjenige vereinigt, was andere trennt." Hierauf versetzten jene: "Schon wird dieses Bekenntnis von einem grossen Teil der Welt ausgesprochen, doch unbewusst."
"Wie denn und wo?" fragte Wilhelm. "Im Credo!" riefen jene laut; "denn der erste Artikel ist ethnisch und gehort allen Volkern; der zweite christlich, fur die mit Leiden Kampfenden und in Leiden Verherrlichten; der dritte zuletzt lehrt eine begeisterte Gemeinschaft der Heiligen, welches heisst: der im hochsten Grad Guten und Weisen. Sollten daher die drei gottlichen Personen, unter deren Gleichnis und Namen solche Uberzeugungen und Verheissungen ausgesprochen sind, nicht billigermassen fur die hochste Einheit gelten?"
"Ich danke", versetzte jener, "dass ihr mir dieses, als einem Erwachsenen, dem die drei Sinnesarten nicht fremd sind, so klar und zusammenhangend aussprechen wollen, und wenn ich nun zuruckdenke, dass ihr den Kindern diese hohe Lehre erst als sinnliches Zeichen, dann mit einigem symbolischen Anklang uberliefert und zuletzt die oberste Deutung ihnen entwickelt, so muss ich es hochlich billigen."
"Ganz richtig", erwiderten jene; "nun aber musst Ihr noch mehr erfahren, damit Ihr Euch uberzeugt, dass Euer Sohn in den besten Handen sei. Doch dies Geschaft bleibe fur die Morgenstunden; ruht aus und erquickt Euch, damit Ihr uns, vergnugt und vollkommen menschlich, morgen fruh in das Innere folgen konnt."
Zweites Kapitel
An der Hand des Altesten trat nun unser Freund durch ein ansehnliches Portal in eine runde oder vielmehr achteckige Halle, die mit Gemalden so reichlich ausgeziert war, dass sie den Ankommling in Erstaunen setzte. Er begriff leicht, dass alles, was er erblickte, einen bedeutenden Sinn haben musste, ob er sich gleich denselben nicht so geschwind entziffern konnte. Er war eben im Begriff, seinen Begleiter deshalb zu befragen, als dieser ihn einlud, seitwarts in eine Galerie zu treten, die, an der einen Seite offen, einen geraumigen, blumenreichen Garten umgab. Die Wand zog jedoch mehr als dieser heitre, naturliche Schmuck die Augen an sich: denn sie war durchaus gemalt, und der Ankommling konnte nicht lange daran hergehen, ohne zu bemerken, dass die heiligen Bucher der Israeliten den Stoff zu diesen Bildern geliefert hatten.
"Es ist hier", sagte der Alteste, "wo wir diejenige Religion uberliefern, die ich Euch der Kurze wegen die ethnische genannt habe. Der Gehalt derselben findet sich in der Weltgeschichte, so wie die Hulle derselben in den Begebenheiten. An der Wiederkehr der Schicksale ganzer Volker wird sie eigentlich begriffen."
"Ihr habt", sagte Wilhelm, "wie ich sehe, dem israelitischen Volke die Ehre erzeigt und seine Geschichte zum Grunde dieser Darstellung gelegt, oder vielmehr ihr habt sie zum Hauptgegenstande derselben gemacht." "Wie Ihr seht", versetzte der Alte; "denn Ihr werdet bemerken, dass in den Sockeln und Friesen nicht sowohl synchronistische als symphronistische Handlungen und Begebenheiten aufgefuhrt sind, indem unter allen Volkern gleichbedeutende und Gleiches deutende Nachrichten vorkommen. So erblickt Ihr hier, wenn in dem Hauptfelde Abraham von seinen Gottern in der Gestalt schoner Junglinge besucht wird, den Apoll unter den Hirten Admets oben in der Friese; woraus wir lernen konnen, dass, wenn die Gotter den Menschen erscheinen, sie gewohnlich unerkannt unter ihnen wandeln."
Die Betrachtenden schritten weiter. Wilhelm fand meistens bekannte Gegenstande, jedoch lebhafter und bedeutender vorgetragen, als er sie sonst zu sehen gewohnt war. Uber weniges bat er sich einige Erklarung aus; wobei er sich nicht enthalten konnte, nochmals zu fragen, warum man die israelitische Geschichte vor allen andern gewahlt. Hierauf antwortete der Alteste: "Unter allen heidnischen Religionen, denn eine solche ist die israelitische gleichfalls, hat diese grosse Vorzuge wovon ich nur einiger erwahnen will. Vor dem ethnischen Richterstuhle, vor dem Richterstuhl des Gottes der Volker, wird nicht gefragt, ob es die beste, die vortrefflichste Nation sei, sondern nur, ob sie daure, ob sie sich erhalten habe. Das israelitische Volk hat niemals viel getaugt, wie es ihm seine Anfuhrer, Richter, Vorsteher, Propheten tausendmal vorgeworfen haben; es besitzt wenig Tugenden und die meisten Fehler anderer Volker; aber an Selbststandigkeit, Festigkeit, Tapferkeit und, wenn alles das nicht mehr gilt, an Zaheit sucht es seinesgleichen. Es ist das beharrlichste Volk der Erde, es ist, es war, es wird sein, um den Namen Jehova durch alle Zeiten zu verherrlichen. Wir haben es daher als Musterbild aufgestellt, als Hauptbild, dem die andern nur zum Rahmen dienen."
"Es ziemt sich nicht, mit Euch zu rechten", versetzte Wilhelm, "da Ihr mich zu belehren imstande seid. Eroffnet mir daher noch die ubrigen Vorteile dieses Volks, oder vielmehr seiner Geschichte, seiner Religion." "Ein Hauptvorteil", versetzte jener, "ist die treffliche Sammlung ihrer heiligen Bucher. Sie stehen so glucklich beisammen, dass aus den fremdesten Elementen ein tauschendes Ganze entgegentritt. Sie sind vollstandig genug, um zu befriedigen, fragmentarisch genug, um anzureizen; hinlanglich barbarisch, um aufzufordern, hinlanglich zart, um zu besanftigen; und wie manche andere entgegengesetzte Eigenschaften sind an diesen Buchern, an diesem Buche zu ruhmen!"
Die Folge der Hauptbilder sowohl als die Beziehung der kleinern, die sie oben und unten begleiteten, gab dem Gast so viel zu denken, dass er kaum auf die bedeutenden Bemerkungen horte, wodurch der Begleiter mehr seine Aufmerksamkeit abzulenken als an die Gegenstande zu fesseln schien. Indessen sagte jener bei Gelegenheit: "Noch einen Vorteil der israelitischen Religion muss ich hier erwahnen: dass sie ihren Gott in keine Gestalt verkorpert und uns also die Freiheit lasst, ihm eine wurdige Menschengestalt zu geben, auch im Gegensatz die schlechte Abgotterei durch Tier- und Untiergestalten zu bezeichnen."
Unser Freund hatte sich nunmehr auf einer kurzen Wanderung durch diese Hallen die Weltgeschichte wieder vergegenwartigt; es war ihm einiges neu in Absicht auf die Begebenheit. So waren ihm durch Zusammenstellung der Bilder, durch die Reflexionen seines Begleiters manche neue Ansichten entsprungen, und er freute sich, dass Felix durch eine so wurdige sinnliche Darstellung sich jene grossen, bedeutenden, musterhaften Ereignisse fur sein ganzes Leben als wirklich, und als wenn sie neben ihm lebendig gewesen waren, zueignen sollte. Er betrachtete diese Bilder zuletzt nur aus den Augen des Kindes, und in diesem Sinne war er vollkommen damit zufrieden; und so waren die Wandelnden zu den traurigen, verworrenen Zeiten und endlich zu dem Untergang der Stadt und des Tempels, zum Morde, zur Verbannung, zur Sklaverei ganzer Massen dieser beharrlichen Nation gelangt. Ihre nachherigen Schicksale waren auf eine kluge Weise allegorisch vorgestellt, da eine historische, eine reale Darstellung derselben ausser den Grenzen der edlen Kunst liegt.
Hier war die bisher durchwanderte Galerie auf einmal abgeschlossen, und Wilhelm war verwundert, sich schon am Ende zu sehen. "Ich finde", sagte er zu seinem Fuhrer, "in diesem Geschichtsgang eine Lukke. Ihr habt den Tempel Jerusalems zerstort und das Volk zerstreut, ohne den gottlichen Mann aufzufuhren, der kurz vorher daselbst noch lehrte, dem sie noch kurz vorher kein Gehor geben wollten."
"Dies zu tun, wie Ihr es verlangt, ware ein Fehler gewesen. Das Leben dieses gottlichen Mannes, den Ihr bezeichnet, steht mit der Weltgeschichte seiner Zeit in keiner Verbindung. Es war ein Privatleben, seine Lehre eine Lehre fur die Einzelnen. Was Volkermassen und ihren Gliedern offentlich begegnet, gehort der Weltgeschichte, der Weltreligion, welche wir fur die erste halten. Was dem Einzelnen innerlich begegnet, gehort zur zweiten Religion, zur Religion der Weisen: eine solche war die, welche Christus lehrte und ubte, solange er auf der Erde umherging. Deswegen ist hier das Aussere abgeschlossen, und ich eroffne Euch nun das Innere."
Eine Pforte tat sich auf, und sie traten in eine ahnliche Galerie, wo Wilhelm sogleich die Bilder der zweiten heiligen Schriften erkannte. Sie schienen von einer andern Hand zu sein als die ersten: alles war sanfter, Gestalten, Bewegungen, Umgebung, Licht und Farbung.
"Ihr seht", sagte der Begleiter, nachdem sie an einem Teil der Bilder vorubergegangen waren, "hier weder Taten noch Begebenheiten, sondern Wunder und Gleichnisse. Es ist hier eine neue Welt, ein neues Aussere, anders als das vorige, und ein Inneres, das dort ganz fehlt. Durch Wunder und Gleichnisse wird eine neue Welt aufgetan. Jene machen das Gemeine ausserordentlich, diese das Ausserordentliche gemein." "Ihr werdet die Gefalligkeit haben", versetzte Wilhelm, "mir diese wenigen Worte umstandlicher auszulegen: denn ich fuhle mich nicht geschickt, es selbst zu tun." "Sie haben einen naturlichen Sinn", versetzte jener, "obgleich einen tiefen. Beispiele werden ihn am geschwindesten aufschliessen. Es ist nichts gemeiner und gewohnlicher als Essen und Trinken; ausserordentlich dagegen, einen Trank zu veredeln, eine Speise zu vervielfaltigen, dass sie fur eine Unzahl hinreiche. Es ist nichts gewohnlicher als Krankheit und korperliche Gebrechen; aber diese durch geistige oder geistigen ahnliche Mittel aufheben, lindern ist ausserordentlich, und eben daher entsteht das Wunderbare des Wunders, dass das Gewohnliche und das Ausserordentliche, das Mogliche und das Unmogliche eins werden. Bei dem Gleichnisse, bei der Parabel ist das Umgekehrte: hier ist der Sinn, die Einsicht, der Begriff das Hohe, das Ausserordentliche, das Unerreichbare. Wenn dieser sich in einem gemeinen, gewohnlichen, fasslichen Bilde verkorpert, so dass er uns als lebendig, gegenwartig, wirklich entgegentritt, dass wir ihn uns zueignen, ergreifen, festhalten, mit ihm wie mit unsersgleichen umgehen konnen, das ist denn auch eine zweite Art von Wunder und wird billig zu jenen ersten gesellt, ja vielleicht ihnen noch vorgezogen. Hier ist die lebendige Lehre ausgesprochen, die Lehre, die keinen Streit erregt; es ist keine Meinung uber das, was Recht oder Unrecht ist; es ist das Rechte oder Unrechte unwidersprechlich selbst."
Dieser Teil der Galerie war kurzer, oder vielmehr es war nur der vierte Teil der Umgebung des innern Hofes. Wenn man jedoch an dem ersten nur vorbeiging, so verweilte man hier gern; man ging gern hier auf und ab. Die Gegenstande waren nicht so auffallend, nicht so mannigfaltig; aber desto einladender, den tiefen, stillen Sinn derselben zu erforschen. Auch kehrten die beiden Wandelnden am Ende des Ganges um, indem Wilhelm eine Bedenklichkeit ausserte, dass man hier eigentlich nur bis zum Abendmahle, bis zum Scheiden des Meisters von seinen Jungern gelangt sei. Er fragte nach dem ubrigen Teil der Geschichte.
"Wir sondern", versetzte der Alteste, "bei jedem Unterricht, bei aller Uberlieferung sehr gerne, was nur moglich zu sondern ist; denn dadurch allein kann der Begriff des Bedeutenden bei der Jugend entspringen. Das Leben mengt und mischt ohnehin alles durcheinander, und so haben wir auch hier das Leben jenes vortrefflichen Mannes ganz von dem Ende desselben abgesondert. Im Leben erscheint er als ein wahrer Philosoph stosset Euch nicht an diesen Ausdruck , als ein Weiser im hochsten Sinne. Er steht auf seinem Punkte fest; er wandelt seine Strasse unverruckt, und indem er das Niedere zu sich heraufzieht, indem er die Unwissenden, die Armen, die Kranken seiner Weisheit, seines Reichtums, seiner Kraft teilhaftig werden lasst und sich deshalb ihnen gleichzustellen scheint, so verleugnet er nicht von der andern Seite seinen gottlichen Ursprung; er wagt, sich Gott gleichzustellen, ja sich fur Gott zu erklaren. Auf diese Weise setzt er von Jugend auf seine Umgebung in Erstaunen, gewinnt einen Teil derselben fur sich, regt den andern gegen sich auf und zeigt allen, denen es um eine gewisse Hohe im Lehren und Leben zu tun ist, was sie von der Welt zu erwarten haben. Und so ist sein Wandel fur den edlen Teil der Menschheit noch belehrender und fruchtbarer als sein Tod: denn zu jenen Prufungen ist jeder, zu diesem sind nur wenige berufen; und damit wir alles ubergehen, was aus dieser Betrachtung folgt, so betrachtet die ruhrende Szene des Abendmahls. Hier lasst der Weise, wie immer, die Seinigen ganz eigentlich verwaist zuruck, und indem er fur die Guten besorgt ist, futtert er zugleich mit ihnen einen Verrater, der ihn und die Bessern zugrunde richten wird."
Mit diesen Worten eroffnete der Alteste eine Pforte, und Wilhelm stutzte, als er sich wieder in der ersteren Halle des Eingangs fand. Sie hatten, wie er wohl merkte, indessen den ganzen Umkreis des Hofes zuruckgelegt. "Ich hoffte", sagte Wilhelm, "Ihr wurdet mich ans Ende fuhren, und bringt mich wieder zum Anfang." "Fur diesmal kann ich Euch weiter nichts zeigen", sagte der Alteste; "mehr lassen wir unsere Zoglinge nicht sehen, mehr erklaren wir ihnen nicht, als was Ihr bis jetzt durchlaufen habt; das aussere allgemein Weltliche einem jeden von Jugend auf, das innere besonders Geistige und Herzliche nur denen, die mit einiger Besonnenheit heranwachsen, und das ubrige, was des Jahrs nur einmal eroffnet wird, kann nur denen mitgeteilt werden, die wir entlassen. Jene letzte Religion, die aus der Ehrfurcht vor dem, was unter uns ist entspringt, jene Verehrung des Widerwartigen, Verhassten, Fliehenswerten geben wir einem jeden nur ausstattungsweise in die Welt mit, damit er wisse, wo er dergleichen zu finden hat, wenn ein solches Bedurfnis sich in ihm regen sollte. Ich lade Euch ein, nach Verlauf eines Jahres wiederzukehren, unser allgemeines Fest zu besuchen und zu sehen, wie weit Euer Sohn vorwarts gekommen; alsdann sollt auch Ihr in das Heiligtum des Schmerzes eingeweiht werden."
"Erlaubt mir eine Frage", versetzte Wilhelm. "Habt ihr denn auch, so wie ihr das Leben dieses gottlichen Mannes als Lehr- und Musterbild aufstellt, sein Leiden, seinen Tod gleichfalls als ein Vorbild erhabener Duldung herausgehoben?" "Auf alle Falle", sagte der Alteste. "Hieraus machen wir kein Geheimnis; aber wir ziehen einen Schleier uber diese Leiden, eben weil wir sie so hoch verehren. Wir halten es fur eine verdammungswurdige Frechheit, jenes Martergerust und den daran leidenden Heiligen dem Anblick der Sonne auszusetzen, die ihr Angesicht verbarg, als eine ruchlose Welt ihr dies Schauspiel aufdrang, mit diesen tiefen Geheimnissen, in welchen die gottliche Tiefe des Leidens verborgen liegt, zu spielen, zu tandeln, zu verzieren und nicht eher zu ruhen, bis das Wurdigste gemein und abgeschmackt erscheint. So viel sei fur diesmal genug, um Euch uber Euren Knaben zu beruhigen und vollig zu uberzeugen, dass Ihr ihn auf irgendeine Art, mehr oder weniger, aber doch nach wunschenswerter Weise gebildet und auf alle Falle nicht verworren, schwankend und unstat wiederfinden sollt."
Wilhelm zauderte, indem er sich die Bilder der Vorhalle besah und ihren Sinn gedeutet wunschte. "Auch dieses", sagte der Alteste, "bleiben wir Euch bis ubers Jahr schuldig. Bei dem Unterricht, den wir in der Zwischenzeit den Kindern geben, lassen wir keine Fremden zu; aber alsdann kommt und vernehmt, was unsere besten Redner uber diese Gegenstande offentlich zu sagen fur dienlich halten."
Bald nach dieser Unterredung horte man an der kleinen Pforte pochen. Der gestrige Aufseher meldete sich, er hatte Wilhelms Pferd vorgefuhrt, und so beurlaubte sich der Freund von der Dreie, welche zum Abschied ihn dem Aufseher folgendermassen empfahl: "Dieser wird nun zu den Vertrauten gezahlt, und dir ist bekannt, was du ihm auf seine Fragen zu erwidern hast: denn er wunscht gewiss noch uber manches, was er bei uns sah und horte, belehrt zu werden; Mass und Ziel ist dir nicht verborgen."
Wilhelm hatte freilich noch einige Fragen auf dem Herzen, die er auch sogleich anbrachte. Wo sie durchritten, stellten sich die Kinder wie gestern; aber heute sah er, obgleich selten, einen und den andern Knaben, der den vorbeireitenden Aufseher nicht grusste, von seiner Arbeit nicht aufsah und ihn unbemerkt voruberliess. Wilhelm fragte nun nach der Ursache und was diese Ausnahme zu bedeuten habe. Jener erwiderte darauf: "Sie ist freilich sehr bedeutungsvoll: denn es ist die hochste Strafe, die wir den Zoglingen auflegen, sie sind unwurdig erklart, Ehrfurcht zu beweisen, und genotigt, sich als roh und ungebildet darzustellen; sie tun aber das mogliche, um sich aus dieser Lage zu retten, und finden sich aufs geschwindeste in jede Pflicht. Sollte jedoch ein junges Wesen verstockt zu seiner Ruckkehr keine Anstalt machen, so wird es mit einem kurzen, aber bundigen Bericht den Eltern wieder zuruckgesandt. Wer sich den Gesetzen nicht fugen lernt, muss die Gegend verlassen, wo sie gelten."
Ein anderer Anblick reizte, heute wie gestern, des Wanderers Neugierde; es war Mannigfaltigkeit an Farbe und Schnitt der Zoglingskleidung; hier schien kein Stufengang obzuwalten, denn solche, die verschieden grussten, waren uberein gekleidet, gleich Grussende waren anders angezogen. Wilhelm fragte nach der Ursache dieses scheinbaren Widerspruchs. "Er lost sich", versetzte jener, "darin auf, dass es ein Mittel ist, die Gemuter der Knaben eigens zu erforschen. Wir lassen, bei sonstiger Strenge und Ordnung, in diesem Falle eine gewisse Willkur gelten. Innerhalb des Kreises unserer Vorrate an Tuchern und Verbramungen durfen die Zoglinge nach beliebiger Farbe greifen, so auch innerhalb einer massigen Beschrankung Form und Schnitt wahlen; dies beobachten wir genau, denn an der Farbe lasst sich die Sinnesweise, an dem Schnitt die Lebensweise des Menschen erkennen. Doch macht eine besondere Eigenheit der menschlichen Natur eine genauere Beurteilung gewissermassen schwierig; es ist der Nachahmungsgeist, die Neigung, sich anzuschliessen. Sehr selten, dass ein Zogling auf etwas fallt, was noch nicht dagewesen, meistens wahlen sie etwas Bekanntes, was sie gerade vor sich sehen. Doch auch diese Betrachtung bleibt uns nicht unfruchtbar, durch solche Ausserlichkeiten treten sie zu dieser oder jener Partei, sie schliessen sich da oder dort an, und so zeichnen sich allgemeinere Gesinnungen aus, wir erfahren, wo jeder sich hinneigt, welchem Beispiel er sich gleichstellt.
Nun hat man Falle gesehen, wo die Gemuter sich ins Allgemeine neigten, wo eine Mode sich uber alle verbreiten, jede Absonderung sich zur Einheit verlieren wollte. Einer solchen Wendung suchen wir auf gelinde Weise Einhalt zu tun, wir lassen die Vorrate ausgehen; dieses und jenes Zeug, eine und die andere Verzierung ist nicht mehr zu haben; wir schieben etwas Neues, etwas Reizendes herein, durch helle Farben und kurzen, knappen Schnitt locken wir die Muntern, durch ernste Schattierungen, bequeme, faltenreiche Tracht die Besonnenen und stellen so nach und nach ein Gleichgewicht her.
Denn der Uniform sind wir durchaus abgeneigt, sie verdeckt den Charakter und entzieht die Eigenheiten der Kinder, mehr als jede andere Verstellung, dem Blicke der Vorgesetzten." Unter solchen und andern Gesprachen gelangte Wilhelm an die Grenze der Provinz, und zwar an den Punkt, wo sie der Wanderer, nach des alten Freundes Andeutung, verlassen sollte, um seinem eigentlichen Zweck entgegenzugehen. Beim Lebewohl bemerkte zunachst der Aufseher: Wilhelm moge nun erwarten, bis das grosse Fest allen Teilnehmern auf mancherlei Weise angekundigt werde. Hierzu wurden die samtlichen Eltern eingeladen und tuchtige Zoglinge ins freie, zufallige Leben entlassen. Alsdann solle er, hiess es, auch die ubrigen Landschaften nach Belieben betreten, wo, nach eigenen Grundsatzen, der einzelne Unterricht in vollstandiger Umgebung erteilt und ausgeubt wird.
Drittes Kapitel
Der Angewohnung des werten Publikums zu schmeicheln, welches seit geraumer Zeit Gefallen findet, sich stuckweise unterhalten zu lassen, gedachten wir erst, nachstehende Erzahlung in mehreren Abteilungen vorzulegen. Der innere Zusammenhang jedoch, nach Gesinnungen, Empfindungen und Ereignissen betrachtet, veranlasste einen fortlaufenden Vortrag. Moge derselbe seinen Zweck erreichen und zugleich am Ende deutlich werden, wie die Personen dieser abgesondert scheinenden Begebenheit mit denjenigen, die wir schon kennen und lieben, aufs innigste zusammengeflochten worden.
Der Mann von funfzig Jahren
Der Major war in den Gutshof hereingeritten, und Hilarie, seine Nichte, stand schon, um ihn zu empfangen, aussen auf der Treppe, die zum Schloss hinauffuhrte. Kaum erkannte er sie; denn schon war sie wieder grosser und schoner geworden. Sie flog ihm entgegen, er druckte sie an seine Brust mit dem Sinn eines Vaters, und sie eilten hinauf zu ihrer Mutter.
Der Baronin, seiner Schwester, war er gleichfalls willkommen, und als Hilarie schnell hinwegging, das Fruhstuck zu bereiten, sagte der Major freudig: "Diesmal kann ich mich kurz fassen und sagen, dass unser Geschaft beendigt ist. Unser Bruder, der Obermarschall, sieht wohl ein, dass er weder mit Pachtern noch Verwaltern zurechtkommt. Er tritt bei seinen Lebzeiten die Guter uns und unsern Kindern ab; das Jahrgehalt, das er sich ausbedingt, ist freilich stark; aber wir konnen es ihm immer geben: wir gewinnen doch noch fur die Gegenwart viel und fur die Zukunft alles. Die neue Einrichtung soll bald in Ordnung sein. Da ich zunachst meinen Abschied erwarte, so sehe ich doch wieder ein tatiges Leben vor mir, das uns und den Unsrigen einen entschiedenen Vorteil bringen kann. Wir sehen ruhig zu, wie unsre Kinder emporwachsen, und es hangt von uns, von ihnen ab, ihre Verbindung zu beschleunigen."
"Das ware alles recht gut", sagte die Baronin, "wenn ich dir nur nicht ein Geheimnis zu entdecken hatte, das ich selbst erst gewahr worden bin. Hilariens Herz ist nicht mehr frei; von der Seite hat dein Sohn wenig oder nichts zu hoffen."
"Was sagst du?" rief der Major; "ist's moglich? indessen wir uns alle Muhe geben, uns okonomisch vorzusehen, so spielt uns die Neigung einen solchen Streich! Sag' mir, Liebe, sag' mir geschwind, wer ist es, der das Herz Hilariens fesseln konnte? Oder ist es denn auch schon so arg? Ist es nicht vielleicht ein fluchtiger Eindruck, den man wieder auszuloschen hoffen kann?"
"Du musst erst ein wenig sinnen und raten", versetzte die Baronin und vermehrte dadurch seine Ungeduld. Sie war schon aufs hochste gestiegen, als Hilarie, mit den Bedienten, welche das Fruhstuck trugen, hereintretend, eine schnelle Auflosung des Ratsels unmoglich machte.
Der Major selbst glaubte das schone Kind mit andern Augen anzusehn als kurz vorher. Es war ihm beinahe, als wenn er eifersuchtig auf den Begluckten ware, dessen Bild sich in einem so schonen Gemut hatte eindrucken konnen. Das Fruhstuck wollte ihm nicht schmecken, und er bemerkte nicht, dass alles genau so eingerichtet war, wie er es am liebsten hatte und wie er es sonst zu wunschen und zu verlangen pflegte.
Uber dieses Schweigen und Stocken verlor Hilarie fast selbst ihre Munterkeit. Die Baronin fuhlte sich verlegen und zog ihre Tochter ans Klavier; aber ihr geistreiches und gefuhlvolles Spiel konnte dem Major kaum einigen Beifall ablocken. Er wunschte das schone Kind und das Fruhstuck je eher je lieber entfernt zu sehen, und die Baronin musste sich entschliessen, aufzubrechen und ihrem Bruder einen Spaziergang in den Garten vorzuschlagen.
Kaum waren sie allein, so wiederholte der Major dringend seine vorige Frage; worauf seine Schwester nach einer Pause lachelnd versetzte: "Wenn du den Glucklichen finden willst, den sie liebt, so brauchst du nicht weit zu gehen, er ist ganz in der Nahe: dich liebt sie."
Der Major stand betroffen, dann rief er aus: "Es ware ein sehr unzeitiger Scherz, wenn du mich etwas uberreden wolltest, das mich im Ernst so verlegen wie unglucklich machen wurde. Denn ob ich gleich Zeit brauche, mich von meiner Verwunderung zu erholen, so sehe ich doch mit einem Blicke voraus, wie sehr unsere Verhaltnisse durch ein so unerwartetes Ereignis gestort werden mussten. Das einzige, was mich trostet, ist die Uberzeugung, dass Neigungen dieser Art nur scheinbar sind, dass ein Selbstbetrug dahinter verborgen liegt, und dass eine echte, gute Seele von dergleichen Fehlgriffen oft durch sich selbst oder doch wenigstens mit einiger Beihulfe verstandiger Personen gleich wieder zuruckkommt."
"Ich bin dieser Meinung nicht", sagte die Baronin, "denn nach allen Symptomen ist es ein sehr ernstliches Gefuhl, von welchem Hilarie durchdrungen ist."
"Etwas so Unnaturliches hatte ich ihrem naturlichen Wesen nicht zugetraut", versetzte der Major.
"Es ist so unnaturlich nicht", sagte die Schwester. "Aus meiner Jugend erinnere ich mich selbst einer Leidenschaft fur einen alteren Mann, als du bist. Du hast funfzig Jahre; das ist immer noch nicht gar zu viel fur einen Deutschen, wenn vielleicht andere, lebhaftere Nationen fruher altern."
"Wodurch willst du aber deine Vermutung bekraftigen?" sagte der Major.
"Es ist keine Vermutung, es ist Gewissheit. Das Nahere sollst du nach und nach vernehmen."
Hilarie gesellte sich zu ihnen, und der Major fuhlte sich, wider seinen Willen, abermals verandert. Ihre Gegenwart deuchte ihn noch lieber und werter als vorher; ihr Betragen schien ihm liebevoller, und schon fing er an, den Worten seiner Schwester Glauben beizumessen. Die Empfindung war fur ihn hochst angenehm, ob er sich gleich solche weder gestehen noch erlauben wollte. Freilich war Hilarie hochst liebenswurdig, indem sich in ihrem Betragen die zarte Scheu gegen einen Liebhaber und die freie Bequemlichkeit gegen einen Oheim auf das innigste verband; denn sie liebte ihn wirklich und von ganzer Seele. Der Garten war in seiner vollen Fruhlingspracht, und der Major, der so viele alte Baume sich wieder belauben sah, konnte auch an die Wiederkehr seines eignen Fruhlings glauben. Und wer hatte sich nicht in der Gegenwart des liebenswurdigsten Madchens dazu verfuhren lassen!
So verging ihnen der Tag zusammen; alle hauslichen Epochen wurden mit der grossten Gemutlichkeit durchlebt; abends nach Tisch setzte sich Hilarie wieder ans Klavier; der Major horte mit andern Ohren als heute fruh; eine Melodie schlang sich in die andere, ein Lied schloss sich ans andere, und kaum vermochte die Mitternacht die kleine Gesellschaft zu trennen.
Als der Major auf seinem Zimmer ankam, fand er alles nach seiner alten, gewohnten Bequemlichkeit eingerichtet; sogar einige Kupferstiche, bei denen er gern verweilte, waren aus andern Zimmern herubergehangt; und da er einmal aufmerksam geworden war, so sah er sich bis auf jeden einzelnen kleinen Umstand versorgt und geschmeichelt.
Nur wenig Stunden Schlaf bedurfte er diesmal; seine Lebensgeister waren fruh aufgeregt. Aber nun merkte er auf einmal, dass eine neue Ordnung der Dinge manches Unbequeme nach sich ziehe. Er hatte seinem alten Reitknecht, der zugleich die Stelle des Bedienten und Kammerdieners vertrat, seit mehreren Jahren kein boses Wort gegeben: denn alles ging in der strengsten Ordnung seinen gewohnlichen Gang; die Pferde waren versorgt und die Kleidungsstucke zu rechter Stunde gereinigt; aber der Herr war fruher aufgestanden, und nichts wollte passen.
Sodann gesellte sich noch ein anderer Umstand hinzu, um die Ungeduld und eine Art boser Laune des Majors zu vermehren. Sonst war ihm alles an sich und seinem Diener recht gewesen; nun aber fand er sich, als er vor den Spiegel trat, nicht so, wie er zu sein wunschte. Einige graue Haare konnte er nicht leugnen, und von Runzeln schien sich auch etwas eingefunden zu haben. Er wischte und puderte mehr als sonst und musste es doch zuletzt lassen, wie es sein konnte. Auch mit der Kleidung und ihrer Sauberkeit war er nicht zufrieden. Da sollten sich immer noch Fasern auf dem Rock und noch Staub auf den Stiefeln finden. Der Alte wusste nicht, was er sagen sollte, und war erstaunt, einen so veranderten Herrn vor sich zu sehen.
Ungeachtet aller dieser Hindernisse war der Major schon fruh genug im Garten. Hilarien, die er zu finden hoffte, fand er wirklich. Sie brachte ihm einen Blumenstrauss entgegen, und er hatte nicht den Mut, sie wie sonst zu kussen und an sein Herz zu drucken. Er befand sich in der angenehmsten Verlegenheit von der Welt und uberliess sich seinen Gefuhlen, ohne zu denken, wohin das fuhren konne.
Die Baronin gleichfalls saumte nicht lange zu erscheinen, und indem sie ihrem Bruder ein Billet wies, das ihr eben ein Bote gebracht hatte, rief sie aus: "Du ratst nicht, wen uns dieses Blatt anzumelden kommt." "So entdecke es nur bald!" versetzte der Major; und er erfuhr, dass ein alter theatralischer Freund nicht weit von dem Gute vorbeireise und fur einen Augenblick einzukehren gedenke. "Ich bin neugierig, ihn wiederzusehen", sagte der Major; "er ist kein Jungling mehr, und ich hore, dass er noch immer die jungen Rollen spielt." "Er muss um zehn Jahre alter sein als du", versetzte die Baronin. "Ganz gewiss", erwiderte der Major, "nach allem, was ich mich erinnere."
Es wahrte nicht lange, so trat ein munterer, wohlgebauter, gefalliger Mann herzu. Man stutzte einen Augenblick, als man sich wiedersah. Doch sehr bald erkannten sich die Freunde, und Erinnerungen aller Art belebten das Gesprach. Hierauf ging man zu Erzahlungen, zu Fragen und zu Rechenschaft uber; man machte sich wechselsweise mit den gegenwartigen Lagen bekannt und fuhlte sich bald, als ware man nie getrennt gewesen.
Die geheime Geschichte sagt uns, dass dieser Mann in fruherer Zeit, als ein sehr schoner und angenehmer Jungling, einer vornehmen Dame zu gefallen das Gluck oder Ungluck gehabt habe; dass er dadurch in grosse Verlegenheit und Gefahr geraten, woraus ihn der Major eben im Augenblick, als ihn das traurigste Schicksal bedrohte, glucklich herausriss. Ewig blieb er dankbar, dem Bruder sowohl als der Schwester; denn diese hatte durch zeitige Warnung zur Vorsicht Anlass gegeben.
Einige Zeit vor Tische liess man die Manner allein. Nicht ohne Bewunderung, ja gewissermassen mit Erstaunen hatte der Major das aussere Behaben seines alten Freundes im ganzen und einzelnen betrachtet. Er schien gar nicht verandert zu sein, und es war kein Wunder, dass er noch immer als jugendlicher Liebhaber auf dem Theater erscheinen konnte. "Du betrachtest mich aufmerksamer als billig ist", sprach er endlich den Major an; "ich furchte sehr, du findest den Unterschied gegen vorige Zeit nur allzu gross." "Keineswegs", versetzte der Major, "vielmehr bin ich voll Verwunderung, dein Aussehen frischer und junger zu finden als das meine; da ich doch weiss, dass du schon ein gemachter Mann warst, als ich, mit der Kuhnheit eines wagehalsigen Gelbschnabels, dir in gewissen Verlegenheiten beistand." "Es ist deine Schuld", versetzte der andere, "es ist die Schuld aller deinesgleichen; und ob ihr schon darum nicht zu schelten seid, so seid ihr doch zu tadeln. Man denkt immer nur ans Notwendige; man will sein und nicht scheinen. Das ist recht gut, solange man etwas ist. Wenn aber zuletzt das Sein mit dem Scheinen sich zu empfehlen anfangt und der Schein noch fluchtiger als das Sein ist, so merkt denn doch ein jeder, dass er nicht ubel getan hatte, das Aussere uber dem Innern nicht ganz zu vernachlassigen." "Du hast recht", versetzte der Major und konnte sich fast eines Seufzers nicht enthalten. "Vielleicht nicht ganz recht", sagte der bejahrte Jungling; "denn freilich bei meinem Handwerke ware es ganz unverzeihlich, wenn man das Aussere nicht so lange aufstutzen wollte, als nur moglich ist. Ihr andern aber habt Ursache, auf andere Dinge zu sehen, die bedeutender und nachhaltiger sind." "Doch gibt es Gelegenheiten", sagte der Major, "wo man sich innerlich frisch fuhlt und sein Ausseres auch gar zu gern wieder auffrischen mochte."
Da der Ankommling die wahre Gemutslage des Majors nicht ahnen konnte, so nahm er diese Ausserung im Soldatensinne und liess sich weitlaufig daruber aus: wie viel beim Militar aufs Aussere ankomme und wie der Offizier, der so manches auf seine Kleidung zu wenden habe, doch auch einige Aufmerksamkeit auf Haut und Haare wenden konne.
"Es ist zum Beispiel unverantwortlich", fuhr er fort, "dass Eure Schlafe schon grau sind, dass hie und da sich Runzeln zusammenziehen und dass Euer Scheitel kahl zu werden droht. Seht mich alten Kerl einmal an! betrachtet, wie ich mich erhalten habe! und das alles ohne Hexerei und mit weit weniger Muhe und Sorgfalt, als man taglich anwendet, um sich zu beschadigen oder wenigstens Langeweile zu machen."
Der Major fand bei dieser zufalligen Unterredung zu sehr seinen Vorteil, als dass er sie so bald hatte abbrechen sollen; doch ging er leise und selbst gegen einen alten Bekannten mit Behutsamkeit zu Werke. "Das habe ich nun leider versaumt!" rief er aus, "und nachzuholen ist es nicht; ich muss zu mich nun schon darein ergeben, und Ihr werdet deshalb nicht schlimmer von mir denken."
"Versaumt ist nichts!" erwiderte jener, "wenn ihr andern ernsthaften Herren nur nicht so starr und steif waret, nicht gleich einen jeden, der sein Ausseres bedenkt, fur eitel erklaren und euch dadurch selbst die Freude verkummern mochtet, in gefalliger Gesellschaft zu sein und selbst zu gefallen." "Wenn es auch keine Zauberei ist", lachelte der Major, "wodurch ihr andern euch jung erhaltet, so ist es doch ein Geheimnis, oder wenigstens sind es Arcana, dergleichen oft in den Zeitungen gepriesen werden, von denen ihr aber die besten herauszuproben wisst." "Du magst im Scherz oder im Ernst reden", versetzte der Freund, "so hast du's getroffen. Unter den vielen Dingen, die man von jeher versucht hat, um dem Ausseren einige Nahrung zu geben, das oft viel fruher als das Innere abnimmt, gibt es wirklich unschatzbare, einfache sowohl als zusammengesetzte Mittel, die mir von Kunstgenossen mitgeteilt, fur bares Geld oder durch Zufall uberliefert und von mir selbst ausgeprobt worden. Dabei bleib' ich und verharre nun, ohne deshalb meine weitern Forschungen aufzugeben. So viel kann ich dir sagen, und ich ubertreibe nicht: ein Toilettenkastchen fuhre ich bei mir, uber allen Preis! ein Kastchen, dessen Wirkungen ich wohl an dir erproben mochte, wenn wir nur vierzehn Tage zusammenblieben."
Der Gedanke, etwas dieser Art sei moglich und diese Moglichkeit werde ihm gerade in dem rechten Augenblicke so zufallig nahe gebracht, erheiterte den Geist des Majors dergestalt, dass er wirklich schon frischer und munterer aussah und, von der Hoffnung, Haupt und Gesicht mit seinem Herzen in Ubereinstimmung zu bringen, belebt, von der Unruhe, die Mittel dazu bald naher kennen zu lernen, in Bewegung gesetzt, bei Tische ein ganz anderer Mensch erschien, Hilariens anmutigen Aufmerksamkeiten getrost entgegenging und auf sie mit einer gewissen Zuversicht blickte, die ihm heute fruh noch sehr fremd gewesen war.
Hatte nun durch mancherlei Erinnerungen, Erzahlungen und gluckliche Einfalle der theatralische Freund die einmal angeregte gute Laune zu erhalten, zu beleben und zu vermehren gewusst, so wurde der Major um so verlegener, als jener gleich nach Tische sich zu entfernen und seinen Weg weiter fortzusetzen drohte. Auf alle Weise suchte er den Aufenthalt seines Freundes, wenigstens uber Nacht, zu erleichtern, indem er Vorspann und Relais auf morgen fruh andringlich zusagte. Genug, die heilsame Toilette sollte nicht aus dem Hause, bis man von ihrem Inhalt und Gebrauch naher unterrichtet ware.
Der Major sah sehr wohl ein, dass hier keine Zeit zu verlieren sei, und suchte daher gleich nach Tische seinen alten Gunstling allein zu sprechen. Da er das Herz nicht hatte, ganz gerade auf die Sache loszugehen, so lenkte er von weitem dahin, indem er, das vorige Gesprach wieder auffassend, versicherte: er fur seine Person wurde gern mehr Sorgfalt auf das Aussere verwenden, wenn nur nicht gleich die Menschen einen jeden, dem sie ein solches Bestreben anmerken, fur eitel erklarten und ihm dadurch sogleich wieder an der sittlichen Achtung entzogen, was sie sich genotigt fuhlten an der sinnlichen ihm zuzugestehen.
"Mache mich mit solchen Redensarten nicht verdriesslich!" versetzte der Freund; "denn das sind Ausdrucke, die sich die Gesellschaft angewohnt hat, ohne etwas dabei zu denken, oder, wenn man es strenger nehmen will, wodurch sich ihre unfreundliche und misswollende Natur ausspricht. Wenn du es recht genau betrachtest: was ist denn das, was man oft als Eitelkeit verrufen mochte? Jeder Mensch soll Freude an sich selbst haben, und glucklich, wer sie hat. Hat er sie aber, wie kann er sich verwehren, dieses angenehme Gefuhl merken zu lassen? Wie soll er mitten im Dasein verbergen, dass er eine Freude am Dasein habe? Fande die gute Gesellschaft, denn von der ist doch hier allein die Rede, nur alsdann diese Ausserungen tadelhaft, wenn sie zu lebhaft werden, wenn des einen Menschen Freude an sich und seinem Wesen die andern hindert, Freude an dem ihrigen zu haben und sie zu zeigen, so ware nichts dabei zu erinnern, und von diesem Ubermass ist auch wohl der Tadel zuerst ausgegangen. Aber was soll eine wunderlich-verneinende Strenge gegen etwas Unvermeidliches? Warum will man nicht eine Ausserung lasslich und ertraglich finden, die man denn doch mehr oder weniger sich von Zeit zu Zeit selbst erlaubt? ja, ohne die eine gute Gesellschaft gar nicht existieren konnte: denn das Gefallen an sich selbst, das Verlangen, dieses Selbstgefuhl andern mitzuteilen, macht gefallig, das Gefuhl eigner Anmut macht anmutig. Wollte Gott, alle Menschen waren eitel, waren es aber mit Bewusstsein, mit Mass und im rechten Sinne: so wurden wir in der gebildeten Welt die glucklichsten Menschen sein. Die Weiber, sagt man, sind eitel von Hause aus; doch es kleidet sie, und sie gefallen uns um desto mehr. Wie kann ein junger Mann sich bilden, der nicht eitel ist? Eine leere, hohle Natur wird sich wenigstens einen aussern Schein zu geben wissen, und der tuchtige Mensch wird sich bald von aussen nach innen zu bilden. Was mich betrifft, so habe ich Ursache, mich auch deshalb fur den glucklichsten Menschen zu halten, weil mein Handwerk mich berechtigt, eitel zu sein, und weil ich, je mehr ich es bin, nur desto mehr Vergnugen den Menschen schaffe. Ich werde gelobt, wo man andere tadelt, und habe, gerade auf diesem Wege, das Recht und das Gluck, noch in einem Alter das Publikum zu ergotzen und zu entzucken, in welchem andere notgedrungen vom Schauplatz abtreten oder nur mit Schmach darauf verweilen."
Der Major horte nicht gerne den Schluss dieser Betrachtungen. Das Wortchen Eitelkeit, als er es vorbrachte, sollte nur zu einem Ubergang dienen, um dem Freunde auf eine geschickte Weise seinen Wunsch vorzutragen; nun furchtete er, bei einem fortgesetzten Gesprach das Ziel noch weiter verruckt zu sehen, und eilte daher unmittelbar zum Zweck.
"Fur mich", sagte er, "ware ich gar nicht abgeneigt, auch zu deiner Fahne zu schworen, da du es nicht fur zu spat haltst und glaubst, dass ich das Versaumte noch einigermassen nachholen konne. Teile mir etwas von deinen Tinkturen, Pomaden und Balsamen mit, und ich will einen Versuch machen."
"Mitteilungen", sagte der andere, "sind schwerer, als man denkt. Denn hier z.B. kommt es nicht allein darauf an, dass ich dir von meinen Flaschchen etwas abfulle und von den besten Ingredienzien meiner Toilette die Halfte zurucklasse; die Anwendung ist das Schwerste. Man kann das Uberlieferte sich nicht gleich zu eigen machen; wie dieses und jenes passe, unter was fur Umstanden, in welcher Folge die Dinge zu gebrauchen seien, dazu gehort Ubung und Nachdenken; ja selbst diese wollen kaum fruchten, wenn man nicht eben zu der Sache, wovon die Rede ist ein angebornes Talent hat."
"Du willst, wie es scheint", versetzte der Major, "nun wieder zurucktreten. Du machst mir Schwierigkeiten, um deine freilich etwas fabelhaften Behauptungen in Sicherheit zu bringen. Du hast nicht Lust, mir einen Anlass, eine Gelegenheit zu geben, deine Worte durch die Tat zu prufen."
"Durch diese Neckereien, mein Freund", versetzte der andere, "wurdest du mich nicht bewegen, deinem Verlangen zu willfahren, wenn ich nicht selbst so gute Gesinnungen gegen dich hatte, wie ich es ja zuerst dir angeboten habe. Dabei bedenke, mein Freund, der Mensch hat gar eine eigne Lust, Proselyten zu machen, dasjenige, was er an sich schatzt, auch ausser sich in andern zur Erscheinung zu bringen, sie geniessen zu lassen, was er selbst geniesst, und sich in ihnen wiederzufinden und darzustellen. Furwahr, wenn dies auch Egoismus ist, so ist er der liebenswurdigste und lobenswurdigste, derjenige, der uns zu Menschen gemacht hat und uns als Menschen erhalt. Aus ihm nehme ich denn auch, abgesehen von der Freundschaft, die ich zu dir hege, die Lust, einen Schuler in der Verjungungskunst aus dir zu machen. Weil man aber von dem Meister erwarten kann, dass er keine Pfuscher ziehen will, so bin ich verlegen, wie wir es anfangen. Ich sagte schon: weder Spezereien noch irgendeine Anweisung ist hinlanglich; die Anwendung kann nicht im Allgemeinen gelehrt werden. Dir zuliebe und aus Lust, meine Lehre fortzupflanzen, bin ich zu jeder Aufopferung bereit. Die grosste fur den Augenblick will ich dir sogleich anbieten. Ich lasse dir meinen Diener hier, eine Art von Kammerdiener und Tausendkunstler, der, wenn er gleich nicht alles zu bereiten weiss, nicht in alle Geheimnisse eingeweiht ist, doch die ganze Behandlung recht gut versteht und fur den Anfang dir von grossem Nutzen sein wird, bis du dich in die Sache so hineinarbeitest, dass ich dir die hoheren Geheimnisse endlich auch offenbaren kann."
"Wie!" rief der Major, "du hast auch Stufen und Grade deiner Verjungungskunst? Du hast noch Geheimnisse fur die Eingeweihten?" "Ganz gewiss!" versetzte jener. "Das musste gar eine schlechte Kunst sein, die sich auf einmal fassen liesse, deren Letztes von demjenigen gleich geschaut werden konnte, der zuerst hereintritt."
Man zauderte nicht lange, der Kammerdiener ward an den Major gewiesen, der ihn gut zu halten versprach. Die Baronin musste Schachtelchen, Buchschen und Glaser hergeben, sie wusste nicht wozu; die Teilung ging vor sich, man war bis in die Nacht munter und geistreich zusammen. Bei dem spateren Aufgang des Mondes fuhr der Gast hinweg und versprach, in einiger Zeit zuruckzukehren.
Der Major kam ziemlich mude auf sein Zimmer. Er war fruh aufgestanden, hatte sich den Tag nicht geschont und glaubte nunmehr das Bett bald zu erreichen. Allein er fand statt eines Dieners nunmehr zwei. Der alte Reitknecht zog ihn nach alter Art und Weise eilig aus; aber nun trat der neue hervor und liess merken, dass die eigentliche Zeit, Verjungungs- und Verschonerungsmittel anzubringen, die Nacht sei, damit in einem ruhigen Schlaf die Wirkung desto sicherer vor sich gehe. Der Major musste sich also gefallen lassen, dass sein Haupt gesalbt, sein Gesicht bestrichen, seine Augenbraunen bepinselt und seine Lippen betupft wurden. Ausserdem wurden noch verschiedene Zeremonien erfordert; sogar sollte die Nachtmutze nicht unmittelbar aufgesetzt, sondern vorher ein Netz, wo nicht gar eine feine lederne Mutze ubergezogen werden.
Der Major legte sich zu Bette mit einer Art von unangenehmer Empfindung, die er jedoch sich deutlich zu machen keine Zeit hatte, indem er gar bald einschlief. Sollen wir aber in seine Seele sprechen, so fuhlte er sich etwas mumienhaft, zwischen einem Kranken und einem Einbalsamierten. Allein das susse Bild Hilariens, umgeben von den heitersten Hoffnungen, zog ihn bald in einen erquickenden Schlaf.
Morgens zur rechten Zeit war der Reitknecht bei der Hand. Alles, was zum Anzuge des Herrn gehorte, lag in gewohnter Ordnung auf den Stuhlen, und eben war der Major im Begriff, aus dem Bette zu steigen, als der neue Kammerdiener hereintrat und lebhaft gegen eine solche Ubereilung protestierte. Man musse ruhen, man musse sich abwarten, wenn das Vorhaben gelingen, wenn man fur so manche Muhe und Sorgfalt Freude erleben solle. Der Herr vernahm sodann, dass er in einiger Zeit aufzustehen, ein kleines Fruhstuck zu geniessen und alsdann in ein Bad zu steigen habe, welches schon bereitet sei. Den Anordnungen war nicht auszuweichen, sie mussten befolgt werden, und einige Stunden gingen unter diesen Geschaften hin.
Der Major verkurzte die Ruhezeit nach dem Bade, dachte sich geschwind in die Kleider zu werfen; denn er war seiner Natur nach expedit und wunschte noch uberdies, Hilarien bald zu begegnen; aber auch hier trat ihm sein neuer Diener entgegen und machte ihm begreiflich, dass man sich durchaus abgewohnen musse, fertig werden zu wollen. Alles, was man tue, musse man langsam und behaglich vollbringen, besonders aber die Zeit des Anziehens habe man als angenehme Unterhaltungsstunde mit sich selbst anzusehen.
Die Behandlungsart des Kammerdieners traf mit seinen Reden vollig uberein. Dafur glaubte sich aber auch der Major wirklich besser angezogen denn jemals, als er vor den Spiegel trat und sich auf das schmuckeste herausgeputzt erblickte. Ohne viel zu fragen, hatte der Kammerdiener sogar die Uniform moderner zugestutzt, indem er die Nacht auf diese Verwandlung wendete. Eine so schnell erscheinende Verjungung gab dem Major einen besonders heitern Sinn, so dass er sich von innen und aussen erfrischt fuhlte und mit ungeduldigem Verlangen den Seinigen entgegeneilte.
Er fand seine Schwester vor dem Stammbaume stehen, den sie hatte aufhangen lassen, weil abends vorher zwischen ihnen von einigen Seitenverwandten die Rede gewesen, welche, teils unverheiratet, teils in fernen Landen wohnhaft, teils gar verschollen, mehr oder weniger den beiden Geschwistern oder ihren Kindern auf reiche Erbschaften Hoffnung machten. Sie unterhielten sich einige Zeit daruber, ohne des Punktes zu erwahnen, dass sich bisher alle Familiensorgen und Bemuhungen bloss auf ihre Kinder bezogen. Durch Hilariens Neigung hatte sich diese ganze Ansicht freilich verandert, und doch mochte weder der Major noch seine Schwester in diesem Augenblick der Sache weiter gedenken.
Die Baronin entfernte sich, der Major stand allein vor dem lakonischen Familiengemalde. Hilarie trat an ihn heran, lehnte sich kindlich an ihn, beschaute die Tafel und fragte: wen er alles von diesen gekannt habe? und wer wohl noch leben und ubrig sein mochte?
Der Major begann seine Schilderung von den Altesten, deren er sich aus seiner Kindheit nur noch dunkel erinnerte. Dann ging er weiter, zeichnete die Charaktere verschiedener Vater, die Ahnlichkeit oder Unahnlichkeit der Kinder mit denselben, bemerkte, dass oft der Grossvater im Enkel wieder hervortrete, sprach gelegentlich von dem Einfluss der Weiber, die, aus fremden Familien heruber heiratend, oft den Charakter ganzer Stamme verandern. Er ruhmte die Tugend manches Vorfahren und Seitenverwandten und verschwieg ihre Fehler nicht. Mit Stillschweigen uberging er diejenigen, deren man sich hatte zu schamen gehabt. Endlich kam er an die untersten Reihen. Da stand nun sein Bruder, der Obermarschall, er und seine Schwester und unten drunter sein Sohn und daneben Hilarie.
"Diese sehen einander gerade genug ins Gesicht", sagte der Major und fugte nicht hinzu, was er im Sinne hatte. Nach einer Pause versetzte Hilarie bescheiden, halblaut und fast mit einem Seufzer: "Und doch wird man denjenigen niemals tadeln, der in die Hohe blickt!" Zugleich sah sie mit ein paar Augen an ihm hinauf, aus denen ihre ganze Neigung hervorsprach. "Versteh' ich dich recht?" sagte der Major, indem er sich zu ihr wendete. "Ich kann nichts sagen", versetzte Hilarie lachelnd, "was Sie nicht schon wissen." "Du machst mich zum glucklichsten Menschen unter der Sonne!" rief er aus und fiel ihr zu Fussen. "Willst du mein sein?" "Um Gottes willen stehen Sie auf! Ich bin dein auf ewig."
Die Baronin trat herein. Ohne uberrascht zu sein, stutzte sie. "Ware es ein Ungluck", sagte der Major, "Schwester! so ist die Schuld dein; als Gluck wollen wir's dir ewig verdanken."
Die Baronin hatte ihren Bruder von Jugend auf dergestalt geliebt, dass sie ihn allen Mannern vorzog, und vielleicht war selbst die Neigung Hilariens aus dieser Vorliebe der Mutter, wo nicht entsprungen, doch gewiss genahrt worden. Alle drei vereinigten sich nunmehr in einer Liebe, einem Behagen, und so flossen fur sie die glucklichsten Stunden dahin. Nur wurden sie denn doch zuletzt auch wieder die Welt um sich her gewahr, und diese steht selten mit solchen Empfindungen im Einklang.
Nun dachte man auch wieder an den Sohn. Ihm hatte man Hilarien bestimmt, das ihm sehr wohl bekannt war. Gleich nach Beendigung des Geschafts mit dem Obermarschall sollte der Major seinen Sohn in der Garnison besuchen, alles mit ihm abreden und diese Angelegenheiten zu einem glucklichen Ende fuhren. Nun war aber durch ein unerwartetes Ereignis der ganze Zustand verruckt; die Verhaltnisse, die sonst sich freundlich ineinanderschmiegten, schienen sich nunmehr anzufeinden, und es war schwer vorauszusehen, was die Sache fur eine Wendung nehmen, was fur eine Stimmung die Gemuter ergreifen wurde.
Indessen musste sich der Major entschliessen, seinen Sohn aufzusuchen, dem er sich schon angemeldet hatte. Er machte sich nicht ohne Widerwillen, nicht ohne sonderbare Ahnung, nicht ohne Schmerz, Hilarien auch nur auf kurze Zeit zu verlassen, nach manchem Zaudern auf den Weg, liess Reitknecht und Pferde zuruck und fuhr mit seinem Verjungungsdiener, den er nun nicht mehr entbehren konnte, der Stadt, dem Aufenthalte seines Sohnes, entgegen.
Beide begrussten und umarmten sich nach so langer Trennung aufs herzlichste. Sie hatten einander viel zu sagen und sprachen doch nicht sogleich aus, was ihnen zunachst am Herzen lag. Der Sohn erging sich in Hoffnungen eines baldigen Avancements; wogegen ihm der Vater genaue Nachricht gab, was zwischen den altern Familiengliedern wegen des Vermogens uberhaupt, wegen der einzelnen Guter und sonst verhandelt und beschlossen worden.
Das Gesprach fing schon einigermassen an zu stokken, als der Sohn sich ein Herz fasste und zu dem Vater lachelnd sagte: "Sie behandeln mich sehr zart, lieber Vater, und ich danke Ihnen dafur. Sie erzahlen mir von Besitztumern und Vermogen und erwahnen der Bedingung nicht, unter der, wenigstens zum Teil, es mir eigen werden soll; Sie halten mit dem Namen Hilariens zuruck, Sie erwarten, dass ich ihn selbst ausspreche, dass ich mein Verlangen zu erkennen gebe, mit dem liebenswurdigen Kinde bald vereinigt zu sein."
Der Major befand sich bei diesen Worten des Sohnes in grosser Verlegenheit; da es aber teils seiner Natur, teils einer alten Gewohnheit gemass war, den Sinn des andern, mit dem er zu verhandeln hatte, zu erforschen, so schwieg er und blickte den Sohn mit einem zweideutigen Lacheln an. "Sie erraten nicht, mein Vater, was ich zu sagen habe", fuhr der Lieutenant fort, "und ich will es nur rasch ein fur allemal herausreden. Ich kann mich auf Ihre Gute verlassen, die, bei so vielfacher Sorge fur mich, gewiss auch an mein wahres Gluck gedacht hat. Einmal muss es gesagt sein, und so sei es gleich gesagt: Hilarie kann mich nicht glucklich machen! Ich gedenke Hilariens als einer liebenswurdigen Anverwandten, mit der ich zeitlebens in den freundschaftlichsten Verhaltnissen stehen mochte; aber eine andere hat meine Leidenschaft erregt, meine Neigung gefesselt. Unwiderstehlich ist dieser Hang; Sie werden mich nicht unglucklich machen."
Nur mit Muhe verbarg der Major die Heiterkeit, die sich uber sein Gesicht verbreiten wollte, und fragte den Sohn mit einem milden Ernst: wer denn die Person sei, welche sich seiner so ganzlich bemachtigen konnen. "Sie mussen dieses Wesen sehen, mein Vater: denn sie ist so unbeschreiblich als unbegreiflich. Ich furchte nur, Sie werden selbst von ihr hingerissen, wie jedermann, der sich ihr nahert. Bei Gott! ich erlebe es und sehe Sie als den Rival Ihres Sohnes."
"Wer ist sie denn?" fragte der Major. "Wenn du ihre Personlichkeit zu schildern nicht imstande bist, so erzahle mir wenigstens von ihren aussern Umstanden: denn diese sind doch wohl eher auszusprechen." "Wohl, mein Vater!" versetzte der Sohn; "und doch wurden auch diese ausseren Umstande bei einer andern anders sein, anders auf eine andere wirken. Sie ist eine junge Witwe, Erbin eines alten, reichen, vor kurzem verstorbenen Mannes, unabhangig und hochst wert, es zu sein, von vielen umgeben, von ebenso vielen geliebt, von ebenso vielen umworben, doch, wenn ich mich nicht sehr betriege, mir von Herzen angehorig."
Mit Behaglichkeit, weil der Vater schwieg und kein Zeichen der Missbilligung ausserte, fuhr der Sohn fort, das Betragen der schonen Witwe gegen ihn zu erzahlen, jene unwiderstehliche Anmut, jene zarten Gunstbezeigungen einzeln herzuruhmen, in denen der Vater freilich nur die leichte Gefalligkeit einer allgemein gesuchten Frau erkennen konnte, die unter vielen wohl irgendeinen vorzieht, ohne sich eben fur ihn ganz und gar zu entscheiden. Unter jeden andern Umstanden hatte er gewiss gesucht, einen Sohn, ja nur einen Freund auf den Selbstbetrug aufmerksam zu machen, der wahrscheinlich hier obwalten konnte; aber diesmal war ihm selbst so viel daran gelegen, wenn der Sohn sich nicht tauschen, wenn die Witwe ihn wirklich lieben und sich so schnell als moglich zu seinen Gunsten entscheiden mochte, dass er entweder kein Bedenken hatte oder einen solchen Zweifel bei sich ablehnte, vielleicht auch nur verschwieg.
"Du setzest mich in grosse Verlegenheit", begann der Vater nach einiger Pause. "Die ganze Ubereinkunft zwischen den ubriggebliebenen Gliedern unsers Geschlechts beruht auf der Voraussetzung, dass du dich mit Hilarien verbindest. Heiratet sie einen Fremden, so ist die ganze, schone, kunstliche Vereinigung eines ansehnlichen Vermogens wieder aufgehoben, und du besonders in deinem Teile nicht zum besten bedacht. Es gabe wohl noch ein Mittel, das aber ein wenig sonderbar klingt und wobei du auch nicht viel gewinnen wurdest: ich musste noch in meinen alten Tagen Hilarien heiraten, wodurch ich dir aber schwerlich ein grosses Vergnugen machen wurde."
"Das grosste von der Welt!" rief der Lieutenant aus; "denn wer kann eine wahre Neigung empfinden, wer kann das Gluck der Liebe geniessen oder hoffen, ohne dass er dieses hochste Gluck einem jeden Freund, einem jeden gonnte, der ihm wert ist! Sie sind nicht alt, mein Vater; wie liebenswurdig ist nicht Hilarie! und schon der voruberschwebende Gedanke, ihr die Hand zu bieten, zeugt von einem jugendlichen Herzen, von frischer Mutigkeit. Lassen Sie uns diesen Einfall, diesen Vorschlag aus dem Stegreife ja recht gut durchsinnen und ausdenken. Dann wurde ich erst recht glucklich sein, wenn ich Sie glucklich wusste; dann wurde ich mich erst recht freuen, dass Sie fur die Sorgfalt, mit der Sie mein Schicksal bedacht, an sich selbst so schon und hochlich belohnt wurden. Nun fuhre ich sie erst mutig, zutraulich und mit recht offnem Herzen zu meiner Schonen. Sie werden meine Empfindungen billigen, weil Sie selbst fuhlen; Sie werden dem Gluck eines Sohnes nichts in den Weg legen, weil Sie Ihrem eigenen Gluck entgegengehen."
Mit diesen und andern dringenden Worten liess der Sohn den Vater, der manche Bedenklichkeiten einstreuen wollte, nicht Raum gewinnen, sondern eilte mit ihm zur schonen Witwe, welche sie in einem grossen, wohleingerichteten Hause, umgeben von einer zwar nicht zahlreichen, aber ausgesuchten Gesellschaft, in heiterer Unterhaltung antrafen. Sie war eins von den weiblichen Wesen, denen kein Mann entgeht. Mit unglaublicher Gewandtheit wusste sie den Major zum Helden dieses Abends zu machen. Die ubrige Gesellschaft schien ihre Familie, der Major allein der Gast zu sein. Sie kannte seine Verhaltnisse recht gut, und doch wusste sie darnach zu fragen, als wenn sie alles erst von ihm recht erfahren wollte; und so musste auch jedes von der Gesellschaft schon irgendeinen Anteil an dem Neuangekommenen zeigen. Der eine musste seinen Bruder, der andere seine Guter und der Dritte sonst wieder etwas gekannt haben, so dass der Major bei einem lebhaften Gesprach sich immer als den Mittelpunkt fuhlte. Auch sass er zunachst bei der Schonen; ihre Augen waren auf ihn, ihr Lacheln an ihn gerichtet; genug, er fand sich so behaglich, dass er beinahe die Ursache vergass, warum er gekommen war. Auch erwahnte sie seines Sohnes kaum mit einem Worte, obgleich der junge Mann lebhaft mitsprach; er schien fur sie, wie die ubrigen alle, heute nur um des Vaters willen gegenwartig.
Frauenzimmerliche Handarbeiten, in Gesellschaft unternommen und scheinbar gleichgultig fortgesetzt, erhalten durch Klugheit und Anmut oft eine wichtige Bedeutung. Unbefangen und emsig fortgesetzt, geben solche Bemuhungen einer Schonen das Ansehen volliger Unaufmerksamkeit auf die Umgebung und erregen in derselben ein stilles Missgefuhl. Dann aber, gleichsam wie beim Erwachen, ein Wort, ein Blick versetzt die Abwesende wieder mitten in die Gesellschaft, sie erscheint als neu willkommen; legt sie aber gar die Arbeit in den Schoss nieder, zeigt sie Aufmerksamkeit auf eine Erzahlung, einen belehrenden Vortrag, in welchem sich die Manner so gern ergehen, dies wird demjenigen hochst schmeichelhaft, den sie dergestalt begunstigt.
Unsere schone Witwe arbeitete auf diese Weise an einer so prachtigen als geschmackvollen Brieftasche, die sich noch uberdies durch ein grosseres Format auszeichnete. Diese ward nun eben von der Gesellschaft besprochen, von dem nachsten Nachbar aufgenommen, unter grossen Lobpreisungen der Reihe nach herumgegeben, indessen die Kunstlerin sich mit dem Major von ernsten Gegenstanden besprach; ein alter Hausfreund ruhmte das beinahe fertige Werk mit Ubertreibung, doch als solches an den Major kam, schien sie es als seiner Aufmerksamkeit nicht wert von ihm ablehnen zu wollen, wogegen er auf eine verbindliche Weise die Verdienste der Arbeit anzuerkennen verstand, inzwischen der Hausfreund darin ein penelopeisch zauderhaftes Werk zu sehen glaubte.
Man ging in den Zimmern auf und ab und gesellte sich zufallig zusammen. Der Lieutenant trat zu der Schonen und fragte: "Was sagen Sie zu meinem Vater?" Lachelnd versetzte sie: "Mich deucht, dass Sie ihn wohl zum Muster nehmen konnten. Sehn Sie nur, wie nett er angezogen ist! Ob er sich nicht besser tragt und halt als sein lieber Sohn!" So fuhr sie fort, den Vater auf Unkosten des Sohnes zu beschreien und zu loben und eine sehr gemischte Empfindung von Zufriedenheit und Eifersucht in dem Herzen des jungen Mannes hervorzubringen.
Nicht lange, so gesellte sich der Sohn zum Vater und erzahlte ihm alles haarklein wieder. Der Vater betrug sich nur desto freundlicher gegen die Witwe, und sie setzte sich gegen ihn schon auf einen lebhafteren, vertraulichern Ton. Kurz, man kann sagen, dass, als es zum Scheiden ging, der Major so gut als die ubrigen alle ihr und ihrem Kreise schon angehorte.
Ein stark einfallender Regen hinderte die Gesellschaft, auf die Weise nach Hause zu kehren, wie sie gekommen war. Einige Equipagen fuhren vor, in welche man die Fussganger verteilte; nur der Lieutenant, unter dem Vorwande, man sitze ohnehin schon zu enge, liess den Vater fortfahren und blieb zuruck.
Der Major, als er in sein Zimmer trat, fuhlte sich wirklich in einer Art von Taumel, von Unsicherheit seiner selbst, wie es denen geht, die schnell aus einem Zustande in den entgegengesetzten ubertreten. Die Erde scheint sich fur den zu bewegen, der aus dem Schiffe steigt, und das Licht zittert noch im Auge dessen, der auf einmal ins Finstere tritt. So fuhlte sich der Major noch von der Gegenwart des schonen Wesens umgeben. Er wunschte, sie noch zu sehen, zu horen, sie wieder zu sehen, wieder zu horen; und nach einiger Besinnung verzieh er seinem Sohne, ja er pries ihn glucklich, dass er Anspruche machen durfe, soviel Vorzuge zu besitzen.
Aus diesen Empfindungen riss ihn der Sohn, der mit einer lebhaften Entzuckung zur Ture hereinsturzte, den Vater umarmte und ausrief: "Ich bin der glucklichste Mensch von der Welt!" Nach solchen und ahnlichen Ausrufen kam es endlich unter beiden zur Aufklarung. Der Vater bemerkte, dass die schone Frau im Gesprach gegen ihn des Sohnes auch nicht mit einer Silbe erwahnt habe. "Das ist eben ihre zarte, schweigende, halb schweigende, halb andeutende Manier, wodurch man seiner Wunsche gewiss wird und sich doch immer des Zweifels nicht ganz erwehren kann. So war sie bisher gegen mich; aber Ihre Gegenwart, mein Vater, hat Wunder getan. Ich gestehe es gern, dass ich zuruckblieb, um sie noch einen Augenblick zu sehen. Ich fand sie in ihren erleuchteten Zimmern auf und ab gehen; denn ich weiss wohl, es ist ihre Gewohnheit: wenn die Gesellschaft weg ist, darf kein Licht ausgeloscht werden. Sie geht allein in ihren Zaubersalen auf und ab, wenn die Geister entlassen sind, die sie hergebannt hat. Sie liess den Vorwand gelten, unter dessen Schutz ich zuruckkam. Sie sprach anmutig, doch von gleichgultigen Dingen. Wir gingen hin und wider durch die offenen Turen die ganze Reihe der Zimmer durch. Wir waren schon einigemale bis ans Ende gelangt, in das kleine Kabinett, das nur von einer truben Lampe erhellt ist. War sie schon, wenn sie sich unter den Kronleuchtern her bewegte, so war sie es noch unendlich mehr, beleuchtet von dem sanften Schein der Lampe. Wir waren wieder dahin gekommen und standen beim Umkehren einen Augenblick still. Ich weiss nicht, was mir die Verwegenheit abnotigte, ich weiss nicht, wie ich es wagen konnte, mitten im gleichgultigsten Gesprach auf einmal ihre Hand zu fassen, diese zarte Hand zu kussen, sie an mein Herz zu drucken. Man zog sie nicht weg. 'Himmlisches Wesen', rief ich, 'verbirg dich nicht langer vor mir. Wenn in diesem schonen Herzen eine Neigung wohnt fur den Glucklichen, der vor dir steht, so verhulle sie nicht langer, offenbare sie, gestehe sie! es ist die schonste, es ist die hochste Zeit. Verbanne mich oder nimm mich in deinen Armen auf!'
Ich weiss nicht, was ich alles sagte, ich weiss nicht, wie ich mich gebardete. Sie entfernte sich nicht, sie widerstrebte nicht, sie antwortete nicht. Ich wagte es, sie in meine Arme zu fassen, sie zu fragen, ob sie die Meinige sein wolle. Ich kusste sie mit Ungestum; sie drangte mich weg. 'Ja doch, ja!' oder so etwas sagte sie halblaut und wie verworren. Ich entfernte mich und rief: 'Ich sende meinen Vater, der soll fur mich reden!' 'Kein Wort mit ihm daruber!' versetzte sie, indem sie mir einige Schritte nachfolgte. 'Entfernen Sie sich, vergessen Sie, was geschehen ist.'"
Was der Major dachte, wollen wir nicht entwikkeln. Er sagte jedoch zum Sohne: "Was glaubst du nun, was zu tun sei? Die Sache ist, dacht' ich, aus dem Stegreife gut genug eingeleitet, dass wir nun etwas formlicher zu Werke gehen konnen, dass es vielleicht sehr schicklich ist, wenn ich mich morgen dort melde und fur dich anhalte." "Um Gottes willen, mein Vater!" rief er aus, "das hiesse die ganze Sache verderben. Jenes Betragen, jener Ton will durch keine Formlichkeit gestort und verstimmt sein. Es ist genug, mein Vater, dass Ihre Gegenwart diese Verbindung beschleunigt, ohne dass Sie ein Wort aussprechen. Ja, Sie sind es, dem ich mein Gluck schuldig bin! Die Achtung meiner Geliebten fur Sie hat jeden Zweifel besiegt, und niemals wurde der Sohn einen so glucklichen Augenblick gefunden haben, wenn ihn der Vater nicht vorbereitet hatte."
Solche und ahnliche Mitteilungen unterhielten sie bis tief in die Nacht. Sie vereinigten sich wechselseitig uber ihre Plane; der Major wollte bei der schonen Witwe nur noch der Form wegen einen Abschiedsbesuch machen und sodann seiner Verbindung mit Hilarien entgegengehen; der Sohn sollte die seinige befordern und beschleunigen, wie es moglich ware.
Viertes Kapitel
Der schonen Witwe machte unser Major einen Morgenbesuch, um Abschied zu nehmen und, wenn es moglich ware, die Absicht seines Sohnes mit Schicklichkeit zu fordern. Er fand sie in zierlichster Morgenkleidung in Gesellschaft einer altern Dame, die durch ein hochst gesittetes, freundliches Wesen ihn alsobald einnahm. Die Anmut der Jungern, der Anstand der Alteren setzten das Paar in das wunschenswerteste Gleichgewicht, auch schien ihr wechselseitiges Betragen durchaus dafur zu sprechen, dass sie einander angehorten.
Die Jungere schien eine fleissig gearbeitete, uns von gestern schon bekannte Brieftasche soeben vollendet zu haben; denn nach den gewohnlichen Empfangsbegrussungen und verbindlichen Worten eines willkommenen Erscheinens wendete sie sich zur Freundin und reichte das kunstliche Werk hin, gleichsam ein unterbrochenes Gesprach wieder anknupfend: "Sie sehen also, dass ich doch fertig geworden bin, wenn es gleich wegen manchen Zogerns und Saumens den Anschein nicht hatte."
"Sie kommen eben recht, Herr Major", sagte die Altere, "unsern Streit zu entscheiden oder wenigstens sich fur eine oder die andere Partei zu erklaren; ich behaupte, man fangt eine solche weitschichtige Arbeit nicht an, ohne einer Person zu gedenken, der man sie bestimmt hat, man vollendet sie nicht ohne einen solchen Gedanken. Beschauen Sie selbst das Kunstwerk, denn so nenn' ich es billig, ob dergleichen so ganz ohne Zweck unternommen werden konne."
Unser Major musste der Arbeit freilich allen Beifall zusprechen. Teils geflochten, teils gestickt, erregte sie zugleich mit der Bewunderung das Verlangen, zu erfahren, wie sie gemacht sei. Die bunte Seide waltete vor, doch war auch das Gold nicht verschmaht, genug, man wusste nicht, ob man Pracht oder Geschmack mehr bewundern sollte.
"Es ist doch noch einiges daran zu tun", versetzte die Schone, indem sie die Schleife des umgeschlungenen Bandes wieder aufzog und sich mit dem Innern beschaftigte. "Ich will nicht streiten", fuhr sie fort, "aber erzahlen will ich, wie mir bei solchem Geschaft zumute ist. Als junge Madchen werden wir gewohnt, mit den Fingern zu tifteln und mit den Gedanken umherzuschweifen; beides bleibt uns, indem wir nach und nach die schwersten und zierlichsten Arbeiten verfertigen lernen, und ich leugne nicht, dass ich an jede Arbeit dieser Art immer Gedanken angeknupft habe, an Personen, an Zustande, an Freud und Leid. Und so ward mir das Angefangene wert und das Vollendete, ich darf wohl sagen, kostbar. Als ein solches nun durft' ich das Geringste fur etwas halten, die leichteste Arbeit gewann einen Wert, und die schwierigste doch auch nur dadurch, dass die Erinnerung dabei reicher und vollstandiger war. Freunden und Liebenden, ehrwurdigen und hohen Personen glaubt' ich daher dergleichen immer anbieten zu konnen; sie erkannten es auch und wussten, dass ich ihnen etwas von meinem Eigensten uberreichte, das, vielfach und unaussprechlich, doch zuletzt zu einer angenehmen Gabe vereinigt, immer wie ein freundlicher Gruss wohlgefallig aufgenommen ward."
Auf ein so liebenswurdiges Bekenntnis war freilich kaum eine Erwiderung moglich; doch wusste die Freundin dagegen etwas in wohlklingende Worte zu fugen. Der Major aber, von jeher gewohnt, die anmutige Weisheit romischer Schriftsteller und Dichter zu schatzen und ihre leuchtenden Ausdrucke dem Gedachtnis einzupragen, erinnerte sich einiger hierher gar wohl passender Verse, hutete sich aber, um nicht als Pedant zu erscheinen, sie auszusprechen oder auch ihrer nur zu erwahnen; versuchte jedoch, um nicht stumm und geistlos zu erscheinen, aus dem Stegreif eine prosaische Paraphrase, die aber nicht recht gelingen wollte, wodurch das Gesprach beinahe ins Stokken geraten ware.
Die altere Dame griff deshalb nach einem bei dem Eintritt des Freundes niedergelegten Buche; es war eine Sammlung von Poesien, welche soeben die Aufmerksamkeit der Freundinnen beschaftigte; dies gab Gelegenheit, von Dichtkunst uberhaupt zu sprechen, doch blieb die Unterhaltung nicht lange im Allgemeinen, denn gar bald bekannten die Frauenzimmer zutraulich, dass sie von dem poetischen Talent des Majors unterrichtet seien. Ihnen hatte der Sohn, der selbst auf den Ehrentitel eines Dichters seine Absichten nicht verbarg, von den Gedichten seines Vaters vorgesprochen, auch einiges rezitiert; im Grunde, um sich mit einer poetischen Herkunft zu schmeicheln und, wie es die Jugend gewohnt ist, sich fur einen vorschreitenden, die Fahigkeiten des Vaters steigernden Jungling bescheidentlich geben zu konnen. Der Major aber, der sich zuruckzuziehen suchte, da er bloss als Literator und Liebhaber gelten wollte, suchte, da ihm kein Ausweg gelassen war, wenigstens auszuweichen, indem er die Dichtart, in der er sich allenfalls geubt habe, fur subaltern und fast fur unecht wollte angesehen wissen; er konnte nicht leugnen, dass er in demjenigen, was man beschreibend und in einem gewissen Sinne belehrend nennt, einige Versuche gemacht habe.
Die Damen, besonders die jungere, nahmen sich dieser Dichtart an; sie sagte: "Wenn man vernunftig und ruhig leben will, welches denn doch zuletzt eines jeden Menschen Wunsch und Absicht bleibt, was soll uns da das aufgeregte Wesen, das uns willkurlich anreizt, ohne etwas zu geben, das uns beunruhigt, um uns denn doch zuletzt uns wieder selbst zu uberlassen; unendlich viel angenehmer ist mir, da ich doch einmal der Dichtung nicht gern entbehren mag, jene, die mich in heitere Gegenden versetzt, wo ich mich wiederzuerkennen glaube, mir den Grundwert des Einfach-Landlichen zu Gemute fuhrt, mich durch buschige Haine zum Wald, unvermerkt auf eine Hohe zum Anblick eines Landsees hinfuhrt, da denn auch wohl gegenuber erst angebaute Hugel, sodann waldgekronte Hohen emporsteigen und die blauen Berge zum Schluss ein befriedigendes Gemalde bilden. Bringt man mir das in klaren Rhythmen und Reimen, so bin ich auf meinem Sofa dankbar, dass der Dichter ein Bild in meiner Imagination entwickelt hat, an dem ich mich ruhiger erfreuen kann, als wenn ich es, nach ermudender Wanderschaft, vielleicht unter andern, ungunstigen Umstanden vor Augen sehe."
Der Major, der das vorwaltende Gesprach eigentlich nur als Mittel ansah, seine Zwecke zu befordern, suchte sich wieder nach der lyrischen Dichtkunst hinzuwenden, worin sein Sohn wirklich Lobliches geleistet hatte. Man widersprach ihm nicht geradezu, aber man suchte ihn von dem Wege wegzuscherzen, den er eingeschlagen hatte, besonders da er auf leidenschaftliche Gedichte hinzudeuten schien, womit der Sohn der unvergleichlichen Dame die entschiedene Neigung seines Herzens nicht ohne Kraft und Geschick vorzutragen gesucht hatte. "Lieder der Liebenden", sagte die schone Frau, "mag ich weder vorgelesen noch vorgesungen; glucklich Liebende beneidet man, eh' man sich's versieht, und die Unglucklichen machen uns immer Langeweile."
Hierauf nahm die altere Dame, zu ihrer holden Freundin gewendet, das Wort auf und sagte: "Warum machen wir solche Umschweife, verlieren die Zeit in Umstandlichkeiten gegen einen Mann, den wir verehren und lieben? Sollen wir ihm nicht vertrauen, dass wir sein anmutiges Gedicht, worin er die wackere Leidenschaft zur Jagd in allen ihren Einzelheiten vortragt, schon teilweise zu kennen das Vergnugen haben, und nunmehr ihn bitten, auch das Ganze nicht vorzuenthalten? Ihr Sohn", fuhr sie fort, "hat uns einige Stellen mit Lebhaftigkeit aus dem Gedachtnis vorgetragen und uns neugierig gemacht, den Zusammenhang zu sehen." Als nun der Vater abermals auf die Talente des Sohns zuruckkehren und diese hervorheben wollte, liessen es die Damen nicht gelten, indem sie es fur eine offenbare Ausflucht ansprachen, um die Erfullung ihrer Wunsche indirekt abzulehnen. Er kam nicht los, bis er unbewunden versprochen hatte, das Gedicht zu senden, sodann aber nahm das Gesprach eine Wendung, die ihn hinderte, zugunsten des Sohnes weiter etwas vorzubringen, besonders da ihm dieser alle Zudringlichkeit abgeraten hatte.
Da es nun Zeit schien, sich zu beurlauben, und der Freund auch deshalb einige Bewegung machte, sprach die Schone mit einer Art von Verlegenheit, wodurch sie nur noch schoner ward, indem sie die frisch geknupfte Schleife der Brieftasche sorgfaltig zurechtzupfte: "Dichter und Liebhaber sind langst schon leider im Ruf, dass ihren Versprechen und Zusagen nicht viel zu trauen sei; verzeihen Sie daher, wenn ich das Wort eines Ehrenmannes in Zweifel zu ziehen wage und deshalb ein Pfand, einen Treupfennig nicht verlange, sondern gebe. Nehmen Sie diese Brieftasche, sie hat etwas Ahnliches von Ihrem Jagdgedicht, viel Erinnerungen sind daran geknupft, manche Zeit verging unter der Arbeit, endlich ist sie fertig; bedienen Sie sich derselben als eines Boten, uns Ihre liebliche Arbeit zu uberbringen."
Bei solch unerwartetem Anerbieten fuhlte sich der Major wirklich betroffen; die zierliche Pracht dieser Gabe hatte so gar kein Verhaltnis zu dem, was ihn gewohnlich umgab, zu dem ubrigen, dessen er sich bediente, dass er sie sich, obgleich dargereicht, kaum zueignen konnte; doch nahm er sich zusammen, und wie seinem Erinnern ein uberliefertes Gute niemals versagte, so trat eine klassische Stelle alsbald ihm ins Gedachtnis. Nur ware es pedantisch gewesen, sie anzufuhren, doch regte sie einen heitern Gedanken bei ihm auf, dass er aus dem Stegreife mit artiger Paraphrase einen freundlichen Dank und ein zierliches Kompliment entgegenzubringen im Falle war; und so schloss sich denn diese Szene auf eine befriedigende Weise fur die samtlichen Unterredenden.
Also fand er sich zuletzt nicht ohne Verlegenheit in ein angenehmes Verhaltnis verflochten; er hatte zu senden, zu schreiben zugesagt, sich verpflichtet, und wenn ihm die Veranlassung einigermassen unangenehm fiel, so musste er es doch fur ein Gluck schatzen, auf eine heitere Weise mit dem Frauenzimmer in Verhaltnis zu bleiben, das bei ihren grossen Vorzugen ihm so nah angehoren sollte. Er schied also nicht ohne eine gewisse innere Zufriedenheit; denn wie sollte der Dichter eine solche Aufmunterung nicht empfinden, dessen treufleissiger Arbeit, die so lange unbeachtet geruht, nun ganz unerwartet eine liebenswurdige Aufmerksamkeit zuteil wird.
Gleich nach seiner Ruckkehr ins Quartier setzte der Major sich nieder, zu schreiben, seiner guten Schwester alles zu berichten, und da war nichts naturlicher, als dass in seiner Darstellung eine gewisse Exaltation sich hervortat, wie er sie selbst empfand, die aber durch das Einreden seines von Zeit zu Zeit storenden Sohns noch mehr gesteigert wurde.
Auf die Baronin machte dieser Brief einen sehr gemischten Eindruck; denn wenn auch der Umstand, wodurch die Verbindung des Bruders mit Hilarien befordert und beschleunigt werden konnte, geeignet war, sie ganz zufriedenzustellen, so wollte ihr doch die schone Witwe nicht gefallen, ohne dass sie sich deswegen Rechenschaft zu geben gedacht hatte. Wir machen bei dieser Gelegenheit folgende Bemerkung.
Den Enthusiasmus fur irgendeine Frau muss man einer andern niemals anvertrauen; sie kennen sich untereinander zu gut, um sich einer solchen ausschliesslichen Verehrung wurdig zu halten. Die Manner kommen ihnen vor wie Kaufer im Laden, wo der Handelsmann mit seinen Waren, die er kennt, im Vorteil steht, auch sie in dem besten Lichte vorzuzeigen die Gelegenheit wahrnehmen kann; dahingegen der Kaufer immer mit einer Art Unschuld hereintritt, er bedarf der Ware, will und wunscht sie und versteht gar selten, sie mit Kenneraugen zu betrachten. Jener weiss recht gut, was er gibt, dieser nicht immer, was er empfangt. Aber es ist einmal im menschlichen Leben und Umgang nicht zu andern, ja so loblich als notwendig, denn alles Begehren und Freien, alles Kaufen und Tauschen beruht darauf. In Gefolge solches Empfindens mehr als Betrachtens konnte die Baronesse weder mit der Leidenschaft des Sohns noch mit der gunstigen Schilderung des Vaters vollig zufrieden sein; sie fand sich uberrascht von der glucklichen Wendung der Sache, doch liess eine Ahnung wegen doppelter Ungleichheit des Alters sich nicht abweisen. Hilarie ist ihr zu jung fur den Bruder, die Witwe fur den Sohn nicht jung genug; indessen hat die Sache ihren Gang genommen, der nicht aufzuhalten scheint. Ein frommer Wunsch, dass alles gut gehen moge, stieg mit einem leisen Seufzer empor. Um ihr Herz zu erleichtern, nahm sie die Feder und schrieb an jene menschenkennende Freundin, indem sie nach einem geschichtlichen Eingang also fortfuhr. "Die Art dieser jungen, verfuhrerischen Witwe ist mir nicht unbekannt; weiblichen Umgang scheint sie abzulehnen und nur eine Frau um sich zu leiden, die ihr keinen Eintrag tut, ihr schmeichelt und, wenn ihre stummen Vorzuge sich nicht klar genug dartaten, sie noch mit Worten und geschickter Behandlung der Aufmerksamkeit zu empfehlen weiss. Zuschauer, Teilnehmer an einer solchen Reprasentation mussen Manner sein, daher entsteht die Notwendigkeit, sie anzuziehen, sie festzuhalten. Ich denke nichts Ubles von der schonen Frau, sie scheint anstandig und behutsam genug, aber eine solche lusterne Eitelkeit opfert den Umstanden auch wohl etwas auf, und, was ich fur das Schlimmste halte: nicht alles ist reflektiert und vorsatzlich, ein gewisses gluckliches Naturell leitet und beschutzt sie, und nichts ist gefahrlicher an so einer gebornen Kokette als eine aus der Unschuld entspringende Verwegenheit." Der Major, nunmehr auf den Gutern angelangt, widmete Tag und Stunde der Besichtigung und Untersuchung. Er fand sich in dem Falle, zu bemerken, dass ein richtiger, wohlgefasster Hauptgedanke in der Ausfuhrung mannigfaltigen Hindernissen und dem Durchkreuzen so vieler Zufalligkeiten unterworfen ist, in dem Grade, dass der erste Begriff beinahe verschwindet und fur Augenblicke ganz und gar unterzugehen scheint, bis mitten in allen Verwirrungen dem Geiste die Moglichkeit eines Gelingens sich wieder darstellt, wenn wir die Zeit als den besten Alliierten einer unbesiegbaren Ausdauer uns die Hand bieten sehen.
Und so ware denn auch hier der traurige Anblick schoner, ansehnlicher, vernachlassigter, missbrauchter Besitzungen zu einem trostlosen Zustande geworden, hatte man nicht durch das verstandige Bemerken einsichtiger Okonomen zugleich vorausgesehen, dass eine Reihe von Jahren, mit Verstand und Redlichkeit benutzt, hinreichend sein werde, das Abgestorbene zu beleben und das Stockende in Umtrieb zu versetzen, um zuletzt durch Ordnung und Tatigkeit seinen Zweck zu erreichen.
Der behagliche Obermarschall war angelangt, und zwar mit einem ernsten Advokaten, doch gab dieser dem Major weniger Besorgnisse als jener, der zu den Menschen gehorte, die keine Zwecke haben oder, wenn sie einen vor sich sehen, die Mittel dazu ablehnen. Ein taglich- und stundliches Behagen war ihm das unerlassliche Bedurfnis seines Lebens. Nach langem Zaudern ward es ihm endlich Ernst, seine Glaubiger loszuwerden, die Guterlast abzuschutteln, die Unordnung seines Hauswesens in Regel zu setzen, eines anstandigen, gesicherten Einkommens ohne Sorge zu geniessen, dagegen aber auch nicht das geringste von den bisherigen Brauchlichkeiten fahren zu lassen.
Im ganzen gestand er alles ein, was die Geschwister in den ungetrubten Besitz der Guter, besonders auch des Hauptgutes, setzen sollte, aber auf einen gewissen benachbarten Pavillon, in welchem er alle Jahr auf seinen Geburtstag die altesten Freunde und die neusten Bekannten einlud, ferner auf den daran gelegenen Ziergarten, der solchen mit dem Hauptgebaude verband, wollte er die Anspruche nicht vollig aufgeben. Die Meublen alle sollten in dem Lusthause bleiben, die Kupferstiche an den Wanden sowie auch die Fruchte der Spaliere ihm versichert werden. Pfirsiche und Erdbeeren von den ausgesuchtesten Sorten, Birnen und Apfel, gross und schmackhaft, besonders aber eine gewisse Sorte grauer, kleiner Apfel, die er seit vielen Jahren der Furstin Witwe zu verehren gewohnt war, sollten ihm treulich geliefert sein. Hieran schlossen sich noch andere Bedingungen, wenig bedeutend, aber dem Hausherrn, Pachtern, Verwaltern, Gartnern ungemein beschwerlich.
Der Obermarschall war ubrigens von dem besten Humor; denn da er den Gedanken nicht fahren liess, dass alles nach seinen Wunschen, wie es ihm sein leichtes Temperament vorgespiegelt hatte, sich endlich einrichten wurde, so sorgte er fur eine gute Tafel, machte sich einige Stunden auf einer muhelosen Jagd die notige Bewegung, erzahlte Geschichten auf Geschichten und zeigte durchaus das heiterste Gesicht; auch schied er auf gleiche Weise, dankte dem Major zum schonsten, dass er so bruderlich verfahren, verlangte noch etwas Geld, liess die kleinen vorratigen grauen Goldapfel, welche dieses Jahr besonders wohl geraten waren, sorgfaltig einpacken und fuhr mit diesem Schatz, den er als eine willkommene Verehrung der Furstin zu uberreichen gedachte, nach ihrem Witwensitz, wo er denn auch gnadig und freundlich empfangen ward.
Der Major an seiner Seite blieb mit ganz entgegengesetzten Gefuhlen zuruck und ware an den Verschrankungen, die er vor sich fand, fast verzweifelt, ware ihm nicht das Gefuhl zu Hulfe gekommen, das einen tatigen Mann freudig aufrichtet, wenn er das Verworrene zu losen, als entworren vor sich zu sehen hoffen darf.
Glucklicherweise war der Advokat ein rechtlicher Mann, der, weil er sonst viel zu tun hatte, diese Angelegenheit bald beendigte. Ebenso glucklich schlug sich ein Kammerdiener des Obermarschalls hinzu, der gegen massige Bedingungen in dem Geschaft mitzuwirken versprach, wodurch man einem gedeihlichen Abschluss entgegensehen durfte. So angenehm aber auch dieses war, so fuhlte doch der Major als ein rechtlicher Mann im Hin- und Widerwirken bei dieser Angelegenheit, es bedurfe gar manches Unreinen, um ins Reine zu kommen.
Bei einer Pause des Geschafts, die ihm einige Freiheit liess, eilte er auf sein Gut, wo er, des Versprechens eingedenk, das er an die schone Witwe getan und das ihm nicht aus dem Sinne gekommen war, seine Gedichte vorsuchte, die in guter Ordnung verwahrt lagen; zu gleicher Zeit kamen ihm manche Gedenk- und Erinnerungsbucher, Auszuge beim Lesen alter und neuer Schriftsteller enthaltend, wieder zur Hand. Bei seiner Vorliebe fur Horaz und die romischen Dichter war das meiste daher, und es fiel ihm auf, dass die Stellen grosstenteils Bedauern vergangner Zeit, vorubergeschwundner Zustande und Empfindungen andeuteten. Statt vieler rucken wir die einzige Stelle hier ein:
"Heu!
Quae mens est hodie, cur eadem non puero fuit?
Vel cur his animis incolumes non redeunt genae!"
"Wie ist heut mir doch zumute?
So vergnuglich und so klar!
Da bei frischem Knabenblute
Mir so wild, so duster war.
Doch wenn mich die Jahre zwacken,
Wie auch wohlgemut ich sei,
Denk' ich jene roten Backen,
Und ich wunsche sie herbei."
Nachdem unser Freund nun aus wohlgeordneten Papieren das Jagdgedicht gar bald herausgefunden, erfreute er sich an der sorgfaltigen Reinschrift, wie er sie vor Jahren mit lateinischen Lettern, gross Oktav, zierlichst verfasst hatte. Die kostliche Brieftasche von bedeutender Grosse nahm das Werk ganz bequem auf, und nicht leicht hat ein Autor sich so prachtig eingebunden gesehen. Einige Zeilen dazu waren hochst notwendig; Prosaisches aber kaum zulassig. Jene Stelle des Ovid fiel ihm wieder ein, und er glaubte jetzt durch eine poetische Umschreibung, so wie damals durch eine prosaische, sich am besten aus der Sache zu ziehen. Sie hiess:
"Nec factas solum vestes spectare juvabat,
Tum quoque dum fierent; tantus decor adfuit arti."
Zu Deutsch:
"Ich sah's in meisterlichen Handen
Wie denk' ich gern der schonen Zeit!
Sich erst entwickeln, dann vollenden
Zu nie gesehner Herrlichkeit.
Zwar ich besitz' es gegenwartig,
Doch soll ich mir nur selbst gestehn:
Ich wollt', es ware noch nicht fertig,
Das Machen war doch gar zu schon!"
Mit diesem Ubertragenen war unser Freund nur wenige Zeit zufrieden; er tadelte, dass er das schone flektierte Verbum: dum fierent, in ein traurig abstraktes Substantivum verandert habe, und es verdross ihn, bei allem Nachdenken die Stelle doch nicht verbessern zu konnen. Nun ward auf einmal seine Vorliebe zu den alten Sprachen wieder lebendig, und der Glanz des Deutschen Parnasses, auf den er doch auch im stillen hinaufstrebte, schien ihm sich zu verdunkeln.
Endlich aber, da er dieses heitere Kompliment, mit dem Urtexte unverglichen, noch ganz artig fand und glauben durfte, dass ein Frauenzimmer es ganz wohl aufnehmen wurde, so entstand eine zweite Bedenklichkeit: dass, da man in Versen nicht galant sein kann, ohne verliebt zu scheinen, er dabei als kunftiger Schwiegervater eine wunderliche Rolle spiele. Das Schlimmste jedoch fiel ihm zuletzt ein: jene Ovidischen Verse werden von Arachnen gesagt, einer ebenso geschickten als hubschen und zierlichen Weberin. Wurde nun aber diese durch die neidische Minerva in eine Spinne verwandelt, so war es gefahrlich, eine schone Frau, mit einer Spinne, wenn auch nur von ferne, verglichen, im Mittelpunkte eines ausgebreiteten Netzes schweben zu sehen. Konnte man sich doch unter der geistreichen Gesellschaft, welche unsre Dame umgab, einen Gelehrten denken, welcher diese Nachbildung ausgewittert hatte. Wie sich nun der Freund aus einer solchen Verlegenheit gezogen, ist uns selbst unbekannt geblieben, und wir mussen diesen Fall unter diejenigen rechnen, uber welche die Musen auch wohl einen Schleier zu werfen sich die Schalkheit erlauben. Genug, das Jagdgedicht selbst ward abgesendet, von welchem wir jedoch einige Worte nachzubringen haben.
Der Leser desselben belustigt sich an der entschiedenen Jagdliebhaberei und allem, was sie begunstigen mag; erfreulich ist der Jahreszeitenwechsel, der sie mannigfaltig aufruft und anregt. Die Eigenheiten samtlicher Geschopfe, denen man nachstellt, die man zu erlegen gesinnt ist, die verschiedenen Charaktere der Jager, die sich dieser Lust, dieser Muhe hingeben, die Zufalligkeiten, wie sie befordern oder schadigen: alles war, besonders was auf das Geflugel Bezug hatte, mit der besten Laune dargestellt und mit grosser Eigentumlichkeit behandelt.
Von der Auerhahnbalz bis zum zweiten Schnepfenstrich und von da bis zur Rabenhutte war nichts versaumt, alles wohl gesehen, klar aufgenommen, leidenschaftlich verfolgt, leicht und scherzhaft, oft ironisch dargestellt.
Jenes elegische Thema klang jedoch durch das Ganze durch; es war mehr als ein Abschied von diesen Lebensfreuden verfasst, wodurch es zwar einen gefuhlvollen Anstrich des heiter Durchlebten gewann und sehr wohltatig wirkte, aber doch zuletzt, wie jene Sinnspruche, nach dem Genuss ein gewisses Leere empfinden liess. War es das Umblattern dieser Papiere oder sonst ein augenblickliches Missbefinden, der Major fuhlte sich nicht heiter gestimmt. Dass die Jahre, die zuerst eine schone Gabe nach der andern bringen, sie alsdann nach und nach wieder entziehen, schien er auf dem Scheidepunkt, wo er sich befand, auf einmal lebhaft zu fuhlen. Eine versaumte Badereise, ein ohne Genuss verstrichener Sommer, Mangel an stetiger gewohnter Bewegung, alles liess ihn gewisse korperliche Unbequemlichkeiten empfinden, die er fur wirkliche Ubel nahm und sich ungeduldiger dabei bewies, als billig sein mochte.
Wie aber den Frauen der Augenblick, wo ihre bisher unbestrittene Schonheit zweifelhaft werden will, hochst peinlich ist, so wird den Mannern in gewissen Jahren, obgleich noch im volligen Vigor, das leiseste Gefuhl einer unzulanglichen Kraft ausserst unangenehm, ja gewissermassen angstlich.
Ein anderer eintretender Umstand jedoch, der ihn hatte beunruhigen sollen, verhalf ihm zu der besten Laune. Sein kosmetischer Kammerdiener, der ihn auch bei dieser Landpartie nicht verlassen hatte, schien einige Zeit her einen andern Weg einzuschlagen, wozu ihn fruhes Aufstehn des Majors, tagliches Ausreiten und Umhergehen desselben sowie der Zutritt mancher Beschaftigten, auch bei der Gegenwart des Obermarschalls mehrerer Geschaftslosen zu notigen schien. Mit allen Kleinigkeiten, die nur die Sorgfalt eines Mimen zu beschaftigen das Recht hatten, liess er den Major schon einige Zeit verschont, aber desto strenger hielt er auf einige Hauptpunkte, welche bisher durch ein geringeres Hokuspokus waren verschleiert gewesen. Alles, was nicht nur den Schein der Gesundheit bezwecken, sondern was die Gesundheit selbst aufrechterhalten sollte, ward eingescharft, besonders aber Mass in allem und Abwechselung nach den Vorkommenheiten, Sorgfalt sodann fur Haut und Haare, fur Augenbraunen und Zahne, fur Hande und Nagel, fur deren zierlichste Form und schicklichste Lange der Wissende schon langer gesorgt hatte. Dabei wurde Massigung aber- und abermals in allem, was den Menschen aus seinem Gleichgewicht zu bringen pflegt, dringend anempfohlen, worauf denn dieser Schonheits-Erhaltungs-Lehrer sich seinen Abschied erbat, weil er seinem Herrn nichts mehr nutze sei. Indes konnte man denken, dass er sich doch wohl wieder zu seinem vorigen Patron zuruckwunschen mochte, um den mannigfaltigen Vergnugungen eines theatralischen Lebens fernerhin sich ergeben zu konnen.
Und wirklich tat es dem Major sehr wohl, wieder sich selbst gegeben zu sein. Der verstandige Mann braucht sich nur zu massigen, so ist er auch glucklich. Er mochte sich der herkommlichen Bewegung des Reitens, der Jagd und was sich daran knupft, wieder mit Freiheit bedienen, die Gestalt Hilariens trat in solchen einsamen Momenten wieder freudig hervor, und er fugte sich in den Zustand des Brautigams, vielleicht den anmutigsten, der uns in dem gesitteten Kreise des Lebens gegonnt ist.
Schon einige Monate waren die samtlichen Familienglieder ohne besondere Nachricht voneinander geblieben; der Major beschaftigte sich, in der Residenz gewisse Einwilligungen und Bestatigungen seines Geschafts abschliesslich zu negoziieren; die Baronin und Hilarie richteten ihre Tatigkeit auf die heiterste, reichlichste Ausstattung; der Sohn, seiner Schonen mit Leidenschaft dienstpflichtig, schien hieruber alles zu vergessen. Der Winter war angekommen und umgab alle landlichen Wohnungen mit unerfreulichen Sturmregen und fruhzeitigen Finsternissen.
Wer heute durch eine dustre Novembernacht sich in der Gegend des adeligen Schlosses verirrt hatte und bei dem schwachen Lichte eines bedeckten Mondes Acker, Wiesen, Baumgruppen, Hugel und Gebusche duster vor sich liegen sahe, auf einmal aber bei einer schnellen Wendung um eine Ecke die ganz erleuchtete Fensterreihe eines langen Gebaudes vor sich erblickte, er hatte gewiss geglaubt, eine festlich geschmuckte Gesellschaft dort anzutreffen. Wie sehr verwundert musste er aber sein, von wenigen Bedienten erleuchtete Treppen hinaufgefuhrt, nur drei Frauenzimmer, die Baronin, Hilarien und das Kammermadchen, in hellen Zimmern zwischen klaren Wanden, neben freundlichem Hausrat, durchaus erwarmt und behaglich, zu erblicken.
Da wir nun aber die Baronin in einem festlichen Zustande zu uberraschen glauben, so ist es notwendig, zu bemerken, dass diese glanzende Erleuchtung hier nicht als ausserordentlich anzusehen sei, sondern zu den Eigenheiten gehore, welche die Dame aus ihrem fruhern Leben mit herubergebracht hatte. Als Tochter einer Oberhofmeisterin bei Hof erzogen, war sie gewohnt, den Winter allen ubrigen Jahrszeiten vorzuziehen und den Aufwand einer stattlichen Erleuchtung zum Element aller ihrer Genusse zu machen. Zwar an Wachskerzen fehlte es niemals, aber einer ihrer altesten Diener hatte so grosse Lust an Kunstlichkeiten, dass nicht leicht eine neue Lampenart entdeckt wurde, die er im Schlosse hie und da einzufuhren nicht ware bemuht gewesen, wodurch denn zwar die Erhellung mitunter lebhaft gewann, aber auch wohl gelegentlich hie und da eine partielle Finsternis eintrat.
Die Baronin hatte den Zustand einer Hofdame durch Verbindung mit einem bedeutenden Gutsbesitzer und entschiedenen Landwirt aus Neigung und wohlbedachtig vertauscht, und ihr einsichtiger Gemahl hatte, da ihr das Landliche anfangs nicht zusagte, mit Einstimmung seiner Nachbarn, ja nach den Anordnungen der Regierung, die Wege mehrere Meilen ringsumher so gut hergestellt, dass die nachbarlichen Verbindungen nirgends in so gutem Stande gefunden wurden; doch war eigentlich bei dieser loblichen Anstalt die Hauptabsicht, dass die Dame, besonders zur guten Jahrszeit, uberall hinrollen konnte; dagegen aber im Winter gern hauslich bei ihm verweilte, indem er durch Erleuchtung die Nacht dem Tag gleich zu machen wusste. Nach dem Tode des Gemahls gab die leidenschaftliche Sorge fur ihre Tochter genugsame Beschaftigung, der oftere Besuch des Bruders herzliche Unterhaltung und die gewohnte Klarheit der Umgebung ein Behagen, das einer wahren Befriedigung gleichsah.
Den heutigen Tag war jedoch diese Erleuchtung recht am Platze; denn wir sehen in einem der Zimmer eine Art von Christbescherung aufgestellt, in die Augen fallend und glanzend. Das kluge Kammermadchen hatte den Kammerdiener dahin vermocht, die Erleuchtung zu steigern, und dabei alles zusammengelegt und ausgebreitet, was zur Ausstattung Hilariens bisher vorgearbeitet worden, eigentlich in der listigen Absicht, mehr das Fehlende zur Sprache zu bringen als dasjenige zu erheben, was schon geleistet war. Alles Notwendige fand sich, und zwar aus den feinsten Stoffen und von der zierlichsten Arbeit; auch an Willkurlichem war kein Mangel, und doch wusste Ananette uberall da noch eine Lucke anschaulich zu machen, wo man ebensogut den schonsten Zusammenhang hatte finden konnen. Wenn nun alles Weisszeug, stattlich ausgekramt, die Augen blendete, Leinwand, Musselin und alle die zarteren Stoffe der Art, wie sie auch Namen haben mogen, genugsames Licht umherwarfen, so fehlte doch alles bunte Seidene, mit dessen Ankauf man weislich zogerte, weil man bei sehr veranderlicher Mode das Allerneueste als Gipfel und Abschluss hinzufugen wollte.
Nach diesem heitersten Anschauen schritten sie wieder zu ihrer gewohnlichen, obgleich mannigfaltigen Abendunterhaltung. Die Baronin, die recht gut erkannte, was ein junges Frauenzimmer, wohin das Schicksal sie auch fuhren mochte, bei einem glucklichen Aussern auch von innen heraus anmutig und ihre Gegenwart wunschenswert macht, hatte in diesem landlichen Zustande so viele abwechselnde und bildende Unterhaltungen einzuleiten gewusst, dass Hilarie bei ihrer grossen Jugend schon uberall zu Hause schien, bei keinem Gesprach sich fremd erwies und doch dabei ihren Jahren vollig gemass sich erzeigte. Wie dies geleistet werden konnte, zu entwickeln, wurde zu weitlaufig sein; genug, dieser Abend war auch ein Musterbild des bisherigen Lebens. Ein geistreiches Lesen, ein anmutiges Pianospiel, ein lieblicher Gesang zog sich durch die Stunden durch, zwar wie sonst gefallig und regelmassig, aber doch mit mehr Bedeutung; man hatte einen Dritten im Sinne, einen geliebten, verehrten Mann, dem man dieses und so manches andere zum freundlichsten Empfang vorubte. Es war ein brautliches Gefuhl, das nicht nur Hilarien mit den sussesten Empfindungen belebte; die Mutter mit feinem Sinne nahm ihren reinen Teil daran, und selbst Ananette, sonst nur klug und tatig, musste sich gewissen entfernten Hoffnungen hingeben, die ihr einen abwesenden Freund als zuruckkehrend, als gegenwartig vorspiegelten. Auf diese Weise hatten sich die Empfindungen aller drei in ihrer Art liebenswurdigen Frauen mit der sie umgebenden Klarheit, mit einer wohltatigen Warme, mit dem behaglichsten Zustande ins gleiche gestellt.
Funftes Kapitel
Heftiges Pochen und Rufen an dem aussersten Tor, Wortwechsel drohender und fordernder Stimmen, Licht- und Fackelschein im Hofe unterbrachen den zarten Gesang. Aber gedampft war der Larm, ehe man dessen Ursache erfahren hatte; doch ruhig ward es nicht, auf der Treppe Gerausch und lebhaftes Hinund Hersprechen heraufkommender Manner. Die Ture sprang auf ohne Meldung, die Frauen entsetzten sich. Flavio sturzte herein in schauderhafter Gestalt, verworrenen Hauptes, auf dem die Haare teils borstig starrten, teils vom Regen durchnasst niederhingen; zerfetzten Kleides, wie eines, der durch Dorn und Dikkicht durchgesturmt, greulich beschmutzt, als durch Schlamm und Sumpf herangewadet.
"Mein Vater!" rief er aus, "wo ist mein Vater?" Die Frauen standen besturzt; der alte Jager, sein fruhster Diener und liebevollster Pfleger, mit ihm eintretend, rief ihm zu: "Der Vater ist nicht hier, besanftigen Sie sich; hier ist Tante, hier ist Nichte, sehen Sie hin!" "Nicht hier, nun so lasst mich weg, ihn zu suchen; er allein soll's horen, dann will ich sterben. Lasst mich von den Lichtern weg, von dem Tag, er blendet mich, er vernichtet mich."
Der Hausarzt trat ein, ergriff seine Hand, vorsichtig den Puls fuhlend, mehrere Bediente standen angstlich umher. "Was soll ich auf diesen Teppichen, ich verderbe sie, ich zerstore sie; mein Ungluck trauft auf sie herunter, mein verworfenes Geschick besudelt sie." Er drangte sich gegen die Ture, man benutzte das Bestreben, um ihn wegzufuhren und in das entfernte Gastzimmer zu bringen, das der Vater zu bewohnen pflegte. Mutter und Tochter standen erstarrt, sie hatten Orest gesehen, von Furien verfolgt, nicht durch Kunst veredelt, in greulicher, widerwartiger Wirklichkeit, die im Kontrast mit einer behaglichen Glanzwohnung im klarsten Kerzenschimmer nur desto furchterlicher schien. Erstarrt sahen die Frauen sich an, und jede glaubte in den Augen der andern das Schreckbild zu sehen, das sich so tief in die ihrigen eingepragt hatte.
Mit halber Besonnenheit sendete darauf die Baronin Bedienten auf Bedienten, sich zu erkundigen. Sie erfuhren zu einiger Beruhigung, dass man ihn auskleide, trockne, besorge; halb gegenwartig, halb unbewusst lasse er alles geschehen. Wiederholtes Anfragen wurde zur Geduld verwiesen.
Endlich vernahmen die beangstigten Frauen, man habe ihm zur Ader gelassen und sonst alles Besanftigende moglichst angewendet; er sei zur Ruhe gebracht, man hoffe Schlaf.
Mitternacht kam heran, die Baronin verlangte, wenn er schlafe, ihn zu sehen; der Arzt widerstand, der Arzt gab nach; Hilarie drangte sich mit der Mutter herein. Das Zimmer war dunkel, nur eine Kerze dammerte hinter dem grunen Schirm, man sah wenig, man horte nichts; die Mutter naherte sich dem Bette, Hilarie, sehnsuchtsvoll, ergriff das Licht und beleuchtete den Schlafenden. So lag er abgewendet, aber ein hochst zierliches Ohr, eine volle Wange, jetzt blasslich, schienen unter den schon wieder sich krausenden Locken auf das anmutigste hervor, eine ruhende Hand und ihre langlichen, zartkraftigen Finger zogen den unsteten Blick an. Hilarie, leise atmend, glaubte selbst einen leisen Atem zu vernehmen, sie naherte die Kerze, wie Psyche in Gefahr, die heilsamste Ruhe zu storen. Der Arzt nahm die Kerze weg und leuchtete den Frauen nach ihren Zimmern.
Wie diese guten, alles Anteils wurdigen Personen ihre nachtlichen Stunden zugebracht, ist uns ein Geheimnis geblieben; den andern Morgen aber von fruh an zeigten sich beide hochst ungeduldig. Des Anfragens war kein Ende, der Wunsch, den Leidenden zu sehen, bescheiden, doch dringend; nur gegen Mittag erlaubte der Arzt einen kurzen Besuch.
Die Baronin trat hinzu, Flavio reichte die Hand hin "Verzeihung, liebste Tante, einige Geduld, vielleicht nicht lange" Hilarie trat hervor, auch ihr gab er die Rechte "Gegrusst, liebe Schwester" das fuhr ihr durchs Herz, er liess nicht los, sie sahen einander an, das herrlichste Paar, kontrastierend im schonsten Sinne. Des Junglings schwarze, funkelnde Augen stimmten zu den dustern, verwirrten Locken; dagegen stand sie scheinbar himmlisch in Ruhe, doch zu dem erschutternden Begebnis gesellte sich nun die ahnungsvolle Gegenwart. Die Benennung "Schwester" ihr Allerinnerstes war aufgeregt. Die Baronin sprach: "Wie geht es, lieber Neffe?" "Ganz leidlich, aber man behandelt mich ubel." "Wieso?" "Da haben sie mir Blut gelassen, das ist grausam; sie haben es weggeschafft, das ist frech; es gehort ja nicht mein, es gehort alles, alles ihre." Mit diesen Worten schien sich seine Gestalt zu verwandeln, doch mit heissen Tranen verbarg er sein Antlitz ins Kissen.
Hilariens Miene zeigte der Mutter einen furchtbaren Ausdruck, es war, als wenn das liebe Kind die Pforten der Holle vor sich eroffnet sahe, zum erstenmal ein Ungeheures erblickte und fur ewig. Rasch, leidenschaftlich eilte sie durch den Saal, warf sich im letzten Kabinett auf den Sofa, die Mutter folgte und fragte, was sie leider schon begriff. Hilarie, wundersam aufblickend, rief: "Das Blut, das Blut, es gehort alles ihre, alles ihre, und sie ist es nicht wert. Der Ungluckselige! der Arme!" Mit diesen Worten erleichterte der bitterste Tranenstrom das bedrangte Herz. Wer unternahme es wohl, die aus dem Vorhergehenden sich entwickelnden Zustande zu enthullen, an den Tag zu bringen das innere, aus dieser ersten Zusammenkunft den Frauen erwachsende Unheil? Auch dem Leidenden war sie hochst schadlich, so behauptete wenigstens der Arzt, der zwar oft genug zu berichten und zu trosten kam, aber sich doch verpflichtet fuhlte, alles weitere Annahern zu verbieten. Dabei fand er auch eine willige Nachgiebigkeit, die Tochter wagte nicht zu verlangen, was die Mutter nicht zugegeben hatte, und so gehorchte man dem Gebot des verstandigen Mannes. Dagegen brachte er aber die beruhigende Nachricht, Flavio habe Schreibzeug verlangt, auch einiges aufgezeichnet, es aber sogleich neben sich im Bette versteckt. Nun gesellte sich Neugierde zu der ubrigen Unruhe und Ungeduld, es waren peinliche Stunden. Nach einiger Zeit brachte er jedoch ein Blattchen von schoner, freier Hand, obgleich mit Hast geschrieben, es enthielt folgende Zeilen:
"Ein Wunder ist der arme Mensch geboren,
In Wundern ist der irre Mensch verloren,
Nach welcher dunklen, schwer entdeckten Schwelle
Durchtappen pfadlos ungewisse Schritte?
Dann in lebendigem Himmelsglanz und Mitte
Gewahr', empfind' ich Nacht und Tod und Holle."
Hier nun konnte die edle Dichtkunst abermals ihre heilenden Krafte erweisen. Innig verschmolzen mit Musik, heilt sie alle Seelenleiden aus dem Grunde, indem sie solche gewaltig anregt, hervorruft und in auflosenden Schmerzen verfluchtigt. Der Arzt hatte sich uberzeugt, dass der Jungling bald wieder herzustellen sei; korperlich gesund, werde er schnell sich wieder froh fuhlen, wenn die auf seinem Geist lastende Leidenschaft zu heben oder zu lindern ware. Hilarie sann auf Erwiderung; sie sass am Flugel und versuchte die Zeilen des Leidenden mit Melodie zu begleiten. Es gelang ihr nicht, in ihrer Seele klang nichts zu so tiefen Schmerzen; doch bei diesem Versuch schmeichelten Rhythmus und Reim sich dergestalt an ihre Gesinnungen an, dass sie jenem Gedicht mit lindernder Heiterkeit entgegnete, indem sie sich Zeit nahm, folgende Strophe auszubilden und abzurunden:
"Bist noch so tief in Schmerz und Qual verloren,
So bleibst du doch zum Jugendgluck geboren;
Ermanne dich zu rasch gesundem Schritte,
Komm in der Freundschaft Himmelsglanz und
Helle,
Empfinde dich in treuer Guten Mitte,
Da spriesse dir des Lebens heitre Quelle."
Der arztliche Hausfreund ubernahm die Botschaft, sie gelang, schon erwiderte der Jungling gemassigt; Hilarie fuhr mildernd fort, und so schien man nach und nach wieder einen heitern Tag, einen freien Boden zu gewinnen, und vielleicht ist es uns vergonnt, den ganzen Verlauf dieser holden Kur gelegentlich mitzuteilen. Genug, einige Zeit verstrich in solcher Beschaftigung hochst angenehm; ein ruhiges Wiedersehen bereitete sich vor, das der Arzt nicht langer als notig zu verspaten gedachte.
Indessen hatte die Baronin mit Ordnen und Zurechtlegen alter Papiere sich beschaftigt, und diese dem gegenwartigen Zustande ganz angemessene Unterhaltung wirkte gar wundersam auf den erregten Geist. Sie sah manche Jahre ihres Lebens zuruck, schwere drohende Leiden waren vorubergegangen, deren Betrachtung den Mut fur den Moment kraftigte; besonders ruhrte sie die Erinnerung an ein schones Verhaltnis zu Makarien, und zwar in bedenklichen Zustanden. Die Herrlichkeit jener einzigen Frau ward ihr wieder vor die Seele gebracht und sogleich der Entschluss gefasst, sich auch diesmal an sie zu wenden: denn zu wem sonst hatte sie ihre gegenwartigen Gefuhle richten, wem sonst Furcht und Hoffnung offen bekennen sollen?
Bei dem Aufraumen fand sie aber auch unter andern des Bruders Miniaturportrat und musste uber die Ahnlichkeit mit dem Sohne lachelnd seufzen. Hilarie uberraschte sie in diesem Augenblick, bemachtigte sich des Bildes, und auch sie ward von jener Ahnlichkeit wundersam betroffen.
So verging einige Zeit; endlich mit Vergunstigung des Arztes und in seinem Geleite trat Flavio angemeldet zum Fruhstuck herein. Die Frauen hatten sich vor dieser ersten Erscheinung gefurchtet. Wie aber gar oft in bedeutenden, ja schrecklichen Momenten etwas Heiteres, ja Lacherliches sich zu ereignen pflegt, so gluckte es auch hier. Der Sohn kam vollig in des Vaters Kleidern; denn da von seinem Anzug nichts zu brauchen war, so hatte man sich der Feld- und Hausgarderobe des Majors bedient, die er, zu bequemem Jagd- und Familienleben, bei der Schwester in Verwahrung liess. Die Baronin lachelte und nahm sich zusammen; Hilarie war, sie wusste nicht wie, betroffen, genug, sie wendete das Gesicht weg, und dem jungen Manne wollte in diesem Augenblick weder ein herzliches Wort von den Lippen noch eine Phrase glucken. Um nun samtlicher Gesellschaft aus der Verlegenheit zu helfen, begann der Arzt eine Vergleichung beider Gestalten. Der Vater sei etwas grosser, hiess es, und deshalb der Rock etwas zu lang; dieser sei etwas breiter, deshalb der Rock uber die Schulter zu eng. Beide Missverhaltnisse gaben dieser Maskerade ein komisches Ansehen.
Durch diese Einzelnheiten jedoch kam man uber das Bedenkliche des Augenblicks hinaus. Fur Hilarien freilich blieb die Ahnlichkeit des jugendlichen Vaterbildes mit der frischen Lebensgegenwart des Sohnes unheimlich, ja bedrangend.
Nun aber wunschten wir wohl den nachsten Zeitverlauf von einer zarten Frauenhand umstandlich geschildert zu sehen, da wir nach eigener Art und Weise uns nur mit dem Allgemeinsten befassen durfen. Hier muss denn nun von dem Einfluss der Dichtkunst abermals die Rede sein.
Ein gewisses Talent konnte man unserm Flavio nicht absprechen, es bedurfte jedoch nur zu sehr eines leidenschaftlich-sinnlichen Anlasses, wenn etwas Vorzugliches gelingen sollte; deswegen denn auch fast alle Gedichte, jener unwiderstehlichen Frau gewidmet, hochst eindringend und lobenswert erschienen und nun, einer gegenwartigen, hochst liebenswurdigen Schonen mit enthusiastischem Ausdruck vorgelesen, nicht geringe Wirkung hervorbringen mussten.
Ein Frauenzimmer, das eine andere leidenschaftlich geliebt sieht, bequemt sich gern zu der Rolle einer Vertrauten; sie hegt ein heimlich, kaum bewusstes Gefuhl, dass es nicht unangenehm sein musste, sich an die Stelle der Angebeteten leise gehoben zu sehen. Auch ging die Unterhaltung immer mehr und mehr ins Bedeutende. Wechselgedichte, wie sie der Liebende gern verfasst, weil er sich von seiner Schonen, wenn auch nur bescheiden, halb und halb kann erwidern lassen, was er wunscht und was er aus ihrem schonen Munde zu horen kaum erwarten durfte. Dergleichen wurden mit Hilarien auch wechselsweise gelesen, und zwar, da es nur aus der einen Handschrift geschah, in welche man beiderseits, um zu rechter Zeit einzufallen, hineinschauen und zu diesem Zweck jedes das Bandchen anfassen musste, so fand sich, dass man, nahe sitzend, nach und nach Person an Person, Hand an Hand immer naher ruckte und die Gelenke sich ganz naturlich zuletzt im verborgnen beruhrten.
Aber bei diesen schonen Verhaltnissen, unter solchen daraus entspringenden allerliebsten Annehmlichkeiten fuhlte Flavio eine schmerzliche Sorge, die er schlecht verbarg und immerfort nach der Ankunft seines Vaters sich sehnend, zu bemerken gab, dass er diesem das Wichtigste zu vertrauen habe. Dieses Geheimnis indes ware, bei einigem Nachdenken, nicht schwer zu erraten gewesen. Jene reizende Frau mochte in einem bewegten, von dem zudringlichen Jungling hervorgerufnen Momente den Unglucklichen entschieden abgewiesen und die bisher hartnackig behauptete Hoffnung aufgehoben und zerstort haben. Eine Szene, wie dies zugegangen, wagten wir nicht zu schildern, aus Furcht hier mochte uns die jugendliche Glut ermangeln. Genug, er war so wenig bei sich selbst, dass er sich eiligst aus der Garnison ohne Urlaub entfernte und, um seinen Vater aufzusuchen, durch Nacht, Sturm und Regen nach dem Landgut seiner Tante verzweifelnd zu gelangen trachtete, wie wir ihn auch vor kurzem haben ankommen sehen. Die Folgen eines solchen Schrittes fielen ihm nun bei Ruckkehr nuchterner Gedanken lebhaft auf, und er wusste, da der Vater immer langer ausblieb und er die einzige mogliche Vermittlung entbehren sollte, sich weder zu fassen noch zu retten.
Wie erstaunt und betroffen war er deshalb, als ihm ein Brief seines Obristen eingehandigt wurde, dessen bekanntes Siegel er mit Zaudern und Bangigkeit aufloste, der aber nach den freundlichsten Worten damit endigte, dass der ihm erteilte Urlaub noch um einen Monat sollte verlangert werden.
So unerklarlich nun auch diese Gunst schien, so ward er doch dadurch von einer Last befreit, die sein Gemut fast angstlicher als die verschmahte Liebe selbst zu drucken begann. Er fuhlte nun ganz das Gluck, bei seinen liebenswurdigen Verwandten so wohl aufgehoben zu sein; er durfte sich der Gegenwart Hilariens erfreuen und war nach kurzem in allen seinen angenehm-geselligen Eigenschaften wiederhergestellt, die ihn der schonen Witwe selbst sowohl als ihrer Umgebung auf eine Zeitlang notwendig gemacht hatten und nur durch eine peremtorische Forderung ihrer Hand fur immer verfinstert worden.
In solcher Stimmung konnte man die Ankunft des Vaters gar wohl erwarten, auch wurden sie durch eintretende Naturereignisse zu einer tatigen Lebensweise aufgeregt. Das anhaltende Regenwetter, das sie bisher in dem Schloss zusammenhielt, hatte uberall, in grossen Wassermassen niedergehend, Fluss um Fluss angeschwellt; es waren Damme gebrochen, und die Gegend unter dem Schlosse lag als ein blanker See, aus welchem die Dorfschaften, Meierhofe, grossere und kleinere Besitztumer, zwar auf Hugeln gelegen, doch immer nur inselartig hervorschauten.
Auf solche zwar seltene, aber denkbare Falle war man eingerichtet; die Hausfrau befahl, und die Diener fuhrten aus. Nach der ersten allgemeinsten Beihulfe ward Brot gebacken, Stiere wurden geschlachtet, Fischerkahne fuhren hin und her, Hulfe und Vorsorge nach allen Enden hin verbreitend. Alles fugte sich schon und gut, das freundlich Gegebene ward freudig und dankbar aufgenommen, nur an einem Orte wollte man den austeilenden Gemeindevorstehern nicht trauen; Flavio ubernahm das Geschaft und fuhr mit einem wohlbeladenen Kahn eilig und glucklich zur Stelle. Das einfache Geschaft, einfach behandelt, gelang zum besten; auch entledigte sich, weiterfahrend, unser Jungling eines Auftrags, den ihm Hilarie beim Scheiden gegeben. Gerade in den Zeitpunkt dieser Ungluckstage war die Niederkunft einer Frau gefallen, fur die sich das schone Kind besonders interessierte. Flavio fand die Wochnerin und brachte allgemeinen und diesen besondern Dank mit nach Hause. Dabei konnte es nun an mancherlei Erzahlungen nicht fehlen. War auch niemand umgekommen, so hatte man von wunderbaren Rettungen, von seltsamen, scherzhaften, ja lacherlichen Ereignissen viel zu sprechen; manche notgedrungene Zustande wurden interessant beschrieben. Genug, Hilarie empfand auf einmal ein unwiderstehliches Verlangen, gleichfalls eine Fahrt zu unternehmen, die Wochnerin zu begrussen, zu beschenken und einige heitere Stunden zu verleben.
Nach einigem Widerstand der guten Mutter siegte endlich der freudige Wille Hilariens, dieses Abenteuer zu bestehen, und wir wollen gern bekennen, in dem Laufe, wie diese Begebenheit uns bekannt geworden, einigermassen besorgt gewesen zu sein, es moge hier einige Gefahr obschweben, ein Stranden, ein Umschlagen des Kahns, Lebensgefahr der Schonen, kuhne Rettung von seiten des Junglings, um das lose geknupfte Band noch fester zu ziehen. Aber von allem diesem war nicht die Rede, die Fahrt lief glucklich ab, die, Wochnerin ward besucht und beschenkt; die Gesellschaft des Arztes blieb nicht ohne gute Wirkung, und wenn hier und da ein kleiner Anstoss sich hervortat, wenn der Anschein eines gefahrlichen Moments die Fortrudernden zu beunruhigen schien, so endete solches nur mit neckendem Scherz, dass eins dem andern eine angstliche Miene, eine grossere Verlegenheit, eine furchtsame Gebarde wollte abgemerkt haben. Indessen war das wechselseitige Vertrauen bedeutend gewachsen; die Gewohnheit, sich zu sehen und unter allen Umstanden zusammen zu sein, hatte sich verstarkt, und die gefahrliche Stellung, wo Verwandtschaft und Neigung zum wechselseitigen Annahern und Festhalten sich berechtigt glauben, ward immer bedenklicher.
Anmutig sollten sie jedoch auf solchen Liebeswegen immer weiter und weiter verlockt werden. Der Himmel klarte sich auf, eine gewaltige Kalte, der Jahreszeit gemass, trat ein, die Wasser gefroren, ehe sie verlaufen konnten. Da veranderte sich das Schauspiel der Welt vor allen Augen auf einmal; was durch Fluten erst getrennt war, hing nunmehr durch befestigten Boden zusammen, und alsobald tat sich als erwunschte Vermittlerin die schone Kunst hervor, welche, die ersten raschen Wintertage zu verherrlichen und neues Leben in das Erstarrte zu bringen, im hohen Norden erfunden worden. Die Rustkammer offnete sich, jedermann suchte nach seinen gezeichneten Stahlschuhen, begierig, die reine, glatte Flache, selbst mit einiger Gefahr, als der erste zu beschreiten. Unter den Hausgenossen fanden sich viele zu hochster Leichtigkeit Geubte; denn dieses Vergnugen ward ihnen fast jedes Jahr auf benachbarten Seen und verbindenden Kanalen, diesmal aber in der fernhin erweiterten Flache.
Flavio fuhlte sich nun erst durch und durch gesund, und Hilarie, seit ihren fruhsten Jahren von dem Oheim angeleitet, bewies sich so lieblich als kraftig auf dem neu erschaffenen Boden; man bewegte sich lustig und lustiger, bald zusammen, bald einzeln, bald getrennt, bald vereint. Scheiden und Meiden, was sonst so schwer aufs Herz fallt, ward hier zum kleinen, scherzhaften Frevel, man floh sich, um sich einander augenblicks wieder zu finden.
Aber innerhalb dieser Lust und Freudigkeit bewegte sich auch eine Welt des Bedurfnisses; immer waren bisher noch einige Ortschaften nur halb versorgt geblieben, eilig flogen nunmehr auf tuchtig bespannten Schlitten die notigsten Waren hin und wider, und was der Gegend noch mehr zugute kam, war, dass man aus manchen der vorubergehenden Hauptstrasse allzu fernen Orten nunmehr schnell die Erzeugnisse des Feldbaues und der Landwirtschaft in die nachsten Magazine der kleinen Stadte und Flecken bringen und von dorther aller Art Waren zuruckfuhren konnte. Nun war auf einmal eine bedrangte, den bittersten Mangel empfindende Gegend wieder befreit, wieder versorgt, durch eine glatte, dem Geschickten, dem Kuhnen geoffnete Flache verbunden.
Auch das junge Paar unterliess nicht, bei vorwaltendem Vergnugen mancher Pflichten einer liebevollen Anhanglichkeit zu gedenken. Man besuchte jene Wochnerin, begabte sie mit allem Notwendigen; auch andere wurden heimgesucht: Alte, fur deren Gesundheit man besorgt gewesen; Geistliche, mit denen man erbauliche Unterhaltung sittlich zu pflegen gewohnt war und sie jetzt in dieser Prufung noch achtenswerter fand; kleinere Gutsbesitzer, die kuhn genug vor Zeiten sich in gefahrliche Niederungen angebaut, diesmal aber, durch wohlangelegte Damme geschutzt, unbeschadigt geblieben und nach grenzenloser Angst sich ihres Daseins doppelt erfreuten. Jeder Hof, jedes Haus, jede Familie, jeder einzelne hatte seine Geschichte, er war sich und auch wohl andern eine bedeutende Person geworden, deswegen fiel auch einer dem andern Erzahlenden leicht in die Rede. Eilig war jeder im Sprechen und Handeln, Kommen und Gehen, denn es blieb immer die Gefahr, ein plotzliches Tauwetter mochte den ganzen schonen Kreis glucklichen Wechselwirkens zerstoren, die Wirte bedrohen und die Gaste vom Hause abschneiden.
War man den Tag in so rascher Bewegung und dem lebhaftesten Interesse beschaftigt, so verlieh der Abend auf ganz andere Weise die angenehmsten Stunden; denn das hat die Eislust vor allen andern korperlichen Bewegungen voraus, dass die Anstrengung nicht erhitzt und die Dauer nicht ermudet. Samtliche Glieder scheinen gelenker zu werden und jedes Verwenden der Kraft neue Krafte zu erzeugen, so dass zuletzt eine selig bewegte Ruhe uber uns kommt, in der wir uns zu wiegen immerfort gelockt sind.
Heute nun konnte sich unser junges Paar von dem glatten Boden nicht loslosen, jeder Lauf gegen das erleuchtete Schloss, wo sich schon viele Gesellschaft versammelte, ward plotzlich umgewendet und eine Ruckkehr ins Weite beliebt; man mochte sich nicht voneinander entfernen, aus Furcht, sich zu verlieren, man fasste sich bei der Hand, um der Gegenwart ganz gewiss zu sein. Am allersussesten aber schien die Bewegung, wenn uber den Schultern die Arme verschrankt ruhten und die zierlichen Finger unbewusst in beiderseitigen Locken spielten.
Der volle Mond stieg zu dem gluhenden Sternenhimmel herauf und vollendete das Magische der Umgebung. Sie sahen sich wieder deutlich und suchten wechselseitig in den beschatteten Augen Erwiderung wie sonst, aber es schien anders zu sein. Aus ihren Abgrunden schien ein Licht hervorzublicken und anzudeuten, was der Mund weislich verschwieg, sie fuhlten sich beide in einem festlich behaglichen Zustande.
Alle hochstammigen Weiden und Erlen an den Graben, alles niedrige Gebusch auf Hohen und Hugeln war deutlich geworden; die Sterne flammten, die Kalte war gewachsen, sie fuhlten nichts davon und fuhren dem lang daherglitzernden Widerschein des Mondes, unmittelbar dem himmlischen Gestirn selbst entgegen. Da blickten sie auf und sahen im Geflimmer des Widerscheins die Gestalt eines Mannes hin und her schweben, der seinen Schatten zu verfolgen schien und selbst dunkel, vom Lichtglanz umgeben, auf sie zuschritt; unwillkurlich wendeten sie sich ab, jemanden zu begegnen ware widerwartig gewesen. Sie vermieden die immerfort sich herbewegende Gestalt, die Gestalt schien sie nicht bemerkt zu haben und verfolgte ihren geraden Weg nach dem Schlosse. Doch verliess sie auf einmal diese Richtung und umkreiste mehrmals das fast beangstigte Paar. Mit einiger Besonnenheit suchten sie fur sich die Schattenseite zu gewinnen, im vollen Mondglanz fuhr jener auf sie zu, er stand nah vor ihnen, es war unmoglich, den Vater zu verkennen.
Hilarie, den Schritt anhaltend, verlor in Uberraschung das Gleichgewicht und sturzte zu Boden, Flavio lag zu gleicher Zeit auf einem Knie und fasste ihr Haupt in seinen Schoss auf, sie verbarg ihr Angesicht, sie wusste nicht, wie ihr geworden war. "Ich hole einen Schlitten, dort unten fahrt noch einer voruber, ich hoffe, sie hat sich nicht beschadigt; hier, bei diesen hohen drei Erlen find' ich euch wieder!" so sprach der Vater und war schon weit hinweg. Hilarie raffte sich an dem Jungling empor. "Lass uns fliehen", rief sie, "das ertrag' ich nicht." Sie bewegte sich nach der Gegenseite des Schlosses heftig, dass Flavio sie nur mit einiger Anstrengung erreichte, er gab ihr die freundlichsten Worte.
Auszumalen ist nicht die innere Gestalt der drei nunmehr nachtlich auf der glatten Flache im Mondschein Verirrten, Verwirrten. Genug, sie gelangten spat nach dem Schlosse, das junge Paar einzeln, sich nicht zu beruhren, sich nicht zu nahern wagend, der Vater mit dem leeren Schlitten, den er vergebens ins Weite und Breite hulfreich herumgefuhrt hatte. Musik und Tanz waren schon im Gange, Hilarie, unter dem Vorwand schmerzlicher Folgen eines schlimmen Falles, verbarg sich in ihr Zimmer, Flavio uberliess Vortanz und Anordnung sehr gern einigen jungen Gesellen, die sich deren bei seinem Aussenbleiben schon bemachtigt hatten. Der Major kam nicht zum Vorschein und fand es wunderlich, obgleich nicht unerwartet, sein Zimmer wie bewohnt anzutreffen, die eignen Kleider, Wasche und Geratschaften, nur nicht so ordentlich, wie er's gewohnt war, umherliegend. Die Hausfrau versah mit anstandigem Zwang ihre Pflichten, und wie froh war sie, als alle Gaste, schicklich untergebracht, ihr endlich Raum liessen, mit dem Bruder sich zu erklaren. Es war bald getan, doch brauchte es Zeit, sich von der Uberraschung zu erholen, das Unerwartete zu begreifen, die Zweifel zu heben, die Sorge zu beschwichtigen; an Losung des Knotens, an Befreiung des Geistes war nicht sogleich zu denken.
Unsere Leser uberzeugen sich wohl, dass von diesem Punkte an wir beim Vortrag unserer Geschichte nicht mehr darstellend, sondern erzahlend und betrachtend verfahren mussen, wenn wir in die Gemutszustande, auf welche jetzt alles ankommt, eindringen und sie uns vergegenwartigen wollen.
Wir berichten also zuerst, dass der Major, seitdem wir ihn aus den Augen verloren, seine Zeit fortwahrend jenem Familiengeschaft gewidmet, dabei aber, so schon und einfach es auch vorlag, doch in manchem Einzelnen auf unerwartete Hindernisse traf. Wie es denn uberhaupt so leicht nicht ist, einen alten verworrenen Zustand zu entwickeln und die vielen verschrankten Faden auf einen Knaul zu winden. Da er nun deshalb den Ort ofters verandern musste, um bei verschiedenen Stellen und Personen die Angelegenheit zu betreiben, so gelangten die Briefe der Schwester nur langsam und unordentlich zu ihm. Die Verirrung des Sohnes und dessen Krankheit erfuhr er zuerst; dann horte er von einem Urlaub, den er nicht begriff. Dass Hilariens Neigung im Umwenden begriffen sei, blieb ihm verborgen, denn wie hatte die Schwester ihn davon unterrichten mogen!
Auf die Nachricht der Uberschwemmung beschleunigte er seine Reise, kam jedoch erst nach eingefallenem Frost in die Nahe der Eisfelder, schaffte sich Schrittschuhe, sendete Knechte und Pferde durch einen Umweg nach dem Schlosse, und sich mit raschem Lauf dorthin bewegend, gelangte er, die erleuchteten Fenster schon von ferne schauend, in einer tagklaren Nacht zum unerfreulichsten Anschauen und war mit sich selbst in die unangenehmste Verwirrung geraten.
Der Ubergang von innerer Wahrheit zum aussern Wirklichen ist im Kontrast immer schmerzlich; und sollte Lieben und Bleiben nicht eben die Rechte haben wie Scheiden und Meiden? Und doch, wenn sich eins vom andern losreisst, entsteht in der Seele eine ungeheure Kluft, in der schon manches Herz zugrunde ging. Ja der Wahn hat, solange er dauert, eine unuberwindliche Wahrheit, und nur mannliche, tuchtige Geister werden durch Erkennen eines Irrtums erhoht und gestarkt. Eine solche Entdeckung hebt sie uber sich selbst, sie stehen uber sich erhoben und blicken, indem der alte Weg versperrt ist, schnell umher nach einem neuen, um ihn alsofort frisch und mutig anzutreten.
Unzahlig sind die Verlegenheiten, in welche sich der Mensch in solchen Augenblicken versetzt sieht; unzahlig die Mittel, welche eine erfinderische Natur innerhalb ihrer eignen Krafte zu entdecken, sodann aber auch, wenn diese nicht auslangen, ausserhalb ihres Bereichs freundlich anzudeuten weiss.
Zu gutem Gluck jedoch war der Major durch ein halbes Bewusstsein, ohne sein Wollen und Trachten, schon auf einen solchen Fall im tiefsten vorbereitet. Seitdem er den kosmetischen Kammerdiener verabschiedet, sich seinem naturlichen Lebensgange wieder uberlassen, auf den Schein Anspruche zu machen aufgehort hatte, empfand er sich am eigentlichen korperlichen Behagen einigermassen verkurzt. Er empfand das Unangenehme eines Uberganges vom ersten Liebhaber zum zartlichen Vater; und doch wollte diese Rolle immer mehr und mehr sich ihm aufdringen. Die Sorgfalt fur das Schicksal Hilariens und der Seinigen trat immer zuerst in seinen Gedanken hervor, bis das Gefuhl von Liebe, von Hang, von Verlangen annahernder Gegenwart sich erst spater entfaltete. Und wenn er sich Hilarien in seinen Armen dachte, so war es ihr Gluck, was er beherzigte, das er ihr zu schaffen wunschte, mehr als die Wonne, sie zu besitzen. Ja er musste sich, wenn er ihres Andenkens rein geniessen wollte, zuerst ihre himmlisch ausgesprochene Neigung, er musste jenen Augenblick denken, wo sie sich ihm so unverhofft gewidmet hatte.
Nun aber, da er in klarster Nacht ein vereintes junges Paar vor sich gesehen, die Liebenswurdigste zusammensturzend, in dem Schosse des Junglings, beide seiner verheissenen hulfreichen Wiederkunft nicht achtend, ihn an dem genau bezeichneten Orte nicht erwartend, verschwunden in die Nacht, und er sich selbst im dustersten Zustande uberlassen: wer fuhlte das mit und verzweifelte nicht in seine Seele?
Die an Vereinigung gewohnte, auf nahere Vereinigung hoffende Familie hielt sich besturzt auseinander; Hilarie blieb hartnackig auf ihrem Zimmer, der Major nahm sich zusammen, von seinem Sohne den fruheren Hergang zu erfahren. Das Unheil war durch einen weiblichen Frevel der schonen Witwe verursacht. Um ihren bisher leidenschaftlichen Verehrer Flavio einer andern Liebenswurdigen, welche Absicht auf ihn verriet, nicht zu uberlassen, wendet sie mehr scheinbare Gunst, als billig ist, an ihn. Er, dadurch aufgeregt und ermutigt, sucht seine Zwecke heftig bis ins Ungehorige zu verfolgen, woruber denn erst Widerwartigkeit und Zwist, darauf ein entschiedener Bruch dem ganzen Verhaltnis unwiederbringlich ein Ende macht.
Vaterlicher Milde bleibt nichts ubrig, als die Fehler der Kinder, wenn sie traurige Folgen haben, zu bedauern und, wo moglich, herzustellen; gehen sie lasslicher, als zu hoffen war, voruber, sie zu verzeihen und zu vergessen. Nach wenigem Bedenken und Bereden ging Flavio sodann, um an der Stelle seines Vaters manches zu besorgen, auf die ubernommenen Guter und sollte dort bis zum Ablauf seines Urlaubs verweilen, dann sich wieder ans Regiment anschliessen, welches indessen in eine andere Garnison verlegt worden.
Eine Beschaftigung mehrerer Tage war es fur den Major, Briefe und Pakete zu eroffnen, welche sich wahrend seines langeren Ausbleibens bei der Schwester gehauft hatten. Unter andern fand er ein Schreiben jenes kosmetischen Freundes, des wohlkonservierten Schauspielers. Dieser, durch den verabschiedeten Kammerdiener benachrichtigt von dem Zustande des Majors und von dem Vorsatze, sich zu verheiraten, trug mit der besten Laune die Bedenklichkeiten vor, die man bei einem solchen Unternehmen vor Augen haben sollte; er behandelte die Angelegenheit auf seine Weise und gab zu bedenken, dass fur einen Mann in gewissen Jahren das sicherste kosmetische Mittel sei, sich des schonen Geschlechts zu enthalten und einer loblichen, bequemen Freiheit zu geniessen. Nun zeigte der Major lachelnd das Blatt seiner Schwester, zwar scherzend, aber doch ernstlich genug auf die Wichtigkeit des Inhaltes hindeutend. Auch war ihm indessen ein Gedicht eingefallen, dessen rhythmische Ausfuhrung uns nicht gleich beigeht, dessen Inhalt jedoch durch zierliche Gleichnisse und anmutige Wendung sich auszeichnete:
"Der spate Mond, der zur Nacht noch anstandig leuchtet, verblasst vor der aufgehenden Sonne; der Liebeswahn des Alters verschwindet in Gegenwart leidenschaftlicher Jugend; die Fichte, die im Winter frisch und kraftig erscheint, sieht im Fruhling verbraunt und missfarbig aus, neben hell aufgrunender Birke."
Wir wollen jedoch weder Philosophie noch Poesie als die entscheidenden Helferinnen zu einer endlichen Entschliessung hier vorzuglich preisen; denn wie ein kleines Ereignis die wichtigsten Folgen haben kann, so entscheidet es auch oft, wo schwankende Gesinnungen obwalten, die Waage dieser oder jener Seite zuneigend. Dem Major war vor kurzem ein Vorderzahn ausgefallen, und er furchtete, den zweiten zu verlieren. An eine kunstlich scheinbare Wiederherstellung war bei seinen Gesinnungen nicht zu denken, und mit diesem Mangel um eine junge Geliebte zu werben, fing an, ihm ganz erniedrigend zu scheinen, besonders jetzt, da er sich mit ihr unter einem Dach befand. Fruher oder spater hatte vielleicht ein solches Ereignis wenig gewirkt, gerade in diesem Augenblikke aber trat ein solcher Moment ein, der einem jeden an eine gesunde Vollstandigkeit gewohnten Menschen hochst widerwartig begegnen muss. Es ist ihm, als wenn der Schlussstein seines organischen Wesens entfremdet ware und das ubrige Gewolbe nun auch nach und nach zusammenzusturzen drohte.
Wie dem auch sei, der Major unterhielt sich mit seiner Schwester gar bald einsichtig und verstandig uber die so verwirrt scheinende Angelegenheit; sie mussten beide bekennen, dass sie eigentlich nur durch einen Umweg ans Ziel gelangt seien, ganz nahe daran, von dem sie sich zufallig, durch aussern Anlass, durch Irrtum eines unerfahrnen Kindes verleitet, unbedachtsam entfernt; sie fanden nichts naturlicher, als auf diesem Wege zu verharren, eine Verbindung beider Kinder einzuleiten und ihnen sodann jede elterliche Sorgfalt, wozu sie sich die Mittel zu verschaffen gewusst, treu und unablassig zu widmen. Vollig in Ubereinstimmung mit dem Bruder, ging die Baronin zu Hilarien ins Zimmer. Diese sass am Flugel, zu eigner Begleitung singend und die eintretende Begrussende mit heiterem Blick und Beugung zum Anhoren gleichsam einladend. Es war ein angenehmes, beruhigendes Lied, das eine Stimmung der Sangerin aussprach, die nicht besser ware zu wunschen gewesen. Nachdem sie geendigt hatte, stand sie auf, und ehe die altere Bedachtige ihren Vortrag beginnen konnte, fing sie zu sprechen an: "Beste Mutter! es war schon, dass wir uber die wichtigste Angelegenheit so lange geschwiegen; ich danke Ihnen, dass Sie bis jetzt diese Saite nicht beruhrten, nun aber ist es wohl Zeit, sich zu erklaren, wenn es Ihnen gefallig ist. Wie denken Sie sich die Sache?"
Die Baronin, hochst erfreut uber die Ruhe und Milde, zu der sie ihre Tochter gestimmt fand, begann sogleich ein verstandiges Darlegen der fruhern Zeit, der Personlichkeit ihres Bruders und seiner Verdienste; sie gab den Eindruck zu, den der einzige Mann von Wert, der einem jungen Madchen so nahe bekannt geworden, auf ein freies Herz notwendig machen musse, und wie sich daraus, statt kindlicher Ehrfurcht und Vertrauen, gar wohl eine Neigung, die als Liebe, als Leidenschaft sich zeige, entwickeln konne. Hilarie horte aufmerksam zu und gab durch bejahende Mienen und Zeichen ihre vollige Einstimmung zu erkennen; die Mutter ging auf den Sohn uber, und jene liess ihre langen Augenwimpern fallen; und wenn die Rednerin nicht so ruhmliche Argumente fur den Jungeren fand, als sie fur den Vater anzufuhren gewusst hatte, so hielt sie sich hauptsachlich an die Ahnlichkeit beider, an den Vorzug, den diesem die Jugend gebe, der zugleich, als vollkommen gattlicher Lebensgefahrte gewahlt, die vollige Verwirklichung des vaterlichen Daseins von der Zeit wie billig versprache. Auch hierin schien Hilarie gleichstimmig zu denken, obschon ein etwas ernsterer Blick und ein manchmal niederschauendes Auge eine gewisse in diesem Fall hochst naturliche innere Bewegung verrieten. Auf die ausseren glucklichen, gewissermassen gebietenden Umstande lenkte sich hierauf der Vortrag. Der abgeschlossene Vergleich, der schone Gewinn fur die Gegenwart, die nach manchen Seiten hin sich erweiternden Aussichten, alles ward vollig der Wahrheit gemass vor Augen gestellt, da es zuletzt auch an Winken nicht fehlen konnte, wie Hilarien selbst erinnerlich sein musse, dass sie fruher dem mit ihr heranwachsenden Vetter, und wenn auch nur wie im Scherze, sei verlobt gewesen. Aus alle dem Vorgesagten zog nun die Mutter den sich selbst ergebenden Schluss, dass nun mit ihrer und des Oheims Einwilligung die Verbindung der jungen Leute ungesaumt stattfinden konne.
Hilarie, ruhig blickend und sprechend, erwiderte darauf, sie konne diese Folgerung nicht sogleich gelten lassen, und fuhrte gar schon und anmutig dagegen an, was ein zartes Gemut gewiss mit ihr gleich empfinden wird, und das wir mit Worten auszufuhren nicht unternehmen.
Vernunftige Menschen, wenn sie etwas Verstandiges ausgesonnen, wie diese oder jene Verlegenheit zu beseitigen ware, dieser oder jener Zweck zu erreichen sein mochte, und dafur sich alle denklichen Argumente verdeutlicht und geordnet, fuhlen sich hochst unangenehm betroffen, wenn diejenigen, die zu eignem Glucke mitwirken sollten, vollig andern Sinnes gefunden werden und aus Grunden, die tief im Herzen ruhen, sich demjenigen widersetzen, was so loblich als notig ist. Man wechselte Reden, ohne sich zu uberzeugen; das Verstandige wollte nicht in das Gefuhl eindringen, das Gefuhlte wollte sich dem Nutzlichen, dem Notwendigen nicht fugen; das Gesprach erhitzte sich, die Scharfe des Verstandes traf das schon verwundete Herz, das nun nicht mehr massig, sondern leidenschaftlich seinen Zustand an den Tag gab, so dass zuletzt die Mutter selbst vor der Hoheit und Wurde des jungen Madchens erstaunt zurucktrat, als sie mit Energie und Wahrheit das Unschickliche, ja Verbrecherische einer solchen Verbindung hervorhob.
In welcher Verwirrung die Baronin zu dem Bruder zuruckkehrte, lasst sich denken, vielleicht auch, wenngleich nicht vollkommen, nachempfinden, wie der Major, der, von dieser entschiedenen Weigerung im Innersten geschmeichelt, zwar hoffnungslos, aber getrostet vor der Schwester stand, sich von jener Beschamung entwunden und so dieses Ereignis, das ihm zur zartesten Ehrensache geworden war, in seinem Innern ausgeglichen fuhlte. Er verbarg diesen Zustand augenblicklich seiner Schwester und versteckte seine schmerzliche Zufriedenheit hinter eine in diesem Falle ganz naturliche Ausserung: man musse nichts ubereilen, sondern dem guten Kinde Zeit lassen, den eroffneten Weg, der sich nunmehr gewissermassen selbst verstunde, freiwillig einzuschlagen.
Nun aber konnen wir kaum unsern Lesern zumuten, aus diesen ergreifenden inneren Zustanden in das Aussere uberzugehen, worauf doch jetzt so viel ankam. Indes die Baronin ihrer Tochter alle Freiheit liess, mit Musik und Gesang, mit Zeichnen und Stikken ihre Tage angenehm zu verbringen, auch mit Lesen und Vorlesen sich und die Mutter zu unterhalten, so beschaftigte sich der Major bei eintretendem Fruhjahr, die Familienangelegenheiten in Ordnung zu bringen; der Sohn, der sich in der Folge als einen reichen Besitzer und, wie er gar nicht zweifeln konnte, als glucklichen Gatten Hilariens erblickte, fuhlte nun erst ein militarisches Bestreben nach Ruhm und Rang, wenn der androhende Krieg hereinbrechen sollte. Und so glaubte man in augenblicklicher Beruhigung als gewiss vorauszusehen, dass dieses Ratsel, welches nur noch an eine Grille geknupft schien, sich bald aufhellen und auseinanderlegen wurde.
Leider aber war in dieser anscheinenden Ruhe keine Beruhigung zu finden. Die Baronin wartete tagtaglich, aber vergebens, auf die Sinnesanderung ihrer Tochter, die zwar mit Bescheidenheit und selten, aber doch, bei entscheidendem Anlass, mit Sicherheit zu erkennen gab, sie bleibe so fest bei ihrer Uberzeugung, als nur einer sein kann, dem etwas innerlich wahr geworden, es moge nun mit der ihn umgebenden Welt in Einklang stehen oder nicht. Der Major empfand sich zwiespaltig; er wurde sich immer verletzt fuhlen, wenn Hilarie sich wirklich fur den Sohn entschiede; entschiede sie sich aber fur ihn selbst, so war er ebenso uberzeugt, dass er ihre Hand ausschlagen musse.
Bedauern wir den guten Mann, dem diese Sorgen, diese Qualen wie ein beweglicher Nebel unablassig vorschwebten, bald als Hintergrund, auf welchem sich die Wirklichkeiten und Beschaftigungen des dringenden Tages hervorhoben, bald herantretend und alles Gegenwartige bedeckend. Ein solches Wanken und Schweben bewegte sich vor den Augen seines Geistes; und wenn ihn der fordernde Tag zu rascher, wirksamer Tatigkeit aufbot, so war es bei nachtlichem Erwachen, wo alles Widerwartige, gestaltet und immer umgestaltet, im unerfreulichsten Kreis sich in seinem Innern umwalzte. Dies ewig wiederkehrende Unabweisbare brachte ihn in einen Zustand, den wir fast Verzweiflung nennen durften, weil Handeln und Schaffen, die sich sonst als Heilmittel fur solche Lagen am sichersten bewahrten, hier kaum lindernd, geschweige denn befriedigend wirken wollten.
In solcher Lage erhielt unser Freund von unbekannter Hand ein Schreiben mit Einladung in das Posthaus des nahe gelegenen Stadtchens, wo ein eilig Durchreisender ihn dringend zu sprechen wunschte. Er, bei seinen vielfachen Geschafts- und Weltverhaltnissen an dergleichen gewohnt, saumte um so weniger, als ihm die freie, fluchtige Hand einigermassen erinnerlich schien. Ruhig und gefasst nach seiner Art begab er sich an den bezeichneten Ort, als in der bekannten, fast bauerischen Oberstube die schone Witwe ihm entgegentrat, schoner und anmutiger, als er sie verlassen hatte. War es, dass unsere Einbildungskraft nicht fahig ist, das Vorzuglichste festzuhalten und vollig wieder zu vergegenwartigen, oder hatte wirklich ein bewegterer Zustand ihr mehreren Reiz gegeben, genug, es bedurfte doppelter Fassung, sein Erstaunen, seine Verwirrung unter dem Schein allgemeinster Hoflichkeit zu verbergen; er grusste sie verbindlich mit verlegener Kalte.
"Nicht so, mein Bester!" rief sie aus, "keineswegs hab' ich Sie dazu zwischen diese geweissten Wande, in diese hochst unedle Umgebung berufen; ein so schlechter Hausrat fordert nicht auf, sich hofisch zu unterhalten. Ich befreie meine Brust von einer schweren Last, indem ich sage, bekenne: in Ihrem Hause hab' ich viel Unheil angerichtet." Der Major trat stutzend zuruck. "Ich weiss alles", fuhr sie fort, "wir brauchen uns nicht zu erklaren; Sie und Hilarien, Hilarien und Flavio, Ihre gute Schwester, Sie alle bedaure ich." Die Sprache schien ihr zu stocken, die herrlichsten Augenwimpern konnten hervorquellende Tranen nicht zuruckhalten, ihre Wange rotete sich, sie war schoner als jemals. In ausserster Verwirrung stand der edle Mann vor ihr, ihn durchdrang eine unbekannte Ruhrung. "Setzen wir uns", sagte, die Augen trocknend, das allerliebste Wesen. "Verzeihen Sie mir, bedauern Sie mich, Sie sehen, wie ich bestraft bin." Sie hielt ihr gesticktes Tuch abermals vor die Augen und verbarg, wie bitterlich sie weinte.
"Klaren Sie mich auf, meine Gnadige", sprach er mit Hast. "Nichts von gnadig!" entgegnete sie himmlisch lachelnd, "nennen Sie mich Ihre Freundin, Sie haben keine treuere. Und also, mein Freund, ich weiss alles, ich kenne die Lage der ganzen Familie genau, aller Gesinnungen und Leiden bin ich vertraut." "Was konnte Sie bis auf diesen Grad unterrichten?" "Selbstbekenntnisse. Diese Hand wird Ihnen nicht fremd sein." Sie wies ihm einige entfaltete Briefe hin. "Die Hand meiner Schwester, Briefe, mehrere, der nachlassigen Schrift nach vertraute! Haben Sie je mit ihr in Verhaltnis gestanden?" "Unmittelbar nicht, mittelbar seit einiger Zeit; hier die Aufschrift: 'An ***.'"
"Ein neues Ratsel: An Makarien, die schweigsamste aller Frauen." "Deshalb aber auch die Vertraute, der Beichtiger aller bedrangten Seelen, aller derer, die sich selbst verloren haben, sich wiederzufinden wunschten und nicht wissen wo." "Gott sei Dank!" rief er aus "dass sich eine solche Vermittlung gefunden hat, mir wollt' es nicht ziemen, sie anzuflehen, ich segne meine Schwester, dass sie es tat; denn auch mir sind Beispiele bekannt, dass jene Treffliche, im Vorhalten eines sittlich-magischen Spiegels, durch die aussere verworrene Gestalt irgendeinem Unglucklichen sein rein schones Innere gewiesen und ihn auf einmal erst mit sich selbst befriedigt und zu einem neuen Leben aufgefordert hat."
"Diese Wohltat erzeigte sie auch mir", versetzte die Schone; und in diesem Augenblick fuhlte unser Freund, wenn es ihm auch nicht klar wurde, dennoch entschieden dass aus dieser sonst in ihrer Eigenheit abgeschlossenen merkwurdigen Person sich ein sittlichschones, teilnehmendes und teilgebendes Wesen hervortat. "Ich war nicht unglucklich, aber unruhig", fuhr sie fort, "ich gehorte mir selbst nicht recht mehr an, und das heisst denn doch am Ende nicht glucklich sein. Ich gefiel mir selbst nicht mehr, ich mochte mich vor dem Spiegel zurechtrucken, wie ich wollte, es schien mir immer, als wenn ich mich zu einem Maskenball herausputzte; aber seitdem sie mir ihren Spiegel vorhielt, seit ich gewahr wurde, wie man sich von innen selbst schmucken konne, komm' ich mir wieder recht schon vor." Sie sagte das zwischen Lacheln und Weinen und war, man musste es zugeben, mehr als liebenswurdig. Sie erschien achtungswert und wert einer ewigen treuen Anhanglichkeit.
"Und nun, mein Freund, fassen wir uns kurz: hier sind die Briefe! sie zu lesen und wieder zu lesen, sich zu bedenken, sich zu bereiten, bedurften Sie allenfalls einer Stunde, mehr, wenn Sie wollen; alsdann werden mit wenigen Worten unsere Zustande sich entscheiden lassen."
Sie verliess ihn, um in dem Garten auf und ab zu gehen; er entfaltete nun einen Briefwechsel der Baronin mit Makarien, dessen Inhalt wir summarisch andeuten. Jene beklagt sich uber die schone Witwe. Wie eine Frau die andere ansieht und scharf beurteilt, geht hervor. Eigentlich ist nur vom Aussern und von Ausserungen die Rede, nach dem Innern wird nicht gefragt.
Hierauf von seiten Makariens eine mildere Beurteilung. Schilderung eines solchen Wesens von innen heraus. Das Aussere erscheint als Folge von Zufalligkeiten, kaum zu tadeln, vielleicht zu entschuldigen. Nun berichtet die Baronin von der Raserei und Tollheit des Sohns, der wachsenden Neigung des jungen Paars, von der Ankunft des Vaters, der entschiedenen Weigerung Hilariens. Uberall finden sich Erwiderungen Makariens von reiner Billigkeit, die aus der grundlichen Uberzeugung stammt, dass hieraus eine sittliche Besserung entstehen musse. Sie ubersendet zuletzt den ganzen Briefwechsel der schonen Frau, deren himmelschones Innere nun hervortritt und das Aussere zu verherrlichen beginnt. Das Ganze schliesst mit einer dankbaren Erwiderung an Makarien.
Sechstes Kapitel
Wilhelm an Lenardo
Endlich, teuerster Freund, kann ich sagen, sie ist gefunden, und zu Ihrer Beruhigung darf ich hinzusetzen, in einer Lage, wo fur das gute Wesen nichts weiter zu wunschen ubrigbleibt. Lassen Sie mich im allgemeinen reden; ich schreibe noch hier an Ort und Stelle, wo ich alles vor Augen habe, wovon ich Rechenschaft geben soll.
Hauslicher Zustand, auf Frommigkeit gegrundet, durch Fleiss und Ordnung belebt und erhalten, nicht zu eng, nicht zu weit, im glucklichsten Verhaltnis der Pflichten zu den Fahigkeiten und Kraften. Um sie her bewegt sich ein Kreislauf von Handarbeitenden im reinsten, anfanglichsten Sinne; hier ist Beschranktheit und Wirkung in die Ferne, Umsicht und Massigung, Unschuld und Tatigkeit. Nicht leicht habe ich mich in einer angenehmeren Gegenwart gesehen, uber welche eine heitere Aussicht auf die nachste Zeit und die Zukunft waltet. Dieses, zusammen betrachtet, mochte wohl hinreichend sein, einen jeden Teilnehmenden zu beruhigen.
Ich darf daher in Erinnerung alles dessen, was unter uns besprochen worden, auf das dringendste bitten: der Freund moge es bei dieser allgemeinen Schilderung belassen, solche allenfalls in Gedanken ausmalen, dagegen aber aller weitern Nachforschung entsagen und sich dem grossen Lebensgeschafte, in das er nun wahrscheinlich vollkommen eingeweiht sein wird, auf die lebhafteste Weise widmen.
Ein Duplikat dieses Briefes sende an Hersilien, das andere an den Abbe, der, wie ich vermute, am sichersten weiss, wo Sie zu finden sind. An diesen gepruften, im Geheimen und Offenbaren immer gleich zuverlassigen Freund schreibe noch einiges, welches er mitteilen wird; besonders bitte, was mich selbst betrifft, mit Anteil zu betrachten und mit frommen, treuen Wunschen mein Vorhaben zu fordern.
Wilhelm an den Abbe
Wenn mich nicht alles triegt, so ist Lenardo, der hochst wertzuschatzende, gegenwartig in eurer Mitte, und ich sende deshalb das Duplikat eines Schreibens, damit es ihm sicher zugestellt werde. Moge dieser vorzugliche junge Mann in euren Kreis zu ununterbrochenem bedeutendem Wirken verschlungen werden, da, wie ich hoffe, sein Inneres beruhigt ist.
Was mich betrifft, so kann ich, nach fortdauernder tatiger Selbstprufung, mein durch Montan vorlangst angebrachtes Gesuch nunmehr nur noch ernstlicher wiederholen; der Wunsch, meine Wanderjahre mit mehr Fassung und Stetigkeit zu vollenden, wird immer dringender. In sicherer Hoffnung, man wurde meinen Vorstellungen Raum geben, habe ich mich durchaus vorbereitet und meine Einrichtung getroffen. Nach Vollendung des Geschafts zugunsten meines edlen Freundes werde ich nun wohl meinen fernern Lebensgang unter den schon ausgesprochenen Bedingungen getrost antreten durfen. Sobald ich auch noch eine fromme Wallfahrt zuruckgelegt, gedenke ich in *** einzutreffen. An diesem Ort hoff' ich eure Briefe zu finden und meinem innern Triebe gemass von neuem zu beginnen.
Siebentes Kapitel
Nachdem unser Freund vorstehende Briefe abgelassen, schritt er, durch manchen benachbarten Gebirgszug fortwandernd, immer weiter, bis die herrliche Talgegend sich ihm eroffnete, wo er, vor Beginn eines neuen Lebensganges, so manches abzuschliessen gedachte. Unerwartet traf er hier auf einen jungen, lebhaften Reisegefahrten, durch welchen seinem Bestreben und seinem Genuss manches zu Gunsten gereichen sollte. Er findet sich mit einem Maler zusammen, welcher, wie dergleichen viele in der offnen Welt, mehrere noch in Romanen und Dramen umherwandeln und spuken, sich diesmal als ein ausgezeichneter Kunstler darstellte. Beide schicken sich gar bald ineinander, vertrauen sich wechselseitig Neigungen, Absichten, Vorsatze; und nun wird offenbar, dass der treffliche Kunstler, der aquarellierte Landschaften mit geistreicher, wohl gezeichneter und ausgefuhrter Staffage zu schmucken weiss, leidenschaftlich eingenommen sei von Mignons Schicksalen, Gestalt und Wesen. Er hatte sie gar oft schon vorgestellt und begab sich nun auf die Reise, die Umgebungen, worin sie gelebt, der Natur nachzubilden; hier das liebliche Kind in glucklichen und unglucklichen Umgebungen und Augenblicken darzustellen und so ihr Bild, das in allen zarten Herzen lebt, auch dem Sinne des Auges hervorzurufen.
Die Freunde gelangen bald zum grossen See, Wilhelm trachtet, die angedeuteten Stellen nach und nach aufzufinden. Landliche Prachthauser, weitlaufige Kloster, Uberfahrten und Buchten, Erdzungen und Landungsplatze wurden gesucht und die Wohnungen kuhner und gutmutiger Fischer so wenig als die heiter gebauten Stadtchen am Ufer und Schlosschen auf benachbarten Hohen vergessen. Dies alles weiss der Kunstler zu ergreifen, durch Beleuchten und Farben der jedesmal geschichtlich erregten Stimmung anzueignen, so dass Wilhelm seine Tage und Stunden in durchgreifender Ruhrung zubrachte.
Auf mehreren Blattern war Mignon im Vordergrunde, wie sie leibte und lebte, vorgestellt, indem Wilhelm der glucklichen Einbildungskraft des Freundes durch genaue Beschreibung nachzuhelfen und das allgemeiner Gedachte ins Engere der Personlichkeit einzufassen wusste.
Und so sah man denn das Knaben-Madchen in mannigfaltiger Stellung und Bedeutung aufgefuhrt. Unter dem hohen Saulenportale des herrlichen Landhauses stand sie, nachdenklich die Statuen der Vorhalle betrachtend. Hier schaukelte sie sich platschernd auf dem angebundenen Kahn, dort erkletterte sie den Mast und erzeigte sich als ein kuhner Matrose.
Ein Bild aber tat sich vor allen hervor, welches der Kunstler auf der Herreise, noch eh' er Wilhelmen begegnet, mit allen Charakterzugen sich angeeignet hatte. Mitten im rauhen Gebirg glanzt der anmutige Scheinknabe, von Sturzfelsen umgeben, von Wasserfallen bespruht, mitten in einer schwer zu beschreibenden Horde. Vielleicht ist eine grauerliche, steile Urgebirg-Schlucht nie anmutiger und bedeutender staffiert worden. Die bunte, zigeunerhafte Gesellschaft, roh zugleich und phantastisch, seltsam und gemein, zu locker, um Furcht einzuflossen, zu wunderlich, um Vertrauen zu erwecken. Kraftige Saumrosse schleppen, bald uber Knuppelwege, bald eingehauene Stufen hinab, ein buntverworrenes Gepack, an welchem herum die samtlichen Instrumente einer betaubenden Musik, schlotternd aufgehangt, das Ohr mit rauhen Tonen von Zeit zu Zeit belastigen. Zwischen allem dem das liebenswurdige Kind, in sich gekehrt ohne Trutz, unwillig ohne Widerstreben, gefuhrt, aber nicht geschleppt. Wer hatte sich nicht des merkwurdigen, ausgefuhrten Bildes gefreut? Kraftig charakterisiert war die grimmige Enge dieser Felsmassen; die alles durchschneidenden schwarzen Schluchten, zusammengeturmt, allen Ausgang zu hindern drohend, hatte nicht eine kuhne Brucke auf die Moglichkeit, mit der ubrigen Welt in Verbindung zu gelangen, hingedeutet. Auch liess der Kunstler mit klugdichtendem Wahrheitssinne eine Hohle merklich werden, die man als Naturwerkstatt machtiger Kristalle oder als Aufenthalt einer fabelhaftfurchtbaren Drachenbrut ansprechen konnte.
Nicht ohne heilige Scheu besuchten die Freunde den Palast des Marchese; der Greis war von seiner Reise noch nicht zuruck; sie wurden aber auch in diesem Bezirk, weil sie sich mit geistlichen und weltlichen Behorden wohl zu benehmen wussten, freundlich empfangen und behandelt.
Die Abwesenheit des Hausherrn jedoch empfand Wilhelm sehr angenehm; denn ob er gleich den wurdigen Mann gerne wieder gesehen und herzlich begrusst hatte, so furchtete er sich doch vor dessen dankbarer Freigebigkeit und vor irgendeiner aufgedrungenen Belohnung jenes treuen, liebevollen Handelns, wofur er schon den zartesten Lohn dahingenommen hatte.
Und so schwammen die Freunde auf zierlichem Nachen von Ufer zu Ufer, den See in jeder Richtung durchkreuzend. In der schonsten Jahrszeit entging ihnen weder Sonnenaufgang noch -untergang und keine der tausend Schattierungen, mit denen das Himmelslicht sein Firmament und von da See und Erde freigebigst uberspendet und sich im Abglanz erst vollkommen verherrlicht.
Eine uppige Pflanzenwelt, ausgesaet von Natur, durch Kunst gepflegt und gefordert, umgab sie uberall. Schon die ersten Kastanienwalder hatten sie willkommen geheissen, und nun konnten sie sich eines traurigen Lachelns nicht enthalten, wenn sie, unter Zypressen gelagert, den Lorbeer aufsteigen, den Granatapfel sich roten, Orangen und Zitronen in Blute sich entfalten und Fruchte zugleich aus dem dunklen Laube hervorgluhend erblickten.
Durch den frischen Gesellen entstand jedoch fur Wilhelm ein neuer Genuss. Unserm alten Freund hatte die Natur kein malerisches Auge gegeben. Empfanglich fur sichtbare Schonheit nur an menschlicher Gestalt, ward er auf einmal gewahr: ihm sei durch einen gleichgestimmten, aber zu ganz andern Genussen und Tatigkeiten gebildeten Freund die Umwelt aufgeschlossen.
In gesprachiger Hindeutung auf die wechselnden Herrlichkeiten der Gegend, mehr aber noch durch konzentrierte Nachahmung wurden ihm die Augen aufgetan und er von allen sonst hartnackig gehegten Zweifeln befreit. Verdachtig waren ihm von jeher Nachbildungen italienischer Gegenden gewesen; der Himmel schien ihm zu blau, der violette Ton reizender Fernen zwar hochst lieblich, doch unwahr und das mancherlei frische Grun doch gar zu bunt; nun verschmolz er aber mit seinem neuen Freunde aufs innigste und lernte, empfanglich wie er war, mit dessen Augen die Welt sehen, und indem die Natur das offenbare Geheimnis ihrer Schonheit entfaltete, musste man nach Kunst als der wurdigsten Auslegerin unbezwingliche Sehnsucht empfinden.
Aber ganz unerwartet kam der malerische Freund ihm von einer andern Seite entgegen; dieser hatte manchmal einen heitern Gesang angestimmt und dadurch ruhige Stunden auf weit- und breiter Wellenfahrt gar innig belebt und begleitet. Nun aber traf sich's, dass er in einem der Palaste ein ganz eigenes Saitenspiel fand, eine Laute in kleinem Format, kraftig, vollklingend, bequem und tragbar; er wusste das Instrument alsbald zu stimmen, so glucklich und angenehm zu behandeln und die Gegenwartigen so freundlich zu unterhalten, dass er, als neuer Orpheus, den sonst strengen und trocknen Kastellan erweichend bezwang und ihn freundlich notigte, das Instrument dem Sanger auf eine Zeitlang zu uberlassen, mit der Bedingung, solches vor der Abreise treulich wiederzugeben, auch in der Zwischenzeit an irgendeinem Sonn- oder Feiertage zu erscheinen und die Familie zu erfreuen.
Ganz anders war nunmehr See und Ufer belebt, Boot und Kahn buhlten um ihre Nachbarschaft, selbst Fracht- und Marktschiffe verweilten in ihrer Nahe, Reihen von Menschen zogen am Strande nach, und die Landenden sahen sich sogleich von einer frohsinnigen Menge umgeben; die Scheidenden segnete jedermann, zufrieden, doch sehnsuchtsvoll.
Nun hatte zuletzt ein Dritter, die Freunde beobachtend gar wohl bemerken konnen, dass die Sendung beider eigentlich geendigt sei: alle die auf Mignon sich beziehenden Gegenden und Lokalitaten waren samtlich umrissen, teils in Licht, Schatten und Farbe gesetzt, teils in heissen Tagesstunden treulich ausgefuhrt. Dies zu leisten, hatten sie sich auf eine eigne Weise von Ort zu Ort bewegt, weil ihnen Wilhelms Gelubde gar oft hinderlich war; doch wussten sie solches gelegentlich zu umgehen durch die Auslegung: es gelte nur fur das Land, auf dem Wasser sei es nicht anwendbar.
Auch fuhlte Wilhelm selbst, dass ihre eigentliche Absicht erreicht sei, aber leugnen konnte er sich nicht, dass der Wunsch, Hilarien und die schone Witwe zu sehen, auch noch befriedigt werden musse, wenn man mit freiem Sinne diese Gegend verlassen wollte. Der Freund, dem er die Geschichte vertraut, war nicht weniger neugierig und freute sich schon, einen herrlichen Platz in einer seiner Zeichnungen leer und ledig zu wissen, den er mit den Gestalten so holder Personen kunstlerisch zu verzieren gedachte.
Nun stellten sie Kreuz-und-Quer-Fahrten an, die Punkte, wo der Fremde in dieses Paradies einzutreten pflegt, beobachtend. Ihre Schiffer hatten sie mit der Hoffnung, Freunde hier zu sehen, bekannt gemacht, und nun dauerte es nicht lange, so sahen sie ein wohlverziertes Prachtschiff herangleiten, worauf sie Jagd machten und sich nicht enthielten sogleich leidenschaftlich zu entern. Die Frauenzimmer, einigermassen betroffen, fassten sich sogleich, als Wilhelm das Blattchen vorwies und beide den von ihnen selbst vorgezeichneten Pfeil ohne Bedenken anerkannten. Die Freunde wurden alsbald zutraulich eingeladen, das Schiff der Damen zu besteigen, welches eilig geschah.
Und nun vergegenwartige man sich die viere, wie sie, im zierlichsten Raum beisammen, gegen einander uber sitzen in der seligsten Welt, von lindem Lufthauch angeweht, auf glanzenden Wellen geschaukelt. Man denke das weibliche Paar, wie wir sie vor kurzem geschildert gesehen, das mannliche, mit dem wir schon seit Wochen ein gemeinsames Reiseleben fuhren, und wir sehen sie nach einiger Betrachtung samtlich in der anmutigsten, obgleich gefahrlichsten Lage.
Fur die drei, welche sich schon, willig oder unwillig, zu den Entsagenden gezahlt, ist nicht das Schwerste zu besorgen, der Vierte jedoch durfte sich nur allzubald in jenen Orden aufgenommen sehen.
Nachdem man einigemal den See durchkreuzt und auf die interessantesten Lokalitaten sowohl des Ufers als der Inseln hingedeutet hatte, brachte man die Damen gegen den Ort, wo sie ubernachten sollten und wo ein gewandter, fur diese Reise angenommener Fuhrer alle wunschenswerten Bequemlichkeiten zu besorgen wusste. Hier war nun Wilhelms Gelubde ein schicklicher, aber unbequemer Zeremonienmeister; denn gerade an dieser Station hatten die Freunde vor kurzem drei Tage zugebracht und alles Merkwurdige der Umgebung erschopft. Der Kunstler, welchen kein Gelubde zuruckhielt, wollte die Erlaubnis erbitten, die Damen ans Land zu geleiten, die es aber ablehnten, weswegen man sich in einiger Entfernung vom Hafen trennte.
Kaum war der Sanger in sein Schiff gesprungen, das sich eiligst vom Ufer entfernte, als er nach der Laute griff und jenen wundersam-klagenden Gesang, den die venezianischen Schiffer von Land zu See, von See zu Land erschallen lassen, lieblich anzustimmen begann. Geubt genug zu solchem Vortrag, der ihm diesmal eigens zart und ausdrucksvoll gelang, verstarkte er, verhaltnismassig zur wachsenden Entfernung, den Ton, so dass man am Ufer immer die gleiche Nahe des Scheidenden zu horen glaubte. Er liess zuletzt die Laute schweigen, seiner Stimme allein vertrauend, und hatte das Vergnugen, zu bemerken, dass die Damen, anstatt sich ins Haus zuruckzuziehen, am Ufer zu verweilen beliebten. Er fuhlte sich so begeistert, dass er nicht endigen konnte, auch selbst als zuletzt Nacht und Entfernung das Anschauen aller Gegenstande entzogen; bis ihm endlich der mehr beruhigte Freund bemerklich machte, dass, wenn auch Finsternis den Ton begunstige, das Schiff den Kreis doch langst verlassen habe, in welchem derselbe wirken konne.
Der Verabredung gemass traf man sich des andern Tags abermals auf offener See. Voruberfliegend befreundete man sich mit der schonen Reihe merkwurdig hingelagerter, bald reihenweis ubersehbarer, bald sich verschiebender Ansichten, die, im Wasser sich gleichmassig verdoppelnd, bei Uferfahrten das mannigfaltigste Vergnugen gewahren. Dabei liessen denn die kunstlerischen Nachbildungen auf dem Papier dasjenige vermuten und ahnen, was man auf dem heutigen Zug nicht unmittelbar gewahrte. Fur alles dieses schien die stille Hilarie freien und schonen Sinn zu besitzen.
Aber nun gegen Mittag erschien abermals das Wunderbare: die Damen landeten allein, die Manner kreuzten vor dem Hafen. Nun suchte der Sanger seinen Vortrag einer solchen Annaherung zu bequemen, wo nicht bloss von einem zart und lebhaft jodelnden allgemeinen Sehnsuchtston, sondern von heiterer, zierlicher Andringlichkeit irgendeine gluckliche Wirkung zu hoffen ware. Da wollte denn manchmal ein und das andere der Lieder, die wir geliebten Personen der "Lehrjahre" schuldig sind, uber den Saiten, uber den Lippen schweben; doch enthielt er sich, aus wohlmeinender Schonung, deren er selbst bedurfte, und schwarmte vielmehr in fremden Bildern und Gefuhlen umher, zum Gewinn seines Vortrags, der sich nur um desto einschmeicheln der vernehmen liess. Beide Freunde hatten, auf diese Weise den Hafen blockierend, nicht an Essen und Trinken gedacht, wenn die vorsichtigen Freundinnen nicht gute Bissen herubergesendet hatten, wozu ein begleitender Trunk ausgesuchten Weins zum allerbesten schmeckte.
Jede Absonderung, jede Bedingung, die unsern aufkeimenden Leidenschaften in den Weg tritt, scharft sie, anstatt sie zu dampfen; und auch diesmal lasst sich vermuten, dass die kurze Abwesenheit beiden Teilen gleiche Sehnsucht erregt habe. Allerdings! man sah die Damen in ihrer blendend-muntern Gondel gar bald wieder heranfahren.
Das Wort Gondel nehme man aber nicht im traurigen venezianischen Sinne; hier bezeichnet es ein lustig-bequemgefalliges Schiff, das, hatte sich unser kleiner Kreis verdoppelt, immer noch geraumig genug gewesen ware.
Einige Tage wurden so auf diese eigene Weise zwischen Begegnen und Scheiden, zwischen Trennen und Zusammensein hingebracht; im Genuss vergnuglichster Geselligkeit schwebte immer Entfernen und Entbehren vor der bewegten Seele. In Gegenwart der neuen Freunde rief man sich die altern zuruck; vermisste man die neuen, so musste man bekennen, dass auch diese schon starken Anspruch an Erinnerung zu erwerben gewusst. Nur ein gefasster, geprufter Geist wie unsere schone Witwe konnte sich zu solcher Stunde vollig im Gleichgewicht erhalten.
Hilariens Herz war zu sehr verwundet, als dass es einen neuen, reinen Eindruck zu empfangen fahig gewesen ware; aber wenn die Anmut einer herrlichen Gegend uns lindernd umgibt, wenn die Milde gefuhlvoller Freunde auf uns einwirkt, so kommt etwas Eigenes uber Geist und Sinn, das uns Vergangenes, Abwesendes traumartig zuruckruft und das Gegenwartige, als ware es nur Erscheinung, geistermassig entfernt. So abwechselnd hin und wider geschaukelt, angezogen und abgelehnt, genahert und entfernt, wallten und wogten sie verschiedene Tage.
Ohne diese Verhaltnisse naher zu beurteilen, glaubte doch der gewandte, wohlerfahrene Reisefuhrer einige Veranderung in dem ruhigen Betragen seiner Heldinnen gegen das bisherige zu bemerken, und als das Grillenhafte dieser Zustande sich ihm endlich aufgeklart hatte, wusste er auch hier das Erfreulichste zu vermitteln. Denn als man eben die Damen abermals zu dem Orte, wo ihre Tafel bereitet ware, bringen wollte, begegnete ihnen ein anderes geschmucktes Schiff, das, an das ihrige sich anlegend, einen gut gedeckten Tisch mit allen Heiterkeiten einer festlichen Tafel einladend vorwies; man konnte nun den Verlauf mehrerer Stunden zusammen abwarten, und erst die Nacht entschied die herkommliche Trennung.
Glucklicherweise hatten die mannlichen Freunde auf ihren fruheren Fahrten gerade die geschmuckteste der Inseln aus einer gewissen Naturgrille zu betreten vernachlassigt und auch jetzt nicht gedacht, die dortigen, keineswegs im besten Stand erhaltenen Kunsteleien den Freundinnen vorzuzeigen, ehe die herrlichen Weltszenen vollig erschopft waren. Doch zuletzt ging ihnen ein ander Licht auf! Man zog den Fuhrer ins Vertrauen, dieser wusste jene Fahrt sogleich zu beschleunigen, und sie hielten solche fur die seligste. Nun durften sie hoffen und erwarten, nach so manchen unterbrochenen Freuden drei volle himmlische Tage, in einem abgeschlossenen Bezirk versammelt, zuzubringen.
Hier mussen wir nun den Reisefuhrer besonders ruhmen; er gehorte zu jenen beweglichen, tatig gewandten, welche, mehrere Herrschaften geleitend, dieselben Routen oft zurucklegen; mit Bequemlichkeiten und Unbequemlichkeiten genau bekannt, die einen zu vermeiden, die andern zu benutzen, und ohne Hintansetzung eignen Vorteils, ihre Patrone doch immer wohlfeiler und vergnuglicher durchs Land zu fuhren verstehen, als diesen auf eigene Hand wurde gelungen sein.
Zu gleicher Zeit tat sich eine lebhafte weibliche Bedienung der Frauenzimmer zum erstenmal entschieden tatig hervor, so dass die schone Witwe zur Bedingung machen konnte, die beiden Freunde mochten bei ihr als Gaste einkehren und mit massiger Bewirtung vorliebnehmen. Auch hier gelang alles zum gunstigsten: denn der kluge Geschaftstrager hatte, bei dieser Gelegenheit wie fruher, von den Empfehlungs- und Kreditbriefen der Damen so klugen Gebrauch zu machen gewusst, dass, in Abwesenheit der Besitzer, Schloss und Garten, nicht weniger die Kuche zu beliebigem Gebrauch eroffnet wurden, ja sogar einige Aussicht auf den Keller blieb. Alles stimmte nun so zusammen, dass man sich gleich vom ersten Augenblick an als einheimisch, als eingeborne Herrschaft solcher Paradiese fuhlen musste.
Das samtliche Gepack aller unserer Reisenden ward sogleich auf die Insel gebracht, wodurch fur die Gesellschaft grosse Bequemlichkeit entstand, der grosste Vorteil aber dabei erzielt ward, indem die samtlichen Portefeuilles des trefflichen Kunstlers, zum erstenmal alle beisammen, ihm Gelegenheit gaben, den Weg, den er genommen, in stetiger Folge den Schonen zu vergegenwartigen. Man nahm die Arbeit mit Entzucken auf. Nicht etwa wie Liebhaber und Kunstler sich wechselsweise prakonisieren, hier ward einem vorzuglichen Manne das gefuhlteste und einsichtigste Lob erteilt. Damit wir aber nicht in Verdacht geraten, als wollten wir mit allgemeinen Phrasen dasjenige, was wir nicht vorzeigen konnen, glaubigen Lesern nur unterschieben, so stehe hier das Urteil eines Kenners, der bei jenen fraglichen sowohl als gleichen und ahnlichen Arbeiten mehrere Jahre nachher bewundernd verweilte.
"Ihm gelingt, die heitere Ruhe stiller Seeaussichten darzustellen, wo anliegend-freundliche Wohnungen, sich in der klaren Flut spiegelnd, gleichsam zu baden scheinen; Ufer, mit begrunten Hugeln umgeben, hinter denen Waldgebirge und eisige Gletscherfirnen aufsteigen. Der Farbenton solcher Szenen ist heiter, frohlich-klar; die Fernen mit milderndem Duft wie ubergossen, der, nebelgrauer und einhullender, aus durchstromten Grunden und Talern hervorsteigt und ihre Windungen andeutet. Nicht minder ist des Meisters Kunst zu loben in Ansichten aus Talern, naher am Hochgebirg gelegen, wo uppig bewachsene Bergeshange niedersteigen, frische Strome sich am Fuss der Felsen eilig fortwalzen.
Trefflich weiss er in machtig schattenden Baumen des Vordergrundes den unterscheidenden Charakter verschiedener Arten so in Gestalt des Ganzen wie in dem Gang der Zweige, den einzelnen Partien der Blatter befriedigend anzudeuten; nicht weniger in dem auf mancherlei Weise nuancierten frischen Grun, worin sanfte Lufte mit gelindem Hauch zu facheln und die Lichter daher gleichsam bewegt erscheinen.
Im Mittelgrund ermattet allmahlich der lebhafte grune Ton und vermahlt sich auf entferntern Berghohen schwach violett mit dem Blau des Himmels. Doch unserm Kunstler glucken uber alles Darstellungen hoherer Alpgegenden; das einfach Grosse und Stille ihres Charakters, die ausgedehnten Weiden am Bergeshang, mit dem frischesten Grun uberkleidet, wo dunkel einzeln stehende Tannen aus dem Rasenteppich ragen und von hohen Felswanden sich schaumende Bache sturzen. Mag er die Weiden mit grasendem Rindvieh staffieren oder den engen, um Felsen sich windenden Bergpfad mit beladenen Saumpferden und Maultieren, er zeichnet alle gleich gut und geistreich; immer am schicklichen Ort und nicht in zu grosser Fulle angebracht, zieren und beleben sie diese Bilder, ohne ihre ruhige Einsamkeit zu storen oder auch nur zu mindern. Die Ausfuhrung zeugt von der kuhnsten Meisterhand, leicht mit wenigen sichern Strichen und doch vollendet. Er bediente sich spater englischer glanzender Permanentfarben auf Papier, daher sind diese Gemalde von vorzuglich bluhendem Farbenton, heiter, aber zugleich kraftig und gesattigt.
Seine Abbildungen tiefer Felsschluchten, wo um und um nur totes Gestein starrt, im Abgrund, von kuhner Brucke ubersprungen, der wilde Strom tobt, gefallen zwar nicht wie die vorigen, doch ergreift uns ihre Wahrheit; wir bewundern die grosse Wirkung des Ganzen, durch wenige bedeutende Striche und Massen von Lokalfarben mit dem geringsten Aufwand hervorgebracht.
Ebenso charakteristisch weiss er die Gegenden des Hochgebirges darzustellen, wo weder Baum noch Gestrauch mehr fortkommt, sondern nur zwischen Felszacken und Schneegipfeln sonnige Flachen mit zartem Rasen sich bedecken. So schon und grunduftig und einladend er dergleichen Stellen auch koloriert, so sinnig hat er doch unterlassen, hier mit weidenden Herden zu staffieren, denn diese Gegenden geben nur Futter den Gemsen, und Wildheuern einen gefahrvollen Erwerb." Wir entfernen uns nicht von der Absicht, unsern Lesern den Zustand solcher wilden Gegenden so nah als moglich zu bringen, wenn wir das eben gebrauchte Wort Wildheuer mit wenigem erklaren. Man bezeichnet damit armere Bewohner der Hochgebirge, welche sich unterfangen, auf Grasplatzen, die fur das Vieh schlechterdings unzuganglich sind, Heu zu machen. Sie ersteigen deswegen, mit Steigehaken an den Fussen, die steilsten, gefahrlichsten Klippen, oder lassen sich, wo es notig ist, von hohen Felswanden an Stricken auf die besagten Grasplatze herab. Ist nun das Gras von ihnen geschlagen und zu Heu getrocknet, so werfen sie solches von den Hohen in tiefere Talgrunde herab, wo dasselbe, wieder gesammelt, an Viehbesitzer verkauft wird, die es der vorzuglichen Beschaffenheit wegen gern erhandeln. Jene Bilder, die zwar einen jeden erfreuen und anziehen mussten, betrachtete Hilarie besonders mit grosser Aufmerksamkeit; ihre Bemerkungen gaben zu erkennen, dass sie selbst diesem Fache nicht fremd sei; am wenigsten blieb dies dem Kunstler verborgen, der sich von niemand lieber erkannt gesehen hatte als gerade von dieser anmutigsten aller Personen. Die altere Freundin schwieg daher nicht langer, sondern tadelte Hilarien, dass sie mit ihrer eigenen Geschicklichkeit hervorzutreten auch diesmal, wie immer, zaudere; hier sei die Frage nicht, gelobt oder getadelt zu werden, sondern zu lernen. Eine schonere Gelegenheit finde sich vielleicht nicht wieder.
Nun zeigte sich erst, als sie genotigt war, ihre Blatter vorzuweisen, welch ein Talent hinter diesem stillen, zierlichsten Wesen verborgen liege; die Fahigkeit war eingeboren, fleissig geubt. Sie besass ein treues Auge, eine reinliche Hand, wie sie Frauen bei ihren sonstigen Schmuck- und Putzarbeiten zu hoherer Kunst befahigt. Man bemerkte freilich Unsicherheit in den Strichen und deshalb nicht hinlanglich ausgesprochenen Charakter der Gegenstande, aber man bewunderte genugsam die fleissigste Ausfuhrung; dabei jedoch das Ganze nicht aufs vorteilhafteste gefasst, nicht kunstlerisch zurechtgeruckt. Sie furchtet, so scheint es, den Gegenstand zu entweihen, bliebe sie ihm nicht vollkommen getreu, deshalb ist sie angstlich und verliert sich im Detail.
Nun aber fuhlt sie sich durch das grosse, freie Talent, die dreiste Hand des Kunstlers aufgeregt, erweckt, was von Sinn und Geschmack in ihr treulich schlummerte; es geht ihr auf, dass sie nur Mut fassen, einige Hauptmaximen, die ihr der Kunstler grundlich, freundlich-dringend, wiederholt uberlieferte, ernst und stracklich befolgen musse. Die Sicherheit des Striches findet sich ein, sie halt sich allmahlich weniger an die Teile als ans Ganze, und so schliesst sich die schonste Fahigkeit unvermutet zur Fertigkeit auf: wie eine Rosenknospe, an der wir noch abends unbeachtend vorubergingen, morgens mit Sonnenaufgang vor unsern Augen hervorbricht, so dass wir das lebende Zittern, das die herrliche Erscheinung dem Lichte entgegenregt, mit Augen zu schauen glauben.
Auch nicht ohne sittliche Nachwirkung war eine solche asthetische Ausbildung geblieben: denn einen magischen Eindruck auf ein reines Gemut bewirkt das Gewahrwerden der innigsten Dankbarkeit gegen irgend jemand, dem wir entscheidende Belehrung schuldig sind. Diesmal war es das erste frohe Gefuhl, das in Hilariens Seele nach geraumer Zeit hervortrat. Die herrliche Welt erst tagelang vor sich zu sehen und nun die auf einmal verliehene vollkommenere Darstellungsgabe zu empfinden! Welche Wonne, in Zugen und Farben dem Unaussprechlichen naher zu treten!
Sie fuhlte sich mit einer neuen Jugend uberrascht und konnte sich eine besondere Anneigung zu jenem, dem sie dies Gluck schuldig geworden, nicht versagen.
So sassen sie nebeneinander; man hatte nicht unterscheiden konnen, wer hastiger, Kunstvorteile zu uberliefern oder sie zu ergreifen und auszuuben, gewesen ware. Der glucklichste Wettstreit, wie er sich selten zwischen Schuler und Meister entzundet, tat sich hervor. Manchmal schien der Freund auf ihr Blatt mit einem entscheidenden Zuge einwirken zu wollen, sie aber, sanft ablehnend, eilte, gleich das Gewunschte, das Notwendige zu tun, und immer zu seinem Erstaunen.
Der letzte Abend war nun herangekommen, und ein hervorleuchtender, klarster Vollmond liess den Ubergang von Tag zu Nacht nicht empfinden. Die Gesellschaft hatte sich zusammen auf einer der hochsten Terrassen gelagert, den ruhigen, von allen Seiten her erleuchteten und rings widerglanzenden See, dessen Lange sich zum Teil verbarg, seiner Breite nach ganz und klar zu uberschauen.
Was man nun auch in solchen Zustanden besprechen mochte, so war doch nicht zu unterlassen, das hundertmal Besprochene, die Vorzuge dieses Himmels, dieses Wassers, dieser Erde, unter dem Einfluss einer gewaltigern Sonne, eines mildern Mondes nochmals zu bereden, ja sie ausschliesslich und lyrisch anzuerkennen.
Was man sich aber nicht gestand, was man sich kaum selbst bekennen mochte, war das tiefe, schmerzliche Gefuhl, das in jedem Busen starker oder schwacher, durchaus aber gleich wahr und zart sich bewegte. Das Vorgefuhl des Scheidens verbreitete sich uber die Gesamtheit; ein allmahliches Verstummen wollte fast angstlich werden.
Da ermannte, da entschloss sich der Sanger, auf seinem Instrumente kraftig praludierend, uneingedenk jener fruheren wohlbedachten Schonung. Ihm schwebte Mignons Bild mit dem ersten Zartgesang des holden Kindes vor. Leidenschaftlich uber die Grenze gerissen, mit sehnsuchtigem Griff die wohlklingenden Saiten aufregend, begann er anzustimmen:
"Kennst du das Land, wo die Zitronen bluhn,
Im dunklen Laub "
Hilarie stand erschuttert auf und entfernte sich, die Stirne verschleiernd; unsere schone Witwe bewegte ablehnend eine Hand gegen den Sanger, indem sie mit der andern Wilhelms Arm ergriff. Hilarien folgte der wirklich verworrene Jungling, Wilhelmen zog die mehr besonnene Freundin so hinter beiden drein. Und als sie nun alle viere im hohen Mondschein sich gegenuberstanden, war die allgemeine Ruhrung nicht mehr zu verhehlen. Die Frauen warfen sich einander in die Arme, die Manner umhalsten sich, und Luna ward Zeuge der edelsten, keuschesten Tranen. Einige Besinnung kehrte langsam erst zuruck, man zog sich auseinander, schweigend, unter seltsamen Gefuhlen und Wunschen, denen doch die Hoffnung schon abgeschnitten war. Nun fuhlte sich unser Kunstler, welchen der Freund mit sich riss, unter dem hehren Himmel, in der ernst-lieblichen Nachtstunde, eingeweiht in alle Schmerzen des ersten Grades der Entsagenden, welchen jene Freunde schon uberstanden hatten, nun aber sich in Gefahr sahen, abermals schmerzlich gepruft zu werden.
Spat hatten sich die Junglinge zur Ruhe begeben, und am fruhen Morgen zeitig erwachend, fassten sie ein Herz und glaubten sich stark zu einem Abschied aus diesem Paradiese, ersannen mancherlei Plane, wie sie ohne Pflichtverletzung in der angenehmen Nahe zu verharren allenfalls moglich machten.
Ihre Vorschlage deshalb gedachten sie anzubringen, als die Nachricht sie uberraschte, schon beim fruhsten Scheine des Tages seien die Damen abgefahren. Ein Brief von der Hand unserer Herzenskonigin belehrte sie des Weitern. Man konnte zweifelhaft sein, ob mehr Verstand oder Gute, mehr Neigung oder Freundschaft, mehr Anerkennung des Verdienstes oder leises, verschamtes Vorurteil darin ausgesprochen sei. Leider enthielt der Schluss die harte Forderung, dass man den Freundinnen weder folgen noch sie irgendwo aufsuchen, ja, wenn man sich zufallig begegnete einander treulich ausweichen wolle.
Nun war das Paradies wie durch einen Zauberschlag fur die Freunde zur volligen Wuste gewandelt; und gewiss hatten sie selbst gelachelt, ware ihnen in dem Augenblick klar geworden, wie ungerecht-undankbar sie sich auf einmal gegen eine so schone, so merkwurdige Umgebung verhielten. Kein selbstsuchtiger Hypochondrist wurde so scharf und scheelsuchtig den Verfall der Gebaude, die Vernachlassigung der Mauern, das Verwittern der Turme, den Grasuberzug der Gange, das Aussterben der Baume, das vermoosende Vermodern der Kunstgrotten, und was noch alles dergleichen zu bemerken ware, gerugt und gescholten haben. Sie fassten sich indes, so gut es sich fugen wollte; unser Kunstler packte sorgfaltig seine Arbeit zusammen sie schifften beide sich ein, Wilhelm begleitete ihn bis in die obere Gegend des Sees, wo jener nach fruherer Verabredung seinen Weg zu Natalien suchte, um sie durch die schonen landschaftlichen Bilder in Gegenden zu versetzen, die sie vielleicht so bald nicht betreten sollte. Berechtigt ward er zugleich, den unerwarteten Fall bekennend vorzutragen, wodurch er in die Lage geraten, von den Bundesgliedern des Entsagens aufs freundlichste in die Mitte genommen und durch liebevolle Behandlung, wo nicht geheilt, doch getrostet zu werden.
Lenardo an Wilhelm
Ihr Schreiben, mein Teuerster, traf mich in einer Tatigkeit, die ich Verwirrung nennen konnte, wenn der Zweck nicht so gross, das Erlangen nicht so sicher ware. Die Verbindung mit den Ihrigen ist wichtiger, als beide Teile sich denken konnten. Daruber darf ich nicht anfangen zu schreiben, weil sich gleich hervortut, wie unubersehbar das Ganze, wie unaussprechlich die Verknupfung. Tun ohne Reden muss jetzt unsre Losung sein. Tausend Dank, dass Sie mir auf ein so anmutiges Geheimnis halb verschleiert in die Ferne hindeuten; ich gonne dem guten Wesen einen so einfach glucklichen Zustand, indessen mich ein Wirbel von Verschlingungen, doch nicht ohne Leitstern, umhertreiben wird. Der Abbe ubernimmt, das Weitere zu vermelden, ich darf nur dessen gedenken, was fordert; die Sehnsucht verschwindet im Tun und Wirken. Sie haben mich und hier nicht weiter; wo genug zu schaffen ist, bleibt kein Raum fur Betrachtung.
Der Abbe an Wilhelm
Wenig hatte gefehlt, so ware Ihr wohlgemeinter Brief, ganz Ihrer Absicht entgegen, uns hochst schadlich geworden. Die Schilderung der Gefundenen ist so gemutlich und reizend, dass, um sie gleichfalls aufzufinden, der wunderliche Freund vielleicht alles hatte stehen und liegen lassen, waren unsre nunmehr verbundeten Plane nicht so gross und weitaussehend. Nun aber hat er die Probe bestanden, und es bestatigt sich, dass er von der wichtigen Angelegenheit vollig durchdrungen ist und sich von allem andern ab- und allein dorthin gezogen fuhlt.
In diesem unserm neuen Verhaltnis, dessen Einleitung wir Ihnen verdanken, ergaben sich bei naherer Untersuchung fur jene wie fur uns weit grossere Vorteile, als man gedacht hatte.
Denn gerade durch eine von der Natur weniger begunstigte Gegend, wo ein Teil der Guter gelegen ist, die ihm der Oheim abtritt, ward in der neuern Zeit ein Kanal projektiert, der auch durch unsere Besitzungen sich ziehen wird und wodurch, wenn wir uns aneinander schliessen, sich der Wert derselben ins Unberechenbare erhoht.
Hierbei kann er seine Hauptneigung, ganz von vorne anzufangen, sehr bequem entwickeln. Zu beiden Seiten jener Wasserstrasse wird unbebautes und unbewohntes Land genugsam zu finden sein; dort mogen Spinnerinnen und Weberinnen sich ansiedeln, Maurer, Zimmerleute und Schmiede sich und ihnen massige Werkstatten bestellen; alles mag durch die erste Hand vernichtet werden, indessen wir andern die verwickelten Aufgaben zu losen unternehmen und den Umschwung der Tatigkeit zu befordern wissen.
Dieses ist also die nachste Aufgabe unsers Freundes. Aus den Gebirgen vernimmt man Klagen uber Klagen, wie dort Nahrungslosigkeit uberhandnehme; auch sollen jene Strecken im Ubermass bevolkert sein. Dort wird er sich umsehen, Menschen und Zustande beurteilen und die wahrhaft Tatigen, sich selbst und andern Nutzlichen in unsern Zug mit aufnehmen.
Ferner hab' ich von Lothario zu berichten, er bereitet den volligen Abschluss vor. Eine Reise zu den Padagogen hat er unternommen, um sich tuchtige Kunstler, nur sehr wenige, zu erbitten. Die Kunste sind das Salz der Erde; wie dieses zu den Speisen, so verhalten sich jene zu der Technik. Wir nehmen von der Kunst nicht mehr auf als nur, dass das Handwerk nicht abgeschmackt werde.
Im ganzen wird zu jener padagogischen Anstalt uns eine dauernde Verbindung hochst nutzlich und notig werden. Wir mussen tun und durfen ans Bilden nicht denken; aber Gebildete heranzuziehen ist unsre hochste Pflicht.
Tausend und aber tausend Betrachtungen schliessen sich hier an; erlauben Sie mir nach unsrer alten Weise nur noch ein allgemeines Wort, veranlasst durch eine Stelle Ihres Briefes an Lenardo. Wir wollen der Hausfrommigkeit das gebuhrende Lob nicht entziehen: auf ihr grundet sich die Sicherheit des Einzelnen, worauf zuletzt denn auch die Festigkeit und Wurde des Ganzen beruhen mag; aber sie reicht nicht mehr hin, wir mussen den Begriff einer Weltfrommigkeit fassen, unsre redlich menschlichen Gesinnungen in einen praktischen Bezug ins Weite setzen und nicht nur unsre Nachsten fordern, sondern zugleich die ganze Menschheit mitnehmen.
Um nun zuletzt Ihres Gesuches zu erwahnen, sag' ich so viel: Montan hat es zu rechter Zeit bei uns angebracht. Der wunderliche Mann wollte durchaus nicht erklaren, was Sie eigentlich vorhatten, doch er gab sein Freundeswort, dass es verstandig und, wenn es gelange, der Gesellschaft hochst nutzlich sein wurde. Und so ist Ihnen verziehen, dass Sie in Ihrem Schreiben gleichfalls ein Geheimnis davon machen. Genug, Sie sind von aller Beschranktheit entbunden, wie es Ihnen schon zugekommen sein sollte, ware uns Ihr Aufenthalt bekannt gewesen. Deshalb wiederhol' ich im Namen aller: Ihr Zweck, obschon unausgesprochen, wird im Zutrauen auf Montan und Sie gebilligt. Reisen Sie, halten Sie sich auf, bewegen Sie sich, verharren Sie! was Ihnen gelingt, wird recht sein; mochten Sie sich zum notwendigsten Glied unsrer Kette bilden.
Ich lege zum Schluss ein Tafelchen bei, woraus Sie den beweglichen Mittelpunkt unsrer Kommunikationen erkennen werden. Sie finden darin vor Augen gestellt, wohin Sie zu jeder Jahrszeit Ihre Briefe zu senden haben; am liebsten sehen wir's durch sichere Boten, deren Ihnen genugsame an mehreren Orten angedeutet sind. Ebenso finden Sie durch Zeichen bemerkt, wo Sie einen oder den andern der Unsrigen aufzusuchen haben.
Zwischenrede
Hier aber finden wir uns in dem Falle, dem Leser eine Pause und zwar von einigen Jahren anzukundigen, weshalb wir gern, ware es mit der typographischen Einrichtung zu verknupfen gewesen, an dieser Stelle einen Band abgeschlossen hatten.
Doch wird ja wohl auch der Raum zwischen zwei Kapiteln genugen, um sich uber das Mass gedachter Zeit hinwegzusetzen, da wir langst gewohnt sind, zwischen dem Sinken und Steigen des Vorhangs in unserer personlichen Gegenwart dergleichen geschehen zu lassen.
Wir haben in diesem zweiten Buche die Verhaltnisse unsrer alten Freunde bedeutend steigern sehen und zugleich frische Bekanntschaften gewonnen; die Aussichten sind derart, dass zu hoffen steht, es werde allen und jeden, wenn sie sich ins Leben zu finden wissen, ganz erwunscht geraten. Erwarten wir also zunachst, einen nach dem andern, sich verflechtend und entwindend, auf gebahnten und ungebahnten Wegen wiederzufinden.
Achtes Kapitel
Suchen wir nun unsern seit einiger Zeit sich selbst uberlassenen Freund wieder auf, so finden wir ihn, wie er von seiten des flachen Landes her in die padagogische Provinz hineintritt. Er kommt uber Auen und Wiesen, umgeht auf trocknem Anger manchen kleinen See, erblickt mehr bebuschte als waldige Hugel, uberall freie Umsicht uber einen wenig bewegten Boden. Auf solchen Pfaden blieb ihm nicht lange zweifelhaft, er befinde sich in der pferdenahrenden Region, auch gewahrte er hie und da kleinere und grossere Herden dieses edlen Tiers, verschiedenen Geschlechts und Alters. Auf einmal aber bedeckt sich der Horizont mit einer furchtbaren Staubwolke, die, eiligst naher und naher anschwellend, alle Breite des Raums vollig uberdeckt, endlich aber, durch frischen Seitenwind enthullt, ihren innern Tumult zu offenbaren genotigt ist.
In vollem Galopp sturzt eine grosse Masse solcher edlen Tiere heran, sie werden durch reitende Huter gelenkt und zusammengehalten. An dem Wanderer sprengt das ungeheure Gewimmel vorbei, ein schoner Knabe unter den begleitenden Hutern blickt ihn verwundert an, pariert, springt ab und umarmt den Vater.
Nun geht es an ein Fragen und Erzahlen; der Sohn berichtet, dass er in der ersten Prufungszeit viel ausgestanden, sein Pferd vermisst und auf Ackern und Wiesen sich zu Fuss herumgetrieben; da er sich denn auch in dem stillen, muhseligen Landleben, wie er voraus protestiert, nicht sonderlich erwiesen; das Erntefest habe ihm zwar ganz wohl, das Bestellen hinterdrein, Pflugen, Graben und Abwarten keineswegs gefallen, mit den notwendigen und nutzbaren Haustieren habe er sich zwar, doch immer lassig und unzufrieden beschaftigt, bis er denn zur lebhafteren Reiterei endlich befordert worden. Das Geschaft, die Stuten und Fohlen zu huten, sei mitunter zwar langweilig genug, indessen wenn man ein muntres Tierchen vor sich sehe, das einen vielleicht in drei, vier Jahren lustig davontruge, so sei es doch ein ganz anderes Wesen, als sich mit Kalbern und Ferkeln abzugeben, deren Lebenszweck dahinaus gehe, wohl gefuttert und angefettet fortgeschafft zu werden.
Mit dem Wachstum des Knaben, der sich wirklich zum Jungling heranstreckte, seiner gesunden Haltung, einem gewissen frei-heitern, um nicht zu sagen geistreichen Gesprache konnte der Vater wohl zufrieden sein. Beide folgten reitend nunmehr eilig der eilenden Herde, bei einsam gelegenen weitlaufigen Gehoften voruber, zu dem Ort oder Flecken, wo das grosse Marktfest gehalten ward. Dort wuhlt ein unglaubliches Getummel durcheinander, und man wusste nicht zu unterscheiden, ob Ware oder Kaufer mehr Staub erregten. Aus allen Landen treffen hier Kauflustige zusammen, um Geschopfe edler Abkunft, sorgfaltiger Zucht sich zuzueignen. Alle Sprachen der Welt glaubt man zu horen. Dazwischen tont auch der lebhafte Schall wirksamster Blasinstrumente, und alles deutet auf Bewegung, Kraft und Leben.
Unser Wanderer trifft nun den vorigen, schon bekannten Aufseher wieder an, gesellt zu andern tuchtigen Mannern, welche still und gleichsam unbemerkt Zucht und Ordnung zu erhalten wissen. Wilhelm, der hier abermals ein Beispiel ausschliesslicher Beschaftigung und, wie ihm bei aller Breite scheint, beschrankter Lebensleitung zu bemerken glaubt, wunscht zu erfahren, worin man die Zoglinge sonst noch zu uben pflege, um zu verhindern, dass bei so wilder, gewissermassen roher Beschaftigung, Tiere nahrend und erziehend, der Jungling nicht selbst zum Tiere verwildere. Und so war ihm denn sehr lieb zu vernehmen, dass gerade mit dieser gewaltsam und rauh scheinenden Bestimmung die zarteste von der Welt verknupft sei: Sprachubung und Sprachbildung.
In dem Augenblick vermisste der Vater den Sohn an seiner Seite, er sah ihn zwischen den Lucken der Menge durch mit einem jungen Tabulettkramer uber Kleinigkeiten eifrig handeln und feilschen. In kurzer Zeit sah er ihn gar nicht mehr. Als nun der Aufseher nach der Ursache einer gewissen Verlegenheit und Zerstreuung fragte und dagegen vernahm, dass es den Sohn gelte: "Lassen Sie es nur", sagte er zur Beruhigung des Vaters, "er ist unverloren; damit Sie aber sehen, wie wir die Unsrigen zusammenhalten", stiess er mit Gewalt in ein Pfeifchen, das an seinem Busen hing, in dem Augenblick antwortete es dutzendweise von allen Seiten. Der Mann fuhr fort: "Jetzt lass' ich es dabei bewenden, es ist nur ein Zeichen, dass der Aufseher in der Nahe ist und ungefahr wissen will, wie viel ihn horen. Auf ein zweites Zeichen sind sie still, aber bereiten sich, auf das dritte antworten sie und sturzen herbei. Ubrigens sind diese Zeichen auf gar mannigfaltige Weise vervielfaltigt und von besonderem Nutzen."
Auf einmal hatte sich um sie her ein freierer Raum gebildet, man konnte freier sprechen, indem man gegen die benachbarten Hohen spazierte. "Zu jenen Sprachubungen", fuhr der Aufsehende fort, "wurden wir dadurch bestimmt, dass aus allen Weltgegenden Junglinge sich hier befinden. Um nun zu verhuten, dass sich nicht, wie in der Fremde zu geschehen pflegt, die Landsleute vereinigen und, von den ubrigen Nationen abgesondert, Parteien bilden, so suchen wir durch freie Sprachmitteilung sie einander zu nahern.
Am notwendigsten aber wird eine allgemeine Sprachubung, weil bei diesem Festmarkte jeder Fremde in seinen eigenen Tonen und Ausdrucken genugsame Unterhaltung, beim Feilschen und Markten aber alle Bequemlichkeit gerne finden mag. Damit jedoch keine babylonische Verwirrung, keine Verderbnis entstehe, so wird das Jahr uber monatweise nur eine Sprache im allgemeinen gesprochen, nach dem Grundsatz, dass man nichts lerne ausserhalb des Elements, welches bezwungen werden soll.
Wir sehen unsere Schuler", sagte der Aufseher, "samtlich als Schwimmer an, welche mit Verwunderung im Elemente, das sie zu verschlingen droht, sich leichter fuhlen, von ihm gehoben und getragen sind; und so ist es mit allem, dessen sich der Mensch unterfangt.
Zeigt jedoch einer der Unsrigen zu dieser oder jener Sprache besondere Neigung, so ist auch mitten in diesem tumultvoll scheinenden Leben, das zugleich sehr viel ruhige, mussig-einsame, ja langweilige Stunden bietet, fur treuen und grundlichen Unterricht gesorgt. Ihr wurdet unsere reitenden Grammatiker, unter welchen sogar einige Pedanten sind, aus diesen bartigen und unbartigen Centauren wohl schwerlich herausfinden. Euer Felix hat sich zum Italienischen bestimmt, und da, wie Ihr schon wisst, melodischer Gesang bei unsern Anstalten durch alles durchgreift, so solltet Ihr ihn in der Langweile des Huterlebens gar manches Lied zierlich und gefuhlvoll vortragen horen. Lebenstatigkeit und Tuchtigkeit ist mit auslangendem Unterricht weit vertraglicher, als man denkt."
Da eine jede Region ihr eigenes Fest feiert, so fuhrte man den Gast zum Bezirk der Instrumentalmusik. Dieser, an die Ebene grenzend, zeigte schon freundlich und zierlich abwechselnde Taler, kleine schlanke Walder, sanfte Bache, an deren Seite hie und da ein bemooster Fels hervortrat. Zerstreute, umbuschte Wohnungen erblickte man auf den Hugeln, in sanften Grunden drangten sich die Hauser naher aneinander. Jene anmutig vereinzelten Hutten lagen so weit auseinander, dass weder Tone noch Misstone sich wechselseitig erreichen konnten.
Sie naherten sich sodann einem weiten, rings umbauten und umschatteten Raume, wo Mann an Mann gedrangt mit grosser Aufmerksamkeit und Erwartung gespannt schienen. Eben als der Gast herantrat, ward eine machtige Symphonie aller Instrumente aufgefuhrt, deren vollstandige Kraft und Zartheit er bewundern musste. Dem geraumig erbauten Orchester gegenuber stand ein kleineres, welches zu besonderer Betrachtung Anlass gab; auf demselben befanden sich jungere und altere Schuler, jeder hielt sein Instrument bereit, ohne zu spielen; es waren diejenigen, die noch nicht vermochten oder nicht wagten, mit ins Ganze zu greifen. Mit Anteil bemerkte man, wie sie gleichsam auf dem Sprunge standen, und horte ruhmen: ein solches Fest gehe selten voruber, ohne dass ein oder das andere Talent sich plotzlich entwickele.
Da nun auch Gesang zwischen den Instrumenten sich hervortat, konnte kein Zweifel ubrigbleiben, dass auch dieser begunstigt werde. Auf eine Frage sodann, was noch sonst fur eine Bildung sich hier freundlich anschliesse, vernahm der Wanderer: die Dichtkunst sei es, und zwar von der lyrischen Seite. Hier komme alles darauf an, dass beide Kunste, jede fur sich und aus sich selbst, dann aber gegen- und miteinander entwickelt werden. Die Schuler lernen eine wie die andre in ihrer Bedingtheit kennen; sodann wird gelehrt, wie sie sich wechselsweise bedingen und sich sodann wieder wechselseitig befreien.
Der poetischen Rhythmik stellt der Tonkunstler Takteinteilung und Taktbewegung entgegen. Hier zeigt sich aber bald die Herrschaft der Musik uber die Poesie; denn wenn diese, wie billig und notwendig, ihre Quantitaten immer so rein als moglich im Sinne hat, so sind fur den Musiker wenig Silben entschieden lang oder kurz; nach Belieben zerstort dieser das gewissenhafteste Verfahren des Rhythmikers, ja verwandelt sogar Prosa in Gesang, wo dann die wunderbarsten Moglichkeiten hervortreten, und der Poet wurde sich gar bald vernichtet fuhlen, wusste er nicht von seiner Seite durch lyrische Zartheit und Kuhnheit dem Musiker Ehrfurcht einzuflossen und neue Gefuhle, bald in sanftester Folge, bald durch die raschesten Ubergange, hervorzurufen.
Die Sanger, die man hier findet, sind meist selbst Poeten. Auch der Tanz wird in seinen Grundzugen gelehrt, damit sich alle diese Fertigkeiten uber samtliche Regionen regelmassig verbreiten konnen.
Als man den Gast uber die nachste Grenze fuhrte, sah er auf einmal eine ganz andere Bauart. Nicht mehr zerstreut waren die Hauser, nicht mehr huttenartig; sie zeigten sich vielmehr regelmassig zusammengestellt, prachtig und schon von aussen, geraumig, bequem und zierlich von innen; man ward hier einer unbeengten, wohlgebauten, der Gegend angemessenen Stadt gewahr. Hier sind bildende Kunst und die ihr verwandten Handwerke zu Hause, und eine ganz eigene Stille herrscht uber diesen Raumen.
Der bildende Kunstler denkt sich zwar immer in Bezug auf alles, was unter den Menschen lebt und webt, aber sein Geschaft ist einsam, und durch den sonderbarsten Widerspruch verlangt vielleicht kein anderes so entschieden lebendige Umgebung. Hier nun bildet jeder im stillen, was bald fur immer die Augen der Menschen beschaftigen soll; eine Feiertagsruhe waltet uber dem ganzen Ort, und hatte man nicht hie und da das Picken der Steinhauer oder abgemessene Schlage der Zimmerleute vernommen, die soeben emsig beschaftigt waren, ein herrliches Gebaude zu vollenden, so ware die Luft von keinem Ton bewegt gewesen.
Unserm Wanderer fiel der Ernst auf, die wunderbare Strenge, mit welcher sowohl Anfanger als Fortschreitende behandelt wurden; es schien, als wenn keiner aus eigner Macht und Gewalt etwas leistete, sondern als wenn ein geheimer Geist sie alle durch und durch belebte, nach einem einzigen grossen Ziele hinleitend. Nirgends erblickte man Entwurf und Skizze, jeder Strich war mit Bedacht gezogen, und als sich der Wanderer von dem Fuhrer eine Erklarung des ganzen Verfahrens erbat, ausserte dieser: die Einbildungskraft sei ohnehin ein vages, unstates Vermogen, wahrend das ganze Verdienst des bildenden Kunstlers darin bestehe, dass er sie immer mehr bestimmen, festhalten, ja endlich bis zur Gegenwart erhohen lerne.
Man erinnerte an die Notwendigkeit sicherer Grundsatze in andern Kunsten. "Wurde der Musiker einem Schuler vergonnen, wild auf den Saiten herumzugreifen oder sich gar Intervalle nach eigner Lust und Belieben zu erfinden? Hier wird auffallend, dass nichts der Willkur des Lernenden zu uberlassen sei; das Element, worin er wirken soll, ist entschieden gegeben, das Werkzeug, das er zu handhaben hat, ist ihm eingehandigt, sogar die Art und Weise, wie er sich dessen bedienen soll, ich meine den Fingerwechsel, findet er vorgeschrieben, damit ein Glied dem andern aus dem Wege gehe und seinem Nachfolger den rechten Weg bereite; durch welches gesetzliche Zusammenwirken denn zuletzt allein das Unmogliche moglich wird.
Was uns aber zu strengen Forderungen, zu entschiedenen Gesetzen am meisten berechtigt, ist: dass gerade das Genie, das angeborne Talent sie am ersten begreift, ihnen den willigsten Gehorsam leistet. Nur das Halbvermogen wunschte gern seine beschrankte Besonderheit an die Stelle des unbedingten Ganzen zu setzen und seine falschen Griffe, unter Vorwand einer unbezwinglichen Originalitat und Selbststandigkeit, zu beschonigen. Das lassen wir aber nicht gelten, sondern huten unsere Schuler vor allen Misstritten, wodurch ein grosser Teil des Lebens, ja manchmal das ganze Leben verwirrt und zerpfluckt wird.
Mit dem Genie haben wir am liebsten zu tun, denn dieses wird eben von dem guten Geiste beseelt, bald zu erkennen, was ihm nutz ist. Es begreift, dass Kunst eben darum Kunst heisse, weil sie nicht Natur ist. Es bequemt sich zum Respekt, sogar vor dem, was man konventionell nennen konnte: denn was ist dieses anders, als dass die vorzuglichsten Menschen ubereinkamen, das Notwendige, das Unerlassliche fur das Beste zu halten; und gereicht es nicht uberall zum Gluck?
Zur grossen Erleichterung fur die Lehrer sind auch hier, wie uberall bei uns, die drei Ehrfurchten und ihre Zeichen mit einiger Abanderung, der Natur des obwaltenden Geschafts gemass, eingefuhrt und eingepragt."
Den ferner umhergeleiteten Wanderer musste nunmehr in Verwunderung setzen, dass die Stadt sich immer zu erweitern, Strasse aus Strasse sich zu entwikkeln schien, mannigfaltige Ansichten gewahrend. Das Aussere der Gebaude sprach ihre Bestimmung unzweideutig aus, sie waren wurdig und stattlich, weniger prachtig als schon. Den edlern und ernsteren in Mitte der Stadt schlossen sich die heitern gefallig an, bis zuletzt zierliche Vorstadte anmutigen Stils gegen das Feld sich hinzogen und endlich als Gartenwohnungen zerstreuten.
Der Wanderer konnte nicht unterlassen, hier zu bemerken, dass die Wohnungen der Musiker in der vorigen Region keineswegs an Schonheit und Raum den gegenwartigen zu vergleichen seien, welche Maler, Bildhauer und Baumeister bewohnen. Man erwiderte ihm, dies liege in der Natur der Sache. Der Musikus musse immer in sich selbst gekehrt sein, sein Innerstes ausbilden, um es nach aussen zu wenden. "Dem Sinne des Auges hat er nicht zu schmeicheln. Das Auge bevorteilt gar leicht das Ohr und lockt den Geist von innen nach aussen. Umgekehrt muss der bildende Kunstler in der Aussenwelt leben und sein Inneres gleichsam unbewusst an und in dem Auswendigen manifestieren. Bildende Kunstler mussen wohnen wie Konige und Gotter, wie wollten sie denn sonst fur Konige und Gotter bauen und verzieren? Sie mussen sich zuletzt dergestalt uber das Gemeine erheben, dass die ganze Volksgemeinde in und an ihren Werken sich veredelt fuhle."
Sodann liess unser Freund sich ein anderes Paradoxon erklaren: warum gerade in diesen festlichen, andere Regionen so belebenden, tumultuarisch erregten Tagen hier die grosste Stille herrsche und das Arbeiten nicht auch ausgesetzt werde?
"Ein bildender Kunstler", hiess es, "bedarf keines Festes, ihm ist das ganze Jahr ein Fest. Wenn er etwas Treffliches geleistet hat, es steht nach wie vor seinem Aug' entgegen, dem Auge der ganzen Welt. Da bedarf es keiner Wiederholung, keiner neuen Anstrengung, keines frischen Gelingens, woran sich der Musiker immerfort abplagt, dem daher das splendideste Fest innerhalb des vollzahligsten Kreises zu gonnen ist."
"Man sollte aber doch", versetzte Wilhelm, "in diesen Tagen eine Ausstellung belieben, wo die dreijahrigen Fortschritte der bravesten Zoglinge mit Vergnugen zu beschauen und zu beurteilen waren."
"An anderen Orten", versetzte man, "mag eine Ausstellung sich notig machen, bei uns ist sie es nicht. Unser ganzes Wesen und Sein ist Ausstellung. Sehen Sie hier die Gebaude aller Art, alle von Zoglingen aufgefuhrt; freilich nach hundertmal besprochenen und durchdachten Rissen: denn der Bauende soll nicht herumtasten und versuchen; was stehenbleiben soll, muss recht stehen und, wo nicht fur die Ewigkeit, doch fur geraume Zeit genugen. Mag man doch immer Fehler begehen, bauen darf man keine.
Mit Bildhauern verfahren wir schon lasslicher, am lasslichsten mit Malern, sie durfen dies und jenes versuchen, beide in ihrer Art. Ihnen steht frei, in den innern, an den aussern Raumen der Gebaude, auf Platzen sich eine Stelle zu wahlen, die sie verzieren wollen. Sie machen ihren Gedanken kund, und wenn er einigermassen zu billigen ist, so wird die Ausfuhrung zugestanden, und zwar auf zweierlei Weise, entweder mit Vergunstigung, fruher oder spater die Arbeit wegnehmen zu durfen, wenn sie dem Kunstler selbst missfiele, oder mit Bedingung, das einmal Aufgestellte unabanderlich am Orte zu lassen. Die meisten erwahlen das erste und behalten sich jene Erlaubnis vor, wobei sie immer am besten beraten sind. Der zweite Fall tritt seltner ein, und man bemerkt, dass alsdann die Kunstler sich weniger vertrauen, mit Gesellen und Kennern lange Konferenzen halten und dadurch wirklich schatzenswerte dauerwurdige Arbeiten hervorzubringen wissen."
Nach allem diesem versaumte Wilhelm nicht, sich zu erkundigen, was fur ein anderer Unterricht sich sonst noch anschliesse, und man gestand ihm, dass es die Dichtkunst, und zwar die epische sei.
Doch musste dem Freunde dies sonderbar scheinen, als man hinzufugte: es werde den Schulern nicht vergonnt, schon ausgearbeitete Gedichte alterer und neuerer Dichter zu lesen oder vorzutragen; ihnen wird nur eine Reihe von Mythen, Uberlieferungen und Legenden lakonisch mitgeteilt. Nun erkennt man gar bald an malerischer oder poetischer Ausfuhrung das eigene Produktive des einer oder der andern Kunst gewidmeten Talents. Dichter und Bildner, beide beschaftigen sich an einer Quelle, und jeder sucht das Wasser nach seiner Seite, zu seinem Vorteil hinzulenken, um nach Erfordernis eigne Zwecke zu erreichen; welches ihm viel besser gelingt, als wenn er das schon Verarbeitete nochmals umarbeiten wollte.
Der Reisende selbst hatte Gelegenheit, zu sehen, wie das vorging. Mehrere Maler waren in einem Zimmer beschaftigt, ein munterer junger Freund erzahlte sehr ausfuhrlich eine ganz einfache Geschichte, so dass er fast ebenso viele Worte als jene Pinselstriche anwendete, seinen Vortrag ebenfalls aufs rundeste zu vollenden.
Man versicherte, dass beim Zusammenarbeiten die Freunde sich gar anmutig unterhielten und dass sich auf diesem Wege ofters Improvisatoren entwickelten, welche grossen Enthusiasmus fur die zwiefache Darstellung zu erregen wussten.
Der Freund wendete nun seine Erkundigungen zur bildenden Kunst zuruck. "Ihr habt", so sprach er, "keine Ausstellung, also auch wohl keine Preisaufgabe?" "Eigentlich nicht", versetzte jener, "hier aber ganz in der Nahe konnen wir Euch sehen lassen, was wir fur nutzlicher halten."
Sie traten in einen grossen, von oben glucklich erleuchteten Saal; ein weiter Kreis beschaftigter Kunstler zeigte sich zuerst, aus dessen Mitte sich eine kolossale Gruppe gunstig aufgestellt erhob. Mannliche und weibliche Kraftgestalten in gewaltsamen Stellungen erinnerten an jenes herrliche Gefecht zwischen Heldenjunglingen und Amazonen, wo Hass und Feindseligkeit zuletzt sich in wechselseitig-traulichen Beistand auflost. Dieses merkwurdig verschlungene Kunstwerk war von jedem Punkte ringsum gleich gunstig anzusehen. In einem weiten Umfang sassen und standen bildende Kunstler, jeder nach seiner Weise beschaftigt: der Maler an seiner Staffelei, der Zeichner am Reissbrett; einige modellierten rund, einige flach erhoben; ja sogar Baumeister entwarfen den Untersatz, worauf kunftig ein solches Kunstwerk gestellt werden sollte. Jeder Teilnehmende verfuhr nach seiner Weise bei der Nachbildung, Maler und Zeichner entwickelten die Gruppe zur Flache, sorgfaltig jedoch, sie nicht zu zerstoren, sondern so viel wie moglich beizubehalten. Ebenso wurden die flacherhobenen Arbeiten behandelt. Nur ein einziger hatte die ganze Gruppe in kleinerem Massstabe wiederholt, und er schien das Modell wirklich in gewissen Bewegungen und Gliederbezug ubertroffen zu haben.
Nun offenbarte sich, dies sei der Meister des Modells, der dasselbe vor der Ausfuhrung in Marmor hier einer nicht beurteilenden, sondern praktischen Prufung unterwarf und so alles, was jeder seiner Mitarbeiter nach eigner Weise und Denkart daran gesehen, beibehalten oder verandert, genau beobachtend bei nochmaligem Durchdenken zu eignem Vorteil anzuwenden wusste; dergestalt, dass zuletzt, wenn das hohe Werk in Marmor gearbeitet dastehen wird, obgleich nur von einem unternommen, angelegt und ausgefuhrt, doch allen anzugehoren scheinen moge.
Die grosste Stille beherrschte auch diesen Raum, aber der Vorsteher erhob seine Stimme und rief: "Wer ware denn hier, der uns in Gegenwart dieses stationaren Werkes mit trefflichen Worten die Einbildungskraft dergestalt erregte, dass alles, was wir hier fixiert sehen, wieder flussig wurde, ohne seinen Charakter zu verlieren, damit wir uns uberzeugen, das, was der Kunstler hier festgehalten, sei auch das Wurdigste?"
Namentlich aufgefordert von allen, verliess ein schoner Jungling seine Arbeit und begann heraustretend einen ruhigen Vortrag, worin er das gegenwartige Kunstwerk nur zu beschreiben schien, bald aber warf er sich in die eigentliche Region der Dichtkunst, tauchte sich in die Mitte der Handlung und beherrschte dies Element zur Bewunderung; nach und nach steigerte sich seine Darstellung durch herrliche Deklamation auf einen solchen Grad, dass wirklich die starre Gruppe sich um ihre Achse zu bewegen und die Zahl der Figuren daran verdoppelt und verdreifacht schien. Wilhelm stand entzuckt und rief zuletzt: "Wer will sich hier noch enthalten, zum eigentlichen Gesang und zum rhythmischen Lied uberzugehen!"
"Dies mocht' ich verbitten", versetzte der Aufseher; "denn wenn unser trefflicher Bildhauer aufrichtig sein will, so wird er bekennen, dass ihm unser Dichter eben darum beschwerlich gefallen, weil beide Kunstler am weitesten auseinander stehen; dagegen wollt' ich wetten, ein und der andere Maler hat sich gewisse lebendige Zuge daraus angeeignet.
Ein sanftes, gemutliches Lied jedoch mocht' ich unserm Freunde zu horen geben, eines, das ihr so ernstlieblich vortragt; es bewegt sich uber das Ganze der Kunst und ist mir selbst, wenn ich es hore, stets erbaulich."
Nach einer Pause, in der sie einander zuwinkten und sich durch Zeichen beredeten, erscholl von allen Seiten nach folgender Herz und Geist erhebende, wurdige Gesang:
"Zu erfinden, zu beschliessen,
Bleibe, Kunstler, oft allein;
Deines Wirkens zu geniessen,
Eile freudig zum Verein!
Hier im Ganzen schau', erfahre
Deinen eignen Lebenslauf,
Und die Taten mancher Jahre
Gehn dir in dem Nachbar auf.
Der Gedanke, das Entwerfen,
Die Gestalten, ihr Bezug,
Eines wird das andre scharfen,
Und am Ende sei's genug!
Wohl erfunden, klug ersonnen,
Schon gebildet, zart vollbracht
So von jeher hat gewonnen
Kunstler kunstreich seine Macht.
Wie Natur im Vielgebilde
Einen Gott nur offenbart,
So im weiten Kunstgefilde
Webt ein Sinn der ew'gen Art;
Dieses ist der Sinn der Wahrheit,
Der sich nur mit Schonem schmuckt
Und getrost der hochsten Klarheit
Hellsten Tags entgegenblickt.
Wie beherzt in Reim und Prose
Redner, Dichter sich ergehn,
Soll des Lebens heitre Rose
Frisch auf Malertafel stehn,
Mit Geschwistern reich umgeben,
Mit des Herbstes Frucht umlegt,
Dass sie von geheimem Leben
Offenbaren Sinn erregt.
Tausendfach und schon entfliesse
Form aus Formen deiner Hand,
Und im Menschenbild geniesse,
Dass ein Gott sich hergewandt.
Welch ein Werkzeug ihr gebrauchet
Stellet euch als Bruder dar;
Und gesangweis flammt und rauchet
Opfersaule vom Altar."
Alles dieses mochte Wilhelm gar wohl gelten lassen, ob es ihm gleich sehr paradox und, hatte er es nicht mit Augen gesehen, gar unmoglich scheinen musste. Da man es ihm nun aber offen und frei, in schoner Folge vorwies und bekannt machte, so bedurfte es kaum einer Frage, um das Weitere zu erfahren; doch enthielt er sich nicht, den Fuhrenden zuletzt folgendermassen anzureden: "Ich sehe, hier ist gar kluglich fur alles gesorgt, was im Leben wunschenswert sein mag; entdeckt mir aber auch: welche Region kann eine gleiche Sorgfalt fur dramatische Poesie aufweisen, und wo konnte ich mich daruber belehren? Ich sah mich unter allen euren Gebauden um und finde keines, das zu einem solchen Zweck bestimmt sein konnte."
"Verhehlen durfen wir nicht auf diese Anfrage, dass in unserer ganzen Provinz dergleichen nicht anzutreffen sei: denn das Drama setzt eine mussige Menge, vielleicht gar einen Pobel voraus, dergleichen sich bei uns nicht findet; denn solches Gelichter wird, wenn es nicht selbst sich unwillig entfernt, uber die Grenze gebracht. Seid jedoch gewiss, dass bei unserer allgemein wirkenden Anstalt auch ein so wichtiger Punkt wohl uberlegt worden; keine Region aber wollte sich finden, uberall trat ein bedeutendes Bedenken ein. Wer unter unsern Zoglingen sollte sich leicht entschliessen, mit erlogener Heiterkeit oder geheucheltem Schmerz ein unwahres, dem Augenblick nicht angehoriges Gefuhl in der Masse zu erregen, um dadurch ein immer missliches Gefallen abwechselnd hervorzubringen? Solche Gaukeleien fanden wir durchaus gefahrlich und konnten sie mit unserm ernsten Zweck nicht vereinen."
"Man sagt aber doch", versetzte Wilhelm, "diese weit um sich greifende Kunst befordere die ubrigen samtlich."
"Keineswegs", erwiderte man, "sie bedient sich der ubrigen, aber verdirbt sie. Ich verdenke dem Schauspieler nicht, wenn er sich zu dem Maler gesellt; der Maler jedoch ist in solcher Gesellschaft verloren.
Gewissenlos wird der Schauspieler, was ihm Kunst und Leben darbietet, zu seinen fluchtigen Zwecken verbrauchen und mit nicht geringem Gewinn; der Maler hingegen, der vom Theater auch wieder seinen Vorteil ziehen mochte, wird sich immer im Nachteil finden und der Musikus im gleichen Falle sein. Die samtlichen Kunste kommen mir vor wie Geschwister, deren die meisten zu guter Wirtschaft geneigt waren, eins aber, leicht gesinnt, Hab und Gut der ganzen Familie sich zuzueignen und zu verzehren Lust hatte. Das Theater ist in diesem Falle, es hat einen zweideutigen Ursprung, den es nie ganz, weder als Kunst noch Handwerk, noch als Liebhaberei verleugnen kann."
Wilhelm sah mit einem tiefen Seufzer vor sich nieder, denn alles auf einmal vergegenwartigte sich ihm, was er auf und an den Brettern genossen und gelitten hatte; er segnete die frommen Manner, welche ihren Zoglingen solche Pein zu ersparen gewusst und aus Uberzeugung und Grundsatz jene Gefahren aus ihrem Kreise gebannt.
Sein Begleiter jedoch liess ihn nicht lange in diesen Betrachtungen, sondern fuhr fort: "Da es unser hochster und heiligster Grundsatz ist, keine Anlage, kein Talent zu missleiten, so durfen wir uns nicht verbergen, dass unter so grosser Anzahl sich eine mimische Naturgabe auch wohl entschieden hervortue; diese zeigt sich aber in unwiderstehlicher Lust des Nachaffens fremder Charaktere, Gestalten, Bewegung, Sprache. Dies fordern wir zwar nicht, beobachten aber den Zogling genau, und bleibt er seiner Natur durchaus getreu, so haben wir uns mit grossen Theatern aller Nationen in Verbindung gesetzt und senden einen bewahrt Fahigen sogleich dorthin, damit er, wie die Ente auf dem Teiche, so auf den Brettern seinem kunftigen Lebensgewackel und -geschnatter eiligst entgegengeleitet werde."
Wilhelm horte dies mit Geduld, doch nur mit halber Uberzeugung, vielleicht mit einigem Verdruss: denn so wunderlich ist der Mensch gesinnt, dass er von dem Unwert irgendeines geliebten Gegenstandes zwar uberzeugt sein, sich von ihm abwenden, sogar ihn verwunschen kann, aber ihn doch nicht von andern auf gleiche Weise behandelt wissen will; und vielleicht regt sich der Geist des Widerspruchs, der in allen Menschen wohnt, nie lebendiger und wirksamer als in solchem Falle.
Mag doch der Redakteur dieser Bogen hier selbst gestehen: dass er mit einigem Unwillen diese wunderliche Stelle durchgehen lasst. Hat er nicht auch in vielfachem Sinn mehr Leben und Krafte als billig dem Theater zugewendet? und konnte man ihn wohl uberzeugen, dass dies ein unverzeihlicher Irrtum, eine fruchtlose Bemuhung gewesen?
Doch wir finden keine Zeit, solchen Erinnerungen und Nachgefuhlen unwillig uns hinzugeben, denn unser Freund sieht sich angenehm uberrascht, da ihm abermals einer von den Dreien, und zwar ein besonders zusagender, vor die Augen tritt. Entgegenkommende Sanftmut, den reinsten Seelenfrieden verkundend, teilte sich hochst erquicklich mit. Vertrauend konnte der Wanderer sich nahern und fuhlte sein Vertrauen erwidert.
Hier vernahm er nun, dass der Obere sich gegenwartig bei den Heiligtumern befinde, dort unterweise, lehre, segne, indessen die Dreie sich verteilt, um samtliche Regionen heimzusuchen und uberall, nach genommener tiefster Kenntnis und Verabredung mit den untergeordneten Aufsehern, das Eingefuhrte weiterzuleiten, das Neubestimmte zu grunden und dadurch ihre hohe Pflicht treulich zu erfullen.
Eben dieser treffliche Mann gab ihm nun eine allgemeinere Ubersicht ihrer innern Zustande und aussern Verbindungen sowie Kenntnis von der Wechselwirkung aller verschiedenen Regionen; nicht weniger ward klar, wie aus einer in die andere, nach langerer oder kurzerer Zeit, ein Zogling versetzt werden konne. Genug, mit dem bisher Vernommenen stimmte alles vollig uberein. Zugleich machte die Schilderung seines Sohnes ihm viel Vergnugen, und der Plan, wie man ihn weiterfuhren wollte, musste seinen ganzen Beifall gewinnen.
Neuntes Kapitel
Wilhelm wurde darauf vom Gehulfen und Aufseher zu einem Bergfest eingeladen, welches zunachst gefeiert werden sollte. Sie erstiegen mit Schwierigkeit das Gebirg, Wilhelm glaubte sogar zu bemerken, dass der Fuhrer gegen Abend sich langsamer bewegte, als wurde die Finsternis ihrem Pfad nicht noch mehr Hinderung entgegensetzen. Als aber eine tiefe Nacht sie umgab, ward ihm dies Ratsel aufgelost: kleine Flammen sah er aus vielen Schluchten und Talern schwankend hervorschimmern, sich zu Linien verlangern, sich uber die Gebirgshohen heruberwalzen. Viel freundlicher, als wenn ein Vulkan sich auftut und sein spruhendes Getos ganze Gegenden mit Untergang bedroht, zeigte sich diese Erscheinung, und doch gluhte sie nach und nach machtiger, breiter und gedrangter, funkelte wie ein Strom von Sternen, zwar sanft und lieblich, aber doch kuhn uber die ganze Gegend sich verbreitend.
Nachdem nun der Gefahrte sich einige Zeit an der Verwunderung des Gastes ergotzt, denn ihre Gesichter und Gestalten erschienen durch das Licht aus der Ferne erhellt, so wie ihr Weg, begann er zu sprechen: "Ihr seht hier freilich ein wunderliches Schauspiel; diese Lichter, die bei Tag und bei Nacht im ganzen Jahre unter der Erde leuchten und wirken und die Fordernis versteckter, kaum erreichbarer irdischer Schatze begunstigen, diese quellen und wallen gegenwartig aus ihren Schlunden hervor und erheitern die offenbare Nacht. Kaum gewahrte man je eine so erfreuliche Heerschau, wo das nutzlichste, unterirdisch zerstreute, den Augen entzogene Geschaft sich uns in ganzer Fulle zeigt und eine grosse geheime Vereinigung sichtbar macht."
Unter solchen Reden und Betrachtungen waren sie an den Ort gelangt, wo die Feuerbache zum Flammensee um einen wohlerleuchteten Inselraum sich ergossen. Der Wanderer stand nunmehr in dem blendenden Kreise, wo schimmernde Lichter zu Tausenden gegen die zur schwarzen Hinterwand gereihten Trager einen ahnungsvollen Kontrast bildeten. Sofort erklang die heiterste Musik zu tuchtigen Gesangen. Hohle Felsmassen zogen maschinenhaft heran und schlossen bald ein glanzendes Innere dem Auge des erfreuten Zuschauers auf. Mimische Darstellungen, und was nur einen solchen Moment der Menge erheitern kann, vereinigte sich, um eine frohe Aufmerksamkeit zugleich zu spannen und zu befriedigen.
Aber mit welcher Verwunderung ward unser Freund erfullt, als er sich den Hauptleuten vorgestellt sah und unter ihnen, in ernster, stattlicher Tracht, Freund Jarno erblickte. "Nicht umsonst", rief dieser aus, "habe ich meinen fruhern Namen mit dem bedeutendern Montan vertauscht; du findest mich hier in Berg und Kluft eingeweiht, und glucklicher in dieser Beschrankung unter und uber der Erde, als sich denken lasst." "Da wirst du also", versetzte der Wanderer, "als ein Hocherfahrner nunmehr freigebiger sein mit Aufklarung und Unterricht, als du es gegen mich warst auf jenen Berg- und Felsklippen." "Keineswegs!" erwiderte Montan, "die Gebirge sind stumme Meister und machen schweigsame Schuler."
An vielen Tafeln speiste man nach dieser Feierlichkeit. Alle Gaste, die geladen oder ungeladen sich eingefunden, waren vom Handwerk, deswegen denn auch an dem Tische, wo Montan und sein Freund sich niedergesetzt, sogleich ein ortgemasses Gesprach entstand; es war von Gebirgen, Gangen und Lagern, von Gangarten und Metallen der Gegend ausfuhrlich die Rede. Sodann aber verlor das Gesprach sich gar bald ins Allgemeine, und da war von nichts Geringerem die Rede als von Erschaffung und Entstehung der Welt. Hier aber blieb die Unterhaltung nicht lange friedlich, vielmehr verwickelte sich sogleich ein lebhafter Streit.
Mehrere wollten unsere Erdgestaltung aus einer nach und nach sich senkend abnehmenden Wasserbedeckung herleiten; sie fuhrten die Trummer organischer Meeresbewohner auf den hochsten Bergen sowie auf flachen Hugeln zu ihrem Vorteil an. Andere heftiger dagegen liessen erst gluhen und schmelzen, auch durchaus ein Feuer obwalten, das, nachdem es auf der Oberflache genugsam gewirkt, zuletzt ins Tiefste zuruckgezogen, sich noch immer durch die ungestum sowohl im Meer als auf der Erde wutenden Vulkane betatigte und durch sukzessiven Auswurf und gleichfalls nach und nach uberstromende Laven die hochsten Berge bildete; wie sie denn uberhaupt den anders Denkenden zu Gemute fuhrten, dass ja ohne Feuer nichts heiss werden konne, auch ein tatiges Feuer immer einen Herd voraussetze. So erfahrungsgemass auch dieses scheinen mochte, so waren manche doch nicht damit zufrieden; sie behaupteten: machtige, in dem Schoss der Erde schon vollig fertig gewordene Gebilde seien mittelst unwiderstehlich elastischer Gewalten durch die Erdrinde hindurch in die Hohe getrieben und zugleich in diesem Tumulte manche Teile derselben weit uber Nachbarschaft und Ferne umhergestreut und zersplittert worden; sie beriefen sich auf manche Vorkommnisse, welche ohne eine solche Voraussetzung nicht zu erklaren seien.
Eine vierte, wenn auch vielleicht nicht zahlreiche Partie lachelte uber diese vergeblichen Bemuhungen und beteuerte: gar manche Zustande dieser Erdoberflache wurden nie zu erklaren sein, wofern man nicht grossere und kleinere Gebirgsstrecken aus der Atmosphare herunterfallen und weite, breite Landschaften durch sie uberdeckt werden lasse. Sie beriefen sich auf grossere und kleinere Felsmassen, welche zerstreut in vielen Landen umherliegend gefunden und sogar noch in unsern Tagen als von oben herabsturzend aufgelesen werden.
Zuletzt wollten zwei oder drei stille Gaste sogar einen Zeitraum grimmiger Kalte zu Hulfe rufen und aus den hochsten Gebirgszugen auf weit ins Land hingesenkten Gletschern gleichsam Rutschwege fur schwere Ursteinmassen bereitet und diese auf glatter Bahn fern und ferner hinausgeschoben im Geiste sehen. Sie sollten sich, bei eintretender Epoche des Auftauens, niedersenken und fur ewig in fremdem Boden liegenbleiben. Auch sollte sodann durch schwimmendes Treibeis der Transport ungeheurer Felsblocke von Norden her moglich werden. Diese guten Leute konnten jedoch mit ihrer etwas kuhlen Betrachtung nicht durchdringen. Man hielt es ungleich naturgemasser, die Erschaffung einer Welt mit kolossalem Krachen und Heben, mit wildem Toben und feurigem Schleudern vorgehen zu lassen. Da nun ubrigens die Glut des Weines stark mit einwirkte, so hatte das herrliche Fest beinahe mit todlichen Handeln abgeschlossen.
Ganz verwirrt und verdustert ward es unserm Freund zumute, welcher noch von alters her den Geist, der uber den Wassern schwebte, und die hohe Flut, welche funfzehn Ellen uber die hochsten Gebirge gestanden, im stillen Sinne hegte und dem unter diesen seltsamen Reden die so wohl geordnete, bewachsene, belebte Welt vor seiner Einbildungskraft chaotisch zusammenzusturzen schien.
Den andern Morgen unterliess er nicht, den ernsten Montan hieruber zu befragen, indem er ausrief: "Gestern konnt' ich dich nicht begreifen, denn unter allen den wunderlichen Dingen und Reden hofft' ich endlich deine Meinung und deine Entscheidung zu horen, an dessen Statt warst du bald auf dieser, bald auf jener Seite und suchtest immer die Meinung desjenigen, der da sprach, zu verstarken. Nun aber sage mir ernstlich, was du daruber denkst, was du davon weisst." Hierauf erwiderte Montan: "Ich weiss so viel wie sie und mochte daruber gar nicht denken." "Hier aber", versetzte Wilhelm, "sind so viele widersprechende Meinungen, und man sagt ja, die Wahrheit liege in der Mitte." "Keineswegs!" erwiderte Montan: "in der Mitte bleibt das Problem liegen, unerforschlich vielleicht, vielleicht auch zuganglich, wenn man es darnach anfangt."
Nachdem nun auf diese Weise noch einiges hin und wider gesprochen worden, fuhr Montan vertraulich fort: "Du tadelst mich, dass ich einem jeden in seiner Meinung nachhalf, wie sich denn fur alles noch immer ein ferneres Argument auffinden lasst; ich vermehrte die Verwirrung dadurch, das ist wahr, eigentlich aber kann ich es mit diesem Geschlecht nicht mehr ernstlich nehmen. Ich habe mich durchaus uberzeugt, das Liebste, und das sind doch unsre Uberzeugungen, muss jeder im tiefsten Ernst bei sich selbst bewahren, jeder weiss nur fur sich, was er weiss, und das muss er geheimhalten; wie er es ausspricht, sogleich ist der Widerspruch rege, und wie er sich in Streit einlasst, kommt er in sich selbst aus dem Gleichgewicht, und sein Bestes wird, wo nicht vernichtet, doch gestort."
Durch einige Gegenrede Wilhelms veranlasst, erklarte Montan sich ferner: "Wenn man einmal weiss, worauf alles ankommt, hort man auf, gesprachig zu sein." "Worauf kommt nun aber alles an?" versetzte Wilhelm hastig. "Das ist bald gesagt", versetzte jener. "Denken und Tun, Tun und Denken, das ist die Summe aller Weisheit, von jeher anerkannt, von jeher geubt, nicht eingesehen von einem jeden. Beides muss wie Aus- und Einatmen sich im Leben ewig fort hin und wider bewegen; wie Frage und Antwort sollte eins ohne das andere nicht stattfinden. Wer sich zum Gesetz macht, was einem jeden Neugebornen der Genius des Menschenverstandes heimlich ins Ohr flustert, das Tun am Denken, das Denken am Tun zu prufen, der kann nicht irren, und irrt er, so wird er sich bald auf den rechten Weg zuruckfinden."
Montan geleitete seinen Freund nunmehr in dem Bergrevier methodisch umher, uberall begrusst von einem derben "Gluck auf!", welches sie heiter zuruckgaben. "Ich mochte wohl", sagte Montan, "ihnen manchmal zurufen: 'Sinn auf!', denn Sinn ist mehr als Gluck; doch die Menge hat immer Sinn genug, wenn die Obern damit begabt sind. Weil ich nun hier, wo nicht zu befehlen, doch zu raten habe, bemuht' ich mich, die Eigenschaft des Gebirgs kennen zu lernen. Man strebt leidenschaftlich nach den Metallen, die es enthalt. Nun habe ich mir auch das Vorkommen derselben aufzuklaren gesucht, und es ist mir gelungen. Das Gluck tut's nicht allein, sondern der Sinn, der das Gluck herbeiruft, um es zu regeln. Wie diese Gebirge hier entstanden sind, weiss ich nicht, will's auch nicht wissen; aber ich trachte taglich, ihnen ihre Eigentumlichkeit abzugewinnen. Auf Blei und Silber ist man erpicht, das sie in ihrem Busen tragen; ich weiss es zu entdecken: das Wie? behalt' ich fur mich und gebe Veranlassung, das Gewunschte zu finden. Auf mein Wort unternimmt man's versuchsweise, es gelingt, und man sagt, ich habe Gluck. Was ich verstehe, versteh' ich mir, was mir gelingt, gelingt mir fur andere, und niemand denkt, dass es ihm auf diesem Wege gleichfalls gelingen konne. Sie haben mich in Verdacht dass ich eine Wunschelrute besitze, sie merken aber nicht, dass sie mir widersprechen, wenn ich etwas Vernunftiges vorbringe, und dass sie dadurch sich den Weg abschneiden zu dem Baum des Erkenntnisses, wo diese prophetischen Reiser zu brechen sind."
Ermutigt an diesen Gesprachen, uberzeugt, dass auch ihm durch sein bisheriges Tun und Denken gegluckt, in einem weit entlegenen Fache, dem Hauptsinne nach, seines Freundes Forderungen sich gleichzustellen, gab er nunmehr Rechenschaft von der Anwendung seiner Zeit, seitdem er die Vergunstigung erlangt, die auferlegte Wanderschaft nicht nach Tagen und Stunden, sondern dem wahren Zweck einer vollstandigen Ausbildung gemass einzuteilen und zu benutzen.
Hier nun war zufalligerweise vieles Redens keine Not, denn ein bedeutendes Ereignis gab unserm Freunde Gelegenheit, sein erworbenes Talent geschickt und glucklich anzuwenden und sich der menschlichen Gesellschaft als wahrhaft nutzlich zu erweisen.
Welcher Art aber dies gewesen, durfen wir im Augenblicke noch nicht offenbaren, obgleich der Leser bald, noch ehe er diesen Band aus den Handen legt, davon genugsam unterrichtet sein wird.
Zehntes Kapitel
Hersilie an Wilhelm
Die ganze Welt wirft mir seit langen Jahren vor, ich sei ein launig-wunderliches Madchen. Mag ich's doch sein, so bin ich's ohne mein Verschulden. Die Leute mussten Geduld mit mir haben, und nun brauche ich Geduld mit mir selber, mit meiner Einbildungskraft, die mir Vater und Sohn, bald zusammen, bald wechselsweise, hin und wieder vor die Augen fuhrt. Ich komme mir vor wie eine unschuldige Alkmene, die von zwei Wesen, die einander vorstellen, unablassig heimgesucht wird.
Ich habe Ihnen viel zu sagen, und doch schreibe ich Ihnen, so scheint es, nur, wenn ich ein Abenteuer zu erzahlen habe; alles ubrige ist auch abenteuerlich zwar, aber kein Abenteuer. Nun also zu dem heutigen:
Ich sitze unter den hohen Linden und mache soeben ein Brieftaschchen fertig, ein sehr zierliches, ohne deutlichst zu wissen, wer es haben soll, Vater oder Sohn, aber gewiss einer von beiden; da kommt ein junger Tabulettkramer mit Korbchen und Kastchen auf mich zu, er legitimiert sich bescheiden durch einen Schein des Beamten, dass ihm erlaubt sei, auf den Gutern zu hausieren; ich besehe seine Sachelchen bis in die unendlichen Kleinigkeiten, deren niemand bedarf und die jedermann kauft aus kindischem Trieb, zu besitzen und zu vergeuden. Der Knabe scheint mich aufmerksam zu betrachten. Schone schwarze, etwas listige Augen, wohlgezeichnete Augenbraunen, reiche Locken, blendende Zahnreihen, genug, Sie verstehen mich, etwas Orientalisches.
Er tut mancherlei Fragen, auf die Personen der Familie bezuglich, denen er allenfalls etwas anbieten durfte; durch allerlei Wendungen weiss er es einzuleiten, dass ich mich ihm nenne. "Hersilie", spricht er bescheiden, "wird Hersilie verzeihen, wenn ich eine Botschaft ausrichte?" Ich sehe ihn verwundert an, er zieht das kleinste Schiefertafelchen hervor, in ein weisses Rahmchen gefasst, wie man sie im Gebirg fur die kindischen Anfange des Schreibens zubereitet; ich nehm' es an, sehe es beschrieben und lese die mit scharfem Griffel sauber eingegrabene Inschrift:
"Felix
liebt
Hersilien.
Der Stallmeister
kommt bald."
Ich bin betroffen, ich gerate in Verwunderung uber das, was ich in der Hand halte, mit Augen sehe, am meisten daruber, dass das Schicksal sich fast noch wunderlicher beweisen will, als ich selbst bin. "Was soll das!" sag' ich zu mir, und der kleine Schalk ist mir gegenwartiger als je, ja es ist mir, als ob sein Bild sich mir in die Augen hin einbohrte.
Nun fang' ich an zu fragen und erhalte wunderliche, unbefriedigende Antworten; ich examiniere, und erfahre nichts; ich denke nach, und kann die Gedanken nicht recht zusammenbringen. Zuletzt verknupf' ich aus Reden und Widerreden so viel, dass der junge Kramer auch die padagogische Provinz durchzogen, das Vertrauen meines jungen Verehrers erworben, welcher auf ein erhandeltes Tafelchen die Inschrift geschrieben und ihm fur ein Wortchen Antwort die besten Geschenke versprochen. Er reichte mir sodann ein gleiches Tafelchen, deren er mehrere in seinem Warenbesteck vorwies, zugleich einen Griffel, wobei er so freundlich drang und bat, dass ich beides annahm, dachte, wieder dachte, nichts erdenken konnte und schrieb:
"Hersiliens
Gruss
an Felix.
Der Stallmeister
halte sich gut."
Ich betrachtete das Geschriebene und fuhlte Verdruss uber den ungeschickten Ausdruck. Weder Zartlichkeit, noch Geist, noch Witz, blosse Verlegenheit, und warum? Vor einem Knaben stand ich, an einen Knaben schrieb ich; sollte mich das aus der Fassung bringen? Ich glaube gar, ich seufzte, und war eben im Begriff, das Geschriebene wegzuwischen; aber jener nahm es mir so zierlich aus der Hand, bat mich um irgendeine fursorgliche Einhullung, und so geschah's, dass ich, weiss ich doch nicht, wie's geschah, das Tafelchen in das Brieftaschchen steckte, das Band darumschlang und zugeheftet dem Knaben hinreichte, der es mit Anmut ergriff, sich tief verneigend einen Augenblick zauderte, dass ich eben noch Zeit hatte, ihm mein Beutelchen in die Hand zu drucken, und mich schalt, ihm nicht genug gegeben zu haben. Er entfernte sich schicklich eilend und war, als ich ihm nachblickte, schon verschwunden, ich begriff nicht recht wie.
Nun ist es voruber, ich bin schon wieder auf dem
gewohnlichen, flachen Tagesboden und glaube kaum an die Erscheinung. Halte ich nicht das Tafelchen in der Hand? Es ist gar zierlich, die Schrift gar schon und sorgfaltig gezogen; ich glaube, ich hatte es gekusst, wenn ich die Schrift auszuloschen nicht furchtete.
Ich habe mir Zeit genommen, nachdem ich Vorste
hendes geschrieben; was ich aber auch daruber denke, will immer nicht fordern. Allerdings etwas Geheimnisvolles war in der Figur; dergleichen sind jetzt im Roman nicht zu entbehren, sollten sie uns denn auch im Leben begegnen? Angenehm, doch verdachtig, fremdartig, doch Vertrauen erregend; warum schied er auch vor aufgeloster Verwirrung? warum hatt' ich nicht Gegenwart des Geistes genug, um ihn schicklicherweise festzuhalten? Nach einer Pause nehm' ich die Feder abermals zur Hand, meine Bekenntnisse fortzusetzen. Die entschiedene, fortdauernde Neigung eines zum Jungling heranreifenden Knaben wollte mir schmeicheln; da aber fiel mir ein, dass es nichts Seltenes sei, in diesem Alter nach alteren Frauen sich umzusehen. Furwahr, es gibt eine geheimnisvolle Neigung jungerer Manner zu alteren Frauen. Sonst, da es mich nicht selbst betraf, lachte ich daruber und wollte boshafterweise gefunden haben: es sei eine Erinnerung an die Ammen- und Sauglingszartlichkeit, von der sie sich kaum losgerissen haben. Jetzt argert's mich, mir die Sache so zu denken; ich erniedrige den guten Felix zur Kindheit herab, und mich sehe ich doch auch nicht in einer vorteilhaften Stellung. Ach welch ein Unterschied ist es, ob man sich oder die andern beurteilt.
Eilftes Kapitel
Wilhelm an Natalien
Schon Tage geh' ich umher und kann die Feder anzusetzen mich nicht entschliessen; es ist so mancherlei zu sagen, mundlich fugte sich wohl eins ans andere, entwickelte sich auch wohl leicht eins aus dem andern; lass mich daher den Entfernten, nur mit dem Allgemeinsten beginnen, es leitet mich doch zuletzt aufs Wunderliche, was ich mitzuteilen habe.
Du hast von dem Jungling gehort, der, am Ufer des Meeres spazierend, einen Ruderpflock fand; das Interesse, das er daran nahm, bewog ihn, ein Ruder anzuschaffen, als notwendig dazu gehorend. Dies aber war nun auch weiter nichts nutze; er trachtete ernstlich nach einem Kahn und gelangte dazu. Jedoch war Kahn, Ruder und Ruderpflock nicht sonderlich fordernd, er verschaffte sich Segelstangen und Segel und so nach und nach, was zur Schnelligkeit und Bequemlichkeit der Schiffahrt erforderlich ist. Durch zweckmassiges Bestreben gelangt er zu grosserer Fertigkeit und Geschicklichkeit, das Gluck begunstigt ihn, er sieht sich endlich als Herr und Patron eines grossern Fahrzeugs, und so steigert sich das Gelingen, er gewinnt Wohlhaben, Ansehen und Namen unter den Seefahrern. Indem ich nun dich veranlasse, diese artige Geschichte wieder zu lesen, muss ich bekennen, dass sie nur im weitesten Sinne hierher gehort, jedoch mir den Weg bahnt, dasjenige auszudrucken, was ich vorzutragen habe. Indessen muss ich noch einiges Entferntere durchgehen. Die Fahigkeiten, die in dem Menschen liegen, lassen sich einteilen in allgemeine und besondere, die allgemeinen sind anzusehen als gleichgultig-ruhende Fahigkeiten, die nach Umstanden geweckt und zufallig zu diesem oder jenem Zweck bestimmt werden. Die Nachahmungsgabe des Menschen ist allgemein, er will nachmachen, nachbilden, was er sieht, auch ohne die mindesten innern und aussern Mittel zum Zwecke. Naturlich ist es daher immer, dass er leisten will, was er leisten sieht; das Naturlichste jedoch ware, dass der Sohn des Vaters Beschaftigung ergriffe. Hier ist alles beisammen: eine vielleicht im Besondern schon angeborne, in ursprunglicher Richtung entschiedene Fahigkeit, sodann eine folgerecht stufenweis fortschreitende Ubung und ein entwickeltes Talent, das uns notigte, auch alsdann auf dem eingeschlagenen Wege fortzuschreiten, wenn andere Triebe sich in uns entwickeln und uns eine freie Wahl zu einem Geschaft fuhren durfte, zu dem uns die Natur weder Anlage noch Beharrlichkeit verliehen. Im Durchschnitt sind daher die Menschen am glucklichsten, die ein angebornes, ein Familientalent im hauslichen Kreise auszubilden Gelegenheit finden. Wir haben solche Malerstammbaume gesehen; darunter waren freilich schwache Talente, indessen lieferten sie doch etwas Brauchbares und vielleicht Besseres, als sie bei massigen Naturkraften aus eigner Wahl in irgendeinem andern Fache geleistet hatten. Da dieses aber auch nicht ist, was ich sagen wollte, so muss ich meinen Mitteilungen von irgendeiner andern Seite naher zu kommen suchen. Das ist nun das Traurige der Entfernung von Freunden, dass wir die Mittelglieder, die Hulfsglieder unserer Gedanken, die sich in der Gegenwart so fluchtig wie Blitze wechselseitig entwickeln und durchweben, nicht in augenblicklicher Verknupfung und Verbindung vorfuhren und vortragen konnen. Hier also zunachst eine der fruhsten Jugendgeschichten. Wir in einer alten, ernsten Stadt erzogenen Kinder hatten so die Begriffe von Strassen, Platzen, von Mauern gefasst, sodann auch von Wallen, dem Glacis und benachbarten ummauerten Garten. Uns aber einmal, oder vielmehr sich selbst ins Freie zu fuhren, hatten unsere Eltern langst mit Freunden auf dem Lande eine immerfort verschobene Partie verabredet. Dringender endlich zum Pfingstfeste ward Einladung und Vorschlag, denen man nur unter der Bedingung sich fugte: alles so einzuleiten, dass man zu Nacht wieder zu Hause sein konnte; denn ausser seinem langst gewohnten Bette zu schlafen, schien eine Unmoglichkeit. Die Freuden des Tags so eng zu konzentrieren, war freilich schwer: zwei Freunde sollten besucht und ihre Anspruche auf seltene Unterhaltung befriedigt werden; indessen hoffte man, mit grosser Punktlichkeit alles zu erfullen.
Am dritten Feiertag, mit dem fruhsten, standen alle munter und bereit, der Wagen fuhr zur bestimmten Stunde vor, bald hatten wir alles Beschrankende der Strassen, Tore, Brucken und Stadtgraben hinter uns gelassen, eine freie, weitausgebreitete Welt tat sich vor den Unerfahrnen auf. Das durch einen Nachtregen erst erfrischte Grun der Fruchtfelder und Wiesen, das mehr oder weniger hellere der eben aufgebrochenen Strauch- und Baumknospen, das nach allen Seiten hin blendend sich verbreitende Weiss der Baumblute, alles gab uns den Vorschmack glucklicher, paradiesischer Stunden.
Zu rechter Zeit gelangten wir auf der ersten Station bei einem wurdigen Geistlichen an. Freundlichst empfangen, konnten wir bald gewahr werden, dass die aufgehobene kirchliche Feier den Ruhe und Freiheit suchenden Gemutern nicht entnommen war. Ich betrachtete den landlichen Haushalt zum erstenmal mit freudigem Anteil; Pflug und Egge, Wagen und Karren deuteten auf unmittelbare Benutzung, selbst der widrig anzuschauende Unrat schien das Unentbehrlichste im ganzen Kreise: sorgfaltig war er gesammelt und gewissermassen zierlich aufbewahrt. Doch dieser auf das Neue und doch Begreifliche gerichtete frische Blick ward gar bald auf ein Geniessbares geheftet: appetitliche Kuchen, frische Milch und sonst mancher landliche Leckerbissen ward von uns begierig in Betracht gezogen. Eilig beschaftigten sich nunmehr die Kinder, den kleinen Hausgarten und die wirtliche Laube verlassend, in dem angrenzenden Baumstuck ein Geschaft zu vollbringen, das eine alte, wohlgesinnte Tante ihnen aufgetragen hatte. Sie sollten namlich so viel Schlusselblumen als moglich sammeln und solche getreulich mit zur Stadt bringen, indem die haushaltische Matrone gar allerlei gesundes Getrank daraus zu bereiten gewohnt war.
Indem wir nun in dieser Beschaftigung auf Wiesen, an Randern und Zaunen hin und wider liefen, gesellten sich mehrere Kinder des Dorfs zu uns, und der liebliche Duft gesammelter Fruhlingsblumen schien immer erquickender und balsamischer zu werden.
Wir hatten nun schon so eine Masse Stengel und Bluten zusammengebracht, dass wir nicht wussten, wo mit hin; man fing jetzt an, die gelblichen Rohrenkronen auszuzupfen, denn um sie war es denn eigentlich doch nur zu tun; jeder suchte in sein Hutchen, sein Mutzchen moglichst zu sammeln.
Der altere dieser Knaben jedoch, an Jahren wenig vor mir voraus, der Sohn des Fischers, den dieses Blumengetandel nicht zu freuen schien, ein Knabe, der mich bei seinem ersten Auftreten gleich besonders angezogen hatte, lud mich ein, mit ihm nach dem Fluss zu gehen, der, schon ansehnlich breit, in weniger Entfernung vorbeifloss. Wir setzten uns mit ein paar Angelruten an eine schattige Stelle, wo im tiefen, ruhig klaren Wasser gar manches Fischlein sich hin und her bewegte. Freundlich wies er mich an, worum es zu tun, wie der Koder am Angel zu befestigen sei, und, es gelang mir einigemal hintereinander, die kleinsten dieser zarten Geschopfe wider ihren Willen in die Luft herauszuschnellen. Als wir nun so zusammen aneinandergelehnt beruhigt sassen, schien er zu langweilen und machte mich auf einen flachen Kies aufmerksam, der von unserer Seite sich in den Strom hinein erstreckte. Da sei die schonste Gelegenheit zu baden. Er konne, rief er, endlich aufspringend, der Versuchung nicht widerstehen, und ehe ich mich's versah, war er unten, ausgezogen und im Wasser.
Da er sehr gut schwamm, verliess er bald die seichte Stelle, ubergab sich dem Strom und kam bis an mich in dem tieferen Wasser heran; mir war ganz wunderlich zumute geworden. Grashupfer tanzten um mich her, Ameisen krabbelten heran, bunte Kafer hingen an den Zweigen, und goldschimmernde Sonnenjungfern, wie er sie genannt hatte, schwebten und schwankten geisterartig zu meinen Fussen, eben als jener, einen grossen Krebs zwischen Wurzeln hervorholend, ihn lustig aufzeigte, um ihn gleich wieder an den alten Ort zu bevorstehendem Fange geschickt zu verbergen. Es war umher so warm und so feucht, man sehnte sich aus der Sonne in den Schatten, aus der Schattenkuhle hinab ins kuhlere Wasser. Da war es denn ihm leicht, mich hinunterzulocken, eine nicht oft wiederholte Einladung fand ich unwiderstehlich und war, mit einiger Furcht vor den Eltern, wozu sich die Scheu vor dem unbekannten Elemente gesellte, in ganz wunderlicher Bewegung. Aber bald auf dem Kies entkleidet, wagt' ich mich sachte ins Wasser, doch nicht tiefer, als es der leise abhangige Boden erlaubte; hier liess er mich weilen, entfernte sich in dem tragenden Elemente, kam wieder, und als er sich heraushob, sich aufrichtete, im hoheren Sonnenschein sich abzutrocknen, glaubt' ich meine Augen vor einer dreifachen Sonne geblendet: so schon war die menschliche Gestalt, von der ich nie einen Begriff gehabt. Er schien mich mit gleicher Aufmerksamkeit zu betrachten. Schnell angekleidet standen wir uns noch immer unverhullt gegeneinander, unsere Gemuter zogen sich an, und unter den feurigsten Kussen schwuren wir eine ewige Freundschaft.
Sodann aber eilig eilig gelangten wir nach Hause, gerade zur rechten Zeit, als die Gesellschaft den angenehmsten Fussweg durch Busch und Wald etwa anderthalb Stunden nach der Wohnung des Amtmanns antrat. Mein Freund begleitete mich, wir schienen schon unzertrennlich; als ich aber halftewegs um Erlaubnis bat, ihn mit in des Amtmanns Wohnung zu nehmen, verweigerte es die Pfarrerin, mit stiller Bemerkung des Unschicklichen, dagegen gab sie ihm den dringenden Auftrag: er solle seinem ruckkehrenden Vater ja sagen, sie musse bei ihrer Nachhausekunft notwendig schone Krebse vorfinden, die sie den Gasten als eine Seltenheit nach der Stadt mitgeben wolle. Der Knabe schied, versprach aber mit Hand und Mund, heute abend an dieser Waldecke meiner zu warten.
Die Gesellschaft gelangte nunmehr zum Amthause, wo wir auch einen landlichen Zustand antrafen, doch hoherer Art. Ein durch die Schuld der ubertatigen Hausfrau sich verspatendes Mittagessen machte mich nicht ungeduldig, denn der Spaziergang in einem wohlgehaltenen Ziergarten, wohin die Tochter, etwas junger als ich, mir den Weg begleitend anwies, war mir hochst unterhaltend. Fruhlingsblumen aller Art standen in zierlich gezeichneten Feldern, sie ausfullend oder ihre Rander schmuckend. Meine Begleiterin war schon, blond, sanftmutig, wir gingen vertraulich zusammen, fassten uns bald bei der Hand und schienen nichts Besseres zu wunschen. So gingen wir an Tulpenbeeten voruber, so an gereihten Narzissen und Jonquillen; sie zeigte mir verschiedene Stellen, wo eben die herrlichsten Hyazinthenglocken schon abgebluht hatten. Dagegen war auch fur die folgenden Jahrszeiten gesorgt: schon grunten die Busche der kunftigen Ranunkeln und Anemonen; die auf zahlreiche Nelkenstocke verwendete Sorgfalt versprach den mannigfaltigsten Flor; naher aber knospete schon die Hoffnung vielblumiger Lilienstengel gar weislich zwischen Rosen verteilt. Und wie manche Laube versprach nicht zunachst mit Geissblatt, Jasmin, rebenund rankenartigen Gewachsen zu prangen und zu schatten. Betracht' ich nach so viel Jahren meinen damaligen Zustand, so scheint er mir wirklich beneidenswert. Unerwartet, in demselbigen Augenblick, ergriff mich das Vorgefuhl von Freundschaft und Liebe. Denn als ich ungern Abschied nahm von dem schonen Kinde, trostete mich der Gedanke, diese Gefuhle meinem jungen Freunde zu eroffnen, zu vertrauen und seiner Teilnahme zugleich mit diesen frischen Empfindungen mich zu freuen. Und wenn ich hier noch eine Betrachtung anknupfe, so darf ich wohl bekennen: dass im Laufe des Lebens mir jenes erste Aufbluhen der Aussenwelt als die eigentliche Originalnatur vorkam, gegen die alles ubrige, was uns nachher zu den Sinnen kommt, nur Kopien zu sein scheinen, die bei aller Annaherung an jenes doch des eigentlich ursprunglichen Geistes und Sinnes ermangeln. Wie mussten wir verzweifeln, das Aussere so kalt, so leblos zu erblicken, wenn nicht in unserm Innern sich etwas entwickelte, das auf eine ganz andere Weise die Natur verherrlicht, indem es uns selbst in ihr zu verschonen eine schopferische Kraft erweist. Es dammerte schon, als wir uns der Waldecke wieder naherten, wo der junge Freund meiner zu warten versprochen hatte. Ich strengte die Sehkraft moglichst an, um seine Gegenwart zu erforschen; als es mir nicht gelingen wollte, lief ich ungeduldig der langsam schreitenden Gesellschaft voraus, rannte durchs Gebusche hin und wider. Ich rief, ich angstigte mich; er war nicht zu sehen und antwortete nicht; ich empfand zum erstenmal einen leidenschaftlichen Schmerz, doppelt und vielfach.
Schon entwickelte sich in mir die unmassige Forderung vertraulicher Zuneigung, schon war es ein unwiderstehlich Bedurfnis, meinen Geist von dem Bilde jener Blondine durch Plaudern zu befreien, mein Herz von den Gefuhlen zu erlosen, die sie in mir aufgeregt hatte. Es war voll, der Mund lispelte schon, um uberzufliessen; ich tadelte laut den guten Knaben wegen verletzter Freundschaft, wegen vernachlassigter Zusage. Bald aber sollten mir schwerere Prufungen zugedacht sein. Aus den ersten Hausern des Ortes sturzten Weiber schreiend heraus, heulende Kinder folgten, niemand gab Red' und Antwort. Von der einen Seite her um das Eckhaus sahen wir einen Trauerzug herumziehen, er bewegte sich langsam die lange Strasse hin; es schien wie ein Leichenzug, aber ein vielfacher; des Tragens und Schleppens war kein Ende. Das Geschrei dauerte fort, es vermehrte sich, die Menge lief zusammen. "Sie sind ertrunken, alle, samtlich ertrunken! Der! wer? welcher?" Die Mutter, die ihre Kinder um sich sahen, schienen getrostet. Aber ein ernster Mann trat heran und sprach zur Pfarrerin: "Unglucklicherweise bin ich zu lange aussen geblieben, ertrunken ist Adolf selbfunfe, er wollte sein Versprechen halten und meins." Der Mann, der Fischer selbst war es, ging weiter dem Zuge nach, wir standen erschreckt und erstarrt. Da trat ein kleiner Knabe heran, reichte einen Sack dar: "Hier die Krebse, Frau Pfarrerin", und hielt das Zeichen hoch in die Hohe. Man entsetzte sich davor wie vor dem Schadlichsten, man fragte, man forschte und erfuhr so viel: dieser letzte Kleine war am Ufer geblieben, er las die Krebse auf, die sie ihm von unten zuwarfen. Alsdann aber nach vielem Fragen und Widerfragen erfuhr man: Adolf mit zwei verstandigen Knaben sei unten am und im Wasser hingegangen, zwei andere, jungere haben sich ungebeten dazu gesellt, die durch kein Schelten und Drohen abzuhalten gewesen. Nun waren uber eine steinige, gefahrliche Stelle die ersten fast hinaus, die letzten gleiteten, griffen zu und zerrten immer einer den andern hinunter; so geschah es zuletzt auch dem Vordersten, und alle sturzten in die Tiefe. Adolf, als guter Schwimmer, hatte sich gerettet, alles aber hielt in der Angst sich an ihn, er ward niedergezogen. Dieser Kleine sodann war schreiend ins Dorf gelaufen, seinen Sack mit Krebsen fest in den Handen. Mit andern Aufgerufenen eilte der zufallig spat ruckkehrende Fischer dorthin; man hatte sie nach und nach herausgezogen, tot gefunden, und nun trug man sie herein.
Der Pfarrherr mit dem Vater gingen bedenklich dem Gemeindehause zu; der volle Mond war aufgegangen und beleuchtete die Pfade des Todes; ich folgte leidenschaftlich, man wollte mich nicht einlassen; ich war im schrecklichsten Zustande. Ich umging das Haus und rastete nicht; endlich ersah ich meinen Vorteil und sprang zum offenen Fenster hinein.
In dem grossen Saale, wo Versammlungen aller Art gehalten werden, lagen die Ungluckseligen auf Stroh, nackt, ausgestreckt, glanzend-weisse Leiber, auch bei dusterm Lampenschein hervorleuchtend. Ich warf mich auf den grossten, auf meinen Freund; ich wusste nicht von meinem Zustand zu sagen, ich weinte bitterlich und uberschwemmte seine breite Brust mit unendlichen Tranen. Ich hatte etwas von Reiben gehort, das in solchem Falle hulfreich sein sollte, ich rieb meine Tranen ein und belog mich mit der Warme, die ich erregte. In der Verwirrung dacht' ich ihm Atem einzublasen, aber die Perlenreihen seiner Zahne waren fest verschlossen, die Lippen, auf denen der Abschiedskuss noch zu ruhen schien, versagten auch das leiseste Zeichen der Erwiderung. An menschlicher Hulfe verzweifelnd, wandt' ich mich zum Gebet; ich flehte, ich betete, es war mir, als wenn ich in diesem Augenblicke Wunder tun musste, die noch inwohnende Seele hervorzurufen, die noch in der Nahe schwebende wieder hineinzulocken.
Man riss mich weg; weinend, schluchzend sass ich im Wagen und vernahm kaum, was die Eltern sagten: unsere Mutter, was ich nachher so oft wiederholen horte, hatte sich in den Willen Gottes ergeben. Ich war indessen eingeschlafen und erwachte verdustert am spaten Morgen in einem ratselhaften, verwirrten Zustande.
Als ich mich aber zum Fruhstuck begab, fand ich Mutter, Tante und Kochin in wichtiger Beratung. Die Krebse sollten nicht gesotten, nicht auf den Tisch gebracht werden; der Vater wollte eine so unmittelbare Erinnerung an das nachstvergangene Ungluck nicht erdulden. Die Tante schien sich dieser seltenen Geschopfe eifrigst bemachtigen zu wollen, schalt aber nebenher auf mich, dass wir die Schlusselblumen mitzubringen versaumt; doch schien sie sich bald hieruber zu beruhigen, als man jene lebhaft durcheinander kriechenden Missgestalten ihr zu beliebiger Verfugung ubergab, worauf sie denn deren weitere Behandlung mit der Kochin verabredete.
Um aber die Bedeutung dieser Szene klar zu machen, muss ich von dem Charakter und dem Wesen dieser Frau das Nahere vermelden: Die Eigenschaften, von denen sie beherrscht wurde, konnte man, sittlich betrachtet, keineswegs ruhmen; und doch brachten sie, burgerlich und politisch angesehen, manche gute Wirkung hervor. Sie war im eigentlichen Sinne geldgeizig, denn es dauerte sie jeder bare Pfennig, den sie aus der Hand geben sollte, und sah sich uberall fur ihre Bedurfnisse nach Surrogaten um, welche man umsonst, durch Tausch oder irgendeine Weise beischaffen konnte. So waren die Schlusselblumen zum Tee bestimmt, den sie fur gesunder hielt als irgendeinen chinesischen. Gott habe einem jeden Land das Notwendige verliehen, es sei nun zur Nahrung, zur Wurze, zur Arzenei; man brauche sich deshalb nicht an fremde Lander zu wenden. So besorgte sie in einem kleinen Garten alles, was nach ihrem Sinn die Speisen schmackhaft mache und Kranken zutraglich ware: sie besuchte keinen fremden Garten, ohne dergleichen von da mitzubringen.
Diese Gesinnung und was daraus folgte, konnte man ihr sehr gerne zugeben, da ihre emsig gesammelte Barschaft der Familie doch endlich zugute kommen sollte; auch wussten Vater und Mutter hierin durchaus ihr nachzugeben und forderlich zu sein.
Eine andere Leidenschaft jedoch, eine tatige, die sich unermudet geschaftig hervortat, war der Stolz, fur eine bedeutende, einflussreiche Person gehalten zu werden. Und sie hatte furwahr diesen Ruhm sich verdient und erreicht; denn die sonst unnutzen, sogar oft schadlichen unter Frauen obwaltenden Klatschereien wusste sie zu ihrem Vorteil anzuwenden. Alles, was in der Stadt vorging, und daher auch das Innere der Familien, war ihr genau bekannt, und es ereignete sich nicht leicht ein zweifelhafter Fall, in den sie sich nicht zu mischen gewusst hatte, welches ihr um desto mehr gelang, als sie immer nur zu nutzen trachtete, dadurch aber ihren Ruhm und guten Namen zu steigern wusste. Manche Heirat hatte sie geschlossen, wobei wenigstens der eine Teil vielleicht zufrieden blieb. Was sie aber am meisten beschaftigte, war das Fordern und Befordern solcher Personen, die ein Amt, eine Anstellung suchten, wodurch sie sich denn wirklich eine grosse Anzahl Klienten erwarb, deren Einfluss sie dann wieder zu benutzen wusste.
Als Witwe eines nicht unbedeutenden Beamten, eines rechtlichen, strengen Mannes, hatte sie denn doch gelernt, wie man diejenigen durch Kleinigkeiten gewinnt, denen man durch bedeutendes Anerbieten nicht beikommen kann.
Um aber ohne fernere Weitlaufigkeit auf dem betretenen Pfade zu bleiben, sei zunachst bemerkt, dass sie auf einen Mann, der eine wichtige Stelle bekleidete, sich grossen Einfluss zu verschaffen gewusst. Er war geizig gleich ihr, und zu seinem Ungluck ebenso speiselustig und genaschig. Ihm also unter irgendeinem Vorwande ein schmackhaftes Gericht auf die Tafel zu bringen, blieb ihre erste Sorge. Sein Gewissen war nicht das zarteste, aber auch sein Mut, seine Verwegenheit musste in Anspruch genommen werden, wenn er in bedenklichen Fallen den Widerstand seiner Kollegen uberwinden und die Stimme der Pflicht, die sie ihm entgegensetzten, ubertauben sollte.
Nun war gerade der Fall, dass sie einen Unwurdigen begunstigte; sie hatte das moglichste getan, ihn einzuschieben; die Angelegenheit hatte fur sie eine gunstige Wendung genommen, und nun kamen ihr die Krebse, dergleichen man freilich selten gesehen, glucklicherweise zustatten. Sie sollten sorgfaltig gefuttert und nach und nach dem hohen Gonner, der gewohnlich ganz allein sehr karglich speiste, auf die Tafel gebracht werden.
Ubrigens gab der ungluckliche Vorfall zu manchen Gesprachen und geselligen Bewegungen Anlass. Mein Vater war jener Zeit einer der ersten, der seine Betrachtung, seine Sorge uber die Familie, uber die Stadt hinaus zu erstrecken durch einen allgemeinen, wohlwollenden Geist getrieben ward. Die grossen Hindernisse, welche der Einimpfung der Blattern anfangs entgegenstanden, zu beseitigen, war er mit verstandigen Arzten und Polizeiverwandten bemuht. Grossere Sorgfalt in den Hospitalern, menschlichere Behandlung der Gefangenen und was sich hieran ferner schliessen mag, machte das Geschaft wo nicht seines Lebens, doch seines Lesens und Nachdenkens; wie er denn auch seine Uberzeugung uberall aussprach und dadurch manches Gute bewirkte.
Er sah die burgerliche Gesellschaft, welcher Staatsform sie auch untergeordnet ware, als einen Naturzustand an, der sein Gutes und sein Boses habe, seine gewohnlichen Lebenslaufe, abwechselnd reiche und kummerliche Jahre, nicht weniger zufallig und unregelmassig Hagelschlag, Wasserfluten und Brandschaden; das Gute sei zu ergreifen und zu nutzen, das Bose abzuwenden oder zu ertragen; nichts aber, meinte er, sei wunschenswerter als die Verbreitung des allgemeinen guten Willens, unabhangig von jeder andern Bedingung.
In Gefolg einer solchen Gemutsart musste er nun bestimmt werden, eine schon fruher angeregte wohltatige Angelegenheit wieder zur Sprache zu bringen; es war die Wiederbelebung der fur tot Gehaltenen, auf welche Weise sich auch die aussern Zeichen des Lebens mochten verloren haben. Bei solchen Gesprachen erhorchte ich mir nun, dass man bei jenen Kindern das Umgekehrte versucht und angewendet, ja sie gewissermassen erst ermordet; ferner hielt man dafur, dass durch einen Aderlass vielleicht ihnen allen ware zu helfen gewesen. In meinem jugendlichen Eifer nahm ich mir daher im stillen vor, ich wollte keine Gelegenheit versaumen, alles zu lernen, was in solchem Falle notig ware, besonders das Aderlassen und was dergleichen Dinge mehr waren.
Allein wie bald nahm mich der gewohnliche Tag mit sich fort. Das Bedurfnis nach Freundschaft und Liebe war aufgeregt, uberall schaut' ich mich um, es zu befriedigen. Indessen ward Sinnlichkeit, Einbildungskraft und Geist durch das Theater ubermassig beschaftigt; wie weit ich hier gefuhrt und verfuhrt worden, darf ich nicht wiederholen. Wenn ich nun aber nach dieser umstandlichen Erzahlung zu bekennen habe, dass ich noch immer nicht ans Ziel meiner Absicht gelangt sei und dass ich nur durch einen Umweg dahin zu gelangen hoffen darf, was soll ich da sagen! wie kann ich mich entschuldigen! Allenfalls hatte ich folgendes vorzubringen: Wenn es dem Humoristen erlaubt ist, das Hundertste ins Tausendste durcheinanderzuwerfen, wenn er kecklich seinem Leser uberlasst, das, was allenfalls daraus zu nehmen sei, in halber Bedeutung endlich aufzufinden, sollte es dem Verstandigen, dem Vernunftigen nicht zustehen, auf eine seltsam scheinende Weise ringsumher nach vielen Punkten hinzuwirken, damit man sie in einem Brennpunkte zuletzt abgespielt und zusammengefasst erkenne, einsehen lerne, wie die verschiedensten Einwirkungen den Menschen umringend zu einem Entschluss treiben, den er auf keine andere Weise, weder aus innerm Trieb noch ausserm Anlass, hatte ergreifen konnen? Bei dem Mannigfaltigen, was mir noch zu sagen ubrigbleibt, habe ich die Wahl, was ich zuerst vornehmen will; aber auch dies ist gleichgultig, du musst dich eben in Geduld fassen, lesen und weiter lesen, zuletzt wird denn doch auf einmal hervorspringen und dir ganz naturlich scheinen, was mit einem Worte ausgesprochen dir hochst seltsam vorgekommen ware, und zwar auf einen Grad, dass du nachher diesen Einleitungen in Form von Erklarungen kaum einen Augenblick hattest schenken mogen.
Um nun aber einigermassen in die Richte zu kommen, will ich mich wieder nach jenem Ruderpflock umsehen und eines Gesprachs gedenken, das ich mit unserem gepruften Freunde Jarno, den ich unter dem Namen Montan im Gebirge fand, zu ganz besonderer Erweckung eigner Gefuhle zufallig zu fuhren veranlasst ward. Die Angelegenheiten unseres Lebens haben einen geheimnisvollen Gang, der sich nicht berechnen lasst. Du erinnerst dich gewiss jenes Bestecks, das euer tuchtiger Wundarzt hervorzog, als du dich mir, wie ich verwundet im Walde hingestreckt lag, hulfreich nahertest? Es leuchtete mir damals dergestalt in die Augen und machte einen so tiefen Eindruck, dass ich ganz entzuckt war, als ich nach Jahren es in den Handen eines Jungeren wiederfand. Dieser legte keinen besondern Wert darauf; die Instrumente samtlich hatten sich in neuerer Zeit verbessert und waren zweckmassiger eingerichtet, und ich erlangte jenes um desto eher, als ihm die Anschaffung eines neuen dadurch erleichtert wurde. Nun fuhrte ich es immer mit mir, freilich zu keinem Gebrauch, aber desto sicherer zu trostlicher Erinnerung: Es war Zeuge des Augenblicks, wo mein Gluck begann, zu dem ich erst durch grossen Umweg gelangen sollte.
Zufallig sah es Jarno, als wir bei dem Kohler ubernachteten, der es alsobald erkannte und auf meine Erklarung erwiderte: "Ich habe nichts dagegen, dass man sich einen solchen Fetisch aufstellt, zur Erinnerung an manches unerwartete Gute, an bedeutende Folgen eines gleichgultigen Umstandes; es hebt uns empor als etwas, das auf ein Unbegreifliches deutet, erquickt uns in Verlegenheiten und ermutigt unsere Hoffnungen; aber schoner ware es, wenn du dich durch jene Werkzeuge hattest anreizen lassen, auch ihren Gebrauch zu verstehen und dasjenige zu leisten, was sie stumm von dir fordern."
"Lass mich bekennen", versetzte ich darauf, "dass mir dies hundertmal eingefallen ist; es regte sich in mir eine innere Stimme, die mich meinen eigentlichen Beruf hieran erkennen liess." Ich erzahlte ihm hierauf die Geschichte der ertrunkenen Knaben, und wie ich damals gehort, ihnen ware zu helfen gewesen, wenn man ihnen zur Ader gelassen hatte; ich nahm mir vor, es zu lernen, doch jede Stunde loschte den Vorsatz aus.
"So ergreif ihn jetzt", versetzte jener, "ich sehe dich schon so lange mit Angelegenheiten beschaftigt, die des Menschen Geist, Gemut, Herz, und wie man das alles nennt, betreffen und sich darauf beziehen; allein was hast du dabei fur dich und andere gewonnen? Seelenleiden, in die wir durch Ungluck oder eigne Fehler geraten, sie zu heilen vermag der Verstand nichts, die Vernunft wenig, die Zeit viel, entschlossene Tatigkeit hingegen alles. Hier wirke jeder mit und auf sich selbst, das hast du an dir, hast es an andern erfahren."
Mit heftigen und bittern Worten, wie er gewohnt ist, setzte er mir zu und sagte manches Harte, das ich nicht wiederholen mag. Es sei nichts mehr der Muhe wert, schloss er endlich, zu lernen und zu leisten, als dem Gesunden zu helfen, wenn er durch irgendeinen Zufall verletzt sei: durch einsichtige Behandlung stelle sich die Natur leicht wieder her; die Kranken musse man den Arzten uberlassen, niemand aber bedurfe eines Wundarztes mehr als der Gesunde. In der Stille des Landlebens, im engsten Kreis der Familie sei er ebenso willkommen als in und nach dem Getummel der Schlacht; in den sussesten Augenblicken wie in den bittersten und grasslichsten; uberall walte das bose Geschick grimmiger als der Tod, und ebenso rucksichtslos, ja noch auf eine schmahlichere, Lust und Leben verletzende Weise.
Du kennst ihn und denkst ohne Anstrengung, dass er mich so wenig als die Welt schonte. Am starksten aber lehnte er sich auf das Argument, das er im Namen der grossen Gesellschaft gegen mich wendete. "Narrenpossen", sagte er, "sind eure allgemeine Bildung und alle Anstalten dazu. Dass ein Mensch etwas ganz entschieden verstehe, vorzuglich leiste, wie nicht leicht ein anderer in der nachsten Umgebung, darauf kommt es an, und besonders in unserm Verbande spricht es sich von selbst aus. Du bist gerade in einem Alter, wo man sich mit Verstande etwas vorsetzt, mit Einsicht das Vorliegende beurteilt, es von der rechten Seite angreift, seine Fahigkeiten und Fertigkeiten auf den rechten Zweck hinlenkt." Was soll ich nun weiter fortfahren auszusprechen, was sich von selbst versteht! Er machte mir deutlich, dass ich Dispensation von dem so wunderlich gebotenen unstaten Leben erhalten konne; es werde jedoch schwer sein, es fur mich zu erlangen. "Du bist von der Menschenart", sprach er, "die sich leicht an einen Ort, nicht leicht an eine Bestimmung gewohnen. Allen solchen wird die unstate Lebensart vorgeschrieben, damit sie vielleicht zu einer sichern Lebensweise gelangen. Willst du dich ernstlich dem gottlichsten aller Geschafte widmen, ohne Wunder zu heilen und ohne Worte Wunder zu tun, so verwende ich mich fur dich." So sprach er hastig und fugte hinzu, was seine Beredsamkeit noch alles fur gewaltige Grunde vorzubringen wusste. Hier nun bin ich geneigt zu enden, zunachst aber sollst du umstandlich erfahren, wie ich die Erlaubnis, an bestimmten Orten mich langer aufhalten zu durfen, benutzt habe, wie ich in das Geschaft, wozu ich immer eine stille Neigung empfunden, mich gar bald zu fugen, mich darin auszubilden wusste. Genug! bei dem grossen Unternehmen, dem ihr entgegengeht, werd' ich als ein nutzliches, als ein notiges Glied der Gesellschaft erscheinen und euren Wegen, mit einer gewissen Sicherheit, mich anschliessen; mit einigem Stolze, denn es ist ein loblicher Stolz, euer wert zu sein.
Betrachtungen im Sinne der Wanderer
Kunst, Ethisches, Natur
Alles Gescheite ist schon gedacht worden, man muss nur versuchen, es noch einmal zu denken. Wie kann man sich selbst kennen lernen? Durch Betrachten niemals, wohl aber durch Handeln. Versuche deine Pflicht zu tun, und du weisst gleich, was an dir ist. Was aber ist deine Pflicht? Die Forderung des Tages. Die vernunftige Welt ist als ein grosses unsterbliches Individuum zu betrachten, das unaufhaltsam das Notwendige bewirkt und dadurch sich sogar uber das Zufallige zum Herrn macht. Mir wird, je langer ich lebe, immer verdriesslicher, wenn ich den Menschen sehe, der eigentlich auf seiner hochsten Stelle da ist, um der Natur zu gebieten, um sich und die Seinigen von der gewalttatigen Notwendigkeit zu befreien; wenn ich sehe, wie er aus irgendeinem vorgefassten falschen Begriff gerade das Gegenteil tut von dem, was er will, und sich alsdann, weil die Anlage im Ganzen verdorben ist, im Einzelnen kummerlich herumpfuschet.
Tuchtiger, tatiger Mann, verdiene dir und
erwarte:
von den Grossen Gnade,
von den Machtigen Gunst,
von Tatigen und Guten Forderung,
von der Menge Neigung,
von dem Einzelnen Liebe.
Die Dilettanten, wenn sie das Moglichste getan haben, pflegen zu ihrer Entschuldigung zu sagen, die Arbeit sei noch nicht fertig. Freilich kann sie nie fertig werden, weil sie nie recht angefangen ward. Der Meister stellt sein Werk mit wenigen Strichen als fertig dar, ausgefuhrt oder nicht, schon ist es vollendet. Der geschickteste Dilettant tastet im Ungewissen, und wie die Ausfuhrung wachst, kommt die Unsicherheit der ersten Anlage immer mehr zum Vorschein. Ganz zuletzt entdeckt sich erst das Verfehlte, das nicht auszugleichen ist, und so kann das Werk freilich nicht fertig werden. In der wahren Kunst gibt es keine Vorschule, wohl aber Vorbereitungen; die beste jedoch ist die Teilnahme des geringsten Schulers am Geschaft des Meisters. Aus Farbenreibern sind treffliche Maler hervorgegangen. Ein anderes ist die Nachaffung, zu welcher die naturliche allgemeine Tatigkeit des Menschen durch einen bedeutenden Kunstler, der das Schwere mit Leichtigkeit vollbringt, zufallig angeregt wird. Von der Notwendigkeit: dass der bildende Kunstler Studien nach der Natur mache, und von dem Werte derselben uberhaupt sind wir genugsam uberzeugt; allein wir leugnen nicht, dass es uns ofters betrubt, wenn wir den Missbrauch eines so loblichen Strebens gewahr werden. Nach unserer Uberzeugung sollte der junge Kunstler wenig oder gar keine Studien nach der Natur beginnen, wobei er nicht zugleich dachte, wie er jedes Blatt zu einem Ganzen abrunden, wie er diese Einzelnheit, in ein angenehmes Bild verwandelt, in einen Rahmen eingeschlossen, dem Liebhaber und Kenner gefallig anbieten moge. Es steht manches Schone isoliert in der Welt, doch der Geist ist es, der Verknupfungen zu entdecken und dadurch Kunstwerke hervorzubringen hat. Die Blume gewinnt erst ihren Reiz durch das Insekt, das ihr anhangt, durch den Tautropfen, der sie befeuchtet, durch das Gefass, woraus sie allenfalls ihre letzte Nahrung zieht. Kein Busch, kein Baum, dem man nicht durch die Nachbarschaft eines Felsens, einer Quelle Bedeutung geben, durch eine massige einfache Ferne grossern Reiz verleihen konnte. So ist es mit menschlichen Figuren und so mit Tieren aller Art beschaffen. Der Vorteil, den sich der junge Kunstler hiedurch verschafft, ist gar mannigfaltig. Er lernt denken, das Passende gehorig zusammenbinden, und wenn er auf diese Weise geistreich komponiert, wird es ihm zuletzt auch an dem, was man Erfindung nennt, an dem Entwickeln des Mannigfaltigen aus dem Einzelnen, keineswegs fehlen konnen. Tut er nun hierin der eigentlichen Kunstpadagogik wahrhaft Genuge, so hat er noch nebenher den grossen nicht zu verachtenden Gewinn, dass er lernt, verkaufliche dem Liebhaber anmutige und liebliche Blatter hervorzubringen. Eine solche Arbeit braucht nicht im hochsten Grade ausgefuhrt und vollendet zu sein; wenn sie gut gesehen, gedacht und fertig ist, so ist sie fur den Liebhaber oft reizender als ein grosseres ausgefuhrtes Werk. Beschaue doch jeder junge Kunstler seine Studien im Buchelchen und im Portefeuille und uberlege, wie viele Blatter er davon auf jene Weise geniessbar und wunschenswert hatte machen konnen. Es ist nicht die Rede vom Hoheren, wovon man wohl auch sprechen konnte, sondern es soll nur als Warnung gesagt sein, die von einem Abwege zuruckruft und aufs Hohere hindeutet. Versuche es doch der Kunstler nur ein halb Jahr praktisch und setze weder Kohle noch Pinsel an ohne Intention, einen vorliegenden Naturgegenstand als Bild abzuschliessen. Hat er angebornes Talent, so wird sich's bald offenbaren, welche Absicht wir bei diesen Andeutungen im Sinne hegten. Sage mir, mit wem du umgehst, so sage ich dir, wer du bist; weiss ich, womit du dich beschaftigst, so weiss ich, was aus dir werden kann. Jeder Mensch muss nach seiner Weise denken, denn er findet auf seinem Wege immer ein Wahres, oder eine Art von Wahrem, die ihm durchs Leben hilft; nur darf er sich nicht gehen lassen; er muss sich kontrollieren; der blosse nackte Instinkt geziemt nicht dem Menschen. Unbedingte Tatigkeit, von welcher Art sie sei, macht zuletzt bankerott. In den Werken des Menschen wie in denen der Natur sind eigentlich die Absichten vorzuglich der Aufmerksamkeit wert. Die Menschen werden an sich und andern irre, weil sie die Mittel als Zweck behandeln, da denn vor lauter Tatigkeit gar nichts geschieht oder vielleicht gar das Widerwartige. Was wir ausdenken, was wir vornehmen, sollte schon vollkommen so rein und schon sein, dass die Welt nur daran zu verderben hatte; wir blieben dadurch in dem Vorteil, das Verschobene zurechtzurucken, das Zerstorte wiederherzustellen. Ganze, Halb- und Viertelsirrtumer sind gar schwer und muhsam zurechtzulegen, zu sichten und das Wahre daran dahin zu stellen, wohin es gehort. Es ist nicht immer notig, dass das Wahre sich verkorpere; schon genug, wenn es geistig umherschwebt und Ubereinstimmung bewirkt; wenn es wie Glockenton ernstfreundlich durch die Lufte wogt. Wenn ich jungere deutsche Maler, sogar solche, die sich eine Zeitlang in Italien aufgehalten, befrage: warum sie doch, besonders in ihren Landschaften, so widerwartige grelle Tone dem Auge darstellen und vor aller Harmonie zu fliehen scheinen? so geben sie wohl ganz dreist und getrost zur Antwort: sie sahen die Natur genau auf solche Weise. Kant hat uns aufmerksam gemacht, dass es eine Kritik der Vernunft gebe, dass dieses hochste Vermogen, was der Mensch besitzt, Ursache habe, uber sich selbst zu wachen. Wie grossen Vorteil uns diese Stimme gebracht, moge jeder an sich selbst gepruft haben. Ich aber mochte in eben dem Sinne die Aufgabe stellen, dass eine Kritik der Sinne notig sei, wenn die Kunst uberhaupt, besonders die deutsche, irgend wieder sich erholen und in einem erfreulichen Lebensschritt vorwarts gehen solle. Der zur Vernunft geborene Mensch bedarf noch grosser Bildung, sie mag sich ihm nun durch Sorgfalt der Eltern und Erzieher, durch friedliches Beispiel oder durch strenge Erfahrung nach und nach offenbaren. Ebenso wird zwar der angehende Kunstler, aber nicht der vollendete geboren; sein Auge komme frisch auf die Welt, er habe glucklichen Blick fur Gestalt, Proportion, Bewegung; aber fur hohere Komposition, fur Haltung, Licht, Schatten, Farben kann ihm die naturliche Anlage fehlen, ohne dass er es gewahr wird. Ist er nun nicht geneigt, von hoher ausgebildeten Kunstlern der Vor- und Mitzeit das zu lernen, was ihm fehlt um eigentlicher Kunstler zu sein, so wird er im falschen Begriff von bewahrter Originalitat hinter sich selbst zuruckbleiben; denn nicht allein das, was mit uns geboren ist, sondern auch das, was wir erwerben konnen, gehort uns an, und wir sind es. Allgemeine Begriffe und grosser Dunkel sind immer auf dem Wege, entsetzliches Ungluck anzurichten. "Blasen ist nicht floten, ihr musst die Finger bewegen." Die Botaniker haben eine Pflanzenabteilung, die sie Incompletae nennen; man kann eben auch sagen, dass es inkomplette, unvollstandige Menschen gibt. Es sind diejenigen, deren Sehnsucht und Streben mit ihrem Tun und Leisten nicht proportioniert ist. Der geringste Mensch kann komplett sein, wenn er sich innerhalb der Grenzen seiner Fahigkeiten und Fertigkeiten bewegt; aber selbst schone Vorzuge werden verdunkelt, aufgehoben und vernichtet, wenn jenes unerlasslich geforderte Ebenmass abgeht. Dieses Unheil wird sich in der neuern Zeit noch ofter hervortun; denn wer wird wohl den Forderungen einer durchaus gesteigerten Gegenwart, und zwar in schnellster Bewegung genugtun konnen? Nur klugtatige Menschen, die ihre Krafte kennen und sie mit Mass und Gescheidigkeit benutzen, werden es im Weltwesen weit bringen. Ein grosser Fehler: dass man sich mehr dunkt, als man ist, und sich weniger schatzt, als man wert ist. Es begegnet mir von Zeit zu Zeit ein Jungling, an dem ich nichts verandert noch gebessert wunschte; nur macht mir bange, dass ich manchen vollkommen geeignet sehe, im Zeitstrom mit fortzuschwimmen, und hier ist's, wo ich immerfort aufmerksam machen mochte: dass dem Menschen in seinem zerbrechlichen Kahn eben deshalb das Ruder in die Hand gegeben ist, damit er nicht der Willkur der Wellen, sondern dem Willen seiner Einsicht Folge leiste. Wie soll nun aber ein junger Mann fur sich selbst dahin gelangen, dasjenige fur tadelnswert und schadlich anzusehen, was jedermann treibt, billigt und fordert? Warum soll er sich nicht und sein Naturell auch dahin gehen lassen? Fur das grosste Unheil unserer Zeit, die nichts reif werden lasst, muss ich halten, dass man im nachsten Augenblick den vorhergehenden verspeist, den Tag im Tage vertut und so immer aus der Hand in den Mund lebt, ohne irgend etwas vor sich zu bringen. Haben wir doch schon Blatter fur samtliche Tageszeiten! ein guter Kopf konnte wohl noch eins und das andere interkalieren. Dadurch wird alles, was ein jeder tut, treibt, dichtet, ja was er vorhat, ins Offentliche geschleppt. Niemand darf sich freuen oder leiden als zum Zeitvertreib der ubrigen; und so springt's von Haus zu Haus, von Stadt zu Stadt, von Reich zu Reich und zuletzt von Weltteil zu Weltteil, alles veloziferisch. So wenig nun die Dampfmaschinen zu dampfen sind, so wenig ist dies auch im Sittlichen moglich; die Lebhaftigkeit des Handels, das Durchrauschen des Papiergelds, das Anschwellen der Schulden, um Schulden zu bezahlen, das alles sind die ungeheuern Elemente, auf die gegenwartig ein junger Mann gesetzt ist. Wohl ihm, wenn er von der Natur mit massigem, ruhigem Sinn begabt ist, um weder unverhaltnismassige Forderungen an die Welt zu machen noch auch von ihr sich bestimmen zu lassen. Aber in einem jeden Kreise bedroht ihn der Tagesgeist; und nichts ist notiger, als fruh genug ihm die Richtung bemerklich zu machen, wohin sein Wille zu steuern hat. Die Bedeutsamkeit der unschuldigsten Reden und Handlungen wachst mit den Jahren; und wen ich langer um mich sehe, den suche ich immerfort aufmerksam zu machen, welch ein Unterschied stattfinde zwischen Aufrichtigkeit, Vertrauen und Indiskretion, ja dass eigentlich kein Unterschied sei, vielmehr nur ein leiser Ubergang vom Unverfanglichsten zum Schadlichsten, welcher bemerkt oder vielmehr empfunden werden musse. Hierauf haben wir unsern Takt zu uben, sonst laufen wir Gefahr, auf dem Wege, worauf wir uns die Gunst der Menschen erwarben, sie ganz unversehens wieder zu verscherzen. Das begreift man wohl im Laufe des Lebens von selbst, aber erst nach bezahltem teurem Lehrgelde, das man leider seinen Nachkommenden nicht ersparen kann. Das Verhaltnis der Kunste und Wissenschaften zum Leben ist nach Verhaltnis der Stufen, worauf sie stehen, nach Beschaffenheit der Zeiten und tausend andern Zufalligkeiten sehr verschieden; deswegen auch niemand daruber im ganzen leicht klug werden kann. Poesie wirkt am meisten im Anfang der Zustande, sie seien nun ganz roh, halbkultiviert, oder bei Abanderung einer Kultur, beim Gewahrwerden einer fremden Kultur, dass man also sagen kann, die Wirkung der Neuheit findet durchaus statt. Musik im besten Sinne bedarf weniger der Neuheit, ja vielmehr je alter sie ist, je gewohnter man sie ist, desto mehr wirkt sie. Die Wurde der Kunst erscheint bei der Musik vielleicht am eminentesten, weil sie keinen Stoff hat, der abgerechnet werden musste. Sie ist ganz Form und Gehalt und erhoht und veredelt alles, was sie ausdruckt. Die Musik ist heilig oder profan. Das Heilige ist ihrer Wurde ganz gemass, und hier hat sie die grosste Wirkung aufs Leben, welche sich durch alle Zeiten und Epochen gleich bleibt. Die profane sollte durchaus heiter sein. Eine Musik, die den heiligen und profanen Charakter vermischt, ist gottlos, und eine halbschurige, welche schwache, jammervolle, erbarmliche Empfindungen auszudrucken Belieben findet, ist abgeschmackt. Denn sie ist nicht ernst genug, um heilig zu sein, und es fehlt ihr der Hauptcharakter des Entgegengesetzten: die Heiterkeit. Die Heiligkeit der Kirchenmusiken, das Heitere und Neckische der Volksmelodien sind die beiden Angeln, um die sich die wahre Musik herumdreht. Auf diesen beiden Punkten beweist sie jederzeit eine unausbleibliche Wirkung: Andacht oder Tanz. Die Vermischung macht irre, die Verschwachung wird fade, und will die Musik sich an Lehrgedichte oder beschreibende und dergleichen wenden, so wird sie kalt. Plastik wirkt eigentlich nur auf ihrer hochsten Stufe; alles Mittlere kann wohl aus mehr denn einer Ursache imponieren, aber alle mittleren Kunstwerke dieser Art machen mehr irre, als dass sie erfreuen. Die Bildhauerkunst muss sich daher noch ein stoffartiges Interesse suchen, und das findet sie in den Bildnissen bedeutender Menschen. Aber auch hier muss sie schon einen hohen Grad erreichen, wenn sie zugleich wahr und wurdig sein will. Die Malerei ist die lasslichste und bequemste von allen Kunsten. Die lasslichste, weil man ihr um des Stoffes und des Gegenstandes willen, auch da, wo sie nur Handwerk oder kaum eine Kunst ist, vieles zugute halt und sich an ihr erfreut; teils weil eine technische obgleich geistlose Ausfuhrung den Ungebildeten wie den Gebildeten in Verwunderung setzt, so dass sie sich also nur einigermassen zur Kunst zu steigern braucht, um in einem hoheren Grade willkommen zu sein. Wahrheit in Farben, Oberflachen, in Beziehungen der sichtbaren Gegenstande aufeinander ist schon angenehm; und da das Auge ohnehin gewohnt ist, alles zu sehen, so ist ihm eine Missgestalt und also auch ein Missbild nicht so zuwider als dem Ohr ein Misston. Man lasst die schlechteste Abbildung gelten, weil man noch schlechtere Gegenstande zu sehen gewohnt ist. Der Maler darf also nur einigermassen Kunstler sein, so findet er schon ein grosseres Publikum als der Musiker, der auf gleichem Grade stunde; wenigstens kann der geringere Maler immer fur sich operieren, anstatt dass der mindere Musiker sich mit anderen soziieren muss, um durch gesellige Leistung einigen Effekt zu tun. Die Frage: ob man bei Betrachtung von Kunstleistungen vergleichen solle oder nicht, mochten wir folgendermassen beantworten: Der ausgebildete Kenner soll vergleichen; denn ihm schwebt die Idee vor, er hat den Begriff gefasst, was geleistet werden konne und solle; der Liebhaber, auf dem Wege zur Bildung begriffen, fordert sich am besten, wenn er nicht vergleicht, sondern jedes Verdienst einzeln betrachtet; dadurch bildet sich Gefuhl und Sinn fur das Allgemeinere nach und nach aus. Das Vergleichen der Unkenner ist eigentlich nur eine Bequemlichkeit, die sich gern des Urteils uberheben mochte. Wahrheitsliebe zeigt sich darin, dass man uberall das Gute zu finden und zu schatzen weiss. Ein historisches Menschengefuhl heisst ein dergestalt gebildetes, dass es bei Schatzung gleichzeitiger Verdienste und Verdienstlichkeiten auch die Vergangenheit mit in Anschlag bringt. Das Beste, was wir von der Geschichte haben, ist der Enthusiasmus, den sie erregt. Eigentumlichkeit ruft Eigentumlichkeit hervor. Man muss bedenken, da unter den Menschen gar viele sind, die doch auch etwas Bedeutendes sagen wollen, ohne produktiv zu sein, und da kommen die wunderlichsten Dinge an den Tag. Tief und ernstlich denkende Menschen haben gegen das Publikum einen bosen Stand. Wenn ich die Meinung eines andern anhoren soll, so muss sie positiv ausgesprochen werden; Problematisches hab' ich in mir selbst genug. Der Aberglaube gehort zum Wesen des Menschen und fluchtet sich, wenn man ihn ganz und gar zu verdrangen denkt, in die wunderlichsten Ecken und Winkel, von wo er auf einmal, wenn er einigermassen sicher zu sein glaubt, wieder hervortritt. Wir wurden gar vieles besser kennen, wenn wir es nicht zu genau erkennen wollten. Wird uns doch ein Gegenstand unter einem Winkel von funfundvierzig Graden erst fasslich. Mikroskope und Fernrohre verwirren eigentlich den reinen Menschensinn. Ich schweige zu vielem still, denn ich mag die Menschen nicht irremachen und bin wohl zufrieden, wenn sie sich freuen da wo ich mich argere. Alles, was unsern Geist befreit, ohne uns die Herrschaft uber uns selbst zu geben, ist verderblich. Das Was des Kunstwerks interessiert die Menschen mehr als das Wie; jenes konnen sie einzeln ergreifen, dieses im ganzen nicht fassen. Daher kommt das Herausheben von Stellen, wobei zuletzt, wenn man wohl aufmerkt, die Wirkung der Totalitat auch nicht ausbleibt, aber jedem unbewusst. Die Frage: woher hat's der Dichter? geht auch nur aufs Was, vom Wie erfahrt dabei niemand etwas. Einbildungskraft wird nur durch Kunst, besonders durch Poesie geregelt. Es ist nichts furchterlicher als Einbildungskraft ohne Geschmack. Das Manierierte ist ein verfehltes Ideelle, ein subjektiviertes Ideelle; daher fehlt ihm das Geistreiche nicht leicht. Der Philolog ist angewiesen auf die Kongruenz des Geschrieben-Uberlieferten. Ein Manuskript liegt zum Grunde, es finden sich in demselben wirkliche Lukken, Schreibfehler, die eine Lucke im Sinne machen, und was sonst alles an einem Manuskript zu tadeln sein mag. Nun findet sich eine zweite Abschrift, eine dritte; die Vergleichung derselben bewirkt immer mehr, das Verstandige und Vernunftige der Uberlieferung gewahr zu werden. Ja er geht weiter und verlangt von seinem innern Sinn, dass derselbe ohne aussere Hulfsmittel die Kongruenz des Abgehandelten immer mehr zu begreifen und darzustellen wisse. Weil nun hiezu ein besondrer Takt, eine besondre Vertiefung in seinen abgeschiedenen Autor notig und ein gewisser Grad von Erfindungskraft gefordert wird, so kann man dem Philologen nicht verdenken, wenn er sich auch ein Urteil bei Geschmackssachen zutraut, welches ihm jedoch nicht immer gelingen wird. Der Dichter ist angewiesen auf Darstellung. Das Hochste derselben ist, wenn sie mit der Wirklichkeit wetteifert, d.h. wenn ihre Schilderungen durch den Geist dergestalt lebendig sind, dass sie als gegenwartig fur jedermann gelten konnen. Auf ihrem hochsten Gipfel scheint die Poesie ganz ausserlich; je mehr sie sich ins Innere zuruckzieht, ist sie auf dem Wege zu sinken. Diejenige, die nur das Innere darstellt, ohne es durch ein Ausseres zu verkorpern, oder ohne das Aussere durch das Innere durchfuhlen zu lassen, sind beides die letzten Stufen, von welchen aus sie ins gemeine Leben hineintritt. Die Redekunst ist angewiesen auf alle Vorteile der Poesie, auf alle ihre Rechte; sie bemachtigt sich derselben und missbraucht sie, um gewisse aussere, sittliche oder unsittliche, augenblickliche Vorteile im burgerlichen Leben zu erreichen. Literatur ist das Fragment der Fragmente; das wenigste dessen, was geschah und gesprochen worden, ward geschrieben, vom Geschriebenen ist das wenigste ubriggeblieben. In naturlicher Wahrheit und Grossheit, obgleich wild und unbehaglich ausgebildetes Talent ist Lord Byron, und deswegen kaum ein anderes ihm vergleichbar. Eigentlichster Wert der sogenannten Volkslieder ist der, dass ihre Motive unmittelbar von der Natur genommen sind. Dieses Vorteils aber konnte der gebildete Dichter sich auch bedienen, wenn er es verstunde. Hiebei aber haben jene immer das voraus, dass naturliche Menschen sich besser auf den Lakonismus verstehen als eigentlich Gebildete. Shakespeare ist fur aufkeimende Talente gefahrlich zu lesen; er notigt sie, ihn zu reproduzieren, und sie bilden sich ein, sich selbst zu produzieren. Uber Geschichte kann niemand urteilen, als wer an sich selbst Geschichte erlebt hat. So geht es ganzen Nationen. Die Deutschen konnen erst uber Literatur urteilen, seitdem sie selbst eine Literatur haben. Man ist nur eigentlich lebendig, wenn man sich des Wohlwollens andrer freut. Frommigkeit ist kein Zweck, sondern ein Mittel, um durch die reinste Gemutsruhe zur hochsten Kultur zu gelangen. Deswegen lasst sich bemerken, dass diejenigen, welche Frommigkeit als Zweck und Ziel aufstecken, meistens Heuchler werden. "Wenn man alt ist, muss man mehr tun, als da man jung war." Erfullte Pflicht empfindet sich immer noch als Schuld, weil man sich nie ganz genug getan. Die Mangel erkennt nur der Lieblose; deshalb, um sie einzusehen, muss man auch lieblos werden, aber nicht mehr, als hiezu notig ist. Das hochste Gluck ist das, welches unsere Mangel verbessert und unsere Fehler ausgleicht. Kannst du lesen, so sollst du verstehen; kannst du schreiben, so musst du etwas wissen; kannst du glauben, so sollst du begreifen; wenn du begehrst, wirst du sollen; wenn du forderst, wirst du nicht erlangen; und wenn du erfahren bist, sollst du nutzen. Man erkennt niemand an als den, der uns nutzt. Wir erkennen den Fursten an, weil wir unter seiner Firma den Besitz gesichert sehen. Wir gewartigen uns von ihm Schutz gegen aussere und innere widerwartige Verhaltnisse. Der Bach ist dem Muller befreundet, dem er nutzt, und er sturzt gern uber die Rader; was hilft es ihm, gleichgultig durchs Tal hinzuschleichen. Wer sich mit reiner Erfahrung begnugt und darnach handelt, der hat Wahres genug. Das heranwachsende Kind ist weise in diesem Sinne. Die Theorie an und fur sich ist nichts nutze, als insofern sie uns an den Zusammenhang der Erscheinungen glauben macht. Alles Abstrakte wird durch Anwendung dem Menschenverstand genahert, und so gelangt der Menschenverstand durch Handeln und Beobachten zur Abstraktion. Wer zuviel verlangt, wer sich am Verwickelten erfreut, der ist den Verwirrungen ausgesetzt. Nach Analogien denken ist nicht zu schelten; die Analogie hat den Vorteil, dass sie nicht abschliesst und eigentlich nichts Letztes will; dagegen die Induktion verderblich ist, die einen vorgesetzten Zweck im Auge tragt und, auf denselben losarbeitend, Falsches und Wahres mit sich fortreisst. Gewohnliches Anschauen, richtige Ansicht der irdischen Dinge ist ein Erbteil des allgemeinen Menschenverstandes. Reines Anschauen des Aussern und Innern ist sehr selten. Es aussert sich jenes im praktischen Sinn, im unmittelbaren Handeln; dieses symbolisch, vorzuglich durch Mathematik, in Zahlen und Formeln, durch Rede, uranfanglich, tropisch, als Poesie des Genies, als Sprichwortlichkeit des Menschenverstandes. Das Abwesende wirkt auf uns durch Uberlieferung. Die gewohnliche ist historisch zu nennen; eine hohere, der Einbildungskraft verwandte ist mythisch. Sucht man hinter dieser noch etwas Drittes, irgendeine Bedeutung, so verwandelt sie sich in Mystik. Auch wird sie leicht sentimental, so dass wir uns nur, was gemutlich ist, aneignen. Die Wirksamkeiten, auf die wir achten mussen, wenn wir wahrhaft gefordert sein wollen, sind:
vorbereitende,
begleitende,
mitwirkende,
nachhelfende,
fordernde,
verstarkende,
hindernde,
nachwirkende.
Im Betrachten wie im Handeln ist das Zugangliche von dem Unzuganglichen zu unterscheiden; ohne dies lasst sich im Leben wie im Wissen wenig leisten. "Le sens commun est le Genie de l'humanite." Der Gemeinverstand, der als Genie der Menschheit gelten soll, muss vorerst in seinen Ausserungen betrachtet werden. Forschen wir, wozu ihn die Menschheit benutzt, so finden wir folgendes:
Die Menschheit ist bedingt durch Bedurfnisse. Sind diese nicht befriedigt, so erweist sie sich ungeduldig; sind sie befriedigt, so erscheint sie gleichgultig. Der eigentliche Mensch bewegt sich also zwischen beiden Zustanden; und seinen Verstand, den sogenannten Menschenverstand, wird er anwenden, seine Bedurfnisse zu befriedigen; ist es geschehen, so hat er die Aufgabe, die Raume der Gleichgultigkeit auszufullen. Beschrankt sich dieses in die nachsten und notwendigsten Grenzen, so gelingt es ihm auch. Erheben sich aber die Bedurfnisse, treten sie aus dem Kreise des Gemeinen heraus, so ist der Gemeinverstand nicht mehr hinreichend, er ist kein Genius mehr, die Region des Irrtums ist der Menschheit aufgetan. Es geschieht nichts Unvernunftiges, das nicht Verstand oder Zufall wieder in die Richte brachten; nichts Vernunftiges, das Unverstand und Zufall nicht missleiten konnten. Jede grosse Idee, sobald sie in die Erscheinung tritt, wirkt tyrannisch; daher die Vorteile, die sie hervorbringt, sich nur allzubald in Nachteile verwandeln. Man kann deshalb eine jede Institution verteidigen und ruhmen, wenn man an ihre Anfange erinnert und darzutun weiss, dass alles, was von ihr im Anfange gegolten, auch jetzt noch gelte. Lessing, der mancherlei Beschrankung unwillig fuhlte, lasst eine seiner Personen sagen: Niemand muss mussen. Ein geistreicher frohgesinnter Mann sagte: Wer will, der muss. Ein dritter, freilich ein Gebildeter, fugte hinzu: Wer einsieht, der will auch. Und so glaubte man den ganzen Kreis des Erkennens, Wollens und Mussens abgeschlossen zu haben. Aber im Durchschnitt bestimmt die Erkenntnis des Menschen, von welcher Art sie auch sei, sein Tun und Lassen; deswegen auch nichts schrecklicher ist, als die Unwissenheit handeln zu sehen. Es gibt zwei friedliche Gewalten: das Recht und die Schicklichkeit. Das Recht dringt auf Schuldigkeit, die Polizei aufs Geziemende. Das Recht ist abwagend und entscheidend, die Polizei uberschauend und gebietend. Das Recht bezieht sich auf den Einzelnen, die Polizei auf die Gesamtheit. Die Geschichte der Wissenschaften ist eine grosse Fuge, in der die Stimmen der Volker nach und nach zum Vorschein kommen. Man kann in den Naturwissenschaften uber manche Probleme nicht gehorig sprechen, wenn man die Metaphysik nicht zu Hulfe ruft; aber nicht jene Schulund Wortweisheit; es ist dasjenige, was vor, mit und nach der Physik war, ist und sein wird. Autoritat, dass namlich etwas schon einmal geschehen, gesagt oder entschieden worden sei, hat grossen Wert; aber nur der Pedant fordert uberall Autoritat. Altes Fundament ehrt man, darf aber das Recht nicht aufgeben, irgendwo wieder einmal von vorn zu grunden. Beharre, wo du stehst! Maxime, notwendiger als je, indem einerseits die Menschen in grosse Parteien gerissen werden; sodann aber auch jeder Einzelne nach individueller Einsicht und Vermogen sich geltend machen will. Man tut immer besser, dass man sich grad ausspricht, wie man denkt, ohne viel beweisen zu wollen: denn alle Beweise, die wir vorbringen, sind doch nur Variationen unserer Meinungen, und die Widriggesinnten horen weder auf das eine noch auf das andere. Da ich mit der Naturwissenschaft, wie sie sich von Tag zu Tage vorwarts bewegt, immer mehr bekannt und verwandt werde, so dringt sich mir gar manche Betrachtung auf: uber die Vor- und Ruckschritte, die zu gleicher Zeit geschehen. Eines nur sei hier ausgesprochen: dass wir sogar anerkannte Irrtumer aus der Wissenschaft nicht loswerden. Die Ursache hievon ist ein offenbares Geheimnis. Einen Irrtum nenn' ich, wenn irgendein Ereignis falsch ausgelegt, falsch angeknupft, falsch abgeleitet wird. Nun ereignet sich aber im Gange des Erfahrens und Denkens, dass eine Erscheinung folgerecht angeknupft, richtig abgeleitet wird. Das lasst man sich wohl gefallen, legt aber keinen besondern Wert darauf und lasst den Irrtum ganz ruhig daneben liegen; und ich kenne ein kleines Magazin von Irrtumern, die man sorgfaltig aufbewahrt. Da nun den Menschen eigentlich nichts interessiert als seine Meinung, so sieht jedermann, der eine Meinung vortragt, sich rechts und links nach Hulfsmitteln um, damit er sich und andere bestarken moge. Des Wahren bedient man sich solange es brauchbar ist; aber leidenschaftlich-rhetorisch ergreift man das Falsche, sobald man es fur den Augenblick nutzen, damit als einem Halbargumente blenden, als mit einem Lukkenbusser das Zerstuckelte scheinbar vereinigen kann. Dieses zu erfahren, war mir erst ein Argernis, dann betrubte ich mich daruber, und nun macht es mir Schadenfreude. Ich habe mir das Wort gegeben, ein solches Verfahren niemals wieder aufzudecken. Jedes Existierende ist ein Analogon alles Existierenden; daher erscheint uns das Dasein immer zu gleicher Zeit gesondert und verknupft. Folgt man der Analogie zu sehr, so fallt alles identisch zusammen; meidet man sie, so zerstreut sich alles ins Unendliche. In beiden Fallen stagniert die Betrachtung, einmal als uberlebendig, das andere Mal als getotet. Die Vernunft ist auf das Werdende, der Verstand auf das Gewordene angewiesen; jene bekummert sich nicht: wozu? dieser fragt nicht: woher? Sie erfreut sich am Entwickeln; er wunscht alles festzuhalten, damit er es nutzen konne. Es ist eine Eigenheit dem Menschen angeboren und mit seiner Natur innigst verwebt: dass ihm zur Erkenntnis das Nachste nicht genugt; da doch jede Erscheinung, die wir selbst gewahr werden, im Augenblick das Nachste ist und wir von ihr fordern konnen, dass sie sich selbst erklare, wenn wir kraftig in sie dringen. Das werden aber die Menschen nicht lernen, weil es gegen ihre Natur ist; daher die Gebildeten es selbst nicht lassen konnen, wenn sie an Ort und Stelle irgendein Wahres erkannt haben, es nicht nur mit dem Nachsten, sondern auch mit dem Weitesten und Fernsten zusammenzuhangen, woraus denn Irrtum uber Irrtum entspringt. Das nahe Phanomen hangt aber mit dem fernen nur in dem Sinne zusammen, dass sich alles auf wenige grosse Gesetze bezieht, die sich uberall manifestieren.
Was ist das Allgemeine?
Der einzelne Fall.
Was ist das Besondere?
Millionen Falle.
Die Analogie hat zwei Verirrungen zu furchten: einmal sich dem Witz hinzugeben, wo sie in nichts zerfliesst; die andere, sich mit Tropen und Gleichnissen zu umhullen, welches jedoch weniger schadlich ist. Weder Mythologie noch Legenden sind in der Wissenschaft zu dulden. Lasse man diese den Poeten, die berufen sind, sie zu Nutz und Freude der Welt zu behandeln. Der wissenschaftliche Mann beschranke sich auf die nachste, klarste Gegenwart. Wollte derselbe jedoch gelegentlich als Rhetor auftreten, so sei ihm jenes auch nicht verwehrt. Um mich zu retten, betrachte ich alle Erscheinungen als unabhangig voneinander und suche sie gewaltsam zu isolieren; dann betrachte ich sie als Korrelate, und sie verbinden sich zu einem entschiedenen Leben. Dies bezieh' ich vorzuglich auf Natur; aber auch in bezug auf die neueste um uns her bewegte Weltgeschichte ist diese Betrachtungsweise fruchtbar. Alles, was wir Erfinden, Entdecken im hoheren Sinne nennen, ist die bedeutende Ausubung, Betatigung eines originalen Wahrheitsgefuhles, das, im stillen langst ausgebildet, unversehens mit Blitzesschnelle zu einer fruchtbaren Erkenntnis fuhrt. Es ist eine aus dem Innern am Aussern sich entwickelnde Offenbarung, die den Menschen seine Gottahnlichkeit vorahnen lasst. Es ist eine Synthese von Welt und Geist, welche von der ewigen Harmonie des Daseins die seligste Versicherung gibt. Der Mensch muss bei dem Glauben verharren, dass das Unbegreifliche begreiflich sei; er wurde sonst nicht forschen. Begreiflich ist jedes Besondere, das sich auf irgendeine Weise anwenden lasst. Auf diese Weise kann das Unbegreifliche nutzlich werden. Es gibt eine zarte Empirie, die sich mit dem Gegenstand innigst identisch macht und dadurch zur eigentlichen Theorie wird. Diese Steigerung des geistigen Vermogens aber gehort einer hochgebildeten Zeit an. Am widerwartigsten sind die kricklichen Beobachter und grilligen Theoristen; ihre Versuche sind kleinlich und kompliziert, ihre Hypothesen abstrus und wunderlich. Es gibt Pedanten, die zugleich Schelme sind, und das sind die allerschlimmsten. Um zu begreifen, dass der Himmel uberall blau ist, braucht man nicht um die Welt zu reisen. Das Allgemeine und Besondere fallen zusammen; das Besondere ist das Allgemeine, unter verschiedenen Bedingungen erscheinend. Man braucht nicht alles selbst gesehen noch erlebt zu haben; willst du aber dem andern und seinen Darstellungen vertrauen, so denke, dass du es nun mit dreien zu tun hast: mit dem Gegenstand und zwei Subjekten. Grundeigenschaft der lebendigen Einheit: sich zu trennen, sich zu vereinen, sich ins Allgemeine zu ergehen, im Besondern zu verharren, sich zu verwandeln, sich zu spezifizieren und, wie das Lebendige unter tausend Bedingungen sich dartun mag, hervorzutreten und zu verschwinden, zu solideszieren und zu schmelzen, zu erstarren und zu fliessen, sich auszudehnen und sich zusammenzuziehen. Weil nun alle diese Wirkungen im gleichen Zeitmoment zugleich vorgehen, so kann alles und jedes zu gleicher Zeit eintreten. Entstehen und Vergehen, Schaffen und Vernichten, Geburt und Tod, Freud und Leid, alles wirkt durcheinander, in gleichem Sinn und gleicher Masse, deswegen denn auch das Besonderste, das sich ereignet, immer als Bild und Gleichnis des Allgemeinsten auftritt. Ist das ganze Dasein ein ewiges Trennen und Verbinden, so folgt auch, dass die Menschen im Betrachten des ungeheuren Zustandes auch bald trennen, bald verbinden werden. Als getrennt muss sich darstellen: Physik von Mathematik. Jene muss in einer entschiedenen Unabhangigkeit bestehen und mit allen liebenden, verehrenden, frommen Kraften in die Natur und das heilige Leben derselben einzudringen suchen, ganz unbekummert, was die Mathematik von ihrer Seite leistet und tut. Diese muss sich dagegen unabhangig von allem Aussern erklaren, ihren eigenen grossen Geistesgang gehen und sich selber reiner ausbilden, als es geschehen kann, wenn sie wie bisher sich mit dem Vorhandenen abgibt und diesem etwas abzugewinnen oder anzupassen trachtet. In der Naturforschung bedarf es eines kategorischen Imperativs so gut als im Sittlichen; nur bedenke man, dass man dadurch nicht am Ende, sondern erst am Anfang ist. Das Hochste ware, zu begreifen, dass alles Faktische schon Theorie ist. Die Blaue des Himmels offenbart uns das Grundgesetz der Chromatik. Man suche nur nichts hinter den Phanomenen; sie selbst sind die Lehre. In den Wissenschaften ist viel Gewisses, sobald man sich von den Ausnahmen nicht irremachen lasst und die Probleme zu ehren weiss. Wenn ich mich beim Urphanomen zuletzt beruhige, so ist es doch auch nur Resignation; aber es bleibt ein grosser Unterschied, ob ich mich an den Grenzen der Menschheit resigniere oder innerhalb einer hypothetischen Beschranktheit meines bornierten Individuums. Wenn man die Probleme des Aristoteles ansieht, so erstaunt man uber die Gabe des Bemerkens und fur was alles die Griechen Augen gehabt haben. Nur begehen sie den Fehler der Ubereilung, da sie von dem Phanomen unmittelbar zur Erklarung schreiten, wodurch denn ganz unzulangliche theoretische Ausspruche zum Vorschein kommen. Dieses ist jedoch der allgemeine Fehler, der noch heutzutage begangen wird. Hypothesen sind Wiegenlieder, womit der Lehrer seine Schuler einlullt; der denkende treue Beobachter lernt immer mehr seine Beschrankung kennen, er sieht: je weiter sich das Wissen ausbreitet, desto mehr Probleme kommen zum Vorschein. Unser Fehler besteht darin, dass wir am Gewissen zweifeln und das Ungewisse fixieren mochten. Meine Maxime bei der Naturforschung ist: das Gewisse festzuhalten und dem Ungewissen aufzupassen. Lassliche Hypothese nenn' ich eine solche, die man gleichsam schalkhaft aufstellt, um sich von der ernsthaften Natur widerlegen zu lassen. Wie wollte einer als Meister in seinem Fach erscheinen, wenn er nichts Unnutzes lehrte. Das Narrischste ist, dass jeder glaubt uberliefern zu mussen, was man gewusst zu haben glaubt. Weil zum didaktischen Vortrag Gewissheit verlangt wird, indem der Schuler nichts Unsicheres uberliefert haben will, so darf der Lehrer kein Problem stehenlassen und sich etwa in einiger Entfernung da herumbewegen. Gleich muss etwas bestimmt sein ("bepaalt" sagt der Hollander), und nun glaubt man eine Weile den unbekannten Raum zu besitzen, bis ein anderer die Pfahle wieder ausreisst und sogleich enger oder weiter abermals wieder bepfahlt. Lebhafte Frage nach der Ursache, Verwechselung von Ursache und Wirkung, Beruhigung in einer falschen Theorie sind von grosser nicht zu entwickelnder Schadlichkeit. Wenn mancher sich nicht verpflichtet fuhlte, das Unwahre zu wiederholen, weil er's einmal gesagt hat, so waren es ganz andre Leute geworden. Das Falsche hat den Vorteil, dass man immer daruber schwatzen kann, das Wahre muss gleich genutzt werden, sonst ist es nicht da. Wer nicht einsieht, wie das Wahre praktisch erleichtert, mag gern daran makeln und hakeln, damit er nur sein irriges muhseliges Treiben einigermassen beschonigen konne. Die Deutschen, und sie nicht allein, besitzen die Gabe, die Wissenschaften unzuganglich zu machen. Der Englander ist Meister, das Entdeckte gleich zu nutzen, bis es wieder zu neuer Entdeckung und frischer Tat fuhrt. Man frage nun, warum sie uns uberall voraus sind. Der denkende Mensch hat die wunderliche Eigenschaft, dass er an die Stelle, wo das unaufgeloste Problem liegt, gerne ein Phantasiebild hinfabelt, das er nicht loswerden kann, wenn das Problem auch aufgelost und die Wahrheit am Tage ist. Es gehort eine eigene Geisteswendung dazu, um das gestaltlose Wirkliche in seiner eigensten Art zu fassen und es von Hirngespinsten zu unterscheiden, die sich denn doch auch mit einer gewissen Wirklichkeit lebhaft aufdringen. Bei Betrachtung der Natur im grossen wie im kleinen hab' ich unausgesetzt die Frage gestellt: Ist es der Gegenstand oder bist du es, der sich hier ausspricht? Und in diesem Sinne betrachtete ich auch Vorganger und Mitarbeiter. Ein jeder Mensch sieht die fertige und geregelte, gebildete, vollkommene Welt doch nur als ein Element an, woraus er sich eine besondere ihm angemessene Welt zu erschaffen bemuht ist. Tuchtige Menschen ergreifen sie ohne Bedenken und suchen damit, wie es gehen will, zu gebaren; andere zaudern an ihr herum; einige zweifeln sogar an ihrem Dasein. Wer sich von dieser Grundwahrheit recht durchdrungen fuhlte, wurde mit niemanden streiten, sondern nur die Vorstellungsart eines andern wie seine eigene als ein Phanomen betrachten. Denn wir erfahren fast taglich, dass der eine mit Bequemlichkeit denken mag, was dem andern zu denken unmoglich ist, und zwar nicht etwa in Dingen, die auf Wohl und Wehe nur irgendeinen Einfluss hatten, sondern in Dingen, die fur uns vollig gleichgultig sind. Man weiss eigentlich das, was man weiss, nur fur sich selbst. Spreche ich mit einem andern von dem, was ich zu wissen glaube, unmittelbar glaubt er's besser zu wissen, und ich muss mit meinem Wissen immer wieder in mich selbst zuruckkehren. Das Wahre fordert; aus dem Irrtum entwickelt sich nichts, er verwickelt uns nur. Der Mensch findet sich mitten unter Wirkungen und kann sich nicht enthalten, nach den Ursachen zu fragen; als ein bequemes Wesen greift er nach der nachsten als der besten und beruhigt sich dabei; besonders ist dies die Art des allgemeinen Menschenverstandes. Sieht man ein Ubel, so wirkt man unmittelbar darauf, d.h. man kuriert unmittelbar aufs Symptom los. Die Vernunft hat nur uber das Lebendige Herrschaft; die entstandene Welt, mit der sich die Geognosie abgibt, ist tot. Daher kann es keine Geologie geben, denn die Vernunft hat hier nichts zu tun. Wenn ich ein zerstreutes Gerippe finde, so kann ich es zusammenlesen und aufstellen; denn hier spricht die ewige Vernunft durch ein Analogon zu mir, und wenn es das Riesenfaultier ware. Was nicht mehr entsteht, konnen wir uns als entstehend nicht denken; das Entstandene begreifen wir nicht. Der allgemeine neuere Vulkanismus ist eigentlich ein kuhner Versuch, die gegenwartige unbegreifliche Welt an eine vergangene unbekannte zu knupfen. Gleiche oder wenigstens ahnliche Wirkungen werden auf verschiedene Weise durch Naturkrafte hervorgebracht. Nichts ist widerwartiger als die Majoritat: denn sie besteht aus wenigen kraftigen Vorgangern, aus Schelmen die sich akkommodieren, aus Schwachen die sich assimilieren, und der Masse, die nachtrollt, ohne nur im mindesten zu wissen, was sie will. Die Mathematik ist, wie die Dialektik, ein Organ des inneren hoheren Sinnes, in der Ausubung ist sie eine Kunst wie die Beredsamkeit. Fur beide hat nichts Wert als die Form; der Gehalt ist ihnen gleichgultig. Ob die Mathematik Pfennige oder Guineen berechne, die Rhetorik Wahres oder Falsches verteidige, ist beiden vollkommen gleich. Hier aber kommt es nun auf die Natur des Menschen an, der ein solches Geschaft betreibt, eine solche Kunst ausubt. Ein durchgreifender Advokat in einer gerechten Sache, ein durchdringender Mathematiker vor dem Sternenhimmel erscheinen beide gleich gottahnlich. Was ist an der Mathematik exakt als die Exaktheit? Und diese, ist sie nicht eine Folge des innern Wahrheitsgefuhls? Die Mathematik vermag kein Vorurteil wegzuheben, sie kann den Eigensinn nicht lindern, den Parteigeist nicht beschwichtigen, nichts von allem Sittlichen vermag sie. Der Mathematiker ist nur insofern vollkommen, als er ein vollkommener Mensch ist, als er das Schone des Wahren in sich empfindet; dann erst wird er grundlich, durchsichtig, umsichtig, rein, klar, anmutig, ja elegant wirken. Das alles gehort dazu, um La Grange ahnlich zu werden. Nicht die Sprache an und fur sich ist richtig, tuchtig, zierlich, sondern der Geist ist es, der sich darin verkorpert; und so kommt es nicht auf einen jeden an, ob er seinen Rechnungen, Reden oder Gedichten die wunschenswerten Eigenschaften verleihen will; es ist die Frage, ob ihm die Natur hiezu die geistigen und sittlichen Eigenschaften verliehen hat. Die geistigen: das Vermogen der An- und Durchschauung, die sittlichen: dass er die bosen Damonen ablehne, die ihn hindern konnten, dem Wahren die Ehre zu geben. Das Einfache durch das Zusammengesetzte, das Leichte durch das Schwierige erklaren zu wollen, ist ein Unheil, das in dem ganzen Korper der Wissenschaft verteilt ist, von den Einsichtigen wohl anerkannt, aber nicht uberall eingestanden. Man sehe die Physik genau durch, und man wird finden, dass die Phanomene sowie die Versuche, worauf sie gebaut ist, verschiedenen Wert haben. Auf die primaren, die Urversuche kommt alles an, und das Kapitel, das hierauf gebaut ist, steht sicher und fest; aber es gibt auch sekundare, tertiare u.s.w. Gesteht man diesen das gleiche Recht zu, so verwirren sie nur das, was von den ersten aufgeklart war. Ein grosses Ubel in den Wissenschaften, ja uberall entsteht daher, dass Menschen, die kein Ideenvermogen haben, zu theoretisieren sich vermessen, weil sie nicht begreifen, dass noch so vieles Wissen hiezu nicht berechtigt. Sie gehen im Anfange wohl mit einem loblichen Menschenverstand zu Werke, dieser aber hat seine Grenzen, und wenn er sie uberschreitet, kommt er in Gefahr, absurd zu werden. Des Menschenverstandes angewiesenes Gebiet und Erbteil ist der Bezirk des Tuns und Handelns. Tatig wird er sich selten verirren; das hohere Denken, Schliessen und Urteilen jedoch ist nicht seine Sache. Die Erfahrung nutzt erst der Wissenschaft, sodann schadet sie, weil die Erfahrung Gesetz und Ausnahme gewahr werden lasst. Der Durchschnitt von beiden gibt keineswegs das Wahre. Man sagt: zwischen zwei entgegengesetzten Meinungen liege die Wahrheit mitten inne. Keineswegs! Das Problem liegt dazwischen, das Unschaubare, das ewig tatige Leben, in Ruhe gedacht.
Drittes Buch
Erstes Kapitel
Nach allem diesem, und was daraus erfolgen mochte, war nun Wilhelms erstes Anliegen, sich den Verbundeten wieder zu nahern und mit irgendeiner Abteilung derselben irgendwo zusammenzutreffen. Er zog daher sein Tafelchen zu Rat und begab sich auf den Weg, der ihn vor andern ans Ziel zu fuhren versprach. Weil er aber, den gunstigsten Punkt zu erreichen, quer durchs Land gehen musste, so sah er sich genotigt, die Reise zu Fusse zu machen und das Gepack hinter sich her tragen zu lassen. Fur seinen Gang aber ward er auf jedem Schritte reichlich belohnt, indem er unerwartet ganz allerliebste Gegenden antraf; es waren solche, wie sie das letzte Gebirg gegen die Flache zu bildet, bebuschte Hugel, die sanften Abhange haushalterisch benutzt, alle Flachen grun, nirgends etwas Steiles, Unfruchtbares und Ungepflugtes zu sehen. Nun gelangte er zum Haupttale, worein die Seitenwasser sich ergossen; auch dieses war sorgfaltig bebaut, anmutig ubersehbar, schlanke Baume bezeichneten die Krummung des durchziehenden Flusses und einstromender Bache, und als er die Karte, seinen Wegweiser, vornahm, sah er zu seiner Verwunderung, dass die gezogene Linie dieses Tal gerade durchschnitt und er sich also vorerst wenigstens auf rechtem Weg befinde.
Ein altes, wohlerhaltenes, zu verschiedenen Zeiten erneuertes Schloss zeigte sich auf einem bebuschten Hugel; am Fusse desselben zog ein heiterer Flecken sich hin mit vorstehendem, in die Augen fallendem Wirtshaus; auf letzteres ging er zu und ward zwar freundlich von dem Wirt empfangen, jedoch mit Entschuldigung, dass man ihn ohne Erlaubnis einer Gesellschaft nicht aufnehmen konne, die den ganzen Gasthof auf einige Zeit gemietet habe; deswegen er alle Gaste in die altere, weiter hinauf liegende Herberge verweisen musse. Nach einer kurzen Unterredung schien der Mann sich zu bedenken und sagte: "Zwar findet sich jetzt niemand im Hause, doch es ist eben Sonnabend, und der Vogt kann nicht lange ausbleiben, der wochentlich alle Rechnungen berichtigt und seine Bestellungen fur das Nachste macht. Wahrlich, es ist eine schickliche Ordnung unter diesen Mannern und eine Lust, mit ihnen zu verkehren, ob sie gleich genau sind, denn man hat zwar keinen grossen, aber einen sichern Gewinn." Er hiess darauf den neuen Gast in dem obern grossen Vorsaal sich gedulden und, was ferner sich ereignen mochte, abwarten.
Hier fand nun der Herantretende einen weiten, saubern Raum, ausser Banken und Tischen vollig leer; desto mehr verwunderte er sich, eine grosse Tafel uber einer Ture angebracht zu sehen, worauf die Worte in goldnen Buchstaben zu lesen waren: "Ubi homines sunt modi sunt"; welches wir deutsch erklaren, dass da, wo Menschen in Gesellschaft zusammentreten, sogleich die Art und Weise, wie sie zusammen sein und bleiben mogen, sich ausbilde. Dieser Spruch gab unserm Wanderer zu denken, er nahm ihn als gute Vorbedeutung, indem er das hier bekraftigt fand, was er mehrmals in seinem Leben als vernunftig und fordersam erkannt hatte. Es dauerte nicht lange, so erschien der Vogt, welcher, von dem Wirte vorbereitet, nach einer kurzen Unterredung und keinem sonderlichen Ausforschen ihn unter folgenden Bedingungen aufnahm: drei Tage zu bleiben, an allem, was vorgehen mochte, ruhig teilzunehmen und, es geschehe, was wolle, nicht nach der Ursache zu fragen, so wenig als beim Abschied nach der Zeche. Das alles musste der Reisende sich gefallen lassen, weil der Beauftragte in keinem Punkte nachgeben konnte.
Eben wollte der Vogt sich entfernen, als ein Gesang die Treppe herauf scholl; zwei hubsche junge Manner kamen singend heran, denen jener durch ein einfaches Zeichen zu verstehen gab, der Gast sei aufgenommen. Ihren Gesang nicht unterbrechend, begrussten sie ihn freundlich, duettierten gar anmutig, und man konnte sehr leicht bemerken, dass sie vollig eingeubt und ihrer Kunst Meister seien. Als Wilhelm die aufmerksamste Teilnahme bewies, schlossen sie und fragten: ob ihm nicht auch manchmal ein Lied bei seinen Fusswanderungen einfalle und das er so vor sich hin singe? "Mir ist zwar von der Natur", versetzte Wilhelm, "eine gluckliche Stimme versagt, aber innerlich scheint mir oft ein geheimer Genius etwas Rhythmisches vorzuflustern, so dass ich mich beim Wandern jedesmal im Takt bewege und zugleich leise Tone zu vernehmen glaube, wodurch denn irgendein Lied begleitet wird, das sich mir auf eine oder die andere Weise gefallig vergegenwartigt."
"Erinnert Ihr Euch eines solchen, so schreibt es uns auf", sagten jene; "wir wollen sehen, ob wir Euren singenden Damon zu begleiten wissen." Er nahm hierauf ein Blatt aus seiner Schreibtafel und ubergab ihnen folgendes:
"Von dem Berge zu den Hugeln,
Niederab das Tal entlang,
Da erklingt es wie von Flugeln,
Da bewegt sich's wie Gesang;
Und dem unbedingten Triebe
Folget Freude, folget Rat,
Und dein Streben, sei's in Liebe,
Und dein Leben sei die Tat."
Nach kurzem Bedenken ertonte sogleich ein freudiger, dem Wanderschritt angemessener Zweigesang, der, bei Wiederholung und Verschrankung immer fortschreitend, den Horenden mit hinriss; er war im Zweifel, ob dies seine eigne Melodie, sein fruheres Thema, oder ob sie jetzt erst so angepasst sei, dass keine andere Bewegung denkbar ware. Die Sanger hatten sich eine Zeitlang auf diese Weise vergnuglich ergangen, als zwei tuchtige Bursche herantraten, die man an ihren Attributen sogleich fur Maurer anerkannte, zwei aber, die ihnen folgten, fur Zimmerleute halten musste. Diese viere, ihr Handwerkszeug sachte niederlegend, horchten dem Gesang und fielen bald gar sicher und entschieden in denselben mit ein, so dass eine vollstandige Wandergesellschaft uber Berg und Tal dem Gefuhl dahinzuschreiten schien und Wilhelm glaubte, nie etwas so Anmutiges, Herz und Sinn Erhebendes vernommen zu haben. Dieser Genuss jedoch sollte noch erhoht und bis zum Letzten gesteigert werden, als eine riesenhafte Figur, die Treppe heraufsteigend, einen starken, festen Tritt mit dem besten Willen kaum zu massigen imstande war. Ein schwer bepacktes Reff setzte er sogleich in die Ecke, sich aber auf eine Bank nieder, die zu krachen anfing, woruber die andern lachten, ohne jedoch aus ihrem Gesang zu fallen. Sehr uberrascht aber fand sich Wilhelm, als mit einer ungeheuren Bassstimme dieses Enakskind gleichfalls einzufallen begann. Der Saal schutterte, und bedeutend war es, dass er den Refrain an seinem Teile sogleich verandert und zwar dergestalt sang:
"Du im Leben nichts verschiebe;
Sei dein Leben Tat um Tat!"
Ferner konnte man denn auch gar bald bemerken, dass er das Tempo zu einem langsameren Schritt herniederziehe und die ubrigen notige, sich ihm zu fugen. Als man zuletzt geschlossen und sich genugsam befriedigt hatte, warfen ihm die andern vor, als wenn er getrachtet habe, sie irrezumachen. "Keineswegs", rief er aus, "ihr seid es, die ihr mich irrezumachen gedenkt; aus meinem Schritt wollt ihr mich bringen, der gemassigt und sicher sein muss, wenn ich mit meiner Burde bergauf, bergab schreite und doch zuletzt zur bestimmten Stunde eintreffen und euch befriedigen soll."
Einer nach dem andern ging nunmehr zu dem Vogt hinein, und Wilhelm konnte wohl bemerken, dass es auf eine Abrechnung angesehen sei, wornach er sich nun nicht weiter erkundigen durfte. In der Zwischenzeit kamen ein Paar muntere, schone Knaben, eine Tafel in der Geschwindigkeit zu bereiten, massig mit Speise und Wein zu besetzen, worauf der heraustretende Vogt sie nunmehr alle sich mit ihm niederzulassen einlud. Die Knaben warteten auf, vergassen sich aber auch nicht und nahmen stehend ihren Anteil dahin. Wilhelm erinnerte sich ahnlicher Szenen, da er noch unter den Schauspielern hauste, doch schien ihm die gegenwartige Gesellschaft viel ernster, nicht zum Scherz auf Schein, sondern auf bedeutende Lebenszwecke gerichtet.
Das Gesprach der Handwerker mit dem Vogt belehrte den Gast hieruber aufs klarste. Die vier tuchtigen jungen Leute waren in der Nahe tatig, wo ein gewaltsamer Brand die anmutigste Landstadt in Asche gelegt hatte; nicht weniger horte man, dass der wackere Vogt mit Anschaffung des Holzes und sonstiger Baumaterialien beschaftigt sei, welches dem Gast um so ratselhafter vorkam, als samtliche Manner hier nicht wie Einheimische, sondern wie Voruberwandernde sich in allem ubrigen ankundigten. Zum Schlusse der Tafel holte St. Christoph, so nannten sie den Riesen, ein beseitigtes gutes Glas Wein zum Schlaftrunk, und ein heiterer Gesang hielt noch einige Zeit die Gesellschaft fur das Ohr zusammen, die dem Blick bereits auseinandergegangen war; worauf denn Wilhelm in ein Zimmer gefuhrt wurde von der anmutigsten Lage. Der Vollmond, eine reiche Flur beleuchtend, war schon herauf und weckte ahnliche und gleiche Erinnerungen in dem Busen unseres Wanderers. Die Geister aller lieben Freunde zogen bei ihm voruber, besonders aber war ihm Lenardos Bild so lebendig, dass er ihn unmittelbar vor sich zu sehen glaubte. Dies alles gab ihm ein inniges Behagen zur nachtlichen Ruhe, als er durch den wunderlichsten Laut beinahe erschreckt worden ware. Es klang aus der Ferne her, und doch schien es im Hause selbst zu sein, denn das Haus zitterte manchmal, und die Balken drohnten, wenn der Ton zu seiner grossten Kraft stieg. Wilhelm, der sonst ein zartes Ohr hatte, alle Tone zu unterscheiden, konnte doch sich fur nichts bestimmen; er verglich es dem Schnarren einer grossen Orgelpfeife, die vor lauter Umfang keinen entschiedenen Ton von sich gibt. Ob dieses Nachtschrecken gegen Morgen nachliess, oder ob Wilhelm, nach und nach daran gewohnt, nicht mehr dafur empfindlich war, ist schwer auszumitteln; genug, er schlief ein und ward von der aufgehenden Sonne anmutig erweckt.
Kaum hatte ihm einer der dienenden Knaben das Fruhstuck gebracht, als eine Figur hereintrat, die er am Abendtische bemerkt hatte, ohne uber deren Eigenschaften klar zu werden. Es war ein wohlgebauter, breitschultriger, auch behender Mann, der sich durch ausgekramtes Gerat als Barbier ankundigte und sich bereitete, Wilhelmen diesen so erwunschten Dienst zu leisten. Ubrigens schwieg er still, und das Geschaft war mit sehr leichter Hand vollbracht, ohne dass er irgendeinen Laut von sich gegeben hatte. Wilhelm begann daher und sprach: "Eure Kunst versteht Ihr meisterlich, und ich wusste nicht, dass ich ein zarteres Messer jemals an meinen Wangen gefuhlt hatte, zugleich scheint Ihr aber die Gesetze der Gesellschaft genau zu beobachten."
Schalkhaft lachelnd, den Finger auf den Mund legend, schlich der Schweigsame zur Ture hinaus. "Wahrlich!" rief ihm Wilhelm nach: "Ihr seid jener Rotmantel, wo nicht selbst, doch wenigstens gewiss ein Abkommling; es ist Euer Gluck, dass Ihr den Gegendienst von mir nicht verlangen wollt, Ihr wurdet Euch dabei schlecht befunden haben."
Kaum hatte dieser wunderliche Mann sich entfernt, als der bekannte Vogt hereintrat, zur Tafel fur diesen Mittag eine Einladung ausrichtend; welche gleichfalls ziemlich seltsam klang: das Band, so sagte der Einladende ausdrucklich, heisse den Fremden willkommen, berufe denselben zum Mittagsmahle und freue sich der Hoffnung, mit ihm in ein naheres Verhaltnis zu treten. Man erkundigte sich ferner nach dem Befinden des Gastes, und wie er mit der Bewirtung zufrieden sei; der denn von allem, was ihm begegnet war, nur mit Lob sprechen konnte. Freilich hatte er sich gern bei diesem Manne, wie vorher bei dem schweigsamen Barbier, nach dem entsetzlichen Ton erkundigt, der ihn diese Nacht, wo nicht geangstigt, doch beunruhigt hatte; seines Angelobnisses jedoch eingedenk, enthielt er sich jeder Frage und hoffte, ohne zudringlich zu sein, aus Neigung der Gesellschaft oder zufallig nach seinen Wunschen belehrt zu werden.
Als der Freund sich allein befand, dachte er uber die wunderliche Person erst nach, die ihn hatte einladen lassen, und wusste nicht recht, was er daraus machen sollte. Einen oder mehrere Vorgesetzte durch ein Neutrum anzukundigen, kam ihm allzu bedenklich vor. Ubrigens war es so still um ihn her, dass er nie einen stilleren Sonntag erlebt zu haben glaubte; er verliess das Haus, vernahm aber ein Glockengelaute und ging nach dem Stadtchen zu. Die Messe war eben geendigt, und unter den sich herausdrangenden Einwohnern und Landleuten erblickte er drei Bekannte von gestern, einen Zimmergesellen, einen Maurer und einen Knaben. Spater bemerkte er unter den protestantischen Gottesverehrern gerade die drei andern. Wie die ubrigen ihrer Andacht pflegen mochten, ward nicht bekannt, so viel aber getraute er sich zu schliessen, dass in dieser Gesellschaft eine entschiedene Religionsfreiheit obwalte.
Zu Mittag kam demselben am Schlosstore der Vogt entgegen, ihn durch mancherlei Hallen in einen grossen Vorsaal zu fuhren, wo er ihn niedersitzen hiess. Viele Personen gingen vorbei, in einen anstossenden Saalraum hinein. Die schon bekannten waren darunter zu sehen, selbst St. Christoph schritt voruber; alle grussten den Vogt und den Ankommling. Was dem Freund dabei am meisten auffiel, war, dass er nur Handwerker zu sehen glaubte, alle nach gewohnter Weise, aber hochst reinlich gekleidet; wenige, die er allenfalls fur Kanzleiverwandte gehalten hatte.
Als nun keine neuen Gaste weiter zudrangen, fuhrte der Vogt unsern Freund durch die stattliche Pforte in einen weitlaufigen Saal; dort war eine unubersehbare Tafel gedeckt, an deren unterem Ende er vorbeigefuhrt wurde, nach oben zu, wo er drei Personen quer vorstehen sah. Aber von welchem Erstaunen ward er ergriffen, als er in die Nahe trat und Lenardo, kaum noch erkannt, ihm um den Hals fiel. Von dieser Uberraschung hatte man sich noch nicht erholt, als ein Zweiter Wilhelmen gleichfalls feurig und lebhaft umarmte und sich als den wunderlichen Friedrich, Nataliens Bruder, zu erkennen gab. Das Entzucken der Freunde verbreitete sich uber alle Gegenwartigen; ein Freudund Segensruf erscholl die ganze Tafel her. Auf einmal aber, als man sich gesetzt, ward alles still und das Gastmahl mit einer gewissen Feierlichkeit aufgetragen und eingenommen.
Gegen Ende der Tafel gab Lenardo ein Zeichen, zwei Sanger standen auf, und Wilhelm verwunderte sich sehr, sein gestriges Lied wiederholt zu horen, das wir, der nachsten Folge wegen, hier wieder einzurukken fur notig finden.
"Von dem Berge zu den Hugeln,
Niederab das Tal entlang,
Da erklingt es wie von Flugeln,
Da bewegt sich's wie Gesang;
Und dem unbedingten Triebe
Folget Freude, folget Rat;
Und dein Streben, sei's in Liebe,
Und dein Leben sei die Tat."
Kaum hatte dieser Zwiegesang, von einem gefallig massigen Chor begleitet, sich zum Ende geneigt, als gegenuber sich zwei andere Sanger ungestum erhuben, welche mit ernster Heftigkeit das Lied mehr umkehrten als fortsetzten, zur Verwunderung des Ankommlings aber sich also vernehmen liessen:
"Denn die Bande sind zerrissen,
Das Vertrauen ist verletzt;
Kann ich sagen, kann ich wissen,
Welchem Zufall ausgesetzt
Ich nun scheiden, ich nun wandern,
Wie die Witwe trauervoll,
Statt dem einen mit dem andern
Fort und fort mich wenden soll!"
Der Chor, in diese Strophe einfallend, ward immer zahlreicher, immer machtiger, und doch konnte man die Stimme des heiligen Christoph, vom untern Ende der Tafel her, gar bald unterscheiden. Beinahe furchtbar schwoll zuletzt die Trauer; ein unmutiger Mut brachte, bei Gewandtheit der Sanger, etwas Fugenhaftes in das Ganze, dass es unserm Freunde wie schauderhaft auffiel. Wirklich schienen alle vollig gleichen Sinnes zu sein und ihr eignes Schicksal eben kurz vor dem Aufbruche zu betrauern. Die wundersamsten Wiederholungen, das oftere Wiederaufleben eines beinahe ermattenden Gesanges schien zuletzt dem Bande selbst gefahrlich; Lenardo stand auf, und alle setzten sich sogleich nieder, den Hymnus unterbrechend. Jener begann mit freundlichen Worten: "Zwar kann ich euch nicht tadeln, dass ihr euch das Schicksal, das uns allen bevorsteht, immer vergegenwartigt, um zu demselben jede Stunde bereit zu sein. Haben doch lebensmude, bejahrte Manner den Ihrigen zugerufen: 'Gedenke zu sterben!', so durfen wir lebenslustige jungere wohl uns immerfort ermuntern und ermahnen mit den heitern Worten: 'Gedenke zu wandern!'; dabei ist aber wohlgetan, mit Mass und Heiterkeit dessen zu erwahnen, was man entweder willig unternimmt, oder wozu man sich genotigt glaubt. Ihr wisst am besten, was unter uns fest steht und was beweglich ist; gebt uns dies auch in erfreulichen, aufmunternden Tonen zu geniessen, worauf denn dieses Abschiedsglas fur diesmal gebracht sei!" Er leerte sodann seinen Becher und setzte sich nieder; die vier Sanger standen sogleich auf und begannen in abgeleiteten, sich anschliessenden Tonen:
"Bleibe nicht am Boden heften,
Frisch gewagt und frisch hinaus!
Kopf und Arm mit heitern Kraften,
Uberall sind sie zu Haus;
Wo wir uns der Sonne freuen,
Sind wir jede Sorge los:
Dass wir uns in ihr zerstreuen,
Darum ist die Welt so gross."
Bei dem wiederholenden Chorgesange stand Lenardo auf und mit ihm alle; sein Wink setzte die ganze Tischgesellschaft in singende Bewegung; die unteren zogen, St. Christoph voran, paarweis zum Saale hinaus, und der angestimmte Wandergesang ward immer heiterer und freier; besonders aber nahm er sich sehr gut aus, als die Gesellschaft, in den terrassierten Schlossgarten versammelt, von hier aus das geraumige Tal ubersah, in dessen Fulle und Anmut man sich wohl gern verloren hatte. Indessen die Menge sich nach Belieben hier- und dorthin zerstreute, machte man Wilhelmen mit dem dritten Vorsitzenden bekannt. Es war der Amtmann, der das grafliche, zwischen mehreren Standesherrschaften liegende Schloss dieser Gesellschaft, so lange sie hier zu verweilen fur gut fande, einzuraumen und ihr vielfache Vorteile zu verschaffen gewusst, dagegen aber auch, als ein kluger Mann, die Anwesenheit so seltener Gaste zu nutzen verstand. Denn indem er fur billige Preise seine Fruchtboden auftat und, was sonst noch zu Nahrung und Notdurft erforderlich ware, zu verschaffen wusste, so wurden bei solcher Gelegenheit langst vernachlassigte Dachreihen umgelegt, Dachstuhle hergestellt, Mauern unterfahren, Planken gerichtet und andere Mangel auf den Grad gehoben, dass ein langst vernachlassigtes, in Verfall geratenes Besitztum verbluhender Familien den frohen Anblick einer lebendig benutzten Wohnlichkeit gewahrte und das Zeugnis gab: Leben schaffe Leben, und, wer andern nutzlich sei, auch sie ihm zu nutzen in die Notwendigkeit versetze.
Zweites Kapitel
Hersilie an Wilhelm
Mein Zustand kommt mir vor wie ein Trauerspiel des Alfieri; da die Vertrauten vollig ermangeln, so muss zuletzt alles in Monologen verhandelt werden, und furwahr, eine Korrespondenz mit Ihnen ist einem Monolog vollkommen gleich; denn Ihre Antworten nehmen eigentlich wie ein Echo unsre Silben nur oberflachlich auf, um sie verhallen zu lassen. Haben Sie auch nur ein einzigmal etwas erwidert, worauf man wieder hatte erwidern konnen? Parierend, ablehnend sind Ihre Briefe! Indem ich aufstehe, Ihnen entgegenzutreten, so weisen Sie mich wieder auf den Sessel zuruck. Vorstehendes war schon einige Tage geschrieben; nun findet sich ein neuer Drang und Gelegenheit, Gegenwartiges an Lenardo zu bringen; dort findet Sie's, oder man weiss Sie zu finden. Wo es Sie aber auch antreffen mag, lautet meine Rede dahin, dass, wenn Sie, nach gelesenem diesem Blatt, nicht gleich vom Sitze aufspringen und als frommer Wanderer sich eilig bei mir einstellen, so erklar' ich Sie fur den mannlichsten aller Manner, d.h. dem die liebenswurdigste aller Eigenschaften unsers Geschlechts vollig abgeht; ich verstehe darunter die Neugierde, die mich eben in dem Augenblick auf das entschiedenste qualt.
Kurz und gut! Zu Ihrem Prachtkastchen ist das Schlusselchen gefunden; das darf aber niemand wissen als ich und Sie. Wie es in meine Hande gekommen, vernehmen Sie nun.
Vor einigen Tagen empfangt unser Gerichtshalter eine Ausfertigung von fremder Behorde, worin gefragt wird, ob nicht ein Knabe sich zu der und der Zeit in der Nachbarschaft aufgehalten, allerlei Streiche verubt und endlich bei einem verwegenen Unternehmen seine Jacke eingebusst habe.
Wie dieser Schelm nun bezeichnet war, blieb kein Zweifel ubrig, es sei jener Fitz, von dem Felix so viel zu erzahlen wusste und den er sich oft als Spielkameraden zuruckwunschte.
Nun erbat sich jene Stelle die benannte Kleidung, wenn sie noch vorhanden ware, weil der in Untersuchung geratene Knabe sich darauf berufe. Von dieser Zumutung spricht nun unser Gerichtshalter gelegentlich und zeigt das Kittelchen vor, eh' er es absendet.
Mich treibt ein guter oder boser Geist, in die Brusttasche zu greifen; ein winzig kleines, stachlichtes Etwas kommt mir in die Hand; ich, die ich sonst so apprehensiv, kitzlich und schreckhaft bin, schliesse die Hand, schliesse sie, schweige, und das Kleid wird fortgeschickt. Sogleich ergreift mich von allen Empfindungen die wunderlichste. Beim ersten verstohlenen Blick seh' ich, errat' ich, zu Ihrem Kastchen sei es der Schlussel. Nun gab es wunderliche Gewissenszweifel, mancherlei Skrupel stiegen bei mir auf. Den Fund zu offenbaren, herzugeben, war mir unmoglich: was soll es jenen Gerichten, da es dem Freunde so nutzlich sein kann! Dann wollte sich mancherlei von Recht und Pflicht wieder auftun, welche mich aber nicht uberstimmen konnten.
Da sehen Sie nun, in was fur einen Zustand mich die Freundschaft versetzt; ein famoses Organ entwikkelt sich plotzlich, Ihnen zuliebe; welch ein wunderlich Ereignis! Mochte das nicht mehr als Freundschaft sein, was meinem Gewissen dergestalt die Waage halt! Wundersam bin ich beunruhigt, zwischen Schuld und Neugier; ich mache mir hundert Grillen und Marchen, was alles daraus erfolgen konnte: mit Recht und Gericht ist nicht zu spassen. Hersilie, das unbefangene, gelegentlich ubermutige Wesen, in einen Kriminalprozess verwickelt, denn darauf geht's doch hinaus, und was bleibt mir da ubrig, als an den Freund zu denken, um dessentwillen ich das alles leide! Ich habe sonst auch an Sie gedacht, aber mit Pausen, jetzt aber unaufhorlich; jetzt, wenn mir das Herz schlagt und ich ans siebente Gebot denke, so muss ich mich an Sie wenden als den Heiligen, der das Verbrechen veranlasst und mich auch wohl wieder entbinden kann; und so wird allein die Eroffnung des Kastchens mich beruhigen. Die Neugierde wird doppelt machtig. Kommen Sie eiligst und bringen das Kastchen mit. Fur welchen Richterstuhl eigentlich das Geheimnis gehore, das wollen wir unter uns ausmachen; bis dahin bleibt es unter uns; niemand wisse darum, es sei auch, wer es sei. Hier aber, mein Freund, nun schliesslich zu dieser Abbildung des Ratsels was sagen Sie? Erinnert es nicht an Pfeile mit Widerhaken? Gott sei uns gnadig! Aber das Kastchen muss zwischen mir und Ihnen erst uneroffnet stehen und dann eroffnet das Weitere selbst befehlen. Ich wollte, es fande sich gar nichts drinnen, und was ich sonst noch wollte und was ich sonst noch alles erzahlen konnte doch sei Ihnen das vorenthalten, damit Sie desto eiliger sich auf den Weg machen. Und nun madchenhaft genug noch eine Nachschrift! Was geht aber mich und Sie eigentlich das Kastchen an? Es gehort Felix, der hat's entdeckt, hat sich's zugeeignet, den mussen wir herbeiholen, ohne seine Gegenwart sollen wir's nicht offnen.
Und was das wieder fur Umstande sind! das schiebt sich und verschiebt sich.
Was ziehen Sie so in der Welt herum? Kommen Sie! bringen Sie den holden Knaben mit, den ich auch einmal wieder sehen mochte.
Und nun geht's da wieder an, der Vater und der Sohn! tun Sie, was Sie konnen, aber kommen Sie beide.
Drittes Kapitel
Vorstehender wunderliche Brief war freilich schon lange geschrieben und hin und wider getragen worden, bis er endlich, der Aufschrift gemass, diesmal abgegeben werden konnte. Wilhelm nahm sich vor, mit dem ersten Boten, dessen Absendung bevorstand, freundlich, aber ablehnend zu antworten. Hersilie schien die Entfernung nicht zu berechnen, und er war gegenwartig zu ernstlich beschaftigt, als dass ihn auch nur die mindeste Neugierde, was in jenem Kastchen befindlich sein mochte, hatte reizen durfen.
Auch gaben ihm einige Unfalle, die den derbsten Gliedern dieser tuchtigen Gesellschaft begegneten, Gelegenheit, sich meisterhaft in der von ihm ergriffenen Kunst zu beweisen. Und wie ein Wort das andere gibt, so folgt noch glucklicher eine Tat aus der andern, und wenn dadurch zuletzt auch wieder Worte veranlasst werden, so sind diese um so fruchtbarer und geisterhebender. Die Unterhaltungen waren daher so belehrend als ergotzlich, denn die Freunde gaben sich wechselseitig Rechenschaft vom Gange des bisherigen Lernens und Tuns, woraus eine Bildung entstanden war, die sie wechselseitig erstaunen machte, dergestalt, dass sie sich untereinander erst selbst wieder mussten kennen lernen.
Eines Abends also fing Wilhelm seine Erzahlung an: "Meine Studien als Wundarzt suchte ich sogleich in einer grossen Anstalt der grossten Stadt, wo sie nur allein moglich wird, zu fordern; zur Anatomie als Grundstudium wendete ich mich sogleich mit Eifer.
Auf eine sonderbare Weise, welche niemand erraten wurde, war ich schon in Kenntnis der menschlichen Gestalt weit vorgeschritten, und zwar wahrend meiner theatralischen Laufbahn; alles genau besehen, spielt denn doch der korperliche Mensch da die Hauptrolle, ein schoner Mann, eine schone Frau! Ist der Direktor glucklich genug, ihrer habhaft zu werden, so sind Komodien- und Tragodiendichter geborgen. Der losere Zustand, in dem eine solche Gesellschaft lebt, macht ihre Genossen mehr mit der eigentlichen Schonheit der unverhullten Glieder bekannt als irgendein anderes Verhaltnis; selbst verschiedene Kostums notigen, zur Evidenz zu bringen, was sonst herkommlich verhullt wird. Hievon hatt' ich viel zu sagen, so auch von korperlichen Mangeln, welche der kluge Schauspieler an sich und andern kennen muss, um sie, wo nicht zu verbessern, wenigstens zu verbergen, und auf diese Weise war ich vorbereitet genug, dem anatomischen Vortrag, der die aussern Teile naher kennen lehrte, eine folgerechte Aufmerksamkeit zu schenken; so wie mir denn auch die innern Teile nicht fremd waren, indem ein gewisses Vorgefuhl davon mir immer gegenwartig geblieben war. Unangenehm hindernd war bei dem Studium die immer wiederholte Klage vom Mangel der Gegenstande, uber die nicht hinreichende Anzahl der verblichenen Korper, die man zu so hohen Zwecken unter das Messer wunschte. Solche, wo nicht hinreichend, doch in moglichster Zahl zu verschaffen, hatte man harte Gesetze ergehen lassen, nicht allein Verbrecher, die ihr Individuum in jedem Sinne verwirkt, sondern auch andere korperlich, geistig verwahrloste Umgekommene wurden in Anspruch genommen.
Mit dem Bedurfnis wuchs die Strenge und mit dieser der Widerwille des Volks, das in sittlicher und religioser Ansicht seine Personlichkeit und die Personlichkeit geliebter Personen nicht aufgeben kann.
Immer weiter aber stieg das Ubel, indem die verwirrende Sorge hervortrat, dass man auch sogar fur die friedlichen Graber geliebter Abgeschiedener zu furchten habe. Kein Alter, keine Wurde, weder Hohes noch Niedriges war in seiner Ruhestatte mehr sicher; der Hugel, den man mit Blumen geschmuckt, die Inschriften, mit denen man das Andenken zu erhalten getrachtet, nichts konnte gegen die eintragliche Raubsucht schutzen; der schmerzlichste Abschied schien aufs grausamste gestort, und indem man sich vom Grabe wegwendete, musste schon die Furcht empfunden werden, die geschmuckten, beruhigten Glieder geliebter Personen getrennt, verschleppt und entwurdigt zu wissen.
Alles dieses kam wiederholt und immer durchgedroschener zur Sprache, ohne dass irgend jemand an ein Hulfsmittel gedacht hatte oder daran hatte denken konnen, und immer allgemeiner wurden die Beschwerden, als junge Manner, die mit Aufmerksamkeit den Lehrvortrag gehort, sich auch mit Hand und Auge von dem bisher Gesehenen und Vernommenen uberzeugen und sich die so notwendige Kenntnis immer tiefer und lebendiger der Einbildungskraft uberliefern wollten.
In solchen Augenblicken entsteht eine Art von unnaturlichem wissenschaftlichem Hunger, welcher nach der widerwartigsten Befriedigung wie nach dem Anmutigsten und Notwendigsten zu begehren aufregt.
Schon einige Zeit hatte ein solcher Aufschub und Aufenthalt die Wissens- und Tatlustigen beschaftigt und unterhalten, als endlich ein Fall, uber den die Stadt in Bewegung geriet, eines Morgens das Fur und Wider fur einige Stunden heftig hervorrief. Ein sehr schones Madchen, verwirrt durch ungluckliche Liebe, hatte den Tod im Wasser gesucht und gefunden; die Anatomie bemachtigte sich derselbigen; vergebens war die Bemuhung der Eltern, Verwandten, ja des Liebhabers selbst, der nur durch falschen Argwohn verdachtig geworden. Die obern Behorden, die soeben das Gesetz gescharft hatten, durften keine Ausnahme bewilligen; auch eilte man, so schnell als moglich die Beute zu benutzen und zur Benutzung zu verteilen."
Wilhelm, der als nachster Aspirant gleichfalls berufen wurde, fand vor dem Sitze, den man ihm anwies, auf einem saubern Brette, reinlich zugedeckt, eine bedenkliche Aufgabe; denn als er die Hulle wegnahm, lag der schonste weibliche Arm zu erblicken, der sich wohl jemals um den Hals eines Junglings geschlungen hatte. Er hielt sein Besteck in der Hand und getraute sich nicht, es zu eroffnen; er stand und getraute nicht niederzusitzen. Der Widerwille, dieses herrliche Naturerzeugnis noch weiter zu entstellen, stritt mit der Anforderung, welche der wissensbegierige Mann an sich zu machen hat und welcher samtliche Umhersitzende Genuge leisteten.
In diesen Augenblicken trat ein ansehnlicher Mann zu ihm, den er zwar als einen seltenen, aber immer als einen sehr aufmerksamen Zuhorer und Zuschauer bemerkt und demselben schon nachgefragt hatte; niemand aber konnte nahere Auskunft geben; dass es ein Bildhauer sei, darin war man einig; man hielt ihn aber auch fur einen Goldmacher, der in einem grossen, alten Hause wohne, dessen erste Flur allein den Besuchenden oder bei ihm Beschaftigten zuganglich, die ubrigen samtlichen Raume jedoch verschlossen seien. Dieser Mann hatte sich Wilhelmen verschiedentlich genahert, war mit ihm aus der Stunde gegangen, wobei er jedoch alle weitere Verbindung und Erklarung zu vermeiden schien.
Diesmal jedoch sprach er mit einer gewissen Offenheit: "Ich sehe, Sie zaudern, Sie staunen das schone Gebild an, ohne es zerstoren zu konnen; setzen Sie sich uber das Gildegefuhl hinaus und folgen Sie mir." Hiemit deckte er den Arm wieder zu, gab dem Saaldiener einen Wink, und beide verliessen den Ort. Schweigend gingen sie nebeneinander her, als der Halbbekannte vor einem grossen Tore stillestand, dessen Pfortchen er aufschloss und unsern Freund hineinnotigte, der sich sodann auf einer Tenne befand, gross, geraumig, wie wir sie in alten Kaufhausern sehen, wo die ankommenden Kisten und Ballen sogleich untergefahren werden. Hier standen Gipsabgusse von Statuen und Busten, auch Bohlenverschlage gepackt und leer. "Es sieht hier kaufmannisch aus", sagte der Mann; "der von hier aus mogliche Wassertransport ist fur mich unschatzbar." Dieses alles passte nun ganz gut zu dem Gewerb eines Bildhauers; ebenso konnte Wilhelm nichts anders finden, als der freundliche Wirt ihn wenige Stufen hinauf in ein geraumiges Zimmer fuhrte, das ringsumher mit Hoch- und Flachgebilden, mit grosseren und kleineren Figuren, Busten und wohl auch einzelnen Gliedern der schonsten Gestalten geziert war. Mit Vergnugen betrachtete unser Freund dies alles und horchte gern den belehrenden Worten seines Wirtes, ob er gleich noch eine grosse Kluft zwischen diesen kunstlerischen Arbeiten und den wissenschaftlichen Bestrebungen, von denen sie herkamen, gewahren musste. Endlich sagte der Hausbesitzer mit einigem Ernst: "Warum ich Sie hierher fuhre, werden Sie leicht einsehen; diese Ture", fuhr er fort, indem er sich nach der Seite wandte, "liegt naher an der Saalture, woher wir kommen, als Sie denken mogen." Wilhelm trat hinein und hatte freilich zu erstaunen, als er, statt wie in den vorigen Nachbildung lebender Gestalten zu sehen, hier die Wande durchaus mit anatomischen Zergliederungen ausgestattet fand; sie mochten in Wachs oder sonstiger Masse verfertigt sein, genug, sie hatten durchaus das frische, farbige Ansehen erst fertig gewordener Praparate. "Hier, mein Freund", sagte der Kunstler, "hier sehen Sie schatzenswerte Surrogate fur jene Bemuhungen, die wir, mit dem Widerwillen der Welt, zu unzeitigen Augenblicken mit Ekel oft und grosser Sorgfalt dem Verderben oder einem widerwartigen Aufbewahren vorbereiten. Ich muss dieses Geschaft im tiefsten Geheimnis betreiben, denn Sie haben gewiss oft schon Manner vom Fach mit Geringschatzung davon reden horen. Ich lasse mich nicht irremachen und bereite etwas vor, welches in der Folge gewiss von grosser Einwirkung sein wird. Der Chirurg besonders, wenn er sich zum plastischen Begriff erhebt, wird der ewig fortbildenden Natur bei jeder Verletzung gewiss am besten zu Hulfe kommen; den Arzt selbst wurde ein solcher Begriff bei seinen Funktionen erheben. Doch lassen Sie uns nicht viel Worte machen! Sie sollen in kurzem erfahren, dass Aufbauen mehr belehrt als Einreissen, Verbinden mehr als Trennen, Totes beleben mehr als das Getotete noch weiter toten; kurz also, wollen Sie mein Schuler sein?" Und auf Bejahung legte der Wissende dem Gaste das Knochenskelett eines weiblichen Armes vor, in der Stellung, wie sie jenen vor kurzem vor sich gesehen hatten. "Ich habe", fuhr der Meister fort, "zu bemerken gehabt, wie Sie der Banderlehre durchaus Aufmerksamkeit schenkten und mit Recht, denn mit ihnen beginnt sich fur uns das tote Knochengerassel erst wieder zu beleben; Hesekiel musste sein Gebeinfeld sich erst auf diese Weise wieder sammeln und fugen sehen, ehe die Glieder sich regen, die Arme tasten und die Fusse sich aufrichten konnten. Hier ist biegsame Masse, Stabchen und was sonst notig sein mochte; nun versuchen Sie Ihr Gluck."
Der neue Schuler nahm seine Gedanken zusammen, und als er die Knochenteile naher zu betrachten anfing, sah er, dass diese kunstlich von Holz geschnitzt seien. "Ich habe", versetzte der Lehrer, "einen geschickten Mann, dessen Kunst nach Brote ging, indem die Heiligen und Martyrer, die er zu schnitzen gewohnt war, keinen Abgang mehr fanden, ihn hab' ich darauf geleitet, sich der Skelettbildung zu bemachtigen und solche im grossen wie im kleinen naturgemass zu befordern."
Nun tat unser Freund sein Bestes und erwarb sich den Beifall des Anleitenden. Dabei war es ihm angenehm, sich zu erproben, wie stark oder schwach die Erinnerung sei, und er fand zu vergnuglicher Uberraschung, dass sie durch die Tat wieder hervorgerufen werde; er gewann Leidenschaft fur diese Arbeit und ersuchte den Meister, in seine Wohnung aufgenommen zu werden. Hier nun arbeitete er unablassig; auch waren die Knochen und Knochelchen des Armes in kurzer Zeit gar schicklich verbunden. Von hier aber sollten die Sehnen und Muskeln ausgehen, und es schien eine vollige Unmoglichkeit, den ganzen Korper auf diese Weise nach allen seinen Teilen gleichmassig herzustellen. Hiebei trostete ihn der Lehrer, indem er die Vervielfaltigung durch Abformung sehen liess, da denn das Nacharbeiten, das Reinbilden der Exemplare eben wieder neue Anstrengung, neue Aufmerksamkeit verlangte.
Alles, worein der Mensch sich ernstlich einlasst, ist ein Unendliches; nur durch wetteifernde Tatigkeit weiss er sich dagegen zu helfen; auch kam Wilhelm bald uber den Zustand vom Gefuhl seines Unvermogens, welches immer eine Art von Verzweiflung ist, hinaus und fand sich behaglich bei der Arbeit. "Es freut mich", sagte der Meister, "dass Sie sich in diese Verfahrungsart zu schicken wissen und dass Sie mir ein Zeugnis geben, wie fruchtbar eine solche Methode sei, wenn sie auch von den Meistern des Fachs nicht anerkannt wird. Es muss eine Schule geben, und diese wird sich vorzuglich mit Uberlieferung beschaftigen; was bisher geschehen ist, soll auch kunftig geschehen, das ist gut und mag und soll so sein. Wo aber die Schule stockt, das muss man bemerken und wissen; das Lebendige muss man ergreifen und uben, aber im stillen, sonst wird man gehindert und hindert andere. Sie haben lebendig gefuhlt und zeigen es durch Tat, Verbinden heisst mehr als Trennen, Nachbilden mehr als Ansehen."
Wilhelm erfuhr nun, dass solche Modelle im stillen schon weit verbreitet seien, aber zu grosster Verwunderung vernahm er, dass das Vorratige eingepackt und uber See gehen solle. Dieser wackere Kunstler hatte sich schon mit Lothario und jenen Befreundeten in Verhaltnis gesetzt; man fand die Grundung einer solchen Schule in jenen sich heranbildenden Provinzen ganz besonders am Platze, ja hochst notwendig, besonders unter naturlich gesitteten, wohldenkenden Menschen, fur welche die wirkliche Zergliederung immer etwas Kannibalisches hat. "Geben Sie zu, dass der grosste Teil von Arzten und Wundarzten nur einen allgemeinen Eindruck des zergliederten menschlichen Korpers in Gedanken behalt und damit auszukommen glaubt, so werden gewiss solche Modelle hinreichen, die in seinem Geiste nach und nach erloschenden Bilder wieder anzufrischen und ihm gerade das Notige lebendig zu erhalten. Ja es kommt auf Neigung und Liebhaberei an, so werden sich die zartesten Resultate der Zergliederungskunst nachbilden lassen. Leistet dies ja schon Zeichenfeder, Pinsel und Grabstichel."
Hier offnete er ein Seitenschrankchen und liess die Gesichtsnerven auf die wundersamste Weise nachgebildet erblicken. "Dies ist leider", sprach er, "das letzte Kunststuck eines abgeschiedenen jungen Gehulfen, der mir die beste Hoffnung gab, meine Gedanken durchzufuhren und meine Wunsche nutzlich auszubreiten."
Uber die Einwirkung dieser Behandlungsweise nach manchen Seiten hin wurde gar viel zwischen beiden gesprochen, auch war das Verhaltnis zur bildenden Kunst ein Gegenstand merkwurdiger Unterhaltung. Ein auffallendes, schones Beispiel, wie auf diese Weise vorwarts und ruckwarts zu arbeiten sei, ergab sich aus diesen Mitteilungen. Der Meister hatte einen schonen Sturz eines antiken Junglings in eine bildsame Masse abgegossen und suchte nun mit Einsicht die ideelle Gestalt von der Epiderm zu entblossen und das schone Lebendige in ein reales Muskelpraparat zu verwandeln. "Auch hier finden sich Mittel und Zweck so nahe beisammen, und ich will gern gestehen, dass ich uber den Mitteln den Zweck vernachlassigt habe, doch nicht ganz mit eigener Schuld; der Mensch ohne Hulle ist eigentlich der Mensch, der Bildhauer steht unmittelbar an der Seite der Elohim, als sie den unformlichen, widerwartigen Ton zu dem herrlichsten Gebilde umzuschaffen wussten; solche gottliche Gedanken muss er hegen, dem Reinen ist alles rein, warum nicht die unmittelbare Absicht Gottes in der Natur? Aber vom Jahrhundert kann man dies nicht verlangen, ohne Feigenblatter und Tierfelle kommt es nicht aus, und das ist noch viel zu wenig. Kaum hatte ich etwas gelernt, so verlangten sie von mir wurdige Manner in Schlafrocken und weiten Armeln und zahllosen Falten; da wendete ich mich ruckwarts, und da ich das, was ich verstand, nicht einmal zum Ausdruck des Schonen anwenden durfte, so wahlte ich, nutzlich zu sein, und auch dies ist von Bedeutung. Wird mein Wunsch erfullt, wird es als brauchbar anerkannt, dass, wie in so viel andern Dingen, Nachbildung und das Nachgebildete der Einbildungskraft und dem Gedachtnis zu Hulfe kommen, da, wo den Menschengeist eine gewisse Frische verlasst, so wird gewiss mancher bildende Kunstler sich, wie ich es getan, herumwenden und lieber euch in die Hand arbeiten, als dass er gegen Uberzeugung und Gefuhl ein widerwartiges Handwerk treibe."
Hieran schloss sich die Betrachtung, dass es eben schon sei zu bemerken, wie Kunst und Technik sich immer gleichsam die Waage halten und so nah verwandt immer eine zu der andern sich hinneigt, so dass die Kunst nicht sinken kann, ohne in lobliches Handwerk uberzugehen, das Handwerk sich nicht steigern, ohne kunstreich zu werden.
Beide Personen fugten und gewohnten sich so vollkommen aneinander, dass sie sich nur ungern trennten, als es notig ward, um ihren eigentlichen grossen Zwekken entgegenzugehen.
"Damit man aber nicht glaube", sagte der Meister, "dass wir uns von der Natur ausschliessen und sie verleugnen wollen, so eroffnen wir eine frische Aussicht. Druben uber dem Meere, wo gewisse menschenwurdige Gesinnungen sich immerfort steigern, muss man endlich bei Abschaffung der Todesstrafe weitlaufige Kastelle, ummauerte Bezirke bauen, um den ruhigen Burger gegen Verbrechen zu schutzen und das Verbrechen nicht straflos walten und wirken zu lassen. Dort, mein Freund, in diesen traurigen Bezirken, lassen Sie uns dem Askulap eine Kapelle vorbehalten, dort, so abgesondert wie die Strafe selbst, werde unser Wissen immerfort an solchen Gegenstanden erfrischt, deren Zerstuckelung unser menschliches Gefuhl nicht verletze, bei deren Anblick uns nicht, wie es Ihnen bei jenem schonen, unschuldigen Arm erging, das Messer in der Hand stocke und alle Wissbegierde vor dem Gefuhl der Menschlichkeit ausgeloscht werde."
"Dieses", sagte Wilhelm, "waren unsre letzten Gesprache, ich sah die wohlgepackten Kisten den Fluss hinabschwimmen, ihnen die glucklichste Fahrt und uns eine gemeinsame frohe Gegenwart beim Auspakken wunschend."
Unser Freund hatte diesen Vortrag mit Geist und Enthusiasmus wie gefuhrt so geendigt, besonders aber mit einer gewissen Lebhaftigkeit der Stimme und Sprache, die man in der neuern Zeit nicht an ihm gewohnt war. Da er jedoch am Schluss seiner Rede zu bemerken glaubte, dass Lenardo, wie zerstreut und abwesend, das Vorgetragene nicht zu verfolgen schien, Friedrich hingegen gelachelt, einigemal beinahe den Kopf geschuttelt habe, so fiel dem zart empfindenden Mienenkenner eine so geringe Zustimmung bei der Sache, die ihm hochst wichtig schien, dergestalt auf, dass er nicht unterlassen konnte, seine Freunde deshalb zu berufen.
Friedrich erklarte sich hieruber ganz einfach und aufrichtig, er konne das Vornehmen zwar loblich und gut, keineswegs aber fur so bedeutend, am wenigsten aber fur ausfuhrbar halten. Diese Meinung suchte er durch Grunde zu unterstutzen, von der Art, wie sie demjenigen, der fur eine Sache eingenommen ist und sie durchzusetzen gedenkt, mehr, als man sich vorstellen mag, beleidigend auffallt. Deshalb denn auch unser plastischer Anatom, nachdem er einige Zeit geduldig zuzuhoren schien, lebhaft erwiderte:
"Du hast Vorzuge, mein guter Friedrich, die dir niemand leugnen wird, ich am wenigsten, aber hier sprichst du wie gewohnliche Menschen gewohnlich; am Neuen sehen sie nur das Seltsame, im Seltenen jedoch alsobald das Bedeutende zu erblicken, dazu gehort schon mehr. Fur euch muss erst alles in Tat ubergehen, es muss geschehen, als moglich, als wirklich vor Augen treten, und dann lasst ihr es auch gut sein wie etwas anderes. Was du vorbringst, hor' ich schon zum voraus von Unterrichteten und Laien wiederholen; von jenen aus Vorurteil und Bequemlichkeit, von diesen aus Gleichgultigkeit. Ein Vorhaben wie das ausgesprochene kann vielleicht nur in einer neuen Welt durchgefuhrt werden, wo der Geist Mut fassen muss, zu einem unerlasslichen Bedurfnis neue Mittel auszuforschen, weil es an den herkommlichen durchaus ermangelt. Da regt sich die Erfindung, da gesellt sich die Kuhnheit, die Beharrlichkeit der Notwendigkeit hinzu.
Jeder Arzt, er mag mit Heilmitteln oder mit der Hand zu Werke gehen, ist nichts ohne die genauste Kenntnis der aussern und innern Glieder des Menschen, und es reicht keineswegs hin, auf Schulen fluchtige Kenntnis hievon genommen, sich von Gestalt, Lage, Zusammenhang der mannigfaltigsten Teile des unerforschlichen Organismus einen oberflachlichen Begriff gemacht zu haben. Taglich soll der Arzt, dem es Ernst ist, in der Wiederholung dieses Wissens, dieses Anschauens sich zu uben, sich den Zusammenhang dieses lebendigen Wunders immer vor Geist und Auge zu erneuern alle Gelegenheit suchen. Kennte er seinen Vorteil, er wurde, da ihm die Zeit zu solchen Arbeiten ermangelt, einen Anatomen in Sold nehmen, der, nach seiner Anleitung, fur ihn im stillen beschaftigt, gleichsam in Gegenwart aller Verwicklungen des verflochtensten Lebens, auf die schwierigsten Fragen sogleich zu antworten verstande.
Je mehr man dies einsehen wird, je lebhafter, heftiger, leidenschaftlicher wird das Studium der Zergliederung getrieben werden. Aber in eben dem Masse werden sich die Mittel vermindern; die Gegenstande, die Korper, auf die solche Studien zu grunden sind, sie werden fehlen, seltener, teurer werden, und ein wahrhafter Konflikt zwischen Lebendigen und Toten wird entstehen.
In der alten Welt ist alles Schlendrian, wo man das Neue immer auf die alte, das Wachsende nach starrer Weise behandeln will. Dieser Konflikt, den ich ankundige zwischen Toten und Lebendigen, er wird auf Leben und Tod gehen, man wird erschrecken, man wird untersuchen, Gesetze geben und nichts ausrichten. Vorsicht und Verbot helfen in solchen Fallen nichts; man muss von vorn anfangen. Und das ist's, was mein Meister und ich in den neuen Zustanden zu leisten hoffen, und zwar nichts Neues, es ist schon da; aber das, was jetzo Kunst ist, muss Handwerk werden, was im Besondern geschieht, muss im Allgemeinen moglich werden, und nichts kann sich verbreiten, als was anerkannt ist. Unser Tun und Leisten muss anerkannt werden als das einzige Mittel in einer entschiedenen Bedrangnis, welche besonders grosse Stadte bedroht. Ich will die Worte meines Meisters anfuhren, aber merkt auf! Er sprach eines Tages im grossten Vertrauen:
'Der Zeitungsleser findet Artikel interessant und lustig beinah, wenn er von Auferstehungsmannern erzahlen hort. Erst stahlen sie die Korper in tiefem Geheimnis; dagegen stellt man Wachter auf: sie kommen mit gewaffneter Schar, um sich ihrer Beute gewaltsam zu bemachtigen. Und das Schlimmste zum Schlimmen wird sich ereignen, ich darf es nicht laut sagen, denn ich wurde, zwar nicht als Mitschuldiger, aber doch als zufalliger Mitwisser, in die gefahrlichste Untersuchung verwickelt werden, wo man mich in jedem Fall bestrafen musste, weil ich die Untat, sobald ich sie entdeckt hatte, den Gerichten nicht anzeigte. Ihnen gesteh' ich's, mein Freund, in dieser Stadt hat man gemordet, um den dringenden, gut bezahlenden Anatomen einen Gegenstand zu verschaffen. Der entseelte Korper lag vor uns. Ich darf die Szene nicht ausmalen. Er entdeckte die Untat, ich aber auch, wir sahen einander an und schwiegen beide; wir sahen vor uns hin und schwiegen und gingen ans Geschaft. Und dies ist's, mein Freund, was mich zwischen Wachs und Gips gebannt hat; dies ist's, was gewiss auch Sie bei der Kunst festhalten wird, welche fruher oder spater vor allen ubrigen wird gepriesen werden.'"
Friedrich sprang auf, schlug in die Hande und wollte des Bravorufens kein Ende machen, so dass Wilhelm zuletzt im Ernst bose wurde. "Bravo!" rief jener aus, "nun erkenne ich dich wieder! Das erstemal seit langer Zeit hast du wieder gesprochen wie einer, dem etwas wahrhaft am Herzen liegt; zum erstenmal hat der Fluss der Rede dich wieder fortgerissen, du hast dich als einen solchen erwiesen, der etwas zu tun und es anzupreisen imstande ist."
Lenardo nahm hierauf das Wort und vermittelte diese kleine Misshelligkeit vollkommen. "Ich schien abwesend", sprach er, "aber nur deshalb, weil ich mehr als gegenwartig war. Ich erinnerte mich namlich des grossen Kabinetts dieser Art, das ich auf meinen Reisen gesehen und welches mich dergestalt interessierte, dass der Kustode, der, um nach Gewohnheit fertig zu werden, die auswendig gelernte Schnurre herzubeten anfing, gar bald, da er der Kunstler selber war, aus der Rolle fiel und sich als einen kenntnisreichen Demonstrator bewies.
Der merkwurdige Gegensatz, im hohen Sommer in kuhlen Zimmern, bei schwuler Warme draussen, diejenigen Gegenstande vor mir zu sehen, denen man im strengsten Winter sich kaum zu nahern getraut. Hier diente bequem alles der Wissbegierde. In grosster Gelassenheit und schonster Ordnung zeigte er mir die Wunder des menschlichen Baues und freute sich, mich uberzeugen zu konnen, dass zum ersten Anfang und zu spater Erinnerung eine solche Anstalt vollkommen hinreichend sei; wobei denn einem jeden frei bleibe, in der mittlern Zeit sich an die Natur zu wenden und bei schicklicher Gelegenheit sich um diesen oder jenen besondern Teil zu erkundigen. Er bat mich, ihn zu empfehlen. Denn nur einem einzigen, grossen, auswartigen Museum habe er eine solche Sammlung gearbeitet, die Universitaten aber widerstunden durchaus dem Unternehmen, weil die Meister der Kunst wohl Prosektoren, aber keine Proplastiker zu bilden wussten.
Hiernach hielt ich denn diesen geschickten Mann fur den einzigen in der Welt, und nun horen wir, dass ein anderer auf dieselbe Weise bemuht ist; wer weiss, wo noch ein Dritter und Vierter an das Tageslicht hervortritt. Wir wollen von unsrer Seite dieser Angelegenheit einen Anstoss geben. Die Empfehlung muss von aussen herkommen, und in unsern neuen Verhaltnissen soll das nutzliche Unternehmen gewiss gefordert werden."
Viertes Kapitel
Des andern Morgens beizeiten trat Friedrich mit einem Hefte in der Hand in Wilhelms Zimmer, und ihm solches uberreichend, sprach er: "Gestern abend hatte ich vor allen Euren Tugenden, welche herzuerzahlen Ihr umstandlich genug wart, nicht Raum, von mir und meinen Vorzugen zu reden, deren ich mich wohl auch zu ruhmen habe und die mich zu einem wurdigen Mitglied dieser grossen Karawane stempeln. Beschaut hier dieses Heft, und Ihr werdet ein Probestuck anerkennen."
Wilhelm uberlief die Blatter mit schnellen Blicken und sah, leserlich angenehm, obschon fluchtig geschrieben, die gestrige Relation seiner anatomischen Studien, fast Wort vor Wort, wie er sie abgestattet hatte, weshalb er denn seine Verwunderung nicht bergen konnte.
"Ihr wisst", erwiderte Friedrich, "das Grundgesetz unserer Verbindung; in irgendeinem Fache muss einer vollkommen sein, wenn er Anspruch auf Mitgenossenschaft machen will. Nun zerbrach ich mir den Kopf, worin mir's denn gelingen konnte, und wusste nichts aufzufinden, so nahe mir es auch lag, dass mich niemand an Gedachtnis ubertreffe, niemand an einer schnellen, leichten, leserlichen Hand. Dieser angenehmen Eigenschaften erinnert Ihr Euch wohl von unsrer theatralischen Laufbahn her, wo wir unser Pulver nach Sperlingen verschossen, ohne daran zu denken, dass ein Schuss, vernunftiger angebracht, auch wohl einen Hasen in die Kuche schaffe. Wie oft hab' ich nicht ohne Buch souffliert, wie oft in wenigen Stunden die Rollen aus dem Gedachtnis geschrieben! Das war Euch damals recht, Ihr dachtet, es musste so sein; ich auch, und es ware mir nicht eingefallen, wie sehr es mir zustatten kommen konne. Der Abbe machte zuerst die Entdeckung; er fand, dass das Wasser auf seine Muhle sei, er versuchte, mich zu uben, und mir gefiel, was mir so leicht ward und einen ernsten Mann befriedigte. Und nun bin ich, wo's not tut, gleich eine ganze Kanzlei, ausserdem fuhren wir noch so eine zweibeinige Rechenmaschine bei uns, und kein Furst mit noch so viel Beamten ist besser versehen als unsre Vorgesetzten."
Heiteres Gesprach uber dergleichen Tatigkeiten fuhrte die Gedanken auf andere Glieder der Gesellschaft. "Solltet Ihr wohl denken", sagte Friedrich, "dass das unnutzeste Geschopf von der Welt, wie es schien, meine Philine, das nutzlichste Glied der grossen Kette werden wird? Legt ihr ein Stuck Tuch hin, stellt Manner, stellt Frauen ihr vors Gesicht: ohne Mass zu nehmen, schneidet sie aus dem Ganzen und weiss dabei alle Flecken und Gehren dergestalt zu nutzen, dass grosser Vorteil daraus entsteht, und das alles ohne Papiermass. Ein glucklicher geistiger Blick lehrt sie das alles, sie sieht den Menschen an und schneidet, dann mag er hingehen, wohin er will, sie schneidet fort und schafft ihm einen Rock auf den Leib wie angegossen. Doch das ware nicht moglich, hatte sie nicht auch eine Nahterin herangezogen, Montans Lydie, die nun einmal still geworden ist und still bleibt, aber auch reinlich naht wie keine, Stich fur Stich wie Perlen, wie gestickt. Das ist nun, was aus den Menschen werden kann; eigentlich hangt so viel Unnutzes um uns herum, aus Gewohnheit, Neigung, Zerstreuung und Willkur, ein Lumpenmantel zusammengespettelt. Was die Natur mit uns gewollt, das Vorzuglichste, was sie in uns gelegt, konnen wir deshalb weder auffinden noch ausuben."
Allgemeine Betrachtungen uber die Vorteile der geselligen Verbindung, die sich so glucklich zusammengefunden, eroffneten die schonsten Aussichten.
Als nun Lenardo sich hierauf zu ihnen gesellte, ward er von Wilhelmen ersucht, auch von sich zu sprechen, von dem Lebensgange, den er bisher gefuhrt, von der Art, wie er sich und andere gefordert, freundliche Nachricht zu erteilen.
"Sie erinnern sich gar wohl, mein Bester", versetzte Lenardo, "in welchem wundersamen, leidenschaftlichen Zustande Sie mich den ersten Augenblick unserer neuen Bekanntschaft getroffen; ich war versunken, verschlungen in das wunderlichste Verlangen, in eine unwiderstehliche Begierde, es konnte damals nur von der nachsten Stunde die Rede sein, vom schweren Leiden, das mir bereitet war, das mir selbst zu scharfen ich mich so emsig erwies. Ich konnte Sie nicht bekannt machen mit meinen fruheren Jugendzustanden, wie ich jetzt tun muss, um Sie auf den Weg zu fuhren, der mich hierher gebracht hat.
Unter den fruhsten meiner Fahigkeiten, die sich nach und nach durch Umstande entwickelten, tat sich ein gewisser Trieb zum Technischen hervor, welcher jeden Tag durch die Ungeduld genahrt wurde, die man auf dem Lande fuhlt, wenn man bei grosseren Bauten, besonders aber bei kleinen Veranderungen, Anlagen und Grillen ein Handwerk ums andere entbehren muss und lieber ungeschickt und pfuscherhaft eingreift, als dass man sich meistermassig verspaten liesse. Zum Gluck wanderte in unserer Gegend ein Tausendkunstler auf und ab, der, weil er bei mir seine Rechnung fand, mich lieber als irgendeinen Nachbar unterstutzte; er richtete mir eine Drechselbank ein, deren er sich bei jedem Besuch mehr zu seinem Zwecke als zu meinem Unterricht zu bedienen wusste. So auch schaffte ich Tischlerwerkzeug an, und meine Neigung zu dergleichen ward erhoht und belebt durch die damals laut ausgesprochene Uberzeugung: es konne niemand sich ins Leben wagen, als wenn er es im Notfall durch Handwerkstatigkeit zu fristen verstehe. Mein Eifer ward von den Erziehern nach ihren eigenen Grundsatzen gebilligt; ich erinnere mich kaum, dass ich je gespielt habe, denn alle freien Stunden wurden verwendet, etwas zu wirken und zu schaffen. Ja ich darf mich ruhmen, schon als Knabe einen geschickten Schmied durch meine Anforderungen zum Schlosser, Feilenhauer und Uhrmacher gesteigert zu haben.
Das alles zu leisten mussten denn freilich auch erst die Werkzeuge erschaffen werden, und wir litten nicht wenig an der Krankheit jener Techniker, welche Mittel und Zweck verwechseln, lieber Zeit auf Vorbereitungen und Anlagen verwenden, als dass sie sich recht ernstlich an die Ausfuhrung hielten. Wo wir uns jedoch praktisch tatig erweisen konnten, war bei Auszierung der Parkanlagen, deren kein Gutsbesitzer mehr entbehren durfte; manche Moos- und Rindenhutte, Knittelbrucken und Banke zeugten von unserer Emsigkeit, womit wir eine Urbaukunst in ihrer ganzen Roheit mitten in der gebildeten Welt darzustellen eifrig bemuht gewesen.
Dieser Trieb fuhrte mich bei zunehmenden Jahren auf ernstere Teilnahme an allem, was der Welt so nutze und in ihrer gegenwartigen Lage so unentbehrlich ist, und gab meinen mehrjahrigen Reisen ein eigentlichstes Interesse.
Da jedoch der Mensch gewohnlich auf dem Wege, der ihn herangebracht, fortzuwandern pflegt, so war ich dem Maschinenwesen weniger gunstig als der unmittelbaren Handarbeit, wo wir Kraft und Gefuhl in Verbindung ausuben; deswegen ich mich auch besonders in solchen abgeschlossenen Kreisen gern aufhielt, wo nach Umstanden diese oder jene Arbeit zu Hause war. Dergleichen gibt jeder Vereinigung eine besondere Eigentumlichkeit, jeder Familie, einer kleinen, aus mehreren Familien bestehenden Volkerschaft den entschiedensten Charakter; man lebt in dem reinsten Gefuhl eines lebendigen Ganzen.
Dabei hatte ich mir angewohnt, alles aufzuzeichnen, es mit Figuren auszustatten und so, nicht ohne Aussicht auf kunftige Anwendung, meine Zeit loblich und erfreulich zuzubringen.
Diese Neigung, diese ausgebildete Gabe benutzt' ich nun aufs beste bei dem wichtigen Auftrag, den mir die Gesellschaft gab, den Zustand der Gebirgsbewohner zu untersuchen und die brauchbaren Wanderlustigen mit in unsern Zug aufzunehmen. Mogen Sie nun den schonen Abend, wo mich mannigfaltige Geschafte drangen, mit Durchlesung eines Teils meines Tagebuchs zubringen? Ich will nicht behaupten, dass es gerade angenehm zu lesen sei; mir schien es immer unterhaltend und gewissermassen unterrichtend. Doch wir bespiegeln ja uns immer selbst in allem, was wir hervorbrachten."
Funftes Kapitel
Lenardos Tagebuch
Montag, den 15.
Tief in der Nacht war ich nach muhsam erstiegener halber Gebirgshohe eingetroffen in einer leidlichen Herberge und ward schon vor Tagesanbruch aus erquicklichem Schlaf durch ein andauerndes Schellenund Glockengelaute zu meinem grossen Verdruss aufgeweckt. Eine grosse Reihe Saumrosse zog vorbei, eh' ich mich hatte ankleiden und ihnen zuvoreilen konnen. Nun erfuhr ich auch, meinen Weg antretend, gar bald, wie unangenehm und verdriesslich solche Gesellschaft sei. Das monotone Gelaute betaubt die Ohren; das zu beiden Seiten weit uber die Tiere hinausreichende Gepack (sie trugen diesmal grosse Sacke Baumwolle) streift bald einerseits an die Felsen, und wenn das Tier, um dieses zu vermeiden, sich gegen die andere Seite zieht, so schwebt die Last uber dem Abgrund, dem Zuschauer Sorge und Schwindel erregend, und, was das Schlimmste ist, in beiden Fallen bleibt man gehindert, an ihnen vorbeizuschleichen und den Vortritt zu gewinnen.
Endlich gelangt' ich an der Seite auf einen freien einhertrug, einen Mann begrusste, welcher stille dastehend den vorbeiziehenden Zug zu mustern schien. Es war auch wirklich der Anfuhrer; nicht nur gehorte ihm eine betrachtliche Zahl der lasttragenden Tiere, andere hatte er nebst ihren Treibern gemietet, sondern er war auch Eigentumer eines geringern Teils der Ware; vornehmlich aber bestand sein Geschaft darin, fur grossere Kaufleute den Transport der ihrigen treulich zu besorgen. Im Gesprach erfuhr ich von ihm, dass dieses Baumwolle sei, welche aus Mazedonien und Cypern uber Triest komme und vom Fusse des Berges auf Maultieren und Saumrossen zu diesen Hohen und weiter bis jenseits des Gebirgs gebracht werde, wo Spinner und Weber in Unzahl durch Taler und Schluchten einen grossen Vertrieb gesuchter Waren ins Ausland vorbereiteten. Die Ballen waren bequemeren Ladens wegen teils anderthalb, teils drei Zentner schwer, welches letztere die volle Last eines Saumtiers ausmacht. Der Mann lobte die Qualitat der auf diesem Wege ankommenden Baumwolle, verglich sie mit der von Ost- und Westindien, besonders mit der von Cayenne, als der bekanntesten; er schien von seinem Geschaft sehr gut unterrichtet, und da es mir auch nicht ganz unbekannt geblieben war, so gab es eine angenehme und nutzliche Unterhaltung. Indessen war der ganze Zug vor uns voruber, und ich erblickte nur mit Widerwillen auf dem in die Hohe sich schlangelnden Felsweg die unabsehliche Reihe dieser bepackten Geschopfe, hinter denen her man schleichen und in der herankommenden Sonne zwischen Felsen braten sollte. Indem ich mich nun gegen meinen Boten daruber beschwerte, trat ein untersetzter, munterer Mann zu uns heran, der auf einem ziemlich grossen Reff eine verhaltnismassig leichte Burde zu tragen schien. Man begrusste sich, und es war gar bald am derben Handeschutteln zu sehen, dass St. Christoph und dieser Ankommling einander wohl bekannt seien; da erfuhr ich denn sogleich uber ihn folgendes. Fur die entfernteren Gegenden im Gebirge, woher zu Markte zu gehen fur jeden einzelnen Arbeiter zu weit ware, gibt es eine Art von untergeordnetem Handelsmann oder Sammler, welcher Garntrager genannt wird. Dieser steigt namlich durch alle Taler und Winkel, betritt Haus fur Haus, bringt den Spinnern Baumwolle in kleinen Partien, tauscht dagegen Garn ein oder kauft es, von welcher Qualitat es auch sein moge, und uberlasst es dann wieder mit einigem Profit im grossern an die unterhalb ansassigen Fabrikanten.
Als nun die Unbequemlichkeit, hinter den Maultieren herzuschlendern, abermals zur Sprache kam, lud mich der Mann sogleich ein, mit ihm ein Seitental hinabzusteigen, das gerade hier von dem Haupttale sich trennte, um die Wasser nach einer andern Himmelsgegend hinzufuhren. Der Entschluss war bald gefasst, und nachdem wir mit einiger Anstrengung einen etwas steilen Gebirgskamm uberstiegen hatten, sahen wir die jenseitigen Abhange vor uns, zuerst hochst unerfreulich; das Gestein hatte sich verandert und eine schiefrige Lage genommen; keine Vegetation belebte Fels und Gerolle, und man sah sich von einem schroffen Niederstieg bedroht. Quellen rieselten von mehreren Seiten zusammen; man kam sogar an einem mit schroffen Felsen umgebenen kleinen See vorbei. Endlich traten einzeln und dann mehr gesellig Fichten, Larchen und Birken hervor, dazwischen sodann zerstreute landliche Wohnungen, freilich von der karglichsten Sorte, jede von ihren Bewohnern selbst zusammengezimmert aus verschrankten Balken, die grossen, schwarzen Schindeln der Dacher mit Steinen beschwert, damit sie der Wind nicht wegfuhre. Unerachtet dieser aussern traurigen Ansicht war der beschrankte innere Raum doch nicht unangenehm; warm und trocken, auch reinlich gehalten, passte er gar gut zu dem frohen Aussehen der Bewohner, bei denen man sich alsobald landlich gesellig fuhlte.
Der Bote schien erwartet, auch hatte man ihm aus dem kleinen Schiebefenster entgegengesehen, denn er war gewohnt, wo moglich immer an demselben Wochentage zu kommen; er handelte das Gespinst ein, teilte frische Baumwolle aus; dann ging es rasch hinabwarts, wo mehrere Hauser in geringer Entfernung nahe stehen. Kaum erblickt man uns, so laufen die Bewohner begrussend zusammen, Kinder drangen sich hinzu und werden mit einem Eierbrot, auch einer Semmel hoch erfreut. Das Behagen war uberall gross und vermehrt, als sich zeigte, dass St. Christoph auch dergleichen aufgepackt und also gleichfalls die Freude hatte, den kindlichsten Dank einzuernten; um so angenehmer fur ihn, als er sich, wie sein Geselle, mit dem kleinen Volke gar wohl zu betun wusste.
Die Alten dagegen hielten gar mancherlei Fragen bereit; vom Krieg wollte jedermann wissen, der glucklicherweise sehr entfernt gefuhrt wurde und auch naher solchen Gegenden kaum gefahrlich gewesen ware. Sie freuten sich jedoch des Friedens, obgleich in Sorge wegen einer andern drohenden Gefahr; denn es war nicht zu leugnen, das Maschinenwesen vermehre sich immer im Lande und bedrohe die arbeitsamen Hande nach und nach mit Untatigkeit. Doch liessen sich allerlei Trost- und Hoffnungsgrunde beibringen.
Unser Mann wurde dazwischen wegen manches Lebensfalles um Rat gefragt, ja sogar musste er sich nicht allein als Hausfreund, sondern auch als Hausarzt zeigen; Wundertropfen, Salze, Balsame fuhrte er jederzeit bei sich.
In die verschiedenen Hauser eintretend fand ich Gelegenheit, meiner alten Liebhaberei nachzuhangen und mich von der Spinnertechnik zu unterrichten. Ich ward aufmerksam auf Kinder, welche sich sorgfaltig und emsig beschaftigten, die Flocken der Baumwolle auseinanderzuzupfen und die Samenkorner, Splitter von den Schalen der Nusse nebst andern Unreinigkeiten wegzunehmen; sie nennen es erlesen. Ich fragte, ob das nur das Geschaft der Kinder sei, erfuhr aber, dass es in Winterabenden auch von Mannern und Brudern unternommen werde.
Rustige Spinnerinnen zogen sodann, wie billig, meine Aufmerksamkeit auf sich; die Vorbereitung geschieht folgendermassen: Es wird die erlesene oder gereinigte Baumwolle auf die Karden, welche in Deutschland Krempel heissen, gleich ausgeteilt, gekardet, wodurch der Staub davongeht und die Haare der Baumwolle einerlei Richtung erhalten, dann abgenommen, zu Locken festgewickelt und so zum Spinnen am Rad zubereitet.
Man zeigte mir dabei den Unterschied zwischen links und rechts gedrehtem Garn; jenes ist gewohnlich feiner und wird dadurch bewirkt, dass man die Saite, welche die Spindel dreht, um den Wirtel verschrankt, wie die Zeichnung nebenbei deutlich macht (die wir leider wie die ubrigen nicht mitgeben konnen).
Die Spinnende sitzt vor dem Rade, nicht zu hoch; mehrere hielten dasselbe mit ubereinandergelegten Fussen in festem Stande, andere nur mit dem rechten Fuss, den linken zurucksetzend. Mit der rechten Hand dreht sie die Scheibe und langt aus, so weit und so hoch sie nur reichen kann, wodurch schone Bewegungen entstehen und eine schlanke Gestalt sich durch zierliche Wendung des Korpers und runde Fulle der Arme gar vorteilhaft auszeichnet; die Richtung besonders der letzten Spinnweise gewahrt einen sehr malerischen Kontrast, so dass unsere schonsten Damen an wahrem Reiz und Anmut zu verlieren nicht furchten durften, wenn sie einmal anstatt der Gitarre das Spinnrad handhaben wollten.
In einer solchen Umgebung drangten sich neue, eigene Gefuhle mir auf; die schnurrenden Rader haben eine gewisse Beredsamkeit, die Madchen singen Psalmen, auch, obwohl seltener, andere Lieder.
Zeisige und Stieglitze, in Kafigen aufgehangen, zwitschern dazwischen, und nicht leicht mochte ein Bild regeren Lebens gefunden werden als in einer Stube, wo mehrere Spinnerinnen arbeiten.
Dem beschriebenen Radligarn ist jedoch das Briefgarn vorzuziehen; hiezu wird die beste Baumwolle genommen, welche langere Haare hat als die andere. Ist sie rein gelesen, so bringt man sie, anstatt zu krempeln, auf Kamme, welche aus einfachen Reihen langer, stahlerner Nadeln bestehen, und kammt sie; alsdann wird das langere und feinere Teil derselben mit einem stumpfen Messer banderweise (das Kunstwort heisst ein Schnitz) abgenommen, zusammengewickelt und in eine Papierdute getan und diese nachher an der Kunkel befestigt. Aus einer solchen Dute nun wird mit der Spindel von der Hand gesponnen, daher heisst es aus dem Brief spinnen und das gewonnene Garn Briefgarn.
Dieses Geschaft, welches nur von ruhigen, bedachtigen Personen getrieben wird, gibt der Spinnerin ein sanfteres Ansehen als das am Rade; kleidet dies letzte eine grosse, schlanke Figur zum besten, so wird durch jenes eine ruhige, zarte Gestalt gar sehr begunstigt. Dergleichen verschiedene Charaktere, verschiedenen Arbeiten zugetan, erblickte ich mehrere in einer Stube und wusste zuletzt nicht recht, ob ich meine Aufmerksamkeit der Arbeit oder den Arbeiterinnen zu widmen hatte.
Leugnen aber durft' ich nicht sodann, dass die Bergbewohnerinnen, durch die seltenen Gaste aufgeregt, sich freundlich und gefallig erwiesen. Besonders freuten sie sich, dass ich mich nach allem so genau erkundigte, was sie mir vorsprachen, bemerkte, ihre Geratschaften und einfaches Maschinenwerk zeichnete, ja selbst ihre Arme, Hande und hubschen Glieder mit Zierlichkeit fluchtig abschilderte, wie hier neben zu sehen sein sollte. Auch ward, als der Abend hereintrat, die vollbrachte Arbeit vorgewiesen, die vollen Spindeln in dazu bestimmten Kastchen beiseitegelegt und das ganze Tagewerk sorgfaltig aufgehoben. Nun war man schon bekannter geworden, die Arbeit jedoch ging ihren Gang; nun beschaftigte man sich mit dem Haspeln und zeigte schon viel freier teils die Maschine, teils die Behandlung vor, und ich schrieb sorgfaltig auf.
Der Haspel hat Rad und Zeiger, so dass sich bei jedesmaligem Umdrehen eine Feder hebt, welche niederschlagt, sooft hundert Umgange auf den Haspel gekommen sind. Man nennt nun die Zahl von tausend Umgangen einen Schneller, nach deren Gewicht die verschiedene Feine des Garns gerechnet wird.
Rechts gedreht Garn gehen 25 bis 30 auf ein Pfund, links gedreht 60 bis 80, vielleicht auch 90. Der Umgang des Haspels wird ungefahr sieben Viertel Ellen oder etwas mehr betragen, und die schlanke, fleissige Spinnerin behauptete, 4, auch 5 Schneller, das waren 5000 Umgange, also 8 bis 9000 Ellen Garn, taglich am Rad zu spinnen; sie erbot sich zur Wette, wenn wir noch einen Tag bleiben wollten.
Darauf konnte denn doch die stille und bescheidene Briefspinnerin es nicht ganz lassen und versicherte: dass sie aus dem Pfund 120 Schneller spinne in verhaltnismassiger Zeit. (Briefgarnspinnen geht namlich langsamer als das Spinnen am Rade, wird auch besser bezahlt. Vielleicht spinnt man am Rade wohl das Doppelte.) Sie hatte eben die Zahl der Umgange auf dem Haspel voll und zeigte mir, wie nun das Ende des Fadens ein paarmal umgeschlagen und geknupft werde; sie nahm den Schneller ab, drehte ihn so, dass er in sich zusammenlief, zog das eine Ende durch das andere durch und konnte das Geschaft der geubten Spinnerin als vollbracht mit unschuldiger Selbstgefalligkeit vorzeigen.
Da nun hier weiter nichts zu bemerken war, stand die Mutter auf und sagte: da der junge Herr doch alles zu sehen wunsche, so wolle sie ihm nun auch die Trockenweberei zeigen. Sie erklarte mir mit gleicher Gutmutigkeit, indem sie sich an den Weberstuhl setzte, wie sie nur diese Art handhabten, weil sie eigentlich allein fur grobe Kattune gelte, wo der Einschlag trocken eingetragen und nicht sehr dicht geschlagen wird; sie zeigte mir denn auch solche trockene Ware; diese ist immer glatt, ohne Streifen und Quadrate oder sonst irgendein Abzeichen, und nur funf bis funfeinhalbes Viertel Elle breit.
Der Mond leuchtete hell vom Himmel, und unser Garntrager bestand auf einer weitern Wallfahrt, weil er Tag und Stunde halten und uberall richtig eintreffen musse; die Fusspfade seien gut und klar, besonders bei solcher Nachtfackel. Wir von unserer Seite erheiterten den Abschied durch seidene Bander und Halstucher, dergleichen Ware St. Christoph ein ziemliches Paket mit sich trug; das Geschenk wurde der Mutter gegeben, um es an die Ihrigen zu verteilen.
Dienstags, den 16. Fruh.
Die Wanderung durch eine herrlich klare Nacht war voll Anmut und Erfreulichkeit; wir gelangten zu einer etwas grossern Huttenversammlung, die man vielleicht hatte ein Dorf nennen durfen; in einiger Entfernung davon auf einem freien Hugel stand eine Kapelle, und es fing schon an, wohnlicher und menschlicher auszusehen. Wir kamen an Umzaunungen vorbei, die zwar auf keine Garten, aber doch auf sparlichen, sorgfaltig gehuteten Wieswachs hindeuteten.
Wir waren an einen Ort gelangt, wo neben dem Spinnen das Weben ernstlicher getrieben wird.
Unsere gestrige Tagereise, bis in die Nacht hinein verlangert, hatte die rustigen und jugendlichen Krafte aufgezehrt; der Garnbote bestieg den Heuboden, und ich war eben im Begriff, ihm zu folgen, als St. Christoph mir sein Reff befahl und zur Ture hinausging. Ich kannte seine lobliche Absicht und liess ihn gewahren.
Des andern Morgens jedoch war das erste, dass die Familie zusammenlief und den Kindern streng verboten ward, nicht aus der Ture zu gehen, indem ein greulicher Bar oder sonst ein Ungetum in der Nahe sich aufhalten musse, denn es habe die Nacht uber von der Kapelle her dergestalt gestohnt und gezittern mogen, und man riet, bei unserer heutigen langeren Wanderung wohl auf der Hut zu sein. Wir suchten die guten Leute moglichst zu beruhigen, welches in dieser Einode jedoch schwer erschien.
Der Garnbote erklarte nunmehr, dass er eiligst sein Geschaft abtun und alsdann kommen wolle, uns abzuholen, denn wir hatten heute einen langen und beschwerlichen Weg vor uns, weil wir nicht mehr so im Tale nur hinabschlendern, sondern einen vorgeschobenen Gebirgsriegel muhsam uberklettern wurden. Ich entschloss mich daher, die Zeit so gut als moglich zu nutzen und mich von unsern guten Wirtsleuten in die Vorhalle des Webens einfuhren zu lassen.
Beide waren altliche Leute, in spateren Tagen noch mit zwei, drei Kindern gesegnet; religiose Gefuhle und ahnungsvolle Vorstellungen ward man an ihrer Umgebung, Tun und Reden gar bald gewahr. Ich kam gerade zum Anfang einer solchen Arbeit, dem Ubergang vom Spinnen zum Weben, und da ich zu keiner weitern Zerstreuung Anlass fand, so liess ich mir das Geschaft, wie es eben gerade im Gange war, in meine Schreibtafel gleichsam diktieren.
Die erste Arbeit, das Garn zu leimen, war gestern verrichtet. Man siedet solches in einem dunnen Leimwasser, welches aus Starkemehl und etwas Tischlerleim besteht, wodurch die Faden mehr Halt bekommen. Fruh waren die Garnstrange schon trocken, und man bereitete sich zu spulen, namlich das Garn am Rade auf Rohrspulen zu winden. Der alte Grossvater, am Ofen sitzend, verrichtete diese leichte Arbeit, ein Enkel stand neben ihm und schien begierig, das Spulrad selbst zu handhaben. Indessen steckte der Vater die Spulen, um zu zetteln, auf einen mit Querstaben abgeteilten Rahmen, so dass sie sich frei um perpendikular stehende starke Drahte bewegten und den Faden ablaufen liessen. Sie werden mit groberm und feinerm Garn in der Ordnung aufgesteckt, wie das Muster oder vielmehr die Striche im Gewebe es erfordern. Ein Instrument (das Brittli), ungefahr wie ein Sistrum gestaltet, hat Locher auf beiden Seiten, durch welche die Faden gezogen sind; dieses befindet sich in der Rechten des Zettlers, mit der Linken fasst er die Faden zusammen und legt sie, hin und wider gehend, auf den Zettelrahmen. Einmal von oben herunter und von unten herauf heisst ein Gang, und nach Verhaltnis der Dichtigkeit und Breite des Gewebes macht man viele Gange. Die Lange betragt entweder 64 oder nur 32 Ellen. Beim Anfang eines jeden Ganges legt man mit den Fingern der linken Hand immer einen oder zwei Faden herauf und ebensoviel herunter und nennt solches die Rispe; so werden die verschrankten Faden uber die zwei oben an dem Zettelrahmen angebrachten Nagel gelegt. Dieses geschieht, damit der Weber die Faden in gehorig gleicher Ordnung erhalten kann. Ist man mit dem Zetteln fertig, so wird das Gerispe unterbunden und dabei ein jeder Gang besonders abgeteilt, damit sich nichts verwirren kann; sodann werden mit aufgelostem Grunspan am letzten Gang Male gemacht, damit der Weber das gehorige Mass wieder bringe; endlich wird abgenommen, das Ganze in Gestalt eines grossen Knauels aufgewunden, welcher die Werfte genannt wird.
Mittwoch, den 17.
Wir waren fruh vor Tage aufgebrochen und genossen eines herrlichen verspateten Mondscheins. Die hervorbrechende Helle, die aufgehende Sonne liess uns ein besser bewohntes und bebautes Land sehen. Hatten wir oben, um uber Bache zu kommen, Schrittsteine oder zuweilen einen schmalen Steg, nur an der einen Seite mit Lehne versehen, angetroffen, so waren hier schon steinerne Brucken uber das immer breiter werdende Wasser geschlagen; das Anmutige wollte sich nach und nach mit dem Wilden gatten, und ein erfreulicher Eindruck ward von den samtlichen Wanderern empfunden.
Uber den Berg heruber, aus einer andern Flussregion, kam ein schlanker, schwarzlockiger Mann hergeschritten und rief schon von weitem, als einer, der gute Augen und eine tuchtige Stimme hat: "Gruss' naher herankommen, dann rief auch er mit Verwunderung: "Dank' Euch Gott, Gevatter Geschirrfasser! Woher des Landes? welche unerwartete Begegnung!" Jener antwortete herantretend: "Schon zwei Monate schreit' ich im Gebirg herum, allen guten Leuten ihr Geschirr zurechtzumachen und ihre Stuhle so einzurichten, dass sie wieder eine Zeitlang ungestort fortarbeiten konnen." Hierauf sprach der Garnbote, sich zu mir wendend: "Da Ihr, junger Herr, so viel Lust und Liebe zu dem Geschaft beweist und Euch sorgfaltig drum bekummert, so kommt dieser Mann gerade zur rechten Zeit, den ich Euch in diesen Tagen schon still herbeigewunscht hatte, er wurde Euch alles besser erklart haben als die Madchen mit allem guten Willen; er ist Meister in seinem Geschaft und versteht, was zur Spinnerei und Weberei und dergleichen gehort, vollkommen anzugeben, auszufuhren, zu erhalten, wiederherzustellen, wie es not tut und es jeder nur wunschen mag."
Ich besprach mich mit ihm und fand einen sehr verstandigen, in gewissem Sinne gebildeten, seiner Sache vollig gewachsenen Mann, indem ich einiges, was ich dieser Tage gelernt hatte, mit ihm wiederholte und einige Zweifel zu losen bat; auch sagt' ich ihm, was ich gestern schon von den Anfangen der Weberei gesehen. Jener rief dagegen freudig aus: "Das ist recht erwunscht, da komm' ich gerade zur rechten Zeit, um einem so werten, lieben Herrn uber die alteste und herrlichste Kunst, die den Menschen eigentlich zuerst vom Tiere unterscheidet, die notige Auskunft zu geben. Wir gelangen heute gerade zu guten und geschickten Leuten, und ich will nicht Geschirrfasser heissen, wenn Ihr nicht sogleich das Handwerk so gut fassen sollt wie ich selbst."
Ihm wurde freundlicher Dank gezollt, das Gesprach mannigfaltig fortgesetzt, und wir gelangten, nach einigem Rasten und Fruhstuck, zu einer zwar auch unterund ubereinander, doch besser gebauten Hausergruppe. Er wies uns an das beste. Der Garnbote ging mit mir und St. Christoph nach Abrede zuerst hinein, sodann aber, nach den ersten Begrussungen und einigen Scherzen, folgte der Schirrfasser, und es war auffallend, dass sein Hereintreten eine freudige Uberraschung in der Familie hervorbrachte. Vater, Mutter, Tochter und Kinder versammelten sich um ihn; einem am Weberstuhl sitzenden, wohlgebildeten Madchen stockte das Schiffchen in der Hand, das just durch den Zettel durchfahren sollte, ebenso hielt sie auch den Tritt an, stand auf und kam spater, mit langsamer Verlegenheit ihm die Hand zu reichen. Beide, der Garnbote sowohl als der Schirrfasser, setzten sich bald durch Scherz und Erzahlung wieder in das alte Recht, welches Hausfreunden gebuhrt, und nachdem man sich eine Zeitlang gelabt, wendete sich der wakkere Mann zu mir und sagte: "Sie, mein guter Herr, durfen wir uber diese Freude des Wiedersehens nicht hintansetzen: wir konnen noch tagelang miteinander schnacken; Sie mussen morgen fort. Lassen wir den Herrn in das Geheimnis unserer Kunst sehen; Leimen und Zetteln kennt er, zeigen wir ihm das ubrige vor, die Jungfrauen da sind mir ja wohl behulflich. Ich sehe, an diesem Stuhl ist man beim Aufwinden." Das Geschaft war der jungeren, zu der sie traten. Die altere setzte sich wieder an ihren Weberstuhl und verfolgte mit stiller, liebevoller Miene ihre lebhafte Arbeit.
Ich betrachtete nun sorgfaltig das Aufwinden. Zu diesem Zweck lasst man die Gange des Zettels nach der Ordnung durch einen grossen Kamm laufen, der eben die Breite des Weberbaums hat, auf welchen aufgewunden werden soll; dieser ist mit einem Einschnitt versehen, worin ein rundes Stabchen liegt, welches durch das Ende des Zettels durchgesteckt und in dem Einschnitt befestigt wird. Ein kleiner Junge oder Madchen sitzt unter dem Weberstuhle und halt den Strang des Zettels stark an, wahrend die Weberin den Weberbaum an einem Hebel gewaltsam umdreht und zugleich achtgibt, dass alles in der Ordnung zu liegen komme. Wenn alles aufgewunden ist, so werden durch die Rispe ein runder und zwei flache Stabe, Schienen, gestossen, damit sie sich halte, und nun beginnt das Eindrehen.
Vom alten Gewebe ist noch etwa eine Viertelelle am zweiten Weberbaum ubriggeblieben, und von diesem laufen etwa drei Viertelellen lang die Faden durch das Blatt in der Lade sowohl als durch die Flugel des Geschirrs. An diese Faden nun dreht die Weberin die Faden des neuen Zettels, einen um den andern, sorgfaltig an, und wenn sie fertig ist, wird alles Angedrehte auf einmal durchgezogen, so dass die neuen Faden bis an den noch leeren vordern Weberbaum reichen; die abgerissenen Faden werden angeknupft, der Eintrag auf kleine Spulen gewunden, wie sie ins Weberschiffchen passen, und die letzte Vorbereitung zum Weben gemacht, namlich geschlichtet.
So lang der Weberstuhl ist, wird der Zettel mit einem Leimwasser, aus Handschuhleder bereitet, vermittelst eingetauchter Bursten durch und durch angefeuchtet, sodann werden die obengedachten Schienen, die das Gerispe halten, zuruckgezogen, alle Faden aufs genaueste in Ordnung gelegt und alles so lange mit einem an einen Stab gebundenen Ganseflugel gefachelt, bis es trocken ist, und nun kann das Weben begonnen und fortgesetzt werden, bis es wieder notig wird zu schlichten.
Das Schlichten und Facheln ist gewohnlich jungen Leuten uberlassen, welche zu dem Webergeschaft herangezogen werden, oder in der Musse der Winterabende leistet ein Bruder oder ein Liebhaber der hubschen Weberin diesen Dienst, oder diese machen wenigstens die kleinen Spulchen mit dem Eintragsgarn.
Feine Musseline werden nass gewebt, namlich der Strang des Einschlagegarns wird in Leimwasser getaucht, noch nass auf die kleinen Spulen gewunden und sogleich verarbeitet, wodurch sich das Gewebe gleicher schlagen lasst und klarer erscheint.
Donnerstag, den 18. September.
Ich fand uberhaupt etwas Geschaftiges, unbeschreiblich Belebtes, Hausliches, Friedliches in dem ganzen Zustand einer solchen Weberstube; mehrere Stuhle waren in Bewegung, da gingen noch Spinn- und Spulrader, und am Ofen die Alten mit den besuchenden Nachbarn oder Bekannten sitzend und trauliche Gesprache fuhrend. Zwischendurch liess sich wohl auch Gesang horen, meistens Ambrosius Lobwassers vierstimmige Psalmen, seltener weltliche Lieder; dann bricht auch wohl ein frohlich schalendes Gelachter der Madchen aus, wenn Vetter Jakob einen witzigen Einfall gesagt hat.
Eine recht flinke und zugleich fleissige Weberin kann, wenn sie Hulfe hat, allenfalls in einer Woche ein Stuck von 32 Ellen nicht gar zu feine Musseline zustande bringen; es ist aber sehr selten, und bei einigen Hausgeschaften ist solches gewohnlich die Arbeit
Die Schonheit des Gewebes hangt vom gleichen Auftreten des Webegeschirres ab, vom gleichen Schlag der Lade, wie auch davon, ob der Eintrag nass oder trocken geschieht. Vollig egale und zugleich kraftige Anspannung tragt ebenfalls bei, zu welchem Ende die Weberin feiner baumwollener Tucher einen schweren Stein an den Nagel des vordern Weberbaums hangt. Wenn wahrend der Arbeit das Gewebe kraftig angespannt wird (das Kunstwort heisst dammen), so verlangert es sich merklich, auf 32 Ellen 3/4 Ellen und auf 64 etwa 1 1/2 Elle; dieser Uberschuss nun gehort der Weberin, wird ihr extra bezahlt, oder sie hebt sich's zu Halstuchern, Schurzen usw. auf. In der klarsten, sanftesten Mondnacht, wie sie nur in hohen Gebirgszugen obwaltet, sass die Familie mit ihren Gasten vor der Hausture im lebhaftesten Gesprach, Lenardo in tiefen Gedanken. Schon unter allem dem Weben und Wirken und so manchen handwerklichen Betrachtungen und Bemerkungen war ihm jener von Freund Wilhelm zu seiner Beruhigung geschriebene Brief wieder ins Gedachtnis gekommen. Die Worte, die er so oft gelesen, die Zeilen, die er mehrmals angeschaut, stellten sich wieder seinem innern Sinne dar. Und wie eine Lieblingsmelodie, ehe wir uns versehen, auf einmal dem tiefsten Gehor leise hervortritt, so wiederholte sich jene zarte Mitteilung in der stillen, sich selbst angehorigen Seele.
"Hauslicher Zustand, auf Frommigkeit gegrundet, durch Fleiss und Ordnung belebt und erhalten, nicht zu eng, nicht zu weit, im glucklichsten Verhaltnis der Pflichten zu den Fahigkeiten und Kraften. Um sie her bewegt sich ein Kreislauf von Handarbeitenden im reinsten, anfanglichsten Sinne; hier ist Beschranktheit und Wirkung in die Ferne, Umsicht und Massigung, Unschuld und Tatigkeit."
Aber diesmal mehr aufregend als beschwichtigend war die Erinnerung. "Passt doch", sprach er zu sich selbst "diese allgemein lakonische Beschreibung ganz und gar auf den Zustand, der mich hier umgibt. Ist nicht auch hier Friede, Frommigkeit, ununterbrochene Tatigkeit? Nur eine Wirkung in die Ferne will mir nicht gleichermassen deutlich scheinen. Mag doch die Gute einen ahnlichen Kreis beleben, aber einen weitern, einen bessern; sie mag sich behaglich wie diese hier, vielleicht noch behaglicher, finden, mit mehr Heiterkeit und Freiheit umherschauen."
Nun aber durch ein lebhaftes, sich steigerndes Gesprach der ubrigen aufgeregt, mehr Acht habend auf das, was verhandelt wurde, ward ihm ein Gedanke, den er diese Stunden her gehegt, vollkommen lebendig. Sollte nicht eben dieser Mann, dieser mit Werkzeug und Geschirr so meisterhaft umgehende, fur unsre Gesellschaft das nutzlichste Mitglied werden konnen? Er uberlegte das und alles, wie ihm die Vorzuge dieses gewandten Arbeiters schon stark in die Augen geleuchtet. Er lenkte daher das Gesprach dahin und machte, zwar wie im Scherze, aber desto unbewundener, jenem den Antrag, ob er sich nicht mit einer bedeutenden Gesellschaft verbinden und den Versuch machen wolle, ubers Meer auszuwandern.
Jener entschuldigte sich, gleichfalls heiter beteuernd, dass es ihm hier wohl gehe, dass er noch Besseres erwarte; in dieser Landesart sei er geboren, darin gewohnt, weit und breit bekannt und uberall vertraulich aufgenommen. Uberhaupt werde man in diesen Talern keine Neigung zur Auswanderung finden, keine Not angstige sie und ein Gebirg halte seine Leute fest.
"Deswegen wundert's mich", sagte der Garnbote, "dass es heissen will, Frau Susanne werde den Faktor heiraten, ihr Besitztum verkaufen und mit schonem Geld ubers Meer ziehen." Auf Befragen erfuhr unser Freund, es sei eine junge Witwe, die in guten Umstanden ein reichliches Gewerbe mit den Erzeugnissen des Gebirges betreibe, wovon sich der wandernd Reisende morgen gleich selbst Uberzeugen konne, indem man auf dem eingeschlagenen Wege zeitig bei ihr eintreffen werde. "Ich habe sie schon verschiedentlich nennen horen", versetzte Lenardo, "als belebend und wohltatig in diesem Tale, und versaumte, nach ihr zu fragen." "Gehen wir aber zur Ruh", sagte der Garnbote, "um den morgenden Tag, der heiter zu werden verspricht, von fruh auf zu nutzen." Hier endigte das Manuskript, und als Wilhelm nach der Fortsetzung verlangte, hatte er zu erfahren, dass sie gegenwartig nicht in den Handen der Freunde sei. Sie ward, sagte man, an Makarien gesendet, welche gewisse Verwicklungen, deren darin gedacht worden, durch Geist und Liebe schlichten und bedenkliche Verknupfungen auflosen solle. Der Freund musste sich diese Unterbrechung gefallen lassen und sich bereiten, an einem geselligen Abend, in heiterer Unterhaltung, Vergnugen zu finden.
Sechstes Kapitel
Als der Abend herbeikam und die Freunde in einer weit umherschauenden Laube sassen, trat eine ansehnliche Figur auf die Schwelle, welche unser Freund sogleich fur den Barbier von heute fruh erkannte. Auf einen tiefen, stummen Buckling des Mannes erwiderte Lenardo: "Ihr kommt, wie immer, sehr gelegen und werdet nicht saumen, uns mit Eurem Talent zu erfreuen. Ich kann Ihnen wohl", fuhr er zu Wilhelmen gewendet fort, "einiges von der Gesellschaft erzahlen, deren Band zu sein ich mich ruhmen darf. Niemand tritt in unsern Kreis, als wer gewisse Talente aufzuweisen hat, die zum Nutzen oder Vergnugen einer jeden Gesellschaft dienen wurden. Dieser Mann ist ein derber Wundarzt, der in bedenklichen Fallen, wo Entschluss und korperliche Kraft gefordert wird, seinem Meister trefflich an der Seite zu stehen bereit ist. Was er als Bartkunstler leistet, davon konnen Sie ihm selbst ein Zeugnis geben. Hiedurch ist er uns ebenso notig als willkommen. Da nun aber diese Beschaftigung gewohnlich eine grosse und oft lastige Geschwatzigkeit mit sich fuhrt, so hat er sich zu eigner Bildung eine Bedingung gefallen lassen; wie denn jeder, der unter uns leben will, sich von einer gewissen Seite bedingen muss, wenn ihm nach anderen Seiten hin die grossere Freiheit gewahrt ist. Dieser also hat nun auf die Sprache Verzicht getan, insofern etwas Gewohnliches oder Zufalliges durch sie ausgedruckt wird; daraus aber hat sich ihm ein anderes Redetalent entwickelt, welches absichtlich klug und erfreulich wirkt, die Gabe des Erzahlens namlich.
Sein Leben ist reich an wunderlichen Erfahrungen, die er sonst zu ungelegener Zeit schwatzend zersplitterte, nun aber, durch Schweigen genotigt, im stillen Sinne wiederholt und ordnet. Hiermit verbindet sich denn die Einbildungskraft und verleiht dem Geschehenen Leben und Bewegung. Mit besonderer Kunst und Geschicklichkeit weiss er wahrhafte Marchen und marchenhafte Geschichten zu erzahlen, wodurch er oft zur schicklichen Stunde uns gar sehr ergotzt, wenn ihm die Zunge durch mich gelost wird; wie ich denn gegenwartig tue und ihm zugleich das Lob erteile, dass er sich in geraumer Zeit, seitdem ich ihn kenne, noch niemals wiederholt hat. Nun hoff' ich, dass er auch diesmal, unserm teuren Gast zu Lieb' und Ehren, sich besonders hervortun werde."
Uber das Gesicht des Rotmantels verbreitete sich eine geistreiche Heiterkeit, und er fing ungesaumt folgendermassen zu sprechen an.
Die neue Melusine
Hochverehrte Herren! Da mir bekannt ist, dass Sie vorlaufige Reden und Einleitungen nicht besonders lieben, so will ich ohne weiteres versichern, dass ich diesmal vorzuglich gut zu bestehen hoffe. Von mir sind zwar schon gar manche wahrhafte Geschichten zu hoher und allseitiger Zufriedenheit ausgegangen, heute aber darf ich sagen, dass ich eine zu erzahlen habe, welche die bisherigen weit ubertrifft und die, wiewohl sie mir schon vor einigen Jahren begegnet ist, mich noch immer in der Erinnerung unruhig macht, ja sogar eine endliche Entwicklung hoffen lasst. Sie mochte schwerlich ihresgleichen finden.
Vorerst sei gestanden, dass ich meinen Lebenswandel nicht immer so eingerichtet, um der nachsten Zeit, ja des nachsten Tages ganz sicher zu sein. Ich war in meiner Jugend kein guter Wirt und fand mich oft in mancherlei Verlegenheit. Einst nahm ich mir eine Reise vor, die mir guten Gewinn verschaffen sollte; aber ich machte meinen Zuschnitt ein wenig zu gross, und nachdem ich sie mit Extrapost angefangen und sodann auf der ordinaren eine Zeitlang fortgesetzt hatte, fand ich mich zuletzt genotigt, dem Ende derselben zu Fusse entgegenzugehen. Als ein lebhafter Bursche hatte ich von jeher die Gewohnheit, sobald ich in ein Wirtshaus kam, mich nach der Wirtin oder auch nach der Kochin umzusehen und mich schmeichlerisch gegen sie zu bezeigen, wodurch denn meine Zeche meistens vermindert wurde.
Eines Abends, als ich in das Posthaus eines kleinen Stadtchens trat und eben nach meiner hergebrachten Weise verfahren wollte, rasselte gleich hinter mir ein schoner zweisitziger Wagen, mit vier Pferden bespannt, an der Ture vor. Ich wendete mich um und sah ein Frauenzimmer allein, ohne Kammerfrau, ohne Bedienten. Ich eilte sogleich, ihr den Schlag zu eroffnen und zu fragen, ob sie etwas zu befehlen habe. Beim Aussteigen zeigte sich eine schone Gestalt, und ihr liebenswurdiges Gesicht war, wenn man es naher betrachtete, mit einem kleinen Zug von Traurigkeit geschmuckt. Ich fragte nochmals, ob ich ihr in etwas dienen konne. "O ja!" sagte sie, "wenn Sie mir mit Sorgfalt das Kastchen, das auf dem Sitze steht, herausheben und hinauftragen wollen; aber ich bitte gar sehr, es recht stat zu tragen und im mindesten nicht zu bewegen oder zu rutteln." Ich nahm das Kastchen mit Sorgfalt, sie verschloss den Kutschenschlag, wir stiegen zusammen die Treppe hinauf, und sie sagte dem Gesinde, dass sie diese Nacht hier bleiben wurde.
Nun waren wir allein in dem Zimmer, sie hiess mich das Kastchen auf den Tisch setzen, der an der Wand stand, und als ich an einigen ihrer Bewegungen merkte, dass sie allein zu sein wunschte, empfahl ich mich, indem ich ihr ehrerbietig, aber feurig die Hand kusste.
"Bestellen Sie das Abendessen fur uns beide", sagte sie darauf; und es lasst sich denken, mit welchem Vergnugen ich diesen Auftrag ausrichtete, wobei ich denn zugleich in meinem Ubermut Wirt, Wirtin und Gesinde kaum uber die Achsel ansah. Mit Ungeduld erwartete ich den Augenblick, der mich endlich wieder zu ihr fuhren sollte. Es war aufgetragen, wir setzten uns gegen einander uber, ich labte mich zum erstenmal seit geraumer Zeit an einem guten Essen und zugleich an einem so erwunschten Anblick; ja mir kam es vor, als wenn sie mit jeder Minute schoner wurde.
Ihre Unterhaltung war angenehm, doch suchte sie alles abzulehnen, was sich auf Neigung und Liebe bezog. Es ward abgeraumt; ich zauderte, ich suchte allerlei Kunstgriffe, mich ihr zu nahern, aber vergebens: sie hielt mich durch eine gewisse Wurde zuruck, der ich nicht widerstehen konnte, ja ich musste wider meinen Willen zeitig genug von ihr scheiden.
Nach einer meist durchwachten und unruhig durchtraumten Nacht war ich fruh auf, erkundigte mich, ob sie Pferde bestellt habe; ich horte nein und ging in den Garten, sah sie angekleidet am Fenster stehen und eilte zu ihr hinauf. Als sie mir so schon und schoner als gestern entgegenkam, regte sich auf einmal in mir Neigung, Schalkheit und Verwegenheit; ich sturzte auf sie zu und fasste sie in meine Arme. "Englisches, unwiderstehliches Wesen!" rief ich aus: "verzeih, aber es ist unmoglich!" Mit unglaublicher Gewandtheit entzog sie sich meinen Armen, und ich hatte ihr nicht einmal einen Kuss auf die Wange drucken konnen.
"Halten Sie solche Ausbruche einer plotzlichen leidenschaftlichen Neigung zuruck, wenn Sie ein Gluck nicht verscherzen wollen, das Ihnen sehr nahe liegt, das aber erst nach einigen Prufungen ergriffen werden kann."
"Fordere, was du willst, englischer Geist!" rief ich aus, "aber bringe mich nicht zur Verzweiflung." Sie versetzte lachelnd: "Wollen Sie sich meinem Dienste widmen, so horen Sie die Bedingungen! Ich komme hierher, eine Freundin zu besuchen, bei der ich einige Tage zu verweilen gedenke; indessen wunsche ich, dass mein Wagen und dies Kastchen weitergebracht werden. Wollen Sie es ubernehmen? Sie haben dabei nichts zu tun, als das Kastchen mit Behutsamkeit in und aus dem Wagen zu heben; wenn es darin steht, sich daneben zu setzen und jede Sorge dafur zu tragen. Kommen Sie in ein Wirtshaus, so wird es auf einen Tisch gestellt, in eine besondere Stube, in der Sie weder wohnen noch schlafen durfen. Sie verschliessen die Zimmer jedesmal mit diesem Schlussel, der alle Schlosser auf- und zuschliesst und dem Schlosse die besondere Eigenschaft gibt, dass es niemand in der Zwischenzeit zu er offnen imstande ist."
Ich sah sie an, mir ward sonderbar zumute; ich versprach, alles zu tun, wenn ich hoffen konnte, sie bald wieder zu sehen, und wenn sie mir diese Hoffnung mit einem Kuss besiegelte. Sie tat es, und von dem Augenblick an war ich ihr ganz leibeigen geworden. Ich sollte nun die Pferde bestellen, sagte sie. Wir besprachen den Weg, den ich nehmen, die Orte, wo ich mich aufhalten und sie erwarten sollte. Sie druckte mir zuletzt einen Beutel mit Gold in die Hand, und ich meine Lippen auf ihre Hande. Sie schien geruhrt beim Abschied, und ich wusste schon nicht mehr, was ich tat oder tun sollte.
Als ich von meiner Bestellung zuruckkam, fand ich die Stubentur verschlossen. Ich versuchte gleich meinen Hauptschlussel, und er machte sein Probestuck vollkommen. Die Ture sprang auf, ich fand das Zimmer leer, nur das Kastchen stand auf dem Tische, wo ich es hingestellt hatte.
Der Wagen war vorgefahren, ich trug das Kastchen sorgfaltig hinunter und setzte es neben mich. Die Wirtin fragte: "Wo ist denn die Dame?" Ein Kind antwortete: "Sie ist in die Stadt gegangen." Ich begrusste die Leute und fuhr wie im Triumph von hinnen, der ich gestern abend mit bestaubten Gamaschen hier angekommen war. Dass ich nun bei guter Musse diese Geschichte hin und her uberlegte, das Geld zahlte, mancherlei Entwurfe machte und immer gelegentlich nach dem Kastchen schielte, konnen Sie leicht denken. Ich fuhr nun stracks vor mich hin, stieg mehrere Stationen nicht aus und rastete nicht, bis ich zu einer ansehnlichen Stadt gelangt war, wohin sie mich beschieden hatte. Ihre Befehle wurden sorgfaltig beobachtet, das Kastchen in ein besonderes Zimmer gestellt und ein paar Wachslichter daneben, unangezundet, wie sie auch verordnet hatte. Ich verschloss das Zimmer, richtete mich in dem meinigen ein und tat mir etwas zugute.
Eine Weile konnte ich mich mit dem Andenken an sie beschaftigen, aber gar bald wurde mir die Zeit lang. Ich war nicht gewohnt, ohne Gesellschaft zu leben; diese fand ich bald an Wirtstafeln und an offentlichen Orten nach meinem Sinne. Mein Geld fing bei dieser Gelegenheit an zu schmelzen und verlor sich eines Abends vollig aus meinem Beutel, als ich mich unvorsichtig einem leidenschaftlichen Spiel uberlassen hatte. Auf meinem Zimmer angekommen, war ich ausser mir. Von Geld entblosst, mit dem Ansehen eines reichen Mannes eine tuchtige Zeche erwartend, ungewiss, ob und wann meine Schone sich wieder zeigen wurde, war ich in der grossten Verlegenheit. Doppelt sehnte ich mich nach ihr und glaubte nun gar nicht mehr ohne sie und ohne ihr Geld leben zu konnen.
Nach dem Abendessen, das mir gar nicht geschmeckt hatte, weil ich es diesmal einsam zu geniessen genotigt worden, ging ich in dem Zimmer lebhaft auf und ab, sprach mit mir selbst, verwunschte mich, warf mich auf den Boden, zerraufte mir die Haare und erzeigte mich ganz ungebardig. Auf einmal hore ich in dem verschlossenen Zimmer nebenan eine leise Bewegung und kurz nachher an der wohlverwahrten Ture pochen. Ich raffe mich zusammen, greife nach dem Hauptschlussel, aber die Flugelturen springen von selbst auf, und im Schein jener brennenden Wachslichter kommt mir meine Schone entgegen. Ich werfe mich ihr zu Fussen, kusse ihr Kleid, ihre Hande, sie hebt mich auf, ich wage nicht, sie zu umarmen, kaum sie anzusehen; doch gestehe ich ihr aufrichtig und reuig meinen Fehler. "Er ist zu verzeihen", sagte sie, "nur verspatet Ihr leider Euer Gluck und meines. Ihr musst nun abermals eine Strecke in die Welt hineinfahren, ehe wir uns wieder sehen. Hier ist noch mehr Gold", sagte sie, "und hinreichend, wenn Ihr einigermassen haushalten wollt. Hat Euch aber diesmal Wein und Spiel in Verlegenheit gesetzt, so hutet Euch nun vor Wein und Weibern und lasst mich auf ein frohlicheres Wiedersehen hoffen."
Sie trat uber die Schwelle zuruck, die Flugel schlugen zusammen, ich pochte, ich bat, aber nichts liess sich weiter horen. Als ich den andern Morgen die Zeche verlangte, lachelte der Kellner und sagte: "So wissen wir doch, warum Ihr Eure Turen auf eine so kunstliche und unbegreifliche Weise verschliesst, dass kein Hauptschlussel sie offnen kann. Wir vermuteten bei Euch viel Geld und Kostbarkeiten; nun aber haben wir den Schatz die Treppe hinuntergehen sehn, und auf alle Weise schien er wurdig, wohl verwahrt zu werden."
Ich erwiderte nichts dagegen, zahlte meine Rechnung und stieg mit meinem Kastchen in den Wagen. Ich fuhr nun wieder in die Welt hinein mit dem festesten Vorsatz, auf die Warnung meiner geheimnisvollen Freundin kunftig zu achten. Doch war ich kaum abermals in einer grossen Stadt angelangt, so ward ich bald mit liebenswurdigen Frauenzimmern bekannt, von denen ich mich durchaus nicht losreissen konnte. Sie schienen mir ihre Gunst teuer anrechnen zu wollen; denn indem sie mich immer in einiger Entfernung hielten, verleiteten sie mich zu einer Ausgabe nach der andern, und da ich nur suchte, ihr Vergnugen zu befordern, dachte ich abermals nicht an meinen Beutel, sondern zahlte und spendete immerfort, so wie es eben vorkam. Wie gross war daher meine Verwunderung und mein Vergnugen, als ich nach einigen Wochen bemerkte, dass die Fulle des Beutels noch nicht abgenommen hatte, sondern dass er noch so rund und strotzend war wie anfangs. Ich wollte mich dieser schonen Eigenschaft naher versichern, setzte mich hin zu zahlen, merkte mir die Summe genau und fing nun an, mit meiner Gesellschaft lustig zu leben wie vorher. Da fehlte es nicht an Land- und Wasserfahrten, an Tanz, Gesang und andern Vergnugungen. Nun bedurfte es aber keiner grossen Aufmerksamkeit, um gewahr zu werden, dass der Beutel wirklich abnahm, eben als wenn ich ihm durch mein verwunschtes Zahlen die Tugend, unzahlbar zu sein, entwendet hatte. Indessen war das Freudenleben einmal im Gange, ich konnte nicht zuruck, und doch war ich mit meiner Barschaft bald am Ende. Ich verwunschte meine Lage, schalt auf meine Freundin, die mich so in Versuchung gefuhrt hatte, nahm es ihr ubel auf, dass sie sich nicht wieder sehen lassen, sagte mich im Arger von allen Pflichten gegen sie los und nahm mir vor, das Kastchen zu offnen, ob vielleicht in demselben einige Hulfe zu finden sei. Denn war es gleich nicht schwer genug, um Geld zu enthalten, so konnten doch Juwelen darin sein, und auch diese waren mir sehr willkommen gewesen. Ich war im Begriff, den Vorsatz auszufuhren, doch verschob ich ihn auf die Nacht, um die Operation recht ruhig vorzunehmen, und eilte zu einem Bankett, das eben angesagt war. Da ging es denn wieder hoch her, und wir waren durch Wein und Trompetenschall machtig aufgeregt, als mir der unangenehme Streich passierte, dass beim Nachtische ein alterer Freund meiner liebsten Schonheit, von Reisen kommend, unvermutet hereintrat, sich zu ihr setzte und ohne grosse Umstande seine alten Rechte geltend zu machen suchte. Daraus entstand nun bald Unwille, Hader und Streit; wir zogen vom Leder, und ich ward mit mehreren Wunden halbtot nach Hause getragen.
Der Chirurgus hatte mich verbunden und verlassen, es war schon tief in der Nacht, mein Warter eingeschlafen; die Tur des Seitenzimmers ging auf, meine geheimnisvolle Freundin trat herein und setzte sich zu mir ans Bette. Sie fragte nach meinem Befinden; ich antwortete nicht, denn ich war matt und verdriesslich. Sie fuhr fort mit vielem Anteil zu sprechen, rieb mir die Schlafe mit einem gewissen Balsam, so dass ich mich geschwind und entschieden gestarkt fuhlte, so gestarkt, dass ich mich erzurnen und sie ausschelten konnte. In einer heftigen Rede warf ich alle Schuld meines Unglucks auf sie, auf die Leidenschaft, die sie mir eingeflosst, auf ihr Erscheinen, ihr Verschwinden, auf die Langeweile, auf die Sehnsucht, die ich empfinden musste. Ich ward immer heftiger und heftiger, als wenn mich ein Fieber anfiele, und ich schwur ihr zuletzt, dass, wenn sie nicht die Meinige sein, mir diesmal nicht angehoren und sich mit mir verbinden wolle, so verlange ich nicht langer zu leben; worauf ich entschiedene Antwort forderte. Als sie zaudernd mit einer Erklarung zuruckhielt geriet ich ganz ausser mir, riss den doppelten und dreifachen Verband von den Wunden, mit der entschiedenen Absicht, mich zu verbluten. Aber wie erstaunte ich, als ich meine Wunden alle geheilt, meinen Korper schmuck und glanzend und sie in meinen Armen fand.
Nun waren wir das glucklichste Paar von der Welt. Wir baten einander wechselseitig um Verzeihung und wussten selbst nicht recht warum. Sie versprach nun, mit mir weiterzureisen, und bald sassen wir nebeneinander im Wagen, das Kastchen gegen uns uber, am Platze der dritten Person. Ich hatte desselben niemals gegen sie erwahnt; auch jetzt fiel mir's nicht ein, davon zu reden, ob es uns gleich vor den Augen stand und wir durch eine stillschweigende Ubereinkunft beide dafur sorgten, wie es etwa die Gelegenheit geben mochte; nur dass ich es immer in und aus dem Wagen hob und mich wie vormals mit dem Verschluss der Turen beschaftigte.
Solange noch etwas im Beutel war, hatte ich immer fortbezahlt; als es mit meiner Barschaft zu Ende ging, liess ich sie es merken. "Dafur ist leicht Rat geschafft", sagte sie und deutete auf ein Paar kleine Taschen, oben an der Seite des Wagens angebracht, die ich fruher wohl bemerkt aber nicht gebraucht hatte. Sie griff in die eine und zog einige Goldstucke heraus, sowie aus der andern einige Silbermunzen, und zeigte mir dadurch die Moglichkeit, jeden Aufwand, wie es uns beliebte, fortzusetzen. So reisten wir von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, waren unter uns und mit andern froh, und ich dachte nicht daran, dass sie mich wieder verlassen konnte, um so weniger, als sie sich seit einiger Zeit entschieden guter Hoffnung befand, wodurch unsere Heiterkeit und unsere Liebe nur noch vermehrt wurde. Aber eines Morgens fand ich sie leider nicht mehr, und weil mir der Aufenthalt ohne sie verdriesslich war, machte ich mich mit meinem Kastchen wieder auf den Weg, versuchte die Kraft der beiden Taschen und fand sie noch immer bewahrt.
Die Reise ging glucklich vonstatten, und wenn ich bisher uber mein Abenteuer weiter nicht nachdenken mogen, weil ich eine ganz naturliche Entwickelung der wundersamen Begebenheiten erwartete, so ereignete sich doch gegenwartig etwas, wodurch ich in Erstaunen, in Sorgen, ja in Furcht gesetzt wurde. Weil ich, um von der Stelle zu kommen, Tag und Nacht zu reisen gewohnt war, so geschah es, dass ich oft im Finstern fuhr und es in meinem Wagen, wenn die Laternen zufallig ausgingen, ganz dunkel war. Einmal bei so finsterer Nacht war ich eingeschlafen, und als ich erwachte, sah ich den Schein eines Lichtes an der Decke meines Wagens. Ich beobachtete denselben und fand, dass er aus dem Kastchen hervorbrach, das einen Riss zu haben schien, eben als ware es durch die heisse und trockene Witterung der eingetretenen Sommerzeit gesprungen. Meine Gedanken an die Juwelen wurden wieder rege, ich vermutete, dass ein Karfunkel im Kastchen liege, und wunschte daruber Gewissheit zu haben. Ich ruckte mich, so gut ich konnte, zurecht, so dass ich mit dem Auge unmittelbar den Riss beruhrte. Aber wie gross war mein Erstaunen, als ich in ein von Lichtern wohl erhelltes, mit viel Geschmack, ja Kostbarkeit mobliertes Zimmer hineinsah, gerade so als hatte ich durch die Offnung eines Gewolbes in einen koniglichen Saal hinabgesehn. Zwar konnte ich nur einen Teil des Raums beobachten, der mich auf das ubrige schliessen liess. Ein Kaminfeuer schien zu brennen, neben welchem ein Lehnsessel stand. Ich hielt den Atem an mich und fuhr fort zu beobachten. Indem kam von der andern Seite des Saals ein Frauenzimmer mit einem Buch in den Handen, die ich sogleich fur meine Frau erkannte, obschon ihr Bild nach dem allerkleinsten Massstabe zusammengezogen war. Die Schone setzte sich in den Sessel ans Kamin, um zu lesen, legte die Brande mit der niedlichsten Feuerzange zurecht, wobei ich deutlich bemerken konnte, das allerliebste kleine Wesen sei ebenfalls guter Hoffnung. Nun fand ich mich aber genotigt, meine unbequeme Stellung einigermassen zu verrucken, und bald darauf, als ich wieder hineinsehen und mich uberzeugen wollte, dass es kein Traum gewesen, war das Licht verschwunden, und ich blickte in eine leere Finsternis.
Wie erstaunt, ja erschrocken ich war, lasst sich begreifen. Ich machte mir tausend Gedanken uber diese Entdeckung und konnte doch eigentlich nichts denken. Daruber schlief ich ein, und als ich erwachte, glaubte ich eben nur getraumt zu haben; doch fuhlte ich mich von meiner Schonen einigermassen entfremdet, und indem ich das Kastchen nur desto sorgfaltiger trug, wusste ich nicht, ob ich ihre Wiedererscheinung in volliger Menschengrosse wunschen oder furchten sollte.
Nach einiger Zeit trat denn wirklich meine Schone gegen Abend in weissem Kleide herein, und da es eben im Zimmer dammerte, so kam sie mir langer vor, als ich sie sonst zu sehen gewohnt war, und ich erinnerte mich, gehort zu haben, dass alle vom Geschlecht der Nixen und Gnomen bei einbrechender Nacht an Lange gar merklich zunahmen. Sie flog wie gewohnlich in meine Arme, aber ich konnte sie nicht recht frohmutig an meine beklemmte Brust drucken.
"Mein Liebster", sagte sie, "ich fuhle nun wohl an deinem Empfang, was ich leider schon weiss. Du hast mich in der Zwischenzeit gesehn; du bist von dem Zustand unterrichtet, in dem ich mich zu gewissen Zeiten befinde dein Gluck und das meinige ist hiedurch unterbrochen, ja es steht auf dem Punkte, ganz vernichtet zu werden. Ich muss dich verlassen und weiss nicht, ob ich dich jemals wiedersehen werde." Ihre Gegenwart, die Anmut, mit der sie sprach, entfernte sogleich fast jede Erinnerung jenes Gesichtes, das mir schon bisher nur als ein Traum vorgeschwebt hatte. Ich umfing sie mit Lebhaftigkeit, uberzeugte sie von meiner Leidenschaft, versicherte ihr meine Unschuld, erzahlte ihr das Zufallige der Entdeckung, genug, ich tat so viel, dass sie selbst beruhigt schien und mich zu beruhigen suchte.
"Prufe dich genau", sagte sie, "ob diese Entdekkung deiner Liebe nicht geschadet habe, ob du vergessen kannst, dass ich in zweierlei Gestalten mich neben dir befinde, ob die Verringerung meines Wesens nicht auch deine Neigung vermindern werde."
Ich sah sie an; schoner war sie als jemals, und ich dachte bei mir selbst: "Ist es denn ein so grosses Ungluck, eine Frau zu besitzen, die von Zeit zu Zeit eine Zwergin wird, so dass man sie im Kastchen herumtragen kann? Ware es nicht viel schlimmer, wenn sie zur Riesin wurde und ihren Mann in den Kasten steckte?" Meine Heiterkeit war zuruckgekehrt. Ich hatte sie um alles in der Welt nicht fahren lassen. "Bestes Herz", versetzte ich, "lass uns bleiben und sein, wie wir gewesen sind. Konnten wir's beide denn herrlicher finden! Bediene dich deiner Bequemlichkeit, und ich verspreche dir, das Kastchen nur desto sorgfaltiger zu tragen. Wie sollte das Niedlichste, was ich in meinem Leben gesehn, einen schlimmen Eindruck auf mich machen? Wie glucklich wurden die Liebhaber sein, wenn sie solche Miniaturbilder besitzen konnten! Und am Ende war es auch nur ein solches Bild, eine kleine Taschenspielerei. Du prufst und neckst mich; du sollst aber sehen, wie ich mich halten werde."
"Die Sache ist ernsthafter, als du denkst", sagte die Schone; "indessen bin ich recht wohl zufrieden, dass du sie leicht nimmst: denn fur uns beide kann noch immer die heiterste Folge werden. Ich will dir vertrauen und von meiner Seite das Mogliche tun, nur versprich mir, dieser Entdeckung niemals vorwurfsweise zu gedenken. Dazu fug' ich noch eine Bitte recht instandig: nimm dich vor Wein und Zorn mehr als jemals in acht."
Ich versprach, was sie begehrte, ich hatte zu und immer zu versprochen; doch sie wendete selbst das Gesprach, und alles war im vorigen Gleise. Wir hatten nicht Ursache, den Ort unseres Aufenthaltes zu verandern; die Stadt war gross, die Gesellschaft vielfach, die Jahreszeit veranlasste manches Land- und Gartenfest.
Bei allen solchen Freuden war meine Frau sehr gern gesehen, ja von Mannern und Frauen lebhaft verlangt. Ein gutes, einschmeichelndes Betragen, mit einer gewissen Hoheit verknupft, machte sie jedermann lieb und ehrenwert. Uberdies spielte sie herrlich die Laute und sang dazu, und alle geselligen Nachte mussten durch ihr Talent gekront werden.
Ich will nur gestehen, dass ich mir aus der Musik niemals viel habe machen konnen, ja sie hatte vielmehr auf mich eine unangenehme Wirkung. Meine Schone, die mir das bald abgemerkt hatte, suchte mich daher niemals, wenn wir allein waren, auf diese Weise zu unterhalten; dagegen schien sie sich in Gesellschaft zu entschadigen, wo sie denn gewohnlich eine Menge Bewunderer fand.
Und nun, warum sollte ich es leugnen, unsere letzte Unterredung, ungeachtet meines besten Willens, war doch nicht vermogend gewesen, die Sache ganz bei mir abzutun; vielmehr hatte sich meine Empfindungsweise gar seltsam gestimmt, ohne dass ich es mir vollkommen bewusst gewesen ware. Da brach eines Abends in grosser Gesellschaft der verhaltene Unmut los, und mir entsprang daraus der allergrosste Nachteil.
Wenn ich es jetzt recht bedenke, so liebte ich nach jener unglucklichen Entdeckung meine Schonheit viel weniger, und nun ward ich eifersuchtig auf sie, was mir vorher gar nicht eingefallen war. Abends bei Tafel, wo wir schrag gegen einander uber in ziemlicher Entfernung sassen, befand ich mich sehr wohl mit meinen beiden Nachbarinnen, ein paar Frauenzimmern, die mir seit einiger Zeit reizend geschienen hatten. Unter Scherz- und Liebesreden sparte man des Weines nicht, indessen von der andern Seite ein paar Musikfreunde sich meiner Frau bemachtigt hatten und die Gesellschaft zu Gesangen, einzelnen und chormassigen, aufzumuntern und anzufuhren wussten. Daruber fiel ich in bose Laune; die beiden Kunstliebhaber schienen zudringlich; der Gesang machte mich argerlich, und als man gar von mir auch eine Solostrophe begehrte, so wurde ich wirklich aufgebracht, leerte den Becher und setzte ihn sehr unsanft nieder.
Durch die Anmut meiner Nachbarinnen fuhlte ich mich sogleich zwar wieder gemildert, aber es ist eine bose Sache um den Arger, wenn er einmal auf dem Wege ist. Er kochte heimlich fort, obgleich alles mich hatte sollen zur Freude, zur Nachgiebigkeit stimmen. Im Gegenteil wurde ich nur noch tuckischer, als man eine Laute brachte und meine Schone ihren Gesang zur Bewunderung aller ubrigen begleitete. Unglucklicherweise erbat man sich eine allgemeine Stille. Also auch schwatzen sollte ich nicht mehr, und die Tone taten mir in den Zahnen weh. War es nun ein Wunder dass endlich der kleinste Funke die Mine zundete?
Eben hatte die Sangerin ein Lied unter dem grossten Beifall geendigt, als sie nach mir, und wahrlich recht liebevoll, herubersah. Leider drangen die Blicke nicht bei mir ein. Sie bemerkte, dass ich einen Becher Wein hinunterschlang und einen neu anfullte. Mit dem rechten Zeigefinger winkte sie mir lieblich drohend. "Bedenken Sie, dass es Wein ist!" sagte sie, nicht lauter, als dass ich es horen konnte. "Wasser ist fur die Nixen!" rief ich aus. "Meine Damen", sagte sie zu meinen Nachbarinnen, "kranzen Sie den Becher mit aller Anmut, dass er nicht zu oft leer werde." "Sie werden sich doch nicht meistern lassen!" zischelte mir die eine ins Ohr. "Was will der Zwerg?" rief ich aus, mich heftiger gebardend, wodurch ich den Becher umstiess. "Hier ist viel verschuttet!" rief die Wunderschone, tat einen Griff in die Saiten, als wolle sie die Aufmerksamkeit der Gesellschaft aus dieser Storung wieder auf sich heranziehen. Es gelang ihr wirklich, um so mehr, als sie aufstand, aber nur, als wenn sie sich das Spiel bequemer machen wollte, und zu praludieren fortfuhr.
Als ich den roten Wein uber das Tischtuch fliessen sah, kam ich wieder zu mir selbst. Ich erkannte den grossen Fehler, den ich begangen hatte, und war recht innerlich zerknirscht. Zum erstenmal sprach die Musik mich an. Die erste Strophe, die sie sang, war ein freundlicher Abschied an die Gesellschaft, wie sie sich noch zusammen fuhlen konnte. Bei der folgenden Strophe floss die Sozietat gleichsam auseinander, jeder fuhlte sich einzeln, abgesondert, niemand glaubte sich mehr gegenwartig. Aber was soll ich denn von der letzten Strophe sagen? Sie war allein an mich gerichtet, die Stimme der gekrankten Liebe, die von Unmut und Ubermut Abschied nimmt.
Stumm fuhrte ich sie nach Hause und erwartete mir nichts Gutes. Doch kaum waren wir in unserm Zimmer angelangt, als sie sich hochst freundlich und anmutig, ja sogar schalkhaft erwies und mich zum glucklichsten aller Menschen machte.
Des andern Morgens sagte ich ganz getrost und liebevoll: "Du hast so manchmal, durch gute Gesellschaft aufgefordert, gesungen, so zum Beispiel gestern abend das ruhrende Abschiedslied; singe nun auch einmal mir zuliebe ein hubsches, frohliches Willkommen in dieser Morgenstunde, damit es uns werde, als wenn wir uns zum erstenmal kennen lernten."
"Das vermag ich nicht, mein Freund", versetzte sie mit Ernst. "Das Lied von gestern abend bezog sich auf unsere Scheidung, die nun sogleich vor sich gehen muss: denn ich kann dir nur sagen, die Beleidigung gegen Versprechen und Schwur hat fur uns beide die schlimmsten Folgen; du verscherzest ein grosses Gluck, und auch ich muss meinen liebsten Wunschen entsagen."
Als ich nun hierauf in sie drang und bat, sie mochte sich naher erklaren, versetzte sie: "Das kann ich leider wohl, denn es ist doch um mein Bleiben bei dir getan. Vernimm also, was ich dir lieber bis in die spatesten Zeiten verborgen hatte. Die Gestalt, in der du mich im Kastchen erblicktest ist mir wirklich angeboren und naturlich; denn ich bin aus dem Stamm des Konigs Eckwald, des machtigen Fursten der Zwerge, von dem die wahrhafte Geschichte so vieles meldet. Unser Volk ist noch immer wie vor alters tatig und geschaftig und auch daher leicht zu regieren. Du musst dir aber nicht vorstellen, dass die Zwerge in ihren Arbeiten zuruckgeblieben sind. Sonst waren Schwerter, die den Feind verfolgten, wenn man sie ihm nachwarf, unsichtbar und geheimnisvoll bindende Ketten, undurchdringliche Schilder und dergleichen ihre beruhmtesten Arbeiten. Jetzt aber beschaftigen sie sich hauptsachlich mit Sachen der Bequemlichkeit und des Putzes und ubertreffen darin alle andern Volker der Erde. Du wurdest erstaunen, wenn du unsere Werkstatten und Warenlager hindurchgehen solltest. Dies ware nun alles gut, wenn nicht bei der ganzen Nation uberhaupt, vorzuglich aber bei der koniglichen Familie, ein besonderer Umstand eintrate."
Da sie einen Augenblick innehielt, ersuchte ich sie um fernere Eroffnung dieser wundersamen Geheimnisse, worin sie mir denn auch sogleich willfahrte.
"Es ist bekannt", sagte sie, "dass Gott, sobald er die Welt erschaffen hatte, so dass alles Erdreich trokken war und das Gebirg machtig und herrlich dastand, dass Gott, sage ich, sogleich vor allen Dingen die Zwerglein erschuf, damit auch vernunftige Wesen waren, welche seine Wunder im Innern der Erde auf Gangen und Kluften anstaunen und verehren konnten. Ferner ist bekannt, dass dieses kleine Geschlecht sich nachmals erhoben und sich die Herrschaft der Erde anzumassen gedacht, weshalb denn Gott die Drachen erschaffen, um das Gezwerge ins Gebirg zuruckzudrangen. Weil aber die Drachen sich in den grossen Hohlen und Spalten selbst einzunisten und dort zu wohnen pflegten, auch viele derselben Feuer spieen und manch anderes Wuste begingen, so wurde dadurch den Zwerglein gar grosse Not und Kummer bereitet, dergestalt, dass sie nicht mehr wussten, wo aus noch ein, und sich daher zu Gott dem Herrn gar demutiglich und flehentlich wendeten, auch ihn im Gebet anriefen, er mochte doch dieses unsaubere Drachenvolk wieder vertilgen. Ob er nun aber gleich nach seiner Weisheit sein Geschopf zu zerstoren nicht beschliessen mochte, so ging ihm doch der armen Zwerglein grosse Not dermassen zu Herzen, dass er alsobald die Riesen erschuf, welche die Drachen bekampfen und, wo nicht ausrotten, doch wenigstens vermindern sollten.
Als nun aber die Riesen so ziemlich mit den Drachen fertig geworden, stieg ihnen gleichfalls der Mut und Dunkel, weswegen sie gar manches Frevele, besonders auch gegen die guten Zwerglein, verubten, welche denn abermals in ihrer Not sich zu dem Herrn wandten, der sodann aus seiner Machtgewalt die Ritter schuf, welche die Riesen und Drachen bekampfen und mit den Zwerglein in guter Eintracht leben sollten. Damit war denn das Schopfungswerk von dieser Seite beschlossen, und es findet sich, dass nachher Riesen und Drachen sowie die Ritter und Zwerge immer zusammengehalten haben. Daraus kannst du nun ersehen, mein Freund, dass wir von dem altesten Geschlecht der Welt sind, welches uns zwar zu Ehren gereicht, doch aber auch grossen Nachteil mit sich fuhrt.
Da namlich auf der Welt nichts ewig bestehen kann, sondern alles, was einmal gross gewesen, klein werden und abnehmen muss, so sind auch wir in dem Falle, dass wir seit Erschaffung der Welt immer abnehmen und kleiner werden, vor allen andern aber die konigliche Familie, welche wegen ihres reinen Blutes diesem Schicksal am ersten unterworfen ist. Deshalb haben unsere weisen Meister schon vor vielen Jahren den Ausweg erdacht, dass von Zeit zu Zeit eine Prinzessin aus dem koniglichen Hause heraus ins Land gesendet werde, um sich mit einem ehrsamen Ritter zu vermahlen, damit das Zwergengeschlecht wieder angefrischt und vom ganzlichen Verfall gerettet sei."
Indessen meine Schone diese Worte ganz treuherzig vor brachte, sah ich sie bedenklich an, weil es schien, als ob sie Lust habe, mir etwas aufzubinden. Was ihre niedliche Herkunft betraf, daran hatte ich weiter keinen Zweifel; aber dass sie mich anstatt eines Ritters ergriffen hatte, das machte mir einiges Misstrauen, indem ich mich denn doch zu wohl kannte, als dass ich hatte glauben sollen, meine Vorfahren seien von Gott unmittelbar erschaffen worden.
Ich verbarg Verwunderung und Zweifel und fragte sie freundlich: "Aber sage mir, mein liebes Kind, wie kommst du zu dieser grossen und ansehnlichen Gestalt? denn ich kenne wenig Frauen, die sich dir an prachtiger Bildung vergleichen konnen." "Das sollst du erfahren", versetzte meine Schone. "Es ist von jeher im Rat der Zwergenkonige hergebracht, dass man sich so lange als moglich vor jedem ausserordentlichen Schritt in acht nehme, welches ich denn auch ganz naturlich und billig finde. Man hatte vielleicht noch lange gezaudert, eine Prinzessin wieder einmal in das Land zu senden, wenn nicht mein nachgeborner Bruder so klein ausgefallen ware, dass ihn die Warterinnen sogar aus den Windeln verloren haben und man nicht weiss, wo er hingekommen ist. Bei diesem in den Jahrbuchern des Zwergenreichs ganz unerhorten Falle versammelte man die Weisen, und kurz und gut, der Entschluss ward gefasst, mich auf die Freite zu schicken."
"Der Entschluss!" rief ich aus; "das ist wohl alles schon und gut. Man kann sich entschliessen, man kann etwas beschliessen; aber einem Zwerglein diese Gottergestalt zu geben, wie haben eure Weisen dies zustande gebracht?"
"Es war auch schon", sagte sie, "von unsern Ahnherren vorgesehen. In dem koniglichen Schatze lag ein ungeheurer goldner Fingerring. Ich spreche jetzt von ihm, wie er mir vorkam, da er mir, als einem Kinde, ehemals an seinem Orte gezeigt wurde: denn es ist derselbe, den ich hier am Finger habe; und nun ging man folgendergestalt zu Werke. Man unterrichtete mich von allem, was bevorstehe, und belehrte mich, was ich zu tun und zu lassen habe.
Ein kostlicher Palast, nach dem Muster des liebsten Sommeraufenthalts meiner Eltern, wurde verfertigt: ein Hauptgebaude, Seitenflugel und was man nur wunschen kann. Er stand am Eingang einer grossen Felskluft und verzierte sie aufs beste. An dem bestimmten Tage zog der Hof dorthin und meine Eltern mit mir. Die Armee paradierte, und vierundzwanzig Priester trugen auf einer kostlichen Bahre, nicht ohne Beschwerlichkeit, den wundervollen Ring. Er ward an die Schwelle des Gebaudes gelegt, gleich innerhalb, wo man uber sie hinubertritt. Manche Zeremonien wurden begangen, und nach einem herzlichen Abschiede schritt ich zum Werke. Ich trat hinzu, legte die Hand an den Ring und fing sogleich merklich zu wachsen an. In wenig Augenblicken war ich zu meiner gegenwartigen Grosse gelangt, worauf ich den Ring sogleich an den Finger steckte. Nun im Nu verschlossen sich Fenster, Turen und Tore, die Seitenflugel zogen sich ins Hauptgebaude zuruck, statt des Palastes stand ein Kastchen neben mir, das ich sogleich aufhob und mit mir forttrug, nicht ohne ein angenehmes Gefuhl, so gross und so stark zu sein, zwar immer noch ein Zwerg gegen Baume und Berge, gegen Strome wie gegen Landstrecken, aber doch immer schon ein Riese gegen Gras und Krauter, besonders aber gegen die Ameisen, mit denen wir Zwerge nicht immer in gutem Verhaltnis stehen und deswegen oft gewaltig von ihnen geplagt werden.
Wie es mir auf meiner Wallfahrt erging, ehe ich dich fand, davon hatte ich viel zu erzahlen. Genug, ich prufte manchen, aber niemand als du schien mir wert, den Stamm des herrlichen Eckwald zu erneuern und zu verewigen."
Bei allen diesen Erzahlungen wackelte mir mitunter der Kopf, ohne dass ich ihn gerade geschuttelt hatte. Ich tat verschiedene Fragen, worauf ich aber keine sonderlichen Antworten erhielt, vielmehr zu meiner grossten Betrubnis erfuhr, dass sie nach dem, was begegnet, notwendig zu ihren Eltern zuruckkehren musse. Sie hoffe zwar, wieder zu mir zu kommen, doch jetzt habe sie sich unvermeidlich zu stellen, weil sonst fur sie so wie fur mich alles verloren ware. Die Beutel wurden bald aufhoren zu zahlen, und was sonst noch alles daraus entstehen konnte.
Da ich horte, dass uns das Geld ausgehen durfte, fragte ich nicht weiter, was sonst noch geschehen mochte. Ich zuckte die Achseln, ich schwieg, und sie schien mich zu verstehen.
Wir packten zusammen und setzten uns in den Wagen, das Kastchen gegen uns uber, dem ich aber noch nichts von einem Palast ansehen konnte. So ging es mehrere Stationen fort. Postgeld und Trinkgeld wurden aus den Taschchen rechts und links bequem und reichlich bezahlt, bis wir endlich in eine gebirgige Gegend gelangten und kaum abgestiegen waren, als meine Schone vorausging und ich auf ihr Geheiss mit dem Kastchen folgte. Sie fuhrte mich auf ziemlich steilen Pfaden zu einem engen Wiesengrund, durch welchen sich eine klare Quelle bald sturzte, bald ruhig laufend schlangelte. Da zeigte sie mir eine erhohte Flache, hiess mich das Kastchen niedersetzen und sagte: "Lebe wohl: du findest den Weg gar leicht zuruck; gedenke mein, ich hoffe, dich wiederzusehen."
In diesem Augenblick war mir's, als wenn ich sie nicht verlassen konnte. Sie hatte gerade wieder ihren schonen Tag oder, wenn ihr wollt, ihre schone Stunde. Mit einem so lieblichen Wesen allein, auf gruner Matte, zwischen Gras und Blumen, von Felsen beschrankt, von Wasser umrauscht, welches Herz ware da wohl fuhllos geblieben! Ich wollte sie bei der Hand fassen, sie umarmen, aber sie stiess mich zuruck und bedrohte mich, obwohl noch immer liebreich genug, mit grosser Gefahr, wenn ich mich nicht sogleich entfernte.
"Ist denn gar keine Moglichkeit", rief ich aus, "dass ich bei dir bleibe, dass du mich bei dir behalten konntest?" Ich begleitete diese Worte mit so jammerlichen Gebarden und Tonen, dass sie geruhrt schien und nach einigem Bedenken mir gestand, eine Fortdauer unserer Verbindung sei nicht ganz unmoglich. Wer war glucklicher als ich! Meine Zudringlichkeit, die immer lebhafter ward, notigte sie endlich, mit der Sprache herauszurucken und mir zu entdecken, dass, wenn ich mich entschlosse, mit ihr so klein zu werden, als ich sie schon gesehen, so konnte ich auch jetzt bei ihr bleiben, in ihre Wohnung, in ihr Reich, zu ihrer Familie mit ubertreten. Dieser Vorschlag gefiel mir nicht ganz, doch konnte ich mich einmal in diesem Augenblick nicht von ihr losreissen, und ans Wunderbare seit geraumer Zeit schon gewohnt, zu raschen Entschlussen aufgelegt, schlug ich ein und sagte, sie mochte mit mir machen, was sie wolle.
Sogleich musste ich den kleinen Finger meiner rechten Hand ausstrecken, sie stutzte den ihrigen dagegen, zog mit der linken Hand den goldnen Ring ganz leise sich ab und liess ihn heruber an meinen Finger laufen. Kaum war dies geschehen, so fuhlte ich einen gewaltigen Schmerz am Finger, der Ring zog sich zusammen und folterte mich entsetzlich. Ich tat einen gewaltigen Schrei und griff unwillkurlich um mich her nach meiner Schonen, die aber verschwunden war. Wie mir indessen zumute gewesen, dafur wusste ich keinen Ausdruck zu finden, auch bleibt mir nichts ubrig zu sagen, als dass ich mich sehr bald in kleiner, niedriger Person neben meiner Schonen in einem Walde von Grashalmen befand. Die Freude des Wiedersehens nach einer kurzen und doch so seltsamen Trennung, oder, wenn ihr wollt, einer Wiedervereinigung ohne Trennung, ubersteigt alle Begriffe. Ich fiel ihr um den Hals, sie erwiderte meine Liebkosungen, und das kleine Paar fuhlte sich so glucklich als das grosse.
Mit einiger Unbequemlichkeit stiegen wir nunmehr an einem Hugel hinauf; denn die Matte war fur uns beinah ein undurchdringlicher Wald geworden. Doch gelangten wir endlich auf eine Blosse, und wie erstaunt war ich, dort eine grosse, geregelte Masse zu sehen, die ich doch bald fur das Kastchen, in dem Zustand, wie ich es hingesetzt hatte, wieder erkennen musste.
"Gehe hin, mein Freund, und klopfe mit dem Ringe nur an, du wirst Wunder sehen", sagte meine Geliebte. Ich trat hinzu und hatte kaum angepocht, so erlebte ich wirklich das grosste Wunder. Zwei Seitenflugel bewegten sich hervor, und zugleich fielen wie Schuppen und Spane verschiedene Teile herunter, da mir denn Turen, Fenster, Saulengange und alles, was zu einem vollstandigen Palaste gehort, auf einmal zu Gesichte kamen.
Wer einen kunstlichen Schreibtisch von Rontgen gesehen hat, wo mit einem Zug viele Federn und Ressorts in Bewegung kommen, Pult und Schreibzeug, Brief- und Geldfacher sich auf einmal oder kurz nacheinander entwickeln, der wird sich eine Vorstellung machen konnen, wie sich jener Palast entfaltete, in welchen mich meine susse Begleiterin nunmehr hineinzog. In dem Hauptsaal erkannte ich sogleich das Kamin, das ich ehemals von oben gesehen, und den Sessel, worauf sie gesessen. Und als ich uber mich blickte, glaubte ich wirklich noch etwas von dem Sprunge in der Kuppel zu bemerken, durch den ich hereingeschaut hatte. Ich verschone euch mit Beschreibung des ubrigen; genug, alles war geraumig, kostlich und geschmackvoll. Kaum hatte ich mich von meiner Verwunderung erholt, als ich von fern eine militarische Musik vernahm. Meine schone Halfte sprang vor Freuden auf und verkundigte mir mit Entzucken die Ankunft ihres Herrn Vaters. Hier traten wir unter die Ture und schauten, wie aus einer ansehnlichen Felskluft ein glanzender Zug sich bewegte. Soldaten, Bediente, Hausoffizianten und ein glanzender Hofstaat folgten hintereinander. Endlich erblickte man ein goldnes Gedrange und in demselben den Konig selbst. Als der ganze Zug vor dem Palast aufgestellt war, trat der Konig mit seiner nachsten Umgebung heran. Seine zartliche Tochter eilte ihm entgegen, sie riss mich mit sich fort, wir warfen uns ihm zu Fussen, er hob mich sehr gnadig auf, und als ich vor ihn zu stehen kam, bemerkte ich erst, dass ich freilich in dieser kleinen Welt die ansehnlichste Statur hatte. Wir gingen zusammen nach dem Palaste, da mich der Konig in Gegenwart seines ganzen Hofes mit einer wohlstudierten Rede, worin er seine Uberraschung, uns hier zu finden, ausdruckte, zu bewillkommnen geruhte, mich als seinen Schwiegersohn erkannte und die Trauungszeremonie auf morgen ansetzte.
Wie schrecklich ward mir auf einmal zumute, als ich von Heirat reden horte: denn ich furchtete mich bisher davor fast mehr als vor der Musik selbst, die mir doch sonst das Verhassteste auf Erden schien. Diejenigen, die Musik machen, pflegte ich zu sagen, stehen doch wenigstens in der Einbildung, untereinander einig zu sein und in Ubereinstimmung zu wirken: denn wenn sie lange genug gestimmt und uns die Ohren mit allerlei Misstonen zerrissen haben, so glauben sie steif und fest, die Sache sei nunmehr aufs reine gebracht und ein Instrument passe genau zum andern. Der Kapellmeister selbst ist in diesem glucklichen Wahn, und nun geht es freudig los, unterdes uns andern immerfort die Ohren gellen. Bei dem Ehestand hingegen ist dies nicht einmal der Fall: denn ob er gleich nur ein Duett ist und man doch denken sollte, zwei Stimmen, ja zwei Instrumente mussten einigermassen uberein gestimmt werden konnen, so trifft es doch selten zu; denn wenn der Mann einen Ton angibt, so nimmt ihn die Frau gleich hoher und der Mann wieder hoher; da geht es denn aus dem Kammerin den Chorton und immer so weiter hinauf, dass zuletzt die blasenden Instrumente selbst nicht folgen konnen. Und also, da mir die harmonische Musik zuwider bleibt, so ist mir noch weniger zu verdenken, dass ich die disharmonische gar nicht leiden kann.
Von allen Festlichkeiten, worunter der Tag hinging, mag und kann ich nicht erzahlen: denn ich achtete gar wenig darauf. Das kostbare Essen, der kostliche Wein, nichts wollte mir schmecken. Ich sann und uberlegte, was ich zu tun hatte. Doch da war nicht viel auszusinnen. Ich entschloss mich, als es Nacht wurde, kurz und gut, auf und davon zu gehen und mich irgendwo zu verbergen. Auch gelangte ich glucklich zu einer Steinritze, in die ich mich hineinzwangte und so gut als moglich verbarg. Mein erstes Bemuhen darauf war, den unglucklichen Ring vom Finger zu schaffen, welches jedoch mir keineswegs gelingen wollte, vielmehr musste ich fuhlen, dass er immer enger ward, sobald ich ihn abzuziehen gedachte, woruber ich heftige Schmerzen litt, die aber sogleich nachliessen, sobald ich von meinem Vorhaben abstand.
Fruhmorgens wach' ich auf denn meine kleine Person hatte sehr gut geschlafen und wollte mich eben weiter umsehen, als es uber mir wie zu regnen anfing. Es fiel namlich durch Gras, Blatter und Blumen wie Sand und Grus in Menge herunter; allein wie entsetzte ich mich, als alles um mich her lebendig ward und ein unendliches Ameisenheer uber mich niedersturzte. Kaum wurden sie mich gewahr, als sie mich von allen Seiten angriffen und, ob ich mich gleich wacker und mutig genug verteidigte, doch zuletzt auf solche Weise zudeckten, kneipten und peinigten, dass ich froh war, als ich mir zurufen horte, ich solle mich ergeben. Ich ergab mich wirklich und gleich, worauf denn eine Ameise von ansehnlicher Statur sich mit Hoflichkeit, ja mit Ehrfurcht naherte und sich sogar meiner Gunst empfahl. Ich vernahm, dass die Ameisen Alliierte meines Schwiegervaters geworden und dass er sie im gegenwartigen Fall aufgerufen und verpflichtet, mich herbeizuschaffen. Nun war ich Kleiner in den Handen von noch Kleinern. Ich sah der Trauung entgegen und musste noch Gott danken, wenn mein Schwiegervater nicht zurnte, wenn meine Schone nicht verdriesslich geworden.
Lasst mich nun von allen Zeremonien schweigen; genug, wir waren verheiratet. So lustig und munter es jedoch bei uns herging, so fanden sich dessenungeachtet einsame Stunden, in denen man zum Nachdenken verleitet wird, und mir begegnete, was mir noch niemals begegnet war; was aber und wie, das sollt ihr vernehmen.
Alles um mich her war meiner gegenwartigen Gestalt und meinen Bedurfnissen vollig gemass, die Flaschen und Becher einem kleinen Trinker wohl proportioniert, ja, wenn man will, verhaltnismassig besseres Mass als bei uns. Meinem kleinen Gaumen schmeckten die zarten Bissen vortrefflich, ein Kuss von dem Mundchen meiner Gattin war gar zu reizend, und ich leugne nicht, die Neuheit machte mir alle diese Verhaltnisse hochst angenehm. Dabei hatte ich jedoch leider meinen vorigen Zustand nicht vergessen. Ich empfand in mir einen Massstab voriger Grosse, welches mich unruhig und unglucklich machte. Nun begriff ich zum erstenmal, was die Philosophen unter ihren Idealen verstehen mochten, wodurch die Menschen so gequalt sein sollen. Ich hatte ein Ideal von mir selbst und erschien mir manchmal im Traum wie ein Riese. Genug, die Frau, der Ring, die Zwergenfigur, so viele andere Bande machten mich ganz und gar unglucklich, dass ich auf meine Befreiung im Ernst zu denken begann.
Weil ich uberzeugt war, dass der ganze Zauber in dem Ring verborgen liege, so beschloss ich, ihn abzufeilen. Ich entwendete deshalb dem Hofjuwelier einige Feilen. Glucklicherweise war ich links, und ich hatte in meinem Leben niemals etwas rechts gemacht. Ich hielt mich tapfer an die Arbeit; sie war nicht gering: denn das goldne Reifchen, so dunn es aussah, war in dem Verhaltnis dichter geworden, als es sich aus seiner ersten Grosse zusammengezogen hatte. Alle freien Stunden wendete ich unbeobachtet an dieses Geschaft und war klug genug, als das Metall bald durchgefeilt war, vor die Ture zu treten. Das war mir geraten: denn auf einmal sprang der goldne Reif mit Gewalt vom Finger, und meine Figur schoss mit solcher Heftigkeit in die Hohe, dass ich wirklich an den Himmel zu stossen glaubte und auf alle Falle die Kuppel unseres Sommerpalastes durchgestossen, ja das ganze Sommergebaude durch meine frische Unbehulflichkeit zerstort haben wurde.
Da stand ich nun wieder, freilich um so vieles grosser, allein, wie mir vorkam, auch um vieles dummer und unbehulflicher. Und als ich mich aus meiner Betaubung erholt, sah ich die Schatulle neben mir stehen, die ich ziemlich schwer fand, als ich sie aufhob und den Fusspfad hinunter nach der Station trug, wo ich denn gleich einspannen und fortfahren liess. Unterwegs machte ich sogleich den Versuch, mit den Taschchen an beiden Seiten. An der Stelle des Geldes, welches ausgegangen schien, fand ich ein Schlusselchen; es gehorte zur Schatulle, in welcher ich einen ziemlichen Ersatz fand. Solange das vorhielt, bediente ich mich des Wagens; nachher wurde dieser verkauft, um mich auf dem Postwagen fortzubringen. Die Schatulle schlug ich zuletzt los, weil ich immer dachte, sie sollte sich noch einmal fullen, und so kam ich denn endlich, obgleich durch einen ziemlichen Umweg, wieder an den Herd zur Kochin, wo ihr mich zuerst habt kennen lernen.
Siebentes Kapitel
Hersilie an Wilhelm
Bekanntschaften, wenn sie sich auch gleichgultig ankundigen, haben oft die wichtigsten Folgen, und nun gar die Ihrige, die gleich von Anfang nicht gleichgultig war. Der wunderliche Schlussel kam in meine Hande als ein seltsames Pfand; nun besitze ich das Kastchen auch. Schlussel und Kastchen, was sagen Sie dazu? Was soll man dazu sagen? Horen Sie, wie's zuging:
Ein junger, feiner Mann lasst sich bei meinem Oheim melden und erzahlt, dass der kuriose Antiquitatenkramer, der mit Ihnen lange in Verbindung gestanden, vor kurzem gestorben sei und ihm die ganze merkwurdige Verlassenschaft ubertragen, zugleich aber zur Pflicht gemacht habe, alles fremde Eigentum, was eigentlich nur deponiert sei, unverzuglich zuruckzugeben. Eignes Gut beunruhige niemanden, denn man habe den Verlust allein zu ertragen; fremdes Gut jedoch zu bewahren, habe er sich nur in besondern Fallen erlaubt, ihm wolle er diese Last nicht aufburden, ja er verbiete ihm, in vaterlicher Liebe und Autoritat, sich damit zu befassen. Und hiemit zog er das Kastchen hervor, das, wenn ich es schon aus der Beschreibung kannte, mir doch ganz vorzuglich in die Augen fiel.
Der Oheim, nachdem er es von allen Seiten besehen, gab es zuruck und sagte: Auch er habe es sich zur Pflicht gemacht, in gleichem Sinne zu handeln und sich mit keiner Antiquitat, sie sei auch noch so schon und wunderbar, zu belasten, wenn er nicht wisse, wem sie fruher angehort und was fur eine historische Merkwurdigkeit damit zu verknupfen sei. Nun zeige dieses Kastchen weder Buchstaben noch Ziffer, weder Jahrzahl noch sonst eine Andeutung, woraus man den fruhern Besitzer oder Kunstler erraten konne, es sei ihm also vollig unnutz und ohne Interesse.
Der junge Mann stand in grosser Verlegenheit und fragte nach einigem Besinnen, ob er nicht erlauben wolle, solches bei seinen Gerichten niederzulegen? Der Oheim lachelte, wandte sich zu mir und sprach: "Das war' ein hubsches Geschaft fur dich, Hersilie; du hast ja auch allerlei Schmuck und zierliche Kostbarkeiten, leg' es dazu; denn ich wollte wetten, der Freund, der dir nicht gleichgultig blieb, kommt gelegentlich wieder und holt es ab."
Das muss ich nun so hinschreiben, wenn ich treu erzahlen will, und sodann muss ich bekennen, ich sah das Kastchen mit neidischen Augen an, und eine gewisse Habsucht bemachtigte sich meiner. Mir widerte, das herrliche, dem holden Felix vom Schicksal zugedachte Schatzkastlein in dem alt-eisernen, verrosteten Depositenkasten der Gerichtsstube zu wissen. Wunschelrutenartig zog sich die Hand darnach, mein bisschen Vernunft hielt sie zuruck; ich hatte ja den Schlussel, das durfte ich nicht entdecken; und sollte ich mir die Qual antun, das Schloss uneroffnet zu lassen, oder mich der unbefugten Kuhnheit hingeben, es aufzuschliessen? Allein, ich weiss nicht, war es Wunsch oder Ahnung, ich stellte mir vor, Sie kamen, kamen bald, waren schon da, wenn ich auf mein Zimmer trate; genug, es war mir so wunderlich, so seltsam, so konfus, wie es mir immer geht, wenn ich aus meiner gleichmutigen Heiterkeit herausgenotigt werde. Ich sage nichts weiter, beschreibe nicht, entschuldige nicht; genug, hier liegt das Kastchen vor mir in meiner Schatulle, der Schlussel daneben, und wenn Sie eine Art von Herz und Gemut haben, so denken Sie, wie mir zumute ist, wie viele Leidenschaften sich in mir herumkampfen, wie ich Sie herwunsche, auch wohl Felix dazu, dass es ein Ende werde, wenigstens dass eine Deutung vorgehe, was damit gemeint sei, mit diesem wunderbaren Finden, Wiederfinden, Trennen und Vereinigen; und sollte ich auch nicht aus aller Verlegenheit gerettet werden, so wunsche ich wenigstens sehnlichst, dass diese sich aufklare, sich endige, wenn mir auch, wie ich furchte, etwas Schlimmeres begegnen sollte.
Achtes Kapitel
Unter den Papieren, die uns zur Redaktion vorliegen, finden wir einen Schwank, den wir ohne weitere Vorbereitung hier einschalten, weil unsre Angelegenheiten immer ernsthafter werden und wir fur dergleichen Unregelmassigkeiten fernerhin keine Stelle finden mochten.
Im ganzen mochte diese Erzahlung dem Leser nicht unangenehm sein, wie sie St. Christoph am heitern Abend einem Kreise versammelter lustiger Gesellen vortrug.
Die gefahrliche Wette
Es ist bekannt, dass die Menschen, sobald es ihnen einigermassen wohl und nach ihrem Sinne geht, alsobald nicht wissen, was sie vor Ubermut anfangen sollen; und so hatten denn auch mutwillige Studenten die Gewohnheit, wahrend der Ferien scharenweis das Land zu durchziehen und nach ihrer Art Suiten zu reissen, welche freilich nicht immer die besten Folgen hatten. Sie waren gar verschiedener Art, wie sie das Burschenleben zusammenfuhrt und bindet. Ungleich von Geburt und Wohlhabenheit, Geist und Bildung, aber alle gesellig in einem heitern Sinne miteinander einander sich fortbewegend und treibend. Mich aber wahlten sie oft zum Gesellen: denn wenn ich schwerere Lasten trug als einer von ihnen, so mussten sie mir denn auch den Ehrentitel eines grossen Suitiers erteilen, und zwar hauptsachlich deshalb, weil ich seltener, aber desto kraftiger meine Possen trieb, wovon denn folgendes ein Zeugnis geben mag.
Wir hatten auf unseren Wanderungen ein angenehmes Bergdorf erreicht, das bei einer abgeschiedenen Lage den Vorteil einer Poststation und in grosser Einsamkeit ein paar hubsche Madchen zu Bewohnerinnen hatte. Man wollte ausruhen, die Zeit verschlendern, verliebeln, eine Weile wohlfeiler leben und deshalb desto mehr Geld vergeuden.
Es war gerade nach Tisch, als einige sich im erhohten, andere im erniedrigten Zustand befanden. Die einen lagen und schliefen ihren Rausch aus; die andern hatten ihn gern auf irgendeine mutwillige Weise ausgelassen. Wir hatten ein paar grosse Zimmer im Seitenflugel nach dem Hof zu. Eine schone Equipage, die mit vier Pferden hereinrasselte, zog uns an die Fenster. Die Bedienten sprangen vom Bock und halfen einem Herrn von stattlichem, vornehmem Ansehen heraus, der ungeachtet seiner Jahre noch rustig genug auftrat. Seine grosse, wohlgebildete Nase fiel mir zuerst ins Gesicht, und ich weiss nicht, was fur ein boser Geist mich anhauchte, so dass ich in einem Augenblick den tollsten Plan erfand und ihn, ohne weiter zu denken, sogleich auszufuhren begann.
"Was dunkt euch von diesem Herrn?" fragte ich die Gesellschaft. "Er sieht aus", versetzte der eine, "als ob er so nicht mit sich spassen lasse." "Ja, ja", sagte der andre, "er hat ganz das Ansehen so eines vornehmen Ruhrmichnichtan." "Und dessenungeachtet", erwiderte ich ganz getrost, "was wettet ihr, ich will ihn bei der Nase zupfen, ohne dass mir deshalb etwas Ubles widerfahre; ja ich will mir sogar dadurch einen gnadigen Herrn an ihm verdienen."
"Wenn du es leistest", sagte Raufbold, "so zahlt dir jeder einen Louisdor." "Kassieren Sie das Geld fur mich ein", rief ich aus; "auf Sie verlasse ich mich." "Ich mochte lieber einem Lowen ein Haar von der Schnauze raufen", sagte der Kleine. "Ich habe keine Zeit zu verlieren", versetzte ich und sprang die Treppe hinunter.
Bei dem ersten Anblick des Fremden hatte ich bemerkt, dass er einen sehr starken Bart hatte, und vermutete, dass keiner von seinen Leuten rasieren konne. Nun begegnete ich dem Kellner und fragte: "Hat der Fremde nicht nach einem Barbier gefragt?" "Freilich!" versetzte der Kellner, "und es ist eine rechte Not. Der Kammerdiener des Herrn ist schon zwei Tage zuruckgeblieben. Der Herr will seinen Bart absolut los sein, und unser einziger Barbier, wer weiss, wo er in die Nachbarschaft hingegangen."
"So meldet mich an", versetzte ich; "fuhrt mich als Bartscherer bei dem Herrn nur ein, und Ihr werdet Ehre mit mir einlegen." Ich nahm das Rasierzeug, das ich im Hause fand, und folgte dem Kellner.
Der alte Herr empfing mich mit grosser Gravitat, besah mich von oben bis unten, als ob er meine Geschicklichkeit aus mir herausphysiognomieren wollte. "Versteht Er Sein Handwerk?" sagte er zu mir.
"Ich suche meinesgleichen", versetzte ich, "ohne mich zu ruhmen." Auch war ich meiner Sache gewiss: denn ich hatte fruh die edle Kunst getrieben und war besonders deswegen beruhmt, weil ich mit der linken Hand rasierte.
Das Zimmer, in welchem der Herr seine Toilette machte, ging nach dem Hof und war gerade so gelegen, dass unsere Freunde fuglich hereinsehen konnten, besonders wenn die Fenster offen waren. An gehoriger Vorrichtung fehlte nichts mehr. Der Patron hatte sich gesetzt und das Tuch vorgenommen. Ich trat ganz bescheidentlich vor ihn hin und sagte: "Exzellenz! mir ist bei Ausubung meiner Kunst das Besondere vorgekommen, dass ich die gemeinen Leute besser und zu mehrerer Zufriedenheit rasiert habe als die Vornehmen. Daruber habe ich denn lange nachgedacht und die Ursache bald da, bald dort gesucht, endlich aber gefunden, dass ich meine Sache in freier Luft viel besser mache als in verschlossenen Zimmern. Wollten Ew. Exzellenz deshalb erlauben, dass ich die Fenster aufmache, so wurden Sie den Effekt zu eigener Zufriedenheit gar bald empfinden." Er gab es zu, ich offnete das Fenster, gab meinen Freunden einen Wink und fing an, den starken Bart mit grosser Anmut einzuseifen. Ebenso behend und leicht strich ich das Stoppelfeld vom Boden weg, wobei ich nicht versaumte, als es an die Oberlippe kam, meinen Gonner bei der Nase zu fassen und sie merklich heruber und hinuber zu biegen, wobei ich mich so zu stellen wusste, dass die Wettenden zu ihrem grossten Vergnugen erkennen und bekennen mussten, ihre Seite habe verloren.
Sehr stattlich bewegte sich der alte Herr gegen den Spiegel: man sah, dass er sich mit einiger Gefalligkeit betrachtete, und wirklich, es war ein sehr schoner Mann. Dann wendete er sich zu mir mit einem feurigen schwarzen, aber freundlichen Blick und sagte: "Er verdient, mein Freund, vor vielen seinesgleichen gelobt zu werden, denn ich bemerke an Ihm weit weniger Unarten als an andern. So fahrt Er nicht zwei-, dreimal uber dieselbige Stelle, sondern es ist mit einem Strich getan; auch streicht Er nicht, wie mehrere tun, sein Schermesser in der flachen Hand ab und fuhrt den Unrat nicht der Person uber die Nase. Besonders aber ist Seine Geschicklichkeit der linken Hand zu bewundern. Hier ist etwas fur Seine Muhe", fuhr er fort, indem er mir einen Gulden reichte. "Nur eines merk' Er sich: dass man Leute von Stande nicht bei der Nase fasst. Wird Er diese baurische Sitte kunftig vermeiden, so kann Er wohl noch in der Welt sein Gluck machen."
Ich verneigte mich tief, versprach alles mogliche, bat ihn, bei allenfallsiger Ruckkehr mich wieder zu beehren, und eilte, was ich konnte, zu unseren jungen Gesellen, die mir zuletzt ziemlich Angst gemacht hatten. Denn sie verfuhrten ein solches Gelachter und ein solches Geschrei, sprangen wie toll in der Stube herum, klatschten und riefen, weckten die Schlafenden und erzahlten die Begebenheit immer mit neuem Lachen und Toben, dass ich selbst, als ich ins Zimmer trat, die Fenster vor allen Dingen zumachte und sie um Gottes willen bat, ruhig zu sein, endlich aber mitlachen musste uber das Aussehen einer narrischen Handlung, die ich mit so vielem Ernste durchgefuhrt hatte.
Als nach einiger Zeit sich die tobenden Wellen des Lachens einigermassen gelegt hatten, hielt ich mich fur glucklich; die Goldstucke hatte ich in der Tasche und den wohlverdienten Gulden dazu, und ich hielt mich fur ganz wohl ausgestattet, welches mir um so erwunschter war, als die Gesellschaft beschlossen hatte, des andern Tages auseinanderzugehen. Aber uns war nicht bestimmt, mit Zucht und Ordnung zu scheiden. Die Geschichte war zu reizend, als dass man sie hatte bei sich behalten konnen, so sehr ich auch gebeten und beschworen hatte, nur bis zur Abreise des alten Herrn reinen Mund zu halten. Einer bei uns, der Fahrige genannt, hatte ein Liebesverstandnis mit der Tochter des Hauses. Sie kamen zusammen, und Gott weiss, ob er sie nicht besser zu unterhalten wusste, genug, er erzahlt ihr den Spass, und so wollten sie sich nun zusammen totlachen. Dabei blieb es nicht, sondern das Madchen brachte die Mare lachend weiter, und so mochte sie endlich noch kurz vor Schlafengehen an den alten Herrn gelangen.
Wir sassen ruhiger als sonst: denn es war den Tag uber genug getobt worden, als auf einmal der kleine Kellner, der uns sehr zugetan war, hereinsprang und rief: "Rettet euch, man wird euch totschlagen!" Wir fuhren auf und wollten mehr wissen; er aber war schon zur Ture wieder hinaus. Ich sprang auf und schob den Nachtriegel vor; schon aber horten wir an der Ture pochen und schlagen, ja wir glaubten zu horen, dass sie durch eine Axt gespalten werde. Maschinenmassig zogen wir uns ins zweite Zimmer zuruck, alle waren verstummt: "Wir sind verraten", rief ich aus, "der Teufel hat uns bei der Nase!"
Raufbold griff nach seinem Degen, ich zeigte hier abermals meine Riesenkraft und schob ohne Beihulfe eine schwere Kommode vor die Ture, die glucklicherweise hereinwarts ging. Doch horten wir schon das Gepolter im Vorzimmer und die heftigsten Schlage an unsere Ture.
Raufbold schien entschieden, sich zu verteidigen, wiederholt aber rief ich ihm und den ubrigen zu: "Rettet euch! hier sind Schlage zu furchten nicht allein, aber Beschimpfung, das Schlimmere fur den Edelgebornen." Das Madchen sturzte herein, dieselbe, die uns verraten hatte, nun verzweifelnd, ihren Liebhaber in Todesgefahr zu wissen. "Fort, fort!" rief sie und fasste ihn an; "fort, fort! ich bring' euch uber Boden, Scheunen und Gange. Kommt alle, der letzte zieht die Leiter nach."
Alles sturzte nun zur Hinterture hinaus; ich hob noch einen Koffer auf die Kiste, um die schon hereinbrechenden Fullungen der belagerten Ture zuruckzuschieben und festzuhalten. Aber meine Beharrlichkeit, mein Trutz wollte mir verderblich werden.
Als ich den ubrigen nachzueilen rannte, fand ich die Leiter schon aufgezogen und sah alle Hoffnung, mich zu retten, ganzlich versperrt. Da steh' ich nun, ich, der eigentliche Verbrecher, der ich mit heiler Haut, mit ganzen Knochen zu entrinnen schon aufgab. Und wer weiss doch lasst mich immer dort in Gedanken stehen, da ich jetzt hier gegenwartig euch das Marchen vorerzahlen kann. Nur vernehmt noch, dass diese verwegene Suite sich in schlechte Folgen verlor.
Der alte Herr, tief gekrankt von Verhohnung ohne Rache, zog sich's zu Gemute, und man behauptet, dieses Ereignis habe seinen Tod zur Folge gehabt, wo nicht unmittelbar, doch mitwirkend. Sein Sohn, den Tatern auf die Spur zu gelangen trachtend, erfuhr unglucklicherweise die Teilnahme Raufbolds, und erst nach Jahren hieruber ganz klar, forderte er diesen heraus, und eine Wunde, ihn, den schonen Mann, entstellend, ward argerlich fur das ganze Leben. Auch seinem Gegner verdarb dieser Handel einige schone Jahre, durch zufallig sich anschliessende Ereignisse.
Da nun jede Fabel eigentlich etwas lehren soll, so ist euch allen, wohin die gegenwartige gemeint sei, wohl uberklar und deutlich.
Neuntes Kapitel
Der hochst bedeutende Tag war angebrochen, heute sollten die ersten Schritte zur allgemeinen Fortwanderung eingeleitet werden, heut sollte sich's entscheiden, wer denn wirklich in die Welt hinaus gehen, oder wer lieber diesseits, auf dem zusammenhangenden Boden der alten Erde verweilen und sein Gluck versuchen wolle.
Ein munteres Lied erscholl in allen Strassen des heitern Fleckens; Massen taten sich zusammen, die einzelnen Glieder eines jeden Handwerks schlossen sich aneinander an, und so zogen sie, unter einstimmigem Gesang, nach einer durch das Los entschiedenen Ordnung in den Saal.
Die Vorgesetzten, wie wir Lenardo, Friedrichen und den Amtmann bezeichnen wollen, waren eben im Begriff, ihnen zu folgen und den gebuhrenden Platz einzunehmen, als ein Mann von einnehmendem Wesen zu ihnen trat und sich die Erlaubnis ausbat, an der Versammlung teilnehmen zu konnen. Ihm ware nichts abzuschlagen gewesen, so gesittet, zuvorkommend und freundlich war sein Betragen, wodurch eine imposante Gestalt, welche sowohl nach der Armee als dem Hofe und dem geselligen Leben hindeutete, sich hochst anmutig erwies. Er trat mit den ubrigen hinein, man uberliess ihm einen Ehrenplatz; alle hatten sich gesetzt, Lenardo blieb stehen und fing folgendermassen zu reden an:
"Betrachten wir, meine Freunde, des festen Landes bewohnteste Provinzen und Reiche, so finden wir uberall, wo sich nutzbarer Boden hervortut, denselben bebaut, bepflanzt, geregelt, verschont und in gleichem Verhaltnis gewunscht, in Besitz genommen, befestigt und verteidigt. Da uberzeugen wir uns denn von dem hohen Wert des Grundbesitzes und sind genotigt, ihn als das Erste, das Beste anzusehen, was dem Menschen werden konne. Finden wir nun, bei naherer Ansicht, Eltern- und Kinderliebe, innige Verbindung der Flur- und Stadtgenossen, somit auch das allgemeine patriotische Gefuhl unmittelbar auf den Boden gegrundet, dann erscheint uns jenes Ergreifen und Behaupten des Raums, im grossen und kleinen, immer bedeutender und ehrwurdiger. Ja, so hat es die Natur gewollt! Ein Mensch, auf der Scholle geboren, wird ihr durch Gewohnheit angehorig, beide verwachsen miteinander, und sogleich knupfen sich die schonsten Bande. Wer mochte denn wohl die Grundfeste alles Daseins widerwartig beruhren, Wert und Wurde so schoner, einziger Himmelsgabe verkennen?
Und doch darf man sagen: Wenn das, was der Mensch besitzt, von grossem Wert ist, so muss man demjenigen, was er tut und leistet, noch einen grossern zuschreiben. Wir mogen daher bei volligem Uberschauen den Grundbesitz als einen kleineren Teil der uns verliehenen Guter betrachten. Die meisten und hochsten derselben bestehen aber eigentlich im Beweglichen und in demjenigen, was durchs bewegte Leben gewonnen wird.
Hiernach uns umzusehen, werden wir Jungeren besonders genotigt; denn hatten wir auch die Lust, zu bleiben und zu verharren, von unsern Vatern geerbt, so finden wir uns doch tausendfaltig aufgefordert, die Augen vor weiterer Aus- und Umsicht keineswegs zu verschliessen. Eilen wir deshalb schnell ans Meeresufer und uberzeugen uns mit einem Blick, welch unermessliche Raume der Tatigkeit offenstehen, und bekennen wir schon bei dem blossen Gedanken uns ganz anders aufgeregt.
Doch in solche grenzenlose Weiten wollen wir uns nicht verlieren, sondern unsere Aufmerksamkeit dem zusammenhangenden, weiten, breiten Boden so mancher Lander und Reiche zuwenden. Dort sehen wir grosse Strecken des Landes von Nomaden durchzogen, deren Stadte beweglich, deren lebendig-nahrender Herdenbesitz uberall hinzuleiten ist. Wir sehen sie inmitten der Wuste, auf grossen grunen Weideplatzen, wie in erwunschten Hafen vor Anker liegen. Solche Bewegung, solches Wandern wird ihnen zur Gewohnheit, zum Bedurfnis; endlich betrachten sie die Oberflache der Welt, als ware sie nicht durch Berge gedammt, nicht von Flussen durchzogen. Haben wir doch den Nordosten gesehen sich gegen Sudwesten bewegen, ein Volk das andere vor sich hertreiben, Herrschaft und Grundbesitz durchaus verandert.
Von ubervolkerten Gegenden her wird sich ebendasselbe in dem grossen Weltlauf noch mehrmals ereignen. Was wir von Fremden zu erwarten haben, ware schwer zu sagen; wundersam aber ist es, dass durch eigene Ubervolkerung wir uns einander innerlich drangen und, ohne erst abzuwarten, dass wir vertrieben werden, uns selbst vertreiben, das Urteil der Verbannung gegen einander selbst aussprechend.
Hier ist nun Zeit und Ort, ohne Verdruss und Missmut in unserm Busen einer gewissen Beweglichkeit Raum zu geben, die ungeduldige Lust nicht zu unterdrucken, die uns antreibt, Platz und Ort zu verandern. Doch was wir auch sinnen und vorhaben, geschehe nicht aus Leidenschaft, noch aus irgendeiner andern Notigung, sondern aus einer dem besten Rat entsprechenden Uberzeugung.
Man hat gesagt und wiederholt: 'Wo mir's wohl geht, ist mein Vaterland!'; doch ware dieser trostliche Spruch noch besser ausgedruckt, wenn es hiesse: 'Wo ich nutze, ist mein Vaterland!' Zu Hause kann einer unnutz sein, ohne dass es eben sogleich bemerkt wird; aussen in der Welt ist der Unnutze gar bald offenbar. Wenn ich nun sage: 'Trachte jeder, uberall sich und andern zu nutzen!', so ist dies nicht etwa Lehre noch Rat, sondern der Ausspruch des Lebens selbst.
Nun beschaue man den Erdball und lasse das Meer vorerst unbeachtet, man lasse sich von dem Schiffsgewimmel nicht mit fortreissen und hefte den Blick auf das feste Land und staune, wie es mit einem sich wimmelnd durchkreuzenden Ameisengeschlecht ubergossen ist. Hiezu hat Gott der Herr selbst Anlass gegeben, indem er, den babylonischen Turmbau verhindernd, das Menschengeschlecht in alle Welt zerstreute. Lasset uns ihn darum preisen, denn dieser Segen ist auf alle Geschlechter ubergegangen.
Bemerket nun mit Heiterkeit, wie sich alle Jugend sogleich in Bewegung setzt. Da ihr der Unterricht weder im Hause noch an der Ture geboten wird, eilt sie alsobald nach Landern und Stadten, wohin sie der Ruf des Wissens und der Weisheit verlockt; nach empfangener schneller, massiger Bildung fuhlt sie sich sogleich getrieben, weiter in der Welt umherzuschauen, ob sie da oder dort irgendeine nutzbare Erfahrung, zu ihren Zwecken behulflich, auffinden und erhaschen konne. Mogen sie denn ihr Gluck versuchen! wir aber gedenken sogleich vollendeter, ausgezeichneter Manner, jener edlen Naturforscher, die jeder Beschwerlichkeit, jeder Gefahr wissentlich entgegengehen, um der Welt die Welt zu eroffnen und durch das Unwegsamste hindurch Pfad und Bahn zu bereiten.
Sehet aber auch auf glatten Heerstrassen Staub auf Staub in langen Wolkenzugen emporgeregt, die Spur bezeichnend bequemer, uberpackter Wagen, worin Vornehme, Reiche und so manche andere dahinrollen, deren verschiedene Denkweise und Absicht Yorik uns gar zierlich auseinandersetzt.
Moge nun aber der wackere Handwerker ihnen zu Fusse getrost nachschauen, dem das Vaterland zur Pflicht machte, fremde Geschicklichkeit sich anzueignen und nicht eher, als bis ihm dies gelungen, an den vaterlichen Herd zuruckzukehren. Haufiger aber begegnen wir auf unsern Wegen Marktenden und Handelnden; ein kleiner Kramer sogar darf nicht versaumen, von Zeit zu Zeit seine Bude zu verlassen, Messen und Markte zu besuchen, um sich dem Grosshandler zu nahern und seinen kleinen Vorteil am Beispiel, an der Teilnahme des Grenzenlosen zu steigern. Aber noch unruhiger durchkreuzt sich einzeln, zu Pferde, auf allen Haupt- und Nebenstrassen die Menge derer, die auf unsern Beutel auch gegen unser Wollen Anspruch zu machen beflissen sind. Muster aller Art und Preisverzeichnisse verfolgen uns in Stadt- und Landhausern, und wohin wir uns auch fluchten mogen, geschaftig uberraschen sie uns, Gelegenheit bietend, welche selbst aufzusuchen niemand in den Sinn gekommen ware. Was soll ich aber nun von dem Volke sagen, das den Segen des ewigen Wanderns vor allen andern sich zueignet und durch seine bewegliche Tatigkeit die Ruhenden zu uberlisten und die Mitwandern den zu uberschreiten versteht? Wir durfen weder Gutes noch Boses von ihnen sprechen; nichts Gutes, weil sich unser Bund vor ihnen hutet, nichts Boses, weil der Wanderer jeden Begegnenden freundlich zu behandeln, wechselseitigen Vorteils eingedenk, verpflichtet ist.
Nun aber vor allen Dingen haben wir der samtlichen Kunstler mit Teilnahme zu gedenken, denn sie sind auch durchaus in die Weltbewegung mit verflochten. Wandert nicht der Maler mit Staffelei und Palette von Gesicht zu Gesicht? und werden seine Kunstgenossen nicht bald da-, bald dorthin berufen, weil uberall zu bauen und zu bilden ist? Lebhafter jedoch schreitet der Musiker daher, denn er ist es eigentlich, der fur ein neues Ohr neue Uberraschung, fur einen frischen Sinn frisches Erstaunen bereitet. Die Schauspieler sodann, wenn sie gleich Thespis' Wagen verschmahen, ziehen doch noch immer in kleineren Choren umher, und ihre bewegliche Welt ist an jeder Stelle behend genug auferbaut. Ebenso verandern sie einzeln, sogar ernste, vorteilhafte Verbindungen aufgebend, gern den Ort mit dem Orte, wozu ein gesteigertes Talent mit zugleich gesteigertem Bedurfnis Anlass und Vorwand gibt. Hierzu bereiten sie sich gewohnlich dadurch vor, dass sie kein bedeutendes Brettergerust des Vaterlandes unbestiegen lassen.
Hiernach werden wir sogleich gemahnt, auf den Lehrstand zu sehen; diesen findet ihr gleichfalls in fortdauernder Bewegung, ein Katheder um das andere wird betreten und verlassen, um den Samen eiliger Bildung ja nach allen Seiten hin reichlich auszuspenden. Emsiger aber und weiter ausgreifend sind jene frommen Seelen, die, das Heil den Volkern zu bringen, sich durch alle Weltteile zerstreuen. Dagegen pilgern andere, sich das Heil abzuholen; sie ziehen zu ganzen Scharen nach geweihter, wundertatiger Stelle, dort zu suchen und zu empfangen, was ihrem Innern zu Hause nicht verliehen ward.
Wenn uns nun diese samtlich nicht in Verwunderung setzen, weil ihr Tun und Lassen ohne Wandern meist nicht denkbar ware, so sollten wir diejenigen, die ihren Fleiss dem Boden widmen, doch wenigstens an denselben gefesselt halten. Keineswegs! Auch ohne Besitz lasst sich Benutzung denken, und wir sehen den eifrigen Landwirt eine Flur verlassen, die ihm als Zeitpachter Vorteil und Freude mehrere Jahre gewahrt hat; ungeduldig forscht er nach gleichen oder grosseren Vorteilen, es sei nah oder fern. Ja sogar der Eigentumer verlasst seinen erst gerodeten Neubruch, sobald er ihn durch Kultur einem weniger gewandten Besitzer erst angenehm gemacht hat; aufs neue dringt er in die Wuste, macht sich abermals in Waldern Platz, zur Belohnung jenes ersten Bemuhens einen doppelt und dreifach grossern Raum, auf dem er vielleicht auch nicht zu beharren gedenkt.
Lassen wir ihn dort mit Baren und anderm Getier sich herumschlagen und kehren in die gebildete Welt zuruck, wo wir es auch keineswegs beruhigter antreffen. Irgendein grosses, geregeltes Reich beschaue man, wo der Fahigste sich als den Beweglichsten denken muss; nach dem Winke des Fursten, nach Anordnung des Staatsrats wird der Brauchbare von einem Ort zum andern versetzt. Auch ihm gilt unser Zuruf: 'Suchet uberall zu nutzen, uberall seid ihr zu Hause.' Sehen wir aber bedeutende Staatsmanner, obwohl ungern, ihren hohen Posten verlassen, so haben wir Ursache, sie zu bedauern, da wir sie weder als Auswanderer noch als Wanderer anerkennen durfen; nicht als Auswanderer, weil sie einen wunschenswerten Zustand entbehren, ohne dass irgendeine Aussicht auf bessere Zustande sich auch nur scheinbar eroffnete; nicht als Wanderer, weil ihnen anderer Orten auf irgendeine Weise nutzlich zu sein selten vergonnt ist.
Zu einem eigenen Wanderleben jedoch ist der Soldat berufen; selbst im Frieden wird ihm bald dieser, bald jener Posten angewiesen; furs Vaterland nah oder fern zu streiten, muss er sich immer beweglich erhalten; und nicht nur furs unmittelbare Heil, sondern auch nach dem Sinne der Volker und Herrscher wendet er seinen Schritt allen Weltteilen zu, und nur wenigen ist es vergonnt, sich hie oder da anzusiedeln. Wie nun bei dem Soldaten die Tapferkeit als erste Eigenschaft obenan steht, so wird sie doch stets mit der Treue verbunden gedacht, deshalb wir denn gewisse wegen ihrer Zuverlassigkeit geruhmte Volker, aus der Heimat gerufen, weltlichen und geistlichen Regenten als Leibwache dienen sehen.
Noch eine sehr bewegliche, dem Staat unentbehrliche Klasse erblicken wir in jenen Geschaftsmannern, welche, von Hof zu Hofe gesandt, Fursten und Minister umlagern und die ganze bewohnte Welt mit unsichtbaren Faden uberkreuzen. Auch deren ist keiner an Ort und Stelle auch nur einen Augenblick sicher; im Frieden sendet man die tuchtigsten von einer Weltgegend zur andern; im Kriege, dem siegenden Heere nachziehend, dem fluchtigen die Wege bahnend, sind sie immer eingerichtet, einen Ort um den andern zu verlassen, deshalb sie auch jederzeit einen grossen Vorrat von Abschiedskarten mit sich fuhren.
Haben wir uns nun bisher auf jedem Schritt zu ehren gewusst, indem wir die vorzuglichste Masse tatiger Menschen als unsere Gesellen und Schicksalsgenossen angesprochen, so stehet euch, teure Freunde, zum Abschluss noch die hochste Gunst bevor, indem ihr euch mit Kaisern, Konigen und Fursten verbrudert findet. Denken wir zuerst segnend jenes edlen kaiserlichen Wanderers Hadrian, welcher zu Fuss, an der Spitze seines Heers, den bewohnten, ihm unterworfenen Erdkreis durchschritt und ihn so erst vollkommen in Besitz nahm. Denken wir mit Schaudern der Eroberer, jener gewaffneten Wanderer, gegen die kein Widerstreit helfen, Mauer und Bollwerk harmlose Volker nicht schirmen konnte; begleiten wir endlich mit redlichem Bedauern jene unglucklichen vertriebenen Fursten, die, von dem Gipfel der Hohe herabsteigend, nicht einmal in die bescheidene Gilde tatiger Wanderer aufgenommen werden konnten.
Da wir uns nun alles dieses einander vergegenwartigt und aufgeklart, so wird kein beschrankter Trubsinn, keine leidenschaftliche Dunkelheit uber uns walten. Die Zeit ist voruber, wo man abenteuerlich in die weite Welt rannte; durch die Bemuhungen wissenschaftlicher, weislich beschreibender, kunstlerisch nachbildender Weltumreiser sind wir uberall bekannt genug, dass wir ungefahr wissen, was zu erwarten sei.
Doch kann zu einer vollkommenen Klarheit der einzelne nicht gelangen. Unsere Gesellschaft aber ist darauf gegrundet, dass jeder in seinem Masse, nach seinen Zwecken aufgeklart werde. Hat irgendeiner ein Land im Sinne, wohin er seine Wunsche richtet, so suchen wir ihm das einzelne deutlich zu machen, was im ganzen seiner Einbildungskraft vorschwebte; uns wechselseitig einen Uberblick der bewohnten und bewohnbaren Welt zu geben, ist die angenehmste, hochst belohnende Unterhaltung.
In solchem Sinne nun durfen wir uns in einem Weltbunde begriffen ansehen. Einfach-gross ist der Gedanke, leicht die Ausfuhrung durch Verstand und Kraft. Einheit ist allmachtig, deshalb keine Spaltung, kein Widerstreit unter uns. Insofern wir Grundsatze haben, sind sie uns allen gemein. Der Mensch, so sagen wir, lerne sich ohne dauernden ausseren Bezug zu denken, er suche das Folgerechte nicht an den Umstanden, sondern in sich selbst, dort wird er's finden, mit Liebe hegen und pflegen. Er wird sich ausbilden und einrichten, dass er uberall zu Hause sei. Wer sich dem Notwendigsten widmet, geht uberall am sichersten zum Ziel; andere hingegen, das Hohere, Zartere suchend, haben schon in der Wahl des Weges vorsichtiger zu sein. Doch was der Mensch auch ergreife und handhabe, der einzelne ist sich nicht hinreichend, Gesellschaft bleibt eines wackern Mannes hochstes Bedurfnis. Alle brauchbaren Menschen sollen in Bezug untereinander stehen, wie sich der Bauherr nach dem Architekten und dieser nach Maurer und Zimmermann umsieht.
Und so ist denn allen bekannt, wie und auf welche Weise unser Bund geschlossen und gegrundet sei; niemand sehen wir unter uns, der nicht zweckmassig seine Tatigkeit jeden Augenblick uben konnte, der nicht versichert ware, dass er uberall, wohin Zufall, Neigung, ja Leidenschaft ihn fuhren konnte, sich immer wohl empfohlen, aufgenommen und gefordert, ja von Unglucksfallen moglichst wiederhergestellt finden werde.
Zwei Pflichten sodann haben wir aufs strengste ubernommen: jeden Gottesdienst in Ehren zu halten, denn sie sind alle mehr oder weniger im Credo verfasst; ferner alle Regierungsformen gleichfalls gelten zu lassen und, da sie samtlich eine zweckmassige Tatigkeit fordern und befordern, innerhalb einer jeden uns, auf wie lange es auch sei, nach ihrem Willen und Wunsch zu bemuhen. Schliesslich halten wir's fur Pflicht, die Sittlichkeit ohne Pedanterei und Strenge zu uben und zu fordern, wie es die Ehrfurcht vor uns selbst verlangt, welche aus den drei Ehrfurchten entspriesst, zu denen wir uns samtlich bekennen, auch alle in diese hohere, allgemeine Weisheit, einige sogar von Jugend auf, eingeweiht zu sein das Gluck und die Freude haben. Dieses alles haben wir in der feierlichen Trennungsstunde nochmals bedenken, erklaren, vernehmen und anerkennen, auch mit einem traulichen Lebewohl besiegeln wollen.
Bleibe nicht am Boden heften,
Frisch gewagt und frisch hinaus!
Kopf und Arm mit heitern Kraften,
Uberall sind sie zu Haus;
Wo wir uns der Sonne freuen,
Sind wir jede Sorge los.
Dass wir uns in ihr zerstreuen,
Darum ist die Welt so gross."
Zehntes Kapitel
Unter dem Schlussgesange richtete sich ein grosser Teil der Anwesenden rasch empor und zog paarweise geordnet mit weit umherklingendem Schalle den Saal hinaus. Lenardo, sich niedersetzend, fragte den Gast: ob er sein Anliegen hier offentlich vorzutragen gedenke oder eine besondere Sitzung verlange? Der Fremde stand auf, begrusste die Gesellschaft und begann folgende Rede:
"Hier ist es, gerade in solcher Versammlung, wo ich mich vorerst ohne weiteres zu erklaren wunsche. Diese hier in Ruhe verbliebenen, dem Anblick nach samtlich wackern Manner geben schon durch ein solches Verharren deutlich Wunsch und Absicht zu erkennen, dem vaterlandischen Grund und Boden auch fernerhin angehoren zu wollen. Sie sind mir alle freundlich gegrusst, denn ich darf erklaren: dass ich ihnen samtlich, wie sie sich hier ankundigen, ein hinreichendes Tagewerk auf mehrere Jahre anzubieten im Fall bin. Ich wunsche jedoch, aber erst nach kurzer Frist, eine nochmalige Zusammenkunft, weil es notig ist, vor allen Dingen den wurdigen Vorstehern, welche bisher diese wackern Leute zusammenhielten, meine Angelegenheit vertraulich zu offenbaren und sie von der Zuverlassigkeit meiner Sendung zu uberzeugen. Sodann aber will es sich ziemen, mich mit den Verharrenden im einzelnen zu besprechen, damit ich erfahre, mit welchen Leistungen sie mein stattliches Anerbieten zu erwidern gedenken."
Hierauf begehrte Lenardo einige Frist, die notigsten Geschafte des Augenblicks zu besorgen, und nachdem diese bestimmt war, richtete sich die Masse der Ubriggebliebenen anstandig in die Hohe, gleichfalls paarweise unter einem massig geselligen Gesang aus dem Saale sich entfernend.
Odoard entdeckte sodann den zuruckbleibenden beiden Fuhrern seine Absichten und Vorsatze und zeigte sodann seine Berechtigung hiezu. Nun konnte er aber mit so vorzuglichen Menschen in fernerer Unterhaltung von dem Geschaft nicht Rechenschaft geben, ohne des menschlichen Grundes zu gedenken, worauf das Ganze eigentlich beruhe. Wechselseitige Erklarungen und Bekenntnisse tiefer Herzensangelegenheiten entfalteten sich hieraus bei fortgesetztem Gesprach. Bis tief in die Nacht blieb man zusammen und verwickelte sich immer unentwirrbarer in die Labyrinthe menschlicher Gesinnungen und Schicksale. Hier nun fand sich Odoard bewogen, nach und nach von den Angelegenheiten seines Geistes und Herzens fragmentarische Rechenschaft zu geben, deshalb denn auch von diesem Gesprache uns freilich nur unvollstandige und unbefriedigende Kenntnis zugekommen. Doch sollen wir auch hier Friedrichs glucklichem Talent des Auffassens und Festhaltens die Vergegenwartigung interessanter Szenen verdanken, sowie einige Aufklarung uber den Lebensgang eines vorzuglichen Mannes, der uns zu interessieren anfangt, wenn es auch nur Andeutungen waren desjenigen, was in der Folge vielleicht ausfuhrlicher und im Zusammenhange mitzuteilen ist.
Nicht zu weit
Es schlug zehn in der Nacht, und so war denn zur verabredeten Stunde alles bereit: im bekranzten Salchen zu vieren eine geraumige, artige Tafel gedeckt, mit feinem Nachtisch und Zuckerzierlichkeiten zwischen blinkenden Leuchtern und Blumen bestellt. Wie freuten sich die Kinder auf diese Nachkost, denn sie sollten mit zu Tische sitzen; indessen schlichen sie umher, geputzt und maskiert, und weil Kinder nicht zu entstellen sind, erschienen sie als die niedlichsten Zwillingsgenien. Der Vater berief sie zu sich, und sie sagten das Festgesprach, zu ihrer Mutter Geburtstag gedichtet, bei weniger Nachhulfe gar schicklich her.
Die Zeit verstrich, von Viertel- zu Viertelstunde enthielt die gute Alte sich nicht, des Freundes Ungeduld zu vermehren. Mehrere Lampen, sagte sie, seien auf der Treppe dem Erloschen ganz nahe, ausgesuchte Lieblingsspeisen der Gefeierten konnten ubergar werden, so sei es zu befurchten. Die Kinder aus Langerweile fingen erst unartig an, und aus Ungeduld wurden sie unertraglich. Der Vater nahm sich zusammen, und doch wollte die angewohnte Gelassenheit ihm nicht zu Gebote stehen; er horchte sehnsuchtig auf die Wagen, einige rasselten unaufgehalten vorbei, ein gewisses Argernis wollte sich regen. Zum Zeitvertreib forderte er noch eine Repetition von den Kindern; diese, im Uberdruss unachtsam, zerstreut und ungeschickt, sprachen falsch, keine Gebarde war mehr richtig, sie ubertrieben wie Schauspieler, die nichts empfinden. Die Pein des guten Mannes wuchs mit jedem Momente, halb eilf Uhr war voruber; das Weitere zu schildern, uberlassen wir ihm selbst.
"Die Glocke schlug eilfe, meine Ungeduld war bis zur Verzweiflung gesteigert, ich hoffte nicht mehr, ich furchtete. Nun war mir bange, sie mochte hereintreten, mit ihrer gewohnlichen leichten Anmut sich fluchtig entschuldigen, versichern, dass sie sehr mude sei, und sich betragen, als wurfe sie mir vor, ich beschranke ihre Freuden. In mir kehrte sich alles um und um, und gar vieles, was ich Jahre her geduldet, lastete wiederkehrend auf meinem Geiste. Ich fing an, sie zu hassen, ich wusste kein Betragen zu denken, wie ich sie empfangen sollte. Die guten Kinder, wie Engelchen herausgeputzt, schliefen ruhig auf dem Sofa. Unter meinen Fussen brannte der Boden, ich begriff, ich verstand mich nicht, und mir blieb nichts ubrig als zu fliehen, bis nur die nachsten Augenblicke uberstanden waren. Ich eilte, leicht und festlich angezogen wie ich war, nach der Hausture. Ich weiss nicht, was ich der guten Alten fur einen Vorwand hinstotterte, sie drang mir einen Uberrock zu, und ich fand mich auf der Strasse in einem Zustande, den ich seit langen Jahren nicht empfunden hatte. Gleich dem jungsten leidenschaftlichen Menschen, der nicht wo ein noch aus weiss, rannt' ich die Gassen hin und wider. Ich hatte das freie Feld gewonnen, aber ein kalter, feuchter Wind blies streng und widerwartig genug, um meinen Verdruss zu begrenzen."
Wir haben, wie an dieser Stelle auffallend zu bemerken ist, die Rechte des epischen Dichters uns anmassend, einen geneigten Leser nur allzu schnell in die Mitte leidenschaftlicher Darstellung gerissen. Wir sehen einen bedeutenden Mann in hauslicher Verwirrung, ohne von ihm etwas weiter erfahren zu haben; deshalb wir denn fur den Augenblick, um nur einigermassen den Zustand aufzuklaren, uns zu der guten Alten gesellen, horchend, was sie allenfalls vor sich hin, bewegt und verlegen, leise murmeln oder laut ausrufen mochte.
"Ich hab' es langst gedacht, ich habe es vorausgesagt, ich habe die gnadige Frau nicht geschont, sie ofter gewarnt, aber es ist starker wie sie. Wenn der Herr sich des Tags auf der Kanzlei, in der Stadt, auf dem Lande in Geschaften abmudet, so findet er abends ein leeres Haus, oder Gesellschaft, die ihm nicht zusagt. Sie kann es nicht lassen. Wenn sie nicht immer Menschen, Manner um sich sieht, wenn sie nicht hin und wider fahrt, sich an- und aus- und umziehen kann, ist es, als wenn ihr der Atem ausginge. Heute an ihrem Geburtstag fahrt sie fruh aufs Land. Gut! wir machen indes hier alles zurecht; sie verspricht heilig, um so neun Uhr zu Hause zu sein; wir sind bereit. Der Herr uberhort die Kinder ein auswendig gelerntes artiges Gedicht, sie sind herausgeputzt; Lampen und Lichter, Gesottenes und Gebratenes, an gar nichts fehlt es, aber sie kommt nicht. Der Herr hat viel Gewalt uber sich, er verbirgt seine Ungeduld, sie bricht aus. Er entfernt sich aus dem Hause so spat. Warum, ist offenbar; aber wohin? Ich habe ihr oft mit Nebenbuhlerinnen gedroht, ehrlich und redlich. Bisher hab' ich am Herrn nichts bemerkt; eine Schone passt ihm langst auf, bemuht sich um ihn. Wer weiss, wie er bisher gekampft hat. Nun bricht's los, diesmal treibt ihn die Verzweiflung, seinen guten Willen nicht besser anerkannt zu sehen, bei Nacht aus dem Hause, da geb' ich alles verloren. Ich sagt' es ihr mehr als einmal, sie solle es nicht zu weit treiben."
Suchen wir den Freund nun wieder auf und horen ihn selber.
"In dem angesehensten Gasthofe sah ich unten Licht, klopfte am Fenster und fragte den herausschauenden Kellner mit bekannter Stimme: ob nicht Fremde angekommen oder angemeldet seien? Schon hatte er das Tor geoffnet, verneinte beides und bat mich hereinzutreten. Ich fand es meiner Lage gemass, das Marchen fortzusetzen, ersuchte ihn um ein Zimmer, das er mir gleich im zweiten Stock einraumte; der erste sollte, wie er meinte, fur die erwarteten Fremden bleiben. Er eilte, einiges zu veranstalten, ich liess es geschehen und verburgte mich fur die Zeche. So weit war's voruber; ich aber fiel wieder in meine Schmerzen zuruck, vergegenwartigte mir alles und jedes, erhohte und milderte, schalt mich und suchte mich zu fassen, zu besanftigen: liesse sich doch morgen fruh alles wieder einleiten; ich dachte mir schon den Tag abermals im gewohnten Gange; dann aber kampfte sich aufs neue der Verdruss unbandig hervor: ich hatte nie geglaubt, dass ich so unglucklich sein konne."
An dem edlen Manne, den wir hier so unerwartet uber einen gering scheinenden Vorfall in leidenschaftlicher Bewegung sehen, haben unsere Leser gewiss schon in dem Grade teilgenommen, dass sie nahere Nachricht von seinen Verhaltnissen zu erfahren wunschen. Wir benutzen die Pause, die hier in das nachtliche Abenteuer eintritt, indem er stumm und heftig in dem Zimmer auf und ab zu gehen fortfahrt.
Wir lernen Odoard als den Sprossling eines alten Hauses kennen, auf welchen durch eine Folge von Generationen die edelsten Vorzuge vererbt worden. In der Militarschule gebildet, ward ihm ein gewandter Anstand zu eigen, der, mit den loblichsten Fahigkeiten des Geistes verbunden, seinem Betragen eine ganz besondere Anmut verlieh. Ein kurzer Hofdienst lehrte ihn die aussern Verhaltnisse hoher Personlichkeiten gar wohl einsehen, und als er nun hierauf, durch fruh erworbene Gunst einer gesandtschaftlichen Sendung angeschlossen, die Welt zu sehen und fremde Hofe zu kennen Gelegenheit hatte, so tat sich die Klarheit seiner Auffassung und gluckliches Gedachtnis des Vorgegangenen bis aufs genaueste, besonders aber ein guter Wille in Unternehmungen aller Art aufs baldigste hervor. Die Leichtigkeit des Ausdrucks in manchen Sprachen, bei einer freien und nicht aufdringlichen Personlichkeit, fuhrten ihn von einer Stufe zur andern; er hatte Gluck bei allen diplomatischen Sendungen, weil er das Wohlwollen der Menschen gewann und sich dadurch in den Vorteil setzte, Misshelligkeiten zu schlichten, besonders auch die beiderseitigen Interessen bei gerechter Erwagung vorliegender Grunde zu befriedigen wusste.
Einen so vorzuglichen Mann sich anzueignen, war der erste Minister bedacht; er verheiratete ihm seine Tochter, ein Frauenzimmer von der heitersten Schonheit und gewandt in allen hoheren geselligen Tugenden. Allein wie dem Laufe aller menschlichen Gluckseligkeit sich je einmal ein Damm entgegenstellt, der ihn irgendwo zuruckdrangt, so war es auch hier der Fall. An dem furstlichen Hofe wurde Prinzessin Sophronie als Mundel erzogen, sie, der letzte Zweig ihres Astes, deren Vermogen und Anforderungen, wenn auch Land und Leute an den Oheim zuruckfielen, noch immer bedeutend genug blieben, weshalb man sie denn, um weitlaufige Erorterungen zu vermeiden, an den Erbprinzen, der freilich viel junger war, zu verheiraten wunschte.
Odoard kam in Verdacht einer Neigung zu ihr, man fand, er habe sie in einem Gedichte unter dem Namen Aurora allzu leidenschaftlich gefeiert; hiezu gesellte sich eine Unvorsichtigkeit von ihrer Seite, indem sie mit eigner Charakterstarke gewissen Neckereien ihrer Gespielinnen trotzig entgegnete: sie musste keine Augen haben, wenn sie fur solche Vorzuge blind sein sollte.
Durch seine Heirat wurde nun wohl ein solcher Verdacht beschwichtigt, aber durch heimliche Gegner dennoch im stillen fortgenahrt und gelegentlich wieder aufgeregt.
Die Staats- und Erbschaftsverhaltnisse, ob man sie gleich so wenig als moglich zu beruhren suchte, kamen doch manchmal zur Sprache. Der Furst nicht sowohl als kluge Rate hielten es durchaus fur nutzlich, die Angelegenheit fernerhin ruhen zu lassen, wahrend die stillen Anhanger der Prinzessin sie abgetan und dadurch die edle Dame in grosserer Freiheit zu sehen wunschten, besonders da der benachbarte alte Konig, Sophronien verwandt und gunstig, noch am Leben sei und sich zu vaterlicher Einwirkung gelegentlich bereit erwiesen habe.
Odoard kam in Verdacht, bei einer bloss zeremoniellen Sendung dorthin das Geschaft, das man verspaten wollte, wieder in Anregung gebracht zu haben. Die Widersacher bedienten sich dieses Vorfalls, und der Schwiegervater, den er von seiner Unschuld uberzeugt hatte, musste seinen ganzen Einfluss anwenden, um ihm eine Art von Statthalterschaft in einer entfernten Provinz zu erwirken. Er fand sich glucklich daselbst, alle seine Krafte konnte er in Tatigkeit setzen, es war Notwendiges, Nutzliches, Gutes, Schones, Grosses zu tun, er konnte Dauerndes leisten, ohne sich aufzuopfern, anstatt dass man in jenen Verhaltnissen, gegen seine Uberzeugung sich mit Vorubergehendem beschaftigend, gelegentlich selbst zugrunde geht.
Nicht so empfand es seine Gattin, welche nur in grossern Zirkeln ihre Existenz fand und ihm nur spater notgedrungen folgte. Er betrug sich so schonend als moglich gegen sie und begunstigte alle Surrogate ihrer bisherigen Gluckseligkeit, des Sommers Landpartien in der Nachbarschaft, im Winter ein Liebhabertheater, Balle und was sie sonst einzuleiten beliebte. Ja er duldete einen Hausfreund, einen Fremden, der sich seit einiger Zeit eingefuhrt hatte, ob er ihm gleich keineswegs gefiel, da er ihm durchaus, bei seinem klaren Blick auf Menschen, eine gewisse Falschheit anzusehen glaubte.
Von allem diesem, was wir aussprechen, mag in dem gegenwartigen bedenklichen Augenblick einiges dunkel und trube, ein anderes klar und deutlich ihm vor der Seele vorubergegangen sein. Genug, wenn wir nach dieser vertraulichen Eroffnung, zu der Friedrichs gutes Gedachtnis den Stoff mitgeteilt, uns abermals zu ihm wenden, so finden wir ihn wieder in dem Zimmer heftig auf und ab gehend, durch Gebarden und manche Ausrufungen einen innern Kampf offenbarend.
"In solchen Gedanken war ich heftig im Zimmer auf und ab gegangen, der Kellner hatte mir eine Tasse Bouillon gebracht, deren ich sehr bedurfte; denn uber die sorgfaltigsten Anstalten dem Fest zuliebe hatte ich nichts zu mir genommen, und ein kostlich Abendessen stand unberuhrt zu Hause. In dem Augenblick horten wir ein Posthorn sehr angenehm die Strasse herauf. 'Der kommt aus dem Gebirge', sagte der Kellner. Wir fuhren ans Fenster und sahen beim Schein zweier helleuchtenden Wagenlaternen vierspannig, wohlbepackt vorfahren einen Herrschaftswagen. Die Bedienten sprangen vom Bocke: 'Da sind sie!' rief der Kellner und eilte nach der Ture. Ich hielt ihn fest, ihm einzuscharfen, er solle ja nichts sagen, dass ich da sei, nicht verraten, dass etwas bestellt worden; er versprach's und sprang davon.
Indessen hatte ich versaumt zu beobachten, wer ausgestiegen sei, und eine neue Ungeduld bemachtigte sich meiner; mir schien, der Kellner saume allzu lange, mir Nachricht zu geben. Endlich vernahm ich von ihm, die Gaste seien Frauenzimmer, eine altliche Dame von wurdigem Ansehen, eine mittlere von unglaublicher Anmut, ein Kammermadchen, wie man sie nur wunschen mochte. 'Sie fing an' sagte er, 'mit Befehlen, fuhr fort mit Schmeicheln und fiel, als ich ihr schontat, in ein heiter schnippisches Wesen, das ihr wohl das naturlichste sein mochte.'"
"Gar schnell bemerkte ich", fahrt er fort, "die allgemeine Verwunderung, mich so alert und das Haus zu ihrem Empfang so bereit zu finden, die Zimmer erleuchtet, die Kamine brennend; sie machten sich's bequem, im Saale fanden sie ein kaltes Abendessen; ich bot Bouillon an, die ihnen willkommen schien."
Nun sassen die Damen bei Tische, die altere speiste kaum, die schone Liebliche gar nicht; das Kammermadchen, das sie Lucie nannten, liess sich's wohl schmecken und erhob dabei die Vorzuge des Gasthofes, erfreute sich der hellen Kerzen, des feinen Tafelzeugs, des Porzellans und aller Geratschaften. Am lodernden Kamin hatte sie sich fruher ausgewarmt und fragte nun den wieder eintretenden Kellner, ob man hier denn immer so bereit sei, zu jeder Stunde des Tags und der Nacht unvermutet ankommende Gaste zu bewirten? Dem jungen, gewandten Burschen ging es in diesem Falle wie Kindern, die wohl das Geheimnis verschweigen, aber, dass etwas Geheimes ihnen vertraut sei, nicht verbergen konnen. Erst antwortete er zweideutig, annahernd sodann, und zuletzt, durch die Lebhaftigkeit der Zofe, durch Hin- und Widerreden in die Enge getrieben, gestand er: es sei ein Bedienter, es sei ein Herr gekommen, sei fortgegangen, wiedergekommen, zuletzt aber entfuhr es ihm, der Herr sei wirklich oben und gehe beunruhigt auf und ab. Die junge Dame sprang auf, die andern folgten; es sollte ein alter Herr sein, meinten sie hastig; der Kellner versicherte dagegen, er sei jung. Nun zweifelten sie wieder, er beteuerte die Wahrheit seiner Aussage. Die Verwirrung, die Unruhe vermehrte sich. Es musse der Oheim sein, versicherte die Schone; es sei nicht in seiner Art, erwiderte die Altere. Niemand als er habe wissen konnen, dass sie in dieser Stunde hier eintreffen wurden, versetzte jene beharrlich. Der Kellner aber beteuerte fort und fort, es sei ein junger, ansehnlicher, kraftiger Mann. Lucie schwur dagegen auf den Oheim: dem Schalk, dem Kellner, sei nicht zu trauen, er widerspreche sich schon eine halbe Stunde.
Nach allem diesem musste der Kellner hinauf, dringend zu bitten, der Herr moge doch ja eilig herunterkommen, dabei auch zu drohen, die Damen wurden heraufsteigen und selbst danken. "Es ist ein Wirrwarr ohne Grenzen", fuhr der Kellner fort; "ich begreife nicht, warum Sie zaudern, sich sehen zu lassen; man halt Sie fur einen alten Oheim, den man wieder zu umarmen leidenschaftlich verlangt. Gehen Sie hinunter, ich bitte. Sind denn das nicht die Personen, die Sie erwarteten? Verschmahen Sie ein allerliebstes Abenteuer nicht mutwillig; sehens- und horenswert ist die junge Schone, es sind die anstandigsten Personen. Eilen Sie hinunter, sonst rucken sie Ihnen wahrlich auf die Stube."
Leidenschaft erzeugt Leidenschaft. Bewegt, wie er war, sehnte er sich nach etwas anderem, Fremdem. Er stieg hinab, in Hoffnung, sich mit den Ankommlingen in heiterem Gesprach zu erklaren, aufzuklaren, fremde Zustande zu gewahren, sich zu zerstreuen, und doch war es ihm, als ging' er einem bekannten ahnungsvollen Zustand entgegen. Nun stand er vor der Ture; die Damen, die des Oheims Tritte zu horen glaubten, eilten ihm entgegen, er trat ein. Welch ein Zusammentreffen! Welch ein Anblick! Die sehr Schone tat einen Schrei und warf sich der Altern um den Hals, der Freund erkannte sie beide, er schrak zuruck, dann drangt' es ihn vorwarts, er lag zu ihren Fussen und beruhrte ihre Hand, die er sogleich wieder losliess, mit dem bescheidensten Kuss. Die Silben "Au ro ra!" erstarben auf seinen Lippen.
Wenden wir unsern Blick nunmehr nach dem Hause unsres Freundes, so finden wir daselbst ganz eigne Zustande. Die gute Alte wusste nicht, was sie tun oder lassen sollte; sie unterhielt die Lampen des Vorhauses und der Treppe; das Essen hatte sie vom Feuer gehoben, einiges war unwiederbringlich verdorben. Die Kammerjungfer war bei den schlafenden Kindern geblieben und hatte die vielen Kerzen der Zimmer gehutet, so ruhig und geduldig als jene verdriesslich hin und her fahrend.
Endlich rollte der Wagen vor, die Dame stieg aus und vernahm, ihr Gemahl sei vor einigen Stunden abgerufen worden. Die Treppe hinaufsteigend, schien sie von der festlichen Erleuchtung keine Kenntnis zu nehmen. Nun erfuhr die Alte von dem Bedienten, ein Ungluck sei unterwegs begegnet, der Wagen in einen Graben geworfen worden, und was alles nachher sich ereignet.
Die Dame trat ins Zimmer: "Was ist das fur eine Maskerade?" sagte sie, auf die Kinder deutend. "Es hatte Ihnen viel Vergnugen gemacht", versetzte die Jungfer, "waren Sie einige Stunden fruher angekommen." Die Kinder, aus dem Schlafe geruttelt, sprangen auf und begannen, als sie die Mutter vor sich sahen, ihren eingelernten Spruch. Von beiden Seiten verlegen, ging es eine Weile, dann, ohne Aufmunterung und Nachhulfe, kam es zum Stocken, endlich brach es vollig ab, und die guten Kleinen wurden mit einigen Liebkosungen zu Bette geschickt. Die Dame sah sich allein, warf sich auf den Sofa und brach in bittre Tranen aus.
Doch es wird nun ebenfalls notwendig, von der Dame selbst und von dem, wie es scheint, ubel abgelaufenen landlichen Feste nahere Nachricht zu geben. Albertine war eine von den Frauenzimmern, denen man unter vier Augen nichts zu sagen hatte, die man aber sehr gern in grosser Gesellschaft sieht. Dort erscheinen sie als wahre Zierden des Ganzen und als Reizmittel in jedem Augenblick einer Stockung. Ihre Anmut ist von der Art, dass sie, um sich zu aussern, sich bequem darzutun, einen gewissen Raum braucht, ihre Wirkungen verlangen ein grosseres Publikum, sie bedurfen eines Elements, das sie tragt, das sie notigt, anmutig zu sein; gegen den einzelnen wissen sie sich kaum zu betragen.
Auch hatte der Hausfreund bloss dadurch ihre Gunst und erhielt sich darin, weil er Bewegung auf Bewegung einzuleiten und immerfort, wenn auch keinen grossen, doch einen heitern Kreis im Treiben zu erhalten wusste. Bei Rollenausteilungen wahlte er sich die zartlichen Vater und wusste durch ein anstandiges, altkluges Benehmen uber die jungeren ersten, zweiten und dritten Liebhaber sich ein Ubergewicht zu verschaffen.
Florine, Besitzerin eines bedeutenden Rittergutes in der Nahe, winters in der Stadt wohnend, verpflichtet gegen Odoard, dessen staatswirtliche Einrichtung zufalliger-, aber glucklicherweise ihrem Landsitz hochlich zugute kam und den Ertrag desselben in der Folge bedeutend zu vermehren die Aussicht gab, bezog sommers ihr Landgut und machte es zum Schauplatze vielfacher anstandiger Vergnugungen. Geburtstage besonders wurden niemals verabsaumt und mannigfaltige Feste veranstaltet.
Florine war ein munteres, neckisches Wesen, wie es schien, nirgends anhanglich, auch keine Anhanglichkeit fordernd noch verlangend. Leidenschaftliche Tanzerin, schatzte sie die Manner nur, insofern sie sich gut im Takte bewegten; ewig rege Gesellschafterin, hielt sie denjenigen unertraglich, der auch nur einen Augenblick vor sich hinsah und nachzudenken schien; ubrigens als heitere Liebhaberin, wie sie in jedem Stuck, jeder Oper notig sind, sich gar anmutig darstellend, weshalb denn zwischen ihr und Albertinen, welche die Anstandigen spielte, sich nie ein Rangstreit hervortat.
Den eintretenden Geburtstag in guter Gesellschaft zu feiern, war aus der Stadt und aus dem Lande umher die beste Gesellschaft eingeladen. Einen Tanz, schon nach dem Fruhstuck begonnen, setzte man nach Tafel fort; die Bewegung zog sich in die Lange, man fuhr zu spat ab, und von der Nacht auf schlimmem Wege, doppelt schlimm, weil er eben gebessert wurde, ehe man's dachte, schon uberrascht, versah's der Kutscher und warf in einen Graben. Unsere Schone mit Florinen und dem Hausfreunde fuhlten sich in schlimmer Verwickelung; der letzte wusste sich schnell herauszuwinden, dann, uber den Wagen sich biegend, rief er: "Florine, wo bist du?" Albertine glaubte zu traumen; er fasste hinein und zog Florinen, die oben lag, ohnmachtig hervor, bemuhte sich um sie und trug sie endlich auf kraftigem Arm den wiedergefundenen Weg hin. Albertine stak noch im Wagen, Kutscher und Bedienter halfen ihr heraus, und gestutzt auf den letzten suchte sie weiterzukommen. Der Weg war schlimm, fur Tanzschuhe nicht gunstig; obgleich von dem Burschen unterstutzt, strauchelte sie jeden Augenblick. Aber im Innern sah es noch wilder, noch wuster aus. Wie ihr geschah, wusste sie nicht, begriff sie nicht.
Allein als sie ins Wirtshaus trat, in der kleinen Stube Florinen auf dem Bette, die Wirtin und Lelio um sie beschaftigt sah, ward sie ihres Unglucks gewiss. Ein geheimes Verhaltnis zwischen dem untreuen Freund und der verraterischen Freundin offenbarte sich blitzschnell auf einmal, sie musste sehen, wie diese, die Augen aufschlagend, sich dem Freund um den Hals warf, mit der Wonne einer neu wiederauflebenden zartlichsten Aneignung, wie die schwarzen Augen wieder glanzten, eine frische Rote die blasslichen Wangen auf einmal wieder zierend farbte; wirklich sah sie verjungt, reizend, allerliebst aus.
Albertine stand vor sich hinschauend, einzeln, kaum bemerkt; jene erholten sich, nahmen sich zusammen, der Schade war geschehen, man war denn doch genotigt, sich wieder in den Wagen zu setzen, und in der Holle selbst konnten widerwartig Gesinnte, Verratene mit Verratern so eng nicht zusammengepackt sein.
Eilftes Kapitel
Lenardo sowohl als Odoard waren einige Tage sehr lebhaft beschaftigt, jener, die Abreisenden mit allem Notigen zu versehen, dieser, sich mit den Bleibenden bekannt zu machen, ihre Fahigkeiten zu beurteilen, um sie von seinen Zwecken hinreichend zu unterrichten. Indessen blieb Friedrichen und unserm Freunde Raum und Ruhe zu stiller Unterhaltung. Wilhelm liess sich den Plan im allgemeinen vorzeichnen, und da man mit Landschaft und Gegend genugsam vertraut geworden, auch die Hoffnung besprochen war, in einem ausgedehnten Gebiete schnell eine grosse Anzahl Bewohner entwickelt zu sehen, so wendete sich das Gesprach, wie naturlich, zuletzt auf das, was Menschen eigentlich zusammenhalt: auf Religion und Sitte. Hieruber konnte denn der heitere Friedrich hinreichende Auskunft geben, und wir wurden wohl Dank verdienen, wenn wir das Gesprach in seinem Laufe mitteilen konnten, das durch Frag' und Antwort, durch Einwendung und Berichtigung sich gar loblich durchschlang und in mannigfaltigem Schwanken zu dem eigentlichen Zweck gefallig hinbewegte. Indessen durfen wir uns so lange nicht aufhalten und geben lieber gleich die Resultate, als dass wir uns verpflichteten, sie erst nach und nach in dem Geiste unsrer Leser hervortreten zu lassen. Folgendes ergab sich als die Quintessenz dessen, was verhandelt wurde:
Dass der Mensch ins Unvermeidliche sich fuge, darauf dringen alle Religionen, jede sucht auf ihre Weise mit dieser Aufgabe fertig zu werden.
Die christliche hilft durch Glaube, Liebe, Hoffnung gar anmutig nach; daraus entsteht denn die Geduld, ein susses Gefuhl, welch eine schatzbare Gabe das Dasein bleibe, auch wenn ihm, anstatt des gewunschten Genusses, das widerwartigste Leiden aufgeburdet wird. An dieser Religion halten wir fest, aber auf eine eigne Weise; wir unterrichten unsre Kinder von Jugend auf von den grossen Vorteilen, die sie uns gebracht hat; dagegen von ihrem Ursprung, von ihrem Verlauf geben wir zuletzt Kenntnis. Alsdann wird uns der Urheber erst lieb und wert, und alle Nachricht, die sich auf ihn bezieht, wird heilig. In diesem Sinne, den man vielleicht pedantisch nennen mag, aber doch als folgerecht anerkennen muss, dulden wir keinen Juden unter uns; denn wie sollten wir ihm den Anteil an der hochsten Kultur vergonnen, deren Ursprung und Herkommen er verleugnet?
Hievon ist unsre Sittenlehre ganz abgesondert, sie ist rein tatig und wird in den wenigen Geboten begriffen: Massigung im Willkurlichen, Emsigkeit im Notwendigen. Nun mag ein jeder diese lakonischen Worte nach seiner Art im Lebensgange benutzen, und er hat einen ergiebigen Text zu grenzenloser Ausfuhrung. Der grosste Respekt wird allen eingepragt fur die Zeit, als fur die hochste Gabe Gottes und der Natur und die aufmerksamste Begleiterin des Daseins. Die Uhren sind bei uns vervielfaltigt und deuten samtlich mit Zeiger und Schlag die Viertelstunden an, und um solche Zeichen moglichst zu vervielfaltigen, geben die in unserm Lande errichteten Telegraphen, wenn sie sonst nicht beschaftigt sind, den Lauf der Stunden bei Tag und bei Nacht an, und zwar durch eine sehr geistreiche Vorrichtung.
Unsre Sittenlehre, die also ganz praktisch ist, dringt nun hauptsachlich auf Besonnenheit, und diese wird durch Einteilung der Zeit, durch Aufmerksamkeit auf jede Stunde hochlichst gefordert. Etwas muss getan sein in jedem Moment, und wie wollt' es geschehen, achtete man nicht auf das Werk wie auf die Stunde?
In Betracht, dass wir erst anfangen, legen wir grosses Gewicht auf die Familienkreise. Den Hausvatern und Hausmuttern denken wir grosse Verpflichtungen zuzuteilen; die Erziehung wird bei uns um so leichter, als jeder fur sich selbst, Knecht und Magd, Diener und Dienerin, stehen muss.
Gewisse Dinge freilich mussen nach einer gewissen gleichformigen Einheit gebildet werden: Lesen, Schreiben, Rechnen mit Leichtigkeit der Masse zu uberliefern, ubernimmt der Abbe; seine Methode erinnert an den wechselsweisen Unterricht, doch ist sie geistreicher; eigentlich aber kommt alles darauf an, zu gleicher Zeit Lehrer und Schuler zu bilden.
Aber noch eines wechselseitigen Unterrichts will ich erwahnen: der Ubung, anzugreifen und sich zu verteidigen. Hier ist Lothario in seinem Felde; seine Manover haben etwas Ahnliches von unsern Feldjagern; doch kann er nicht anders als original sein.
Hiebei bemerke ich, dass wir im burgerlichen Leben keine Glocken, im soldatischen keine Trommeln haben; dort wie hier ist Menschenstimme, verbunden mit Blasinstrumenten, hinreichend. Das alles ist schon dagewesen und ist noch da; die schickliche Anwendung desselben aber ist dem Geist uberlassen, der es auch allenfalls wohl erfunden hatte.
Das grosste Bedurfnis eines Staats ist das einer mutigen Obrigkeit, und daran soll es dem unsrigen nicht fehlen; wir alle sind ungeduldig, das Geschaft anzutreten, munter und uberzeugt, dass man einfach anfangen musse. So denken wir nicht an Justiz, aber wohl an Polizei. Ihr Grundsatz wird kraftig ausgesprochen: niemand soll dem andern unbequem sein; wer sich unbequem erweist, wird beseitigt, bis er begreift, wie man sich anstellt, um geduldet zu werden. Ist etwas Lebloses, Unvernunftiges in dem Falle, so wird dies gleichmassig beiseitegebracht.
In jedem Bezirk sind drei Polizeidirektoren, die alle acht Stunden wechseln, schichtweise, wie im Bergwerk, das auch nicht stillstehen darf, und einer unsrer Manner wird bei Nachtzeit vorzuglich bei der Hand sein.
Sie haben das Recht, zu ermahnen, zu tadeln, zu schelten und zu beseitigen; finden sie es notig, so rufen sie mehr oder weniger Geschworne zusammen. Sind die Stimmen gleich, so entscheidet der Vorsitzende nicht, sondern es wird das Los gezogen, weil man uberzeugt ist, dass bei gegeneinander stehenden Meinungen es immer gleichgultig ist, welche befolgt wird.
Wegen der Majoritat haben wir ganz eigne Gedanken; wir lassen sie freilich gelten im notwendigen Weltlauf, im hohern Sinne haben wir aber nicht viel Zutrauen auf sie. Doch daruber darf ich mich nicht weiter auslassen.
Fragt man nach der hohern Obrigkeit, die alles lenkt, so findet man sie niemals an einem Orte; sie zieht bestandig umher, um Gleichheit in den Hauptsachen zu erhalten und in lasslichen Dingen einem jeden seinen Willen zu gestatten. Ist dies doch schon einmal im Lauf der Geschichte dagewesen: die deutschen Kaiser zogen umher, und diese Einrichtung ist dem Sinne freier Staaten am allergemassesten. Wir furchten uns vor einer Hauptstadt, ob wir schon den Punkt in unsern Besitzungen sehen, wo sich die grosste Anzahl von Menschen zusammenhalten wird. Dies aber verheimlichen wir, dies mag nach und nach und wird noch fruh genug entstehen.
Dieses sind im allgemeinsten die Punkte, uber die man meistens einig ist, doch werden sie beim Zusammentreten von mehrern oder auch wenigern Gliedern immer wieder aufs neue durchgesprochen. Die Hauptsache wird aber sein, wenn wir uns an Ort und Stelle befinden. Den neuen Zustand, der aber dauern soll, spricht eigentlich das Gesetz aus. Unsre Strafen sind gelind; Ermahnung darf sich jeder erlauben, der ein gewisses Alter hinter sich hat; missbilligen und schelten nur der anerkannte Alteste; bestrafen nur eine zusammenberufene Zahl.
Man bemerkt, dass strenge Gesetze sich sehr bald abstumpfen und nach und nach loser werden, weil die Natur immer ihre Rechte behauptet. Wir haben lassliche Gesetze, um nach und nach strenger werden zu konnen; unsre Strafen bestehen vorerst in Absonderung von der burgerlichen Gesellschaft, gelinder, entschiedener, kurzer und langer nach Befund. Wachst nach und nach der Besitz der Staatsburger, so zwackt man ihnen auch davon ab, weniger oder mehr, wie sie verdienen, dass man ihnen von dieser Seite wehe tue.
Allen Gliedern des Bandes ist davon Kenntnis ge
geben, und bei angestelltem Examen hat sich gefunden, dass jeder von den Hauptpunkten auf sich selbst die schicklichste Anwendung macht. Die Hauptsache bleibt nur immer, dass wir die Vorteile der Kultur mit hinubernehmen und die Nachteile zurucklassen. Branntweinschenken und Lesebibliotheken werden bei uns nicht geduldet; wie wir uns aber gegen Flaschen und Bucher verhalten, will ich lieber nicht eroffnen: dergleichen Dinge wollen getan sein, wenn man sie beurteilen soll.
Und in eben diesem Sinne halt der Sammler und
Ordner dieser Papiere mit andern Anordnungen zuruck, welche unter der Gesellschaft selbst noch als Probleme zirkulieren und welche zu versuchen man vielleicht an Ort und Stelle nicht ratlich findet; um desto weniger Beifall durfte man sich versprechen, wenn man derselben hier umstandlich erwahnen wollte.
Zwolftes Kapitel
Die zu Odoardos Vortrag angesetzte Frist war gekommen, welcher, nachdem alles versammelt und beruhigt war, folgendermassen zu reden begann: "Das bedeutende Werk, an welchem teilzunehmen ich diese Masse wackerer Manner einzuladen habe, ist Ihnen nicht ganz unbekannt, denn ich habe ja schon im allgemeinen mit Ihnen davon gesprochen. Aus meinen Eroffnungen geht hervor, dass in der alten Welt so gut wie in der neuen Raume sind, welche einen bessern Anbau bedurfen, als ihnen bisher zuteil ward. Dort hat die Natur grosse, weite Strecken ausgebreitet, wo sie unberuhrt und eingewildert liegt, dass man sich kaum getraut, auf sie loszugehen und ihr einen Kampf anzubieten. Und doch ist es leicht fur den Entschlossenen, ihr nach und nach die Wusteneien abzugewinnen und sich eines teilweisen Besitzes zu versichern. In der alten Welt ist es das Umgekehrte. Hier ist uberall ein teilweiser Besitz schon ergriffen, mehr oder weniger durch undenkliche Zeit das Recht dazu geheiligt; und wenn dort das Grenzenlose als unuberwindliches Hindernis erscheint, so setzt hier das Einfach begrenzte beinahe noch schwerer zu uberwindende Hindernisse entgegen. Die Natur ist durch Emsigkeit, der Mensch durch Gewalt oder Uberredung zu notigen.
Wird der einzelne Besitz von der ganzen Gesellschaft fur heilig geachtet, so ist er es dem Besitzer noch mehr. Gewohnheit, jugendliche Eindrucke, Achtung fur Vorfahren, Abneigung gegen den Nachbar und hunderterlei Dinge sind es, die den Besitzer starr und gegen jede Veranderung widerwillig machen. Je alter dergleichen Zustande sind, je verflochtener, je geteilter, desto schwieriger wird es, das Allgemeine durchzufuhren, das, indem es dem Einzelnen etwas nahme, dem Ganzen und durch Ruck- und Mitwirkung auch jenem wieder unerwartet zugute kame.
Schon mehrere Jahre steh' ich im Namen meines Fursten einer Provinz vor, die, von seinen Staaten getrennt, lange nicht so, wie es moglich ware, benutzt wird. Eben diese Abgeschlossenheit oder Eingeschlossenheit, wenn man will, hindert, dass bisher keine Anstalt sich treffen liess, die den Bewohnern Gelegenheit gegeben hatte, das, was sie vermogen, nach aussen zu verbreiten, und von aussen zu empfangen, was sie bedurfen.
Mit unumschrankter Vollmacht gebot ich in diesem Lande. Manches Gute war zu tun, aber doch immer nur ein beschranktes; dem Bessern waren uberall Riegel vorgeschoben, und das Wunschenswerteste schien in einer andern Welt zu liegen.
Ich hatte keine andere Verpflichtung, als gut hauszuhalten. Was ist leichter als das! Ebenso leicht ist es, Missbrauche zu beseitigen, menschlicher Fahigkeiten sich zu bedienen, den Bestrebsamen nachzuhelfen. Dies alles liess sich mit Verstand und Gewalt recht bequem leisten, dies alles tat sich gewissermassen von selbst. Aber wohin besonders meine Aufmerksamkeit, meine Sorge sich richtete, dies waren die Nachbarn, die nicht mit gleichen Gesinnungen, am wenigsten mit gleicher Uberzeugung ihre Landesteile regierten und regieren liessen.
Beinahe hatte ich mich resigniert und mich innerhalb meiner Lage am besten gehalten und das Herkommliche, so gut als es sich tun liess, benutzt, aber ich bemerkte auf einmal, das Jahrhundert komme mir zu Hulfe. Jungere Beamte wurden in der Nachbarschaft angestellt, sie hegten gleiche Gesinnungen, aber freilich nur im allgemeinen wohlwollend, und pflichteten nach und nach meinen Planen zu allseitiger Verbindung um so eher bei, als mich das Los traf, die grosseren Aufopferungen zuzugestehen, ohne dass gerade jemand merkte, auch der grossere Vorteil neige sich auf meine Seite.
So sind nun unser drei uber ansehnliche Landesstrecken zu gebieten befugt, unsre Fursten und Minister sind von der Redlichkeit und Nutzlichkeit unsrer Vorschlage uberzeugt; denn es gehort freilich mehr dazu, seinen Vorteil im Grossen als im Kleinen zu ubersehen. Hier zeigt uns immer die Notwendigkeit, was wir zu tun und zu lassen haben, und da ist denn schon genug, wenn wir diesen Massstab ans Gegenwartige legen; dort aber sollen wir eine Zukunft erschaffen, und wenn auch ein durchdringender Geist den Plan dazu fande, wie kann er hoffen, andere darin einstimmen zu sehen?
Noch wurde dies dem einzelnen nicht gelingen; die Zeit, welche die Geister frei macht, offnet zugleich ihren Blick ins Weitere, und im Weiteren lasst sich das Grossere leicht erkennen, und eins der starksten Hindernisse menschlicher Handlungen wird leichter zu entfernen. Dieses besteht namlich darin, dass die Menschen wohl uber die Zwecke einig werden, viel seltener aber uber die Mittel, dahin zu gelangen. Denn das wahre Grosse hebt uns uber uns selbst hinaus und leuchtet uns vor wie ein Stern; die Wahl der Mittel aber ruft uns in uns selbst zuruck, und da wird der einzelne gerade, wie er war, und fuhlt sich ebenso isoliert, als hatt' er vorher nicht ins Ganze gestimmt.
Hier also haben wir zu wiederholen: Das Jahrhundert muss uns zu Hulfe kommen, die Zeit an die Stelle der Vernunft treten und in einem erweiterten Herzen der hohere Vorteil den niedern verdrangen.
Hiermit sei es genug, und war' es zu viel fur den Augenblick, in der Folge werd' ich einen jeden Teilnehmer daran erinnern. Genaue Vermessungen sind geschehen, die Strassen bezeichnet, die Punkte bestimmt, wo man die Gasthofe und in der Folge vielleicht die Dorfer heranruckt. Zu aller Art von Baulichkeiten ist Gelegenheit, ja Notwendigkeit vorhanden. Treffliche Baumeister und Techniker bereiten alles vor; Risse und Anschlage sind gefertigt; die Absicht ist, grossere und kleinere Akkorde abzuschliessen und so mit genauer Kontrolle die bereitliegenden Geldsummen, zur Verwunderung des Mutterlandes, zu verwenden: da wir denn der schonsten Hoffnung leben, es werde sich eine vereinte Tatigkeit nach allen Seiten von nun an entwickeln.
Worauf ich nun aber die samtlichen Teilnehmer aufmerksam zu machen habe, weil es vielleicht auf ihre Entschliessung Einfluss haben konnte, ist die Einrichtung, die Gestalt, in welche wir alle Mitwirkenden vereinigen und ihnen eine wurdige Stellung unter sich und gegen die ubrige burgerliche Welt zu schaffen gedenken.
Sobald wir jenen bezeichneten Boden betreten, werden die Handwerke sogleich fur Kunste erklart und durch die Bezeichnung 'strenge Kunste' von den 'freien' entschieden getrennt und abgesondert. Diesmal kann hier nur von solchen Beschaftigungen die Rede sein, welche den Aufbau sich zur Angelegenheit machen; die samtlichen hier anwesenden Manner, jung und alt, bekennen sich zu dieser Klasse.
Zahlen wir sie her in der Folge, wie sie den Bau in die Hohe richten und nach und nach zur Wohnbarkeit befordern.
Die Steinmetzen nenn' ich voraus, welche den Grund- und Eckstein vollkommen bearbeiten, den sie mit Beihulfe der Maurer am rechten Ort in der genauesten Bezeichnung niedersenken. Die Maurer folgen hierauf, die auf den streng untersuchten Grund das Gegenwartige und Zukunftige wohl befestigen. Fruher oder spater bringt der Zimmermann seine vorbereiteten Kontignationen herbei, und so steigt nach und nach das Beabsichtigte in die Hohe. Den Dachdecker rufen wir eiligst herbei; im Innern bedurfen wir des Tischers, Glasers, Schlossers, und wenn ich den Tuncher zuletzt nenne, so geschieht es, weil er mit seiner Arbeit zur verschiedensten Zeit eintreten kann, um zuletzt dem Ganzen in- und auswendig einen gefalligen Schein zu geben. Mancher Hulfsarbeiten gedenk' ich nicht, nur die Hauptsache verfolgend.
Die Stufen von Lehrling, Gesell und Meister mussen aufs strengste beobachtet werden; auch konnen in diesen viele Abstufungen gelten, aber Prufungen konnen nicht sorgfaltig genug sein. Wer herantritt, weiss, dass er sich einer strengen Kunst ergibt, und er darf keine lasslichen Forderungen von ihr erwarten; ein einziges Glied, das in einer grossen Kette bricht, vernichtet das Ganze. Bei grossen Unternehmungen wie bei grossen Gefahren muss der Leichtsinn verbannt sein.
Gerade hier muss die strenge Kunst der freien zum Muster dienen und sie zu beschamen trachten. Sehen wir die sogenannten freien Kunste an, die doch eigentlich in einem hohern Sinne zu nehmen und zu nennen sind, so findet man, dass es ganz gleichgultig ist, ob sie gut oder schlecht betrieben werden. Die schlechteste Statue steht auf ihren Fussen wie die beste, eine gemalte Figur schreitet mit verzeichneten Fussen gar munter vorwarts, ihre missgestalteten Arme greifen gar kraftig zu, die Figuren stehen nicht auf dem richtigen Plan, und der Boden fallt deswegen nicht zusammen. Bei der Musik ist es noch auffallender; die gellende Fiedel einer Dorfschenke erregt die wackern Glieder aufs kraftigste, und wir haben die unschicklichsten Kirchenmusiken gehort, bei denen der Glaubige sich erbaute. Wollt ihr nun gar auch die Poesie zu den freien Kunsten rechnen, so werdet ihr freilich sehen, dass diese kaum weiss, wo sie eine Grenze finden soll. Und doch hat jede Kunst ihre innern Gesetze, deren Nichtbeobachtung aber der Menschheit keinen Schaden bringt; dagegen die strengen Kunste durfen sich nichts erlauben. Den freien Kunstler darf man loben, man kann an seinen Vorzugen Gefallen finden, wenngleich seine Arbeit bei naherer Untersuchung nicht Stich halt.
Betrachten wir aber die beiden, sowohl die freien als strengen Kunste, in ihren vollkommensten Zustanden, so hat sich diese vor Pedanterei und Bocksbeutelei, jene vor Gedankenlosigkeit und Pfuscherei zu huten. Wer sie zu leiten hat, wird hierauf aufmerksam machen, Missbrauche und Mangel werden dadurch verhutet werden.
Ich wiederhole mich nicht, denn unser ganzes Leben wird eine Wiederholung des Gesagten sein; ich bemerke nur noch folgendes: Wer sich einer strengen Kunst ergibt, muss sich ihr furs Leben widmen. Bisher nannte man sie Handwerk, ganz angemessen und richtig; die Bekenner sollten mit der Hand wirken, und die Hand, soll sie das, so muss ein eigenes Leben sie beseelen, sie muss eine Natur fur sich sein, ihre eignen Gedanken, ihren eignen Willen haben, und das kann sie nicht auf vielerlei Weise."
Nachdem der Redende mit noch einigen hinzugefugten guten Worten geschlossen hatte, richteten die samtlichen Anwesenden sich auf, und die Gewerke, anstatt abzuziehen, bildeten einen regelmassigen Kreis vor der Tafel der anerkannten Oberen. Odoard reichte den samtlichen ein gedrucktes Blatt umher, wovon sie, nach einer bekannten Melodie, massig munter ein zutrauliches Lied sangen:
"Bleiben, Gehen, Gehen, Bleiben
Sei fortan dem Tucht'gen gleich,
Wo wir Nutzliches betreiben,
Ist der werteste Bereich.
Dir zu folgen, wird ein Leichtes,
Wer gehorchet, der erreicht es,
Zeig' ein festes Vaterland.
Heil dem Fuhrer! Heil dem Band!
Du verteilest Kraft und Burde
Und erwagst es ganz genau,
Gibst dem Alten Ruh' und Wurde,
Junglingen Geschaft und Frau.
Wechselseitiges Vertrauen
Wird ein reinlich Hauschen bauen,
Schliessen Hof und Gartenzaun,
Auch der Nachbarschaft vertraun.
Wo an wohlgebahnten Strassen
Man in neuer Schenke weilt,
Wo dem Fremdling reicher Massen
Ackerfeld ist zugeteilt,
Siedeln wir uns an mit andern.
Eilet, eilet, einzuwandern
In das feste Vaterland.
Heil dir Fuhrer! Heil dir Band!"
Dreizehntes Kapitel
Eine vollkommene Stille schloss sich an diese lebhafte Bewegung der vergangenen Tage. Die drei Freunde blieben allein gegen einander uber stehen, und es ward gar bald merkbar, dass zwei von ihnen, Lenardo und Friedrich, von einer sonderbaren Unruhe bewegt wurden; sie verbargen nicht, dass sie beide ungeduldig seien, fur ihren Teil in der Abreise von diesem Ort sich gehindert zu sehen. Sie erwarteten einen Boten, hiess es, und es kam indessen nichts Vernunftiges, nichts Entscheidendes zur Sprache.
Endlich kommt der Bote, ein bedeutendes Paket uberbringend, woruber sich Friedrich sogleich herwirft, um es zu eroffnen. Lenardo halt ihn ab und spricht: "Lass es unberuhrt, leg' es vor uns nieder auf den Tisch; wir wollen es ansehen, denken und vermuten, was es enthalten moge. Denn unser Schicksal ist seiner Bestimmung naher, und wenn wir nicht selbst Herren daruber sind, wenn es von dem Verstande, von den Empfindungen anderer abhangt, ein Ja oder Nein, ein So oder So zu erwarten ist, dann ziemt es, ruhig zu stehen, sich zu fassen, sich zu fragen, ob man es erdulden wurde als wenn es ein sogenanntes Gottesurteil ware, wo uns auferlegt ist, die Vernunft gefangenzunehmen."
"Du bist nicht so gefasst, als du scheinen willst", versetzte Friedrich, "bleibe deswegen allein mit deinen Geheimnissen und schalte daruber nach Belieben, mich beruhren sie auf alle Falle nicht; aber lass mich indes diesem alten, gepruften Freunde den Inhalt offenbaren und die zweifelhaften Zustande vorlegen, die wir ihm schon so lange verheimlicht haben." Mit diesen Worten riss er unsern Freund mit sich weg, und schon unterwegs rief er aus: "Sie ist gefunden, langst gefunden! und es ist nur die Frage, wie es mit ihr werden soll."
"Das wusst' ich schon", sagte Wilhelm, "denn Freunde offenbaren einander gerade das am deutlichsten, was sie einander verschweigen; die letzte Stelle des Tagebuchs, wo sich Lenardo gerade mitten im Gebirg des Briefes erinnert, den ich ihm schreib, rief mir in der Einbildungskraft im ganzen Umgange des Geistes und Gefuhls jenes gute Wesen hervor; ich sah ihn schon mit dem nachsten Morgen sich ihr nahern, sie anerkennen und was daraus mochte gefolgt sein. Da will ich denn aber aufrichtig gestehen, dass nicht Neugierde, sondern ein redlicher Anteil, den ich ihr gewidmet habe, mich Uber euer Schweigen und Zuruckhalten beunruhigte."
"Und in diesem Sinne", rief Friedrich, "bist du gerade bei diesem angekommenen Paket hauptsachlich mit interessiert; der Verfolg des Tagebuchs war an Makarien gesandt, und man wollte dir durch Erzahlung das ernst-anmutige Ereignis nicht verkummern. Nun sollst du's auch gleich haben; Lenardo hat gewiss indessen ausgepackt, und das braucht er nicht zu seiner Aufklarung." Friedrich sprang hiermit nach alter Art hinweg, sprang wieder herbei und brachte das versprochene Heft. "Nun muss ich aber auch erfahren", rief er, "was aus uns werden wird." Hiemit war er wieder entsprungen, und Wilhelm las:
Lenardos Tagebuch
Fortsetzung
Freitag, den 19ten.
Da man heute nicht saumen durfte, um zeitig zu Frau Susanne zu gelangen, so fruhstuckte man eilig mit der ganzen Familie, dankte mit versteckten Gluckwunschen und hinterliess dem Geschirrfasser, welcher zuruckblieb, die den Jungfrauen zugedachten Geschenke, etwas reichlicher und brautlicher als die vorgestrigen, sie ihm heimlich zuschiebend, woruber der gute Mann sich sehr erfreut zeigte. Diesmal war der Weg fruhe zuruckgelegt; nach einigen Stunden erblickten wir in einem ruhigen, nicht von Wellen des klarsten Sees leicht bespult sich widerspiegelte, wohl und anstandig gebaute Hauser, um welche ein besserer, sorgfaltig gepflegter Boden, bei sonniger Lage, einiges Gartenwesen begunstigte. In das Haupthaus durch den Garnboten eingefuhrt und Frau Susannen vorgestellt, fuhlte ich etwas ganz Eigenes, als sie uns freundlich ansprach und versicherte: es sei ihr sehr angenehm, dass wir Freitags kamen, als dem ruhigsten Tage der Woche, da Donnerstags abends die gefertigte Ware zum See und in die Stadt gefuhrt werde. Dem einfallenden Garnboten, welcher sagte: "Die bringt wohl Daniel jederzeit hinunter!", versetzte sie: "Gewiss, er versieht das Geschaft so loblich und treu, als wenn es sein eigenes ware." "Ist doch auch der Unterschied nicht gross", versetzte jener; ubernahm einige Auftrage von der freundlichen Wirtin und eilte, seine Geschafte in den Seitentalern zu vollbringen, versprach in einigen Tagen wiederzukommen und mich abzuholen.
Mir war indessen ganz wunderlich zumute; mich hatte gleich beim Eintritt eine Ahnung befallen, dass es die Ersehnte sei; beim langeren Hinblick war sie es wieder nicht, konnte es nicht sein, und doch beim Wegblicken, oder wenn sie sich umkehrte, war sie es wieder; eben wie im Traum Erinnerung und Phantasie ihr Wesen gegeneinander treiben.
Einige Spinnerinnen, die mit ihrer Wochenarbeit gezogert hatten, brachten sie nach; die Herrin, mit freundlichster Ermahnung zum Fleisse, marktete mit ihnen, uberliess aber, um sich mit dem Gast zu unterhalten, das Geschaft an zwei Madchen, welche sie Gretchen und Lieschen nannte und welche ich um desto aufmerksamer betrachtete, als ich ausforschen wollte, wie sie mit der Schilderung des Geschirrfassers allenfalls zusammentrafen. Diese beiden Figuren machten mich ganz irre und zerstorten alle Ahnlichkeit zwischen der Gesuchten und der Hausfrau.
Aber ich beobachtete diese nur desto genauer, und sie schien mir allerdings das wurdigste, liebenswurdigste Wesen von allen, die ich auf meiner Gebirgsreise erblickte. Schon war ich von dem Gewerbe unterrichtet genug, um mit ihr uber das Geschaft, welches sie gut verstand, mit Kenntnis sprechen zu konnen; meine einsichtige Teilnahme erfreute sie sehr, und als ich fragte: woher sie ihre Baumwolle beziehe, deren grossen Transport ubers Gebirg ich vor einigen Tagen gesehen, so erwiderte sie, dass eben dieser Transport ihr einen ansehnlichen Vorrat mitgebracht. Die Lage ihres Wohnorts sei auch deshalb so glucklich, weil die nach dem See hinunterfuhrende Hauptstrasse etwa nur eine Viertelstunde ihres Tals hinabwarts vorbeigehe, wo sie denn entweder in Person oder durch einen Faktor die ihr von Triest bestimmten und adressierten Ballen in Empfang nehme, wie denn das vorgestern auch geschehen.
Sie liess nun den neuen Freund in einen grossen, luftigen Keller hineinsehen, wo der Vorrat aufgehoben wird, damit die Baumwolle nicht zu sehr austrockne, am Gewicht verliere und weniger geschmeidig werde. Dann fand ich auch, was ich schon im einzelnen kannte, meistenteils hier versammelt; sie deutete nach und nach auf dies und jenes, und ich nahm verstandigen Anteil. Indessen wurde sie stiller, aus ihren Fragen konnt' ich erraten, sie vermute, dass ich vom Handwerk sei. Denn sie sagte, da die Baumwolle soeben angekommen, so erwarte sie nun bald einen Kommis oder Teilnehmer der Triester Handlung, der nach einer bescheidenen Ansicht ihres Zustandes die schuldige Geldpost abholen werde; diese liege bereit fur einen jeden, welcher sich legitimieren konne.
Einigermassen verlegen suchte ich auszuweichen und blickte ihr nach, als sie eben einiges anzuordnen durchs Zimmer ging; sie erschien mir wie Penelope unter den Magden.
Sie kehrt zuruck, und mich dunkt, es sei was Eigenes in ihr vorgegangen. "Sie sind denn nicht vom Kaufmannsstande?" sagte sie, "ich weiss nicht, woher mir das Vertrauen kommt und wie ich mich unterfangen mag, das Ihrige zu verlangen; erdringen will ich's nicht, aber gonnen Sie mir's, wie es Ihnen ums Herz ist." Dabei sah mich ein fremdes Gesicht mit so ganz bekannten erkennenden Augen an, dass ich mich ganz durchdrungen fuhlte und mich kaum zu fassen wusste. Meine Kniee, mein Verstand wollten mir versagen, als man sie glucklicherweise sehr eilig abrief. Ich konnte mich erholen, meinen Vorsatz starken, so lang als moglich an mich zu halten; denn es schwebte mir vor, als wenn abermals ein unseliges Verhaltnis mich bedrohe.
Gretchen, ein gesetztes, freundliches Kind, fuhrte mich ab, mir die kunstlichen Gewebe vorzuzeigen; sie tat es verstandig und ruhig, ich schrieb, um ihr Aufmerksamkeit zu beweisen, was sie mir vorsagte, in meine Schreibtafel, wo es noch steht zum Zeugnis eines bloss mechanischen Verfahrens, denn ich hatte ganz anderes im Sinne; es lautet folgendermassen:
"Der Eintrag von getretener sowohl als gezogener Weberei geschieht, je nachdem das Muster es erfordert, mit weissem, lose gedrehtem sogenannten Muggengarn, mitunter auch mit turkischrot gefarbten, desgleichen mit blauen Garnen, welche ebenfalls zu Streifen und Blumen verbraucht werden.
Beim Scheren ist das Gewebe auf Walzen gewunden, die einen tischformigen Rahmen bilden, um welchen her mehrere arbeitende Personen sitzen."
Lieschen, die unter den Scherenden gesessen, steht auf, gesellt sich zu uns, ist geschaftig, dreinzureden, und zwar auf eine Weise, um jene durch Widerspruch nur irrezumachen; und als ich Gretchen dessenungeachtet mehr Aufmerksamkeit bewies, so fuhr Lieschen umher, um etwas zu holen, zu bringen, und streifte dabei, ohne durch die Enge des Raums genotigt zu sein, mit ihrem zarten Ellebogen zweimal merklich bedeutend an meinem Arm hin, welches mir nicht sonderlich gefallen wollte.
Die Gute-Schone (sie verdient uberhaupt, besonders aber alsdann so zu heissen, wenn man sie mit den ubrigen vergleicht) holte mich in den Garten ab, wo wir der Abendsonne geniessen sollten, eh' sie sich hinter das hohe Gebirg versteckte. Ein Lacheln schwebte um ihre Lippen, wie es wohl erscheint, wenn man etwas Erfreuliches zu sagen zaudert; auch mir war es in dieser Verlegenheit gar lieblich zumute. Wir gingen nebeneinander her, ich getraute mir nicht, ihr die Hand zu reichen, so gern ich's getan hatte; wir schienen uns beide vor Worten und Zeichen zu furchten, wodurch der gluckliche Fund nur allzubald ins Gemeine offenbar werden konnte. Sie zeigte mir einige Blumentopfe, worin ich aufgekeimte Baumwollenstauden erkannte. "So nahren und pflegen wir die fur unser Geschafte unnutzen, ja widerwartigen Samenkorner, die mit der Baumwolle einen so weiten Weg zu uns machen. Es geschieht aus Dankbarkeit, und es ist ein eigen Vergnugen, dasjenige lebendig zu sehen, dessen abgestorbene Reste unser Dasein beleben. Sie sehen hier den Anfang, die Mitte ist Ihnen bekannt, und heute abend, wenn 's Gluck gut ist, einen erfreulichen Abschluss.
Wir als Fabrikanten selbst oder ein Faktor bringen unsre die Woche uber eingegangene Ware Donnerstag abends in das Marktschiff und langen so, in Gesellschaft von andern, die gleiches Geschaft treiben, mit dem fruhesten Morgen am Freitag in der Stadt an. Hier tragt nun ein jeder seine Ware zu den Kaufleuten, die im grossen handeln, und sucht sie so gut als moglich abzusetzen, nimmt auch wohl den Bedarf von roher Baumwolle allenfalls an Zahlungs Statt.
Aber nicht allein den Bedarf an rohen Stoffen fur die Fabrikation nebst dem baren Verdienst holen die Marktleute in der Stadt, sondern sie versehen sich auch daselbst mit allerlei andern Dingen zum Bedurfnis und Vergnugen. Wo einer aus der Familie in die Stadt zu Markte gefahren, da sind Erwartungen, Hoffnungen und Wunsche, ja sogar oft Angst und Furcht rege. Es entsteht Sturm und Gewitter, und man ist besorgt, das Schiff nehme Schaden! Die Gewinnsuchtigen harren und mochten erfahren, wie der Verkauf der Waren ausgefallen, und berechnen schon im voraus die Summe des reinen Erwerbs; die Neugierigen warten auf die Neuigkeiten aus der Stadt, die Putzliebenden auf die Kleidungsstucke oder Modesachen, die der Reisende etwa mitzubringen Auftrag hatte; die Leckern endlich und besonders die Kinder auf die Esswaren, und wenn es auch nur Semmeln waren.
Die Abfahrt aus der Stadt verzieht sich gewohnlich bis gegen Abend, dann belebt sich der See allmahlich und die Schiffe gleiten segelnd, oder durch die Kraft der Ruder getrieben, uber seine Flache hin; jedes bemuht sich, dem andern vorzukommen; und die, denen es gelingt, verhohnen wohl scherzend die, welche zuruckzubleiben sich genotigt sehen.
Es ist ein erfreuliches, schones Schauspiel um die Fahrt auf dem See, wenn der Spiegel desselben mit den anliegenden Gebirgen vom Abendrot erleuchtet sich warm und allmahlich tiefer und tiefer schattiert, die Sterne sichtbar werden, die Abendbetglocken sich horen lassen, in den Dorfern am Ufer sich Lichter entzunden, im Wasser widerscheinend, dann der Mond aufgeht und seinen Schimmer uber die kaum bewegte Flache streut. Das reiche Gelande flieht voruber, Dorf um Dorf, Gehoft um Gehoft bleiben zuruck, endlich in die Nahe der Heimat gekommen, wird in ein Horn gestossen, und sogleich sieht man im Berg hier und dort Lichter erscheinen, die sich nach dem Ufer herab bewegen, ein jedes Haus, das einen Angehorigen im Schiffe hat, sendet jemanden, um das Gepack tragen zu helfen.
Wir liegen hoher hinauf, aber jedes von uns hat oft genug diese Fahrt mitbestanden, und was das Geschaft betrifft, so sind wir alle von gleichem Interesse."
Ich hatte ihr mit Verwunderung zugehort, wie gut und schon sie das alles sprach, und konnte mich der offenen Bemerkung nicht enthalten: wie sie in dieser rauhen Gegend, bei einem so mechanischen Geschaft, zu solcher Bildung habe gelangen konnen? Sie versetzte, mit einem allerliebsten, beinahe schalkhaften Lacheln vor sich hinsehend: "Ich bin in einer schonern und freundlichern Gegend geboren, wo vorzugliche Menschen herrschen und hausen, und ob ich gleich als Kind mich wild und unbandig erwies, so war doch der Einfluss geistreicher Besitzer auf ihre Umgebung unverkennbar. Die grosste Wirkung jedoch auf ein junges Wesen tat eine fromme Erziehung, die ein gewisses Gefuhl des Rechtlichen und Schicklichen, als von Allgegenwart gottlicher Liebe getragen, in mir entwickelte. Wir wanderten aus", fuhr sie fort das feine Lacheln verliess ihren Mund, eine unterdruckte Trane fullte das Auge , "wir wanderten weit, weit, von einer Gegend zur andern, durch fromme Fingerzeige und Empfehlungen geleitet; endlich gelangten wir hierher, in diese hochst tatige Gegend; das Haus, worin Sie mich finden, war von gleichgesinnten Menschen bewohnt, man nahm uns treulich auf, mein Vater sprach dieselbe Sprache, in demselben Sinn, wir schienen bald zur Familie zu gehoren.
In allen Haus- und Handwerksgeschaften griff ich tuchtig ein, und alles, uber welches Sie mich nun gebieten sehen, habe ich stufenweise gelernt, geubt und vollbracht. Der Sohn des Hauses, wenig Jahre alter als ich, wohlgebaut und schon von Antlitz, gewann mich lieb und machte mich zu seiner Vertrauten. Er war von tuchtiger und zugleich feiner Natur; die Frommigkeit, wie sie im Hause geubt wurde, fand bei ihm keinen Eingang, sie genugte ihm nicht, er las heimlich Bucher, die er sich in der Stadt zu verschaffen wusste, von der Art, die dem Geist eine allgemeinere, freiere Richtung geben, und da er bei mir gleichen Trieb, gleiches Naturell vermerkte, so war er bemuht, nach und nach mir dasjenige mitzuteilen, was ihn so innig beschaftigte. Endlich, da ich in alles einging, hielt er nicht langer zuruck, mir sein ganzes Geheimnis zu eroffnen, und wir waren wirklich ein ganz wunderliches Paar, welches auf einsamen Spaziergangen sich nur von solchen Grundsatzen unterhielt, welche den Menschen selbststandig machen, und dessen wahrhaftes Neigungsverhaltnis nur darin zu bestehen schien, einander wechselseitig in solchen Gesinnungen zu bestarken, wodurch die Menschen sonst voneinander vollig entfernt werden."
Ob ich gleich sie nicht scharf ansah, sondern nur von Zeit zu Zeit wie zufallig aufblickte, bemerkt' ich doch mit Verwunderung und Anteil, dass ihre Gesichtszuge durchaus den Sinn ihrer Worte zugleich ausdruckten. Nach einem augenblicklichen Stillschweigen erheiterte sich ihr Gesicht: "Ich muss", sagte sie, "auf Ihre Hauptfrage ein Bekenntnis tun, damit Sie meine Wohlredenheit, die manchmal nicht ganz naturlich scheinen mochte, sich besser erklaren konnen.
Leider mussten wir beide uns vor den ubrigen verstellen, und ob wir gleich uns sehr huteten, nicht zu lugen und im groben Sinn falsch zu sein, so waren wir es doch im zartern indem wir den vielbesuchten Bruder- und Schwesterversammlungen nicht beizuwohnen nirgends Entschuldigung finden konnten. Weil wir aber dabei gar manches gegen unsere Uberzeugung horen mussten, so liess er mich sehr bald begreifen und einsehen, dass nicht alles vom freien Herzen gehe, sondern dass viel Wortkram, Bilder, Gleichnisse, herkommliche Redensarten und wiederholt anklingende Zeilen sich immerfort wie um eine gemeinsame Achse herumdrehten. Ich merkte nun besser auf und machte mir die Sprache so zu eigen, dass ich allenfalls eine Rede so gut als irgendein Vorsteher hatte halten wollen. Erst ergotzte der Gute sich daran, endlich beim Uberdruss ward er ungeduldig, dass ich, ihn zu beschwichtigen, den entgegengesetzten Weg einschlug, ihm nur desto aufmerksamer zuhorte, ihm seinen herzlich treuen Vortrag wohl acht Tage spater wenigstens mit annahernder Freiheit und nicht ganz unahnlichem geistigem Wesen zu wiederholen wusste.
So wuchs unser Verhaltnis zum innigsten Bande, und eine Leidenschaft zu irgendeinem Wahren, Guten sowie zu moglicher Ausubung desselben war eigentlich, was uns vereinigte.
Indem ich nun bedenke, was Sie veranlasst haben mag, zu einer solchen Erzahlung mich zu bewegen, so war es meine lebhafte Beschreibung vom glucklich vollbrachten Markttage. Verwundern Sie sich daruber nicht; denn gerade war es eine frohe, herzliche Betrachtung holder und erhabener Naturszenen, was mich und meinen Brautigam in ruhigen und geschaftlosen Stunden am schonsten unterhielt. Treffliche vaterlandische Dichter hatten das Gefuhl in uns erregt und genahrt, Hallers 'Alpen', Gessners 'Idyllen', Kleists 'Fruhling' wurden oft von uns wiederholt, und wir betrachteten die uns umgebende herrliche Welt bald von ihrer anmutigen, bald von ihrer erhabenen Seite.
Noch gern erinnere ich mich, wie wir beide, scharfund weitsichtig, uns um die Wette und oft hastig auf die bedeutenden Erscheinungen der Erde und des Himmels aufmerksam zu machen suchten, einander vorzueilen und zu uberbieten trachteten. Dies war die schonste Erholung, nicht nur vom taglichen Geschaft, sondern auch von jenen ernsten Gesprachen, die uns oft nur zu tief in unser eigenes Innere versenkten und uns dort zu beunruhigen drohten.
In diesen Tagen kehrte ein Reisender bei uns ein, wahrscheinlich unter geborgtem Namen; wir dringen nicht weiter in ihn, da er sogleich durch sein Wesen uns Vertrauen einflosst, da er sich im ganzen hochst sittlich benimmt, sowie anstandig aufmerksam in unsern Versammlungen. Von meinem Freund in den Gebirgen umhergefuhrt, zeigt er sich ernst, einsichtig und kenntnisreich. Auch ich geselle mich zu ihren sittlichen Unterhaltungen, wo alles nach und nach zur Sprache kommt, was einem innern Menschen bedeutend werden kann; da bemerkt er denn gar bald in unserer Denkweise in Absicht auf die gottlichen Dinge etwas Schwankendes. Die religiosen Ausdrucke waren uns trivial geworden, der Kern, den sie enthalten sollten, war uns entfallen. Da liess er uns die Gefahr unsres Zustandes bemerken, wie bedenklich die Entfernung vom Uberlieferten sein musse, an welches von Jugend auf sich so viel angeschlossen; sie sei hochst gefahrlich bei der Unvollstandigkeit besonders des eignen Innern. Freilich eine taglich und stundlich durchgefuhrte Frommigkeit werde zuletzt nur Zeitvertreib und wirke wie eine Art von Polizei auf den ausseren Anstand, aber nicht mehr auf den tiefen Sinn; das einzige Mittel dagegen sei, aus eigener Brust sittlich gleich geltende, gleich wirksame, gleich beruhigende Gesinnungen hervorzurufen.
Die Eltern hatten unsre Verbindung stillschweigend vorausgesetzt, und ich weiss nicht, wie es geschah, die Gegenwart des neuen Freundes beschleunigte die Verlobung, es schien sein Wunsch, diese Bestatigung unsres Glucks in dem stillen Kreise zu feiern, da er denn auch mit anhoren musste, wie der Vorsteher die Gelegenheit ergriff, uns an den Bischof von Laodicea und an die grosse Gefahr der Lauheit, die man uns wollte angemerkt haben, zu erinnern. Wir besprachen noch einigemal diese Gegenstande, und er liess uns ein hierauf bezugliches Blatt zuruck, welches ich oft in der Folge wieder anzusehen Ursache fand.
Er schied nunmehr, und es war, als wenn mit ihm alle guten Geister gewichen waren. Die Bemerkung ist nicht neu, wie die Erscheinung eines vorzuglichen Menschen in irgendeinem Zirkel Epoche macht und bei seinem Scheiden eine Lucke sich zeigt, in die sich ofters ein zufalliges Unheil hineindrangt. Und nun lassen Sie mich einen Schleier uber das Nachstfolgende werfen; durch einen Zufall ward meines Verlobten kostbares Leben, seine herrliche Gestalt plotzlich zerstort; er wendete standhaft seine letzten Stunden dazu an, sich mit mir Trostlosen verbunden zu sehen und mir die Rechte an seinem Erbteil zu sichern. Was aber diesen Fall den Eltern um so schmerzlicher machte, war, dass sie kurz vorher eine Tochter verloren hatten und sich nun, im eigentlichen Sinne, verwaist sahen, woruber ihr zartes Gemut dergestalt angegriffen wurde, dass sie ihr Leben nicht lange fristeten. Sie gingen den lieben Ihrigen bald nach, und mich ereilte noch ein anderes Unheil, dass mein Vater, vom Schlag geruhrt, zwar noch sinnliche Kenntnis von der Welt, aber weder geistige noch korperliche Tatigkeit gegen dieselbe behalten hat. Und so bedurfte ich denn freilich in der grossten Not und Absonderung jener Selbststandigkeit, in der ich mich, gluckliche Verbindung und frohes Mitleben hoffend, fruhzeitig geubt und noch vor kurzem durch die rein belebenden Worte des geheimnisvollen Durchreisenden recht eigentlich gestarkt hatte.
Doch darf ich nicht undankbar sein, da mir in diesem Zustand noch ein tuchtiger Gehulfe geblieben ist, der als Faktor alles das besorgt, was in solchen Geschaften als Pflicht mannlicher Tatigkeit erscheint. Kommt er heut abend aus der Stadt zuruck und Sie haben ihn kennen gelernt, so erfahren Sie mein wunderbares Verhaltnis zu ihm."
Ich hatte manches dazwischengesprochen und durch beifalligen, vertraulichen Anteil ihr Herz immer mehr aufzuschliessen und ihre Rede im Fluss zu erhalten getrachtet. Ich vermied nicht, dasjenige ganz nahe zu beruhren, was noch nicht vollig ausgesprochen war; auch sie ruckte immer naher zu, und wir waren so weit, dass bei der geringsten Veranlassung das offenbare Geheimnis ins Wort getreten ware.
Sie stand auf und sagte: "Lassen Sie uns zum Vater gehen!" Sie eilte voraus, und ich folgte ihr langsam; ich schuttelte den Kopf uber die wundersame Lage, in der ich mich befand. Sie liess mich in eine hintere, sehr reinliche Stube treten, wo der gute Alte unbeweglich im Sessel sass. Er hatte sich wenig verandert. Ich ging auf ihn zu, er sah mich erst starr, dann mit lebhafteren Augen an; seine Zuge erheiterten sich, er versuchte, die Lippen zu bewegen, und als ich die Hand hinreichte, seine ruhende zu fassen, ergriff er die meine von selbst, druckte sie und sprang auf, die Arme gegen mich ausstreckend. "O Gott!" rief er, "der Junker Lenardo! er ist's, er ist es selbst!" Ich konnte mich nicht enthalten, ihn an mein Herz zu schliessen; er sank in den Stuhl zuruck, die Tochter eilte hinzu, ihm beizustehen; auch sie rief: "Er ist's! Sie sind es, Lenardo!"
Die jungere Nichte war herbeigekommen, sie fuhrten den Vater, der auf einmal wieder gehen konnte, der Kammer zu, und gegen mich gewendet, sprach er ganz deutlich:
"Wie glucklich, glucklich! bald sehen wir uns wieder!"
Ich stand, vor mich hinschauend und denkend, Mariechen kam zuruck und reichte mir ein Blatt, mit dem Vermelden, es sei dasselbige, wovon gesprochen. Ich erkannte sogleich Wilhelms Handschrift, so wie vorhin seine Person aus der Beschreibung mir entgegengetreten war; mancherlei fremde Gesichter schwarmten um mich her, es war eine eigene Bewegung im Vorhause. Und dann ist es ein widerwartiges Gefuhl, aus dem Enthusiasmus einer reinen Wiedererkennung, aus der Uberzeugung dankbaren Erinnerns, der Anerkennung einer wunderbaren Lebensfolge und was alles Warmes und Schones dabei in uns entwickelt werden mag, auf einmal zu der schroffen Wirklichkeit einer zerstreuten Alltaglichkeit zuruckgefuhrt zu werden.
Diesmal war der Freitagabend uberhaupt nicht so heiter und lustig, wie er sonst wohl sein mochte; der Faktor war nicht mit dem Marktschiff aus der Stadt zuruckgekehrt, er meldete nur in einem Briefe, dass ihn Geschafte erst morgen oder ubermorgen zuruckgehen liessen; er werde mit anderer Gelegenheit kommen, auch alles Bestellte und Versprochene mitbringen. Die Nachbarn, welche, jung und alt, in Erwartung wie gewohnlich zusammengekommen waren, machten verdriessliche Gesichter, Lieschen besonders, die ihm entgegengegangen war, schien sehr ubler Laune.
Ich hatte mich in mein Zimmer gefluchtet, das Blatt in der Hand haltend, ohne hineinzusehen, denn es hatte mir schon heimlichen Verdruss gemacht, aus jener Erzahlung zu vernehmen, dass Wilhelm die Verbindung beschleunigt habe. "Alle Freunde sind so, alle sind Diplomaten; statt unser Vertrauen redlich zu erwidern, folgen sie ihren Ansichten, durchkreuzen unsre Wunsche und missleiten unser Schicksal!" So rief ich aus, doch kam ich bald von meiner Ungerechtigkeit zuruck, gab dem Freunde recht, besonders die jetzige Stellung bedenkend, und enthielt mich nicht weiter, das folgende zu lesen. "Jeder Mensch findet sich von den fruhsten Momenten seines Lebens an, erst unbewusst, dann halb, endlich ganz bewusst, immerfort bedingt, begrenzt in seiner Stellung, weil aber niemand Zweck und Ziel seines Daseins kennt, vielmehr das Geheimnis desselben von hochster Hand verborgen wird, so tastet er nur, greift zu, lasst fahren, steht stille, bewegt sich, zaudert und ubereilt sich, und auf wie mancherlei Weise denn alle Irrtumer entstehen, die uns verwirren." "Sogar der Besonnenste ist im taglichen Weltleben genotigt, klug fur den Augenblick zu sein, und gelangt deswegen im allgemeinen zu keiner Klarheit. Selten weiss er sicher, wohin er sich in der Folge zu wenden und was er eigentlich zu tun und zu lassen habe." "Glucklicherweise sind alle diese und noch hundert andere wundersame Fragen durch euren unaufhaltsam tatigen Lebensgang beantwortet. Fahrt fort in unmittelbarer Beachtung der Pflicht des Tages und pruft dabei die Reinheit eures Herzens und die Sicherheit eures Geistes. Wenn ihr sodann in freier Stunde aufatmet und euch zu erheben Raum findet, so gewinnt ihr auch gewiss eine richtige Stellung gegen das Erhabene, dem wir uns auf jede Weise verehrend hinzugeben, jedes Ereignis mit Ehrfurcht zu betrachten und eine hohere Leitung darin zu erkennen haben."
Sonnabend, den 20.
Vertieft in Gedanken, auf deren wunderlichen Irrgangen mich eine fuhlende Seele teilnehmend gern begleiten wird, war ich mit Tagesanbruch am See auf und ab spaziert; die Hausfrau ich fuhlte mich sehr zufrieden, sie nicht als Witwe denken zu durfen zeigte sich erwunscht erst am Fenster, dann an der Ture; sie erzahlte mir: der Vater habe gut geschlafen, sei heiter aufgewacht und habe mit deutlichen Worten eroffnet, dass er im Bette bleiben, mich heute nicht, morgen aber erst nach dem Gottesdienste zu sehen wunsche, wo er sich gewiss recht gestarkt fuhlen werde. Sie sagte mir darauf, dass sie mich heute viel ter Tag, kam herunter und gab mir Rechenschaft davon.
Ich horte ihr zu, nur um sie zu horen, dabei uberzeugt' ich mich, dass sie von der Sache durchdrungen, davon als einer herkommlichen Pflicht angezogen und mit Willen beschaftigt schien. Sie fahr fort: "Es ist gewohnlich und eingerichtet, dass das Gewebe gegen das Ende der Woche fertig sei und am Sonnabendnachmittag zu dem Verlagsherrn getragen werde, der solches durchsieht, misst und wagt, um zu erforschen, ob die Arbeit ordentlich und fehlerfrei, auch ob ihm an Gewicht und Mass das Gehorige eingeliefert worden, und, wenn alles richtig befunden ist, sodann den verabredeten Weberlohn zahlt. Seinerseits ist nun er bemuht, das gewebte Stuck von allen etwa anhangenden Faden und Knoten zu reinigen, solches aufs zierlichste zu legen, die schonste, fehlerfreiste Seite oben vors Auge zu bringen und so die Ware hochst annehmlich zu machen."
Indessen kamen aus dem Gebirg viele Weberinnen, ihre Ware ins Haus tragend, worunter ich auch die erblickte, welche unsern Geschirrfasser beschaftigte. Sie dankte mir gar lieblich fur das zuruckgelassene Geschenk und erzahlte mit Anmut: der Herr Geschirrfasser sei bei ihnen, arbeite heute an ihrem leerstehenden Weberstuhl und habe ihr beim Abschied versichert: was er an ihm tue, solle Frau Susanne gleich der Arbeit ansehen. Darauf ging sie, wie die ubrigen, ins Haus, und ich konnte mich nicht enthalten, die liebe Wirtin zu fragen: "Um 's Himmels willen! wie kommen Sie zu dem wunderlichen Namen?" "Es ist", versetzte sie, "der dritte, den man mir aufburdet; ich liess es gerne zu, weil meine Schwiegereltern es wunschten, denn es war der Name ihrer verstorbenen Tochter, an deren Stelle sie mich eintreten liessen, und der Name bleibt doch immer der schonste, lebendigste Stellvertreter der Person." Darauf versetzte ich: "Ein vierter ist schon gefunden, ich wurde Sie Gute-Schone nennen, insofern es von mir abhinge." Sie machte eine gar lieblich demutige Verbeugung und wusste ihr Entzucken uber die Genesung des Vaters mit der Freude, mich wiederzusehen, so zu verbinden und zu steigern, dass ich in meinem Leben nichts Schmeichelhafteres und Erfreulicheres glaubte gehort und gefuhlt zu haben.
Die Schone-Gute, doppelt und dreifach ins Haus zuruckgerufen, ubergab mich einem verstandigen, unterrichteten Manne, der mir die Merkwurdigkeiten des Gebirgs zeigen sollte. Wir gingen zusammen, bei schonstem Wetter, durch reich abwechselnde Gegenden. Aber man uberzeugt sich wohl, dass weder Fels noch Wald, noch Wassersturz, noch weniger Muhlen und Schmiedewerkstatt, sogar kunstlich genug in Holz arbeitende Familien mir irgendeine Aufmerksamkeit abgewinnen konnten. Indessen war der Wandergang fur den ganzen Tag angelegt, der Bote trug ein feines Fruhstuck im Ranzel, zu Mittag fanden wir ein gutes Essen im Zechenhause eines Bergwerks, wo niemand recht aus mir klug werden konnte, indem tuchtigen Menschen nichts leidiger vorkommt als ein leeres, Teilnahme heuchelndes Unteilnehmen.
Am wenigsten aber begriff mich der Bote, an welchen eigentlich der Garntrager mich gewiesen hatte, mit grossem Lob meiner schonen technischen Kenntnisse und des besonderen Interesses an solchen Dingen. Auch von meinem vielen Aufschreiben und Bemerken hatte jener gute Mann erzahlt, worauf sich denn der Berggenoss gleichfalls eingerichtet hatte. Lange wartete mein Begleiter, dass ich meine Schreibtafel hervorholen sollte, nach welcher er denn auch endlich, einigermassen ungeduldig, fragte.
Sonntag, den 21.
Mittag kam beinahe herbei, eh' ich die Freundin wieder ansichtig werden konnte. Der Hausgottesdienst, bei dem sie mich nicht gegenwartig wunschte, war indessen gehalten; der Vater hatte demselben beigewohnt und, die erbaulichsten Worte deutlich und vernehmlich sprechend, alle Anwesenden und sie selbst bis zu den herzlichsten Tranen geruhrt. "Es waren", Wendungen, die ich hundertmal gehort und als an hohlen Klangen mich geargert hatte; diesmal flossen sie aber so herzlich zusammengeschmolzen, ruhig gluhend, von Schlacken rein, wie wir das erweichte Metall in der Rinne hinfliessen sehen. Es war mir angst und bange, er mochte sich in diesen Ergiessungen aufzehren, jedoch liess er sich ganz munter zu Bette fuhren; er wollte, sagte er, sich sammeln und den Gast, sobald er Kraft genug fuhle, zu sich rufen lassen."
Nach Tische ward unser Gesprach lebhafter und vertraulicher, aber ebendeshalb konnte ich mehr empfinden und bemerken, dass sie etwas zuruckhielt, dass sie mit beunruhigenden Gedanken kampfte, wie es ihr auch nicht ganz gelang, ihr Gesicht zu erheitern. Nachdem ich hin und her versucht, sie zur Sprache zu bringen, so gestand ich aufrichtig, dass ich ihr eine gewisse Schwermut, einen Ausdruck von Sorge anzusehen glaubte, seien es hausliche oder Handelsbedrangnisse, sie solle sich mir eroffnen; ich ware reich genug, eine alte Schuld ihr auf jede Weise abzutragen.
Sie verneinte lachelnd, dass dies der Fall sei. "Ich habe", fuhr sie fort, "wie Sie zuerst hereintraten, einen von denen Herren zu sehen geglaubt, die mir in Triest Kredit machen, und war mit mir selbst wohl zufrieden, als ich mein Geld vorratig wusste, man mochte die ganze Summe oder einen Teil verlangen. Was mich aber druckt, ist doch eine Handelssorge, leider nicht fur den Augenblick, nein! fur alle Zukunft. Das uberhandnehmende Maschinenwesen qualt und angstigt mich, es walzt sich heran wie ein Gewitter, langsam, langsam; aber es hat seine Richtung genommen, es wird kommen und treffen. Schon mein Gatte war von diesem traurigen Gefuhl durchdrungen. Man denkt daran, man spricht davon, und weder Denken noch Reden kann Hulfe bringen. Und wer mochte sich solche Schrecknisse gern vergegenwartigen! Denken Sie, dass viele Taler sich durchs Gebirg schlingen, wie das, wodurch Sie herabkamen; noch schwebt Ihnen das hubsche, frohe Leben vor, das Sie diese Tage her dort gesehen, wovon Ihnen die geputzte Menge allseits andringend gestern das erfreulichste Zeugnis gab; denken Sie, wie das nach und nach zusammensinken absterben, die Ode, durch Jahrhunderte belebt und bevolkert, wieder in ihre uralte Einsamkeit zuruckfallen werde.
Hier bleibt nur ein doppelter Weg, einer so traurig wie der andere: entweder selbst das Neue zu ergreifen und das Verderben zu beschleunigen, oder aufzubrechen, die Besten und Wurdigsten mit sich fort zu ziehen und ein gunstigeres Schicksal jenseits der Meere zu suchen. Eins wie das andere hat sein Bedenken, aber wer hilft uns die Grunde abwagen, die uns bestimmen sollen? Ich weiss recht gut, dass man in der Nahe mit dem Gedanken umgeht, selbst Maschinen zu errichten und die Nahrung der Menge an sich zu reissen. Ich kann niemanden verdenken, dass er sich fur seinen eigenen Nachsten halt; aber ich kame mir verachtlich vor, sollt' ich diese guten Menschen plundern und sie zuletzt arm und hulflos wandern sehen; und wandern mussen sie fruh oder spat. Sie ahnen, sie wissen, sie sagen es, und niemand entschliesst sich zu irgendeinem heilsamen Schritte. Und doch, woher soll der Entschluss kommen? wird er nicht jedermann ebensosehr erschwert als mir?
Mein Brautigam war mit mir entschlossen zum Auswandern; er besprach sich oft uber Mittel und Wege, sich hier loszuwinden. Er sah sich nach den Besseren um, die man um sich versammeln, mit denen man gemeine Sache machen, die man an sich heranziehen, mit sich fortziehen konnte; wir sehnten uns, mit vielleicht allzu jugendlicher Hoffnung, in solche Gegenden, wo dasjenige fur Pflicht und Recht gelten konnte, was hier ein Verbrechen ware. Nun bin ich im entgegengesetzten Falle: der redliche Gehulfe, der mir nach meines Gatten Tode geblieben, trefflich in jedem Sinne, mir freundschaftlich liebevoll anhanglich, er ist ganz der entgegengesetzten Meinung.
Ich muss Ihnen von ihm sprechen, eh' Sie ihn gesehen haben; lieber hatt' ich es nachher getan, weil die personliche Gegenwart gar manches Ratsel aufschliesst. Ungefahr von gleichem Alter wie mein Gatte, schloss er sich als kleiner, armer Knabe an den wohlhabenden, wohlwollenden Gespielen, an die Familie, an das Haus, an das Gewerbe; sie wuchsen zusammen heran und hielten zusammen, und doch waren es zwei ganz verschiedene Naturen; der eine frei gesinnt und mitteilend, der andere in fruherer Jugend gedruckt, verschlossen, den geringsten ergriffenen Besitz festhaltend, zwar frommer Gesinnung, aber mehr an sich als an andere denkend.
Ich weiss recht gut, dass er von den ersten Zeiten her ein Auge auf mich richtete, er durfte es wohl, denn ich war armer als er; doch hielt er sich zuruck, sobald er die Neigung des Freundes zu mir bemerkte. Durch anhaltenden Fleiss, Tatigkeit und Treue machte er sich bald zum Mitgenossen des Gewerbes. Mein Gatte hatte heimlich den Gedanken, bei unserer Auswanderung diesen hier einzusetzen und ihm das Zuruckgelassene anzuvertrauen. Bald nach dem Tode des Trefflichen naherte er sich mir, und vor einiger Zeit verhielt er nicht, dass er sich um meine Hand bewerbe. Nun tritt aber der doppelt wunderliche Umstand ein, dass er sich von jeher gegen das Auswandern erklarte und dagegen eifrig betreibt, wir sollen auch Maschinen anlegen. Seine Grunde freilich sind dringend, denn in unsern Gebirgen hauset ein Mann, der, wenn er, unsere einfacheren Werkzeuge vernachlassigend, zusammengesetztere sich erbauen wollte, uns zugrunde richten konnte. Dieser in seinem Fache sehr geschickte Mann wir nennen ihn den Geschirrfasser ist einer wohlhabenden Familie in der Nachbarschaft anhanglich, und man darf wohl glauben, dass er im Sinne hat, von jenen steigenden Erfindungen fur sich und seine Begunstigten nutzlichen Gebrauch zu machen. Gegen die Grunde meines Gehulfen ist nichts einzuwenden, denn schon ist gewissermassen zu viel Zeit versaumt, und gewinnen jene den Vorrang, so mussen wir, und zwar mit Unstatten, doch das gleiche tun. Dieses ist, was mich angstigt und qualt, das ist's, was Sie mir, teuerster Mann, als einen Schutzengel erscheinen lasst."
Ich hatte wenig Trostliches hierauf zu erwidern, ich musste den Fall so verwickelt finden, dass ich mir Bedenkzeit ausbat. Sie aber fuhr fort: "Ich habe noch manches zu eroffnen, damit meine Lage Ihnen noch mehr wundersam erscheine. Der junge Mann, dem ich personlich nicht abgeneigt bin, der mir aber keineswegs meinen Gatten ersetzen noch meine eigentliche Neigung erwerben wurde" sie seufzte, indem sie dies sprach , "wird seit einiger Zeit entschieden dringender, seine Vortrage sind so liebevoll als verstandig. Die Notwendigkeit, meine Hand ihm zu reichen, die Unklugheit, an eine Auswanderung zu denken und daruber das einzige wahre Mittel der Selbsterhaltung zu versaumen, sind nicht zu widerlegen, und es scheint ihm mein Widerstreben, meine Grille des Auswanderns so wenig mit meinem ubrigen haushaltischen Sinn ubereinzustimmen, dass ich bei einem letzten, etwas heftigen Gesprach die Vermutung bemerken konnte, meine Neigung musse wo anders gefesselt sein." Sie brachte das letzte nur mit einigem Stocken hervor und blickte vor sich nieder.
Was mir bei diesen Worten durch die Seele fuhr, denke jeder, und doch, bei blitzschnell nachfahrender Uberlegung, musst' ich fuhlen, dass jedes Wort die Verwirrung nur vermehren wurde. Doch ward ich zugleich, so vor ihr stehend, mir deutlich bewusst, dass ich sie im hochsten Grade liebgewonnen habe und nun alles, was in mir von vernunftiger, verstandiger Kraft ubrig war, aufzuwenden hatte, um ihr nicht sogleich meine Hand anzubieten. Mag sie doch, dachte ich, alles hinter sich lassen, wenn sie mir folgt! Doch die Leiden vergangener Jahre hielten mich zuruck. Sollst du eine neue falsche Hoffnung hegen, um lebenslanglich daran zu bussen?
Wir hatten beide eine Zeitlang geschwiegen, als Lieschen, die ich nicht hatte herankommen sehen, uberraschend vor uns trat und die Erlaubnis verlangte, auf dem nachsten Hammerwerke diesen Abend zuzubringen. Ohne Bedenken ward es gewahrt. Ich hatte mich indessen zusammengenommen und fing an, im allgemeinen zu erzahlen: wie ich auf meinen Reisen das alles langst herankommen gesehen, wie Trieb und Notwendigkeit des Auswanderns jeden Tag sich vermehre; doch bleibe ein solches Abenteuer immer das Gefahrlichste. Unvorbereitetes Wegeilen bringe ungluckliche Wiederkehr; kein anderes Unternehmen bedurfe so viel Vorsicht und Leitung als ein solches. Diese Betrachtung war ihr nicht fremd, sie hatte viel uber alle Verhaltnisse gedacht, aber zuletzt sprach sie mit einem tiefen Seufzer: "Ich habe diese Tage Ihres Hierseins immer gehofft, durch vertrauliche Erzahlung Trost zu gewinnen, aber ich fuhle mich ubler gestellt als vorher, ich fuhle recht tief, wie unglucklich ich bin." Sie hob den Blick nach mir, aber die aus den schonen, guten Augen ausquellenden Tranen zu verbergen, wendete sie sich um und entfernte sich einige Schritte.
Ich will mich nicht entschuldigen, aber der Wunsch, diese herrliche Seele, wo nicht zu trosten, doch zu zerstreuen gab mir den Gedanken ein, ihr von der wundersamen Vereinigung mehrerer Wandernden und Scheidenden zu sprechen, in die ich schon seit einiger Zeit getreten war. Unversehens hatte ich schon so weit mich herausgelassen, dass ich kaum hatte zuruckhalten konnen, als ich gewahrte, wie unvorsichtig mein Vertrauen gewesen sein mochte. Sie beruhigte sich, staunte, erheiterte, entfaltete ihr ganzes Wesen und fragte mit solcher Neigung und Klugheit, dass ich ihr nicht mehr ausweichen, dass ich ihr alles bekennen musste.
Gretchen trat vor uns und sagte: wir mochten zum Vater kommen! Das Madchen schien sehr nachdenklich und verdriesslich. Zur Weggehenden sagte die Schone-Gute: "Lieschen hat Urlaub fur heut abend, besorge du die Geschafte." "Ihr hattet ihn nicht geben sollen", versetzte Gretchen, "sie stiftet nichts Gutes; Ihr seht dem Schalk mehr nach, als billig, vertraut ihr mehr, als recht ist. Eben jetzt erfahr' ich, sie hat ihm gestern einen Brief geschrieben; Euer Gesprach hat sie behorcht, jetzt geht sie ihm entgegen."
Ein Kind, das indessen beim Vater geblieben war, bat mich, zu eilen, der gute Mann sei unruhig. Wir traten hinein; heiter, ja verklart sass er aufrecht im Bette. "Kinder", sagte er, "ich habe diese Stunden im anhaltenden Gebet vollbracht, keiner von allen Dankund Lobgesangen Davids ist von mir unberuhrt geblieben, und ich fuge hinzu, aus eignem Sinne mit gestarktem Glauben: Warum hofft der Mensch nur in die Nahe? da muss er handeln und sich helfen, in die Ferne soll er hoffen und Gott vertrauen." Er fasste Lenardos Hand und so die Hand der Tochter, und beide ineinander legend sprach er: "Das soll kein irdisches, es soll ein himmlisches Band sein; wie Bruder und Schwester liebt, vertraut, nutzt und helft einander, so uneigennutzig und rein, wie euch Gott helfe." Als er dies gesagt, sank er zuruck mit himmlischem Lacheln und war heimgegangen. Die Tochter sturzte vor dem Bett nieder, Lenardo neben sie, ihre Wangen beruhrten sich, ihre Tranen vereinigten sich auf seiner Hand.
Der Gehulfe rennt in diesem Augenblick herein, erstarrt uber der Szene. Mit wildem Blick, die schwarzen Locken schuttelnd, ruft der wohlgestaltete Jungling: "Er ist tot; in dem Augenblick, da ich seine wiederhergestellte Sprache dringend anrufen wollte, mein Schicksal, das Schicksal seiner Tochter zu entscheiden, des Wesens, das ich nachst Gott am meisten liebe, dem ich ein gesundes Herz wunschte, ein Herz, das den Wert meiner Neigung fuhlen konnte. Fur mich ist sie verloren, sie kniet neben einem andern! Hat er euch eingesegnet? gesteht's nur!"
Das herrliche Wesen war indessen aufgestanden, Lenardo hatte sich erhoben und erholt; sie sprach: "Ich erkenn' Euch nicht mehr, den sanften, frommen, auf einmal so verwilderten Mann; wisst Ihr doch, wie ich Euch danke, wie ich von Euch denke."
"Von Danken und Denken ist hier die Rede nicht", versetzte jener gefasst, "hier handelt sich's vom Gluck oder Ungluck meines Lebens. Dieser fremde Mann macht mich besorgt; wie ich ihn ansehe, getrau' ich mich nicht, ihn aufzuwiegen; fruhere Rechte zu verdrangen, fruhere Verbindungen zu losen vermag ich nicht."
"Sobald du wieder in dich selbst zurucktreten kannst", sagte die Gute, schoner als je, "wenn mit dir zu sprechen ist wie sonst und immer, so will ich dir sagen, dir beteuern bei den irdischen Resten meines verklarten Vaters, dass ich zu diesem Herrn und Freunde kein ander Verstandnis habe, als das du kennen, billigen und teilen kannst und dessen du dich erfreuen musst."
Lenardo schauderte bis tief ins Innerste, alle drei standen still, stumm und nachdenkend eine Weile; der Jungling nahm zuerst das Wort und sagte: "Der Augenblick ist von zu grosser Bedeutung, als dass er nicht entscheidend sein sollte. Es ist nicht aus dem Stegreif, was ich spreche, ich habe Zeit gehabt zu denken, also vernehmt: Die Ursache, deine Hand mir zu verweigern, war meine Weigerung, dir zu folgen, wenn du aus Not oder Grille wandern wurdest. Hier also erklar' ich feierlich vor diesem gultigen Zeugen, dass ich deinem Auswandern kein Hindernis in den Weg legen, vielmehr es befordern und dir uberallhin folgen will. Gegen diese mir nicht abgenotigte, sondern nur durch die seltsamsten Umstande beschleunigte Erklarung verlang' ich aber im Augenblick deine Hand." Er reichte sie hin, stand fest und sicher da, die beiden andern wichen uberrascht, unwillkurlich zuruck.
"Es ist ausgesprochen", sagte der Jungling, ruhig mit einer gewissen frommen Hoheit: "das sollte geschehen, es ist zu unser aller Bestem, Gott hat es gewollt; aber damit du nicht denkst, es sei Ubereilung und Grille, so wisse nur, ich hatte dir zulieb auf Berg und Felsen Verzicht getan und eben jetzt in der Stadt alles eingeleitet, um nach deinem Willen zu leben. Nun aber geh' ich allein, du wirst mir die Mittel dazu nicht versagen, du behaltst noch immer genug ubrig, um es hier zu verlieren, wie du furchtest und wie du recht hast zu furchten. Denn ich habe mich endlich auch uberzeugt: der kunstliche, werktatige Schelm hat sich ins obere Tal gewendet, dort legt er Maschinen an, du wirst ihn alle Nahrung an sich ziehen sehen, vielleicht rufst du, und nur allzubald, einen treuen Freund zuruck, den du vertreibst."
Peinlicher haben nicht leicht drei Menschen sich gegenubergestanden, alle zusammen in Furcht, sich einander zu verlieren, und im Augenblick nicht wissend, wie sie sich wechselseitig erhalten sollten.
Leidenschaftlich entschlossen sturzte der Jungling zur Ture hinaus. Auf ihres Vaters erkaltete Brust hatte die Schone-Gute ihre Hand gelegt: "In die Nahe soll man nicht hoffen", rief sie aus, "aber in die Ferne, das war sein letzter Segen. Vertrauen wir Gott, jeder sich selbst und dem andern, so wird sich's wohl fugen."
Vierzehntes Kapitel
Unser Freund las mit grossem Anteil das Vorgelegte, musste aber zugleich gestehen, er habe schon beim Schluss des vorigen Heftes geahnet, ja vermutet, das gute Wesen sei entdeckt worden. Die Beschreibung der schroffen Gebirgsgegend habe ihn zuerst in jene Zustande versetzt, besonders aber sei er durch die Ahnung Lenardos in jener Mondennacht, so auch durch die Wiederholung der Worte seines Briefes auf die Spur geleitet worden. Friedrich, dem er das alles umstandlich vortrug, liess sich es auch ganz wohl gefallen.
Hier aber wird die Pflicht des Mitteilens, Darstellens, Ausfuhrens und Zusammenziehens immer schwieriger. Wer fuhlt nicht, dass wir uns diesmal dem Ende nahern, wo die Furcht, in Umstandlichkeiten zu verweilen, mit dem Wunsche, nichts vollig unerortert zu lassen, uns in Zwiespalt versetzt. Durch die eben angekommene Depesche wurden wir zwar von manchem unterrichtet, die Briefe jedoch und die vielfachen Beilagen enthielten verschiedene Dinge, gerade nicht von allgemeinem Interesse. Wir sind also gesonnen, dasjenige, was wir damals gewusst und erfahren, ferner auch das, was spater zu unserer Kenntnis kam, zusammenzufassen und in diesem Sinne das ubernommene ernste Geschaft eines treuen Referenten getrost abzuschliessen.
Vor allen Dingen haben wir daher zu berichten, dass Lothario mit Theresen, seiner Gemahlin, und Natalien, die ihren Bruder nicht von sich lassen wollte, in Begleitung des Abbes schon wirklich zur See gegangen sind. Unter gunstigen Vorbedeutungen reisten sie ab, und hoffentlich blaht ein fordernder Wind ihre Segel. Die einzige unangenehme Empfindung, eine wahre sittliche Trauer, nehmen sie mit: dass sie Makarien vorher nicht ihren Besuch abstatten konnten. Der Umweg war zu gross, das Unternehmen zu bedeutend; schon warf man sich einige Zogerung vor und musste selbst eine heilige Pflicht der Notwendigkeit aufopfern.
Wir aber, von unserer erzahlenden und darstellenden Seite, sollten diese teuren Personen, die uns fruher so viele Neigung abgewonnen, nicht in so weite Entfernung ziehen lassen, ohne von ihrem bisherigen Vornehmen und Tun nahere Nachricht erteilt zu haben, besonders da wir so lange nichts Ausfuhrliches von ihnen vernommen. Gleichwohl unterlassen wir dieses, weil ihr bisheriges Geschaft sich nur vorbereitend auf das grosse Unternehmen bezog, auf welches wir sie lossteuern sehen. Wir leben jedoch in der Hoffnung, sie dereinst in voller geregelter Tatigkeit, den wahren Wert ihrer verschiedenen Charaktere offenbarend, vergnuglich wiederzufinden.
Juliette, die Sinnige-Gute, deren wir uns wohl noch erinnern, hatte geheiratet, einen Mann nach dem Herzen des Oheims, durchaus in seinem Sinne mit- und fortwirkend. Juliette war in der letzten Zeit viel um die Tante, wo manche derjenigen zusammentrafen, auf die sie wohltatigen Einfluss gehabt; nicht nur solche, die dem festen Lande gewidmet bleiben, auch solche, die uber See zu gehen gedenken. Lenardo hingegen hatte schon fruher mit Friedrichen Abschied genommen; die Mitteilung durch Boten war unter diesen desto lebhafter.
Vermisste man also in dem Verzeichnisse der Gaste jene edlen Obengenannten, so waren doch manche bedeutende, uns schon naher bekannte Personen darauf zu finden. Hilarie kam mit ihrem Gatten, der nun als Hauptmann und entschieden reicher Gutsbesitzer auftrat. Sie in ihrer grossen Anmut und Liebenswurdigkeit gewann sich hier wie uberall gar gern Verzeihung einer allzu grossen Leichtigkeit, von Interesse zu Interesse ubergehend zu wechseln, deren wir sie im Lauf der Erzahlung schuldig gefunden. Besonders die Manner rechneten es ihr nicht hoch an. Einen dergleichen Fehler, wenn es einer ist, finden sie nicht anstossig, weil ein jeder wunschen und hoffen mag, auch an die Reihe zu kommen.
Flavio, ihr Gemahl, rustig, munter und liebenswurdig genug, schien vollkommen ihre Neigung zu fesseln; sie mochte sich das Vergangene selbst verziehen haben; auch fand Makarie keinen Anlass, dessen zu erwahnen. Er, der immer leidenschaftliche Dichter, bat sich aus, beim Abschiede ein Gedicht vorlesen zu durfen, welches er zu Ehren ihrer und ihrer Umgebung in den wenigen Tagen seines Hierseins verfasste. Man sah ihn oft im Freien auf und ab gehen, nach einigem Stillstand mit bewegter Gebarde wieder vorwarts schreitend in die Schreibtafel schreiben, sinnen und wieder schreiben. Nun aber schien er es fur vollendet zu halten, als er durch Angela jenen Wunsch zu erkennen gab.
Die gute Dame, obgleich ungern, verstand sich hiezu, und es liess sich allenfalls anhoren, ob man gleich dadurch weiter nichts erfuhr, als was man schon wusste, nichts fuhlte, als was man schon gefuhlt hatte. Indessen war denn doch der Vortrag leicht und gefallig, Wendung und Reim mitunter neu, wenn man es auch hatte im ganzen etwas kurzer wunschen mogen. Zuletzt ubergab er dasselbe, auf gerandertes Papier sehr schon geschrieben, und man schied mit vollkommener wechselseitiger Zufriedenheit.
Dieses Paar war von einer bedeutenden, wohlgenutzten Reise nach dem Suden zuruckgekommen, um den Vater, den Major, von Hause abzulosen, der mit jener Unwiderstehlichen, die nun seine Gemahlin geworden, auch etwas von der paradiesischen Luft zu einiger Erquickung einatmen wollte.
Diese beiden kamen denn auch, im Wechsel, und so wie uberall hatte bei Makarien die Merkwurdige auch vorzugliche Gunst, welche sich besonders darin erwies, dass die Dame in den innern Zimmern und allein empfangen wurde, welche Geneigtheit auch nachher dem Major zuteil ward. Dieser empfahl sich darauf sogleich als gebildeter Militar, guter Haus- und Landwirt, Literaturfreund, sogar als Lehrdichter beifallswurdig und fand bei dem Astronomen und sonstigen Hausgenossen guten Eingang.
Auch von unserm alten Herrn, dem wurdigen Oheim, ward er besonders ausgezeichnet, welcher, in massiger Ferne wohnend, diesmal mehr, als er sonst pflegte, obgleich nur fur Stunden, heruberkam, aber keine Nacht, auch bei angebotener grossten Bequemlichkeit, zu bleiben bewogen werden konnte.
Bei solchen kurzen Zusammenkunften war seine Gegenwart jedoch hochst erfreulich, weil er sodann, als Welt- und Hofmann, nachgiebig und vermittelnd auftreten wollte; wobei denn sogar ein Zug von aristokratischer Pedanterie nicht unangenehm empfunden wurde. Uberdem ging diesmal sein Behagen von Grund aus, er war glucklich, wie wir uns alle fuhlen, wenn wir mit verstandig-vernunftigen Leuten Wichtiges zu verhandeln haben. Das umfassende Geschaft war vollig im Gange, es bewegte sich stetig nach gepflogener Verabredung.
Hievon nur die Hauptmomente. Er ist druben uber dem Meere, von seinen Vorfahren her, Eigentumer. Was das heissen wolle, moge der Kenner dortiger Angelegenheiten, da es uns hier zu weit fuhren musste, seinen Freunden naher erklaren. Diese wichtigen Besitzungen waren bisher verpachtet und trugen, bei mancherlei Unannehmlichkeiten, wenig ein. Die Gesellschaft, die wir genugsam kennen, ist nun berechtigt, dort Besitz zu nehmen, mitten in der vollkommensten burgerlichen Einrichtung, von da sie als einflussreiches Staatsglied ihren Vorteil ersehen und sich in die noch unangebaute Wuste fern verbreiten kann. Hier nun will sich Friedrich mit Lenardo besonders hervortun, um zu zeigen, wie man eigentlich von vorn beginnen und einen Naturweg einschlagen konne.
Kaum hatten sich die Genannten von ihrem Aufenthalte hochst zufrieden entfernt, so waren dagegen Gaste ganz anderer Art angemeldet und doch auch willkommen. Wir erwarteten wohl kaum, Philinen und Lydien an so heiliger Statte auftreten zu sehen, und doch kamen sie an. Der zunachst in den Gebirgen noch immer weilende Montan sollte sie hier abholen und auf dem nachsten Wege zur See bringen. Beide wurden von Haushalterinnen, Schaffnerinnen, sonst angestellten und mitwohnenden Frauen sehr gut aufgenommen: Philine brachte ein paar allerliebste Kinder mit und zeichnete sich, bei einer einfachen, sehr reizenden Kleidung, aus durch das Sonderbare, dass sie von blumig gesticktem Gurtel herab an langer silberner Kette eine massig grosse englische Schere trug, mit der sie manchmal, gleichsam als wollte sie ihrem Gesprach einigen Nachdruck geben, in die Luft schnitt und schnippte und durch einen solchen Akt die samtlichen Anwesenden erheiterte; worauf denn bald die Frage folgte: ob es denn in einer so grossen Familie nichts zuzuschneiden gebe? und da fand sich denn, dass, erwunscht fur eine solche Tatigkeit, ein paar Braute sollten ausgestattet werden. Sie sieht hierauf die Landestracht an, lasst die Madchen vor sich auf und ab gehen und schneidet immer zu, wobei sie aber, mit Geist und Geschmack verfahrend, ohne dem Charakter einer solchen Tracht etwas zu benehmen, das eigentlich stockende Barbarische derselben mit einer Anmut zu vermitteln weiss, so gelind, dass die Bekleideten sich und andern besser gefallen und die Bangigkeit uberwinden, man moge von dem Herkommlichen doch abgewichen sein.
Hier kam nun Lydie, die mit gleicher Fertigkeit, Zierlichkeit und Schnelle zu nahen verstand, vollkommen zu Hulfe, und man durfte hoffen, mit dem ubrigen weiblichen Beistand die Braute schneller, als man gedacht hatte, herausgeputzt zu sehen. Dabei durften sich diese Madchen nicht lange entfernen, Philine beschaftigte sich mit ihnen bis aufs kleinste und behandelte sie wie Puppen oder Theaterstatisten. Gehaufte Bander und sonstiger in der Nachbarschaft ublicher Festschmuck wurde schicklich verteilt, und so erreichte man zuletzt, dass diese tuchtigen Korper und hubschen Figuren, sonst durch barbarische Pedanterei zugedeckt, nunmehr zu einiger Evidenz gelangten, wobei alle Derbheit doch immer zu einiger Anmut herausgestutzt erschien.
Allzu tatige Personen werden aber doch in einem gleichmassig geregelten Zustande lastig. Philine war mit ihrer gefrassigen Schere in die Zimmer geraten, wo die Vorrate zu Kleidern fur die grosse Familie, in Stoffen aller Art, zur Hand lagen. Da fand sie nun in der Aussicht, das alles zu zerschneiden, die grosste Gluckseligkeit; man musste sie wirklich daraus entfernen und die Turen fest verschliessen, denn sie kannte weder Mass noch Ziel. Angela wollte wirklich deshalb nicht als Braut behandelt sein, weil sie sich vor einer solchen Zuschneiderin furchtete; uberhaupt liess sich das Verhaltnis zwischen beiden keineswegs glucklich einleiten. Doch hievon kann erst spater die Rede sein.
Montan, langer als man gedacht hatte, zauderte zu kommen, und Philine drang darauf, Makarien vorgestellt zu werden. Es geschah, weil man sie alsdann um desto eher loszuwerden hoffte, und es war merkwurdig genug, die beiden Sunderinnen zu den Fussen der Heiligen zu sehen. Zu beiden Seiten lagen sie ihr an den Knieen, Philine zwischen ihren zwei Kindern, die sie lebhaft anmutig niederdruckte; mit gewohnter Heiterkeit sprach sie: "Ich liebe meinen Mann, meine Kinder, beschaftige mich gern fur sie, auch fur andere, das ubrige verzeihst du!" Makarie begrusste sie segnend, sie entfernte sich mit anstandiger Beugung.
Lydie lag von der linken Seite her der Heiligen mit dem Gesicht auf dem Schosse, weinte bitterlich und konnte kein Wort sprechen; Makarie, ihre Tranen auffassend, klopfte ihr auf die Schulter als beschwichtigend, dann kusste sie ihr Haupt zwischen den gescheitelten Haaren, wie es vor ihr lag, brunstig und wiederholt in frommer Absicht.
Lydie richtete sich auf, erst auf ihre Kniee, dann auf die Fusse, und schaute zu ihrer Wohltaterin mit reiner Heiterkeit. "Wie geschieht mir!" sagte sie, "wie ist mir! Der schwere, lastige Druck, der mir, wo nicht alle Besinnung, doch alles Uberlegen raubte, er ist auf einmal von meinem Haupte weggehoben, ich kann nun frei in die Hohe sehen, meine Gedanken in die Hohe richten, und", setzte sie nach tiefem Atemholen hinzu, "ich glaube, mein Herz will nach."
In diesem Augenblicke eroffnete sich die Ture, und Montan trat herein, wie ofters der allzu lang Erwartete plotzlich und unverhofft erscheint. Lydie schritt munter auf ihn zu, umarmte ihn freudig, und indem sie ihn vor Makarien fuhrte, rief sie aus: "Er soll erfahren, was er dieser Gottlichen schuldig ist, und sich mit mir dankend niederwerfen."
Montan, betroffen und, gegen seine Gewohnheit, gewissermassen verlegen, sagte mit edler Verbeugung gegen die wurdige Dame: "Es scheint sehr viel zu sein, denn ich werde dich ihr schuldig. Es ist das erstemal, dass du mir offen und liebevoll entgegenkommst, das erstemal, dass du mich ans Herz druckst, ob ich es gleich langst verdiente."
Hier nun mussen wir vertraulich eroffnen, dass Montan Lydien von ihrer fruhen Jugend an geliebt, dass der einnehmendere Lothario sie ihm entfuhrt, er aber ihr und dem Freunde treu geblieben und sie sich endlich, vielleicht zu nicht geringer Verwunderung unserer fruheren Leser, als Gattin zugeeignet habe.
Diese drei zusammen, welche sich in der europaischen Gesellschaft doch nicht ganz behaglich fuhlen mochten, massigten kaum den Ausdruck ihrer Freude, wenn von den dort erwarteten Zustanden die Rede war. Die Schere Philinens zuckte schon: denn man gedachte sich das Monopol vorzubehalten, diese neuen Kolonien mit Kleidungsstucken zu versorgen. Philine beschrieb den grossen Tuch- und Leinwandvorrat sehr artig und schnitt in die Luft, die Ernte fur Sichel und Sense, wie sie sagte, schon vor sich sehend.
Lydie dagegen, erst durch jene glucklichen Segnungen zu teilnehmender Liebe wieder auferwacht, sah im Geiste schon ihre Schulerinnen sich ins Hundertfache vermehren und ein ganzes Volk von Hausfrauen zu Genauigkeit und Zierlichkeit eingeleitet und aufgeregt. Auch der ernste Montan hat die dortige Bergfulle an Blei, Kupfer, Eisen und Steinkohlen dergestalt vor Augen, dass er alle sein Wissen und Konnen manchmal nur fur angstlich tastendes Versuchen erklaren mochte, um erst dort in eine reiche, belohnende Ernte mutig einzugreifen.
Dass Montan sich mit unserm Astronomen bald verstehen wurde, war vorauszusehen. Die Gesprache, die sie in Gegenwart Makariens fuhrten, waren hochst anziehend; wir finden aber nur weniges davon niedergeschrieben, indem Angela seit einiger Zeit beim Zuhoren minder aufmerksam und beim Aufzeichnen nachlassiger geworden war. Auch mochte ihr manches zu allgemein und fur ein Frauenzimmer nicht fasslich genug vorkommen. Wir schalten daher nur einige der in jene Tage gehorigen Ausserungen hier vorubergehend ein, die nicht einmal von ihrer Hand geschrieben uns zugekommen sind. Bei dem Studieren der Wissenschaften, besonders derer, welche die Natur behandeln, ist die Untersuchung so notig als schwer: ob das, was uns von alters her uberliefert und von unsern Vorfahren fur gultig geachtet worden, auch wirklich gegrundet und zuverlassig sei, in dem Grade, dass man darauf fernerhin sicher fortbauen moge? oder ob ein herkommliches Bekenntnis nur stationar geworden und deshalb mehr einen Stillstand als einen Fortschritt veranlasse? Ein Kennzeichen fordert diese Untersuchung, wenn namlich das Angenommene lebendig und in das tatige Bestreben einwirkend und fordernd gewesen und geblieben.
Im Gegensatze steht die Prufung des Neuen, wo man zu fragen hat: ob das Angenommene wirklicher Gewinn oder nur modische Ubereinstimmung sei? denn eine Meinung, von energischen Mannern ausgehend, verbreitet sich kontagios uber die Menge, und dann heisst sie herrschend eine Anmassung, die fur den treuen Forscher gar keinen Sinn ausspricht. Staat und Kirche mogen allenfalls Ursache finden, sich fur herrschend zu erklaren: denn die haben es mit der widerspenstigen Masse zu tun, und wenn nur Ordnung gehalten wird, so ist es ganz einerlei, durch welche Mittel; aber in den Wissenschaften ist die absoluteste Freiheit notig: denn da wirkt man nicht fur heut und morgen, sondern fur eine undenklich vorschreitende Zeitenreihe.
Gewinnt aber auch in der Wissenschaft das Falsche die Oberhand, so wird doch immer eine Minoritat fur das Wahre ubrigbleiben, und wenn sie sich in einen einzigen Geist zuruckzoge, so hatte das nichts zu sagen. Er wird im stillen, im verborgenen fortwaltend wirken, und eine Zeit wird kommen, wo man nach ihm und seinen Uberzeugungen fragt, oder wo diese sich, bei verbreitetem allgemeinem Licht, auch wieder hervorwagen durfen.
Was jedoch weniger allgemein, obgleich unbegreiflich und wunderseltsam, zur Sprache kam, war die gelegentliche Eroffnung Montans, dass ihm bei seinen gebirgischen und bergmannischen Untersuchungen eine Person zur Seite gehe, welche ganz wundersame Eigenschaften und einen ganz eigenen Bezug auf alles habe, was man Gestein, Mineral, ja sogar was man uberhaupt Element nennen konne. Sie fuhle nicht bloss eine gewisse Einwirkung der unterirdisch fliessenden Wasser, metallischer Lager und Gange, sowie der Steinkohlen und was dergleichen in Massen beisammen sein mochte, sondern, was wunderbarer sei, sie befinde sich anders und wieder anders, sobald sie nur den Boden wechsele. Die verschiedenen Gebirgsarten ubten auf sie einen besondern Einfluss, woruber er sich mit ihr, seitdem er eine zwar wunderliche, aber doch auslangende Sprache einzuleiten gewusst, recht gut verstandigen und sie im einzelnen prufen konne, da sie denn auf eine merkwurdige Weise die Probe bestehe, indem sie sowohl chemische als physische Elemente durchs Gefuhl gar wohl zu unterscheiden wisse, ja sogar schon durch den Anblick das Schwerere von dem Leichtern unterscheide. Diese Person, uber deren Geschlecht er sich nicht naher erklaren wollte, habe er mit den abreisenden Freunden vorausgeschickt und hoffe zu seinen Zwecken in den ununtersuchten Gegenden sehr viel von ihr.
Dieses Vertrauen Montans eroffnete das strenge Herz des Astronomen, welcher sodann mit Makariens Vergunstigung auch ihm das Verhaltnis derselben zum Weltsystem offenbarte. Durch nachherige Mitteilungen des Astronomen sind wir in dem Fall, wo nicht Genugsames, doch das Hauptsachliche ihrer Unterhaltungen uber so wichtige Punkte mitzuteilen.
Bewundern wir indessen die Ahnlichkeit der hier eintretenden Falle bei der grossten Verschiedenheit. Der eine Freund, um nicht ein Timon zu werden, hatte sich in die tiefsten Klufte der Erde versenkt, und auch dort ward er gewahr, dass in der Menschennatur etwas Analoges zum Starrsten und Rohsten vorhanden sei; dem andern gab von der Gegenseite der Geist Makariens ein Beispiel, dass, wie dort das Verbleiben, hier das Entfernen wohlbegabten Naturen eigen sei, dass man weder notig habe, bis zum Mittelpunkt der Erde zu dringen, noch sich uber die Grenzen unsres Sonnensystems hinaus zu entfernen, sondern schon genuglich beschaftigt und vorzuglich auf Tat aufmerksam gemacht und zu ihr berufen werde. An und in dem Boden findet man fur die hochsten irdischen Bedurfnisse das Material, eine Welt des Stoffes, den hochsten Fahigkeiten des Menschen zur Bearbeitung ubergeben; aber auf jenem geistigen Wege werden immer Teilnahme, Liebe, geregelte freie Wirksamkeit gefunden. Diese beiden Welten gegeneinander zu bewegen, ihre beiderseitigen Eigenschaften in der vorubergehenden Lebenserscheinung zu manifestieren, das ist die hochste Gestalt, wozu sich der Mensch auszubilden hat.
Hierauf schlossen beide Freunde einen Bund und nahmen sich vor, ihre Erfahrungen allenfalls auch nicht zu verheimlichen, weil derjenige, der sie als einem Roman wohl ziemende Marchen belacheln konnte, sie doch immer als ein Gleichnis des Wunschenswertesten betrachten durfte.
Der Abschied Montans und seiner Frauenzimmer folgte bald hierauf, und wenn man ihn mit Lydien wohl noch gern gehalten hatte, so war doch die allzu unruhige Philine mehreren an Ruhe und Sitte gewohnten Frauenzimmern, besonders aber der edlen Angela beschwerlich, wozu sich noch besondere Umstande hinzufugten, welche die Unbehaglichkeit vermehrten.
Schon oben hatten wir zu bemerken, dass Angela nicht wie sonst die Pflicht des Aufmerkens und Aufzeichnens erfullte, sondern anderwarts beschaftigt schien. Um diese Anomalie an einer der Ordnung dergestalt ergebenen und in den reinsten Kreisen sich bewegenden Person zu erklaren, sind wir genotigt, einen neuen Mitspieler in dieses vielumfassende Drama noch zuletzt einzufuhren.
Unser alter, geprufter Handelsfreund Werner musste sich bei zunehmenden, ja gleichsam ins Unendliche sich vermehrenden Geschaften nach frischen Gehulfen umsehen, welche er nicht ohne vorlaufige besondere Prufung naher an sich anschloss. Einen solchen sendet er nun an Makarien, um wegen Auszahlung der bedeutenden Summen zu unterhandeln, welche diese Dame aus ihrem grossen Vermogen dem neuen Unternehmen, besonders in Rucksicht auf Lenardo, ihren Liebling, zuzuwenden beschloss und erklarte. Gedachter junger Mann, nunmehr Werners Gehulfe und Geselle, ein frischer, naturlicher Jungling und eine Wundererscheinung, empfiehlt sich durch ein eignes Talent, durch eine grenzenlose Fertigkeit im Kopfrechnen, wie uberall, so besonders bei den Unternehmern, wie sie jetzt zusammenwirken, da sie sich durchaus mit Zahlen im mannigfaltigsten Sinne einer Gesellschaftsrechnung beschaftigen und ausgleichen mussen. Sogar in der taglichen Sozietat, wo beim Hinund Widerreden uber weltliche Dinge von Zahlen, Summen und Ausgleichungen die Rede ist, muss ein solcher hochst willkommen mit einwirken. Uberdem spielte er den Flugel hochst anmutig, wo ihm der Kalkul und ein liebenswurdiges Naturell verbunden und vereint ausserst wunschenswert zu Hulfe kommt. Die Tone fliessen ihm leicht und harmonisch zusammen, manchmal aber deutet er an, dass er auch wohl in tiefern Regionen zu Hause ware, und so wird er hochst anziehend, wenn er gleich wenig Worte macht und kaum irgend etwas Gefuhltes aus seinen Gesprachen durchblickt. Auf alle Falle ist er junger als seine Jahre, man mochte beinahe etwas Kindliches an ihm finden. Wie es ubrigens auch mit ihm sei, er hat Angelas Gunst gewonnen, sie die seinige, zu Makariens grosster Zufriedenheit: denn sie hatte langst gewunscht, das edle Madchen verheiratet zu sehen.
Diese jedoch, immer bedenkend und fuhlend, wie schwer ihre Stelle zu besetzen sein werde, hatte wohl schon irgendein liebevolles Anerbieten abgelehnt, vielleicht sogar einer stillen Neigung Gewalt angetan; seitdem aber eine Nachfolgerin denkbar, ja gewissermassen schon bestimmt worden, scheint sie, von einem wohlgefalligen Eindruck uberrascht, ihm bis zur Leidenschaft nachgegeben zu haben.
Wir aber kommen nunmehr in den Fall, das Wichtigste zu eroffnen, indem ja alles, woruber seit so mancher Zeit die Rede gewesen, sich nach und nach gebildet, aufgelost und wieder gestaltet hatte.
Entschieden ist also auch nunmehr, dass die Schone-Gute, sonst das nussbraune Madchen genannt, sich Makarien zur Seite fuge. Der im allgemeinen vorgelegte, auch von Lenardo schon gebilligte Plan ist seiner Ausfuhrung ganz nah; alle Teilnehmenden sind einig; die Schone-Gute ubergibt dem Gehulfen ihr ganzes Besitztum. Er heiratet die zweite Tochter jener arbeitsamen Familie und wird Schwager des Schirrfassers. Hiedurch wird die vollkommene Einrichtung einer neuen Fabrikation durch Lokal und Zusammenwirkung moglich, und die Bewohner des arbeitslustigen Tales werden auf eine andere, lebhaftere Weise beschaftigt.
Dadurch wird die Liebenswurdige frei, sie tritt bei Makarien an die Stelle von Angela, welche mit jenem jungen Manne schon verlobt ist. Hiemit ware alles fur den Augenblick berichtet; was nicht entschieden werden kann, bleibt im Schweben.
Nun aber verlangt die Schone-Gute, dass Wilhelm sie abhole; gewisse Umstande sind noch zu berichtigen, und sie legt bloss einen grossen Wert darauf, dass er das, was er doch eigentlich angefangen, auch vollende. Er entdeckte sie zuerst, und ein wundersam Geschick trieb Lenardo auf seine Spur; und nun soll er, so wunscht sie, ihr den Abschied von dort erleichtern und so die Freude, die Beruhigung empfinden, einen Teil der verschrankten Schicksalsfaden selbst wieder aufgefasst und angeknupft zu haben.
Nun aber mussen wir, um das Geistliche, das Gemutliche zu einer Art von Vollstandigkeit zu bringen, auch ein Geheimeres offenbaren, und zwar folgendes: Lenardo hatte uber eine nahere Verbindung mit der Schonen-Guten niemals das mindeste geaussert; im Laufe der Unterhandlungen aber, bei dem vielen Hinund Widersenden war denn doch auf eine zarte Weise an ihr geforscht worden, wie sie dies Verhaltnis ansehe und was sie, wenn es zur Sprache kame, allenfalls zu tun geneigt ware. Aus ihrem Erwidern konnte man sich so viel zusammensetzen: sie fuhle sich nicht wert, einer solchen Neigung wie der ihres edlen Freundes durch Hingebung ihres geteilten Selbst zu antworten. Ein Wohlwollen der Art verdiene die ganze Seele, das ganze Vermogen eines weiblichen Wesens; dies aber konne sie nicht anbieten. Das Andenken ihres Brautigams, ihres Gatten und der wechselseitigen Einigung beider sei noch so lebhaft in ihr, nehme noch ihr ganzes Wesen dergestalt vollig ein, dass fur Liebe und Leidenschaft kein Raum gedenkbar, auch ihr nur das reinste Wohlwollen und in diesem Falle die vollkommenste Dankbarkeit ubrig bleibe. Man beruhigte sich hiebei, und da Lenardo die Angelegenheit nicht beruhrt hatte, war es auch nicht notig, hieruber Auskunft und Antwort zu geben.
Einige allgemeine Betrachtungen werden hoffentlich hier am rechten Orte stehen. Das Verhaltnis samtlicher vorubergehenden Personen zu Makarien war vertraulich und ehrfurchtsvoll, alle fuhlten die Gegenwart eines hoheren Wesens, und doch blieb in solcher Gegenwart einem jeden die Freiheit, ganz in seiner eigenen Natur zu erscheinen. Jeder zeigt sich, wie er ist, mehr als je vor Eltern und Freunden, mit einer gewissen Zuversicht, denn er war gelockt und veranlasst, nur das Gute, das Beste, was an ihm war, an den Tag zu geben, daher beinah eine allgemeine Zufriedenheit entstand.
Verschweigen aber konnen wir nicht, dass durch diese gewissermassen zerstreuenden Zustande Makarie mit der Lage Lenardos beschaftigt blieb; sie ausserte sich auch daruber gegen ihre Nachsten, gegen Angela und den Astronomen. Lenardos Inneres glaubten sie deutlich vor sich zu sehen, er ist fur den Augenblick beruhigt, der Gegenstand seiner Sorge wird hochst glucklich gesichert; Makarie hatte fur die Zukunft auf jeden Fall gesorgt. Nun hatte er das grosse Geschaft mutig anzutreten und zu beginnen, das ubrige dem Folgegang und Schicksal zu uberlassen. Dabei konnte man vermuten, dass er in jenen Unternehmungen hauptsachlich gestarkt sei durch den Gedanken, sie dereinst, wenn er Fuss gefasst, hinuber zu berufen, wo nicht gar selbst abzuholen.
Allgemeiner Bemerkungen konnte man hiebei sich nicht enthalten. Man beachtete naher den seltenen Fall, der sich hier hervortat: Leidenschaft aus Gewissen. Man gedachte zugleich anderer Beispiele einer wundersamen Umbildung einmal gefasster Eindrucke, der geheimnisvollen Entwickelung angeborner Neigung und Sehnsucht. Man bedauerte, dass in solchen Fallen wenig zu raten sei, wurde es aber hochst ratlich finden, sich moglichst klar zu halten und diesem oder jenem Hang nicht unbedingt nachzugeben.
Zu diesem Punkte aber gelangt, konnen wir der Versuchung nicht widerstehen, ein Blatt aus unsern Archiven mitzuteilen, welches Makarien betrifft und die besondere Eigenschaft, die ihrem Geiste erteilt ward. Leider ist dieser Aufsatz erst lange Zeit, nachdem der Inhalt mitgeteilt worden, aus dem Gedachtnis geschrieben und nicht, wie es in einem so merkwurdigen Fall wunschenswert ware, fur ganz authentisch anzusehen. Dem sei aber, wie ihm wolle, so wird hier schon so viel mitgeteilt, um Nachdenken zu erregen und Aufmerksamkeit zu empfehlen, ob nicht irgendwo schon etwas Ahnliches oder sich Annaherndes bemerkt und verzeichnet worden.
Funfzehntes Kapitel
Makarie befindet sich zu unserm Sonnensystem in einem Verhaltnis, welches man auszusprechen kaum wagen darf. Im Geiste, der Seele, der Einbildungskraft hegt sie, schaut sie es nicht nur, sondern sie macht gleichsam einen Teil desselben; sie sieht sich in jenen himmlischen Kreisen mit fortgezogen, aber auf eine ganz eigene Art; sie wandelt seit ihrer Kindheit um die Sonne, und zwar, wie nun entdeckt ist, in einer Spirale, sich immer mehr vom Mittelpunkt entfernend und nach den ausseren Regionen hinkreisend.
Wenn man annehmen darf, dass die Wesen, insofern sie korperlich sind, nach dem Zentrum, insofern sie geistig sind, nach der Peripherie streben, so gehort unsere Freundin zu den geistigsten; sie scheint nur geboren, um sich von dem Irdischen zu entbinden, um die nachsten und fernsten Raume des Daseins zu durchdringen. Diese Eigenschaft, so herrlich sie ist, ward ihr doch seit den fruhsten Jahren als eine schwere Aufgabe verliehen. Sie erinnert sich von klein auf ihr inneres Selbst als von leuchtendem Wesen durchdrungen, von einem Licht erhellt, welchem sogar das hellste Sonnenlicht nichts anhaben konnte. Oft sah sie zwei Sonnen, eine innere namlich und eine aussen am Himmel, zwei Monde, wovon der aussere in seiner Grosse bei allen Phasen sich gleich blieb, der innere sich immer mehr und mehr verminderte.
Diese Gabe zog ihren Anteil ab von gewohnlichen Dingen, aber ihre trefflichen Eltern wendeten alles auf ihre Bildung; alle Fahigkeiten wurden an ihr lebendig, alle Tatigkeiten wirksam, dergestalt dass sie allen ausseren Verhaltnissen zu genugen wusste und, indem ihr Herz, ihr Geist ganz von uberirdischen Gesichten erfullt war, doch ihr Tun und Handeln immerfort dem edelsten Sittlichen gemass blieb. Wie sie heranwuchs, uberall hulfreich, unaufhaltsam in grossen und kleinen Diensten, wandelte sie wie ein Engel Gottes auf Erden, indem ihr geistiges Ganze sich zwar um die Weltsonne, aber nach dem Uberweltlichen in stetig zunehmenden Kreisen bewegte.
Die Uberfulle dieses Zustandes ward einigermassen dadurch gemildert, dass es auch in ihr zu tagen und zu nachten schien, da sie denn, bei gedampftem innerem Licht, aussere Pflichten auf das treuste zu erfullen strebte, bei frisch aufleuchtendem Innerem sich der seligsten Ruhe hingab. Ja sie will bemerkt haben, dass eine Art von Wolken sie von Zeit zu Zeit umschwebten und ihr den Anblick der himmlischen Genossen auf eine Zeitlang umdammerten, eine Epoche, die sie stets zu Wohl und Freude ihrer Umgebungen zu benutzen wusste.
Solange sie die Anschauungen geheimhielt, gehorte viel dazu, sie zu ertragen; was sie davon offenbarte, wurde nicht anerkannt oder missdeutet, sie liess es daher in ihrem langen Leben nach aussen als Krankheit gelten, und so spricht man in der Familie noch immer davon; zuletzt aber hat ihr das gute Gluck den Mann zugefuhrt, den ihr bei uns seht, als Arzt, Mathematiker und Astronom gleich schatzbar, durchaus ein edler Mensch, der sich jedoch erst eigentlich aus Neugierde zu ihr heranfand. Als sie aber Vertrauen gegen ihn gewann, ihm nach und nach ihre Zustande beschrieben, das Gegenwartige ans Vergangene angeschlossen und in die Ereignisse einen Zusammenhang gebracht hatte, ward er so von der Erscheinung eingenommen, dass er sich nicht mehr von ihr trennen konnte, sondern Tag fur Tag stets tiefer in das Geheimnis einzudringen trachtete.
Im Anfange, wie er nicht undeutlich zu verstehen gab, hielt er es fur Tauschung; denn sie leugnete nicht, dass von der ersten Jugend an sie sich um die Stern- und Himmelskunde fleissig bekummert habe, dass sie darin wohl unterrichtet worden und keine Gelegenheit versaumt, sich durch Maschinen und Bucher den Weltbau immer mehr zu versinnlichen. Deshalb er sich denn nicht ausreden liess, es sei angelernt. Die Wirkung einer in hohem Grad geregelten Einbildungskraft, der Einfluss des Gedachtnisses sei zu vermuten, eine Mitwirkung der Urteilskraft, besonders aber eines versteckten Kalkuls.
Er ist ein Mathematiker und also hartnackig, ein heller Geist und also unglaubig; er wehrte sich lange, bemerkte jedoch, was sie angab, genau, suchte der Folge verschiedener Jahre beizukommen, wunderte sich besonders uber die neusten, mit dem gegenseitigen Stande der Himmelslichter ubereintreffenden Angaben und rief endlich aus: "Nun warum sollte Gott und die Natur nicht auch eine lebendige Armillarsphare, ein geistiges Raderwerk erschaffen und einrichten, dass es, wie ja die Uhren uns taglich und stundlich leisten, dem Gang der Gestirne von selbst auf eigne Weise zu folgen imstande ware?"
Hier aber wagen wir nicht, weiter zu gehen; denn das Unglaubliche verliert seinen Wert, wenn man es naher im einzelnen beschauen will. Doch sagen wir soviel: Dasjenige, was zur Grundlage der anzustellenden Berechnungen diente, war folgendes: Ihr, der Seherin, erschien unsere Sonne in der Vision um vieles kleiner, als sie solche bei Tage erblickte, auch gab eine ungewohnliche Stellung dieses hoheren Himmelslichtes im Tierkreise Anlass zu Folgerungen.
Dagegen entstanden Zweifel und Irrungen, weil die Schauende ein und das andere Gestirn andeutete als gleichfalls in dem Zodiak erscheinend, von dem man aber am Himmel nichts gewahr werden konnte. Es mochten die damals noch unentdeckten kleinen Planeten sein. Denn aus andern Angaben liess sich schliessen, dass sie, langst uber die Bahn des Mars hinaus, der Bahn des Jupiter sich nahere. Offenbar hatte sie eine Zeitlang diesen Planeten, es ware schwer zu sagen in welcher Entfernung, mit Staunen in seiner ungeheuren Herrlichkeit betrachtet und das Spiel seiner Monde um ihn her geschaut; hernach aber ihn auf die wunderseltsamste Weise als abnehmenden Mond gesehen, und zwar umgewendet, wie uns der wachsende Mond erscheint. Daraus wurde geschlossen, dass sie ihn von der Seite sehe und wirklich im Begriff sei, uber dessen Bahn hinauszuschreiten und in dem unendlichen Raum dem Saturn entgegenzustreben. Dorthin folgt ihr keine Einbildungskraft, aber wir hoffen, dass eine solche Entelechie sich nicht ganz aus unserm Sonnensystem entfernen, sondern, wenn sie an die Grenze desselben gelangt ist, sich wieder zurucksehnen werde, um zugunsten unsrer Urenkel in das irdische Leben und Wohltun wieder einzuwirken.
Indem wir nun diese atherische Dichtung, Verzeihung hoffend, hiemit beschliessen, wenden wir uns wieder zu jenem terrestrischen Marchen, wovon wir oben eine vorubergehende Andeutung gegeben.
Montan hatte mit dem grossten Anschein von Ehrlichkeit angegeben: jene wunderbare Person, welche mit ihren Gefuhlen den Unterschied der irdischen Stoffe so wohl zu bezeichnen wisse, sei schon mit den ersten Wanderern in die weite Ferne gezogen, welches jedoch dem aufmerksamen Menschenkenner durchaus hatte sollen unwahrscheinlich dunken. Denn wie wollte Montan und seinesgleichen eine so bereite Wunschelrute von der Seite gelassen haben? Auch ward kurz nach seiner Abreise durch Hin- und Widerreden und sonderbare Erzahlungen der unteren Hausbedienten hieruber ein Verdacht allmahlich rege. Philine namlich und Lydie hatten eine Dritte mitgebracht, unter dem Vorwand, es sei eine Dienerin, wozu sie sich aber gar nicht zu schicken schien; wie sie denn auch beim An- und Auskleiden der Herrinnen niemals gefordert wurde. Ihre einfache Tracht kleidete den derben, wohlgebauten Korper gar schicklich, deutete aber, so wie die ganze Person, auf etwas Landliches. Ihr Betragen, ohne roh zu sein, zeigte keine gesellige Bildung, wovon die Kammermadchen immer die Karikatur darzustellen pflegen. Auch fand sie gar bald unter der Dienerschaft ihren Platz; sie gesellte sich zu den Garten- und Feldgenossen, ergriff den Spaten und arbeitete fur zwei bis drei. Nahm sie den Rechen, so flog er auf das geschickteste uber das aufgewuhlte Erdreich, und die weiteste Flache glich einem wohlgeebneten Beete. Ubrigens hielt sie sich still und gewann gar bald die allgemeine Gunst. Sie erzahlten sich von ihr: man habe sie oft das Werkzeug niederlegen und querfeldein uber Stock und Steine springen sehen, auf eine versteckte Quelle zu, wo sie ihren Durst geloscht. Diesen Gebrauch habe sie taglich wiederholt, indem sie von irgendeinem Punkte aus, wo sie gestanden, immer ein oder das andere rein ausfliessende Wasser zu finden gewusst, wenn sie dessen bedurfte.
Und so war denn doch fur Montans Angeben ein Zeugnis zuruckgeblieben, der wahrscheinlich, um lastige Versuche und unzulangliches Probieren zu vermeiden, die Gegenwart einer so merkwurdigen Person vor seinen edlen Wirten, welche sonst wohl ein solches Zutrauen verdient hatten, zu verheimlichen beschloss. Wir aber wollten, was uns bekannt geworden, auch unvollstandig wie es vorliegt, mitgeteilt haben, um forschende Manner auf ahnliche Falle, die sich vielleicht ofter, als man glaubt, durch irgendeine Andeutung hervortun, freundlich aufmerksam zu machen.
Sechzehntes Kapitel
Der Amtmann jenes Schlosses, das wir noch vor kurzem durch unsere Wanderer belebt gesehen, von Natur tatig und gewandt, den Vorteil seiner Herrschaft und seinen eignen immer vor Augen habend, sass nunmehr vergnugt, Rechnungen und Berichte auszufertigen, wodurch er die seinem Bezirk wahrend der Anwesenheit jener Gaste zugegangenen grossen Vorteile mit einiger Selbstgefalligkeit vorzutragen und auseinanderzusetzen sich bemuhte. Allein dieses war nach seiner eigenen Uberzeugung nur das Geringste; er hatte bemerkt, was fur grosse Wirkungen von tatigen, geschickten, freisinnigen und kuhnen Menschen ausgehen. Die einen hatten Abschied genommen, uber das Meer zu setzen, die andern, um auf dem festen Lande ihr Unterkommen zu finden; nun ward er noch ein drittes heimliches Verhaltnis gewahr, wovon er alsobald Nutzen zu ziehen den Entschluss fasste.
Beim Abschied zeigte sich, was man hatte voraussagen und wissen konnen, dass von den jungen, rustigen Mannern sich gar mancher mit den hubschen Kindern des Dorfs und der Gegend mehr oder weniger befreundet hatte. Nur einige bewiesen Mut genug, als Odoardo mit den Seinigen abging, sich als entschieden Bleibende zu erklaren; von Lenardos Auswanderern war keiner geblieben, aber von diesen letztern beteuerten verschiedene, in kurzer Zeit zuruckkehren und sich ansiedeln zu wollen, wenn man ihnen einigermassen ein hinreichendes Auskommen und Sicherheit fur die Zukunft gewahren konne.
Der Amtmann, welcher die samtliche Personlichkeit und die hauslichen Umstande seiner ihm untergebenen kleinen Volkerschaft ganz genau kannte, lachte heimlich als ein wahrer Egoist uber das Ereignis, dass man so grosse Anstalten und Aufwand mache, um uber dem Meer und im Mittellande sich frei und tatig zu erweisen, und doch dabei ihm, der auf seiner Hufe ganz ruhig gesessen, gerade die grossten Vorteile zu Haus und Hof bringe und ihm Gelegenheit gebe, einige der Vorzuglichsten zuruckzuhalten und bei sich zu versammeln. Seine Gedanken, ausgeweitet durch die Gegenwart, fanden nichts naturlicher, als dass Liberalitat, wohl angewendet, gar lobliche, nutzliche Folgen habe. Er fasste sogleich den Entschluss, in seinem kleinen Bezirk etwas Ahnliches zu unternehmen. Glucklicherweise waren wohlhabende Einwohner diesmal gleichsam genotigt, ihre Tochter den allzu fruhen Gatten gesetzmassig zu uberlassen. Der Amtmann machte ihnen einen solchen burgerlichen Unfall als ein Gluck begreiflich, und da es wirklich ein Gluck war, dass gerade die in diesem Sinne brauchbarsten Handwerker das Los getroffen hatte, so hielt es nicht schwer, die Einleitung zu einer Mobelfabrik zu machen, die ohne weitlaufigen Raum und ohne grosse Umstande nur Geschicklichkeit und hinreichendes Material verlangt. Das letzte versprach der Amtmann; Frauen, Raum und Verlag gaben die Bewohner, und Geschicklichkeit brachten die Einwandernden mit.
Das alles hatte der gewandte Geschaftsmann schon im stillen, bei Anwesenheit und im Tumult der Menge, gar wohl uberdacht und konnte daher, sobald es um ihn ruhig ward, gleich zum Werke schreiten.
Ruhe, aber freilich eine Art Totenruhe, war nach Verlauf dieser Flut uber die Strassen des Orts, uber den Hof des Schlosses gekommen, als unsern rechnenden und berechnenden Geschaftsmann ein hereinsprengender Reiter aufrief und aus seiner ruhigen Fassung brachte. Des Pferdes Huf klappte freilich nicht, es war nicht beschlagen, aber der Reiter, der von der Decke herabsprang er ritt ohne Sattel und Steigbugel, auch bandigte er das Pferd nur durch eine Trense , er rief laut und ungeduldig nach den Bewohnern, nach den Gasten und war leidenschaftlich verwundert, alles so still und tot zu finden.
Der Amtsdiener wusste nicht, was er aus dem Ankommling machen sollte; auf einen entstandenen Wortwechsel kam der Amtmann selbst hervor und wusste auch weiter nichts zu sagen, als dass alles weggezogen sei. "Wohin?" war die rasche Frage des jungen, lebendigen Ankommlings. Mit Gelassenheit bezeichnete der Amtmann den Weg Lenardos und Odoards, auch eines dritten problematischen Mannes, den sie teils Wilhelm, teils Meister genannt hatten. Dieser habe sich auf dem einige Meilen entfernten Flusse eingeschifft, er fahre hinab, erst seinen Sohn zu besuchen und alsdann ein wichtiges Geschaft weiter zu verfolgen.
Schon hatte der Jungling sich wieder aufs Pferd geschwungen und Kenntnis genommen von dem nachsten Wege zum Flusse hin, als er schon wieder zum Tor hinaus sturzte und so eilig davonflog, dass dem Amtmann, der oben aus seinen Fenstern nachschaute, kaum ein verfliegender Staub anzudeuten schien, dass der verwirrte Reiter den rechten Weg genommen habe.
Nur eben war der letzte Staub in der Ferne verflogen, und unser Amtmann wollte sich wieder zu seinem Geschaft niedersetzen, als zum oberen Schlosstor ein Fussbote hereingesprungen kam und ebenfalls nach der Gesellschaft fragte, der noch etwas Nachtragliches zu uberbringen er eilig abgesendet worden. Er hatte fur sie ein grosseres Paket, daneben aber auch einen einzelnen Brief, adressiert an Wilhelm genannt Meister, der dem Uberbringer von einem jungen Frauenzimmer besonders auf die Seele gebunden und dessen baldige Bestellung eifrigst eingescharft worden war. Leider konnte auch diesem kein anderer Bescheid werden, als dass er das Nest leer finde und daher seinen Weg eiligst fortsetzen musse, wo er sie entweder samtlich anzutreffen oder eine weitere Anweisung zu finden hoffen durfte.
Den Brief aber selbst, den wir unter den vielen uns anvertrauten Papieren gleichfalls vorgefunden, durfen wir, als hochst bedeutend, nicht zuruckhalten. Er war von Hersilien, einem so wunderbaren als liebenswurdigen Frauenzimmer, welches in unsern Mitteilungen nur selten erscheint, aber bei jedesmaligem Auftreten gewiss jeden Geistreichen, Feinfuhlenden unwiderstehlich angezogen hat. Auch ist das Schicksal, das sie betrifft, wohl das sonderbarste, das einem zarten Gemute widerfahren kann.
Siebzehntes Kapitel
Hersilie an Wilhelm
Ich sass denkend und wusste nicht zu sagen, was ich dachte. Ein denkendes Nichtdenken wandelt mich aber manchmal an, es ist eine Art von empfundener Gleichgultigkeit. Ein Pferd sprengt in den Hof und weckt mich aus meiner Ruhe, die Ture springt auf, und Felix tritt herein im jugendlichsten Glanze wie ein kleiner Abgott. Er eilt auf mich zu, will mich umarmen, ich weise ihn zuruck; er scheint gleichgultig, bleibt in einiger Entfernung, und in ungetrubter Heiterkeit preist er mir das Pferd an, das ihn hergetragen, erzahlt von seinen Ubungen, von seinen Freuden umstandlich und vertraulich. Die Erinnerung an altere Geschichten bringt uns auf das Prachtkastchen, er weiss, dass ich's habe, und verlangt es zu sehen; ich gebe nach, es war unmoglich zu versagen. Er betrachtet's, erzahlt umstandlich, wie er es entdeckt, ich verwirre mich und verrate, dass ich den Schlussel besitze. Nun steigt seine Neugier aufs hochste, auch den will er sehen, nur von ferne. Dringender und liebenswurdiger bitten konnte man niemand sehen; er bittet wie betend, knieet und bittet mit so feurigen, holden Augen, mit so sussen, schmeichelnden Worten, und so war ich wieder verfuhrt. Ich zeigte das Wundergeheimnis von weitem, aber schnell fasste er meine Hand und entriss ihn und sprang mutwillig zur Seite um einen Tisch herum.
"Ich habe nichts vom Kastchen noch vom Schlussel!" rief er aus; "dein Herz wunscht' ich zu offnen, dass es sich mir auftate, mir entgegenkame, mich an sich druckte, mir vergonnte, es an meine Brust zu drucken." Er war unendlich schon und liebenswurdig, und wie ich auf ihn zugehen wollte, schob er das Kastchen auf dem Tisch immer vor sich hin; schon stak der Schlussel drinnen; er drohte umzudrehen und drehte wirklich. Das Schlusselchen war abgebrochen, die aussere Halfte fiel auf den Tisch.
Ich war verwirrter, als man sein kann und sein sollte. Er benutzt meine Unaufmerksamkeit, lasst das Kastchen stehen, fahrt auf mich los und fasst mich in die Arme. Ich rang vergebens, seine Augen naherten sich den meinigen, und es ist was Schones, sein eigenes Bild im liebenden Auge zu erblicken. Ich sah's zum erstenmal, als er seinen Mund lebhaft auf den meinigen druckte. Ich will's nur gestehen, ich gab ihm seine Kusse zuruck, es ist doch sehr schon, einen Glucklichen zu machen. Ich riss mich los, die Kluft die uns trennt, erschien mir nur zu deutlich; statt mich zu fassen, uberschritt ich das Mass, ich stiess ihn zurnend weg, meine Verwirrung gab mir Mut und Verstand; ich bedrohte ich schalt ihn, befahl ihm, nie wieder vor mir zu erscheinen; er glaubte meinem wahrhaften Ausdruck. "Gut!" sagte er, "so reit' ich in die Welt, bis ich umkomme." Er warf sich auf sein Pferd und sprengte weg. Noch halb traumend will ich das Kastchen verwahren, die Halfte des Schlussels lag abgebrochen, ich befand mich in doppelter und dreifacher Verlegenheit. O Manner, o Menschen! Werdet ihr denn niemals die Vernunft fortpflanzen? war es nicht an dem Vater genug, der so viel Unheil anrichtete, bedurft' es noch des Sohns, um uns unaufloslich zu verwirren? Diese Bekenntnisse lagen eine Zeitlang bei mir, nun tritt ein sonderbarer Umstand ein, den ich melden muss, der obiges aufklart und verdustert. Ein alter, dem Oheim sehr werter Goldschmied und Juwelenhandler trifft ein, zeigt seltsame antiquarische Schatze vor; ich werde veranlasst, das Kastchen zu bringen, er betrachtet den abgebrochenen Schlussel und zeigt, was man bisher ubersehen hatte, dass der Bruch nicht rauh, sondern glatt sei. Durch Beruhrung fassen die beiden Enden einander an, er zieht den Schlussel erganzt heraus, sie sind magnetisch verbunden, halten einander fest, aber schliessen nur dem Eingeweihten. Der Mann tritt in einige Entfernung, das Kastchen springt auf, das er gleich wieder zudruckt: an solche Geheimnisse sei nicht gut ruhren, meinte er. Meinen unerklarlichen Zustand vergegenwartigen Sie sich, Gott sei Dank, gewiss nicht; denn wie wollte man ausserhalb der Verwirrung die Verwirrung erkennen. Das bedeutende Kastchen steht vor mir, den Schlussel, der nicht schliesst, hab' ich in der Hand, jenes wollt' ich gern uneroffnet lassen, wenn dieser mir nur die nachste Zukunft aufschlosse. Um mich bekummern Sie sich eine Weile ja nicht, aber was ich instandig bitte, flehe, dringend empfehle: forschen Sie nach Felix; ich habe vergebens umhergesandt, um die Spuren seines Weges aufzufinden. Ich weiss nicht, ob ich den Tag segnen oder furchten soll, der uns wieder zusammenfuhrt. Endlich, endlich! verlangt der Bote seine Abfertigung; man hat ihn lange genug hier aufgehalten, er soll die Wanderer mit wichtigen Depeschen ereilen. In dieser Gesellschaft wird er Sie ja auch wohl finden, oder man wird ihn zurecht weisen. Ich unterdes werde nicht beruhigt sein.
Achtzehntes Kapitel
Nun gleitete der Kahn, beschienen von heisser Mittagssonne, den Fluss hinab, gelinde Lufte kuhlten den erwarmten Ather, sanfte Ufer zu beiden Seiten gewahrten einen zwar einfachen, doch behaglichen Anblick. Das Kornfeld naherte sich dem Strome, und ein guter Boden trat so nah heran, dass ein rauschendes Wasser, auf irgendeine Stelle sich hinwerfend, das lockere Erdreich gewaltig angegriffen, fortgerissen und steile Abhange von bedeutender Hohe sich gebildet hatten.
Ganz oben auf dem schroffen Rande einer solchen Steile, wo sonst der Leinpfad mochte hergegangen sein, sah der Freund einen jungen Mann herantraben, gut gebaut, von kraftiger Gestalt. Kaum aber wollte man ihn scharfer ins Auge fassen, als der dort uberhangende Rasen losbricht und jener Ungluckliche jahlings, Pferd uber, Mann unter, ins Wasser sturzt. Hier war nicht Zeit zu denken, wie und warum, die Schiffer fuhren pfeilschnell dem Strudel zu und hatten im Augenblick die schone Beute gefasst. Entseelt scheinend lag der holde Jungling im Schiffe, und nach kurzer Uberlegung fuhren die gewandten Manner einem Kiesweidicht zu, das sich mitten im Fluss gebildet hatte. Landen, den Korper ans Ufer heben, ausziehen und abtrocknen war eins. Noch aber kein Zeichen des Lebens zu bemerken, die holde Blume hingesenkt in ihren Armen!
Wilhelm griff sogleich nach der Lanzette, die Ader des Arms zu offnen; das Blut sprang reichlich hervor, und mit der schlangelnd anspielenden Welle vermischt, folgte es gekreiseltem Strome nach. Das Leben kehrte wieder; kaum hatte der liebevolle Wundarzt nur Zeit, die Binde zu befestigen, als der Jungling sich schon mutvoll auf seine Fusse stellte, Wilhelmen scharf ansah und rief: "Wenn ich leben soll, so sei es mit dir!" Mit diesen Worten fiel er dem erkennenden und erkannten Retter um den Hals und weinte bitterlich. So standen sie fest umschlungen, wie Kastor und so Pollux, Bruder, die sich auf dem Wechselwege vom Orkus zum Licht begegnen.
Man bat ihn, sich zu beruhigen. Die wackern Manner hatten schon ein bequemes Lager, halb sonnig, halb schattig, unter leichten Buschen und Zweigen bereitet; hier lag er nun auf den vaterlichen Mantel hingestreckt, der holdeste Jungling; braune Locken, schnell getrocknet, rollten sich schon wieder auf, er lachelte beruhigt und schlief ein. Mit Gefallen sah unser Freund auf ihn herab, indem er ihn zudeckte. "Wirst du doch immer aufs neue hervorgebracht, herrlich Ebenbild Gottes!" rief er aus, "und wirst sogleich wieder beschadigt, verletzt von innen oder von aussen." Der Mantel fiel uber ihn her, eine gemassigte Sonnenglut durchwarmte die Glieder sanft und innigst, seine Wangen roteten sich gesund, er schien schon vollig wiederhergestellt.
Die tatigen Manner, einer guten gegluckten Handlung und des zu erwartenden reichlichen Lohns zum voraus sich erfreuend, hatten auf dem heissen Kies die Kleider des Junglings schon so gut als getrocknet, um ihn beim Erwachen sogleich wieder in den gesellig anstandigsten Zustand zu versetzen.
Aus Makariens Archiv
Die Geheimnisse der Lebenspfade darf und kann man nicht offenbaren; es gibt Steine des Anstosses, uber die ein jeder Wanderer stolpern muss. Der Poet aber deutet auf die Stelle hin. Es ware nicht der Muhe wert, siebzig Jahr alt zu werden, wenn alle Weisheit der Welt Torheit ware vor Gott. Das Wahre ist gottahnlich; es erscheint nicht unmittelbar, wir mussen es aus seinen Manifestationen erraten. Der echte Schuler lernt aus dem Bekannten das Unbekannte entwickeln und nahert sich dem Meister. Aber die Menschen vermogen nicht leicht aus dem Bekannten das Unbekannte zu entwickeln; denn sie wissen nicht, dass ihr Verstand ebensolche Kunste wie die Natur treibt. Denn die Gotter lehren uns ihr eigenstes Werk nachahmen; doch wissen wir nur, was wir tun, erkennen aber nicht, was wir nachahmen. Alles ist gleich, alles ungleich, alles nutzlich und schadlich, sprechend und stumm, vernunftig und unvernunftig. Und was man von einzelnen Dingen bekennt, widerspricht sich ofters. Denn das Gesetz haben die Menschen sich selbst auferlegt, ohne zu wissen, uber was sie Gesetze gaben; aber die Natur haben alle Gotter geordnet. Was nun die Menschen gesetzt haben, das will nicht passen, es mag recht oder unrecht sein; was aber die Gotter setzen, das ist immer am Platz, recht oder unrecht. Ich aber will zeigen, dass die bekannten Kunste der Menschen naturlichen Begebenheiten gleich sind, die offenbar oder geheim vorgehen. Von der Art ist die Weissagekunst. Sie erkennet aus dem Offenbaren das Verborgene, aus dem Gegenwartigen das Zukunftige, aus dem Toten das Lebendige, und den Sinn des Sinnlosen. So erkennt der Unterrichtete immer recht die Natur des Menschen; und der Ununterrichtete sieht sie bald so, bald so an, und jeder ahmt sie nach seiner Weise nach. Wenn ein Mann mit einem Weibe zusammentrifft und ein Knabe entsteht, so wird aus etwas Bekanntem ein Unbekanntes. Dagegen wenn der dunkle Geist des Knaben die deutlichen Dinge in sich aufnimmt, so wird er zum Mann und lernt aus dem Gegenwartigen das Zukunftige erkennen. Das Unsterbliche ist nicht dem sterblichen Lebenden zu vergleichen, und doch ist auch das bloss Lebende verstandig. So weiss der Magen recht gut, wenn er hungert und durstet. So verhalt sich die Wahrsagekunst zur menschlichen Natur. Und beide sind dem Einsichtsvollen immer recht; dem Beschrankten aber erscheinen sie bald so, bald so. In der Schmiede erweicht man das Eisen, indem man das Feuer anblast und dem Stabe seine uberflussige Nahrung nimmt; ist er aber rein geworden, dann schlagt man ihn und zwingt ihn, und durch die Nahrung eines fremden Wassers wird er wieder stark. Das widerfahrt auch dem Menschen von seinem Lehrer. Da wir uberzeugt sind, dass derjenige, der die intellektuelle Welt beschaut und des wahrhaften Intellekts Schonheit gewahr wird, auch wohl ihren Vater, der uber allen Sinn erhaben ist, bemerken konne, so versuchen wir denn nach Kraften einzusehen und fur uns selbst auszudrucken insofern sich dergleichen deutlich machen lasst , auf welche Weise wir die Schonheit des Geistes und der Welt anzuschauen vermogen. Nehmet an daher: zwei steinerne Massen seien nebeneinandergestellt, deren eine roh und ohne kunstliche Bearbeitung geblieben, die andere aber durch die Kunst zur Statue, einer menschlichen oder gottlichen, ausgebildet worden. Ware es eine gottliche, so mochte sie eine Grazie oder Muse vorstellen, ware es eine menschliche, so durfte es nicht ein besonderer Mensch sein, vielmehr irgendeiner, den die Kunst aus allem Schonen versammelte. Euch wird aber der Stein, der durch die Kunst zur schonen Gestalt gebracht worden, alsobald schon erscheinen; doch nicht weil er Stein ist, denn sonst wurde die andere Masse gleichfalls fur schon gelten, sondern daher, dass er eine Gestalt hat, welche die Kunst ihm erteilte. Die Materie aber hatte eine solche Gestalt nicht, sondern diese war in dem Ersinnenden fruher, als sie zum Stein gelangte. Sie war jedoch in dem Kunstler nicht weil er Augen und Hande hatte, sondern weil er mit der Kunst begabt war. Also war in der Kunst noch eine weit grossere Schonheit; denn nicht die Gestalt, die in der Kunst ruhet, gelangt in den Stein, sondern dorten bleibt sie und es gehet indessen eine andere, geringere hervor, die nicht rein in sich selbst verharret, noch auch wie sie der Kunstler wunschte, sondern insofern der Stoff der Kunst gehorchte. Wenn aber die Kunst dasjenige, was sie ist und besitzt, auch hervorbringt und das Schone nach der Vernunft hervorbringt, nach welcher sie immer handelt, so ist sie furwahr diejenige, die mehr und wahrer eine grossere und trefflichere Schonheit der Kunst besitzt, vollkommener als alles, was nach aussen hervortritt. Denn indem die Form, in die Materie hervorschreitend, schon ausgedehnt wird, so wird sie schwacher als jene, welche in Einem verharret. Denn was in sich eine Entfernung erduldet, tritt von sich selbst weg: Starke von Starke, Warme von Warme, Kraft von Kraft; so auch Schonheit von Schonheit. Daher muss das Wirkende trefflicher sein als das Gewirkte. Denn nicht die Unmusik macht den Musiker, sondern die Musik, und die ubersinnliche Musik bringt die Musik in sinnlichem Ton hervor. Wollte aber jemand die Kunste verachten, weil sie der Natur nachahmen, so lasst sich darauf antworten, dass die Naturen auch manches andere nachahmen; dass ferner die Kunste nicht das geradezu nachahmen, was man mit Augen siehet, sondern auf jenes Vernunftige zuruckgehen, aus welchem die Natur bestehet und wornach sie handelt. Ferner bringen auch die Kunste vieles aus sich selbst hervor und fugen anderseits manches hinzu, was der Vollkommenheit abgehet, indem sie die Schonheit in sich selbst haben. So konnte Phidias den Gott bilden, ob er gleich nichts sinnlich Erblickliches nachahmte, sondern sich einen solchen in den Sinn fasste, wie Zeus selbst erscheinen wurde, wenn er unsern Augen begegnen mochte. Man kann den Idealisten alter und neuer Zeit nicht verargen, wenn sie so lebhaft auf Beherzigung des einen dringen, woher alles entspringt und worauf alles wieder zuruckzufuhren ware. Denn freilich ist das belebende und ordnende Prinzip in der Erscheinung dergestalt bedrangt, dass es sich kaum zu retten weiss. Allein wir verkurzen uns an der andern Seite wieder, wenn wir das Formende und die hohere Form selbst in eine vor unserm aussern und innern Sinn verschwindende Einheit zuruckdrangen. Wir Menschen sind auf Ausdehnung und Bewegung angewiesen; diese beiden allgemeinen Formen sind es, in welchen sich alle ubrigen Formen, besonders die sinnlichen, offenbaren. Eine geistige Form wird aber keineswegs verkurzt, wenn sie in der Erscheinung hervortritt, vorausgesetzt dass ihr Hervortreten eine wahre Zeugung, eine wahre Fortpflanzung sei. Das Gezeugte ist nicht geringer als das Zeugende, ja es ist der Vorteil lebendiger Zeugung, dass das Gezeugte vortrefflicher sein kann als das Zeugende. Dieses weiter auszufuhren und vollkommen anschaulich, ja, was mehr ist, durchaus praktisch zu machen, wurde von wichtigem Belang sein. Eine umstandliche folgerechte Ausfuhrung aber mochte den Horern ubergrosse Aufmerksamkeit zumuten. Was einem angehort, wird man nicht los, und wenn man es wegwurfe. Die neueste Philosophie unserer westlichen Nachbarn gibt ein Zeugnis, dass der Mensch, er gebarde sich, wie er wolle, und so auch ganze Nationen immer wieder zum Angebornen zuruckkehren. Und wie wollte das anders sein, da ja dieses seine Natur und Lebensweise bestimmt. Die Franzosen haben dem Materialismus entsagt und den Uranfangen etwas mehr Geist und Leben zuerkannt; sie haben sich vom Sensualismus losgemacht und den Tiefen der menschlichen Natur eine Entwikkelung aus sich selbst eingestanden, sie lassen in ihr eine produktive Kraft gelten und suchen nicht alle Kunst aus Nachahmung eines gewahrgewordenen Aussern zu erklaren. In solchen Richtungen mogen sie beharren. Eine eklektische Philosophie kann es nicht geben, wohl aber eklektische Philosophen. Ein Eklektiker aber ist ein jeder, der aus dem, was ihn umgibt, aus dem, was sich um ihn ereignet, sich dasjenige aneignet, was seiner Natur gemass ist; und in diesem Sinne gilt alles, was Bildung und Fortschreitung heisst, theoretisch oder praktisch genommen. Zwei eklektische Philosophen konnten demnach die grossten Widersacher werden, wenn sie, antagonistisch geboren, jeder von seiner Seite sich aus allen uberlieferten Philosophien dasjenige aneignete, was ihm gemass ware. Sehe man doch nur um sich her, so wird man immer finden, dass jeder Mensch auf diese Weise verfahrt und deshalb nicht begreift, warum er andere nicht zu seiner Meinung bekehren kann. Sogar ist es selten, dass Jemand im hochsten Alter sich selbst historisch wird und dass ihm die Mitlebenden historisch werden, so dass er mit niemanden mehr kontrovertieren mag noch kann. Besieht man es genauer, so findet sich, dass dem Geschichtschreiber selbst die Geschichte nicht leicht historisch wird: denn der jedesmalige Schreiber schreibt immer nur so, als wenn er damals selbst dabei gewesen ware; nicht aber was vormals war und damals bewegte. Der Chronikenschreiber selbst deutet nur mehr oder weniger auf die Beschranktheit, auf die Eigenheiten seiner Stadt, seines Klosters wie seines Zeitalters. Verschiedene Spruche der Alten, die man sich ofters zu wiederholen pflegt, hatten eine ganz andere Bedeutung, als man ihnen in spateren Zeiten geben mochte. Das Wort: es solle kein mit der Geometrie Unbekannter, der Geometrie Fremder in die Schule des Philosophen treten, heisst nicht etwa, man solle ein Mathematiker sein, um ein Weltweiser zu werden. Geometrie ist hier in ihren ersten Elementen gedacht, wie sie uns im Euklid vorliegt und wie wir sie einen jeden Anfanger beginnen lassen. Alsdann aber ist sie die vollkommenste Vorbereitung, ja Einleitung in die Philosophie. Wenn der Knabe zu begreifen anfangt, dass einem sichtbaren Punkte ein unsichtbarer vorhergehen musse, dass der nachste Weg zwischen zwei Punkten schon als Linie gedacht werde, ehe sie mit dem Bleistift aufs Papier gezogen wird, so fuhlt er einen gewissen Stolz, ein Behagen. Und nicht mit Unrecht; denn ihm ist die Quelle alles Denkens aufgeschlossen, Idee und Verwirklichtes, potentia et actu, ist ihm klar geworden; der Philosoph entdeckt ihm nichts Neues, dem Geometer war von seiner Seite der Grund alles Denkens aufgegangen. Nehmen wir sodann das bedeutende Wort vor: Erkenne dich selbst, so mussen wir es nicht im aszetischen Sinne auslegen. Es ist keineswegs die Heautognosie unserer modernen Hypochondristen, Humoristen und Heautontimorumenen damit gemeint; sondern es heisst ganz einfach: Gib einigermassen acht auf dich selbst, nimm Notiz von dir selbst, damit du gewahr werdest, wie du zu deinesgleichen und der Welt zu stehen kommst. Hiezu bedarf es keiner psychologischen Qualereien; jeder tuchtige Mensch weiss und erfahrt, was es heissen soll; es ist ein guter Rat, der einem jeden praktisch zum grossten Vorteil gedeiht. Man denke sich das Grosse der Alten, vorzuglich der sokratischen Schule, dass sie Quelle und Richtschnur alles Lebens und Tuns vor Augen stellt, nicht zu leerer Spekulation, sondern zu Leben und Tat auffordert. Wenn nun unser Schulunterricht immer auf das Altertum hinweist, das Studium der griechischen und lateinischen Sprache fordert, so konnen wir uns Gluck wunschen, dass diese zu einer hoheren Kultur so notigen Studien niemals ruckgangig werden. Wenn wir uns dem Altertum gegenuberstellen und es ernstlich in der Absicht anschauen, uns daran zu bilden, so gewinnen wir die Empfindung, als ob wir erst eigentlich zu Menschen wurden. Der Schulmann, indem er Lateinisch zu schreiben und zu sprechen versucht, kommt sich hoher und vornehmer vor, als er sich in seinem Alltagsleben dunken darf. Der fur dichterische und bildnerische Schopfungen empfangliche Geist fuhlt sich dem Altertum gegenuber in den anmutigst-ideellen Naturzustand versetzt; und noch auf den heutigen Tag haben die homerischen Gesange die Kraft, uns wenigstens fur Augenblicke von der furchtbaren Last zu befreien, welche die Uberlieferung von mehrern tausend Jahren auf uns gewalzt hat. Wie Sokrates den sittlichen Menschen zu sich berief, damit dieser ganz einfach einigermassen uber sich selbst aufgeklart wurde, so traten Plato und Aristoteles gleichfalls als befugte Individuen vor die Natur; der eine mit Geist und Gemut, sich ihr anzueignen, der andere mit Forscherblick und Methode, sie fur sich zu gewinnen. Und so ist denn auch jede Annaherung, die sich uns im ganzen und einzelnen an diese dreie moglich macht, das Ereignis, was wir am freudigsten empfinden und was unsere Bildung zu befordern sich jederzeit kraftig erweist. Um sich aus der grenzenlosen Vielfachheit, Zerstukkelung und Verwickelung der modernen Naturlehre wieder ins Einfache zu retten, muss man sich immer die Frage vorlegen: Wie wurde sich Plato gegen die Natur, wie sie uns jetzt in ihrer grosseren Mannigfaltigkeit, bei aller grundlichen Einheit, erscheinen mag, benommen haben? Denn wir glauben uberzeugt zu sein, dass wir auf demselben Wege bis zu den letzten Verzweigungen der Erkenntnis organisch gelangen und von diesem Grund aus die Gipfel eines jeden Wissens uns nach und nach aufbauen und befestigen konnen. Wie uns hiebei die Tatigkeit des Zeitalters fordert und hindert, ist freilich eine Untersuchung, die wir jeden Tag anstellen mussen, wenn wir nicht das Nutzliche abweisen und das Schadliche aufnehmen wollen. Man ruhmt das achtzehnte Jahrhundert, dass es sich hauptsachlich mit Analyse abgegeben; dem neunzehnten bleibt nun die Aufgabe: die falschen obwaltenden Synthesen zu entdecken und deren Inhalt aufs neue zu analysieren. Es gibt nur zwei wahre Religionen, die eine, die das Heilige, das in und um uns wohnt, ganz formlos, die andere, die es in der schonsten Form anerkennt und anbetet. Alles, was dazwischen liegt, ist Gotzendienst. Es ist nicht zu leugnen, dass der Geist sich durch die Reformation zu befreien suchte; die Aufklarung uber griechisches und romisches Altertum brachte den Wunsch, die Sehnsucht nach einem freieren, anstandigeren und geschmackvolleren Leben hervor. Sie wurde aber nicht wenig dadurch begunstigt, dass das Herz in einen gewissen einfachen Naturstand zuruckzukehren und die Einbildungskraft sich zu konzentrieren trachtete. Aus dem Himmel wurden auf einmal alle Heiligen vertrieben und von einer gottlichen Mutter mit einem zarten Kinde Sinne, Gedanken, Gemut auf den Erwachsenen, sittlich Wirkenden, ungerecht Leidenden gerichtet, welcher spater als Halbgott verklart, als wirklicher Gott anerkannt und verehrt wurde. Er stand vor einem Hintergrunde, wo der Schopfer das Weltall ausgebreitet hatte; von ihm ging eine geistige Wirkung aus, seine Leiden eignete man sich als Beispiel zu, und seine Verklarung war das Pfand fur eine ewige Dauer. So wie der Weihrauch einer Kohle Leben erfrischet, so erfrischet das Gebet die Hoffnungen des Herzens. Ich bin uberzeugt, dass die Bibel immer schoner wird, je mehr man sie versteht, d.h. je mehr man einsieht und anschaut, dass jedes Wort, das wir allgemein auffassen und im besondern auf uns anwenden, nach gewissen Umstanden, nach Zeit- und Ortsverhaltnissen einen eigenen, besondern, unmittelbar individuellen Bezug gehabt hat. Genau besehen haben wir uns noch alle Tage zu reformieren und gegen andere zu protestieren, wenn auch nicht in religiosem Sinne. Wir haben das unabweichliche, taglich zu erneuernde, grundernstliche Bestreben: das Wort mit dem Empfundenen, Geschauten, Gedachten, Erfahrenen, Imaginierten, Vernunftigen moglichst unmittelbar zusammentreffend zu erfassen. Jeder prufe sich, und er wird finden, dass dies viel schwerer sei, als man denken mochte; denn leider sind dem Menschen die Worte gewohnlich Surrogate; er denkt und weiss es meistenteils besser, als er sich ausspricht. Verharren wir aber in dem Bestreben: das Falsche, Ungehorige, Unzulangliche, was sich in uns und andern entwickeln oder einschleichen konnte, durch Klarheit und Redlichkeit auf das moglichste zu beseitigen. Mit den Jahren steigern sich die Prufungen. Wo ich aufhoren muss, sittlich zu sein, habe ich keine Gewalt mehr. Zensur und Pressfreiheit werden immerfort miteinander kampfen. Zensur fordert und ubt der Machtige, Pressfreiheit verlangt der Mindere. Jener will weder in seinen Planen noch seiner Tatigkeit durch vorlautes widersprechendes Wesen gehindert, sondern gehorcht sein; diese wollen ihre Grunde aussprechen, den Ungehorsam zu legitimieren. Dieses wird man uberall geltend finden. Doch muss man auch hier bemerken, dass der Schwachere der leidende Teil, gleichfalls auf seine Weise die Pressfreiheit zu unterdrucken sucht, und zwar in dem Falle, wenn er konspiriert und nicht verraten sein will. Man wird nie betrogen, man betriegt sich selbst. Wir brauchen in unserer Sprache ein Wort, das, wie Kindheit sich zu Kind verhalt, so das Verhaltnis Volkheit zum Volke ausdruckt. Der Erzieher muss die Kindheit horen, nicht das Kind. Der Gesetzgeber und Regent die Volkheit, nicht das Volk. Jene spricht immer dasselbe aus, ist vernunftig, bestandig, rein und wahr. Dieses weiss niemals fur lauter Wollen, was es will. Und in diesem Sinne soll und kann das Gesetz der allgemein ausgesprochene Wille der Volkheit sein, ein Wille, den die Menge niemals ausspricht, den aber der Verstandige vernimmt und den der Vernunftige zu befriedigen weiss und der Gute gern befriedigt. Welches Recht wir zum Regiment haben, darnach fragen wir nicht wir regieren. Ob das Volk ein Recht habe, uns abzusetzen, darum bekummern wir uns nicht wir huten uns nur, dass es nicht in Versuchung komme, es zu tun. Wenn man den Tod abschaffen konnte, dagegen hatten wir nichts, die Todesstrafen abzuschaffen, wird schwerhalten. Geschieht es, so rufen wir sie gelegentlich wieder zuruck. Wenn sich die Sozietat des Rechtes begibt, die Todesstrafe zu verfugen, so tritt die Selbsthulfe unmittelbar wieder hervor, die Blutrache klopft an die Ture. Alle Gesetze sind von Alten und Mannern gemacht. Junge und Weiber wollen die Ausnahme, Alte die Regel. Der Verstandige regiert nicht, aber der Verstand; nicht der Vernunftige, sondern die Vernunft. Wen jemand lobt, dem stellt er sich gleich. Es ist nicht genug, zu wissen, man muss auch anwenden; es ist nicht genug, zu wollen, man muss auch tun. Es gibt keine patriotische Kunst und keine patriotische Wissenschaft. Beide gehoren, wie alles hohe Gute, der ganzen Welt an und konnen nur durch allgemeine freie Wechselwirkung aller zugleich Lebenden, in steter Rucksicht auf das, was uns vom Vergangenen ubrig und bekannt ist, gefordert werden. Wissenschaften entfernen sich im ganzen immer vom Leben und kehren nur durch einen Umweg wieder dahin zuruck. Denn sie sind eigentlich Kompendien des Lebens; sie bringen die aussern und innern Erfahrungen ins allgemeine, in einen Zusammenhang. Das Interesse an ihnen wird im Grunde nur in einer besondern Welt, in der wissenschaftlichen, erregt, denn dass man auch die ubrige Welt dazu beruft und ihr davon Notiz gibt, wie es in der neuern Zeit geschieht, ist ein Missbrauch und bringt mehr Schaden als Nutzen. Nur durch eine erhohte Praxis sollten die Wissenschaften auf die aussere Welt wirken: denn eigentlich sind sie alle esoterisch und konnen nur durch Verbessern irgendeines Tuns exoterisch werden. Alle ubrige Teilnahme fuhrt zu nichts. Die Wissenschaften, auch in ihrem innern Kreise betrachtet, werden mit augenblicklichem, jedesmaligem Interesse behandelt. Ein starker Anstoss, besonders von etwas Neuem und Unerhortem oder wenigstens machtig Gefordertem, erregt eine allgemeine Teilnahme, die jahrelang dauern kann und die besonders in den letzten Zeiten sehr fruchtbar geworden ist. Ein bedeutendes Faktum, ein geniales Apercu beschaftigt eine sehr grosse Anzahl Menschen, erst nur um es zu kennen, dann um es zu erkennen, dann es zu bearbeiten und weiterzufuhren. Die Menge fragt bei einer jeden neuen bedeutenden Erscheinung, was sie nutze, und sie hat nicht unrecht; denn sie kann bloss durch den Nutzen den Wert einer Sache gewahr werden. Die wahren Weisen fragen, wie sich die Sache verhalte in sich selbst und zu andern Dingen, unbekummert um den Nutzen, d.h. um die Anwendung auf das Bekannte und zum Leben Notwendige, welche ganz andere Geister, scharfsinnige, lebenslustige, technisch geubte und gewandte, schon finden werden. Die Afterweisen suchen von jeder neuen Entdeckung nur so geschwind als moglich fur sich einigen Vorteil zu ziehen, indem sie einen eitlen Ruhm, bald in Fortpflanzung, bald in Vermehrung, bald in Verbesserung, geschwinder Besitznahme, vielleicht gar durch Praokkupation, zu erwerben suchen und durch solche Unreifheiten die wahre Wissenschaft unsicher machen und verwirren, ja ihre schonste Folge, die praktische Blute derselben, offenbar verkummern. Das schadlichste Vorurteil ist, dass irgendeine Art Naturuntersuchung mit dem Bann belegt werden konne. Jeder Forscher muss sich durchaus ansehen als einer, der zu einer Jury berufen ist. Er hat nur darauf zu achten, inwiefern der Vortrag vollstandig sei und durch klare Belege auseinandergesetzt. Er fasst hiernach seine Uberzeugung zusammen und gibt seine Stimme, es sei nun, dass seine Meinung mit der des Referenten ubereintreffe oder nicht. Dabei bleibt er ebenso beruhigt, wenn ihm die Majoritat beistimmt, als wenn er sich in der Minoritat befindet; denn er hat das Seinige getan, er hat seine Uberzeugung ausgesprochen, er ist nicht Herr uber die Geister noch uber die Gemuter. In der wissenschaftlichen Welt haben aber diese Gesinnungen niemals gelten wollen; durchaus ist es auf Herrschen und Beherrschen angesehen; und weil sehr wenige Menschen eigentlich selbststandig sind, so zieht die Menge den Einzelnen nach sich. Die Geschichte der Philosophie, der Wissenschaften, der Religion, alles zeigt, dass die Meinungen massenweis sich verbreiten, immer aber diejenige den Vorrang gewinnt, welche fasslicher, d.h. dem menschlichen Geiste in seinem gemeinen Zustande gemass und bequem ist. Ja derjenige, der sich in hoherem Sinne ausgebildet, kann immer voraussetzen, dass er die Majoritat gegen sich habe. Ware die Natur in ihren leblosen Anfangen nicht so grundlich stereometrisch, wie wollte sie zuletzt zum unberechenbaren und unermesslichen Leben gelangen? Der Mensch an sich selbst, insofern er sich seiner gesunden Sinne bedient, ist der grosste und genaueste physikalische Apparat, den es geben kann; und das ist eben das grosste Unheil der neuern Physik, dass man die Experimente gleichsam vom Menschen abgesondert hat und bloss in dem, was kunstliche Instrumente zeigen, die Natur erkennen, ja, was sie leisten kann, dadurch beschranken und beweisen will. Ebenso ist es mit dem Berechnen. Es ist vieles wahr, was sich nicht berechnen lasst, sowie sehr vieles, was sich nicht bis zum entschiedenen Experiment bringen lasst. Dafur steht ja aber der Mensch so hoch, dass sich das sonst Undarstellbare in ihm darstellt. Was ist denn eine Saite und alle mechanische Teilung derselben gegen das Ohr des Musikers? Ja man kann sagen: was sind die elementaren Erscheinungen der Natur selbst gegen den Menschen, der sie alle erst bandigen und modifizieren muss, um sie sich einigermassen assimilieren zu konnen. Es ist von einem Experiment zu viel gefordert, wenn es alles leisten soll. Konnte man doch die Elektrizitat erst nur durch Reiben darstellen, deren hochste Erscheinung jetzt durch blosse Beruhrung hervorgebracht wird. Wie man der franzosischen Sprache niemals den Vorzug streitig machen wird, als ausgebildete Hof- und Weltsprache sich immer mehr aus- und fortbildend zu wirken, so wird es niemand einfallen, das Verdienst der Mathematiker gering zu schatzen, welches sie, in ihrer Sprache, die wichtigsten Angelegenheiten verhandelnd, sich um die Welt erwerben, indem sie alles, was der Zahl und dem Mass im hochsten Sinne unterworfen ist, zu regeln, zu bestimmen und zu entscheiden wissen. Jeder Denkende, der seinen Kalender ansieht, nach seiner Uhr blickt, wird sich erinnern, wem er diese Wohltaten schuldig ist. Wenn man sie aber auch auf ehrfurchtsvolle Weise in Zeit und Raum gewahren lasst, so werden sie erkennen, dass wir etwas gewahr werden, was weit daruber hinausgeht, welches allen angehort und ohne welches sie selbst weder tun noch wirken konnten: Idee und Liebe. Wer weiss etwas von Elektrizitat, sagte ein heiterer Naturforscher, als wenn er im Finstern eine Katze streichelt oder Blitz und Donner neben ihm niederleuchten und rasseln? Wie viel und wie wenig weiss er alsdann davon? Lichtenbergs Schriften konnen wir uns als der wunderbarsten Wunschelrute bedienen; wo er einen Spass macht, liegt ein Problem verborgen. In den grossen leeren Weltraum zwischen Mars und Jupiter legte er auch einen heitern Einfall. Als Kant sorgfaltig bewiesen hatte, dass die beiden genannten Planeten alles aufgezehrt und sich zugeeignet hatten, was nur in diesen Raumen zu finden gewesen von Materie, sagte jener scherzhaft, nach seiner Art: Warum sollte es nicht auch unsichtbare Welten geben? Und hat er nicht vollkommen wahr gesprochen? Sind die neu entdeckten Planeten nicht der ganzen Welt unsichtbar, ausser den wenigen Astronomen, denen wir auf Wort und Rechnung glauben mussen? Einer neuen Wahrheit ist nichts schadlicher als ein alter Irrtum. Die Menschen sind durch die unendlichen Bedingungen des Erscheinens dergestalt obruiert, dass sie das Eine Urbedingende nicht gewahren konnen. "Wenn Reisende ein sehr grosses Ergetzen auf ihren Bergklettereien empfinden, so ist fur mich etwas Barbarisches, ja Gottloses in dieser Leidenschaft; Berge geben uns wohl den Begriff von Naturgewalt, nicht aber von Wohltatigkeit der Vorsehung. Zu welchem Gebrauch sind sie wohl dem Menschen? Unternimmt er, dort zu wohnen, so wird im Winter eine Schneelawine, im Sommer ein Bergrutsch sein Haus begraben oder fortschieben; seine Herden schwemmt der Giessbach weg, seine Kornscheuern die Windsturme. Macht er sich auf den Weg, so ist jeder Aufstieg die Qual des Sisyphus, jeder Niederstieg der Sturz Vulkans; sein Pfad ist taglich von Steinen verschuttet, der Giessbach unwegsam fur Schiffahrt; finden auch seine Zwergherden notdurftige Nahrung oder sammelt er sie ihnen karglich, entweder die Elemente entreissen sie ihm oder wilde Bestien. Er fuhrt ein einsam kummerlich Pflanzenleben, wie das Moos auf einem Grabstein, ohne Bequemlichkeit und ohne Gesellschaft. Und diese Zickzackkamme, diese widerwartigen Felsenwande, diese ungestalteten Granitpyramiden, welche die schonsten Weltbreiten mit den Schrecknissen des Nordpols bedecken, wie sollte sich ein wohlwollender Mann daran gefallen und ein Menschenfreund sie preisen!" Auf diese heitere Paradoxie eines wurdigen Mannes ware zu sagen, dass, wenn es Gott und der Natur gefallen hatte, den Urgebirgsknoten von Nubien durchaus nach Westen bis an das grosse Meer zu entwickeln und fortzusetzen, ferner die Gebirgsreihe einigemal von Norden nach Suden zu durchschneiden, sodann Taler entstanden sein wurden, worin gar mancher Urvater Abraham ein Kanaan, mancher Albert Julius eine Felsenburg wurde gefunden haben, wo denn seine Nachkommen leicht mit den Sternen rivalisierend sich hatten vermehren konnen. Steine sind stumme Lehrer, sie machen den Beobachter stumm, und das Beste, was man von ihnen lernt, ist, nicht mitzuteilen. Was ich recht weiss, weiss ich nur mir selbst; ein ausgesprochenes Wort fordert selten, es erregt meistens Widerspruch, Stocken und Stillstehen. Die Kristallographie als Wissenschaft betrachtet gibt zu ganz eigenen Ansichten Anlass. Sie ist nicht produktiv, sie ist nur sie selbst und hat keine Folgen, besonders nunmehr, da man so manche isomorphische Korper angetroffen hat, die sich ihrem Gehalte nach ganz verschieden erweisen. Da sie eigentlich nirgends anwendbar ist, so hat sie sich in dem hohen Grade in sich selbst ausgebildet. Sie gibt dem Geist eine gewisse beschrankte Befriedigung und ist in ihren Einzelnheiten so mannigfaltig, dass man sie unerschopflich nennen kann, deswegen sie auch vorzugliche Menschen so entschieden und lange an sich festhalt. Etwas Monchisch-Hagestolzenartiges hat die Kristallographie und ist daher sich selbst genug. Von praktischer Lebenseinwirkung ist sie nicht; denn die kostlichsten Erzeugnisse ihres Gebiets, die kristallinischen Edelsteine, mussen erst zugeschliffen werden, ehe wir unsere Frauen damit schmucken konnen. Ganz das Entgegengesetzte ist von der Chemie zu sagen, welche von der ausgebreitetsten Anwendung und von dem grenzenlosesten Einfluss aufs Leben sich erweist. Der Begriff vom Entstehen ist uns ganz und gar versagt; daher wir, wenn wir etwas werden sehen, denken, dass es schon dagewesen sei. Deshalb das System der Einschachtelung kommt uns begreiflich vor. Wie manches Bedeutende sieht man aus Teilen zusammensetzen; man betrachte die Werke der Baukunst, man sieht manches sich regel- und unregelmassig anhaufen; daher ist uns der atomistische Begriff nah und bequem zur Hand, deshalb wir uns nicht scheuen, ihn auch in organischen Fallen anzuwenden. Wer den Unterschied des Phantastischen und Ideellen, des Gesetzlichen und Hypothetischen nicht zu fassen weiss, der ist als Naturforscher in einer ublen Lage. Es gibt Hypothesen, wo Verstand und Einbildungskraft sich an die Stelle der Idee setzen. Man tut nicht wohl, sich allzulange im Abstrakten aufzuhalten. Das Esoterische schadet nur, indem es exoterisch zu werden trachtet. Leben wird am besten durchs Lebendige belehrt. Fur die vorzuglichste Frau wird diejenige gehalten, welche ihren Kindern den Vater, wenn er abgeht, zu ersetzen imstande ware. Der unschatzbare Vorteil, welchen die Auslander gewinnen, indem sie unsere Literatur erst jetzt grundlich studieren, ist der, dass sie uber die Entwickelungskrankheiten, durch die wir nun schon beinahe wahrend dem Laufe des Jahrhunderts durchgehen mussten, auf einmal weggehoben werden und, wenn das Gluck gut ist, ganz eigentlich daran sich auf das wunschenswerteste ausbilden. Wo die Franzosen des achtzehnten Jahrhunderts zerstorend sind, ist Wieland neckend. Das poetische Talent ist dem Bauer so gut gegeben wie dem Ritter, es kommt nur darauf an, dass jeder seinen Zustand ergreife und ihn nach Wurden behandle. "Was sind Tragodien anders als versifizierte Passionen solcher Leute, die sich aus den aussern Dingen ich weiss nicht was machen." Das Wort Schule, wie man es in der Geschichte der bildenden Kunst nimmt, wo man von einer florentinischen, romischen und venezianischen Schule spricht, wird sich kunftighin nicht mehr auf das deutsche Theater anwenden lassen. Es ist ein Ausdruck, dessen man sich vor dreissig, vierzig Jahren vielleicht noch bedienen konnte, wo unter beschrankteren Umstanden sich eine natur- und kunstgemasse Ausbildung noch denken liess; denn genau gesehen gilt auch in der bildenden Kunst das Wort Schule nur von den Anfangen; denn sobald sie treffliche Manner hervorgebracht hat, wirkt sie alsobald in die Weite. Florenz beweist seinen Einfluss uber Frankreich und Spanien; Niederlander und Deutsche lernen von den Italienern und erwerben sich mehr Freiheit in Geist und Sinn, anstatt dass die Sudlander von ihnen eine glucklichere Technik und die genauste Ausfuhrung von Norden her gewinnen. Das deutsche Theater befindet sich in der Schlussepoche, wo eine allgemeine Bildung dergestalt verbreitet ist, dass sie keinem einzelnen Orte mehr angehoren, von keinem besondern Punkte mehr ausgehen kann. Der Grund aller theatralischen Kunst, wie einer jeder andern, ist das Wahre, das Naturgemasse. Je bedeutender dieses ist, auf je hoherem Punkte Dichter und Schauspieler es zu fassen verstehen, eines desto hohern Ranges wird sich die Buhne zu ruhmen haben. Hiebei gereicht es Deutschland zu einem grossen Gewinn, dass der Vortrag trefflicher Dichtung allgemeiner geworden ist und auch ausserhalb des Theaters sich verbreitet hat. Auf der Rezitation ruht alle Deklamation und Mimik. Da nun beim Vorlesen jene ganz allein zu beachten und zu uben ist, so bleibt offenbar, dass Vorlesungen die Schule des Wahren und Naturlichen bleiben mussen, wenn Manner, die ein solches Geschaft ubernehmen, von dem Wert, von der Wurde ihres Berufs durchdrungen sind. Shakespeare und Calderon haben solchen Vorlesungen einen glanzenden Eingang gewahrt; jedoch bedenke man immer dabei, ob nicht hier gerade das imposante Fremde, das bis zum Unwahren gesteigerte Talent der deutschen Ausbildung schadlich werden musse! Eigentumlichkeit des Ausdruckes ist Anfang und Ende aller Kunst. Nun hat aber eine jede Nation eine von dem allgemeinen Eigentumlichen der Menschheit abweichende besondere Eigenheit, die uns zwar anfanglich widerstreben mag, aber zuletzt, wenn wir's uns gefallen liessen, wenn wir uns derselben hingaben, unsere eigene charakteristische Natur zu uberwaltigen und zu erdrucken vermochte. Wieviel Falsches Shakespeare und besonders Calderon uber uns gebracht, wie diese zwei grossen Lichter des poetischen Himmels fur uns zu Irrlichtern geworden, mogen die Literatoren der Folgezeit historisch bemerken. Eine vollige Gleichstellung mit dem spanischen Theater kann ich nirgends billigen. Der herrliche Calderon hat so viel Konventionelles, dass einem redlichen Beobachter schwer wird, das grosse Talent des Dichters durch die Theateretikette durchzuerkennen. Und bringt man so etwas irgendeinem Publikum, so setzt man bei demselben immer guten Willen voraus, dass es geneigt sei, auch das Weltfremde zuzugeben, sich an auslandischem Sinn, Ton und Rhythmus zu ergetzen und aus dem, was ihm eigentlich gemass ist, eine Zeitlang herauszugehen. Yorik-Sterne war der schonste Geist, der je gewirkt hat; wer ihn liest, fuhlt sich sogleich frei und schon; sein Humor ist unnachahmlich, und nicht jeder Humor befreit die Seele. "Massigkeit und klarer Himmel sind Apollo und die Musen." Das Gesicht ist der edelste Sinn, die andern vier belehren uns nur durch die Organe des Takts, wir horen, wir fuhlen, riechen und betasten alles durch Beruhrung; das Gesicht aber steht unendlich hoher, verfeint sich uber die Materie und nahert sich den Fahigkeiten des Geistes. Setzten wir uns an die Stelle anderer Personen, so wurden Eifersucht und Hass wegfallen, die wir so oft gegen sie empfinden; und setzten wir andere an unsere Stelle, so wurde Stolz und Einbildung gar sehr abnehmen. Nachdenken und Handeln verglich einer mit Rahel und Lea; die eine war anmutiger, die andere fruchtbarer. Nichts im Leben ausser Gesundheit und Tugend ist schatzenswerter als Kenntnis und Wissen; auch ist nichts so leicht zu erreichen und so wohlfeil zu erhandeln; die ganze Arbeit ist Ruhigsein und die Ausgabe Zeit, die wir nicht retten, ohne sie auszugeben. Konnte man Zeit wie bares Geld beiseitelegen, ohne sie zu benutzen, so ware dies eine Art von Entschuldigung fur den Mussiggang der halben Welt; aber keine vollige, denn es ware ein Haushalt, wo man von dem Hauptstamm lebte, ohne sich um die Interessen zu bemuhen. Neuere Poeten tun viel Wasser in die Tinte. Unter mancherlei wunderlichen Albernheiten der Schulen kommt mir keine so vollkommen lacherlich vor als der Streit uber die Echtheit alter Schriften, alter Werke. Ist es denn der Autor oder die Schrift, die wir bewundern oder tadeln? es ist immer nur der Autor, den wir vor uns haben; was kummern uns die Namen, wenn wir ein Geisteswerk auslegen? Wer will behaupten, dass wir Virgil oder Homer vor uns haben, indem wir die Worte lesen, die ihm zugeschrieben werden? Aber die Schreiber haben wir vor uns, und was haben wir weiter notig? Und ich denke furwahr, die Gelehrten, die in dieser unwesentlichen Sache so genau zu Werke gehen, scheinen mir nicht weiser als ein sehr schones Frauenzimmer, das mich einmal mit moglichst sussem Lacheln befragte: wer denn der Autor von Shakespeares Schauspielen gewesen sei? Es ist besser, das geringste Ding von der Welt zu tun, als, eine halbe Stunde fur gering halten. Mut und Bescheidenheit sind die unzweideutigsten Tugenden; denn sie sind von der Art, dass Heuchelei sie nicht nachahmen kann; auch haben sie die Eigenschaft gemein, sich beide durch dieselbe Farbe auszudrucken. Unter allem Diebsgesindel sind die Narren die Schlimmsten: sie rauben euch beides, Zeit und Stimmung. Uns selbst zu achten, leitet unsre Sittlichkeit; andere zu schatzen, regiert unser Betragen. Kunst und Wissenschaft sind Worte, die man so oft braucht und deren genauer Unterschied selten verstanden wird; man gebraucht oft eins fur das andere. Auch gefallen mir die Definitionen nicht, die man davon gibt. Verglichen fand ich irgendwo Wissenschaft mit Witz, Kunst mit Humor. Hierin find' ich mehr Einbildungskraft als Philosophie: es gibt uns wohl einen Begriff von dem Unterschied beider, aber keinen von dem Eigentumlichen einer jeden. Ich denke, Wissenschaft konnte man die Kenntnis des Allgemeinen nennen, das abgezogene Wissen; Kunst dagegen ware Wissenschaft zur Tat verwendet; Wissenschaft ware Vernunft, und Kunst ihr Mechanismus, deshalb man sie auch praktische Wissenschaft nennen konnte. Und so ware denn endlich Wissenschaft das Theorem, Kunst das Problem. Vielleicht wird man mir einwenden: Man halt die Poesie fur Kunst, und doch ist sie nicht mechanisch; aber ich leugne, dass sie eine Kunst sei; auch ist sie keine Wissenschaft. Kunste und Wissenschaften erreicht man durch Denken, Poesie nicht, denn diese ist Eingebung; sie war in der Seele empfangen, als sie sich zuerst regte. Man sollte sie weder Kunst noch Wissenschaft nennen, sondern Genius. Auch jetzt im Augenblick sollte jeder Gebildete Sternes Werke wieder zur Hand nehmen, damit auch das neunzehnte Jahrhundert erfuhre, was wir ihm schuldig sind, und einsahe, was wir ihm schuldig werden konnen. In dem Erfolg der Literaturen wird das fruhere Wirksame verdunkelt und das daraus entsprungene Gewirkte nimmt uberhand, deswegen man wohltut, von Zeit zu Zeit wieder zuruckzublicken. Was an uns Original ist, wird am besten erhalten und belobt, wenn wir unsre Altvordern nicht aus den Augen verlieren. Moge das Studium der griechischen und romischen Literatur immerfort die Basis der hohern Bildung bleiben. Chinesische, indische, agyptische Altertumer sind immer nur Kuriositaten; es ist sehr wohlgetan, sich und die Welt damit bekannt zu machen; zu sittlicher und asthetischer Bildung aber werden sie uns wenig fruchten. Der Deutsche lauft keine grossere Gefahr, als sich mit und an seinen Nachbarn zu steigern; es ist vielleicht keine Nation geeigneter, sich aus sich selbst zu entwickeln, deswegen es ihr zum grossten Vorteil gereichte, dass die Aussenwelt von ihr so spat Notiz nahm. Sehen wir unsre Literatur uber ein halbes Jahrhundert zuruck, so finden wir, dass nichts um der Fremden willen geschehen ist. Dass Friedrich der Grosse aber gar nichts von ihnen wissen wollte, das verdross die Deutschen doch, und sie taten das moglichste, als Etwas vor ihm zu erscheinen. Jetzt, da sich eine Weltliteratur einleitet, hat, genau besehen, der Deutsche am meisten zu verlieren; er wird wohltun, dieser Warnung nachzudenken. Auch einsichtige Menschen bemerken nicht, dass sie dasjenige erklaren wollen, was Grunderfahrungen sind, bei denen man sich beruhigen musste. Doch mag dies auch vorteilhaft sein, sonst unterliesse man das Forschen allzu fruh. Wer sich von nun an nicht auf eine Kunst oder Handwerk legt, der wird ubel dran sein. Das Wissen fordert nicht mehr bei dem schnellen Umtriebe der Welt; bis man von allem Notiz genommen hat, verliert man sich selbst. Eine allgemeine Ausbildung dringt uns jetzt die Welt ohnehin auf; wir brauchen uns deshalb darum nicht weiter zu bemuhen, das Besondere mussen wir uns zueignen. Die grossten Schwierigkeiten liegen da, wo wir sie nicht suchen. Lorenz Sterne war geboren 1713, starb 1768. Um ihn zu begreifen, darf man die sittliche und kirchliche Bildung seiner Zeit nicht unbeachtet lassen; dabei hat man wohl zu bedenken, dass er Lebensgenosse Warburtons gewesen. Eine freie Seele wie die seine kommt in Gefahr, frech zu werden, wenn nicht ein edles Wohlwollen das sittliche Gleichgewicht herstellt. Bei leichter Beruhrbarkeit entwickelte sich alles von innen bei ihm heraus; durch bestandigen Konflikt unterschied er das Wahre vom Falschen, hielt am ersten fest und verhielt sich gegen das andere rucksichtlos. Er fuhlte einen entschiedenen Hass gegen Ernst, weil er didaktisch und dogmatisch ist und gar leicht pedantisch wird, wogegen er den entschiedensten Abscheu hegte. Daher seine Abneigung gegen Terminologie. Bei den vielfachsten Studien und Lekture entdeckte er uberall das Unzulangliche und Lacherliche. Shandeism nennt er die Unmoglichkeit, uber einen ernsten Gegenstand zwei Minuten zu denken. Dieser schnelle Wechsel von Ernst und Scherz, von Anteil und Gleichgultigkeit, von Leid und Freude soll in dem irlandischen Charakter liegen. Sagazitat und Penetration sind bei ihm grenzenlos. Seine Heiterkeit, Genugsamkeit, Duldsamkeit auf der Reise, wo diese Eigenschaften am meisten gepruft werden, finden nicht leicht ihresgleichen. So sehr uns der Anblick einer freien Seele dieser Art ergetzt, ebensosehr werden wir gerade in diesem Fall erinnert, dass wir von allem dem, wenigstens von dem meisten, was uns entzuckt, nichts in uns aufnehmen durfen. Das Element der Lusternheit, in dem er sich so zierlich und sinnig benimmt, wurde vielen andern zum Verderben gereichen. Das Verhaltnis zu seiner Frau wie zur Welt ist betrachtenswert. "Ich habe mein Elend nicht wie ein weiser Mann benutzt", sagt er irgendwo. Er scherzt gar anmutig uber die Widerspruche, die seinen Zustand zweideutig machen. "Ich kann das Predigen nicht vertragen, ich glaube, ich habe in meiner Jugend mich daran ubergessen." Er ist in nichts ein Muster und in allem ein Andeuter und Erwecker. "Unser Anteil an offentlichen Angelegenheiten ist meist nur Philisterei." "Nichts ist hoher zu schatzen als der Wert des Tages." "Pereant, qui, ante nos, nostra dixerunt!"
So wunderlich konnte nur derjenige sprechen, der sich einbildete, ein Autochthon zu sein. Wer sich's zur Ehre halt, von vernunftigen Vorfahren abzustammen, wird ihnen doch wenigstens ebensoviel Menschensinn zugestehn als sich selbst. Die originalsten Autoren der neusten Zeit sind es nicht deswegen, weil sie etwas Neues hervorbringen, sondern allein weil sie fahig sind, dergleichen Dinge zu sagen, als wenn sie vorher niemals waren gesagt gewesen. Daher ist das schonste Zeichen der Originalitat, wenn man einen empfangenen Gedanken dergestalt fruchtbar zu entwickeln weiss, dass niemand leicht, wie viel in ihm verborgen liege, gefunden hatte. Viele Gedanken heben sich erst aus der allgemeinen Kultur hervor wie die Bluten aus den grunen Zweigen. Zur Rosenzeit sieht man Rosen uberall bluhen. Eigentlich kommt alles auf die Gesinnungen an; wo diese sind, treten auch die Gedanken hervor, und nachdem sie sind, sind auch die Gedanken. "Nichts wird leicht ganz unparteiisch wieder dargestellt. Man konnte sagen: hievon mache der Spiegel eine Ausnahme, und doch sehen wir unser Angesicht niemals ganz richtig darin; ja der Spiegel kehrt unsre Gestalt um und macht unsre linke Hand zur rechten. Dies mag ein Bild sein fur alle Betrachtungen uber uns selbst." Im Fruhling und Herbst denkt man nicht leicht ans Kaminfeuer, und doch geschieht es, dass, wenn wir zufallig an einem vorbeigehen, wir das Gefuhl, das es mitteilt, so angenehm finden, dass wir ihm wohl nachhangen mogen. Dies mochte mit jeder Versuchung analog sein. "Sei nicht ungeduldig, wenn man deine Argumente nicht gelten lasst." Wer lange in bedeutenden Verhaltnissen lebt, dem begegnet freilich nicht alles, was dem Menschen begegnen kann; aber doch das Analoge und vielleicht einiges, was ohne Beispiel war.