1829_Fouqu_022 Topic 1

Caroline de la Motte Fouque

Resignation

Ein Roman

Erster Theil

Elise an Sophie

Der redselige Walter hat nicht zuviel gesagt. Der erwartete Gast ist wirklich auf dem Schlosse des alten Comthur angekommen. Gestern, bei unserer Ruckkehr von Ihnen, sahen wir, wahrend das Schiffchen den Strom hinabglitt, die Fenster im obern Stockwerk der Burg erleuchtet. Dort brannte seit ewigen Zeiten kein Licht.

Mein kleiner Georg, der unter dem Vorwande der Mudigkeit, sich von mir auf dem Schoos hatscheln liess, machte mich zuerst aufmerksam darauf, denn, indem er die allerliebsten Augen bald zusammen kniff, als wollte er schlafen, bald von hunderterlei, das um ihn vorging, angeregt, sie wieder offnete, streckte plotzlich das Handchen aus, und rief: "ein grosser Stern, Mama!" Ich musste lachen, als ich, der Richtung seiner kleinen Finger folgend, den zusammengezogenen Lichtstrahl hinter den Baumen entdeckte, und mich dabei Walters Wichtigthun, bei Erwahnung des unbekannten Fremden, erinnerte, der Gevatterinnen und Gastwirthen ein erwunschtes Rathsel sein wird, uber das ich schon viele die Kopfe zusammen stecken sehe. Nun ich merke, ich, ich mache es nicht besser, als jene! Die Neugier gehort gewiss zu den Erbsunden; denn es theilen sie meist alle Menschen mit einander. Und was man gleich fur Mahrchen zusammen spinnt. Unten im Amthofe hat man in vorletzter Nacht eine sechsspannige Kutsche, von mehreren Leuten zu Pferde begleitet, vorbei fahren sehen. Sie nahmen die Richtung nach den Bergen zu. Hochstwahrscheinlich waren es die Schlossgaste. Denke ich nun an Georgs g r o ss e n S t e r n und die geheimen Anstalten auf der Burg, so haben wir das intrikanteste Abentheuer von der Welt ganz in der Nahe.

Ich schreibe Ihnen das in aller Eile! theils um Recht von Ihnen zu behalten, in Bezug unsers gestrigen Streites uber des Comthur bizarre Hypochondrie, theils um die Anwesenheit unsers Merkurs, des flinken Walters, zu benutzen, der stehenden Fusses zu Ihnen hinuber will, um seinen neu auf der Frankfurter Messe erhandelten Kram, vor Ihnen auszulegen. Beilaufig gesagt, solche umherstreifende Hausirer sind doch bequeme Werkzeuge fur den Verkehr auf dem Lande! Mit den Waaren tragen sie auch gelegentlich Bestellungen, Briefchen und diese und jene Botschaft zu ihrer Behorde. So schaffen sie Theilnehmer fur Freude und Leid.

Nach dieser Lobrede auf Walters Beruf, die eigentlich ihm selbst, und dem Zufalle galt, der mir ihn gerade heute in den Weg wirft, will ich denn nun auch mit dem Bekenntnisse schliessen, dass mir die Unvorsichtigkeit, so spat durch die Nacht mit dem Kinde uber den Fluss gefahren zu sein, einen kleinen Verweis von Eduard zugezogen hat, der mich weniger verletzt, als ihn verstimmt, was denn immer wie Wolken an meinem Himmel vorubergeht.

Liebe Sophie, es ware noch Manches uber das rasche Umschlagen der Laune, und das Aetzende der Uebel zu sagen, die alles, am liebsten aber die Sussigkeit des Friedens wegzehrt, fuhrte das Eine nicht zu vielem Andern, was keine Erorterung erlaubt. Leugnen kann ich mir es aber nicht, dass ein Instrument, welches den Ton nicht mehr halten kann, an dem die Wirbel zu lose wurden, um die schlaffen Saiten wieder straff anzuziehen, vergeblich vor jeder Beruhrung bewahrt wird, die aussere Lebensluft dringt hinein und reisst disharmonische Tone heraus.

Ganz mag das mein langes Aussenbleiben gestern wohl nicht entschuldigen, aber glauben Sie nur, zu manchen Zeiten kann der Wind so oder so herkommen, es giebt immer Gewitter! Nun, auf baldiges gutes Wetter! was wir auch in gewohnlichem Sinne gebrauchen konnen, denn ich mochte Ihnen wohl auf morgen eine Partie auf den Burgwall, bei der Tannenhauserin, vorschlagen. Die Frau hat eine saubere Wirthschaft, und ihre wohleingerichtete Wohnung am See ist vielfach von Gasten besucht. Bedenken Sie, den Sonnabend b i n i c h f r e i . Eduard hat Vortrag, und muss zur Stadt, wo er bis zum folgenden Tage bleibt. Also

Und bringen Sie mit, wen Sie werben konnen. Ich, meiner Seits, werde alles anordnen. Sie denken wohl, dass ich mich fur die kleine Muhe reichlich durch die Unterhaltung mit der ehemaligen Schaffnerin des Comthur wieder bezahlt machen will! Merken Sie jetzt die Absicht? Lachen Sie mich immer aus. Man lebte nur halb, bekummerte sich nicht Einer um den Andern, und gabe es nicht Geschwatz und Geschichten.

E.

N. S.

Zur Steuer der Wahrheit kann ich das Blatt nicht ohne Commentar abschicken. Die sechsspannige Kutsche hat sich in eine offne leere Chaise, mit v i e r Pferden bespannt, verwandelt, welcher e i n Reuter, in einiger Entfernung, folgte. Ob der nun zu der Equipage gehorte oder nicht? das steht dahin. So schrumpft meist alles zur Unbedeutenheit zusammen, was einem, Wunder wie wichtig, zur Behauptung einer abentheuerlichen Grille dunkte! Adieu, liebe Sophie!

Antwort

Fur diesmal muss ich ihre Nachsicht in Anspruch nehmen, liebste Elise. Briefe einer altern Bekannten geben mir heute und morgen zu thun, wodurch ich verhindert werde, Ihren Vorschlag anzunehmen.

Mir ist das Letztere doppelt leid, da Sie Freude davon erwarteten, und ich in Ihrer Gesellschaft immer die frohesten Stunden verlebe. Denn, erlaube ich mir auch manchmal den leichten Muth, zu tadeln, der Sie, liebe, angenehme Elise, so schnell uber das Hemmende im Leben wegsehen lasst, so ist es doch gerade der helle Blick, das Bequeme und Behende in Ihrem Umgange, was diesen so anziehend macht. Man kann bei Ihnen niemals an Storung oder Gefahr denken, weil Sie nicht daran g l a u b e n . Deshalb fiel mir es auch nicht eher ein, Ihre letzte Nachhausefahrt fur ein Wagniss zu halten, bis Sie mich selbst daran erinnern, und ich gezwungen werde, dem verstandigen Eduard Recht zu geben, und mich zu schelten, ihm diese Unruhe nicht erspart zu haben. Wie leicht ware unser gegenseitiges Interesse vermittelt worden, hatte ich Sie, wie es Ihr Plan war, um einige Stunden fruher zuruckbegleitet, und die Nacht in Ihrem schonen Landhause zugebracht!

Meine beschrankte Stiftswohnung bot Ihnen nicht dieselbe Bequemlichkeit, auch durfte ich Sie nicht bei mir zuruckhalten wollen.

Nun, kunftig werden wir beide verstandiger, und Eduard nachsichtsvoller sein.

Wissen Sie, dass ich eitel genug bin, mir einzubilden, Sie werden nun, da ich nicht daran Theil nehmen kann, die ganze Partie nach dem Tannenhause fur heute aufgegeben haben? Diese Voraussetzung klingt indess schlimmer, als sie ist. Ich hange mich nur deshalb an das Gewicht, das den Ausschlag geben soll, weil ich mit allen denen zusammen hange, welche Sie allenfalls zu Ihrer Gesellschaft gewahlt hatten, obgleich es mir unmoglich war, sie in Zeiten von den Projecten in Kenntniss zu setzen.

Da nun der Hauptzweck, die gesellige Belebung des hubschen Lustortes, wegfallt, so entschliessen Sie sich vielleicht, Eduard nach der Stadt zu begleiten.

Die wenigen Stunden auf der Chaussee, leicht hingerollt, geben Ihnen weniger Beschwerde als dem armen Freunde Erleichterung, indem Sie ihm die kranke Laune tragen helfen. Denn glauben Sie zuverlassig, ist der Missmuth schon fur die Umgebungen ein Druck, so ist er eine noch weit schwerere Last fur den, welcher daran tragt, sich dessen bewusst ist, und doch dem Beengenden nirgend Raum zu schaffen weiss. In einem Gesprache zu Zweien lasst man sich leichter einen Theil der herben Ergusse gefallen. Die Freude, einem guten Menschen wohlzuthun, geht mildernd daruber hin. Man stimmt ihn unwillkuhrlich nach dem Tone, den man in sich bewahrt, das anfanglich Einanderwidersprechende eint sich befriedigend fur beide Theile. Vielleicht hatten Sie denselben Gedanken! In dem Falle erzahlen Sie mir nachstens, was Sie wahrend des kurzen stadtischen Aufenthalts, den Sie immer vortrefflich zu benutzen pflegen, Interessantes sahen und horten.

Leben Sie recht wohl, beste Elise, und vergeben Sie Ihrer Freundin, wenn Sie Ihnen diesmal weniger gefallig, als sie es wunscht, erscheint.

Elise an Sophie

Was in aller Welt haben Sie vor? Mich wollen Sie von hier entfernen, Sie selbst verstecken sich hinter Geschafte, die Sie nicht naher bezeichnen, und von dem Schlossgaste, so wie von allem, was darauf Bezug hat, kein Wort! Wie sonderbar! Ja, wie unnaturlich, mochte ich sagen, da Sie mich kennen, und es wissen sollten, dass ich erstaunt leicht Contrebande spure.

Ihr Brief ist himmlisch gut, voll Geist und Wohlwollen. Aber es klingt mir alles, wie hinter einem Vorhange. Ich sehe Sie nicht, ich hore Sie blos, und deshalb uben Sie auch keine Gewalt uber mich. Lassen Sie sichs nun nicht wundern, dass ich von dem, was Sie von mir fordern, ohne es mir offen zu sagen, auch nicht das Geringste gethan habe. Erstlich ist Eduard in Gottes Namen allein nach der Stadt gefahren, und zweitens habe ich Milch und Fruchte bei der Tannenhauserin, ohne Sie, Eigensinnige, gegessen, und mir viel von der gesprachigen Wirthin erzahlen lassen. Doch in der Hauptsache bin ich so klug wie vorher. Die Frau scheint mir durch mancherlei Erfahrungen gewitzigt, sie ist auf ihrer Huth. Ueber eine gewisse Grenze kommt man mit ihr nicht hinaus. Es unterhielt mich ungemein, wie sie meine Fragen so geschickt unterlief, und den Gegenstand von einer ganz andern Seite erfasste. Meistens fuhrte sie alles auf sich selbst zuruck, wer s i e ist, was s i e leistete und noch jetzt schafft und erhalt, das erfuhr ich genau. Hier standen wir denn fest, und blieben stehen. "Der Gewinn, werden Sie sagen, war nicht gross." Freilich nicht, allein ich hatte die Familie des Amtmanns mit mir; die Frau, welche sich nur selten eine Erholung gonnt, und die Kinder eben auch nicht verwohnen kann, sah sich in die Tage sorgenfreier Jugend versetzt, wo sie mit ihren Eltern solche Lustorte besuchen, sich putzen, frei von Geschaften bequem lustwandeln, die Natur, ohne Nebenbeziehung auf Ertrag und Nutzen, bewundern durfte. Sie war so recht aus Grund der Seele froh, und sagte, was ihr in den Mund kam. Ich habe unglaublich uber sie gelacht.

Zuletzt kam noch eine Schussel mit Backwerk, bei der sich meine Raben gutlich thaten. Ich stopfte sie tuchtig, und spielte dann zu allgemeinem Entzucken blinde Kuh, Katze und Maus und den Dritten abschlagen mit ihnen.

Ich weiss nicht, ob Sie den hubschen, blumigen Wiesenplan zwischen dem See und dem Waldsaum kennen? Die herrlichen Buchen, welche diesen in drei doppelten Reihen einfassen, wolben ihr breites Blatterdach uber den Rasen. Man hat hier Schatten, Schutz vor dem Winde und dem feuchten Lufthauch des Wassers. Keinen bessern Spielplatz giebt es unter der Sonne. Die Amtmannin durfte nicht zuruckstehen. Auch ging sie gutwillig daran; bald gaben wir den Jungen nichts an Ausgelassenheit nach. Das nahm denn aber fur mich ein beschamendes Ende. Wahrend dem Hin- und Herlaufen hatte sich mir, unten am Kleide, der Saum abgetrennt. Ich bemerkte es nicht. Jetzt verwickelte ich mich bei einer Wendung darin. Ich ware gefallen, hatte ich nicht kurzen Prozess gemacht, das Stuck abgerissen und dieses, mit sammt dem Schuhe, um welchen der Streifen geschlungen war, von mir geworfen; ein Ausweg, der mich auf der Stelle wieder auf die Beine, jedoch um meinen Schuh brachte. Dieser war tief in das Gebusch hineingeflogen. Ich theile dasselbe unter lautem Lachen, da steht ein fremder Mann, halb von den Zweigen verdeckt, vor mir. Er mochte hier schon eine Weile gestanden, und unser ausgelassenes Treiben mit angesehen haben. Das verdross mich, ich that, als sehe ich ihn nicht; auch trat er sogleich zuruck. Ehe ich noch zu den Uebrigen gelangte, war er verschwunden. Ich weiss von dem ganzen Menschen nichts, als dass er blau oder grun angezogen war und eine Flinte auf dem Rucken trug. Erst nachher fiel mir ein, was Ihnen, Sophie, eben auch einfallt. Sehen Sie, ich kann von hier aus in Ihren Zugen lesen, dass Sie mich ohne Worte verstehen. Sie denken wie ich, an den Schlossgast, und der war es auch ohne alle Frage, obgleich die Wirthin diesen nicht kennen will, die Sache bei Seite wirft, den vermeinten, vornehmen Fremden fur einen neuen Sekretar des Comthur ausgiebt, so weiss sie doch mehr von allen dem, und glaublich ist es, dass jener bei ihr im Hause war, indess wir uns mit ihr unterhielten. Dies mag nun sein wie es will. Solche Dazwischenkunft eines Dritten unterbricht immer, und giebt andere Gedanken. Zudem waren wir mude. Die Sonne ging unter. Gerade uber dem See stand die gluhende Scheibe. Wir setzten uns am Ufer nieder. Es war der kostlichste Abend. Die Kinder pfluckten Vergissmeinnicht und gelbe Wasserlilien. Zu unsern Fussen perlte der weisse Wellenschaum. Die kleinen Blaschen zerrannen gerauschlos zwischen Rohr und Calmus. Ich folgte mit den Augen ihrem raschen Verschwinden. Die Amtmannin war still, ja andachtig geworden. Sie sass mit gefaltenen Handen neben mir, sah in die steigende Dammerung, und gedachte ihrer verstorbenen Eltern. Sie mochten ihr in der Dunkelheit mehr gegenwartig sein. Sie sprach viel von ihnen. Ich horte ihr mit Innigkeit zu. Der Vater besonders schien ihr theuer gewesen. In der Jugend begleitete er als Feldprediger sein Regiment auf manchen Zugen, und wohnte mehr als einer Schlacht bei, verlor aber sein Amt wegen einer unvorsichtigen Trauung, zu welcher er sich aus Liebe fur einen jungen leidenschaftlichen Offizier verleiten liess. Nach dem Tode des Fursten bekam er zwar den Posten seines Schwiegervaters, an der Hofkirche, allein die ubereilte Handlung, die zum Ungluck des Ehepaars ausschlug, blieb ihm ein storender Vorwurf fur sein Leben. Die Tochter ruhmte uberall die grosse Zartheit seines Gewissens, und wusste noch mehrere ruhrende Zuge davon anzufuhren.

Anfanglich flossen ihr die Worte nicht ganz naturlich, wie das wohl bei Leuten der Fall ist, die von dem gewohnten aussern Treiben in die innere Welt zurucktreten. Ihre Sprache klang wie aus einer Putzstube heraus. Aber das wahrte nicht lange, Gefuhle, die ihr stets vertraut blieben, rissen sie, wie alte Bekannte, mit sich fort. Ich empfand aufs neue, was nur einzig wahre Bildung giebt. Ruhrt der Genius die Flugel der Seele, so hebt er alle Fahigkeit des Innern mit aufwarts.

Sehen Sie, liebe Sophie, die Frau, die ich mir doch immer nur als Nothbehelf mit auf die Fahrt nahm, musste mir so zur Erbauung dienen! Ich glaube, wir sassen noch da beisammen und plauderten, waren die Kinder nicht mude, der Abend dunkel, und die Amtmannin wegen ihres Mannes unruhig geworden.

Ich war bei meiner Nachhausekunft sehr froh, keine eheherrliche Kritik furchten zu durfen. Georg ass seine Suppe so vergnugt um neun als um sieben, und ich schrieb dies Alles ungestort an Sie.

Hierauf werden Sie nun wohl denken, dass ich es nicht bereue, von der Fahrt nach der Stadt zuruckgeblieben zu sein.

Aufrichtig gesagt, gute Sophie, versteh' ich nicht, was Sie mit dem Vorschlage wollen? Entweder Sie beabsichtigen etwas Verborgenes damit, oder Sie beweisen mir, was ich immer schon dachte, dass jedes Urtheil uber Verhaltnisse, zu denen man a u s s e r h a l b steht, eben so schwankend ist, wie es unmoglich wird, aus der Ferne einen Maassstab fur dasjenige zu finden, was in solchen Verhaltnissen gethan oder unterlassen werden muss. Theorien abstrahiren sich wohl im Allgemeinen, aber das Leben steht nicht einen Augenblick still. Den Widerstand oder die Nachhulfe, die es auf einer Stelle fordert, verwirft es auf der andern.

Mein Gott! was hatte es dem guten Eduard in seiner momentanen Verdrossenheit geholfen, wenn ich an seiner Seite vor Staub und Hitze erstickt ware, und ihn dadurch gezwungen hatte, auf mich zu merken? Meinen Sie, dass es ihn wurde erheitert haben, mich um nichts und wieder nichts gequalt zu sehen? Ganz im Gegentheil, er ware ausser sich gerathen, hatte sich tausend Vorwurfe gemacht, sich den unglucklichsten Menschen der Erde geglaubt, und sinnreich in eigener Qual herausgefunden, dass er es anfangen moge, wie er wolle, er beglucke niemand. Leute seiner Art, die an vollige Isolation und in ihren Geschaften an etwas Mechanisches gewohnt sind, werden gleich ungeduldig, wenn sie irgend etwas Fremdes durchkreuzt.

Seit vier Jahren, dass wir verheirathet sind, habe ich den Sommer immer still hier verlebt. Eduard wurde sehr frappirt uber den Gedanken gewesen sein, ihn auf seiner Sonnabendsfahrt begleiten zu wollen. Das geschah nie. Warum jetzt? Fuhlen Sie nicht, wie der Einsame das zum Gegenstande misstrauender Grubeleien gemacht hatte?

Nein, Sophie, Sie heben auch nur Menschen nach vorausgesetzten Annahmen heraus. Das hindert Sie, zu sehen, was Sie sonst sehen wurden.

Ich hoffe, Ihre Geschafte sind beendet, und Sie kommen morgen, mich zu versohnen.

Eduard an Elise

Arbeiten dringender Art zwingen mich, meinen hiesigen Aufenthalt um mehrere Tage zu verlangern. Ich ergreife eine schickliche Gelegenheit, welche sich mir in der Amtsreise unsers Justizraths darbietet, Dich, liebe Elise, in Zeiten davon zu benachrichtigen. Sein Weg nach dem Schlosse des Comthur geht bei unserm Landsitze vorbei, und so passt sich alles genau zu meinem Zwecke. Du wirst noch diesen Abend von meiner verspateten Ruckkehr unterrichtet, bevor Du im mindesten in Ungewissheit uber deren Veranlassung sein kannst. Ich nehme diese Vorsichtsmaassregeln mehr in meiner als in Deiner Seele, weil mir der Gedanke jeder Unbestimmtheit zuwider und der thatigen Wirksamkeit so uberaus hemmend ist.

Auch benutze ich diese Veranlassung, Dich in ahnlichen Fallen zu derselben Aufmerksamkeit zu verpflichten. Vergebliches Warten hat immer den peinlichsten Zeitverlust zur Folge; und einmal aus dem Gleise, in dem man sich bequem fuhlt, herausgerissen, werden wir zuletzt auch fur das stumpf, was wir herbei wunschten, und das uns nun in einer gewissen Unordnung der Empfindungen uberrascht, ohne doch zu befriedigen. Wenn es Dir schwer werden sollte, hierin meinem Beispiele zu folgen, so wird Dich vielleicht die Betrachtung williger dazu machen, dass die meisten Verdrusslichkeiten und Missverstandnisse im Umgange, aus Mangel rucksichtlicher Beachtung der Lebensordnung herruhren, wodurch, mit der einen Storung, welche Diesen oder Jenen empfindlicher als Andere trifft, zugleich eine allgemeine Erschutterung und eine ganze Kette hauslicher Unbilden hervorgeht. Mit dem Wunsche, Dich und Georg bei meiner Ruckkehr wohl zu finden, umarme ich Euch beide zartlichst.

Elise an Sophie

Konnen Sie sich denn keinen Augenblick abmussigen? Ich sitze hier in tausend Aengsten, von Gewissensbissen und Sorgen gemartert. Fort kann ich nicht, allein wird mirs zu viel, und Sie schweigen und kommen nicht.

Denken Sie nur ums Himmels Villen, die gute kleine Amtmannsfrau ist todlich erkrankt. Erhitzung, Erkaltung, Gott weiss, ob on spater her oder jetzt erst veranlasst? hat sie mit einem Fieber niedergeworfen, das selbst den Arzt fur ihr Leben zittern lasst.

Gestern Abend ward ich hinuber gerufen. Die Leute wussten nichts mehr mit dem Manne anzufangen. Ich war im Augenblicke dort. Schon von aussen horte ich die Kranke laut und hell sprechen. Mir schlug das Herz, die Kniee zitterten mir, ich offnete zogernd die Thure.

Vorn, in der Wohnstube, sassen die altesten Knaben und weinten still in ihrem Winkelchen. Ein allerliebstes kleines Madchen ass in seliger Unbewusstheit unter Lachen und Kreischen die Abendsuppe. Der rustige starke Amtmann schwankte mit gefaltenen Handen, ganz zusammengebrochen, von einer Thure zur andern, wollte Dies und Jenes bestellen, holen, wusste nicht, was er sagte, was er that; die Augen waren ihm, von der ungewohnten Thranenfluth, wie erloschen, die Stimme bebte, unaussprechlicher Jammer sprach aus den schlaffen Zugen.

Als er mich gewahr wurde, brach er von neuem in Thranen aus. Ach! stohnte er, meine Hand in der seinen pressend, und sie krampfhaft festhaltend! "Wer hatte das gedacht." Es war alles, was er hervorbringen konnte. Wahrend dem rief ihn die Kranke wiederholt. Er sturzte an ihr Bett. Sie schien unruhig. Es waren aber nur wirthschaftliche Erinnerungen, die sie zu machen hatte. In diesem Augenblick war sie gewiss besonnen. Es hatte alles Zusammenhang, und Hand und Fuss, was sie sagte. Ich naherte mich ihr. Sie bemerkte es. Ganz verstandig sagte sie mir guten Abend. Ich druckte blos ihre Hand, die sie mir reichte, ohne etwas zu sagen, aus Furcht, sie durch fremde Vorstellungen zu verwirren. Allein die Vorsicht war unnutz. Mein blosser Anblick zog sie in ein Zwielicht schwankender Erinnerungen zuruck. Sie lachelte, sprach von ihrem Vater, und sagte dann noch etwas, das mir recht auffiel. Es war, als rede sie vom Comthur, indem sie des Fremden auf dem Schlosse erwahnte und hinzu fugte: Jetzt bereuet er alles! was wird's helfen! der Bruder ist todt! Der junge Mensch! Sie warf den Kopf in die Hohe, so, als gehe sie der nicht sonderlich viel an. Hernach fragte sie etwas, das ich nicht verstand. Das ging alles durch einander. Allein jedesmal, wenn ihr die Besonnenheit zuruckkehrte, war sie mit den Gedanken in ihrer Wirthschaft und den hauslichen Angelegenheiten. Sie hatte recht freundliche Worte fur ihren Mann. Der Kinder gedachte sie nur, in Hinsicht ihrer Pflege und Wartung, auch Einiges zu erinnern. Verfiel sie dann wieder in Phantasien, so hatte sie eine ganz andere Sprache, erhohte Gefuhle, confuse, aber doch besondere Bilder. Es war Vater und Mutter, und eine schone Zeit der Jugend, von der sie mit Liebe traumte.

Sophie! in welcher von beiden Welten leben wir denn eigentlich? in der sichtbaren oder unsichtbaren? Wenn es gerade umgekehrt ware, und wir hier traumten und dort wachten!

Die meisten Menschen, und wir selbst vielleicht, wurden es ubel nehmen, wenn man zu behaupten wagte, wir gingen wie Nachtwandler umher. Der Ernst, den wir an unsre kluge Geschaftigkeit setzen, bedeute am Ende nicht mehr, als der im Traume, woruber wir beim Erwachen so vielen Spass haben.

Doch, was sollen die bizarren Reflexionen hier, wo die einfache Wahrnehmung so traurig ist! Wir blieben in grosser Spannung uber die Kranke. Es konnte nichts fur sie geschehen, bis der Arzt kam. Endlich ward er herbeigeschafft. Er trat in das Haus, ohne dass der Amtmann das Herz hatte, ihm entgegen zu gehen. Ich that es an seiner Stelle. Sie wissen, ich glaube nicht leicht das Schlimmste. Ich zitterte daher nicht vor dem Ausspruche des Einzigen, der hier, mit der richtigen Einsicht, auch Hulfe bringen konnte. Ich beeilte mich nur, dem Manne, der mir ubrigens fremd, und hier in der Familie nur wenig bekannt war, eine allgemeine Uebersicht von dem vorliegenden Falle zu verschaffen. Er horte mehr hoflich als beachtend zu, zeigte sich eilig, nahm von allem Aeusserlichen obenhin Notiz, und flosste mir eher Misstrauen als Glauben an seine Fahigkeit ein. Ich wandte mich daher ab, als er sich dem Bette der Kranken nahte. Des Amtmanns ganze Seele hing indess an seinen Blicken. Auch die armen Kinder standen lauschend in der Thure. Es war indess auf dem, plotzlich ganz Auge und Ohr gewordenen Gesichte des Arztes, nichts als fortgesetztes Forschen, aber keine Spur eines Urtheils zu lesen.

Mit demselben Ausdrucke in der Miene stand er jetzt von seinem Platze, an dem Krankenbette, auf, indem er sehr bestimmt sagte: "Nun, ich werde etwas verordnen;" worauf er Feder, Dinte und Papier forderte, rasch zwei Worte aufschrieb, und einen reitenden Boten nach der Stadt sandte, dem er Eile empfahl.

Niemand befragte ihn. Er verstand das. "Ich kann nichts entscheiden," ausserte er nach einer stummen Pause. Fur die kurze Zeit der Krankheit hat sich das Uebel so sehr ausgebildet, dass man nicht wissen kann, ob es schon ganz da, oder nur der Vorlaufer von etwas ist, das noch dahinter steckt. Er ging von nun an sogleich zu Fragen und Erkundigungen uber, und sah es jetzt recht gern, dass ich im Stande war, ihm gehorige Auskunft zu geben.

Seine Art fing an, mir zu gefallen. Erst wollte er sehen und dann h o r e n , was ihm nothig dunkte, um weiter vorzudringen. Mein rasches Entgegenfahren war ihm unbequem. Er hatte recht. Es half ihm zu nichts.

Ich gewinne leicht Achtung fur Leute, die ihre eigene Art haben und behaupten. Deshalb ward ich auch hier ruhiger, und trostete die Familie, die des Doctors Zuruckhaltung peinigend druckte.

Die Nacht ging auf diese Art hin. Die Kinder schliefen endlich ein. Am Morgen fanden sich unwillkuhrlich alle Gemuther mehr im Gleichgewicht. Man hoffte nichts Bestimmtes, aber das Gefurchtete stand doch ferner.

Es ist ohngefahr noch so. Indess fuhle ich dem Arzt an, er greift behutsam, aber unbefriedigt nach dem unsichtbaren Faden durch dies Labyrinth. Wenn die Frau sturbe! Mein Gott! die Kinder, der Mann! Sophie, es ist doch etwas sehr Tiefsinniges um Familienbande. Welch geheimnissvoller Verein! Und was heilt den Riss, den hier der Tod machen kann! Das Leben? Ja, es gleicht ausserlich alles aus, aber die Kinder ohne die Mutter! Die Welt ist nicht reich genug, die Lucke zu fullen.

Ein ganzer Tag und eine Nacht ist wieder voruber. Wir stehen auf dem alten Fleck.

Mir ist so beklommen, als lage ein Fels auf meiner Brust.

Was daraus werden wird!

Der Arzt ist jetzt in der Stadt. Er kommt erst spat Abends.

Ich bin unaufhorlich auf den Beinen, entweder hinunter nach dem Amthofe oder hierher zuruckzugehen. Deshalb fluchte ich mich auch nur auf Momente mit der Feder zu Ihnen. Ich thate es gern mit Leib und Seele. Allein, fort kann ich nicht von hier, so sehr mich auch alles presst und klemmt. Ich hielte es nicht in der Ungewissheit anderwarts aus. Die Familie ist zu unglucklich.

Walter war eben hier. Er kam von Ihnen. Ist es wahr, was er behauptet? Sie verreisen? Ihre Leute haben es ihm anvertraut, und Sie selbst es angedeutet, indem Sie grauen Taffet zu einem Staubmantel, und einen grunen Schleier von ihm kauften.

Was gehen Sie denn fur Umwege mit mir, Sophie? Ein Fremder war bei Ihnen. Ein junger, feiner Herr, wie Walter versichert. Im Hause wusste man seinen Namen nicht. Wenn es d e r ware, den ich meine.

Es ist mehr als wahrscheinlich. Ihr plotzliches Verstummen und Abwehren fuhrt auf seltsame Schlusse.

Leben Sie wohl! Ich bin betrubt und verdrusslich, seit Sie die Geheimnissvolle gegen mich spielen.

Antwort

Ziehen Sie keine voreilige Schlusse, liebste Elise. Denken Sie auch nicht, ich wahle verborgene Wege, um Ihnen zu entgehen.

Bei Ihrer Billigkeit, Ihrer freien, naturlichen Weise, braucht es nichts, als das offene Gestandniss, dass ich etwas zu verschweigen habe, was mir von Freunden anvertraut ward, die meine Theilnahme wie meinen Beistand in Anspruch nehmen.

Sie sind gewiss weit entfernt, nach fremdem Eigenthum Verlangen zu tragen; aus demselben Grunde wurden Sie auch die Erste sein, eine Mittheilung zu wunschen, die ich Ihnen nur auf Kosten Anderer machen konnte.

Lassen Sie sich nicht darnach verlangen, meine Liebe! Es ist eine verjahrte, abgestorbene Geschichte, in die, wie ich furchte, niemals sonderlich viel gesundes Leben hineinzubringen sein wird.

Das Schlimmste ist, ich sehe mich genothigt, eine beschwerliche Reise zu machen, zu der ich in keiner Art vorbereitet bin, und die mir jetzt doppelt unwillkommen ist, weil ich Sie, liebste Elise, in truber Bedrangniss zuruck lasse.

Leider hege ich keine Hoffnung zur Wiederherstellung der guten Kranken. Der Arzt hat sich andern Orts weniger zuruckhaltend gezeigt. Sein Ausspruch ist eben nicht trostlich. Es herrschen bosartige Fieber in der Gegend, und er furchtet, hier ein Opfer daran fallen zu sehen.

Sein Sie um alles in der Welt auf Ihrer Huth, liebe Elise! Solche Krankheiten theilen sich den Umstehenden mit. Sie sind so erregbar, so selbstvergessend, und bereit, fremde Lasten auf sich zu nehmen. Sie werden als Pflegerin weit mehr thun, wie Sie sollten, und die Gefahr wird sich gegen Sie kehren. Bedenken Sie Eduard und den Engel Georg. Tausendmal umarme ich das liebe Kind. O vergessen Sie es nicht, dass Sie seine Mutter sind, und sein kleines Leben genau mit dem Ihrigen zusammenhangt.

Ich bitte Gott, Sie beide in seinen Schutz zu nehmen. Mein Herz ist schwer, Elise! Ich reise recht ungern von hier fort. Sein Sie vorsichtig, liebe, liebe, schone Seele! Weiss der Himmel, ich furchte immer so viel fur Sie.

Ist es, weil ich Ihnen zu sehr ergeben bin? oder stehen Sie wirklich zu sorglos, zu unbewaffnet in der Welt.

Aber Sie konnen nicht anders! Das ist eben meine Angst.

Nun, Ihr guter Engel verlasse Sie nicht.

Elise an Sophie

Warum Sie nicht dennoch auf einen Augenblick heruber kommen, um Abschied von mir zu nehmen, das liegt am Tage. Sie furchteten, trotz aller schonen Worte, mich unbescheiden zu finden, und wollten Ihr Geheimniss keiner Gefahr aussetzen. Ach! Sie hatten immer kommen konnen. Ich bin nicht begierig, das Verborgene zu enthullen. Wie vieles ist doch uber den Menschen verhangt, wovon er keine Ahndung hat. Diese Familie! vor acht Tagen noch so glucklich, und nun Ja, es ist vorbei! Sie ist todt! Ich habe sie in den letzten Tagen nicht mehr gesehen. Seit Eduard wieder hier ist, durfte ich nicht das Haus verlassen. Er mag recht haben, nach s e i n e r Art. Ich hatte es nach der meinigen auch. Es ist wahr, die Krankheit theilt sich mit. Die Magd und der alteste Knabe klagen sich seitdem auch.

Wir sollten erst alle nach der Stadt zuruck. Allein, dort ist es noch viel schlimmer, die grosse Hitze hat da mehr als eine Gattung von Uebeln erzeugt. Kinder und Erwachsene sind dort gleich bedroht.

Zu meinem Trost hat der Arzt entschieden, dass nur das Leben in freier Luft ein Gegenmittel gegen Ansteckung sei.

Seitdem treibt mich Eduard schon fruh am Morgen zu Fuss oder zu Wagen mit Georg hinaus. Ich lasse mich auch nicht lange dazu nothigen. Mir ist wohler im Freien. Sonst fuhle ich mich matt, und so betrubt, dass ich noch zur Zeit an nichts in der Welt Theil nehmen kann.

Die schonen Buchen am See zogen mich zuerst in ihre Schatten. Hier suchte ich die letzten Spuren der Verstorbenen. Wie ich die dunklen Reihen der Baume entlang ging, glaubte ich die leise, etwas schuchterne Frau, mit ihren kurzen, eiligen Schritten neben mir gehen zu horen. Ich stand still und sah betrubt umher. "Weisst du wohl?" sagte Georg, indem er wichtig mit dem Kopfchen nickte. Er machte eine so geruhrte Miene dazu, dass ich mich der Thranen nicht enthalten konnte. Nun fing er auch an zu weinen. Ich suchte gar nicht ihn zu beruhigen. Warum soll er nicht fruhe das Traurige traurig nehmen. Man findet sich nur zu leicht darin.

Nach einer Weile trostete er sich ganz von selbst. Er sprang umher, machte die erste beste Gerte zum Reitpferd, und sagte nur noch einmal, wahrend er sein holzernes Pferdchen anhielt, und fluchtige Erinnerungen in sich zusammen suchte: "Hier haben wir so hubsch gespielt!"

Diese Betrachtung hinderte ihn aber nicht, gleich wieder recht hubsch zu spielen; das Vergangene war nun vergangen!

Wir machen es Alle nicht anders, liebe Sophie. Kinder sind k l e i n e Menschen. Der ganze Unterschied zwischen ihnen und den grossern liegt im Bewusstsein der Wandelbarkeit des Innern und der Schaam daruber.

Warum schamen wir uns aber? Da das Festhalten der Gefuhle uns doch nur elend macht. Denken Sie selbst, was kame dabei heraus, wollte man bei dem verweilen, was Einem vollig mit der Gegenwart entzweien musste? In den meisten Fallen ist es besser, m i t dem Leben zu g e h e n , als s t e h e n zu bleiben, und seinen Lauf anzuhalten.

Und denn, wie jeder kann!

Es ist wahr, wir argern uns, wenn gewisse, mit der Seele eins geglaubte Stimmungen uns plotzlich verklungen scheinen, und oft kein Ton mehr davon zu finden ist. Ich glaube, wir verwechseln den B e r u f zur Ewigkeit, mit der F a h i g k e i t des Herzens, ihr schon diesseits angehoren zu konnen.

Aus der einen Tauschung, welche fortgeerbter Wahn heilig spricht, geht das ganze Heer gezierter Selbstbetrugereien hervor, die das wahre Gefuhl mehr entweihen als in Ehren halten.

Ich war erst bose, als ich gestern den Amtmann zu Pferde bei seinen Arbeitern sah. Ich hatte unrecht. Das Leben tritt nach jeder Unterbrechung wieder in seine alte Ordnung. Man muss da mit hinein.

So lange ein Gefurchtetes noch dunkel herannaht, stehen wir in lahmender Spannung auf der Folter der Angst, unfahig etwas Anderes zu empfinden. Ist der Schlag geschehen, so fallen wir entweder mit, oder wir werfen einen wehmuthigen Blick in den Abgrund, der das Liebste verschlang, verschutten ihn, und saen in der aufgelockerten Erde neue Saaten.

Georgs Wunschelruthe hilft einem Jeden uber die Trauer hinaus. Irgend wo schlagt sie immer ein, wo man Gold, oder doch diesem ahnliches Metall findet.

Mir ist, Sophie, als schuttelten Sie hier zweifelhaft den Kopf. Sie freilich wollen es nicht Wort haben, dass man verschmerzen konne, was das Herz brach. Nun, und dennoch gehen Sie ihren Weg wie alle Menschen, und haben noch uberdies etwas, das Sie stets auf das Angenehmste begleitet. Sehen Sie, so verwandelt sich alles, auch der Kummer in sich selbst, und nimmt von der Farbe und dem Lichte der Welt, in der wir leben, unwillkuhrlich mehr und mehr an. Wir schaffen uns das Verlorne noch einmal, und sohnen uns auf diese Weise mit dem Geschiedenen aus.

Ich lasse diese Blatter unabgeschickt liegen. Sie enthalten zur Zeit wenig, das der Muhe verlohnte, sie einen weiten Weg machen zu lassen. Ich bin gewohnt, jeden fluchtigen Gedanken zu Ihnen hinuber zu schikken; ich bin jetzt so allein, Sie fehlen mir an jeder Stelle, ich schreibe also, wie ich schreiben wurde, waren Sie in Ihrem Stift, oder wie ich Ihnen gegenuber sprechen wurde.

Mit dem Letztern ist es indess doch etwas anders. Es schreibt niemand wie er redet; schon deshalb nicht, weil das Alleinsprechen eine weit besonnenere Verbindung der Satze, ja, eine consequentere Gedankenund Wortfolge heischt, als die mundliche Mittheilung, welche unwillkuhrlicher und schopferischer ihre lose Faden auf gut Gluck auswirft, und ein Ganzes, mehr durch die Harmonie des Zusammenklingens, als durch Entwickelung und Abrundung des Einzelnen hervorbringt.

Mein Gott! Sophie, wie gelehrt klingt das! Ich glaube, das Alleinsein taugt mir nicht. Ich werde eine ganz andere Person. So grubelnd und motivirend. Versicherte mich der Arzt nicht, ich sei gesund, so wurde ich mich krank glauben. Es ist mir viel schwerer als sonst. Man sagt von gewissen Gegenden und Orten, sie hatten Einfluss auf die Gemuthsstimmung. Fast mochte ich denken, das Platzchen unten am See, in dem melancholischen Schatten der Buchen, so voll dunkeln, geheimen Lebens, rege allzu ernste Gedanken in mir auf. Ich horche Stunden lang auf das sonderbare Rauschen uber mir in dem hohen Blatterdach, und sehe die grau gestreiften Wellen in immer tieferm Farbenton zwischen den Baumen hinfliessen, ohne dass ich Lust hatte, andere Gesellschaft, als die der einsamen Natur, aufzusuchen. So etwas ist mir fremd. Ich bin nicht fur sentimentale Spiele der Einbildungskraft. Sie entzweien mit der Wirklichkeit. Auch scheue ich das wehmuthige Dammerlicht, was sie den Gegenstanden zurucklassen. Und dennoch ubt der Platz unwiderstehliche Gewalt uber mich aus. Ich werde ihn meiden mussen. Mir taugt das allzu tiefe Hineinsehen in die Verknupfungen des Daseins nicht. Man sieht doch nur b i s a u f e i n e n g e w i s s e n P u n k t , und wird unsicher.

Ueberdies bin ich dort nicht mehr vollig allein. Ich habe, glaube ich, vergessen, Ihnen zu sagen, dass der Fremde zuweilen hier umher streift. Entweder er fahrt in einem kleinen Kahne pfeilschnell voruber, oder seine Gestalt erschreckt mich plotzlich zwischen der Umbuschung am Ufer. Die Eile, mit welcher er sich entfernt, scheint seine unberufene Dazwischenkunft entschuldigen zu sollen, indess fallt mir die Storung immer unbequem; um so mehr, da Georg jedesmal ganz verschuchtert zu mir gelaufen kommt, und mich mit Fragen qualt, wer der unartige Mann sei, der so nahe an das Wasser gehe?

Ob ich denselben auch nie anders als aus einer gewissen Ferne sah, so scheint er mir doch fur einen gewohnlichen Sekretar oder Geschaftsfuhrer eine allzu edle Haltung zu haben, ja, eine zu vornehme Art, die Dinge anzufassen und zu nehmen. So steht er oft so auf gewisse Weise hoch und gebieterisch, die Arme uber einander geschlagen, den Kopf gehoben, in dem Kahn, wenn er diesen, durch ein Paar gewaltsame Ruderschlage, in das Getriebe der Fluth gebracht hat, und ihn nun lassig auf dieser fortschwimmen lasst. Die Arme liegen auf dem ruhenden Holze, das er wie einen Stab gegen den Boden des Schiffchens gestemmt, aufwarts halt, als gebiete er den Wellen.

Neulich hatte er im Voruberfahren, auf solche Weise stehend, das Ruder weggeworfen, und die Jagdflinte auf einen Zug Wasservogel angelegt. Er druckte indess nicht ab. Auch sah ich ihn das Gewehr bei Seite legen. Vielleicht hatte er das Kind bemerkt, und wollte es nicht erschrecken. Ich nahm bei dieser Gelegenheit indess wahr, dass er das Weidwerk weder wie ein Laie noch wie ein Mann von Metier trieb, vielmehr den Anstand vornehmer Spielerei dabei entwickelte. Und trotz alledem, wird es doch wohl mit dem subordinirten Sekretarposten seine Richtigkeit haben. Er kennt seine Stellung, und sucht mit Leuten gleichen Standes Bekanntschaft zu machen. Den Tag nach der Beerdigung der Amtmannin kam er spat Abends, der Familie einen Besuch zu machen. Er trat unerwartet ins Haus, klopfte an die erste beste Thure, und eilte, als der betrubte Hausherr sein gastliches "Herein" gesprochen hatte, mit so bekummerter Miene auf diesen zu, als habe er eine nahe Anverwandtin in der Todten zu beweinen. Ich bin hier fremd, sagte er, indem er des Amtmanns Hand ergriff, und sie schuttelte, aber ich habe von Ihrem Ungluck gehort und kann Ihnen meine Theilnahme nicht langer verbergen.

Er schwieg darauf, ohne weiter etwas uber sich, seinen Namen, Stand und Aufenthalt hinzuzusetzen. Der Amtmann bat ihn, niederzusitzen. Er lehnte es hoflich ab. Seine Augen suchten die Kinder. Der alteste Knabe war nur gegenwartig. Er legte ihm die Hand, mit dem Ausdruck zartlichen Mitleids auf den krausen Lockenkopf, und sah ihm eine Weile schweigend, aber tief in die Augen. Gleicht er der Mutter? fragte er darauf. Der Vater schuttelte den Kopf. Hervorsturzende Thranen hinderten ihn, sogleich Worte zu finden.

"Sie war die Tochter des Hofpredigers S? hub der Fremde nach einer Weile an. Ich bin dem Manne viel schuldig," setzte er hinzu. Um seine Lippen zuckte es schmerzlich. Er zog die Hand von des Kindes Stirne zuruck, und ging einigemal in sichtbarer Bewegung auf und ab. Sein ganzes Wesen, wie auffallend auch immer sein Erscheinen sein mochte, druckte tiefsinnigen Ernst und weiches Mitempfinden aus.

Wie er gekommen war, so ging er. Unvorbereitet, schnell. Er war fort, ehe man es dachte. "Nun, wir sehen uns bald wieder," sagte er, leichthin grussend. Und damit war er zur Stube hinaus.

Ich weiss dies Alles von unserm Arzt, der unter die Zahl meiner Freunde gehort, und mich oft besucht. Er war bei dem seltsamen Auftritte zugegen, und konnte mir den Unbekannten nicht interessant genug beschreiben.

Sophie, das Pradicat als Sekretar thut ihm doch einigen Schaden bei mir. Dies klingt schlimmer als es ist. Denn, wahr bleibt es einmal, was hat man von der Nachbarschaft eines Menschen, der nie zu unserer Gesellschaft gehoren wird. So lieb mir der Arzt ist, so fatal wird mir ein gewisser lauter und roher Justizrath, der mit Eduard Geschafte hat, und mich sehr langweilt. Der Mensch giebt so viel zu verstehen, und plaudert so gern aus der Schule, dass ich ihm, fast wider meinen Willen, aus dem Wege gehen muss, um nur keinen Antheil an einer Indiscretion zu haben, die Eduard weder ihm noch mir verzeihen wurde. Gewiss aber ist es, er hat die Hande mit im Spiele, was auf des Comthurs Heerde geschmiedet wird.

Nun werde ich bald mehr erfahren. Die Grafin kommt mit ihrer Familie aus dem Bade zuruck, und bezieht noch fur die Sommermonate ihren Landsitz. Die gewandte Frau weiss sicher in vier und zwanzig Stunden mehr von dem, was hier vorgeht, als wir in einem halben Jahre.

Hugo an Heinrich

Ich bin hier im Schlosse des Oheims. Das erschopft eigentlich alles, was ich Dir Interessantes von meinen gegenwartigen Verhaltnissen sagen kann, lieber Heinrich, denn es liegt zugleich die Feststellung eines dieser Verhaltnisse uberhaupt darin. Da es nun einmal dahin gekommen ist, so mag es darum sein. Mir lag niemals sonderlich viel daran. Ich hatte mir auch so durchgeholfen, und ware freier geblieben.

Der alte Herr ist ein wunderlicher Heiliger. Er steckt so voll Vorurtheilen und verbrauchter Ansichten, dass es schwer halt, bis zu dem eigentlichen Kern in ihn zu dringen. Dieser ist gut, so viel ich davon entdecken konnte; aber die kleinen Poliermesser moralischer Spitzfindigkeiten haben auch schon erschrecklich daran genagt.

Glaubst Du, dass ihm sein fruheres Verfahren leid ist? Ganz im Gegentheil! Er thut sich etwas darauf zu gut.

Sieh, solch ein Sclave ist das Gewissen! Es tragt die Livree jeder modernen Grille, die den augenblicklichen Herrn uber unsere gesunden Gefuhle spielt!

Uebrigens, einmal so ausstaffirt von der Zeit, in der ihm seine Rolle uberkam, nimmt sich der Comthur in dem steifen Prunk vornehmer Grundsatze weder lacherlich noch durftig aus. Er imponirt und zieht, wegen der unverkennbaren Wahrheit einer zweiten, angebildeten und angewohnten Natur, wie ein Rathsel, aus dem man klug werden mochte, jedweden an. Was wurde deine psychologische Spurkraft hier nicht alles von Originalitat und bizarren Elementar-Mischungen traumen.

Ich, fur meinen Theil, hege einen andern Glauben. Originell ist in solchem Wirrwarr nichts. Das sind unverdaute Brocken schlecht gehandhabter Weisheit, die das Leben so lange beschweren, bis dieses sie wieder auswirft.

Grundsatze sind nur dann originell, wenn sie durch starke, eigenthumlich herrschende Gefuhle erzeugt, eine Rechtfertigung derselben werden. Was die ganze ubrige Welt verwirft, findet in der anders gestellten Ueberzeugung Schutz, und deshalb wird diese so trotzig und unbeugsam.

Wenn die sturmgepeitschten Wogen das Schiff krachend gegen ein Eiland werfen, so betrachtet sich die gerettete Mannschaft als Herr des gleichsam eroberten Bodens, und grundet nach eigenen Gesetzen ein neues Reich, eine neue Heimath, welcher Noth und Willkuhr den Zauber der ursprunglichen leihen mussen.

Ohne Umsprung des Geschicks, ohne Gewitter der Leidenschaft, zerfallt Niemand mit der Ordnung der Natur.

Aus diesem Quell entspringen aber nur sehr selten Abweichungen. Es giebt so selten starke Gefuhle, wie starke Menschen. Das Geschick der Meisten gleicht sich auf ein Haar. Dadurch kommt nichts Neues in das Leben. Es ist immer das Alte, das nur dann uberrascht, wenn es um ein Jahrzehend zuruck, den vergessenen Rock zwischen einem modernen Costum blicken lasst. Da ist es alt!

Der arme Comthur ist ubrigens in den verwachsenen Kleidern auch nicht auf Rosen gegangen. Es ist nicht leicht, das Unnaturliche mit sich selbst in Uebereinstimmung zu bringen. Der Mann weiss heute zur Stunde noch nicht, was er auch sagen mag, ob er recht oder unrecht daran gethan hat, den Bruder aus der vaterlichen Erbfolge auszuschliessen. Deshalb mein Besuch hier.

Mir ist die ganze Geschichte fatal. Ohne dies Verhaltniss zu Emma und die unruhige Geschaftigkeit ihrer Mutter, die sehr geschickt die Musse und den Verstand einer Stiftsdame zu ihren Zwecken benutzte, ware es niemals dahin gekommen.

Noch einmal, ich bin hier! und werde der Erbe eines reichen Mannes auf Kosten entfernter Vettern, die gewiss eine andere Rechnung gemacht hatten.

Meine Ankunft, wie mein Aufenthalt, ruht eben dieser Vettern wegen unter einer Art geheimnissvollem Schleier. Ich zog in der Nacht hier ein. Den Wagen, der mir entgegen geschickt wurde, benutzte ich nicht. Ich blieb zu Pferde und ritt bescheiden hinter des Oheims Equipage. So ist auch ungefahr mein Benehmen geblieben. Das heisst, ich stelle nichts vor und lasse mich vorstellen.

Unsere erste Zusammenkunft war von beiden Theilen steif. Das konnte nicht anders sein. Der Comthur ist von Natur ein wenig allzu hoch, fur einen Sinn, wie der meinige. Ich bin immer ich selbst. Wir fanden uns gegenseitig nicht besonders befriedigt. Indess hege ich niemals Groll gegen einen Menschen. Meine Brust hat keinen Raum fur ein rein gehassiges Gefuhl. Und Grunde, es zu erzeugen, fallen stets durch ruhige Betrachtung des Zusammenhangs feindlicher Verhaltnisse, in Nichts zusammen. Ich sehe die Dinge wie sie sind. Damit hat in der Regel die Critik ein Ende. Ich bin fertig in mir, und lasse es gut sein.

Diese ruhige Stimmung macht mich unbefangen. Ich streite nicht mit dem alten Manne. Wir nahern uns durch Gewohnheit.

An Emma habe ich geschrieben. Das vermittelnde Stiftsfraulein ist zu ihrer Mutter gereis't. An dem ganzen Gewebe fehlt nichts mehr, als dass es aufgerollt wird. Der Comthur hat schon Hand daran gelegt, und ich bin nun mit meinem Geschick am Ziele.

Das ware ja wohl ungefahr das Wesentliche, was ich von mir zu melden hatte! Historisch betrachtet, ganz erstaunt viel! Fur mich selbst, unglaublich wenig. Ich kann Dir nicht sagen, wie lacherlich mir zuweilen all die Anstalten fur das Leben erscheinen. Dies selbst geht daruber hin. Das Lastige bleibt auf den Schultern liegen. Der unbefangene Genuss verflog, ehe man ihn kennen durfte.

Ich wunsche Dir Gluck zu Deiner Freiheit. Halte sie in Ehren. Verschleudre sie um kein Schaugericht. Man wird nicht satt davon.

Elise an Sophie

Ihr Geheimniss ist am Tage. Es verlohnte nicht der Muhe, die Maske anzulegen. Eine Heirath bringt man auch wohl sonst zu Stande. War der Roman seinem Ende so nahe, wozu die Aufmerksamkeit, durch den Schein des Besondern, auf hochst gewohnliche Verhaltnisse lenken? Es hat mich verdrossen, dass ich mich anfuhren liess. Zuletzt lachte mich die Grafin, mit ihrer gewohnlichen guten Laune, daruber aus. Ich lache mit; eigentlich ist es mir aber nicht so ums Herz.

Sie hat richtig, wie ich's dachte, den ganzen Zusammenhang ausgespurt.

Vorigen Sonnabend ging ich Nachmittags mit Georg den Weg nach der Stadt, Eduard entgegen, der fruher als sonst von dort zuruckzukommen gedachte.

Es wahrte auch nicht lange, so entdeckten wir in der Ferne einen Wagen, der auf uns zukam. Ich setzte mich mit dem Kinde auf die Steinbank, seitwarts unter den Kastanien, nieder. In einer Wolke von Staub gehullt, rasselte die offene Chaise heran. Allein, statt Eduards grauem Reisemantel und lederner Schirmmutze, leuchteten mir so viel bunte Bander, flatternde Swahls und modische Sommerhute entgegen, dass ich nicht langer an meinen ehrbaren Prasidenten in seiner preoccupirten Vortragslaune denken konnte, sondern neugierig den Voruberfliegenden nachsah, die sich weit aus dem Schlage herauslegten, und mich in ihren lebhaften Begrussungen, meine Nachbarinnen erkennen liessen.

Ich musste lachen, wie diese Leute die Residenz mit allem modischen Zwange auf jedem Fleck der Erde, auf Reisen, wie in das freie Landleben hinter sich her schleppen. Indess flimmerten die bunten Schmetterlingsflugel doch ganz lustig an dem melancholischen Abendhimmel voruber, und mit einer Art von Freude, fuhlte ich, durch ihre Nahe, meine Einsamkeit unterbrochen.

Am folgenden Morgen erhielt ich denn auch schon von der Hand der Grafin in zwei eben so fluchtigen als verbindlichen Zeilen, die Anzeige ihrer Ruckkehr, und das Versprechen ihres nahen Besuchs. Ich kam diesem zuvor, und war gestern in dem grunen Ulmenstein, wo alles lacht, der Garten mit seinen hellen Teichen, das Schloss, die moderne Einrichtung, die eleganten Besitzer, die flinke Dienerschaft, bis auf den Papagey im Messingbauer auf der Terrasse.

Die Grafin war entzuckt uber die allerliebste Leichtigkeit, wie sie sich ausdruckte, mit der ich Rucksichten bei Seite zu schieben und Verhaltnisse nach Gefallen zu handhaben wisse. "Sie beschamen und ehren mich zugleich, sagte sie, denn indem sie mich aufsuchen, lassen sie mich mit meinem Unrecht ihre Nachsicht empfinden, die nur den schmeichelhaften Grund freundschaftlicher Vorliebe haben kann, und sie zum Engel und mich zu ihrer Sclavin macht."

Ich kenne ihre extravagante Art, sich auszudrucken. Sie gehort zu ihr. Gehe ich auch nicht in den Ton ein, so verstehen wir einander vielleicht darum um so besser. Sie weiss, wie ich's nehme, und ich, wie sie es giebt.

Als sie mein einfaches, percale Kleid und den Strohhut mit gelbem Bande, wie ich beides Tag fur Tag auf dem Lande trage, reizend genannt, den Fall der Locken, den Schnitt der Halskrause durch alle Pradicate gelobt hatte, gab ich ihr fur so viel unverdienten Beifall, durch das ungeheuchelte Erstaunen uber die vortheilhafte Veranderung ihrer beiden Tochter, meinen Dank zu erkennen.

In der That hatte ich es fur unmoglich gehalten, dass einzig der Wechsel ausserer Beziehungen, in einem Zeitraume von zwei Monaten diese Umwandlung hervorbringen konnte. Ich musste mir jetzt die bleichen, nuchternen Gesichtchen zuruckrufen, die so lang und so unbedeutend zwischen dem gescheitelten hellen Haar hervor sahen, die so characterlos schienen, dass ich immer Eins mit dem Andern verwechselte. Zwei ganz andere Personen standen in der frischen Toilette, den reich und modisch geordneten Locken, in dem besondern Hauch, warm zuruckstrahlender Lebensverhaltnisse, frei und gefallig vor mir. Die schuchtern gesenkten Augen hoben sich lachend aufwarts. Es spiegelte sich Bewusstsein und Erwartung darin. Sie f a ss t e n ihren Gegenstand und hatten Farbe und Glanz.

Auch die Lippen blieben nicht langer verschlossen. Die Mutter horchte lachelnd auf das, was sie sagten. Die Anerkennung der Gesellschaft hatte augenscheinlich das Maass der ihrigen bestimmt. Es war nicht mehr sie a l l e i n , sondern s i e in den Tochtern, welche Aufmerksamkeit und Bewunderung erwartet.

Solch Untergehen einer Personlichkeit in die andere, lasst die Eitelkeit nichts in den Tagen entbehren, wo sie sonst nur empfindliche Krankungen erfahrt.

Die Grafin schien mir mehr als je mit der Welt zufrieden. Ueberall fasste sie nur die Lichtseiten derselben auf, und wusste so viel Leben und Interesse hinein zu legen, dass sie Nahes und Fernes, in einer gewissen gemuthlichen Beweglichkeit, durch ihre Unterhaltung fliessen liess.

Hierbei kommen denn auch die Neuigkeiten der Nachbarschaft zur Sprache. "Mein Gott!" rief sie plotzlich, wie von der Wichtigkeit des Gegenstandes auf Vorwurfs ahnliche Weise an ein unverzeihliches Vergessen erinnert. "Mein Gott, und nicht ein Wort von dem Neffen des Comthur, und den geschickten Machinationen ihrer Freundin Sophie?"

"Von welcher Art sind diese?" fragte ich, in hochster Unwissenheit alles dessen, was hierauf Bezug hatte.

"O gehen Sie! gehen Sie! lachte die Grafin. Spielen Sie doch nicht die Zuruckhaltende gegen mich. Die Geschichte ist ja die Neuigkeit des Tages." "Bis zu mir kam sie nicht," versicherte ich sie. "Und doch ist Ihr Mann um nichts Geringes dabei im Spiele, versetzte sie spottisch. Wie pflichttreu der ehrliche Prasident auch sein mag, fugte sie hinzu, so wird er doch seiner allerliebsten kleinen Frau nicht die Mittheilung eines sehr besondern Romans vorenthalten haben?"

Als ich sie vom Gegentheil auf eine Weise uberzeugte, die ihr keinen Zweifel liess, rief sie lachend: "Von was in aller Welt, spricht denn der ernsthafte Mann mit Ihnen, wenn ihm auch seine Geschafte nicht Stoff dazu bieten durfen?"

Ich umging die Antwort durch ein Paar allgemeine Epigramme, gegen die Ehemanner. Sie fand das kostlich, Agathe und Rosalie wollten sich halb todt lachen, und ich kam wieder auf den Neffen und den Oheim zuruck.

"Nun, fiel die Grafin schnell ein, mit dem hat es folgende Bewandniss: Sein Vater, als der altere Bruder unsers Nachbars, war der Erbe eines ansehnlichen Majorats, um das er sich durch eine voreilige und heimlich vollzogene Heirath, mit einem protestantischen Fraulein, brachte."

"Heimliche Heirath!" unterbrach ich sie. Mir fiel die Erzahlung der Amtmannin ein. Jetzt verstand ich den wehmuthigen Antheil des Schlossgastes, an ihrem Tode. Die Grafin mochte die verwundernde Ausrufung anders deuten. "Nun, nun, lachelte sie, erschrickt Ihre strenge Tugend selbst vor dem gesetzlichen Auswege aus dem Labyrinth der Leidenschaft? wie werden Sie erst den Stab uber diejenigen brechen, welche sich auf immer in demselben verirrten."

"Ich breche uber Niemand den Stab, entgegnete ich. Ich bedauere im Gegentheil alle, welche sich aus Vorliebe fur traumerische Einbildungen auf eine Art tauschen, die ihnen Nachtheil bringt, denn ich glaube nicht an ein Ueberschwangliches, das den Meister uber uns spielen kann, die Wirklichkeit zeigt es uns nur in karikirten Kopien verfuhrerischer Romane, aus denen immer bei weitem mehr Sehnsucht nach dem Ungewohnlichen als lebendige Wahrheit spricht."

"Im Grunde haben Sie vollkommen recht, stimmte die Grafin mir bei, aber sagen Sie, was Sie wollen, Romane unterhalten ausserordentlich, und die kleinen Kopien davon im Leben sind hubsch, wie viel Thorheit und Selbstbetrug dabei auch im Spiel sein mag."

Sie lachte bei diesen Worten, wie durch angenehme Erinnerungen erheitert. Die jungen Madchen lachten mit ihr. Ich musste uber die Unbefangenheit erstaunen, mit der die allzu jugendlich gebliebene Frau, sich in Gegenwart ihrer Tochter, rucksichtslos ausserte.

Allein, sie lasst niemand lange auf demselben Fleck stehen. Sogleich war sie wieder bei dem neuen Ankommling, bei den Verwirrungen und Aussohnungen in seiner Familie, die sie weit mehr beschaftigten, als jene Betrachtungen.

"Es bestehen, fuhr sie dann fort, von den Voreltern des Comthur, testamentliche Vertrage, nach welchen jeder Majoratserbe, bei Verlust seines Besitzthums, gezwungen ist, sich mit einer katholischen Glaubensverwandtin zu verbinden. Der junge Mann, welcher diese Bedingung unbeachtet gelassen hatte, sollte nach seines Vaters Tode in dessen Rechte treten. Er hatte nur einen einzigen Bruder, der ihm diese Rechte streitig machen konnte.

Beide Bruder liebten sich auf das Innigste. Der Aeltere hegte keinen Zweifel uber die rucksichtslose Zustimmung des Andern. Indess, sei es aus Vorsicht, oder auch aus Unsicherheit, er hielt auch vor ihm die geschlossene Verbindung bei des Vaters Leben geheim. Jetzt stirbt dieser. Der neue Gutsherr tritt mit der jungen Gemahlin, einer armen Waise, das Pflegkind reicher Anverwandten, hervor. Er fuhrt sie zuerst dem Bruder zu, in der Hoffnung der besten Aufnahme. Allein das Herz des Letztern scheint plotzlich gewendet. Unerbittlich widersetzt er sich der Anerkennung der Heirath, und lasst dem erstaunten Grafen die Wahl zwischen dem Opfer der Liebe, oder des Erbrechts. Dieser willigt in Keines von beiden. Ein Prozess soll entscheiden. Es kam nicht dazu. Das Gesetz entschied von vorn herein fur den Verlust des Majorats, sobald die Gultigkeit der geschlossenen Ehe bewiesen und behauptet werde. Sonderbar genug that der jungere Bruder, ganz gegen sein Interesse, alles Mogliche, um Grunde fur die Ungesetzlichkeit einer Trauung anzufuhren, die ohne vaterliche und oberherrliche Zustimmung vollzogen worden sei.

Allein der leidenschaftliche Gatte schlug alle diese Einwurfe dadurch nieder, dass er darthat, sich nicht eher vermahlt zu haben, bis der verlangte Abschied aus furstlichem Dienst ihm zugekommen, und er durch erreichte Volljahrigkeit jedweder Rechenschaft der Art entbunden worden sei. Nunmehr blieb kein Zweifel, er musste dem Majorat entsagen, und da er zu erbittert, und zu stolz war, um selbst, den ihm gebuhrenden Antheil des vaterlichen Vermogens anzunehmen, so lebte und starb er in Armuth."

"Und der unnaturliche Bruder, unterbrach ich sie ungeduldig, that nichts, um ihn zu versohnen? liess ihn in Verzweiflung darben?"

"Ja, sehen Sie, fiel die Grafin hastig ein, aus diesem Bruder kann niemand klug werden. Denken Sie, dass er eine sehr zartliche Neigung aufgab, niemals heirathete, in einen geistlichen Orden trat, die grossen Guter gewissenhaft verwalten, ihren Betrag unberuhrt liess, und jetzt so lange an der Beweisfuhrung gearbeitet hat, dass der Sohn einer protestantischen Mutter, insofern er im Glauben der wahren Kirche erzogen ward, nicht von der Erbfolge ausgeschlossen ist, bis er dem Neffen, dem einzigen Sohn des unglucklichen Grafen, zum Besitz eines Vermogens verholfen hat, dem er, zu seinen Gunsten entsagt. Kurz, meine Liebe, fuhr die Grafin mit ungewissem Lacheln fort, der Comthur beweis't durch Alles, dass er der bizarrste Mensch von der Welt, und niemals zu verstehen ist. Bei seinen letzten wohlthatigen Absichten war ihm besonders der Prasident, Ihr Mann, sehr nutzlich. Seine grosse Kenntniss aller Familienurkunden hat es ermittelt, dass wenigstens im Testament dieses besondern. Falles keine Erwahnung geschieht, und dem richterlichen Ausspruch die Freiheit bleibt, alle gemachte Einwendungen aus dem Felde zu schlagen. Erst, da alles besiegt war, ist der uberraschte junge Mann hierher berufen, und von seinem Glucke unterrichtet worden."

"Von seinem Glucke! entgegnete ich. Wer sagt denn, dass er es so nimmt?"

"Wer? fragte die Grafin. Mein Gott! liebes Kind, er selbst, und recht aus Herzensgrunde, denn er benutzt sogleich die gunstige Lage, seine Hand einem sehr hubschen Madchen zu geben. Er ist schon abgereist, die Tochter der Oberhofmeisterin desselben Hofes, an welchem Fraulein Sophie Hofdame war, heimzufuhren. Sehen Sie, lachte sie bedeutsam, so mischen sich die Karten geschickt in einander."

Da ich einigermassen verwundert schwieg, rief die Grafin muthwillig: "O! ich konnte Ihnen noch viel mehr erzahlen, was Sie uberraschen wurde." "Thun Sie es," bat ich, sie bei der Hand fassend. "Nein, nein!" entgegnete Sie bestimmt, "ich habe auch meine kleinen Geheimnisse."

Sie stand hier von ihrem Platze neben mir auf, als fliehe sie meine Ueberredung, und eilte einigen ankommenden Gasten aus der Stadt entgegen. Im Weitergehen wandte sie sich noch einmal mit den Worten zuruck: "Mein allerliebster, geschwatziger Justizrath hat mir das Alles im Vertrauen gebeichtet."

Ich sann noch uber ihre Mitwirkung in dieser Angelegenheit nach, und beschloss Sophie unverzuglich zu befragen, ob sich wirklich alles so verhalte, wie es die Grafin dem indiscreten Geschaftsfuhrer abgelauscht hatte, als zu meiner nicht geringen Verwunderung die ganze Sache noch einmal in dem erweiterten Gesellschaftszirkel verhandelt ward.

Die Ruckkehr der Grafin, mit ihren ins Licht getretenen, schimmernden Tochtern, zog sogleich die elegante Welt der Residenz zu ihrem angenehmen Landsitz. Es ward immer bunter in dem Garten. Der Theetisch stand auf einem hubschen, frischen Rasenplatz. Agathe schlupfte behend auf einen bereitstehenden Sessel, den mehrere Herren mit grossem Eifer, ihrer Bequemlichkeit wegen, naher heran schoben. Sie zog die Handschuhe, mit einem kleinen Anstrich nicht ubel kleidender Verlegenheit aus, entblosste die niedlichen, vielleicht allzureich mit Ringen und Spangen geschmuckten Hande und Arme, und bewegte diese sehr reizend in der Bereitung des Thees. Rosalie machte sich mit den gerosteten Brodchen, den Melonen, die sie zertheilte, und anderm Zubehor zu thun, wobei sie kurz und abgebrochen, doch mit einer gewissen nachlassigen Extase, die vorzuglich in vielen Worten besteht, von dem Badeaufenthalt sprach.

Die Mutter schien sehr aufmerksam und begierig auf den Eindruck, welchen die hubschen Madchen auch hier machen wurden, und war nur mit halbem Blick und halbem Wort fur alle diejenigen da, welche ihr in dieser Beziehung unbedeutend schienen. Doch bald einigermassen in ihren Erwartungen geschmeichelt, hub sie ungefahr eben so, wie kurz zuvor, gegen mich an: "Nun, und unser neuer Nachbar, hat ihn schon Einer aus der Gesellschaft gesehen? Er soll ein interessantes Aeussere und viel Verstand haben!"

Es musste mich, nach allem Vorhergegangenen mit Recht befremden, dass die Meisten sogleich vollkommen zu Haus waren, und Einer, sogar den Vornamen des Unbekannten wissend, vom G r a f e n H u g o , wie von einem ganz vertrauten Freunde sprach.

"Hugo!" wiederholte ich, gegen meinen Vetter Curd gewendet, "man hort den Namen nicht oft, er klingt so tief."

"Rasend tief," lachte er auf seine leichtfertige, nekkende Weise. "Aber Cousine, was wollen Sie eigentlich damit sagen?"

Ich wusste es ihm nicht auszudrucken.

"Denken Sie sich vielleicht einen melancholischen Sonderling dabei? fragte er. Nun, da kann was dran sein; denn recht richtig ist es mit Keinem, der sich aus einem ungeheuren Vermogen nichts macht, wie ein Misantrop in den Waldern herumwandert, und mit vier und zwanzig Jahren ins Ehejoch kriecht."

"Alle diese Details wissen Sie schon, lieber Rittmeister? lachte die Grafin. O! kommen Sie her, setzen Sie sich zu mir, erzahlen Sie mir ein Bischen von dem murrischen Menschen. Er interessirt durch seine Originalitat, obgleich eine kleine coquette Absicht dabei im Spiele sein mag."

"Gewiss! horte ich sagen, Gewiss! er fuhlt, dass er, als Emporkommling oder adoptirter Erbe, vielleicht mancher beschamenden Kritik blosgestellt sein muss. Er will im Voraus imponiren. Der Ausweg, den er wahlt, zeigt von Gewandtheit und List. Er muss nicht ganz unerfahren in den Nuancen der Weltverhaltnisse sein."

"Er ist hubsch und elegant, Mama! rief Agathe ihrer Mutter zu. Die Herren hier haben ihn im Bade zu Aachen, im vergangenen Sommer, gesehen. Er war dort ausgezeichnet durch seine Figur und grosse Kuhnheit im Reiten, und viele andere Talente."

"So!" entgegnete die Grafin gespannt und ungeduldig, da sie nicht wusste, was sie alles gleich horen sollte. "War denn die Braut mit ihrer Mutter auch da?" fragte sie.

Die Herren bejahten es.

"Die Emma soll c h a r m a n t sein! fuhr sie fort, indem ihre Blicke unsicher und gewissermassen vergleichend an den Tochtern hinfuhren. Charmant! wiederholte sie, zerstreut und gedehnt. Ach! die Mutter war wunderschon, fugte sie von fruhern Erinnerungen plotzlich fortgerissen, hinzu. Ich habe sie gekannt, ob sie gleich erstaunt viel alter ist, als ich. Jetzt, hore ich, hat sie entsetzlich verloren. Ihre Zuge waren immer scharf wie ihre Zunge," setzte sie lachelnd hinzu.

Sehen Sie, Sophie, so schilderte man mir Ihre Freunde. Bewundern Sie es nicht, wie ich so lange bei einem Gegenstande verweilte? da das Neue selten meine Aufmerksamkeit sonderlich erregt. Ich glaube, es ist auch nur der Antheil, den Sie an diesen Menschen nehmen, der mir sie bedeutend macht. Von Emma spricht niemand. Ist nichts von ihr zu sagen? Armer Hugo! Leben Sie wohl! Zeigen Sie mir bald mehr Vertrauen. Sophie! die Ihrige, wie immer.

Die Oberhofmeisterin an den Comthur

Endlich ist die Entscheidung ganz nahe. In wenigen Stunden werden sie getraut. Dann sind die lang gehegten Wunsche erfullt. Die unruhige Sorge findet ihr Ziel. Das Geschick muss seinen Gang gehen.

Zum letztenmale habe ich heute uber meine Tochter bestimmt, fur sie gedacht, gehandelt, ihren Willen gelenkt, wie es i h r e m Vortheile, ihrer Zufriedenheit angemessen war. Von jetzt an nimmt ein Anderer, mehr oder weniger ein Fremder, das Band, an dem ich sie, ihr selbst unbewusst, leise fuhrte, aus meiner Hand. Ich lasse es zu. Die Ordnung der Natur will es so. Alle Mutter machen spat oder fruhe dieselbe Erfahrung. Aber gestehen Sie, dass man sehr resignirt sein muss, um sich ohne innere Verzweiflung, so gleichsam entfernt zu sehen.

Emma scheint glucklich. Ich sage s c h e i n t , denn was weiss sie, ob sie es ist. Mir erregt ihre Heiterkeit die unbezwinglichste Eifersucht. Ist es denn etwas anders als Wankelmuth, dass sie ihr Heil von einem ungekannten Verhaltnisse erwartet, von dem sie sich weit eher abwenden, als darauf hinsehen sollte; da es sie von allem, was ihr werth und theuer sein muss, losreist. Vielleicht kann man es ein Gluck nennen, dass die Unerfahrne wie mit Blindheit geschlagen, nur von goldenen Ketten traumt, und so lange damit spielt, bis der Druck der Fessel ihr zur andern Natur geworden ist.

Wenn ich indess einer Seits diese Tauschung segne, so drangt mich auch von der andern unendlich vieles, sie aufzuheben.

Um aufrichtig zu sein, Ihr Neffe selbst fordert mich dazu auf. Ihre Gunst hat ihn nicht liebenswurdiger gemacht. Jener Anstrich von Wehmuth, der sich fruher so gut zu seiner Verlassenheit, und den anscheinenden Unbilden des Geschicks passte, ist ein stehender Zug seines Temperaments geworden, und zu einer Art schmerzlicher Resignation ausgeartet, die ans Beleidigende granzt.

Alles l a ss t er g e s c h e h e n . Er selbst bestimmt nichts, als dass er Emma sogleich nach der Trauung auf eine Ausflucht in die Schweiz entfuhrt. Denn nur darin, wovon er gewiss sein kann, dass es mir wehe thut, in dem allein ist er fest, und mit so viel abweisender Kalte unerschutterlich, dass ich aus Erbitterung schweige. Er ubersieht meine Unzufriedenheit, wie er denn uberhaupt auch Weniges zu sehen scheint, und in schwarmerische Traume versunken, vor dem wirklichen Leben zurucktritt.

Die glanzenden Brautgeschenke, so blendend in ihrer Art, als geschmackvoll in der Wahl, lasst er in Emma's Zimmer tragen, ohne auch nur durch ein Wort seinen Antheil daran zu verrathen. Als das uberraschte Kind ihm danken wollte, lachelte er, auf seine schwermuthige Weise, indem er halb spottisch, halb mitleidig mit sich selber, sagte: "Ich habe kein anderes Verdienst bei der Sache, als dass ich des Oheims Befehle erfulle, indem ich Ihnen seine Gaben bringe. Von mir, fugte er hinzu, die Hand der Braut inniger als sonst wohl druckend, besitzen Sie nichts, als diesen schmalen kleinen Ring, zu dessen Anschaffung meines Vaters Erbe mir die durftigen Mittel bot. Wollen Sie mir indess, lachelte er angenehm, einen Antheil an den Gaben des Reichthums gonnen, so sei es dieser: Ihre Freude daruber mitzuempfinden."

Emma sieht nur das Liebenswurdige an ihm, was sie verletzen sollte, ist fur sie nicht da.

Soll ich nun noch zweifeln, dass sie blind sei?

Sie wissen, ich habe diese Heirath nur g e l i t t e n , nicht gewunscht, noch weniger gesucht, und ohne die Dazwischenkunft der vermittelnden Sophie, ware die damalige Stockung bei Ihres Neffen Werbung, wohl ein ewiges Hinderniss jeder denkbaren Annaherung zwischen ihm und mir geblieben.

Sie haben dies Hinderniss vielleicht mit mehr grossmuthiger Eile, als prufender Besonnenheit gehoben. Ob Sie gut daran thaten? Es ist nicht mehr Zeit, diese Frage aufzuwerfen. Indess regt sie sich unwillkuhrlich in mir, je unaufhaltsamer der Zeiger meiner Uhr die Stunde naher ruckt, welche durch unwiderrufliche Gelubde zwei Menschen an einander knupfen wird, die nicht fur einander geschaffen zu sein scheinen.

Wenn Sie mich uber dies Gestandniss tadeln, so denken Sie zugleich, wie gross meine Unruhe sein muss, da ich sie Ihnen nicht verbergen kann.

Sie hatten an diesem Tage nicht unter uns fehlen sollen. Ich begreife, warum Sie zuruckbleiben. Gleichwohl werden Sie dem Kampfe auch in der Ferne nicht entgehen, dem Sie auszuweichen gedenken. Sie gewinnen wenig, und schaden viel. Es hat etwas Unschickliches, dass der Mann, welcher bei Hugo Vaterstelle vertritt, sich in dem wichtigsten Lebensmomente von diesem wegwendet. Ueberdem hatte Ihre Gegenwart vielleicht dazu gedient, den Jungling aus seiner Traumwelt herauszureissen. Wir verstehen einander zu wenig, als dass ich gleichen Einfluss auf ihn ausuben konnte. Sophie ist auch unsicher geworden, sie weiss nicht, wie sie diesem besondern Charakter beikommen soll.

Und die zartliche Emma wurde wo moglich, noch unscheinbarer und anspruchloser zurucktreten, um nur keines der tiefsinnigen Gedankenspiele ihres erhabenen Freundes zu storen.

Ware ihre Liebe weniger abgottisch, hatte sie mehr Gefuhl fur ihre eigene Wurde, ich konnte ruhiger uber die kommenden Tage sein. Aber so!

Es schlagt zwei. Wir fahren nach dem Lustschlosse der Furstin hinaus. Dort in der Kapelle werden sie getraut; dann besteigen beide den Reisewagen! Es ist alles so abgerissen, so ohne fortgehende innere Begleitung! Einer treibt den Andern. Die Furstin schickte schon zweimal. Ihre Gegenwart legt vielen Zwang auf. Vielleicht ist das gut so! Ich weiss es nicht! Ich weiss nichts!

Ich lasse Sie jetzt. Mir schwirrt es vor den Augen. Man lauft hin und her durch meine Zimmer. Leben Sie wohl. Ich schliesse. Nichts mehr fur heute! Mir ist das Herz so voll. Ein Wort noch, und es fliesst uber! Gott befohlen! N. S.

Noch einmal offne ich den Umschlag. Sophie hatte Emma geschmuckt. Sie sank zusammen unter der Last der Juwelen, welche die Furstin ihr anzulegen befahl. Der Kopf schmerzte sie, sie sah blass aus. Ihre Augen waren trube. Ich betrachtete sie voll unruhiger Theilnahme. Sie zitterte im vergeblichen Bemuhen, ihre Thranen zuruckzuhalten. Da offneten sich die Thuren. Hugo trat mit einigem Gerausch herein. Aus der Hast, mit der er sich nahete, sprach die Besorgniss, zu spat zu kommen. Er ausserte dies auch. Seine schonen Zuge waren ungewohnlich belebt, den Schleier, der sich so oft uber die dunklen Augen senkte, durchblitzten rasche und feurige Lichter Er sah sehr ungewohnlich und imposant aus, in der reichen Uniform des Regiments, in welchem er ehemals diente. Der grosse Orden, den ihm der Furst diesen Morgen sandte, glanzte stattlich auf seiner Brust. Emma war wie geblendet. Es durchzuckte sie feurige Ueberraschung. Sie hatte nun kein Kopfweh mehr. Leuchtend vor Bewunderung, reichte sie ihm die Hand. Alle Unbequemlichkeit des lastigen Putzes ist vergessen. Sie sieht nichts als ihn in der Welt. Undankbare! musste dich Leidenschaft so zur Sclavin machen! Warum auch Leidenschaft, wo ruhige Neigung genugt, und dir die eigene Selbststandigkeit bewahrt hatte!

Sie sehen, ich zogere in den Wagen zu steigen, die letzten Schritte zu thun, die der kurze Raum zwischen j e t z t und k u n f t i g durchmessen soll. Alle warten, selbst die Furstin! Ich halte Alle auf! O! konnte ich die Zeit aufhalten!

Elise an Sophie

Sie antworten mir nicht. Sie schweigen wie eine plotzlich Stummgewordene. Warum das? Ich sehe keinen Grund, warum Sie uber die alteren Freunde, jungere vergessen!

Mir ist diese Ungleichheit fremd an Ihnen! Beschaftigt Sie die Hochzeit der Grafin Emma so sehr? Lassen Sie das gute Kind ihr Loos erfullen, sie wird fruh genug Maiblumen und Veilchen gegen das Heu getrockneter Herbstbluthen vertauschen mussen.

Ihr seid dort alle sehr eilig, die Sache abzumachen, und die jungen Leute aus dem Paradiese des Fruhlings hinauszustossen.

Ist es die unruhige Mutter, die so das Kind von ihrem Herzen wegschleudert? weiss sie auch, wohin es fallt?

Ich ward in diesen Tagen, auch ohne Sie, durch eine angenehme Bekanntschaft, in den Abendzirkeln der Grafin, von der vollzogenen Heirath jenes besprochenen Paares unterrichtet.

Ich weiss nicht, ob der Mund, der es sagte, oder das Ereigniss an sich, meine Theilnahme erregte? genug, ich denke unwillkuhrlich ofter daran, als es die allergewohnlichste Begebenheit im Leben verdient.

Die halbe Stadt war wieder draussen in Ulmenstein. Es ward geschwatzt, wie man immer schwatzt. Vernunftiges und Unsinn. Auch uber Musik! Der ewige Streit, neue und alte Componisten betreffend, kam wieder auf's Tapet. Sie wissen, ich habe keinen Ton, und auch das Gehor offnet sich mir nur in dem Echo der Seele. Urtheil, wie man es nennt, darf ich mir nicht anmassen wollen. Ich hute mich auch davor. Doch liess man nicht ab, in mich hinein zu reden. Beide Partheien zeigten sich einseitig. Ich bekannte zuletzt, dass ich von N a t u r , den k u n s t l e r i s c h konne ich es nicht motiviren, mehr zu den vollen, erhabenen Meisterwerken der fruhern Schule neige, und lieber in Entzucken erbebe, als mich durch Anmuth und Tandeleien verstrickt zu sehen. Doch anerkennen musse ich das Liebliche, wo es sich zeige.

"Vortrefflich!" rief die Grafin, indem sie beifallig in die Hande klatschte, "das nenne ich, sich auf die charmanteste Weise von der Welt aus der Affaire ziehen. So stimmen Sie niemanden bei, beleidigen keine Meinung, wollen hier ein Bischen ab, dort ein Bischen zugethan haben, und bringen ungefahr den ganzen Streit auf Nichts heraus. Allerliebst! das sieht Ihnen ganz ahnlich!" Ich fuhlte, dass man mich so missverstehen konnte. Ich hatte es anders gemeint. Erklaren mochte ich mich daruber weiter nicht. Es ware auch uberflussig gewesen. Wer mich nicht errath, dem kann ich einmal nicht helfen. Entwickeln mag ich nichts. Das kommt confus heraus. Ich war sehr einfaltig in meiner Ueberklugheit gewesen. Das machte mich verdrusslich und einsam in dem Gewirr.

Die Frauleins sollten jetzt ein Duett aus einer unserer neuen Opern singen. Man zog sie zu dem Fortepiano. Die Flugelthuren des Saales standen nach der Terrasse hin offen. Ich blieb mit Mehreren, welche die Zimmerhitze scheuten, im Freien.

Im Hin- und Hergehen sahen wir eine sehr glanzende Equipage die Anhohe heraufkommen. Die Pracht der Livree, wie des Geschirrs der Pferde, erhielt noch dadurch etwas Auffallendes, dass Schnitt und Formen veraltet waren, wie frisch und neu auch der Stoff selbst war. Der Wagen, dessen helle Spiegelfenster schon von fern in der Abendsonne leuchteten, ebenfalls mit aufwarts stehenden Zierrathen in reicher Vergoldung eingefasst, erinnerte an furstliche Staatskutschen aus fruherer Zeit.

"Wer in aller Welt," lachte Curd, "sitzt in dem verruchten alten Kasten! Schade um die prachtigen Pferde, die solche Last ziehen mussen!"

Jetzt nahete und hielt das seltsame Prachtwerk. Ein Piqueur sprengte in den Hof.

"Cousine!" flusterte Curd mir ins Ohr, "das ist gewiss ein Abgesandter irgend eines grossen Potentaten, der von der Schonheit der beiden Tochter des Hauses gehort hat, und um Eine wenigstens werben soll! Gott!" rief er, sich vor Vergnugen die Hande reibend, "wenn wir doch das der Grafin einbilden konnten!"

Ehe ich noch Zeit behielt, ein Wort hierauf zu erwiedern, horte ich unsere leichtbewegliche Wirthin schon innerhalb ausrufen: "Wo denn? Wo denn?" Im Augenblick darauf stand sie neben mir auf der Terrasse. Sie sah neugierig nach der Strasse hinunter. Die Hand schirmend gegen die Augen haltend, welche die scharfen Strahlen der Abendsonne blendeten, sagte sie uberrascht und enttauscht zugleich: "Mein Gott! der Comthur, und in grosser Galla! Er kommt wohl, mir den neuen Majoratsherrn zu prasentiren."

Die Reihe des neugierigen Herzueilens kam nun an mehrere Andere aus der Gesellschaft. Auch an mich, ich leugne es nicht, obgleich ich wissen konnte, dass Hugo nicht in der Nahe war.

Agathe und Rosalie liessen Gesang und Musik im Stich, und sahen mit den niedlichen Kopfchen lauschend aus der Thure.

Jetzt ward der erwartete Gast gemeldet. "O viel, viel Ehre!" rief die Grafin dem eintretenden Bedienten entgegen. Gleich darauf hielt der Wagen an der andern Seite des Hauses vor der Hauptthure. Unwillkuhrlich blickten alle Augen auf den Eingang des Salons. "Sie kennen unsern Nachbar?" sagte die Grafin zu mir gewendet. "Ich werde ihn heute zum erstenmale sehen," erwiederte ich. "Unmoglich!" versetzte sie, "war er denn nie bei dem Prasidenten?" Ich wusste gewiss, dass das nicht der Fall gewesen.

"Ach!" versicherte sie, mit einer Art Respekt in Ton und Miene, "da werden Sie eine interessante Bekanntschaft machen."

Der, von welchem die Rede war, stand indess schon mitten im Zimmer. Die Grafin flog mit allen Zeichen achtungsvoller Berucksichtigung auf ihn zu. Beide begrussten sich unter mancherlei Hin- und Herreden.

Ich behielt Zeit, die Anmuth und Wurde einer Ehrfurcht gebietenden und ruhrenden Erscheinung, die ich jemals sah, ungestort zu bewundern.

Die zwanglose, vornehme Art, mit welcher der Comthur eingetreten war, hatte nichts von der veralteten Formlichkeit, die seine Umgebungen ankundigten. Er bewies mir, dass der feine Ton guter Sitte jedem Zeitmomente angehort.

Agathe hing sich mir, wahrend ihre Mutter beschaftigt war, an den Arm, indem sie voll Extase flusterte: "Er sieht superbe aus! Mein Gott! welch elegante Tournure, und die prachtigen Augen! Wie schade, dass die Haare schon weisslich schimmern! Die Augenbraunen zeichnen sich ganz kostlich gegen die Stirne aus. Sehen Sie, ich bitte Sie, wenn er sich so gegen Mama herunter beugt, mit welcher einzigen Grazie er dann den Kopf bewegt."

"Ein Gluck," lachte Rosalie, welche herzu getreten war, "dass der himmlische Mann nicht zwanzig Jahre junger ist, wir stritten uns beide bis aufs Blut um ihn."

"Dann musste ich mich ja mit ihm schlagen," fiel Curd schnell ein. "Ich konnte ihm doch den Sieg uber die beiden schonen Schwestern nicht einraumen. Aber auf Ehre." fugte er hinzu, "zu seiner Zeit ein gewandter und gefahrlicher Gegner! Was das noch fur eine Gestalt ist, selbst in dem verwunscht altmodischen schwarzen Rock! Die Taille ist um eine halbe Elle zu breit und zu lang, und doch tragt er sich so hoch, und sieht so schlank aus, dass man ihn beneiden konnte. Aber welch eine Toilette, mir wird angst und bange. Der Ordensstern sitzt u n t e r der Brust, statt oben an der Schulter. Das Halstuch "

"O schweigen Sie! ich bitte Sie," rief ich argerlich. "Der Mann ist ja nicht von heute und gestern, das dachte ich, sahen Sie."

"Das ging wohl auf mich? Cousine," bemerkte Curd harmlos. "Nun, bin ich gleich keine respectable Antique, so bin ich doch kein Brudermorder. " Ich sah ihn entsetzt an. "Ja! auf Ehre," betheuerte er, "an dem ist kein gutes Haar. Hat er nicht auf die schandlichste Weise von der Welt den rechtmassigen Erben um Alles gebracht?"

"Auf die schandlichste Weise?" wiederholte ich, als die Grafin mit dem Comthur an der Hand zu mir heran trat, und dadurch unwillkuhrlich die kleine Gruppe theilte.

"Ich stelle Sie einander nicht erst vor," sagte die gewandte Frau. "Zwei so liebenswurdige Nachbarn," lachelte sie verbindlich, "sind durch den beiderseitigen Ruf zu wohl unterrichtet, um nicht auf den ersten Blick uber jeden Zweifel hinaus zu sein."

"Wenn auch Ihre Voraussetzung bei mir zutrifft, gnadige Frau," entgegnete der Comthur, indem ein hochst angenehmes Lacheln sein ernstes Gesicht erhellte, "so darf ich mir nicht schmeicheln, die Aufmerksamkeit der Jugend und Schonheit zu verdienen. Nennen Sie daher der Dame gutigst meinen unbedeutenden Namen."

"Er ist mir nicht fremd," versicherte ich, in einem unbegreiflichen Gemisch von Theilnahme und Beklemmung. Ich errothete, als ich das sagte. Mir kam es vor, als habe ich dadurch verrathen, auf welche nachtheilige Weise ich zu seiner Bekanntschaft gekommen war.

Der Comthur heftete nun forschende Blicke auf mich! Sein Gesicht hatte den Ausdruck schmerzlicher Unruhe. Mund und Augen verriethen den Kampf peinlicher Erinnerung. Es that mir leid; denn ob er sich gleich zu lacheln zwang, so glaubte ich doch in allen seinen Mienen etwas zu lesen, das dem Bekenntniss fruherer Schuld und dem Tunch eines erkunstelten Gleichmuths ziemlich nahe kam.

Wir blieben mehrere Secunden stumm einander gegenuber, bemuht, wie ich glaube, dasjenige zu errathen, was wir gegenseitig verschwiegen.

"Ich muss mich doppelt glucklich nennen," hub er zuerst wieder an, "heute auch Ihre Nachsicht, gnadige Frau, fur eine junge Anverwandtin erbitten zu durfen, deren Ankunft in dieser Gegend ich in Kurzem erwarte. Mein Neffe, Graf Hugo, verheirathet sich, wie ich glaube, heute. Die jungen Eheleute werden bis zur Vollendung des neuen Schlosses zu mir in die Burg ziehen. Wollen Sie der Fremden, hier vollig Unbekannten, eine gutige Beschutzerin sein?" fragte er mit einem Tone, der zugleich der Eitelkeit schmeichelte, und die Theilnahme unwiderstehlich in Anspruch nahm.

Wahrend ich ziemlich verlegen, und in dem Gefuhle hiervon, wie ich glaube, weniger naturlich als sonst, etwas Unbedeutendes sagte, rief die Grafin: "Wie! heute ist die Hochzeit des Grafen, und Sie sind hier? Mein Gott! wer soll die Braut anders zum Altar geleiten, als das Haupt der Familie! Ich wurde an der kleinen Emma Stelle untrostlich sein, gerade Sie unter den Hochzeitsgasten zu vermissen."

"Es ist besser, ein Fest zu meiden, als es zu verderben," entgegnete der Comthur, kurz und entschieden, so, als werfe er rasch eine lastige Empfindung bei Seite.

Ich erschrack unwillkuhrlich vor dem veranderten Tone seiner Stimme. Es lag etwas Schroffes darin, das sich zugleich in seiner vollig verfinsterten Miene zuruckspiegelte.

Wie sehr er sich auch gleich darauf bezwang, er gewann die vorige, freie und leichte Stimmung nicht wieder, und ob er auch mit Gefuhl, ja mit Warme von der nahen Aussicht sprach, ein ungehofftes Familiengluck in der eigenen Hauslichkeit aufbluhen zu sehen, so geschah es doch nicht ohne Anstrengung, davon zu sprechen.

Sonderbar genug, er wandte sich fast immer in der Unterhaltung an mich. Es befremdete und verwirrte mich anfangs. Ich glaubte, er habe mich errathen und wolle mir eine bessere Meinung von sich geben. Nachher aber sagte ich mir, es geschieht, weil er mich durch Eduard vom dem Gange der ganzen Verhandlung unterrichtet glaubt, und am leichtesten hier anknupfen mag.

Sei es so oder so! der Mann hat mir ein undeutliches Bild gelassen, das mich anzieht und angstigt zugleich. Ist der Neffe ihm gleich, oder nehmen die Verhaltnisse der neuen Familie dieselbe schwankende Farbe an, so wird es mit den nachbarlichen Beziehungen wohl nicht zu einer besondern Intimitat kommen.

Sie sehen, Sophie, Ihr Schweigen ist so unnutz als betrubend. Sie bezwecken nichts dadurch fur Ihre dortigen Freunde, und verletzen die hiesigen. Wenn Sie mich noch liebten, wie ehemals, hatte ich bereits eine weitlauftige Hochzeitsrelation. Seit Sie so bedenklich und berechnend sind, horen Sie auf, verbindlich zu sein. Leben Sie wohl!

Der Comthur an die Oberhofmeisterin

Undankbare! Dies harte Wort, mit dem Sie die Tochter aus Ihren Armen lassen, mochte ich Ihnen zuruckgeben.

Ja, Undankbare! konnen Sie es vergessen, dass Emma dem Leben g e h o r t , dem Sie sie entgegen fuhren durften? Soll sie darum niemals a l l e i n stehen, weil Ihre Hand sie noch langer festhalten mochte?

Haben die Jahre Ihnen so viel von der Uneigennutzigkeit fruherer Liebe geraubt, dass Sie heute anders empfinden, wie in jener Stunde, da das schwankende Kind zum erstenmale dem Leitband der Warterin entlief, und ein eignes, freies, kleines Wesen vor Ihnen stand, die gewonnene Kraft prufend?

War sie Ihrem Herzen darum fremd, weil sie glucklicher war?

Und jetzt? Gewiss, Sie haben Unrecht, grosses Unrecht!

Wollten Sie es anders, weshalb uberhaupt die weltlichen Beziehungen? Warum bestimmten Sie die Tochter nicht fur das Kloster, wenn Sie ihr Herz zu schon fur den Wechseltausch menschlicher Empfindungen nennen?

Aber es schien Ihnen grausam, das junge Leben in der Knospe verhullt zu lassen. Auch jetzt bin ich uberzeugt, verwerfen Sie mit Abscheu den blossen Gedanken daran. Nun, ich streite daruber nicht. Ich habe indess die Ueberzeugung, dass der Mensch sich immer auf die eine oder die andere Art zum Opfer bringen muss. Thut er es nicht freiwillig, so zwingen ihn die Umstande, fremdes oder eignes Wohl, die Ruhe des Gewissens, oft auch der Ueberdruss des Lebens dazu.

Es ist nicht abzusehen, welchen von allen diesen Beweggrunden die Anspruche Ihrer Tochter werden erliegen mussen! Doch, es giebt uberall nur e i n e n Faden durch das Labyrinth des Lebens, und den muss ein jeder selbst finden. Fremde Brillen passen selten. Sie truben nur den Blick.

Deshalb Geduld! liebe gnadige Frau. Geduld! Sie waren fruher so eilig, das Verhaltniss zwischen beiden jungen Leuten zu begrunden, lassen Sie ihnen nun Zeit, in Harmonie mit der innern und aussern Welt zu treten.

Ich wurde mir selbst anmassend erscheinen, wollte ich ein Urtheil uber meines Neffen Charakter aussprechen. Die Elemente seiner Natur sind mir meistentheils fremd. Auf das erste Empfinden hin, scheinen alle zu verfluchtigt, um es in ihm selbst, bei der glucklichsten Mischung, zu irgend einer vollstandigen Gestaltung der Ideen kommen zu lassen. Es zieht das beobachtende Auge in eine unermessliche Weite hinaus, aber man findet keine Ruhestatte, um zu verweilen. So, sage ich, wurde das S e l b s t g e f u h l , das eben kein Echo hier findet, sprechen. Doch das Selbstgefuhl hat nicht mitzureden, wenn ein fremdes Bild in das Bewusstsein treten soll. Ausserdem liegt eine schroffe Klippe zwischen uns. Er kann sie u b e r f l i e g e n , das traue ich ihm zu, allein, ob er m i c h dabei f i n d e t ? ist eine andere Frage. Die Sonne hat bekanntlich allein die Macht, den hartesten Stein aufzulosen. So schmilzt auch nur die innere Sonne den Stein des Anstosses weg! Es ist nicht leicht zu entscheiden, ob solche Gluth Hugo's Seele ausfullt? oder ob diese nicht leere und kalte Stellen birgt, in denen gerade w i r beide zusammentreffen?

Ich sage Ihnen das, gnadige Frau! damit Sie bei Zeiten meinen Einfluss auf Ihres Schwiegersohnes Herz und Gemuth in das rechte Licht stellen, und hier keine Wunder erwarten.

Das ist uberhaupt selten von grosser Wichtigkeit, was ein Mensch vom Andern a u g e n b l i c k l i c h erwirbt. Und irre ich nicht, so wird Hugo in Allem sehr leicht nachgeben, doch nie ein Anderer sein.

Sie haben ihn gekannt, gnadige Frau, als Sie die Neigung der schonen Emma billigten. Wenn er Ursache giebt, Ihre Besorgnisse zu rechtfertigen, so bin ich hierbei doch gewiss ausser Schuld.

Aber, weshalb auch Besorgnisse! Ist es jetzt auch schon Zeit dazu? Wir wollen keine andern hegen, als solche, die der Wandel alles Zeitlichen dem Nachdenkenden von selbst aufdringt, dann kommt man nie vom rechten Wege.

Es scheint mir gut, dass die jungen Leute sogleich eine kurze rasche Ausflucht in die Schweiz machen. Dies heimathlose Hinziehen durch unbekannte Gegenden, das Abreissen von allen Gewohnheitsbanden, die Einsamkeit in der Fremde fuhrt naher zusammen, und schafft in dem, was die Seele gemeinschaftlich traf, einen eigenthumlichen Quell der Erinnerung. Man schopft immer eine Weile daraus, und belebt in der Gegenwart dasjenige, was diese anfangs einfarbig und unbequem erscheinen lasst.

Um indess meinerseits auch nicht ganz mussig zu sein, habe ich gesucht, Emma eine heitere Geselligkeit fur die, immer etwas truben Herbsttage zu gewinnen. Das Haus der muntern Grafin von Ulmenstein versammelt eine regsame, mittheilende und empfangliche junge Welt. Hier sind die bluhenden Tochter des Hauses, und mit ihnen alles, was stadtischer Verkehr an ihre Schritte bindet. Tanz, Musik, Conversation, Geist und Gefuhl, kurz, das gute und richtige Gemisch ubereinstimmender und widerstreitender Elemente, aus denen die Gesellschaft bestehen muss, soll sie uberhaupt bestehen. Ich warf mich vor einigen Abenden, ganz meiner Gewohnheit entgegen, in das bunte Gewuhl, und ward nicht unangenehm durch Fremdes und Neues, das mir entgegentrat, uberrascht. Vorzuglich gefiel ich mir in der Unterhaltung mit der jungen Gemahlin unsers Freundes, des Prasidenten. Sie wissen, wie vielen Dank wir ihm in der Angelegenheit meines Neffen schuldig sind. Den Zutritt in seinem Hause nachzusuchen, schien mir daher fur die Neuvermahlten eine Pflicht, an welche ich gern durch die anziehende Einfachheit und Grazie der schonen Frau erinnert ward. Sie stand in einem Kreise lachender und schwatzender Modepuppchen, unter denen sie sehr vortheilhaft, durch Gestalt und Wesen, hervortrat. Es war nicht Nachlassigkeit, nicht Absicht in Tracht oder Benehmen zu spuren.

Das frische, weisse Kleid, ohne entstellende Verzierungen, stand sehr wohl zu dem reichen, kastanienbraunen Haare, und dem reinen, tiefen Blick der schonsten blauen Augen, die je eine lange, dunkle Wimper beschattete. Als ich mich ihr nahete, trat sie mir zwanglos entgegen, empfing meinen Gruss, wie eine Schuldigkeit, und wurdigte, was d a v o n ihrer Anmuth galt, mit verstandigem Gleichmuth. Sie hatte von dem jungen Paare, das ich ihr zuzufuhren, um die Erlaubniss bat, gehort, sie fragte mit Theilnahme nach beiden, und zeigte sich, ohne affectirte Uebertreibung des Ausdrucks, bereit, ihnen den Eintritt in die fremde Welt zu erleichtern. Es liegt Natur und Warme in ihrem ganzen Wesen, das ein feiner Geist, mehr unbewusst begleitet, als bewusst beherrscht. Wie sie ist, hat sie mir gefallen, auch geniesst sie allgemeine Achtung, die weniger ihrer Stellung in der Welt, als ihrer Person gilt. Irre ich nicht, so wird Emma in ihr eine Freundin finden.

Und nun getrost, gnadige Frau! lassen Sie dem Geschick ohne Zagen seinen Lauf. Es kehrt sich wenig an unsere Launen. Auf eine, oder die andere Art macht sichs immer wieder Bahn. Zuletzt sind wir mit allem Rennen und Laufen nicht weiter als zu Anfang, und bringen nur mude Fusse mit nach Hause. Vergeben Sie es mir, wenn ich Sie hier frage, ob Sie jemals durch die Ausfuhrung irgend eines Planes vollig befriedigt wurden? oder, ob Sie nicht u b e r den Moment des Erlangens hinaus, lieber alles umgeworfen, und die Sache von neuem und anders angefangen hatten? Glauben Sie mir, Sie sind es nicht allein, es ist der Mensch uberhaupt, der so empfindet. Wir kennen keinen Genuss. Was wir so nennen, ist nur das rothe Lappchen an der Angel, die uns fortzieht. Das Z i e l thate es, und nicht das S t r e b e n darnach allein.

Ich kusse Ihre Hande, und lege diese auf die Haupter Ihrer Kinder, dass Sie sie in Freudigkeit segnen mogen.

Ganz der Ihrige.

Hugo an Heinrich

Ich will Dich nicht glauben lassen, die Flitterwochen vermochten so viel uber mich, dass ich die ubrige Welt daruber vergasse. Ich bin in meinem Leben nicht geneigter gewesen, da Unterhaltung zu suchen, wo sie sich mir bietet, als eben jetzt. Ehrlich gestanden, dieser Nachhall des ausgesprochenen J a , ist ein wenig eintonig! Was sagt man sich noch, wenn alles beantwortet ist? Missverstehe mich nicht. Emma's Nahe ist wie der Fruhling. Sie uberkleidet alles mit jenen Lichtfarben, die uns anlacheln und den Sinn in behagliches Empfinden einwiegen. Ich sehe mich leicht auf Minuten so angesprochen. Aber doch genug! Ich brauche scharfe Schatten, und verliere mich gern in die Tiefe zackiger, unformlicher Schlufte, aus denen der wilde Schrei der Natur meine traumende Seele wie ein Echo anruft.

Wir sind moderne Reisende, Heinrich. Wir fahren die gebahnte, geebnete Strasse, verweilen, wo Alle verweilen, und bewundern, was Alle bewundern. Emma ist entzuckt. Ich begleite sie willig, aber sie kann mir auf meinen einsamen Wanderungen durch das Labyrinth grossartiger Verwilderung nicht folgen.

Man nennt nicht unpassend auch das Leben eine Reise. Nenne es, wie Du willst. So viel weiss ich wohl, dass man sich auf der einen wie auf der andern, a l l e i n , am freiesten bewegt.

Wie selten halten zwei Menschen gleichen Schritt. Wie jener sich beschrankt, muss dieser sich uber Vermogen anstrengen. Man mag die Krafte gegenseitig abwagen, wie man will, jede Probe zeigt, dass die Berechnung falsch war.

Doch genug! w i r r e i s e n !

Es war bei alledem gut, dass wir aus der Klemme der Hofetiquette und Familienrucksichten herauskamen. Ich war wie zwischen zwei Muhlrader zermalmt. Mir ist in der ganzen Gotteswelt nichts lacherlicher, als der Wahn, dass ein Mensch dem Andern eine Gnade zu erweisen denkt. Die Gewohnheit ist hierin, wie in so Vielem, die grosste Gauklerin. Sie macht die Fabel zur Historie.

Du kennst indess meine Art. Ich mag Niemanden Aergerniss geben. Lieber, wie Atlas, die Welt tragen, als einen Wurm in ihr wissentlich kranken. Wer an dem Spiele seine Freude hat, dem spiele ich zu Gefallen mit. Ueberdem, die Maske war einmal angelegt, ich musste ihrem Charakter treu bleiben. So liess ich mir ein Ordensband umhangen, und meine Schwiegermutter hierauf Plane und Hoffnungen fur die Zukunft bauen. Sie hat etwas darin gethan, Plane zu machen! Nun, ihr ist es Bedurfniss! Emma ist der Edelstein in ihrer Krone. Alles, was sie mit Blicken erreichen kann, muss dem Glanze dieses einzigen, das Werth fur sie hat, als Folie dienen. Du kannst Dir vorstellen, was sie den ubrigen Menschen ist, und diese ihr unter solchen Umstanden sein konnen?

Wir passen wenig fur einander. Meine Theorie von leben und leben lassen, findet hier keinen Eingang. Sie hat sich in mir verrechnet, und das verzeiht sie dem Geschick so wenig, als mir.

Ich bin ihr bei alledem gut. Mir verschlagen ihre Irrthumer nichts. Sie hat Verstand, und wenn auch mehr Leidenschaft als Gefuhl, dennoch eine ausserordentliche Regsamkeit des Geistes. Mit solchen Leuten kommt man immer zurecht, wenn sie uns auch zu schaffen machen.

Unter meine Geduldproben zahle ich die Hochzeitfeier. Es war ein alltagliches Hoffest daraus gemacht worden. Zum Gluck, wissen furstliche Personen dergleichen schnell abzumachen. Trauung, Gratulation, Diner, Entlassung, alles ging in einer Hetze fort, so dass wir uns im Wagen, aus der Stadt, auf dem Wege hierher, befanden, ehe ich noch Zeit behielt, das Geschehene mit Gelassenheit zu uberdenken. Emma hatte sich mehr betaubt als gefasst aus den Armen ihrer Mutter gerissen, und es vielleicht kaum wahrgenommen, dass diese das Scharfe, was ihren Empfindungen etwas Aetzendes giebt, ganz auf mich ubertrug. Ich war ihr in der Seele zuwider. Sie konnte und wollte das auch nicht verbergen. Mir that es wehe. Ich blieb lange auf das Innigste erschuttert; wahrend Emma ruhig, ohne sichtbare Gemuthsbewegung neben mir sass.

Ich konnte mich nicht erwehren, sie von Zeit zu Zeit mit unverhehltem Erstaunen anzusehen. Es schien, als entgehe ihr das ganzlich. Es lag ein Ausdruck des Friedens und der innern Einigkeit auf ihrem Gesichte, welcher der abendlichen Stille der Natur zu vergleichen war, und auf mich ungefahr denselben Eindruck machte.

Nach einer Weile bemerkte ich, dass sie leise betete, und den Beistand eines hohern Wesens anrief, mit welchem sie sich in liebendem, naturlichem Einverstandnisse befand.

Seitdem fand ich sie ofters so. Gleichwohl kann ich die Spur dieser Richtung noch nicht vollig klar in ihr auffinden. Ich trage auch eine gewisse Scheu vor jedem erlauternden Schritt. Sehr wahrscheinlich weichen unsere Ansichten hier von einander, und die Gewissheit daruber konnte sie storen. Mich stort so leicht Niemand in dem, was in mir feststeht; aber gegen Formen rennt man an, ohne es zu wissen.

Erst gestern machte ich die Erfahrung. Wir krochen am Simplon herum. Ich liess Emma auf einer bequemen Stelle bei ihren Tragern. Sie blickte von hier ruhig nach den Thalern hinunter, indess ich, von innerer Unruhe getrieben, froh, mir einen Augenblick selbst anzugehoren, alle Muhseligkeit verachtend, die zackigen Klippen noch um eine bedeutende Strecke hinan klomm, und jetzt auf einem Abhange fast schwebend mit stolzen Erwartungen um mich sah. Allein, die Atmosphare hing, von Dunsten verdeckt, wie ein wallender Vorhang, zwischen der Stelle, wo ich stand, und den nachsten hundert Schritten unter mir. "Alles ist anders, als man es denkt!" rief ich, und wollte den Ruckweg antreten. Es war indess leicht an dem dumpfen Rauschen und Brausen aus der Ferne, die Vorbereitung einer Explosion der Elemente wahrzunehmen. Ich wollte das abwarten, und folgte nun mit steigendem Antheil dem Kampfe der Natur. Blauschwarze, electrische Ballen walzten sich unformlich, und von ihrem eignen Luftzuge gedrangt, ubereinander zu einem schauerlichen Chaos. Es ward dunkler und dunkler, zuletzt ganz finster, die Nacht hielt mich dicht umarmt in ihre Schleier gehullt. Da fuhr der Stoss einer kreuzenden Luftschicht, wie ein langer weisser Strahl in den aufgethurmten Knauel, und, als sollten Himmel und Erde untergehen, so fasste und riss ein Wirbelwind, der die Welt aus ihren Fugen zu reissen Miene machte, in das Gewolk. Ein Augenblick noch, und die gahrenden Stoffe sturzten krachend und schaumend unter Donner und Blitz und Wogenstromen in die Tiefen hinab, uber mir ward es hell wie in einer azurnen Kugel. Ich blickte uberrascht und sprachlos um mich. Die majestatische Gewalt dieses Vorganges fesselte mich unverruckt auf demselben Fleck. Doch, ich dachte an Emma, und arbeitete mich nun durch das Unwetter, das vor mir herging, hindurch, zu der Stelle, wo ich sie gelassen hatte. Sie war nicht mehr dort. Ihre Trager kamen mir indess, durch sie abgeschickt, bereits entgegen. Ich erfuhr, dass eine nahe Hutte ihr Obdach gebe, und eilte nun dahin. Es sturmte und regnete noch in einem fort. Sie flog mir in die Arme. Der Gedanke, dass die zerstorende Macht der Elemente uns plotzlich hier am Eingange eines neuen Lebens hatte trennen konnen, erschutterte mich unwillkuhrlich. Ich war bewegt, und zeigte es ihr. Sie sah mich mit ihrem stillen, festen Blicke an. "Ich wusste es wohl," sagte sie, "dass Dir nichts begegnen wurde." "Bist Du so zuversichtlich?" entgegnete ich, vielleicht ein wenig kuhler als zuvor. "Ich bin es nur in einer Art," versicherte sie mit abgewandtem Gesicht, indem sie, ohne weiter etwas hinzuzusetzen, an das kleine Huttenfensterchen trat. Ich folgte ihr dahin. Das Gewitter zog immer tiefer abwarts. Die jenseitige Bergwand farbte sich schon wieder im rothlichen Licht der Abendsonne, ein feiner Spruhregen flimmerte silbern zwischen den Steinen. Eine Heerde weisser Ziegen und buntgefleckter Kuhe zog einzeln und lautlos voruber. Der junge Hirtenknabe folgte ihnen, sein Liedchen pfeifend. "Sieh," rief Emma, mit einem Lacheln, das an Corregio und seine Bilderwelt erinnerte. "Sieh, wie schnell Gott den wilden Aufruhr gestillt hat. Die Sonnenlichter druben gehen wie seine Friedensboten uber die Berge." Ich bemerkte, indem sie sprach, ein kleines silbernes Cruzifix, das sie sonst verborgen an einer Schnur um den Hals tragt, uber ihre gefaltenen Hande herabhangen. Gewiss hatte sie, in der Angst ihrer Seele, ihre Zuflucht dazu genommen.

Ein jeder hat seine Art, dachte ich, und liess sie. Doch erwiederte ich: "Hier ist Ruhe und Ordnung, allein dort oben war es, als rolle der feurige Wagen des zornigen Gottes der Israeliten auf den Wolkenbergen hin, und schleudere seine Wetter auf die Erde. Nichts," fuhr ich fort, "fullt meine Brust mit so heiligen Schauern gottlicher Erhabenheit, als die grossen Erscheinungen der Natur. Das sind lebendige Symbole. Sie reden mit andern Zungen, als todte Bilder."

"Die Natur ist auch ein todtes Bild," meinte sie, "ohne das Leben in dem Glauben des Christen."

Ich lachelte. Sie war ernst geworden. Zum erstenmale sah ich den Schatten einer Wolke auf ihrer Stirne. Sie sagte nichts. Aber es war ganz klar, ich hatte ihr wehe gethan. Es wird gewiss nie wieder geschehen. Aber da siehst Du, es sind immer nur Formen, die zwischen die Herzen treten. Das ist der Fluch der Menschheit!

Lebe wohl, Heinrich! Was hilft so eine Ausflucht in die Weite! Man muss doch wieder in die gezogenen Schranken zuruck.

Nun! ich komme auch zuruck. Bald bin ich wieder heimisch unter den Meinigen. Den M e i n i g e n ? Wer sind sie? Man hat eine besondere Gewohnheitssprache, ohne viel daruber nachzudenken, angenommen, und damit die Begriffe gewaltig auf den Kopf gestellt.

Aber! Lebe wohl! Lebe wohl!

Sophie an Elise

Sie sollten mir ohne Worte und Grunde verzeihen, geliebte Elise, die Freude des Wiedersehens, hoffte ich, werde meine Vertheidigerin sein. Alles war vorbereitet zur Abreise. Ich sah schon in Gedanken Ihr liebes, geruhrtes Lacheln, im Kampfe mit dem kleinen Rest von Empfindlichkeit, der mehr und mehr an der Warme aufflammender Freundschaft wegschmolz. Das alles sind nur Gedankenbilder geworden. Ich werde Sie sehr lange nicht sehen! Lassen Sie mich alle Empfindungen unterdrucken, die hierbei in mir laut werden. Schelten, urtheilen Sie auch nicht, ehe Sie es wissen, dass ich ein Opfer bringe, und dabei leide.

Liebste Elise, die Abreise des jungen Paares hat die Mutter in einen Zustand versetzt, von dem nur diejenigen einen Begriff haben, welche diese merkwurdige, in allen ihren Eigenschaften so eigenthumliche Frau kennen. Vielen mag sie unzusammenhangend vorkommen, da sich im Gegentheil alles scheinbar Abweichende in einer Richtung bei ihr fortbewegt, und ein und dasselbe Ziel hat.

Es ist Emma, Emma allein, welche die Saiten ihres Innern so oder so anschlagt. Der jedesmalige Ton hangt hiervon ab. Liebe zu dem Herzen ihres Herzens bedingt die ungestume oder verhaltene Pulsschlage desselben. Wie die Aussenwelt hierauf einwirkt, oder sie diese, in der einzigen Lebensbeziehung, die sie kennt, umschaffen oder beherrschen will, das ist die einzige Aufgabe ihrer Gedanken und Empfindungen. Die Losung derselben ist schwierig, sie giebt sie vielen Widerspruchen preis.

Jetzt ist das geliebte Kind ihr entrissen. Ein Anderer ubernimmt das Geschaft, fur sie zu denken und zu handeln. Ein D r i t t e r , nach ihrem Gefuhl ein unberufener Dritter, bestimmt uber das Wohl und Weh der Theuren. Es ist nicht Trauer, nicht Schmerz Selbstvernichtung, verzehrende Eifersucht, Verzweiflung ist es, die ihre hohl gewordene Brust zerreisst. Die Wahl der Tochter war nicht die ihrige. Alles widerstrebte ihren Wunschen in dem Manne, der auf unbegreifliche Weise den ruhigen Spiegel der Gefuhle in Emma erschuttert, und aus dem verborgenen Grunde der fugsamsten Seele eine so starke und ausschliessende Neigung heraufgelockt hat, dass hier nichts mehr zu unterdrucken war, sondern auf einer oder der andern Seite ein Opfer gebracht werden musste.

Die Mutter hat es gebracht. Aber, anders ist es mit dem Augenblick der Begeisterung, anders mit dem ruhig fortgehenden Leben! Den ersten uberfliegt der Gesammtmensch in uns, dem andern erliegt das Menschliche in jeder momentanen Steigerung empfundener Unbequemlichkeit.

Die kluge Weltfrau hat an dem unerwunschten Geschick ihrer Tochter gedreht, geschoben und gehalten, was sie nur daran handhaben konnte, allein das Verschobene gleicht sich nicht aus. Sie erkennt das scharfer als Andere. Deshalb ist sie innerlich gebrochen, und kann nichts mit Haltung kommen sehen.

Es gab einen Zeitpunkt in meinem Leben, wo sie mir als starkere und weisere Gefahrtin kraftig zur Seite stand, und, wenn auch nicht mein Herz zu heilen, doch Ruhe und aussere Verhaltnisse der Hoffnungslosen zu bewahren wusste. Ich verdanke ihr die sanfte Ausgleichung unzahliger Widerspruche, die Stille und Freudigkeit meines jetzigen Berufs, einen ruhigen Abend und viele selige Traume vom neuen Tage.

Elise, wurden Sie es gut heissen, wenn ich die Freundin jetzt verliesse, wo ich ihr vergelten kann, was sie an mir that.

Sie wurden es nicht gut heissen, das darf ich zuversichtlich behaupten. Ich sage Ihnen daher auch ohne alle Furcht vor Missbilligung, dass ich den Winter uber nicht nach meinem Stift zuruckkehre, ja, dass ich nicht einmal in Deutschland bleibe, sondern die bekummerte Frau nach Italien begleite, wohin sie, in Auftragen ihrer Prinzessin, reist, die, wie Sie wissen, aus dem toskanischen Hause entspross.

Ich irre wohl schwerlich, wenn ich die Absicht der grossmuthigen Furstin in dieser Sendung zu erkennen glaube. Sie will etwas Fremdes in die Seele ihrer betrubten Dienerin schieben, und sie durch andere Gegenstande auf andere Gedanken bringen. Gleichwohl furchte ich, wird sie hiermit ganz ihren Zweck verfehlen. Es giebt Stimmungen, in welchen das Ableiten nur heftiger und unwilliger auf das eigene Interesse zuruckdrangt, und das Uebel arger macht.

Das Letzte zu verhuten, hauptsachlich aber die Reise selbst nur moglich zu machen, was bei dem schlaffen, schwankenden Gemuthszustand der wahrhaft Erkrankten sehr schwer halten wurde, habe ich mich zu ihrer Gesellschafterin aufgeworfen. Die Furstin billigt, ja wunscht es.

So werden wir denn schon in wenigen Tagen auf dem Wege nach Florenz sein. Gott ist uberall! und ich gehorche seinem Willen, hier oder dort.

Dies reicht hin, jede andere Frage des Innern abzuweisen. Machen Sie es auch so, liebe, zartliche Elise. Ich weiss, Sie missen mich ungern. Sie haben auch sonst Niemand, dem Sie sich, in den vielen unbeschaftigten Augenblicken eines einsamen Tages, mittheilen konnen. Allein, eben deshalb ist es vielleicht gut, dass ich eine Zeitlang zurucktrete. Es bringt Sie wohl dahin, Andere aufzusuchen. Es kann Ihnen nicht entgangen sein, dass man Sie ohnehin des Hochmuths beschuldigt, und darin etwas Gesuchtes, ja Anmassendes finden will. Zudem ist Ihnen Emma in Kurzem nahe. Liebe Elise, was soll ich Ihnen weiter sagen? Ich furchte fur dies arme Herz. Sie war es, die Hugo ihre Hand g a b , e r hat sie a n g e n o m m e n ! aber er halt sie so lose, so furchtsam, mochte ich sagen, in der seinen, als angstige es ihn, dass er diese nun nicht besser gebrauchen kann. Der Ernst, die Gewalt i h r e r Gefuhle, hat das leichte Spiel jugendlicher E m p f i n d u n g e n in einem festen Verhaltniss gefangen genommen. Mir ahndet, die Ketten, welche sie arglos um sein wie ihr Geschick legte, werden mit dem vollen Gewicht ihrer Last auf s i e a l l e i n zuruckfallen.

Doch, wozu die nutzlosen und trugerischen Blicke in eine ungewisse Zukunft. Liebe, liebe Elise, sein Sie der Schutzengel der Unerfahrnen. Ich lege sie Ihnen ans Herz. Es ist so schon, das Storende abwenden oder doch mildern helfen.

Indem ich Ihnen auf solche Weise einen Theil meiner eignen Verpflichtungen, die ich nur gegen andere vertausche, zurucklasse, und somit mein Andenken auf die lebendigste Weise bei Ihnen gesichert weiss, verlasse ich Sie ruhiger.

Konnten Sie in meinem Herzen lesen, Sie wurden deutlicher verstehen, was ich kaum anzudeuten vermag. Sein Sie glucklich, beste Elise! und machen Sie Alle durch Ihre Nahe so glucklich, wie ich es mehrere Jahre hindurch war!

Auf ewig die Ihrige.

Die Oberhofmeisterin an den Comthur

Sie thun sehr wohl, dass Sie Ihren Neffen in Schutz nehmen. Ich kenne auch kaum zwei Menschen, die einander so ahnlich waren, als Sie beide.

Dies mag Sie befremden. Ich glaube es. Sie wissen vielleicht selbst nicht warum. Aber ich bitte, erlassen Sie mir die Beweisfuhrung. Mein Kopf, mein Geist, sind so schwach in diesem Augenblick, dass es vergebliche Muhe ware, mich auf etwas Bestimmtes einlassen zu wollen. Nur so viel: Verschiedene Umstande bilden dieselben Grundzuge des Charakters, hier so, dort anders aus. Die Familienahnlichkeit bleibt gleichwohl unverkennbar.

Dass Ihre und Hugo's Ansichten von einander abweichen, beweist nichts. Systeme m a c h t man, die Natur h a t man. Sie haben beide keine gluckliche. Ich empfinde es. Mich friert in der lauen Atmosphare, die Sie umgiebt. Ich konnte lachen uber alles, was Sie in die Seele einer Mutter schwatzen, hatte ich das seit Emma's Abreise nicht verlernt. Was wissen Sie von den zarten Faden, die von dem Hauch eines unberufenen Wortes erzittern.

Einsiedler, in der Welt wie im Gefuhl, predigen Sie in der Wuste, aber nicht am Hausaltar liebender Familien; dies Heiligthum bleibt Ihnen unzuganglich.

Ihr Trost wird Zurechtweisung. Ich forderte den einen nicht, und bin wenig gestimmt, die andere zu ertragen.

M i r werfen Sie es vor, die Verbindung beschleunigt zu haben, welche ich jetzt ungeschehen wunsche. Ich bin sehr unschuldig an dieser Verbindung. Das, dachte ich, wissen Sie. Doch einmal, bis auf einen gewissen Punkt g e d r a n g t , wollte ich Licht sehen, und machte daher Tag. S i e zwangen mich zu handeln, das ist es, was Sie meine Ungeduld nennen. Sie verstehen nicht, wie eine Mutter, auch mit widerstrebendem Herzen, an die Erfullung der Wunsche ihrer Kinder denken kann!

Aber ich werde ganz krank, bei den vielen unnutzen Worten, die Sie doch wieder falsch auslegen werden. Darum lassen wir es gut sein!

Ich bin auf dem Wege nach Florenz. Es ist eine von den vielen Reisen, bestimmt, eine Lucke im Leben auszufullen, sonst zwecklos, und daher unbequem.

Ich fuge mich ohne Widerrede in die Anordnung der Prinzess, theils, weil sie es so wollte, theils, weil ich einen Augenblick glaubte, unterwegs mit Emma zusammenzutreffen. Es reizte mich die Vorstellung, sie zu uberraschen. Allein Hugo hat, wie er sich ausdruckt, so grosse Ungeduld, die Herbstjagden im heimathlichen Gebirge mitzumachen, und Emma die grunen Wellen des vaterlandischen Stroms in dem Lichte der vollen Septembersonne zu zeigen, dass beid schon auf dem Wege zu Ihnen sind. Es mag auch sein! Ich lasse mich nun um so ruhiger fortschieben. Doch bin ich, ich gestehe es, uber die Eile Ihres Neffen verwundert. Was zieht ihn denn so machtig zu Ihnen zuruck? Der Gedanke, ein Eigenthum, einen Heerd zu besitzen, und dort als freier Mann zu gebieten, zu handeln? Nimmermehr! Er dunkte sich wohl freier als jetzt, da er Niemanden verpflichtet war. Ist er des Umherstreifens mude? Nun! so scheut er doch das Bleiben an einem Orte noch mehr. Oder, ist es Emma's Begleitung, die ihm die Lust am Reisen verdirbt? Unter allem ist gerade das Schlimmste das Wahrscheinlichste.

Dem Vogel sind die Flugel beschnitten, und fur den, welcher gern den Adler gespielt, auf steilen Hohen gehorstet, den freien Flug eifersuchtig bewahrt hatte, fur den ist die Rolle des Haushahns im abgegranzten Zwinger anstossig. Mein Gott! warum genugten die Luftregionen nicht. Mochte er immerhin in seiner erhabenen Einsamkeit, auf starrer Klippe, dem Stolz mit prachtigen Traumen schmeicheln, ich hatte nichts dawider gehabt. Aber ihm gelustete nach den Fruchten des Thales. Er liess sich zu ihnen herab. Der Traum ist aus, das ist sein Ungluck.

Doch, da ich daran denke! Von Fruchten des T h a l e s oder der W e l t , mir gleichviel. Es kommt mir vor, auch Sie haben noch nicht den Geschmack daran verloren. Sonderbar genug, ist das einzige Lebendige in Ihrem Briefe, die Schilderung der artigen Frau, welche Sie hochst grossmuthig zu Emma's Freundin bestimmen. Bis auf das weisse Kleid und dessen nachlassige Eleganz, zeichnen Sie die neue Dame Ihrer Gedanken auf das Papier. Mein guter Comthur! Sie haben nicht wohl daran gethan. Wie sie dort steht, tragt sie alle Zuge der gefeierten Herrscherin eines engen und flachen Kreises, welchen die Grafin uberall um sich versammelt, und den Sie g u t e G e s e l l s c h a f t zu nennen belieben. Ich weiss es seit lange, dass Manner kein Urtheil uber Frauen haben, und die Grade des geselligen guten Tones nur nach dem Thermometer ihrer Eitelkeit anzugeben wissen. Wie der Ihrigen durch das zuverlassig einfaltige Erstaunen der Kleingeister zu Ulmenstein, bei dem unerwarteten Auftreten eines bekannten Sonderlings, geschmeichelt ward, ist mir gar nicht zweifelhaft.

Es ist in der Ordnung, ich tadle Sie deshalb nicht. Aber begreiflich wird es mir, dass die Bizarrerie ganz gewohnlicher Pretention, die auf besonderem Wege ihrem Ziele nachlauft, Sie bestach. Der Prasident ist kein gewohnlicher Mensch. Sein Charakter ist der eines Mannes, der seinen Weg bestimmt geht. Durch den Flitter der Mode war der nicht zu erobern, eben so wenig fuhrt eine bequeme Strasse zu seinem Herzen. Und wenn es vielleicht auch nur um die H a n d zu thun war, so musste doch dieses in Beschlag genommen werden. In solchem Dylemma wahlt man denn schon einen ungebahnten Pfad, auf dem sich die jugendliche Gestalt ohnehin um so uberraschender und in die Augen springender ausnimmt. Dergleichen Coquetterien sind sehr wohlfeil, und bei der Leichtglaubigkeit der Manner ausserordentlich belohnend.

Dem sei nun wie ihm wolle, ich hege gegen jede ausgezeichnete Art und Weise der Frauen Argwohn. Was acht ist, fordert keine besondere Fassung!

Ueberdem bedaure ich Ihre Muhe, fur Emma eine Wahl getroffen zu haben. Die wahlt s e l b s t ! Das liegt ja nur zu sehr am Tage.

Leben Sie wohl. Haben Sie Mitleid mit mir. Ich bin bis in den Tod betrubt. Deshalb vergessen Sie, wenn ich heftige und ungleiche Worte sprach. Ich weiss kaum, was ich denke und empfinde.

Es ist gut, dass Sophie mit mir geht. Ihnen verschlagt das wohl weiter nicht viel, und ihr ist es nothwendig.

Leben Sie wohl!

Elise an Sophie

Nein, ich schelte, ich urtheile nicht uber Sie. Es ist zu viel Wehmuth in mir, um der Galle Raum zu geben! Konnte ich es bis zum Unwillen bringen, ich ware einer grossen Last uberhoben! Der Kummer schwacht mich. Ich habe ungern mit ihm zu schaffen.

Mein Gott! wie hangt Eines am Andern! Ich dachte es gleich, als Sie abreisten. Es war der erste Riss in dem sanften, beruhigenden Gewohnheitsleben. Ich dachte es gleich, dabei bleibt es nicht!

Solche Erschutterungen machen gewohnlich einen Abschnitt in den Verhaltnissen. Die unterbrochene Zeit scheidet sich in zwei Stucke. Das erste ist durchlebt, es liegt hinter uns. Von dem, was kommen wird, wissen wir nichts. Aber haben Sie schon gesehen, dass ein geschurzter Faden keine Spur des Knotens zuruckliesse? Geben Sie Acht, an dem Absatz oder Hokker im Gewebe geht viel, viel von der bisherigen Uebereinstimmung verloren.

Sie haben eine seltene Gabe, sich Ihren Freunden unentbehrlich zu machen! Es ist eine Leere um mich entstanden, die der ganzen Gegend die unfreundlichste Kalte giebt. Ich weiss nicht, wo ich mit mir selber hin soll. Werden Sie es glauben? Die Zeit wird mir lang! Und das ist mir so neu, so unbequem, dass ich, aus Schaam und Mitleid mit mir selbst, weine.

Kennen Sie wohl die Stimmung, wo Einem Musse und Beschaftigung, beide gleich lastig sind. Ich kenne und verabscheue sie, und doch werde ich sie nicht los.

Es ist nicht allein die Trennung von Ihnen, die mich so abspannt; weit eher ist es Ihr Brief. Sie rollen in diesem ein Blatt Ihres Innern auf, und lassen mich gleichwohl nichts anders als den rathselhaften Titel eines langen Romans lesen. Ich weiss es jetzt gewiss, Sophie, eine tiefe, noch jetzt fortdauernde Leidenschaft brachte Sie in die Mauern Ihres Stiftes. Die Grafin gab langst etwas Aehnliches zu verstehen, und ihre Schuld ist es auch wahrhaftig nicht, wenn ich den Gegenstand nicht kenne. Ich gestehe Ihnen, es war nicht sowohl Bescheidenheit, als unuberwindliche Scheu, was mich ihre Mittheilungen vermeiden liess. Von I h n e n konnte ich nur durch S i e selbst horen. Solche verstimmte Bruchstucke aus der Geschichte eines Herzens sind mir immer ein Grauel gewesen.

Die Grafin lachte mich aus. Sie glaubte mich von allem unterrichtet, und behauptete, ich spiele die Unwissende aus Verschwiegenheit. Ich gab das weder zu, noch bestritt ich ihre Meinung. "Gehen Sie, kleine listige Katze," rief sie mir mit dem aufgehobenen Finger drohend, "Sie haben sich neulich bei dem Besuch des Comthur verrathen." Ich sah sie uberrascht an. Das Blut trat mir, mit einem plotzlich aufschliessenden Gedanken, in die Wangen. Die Grafin bemerkte es nicht sobald, als sie auf meine verwunderte Frage: "bei dem Besuche des Comthur?" vor Entzucken, mich ertappt zu haben, laut jubelte, sich abwandt, und mich stehen liess.

Sophie! auch Ihnen mochte ich wiederholen: "bei dem Besuche des Comthur." Weshalb erwahnen Sie in Ihrem Briefe gar nichts von allem, was der meinige enthielt? Warum schweigen Sie jetzt bei dem Namen eines Mannes, den Sie vertheidigten, wenn ich ihn angriff, ohne ihn zu kennen?

Es ist uberall solch schwankendes Andeuten, jene unselige Allgemeinheit der Gefuhle, die mich immer ungeduldig macht, in dem, was Sie sagen und verschweigen, dass ich schon deshalb nicht anders als unbefriedigt, geangstet und missmuthig sein kann.

Georg ist ein Engel! Er sass mir gegenuber, als ich schrieb, und schnitzte sein holzernes Pferdchen aus einer Fliedergerte zurecht. Ich hatte die Feder in der Hand, und heftete, wie ich es ofter thue, den Blick auf irgend einen Gegenstand meiner Gedanken. "Warum schreibst Du denn nicht?" fragte er, wahrend er Ruthe und Messer sinken liess, und mich klug und prufend ansah. "Vater schreibt immer, wenn er einmal dabei ist," fuhr er nachsinnend fort. Ich lachelte. Er sprang mir schnell auf den Schooss, schlang beide Arme heftig und fest um meinen Hals, und fing an zu weinen. "Sei nicht so traurig!" schluchzte er, "Du siehst so traurig aus, warum lachst Du denn nicht? Lache doch! bitte, lache doch!" rief er immer dringender. Ich war fast erschrocken. Wie hat das kleine Seelchen so schnell und ahndungsvoll das Gegenbild der meinigen aufgefasst! Denken Sie doch, Sophie! ich sah ihn ja freundlich an, als er zu mir sprach. Und doch! und doch! Wie anders liest der Knabe in meinen Blicken als Doch genug! e r wenigstens wird mich verstehen, und hierin ist unendlicher Trost.

Ich komme von des Amtmanns Gut, und habe dort ein Paar angenehme Stunden zugebracht.

Georg war einmal aus seinem Spiel heraus. Die Thranen der Kinder sind an manchen Tagen schneller erregt, als gestillt. Der Ruhrung folgte Unwillen, und ich musste nun ein Uebriges thun, um ihn aufzuheitern. Die Weintrauben druben am Spalier, dachte ich, werden ihn wohl auf andere Gedanken bringen.

Ich gab ihm die Hand, nahm das schlanke Pferdchen in die andere, so gingen wir beide, immer noch ein wenig verstimmt, bis an das grune Gitterthor mit den weissen Spitzen. Es war offen. Die Kinder des Amtmanns fuhren auf einem kleinen Wagen, den ein geduldiger Esel zog. Korbe mit abgeschnittenen Trauben standen darauf. Der Weg ging nach dem Winzerhause, unten am Berge. Georg riss sich sogleich von mir los, und fort ging es mit ihm und den Andern in einem Trabe. Ich blieb stehen, wahrend ich ihm, nicht ohne Besorgniss, nachsah, und dem Aeltesten der Knaben zurief, achtsam auf die Kleinern zu sein. "Furchten Sie nichts, gnadige Frau!" sagte eine angenehme Stimme hinter mir, "der Wilhelm ist verstandig fur seine Jahre, man darf ihm trauen." Ich wandte mich um. Eine kleine, feine Matrone, in einem grauen Rockchen und schwarzem Shwal, stand einige Schritte von der Geisblattlaube, aus der sie nun so eben herausgetreten sein mochte. Sie hielt die schmale Hand schirmend gegen die Stirne, und sah unter dem breiten, herausgerollten Strich ihrer Haube klug und achtsam auf das Treiben der Kinder, verbeugte sich indess sogleich sehr artig, als sie meinem Blick begegnete. Ich eilte auf sie zu. Wir begrussten einander. Ihr weisses, sanftes Gesichtchen flosste mir Vertrauen ein. "Ware Ihnen nicht gefallig," sagte sie, mir den Platz auf ihrem gepolsterten Armstuhl anbietend, wahrend sie ein holzernes Schemelchen fur sich heranzog. Nichts in der Welt hatte mich dazu vermocht, ihr den bequemen Sessel, der ganz zu ihr gehorte, und in welchem sie sich auch nachher vortrefflich ausnahm, zu rauben. "Bewahre! Bewahre!" rief ich, und kam jeder Einrede dadurch zuvor, dass ich ohne Weiteres das Schemelchen in Besitz nahm. Sie errothete verschamt, knixte, und wiederholte fast angstlich: "Darf ich nicht bitten?" Doch es blieb dabei, und wir sassen einander bald an einem Tischchen gegenuber, das mit glanzender gruner Wachsleinwand uberzogen, von einer weissen Leiste eingefasst, so fleckenlos und sauber, wie sie selbst, vor ihr stand. Ein Korb mit Spielzeug und einem Strickstrumpfe, neben diesem ein Deckelglas, dessen klares Wasser eine feine Rinde Brod farbte, war alles, was sich darauf befand. Wir waren einander fremd. Es entstand eine Pause. Sie wusste noch nicht sogleich, wen sie sich vorstellen sollte. Ich dachte hieran nicht. Mir fiel die Luft des Gartchens, die vielen Herbstblumen, und die abgeblatterten, gebraunten Sterne der weissen und rothen Rosen, an den hohen Stocken, aufs Herz. Seit dem Tode der Amtmannin war ich heute zum erstenmale hier. Als wir zuletzt in der Laube sassen, bluhten die Busche so voll und prachtig. Sie schnitt mir, zum Abschied, mit grosser Emsigkeit, einen Straus der schonsten Rosen ab. Es waren ganz purpurfarbene darunter. Ich verglich diese noch mit ihren Lippen, die sich lachelnd theilten, und um so frischer gegen die weissen Zahne abstachen. Gute, gute, hubsche Frau! dachte ich, wie schnell ist dein junger Morgen durch eine lange, finstere Nacht verhullt worden.

Mein graues Mutterchen wandte in diesem Augenblicke den Kopf uber die Schulter, und sagte, heiter zurucksehend, mit herzlichem Lacheln: "Komm nur immer hervor, Annchen! die gnadige Frau thut dir nichts."

Ich bemerkte erst jetzt das allerliebste Kind, das ganz in die Zweige hinein gekrochen, dennoch den Kopf neugierig zwischen den Blattern hervor steckte.

Ich nickte ihr verstohlen zu, winkte ihr hervor, und liess Ringe und Armbander in der Sonne glanzen, um sie anzuziehen. Sie kicherte heimlich mit abgewandtem Gesicht, wollte lange von nichts wissen, plotzlich stand sie neben mir, und spielte mit den angebotenen Schatzen. Ich fasste sie unters Kinn, sah ihr in die scheuen Augen. "Wie gleicht sie der Mutter!" rief ich uberrascht. "Finden Sie das auch?" entgegnete meine Nachbarin, in einem leisen, von Ruhrung gedampften Tone, der mir ein gepresstes Herz verrieth. Mir drangten sich die Thranen herauf. Ich nickte bejahend. Sie wischte, fast unmerklich, ihre feucht werdenden Augen, und die andere Hand auf den Kopf der Kleinen legend, sagte sie: "Ja, mein Sohn hat einen unersetzlichen Verlust erlitten, aber die armen Kinder sind doch weit ubler daran."

Ich wusste jetzt, wer sie war, und erwiederte: "freilich wohl, aber es bleibt ihnen doch die Grossmutter." "Ach, was will das sagen!" wandte sie kopfschuttelnd ein. "Mangelt es ihnen auch nicht an Pflege, und liebe ich sie vielleicht nur zu sehr, es artet sich doch alles anders. Der Muth, der jugendliche Sinn fehlt, dem sich die Kinder naher verwandt fuhlen. Wir Alten sind angstlich, wir peinigen durch stete Vorsicht, und glauben die Gefahr abzuwenden, wenn wir sie scheuen. Eine Mutter hegt besseres Vertrauen, und ist meist immer begluckt durch den Erfolg; uberhaupt, was soll den Waisen die Mutter ersetzen!" seufzte sie, in den Anblick der kleinen Anna verloren. Ich fuhlte, dass sie wahr spreche. Mir schlug das Herz heftiger, als rege sich, um Georgs willen, die Furcht vor dem Tode in mir. Aber es war dies auch wohl nicht! Ich weiss nicht, welche Bangigkeit mich befiel. Der kleine, wilde Trupp sturmte hier wieder in den Garten herein. Mit den stillen Nachgedanken hatte es nun ein Ende. Den Knaben war es nicht anzumerken, dass sie irgend etwas in der Welt vermissten, und Georg sah auch nicht aus, als ahne ihm nahes Ungluck. Gleichwohl fand ich die Ersteren roher, und nichtachtender in Worten und Gebehrden, wie ehemals.

Ich verstand, was die Grossmutter vorher sagte. Sie kann sie nicht begleiten in ihrem Sinn, sie steht ihnen zu fern, und darum fahren sie fluchtig und unbekummert uber sie weg. Es war ein anderes Wesen in der Familie. Ich ward lebhaft davon ergriffen. Es schien mir, wie nach einer Feuersbrunst. Man bauet sich wohl wieder auf, aber die Erinnerungen liegen unter der Asche begraben. Die verstandige alte Frau fuhlte vielleicht etwas Aehnliches. "Solche Veranderungen," hob sie gleichsam entschuldigend an, "lassen immer zerstorende Spuren zuruck. Mein Sohn ist auch nicht mehr derselbe. Sein Haus ist verodet. Er halt nicht lange darin aus. Es ist nicht gut," setzte sie bekummert hinzu. "Die Wirthschaft stockt. Die wilden Jungen bleiben sich selbst uberlassen, und am Ende fallt doch die Last der schlimmen Folgen auf seine Schultern zuruck." Ich konnte hierzu nichts sagen. "Das macht," fuhr sie fort, "er hat die Frau zu sehr geliebt. Seit der fruhesten Jugend lag ihm nichts, als ihr Besitz im Sinne. Wir waren Nachbarn des Hofpredigers in der Stadt. Mein Mann stand im Dienste des Fursten. Dieser beschutzte ihn und seine Kinder. Er wollte gluckliche Menschen aus ihnen machen, darum gab er dem Aeltesten spaterhin das Amt hier, das seinen Mann nahrt, und eine Frau obendrein, um die es dem leidenschaftlichen Junglinge hauptsachlich zu thun war. Alles fugte sich wie von selbst. Zufriedenheit und Wohlstand zogen mit dem jungen Paare ein." Sie schwieg einige Sekunden. Ihr Blick lag am Boden. Als sie wieder aufsah, rollten Thranen uber ihr Gesicht. "So schnell," sagte sie, "folgt Nacht auf Tag. Ist die Sonne eines Hauses untergegangen, so wird es dunkel und verworren im Innern."

"Ja," entgegnete ich, "das Gluck ist nur ein Gast auf Erden." "Oder," bemerkte sie lachelnd, "ein Bote," gnadige Frau, "der die Gaste einladen soll." Die Worte fielen mir auf. Ich sann mehrere Augenblicke daruber nach. Sie fugte nichts weiter hinzu. Vielleicht dachten wir beide etwas ganz Verschiedenes dabei. Mir ist immer das Gluck eine Aufforderung zu grosserer Klarheit, zu freierem und erhohetem Aufschwung der Gedanken gewesen. Der Geist scheint dadurch Flugel zu bekommen. Ich verliere mich in Dank und Anbetung. In dem Sinne ergeht wirklich eine Botschaft an mich, die ich, doppelt froh, willkommen heisse. Allein, dem fluchtigen Gruss des himmlischen folgt Abschied und Trauer, wie aller Glanz die Dunkelheit noch dunkler macht.

Ich empfand in meiner Welt, Sophie. Die gute, kleine Alte deutete offenbar nach einer andern hin, die mir ein so erhabenes Geheimniss ist, dass ich dem Spiel der Vorstellungen und Begriffe hieruber niemals Raum gebe. Doch ruhrte mich ihr Auge und der Ausdruck stiller Zuversicht in den gelassenen Mienen. Sie ward auch wieder heiter, spielte mit der kleinen Anna, und als sie unsern Freund Walter am Gitterthor gewahr ward, stand sie geschaftig auf, fragte nach diesem und jenem, und zogerte sichtlich nur aus Rucksicht fur mich, ihn eintreten zu lassen. Ich kam ihrer Unsicherheit zu Hulfe, indem ich den Handelsmann, der, mit geforderten Waaren versehen, hierher bestellt war, aufs Beste begrusste, worauf er denn auch unverzuglich naher kam. Er packte Kisten und Kastchen aus, wir beschauten seine Schatze. Er lobte und pries sie an. Wir liessen uns dabei die Neuigkeiten des Tages erzahlen. Urtheilen Sie, ob ich nicht ganz Ohr war, als er anhub: "Diesen Morgen trug sich ein Ungluck mit dem grossen Marktschiffe zu. Es schlug um. Ein junges Weib mit zwei Kindern sturzte in die Fluth. Der Strudel unterhalb dem Wehr riss sie fort, ehe ihnen Hulfe werden konnte."

"Gott! mein Gott!" rief ich, entsetzt aufspringend, "so sind sie rettungslos umgekommen?" "Sie w a r e n es," entgegnete Walter mit Nachdruck, "wenn nicht die Tollkuhnheit eines Fremden, der sich am Strande zeigte, als das Schiff abfahren wollte, Eins nach dem Andern dem Verderben entriss." "Ein Fremder?" versetzte ich, seinen Arm mit unruhiger Neugier fassend! Er sah mich gross an. "Ja wohl," erwiederte er, "oder wissen Sie, wer der Mann war?" Ich schuttelte den Kopf, ohnerachtet mir es innerlich vorkam, als musse ich ihn kennen. "Die Leute," fuhr Walter lachelnd fort, "wollen wohl sagen, es sei der junge Herr von der Burg gewesen. Mehrere versichern, ihn erkannt zu haben. Aber Niemand weiss es gewiss. Denn schnell wie der Blitz, hatte er die lastigen Kleider abgeworfen, und hinein sprang er, ins Wasser bis an's Kinn, ehe sich diejenigen, welche herzuliefen und eine Strecke davon, mit den andern Verungluckten zu thun hatten, noch besinnen konnten."

"Was ward denn nun aber aus der Frau und ihren Kindern?" unterbrach ihn des Amtmanns Mutter. Walter entgegnete gelassen, indem er seinen Kram auslegte: "O mit denen hatte es nachher keine Noth. Wie sie ihr Retter ans Land gebracht hatte, so sorgte er denn auch fur das Uebrige.

Ehe das kleine Haufchen noch das Vorgefallene fassen konnte, sassen alle drei schon in warmen Kleidern, bei hellem Feuer droben in einer der Lachsfangerhutten, eine gute Suppe kochte lustig vor ihren Augen, sie hatten, was sie brauchten, der, welchem sie es verdankten, war uber alle Berge."

Sophie, mir klopfte das Herz vor Freude und Ungeduld. Nichts Erhebenderes, als eine kuhne und anspruchlose That! Meine kleine Alte forschte indess umstandlich nach dem Hergange der Sache. Walter wusste nur im Allgemeinen hieruber Auskunft zu geben. Der Schiffsraum, meinte er, sei schon uberfullt gewesen; zuletzt, als die Frau mit den Kindern hereintrat, waren Alle, am meisten der Schiffer, unwillig geworden. Scheltend und brummend stiess er vom Ufer ab. Sein Gesicht weissagte nichts Gutes. Wir verstanden hierbei nur nicht, weshalb man die Frau einliess, wenn Gefahr dabei war?

"Wie es wohl so in der Welt kommt!" sagte Walter, den Kopf nachlassig aufwerfend. "Es muss sich denn immer alles gerade so fugen, wie es sein soll."

Bewundern Sie nicht, liebe Sophie, dass dieselbe unabanderliche Nothwendigkeit zu allen Zeiten, bei allen Volkern, in jeder Glaubenslehre vorherrscht? Die Einen nennen es Geschick oder Verhangniss, was den Andern das gewaltige Schicksal ist. Wir wechseln die Worte, der Begriff ist derselbe!

Ich hatte nicht lange Zeit, hieruber nachzugrubeln. Der Amtmann kam von einem Ritt uber Feld zuruck und meldete mir, dass mehrere Herren und Damen bei mir angefahren seien.

Ich brach sogleich auf, doch horte ich noch die Begebenheit mit dem Marktschiff und der Rettung der Verungluckten vom Amtmann bestatigen. Er fugte hinzu, das Fahrzeug sei schon losgebunden gewesen und habe bereits uber seine Anzahl Passagiere geladen, als jenes junge Weib athemlos, ein Kind auf dem Arme, das andere bei der Hand, gelaufen kam, und mit dem Ton verzweiflungsvoller Angst den Schiffer anflehte, sie aufzunehmen.

Ihr Mann, schluchzte sie, sei bei einem Bau in der Stadt als Zimmergeselle angestellt, und dort von einer todtlichen Krankheit befallen worden. Erst in diesem Augenblicke komme ihr die Kunde hiervon; sie wisse sich nicht vor Angst zu fassen, und bitte und beschwore die Manner im Kahn, wenn sie ein menschliches Herz in der Brust trugen, sie nicht zuruckzuweisen. Die hastige Zuversicht, mit der sie sich wahrend dem anschickte, das Fahrzeug zu besteigen, der Schmerz in ihren Zugen, das Schneidende einer gepressten und doch gewissermassen um Hulfe schreienden Stimme, uberraschte die Besonnenheit der Schiffer. Sie liessen es geschehen, dass Jene im Schiffe Platz nahm. Ward nun dieses wirklich hierdurch aus dem Gleichgewicht gebracht, oder ist das Geschehene einem andern Umstande zuzuschreiben? genug der Erfolg war, wie ihn Walter zuerst berichtete. Die leidenschaftliche Heftigkeit, mit welcher die Frau ihre Kinder ergriff und sie zu retten strebte, riss sie wahrscheinlich zuerst dem Verderben entgegen! Sie soll sogleich uber Bord gesturzt sein. Ihr Angstgeschrei: "Herr Jesus hilf!" ward noch gehort, als man sie schon nicht mehr sah. Doch in demselben Augenblick sprang ein Mann in Jagdkleidung hinter niederm Buschwerk am Ufer hervor, und wie er die Verungluckten errettete? und wer er war? daruber blieb keinem unter allen Augenzeugen ein Zweifel.

Voll von den Vorstellungen, die sich an das erschutternde Ereigniss reiheten, ging ich jetzt nach Hause, fest uberzeugt, meine Gaste konnten Niemand anders als der Comthur und seine jungen Anverwandten sein. Mir schlug das Herz unwillkuhrlich vor innerer Bewegung. Nennen Sie es Neugierde, Sophie, oder Theilnahme, ich weiss nicht, welcher von beiden Regungen meine Ungeduld angehorte, allein ich ging so schnell, dass mich Georg selbst aufmerksam machen musste, wie schwer es ihm werde, mir zu folgen. Ich erschrack uber die unzeitige Eile. Doch urtheilen Sie, wie doppelt beschamt ich war, als ich im Hofe Curds wunderliches Cabriolet mit den zwei hintereinander gespannten Pferden und neben diesem, die Equipage der Grafin erblickte. "Sie also sind es, die mich erwarten!" sagte ich kleinlaut, und ging die Anhohe hinauf. Agathe und Rosalie hatten mich schon von weitem kommen sehen. Sie flogen mir entgegen. Beide redeten zugleich. Sie waren voll von irgend einer Neuigkeit, und brannten vor Ungeduld, mich in aller Eile durch Gruss und Umarmung in soweit abzufertigen, dass sie erzahlen konnten, und ich horen musste. So hing sich mir dann jede an einen Arm. Wir eilten dem Vorsaal zu, wahrend beide mir sagten: "Wir haben die junge Emma, im Vorbeifahren, am Gitter des Thiergartens stehen sehen! Sie glauben nicht, wie sie uns in dem Grun, unter den hohen Baumen, uberraschte! Eine Hirschkuh mit zwei allerliebsten Kalbchen stand vor ihr. Sie hielt ihnen Blatter, die sie aus einem Korbe nahm, ohne alle Furcht entgegen; die Hand schien allerliebst! Ein Jager mit einem Waldhorn stand neben ihr. Er war gross, und sah vornehm aus. Mama behauptete, es sei der Graf selbst gewesen. Wir grussten, die Grafin dankte etwas fremd, doch mit vielem Anstande. Ihrer Haltung sieht man es gleich an, dass sie bei Hofe erzogen ist." "Sie hatte ein schwarzes Kleid an," fiel Rosalie ein, "mit langen, weiten Aermeln, ich wette, es war ihr Reisekleid, und in Wien gearbeitet. Es hatte ganz den Schnitt, die Taille so sehr lang, die krausen Falten nach unten so breit ausfallend. Es sass allerliebst!"

Mit diesen Worten traten wir in den Salon. Die Mutter verwies es den Tochtern, mich mit ihrem Geschwatz aufgehalten zu haben, indem sie auf ihre hofliche Weise hinzusetzte, dass sie mit jeder Minute geize, die sie meiner Unterhaltung abstehlen konne. "Aber ich weiss schon," fuhr sie fort, "Sie sind auch ein Bischen neugierig auf unsere neue Nachbarin; es macht Ihnen Spass, von ihr zu horen, und wirklich lasst ihr erstes Erscheinen einen recht bizarren Eindruck zuruck. Die junge Person nahm sich ordentlich pitoresk unter den uralten Baumen aus. Es ist etwas Dunkles und Fremdes in ihrem Gesichte. Sie hatte den Hut, im Schatten der Baume, aus den Augen geruckt. Ihr Teint erinnert an den feinen, braunlichen Farbenton der Italiener. Auch ist das Haar ganz schwarz. Sie tragt es gescheitelt, wodurch das allerliebste Oval des kleinen Gesichtchens sehr vortheilhaft bezeichnet wird."

"Mein Gott!" lachte ich unwillkuhrlich, "Sie haben mit dem voruberfliegenden Blick die ganze Person aufgefasst! Sie steht, wie sie lebt und webt, vor mir." "Wahrhaftig!" entgegnete die Grafin geschmeichelt; nun, ich bin auch nicht gerade v o r u b e r g e f l o g e n . Unter uns gestanden, ich wusste, dass die jungen Leute gestern angekommen waren, und da ich mich immer, was man auch gegen den Comthur sagen mag, fur ihn interessire, so fuhlte ich mich gespannt auf die Bekanntschaft seiner Hausgenossen. Ich ging deshalb den Thalweg, der an die Burg hinfuhrt, uberzeugt, bei dem schonen Wetter die Gesellschaft im Park zu finden. Wie Sie sahen, ist mir meine kleine List gelungen!" lachelte sie selbstzufrieden.

Ich lachelte auch uber die Naivetat, mit der die gute Frau den Zweck ihres Besuches aussprach. Sie war indess so voll von dem einen Gegenstande, dass sie ganz arglos blieb, und wirklich, wie so oft in der Welt, mit offnen Karten spielte, ohne eine Ahndung davon zu haben. Curd flusterte mir zu, alles dies sei geschehen, um sich sogleich zu uberzeugen, ob die hubsche Nachbarin wohl den Sieg uber Rosalie und Agathe davon tragen werde? Der Umstand, dass jener ein glanzender Ruf voranging, habe die Eitelkeit der Mutter und der Tochter erregt. Er sei blos mitgefahren, um alle drei zur Verzweiflung zu bringen, ich moge nun Acht geben, wie angstlich sie jedes lobende Wort begleiteten, und durch welche Grunde sie sich zu trosten wussten. Ich war gar nicht geneigt, ihn in so hinterlistigen Planen zu unterstutzen. Im Gegentheile warf ich den Pfeil auf ihn selbst dadurch zuruck, dass ich erklarte: er habe seine Begleiterinnen nur deshalb die steinige Strasse gefuhrt, weil er hoffte, die Aufmerksamkeit der Dame des Schlosses auf ein so tolles Fuhrwerk zu lenken. "Sie thun ganz recht," setzte ich hinzu, "denn seit es keine Originalitat des Charakters mehr giebt, reicht es vollkommen aus, die O r d n u n g umzukehren, damit man bizarr erscheine. Wie witzlose Leute gewohnlich Worte oder Satze umdrehen, um die Lacher zu fluchtigem Beifall zu zwingen."

"Cousine," flusterte Curd halb empfindlich, halb gutmuthig neckend, "ich rache mich, ich kenne auch schon das Werkzeug hierzu. Sein Sie gewiss, Sie bussen den Muthwillen uber kurz oder lang." Und als wolle er sogleich Wort halten, fuhr er dann lauter redend fort: "Wenn Sie mir den Wunsch zutrauen, von einer reizenden Frau beachtet zu werden, so bin ich meiner Seits gewiss, dass Sie nicht gleichgultiger gegen die achte Originalitat eines genialen Sonderlings sein konnen, der aus dem Schlamme unserer verachtlichen Zeit sehr glucklich auf den Schauplatz der Welt auftaucht. Graf Hugo hat seine Probe diesen Morgen gemacht. Er ist es werth, den Ritterschlag zu empfangen."

Mit vielem Pathos erzahlte Curd jetzt die Begebenheit mit dem Marktschiff, und schloss den Bericht Agathe uberschrie sich vor Entzucken und BewunDie Mutter horchte lachelnd auf die Aeusserungen Sie hatte sie indess angeschlagen, und h o r b a r oder nicht, sie klangen bald hell und schneidend durch einen immer grosser werdenden Kreis hinzukommender Gaste hindurch, die der Grafin auf dem Fuss folgten, und meine kleine Villa zu einem andern Ulmenstein machten.

Curd wiederholte bis zum Ertodten aller Anwesenden Hugo's Abentheuer. Sichtlich gefiel er sich, das Urtheil eines Jeden herauszufordern.

Man wunschte dem Grafen Gluck, mit einer poetischen Farce aufgetreten zu sein; schmeckte diese gleich nach veralteten Romanen, so gab sie doch Veranlassung, von sich sprechen zu machen. Es ward wirklich viel gesprochen. Ich aber konnte kein einziges Wort finden. Es war nichts in mir, was sich an diese Faden anknupfen liess. Das Schlimmste dabei ist, dass auch ich uber den Menschen selbst Anfangs confus geworden bin. Mein fruheres Bild von ihm ist mir verwischt. Unwillkuhrlich schlupft so etwas von provinzieller Abentheuerlichkeit in meine Vorstellung hinein. Ich will das weg haben. Ich bin argerlich, und komme nicht mit mir zurecht.

Nun, ich werde ja selbst sehen und urtheilen! Sie fuhlen aber auch aus allem dem, welche Aufgabe Ihre Schutzlinge hier zu losen haben. Ich wunsche, dass es Ihnen damit glucken moge.

Leben Sie wohl, Sophie! und gluckliche Reise! Ich bin betrubt und verstimmt, ich verlasse Sie, um nicht noch truber zu werden.

Heinrich an Hugo

Man glaubt immer, man konne einem Andern etwas Wichtiges, fur ihn selbst Bedeutendes, sagen. Es ist eine Tauschung. Entweder weiss er es schon, oder er hort es nicht. Das innere Ohr ist eine Sensitive. Es verschliesst sich, so wie man ihm nahe kommt.

Ich hatte mir in der vergangenen Nacht, die ich schlaflos zubrachte, vielerlei ersonnen, was ich Dir mittheilen zu mussen glaubte. Nun es dazu kommt, lasse ich es lieber. Dir hilft es nichts, und mich verleitet es vielleicht zu einer Uebereilung.

Hugo! wir verstehen uns ohne Worte. Aber ich furchte, es kommt fur Dich, wie fur mich, wenig dabei heraus. In der Hauptsache macht es uns beide nicht kluger; denn bis auf einen gewissen Punkt bleibt der Mensch dem Menschen immer ein Rathsel. Die Alten kehrten das Inwendige nach Aussen. Das schone Ungeheuer, die Sphinx, war selbst das Symbol ihrer unaufgelosten Aufgabe. Der Kopf wickelt sich wohl heraus aus der Holle der Nacht, aber bis der Leib aufsteht, und sich nach eignen Gesetzen bewegt, bis der Gedanke ein Dasein hat, da mussen die Zeiten ihren Kreislauf vollenden, und die gebundenen Gebeine des Oedipus erst frei werden!

Du bist gefesselt, Hugo, was klagst Du mehr, als ein Anderer?

Im Grunde warst Du doch auch nicht mit Deiner fruhern Stellung zufrieden. Hattest Du Dir genugen lassen an dem Besitz der I d e e , ware Dir das Eigenthum hoherer Freiheit uber alles lieb gewesen, und konntest Du Deinen ganzen Stolz darin finden, uber die Kopfe eines leeren und flachen Geschlechts hinweg, mit den Flugeln des Geistes, die Nebel um Dich her zu zertheilen, Du lebtest freier. Doch, Dir spukt das vornehme Wesen und die Gespenster aus der Nacht alter Vorurtheile auch noch im Blute, Du bist auch erst mit halbem Leibe heraus. Trage, was Du nicht los werden kannst. Du wirst es lernen! Am Ende versohnst Du Dich doch wohl noch mit der neuen Weise.

Die Ungleichheiten des Lebens verebnen sich eher, wenn es etwas giebt, die Zwischenraume auszufullen, und Glanz, Reichthum, Ansehen und Bequemlichkeit andern Vieles.

Wenn Du ein gewohnlicher, nichtiger, schlaffer Alltagsmensch wurdest! Unmoglich! So beschwichtigt sich der heisse Durst der Seele nicht. Die Welt giesst wohl Wasser in die Flamme, aber, wo das Oel aus dem Mark und Saft des Innern quillt, da belebt sich die Gluth durch sich selbst.

Ich erinnere mich jetzt oft einer Aeusserung von Dir. Du warst noch sehr jung. Wir standen im Begriff, die Akademie zu verlassen. Die Plane Deines Vaters, im Betreff Deiner militarischen Laufbahn, wollten Dir nicht einleuchten. Du hattest den Gedanken, in einem andern Welttheile zu suchen, was Du hier nicht zu finden glaubtest. Wir lasen gerade Le Vaillant's Reisen in Afrika. Dich stachelte der Trieb, das geheimnissvolle Herz dieses fremdgebliebenen Stuckes Erde zu durchdringen. Es entstanden Dir, wie jedem Junglinge, uber alles, was er nicht kennt, phantastische Bilder. Tritt dergleichen erst in die Anschauung, so hat es auch Leben und Wirklichkeit. Man ist davon uberzeugt, und will es auch Andern beweisen. Deinen Reiseprojecten fehlte nichts als die Ausfuhrung. Ich setzte Dir alles das entgegen, was auf Verhaltnisse einer abhangigen Lage Bezug hat. Du gingst schweigend im Zimmer auf und ab. Nach einer langen Pause bliebst Du vor mir stehen, in einer Hand das Buch haltend, worin wir gelesen, legtest Du die andere auf meinen Arm, indem Du noch in Nachsinnen vertieft, ausriefst: "Ich will Dir etwas sagen, entweder man hat einen Zweck oder man hat keinen.

Im letzten Falle lasst man sich beherrschen, im ersten bedeuten die angelegten Ketten wenig.

Conventionelle Vertrage sind eben auch nur conventionell. Sie sind e t w a s , insofern sie einer Idee entsprechen; geht diese uber sie hinaus, so zerfallen sie in sich selbst. Deshalb, wie unbeweglich der behende Wettlaufer auch dasteht, bis das erwartete Zeichen gegeben wird, der Fuss ist schon gehoben, das Auge fasst sein Ziel, und er misst in schneller Berechnung Raum und Kraft gegen einander ab. Jetzt erschallt der Ruf. Im Fluge ist die Ferne durchmessen, die einen Augenblick zuvor unabsehbar schien. Glaube mir, der Mensch wurzelt nur d a fest, wo ihn Tragheit bindet, oder Mangel eigner Kraft zum Nachgeben an eine fremde, uberwiegende zwingt. Der E r d e n f l e c k , wo er steht, verschlagt hierzu nichts."

Diese Worte, Hugo, sind mir unvergesslich geblie

ben, nicht sowohl ihrer Bedeutung wegen, denn in diesen Jahren nimmt man es damit nicht so genau, und vieles klingt nur, weil es s c h a l l t , allein Dein Gesicht, Deine Gestalt machte in dem Augenblick einen besondern Eindruck auf mich. Die Augen flammten Dir, Deine Stirn glanzte, um die Lippen spielte ein geistig Lacheln, Du schienst mir grosser; ich glaubte, der Boden truge Dich nicht mehr, und sah Dich schon in Gedanken in weiter Ferne, uber die Berge, den Strom und das ganze Festland wegfliegen. Nun bist Du doch wohl eingewurzelt. Die Zeit hat Dir, wie manchen andern Freiheitskindern, die Flugel beschnitten. Dir ahndet selbst so etwas. Der Ton Deiner Briefe ist melancholisch. Du hattest immer einen gewissen Hang zu dieser Richtung der Empfindungen, die, wie alle Bluthen eines schonen Fruhlings, die Kopfe neigen, wenn der hohe Sommer heraufzieht. Bei Dir stand die Sonne schon sehr fruhe in ihrem Culminationspunkte. Sonderbar! der kalte Norden drangt die Uebergangsperioden alljahrlicher Entwikkelung fast in einen Zeitmoment zusammen. Ware auch in Dir mehr Gluth als Warme, und der Winter Dir nahe, wenn Du noch Rosen zu brechen gedenkst?

Es waltet eine gewisse, laue Ergebung in Allem, was Du sagst, die mich angstigt. Sie erinnert eben nicht trostlich an das Senken der Flugel, ehe man weiss, dass diese gebrochen sind. Lieber Hugo! Dir steht eine fatale Zwischenzeit bevor, und wohin Dich diese auch fuhre, ohne harte Kampfe kann das nicht abgehen. Ruste Dich immer im Stillen dazu. Ueber Eins bin ich nur unsicher geworden. Hattest Du jemals einen eigenthumlichen Lebenszweck? und warst Du vollig im Klaren daruber? Sage mir das aufrichtig in Deinem nachsten Briefe. Das Maass der Deutlichkeit unserer Vorstellungen h i e r u b e r bestimmt wohl zumeist das Nothwendige oder Zufallige einer Richtung.

Ich bin begierig auf Deine Antwort, lieber Hugo. Lebe bis dahin recht glucklich. Ganz der Deinige.

Emma an einen Geistlichen

Wenn ich aus Grunden, die Sie, theuerster Lehrer, heller durchschauen, als ich sie angeben darf, in den Briefen an meine Mutter nur allgemeine Umrisse der verflossenen Tage, der neuen Verhaltnisse, der Personen, welche diese bilden, hinwerfe, so will ich Ihnen in dem Allen m i c h s e l b s t mit meinen innigsten Gefuhlen, mit meinen geheimsten Gedanken ungetheilt geben. Sie sollen niemals aufhoren, mich in jedem Zuge der Seele, in den bangen Regungen, wie in der stillen, sichern Befriedigung des empfundenen Daseins zu begleiten. Durch Sie will ich mich und Andere verstehen lernen.

Lieber, vaterlicher, verehrter Freund! es ist nicht alles mehr so einig in mir wie sonst. Jeder Schritt vorwarts in das Leben hinein offnet neue Ansichten, theilt den Blick, vervielfaltigt die Eindrucke. Ich werde nicht irren, aber vielleicht unbillig sein, und hieruber bin ich angstlich.

Erschrecken Sie nicht. Es ist nichts vorgefallen, es hat sich nichts verandert, i c h , i c h allein muss anders geworden sein!

Das Leben hort auf, dasselbe zu bleiben, seit die leichten Umrisse sich plotzlich korperlich gestalten, die Dinge z w e i Seiten gewannen, ein jedes Dasein fur sich, wie im Zusammenhange mit Andern betrachtet sein will. Meine einfache Weise es zu nehmen, passt nicht mehr. Es wird so voll, so laut um mich. Weder die innere noch die aussere Stimme reicht aus, mich meiner Welt verstandlich zu machen. Ich werde in dem Maasse sprachloser, als mir die rechten Worte fehlen. In dieser Einsamkeit der Seele qualt mich ein entsetzlicher Zweifel. Ich furchte, nicht im Einverstandniss mit Gott gewunscht, gewollt, und in der Gebetserhorung nur eine Prufung ersturmt zu haben, die um so schwerer zu bestehen sein wird, als sie mich nicht allein trifft.

Sehen Sie, das ist es, das ist es hauptsachlich, was mich beugt. Ach Gott! und ich kann mich fast nicht langer tauschen, dass ich unbewusst zwar, doch nicht unschuldig das Geschick des geliebtesten Menschen verwirrt, einen Vorwurf auf sein grosses Herz geladen habe! Hugo's kuhner Gang wird durch mich gehemmt.

So k a n n und d a r f ich nicht einmal versuchen, seinen Weg zu gehen. Ich erschrecke oft, wenn es mir klar wird, dass er den Kampf allein hatte ausfechten, ich aber im Verborgenen, beschrankt und entsagend, fur ihn beten sollen, ohne unser beider Geschick in unklare Beziehung zu einander zu stellen.

Vielleicht war ich uberhaupt nur fur das Kloster geboren. In der Dunkelheit entfaltet sich das Geheimniss des Innern am besten.

Hier, unter so verschiedenen Menschen, zwischen die entgegengesetztesten Richtungen geschoben, wie kann ich, ohne anzustossen, mich frei bewegen?

Der Comthur, der mir eigentlich eine Stutze sein musste, verletzt mich durch sichtliche Abgeschlossenheit gegen Hugo. Er misstraut diesem, und scheint auf der Huth gegen Angriffe, welche gleichwohl nie erfolgen. Mich betrachtet er oft bedenklich. Sein ernster, hoher Blick wird dann von unverkennbarer Ruhrung gemildert, er findet immer ein inniges Wort fur mich. Der Ton der Stimme, das Herabbeugen des stolzen Nackens, die stumme Sprache seiner Mienen, alles an ihm athmet in solchem Augenblicke fast unwiderstehliche Warme, ich glaube, wir verstehen uns dann vollkommen, allein wir gleiten beide uber das hinweg. Ich wusste nicht, wie ich es anfinge, ihm gegenuber gewisse Saiten zu beruhren, die nur den Misston zwischen Oheim und Neffe noch scharfer herausheben wurden. Ich fuhle ja ohnehin deutlich genug, dass Hugo niemals darin gewilligt haben wurde, sich mit dem Urheber so grosser Familienstorungen auf eine Weise zu vergleichen, die ihm druckende Verpflichtungen auflegt, ware es nicht in Bezug auf die Verbindung mit mir geschehen. Auch hierin glaube ich ein Werkzeug hohern Willens zu sein. Mit heimlichem Stolze betrachtete ich mich, als unverkennbare Vermittlerin verjahrter, gehassiger Missverstandnisse. Allein auch hier diente ich nur, den stumpf gewordenen Stachel tiefer in die alte Wunde zuruckzudrucken. Was vergessen, oder unbeachtet, mit der Zeit seine Scharfe verliert, das wetzt sich an den taglichen, unmerklichen Reibungen so schneidend heraus, dass jede Beruhrung verwundet. Ich fuhle Hugo etwas Aehnliches an. Er wird immer einsilbiger. Auf seinem Gesicht liegen die Schatten unausloschlicher Schwermuth, selbst wenn er lacht, verdunkelt sich sein Auge, als schelte es die Lippen, dass sie sich so leichtsinnig offneten.

So gehen wir in sehr verschiedener Seelenstimmung neben einander hin. Der Comthur mag wohl denken, die Einsamkeit drucke auf uns. Er sinnt daher auf Veranderung. Wir durchstreifen die Gegend um das Schloss nach allen Richtungen, ohne gleichwohl Bekanntschaft zu machen. Gestern endlich fuhrte er uns bei einer Dame der Nachbarschaft ein. Ich hatte seit meiner Verheirathung wenig von der geselligen Welt gesehen. Mir fiel jetzt Manches auf, woran ich sonst gewohnt war. Ich kam mir hier sehr einsam vor. Der Abend war auf diese Art ziemlich langweilig hingegangen. Wir sassen noch spat im Freien. Der Mond stand hell am Himmel, sein liebes, ruhiges Licht flimmerte silbern durch die Zweige Ich sass ganz im Schatten, vor mir dehnte sich ein runder Platz, uber den die breiten Lichtstreifen ausgegossen lagen. Da sehe ich einen Herrn und eine Dame auf uns zukommen. Die Frau des Hauses wird ihrer nicht sobald gewahr, als sie mit den Worten aufsprang: "Ach! da ist sie ja dennoch! Willkommen, willkommen, liebe Elise." Meine Aufmerksamkeit wurde sehr naturlich auf diese gerichtet; sie ging mit leichtem, freiem Schritt uber den erhellten Rasensitz, ihre Gestalt schwamm im Schein des Mondes, es war, als umfliesse sie ein durchsichtiger Glanz. Sie kam mir ausserordentlich schon vor, ich betrachtete sie mit grosser Ueberraschung, und als sie anfing zu sprechen, klopfte mir das Herz, wie beim Tone unsichtbarer Musik. Wir waren einander jetzt ganz nahe. Unsere Wirthin stellte uns gegenseitig vor. Ich konnte nichts sagen, meine Zunge stockte wie gebunden. Die Fremde blieb unbefangener. In ihrem Benehmen lag die reizendste Sorglosigkeit. Sie sah umher, und schien jemand zu suchen. Hugo stand ihr in demselben Augenblicke zur Seite. Er war durch ihren Anblick eben so sehr uberrascht. "Aha!" rief sie aus, als er ihr genannt ward. Beide betrachteten sich aufmerksam. Mich uberfiel eine unbegreifliche Angst. Es war, als musse ich zwischen sie und Hugo treten. Ich konnte mich auch lange nicht wieder finden. Seitdem bekampfe ich vergebens ein banges Vorgefuhl, dass an jener Minute die Wendung meines Erdengeschicks hange. Ich schelte mich daruber, ich verbanne es als straflichen Aberglauben, aber ich kann es nicht los werden.

Spater, da wir in die erleuchteten Zimmer des Hauses zuruckgingen, der Einfluss geheimnissvoller Dammerung vor einer bestimmten Klarheit verschwand, die Formen des Herkommlichen ohnehin den Phantasiespielen ein Ende machten, gerieth ich dem allem ohnerachtet in einen hasslichen Widerspruch mit mir selbst, als jene anziehende Erscheinung mich aufsuchte, fast vertraut mit mir redete, ihre Freundschaft fur das Stiftsfraulein erwahnte, sich dadurch in Beziehung zu uns allen setzte, Bekannte und meine Willfahrigkeit in Anspruch nahm, solches Entgegenkommen wenigstens in etwas zu beantworten. Werden Sie es glauben? ich fuhlte mich zugleich hingerissen und erstaunt. Mein Auge, meine Gedanken, mein Gefuhl lag fest, wie gebannt durch einen Zauber, auf dem Ausdruck des schonsten, ja ruhrendsten Gesichtes, das ich jemals sah. Alles spricht darin, der Blick, das Lacheln, der weiche Ton einer fast durchsichtigen Haut, die wechselnden Mienen, die Harmonie vollkommen gebildeter Zuge. Ich sah mehr, als ich horte. Sie errothete oftmals wie beschamt uber mein stummes Anstarren. Ich besann mich. Wir sprachen seitdem wie Menschen, deren Bekanntschaft durch Anderer Vermittelung vorbereitet ist. Es kam zu Einladungen und Versprechungen baldiger Besuche. Der Comthur zeigte sich galant und liebenswurdig. Hugo trat aus seiner Verschlossenheit hervor. Nie sah ich ihn bereitwilliger die Faden des Gesprachs aufnehmen, zusammenwerfen, um Gefuhle und Anschauungen daraus hervorgehen zu lassen. Elise war bei der Abendtafel seine Nachbarin. Sie weiss mit Anmuth einen leichten Streit geistreich zu fuhren. Sichtlich wollten beide vor einander glanzen. Sie steigerten sich im Laufe der Unterhaltung bis zu einem Punkt, der wirklich blendende Funken uber den ganzen Kreis ausstreute. Der Wettkampf hatte sie, wie durch eine Reihe electrischer Schlage, mit einander in Beruhrung gebracht. Es lag in ihrem Ton vertraulicher Scherz und Wohlwollen. Sie kannten sich schon von fruher. Niemand war Sieger geblieben, aber keinem von beiden war es entgangen, wie viel ein jedes in die Waagschaale zu legen vermochte. Ich hatte mit gelacht, geredet, sie durch Widerspruch gestachelt; doch es war nicht unbewusster Trieb, es war Stolz, Unruhe, Furcht, hier unbedeutend zu erscheinen, die mir Worte gab, mich zur Theilnahme fortriss. Sehen Sie, und nun ist mir das unbehaglichste Gefuhl, eine Art Verlegenheit gegen Elise, gegen Hugo, ja gegen die ganze Gesellschaft geblieben, die mich zugleich demuthigt und erkaltet.

Was ist das? Ist es Demuth? Eifersucht? Nicht wahr, ich, ich bin anders geworden. Musste so bald der ruhige Einklang bescheidner Anspruche an dem Wechselverkehr des Lebens scheitern? Ist es auch denkbar, am Hofe erzogen, bringt eine Abendversammlung auf dem Lande mein Gemuth in Verwirrung. Ich bin entschlossen, mich selbst fur so viele Thorheit zu strafen. Noch heute will ich die gefahrliche Elise aufsuchen! Es ist doch sonderbar, dass mich das so viel kostet.

Wie beneide ich jetzt die Menschen, die durch Orden und Gelubde in einer bezeichneten Granze gehalten, sich selbst treu bleiben! Niemals war es mir begreiflicher, dass man der Welt gern entsagt, um das Gewissen zu retten. Ach! eher ein Gluck aufgeben, als es unter Vorwurf und Zweifel h a l b sein nennen.

Sie, Sie, mein einziger Vertrauter, sollen mir helfen, mich wieder zu finden. Werden Sie anstehen, mir die Wahrheit zu sagen? Kann auch die zartlichste Schonung zogern, Wunden zu schlagen, um das Gift aus der Seele zu ziehen?

Hugo an Heinrich

Ich habe recht sehr uber Deinen Brief gelacht. Du hast immer noch die alte Gewohnheit, bei einem freundschaftlichen Besuche den Gallarock uber das Hauskleid anzuziehen. Wozu der Prunk mit mir? Ich kenne die Gelegenheit, und weiss, was diese taglichen Redensarten bedeuten. Gerade herausgesprochen, Du bist irre an mir geworden, und willst wissen, woran Du bist.

Ich kann Dir es nicht verdenken, wenn Du Dir uberhaupt etwas Besonderes bei mir gedacht hast. Lieber Heinrich! es geht Freunden, wie Eltern und Verwandten, die immer das Ausserordentliche von denen erwarten, die ihrem Gefuhle am nachsten stehen. Selten ist dies aber etwas mehr als schwankende, in das Blaue hineintaumelnde Vorstellung von allgemeiner Beruhmtheit. Ich brauche Dir nicht zu sagen, wie uns da die Eitelkeit ein X fur ein U vormacht.

Deine Frage, auf die es Dir hauptsachlich ankommt, und die eigentlich nichts anders heisst, als ob ich wirklich jemals gewusst habe, was ich wollte? sagt mir, dass es Dir auch nicht sonderlich klar geworden ist, was ich s o l l ?

Wir waren beide einmal jung, wie andere Junglinge. Lass es dabei, Heinrich, und frage nicht weiter. Ich bitte Dich, sieh' um Dich! da lernt man schweigen, und den Narrenspossen den Abschied geben.

Hast Du nicht mehr Achtung fur die Idee, als dass Du sie abhangig glaubst von dieser oder jener Stellung im Leben? S i e stirbt nicht, da sei Gott vor! Er weiss, wenn die Sonne scheinen oder Dunste sie verhullen sollen. Man muss warten konnen, Doch diese Kunst ist nicht leicht. Basta! hieruber! Worte thuns nicht. Eins ist indess eine gar zu schwache Stelle in Deinem Briefe, die muss ich doch rugen. Du thust ja, als habe ich mich von meinem Oheim fur bequemen Lebensgenuss erkaufen lassen und ihm meine bessere Ueberzeugung mit in den Handel gegeben. Warest Du ohne so viel Umstande geradezu in meine Stube gekommen, und hattest Dich darin umgesehen, so wurdest Du Bescheid wissen.

Das Verhaltniss zu dem Comthur ist Folgendes:

Mein Vater ging seines Erbes aus Ursachen verlustig, die Du kennst, sein Bruder trat in seine Rechte. Er wird Geistlicher, d e r Zweig ist todt. Nun entsteht die Frage, rankt eine Nachbarpflanze an dem Stamme heran? oder ist der junge Schossling, der aus der Wurzel heraustreibt, durch Saft und Blut mit jenem eins geblieben? und werth erkannt, das Ganze zu beleben? Diese Frage entstand immer einmal. Ob nach dem Tode des Oheims? oder bei dessen Lebzeiten? Der ganze Unterschied ist der, dass sie jetzt schneller entschieden ward.

Kam mir das Erbe zu, sollte ich es wegstossen? Weshalb? wozu? Sage doch, glaubst Du, dass man Flugel bekommt, wenn man dem Gluck ein Schnippchen schlagt und sich in seine Armuth hullt. Wem die Flugel gewachsen, den tragen sie wohl, wohin er Lust hat. Die Metapher hat uberdem seit der Geschichte des Ikarus einen Stoss weg. Brauche sie nicht mehr, es liegt etwas Lacherliches darin.

Und nun zu andern Dingen.

Es mag Dich unterhalten, wie wir hier leben.

Recht ertraglich, ich versichere es Dich. Die schonen Waldungen, welche unmittelbar hinterm Schlossbezirk anheben, die Hohen bekranzen, spiegelhelle Seen umschliessen, und sich bis an den Strom ausbreiten, wurden hinreichen, eine mannigfaltige Unterhaltung zu geben. Ich hause hier Tage lang. Wege und Stege sind mir uberall bekannt. So manches kleine Abentheuer mit Menschen und Thieren stosst mir hier auf. Jager, Reisende, Arbeiter und Bettler, alle geben mir Stoff zu Beobachtungen, mit allen gerathe ich in Beruhrung, schwatze, verkehre mit ihnen. Ich kenne nach gerade ihre Art. Es wird mir leicht, ihnen in ihrem Ideengange zu folgen. Wir sind sehr eitel, Heinrich, wenn wir uns einbilden, auf solche Leute herabzusehen. Ich weiss, man hat das schon oft gesagt, aber ich denke mir vielleicht etwas anders dabei. Es ist nicht sowohl, dass sie auch ofters Geist, Gemuth, Verstand haben wie Andre, mir fallt besonders auf, dass sie diesen Verstand so scharf auszubilden, so gerade zu richten, und so fest zu halten verstehen. Bei grosserer Lebensfrische bleibt ihnen auch langer die gesunde Art des Gebrauches. Der Kreis, in dem sie sich bewegen, ist eng, das ist wahr, aber sie sind Herr darin, und was hinein fallt, verfallt ihrem Urtheil, das dann auf energische Weise die Dinge auf beide Fusse stellt, und sie zeigt, wie sie sind. So flach hin sehen sie nichts an, bis auf den rohen Frevler, fasst jeder seinen Gegenstand ganz und tuchtig. Man kommt auf besondere Resultate im Umgange mit ihnen. Sie sind doch wenigstens e t w a s . Was sind wir? Wir werfen ihnen die Rohheit ihrer Laster vor, und nennen deren Quell: thierische Selbstliebe. Die Sunde, ohne Deckmantel erregt ungefahr das namliche Entsetzen, als wenn man sich in einem entstellenden Spiegel sieht. Es ist die Phisiognomie, es sind die Grundzuge, nur durch zufallige Bedingungen verschoben. Verfeinerter Egoismus geht u n t e r h a l b der Formen weg, ohne diese sichtbar zu erschuttern, er grabt nach Innen, und verwustet da unmerklich so viel, als sein frecher Zwillingsbruder ausserlich zu Stande bringen kann. Menschen aus den untern Klassen stehen, wie das Wild der Forsten, in einer Art Krieg mit der Welt. Darum ist so viel List und Spurkraft in ihnen. Ihre Taktik macht meine Bewunderung aus. Nenne diese immerhin beschrankt. Wer sieht denn viel rechts und links, wenn er auf etwas Bestimmtes los geht? Der Instinkt findet seine Schranken vorgezeichnet. Die Erfahrung muss sie erst ziehen l e r n e n .

Und lieber will ich blind geboren s e i n , als blind werden!

Mein loses Gesindel im Walde hat, ich versichere Dich, eher die Gabe, das Unsichtbare zu fuhlen, als wir andern, an den Block vornehmer Einseitigkeit Geschmiedete. Die Begriffe der Letztern, die nicht mehr Anschauungen sind, machen sie ganz aberwitzig. Ich bin nun einmal auf die Natur jeder Gestalt angewiesen. Es ist so viel Wehmuth in ihrer Entstellung. Mir erscheint sie oft, wie ein schones Kind, das die Blattern verzerrte. Die Augen sind doch wenigstens geblieben. Zuweilen blinkt eine Thrane darin, und dann spiegelt sich der Himmel zuruck.

Meine gegenwartige Lage passt auch wohl noch am meisten fur mich. Ich bin freier, als irgendwo. Emma ist das beste Herz. Sie lasst mich thun, was ich will. Ich danke es ihr, und freue mich, dass sie eine Unterhaltung in der Gesellschaft einer artigen Frau der Nachbarschaft gefunden hat, ja einer s e l t e n e n Frau, Heinrich, wie ich glaube. Sie ist sehr geistreich, und s c h e i n t es nicht zu ahnden. Ihr Wesen hat die Farbe der arglosesten Heiterkeit. Mir gefallt sie ungemein. Ich kenne nichts Einfacheres als sie. Ihr Mann ist eine ziemlich gewohnliche Figur, nicht ohne Verstand, doch auf den ersten Blick hat man das Zunftmassige an ihm weg. Er gehort zu den Leuten, deren Meinungen sich den Verhaltnissen so anpassen, dass sie bald nicht einen Funken Eigenthumlichkeit mehr haben. Zuletzt schrumpfen sie ganz eng zusammen. Je trockner sie dann werden, je r e i f e r glaubt man sie. Du kennst wohl diese Art Menschen, die bis auf das stumme Lacheln immer ein Urtheil aussprechen. Ich lasse sie gern bei Seite. Dieser liess mich aber nicht. Wahrscheinlich wollte er sehen, ob ich wisse, wie sehr ich ihm verpflichtet. Er hat an der Entscheidung meiner Angelegenheit grossen Theil. Wir sprachen daruber. Ich weiss selten viel zu sagen, insbesondere wenn ein Anderer mich horen will. Hier lag mir noch dazu etwas ganz Fremdes im Sinne. Ich suchte mir es deutlich zu machen, wie d e r Mann zu einer s o l c h e n Frau kommen konnte? In einem Haare hatte ich laut aufgelacht! Man zeichnet keine argeren Karikaturen, als die, welche Zusammenstellungen aus dem Leben bilden!

Darin liegt der Witz der grossen Welt, durch den sie sich uber sich selbst lustig macht. Wer diese Seite an ihr weg hat, der kennt keine Langeweile. Ich furchte dies Gespenst sonst mehr als die getraumten, und sah mit einer Art heimlichem Grauen auf eine sogenannte allerliebste Parthie im Grunen, zu der uns die Grafin Ulmenstein bei sich einlud. Da nun das Grun jetzt schon ziemlich gelb ist, die modernen Garten mit ihren vielen abgestreiften Pappeln kahl und durr aussehen, die Gesellschaft mir fremd war, unsere Wirthin ohne Jugendreiz, den Mangel an Geist durch viele unruhige Eitelkeit ersetzt, welche ihr das Pradikat: die S e e l e d e r G e s e l l s c h a f t erwarb, so hegte ich grosses Misstrauen gegen den versprochenen Zauber der Abendversammlung.

Aber siehst Du, alles das waren falsche Schlusse. Denn erstlich nahmen sich die geputzten, stadtischen Figuren unter dem herbstlichen Blatterdache, von manchem scharfen Windstoss getroffen, in ihrer Toilette derangirt, und auf diese achtend, so gezwungen, so unsicher, so sichtlich unbequem aus, dass ihre Muhe, sich und Andern hierin zu entgehen, allein schon eine komische Unterhaltung bot. Dann belustigte mich auch die Art und Weise der Grafin ungemein. Die Sicherheit, mit der sie das Gewohnliche fur etwas Besonderes ausgiebt, und wirklich ihren Zweck erreicht, niemals um eine Antwort verlegen ist, jede Einwendung berichtigt. Ich sage Dir, es ist zum Todtlachen! Und Viele lassen sich belehren, obgleich eigentlich kein Sinn und Verstand in allen den angefuhrten Grunden ist. Wie geht das zu? Solche Probleme machen mir sehr viel Spass! Ich bin diesem indess ziemlich auf der Spur. Die Frau ruckt gleich mit ganz ausserordentlicher Hoflichkeit ins Feld. Dadurch stumpft sie, von Hause aus, die Waffen ihrer Gegner ab, dann wickelt sie die Aufmerksamkeit eines Jeden, den sie uberzeugen will, mit unglaublicher Behendigkeit auf einen Knauel, in welchem die gemischten Faden zusammen laufen. Niemand ist im Stande, einen einzigen festzuhalten. Mit dem Letzten schurzt sie dann geschwind das Ganze zusammen und wirft den Ball auf gut Gluck in die Luft. Man sieht ihn fliegen, und lasst es gut sein! S i e ist fertig. Die Wenigsten denken daran, dass sie es nicht sein konnen. Dadurch behauptet sie ihren Ruf. Selbst der Comthur glaubt einigermassen an sie. Sein Benehmen druckt eine Berucksichtigung aus, die eigentlich nichts rechtfertigen kann, als eben dieser Ruf. Ueberhaupt finde ich die heutigen alten Leute immer viel leichter bestochen und uber die Gegenstande der Anerkennung getauscht, als unsers Gleichen. Dem galanten Manne aus jener Zeit fallt es nicht ein, dass eine Frau v o n T o n anders als bedeutend sein konne. Der Onkel beweist mir ubrigens taglich mehr, dass die Abgeschlossenheit, in der er so streng verharrt, nichts als ein enger Rock ist, der ihn tausendmal kneift, und ihn gleichwohl nicht ablegt, weil er einmal der Welt darin bekannt ist. Zuweilen knopft er ihn auf. Dann schlagt sein Herz frei, die Worte gehen von selbst uber die Lippen, er wird ein anderer Mensch. Unsere Nachbarin, die schone Elise, gilt viel bei ihm, und er huldigt ganz unverholen dem jugendlichen Reiz ihrer lebendigen, geistvollen Unterhaltung. Ich sehe aus allem dem, dass wir mit dem Hause des Prasidenten in ein freundschaftliches Verhaltniss treten werden. Die wenigen Monate, die wir auf dem Lande noch zuzubringen gedenken, mag, wie gesagt, ganz angenehm fur Emma sein. Ich bin wenig dabei interessirt. Die hubsche Frau musste es sonderbar anfangen, wenn sie mich meiner Waldeinsamkeit entrisse! Dort geben mir meine Landstreicher etwas auf zu rathen. Wenn sie nicht selbst eine besondere Art von Rathsel ist, so wurde sie Muhe haben, mich zu fesseln. Zur Zeit ist mir nichts an ihr unbegreiflich, als ihre Heirath. Doch uber dies Kapitel kann man bis zum Wahnsinn grubeln, und man kommt damit nicht aufs Reine.

Lebe wohl? Solche Gedanken verweht ein rascher, scharfer Nachtwind am besten! Ich gehe auf die Jagd. Noch einmal, Lebe wohl!

Rosalie an Agathe

Warum Du auch gerade in den Paar Tagen, die wir in der Stadt zubringen wollen, den fatalen rothen Fleck auf die Backe kriegen musstest! Er entstellt Dich eigentlich gar nicht, und wer es nicht wusste, hatte es kaum bemerkt. Aber Mama sagte noch unterweges: Eine junge Person konne nicht angstlich genug sein, sich jeden Augenblick auf das Vortheilhafteste zu zeigen. Oft reiche ein einziger, ungunstiger Eindruck hin, ihre ganze Zukunft zu untergraben. Und darum sei es recht gut, dass Du zuruckbleiben, und Dich auf dem Lande verstecken konntest. Mama hat in so etwas sehr viel Erfahrung! Ueberhaupt ist sie unglaublich klug. Denke Dir, sie hat es richtig dahin gebracht, dass ihr gestern der neue englische Gesandte und seine Frau die erste Visite machen mussten. Es war ubrigens einmal wieder so voll in unserem Salon, wie mitten im Carnaval. Ich hatte das neue Pariser Linonkleid an, und die Haare von Charles arrangirt, Du kennst seine einzige Art. Curd sagte, ich sahe gerade aus, als hatte man mich aus dem hubschen Wiener Modejournal herausgeschnitten. Ich fand, dass er Recht hatte. Meine Toilette war ausserst modern, und sehr gelungen, denn der Lord und die Lady fixirten mich mehrmals, und sagten dann zur Mama: ob ich in Paris erzogen sei? Mama lachelte geschmeichelt, musste aber die Wahrheit bekennen, was ihr, denke ich, sehr zur Ehre gereicht, da wir doch allein durch sie sind, was wir sind.

Stelle Dir vor, der Nachbar der Tante, Baron Wildenau, liess sich mit seinem Sohne melden, gerade als die ganze elegante Welt bei uns versammelt war. Ich hatte bald den Tod vor Schreck. Erinnerst Du Dich wohl noch den langen, dunnen, ungelenken, verdriesslichen Leontin, der so oft, wahrend unsers langweiligen Aufenthalts bei der guten Tante, auf einem abscheulich hasslichen Schimmel geritten kam, einen schiefen Diener machte, an der Thure stehen blieb, und kein Wort sagte? Mir war die Figur unvergesslich geblieben. Es sind vier Jahre her, wir waren beide ziemlich klein, aber ich sah uns noch verstohlen hinter der Gardine, so oft die Visite im Anzuge war. Nun mache Dir einen Begriff von Mama's Verlegenheit, wie der Name Wildenau genannt ward! Sie behielt keine Zeit, etwas zu erwiedern, die Thuren gingen auf, Vater und Sohn standen vor uns. Es ging aber Gottlob besser, als ich dachte. Der Baron sieht am Ende aus, wie viele Leute seines Alters, und Leontin hat sich ziemlich ausgebildet, seit er von seinen Reisen zuruck ist. Mama sagt auch, er sei allenfalls zu produciren, ob er gleich ausserordentlich zuruckhaltend ist, auch viel steifes Wesen behalten hat. Ob er sprechen kann? weiss ich nicht, ich glaube aber, damit ist es noch so, wie sonst. Im Ganzen nimmt er sich aber, ich versichere Dich, ganz leidlich aus, und wenn er nur einen ordentlichen Contretanz in Paris einstudirte, so werde ich es auf dem nachsten Balle nicht ausschlagen, mit ihm zu tanzen, denn, wirst Du es glauben? die Lady betheuerte, sie habe den Herrn fur einen Englander gehalten. Ich musste beinahe laut auflachen, dachte ich an unsere fruhere Bekanntschaft zuruck.

Weisst Du, Agathe, ich ware rasend gern eine Lady. Es klingt so erstaunt appart. Diese hier ist zwar gar nicht auffallend. Ich hatte es ihr nicht angemerkt, dass sie ubers Meer kam. Ja, um aufrichtig zu sein, ich wurde sie eher fur eine Dame aus der Provinz gehalten haben. Sie zieht sich geschmacklos und doch ubertrieben kostbar an, sitzt ganz grade, und bewegt sich nur selten, wenn sie spricht. Es klingt immer, als wenn sie blode und unsicher ware; das schadet ihr aber alles nicht, sie wird doch ausgezeichnet, da sie eine Fremde ist. Das thut gar zu viel in der Welt. Mein Gott, warum kann ich nicht fur e i n e n Winter nur, eine Fremde sein!

Der Baron hat Mama gebeten, Leontin in der Gesellschaft Zutritt zu verschaffen. Mama warf einen ihrer prufenden Blicke auf den jungen Menschen, als wenn sie sehen wollte, ob es sich der Muhe verlohne? Er stand vor ihr, liess den Vater fur sich sprechen, setzte nicht eine Sylbe hinzu, und wandte sich, mit dem gleichgultigsten Gesicht von der Welt, wieder ab, als beide aufhorten, von der Sache zu reden. Mich betrachtete er ein paarmal, ohne indess eine Miene zu verziehen. Curd lachte mich daruber aus, ich musste wohl oder ubel, mit lachen, unser stumme Gast ging eben voruber. Ich horte, wie ihn Curd ziemlich spottisch fragte, weshalb er nicht die alte Bekanntschaft mit der Tochter des Hauses erneuere? Leontin sah ihn verwundert an, indem er kurz und trocken erwiederte: "ich fand noch keine Veranlassung dazu!" Findest Du das nicht hochst sonderbar? Mir scheint es unhoflich.

Stelle Dir vor, alle Leute sind hier voll von der Schonheit unserer neuen Nachbarin. Man ubertreibt wieder einmal auf das Lacherlichste. Mama sagt, es thue ihr leid um die kleine Frau. Wenn sie erscheinen werde, dann sei es Jeder schon mude, von ihr zu sprechen, und sie werde damit enden, gar nicht zu gefallen. Hugo hat ganz den Ruf eines interessanten Sonderlings. Ich werde von aller Welt uber ihn befragt. Es ist wahr, er ist der schonste Mann, den ich kenne.

Morgen sind wir auf ein Dejeuner beim russischen Gesandten. Der Hof wird auch da sein. Die himmlische Meierei an der Burgwiese ist neu dazu eingerichtet. Ich freue mich unmenschlich darauf. Arme Agathe, wenn Du doch auch hier warest!

Ich schicke Dir diesen Boten, um Dich zu bitten, dass Du mir Deinen allerliebsten Basthut mit den Veilchen leihen mochtest. Thue mir den einzigen Gefallen, liebe Schwester. Siehst Du, meiner hat auf dem Transport einen Kniff in der Krempe gekriegt, und seit ihn die Nettencourt in die Hande genommen hat, um ihn wieder zurecht zu machen, ist er total verdorben. Mama schwort, dass sie es absichtlich gethan hat, aus Aerger uber die franzosische Waare. Nicht wahr, Du leihst mir Deinen? Ich rechne bestimmt darauf. Es ware auch unglaublich unfreundlich, wenn Du mirs abschlugst. Jetzt kannst Du ihn ja doch nicht gebrauchen. Mit dem enormen Fleck auf der Backe, wurdest Du doch nicht erscheinen konnen, und Mama gabe es auch gar nicht zu, k o n n t e es um Deinetwillen nicht zugeben. Siehst Du, und im Winter ist er aus der Mode, dann schenke ich Dir einen neuen. Ich spare schon Geld dazu. Vielleicht brauche ich das nicht einmal zu thun. Es kann sich wohl bis dahin Vieles andern! Weisst Du, die Tante ist sehr krank, Baron Wildenau sagte es gestern. Wenn sie stirbt, sind wir die reichsten Parthien im Lande. Dann kriegen wir auch Zobelpelze zu Weihnachten! Das Dummste ware nur, wenn sich die Krankheit noch lange hinzoge, und der Tod uns die Trauer mitten im Carnaval auflegte. Wer will aber so weit vorausdenken? Und nicht wahr, Agathe! Du schickst mir den Hut?

Adieu, liebe Schwester! Ich umarme Dich tausendmal.

Antwort

Du bist unausstehlich mit Deinen ewigen Pratentionen. Niemals hast Du was, und doch willst Du immer und ewig mehr als andere Leute vorstellen. Den Hut hast Du Dir ja muthwillig, durch das unaufhorliche Aufprobiren verdorben. Standest Du denn nicht den ganzen Morgen vor dem Spiegel, und schobst und rucktest daran, und drehtest den Kopf hin und her, unter lauter Trillern und Singen, dass mir noch die Ohren davon wehe thun. Die Nettencourt sollte ihn heimlich wieder zurechtmachen. Du hast Dich wohl gehutet, Mama zu bekennen, was eigentlich damit vorgegangen war; und nun muss die arme Person die Schuld auf sich nehmen. So machst Du es immer.

Wenn Du ein gutes Herz hattest, so wurdest Du wohl daran denken, was es mich kosten muss, hier so allein zu sitzen, wahrend Du Dich gottlich unterhaltst. Du wurdest Mitleid mit mir haben, und nicht noch eine Gefalligkeit obendrein von mir fordern. Es ist wahrhaftig kein geringes Opfer, was ich bringe, wenn ich Deinen Wunsch erfulle. Ich thue es aber recht ungern, das versichere ich Dich, denn dass ich den Hut niemals wieder werde aufsetzen konnen, davon bin ich uberzeugt. Du verdirbst ja gleich alles, was Du anfasst. Und wiederkaufen kannst Du mir auch keinen andern. Mein Gott, Rosalie! Dein Taschengeld reicht ja niemals aus.

Was Du von dem Tode der Tante sagst, ist recht sundlich. Ueber dergleichen muss man niemals leichtsinnig reden. Und wer weiss denn auch, ob sie so reich ist?

Ein rechter Querstrich ware es doch bei allem dem, wenn mir auch noch die Wintervergnugungen verdorben wurden! Ware dies der Fall, ich wurde noch mehr weinen, als ich es jetzt schon thue!

Ja gewiss, ich schwimme in Thranen, wahrend Du Dich mit meinen Sachen putzest, und zu den Festen fahrst. Morgen bleibe ich gewiss bis Mittag im Bette. Ich will nicht sehen, ob es Nacht oder Tag ist.

Mama mag sehr klug sein, aber sie ist auch sehr sonderbar. Um solche Kleinigkeit so viel angstliche Rucksicht! Glaube mir, mit meiner Figur, mit meinen Augen, hatte Niemand auf ein Bischen unruhige Haut gesehen. Aber ich weiss schon

Sage mir doch, ist noch Niemand in der Stadt angekommen? Er wollte doch schon Ende vorigen Monats dort sein. Statt von dem langweiligen Leontin zu schreiben, hattest Du mir etwas Interessanteres mittheilen konnen.

Verbrenne um Gotteswillen dies Blatt, damit es kein Mensch sieht, am wenigsten Du verstehst mich wohl.

Ich schliesse hier, der Bote eilt. Mein Himmel, Du wirst ja doch noch zeitig genug zu Deinem brillanten Dejeuner fertig werden.

Geh nur! geh! Du bist nicht halb so gefuhlvoll, als ich. Das ist auch mein einziger Trost. Die Besten mussen immer am meisten leiden! Adieu!

Elise an Sophie

Ich schreibe Ihnen mit Bleistift auf einer sehr lustigen Jagdparthie zwei Worte durch Curd, der durch alle erdenkliche Mittel imponiren will, in der Geschwindigkeit eine Reise nach Italien macht, und noch diesen Abend dahin abgeht. Er trifft Sie in Florenz, und bringt Ihnen mit tausend warmen, zartlichen Grussen dies Blatt. Mogen Sie lesen konnen, was es enthalt. Ich furchte, die Schriftzuge werden ziemlich verwischt zu Ihnen gelangen.

Nun auf gut Gluck!

Zuerst, was Sie interessirt. Ihre jungen Freunde sind hier, gefallen beide, sind liebenswurdig, und scheinen glucklich. Ich bin ihnen von Herzen ergeben. Emma bezwingt mich durch etwas Unwiderstehliches, das ich nicht nennen kann. Es ist viel stille, geistige Fuhlbarkeit in ihr. Die dunkeln Augen werden eben so oft feucht, wie der allerliebste Mund lachelt. Alles an ihr ist leise, unkorperlich mochte ich sagen.

Der dicht umschlossene, ruhig bewegte Waldsee, an dem ich hier sitze, giebt mir das beste Bild von ihr. So erscheint sie mir.

Dem sonderbaren Hugo fallt das Meiste im Leben von selbst zu. Er bemuht sich nicht darum. Er hat es. So auch die Aufmerksamkeit, die Theilnahme, die Bewunderung der hiesigen Gesellschaft. Ich hatte Unrecht gethan, Absicht bei ihm vorauszusetzen. Was er sagt und thut, ist immer unwillkuhrlich. Das Ausserordentliche liegt ihm vielleicht naher, als Andern! Ich kann nicht eben finden, dass er mich blende. Im Gegentheile, es ist das Unscheinbare in seiner Art und Weise, wodurch er die Gedanken frei an sich heraustreten, und sie in ihrer Naturlichkeit jedem verwandt, empfinden lasst. Es liegt hierin eine Magie, das ist wahr! Aber der Genius der Natur giebt sie allein. Gewohnliche Taschenspielerkunste wurden es nicht so weit bringen.

Ich gerathe zu tief in den Text hinein. Das Blatt ist zu Ende. Leben Sie wohl, geliebte Ungetreue! Sein Sie gewiss, Sie fehlen mir gerade jetzt am meisten.

Apropos, Eduard lasst Sie grussen. Auch Georg, der allerliebste kleine Junge! Beide trugen es mir schon langst auf. Noch einmal, leben Sie wohl!

Der Geistliche an Emma

Vor allem, meine gnadige Frau, empfangen Sie den innigsten Gluckwunsch zu Ihrer Ruckkehr in die Heimath. Ich weiss Sie gern an dem Ort Ihrer Bestimmung. Es ist mir so gewiss, dass Sie dort, wo Beruf und Wirksamkeit Ihrer warten, auch Zufriedenheit finden werden, dass ich gern noch einen zweiten Brief kommen liesse, ehe ich den ersten beantwortete. Gleichwohl scheinen Sie dieser Antwort, als etwas entgegen zu sehen, von dem Sie besondere Aufschlusse uber sich und Ihre Verhaltnisse erwarten.

Sie misstrauen Empfindungen, bei denen Sie gleichwohl viel zu lange verweilen, wenn Sie Ihnen gefahrlich dunken. Kurz, Sie sind noch von den Erschutterungen der Reise aufgeregt, und wunschen wieder in Ruhe zu kommen.

Liebe, gnadige Frau, ich war vor einiger Zeit Abends bei einer Augenkranken. Das Zimmer, in welchem sie sich befand, war so dunkel, dass man sich nur muhsam darin zurecht fand. Gleichwohl warf die dichtverhangene Lampe ihren schwachen Schein auf naheliegende Gegenstande, welche bei der leisesten Verruckung scharfe Lichtstrahlen zuruckspiegelten, und den Sehenerv schneidend trafen. Die Kranke schrie, so oft der Fall eintrat, unwillkuhrlich hell auf; besonders ubermannte sie der empfindlichste Schmerz, wenn die weisslakirte Thure eines Seitenzimmers aufging, und die Bewegung des hellen Korpers blendend die Nacht umher theilte. Ich litt um so mehr mit der Armen, als mein g e s u n d e s A u g e von dem jahen, durchfahrenden Schimmer afficirt ward. Mit der innigsten Theilnahme verliess ich sie spater. Ich konnte lange nicht ohne eine gewisse Beklemmung an den Abend denken. Wie gross war deshalb meine Freude, als ich, nach nicht gar langer Zeit, fast um die namliche Stunde, vor dem Hause vorbeigehe, und die Fenster desselben erleuchtet finde. Ueberrascht bleibe ich stehen, betrachte mir die Lage des Krankenzimmers, und kann nicht zweifeln, dass ein, im Mittelpunkt desselben angebrachter Kronleuchter seine brennenden Kerzen unverhullt flammen lasse. Ich eile nun hinauf, gewiss, das Uebel gehoben zu sehen. Allein ich fand meine Erwartung getauscht. Meine arme Freundin sass noch mit dem grunen Augenschirm, unfahig, den Blick frei zu bewegen. Ihr Zustand war leider ungefahr derselbe, doch mit d e m Unterschiede, dass sie in einem gleichmassigeren Empfinden des Schmerzes, seiner mehr Herr ward, ja, in der ruhigen Helle des Gemaches den wohlthuenden Einfluss des Lichts i m A l l g e m e i n e n genoss, ohne den leidenden Theil dadurch verletzt zu fuhlen. Ich ausserte ihr meine Verwunderung hieruber, hinzusetzend, dass mich eben diese Helle getauscht habe, indem ich sie nicht mit der Natur ihres Unwohlseins zu vereinigen gewusst hatte.

"Das macht," entgegnete sie, "das Licht kommt von o b e n , so ergiesst es sich ohne Abschattung nach allen Seiten, ich bin mitten darin, wie am Tage unter freiem Himmel."

Gnadige Frau, Sie empfinden, wie ich in diesem Augenblicke empfand. Die Wahrheit ist so einfach, dass sie uns auf die einfachste Weise am nachsten liegt.

Lassen Sie das Licht von o b e n in Ihre Welt hineinfallen. Sie werden sich darin zurechtfinden, ohne uberall auf Ecken zu stossen.

Weiter wusste ich Ihnen fur jetzt nichts zu sagen, nichts zu rathen. Alle Verhaltnisse des Lebens sind kraus und bunt. Es hilft nicht viel, ausserlich daran zu rucken oder daruber zu klugeln. Man m u ss hindurch. Deshalb bewahren Sie sich Klarheit und Muth. Sie haben, ich will es glauben, mit ungewohnlichen Menschen zu thun. Lassen Sie sich das nicht irren. Bleiben Sie Ihrem Gott und Ihrem Herzen getreu. Auf Ausdauer kommt es zumeist im Leben an. Wie viele ungleiche Wallungen prallen an dem festen Damm unerschutterlicher Gesinnung ab. Der Fels s t e h t , wenn die Woge z e r r i n n t .

Lassen Sie das Licht von o b e n kommen. Sie finden den Pfad durch das Labyrinth von selbst. Und so leuchte Ihnen denn die ewige Sonne unverhullt. Das ist das Gebet, mit dem ich Sie einem hohern Schutze empfehle.

Hugo an Elise

Hier ist das befohlene Buch. Ich hatte es Ihnen lieber gebracht als geschickt. Aber Sie wollten mich nicht horen, ehe Sie lasen. Es ist auch meine Art, fremdes Urtheil zu entfernen, ehe ich mit dem Gegenstand bekannt werde, von dem es sich handelt. Ich bin neugierig, wie wir hier zusammentreffen werden? Es bleibt doch morgen bei der Parthie nach dem Vogelheerd? Heute ist es trauriges Wetter! Es regnet. Der Tag ist fur mich so gut wie verloren. Er fesselt mich unbarmherzig zu Hause. Bedauern Sie mich ein Bischen.

Ganz Ihr unterthaniger Hugo.

Antwort

Der Regen dauert fort! Es ist zum verzweifeln! Naturlich wird aus dem Fruhstucke im Walde nichts! Morgen vielleicht! Man sagt das so hin, und giebt auf, weil man schon an den Ersatz denkt. Was sichert uns diesen?

Ich glaube, Ihr Buch hat mich ganz umgestimmt! Mir ist etwas davon in der Seele geblieben, das schwer wiegt. Fragen Sie mich nicht, ob es mir gefallt? Das weiss ich nicht, auch ist das eigentlich gar kein Ausdruck fur Gefuhle und Zustande des Innern. Genug, ich habe in einem Zuge fortgelesen, bis zu Ende, und b l e i b e mitten darin. Wollen Sie noch ein anderes Urtheil? Ich kann mich sonst auf nichts Bestimmteres einlassen. Aber so viel ist gewiss, d i e Bucher werden immer seltener, die Einem empfinden lassen, dass es noch eine Welt giebt, ausser der, von heute und gestern. Eine andere Frage ware, ob die Welt, in die ich mich hineingelesen habe, meine Heimath sein darf oder nicht? Ist sie es, was fange ich denn mit dem Aussenleben an.

Ich wollte heute mit Ihnen uber das Alles weitlaufig sprechen. Aber es regnet. Der Himmel sagt zu Vielem N e i n , was der Wille anders will. Leben Sie wohl!

Hugo an Elise

Ich bestreite den letzten Satz Ihres Billets, gnadige Frau! Der Himmel sagt zu Wenigem N e i n , was der W i l l e r e c h t will. Ware es wirklich Ihre Absicht gewesen, mir mehr mitzutheilen, als die fluchtigen Zeilen enthalten, Sie hatten die Sonnenblicke am Mittage zu einer Spatzierfahrt im Walde benutzt. Mich, waren Sie gewiss, dort zu treffen. Auch hatte die Tannenhauserin Befehl, mich sogleich von Ihrer Ankunft zu benachrichtigen. Jetzt ist es zu spat, und Sie furchten morgen wohl auch die feuchte Luft.

Ware der Prasident nicht in Geschaften abwesend, und ich dreist genug, ohne Emma's Begleitung Ihre Einsamkeit zu unterbrechen, Sie wurden mich schon fruhe am Tage an Ihrem Gartenpfortchen sehen. Allein Sie ausserten einmal: Nur unter Frauen konne zwangloser, nachbarlicher Verkehr stattfinden. Nun, und die meinige ist am Krankenbette des Onkels gefesselt, dem das Podagra viel zu schaffen macht, sonst hatte ich ihre Fursprache bei Ihnen nachgesucht, denn gewiss, mich verlangt, mehr uber ein Thema zu horen, das viele Streitfragen in sich fasst.

Gnadige Frau! ich kehre gleich die von Ihnen aufgeworfene um: "Was finge ich mit dem innern Leben an, wenn die Welt der Empfindungen nicht meine Heimath ware?" Sagen Sie selbst, hort man nicht auf, ein Fremdling zu sein, wenn man es hier ist?

Antwort

Kommen Sie immer, wenn Emma Sie auch leider nicht begleiten kann. Ich habe grosse Lust, mit Ihnen zu streiten.

Emma an den Geistlichen

Sie hatten ganz recht! Die Ruhe nach der Reise machte mich krank. Wie wunsche ich mir Gluck, Niemanden als Ihnen, ehrwurdiger Herr, meine Schwachheit anvertraut zu haben! Jetzt sehe ich Alles in ganz anderm Lichte. Ich weiss nicht, ob dieses von o b e n kommt? Allein, es ist uberall Tag, es angstigt mich langer kein truglicher Schatten, ich athme frisch und lebe heiter.

Es war vielleicht ein Gluck, dass der Oheim seine gewohnlichen Gichtanfalle dieses Jahr fruher, als sonst, bekam. Wir naheten uns einander dadurch schneller. Seine Bedurftigkeit und mein Wunsch, ihn diese weniger empfinden zu lassen, setzten uns uber unzahlige kleine Zwischenraume hinweg, welche der geordnete Lauf der Dinge erst nach und nach beseitigt.

Mit steigender Freude fuhlte ich, wie nothwendig ihm meine Pflege ward. Hiermit regten sich Krafte und Wille wie neu beseelt in mir. Gottlob! es ist so geblieben. Ich bin auf meinem Platz. Von da aus sieht es sich klarer, bestimmter auf die Gegenstande hin, welche unsere Welt bilden. Ich glaube, des Oheims Auge hat auch erst einen Blick fur mich gewonnen. Er betrachtet mich nicht mehr so prufend. Wenn er mich ansieht, lese ich Vertrauen und wohlwollende Gute in seiner Miene. Es giebt nichts Einfacheres, aber auch nichts Friedlicheres, als unser Leben. Und wissen Sie wohl, wer zumeist den stillen Geist hineingetragen hat? Jene schone, liebe Frau, deren erster Anblick auf mich bei weitem nicht den beschwichtigenden Eindruck machte, den sie jetzt nach jeder Zusammenkunft in mir zurucklasst. Von dieser Leichtigkeit des Umganges, dieser Seele und Warme in jedem Worte, konnen Sie sich keinen Begriff machen. Oft uberrascht mich ihre Art und Weise so, dass ich sie staunend ansehe, ohne zu wissen, wie ich das Unwillkuhrliche dieses fessellosen Innern mit der steten Berucksichtigung alles dessen, was andere betrifft, vereinen soll. Sie sieht mich dann wieder an, und die Miene, mit der sie fragt: "Was ist Ihnen, Liebe?" hat solchen Zauber kindlicher Neugier, dass jeder Gedanke an Absicht oder Kunstelei davor verschwindet. Seit mich des Oheims Kranklichkeit im Schlosse fesselt, ist sie taglich, wenigstens auf ein paar Stunden hier. Sie kommt und geht wie ein anmuthiges Feenkind, das durch allerlei Zaubereien die alltagliche Gegenwart umher verwandelt. Immer hat sie etwas zu erzahlen. Wie unbedeutend das auch sein mag, sie weiss es so eigenthumlich vorzutragen, dass es nie ohne Interesse bleibt. Der Kranke vergisst Schmerz und Unbequemlichkeit, wenn er sie nur sieht. Vorzuglich unterhalt es ihn, wenn er Hugo mit ihr in Streit verwickeln kann. Das geschieht, so oft von der Gesellschaft in Ulmenstein die Rede ist, zu deren Gunsten Elise mancherlei anfuhrt, was jener mit Witz und Laune widerspricht. Sie endet haufig damit, ihn uber sein nichtiges, abweisendes Benehmen gegen Fremde, die er weder kennt noch kennen lernen will, auszuschelten, und ihm Stolz oder Tragheit vorzuwerfen. Der Comthur stimmt hierin mit ein. Er reizt und neckt den Neffen. Dieser giebt sich willig her, lacht, widerspricht ohne sich zu rechtfertigen, erzahlt dann schnell ein paar Jagdabentheuer, schiebt irgend ein fremdes, anziehendes Bild hinein, wodurch er die Theilnahme seiner Gegner anders lenkt und ihnen entschlupft. Elise bemerkt seine List zu spat. Es argert sie, doch weiss sie auch dieser Empfindung Grazie zu leihen. Sie ist allerliebst, wenn sie zankt. Ihr Eifer, mit dem es ihr in solchen Augenblicken ganzer Ernst ist, tragt ein eigenes Geprage von Natur und Wahrheit. Ich glaube, sie erscheint vorzuglich deshalb so unendlich liebenswurdig. Der Oheim nannte gestern ihren Unwillen g e f a h r l i c h . Er warnte Hugo, ihn zu reizen. Ich weiss nicht, wie es kam, dass gerade in diesem Moment Hugo's Blick dem meinigen begegnete. Es lag etwas Gezwungenes in seinem Lacheln. Ich ward unwillkuhrlich wie mit Blut ubergossen. Es war wohl die Erinnerung meiner fruhern Schwache, die mich beschamte, allein Hugo? Hat er mich schon damals errathen? Die unbefangene Elise blieb sich gleich. Sie ist zu grossartig, um dergleichen heimliche Regungen vorauszusetzen.

Bald darauf nahm sie, ohne alle weitere Rucksicht, Hugo's Arm, und hiess ihn, sie zur Strafe, dass er sie so lange durch unnutze Worte aufgehalten habe, den Berg hinab zu ihren Wagen fuhren. "Mein armer, kleiner Georg," setzte sie, fast erschrocken uber die Erinnerung an diesen, hinzu, "wird gewiss schon recht ungeduldig uber mein Aussenbleiben geworden sein." "Wie," entgegnete ich uberrascht, "der Kleine begleitete Sie, und Sie liessen ihn die ganze Zeit draussen in der nasskalten Herbstluft?"

"Ganz so arg," lachelte sie sorglos, "habe ich es nicht gemacht. Das Kind ist mir mit sammt dem Wagen spaterhin gefolgt. Ich bin den Fusspfad durch den Wald gegangen, meine Absicht war blos, nach dem Befinden unsers Kranken zu fragen, und dann den Ruckweg mit einer Spatzierfahrt zu verbinden. Ich habe mich einmal wieder hier vergessen," fugte sie achselzuckend hinzu. "Aber nun auch keine Minute langer!"

Sie grusste fluchtig. Ehe ich ihr Lebewohl sagen konnte, war sie mit Hugo die Treppe hinunter, zum Schlosse hinaus? Ich trat ans Fenster. Es dunkelte schon. Mir schien es gewagt, sie und das Kind noch so spat der Gefahr des Umwerfens auszusetzen. Ich sprach das gegen den Oheim aus. Er erwiederte nichts. Als ich vom Fenster zuruck trat, und wieder neben ihm niedersass, fand ich ihn, den Kopf in die Hand gelehnt, vor sich hinsehend. Sein plotzliches Schweigen fiel mir auf, ja es angstigte mich. Litt er korperlich, oder war etwas geschehen, das ihm missfiel? Mein fragender Blick druckte wohl aus, was ich dachte. Er richtete den Kopf in die Hohe, doch ohne sich weiter zu erklaren, sagte er zerstreut und durch Anderes beschaftigt: "Ja, ja, Sie haben ganz recht, es ist zu spat!" Nachher besann er sich, wir redeten uber Mancherlei, doch unsrer Nachbarin gedachte er weiter nicht, es kam mir sogar vor, als vermeide er alles, was auf sie Bezug hatte. Weshalb das? glaubt er mich unfahig, den Werth der seltenen Frau zu empfinden? und hat ihn die fluchtige Aeusserung uber sie, aus meinem Munde, verdrossen? Ich dachte seitdem oft daruber nach. Auch wurde ich glauben, hierin nicht zu irren, machte er es gegen Hugo anders. Als dieser nach mehreren Stunden zuruck kam, fragte der Oheim weder nach dem, was ihn ausserhalb beschaftigte, noch wie und wo er seine Dame verlassen habe?

S e i n e D a m e ! Es ist doch eigentlich seltsam, wie die kleinen Lebensverhaltnisse eine Frau augenblicklich in Beziehung zu einem Manne setzen. Dieser kann ihr nicht den Arm bieten, ohne sich fur ihren Beschutzer zu erklaren, was immer gegenseitige Verpflichtung bedingt. Wie mir dies gerade hierbei auffallt? Ich schame mich, es einzugestehen. Allein ich glaube, es sind noch dumpfe Nachklange des ersten, unreinen Tones, den Elisens Erscheinen in mir weckte. Ich werde darauf nicht wieder horen. Ich verspreche es Ihnen.

Ueber Eins mochte ich doch Ihre Meinung wissen. In einem unserer kleinen Abendzirkel war von einem Buche die Rede, das Hugo sehr lebhaft gegen die Angriffe unserer Nachbarin in Schutz nahm. Diese nannte es hinreissend schon, doch a b i r r e n d f u r d i e P h a n t a s i e , welche das Gebiet melancholischer Schattenbilder vor allem Andern zu meiden habe. "Das unbefriedigte Innere," sagte sie lebhaft, "versinkt ohnehin allzu leicht in jene krankhafte Unbestimmtheit, die den Besitz des Daseins erschuttert, alle schone Gaben desselben bleicht, und das Herz mit nichtzustillender Wehmuth fullt."

Hugo lachelte, indem sich die tiefe Falte auf seiner Stirne finster zusammenzog. "Ist, wie Sie es sagen," entgegnete er, "dies die unbezwingliche Neigung der Menschenbrust, lockt uns so Vieles, und am meisten das eigene Gefuhl in den dunklen Strom unbegriffener Ahndungen hinuber, was sperren wir uns gegen den Andrang der Wogen, wenn sie uns einmal bis zum Herzen steigen? Was bussen wir Grosses dabei ein, wenn nun auch wirklich Alles u m uns und i n uns in fluchtige Atome zerflosse? Hat das Farbenspiel des Tages die ernsten Schatten der Nacht zu furchten, durfen wir es bedauern, wenn das Unbestandige erbleicht? wer beklagt den Verlust e i n g e b i l d e t e r Guter??"

"Wie," unterbrach ihn Elise, "zum trugerischen Gaukelspiel entadeln Sie mir die frische, bluhende, kraftige Welt, in der ich athme, und mich w i r k l i c h fuhle?"

"Und dennoch," versetzte Hugo mit neckender Zuversicht, indem er das besprochene Buch vom Tische nehmend, es gewichtig auf der flachen Hand ruhen liess; "Und dennoch geben Sie Ihre Wirklichkeit fur s o l c h e Traume hin. Ich weiss gewiss," fuhr er lachelnd fort, "Sie vergassen alles Andere, wahrend Sie lasen."

Elise errothete in sichtlicher Verwirrung.

"Von jeher," nahm Hugo das Wort, "fluchtete der Mensch mit seinen Gefuhlen in eine andere Heimath, als die ihm angewiesene. Da war er H e r r und S c h o p f e r einer unermesslichen Welt. In ihr h a t t e und b e s a ss er, was die vergangliche ihm versagte. Aus hoherer Naturmystik nannten die Alten die Nacht, Mutter der Dinge. Erst wenn sie, die Konigin, im geheimnissvollen Dunkel heraufzieht, am Saume ihres Mantels duftige Traume spielen, und Schlaf und Tod aus den schwarzen Falten hervor treten, erst dann gestaltet sich ein Dasein, das uns g e h o r t , dessen Herrscher der traumende Gedanke ist." Er sagte das Letzte mit seltsam erschutternder Melancholie in Ton und Miene. Im Sessel zuruckgelehnt, die Arme uber einander geschlagen, wandte er nur das Auge zu seiner Nachbarin, die ihn uberrascht, wie es schien, ungewiss betrachtete.

"Man wirft so oft den Christen vor," unterbrach ich die augenblickliche Stille, "dass sie sich den Genuss des Lebens verkummern, die Schopfung, durch trube Betrachtungen uber den Wechsel der Dinge, ihres Reizes entkleiden, ja das Gemuth durch Abtodtung in unerfreuliches Entsagen zwingen; doch so unbarmherzig in das schwankende Grau der Nacht verweisen sie die geangstete Seele nicht, wie jene Heiden, deren Du erwahnst, Hugo. Sage doch, welche andere, als traurige, unbestimmte Bilder konnen der Phantasie in solchen Nebeldunsten entsteigen?"

"Mein liebes Kind," entgegnete er etwas trocken, "es ist hier nicht von Glaubenssatzen verschiedener Religionsansichten die Rede, sondern von allgemein menschlichen Naturzustanden, die sich in ihren Bedingungen, wie in ihren Anforderungen, von jeher auf ein Haar glichen. Immer wollte das Herz, was es nicht hat, immer suchte es sich im Unermesslichen zu genugen. Die Formen, in welche das mannichfach abgeschattete Streben sich wechselnd kleidete, thun zur Sache wenig."

"Ich meine doch," entgegnete ich, "der Christ denkt nicht allein, er fuhlt auch anders, wie der Heide." Hugo schwieg. Des Oheims Blicke ruhten auf Elisen. Sie schien in sich das Gehorte zu erwagen.

"Wir sollten," hub jener nach einer Pause an, "den wusten Sturm einer Gigantenbrust nicht zum Maassstabe u n s r e r Empfindungen machen wollen. Dort ist der Drang des Schrankenlosen in die ringende Verwirrung des Lebens gegeben. Der Fluss sucht erst sein Bett. Das Gefuhl hat keine Worte. Grosse Natursymbole werden ihr unwillkuhrlicher Ausdruck. Fur uns sind das verbrauchte Spielereien. Wir gefallen uns darin, weil es so tonend klingt, und uber die Ungenugsamkeit verwohnter Herzen tauscht. Wir schwarmen aus Schwache, und traumen aus Tragheit. Schwermuth ist der trube Schatten entflohener Lebenskraft."

An Hugo's Lippen zuckte ein zweideutiges Lacheln. Er offnete sie, als wolle er etwas sagen, doch unterliess er es.

"Deshalb," fuhr der Oheim fort, "stimme ich dem Urtheil unserer Freundin bei, welches Schriften, die dem kranken Zuge der Seele Vorschub leihen, abirrend nennt."

"Und somit," entgegnete Hugo, bedacht und leise, "somit waren alle Faden zerschnitten, durch die unser Sein mit hoherer Ahndung zusammen hangt, und diese selbst zum schwerfalligen Phantom dickblutiger Fieberphantasie herabgesunken! Lieber Onkel," fuhr er, naher sich zu ihm wendend, die Hand freundlich auf seinen Arm gelegt, fort, "Sie fuhlen es anders. Sie haben die Einsamkeit lieb. Sie kennen die Stunden wohl, wo der Blick nichts sieht, nichts sucht, wie in einem Abgrund versinkt, die Brust immer voller wird, der Wunsch stockt, die Sehnsucht das All umfasst, unbezwingliche Traurigkeit uns fest umklammert, wir uns f u h l e n und nicht fuhlen! dann plotzlich reisst der Geist sich aus den Banden los, wir gluhen, e i n e , nur e i n e That zu thun, die das heisse Streben stille. Nein! O nein! Melancholie ist nicht die Ausgeburt schlaffer Tragheit, sie ist die trauernde Gefahrtin des Menschen, der, ein stets erneuerter Prometheus, sich und seine Schopferkraft in Ketten geschlagen fuhlt."

Des Comthurs Schmerzen kehrten hier heftiger wieder. Er hielt zuckend die Hand gegen den leidenden Fuss, indem er mit Anstrengung sagte: "Ich verstehe wohl, wie Du es meinst, allein auch Prometheus war aus seiner Bahn gewichen, und wenn auch gottlicher Wahnsinn, so ist Wahnsinn immer Krankheit. Uebrigens tauschen wir uns gern mit prometheischer Schopferkraft, wenn uns das N a c h s t e zu schlecht dunkt, oder zu muhsam, es anzufassen."

"Ja wohl," rief Elise, indem sie mit komischem Eifer von ihrem Stuhle aufsprang und an des Comthurs Lager eilte. "Wahrend wir hier um des Kaisers Bart streiten, versaumen wir, Ihnen die Kissen zurecht zu legen. Es ist da etwas, das Sie druckt. Wir hatten es gewiss langst bemerkt, waren wir nicht so unverzeihlich mit uns selbst beschaftigt gewesen."

"Da haben Sie die Moral von der Fabel," sagte sie, gegen Hugo gewendet. "Das gesunde Auge wird blind, wenn man durch Kunstliche sieht."

Der Oheim kusste ihr die Hand, die sich auf leichte und gefallige Weise um ihn zu thun machte. Schaffte sie ihm wirklich Erleichterung, oder war der unbequeme Anfall rasch voruber gegangen? Genug, er fand seine frohe Stimmung sogleich wieder, er scherzte, lachte Hugo aus, wahrend er dessen Gegnerin, in der klugen Nutzanwendung des Streites, lobte. Diesen hatte man fallen lassen. Es blieb, soviel mir klar ward, Alles unentschieden. Auch bei mir. Deshalb wunschte ich Ihre Ansicht daruber zu horen. Elise war, sie mochte sich dagegen immer strauben, nicht sowohl durch die Sussigkeit ahndungsvoller Wehmuth in sich zuruckgezogen, als sie vielmehr Hugo's dustere Begeisterung uberraschte! Sie fand sich in einer unheimlichen und doch fesselnden Region. Der Oheim hat immer viel Kraft und Selbstuberwindung von sich und Andern gefordert. Hierin setzt er den ganzen Werth des Mannes. In Opfern aller Art zeichnete er sich aus. Ja, man erzahlt, er warf alle Lebensanspruche hin, zerriss eine Verbindung, die, im Begriff vollzogen zu werden, seinem Herzen das schonste Gluck verhiess, weihete sich stillem Entsagen, suchte und fand Trost in der Thatigkeit fur Andre. Dem Fehlgriffe seines Bruders hatte er die ganze Strenge gesetzlicher Vollkraft entgegen gestellt, sich selbst d a f u r zu strafen, das Missverhaltniss auszugleichen, ward er Geistlicher. In diesem Bewusstsein betrachtet er das Leben, wie ein Feld s t r e i t e n d e r Krafte, auf dem Niemand mude werden darf. Am wenigsten kann er das Vonsichdrangen des Kampfes, das Fluchten in die Labyrinthe mussiger Betrachtungen, dulden. Er will immer Gewappnete um sich sehen, uberzeugt, dass jeder Augenblick eine That mit sich herauftragt. G e n u ss kennt er nicht, in sofern dieser Rast und Ruhe bedingt. Sehen Sie, ehrwurdiger Herr, so gesinnt, dunken ihm Hugo's Aeusserungen lauter Misstone. Ich finde gleichwohl Harmonie darin. Geht doch alles in einen Grundton seiner Seele uber! diese fullt heisser, ungestillter Durst nach dem, was die Welt nicht hat. Oft denke ich mir, Gott habe den geliebten Mann durch seine ganze Natur zum Priesterstande bestimmt. Er wurde sich in den heiligen Abgrund des Geheimnisses versenkt, aus dem verborgenen Quell geschopft haben. Und doch, finden wir nicht auch unter den Glaubigen d u n k l e Seher? Ist der t i e f e Blick nicht oft der t r u b e ? Bleibt die Sonne darum weniger sie selbst, weil sie hinter dunkeln Wolken weilt? Und eben so, ist Finsterniss darum wirklich Finsterniss, weil wir das Licht nicht sehen? Ich kann mir in einem Menschen alles a n d e r s denken, als er nach Aussen erscheint. Hugo ist mir in manchen Augenblicken so verstandlich, ich traure nur mit ihm. Ein Gluck, dass die heitre Elise so viel duftige Farben uber das Leben zu verbreiten weiss! ihre Nahe ist uns Allen gewiss recht wohlthatig.

Irre ich in meiner Ansicht, geehrter Freund, so lassen Sie mich recht bald in Ihrer gutigen Antwort den Irrthum einsehen.

Elise an Sophie

Mit Befremden werden Sie an dem Ortszeichen dieses Briefes meinen verlangerten Aufenthalt auf dem Lande sehen. Die vorgeruckte Jahrszeit fand mich niemals hier. Es ware auch jetzt nicht der Fall, hielt eine unvorhergesehene Geschaftsreise Eduard nicht von uns entfernt, wodurch ich Freiheit gewinne, uber mein Gehen und Bleiben zu bestimmen. Sie wissen, liebste Sophie, ich reisse mich immer schwer von dem Orte los, wo ich eben bin. Im Fruhling mochte ich die Stadt, im Herbst den lieben, wohnlichen Gartensaal mit seinem Kamine, die Blumen und Fruchtkorbe nicht verlassen. Ich kann Ihnen sagen, mir ist recht innerlich wohl, so hier zu sitzen, als brauche ich gar nicht aufzustehen, weder von Einpacken, noch Fortschicken der Wagen, noch von Reisen sprechen zu horen, und Stunden und Tage gehen zu lassen, ohne der Zukunft zu gedenken! Dazu nehmen Sie noch, dass ich im mindesten nichts an frohlicher Gesellschaft einbusse. Meine Nachbarn folgen meinem Beispiel. Die Eine aus Nothwendigkeit, die Andere aus Grille. Auf der Burg halt das Podagra den Comthur, die Pflicht ihn zu pflegen, die jungen Leute, zuruck; in Ulmenstein erinnerte sich die Grafin, dass man in England immer erst spat nach der Stadt zuruckkehrt; zudem ist es pikant, sich erwarten zu lassen. Diesen Triumph vorzubereiten, bietet sie jedes Mittel auf, dem Rufe ihres Hauses noch an Glanz und erhoheter Frohlichkeit das Wunschenswertheste hinzuzusetzen. Man jagt in ihrem Park, spielt Comodie, stellt lebende Bilder dar, sitzt in grossen Kreisen und am gastlichen Kamin, und erzahlt schauerliche Geistergeschichten bis in die Nacht hinein. Von fern und nahe stromen mussige, neugierige, oft lebensfrohe Genossen herzu. Es ist, ich versichere Sie, ein sonderbares, konfuses Treiben dort, das eben, in seiner Anarchie, etwas Berauschendes hat, und dem ich mich zu Zeiten gern uberlasse. Einen seltsamern Contrast giebt es nicht, als wenn nun Einzelne, des ewigen Wirrwarrs mude, nach der ernsten Burg, oder mit dessen Bewohnern, hierher zu mir fluchten, wir zu zweien oder vieren in einem kleinen, geschlossenen Kabinet sitzen, die Welt druben ganz vergessen, nichts wollen, als stilles Genugen im Beisammensein, ruhigen Gesprachs, warme, beseelende Mittheilung. Und wie sich die Brust dann plotzlich erweitert, ein rascher Blitz das Gemuth trifft, und schnell ein Funke den andern fasst, bis alles hell und durchsichtig um uns ist! O Liebe! Oft noch spat, nach einem durchschwarmten Tage kommen wir Abends so zusammen. Dann ist es, als haben die wechselnden Beruhrungen von Aussen die Saiten in uns nur angeschlagen, damit ein lang verhaltenes, geheimnissvolles Echo die Tone schwer, aber tief zuruckgebe, und so das Missgestimmte in Akkorden zusammenfliesse.

Vor Kurzem wohnten wir zu Ulmenstein einer Vorstellung des schwarzen Mannes von *** bei. Eines von jenen Theaterstucken, die am haufigsten auf Privat-Buhnen gegeben werden, und viel zu schwer fur die augenblickliche Belustigung sind. Der junge Leontin, Sohn des Baron Wildenau, machte die Rolle des spleenkranken Englanders. Agathe hatte man zu seiner Gattin erwahlt. Sie spielte maniirt, war mehr mit ihrer kleinen Person, als mit dem Charakter derjenigen beschaftigt, die sie vorstellen sollte, kurz sie war, was die meisten Puppchen, die man so figuriren lasst, zu sein pflegen. Dies stach auffallend, und nicht zum Nachtheile Leontins, gegen dessen dusteres Spiel ab. Es lag erschutternde Wahrheit darin, und wenn er auch, wie nicht zu laugnen, den Ort, den Zweck, ja vielleicht den Gedanken des kleinen Drama ein wenig aus der Acht liess, so weckte er auch dafur Empfindungen, die weit uber den fluchtigen Zeitvertreib hinausgingen. Ich sah mir den Mann zum erstenmale genauer an. Er hatte sich uns fruher mit nachlassiger Hingebung angeschlossen, doch meist nur den stummen Zuhorer bei unserer Unterhaltung abgegeben. Sein Wesen deutet auf Leerheit oder Zuruckgezogenheit. Ich schwankte in meinem Urtheile, doch war ich geneigt, von Beiden etwas anzunehmen. Jetzt, auf den Brettern, schien er plotzlich den Ausdruck seines verhullten Selbsts gefunden zu haben. Ich ward aufmerksam auf ihn. Den folgenden Abend trafen wir auf der Burg zusammen. Er hatte seinen schwarzen Rock nicht mehr an. Der hellfarbige Frack, nach englischer Sitte, mit weit uber die Handknochel hervorgezogenem Hemde, die kunstlich gelegte, steife Cravatte, das bauschige Jabot, erinnerten an viele unserer maniirten Anglomen, und rief mir es zuruck, dass man ihn allgemein in diese Cathegorie setze. Ich hasse ein fur allemal jede Copie. Er musste indess die fremde Manier gut aufgefasst haben, wenn in seinem Spiel nicht eigenthumlicher Charakter lag. Ich brachte das Gesprach darauf. Hugo persiflirte das Stuck. Wir sind selten einer Meinung. Ich wollte doch tiefere Anklange darin finden. Leontin sagte wie gewohnlich nichts. Als nun aber mein ewiger Widersacher mit vieler Laune einwarf, dieser Englander sei, wie die meisten Figuren der Art auf unserer Buhne, eine Puppe, nach todten Formen gebildet, mit abgerissenen Lappen, schlecht abstrahirten Raisonnements ausgestopft, ein Ding, das sein Pensum hersage, und zuletzt durch eine unmodivirte Catastrophe zu einem stillen, guten Manne aus der burgerlichen Welt gemacht werde: da wandte ich mich argerlich gegen Leontin, und rief ihn auf, ein Geschopf der Phantasie zu vertheidigen, in das er sich so vollkommen hinein gedacht, das er verwirklicht habe.

Er blickte ein wenig finster auf, indem er ruhig erwiederte: "Nun, mein Gott, der schwarze Mann ist ein Sceptiker, der eine Seele hat, ohne sie zu fuhlen, und plotzlich eine andere findet, durch die er zu sich selber kommt."

Es war augenscheinlich, Hugo uberraschte die Antwort. Er sah mich lachelnd an. War es nun, um Recht zu behalten, oder wollte er Leontin leise verspotten, er fragte, ob er dem Schreckschuss zu guterletzt die Gewalt zutraue, eine, auf Grundsatzen basirte Sinnesart so mit einemmale, wie Spreu, zu zerstauben? Er, seiner Seits, wittre hinter dem Knall und Dampf ein Leichenfeld a l l e r Gefuhle, und den wahren Tod, den man zum Scheintod habe machen wollen.

Leontin entgegnete mit mehr jugendlicher Warme, als ich ihm zugetraut hatte: "Das Leben eines Menschen ist am Ende kein Pappenstiel! um es bei einem geliebten Wesen aufs Spiel gesetzt zu sehen, kann wohl erschuttern, und auf Gedanken bringen, die man fruher nicht hatte."

Er erzahlte hierauf, nach einer kleinen Pause, wie er im nordlichen England einem Manne begegnet sei, welcher durch vollige Entausserung alles selbstbestimmten Handelns, den Anstrich des Wahnsinnes bekommen habe, ob er gleich, in jeder andern Beziehung, einen klaren, folgerechten Geist bewahrte. "Dieser Sonderling," fuhr der Baron fort, "kam und ging wie Jemand, der ohne Zweck des Daseins lebt. Er verlangte weder Speise, Trank noch Ruhestatte, genoss indess, was man ihm bot, ohne Widerstand, wie ohne Verlangen. Im Mittelstande geboren, hatte er sich fruher als Rechtsgelehrter sehr ausgezeichnet, doch irrte er schon lange geschaftslos umher. Die welke Hingebung seines Wesens, der nachlassige Anzug, das Willenlose bis in die geringste Lebensanforderungen, bildete einen rathselhaften Contrast mit dem grossen, feurigen Auge, einer bluhenden Gesichtsfarbe, und raschen, oft launigen Ergussen des Witzes. Man war verlegen, ob man den Mann fur krank, oder absichtlich maniirt halten sollte? Allein, weder von dem Einen noch dem Andern liess sich eine Spur entdecken.

Ich ward," setzte der Baron seine Erzahlung fort, "durch diese originelle Erscheinung an der Wirthstafel eines kleinen Stadtchens lebhaft angezogen. Taglich sah man hier den Gegenstand so mancher unstatthaften Vermuthungen, in Gesellschaft eines, ihm auf Leib und Leben ergebenen Freundes, wiederkehren. Denn Letzterm schien daran gelegen, seinen Schutzling allmahlig in mannigfachen Beziehungen einzuspinnen, woraus er ein Gewebe unbestimmter Anregungen, in Gedanken entstehen und den truben Wahn des Gemuthskranken schwinden sah. Er liess dies mehr durch sein Benehmen, als durch unmittelbare Aeusserungen abnehmen. Er vermied im Gegentheil alles fremde Zudringen. Man horte ihn immer nur ausweichend uber den Freund reden. Was er indess auch hoffte, und wie er die Erfullung vorbereitete, es sollte anders kommen.

Eines Tages, als die Tischgenossen langer wie gewohnlich beisammen blieben, viel erzahlt und viel getrunken ward, ohne gerade sonderlich auf ein starkes Gewitter zu achten, das uber den Ort hinzog, fuhr plotzlich der Blitz nieder, und zundete in seinem unzuberechnenden Laufe an zwei Stellen des leicht, aus Fachwerk erbauten Hauses. Dampf und Geschrei, das Brausen der Flamme, so wie die Furcht vor ihrer Annaherung, jagten die Sorglosen von ihren Platzen auf. Es sturzten alle durch einander hin. Man ergriff, fasste, was zu retten stand, mindestens sich selbst, da bald jeder Einzelne hier bedroht war. Den Advokaten hatte man im ersten Wirrwarr gleich vermisst. Sein Freund glaubte jedoch ihn an seiner Seite zum Hause hinausgehend, gesehen zu haben. Er rief ihn deshalb mit lauter Stimme; da jener aber keine Antwort gab, wandte sich der Erschrockene wiederum nach der Brandstatte. Hier prallte er vor der Gluth des zusammensturzenden Gebaudes zuruck. Das ganze Haus lag in schwarze Rauchwirbel verhullt, zwischen denen Funken und Flammen in wilder Wuth prasselten. Ein kurzlich vollendeter Anbau von massivem Mauerwerk, in welchem sich das Esszimmer befand, war freilich durch davorstehende Baume geschutzt, und bis jetzt ziemlich ausser Gefahr geblieben. Allein, den Weg von Innen dahin zu betreten, lag ausser dem Bereich denkbarer Moglichkeit; denn ward auch allenfalls durch den Garten der schmale Hof erreicht, in welchen die Fenster des neuen Flugels hinausgingen, so durchdrang die innere, wachsende Hitze doch den engen Raum schon in solchem Maasse, dass der Vorrath aufgestapelten Brennholzes, welcher sich hier befand, durch ein inneres Knistern und Dampfen, das nahe Losbrechen der Flamme nur allzu furchtbar verkundete, weshalb sich denn auch Niemand mehr mit Loschgerath hierher wagte, aus Furcht, in dem Dunste zu ersticken. Alles dieses hielt indess den treuen Freund nicht zuruck. Mit einer niedern Gartenleiter versehen, drang er glucklich bis zu der Fensterbrustung des Gemaches, in welchem er den Vermissten zu finden hoffte. Die Mauer gluhete wie eine Feueresse, alle Scheiben waren bereits gesprungen. Der heldenmuthige Mann glaubte mitten in Flammen zu stehen. Dem ungeachtet gelang es ihm, jedem Hindernisse zu trotzen. Er war jetzt mitten im Saale. Seiner kaum noch bewusst, fiel gleichwohl sein erster Blick auf den ruhig dasitzenden Advokaten, der ihn verwundert anstarrte.

'Um Gottes Willen,' rief der Eintretende, 'was machst Du hier? Geschwind, besinne Dich nicht lange! Folge mir, sonst sind wir beide verloren!'

Der Andere winkte abwehrend mit der Hand. 'Geh!' bat er, ohne sich von der Stelle zu ruhren, 'geh! ehe es zu spat wird! Mich lass hier,' setzte er hinzu. 'Ich entfliehe dem Verderben nicht, glaube mir, am wenigsten, wenn ich dabei thatig sein wollte.'

'Thorheiten!" versetzte jener, 'ist es jetzt Zeit, albernen Grillen Raum zu geben?'

Mit diesen Worten umschlang er den willenlosen Traumer, riss ihn vom Stuhle auf, schleppte ihn zum Fenster, und ohne die kreisenden Funkenwirbel zu achten, die jetzt den Hof erfullten, ohne die prasselnden Holzhaufen zu furchten, bestieg er die Leiter, den Advokaten auf dem Rucken tragend. Doch, kaum hatte er die ersten Sprossen betreten, so fuhlte er sich unter seiner Last erliegen, er schwankte, die Gluth um ihn her raubte ihm die Besinnung, er widerstand einem jahen Schwindel nicht, der ihn und den unglucklichen Freund mit einem furchterlichen Fall zu Boden sturzte. Der Advokat fiel auf seinen Retter. Einen Augenblick harrte jener, was nun geschehen wurde? Da aber der Andere kein Zeichen des Lebens gab, so durchzuckte die entsetzliche Ahndung der Wahrheit den Kranken. Er sprang empor, umfasste und trug seinen Wohlthater durch den Garten, uber die Strasse, zu seinem Hause hinein, rief Aerzte herbei, ordnete mit kluger Besonnenheit jedes erdenkliche Rettungsmittel an; nichts lahmte seinen Eifer, selbst der niederschlagende Ausspruch des Arztes nicht, der alle angewandte Muhe fur vergeblich erklarte. Noch einmal schlug der treueste der Freunde die Augen auf, ein kurzer Kampf vollendete das Opfer seines Lebens.

Jedweder zitterte nun fur das Geschick des Zuruckbleibenden. Laut weinend stand dieser am Grabe des Einzigen, der ihn so geliebt. Als die herabrollende Erde jetzt die Gruft fullte, ein kleiner Hugel die Stelle bezeichnete, seufzte der Advokat tief, sein dunkles Auge lag fest am Boden. Traumerisch sagte er nach einer Weile: "S o oder s o ! Es ist alles Eins! Man m u ss , was man s o l l ! O!" rief er plotzlich mit dem Ausdruck des bittersten Schmerzes: "Sei ruhig, lieber Freund, da unten in Deinem Bette, ich w i l l , ja ich will arbeiten hier auf Erden, vielleicht erliege ich wie Du, Unvergesslicher!"

Er hielt in so weit, was er versprochen, dass man ihn von jetzt seinen fruheren Beruf mit Eifer erfullen sah. Noch in den ersten Tagen heftiger Erschutterung theilte er mehreren neugewonnenen Bekannten den Grund seiner fruhern Seltsamkeit mit. Schon als Kind horte er seine Warterin sagen: "Was der anruhrt, zerbricht." Sie hatte recht, deshalb schmerzte es ihn. Er ward angstlich. Spielte er mit den Geschwistern, so traf er wohl Diesen unglucklich mit dem Balle ins Auge, oder stiess im Laufen einen Andern, dass er fiel, und sich verletzte. Bald verlor er die Lust am Spiel. Zuruckgezogen und einsam, lernte er aus Langweile mehr, als die Gefahrten. Weniger zerstreut als sie, vergass er selten das Erlernte.

Das blieb nicht unbemerkt, allein es diente nur, seine Mitschuler zu beschamen. Eifrige und lebhafte Lehrer thaten das oft schonungslos. Der Traumer, den Niemand leiden mochte, ward vollends verhasst. So fuhlte er nur Qualen in dem, was Andere erfreut hatte.

Als er die Universitat von Cambridge bezog, war er mit den glanzendsten Zeugnissen ausgerustet. Er wagte nur schuchtern davon Gebrauch zu machen. Die Art seines Benehmens dabei theilte sogleich die Meinung uber ihn. Er s t e l l t e sich, und s t a n d unbestimmt. Spott uber den linkischen Neuling konnte nicht ausbleiben. Er ertrug das, so lange es zu ertragen war. Dann folgten ernste Handel. Er focht sie glanzend aus, allein auf Kosten eines bildschonen Junglings, den er durch einen Hieb ubers Gesicht fur die Zeit seines Lebens entstellte. Jetzt war es vollends um seinen Ruf gethan. Man beschuldigte ihn, den Streich absichtlich so gefuhrt zu haben. Dies verwundete seine Seele mehr, als Alles Vorhergehende. Er verliess Cambridge.

Gleichwohl konnte es bei seinen Kenntnissen nicht fehlen, dass er schnell in seiner Bahn vorruckte, und in Amt und Wirksamkeit trat. Von der ubrigen Welt zuruckgezogen, weihete er sich nun ganz seinem Berufe. In Kurzem horte man seinen Namen bei Losung verwickelter Rechtshandel mit Achtung nennen. Vorzuglich gewann ihm die Entscheidung eines vieljahrigen Prozesses allgemeine Aufmerksamkeit. Allein, eben der Ausgang desselben fullte seine Brust mit Kummer, denn indem er dem lang bestrittenen Rechte alle Gultigkeit verschaffte, und es siegreich aus dem Labyrinth unzahliger Irrungen hervor hob, fuhrte er nur den Sturz einer angesehenen Familie, ja den Selbstmord ihres gesunkenen Oberhauptes herbei. Der Advokat schauderte vor dem Antheil, den sein unseliges Mitwirken in der Sache hatte, und als ein Jahr spater eine jugendliche Verbrecherin, durch ihn zum Bekenntniss ihrer Schuld gebracht, der gerichtlichen Strafe uberliefert ward, traten die prophetischen Worte der alten Warterin: "W a s d e r a n f a ss t , z e r b r i c h t !" wieder in seine Erinnerung.

Er beschloss, dem feindlichen Geschick ein Ziel zu setzen. So ward er ein mussiger Grubler, zuletzt ein Automat aus Grundsatz. Er glaubte abwenden zu konnen, was uberwunden sein will."

Leontin schwieg. Hugo war indess leise mit gesenktem Haupte im Zimmer auf und abgegangen, ohne uns in seinen Mienen den Antheil lesen zu lassen, den ihm diese sonderbare Erzahlung einflosste. Jetzt stand er still, sah auf, indem er Leontin fragte: "Und hat er es uberwunden?"

"Ich denke ja!" war die Antwort. Hugo schuttelte den Kopf. "Ich furchte N e i n ," entgegnete er. "Rufen Sie sich nur zuruck, was ihm unbewusst am Grabe des Freundes uber die Lippen flog, das war die innere Anschauung seiner Bestimmung. Wem d i e einmal klar ward, der ist nicht mehr zu tauschen. Der Mann wusste auf ein Haar, was er zu erwarten hatte, verlassen Sie sich darauf. S o oder s o ! Es ist a l l e s Eins! "

Emma heftete einen sonderbar fragenden Blick auf ihn.

Liebste Sophie, vergeben Sie mir meine Offenheit; allein diese Frau sieht zuweilen so verwundert und fremd in Dinge hinein, als ware gar kein Schlussel in ihr, zu den Rathseln eines grossartigen Charakters. Ich weiss nicht, ob Hugo dieselbe Empfindung hatte, allein er mied jetzt ihr Auge, das ihn nicht verliess. Anders war es mit Leontin. Dieser sass mit untergeschlagenen Armen der schonen Frau gegenuber, ohne Theilnahme fur das, was fernerhin gesprochen wurde, ganz versunken in Gedanken, welche eine innere Verwandtschaft mit dem haben musste, was Emma's Seele beschaftigte, denn, ob er gleich nur fluchtig, und wie unter melancholischen Wolken, aufsah, so verrieth doch sein Gesicht, was in ihm vorging. Es ist nicht zum erstenmale, dass ich diese fliegende Schatten von i h m zu i h r hinubergleiten sehe. Ich weiss nicht, weshalb mich das so erschuttert? Auch jetzt. Allerlei Gedanken schwirrten mir zugleich durch den Sinn. In einer Art Verlegenheit, in die ich wohl gerathe, wenn das Gesprach plotzlich stockt, trat ich zum Clavier. Erst schlug ich auf gut Gluck einzelne Tone an, dann spielte ich die Melodie von Gothe's Fischerliede. Hugo setzte sich zu mir. Er hat eine volle, schone Stimme, ich hore ihn gern, und liess mir seine Begleitung gefallen. In den Worten:

"Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm,

Da war's um ihn gescheh'n;

Halb zog sie ihn, halb sank er hin,

Und ward nicht mehr geseh'n"

lag seine ganze Seele. Ich sah eben bei der letzten Strophe zu ihm auf. Er war ungewohnlich bewegt. Mir ward auf einmal klar, wie er durste, sich mit einer unbekannten Gewalt zu messen, wie geisterhaft ihn diese locken, und was er thun und leiden konne, um sich nur selbst in dem erhoheten Gefuhl zu entgehen.

Sophie! mich dauert jeder, dem man Fesseln anlegt. Dieser, vor vielen Andern, war es werth, frei zu bleiben.

Ich schuttelte unwillkuhrlich den Kopf, als das Lied geendet war. Er bog sich naher zu mir, indem er leise fragte: Ob ich ihn auch missverstehe, wie die Meisten, auf deren Gesichter er nichts als tadelnde Verwunderung lese?

"Was kummert Sie die Meinung Anderer?" entgegnete ich rasch. "Sie achten Niemand genug, um viel auf ein Urtheil zu horen."

"Sie thun mir wehe," entgegnete er verletzt. "Ich bin nicht starr und dunkelhaft, glauben Sie mir. Wie i c h mich zu den Menschen stelle, so stehen gemeinhin alle, ohne es zu wissen. Ihr eigentliches Selbst bleibt ein unenthullbares Geheimniss. Der Schleier zerreisst nur durch den zundenden Blitz z u s a m m e n f a l l e n d e r Gefuhle. D e r Blitz" er hielt inne. Ich mochte nicht weiter in ihn dringen. Sein Herz lag ihm schon auf der Zunge. Solch ein Vertrauen, das geahndete Missverhaltnisse zwischen zwei gleich lieben Menschen ausspricht, ist um so peinlicher, wenn, wie hier, der Druck gerade von der Seite am starksten empfunden wird, wo mit der grossten Kraft auch die Fahigkeit liegt, ihn abzuschutteln. In solchen Fallen ist das Wort schon halbe That, und wenn diese auch nicht ausbleiben wird, so mag ich auf keine Weise Theil daran haben.

Ich war aufgestanden, ich wollte fort, mir war es entgangen, dass Sturm und Regenwetter die Nacht undurchdringlich machten. Ich musste endlich darein willigen, den morgenden Tag auf der Burg abzuwarten. Leontin liess sich indess nicht zuruckhalten. Er bestieg, trotz des wilden Aufruhrs der Elemente, sein Pferd. Wir Alle traten ans Fenster, und baten ihn, umzukehren. Er entgegnete wenig, grusste, und ritt seines Weges. Wie er sich so unter dem heftigen Regen, der zwischen den Baumen herabfiel, allmahlig in den schwarzen Hintergrund der Bergwande verlor, liess er mir ein undeutliches, unbequemes Gefuhl zuruck. Mir ward beklommen, wie bei einem angekundigten Geheimniss, dessen Bedeutung man noch nicht kennt. Ich weiss nicht, wie dieser eintonige Mensch so schwere und tiefe Klange in der Seele anschlagen kann! Alles dies irrt und qualt mich in seiner Nahe, und doch mochte ich ihn in unserm Kreise nicht missen.

Den andern Morgen schien die Sonne hell in mein Zimmer. Alle traumerischen Grillen waren wie verflogen. Ich lachte mich aus, eilte in das Fruhstuckzimmer, und wollte nun alles Ernstes machen, dass ich nach Hause kame. Es war indess hier leer. Ich suchte Emma. Man wies mich nach dem Thiergarten. Ich sah sie schon von ferne, zwischen den entlaubten Baumen, in einen grauen Mantel gehullt, einsam stehen. Gemachlich kamen jetzt zahme Hirsche und Rehe aus dem Dickicht auf sie zu. Sie naheten ihr, und standen nun scheu und erwartend da, bis sie die Hand nach einem Gefass ausstreckte, was eben ein Jagerknabe brachte. Jetzt drangte das Wild sich in dichten Rudeln um sie her. Sie streute ihnen Futter in kleine, zu dem Ende angebrachte Krippen. Der Knabe ging, da sein Geschaft abgethan war. Emma blieb, an den dunklen Stamm einer Eiche gelehnt, allein zuruck. Sie hatte noch ihre Lust an den Thieren. Doch lag etwas in ihrer Stellung, in dem winterlich verodeten Hain, ja, in dem Gedanken, dass sie hierher ihre Liebe tragen musse, was mich unbeschreiblich ruhrte. Mir fiel allerlei Trauriges, alte Mahrchen, das Gedicht der Genovefa ein, ich flog auf sie zu, ich schloss sie in die Arme, mir traten Thranen in die Augen, sie verstand meine Ruhrung nicht, ihr Wesen ist ruhig, doch gefuhlvoll, so druckte sie mir die Hand, und ohne mich um das zu befragen, was ihr auffallen musste, begleitete sie mich nach dem Schlosse. Mit uns zugleich nahete sich Hugo diesem. Er kam von der Jagd. Mehrere Jager folgten ihm. Sie gingen den jenseitigen Rand des Burggrabens entlang. Als uns der Graf gewahr ward, gab er Flinte und Jagdtasche weg, und sprang mit grosser Leichtigkeit uber den Graben. Emma erschrack, die Jager murmelten beifallig, Hugo lachte, als ich ihm vorwarf, uns um eine coquette Bizarrerie willen beunruhigt zu haben. Er mochte sich getroffen fuhlen, denn er liess es hierbei bewenden, ihm lag etwas Anderes im Sinn. Durch Jagdlust und Morgenfrische angenehm erregt, hatten sich ihm allerlei belustigende Bilder erzeugt. "Wir sollten," sagte er, "das Leben in Ulmenstein einmal durch phantastische Zwischenspiele auffrischen. Mir ist eingefallen, die Neigung der Grafin furs Theater auf andere Weise zu benutzen. Wie ware es, wenn sich eine muntere Gesellschaft vereinte, unerkannt, unter der Firma einer reisenden Schauspielertruppe auf dem Schlosse Zutritt zu suchen, und irgend eine wirkliche Posse auf das dortige Theater brachte?" Mich ergotzte der Einfall, ich stimmte ihm frohlich bei. "Was sagen Sie zu einzelnen Scenen aus dem Sommernachtstraum von Shakespeare?" fragte er, ganz mit seinem Plane beschaftigt. "Es ist gerade so viel Spass dabei, um zu belustigen, und mehr Tiefsinn, als die Seele tragen kann, wenn sie nicht Spott damit treibt."

Wir waren bald einig. Der Morgen verfloss unter Entwurfen, Vorkehrungen und all dem Unterhaltenden, was der Verwirklichung eines Projectes vorangeht. Wir hatten beschlossen, zuerst die plumpen Gesellen in der Probe des Pyranus und Tisbe auftreten zu lassen, und dann die Elfenscenen zwischen Oberon und Titania, sammt der Bezauberung Zettels folgen zu lassen. Die Aufgabe war nicht klein. Doch, einmal mit dem Gedanken vertraut, ubernahm ich es, die zierlichen Geister zu suchen, und fur unsern Zweck zu gewinnen. Emma lachelte uber meinen Eifer. Darauf fragte sie, ob mir nicht etwas unheimlich bei einem Spiele sei, das fast zu schauerlich die Tauschbarkeit des Herzens verhohne? "Weshalb?" fiel Hugo rasch ein, "es giebt keinen kostlichern Spiegel, als die Ironie. Wo a l l e s auf dem Kopfe steht, nimmt man es mit sich selber nicht allzu genau."

Emma entfarbte sich. "Es ist nur ein Gluck," hob sie nach einer Weile an, "dass zuletzt ein zartlicheres Empfinden a u s g l e i c h t , was muthwillige Neckerei verwirrte." "Wer weiss," lachte Hugo, "hat der schlaue Oberon nicht dennoch einen trugerischen Frieden geschlossen; in dem Falle ware der letzte Betrug der argste!" "Wie meinst Du das?" fragte Emma. "Nun," entgegnete er, "dass im G e l i n g e n oft das M i ss l i n g e n liegt." Sie sah eine Weile nachdenkend vor sich nieder. "So gabe es keinen Faden aus dem Labyrinth der Traume," seufzte sie. "Der eine straft nur den andern Lugen, und Wahrheit " "Ist der Stein der Weisen," erganzte Hugo, ihre Hand ergreifend, "wir suchen alle darnach, mein Kind! " Sie schuttelte den Kopf. Nach einigen Augenblicken verliess sie das Zimmer. Mich dunkte, ihre Augen waren feucht. Es that mir wehe. "Sonderbar," rief der Graf, "Hausfrauen haben jedem luftigen Spinngewebe, auch dem der Phantasie, den Tod geschworen. Sie stossen gleich mit einer handwerksmassigen Waffe dagegen. Ihr Nutzlichkeitsgefuhl leidet gar zu sehr, dass sich aus den Faden nichts Haltbares drehen und weben lasst!"

"Das ist freilich ein entsetzliches Unrecht in den

Augen derer," rief ich aus, "die sich nicht gern halten lassen, und so auf den Wechsel gestellt sind, dass ihnen der geordnete Sinn und das b e s t a n d i g e Herz untergeordnete Gaben dunken, uber die sie lustig hinfahren konnen!" Hugo sah mich uberrascht an. "Elise!" sagte er leise. Es lag etwas Geheimnissvolles in dem gedampften Laute seiner Stimme. Ich wollte lachen, um meine Bewegung zu verbergen, aber ein Blick auf ihn nahm mir den Muth. Ich weiss nicht, wie ich es nennen soll, was aus seinen Zugen so angstigend und ruhrend zugleich sprach. Ich mochte nicht dabei verweilen, ich flog zu Emma. Die liebe Frau! Gewiss, Sophie! sie ist bei alledem ein Engel. Ware ich an ihrer Stelle! Mein Gott! welch ein toller Gedanke!

Leben Sie wohl! Ich will nun den ewig langen

Brief schliessen. Noch einmal, leben Sie wohl, liebe Sophie! Ich habe oft die lebhafteste Sehnsucht, Sie zu sprechen. Waren Sie doch hier! Zuweilen komme ich mir ganz verlassen vor. Ich werde verstimmt, schwermuthig, es liegt mir wie eine Schuld auf der Brust, und doch weiss ich nichts, was ich mir vorwerfen sollte. Kommen Sie bald, recht bald zuruck! Sie haben unrecht, um einer Einzigen willen, Alle, die Sie lieben, zu vergessen. Erwagen Sie das wohl, Sophie!

Sophie an Elise

Die fluchtigen Zeilen, welche Sie mir von den Ufern des kleinen Waldsees schrieben, sind richtig in meine Hande gekommen. Wollte ich den Inhalt nach der Zahl der Worte messen, liebe Elise, so wurde ich Ihre Eile anklagen, und etwas eifersuchtig auf das neue Verhaltniss zu Ihren jungen Nachbarn drein sehen mussen. Allein Sie dachten an mich, Ihr liebes, offnes Herz suchte die Entfernte mitten in dem frohen Aufrufe angenehm bewegter Gefuhle! Auch dass Sie mit dem Blattchen zu dem still umgranzten Wasser fluchteten, dass Sie hier, mit der Freundin allein sein wollten; gerade das, Liebste, giebt dem Briefchen unschatzbaren Werth. Nur wunschte ich, Sie hatten einen andern Boten gewahlt. Dieser unstate Neuigkeitsjager, den die Langweile durch das Leben hetzt, der a r g l o s heisst, weil er unbedeutend ist, und eine e h r l i c h e Seele genannt wird, weil er zu flach und zu bequem ist, sich anders zu zeigen, als er ist; kurz, Ihr Vetter Curd ist zu keiner guten Stunde hier aufgetreten. Erst freuten wir uns, den Landsmann, den Bekannten wieder zu sehen. Er ward mit Fragen besturmt. Aufmerksam horchten wir auf jedes seiner Worte, wir liessen es uns gefallen, dass er deren mehr machte, als nothig war; doch der Zugel ward ihm zur Unzeit gelassen. Er schwatzte das Hundertste ins Tausendste. Bald wusste er nicht mehr, w o und zu w e m er sprach. Zweideutige Anspielungen, triviale Anekdoten, aus mussiger Beobachtung und geistloser Spottsucht zusammengetragen, tauchten erst versteckt auf, wagten sich dann dreister hervor, und reichten eben hin, die reizbare Verletzlichkeit meiner lebhaften Freundin auf das Unangenehmste in Bewegung zu setzen. Denn, wurden auch nicht Namen genannt, so waren doch Verhaltnisse bezeichnet, und ohne den Schlussel zu dieser eigenthumlichen Chiffresprache der Klatscherei zu besitzen, liess sich leicht combiniren, was und wie es gemeint war.

Von jetzt an sieht die Oberhofmeisterin mit gespanntem, feurigem Blick in das innerste Familienleben ihrer Tochter hinein. Was sie immer unter wachsendem Unwillen geahndet, wird ihr Gewissheit.

Sie glaubt, Emma's Ungluck als ausgemacht annehmen zu mussen. Fur sie ist langer keine Ruhe hier. Zwischen Furcht, jenen Argwohn bestatigt zu finden, und dem brennenden Verlangen, die Urheber ihrer gescheiterten Hoffnungen zu strafen, treibt sie zur Abreise, und zogert mit dieser. Indess beschwichtigen Emma's Briefe, die den vollen Frieden ruhiger Uebereinstimmung mit sich und der Welt athmen, von Zeit zu Zeit die leidenschaftliche Mutter. Allein das sind Augenblicke, die nicht vollwichtig genug sind, peinliche Zwischenraume zu fullen, in denen eine stets zu eigener Qual arbeitende Phantasie unbeschaftigt bleiben konnte.

So bewahrt es sich denn aufs Neue, dass ein leeres Gefass, welches die Gelegenheit mit ihren zufalligen Gaben fullte, gewohnlich mehr Gift enthalt, als das boshafte Genie aus sich selbst zu erzeugen vermag; gewiss, Klatscherei ist eine argere Feindin des Familienfriedens, als Verlaumdung!

Ich gestehe es, ich bin bekummert, auch um das, was nicht ist, und gleichwohl s c h e i n t . Der Ruf ist darum so heilig, weil er den Weg zu menschlichem Vertrauen bahnt oder verschliesst.

Dass eine Gesinnung, wie die des Grafen, in Widerspruch mit den Anforderungen der Gesellschaft gerathen musste, war von Anfang nicht zu verkennen. Vieles davon musste, fruh oder spat, storend ins Leben treten. Ich war darauf gefasst, ich erwartete fur Emma nur in sofern Zufriedenheit, als ich fest auf die grossartige Selbstentausserung ihrer frommen, fruhgereiften Sinnesart baute. Allein, es ist etwas, ausser der allgemeinen Freigeisterei, in Hugo's Benehmen, das uber jene ein zweideutiges Licht wirft, und es dahin gestellt sein lasst, ob ein kranker, unstater Sinn, ob herzloser Egoismus, Unfahigkeit, irgend einen Gegenstand ganz zu umfassen, oder kuhner, jugendlicher Trieb, das A l l sein zu nennen, den grossern Antheil an seinem kalten Entschlupfen innigerer Bande hat?

Sie sehen, liebste Elise, das Gift hat mich auch nicht unangefochten gelassen! Ich schame mich fast, keine kraftigere Gegenmittel angewendet zu haben; allein, man thue, was man wolle, es bleibt immer etwas von dem Gehorten zuruck. Dann weiss ich auch sehr wohl, wie viel ich von dem zu halten habe, was mir Curd, im Vertrauen auf ein williges Ohr, heimlich zuflusterte, auch kann ich leicht abnehmen, wie Geruchte entstanden, die den geistvollen, feingebildeten Grafen edlere Gesellschaft verschmahen, Tage und Nachte bei umhertreibendem Gesindel in Waldern und Feldern weilen, mit ihnen auf mussige Abentheuer ausziehen lassen, so liegt doch dem Allen d i e Wahrheit zum Grunde, dass Hugo unbeschaftigt, lassig und zwecklos umherstreift, die wilden Forsten, seiner Hauslichkeit vorzieht, Emma unbeachtet lasst, in nichts verrath, dass er ernsten Antheil an der Welt wie an seinem Berufe nimmt. Nicht der Bau des neuen Schlosses auf den angranzenden Gutern, noch diese selbst, wie unbeschrankt sie ihm auch schon jetzt als Eigenthum uberlassen wurden, nehmen seine Aufmerksamkeit in Anspruch. Es scheint, er habe sich in das ihm unbekannte Verhaltniss, ohne Wunsch und Wille, hineinziehen lassen, und verharre nun auch so in ihm. Was aber fullt sein Inneres? womit tauscht er den strebenden Geist, dessen Fittige noch jungst so unruhig rauschten und hohern Flug verhiessen?

Ich frage S i e , liebe Elise, da S i e ihn fast taglich, wie ich glaube, sehen und sprechen. Sie sind unbefangen und offen. Ihrem Urtheile vertraue ich gern, Sie werden mir sagen, wie er Ihnen erscheint. Ich bedarf in der That einige Sicherheit, um den wechselnden Stimmungen meiner armen Freundin zu begegnen. Sie ist durchaus unfahig, ein Bild aus der Ferne festzuhalten. Ihre Empfindungen sind viel zu beweglich, um die Phantasie irgend etwas vollenden zu lassen. Sie ertragt die Anschauung des Unglucks nicht, und misstrauet dem Geschick zu sehr, um trostlichen Verheissungen geduldigen Glauben zu schenken. Deshalb treibe ich unablassig zur Ruckkehr in die Heimath. Es halt uns auch in der That nur die vorgeruckte Jahrszeit, welche der Gesundheit meiner Gefahrtin nachtheilig werden konnte, vor der Hand hier fest. Wir leben gleichwohl mit unsern Gedanken und Gefuhlen mehr im Vaterlande, als an den bluhenden Ufern des Arno. Denn wo die Seele ihren Frieden nicht findet, wird der Anblick des Schonen nur eine trube Mahnung an den Druck, der uns so beugt, dass wir unempfindlich gegen die vielen Gaben der Natur und Kunst bleiben. Sie begreifen mich vielleicht nicht in dieser Verstimmung, die Ihnen fremd an mir sein muss. Ich selbst, liebe Elise, wurde mir unverstandlich werden, schobe ich nicht etwas von so viel Muthlosigkeit auf Rechnung der stets leidenschaftlich wogenden Unterhaltung mit einer Frau, die mir Mitleid wie peinliche Besorgniss einflosst. Und dann es liegt etwas Tragisches in dem Gedanken, dass kein Opfer, das einmal zertrummerte Gluck eines Hauses wieder herstellen kann. Meine schone, junge Freundin, wenn Sie mich von dieser immer wachsenden Ueberzeugung mehr ergriffen sehen, als es sich mit meinen isolirten Verhaltnissen im Leben vertragt, so suchen Sie den Grund davon in der Theilnahme fur Andere. Diese warme Theilnahme, die auch Ihr Geschick liebend umfasst, lasst es nicht zu, dass ich ruhig bleibe, wenn ich fur die Ruhe allzu sicherer Freunde zittere.

Uebersehen Sie das nicht, Beste, und verzeihen Sie mir, wenn ich zu weit gehe!

Hugo an Heinrich

Wenn Du Dir, wie ich nicht zweifle, die alte Gewohnheit bewahrt hast, lieber Heinrich, mich auf gute Manier auszulachen, so biete ich Dir heute die willkommenste Veranlassung dazu. Nichts Lacherlicheres als ein abgeblitzter Spass, und keine argere Zielscheibe des Witzes, als der ungluckliche Urheber desselben!

Siehst Du, ich wollte den Leuten z e i g e n , was gesellige Unterhaltung sei, welchen Schwung eine Posse nehmen, wie der Geist sich mitten im Wechsel der Belustigung erheben konne. Ich wusste mir etwas mit diesem Plane, ich that gross damit vor mir und wichtig vor Andern. Nun, und das Ende war, die ganze Sache fiel platt zu Boden. Kein Mensch wusste, was ich wollte, Niemanden hat es unterhalten, geschweige denn ergotzt, der Abend ging auf die miserabelste Weise hin, und das Schlimmste ist, Spott und Tadel folgten mir.

Das ist des Menschen Klugheit.

Um Dir den Vorgang zu erklaren, musste ich weit ausholen, Dich an eine Grafin Ulmenstein erinnern, deren Nachbarschaft uns von Zeit zu Zeit in ihre bewegliche Lebensweise hineinzieht. Vielleicht besinnst Du Dich auf sie. In einem meiner Briefe glaube ich von ihr gesprochen zu haben; anfanglich war mir das Treiben in ihrem Hause, wie sie selbst, neu, es uberraschte mich Manches, ich bildete mir ein, neue Faden des innern Lebenszusammenhanges zu entdecken. Nachher war es damit, wie mit dem Meisten, nichts. Das flache Wesen fing mich an unglaublich zu langweilen. Indess hatte sie mich einmal mit vieler Emphase als ein ausgezeichnetes Genie gepriesen, mich ihrem Kreise so empfohlen. Sie und ich, wir mussten Wort halten. Deshalb war nicht von ihr loszukommen. Die Tochter, so vergnugungssuchtig wie die Mutter, ziehen einen Schwarm nuchterner Gecken hinter sich her. Unter gewissen Menschen muss immer etwas vorgenommen werden, um die Langweile zu bannen. Gesellschafts-Theater bilden sich uberall, wo man am bequemsten durch Andere sprechen und antworten kann. Eine Weile unterhalt das, was aber gemeinhin fur die Darstellung ungeubter Dilettanten gewahlt wird, gleicht deren alltaglichem Treiben auf ein Haar. Es ist immer h e u t e und g e s t e r n , macht denselben Effekt, lasst denselben Eindruck zuruck. Man ist damit fertig, sobald die Schminke abgewischt, das umgestaltende Costum weggeworfen, und das Theater einem andern Schauplatze, im Ball- oder Speisesaal gewichen ist. Ich hatte das bald weg. Mehrere waren eben so klug; das Ding fing an, matt zu werden. Jetzt stachelte mich die Eitelkeit. Mein Plan war gemacht. Eine neue kleine Welt stand mir zu Gebot. Die Fee, welche mir ihren Beistand lieh, rief Kobolde und Geister von fern und nahe herbei. Ein wandernder Schauspielertrupp, vertheilten wir uns, auf abentheuerliche, ausstaffirte Karren und Wagen, versteckten uns hinter Larven und tollen Putz, und nahmen so den Weg nach Ulmenstein. Bis dahin ging alles gut. Wir lebten in der Posse, Witz, Humor, die schellenkappige Thorheit mit ihrem buntscheckigen Mantel, waren unsere Reisegefahrten. Plotzlich erhebt sich, wie aus heiterm Himmel, aus einer einzigen Wolke, der heftigste Sturm, den ich je horte. Regenstrome sturzten nieder, wir konnten uns kaum bergen; die bunten Decken, dass ubergespannte Linnen, Mantel, Hute und Schleier, nichts widerstand der Wuth der Elemente. So ubel zugerichtet, steuerten wir mit abgetakeltem Fahrzeuge muhsam in den Schlosshof der Grafin. Hier hatte man vor dem Unwetter Thure und Thore geschlossen. Keine Seele liess sich an den Fenstern sehen. Wir lenkten unter den Schutz einiger schirmenden Baume. Unser Haufchen drangte sich dicht zusammen. Lange konnte die Prufung nicht dauern, der blaue Himmel schimmerte bereits zwischen dem zerrissenen Wolkenberg hindurch. Indess wog in diesem Zustande jede Minute schwer. Die Nasse hatte einen merklichen Theil des phantastischen Feuers ausgeloscht. Ungeduldig regte sich Dieser und Jener. Einige murrten laut, Andere verwunschten im Stillen den ganzen Einfall. Ich hatte mich ausschutten mogen, vor Lachen, warf ich einen Blick auf die trubseligen Gestalten in der narrischen Verkappung. Indess unterdruckte ich jeden Ausbruch des Muthwillens, den mir meine ubelgelaunten Gefahrten wohl um so weniger verziehen hatten, als sie im Geheim die Schuld ihrer misslichen Lage auf mich warfen, und nun erwarteten, ich solle derselben ein Ende machen. Ich saumte denn auch nicht. Ein neugieriger Stallbube, der sehr verwundert aus einer Lucke auf die bunten Puppenspieler, fur die er den fremden Tross hielt, hinstarrte, ward sogleich herbeigerufen. Ich ubergab ihm eine Botschaft an die Grafin. Als Direktor kundigte ich dieser meine dramatischen Vorstellungen an, bat um die Erlaubniss, Scenen aus dem Shakespeare auf ihrem Theater geben zu durfen u.s.w. Leute von Welt sind selten durch Fremdartiges oder Ungewohnliches zu tauschen. Das tritt nicht in den Bilderkreis ihrer Vorstellungen. Wenn es ihnen naht, suchen sie etwas dahinter, g e s p i e l t e n oder w i r k l i c h e n Betrug! Die Grafin war sogleich entschlossen. Ihre Thuren wurden uns geoffnet, sie selbst eilte uns entgegen. Doch wie das Bedurftige in der menschlichen Natur sogleich allem Scherz ein Ende macht, so zerstorten auch hier die nassen Kleider, die Furcht vor Erkaltung, und was es sonst noch alles zu bedenken gab, den letzten Rest muhsam bewahrter Illusion. Kurz, wir standen entlarvt da, und hatten Niemand als uns selbst gequalt. Glucklich genug, wenn es damit sein Bewenden gehabt hatte! Allein, nachdem sich jedweder in seinem gewohnten Rocke warm und bequem fuhlte, sollte er diesen wieder abwerfen, und das versprochene Spiel beginnen. Ich wich dem Anliegen aus, das ich weit mehr einer gewissen vorschriftsmassigen Hoflichkeit, als dem Wunsche, uns figuriren zu sehen, zuschrieb. Wir waren aus dem Charakter gefallen, die Stimmung war eine andere geworden, es lag eine Lacherlichkeit darin, sich bei volliger Nuchternheit berauscht zu stellen. Doch die Meinung Einiger, dass man nicht so umsonst und um nichts solche Anstrengungen gemacht, sich in Unkosten gesteckt, die Gesundheit daran gewagt habe, trieb uns am Ende Alle auf die Bretter. Jetzt erst, da es zu einer w a h r h a f t e n Ausfuhrung meines Entwurfs kam, fuhlte ich die ganze Schwierigkeit davon. Denke Dir den Sommernachtstraum die Rupel- und Elfenscenen und unser heutiges Publikum aus den feinen Zirkeln! Unglucklicherweise hatte die lebhafte schone Elise, unsre liebenswurdige Nachbarin, nur zu schnell meine Gedanken verwirklicht; s i e war es, die ein Paar schnell aufgeschossenen Knaben die Frauenrollen, zierlichen Madchen die der Elfen zutheilte, junge Leute aus der Nachbarschaft fur Zettels Schaar warb, ihm selbst, dem Heros aller witzigen Eselskopfe, sein Pensum einstudirte, kurz, die Puppen an ihren Drahtchen lenkte, und feenartig ein Feenspiel schuf. Aber was wollen die luftigen Wesen auf der ausgebildeten, fertig gestalteten Erde? Sie sind so sehr aus der Mode, dass selbst ihre Allegorie abschreckend geworden ist. Lieber Heinrich, es giebt ein Feld, wo der beste Witz, wie taube Nusse zu Boden fallt, und Niemand ihn aufhebt. Nun, wir standen mit unsern Bemuhungen auf einem solchen Felde. Um uns herum lauter mude und matte Blicke, lange Gesichter, gezwungene Aufmerksamkeit, angstliche Wiederholung aller Regeln der guten Erziehung, um nur nicht die todtliche Langweile blicken zu lassen, und nachher die Ausrufungen: "Und w i e gespielt! Aber w i e vollendet!" Und Zettel! der ist nun meine ganze Passion! Siehst Du, Heinrich, mein innerer Mensch zuckt vor abgedroschenen Redensarten zusammen. Die Luge des Hergebrachten presst mir Angstschweiss auf die Stirn! sie nimmt sich so lumpicht aus, und macht sich so breit mit dem abgetragenen Plunder. Kennst Du die Empfindung, wenn fremde Durftigkeit uns zu Boden druckt? Ich will nicht den reichen Mann auf Kosten Anderer spielen. Ich will glauben, dass der Aufwand, mit dem ich aufzutreten meinte, wie veralteter Prunk, zu schwer wog; auch, dass ich unrecht hatte, mich darauf zu stutzen, allein denken sollte man doch, G o l d halte immer die P r o b e , wie lange es auch im Winkel verborgen stand. Das ist aber nicht wahr. Kein Mensch glaubt Dir, dass es welches ist; und Niemand stellt die Probe an. Genug, wie dem auch sei, ich zog geschlagen aus dem Felde. Ich hatte mich verrechnet, das lag am Tage. Es blieb auch so eine gewisse, verlegene Aengstlichkeit nach geendigtem Spiele zuruck; dann sprach man gar nicht mehr davon. Es war, wie nicht geschehen, ich hatte Zeit, Betrachtungen anzustellen.

Nach dem ersten kleinen Verdruss uber m e i n e eigene Einfalt, machte ich es, wie Du jetzt thun wirst, ich lachte den Narren im Menschen aus! Mein Dunkel, der Eifer, mit dem ich ihn einige Tage gefuttert, alle die Muhe und Noth, ehe es zu dem Haupteffekt und der Beschamung kam, das Nachspiel hinter den Coulissen, war, ich versichere Dich, sehr drollig. Zuletzt sagte ich mir dann aber doch Einiges zum Trost. Unter anderm, dass es mit den neuen Anforderungen an die Poesie ein eignes Ding sei. Sie muss sententios oder materiell auftreten, wenn sie Eingang finden soll. Man will ein Paar schlagende Phrasen mit nach Hause nehmen oder sich durch illusorische Anschauungen so getauscht finden, dass man wirklich in China oder Mexico, in einem schlechten Gasthofe mit gemeinen Gesellen, in der alten, oder unter den Menschenfressern in der neuen Welt zu sein glaubt, und dies alles, blos um zu wissen, wie es die Kerls da treiben? Die Tone einer gottlichen Sprache zerrinnen in der untern Atmosphare zu Begriffen. Davon, dass es eine Region giebt, in deren feinen, leichten Luftschwingungen die Seele unwillkuhrlich gehoben wird, so dass sie die Spiegelbilder der Erde nur im Widerschein, aber dafur in jener magischen Beleuchtung eines warmern und glanzendern Gestirns, der Sonne des Dichters sieht, davon r e d e t man wohl, aber man kennt es nicht mehr.

Nein, Heinrich, man kennt es nicht mehr! Auch D u , und ich, die wir in einzelnen Augenblicken des tiefsten Schmerzes, der innern Verzweiflung, des ganzlichen Zerfallens mit der Welt, davon t r a u m e n , vergessen es wieder, m u s s e n es in einer so gestalteten Welt vergessen! Das ist der Widerspruch, in dem wir leben. Wir w o l l e n , was wir nicht k o n n e n ! Begreifst Du, wie zerrissen, wie fragmentarisch dies Geschlecht in der Weltgeschichte dastehen wird?

Doch wieder auf mein Abentheuer zu kommen. Es hat mich der liebenswurdigen Elise auf immer zum Freunde gemacht. Leichter, gutmuthiger nimmt keine Frau auf Erden ahnliche Krankungen der Eitelkeit auf. Ihr klarer, milder Sinn fand sogleich den Gesichtspunkt, aus welchem unser Missgeschick naturlich erschien. Sie tadelte weder sich noch Andere. "Es passte nicht!" sagte sie, und damit behielt jeder sein Recht.

Es passt so Vieles nicht, Heinrich. Wird darum das, was in Uebereinstimmung zu einander tritt, nicht unaufloslich Eins werden?

Ich habe einen eigenen Glauben von der Sympathie der Freundschaft. Sie scheint mir gegrundeter, als die der Liebe. Von dem was man so nennt, halte ich uberall wenig. Das sind Selbsttauschungen, mit denen der Mensch gross von sich selber thut, wenn er am kleinsten ist. In der Regel bleibt n a c h dem poetischen Wahnsinn eine Armuth des Innern zuruck, die den Rest des Lebens durftiger, als billig gestaltet, wahrend die Freundschaft wie ein machtiger Strom unzahlige Arme ausbreitend, die Steppen und Wusten des Daseins umfasst, den Hauch der Belebung ausathmet, und eine veranderte, frische, fortbildende Welt schafft.

Ich empfinde das in Elisens Nahe. Diese Frau hat einen freien, ja mannlichen Geist, der mit seltner Kuhnheit Verhaltnisse durchschaut und lenkt. Und dabei so viel Regsamkeit des Verstehens, solche Fulle und Warme in allen Lebensbeziehungen! Eines Engels Gute, eines Helden Muth! Niemals lasst sie das zartere Geschlecht in sich vergessen, und doch fuhlst Du ihr gegenuber nur den Einfluss einer hoheren Seele, die keinem Geschlechte, keinen Bedingungen der Erde angehort. Ich bringe meine liebsten Stunden bei ihr zu. Wir reden, wir lesen mit einander. Meine Lieblingsschriften sind auch die ihrigen. Es peinigt sie wie mich, alles Enge, Abgeschlossene. Ein freier Flug der Ideen tragt uns oft, wie die reinere Bergesluft ihre nachbarlichen Adlers Gespielen, in unermessliche Fernen, aus denen wir, inniger verschwistert, in die beschrankende Gegenwart zuruckkehren.

Niemand versteht mich, wie sie! Wenn es wahr ist, dass die menschliche Gesellschaft nur da sei, damit Einer den Andern erganze; so ward Elise geboren, alle Lucken und Mangel meiner unvollkommenen Natur durch den Reichthum ihres schonen Selbsts auszugleichen.

Schade, dass sie auf den Einfall kam, sich zu verheirathen! Sie musste fur sich allein ihre Bahn durchlaufen. Der Begleitung konnte sie entrathen. Mich stort der Mann entsetzlich! Er kommt jetzt von einer langen Geschaftsreise zuruck. Er wird das bisherige zwanglose Sein und Treiben nothwendig einengen. Vor der trockenen Gemessenheit mancher Leute kommt kein gesunder Gedanke auf. Elise ist gefallig, fugsam, ihr verschlagt es nichts, sich in die Art und Weise derer zu schicken, denen sie ein Recht uber ihren Willen zuschreibt, sie ist immer sie selbst. Ich kann nicht so denken, nicht so empfinden, ich ertrage das Hofmeistern pedantischer Rechthaberei nicht leicht, und wenn ich auch Jedem gern seine Art lasse, so bleibe ich doch da weg, wo Vorurtheil und Dunkel die Luft verdicken. Zudem ist der Dritte immer zu viel, in einem Verhaltnisse, wo sich zwei genugen.

Ich sehe daher ruhig zu, wie druben im Hause gepackt, geraumt wird, man sich anschickt, das Land zu verlassen, und nach der Stadt aufzubrechen. Ich werde ihnen nicht folgen! Um unsere stillen Abende ist es doch gethan! Ich werde ein Paar Wintermonate in den Mauern der Burg verschlafen, und aufwachen, wenn die Fruhlingssonne hell uber den Strom in meine Fenster sieht! Lebe bis dahin wohl, lieber Heinrich!

Die Grafin Ulmenstein an Curd

Es ist ausserst liebenswurdig von Ihnen, dass Sie sich meiner in den interessanten Umgebungen, die Sie so richtig zu schatzen wissen, erinnern wollten!

Ihr Briefchen mit den italienischen Carricaturen, den Zeichnungen, den Nationaltrachten, des Mailandischen Doms, der Peterskirche und andere Herrlichkeiten, nach deren Anblick meine Seele seit Jahren durstet, haben nicht allein meine Tochter und mich entzuckt, sie wurden auch die Quelle unserer Abendunterhaltung am Theetisch. Der junge Leontin, Sie sahen ihn vielleicht noch vor Ihrer Abreise bei mir, der sehr unterrichtet und uberall gewesen ist, erklarte die fluchtigen Skizzen meines gutigen Correspondenten. Agathe hatte sich ein geschmackvolles Costum fur das nachste Maskenfest in der Residenz ausgesucht. Sie bat Leontin, es ihr genau in den kleinsten Details zu bezeichnen. Alles dies belebte die Unterhaltung. Sie glauben nicht, welchen allerliebsten Abend Sie uns gemacht haben, fast so bunt und lustig, als waren Sie mitten unter uns. Ich sage Ihnen nicht, wie Sie zuruckgewunscht werden. Ohne Uebertreibung, Sie fehlen uns vorzuglich bei demjenigen, was wir hier auf dem Lande vornehmen, um die schlechte Jahreszeit, so wie die Stadt zu vergessen. Die letztere hat in diesem Augenblick gar keinen Reiz fur uns, da eine ziemlich ernste Familientrauer, der Tod einer Tante, meine Tochter wie mich, vom geselligen Vergnugen ausschliesst. Man uberdauert solche Prufungszeit am bequemsten da, wo das Leben unbeachtet, ungefahr eben so hingeht, wie die Convenienz es verbietet, o f f e n t l i c h zu geniessen.

Unter dem Anschein volliger Zuruckgezogenheit, bleibt mein Saal allen Freunden und Bekannten geoffnet. Es geht, ich versichere Sie, so frohlich darin zu, als wurfe kein schwarzes Kleid einen truben Schatten auf die lachenden Gesichter. Aufrichtig gestanden, die gute, alte Person hat mir auch gar nicht Ursache gegeben, ihr Andenken zu ehren. Sie war meine nachste Anverwandte, die Schwester meines Vaters, kinderlose Wittwe, ausserordentlich reich, und starb, ohne ihren rechtmassigen Erben einen Pfennig zu hinterlassen. Ihr Vermogen zersplittert sich in Stiftungen und Legate. Das Bedeutendste von den letztern ist aber dem jungen Baron Wildenau zugefallen, der sehr in ihrer Gunst stand. Es ware unbegreiflich, weshalb sie den fremden Menschen auf Kosten ihrer Angehorigen begunstigte, hatte sie dabei nicht die unausgesprochene Absicht gehabt, gerade hierdurch ihrer Vorliebe, wie den gesetzlichen Verpflichtungen, ein Genuge zu leisten, indem sie den jungen Mann in die Lage versetzte, einer meiner Tochter seine Hand anzubieten. Eine alte Vertraute der Tante, die Castellanin des Schlosses, welches Leontin bald als Eigenthum beziehen wird, eroffnete mir den stillen Wunsch der Verstorbenen im Geheim. Es ware auch lacherlich, wollte ich den tiefen Eindruck nicht bemerken, welchen insbesondere Agathe auf das Herz des Neulings gemacht hat. Allein er ist von einer so lacherlichen Zuruckhaltung, und ein solcher Misantrop, dass er ofters unsern heitern Zirkel flieht, und sich druben zu dem podagraischen, missgelaunten Comthur und seiner stummen, trubseligen Nichte fluchtet, um nur nicht zu verrathen, was ihm doch sichtlich das Herz abdruckt. Mag er sich stellen, wie er will, ewig wird er nicht schweigen! Doch wunsche ich ihm, dass er nicht zu spat das Wort finde, wonach er sucht. Es giebt andere Leute, die beweglichere Zungen haben, und meine Tochter besitzen ein Theilchen von dem Stolz und dem Eigensinne ihrer Mutter. Die eintonigen Abendunterhaltungen im Cabinet der Burgfrau konnten dem bedachtigen Freier doch sehr bittere Reue bereiten. Uebrigens missgonne ich der armen, kleinen Frau die einzige Unterbrechung ihrer langweiligen Existenz keineswegs. Denken Sie sich, ihr Mann hat neben hundert andern lacherlichen Einfallen, auch den, den ganzen Winter auf dem Lande zubringen zu wollen, das heisst, er lasst sein Haus mit Frau und Dienerschaft dort, nimmt selbst das Ansehn, als sei er einheimisch, wahrend er unaufhorlich hin- und hergeht, niemals auf der Burg anzutreffen ist, halbe Tage in der Residenz bei s e i n e r F r e u n d i n zubringt, diese nur verlasst, wenn sie, durch ihre Verhaltnisse gezwungen, Gesellschaften beiwohnt, die nicht von seiner Hohe sind, und die er verschmaht.

Sie sehen, das Spiel ist gut berechnet. Es geht einen raschen Gang! Mir ist solche Freimuthigkeit, bei so unerlaubter Intimitat in meinem Leben nicht vorgekommen. Die Leute treiben das Alles mit einer Miene, als verstehe sich ihr auffallendes Benehmen von selbst. Nach gerade wurde indess die unbegreifliche Dreistigkeit doch sehr peinlich. Man hatte ungefahr das Gefuhl dabei, als wenn Jemand durch eine unbewusste Unordnung in der Toilette, das Auge Anderer verletzt, und im vollen Gefuhl schicklicher Haltung, die ungeahndete Indecenz noch mehr heraushebt. Ich bin deshalb froh, dass der Prasident zu rechter Zeit kam, seine Frau nach der Stadt zu fuhren. Die geselligen Beziehungen der Nachbarschaft brachten mich, ich versichere Sie, in fatale Collisionen. Ganz offenbar nahm der Graf von dem leichtern, bequemern Ton, der in meinem Hause herrscht, Veranlassung, seinen Absichten hier ein freies Feld zu bahnen. In diesem Sinne mischte er sich in die Anordnung unserer Buhne, und brachte ein plumpes, licencieuses Ding zum Vorschein, das allenfalls in einer Dorfschenke, von Puppenspielern dargestellt, das dortige Publikum ergotzt haben wurde, fur uns aber ganz unschmackhaft blieb. Es soll von dem jetzt oft genannten, von Vielen so gefeierten alten englischen Poeten sein, dessen Name ich immer vergesse, weil er mir die Kinnbacken zerbricht, wenn ich ihn aussprechen will. Mag indess Theil daran haben, wer nur will, dieser Mischmasch von platter Trivialitat und bilderreichem Unsinn, von langweiligen Tiraden und pobelhafter Gemeinheit, gehort vor ein anderes Publikum, als vor das unserige. Auch bin ich uberzeugt, der Graf war nicht einen Augenblick im Irrthum uber den Werth des Stuckes. Seine Wahl fiel nur vorzugsweise deshalb darauf, weil es fur den ubrigen Plan passte, und geschickt war, der zwanglosen Gemeinschaft einer zusammengerafften Bande umherziehender Schauspieler zum Vorwande zu dienen. Die List war ziemlich grob eingefadelt. Ich war gleich auf der rechten Spur. In Wahrheit, die Leutchen machten ihre Sachen ungeschickt. Mit einem bischen Vertrauen liesse sich viel ubersehen. Doch sie sind so stolz und anmassend, betheure ich Ihnen, auf den Schwung ihrer Gefuhle, dass sie alle Zungen mit Pfeilen bewaffnen. Aus diesem Grunde danke ich es ordentlich der guten Tante, dass sie gerade diesen Zeitpunkt wahlte, um zu sterben. Ihr Tod fesselt mich hier, und setzt mich ausser Verbindung mit zwei Familien, denen ich gleiche Rucksichten schuldig bin, und die mich demungeachtet beide gezwungen haben wurden, offentlich zu brechen, um auch den Schatten von Theilnahme an einem unerlaubten Handel von mir zu entfernen. Eine Mutter kann gar nicht delikat genug in der Wahl ihrer Gesellschaft sein.

Mich dauert die stille, schuchterne Emma ganz ausserordentlich. Man sagt, sie erwarte ihre Mutter in Kurzem von einer Ruckreise aus Italien. Nun, das wird hubschen Larm geben, wenn die Oberhofmeisterin hinter des Schwiegersohns geheime Verbindungen kommt!

Leben Sie wohl bis dahin! Wenn etwas, des Berichtens werth, unter uns vorfallt, rechnen Sie auf die Feder Ihrer bereitwilligen Freundin.

Emma an den Geistlichen

Ihr letzter Brief, ehrwurdiger Freund, fordert mich mit fast beschamender Gute auf, Ihnen zu jeder Zeit mein Herz offen zu erhalten, Alles, was darin vorgeht, Ihrer Theilnahme zu vertrauen, jeden Zweifel in der freien Mittheilung aufzuhellen und uberall rucksichtslos wahr zu sein.

Ach! mein gutiger Lehrer, was bliebe Ihnen auch von dem verschwiegen, was ich mir selbst eingestehe! Ich glaube, ich konnte der Worte entbehren, Sie erriethen mich dennoch.

Dem Himmel sei Dank, noch scheue ich den Blick nicht, der die Tiefen meiner Seele durchdringt. Ich weiss, Sie sehen bis auf den Grund, und nichts verwirrt Sie, was die Bewegung des Augenblickes undeutlich auf der Oberflache erscheinen lasst.

Anders ist das mit meiner Mutter. Die ruhige Begleitung eines Freundes, der nichts will, als dem Gefahrten zur Seite bleiben, lasst dessen Gang frei, doch angstliche Sorge hemmt den Schritt. Ich habe es stets so gewissenhaft vermieden, irgend einen leisen Schatten in die Seele meiner Mutter zu werfen. Nur in den stillsten, ruhigsten Stimmungen, bei allem Frieden der innern und aussern Welt um mich her, schrieb ich meine Briefe an Sie. Nie ist mir ein Wort entschlupft, das sie doppelsinnig deuten konnte; warm und zartlich sprach ich die Empfindungen meines befriedigten Herzens aus, wie kommt es dennoch, dass sie dem allen keinen Glauben schenkt? Unwillig bestreitet sie mir meine Ruhe, mit leidenschaftlicher Besorgniss dringt sie auf mich ein, und strebt, mir ein Geheimniss zu entreissen, das mir fremd ist, dessen undeutliche Erwahnung mich unaussprechlich angstigt. Sie wirft mir Zuruckhaltung, ja Heuchelei vor, und schwort, Licht in der Sache haben zu wollen, um einer Verblendung ein Ziel zu setzen, die sie fur die Wurde ihres Kindes beeintrachtigend halt. Von diesem brennenden Wunsche getrieben, nimmt sie ihren Ruckweg aus Italien gerade hierher. Sie kommt! sie kommt in den nachsten Wochen! und wenn mein Herz vor Freude zittert, sie wieder zu sehen, so stockt es auch vor Bangigkeit und Furcht, als sei das Ende aller Gluckseligkeit, ja das Ende meines Lebens nahe!

Die Unnatur solcher Widerspruche macht mich vollig irre an mir selbst, an meinen Verhaltnissen, ach! an den liebsten Menschen. Ich frage mich unzahligemal: was ich furchte? fur w e n ich furchte? Und wenn mir dann eine angstigende Antwort nahe tritt, und ich sie nicht horen will, dann ist es, als sahe ich in ein unabsehbares Gewirre von Missverstandnissen hinein, von denen ich den Blick erschrocken abwende.

Mein Gott! ich war so ruhig, ich genoss die unaussprechliche Freude, Hugo vollig zufrieden und heiter zu sehen. Ich empfand, dass er den einzigen Wunsch meines Herzens, ihm in keiner Art hemmend in den Weg zu treten, erkannte, er genoss seine Freiheit, und kehrte lebensfrischer, klarer, oft warmer, als er ging, zuruck. Wie hatte ich furchten sollen, dass gerade dasjenige, was mir das Gleichgewicht entgegengesetzter Naturrichtungen zu erhalten schien, Hingebung und Liebe, den Samen unseliger Missverhaltnisse ausstreuen wurde!

Wie ist man nur so eilig, Gegenstande zu beurtheilen, die man nicht kennt. Niemand weiss ja, was in der Brust des Andern vorgeht. Ich war glucklich, ich versichere Sie, seit es stiller um uns ward, die Nachbarn die Gegend verliessen, oder die misslichen Gebirgsschlufte mieden. Die Einsamkeit auf der Burg ist mir erwunscht, ich liebe das ernste, grossartige Gebaude uberaus. Das Gewohnlichste im Leben gestaltet sich hier anders. Es geht ein Geist durch Hauser und Gemacher, den oft die wechselnden Bewohner nicht bannen. Im Gegentheil, sieht man diese wohl unwillkuhrlich dem verborgenen Einflusse nachgeben, Geschmack und Neigung dem gebietenden Zuge unterwerfen; ja, sich selbst, wie die gewohnte Weise, in eine andere Form fugen.

Hier, unter den festgewolbten Bogengangen, den kraftigen Sinnbildern gegenuber, findet weder Langweile Raum, noch kleinliches Gelust Eingang. Hier ist alles bleibend, ruhig, das Gemuth erhebend; und wenn ich in Hugo's Abwesenheit in seinem lieben Zimmer sitze, mir es so unaussprechlich wohl in den schonen, hohen Raumen ist, ich mich in die Kissen seines Sopha's schmiege, seine Nahe tauschend empfinde, mein Blick dann, durch die Glasthuren, uber den Altan weg, in die reizende Landschaft sieht, der breite Strom so still und majestatisch voruberfliesst, die dunklen Thalwande hinter ihm riesenhaft aufsteigen, Dorfer und Stadte aus ihrem blaulichen Dunst hervortreten, dann fuhle ich, wie die Seele des kraftigen, kuhnen Mannes sich da hinaussehnt, und theile seinen Unmuth wie sein Streben. Ich selbst mochte ihm das Thor offnen, den Weg bahnen! Gedanken, die i h n beschaftigen, umringen mich! ich werde ganz er selbst, fuhle, wunsche wie er, und athme frei, wenn ich mich besinne, dass er fern von hier, wenigstens auf Stunden und Tage, jetzt sich selbst angehort, seinem ungestillten Drange nach Freiheit augenblicklich Genuge thut. Lange, lange sitze ich dann so, begleite ihn auf Wegen und Stegen, bilde mir ein, seinen Schritten zu folgen, und wahrend ein zartlicher Wahn die Zwischenraume durchmisst, bin ich weder allein, noch entbehre ich das Gluck der Gegenwart.

Nein, lassen Sie michs bekennen, ich kann, mir selbst uberlassen, weit ungestorter Hugo's Bild betrachten, als ihm gegenuber. Ja, m i r steht er fest, rein, unberuhrt von dem, was zuweilen die Wirklichkeit umdunkelt. Es ist der w a h r e Hugo, den ich ungetheilt m e i n nenne, den ich liebe, den ich liebkose, zu dem ich frei aus dem tiefsten Herzen rede.

O! wer mag zweifeln, dass ich eben in den Stunden, die mir falsches Mitleid rauben will, glucklich bin!

Lieber Freund, wenn nur meine Mutter das so wusste, wenn es sie beruhigen konnte, dass mir diese unscheinbare Stellung im Leben lieb ist, dass ich sie um Vieles nicht wechseln mochte, dass ich vor jeder Veranderung zittre. Manchmal habe ich ihr ganz rucksichtslos schreiben, sie bitten wollen, ja an nichts zu ruhren, was sich allzuleicht durch fremdes Eingreifen verschiebt. Allein, wozu wurde es nutzen? Sie misst mein Gluck nach ihrem Empfinden. So freilich muss sie hier unzufrieden sein! Und wenn ich mir nun denke, wie mit heisser Sehnsucht sie sich her zu mir wunscht, wie ihre unbegranzte Liebe mich nie verliess, ich ihr Alles auf Erden bin, sie keinen, auch nicht den kleinsten Wunsch hegt, der nicht ihrer Emma Wohl betrafe, dann sinkt mir der Muth, dann weiss ich nicht, wie ich ihr das Unabanderliche anders darstellen, das Mangelnde, was allein der Fortgang des Lebens erganzt, im Augenblicke verhullen soll.

Auch der Oheim ist nicht ohne Sorge. Er sagte mir noch diesen Morgen: "Liebes Kind, Ihre Mutter wird nicht mit uns zufrieden sein, sie wird sich hier missfallen. Ware es nicht besser, Sie folgten Hugo nach der Residenz, und empfingen sie dort?"

Ich war verlegen, was ich ihm erwiedern sollte. Hugo hat mich nie aufgefordert, ihn nach der Stadt zu begleiten; er vermeidet es wohl, weil es nicht das Ansehen haben soll, dort einen langern Aufenthalt zu wahlen. Seine Stellung bleibt auf solche Weise freier. Er sichert sich das Gehen wie das Kommen, wenn er uber Beides nur mit dem Augenblicke zu berathen hat. Es ware mir nicht moglich, ihn gerade hierin hemmen zu wollen. Auch bin ich nicht des Oheims Meinung. Aus vielen Grunden ist es mir lieb, die Mutter hier auf dem prachtigen Familiensitze bei mir zu sehen. Das Schloss, seine Umgebungen, der Zuschnitt der Verhaltnisse, die ganze Lebensweise, werden ihr in gewisser Hinsicht genugen. Der Glanz, wenn er nicht blendet, ergotzt immer das Auge, und macht es williger, Unebenheiten zu ubersehen. Und dann gleichformige Ruhe halt Storungen entfernt.

Dies alles bei mir uberdenkend, schwieg ich einige Augenblicke, ohne meinen wohlwollenden Beschutzer zu beruhigen.

Er ergriff meine Hand, druckte sie fest in der seinen, indem er zartlich sagte: "Machen Sie es, wie S i e wollen. Ihr klarer Geist giebt Ihnen von selbst den Faden durch dies Labyrinth in die Hand."

Er ging. O! hatte er gewusst, in welcher Unsicherheit er mich zuruckliess, wie orakelhaft seine Worte klangen, was er in mir verworren, was er geweckt hat!

Ich sehe es nun wohl, die Welt tadelt Hugo, beklagt mich, erfindet und spinnt das Erfundene emsig zusammen. Wie ich diese mussige Geschaftigkeit hasse! wie mich eine Theilnahme druckt, die ohne Herz und Gemuth, nur das Fremde an sich reissen, es durchschauen mochte.

Die Menschen wissen nicht, wie wehe sie mir thun! Ist es denn nicht moglich, anders zu sein, als Andere, und doch fur sich recht zu behalten? Ich bin so angstlich, seitdem der Oheim ging. Ich weiss nicht, was ich thun oder lassen soll? Der Brief meiner Mutter ist in grosser Leidenschaft geschrieben. Er klingt fast drohend. Die wenigen Zeilen, welche das Stiftsfraulein ins Couvert hineinschrieb, sollen mich wohl beruhigen, allein sie enthalten die niederschlagende Nachricht, dass beide Freundinnen sich auf einem gewissen Punkt der Reise trennen, und wahrend die Eine dieser Gegend zueilt, die Andere sich zuruck, zu der Furstin wendet, um dieser erwartete Briefe und Berichte zu uberbringen. So fehlt mir denn auch die vermittelnde Sophie. Von ihr hatte ich erfahren, wer all die Leidenschaft, die angstliche Hast erregt? Sie wurde mir geholfen haben, mich gegen schmerzliche Angriffe zu waffnen, und zugleich die Zartlichkeit der liebevollsten Mutter zu schonen. Jetzt bin ich ganz allein, Hugo ahndet nicht, was mich qualt, auch ist er nicht anwesend. Und ware ers, was durfte ich ihm sagen?

Ich lese in Ihrem klaren, frommen Auge, was ich vergessen zu haben scheine. Sie sehen fast strafend auf die Unruhe meines Herzens. Ja, ich verstehe, ich verstehe, wozu Sie mich anmahnen. Ich werde ja auch den Weg nicht verloren haben, auf dem Muth und Besonnenheit zu finden ist. Ich bin nur so erschrocken! ich weiss selbst nicht, wovor? Ich sehe nicht, w a s ich furchte, und doch fuhle ich es. Lesen Sie mit Nachsicht diese verworrenen Zeilen, denken Sie, ich finde mich so am ersten zurecht, wenn ich nach des Lehrers, des Freundes Hand greife, wenn ich schwach, doch willig, mich aufzurichten, Ihren Beistand suche.

Abends spat.

O es ist Alles anders, Alles gut! Hugo ist hier! Er kam in Nacht und Dunkelheit. Er fand mich in seinem Zimmer. Es uberraschte ihn. Er war bewegt, als ich ihm gestand, dass mir h i e r allein wohl sei. Sein Auge hatte den schonen, tiefen Blick, vor dem meine Seele immer so innerlich bebt. Er sah mich mit d e m Blicke an. Eine Welt lag darin! und ich war mitten in dieser, in s e i n e r Welt! Jetzt, was habe ich zu furchten. Meine Mutter wird uns so finden. Hugo zen, sie hier zu sehen. Wir wollen ihr beide eine Tagreise entgegen fahren. Wie anders nun dies Wiedersehen! Wie der Mensch schwach ist! Wie zaghaft, wie kleinglaubig!

Geehrter Freund, soll ich es Ihnen bekennen? Sahen Sie nicht etwas Trubes, Unreines im Hintergrunde meiner Angst sich verbergen? O guter Gott, wie gern will ich mich eines Gefuhls schamen, das mich doppelt zerreisst, weil es dem geliebtesten Menschen zu nahe tritt!

Heiterer, als ich zu Ihnen kam, verlasse ich Sie jetzt. Moge mich ihr Segen aufrecht gegen so schlimme Anfechtungen halten!

Elise an Sophie

Was lag Ihnen im Sinn, Liebe! dass Sie so aus dem Charakter fallen, so unverzeihlich von dem nuchternen Gerede meines albernen Vetters eingenommen werden konnten?

Gewiss, Sophie, ich erkenne Sie nicht in der Heftigkeit, mit der sich Gedanken und Empfindungen auf jenem Blatte jagen. Ist die Luft in dem schonen Italien so entzundbar, dass auch der Thau im Kelche einer Lilie aufbraust?

Ihr Blut schien mir bis dahin von anderer Natur, als das der ubrigen Menschen. Sein milder Lauf verirrte sich nie zu ungleicher Wallung. Man empfand immer, dass es nur den e i n e n Weg, den z u m H e r z e n kannte; dessen sanfter Schlag, wie der Athem der Liebe, Sie selbst, das was Sie umgab, die Welt mit ihren Verirrungen, in Uebereinstimmung zu bringen wusste. Und jetzt!

Sophie, Entfernung und Trennung sind doch etwas! Man sage, was man wolle, der Raum trennt die Korper nicht allein. Sie hatten mir von Ihrem Stift aus nicht diesen durren, heftigen Brief geschrieben, der Ihren Unwillen ins Blaue hinein rief und durch nichts verrieth, dass Sie zu m i r sprachen.

Ihre ganze Reise war mir vom Anfange zuwider. Jetzt setzen Sie diesem Gefuhl die Krone auf.

Welche Gewalt ubt denn diese furchtbare Frau uber Sie aus, dass sie Sie nicht allein dem gewohnten Kreise entfuhrt, dass sie auch Ihr Inneres umwandelt! Und nun schicken Sie sie uns noch gar hierher. Sie droht jeden Tag mit ihrem Besuch. Zum erstenmale bin ich froh, in der Stadt zu sein! Hier kann ich ihr aus dem Wege gehen! Ich werde es thun, denn ich sehe immer ihr Bild auf Emma's Schreibtisch mit Widerstreben an. Es ist etwas in den schonen, regelmassigen Zugen, in den durchdringenden Augen, was mich schon darum erbittert, weil in d e m Gesicht Ihr ganzer letzter Brief, Sophie! geschrieben steht. So beurtheilt, so fasst ein herrschsuchtiges, einseitig beziehendes Gemuth Menschen und Handlungen auf. Ich kann mir denken, was Sie taglich aus einem Munde horen mussen, dessen schmerzlich verzogene Winkel mehr Unzufriedenheit als Schwermuth ausdrucken. Wo sich so viel strenge Absonderung offenbart, da kann nichts in naturlichem Zusammenhange, in nothwendiger Folge gedacht werden.

Sagen Sie doch, wenn Ihre Freundin weniger abhangig von gewissen Erdenvortheilen war, wurde sie es ubersehen haben, dass sich Niemand weniger als Hugo zu ihrem Schwiegersohn passte? Wem wirft sie nun den Missgriff vor? dem Grafen? Emma? Mein Gott! wann war die Jugend frei von Verblendung? Und nun, da die Schiefgestellten schief stehen, was zeigt sie mit Fingern darauf, und macht die Welt zum Zeugen ihrer Verkehrtheit?

Es ist nicht zu laugnen, es ist wahr, es ist n i c h t wie es sein sollte mit dem ungleich zusammengewurfelten Paare. Aber, wenn dies Beide fuhlen, und sich die peinliche Gemeinschaft, Jeder wie er kann, erleichtern, soll man sie nicht gewahren lassen? Geht die Oberhofmeisterin von dem Grundsatz aus, sie konne auch Gemuther nach ihrem Willen umschaffen, so wird sie hier viel Unheil stiften. Der Graf verehrt sie, aber er ist unbiegsam gegen ihre Eingriffe.

Sie sehen hieraus, liebe Sophie! so wie aus fruhern Mittheilungen, dass ich mit den Verhaltnissen, wie mit der Sinnesart Ihrer jungen Freunde sehr vertraut bin. Ich hielt nie mit meinem Urtheile zuruck. Ich verschwieg Ihnen nicht, dass mir Hugo den Eindruck umfassender, grossartiger Geisteskraft, ungewohnlicher Tiefe und Klarheit gemacht hat, dass ich ihn bewundern, verehren, und auch da an ihn glauben m u ss , wo ich ihn nicht immer verstehe. Dies sagte ich Ihnen langst. Meine Briefe sind voll von ihm und Emma. Noch kurzlich mussen Sie die ausfuhrlichsten Berichte uber jeden Umstand in dem Leben auf der Burg erhalten haben, was sollen nach dem Allen, Ihre dringend an mich gerichteten Fragen? Was rufen Sie mich auf, unbefangen und offen zu sein? Weshalb gedenken Sie meinem letzten Ausspruche mehr Glauben zu schenken, als dem fruhern?

Ist denn irgend etwas Verstecktes, Zweideutiges in meinen Worten? Warum sucht man bei mir nach etwas Anderm, als ich gebe?

Ich werde mir selbst ganz unverstandlich. Auch Eduard wagt, misst und ergrundet, was ich thue und sage. Er ist von ubler Laune, seit der letzten Reise. Mein verlangerter Aufenthalt auf dem Lande war ihm nicht recht. Und dann die misslungene Darstellung auf dem Theater zu Ulmenstein! Der Schatten einer Lacherlichkeit reicht hin, ihm den Himmel zu truben. Die Grafin hat ihm den Spass ungeschickt vorgetragen, ob absichtlich? oder durch Zufall? ich weiss es nicht, aber gewiss ist es, ihre Gunst fur mich hat einen Stoss erlitten, und in dem Falle k r a t z e n Leute ihres Schlages, w e n n sie l i e b k o s e n . So finden sich denn viele Unannehmlichkeiten auf meinem Wege, denen ich nicht mit der gewohnten Heiterkeit begegnen kann, da es nicht schwer ist, abzusehen, wo sie hinaus laufen werden. Eduard sucht Ursache an mir, um Georg fremder Leitung ubergeben zu konnen. Er hat das langst gewunscht, doch traut er nicht, damit hervor zu treten. Jetzt ist er unzufrieden mit dem Kinde, er findet es vernachlassigt, er sucht den Grund davon in meinem getheilten Leben auf dem Lande.

Ein Geistlicher ist schon gefunden, der bei uns einziehen, und mir den Knaben abnehmen soll, wie Eduard sich ausdruckt. A b n e h m e n ! Das Wort konnte nur ein Geschaftsmann finden, dessen lastende Wirksamkeit die Liebe ausschliesst.

Ich habe nichts darauf erwiedert, ich lasse es geschehen. Aber ich weiss, dass mit d e m Riss das Leben vollends auseinander fallen wird!

Und in diesem Augenblick Ihr Brief! Sophie! Sie dachten nicht, da Sie ihn schrieben, dass er in schlimmer Stunde bei mir eintreffen wurde!

Ich habe seitdem gegen einen fatalen Unwillen in mir gekampft. Es ist nicht so leicht, als es die Philosophie vorschreibt, sich verkannt zu wissen, und es grossmuthig zu ubersehen!

Doch jetzt, da ich wieder einmal Abschied nehmen soll, mein Herz mir wehe thut, ich mich unbeschreiblich nach Ihnen sehne, jetzt wird es mir leicht; Sophie, ich weiss nichts mehr von Allem, wodurch Sie mich krankten.

Hugo an Heinrich

Du hast mich ofters aberglaubisch gehalten, weil ich auf gewisse prophetische Winke in der Natur achte, sie in der Erinnerung festhalte, mit spatern Ereignissen zusammenfuge, und neue Belege fur meine Theorie der innern Verwandtschaften darin suche. Unsere Discussionen bekehrten weder Dich noch mich. Du hast keine Vorstellung in Dir von der Herrschaft verborgener Wirkungen. Das Organ dazu fehlt manchem Menschen. Ich kann es Dir nicht geben, eben so wenig, wie Du mir die Ueberzeugung von einem Dualismus des Weltregiments wegraisonniren kannst. Mein Gefuhl sagt mir es nur zu deutlich, dass ich abwechselnd Sclav und Herrscher bin, dass ausser m e i n e m Willen noch ein anderer Wille uber mich bestimmt. Ob der Streit immer Streit bleiben soll? Ob er eine Vermittlung finden kann? und welche das sein wird? Mein Theurer! das ist die Region des Unerforschlichen. Wir s t r e i f e n daran, aber wir konnen nicht h i n e i n . In manchen Augenblicken zwar, wenn Du ein Wesen so recht, so uberschwenglich liebst, dann i s t , dann m u ss Dir sein, als ware die Vermittlung langst geschehen. Doch lass das! lass das!

Ich will Dich auch nicht fur meine Ansicht gewinnen, ich will Dir nur etwas erzahlen, was mir auffiel, was mich beschaftigt. Vor ein Paar Tagen kehrte ich Abends allein zu Pferde von einer Ausflucht nach der Stadt zur Burg zuruck. Es war noch nicht eben allzu spat, doch der Jahreszeit gemass, dunkel. Als ich mich dem Walde, durch den mein Weg fuhrt, nahte, ging, wie bestellt, der Mond auf. Er stand im blaulichen Nachtdunst voll und feurig auf dem Scheitel hoher Wolkenberge. Ich ritt langsam. Die Luft war mild. Eine dunne Schneedecke lag am Boden. Unter den Baumen, tiefer ins Dickicht hinein, entdeckte ich Spuren von Wild. Ich lenkte einer schmalen Hugelreihe am See, der W a l l benannt, zu. Dort hat sich aus einem einsiedlerischen Platzchen des Comthurs, zwischen dichten Schwarztannen versteckt, erst ein Haus, dann eine Meierei, zuletzt das Besitzthum einer ehemaligen Vertrauten gebildet.

Landleute, Reisende, auch das benachbarte Jagervolk besuchen von Zeit zu Zeit die Tannenhauserin. Ich ziehe ofters ohne Umstande mein Pferd dort in den Stall, wenn ich Lust habe, mich auf Rehe und Hirsche einige Stunden auf den Anstand zu stellen. So geschah es auch heute.

Als ich uber den Hof zuruck ging, begegnete ich dem Burschen, der mit zwei andern Pferden an mir voruber tappte. Ich rief ihm zu, das Meinige gut zu warten, ohne mich um sonst etwas zu bekummern. Nachher fiel mir's wohl ein, wer noch so spat hier angekommen sein mochte? aber es beschaftigte mich weiter nicht. Eine Strecke weiter hin ist der Wall, wo er das eigentliche Ufer des See's bildet, mit uralten Buchen besetzt. Die dichtgereihten Baume verschlingen ihre hochgewolbten Kronen zu einem weiten, hallenartigen Dome zusammen. Gewisse Ideenverbindungen legen den Gegenstanden oft eine Art Heiligkeit bei. Ich bin hier jedesmal auf unwiderstehliche Weise wie festgebannt. Es giebt da eine Stelle kurz nach meiner Ankunft in dieser Gegend sah ich hier genug! die Stelle ist mir lieb. Ich suchte sie unvorzuglich auf, blieb an einen der Baumstamme gelehnt, und dachte, meine Beute kommen zu lassen.

Indess vergass ich bald Jagd und Wild und was damit zusammen hangt.

Der See lag zwischen den schneeigen Ufern blau und klar vor mir. In seinen leise bewegten Spiegel tauchte der Mond, wie eine herabgefallene Feuerkugel. Unwillkuhrlich suchte der Blick o b e r h a l b nach dem ruhigeren Lichte. Die aufgethurmten Wolkenschichten hatten sich auseinander gethan. Ein schwarzer Streif umsaumte die Granze des Horizonts, wahrend leichte Dunste, in allerlei Gestalten zerfliessend, den Himmel mit unzahligen Bildern besaeten. Es ist nicht zu glauben, was das Auge Alles sieht, wenn es, sich vollig selbst uberlassen, bei einem Gegenstande verweilt!

Heinrich, ich liess so Unsagliches an mir vorubergehen. Die duftigen Umrisse schrieben eine ganze Geschichte auf das blaue Feld uber mir nieder.

Wer verlor sich nicht einmal in das Treiben der Wolken! Ich hatte stundenlang so stehen und die Riesenkopfe mit unformlichem Bart und Nase, die fliegenden Engel mit weit ausgebreiteten, machtigen Fittigen, die monstruosen Thierlarven betrachten, belachen, bewundern konnen! Gott weiss, weshalb mir ein Ding, das wie ein vierradriger Wagen aussah, so besonders auffiel! Er rollte, wie aus tiefem Abgrunde, hinter den schwarzen Streifen hervor, und fuhr, von schneidendem Windzuge getrieben, sausend uber das leuchtende Firmament an dem Monde voruber, der zerschnitten und zermalmt unter den Radern verschwand.

Es war ganz deutlich ein Wagen. Ob Pferde oder andere fabelhafte Creaturen ihn zogen, kann ich Dir nicht sagen, allein, eine Gestalt mit gehobenem Arme, drohend, oder auch nur das Fahrzeug lenkend, stand mehr u b e r als in demselben. Es war ein Weib mit lang flatterndem Schleier. Je hoher das Wolkenbild heraufzog, je mehr dehnten sich die Massen ins Ungeheuere. Wagen, Schleier und menschliche Gestalt thurmten sich bald zu einem Gebirge zusammen, durch dessen duftige Kuppe der Mond plotzlich wie ein grosses, gewaltiges Auge hindurch sah.

Mein Blick heftete sich immer fester auf die majestatische Erscheinung. Trieben nun Zufall oder Phantasie ihr Spiel mit mir? genug, ich glaubte mitten in dem Dunstknauel die alten Umrisse des Wagens wieder zu erkennen. Aber dieser war jetzt dunkel und scharf, und sah eher wie ein Kasten, ja fast wie ein Sarg aus. Ich schauderte unwillkuhrlich bei dem Gedanken; da sagte eine Stimme unter mir: "Um Gottes Willen, mache er, dass wir anlegen." Zugleich horte ich den verdoppelten Schlag nahender Ruderer. Nicht lange, so rauschte es im Rohr. Ein Kahn ward am Ufer befestigt Ich trat weiter vor. Ein Mann mit schwerer Burde auf dem Rucken stieg zuerst ans Land. Ein keifendes, zorniges Weib folgte ihm mit einiger Schuchternheit. "Komme Sie nur getrost, alte Marthe!" sagte der Mann. "Sie sieht, wir sind auf dem Trocknen. Was will Sie mehr? Hier herum ist auch ein gutes Wirthshaus, worin es immer Narren genug giebt, denen Sie Ihre Hexenkunste vormachen kann." "St! St!" flusterte das Weib, den Kopf in die Schultern gezogen, den Finger drohend gehoben. "Bei Leibe nichts von Hexen," sagte sie heimlich. "Den Leuten wurde sonst bange vor mir." "Der Name thut es Ihr nicht, Marthe," lachte ihr Begleiter, indem er den schweren Kasten, den er trug, gegen einen Baum stemmte, und einen Augenblick ausruhte. "Laufen doch so schon die Kinder, wo Sie sich nur sehen lasst, drum fliegt Sie auch mit den Eulen erst Nachts aus." Er kicherte bei den Worten selbstzufrieden. "So treffen wir doch e i n m a l zusammen," entgegnete sie spitz. "Es war gut, dass Er noch spat bei den Comtessen in Ulmenstein zu thun hatte. Nun machen wir den Weg mit einander."

"Hat Sie denn der Mutter und den Tochtern aus dem Kaffeegrunde prophezeiht?" fragte der Mann, in welchem ich jetzt einen, in der Gegend umherstreifenden Hausirer, mit Namen Walter, erkannte. "Oder," fuhr dieser fort, musste Sie ihnen die Karten legen und die Freier anrucken lassen?" "Nichts von allem dem," brummte jene kopfschuttelnd. "Und war's auch, was geht es Ihn an! Die Paar alten Kleider, die ich von den hubschen Kindern in den Kauf kriege und spottwohlfeil wieder verkaufe, die thun seinem Verkehr keinen Abbruch."

"Spottwohlfeil," hohnte sie Walter. "Geh' Sie doch, Alte! wir kennen uns! Ihre Schliche sind weltbekannt. Aber erzahle Sie einmal, hat Sie es nicht auspunktirt, wird aus der Heirath mit dem jungen Baron etwas?"

"Hm!" entgegnete Marthe, in einem Tone, als wolle sie sagen, dass ich eine Narrin ware, und es ihm wissen liesse. Sie wandte sich zugleich ab, und ging ein Paar Schritte tiefer in den Wald hinein.

"Bleibe Sie doch!" rief Walter. "Sie weiss ja hier herum keinen Bescheid, und die schmucke, feine Tannenhauserin lasst Sie in dem Aufzuge schwerlich ein, wenn ich Sie nicht begleite."

Dieser letzte Zusatz machte, dass ich die Frau genauer ins Auge fasste. Ein grosser Hut und die zunehmende Dunkelheit versteckten ihr Gesicht. Doch war dem Hute selbst, mit seinem verbrauchten Putz von bunten Blumen und schlaffen, eingeknickten Federn, das widrig Fratzenhafte ihrer ganzen Erscheinung auf den ersten Blick anzusehen. Wahrscheinlich mochte sie die, in Ulmenstein erhandelten Herrlichkeiten nicht bequemer haben fortbringen konnen, als auf dem eigenen Korper. So hatte sie dann den fremden Staat ubergeworfen, und streckte nun die nackten, gemeinen Hande, die auf einem knotigen Bettelstabe ruhten, aus Flor, Stoff und anderm farbigen Modetand hervor. Eben so ragten ihre schlecht und grob beschuheten Beine weit unter den kurzen, auf zierliche Figurchen angepassten Rocken heraus. Es war ein rasender Anblick! Sie blieb auf Walters Ruf stehen. Er schickte sich an, ihr zu folgen. Ich schlich hinten drein.

Im Stalle druben, wo ich mein Pferd abholen wollte, fand ich jetzt noch die beiden Vorerwahnten. "Wer ist von Fremden drinnen im Hause?" fragte ich den Burschen. "Der junge Baron von Wildenau," war die Antwort. "Der Baron?" rief ich, "was will der hier?" "O er besucht uns ofter," entgegnete jener. "Er macht es, wie der Herr Graf, er lasst sein Pferd hier, und streift in der Gegend umher." Sonderbar! dachte ich, dass wir uns nie begegneten. Ich ging mechanisch nach dem Hause. Die Wirthin kam mir entgegen. Sie hat immer ein eigenes Zimmerchen fur mich frei. Heute waren zwei Gaste darin, jener Leontin von Wildenau und ein Geistlicher. Ich begrusste beide, und sagte, um etwas zu sagen: "Hier neben im Zimmer befindet sich eine Carricatur, wie sie nicht toller ersonnen wird!"

Das Ungewohnliche reizt in Jedem die Neugier. Der Baron offnete in demselben Augenblick die Thure nach der anstossenden Gaststube. Hier sass nun die alte Marthe so buntscheckig ausstaffirt, dass ich sie mit lautem Gelachter begrusste. Auf das Gerausch wandte sie den Kopf nach mir hin. Sie sah nur aus einem Auge, mit halb wahnwitzigem, halb pfiffigem Blick, der Mund war nach einer Seite verzogen, so, als lachelte sie schalkhaft, wahrend das graue, verschrumpfte Gesicht etwas Weinerliches hatte. Ich stand mit unterschlagenen Armen dem widrigen Geschopfe gegenuber. Sie kam mir wie ein Spuk vor, der dem Sarge entschlupft, mit den Lappen der Narrheit geschmuckt, von der Welt nicht loskommen kann.

Leontin hatte sich sogleich mit den trocknen Worten: "Ich kenne das!" zu dem Geistlichen zuruck gewandt.

Der Hausirer naherte sich mir. Mein festgewurzelter Blick auf die fremde Erscheinung mochte ihn zu einer Erklarung uber diese auffordern. "Es ist zu Zeiten nicht richtig mit ihr," flusterte er mir ins Ohr. "Eine Liebschaft, aus der nichts ward, spaterhin Einsperrung und Krankheit haben sie gestort."

"Wer ist sie?" fragte ich, eben so leise, ohne gleichwohl die Augen von ihr abzuwenden. "Was treibt sie sich Nachts so unstat umher? hat sie kein bleibendes Obdach?"

Walter belehrte mich: sie sei eines Gartners Tochter aus der Residenz, habe Blumen ausgetragen, und durch diese und ein hubsches Gesicht, Zutritt in vornehmen Hausern gefunden. Was sie dort sah und horte, reizte sie uber die Maassen. Reichthum und Glanz dunkten ihr beneidenswerthe Guter. Sie fing an, sich herauszuputzen. Ein Theil ihres Verdienstes ging damit hin. Die Eltern verdross das; sie zankten mit ihr. Aus Aerger, und da sie langst auf ein besseres Gluck hoffte, hing sie sich vollends an einen Mann, der ihr Kleider, Ringe, Bander und andere Narrenspossen, aber nie seine Hand gab. Plotzlich war er fort. Sie horte nichts weiter von ihm. Die Eltern hatten aus Schaam uber die Tochter Stadt und Gegend verlassen. Marthe blieb, wie ausgesetzt in die Welt, allein zuruck. Anfangs suchte sie einen Dienst in guten Familien zu bekommen. Ihr verratherischer Putz, von dem sie nicht lassen konnte, erweckte Misstrauen, die Thuren blieben ihr verschlossen. Gram und Noth hatten sie angegriffen. Sie wollte sich zu den Eltern hinbetteln. Aber sie vermochte es nicht, die Krafte versagten ihr, auch hielten sie die Stadt mit ihrem immer noch lockenden Gerausch, den Kutschen und Pferden, prachtigen Hausern und geputzten Leuten, fest. Sie wankte wie ein Schatten zwischen dem Allen hin, und nahrte sich von Almosen. An einem heissen Sommermorgen sank sie erschopft auf die Stufen eines kleinen Ladens nieder. Eine Judin, welche Trodelkram fuhrte, von Versatz und Borg lebte, verschmitzt war, Jegliches zu benutzen wusste, und eben eine Magd brauchte, die mit geringem Lohn und kargem Unterhalt zufrieden sein musste, hatte nicht sobald den Fuss auf die Treppe gesetzt, und die ohnmachtige Person erblickt, als sie diese aufruttelte, sie angebrannte Federn und Knoblauch riechen liess, und mit Hulfe eines Handlangers von der Strasse in ihre Wohnung trug.

"Hier," so schloss Walter, "ist Marthe so lange geblieben, bis sie, nach dem Tode der Israelitin, deren Gewerbe allein fortfuhrte, und, obgleich nach jener Ohnmacht mit verzerrten Gesichtszugen und wirren Gedanken einhergehend, hat sie doch den Ruf einer klugen Frau, oder gar Prophetin in solchem Maasse behauptet, dass sie von Vornehmen besucht, in angesehene Hauser beschieden, und oft ihre List zu geheimen Zwecken benutzt wird."

"Was macht sie denn so beruhmt?" fragte ich, mit dem Scheine der Unwissenheit uber die verbotenen Kunste des Weibes. Der Hausirer zuckte die Achseln. Er wiederholte, was er dieser schon im Walde vorgeworfen hatte. In einem Anfall guter Laune sagte ich: "Nun, so kann sie ja gleich ihr Talent zeigen." Walter sah mich uberrascht an. "Um Ihren Spass damit zu haben," lachelte er. "Naturlich!" entgegnete ich, ob mir gleich der Gedanke an etwas Spasshaftes ganz unvertraglich mit dem Anblick des gespenstigen Wesens dort druben am Tische schien.

"Hier geht es aber nicht," raunte mir mein Nachbar zu. "So offentlich darf sie es nicht treiben. Befehlen Sie, so will ich sie nach einer Weile in das kleine Zimmerchen hier neben fuhren, Sie schliessen dann die Thure ab, und"

Es ist ein Kobold in uns, Heinrich, der lustig aufspringt, wenn man ihn von Aussen anruft! Der grillenhafte Schelm war gleich in mir bereit, Walters Vorschlag einzugehen. Er hatte "J a " gesagt, ehe ich noch die nachsten Schwierigkeiten uberlegte. Der Baron und sein Begleiter waren lastige Zeugen bei dem Possenspiel. Entfernen konnte ich sie einmal nicht, und sie in mein Interesse zu ziehen, schien mir zu langweilig fur die geringe Ausbeute des Spasses. Gleichwohl musste das letzte versucht werden. Ich trat daher mit den Worten zu Leontin: "Sie haben ohne Zweifel von den Kunsten gehort, die der Narrin drinnen den Ruf einer Prophetin erwarben. Ihr verrucktes Wesen ist mir verdachtig. Ich wittre dahinter mehr Absicht als Krankheit. Ich ware neugierig zu sehen, wie sie es anfangt, gescheute Leute hinters Licht zu fuhren. Deshalb habe ich sie hierher zu uns ins Zimmer beschieden. Geben Sie Acht, wie verblufft sie sein wird, wenn ihre List nicht gluckt."

Ich hatte kaum geendet, so trat Walter mit seiner Begleiterin herein. Der Geistliche schien verlegen. Dem Baron war die Sache lastig, das sah man ihm an; doch wusste er nicht sogleich loszukommen. Indess fragte Marthe ziemlich murrisch: was sie hier solle? Ich sagte es ihr. Sie lachte. Ich bemerkte, dass sie unruhig nach dem Geistlichen hinschielte. Dieser sah ernsthaft, doch nicht unwillig aus. Jetzt stellte ich mich an einen Tisch neben die zaudernde Pythia. Sie zog darauf ein schmutziges Spiel Karten aus der Tasche, das sie Muhe hatte, mit ihren durren, krummen Fingern auseinander zu bringen. Ich empfand grossen Eckel daran, und bat sie, das Schicksal auf andere Weise zu befragen. Es schien ihr nicht recht. Indess sagte sie auf kurze und abstossende Weise: "Gleichviel!" worauf sie ein Ei und ein Glas Wasser forderte. Als ihr beides gebracht ward, gab sie mir das Ei, hiess mich, es gegen das Glas zerschlagen, und den Dotter hineinzuschutten. Ich that, wie ich geheissen ward. Im Augenblick bildeten sich allerlei Gestalten im Wasser, die mir meine heutigen Himmelsbeobachtungen lebhaft hervorriefen; neugieriger als zuvor, was die Sibylle daraus machen wurde, sah ich mich forschend nach ihr um. Sie war sehr roth im Gesicht, eine finstere, hassliche Falte auf der Stirne zog sich immer tiefer zusammen, ungeduldig wischte sie das blitzende, wilde Auge, sah mich dann zornig an, und sagte halb verwundert, halb bose: "das sind lauter Teufeleien! Was soll das vorstellen, he? war das Wasser unrein? Oder" sie stellte die Lichter anders. "Sind das geweihte Kerzen? Wollt ihr mich zum Narren haben?"

Walter beruhigte Marthe uber alle geausserte Zweifel. Sie schuttelte den Kopf. Der Baron war sehr aufmerksam geworden. Er trat naher zum Tisch. Ich winkte ihm lachend zu, dass sie mit ihrem Latein zu Ende sei. Marthe bemerkte es. Sie schob mit verbissenem Ingrimm das Glas von sich, und machte Miene, das Zimmer zu verlassen.

"So wird es also heute nichts?" sagte ich. Sie antwortete nicht. Ich hielt ihr einen Thaler hin, hiess sie einpacken, und ihrer Wege gehen.

Sie druckte aber meine Hand und das Geld argerlich zuruck. "Geduld!" rief sie. "Ich werde es schon sagen, wenns Zeit ist."

Leontin kampfte mit Neugier und Unwillen zugleich. Der Geistliche blieb ohne alle Theilnahme. Er hatte ein Fenster geoffnet, und sah, als ob er Jemand erwarte, nach der Strasse hinaus. Marthe rausperte sich jetzt. "Nun," lachte sie triumphirend, "da haben wir es ja, wollen Sie es horen?"

Sie sah erst Leontin, dann mich an. Es schien, als ob sie uns beide verwechselte, denn ohne, dass ich etwas erwiederte, fuhr sie ausschliessend gegen mich gewendet, fort: "Es ist nichts als Unruhe und Wechsel in Ihrem Schicksalszeichen. Nehmen Sie sich in Acht. Es steht Ihnen eine grosse Veranderung bevor. Sie werden das Ihrige uber kurz oder lang mit dem Rukken ansehen, und wie Sie mit Kutsch' und Pferden fruher in ein grosses Schloss einzogen, so fluchten Sie dann unstaten Fusses daraus. Der Wittwerflor hangt an Ihrem Hute, und doch haben Sie zwei Frauen zugleich. Wenn das Gestirn des Wagens uber Ihrem Hause steht, dann ist die Entscheidung nahe. Die, welche Ihnen die Nachsten sind "

"Genug!" rief ich unangenehm erschuttert, "ich will nichts mehr horen." Sie blickte murrisch nach mir um, runzelte die Stirne, sah dann wieder in das Glas, und brummte: "Es ist ohnedies vorbei. Alles fliesst wieder zusammen. Ich kann nichts mehr unterscheiden. Aber, was gewiss ist, bleibt doch gewiss, die Zwietracht sitzt an Ihrem Heerde, und wenn Sie die Glocke wieder neun schlagen horen, wie jetzt, hat sie Ihnen schon manches Lied gesungen."

Der Baron hatte seit einer ganzen Weile uber die Schultern der Alten weg, in das flockige Gebraue hinein gesehen. Sie bemerkte es erst jetzt. "Was machen S i e hier?" rief sie scheltend. "Sie haben auch wohl Ihre Hande mit im Spiele?"

Ich lachte unwillkuhrlich uber seine Verlegenheit. "Lachen Sie nicht!" schrie sie widrig, mit einem verwunscht pfiffigen Gesicht.

In dem Augenblick ward eine fremde Stimme im Nebenzimmer laut. Der Geistliche schloss das Fenster, und sagte, indem er mit freundlicher Verbeugung an uns voruber ging: "Verzeihen Sie, es erwartet mich hier Jemand."

Marthe hatte im Nu ihre Habseligkeiten zusammengepackt, meinen Thaler genommen, und sich aus dem Staube gemacht.

So blieben Leontin und ich allein. Wir waren beide unbequem mit einander. Er ist niemals von vielen Worten, und jetzt, sichtlich durch meine Gegenwart gedruckt, fehlte es ihm auch an dem Unbedeutendsten. Mich hatte sein Antheil an dem ganzen Vorgange frappirt. Ich war begierig, den Grund davon herauszubringen, und deshalb auf dem Punkt, ein Gesprach mit ihm anzuknupfen, als ich den Prasidenten, Elisens Gatten, dicht nebenan sagen horte: "Hier also? Nun, lassen Sie mich ihm meinen Dank abstatten." Somit offnete er die Thure, und stand, in Begleitung des Geistlichen, vor mir. Meine Anwesenheit mochte ihn uberraschen, er grusste fluchtig, fast obenhin, wandte sich dann zum Baron, gegen den er mit Warme eines Dienstes erwahnte, welchen ihm dieser so eben geleistet haben musste. Aus dem Verfolg des Gesprachs erfuhr ich sodann, dass der Geistliche ein langst erwarteter Aufseher und Fuhrer von Elisens schonem Knaben, Georg, war; dass Leontin diesen empfohlen, hierher begleitet, und dem Prasidenten zugefuhrt hatte.

Des Barons Mitwirken in einer Angelegenheit, die Elisen Kummer machte, fiel mir gerade in diesem Augenblick um so mehr auf, als bis jetzt hiervon nichts verlautete, folglich geheim getrieben ward, und ziemlich nach einer Vertraulichkeit mit dem Manne, auf Kosten der Frau schmeckte. Mich kummert dergleichen sonst sehr wenig. Hausliche Angelegenheiten, so oder so gestellt, gehoren immer zu den Plackereien, die getragen sein wollen, es verschlagt daher eben nichts, ob die Last um ein Gran schwerer oder leichter wiegt. Es war auch nicht das, es waren, ich wette, die letzten Worte des Weibes, die etwas Fremdes in meine Seele geworfen hatte. Ich fuhlte dies wie einen Stachel darin stecken. Es brannte mir heiss im Herzen, als ich den Vater, mit aller Umstandlichkeit eines weitschweifigen Pedanten, von dem Knaben sprechen, und sein Dasein von dem der Mutter ablosen horte.

Ich sage Dir, Heinrich, es wurden hier Grundsatze der Erziehung entwickelt, die einen Menschen rasend machen konnen. Meine arme Freundin wird daruber untergehen! Ihr zartes Innere, durch die materiellen Handhaben abstrakter Padagogik verletzt, kann dem Gedanken nicht Raum lassen, dass, je arger das Joch presst, je schneller rustige Schultern es abwerfen. Sie selbst bewegt sich so leicht und frei in der hellen Sphare schuldloser Gefuhle, ihre Gedanken schwingen sich zu seltener Hohe, nirgends beengt eine der tausend kunstlichen Granzen den Flug ihres schonen, reichen Gemuthes; und wie sie unbewusst die angewiesene Bahn verfolgt, so lasst sie auch, auf die naturlichste Weise von der Welt, das kleine Seelchen ihres Lieblings die heitern Raume mit durchfliegen. Der Knabe ist ein Seraph, und so zu ihr gehorig, wie das Morgenluftchen, das die goldene Aurora umspielt. Denke Dir nun diese beiden Menschen von den eisernen Klammern harter Regeln umspannt. Denke Dir das abgeschlossene M u ss und S o l l , gegen den freien Flugelschlag harmloser Willkuhr. Athme nur einen Augenblick in der Region der Gute und Liebe, und siehe dann das Chaos auf einander gethurmter Gebote unter Dir, betrachte den finstern Fuhrer, der am harten Strick das mude Lammchen durch all die Windungen sich nachzieht, hore die tonlosen, leiernden Worte von brechen des Eigenwillens, von Demuth, blindem Gehorsam; lass den Geistlichen noch uber das Thema zerknirschter Herzen und Abtodtungen des Fleisches sein Pensum hersagen, und dann begreife, wie mich das Alles zur Thure hinaus, unter Gottes freien Himmel jagen, die Brust mit Wehmuth, den Kopf mit unruhigen Bildern fullen musste. In dieser Stimmung stosse ich auf die Tannenhauserin, die mir vor dem Hause begegnete. Sie grusste, fragte nach dem Befinden des Comthurs, und setzte hinzu, wie ihr der Baron uber dasselbe gute Nachricht gegeben.

"Der Baron war also heute druben auf der Burg?" unterbrach ich sie. "Allerdings!" war die Antwort. "Und, wie ich hore, sind der geistliche Herr von dort in des gnadigen Herrn Begleitung hierher gekommen. Die Frau Grafin haben denselben empfohlen, verschrieben, wie ich nicht anders weiss."

Heinrich, mir stieg das Blut nach dem Kopfe. Emma, dachte ich. Hat sie ihre reinen Hande in dem heimlichen Spiele? Wie kommt sie dazu, mit Leontin gemeinschaftlich g e g e n den Wunsch der armen Elise zu wirken. Es sah alles so abgekartet, so versteckt aus. Dazu kam das verabredete Zusammentreffen gerade in dem entlegenen Winkel hier, man wollte das Ansehen der Theilnahme vermeiden. Der Prasident musste bei Nacht und Nebel den Aufseher uber Frau und Kind auf geheimnissvolle Weise in Empfang nehmen. Ich war dabei ein sehr unberufener, ja unbequemer Zeuge. Ging Leontins uberraschter Blick etwa hierauf, als Marthe ihm vorwarf, die Hand in dem verderblichen Spiele zu haben? "Hexe!" rief ich in mir, indem ich mich verdrusslich aufs Pferd schwang, und nach der Burg ritt.

Ich weiss nicht, was mir Alles wahrend meines Rittes durch den Wald im Kopf spukte? Genug, ich sah zum erstenmale um mich, als ich etwa tausend Schritte vom Schlosse, am Fusse des Berges, anhielt. Der breite Weg, welcher in Schlangenwindungen auswarts fuhrt, ward scharf vom Mondlichte bezeichnet, bis ihn zuletzt eine dunkle Tannengruppe verdeckt, und man seiner erst dicht an der Terrasse des Gebaudes wieder ansichtig wird. Sehr naturlich fiel mein Blick, als auf den hellsten Punkt der Landschaft, dahin, doch mit seltsamem Schreck fuhr ich zusammen, da gerade in demselben Moment ein Wagen hinter der schwarzen Decke der Baume hervorrollte, und vor der Burg hielt. Ich wusste sogleich, wer darin sass, eben deshalb schallten mir Marthens Worte: "Die Zwietracht sitzt an ihrem eigenen Heerde," wie ein Echo aus dem Walde zuruck. Ich raffte mich zusammen, eilte nach Hause, fand meine Schwiegermutter, und mit ihr ein Heer angstlicher Rucksichten, kalten Formen und lauernden Anspielungen. Ich bin wie gelahmt, das Dach des Schlosses druckt mit Centnerlast auf mich.

Es ist eine Schwule in den Mauern, als musse die Flamme jeden Augenblick aufschlagen.

So war es heute und gestern! Wer weiss, wie es morgen sein wird?

Heinrich! Heinrich! die Faden, die unser Geschick lenken, laufen wahrhaftig nicht so einzeln durch das Leben.

Lebe wohl! ich sehe einem Unwetter entgegen.

Elise an Hugo

Sagen Sie, was Sie wollen. Sie waren gestern nicht naturlich! Wenn ich vor so manchem Gesicht eine Maske dulden mag, so ist sie mir bei Ihnen unertraglich.

Was wollten Sie mit der erzwungenen Redseligkeit, mit der ironischen, frostigen Laune sagen, die Niemand, am wenigsten die Klugen der Welt tauscht? Fur wen spielten Sie Comodie? Hugo!

Es hat mich verdrossen. Ich wollte mit Ihnen reden. Deshalb trat ich zu Ihnen ins Fenster. Sie wichen mir aus. Ihr Gehirn war in jener hupfenden Bewegung, die den Witz uberall Seitensprunge machen lasst, und das Gesprach in Brocken zerstuckelt. Eine Stimmung, die zu der meinigen durchaus nicht passte. Fuhlten Sie nicht, oder wollten Sie es nicht fuhlen, dass mir etwas auf dem Herzen lag, was herunter musste?

Was ist ein Freund, wenn er den Klang der beengten Seele in einem stummen Luftzuge, ohne Echohall, zu uns zuruckschickt?

Ich habe Kummer. Sie sollten es wissen. Der dunne, blasse, stumme Caplan, der mir wie ein Gespenst nachschleicht, und auf den Fersen sitzt, sobald sich Georg zu mir fluchtet. Eduards blindes Vertrauen zu ihm, die peinlichen Tischgesprache, der Zwang, mit dem Menschen meinen Tag zuzubringen, seine Begleitung auf Spatziergangen und Fahrten dulden zu mussen, wenn ich das geangstete Kind nicht martern lassen will; dies und noch unendlich Vieles, was damit zusammenhangt, was auf die Zukunft hindeutet, was mir nur zu gegrundete Sorge giebt, sollten Sie von mir horen. Ich kann nicht mit Ihnen lachen. Sie, hoffte ich, wurden mit mir denken, wie dem frostigen, pressenden Einflusse auf das frohsinnige Kind, so wie auf mich, entgegen zu wirken sei? Aber mit nichts konnte ich Sie fassen, Hugo! nicht meine Bitten, nicht mein Unwille. Wo waren Sie mit Ihrem Selbst, dass ich Sie nicht zu finden wusste? Es giebt einmal nichts Unbequemeres fur mich, als Besorgnisse hegen zu mussen. Mit dem Schmerz nehme ich es eine Weile auf. Entweder ich besiege ihn, oder ich ergebe mich darin, und will nichts mehr, als die Dinge so gehen lassen, wie sie wollen.

Ehe es aber so weit kommt, giebt es viele Mittelzustande, in denen dem Menschen allerlei zugemuthet wird, was er sich nicht gefallen lassen d a r f ; Widerspruche aus Unsinn und Vorurtheil erzeugt, an denen sich unser Scharfsinn, wie die Kraft des Starkern prufen soll. Aus diesem Grunde biete ich auch deshalb alles auf, dem Steine auszuweichen, den mir das Geschick entgegen rollt, und stosse ich doch darauf, so uberspringe ich ihn. S t e h e n b l e i b e n und mussig klagen, kann ich nicht. Die Ueberzeugung, dass gegen jedwedes Uebel ein Mittel zu finden sein musse, hat es mir noch niemals an einer passenden Auskunft fehlen lassen. Warum bin ich aber jetzt so ganz ohne Zuversicht und Klarheit? Den Caplan entfernen, hiess gegen den Strom im Moment der Brandung schwimmen wollen. Ihn dulden und unschadlich machen, dazu gehort ein anderer Charakter, als der meinige. Wen ich nicht von selbst gewinne, der bleibt fur mich verloren. Berechnen kann ich weder mich noch Andere. Das Leben gehen lassen, ist in vielen Stucken gut, allein hier kann zu Vieles untergehen, ehe die Natur ihr stilles Recht behauptet.

Was ist also zu thun?

Schaffen Sie Rath, Hugo! Auf Sie zahle ich in meiner Angst. Wissen Sie auch, von woher mir der Schlag kam? Aus Ihrem Hause! Dem Oheim und der Nichte verdanke ich diese Zugabe meines Hauskreuzes. Tadeln Sie indess Niemand. Beide handelten nach bester Ueberzeugung. Ihnen fiel es nicht ein, meiner Ueberzeugung zu nahe treten zu wollen.

Emma schrieb mir zugleich das hubscheste Briefchen von der Welt uber die Schritte, welche in der Sache geschehen waren. Ich lege es Ihnen hier bei, hinzusetzend, dass es mir ubrigens so spat uberkam, dass fur mich nichts mehr zu thun blieb.

Sehen Sie! so sundigt Emma gegen mich, ohne eine Ahndung davon zu haben.

Wie Vieles ware noch d a r u b e r , wie Vieles uber das N i c h t v e r s t e h e n der Menschen zu sagen. Allein, ich muss Ihnen ja dies schon s c h r e i b e n . Sie sind nicht zu erreichen, seit Sie den Weltmann in der Stadt und den vornehmen Schlossherrn auf der Burg spielen. Wie Ihnen das schlecht steht, und wie fremd Sie mir erscheinen!

Konnten Sie einen Augenblick finden, der Sie, in Ihren grauen Mantel gehullt, unscheinbar und bescheiden zu meiner Thure brachte, ich wurde glauben, Sie seien wieder Sie selbst, um mit Ihnen reden, denken, uberlegen und ruhig sein zu konnen, wie sonst.

Gute Nacht! Ich bin mude, ich habe geweint, und doch weiss ich, ich werde nicht schlafen. Mir liegt Vieles im Sinn.

Emma an Elise

(Im vorigen Briefe eingeschlossen.)

Ich ward verhindert, diesen Morgen zu Ihnen zu kommen und Ihnen mitzutheilen, was Sie vor allem Andern wissen sollen.

Liebe Elise, es war gestern in den Zimmern des Comthur die Rede von Eduard's Wunsche, einen Erzieher fur ihren lieben Knaben zu finden. Er hatte dem Baron Wildenau den Auftrag gegeben, ihm einen solchen suchen zu helfen. Die Wahl dunkte diesem schwer. Der Oheim wandte sich an mich, und rief mir einen Mann ins Gedachtniss, der mir von dem Lehrer und Freunde meiner Jugend empfohlen worden. Einen bessern Fursprecher konnte sich so leicht Niemand ruhmen. Ich erwog einen Augenblick, in wie fern ihre Anforderungen mit den Leistungen jenes jungen Geistlichen zusammen treffen mochten? fand gleichwohl, dass eine edle Geburt, feine Erziehung, fruhere gunstige Stellung zur Welt, Bekanntschaft mit dieser, wie mit den Wissenschaften, der junge Mann zu Georgs Begleiter sich eigene, und schwerlich ein passenderer in diesem Augenblicke zu finden sei. Deshalb nur, und weil der Baron selbst der Ueberbringer meines Schreibens sein wollte, entschloss ich mich, ohne erst Ihre Einwilligung abzuwarten, der des Prasidenten war ich gewiss, den Schuler meines alten Lehrers hierher zu bescheiden, und es dann Ihrer Bestimmung zu uberlassen, auf welche Weise er bei Ihnen eingefuhrt werden soll?

Bin ich voreilig gewesen, so verzeihen Sie es dem Eifer, Ihnen und dem lieben Georg, von den wenigen wahrhaften Diensten, die in der Gewalt wohlmeinender Freunde stehen, den Wesentlichsten leisten zu wollen. N. S. Eduard war bei mir. Er wusste schon Alles durch Leontin, und ubernimmt es, Ihnen dies Briefchen zuzustellen.

Hugo an Elise

Sie schelten mich. Sie sind unzufrieden mit mir. Hier lobt man mich. Emma's Auge strahlt vor Freude, sie sieht mit einer Art Triumph von mir zu ihrer Mutter hin.

Wer von Beiden kennt mich nun am besten?

O lassen Sie diese Frage unbeantwortet! Es hangen an der einen, unzahlige andere, die, einmal ausgesprochen, Herz und Seele mit herausreissen, dem Leben ein Ende machen, oder es anders gestalten mussten!

Ich komme nicht zu Ihnen, Elise. Auch nicht auf Ihr dringendes Gebot. Urtheilen Sie darnach, wie unmoglich es mir sein muss. U n m o g l i c h ! ja ja! Belachen Sie den Ausdruck nicht. Ich spreche nicht in Rathseln. Noch ein einziger, kurzer Schritt, und die Fluth treibt mich, wohin ich nicht will, wohin kein Auge reicht, was kein Maass, keine Granze kennt. Elise, horten Sie nie Gott nein! Der bodenlose Abgrund verworrener Begriffe liegt tief, tief unter der Region, in der Sie athmen. Genug, i c h k o m m e n i c h t . Ich schreibe Ihnen. Endlich ist Ruhe um mich. Sie schlafen, die mich mude hetzten, und mir nicht einmal den Schlaf lassen konnen. Sie haben ihn mir schon lange, lange geraubt!

Es ist tiefe Nacht. Sind wir endlich allein, Ganz allein, Elise? dunkle Schatten liegen, wie Wachter, um die Freistatt der Gedanken. Sind wir auch hier der Welt und ihren Gesetzen verfallen? Giebt es keine Ewigkeit in der Zeit, und kann die Sehnsucht niemals, niemals den Kerker sprengen, der Geister von Geistern trennt? Wie ertragen wir denn den Tod unserer Lieben? was schleichen wir zu ihren Grabern und rufen Bilder der Vergangenheit in die Gegenwart zuruck? Ist das stille Hinubergleiten von einer Welt in die andere nichts, als ein suptileres Phantom der Einbildungskraft? Stossen wir uberall, auch in uns nur auf Tauschungen, die den Drang des Innern mit Phantasmen hinhalten, wie Kinder in einer g e s p i e l t e n , die e r w a r t e t e Welt vorausleben?

Sei es, ich traume denn also, und sehe Sie, und rede mit Ihnen im Traum.

Was aber darf ich Ihnen sagen?

Die Nacht verwirrt mich. Ich will den Morgen abwarten, der Brief soll unvollendet bleiben.

Er wird kein Ende finden! W o soll ich aufhoren? Vielleicht hatte ich besser gethan, niemals anzufangen. Jetzt! Ja so, Sie wollten wissen, was ich von dem Caplan halte? Mein Gott! lassen Sie den guten Mann nur immer machen. Weder dieser noch ein anderer, ich versichere Sie, erzieht den Menschen. Das sind alles handwerksmassige Uebungen. L e h r j a h r e hat ein Jeder. Das muss sein. Der Kunstler wird geboren. Das Genie giebt und nimmt sich nicht. Und was das Wecken und Ersticken desselben betrifft, so halte ich von dem nicht viel, das nicht starker ware, als ein mechanisches Band. Der Widerspruch lehrt zuerst sprechen, und zugleich d e n k e n . Gleichviel, was augenblicklich fur Resultate daraus entstehen! Man muss dabei nicht allzupeinlich verweilen. Ein wenig Trotz hebt Kopf und Nacken in die Hohe. Der Blick lernt dieselbe Richtung finden. Zuletzt fallt dann das eigene Maass kurz genug aus, wenn man es vergleichend an Ideale legt. Man lernt Andere dulden, weil man sich Vieles verzeihen muss. Sie kennen ja meine Theorie uber die einzigen Ausgleichungsmittel im Leben. G u t e und w o h l w o l l e n d e Achtung fur die Freiheit Anderer. Ich busse lieber von der meinigen ein, als jene zu beschranken. Machen Sie es auch so. In der Regel kann man, bis zu einem gewissen Punkt, uber Vieles lachen und es gut sein lassen.

Ich lache jetzt oft, und deshalb auch letzthin bei unsrer lauernden Nachbarin. Danken Sie mir das, Elise. Hatte ich dem Ernst sein Recht eingeraumt, jener gewisse Punkt ware vielleicht nicht unberuhrt geblieben, und dann ware mehr, als die losen Schlingen des Scherzes zerrissen worden.

Huten Sie sich, schone, arglose Seele, aus der Region heiterer Unbewusstheit herauszutreten. Noch bewache ich die Granzen. Drangen Sie mich nicht von meiner Stelle. Ich bitte Sie, fragen Sie nicht zuviel. Ich habe schon mehr erfahren, als gut ist; die Binde ist mir von den Augen genommen, und kein Gott kann den Traum seliger Blindheit wieder herstellen.

So weit hatte ich geschrieben. Ich wollte Ihnen das Blatt mit dem Fruhesten schicken. Die Gelegenheit mit dem Marktschiffe dunkte mir zu langsam. Einen Augenblick hatte ich den Gedanken, selbst nach der Stadt zu reiten und den Brief in Ihrem Hause abzugeben. Ich liess auch wirklich mein Pferd vorfuhren, warf mich darauf und sprengte davon. Doch war ich noch nicht weit gekommen, als ein mir nacheilender Reitknecht ein Billet von Emma uberbrachte, in welchem sie mir anzeigt, dass, gleich nachdem ich die Burg verlassen, ein furstlicher Jager mit der Meldung dort eingetroffen sei, der Furst hege den Wunsch, in den umliegenden Forsten zu jagen, und sage sich zu dem Ende, zu einem Fruhstucke auf dem Schlosse an.

Mir blieb naturlich nichts anders ubrig, als umzukehren und die erforderlichen Vorkehrungen zu treffen.

Sehen Sie, Elise! Fesseln, die den Menschen zum Sclaven gemacht haben, ehe er es noch einmal recht weiss, werden immer durch unabwendbare Verhaltnisse geschmiedet. Was diese entstehen lasst? was sie durch einander bedingt? das liegt ausserhalb menschlicher Berechnung. Es hat sich eins auf ungefahre Weise gebildet, und der Ring ist sogleich geschlossen, der unsere Freiheit umspannt!

Die Jagd ist nichts als ein Vorwand. Der Furst sucht die Oberhofmeisterin hier auf, weil es nicht das Ansehen personlicher Beziehung zu ihm haben soll. Und doch existirt diese Beziehung. Sie hat etwas vor. Sie nimmt den Einfluss des langst gekannten Freundes in Anspruch. Mit m i r will sie etwas. Ich sehe sie von Weitem kommen! Schon lange dreht sie das Seil. Jetzt hofft sie, die Schlinge zu schurzen!

Von hier fort, in Thatigkeit will sie mich wissen? deshalb die vertrauliche Annaherung des Fursten, das zwanglose landliche Beisammensein! Der Weg soll gefunden werden, der geradezu auf meine Eitelkeit losgeht. In das eigene Netz will man mich verwickeln. Sie hat sich verrechnet. Der Springer im Schachspiel durchkreuzt wohl auch einmal den Gang der Konigin. Ich weiss das! ich fuhle mich! und dennoch, wenn es zu einer offnen Erklarung kame wenn ich reden m u ss t e was wurde da Alles laut werden? wohin kann ein Wort das andere fuhren!

Und S i e werfen mir vor, den Weltmann in der Stadt, den Schlossherrn auf der Burg z u s p i e l e n . Ahnden Sie denn gar nicht, was m e i n Spiel verdeckt und abwehrt?

Ein Tag voll unruhigen Umhertreibens, voll lastiger Geschaftigkeit ist nun voruber! Es ist wieder Nacht, die Stunden laufen ab, die Zeit wechselt, das Leben ruckt nicht vor, ich stehe auf dem alten Fleck. Entsetzliches Bewusstsein! Es jagt mir das Blut mit Hollenangst durch die Adern! Wie das noch werden soll! Der Furst mass mich heute ein Paarmal mit seinem seitwarts fallenden Blick, der, bei aller Fluchtigkeit doch auf Kundschaft ausging. Welche Spur hat man ihm nur gegeben, dass er so zuversichtlich darauf fortgeht? Im Uebrigen that er ganz unbefangen, war gesprachig, und ganz auf der Jagd. Er ist ein gewandter Schutze. Ich ausserte das mit bescheidenem Lobe. Er lachelte. "Ja," sagte er darauf, "es war immer mein Lieblingsvergnugen, deshalb erlaube ich mir es nur selten. Es kann leicht zur Leidenschaft werden; und vor nichts hege ich mehr Furcht, als vor einer solchen Haustyrannin, die man am eignen Heerde gross zieht!"

Er schwieg, allein hier eben war es, wo sein Blick mich suchte. Ich that, als bemerke ich es nicht, indem ich den Gegenstand fallen liess, und nur neue Veranlassung suchte, der eingestandenen Neigung Vorschub zu leihen. Er ging einen Augenblick in meinen erweiterten Jagdplan ein, doch bald nachher bemerkte er, das fuhre zu weit. Man durfe nicht so allein an sich denken. Oben auf der Burg erwarteten uns die Damen und der wurdige Comthur, wir seien ihnen Rucksichten schuldig, er wolle nicht das Ansehen haben, solche gering zu achten. Elise, ich biss mir in die Lippen, so lacherlich war mir der furstliche Sittenprediger, den man bis unter Gottes freien Himmel an mich abgeschickt hatte.

Es mochte indess hingehen. Wir fuhren nach Hause. Unterwegs lobte er den Wald, die Gegend, fragte nach dem neuen Bau druben auf Wehrheim, drang deshalb in mich, wollte Alles wissen, und schloss dann unter lautem Lachen mit der Bemerkung, dass ich schlecht bei mir selbst zu Hause sei. Ich fuhlte den Stich, verschmerzte ihn aber, da er nichts Wesentliches in mir verletzte. So lachte ich mit ihm, vielleicht mehr von Herzen, als er. Nach und nach ruckte er denn heran, sprach von umfassender Thatigkeit, offentlichem Leben, dem Interesse an Staatsverhaltnissen, nannte das grosse Lugennetz: die Politik, das eigentliche Gewebe des Scharfsinns, und meinte, der schlaue Jager finde hier erst ein geraumiges Feld, sein Wild aufs Korn zu nehmen.

Jetzt wusste ich, wo man hinaus wollte. Zum Gluck hielten wir bereits an der Schlosstreppe. Meine Antwort blieb ich ihm schuldig. Er wird sie mir schon noch abfordern. Doch sei es w a n n und w o es wolle, die Wahrheit soll er gewiss horen.

Gott behute mich vor neuen Ketten! Als wenn ich nicht schon an den jetzigen schwer genug zu tragen hatte. Meine Schwiegermutter ist seitdem von der besten Laune. Sie geht in Jedes ein, was ich sage, giebt mir Recht, theilt ganz meine Ansichten. Was hat das anders zu bedeuten, als dass mein Urtheil gesprochen ist, und sie dem harten Ausspruch einen milden, bestechlichen Klang einhauchen mochte. Elise! geben Sie Acht, das ist der Stein, an dem Vieles zerschellen wird!

Ich breche kurz ab. Es hat sich ein Bote gezeigt, der das Schreiben noch vor Ihrem Erwachen zur Stadt tragt. Ich lag im Fenster. Es dammerte kaum. Da horte ich schon von ferne die weit ausgreifenden, taktmassigen Tritte eines geubten Fussgangers. Nicht lange, so ging Jemand dicht an dem Hause entlang. Ich beugte mich vor. "Walter!" rief ich halblaut. Die grosse, gebuckte Gestalt fur diesen haltend. "Ja!" antwortete der Wandrer, "was giebts?" "Seid Ihr's, Walter?" fragte ich noch einmal. Dieser nickte mit dem Kopfe, ohne etwas zu erwiedern.

"Was habt Ihr denn Eiliges hier zu thun?" lachte ich, ohne mir etwas dabei zu denken. "Hier schlaft noch Alles, Handel und Wandel wird um diese Stunde nicht getrieben." "Ist auch nicht meine Absicht," entgegnete der Hausirer. "Ich gebe nur gelegentlich einen Brief an die Frau Grafin ab. Ich komme druben von der Tannenhauserin, und gehe hinunter nach Wehrheim, um von dort mit dem Marktschiffe nach der Stadt zu gelangen. Das Schreiben ist von dem Herrn Caplan, er hat es, ich weiss nicht wie, unsrer Wirthin zur weitern Beforderung zustellen lassen."

Walter hatte sich wahrend dem auf einen Stein gesetzt. Ich hiess ihn da warten, bis ich hinunter kommen wurde. Ich habe nun diese Zeilen niedergeschrieben, ich fuge nichts hinzu; aber wie ein Zug dunkler Nachtvogel, schwirren widerwartige, verworrene Vermuthungen an mir voruber. Emma! der Caplan! Der geheimnissvolle Weg ihrer Mittheilung! O die Geistlichen sind so verschlagen, und die Tauben so zahm! so zum Abrichten gemacht!

Ich verlasse Sie in einer sonderbaren Stimmung. Nein, Elise! nein, ich verlasse Sie nicht, niemals, ich bin Ihr Freund, mehr als jemals! Ich begleite Sie wie Ihr Schatten. Sein Sie ruhig, ich bitte Sie! Es ist nichts! Ich bin bei Ihnen, verlassen Sie sich darauf.

Ich eile zu Walter hinunter. Ich werde ihm den Brief vom Caplan abnehmen, ich will ihn Emma s e l b s t geben! Sie ist wahr, sie kann doch leben Sie wohl! Leben Sie wohl, Elise!

Die Oberhofmeisterin an Sophie!

Wundern Sie sich nicht, dass ich mir so viel Zeit liess, ehe ich an Sie schrieb? Nur wenn Sie hier waren, wurden Sie es verstehen, wie ich zu dieser Enthaltsamkeit kommen konnte.

Es ist nicht leicht, Worte zu finden, wenn man nicht weiss, was man denkt oder fuhlt? Sehen Sie, jede andere wie ich, wurde hier ruhig, und leidlich zufrieden sein. I c h bin es nicht, i c h kann es nicht sein, ob ich gleich gestehen muss, dass ich Niemand einen Vorwurf zu machen habe, noch etwas Bestimmtes tadeln kann. In den ersten Augenblicken nach meiner Ankunft war ich vollig geblendet. Hatte ich Ihnen da geschrieben, Sie wurden triumphiren. Es war Nacht, als ich den Fels hinan, zu dem erleuchteten Burghofe einfuhr. Die grosse Ampel uber dem Steinbrunnen, die hohen Tannen, zwischen denen sie schwebt, das Licht selbst so magisch uber die besondere Architektur ausgegossen, und Emma endlich, schoner als je, unter den gothischen Bogen, auf der gewundenen Treppe stehend, hinter ihr der Comthur, imposant wie immer, durch Gestalt und Haltung, ich sage Ihnen, ich war uberrascht, durch das Neue und Sonderbare des Anblicks. Mich selbst, und was mich hierher trieb vergessend, rief ich schon, ehe man mich horen konnte: "Willkommen, willkommen, liebe Kinder!" Bei dem ersten Laut meiner Stimme fullt sich der Hof mit Menschen und Lichtern; Emma sturzte an den Schlag des Wagens, sprang auf den Tritt desselben, und lag in meinen Armen, in einer Bewegung, die ihr Sprache und Besinnung raubte. Ich fuhlte, ich horte die Schlage ihres lieben Herzens, das meinige brach fast vor Entzucken. Indess war Hugo auch herabgekommen, er hob mich aus dem Wagen, und fuhrte mich und Emma zum Schlosse hinein.

Mit stummer Ruhrung druckte er unsere Hande in den seinen. Es erschutterte ihn sichtbar, uns so einander wiedergegeben zu sehen. Er hat an Behutsamkeit, an Feinheit des Betragens gewonnen, man fuhlt, er kennt seine Stellung, und dabei hat er nichts von jenem Besondern verloren, das unsre Furstin, die Schwingung eines tiefen, melancholischen Accordes nennt. Sie wissen! ich bin nicht fur Schwarmereien der Art, indess musste ich mir, wenn auch widerstrebend, eingestehen, dass man Hugo nicht nahet, ohne in eine ungewohnliche, denkende und nachempfindende Stimmung zu versinken. So flohen die ersten Stunden hin, indess mich, was ich sah und horte, immer mehr erregte, immer williger machte, die neuen Eindrucke mit Feuer und Bewunderung aufzunehmen. Ich fordere auch Besonnenere als ich bin, auf, ungeblendet von dem Reiz des ruhrendsten, lieblichsten Wesens, der einzigen, uber alles geliebten, nach langer Trennung wiedergefundenen Tochter zu bleiben. Sie selbst, von Freude strahlend, mitten im Glanz der sonderbarsten, erhabensten Umgebung glucklich, die Furstin ihres Kreises, darin gebietend und herrschend mit dem Zauber einer Fee; sie so zu sehen, und auf die Plackereien, das Gezank und Gewasch miserabler Flachheit zuruck zu blicken, den Massstab der Beurtheilung von da herzuholen, kurz, zu wissen, was man fruher wollte! Ach ich athme nun, wie in andrer Luft! Ich hatte schworen konnen, mir ware nie ein Zweifel uber die vollkommene Zufriedenheit Emma's in den Sinn gekommen.

Der feierliche Ernst des Comthur, zu welchem er schon in der Jugend eine leichte Anlage hatte, und der ihm nun zur andern Natur geworden sein mag, stemmte sich zuerst gegen die raschen Ausbruche meiner sorgenfreien Laune. Ich stiess mich so zu sagen an ihm, und in der unangenehmen Empfindung, die auf so etwas folgt, sah ich mir den Mann, den Ort, die Menschen bestimmter an. Ich spurte leicht die Spannung heraus, die sich an gewissen Tagen uber hausliche Verhaltnisse, uber Personen und deren Art und Weise verbreitet. Emma kam mir angstlich, Hugo nicht naturlich, der Oheim unsicher zwischen beiden vor. Es ist unglaublich, wie das leiseste Verrucken des Gesichtspunktes, sogleich Blick, Gedanken, Gefuhl, Stimmung in uns anders macht! Ich wurde nachdenkend wie der Comthur. Es half diesem wenig, dass er gleichgultige Gesprache mit Feinheit und Anmuth zu beleben suchte, als sei zwanglose Heiterkeit hier einheimisch, ich hatte es bald weg, man war bemuht, mich zu unterhalten, und jedweder hatte dazu seinen Festtagsrock angezogen.

Das ist im Ganzen auch so geblieben, nur werden wir nach gerade der Spielereien uberdrussig. Hugo sieht manchmal aus wie die stumme Verzweiflung. Emma uberbietet sich dann in Gesprachigkeit und launigen Anekdoten, sie lacht und erzahlt, aber ihr Lachen jagt mir das Blut ins Gesicht, ich schame mich in ihre Seele, dass sie gezwungen ist, eine Rolle vor mir zu spielen, die ihres Mannes holzerne Leblosigkeit sehr schlecht unterstutzt. Und ich, Sophie, soll unschuldig genug sein, dahinter nichts anders zu suchen, als Eigensinn und Laune? Nein, ich spiele mit! und gehe, wie alle Andere, frei hinter den Coulissen hin und her. Es steht da noch Mancher, der fruhe oder spat in die Scene treten wird. Bis zur Entwickelung sind wir noch nicht gelangt, denn die Faden der Intrigue laufen kraus durch einander.

Der Intrigue? Ja, ja! ich bin gewiss, dass sie existirt, dass sie sich unter Emma's Augen angesponnen und gebildet hat, dass sie es sieht, es weiss und duldet, um nur den Undankbaren nicht zu storen, der unser Aller Elend machen wird. Darin liegt der Schlussel ihres Betragens, deshalb die Anstrengungen unheimlicher Frohlichkeit, denen weder ihre innere noch aussere Kraft gewachsen ist.

Das ist es, Sophie, was ich herausfuhlte. Zu bemerken, zu entdecken ist hier nichts. Dazu sind Alle in stillschweigender Uebereinkunft zu einig, denn sie wissen, dass man demjenigen, den man ans Licht ziehen will, unter der kunstlichsten Verkappung nachspurt. Doch finden sich auch willige Hande, die unversehens den Finger ausstrecken, und hinzeigen, wo man sehen soll.

Unsere Grafin in Ulmenstein ist in solchen Fallen von unzuberechnender Dienstfertigkeit. Ich war kaum auf der Burg angekommen, so kam sie auch. Meine Laune stimmte schlecht zu solchem Besuch. Musste ich hier gleich auf eines der lastigen Geschopfe stossen, die in ihrer faden Wichtigkeit schon so breite Platze am Hofe und in der Stadt einnehmen! Mit der stummen Hoflichkeit, die Sie mir unzahlige Male vorwarfen, parirte ich den Andrang unbequemer Geschwatzigkeit, mit der die bewegliche Frau auf mich zurannte. Sie ward nicht einen Augenblick irre. Ohne im Mindesten von ihrem Eifer abzulassen, hatte sie mich in Kurzem, zu meiner Strafe und ihrem Triumph, in das Netz ihrer Worte verstrickt. Ich busste jetzt meine fruhere Gleichgultigkeit durch die stechendste Neugier. Urtheilen Sie nur, wie ich aufhorchte, als sie unter endlosen Faseleien und ewigem Kichern auf die spasshafteste Weise von der Welt bemerkte: Es sei ein wahres Werk der Barmherzigkeit, dass ich gerade in diesem Augenblicke hierher gekommen sei; ihre Trauer um die arme, liebe Tante, wie sie mit plotzlich veranderter Miene und einem kleinen Anflug susslicher Wehmuth hinzusetzte, ihre Trauer fessle sie jetzt, als verstandige und alles uberlegende Frau, in Ulmenstein, die ganze Nachbarschaft sei verodet ohne sie, die Burg ebenfalls ausgestorben, da die hausliche Emma die Einsamkeit zu sehr liebe, um selbst nur ihren Mann nach der Residenz begleiten zu wollen, wohin ihn doch sehr naturlich unzahlig kleine und grossere Verpflichtungen alle Augenblicke riefen.

Ihre lachelnde Stimme lief hier in die unangenehmste Feinheit aus. Ich arbeitete an meinem Tapisserie, wuhlte unter den bunten Knaueln, hielt die Farben zusammen, zahlte und berechnete Stiche und Faden, wahrend das Blut schon unruhiger in mir wogte, doch hielt ich es zuruck, ich lachelte ebenfalls, und erwiederte in demselben Tone: "Es ist auch sehr schon hier im Schlosse, ich begreife, dass man sich sehr ungern daraus entfernt."

"Ja, bei Gott! sehr schon," rief sie emphatisch aus. "Wer weiss das nicht? Aber man muss doch auch ein klein Bischen uneigennutzig denken, und die ubrige Welt nicht ganz uber seine Lieblingsgenusse vergessen. Werden Sie es glauben," lachte sie hier wieder auf eine schneidende Art, "dass die bose kleine Frau uber einen Monat nicht ein einzigesmal bei mir zu Mittag gegessen hat? Immer war entweder der Graf im Begriff, abzureisen, oder er sollte eben an diesem Tage wieder kommen, und so geizt die zartliche Gattin mit jeder Minute, die sie der Musse ihres beschaftigten Freundes abstehlen kann, dass sie uns andern armen Leuten auch keine einzige davon aufopfern will."

"Sie sind sehr gutig," erwiederte ich, uber meine Arbeit gebeugt, und die Augen auf dieser hin- und hergehen lassend, um nur die Schwatzerin nicht anzusehen. "Sie sind sehr gutig, meine liebe Grafin, sich soviel um die Undankbare zu bekummern, die nur einer alten, bosen Gewohnheit der Bequemlichkeit nachgiebt, wenn sie die rucksichtsvolle Ehefrau spielt. Wie oft mag sie dem guten Hugo einen Ritt oder eine Fahrt nach der Stadt andichten, um nur ihre Tragheit zu entschuldigen."

"Das nicht! das nicht!" fiel die Grafin lebhaft ein. "O! ums Himmels Willen, demuthigen Sie mich doch nicht so sehr, hier eine blosse Ausflucht zu suchen, wo ich ein besseres Motiv voraussetze, das meiner Eitelkeit weniger empfindlich ist. Nein, ich weiss, die liebenswurdige Emma weicht meinen Einladungen nicht ohne G r u n d aus."

Es blitzte bei diesen Worten so ein gewisses, rasches, gelbes Licht aus ihren kleinen, beweglichen Augen, dass ich, unwillkuhrlich zu ihr aufsehend, davon auf das Unangenehmste uberrascht wurde. Es war keine Frage, sie deutete auf etwas hin, das sie nicht gesonnen war, mir verbergen zu wollen. Mir lag aber daran, es nicht durch sie zu erfahren, deshalb druckte ich meine Hand leise auf ihren Arm, indem ich so wenig trocken als moglich sagte: "Ich sehe wohl, Ihre Freundschaft fur Emma macht Sie eifersuchtig! Sie rechten selbst mit Hugo, dem Sie die Minuten nachzahlen, welche er in der Gesellschaft seiner Frau verlebt."

Die Grafin ward hier sehr roth, und half sich mit ihrem gewohnten Lachen. Nach einer Weile trat der Comthur ins Zimmer. Die Grafin war honigsuss mit ihm. Er liess sich das nicht ungern gefallen. Es ist keine Angelruthe so abgenutzt, dass nicht die Eitelkeit der gescheutesten Manner zu gewissen Zeiten anbisse. Jetzt wurden wir neu besturmt, in den nachsten Tagen nach Ulmenstein zu kommen. Ich verwahrte mich dagegen wie ich wusste und konnte, doch zuletzt musste ich es geschehen lassen, dass die Einladung auf den folgenden Mittag angenommen ward.

Man hat ein Vorgefuhl von dem, was einem treffen wird. Ich hatte es, als ich in den Wagen stieg, um die Fahrt zu machen. Mir war diese an sich hochst fatal. Ein Diner auf dem Lande gehort zu dem Widersinnigsten, was ich kenne. Da, wo alle Ostentation entfernt sein sollte, erscheint sie doppelt lacherlich. Man ist nicht geneigt, sie sich gefallen zu lassen. Man will und verlangt etwas anders, und wird verdrusslich, immer das Alte zu finden.

Es liess sich, nach der Personlichkeit der Grafin, auf die Pratentionen ihrer hauslichen Einrichtung schliessen. So etwas stosst mich ab. Ich legte in keiner Epoche meines Lebens Werth auf das Vorubergehende, und wenn ich ubertriebene Modesucht schon bei der Jugend unnaturlich finde, so dunkt sie mir im Alter die Schminke der Dummheit und Leerheit zu sein.

Ich suchte den Grund meiner Scheu vor dem Besuch in Ulmenstein in dieser naturlichen Abneigung gegen unpassende Kunsteleien. Wir sassen auch schon eine Weile bei Tisch, ehe ich mich besinnen konnte, und bewusst ward, was mich eigentlich auf unbegreifliche Weise beklemme. Zufallig begegnete ich Emma's Blicken, welche mit einem sonderbaren Ausdruck von Befremden, bald auf Hugo, bald auf Ihrer Freundin, der soviel besprochenen, schonen Prasidentin ruhten. Schneller wie der Blitz stand das Gespenst vor mir, dessen dunkle Nahe mich geangstigt hatte. S i e war es, diese pomphaft angekundigte, gepriesene Dame der Gedanken des Oheims, und nur zu wahrscheinlich auch der des Neffen. Dieser hatte seinen Platz weit von ihr, auf derselben Seite der Tafel genommen, wo ich mich befand, sie sass mir gegenuber. Beide hatten noch nicht ein Wort mit einander gewechselt. Emma hingegen uberhaufte sie mit Herzlichkeit. Was bedeutete das Alles? Was sollten die langen, fragenden Blicke jetzt entdecken?

Ich fasste, von da, den verdachtigen Gegenstand scharfer ins Auge. Die Frau ist schon, und fast bis zum Unscheinbaren einfach. Sie hatte den Comthur an ihrer Seite. Er unterhielt sie mit grosser Lebhaftigkeit, ohne gleichwohl ihre Aufmerksamkeit fesseln zu konnen. Sie schien zerstreut, und wie mir es vorkam, in einer nachdenkenden, bekummerten Stimmung. Hugo, der alle Schleusen seines witzigen Humors offnete, hatte sich in Kurzem der Unterhaltung bemachtigt. Er beherrschte, wie es ihm wohl zuweilen gluckt, die ganze Gesellschaft, und liess sie nach Gefallen lachen und sich verwundern. Elise sah ein paarmal mit grossem Ernst nach ihm hin. Der Ausdruck ihres Gesichts trug die Spuren schmerzlicher Ungewissheit.

Ich ward immer gespannter. Das Herz klopfte mir laut in der Brust. Mein Gesicht verrath augenblicklich, was in mir vorgeht. Emma hatte schon alles darauf gelesen, ich sah es ihr an, auch bemuhte sie sich, mich anderweitig zu beschaftigen. Ein junger Baron Wildenau dunkte ihr werth, von mir beachtet zu werden. Sie verflocht uns in ein Gesprach, wozu meine Ruckkehr aus Italien und seine fruheren Reisen dahin, naturlich Veranlassung gaben. Ohne unhoflich zu sein, konnte ich mich dem nicht entziehen. Der junge Mensch hat uberdem so was Ungewohnliches, das interessirt. Sein dunkles Gesicht zeichnet sich durch Regelmassigkeit der Zuge, und lange, schwarze Augenwimpern aus, die wie ein Schleier das ernste Gesicht beschatten, und zu der stummen Zuruckgezogenheit seines Wesens passen. Er spricht leise, bis zur Undeutlichkeit, so dass ich mich ganz zu ihm wenden und anstrengend hinhoren musste, wollte ich nichts von dem verlieren, was er Gutes und Gescheutes sagte. Hierzu kam, dass die Grafin auf jedes seiner Worte lauschte, sie mit Exklamationen der Bewunderung begleitete, und ofters ihre anderswo beschaftigten Tochter zu gleicher Theilnahme aufrief, weshalb denn der bescheidene junge Mann meist den Blick senkte, und mehr allgemeinhin, als zu mir redete, was der Conversation etwas Druckendes gab. Hieruber hatte ich das, was mir eigentlich viel naher lag, aus den Augen verloren.

Die Tafel ward aufgehoben. Man zerstreute sich in den Nebenzimmern. Die Grafin hielt mich bald beim Fortepiano fest. Ich sollte ihre Tochter singen horen. Der Baron Wildenau, im ganzen Hause auf vertraute Weise, Leontin genannt, musste diese begleiten. Er hat Kraft und Weichheit der Stimme, einen italienischen Vortrag, Sinn und Gefuhl, so dass ich bei meiner unbegranzten Liebe fur Musik unwillkuhrlich gefesselt ward. Die Grafin schwelgte in meinem Beifall. Leontin soll ein Stuckchen Erbschaft, das ihr entgangen, auf ihr Haus ubertragen, deshalb projectirt sie eine Heirath zwischen ihm und einer ihrer Tochter. So lange er nicht N e i n sagt, nimmt sie das J a als entschieden an, und fuhlt sich in ihm geschmeichelt. Wie immer, uberbot sie sich auch heute im Eifer. Das Singen nahm kein Ende. Zuletzt dachte sie auch an das Talent Anderer. Emma und Elise wurden aufgerufen. Die Letztere fehlte in dem Kreise, der sich nach und nach um das Instrument gebildet hatte. Emma sprang mit einer Eile auf, sie zu suchen, die ich an ihr sonst nicht kenne. Verwundert folgte ich ihr mit den Augen. Sie schlupfte in eine Fenstervertiefung des nachsten Zimmers. Hugo trat eben aus dieser heraus. Einige Minuten darauf folgten die beiden Frauen. Die Grafin warf einen Blick des Einverstandnisses auf ihre Tochter, alle drei lachelten verstohlen, sie umringten darauf Elise, zogen sie zum Clavier, und hiessen sie Emma und Hugo accompagniren. Mechanisch that jene, was man wollte. Sie war weder verlegen, noch bemuht, sich zu verbergen. Ganz mit sich und was in ihr vorging beschaftigt, liess sie die Finger Tone anschlagen, das Auge Noten lesen, und andere daraus machen, was sie wollten. Emma stand indess mit Fieberrothe auf den Wangen, hinter ihrem Stuhl; Hugo etwas weiter vor, mehr mit den umzuschlagenden Blattern als dem Gesange beschaftigt, hatte eines der komischen italienischen Duos aufgesucht, das er zu allgemeinem Ergotzen auf das Lustigste vortrug, worin ihn Emma mit einer Selbstverleugnung und Gewandtheit begleitete, die mich einen Augenblick zweifelhaft liess, was ich hier am meisten bewundern sollte. Von allen Seiten ergossen sich Lobspruche und schmeichelhafte Ausrufungen. Der Graf verzog den Mund zu einem satyrischen Lacheln, trat dann, wie Jemand, der sein Kunststuck gemacht hat und abgefertigt ist, von dem Instrument zuruck. Leontin hatte nicht aufgesehen. Es lag etwas in seiner Miene, zu dem ich wohl den Schlussel haben mochte.

Von jetzt an war es um meine Ruhe gethan. Alle Kunst der Grafin reichte nicht hin, die Verstimmung, welche immer ansteckender um sich griff, wieder zu entfernen. In den Veilchenaugen der Prasidentin standen Thranen. Sie blieb befangen, ich fand sie weder so anziehend noch so ungewohnlich, als sie mir geschildert ist. Ich sagte das der Grafin, als diese mich um mein Urtheil uber sie befragte.

"Sie haben recht," entgegnete sie, "es ist aber auch eine Veranderung mit der Frau vorgegangen, von der man keine Vorstellung hat. Ich glaube," setzte sie vertraulich hinzu, "es sind hausliche Unannehmlichkeiten, die jetzt manchen Sturm veranlassen. Der Prasident hat ein Bischen den Herrn gespielt, und der Fahrlosigkeit mit dem einzigen Kinde, einem bildschonen, aber unleidlich verzogenen Knaben, ein Ziel gesetzt. Ein strenger Aufseher fur Mama und Sohn ist angekommen, und irre ich nicht, so lockt dieser die Thranen aus den schonen Augen."

"Ach!" entgegnete ich gelangweilt, "es sind nicht die Domesticalien einer fremden Familie, die meine Wissbegier reizen, ich verweile einzig bei dem, was ich sah, daruber darf ich reden, das Uebrige interessirt mich wenig." "Nun," versetzte die Grafin, den Stich verschmerzend, "ich mochte wohl wetten, sie betrachten die Person nicht so angelegentlich um der blossen Personlichkeit willen, man denkt immer noch was hinzu, und bei dieser fallt einem Mancherlei ein."

Sie begleitete das Letzte wieder mit ihrem gewohnlichen Lacheln. Ich war nur zu gewiss, sie verstanden zu haben.

Elise hatte sich indess entfernt. Sie eilte nach der Stadt zuruck. Auch wir brachen nun auf. Hugo war zu Pferde. Ich sah ihn den Abend nicht mehr. Er blieb auf seinem Zimmer, doch erfuhr ich, dass er mit uns zugleich im Schlosse angekommen war. Es ist Bewusstsein und Ueberlegung in dem Allen, und das ist ein gefahrliches Zeichen.

Die Nacht liess mich schlaflos in meinem Armsessel. Sie wissen, ich scheue bei der leisesten Bewegung der Seele das Bett, wie eine Marterbank. In den Falten der Vorhange, in den Decken lauern all die hupfenden, beweglichen Gedanken, die immer dichter, immer naher gegen mich anrucken, und mich zuletzt ganz toll und verwirrt machen, bis ich aufspringe, und ein Lager fliehe, das eingebildete und wirkliche Sorgen mit brennenden Nesseln bestreuen.

Unzahligemale rief ich mir zuruck, was ich heute gesehen und gehort hatte. Ich bemuhte mich, es ruhig zu betrachten. Es konnte sein, dass ich auf ohngefahre Andeutungen zuviel gegeben, dass ich Zufalliges in falschen Zusammenhang gebracht hatte, es konnte aber auch anders sein. Und was denn? Sagen Sie doch, Sophie! was denn? Ich gestehe Ihnen, es offnet sich dabei ein Abgrund vor meinen Fussen. Vielleicht d e s h a l b , vielleicht auch, weil mein Gefuhl, mein Stolz, meine ganze Natur widerstrebt, das Demuthigendste, was es giebt, zu denken, denke ich es noch nicht deutlich. Aber, aber! wenn !

Es ward mir aus Manchem klar, dass ich meinen Verdacht hier sorgfaltig verbergen, und eben so unbefangen scheinen musse, als man es um mich her zu sein bemuht ist. Denn ein Wort, ein einziges Wort reicht hin, das ganze Gebaude kunstlicher Harmonie zusammen zu sturzen. Und wenn mein Argwohn grundlos ware, Sophie! Im Stillen arbeiten will ich indess, einen moglichen Ausweg zu bahnen. Ich habe an den Fursten geschrieben. S e l b s t mochte ich ihn nicht in seiner Residenz aufsuchen. Ich werde keinen Schritt thun, der in die Augen fallen konnte. Man giebt mir ja in diesem Hause das beste Beispiel rucksichtsvoller Besonnenheit, denn das wenigstens ist gewiss, dass Hugo seine ganze Lebensweise, seit ich hier bin, verandert hat. Denken Sie doch nur, nicht ein einzigesmal hat er das Schloss in dieser ganzen Zeit verlassen. Wie kommt er zu dieser Statigkeit, wenn er mich nicht irre zu machen gedachte?

Wusste ich nur, was er die Nachte uber treibt. Seine Zimmer sind unter den meinigen. Ich hore ihn stundenlang gehen, die Fenster offnen und schliessen, zuweilen sprechen. Mit wem spricht er? Irre ich nicht, so sah ich ihn neulich uber die Brucke dem Walde zuschreiten. O die geheimen Wege haben nur ein dunkles Ziel.

Mehrere Tage darauf.

Der Furst war hier. Er ging sehr geschickt in das ein, was ich ihm nur andeuten konnte. Eine Jagd in den hiesigen Forsten musste ihm zum Vorwande seines Besuches dienen. So kam er denn Allen unerwartet, ausser mir. Haben Sie eine Vorstellung meines SchrekJa, ja, Sophie! Ihre Freundin steht entlarvt vor der Welt. Jedes Kind kennt ihr Verhaltniss zu Hugo. Man lacht daruber, wie man immer den pfiffigen Betrug als einen Gegenstand der Kurzweil betrachtet. Alles in mir gluht! ich habe die witzigen Ausfalle des Fursten bestritten, weil ich das Ridicul wohl fuhle, das auf mich und Emma dadurch fallt. Aber fort muss Hugo von hier! Und ware es auch nur des Anstandes wegen. Der Furst sieht das ein. Der Schlag wird nachstens geschehen. Unvorbereitet soll er Alle treffen. Den Comthur denke ich indess zu schonen. Ich bin begierig auf die Unterredung mit ihm.

Dass ich krank bin, dass ich Zimmer und Bett hute, denken Sie wohl von selbst. Doch sterben, sterben werde ich jetzt nicht, das darf nicht sein. Tavanelli, der junge Caplan, von dem ich Ihnen einmal schrieb, ist hier, ist im Hause der beruhmten Circe. Emma ist seine Beschutzerin. Wunschen Sie mir Gluck zu dem Funde. Ich will ihn nicht ungenutzt lassen.

Leben Sie wohl. Mein Gott! wie wird das enden!

Elise an Hugo

Der Einfall, mir durch den Hausirer zu schreiben, war recht glucklich. Ich empfing Ihren Brief zu einer Stunde, wo ich allein war, und Vieles mit mir abmachen konnte. Sie haben recht, da wo ich Sie verstehe. Allein ich glaube, Sie r e d e n klarer, als Sie schreiben. Ich kann mir wohl vorstellen, dass Sie geschriebene Auseinandersetzungen scheuen. Es wird einem damit unter der Hand anders, als man will! fur Leute, wie Sie und ich, die nicht anders als wahr sein konnen, ist eine solche Kunstelei unertraglich. Allein halbe Andeutungen konnen auch eine Sunde gegen die Wahrheit werden.

Ich bin nicht gewohnt, meine Freunde auf Socken um mich herum schleichen zu sehen. Das hilft auch zu nichts. Ich hore sie kommen, und bin nicht eher ruhig, bis ich weiss, w a s mir naht. Sie, Hugo, treten an manchen Stellen Ihres Briefes dreist genug hervor. Es kann nicht Ihre Absicht sein, mir zu entschlupfen. Sie wollen sich eine Muhe ersparen, und ich soll Ihre Aphorismen erganzen.

Ich verstehe das nicht. Mir sind dergleichen Rathsel eine Qual. Kurz und gut, sagen Sie, in einfacher Prosa, ohne Ausrufungen und Phrasen, wie die Gefahr heisst, die Sie heranrucken sehen. Ist sie mehr als ein Luftbild, das in Ihren Burgnebeln schwimmt, so haben Sie unrecht, sich nicht bestimmter daruber auszulassen.

Es ist so viel Fremdes in Ihrer pathetischen Beschworung, n i c h t w e i t e r f o r s c h e n z u w o l l e n , dass ich mich erst auf Sie besinnen musste, ehe ich Sie wieder erkannte.

Sie waren zu gespannt, als Sie schrieben, um zu bedenken, was Sie forderten. G e n u g e n soll ich mir lassen, dass S i e wissen, was Sie mir v e r b e r g e n , ohne es abwehren zu konnen?

Nun, beruhigen Sie sich. Ich weiss es, und verliere weder Fassung noch Muth.

Konnten Sie glauben, man werde mich schonen, wenn man uberhaupt den Sinn fur Zartheit verlaugnet? Wo die Fahigkeit des Verstehens fehlt, konnen verletzende Missgriffe nicht ausbleiben. Es ist viel schwerer, als man denkt, mit gutem Gewissen durch die Welt zu kommen. Die Menschen nehmen an Allem Aergerniss, und ein Herz, wie das meine, mochte das gern Jedem ersparen. Aber das ist vergebene Muhe!

Ich bin unbefangen, und gebe mich so. Die Wenigsten wollen das glauben. Es mag auch wohl fur alle diejenigen schwer sein, welche Zwecke und Absichten haben. Ich hatte niemals andre, als mir in jedem Augenblicke treu zu bleiben, das heisst, dem innern Gefuhle nicht entgegen zu handeln, das mich zu Offenheit und Wahrheit zwingt. Ich sagte das gestern, bei irgend einer Gelegenheit in des Caplans Gegenwart. Er sah mich uberrascht an, ohne etwas zu erwiedern. "Nun?" fragte ich, aus guten Grunden bemuht, mich mit ihm zu verstandigen. "Ich zweifle," ausserte er bescheiden, "dass es uns gerade durch das Gefuhl klar werden konne, was das eigentliche Wahre in uns sei."

"Gerade im Gefuhl!" entgegnete ich lebhaft, "wo dies unverdorben ist, hat es eine Stimme, die uns leise und horbar zuruft: du belugst dich selbst! hute dich!" "Wo das Gefuhl unverdorben ist?" wiederholte der bleiche Tavanelli. "Wo ist das? werden unsere Leidenschaften uns nicht auch glauben lassen, wir folgen den Geboten eigenthumlicher Wahrheit, da es doch nur die Luge geblendeter Sinne ist, die uns eine andere Natur aufzwingt?"

"Ich halte nicht viel," erwiederte ich kalt, "von den zwei Naturen, zwischen denen man uns herumhetzt, ohne dass das gequalte Gemuth jemals zur Ruhe kommen kann. Das sind Bilder, um die Undeutlichkeit der Begriffe klar zu machen. Es geht damit, wie mit allem Bildlichen, man halt d i e s e s fest, und lasst den G e d a n k e n fahren."

"Wie?" unterbrach mich mein Gegner erstaunt. "Sie glauben nicht an ein Doppelwesen in uns, dessen wechselndem Regimente wir erliegen wurden, hatten wir nicht eine hohere Vermittlung?" "Sprechen Sie Ihr Anathema nicht all zu eilig uber mich aus," lachelte ich vertraulich. "Ich bin keine so grosse Ketzerin, um den Einfluss des Bosen und Guten aus der Welt des Menschen wegphilosophiren zu wollen. Allein ich halte dafur, beides entspringe aus e i n e r Natur, die, ihrem Wesen nach, gottlicher Art ist, und nur durch falsche Beziehungen des Lebens verzerrt und entstellt wird." Er schuttelte den Kopf. "Ware es auch so," sagte er ernst, "was sichert uns, dass wir, unter den unzahligen Trugbildern der Sinne, diese ursprungliche Natur in uns finden?"

"Wir drehen uns im Kreise herum," rief ich aus. "Ihre Frage ist schon durch meine erste Annahme beantwortet. Jenes instinktartige Gefuhl, das wir den himmlischen Theil unsers Selbsts nennen sollten, das warnende Wort einer unsichtbaren Stimme, das sichert uns vor aller trugerischen Verwechselung."

Der Caplan wollte mich hier unterbrechen, allein wir verstummten beide vor Eduards Dazwischenkunft. Ihnen aber, Hugo, habe ich das mitgetheilt, um Ihnen zu zeigen, was mich gegen Angriffe stahlt, denen Sie nicht sonderlich zu begegnen wissen. Ein Paar schlechte Epigramme aus der Ulmensteiner Klike, eine Wolke auf der Stirne Ihrer Schwiegermutter reichen hin, Sie ausser Fassung zu setzen. Sind das Ursachen, um einer Melancholie Raum zu geben, die Sie in der Freundschaft schwankend, in allen andern Verhaltnissen schwach und angstlich erscheinen lasst? Wahrend Sie sich einbilden, die Granzen einer Region bewacht zu haben, welche Sie meinem schwachen Vermogen anweisen, vergessen Sie, dass Ihr Eifer ziemlich ins Schrankenlose ausartet, und ich viel Muth haben muss, um einen Brief zu beantworten, der so auf Schrauben steht und n i c h t s oder z u v i e l sagt.

Ich wiederhole es Ihnen, ich bin unbefangen, und gebe mich so. Auf dieser Unbefangenheit beruht mein Vertrauen zu Ihnen, mein Verhaltniss zu Ihrem Hause. Zeigen Sie sich angstlich, so haben Sie mich nie gekannt.

Deutlicher mag ich hier nicht reden. Genug, ich wunsche nicht, dass auch Sie dem ganz Naturlichen kunstliche Farben anlegen. Die hausliche Unzufriedenheit, die Sie jetzt wohl zu Zeiten druckt, macht Sie zum Sclaven Ihrer Stimmung. Der Unwille daruber steigert die Empfindlichkeit in Ihnen bis zur Leidenschaft. Ich kann das begreifen und verzeihen. Allein so weit durfen Sie sich nicht vergessen, dass Sie Emma's Weg durchkreuzen. Sind Sie unbillig genug, ihrer Freiheit zu nahe zu treten, wahrend Sie eifersuchtig uber die eigene wachen?

Lassen Sie sie gehen, w i e s i e k a n n . Ich verstehe Ihre Unruhe uber einen Briefwechsel nicht, der ganz naturlich auf dem Verhaltniss gegenseitiger Uebereinstimmung beruht. Wollen Sie den Austausch aller Ansichten hemmen, die nicht die Ihrigen sind, wen nennen Sie denn noch Tyrann in Ihrem Geschlechte, wenn Sie es nicht sind? Ich habe mich geschamt in Ihre Seele, dass Sie eine Zufalligkeit blos darum so hoch anschlagen, weil sie zu ungewohnlicher Stunde Ihre kranke Phantasie erschutterte. Wie, wenn der hausirende Walter Ihnen heute Abend m e i n e n Brief eben so unerwartet uberbrachte, ware er auf verbotenem Wege zu Ihnen gelangt?

Emma mag glauben und denken wie sie will, sie hat einen hohen Sinn, und kleinliche Machinationen sind Niemand fremder als ihr.

Furchten Sie ubrigens nichts von Tavanelli. Leute seiner Art, sind entweder bei naherer Beleuchtung anders, als wir sie uns denken, oder dieser ist zu weich und erregbar, um sich in strenger Abgeschlossenheit bewahren zu konnen. Er wird nie meinen Rechten auf Georg zu nahe treten, und nicht um die Welt, konnte er mich in dem Knaben verletzen. Ich denke, wir werden uns wohl verstandigen. Ueber den ersten Schreck hinaus, konnte es auch nicht fehlen, dass mich ein ordentlicher Entschluss zu gewunschten Resultaten fuhren musste. Taugte der Mann nur etwas, so liess sich leicht abnehmen, dass wir auf gemeinschaftlichem Wege einander nicht fremd bleiben wurden. Und nun ich Sie gescholten und beruhigt habe, mein armer Freund! will ich Sie auch bedauern, und Ihnen die Last unvermeidlicher Widerspruche tragen helfen, die zu gewissen Zeiten, und in manchen Stimmungen geringern Widerstand als sonst in uns finden. Man kann da mit Niemanden rechten, warum er die Dinge so und nicht anders sieht? Es giebt nur e i n e n Gesichtspunkt fur ihn.

Hugo, Sie haben sich selbst bei dem Kauf um Ruhe und Frieden gebracht. Jetzt reuet Sie der Handel; zumal, da man nicht mude werden wird, zu fordern, und Sie doch einmal "Halt!" rufen mussen.

Das kommt von dem gleichgultigen G e s c h e h e n l a s s e n . Man wusste es hier gleich, dass der Furst bei Ihnen war, und fabelt davon allerlei. Konnen Sie denn nicht einen Augenblick stehlen, um zu mir zu kommen? Ich habe Ihnen tausenderlei zu sagen, was sich nicht schreiben lasst, was ich wenigstens nicht weitlauftig abhandeln mag. Oft sind ein Paar mundliche Worte von unermesslichem Werthe! Bedenken Sie dieses!

Antwort

Oft sind ein Paar mundliche Worte von unermesslichem Werthe. Ja, Elise, ja, ich habe es bedacht. Sie haben recht. Es ist allerdings nothwendig, dass wir uns sprechen. Ich komme. Aber nicht zu Ihnen, nicht nach der Stadt. Ich kann, ich d a r f nicht. Ich werde Ihnen das Alles erklaren, wenn wir uns sehen. Wann? wo das sein wird? Morgen, Elise, morgen bei der Tannenhauserin, eine Spatzierfahrt giebt Ihnen leicht den Vorwand. Ich bitte Sie, schlagen Sie Ihrem Freunde den Wunsch, an welchem seine Ruhe hangt, nicht ab. Nur ein Paar fluchtige Minuten sollen Sie mir schenken. Ich m u ss , horen Sie wohl! ich m u ss mit Ihnen reden. Sie wissen nicht, wie es hier steht. O, wenn Sie meine Freundin sind, werden Sie anstehen, es mir zu beweisen? Ich zahle auf Sie, und zweifle nicht, Sie bei dem milden Fruhlingswetter im Walde zu treffen.

Der Caplan Tavanelli an Leontin

Ihr Schutz, mein lieber Herr Baron, geleitete mich in dies Haus. Ihre wohlwollende Theilnahme half meine Schuchternheit uberwinden. Sie sind so gut, ich habe Sie so lieb, dass mich mein Herz treibt, Ihnen eine Schwache, und meine Angst daruber, zu entdecken. Bester Herr Baron, was ist es doch mit dem Menschen, dass er nicht eine Stunde seiner selbst gewiss sein darf!

Es war so still in mir. Jedes schien auf seinem Platze, in einfacher, naturlicher Verbindung nach erkannten Gesetzen zu wirken. Ich fuhlte mich leicht, mit meinem Gewissen in Ruhe. Alle erlittenen Drangsale, die Sturme fruher Jugend, die unaussprechlichen Kampfe des schwachen, ringenden Innern, es trat mir der ganzen Vergangenheit, wie gesunkener Nebel, zuruck. Der frei gewordene Himmel, die milde Klarheit um mich her, mein besanftigtes, gestilltes Herz ich glaubte fest zu sein, weil mich nichts erschutterte, ich hielt mich fur einen Andern, weil mein Auge nur die Bilder d e r W e l t sah, i n d e r i c h g a n z a u s s c h l i e ss e n d l e b t e . Was ich so vollkommen empfand, was so innig Eins mit mir schien, wie sollte ich ihm nicht gleichen! Welch ein Wahn tauscht so das Bewusstsein!

Seit ich diese Schwelle hier betrat, bin ich in einer Unruhe, die mich von Widerspruch zu Widerspruch treibt.

Ist es der Dunstkreis, dieser einander ganz unahnlichen Menschen, der mich beengt? sind es die Reflexe ihrer Seelen, die in undeutlichen Umrissen meine Phantasie qualen? Was ist's, das in der schopferischen Fortbewegung, die wir Leben nennen, plotzlich eine Bilderreihe neuer Ansichten an mir voruberjagt? oder giebt es ansteckende Einflusse in der moralischen, wie in der physischen Atmosphare, von denen uns nichts traumt? Genug, ich fuhle es mit Schaam, ich bin nicht mehr derselbe. Es steigen Fragen in mir auf, Fragen, lieber Herr Baron, die mehr an die Holle als an den Himmel gerichtet sind, da sie eine v e r n e i n e n d e Antwort erwarten lassen.

Damals, als wir uns in dem Zimmer des Waldhauses befanden, der Herr Graf herein trat, und mit der Landstreicherin seinen Spass hatte, ward ich auf eine Weise beklommen, als waffneten sich feindliche Gewalten gegen meine Grundsatze und Ueberzeugungen. Es regten sich, mitten durch den Widerwillen gegen verbotene Kunste, heimliche Zweifel uber den Grund solches Verbotes in mir. Das elende Geschopf weckte meinen Zorn wie meine Neugier. Ich horte ihre Worte, ohne sie horen zu wollen. Sie dunkten mir Unsinn, und doch beschaftigten sie mich. Als nun endlich zu meiner Freude der Herr Prasident erschienen, glaubte ich mich gerettet. In seiner Nahe fuhlte ich mich ruhiger. Ich dankte meinem Gott aufrichtig, als ich neben ihm im Wagen sass. Er nahm sogleich das Wort, um mir seine Ansichten zu entwickeln. Ich horte aufmerksam zu, und konnte nicht anders, als sie vernunftig finden. Allein nach einer Weile bemachtigte sich meiner eine mir sonst fremde Ungeduld uber die Langsamkeit des Fahrens. Ich sah erwartend in der Gegend umher. Sie dunkte mir traurig. Ich ward es auch. Nicht, dass ich etwas vermisst hatte, ich wollte es nur anders. Bald empfand ich, dass es mein neuer Hausherr war, der mich ermudete. Ich ward ganz beschamt vor mir selber. Wir redeten von jetzt an nur noch wenig zusammen. Er hatte seine Meinung gesagt, ich hatte sie gehort, damit war er zufrieden. Der Hochmuth flusterte mir Manches zu, was mir vollends zur Last viel. Als wir nun in der Stadt angekommen waren, und ich vor die Mutter meines kleinen Zoglings trat, empfing mich diese nicht sowohl kalt als misstrauisch. Das Kind sah mich gross an, ich wusste nicht, wie ich dieser gespannten Verwunderung begegnen sollte. Mir ward unsaglich bange ums Herz, die Worte versagten mir. Wir blieben so. Ich hatte den Abend auf meinem Lager in Thranen zerfliessen mogen. Des andern Tages sah ich den schonen Knaben nur fluchtig. Die Eltern gar nicht. Es schien, man wolle sich erst an den Gedanken gewohnen, mich im Hause zu haben. Ich war damit nicht unzufrieden. Mir lag selbst daran, das verlorne Gleichgewicht wieder zu finden. Ich merkte indess bald, dass dies nicht leicht sein werde. Denn, gestaltete sich auch spaterhin das gegenseitige Verhaltniss nach und nach gefalliger, so wuchs gerade daraus der Samen aller meiner jetzigen Qual.

Die gutige und geistreiche Dame, welche von der Natur mit den bewundrungswurdigsten Gaben beschenkt ward, zahlt unter diesen, als eine der ersten, die liebenswurdigste Aufrichtigkeit. Von dieser geleitet, eroffnete sie mir, wie sie in Bezug auf mich und meinen Einfluss auf die Erziehung ihres Sohnes denke. Sie halt mit nichts zuruck und enthullt eine Sinnesweise, die ich einerseits verehren, und von der andern Seite verdammen muss. Das Letztere angstigte mich unbeschreiblich, da ich ihr Vertrauen nicht verscherzen will. Werden Sie es glauben, der Wunsch, ihr gefallig zu sein, liess mich meine Gesinnungen, wenn auch nicht verlaugnen, doch so umhullen, dass sie nichts geradezu Verletzendes fur sie enthielten. Seitdem stehen wir nun auf dem Fusse des gegenseitigen Austausches der Ansichten. Aber, mein Gott! wie fuhle ich oft die meinigen angegriffen, erschuttert! Mit welcher Todesangst muss ich dann zu ihrer Wurzel zuruck fluchten und mich ganz eng und klein an sie zusammen krummen, um nur nicht von dem Flug freierer Ideen fortgerissen zu werden. Bin ich in den Zimmern des Herrn Prasidenten, so erhole ich mich wohl wieder, und fuhle mich mehr als ein blosses Werkzeug trockener Systematik. Doch i h r , der beschwingten Psyche gegenuber, im Gesprach mit dem grossartigen Ketzer, dem Grafen, regen sich die alten Zweifel, und meine Brust wird der Kampfplatz verderblicher Einflusse.

Es wurde mir wenig helfen, wollte ich mich meinem wurdigen Beschutzer, dem geistlichen Herrn in *** entdecken. Er pflegt zu dergleichen wenig zu sagen. Seine Art, die Menschen zu fuhren, besteht vornehmlich darin, dass solche selbst die Wegweiser sind, d i e R i c h t u n g giebt er. Im Uebrigen, meint er, musse jeder sich selbst versuchen. Er macht auch nicht viel aus Fehltritten, noch sucht er die Unruhe daruber zu beschwichtigen. Meine Bangnisse wurden ihm kindisch dunken. Ich sehe ihn gutmuthig daruber lacheln. Wenn mir das einerseits Zuversicht geben konnte, so macht es mich auch wieder schuchtern. Was mir am Herzen liegt, es ganz erfullt und einnimmt, will ich b e s t r i t t e n oder a n e r k a n n t wissen.

Bedachte ich nicht mehr, ich gabe meine gegenwartige Stellung auf, und entfernte mich unter einem schicklichen Vorwande. Es ist zudem so Manches hier, was mich wegtreibt. Ich habe auch deshalb schon einmal ganz im Geheim an die Frau Grafin auf der Burg geschrieben, und sie um ihren Rath gebeten, allein sie macht es, entweder wie unser gemeinschaftlicher Lehrer, dem sie wohl naher stehen mag als ich, oder sie ist verlegen um der Frau Prasidentin willen, und schweigt. Lass ich mir erst lange Zeit, so werde ich unwillkuhrlich in solche Verbindlichkeiten verstrickt, die mir das Gehen unmoglich machen.

Noch heute kam der kleine Georg weinend zu mir, und bat mich, mit ihm zu seiner Mutter zu kommen, die jetzt immer so betrubt sei und gar nicht spreche; sie werde gewiss wieder vergnugt werden, wenn ich ihr eine von den hubschen Geschichten vorlesen wolle, die da vor mir in dem grossen Buche standen. Er wies dabei auf eine Sammlung heiliger Sagen, die mit schonen Holzschnitten geziert, eine Quelle angenehmer Unterhaltung fur ihn waren. Ich wagte nicht, des Kleinen Aufforderung zu folgen. Doch als wir nach der Mittagstafel noch eine Weile versammelt blieben, fragte mich die gnadige Frau nach dem Buche, von dem ihr Georg gesprochen hatte. Ich holte es auf ihren Befehl herbei. Sie blatterte mit Achtsamkeit darin. Darauf schloss sie es wieder, und sagte, indem sie mir es zuruck gab: "es geht ein stiller, einfacher Sinn durch diese Gattung von Dichtungen, allein es ist nicht mehr der unsrige. Wir werden davon geruhrt, aber nicht befriedigt."

"Dichtungen!" rief ich ganz besturzt, "Sie zweifeln an der Aechtheit der Ueberlieferung?"

"Nun, so oder so!" entgegnete sie leicht. "Ob innerlich oder ausserlich erlebt, es sind Erscheinungen einer Zeit, die h i n t e r uns liegt. Wir wenden uns wohl dahin zuruck, allein das Leben lasst sich nichts aufbinden. Es hat seine eigene Bedingungen, man schraubt es nicht zusammen. Zum Verweilen findet Niemand mehr Raum da."

Ich war so erschrocken und verlegen, dass ich sie sprachlos anstarrte.

Sie mochte nicht wissen, was sie aus meinem Schweigen machen sollte.

"Glauben Sie mir," fuhr sie, vielleicht deshalb lebhafter, fort, "nur das Naturgemasse bewegt sich zu freier und erhoheter Entwickelung fort. K u n s t l i c h e Zustande der Seele lassen uns, wie bei gezwungenen Stellungen des Korpers, jeden aussern Anstoss furchten, der dem Spiel ein Ende machen konnte."

"O!" rief ich, mit vor Schmerz zusammengefalteten Handen, "die Verehrung des Hochsten und Heiligen, das brunstige Hingeben heisser Anbetung ist wahrlich unabhangig von der Farbe der Zeit, und wie die Gemeinschaft der Geister nicht wechselt, und die Liebe nicht altert, so hat auch ihre Sprache eine ewige Jugend; sie darf mich heute wie ehemals in den schlichten Worten rufen, und wird mein Ohr offen finden."

Die Augen meiner schonen Gegnerin ruhten prufend auf mir. Sie schwieg eine Weile, dann sagte sie: "Wir reden nachstens mehr hieruber. Ich bin heute durch Vieles befangen. Ich fuhle wohl, was auf Ihre Einwurfe zu antworten ware, allein ich kann mich nicht zusammenfassen. Es fliegt mir so kraus durch den Sinn. Nachstens! horen Sie wohl, nachstens noch recht viel uber diesen Gegenstand!"

Sie sagte dies mit grossem Ernst, indem sie sich abwandt, und mich stehen liess. Ich war erschrocken uber meine Heftigkeit. Ich sah ihr verlegen nach. Seitdem kann ich es nicht hindern, dass mir mein leidenschaftlicher Eifer verdachtig scheint. Sie war so ruhig, so fest. Welche von beiden Ueberzeugungen, ihre oder die meine, hat den festesten Grund?

Herr Gott! wenn ich ein Gefangener, kein Geretteter ware, wenn ich knechtisch unter das Gesetz fluchtete, und nur w a h n t e , in der Wahrheit zu leben! Ich darf sie nicht fragen, ich werde ganz irre.

Von jeher haben mir die eignen Gedanken zu schaffen gemacht. Ich entschlage mich ihrer gern. Aber hier werden sie so oft und so laut angesprochen, dass es keine Rettung giebt.

Und doch sind es diese Gesprache gerade, die mich nothigen, zu bleiben. Soll ich verschmahen, mir selbst klar zu werden? Sagen Sie doch, kann ein Feldfluchtiger Anspruch auf die Siegespalme machen? Lieber Herr Baron, wenn wir einmal wieder zusammen einen Spatziergang durch den Wald machen konnten! Ich bin in diesen Tagen zu der Frau Oberhofmeisterin auf die Burg beschieden. Ich zahle diese vortreffliche Dame unter meine Beschutzerinnen. Ihr meine Aufwartung machen zu durfen, gereicht mir zu grosser Ehre. Vielleicht bin ich so glucklich, Sie, mein bester Herr Baron, auf dem Schlosse anzutreffen. Von welchem Trost wurde mir Ihr gutiger, beruhigender Zuspruch sein!

Emma an den Geistlichen

Ich furchte, ehrwurdiger Herr, ich bin einer warmen Aufwallung des Herzens allzurasch gefolgt. Mich qualt der leise Vorwurf, Hugo beunruhigt, ihn unsicher gemacht, ein freundliches, naturliches Verhaltniss gestort zu haben. Ich sehe das Hugo an. Er sagt nichts, aber seine Traurigkeit lastet schwer auf mir.

Sehen Sie, es kam so unwillkuhrlich. An einem von den Abenden, an welchen wir die Ankunft meiner Mutter erwarteten, ich gespannt auf jedes Gerausch horchte, mit Anstrengung sprach und zerstreut zuhorte, lachelte Hugo uber meine Unruhe. "Wer Dich so sieht, Emma, der muss glauben, dass mehr Bangigkeit als Freude Deine grosse Unruhe veranlasst." Das Blut stieg mir ins Gesicht. Er hatte den rechten Fleck getroffen. Es fuhr ein Stich durch meine Seele. Leutselig, und vielleicht die fluchtige Aeusserung bereuend, fasste mich der gute Mann bei der Hand, indem er, in mein Auge sehend, auf seine leise und eindringliche Weise fragte: "Was furchtest Du denn, liebe Emma?" Ich fiel ihm schweigend um den Hals. Mir ward mit einemmale so beklommen. Alles, Alles, was ich mir selbst verschwiegen hatte, sprach mit schnellen Zungen zugleich in mir. Ich war wie betaubt, und weiss auch wahrhaftig nicht, wie es kam, dass ich zuletzt sagte: "Fur Dich, Liebster, furchte ich allein."

Er liess mich langsam aus seinen Armen gleiten, ohne etwas zu erwiedern. Die Falte auf seiner Stirn war dunkler. Ich erschrack. "Nimm es nicht so hoch," bat ich. Er versetzte aber mit grossem Ernst: "Wodurch gebe ich Dir denn Veranlassung zur Besorgniss?" Ich empfand so sehr in seiner Seele, dass ich mich sogleich selbst anklagte, und ihn um Verzeihung bat, wenn eine innere Aehnlichkeit mit meiner Mutter, mich zum Voraus errathen lasse, was diese tadeln konne. "Tadeln?" fragte er scharf. "Nun! und das ware?" "Grosser Gott!" rief ich, seine Hande ergreifend, "ich erwahne es nicht, um Dich zu kranken; allein, da einmal die Rede davon ist, und mir ein stiller Augenblick das Herz aufschliesst, so soll es wohl so sein, dass Dir nichts darin verborgen bleibe."

Er ward im hochsten Grade aufmerksam. Naher zu mir heranruckend, sah er mich an, als wolle er mir die Worte von den Lippen lesen. Das verwirrte mich. Ich stockte. Er lehnte sich nun ganz in den Sessel zuruck, schlug die Arme uber einander, und richtete den kummervollen Blick nach dem Fenster. Jetzt, da ich nicht mehr seinem Auge auszuweichen hatte, fuhr ich mit mehr Muth fort: "Ich berge Dir es nicht, es giebt Stunden, in denen ich die gluckliche Elise beneide, der es Gott gegeben hat, Dich auf leichte und gefallige Weise zu beschaftigen." Es zuckte hier etwas um seinen Mund, das ich nicht Spott nennen mochte; es war wohl uberall nur ein Zucken, vielleicht aus Verlegenheit. "Wenn sich," fuhr ich fort, "solch selbstsuchtiges Gefuhl in mir regt, lieber Hugo! so glaube gewiss, dass es mich beschamt, und ich um keinen Preis Deine Freiheit kranken mochte. Allein " ich hielt hier inne. Es lag so viel schmerzlicher Ernst in seiner Miene. Tausendmal bereuete ich das Gesagte. Allein, die Saite war angeschlagen. Sie hatte den Ton verstimmt zuruckgegeben. So verletzend durfte sie nicht verklingen. "Allein," hub ich wieder an, "wenn ich Dich auch weit mehr liebe, als mich selbst, und nur froh bin, wenn Du es bist, so kann ich mir vorstellen, dass meine Mutter" "Aha!" unterbrach mich Hugo, indem er vom Stuhle aufstand, und die Hande auf dem Rucken, mit gesenktem Kopf im Zimmer auf- und abging.

"Missverstehen wir uns denn heute ganz?" fragte ich betrubt.

Er trat an meinen Stuhl, legte seine Hand auf die meinige, und sagte: "Sei ruhig, Emma! Deine Mutter soll nicht uber mich klagen durfen. Ich verspreche Dir das. Kann es Deinen Frieden sichern, und ihr eine unwillige Minute ersparen, so meide ich alle andere Gemeinschaft, und bleibe, wo Ihr mich haben wollt."

"Du guter Mann!" rief ich bewegt, "wie kannst Du glauben, dass ich ein solches Opfer von Dir fordere? Nein! gehe, und komme nur. "

"Nur?" lachelte er ironisch. "Was denn, Emma, heisst Dein n u r ? bleibe nicht langer, als es uns passend scheint? Spare Dir und mir den Nachsatz. Meinst Du, ein Vogel habe was davon, wenn Du ihm die Thure des Kafigs aufmachst, ihn flattern lasst, und doch den Fuss in einer Schlinge haltst, und so den Flug regierest? Besser, er sitzt still auf seiner Stange, und vergisst, dass es uber ihm ein Luftmeer giebt und muntre Segler, die es behend durchschneiden."

Ich war wie zermalmt durch die letzten Worte. Was hatte ich gethan? Musste ich ihn so reizen? so das Verborgene aus seiner Brust reissen? Ich fuhle, er musse, er werde es verwunschen, dass ich es war, die ihn dazu verleitete! sagen liess sich in diesem Augenblicke nicht wohl etwas. Wir empfanden das Beide. Eine lange, ernste Pause zerriss vollends alle Faden der Mittheilung unter uns. Die schwule Stille druckte unaussprechlich auf mich. Hugo verliess das Zimmer nicht. Er ging darin auf und ab. Ich war ebenfalls aufgestanden. Es peinigte mich, ihn so zu sehen und nun doch nicht mehr einlenken zu konnen.

Er brach zuerst das Stillschweigen. "Eins sage mir," bat er, "kam, was Du eben aussertest, ganz aus Dir selbst, Emma? oder halfen Dir Andere darauf?"

"Ueber Dich, Hugo, und was Dich betrifft," entgegnete ich schnell, "sei gewiss, traue ich nur meinem Herzen. Wenn es eitel ist, Dich allein besitzen zu wollen, so vergieb ihm diese zartliche Schwache."

"B e s i t z e n ! b e s i t z e n !" wiederholte er ein paarmal kopfschuttelnd. "Ihr betrachtet alles wie E i g e n t h u m und Waare. Ich schlage den Menschen hoher an, er ist mir eben soviel, als die ganze Welt; ich kenne keinen Kaufpreis fur ihn. Doch sei ruhig," fugte er hinzu, "ich besitze mich zum Gluck noch selbst. Du hast Niemand zu beneiden."

Er wollte hier das Zimmer verlassen. "Sage mir ein gutigeres Wort!" rief ich ihm flehend nach. "Du solltest mich nicht so verkennen. Wenn ich Dir meine Schwache bekannte, so geschah es nur, weil ich sie auch bei Dir voraussetzte, und Dir ersparen wollte, dadurch verhetzt zu werden."

"Ich danke Dir," sagte er, einen kurzen Augenblick zu mir zurucksehend. "Ich kann mir denken, wie alles steht, und werde auf meiner Huth sein. Verlass Dich darauf." Er ging. Ich sehe nun wohl, dass er sich gerade da gekrankt fuhlt, wo er unangefochten zu bleiben verlangt; eifersuchtig bewacht er die innere Freiheit. Er halt mich fur anmassender, als ich bin; das gerade verzeiht er mir am Wenigsten. Ich habe dies voreilige Vertrauen schon mit heissen Thranen beweint.

Mehrere Wochen darauf.

Seit meine Mutter hier ist, lebe ich in einer Spannung, die mich innerlich aufreibt. Wo sollte ich anfangen, wollte ich Ihnen, mein lieber, lieber Freund! alle die tausend Uebergange qualender Besorgniss, trugerischer Freude und herber Enttauschungen aufzahlen!

Sie wissen, wie ich das Alles voraussehe. Aber, lie

ber Gott! man sieht doch nur im Allgemeinen! Das Einzelne wird erst durchs Leben geboren.

Je regsamer dies von allen Seiten um mich wird, je

drangender nahen sich Gefahren, denen nicht mehr auszuweichen ist.

Nein, nein, es giebt hier keinen Ausweg! Ein jeder

fuhrt zu dem Opfer meines Herzens. Ich hatte langst diese Ueberzeugung.

Hugo l i e b t ! l i e b t z u m e r s t e n m a l e .

Urtheilen Sie, von welcher Starke eine Leidenschaft sein muss, die seiner Herr war, ehe er sie noch ahndete.

O! ich habe es immer gedacht! Wenn sich diese

Brust einmal einem Einzigen offnen konnte, es wurde eine Sonne darin aufgehen, vor der die kleinen Monde der Erdennacht in sich verdammern mussten.

Ich kann Ihnen nicht in Ordnung erzahlen, ehrwur

diger Herr, was sich Alles hier zugetragen hat. Es kam nach und nach, und war dann mit einemmale da. Anfangs schien meine Mutter ruhig. Hugo wich nicht aus der Burg. Sie hatte das Ansehen, als genuge ihr das. Ich nahm es so. Wir glitten beide uber unsere wahre Empfindungen weg. Mir war dabei innerlich so unheimlich, dass ich es nicht aussprechen kann. Hugo's stetes Verweilen druckte mich wie die schwerste Last. Die ausgelassene Laune, mit welcher er sich zu Zeiten uberbot, presste mir im Geheim Thranen aus. Indess entging meiner Mutter nichts. Ein Paar unselige Stunden im Hause der Grafin Ulmenstein gaben den Ausschlag. Bald darauf machte uns der Furst einen Besuch auf der Burg. Hugo lachelte. Er empfand schnell, was dies bedeutete. Ich sah ebenfalls meine Mutter von Weitem kommen. Uns nahte ein entscheidender Schlag. Indess standen wir Alle, wie unter einer Gewitterwolke, stumm, gespannt, unser Geschick erwartend.

Da trat eines Morgens Hugo mit einem Brief in der Hand zu mir herein. Sein Gesicht kundigte mir etwas Ungewohnliches an. Die Unruhe, in welcher ich seither lebte, gab dem Geringfugigsten eine Bedeutung. "Was hast Du da?" fragte ich hastig, indem ich meine Hand nach dem Brief ausstreckte. Ich hatte wohl unwillkuhrlich die Farbe gewechselt und mochte angstlich aussehen. Hugo's scharfer Blick setzte mich in Verlegenheit.

"Was ich da habe?" sagte er kalt. "Ein Bote hat Nachts das Schreiben fur Dich abgegeben."

Ich hatte keine Ahndung von seinem Inhalte. Die Handschrift war mir nicht sogleich erinnerlich.

"Vom Caplan Tavanelli!" berichtigte Hugo meinen Zweifel, da er sah, dass ich die Addresse mehrmals las.

"Von Tavanelli?" wiederholte ich, indem ich das Siegel erbrach. "Was kann der wollen?"

"Das musst Du wissen!" war die etwas spottische Antwort.

Nicht ohne grosse Bangigkeit uberflog ich die eng geschriebenen Zeilen. Leider ergoss sich der junge Mann in bittre Klagen uber das Peinliche seiner neuen Verhaltnisse. Er zeichnete mit scharfen Strichen, und verweilte hauptsachlich bei dem verderblichen Einflusse der ansteckenden Freigeisterei von Seiten der Prasidentin. Wie dieser Brief war, konnte ich ihn Hugo nicht mittheilen. Ich legte ihn daher mit den Worten bei Seite: "Sie verstehen dort einander noch nicht recht. Der Caplan ist unerfahren und deshalb angstlich."

"Sie werden sich niemals verstehen," versetzte Hugo obenhin. "Das war zu denken."

"Ich meinte es gut!" erwiederte ich, vielleicht ein wenig empfindlich.

"Du meintest etwas anders!" bemerkte Hugo, "und dachtest nicht richtig."

Ich war betroffen durch seinen spitzen Ton. "Ueberhaupt," fuhr er fort, "sind Einmischungen der Art, Eingriffe in die Rechte Anderer. Es ist Eitelkeit und Vorwitz, das Steuerruder lenken zu wollen, wenn das Fahrzeug seine Richtung schon genommen hat."

Ich erschrack, dass mir die Thranen aus den Augen stromten. In demselben Augenblick wurde Hugo ein grossgesiegelter Brief, den ich sogleich fur einen furstlichen erkannte, eingehandigt. Er riss ihn auf. Dann brach er in lautes Lachen aus, und verliess, ohne weiter etwas zu sagen, mein Zimmer.

Seitdem sind mehrere Tage verflossen. Er beobachtet das tiefste Stillschweigen. Meine Mutter verlasst das Zimmer nicht. Mich sieht und spricht sie nur fluchtig. Der Comthur hat allein freien Zutritt bei ihr.

Ich stehe wie auf Kohlen. Fragen kann ich Niemand. Ich furchte die Antwort; und von selbst spricht Niemand frei zu mir.

Gott! Gott! wodurch habe ich Hugo's Zutrauen verscherzt! Er glaubt mich gegen ihn verbundet; er halt absichtlich mit etwas, das ihn argert, gegen mich zuruck.

Um das Maass meiner Unruhe voll zu machen, muss die arme Elise am Hofe eine Krankung erfahren haben. Die Stadt ist voll davon. Hugo und mein Name werden dabei genannt. Der junge Wildenau war hier. Ich horte ihn mit dem Oheim auf einem Spatziergange im Garten angelegentlich davon reden, ohne dass ich das Nahere deutlich verstehen konnte noch wollte.

Werfen Sie aus Ihrem hellen Himmel einen Blick in meine verworrene Welt, und sagen Sie mir bald, wie ich es anfange, klar und beruhigend fur Andere zu denken und zu handeln. Was hilft es, fande ich auch mich selbst ganz und vollstandig wieder, kann ich den geliebten Mann nicht zufrieden stellen!

Elise an Hugo

Nein, ich wanke nicht, verlassen Sie sich darauf. Ich kann Vieles aufgeben, nur m i c h selbst nicht. Was einmal Wurzel in meiner Seele schlug, das verwachst mit ihr, und ist ewig wie sie! Ich habe keinen Begriff von einer Freundschaft, die den Umstanden weicht.

Was i s t , das i s t ! Die Welt kann davon nichts ab,

nichts hinzu thun. Diese freilich wird jetzt eine andere fur uns.

Wie dem Erdbeben die Bewegung lebloser Korper

vorangeht, so hore ich um mich jenes dumpfe Drohnen, das innere Zittern und Anklingen, was mit heimlicher Geschaftigkeit auf Zusammenbrechen der Form hinarbeitet.

Es ist sehr unheimlich in meiner Welt geworden,

Hugo! Sehr unheimlich!

Ich fasse es oft nicht, wie der heitre, frische Le

bensbach mit seinen hupfenden, leicht bewegten Wellchen plotzlich solch dunkler Strom werden konnte.

Und dabei ist nichts geschehen. Kein Umsturz

der Verhaltnisse, keine Erschutterung des Daseins hat an dem Bestehenden geruttelt.

Alles blieb, wie es war. Nur das Leben! das Leben,

ist auf unbegreifliche Weise anders geworden.

Sagen Sie mir, haben Sie den Schlussel zum Geheimniss? Bin ich denn ganz verblendet gewesen? Bin ich es noch, dass ich nicht sehen kann, was Andern so grosses Aergerniss giebt? Mein Gott! liegt denn die Idee innerer Harmonie so tief, dass sie die Leute nicht finden konnen? Mussen sie ihre kleinen, geselligen Bedingungen d e m unterlegen, was in sich b e d i n g u n g s l o s ist?

Ware ich eine phantastisch Ueberbildete, ich konnte glauben, von kunstlichen Netzen umsponnen zu sein. Aber, meine ganze Natur ist dem fremd. Ich athme nur frei, wo ich Wahrheit finde. Und gabe es eine andere Wahrheit fur mich, wie fur diejenigen, welche mich richten?

Man beschuldigt mich, einen Raub an Emma begangen, Sie dieser entrissen zu haben. Es fehlt nicht viel, so wirft man mich mit allen mussigen Thorinnen in eine Klasse, und macht Gefallsucht und Eitelkeit zum Hebel eines Einverstandnisses, das wahrhaftig ohne Wissen und Willen da war, ehe an seine Existenz gedacht ward.

Giebt es denn auch Klausen und Zellchen fur die Geister, dass sie einander nicht nahen durfen? und ist um jedes Hauses Heerd eine geheiligte Schranke gezogen, die selbst des Himmels Macht nicht sprengen soll? Es verschluge mir wenig, Thoren daruber schwatzen zu lassen, aber auch gute Menschen, solche, die mir zugethan sind, fallen ein hartes Urtheil. Sie wissen, welche Veranlassung die Zungen loste! Es hat mir wehe gethan. Und wie Eduard darunter leidet! Gott! der Mann, dem die Stimme der Welt viel mehr, als die des eignen Herzens gilt, wie schwer ertragt er die Ueberzeugung, diese g e g e n mich zu wissen.

Auch hat er in vielen Stucken recht. Es ist nicht gleichgultig, wie wir zu den Menschen stehen. Ich fuhle das sehr gut. Es ist schon eine Weile her, da schrieb mir Sophie, diese bedeutungsvollen Worte, welche ich damals weit entfernt war, auf mich zu beziehen.

"Der Ruf ist darum so heilig," sagte sie, "weil er den Weg zum menschlichen Vertrauen bahnt oder verschliesst." Sehen Sie, man mag sich dem Angewohnenden gegenuber s o oder s o stellen, man steht nicht mehr unbefangen und frei.

Ich sagte das Eduard. Er ist billig genug, es einzusehen. Zum Gluck bot der erwachende Fruhling einen schicklichen Vorwand, die Stadt zu verlassen. Wir sind nun hier auf dem Lande. Es war eine traurige Ruckkehr, Hugo! Das Haus sieht so nuchtern aus den unbelaubten, kaum erst knospenden Baumen hervor. Die Zimmer sind unfreundlich, der Gartensaal ist noch nicht zu bewohnen, Blumen und Staudengewachse bleiben vor der Hand in den Treibhausern eingeschlossen. Als ware aller Schmuck von dem Leben abgestreift, gehe ich an den leeren Gestellen, zwischen kahlen Brettern einher, und suche den Herbst mit seinen langen, gluhenden Abendlichtern, dem goldenen Blatterdach und purpurnen Wolkenbergen. Wie reich war die Natur! welche Fulle des Daseins stromte die warme, lieblich scheinende Sonne zuletzt noch in unsere frohen Herzen! Als ich jetzt hier eintrat ich sank in den nachsten Stuhl und weinte, weinte ohne aufhoren zu konnen. Ich habe auch meiner Seits versprochen, S i e nicht hier zu sehen, Hugo!

Welch' wahnsinnige Gewalt ubt der Missverstand

uber die Freiheit Anderer aus! Und zu was? Ich konnte uber die Tauschung lachen, dass es nur die Hohlspiegel der Augen sind, d i e e i n e n G e g e n s t a n d s e h e n ! Aber ich lache nicht mehr. Es bedeutet mir nichts Gutes. Ich lachte im vorigen Herbst so viel, und nun hat die junge Fruhlingssonne solchen blassen, fahlen Wasserring!

Mein allerliebster Georg krankelt seit einiger Zeit.

Er kann den Caplan nicht gewohnt werden. Der fremde, schuchterne Mann angstigt das arme Kind unbeschreiblich. Wenn er zu ihm gehen, bei ihm bleiben soll, schlagt das liebe kleine Herz so bange und heftig, dass ich weinen mochte. Und doch ist Tavanelli gut mit dem Knaben. Er verzartelt ihn fast zu sehr. Was ist es denn, das die Liebe hier erschreckt und nicht ruhrt? Weshalb zieht sich die unbestochene Natur davor zuruck? Ach, es bleibt zu wahr, auch die himmlischen Machte reden nur durch irdische Organe zu uns, und w a s diese bedingt, und w i e sie uns fremd oder verwandt beruhren, davon hangt Verstehen oder Missverstehen ab.

Einige Tage spater.

Horen Sie, Hugo, horen Sie, was ich Ihnen zu sagen habe! Meine Seele ist voll davon. Es war eine erschutternde Stunde! fast zu gewaltig fur das beschrankte Erdenleben! Aber, Ruhe! Ruhe! Sie sollen Alles wissen. S i e vor A l l e n , mussen es erfahren.

So lassen Sie sich denn erzahlen: Georg schien mir kranker. Er sah erhitzt aus, und war ungewohnlich aufgeregt. Ich erschrack. Eine Krankheit geliebter Menschen, steht gleich wie ein Ungluck bringendes Gespenst vor mir. Ich nahm das unruhige Kind in meine Arme, trug es auf mein Bette, suchte es durch Lieblingsgeschichtchen zum Schweigen, vielleicht auch zum Schlafen zu bringen.

Bei zugezogenen Vorhangen, bei einer kleinen Lampe setzte ich mich auf den Rand des Bettes. Ich erzahlte langsam und flusternd, alte, tausendmal wiederholte Historchen. Es war fast ganz dunkel um uns. Der Kleine nahm die Bilder mit in seine Traume, und Weile fort. Allein sein Schlaf war unruhig. Er warf sich hin und her, sprach, nannte fremde Namen, schrie hell: "Tavanelli! fort! fort!" lachte dann wohl dazwischen, kurz, erfullte mich mit Todesangst. Ich weckte ihn. Er blieb in dem namlichen Taumel. Ich schickte jetzt eilig nach der Stadt zu Eduard, zum Arzt. Indess vergingen ein paar Stunden auf dieselbe Weise. Den Caplan hatte ich gleich anfangs entfernen mussen. Seine Nahe reizte den Unwillen des Kindes. Neun Uhr Abends war unter wachsender Besorgniss herbeigekommen. Ich lauschte am Fenster auf den ruckkehrenden Boten. Da fuhr ein Wagen in den Hof. Der Vater! dachte ich, mit dem Doktor! In d e r Erwartung offnete ich leise die Thur, und trat in den Vorsaal. Ich hielt die Lampe in der Hand. Ihr schwacher Schein erhellte nur einen kleinen Theil des Gemachs, doch gerade den, in welchem ich den Eintretenden entgegen sah. Urtheilen Sie von meiner Ueberraschung, als Emma mit schnellen Schritten auf mich zueilte.

Ich weiss nicht, war es Verlegenheit oder Ueberspannung des Geistes? dass ich in demselben Augenblicke ausrief: "Wie gut, dass Sie kommen, Sie finden mich in grosser Besturzung." Ich habe nachher uber die Worte, und was ich damit meinte, nachgedacht. Als ich sie sagte, wusste ich nichts davon. Sie gingen mir wie ein Seufzer uber die Lippen.

Emma schloss meine Hande in die ihrigen. Weich und seelenvoll, wie ein Engel, entgegnete sie: "Ich habe es schon draussen gehort, Georg ist krank. Arme Elise! Und gerade, nun sie hier auf dem Lande sind!" Ich sagte ihr, dass ich nach Hulfe geschickt hatte. Wir waren indess zuruck an das Bett des Kleinen getreten. Sie beugte sich uber ihn. Ich hielt die Lampe so, dass sie dem Kinde ins Gesicht sehen konnte. Sie blieb eine Weile in der Stellung; darauf erhob sie sich, ohne etwas zu sagen, aber ihr Auge fiel mit einem Blick auf mich, in welchem ich deutlich las: "So reich bist Du, Gluckliche! und dennoch!" Es durchlief mich heiss vom Scheitel bis zur Zehe.

Wir setzten uns auf einen kleinen Sopha, ganz im Winkel, nahe bei Georg.

"Ich komme zu einer unbequemen Stunde?" brach Emma endlich das Schweigen. "Aber," fuhr sie fort, "man muss die Zeit nehmen, wie sie sich uns giebt."

Sie hielt inne. Vielleicht erwartete sie meine Antwort. Allein mir zog sich die Brust beklommen zusammen. Wir hatten uns lange nicht gesehen. Jetzt sassen wir mit verschlungenen Handen einander so nahe, rings um uns die unsichere Dammerung. In meinem Herzen, Sorgen um mein Kind, uberall angstliche Erwartung, ich fand keinen deutlichen Gedanken in mir. Ich druckte ihr leise die Hand. "Liebe Elise," sagte sie, "vielleicht sollte man gewisse Dunkelheiten im Leben nicht aufklaren wollen. Man zerreisst mit dem Nebel wohl noch mehr, als diesen."

"O nicht weiter!" flusterte ich angstlich. "Jetzt nicht! in diesem Augenblicke, wo ein einziges Gefuhl mich mit so grosser Bangigkeit erfullt!"

"Furchten Sie denn," lachelte Emma sanft, "ich wolle etwas anders, als uns Allen Ruhe schaffen? Mein Gott! ich wurde gewiss schweigen, aber wir sind in eine allzugrosse Verwickelung hinein gerathen, und es hilft wenig, dass Jeder heimlich und allein seinen Weg geht. Dadurch werden uns Vertrauen und Zuneigung vollends getodtet."

"Liebe!" unterbrach ich sie. "Ware von Anfang mehr Vertrauen unter uns gewesen, dies konnte jetzt nicht so unbegreiflich erschuttert sein."

"Ich glaube es selbst," entgegnete sie nachdenkend. "Aber was hilft es, darauf zuruckzukommen. Jetzt mussen wir rasch vorwarts eilen, um uber die hemmende Stelle hinwegzuschreiten. Ich, ich will die Erste sein," sagte sie leise und schneller als zuvor, "die Erste, die das entscheidende Wort spricht. Ich weiss es, ich weiss es besser, dass Sie Hugo liebt, dass diese Liebe seine Brust durchstromt, dass er keine Stelle in sich findet, wo er verweilen, ja nur stille stehen kann. S o soll es mit ihm nicht bleiben, wir beide durfen ihn nicht in Ungewissheit uber sich, uber uns lassen. Was ihn reizt und angstigt, das falle weg! meine Anspruche an ihn, Elise! die Vorstellung davon, wir mussen sie durch gegenseitiges Einverstandniss wegraumen. Ich will, mein Gott! ich will Euern Bund nicht storen, ich nicht dazwischen treten. Oeffnet mir Eure Herzen, seid frei und wahr mit mir. Ich habe eine Seele, Euch zu begleiten, stosst mich nicht zuruck, zerreisst Euch selbst nicht!"

Sie hatte sich aus der halbliegenden Stellung aufgerichtet. Unangelehnt sass sie fast knieend vor mir, die gefaltenen Hande hoben sich, wahrend sie sprach, ofters leise in die Hohe, die Worte folgten einander mit beschworender Hast. Es war nicht Leidenschaft, es war Seelenangst, die aus ihr redete. Ich war so erschuttert, dass ich unter einem Strom von Thranen an ihre Brust sank. Werden Sie es glauben, Hugo! es fehlte mir an aller Fahigkeit, ihr zu antworten. Sie missdeutete das, sie sah in meinen Thranen das schweigende Bekenntniss dessen, was sie voraussetzte. In dem Sinne fuhr sie fort, in mich zu dringen. Die innere Qual gab mir endlich Worte. "Liebe, Gute," rief ich lebhaft, "lassen Sie doch einen Wahn, der ja alles Ungluck anrichtete, nicht so ausschliessend uber sich herrschen. Es ist nicht, wie Sie denken, es ist ganz anders. Sie sahen es auch fruher so. Verwandtes Begegnen, Gewohnheit, sich gerade auf gewisse Weise verstanden zu fuhlen, Ineinanderschlingen des Gedachten und Empfundenen, Sie wissen, wie hieraus Vertraulichkeit, Theilnahme entsteht. Hugo braucht es, sich v i e l f a l t i g mitzutheilen. O konnte die Welt das so sehen, hatte sie nichts anders sehen w o l l e n !"

Emma achtete gespannt auf jedes meiner Worte. "Wenn Sie sich nicht tauschen, liebe Elise," lachelte sie fast heiter, "so bin ich doch gewiss, dass Sie mich nicht tauschen wollen. Es ware moglich," fuhr sie nach kurzem Besinnen fort, "dass sich Alles verhalt, wie sie sagen. Wir verwickeln uns so oft in Irrthumer. Ich habe es wohl auch schon gedacht. Aber" seufzte sie "Hugo! was druckt ihn so zu Boden?" "Der Despotism des Misstrauens," fiel ich schnell ein. "Die engen Rucksichten, in welche ihn dieser hineintreibt, er findet hierin eine unertragliche Anmassung."

"Sagte er Ihnen das?" fragte sie schwermuthig. "Ja!" entgegnete ich, im Begriff noch mehr hinzuzusetzen, als sie ausrief: "Weshalb I h n e n ? wenn er mich nicht aufgab! Erwartet er nur durch Sie d e n Trost, den er bei mir nicht sucht?" "Sie sind ungerecht, Emma," fiel ich ein. "Vergessen Sie, dass er sich durch Sie missverstanden glaubt?" "Hat er auch von mir verstanden sein wollen?" fragte sie. "Nein, nein, so durchaus blosser Wahn ist es nicht, was unsern Frieden stort!" setzte sie eilig hinzu. "Deshalb eine Bitte. Versprechen Sie nur das Eine, kein Geheimniss in Bezug auf Hugo fur mich zu haben. Ich fordere auch nicht, dass Sie ihm Eins aus meinem Anliegen machen, denn ich bin Willens, dasselbe Gesuch an ihn zu richten. Konnen Sie, wollen Sie das? so bin ich ruhig, und Sie durfen es ebenfalls sein, wie auch der aussere Gang der Dinge gehen moge."

Hugo, ich habe es versprochen, und werde dies Wort nur mit meinem Leben brechen.

Wir brachten nachdem nur noch wenige stumme Minuten mit einander zu. Die Ankunft des Arztes erinnerte mich erst, dass Georg die ganze Zeit sanft geschlafen hatte, dass meine Sorge ubertrieben, und der Zustand des Kindes nicht so beunruhigend war, als ich furchtete.

Emma's Anwesenheit versetzte Eduard spaterhin, der nun auch gekommen war, in die beste Laune; und so hat dieser Engel ein Licht zuruckgelassen, das noch meine Einsamkeit erhellet. Georg ist wieder wohl. Ich danke dem Himmel, und sehe still zu, wie sich die Erde allmahlig vergrunt und der volle Strom des Daseins durch alle Adern des Lebens quillt!

Hugo, die Menschen mogen es anfangen, wie sie wollen, das Lebendige l e b t fort! Was kummert uns das Uebrige!

Die Oberhofmeisterin an Sophie!

Was ich wollte, ist geschehen. Schlag auf Schlag ist gefallen, und Alles steht wie es stand! Ich bin erschopft. Eine hohere Hand muss hier Ordnung machen. Mein Einfluss ist zu Ende!

Und wie sie sich betrugen, wie Einer den Andern, wie jeder sich selbst tauscht!

Wenn die Leute erst von der W e l t i n i h r e r B r u s t , dem S c h w u n g e und dem U m f a n g e i h r e r E m p f i n d u n g e n faseln, dann bin ich gleich fertig. Das ist freilich eine fremde Region! Da untersteht sich kein vernunftiger Mensch mit spatzieren zu gehen.

Emma ist so gut in die Hohe geschraubt, wie Alles, was den bahnlosen Schwarmern anhangt. Ich hore ihr oft mit Staunen zu, mit welcher ehrlichen Miene sie uns die unsinnigsten Lugen auftischt.

Freundschaft! Freundschaft! das ist hier das dritte Wort, und Keiner, wette ich, weiss, was das Wort in sich fasst.

Die heitre, klare, unbegehrliche, immer empfangliche, immer thatige Gemeinschaft der Seele, gleicht diesem hypochondrischen Versinken, der eifersuchtigen Scheu, dem schwarmerischen Selbstbespiegeln, wie Sonnenschein und Gewitterluft.

Sie haben sich verstandigt, heisst es, sie sind r u h i g ! Aber das ist eine Ruhe, die an kunstliche Einschlafrungsmittel erinnert, und nicht eine Spur von lebendiger Wahrheit in sich tragt.

Die Spannung war auf das Hochste gestiegen. Der Knoten zog sich immer enger zusammen. Lange konnte die Absichtlichkeit, durch die man mich, durch die man sich selbst zu tauschen bemuht war, nicht mehr dauern. Da machte ein Antrag des Fursten, indem er Hugo zum Gesandten an unsern Hof ernannte, dem Spiel ein Ende. Unverstellt brach jetzt die Leidenschaft hervor.

Stolz und wegwerfend bezeigte Hugo seine Verwunderung uber die lacherliche Wahl, forderte Emma, forderte mich durch unertragliche Sarcasmen heraus, riss mich zu offner Erklarung hin, schlug ziemlich trocken das Anerbieten aus, und bewaffnete dadurch Hof und Stadt gegen sich und Ihre Freundin. Die Letztere musste dies am Geburtstage der Furstin Mutter erfahren. Die strenge Frau empfing sie bei der Morgencour mit beleidigender Verwunderung, indem sie sagte: Sie habe erwartet, es werde sich ihr an diesem Tage kein trubes Gesicht nahen wollen, und ein heiteres durften ihr die nicht zeigen, uber welche soviel schmerzliche Thranen flossen. Sie wandte sich bei diesen Worten ab, indem sie sich gegen eine nahe stehende Dame laut ausserte: "Man hort nichts als beunruhigende Neuigkeiten von dem Schlosse des Baron, dem alten Comthur. Das hat der Mann davon, einen Undankbaren zu sich heraufzuziehen!"

Der Auftritt machte unglaubliches Aufsehen. Der Furst litt in der Seele des Prasidenten. Es that ihm auch um des aussern Anstandes willen leid. Er wollte es wieder gut machen. Er naherte sich Elise. Seine Mutter rief ihn in diesem Augenblicke zu sich. Sie sprach lebhaft mit ihm. Kurz darauf entliess sie die Versammlung. Die Schwergekrankte hielt standhaft aus. Ihre stille und gesammelte Haltung imponirte fur den Augenblick Allen. Sie blieb, und war die Letzte in den furstlichen Salen. Dann entfernte sie sich langsam, am Arme ihres Mannes, mit dem man sie gelassen, scheinbar gleichgultig sprechen sah. Doch diese gluckliche Gegenwart des Geistes hinderte nicht, dass der Stab uber sie gebrochen, und sie gezwungen ward, unter einem schicklichen Vorwand die Stadt zu verlassen.

Sie kennen mich zu gut, um nur einen Augenblick glauben zu wollen, dass ich mich an der Krankung der Unglucklichen weidete. Einmal, bin ich nichts weniger als boshaft! und ware ichs auch, so musste ich doch dies Verletzen aller aussern Sitte schon darum tadeln, weil es unpolitisch ist, die Meinung theilt, das Mitleid in Anspruch nimmt, und denen, welche im Recht sind, das Ansehen des Unrechts giebt. Emma fuhlt dies wie ich. Sie verdoppelt ihren Eifer, Elise mit jedem Tage zu verbinden. Die Intimitat beider Hauser ist vollig hergestellt. Der Prasident sieht darin eine Art Ehrenerklarung fur seine Frau, wie es uberhaupt das Ansehen hat, den ganzen Vorfall bei Hofe den Faseleien einer kindisch gewordenen alten Dame zuzuschreiben, wodurch wir, als gluckliche Ausbeute bei dem ganzen Handel, die Genugthuung geniessen, die gefahrliche Feindin unserer Ruhe recht oft hier zu sehen.

So weit sind wir nun! Das sind die Resultate meines Hierseins! O Sie haben recht, ganz bestimmt recht! zum Laufen hilft nicht schnell sein. Am allerwenigsten bringt man eine Sache ins Klare, wenn man darin ruhrt. Ich habe auch meine Hande zuruckgezogen. Ich sehe zu. Aber Sophie, ich s e h e , ich s e h e ! Sein Sie gewiss, mir entgeht nichts. Es wird schon der Tag kommen, wo ich werde hervortreten und sagen konnen: "D a s w a r e s ! wisst Ihrs nun?"

Einige Tage spater.

Das fehlte noch! Emma ist krank! nicht bedeutend, nicht gefahrlich, aber immer genug, um mich unsaglich zu beunruhigen.

Dahin musste es kommen? wenn ihr Zustand schlimmer wurde? wenn wenn Gott! mein Gott! tragen kann! Sie werden wieder denken, ich ubertreibe, ich sehe mit leidenschaftlichem Blick, Emma habe vielleicht nur fluchtig geklagt. Nein, nein! Sie hat gar nicht geklagt! Das ist es ja eben. Wusste sie zu sagen, was ihr fehlte, man konnte helfen. Aber so! Der Arzt meint, ein wenig Ruhe stelle das Gleichgewicht wohl wieder her. Ruhe! Ein armes, kleines, leicht uber die Lippen gleitendes Wortchen, und welche Tiefe und Hohe himmlischer und irdischer Bedingungen fasst es zugleich in sich!

Wer ist ruhig in dieser Welt des Unbestandes? Wer darf sagen, er sei es, wenn er nur irgend etwas auf Erden liebt? Emma, und ruhig sein! Wenn sie da liegt, nicht fort kann, nicht fragen, an nichts ausser sich Theil nehmen darf, und er sich im Kahne schaukelt, Wasserhuhner schiesst, die Wolken ziehen, und den Abendstern uber dem Hause des Prasidenten aufgehen sieht, hinuber rudert, zwischen Schilf und Calmus im Versteck liegt, und die schlaue Circe belauscht, die niemals ohne den Knaben und Tavanelli erscheint, aus dem sie auch einen Esel, oder noch ein argeres Thier gemacht hat. Nun, Gott sei dem Verstande der Menschen hier gnadig! Ich furchte, auch den meinigen zu verlieren. Wussten Sie, Sophie, was ich jetzt weiss! Wie es hatte anders kommen konnen! wie glucklich Emma, wie zufrieden ich jetzt ware, wenn der unselige Badeaufenthalt uns Hugo nicht zugefuhrt hatte!

Dieser Leontin, von dem ich Ihnen schon einmal schrieb, der ernste, bescheidene, entschlossene junge Mann, e r l i e b t , ich zweifle nicht einen Augenblick langer, er liebt meine Tochter. Eine Mutter ist hieruber selten im Irrthum, und er ist zu arglos, zu rein, um ausser sich selbst noch irgend Jemand zu tauschen. Wie anders bewacht er indess sein Gefuhl, als Hugo! Nur selten erlaubt er sich den Zutritt in diesem Hause, und reitet er auch fast taglich hier voruber, so lenkt er doch stets nach Ulmenstein hin, als folge er nur einem verwandtlichen Zuge. Die Meisten nehmen es auch so, doch ich errieth ihn, und er fuhlte es!

Gestern war es, da kam er in grosser Unruhe herauf zu mir. Er hatte von Emma's Unwohlsein gehort. Blass, erschuttert vom raschen Ritt, die feinen Lippen kaum zu einer bangen Frage geoffnet, stammelte er, mit abwartsgewandtem Blicke, erzwungen gleichgultig: "Hoffentlich doch Alles unbedeutend? nichts als ein vorubergehendes Uebel so horte ich wenigstens," setzte er leiser, fast unverstandlich hinzu. Ich beruhigte ihn, doch ergriff mich der blosse Gedanke an die Moglichkeit einer Gefahr so unwiderstehlich, dass ich mit den Worten: "Es ware ja auch zu schrecklich!" in meinen Sessel zurucksank, das Tuch vor die Augen druckte und in Thranen zerfloss.

Er blieb mir gegenuber lautlos stehen. Ein gewisses Wiegen seiner schlanken Gestalt, der zuruckgezogene, furchtsame, auf mich geheftete Blick sagte mir, als ich wieder zu ihm aufsehen konnte, dass er meine kummervolle Bewegung in schmerzlicher Angst begleitete. Er ausserte kein Wort weiter, allein er blieb so leise, so weich, so innerlich; sein ganzes Betragen gegen mich trug das Geprage eines wehmuthigen Geheimnisses. Ich ergriff seine Hand mit Herzlichkeit, als konne ich ihm sein Mitgefuhl nicht genug danken. Er schien uberrascht. Es flog wie ein Strahl uber seine Stirne, die Lippen zuckten, allein, d a b e i blieb es. Er liess meine Hand an der seinen abgleiten, er sagte nichts, er schien sehr betroffen, eine Thrane, e i n e e i n z i g e , rollte langsam uber sein marmorbleiches Gesicht. O Gott! er hatte Emma anders zu wurdigen gewusst!

Ich darf das nicht denken. Ich mag es auch nicht denken! Und doch! Der Mensch hat mir einen sonderbaren Eindruck zuruckgelassen. Wie er nun, nach einer fast stummen halben Stunde, zogernd ging, und noch im Hofe eine Weile an dem Steinbrunnen in sich gekehrt stand, dann sein Pferd am Zugel fuhrend, in seinen weissen Mantel gehullt, so gross und schlank, und wie fast alle Hochgewachsene, etwas gebeugt, den Bergpfad entlang ging, erinnerte er mich an Bilder pilgernder Kreuzritter. Die Muhen des Lebens lasteten auf dieser Gestalt, aber der Blick kannte das Z i e l , und der Fuss ging d e n W e g m i t f e stem Tritt.

Schlafen Sie wohl, Sophie! Ich bin von ganzer Seele betrubt, was soll ich Ihnen sonst noch sagen?

Rosalie an ihre Mutter

Erlaube, liebe Mama, dass ich Dir diese fluchtigen Zeilen noch vor Deiner Ankunft in der Stadt entgegenschicke.

Ich war kaum mit unserer guten, alten Schweitzerin in das Haus getreten, und hatte, wie Du es befohlen, einen Blick auf die neue Einrichtung der Zimmer geworfen, deren Beurtheilung Du meinem Geschmack anvertrautest, als schon eine Menge Menschen, die Licht in den Fenstern sahen, herbeirannten und wissen wollten, ob wir angekommen waren? Du kannst Dir wohl denken, dass ich Niemand annahm, ausser Deinen nachsten Bekannten, zu denen der gute Hofmarschall ja von jeher gehort. Ich schreibe Dir hauptsachlich seinetwegen, denn es druckt mir das Herz ab, was er mir alles in den wenigen Minuten sagte. Denke Dir, dass die Furstin Mutter es so unglaublich vernunftig von uns findet, die Trauer so lange gehalten und nicht eher den landlichen Aufenthalt verlassen zu haben. Sie hat offentlich daruber gesprochen, Dich als gescheute und pflichtvolle Frau geruhmt, und versichert, sie sei im Voraus uberzeugt, u n s v o l l k o m m e n g u t e r z o g e n z u f i n d e n . Als der Hofmarschall das bestatigte, sagte sie: "Es ist nur Schade, die hubschen Kinder werden uns nicht lange bleiben. Das Vorzugliche wird immer gesucht. Solche Madchen verheirathen sich bald. Ich mochte sie hier fixiren."

Und nun stelle Dir vor, darauf hat sie den jungen Baron Wildenau genannt, der ihr kurzlich vorgestellt ward, indem sie hinzusetzte: "Ich hoffe, er wird so viel Verstand haben, und mit m e i n e n Augen sehen."

Du kannst wohl glauben, liebe Mama, dass ich an so etwas weiter nicht denke; aber lachen wurde ich doch, wenn der steife, unentschlossene Leontin auf diese Art zu einer Erklarung gezwungen wurde.

Apropos! von Leontin, und was damit zusammenhangt. Es ist doch ausserordentlich, wie lacherlich die Leute werden, wenn sie etwas Besonderes sein wollen. Du kannst Dir nicht vorstellen, was man sich hier Alles uber die fortgesetzte Freundschaft der beiden Nachbarhauser sagt. Ich kann es Dich nur errathen lassen, denn es zu wiederholen, erlaubt die Schicklichkeit nicht. Hatte sich die gute Prasidentin doch mehr mit ihrer Toilette beschaftigt, als mit den albernen, romanhaften Grillen! Was helfen der sentimentalen Narrin nun Verstand und uberspannte Gefuhle? Sie bekommt nie wieder Gewicht in der Gesellschaft. Ich fur meinen Theil bin gewiss, dass ich nicht in ahnliche Thorheiten verfallen konnte. Wer bescheiden von sich denkt, der ist leicht befriedigt.

Adieu, liebe Mama! Ich kusse Dir die Hand. Es ist doch fatal, dass die Tante uns nichts vermacht hat. Die kleine Franzosin war heute fruh hier. Sie hat mir wunderschone Ballroben und himmlische Blumen gezeigt. Ich verwies sie auf Deine granzenlose Gute. Wenn Du erst hier bist nicht wahr, sie darf wiederkommen?

Deine Rosalie.

Der Comthur an Sophie

Sie wollen es von mir horen, geliebte Sophie, was eigentlich fur Ihre und meine Freunde zu furchten sei? Ach! leider Alles! denn sie stehen auf einem Krater, und kein warnendes Anzeichen macht sie aufmerksam. Mochte das entscheidende Wort Ihr weiches Herz, theure, unvergessliche Freundin! nicht harter treffen, als es meine Liebe ertragen kann. Sie w o l l t e n es horen. Aus meinem Munde, sagten Sie, werde es Ihnen weniger verletzend klingen. Glauben Sie das? Wie wehe muss es uns beide thun, auf den Trummern unsers Gluckes, wieder nur Trummer aufgeschichtet zu sehen.

Es ist Niemand dadurch reicher geworden, dass ich arm blieb. Doch, weg mit den eigennutzigen Ruckblicken! Es reicht hin, das Gewissen gerettet, die Absicht einer ehrwurdigen Institution unverletzt erhalten zu haben. Erfolge sind nicht zu berechnen! Glauben Sie mir, oft muss sich alles vereinigen, um einer Handlung, welche die Welt nicht verstand oder verstehen wollte, noch in ihren Folgen den Krieg machen zu konnen. Gehort das zu der speciellen Prufung des Handelnden? oder liegt es in der Natur des auffallenden Schrittes uberhaupt, dass jede Handbreit Weges erkampft sein will? Vielleicht beides zugleich; denn eine r e i n e That muss sich vielfach bewahren, um mit dem eigenen Bewusstsein zurecht zu kommen.

Ihnen, Sophie! mag ich es nicht bergen, dass ich grosse, innere Anfechtungen zu erdulden habe.

Wenn ich die sonderbare Richtung bei Hugo, im Widerspruch mit dem Bestehenden des Lebens, so bis zur Unnatur leidenschaftlich losbrechen, ihn rechts und links nur zerstoren, und nichts an die Stelle setzen sah, als Scherben und Splitter, wenn ich es ihm anfuhle, dass es ihm auch nur um diese Siegestropheen der Willkuhr zu thun ist; dann sage ich mir: d a s ist der atzende Bodensatz bitterer Gahrung. Der gekrankte Vater, die betrubte Mutter, das bewegte Jugendleben, das hat den Stolz entflammt, den weichen Sinn gehartet, den ganzen Menschen zu einer Waffe der Selbstvertheidigung geformt! Hatte ich das einmal Geschehene seinen Gang gehen, es sich mit der Zeit fortbewegen lassen, es ist kein Zweifel, diese hatte mit neuen Ansichten auch neue Grunde gefunden, das Verletzte zeitgemass und naturlich zu erganzen. Mein Bruder ware im Besitz des vaterlichen Erbes geblieben, so lange i c h nicht protestirte. Er lebte vielleicht noch, und hatte es erlangt, sich mit spatern Agnaten uber die Stiftungsacte des Majorats zu vereinen, denn es wiegen sich momentane Vortheile sehr schnell gegen spatere Anspruche auf. Der Mensch der Gegenwart halt es gewohnlich mit dem Spruchwort vom Sperlinge in der Hand und den zehn andern auf dem Dache. An historische Existenz d e n k t und k a n n der nicht denken, dessen augenblickliche bedroht ist.

So wurde sich dann auf andere Weise gestaltet haben, was jetzt auf Umsturz hinarbeitet, und uber kurz oder lang z e r f a l l e n m u ss . Denn es ist keine Frage, was ich that, einer frivolen, selbstsuchtigen, gewissenlosen Richtung entgegen zu wirken, hat diese nur gefordert. Hugo ist das Kind emporter Elemente. Er steht gewaffnet gegen mich auf, und wird das Recht, welches die Jugend gegen das Alter mit so leichter Scheinbarkeit behauptet, aufbewahren. Meine Tage sind ihrem Ende nahe, der n e u e Tag, der mit ihm beginnt, fuhrt keine wohlthatige Sonne herauf. Ich ahnde das Ungewitter und die Ausbruche vulkanischer Gahrung, die das lang Bewahrte, langsam Geschaffene, in raschen Stossen zerstoren werden.

Bei dem Allen ist es mein Trost, nach innigster Ueberzeugung festgestanden, und dem gemass, der Gefahr entgegengetreten zu sein.

Es b l e i b t mein Trost, sage ich, es ist der wiederkehrende, beruhigende Gedanke, wenn tausend Erschutterungen mich von allen Seiten fassen und mein Herz zerdrucken, meine Seele zerreissen.

Sehe ich auf meine nachsten Umgebungen, was erblicke ich? den Neffen, den Erben meines Namens, meiner Guter, den Sohn meiner Wahl, trocken, kalt, von einer Leidenschaft verzehrt, welche allen Erwartungen seiner Freunde zu spotten scheint. So geht er an dem Leben hin, als habe es keinen Theil an ihm. Und Emma? die schone, starke Seele, sinkt ermattend in sich zusammen. Ruht sie nur aus von den Kampfen, oder lastet die Erde zu schwer auf ihr, und kann sie sich nicht mehr frei machen von der harten Decke? Ist es wirklich vorbei fur diese Welt? Sie scheint es zu glauben, mit fast an Stumpfheit granzender Abspannung, lasst sie geschehen, was sie allein noch hindern konnte. Seit sie schwach und matt das Zimmer hutet, kummert sie sich wenig um Dinge, die ausserhalb vorgehen. Sie hat das Ansehn, Niemand zu vermissen, und bemerkt es kaum, dass Hugo ganze Tage ausser dem Hause zubringt. Uns Alle angstigt diese Gleichgultigkeit. Die Mutter setzt sie in Verzweiflung. Der Arzt sagt wenig dazu. Hugo scheint nicht zu wissen oder nicht zu glauben, dass man anders als vor Alter sterben konne. Und kennt er auch gefahrliche Krankheiten, so ist ihm doch das Kranksein zu fremd, um seine Bedeutung recht einzusehen.

Kurz, es ist unmoglich, Ihnen, liebste Sophie! einen Begriff von den peinlichen Widerspruchen zu geben, die hier einander durchkreuzen. Die Spannung wachst taglich. Die einzige Vermittlerin schweigt. Umstande und Leidenschaft werden den entscheidenden Schlag herbeifuhren. Halten Sie sich bereit, geliebte Freundin! uns auf den ersten Ruf zu Hulfe zu eilen. Ich bin gewiss, dass der Augenblick nicht mehr fern ist.

Gestern, in aller Fruhe, hat Tavanelli dem Prior druben bei den Remonstratensern gebeichtet.

Es war noch dunkel, als er sich an dem Klosterthor zeigte. Der Pfortner glaubte einen Wahnsinnigen vor sich zu sehen. Mit sonderbarer Hast, mit unstatem, verwildertem Blick forderte er Einlass. Er gab vor, ein Kranker verlange geistlichen Beistand. Hierauf wurde ihm geoffnet. Nach einer Weile sah man ihn, in Begleitung des Sacristan, nach der Kirche gehen. Nicht lange, so folgte der Prior. Dieser blieb geraume Zeit mit dem Junglinge im Beichtstuhl verschlossen; als Tavanelli den Ruckweg spaterhin antrat, lagen Bangigkeit und Zerknirschung auf seinem todtbleichen Gesicht. Seitdem ist er schon zweimal an Emma's wie auch an meiner Thure gewesen, ohne gleichwohl Zutritt zu finden. Ich hege eine Scheu vor ihm, wie vor allen uberspannten Menschen, die sich in Momenten der Exaltation nicht angehoren, und Worte uber ihre Lippen fliegen lassen, die sie vielleicht spaterhin mit ihrem Leben zuruckkaufen mochten.

Zum Gluck hat die Oberhofmeisterin nichts von jenen wiederholten Besuchen erfahren. Sie schlief noch, oder war spatzieren gefahren, als der Geistliche hier war. Ich habe ein Vorgefuhl von dem, was er uns bringen will! Aber wenn es das ist wenn das Ungluck einmal auf dem Wege zu uns ist, werden wir hindern konnen, dass es irgendwo bei uns eindringt?

Ich schreibe Ihnen mit mehr Unruhe, als w e i s e , mit mehr Unwillen, als r e c h t ist. Ich weiss nicht, wen ich bei der allgemeinen Verwirrung eigentlich tadeln soll? und deshalb bin ich mit Niemand zufrieden. Auch nicht mit mir. Ich verehre, ich bewundere Emma, ich beweine ihr Geschick; doch kann ich nicht aufhoren, mit zartlicher Hinneigung an Elisen zu denken. Ich wurde die Hand zu lahmen wunschen, die es versuchte, einen Stein gegen sie aufzuheben. Und doch, wenn ich die Thranen der Mutter sehe, wenn ich an Emma's Bett sitze!

Gott allein ist hier Richter. Wir wollen schweigen und zum Handeln bereit sein. Deshalb, meine Sophie! lassen Sie Ihren Freund nicht vergebens bitten. Eilen Sie, so bald Sie konnen, grosserem Uebel vorzubeugen. Elise bedarf Ihrer, so viel ist ausgemacht. Sie kennen ja ihren arglosen Trotz gegen die Meinung der Welt. Was sie in dieser Stimmung zu thun im Stande ist? welche Veranlassung sie mussigen Lauschern geben konnte, mit ihr, uns Alle zu verderben? Beste! Liebe! eilen Sie, eilen Sie zu uns!

Leontin an Tavanelli

Ich suchte Sie gestern Abend in Ihrem Zimmer auf. Sie waren nicht darin. Doch stand es offen. Mehrere Papiere flogen mir vom Boden entgegen. Ueber den Stuhl vor dem Schreibtisch hing ein abgeworfener Rock. Hut und Handschuh fand ich hier und dorthin geschleudert, der Spatzierstock lag quer uber dem Sopha, alles trug die Spuren einer Unachtsamkeit, die ich sonst nie an Ihnen bemerkte. Es fiel mir auf, dass die Leute im Hause von Ihrer Abwesenheit nicht unterrichtet waren, da sie mich hierher zu Ihnen gewiesen hatten. Die Vermuthung, Sie vielleicht unten im Garten zu treffen, entstand nun ganz naturlich in mir. Ich ging, und kam bis an die Bucht am See, ohne einem Menschen begegnet zu sein. Hier spielte, zu meiner grossen Verwunderung, Georg mit einer Ziege, die er von seinem kleinen Wagen losspannte, und sie Gras fressen liess. "Wo ist Dein Freund Tavanelli? Kind!" fragte ich, ahndend, dass Sie in der Nahe sein mussten. Der Kleine antwortete erst gar nicht; spater, als ich meine Frage wiederholte, sagte er gleichgultig, ohne von seinem Spiele aufzusehen: "Tavanelli? Ja, das weiss ich nicht. Der lauft immer umher." "Und Dich, armes Kind!" sagte ich, "lasst er so allein? Es ist ja fast schon dunkel, bekummert sich denn Niemand um Dich?" "Um mich braucht sich auch Keiner zu bekummern," entgegnete er zuversichtlich. "Ich ziehe die Liese hier in den Stall, und dann gehe ich auch zu Bett. Das ist immer so!" "Immer so?" wiederholte ich, "und Deine Mutter weiss " "Ach!" lachte Georg, "die weiss von gar nichts, die glaubt, der Caplan ist bei mir, aber der denkt nicht an mich!"

"Komm," sagte ich, "wir wollen zu Deiner Mutter gehen." "Da konnten wir schon laufen, ehe wir die fanden," versicherte Georg, indem er sich halb unwillig von mir losmachte. "Mutter," fuhr er fort, "geht alle Abend am See. spatzieren, und manchmal fahrt sie auch im Kahn auf dem Wasser." "Wer sagt Dir das?" unterbrach ich ihn schnell. "Tavanelli!" erwiederte er, als wenn sich das von selbst verstande. "O! der ist manchmal so bose, so bose, wenn sie gar nicht wieder nach Hause kommt. Er rennt durch alle Zimmer und schilt, und achzt! Ich hore dies bisweilen wohl, wenn es auch so aussieht, als schliefe ich."

Ich liess das Kind nicht weiter die Geheimnisse des Hauses ausschwatzen. Ich mischte mich in sein Spiel, ging mit ihm nach dem Stall, und blieb so lange bei ihm, bis er schlafrig ward, worauf ich ihn dann der Sorgfalt eines Bedienten uberliess, der wohl beauftragt war, sich seiner anzunehmen

Aber Sie Unglucklicher, wohin fuhrte Sie der eigennutzige Wunsch, sich selbst genugen zu wollen? Kommt es auf I h r e Ruhe an, wenn Sie die Pflicht, fur die Ruhe Anderer zu sorgen, ubernehmen? Was gehen Sie fremde Irrthumer an? Genugt es nicht, das zarte Gefuhl, dem Sie Ihr Streben widmeten, davor zu bewahren? Und weshalb erschrecken Sie vor Anfechtungen, die Ihnen nicht fremd sind? deren Schlingen Sie sehr wohl kennen? Glauben Sie ein Heiliger zu sein? Hofften Sie wirklich, der blosse Entschluss reiche zur ganzlichen Umwandlung hin? Mit sonderbarem Stolz finden Sie sich durch den Andrang menschlicher Widerspruche emport. Es dunkt Ihnen unbegreiflich, dass sich dergleichen bis zu Ihnen wagen. In der verlegenen Entrustung daruber, durchkreuzen Sie den Kampfplatz mit feiger Scheu, ohne einem einzigen Feind ins Gesicht zu sehen.

Ja, ich schelte Sie feige, denn nur in dieser schlimmsten Krankheit des Geistes entdecke ich den Grund Ihrer lahmen Willenskraft.

W o suchen Sie ein Schild, fest genug, den zaghaft Zitternden zu schutzen?

Sie haben es weggeworfen, Tavanelli! Es lag Ihnen ganz nahe. In der Liebe und Thatigkeit fur das Kind, das man Ihren Handen anvertraute, fanden Sie Ihren Beruf; da, da hatten Sie eine Brustwehr gegen jede Gefahr gehabt. Jetzt ? Sehen Sie auf das, was Sie thaten. Sie haben Gift in die kleine Seele geworfen. Es wird nachwirken, verlassen Sie sich darauf.

In das Kloster zu dem Prior fluchten Sie, und beichten. Was beichten Sie denn? Auch d i e Sunde, die Sie in dem Augenblick begehen, da Sie sich selbst untreu werden? das Kind verlassen? die Zunge des Gesindes beflugeln, den Ruf der Mutter preis geben? O! zuruck, zuruck in Ihre Kammer, auf den Knien vor d e m , der uberall ist, der Ihren Muth beflugeln, Ihren Willen stahlen kann. Halten Sie aus, Tavanelli! der Friede ist bei Gott. Auf Erden ringen seine Streiter. Hier giebt es keine andere Ruhe, als in der Zuversicht heiligen Ausganges. Ich wiederhole es Ihnen, weichen Sie nicht von Ihrem Platz. Es ist die h o c h s t e Pflicht, damit nicht noch grosseres Ungluck geschehe.

Ich weiss nicht, welche Unruhe ich dieserhalb hege. Ihr Zimmer das Kind der Garten es hat mir den allerpeinlichsten Eindruck gelassen.

Konnten Sie doch fuhlen, dass Sie nicht der einzige Ungluckliche auf der Welt sind! Es giebt Schmerzen! Schmerzen! Aber ich klage nicht! Die nachste Stunde kann die entscheidende sein, und diese fordert den g a n z e n M e n s c h e n in all seiner Kraft! Erwagen Sie das, und halten Sie aus.

Elise an Hugo

Wir haben u n s , wir haben E m m a betrogen. Ich dulde den Vorwurf nicht in meiner Seele! Ein rasches, offnes Gestandniss soll die grossmuthige Frau zu unserer Richterin machen. Durfte ich es m i r bekennen, dass ich Sie liebe, Hugo! konnte ich es I h n e n gestehen, so habe ich keine zweite Demuthigung zu scheuen. Mein Gott! war es moglich? tragt das Leben solches Gift in sich, dass die allereinfachsten, naturlichsten Beziehungen, die harmloseste Mittheilung, die ruhige Freude angenehmen Umganges, ein Netz um uns spinnen konnten, in dem Alles, bis auf den Willen, frei zu sein, gefangen ist?

Ich verstehe weder Sie noch mich, noch was wir beide empfinden! In diesem dumpfen Schwindel hege ich keinen andern Wunsch, als dass Emma wisse, wie mir ums Herz ist. Morgen, heute kann ich nicht mehr zu ihr dringen, morgen liege ich auf meinen Knien vor ihrem Bette, und beschwore sie, mir zu glauben, dass ich unwissend fehlte!

O Hugo! Hugo! wo ist mein heiterer Muth, mein klarer, fester Blick! Ich bin gefangen, und keine Macht der Erde spricht mich frei!

Antwort

Uebereilen Sie nichts. Der Augenblick ist unpassend. Emma leidet. Die Seele ist so abhangig vom Korper! Warum sie durch unvorgesehene Sturme aufs neue erschuttern? Und wozu? Was ist es denn, das Sie ihr sagen wollen? Furchten Sie nicht, durch laute, bestimmte Worte dem Geheimniss in sich zu nahe zu treten? Zittern Sie nicht, die Wahrheit zu verletzen, indem Sie durch ihren Schein das Gewissen hintergehen? Konnen Sie sagen: "s o i s t ! s o w a r e s !" ohne zu empfinden, dass es ganz, ganz anders war? Lasst sich der Hauch des Lebens, der Athem der Seele, wie ein Ding fassen, das man halten und geben kann, wie das Bedurfniss der Verstandigung es fordert? Es ist vergebens! Sie werden Emma n i c h t s entdeckt haben, wenn Sie gleich Ihr Herz vor ihr entblossen, und sie zwingen, das strafende Auge verletzend darauf zu richten.

O Elise! wollen Sie denn gleich den Frost strenger, kalter Erorterung auf die Bluthe eines neuen Daseins werfen? Ich verstehe Sie, ich verstehe Sie vollkommen. Aber Sie tauschen sich! Es geht nicht! Die Sprache giebt den Begriff wohl wieder, doch das Unbegreifliche durchdringt uns, wie der Strahl des Lichts! Er ist uberall, und weder das Bewusstsein, noch irgend eine Kraft des Geistes vermag das Unaussprechliche unentweiht in die Granzen der Anschauung zu zwingen.

Warten Sie wenigstens noch einen Tag, ehe Sie Ihr Vorhaben ausfuhren. Ueberlegen Sie, was Sie thun wollen. Zahmen Sie den unruhigen Durst, sich in einer ungewohnlichen Aufopferung zu genugen.

Ich komme, Elise. Ich bin diesen Abend mit dem Kahn an Ihrem Garten. Eilen Sie, eilen Sie, dem Geschick die fliehenden lieben Stunden abzustehlen! Gegen acht Uhr Abends bin ich bei Ihnen. Gute, liebe Elise! Verwickeln Sie Ihren freien Sinn nicht in jene nachschleppenden, hinkenden Gedanken, die das Gefuhl lahmen und den Wunsch doch nicht todten konnen. Sein Sie auch diesmal die starke, kraftige Frau, die sich selbst ihre Bahn zeichnet!

Tavanelli an Leontin

Zu spat! Zu spat! Ihre Warnung verfliegt in den Wind! Ich kann nichts ungeschehen machen. Ich darf es auch nicht. Sie wissen nicht, was Sie fordern. Sie kennen die Qualen nicht, die mich foltern. Sie werden es auch nicht fassen, wenn ich Ihnen sage, dass, um Elise zu retten, ich sie verderben musste. Ja, sie muss zeitlich untergehen, um ewig zu leben. Niemand liebt sie, wie ich sie liebe. Niemand! Ich habe mein Herz mit tausend Pfeilen durchstochen. Auch das ihrige wird bluten. Aber Gott weiss, es geht nicht anders! Meine Fusse tragen mich nicht mehr, und doch muss ich unstat umherlaufen, bis! Er kommt gewiss! Walter bringt ihm diese Zeilen. Heute Abend o ich zittre an allen Gliedern! Gottes Gericht ist furchterlich.

Leontin an den Arzt

Saumen Sie nicht eine Sekunde. Fliegen Sie, wenn Ihnen der Wunsch, ein Leben zu retten, Flugel geben kann!

Kaum athmet noch der schone, liebe Knabe. Sein guter Engel fuhrte mich ans Ufer, ehe es auf immer um ihn geschehen war.

Aber es ist vielleicht nur das letzte Zucken des Daseins! Ewiger Richter im Himmel! lass dies das einzige Opfer sein! Ich furchte, auf der Burg wird diese Nachricht den Ausschlag geben! Ja, ja! finsterer Tavanelli, Gottes Gericht ist furchterlich!

Der Comthur an Sophie

Bleiben Sie, arme Sophie, bleiben Sie, wo Sie sind. Hier konnen Sie Niemanden mehr nutzen.

Emma hat mit ihrer Mutter die Burg in einem Zustande verlassen, der ihr die Fahigkeit nahm, uber sich selbst zu bestimmen.

Dahin ist es gekommen! Ich tadle Niemand! Der Fall war von der Art, dass er ein Gemuth, wie das der Oberhofmeisterin, zum Aeussersten treiben musste.

Was soll ich Ihnen weiter sagen? Alles ist entdeckt, der Riss geschehen! Eine geschickte Hand konnte wohl zusammenhalten aber Leben giebt nur Leben, und das ist an der Wurzel erschuttert.

Erlassen Sie mir den peinlichen Bericht des Geschehenen. Mir widersteht die gewaltsame Verwustung ruhig geordneter Verhaltnisse. Ich wende mich betrubt davon ab, um soviel als moglich nicht wieder darauf hinzusehen. Unser Freund, der Arzt, ubernimmt es, Ihnen alle Umstande eines Vorfalles mitzutheilen, bei welchem sein Beistand von mehr als einer Seite in Anspruch genommen ward. Er rede, wenn ich schweigend in mich selbst zurucktrete und hier d i e Welt aufsuche, in der w i r , Liebste, unzertrennlich bleiben!

D e r A r z t z u r F o r t s e t z u n g . Am Mittwoch Abend sass ich am Ruhebett der Frau Grafin. Ich fand ihren Zustand besser. Wir redeten von gleichgultigen Dingen, als mir ein Billet mit dem Zusatze eingehandigt wurde: der Reitknecht sei beauftragt, mir sein Pferd zu uberlassen, um mich schneller nach dem Landhause des Herrn Prasidenten zu bringen, woselbst dringende Gefahr meine Gegenwart nothwendig mache.

Ich erschrack um so mehr, da mich ein fluchtiger Blick auf die ersten Worte des Schreibens ein Ungluck ahnden liess. Dies, und die grosse Reizbarkeit meiner theuren Kranken bedenkend, bemuhte ich mich, mit so viel Gleichmuth, als mir nur zu Gebot stand, meinem schnellen Aufbruch durch die Aeusserung, dass man druben sehr angstlich sei, das Beunruhigende zu nehmen. So stand ich noch ein paar Minuten neben der Frau Grafin, die Finger an ihren Puls gelegt, als ich diesen stocken fuhlte, und sie die eiskalte Hand losmachend, krampfhaft die meinige mit den Worten umschloss: "Ich beschwore Sie, halten Sie sich nicht mit mir auf. Ich bin ja ganz wohl! aber dort, Sie werden sehen es ist gewiss etwas Entsetzliches vorgefallen."

Ich wollte ihr das ausreden, aber sie liess mir keine Zeit dazu. "Um Gotteswillen!" rief sie, indem sie aufstand und mich bis zur Thure begleitete, "verlieren Sie keine Zeit."

Ich folgte ihrem Befehl. Wie ich indess die Thure offne, tritt mir die Frau Oberhofmeisterin mit ganz verstortem Gesicht entgegen; und, lebhaft wie sie ist, auch wohl in dem Gedanken, dass ihre Tochter im Hintergrunde des Zimmers nichts von dem horen konne, was hier gesprochen werde, flusterte sie eilig: "Bleiben Sie, druben kommen Sie ohnehin zu spat, das Kind ist todt; und hier sind Sie nothig, Hugo ist verwundet. Gehen Sie zu ihm!"

Ein heller Schrei, und ein Fall dicht hinter mir, liessen es ausser Zweifel, dass die unseligen Worte von der Grafin gehort wurden. Ich befand mich in der schrecklichsten Verlegenheit. Wohin nun zuerst meine Schritte lenken! Ich wandte mich nach dem Zimmer zuruck, als die gebieterische Dame mit einer Fassung, die mich in Verwunderung setzte, schnell entschied: "D i e s e uberlassen Sie mir. Zu ihm mussen Sie hinunter, und mich sogleich wissen lassen, ob Gefahr zu furchten ist?"

Ich flog nach des Grafen Cabinett. Im Hause herrschte die grosste Besturzung. Aus einzelnen, fluchtigen Aeusserungen der Leute, die sie mir so im Vorbeigehen zuwarfen, fasste ich schnell den traurigen Zusammenhang des ganzen Ereignisses. Ich trat deshalb mit einiger Befangenheit zu dem Verwundeten hinein. Er lag in einem Winkel des Sopha's, den einen Arm auf mehrere, uber einander gethurmte Kissen gelegt. Er hatte den Rock abgeworfen. Das Hemd und ein starkes um den Arm gebundenes Tuch trieften von Blut. Es war Niemand sonst im Zimmer. Der Blutverlust schien mir sehr gross zu sein, ich rief daher unwillkuhrlich erschrocken: "Herr Gott! in welchem Zustande finde ich Sie!" der Graf fuhr aus seinem Kissen in die Hohe. Er sah entsetzlich bleich aus. "Was wollen Sie bei mir?" fragte er unwillig. "Mir fehlt nichts! Mit dem Ritz da," fuhr er, verachtlich auf den Arm deutend, fort, "werde ich bald fertig werden." Als ich gleichwohl Miene machte, die Wunde naher zu besichtigen, widersetzte er sich sehr bestimmt, versicherte, der Dorfbarbier konne das auch heilen! ich solle nicht langer ein Leben auf das Spiel setzen, an welchem so unendlich viel liege. Er riss bei diesen Worten, in fieberhaftem Zorn, den Verband vom Arme, und mir in der That nur eine blosse Fleischverletzung zeigend, klingelte er, um den berufenen Chirurgus eintreten zu lassen. Da ich nun sah, dass hier fur mich nichts zu thun war, begnugte ich mich, die Frau Oberhofmeisterin uber den Zustand des Grafen zu beruhigen, und eilte unter tausend bangen Ahndungen zu dem nachbarlichen Landsitze.

Die Sonne war schon hinter die Berge. Das rothe Abendlicht durchschnitt den Himmel in langen Streifen. Es war schwul und still in der Luft. Man horte nichts, als das schrillende Sauseln der Aehren in den Kornfeldern und das Gezirp der Heimchen.

Mir schlug das Herz immer angstlicher in der beklommenen Brust. Einzelne Arbeiter, die auf das Gerucht eines Unfalles, ihr Tagewerk verlassen hatten, um zu sehen, was es gabe, kamen jetzt zuruck, Gerath und Kleidungsstucke aus dem Felde abzuholen. Sie sahen betrubt aus und wiederholten Alle dasselbe. Das Kind der Herrschaft druben sei verungluckt und fur todt aus dem Wasser gezogen worden. Es musse wohl einer daran Schuld sein, den man sich nicht zu nennen getraue. Es ware grosser Zank und Streit daruber entstanden, und viele wollten sagen, es seien zwei Schusse gefallen. Wer geschossen? wisse jedoch Keiner. So kam ich, von den unheimlichen Geruchten gejagt, endlich bis zu dem Gehege des Gartens. Es war hier und da eingerissen, um den Zudringlichen Bahn zu machen. Diese standen und sassen, vom Gaffen und Schwatzen mude, auf dem Boden umher. Weiber mit ihren Kindern auf dem Arm, jammerten uber den klaglichen Anblick des blaulich angeschwollenen kleinen Leichnams, indess Andere mit giftiger Zunge der Sunde Schuld auf das Gewissen der Mutter warfen, und diese mit Schmahreden uberschutteten. Ich sprang vom Pferde, und mir durch das Gewuhl Platz machend, stiess ich auf einen Mann, der versicherte, in dem Knaben sei noch Leben. Er selbst habe das Herz schlagen fuhlen. Auch ware die Rettung zu schnell gekommen, als dass der Tod schon volle Gewalt geubt habe. Der brave Herr da unten, von Wildenau, sei ja gleich bei der Hand gewesen, setzte er hinzu. Ich athmete auf. Die Andern mochten es nicht Wort haben, dass man irgend Hoffnung hegen durfe. Sie liessen sich nichts von dem vollen Maasse des Entsetzlichen streitig machen. Ihr Widerspruch gab mir Muth. Dieser sank gleichwohl, als ich in den Gartensaal trat, der erschutternde Eindruck des Jammers, der hier so plotzlich Alles umgewandelt hatte, nahm mir alle Fassung.

Gleich der Thure gegenuber lag der bleiche Georg, ganz in Betten und Decken gehullt, so, dass nur das seitwarts, auf die Brust hangende blonde Lockenkopfchen sichtbar war. Neben ihm sass des Amtmanns Mutter, die sanften, feuchten Augen auf die geschlossenen des Kindes gerichtet; zu ihren Fussen kniete eine unkenntliche Gestalt, dem Tode ahnlicher als den Lebendigen, bewusstlos, regungslos, verriethen nur die starken und raschen Athemzuge, dass der Schmerz wenigstens diese arbeitende Brust bewege. Es war die schone, ungluckliche Prasidentin.

Der bunte Zierrath des Zimmers, die hohen Blumenkubel, das frische Roth unzahliger, in Korben und Schaalen umher stehender Rosen, all der Schmuck jugendlicher Sinnenlust, stach auf das Schneidendste gegen die farblose Gruppe der tiefsten Trauer ab.

Ich naherte mich leise. Der Baron Wildenau kam aus einem Seitenzimmer auf mich zu. Wir druckten einander schweigend die Hande. "Ich furchte," flusterte er, "ein Schlagfluss hat hier schneller geendet, als meine rasche Hulfe es sonst begreiflich macht. Das Kind lag nicht uber einige Minuten im Wasser."

Ich erwiederte nichts. Mein Blick lag fest auf dem kleinen Bettchen, an dessen oberstem Rande, da, wo es die Wange des Schlummernden beruhrte, eine Feder leise hin und her zu wehen schien. Der Baron folgte meinem Blicke. Ich bog mich uber das Bett. Ich horte schwache Athemzuge. Ohne mich weiter zu bedenken, offnete ich dem Kind eine Ader. Das Blut tropfte erst langsam, dann sprang es in einem Bogen uber die weisse Decke auf die gefaltenen Hande der Mutter, die mit einem Schrei aus ihrer Betaubung auffuhr. Sie sah irre und verstort umher. "Er hat mich gekusst!" flusterte sie, kaum horbar. "Wahrhaftig, er hat mich gekusst! Er lebt!"

"Ja," versetzte ich zuversichtlich. "Er lebt. Aber jetzt erschrecken Sie die ruckkehrende Besinnung nicht. Schweigen Sie, um Ihres eignen Friedens Willen, nur noch wenige Augenblicke."

Sie sah mich schuchtern an. Auf ihren Zugen lag dumpfe Ungewissheit. Doch that sie, was man ihr sagte. Und ob sie gleich nicht von den Knieen aufstand, so schob sie sich doch auf diesen seitwarts in einen Winkel des Zimmers, von wo sie, angstvoll zusammengesunken, auf Georg sah.

Der Umschwung in dem kleinen Korper war schnell geschehen. Von der Betaubung zum Erwachen brauchte es, sobald die Springfedern innerer Thatigkeit in Bewegung gesetzt waren, nur wenige Minuten. Ein paar Tropfen Aether, der fluchtige Geist scharfer Essenzen, und das Anwehen frischer Luftzuge durch die geoffneten Fenster, vollendeten das Werk volliger Wiederbelebung in Kurzem. Das erste vollstandige Zeichen derselben war der anfangs undeutliche, dann wiederholte Ruf nach der Mutter.

Diese schauerte vor dem Tone, als komme er aus einer andern Welt. Sie hatte kaum die Kraft, sich zu erheben. Ich eilte auf sie zu. Alle Glieder flogen ihr, wie im starksten Fieberfrost. Sie schwankte, die fragenden Augen bittend umher gesandt, nach dem Bette des Kleinen. Wie dieser aber jetzt aufsah, die Aermchen matt hob, und mit dem ruhrendsten Tone: "Liebe Mutter!" sagte, da sank sie laut schluchzend uber ihn hin, und vielleicht waren es ihre Thranen, die seine Brust vollends erwarmten, die Schlage seines Herzens schneller hoben. Hier war jetzt die gestorte Ordnung unter die Gesetze des Daseins zuruckgetreten. Die Natur stellte sich durch sich selbst her. Des Kindes Rettung beflugelte die Seele der Mutter. Gehoben und gesammelt, stand diese nach einer Weile wieder unter uns. Sie schien nichts gelitten, nichts empfunden zu haben. Mit einer Warme und Innigkeit, wie sie nur dieser reichbegabten, unwiderstehlichen Frau inwohnt, liess sie uns ihr Entzucken theilen. Sie sagte wenig, that nichts, aber aus jeder Miene, aus den ruhrenden Blicken, aus dem stillen, tiefsinnigen Versinken uber ihr unbegreifliches Gluck, athmete das schmerzensstille Herz seliges Vergessen.

Leider! sollte sie bald an das Vergangene erinnert werden.

Der Prasident sturzte, nach einer kurzen Abwesenheit, ungestum ins Zimmer. Die Nachricht von Georgs Rettung war ihm schon von allen Seiten entgegen gedrungen. Die grosse Erschutterung plotzlicher Freude erhohte den leidenschaftlichen Zustand seines Gemuths, der heute zum erstenmal, in reifern Jahren, aus den Grundsatzen beherrschender Massigung, in die dammlose Fluth emporter Gefuhle hineingerathen war. Seine unzusammenhangenden Worte, das Heftige, ja Sturmische in ihm, erschreckte den Knaben. Er ward blode, schwieg oder weinte, und stachelte dadurch die Todtesangst des Vaters, ihn zwar lebend, doch krank und leidend wiedergefunden zu haben. In seiner unbemeisterten Besorgniss ausserte dieser das unverhohlen, wie er uberhaupt, ganz im Gegensatz sonstiger Rucksicht, jetzt nur laut dachte und empfand, was die Umstehenden in grosse Verlegenheit setzte. Die Verwirrung stieg auf das Hochste, als der Prasident, nachdem ich ihm die vollkommene Wiederherstellung Georgs verheissen, sich, ohne die Anwesenheit seiner Gemahlin zu beachten, zu der Mutter des Amtmanns mit den Worten wandte: "Nun dann, Madame Lindhof, so ubertrage ich Ihnen die Sorge fur des armen Knaben Gesundheit, bis ich von einer unerlasslich gewordenen Reise zuruckkehre." Er nahm hierauf die verlegen dastehende, angstlich uberraschte Frau bei der Hand, fuhrte sie in ein anderes Zimmer, um das Nahere seiner Anordnungen zu bestimmen. Ich hatte nicht den Muth, vom Boden aufzusehen. Der Baron gab mir einen Wink, das Zimmer zu verlassen. Wir eilten in den Garten.

"Gott!" rief ich hier, unter die Last unertraglicher Gefuhle gepresst, aufseufzend, "muss denn dies Haus zusammen brechen! Und ist keine Klarheit nach dem Gewitter zu hoffen?"

"Keine!" entgegnete der Baron, der noch bleicher und melancholischer aussah, als sonst.

"O," sagte ich lebhaft, "warum wurdest du denn ins Leben zuruckgerufen, armes Kind! Besser ware es gewesen, du hattest den unnaturlichen Riss hauslicher Eintracht still verschlafen! dein kleines Herz ware gebrochen, ehe Unwille und Bitterkeit darin keimten."

Der Baron sah mich schmerzlich an, ohne etwas zu erwiedern. Wir gingen mit raschen Schritten tiefer in das Gebusch. Meine Seele war voll Kummer. Ich sah nicht, wohin uns der Weg fuhrte, als mich das zertretene Gras und der Anblick des Sees plotzlich aufschreckte.

"H i e r a l s o ?" fragte ich stillstehend. Mein Begleiter nickte bejahend, wahrend sein betrubtes Auge langsam uber die Wellen glitt.

"Wie kam es nur," fragte ich zogernd, "und was trug sich sonst noch Unseliges zu, das solche Folgen haben konnte?"

Der Baron schien mit der Antwort zu kampfen. Ich hatte bis jetzt eine Scheu gehegt, deutlicher in die Verwirrung hineinzusehen. Die schonungslose Harte des Prasidenten erschutterte und emporte mich. Ich wollte ihn allein schuldig wissen. Die Frage sprang mir uber die Lippen.

Was ich von ihm erfuhr, war Folgendes: Der Prasident kam gegen Abend auf seinem Landhause unerwartet an, fand Niemand dort, fragte hierauf seine Dienstboten scharf und heftig nach seiner Gemahlin und nach Georg aus; doch ihre Antwort nicht erwartend, sturzte er eilig dem Garten zu. Hier sah man ihn ungestum hin- und herlaufen, horte ihn laut rufen, und bemerkte nicht ohne Besorgniss, dass er in einen Kahn sprang, diesen losmachte und nach dem jenseitigen Ufer des Sees hinuberfuhr. Die unmassige Heftigkeit, welche affectlose Menschen zu Zeiten, wie mit triumphirender Gewalt, befallt, musste die besturzten Domestiken hier um so mehr mit banger Ahndung erfullen, als das sorglose Betragen ihrer jungen Gebieterin schon langst an ihr zum Verrather ward. Niemanden unter allen Leuten des Hauses, blieb der Zweck jener langen, nach der Wohnung der Tannenhauserin fuhrenden Spatziergange, ein Geheimniss. Hierher fluchtete die schone Frau, und beruhigte ihr Gewissen, wenn der Graf in seinem schmalen Boot stehend, mit ihr redete, wahrend sie am Ufer sass, und es das Ansehen hatte, dem Freunde zufallig begegnet zu sein. Jager und Fischer, welche Abends des Weges kamen, hatten sie oft so gesehen. Es ward hier und da daruber gesprochen. Mehrere weissagten langst nichts Gutes davon. Jetzt war es klar, dem Prasidenten musste Jemand die Augen geoffnet haben. Auf Tavanelli fielen Alle. Er liess sich seitdem, ganze Tage nicht sehen. Den Knaben, hiess es, habe er mitgenommen. Andere wollten versichern, dieser spiele im Garten. Er sei mit der Mutter die Allee links hinuntergegangen.

Indem die zusammengetretene Dienerschaft so mit einander verhandelte, horten sie ein kurzes, wiederholtes, helles Angstgeschrei von der Seite her, wo sie Georg zuletzt gesehen hatten. Es war ein herzzerschneidender Ton, den das Echo uber den See gellend zuruckschallte. "Das Kind! das Kind!" sagten Alle voller Entsetzen, indem sie dem verzweifelnden Rufe folgten. Ehe sie gleichwohl die Stelle erreichen konnten, wo das Ungluck geschehen war, hatte der Baron Wildenau, von bangem Vorgefuhl getrieben, und in der Absicht, den verstorten, unstaten Tavanelli aufzusuchen, sich in den Garten begeben. Seine Entschlossenheit rettete den schonen Knaben. Er entriss ihn den Wellen, doch trug er ihn leblos ans Land.

Indess war der furchterliche Schrei zu dem Vater gedrungen. "Georg!" sagten alle Stimmen der Seele zugleich in ihm. Er arbeitete sich wie ein Verzweifelnder nach dem Garten zuruck. Ungeubt, mit dem Kahne zu fahren, erreicht er erst das Ufer, als dort schon ein Haufen Klagender und Schreiender durch einander rennt. Sprachlos vor Angst theilt er die Menge. Sein erster Blick begegnet der athemlos herbeisturzenden Mutter, die das bleiche Kind an sich reisst, es umschlingt, kusst, mit Entsetzen in die Hohe gegen das Licht halt, und da sie die Augen geschlossen sieht, kein Leben spurt, zu den Fussen ihres Mannes sinkt, mit der Hand krampfhaft nach Graf Hugo zeigt, und laut ruft: "E r und i c h ! "

Sie vermochte nichts weiter hervor zu bringen. Die Zunge versagte ihr. Aber in Blick und Miene lag eine schwerere, eine zermalmende Anschuldigung.

Der Prasident blieb einen Augenblick wie eingewurzelt in dumpfer Erstarrung. Er mochte sein Geschick nicht fassen. Diese Stille, dies Verstummen tiefster Natur in dem Manne, der als Richter hier vor ihr stand, loste ihr ganzes Wesen in leidenschaftliche Verzweiflung auf. Sie klagte sich jetzt laut und furchterlich an, bekannte ihre heisse Liebe fur den Grafen, gesteht, dass, um ihn zu sehen, sie das Kind beredet, hier im Garten zu spielen, wahrend sie die weite Strecke bis zur Tannenhauserin in kurzer Zeit zuruckzulegen gedachte; nannte sich im Aufruhr aller Sinne, des Knaben Morderin, und flehte den strafenden Himmel nur um die erbarmende Gnade an, ihrem sundlichen Leben ein Ende zu machen.

Diese und noch wildere Klagen flogen in verwirrender Hast uber ihre Lippen, ohne dass die Umstehenden es hindern konnten. Der Prasident starrte sie lange ungewiss an. Endlich, als falle das ganze Gewicht seines Elendes auf ihn nieder, zuckte er zusammen, und wandte sich rasch nach dem Grafen hin. Der Moment war entscheidend. Jener empfand sogleich, worauf es ankam. Er trat dem schwer Beleidigten mit wehmuthiger Ruhe entgegen, indem er leise sagte: "Sie haben keine Minute zu verlieren, um das Leben Ihres Kindes zu retten. Das ist jetzt das Nachste. Spater w i e und w a n n Sie wollen."

Die Mahnung an Georgs Gefahr, die Furcht, ihn vielleicht schon verloren zu haben, druckte fur einen Moment den aufflammenden Zorn in dem unglucklichen Vater nieder. Er flog auf den Kleinen zu, entriss ihn der Mutter, setzte alles in Bewegung, um Hulfe herbei zu holen. Er selbst ging und kam, klagte, schalt, trieb und drangte die geangstigte Dienerschaft hin und her, so dass diese es kaum wusste, als er, vielleicht in der Absicht, selbst arztlichen Beistand zu suchen, unter den Umstehenden verschwand. Jedermann war so betaubt von dem Schreck, so vertieft in dem eifrigen Bemuhen, den Tod von des Knaben Schlafen zu verscheuchen, dass selbst der nahe Knall zweier Schusse bei Niemanden Sorge erweckte, und man sich erst besann, den Prasidenten vermisst zu haben, als dieser zuruckkehrte.

"Es sind," hub Baron Wildenau, nachdem er mir soviel mitgetheilt hatte, nach einer Pause wieder an. "Es sind hier dunkle Schattenstellen, die uns einen Theil des Zusammenhanges verhullen. Lassen wir sie, ohne daran zu ruhren. Die Zeit wird Alles aufklaren."

Wir standen beide noch eine Weile in Gedanken verloren, als wir, durch das Gerausch eines voruberrollenden Wagens aufmerksam gemacht, uns umsahen. Auf das Hochste uberrascht, erkannten wir die Equipage der Oberhofmeisterin. Die grosse Reisekutsche, die beiden, in dunkelroth und schwarz gekleideten Bedienten auf dem Bock. Es liess sich nicht verkennen. "Mein Gott, Emma!" rief der Baron, beide Hande, wie von einem grossen Schreck uberwaltigt, zusammenschlagend! "Was ist mit ihr?" fragte ich unruhig. "Die Mutter entfuhrt sie gewaltsam," entgegnete er. "Sehen Sie doch nur, ihr Wagen schlagt den Weg ein, welcher auf die grosse Strasse fuhrt. Sie kehrt nach der Heimath zuruck. Wie wurde sie das thun, begleitete sie die Tochter nicht. Nimmermehr wurde sie solche jetzt zurucklassen."

"Bei dem Gesundheitszustand der Grafin?" warf ich ihm ein. "Eben deshalb!" versetzte der Baron. "Eben diese Schwache giebt der entschlossenen Mutter volle Gewalt uber sie."

Aus der Ungewissheit zu kommen, eilte ich nach der Burg zuruck, da mich langer keine Pflicht an das Lager des Kindes fesselte, und mich ohnehin hier nichts band. Ich fand den Comthur einsam in seinem Zimmer. Es war geschehen, wie es Baron Wildenau voraussagte. Die Betaubung der Grafin, die Verwirrung im Hause, alles bot der Frau Oberhofmeisterin die Mittel zur schnellen, heimlichen Abreise. Wie sie die Tochter uberrascht, wie sie sie uberredet hat, ist noch ein Geheimniss. Zwei Zeilen an den Grafen sagen weiter nichts, als: "Wir verlassen die Burg! dass e i n Dach uns nicht langer beschirmen kann, ist klar. Geniessen Sie nun Ihre Freiheit, wie Sie konnen."

Das Blatt fiel in des Oheims Hande. Er zogerte noch, es dem Neffen zuzustellen. Dieser lasst Niemand vor sich. Ich versuchte vergebens, zu ihm zu dringen.

Weiter wusste ich dem treuen Bericht, in Bezug der unglucklichen Familienverwirrung beider verehrten Hauser, nichts hinzuzufugen.

Der Prasident hat einen langen Urlaub nachgesucht und erhalten. Seine Gemahlin verliess die Gegend. Sie soll zu einer fernen Verwandtin gegangen sein. Georg spielt mit den Kindern des Amtmanns. Er erzahlt jedem, der es horen will, seinen Unfall, mit dem Zusatze: dass er sich aus Furcht vor dem Vater, der so laut und larmend nach ihm gerufen, im Rohr versteckt, nachher aber nicht wieder an derselben Stelle ans Ufer hinauf gekonnt hatte, in der Angst ausgegleitet und ins Wasser gefallen sei.

Leider hat sein Unfall den Sturz zweier Hauser nach sich gezogen.

Zweiter Theil

Sophie an Elise

Nicht ohne Bangigkeit richte ich endlich diese Zeilen an Sie, liebe, arme Freundin! Werden Sie denn aber auch noch etwas von d e m horen wollen, was unter den Schauern der Vergangenheit, hinter Ihnen liegt? Vielleicht legen Sie den Brief bei Seite, dessen Siegel Ihnen verrath, von wem er kommt! Der Name meines Stifts ruft zugleich andere, schmerzliche Namen zuruck. Ach, meine Gute! wie traurig, dass Ihnen diese so wehe thun mussen!

Nein, es ist kein Vorwurf, was ich hier sage.

Es ist nur eine von den unzahligen Klagen, die mir das Geschick der liebsten, besten Menschen auspresst.

Gewiss, ich habe kein anderes Gefuhl in meiner Brust, als Mitleid und Theilnahme fur Sie Alle!

Fur Sie Alle! Ja, glauben Sie es nur. Dasselbe Gewebe, das Ihr argloses Herz umspannt, hat seine Faden so weit gezogen, so sonderbar verschlungen, dass die schonsten Krafte dadurch gefesselt, die reichsten Gemuther ohnmachtig geworden sind, und statt des bewegten Lebens, schwarze Melancholie durch die vereinzelten Kreise der Freunde zieht.

Wer nach kurzer Abwesenheit hierher zuruckkam; wer, wie ich, das Bild warmer Vertraulichkeit und sanfter Zuneigung im tiefsten Innern festhielt, wer den freien Horizont und die leichte, elastische Luft der Heimath wieder zu finden dachte, und nun uberall auf verschlossene Hauser, auf abgebrochene Verhaltnisse stosst, stumme Trauer, undurchdringliche Nebel ihn umgeben, und schneidende, zusammenpressende Kalte allein ihn erinnert, dass er ein Herz hat, der konnte versucht werden, an Magie und alte Fabeln von umwandelnden bosen Geistern zu glauben.

Ich bin wieder in meine Wohnung eingezogen. Die Wande der Zimmer, das Gerath, die Baume vor den Fenstern, alles ist unverandert, aber es macht nur den Eindruck von Kleidern geliebter Verstorbener. Ich fuhle mit unsaglichem Kummer, dass der Inhalt verschwunden, der lebendige Geist entflohen ist. Die Raume sind leer. Der Gedanke verliert sich in die unerganzten Lucken.

Beste Freundin! Was waren es fur Stunden, die wir mit einander zubrachten; so friedliche, harmlose Stunden! O, der Mensch achtet die Stille nicht hoch genug, die ihm zu ruhiger Entfaltung der zarteren, feinern Geistesbluthen vergonnt ist! Der Fruhling innerer Zeitabschnitte zieht oft noch fluchtiger, als der der ausseren, an uns voruber, und wir besinnen uns erst nachher, wie reich wir waren, wenn die Bluthenzeit voruber ist, und neue Entwickelungen sich unter mannigfachen Kampfen vorbereiten.

Wohin ich jetzt den Fuss setze, tont mir Storendes entgegen. Jeder Gegenstand erinnert an das, was nicht mehr ist, jeder Besuch angstigt, jede Frage verletzt mich. Auch komme ich zu Niemanden. Die Burg bleibt Jedem unzuganglich. Der Comthur furchtet, wie alle Manner, durch lebhafte Erschutterungen, aus dem aussern Gleichgewicht zu gerathen. Er hat mir ein Paar gute, treue Worte geschrieben, doch vermeidet er, tiefer in den Gegenstand einzugeben, den ich nur leise beruhren mochte. So verstummt dann die Gegenwart vollig. Der einzige Genuss, den ich mir zuweilen erlaube, ist der, Ihre fruheren kleinen Briefchen zu lesen, die der behende Walter mir oft beim Erwachen schon uberbrachte. Wie erkenne ich, wie hore und sehe ich Sie in jedem Worte wieder, liebenswurdige Elise! Ja, Sie sind unverandert dieselbe geblieben. Wie Sie in Nichts Arges suchen, so rein blieben auch Ihre eignen Gefuhle. Sie glaubten nie an das Bose, Sie suchten es nicht i n s i c h , und treu der Wahrheit, die Sie erkannten, heuchelten Sie nicht einen Augenblick vor der Welt, seit Gottes Finger die Wolke theilte. Wie viel hiervon dem Bewusstsein, wie viel der Natur in Ihnen angehort? mochte wohl schwer zu entscheiden sein. Genug, Sie konnten nicht anders! Wie sollte ich Sie nun misskennen und tadeln, weil das Ihr Ungluck gemacht, was stets die Eigenthumlichkeit Ihres Wesens begrundete. Freimuthig bis zum Selbstvergessen, ein losgebundenes Kind der Natur, spielten Sie mit den Fesseln, die Sie sich abgestreift, ohne einen andern Halt zu suchen, als Ihr kuhnes Wollen. So zeigten Sie sich von je, und immer begleitete ich Sie mit Sorgen. Wer aber hatte Sie warnen konnen? wem wurden Sie geglaubt haben? G o t t l i c h e Gewalt hat nur das G o t t l i c h e . Erschrecken Sie nicht zu sehr, Sie, das mochte ich beschworen, finden Ihren Weg wieder. Dulden Sie doch die Freundin zur Seite. Lassen Sie mich es wissen, w i e und w o Sie Trost suchen? Was Sie ergriffen, wie Sie leben?

Hier, denken Sie wohl, erfahre ich nichts von Ihnen. Wen durfte ich deshalb befragen? Zuweilen hatte ich den Gedanken, Madame Lindhof einen Besuch zu machen. Aber ich bin nicht im Stande, den Weg dahin anzutreten! Wie sollte ich jetzt schon den Anblick Ihres Hauses, des Gartens Nein, Elise, nein! meine Seele ist zu wund, um sie den schneidenden Luftzugen in den ausgekalteten Raumen so fruhe bloszustellen. Am Grabe unsrer Freunde finden wir sanfte Thranen, am Grabe ihres Gluckes emport sich das Gefuhl gegen die Ohnmacht, Geschehenes nicht ungeschehen machen zu konnen. Ich habe so genug mit mir zu thun, die angstigende Frage immer wieder aufs Neue meinem Gewissen zu beantworten: Ob es auch recht war, dass ich die Oberhofmeisterin reisen liess, da ich damals schon ahndete, wie sehr Sie der Freundin bedurfte? Es ist nicht immer leicht, von zweien Pflichten die dringendere zu wahlen, vollends aber wird es denen erschwert, die, in unabhangiger Beziehung zur Welt, sich selbst im entscheidenden Augenblicke bestimmen sollen. Ich glaubte damals das Unerfreuliche thun zu mussen, und dachte mir in dem Opfer eigner Wunsche zu genugen. Vieles ware wohl unterblieben, willigte ich nicht in den Vorschlag der leidenschaftlichen Freundin! Doch wie ist das Leben zu berechnen! durfte ich hoffen, es mit einem so machtigen Feinde, als Ihr eigenes Herz, beste Elise, aufnehmen zu durfen?

Sehen Sie aber hieraus, wie schwach ich bin, und wie wenig es mir einfallt, bei Ihnen die Starke spielen zu wollen. Gewiss, Beste! Sie konnen mich dreist in die Falten Ihres Innern sehen lassen, ich bin gewiss, nur die eignen, verborgen gebliebenen Schattenstellen darin wieder zu erkennen. Kann Sie auch das nicht bewegen, mir wieder die liebe, vertrauende Elise zu werden?

Elise an Sophie

Gutige Freundin! Ja, Sie sind die Alte geblieben! Sie verlaugneten sich nie. Das thut der Mensch uberhaupt selten. Wir tauschen uns nur uber ihn. Wie i c h der Welt jetzt erscheine, lasst sich denken. Jede geschaftige Hand sucht wohl die dunkelsten Tinten aufzutragen, um das Bild, wie aus Nacht und Holle heraussehen zu lassen! Es war sehr albern von mir, dass ich denken konnte, Sie wurden sich durch solche Karrikatur irre machen lassen, und mich v e r k e n n e n d zu e r k e n n e n glauben

Sie sehen, Sophie! ich halte nicht mit meinen Bekenntnissen hinter dem Berge. Ich gestehe Ihnen, dass ich aus diesem unbilligen Misstrauen nicht an Sie schrieb, und vielleicht auch weniger an Sie dachte. Ich habe darunter gelitten, denn nichts thut so wehe, als eine kalte Stelle in der Brust, die uns unaufhorlich an den erloschenen Funken erinnert.

Sie haben diesen wieder angehaucht, Sophie, und ein Verhaltniss neu belebt, das ich, mit so vielem Andern, zerrissen wahnte. Tausend, tausend Dank, treue, feste Freundin! die Klarheit Ihrer Empfindungen beschamt mich schon darum, weil sie mir beweist, dass Sie das Unvergangliche wahrer Zuneigung in hoherem Grade besitzen, als ich zu glauben wagte. Und doch beruht anderer Seits mein ganzes Dasein gerade auf diesem Glauben!

Es ist wohl immer die Folge ungewohnlicher Zustande, dass wir ein wenig zittern, ehe wir uns zu fassen im Stande sind. Ich habe grosse Erschutterungen erduldet. Kein Wunder, wenn mir es dunkel vor den Augen ward, und ich die treuesten Menschen undeutlich sah!

Ueber Eins, liebe Sophie, kann ich gleichwohl in Ihrem Briefe nicht hinaus! Wie geht es zu, dass Sie mich, bei so festem, ruhigem Auffassen meiner tiefsten Eigenthumlichkeit, dennoch in der Hauptsache ganz missverstehen? Sie halten mich namlich in meiner gegenwartigen Stellung zur Welt fur hochst bedauernswurdig. Sie sehen mein Geschick gebrochen, mich in den Staub gebeugt. Sie verzweifeln, das Geschehene nicht ungeschehen machen zu konnen, und setzen voraus, ich sei nur durch einen eben so ubereilten, als gewaltigen Stoss aus dem geordneten Gang der Natur herausgehoben, in den sich mein zerruttetes Verhaltniss zurucksehne. Ja, Sophie, ja, ich bin wie von einem furchterlichen Schlage getroffen, ganz zusammengeschreckt, ganz durchbebt, in eine fremde, Grauen erregende Wildniss geworfen. Wohin ich blikke, zeigt sich mir kein Ausweg. Alles ist ubereinander gefallen. Selbst der Reichthum des uberfullten Daseins dient nur, die Sinne zu verwirren. Aber nicht erst jenes ausserlich umwandelnde Ereigniss war es, was mich so stellte; das plotzliche Erwachen meiner Seele, der jahe Blitz, der diese durchzuckte, die Schauer verborgener Wahrheit, die ganze Last ihres Gewichts, d i e hatte mich aus meinem Himmel gerissen. Konnen Sie mir denn zutrauen, ich wurde n a c h d e r Entdeckung den Selbstbetrug genahrt, oder einen weit argern geduldet haben? Ist es Ihnen moglich, an die Dauer solcher Verhaltnisse zu glauben, die nur in Unschuld und Vertrauen ihre schwindliche Hohe erreicht hatten? O Sophie, das Gottliche im Menschen ist da, ohne dass er es weiss. Es kommt ihm im Schlaf, er tragt es mit sich in das Leben hinein, es wird ihm ein zweites Leben, er selbst erfahrt es eben nur dann, wenn ihm das Andere entgegen tritt. So ist es auch mit der Liebe. Das Paradies bleibt nur Paradies, bis die Schlange das Bewusstsein weckt. Ich war bis zum Tode erschrocken, als ich empfand, was mir Hugo sei. Gleich damals stand es fest in mir, den Verrath an der Treue, die Verletzung des gegebenen Wortes durch offnes Gestandniss meiner Schuld zu bussen. Ich sagte es Hugo. Er hielt mich zuruck. Er bat mich, den entscheidenden Schritt zu prufen. Wir stritten hin und her. Mein schwaches Herz wankte, es gefiel sich einen Augenblick in dem kurzen Aufschub. Da schrien tausend Schmerzensstimmen zugleich auf mich ein. Ich zerriss alle Schranken, und vernichtete mich selbst mit dem unseligen Irrthum.

Ich wurde es ohnehin gethan haben! doch spater; vielleicht zu spat! Jetzt ist nur geschehen, was geschehen musste. Es ist wahr, ich bin fur die Welt im Allgemeinen todt; und dies Losreissen, wie leicht es gesagt ist, vollbringt sich nie ohne Kampf. Die bluhende Hulle des Daseins halt den Blick in seinem kuhnen Fluge zur Unendlichkeit freundlich an, und zahmt den hochsten Wunsch durch die Erfullung unzahliger kleiner Wunsche. Ich empfand das sehr fruhe. Ich liebte daher die Wirklichkeit in allen ihren streitenden Bedingungen. Mich fuhrte mein leichter Muth ohne Anstoss durch sie hin. Es schlang sich hier und da ein Band um mein Herz, ich liess es damit verwachsen, und sah mein Leben mannigfach verzweigt. Jetzt habe ich Abschied genommen von allem, was ich liebte, von jeder Hoffnung, die ich bis dahin genahrt; niemals kann sich das vollig Umgestaltete wieder herstellen. Eduard kann nicht verzeihen, was er nicht begreift. Der Bruch zwischen ihm und mir geschah mit dem ersten Laut, der meiner Gewissensangst entfuhr. Ich habe seine Verachtung mit Wehmuth, den stummen, kalten Abschied, den letzten vernichtenden Blick mit grossem Schmerz erduldet; was aber schildert Ihnen mein Gefuhl bei der Trennung von dem einzigen, von dem uber allen Ausdruck heissgeliebten Kinde? O Sophie, weg! weg von der Erinnerung dieses Augenblicks. Tausendfachen Tod zugleich stirbt das Herz, wenn der Mensch gleichwohl noch lebt!

Ja, ich lebe! und ich lebe mit Muth! Ich bin ganz aufgestanden von dem gewaltigen Sturz. Ich sehe mir diese strenge Beherrscherin, die Willkuhr achtsam an. Sie tragt Fesseln in den Handen, und bindet, was sich ihren Gesetzen entziehen will. Soll ich verzweifeln, weil mich das Loos mit vielen Andern traf? Kann ich tadeln, dass i s t , was s e i n m u ss ? Der Zusammenhang meines Geschicks liegt so klar vor mir, dass ich diesem ruck- und vorwarts in allen seinen Verzweigungen folgen kann. Hatte ich nicht immer die unverfalschte Wahrheit des Bewusstseins so hoch gehalten, hatte ich nicht den Trug der Einbildungskraft gefurchtet, und kunstliche Spiele gemachter Poesie fur ein Verbrechen gegen ihr erhabenes Urbild angesehen, ich wurde, weniger misstrauisch, die innere Stimme in mir beachtet haben, deren prophetischer Ton mich so oft mit unnennbarer Trauer durchbebte.

Aber ich verwarf jede aufsteigende Ahndung uber die Natur meiner Gefuhle fur Hugo. Ich schalt mich selbst romanhaft, verlachte die Sucht, das Gewohnliche ungewohnlich finden zu wollen, mit schonungslosem Spott, und errothete zuletzt beschamt bei dem Vorwurf, einer Grille wegen, die schone, beseelende Freundschaft aufopfern zu wollen.

Die kleinen Hackeleien hauslicher und menschlicher Missverstandnisse thaten mir nur darum wehe, weil sie andern, weniger unabhangigen Gemuthern zu schaffen machten. Ich sah wohl Storungen voraus, doch in mir blieb noch Alles ruhig.

Der Vorfall am Hofe erschreckte mich. Es ward mir dadurch klar, welche Wichtigkeit man auf ein Verhaltniss legte, das sich so von selbst, so naturlich, ja so nothwendig gemacht hatte. Ich sprach mit Eduard daruber. Er litt, aber er glaubte mir. Wir sahen beide damals die Sache aus demselben Gesichtspunkte an. Die Dazwischenkunft der Oberhofmeisterin musste eine Ehe storen, in welche sie nur widerstrebend willigte. Eduards kluge Menschenkenntniss gab mir noch manchen Aufschluss, der mich vollig uber mich selbst beruhigte. Doch H u g o machte mich irre. Er zeigte sich mir ungleich heftiger. Ich zitterte, dass seine Phantasie sich verirrt, dass er sich sehr zur Unzeit leidenschaftlich erregt habe. Tavanelli's Winke, sein zudringliches Einmischen in die innern Angelegenheiten meines Glaubens storten mich. Auf unbegreifliche Weise ward ich mir fremd. Ich fluchtete in dieser Unruhe zu Hugo. Ich richtete mich an ihm auf. Aber ich lernte zugleich einsehen, dass ich ohne ihn nichts mehr war, dass ich nur noch in ihm dachte und empfand. Was von da an geschah, was mich traf, was noch geschehen kann: es ist unvermeidliche Folge dieses erschreckenden Erkennens.

Ja, ich habe a u f g e h o r t , d i e s e l b e z u s e i n . Und da die Umwandlung nun doch einmal geschehen ist, so konnte ich mich auch langer nicht in erborgter Gestalt dulden. Die einzige Moglichkeit, ferner zu existiren, liegt darin, dass ich mich selbst verstehe, und mich zeige, wie ich bin. Diese Freiheit hat mir mein lebendiger Tod genommen. Ich werde mich ihrer nicht ganz ungern bewusst. Sophie, ich gestehe es, w a h r sein zu durfen, ist bei dem Wahrheitsliebenden ein unschatzbares Gut.

So lebe ich denn, und liebe in m e i n e r Welt, auf m e i n e Weise. Niemand ist mir um ein Haar breit ferner geruckt, als er fruher zu mir stand. Der Gedanke, das Gefuhl erreicht jeden Gegenstand mit unermudeter Innigkeit. Hier, wo mich nichts daran erinnert, dass es noch ein anderes Dasein giebt, als das, was ich in mir trage, hier, wie in hoherer Region, findet keine Trennung statt. Georg mein susses Kind! und du, armer, guter Eduard! ich darf euch mit dem Freunde zusammen denken, der mich aus euern Armen riss.

Sehen Sie, Sophie, so giebt es dennoch eine Art Leben fur mich, um das mich wenige beneiden werden, in welchem ich gleichwohl denke, empfinde und handle.

Ich bin, wie in fruhern Jahren, im Hause meiner Tante, einer guten, arglosen, uberaus einfachen, vielleicht beschrankten Frau. Sie ist gerade, was ich jetzt brauche, eine theilnehmende Seele. Immer nur das Allernachste mit empfindend, von unbedeutenden, aber dafur auch wenigen Worten, und thatig im Hause. Vielerlei, meist Kleinliches vornehmend, und so beschaftigt, dass mir viel Zeit, und ihr das Bedauern bleibt, mich so wenig geniessen zu konnen. Das stille Dorf, der kleine Garten, mein Stubchen im Erker, liebe Sophie! die aussere Beschrankung hat zu gewissen Zeiten einen eignen Reiz. Man ist so eingeschlossen in sich selbst. Es fallt gar nichts Fremdes da hinein.

Ich weiss nicht, wie lange die gute Tante mich bei sich behalten kann. Sie erwartet ihren Sohn Curd, der von seiner Reise nach Italien zuruckkommt. Ich mochte nicht mit ihm zusammentreffen, uberall ist auch wohl von keinem langen Verweilen vor der Hand bei mir die Rede. Ich bin ja hier erst wieder zu mir selbst gekommen. Noch brauche ich Zeit, mich zu besinnen.

Sophie! ich bitte Sie nicht, meiner zu gedenken. Sie werden mich gewiss nicht vergessen. Aber s c h r e i b e n ! darum ersuche ich Sie, s c h r e i b e n S i e m i r . Durch die gute Lindhof hore ich wochentlich zweimal von meinem Georg. Aber all die Uebrigen Sophie sein Sie menschlich, schreiben Sie mir von i h m . Ich selbst hatte nicht den Muth, ihm zu sagen, w o ich mich hinbegabe. Ist denn Emma wirklich mit ihrer Mutter gegangen? War es moglich, konnte sie ihn in dem Augenblick verlassen. O diese Mutter ubt eine furchterliche Gewalt uber sie aus!

Leben Sie wohl, theure, grossmuthige Freundin! Ich gehe, einen Augenblick Luft zu schopfen. Hinter dem Garten fuhrt ein Fussweg am grunen Wiesengrunde hin, unter schattige Baume.

Mittags rasten die Schaafe hier und suchen Schutz vor der Sonne unter den Aesten einer machtigen Eiche. Da hat sich der Schafer seinen Sitz von Rasen gemacht. Ich sah des Abends von hier aus, die Sonne hinter das freundliche Dorf niedersinken, und wenn die Purpurstrahlen an dem gelben Metallknopf des Kirchthurms widerleuchten, die Heerden uber die Wiesen ziehn, der Hirt ein frommes Lied auf seiner Schalmei blast, die Abenddunste einen leichten Flor uber die Gipfel der Baume weben und alles so still wird, die Erde in Schlummer sinkt, dann O dann ! Gute Nacht, Sophie! gute Nacht!

Hugo an Heinrich

Zwei Deiner Briefe liegen vor mir. Ich habe den ersten noch nicht gelesen, und wurde keinen beantworten, fiele mir nicht ein, mein Schweigen konne Dir wunderliche Gedanken machen, und Dir den Einfall geben, hierher zu kommen und mich aufzusuchen. Thue das nicht, Heinrich! Bilde Dir auch nichts Besonderes von mir ein. Ich scheue nun noch mehr als sonst das laute Denken. Darum rede ich lieber nichts, und mag auch nicht viel horen. Ich versichere Dich, das Wort ist sehr roh. Hauche ihm die tiefste Seele ein, und es giebt Dir von dieser nichts, als die verpuppte Larve. Das beschwingte Leben entflieht mit dem Oeffnen der Lippe. Wie durr, wie entkleidet von allem Duft innerer Warme steht so ein ausgesprochenes Gefuhl da. Und wie starrt die Welt es an! wie unkenntlich wird es selbst Dir, dessen Innerm es sich in Entzucken oder Schmerz entwandt!

Darum, Heinrich, hore auf, das Senkblei prufender Fragen in meine Brust fallen zu lassen.

Du hast ja langst Grund darin gefunden. Was willst Du denn sonst noch wissen? Die alte, todtgesprochene Geschichte von Emma und Eduards Ungluck, von meiner Schuld, und dem tragischen Heroismus der schonen Sunderin, die musst Du ja wohl auswendig konnen. Das H i s t o r i s c h e solcher Haupt- und Staatsactionen singen Dir mit Nachstem die Jungen auf der Strasse vor. Erlass mir das Sprechen daruber.

Ja, ja mein Freund, das ware auch vorbei! Die Menschen konnen das Naturliche und Wahre nicht naturlich und wahr nehmen. Sie zerren so lange daran, bis sie wirklich das Greuelbild daraus machen, was sie sich darunter denken. Es ist ein niedriges Gelust in den Meisten! ein Vernichtungstrieb, der selbst den Schwachling kitzelt, seinen Fuss zu heben und in den Staub zu treten, was ihm uber den Kopf wachst! Das ist der gemeine Gang der Dinge! Es scheint uns nur ungewohnlich, wenn wir darunter leiden. Gabe es keine Tyrannei, so hatte sich der Gedanke wohl niemals frei gemacht.

Ich habe viel mit mir zu thun gehabt, ehe ich den Zorn uberwand, der sich meiner zu bemeistern drohte. Mich hatte der Auftritt emport. Alles sehe ich entweiht. Das Heiligste und Geheimste. Mir widersteht jede Verletzung zarterer Rucksicht. Ich fuhr zuruck vor der Verwilderung des Schmerzes, und sah mit Unwillen das Edelste von der dammlosen Fluth der Gemeinheit fortgerissen. Die rohen Hande waren gehoben, um das Geheimniss zu enthullen. Ich horte die schneidenden Tone des Schreckens, und Alles, selbst die Geliebte ward mir fremd.

Nachher musste ich mich tadeln, so einseitig empfunden zu haben. Aber wahr blieb es doch, ich hatte die Bluthe zerstauben sehen, und konnte die kahlen Staubfaden nicht wieder mit ihrer duftigen Krone umschliessen.

Heinrich, ich bin aus meinem Himmel gefallen, und das ist von allem das Schlimmste.

Ich mochte deshalb immer noch nicht an Elisen schreiben. Mich dunkt, der naturliche Vermittler unserer Gefuhle, der Schlussel zu jener Zeichensprache des Herzens sei nicht mehr in ihren Handen. Ich furchte, ihr nicht ganz verstandlich zu sein. Es ist etwas in mir verletzt, das ich weder verbergen noch auch angeben kann. Siehst Du, wir wurden einen Augenblick, jeder in die eigne, besondere Welt zuruckgeworfen. D e r Augenblick liess eine Lucke. Ich bin verlegen, bei dieser zu verweilen, oder sie zu uberspringen. Die Zeit mag sie fullen! Die Zeit mag uberhaupt hier walten. Ich lasse sie machen! Wir sind geboren, unsere eigene Narren zu sein. Da nehme ich dies Blatt nach mehreren Tagen wieder zur Hand, und muss mich gleich in den ersten Zeilen auf einer gewissen coquettirenden Misantropie ertappen, die gar nicht zu meiner jetzigen Stimmung passt. Lieber Heinrich! wenn ich mich anders recht verstehe, suchte ich langst eine Veranlassung, Dir mit guter Manier Nachricht von mir zu geben. Ich scheute dieses, wie ich auch Deine Ankunft scheue, und doch Beides wunsche. Was aber vor Allem lacherlich herauskommt, ist meine Verachtung gegen das g e s p r o c h e n e Wort, indess ich mehrere, als gescheut ist, daruber mache.

Du siehst, dass ich noch nicht zur Ruhe in mir gekommen bin, und von einem Aeussersten zum andern ubergehe.

Diese Widerspruche machen mich zuweilen muthlos. Ich war auch zeither nicht wohl. Der Streifschuss am Arm machte mir doch mehr zu schaffen, als ich Anfangs dachte. Ich habe gelitten, und, des Krankelns ungewohnt, gerieth ich in einen gereizten, argerlichen Zustand, aus dem ich noch nicht heraus kann.

Vorzuglich verdross mich die ungeschickte und einfaltige Art, eine ernsthafte, auf die stille, innere Ueberzeugung des Menschen, beruhende Handlung, wie einen brutalen Anfall behandelt zu sehen. Das Suhnofer der Ehre, wie diese auch immer verstanden werden mag, muss e h r e n v o l l gefordert und gebracht werden. Es ist denn auch nicht mit einem Bischen Pulverdampf und ein Paar Blutstropfen abgethan. Die Leidenschaft genugt sich s c h n e l l . Das g e k r a n k t e S e l b s t g e f u h l aber muss sich wieder herstellen oder erliegen.

Der ausser sich gerathene Mann lief mir wie ein Rasender in den Weg, drang mir ein Pistol auf, und, ganz achtlos gegen Duellgesetze, schrie er mir zu, in beliebiger Nahe loszudrucken, wenn er es thun wurde. Ohne einen andern als den hochsten Zeugen uber uns, schnell mit mir einverstanden, stand ich ihm, schoss in die Luft, und erhielt die leichte Wunde. Zufallig floss mein Blut rascher und haufiger, als es die unbedeutende Verletzung sonst wohl vermuthen liess. Ich musste in der That lachen, wie erschrocken und stolz mein Gegner um sich sah. Es fiel augenscheinlich eine Last von seiner Seele, wahrend er doch nicht ganz sicher vor den Folgen schien. Ich beruhigte ihn vollig uber mich. In der Ueberraschung, die Angelegenheit so schnell beendigt, und sich selbst vor der Welt behauptet zu haben, sagte er ziemlich unbewacht: "Nun, so gehen Sie, mein Herr, gehen Sie, sich heilen zu lassen! Ich will Ihr Leben nicht langer in Gefahr setzen. Ich habe, g l a u b e i c h , g e z e i g t , d a ss i c h nicht zu den Elenden gehore, die u n g e s t r a f t m i t s i c h s p i e l e n l a s s e n ."

Er ging bei diesen Worten nach seiner Wohnung zuruck, fragte aber doch noch einmal, ob er mir Jemand zu schnellerm Fortkommen schicken solle? Ich dankte ihm, indem ich stehen blieb, und ihm unter den seltsamsten Gefuhlen nachsah. Es war kein Groll darunter, ich versichere Dich. Im Gegentheil ruhrte mich der Mann in seiner harmlosen Selbstzufriedenheit. Mein Blut hatte ihn losgekauft von Spott und Tadel. Alle Stimmen waren fur ihn gewonnen. Er stand rein gewaschen vor den eigenen, wie vor den Augen der Gesellschaft da. Und damit war es gut! Elisens Verlust kann er verschmerzen. Seine bisherige glanzende Stellung hat er gegen eine andere, nicht minder ausgezeichnete, vertauscht. Der Furst ernannte ihn zum Gesandten in P ... Er wird die beste Aufnahme dort finden. Die Geschichte lauft vor ihm her. So ein vom Schicksal Gezeichneter ist sicher, allgemeine Aufmerksamkeit zu erregen. Wahrend man das Anathem uber die Werkzeuge seiner Adversitat spricht, gebietet die Tugend, die Unbilden des trugerischen Gluckes an ihm gut zu machen. Zudem ist der Fall von der Art, dass selbst unsere Kirche die Scheidung gestattet, Elisens eigene Anklage duldet keinen Zweifel. Eduard kann zu einer zweiten Wahl schreiten. Er wird, ich bin es gewiss, nicht lange zu wahlen brauchen. Das Vergangene ist dann in Nacht begraben. Niemand spricht weiter davon. Das Meiste in der Welt gleicht sich auf ahnliche Weise aus. Nur, wo die innern Saiten zersprangen, und die ganze Harmonie mit einem einzigen Missgriff zerstort ward, da flickt und knupft und zieht man sein Lebelang dran, und nichts als falsche Tone in der Seele.

Ich komme von einer langen Wanderung durch Feld und Wald zuruck. Zu den alten, lieben Stellen mochte ich nicht hingehen. Es ist noch soviel Krankes in mir, das geschont sein will. Ich ging weiter hinauf, nach der grossen Heerstrasse zu. In einiger Entfernung von mir zieht sich die Chaussee an den Bergen hin. Ich folgte dem weissen Streif in seinen Krummungen, und mass die Ferne, unter beengenden Gefuhlen. Die kleinen Staubwirbel, welche die Forteilenden zuruckliessen, umhullten die Wipfel der Pappeln in aschgrauen Schleier, wahrend unterhalb die flache, fahle Strasse ode da lag. Das ist das Leben! seufzte ich. So verwischen sich seine Spuren! So zerrinnt jede Erinnerung in die grosse, allgemeine Auflosung der Dinge!

Ich gestehe Dir, Heinrich, mir schauderte vor dem Gedanken! Allein, und losgerissen, wie eins dieser schwirrenden Staubchen, fuhlte ich mich mehr als je uberflussig auf der Erde; das Leben schien mir unnutz, und der Schmerz so bedeutungslos, wie die Freude.

Nenne es Zufall, oder wie Du willst, dass gerade jetzt der frische Gesang eines Wanderers aus dem Thale, zu mir heraufschallte, ein dunkler Zug mir etwas Bekanntes zuruckrief, und mich zwang, den Ton zu begleiten. Was ich horte, war die Melodie eines unsrer Regimentslieder. Ich hatte sie unzahligemal gehort. Jetzt besann ich mich darauf. In demselben Augenblick trat auch ein junger Bursche in der wohlbekannten Dragoneruniform, Pallasch und Helm auf der Schulter tragend, aus dem Gebusch. Er trallerte sein Liedchen, wahrend er, von ungewohntem Gehen wohl ein wenig ermudet, in lassiger Weile, uber den Wiesengrund schlenderte. Die Exerzierzeit war nun uberstanden, das braun gebrannte Gesicht trug noch die Spuren von Hitze und Anstrengung, aber der kriegerische Schmuck, und die scharfe Waffe ruhten friedlich auf dem Nacken, der sie doch mit Stolz in die Heimath zurucktrug. Das Metall blinkte hell in der Sonne, es war, als tanzten goldne Funkchen neben dem guten Jungen her, ihm die Muhen des Lebens zu uberglanzen.

Ich kann Dir nicht sagen, was alles zugleich in mir wach ward. Freude, das Alte wieder zu sehen, Erinnerung an Gemeinschaft und Verbruderung, an die Zeit, wo all der Sturm und Drang im Innern etwas wollte, wo kein Zweifel uber die grosse Absicht des Daseins entstehen konnte, die Brust weit, der Wille stark, das Herz offen und frei war. Heinrich, ich sehe Dich, die Freunde, mich selbst, junger, besser wieder. Ich wurde jung, wie damals, ich rief den Dragoner an. Er stand stille und sah herauf zu mir. Ich nannte ihm meinen Namen. Er wusste nichts von mir. Er war nach mir zum Regiment gekommen, gleichwohl traten wir cameradschaftlich zusammen. In seinen Augen blitzte angenehme Ueberraschung, hier Anhang und Schutz zu finden. Er betrug sich gegen mich mit ehrfurchtsvoller Zuruckhaltung. Ich kann Dich versichern, mir war seit lange einmal wieder wohl. Eine Weile gingen wir mit einander, dann theilte sich unser Weg. Er ist nicht weit von hier zu Hause. Ich beschenkte ihn, was er mit jener Beschamung stolzen Selbstgefuhls, nicht ohne einiges Errothen, und, wie er sagte, nur von einem ehemaligen Herrn Offizier seines Regiments annahm. Als er nun mit erfrischtem Muthe weiter ging, und mehrmals, unter wiederholten Begrussungen, nach mir zurucksah, da ward mir, als trennte sich ein Bekannter von mir. Ich sah ihm geruhrt nach. Ist es das? fragte ich mich. Ruft das Leben aus diesem Ton? Will es mich dahin zuruck haben?

Ich fragte mich das seitdem ofter. Heinrich! wahr ist es, E t w a s muss der Mensch doch wollen, oder er geht unter. Was s o l l ich aber? Und dann. So kann es doch nicht wieder werden! Alles ist dagegen. Es passt auch nicht.

Wirst Du mich verstehen, Heinrich, wenn ich Dir sage, dass es Emma ist, die mich hier festhalt? Sie ist so plotzlich, so unnaturlich, mochte ich sagen, von mir losgerissen worden. So lasst es ihr Herz, so lasst es das Leben nicht. Ich weiss das gewiss. Ich bleibe deshalb, und warte, bis sie mir sagt, was s i e will, was ich s o l l . Erklare mir, wenn Du kannst, die unbegreiflichen Widerspruche des Herzens. Ich gehe nie an ihrem Fenster voruber, ohne dass es mich heiss durchrieselt, ohne dass mein nasses Auge sie hinter den Scheiben sucht. Heute bei meiner Heimkehr erschutterte es mich unaussprechlich, als ich die Fenster ausgehoben, die Vorhange aufgeschlagen fand, und das tiefe Zimmer so dunkel und ode nach Aussen heraustrat. Ich stand lange davor. Druben auf dem Altane sass der Oheim. Er hatte den Kopf in die Hand gelegt, und betrachtete mich gedankenvoll. Ich fuhlte, was in ihm vorging. O ware Emma in diesem Augenblick nun und was dann? wirst Du fragen. Ja, dies d a n n , ist eine lange, unbestimmte Zukunft, und der Mensch, Heinrich, ist ein Mensch.

Lebe wohl! Ich will morgen zu meinen Dragonern hinuber reiten, und mich wieder jung schwatzen.

Curd an die Grafin Ulmenstein

Wie beschamen Sie mich, gnadige Frau! Sie lassen sich herab, mir zuerst wieder zu schreiben, mich willkommen zu heissen in der Heimath! mir zu sagen, dass ich erwartet werde, dass ich nur eilen soll, mich der grossmuthigsten Beschutzerin zu Fussen zu legen, die ihren reichen Vorrath launiger, unterhaltender Mittheilungen fur mich in Bereitschaft halt.

Wahrhaftig, kann mich etwas mit dem Gedanken versohnen, wieder in unsere gute, alte Stadt zuruckzukehren, so ist es allein Ihre Gnade, Ihre liebenswurdige Gesellschaft, das elegante Haus der einzigen Frau in Deutschland, die Hoffnung, den Zirkel dort wieder zu finden, der sich allein um solchen Mittelpunkt versammelt.

Sie, Gnadigste, konnten den Aufenthalt in Paris allein vergessen machen! Welche Anspruche auf die Dankbarkeit des deutschen Reisenden haben sie nun vollends dadurch, dass er bei Ihnen nichts von Allem vermisst, was er im Auslande zuruckliess! Wusste ich nur, was ich thun konnte, um mich einigermassen eines solchen Gluckes wurdig zu zeigen! die schwachen Beitrage, welche ich zu Ihrer Unterhaltung liefern kann, sind nicht von der Art, um mir ein Recht auf die mir so vielfach bewiesene Aufmerksamkeit zu geben. Kleine Reiseabentheuer, in denen sich mein unbedeutendes Selbst verflochten findet, war ich schon so dreist, Ihnen vorzulegen. Leider ist mir aber nichts Bedeutendes begegnet. Ehrlich gesprochen, gnadige Grafin, Leute, die nichts Besonderes sein wollen, erfahren sehr selten etwas Ausserordentliches. Die gebildete Gesellschaft duldet nirgends auffallende Ereignisse. Ueberall giebt es einander ahnlich sehende Gesetze, strenge Polizei, geebnete Strassen, uber die man pfeilschnell hinfliegt, grosse Stadte, grosse Welt, und fast nur e i n e Sprache, ob diese franzosisch, englisch oder deutsch heisst, Menschen von Erziehung reden alle aus einem Tone. Das bestatigen uns die neuesten Reisebeschreibungen. Sie sagen immer dasselbe, wenn sich nicht so ein guter, wandernder Kunstler auf die Beine macht, und uns sein Abentheuer zum Besten giebt. Ich versichere Sie, der Parmesankase schmeckt in Parma nicht anders als in unsrer Residenz, der achte Syllerie wird uberall n u r a c h t geschatzt, franzosische Koche an jedem Orte gut bezahlt, Truffeln aus Perigord, so wie Strasburger Pasteten machen die Reise bis nach Neapel, der Mann von Geschmack isst im Norden und Suden gern gut, und die Frauen durfen nur die Augen in den Spiegel werfen, um zu unterscheiden, ob eine Pariser Toilette sie kleide? Uebrigens wissen Alle, was ein hubscher Fuss in der Welt gilt, w i e er am zierlichsten beschuhet, w i e am vortheilhaftesten gesetzt wird. Wer s u c h t , der wird f i n d e n , heisst es. Es suchen die Klugsten d a s s e l b e , und Einige finden es uberall. Der ganze Unterschied besteht darin, dass dies mit mehr oder weniger Grazie geschieht. Indess, gute Tanzmeister finden sich dann doch an den meisten bedeutenden Orten. Selbst in Deutschland ist, Gott sei's gedankt! die Erziehung hierin soweit vorgeschritten, dass man dreist eine Comtesse Ulmenstein neben die gewandteste Pariserin stellen darf. Sie sehen, gnadige Frau, etwas Neuem begegnete ich eben nicht. Wie sehr muss ich auch hierin gegen Sie zuruckstehen, Sie, die mir den aller reichhaltigsten Brief, voll der bizarrsten Katastrophen mitzutheilen die Gnade hatten. Welch ein Wahnsinn befiel denn Ihre Nachbarn! Die Tragi-Komodie am See beschreibt Ihre meisterhafte Feder im Styl einer Seriguee. Ich war dadurch so uberrascht, dass ich Anfangs die ganze Sache fur eine Fiction Ihrer scherzhaften Laune hielt. Die ausserordentliche Wahrheit, mit der Sie das Gemalde hinstellen, konnte mich auch nicht so leicht irre machen, da ich wohl schon ofter Gelegenheit hatte, ein Talent zu bewundern, das eben so tauschend trifft, als glucklich malt. Indess sollte ich in Kurzem durch den Augenschein uber jene Zweifel belehrt werden.

Ja, gnadigste Frau, durch den Augenschein. Die schone Elise halt sich im Hause meiner Mutter auf. Denken Sie sich die Ueberraschung, als ich hier ankam, und die Verbannte unter e i n e m Dache mit mir fand! Es mochte sie wohl nicht weniger uberraschen; denn ich eilte dem Briefe, der meine Ankunft bestimmt meldete, fast um acht Tage voraus, und verhinderte sie so an der Ausfuhrung des Vorsatzes, mir das Feld zu raumen. Ich gestehe, ich wusste es ihr Dank, dass sie nicht eben begierig auf meinen Anblick war. Es setzte mich in grosse Verlegenheit, ihr gerade an diesem Orte zu begegnen. Ueberhaupt macht man immer ein einfaltiges Gesicht, wenn man Jemand nach einem Unfall oder sonstiger Veranderung seiner Lage, wiedersieht. Hier war nun vollends etwas Beleidigendes im Spiel, das mir das verwandte Blut ziemlich warm durch die Adern jagte. Ich konnte es weder mir noch meiner Mutter verbergen, dass, nach der einfaltigen Geschichte, Elisens Aufenthalt hier im Hause einen Theil des Ridiculs auf uns zuruckwerfe, das sie auf sich lud. Ich stritt lange mit der nachsichtsvollen Frau, die zu fern von der Welt lebt, um das Gewicht ihres Urtheils zu kennen. Es verdross mich, gleich beim Wiedersehen gerade hierdurch gestort zu werden. Leider giebt es ohnehin bei jeder Nachhausekunft Storungen, die auf der ganzlichen Verschiedenheit der Verhaltnisse beruhen, und die noch erhoht werden, wenn zu den eigenen Unannehmlichkeiten, fremde hinzukommen.

In solcher totalen Verstimmung machte ich den nachsten Morgen, ganz gegen meine Gewohnheit, in aller Fruhe einen weiten Spatziergang, querfeldein durch Wald und Wiesen. Ich hetzte mich gewissermassen mude, in dem Gedanken, zahmer und williger das Ungemach uber mich ergehen zu lassen. Es gelang mir auch. Die freie Luft hatte mich um Vieles abgekuhlt, der Anblick einer ganz hubschen Besitzung, mit angenehmen Aussichten fur die Zukunft erfullt. Vorzuglich verhiess der Wald, mit seinen starken, lang geschonten Holzungen, die letzten Reisekosten zu decken. In Gedanken dieses schnell berechnend, nahm ich meinen Ruckweg nach Hause. Ich ging rasch, wie man unter dem Entwerfen vortheilhafter Plane geht, ohne rechts und links zu sehen. Plotzlich stehe ich vor meiner hubschen Cousine. Sie ruhte ganz idillisch, wie man sonst Figuren auf Tassen malte, unter einer Eiche am Wiesenrande, vor ihr weideten die Schafe. Ein grosser Strohhut beschirmte ihr Gesicht, sie lehnte sich seitwarts gegen den aufgestemmten Arm, so dass sie halb liegend den Rasensitz einnahm. Sie sah allerliebst aus. Ich blieb eine Weile stehen, um sie genauer zu betrachten. Als sie mich bemerkte, richtete sie sich schnell in die Hohe. Sie sah mich verwundert an. "Wie?" fragte sie, ohne Verlegenheit oder Affectation, ganz in ihrem gewohnlichen Tone: "sind Sie es, Curd? So fruhe? das ist wohl etwas Neues, was Sie von Reisen mitbringen?"

Sie lachelte bei diesen Worten, und zeigte zwischen den frischen Lippen die schonen, weissen Zahne, die ich so oft an ihr bewunderte.

Weiss der Himmel, ich gerathe doch sonst nicht leicht aus der Fassung, aber diese unbefangene Art, mich zu bespotteln, verwirrte mich. Sie bemerkte es. "Nun," sagte sie, "was stocken Sie denn so? Haben Sie es verlernt, mit mir zu reden? oder scheuen Sie es etwa?"

"Ich sehe," erwiederte ich schnell gesammelt, indem ich Platz neben ihr nahm. "Ich sehe, Sie fangen es da wieder mit mir an, wo Sie es gelassen haben, Sie machen sich sogleich wieder uber mich lustig."

"Ach, mein lieber Curd," seufzte sie mit ganz unveranderter Miene. "Es fangt sich im Leben niemals, wie in einem Buche, auf d e r Stelle wieder an, wo man stehen blieb; und das Lustigmachen hangt genau mit der Lust zum Lachen zusammen. Aber kommen Sie," fuhr sie fort, "wir sind wohl hiermit fertig. Sie haben den Schreck uberwunden, mich zu sehen. Ich habe Ihnen uber die Verlegenheit der ersten Anrede weggeholfen, weiter mochten wir doch nicht leicht kommen, und Ihre Mutter will fruhstucken."

Sie stand hier von ihrem Sitze auf, band die Hutschleife unter dem Kinn fester, und ging, diesen vor dem anhebenden Wind mit der einen Hand haltend, so leicht und frei vor mir her, als konne weder Vorwurf noch Kummer ihr etwas anhaben.

Gerade in solchem Morgenanzuge, mit demselben feinen florentinischen Hute hatte ich sie auf der Jagdparthie am Tage meiner Abreise das Letztemal im vollen Glanze der glucklichsten Stellung bewundert, verehrt, gesucht, gesehen; neben ihr auf dem Rasen gesessen, mit ihr gelacht, und alle Ausfalle neckender Laune uber mein Reiseproject erduldet. Und nun! Ich konnte mich nicht einer Aufwallung von Mitleid mit der jungen, reizenden Frau erwehren. Es war mir ganz unbegreiflich, wie gerade sie zu der sentimentalen Schwarmerei kam!

Viel nachsichtiger als zuvor gegen sie gestimmt, bot ich ihr den Arm. "Ich danke Ihnen," sagte sie mit kurzem Kopfnicken, mehr hoflich als freundlich. "Sie wissen wohl von unsern ehemaligen Spatziergangen her," fugte sie hinzu, "ich gehe lieber allein, man ist so freier."

Ich lachelte. Sie that nicht, als wenn sie es bemerkte. Ihr lag sichtlich daran, eilig nach Hause zu kommen. Sie sprang auch eine Strecke vor mir her die Treppe hinauf. Ihre Eile musste meine Mutter befremden, die schon im Vorsaale stand, uns zu empfangen. Sie machte ein peinliches Gesicht, und sah verlegen nach mir hin, als furchte sie, ich konne Elise gekrankt haben. Doch diese sah sich nicht sobald von einem tete-a-tete mit mir befreit, als sie unbefangen an dem Fruhstuck Theil nahm, und sich von Italien erzahlen liess. Man merkte aber nicht, dass sie sich Gewalt anthue; doch nach einer Weile ward sie zerstreut. Sie ruckte sich tiefer in das Sopha hinein, schlug die Arme ubereinander, lehnte den Kopf zuruck, ohne langer das Ansehen haben zu wollen, als interessire sie, was gesprochen ward. Auf eben diese Art wandte sie sich auch, wahrend einer Pause, wie plotzlich von einer Empfindung getrieben, zu meiner Mutter, fasste sie bei der Hand, indem sie geruhrt sagte: "Liebe Tante, es war mein Vorsatz von Anfang an, Sie meinetwegen in keine Verlegenheit zu setzen. Deshalb wollte ich Ihr Haus vor Curds Ankunft verlassen. Glauben Sie nur, ich weiss genau, wie unsicher er mit mir ist, und wie Sie das angstigt. Ich wurde mich auch jetzt gleich auf den Weg machen, und nicht so schwankend zwischen Mutter und Sohn, bei dem ersten Wiedersehen nach langer Trennung, stehen bleiben. Allein, ehrlich gesagt, weiss ich nicht recht, wohin ich mich sogleich schicklicher Weise wenden konnte? und dann furchte ich auch, Ihnen, liebe Tante, wehe zu thun."

Wir hatten vergeblich gesucht, sie zu unterbrechen. "O!" rief sie aus, "ich fuhle wohl, was Sie mir erwiedern m u s s e n , was Sie auch in dieser Minute aus Ueberzeugung erwiedern werden, allein das ist doch alles nicht von Bestand. Es konnen tausend unzuberechnende Zufalligkeiten eintreten, von denen eine einzige hinreicht, Verdruss zu erregen. Wer Aergerniss gegeben hat, darf sich nicht wundern, wenn man sich uber ihn argert, und besonders ein Weltmensch, wie Ihr Sohn, liebe Tante, d e r verzeiht nichts so schwer, als einen Eclat, der nicht niederzuschlagen ist. Ich habe die ganze Nacht die Sache hin und her erwogen, ohne etwas anders auszumitteln, als dass wir einander aus gegenseitiger Rucksicht soviel als moglich aus dem Wege gehen mussen."

"Um Alles in der Welt, Kind!" fiel meine Mutter ihr ins Wort, "wie verstehst Du das? Soll es von mir heissen, ich habe einen Gast in meinem Hause, und vernachlassige meine Schuldigkeit gegen ihn? oder wollen mich die Leute glauben machen, Deine Familie habe Dich auch verstossen, weil Du zu gewissenhaft und zu lebhaft warst, da zu schweigen, wo es keinen andern Klager gegen Dich gab, als Dich selbst? Einander aus dem Wege gehen! auf dem Lande in e i n e m Hause! Du bedenkst die Unmoglichkeit nicht."

Elise umarmte sie begutigend. "Gute, beste Tante," sagte sie, "missverstehen Sie mich nicht, als wolle ich mich Ihrer Gesellschaft vollig entziehen. Bewahre mich der Himmel vor solcher Undankbarkeit. Allein jetzt, da Sie bessere Unterhaltung haben, geben Sie nicht allzu genau darauf Acht, wenn ich einmal an Ihrem Tische fehle, mein Zimmer Ihnen verschlossen bleibt, oder ein langer Spatziergang mich weiter von hier entfernt, als es gewohnlich geschieht. Lassen Sie mich kommen und gehen, ohne Arges dabei zu haben. Begegnen wir einander, so verdenken Sie mir's nicht, wenn ich zuruckbleibe, oder nicht Ihren Weg nehme. Denken Sie dann, dass ich es scheue, Ihnen lastig zu werden, und auch unfahig sei, mich gerade jetzt zu beherrschen."

Ich versicherte sogleich, ihre Aeusserungen moglichst leicht nehmend, dass sie von mir keine Belastigung zu furchten habe, und da mein Aufenthalt uberhaupt nur von kurzer Dauer sei, so hoffe ich, solle sie der nicht belastigen. Sie sah bei diesen Worten uberrascht und ungewiss zu mir auf. Doch liess sie es dabei. Auf ihrem klugen Gesicht lag allerlei, was ich nicht sogleich entziffern konnte. Meine Mutter war nun froh, dass sie nicht mehr an die Abreise dachte. Sie sagte ihr in meinem und ihrem Namen jede Bedingung zu, worauf sie, ein hausliches Geschaft zu besorgen, das Zimmer auf einen Augenblick verliess.

Kaum dass sie sich entfernt hatte, so wandte sich Elise rasch zu mir. "Horen Sie, Curd," sagte sie, in allem ihrem fruhern uberlegenen Ernst, "ich will annehmen, Sie meinen es gut mit mir. Es kann ja sein! Was hatten Sie auch davon, mich zu kranken! Deshalb verderben Sie mir nicht durch wohlfeile Witzeleien und magern Spott, uber sentimentale Bizarrerie, meinen Lieblingsplatz unter den Eichen. Lassen Sie mich da machen, was ich will, und kummern Sie sich nicht darum, wenn es Ihnen auch lacherlich vorkommt, dass ich meine Freude an den Thieren habe, die dort weiden. Manch armes Lammchen, das auch keine Mutter hat, wie mein "

Sie stand hier, von innerer Ruhrung uberwaltigt, vom Stuhle auf, und trat, mir den Rucken wendend, ans Fenster. Sie weinte bitterlich. Mir that es im Herzen wehe; ich hatte nicht den Muth, sie anzureden.

Kurz darauf war sie gefasst genug, mich zu fragen, ob ich ihr versprechen wolle, auf die vorgeschlagene Weise, hier in Frieden mit ihr zu leben? ihre Ruhe zu ehren, und nicht den Spaher und Critiker gegen sie zu spielen?

Es versteht sich, dass ich mir in der Stimmung, worin wir gerade waren, keinen unzeitigen Scherz erlaubte, ganz ihren Befehlen zu gehorchen versprach, und zum Beweis meiner Willfahrigkeit ihr nicht folgte, als sie, zufrieden mit meiner Zusage, in den Garten ging.

Sie hatte auch wirklich in dem Augenblick von mir fordern konnen, dass ich sogleich aufbrechen und das elterliche Haus ihretwegen raumen sollte, ich ware nicht im Stande gewesen, "N e i n " zu sagen. Sie hatte mir's angethan, ich war wie bezaubert von ihr. Wahrhaftig, ein bischen Sunde, ein bischen Ungluck macht die Frauen erst reizend, begegnet man ihnen nun noch dazu, ausgestossen von der Welt, in irgend einem entlegenen Winkel auf dem Lande, wer kommt da nicht auf den Einfall, einem gefallenen Engel wieder aufhelfen zu mussen?

Ihnen gnadige Grafin, darf man dergleichen fluchtige Empfindungen schon anvertrauen, ohne Furcht, missverstanden zu werden, und so gehe ich denn noch weiter, und bekenne Ihnen, dass ich den ganzen Tag eine gewisse unruhige Verwirrung nicht los werden konnte, und noch spat Abends ein Paar Pferde mude reiten musste, ehe ich hoffen durfte, es zu Hause auszuhalten. Mein heisses Blut sollte indess durch eine ungeheure Mistification abgekuhlt werden. Horen Sie nur, gnadige Frau! Es war voller Abend, als ich endlich zuruckkehrte. Meinem Versprechen getreu, umritt ich den Anger, die Baume, Elisens Ruheplatz, in weitem Kreise. Gleichwohl zog es mich, zu sehen, ob sie wieder da sasse. Ich hielt auf einer kleinen Anhohe. Der schone, grune Teppich lag unter mir, ich ware vor mein Leben gern daruber weggesprengt, zu der lokkenden weissen Gestalt hin, die mit raschen, kurzen Schritten am Rande der Erlenbusche auf- und abging, zuweilen still stand, umhersah, und dann, wie nach vergeblichem Warten, ihren Spatziergang aufs Neue fortsetzte.

Ich wurde, je langer ich dies unstate Umherwandeln beobachtete, immer gespannter. Es fing an zu dunkeln. Bald sah ich nichts mehr als Elisens Kleid durch die schwarzen Nachtschatten hin und wieder gleiten. Jetzt mit einemmale kam mir's vor, als verdopple sich dieser Schatten, und gehe auf der andern Seite neben ihr. Doch blieb er nicht immer sichtbar. Zuweilen verlor er sich im Gebusch, dann mit einemmale sank er ganz zusammen, und schien nur bis an ihre Kniee zu reichen.

Was ist das? fragte ich mich, halb und halb meiner Sache gewiss. Ein Mann! so wahr Gott lebt! ein Mann! rief ich, gab meinem Pferde die Sporen, und war, wie der Blitz, bei den Erlen. Indem sprang Jemand zwischen den knisternden Zweigen hindurch. Elise eilte pfeilschnell nach dem Garten zuruck. Dort ereilte ich sie, nachdem ich mich vergeblich bemuht hatte, jenen Fluchtling zu erhaschen. Er war, wie vom Erdboden verschwunden. Das Gartenthor musste von der andern Seite ins Schloss gesprungen sein. Elise qualte sich umsonst, es zu offnen, als ich vom Pferde stieg, und dieses am Zugel haltend, mit den Worten zu ihr trat: "Warten Sie, Cousine, ich will Ihnen helfen." "Ich danke, ich danke Ihnen," entgegnete sie mit abgebrochener Stimme und schnellem, kurzem Athemzuge. Ich hatte ihre Hand beim Drehen am Schlosse beruhrt. Sie bebte wie von Fieberfrost geschuttelt. "Mein Gott," rief ich besturzt, "Elise, was ist Ihnen?"

"Lassen Sie es gut sein," flehte sie kaum horbar, "halten Sie Wort, Curd, forschen Sie nicht, es hilft zu nichts mehr! Mein Gott!" seufzte sie, einen Augenblick auf meinen Arm gestutzt. "Bin ich doch bis zum Tode erschrocken!" Doch gleich darauf nahm sie sich zusammen. "Es ist jetzt ganz voruber," lachelte sie. "Reiten Sie nun ruhig weiter, ich bin ja zu Hause."

Sie machte sich los, und ging hinein. Ich sah sie den Abend nicht wieder. Heute Morgen erschien sie auch nicht beim Fruhstuck. Ich hore, sie habe Briefe erhalten. Ihre Kammerjungfer versichert, die arme Dame bade sich in ihren Thranen.

Ich bin geheilt, Gnadigste! Ich weiss, was diese Thranen bedeuten. Ohne allen Zweifel war Hugo hier. Hatte ich ihn zu d e r Stunde, auf dem Gebiet meiner Mutter gefasst, er ware nicht lebend von der Stelle gekommen! Vergeben Sie, Frau Grafin, dass ich soviel und so Unbedeutendes schwatze. Die neuesten Tagsbegebenheiten, selbst aus einem armen Dorfe, reissen stets die Feder wie die Gedanken mit sich fort. Ueberdem greift das hier Vorgefallene in das Gewebe der letzten Residenzgeschichten mit ein, und erhalt dadurch einiges Interesse. Ich hoffe deshalb auf Ihre Verzeihung.

Gewahren Sie diese

Ihrem unterthanigsten

Curd.

Leontin an den Comthur

Alles vergebens! Ich kann sie nicht mehr auffinden! Es ist, als waren sie von der Erde verschwunden. Bis hierher folgte ich einer Spur, die ich fur die ihrige hielt, und die mich auch wirklich nicht betrog. Es war naturlich, meine Richtung nach der Heimath der Frau Oberhofmeisterin zu nehmen. Wir waren hieruber einig, wie Sie sich erinnern werden. Ich durfte gleichwohl nicht auf der grossen Strasse bleiben, gewiss, den Reisenden am wenigsten zu begegnen, wenn diesen, wie es das Ansehen hatte, daran lag, Widerspruch und Gegenrede auszuweichen. Ich fand auch bald in Gebirgshutten, in versteckten Thaldorfern oder in entlegenen Klostern Nachricht von einer schonen, vornehmen Kranken, die, in Begleitung ihrer Mutter, schnell und geheimnissvoll durch diese Orte reiste, wenige Stunden der Ruhe gonnte, selten nur irgendwo an einem Orte ubernachtete. Diese Eile, die glanzende Equipage, das Incognito, alles erregte meine Aufmerksamkeit. Die Leute erzahlten gern davon, und vielleicht mehr und umstandlicher, als es im Verfolg gewohnter Weise auf gewohnlichem Wege geschehen ware. Ich erkannte indess hierin die vorgreifende Hand der Oberhofmeisterin, die das W i e so oft uber das W a s in ihrem leidenschaftlichen Wollen vergisst.

So durchzog ich den Schwarzwald. Ich kam eines Abends bis zum Fusse eines der hochsten Berge. Der Weg uber denselben war in der Dunkelheit nicht mehr zu finden. Ich kehrte in einem freundlichen Hof, bei wackern Leuten ein. Das geraumige Haus, die geordneten Umgebungen liessen auf gastliche Bewohner schliessen. Ich konnte nicht zweifeln, dass diese, an ahnlichen Besuch gewohnt, niemals durch denselben uberrascht oder gestort werden wurden. Gleichwohl nahm ich nach dem ersten treuherzigen Grusse einige Befangenheit auf den ehrlichen Gesichtern wahr, die mich verlegen machte. Es musste irgend ein besonderer Fall sie personlich getroffen, ihrer wohlwollenden Offenheit Zwang angelegt haben. Ich ward in ein grosses, hallenartiges Gemach gefuhrt, das eher einem Vorrathsgewolbe als einem Wohnzimmer ahnlich sah. Es standen offne und verschlossene Schranke, Kisten und Kasten, auch Handwerksgerath und andere Gegenstande umher. Als ich mich ein wenig verwundert hier umsah, lachelte der Wirth, der allein bei mir geblieben, und angstlich bemuht war, mir Bequemlichkeiten zu verschaffen, welche der, zur Aufnahme von Fremden wenig eingerichtete Raum, entbehrte. "Wir haben druben einen Bau vorgenommen," sagte er, indem sein Auge verschamt zu Boden sah. "Das Kammerchen, in welchem wir furs Erste eingeklemmt sind, hat nicht Platz fur Gaste," fuhr er mit abgewandtem Gesicht fort. "Wir hatten uns deshalb auch gar nicht unterstanden, einem vornehmen Herrn unser schlechtes Obdach anzubieten, ware es nicht unrecht, irgend Jemand von der Thure zu weisen, an die er geklopft hat."

Er sprach die letzten Worte lauter und zwangloser, als die fruhern. Sie kamen ihm aus dem Herzen. Er hatte dieses nun erleichtert, und bezeigte sich wahrend dem Herzutragen von Stuhlen und Tischen, Speise und Trank, sehr herzlich und gesprachig.

Nach einer Weile blieb er indess weg. Es wahrte lange, ehe die Frau seine Stelle einnahm. Ich behielt Zeit, bei mir uber aufsteigende Zweifel nachzudenken, welche diese sonderbare Aufnahme bei mir erregten.

Wahr ist es, dachte ich, ich habe draussen ein Baugerust, und auf der Flur Leiter, Karren, Maurer- und Zimmergerath bemerkt, es mag mit dem Baue seine Richtigkeit haben, allein wenn ich nicht irre, so ist die ganze vordere Seite des Hauses uberhaupt neu, und dieses Gewolbe, im Zusammenhange mit mehrern andern, tiefer hineingehenden Gemachern, gehort zu dem eigentlichen Hauptgebaude, das ziemlich geraumig sein, und ein wohnlicheres Unterkommen bieten musste. Der redliche Mann stockte auch bei seiner Entschuldigung, als schame er sich einer Luge. Was steckt nur dahinter verborgen?

Die eintretende Wirthin unterbrach dies Selbstgesprach. Sie that sehr emsig, kehrte und wischte im Zimmer umher, ohne meine Fragen, in Betreff der jungst hier Vorubergereisten sonderlich zu beachten. Sie hatte darauf nur allgemeine Antworten, meinte, so manch' Einer ergehe sich, oder werde die Berge hinauf oder herab getragen, spreche bei ihnen ein, lasse auch wohl den stillen Hof bei Seite liegen, ohne dass sie es sonderlich wahrnahmen. Sie sah dabei gleichgultig die Zimmerwande an, und klagte, dass zwischen dem Schnitzwerk uber der Thure die Spinnen Jahr aus Jahr ein ihre Faden zogen. Ich war den hausmutterlichen Blicken gefolgt, der ernste und grossartige Charakter meiner Wohnung fiel mir aufs Neue auf. Ich ausserte dies, zugleich uber den Ursprung und die fruhere Bedeutung des altern Theils des Hauses Erkundigungen einziehend. Die Frau gab keine befriedigende Auskunft, wusste nur Allgemeines von einer ehemaligen Abtei zu sagen, die hier gestanden, und uber die umliegenden Kloster geherrscht habe. Dies Zimmer solle eine Capelle gewesen sein. Alle die Aecker und Wiesen, die Muhle und das ganze fruchtbare Thal habe dazu gehort. Spater, als die Kloster zerstort und wieder erbaut worden, ware eine neue Ordnung an die Stelle der alten getreten, die Abtei sei verodet und verfallen, an den Meistbietenden verkauft worden, und der Besitz ihrer Familie durch Erbschaft verblieben.

Ich hatte ihr aufmerksam zugehort, doch entging mir eine sonderbare Unruhe im Hofe nicht, an welcher auch sie Antheil nahm, ohne es merken lassen zu wollen. Im Gegentheil, redete sie lauter, je achtsamer sie meine Blicke nach dem Fenster gerichtet sah. Ich konnte indess hier nichts entdecken, die Nacht war sehr dunkel, oder schien mir doch so, da stark hervorspringende Mauerpfeiler und hohe, alte Baume die nachsten Gegenstande draussen verdeckten.

Es angstigte mich dies, und uberhaupt, hier wie eingesperrt sitzen zu mussen. Deshalb fragte ich, ob mich Niemand spaterhin, wenn der Mond aufgegangen sei, uber den Berg geleiten wolle? Die Frau schuttelte den Kopf. "Es regnet," sagte sie, "und der unsichere Schimmer hinter dem Gewolk macht die Fuhrer nur irre." Sie rathe mir im Gegentheil, dass ich jetzt ein Paar Stunden zu schlafen versuchen mochte. Fruhe, mit Tagesanbruch, da lasse sich denn schon eher ein Bote finden.

Sie machte sich wahrend dem daran, mein Lager zu bereiten. Matratzen, Betttucher und Decken fanden sich in den Schranken vor. Sie ordnete alles aufs Beste, stellte die Lampe zurecht, und wunschte mir mit dem Zusatze eine gute Nacht, dass, wenn ich gegen Morgen aufbrechen wolle, ich den Schieber dort in der Mauerblende wegziehen sollte. Man sehe unmittelbar einem langen Gang hinunter, der zu ihrer Kammer fuhre. Ich brauche dann nur zu rufen, sie oder ihr Mann wurden mich schon horen. Sie ging mit diesen Worten zu der gegenuber befindlichen Thure hinaus, die sie hinter sich verschloss.

Ihre behende Eile machte es mir unmoglich, sie hieran zu hindern. Indess war mir diese sonderbare Vorsichtsmassregel in dem anscheinend wohlgeordneten, ruhigen Haushalte hochst auffallend; ich gerieth in allerlei widersprechende Besorgnisse, mit denen ich mich lange qualte, ohne an Schlaf zu denken.

So, in dem alterthumlichen Gemache auf- und abgehend, fiel mir der Schieber in der Mauer, und die Moglichkeit wieder ein, Jemand errufen zu konnen. Unwillkuhrlich naherte ich mich der bezeichneten Stelle, um einen vorlaufigen Versuch zu machen. Es gelang damit auch in so weit, als sich wirklich die Oeffnung in der Mauer vorfand, durch welche ich einem langen Gang hinuntersah. Allein es war dabei noch nichts sonderlich gewonnen, da es ungewiss blieb, in wiefern mich derselbe mit den Hausbewohnern in Verbindung setze? Immer war ich sehr entfernt von den Letztern, denn es zeigte sich nur am aussersten Ende des Ganges eine einzige Thure, und da ich diese, eben deshalb, weil es die einzige war, genauer betrachtete, und der Zugwind sie auf- und zuschlug, blieb mir kein Zweifel, dass sie nach einem mit Baumen bewachsenen Vorhof oder Garten fuhre.

Ich behielt keine Zeit, mir selbst in der ersten, unangenehmen Empfindung entdeckter Tauschung recht klar zu werden, denn, indem ich nachsinnend so stand, fiel ein schwacher Lichtstrahl durch jene Thur. Sie ward von Aussen vollig aufgestossen; der Wirth, eine Laterne in der Hand haltend, trat herein, ihm folgten ein Paar rustige Manner. Sie schoben etwas bei Seite, das ich nicht unterscheiden konnte. Dann stellten sie sich dicht zusammen, die Laterne ward hoher gehalten, ich konnte ihnen ins Gesicht sehen, sie lachten, und schienen sich uber einen Gegenstand, den sie einander zeigten, zu freuen. Bald horte ich, dass sie Geld zahlten. Mir gingen widrige Vorstellungen durch den Kopf. Ich hatte Leute und Wagen auf der nachsten Station zuruckgelassen, und war, wie so oft in dieser Zeit, mit einem Miethpferde die Gegend durchstrichen. Bis hierher war mir nie das geringste Verdachtige aufgestossen. Das Volk umher ist so offen, auch die Leute hier fand ich nicht anders, selbst in diesem zweideutigen Augenblick schuttelten sie sich treuherzig die Hande mit einer Miene, die auf nichts weniger als heimtuckischen Raub schliessen liess. So trennten sie sich auch. Zwei gingen wieder dahin, woher sie gekommen waren. Der Hausherr verschwand an der Stelle, wo ich die Seitenwand zu Ende glaubte.

Unschlussig, ob ich gleich jetzt Larm machen, ob ich Jemand herbeirufen und aufbrechen solle? besann ich mich, dass bei wirklich boser Absicht diese dadurch nicht verhindert, der Augenblick nur beschleunigt, und meine Lage misslicher werden musste, da sich ohnfehlbar Alles gegen mich bewaffnen wurde. Auf jeden Fall, dunkte es mir, ware meiner wurdiger, den Ausgang ruhig abzuwarten, wodurch ich mir denn auch die Beschamung moglichen Irrthums ersparte.

Es blieb bei allem dem eine peinliche Nacht, die ich durchwachte.

Ich sass lange vor einem Tischchen, auf welchem die Lampe stand. Mude und doch gespannt, kampfte ich zwischen Schlafen und Wachen, schloss und offnete die Augen, die ich nur unter unsaglicher Anstrengung offen erhielt. Oefter musste ich sie fest auf einen Gegenstand heften, um sie nur nicht zufallen zu lassen.

In solchem Moment sehe ich zwei verschlungene Buchstaben, die mit scharfer Nadel in die glatt polirte Tischplatte hinein gezeichnet sind. Sichtlich ein Gedankenspiel, das sich mehrmals wiederholte. Es war ein E und ein H. Es war Emma's Hand, die mechanisch den stummen Gedanken des Herzens hingezeichnet hatte. Weg war jetzt aller Schlaf. Ich starrte die wohlbekannten Schriftzuge an, als konnten sie mir die lang gewunschte Auskunft geben.

Hier war sie also gewesen! Vor diesem Tischchen hatte sie gesessen! Vielleicht wie ich, den Kopf in die eine Hand gestutzt, wahrend die Andere jene Zeichen malte! Aber w a n n ? wann war das? Wohl ganz kurzlich erst! Wohl gar heute! in dieser Nacht!

Ein entsetzlicher Gedanke flog an mir voruber. Wenn sie es waren, wenn man sie auf dem gefahrvollen Bergubergange beraubt, misshandelt, erschlagen! Meine Sinne verwirrten sich! Ich sturzte ans Fenster, ich ruttelte an der Thure, ich rief donnernd dem langen, unheimlichen Gang hinunter. Es wahrte einige Minuten, ehe man mich vernehmen mochte, dann eilten aber von allen Seiten Herr und Frau und Knechte und Magde herbei. Alle zeigten sich eben so betroffen als besorgt um mich. Einen Augenblick stand ich ihnen verlegen gegenuber. Die Todesangst um Emma riss mich indess in den vorigen Ungestum zuruck. Ich fragte gebieterisch, was aus den Reisenden geworden sei, die hier verweilt, hier gewohnt hatten, die erst kurzlich aufgebrochen seien, deren Handschrift, deren Namenszug ich hier auf dem Tischchen wiedergefunden? Ich weiss es gewiss, setzte ich leidenschaftlicher hinzu, erst in dieser Nacht verliessen sie dies Haus. Ich habe alles gesehen und gehort, was sich zugetragen hat.

Der Wirth stutzte, sah seine Frau an, dann lachelte er sorglos, legte mir die Hand auf die Schulter, und meinte: "Was kann das Alles helfen, w a h r bleibt w a h r . Aber lassen Sie es gut sein. Die Herrschaften wollten nicht, dass man ihnen folge. Sie haben hier rasten mussen, weil die junge Dame nicht weiter fortkonnte. Nun, wir raumten ihnen unsere ganze Wohnung ein. Das wahrte so einen Tag nach dem andern. Besser ward es mit der Kranken nicht. Da meinte die Mutter, sie wollten in aller Stille ihren Weg fortsetzen. Den nachsten Morgen sollte es geschehen. Nun kamen Sie gestern Abend hier an, lieber Herr! Wegweisen durften wir Sie nicht. Wir brachten Sie darum hierher, in die alte Rumpelkammer. Es war uns peinlich genug, aber die alte, gnadige Frau befahl es so. Nachher forschte sie uns genau uber Sie aus. Wir mussten ihr Alles sagen. Ich weiss nicht, was ihr in der Beschreibung so auffiel, dass sie ihrer Tochter angstlich zuwinkte, dann mit ihr heimlich redete, sie leise bat und besturmte, und nach einer Weile erklarte, sie wolle gleich abreisen. Ich solle ganz im Geheim fur ein Paar sichere Trager und Boten mit Laternen sorgen. Unsere Gegenvorstellungen fuhrten zu nichts. Sie blieb unbeweglich, sparte weder Geld noch Ueberredung, und war in einer Stunde auf und davon. Es ging Alles glucklich. Ich begleitete sie. Jetzt muss sie schon eine bedeutende Strecke uber das Gebirge hinaus sein."

"Wohin ging ihr Weg?" fragte ich innerlich froh, ihnen so nahe zu sein. Ich erhielt unbestimmten Bescheid. "Es theilen sich dort unten verschiedene Wege," hiess es, man konne nicht wissen, welchem die Reisenden gefolgt waren. Ich merkte wohl, dass die Oberhofmeisterin Sorge getragen hatte, sich der Verschwiegenheit ihrer redlichen Wirthe zu versichern. Deshalb eilte ich fortzukommen.

Wahrend mein Pferd gesattelt ward, ging ich mit der Wirthin, Emma's Zimmer zu besehen. Es trug noch die Spuren ganz neuerlicher Bewohnung. Am Boden lagen getrocknete Blumen, Papierschnitzelchen, Haarnadeln. Ich sammelte, was ich in der Eile bekommen konnte, und die Stuhle, worauf der Koffer gestanden, die ubereinandergeworfenen Bettdecken, die leeren Tassen, ein kleines Medizinflaschchen mit unbeschreiblicher Ruhrung anstarrend, zerknitterte ich krampfhaft die in den Handen haltende Papiere, als mir einfiel, ob keines derselben mir vielleicht ein hindeutendes Wort verrathen konnte. Ich trat zum Fenster, ich rollte Eins nach dem Andern auf, nur ein einziges war beschrieben, und enthielt folgende Worte:

"So lange Dein Sommer wahrt d a ! ja da! Wenn aber der Winter kommt, die Natur todt, der Boden starr, die Luft schneidend wird, durre Halme, von Reif uberglast, in Deiner Hand zerbrechen, Einsamer! wie wirst Du frieren! wie wird Dein Herz verschmachten!"

Giebt auch die Treue jemals sich selber auf? Ich bin der Grafin Tag und Nacht nachgeeilt, ehrwurdiger Herr! Niemand weiss von ihr. Am Wohnorte der Oberhofmeisterin ist man so unwissend uber sie, als ich es bin.

Morgen werde ich Audienz beim Fursten und seiner Gemahlin erhalten. Vielleicht dass dort!

Abends.

Sie sind uber Basel nach der Schweiz gegangen, und von da nach Italien. Ich folge ihnen sogleich. Gott leite meine Schritte!

Madame Lindhof an den Amtmann

Du schickst den Fritz allein mit der Kalesche zuruck. Du kommst also immer noch nicht nach Hause? Mich dunkt, lieber Sohn, Deine Gegenwart ware hier sehr nothig. Der Regen halt so lange an. Die Arbeit liegt. Ohne Dich wissen sich die Leute nicht zu helfen. Ich furchte, Du wirst in diesem Jahre einen grossen Schaden in Deiner Wirthschaft erleiden.

Wenn nur Deine Wunsche bei allem dem noch erfullt wurden, und die ungelegene Reise zu etwas fuhrte! Ich gestehe Dir, mich angstigt der verlangerte Aufenthalt in der Residenz aus tausend Grunden. Der Furst kann leicht Dein Gesuch ubel aufnehmen, und es mude werden, Dich zu begunstigen. Und am Ende ist es doch auch wohl mehr Unbestand, als der Verlust Deiner guten Frau, was Dich hier wegtreibt! Lass Dir die offenherzige Bemerkung nicht missfallen, lieber Sohn. Ich sage es, wie ich denke; und denke es, weil ich Dich kenne. Glaube mir, in der Jugend sucht der Mensch gar zu gerne nach einem Vorwande in sich, um das zu wollen, was er gerne wollen m o c h t e . Du wirst nun wohl sehen, dass es der Ort nicht thut, wenn man den rechten Sinn nicht mitbringt.

Du stutzest Dich auf die letzten traurigen Ereignisse, und behauptest, hier gehe alles Familiengluck zu Grunde. Es sei, als walte ein finsterer Geist in unserm Umkreis, der bald auf diesen, bald auf jenen niederfalle. Ich kann solchen Aberglauben nicht billigen, lieber Sohn, Gottes Gnade lasst sich nicht bannen. Wer auf sie baut, der mag stehen, wo er will, er steht in seiner Hand.

Es ist wahr, es kann einem manchmal erschrecken, wie sich das Missgeschick einnistet, und Leid und Trubsal unsere Tisch- und Bettgenossen werden, man immer nur traurigen Gesichtern begegnet, und selbst die Kinder sich angstlich umsehen, ob auch kein neues Ungluck im Winkel laure? Es ist so, lieber Sohn! wir erfuhren es Alle, und erfahren es wohl noch. Allein jedes hat seine Zeit, und ich denke, ware man herzhafter, liesse man sich nicht beugen, sahe man mehr auf Gott, es wurde uns nicht so dunkel vor den Augen und so gepresst ums Herz bleiben.

Was hilft das aber Alles! Du hast nun doch einmal Deinen Sinn auf Veranderung gestellt. Du haltst hier nicht aus. Ich kann nicht sagen, ob Du recht oder unrecht daran thust? Wenn es erst so weit ist; wenn man einmal ein Gefuhl ausgesprochen, einen Widerwillen, eine Besorgniss mitgetheilt hat, dann freilich kommt der rechte Muth nicht wieder. Das Missvergnugen ist ansteckend wie die Furchtsamkeit. Ich sagte vorhin, auch den Kindern werde es unheimlich hier. Gestern Abend musste ich das wieder erfahren. Wenn die Scheu und Bangniss allein schon ein Uebel ist, so zieht sie immer noch neue herbei.

Es hatte den ganzen Tag geregnet. Die grosse Stube ist kuhl, und scheint die Sonne nicht, so machen es die alten Linden trube und feucht darinnen. Kinder frieren leicht, wenn sie einmal nicht draussen im Freien sein konnen. Ich hatte gegen Abend Feuer ins Kamin machen lassen. So lange die Flamme hell brannte, war es eine Lust fur die Kleinen. Wie sich aber das Holz verkohlte, und die Gluth matter und dunkler ward, dann die Dammerung eintrat, da drangte sich der kleine Kreis enger zusammen.

Sie erzahlten einander Hexengeschichten und andern tollen Schwank. Annchen sass auf meinem Schooss im Winkel am Kamin. Sie hatte das Kopfchen an mich angelehnt, und sah zuweilen, mit den klugen Augen blinzelnd in die meinigen. Ich kusste sie, indem ich, von der Aehnlichkeit mit der Verstorbenen getroffen, leise sagte: "Ganz wie die Mutter!" Der arme, kleine Georg hatte unterdessen sein Fussbankchen dicht zu mir herangezogen, die Aermchen um meine Kniee geschlungen, das Gesicht hineingedruckt, als wolle er schlafen. Jetzt horte ich ihn schluchzen, und da ich sanft seinen Kopf in die Hohe richte, bricht es wie ein Schrei aus dem kleinen, gepressten Herzen: "Mutter! Mutter kommt auch gar nicht wieder!" Mir ging das durch die Seele, und vollends, als Annchen altklug versicherte: "Mutter ist todt, ja gewiss, sie ist todt!" Georg sah entsetzt auf, seine Thranen stockten. Es war, als wolle er mir das J a oder N e i n auf den Lippen lesen. Ich hatte Muhe, ihm die Bedeutung von Annchens Aeusserung begreiflich zu machen. Er seufzte tief, kam zu mir herauf, und sagte mir leise ins Ohr: "Darf ich denn nicht mehr in unser Haus gehen? Ich mochte doch so gern!" Er brachte das Letzte nur unter vielen Thranen stockend heraus. "Vater," flusterte ich eben so leise, "hat den Schlussel mitgenommen. Du weisst ja, die Thuren sind verschlossen, wir konnen sie nicht aufmachen."

"Wir konnen sie nicht aufmachen?" wiederholte er, das Kopfchen nachdenkend in die Hohe richtend. "Und Mutter auch nicht, wenn sie wiederkommt?" setzte er hinzu. Ich kusste ihn, mit der Bitte, nur bis dahin Geduld zu haben. Allein er wiederholte bittend: "aber ich mochte doch so gern, so gern in unser Haus gehen! komm doch, komm!" bis ich ihn zuletzt ermahnen musste, artig und folgsam zu sein. Annchen gab hier, wie immer, ihr Wort dazu, und drohte mit dem schwarzen Manne, wenn er noch langer weinen wurde. Im namlichen Augenblick stiess der Wind ein Fenster auf, die Kammerthur gegenuber sprang aus dem Schloss, der Wind fuhr heulend durchs Zimmer, die altern Kinder fluchteten sich angstlich ans Kamin. Franz stiess mit dem Fuss die Gluth zusammen, warf frisches Holz hinein, und als dieses prasselnd aufflakkerte und der Schein den nachsten Umkreis erhellte, sagte er, es sei was Schwarzes durch die Stube gegangen.

Die Kleinen fingen nun laut an zu schreien. Ich schalt ihn thoricht, rief die Magd, hiess sie Licht bringen, und suchte in der Zwischenzeit die erschrockenen Kinder zu beruhigen.

Allein auch ich sollte ein wenig ausser Fassung gerathen, als wirklich eine Figur auf mich zuschritt, und ich erst nach einer Weile den halb verwirrten, unglucklichen Caplan erkannte, der von der Gartenseite durch die Kammer hereingekommen war. Bei dem ersten Laut seiner Stimme zitterte Georg so heftig, dass ich, alle Gastlichkeit bei Seite lassend, zuerst das Kind entfernen, und es der Obhut seines alten Dieners einstweilen uberlassen musste. Als ich zuruckkam, war der unstate Tavanelli schon wieder verschwunden. Ich war nahe daran, ihn fur einen Spuck zu halten, hatte mich Franz nicht versichert, er sei wirklich hier gewesen, habe mir und Georg finster nachgesehen, und mit Unwillen ausgerufen: "So hassen, so fliehen sie mich Alle! Ich meinte es gut! Sie verstehen es nicht besser!" Worauf er nach der Thure eilte, und im Hinausgehen, ohne sich umzusehen, hinzufugte: "Sagt der Grossmutter, ich wurde wiederkommen, ich musste sie sprechen!"

Mir machte das Letztere angst und bange. Der ganze Abend war mir verdorben. Bei jedem Windstosse, bei dem Rascheln der Blatter an den Scheiben, bei dem Knarren der Thure, fuhr ich in die Hohe, und glaubte, jetzt komme er ganz gewiss. Doch eine Stunde nach der andern verging, ohne dass er weiter etwas von sich horen liess. Ich wachte die ganze Nacht, aus Furcht, Georg konne aufs Neue durch ungestumes Pochen oder Anrufen des wusten Menschen gestort werden. Der arme Kleine ist durch all die erschutternden Auftritte so erregt, so gespannt, dass er wie im Fieber bis zum Morgen unruhig traumt. Ich war nur froh, dass gegen Mittag das Wetter hell ward, und ich mit ihm druben im Schlossgarten umhergehen konnte. Er sprang ganz munter vor mir her, und war so freudig, dass mir das Herz wehe that; er mochte glauben, heute werde die Mutter kommen. Er sah mich ofter so recht listig forschend an, als ahnde er irgend eine heimliche Ueberraschung. Armes, armes Kind! um was haben Dich nicht die Menschen gebracht! Er merkte dann wohl, dass es mit seinen Erwartungen nichts sei. Er ward still, und schlich endlich mude neben mir her. Zuletzt kletterte er noch an dem Fenstergesims hinan, klammerte sich mit beiden Handen an das Kreuzholz, und bemuhte sich augenscheinlich, durch die Spalte der geschlossenen Laden in das Innere des Hauses hineinzusehen. Ich liess ihn thun, was er wollte. Nach einer Weile drehte er das Kopfchen seitwarts zu mir herum, indem er, mit weinerlichem Verziehen der Lippen, sagte: "Hier hat Mutter geschlafen und ich auch! Schlaft Mutter wieder hier, wenn sie kommt?"

Ich nickte bejahend, ohne etwas erwiedern zu konnen. Thranen traten mir in die Augen.

Mein Gott! was wird aus dem Knaben werden, wenn er es endlich erfahrt, dass ihm die Mutter verloren ist! Konnte er noch hier unter Bekannten bleiben, allein ich furchte, der Prasident wird ihn abholen, sobald er in seinem neuen Aufenthaltsorte eingerichtet ist. Dann sterben wohl alle die Erinnerungen; und das liebe, weiche, sehnsuchtige Kind wird ganz ein anderer Mensch, als es geworden ware, wenn alles naturlich und glucklich blieb.

Siehst Du, lieber Sohn! aus ahnlichen Grunden habe ich solche Scheu vor der ruhelosen Sucht, an sich und seinem Geschick zu andern. Was man erst viel hin- und herruckt, das wird wackeligt. Es steht zuletzt nirgend recht fest. Und vollends Kinder! Sie gewohnen sich wohl, aber einmal aus ihrem Gange herausgerissen, neigen sie sich hierhin und dorthin. Der frische, gerade, naturliche Wuchs der Seele, der bleibt es doch nicht.

Du weisst, was ich sagen will. Bedenke, was Du thust!

Ich wollte hier schliessen. Aber ich habe Dir noch etwas zu erzahlen, was gewiss recht sonderbar ist. Es betrifft den Caplan.

Glucklicherweise hatte er nicht Wort gehalten. Meine Angst war vergeblich. Bis jetzt horte ich nichts weiter von ihm. Nun ich mich sicher glaubte, fiel mir doch ein, dass es kindisch gewesen, ihm so auszuweichen. Vielleicht hatte er mir wirklich etwas zu sagen. Der Prasident konnte ihn geschickt, mit irgend einer Bestellung an mich beauftragt haben; meine Eile, die erschrockene Hast, mit der ich Georg entfernte, verdross ihn wohl deshalb doppelt, und aus gerechter Empfindlichkeit blieb er lieber ganz weg, als sich einem ahnlichen Empfange auszusetzen. Mein Gewissen sprach mich nicht ganz frei von Vorwurfen. Ich fragte mich ernstlich, weshalb ich denn eigentlich seinen Anblick so scheute? Es kam denn am Ende doch nur auf unheimliches Grauen, auf geheimen Widerwillen heraus, den man sich niemals gegen einen Menschen in dem Masse erlauben sollte. Mein strenges Examen gab mir den Muth, im Hause nachzufragen, ob Herr Tavanelli nicht wieder hier gewesen, oder vielleicht noch druben im Schlosse sei? Die Arbeiter kamen vom Feld, als ich diese Erkundigungen einzog. Sie horten es, und versetzten lachend, noch vor Sonnenaufgang hatten sie ihn mit grossen Schritten neben der tollen Landstreicherin, der einaugigen Marthe, uber die Kalkhohen der Thalheide zuschreiten sehen. Die tiefe, dunkle Schlucht versteckte sie bald darauf, allein gegen Mittag sei die Magd unten aus der Muhle herauf gekommen, und die habe erzahlt: Als sie fruhe ihre Ziegen uber den Steg am Bache, den Buchen und Erlen entlang trieb, da fand sie ganz zufallig den bunten Plunder der alten Trodlerin auf dem Rasen verstreut. Ein aufgerissenes Packet lag daneben. Sie betrachtete einen Augenblick die fremden Dinge, und wie sie so Eins und das Andere in die Hand nimmt, findet sie auch noch ein beschriebenes Papier, in welchem etwas eingewickelt war. Sie macht es auf, ein goldener Ring lag darin. Mein Gott! denkt das Madchen, wer lasst hier so etwas liegen? Gewissenhaft eilt sie damit zur Muhle. Der Muller ist gerade beschaftigt, die Schaufeln zu stellen. Die Frau nimmt ihr den Fund ab, besieht den Ring von allen Seiten, kann aber von dem Geschriebenen auf dem Blattchen nichts lesen. Sie verschliesst gleichwohl beides, und heisst das Madchen nur wieder gehen. Als diese, ganz in Gedanken, zuruckkehrt, und sich nach ihren Ziegen umsieht, bemerkt sie zwischen den Baumen auf der Hohe etwas Schwarzes, das sich eilig durch das Dickicht windet, zugleich lacht Jemand hell auf, und kreischt mit Hohn: "Sei kein Narr, Caspar! eine Mutter findest Du nicht alle Tage!" Es sei die alte Marthe gewesen, versicherte das Madchen, sie habe sie wohl erkannt an dem hellen Ton. Da sie solche aber anrufen wollte, verlor sie sich schnell immer weiter zwischen den Bergen. Nicht lange darauf stand der Caplan vor der Muhle. Er klopfte angstlich an die Thure, sah todtenblass aus und zitterte in heftigem Fieberfrost. Die Mullerin liess ihn sogleich ein. Er konnte nicht ein Wort hervorbringen, sank matt und krank auf einen Schemel, und liegt noch krank, wie im Fieber rasend.

"Ei!" sagte ich, als ich das horte, "da muss ich gleich hin, und sorgen, dass dem Unglucklichen geholfen wird."

"Was wollen Sie denn noch lange helfen, Madame?" antwortete mir der alte Klaus. "Der ist reif. Lassen Sie ihn immer das Bad ausbaden. Hat er es doch nicht besser gewollt."

Ich verwies ihm die unbilligen Worte. Aber er schuttelte den Kopf und sagte so viel, um mich in dem lang gehegten Verdacht zu bestarken, dass ein Brief des Caplan, vielleicht durch Klaus bestellt, den Prasidenten an jenem Unglucksabend hierher berief. Nichts desto weniger hielt ich es doch fur meine Pflicht, dem ganz Verlassenen beizustehen. Ich fuhr daher sogleich nach der Muhle. Allein, lieber Sohn, was ich dort horen und sehen musste, uberstieg weit meine Erwartung. Anfangs war es nur der Kranke, der uns Sorge machte. Was der in den Fieberphantasien sprach, durfte man eben nicht sonderlich achten. Doch nun, als gegen Abend die rohe Stimme der herantobenden Marthe sich vernehmen liess, die Verwilderte, mit ihren aufgerafften Lumpen im Arm, ungestum in die Stube trat, mit stotternder Zunge nach dem vermissten Ringe und nach Tavanelli forschte; ihn bald Sohn, bald verwunschte Teufelsbrut nannte ach! lieber Franz, Du kennst Deine Mutter, Du wirst Dir einbilden, wie mich solch' widriger Auftritt angstigte.

Ich sass erst ganz still in einem Winkel, an das Krankenbett gedruckt, ohne Muth zu haben, der Frechen den Eintritt zu verwehren. Doch, wie sie die Thure endlich halb ersturmte, den armen Schlummernden laut anschrie, ihren Ring von ihm forderte, da fasste ich mir ein Herz, nahm sie beim Arm und fuhrte sie hinaus, indem ich ihr leise zuflusterte, mir zu folgen, ich wollte ihr alles Verlorne wieder zustellen. Sie sah mich ungewiss an, that aber, was ich ihr sagte. Als die Mullerin das Packchen aus dem Schranke herausnahm, griff Marthe mit hasslicher, thierischer Gier darnach, ihr schiefliegendes Auge blitzte hell. "Da!" rief sie, mir den Ring und das Blatt hinhaltend, "lesen Sie, lesen Sie! Er will es nicht glauben. Aber, es ist, so wahr Gott lebt, wahr! Sein Vater hat mir die Ehe versprochen. Hier steht es, und den Ring gab er mir, da ich seine "

Sie lachte hell auf. Ich schlug beschamt die Augen nieder, ohne ihr zu widersprechen. Ich glaubte, sie fasele. Aber, lieber Franz, sie sprach wahr. Sie liess nicht ab, ich musste die betrugerische Verschreibung lesen. Es war Tavanelli's Vater, der sie verfuhrt und verlassen hatte. Gott weiss, durch welche Kunste sie dem Caplan seinen weltlichen Namen entlockte, unter dem sein Vater vor funf und zwanzig Jahren als Geschaftsfuhrer in einem grossen Handelshause unserer Residenz lebte. Er verschwand dann mit einemmale, kehrte nach seinem Vaterlande, dem Voralbergischen zuruck, wo er heirathete, und dem Bedaurungswerthen ein Dasein gab, dessen blosse Moglichkeit zu d e n k e n , Marthens wildem Sinn tausend Fluche entlockte.

Dies und noch viel mehr, was meine Feder nicht aufzeichnen kann, vertraute sie mir auf eine rohe, sturmische Weise. In ihrer Brust stritten Hass und Liebe fur den Sohn des Treulosen. Sie gestand unter lautem Lachen, dass sie nicht von ihm lassen konne, dass sie ihm, seit sie die Entdeckung gemacht, zu der die grosse Aehnlichkeit mit dem unvergesslichen Geliebten ihr den Weg gezeigt, auf Tritt und Schritt folge, und seine Flucht sie heute vor Tagesanbruch durch die Berge gejagt habe.

Auf meine Versicherung, dass er ernstlich, vielleicht gefahrlich krank sei, ward sie stille. Ihre harten Zuge milderten sich, ihr Auge hatte fast einen ruhrenden Ausdruck. Sie setzte sich auf die Schwelle der Thure, welche zu dem Caplan fuhrte. Ich bewachte sie sorgsam, bis der Arzt kam. Sie that nichts, als von Zeit zu Zeit den Ring besehen, ihn an den Finger stecken, wieder abziehen, in das Blatt wickeln, und beides im Busen verbergen, bis sie nach einer Weile dasselbe Spiel wieder von Neuem anfing. Zuletzt schlief sie ein. Ich war froh, als unser guter Doctor kam. Dem habe ich nun Beide ubergeben. Er wird Sorge tragen, dass der Caplan zum Prior in unser Kloster, und Marthe in eine Verpflegungsanstalt gebracht wird.

O Franz, Franz! mir schaudert vor dem, was dem ubertretenen Gebote folgt.

Ich kann den Anblick der elend gewordenen Frau nicht vergessen! So tief, so ganz tief musste sie sinken! Ach! sie war doch auch einmal ein schuldloses, frohes Madchen, und gewiss auch ein gutes Kind, von dem die Mutter Freude und Segen erwartete. Wie oft mag das Lacheln dieses verzerrten Mundes Entzucken in dem Herzen der Mutter geweckt haben! Und jetzt

Eins ist mir nachher erst eingefallen. Tavanilli klagte in seiner Phantasie oft und angstlich uber eine Gestorbene. Wer kann sie sein? Ich finde sie nicht in meinen Gedanken.

Siehst Du, was es ist, wenn man einem unbequemen Begegniss in der Welt aus dem Wege gehen will. Hatte ich gestern Georg gezeigt, wie man sich uberwinden und bezwingen musse, um Andern nicht wehe zu thun, ich hatte Tavanelli gehort, all das Storende ware wohl unterblieben, und mich angstigten weder Vorwurfe noch geheime Sorge um die Todte, von der ich nichts weiss, von der ich mehr zu erfahren, peinlich zittre.

Komm bald, lieber Sohn; Du siehst, es geht hier Alles wunderlich durcheinander, ohne Deine Gegenwart.

Heinrich an Hugo

Endlich ein Brief! Ich athme auf. Du haltst Dich noch einigermassen im Gleichgewicht, Du wirst nicht umschlagen! Die kleine Liebelei konnte Dich beruhren, doch nicht erschuttern. Was sollte Dir auch d e r Roman? Das ist nicht D e i n e Welt, Hugo! Glaube nur, Dein weitstrebender Sinn uberfliegt die Phantasie einer Frau. Jede wird sich in Dir verrechnen, Du eine jede uberschatzen, und sie dann fallen lassen. Dies Geschlecht tandelt nur mit dem Namen Freundschaft, um der Liebe desto freiern Spielraum zu verschaffen. Die steten Bebungen kleinlicher Gefuhle dulden keinen ruhigen Widerschein der Idee. Es ist vergebens, die weibliche Brust fasst das colossale Bild des Universums niemals. Deshalb, Hugo! angstige Dich nicht, dass der Rausch verflog, und Du etwas nuchtern um Dich siehst. Die Tauschung halt bei Dir nicht lange an, Du greifst zu weit aus, um nicht das lose Gespinnst sentimentaler Traume uber kurz oder lang zu zerreissen. Deine schone, freigeisterische Amazone, Hugo! ist doch nur ein leidenschaftlich bewegtes Weib, von weit mehr keckem Trotz, als starkem Muth. Am Ende bereuen Alle, was sie unvorsichtig w o l l t e n und kraftlos h a l b vollbrachten. Lass sie, wie sie ist. Kummere Dich nicht darum, dass Du sie Dir anders dachtest. Es war ein Irrthum. Wer wird um ein Nichts trauern! Man belacht sich bald, wenn man nur erst uber sich hinaus ist. Und auf d e m Wege bist Du.

Ich gestehe Dir, dass ich Deine Versohnung mit Emma wunsche. So gewisse, lose Bande kannst Du brauchen, um einigermassen im Gleichgewicht zu bleiben. Im A l l g e m e i n e n ist die Ehe ein Unding fur Dich. Aber die bescheidene Frau, die nichts will, als nur nicht gerade einer Andern nachstehen, die in allem Uebrigen zurucktritt, Dich verehrt und willig gewahren lasst, die kannst Du l e i t e n . Sie wird Dir uberall folgen, ohne Dich zu hindern. Und wenn dabei auch nichts anders herauskommt, als dass Dir selbst klarer bewusst wird, indem Du Deinen Willen auf einen Andern ubertrugst. Schuler, Hugo! machen erst Meister.

Auch ist man dem Rufe immer etwas schuldig. Du kannst nicht wohl aus einem Bundniss heraustreten, dem die verjahrte Meinung Heiligkeit beilegt. Stosst man erst die Welt vor den Kopf, so entstehen tausend und tausend andere Kopfe, die Arme und Beine, und Fusse und Hande kriegen, und den Weg durch sie hin unbeschreiblich unbequem machen.

Entschliesse Dich daher schnell. Mache Deinen Frieden mit Emma. Im Grunde verlangst Du selbst darnach. Es wird Dir eben nicht schwer werden. Herrschest Du doch immer noch in dem allzu abhangigen Herzen. Deine Ueberredung bringt die Mutter ohne Weiteres zum Schweigen, daran ist kein Zweifel. Und was will denn diese hoch und stark gesinnte Mutter anders, als ihr einziges Kind in seinen Rechten ungekrankt, frei und wurdig bewahrt wissen. Ich gestehe Dir, diese Frau scheint mir unter denen, die Du nennst, die Bedeutendere. Ist ihr Weg auch ein ziemlich alltaglicher, so ist er doch scharf und bestimmt gezeichnet. Sie kann sich nie um einen Schritt verirren, und erreicht sie ihr Ziel nicht, so kommt es ihr gleichwohl nicht aus den Augen. Sie wird Deiner Wiedervereinigung mit Emma nicht hinderlich sein, sobald sie nur die Nebenbuhlerin entfernt weiss. Dass diese sich entfernen l i e ss , dass sie Dich aufgab, dass der Schrecken sie von dem dreisten Fluge zuruck auf die Erde schleudern konnte, dass sie sich da winselnd k r u m m t e weg, Hugo! Weg von dem charakterlosen Wesen, das zu der kuhnen Luftfahrt alles, nur keine Schwingen mitbrachte!

Eine Besorgniss anderer Art, die mich an die Wiederherstellung Deiner fruhern Verhaltnisse denken lasst, ist die aussere Unabhangigkeit. Du weisst, lieber Hugo! wie sehr ich Anfangs gegen die Vorschlage des Comthur war, wie es mich argerte, dass man Dich durch eine veranderte Stellung e r h o h e n zu konnen glaubte, wie kindisch mir all der verwickelte Rechtskram dunkte, und was ich von solchen Institutionen halte, an welchen Ruhe und Gluck eines Menschen scheitern mussen. Du wirst nicht glauben, dass ich der zufalligen Form mehr einraume, als sie werth ist. Gleichwohl giebt es gewisse Bedingungen zu einem wurdigen Dasein, die nicht aus der Acht zu lassen sind. Der Oheim lebt noch, Hugo! denke daran, Du wurdest sein Erbe, w e i l e r e s w o l l t e . E r konnte es auch einmal anders woll e n . Die Trennung von Emma, die ganzliche Storung des kaum Begrundeten, muss ihn sehr verletzen. Es ist ein zaher, hartnackiger Sinn in ihm, wie Du ihn mir fruher schildertest. Nimm Dich in Acht, erbittere ihn nicht. Die militarischen Reminiscenzen, und was damit zusammenhangt, erschrecken mich aus diesem Grunde besonders. Was willst Du auch damit? das sind wohl Anklange aus Deinem alten Rittersitz! Ich dachte den Wust hattest Du hinter Dir! Muss ich Dich noch auf so rohem Pfade treffen, da hellere Bahnen vor Dir offen liegen?

Gehe in Dich, Hugo! und schreibe mir bald an Emma's Seite, dass Du ruhig, weise, und Dir selbst zuruckgegeben bist.

Sophie an den Comthur

Erlaubt es Ihre Gesundheit, lieber Freund! so bitte ich Sie, kommen Sie heute noch auf eine Stunde zu mir. Es ist sehr nothwendig, dass ich Sie spreche.

Antwort

Das Podagra halt mich wieder einmal gefangen, beste Sophie! Ich bediene mich, selbst fur diese Paar Worte, einer fremden Hand. Scheuen Sie sich aber deshalb nicht, mir Alles zu schreiben, was Sie der Mittheilung werth halten. Das Auge Ihres alten Freundes ist so wenig stumpf, wie seine Seele. Haben Sie Nachricht aus Italien?

Von Sophie

Desselben Tages.

Ja, ich habe Nachricht; aber nicht aus Italien. Sie sind nicht bis dahin gekommen! Lieber Freund! was brauche ich noch weiter hinzuzusetzen. Sie ahndeten es immer! Das arme Herz ist gebrochen! Alle Schmerzen, alle Klagen blieben in ihm verschlossen. Wie hatte die innere Qual es nicht zerdruckt! Ich weiss nicht, sollen wir es ein Ungluck nennen, dass es so schnell mit ihr endete? Das Leben wird dem Einsamen sehr l a n g ? und die Gewohnheit ist nichts als eine einschlafernde Begleiterin!

Der Arzt, zu dem ich in der Eile schickte, bringt Ihnen diese Zeilen. Er wird Alles erganzen, was Sie darin vermissen konnten. Ich gestehe, ich bin in einiger Verwirrung. Der Tod uberrascht auch da, wo er laut genug anruckte. Der Riss vom Leben war hier freilich geschehen, aber das sinnliche Band verbirgt uns diesen gern noch eine Weile. Und dann die Mutter! die Mutter! O mein Gott, was senkt sie Alles in dies eine Grab!

Von ihr nicht ein Wort! nicht eine Silbe! Sie ist bei den Nonnen in dem Waldkloster, unweit Freiburg geblieben, Emma starb in den heiligen Mauern. Der dorstratenser, den Todtesfall berichtet, mit dem Bedeuten, mich davon in Kenntniss zu setzen. Es ist ein trokkener Bericht, den ich Ihnen erspare. Schon einige Zeit vorher hatte Tavanelli hier und da dunkle Winke von dem fruh beendeten Geschick der Grafin gegeben. Man erzahlte sich davon, doch glaubte Niemand dem unstaten, herumstreichenden Fluchtling, der uberall war, nirgends verweilte und eben so verworren als vermessen redete. Gleichwohl scheint er in einer Art Verkehr mit den Reisenden gestanden zu haben. Es ist sogar wahrscheinlich, dass ihn die Oberhofmeisterin in Auftragen versandte. Vielleicht folgte er ihr auch nur in seiner Verzweiflung, da er hier nicht auszuhalten vermochte. Der Zustand, in welchem er sich darauf wieder zeigte, die Vorgange in der Muhle, die wilden Phantasien, denen er fast erlag, deuteten auf gewaltsame Erschutterungen des Gemuths, die jede seiner Aeusserungen verdachtig machen. Die Tannenhauserin sagte mir zuerst davon, auch dass er Hugo im Walde getroffen, als dieser mit dem Gewehr auf dem Rucken den Forst durchstrich; erschrocken sei er erst geflohen, dem Grafen jedoch spater in den Weg getreten und den Hut abziehend, stotterte er hastig und furchtsam unverstandliche Worte vom Tode der Grafin.

Hugo, von unaussprechlichem Schmerz ergriffen, stierte dem wahnsinnigen Tavanelli unbeweglich nach, als dieser schnell wie der Blitz davon eilte. Todtenblass, sagte mir die Frau, sei der Graf zu ihr eingetreten, habe ihr den Vorgang erzahlt, sogleich aber hinzugesetzt: Er wisse wohl, was von Faseleien eines kranken Menschen zu halten sei, doch gestehe er, konne er des gehabten Schreckens noch nicht Herr werden.

Es ist hierdurch so viel gewonnen, dass die Wahr

heit ihn nicht ganz unvorbereitet trifft. Doch wird sie ihn gewaltig fassen. Es ist unmoglich, dass seine jetzige Freiheit ihm nicht die Qual solcher Traume gabe, in denen man fliegt und fliegt, und plotzlich fallt und erwacht. Ich weiss nicht, wie er mit sich selber steht? Was er sich sagen, wie er sich beruhigen wird? Der erste Augenblick wird schrecklich sein! Doch die Nothwendigkeit, v o r s i c h z u b e s t e h e n , leihet dem Willen sehr vieler Menschen so beruhigende Grunde, dass die Phantasie b l a ss und das Gefuhl s t u m m wird. Auch heilen die Schmerzen des Gewissens am schnellsten, weil sie die unbequemsten sind. Wer weiss, regen sich selbst diese Schmerzen in ihm! Die Umstande mussen Vieles auf sich nehmen, was die verzartelte Brust nicht tragen kann. Der Schreck macht bald genug mattem Bedauern Platz.

Nein, ich will nicht bitter sein! Gewiss nicht! Doch

sonderbar genug, verletzt mich dieser Tod mehr, als er mich ruhrt; ihn wie eine That, nicht wie eine Schikkung betrachtend, suche ich seine Urheber ausserhalb, und ohne irgend eine Seele anklagen zu wollen, zurne ich mit dem Leben, dass es solche Lucken lassen kann!

Ich hatte immer noch g e h o f f t ! das sehe ich nun wohl! Aber dass Sie, lieber Freund! S i e allein, hierdurch am Tiefsten leiden werden, das ists, was mich diese Zeilen so starr und sprode anfangen, und jetzt so uberwaltigt schliessen lasst. Kalt wollte ich uber das Verlorne reden, und thun, als sei es langst eingebusst; aber man fuhlt es erst, was der leise Hauch zweier warmen Lippen beleben kann; wenn aber das Eis des Todes solche auf ewig geschlossen hat? Dann, doch lassen Sie mich abbrechen! Wir ziehen Trauerkleider an, wie die Erde, wenn es Winter wird, und bis die neue Sonne kommt, muss Vieles, Vieles in uns sterben! Ich bin zu unruhig, von mehr als einer Seite zu bewegt, um Ihnen jetzt viel sagen zu konnen. Denken Sie doch an Elise Gemuther wie das ihrige werden im Ungluck hoher und starker, aber auch z u v e r s i c h t l i c h e r und b e w u ss t e r . Es taugt nicht, sich selbst soviel zu verdanken zu haben! Wenn sich die beiden Menschen jetzt auf ihrem Wege begegnen, wenn der Schlag, der sie gemeinschaftlich trifft, sie zwingt, einander zu halten, was wird aus Elise werden, wenn sie dann nicht vereinigt bleiben? Und denken Sie an die Moglichkeit, dass Hugo zum zweitenmal, jetzt ? Unmoglich! Wie ich ihn kenne, unmoglich.

Ich schreibe Ihnen nachstens wieder, lieber Freund. Lassen Sie mich durch den Arzt wissen, wie Ihr Gesundheitszustand ist? und ob ich hoffen darf, Sie in den warmen Tagen schneller hergestellt, hier bei mir zu sehen?

Werden Sie Hugo sprechen? Wollen S i e ihm die erschutternde Nachricht zuerst mittheilen? Ware es nicht besser, der Arzt ubernahme die traurige Pflicht? oder ich sagte ihm, was er wissen muss? Ja, schicken Sie ihn m i r . Ich bin darauf gefasst. Ich will ihn erwarten. Sein Sie unbesorgt, ich werde ihn in seinem Schmerz ehren. Der Ungluckliche ist mir heilig. Wie konnte ich, ihm gegenuber, daran denken, dass er der Todten nicht werth war. Ich will es lieber auch so nicht denken, denn wer weiss auch, ob es so ist? Im Urtheil fuhlt der Mensch erst seinen unermesslichen Abstand von dem Allsehenden.

Gute Nacht, armer Freund! Wie wird Ihr schones Herz trauern!

Elise an Sophie

Ist es wahr? Ist es? O sagen Sie N e i n . Ich beschwore Sie, Sophie, sagen Sie N e i n . Ich vergehe vor Angst!

Verstehen Sie mich nicht? Gottlob! dann ist es nichts! dann hat er nur gefaselt! dann habe ich Vieles, Vieles mit dem entsetzlichsten Schrecken abgebusst.

Ach, Liebe! fragen Sie mich nicht. Ich kann es Ihnen nicht sagen. Es will nicht uber meine Lippen, nicht in meine Feder.

Ich weiss nicht mehr, was ich thue! Erst sollte Ihnen ein fliegender Bote meinen Brief bringen. Ich konnte nicht eilig genug Antwort darauf erhalten. Jetzt zogere ich, und zogere! Was werden Sie mir denn sagen, Sophie?

Wenn es, horen Sie, Liebe! bedenken Sie wohl, dass Ihr J a mich zerschmettern musste. Es ware zu schrecklich!

Mein Gott, ich war ja in mein Geschick ergeben. Ich that auf jede Lebensfreude Verzicht. Ganz still, ganz verborgen, wollte ich ihn nur d e n k e n . Die Freistatt des Gedankens, d i e , glaubte ich, durfe mir bleiben. Ich trat ja hier Niemanden zu nahe, ich war ja so klein, so gebeugt! weshalb sucht mich mein unversohnliches Geschick auf dem engen, durren Fleckchen Erde auf, warum schickt es solche B o t s c h a f t an mich?

Jenen Abend werde ich nie vergessen, er steht wie ein Blick in die Holle, schwarz, kalt und auch siedend heiss, voll unglaublichen Qualen, Tag und Nacht vor mir.

Denken Sie nur, ich befand mich ganz allein auf einem abendlichen Spatziergang. Die Sonne war langst untergegangen. Dunste stiegen auf. Ich sah die Sterne, einen nach dem andern zwischen feinen Wolkchen hervortreten. Es war da oben so weit, so erleuchtet. Die Lufte schwirrten wie Fittige uber mir, ich glaubte das Schreiten der Geister zu horen, ich fuhlte den Geist aller Geister mit unnennbarem, mit bebendem Entzucken. Hugo war mir nahe, wie in den untergegangenen Tagen. Es gab keine Trennung mehr! S o , s o ! dachte ich, w i r d es sein. So ist es schon! Was soll erst w e r d e n ? rief ich. Hat je die Seele etwas v e r l o r e n ? Kann sie sagen, es sei ihr fern, was sie liebt? Kennt sie eine Zeit? Undankbares Geschlecht! so reich bist du ausgestattet, und du klagst, wenn die rollenden Stunden ablaufen, als behieltest du deine Gegenwart nicht ewig lebendig in Dir?

Sophie, liebe Sophie! die freiere Bewegung meiner Brust liess mich nicht ruhig auf einer Stelle bleiben. Ich ging hin und her. Ich ging mit Ihnen, mit Hugo, Georg sprang vor mir her. Zweifeln Sie, dass ich im Himmel war? Da, mit einemmale sturzt in der Dunkelheit ein Mensch auf mich zu, ohne Hut, mit weit aufgerissenem Kleide; er athmet schwer, und streckt die Hande nach mir aus, als wolle er mich im Weitergehen aufhalten. Ich erschrack, dass mir's durch alle Glieder fuhr, und bog schnell von der Seite in ein Gebusch hinein. Doch, ehe ich es erreichte, stand Tavanelli neben mir. "Was machen Sie hier?" fragte ich entschlossen. Mein Herz schlug heftig. Mir ahndete ein Ungluck. Mein erster Gedanke war Georg. "Reden Sie," drang ich unruhig in ihn. Er sturzte mir zu Fussen, brach in Thranen aus, bekannte, dass er an mir zum Verrather ward, vermengte Schuld und Pflicht, Gefuhl und Reue, verlor den Faden seiner Gedanken, und liess, aus dem Wust wahnsinniger Leidenschaft, die schreckliche Nachricht in mein zitterndes Herz fallen.

Ich sah und horte nichts mehr. Mit Entsetzen floh ich vor ihm. Ich dachte der Todesangst zu entrinnen. War er nur erst hinter mir, dann glaubte ich frei zu athmen. Aber ich kann mich nicht erholen, liebe Sophie! Ich komme nicht wieder zu mir selbst. Es ist der Schrecken! nicht wahr, es ist gewiss nur der Schrekken? Wenn wir krank sind, sind wir auch schwach, voller Einbildungen, das Bewusstsein selbst wird bestochen.

Haben Sie Mitleid mit meinem Zustande. Sagen Sie Ihr N e i n oder J a gleich zu Anfang des Briefes. J a ? wenn es ein J a ware! Hugo! ungluckseliger Hugo!

Antwort

Sie wissen jetzt Alles, liebste Elise. Die gutige, sanfte Madame Lindhof hatte es schon fruher ubernommen, an Sie zu schreiben, ehe noch Ihr Brief zu mir gelangte. Ich danke es ihr. Sie wurden mir es schwer gemacht haben, wahr zu sein!

Arme Elise! so schonungslos musste Sie diese Nachricht treffen! Man wird zuweilen versucht, zu denken, das Schicksal konnte milder mit dem Menschen verfahren. Aber was weiss man von diesen geheimnissvollen Wegen!

Tavanelli ist wie ein Gewitterstrahl in Ihr Haus gefahren. Alles hat er ubereinander geworfen, die ganze Ordnung des Lebens gestort. Dass das so ein Mensch kann, ohne es zu wissen und zu wollen!

Lieber Gott! er dachte jetzt auch nicht an das, was er that. Er tragt auch keine andere Schuld, als dass er ist, wie er ist. Sie beide hatten einander nicht begegnen mussen! Sie rissen ihn aus seiner stillen Welt, er hat die Ihrige verwustet. Seine unwillkommene Erscheinung ward stets von Widerwartigem fur Sie begleitet.

Aber, lassen wir ihn! Moge seine Nahe Sie nie wieder angstigen.

Von Hugo wollte ich mit Ihnen sprechen. Seinetwegen mussen Sie jetzt doppelt leiden. Die Ungewissheit, was in ihm vorgeht, lasst es in Ihnen zu keiner Fassung kommen.

Er war gestern Morgen bei mir. Ich hatte ihn zu sprechen gewunscht. Er trat mit seiner wehmuthigen Gelassenheit, wie sonst, zu mir ein. Ich glaubte ihn noch unwissend uber Emma's schnelles Ende. Er war es nicht. Ich las das nach den ersten Minuten in seinem Auge. Er richtete es mit einem Blick nach mir, der zu sagen schien: "Kein Wort! kein Wort jetzt! Der Todten weiches Flustern allein will ich horen. Gonnen Sie mir das stille Gesprach."

Ich sah von ihm weg zu Boden. Wir setzten uns. Er versank in tiefe Gedanken. Eine ganze Weile ging so schweigend hin. Wahrscheinlich vergass er vollig, wo er sich befand. Mechanisch war er gekommen, hatte seinen Platz neben mir gefunden, und liess nun die Seele weiter in ihrem Traume schimmern. Ich ergriff endlich seine Hand. Er erschrack. "Nun?" fragte er, naher zu mir ruckend. Es mochte ihm einfallen, dass Sie mir vielleicht einen Auftrag fur ihn gegeben hatten, denn er setzte, ins Sopha zurucksinkend, betrubt hinzu: "Ich kann mir denken, was sie leidet! Hat sie Ihnen geschrieben?" fragte er hierauf. Ich bejahte es.

"Emma hat ihr auch geschrieben," sagte er leise, mit bebender, von Thranen erstickter Stimme. Sein Schmerz brach gewaltsam, ihn ganz mit sich fortreissend, hervor.

Ich begriff, wie er diese Erschutterung furchten, wie er sich durch Abwehren jedes fremden Beruhrens bis dahin zuruckhalten musste. Er that mir unaussprechlich leid, denn der Kampf zitterte durch sein ganzes Wesen.

Ich sagte ihm nichts. Er konnte jetzt nur mit sich selber zurecht kommen. Er fasste sich denn auch. "Ich werde es mir niemals verzeihen," hub er nach einer Pause an, "dass ich sie von ihrer stillen Bahn auf meinen Weg heruber riss. Die Ordnung der Natur verschmerzt niemals eine Verletzung."

Ich verstand ihn nur halb, unwissend, ob er uber Sie oder Emma rede. Er meinte eben die Letztere, denn er erwahnte die Mutter, indem er behauptete, diese allein habe recht gehabt. Ihre Abneigung gegen ihn sei aus dem Vorwurf entsprungen, den sie sich, der Tochter nachgegeben zu haben, gemacht. "Ich errieth dieses bald," seufzte er tief. Und das Auge aufwarts gerichtet, als sehe er die, von der er sprach, sagte er: "Das war ein Gestirn, das seinen Lichtkreis unvermischt, in ruhiger Klarheit ausgiessen musste. Emma war bestimmt, e i n z e l n da zu stehen. Sie leuchtete am Saume des Tages, wie Abschied und Verkundigung. Der Tag selbst, in seiner ruhelosen Arbeit verschlang sie."

"Die Stunden," entgegnete ich, von dem Bilde getroffen, "wogen zwischen Abend und Morgen auf und ab, und der liebe Stern ist an jedem Wendepunkt derselbe."

Hugo sah mich an, ohne etwas zu erwiedern. "Ja, ja!" rief er, mich auf seine Weise missverstehend. "Sie hat Erwachen und Aufhoren in mir ziemlich nahe geruckt. Ich tauge zu nichts mehr. Ein Schlag der Art lahmt die beste Kraft. Wozu," lachelte er schmerzlich, "lebt man auch? Es erganzt sich die Welt, wie man es traumt! Die Besten verkennen einander! Sie hat mich auch verkannt!"

Er stand hier von seinem Platze auf, und ging mit leisen, weit ausgreifenden Schritten das Zimmer auf und ab, ohne das gesenkte Auge aufzuschlagen.

"Emma hatte Sie missverstanden?" fragte ich jetzt, das Gesprach wieder anknupfend.

Er blieb vor mir stehen. "Ja, ja!" erwiederte er mit liebevollem Lacheln. "Gott weiss," fuhr er fort, "wie dies auf meinen Tisch kam?" Er zog einen Brief aus dem Busen und gab ihn mir. Es war Emma's Hand. "Soll ich?" fragte ich, das Schreiben aus dem Couvert ziehend. Er nickte bejahend. Ich las, wahrend er seinen Gang durchs Zimmer fortsetzte, folgende erschutternde Worte, die ich abzuschreiben spaterhin von ihm die Erlaubniss erhielt:

"Unbewusst, wie ich Dich fand, geliebter Mann, werde ich Dir entrissen. Ich verliess Dich nicht, das glaube mir. Ich verlasse Dich auch jetzt nicht. Aber die Erde zieht einen Vorhang zwischen uns. Gott lasst ihn niederfallen. Du bleibst diesseits, ich bin bestimmt, jenseits lange zu warten, bis der Tag des Erwachens kommt. Dann werden wir uns ja doch wiederfinden! Lieber Hugo! das Scheiden wird mir sehr schwer! Ich nehme wohl Dein Bild Dein ganzes Selbst mit hinuber in meine Welt, aber es ist doch viel, viel anders, als wenn ich Dich noch sehen und horen konnte. Wenigstens scheint es den sterblichen Sinnen so! Die Lebendigen vergessen so oft, wie viel diese warme, bewegliche Gemeinschaft des Daseins ist! Ich schaudre doch ein wenig vor der langen, langen Trennung! Die Hand wird vertrocknen, die in der Deinen lag, das Auge verloschen, das nur im Glanze Deines lieben Blickes sich spiegeln mochte! Hugo! O Gott! Es ist eine sonderbare Empfindung, sich das so sagen zu mussen! Wir sind recht schwach! Sei Du es nicht! Betrube Dich nicht so sehr! Ich weiss, dass Du in der ersten Zeit nicht anders kannst. Es ist ja naturlich! denn war ich Dir auch wohl oft hinderlich, so ist Dein Herz zu gross, um meine Liebe zu verwerfen. Der Gedanke, Dich leidend zu wissen, durch das leidend, was Dir von mir kommt! Lieber, guter Mann! es thut mir noch weher, als der Abschied von Dir. Du wirst es dann aber auch einsehen, wie es doch im Grunde das Beste fur uns Beide ist.

Es ist der einzige Weg, e w i g e Trennung zwischen uns zu verhuten. Deine Seele ware hart, die meine schwankend geworden. Gott weiss, wohin das fuhren konnte!

In wenig Augenblicken bin ich Ach Hugo! Hugo! Ich starb Dir schon so lange. Darum weine nicht! Horst Du, lieber Mann! weine nicht um mich! Wenn Du nun frei wirst, mein Freund! so erschrick weiter nicht. Was Dich im Augenblick mit Schauder erfullt, es war der stille Gedanke Deiner Seele. Ihr seid fur einander geschaffen. Wolle nicht weiser sein, wie der Schopfer selbst. Er hatte es so bestimmt, ich drangte mich zwischen Euch. Guter Hugo, Du hast recht viel gelitten! Wie werde ich mich freuen, wenn ich Dich endlich glucklich weiss!

Ich hatte Dir wohl noch etwas zu sagen. Aber es klingt Dir fremd. Es ist Deine Sprache nicht. Von mir hattest Du sie auch wohl niemals gelernt. Das aber darf ich Dir vertrauen, und weil es wahr ist, so wird es auch Dein Herz finden. O h n e m e i n e n Glauben konnte ich Dich nicht ruhig verlassen, konnte ich Elise n i c h t l i e b e n . Und doch liebe ich Dich, schoner Engel! der Du bestimmt warst, das Gewebe susser, qualender Tauschungen zu zerreissen. Du wusstest, was Du widerstrebend thatest. Sei uberzeugt, meine Elise! ich fuhle, was Dich beherrschte. I c h am wenigsten kann Dich tadeln. O sei und mache glucklich, mir raubst Du nichts mehr! Hoheres wie menschliches Gesetz offnet Euch die Wege zur ruhigen Vereinigung. Bleibt Euch treu! die Welt wird verzeihen, was Gott beschutzt. Seinem Schutz empfiehlt Euch mein Gebet. Hugo! lieber Hugo! Der Vorhang fallt vergieb Deiner Emma."

Ich habe keins von den an Sie gerichteten Worten ausgelassen, liebe Elise! Hugo wollte es so. Ich las sie damals unter heissen Thranen. Ihr Freund weinte nicht. Er war sehr ernst. Es schien, sein Gemuth sammle sich zu einem bestimmten Entschluss. Ich mochte ihn nicht storen. Doch er hub selbst mit bleichen, erschutternden Zugen an: "Es ist unbegreiflich, auf welchem Wege diese Zeilen in mein Zimmer, auf meinen Tisch gelangten. Kein Mensch im Schlosse weiss eine Silbe davon."

Sie kennen seinen Hang, an Uebernaturliches zu glauben, und sagten mir einmal, dass ihn die Moglichkeit geheimnissvoller Gemeinschaft mit der Geisterwelt unwiderstehlich durchschauere, dass eine unverkennbare Sehnsucht darnach, ihn bei dem zweifelnden Verstande allerlei Scheingrunde von der Phantasie erbetteln lasse.

Ich las jetzt auf seinem Gesicht irgend eine unheimliche Vermuthung, der ich dadurch zu begegnen glaubte, dass ich Tavanelli nannte, und bemerkte, wie wohl durch ihn die Botschaft an Alle zugleich ergangen sei.

Der Graf schuttelte den Kopf. "Unmoglich!" sagte er. "Ich begegnete dem Unglucklichen im Walde. Die wahnsinnige Weise seines Betragens lasst auf keine Consequenz und Besonnenheit irgend einer Art schliessen. Und weshalb hatte er mir nicht damals den Brief gegeben, wenn er in dessen Besitz war?"

Ich erwiederte Alles das hierauf, was so nahe liegt, und in ruhiger Stimmung von Niemanden ubersehen werden kann, ich fuhrte gerade den gestorten Verstand des Caplan als Beweis listiger Geheimhaltung und kindischem Ausplaudern seiner Auftrage, an, indem ich mich auf andere Widerspruche seines letztern Benehmens berief. Allein Hugo lag daran, das Wunderbare nicht erklart wissen zu wollen. Er blieb immer bei der Frage: wie Tavanelli unbemerkt in sein Zimmer gekommen, wie er hatte wissen konnen, ihn nicht dort zu finden? Ich liess es dahingestellt sein. Wir sprachen nicht weiter davon, aber ich dachte wohl an die Oberhofmeisterin, der es nirgends, und daher auch hier im Schlosse nicht an verborgenem Anhang fehlt. P l o t z l i c h , s c h o n u n g s l o s , fern von menschlicher Theilnahme, hat sie das Herz des verhasstesten aller Menschen treffen, es zermalmen wollen, ehe noch irgend Jemand um sein Ungluck wusste. Es ist Alles gelungen, wenn man das Gelingen nennen kann, was eines Andern Pein vermehrt.

Ich besah, mit diesen Gedanken beschaftigt, den Umschlag des Briefs, und fand, unterhalb der Addresse, Stunde und Tag bemerkt, an welchem die Grafin gestorben war, so dass diese Nachricht ihrem Gatten zuerst in die Augen fallen, und den Eindruck der Abschiedsworte noch erschutternder machen musste. In den undeutlichen Schriftzugen war die Hand des Schreibers ubrigens nicht zu erkennen.

Hugo bemerkte die Aufmerksamkeit, mit welcher ich das Aeussere des Briefs betrachtete. Er fragte: "Was fallt Ihnen hier auf?" "Nichts," lachelte ich, als dass ein geistiger Bote so materieller Bescheinigung nicht bedurfe. Und wie viel sanfter und friedlicher wurde das Wehen der scheidenden Seele die Ihrige beruhrt haben, wenn ein Durchfliegen der Raume moglich ware!"

Er sah mich ungewiss an. "Sie haben wohl recht," hub er tiefsinnig an, "allein es lag etwas Trostliches darin, dass ich an Emma's Nahe, in dem Zimmer, das sie so liebte, glauben konnte. Ich war deshalb an die Burg gefesselt, die sonst auf mich druckt."

"Warum," fragte ich, "wollen Sie die geliebte Nahe da bezweifeln, wo Sie sie warm und lebendig empfinden? Die Erinnerung hat beselende Kraft, und es giebt geweihte Platze, an denen sie machtiger ist, als an andern. Wenn ich das Gespenstische bestreite, so lasse ich darum dem Geistigen sein volles Recht."

"Gewiss! Gewiss!" erwiederte er zerstreut. Sein Blick hatte Ihr Miniaturbild, Elise! in der Fenstervertiefung entdeckt. Es angstigte ihn augenscheinlich, dass er ofter darauf hinsehen musste. Er griff nach seinem Hut. "Leben Sie wohl!" sagte er voll Innigkeit. Ich reichte ihm die Hand. Er schuttelte sie bewegt aber eilig, und ging mit den Worten: "Ich komme wieder! Bald! Morgen vielleicht!"

Er war fort. Ich behielt einen undeutlichen Eindruck von ihm. Glauben Sie mir, er ist sich selbst nicht klar. Die Tannenhauserin war vor einer Stunde hier. Sie erzahlte, gestern Abend sei Walter zu ihr gekommen, und habe gesagt: Als er ohnlangst am neuen Bau bei Wehrheim voruber ging, die halbaufgefuhrten Mauern, die Steine am Wasser, die grossen Quader zur Treppe und was sonst noch an Material herbeigeschafft war, bedauernd ansah, und bei sich dachte, dass nun diese Muhe auch umsonst gewesen, die grossen Anstalten zu nichts fuhrten, und alle gemachten Plane der Besitzer, wie die kurze Ehe und das hausliche Gluck, in Stucken umherlagen, da sei Jemand durch das alte Thor, was noch stehen geblieben, hindurch, auf die Baustelle geritten. Dort stieg der Reiter vom Pferde, und dieses am Zugel haltend, stand er eine Weile vor dem angefangenen Gebaude, als durchlaufe er mit den Augen die Umrisse, wie den ganzen Entwurf desselben.

Walter erkannte, trotz der Dammerung und dem bewolkten Himmel, den Grafen. Er wollte ihn nicht storen, trat deshalb zuruck hinter die Stutzen des Gerustes. Jener glaubte sich allein, er machte eine heftige Bewegung mit dem Arm, indem er sich abwandte, als wolle er das Nichtige und Vergebliche menschlicher Vorsatze ausdrucken. Der Trauerhandschuh, den er abgezogen hatte und nicht fest zwischen den Fingern hielt, flog hierbei seitwarts auf die Spitze einer Stange oben am Gerust, der Graf sah in die Hohe. Die schwarze Hand, welche gleichsam in der Luft zu schweben schien, und wie ein Wahrzeichen herabdrohte, mochte ihn erschrecken; er warf sich eilig auf's Pferd und sprengte davon.

Walter gestand, dass auch ihm die schwarzen, heruberhangenden Finger, vom Winde bewegt, ein Grauen eingejagt, und er sich rasch auf und davon gemacht hatte.

Beide, die Tannenhauserin und er, redeten noch mancherlei uber die Umwandlungen in der graflichen Familie, als es an's Fenster pochte und eine bekannte Stimme fragte, ob der Graf hier sei? Die Wirthin offnete das Haus. Birkner, Hugo's Kammerdiener war es. Einige Schritte weiter hielt dessen Jagdwagen. Er war bepackt und die Laternen angesteckt.

"Ihr Herr ist nicht hier," sagte die Tannenhauserin, "allein, mein lieber Birkner, Sie scheinen reisefertig, wollen Sie den Grafen nur abholen, um ihn von hieraus auf langerer Fahrt zu begleiten?"

"Das weiss der Himmel," versetzte jener, "ob heute endlich etwas daraus wird. Wir packen seit ein Paar Tagen Abends und Morgens, und kommen nicht von der Stelle."

Es pfiff hier hell durch den Wald. "Aha!" rief der ungeduldig Wartende, "da ist er! nun wollen wir sehen, wohin wir unsere Schritte lenken werden?"

Hugo kam langsam von der Seite herbei geritten. "Kehre nur um!" sagte er halblaut. "Ein andermal! Ich reite voraus."

Er grusste nach dem Hause zu, in welchem er Jemand stehen sah.

"Da haben wir's!" flusterte Birkner, mit den Achseln zuckend. "Das ist ein Elend! kein Wille und kein Entschluss! Wozu denn nur die unnutzen Befehle und die Plackerei? Zur Ausfuhrung kommt es doch nicht!"

Hugo wandte hier sein Pferd, und kam gerade auf das Haus zu. "Sind Sie noch auf den Beinen?" sagte er, bei seiner alten Freundin anhaltend. "Guten Abend! guten Abend!" fugte er leutselig hinzu. "Ich konnte doch nicht ohne Gruss voruberreiten."

Es entspann sich nun bald ein Gesprach zwischen Beiden, das freilich von seiner Seite einsilbig, wie immer, blieb; doch veranlassten ihn die Fragen der dreistgemachten Frau, ob er denn wirklich verreisen wolle? und wohin? was am Ende aus den schonen Gutern und dem angefangenen Hausbau werden solle? ob er es mit ansehen konne, dass Alles unvollendet liegen, und Muhe und Arbeit umsonst bliebe? Zu der schmerzlichen Wiederholung der Worte, dass Alles unvollendet liegen bliebe! "Ja, ja, meine gute Frau!" setzte er schwermuthig hinzu, "das geht im Leben nicht anders! Es zerstort unsere Arbeit, wie uns selbst. Gute Nacht!" sagte er dann weich, und im Wegreiten bemerkte er: "Ich bin noch nicht weg! Wer weiss! Gute Nacht! gute Nacht!" Und damit ritt er fort.

Liebe Elise, das ist Alles, was ich Ihnen uber Hugo mitzutheilen weiss. Ich habe ihn vor Ihnen sprechen und handeln lassen. Sie selbst werden ihn beurtheilen. Sagen Sie mir doch nur recht bald, wie Sie in sich Ruhe und Muth wiederfanden? Ihr letzter Brief hat mich sehr erschreckt.

Elise an Hugo

Wenn es moglich ware, dass ein Brief von mir Sie storte, wenn ich denken musste, die Erinnerung an mich sei Ihnen jetzt peinlich, ich wurde weder Sie noch mich verstehen!

Man will mir etwas Aehnliches glauben machen. Aber ich glaube es nicht.

Ihr Schweigen, das jene Muthmassung rechtfertigen konnte, beweist mir nichts, als dass Sie meiner nicht so gewiss sind, als ich Ihrer. Das ist freilich schlimm. Mein Gott! sollten wir uns in dem Augenblick missverstehen, wo ein entsetzliches Ungluck uns aus der Welt hinaus stosst, und zu gemeinschaftlichem Schmerz verbindet?

Klugeln wir nicht, Hugo! die Zeit der Tauschung ist vorbei, es hilft nichts, unschuldiger sein zu wollen, als das Bewusstsein es erlaubt; w i r , w i r todteten Emma.

Konnen Sie noch in ein anderes Auge sehen, als das meinige, das allein Ihr Elend und Ihre Reue zuruckspiegelt?

Nein, wir sind unzertrennlich!

Was Sie auch thun, was Sie den Freunden, den Nachstgebliebenen auch sagen mogen, es kennt Niemand wie ich den Faden, von dessen ersten Verknupfung, Schlinge in Schlinge sich schurzte, bis das ganze, unzerreissbare Netz uber uns alle ausgespannt lag.

Wer wird es Ihnen, wer wird es mir glauben, dass wir unwissend fehlten?

Keiner! Keiner! ich bin es gewiss.

Mit wem wollen Sie denn sprechen, wenn Sie auch den Ton m e i n e r Stimme scheuen? In wessen Herz suchen Sie Antwort auf tausend angstliche Fragen, die Entsetzen und Schmerz in Ihnen heraufrufen? Seit wann furchten Sie die Liebe? Wissen Sie sonst noch etwas auf der Welt, das Sie ihr an Grosse und Herrlichkeit zur Seite stellen konnten? Haben wir es denn nicht eben jetzt erst erfahren, dass man aus Liebe sterben, doch die nicht missverstehen kann, die man liebt?

O Hugo! wie sollen wir v e r e i n z e l t auf dem schwebenden Erdball stehen, der uns auf- und abwarts schnellt? Und s t e h e n , in sich b e s t e h e n will doch der Mensch. Sie wollen es auch. Sie sind nur mit der innern Heimath zerfallen. Konnen Sie den Weg zu ihr nicht wiederfinden?

Dass jener erste Riss uns auseinander hielt, das war naturlich. Sie hatten Manches g u t z u m a c h e n . Sie konnten es vielleicht, so lange Emma athmete, lag der Friede dieser schonen Seele auf Ihrem Gewissen. Sie durften annehmen, dass ich Sie hierin verstand. Ich hatte Ihnen auch damals nichts zu sagen, denn von dem Augenblick an, da ich mich selber erkannte, suchte ich Sie nicht mehr auf dem betruglichen Schauplatz, wo wir uns beide verirrten. Wo i c h Sie suchte, da blieben Sie mir unverloren.

Jetzt, jetzt ist alles anders! Es giebt nichts mehr zu schonen, nichts mehr zu thun! Keines Menschen Verzeihung zu gewinnen. Jedes Band ist zerrissen. Wir losen uns auf in N i c h t s , wenn wir nicht aneinander halten.

Das werden Sie mir nicht sagen, das werden Sie nicht d e n k e n wollen, dass Alles, Alles, das kurze, warme, helle Leben Luge war. Und wenn die innige Zuneigung, die zartliche Verehrung ach! wenn das, was ich nicht nennen kann, dies einzig W a h r e bleibt in dem schaudervollen Wechsel des Daseins, wie durfen Sie es verleugnen in dem Wahne, die Vollendete dadurch zu beleidigen?

Antworten Sie mir, Hugo! Sagen Sie mir, ob ich auch von Ihnen getraumt habe? Sophie wird mir Ihren Brief zuschicken.

Antwort

Ich weiss es nicht, Elise, ob wir beide getraumt haben? ich weiss auch nicht, ob ich nicht noch traume? Oder jetzt, und damals vielleicht nicht?

Vergeben Sie mir, wenn es dumpf und ode in mir ist. Es bleibt nicht immer so, aber ich halte diese Stimmung fest, denn eine andere!

Haben Sie gelesen, Elise! die stillen, bescheidenen, zartlichen Worte? Ja wohl, die Erde zieht einen Vorhang zwischen uns. Gott lasst ihn fallen! Was sollte auch der Engel an meiner Seite? Ich hatte keinen Sinn fur diese einfache Gute. Erkennen musste ich sie wohl, doch empfinden empfinden ! wer empfindet den Andern in seinem geheimnissvollen Selbst?

Die Liebe konnte es! Die Liebe? Ist mir doch, als ware sie auch ein Traum!

Ich glaube, es ist von allen Seiten ein Vorhang zwischen mir und dem Himmel gefallen! Es fehlt viel, sehr viel, dass uns die Sonne allgegenwartig bliebe. Es giebt lange, lange Nachte in unserm Leben. Wir wissen darin nichts von Licht und Warme, und sind so eingehullt in Finsterniss, so trage, so schlafrig, dass wir uns auch nicht einmal darnach sehnen.

Lassen Sie mich s o , liebe Freundin. Besser nichts von sich zu wissen, als zu viel.

Sehen Sie wohl, ich hatte Ihnen gar nichts Neues zu sagen. Darum schwieg ich auch. Sie mussen wissen, ich bin ganz mit den Worten uberhaupt zerfallen, seitdem ich einsah, dass der Mensch ihrer nicht immer Herr ist. Sie strafen mich nun dafur. Ich finde selten eins, das ich gebrauchen konnte, mich verstandlich zu machen. Mich dunkt auch, Sie, Elise! sollten ihnen misstrauen! Auch in Ihnen spricht die Seele anders, als es die Lippen auszudrucken vermogen. Warum, ach warum bleibt Vieles nicht ungesagt! Auch jetzt! Es e r g a n z t das Gefuhl lieber, als dass es den scharfen Klang vernimmt!

Vergeben Sie. Mein Inneres ist wund, der Hauch des zartesten Grusses verletzt mich. Wie muss doch Alles anders sein, denn ehemals nicht wahr, wir verstanden einander immer?

Ich will hinaus ins Freie gehen. Ich will mich besinnen. Vielleicht wird es wieder wie ehemals O Elise, was haben Sie gethan! Sie haben gerufen, und ich bin dem Tone gefolgt. Nun bin ich elender als vorher. Ich war bei Ihnen druben in Ihrem Hause, in Ihrem Garten, zum erstenmale seit langer, langer Zeit. Sonst, wenn ich das Dorf von fern liegen sah, dann schreckte mich die Oede drinnen. Ich wandte das Auge ab, wie man es einst beim Scheiden von der Welt wenden wird, mit sonderbar entzucktem Grauen. Was war auch hier geschehen! Was hatte ich nicht erfahren! Vom Jungling alterte ich zum Greis. Hier sah ich mein Gluck versinken.

Heute widerstand ich nicht. Es lockte mich, ich weiss nicht was? Ich ging den Pfad, der durch die Wiesen fuhrt; der schmale Graben mit seinem grunen Rande und den tausend Vergissmeinnicht, vom Grase halb verdeckt, die rothen Federnelken, der feuchte Hauch des rinnenden Gewassers, es duftete wie an den kuhlen Abenden, wo ich Sie von der Burg zuruckgeleitete. Nun stand ich unter der alten, breitgewipfelten Weide, rechts schlangelte sich der Bach, jenseits winkten die Erlen. Da ist der kleine Steg! noch ein Schritt, und ich bin in Ihrem Garten.

Kommen Sie, o kommen Sie nie wieder hierher! Erst Monate sind es, und schon verwildert, verwachsen, mit Gestripp uberzogen, kaum die Wege noch kenntlich, wo Ihr Fuss gewandelt!

So schnell ist das Leben im Zerstoren, so geschwind verwischen sich Spuren!

Ich war ganz irre geworden. Ich bog die Zweige auseinander, ich wandt mich hindurch. Da lag das Haus. Thuren und Laden geschlossen, hohes Gras auf der Terrasse, keine Ihrer Blumen mehr zu sehen, die Kubel leer. Georgs kleine Giesskanne umgesturzt in einem Winkel unter der Tonne am Giebel. Spaden und Hacke daneben, nichts lebte hier, als die alte Ziege und der Pfau, den man b e i d e n vergonnte, die blumenlosen Beete zu berupfen.

Ausgestorben! ausgestorben! das war das einzige Wort, das mir aus allen Ecken entgegen schallte. Ich setzte mich auf die steinerne Bank vor dem Hause. Ich sass so lange. Es ward spat. Da hustete etwas und schurrte langsam mit stolperndem Schritte heran. Es war der alte Gartenknecht Karl, der so oft das Thor hinter mir schloss, wenn ich Abends spat wegritt. Er erschrack, da er mich sah, so fremd war ich ihm geworden. Das Leben macht die Zeit kurz oder lang. Hier war kein Leben mehr. Ich grusste ihn. "Wer hat die Schlussel zum Hause, lieber Mann?" fragte ich. Er entgegnete: "Sie sind auf dem Amte, aber ich schlafe hier unten, und kann durch die Seitenthure hinein, und so sind alle Zimmer zugangig." Er merkte wohl, was ich wollte, und ich, dass er mich verstanden. "Wollt Ihr so gut sein, Alter?" sagte ich, "Gern," erwiederte er. Wir traten in die untern Gewolbe. "Warten Sie," bat er, "ich muss erst ein Licht anzunden, oben sind die Laden geschlossen, es dunkelt schon, und man sieht da nicht, wo man hintritt." So gingen wir die Seitentreppen rechts hinauf, jener voran, ich hintendrein. Wie unsere Tritte durch das leere Haus schallten, wie jedes gesprochene Wort so hohl klang! Er offnete Ihr kleines Gartencabinett, Elise! Das kleine Lichtstumpfchen, das wir hineintrugen, warf nur fahlen Schimmer umher. "Lass Er," rief ich, und drangte den Mann und das Licht hinaus. "Wie Sie befehlen," entgegnete er. Ich zog die Thure hinter mir zu. Ich war allein. Der Duft Ihrer Blumen, Ihre englischen Bucher, die bekannten Gegenstande auf Ihrem Schreibtisch, kurz, der Athem Ihrer Welt, Ihrer lebendigen Nahe, wehte mir entgegen. Ich warf mich auf das kleine Sopha am Ofen. Die Kissen lagen noch so zusammengeschoben, wie Sie solche zur grossern Bequemlichkeit gewohnlich legten.

Was soll ich viel von dem Schmerze reden, der mich ganz, ganz gefangen nahm! Einen Augenblick vergass ich Alles. Ich wusste nicht ein Wort von der Welt, ausser uns. Dann kamen andere Gedanken, andere Vorstellungen. Ich sprang auf. Ich verliess das liebe, kleine Gemach mit einer Angst, als lage die Holle auf mir. Der gute, alte Mann draussen sah mich halb verwundert, halb befremdet an. Ich mochte geweint haben. Ich weiss es wahrhaftig nicht. Ich gab ihm Geld. Wir schieden. Er sagte mir beim Hinausgehen: "Wenn Sie sonst wollen, das Pfortchen ist niemals verschlossen, auch kommt sonst Niemand hierher." Ich dankte ihm herzlich.

Nein! Elise, nein! dahin gehe ich nicht wieder. Den ganzen Ruckweg uber musste ich mir immer wiederholen: "Alles todt! Alles todt! Und Die auch! Du hast sie beide auf deinem Gewissen!"

So ist es! gewiss, so ist es! Wie ward Ihr Geschick so unheilbar zerstort! Und war ich es nicht, hatte ich denn Ruhe, bis meine unselige Hand den Wahn zerriss, der Ihr Bewusstsein verhullte? Konnte ich noch zweifeln! Empfand ich es nicht, was Ihre schonen Lippen mir unter belebendem Entzucken endlich bekannten? O es war doch ein seliger, ein unvergesslicher Augenblick! Was wundern wir uns, wenn eine Welt untergeht, wahrend eine andere sich Raum schafft. Wie Sie, liebe Freundin! mir jetzt so deutlich aus der Erinnerung heraufsteigen! "Ungrossmuthiger!" sagten Sie im ersten Augenblicke, zurnend. "Sie wussten es lange! Musste Ihnen erst das Opfer meiner Ruhe die Gewissheit besiegeln?" Sie verliessen mich voll Unmuth. Ich war beschamt, Sie hatten recht. Eine Weile stand ich verlegen vor mir selber. Ich ahndete, dass d i e s e Minute viele andere geweiht hatte, die allmahlig das Bisherige umgestalten wurden. Aber ich war zu glucklich, um bereuen zu konnen. So r o h ist der Mensch und so lappisch! Immer greift er aus dem Traume heraus, und was ihm die innere Offenbarung giebt, das soll das Leben erst wahr machen.

Ja, es macht eine Wahrheit daraus! Aber eine entsetzliche, vor der man den Verstand verlieren kann!

Nein, es taugt mir nicht, wenn ich die Burg verlasse. Ich kann die Luft ausserhalb nicht mehr ertragen. Darum bleibe ich. Erst wollte ich gleich fort. Wohin? wusste ich freilich nicht. Aber der Kranke sucht die Stelle, wo er besser, stiller zu liegen glaubt. Es kam anders! Eine Kleinigkeit, vielleicht ein Zufall, gewiss ein Zufall, genug ich blieb. Der gute Oheim braucht mich doch wohl noch. So lange er lebt, baut er seine alten Plane von Begrundung und Forterben des Begrundeten weiter in die Zukunft hinein. Nun, ich werde ihm bauen helfen, das neue Schloss in Wehrheim darf so nicht liegen bleiben. Ich werde Sorge tragen, dass die Arbeit vorwarts geht. Was dann daraus wird? Mir einerlei! An mich denke ich nicht, das sehen Sie wohl, da ich b l e i b e und b a u e .

Was treiben S i e denn, Liebe? Wie betrugen S i e die Zeit um ihren tragen Lauf? Sind Sie noch bei der Dame, von der Sie einmal sagten: "Sie truge wie eine Ameise immer ein Stuckchen Dasein zum andern, und hatte so einen Vorrath von Brocken. Zum G e n i e ss e n aber bliebe ihr keine Musse."

Sie sehen, ich habe ein gutes Gedachtniss, und wiederhole mir gern, was ich von Ihnen horte.

Seit ich in Ihrem Cabinett sass, kommen mir soviel der fruhern Gedanken und Worte. Aber hier in der Burg schallt es, und es ist zwolf Uhr Mittags; die Glocken lauten eine volle Stunde. In der Capelle liest der Prior Emma's Todtenmesse!

Ich versichere Sie, unter solchen Klangen kann sich ein Herz tropfenweis verbluten!

Elise an Hugo

Ich danke Ihnen, lieber Hugo! Sie geben mir den alten Glauben wieder. Sie sind nicht kleiner geworden im Ungluck. Sie verleugnen weder Ihr Herz, um dem Gewissen zu entlaufen, noch denken Sie daran, beide durch Vergessen auszusohnen. Sie sind wahr, wie immer, selbst in der matten Lauheit, mit der Sie auf mich, wie auf den Fruhling Ihrer Gefuhle zurucksehen. Wie viel lieber ist mir der schlummernde Hugo, als der klugelnde, sich und mich verhohnende.

Lassen Sie es immer sein, dass Ihnen jetzt die Brust so leer scheint. Wenn e i n Freund uns verlasst, so sehen wir die andern nicht gleich, aber begegnen wir Ihnen, so fuhlen wir, dass die Freundschaft uns immer nahe blieb.

Ihr Brief wurde Manchem bange machen. Aber mir ist er so werth, so theuer! Er ist wie Sie selbst. Was Sie beruhrt, das ergreift Sie ganz, und Sie fassen es wieder so. Ich habe Sie immer geliebt in dieser Vollstandigkeit Ihres Empfindens. Lasst denn am Ende auch die Begeisterung nach, spurlos zieht nichts durch sie hin.

Sie sagen mir, dass Sie auf der Burg bleiben. Sie durfen sie auch nicht verlassen, jetzt nicht. Konnten Sie wohl den kummervollen Greis dort einsam wissen, und umherziehn, ohne Absicht, ohne Zweck? Was zoge Sie in die Ferne? was reizte Ihre Thatigkeit? Ist es dort nicht wie hier? und entgehen Sie sich irgendwo?

Hierin sind Sie zu beneiden, Hugo. Sie wissen doch wenigstens, w e s h a l b Sie an diesem und an keinem andern Orte sind. Ich weiss es nicht. Das druckt mich am schwersten, dass ich so zwecklos gehe und komme, dieses will und jenes lasse. Es bleibt am Ende ganz einerlei, und mir kann es das ebenfalls sein.

Ja, ich bin noch bei der guten, geschaftigen Tante; die immer weiss, weshalb sie aufsteht und niedersitzt, die Schlussel in die Hand nimmt, klingelt, bestellt und abbestellt. Die Welt liegt auf ihren Schultern, und schwerlich erwacht der Herrscher grosser Staaten am Morgen mit so viel unruhiger Besorgniss, als sie, bis ihre Kuche bestellt, das Erforderliche ausgegeben und die Besichtigung und Berechnung aller Vorrathe geschehen ist. Lachen Sie nicht, Hugo! Mich ruhrt die unermudete Thatigkeit, und die eingebildete Grosse ihres Zweckes. Glauben Sie mir, es liegt viel Beruhigendes in solcher Beschrankung.

Ich spure das in meiner jetzigen Lage. Sie ist eng, oft pressend, aber man wird so still darin. Vielleicht matt! Wozu hilft auch den Frauen die Kraft und der freie, umherschauende Sinn? Sie werden doch nur, fruhe oder spat, in ein Zellchen u b e r oder u n t e r die Erde zuruckgeschleudert.

Ich habe hier alle meine Schmerzen verweint, und bin daruber eingeschlafen. Das Ableiern tagtaglicher Gewohnheitsworte, die Fragen nach Wind und Wetter, nach gutem oder schlechtem Schlaf, nach dem Gedeihen der Fruchte, dem Befinden nutzlicher Hausund Hofthiere, die Verwunderung uber die Nachlassigkeit eines Domestiken, und was sonst noch das beschrankte Leben hier bietet, ich versichere Sie, es lasst wenig Anderes in der Phantasie aufkommen. Allmahlig nimmt man an dergleichem Theil; man spricht und hort so lange davon, bis man sich damit beschaftigt, und es mit einer Art Beruhigung wahrnimmt, dass weibliches Thun nicht mit Unrecht dem Treiben der Bienen verglichen wird. Solch' Sumsen und Wirren betaubt fur den trugerischen Ruf nach hellern, weitern Regionen!

Der Sohn des Hauses war eine Zeitlang hier, jener Vetter Curd, den Sie in Ulmenstein und bei mir mussen gesehen haben. Vielleicht wissen Sie nichts mehr von ihm. Es ist auch nicht viel von ihm zu wissen, er selbst weiss am wenigsten von sich. Nun sehen Sie, h i e r war er E t w a s , ein S o h n und ein H a u s h e r r . Sehr viele Menschen, die sich in der Welt verlieren, nehmen ein Wesen und eine Gestalt an, wenn sie in die Umzaunung ihrer Grenze zurucktreten. Ich mache nicht viel aus den Geschopfen, die nur in e i n e m Element athmen konnen und nirgends anderwarts existiren; indess urtheilen Sie, wie bescheiden mich mein jetziges Loos macht, ich sah den Vetter Curd nicht ungern hier. Sein Anblick rief mir andere Tage, andere Personen, andere Verhaltnisse zuruck, und vollends seine Pferde! Mein armer Georg ritt sogar auf des Vetters Pferde. Jetzt hat das arme Herz wohl nichts, nichts mehr, woran sich ein frohlicher Knabe erfreut!

Sein kleines Gartengerath sahen Sie umherliegen, Hugo? O sahe ich d a s wenigstens! Ich wurde auch das runde Handchen zu sehen glauben, das sich so dicht um den Reif der Kanne zusammenpresste, und doch die Halfte des Wassers verschuttete, ehe noch die Stelle erreicht war, wo es einen kunstlichen Graben fullen, oder eingesteckte Reiser geschwind zu grossen Baumen wachsen lassen wollte. Abgeschnittene Stuckchen ohne Wurzeln in den steinigten Boden verpflanzt, waren Deine Walder, armes Kind! Du traumtest Dich schon in ihren Schatten, und rittest auf der Haselgerte zwischen ihnen durch, Hirsche und Rehe zu jagen! Wird Dein ganzes Dasein so wurzellos auf undankbarem Boden vergehen?

Wie kam es, Hugo, dass Sie, an Georg erinnert, ihn nicht aufsuchten? Sehen Sie, das dumpfe Traumen in dem verwilderten Garten, auf der verlassenen Statte im Hause passt nicht fur Sie. Wie anders konnten Sie der Freundin dienen, wurden Sie der gute Engel des Kleinen. Ich habe etwas Aehnliches wohl lange im Stillen gedacht, aber da Sie mir nichts zu sagen hatten, so k o n n t e ich Ihnen auch nichts sagen, und bat darum Curd, zuweilen hinaus nach dem Amthof zu reiten, und mir zu schreiben, wie es um das Kind stehe. Es wird denn nun freilich an seinen Berichten nicht viel sein. Ich dachte aber, immer ist es ein verwandtes Gesicht, nur eine Erinnerung aus der fruhern Zeit, die dem Verlassenen in dem ungewohnten Leben Freude machen muss. Und kann ich doch sonst nichts mehr fur meinen Liebling thun!

O wie das Kind auf meine Seele druckt. Die wei

che, liebreiche Madame Lindhof theilt mir Alles mit, was ihren Pflegling betrifft; allein, sie sieht ihn taglich mit altern Knaben, Georg verliert sich unter diesen. Auch ist er stumm, wo er sich fremd fuhlt, und f r e m d werden ihm diese Kreise immer bleiben! Manches mag auch als Unart erscheinen, was er nur nicht verstandlich machen kann, was Niemand dort verstehen wird! Es qualt mich, all den Widerspruch zu denken, der mit Tavanelli's Eintritt begann und immer verwirrender fortgehen muss!

Wenn S i e wollten sehen Sie zu, Hugo, wie Sie

es machen, was Sie thun konnen!

Wie mich's hebt und entzuckt, S i e und das

K i n d auf den Bahnen zu denken, die mir verschlossen sind. Von Eduard kein Wort! Auch an die Lindhof nicht. Er weiss, furchtet diese, um deren Briefwechsel mit mir. Der Prior kommt zuweilen nach dem Amt. Wenn mir von daher neue Leiden drohten. Es ist doch ein Punkt unsers gegenseitigen Vertrags, dass der Knabe bis zum siebenten Jahre seiner jetzigen Pflegerin verbleibe. Wenn ! Umsonst macht der geistliche Herr seine Spatziergange nicht so oft durch die Erlen am Bache und in den Amtsgarten. Der Einfluss von daher ware mir unaussprechlich peinlich! Haben Sie ein wachsames Auge, lieber, geliebter Hugo! Sie, der Sie alle Schlage dieses Herzens mit dem Engel theilen, der auch Ihr Liebling war. Dulden Sie es nicht, dass man dies helle Gemuth verfinstere, den aufrichtigen, klaren Sinn zur Verstecktheit und Luge reize!

Bin ich doch ganz wieder erwacht, seit ich an Sie schreibe! Regen sich doch tausend fremdgewordene Wunsche und Gedanken in mir! O Herz, wie wurde Dir sein, durftest Du Dich nur einmal wieder

Aber weg, weg mit solchen Bildern! Die Tante rasselt mit den Schlusseln, die Bodenthure knarrt. Es regnet, und die Wasche muss trotz der Jahreszeit im Hause getrocknet werden, die Magde und Weiber jammern beim Hinaufschleppen der Last! Was wird der ausserordentliche Fall uns nicht heute alles bei Tisch reden lassen!

Der Justizrath an den Prasidenten

Indem ich die Ehre habe, Denenselben die Ausfertigung der Scheidungsakte hiermit ganz gehorsamst zu ubersenden, bemerkte ich gleichzeitig, dass der Rechtsanwald Dero gewesenen Frau Gemahlin diese ebenfalls von der gerichtlichen Auflosung ihrer stattgehabten ehelichen Verbindung in Kenntniss setzte, so dass Sie beiderseits, nach Ablauf vorgezeichneter Frist, zu einer zweiten Wahl zu schreiten gesetzlich berechtigt sind.

Die schnelle Beendigung eines, jeden Falls storenden Prozesses, darf allein Ihrer grossmuthigen Aufopferung zugeschrieben werden, da diese Alles uberging, was Leichtsinn und Unbestand an dem Selbstgefuhl des beleidigten Gatten verschuldeten.

Befriedigt in diesem Bewusstsein, werden Sie, geehrter Herr Prasident! nichts vermissen, was Ihnen eine glanzende Laufbahn, die Anerkennung der Welt und die Verehrung der Bessern in dieser nicht vollwichtig ersetzen konnte. In tiefster Ergebenheit verharrend etc.

Hugo an Elise

Sorgen Sie nicht, Liebe! Ich traume nicht mehr. Ich habe die einschlafernde Trauer abgeworfen. Der Schmerz ist kein Wahn, aber die Klage ist eine Schwache. Man beklagt Niemand als sich selbst. Das Liebkosen der Seele nimmt dem Leid seinen aufregenden Stachel. Unter die Fusse mit dem Geschick, und frei gehoben das Auge in die Welt hinaus, die u n s e r ist und die der Mensch gestaltet, wenn er sich nicht durch sie gestalten lasst!

Ich fange wieder an zu leben, Elise! Der Bau in Wehrheim schreitet zum Erstaunen vor. Er soll beendet sein, ehe der Winter uns uberfallt. Taglich bin ich dort. Die Leute jubeln uber meinen Eifer. Abends fahre ich auf kleinem Fischerboot den raschen Strom hinunter. Ich durchschneide pfeilschnell die Fluth. Komme ich dann an Ihrem Garten vorbei, dann lege ich dort an, gehe eilig nach dem Amthofe und hole mir Georg, der schon die Stunden bis zu meiner Ankunft zahlt. Wir sitzen dann Beide in dem kleinen Cabinett auf dem Sopha, der Tisch mit Baukasten und Soldaten steht vor uns. Ich muss ihm erzahlen, wahrend er das neue Haus druben in Wehrheim noch baut. Gestern nahm ich ihn mit heruber im Kahn. Er sprang und klopfte vor Freude in die Hande. Die ganze Zeit sprach er von Ihnen, und meine Gedanken errathend, sagte er seitdem zuversichtlich: "Fur Mutter ist das schone Schloss druben, da will ich zu ihr reisen."

Sehen Sie, Elise! das ist es, was mich beseelt, was meinem Muthe Flugel giebt. Verstehen Sie mich, Liebe? Denken Sie sichs einen Augenblick. Sie dort wohnend, das Kind in Ihrer Nahe, ich auf der Burg, jeder Augenblick unser! Ich komme, ich gehe, wir gehen mit einander, wir besuchen die gute Madame Lindhof, sie besucht Sie wieder, Georg mit ihr wie naturlich, unsere Gesprache, unsere Beschaftigungen begegnen sich wie ehemals. Der Garten in Wehrheim wird ganz Ihre Schopfung. Sie pflanzen, raumen weg, was Ihren Planen entgegen ist. Ich helfe Ihnen; bald fassen Blumen ohne Zahl den frischen Rasen ein, Springbrunnen, leicht von dem Strom herbeigeleitet, nassen den grunen Abhang. Hier findet Georg seinen Spielplatz. Sie sitzen vor dem Hause unter schattigen Arcaden, und haben ihn stets unter Augen; ich lese Ihnen vor, zeichne, was Sie Neues in Gedanken entwarfen. Wir sprechen daruber, ich werfe Ihnen Dies und Jenes ein, Sie widerlegen meine Grunde, der Streit giebt der Unterhaltung neues Leben, ich kann nicht nachgeben, und Sie t h u n doch, was Sie wollen, denn ich ende damit, die Ausfuhrung in Ihre Hande zu legen.

Oder Sie sind allein. Sie erwarten mich. Ich bleibe lange aus. Ihr liebes Auge liegt unruhig auf dem silberhellen Fluss. Vom jenseitigen Ufer soll ich heruberkommen. Kein dunkler Punkt bewegt sich auf den glanzenden Wellen. Sie sehen und sehen, und werden ungeduldig. Da macht Sie naher Ruderschlag von der Seite des Dorfs aufmerksam, Sie gehen hinunter bis zum Ufer, dort rechts, wo die Birken am Vorsprunge der kleinen Insel ihre wallende Zweige niedersenken, rauscht mein kleines Fahrzeug heran. Ich sehe Sie, und bin Ihnen nun im Augenblick ganz nahe. Scheltend empfangen Sie den Freund, doch mussen Sie ihm verzeihen, denn Sie kennen ihn zu gut, Sie wollen ihn auch nicht anders, als er ist, angstigend darf ihn keine Rucksicht befangen, und konnte er die Freiheit im Handeln opfern, er ware nicht mehr derselbe. Deshalb war auch die Ungeduld nicht Zorn, gesteigerte Erwartung nenne ich sie lieber, und wie nun der Erwartete kommt, ist das Wolkchen verschwunden.

Denken Sie sich das Alles in dem Verhaltniss einziger, grosser, umfassender Zuneigung, sehen Sie die tiefe Ahndung solchen Bundes, wie wir ihn immer gedacht, wie er uns in unzahligen Gesprachen vorgeschwebt, fragen Sie sich, ob irgend eine, von den gewohnlichen Armseligkeiten, die den Menschen gefangen halten, dagegen ausreiche?

Sind Sie doch frei, Elise! Ich weiss es. Keine Nothwendigkeit bindet Sie an den Ort Ihres jetzigen Aufenthaltes. Und welch' ein Aufenthalt! Wollen Sie sich wirklich so hart strafen, den edlen, klaren Geist an der gemeinen Alltaglichkeit des Lebens abzustumpfen? Geben Sie doch den Thorheiten des Vorurtheils nicht in dem groben Irrthume nach, als konne die Ertodtung dessen, was uns Gott ahnlich macht, Gott gefallen. Was heisst denn Busse? Fragen Sie einmal die Weisen, die soviel davon reden, ob ihnen je der Begriff klar aufgegangen ist?

Glauben Sie mir, ich habe in dieser langen, gedruckten Zeit viel hieruber mit mir zu thun gehabt. Alles Leere, Nichtige, Abgerissene und darum Selbstische, busst der Mensch durch E r f u l l u n g oder N i c h t e r f u l l u n g seiner Wunsche. Beides kann Strafe werden. Doch, was das Eigenthum seiner heiligsten Ueberzeugung, was sein frei gewordenes Dasein, was der Ursprung, wie der Zweck seiner Erdenlaufbahn ist, das giebt er nur zum Scheine den Umstanden hin. D e r Trieb, der ihn zum zweitenmale im Bewusstsein e r s c h u f , der stirbt nicht, den verhullt die Gewalt andrangender Ereignisse wohl eine Weile; aber, was i s t , das i s t ! Es lassen sich nur Abkommnisse mit ihm schliessen, zu besiegen finden wir im Kampf der Wahrheit nichts als d i e L u g e .

Es ware himmelschreiend, wollten Sie sich glauben machen, Sie seien von d e m Gott, der Ihnen diese Seele einhauchte, verdammt, sich in die Knechtschaft der Bedurftigkeit zu schmiegen, um es zu bussen, dass Sie d a c h t e n und e m p f a n d e n , wie das Kind s e i n e r Gedanken! Ich habe Ihren Brief, Elise! in demselben Zimmer gelesen, auf derselben Stelle, wo Sie mir sagten: "Ich kann alles hingeben, was man von mir fordert, doch die Fahigkeit, Sie in Ihrem innern und aussern Thun zu begleiten, die lasse ich mir durch kein Schreckbild des Vorurtheils rauben."

Glauben Sie in der willkuhrlichen Haft den Gebrauch jener Fahigkeit zu bewahren?

Elise! sein Sie gewiss, wie Strick und Band den Gliedern ihre g e s c h m e i d i g e B e w e g l i c h k e i t rauben, so geht es dem Geist, der unterdruckt ist, und den Kafig uber sich zufallen lasst.

Und nun noch ein Wort uber Georg. Das zarte, besondere Kind fordert Ihre ganze Aufmerksamkeit. Er ist, ich leugne es Ihnen nicht, er ist a n d e r s geworden, langsam, stille, abgesondert, schliesst er sich nur selten, und dann heimlich und nur fur Augenblicke auf. Sein Anblick machte mir den Eindruck einer fremden, kostlichen Blume, die, in einen Gemusgarten verpflanzt, die grobe Erde und die wuchernden Nachbarpflanzen z u r u c k h a l t e n . Seine gute, treue Pflegerin ist von jener weichlichen Sorgfalt fur ihn, die Alles thut, aber das Rechte nicht trifft. Sie wacht mit steter Sorgfalt uber jeden seiner Schritte, er wagt deshalb selten einen ungewohnlichen, ja, ich finde ihn angstlich, die Augen fragend auf die Grossmutter, was Madame Lindhof auch fur ihn ist, gerichtet. Als ich ihm das Erstemal mit dieser begegnete, ward er ganz roth, that blode, und antwortete mir gar nicht. Ich uberliess ihn sich selbst. Nach einer Weile schlich er um mich herum, ging neben mir, fasste meine Hand, und als es Niemand horte, fragte er nach Ihnen. Ich erwiederte, dass ich Sie lange nicht gesehen hatte, er wisse ja, Sie seien verreist. Ich, im Gegentheil, wolle von ihm horen, wann Sie wiederkommen wurden? Ich bereute, das Letztere gesagt zu haben, denn der arme Kleine sah zu Boden und blieb eine Strecke hinter uns zuruck, um unbemerkt weinen zu konnen. Es musste ihm sehr wehe thun, sich wieder einmal in seinen Erwartungen getauscht zu finden.

Er trostete sich aber, als wir jetzt in das Haus traten, welches er so lange nicht besuchen durfte, weil die gute, angstliche Frau den Eindruck scheute, den das Wiedersehen der geliebten Statte auf ihn machen konnte. Sie hatte ganz falsch vorausgesehen. Das Kind lebte hier auf. Es war s e i n e Welt, in die es zuruckkehrte. Er sprang und jubelte in den Zimmern umher, und war nur durch das Versprechen, morgen wieder mit mir hierher zuruckzukommen, zum Weggehen zu bewegen.

Liebste Elise! konnen Sie saumen, den schonen Knaben aus seiner wunderlichen Abspannung herauszureissen? Bis hierher hatte ich geschrieben. Mir war das Herz warm und bewegt geworden. Ich hielt nicht mit mir allein aus. Das Wetter war unfreundlich, die Sonne schon untergegangen, ich trat ans Fenster. Druben im andern Flugel brannte der grosse Camin hell in des Oheims Zimmer. Der Schatten von Jemand, der aufund niederging, verdeckte die Flamme augenblicklich. Das ist er! dachte ich, der einsam wie du, die Stunden an sich hinziehen lasst. Ich eilte zu ihm hinuber. Er lachelte angenehm uberrascht, als ich die Thure offnete. "Guten Abend," sagte er sehr weich, indem er mir die Hand entgegen streckte. Er ruckte mir selbst den Armstuhl dem seinigen gegenuber am Camin zurecht. Wir setzten uns. "Ich war heute in Wehrheim," hub er nach einer Weile an. "Die Arbeit ruckt ja gewaltig vor. Ich freue mich, dass Dich das beschaftigt," setzte er hinzu. "Nun," entgegnete ich, "es ist eine Aufgabe, so lange man sie zu losen bemuht ist, beschaftigt es freilich."

"Du hast eine Absicht dabei," sagte er, und einen Augenblick innehaltend, fuhr er fort: "Ich begreife es sehr wohl, dass Du, Deiner Neigung gemass, frei und eigenthumlich zu wohnen und zu leben gedenkst. Wir werden ja darum doch nicht geschieden sein?" lachelte er, mir aufs neue die Hand reichend. Ich beugte mich uber die vaterliche Hand, die mich so schonend in Schmerz und Widerwartigkeit beruhrt hatte, ihn fest versichernd, dass ich gar nicht daran denke, die Burg zu verlassen, und nur beenden wolle, was er mir anzufangen erlaubte. Er sah mich uberrascht an. Wieder im Sessel zuruckgelehnt, meinte er: ich gliche doch oft meinem seligen Vater ausserordentlich.

Er hatte mich an diesen gerade jetzt nicht erinnern sollen. Es erkaltete mich unwillkuhrlich, dass er der Aehnlichkeit so nebenbei erwahnen konnte. Wahrscheinlich errieth er mich, denn, war es nun das Feuer, oder trieb ihm das Blut vom Herzen nach dem Kopfe? genug, er schien zu errothen, da er jetzt die Hand vor die Augen hielt, als schirme er diese vor der Flamme.

"Sage mir doch," bat er hierauf, "was ist denn an dem Gerede, das unter den Leuten umherlauft, von einer s c h w a r z e n H a n d , die den Vorubergehenden eines Morgens von dem Geruste herabgewinkt und sie von der Stelle weggescheucht haben soll? Nach einer sturmischen Gewitternacht, setzt man hinzu, sei sie sichtbar geworden, so, als schleudre sie der Blitz herab; was denn fur ein drohendes Zeichen angesehen, und dem Bau nichts Gutes geweissagt wird, insbesondere, da man Deinen erwachten Eifer, ihn zu vollenden, fur Trotz halt, und ihn f r e c h schilt."

Ich lachte, ob mir gleich die Sache an sich, und wie sie sich zugetragen, einen ganz andern Eindruck zuruckgelassen hatte. "Sie sehen wohl," sagte ich mit leichtem Achselzucken, "dass eine blosse Zufalligkeit dem Verlangen nach Spukereien Vorschub leisten musste. Unsere Geistergeschichten haben einen sehr materiellen Boden; es wird mit aller Muhe nichts Geistiges daraus." Ich erzahlte ihm nun, dass mir auf einem nachtlichen Ritte nach Wehrheim, bei einer heftigen Bewegung mit dem Arme, der abgezogene, lose in der Hand gehaltene schwarze Handschuh entfahren, und auf einer Stange des Gerustes hangen geblieben sei. "Es ist wahr," fuhr ich fort, "es hatte etwas Erschreckendes, und ich trug auch Sorge, am folgenden Tage in aller Fruhe den Handschuh von der Stange herabnehmen zu lassen, was vielleicht nur dazu diente, die Sache unaufgeklart zu lassen."

"Ich dachte es wohl!" erwiederte der Comthur. Aber er ward still, und es fiel mir auf, als er nach einer kurzen Pause, wahrend welcher wir beide, jeder auf eine eigene Art beschaftigt, in das Feuer sahen, ausserte: "Das Zusammentreffen offenbarer oder verborgener Umstande hat seine Bedeutung, die der Mensch voraus empfinden will, und deshalb ubereilt er sich im Urtheil, oder qualt sich mit Ahndungen."

Er war hier aufgestanden, und ging, den Kopf gebeugt, die Hande auf dem Rucken, wie Sie seine Art kennen, in dem grossen, hohen, grauen Zimmer auf und ab. Ich folgte ihm mit den Augen, der Raum, den er durchschnitt, war mir noch nie so weit, so leer, wir beide einsame Menschen nie so vereinzelt vorgekommen. "Wollen wir eine Parthie Schach spielen?" fragte ich, ebenfalls meinen Platz verlassend.

"Gern, sehr gern!" war die Antwort. Ich suchte den kleinen Tisch mit der gefacherten Platte, an dem wir sonst so oft spielten. Er musse im Nebenzimmer stehen, meinte der Comthur. Ich ging dahin, fand ihn aber nicht. "Ach! ich besinne mich jetzt," rief ich, und stutzte unwillkuhrlich.

In Emma's Zimmer hatten wir das Letztemal gespielt. Der Oheim verstand mich. "Lass es," sagte er, "ich will !" "Bewahre!" versetzte ich beschamt. Ich zundete ein Licht an, und eilte durch den Seitengang, die kleine Wendeltreppe hinauf, in das vordere Thurmzimmer. Elise! hier sassen wir, wenige Tage vor Emma's Abreise; sie lag in dem anstossenden Cabinett auf ihrem Ruhebette, die Mutter las ihr vor, der Arzt und ich fuhrten Krieg auf den schwarzen und weissen Feldern, der Comthur, auf- und abgehend, wie heute, begleitete mit klugem Blick unsre Zuge. Es war sehr heiss im Zimmer, man durfte, der feuchten Luft wegen, die Fenster nicht offnen. Ich horte Emma sagen: "nehmen Sie mir den Shawl ab, ich verbrenne."

Mein Gott! die verschlossene Luft war wieder so druckend und gepresst, sie lag zentnerschwer auf meiner Brust. Ich sah umher nach dem Tischchen. Man hatte ohnlangst hier geraumt, und die Gemacher gereinigt, das Gerath stand zusammengeschoben in den Winkeln. Ich fand endlich, was mich hierher fuhrte; doch neben Emma's Ruhebett, den Shawl, jener amaranthfarbene, den ich ihr geschenkt, und den sie so liebte, dass sie ihn immer trug, hing uber die Kissen der Rucklehne. Das grelle Roth schnitt mir durch die Seele. Ich sah das bleiche Gesichtchen, an das sich die Falten des Tuches einst schmiegten, ich horte das "Ich verbrenne!" mit dem Ausdruck des Unvermogens, es langer ertragen zu konnen, wieder, und fuhlte die Gluthen, die das beste Herz verzehrt hatten.

Den Shawl uber dem Arm, das Tischchen in der Hand, eilte ich hinunter zum Oheim. Er sah mich erst verwundert an, dann wurden seine Zuge sehr weich, er umarmte mich, ich fuhlte seine Thranen auf meiner Wange. Leise, als scheute er sich, ein Heiligthum zu entweihen, beruhrte er mit den Spitzen der Finger das traurige Andenken. "Es ist dies ein heller Gruss, Hugo!" sagte er, "ein leuchtender Lebensschmuck, und recht ein Gegenstuck zu der schwarzen Hand, welche die Leute gerne dem Zorne der Abgeschiedenen zuschreiben mochten." Ich druckte die seinige, als er hinzusetzte: "Zorn war nicht in dieser Seele, und so wollen wir denn lieber dem freundlichen, als dem drohenden Anzeichen fur die Zukunft trauen."

Wir hatten eben unser Spiel angefangen, als der alte Baron Wildenau gemeldet ward. Der Mann ist von unleidlicher Beschranktheit und Breite. Ich hatte ihn in Ewigkeit nicht gesehen, konnte mir denken, dass er der Unglucksfalle des Hauses ungeschickt erwahnen wurde, stellte mir vor, es sei ein Trauerbesuch, auf den er sich seit sechs Monaten bis heute am spaten Abend besonnen habe, und gerieth in innere Verzweiflung.

Es war aber anders.

Der Baron trat gebeugt, mit kummervoller Miene und gesenktem Blick zu uns ein. Gegen seine Gewohnheit in Stiefeln und Ueberrock, zeigte der etwas vernachlassigte Reiseanzug, dass weder die Burg, noch ein formeller Besuch der Zweck seiner spaten Abendfahrt sein konnten.

"Ich komme," sagte er, nach der ersten Begrussung neben uns niedersitzend, "zur ungewohnlichen Stunde, und muss recht sehr um Verzeihung bitten, wenn ich beschwerlich falle."

Er dehnte die letzten Worte, und sah, unter schiefem Neigen des Kopfes, fragend zu uns auf. Ich hatte grosse Lust zu lachen, allein, wie er jetzt fortfuhr, und uns eroffnete, er sei auf dem Wege zu seinem Sohne, der auf einer Reise, von welcher wir vielleicht mehr wussten als er, noch nicht ein Einzigesmal geschrieben noch schreiben lassen, wie er sich eigentlich befinde, und ob er krank oder gesund sei? Da verging mir das Lachen. Schneller wie der Blitz reihen sich im Menschen Gedanken an Gedanken. Ich sah Leontin, ich sah Emma, ich dachte Unzahliges zugleich. Der stumme, dustre, tiefsinnige Leontin, wo war er? wo hatte er die niederschlagende Nachricht erhalten? Er liebte Emma. Er war ihr gefolgt, er sollte sie in des Oheims Namen beschworen, zu uns zuruckzukommen. Sehen Sie, Elise! wie Vieles floss da zusammen, was fur entgegengesetzte Elemente mischen sich; und wir fordern, dass das Leben klar und still hinfliessen soll.

Alles das stand vor meiner Seele. Ich hatte nicht auf das Gesprach der beiden Alten gehort, da erschutterte mich die klagende Stimme des Barons, ich wandte mich aufmerksam zu ihm, er sagte: "Ich habe doch nur das einzige Kind, das ich gern glucklich auf der Welt zuruckliesse. Es ist nicht recht, dass er mich so ganz vergisst. Wenn man alt wird, so lebt man nur noch in seinen Kindern; er sollte das bedenken, aber die Jugend ist jetzt zu verschieden von uns. Sie hat ganz andere Begriffe von Recht und Unrecht. Ich verstehe meinen Sohn nicht. Er ist so tugendhaft, dass ich oft erschrecke, und ihn wie etwas Hoheres verehre. Und dann fehlt er doch wieder gegen die naturlichsten Gebote, und erscheint mir sehr tadelnswerth."

Es war Sinn in den Worten, sie uberraschten mich. Ich behielt aber wenig Zeit, daruber nachzudenken, denn auf des Oheims begutigende Einwendungen und das leise Hindeuten, dass Leontin vielleicht krank geworden, schuttelte der Baron den Kopf. "Das nicht eigentlich," erwiederte er, "ich habe wohl soviel ausgekundschaftet, dass er sich im Schwarzwalde in einem Baueroder Meierhofe aufhalt, diesen kaufen und dort eine Capelle bauen will. Wenn es auch nicht Wahnsinn oder Fieberhitze ist, die solche Plane fassen lasst," fuhr er fort, "so ist es doch grosse Ueberspannung. Wem ware wohl vordem so etwas eingefallen? Er hat die schone Erbschaft hier gemacht, die prachtigen Guter! und will da Geld und Zeit an eine Grille opfern."

Er hielt inne. Mir fuhrs durch die Seele. I h r baut er die Capelle! auf d e r Stelle, die ihr Fuss vielleicht betreten! Er lebt nur noch in ihrem Andenken!

"Ich gehe," sagte der Baron, "ihn von dem Gedanken abzubringen. Ich habe hier keine Ruhe, und kann mir den guten, einfachen Leontin gar nicht so ubertrieben und unnaturlich vorstellen."

Er war aufgestanden, redete noch Eins und das Andere mit dem Comthur, und ging in die Nacht hinaus, den verlornen Sohn aufzusuchen. Auch d e r , seufzte ich, als ich ihn mit ganz andern Empfindungen wie vorher, zum Wagen begleitete.

Auch d e r , Elise! Werden sich alle die zerrissenen Stuckchen Leben jemals wieder zusammenfugen? Wird etwas Ganzes daraus werden? und f u r w e n ? Ein truber, unleidlicher Druck liegt seitdem auf meiner Seele. Schlafen Sie wohl, liebe, geliebte Elise!

Agathe an Rosalie

Das sind schone Geschichten! Ich schreibe Dir gleich Alles, weil ich weiss, dass Du Dich halb todt freuen wirst, Deiner Prinzess etwas erzahlen zu konnen. Danke Du Gott, dass Du am Hofe bist, und suche Dich da unentbehrlich zu machen, denn hier auf dem Lande bei Mama, bis spat in den Winter hinein ! Ich sage Dir, es ist zum Sterben. Wir haben freilich die schone Reise gemacht, aber ich gestehe Dir aufrichtig, solch' Herumreisen und Angaffen von fremden Gegenden hat kein sonderliches Interesse fur mich. Und dann glaube ich, hat Mama auch nicht in ihren Planen reussirt. Es ist nichts gegen das Testament der Tante zu thun. Leontin behalt die Guter. Du kannst denken, in welcher Laune wir durch die Walder und die uppigen Feldmarken hinfuhren! Zuweilen sprachen wir halbe Tage kein Wort, Mama las im Wagen oder schlief, und ich wurde von der furchterlichsten Langweile geplagt.

Und nun sitzen wir Ende November hier in Ulmenstein! Nein, Du machst Dir keinen Begriff von dem Eindruck, den so ein Landhaus unter kahlen Baumen, leeren Blumenbeeten und gelben Terrassen, beim ersten Wiedersehen nach langer Abwesenheit macht. Wenn wir sonst aus der Stadt hierher zuruckkommen, dann ist alles schon weit vorgeruckt mit der Jahreszeit. Man denkt an Sommertoiletten und kleine Spiele auf den Rasenplatzen, an Milch und Obst, Gesellschaft im Garten, an Ausreiten und Parthien zu Wagen. Jetzt? Ich mochte wohl wissen, an was man in dem ausgekalteten Salon und dem feuchten Wetter denken sollte!

Es ist unglaublich, wie e i n Jahr solche Veranderungen machen kann! Ich schwore Dir, die Gegend ist wie ausgestorben. Wir haben noch keine Seele gesehen! Und wie glanzend war es im vorigen Herbst!

Bilde Dir nicht ein, dass Deine Abwesenheit die Ursache davon ist. O nein, mein Kind! das ist die dumme Liebesgeschichte, die hat alle Leute entzweit. Mama ist sehr gespannt mit dem Comthur und mit Allen, die ihm anhangen. Das giebt denn tausend Verdriesslichkeiten, ganz unerhorte Klatschereien! und die bringen die Leute auseinander. Im Vertrauen zu Dir, Mama hat sich wohl manchmal ein Bischen zu scharf ausgelassen. Vorzuglich, wie es zur Scheidung kam. So was wird bekannt und Niemand leidet darunter mehr als wir, denn das gestehe ich Dir, die Pruderie, fur alle kleine Intriguen in seinem Salon responsable sein zu wollen, und es darum mit der Gesellschaft zu verderben, das muss die Menschen verscheuchen! Wer will denn auch immer einer Kritik ausgesetzt sein, wenn man zu seinem Vergnugen fremde Hauser besucht? Jetzt bereut sie es auch. Sie mochte gerne Schritte thun, aber sie weiss nur nicht, wie sie es anfangen soll.

Denke Dir, und das wollte ich Dir eigentlich erzahlen, das neue Haus in Wehrheim ist uber Hals und Kopf fertig gemacht worden, und man sagt, die geschiedene Prasidentin werde mit Nachstem dort einziehen. Ich bitte Dich, welch' unerhorter Scandal! G e s c h i e d e n ist sie, das ist wahr, aber wieder verheirathen kann sie sich nicht ohne Dispensation, und dass sie diese nicht erhalt, dafur sorgt die Oberhofmeisterin, die wieder auf der Scene erschienen ist, und ihre Hande uberall im Spiel hat.

Ja, ja, mein Kind! in Wehrheim will sie wohnen, die schone Bussende! nachdem sie in der Wuste auch eben nicht viel Busse gethan hat. Denn weisst Du nicht die grosse Neuigkeit! Curd ist zum Sterben in sie verliebt. Er hat zwar fruher sich nachtheilig uber sie geaussert. Nachher wollte er es wohl wieder gut machen, lachte sich selbst aus, sagte ein Paar Dummheiten, und machte sich dadurch lacherlich; und sein erstes Geschaft bei unserm fluchtigen Begegnen auf der Reise durch die Residenz war, alles das Ueble, was er sich zu schreiben erlaubt hatte, wieder zuruckzunehmen, und Elise so hitzig, so ubertrieben zu vertheidigen, dass man gleich sah, wie ihn die Koquette verstrickt hat.

Mir ist es einerlei! Aber es gab doch eine Zeit, wo er g a n z , gewiss g a n z anders fuhlte. Mama sagt, er ware sehr bornirt, und wie ein Blatt Papier, auf das ein Jeder schreiben kann, was er will. Im Grunde hat sie recht, aber sie fand ihn sonst doch sehr interessant.

Erzahle doch das Alles gelegentlich, wenn die Herrschaften bei Laune sind. Der Furstin Mutter wird es willkommen sein. Es ist dies Wasser auf ihre Muhle, denn man sagt, sie hasse Elise, seitdem sie sich ihretwegen einmal mit dem regierenden Fursten, nach der bekannten Cour, entzweit hat. Noch Eins. Es sind immer noch keine Nachrichten von Leontin eingelaufen. Der alte Baron kehrte vor einigen Tagen zuruck. Man weiss nicht, ob er den Sohn aufgefunden hat? Er sieht Niemand. Mama erkundigt sich sehr genau nach Allem, was hierauf Bezug hat, denn wie Du weisst, fallt die Erbschaft der Tante, im Fall Leontin ohne Nachkommen stirbt, seinen nachsten Verwandten von mutterlicher Seite zu, und das sind wir, denke ich.

Es sollte mir aber doch leid thun, um den hubschen, jungen Menschen, wenn er sturbe. Lieber hatte ich ihn noch geheirathet, ob er gleich wie der steinerne Gast im Don Juan aussieht.

Der Justizrath war eben bei Mama. Er behauptet, Elise heirathe den Grafen gewiss, fur den Dispens wurde der Comthur schon sorgen, dem Alles daran liege, dass der Neffe sich fixire und den Namen der Familie erhalte. Mein Gott! als wenn es nicht mehr Parthien im Lande gabe, als solch' durchaus unschickliche. Mama glaubt auch nicht, dass es wahr ist, sie behauptet, der Comthur besitze zu viel Delicatesse.

Nun genug, da hast Du Stoff, aus dem sich in der Stadt etwas machen lasst, um die Conversation zu beleben.

Lebe wohl, Du Gluckliche! Ich vergehe hier vor Langweile.

Der Prasident an den Justizrath

In aller Eile bitte ich Sie, geehrter Herr! mit dem Verkauf meines Landhauses zu eilen. Ich habe Grunde, weshalb ich es, sobald als moglich, in andern Handen wissen mochte. Nur empfehle ich Ihnen Behutsamkeit und Stille. So geheim wie moglich, verstehen Sie wohl! Keinen Termin, keine offentliche Anzeige. Ein sichrer Kaufer, gleichviel wess Standes und Ortes! Nur fort damit. Und Garten und Haus mit allen Mobilien ohne Vorbehalt. Bis es so weit ist, wunsche ich, dass der Gartenknecht verabschiedet, und die innere Bewachung Jemanden Ihrer Leute uberlassen bliebe. Man sagt mir, der furstliche Domainen-Amtmann im Orte suche eine andere Anstellung. Betreiben Sie doch das Gelingen seines Wunsches. Sobald er bestimmte Aussicht dazu hat, wurden Sie mich durch gefallige Benachrichtigung deshalb verpflichten.

Die Einlage an den Prior des Premonstratenser Klosters ubergebe ich, wie immer, Ihren Handen.

Der Caplan Tavanelli, schreibt man mir, sei geheilt. Ich hielt sein Uebel immer fur nichts anders, als eine hitzige Krankheit. Der Erfolg hat es bewahrt. Ein Jahr Erhohlung und Reisen ins Ausland wurden ihn vollig herstellen; ich darf sodann nicht anstehen, ihn als Gesandschaftsprediger hierher kommen zu lassen, wo er der zweckmassigsten Wirksamkeit gewiss sein kann. Was die Zahlungen betrifft, so bleiben sie, nach wie vor, dieselben. Es musste denn der zu furchtende Fall eintreten, dann hort naturlich jede fernere Beziehung auf.

Versaumen Sie ja nichts, um den gedachten Verkauf zu beschleunigen. Ich ziehe es vor, mir eine ehemalige Wohnung v e r a n d e r t , als in ihrer fruhern Beschaffenheit, und dennoch fur mich u m g e w a n d e l t zu denken.

Meiner steten Dankbarkeit konnen Sie, geehrter Herr! im Voraus versichert sein.

Antwort

Dem geehrten Auftrage zufolge, bin ich so frei, Denenselben zu berichten, dass es mir zur Zeit mit dem Verkauf des Landgutes zwar noch nicht gelungen, inzwischen der Geschaftstrager einer italienischen Dame mir Vorschlage in Betreff einer monatlichen Vermiethung der Villa gemacht hat, welche annehmlich zu sein scheinen, und immer dem eigentlichen Zweck der Entausserung nahe kommen wurden. Es wunscht die erwahnte Dame, Wittwe, kinderlos und kranklich, fur einen Theil des Jahres einen ruhigen Aufenthalt im nordlichen Deutschland, nicht unmittelbar in einer Stadt, doch in der Nahe derselben, arztlichen Beistandes halber.

Bewilligen Dieselben den gemachten Antrag, so werde ich um bestimmte Angabe der Bedingungen unterthanigst bitten, und den Contract sofort abschliessen.

Elise an Hugo

Ihre beiden kurzen Briefchen, die mir anzeigen, dass Alles zu meinem Empfange in Wehrheim bereit sei, die Zimmer im alten Flugel vollig eingerichtet, heizbar, trocken, nur m i c h erwarten, um auch S i e dort, wenigstens fur Stunden, heimisch zu sehen, die beiden Briefchen, liebster Hugo! liess ich bis heute unbeantwortet, weil ich verlegen bin, wie ich Ihnen den Zustand meines Gemuthes schildern soll, der mich hindert, irgend einen Entschluss zu fassen.

Sehen Sie, nun es so weit ist, und die Koffer gepackt sind, der Wagen herausgezogen, besichtigt, ausgestaubt und zur Reise in Stand gesetzt ist, nun kann ich nicht gehen, nicht bleiben.

Werden Sie nicht unwillig, verzweifeln Sie auch nicht gleich an der Ausfuhrung irgend eines freien und schonen Gedankens, wenn sich Ihnen Hindernisse in den Weg stellen, schelten Sie mich vor allen Dingen nicht undankbar. Ich bin es nicht! Folgte ich dem raschen, leidenschaftlichen Zuge des Herzens, ich ware, trotz Schnee und schlechte Wege, vielleicht schon jetzt bei Ihnen in Wehrheim.

Fragen Sie, warum ich diesem unbestochenen, einzig wahren Zuge nicht folge? so frage ich Sie wieder, darf ich es auch? hat er mich nie uber mein Ziel hinaus gefuhrt? Ich sehe Ihre ungeduldige, missbilligende Miene von hier, Sie legen das Blatt aus der Hand und denken, sie ist wie jede Andere! Keine wird frei von dem Leitbande angstlicher Rucksichten. Nun gut! Denken Sie, es sei so. Was hulfe es Ihnen, wenn ich mich losrisse und haltungslos schwankte?

Besser, ich gestehe es ein. Ja, es giebt Rucksichten, die wir ehren mussen, nicht unsertwegen, doch um der Ruhe Anderer. Sagen Sie mir doch, was legen Sie mir Georgs Geschick an's Herz, wenn Sie in diesem nur den Knaben, nicht den Jungling, nicht den Mann denken? Oder meinen Sie, die Welt wurde ihm den Massstab der Beurtheilung nie in die Hand geben? Hoffen Sie wirklich, Vertrauen konne in jedem Augenblick vor angstigendem Zweifel schutzen? Lassen Sie dem zartlichen Kinde die Mutter, wie er sie kannte. Was ist sie ihm, sieht er sie in verdachtigem Licht?

Kinder stehen der gottlichen Einfalt naher, als wir es ahnden. Sie haben ein zartes Empfinden fur das Ungehorige, Widersprechende im Leben.

Glauben Sie mir, ich wurde Georgs verschwiegene Fragen errathen, und mich abharmen, sie unbeantwortet lassen zu mussen.

Sind Sie es denn noch nicht inne geworden, Lieber! dass die innere und aussere That himmelweit von einander unterschieden ist? H i m m e l w e i t , sage ich! denn die Eine ist oft dort oben, wenn die Andere hineinfallt in die Region roher Gesetze. Die Erde gestaltet nach ihrer Weise, was der Gedanke g e s t a l t e t d e n k t . Es ist ein Unterschied, Hugo! und hier nichts weiter zu thun, als den Schritt nach dem Gange Anderer freundlich und liebreich einzurichten.

Also Sie bleiben, wo Sie sind? hore ich Sie fragen.

Lassen Sie mich erst ganz offen sein, ehe ich entscheide. Sie wissen, wie mich Ihr Vorschlag entzuckte, wie mich die Vorstellung davon ergriff, wie ich es nicht eilig genug haben konnte! Nun sehen Sie, ich hatte denn auch keine Ruhe, ich machte meine Anstalten ohne alles Hehl. Ich sagte es der Tante, dass ich sie nun endlich von einem unbequemen, eigensinnigen Gaste befreien wurde, der nur ihre Gute in Anspruch zu nehmen gewusst, ohne dieser durch irgend eine angenehme Leistung zu lohnen. Die Tante horte mich ruhig an, druckte dann ihr Bedauern aufrichtig aus, vermied aber, da sie mich entschlossen sah, fur jetzt alle weitere Einwendung. So verging ein Tag nach dem andern. Das bose Wetter trat ein. Erst Schnee und Frost, dann das Thauwetter. Die Posten blieben aus. Ihre Briefe, die mich endlich bestimmen sollten, kamen nicht, wie ich es erwartet hatte. Ich ward unruhig. Die Tante bemerkte es. "Was angstigst Du Dich denn so?" fragte sie theilnehmend. "Solche Eile wird es ja doch nicht mit der Reise haben." Ich war verlegen, denn im Grunde lag die Ursache der Eile nur in meiner Ungeduld. "Sieh' mal, Kind," bemerkte sie eindringlich, "jetzt kannst Du doch nicht fort. Du machst Dir keinen Begriff hier im Hause, wie es draussen auf der Heerstrasse aussieht. Leute und Pferde fallen ja in die ausgefahrnen Grunde hinein, dass man denkt, sie konnten im Leben nicht wieder aufstehen." "Sie stehen aber wieder auf, Tantchen!" unterbrach ich sie lachend. "Nicht alle, und nicht immer!" versicherte sie. "Und noch dazu bist Du allein mit der Johanna. Was fangt ihr zwei Frauen denn in solcher Noth in unbekannter Gegend, allein, zu jeder Tagesstunde an? Ist es denn weit von hier, Kind," fragte sie nach kurzer Pause, "wo Du hin willst?" Ich bejahte es, noch immer sorglos und muthig in meinem Innern. "Wie heisst denn der Ort?" Hugo! ich errothete, ob aus Freude oder Scham? das weiss ich nicht, als ich "Wehrheim," sagte! "Wehrheim! Wehrheim!" besann sie sich ungewiss. "Hast Du mir nicht den Ort genannt? Ist es nicht? Liebes Kind, was willst Du da machen?" rief sie erschrokken. "Ei mein Gott, wie kommst Du dahin? Hast Du Niemand in Deiner Familie, dem Du vertrauest? Musst Du bei d e n Leuten Schutz suchen, die Dich in so schlimmes Gerede brachten?"

Sie setzte sich hier, der Schreck hatte sie ubermannt, sie sah ganz blass aus. Ich wollte ihre gutmuthige Schwache belacheln, aber es war, als habe sie mich angesteckt. Ich konnte ihr umwolktes, feuchtes Auge nicht sehen, mit dem sie mich zu fragen schien: Ist es moglich? Hast Du Alles vergessen? Sieh' Kind, wenn ich es tadle, was hoffst Du denn von andern Menschen? Ich nahm mich gleichwohl zusammen, ich sagte ihr, dass ich in ein leeres, unbewohntes Haus einzoge, und eben so gut wie jeder Andere den freigegebenen Raum benutzen durfe.

"Nicht eben so gut wie jeder Andere!" fiel sie ein. "Herr Gott! mein Engelchen! sage das doch nicht. Du weisst ja recht gut, dass es in der Welt nicht ist, wie es in Deinem Kopfe aussieht. Denke einmal selbst: auf dem Gute, in der Abhangigkeit von d e m Manne ! ach, mein Herz! Du hast es auch langst eingesehen, dass es unschicklich ist, darum verschwiegst Du immer den Namen des Orts."

Diese Worte, Hugo, diese Paar Worte trafen mich. Sie hatte recht. Weshalb nannte ich fruher den Namen nicht, der jetzt nur straubend uber meine Lippen ging.

Unschicklich! Unschicklich! ich wiederholte den Vorwurf wohl zehnmal bei mir. Sie hatte den Ausdruck ihrer Empfindung nicht bemantelt, er verletzte mich, allein hinter dem Unwillen schimmerte es wie Wahrheit. Ich musste mir sagen: freilich, es will sich hier nicht Alles wohl in einander schicken. Ich sagte das auch der Tante, mit dem Zusatze, dass ich meine Abreise noch verschieben, und wir weiter daruber sprechen wollten.

"Nein," rief sie aus, fasste meine beiden Hande mit grosser Bangigkeit, und sah mir dabei scharf in die Augen: "Nein, jetzt, hier auf der Stelle, musst Du es mir fest geloben, dass Du diesen Gedanken aufgiebst." Ich suchte mich ungeduldig loszumachen. "Elise," fuhr sie bittend fort, "ich hoffe zu Gott, Du bist unschuldig in Allem, was die Welt von Dir sagt! aber wenn auch nichts, gar nichts davon wahr ist, kannst Du Dich entschliessen, so kurze Zeit nach dem betrubten Tode der Grafin in das Haus ihres Mannes zu ziehen? Vergisst Du, was Du dem Andenken der Frau, was Du Georgs Vater schuldig bist, dessen Namen Du noch immer tragst? Mein lieber Gott! Die Ehre kann doch nicht auch aus der Mode gekommen sein, und der Ruf, ob man sich daruber wegsetzt oder nicht, bezwingt doch immer zuletzt den Trotz der Frauen."

"Liebe Tante," erwiederte ich, im Innern zitternd und bebend, "Sie thun mir Gewalt an."

"Das will ich auch," sagte sie fest. "Ja, das will ich! und ehe ich Dich nach Wehrheim gehen sehe, werde ich Dir lieber zu Fussen fallen, und Dich so lange bitten, bis Du Deiner alten Tante guten Rath nicht langer verwirfst, und Dir ihre Treue zu Herzen nimmst."

Hugo! ich stand verwirrt vor der umgewandelten Frau. Ich fragte mich: wer ist denn das? wer spricht so zu mir? Ich hatte Muhe, die peinliche, unsichre, unstate Tante in dem entschiedenen Benehmen wieder zu erkennen. Sie, die ein Regenschauer zur unrechten Zeit besturzt und eine zerbrochene Fensterscheibe betrubt macht, die nicht weiss, darf sie einen Entschluss fassen? oder muss sie den Gedanken daran aufgeben? die hundertmal fragt und doch nur schuchtern dem empfangenen Rathe folgt, s i e wusste mit einemmale, was s i e w o l l t e , was ich s o l l t e , und behend, wie eine gewandte Fee, hatte sie die verborgenen Faden meines Innern zum Lenkseile ihres Willens gemacht!

Ich brach in Thranen aus. Ich war innerlich emport, dass mir Jemand seine Meinung aufzwingen wollte, ich stiess diese Meinung von mir, sie sollte nicht Herr uber mich werden. Sie ward es doch! Ich brach matt in mir zusammen, ich weinte, wie ein gescholtenes Kind, ich versprach Alles, und bin noch hier!

Warum kam auch Ihr Brief nicht zu rechter Zeit, Hugo? Ich ware langst von hier fort gewesen, ehe die Aengstliche, durch das schlechte Wetter noch angstlicher gemacht, auf alle die Einwendungen und Fragen verfallen ware. Es ware nun geschehen, und ich in meiner Unbesonnenheit wohl noch unwissend und glucklich! Nun, da mir die Gefahr gezeigt ward, fehlt es mir freilich an Muth, sie zu bestehen, denn ich bin nicht herzhafter, als uns Frauen der Himmel machte, nur blinder, wie die Meisten. Ich schwanke noch uber die Frage, ob k u r z s i c h t i g e r oder u b e r h i n s e h e n d e r ? Es ist ein Ungluck, Hugo! wenn Gesichtskreis und Standpunkt nicht recht fur einander passen.

Ich sollte eigentlich hier schweigen, und es erwarten, dass Sie mich tadeln, ohne weitern Versuch, Sie mit meinem Unbestand auszusohnen. Doch Eins will ich Ihnen noch sagen. Hier bleibe ich einmal nicht. Das steht fest. Ich ertrage den Widerspruch in mir selbst kaum noch, deshalb will ich vor der Hand zuerst mehr Freiheit gewinnen, ehe ich uber mich bestimme. Bei Sophie denke ich diese zu finden. Sobald das Wetter nur einigermassen ertraglich wird, eile ich zu ihr ins Stift. Und dann! und dann! O mein Gott! wie schlagt mir das Herz vor Entzucken; glauben Sie mir, das Verstandigere ist auch am Ende das Beste. So wie es war, ware es doch nicht wieder geworden! Die Unbefangenheit ist hin! Der frische Hauch verduftet. Im Sommer werden die Schatten auch dichter, und die Natur ernster. Die hohen Blumen entwickeln sich langsamer, aber sie bluhen langer.

Der Fruhling zaubert mit lachendem Uebermuthe seine uppige Welt zu unsern Fussen. Doch Zeit und Menschen gehen rasch daruber hin. Der Augenblick der Jugend muss rauhen Uebergangen und muhevoller Gestaltung weichen.

Oft bleibt auch diese unvollkommen, und der lange Kampf war vergeblich. Man erndtet dann die sparsamen Fruchte mit um so grosserer Sorgfalt, und will keine verlieren.

Sehen Sie es so an, Hugo! gleichviel, ob das Bild Ihnen passend dunkt. Mir scheint es so.

Bei Sophie also? Nicht wahr? Sagen Sie mir Ihre Meinung, sprechen Sie mit der Verstandigen, und schreiben Sie mir bald.

Ich bin ruhiger, nun ich Alles vom Herzen habe, was mich so unaussprechlich qualte. Im Grunde furchte ich doch, Ihnen dadurch zu missfallen. Sie werden es nicht so einsehen, wie es ist. Der Widerspruch muss Sie gerade jetzt, wo Sie ihn nicht mehr erwarteten, verdriessen. Es ist naturlich, ich wurde auch so empfinden. Mir steht Ihre Miene, Ihre Stimmung, Ihr trubes Versinken, Aufgeben, Zagen und Verachten so deutlich vor der Seele! Ich weiss es, ja, ich weiss es gewiss, Sie verachten die Berucksichtigung, die mich leitet. Es angstigt mich mit jedem Augenblicke mehr, da sich die Absendung dieser Zeilen naht. Und doch! Ich kann es ja nicht andern! O! sein Sie billig ! oder sein Sie nichts als gut und zartlich, und fuhlen Sie, dass ich leide.

Hugo an Elise

Es mussen Briefe verloren gegangen sein. Sie antworten mir nicht, und doch sagte ich Ihnen, dass ich Sie in den ersten Tagen dieses Monats bestimmt erwarten, dass ich Ihnen in dieser Erwartung entgegenkommen, und Sie in Ihre neue Wohnung einfuhren wurde.

Nun, ich bin denn auch wirklich bis zu dem letzten Gebirgsdorfchen, zehn Stunden von hier, bei schlechtem Wetter Ihnen entgegen gereist, und habe acht und vierzig Stunden in dem schlechtesten Gasthofe, der auf Erden ist, unter Besorgniss und Ungeduld zugebracht. Der Sturm, welcher auf einer Linie von mehreren hundert Meilen in Ost und West zugleich wuthete, machte den Aufenthalt mitten im Winter, in der Waldschlucht, zwischen herabrollenden Felsstucken und zusammenkrachenden Baumstammen, zu dem abentheuerlichsten, den ich noch erlebte. Auch blieb ich nicht ohne Abentheuer. Das furchtbare Wetter steigerte nur meine Angst um Sie. Ich glaubte Sie so gewiss auf der Reise. Ich sah Ihrer Ankunft jeden Augenblick entgegen. Ich hatte nirgends Ruhe. Am Tage ging es noch leidlich, man konnte wenigstens um sich sehen, die Menschen waren wach, aufmerksam, bei der Hand. Gegen Abend, und der brach hier schon um drei Uhr Nachmittags vollig ein, fielen die ersten Schneeflocken. Sie kreisten einzeln in der Luft, ohne den Boden zu beruhren, jetzt begann ein Brausen uber uns, als rollte der Donner unablassig, ohne irgend einen Zwischenraum, von scharfem Sausen und angstlichem Wimmern begleitet. Schnee und Regen strichen, in horizontaler Lage, uber das Thal weg, unterhalb, in diesem war es ganz stille; die Natur schien hier nicht zu athmen, in regungsloser Erstarrung sah sie dem wilden Aufruhr der Elemente entgegen. Allmahlig schwankten die aussersten Spitzen der Fohrenwipfel, bald wurde diese Bewegung starker, die Wolken senkten sich, und schneller wie der Gedanke, brachen die Baume krachend in ihren Wurzeln, rechts und links fielen sie nieder, grosse Zweige, vom Sturm gehoben, flogen in weiten Strecken umher, wie weisse Tucher wallte der Schnee zwischen den Schluften, man sah nicht einen Schritt vor sich, der Starkste erhielt sich langer nicht auf den Fussen. Alles fluchtete in die Hauser, das Vieh wurde unruhig in den Stallen, die Schaafe und Rinder blockten und brullten, wie wahrend einer Feuersbrunst, Pferde horte man wild stampfen, und furchterlich, als ginge die Welt unter, heulten Haus- und Hofhunde. Niemand fand sich sicher in der leicht gebauten Wohnung, Dacher wurden abgerissen, Sparren und Schieferplatten flogen umher, das Hausgerath bebte, es war auch hier nicht auszuhalten. Ich warf einen Mantel uber, liess die hindernde Kopfbedeckung zuruck, und trat hinaus auf die Strasse.

"Wo wollen Sie hin?" rief mir der Wirth nach, "Sie konnen leicht erschlagen werden." "Das kann ich hier auch," entgegnete ich, auf die wankenden Pfeiler und zerbrochenen Thuren zeigend. Ich kehrte mich nicht daran, und ging. Der Regen sturzte jetzt nieder, als habe der Himmel alle seine Schleusen geoffnet, doch ward der Sturm schwacher.

"Nun auch Wasser in die Hauser!" sagte ein Mann, der, sich umschauend, ein Paar Schritte von einer Anhohe herunter kam. "Der Bach schwillt mit jeder Minute, die Brucke ist weggerissen, und die Furth weiterhin auch nicht mehr zu passiren. Gnade Gott dem, der heute unterwegs ist! Hier kann er sein Grab finden."

Elise! brauch' ich Ihnen zu sagen, dass mein Blut still stand, und ich einen Augenblick, wie gelahmt, den Mann anstarrte.

"Das Lampchen," fuhr dieser, immer nach der verhangnissvollen Stelle hindeutend, fort, "das Lampchen brennt zwar oben am Warnungspfahl in der Laterne, aber die Postillone hier bei uns sind verwegene Kerls, bis diese an Gefahr glauben, da muss ihnen schon der Abgrund vor den Fussen liegen. Sie stutzen sich auf ihre Erfahrung und trauen der Furth, die freilich festen Grund hat, aber heute sollen sie wohl die rechte Stelle suchen. Ich bin gewiss," lachte er zuversichtlich, "da liegt Baumstamm auf Baumstamm uber einander, und Felsstucke, die der Regen vollends von oben herabgerissen hat."

"Was stehen wir denn hier!" rief ich ungeduldig, S i e , S i e ! geliebte Freundin, mit allen Stimmen meiner Seele zuruckzuweisen, zu warnen. "Kommen Sie doch," forderte ich Jenen auf. "Lassen Sie uns Acht haben, dass Niemand verunglucke."

"Acht haben, dass Niemand verunglucke?" wiederholte jener ein wenig spottisch. "Wodurch sollten wir's wohl hindern?" fragte er, zu mir gewendet. "Hinuber auf die andere Seite kann doch Niemand jetzt, das sehen Sie ein."

"Ich sehe es nicht ein," unterbrach ich ihn. "Im Kahne, und auch so, kommt man durch die Fluth, und ist druben auf der Wacht, und verhutet, dass kein Anderer sich auf gut Gluck wage."

"Thun Sie's!" versetzte der Mann gelassen, "wenn es Ihnen so leicht dunkt." Er machte eine Bewegung, sich von mir zu entfernen. "Aber das muss ich Ihnen noch sagen," fugte er, um ein Paar Schritte naher tretend, hinzu, "mit dem Bach ist nicht zu spassen. Das Wasser ist verteufelt schnell, und vollends heute, wo der Wind die Fluth in lauter Wirbel zusammen peitscht; wenn Sie nicht Ihrer Sache sehr gewiss sind "

"Das bin ich! Horen Sie," rief ich, ihn beim Arm fassend. "Begleiten konnen Sie mich doch wenigstens bis ohngefahr zu der gefahrlichen Stelle, und ein Paar rustige Bursche mit Laternen werden sich doch auch zusammen bringen lassen, die im Fall der Noth zur Hand sind und retten helfen?" Ich klingelte mit meiner Borse, und liess ihn gute Bezahlung voraussehen.

"Es ist nicht darum," sagte er, mich recht gut verstehend, "denn kann ich Jemand behulflich sein, so thue ich es auch ohne Lohn. Aber die Wahrheit zu gestehen, ich glaube, ich leiste Ihnen einen schlechten Dienst, wenn ich Ihnen den Willen thue. Was geschehen ist, das ist geschehen, und e i n Dummer macht zehn Andere klug."

"Was soll das heissen?" fuhr ich ungestum auf ihn zu. "Das soll heissen," beantwortete er meine heftige Frage, "dass, wenn ich nicht sehr irre, vorhin ein lauter Schrei von dort heruber drang, und wer nun drinnen im Wasser liegt, doch nicht wieder heraus kann!"

"Allmachtiger Gott! Allmachtiger Gott!" schriee ich, beide Hande uber dem Kopf zusammenschlagend, und fort, nach dem Bache sturzend.

Aber es ward mir nicht leicht, zu finden, wo dieser sein eigentliches Bett habe. Auf funfzig Schritte umher war Alles uberschwemmt. Ich konnte keine Uferhohe unterscheiden, ich fand mich nicht in der Richtung, nicht in den nachsten Gegenstanden zurecht. Luft und Wasser waren so bewegt, dass Letzteres schaumte, sich in grossen Massen voruberwalzend, wie ein breiter, ungeheurer Strom. Ich stand eine Weile sinnend. Das Unwetter tobte noch immer, doch vertoste es seinen Ingrimm mehr abwarts, und gestattete dem Blick hin und her, die graubleiche Atmosphare zu durchdringen. Zu meiner Linken brannte das Licht am Pfahl, der mitten in den Wellen stand und nur ohngefahr andeutete, wie weit ich unter mir Grund suchen konne. Rechts, eine Strecke hinauf, musste die Furth sein. Ich hatte das Auge fest dahin gerichtet, als mir vorkam, es bewege sich etwas Weisses u b e r die Wasserflache empor. Vielleicht war Jemand auf einen Baum, oder einen abgebrochenen Stamm geklettert, um so ein Zeichen seiner Verlegenheit zu geben. Ich wurde immer achtsamer. Jetzt schallte deutlich ein heller Ruf durch die Windstosse. Hinuber! Hinuber! sagte Alles in mir; den Mantel abwerfend, schwamm ich in Gottes Namen, dem weissen Schimmer entgegen. Es ging leichter als ich dachte. Die innerliche, heftige Bewegung gab mir ungewohnliche Kraft. Ich war druben. Ein sonderbares Rasseln und Schnauben ohnweit der Stelle, wo ich auf das Trockne gelangte, zog meine ganze Aufmerksamkeit sogleich dahin. Wagen und Pferde, sagte ich mir, sind in falscher Richtung der Furth zugelenkt, in den moorigen Tiefen eingesunken, oder zwischen Steinen und Baumwurzeln umgeschlagen, zerschellt und vielleicht nur der unvorsichtige Fuhrmann am Leben geblieben. "Wer rief hier um Hulfe?" schrie ich aus Leibeskraften.

"Ach Jesus, Hulfe, Hulfe!" entgegnete mir eine Stimme in grosster Angst. "Wo? wo?" rief ich zuruck. "Hier!" war die Antwort. Im Augenblick standen wir bei einander. Ich erkannte an den Farben der Bekleidung in Jenem einen Postillon. "Wen hast Du gefahren?" fragte ich zitternd. "Eine Dame," sagte er in sichtlicher Angst, "dort liegt der Wagen zerbrochen," setzte er eilig hinzu. Das mochte drum sein! denn es hat eben Niemand Schaden genommen, aber die Pferde! die Pferde! die liegen bis an die Bauche im Schlamm, und kein Peitschen, kein Treiben bringt sie heraus. Sie konnen auch nicht, so lange sie angestrangt sind, und ich kriege den Blitzkasten nicht in die Hohe, der ganz von der Seite eingeklemmt, da liegt."

"Eine Dame!" Weiter brauchte es nichts, um mich meiner Sache gewiss zu machen. Ich flog auf den verungluckten Wagen zu. Aber noch ehe ich bis dahin kam, sah ich eine weibliche Gestalt ganz zusammengesunken auf einem Stein sitzen, eine Andere, die neben ihr stand, schien um sie beschaftigt. "Elise! Elise!" rief ich, im Begriff, die Erstere zu umfassen. Eine fremde Stimme sagte Italienisch-Franzosisch: "Mein Herr, die Frau Aebtissin ist ohnmachtig vor Nasse und Kalte in meine Arme gesunken, konnen wir sie nicht bald von hier fortschaffen, so stirbt sie." Die Andere lispelte in demselben Augenblick ein Paar Worte, die ich nicht verstehen konnte, so leise wurden sie gesprochen. Doch glaubte ich ein heftiges Zittern und krampfhaftes Klappern der Zahne an der Unbekannten wahrzunehmen. Ob ich nun gleich in meiner Erwartung getauscht war, so durfte ich dies unter diesen Umstanden doch nicht anders als ein Gluck nennen. Mit einer Art Dankbarkeit im Herzen, Sie, geliebte Freundin! nicht in solcher Gefahr zu wissen, erbot ich mich, die Dame in einem Fischerkahn, welchen ich, an einer umgesturzten Weide geknupft, im Schilfe entdeckt hatte, hinuber zu fahren, wenn sie sich mir anvertrauen wolle.

Jene stand mit seltsamer Heftigkeit von ihrem Platze auf, und ohne etwas zu sagen, versuchte sie, dahin zu folgen, wohin ich sie geleitete. Es zeigte sich aber bald, dass sie unfahig war, einen Schritt zu thun; ich nahm sie daher auf meinen Arm, und setzte sie sanft in das flache Boot, das der Postillon und ein alter italienischer Diener mit Mantel und Decken belegt hatten. Ich ergriff das Ruder, und stiess, mit der Versicherung, den Zuruckbleibenden bald Hulfe zuzusenden, vom Ufer ab. Sonderbarer war nicht leicht eines Menschen Lage! Mitten auf dem unwillig gehorchenden Elemente, allein mit einem unbekannten Wesen, das lautlos, dicht in Mantel und Schleier gehullt, geisterartig da sass, und durch Nichts ein lebendiges Dasein verrieth, als durch jenes fieberhafte Zittern, und von Zeit zu Zeit durch einen tief aus dem Herzen gehenden Seufzer. Sie kennen meine Empfanglichkeit fur grauenhafte, geheimnissvolle Eindrucke. Ich fuhlte meine Brust beklemmt, und war doppelt froh, als ich sah, dass mein Beispiel Mehrere im Ort anfeuerte, und man mit Kahnen und Laternen herbeiruderte; die Leute der Dame erreichten uns, als wir angelegt hatten. Beide Frauen dankten fluchtiger, als es meine Bemuhungen wohl verdient hatten. Ich machte nichts daraus, zufrieden, sie gerettet, und in einem abgelegenen Kammerchen in Sicherheit zu wissen. Des andern Morgens waren sie, ehe ich noch erwachte, auf und davon. Schmid und Stellmacher mussten die ganze Nacht arbeiten, um den Wagen wieder herzustellen. Sie dachten an nichts, als nur fortzukommen.

So ist die Welt! Jedweder in ihr sieht sich und was ihm eben wichtig dunkt. Elise! ich dachte an Sie, und vergass bald das Vorubergehende. lohnen Sie mich fur die Prufungen dieser Stunden durch Ihre baldige Ankunft an einem schonen, sonnenhellen Tage.

Sophie an die Oberhofmeisterin

Sie untersagen mir, liebe Freundin! den verhaltenen Ton Ihrer Seele auch nur entfernt anzuruhren. Und doch schreiben Sie m i r , und wollen, dass ich Ihnen antworte?

Sie haben im Grunde recht, so widersprechend es scheint. K e n n e ich Sie doch bis in die kleinste Bewegung Ihres Innern! und Sie w i s s e n , d a ss ich Sie so kenne.

Der Ton bedarf keiner Beruhrung, um zu klingen. Jeder Laut, jeder Athemzug in Ihnen geht aus ihm hervor!

Doch wozu auch diese Worte!

Sie sind zuruckgekehrt an den Hof! Sie wollen dort bleiben! Es uberraschte mich, als ich es erfuhr. Sie w o l l e n sein, wie Sie sind? oder e r s c h e i n e n , wie Sie sich g e b e n ? Vielleicht beides. Dem sei nun, wie ihm wolle, so viel Selbstuberwindung ist erstaunenswerth. Was mich indess noch mehr uberrascht, ist Ihr Interesse an dem, was Sie nur schmerzlich bewegen, und in die Heiligkeit der Trauer, bittere, herbe Empfindungen zu mischen droht.

Ich erschrack fast, da ich Ihre Fragen nach Hugo und Elise, nach dem Verhaltniss beider, und ihren Planen fur die Zukunft, las.

Ist das ein Gegenstand, der Sie beschaftigen kann? Verzeihen Sie mir, wenn ich den Grund dieser Theilnahme nicht sanftern Gefuhlen zuschreibe.

Wenn ich vielmehr furchte, es lebe darin noch ganz die leidenschaftliche Eifersucht fort, die keine schonere Sorge mehr rechtfertigt, und weniger der Liebe als dem Hasse angehort.

Ja, gestehen Sie sichs nur immer selbst, es verlangt Sie, von dem peinlichen, ungunstigen Geschick der hart Gedemuthigten, von Elisens zerstortem Frieden, ihrer fruh gewelkten Jugend, von Hugo's schwankendem Umhergreifen, seinen Kampfen und inneren Plagen zu horen.

Was wollen Sie damit? Die Ueberzeugung gewinnen, dass hier das Leben nichts ausgeglichen, nichts anders gemacht hatte? und der Tod zu segnen sei, der das reinste Opfer auf e i n e n Streich fallen liess? Die Ueberzeugung hatten Sie lange. Nein, Sie wollen nicht ruhiger werden, Sie stacheln die unbequemste aller Regungen, die Missgunst in sich wach. Vergessen Sie, dass Niemand mehr, als Sie selbst darunter leiden?

Und wenn sich nun Alles anders fande, als Sie es finden mochten? Wenn Hugo's unstater Trieb nach ausserer Beschaftigung sich in geordneter Wirksamkeit befriedigte, er auf seinem Platze feststehend, die Pflichten ubte, die Welt und Beruf von ihm fordern? Wenn er dem Wohlthater dankbar, jeden andern Wunsch opfernd, nun bemuht ware, sein einsames Alter zu erheitern? Wenn stille, ernste Trauer jene unfruchtbare Melancholie verscheucht, und die unselige Heftigkeit ungehoriger Liebe sich in Beiden zu ruhig entsagender Freundschaft umgewandelt hatte? Wurde es Ihnen genugen? wurde es Ihnen den Trost geben, den es doch geben sollte, dass ein heftiger Stoss Alle wieder ins Gleichgewicht brachte? Und in Wahrheit, liebe Freundin! es kann so sein, es sieht fast darnach aus. Wenigstens verhalt es sich mit Hugo's ausserm Thun, wie ich Ihnen sagte. Er baut, pflanzt, verschont auf seinen Gutern, was diese verbessern, und den Anspruchen an Veredlung Genuge thun kann. Er entfernt sich nur auf kurze Zeit von der Burg, spielt Abends Schach mit dem Oheim, besucht die Nachbarn, und hat sonst mit Niemanden Verkehr. Elise ist bei ihrer Tante. Man weiss nichts von ihr zu sagen. Ganz kurzlich erzahlte man, f u r s i e sei der Bau in Wehrheim, sie werde dort einziehen. Auch das hat sich nicht bestatigt; ob man gleich Tag und Stunde ihrer Ankunft bestimmte, sind Wochen vergangen, ohne dass sie kam, und das Gerucht schweigt allmahlig. Selbst ich hatte lange keine Nachricht von ihr. Es scheint, sie beschranke sich ganz auf die einformige Thatigkeit hauslichen Stilllebens, und zeige, dass sie kann, was sie will.

Wie geringe Ausbeute wird mein Bericht Ihren Nachforschungen geben, liebe Freundin! Werden Sie es nicht bereuen, sich deshalb an mich gewendet zu haben?

Eins, gleichwohl muss ich hier noch erwahnen, das in seiner lustigen Naivetat weit eher geeignet ist, Ihren Witz als Ihre Galle zu reizen.

Die bewegliche Grafin Ulmenstein ist jetzt unsere eifrigste Anhangerin geworden. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, dem armen, guten Comthur in seiner todtenden Einsamkeit Gesellschaft zu leisten, ihn aufzuheitern, sein Vertrauen mit allen Waffen liebkosender Schmeichelei zu erobern, Hugo zu interessiren und mich zu uberraschen. Der Eifer, mit dem sie dies Vorhaben ins Werk richtet, lasst sie vergessen, dass man sie kommen hort, und Niemand getauscht wird. Ich musste lachen, als sie, gleich nach ihrer verspateten Ankunft auf dem Lande, zu mir eilte, fragte und weinte, trostete und sich hoch und theuer vermass, die unerhorte Bosheit der Welt durch die allerlebhafteste Darstellung der Wahrheit zu Schanden zu machen. Sie entwickelte dabei so viel zartliches Mitgefuhl, so scharfsinnige Billigkeit, sie steigerte sich in den vertrauenden Herzensergiessungen von Moment zu Moment mehr, und verliess die Scene mit so viel Warme, dass sie, uber sich selbst getauscht, auch mich getauscht zu haben glaubte.

Leichter, gesellig anziehender, hat sie es auf der Burg getrieben, wo sie als g u t e , a l t e Nachbarin, als Frau von gar keinem Gewicht, und hinaus uber alle Rucksichten, ohne alle Umstande einen Ueberfall wagen durfte, sich fest sprach, Niemand los liess, und damit endete, sich die Erlaubniss zu n e h m e n , Nachstens, und nach diesem Nachstens, ofter und immer wiederkommen zu durfen.

Sie war auch in Wehrheim. Sie spricht mit Extase von dem neuen Schlosse. Ein junger Architekt, der sie umherfuhrte, ward andern Tages ihr Gast zu Mittage. Sie ging in jede Einzelnheit mit lebhafter Aufmerksamkeit ein. Nichts schien ihr zu gering, um es nicht herauszuheben.

Auf der andern Seite wollte sie es indess auch nicht mit dem Prasidenten, mit dem Hofe, und ganz besonders mit der Furstin Mutter verderben, deshalb versaumte sie nicht, den kleinen Georg bei seiner Pflegerin aufzusuchen. Die Art, wie sie sich uber das liebe Kind erweichte, es einen Engel nannte, dabei bald weinte, bald lachte, muss etwas Theatralisches gehabt haben, denn die Kinder des Amtmanns spielen seitdem immer G r a f i n U l m e n s t e i n , putzen sich auf das Tollste heraus, und verdrehen zum Hauptspass der Erwachsenen, Mienen und Geberden unter dem Sprechen. Was Kinder nicht alles herausfuhlen! denn geradezu zur Schau hat sich die Grafin bei dem Allen nicht gestellt. Dazu ist sie in der Welt zu gut zu Hause. Es muss daher in der Unwahrheit liegen, die immer ihre Widersacher in dem naturlichen Menschen findet. Weiter reicht mein Neuigkeitsvorrath nicht. Wenn ich vielleicht ungeschickt im Beobachten und Combiniren bin, so lassen Sie mich's nicht entgelten. Entziehen Sie mir nicht ganz Ihr Vertrauen.

Hugo an Elise

Ist es moglich? O es ist m e h r als das, es ist wirklich!

Sie waren schon vollig entschlossen, meine Hoffnungen zu zerstoren, als ich deren Erfullung in der Unschuld des Herzens ganz gewiss zu sein glaubte?

Nein, das ist wahr, daran hatte ich nicht gedacht, dass Sie der M e i n u n g , diesem Vexirspiegel der Vernunft, so grosse Rucksichten schuldig waren. Verzeihen Sie mir dies; sehen Sie, es liegt wohl daran, dass ich keine Tante zur Seite habe, die solche Feenkunste mit mir treibt. Es ist zu bewundern, wie diese Frau ihre Gaben versteckt halt! Wahrhaftig, sie hat Sie ganz bezaubert.

Nur schade, dass ausserhalb dem geweihten Kreise solche Beschworungsformeln leicht etwas Albernes und Triviales bekommen. Ich erschrack fast, da ich sie las, doch mehr uber mich, als uber die Worte, denn ich konnte keinen Sinn darin finden.

Sie hatten mich vorbereiten sollen. In meiner Unbefangenheit war ich nicht zu bestechen!

O Elise! auch Sie, auch Sie! Welch' unseliger Hang zur Sklaverei liegt denn im Menschen, dass die erste, die beste gelaufige Weiberzunge Sie aus Ihrer Ueberzeugung hinausschwatzen, und Ihre klare Festigkeit, Ihre Erkenntniss, kleinlichen, krausen Irrthumern unterliegen konnte!

Zum zweitenmale opfern Sie, aus missverstandener

Mutterliebe, die heilige Wahrheit Ihres Herzens, und glauben sich einen Sieg abzugewinnen, wenn Sie besiegt werden.

Weshalb ich den Knaben Georg an Ihr Herz und

Gewissen legte? sonderbare Frage! weil ich ihn liebe, weil ich daran denke, dass er ein Mann werden, und es nicht begreife, wie aus verzartelter Schonung ein s t a r k e r Gedanke entspringen kann.

Was haben Sie denn fur das Kind gethan, als Sie

Alles, ausser der beengenden Furcht vor des Himmels Strafe, vergassen, und diese Furcht die Wortfuhrerin Ihrer eigenen Anklage sein liessen?

Unseliger Augenblick! Sie zerrissen mein Herz,

wie das Ihrige, und des Knaben Geschick! Den Himmel werfen Sie auf die Erde, und gonnen dieser, ein Ding nach ihrem Gefallen daraus zu machen. Wie hart hat sie die rohen Hande angelegt, und den reinen Hauch zweier Seelen zu einem Schreckbild der Sunde zusammengeballt!

Nach dieser entscheidenden Stunde war nichts

mehr fur die Meinung zu thun, die war mit dem Geschehenen zugleich da. Zu vernichten ist sie so wenig, als jenes ungeschehen zu machen.

Was erwarten Sie nun von dem Jungling, dem

Manne Georg, wenn Sie ihn in krankliche Vorurtheile einwiegen, beschranktem Eifer Zeit lassen, seinem Auge die Richtung zu geben, auf welcher es Ihnen, Elise! nicht ohne Befremden begegnen kann? Gesund und hell, wurde der Kleine noch jetzt gelernt haben, die Dinge zu sehen, wie sie Wahrheit und Natur ihm zeigen, hatte er die Mutter wiedergefunden, s o wiedergefunden, wie sie ist, nicht wie die armselige Klugheit des Vorurtheils sie umzuschaffen droht.

Ist es moglich! wiederhole ich noch einmal, liegt gleich die Wirklichkeit durch Brief und Siegel vor mir. Auch Sie also! Glauben Sie mir, Sie werfen das ganze Leben, Ihr Leben weg! Und was geben Ihnen die klugen Freunde dafur?

Es ist eine verbrauchte Art, sein unwilliges Erstaunen uber irgend eine Enttauschung auszudrucken, wenn man sagt: Ich bin aus allen meinen Himmeln gefallen! Aber Vieles, das verbraucht und abgenutzt ist, passt dennoch bei Gelegenheit. Ich bin wahrhaftig aus m e i n e m Himmel heraus!

Daher kommt es auch wohl, dass ich Ihre jetzige Sprache nicht recht verstehe, und das Bild von Fruhling und Sommer, von Bluthe und Erndte, und was Sie von sparsamen Fruchten, in Bezug auf die Augenblicke unseres Beisammenseins, sagen, nicht recht anzuwenden weiss. Ich habe immer die Unart gehabt, unvollkommen gebliebene, in den Sand gefallene Fruchte unbeachtet liegen zu lassen, vielleicht, weil mir die glanzenden, goldenen Aepfel des Paradieses vor Augen schwebten.

Arme Freundin! welchen Ersatz bieten Sie sich, wie mir! Zu dem Stiftsfraulein ins Kloster nothigen Sie mich! Da, zwischen den doppelten Mauern alter und neuer Vorurtheile, denken Sie den gottlichen Traum freier Gemeinschaft heiliger, umfassender Freundschaft ins Leben zu rufen? Da hoffen Sie m i c h , da hoffen S i e s i c h wieder zu finden? Von den schief hineinfallenden Strahlen der gesunkenen Sonne sollen wir Lebenswarme betteln? O tausendmal lieber das Vergangene traumen, als an dieser entzauberten Wirklichkeit erfrieren!

Alles ist hier entzaubert! Alles! darum, wenn ich Ihnen rathen soll, bleiben Sie, wo Sie sind. Sie wurden sich nur herbe Eindrucke bereiten.

Ihr ehemaliges Eigenthum finden Sie in fremden Handen. Es ist verkauft, oder was sonst mit geschah! Genug, wie ich neulich voruber ritt, standen die Fenster offen, ich sah uberrascht hinein. Ein fremdes, scharfes Gesicht blickte zu mir auf. Es gehorte einer altlichen, kranken Italienerin. Die wohnt hier, liess ich mir im nachsten Dorfe erzahlen. Mein alter Freund, der Gartenknecht, ist verabschiedet; ein kleiner, krummer, verschmitzter Franzose ist an seiner Stelle; die Gartenwege sind so eben, so geschnorkelt, dass man gleich sieht, keines Menschen Fuss betritt sie den ganzen Tag.

Ich musste lachen, wie ich die Fratzen sah! Giebt es eine tollere Ironie auf die vergangenen Tage, als diese neuen Bewohner Ihrer Zimmer, Elise?

Ich lache noch daruber, und in dieser spasshaften Stimmung kann ich Ihnen nichts Besseres wunschen, als dass Sie es auch nicht schwerer nehmen. Es ist eine Welt darnach, glauben Sie mir.

Antwort

Sie sind ein Mann wie Alle! Hart, wenn ein anderes Empfinden dem Ihrigen entgegentritt, klein und verzweifelnd im Augenblick des Misslingens gefasster Plane, unfahig, Widerspruch zu ertragen, noch unfahiger, ihn zu verstehen.

Was Sie mir sagen, k a n n wahr sein. W i e Sie mir's sagen, haben Sie mir auf unverzeihliche Weise wehe gethan.

Ich werde das verzeihen, ich weiss es. Doch zu vergessen ist solch' Misskennen nicht. Ware das moglich, wenn Sie zu lieben wussten? Hatten Sie auch nur g r o ss e W o r t e und e n g e G e f u h l e , Hugo? Ist Freundschaft fur Sie, wie fur Andere, nichts als klingende Schellen und tonendes Erz? Wo ist das Vertrauen und die Hingebung von dem, wie wir Beide traumten?

O Sie haben vollkommen recht. Besser, die Erinnerung zur Gegenwart machen, als der entzauberten Wirklichkeit gegenuberstehen.

Curd an Elise

Sie haben mich fortgeschickt. Kluger, verstandiger, wenigstens hofften Sie, werde mich die Entfernung machen. Cousine, Sie hofften das nicht. Sie wollten mich nur weit weg wissen, um das Uebrige kummern Sie sich wenig.

Ich begreife gar nicht, was Ihnen die Vorstellung von mir, wie von einem leichtsinnigen Menschen giebt. Weil ich ein sorgenloses Leben, lustige Gesellschaft liebe, unnutze Grubeleien hasse, die Dinge sehe, wie sie sind, mir und Andern nichts vorluge, deshalb werfen Sie mich bei Seite, und thun, als wenn ich kein Herz und kein Gefuhl in der Brust hatte. Wahrhaftig, Sie vergessen, dass ich doch auch ein Mensch bin, und so gut wie ein Anderer, meine Anspruche auf Achtung mache.

"Gehen Sie, guter Curd!" sagten Sie mit dem fatalen Gleichmuth, der mich toll machen konnte. "Gehen Sie nur wieder zuruck nach der Stadt, das wird sich Alles geben."

Was darin fur ein hochmuthiges Wegwerfen, fur eine Anmassung liegt!

Als wenn Sie sich auch jemals die Muhe gegeben hatten, zu erfahren, wie es in mir aussieht! Sehen Sie, darin sind Sie gerade so stolz und vornehm, Elise! wie die grosse Welt, die Sie verachten. Es nennt keiner dem andern seines Gleichen, der nicht von seiner Farbe ist. Ob das uns Weltkindern nun wortlich gilt, und bei Ihnen figurlich, dies kommt auf eins heraus. Was haben Sie denn jetzt wohl Gutes an mir gethan, dass Sie mich in den Strudel zuruckschicken, von dem Sie doch eigentlich so grosse Gefahr fur mich furchten? Glauben Sie wirklich, dass mich jedes Aeusserliche unwiderstehlich fortreisst, ist es denn recht, mich dem Preis zu geben? Gestehen Sie es nur, es ware ein Triumph fur Sie, wenn ich darin umkame!

O Sie sind harter und egoistischer, als die, welche Sie verdammen!

Darin haben Sie recht, man wird am Bequemsten mit den Leuten fertig, wenn man sie so niedrig stellt, dass man uber sie wegsieht. Aber das konnen Sie bei allem dem nicht, wahrhaftig nicht, Cousine! Ich will es Ihnen beweisen. Wie? wenn solch' ephemeres Geschopf nur einen einzigen Augenblick den Kopf erhube, und Sie fragte: Ist dein Stolz Wurde oder Dunkel? mussten Sie nicht antworten? und w a s wurden Sie antworten?

Fruher beleidigten Sie mich sehr oft, jetzt kranken Sie mich. Sie waren schon, ich verzieh' Ihnen. Sie sind vielleicht noch schoner, ich kann Ihnen nicht mehr verzeihen. Was liegt denn auch so Unerhortes, so Vermessenes darin, dass ich mir's einfallen lasse, Sie zu lieben? dass ich mir's gestehe? und bei dem naturlich vertrauten Umgange unter nahen Verwandten, im einsamen, landlichen Beisammensein, Ihnen davon mehr verrathe, als Sie horen wollen? Sagen Sie doch, verdient das Spott? Verachtung?

Sie wurden unvorsichtig handeln, wenn ich ware, wofur Sie mich halten. Ich bin ganz anders. Sie thun mir wehe, ohne sich zu schaden.

Hier haben Sie immer einmal unrecht. Entweder Sie sind so scharfsinnig, als Sie es zu sein glauben, dann horen Sie auf, consequent zu handeln, oder Sie unterstutzen mich, und dann lauft Ihre Gute Gefahr, verkannt zu werden.

"Ich m a c h e Verstand!" werden Sie einmal wieder gelangweilt sagen. Es kann sein. Aber w i e soll ich denn mit Ihnen sprechen? "Gar nicht!" hore ich Sie schnell einfallen. Sie lachen dabei, und reichen mir gutmuthig die Hand. Ach Cousine! wenn Sie lachen Sie wissen, der Himmel liegt dann auf Ihrem Antlitz.

Es ist zum Verzweifeln, dass ich gerade immer dies Lacheln sehe.

Ware meine Mutter nicht gewesen! Die hat mich zum vollendeten Thoren gemacht! Wussten Sie, Elise! was d i e denkt, w u n s c h t , zu h o f f e n w a g t ! H o f f e n ! Mein Himmel, wer das vermochte!

Sie hatte es nicht aussprechen sollen! Solch' lautes, vollstandiges Wort, es kann einem ganz irre machen. Man wird es nicht wieder los.

Ich wollte es nicht horen. Ich drangte es zuruck. "Warum denn aber nicht?" fragte die gute, liebevolle Frau. Cousine, dies w a r u m d e n n a b e r n i c h t , klingt mir immerfort in den Ohren, es fahrt wie ein Ton aus der Luft, wenn ich gar nicht daran denke, plotzlich voruber, und scheint immer ernsthafter meine Vernunft, mein Urtheil, mein Gefuhl zu befragen.

Liebe Elise, Sie stehen allein! Die ganze Welt ist gegen Sie. Wer Sie halten konnte und sollte, der verweist Sie auf Ihre eigene Festigkeit und Starke, aber es ist einer Frau nicht moglich, alle die Pfeile abzuwehren, die von nahe und fern auf sie gerichtet sind. Sie denken das nicht so. Wenn es indess nun noch dahin kame, wenn Sie es nicht langer ertrugen, wenn Sie sich vergeblich nach Hulfe sehnten, wenn Sie fliehen, und verfolgt, erkannt, fremden Beistand suchen mussten? Cousine! Cousine! bedenken Sie es wohl, es k a n n dahin kommen! wurde Ihnen meine Hand dann nicht eben so lieb sein, wie die eines Andern?

Elise an Sophie

Raumen Sie mir, Beste! ein Winkelchen in Ihrer Wohnung ein. Lassen Sie mich verborgen, heimlich, vor aller Welt versteckt, da leben, bis es aus ist mit dem Leben, bis Alles vorbei, oder Alles gross und frei wieder geboren ist. Hier kann ich nicht langer bleiben! Auch allein kann ich mich nicht ertragen!

Ich schreibe Ihnen nur dies, und dass ich komme! Die Tante! Curd! Werden Sie es glauben? Aber hiervon mundlich, es ist gerade so viel, um das Mass voll und die Pflegerin unertraglich zu machen.

Doch Hugo! Hugo! Ich lese den tiefen, versteckten Argwohn in seiner Seele. Er furchtet ! Kann er glauben, dass ich i h n , wie unsere Bestimmung, so verkenne! Nein, hiervon kein Gedanke in meiner Seele. Und wenn auch er es bliebe doch unmoglich!

Halt er mich eines Kunstgriffs fahig, um ihm eine Erklarung abzugewinnen? Gott! mein Gott! so niedrig denkt er von mir!

Wenn ich es einrichten kann, bin ich in spatestens vierzehn Tagen bei Ihnen. Bis dahin bis dahin? Was das fur Worte sind! was da eine Zeit, mit allen ihren Bedingungen darin liegt! Ich furchte jetzt A u g e n b l i c k e . Ein Jeder dehnt sich, und wird an Gewicht inhaltschwerer! Und dann, das d a h i n ! wie doppelsinnig! es zeigt v o r und z u r u c k ! Ja wohl, dahin! dahin!

Sophie an den Comthur

Ich konnte Ihnen gestern Abend nichts mehr uber meine Unterredung mit Ihrem Neffen sagen. Sie waren zu eilig, die Grafin zu geschwatzig, ich, weder aufgelegt noch unbefangen genug, Gelegenheit zu besonderer Mittheilung zu suchen. Sie erfahren ohnehin nicht viel Erwunschtes. Es blieb ein verfehltes Unternehmen. Hugo, einsilbig und unzugangig, wie Sie ihn kennen, wenn er etwas anders im Sinn hat, horte mich nicht kommen, und ich durfte mich durch nichts verrathen.

Dass er bei mir war in Ihrem Auftrage, mit der Einladung: Sie Abends in Ulmenstein zu treffen, gab mir Veranlassung, von Ihnen zu sprechen. Ich freute mich Ihres Wohlseins, und dass er so liebevoll die Pflege des Oheims ubernommen habe. Er lachelte mit halbem Munde, liess mich reden, und hub, wahrend einer sehr naturlich eintretenden Pause, an: "Sagen Sie mir doch, wissen Sie nichts Naheres von den Leuten druben, die in des Prasidenten Hause wohnen?"

"Nicht ein Wort," entgegnete ich. Er versank in stummes Nachsinnen. "Wie kommen Sie hierauf?" fragte ich, uberzeugt, hier unmittelbar an seine Gedankenreihe anknupfen, und das Gesprach auf Elise fuhren zu konnen.

"Durch eine Zufalligkeit," versetzte er gleichgultig. Ich sah ihn ungewiss an. "Ach mein Gott!" fuhr er in seiner matten Lauheit fort: "Es ist in der Welt Gottes nichts, als der fluchtige Zufall, dass ich kurzlich auf ziemlich besondere Weise jenen Unbekannten begegnet sein konnte."

Er vermied, sich deutlicher zu erklaren, indem er eilig hinzusetzte. "Es war wahrend dem letzten grossen Sturm, wo ich Gelegenheit fand, Reisenden einen Dienst zu leisten, Auslander, einer vornehmen, geistlichen Dame, die durch den Schreck des misslichen Augenblicks oder durch Krankheit, in fast abwesender Gemuthsverfassung zu sein schien.

Heute horte ich, druben sei eine menschenscheue Italienerin eingezogen, welche Nachts, und nur bei Mondenlicht, ihr Zimmer verlasse, und auch dann nur verschleiert umher gehe. Man habe sie nach nordlichen Climaten geschickt, und mit einem Aufenthalte in hiesiger Gegend angefangen, um sie nach und nach an rauhere Uebergange zu gewohnen. Vor wenigen Tagen sei ein alter Geistlicher dort gewesen, der hierauf zu den Remonstratensern ging, mit denen die Dame wohl auch in Verkehr stehe. Ich kombinirte Manches aus der Erinnerung des Reiseabentheuers und " er zog die Schultern mit einigem Selbstbespotteln in die Hohe. "Und," lachelte er, "ward neugierig auf die fremden Gaste." Er schwieg hier, ein wenig duster vor sich hinsehend.

Diese kleine Episode hatte mich vollig von dem eingeschlagenen Wege abgebracht, ich weiss nicht, weshalb mir Hugo heute uberall finsterer und befangener, als seit langer Zeit vorkam. Ist es Elise, die ihn beschaftigt? dachte ich, so wird er mich verstehen, wo nicht, so lasst er es gut sein und denkt nicht weiter daran.

"Das Schloss in Wehrheim," hub ich deshalb ohne sonstige Einleitung an, "es ist nun vollkommen fertig?" "Bis auf einige Kleinigkeiten im Innern, ja," entgegnete er. "Wissen Sie," sagte ich lachend, "dass man Sie schon mit einer zweiten Gattin dort einziehen sieht?" Eine unwillige Falte flog auf seine Stirne, als er mit der Antwort zogernd, durch ein kurzes, abstossendes "Hm!" die Aeusserung bei Seite warf.

"Halten Sie das fur so unmoglich?" fragte ich hierauf. "Unmoglich! ganz unmoglich!" entgegnete er bestimmt. Er sagte das mit mehr Warme und Heftigkeit, als er sonst in das gesellige Gesprach hineintragt. Die Ungeduld hatte ihn von seinem bisherigen Platze aufgejagt. Er ging einigemale durch das Zimmer, dann wandte er sich, blieb vor mir stehen, und meine Hand ergreifend, lachelte er ein wenig scharf, wie mich dunkte, indem er ausserte: Er wolle nicht forschen, wie ich zu der Frage komme! doch hatte ich unrecht, das mochte ich glauben.

Er ging. Ich rief ihm nach, sich deutlicher zu erklaren, ich verstehe ihn nicht. Schon in der Thure trat er ein Paar Schritte zuruck. "Liebe!" bat er, "verhuten Sie, dass irgend Jemand an dies verschobene Geschick ruhre. Ich bin nicht glucklich zu m a c h e n ," setzte er ernsthaft hinzu. "Wie ich es sein konnte, begreift Niemand, darum bleibt es ein Ideal! Und Ideale," lachte er, "das ist ja schon oft gesagt, die passen nicht in die Wirklichkeit."

Es lag Bitterkeit in seiner Miene, wie in dem Ton der Stimme. Darum hielt ich ihn auch nicht langer, als er mich ziemlich eilend verliess.

Sie sehen, lieber Freund! ich bin nicht glucklich in meinem Versuch gewesen. Ich furchte auch, wir durfen ihn nicht wiederholen, wenn wir uns nicht um alles Vertrauen bei Ihrem Neffen bringen wollen. Und ehrlich gesprochen, was hoffen Sie im Grunde Ihrer Seele? Ich weiss nicht, die Zukunft kann mir bei Hugo niemals einfallen. Es ist, als wenn er keine hatte. Wenigstens suche ich den Faden vergebens, durch den sich Fortgang und Reife im Leben entwickeln.

Sie wollen hier die Eigenthumlichkeit nicht berucksichtigt wissen. N o t h w e n d i g nennen Sie den Schritt, den die voreilige Storung wieder mit gesetzlicher Ordnung ausgleicht. Hugo sei Elisen ein Opfer schuldig. Er musse sich durch sie vor der Welt herstellen.

Lieber! anders denkt der Mann, anders fuhlt die Frau. Glauben Sie mir, Elise passt noch weniger, als Emma fur ihn; und leicht konnte das zweite Aergerniss durch die Leidenschaftliche schlimmer werden, als das erste. Ich mag hierin irren. Doch lassen wir der Zeit ihren Lauf. Zudem ist fur jetzt in der Sache um so weniger etwas zu thun, als ich Ihrem Neffen eine gewisse, geheimnissvolle Unruhe anfuhle, die ich nicht zu erklaren weiss. Elise ist es nicht, die ihn beschaftigt. Ueber sie scheint er in sich uneins. Er vermeidet, von ihr zu reden, vielleicht deutlich uber sie zu denken. Wir konnten ihn wohl gar von ihr entfernen, indem wir Beide zu vereinen streben.

Wenn ihm aber die augenscheinliche Unruhe nicht durch s i e kommt, was hat er denn?

Sophie an Elise

In diesem Augenblick erhalte ich Ihre Zeilen. Liebste, Beste! wie schmerzt es mich, Sie um Aufschub Ihrer Herreise bitten zu mussen. Mein Gott! Sie werden das fuhlen. Ich kann nicht furchten, dass Sie mich missverstehen, ja, ich sollte es fordern durfen, dass Sie mir ohne Weiteres vertrauten, wenn ich mir's abgewonne, Ihnen zu sagen, es sei jetzt kein Zeitpunkt fur Ihre Anwesenheit bei mir. Doch, Sie wurden nur forschen, grubeln, und sich qualen, also die Oberhofmeisterin d r o h t mit ihrer Ankunft. Sie will ich weiss nicht was? Ich kann ihren Brief nicht verstehen. Er ist dunkel, unruhig, schroff, wie sie selbst. Genug aber, sie will kommen, zu m i r kommen! In einem Auftrage, wie sie sagt.

Es ist unmoglich, dass Sie beide hier zusammen treffen. Niemanden wird das mehr einleuchten, als Ihnen. Es ware deshalb auch nicht ein Wort weiter uber meine zuruckweisende Antwort Ihres Briefes zu sagen, ware dieser Brief nicht, wie er ist.

Nein, in keinem Augenblick Ihres erschutterten Lebens haben Sie mir so ganz vernichtet, so fassungslos, so lassen Sie mich's sagen, so herabgeworfen von Ihrer klaren Hohe, geschrieben. Ist es denn wahr, dass auch Ihnen der Muth sinkt, und die Schwungkraft des Geistes weniger dem Sturm als der entnervenden Schwule erliegt.

"Es reicht hin, das Mass voll und die Pflegerin unertraglich zu machen," sagen Sie in einem Tone unwilliger Kraftlosigkeit, die mich erschreckt.

Liebe! Gute! wo sind Sie hingerathen mit Ihrem Geschick, mit sich, mit den nachsten Freunden? Die Tante meinen Sie, und Curd und Hugo. Sie deuten Alles nur leise an, aber es lasst sich errathen, was die einfache, redliche Verwandte wunscht, was der beschrankte Sohn mochte doch Hugo? Nur e r hat Sie wohl so ganz aus dem Gleichgewicht gerissen. Mit den beiden Andern, dachte ich, wurden Sie leicht fertig. Wenn e r aber! Was wollen Sie denn h i e r , Elise? Sind Sie nicht einig mit dem Freunde, so sind Sie es noch weniger mit sich. Leicht mochte dann der unerwunschte Aufschub ein Gewinn sein. Betrachten Sie es so. Befreien Sie die befangene Seele von den Banden des Augenblicks. Sehen Sie uber diesen weg. Sammlen Sie, o sammlen Sie den lieben, hellen, schonen Geist, senken Sie ihn nur einmal in den heiligen Quell zuruck, von dem er ein armes, kleines Tropfchen ist, das so oft der Erneuerung bedarf.

Meine beste Elise! ich sage Ihnen nichts mehr, kein Wort, aber heisse Thranen kosten Sie mich! Musste denn die heitere Jugend so fruhe altern?

Antwort

Zu spat! Ihr Brief trifft mich hier in *** wo er mit mehrern andern gemachten Vorkehrungen zufolge, auf der Post meiner Abholung wartete. U m k e h r e n ? jetzt noch? hier? Ich kann es unmoglich! Wurden Sie es konnen? wurden Sie? Denken Sie doch nur, so nahe bei i h m , so nahe bei G e o r g ! Nein, unmoglich! unmoglich!

Dass ich Ihre Gastfreundschaft unter solchen Umstanden nicht in Anspruch nehmen werde, versteht sich von selbst. Aber wohin sonst? Ich sitze hier und sitze

Nein, ich sitze nicht einen Augenblick auf einer Stelle. Das Blut kocht mir in den Adern, mein Herz schlagt ungestum. Ich laufe im Zimmer umher. Gedanken habe ich nicht. Gefuhle! unaussprechlich begluckende, unaussprechlich angstigende.

Man fragte mich, wohin ich die Postpferde wolle? Ja, wohin? Sagen Sie doch, Sophie! w o h i n ? Ich weiss wahrhaftig

Abends.

Hier bin ich, gute, liebe, einzige Freundin! Walter bringt Ihnen, wie sonst, diese Zeilen. Ich schreibe rin. H i e r ! H i e r ! O mein Gott! was dringt hier alles auf mich ein.

Die brave Frau war so geruhrt, so uberrascht bei meinem Anblick. Ich hielt ein Paar hundert Schritt vom Hause. Es war finstre Nacht. Ich wollte den Wald, die Baume, den furchterlichen See nicht sehen. Der Postillon musste absteigen, die Wirthin herauszurufen. Es wahrte eine Weile, ehe sie kam. Johanna und ich sassen wahrenddem stumm neben einander. Das arme Madchen furchtete sich. Sie hielt die Leine der Pferde lose und angstlich in der Hand. Es war todtenstill um uns, wir horten nichts als den schnaubenden Athem und das Schutteln der muden Gaule in dem lastigen Geschirr. Mir wurde immer beklommner, immer voller ums Herz. Weinen konnte ich nicht, kaum mich regen. Indem ritt Jemand schnell voruber. Ein Anderer, der ihm folgte, fluchte uber das Fuhrwerk, das hier mitten im Wege hielt, und gab dem einen Pferde einen Schlag mit der Faust, dass es seitwarts taumelte. Johanna schrie, jener lachte und sprengte davon. Es war die rohe Stimme und das gemeine Wesen eines Reitknechts, aber wer war sein Herr? wer war der fluchtige Reiter, der so sturmisch an uns voruber flog?

O Herz! Herz! du nanntest ihn, und gewiss, es war kein Anderer!

Als nun der Postillon mit seiner Begleiterin kam, diese die kleine Handlaterne ein wenig hob, um mir ins Gesicht zu sehen, zitterte ich und konnte nicht sprechen, nicht aussteigen, mich nicht auf den Fussen halten. Ich winkte nur der erschrocknen Frau, a u c h zu schweigen. Sie seufzte schwer. Mit ihrer und Johanna's Hulfe verliess ich den Wagen.

"Konnen Sie ein oder zwei Nachte?" brachte ich endlich heraus. "Lieber Gott! warum denn nicht," erwiederte sie. "Aber beste, gnadige Frau! Sie sind krank, bei mir ist es unruhig, Sie werden Ihre Bequemlichkeit nicht haben," bemerkte sie angstlich. Ich liess sie reden, und ging, statt aller Erwiederung, auf das Haus zu.

"Es ist Gesellschaft drinnen," sagte sie, und mich behutsam durch die Kuche und einen kleinen Vorhof fuhrend, brachte sie mich in ein Zimmer.

"Nur so lange Geduld," bat sie, "bis die Gaste auseinander gehen. Dann werde ich fur mehr Bequemlichkeit sorgen. Es ist heute eben recht voll hier, ich habe Alles, bis auf dies Kammerchen, einraumen mussen," lachelte sie im Hinausgehen.

Ich setzte mich in den hintersten Winkel auf ein Schemelchen nieder. Der Larm wirrte undeutlich aus den anstossenden Gemachern heruber. Ich konnte weder Worte noch Stimmen unterscheiden. Ich hatte sie auch in dem Augenblick nicht unterschieden. Wie viel tausend andere Stimmen schrieen jetzt laut in mir auf.

H i e r war ich nun also, f l u c h t e n d , v e r

s t e c k t ! Nacht um mich, Nacht in mir; nicht der kurzeste Blick uber die nachsten Paar Schritte kenntlich, alles dumpf und dunkel wie im Kerker.

So sitze ich noch, so schreibe ich Ihnen bei einem

Lampchen. Sie sehen den Worten wohl den Aufruhr der Seele an. Neben mir an braust und tobt es immer wuster.

Walter, der alle Gelegenheiten des Hauses kennt,

und die Wirthin sprechen wollte, trat vor einer Weile unerwartet hier herein. Die Thur war ungeschickt und nur halb verriegelt, so dass sie bei dem Ruck seines starken Armes aufsprang. Ich fuhr erschrocken in die Hohe. Er blieb betroffen stehen. Dann trat er schuchtern zuruck, und zog die Thur leise nach sich. Ich schickte Johanna, ihn um die Besorgung eines Schreibens an Sie zu bitten. Er zeigte sich sehr bereitwillig, fragte theilnehmend nach mir, bat, seines unvorsichtigen Eintritts wegen, um Verzeihung, mit dem Zusatze: dass, wenn er hatte ahnden konnen, mich zu erschrecken, er ja lieber dem Kammerchen auf hundert Schritte nicht genahet ware. Er lachelte geruhrt und wischte sich verstohlen die Augen.

E r also, Sophie! und vielleicht noch mancher An

dere bewahrten mir ein freundliches Andenken in dieser verodeten, umgewandelten Gegend.

Die Tannenhauserin ist nicht einen Augenblick festzuhalten! Noch nicht e i n Wort von Georg. Hugo's Name wage ich nicht zu nennen.

In der Nacht.

Horen Sie doch, Sophie! Horen Sie doch! es ist nun still im Hause. Aber h i e r , h i e r in mir ist ein Tumult, eine Angst! Sie mussen morgen fruhe zu mir kommen. Walter wartet auf meinen Brief. Er geht, so wie der Tag grauet, damit zu Ihnen hinuber.

Johanna's Neugier hat allein Schuld. Ich dankte Gott, nichts von der rohen Unterhaltung meiner Nachbarn zu verstehen. Nun war es vorbei! Ich hatte ja taub sein mussen. Sie hatte Langeweile. Bald stand sie stille, bald ging sie in der Kammer umher, offnete Fenster, Schubladen und Schranke. Jetzt zieht sie an einem roth- und weissgewurfelten Vorhange. Ein Fenster wird sichtbar, es ist mit einem Laden versetzt. Sie macht diesen ein klein wenig auf, ihr erster Blick fallt in das anstossende Gastzimmer. Ich gebe nicht Acht auf sie. Nun sturzt das angelehnte, eichene Brett, das sie aus der Lage gebracht und nicht zu regieren versteht, herab auf den Boden. "Mein Himmel, Johanna! was machst Du?" rief ich unwillig. Sie zieht eilig den Vorhang wieder zu, und lautlos auf mich zurennend, flustert sie: "St! dass sie uns nicht horen! Sie sitzen einer Bowle Punsch, aus der sie ihnen fleissig einschenkt."

Die genauere Bezeichnung dessen, was neben mir an, getrieben ward, flosste mir Widerwillen und Bangigkeit ein. Die Scheidewand, welche mir bis jetzt unmittelbare Storungen abhielt, war eingefallen; das Fensterchen mochte aufgesprungen sein, genug, ich unterschied plotzlich des Amtmanns Stimme, die durch Punsch und Spiel gehoben, etwas unbeschreiblich Verletzendes hatte. Die Karten schienen ihm unglucklich zu fallen. Er stiess mehr als einen Fluch aus. Mir war nicht anders, als musse jeden Augenblick Einer von den wilden Gesellen zu mir hereintreten. Ich wollte fort, zu Fuss, in den Wald, nur hier nicht langer bleiben! Johanna beschwor mich, ruhig zu sein. Ich stand zitternd an sie gelehnt, als ich den Amtmann zornig auffahren, und einen Knaben weinerlich sagen horte: "Ich wollte Dich ja nur erinnern, dass es spat sei. Grossmutter weint." "Ach, geh' zum Teufel mit deiner Grossmutter und deinem Erinnern!" schrie der Vater ganz ausser sich. "Aber wartet nur, ich werde dem Dinge ein Ende machen! Du musst mir auf die Schule," fuhr er hitzig fort. "Nun der k r a n k e W u r m nicht langer bei uns bleibt, bekommt das Ding so eine Wendung!"

Sophie! ich glaubte in die Erde zu sinken. Er redete von Georg! Krank nannte er ihn, und jammerlich, wie ein Wurm, dunkt ihm das bluhende Kind! Es war das erstemal, dass ich das horte; Niemand hatte mir fruher eine Ahndung davon gegeben.

Gespannt horchte ich, als die Fragen der Andere mir mehr Licht zu geben versprachen. Allein der Amtmann war in seiner Punschlaune ganz verwildert, er vermass sich hoch und theuer, dass er sein halbes Leben darum schuldig sein wolle, wenn er nie an den vermaledeiten Ort gekommen ware, wo sich das Ungluck einquartirt habe. Viele der Anwesenden lachten ihn aus. Er schlug aber auf den Tisch, dass die Glaser klirrten, indem er schriee: "Lacht nur! ich weiss doch, was ich weiss." "Nun?" fragten Einige, "was weisst Du denn?" "Das weiss ich," entgegnete er heftig, "dass mit dem Grafen alles Elend uber uns gekommen ist. Wie der hier einzog, da starb mein Hannchen; sie hatte ihn kaum gesehen, hernach ! nun, das lasst sich ja an den Fingern abzahlen," bekraftigte er seine Aussage, ohne weitere Beweise anfuhren zu wollen. "Es wird noch Alles sterben," fuhr der wilde Mann nach kurzer Pause fort, "Alles, was er verhext hat. Die Eine ist schon todt, die Andere so gut wie gestorben, und der arme Junge, der hat auch etwas weg, das wird gewiss kein Mensch leugnen."

Schrecklich! Schrecklich! wimmerte ich, die Hande ringend. Ich schrack zusammen, als die Gaste ungestum nach Punsch und auch nach der Wirthin riefen.

Sie musste einen Augenblick hinausgegangen sein.

"Sie ist dort in der Kammer," sagte Einer, "hinter der Gardine schimmert ja Licht!"

"Holla!" rief dieser zwischen dem Fensterflugel hindurch, den Vorhang aufhebend. "Ach! gehorsamer Diener!" setzte er verblufft und blode hinzu, indem er, mit dem Fusse scharrend, eine Verbeugung machte.

Ich verbarg mein Gesicht an Johanna's Brust, doch hatten sich im Augenblick Mehrere an das Fenster gedrangt. Ich horte sie zischeln: "Es ist die Prasidentin, da wird er auch nicht weit sein!" "Nein!" meinte ein Anderer, "es ist wegen dem Kleinen, der nun fort soll. Weiss man doch, wie sie ihn liebt." "Ja, ja," flusterte der Amtmann, "und vollends die unversohnliche Todtfeindin!"

Sophie! ich horte nichts mehr. Ich habe wohl eine Stunde in volliger Betaubung da gesessen. Ich bin wie verwirrt! Hier kann oder will mir Niemand Auskunft geben. Sie m u s s e n es. Ich beschwore Sie auf meinen Knieen darum. Morgen fruhe! So bald Sie konnen. Horen Sie wohl. Denken Sie, dass die Nacht lang, dass jede Minute in der Angst verlebt, eine Ewigkeit ist; dass ich auf der Folter bin, und Sie mich retten konnen, oder ! Nein, das wird nicht sein, das darf nicht sein!

Sophie an Hugo

Ich kann nicht einen Augenblick anstehen, Ihren Beistand fur Elise in Anspruch zu nehmen. Ein hochst unangenehmer Vorfall hat die, nur allzuleicht mit sich einige, immer zum Aeussersten entschlossene Frau zu Schritten verleitet, die argerliche Folgen haben konnen. Lesen Sie Ihren letzten Brief an mich. Ich schikke Ihnen diesen, wie er ist. Er allein mag das Folgende erklaren.

Es war wohl naturlich, dass ich gleich nach Empfang desselben die Arme in ihrem Versteck aufsuchte. Nichts, selbst die Gegenwart der Oberhofmeisterin konnte mich daran verhindern. Wer hatte ahnden sollen, dass gerade diese Eile die widrigen Ereignisse beschleunigen, die Verwirrung vollstandig machen wurde!

Noch vor dem Fruhstuck hatte ich mich in den Wagen geworfen, und ohne Ihre Schwiegermutter zu sprechen, mich begnugt, ihr sagen zu lassen, ein dringendes Geschaft zwinge mich zu kurzer Abwesenheit, gegen Mittag wurde ich gleichwohl unfehlbar zuruckgekehrt sein. Tausend Sorgen im Herzen, komme ich nach dem Waldhauschen. Ich steige aus, ich gehe hinein. Niemand begegnet mir. Sie ist krank, denke ich. Die Wirthin, ihre Leute sind um sie beschaftigt. Vorsichtig offne ich die Thur nach dem hintern Zimmer. "Ach, Ihr Gnaden! da sind Sie ja doch noch gekommen!" ruft Johanna. Die Tannenhauserin und sie standen zugleich vor mir und sahen theils verwundert, theils besturzt aus.

Ich fragte angstlich nach Elisen. "Ach mein Gott!" entgegnete das erschrockene Madchen. "Ist denn die gnadige Frau nicht bei Ihnen? Sie sagte doch, sie wolle sich bei Wehrheim ubersetzen lassen und nach dem Stifte gehen."

"Wann war das?" fragte ich, "wann ging sie von hier fort?" Beide sahen sich an, und meinten, ein Paar Stunden sei es wohl her. Da musste sie ja, dachte ich, Weg und Lange der Zeit gegen einander abmessend, schon dort gewesen sein, ehe ich noch von Hause ging. Doch fiel mir Wehrheim, und alles was sich daran knupft, bei. Sie wird sich dort aufhalten, den neuen Bau besehen.

Ich beschloss sogleich dahin zu fahren. Eilig forschte ich nur noch bei Johanna, wie das Befinden und die Stimmung ihrer Herrschaft gewesen sei? Wie sie die Nacht zugebracht habe? Und ob sie nicht geaussert, weshalb sie mich nicht hier abwartete, da sie doch gewiss sein konnte, ich wurde nicht ausbleiben? Was ich erfuhr, mehrte nur meine Besorgniss. Elise hatte in ungleicher, fieberhafter Ueberspannung bis zum Morgen geschrieben, das Geschriebene zerrissen, die Papierschnitzel verbrannt, dann aufs neue, und in grosserer Lebhaftigkeit, ein Blatt gebrochen, ihre Gedanken eilig in grossen Schriftzugen darauf hingeworfen. Bis sie es zuletzt zu sich steckte, damit zum Fenster trat, als warte sie nur d e n ab, dem sie es anvertrauen durfe. Die Wirthin erbot sich unaufgefordert zu jeder ihrer Bestellungen. Elise sah sie geruhrt an. "Ich danke," lachelte sie, so weich und schmerzlich, dass Jener die Thranen noch jetzt von tiefer Ruhrung in die Augen traten. Darauf legte sie beide Hande auf der Tannenhauserin Arm, und zog diese naher zum Fenster. Die Hande hatten gebrannt, wie Kohlen, und die Stimme sei stockend gewesen, als sie sagte: "Wissen Sie wohl noch, wie wir, die selige Amtmannsfrau und all die Kinder und ich hier Blindekuh spielten?" Ich verband der lieben Seligen die Augen, da klagte sie: "Nicht so fest, nicht so fest!" Ich lachte und neckte sie, als konne sie die Finger sehen, die ich ihr vorhalte. "Nicht einen Stich," betheuerte sie, "es ist so dunkel wie im Grabe um mich." Elise verzog das Gesicht sonderbar, als sie wiederholte: "D u n k e l w i e i m G r a b e !" und dann hinzusetzte: "Nun liegt sie schon lange darin! Nachher ward i c h Blindekuh! Und " sie druckte das Gesicht gegen die Scheiben. Sie weinte aber nicht, doch flog ihr die Brust heftig, als unterdrucke sie ihre Thranen.

Nach einer Weile soll sie gesagt haben: sie wolle nun gehen. Es komme doch Niemand. Johanna bezog das auf mich, und entgegnete: ich konne ja kaum erst den Brief haben. Elise schuttelte aber den Kopf, forderte Mantel und Handschuhe, zog den Schleier uber den Hut herunter, und verliess mit den Worten das Haus: "seid unbesorgt, ich kenne hier Weg und Steg."

Liebster Hugo! ich bin darum so weitlaufig in Wiederholung aller dieser Aeusserungen, und ihrer begleitenden Nebenumstande, um mein damaliges Dafurhalten zu modiviren, dass jenes erwahnte Blatt an Sie gerichtet, Elise zu dem Gedanken gebracht haben konne, es Ihnen selbst nach Wehrheim hinzutragen, in der Hoffnung, Sie vielleicht dort zu treffen, oder doch Gelegenheit zu schnellerer Besorgung finden zu konnen.

Wenn man einmal auf einer falschen Spur ist, so rennt man blindlings darauf fort. Meine gewonnene Ueberzeugung jagte mich um so eiliger nach Wehrheim, als ich Elisens Besonnenheit mehr als jemals misstraute. Aufs Aeusserste betroffen, erfuhr ich indess hier, dass weder unsere arme Freundin, noch sonst jemand Fremdes seit mehreren Tagen im Orte gewesen sei.

Sollte sie wirklich bei mir sein, dachte ich ganz entsetzt bei der Vorstellung moglichen Zusammentreffens mit der Oberhofmeisterin!

Es lag soviel Unwahrscheinliches hierin. Und doch! Ihre Ungeduld, Nachricht zu haben, die wachsende Angst, der fieberhafte Zustand! Ich ging eilig, mit meiner eigenen Meinung streitend, am Ufer auf und ab. Die Sonne schien warm. Es wehte eine angenehme Luft. Einen Augenblick stehe ich stille, ich sah umher Dorfer und Schlosser liegen jenseits des Stromes. Das neue Dach von des Amtmanns Hause leuchtet besonders hell in dem frischen Morgenlicht. D e s A m t m a n n s H a u s ! Gott! wie Schuppen fiel mir's von den Augen. Da ist sie! nirgends sonst wo. In der Nahe von dem Tannenhause, das Kind leidend. Es war unbegreiflich, dass es mir nicht gleich im Augenblick einfiel.

"Zuruck! zuruck!" rief ich dem Kutscher zu, jetzt doppelt ein ungluckliches Missverstehen und gehassige Eindrucke fur Elise furchtend.

Es war uber das Alles spater geworden, als ich es in der innern Erregung voraussetzte. Die unseligen Irrfahrten, die Erkundigungen und Berichte hatten viel Zeit weggenommen. Als ich vor dem Amthofe hielt, sass die Familie schon bei Tisch. Madame Lindhof kam mir entgegen. Sie sah ungewohnlich erhitzt aus. Aengstlich vermied sie meinen fragenden Blick. "Ist die Frau Prasidentin hier?" flusterte ich ihr im Aussteigen zu. "Nicht mehr," lispelte sie leise. "Mein Gott, auch hier nicht mehr!" rief ich ungeduldig. "Verweilt sie denn nirgend so lange, dass ihre Freunde sie treffen!" "Dafur," entgegnete die sanfte Frau mit bebender Stimme, "wissen A n d e r e , als F r e u n d e , sie zu treffen!" Ich fuhr erschrocken zusammen. "Wo," fragte ich zogernd, "ist Elise jetzt?" "Mit meinem Sohne nach der Stadt gefahren," war ihre Antwort.

Verwirrte Ahndungen blitzten mir durch die Seele. Wir traten in das Esszimmer, Georg sprang auf mich zu. "Wissen Sie schon? Mama ist wieder hier!" jubelte er, die hellen Freudenthranen in den Augen. "Ich reise nun mit Mama," plauderte er lebhaft fort. "Nicht mit der grossen, alten Dame, die Papa schickte."

Ich nahm die gute Lindhof unter dem Arm, und sie in ein Nebenzimmer fuhrend, bat ich sie, mir ruhig und zusammenhangend zu erzahlen, was sich hier zugetragen habe.

Ich erfuhr nun leider, dass gerade das, was ich verhuten wollte, dennoch geschehen war. Elise und die Oberhofmeisterin trafen hier zusammen. Die Letztere, die Zeit meiner Abwesenheit auszufullen, fuhr hierher, um das Nothige wegen des Knaben Abholung mit seiner Pflegerin zu bereden. Sie fand Elise dort. Wie sich B e i d e begrussten, was verletztes Muttergefuhl B e i d e sagen liess, wie sie schieden, wozu die Ungluckliche jetzt verleitet ward? Ich drange es in die wenigen Worte zusammen: Elise ist auf dem Wege, eine Klage g e g e n E d u a r d , wegen Bruch des Scheidungsvertrags, gerichtlich einzugeben.

Dies Aergerniss muss um jeden Preis hintertrieben werden. Ich beschwore Sie deshalb, die Unbesonnene aus den Handen ihres schlechten Rathgebers, des Amtmanns, zu retten, sie zur Besinnung, zur Gute und Sanftmuth zuruckzufuhren. S i e oder Niemand, vermogen es uber sie, dass sie nur erst stille stehe, sich sammle, und betrachte, was sie d a r f , wenn sie auch nicht aufhort zu wollen. Und auch W o l l e n wird sie nichts Unschickliches, nichts Gewaltsames, da sich wirklich Alles anders verhalt, als es sie ihr rasch und heftiges Empfinden erkennen lasst.

Sehen Sie, Eduard hat sich nie des Rechts, uber Georg zu bestimmen, vergeben, nur der Mutter Wunsch, ihn bis zum siebenten Jahre der freien und sanften Leitung unserer Nachbarin zu uberlassen, in soweit bewilligt, a l s d i e s n i c h t z u m Nachtheil des Kleinen auszuschlag e n d r o h e . Jetzt nun, da genaue Erkundigungen den Vater von der wusten und rohen Lebensweise des Amtmanns in Kenntniss setzten, er horen muss, wie in jenem Hause schlechte Gesellschaft ein- und ausgehe, und auch Georgs Gesundheit sich nicht wieder herstelle, jetzt entschliesst er sich, den Knaben zuruckzufordern. Er schrieb mir deshalb, setzte alle seine Grunde auseinander, und bat mich, die Mutter darauf vorzubereiten. Ehe ich dies noch vermag, entfernt sich Elise von ihrem bisherigen Aufenthaltsort, sie ist schon auf der Reise, als die Oberhofmeisterin hier ankommt. Geschafte, den Nachlass ihrer Tochter betreffend, fuhren diese zu mir. Der Prasident, genau mit ihren Angelegenheiten bekannt, weiss von ihrem Vorhaben, er benutzt die s i c h e r e und b e q u e m e Gelegenheit, das Kind in eine vortreffliche, auf ihrem Weg gelegene Anstalt zu bringen. Sie verspricht es, und trifft ihre Vorkehrungen, ohne Elise kranken zu wollen, ohne selbst von ihrem geglaubten Rechte zu wissen.

Ich lege Ihnen naturlich und einfach vor Augen, was sich eben so naturlich und einfach zutrug, und nur auf der Oberflache die gemischte, storende Farbe tragt.

Ich gestehe, dass wie die Sache unter dem ungunstigsten Zusammentreffen von Umstanden erscheint, Elise Harte und Willkuhr darin finden kann. Allein ware dem auch so, sie m u ss es dulden. Sie darf durch keine offentliche Handlung hervortreten, am wenigsten durch einen Schritt g e g e n E d u a r d , um die Welt nicht auf's Neue an sich zu erinnern.

Ich weiss nicht, ob Sie diese Meinung theilen? Das aber darf ich versichert sein, Sie werden das Laute, Ungeziemende jeder Handlungsweise missbilligen, und gern behulflich sein, kranke Leidenschaftlichkeit in die Granzen sanften Widerstandes zuruckzufuhren.

Antwort

Ein Geschaft hielt mich bis jetzt von der Burg entfernt. Ich kehre zuruck, finde Ihren Brief, gutige Sophie! und eile, unbesonnene Massregeln zu hintertreiben.

Der Arzt an Sophie

Zu manchen Zeiten sollte man wirklich glauben, es mischen sich bose Geister in unsere verstandigsten Absichten, um sie zu Schanden und uns Kummer zu machen.

Es geht auch hier so. Alle Ihre Vorsicht, verehrtes Fraulein! hat es nicht hindern konnen, dass die ubereilte Klage wenigstens abgefasst, unangenehme Worte daruber gesprochen, feindliche Gesinnungen erregt worden sind. In dieser unseligen Stimmung aufs Hochste gereizt, durch die eigennutzigen Einflusterungen des Amtmanns gestachelt, krank, in heftiger Fieberwallung, verlasst die Frau Prasidentin die Stadt. Es dunkelte bereits. Der Abend war lau, sie litt durch innere Hitze. So befahl sie, den Wagen herunter zu schlagen. Noch dunkten ihr Hut und Schleier genugend. Frei und leicht sass sie ohne weitere Verhullung, und schien, selbst dem bosen Einfluss der Nachtluft zu trotzen. So kommen sie an die Brucke, die jetzt ausgebessert wird, und nur eine schmale Ueberfahrt gestattet. Wagen, die einander begegnen, mussen dann anhalten, und sich uber das Recht des Vorfahrens vereinen. Des Amtmanns Calesche, von zwei Pferden gezogen, bleibt billig bei der Annaherung einer grossen, sechsspannigen Reisekutsche zuruck. Diese rollt nun uber die Brucke. Neugierig biegt sich ein Kinderkopfchen zum Schlage heraus. "Mama! Mama! da ist sie ja!" ruft eine herzzerschneidende Stimme. Und gleich darauf: "O bitte, liebe Mama, komm doch mit! O bitte, bitte!" Zerrissen, verwirrt, von wilden Empfindungen um Bewusstsein und Fassung gebracht, sturzt die ungluckliche Mutter zum Wagen heraus, dem rasch Voruberfahrenden nachschreiend, handeringend sinkt sie in die Kniee, dicke Staubwirbel, und Georgs Klagen, ziehen vor ihr her, sonst ist es Nacht um sie. Sie sieht nichts mehr!

In diesem Zustande trifft sie der Graf, welcher auf Ihr Geheiss, mein Fraulein! nach der Stadt eilte.

Sie erkannte ihn nicht. Seine Verzweiflung, wie mir der Amtmann sagte, war unbeschreiblich. Er trug die Ohnmachtige in den Wagen, und wahrend seine Leute mich zu holen eilten, begleitete er jene nach dem Amthof.

Ich kam in der Nacht hier an. Ich fand bedenkliche Anzeichen, und darf es nicht verschweigen, dass die Natur wohl einen harten Kampf vorbereitet. Der Graf sitzt stumm an dem Bette der Kranken. Er fragt nicht, er aussert nicht Angst noch Sorge. Doch wird die Falte zwischen seinen Augen immer tiefer, sein Blick immer finsterer, das Gesicht starrer, der Schmerz hat all das Furchterliche bei ihm, was Diejenigen ihm geben, die ihn auf Kosten ihrer Existenz in sich erdrucken, und Gewalt gegen Gewalt anrucken lassen.

Hier im Hause herrscht die grosste Besturzung. Der Umstand, dass die Symptome der Krankheit sich ungefahr wie bei der verstorbenen Amtmannsfrau aussern, ruft alle schmerzliche Erinnerungen in die Herzen der Umstehenden zuruck. Man giebt in der Regel der einmal gemachten Erfahrung bei ahnlicher Veranlassung unumschrankte Gewalt uber die Gefuhle. Niemand glaubt deshalb an Rettung, Alle beweinen die Kranke schon wie eine Todte, man hat dies kein Hehl, und selbst die ruhige, gelassene Madame Lindhof, durch so viele widrige Ereignisse nicht gleich so furchtsam, kann sich dennoch zu keiner Hoffnung erheben.

Diese lahmende Trostlosigkeit ist indess fur Pflege und Aufsicht nachtheilig. Ich wage daher, Sie, mein Fraulein! hieherzurufen, und hoffe um so mehr auf Sie, als ich nur kluger Umsicht und gefasstem Gemuth fernere Verhaltungsregeln anvertrauen kann, von deren Beobachtung wahrend meiner unaufschieblichen Ruckkehr nach der Stadt, sehr viel abhangt.

Unheimlich ist es, und ich leugne nicht, auch fur Starkere mochte es peinlich sein, dass die Fremde, welche hier eingezogen ist, und die bei den Leuten unter dem Namen: d a s g r a u e N o n n c h e n , (der Farbe ihrer Kleidung wegen) bekannt ist, gerade bei der Ankunft der Kranken ihren nachtlichen Umgang hielt, und bei dem Wagen stehen blieb, als dieser vor dem Hofe einen Augenblick hielt, bis die Thorflugel geoffnet waren. Selbst der Graf soll zusammengezuckt und angstlich gestohnt haben. Einige wollen deshalb gar nicht zugeben, dass es die Fremde gewesen sei; sie halten die Gestalt fur den Geist der verstorbenen Amtmannin, und vermehren dadurch nur die dumpfe Besturzung.

Alles dies, mein bestes Fraulein! moge Ihre Ankunft beschleunigen. Ich erwarte Sie in wenigen Stunden.

Der Geistliche an Leontin

Das Vertrauen eines Menschen ist ein unschatzbares Gut. Er giebt sich uns in diesem uberstromenden Augenblicke s e l b s t . Das will v i e l sagen. Solch Geschenk kann nicht bescheiden, nicht berucksichtigend genug angenommen werden.

Aus diesem Grunde allein, mein wurdiger und verehrter Herr Baron! liess ich Ihren schonen, ruhrenden Brief bis heute unbeantwortet. Ware ich unmittelbar meinem Herzen gefolgt, ich hatte Ihnen gleich gesagt, was dieses durch und durch erschutterte. Ware ich spaterhin meinem Kopfe gefolgt, ich hatte m e h r und a n d e r e s gesagt, und doch wohl nicht das Rechte.

Heute will ich nun nichts, als Ihnen danken, Sie um Vergebung bitten, und mich bei Ihnen entschuldigen, dass ich lieber schweigen, als zur unrechten Zeit reden mochte. Der Grund meiner grossern Zaghaftigkeit lag wohl hauptsachlich darin, dass ich vor nicht allzu geraumer Zeit erst von der Nutzlosigkeit w a r n e n d e r Worte eine traurige Erfahrung machen musste. Wo das Gefuhl vorwaltet, verletzt jeder Laut, der diesem Gefuhl Einhalt thut. Es ist gewiss nichts schwerer, als hier den rechten Ton zu treffen.

Eine Aeusserung Ihres geehrten Schreibens getraue ich mir gleichwohl aufzunehmen, und was ich daruber denke, frei auszusprechen.

Es betrifft die S e l b s t w a h l d e r B u ss e , und den L o s k a u f d e r S u n d e d u r c h O p f e r . Sie bestatigen Ihre Ueberzeugung, mein Herr Baron! durch den Entschluss, der Welt, wie dem aussern Wirken in dieser, entsagen, auf jedes Vorrecht grosserer Freiheit, auf hausliches Gluck, auf Familienfreude verzichten zu wollen. Sie entwerfen den Plan einer heiligen Stiftung, Sie denken sich der kleinern, enger erwahlten Gemeine anzuschliessen, und im Verborgenen das heilige Licht der Verklarung ruhiger und reiner wirken zu lassen.

Es soll gewiss Punkte auf den vielbewegten Planeten geben, die dem aufwartssteigenden Strahl des Gedankens S c h u t z , der Zusammenziehung der Lichtstoffe S t i l l e , ihrer Ruckwirkung auf die Erde R a u m sichern. Es liegt jedem ob, diesen Punkt nach dem Masse seines Dafurhaltens zu suchen. Niemand mochte dem Andern fuglich sagen: "H i e r i s t e r !" Die innere Freiheit findet demnach ihre schonste Beglaubigung in dieser Wahl.

Sie, mein Herr Baron! hoffen gefunden zu haben, was Ihrem Streben nothwendig dunkt. Die Ertodtung der Wunsche, die Abgezogenheit des Blickes, die Scheidung von dem Ehemals und Jetzt.

Nun, Schmerz und Verzweiflung waren die Pfortner zu diesem Asyl! Moge sanfter Trost Ihr Begleiter darin bleiben!

Sie erwarten das wohl gewiss. Weshalb aber, wenn ich fragen darf, nennen Sie denn B u ss e und O p f e r , was eher L o h n d e s 7 S i e g e s und F r u c h t h o h e r e n G e n u s s e s heissen sollte?

Ich denke, wenn dies anders in meiner Macht steht, mir Ihren Zustand, wie den eines Menschen, der auf der grossen Heerstrasse von Raubern angefallen, geplundert ward, diesen entflieht, einen verborgenen Pfad entdeckt, ihm folgt, ein heimlich, stilles Thal erreicht, erschopft auf seine Kniee sinkt, und zum erstenmal aus tiefer Brust ruhig aufathmet: "H i e r ist Sicherheit!" Mit gehobener, dankerfullter Seele seufzt er dann: "H i e r will ich leben und sterben!"

E r s c h r i c k t er vielleicht dennoch, nachdem er das rasche Wort gesprochen! Bedenkt er, dass das Leben lang, das Sterben fern sein konne! Treten die Bilder theurer Verlassenen, die Erinnerungen alles dessen, was dunkle Thalwande, starre Felsen, dichte Waldungen ihm verdecken, vor das innere Auge, und empfindet er das lastende Gewicht voreiliger Entschliessung! was macht er langer hier? Was burdet er sich im eitlen Selbstgefuhl das willkuhrliche Opfer auf? da er wohl nur nicht stark genug ist, das uber ihn Verhangte, der Armuth und Entbehrung, nach dem Verlust seiner liebsten Guter, zu ertragen? Denkt er diese Schwache d a , wo ihn nichts d e m u t h i g t , Sie furchten, mein junger, gewissenhafter Freund! E i n e n O r d e n wollen Sie auf d e r Stelle stifz e n d gedenken Sie unerfahrne Junglinge vor den Tauschungen zu bewahren, denen Sie fast erlegen waren?

Wie sind Sie denn aber eigentlich getauscht worden? Was haben Sie verloren, wenn Sie nichts besitzen k o n n t e n ?

Mich dunkt, eine schone, menschliche Liebe heilige uns die Menschheit aufs Neue, und d i e Welt, zu welcher das theuerste Wesen in unzerreissbaren Beziehungen stand, musse uns theuer bleiben. Sollte man eine Ewigkeit in der Brust tragen konnen, und uberall n u r d a s E n d l i c h e e m p f i n d e n ? Ich wurde fur die getraumte Ewigkeit zittern, oder viel fur das Endliche hoffen mussen.

Ich erinnere mich eines Ihrer Briefe an Tavanelli, Sie ermunterten ihn zur That, zur Ruckkehr unter die Menschen, zur Theilnahme an ihrem geschichtlichen Fortleben, und verhiessen ihm hier zuerst Heilung und Ruhe. Damals hegten Sie eine andere Ueberzeugung. Prufen Sie doch wenigstens die jetzige. Ich mochte noch aus der eigenen Erfahrung erwahnen, d a s namlich alles Bittere, was u n s trifft, ungewohnlich, und wir uns selbst leicht besonders erscheinen. So wird ein Ereigniss zum Wunder der Leidende zum Martirer, seine Bestimmung, B e r u f d e r A u s e r w a h l t e n , und was er thut und sagt, u n m i t t e l b a r e E i n g e b u n g . Ich habe eine schone Seele so auf einem argen Irrwege lassen mussen. Das Schlimmste ist, dass man dabei nicht allein irrt, sondern viel, viel Treffliche in sich entzweit. Mein geehrter Herr Baron! ich bin nicht uber meine Granzen hinausgegangen, wenn Ihr Herz mich nicht verkannte. Moge es uns zu fernerer Verstandigung dienen, dass ich das Ihrige immer zu verstehen streben werde.

Curd an seine Mutter

Nein, sagen Sie doch ums Himmelswillen, a u f und d a v o n ! Auf Ehre fort! Es ist um zu verzweifeln!

Aber nehmen Sie mir's nicht ubel, liebe Mutter! ein Bischen ist das Ihre Schuld. Wie zum Tausend ware sie denn auf den Einfall gekommen, wenn Sie, statt ihr da viel Vorstellungen zu machen, die sie nur erbitterten, gar nichts von mir sagten, die Sache gehen liessen, und durch allerlei kleine Hemmungen und Hindernisse ihr den Gedanken an Entfernung und Reise verleideten. Eine Frau ist wie ein Pferd, voll Eigensinn und statisch, wenn man auf brutale Weise ihrem Willen entgegen tritt, sie lenken will, und sie es merkt. Aber l a n g w e i l e n , l a n g w e i l e n , durch ewige Wiederholungen ermuden, und dann, so wie von ungefahr, einen Zugel uber den Kopf geworfen, dann sind sie schon im halben Traum, dann fuhrt man sie zu dem entscheidenden Punkte heran. Ich war, ich versichere Sie, auf gutem Wege. Ich sagte ihr immer dasselbe, zuletzt hatte sie sich an die Worte gewohnt, die ihr anfangs sehr dreist und lacherlich vorkamen. Das Zweitemal klingt so etwas schon besser, und in der Einsamkeit, wo kein Anderer spricht ! Nun, Eitelkeit bleibt Eitelkeit, und wer ihr schmeichelt, behalt doch am Ende recht!

Soll ichs Ihnen aufrichtig gestehen, so ist es mir um Elise noch mehr leid, als um mich selber, dass sie sich wieder in die Welt wagt. Sie kann nicht allein darin bestehen. I c h hatte sie wahrhaftig mit Anstand wieder hineingefuhrt. Es giebt gewisse Beschworungsworte, die die Menschen erstaunt respektiren, und die Urtheile und Meinungen ganz merkwurdig im Zaume halten. Nun geht die alte Geschichte wieder los, das ist klar, und wer wird sie denn offentlich vertreten? wem giebt sie ein Recht dazu? Ganz und gar lacherlich kann man sich doch auch nicht machen, und als ihr Peladin auftreten, und eine Lanze fur sie brechen. Sie wurde es Einem noch dazu schlecht danken, und sich einbilden, es verdurbe ihren Handel mit dem Grafen.

Ja der! Nun, ich habe den vornehmthuenden, abweisenden, unzusammenhangenden, kalten Menschen nie leiden konnen, und fuhrt uns der Zufall einmal an einander, ich wurde es ihm beweisen, was ein ordentlicher, vernunftiger Hass und ein tuchtiger Kerl ist.

Letzthin begegnete ich ihm auf der Strasse. Er grusste fluchtig. Ich dankte eben so. Als ich eine Strecke an ihm voruber war, drehte ich mich um. Ich wollte sehen, wohin er hier, wo ihn kein Mensch leiden kann, seinen Weg nehmen wurde. Er war stehen geblieben. Ein beissender Zug spielte ihm um den Mund, da er meinem Blick begegnete. Ich hatte Lust, gleich auf ihn zuzufahren und ihn zur Rede zu stellen. Aber was ware daraus geworden? Nichts! in der Welt Gottes Nichts! Er hatte halb freundlich, halb verwundert gelachelt, gethan, als ware ich ihm nicht auf tausend Meilen in die Gedanken gekommen, er wurde das hoflich und gelassen erklart, und mich, wie einen tolpischen, rohen Burschen vor mir selbst roth gemacht haben. Er vermeidet gern Aufsehen, und hat es eigentlich Elisen niemals vergeben, dass sie den Larm veranlasste. Wenn es ihm nach ginge, so stande noch Alles wie es stand, der Roman spielte sich langsam fort. Wahrend er seine Verpflichtungen gegen die Eine auf leichte Achseln nahm, legte er sich keine neuen fur die Andere auf. Er hat sich verrechnet, und darum sieht er jetzt aus, wie ein Halbgott incognito. Die schlechte Laune und das stumme, verdriessliche Wesen, das legt er wie altes, graues Civilzeug auf. Innerlich kitzelt er sich mit dem Gedanken, dass die Welt nicht im Stande ist, den g r o ss e n M a n n in ihm zu erkennen. Das Stuck hat schon gar zu oft gespielt, damit macht er Keinen dumm.

Ich breche hier ab, liebe Mutter! ohne den Brief zu schliessen. Mir liegt eigentlich erschrecklich viel auf dem Herzen. Ich schreibe gern Alles gleich frisch weg herunter. Aber die Grafin Ulmenstein schickt nach mir, mit der dringenden Bitte, eilig zu ihr zu kommen. Was kann die wollen? Da haben wir's! ich dachte es gleich! Es war wegen Elisen. Die alte, boshafte Elster musste ja auf der Stelle ausschwatzen, was ihr zu Ohren gekommen war. Verwunscht! wie sie das einkleidet! so theilnehmend, so entschuldigend, so naturlich! Und dabei lugt sie wie gedruckt. Schon lange war sie davon unterrichtet, dass Elise ihren bisherigen Aufenthalt verlassen hatte. Schon lange? Dumme Luge! Erst vor ein Paar Stunden kam die Post hier an. Freilich, was zwischen dem Tage der Abreise und heute liegt, das mogen ihre Zutrager wohl bald genug ausgekundschaftet haben. Und d a s eben, w a s dazwischen liegt, das ist zum toll werden!

"Da sind Sie ja!" rief mir die Grafin entgegen. Man sah es ihr an, sie hatte auf Kohlen gesessen, bis ich wirklich da war, und sie ihr Muthchen kuhlen konnte.

"Ich glaubte schon," fuhr sie sogleich fort, Sie waren bei Ihrer armen Cousine." "Bei meiner armen Cousine?" fragte ich halb argerlich, halb erschrocken, da ich nicht wusste, ob ich das Beiwort auf vergangenes oder neues Ungluck beziehen sollte.

"Ja, wahrhaftig!" entgegnete sie, indem alle Zuge ihres Gesichts herunter hingen, und die Stimme fiel. "Sein Sie versichert, dass ich den innigsten Antheil nehme."

"Gnadige Frau!" sagte ich jetzt, kaum meiner Ungeduld Herr, "ich verstehe nicht ein Wort von dem, was Ihre Gute mir wahrscheinlich nur verbergen will."

Mutter und Tochter sahen einander hier mit bedeutendem Blick und mitleidigem Lacheln an.

"Gott! er weiss es nicht!" bedauerte die Letztere.

"Nein! nein!" fuhr ich rasch dazwischen. "Auf Ehre! ich weiss nichts. Was ist denn Neues vorgefallen?"

"Sie wissen es nicht?" dehnte die Mutter ihre Frage, als besinne sie sich eines Bessern. "Nun, dann ist es auch nicht so arg," setzte sie, wie ermuntert und getrostet, hinzu. "Ich habe einen todtlichen Schreck gehabt, man sagte mir, die kleine, allerliebste Frau sei wahnsinnig geworden, in diesem Zustande zu Fuss hierher gekommen, zu dem Sachwalter des Prasidenten eingedrungen, habe von ihm die Revocation des Scheidungsprozesses gefordert, und erklart, sie wolle nicht geschieden sein, und werde deshalb ihrem Manne folgen, wo er sich auch befinde."

Ich unterbrach hier die Grafin durch lautes Lachen. Diese Fabel kam mir doch zu kindisch vor.

Sie machte ein empfindliches Gesicht. "Nun!" meinte sie, "l a c h e r l i c h ist bei der Sache nichts. Sie mussten es denn komisch finden, dass Ihre Cousine unterwegs in der fameusen Waldschenke, den Ort ihrer fruheren Zusammenkunfte, einen argerlichen Auftritt mit einer lustigen Punschgesellschaft hatte, und hochst derangirt dort auftrat, denn h i e r ist sie gewesen," betheuerte sie feierlich, "sur cela, je vous engage ma parole d'honneur. Sie wurde am Ende halb mit Gewalt nach dem Amthause gebracht, nachdem sie auf offentlicher Landstrasse des histoires d'autre monde auffuhrte. Wenn Sie das so sehr amusirt, mein lieber Rittmeister! mache ich Ihnen einen Knix, und sage kein Wortchen mehr."

Die franzosischen Floskeln verriethen mir die hamische Absicht und die zugellose Bosheit, mit der mich die Grafin beleidigen wollte, denn sie redet nur modern, (wie sie reines Deutsch nennt) wenn sie sich bewacht und verbindlich sein will. Ich strich daher einen guten Theil von dem Inhalte ihres Berichtes. Doch auch so musste ich mich zusammennehmen, um dem Geschwatz mit Fassung auf den Grund zu kommen.

Eine Zeitlang spielte die ungezogene Frau, die mich eigentlich in der nachsten Anverwandtin impertinent beleidigt hatte, die Empfindliche. Sie wollte mit keiner ihrer tausend Anekdoten, von denen ich eigentlich mehr Licht uber die Sache zu erhalten dachte, herausrucken. Zuletzt brannten sie ihr aber doch auf der Seele. Sie konnte es nicht uber sich gewinnen, zu schweigen. Ich erfuhr genug, um anderwarts nahere Erkundigungen einzuziehen.

Ich kann nur so viel mit Bestimmtheit sagen, dass Elise wirklich Schritte gegen Eduard gethan haben soll, dass diese aber auf Rechnung einer ausgebrochenen Krankheit geschoben werden, welche sie dem Tode nahe brachte. Sie liegt in ihrem ehemaligen Wohnort, im Hause des Amtmanns, ohne alle Hoffnung. Hugo verlasst sie keinen Augenblick, und die Stiftsdame Sophie wird sie ohnfehlbar, wenn nicht dem Grabe, doch dem Traualtare zufuhren.

Das kommt von dieser unseligen Reise, die Sie hintertreiben mussten, wenn Sie Ihren Sohn nicht uber die verzogene Nichte vergassen. Unsere Hoffnungen, gute Mutter! sind nun auf die eine oder die andere Art dahin! Noch zittre ich fur Elisens Leben. Aber es kann ein Augenblick kommen, wo ich sie lieber todt, als in den Armen des verhasstesten aller Menschen wissen mochte! Im Grunde meiner Seele furchte ich diesen Augenblick am meisten!

Ich sage Ihnen heute ein trauriges Lebewohl. Arme Mutter! Sie werden sehr betrubt sein. Ich bin es auch!

Ich will hinaus zum Forster. Wir jagen zuweilen mit einander, vielleicht erfahre ich da etwas von ihr.

Nachsten Posttag schreibe ich wieder.

Sophie an den Comthur

Ich habe Ihnen, lieber Freund! heute viel, sehr viel zu sagen!

Sie erwarten Nachricht von unserer Kranken. Walter wartet darauf, sie Ihnen zu bringen. Ich bin hierdurch, wie durch die Ungeduld, Ihnen Alles mitzutheilen, was mir das Herz erfullt, gedrangt, und doch kann ich meiner Gewohnheit nach, nur gesammelt und n a c h e i n a n d e r meine Berichte machen.

Zugeln Sie also Ihre Ungeduld ein wenig. Auch unser flinker Bote muss sich gedulden.

Ohne dass ichs Ihnen erst melde, sehen Sie es diesem Briefe schon an, dass Elise seit dem entscheidenden neunten Tage in der Besserung vorschreitet. Sie hatte, wenn auch eine schlaflose, doch eine ruhige Nacht.

Allein, eben von d e r Nacht habe ich Ihnen zu erzahlen. Ich durchwachte sie mit Hugo im Nebenzimmer. Er war wie ein Mensch, an dem ein grosses Ungluck voruber gegangen ist, weich, dankbar, inniglich, bis auf den Laut der Stimme und den schwimmenden Glanz des Auges. Gang und Sprache, Alles war leise. Es bebte noch die heftige Erschutterung hindurch. Selige, unaussprechliche Stimmung, in der sich der niedergebeugte Geist schuchtern und ehrfurchtsvoll zur Hoffnung erhebt.

Hugo sah die Welt in anderer Gestalt. Die Freude farbte ihm das Leben heller. Auch auf mich trug er einen Theil der grossern Warme uber.

Wir sassen neben einander, wir sprachen so tonlos, dass kein Wispern und Flustern die gereizten Nerven der Kranken beruhrte. Das matte Lampchen, noch durch einen Schirm geschwacht, schimmerte ganz fahl. Wir horten jeden Athemzug unserer Freundin. Er war gleichmassig, und wurde uns uber ihre Schlaflosigkeit getauscht haben, wenn das Rascheln der seidenen Decke und die Bewegung der Gardinen es nicht verrathen hatten, dass sie wache.

"Sie erkannte Sie gleich, als ihr das Bewusstsein wiederkehrte?" fragte ich Hugo. Er bejahte es mit sichtbarer Ruhrung. "Was sagte sie denn?" hub ich nach einer Pause wieder an. "Sie nannte meinen Namen," entgegnete er. "Und " er stockte einen Augenblick. "Dann," fuhr er fort, "hob sie beide Arme zum Himmel hinauf, und begleitete diese Bewegung mit einem langen Blick, den sie lachelnd auf mich niederfallen liess."

"Ja," erwiederte ich, "sie ware auch wohl nicht erwacht, hatte sie Ihr schmerzlicher Ruf nicht geweckt."

Er sah lange schweigend vor sich hin. "Ich also, meinen Sie," nahm er endlich das Wort, "habe sie ins Leben zuruckgerufen! Wie wird das Leben fur sie aussehen?" Er lachelte auf seine schmerzliche Weise. Mich erschreckte das. Ich wollte es zu keinem innern Verlieren bei ihm kommen lassen. "Seh'n wir nicht weiter," bat ich, "als der Augenblick es uns gestattet. Wir haben noch keine Sicherheit fur die nachste Zukunft."

Er sah mich erschrocken an. "Wie?" fragte er, "Sie furchten noch?" Ich druckte ihm stumm die Hand, denn die Kranke schien sich im Bette zu erheben. Er sah unruhig nach ihr hin. "Sophie!" rief sie schwach. Ich eilte zu ihr. Sie gab mir die Hand. Ich musste mich auf einen Stuhl neben sie setzen. "Er schlaft wohl?" fragte sie. Ich nickte ihr zu, und wendete mich so, dass sie Hugo nicht sehen konnte, der in der offnen Thure stehend, angstlich auf jede ihrer Bewegungen sah.

"Das ist mir lieb," versicherte sie. "Ich will, ich muss mit Ihnen reden." "Jetzt nicht," bat ich sie. "Sein Sie unbesorgt, es ist nothig, gewiss, liebe Sophie!" fuhr sie dringend fort, "ich werde gefasster sterben, wenn ich dies vom Herzen habe." "Sie werden jetzt nicht sterben," unterbrach ich sie, von dem Ernst und der Feierlichkeit ihres Wesens peinlich erschreckt. "Es kann sein," sagte sie, "es kann auch anders sein!" Sie sah in die Hohe. Ihr liebes Auge war von dem Flor der Krankheit noch nicht befreit, es dammerte so umwolkt, und hatte dadurch etwas unbeschreiblich Zartliches.

"Schreiben Sie," hub sie gleich darauf an, "auf jeden Fall an Eduard, Liebste! Sagen Sie ihm, dass ich jetzt nichts, als seinen gestorten Frieden vor Augen hatte, und Alles darum geben mochte, ihn glucklich zu wissen. Bitten Sie ihn, mir zu verzeihen, dass ich seine Ruhe leichtsinnig durch unsere Verbindung aufs Spiel setzte. Das ist mein grosstes Unrecht!" seufzte sie. "Ich liebte ihn nicht. Guter Gott! ich wusste nicht, dass es anders sein konnte!"

Sie sank matt auf ihre Kissen zuruck. Ich wollte nichts mehr horen; ich beschwor sie, alle Anstrengung zu vermeiden. Sie lachelte. "Was sind Sie so angstlich?" fragte sie. "Der Tod ist nicht das Schlimmste, was mir droht."

Ich that nicht, als ob ich sie verstehe. Hugo hatte sich indess leise hereingeschlichen. Er stand mit dem Haupt seitwarts gegen den Schirm gelehnt, der das Bett der Kranken theilweise umgab. Diese, einmal den Gegenstand beruhrend, der sie wohl meistens beschaftigte, achtete nicht auf mein Schweigen, sondern sagte: "Denken Sie doch nur, Sophie! wie jung ich bin, drei und zwanzig Jahr, und schon mit dem Leben abgeschlossen! Nichts, nichts mehr darin, was m i r gehort; keine Pflichten! kein Beruf! kaum ein Platzchen, das mir vergonnt, den langen, unfruchtbaren Weg, ohne Unterbrechung, ohne Schatten und Licht, kahl und grau, bis an's Ende zu ubersehen. Und ich war so froh wie Emma," klagte sie, "so recht jugendfroh. Was nimmt mir jetzt der Tod? Nichts! wahrhaftig nichts!"

Ich erinnerte sie an Georg, der ihr doch immer bliebe, den sie auch aus der Ferne begleiten konne.

"Aus der Ferne!" wiederholte sie schmerzlich. "Ja, f e r n ! f e r n ! das passt auf Alles, was mir angehort. Es bleibt mir nichts n a h e . O bitte!" rief sie, nach meiner Hand fassend, "beziehen Sie's nicht auf sich, Liebste! Denken Sie nicht, ich sei ausgeartet genug, um Ihre Freundschaft mit Undank zu lohnen. Ich fuhle sie, ach, ich fuhle sie! Aber !" Sie stockte. "Und?" fragte ich. "Sie haben auch eine Andere in mir geliebt, Sophie, als ich bin," erwiederte sie sinnend. "Das ist wohl Vielen so gegangen," setzte sie hinzu, "auch Hugo! Er hat recht, ich kenne mich selbst nicht mehr!"

Dieser, vielleicht mehr durch Elisens klagende Stimme, als durch den Sinn ihrer Worte getroffen, mochte einer unwillkuhrlichen Bewegung nicht Herr sein. Ein leises Gerausch verrieth seine Nahe. Die Kranke fuhr in die Hohe. Sie fragte. Sie rief ihn. Er trat zu ihr. Thranen bedeckten sein Gesicht. Er war sichtlich in grosser Erschutterung. So ergriff er ihre Hand, so gelobte er mit leisen, heissen Worten, sie nie zu verlassen, sein Geschick unwiederruflich an das ihrige zu knupfen, und ihrer Verbindung die Heiligkeit auch ausserlich zu geben, die sie fur ihn ewig habe.

Lieber Freund! das war es, was ich Ihnen in seinem unwillkuhrlichen Kommen und Geschehen hinstellen wollte. Sie haben es in Ihrer Klarheit begleiten konnen. Der Eindruck ist frei, durch Nichts vorher bestimmt. Sie werden in sich fuhlen, wie viel Raum wir der Freude geben durfen!

Beide sind j e t z t glucklich! Elise ist in der Genesung wie durch einen Zauberschlag vorgeruckt. Nur eins hatte mich fast diesen Morgen hieruber irre gemacht. "Sagt mir doch," hob sie nach kurzem Schlafe an, "was ist denn das fur ein graues, verschleiertes Geschopf, das wahrend meiner Krankheit Nachts immer durch das Fenster dort herein sah?"

Ich erschrack. Ich furchtete, sie rede aufs neue im Fieber. Ich entfernte deshalb jene Vorstellung, ohne sie zu bestreiten. Sie lachte. "Ich weiss wohl, was Sie denken, Sophie, aber es ist ganz bestimmt, wie ich es Ihnen sage," versicherte sie. Ich war verlegen, auf welche Weise ich es ihr ausreden sollte. Zum Gluck erinnerte mich Madame Lindhof an die Italienerin. Ich schwieg davon, doch Johanna wusste hieruber noch manche Anekdote, was zu meinem Verdruss, Elise nachdenkend machte. Es war wohl die Erinnerung an die fremde Bewohnerin ihres Hauses, denn sie sagte bald darauf: "also auch eine ruhelose Ungluckliche!" Wir liessen es dabei. Sie aber fragte noch mehrmals nach der Unheimlichen.

Nun, der Eindruck wird sie weiter nicht storen. Sie ist zu glucklich!

Elise an die Tante

Wie soll ich es denn anstellen, recht aus dem Herzen, recht frei, ganz wie ich bin und denke, zu Ihnen, meine Wohlthaterin, meine beste, liebste, mutterliche Beschutzerin, zu reden, ohne Sie zu betruben, ohne Ihnen von einer Seite wehe zu thun, wo ich Sie immer mit Besorgniss verletzlich fand. Ich weiss wohl, dass Sie himmlisch gut sind, dass Sie Ihr eigenes Interesse willig fur Andere opfern. Allein, gute, arme Tante, Sie haben nur den einen Sohn, Sie dachten, Sie hofften fur ihn, und machten es, wie man es immer thut, wenn man hofft. Sie waren Ihrer Sache im Stillen gewiss. Es hat mich sehr gequalt, Sie in dem Irrthum, dreister als Sie es sonst pflegen, der Zukunft vorauseilen zu sehen. Sie liessen mich es merken, und wenn ich Ihnen widersprach, lachelten Sie mit einer Ruhe, die so aussah, als hatten Sie Grunde und Mittel, meinen Entschluss zu bestimmen, die Sie nur noch geheim hielten. Ich wurde ganz irre an mir, an Ihnen, an meinem Geschick.

Die Angst, liebe Tante, hat mich auch aus Ihrem Hause getrieben. Nachher bin ich todtlich krank geworden. In der Zeit ist Vieles vorgefallen. Jetzt bin ich mit Hugo verlobt! O sein Sie nicht bose! Entziehen Sie mir Ihre Liebe nicht. Ich bin so glucklich! wie konnte ich es bleiben, wenn ich Ihren Unwillen zu furchten hatte?

Sehen Sie, meine beste Tante! mit Curd und mir ware es doch in meinem Leben zu keiner Verbindung gekommen. Wir passen wirklich nicht fur einander. Ich bin ihm gut! O Gott, ja, recht herzlich gut! Aber nein! das war unmoglich! Ach, Sie sehen das auch im Grunde wohl ein. Ich bin zu alt fur ihn, und dann, eine geschiedene Frau! Sagen Sie, was Sie wollen, Curd dunkt Ihnen wohl gut genug fur eine bessere, die nicht den Tadel der Welt auf sich lud, Niemand erst zu vergessen hat, und froh und stolz an seiner Seite in Gesellschaften auftreten, den Blicken der Menschen gern begegnen mag. Was hatte er nicht Alles meinetwegen bekampfen mussen! Und wie peinlich ware Ihnen das gewesen, Sie, gute, sanfte Tante! Ich darf hoffen, dass ahnliche Vorstellungen Ihnen nach und nach kommen, und Sie uber meinen Verlust trosten werden. Allein, es ist noch etwas dabei, was Sie und auch Curd nicht verschmerzen werden; das ist d e r M a n n , dem ich meine Hand gebe. Sie haben ihn nie leiden mogen, und wenn ich spaterhin seiner erwahnte, so horten Sie mir stets mit verbissenem Aerger zu.

Das kommt aber nicht aus Ihrem guten Herzen. Sie sind weit entfernt, irgend ein Geschopf Gottes zu hassen, geschweige denn einen Menschen, den Sie niemals mit Augen sahen. Ich will es ununtersucht lassen, weshalb Sie, zum erstenmale in Ihrem Leben, unbillig erscheinen? das ist eine kitzliche Frage, die zwischen uns unbeantwortet bleiben muss. Allein, weil Ihr Herz doch eigentlich von dem Widerwillen nichts weiss, so schmeichle ich mir, die Zeit und meine Bitten werden ihn uberwinden. Sie werden Ihre arme Elise, die soviel litt, soviel bei Ihnen geweint hat, die Sie nicht weinen sehen konnten, Sie werden ihr keine neuen Thranen auspressen wollen!

Nun, ich will Sie auch nicht besturmen. Ich will geduldig warten, bis Sie mir's endlich einmal sagen: "Sei nur ruhig, Kind. Ich sehe es nun wohl ein, er ist ein braver Mann, und ich wunsche Dir aufrichtig Gluck zu der Heirath mit ihm."

Ach gute Tante! wenn Sie das sagen wollten, Aber Sie konnen es jetzt noch nicht. Und darum furchte ich unbescheiden zu sein, wenn ich Ihnen alle Umstande auseinandersetzen, wenn ich Ihnen erzahlen wollte, wie es eigentlich so anders, so entscheidend gekommen ist. Zuweilen ist es mir selbst wie ein Traum!

Was Sie doch einigermassen beruhigen sollte, ist, dass der alte, wurdige Comthur so aufrichtigen Antheil an unserm Geschick nimmt, dass er schon lange den Wunsch hegte, ja selbst ihn aussprach, es so versohnt zu wissen. Er und die Freundin, deren Briefe Ihnen, gute Tante! immer so viel Achtung fur die Schreiberin einflossten, die sind es, welche jetzt Hugo's und meinen Frieden mit den unversohnlich Gesinntesten machen. Der vortreffliche Oheim hat Eduard geschrieben, ihm in die Seele geredet, und mir wenigstens eine verzeihende Aeusserung von ihm gewonnen. Auch in der Stadt, am Hofe, zeigte sich der wurdige Mann unsertwegen. Ihm ward eine lange Unterredung mit der Furstin Mutter, in welcher diese zuletzt eingestand: Es sei so viel fur die Bewahrung der Sitten gewonnen, dass nun jedes andere Gerucht zum Schweigen gebracht werde. Auch hat sie mich grussen lassen, und geaussert: Der Zutritt an Hof stehe mir frei, wenn ich ihn suchen wollte.

Alles dies schreibe ich Ihnen, weil es auch Sie vielleicht gutiger stimmt. Werden Sie mir wohl antworten? Und sollte ich diese Antwort furchten mussen? Oder ich weiss es nicht, aber ich denke manchmal, mein Gluck muss Sie ruhren! und am Ende, wenn Alle aufhoren, mich zu schelten, wollen S i e , die fruher A n d e r e , ihrer Strenge wegen, tadelte, jetzt erst anfangen, es diesen gleich zu thun?

Geben Sie mir Ihre Hand, lassen Sie mich sie kussen. Sein Sie wie immer, die Gutige, die nicht zurnen kann.

Hugo an Elise

Der Einfall, den schonen Fruhlingstag in Wehrheim zubringen zu wollen, ist vortrefflich. Wissen Sie, dass der gestrige, warme Regen alle Knospen der Mandelbluthen geoffnet hat? Wie ein rothes Wolkchen zieht es sich unten an den Bergen hin! Und am Boden, der frische Rasenteppich! und daruber, den Glanz der klaren, milden Merzsonne! Ich sage Ihnen, Elise! das helle Wehrheim tritt wie ein Zaubergarten aus den blauen Wellen unsers Stroms herauf.

Nun, Sie werden ja sehen! Ich kam eben von dort, als ich Ihr Billet fand. Wir hatten e i n e n Gedanken! Es ist sonderbar, sagen Sie mir, wie die Natur oft in so frappantem Zusammenhange mit dem Geschick der Menschen zu stehen scheint! Dieses hat auch seine Abschnitte, und nicht selten correspondiren Jahreszeiten und Lebensepochen hochst wunderbar! Ich erinnerte mich auch heute der starren, verwilderten Stimmung, in der ich den lieben Ort, unter Wintersturmen und Eisnebeln, vor wenigen Monaten durchstrich, und freute mich, den schonen Fruhling in ruhiger Brust aufnehmen zu konnen.

Lassen Sie es uns vergessen, dass die Stunden z e i t l i c h und auch der Fruhling verganglich ist! Wir wollen heute thun, als konne weder ihm noch uns der Wechsel etwas anhaben!

Sophie begleitet Sie doch? Sie gehort so sehr zu uns. Der Oheim kommt auch, vielleicht spater! immer indess vor Abend. Sie haben auch die Nachtluft zu scheuen. Ob mir gleich nichts uber das Hineindammern in die geheimnissvollen Dunstbilder des Thaues und die breiter fallenden Schatten geht. Konnten wir die Ruckfahrt nicht zu Wasser machen? Aber ich besinne mich! Nein! Nein! Sie scheuen das. So fahren Sie mit dem Oheim, und ich bringe Ihnen Sophie nach. Guten Morgen, Liebe!

Elise an Hugo

Welch' einen Tag haben wir verlebt! Ich kann noch nicht schlafen gehen. Es ist Alles wach in mir! Haben Sie es denn empfunden, wie mir ward, als mich der Comthur die Treppe zum Schlosse hinauf fuhrte? Und ich nun eintrat, nun da war, da sein d u r f t e , in der neuen Heimath. Ich hatte fruher das nie gedacht, nie getraumt, die Empfindung uberwaltigte mich, man ist sich fremd in den ganz neuen Lebensbeziehungen, ich zitterte, ob aus Schwache, aus Freude oder einer hohern Macht, die mich bis hierher fuhrte? ich weiss es nicht zu sagen. Mein sanfter Begleiter schien mir uber alles, so wie uber die Stufen der Treppe weg, und nur v o r w a r t s helfen zu wollen. Dann liess er mich, und trat einige Schritte seitwarts, als wir innerhalb standen, und ich gleichsam eingeweiht war, und Besitz von meiner kunftigen Wohnung genommen hatte!

Hugo! wie ist es denn moglich, dass plotzlich alles so anders werden, die Vergangenheit versinken, und eine Gegenwart da sein kann, die mit dem schon gelebten Theil des Daseins in keiner aussern Verbindung steht, und doch g a n z da ist, v o l l s t a n d i g , b i n d u n g s l o s , wie die Ewigkeit ihr unbegreifliches Leben um uns verbreitet?

Ich habe den ganzen Tag uber diese Frage nicht hinausgekonnt. Dass ich das nur fragen musste! Es waren uberschwengliche Stunden, in denen ein Menschenherz brechen konnte, weil es das nicht fasst, was es zu reich beseligt!

Sehen Sie, wie wir nun nach und nach hauslicher in dem unbewohnten Schlosse wurden, wir bei einander sassen, das Auge mit allen Gegenstanden ausser uns vertraut ward, Niemand gerade sprechen mochte, der Fluss so eintonig rauschte, als sage er uns seit Jahren dasselbe, unsere Hande in einander lagen, die Blicke uber die Landschaft hinglitten, die Mandelbaume ihre rothen Kronen leise bewegten, und das Wasser frische Luftchen heraufschickte, um uns den milden Bluthenduft naher zu bringen, ich hatte denken konnen, es sei immer so gewesen! Und dann erschrack ich doch wieder, und fragte mich, ist es denn nun erlaubt, dass ich hier bin? dass ich seine Hand in die meine schliesse? dass ich es zeige und sage, wie ich ihn liebe? Diese innere Ruhe, diese Sicherheit ist kein Traum! Hugo, lieber Hugo! Der Himmel hat mir viel Muth, und durch lange Zeit Kraft im Ungluck gegeben; aber fur das Gluck habe ich noch nicht Freiheit, nicht Raum genug in mir. Es macht mich schuchtern, ich werde so klein vor dieser Grossmuth des Himmels, ja ich sinke in mir selbst, wie in einem engen Winkelchen, zusammen.

Das war es auch wohl, was der Comthur meinte, als er mir zuflusterte: "Ich erkenne die heitere Freundin von ehemals nicht wieder. Wo hat Elise die jugendlichen Schwingen gelassen, mit denen sie das blaue Luftmeer muthwilliger Laune so oft durchschiffte?"

Ich druckte seine gute, liebe Hand. "Fragen Sie nicht," bat ich. "Sie mussen Geduld haben mit einer Genesenden. Wenn auch schon die Fahigkeit zur Bewegung da ist, man getraut sich nicht, die lang entwohnten Krafte zu gebrauchen."

Er lachelte wohl, doch sah er auch ernsthaft aus, und schien mich erforschen zu wollen. Mag er das! Es liegt nichts im Grunde meiner Seele, das seinen Blick scheuen musste. O Liebster! fassen Sie doch die Seligkeit, dass ich das sagen darf!

Wissen Sie wohl, dass es innere Uebereinstimmung allein ist, die uns billig und herzlich gegen andere macht. Ware der brave, alte Baron Wildenau zu jeder andern Zeit so unerwartet an einem Tag, wie der heutige, hineingefallen, wir wurden ihn unwillig und trokken abgewiesen oder bei Seite gelassen haben. Nun empfingen wir ihn bescheidener, und fuhlten ohne Storung, dass unsere Warme ihn auch erwarmte, und er sein Herz aufschloss. Nachher brauchten wir uns nicht weiter grosse Gewalt anzuthun, um ihn zu horen. Es interessirte uns wirklich, was er uber Leontin sagte, dessen letzter Brief merkwurdig genug sein mag; wenn man ihn nur zu lesen bekame! Die wenigen Fragmente, in die Sprache des Vaters ubertragen, geben nur confusse Vorstellungen. Der Gedanke, statt eines strengen Monchklosters, wie es der tiefsinnige Mensch fruher gewollt, eine weltliche Erziehungs-Anstalt fur Knaben zu stiften, hat mich besonders geruhrt. Wunderbar, dass uns gerade heute Nachricht von dem dunkeln, ganz aus dem Gesicht verlornen Freunde kommen musste!

Gestehen Sie, dass ich wenig eitel sein muss, um es dem ungalanten Baron nicht nachzutragen, dass er mich erst nach einer ganzen Weile wieder erkannte. Ich furchte, lieber Hugo! die Veranderung, welche der Oheim nur an meiner Laune zu finden glaubt, wird sich auch wohl auf meine ganze Person erstrecken. Armer Hugo! so ist der Herbst des Alters doch wohl vor der Thur! und der Fruhling der Jahreszeiten leihet uns nur ein Stuckchen von seinem Leben!

Ich will mit dem traurigen Schluss nicht auch den Brief schliessen. Deshalb frage ich Sie noch, was haben Sie denn mit Sophie angefangen? Die kam ja von ihrer Wasserfahrt so ernst und wortkarg zuruck, als sei etwas vorgefallen, das ihr die Lust des Tages trubte? Ihr habt wohl sehr tiefsinnige Gesprache gefuhrt, und Euch in feierliche Betrachtungen hinein vertieft? Mir geht nach gerade die Sprache aus! Gute Nacht, Hugo! Ich nehme all mein Gluck mit mir in den Schlaf, und will davon traumen. Gute Nacht! gute Nacht!

Sophie an Hugo

Ich vergass Sie zu erinnern, Elisen unser Begegnen mit der gespenstigen Fremden nicht zu erzahlen. Es wirft immer einen Schatten auf den hellen Tag zuruck, und sie hat diesen so rein genossen! Ich fand sie noch in grosser Bewegung am Schreibtisch. Die Augen leuchteten ihr vor Freude, als sie die schonen, langen Wimpern zuruckschlug, und mich halb geruhrt, halb triumphirend, mit einer Miene ansah, die wohl sagen sollte: Nun, Zweiflerin? ist nicht dennoch Alles gut geworden? Bin ich nicht das glucklichste Geschopf auf Erden?

Wie wenig passt zu dem warmen Roth, das in dem Augenblick ihre Wangen farbte, ja wie ein Rosenhauch uber sie ausgegossen schien, die blasse Trauergestalt, die so einsam in ihrer Gondel aus der buschigen Erdzunge von Wehrheim hinaus fuhr, und zwischen dem sauselnden Schilf hindurch, unsere Bahn durchschnitt. Schauerlich, sagten Sie, sei Ihnen die Nahe dieser Gemuthskranken. Mir hat ihr unerwarteter Anblick eine kaltende Angst in der Seele gelassen, und wirklich muss ich es ein Gluck nennen, dass Sie in dem gekrummten, kleinen Fahrmann den Bedienten der Dame erkannten, und dadurch alle Gedanken an Geistererscheinung, von vorn herein verscheuchten, denn in der That, dies plotzliche Erscheinen und an uns Hingleiten, dies Fortbewegen auf dem Wasser ohne horbaren Ruderschlag, das wispernde Rascheln der Rohrhalme, es hatte viel Spukhaftes! Zudem ich wette, wurden auch Sie an etwas erinnert, das mir die Brust zusammen zog. Es war eine Aehnlichkeit in der Bewegung der Arme, in der Art, den Schleier rasch zusammenzuschlagen, sich ganz hinein zu wickeln, dieselbe Neigung des Kopfes, ein wenig auf die Seite, und dann nach vorne gebuckt. Das namliche Zusammenziehen des Korpers, so in sich hinein, wie Jemand, der friert. Ich weiss, sie ist leidend! aber es trifft mit der Gestalt zusammen! und dann der Abend, das Halbdunkel! heute gerade! Ich wollte, die Unerfreuliche verliesse diese Gegend bald! Ich fragte neulich den Arzt nach ihr. Elise achtete sehr aufmerksam darauf.

Er wusste nicht viel von ihr. Es behandelt sie ein franzosischer Doktor. Er ist bei der Legation. Er kommt wochentlich mehrmals aus der Residenz hierher, und geht sodann uber das Kloster der frommen Premonstratenser Monche zuruck. Er zeigt nur gleichgultiges Nichtachten bei allen Erkundigungen uber die sonderbare Fremde, die ihn wenig zu interessiren scheint, und uns so unbequem ist. Ich schelte mich deshalb. Allein, wenn ich von mir auf Elise schliessen darf, so verbergen wir dieser wohl kluglich unser kleines Nachtabentheuer.

Hugo an Elise

Ich schicke Ihnen, Liebste! in aller Fruhe einen kleinen, grunen Papagay, der mir diesen Morgen zum Kauf angeboten ward. Es reise ein Mann mit fremden Thieren hier vorbei, sagte mir der kleine, braune Knabe, in gebrochenem Italienisch, welcher den Vogel herauf brachte. Es war ein hubsches Bild, das gewandte, fremd gekleidete Kind mit dem bunten Papagay auf der Hand, beide wechselsweise schwatzend, sich kussend und einander liebkosende Grusse zurufend. Wir wurden bald Handels eins. Ich hatte gezahlt, jener ging, der Vogel sass auf seiner Stange, sah umher, drehte sich hin und wieder und rief mit einemmale hell und deutlich G e o r g . Ist der Zufall nicht artig, dass, aller Wahrscheinlichkeit nach, der Knabe so heisst? dass ihn das verlassene Thier so ruft, und dass ich meiner Freundin so das Echo eines geliebten Namens zu vertrauter Unterhaltung bieten darf?

Hier, Elise, sprechen Sie dem niedlichen Plaudrer immer vor, was er sagen soll, und was Niemand sonst zu wissen braucht. Schwatzt er auch, so v e r r a t h er doch nur halb das Geheimgehaltene. Guten Morgen! Guten Morgen, Liebe!

Antwort

O, weg mit dem Ohngefahr! weg, mit der Fabel vom braunen Knaben! Niemand als Sie kann so zart fuhlen, kein Zufall kann mich so in meinem Innern finden! den Namen lehrte das Thier kein Warter, nicht das Bedurfniss nach Futter. Er nennt ihn so weich, so sehnsuchtsvoll. O, d e n hat ihn die mitempfindende Liebe gelehrt.

Mein bester Hugo, wie ruhrt mich dies Geschenk!

O bitte, verstecken Sie sich doch nicht hinter das schlecht ersonnene Mahrchen, und lassen Sie das vom Himmel gekommene Feenkind weg, das solche Zauberkunste mit dem Entrathseln geheimer Wunsche treibt! Ich kenne wohl einen Zauberer, der t i e f , t i e f in meiner Seele liest, doch, a u ss e r i h m Niemand, der kleine, welsche Elfe weiss nichts von mir.

Hugo durch den ruckkehrenden Boten

Ich versichere Sie, ich sagte Ihnen die Wahrheit. Ich ersinne nichts, um nachher aus meinem Verstand hervorzutreten. Gewiss, es ist, wie ich Ihnen schrieb.

Nehmen Sie es einfach, Liebe! und freuen Sie sich, dass uns jetzt uberall das Angenehme auf halbem Wege entgegenkommt.

In einer Stunde bin ich bei Ihnen, Sie werden nicht langer meine Worte bezweifeln, wenn Sie mir in die Augen sehen, die Sie nie tauschen konnten.

Die Tante an Elise

Ich antworte Dir gleich, liebes Kind! damit Du nicht glaubst, ich wolle Boses mit Bosem vergelten, denn das ist wahr, betrubter bin ich lange nicht gewesen, wie den Tag vor Deiner heimlichen Abreise, und hernach, wie Dein Brief kam. Man sorgt und qualt sich das halbe Leben fur seine Kinder, und Gluck und Frieden schafft kein Mensch. Der arme Curd! Ich dachte es nun gewiss, und sage, was Du willst, es ware am Ende doch wohl geschehen, denn es ist schwer, seinen Bitten zu widerstehen. Ach, ich weiss das ja am Besten! Er kann so niedliche Augen machen, gerade so, als er noch klein war, und mir was abbettelte. Wenn er Dich so ansah, Elischen! Du lacheltest auch, und warst ihm auch gut! der arme Junge! Ich kann nicht ohne Thranen an ihn denken.

Aber das konnten wir am Ende noch verschmerzen, wenn es nur der Muhe werth ware. Nein! Ich kann mir es nicht moglich denken, dass Du den Mann heirathen wirst, um dessentwillen Du Dich mit dem achtungswerthen Prasidenten entzweitest, mit d e m Mann, der nichts als Kummer und Schimpf uber Dich und Deine Familie verhangte, der Dich von Haus und Hof verjagt, und Deinen allerliebsten Georg um die Mutter gebracht hat, und der nachher gar nicht that, als warest Du in der Welt, bis Du Alles, Alles vergisst, und gerade dahin gehst, wo Du gewiss sein konntest, ihn zu treffen.

Siehst Du, ich hatte das nicht thun konnen, um alle Schatze der Erde nicht. Niemals wurde ich's mir vergeben haben, den kalten Menschen sehen zu lassen, wie viel mir an ihm liege! Lieber sterben, als mein Herz so wegwerfen!

Nun, Du warest ja doch beinahe daruber gestorben. Da, freilich, wie es denn so weit kam, da schlug ihn wohl das Gewissen, und er bot Dir seine Hand.

Ich weiss Alles durch Curd, der immer in Deiner Nahe blieb, wie Du so elend warst, und hernach auch noch. Er kennt den Forster aus dem Orte. Bei dem hatte er sich Tag und Nacht einquartirt, ohne dass es ein Mensch wusste. Der redliche Junge! so wie der Dich liebt, Elischen! so liebt Dich doch kein Anderer. Das kannst Du gewiss glauben, und ich will wunschen, dass Du Deine unbesonnene Flucht aus meinem stillen Hause einmal bereuen mogest. Denn sage mal aufrichtig, Kind, was kann Dir nun eigentlich alles das helfen? Es ist schon gar zu viel Wind uber Eure Liebe hingegangen, bei den Mannern hat so etwas immer Folgen. Der Tod der Frau kam auch noch dazwischen. Er hat sie doch wohl lieb gehabt, und sich hernach im Stillen Vorwurfe genug machen mussen! Dir ehrlich gestanden, mir kommt es so vor, als ware sein Antrag nur so ein Angst- und Nothgeschrei gewesen. Er furchtete, es wurde ihm eben so mit Dir gehen, und die Welt noch scheeler dazu sehen, als das Erstemal. An Deiner Stelle hatte ich gar nicht darauf geachtet. Er war dann beruhigt, und uber alle Nackenschlage weg. Du konntest Dich wieder selbst respektiren, und vor den Menschen, da kriegte Alles ein ganz anderes Ansehen. Ich begreife die Leute gar nicht, die Du um Dich hast! ob das keiner einsieht oder Dir nur nicht sagen will? Die Freude und der Jubel uber solche unschickliche Verbindung ist mir ganz unverstandlich. Denke Dir mal selbst die Sache so recht deutlich, wie sie sich wirklich begeben hat, und dann frage Dich, ob es Dich nicht beleidigen wurde, wenn Du es bei Andern so zugehen sahest?

Ich stelle mir manchmal vor, der wurdige, alte Herr und die kluge Stiftsdame konnten gar nicht im Irrthum sein, dazu besitzen sie wohl viel zu viel wahre Delicatesse. Allein der Umstand, Elischen, dass D u so sehr daran hangst, und dass sie wohl sehen, Du w i l l s t Dich sonst nicht auf andere Art vor der Welt wieder herstellen, Dir fehle es ganz an Muth und Entschluss, Deine Parthie zu nehmen, und Deine unbegreifliche Leidenschaft werde Dich noch unzahlig viel unvorsichtige Schritte begehen lassen, das macht es, dass sie denken, lieber e i n Uebel als so viel argerliches Aufsehen. Nun sieh' mal, bist D u es denn nicht, deren Schwache sie nachgeben? Habe ich unrecht, wenn ich jetzt schelte, indess Andere Dich loben? Was dabei zu loben ist, das kann doch wohl kein gescheuter Mensch einsehen!

Nein, mein Kind, darin irrst Du sehr, g u t g e h e i ss e n habe ich fruher auch nicht, was die Welt tadelte, tadeln m u ss t e . Aber, es schien mir barbarisch, eine Gefallene vollends niederzutreten. Und dann kam auch damals die Weisheit hintendrein. Doch jetzt ist es noch Zeit. Wenn Du wolltest ... wahrhaftig, ich schweige ganz von Curd, ich will nicht einmal an ihn denken, ob ich gleich gewiss bin, er ware ganz der Mann darnach, alles Geschehene vergessen zu machen. Doch Gott bewahre mich! Nein, ganz abgesehen davon, um Dich allein, mein Herzchen. Du sonnest Dich jetzt so recht bequem und ruhig in Deinem Gluck, aber, aber! Die Herbstsonne, die l e i h e t uns nur ihre Strahlen, das hat keine Art mehr! Das Gewolk fliegt druber hin, ehe man es denkt, und Sturm und Regen sind da.

Ueberlege dies, liebe Elise! Ich meine es gut. Du kennst m i c h , aber D i c h s e l b s t kennst Du nicht.

Elise an Hugo

Stellen Sie sich vor, die Grafin Ulmenstein liess sich vor einer Stunde bei mir ansagen, eben fahrt sie wieder weg.

Was in dieser Stunde alles hier in dem kleinen Zimmerchen geschwatzt worden ist, das mochte ich nicht behalten konnen, und Ihnen auch nicht wiederholen. Doch der grosse Gegenstand dieses formellen Besuchs war eine Verlobungsanzeige. Curd und Agathe! Ich hatte Muhe, nicht zu lachen.

Lieber Freund, mir ist ein Stein vom Herzen. Nun bin ich ihn und die redliche Mutter los. Die weiss noch nicht ein Wort von der Geschichte. Sie wird Augen machen. Mag sie sehen, was sie mit ihm anfangt.

Ach, er ist ein sogenannter guter Mensch! Man ist gegen diese Sorte in der letzten, uberklugen Zeit oft sehr unbillig gewesen, Sophie ist es noch. Ich streite mit ihr daruber. Sie behauptet, da liege das Gegengewicht alles hohern Strebens. Die plumpe Masse hange sich unversehens an, und ziehe Andere herunter. Ich leugne ihr uberall das Wagerecht ab. Wer halt die Schaale? Man soll nicht so den Richter spielen. Aufgeblasene Leerheit hat freilich etwas Lacherliches. Nun, so lache man! Ich bin eher hierzu, als zum Unwillen gestimmt, und wahrhaftig, wenn mir Curd auch lastig war, Sophie thut ihm doch zu viel.

Aber wie breit und stolz und wichtig unsere Nachbarin hier vorfuhr! Ich musste mir in die Lippen beissen uber diesen Triumphzug.

Der Brautigam hat sich begnugt, mir eine Karte zu schicken. Mein Gott, warum? dass die Menschen aus Verlegenheit so oft unnaturlich werden! Hatte der gute Vetter seine Blodigkeit uberwunden, wir wurden im Augenblick unser Verhaltniss festgestellt, und uns spater unvermeidliche Verdrusslichkeiten erspart haben; denn ich kann einmal das stramme Nichtachten und Fremdthun unter Menschen, die sich besser kennen, nicht leiden. Der Unwille springt mir uber die Lippen und es giebt Auftritte.

Apropos! wissen Sie, dass unser Rathsel hier in Eduards Hause, eine Verwandte vom *** schen Hofe sein soll! Man weiss ganz gewiss, dass sie in Verbindung mit diesem steht. Die Oberhofmeisterin correspondirt mit der Kammerfrau oder Gesellschafterin. So viel hat Walter ausspionirt. Sie ist Aebtissin eines Florentinischen Klosters. Das Geheimniss, das sie umgiebt, soll politische Ursachen haben, so wie ihre Entfernung aus Italien; die Grafin wusste auch davon, und gab zu verstehen, eine aufgeloste Heirath aus Familienrucksichten, Hof-Intriguen, Vergiftung, und Gott weiss, welches romanhafte Quodlibet, habe sie um den Verstand gebracht. Ihrer Aehnlichkeit mit der Furstin von *** schreibt man es zu, dass sie stets verschleiert umhergeht.

Ich mochte sie wohl einmal sehen.

Ich meine, ich habe Ihnen genug zu Dank geschrieben, dass Sie den ganzen Tag in Geschaften mit Gerichtshalter und Amtleuten zubringen wollen, ohne einen Augenblick fur Ihre ungeduldige Freundin abmussigen zu konnen.

Wusste ich es nur uber mich zu gewinnen, ich hatte auch schweigen, und Sie mit Ihren Acten in so trockner Unterhaltung lassen sollen, wie Sie es gestern fur gut fanden, uns solche kosten zu lassen.

Nein, Hugo! einsilbiger habe ich Sie lange nicht gesehen. Ums Himmelswillen, macht diese ungluckliche Rechtspflege alle Manner holzern und eingebildet auf ihre Wichtigkeit? Sie zogen auch die Stirne kraus und sahen auf einen Fleck, rechneten und balancirten das Fur und Wider mit kaltem Ernst, wie gewisse andere Leute, die ich nicht gegen Sie, am wenigsten im Schlimmen erwahnen will. Aber Lieber, sein Sie weniger respectabel und ein Bischen liebenswurdiger.

Antwort

Ich sollte Ihnen danken, Elise! bereuen und Aenderung geloben. Das kann ich Alles nicht. Im Gegentheil muss ich Sie schelten, dass Sie mich k e n n e n und doch so beobachten, als ware an mir etwas anders als unwillkuhrlich.

Haben Sie ja Nachsicht mit mir, und vor allem lassen Sie sich nicht auf vieles Erklaren und Motiviren ein. Sie verderben nur Ihre Zeit; denn wahrhaftig, es wurde mir schwer werden, mich immer selbst zu verstehen.

Machen Sie auch den Geschaften nicht den Krieg. Geschafte sind ein guter Ableiter in den Gewittertagen der Seele. Und in wessen Leben finden sich solche Tage nicht?

Ich denke, der Humor wird bei dem heutigen Gerichtstage nicht erst lange um Stoff betteln mussen. Will's Gott und der witzige Kauz, der Actuarius, so bringe ich Ihnen heute Abend eine freie Stirn, und einen ganzen Sack voll Anekdoten mit.

Die Oberhofmeisterin an Sophie

Wie soll ich Sie nennen? unbesonnen? Das Wort passt niemals auf Sie. Treulos? Ich kenne Sie so lange als wahr und zuverlassig. Bethort also? Bethort auf unbegreifliche Weise.

War es moglich? Bei Ihnen fand sich das Parchen zusammen? Unter Ihrem Schutz glich sich alles so glatt und eben aus, als habe die Thorheit nur die Hand der Weisheit bedurft, um ihr gleich zu werden!

Sophie, dazu haben Sie J a gesagt? So wenig ehrten Sie in der Freundin die todtlich gekrankte Mutter? Haben Sie denn kein menschliches Ahndungsvermogen? fiel es Ihnen nicht auf tausend Meilen ein, wie es mir in der Seele zuwider sein musste, diese verfuhrerische Schlange mit Hugo verheirathet zu sehen. Sie mit dem Namen nennen zu horen, den Emma, die Ungluckliche, Gemarterte, mir und der Welt Entrissene, trug? Haben Sie gar keine Vorstellung von der Eifersucht einer Mutter fur die Rechte der einzigen, angebeteten Tochter? Ist es Ihnen wirklich unmoglich, die bittere Krankung zu bezweifeln, die mir aus dieser unwurdigen Heirath erwachst?

O fragen Sie nicht mit der verwunderten Ruhe, die mich zu Zeiten, Ihnen gegenuber, um alle Fassung bringt, ob ich denn gewollt, dass der Graf nie wieder an eine zweite Ehe denken sollte? Ja, ja, ich habe das gewollt! Ich will es noch! W e m darf e r seine Hand bieten, wenn ihn das sanfte Joch an Emma's Seite druckte? Wem? i c h f r a g e S i e . Und wenn auch das nicht ware, sagen Sie einmal, kann er diese Unruhestifterin, diese Storerin seines Familienfriedens, diese doppelte ! O lassen Sie mich wegwenden von dem Gedanken, dass s i e es ist, die er in sein ehrbares Stammhaus fuhrt, die ihr entweihtes Wappen an den Schild hangen darf, der sich mit dem meinigen verschlang; dass sie da gehen, stehen, sitzen wird, wo Emma sass; dass ihre Stimme frei und keck erschallen wird, wo jene demuthig und leise ihr bescheidenes Wort aussprach, dass sie o mein Gott! da l a c h e n wird, wo mein armes Kind so viel, so heiss weinte!

Gehen Sie, Sophie! Ihre Klugheit ist dem flachen Spiel empfindsamer Modetandelei erlegen. Wahrend Sie sundliche Thranen trocknen helfen, pressen Sie meinen brennenden Augen gerechte und allzu bittre aus.

Ich wusste nicht, sollte ich die Leute Lugen strafen, die mir die Geschichte dieser Komodien-Versohnung erzahlten! Ein falsches Gerucht nannte ich sie, doch glauben, das war mir nicht moglich, g l a u b e n konnte ich sie nicht.

Nun bestatigen Sie es selbst, und verlangen, i c h soll es gut heissen. Verblendete! mit Ihnen ist nicht zu streiten. Aber der Himmel, d a s w e i ss i c h , der Himmel wird Euch die Augen offnen. Das duldet er nicht, wie auch Wahn und Ueberspannung seine Absicht missverstehe. Und sollte, und durfte ich auch nicht ! Nein! verlassen Sie sich darauf, das wird niemals geschehen!

Hugo an Heinrich

Du bist ein guter Mensch, Heinrich! aber Du hast das Ungluck, selten zu wissen, wie Andern zu Muth ist. Das kommt von Deinen abgezogenen Begriffen. Du giebst nicht genug auf das Leben Acht. Mein liebes Kind! das ist ein Proteus, das macht Dir ein X fur ein U vor, ehe Du Dich versiehst.

Ich hatte Dir langst einmal wieder geschrieben, allein ich furchte mich vor Deinen hohen Worten. Du hast so viel mit Idealen, mit Streben u.s.w. zu thun, und das Alles schrumpft, bei ordentlichem Tageslicht besehen, zu solcher Misere zusammen, dass mir's erschrecklich ist, wenn man davon viel Larmens macht.

Soll ich Dich nun auf meine Weise unterhalten, so horst Du nichts Gescheuteres, und glaubst noch dazu, es bestreiten zu mussen. Thue das ja nicht. Es kommt nichts dabei heraus. Es geht doch alles seinen Gang fort. Man vermag zu wenig gegen das Vorurtheil! D e n Feind besiegst Du mit allen Fechterkunsten der Dialektik nicht.

Es ware ein Gegenstand zu scharfsinnigen Entdekkungsreisen, den verborgenen Gangen dieses Kobolds nachzuspuren. Was der fur Sprunge macht, wie der die Dinge in den Kopfen der Menschen unter einander wirft, und wie sie geschickt sind, immer das Dummste und Einfaltigste, was oben auf liegt, zu fassen, davon liesse sich ein drolliges Lustspiel schreiben, presste es nur dem Dichter nicht unter der Arbeit Angstschweiss aus; denn es will Einem an die Haut gegangen sein, um die rasenden Mistificationen solcher Teufeleien zu verstehen.

Die Zeitung von meiner zweiten Heirath hast Du wohl schon, lieber Heinrich! Thue Dir keine Gewalt an, lache dreist, ich lache mit. Lacherlicher hat sich nicht leicht ein Mensch gemacht, als ich. Die z w e i t e H e i r a t h !! Ja, ja! das ist so ein Stuckchen von dem Einfluss des Vorurtheils! Was da gesprochen, gethan, gelitten wird, um die einfachste Sache von der Welt confus zu machen. Ich sage Dir, kein Mensch denkt uber den Augenblick hinaus, wenn ihn der gerade packt. Alle stehen in Gedanken d a r u b e r , aber aber ! Ach! es ist eine erbarmliche Historie, die Weltgeschichte.

Ich bin wie Alle! gefangen, da ich frei sein konnte. Ja, Heinrich! mir ist gerade, als wenn mir ein Ambos an den Fussen hinge! Und dazu klatscht man um mich herum in die Hande vor Entzucken, und lacht und freut sich taub und blind in den Tag hinein.

Ich furchte, das Lachen wird ihnen vergehen, mein steinernes Gesicht muss sie zuletzt doch aus der Fassung bringen.

Du schreiest uber Inconsequenz! Lieber Heinrich, das ist ein Wort, das, wie die meisten, ohne allen Sinn angewendet, oder uberhaupt gar nicht verstanden wird. Gerade, weil das U n w i l l k u h r l i c h e , der w a h r e M e n s c h in uns, sich nur f o l g e r e c h t entwickelt, und keine andere, als falsch ausgelegte Untreuen begehen k a n n , weil er wohl fur Augenblicke etwas mit sich machen l a ss t , doch s e l b s t , das heisst mit Seele und Herz, nur das ihm Eigenthumliche t h u t , deshalb fallt der Schein davon nach aussen u n g l e i c h , und beleidigt das Auge durch schillernde Bewegung.

Siehst Du, das ist es! Meiner Ueberzeugung nach sind es die u n b e s t e c h l i c h s t e n , k l a r s t e n , w a h r h a f t i g s t e n G e m u t h e r , die zumeist der Treulosigkeit beschuldigt werden.

Was hilft so ein conventionelles Machtgebot, wenn sich die ganze menschliche Natur dagegen emport? Glaube mir, die Rohheit im Leben, die ist es, die das Fluchtige, das Behende, das Geistige des Daseins, bei Einigen zerstort, bei Andern in die tiefsten Winkel der Brust zuruckdruckt. So wie Dir nun etwas recht e i g e n , recht h e i l i g ist, so fahren rechts und links ungeschickte Hande in Dich hinein, und reissen Dir das Geheimniss aus Licht. Da stellen, und drehen, und pressen sie's so lange, bis es in die unpassendste Form hineingezwangt ist, und wenn es ihnen entschlupft, oder Du sagst, das ist nicht, was m i r gehort; was Ihr da habt, das ist ein zerrissenes, todtes Stuck meines Herzens, macht damit, was Ihr konnt, aber lasst die wunde Stelle in mir heilen und vernarben, und qualt mich nicht, das Leblose wieder einpassen zu wollen, die Natur l e i d e t es nicht; wenn Du das sagst, dann fangt das Toben und Schelten an. Du bist verfehmt, und kannst sicher sein, mit jedem Bosewicht in eine Klasse geworfen zu werden.

Es ist ein Jammer, wie die Menschen das Vertrauen unter einander schwachen. Wolltest Du es aussprechen, wie Dir zu Muthe ist, das liebste Wesen wurde Dich nicht horen wollen, vielleicht auch nicht horen konnen!

So ziehe ich meinen Strang in der Welt, so lange die Krafte aushalten. Ich ware gerne einmal zu Dir gekommen. Aber es ist besser, ich bleibe hier. Es ist nicht gut, die Flugel viel zu ruhren, wenn man einmal im Kafig sitzt. Die Lust, weiter zu fliegen, konnte zu verzweifelten Versuchen verleiten.

Und dann ! Es ist sonderbar ! Ich kann hier nicht weg. Es ist etwas in diesen Mauern, in dieser Atmosphare, in ! ich weiss nicht, soll ich sagen, in dem unsichtbaren Wehen der Luft? was mich an diese Gegend bannt. Genug, ich mochte nicht einmal anderswo sein, wenn es sich auch fugte.

So etwas Tolles setzt sich der Trage, der Unsichergewordene in den Kopf. Das Geschick h a t uns nicht allein zum Narren, es m a c h t uns auch dazu.

Aber das ist doch wahr, der Ort, an welchem man lange ein innerliches Leben fuhrte, der wandelt sich nach und nach um. Er nimmt die Farbe unserer Welt an, die Gegenstande treten in eine Beziehung zu uns, die sie beseelt. Es ist nicht mehr der w i r k l i c h e W a l d , der w i r k l i c h e S t r o m , in und auf welchem sich Andere bewegen; was uns umgiebt, das gehort zu d e r Heimath, von welcher Niemand ausser dem verborgenen, geheimen Gedankenleben in uns, etwas errathen wird.

Und weiss der Himmel! es trifft wirklich auch immer so viel zu, was den Wahn nahrt. So kam vor einiger Zeit eine Fremde in meiner Nachbarschaft an. Ich erzahle Dir wohl einmal mehr von ihr. Sie ist krank, unglucklich, wahnsinnig, weiss der Himmel, was nicht alles! genug, es ist so etwas Verhulltes, das mich fasst, mich an sie zieht. Du kennst mich ja. Moralische Rathsel finden an mir ihren Mann. Je verschlungener der Knoten ist, desto erpichter bin ich darauf, den Faden nachzuspuren. Das ist meine Aufgabe. Es ist eine unerquickliche Begleitung, nebenher zu laufen. Aber das Keimen und Werden, eine Hulle nach der andern abwerfen, und immer freier und freier hervortreten !

Wie das spannt, Heinrich! Was die Phantasie da arbeitet, wie man vorausschliesst, sich irrt, die Richtung ganz verliert, und dann plotzlich wieder auf der naturlichsten, einfachsten Spur ist! Man wird nicht mude, man weiss nichts von der Zeit. Gottlob! dass einem immer wieder solche Probleme aufstossen. Sie sind der einzige Sporn zum Leben!

Nun, die Kranke ist eine solche Aufgabe. Ich weiss nicht, ist sie jung oder alt? Ihr Gesicht sah Niemand. Daruber giebt es nun Fabeln ohne Ende. Es ist aber kein Grund fur irgend eine vorhanden, darum sind sie alle bodenlos, und das ist es eben, was mich dabei stachelt. Je mehr die Sache ohne allen Zusammenhang, wie ein Dunstbild, in dem weiten Umkreis der Muthmassungen schwebt, desto mehr treibt sie zur Forschung und spannt die Fahigkeiten des Verstehens. Es ist keine Komodie, die sie spielt, wenn sie nur bei Nacht aus ihrem Versteck hervor tritt, und ruhelos die Gegend durchstreift. Sie ist auch keine Mondsuchtige, wie man anfangs sagte, ich bin ihr in der Dunkelheit wie im Sternenlicht begegnet, und, beim Himmel! wenn sie so am See, unter den Weiden, in ihrem Garten sitzt, und in der Hoffnung, dass sie hier Niemand belauscht, laut und herzzerreissend weint, dann spure ich nichts von Bewusstlosigkeit in ihr; diese Thranen presst ein heisses, bitteres Gefuhl aus.

Du wirfst es mir vor, ihr so unbescheiden zu folgen! Ich sage Dir aber, ich s u c h e sie nicht. Wir begegnen einander so, als wenn es sein musste. Das war schon fruher der Fall, auf ihrer Reise in einer furchterlichen, sturmischen Nacht, in einem Augenblick, wo eine heisse, ungeduldige Erwartung mir kaum den Blick fur etwas Fremdes liess. Und doch! und doch! Ich meide sie seitdem. Zuweilen vergesse ich sie, wie mich, bin in meinen eigenen Gedanken, und gerade dann, eben als wenn es sein musste! Gewiss ist es, irgend eine geheime Beziehung treibt mich dann den Strom hinauf nach dem See hin, der sich in diesen ergisst. Und ware es auch nur eine unbewusste, m a g n e t i s c h e Beziehung. Ich sagte das gestern im Scherz zu Elisen. Sie lachte mich aus. Wir stritten daruber. Es kam nicht viel heraus. Sie war zuletzt empfindlich. So sind die Frauen! Durch tausend Umwege beziehen sie die Dinge auf sich, und vollends, wenn sie ein Recht auf uns zu haben meinen. Muss denn Alles rechtskraftig hier auf Erden sein, um Anspruche auf freie Existenz zu gewinnen? Auch die Liebe? Wenn sie doch der nicht das hausliche Matronenkleid uber die glanzenden Flugel ziehen, und sie wieder zur Puppe machen wollten, was sie war, als die Seele heraustrat! Es sind aufs neue Wochen hingegangen. Ich hatte Dir eben nichts zu sagen. Ich war verdriesslicher, als ich es rechtfertigen kann. Der Oheim erinnerte so oft, dass es Zeit werde, an meine Verbindung mit Elisen zu denken. Die Welt, sie selbst erwarte es vielleicht. Ich konnte ihm nicht unrecht geben. Aber, nenne es, wie Du willst, erklare es, wie Du kannst, mich befiel jedesmal ein Grauen, das mich kalt durchrieselte, so oft ich an die entscheidende Minute dachte. Gestern Abend endlich versprach ich, mich in den nachsten Tagen ganz in der Stille trauen zu lassen. Ich schreibe hinuber nach dem Kloster. Ein Geistlicher von dort soll die Handlung verrichten, und zuvorderst das Aufgebot von der Kanzel lesen. Der Brief geht fort.

Unwohl, frierend, mit heissem Kopf und klopfender Brust rette ich mich, vor unnutzen Nachgedanken ins Bett, unter verhullende Decken. Nicht von einem Traume, nicht durch ein Gerausch, ich besinne mich keines Tones, keiner deutlichen Empfindung, genug aber, ich erwachte. Es lag mir wie ein Band um die Brust. Kaum kannte ich fruher eine ahnliche Angst.

Lange in solchem Zustande auszuhalten, ist nicht meine Sache. Ich warf mich hin und her. Endlich sprang ich aus dem Bette, nahm meinen Mantel um, und trat ans Fenster. Es war eine schone Nacht, heller Mondschein! Ein Gang durch den Garten, sagte ich mir, wird die Nebel verjagen. In wenigen Augenblikken war ich an der Thur. Sie war verschlossen. Wieder umkehren, Jemand wecken, aufschliessen lassen, war mir zu umstandlich. Am andern Ende des Coridors fuhrt ein Fenster nach dem Wildzwinger! von da kommt man durch eine Allee in den Park. Der kurzeste Weg der beste! dachte ich, und bin im Begriff, jenes Fenster zu offnen da sitzt Herr des Himmels! ich denke in die Erde zu sinken da sitzt eine verschleierte Frau auf Emma's Sitz in der Allee, Hirsche und Rehe stehen um sie, eine schneeweisse Hand reicht ihnen ihr Futter, die Thiere scheinen sie zu kennen, sie drucken sich dicht an sie. Ich stehe wie eingewurzelt, dann schlage ich das Fenster zu, und sturze zuruck in mein Zimmer.

Es wahrte lange, ehe ich mich fassen konnte. Nachher besann ich mich wohl. Es war die Nachtwandlerin, die ich gesehen hatte. Ich erinnerte mich ihrer genau. Aber was war damit gewonnen? Ist so etwas Zufall? Traf Alles nur von ungefahr zusammen? Nein, Heinrich! ich sage Dir, das war kein Ungefahr! Eine Warnung war es, dafur habe ich es auch genommen, und in aller Fruhe einen Widerruf meines gestrigen Schreibens nach dem Kloster geschickt.

Was ich dem Comthur, was ich Elisen sagen soll? Ich weiss es nicht. Aber es wird mir schon beifallen, wenn ich nur erst wieder zu mir selbst komme. Ein Ritt im Freien mag das bewirken. Ich will doch sehen, ob nichts von der Kranken zu entdecken ist. Sie ist fort! Abgereist! Diesen Morgen. Das Haus ist leer, keine lebende Seele darin. Warum das? Wie so plotzlich! Wenn es doch ein Spuk ware! wenn sie es gar nicht war! Ich glaube, sie hat mich angesteckt, und ich verliere auch den Verstand.

Unbegreiflich! unbegreiflich! Die Gegend ist mir wie ausgestorben. Wohin sie nur gegangen sein mag?

Curd an seine Mutter

Nicht wahr, das blieb das Klugste, was ich thun konnte. Was hilft das unnutze Bestehen auf einer Sache, die doch nun vorbei sein musste. Es ist mir nahe gegangen, das leugne ich nicht, aber einmal mit mir fertig, kostet es mich nun auch keine unruhige Minute mehr.

Geben Sie sich nun immer auch darein, gute Mutter! Was geschehen ist, das ist geschehen. Verheirathet bin ich einmal. Agathe ist Ihre Schwiegertochter, und kann sie uns freilich Elise nicht vergessen machen, so ist sie doch eine hubsche, elegante Person, zieht sich allerliebst an, tanzt, wie eine Puppe, und ist so wohlerzogen, dass sie es gewiss niemals an Aufmerksamkeit gegen Sie wird fehlen lassen. Bis jetzt kann ich nur meinen Entschluss loben. Wir werden uberall mit der ausgezeichnetesten Zuvorkommenheit empfangen, der Platz, den die Grafin in der Gesellschaft einnimmt, giebt ihrer Tochter, wie mir, die angenehmste Stellung. Von der Seite muss ich gestehen, habe ich Vortheil von dem Tausch bei meiner Wahl gehabt, denn, wie man sich auch bemuht, aus Achtung fur den Comthur, das Urtheil uber unsere Verwandtin zu mildern, so wird sie doch nie wieder eine Rolle in den ersten Zirkeln spielen. Es ist zum Erstaunen, wie man gegen sie eingenommen ist. Jetzt, da man mich weniger empfindlich dagegen glaubt, aussert man seinen Tadel unverholen, und ich habe Gelegenheit, zu bemerken, dass es einem Mann von feinem Takt ausserst verletzend gewesen sein musste, sie so vernachlassigt und isolirt unter Leuten von Ton zu sehen. Sie werden finden, dass ich meine Hochzeit sehr beschleunigt habe. Ja, liebe Mutter! die reine Wahrheit zu sagen, so lag mir daran, eher verheirathet zu sein, als Elise. Es ging damals das Gerucht, man eile sich auf der Burg mit den Anstalten zum Empfange der neuen Grafin. Mir stieg das Blut bei der Nachricht ins Gesicht. Ich mochte nicht aufsehen, und als Agathe mich auslachte, mich mit meiner Cousine neckte, wusste ich auf meine Ehre nicht ein Wort hervorzubringen. Halt! dachte ich, nun ist es Zeit! Ich muss mich vor ahnlichen Ueberraschungen sicher stellen. Acht Tage darauf stand ich mit meiner Braut vor dem Altar. Ein Mensch von Willenskraft nimmt bei jeder Gelegenheit seine Parthie. Elise soll doch frappirt gewesen sein, als sie es horte. Um so mehr, da man vom Aufschube ihrer Verheirathung wieder allerlei murmelt, und Hugo's Laune unertraglich sein soll.

Nun, wenn er jetzt wieder Ausfluchte suchte, wenn er zum zweitenmale die Ruhe der unglucklichen Elise aufs Spiel setzte, so wahr ich lebe! alles Andere bei Seite gesetzt, ich zoge ihn zur Rechenschaft, und ware er am Ende der Welt. Noch will ich glauben, es haben sich wirklich Hindernisse zwischen seine Plane geschoben. Es kann sein, es muss sein, ich darf und will es nicht anders annehmen, doch erfahre ich das Mindeste, was einer Treulosigkeit entfernt ahnlich sieht er soll mir's sagen, er soll mir's dann selbst sagen, weshalb er die Ungluckliche tauschte, warum er mir mein Gluck zertrummerte, das Herz zerbrach und doch ich will schweigen! Ich w e r d e schweigen bis an mein Ende. Es ist nun auch vorbei, ich weiss das recht gut, daran braucht mich Niemand zu erinnern. Ich meine nur soviel, dass ich nicht umsonst und um nichts ein Opfer gebracht haben will, dass ich mich nicht anfuhren lasse, und Elise doch meine Cousine bleibt. Wenn Alle sie verlassen, so gehort ihr immer noch mein Arm und mein Leben!

Verzeihen Sie, gute Mutter! ich wollte Ihnen von meiner neuen Wohnung, meiner Einrichtung, unserm taglichen Leben, von der Aussicht erzahlen, die mir eroffnet ist, ins Jagddepartement mit Vortheil versetzt zu werden, allein wenn ich einmal im Schreiben oder Sprechen auf dies Kapitel komme, dann gehen mir alle andere Gedanken aus. Gott im Himmel weiss auch, wie es zugeht, dass ich immer heftiger und zorniger bei der Erinnerung an Elisens verfehltes Leben werde, und meine Seele ordentlich darnach durstet, mit dem Grafen anzubinden!

Furchten Sie indess keine Unbesonnenheit, gute Mutter! Ich vermeide es, selbst nur nach der Gegend hinauszureiten, wo Wehrheim und die Burg liegen. Ich meide die Einsamkeit, ich meide m i c h , meine eigenen Gedanken. Konnte nur die Grafin schweigen, und wollte Agathe mich nicht durch hassliche Gesichter demuthigen. Es gelingt mir mit vieler Muhe, kaum an mich zu halten.

Nun lassen wir's, wie es ist! Der Himmel verhute Ungluck!

Antwort

Lieber Sohn! Du erschreckst mich. Du weisst gar nicht, wie sonderbar Dein Brief lautet.

Mein Gott! was ereiferst Du Dich denn uber fremde Angelegenheiten! Lass doch den Grafen thun, was er will. Bist Du denn dazu gesetzt, ihn zur Rechenschaft zu ziehen? Was das fur Begriffe sind, die Du Dir von Dir selbst und von Deinen Pflichten machst!

Eben erst verheirathet, und fur eine Andere den Ritter spielen zu wollen! Du darfst gar nicht mehr an Elise denken. Stelle Dir einmal vor, was Deine Frau sagen wurde, wenn ihr solch' Gerucht zu Ohren kame!

Nein, lieber Sohn! jedes Wort, was Du mir sagst, ist mir durch Mark und Bein gegangen. Ei mein Gott! das fehlte noch. Und alles das um das Ungluckskind, die Elise!

Die arme Seele! Ja, darin hast Du recht, wenn er sie jetzt tauscht, wenn er sie noch einmal ins Verderben brachte ! Der Himmel musste ihn strafen. Ich habe es immer gesagt, die erstaunlich klugen Leute, die machen ihre Nebenmenschen nur unglucklich. Hat der Graf nun wohl ein Herz, und kann es mit ansehen, dass die Person, die ihm ihr ganzes zeitliches, und wer weiss, auch ihr ewiges Gluck, aufgeopfert hat, sich abharmt, und vor der Welt die Heitere nur darum spielt, damit man ihn nicht tadeln soll? Sie hat mir vor ein Paar Tagen einen solchen sorglosen, gleichgultigen, kleinen Zettel geschrieben, lieber Sohn! wie Du wohl von sonst her noch von ihr kennst. Ich lege ihn Dir hier bei, Du wirst wohl gleich fuhlen, was es damit ist. Mir ward recht beklommen seitdem. Ich glaube aber, es kommt doch hauptsachlich von Deinem Brief, Curd. Gieb ja auf Dich Acht. Ich weiss nicht, Du kommst mir darin ganz anders vor. Ich finde, Du kriegst jetzt etwas von Deinem seligen Vater. Du hast ihn nicht gekannt, und was man so von ihm erzahlt, darnach kommt er Dir vielleicht ein Bischen laut und wild, gar nicht so vornehm wie die heutige Jugend, vor. Nun, das ist wahr, mehr Erziehung hast Du, und von dem modischen Wesen, wie jetzt in der Stadt und auf dem Lande getrieben wird, davon hatte seine Seele keine Ahndung. Er war immer draussen auf dem Felde und auf der Jagd, und wenn ich es so deutsch ausdrucken soll, zuweilen war er wohl r o h zu nennen. Feinere Manieren hast Du, das ist keine Frage. Aber eine feinere Seele, solch' zartlich Gemuth, und so gar nicht vergessen konnen, was er liebte, das hattest Du bis jetzt noch nicht gezeigt. Ich werde ewig daran denken, wie mein seliges Lottchen starb! hat der Mann das wohl je verschmerzen konnen? Das kleine Bettchen musste immer bei ihm in der Kammer stehen, und wenn er manchmal noch so larmend von einer missgluckten Jagd nach Hause kam, und er hing in der Kammer seine Flinte und Jagdtasche an die Wand, dann blieb er wohl bei der leeren Bettstelle stehen, setzte beide Arme in die Seiten, buckte den Kopf, und starrte hinein, als wollte er das Kind mit Gewalt wieder darin sehen. "Hm!" sagte er dann vor sich in Gedanken, halb stohnend, halb ungeduldig, schnippte mit den Fingern, (was er immer sehr laut und schallend zu thun pflegte) und kam ganz still und in sich gekehrt wieder heraus. Es wahrte eine Weile, ehe er dann zu irgend einem Menschen sprach. Ja, er hatte ein weiches Herz und ein treues, bis in den Tod. Aber das ist wahr, dem Doktor wurde er nicht wieder gut, seit er ihm das Kind hatte sterben lassen. Er sah ihn nachdem niemals in seinem Hause, und wo er wusste und konnte, ging er ihm aus dem Wege. Einmal trafen sie gerade bei einer Kindtaufe zusammen. Ich mag nicht daran denken, es war ein schlimmer Tag. Daher weiss ich, dass er unversohnlich und nachtragend war, wie Du es jetzt auch zu sein scheinst. Das ist aber nicht das beste Erbstuck von Deinem Vater. Sei ja auf Deiner Huth. Man kann sich da etwas auf das Gewissen laden, und kriegt es dann nachher nicht wieder herunter. Nicht lange nach dem Kindtaufsschmausse starb der Doktor. Es glaubten Viele, und ich auch, er sei vor Aerger gestorben. Dein Vater that nicht, als denke er weiter daran; aber er ist ihm bald gefolgt. So zieht Eins das Andere nach sich.

Lebe recht wohl, mein lieber Sohn! Bedenke Alles, was ich Dir gesagt habe, und grusse Deine Frau, die ich sehr begierig bin, kennen zu lernen.

Elise an die Tante

Sie sind wieder gut und freundlich! Ich wusste es wohl. Lange konnten Sie auf Ihr Pflegkind nicht bose sein. Nun, und der Curd, Tantchen! der hat eine ganz andere Frau bekommen, als Ihre blasse, hagere, krankelnde Elise. Ich versichere Sie, so ein zierliches, frisches Personchen, so grelle Augen, und einen Anzug, wie ihn die Prinzessinnen nicht allerliebster haben konnen. Wenn Beide in Curds niedlicher Equipage durch die Strassen fahren, die braune Muschel, das rothe Gestell, die schonen englischen Pferde, und der Piqueur, der so gewandt voraus reitet, Ihr Mutterherz wurde doch vergnugt schlagen, nicht wahr?

Sie sind so sorglich in der Nachsendung meiner Sachen, beste Tante! Es ist Alles aufs Beste eingepackt, hier angekommen. Da steht es nun um mich her. Auch die Kisten und Koffer aus meiner ehemaligen Wohnung in der Stadt. So eine ganze Vergangenheit! Neulich wollte ich mich einmal putzen. Ich liess ein Paar Paquete offnen. Ich musste lachen uber den zerknitterten Staat von ehemals! Und wie mir die Kleider sitzen! Nein, Ehre hatten Sie mit mir nicht vor der Welt eingelegt! Da ist Agathe ein anderer Schmuck Ihrer Familie. Ich soll recht glanzend an meinem Hochzeitstage erscheinen. Der Oheim will das. Er ist feierlich in Allem, und halt viel darauf. Nun sehen Sie, ich bin eine gute Wirthin, ich meinte, unter meinen ehemaligen Hoftoiletten, da wurde sich wohl genug finden, um auf der Burg die nothige Figur zu machen. Ich bin aber sehr unglucklich im Suchen, und dann wie Alle, wenn sie nur etwas haben wollen, so treffen sie immer das Unrechte, mir ging es eben so. Ich fand in einer der Kisten Georgs abgelegte Kleidchen, sein Taufzeug und meinen Brautkranz Ich habe seitdem nicht weiter gesucht! Ich denke, kommt Zeit, kommt Rath. Wir haben auch Zeit, Tantchen! Die Erwartung mag leicht das Beste vom Leben sein. Wir nehmen es so. Ueberdem wissen Sie ja, ich lasse gern Andere fur mich sorgen! Ruhe und Bequemlichkeit gehen mir uber Alles.

Ich wurde hier unterbrochen. Ich weiss wahrhaftig nicht mehr, was ich noch sagen wollte. Nehmen Sie es fur gesagt, beste Tante! und denken Sie, es konne nichts anders gewesen sein, als die erneuerte Versicherung meiner dankbaren Liebe.

Hugo an Heinrich

Was das noch werden soll! Wie das enden wird! Ich nehme mich zusammen, ich denke nur, was ich denken will, ich arbeite angestrengt. Eine Menge arithmetischer Aufgaben liegen um mich her. Ich biete Scharfsinn und Combinationsvermogen auf, mich von jedem fremden Gegenstande abzuziehen. Aber wenn mir endlich Nachts die Augen uber der Arbeit zufallen, wenn ich traume Heinrich, ein Traum kann unser Herr werden schamst Du Dich nicht, von der Kraft des Menschen zu sprechen? Immer sitzt sie da, d a auf d e m s e l b e n Fleck unter ihren Thieren. Sie giebt ihnen das Futter mit der kleinen, weissen Hand, die gelbe Hirschkuh legt das Kopfchen an ihre Kniee. Die Fremde meine ich. O, denke nicht, ich fasele von dummem Spuk, das abgedroschene Geschwatz aller modernen Tages- und Monatsblatter. Nein, von i h r , von der F r e m d e n rede ich. Was ubt dies Wesen fur eine unbegreifliche Gewalt uber mich aus! Siehst Du, dies ist viel tiefsinniger, viel grauenhafter, viel verzweigter in der geheimnissvollen Verwandtschaft der Seelen, als solch phantasmagorisches Gespenst; u n b e w u ss t verwandt mit dem melancholisch wimmernden, ruhelos umherstreifenden Weibe! Denke es Dir, Heinrich! was zieht sie mir nach? was brachte sie auf d i e Stelle? was wollte sie da unter den Thieren? Ist der Zug dahin Instinkt? und konnen so willenlos zwei Menschen zu einander gezogen werden?

Gab es je ein Rathsel, meiner Entzifferung werth, so ist es dies! Aber ich gestehe Dir auch, vor dem ich schuchtern zurucktrete.

Und doch lasst es mich nicht!

Wirst Du es glauben, dass ich mich nur mit Muhe zuruckhalte, ihr nicht zu folgen? F o l g e n , dazu gehort, dass ich wusste, wo sie geblieben ist. Ja, wer das wusste! Verschwunden, sage ich Dir. Spurlos! und gerade an dem Morgen! Gieb mir zu, es konnte einem Ruhigern etwas in den Kopf setzen.

Ich bin ein Paar Tage recht krank gewesen. Seitdem ist, wie durch ein stillschweigendes Uebereinkommen, noch nicht wieder die Rede von der Anberaumung meines Hochzeitstages gewesen. Elise sage mir, Heinrich, hat sie aufgehort, mich zu verstehen? oder w i l l sie es nicht? Leicht, heiter, unbesonnen wie ehemals, schweift sie durch alle Regionen der guten Laune umher, neckt, reizt mich, bis ein Wort, eines von den unwillkuhrlichen, die zuweilen aus uns herausschreien, plotzlich an die bunten Flugel ihres Leichtsinns streichen, und diese, wie verbrannt, sinken. Sie wird dann stumm, wir sitzen angstlich bei einander, bis ich gehe. Komme ich andern Tags wieder, so scheint das nicht gewesen. Es fangt wie gestern an, und endet so.

Freiheit Freiheit! Ich muss es bewundern, wie dem Menschen der Begriff kam, da er zum Sclaven einmal bestimmt ist. Sieh' Dir doch nur seinen innern und aussern Zustand an, und dann prahle mit hohen Vorrechten, die nicht Leben, nicht Bestimmung bestatigen. Es ist wenig damit gethan, dass man sagt, man lasse jedem seine Weise. Was kommt dabei heraus? einmal, und gerade, wenn Dir am meisten daran liegt, unberuhrt zu bleiben, reiben sich die Freiheitsanspruche gewaltig an einander. Richtungen stossen gegen Richtungen, der Krieg ist da, und conventionelle Ausspruche machen den Frieden. Du knirscht mit den Zahnen, und bist nichts als Dein eigner Narr.

Wieder auf arithmetische Aufgaben zu kommen; meinst Du, es sei der Muhe werth, den Verstand daran zu scharfen? wirst Du jemals den Menschen in Dir berechnen lernen? Und kannst Du das nicht, was willst Du mit dem Plunder von Wissenschaft?

In diesem Augenblick berechne ich, wann Walter wiederkommen wird. Ich habe ihn ausgeschickt, der Kerl ist pfiffig, er wird es ermitteln, wo sie hinging!

S i e ! sie! Lache nicht, Heinrich! Ich kann keine Ruhe finden, so lange ich nicht weiss, was dieses Wesen an mir hat.

Warum ich nicht selbst? Ihr nach? Fragst Du! Ja, wenn es erst dahin mit mir ist dann!

Sonderbar! Der Oheim lasst sich auf seine feierliche Manier in diesem Augenblick bei mir ansagen. Er muss etwas wollen, und seinen Sinn gerade auf diese Stunde gestellt haben. Ich bin doch neugierig!

Heinrich, der Onkel hat sich verrechnet. Von d e r Seite fasst er mich nicht. Ich habe hier keine Zugange.

Das Opfer eines Lebens um einer Chimare willen! Mich lasst das kalt, weil ich den ganzen Gedanken nicht begreife.

Uebrigens sagt er mir nichts Neues. Ich bin nur neugierig, w e s h a l b er mir es sagt. Unnutze Muhe! Ich werde ja fruhe genug thun, was sie wollen.

Nun, er trat ein. Man sah ihm gleich an, dass er nicht ohne Absicht da war. Er fragte nach meinem Befinden. Ich musste innerlich lachen. Meine Antwort beruhigte ihn vollkommen. Er stand und blatterte in einem Heft Kupferstiche. Ich ging auf und nieder. Leicht mochte ich's ihm nicht machen, darum schwieg ich. Endlich setzte er sich. Ich auch. Es begegnet uns oft, so eine Weile stumm neben einander zu sein, ohne dass uns dabei etwas auffallt. Heute schien es ihm peinlich. Er war in seiner hohen und trockenen Stimmung. "Lieber Hugo!" brach er jetzt das Schweigen, "Du zwingst mich, etwas zu thun, was ich sonst nicht leicht thue, von mir selbst zu sprechen."

Der Eingang schnitt plotzlich ein. Ich stutzte, und sah verwundert zu ihm hin.

"Schon lange," fuhr er fort, "gehen wir an einander hin, ohne dasjenige beruhren zu wollen, was zwischen uns liegt."

So weit, dachte ich, holt er aus! Ich seufzte. Er mochte das anders deuten. "Du hast recht," versicherte er. "Es ist allein meine Schuld. Schiebe das aber auf eine unuberwindliche Blodigkeit, die in meinem Charakter liegt, und die mir es auch jetzt schwer macht, mit Dir uber diesen Gegenstand zu sprechen."

Jetzt hatte er mich ganz. Er ruhrte mich. Niemals widerstehe ich dem verschamten Bekenntnisse eigener Schwache! Und hier! das Alter der Jugend gegenuber! Wie gesagt, ich war sein. Er hatte viel mit mir machen konnen. Aber meine sichtliche Bewegung tauschte ihn uber sein Uebergewicht. Er handelte jetzt mit mehr Selbstbewusstsein als Klugheit die alte Geschichte mit meinem Vater ab, er entwickelte Grundsatze, die nicht die meinigen sind, und that sich etwas darauf zu gut, dass er nicht geheirathet hatte. "Wirst Du es mich bereuen lassen," setzte er dann als Moral von der Fabel hinzu, "dass ich auf ein Gluck verzichtete, von dem Du doch auch einmal eine lebhafte Vorstellung zu haben scheinst, das Gluck erfullter Liebe?" Ich lachelte. "Willst Du mich errothen lassen?" sagte er lebhafter, "eine theure Gefahrtin von mir gewiesen, ihr grosses Herz zu stetem Entsagen verdammt zu haben, aus Rucksichten, die Niemand anerkannt, aus Vorsorge, die Eigensinn und Wankelmuth zu Schanden machen? Soll die edle Sophie taglich Zeuge von der Nutzlosigkeit einer Entsagung bleiben, die nur zerrissene Verhaltnisse zur Folge hatte?"

Ich wollte etwas erwiedern. "Lass mich ausreden," bat er, im Eifer ergluhend, "lass mich ausreden. Als wir beide das Ordenskreuz auf die Brust hefteten, verdammten wir diese zu immerwahrendem Verstummen. Wir haben Jahre hindurch geschwiegen, uns gemieden, und nur dem Alter ein Paar Sonnenblicke vor dem Abscheiden gegonnt. Ist es recht, dass Du auf diese kurzen Stunden noch einen Schatten wirfst? Ich habe geduldig gelitten, als auch Du littest. Es war ein schmerzliches, doch vielleicht auch unvermeidliches Geschick. Ich trug es so, und liess Dich's nicht empfinden. Jetzt aber, ein zweitesmal, jetzt, wo mehr als Gluck, mehr als Ehre und gerettetes Bewusstsein auf dem Spiele steht, wo die rechtliche Handlung versohnen, ihre Unterlassung d e n Namen beflecken muss, den ich der Nachwelt erhalten, ihn ihr rein uberliefern wollte, jetzt, wo es unwiderruflich nothwendig wird, vor den Menschen zu bestehen, oder mit ihnen, mit sich, mit dem Himmel zu zerfallen; jetzt frage ich Dich, zu was bestimmst Du Dich? Es konnte sein," fuhr er mit erhohter Stimme, meiner Antwort begegnend, fort, "Du wahltest in Deinem finstern Unmuthe "Daruber ist sie mit sich einig?" erwiederte ich fra"Fest!" entgegnete der Comthur. Der letzte Hebel warf das ganze Gebaude uber den "Ich konnte eher fragen," fiel er, sich aus seiner lielasst? Worauf wartest Du denn noch? Was soll geschehen, um Deine Verpflichtung unerlasslicher, die Lage der gekrankten Frau noch demuthigender, Dich selbst endlich entschlossener zu machen?"

"Von allen diesen Fragen," entgegnete ich leise, mit halbem Lacheln, "kann nur die letzte an mich gerichtet sein, und darauf, lieber Onkel! giebt es wohl in mir eine Antwort, doch halte ich sie fur Andere nicht verstandlich, darum vermag ich sie nicht laut werden zu lassen."

"Du vermagst oder Du willst vielmehr nicht," sagte er empfindlich.

"Was hilft das Eine o h n e das Andere?" warf ich ihm entgegen.

Er stand auf. "Wir sind uns nur selten," hob er, gedankenvoll vor sich hinsehend, an, "in unsern Meinungen und Urtheilen begegnet, wir scheinen auch jetzt sehr verschiedener Ansicht zu sein. V e r s c h i e d e n e r A n s i c h t !" wiederholte er, um nicht zu sagen G e f u h l . "Denn ich denke nicht, dass Dir das zartere Empfinden der Ehe, in welchem wir nothwendig zusammentreffen m u ss t e n , fremd sein konnte, wenn nicht eine andere Art, diese zu betrachten, sich zwischen unsern Gesichtspunkt schobe."

"M e i n e Art," versicherte ich gelassen, "ist ganz einfach die, mit moglichster Freiheit das zu thun, was geschehen muss. Man ist aber nicht jeden Augenblick frei in sich. Bis der rechte kommt, bitte ich Sie, mich nicht zu verkennen und sich nicht beunruhigen zu wollen."

"Und Elise?" fragte der Comthur.

"Da wir noch lange einen Weg zu gehen haben," erwiederte ich bestimmt, "so wird sie wohl nicht verschmahen, ihren Schritt nach dem meinen zu richten, und sich nicht treiben l a s s e n , wenn ich sie bitte, langer, als es die Welt gut heisst, mit mir still zu stehen."

Der stolze Mann mass mich mit funkelndem Blick. Doch hielt er an sich. Er ging einigemal an mir voruber, im Zimmer auf und ab, ohne, wie es schien, sogleich ein passendes Wort finden zu konnen.

"Hugo!" sagte er darauf, sanft die Hand auf meinen Arm legend, "Du bist sonst weder hart noch herrisch, was ist es, dass Dich jetzt dazu macht? Ich uberlasse Dir, den Grund davon zu finden. Ich glaube aber, wer im Rechten ist, der braucht sich eben nicht gegen weichere Gefuhle zu steifen, noch kalt zu thun, damit man nur nicht an den Sommer denke, und frage, wo denn plotzlich das fruhere Leben hingekommen sei? Geh nur! geh!" setzte er hinzu, "Du bist in der Liebe ein Egoist! und das kann sie am wenigsten vertragen."

Er verliess das Zimmer. Ich blieb in Gedanken zuruck. Ich schrieb darauf Alles das nieder. Er hat unrecht, ich versichere Dich. Es klingt wohl, als ware es was, aber die Menschen verderben es immer, dass sie den Menschen in Worte ubersetzen wollen. Es fasst sich das gemischte Leben niemals im Einzelnen heraus; und was die ganze Seele fullt, davon behalt der Andere nur ein Stuck in der Hand.

Ich kann es einmal nicht ertragen, dass man der Meinung wegen, auch das in Fesseln schlagt, woruber man viel meinen, doch schwerlich mehr wissen kann, als sich jedem Einzelnen auf seine Weise offenbart.

Fragt man, wie Du es immer horen wirst, was denn aus der Welt werden soll, wenn man dieser geheimen Offenbarung vertrauen und fremder Bestimmung kein Recht daruber gonnen wolle? Dann bitte ich, mir zu sagen, ob man wisse, was denn jetzt daraus wird?

Nein, der Onkel hat nicht Recht. Ein Egoist! ein Egoist! Weil ich nicht wie ein Handschuh auf jede Hand passe!

Und was ist e r denn? Woran lag ihm zumeist, als er jenes viel beruhmte Doppelopfer brachte und bringen liess. Rettete er nicht auf Unkosten des Madchens, dem er sich verlobte, was ihm mehr als das Madchen galt? Neben des Gesetzes Vollziehung den Ruf, fur den er ja heute noch allein lebt. Ein Egoist! was das gleich Worte sind! Der Zehnte weiss nicht, was er dabei denkt! Walter kommt nicht! Konnte ich nur die fatale Unruhe los werden! Glaubst Du nicht auch, dass der Mensch sehr vom Blute abhangt? Ich spure eine Beklemmung, ein Pochen in den Pulsen! alle Gegenstande, die ich denke, stehen wie hinter einem dichten Flor. Je scharfer ich den Willen darauf richte, je deutlicher ich sehen mochte, desto dunkler ballen sich Schatten auf Schatten, zuletzt ist es vollig Nacht in mir. Auch s i e ! Ihr Bild geht in dem dunkeln Gewoge unter. Heute wollte ich mir's zuruckrufen, ich hatte eine ordentliche Unruhe darnach. Es plagte mich, dass die Erinnerung nicht weichen, und ich doch die Anschauung nicht festhalten konnte. Ich strebte, mir das Mondlicht, den Glanz, den es verbreitet, die Baume, die bekannte Stelle, das sonderbare, kranke Wesen, jedes einzeln recht vorzustellen. Umsonst! Immer das Hin- und Herbewegen voruberfliegender Dunstberge. Es ist das Blut! weiter nichts!

Ich sei aberglaubisch, beschuldigtest Du mich einmal. Denkst Du, ich furchte, die Erscheinung neulich Nachts bedeute mir etwas? Ich sage Dir ja, ich erkannte die Fremde wieder. Was liegt da weiter fur eine Bedeutung verborgen. Es ist mir bloss darum, zu wissen, wer sie ist?

Es wird wohl das Gescheuteste sein, dass ich Walter aufsuche. So hetzt Einer den Andern. Alle s u c h e n ! Was werden wir finden?

Der Comthur an Sophie

Ich war bei Ihnen, Liebe! Sie sind in der Messe, sagte man mir. Ich wollte Ihnen sagen, was ich mich nun genothigt sehe, Ihnen zu schreiben. Es ist mir leid. Sie hatten mich wohl beruhigt, und waren sich selbst dadurch klarer geworden, statt dass ich Ihnen nun alles Unangenehme so uber den Hals schicken und es dem Himmel uberlassen muss, wie Sie damit fertig werden.

Sie brauchen in Ihren Muthmassungen nicht weit zu gehen, um sogleich auf Hugo zu stossen. Ich weiss wohl, dass Sie langst seinetwegen Besorgnisse hegten, ohne diese eingestehen zu wollen. Es konnte Ihnen, so wenig wie Elisen, die Spannung seines verstorten, unstaten Wesens entgehen. Er selbst glaubt sich krank. Der Arzt fand sein Blut aufgeregt, doch sonst keine Spur gestorter Gesundheit. Sein Kammerdiener Birkner sagte uns darauf, sein Herr bringe alle Nachte ausser dem Bette, beim Schreibtisch, zu; soviel er bemerkt, bleibe er indess mussig vor demselben sitzen, halte die Feder in der Hand, sehe angestrengt bald auf dieses, bald auf jenes beschriebene Blatt, scheine aber nichts zu lesen. Wenn ihm endlich die Augen zufielen, dann fahre er in die Hohe, sturze aus Fenster, oder laufe auch hinunter in den Garten, von wo er haufig erst beim Anbruch des Tages mit allen Zeichen innerer Erschutterung zuruckkomme.

Dies nun, und Mehreres, was ich sonst noch im Hause erfuhr, bewies mir, dass etwas Fremdes, nicht in sein fruheres Geschick Verflochtenes, ihn in unnaturliche Kampfe verstrickt halte. Ich wollte dem auf die Spur kommen, deshalb ging ich zu ihm auf's Zimmer. Er mochte eine Ahndung meiner Absicht haben. Verschlossen, und mit einer Eisrinde uberzogen, trat er mir entgegen. Wir hatten eine seltsame Unterredung, wahrend welcher er in dem Masse zuruckgezogener ward, als ich mich in meinem Eifer fortgerissen fuhlte. So sagte ich zu viel und er zu wenig, was mich verdross, weil ich ihn eigentlich stacheln und zu Eroffnungen zwingen wollte. Ich ware zu weit gegangen, hatte ich mich nicht gefasst, hatte ich nicht dem Verlaufe nachgedacht. Da konnte es denn nicht fehlen, dass mir Eins und das Andere in Hugo's Worten besonders auffiel, und ich eine fremde Harte, eine Sprodigkeit darin wahrnahm, die mich auf ganzliches Verlieren an einen neuen, ihn durchaus beherrschenden Gegenstand seines Herzens, oder seiner Phantasie schliessen liess.

Ich erschrack, und warf ihm noch eine ernste Warnung ins Gewissen, ehe ich ging. Er that nichts, mich eines Bessern zu uberzeugen. So stolz stand er mir niemals gegenuber. Ich war sehr geneigt, dies hochfahrende Benehmen auf Rechnung eines beunruhigten Gewissens zu schieben, und ward hierin bestarkt, als ich erfuhr, Hugo habe den schlauen Walter in geheimen Auftragen versandt. Nehmen Sie hierzu, das Umherschweifen bei Nacht, rechnen Sie den p l o t z l i c h e n Aufschub seiner Heirath, mit vielen andern Nebenumstanden zusammen, und sagen Sie selbst, ob der Verdacht, dass eine neue Liebe, eine heimliche Verbindung ihn von Elisen abziehe, wie diese ihn fruher von Emma abzog, etwas Undenkbares sei?

Aber w o den Gegenstand dieser finstern, unseligen Leidenschaft suchen? Ich verlor mich in Muthmassungen.

Jetzt, Sophie! ist der Graf seit zwei Tagen fort, mit Post abgereist, ohne vorhergegangene Anstalten, ohne hinterlassene Befehle, ohne irgend eine Massregel, die auf besonnenen Entschluss deutet, und kaum getraue ich mir's zu denken, geschweige denn auszusprechen. Doch auffallend muss es sein, dass auch die Fremde in unserer Nachbarschaft mit einemmale verschwunden ist. Ich wage keine b e s t i m m t e Beziehung hier festzustellen, allein wenn es ware, wenn Alles verabredet, wenn die Intrigue vollkommen zu machen, der Schein der Gemuthskrankheit eine Komodie ware? Liebe! ich uberlasse Ihrem Scharfsinn das Uebrige.

Was meinen Sie aber, dass wir Elisen sagen? Ich wollte das an diesem Morgen mit Ihnen verabreden. Es war zu einer Stunde, in der ich Sie allein zu finden hoffen durfte, da unsere Freundin lange schlaft, oder doch wenigstens das Bett erst spat verlasst. Es muss ihr auffallen, nichts von Hugo zu sehen und zu horen. Was konnen wir aber gescheuter Weise ersinnen, das ihr genugen wurde? Das Herz ist in solchen Fallen kluger als der Kopf, wenn Verstand verstehen heisst. Ich furchte, die Arme ist nicht lange mehr zu tauschen!

Bestimmen Sie, liebe Sophie! uber mich. Ich versichere Sie, wie immer, meines Gehorsams.

Antwort

Sie haben mir die Augen geoffnet! Das war es auch! O wagen Sie es, wagen Sie es dreist, da an eine Beziehung zu glauben, wo sie ein Blinder entdecken wurde.

Sie wissen, ich bin von Natur lebhafter, als ich gewohnlich erscheine. Ich habe es gelernt, diese Lebhaftigkeit in dem Masse zu beherrschen, als ich der Gelassenheit bedurfte. Vielleicht macht mich das Erworbene zuversichtlicher, als ich es zu sein Ursache habe, vielleicht halte ich mich nur fur gefasst und uberlegt, weil mich Andere dafur halten. Ich weiss es nicht genau. Ich weiss daher auch nicht, ob mich Leidenschaft oder klare Einsicht in diesem Augenblicke leitet? Aber das weiss ich, dass ich den Zusammenhang des unerhortesten Betrugs ganz deutlich, ganz in seinen Einzelnheiten bedingt, schreiend wahr zu erkennen glaube, und es kaum begreife, wie erst jetzt die Bedeutung unzahlig auffallender Umstande mir entging.

Ich erinnere Sie hier nur an das Eintreffen der Unbekannten in dieser Gegend, gerade, nachdem Hugo von einer mehrtagigen Abwesenheit zuruckkehrte, von welcher Niemand den Zweck, noch die Veranlassung kannte. Dann, das stete, unerwartete Zusammentreffen jener mit dem Grafen, in Augenblicken, wo sie ihn mit Elisen beschaftigt wusste. Trat sie nicht den Abend an den Wagen der Ohnmachtigen, als diese in das Amthaus getragen ward? Sah man sie nicht in jener Nacht vor dem Fenster der Kranken umherschleichen und erlauschen, was im Zimmer vorging, wahrend Ruhrung und uberraschtes Mitgefuhl Ihrem Neffen das neue, unbesonnene Gelubde entrissen? Trafen wir sie nicht Abends bei der Nachhausefahrt von Wehrheim, dicht vor dem Orte im Kahne? Und sah ich nicht, dass Hugo die Unruhe, die mich so unerklarbar befiel, in erhohetem Masse theilte? Soll ich Ihnen nun noch sagen, dass die rathselhafte Verkappung und das Spukhafte in dem Betragen der Fremden nur dazu diente, Unberufene aus ihrer Nahe zu entfernen, ihr aber die Freiheit verschaffte, Nachts die Gegend zu durchstreifen, den Grafen auf seinen Jagdritten zu treffen, ja sich im Burgbezirk, im Schlossgarten, im Wildzwinger, a u f E m m a ' s B a n k unter ihren Lieblingen sehen zu lassen!

Ich schaudre, tritt mir Alles in seiner unleugbaren Wirklichkeit vor die Seele. Und nun fort! Und auch er!

Ungluckliche Elise! so dreist, so sundhaft wurdest Du betrogen! Ja, was sagen wir ihr aber? was wir furchten? Ich wage es nicht. Denn hege ich gleich keinen Zweifel uber meinen Verdacht, so besitzen wir doch nicht hinreichende Beweise, um auf eine Muthmassung hin, ein Herz unbarmherzig zu zerreissen.

Wir mussen sie noch hinhalten. Ist es, wie ich mir's vorstelle, so kann es kein Geheimniss bleiben. Wir sind dann vorbereitet, haben uns gesammelt, und konnen sie besser aufrecht halten, als jetzt, wo mein Blut kocht, und das Gefuhl zwischen bitterer Emporung und heissem Schmerze hin- und hergetrieben wird.

W a c h s a m mussen wir bleiben. Keinen Augenblick darf sie ohne mich sein, denn es theilen auch Andere unsern Argwohn, und mehr als e i n e Stimme s a g t , was wir noch zu denken zogern. Also fur jetzt Behutsamkeit und Schweigen, lieber Freund!

Der Comthur an Sophie

Zu rechter Zeit, Liebste! haben Sie es in Zweifel gestellt, ob die angeborne Lebhaftigkeit Sie nicht dennoch ofter ubereile, als Sie glauben. Ich meine, wir haben Beide rascher e m p f u n d e n , als das Rechte g e f u n d e n . Muss ich auch Sie, wie mich selbst daran erinnern, dass die Oberhofmeisterin um die Fremde wusste? dass diese mit ihr und dem Kloster in Verbindung steht? dass sie arztliche Besuche hatte, dass ihr Krankheitszustand folglich anerkannt und mit Sorgfalt beobachtet wurde? Hierin also, ist wenigstens keine List zu vermuthen, und wie diese einzelne Widerlegung alles andere widerlegt, leuchtet Ihnen gewiss so gut ein, wie mir.

Ein Gluck daher, dass die Freundschaft zaghaft macht, und Sie weise handeln, weil Sie zartlich empfinden. Freilich, liebe Freundin! freilich, "Behutsamkeit und Schweigen!" Elise darf nichts von unsern voreiligen Schlussen ahnden.

Vielleicht hilft uns Hugo bald uber alle Zweifel hinaus.

Noch wissen wir nichts von ihm. Auch Walter zeigt sich nicht, und mir liegt dazu ob, keine Unruhe zu verrathen, ich muss uber die Schritte meines Neffen vollkommen unterrichtet scheinen. Meine Haltung halt ihn in der Meinung aufrecht. Mochte er bald die peinliche Anstrengung enden!

Antwort

Sie haben recht. Und doch ich weiss nicht, wie Alles zusammenhangt, aber e r i s t d e r F r e m d e n g e f o l g t . Sein Sie dessen gewiss. Elise weiss es. Der alte Gartenknecht Carl hat es ihr verrathen. Hugo war bei ihm. Er hatte ihn uber jeden kleinen Umstand im Betreff der schleunigen Abreise der Dame befragt. Er soll sehr blass, sehr matt und angegriffen dabei ausgesehen haben, so, als laste ein schweres Ungluck auf ihm. Zweimal, sagte Carl, sei der Graf in einem Wagen bei ihm gewesen. Er durchlief das leere Haus, sah sich wild und unstat darin um, und jagte dann mit einem gemietheten Bauernpferde bis zur nachsten Station, von wo er das Pferd zuruckschickte. Der Bote, der es gebracht, erzahlte, der gnadige Herr habe sich durch denselben Postillon weiter fahren lassen, der die Spukdame gefahren habe. Dort im Stadtchen spreche man wunderliches Zeug daruber. Die alte Marthe, der man langst wieder die Freiheit gab, sass gerade auf einem Steine vor dem Posthause, als der Graf so eilig drangte, fortzukommen. Sie lachte, und schuttelte den Kopf. Nachher hat sie gemeint: sie kenne die Dame wohl, der er nachziehe, sie seien einander auf ihren Nachtwanderungen begegnet, aber sie durfe sie gegen Niemand nennen, auch wisse sie nicht, ob sie lebendig sei?

Urtheilen Sie, liebster Freund! in welchen Zustand dies wuste Geschwatz, zusammengenommen mit dem, was wirklich ist, die ungluckliche Elise versetzt. Einen kurzen Augenblick schien sie mir beherrscht von dem Gewicht ihres Geschicks. Ich furchtete aufs Neue fur ihre Gesundheit. Jetzt druckt sie Zweifel und Sorge hinunter. Sie w i l l nichts furchten oder doch nicht das Ansehen davon haben. Mir dunkt das so unnaturlich, dass es mich, mehr als laute Verzweiflung, peinigt. Die Sache ist ruchtbar geworden, Curd schreibt in diesem Augenblick an mich. Der Brief hat einen sehr ernsten, gespannten Ton. Ich weiss nicht recht, wie ich ihn verstehen soll? Kommen Sie heute noch zu uns, Sie sollen mir Ihre Meinung daruber sagen.

Ach kommen Sie ja! Wir bedurfen Ihres Beistandes alle Beide.

Agathe an die Grafin Ulmenstein

Ich bin die glucklichste Person von der Welt, liebste Mama! Denken Sie doch, eben schickt mir Rosalie durch einen Lakaien von Marienthal, wo der Hof jetzt ist, zwei, in aller Eile mit Bleistift geschriebene Zeilen, in denen sie mir sagt: der Furst habe ihr bei der Tafel aufgetragen, mich zu avertiren, dass die Cabinets-Ordre so eben ausgefertigt sei, durch welche Curd vom Militar ins Civil versetzt, und als Jagermeister mit angemessener Gehaltserhohung angestellt sei. Ich dachte, ich solle narrisch vor Freude werden. Gesprungen, gejauchzt habe ich! Stellen Sie sich doch nur die enorme Auszeichnung vor! Das wird wieder lange Gesichter anderwarts geben! Schade nur, dass Curd gerade auf den Einfall kam, einen Abstecher zu seiner Mutter zu machen, und nun nicht hier ist, dem Fursten seine Danksagung zu Fussen zu legen. Er setzt mich dadurch in ganz ungeheure Verlegenheit. Was soll ich nun Rosalie antworten, da sie mir doch auf hochsten Befehl die erwiesene Gnade mitgetheilt, und ich folglich gegen sie nicht erwahnen darf, dass Curd ohne Urlaub verreiste? Noch ein grosses Gluck, dass ich wenigstens den Vorschlag, Curd zu begleiten, ablehnte. Im Vertrauen, die brave Landdame soll unglaublich langweilig, und Ort und Haus sehr einfach sein, deshalb wollte ich meine Visite lieber zur gelegenern Zeit verschieben, wenn man einmal eine Parthie mit recht vielen lustigen, jungen Leuten aufs Land machen, und sich um jeden Preis amusiren mochte. Diese kluge Ueberlegung bringt mir den Vortheil, die Nachricht weit fruher erfahren zu haben, um Ihnen, beste Mama! die Stafette, da es noch Zeit ist, Ihren Rath zu benutzen, nach Ulmenstein schicken zu konnen. Sagen Sie mir nun, bitte, recht genau, wie ich nach Marienthal schreiben soll? Machen Sie mir lieber den Brief. Der Furst verlangt sicher, ihn zu sehen. Er interessirt sich sehr fur mich, und ich hatte den Tod davon, wenn ich irgend einen Fehler machte, und er bemerkte es.

Ich kusse Ihnen die Hand schon im Voraus, beste Mama! Ihre gluckliche

Agathe.

Antwort

Ich erwartete die endliche Erfullung meiner wiederholten Bitten seit mehreren Tagen, mein Kind! Es ist mir sehr lieb, dass man nicht langer damit saumte. Ich lief Gefahr, compromittirt zu werden. Curd hatte viele Mitbewerber. Es brauchte aller meiner Tenacitat, um mich nicht irre machen zu lassen. Ich bin nicht mude geworden, immer dasselbe zu wiederholen, und habe Andere so mude gemacht, dass sie aus Verdruss Ja sagten. So ist Dein Mann Jagermeister geworden, mein Herzchen! Aber das muss ich Dir gestehen, eine deplacirtere Aufwallung von kindlicher Zartlichkeit habe ich auch in meinem Leben nicht gesehen, als die, in einem moment de crise eine Wallfahrt zu dem alterlichen Heerde zu machen. Der gute Curd wusste ja ganz genau, wovon es sich handelte, und dass die Entscheidung vor der Thur war. Was fiel ihm denn ein? Es embarassirt mich wirklich erstaunt, dass er abwesend ist.

Dummes Ding! Schreiben darfst Du gar nicht. Das ware sehr ungeschickt. Setze Dich nur gleich in den Wagen und fahre hinaus nach Marienthal, schutze eine Krankheit Deines Mannes vor, und bitte um die Erlaubniss, statt seiner, Deinen Dank an den Tag legen zu durfen.

Du hast sehr recht, ohne mich, wurdet Ihr Euch nie zu helfen wissen. Guten Abend, liebe Agathe! Sei ja vorsichtig in Deiner Freude. Die Zunge geht so oft mit Dir durch, und nichts ist nothiger, als diese zu rechter Zeit zugeln zu konnen.

Wann kommt denn Curd zuruck?

Weisst Du? Leontin war diesen Morgen bei mir. Er hat mir recht sehr gefallen. Er sieht unglaublich interessant aus. Er hatte immer eine charmante Phisiognomie, aber seitdem ihm die Liebe, ce regard voile gab, finde ich ihn unwiderstehlich.

Lebe wohl, mein Kind! Ich denke immer noch, er und Rosalie werden fruhe oder spat ein Paar. Es giebt gewisse Leute mit einem Bischen Verstand, und erstaunt viel Courage! Ich weiss nicht, ob Du die Leute kennst, und erfahren hast, dass sie nur eine Sache zu denken brauchen, um sie auszufuhren. Adieu, kleine Katze!

Die Tante an Elise

Es geht etwas vor, liebe Seele! Ich weiss nicht was? auch nicht wo? Aber es wird so unruhig um mich; und wenn ich erst die Leute viel hin und herreisen sehe, und sie nirgend bleiben, nirgend ausruhen konnen, dann habe ich schon genug.

Ich bin von Natur angstlich, das ist wahr, sehr angstlich, ich kann mich deshalb auch wohl irren, und darum will ich nicht mit Bestimmtheit sagen, was ich furchte. Doch furchte ich, dass es auch Dich mit betrifft.

Sieh' mal, den Curd kennst Du. Er ist wild und storrisch. Wenn auch die feine Welt ihn erst glatt geschliffen und ihm dann ein modisches Wesen angewohnt hat, so steckt doch der alte Kern in der neuen Schale, und der Kern ist fest, ja herbe, aber wenn man auf die rechte Stelle kommt, da wird er suss, ich versichere Dich, recht lieblich. Das ist unsers Landes Art so. Der Vater war auch von dem Schlage, und viele aus der Familie. Nun siehst Du, um wieder auf meine Muthmassungen zu kommen. Ich weiss, dass Curd nicht vergessen kann, nicht im Guten, nicht im Schlimmen. Vor ein Paar Tagen kommt er hier her. Mein Gott! wie finster sah er aus! Die Falte zwischen der Stirn ward schwarz, wenn er in Gedanken vor sich hin sah. Ich kenne das an allen Mannern seines Stammes, so wie sie uber irgend ein Vorhaben bruten.

"Curd!" warnte ich ihn. Er wusste gleich, was ich sagen wollte. "Sein Sie unbesorgt, liebe Mutter!" lachelte er. Ich war aber nicht ohne Sorge, konnte es auch nicht sein, ob er sich gleich zusammen nahm, und that, als sei er Geschafte halber hierher gekommen, die die Wirthschaft angingen. Das Ding sah aber anders aus. Der Gerichtshalter musste noch spat des andern Abends kommen, nachdem mein Sohn den ganzen Tag in seinem Zimmer geschrieben hatte.

Er machte sein Testament. Ich merkte es recht gut, und wusste auch weshalb? Ich liess aber alles gehen, wie es wollte. Ich mochte mich in nichts mischen. Den folgenden Morgen war er weggefahren, ehe ich erwachte. Zu seinem gewesenen Vormunde, dem alten Deichhauptmann, liess er mir sagen. Der Forster und der junge Amtsschreiber waren mit ihm in den Wagen gestiegen.

Es konnte ja sein, dass er zum Deichhauptmann fuhr. Ich hatte auch nicht daran gezweifelt, ware so mancherlei nicht vorhergegangen. Nun stutzte ich doch, und schwankte in mir.

Die ersten vier und zwanzig Stunden, die brachte ich leidlich genug hin. Als aber der zweite Abend kam, es acht, neun, zehn Uhr schlug, und die Leute nach unserer stillen Weise im Hause schlafen gingen, wusste ich vor Angst meines Bleibens nicht. Ans Bett konnte ich nicht denken. Ich ging aus einer Stube in die andere. Es war kuhles Wetter. Ich sass endlich in meinem kleinen Eckkammerchen vor dem Kamin, der treue Waldmann neben mir auf dem Stuhl und die alte, knurrende Mise auf meinem Schooss. Katzen und Hunde, dachte ich bei mir, lernen sich vertragen, und warmen sich an einem Feuer, und das Herz muss mir wegen zwei vernunftigen Menschen zum Zerspringen schlagen.

Du weisst wohl, wenn Einem so recht angst und wehe in der Seele ist, dann hort man in allen Ecken etwas gehen und sprechen. Mir kam es so vor, als ware der ganze Hof voll Leute. Ich lief wohl zehnmal ans Fenster. Es ruhrte und regte sich nichts draussen.

Wieder nicht! seufzte ich. Denn heute hatte ich meinen Sohn bestimmt zuruck erwartet.

Ich wurde nun auch mude. Nun so will ich nur immer auch schlafen gehen, nahm ich mir vor. Die silberne Wachsstockscheere hielt ich schon in der Hand, da winselte Waldmann, wie er wohl Nachts zu thun pflegt, ehe er bellt. Mir ward mit einemmale wieder bange. Ich setzte den Wachsstock auf den Tisch, ohne ihn anzustecken. Vor dem Hause regte sich etwas. Waldmann sprang jetzt vom Stuhl und schnupperte umher. Ich rief ihm zu, da schlug er laut und heulend an. Es fuhr mir durch alle Glieder. Im Hof sprachen Mehrere leise. "Es ist ja noch Licht drinnen," horte ich Curd ganz deutlich sagen. Gottlob! da ist er! rief ich, und im selben Augenblick kratzte der ungeduldige Hund auch, wie ausser sich, an die Thur, und kam dann zu mir gelaufen, blaffte und sprang wieder zuruck; kurz, zeigte, dass er den Herrn wittre.

Mein Sohn offnete wahrend dem die Thur, Er kam mir so todtenblass vor, dass ich ihn nicht gleich erkannte. "Liebe Mutter," sagte er, und sah aus, als wenn er spasshaft sein wollte, aber seine Stimme war heiser und zitterte auch. "Liebe Mutter, ich habe mich ganz verrechnet! Ich dachte nicht daran, dass hier die Leute wieder aufstehen, wenn unsereins in der Stadt zu Bette geht. In meiner neuen Wirthschaft bin ich's so gewohnt, und da Sie sich wohl vorstellen konnen, dass ein junger Ehemann immer mit seinen Gedanken da ist, wo er sein mochte, so werden Sie's schon verzeihen mussen, dass ich mir einbildete, zu Hause anzukommen, indess ich nun hier doch erst ausschlafen muss."

"Hm!" entgegnete ich, und that, als wenn ich ihm glaubte; aber ich konnte es doch nicht lassen, ihm fest ins Auge zu sehen. Er wurde roth! "Komm nur, komm!" fuhr ich fort, "Du wirst doch noch zu Nacht essen wollen, es ist ja erst halb Eins, das ist die rechte Stunde fur Euch Weltkinder?"

"Bewahre der Himmel!" rief er so recht widerwillig. "Ich ware nicht im Stande, einen Bissen hinunter zu bringen."

Mich uberlief es ganz eisig. Mein Gott! woher kommt ihm denn der Ekel vor Speise und Trank? dachte ich im Stillen. Ihm fehlte, soviel ich sah, korperlich nichts. Was widerstand ihm denn so bei dem Anerbieten?

Ich hatte oft gehort, dass, wenn ein Mensch von der Hand eines Andern gefallen ware, dieser nach der unglucklichen That lange nichts geniessen konne, was ihn an Fleisch und Blut erinnere.

Das fiel mir jetzt wie Blei auf die Brust. Ich blieb in meinem Stuhle sitzen. Ich konnte die Fusse nicht heben. Ich zitterte an allen Gliedern.

Mein Sohn merkte nicht sehr darauf. Er war ganz verstort. Nach einer Weile sagte er dann aber doch: "Sie sehen recht angegriffen aus, liebe Mutter! Gehen Sie doch ja noch ein Paar Stunden schlafen. Ich will mich auch niederlegen." "Wenn Du nur wirst schlafen konnen!" entgegnete ich, und sah ihn scharf an. Er kusste mir die Hand. "Ich denke doch," meinte er. Er war schon an der Thur, als er noch einmal umkehrte, und, mit den Fingern leicht gegen die Stirn fahrend, als strafe er sich wegen einer Vergessenheit, ausrief: "Habe ich doch gar nicht daran gedacht, Sie um ein Nachtlager fur meinen Reisegefahrten zu bitten, der so todtmude, wie er von der heutigen Jagd zuruckkommt, nicht daran denken konnte, sich Ihnen vorzustellen. Darf ich?" fuhr er fort, die Thur in der Hand, rasch und ohne mir Zeit zu lassen, nach Namen und Stand zu fragen, "darf ich draussen das Nothige besorgen?" Und fort war er.

Ein Verwundeter, sagte ich leise zu mir. Deshalb kamen sie in Nacht und Dunkelheit, deshalb musste der Wagen im Dorfe halten. Gewiss wurde der arme Mensch ganz still ins Haus und hinten nach Curds Zimmer getragen! Nun, der Himmel beschutze ihn! seufzte ich aus aufrichtigem Herzen. Ach Elischen! ich war so froh, dass es nur den Curd nicht getroffen hatte!

Wie aber die Freude daruber sich etwas massigte, dachte ich doch auch an die Folgen. Wenn nun der Ungluckliche hier sturbe? Mein lieber Gott! das ware doch auch schrecklich, musste ich mir gestehen. Und dann, siehst Du Kind, ich hatte nur einen einzigen Menschen in den Gedanken, mit dem mein Sohn Handel gehabt haben konnte. Und wenn der ich weiss nicht, wie mir's moglich gewesen ist, nicht gleich auf der Stelle im Hause Erkundigungen nach dem Fremden einzuziehen? aber ich glaube, ich war zu schuchtern dazu. Ich furchtete wohl, die Wahrheit zu erfahren. Und dann wollte ich auch nicht Larm machen, und die gemeinen Leute fruher auf die rechte Spur bringen.

Ich blieb also ganz still in meinem Armstuhle sitzen, gab keine Befehle, und machte keine Anordnungen, sondern uberliess es Curd, was er bestellen werde. Du kannst daraus sehen, liebe Elise, in welchem unnaturlichen Zustande ich in dieser Nacht war, so mein ganzes Hauswesen aus der Acht zu lassen, und die Ehre einer guten, sorgsamen Wirthin. Kurz, ich schlich still zu Bette, um nur nichts mehr zu horen und zu erfahren. Kaum liege ich aber ein halbes Stundchen darin, so blast ein Postillon im Dorfe. Ich richte mich in die Hohe. Es schmettert immer fort, aber kein Wagen folgt. Der Ton kommt naher und naher. Ein Pferd trabt in den Hof. Gott! eine Stafette, schrie ich auf. Sie schicken schon nach Curd. Das Duell ist ruchtbar geworden, er wird festgesetzt werden, man wird ihm ans Leben gehen!

Ich zog mit Gewalt an der Klingel, aber ehe noch Jemand kommen konnte, war ich am Fenster, riss es auf, und rief hinunter in den Hof: "Wer blast denn da?" "Eine Stafette," war die Antwort. "Woher?" brachte ich zitternd heraus. Wie ward mir nun, als ich horte: "Auf Allerhochsten Befehl aus der Residenz," das kann ich keinem Menschen sagen. Ich war in einen Stuhl gesunken, als Caspar, der Jager, mit einem Brief in der Hand, hereintrat.

"Gebe Er her! gebe Er her!" befahl ich ihm. "Um Verzeihung," sagte er, mir die Addresse hinhaltend. "Das Schreiben ist an Jemand, den ich nicht kenne, und der sich, so viel ich weiss, auch hier nicht aufhalt."

Ich wagte, einen Blick darauf zu werfen. Es war eine kleine, kritzliche Frauenhand, und die Aufschrift ... dem furstlichen Jagermeister, Herrn Curd von ... Ich athmete auf. "Wecke Er meinen Sohn, Caspar!" sagte ich, "der Brief ist von seiner Frau, ich erkenne es jetzt an dem doppelten Wappen."

Es war auch so. Mein Sohn erwartete schon fruher eine Versetzung aus dem Militair ins Forstdepartement. Der Fall war nun eingetreten. Die Grafin und ihre Tochter fanden es nothig, ihn eilig davon zu benachrichtigen; um das schneller zu bewerkstelligen, hatten sie auf den Brief geschrieben: a u f A l l e r h o c h s t e n B e f e h l . Das klarte sich nun wohl uber Erwarten gut auf. Allein das Andere lag mir immer schwer genug auf der Seele. Ich konnte mich deshalb auch nicht uber die Vortheile in Curds neuer Lage freuen. Er nahm es nicht viel anders. Seine Miene blieb ernst, sein Wesen zerstreut. Wir redeten wenig daruber. Es schien ihm sogar verdriesslich, dass er seine Abreise so ubereilen musse. Da er nun auch gleich darauf das Anspannen befahl, fragte ich ihn, ob sein Reisegefahrte ihn begleiten wurde?

"Der, liebe Mutter!" entgegnete Curd, "hat sich eben nur so lange hier aufgehalten, um den Amtmann zu vermogen, dass er ihm rasche Pferde und Wagen gab, und wieder zuruckfahren lasse, woher wir kamen. Er war schon fort, als ich von Ihnen in mein Zimmer ging."

"Also nicht todtlich verwundet?" seufzte ich. "Vielleicht gar nicht einmal ein Duell?"

"Ein Duell?" fragte mein Sohn, sich schnell nach mir umwendend, "wie kommen Sie darauf?" Ich theilte ihm alle meine Besorgnisse mit. Er horte mir sehr aufmerksam zu. "Nein!" sagte er, "auf meine Ehre, ich komme von keinem Zweikampf. Daruber konnen Sie in dieser Angelegenheit uberhaupt ganz ausser Sorge sein."

"Gewiss?" fragte ich, denn mir schien, als halte er mit irgend etwas zuruck. Sein ganzes Wesen war anders, wie sonst; besturzt und traurig zugleich hatte ich es nennen mogen.

"Gewiss!" versicherte er, auf eben die verschlossene Weise.

"Nun!" sagte ich, "dann kann mir schon alles Andere recht sein. Allein wissen mochte ich doch, wer der Fremde war, der in meinem Hause Obdach suchte, ohne mir auch nur dem Namen nach bekannt zu sein."

Curd ward verlegen. Er nahm mich bei der Hand, und suchte mich auf andere Gedanken zu bringen. Da ich aber empfindlich ward, entdeckte er mir, dass es Hugo gewesen sei. Ich ward blass vor Schrecken, glaube ich, that indess, als sei es vor Aerger, und ausserte meine Verwunderung, dass der Graf es vermeide, der nachsten Verwandtin seiner Braut bekannt zu werden.

"Ach!" rief Curd ein wenig argerlich, "denken Sie doch an dergleichen Rucksichten jetzt nicht, liebe Mutter! Sie konnen sich wohl vorstellen, dass etwas Ausserordentliches vorgefallen sein musse, was uns Beide in so gutem Vernehmen zusammen hierher fuhrte. Ich habe kein Recht, Ihnen mehr zu sagen. Es ist in keiner Art mein Geheimniss, und nur, um Sie wegen ferneren Besorgnissen, in Betreff meiner und des Grafen, zu beruhigen, entdeckte ich Ihnen, dass dieser hier war, was denn ubrigens alle Welt wissen mag."

Damit, liebes Kind! musste ich nun zufrieden sein. Curd reiste kurz darauf ab, und mir blieb der Stachel wegen des undurchdringlichen Geheimnisses in der Brust stecken.

Etwas A u ss e r o r d e n t l i c h e s , sagte er, musse vorgefallen sein, was sie Beide in gutem Vernehmen zusammen fuhrte. Das konne ich einsehen. Freilich lasst sich das einsehen. Aber w a s ist dies Ausserordentliche? Erst glaubte ich, Du warest gestorben, Herzenskind! und Curd wolle mir dies nur nicht so plotzlich, ohne alle Vorbereitung sagen. Aber er betheuerte, das sei es nicht. Nun, sei es, was es wolle, etwas Gutes ist es nicht, darnach sah Curd nicht aus.

Es qualt mich uber alle Beschreibung. Ich will mir den jungen Amtsschreiber kommen lassen. Er soll mir wenigstens erzahlen, was e r gesehen und gehort hat. Das wird dem doch hoffentlich kein Geheimniss sein.

Begreife es, wer es kann! Du sollst Alles wissen, liebe Elise! vielleicht bringst Du was Zusammenhangendes heraus. Erschrick und argere Dich auch nicht, Kind! wenn Du gewisse Dinge liest, die Dir wohl anstossig sein mussen, die aber auch anders sein konnen, als sie auf den ersten Blick scheinen.

Du kennst den Philipp Arendt von klein auf. Der Hellste ist er eben nicht, und wenn er nicht mit Curd, so zu sagen, auferzogen ware, so wurde er wohl nicht den Posten begleiten, den ihm dieser verschafft hat Dafur kann sich aber auch mein Sohn auf seine Treue und Ergebenheit verlassen, weshalb er ihn denn wahrscheinlich mit sich nahm.

"Diese Fahrt," sagte Philipp, "ging sechs und dreissig Stunden Tag und Nacht fort. Gleich hier, in unserm Stadtchen, liessen wir Pferde und Wagen stehen, nahmen Extrapost, und gonnten uns nicht Schlaf, nicht Mittags noch Abends eine Mahlzeit zu halten. Den zweiten Abend unserer Reise kamen wir an ein Granzdorf. Das Zoll- und Mauthwesen bringt dem Orte grossen Verkehr; auch liegt bestandig ein Jagerdetachement hier, um die Passe und Schleichwege durchs Gebirge abzupatrouilliren. Deshalb ist hier ein stattlicher Gasthof seit vielen Jahren etablirt, vor welchem die Reisenden lieber anhalten und die Granzwachter ihre Untersuchungen und Abschatzungen in aller Ruhe machen lassen, als vor dem Zollhause, hinter der vorgezogenen Kette, stundenlang unangenehme Dinge zu horen."

Als Curd seine Kalesche dort stehen liess, erzahlte Philipp weiter, und dem Wirthshause zuging, sah dieser einen schonen, grossen Mann in demselben Augenblick langsam auf sie zukommen. Er grusste, ohne dass mein Sohn, der in Gedanken vor sich niedersah, darauf achtete. Philipp machte es ihm bemerklich. Curd blickte auf. "Ach! da ist er schon," rief er. Das Blut stieg ihm dabei ins Gesicht und die Augen blitzten. "Hore," flusterte er seinem Begleiter zu, indem er die Schritte beeilte, "ich habe mit dem Herrn ein Wort zu sprechen. Du verstehst mich. Ich habe ihn hierher bestellt. Kommt es zu etwas, endet es auf eine oder die andere Art schlimm, so nimm hier meine Brieftasche, und reise so geschwind du kannst zu meiner Mutter zuruck, damit kein voreiliges Gerucht sie erschrecke."

Der gute Junge, Elischen! wie er doch immer zuerst an mich denkt. Mich schauderte bei der Erzahlung, und doch musste ich vor Freuden weinen.

Aber, hore nur weiter! Philipp sah nun, wie Beide in das Haus, die Treppe hinauf und oben in ein Zimmer gingen, das sie hinter sich abschlossen. Der arme Mensch hatte keine Ruhe. Er schlich langsam hinterdrein. In dem Coridor, rechts, waren beide verschwunden. Er liess die Nummer der Thur nicht aus den Augen. Horchen wollte er nicht, doch ohngefahr beobachten, was drinnen vorging. Er hielt also Wache, und lehnte mit dem Rucken gegen die Wand, so dass er das Schloss der Thur im Auge behielt, wahrend er mehr dem nachstanstossenden Zimmer zugewendet schien. Erst sprachen die Beiden wenig und ganz leise. Philipp horte sogar ein Paar Mal lachen, aber es war nur Einer, der lachte. Nach und nach hoben sich denn die Stimmen. Es ging Jemand in gemessenen Schritten quer durch das Zimmer, und zahlte dabei laut. Dann ward einen Augenblick alles ganz stille. Nun rief eine Stimme im Nebenzimmer so weich, so zartlich und so verzweiflungsvoll: "Mein Gott! Mein Gott!" dass Philipp einen Schritt zurucktrat. Doch kaum waren die Worte halb weinend, halb schreiend ausgestossen, so fiel etwas, als wenn Jemand mit einem Stuhl umschlagt, und eine andere Stimme stiess in fremder Sprache laute und angstliche Tone aus. Schneller, wie der uberraschte Amtsschreiber es fassen konnte, flog die Thur neben ihm auf, der fremde Herr und mein Sohn sturzten heraus, rissen das Nebenzimmer mit Gewalt auf, ob es gleich verschlossen war, und wie ein Blitz auf ein ohnmachtig daliegendes Frauenzimmer zufahrend, das blasser wie der Tod am Boden ausgestreckt lag, sank der Unbekannte mit einem furchterlichen Schrei zur Erde, und Curd, beide Hande uber den Kopf zusammen schlagend, rief ebenfalls ganz ausser sich: "Herr Gott! das ist entsetzlich."

Was weiter vorging, wer das Frauenzimmer war, von dem allen weiss der Amtsschreiber nichts, denn mein Sohn gewann hinreichend Besinnung, um die Thur aufs neue fest von Innen zu verriegeln.

Niemand kam heraus. Ueber zwei Stunden wahrte das so. Philipp, der nun nichts mehr fur seinen Herrn furchtete, ging ab und zu. Oft war es ihm, als wurde drinnen viel geweint. Eine sehr sanfte Stimme sprach ein paarmal lange, doch immer so leise, dass kein Wort zu verstehen war. Den Ton, sagte mir Philipp, wurde er in seinem Leben nicht vergessen. Er ware ihm so ans Herz gegangen, dass ihm die Thranen aus den Augen sturzten.

Schon ganz tief in der Nacht kam endlich mein Sohn herunter, bestellte, dass Alles zur Abreise fertig sein sollte, ging dann wieder hinauf, kehrte alsdann an des Fremden Arm zuruck, bestieg mit diesem die Postchaise; sie fuhren und fuhren bis hierher, ohne dass ihr Reisegefahrte ein Wort sprach, ausser ein einzigesmal sagte er halblaut: "e i n e N o n n e !" Er schuttelte den Kopf, und sank dann mit geschlossenen Augen ganz zusammen, als wolle er Alles verschlafen. Nun sage mir um Gottes Willen, Kind! was ist das? Ich kann nicht klug daraus werden, und wenn ich mir den Kopf zerbreche. Hast Du denn eine Ahndung, wer die Person sein kann, aus der sie solch' Geheimniss machen, als galte es des Reiches Wohlfahrt? Gieb nur Acht, es wird nichts sein, als ein dummer Roman, der ihnen die Kopfe verruckt. Das ist jetzt Mode. Ich beklage Dich, armes Kind! Du musst es entgelten. Hattest Du den Curd geheirathet, wie anders stande es mit Dir!

Hugo an Heinrich

Emma lebt! Ich habe sie gesehen, gesprochen! Fasst Du es, Heinrich? Ich nicht! "Mein Gott! mein Gott!" rief sie, mit einem Tone ! Was das fur ein Ton war! Engel mogen so flotend klagen uber das Elend der Menschen! Elend ja wohl! Nun bin ich es ganz.

Heinrich! wie sie so am Boden lag, den Schleier weit zuruckgeschlagen, das himmlische Gesicht weisser wie Schnee, die Augen geschlossen, der Mund voll Gute und Liebe, schmerzlich zum Weinen verzogen, beide Hande im tiefsten Jammer zusammen geschlagen!

Sieh weg! Sieh weg! ich bitte Dich. Ich verliere den Verstand, sehe ich sie in Gedanken so vor mir liegen.

Wer spricht mir noch von Liebe? Wer weiss denn, was Lieben ist? Niemand! das sage ich Dir. Auch sie nicht! das ist das Tollste. Auch sie nicht! bei dem ganzen Umfange ihres Opfers, wusste sie nicht, was L i e b e ist.

Wie hatte sie sonst die Luge zwischen uns geschoben, und Fruchte von solcher Saat gehofft?

Nun sind die Teufel alle losgebunden, und e i n zerbrochenes Gelubde erzeugt den Wunsch, die andern auch zu brechen.

Frage sie doch, was sie aus mir machen wird? und wie sie die rebellischen Wunsche in der eignen, sturmenden Brust zu bandigen gedenkt? "Zuruck! zuruck ins Kloster," klagte sie leise, und weinte dabei.

Entsagen wollte sie! O hatte sie Geduld mit mir gehabt, und nicht grosser sein wollen, als die Natur vom Menschen es verlangt.

Siehst Du, Heinrich! ich sagte es Dir schon einmal, die eigentlichen Gespenster, die springen aus dem verhetzten Gehirn der Menschen hervor. D e n Wahn gebirt er selbst, wie jeden, um den er leiden muss.

Sie ist sehr unglucklich, das glaube mir! Hier! hier an diesem Herzen hat sie alle ihre Seelenangst bekannt! Hier an diesem Altar konnte sie beichten! So treibt sie noch der alte Gotzendienst zur Abgotterei, und sie darf glauben, ihn abgeschworen zu haben?

O hilf mir aus dem Labyrinth heraus, in dem ich auch s i e verlieren konnte. Glaubst Du, ich spreche im Fieber? Weisst Du so von gar nichts, dass Du nicht merkest, sie sei die Nonne, die mich seit Monaten, wachend und traumend, begleitet! D i e N o n n e ! Ja wohl! sie ward es, und galt fur todt. W o l l t e dafur gelten, um mich glucklich zu wissen.

Verstehst Du wohl, um m i c h g l u c k l i c h z u w i s s e n . Du ewiger Himmel! wie schlecht berechnet sich das Gluck, und wie irrt sich der Mensch, wenn er es zu schaffen gedenkt!

I r r e n und immer i r r e n , das ist das Motto, das am Ein- und Ausgange unserer Lebensbahn steht. Wir kennen nur die verschlungenen Schriftzuge nicht, und machen Jeder ein beliebiges Wort daraus.

Wie sie sich mir bei allem dem immer nahte, wie ich sie zuletzt finden, und den ! Nennst Du es Betrug? Sage die Tauschung, es klingt besser entdekken musste?

Ja, mein Freund! das ist es eben. Die Wahrheit ist eine machtige Gottheit, sie racht jede Verletzung ihrer Gesetze. Es muss dann alles so kommen, wie es kommen soll! Wie das Haupt der Medusa schreckt sie das Menschenauge!

O! es ist eine weitlauftige Geschichte. Ich erzahle sie Dir einmal. Einmal? es ist gut, seine Vorsatze so ins Ungewisse zu stellen. Wer sagt gut fur die Erfullung?

Wusste ich nur daruber hinaus, dass sie irre an mir werden, dass sie mich aufgeben konnte! Ist denn die Liebe nicht die Wahrheit, und lehrt sie nicht wahr sein?

Ach! so still wie ein Lamm schlich sie sich abwarts, und wollte verloren heissen, damit ich ihr nur nicht begegne, und ihr Anblick mich nicht store. Sage, ich bitte Dich, ist das nicht dennoch Liebe? O! hattest Du sie gesehen, das liebe, sanfte, blasse Leidensgesicht, und immer, immer schon wie der Friede.

Ich will Dir etwas sagen doch Nein! Du verstehst mich nicht. Es versteht Keiner den Andern! Ich werde sie noch um eine Unterredung in ihrem Kloster bitten. Hier, in dem nahegelegenen Waldkloster, wo man sie begraben sagte, da begrub sie sich auch. Da nahm sie den Schleier. Unselige Bethorung! Sie soll mir sagen, was kein Anderer weiss, was s i e nur, oder Niemand beantworten kann, warum ! O weg! weg! tolle, rasende Gedanken. Ware sie auch eitel, und hatte sie sich selbst einen Triumph bereitet? Abscheulich! Die Welt ekelt mich an. Ueberall nur das Echo-Wort I c h ! I c h ! und sonst hohler Schall!

Ich komme von ihr! Unaussprechlich! ich sage Dir, Heinrich! unaussprechlich ist der Zauber ihrer sanften Nahe. Wie der Hauch von einem Blumenbeet, im Thau der Abendwolken, so susse Thranen perlten auf den lilienblassen Wangen.

Und doch hat sie sich von mir losgesagt! und doch hat sie das eiserne Gitter zwischen sich und mir aufgezogen! Dahinter steht sie, und unerreichbar! unerreichbar! Was das fur ein entsetzliches Wort ist.

Ich furchte, ich furchte ! Was denn? Was soll noch kommen? Siehst Du, das ist es! Es ist alles aus!

Die Oberhofmeisterin an den Comthur

Das Geheimniss ist also entdeckt! Es kam, wie ich immer furchtete. Sie hat sich zuletzt selbst verrathen. S e i n Leben durfte nicht auf dem Spiel stehen. Daran scheiterte ihre getraumte Festigkeit. Jetzt ist das ganze Phantom in Nichts aufgelost, und die nuchterne Wahrheit bringt Alle ausser Fassung.

Auch Sie, Ihr Gefuhl, sagen Sie mir, emport sich gegen das gewagte Spiel missverstandener Selbstverleugnung. Sie fragen mich, wie ich jemals darein willigen konnte? Sie tadeln mich, weniger durch das, was Sie laut werden lassen, als durch das, was Sie verschweigen; die Spannung Ihres Briefs verrath, wie sehr Sie sich zu beherrschen streben.

Sein Sie ganz offen. Ich kann es ertragen. Mein guter Comthur! seit ich in die unselige Verbindung zwischen Emma und Ihrem Neffen willigte, handelte es sich nicht mehr um das, was ich zugeben oder hindern wollte; die beiden unglucklich Gepaarten mussten ihr Loos erfullen.

Sie irren sehr, wenn Sie sich einbilden, ich habe durch Emma's plotzliche Entfernung von der Burg dies Alles verschuldet. Schon lange war Emma mit sich einig, Hugo frei zu geben. Ihr gluhendes Herz flammte in lauter feurigen Bildern auf, die von innern Sturmen schnell gejagt, eine Wolkendecke uber das wirkliche Leben breiteten. Sich fur ihn zu opfern, das war der Stolz ihrer verschmachtenden Seele, das war das Geschaft ihrer kranken Phantasie. Wie wenig kennen Sie den Menschen, wenn Sie wahnen, bis dahin dringe fremder Wille.

Es ist wahr! nachdem, was im Hause des Prasidenten vorging, konnte ich an die Dauer solch schmahlich entweihten Ehebundes nicht mehr denken.

Was weiter folgte, daruber fordern Sie wohl von mir keine Rechenschaft. Das Kloster im Schwarzwalde war unsere erste Zuflucht. Einsamkeit und abgezogenes Denken gestalten das Gemuth nach anderer Form. Es scheint uns in diesem Augenblicke alles beschlossen und vollendet, was heute nur ruhen muss, um morgen weiter leben zu konnen.

Emma ward schnell in ihrer Begeisterung mit dem fertig, was sie allein noch fur Hugo thun konnte. Nach kurzer Zeit nahm sie den Schleier, und liess das Gerucht ihres Todes sie von dem Manne scheiden, dem sie ihr Dasein bei weitem mehr, als den Heiligen des Klosters weihte.

Was ich hierbei litt, doppelt litt, weil ich die Nutzlosigkeit dieses Opfers langst einsah, wie heiss ich das zertrummerte Geschick, die Selbsttauschung, die unnaturliche Verirrung der einzigen Tochter beweinte, wie sie mir anfangs in ihrer Umwandlung gestorben schien, und ich schwankte, ob ich sie nicht eben so gern unter der dichten Hulle des Sarges als hinter diesen Mauern wissen mochte? das Alles sagt sich nicht, das fasst mit dem besten Willen Keiner, am wenigsten ein Mann!

Als darauf aber der Wurm in dem Herzen der Unglucklichen starker nagte, sie, vollends hinwelkend, wahr zu machen drohte, was sie zum Scheine gespielt, da dachte ich darauf, durch Versetzung in eine andere geistliche Gemeine, ein warmeres Clima, in ganz veranderte Umgebungen, sie mir noch lebend zu erhalten. Durch eine Verwendung meiner Prinzess, ward Emma Aebtissin in einem florentinischen Kloster. Sie erschrack heftig bei der Nachricht. Ihre Gesundheit schien den Schmerzen der Trennung aus der Heimath nicht gewachsen. N u r e i n m a l n o c h , a u f k u r z e Z e i t , wollte sie in der Nahe ihres alten Wohnsitzes athmen, leben durfen; sie forderte dies, als das einzige Mittel, den letzten Riss der Vergangenheit zu uberwinden. Ihr Arzt rieth selbst dazu. Sie erhielt unbestimmten Urlaub, sie benutzte diesen und das Aufziehen eines Pistolen-Schlosses reichte hin, die ganze kunstliche Leiter unter ihren Fussen wegzuziehen!

Ich bin bei weitem hieruber nicht so erschuttert, wie Sie. Was die Welt denken und urtheilen wird? gilt mir in dieser Hinsicht gleich. Die hat ihr Urtheil langst ausgesprochen. Nun sagt sie es noch einmal a n d e r s vielleicht, doch nicht kluger. Emma ist ausserhalb ihrem Bereich, ich gehe ihr aus dem Wege, und Hugo Nun das verlangen Sie nicht, dass mir dessen Geschick, wie dessen Ruf am Herzen liegen solle! Was hofften Sie wohl von einer neuen Verbindung fur ihn? Was blendet Sie denn jetzt mit einemmale uber den glaubensleeren, unklaren, unsichern Klugler, dass Sie Ihre Thranen in die seinen mischen?

Meinen Sie, weil ihn das Ausserordentliche erschutterte, weil ihn der Anblick der Todtgeglaubten ubermannend niederwarf, er sei nun fur immer in dem Kern des Daseins gebrochen? Er konne das gespaltene Leben nicht wieder erganzen? nur in bejammernswerthem Ringen mussen ihm Tage und Jahre hingehen.

Mein Gott, bester Freund! tragen Sie doch Ihre Empfindungen nicht auf einen Menschen uber, der keines bleibenden Eindrucks fahig ist.

Wie schnell tauschte er ein Gut fur das andere ein, wie noch schneller warf er dieses wieder von sich, und was ware es denn jetzt mit ihm gewesen, hatte er auch die Vergessene nicht wiedergefunden? Nein, glucklich war der niemals zu machen! denn sehen Sie, mit allen schimmernden Gaben des Scharfsinns, des Witzes, der angenehmen Laune, bei dem milden Ausgleichen fremder Schwache, der duldsamen Gelassenheit und den Aufwallungen liebender Gefuhle, fehlt Ihrem Neffen ein innerer Mittelpunkt. Er ist wie ein schones, reich ausgestattetes Haus, in dem Sie alles finden, nur keinen Heerd! drum frieren Sie, und hungern und dursten, und werden niemals erquickt, wie viele Vorrathe auch uberall befindlich sind. D e r Heerd, der ihm im Innern fehlt, den verschmahet er auch im Aeussern. N a s c h e n will er uberall, doch gesammelt geniessen, das kann er nicht. Furchten Sie doch ja nicht fur sein Herz, nennen Sie auch nicht die bebenden, confus ineinander gewirrten Faserchen, ein Herz. Auf d e r Stelle mag es sonderbar bei ihm aussehen!

Vor allem aber schelten Sie Niemand, als ihn selbst, wenn Sie's beklagen mussen, dass von allen Ihren Hoffnungen keine erfullt ward.

Von der betrogenen Dame seiner Gedanken durfte ich erwarten, dass Sie mit mir nicht reden wurden. Fur sie weiss ich wahrhaftig nichts Besseres, als dass sie die schwierige Aufgabe ubernimmt, dem Irrstern auf seiner regellosen Bahn zu folgen. Trosten Sie sich, lieber Comthur! wie Sie konnen. Am Ende haben Sie doch die grossere Halfte des Lebens zuruckgelegt. Was wollen wir um die letzten Paar Stunden noch so viel Aufhebens machen!

Ich bin im Begriff, zu Emma zu gehen. Die Reise nach Italien wird ihr jetzt wohl selbst nothwendig dunken.

Noch einmal, nehmen Sie es nicht zu schwer. Hugo ist nicht der Mensch darnach, die Seele eines besonnenen Mannes mit Sorgen zu fullen.

Antwort

Nein, niemals hatten Sie sich erlauben sollen, uber Hugo dies unbillige Urtheil auszusprechen. S i e nicht. Keine Parthei darf die andere richten. Ihr Ungluck macht Sie hart. Tadeln Sie Handlungen, verwerfen Sie die That, wenden Sie sich mit Unwillen von dem ungeliebten Menschen ab, doch zerlegen Sie ihn nicht wie ein Wild, das man kunstgerecht durchschneidet, und sich etwas damit weiss, jeden einzelnen Theil geschickt von dem andern losen zu konnen. O, hielten wir im Menschen Gott hoher, wir wurden begreifen, dass keiner zu berechnen ist.

Die Mischungen, aus denen ein Inneres sich bildet, sind gar zu fein fur unser kritisches Auge. Ein zartliches Empfinden unterscheidet sie wohl, doch hinkt der Verstand dem fluchtigen Hauche vergeblich nach, bettelt er nicht von der Seele die Flugel?

Sie haben Hugo nie geliebt. Wie konnen Sie glauben, ihn zu verstehen? Ich war ihm oft sehr bos, und schwerlich giebt es noch zwei Menschen, einander unahnlicher in Grundsatz und Richtung. Doch er ist meines Bruders Sohn, mein Blut, mein nachster, mein einziger Verwandter, ich kann ihn schelten, doch ungeruhrt dies Auge weinen sehen, in dem sich einst des Vaters ganzes Herz sonnte, es weinen sehen, und kalt bedenken, die Zeit werde es ja auch trocknen, wie schon manches andere getrocknet worden, nein! das kann ich nicht, und schame mich auch nicht, es zu bekennen; ich mische meine Thranen mit den seinen. Wie wenig durfen Sie hoffen, mit so feindlicher Gesinnung die arme Emma aufrecht zu erhalten. Waren Sie nicht von jeher die Widersacherin des geliebten Mannes, Sie hatten Ihren ubereilten Eifer anders geleitet. Nur zu bereitwillig nahmen Sie den Plan der Flucht aus der Burg auf, und, lassen Sie michs sagen, gern schieden Sie das bluhende Kind von der Welt, um es nur von dem Feinde Ihrer Ruhe scheiden zu konnen. Niemals hatten Sie Emma den Gedanken ans Kloster verziehen, doch lieber begruben Sie sie, als sie in seinen Armen zu wissen. Und noch heute triumphirt Ihr blutendes Herz uber die Schmerzen, die Sie so uber Hugo verhangten.

Unversohnliche! Was ist denn zumeist in Ihnen beleidigt, das zartliche oder das allein herrschende, stolze Mutterherz? Ich verzeihe Ihnen, aber ich beuge mich nicht Ihrem Urtheil.

Sophie an den Comthur

Sie erwarten in jedem Augenblick Hugo? schreiben Sie mir! Sie denken, er werde endlich von Wehrheim zu Ihnen heruber kommen, und wollen ihn nicht verfehlen. Sie besuchen uns deshalb heute nicht, und mochten doch wissen, ob Elise ihre feste, klare Stimmung bewahrt? ob sie noch so einverstanden mit ihrem Geschick, es ruhig tragt? ob sie auch nicht korperlich leidet?

Nun, ich kann Ihnen sagen, dass wir bis jetzt nichts fur sie zu furchten haben. Ja, ich finde sie freier, mehr sie selbst, als in der ganzen letzten Zeit. Ich ausserte ihr dies vorlangst beim Fruhstuck. Sie sann einen Augenblick nach. "Ich glaube, Sie haben recht," sagte sie darauf. "Wenn der Schlag gefallen ist, so weiss man, ob man lebt, oder man weiss nichts mehr. Aber die Angst vorher macht uns kindisch, oft verachtlich. Ich furchte," setzte sie nach einer langen, stummen Pause hinzu, "Hugo's grosste Plage hebt von meiner Krankheit an. Er hat mich so schwach gesehen, und Gott weiss es, diese Schwache wollte nicht weichen. Ich hatte das Gefuhl davon, ich schamte mich vor mir selbst, vor Hugo, aber es blieb vergeblich, ich kann nicht druber weg. Und es ist doch keine Frage, dass nur in meiner Hand sein Gluck lag."

Ich konnte das nur zur Halfte zugeben. Ich fuhrte sie auf die Unfahigkeit bei Hugo zuruck, sich irgend eines ruhigen Besitzes freuen zu konnen, auf den raschen Wechsel seiner Stimmung, auf das schnelle Ermatten jedes Gefuhls in ihm.

"So ist er nun aber einmal!" unterbrach sie mich. "Ich wusste es. Er war mir uber Alles lieb, gerade in seiner Eigenthumlichkeit. Weshalb horte ich auf, diese zu ehren, da es nichts mehr galt, als aussere Rucksichten geltend zu machen?"

"Wie," fragte ich unangenehm uberrascht, "Sie bereuen den ganz naturlichen Wunsch, auf die einfachste Weise von der Welt einer ungehorigen Verbindung, sittliche Gultigkeit und gottliche Weihe geben zu durfen?"

"Ja," erwiederte sie, "das bereue ich."

Mir stieg das Blut ins Gesicht.

"Missverstehen Sie mich nicht," fuhr sie schnell fort. "Das bereue ich, uberhaupt an die Dauer dieser Verbindung gedacht zu haben, seit ich sie zerriss, indem ich ihr Dasein aussprach. Hugo's tiefste Seele war in dem Augenblick verletzt, unheilbar verletzt! und die wunde Stelle blutete, so oft er mich wieder sah. Ich war ihm eine Andere geworden, die Welt, die Zeit, die Liebe, von der er nichts, als den Vorwurf empfand, sie so platt in die breite Gewohnheit des Lebens hineingeworfen zu sehen."

"Sie raisonniren uber Hugo," lachelte ich. "Sie sind kalter, und begreifen jetzt, was Ihnen fruher die Leidenschaft verbarg."

"Leidenschaft!" seufzte sie gedankenvoll. "Ich mochte sie niemals gekannt haben. Es ist ein taumelnder, unbewusster Rausch, in dem man weder sich, noch den Gegenstand des heissen Wahnsinns besitzt. Doch das Feuer muss auch erst ungleich flackern und flammen, ehe die stille Gluth sich bildet."

Wir waren wahrend dem im Garten auf- und abgegangen, dann hatten wir unter den Kastanien gesessen und uns spater im Gesprach nach dem Rasenplatz gewendet, um den unser Spatziergang fuhrte. Die Sonne schien hell. Elise sah hinauf zu ihr. "Das ist auch Gluth!" sagte sie. "E w i g e . Sie dringt bis in den Kern der Dinge. Meinen Sie, die Hitze thate es allein? Das L i c h t ! das L i c h t !" wiederholte sie mehreremale. "Wir vergessen immer das Beste bei Allem, auch bei der Liebe."

Mit grosser Lebhaftigkeit fasste hier die bewegte Frau meine Hand. "Glauben Sie mir," sagte sie, "es ist ein falscher Schluss, wenn man die Gewalt eines Gefuhls von dessen e n g e r Z u s a m m e n z i e h u n g herleitet. Das Leben macht nicht e n g . Je weiter der Umfang, je kraftiger das Wesen. D i e Liebe, die ihren Gegenstand d e n k e n kann, ist gottlicher Art, sie erleuchtet, was sie beruhrt."

Ich empfand wohl, sie vertheidigte sich gegen den Vorwurf des Kalterwerdens. Ich liess das auf sich beruhen. Mich freute es, sie so aufgerichtet, so ganz die Alte zu sehen. Ihr Auge hatte einen besondern Glanz, es verweilte mit stillem Blick auf der entfalteten, bluhenden Natur. Sie wissen, wie sie Blumen liebt. Die Rosen sind jetzt in ihrer vollen Pracht. Unser Stiftsgarten hat deren viel und von seltener Schonheit. Elise brach einen vollen Strauss davon. "Diese Jahreszeit," lachelte sie anmuthig, wie im Wetteifer mit den Blumen, "diese Jahreszeit erinnert mich immer zumeist an das entflohene Gluck. Sehen Sie, Sophie! so streut der Himmel seinen farbigen Putz auf unsere Graber!"

Ich sah geruhrt in ihr weiches, liebes Gesicht. "Wissen Sie noch," fuhr sie fort, "wie es auch uberall so schimmerte und duftete, als ich mit der seligen Amtmannsfrau zu der Tannenhauserin ging, Sie uns nicht begleiten wollten und Er das erstemal! Ich sehe ihn noch zwischen den Buschen stehen, auf seine Flinte gelehnt, halb lachelnd, halb ernsthaft, und in sich gekehrt. Damals! Mein Gott! wie hell, wie leicht war das Leben!"

"O bitte," rief sie rasch zu mir gewendet, "haben Sie noch meine Briefe von damals?"

Ich bejahte es. "Sophie," sagte sie mit ihrer flehenden Stimme, "geben Sie mir nur auf eine Stunde diese Briefe."

Ich zogerte. "Was ist Ihnen dabei bedenklich?" fragte sie. "Halten Sie die Wehmuth, die uns der Fruhling giebt, fur so storend? Gute Sophie! schelten Sie mir die Wehmuth nicht!" Lieber Freund! sie sagte das so sonderbar, so bedeutungsvoll. Ich ging, und brachte ihr die Briefe.

Sie setzte sich damit unter die Baume an den Tisch, vor welchem wir gefruhstuckt hatten. Ich musste ihr eine Schaale mit Wasser schicken, in welche sie die vielen gepfluckten Rosen stellte. War es das dunkle Kastanienlaub, was sie so blass machte? oder das frische Roth der Blumen? genug, sie fiel mir in ihrem weissen Morgenanzuge, zwischen dichten Laubschatten hineingedruckt, ausserordentlich auf. Ich wandte mich mehrmals nach ihr um, als ich ins Haus zuruckging. Doch sie sah mich nicht. Sie war in die Briefe vertieft. Einmal, da sie unter dem Lesen in Gedanken eine der vor ihr stehenden Rosen zerpfluckte, und die Bluthen auf das Papier fielen, kamen mir ihre eigene Worte wieder in den Sinn. "Sehen Sie, Sophie!" hatte sie vor wenigen Minuten gesagt, "so streut der Himmel seinen farbigen Putz auf unsre Graber." Sie selbst sah aus, wie die bleiche Vergangenheit.

Als ich nach einer Weile wiederkam, fand ich sie, die Briefe weit von sich geschoben, beide Arme auf den Tisch gestemmt, und das Gesicht in die gefaltenen Hande gedruckt. An der Bewegung ihrer Brust sah ich, dass sie heftig weinte. Ich wollte mich entfernen. Sie hatte mich aber bemerkt. "Sophie," rief sie, "o Beste, nehmen Sie, nehmen Sie alles das wieder zuruck. Nein, man glaubt wahnsinnig zu werden, wenn man sich lachen hort, wahrend die geangstigte Seele um ein Paar lindernde Thranen fleht!" Sie wandte das Gesicht ab und trocknete die nassen Augen. Ich packte die zerstreut umher liegenden Heftchen zusammen. Sie ergriff meine Hande. "Gott," sagte sie, "was haben die Menschen aus der harmlosesten, unbefangensten Zuneigung gemacht! Wenn ich so das frohliche, heitere Leben wieder uberblicke, wenn ich mich so ohne alles Vorgefuhl von Gefahr, mit leichtem, sorglosem Schritt vorwarts gehen sehe, und Hugo's Wohlgefallen an meinem Umgang, das freie Zusammenkommen, die nachbarliche Theilnahme, Emma's spater gewonnene Freundschaft, wenn ich das wiederfinde, fuhle, und keinen Schatten der Unwahrheit, keine Selbsttauschung darin entdekke, dann emport sich doch mit einigem Recht meine Seele gegen die harte und rohe Hand der Welt, die das Missverstandene so missgestaltete! Wie hat diese Hand nicht auf uns gedruckt, was hat sie nicht Alles zerrissen!"

Ich machte sie aufmerksam auf die Arglosigkeit jeder entstehenden Neigung, und erinnerte sie, dass stets die Liebenden zu spat bemerkten, was Andere langst vor ihnen gewusst.

Sie nahm das ohne Widerspruch auf, und blieb eine Weile still. "Horen Sie," hub sie darauf an, "ich will Ihnen einmal etwas sagen. Ich glaube, Hugo hatte niemals den Einfall gehabt, eine Leidenschaft fur mich zu hegen, wenn es ihm Eifersucht und hausliche Hakeleien nicht uberredeten."

Ich sah sie uberrascht an. Sie stand in grosser Erschutterung von ihrem Platze auf. "Sie hatten recht," erinnerte sie sich spater, "ich wunschte, ich hatte die Briefe nicht gelesen! Sie thun mir wehe. Es sieht mir darin ganz nach einer ungeheuren Mistification des Geschicks aus. Und ich bin die Angefuhrte. Denn," rief sie, die Hande heftig zusammenschlagend, "ich liebe ihn, das weiss Gott! mit unsaglichem Schmerz!"

Sie war ein Paar Schritte vorwarts gegangen. Ich folgte ihr. Das Wetter war den ganzen Tag so leicht, so schon gewesen. Ich schlug ihr vor, ein wenig ausserhalb des Gartens, im angranzenden Waldbruch, spatzieren zu gehen. "Nein," erwiederte sie, "lassen Sie uns nicht jenseits dieses Bezirks den Fuss setzen. Ich bin nur hier ruhig. Ich sehe es wohl, ich darf, selbst in Gedanken, nicht das Ferne heranziehen."

Es that mir leid, sie so erschuttert zu finden. Wir gingen lange umher. Wir sprachen Allerlei. Sie war aus dem Gleichgewicht heraus. Es fasste nichts. Wir setzten uns zuletzt, mude und matt, ganz im Freien, auf die kleine Erhohung, von wo man den Strom sieht. Ich bemerkte, dass sie das Auge unsicher umherschickte, und es mit Bangigkeit senkte. "Ist Ihnen nicht wohl?" fragte ich besorgt. "Ich gestehe Ihnen," sagte sie beklommen, "die sonnenhelle Gegend, der blinkende Wasserspiegel bildet heute einen sonderbaren Contrast mit meiner Stimmung. Ich kann mich nicht damit vertragen. Mir wird nicht wohl hier. Kommen Sie, wir wollen nach Hause gehen!"

Ich war ihr gern gefallig. Unterwegs ausserte sie plotzlich, und ohne nachher weiter daran zu denken: Wenn ihr nur nicht ein neues Ungluck drohe! Ich liess das ganzlich fallen. Sie gewann auch spaterhin ihre fruhere Fassung wieder, so dass ich mich uberzeugt hatte, ohne meine Unvorsichtigkeit, sie jene Briefe lesen zu lassen, ware ihr der Morgen in stillen Betrachtungen ruhig vergangen. Wenn Ihr Neffe wirklich noch heute zu Ihnen kommt, so sagen Sie mir doch, wie Sie ihn fanden.

Ich gestehe Ihnen aber, ich zweifle, dass er die Burg wieder betritt. Man sagte mir, er verlasse die kleine Insel, rechts, unterhalb des neuen Schlosses in Wehrheim, n u r s e l t e n . Er hatte fruher einmal den Gedanken, Emma hier ein Denkmal setzen zu lassen.

Hugo an Elise

Wissen Sie noch, Liebe! wenn ich sonst zu Ihnen kam, wir neben einander sassen, keines sprach, jedes das Seine dachte, und dann ein Wort, ein launiger Einfall, ein Blitz des Geistes hervorbrach, und im Augenblick, Eins in dem Andern zu Hause war. Wie die Antwort mir fehlte, oft nur eine halbe, und doch so ganz, durch und durch verstanden. Keine Wolke an dem Himmel! Alles helle, durchsichtige Blaue! Wir dachten nicht, dass das anders werden konnte, wir hatten nichts Arges dabei. Und nun! Gott! dass man den Tag so deutlich denken kann, wenn es Nacht ist. Man ist ein grosser Narr, wenn man uber den Wechsel der aussern Gestalten im Leben klagt. Das beruht auf Naturgesetzen, deren Zweck man nach Belieben vermitteln mag; ich an meinem Theil, denke mir das Meinige dabei, und lasse es gehen.

Aber dass auch das Innere so willenlos den Tribut der Endlichkeit zollt, dass die Seele in ihrer prahlerischen Gottahnlichkeit nichts wie ein winziges Flammchen auf dem irrdischen Heerde ist, und noch eher erlischt, als dieser zerbricht! Das vollendet das Gaukelspiel, und rechtfertigt den Ekel am Leben!

Dies Leben! Wie ein ausgeleerter Becher, hohl, kalt, uberflussig liegt es zu meinen Fussen! Ich stosse es weg, da ich aufgehort, durstig zu sein. Wornach sollte ich dursten? Ich habe den Athem der Liebe getrunken. Er hat mich nicht gelabt. Was giebt es denn auch noch Kraftigeres? So matt, so matt sinkt zuletzt der Mensch in sich zusammen!

Ihr beiden lieben, armen Frauen! Wie habt auch Ihr Euch getauscht! Du wolltest mich retten, Emma? Ach! hatte sich Niemand mit meinem Geschick befasst. Das G l u c k l i c h m a c h e n ist ein arger Missverstand. Das Gluck macht sich nicht, darum ! Aber bereuet nichts, Keine von Euch bereue das Geschehene. Wir haben gelitten und gelebt. Es lebt sich im Leide und in der Freude, wenn das Herz dabei fuhlt und der Geist denkt. Doch, wenn auch das aufhort, wenn die Gluth k a l t und der Brand K o h l e ist ! Sagt doch, Ihr beiden schonen, ruhrenden Wesen, was finge ich auch an, wenn ich noch lieben konnte? E u c h l i e b e n musste! Es ist Barmherzigkeit, dass Alles vergeht! Selbst der Verstand. Wie eine Scheibe dreht er sich. Das Weiss und Schwarz kreist in immer schnelleren, immer engeren Ringen um sich herum, zuletzt ist es Eins. Alles lauft auf Eins hinaus.

Liebe Elise! lassen Sie Georg Monch werden. Er glaubt dann wenigstens zu wissen, wofur er lebt. Und das ist sehr viel, so lange es wahrt.

Ich habe mancherlei getraumt. Sehen Sie, mir thut es das fruhe Aufwachen. Es ist Einem so nuchtern, so kalt, wenn man v o r der Zeit von den Traumen lassen muss. Der Faden bleibt abgerissen. Die Phantasie eines Wachen ist eine arme Stumperin, glauben Sie mir das.

Mein letzter glucklicher Augenblick war, als ich bewusstlos zu Emma's Fussen sturzte. Gott! welch eine Welt war da in meiner Brust. Ich hatte sie so gern, so gern noch einmal wieder gesehen. Allein, sie will es nicht. Was in d e r Seele fur Krafte liegen! Wie viel wird sie leiden mussen, ehe das Alles stumpf wird! S i e sind schon matter, Elise!

Sie bricht wohl ein tuchtiger Sturm uber kurz oder lang.

Ade! Ade! sagen unsre alte Romanzen, wenn der Dichter nichts mehr zu sagen weiss, und das Ende nicht finden kann.

Wenn er das Ende nicht finden kann!

Ade! Ade! Warum wird mir dabei so traurig, so weich, so zum Weinen voll ums Herz? Was hat der tandelnde Singsang fur Gewalt uber mich.

Bin ich vielleicht blodsinnig geworden? geht der Geist leise aus? und lallt das sterbende Gefuhl kindische Tone?

O dann! Ade! Ade!

Sophie an den Comthur

Kaum war mein Brief von heute Morgen an Sie, lieber Freund! abgeschickt, so fuhr Birkner, mit der leeren Jagdkalesche des Grafen, in den Hof.

Er glaubte, seinen Herrn hier zu finden, der ihn schon seit sieben Uhr Morgens nach dem Walde bestellt hatte, worin er Willens gewesen war, zu jagen.

"Vielleicht," sagte ich, "hat er sich anders besonnen, und daruber vergessen, dass Sie ihn erwarten."

Jener, an dergleichen gewohnt, lachte, die Achseln leicht zuckend. Meine Grunde mochten ihm einleuchten. Er empfahl sich, und war schon im Begriff, zuruck nach Wehrheim zu fahren, als es ihm einfiel, es konne sich doch wohl anders verhalten. Der Graf habe doch wohl wirklich die Absicht gehabt, auf die Jagd zu gehen. Er sei in aller Fruhe bei der Tannenhauserin gewesen, welcher er einen Brief zu baldiger Besorgung hierher, an die Frau Prasidentin, eingehandigt habe. Da sich nun keine fruhere Gelegenheit hierzu dargeboten, so schicke jene das Schreiben durch ihn.

Ich liess mir es geben, ersuchte Birkner, ein wenig zu verziehen, und eilte damit zu Elisen. Sie erschrack bei meinem Eintritt. "Ist etwas vorgefallen?" rief sie mir hastig entgegen. Ich bat sie, ruhig zu sein, und sich des Freundes Gruss zu freuen. Sie nahm den Brief furchtsam aus meiner Hand. Ihn von allen Seiten gedankenlos betrachtend, seufzte sie, das Auge zu mir gewandt, ohne ihn zu erbrechen.

"Ich gehe," sagte ich, "lesen Sie, wenn Sie sich gesammelt haben."

Als ich das Zimmer verliess, eilte sie hinter mir drein, und verriegelte die Thur.

Ich wollte Birkner Anfangs nicht eher fortlassen, bis ich erfahren, ob Elise keine Bestellung fur ihn habe. Es wahrte ihm indess zu lange. Er war ungewiss uber seines Herrn Ruckkehr. Mir schien er sogar angstlich. Ich musste endlich nachgeben und ihn ohne Antwort fahren lassen.

Es blieb alles still bei Elise. Ich wollte sie nicht storen, und doch trieben mich Theilnahme und Besorgniss immer wieder zu ihrer Thur. Ich klopfte verschiedentlich ganz leise an. Sie mochte es nicht beachten. Sie offnete nicht.

Endlich rufe ich sie bei Namen. "Ja!" erwiederte sie, wie aus dem Schlafe erwachend. "Was giebt es?"

Ich bat sie, mir aufzumachen. "Ja so!" horte ich sie sagen. Sie kommt, sie zieht den Riegel weg, ich trete ein, aber ich glaubte vor Schrecken in die Kniee zu sinken, als ich die todtenbleichen, verzerrten Zuge der armen Elise erblickte.

Sprachlos starrte ich sie an. "Er hat Abschied genommen," lachelte sie. "Er ist fort! Gott weiss, wohin?" setzte sie langsam hinzu, und mir den Brief hinhaltend, sagte sie, "da lesen Sie einmal."

Ich durchflog die Zeilen, ich blickte in ein Gewebe verworrener Verzweiflung, in den wusten Kampf widersprechender Gefuhle, mir schwindelte, mir bebte es in der Seele, doch konnte ich nichts von einem entscheidenden Entschluss, keine Hinweisung auf Abreise und Entfernung herauslesen. Ich sagte das Elisen. Sie bestritt es nicht, sie ausserte keine Meinung. Allein in sich schien sie nicht im mindesten zu zweifeln. Wie ich sie auch zu beruhigen strebte, sie sah mit gebeugtem Haupte und halb geschlossenen Augen vor sich hin, und ein still verzweifelndes "Hm!" war alles, was sie hervorbrachte.

Wir sassen lange so, als Johanna eintrat, sich ein Geschaft im Zimmer machte, und, indem sie sich vor dem Tischchen, auf dem jetzt die am heutigen Morgen gepfluckten Rosen standen, buckte, um die herabgefallenen Blatter aufzuheben, flusterte sie mir zu: "Birkner ist wieder da. Kommen Sie doch einen Augenblick heraus."

Ich winkte ihr, zu schweigen. Und genau beobachtend, ob Elise auch nichts gehort habe, sagte ich dieser, ich gehe, nach Wehrheim zu schicken, um ihr spater sagen zu konnen, ob Hugo wirklich abwesend sei. Sie nickte mir zu, und folgte mir angstlich mit den Augen.

Ich fand den treuen Menschen, das schaumende Pferd, auf welchem er hierher zuruckgesprengt war, am Zugel vor dem Hause hin- und herfuhrend. Er war sehr erhitzt. Seine Miene, als er mich erblickte, weissagte nichts Gutes.

"Nun!" fragte ich kleinlaut. Er zuckte die Achseln, und machte mit der Hand eine abwehrende, verzweifelnde Bewegung. "Nirgend zu finden!" flusterte er mir zu. "Niemand hat ihn gesehen. Im Gebusch auf der Insel liegen Hut und Rock, und die Brieftasche mit Banknoten."

"Das bedeutet nichts," entgegnete ich schnell. "Gar nichts! Sie wissen, der Graf badet oft um diese Zeit, und bringt dann Stundenlang im Wasser zu. Reiten Sie nur," bat ich, "gleich wieder zuruck, setzen Sie sich in einen Kahn, und fahren Sie zu den Fischern hinuber, die werden ihn gewiss irgendwo getroffen haben."

Birkner schuttelte unglaubig den Kopf. Ich liess ihn nicht zu Wort kommen, ich trieb ihn fort, ich empfahl ihm moglichste Behutsamkeit, und vornehmlich Stille und scheinbaren Gleichmuth. Ich wollte nicht wissen, was er denke, denn ich weiss, dass ich nichts Schlimmes g l a u b e n kann. Deshalb theile ich Ihnen auch die Vorgange dieses Tages so umstandlich mit. Sie sollen nicht unnutz erschreckt, zu keinen voreiligen Massregeln verleitet werden.

Ich vertraue Ihrer Fassung, Ihrer Klugheit vollig. Ich glaube, wir konnen nicht vorsichtig genug zu Werke gehen. Aus dem Grunde enthalten Sie sich wohl am besten aller unmittelbaren Nachforschungen. Es darf von hier der Schein nicht ausgehen, als sei das Entsetzlichste denkbar.

Vielleicht sind Sie auch jetzt, da ich Ihnen schreibe, vollkommen ruhig uber Hugo; er ist bei Ihnen, wie er es gewollt. Die umherliegenden Kleidungsstukke sagen im Grunde gar nichts. Er ist ja so zerstreut! Wie leicht, dass er vom Baden zuruckgekehrt, jene vergessend, im Schlosse andere anlegte, und spater zu Ihnen ging. Sind doch ausser Birkner nur noch ein Paar Stallleute bei ihm in Wehrheim, und was werden die sonderlich auf ihn Acht gegeben haben.

Elise fragte mich schon, ob ich noch keine Nachricht vom Grafen habe? Ich theilte ihr meine Vermuthung mit, dass er bei Ihnen sei, oder Sie ihn wenigstens gewiss erwartet hatten.

"Erwartet?" seufzte sie.

Ich mochte mich weiter nicht auf ein langes Gesprach einlassen. Sie mied es auch. Wenn nur Johanna nicht schon etwas horte! Oder doch aus des Kammerdieners schnellem Wiederkommen Verdacht schopfte. Ich muss Elise genau bewachen, denn, e i n vorschnelles Wort !

Herr Gott! was es fur Augenblicke im Leben giebt.

Schlafen werden Sie diese Nacht nicht; der Wunsch einer guten Nacht ist daher leer und bedeutungslos.

Lassen Sie uns nur den Muth nicht verlieren. Ich wette noch, es ist Alles besser, wie wir glauben.

Antwort

Wie konnte ich ruhig sein, was soll verborgen bleiben? Hugo wird vermisst. Die Anzeichen sind beunruhigend. Eine einzige geausserte Besorgniss reicht hin, Jedem das Schreckliche gewiss zu machen. Birkner war eben bei mir. Seine Nachfragen blieben vergeblich. Die Fischer wussten keine Auskunft zu geben. Ich fuhr noch spat in der Nacht hinuber nach Wehrheim. In der Mittagsstunde ist Hugo dort gewesen. Er trug den hellgrauen Oberrock, der am Ufer gefunden ward, und hatte, wider seine Gewohnheit, diesen und die Weste weit aufgerissen, als leide er an Hitze. Den Hut hielt er in der Hand. Seine Laune war heiter. Er scherzte mit des armen Zimmermanns Frau und Kinder, die er, gleich nach seiner Ankunft auf der Burg, aus dem Wasser zog, und die Familie dann hinuber nach der Stadt zu dem todtkranken Vater fuhr. Die Leute fanden nachher bei dem Schlossbau ihr Brod, sie sind dem Grafen mit Leib und Seele ergeben, vorzuglich die Kleinen, die immer dreist mit ihm thaten, und sich gern von ihm necken liessen. Heute nahm er das Kleinste auf den Arm, und sah ihm lange und tief in die grossen, klaren Augen. "So kristallhell wie das Wasser dort," sagte er, nach dem Fluss zeigend, indem er der Mutter das Kind zuruckgab. Dieses konnte nicht sogleich von ihm los. Es hatte die Fingerchen in ein blaues Band verwickelt, das um Hugo's Hals geschlungen war, und, in der Unordnung seines Anzugs, hervorsah. Er riss das Band entzwei, da das Kind weinte, und steckte die Enden unter das Hemd, indem er vor sich niedersah und errothete. Die Frau hat das bemerkt, es fiel ihr auf. Er nahm darauf den Hut, den er aus der Hand gelegt hatte, vom Boden, setzte ihn auf, und soll so eine Weile unschlussig vor den Leuten gestanden haben, als besinne er sich auf etwas. Dann wandte er sich aber kurz von ihnen ab, und ging eine Strecke rechts hinunter, nach dem Walde zuruck, aus dem er gekommen war. Doch kehrte er bald darauf um, rief der Frau zu, sie moge so gut sein, und drinnen im Schlosse sagen, er komme zum Essen nicht wieder, er speise druben auf der Burg.

Diesen Vorsatz muss er auch gehabt haben, denn er bestellte einen Geschaftsmann, der ihn am Morgen vergeblich erwartete, heruber zu mir.

Nachher sah man ihn noch eine ganze Zeit auf der Insel hin- und hergehen. Spater achtete Niemand auf ihn.

Das ist Alles, was ich erfuhr. In seinem Zimmer standen und lagen die Sachen frei da, wie das stets seine Art ist. Briefe verbrennt er, oder verbirgt sie in einem geheimen Fache seines Schreibtisches. Ich mochte an Nichts ruhren, was nicht offen fur Jedermann geblieben. Hieraus war nichts zu ersehen. Ich habe lange mit mir gerungen, was ich glauben durfe. Soll ich wahr sein, so steigt die Vermuthung in mir auf, Hugo wolle uns durch den Schein irre fuhren. Er w i l l fur uns todt sein, indess er fur immer aus dieser Gegend, vielleicht aus diesem Theile der Welt verschwindet.

O! lassen Sie mich hieran festhalten. Ich bin nicht im Stande, das Andere, das Grauenerregende, das Unselige zu denken!

Sophie an den Comthur

Sie haben Recht, das ist ein Gedanke, den Ihr Neffe hatte haben konnen. Nur weiss ich nicht, weshalb er sein Vorhaben hinter eine so schauerliche List verstecken sollte, da er ohne alle Umstande weggehen konnte, und nur nicht wiederzukommen brauchte. Was wurde ihn daran gehindert haben? Er war schon einmal fort! Wir wussten nicht, wohin. Niemand rief ihn zuruck, Niemand erinnerte ihn an verletzte Pflichten, Keiner wollte ihm Fesseln anlegen. Er allein brachte sein unstates Selbst zu uns zuruck. Furchtete er nicht vielleicht sich mehr als Andere? Das sind Vermuthungen, Schlusse ins Blaue hinein. Ich bin unfahig, irgend etwas Bestimmtes ins Auge zu fassen. Ich sehe nichts deutlich. Die Angst vor Elisens Erwachen, vor ihren Fragen, ihren Blicken, benimmt mir alle Fassung Mochte uns doch dieser Tag irgend eine Beruhigung geben!

Antwort

Was Sie auch sagen mogen. Alles bestarkt mich in meinen Vermuthungen. Trotz dem muhseligsten Suchen, keine Spur von ihm! Verschwunden! vollig verschwunden! sage ich Ihnen. Keine Bucht, keine Stelle von beiden Ufern blieb undurchforscht. Mehr als zwanzig Kahne fuhren den Strom hinauf, die ruhige Fluth liess oft bis in den Grund hinunter sehen. Nichts, gar nichts war zu entdecken!

Er w o l l t e sich uns entziehen. Niemand auf Erden sollte ferner Anspruche an ihn haben, das war es, glauben Sie mir!

Madame Lindhof an Sophie

Im Begriff, diese Gegend auf immer zu verlassen, da mein Sohn eine Anstellung in der Residenz erhielt, bleibt mir noch eine traurige Pflicht zu erfullen; recht, als solle ich hier enden, wie ich anfing, namlich Gluck und Hoffnung zu Grabe tragen zu helfen.

Den Tag, da meine Schwiegertochter beerdigt ward, traf ich in diesem Hause ein, und ist es auch keine Leichenfeier, zu der ich gegenwartig verpflichtet bin, so ist es doch wohl nicht viel besser.

Ach! gnadiges Fraulein, die wahrscheinliche Bestatigung von dem, was wir furchten, senkt die Seele in tiefe Trauer. Wie schwer wird es mir, solche uber Sie zu verhangen. Doch darf ich kaum mit dem zuruckhalten, was ich ohnlangst erfuhr.

Sehen Ihr Gnaden, um Alles im Zusammenhange zu berichten, der Umzug einer Familie, der Transport des vielfachen Gerathes, macht grosse Sorge und Unruhe. Es mir zu erleichtern, miethete ich einen Raum im Marktschiffe, und liess diesen mit mancherlei unserer Sachen beladen.

Das Fahrzeug legt gewohnlich bei Wehrheim an. Die gewandte Frau des Zimmermanns dort, die arbeitsam ist, und sich gern etwas verdient, war mir in den Tagen des Packens zur Hand gegangen, und besorgte auch jetzt das Laden und die Zusammenstellung der Ballen auf dem Schiffe. Passagiere und Fahrmann waren ins Dorf gegangen. Die Frau blieb mit ihren Kindern im Schiffe. Diese unterhielten sich nach Kinderart, und wahrend die Mutter das Wehr, von dem sie keine zwanzig Schritte entfernt sind, gedankenvoll betrachtet, es sich zuruckruft, wie sie mit demselben Schiffe hier umschlug, und der kuhne Graf sie rettete, sagte das alteste Tochterchen: "Ach! wie viel, wie viel schone Vergissmeinnicht!" Und tritt auf den Steg, der an das Ufer fuhrt, die Blumen zu pflucken. Die andern Kinder folgen. "Es ist ganz blau da," sagen sie. Die Mutter geht ihnen nach. Sie sieht mit Vergnugen ihrer Arbeit zu. "Ein Band! ein blauseidenes Band hangt da an den Vergissmeinnicht," ruft das Madchen. Sie hat es schon, sie zeigt es der Mutter. Eine hellbraune Haarlocke, leicht mit einem Fadchen umwunden, hangt daran. "Gott im Himmel!" seufzt die erschrockene Frau, "das ist des Grafen Band, er trug es noch den letzten Tag um den Hals."

Gnadiges Fraulein! was soll ich weiter hinzusetzen! Sie denken wohl wie Jene, die mir den Vorgang erzahlte, und wie ich leider auch furchten muss.

Hier also! Bei der schnellen Stromung. Er k a n n t e d i e S t e l l e w o h l . Was diese fasst, reisst sie pfeilschnell mit sich fort. Leider sagt das Band, dass der Graf hier war, und dass er von hier nicht wieder zuruck ging.

Furchtete ich nicht beschwerlich zu fallen, so wurde ich es mir nicht nehmen lassen, Ihnen das schmerzliche Andenken selbst zu uberbringen; so habe ich es dem Kammerdiener Birkner zugestellt, um es Ihnen, wenn Sie es zu besitzen befehlen, einzuhandigen.

Ich scheide in Thranen, wie ich kam; wie Vieles habe ich hier untergehen sehen!

Des Herrn Prasidenten Besitzung ist nun auch verkauft. Alles ist anders geworden! Nur meine Gesinnungen fur Sie, verehrtes Fraulein! und die theuren Personen, die Sie, wie ich, lieben, verandern sich nie.

Sophie an Madame Lindhof

Gute, treffliche Frau! wie sanft haben Sie uns bisher auf rauher Bahn begleitet, die wir zu gehen hatten. Ich drucke Ihre Hand, und sage Ihnen mit Wehmuth Lebewohl!

Alles scheidet von hier! Wie ode wird das Alter! Doch, es ist nicht an mir, zu klagen. Das verblichne Band, Liebe! ist schon in meinem Besitz; Birkner brachte es mir, ganz so wie es gefunden ward, in die Blumen verwickelt, um die es die Wellen geschlungen hatten.

Wie es dahin kam ? Lassen wir es auf sich beruhen. Es liegt ein Dunkel darauf, was wir auch sagen mogen!

Von Elisen wusste ich Ihnen bis jetzt nichts zu schreiben. Sie blieb wahrend zwei Tagen in ihrem Zimmer eingeschlossen, ohne Nahrung zu nehmen, noch Kleider zu wechseln. Ich hatte ihr von dem, was nur aus Vermuthungen zu entnehmen war, nichts mitgetheilt. Doch muss ich furchten, Johanna ist nicht so behutsam gewesen. Ich befragte sie deshalb, brachte aber nur Unzusammenhangendes heraus. Mein Bemuhen, zu Elisen zu dringen, blieb ebenfalls vergeblich. Ich gerieth in immer grossere Besorgniss. Stunden reihten sich an Stunden; so durfte es nicht langer fortgehen, das Leben der Unglucklichen schien mir gefahrdet, und doch scheute ich, sie durch einen Gewaltschritt zu verletzen.

In dieser Nacht nun, zog hier, und wohl auch bei Ihnen, ein starkes Gewitter herauf. Der Sturm, welcher es begleitete, heulte zwischen dem Donner hindurch, und schien dessen prasselndes Knattern mit wildem Geheul zu unterbrechen.

Die freie Seite nach dem Wasser zu, war seinem angstigenden Andringen besonders ausgesetzt. Die Laden vor dem Fenster zitterten, als ruttle sie eine starke Hand. Ich liess deshalb die meines Schlafzimmers offnen, wodurch die volle Gluth der Blitze blendend herein fiel.

Ich besitze gerade soviel von weiblicher Zaghaftigkeit, um Naturerschutterungen der Art nicht ohne inneres Bangen sehen zu konnen. Vielleicht strenge ich mich aber deshalb jedesmal um so mehr an, den Zug der Wolken zu beobachten, den Grad der Gefahr darnach abmessend. Vom Fenster kann ich nicht lange wegbleiben. Ich trete immer wieder hinzu, wenn mich auch das starke Wetterleuchten zuruckschreckt. So stand ich denn auch, mit dem Rucken gegen die Thur, das Auge auf einen weisslichen Streif gerichtet, von dem ich im Augenblick nicht wusste, ob es der Saum des heller werdenden Horizonts, oder der unruhig gepeitschte Fluss war, der hoher als sonst zwischen den Gartenhecken durchschimmerte? "Hier kann ich es nicht langer aushalten!" sagte Jemand hinter mir. Ich wandte mich schnell um. Elise, ein Licht in der Hand, mehr einem Schatten, als sich selbst ahnlich, schwankte nach meinem Bette. Sie setzte sich auf dessen Rand, und das Licht noch immer vor sich haltend, als konne sie es nicht hell genug um sich haben, sagte sie, mit sehr matter Stimme: "Wie die Wellen brausen! Wie das Wasser rauscht!"

"Es ist der Regen," erwiederte ich, indem ich das Fenster ein wenig offnete, um sie diesen deutlicher horen zu lassen.

"O Gott bewahre!" rief sie empfindlich. "Ich kann das wohl unterscheiden." Sie horchte jetzt gespannt. In ihrer Stimme lag etwas Verwildertes und Scheues, was mir todtlichen Schreck einjagte. Unglucklicherweise trieb der Sturm die herabfallenden Gusse immer dichter zusammen, so dass die starke Wassermasse in ihrer heftigen Bewegung wirklich den schaumenden Wogen der Fluth ahnlich ward.

Elise war wieder aufgestanden. Sie hatte das Licht auf den Boden gestellt, und ging, die Hande ringend, stumm, mit allen Zeichen unaussprechlicher Angst, im Zimmer auf und ab.

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte? wie ihr beizukommen sei? die Pein dieses Augenblicks war schrecklich.

"O, wie die Wellen brausen! wie die Wellen brausen!" wimmerte sie jetzt, "liege still, liege still, armes Herz!" flusterte sie darauf ganz leise.

Ich zitterte an allen Gliedern. "Beste," sagte ich, zu ihr herantretend, "denken Sie an Gott! beten Sie, f u r i h n ! f u r i h n ! Horen Sie wohl?"

Sie sah mich erst starr an. Ich nahm ihre kalten Hande in die meinigen. Das Ungewisse ihrer Gedanken zuckte hin und wieder auf dem schonen, entstellten Gesicht. "O Sophie!" brach sie jetzt schluchzend aus, und sturzte mir an die Brust. "Ist es denn wahr? Ist es nun ganz gewiss? Liegt er da unten?"

"Nichts ist gewiss," entgegnete ich schnell, "Vermuthungen! voreilige Vermuthungen! sonst in der Welt keine nahere Bestatigung. Beste Elise, warum fragten Sie denn nicht mich!" setzte ich in der Hoffnung hinzu, sie beruhigen zu konnen. Aber sie sah und horte nicht. Es war als habe ihre erstarrte Seele nur die Stimme liebender Theilnahme erwartet, um sich in Thranen aufzulosen.

Das Gewitter tobte fort. Die Nacht ging so in entsetzlicher Bangigkeit hin. "Ich habe es wohl, wie im Vorubergehen, zuweilen gedacht," sagte sie, nachdem sie stiller geworden, und in dumpfem Ermatten eine Weile vor sich hinstarrte. "Ich habe es gedacht und auch nicht, denn zu fassen ist so etwas nicht."

"Nein," unterbrach ich sie. Und darum haben wir auch kein Recht, es zu glauben." Sie schien achtsam auf meine Worte.

"Weshalb," fuhr ich fort, "sollen aussere Zufalligkeiten hier allein eine Stimme haben? Durfen wir ihnen die innere Ueberzeugung nicht entgegen stellen?"

Elise seufzte. "Also ist nichts erwiesen?" fragte sie. Ich versicherte es ihr. "Was wissen Sie denn?" hub sie nach einer Pause leise und schuchtern an. Ich theilte ihr jetzt Alles mit, uberzeugt, dass ihr die volle Wahrheit nothig sei, um mit sich und dem, was sie glauben d u r f e oder m u s s e , einig zu werden.

Sie verlangte das Band zu sehen. Ich brachte es ihr. Sie starrte es lange an. "Er hat es zerrissen!" lachelte sie, dann steckte sie es in den Busen. Ich fand sie in diesen Augenblicken mehr dumpf als gefasst. Sehr ermattet schlief sie auf meinem Bett ein Paar Stunden, trotz des anhaltenden Gewitters. Als sie am Morgen erwachte, es wieder still in der Natur und diese beruhigt war, setzte ich mich zu ihr. Wir sprachen lange mit einander. Ihre Kenntniss von Hugo's Charakter lasst sie weniger ungewiss uber den letzten, zweifelhaften Schritt, als uns; die erste grosse Erschutterung abgerechnet, glaube ich, weiss sie ihn lieber in dem kuhlen Bett, als unstat auf der Erde.

Bei allem dem erklarte sie, hier nicht bleiben zu konnen. Ich begriff das ohne Weiteres. Wir wollten gleichwohl beide jetzt noch nicht an eine neue Trennung denken. Wir fuhlten die Nothwendigkeit, uns gegenseitig schonen zu mussen, und schwiegen. Es entstand eine lange Pause. "Arme Emma!" seufzte jetzt Elise. "Nun hat ihn Keine, oder es haben ihn Beide!"

"Ist sie noch in ihrem Waldkloster?" fragte sie darauf. Ich bejahte dies.

Sie versank wieder in tiefes Sinnen. Ich liess sie so, und ging, Ihnen, beste Madame Lindhof! alles das zu schreiben, einen Theil von Elisens Dankbarkeit gegen Sie mit ubernehmend, indem ich diese gleichsam zu Ihnen sprechen und Sie in das Innere des beklagenswerthesten Herzens blicken lasse.

Sie werden uns nicht vergessen, wenn auch fur lange alle Beziehungen zwischen uns zerrissen sein sollten.

Tavanelli an Leontin

Ich habe sie gesehen, gesprochen. Ich war bei ihr. Ueber eine Stunde durfte ich ihr zur Seite sitzen. Sie sah, wenn ich das Auge senkte und nichts wahrzunehmen schien, fragend zu mir auf. Ich empfand das Streifen ihres forschenden Blicks. Es war weder Misstrauen, Unwillen noch Kalte darin. Gutig verweilten ihre Gedanken bei mir. N i c h t m i c h , die Zeit, da ich auch neben ihr sass, die hingewelkte, versunkene Zeit betrachtete sie in mir. Selbst die peinvolle Vergangenheit ruhrt uns unbeschreiblich. Ist doch die Pein voruber, und der dunkle Hintergrund zeigt zuruck auf Gefuhle, die jetzt etwas Geheimnissvolles haben.

"Sind Sie nunmehr mit sich einig?" fragte sie mich. Ich versicherte es ihr. "Und Ihr Glaube war es, der sie rettete?" fuhr sie, ernster werdend, fort.

"Was ist auch der Mensch ohne Glauben?" entgegnete ich. Sie errothete. "Wie kam es denn," fiel sie schnell ein, "dass sich der Ihrige nicht besser bewahrte?"

"Mich irrten Zweifel," bekannte ich mit gesenktem Blick.

"Und darum," sagte sie, klug und scharf in sich hineinsehend, "erzwangen Sie die rauhe, sprode Stimmung, den wilden Sinn, die harte Abgeschlossenheit, und zerrissen Ihre gute Seele, die den Himmel so nicht finden konnte!"

Ich wollte etwas erwiedern. "Lassen wir das jetzt," bat sie. Sie legte die Hand an die Stirn. "Ich begreife das Z u v i e l und das Z u w e n i g , und wie Eins das Andere erzeugt. Aber ich kann es nicht ausdrucken," klagte sie. "Ein andermal! Ein andermal!" Ich stand auf. "Kommen Sie bald wieder," bat sie, "und bringen Sie Leontin mit. Ich habe eine grosse Sehnsucht nach ihm."

Ich ging, und schrieb Ihnen das.

Fragen Sie nun, wie es geschah, dass ich vorgelassen ward? wie ich es wagte, ihr zu nahen? Mein bester Herr Baron! Sie wissen, dass ich immer noch zogerte, das Kloster zu verlassen, dass ich mich nicht entschliessen konnte, den vielfachen Aufforderungen des Herrn Prasidenten, in Betreff des Amts, welches er mir zudachte, Folge zu leisten. Sie wissen auch warum? Ich gestehe es Ihnen, ich habe die verehrte Frau nie aus den Augen verloren. In ihrer Krankheit gelang es mir, einmal Zutritt in dem Amthause zu erhalten. Ich glaubte sie sterbend, ich war entschlossen, sie in den letzten Augenblicken nicht zu verlassen. Die Angst um ihre Seele liess mich jede anderweitige Rucksicht hintansetzen. Ich entdeckte mich der gutigen Madame Lindhof, ich erklarte ihr meinen festen Willen. Sie horte mich gelassen an, beruhigte mich fur den Augenblick, und versprach, bei wachsender Gefahr mir in Zeiten Nachricht zu geben.

Ich kehrte jeden Tag nach dem Amte zuruck. Mein Gebet trug stundlich die theure Seele der Bewusstlosen zu dem Throne des Hochsten, ich flehte um ihre Rettung. Sie genass. Vermuthlich erfuhr sie spaterhin, was wahrend dem vorging. Diesen Morgen liess sie mir sagen, zu ihr zu kommen. Ich glaubte, es nicht recht zu verstehen. Ich folgte indess augenblicklich ihrem Befehl. Sie will etwas. Dies ist mir nicht zweifelhaft. Ihr Gemuth ist in Unruhe. Sie mochte, was sie nicht kann, sie greift umher, sie denkt an mich. Als ich indess nun kam, und sie mich sah, ward sie ungewiss. Sie vermochte es nicht, Vertrauen zu mir zu gewinnen. Ein paarmal hub sie verlegen an: "Sie meinen es gewiss gut. Sie meinten es immer gut." Sie hielt dann inne. Weiter kam sie nicht. Ich meinerseits wagte kaum anders, als leidend hierbei zu bleiben. Es ist so schwer, weise zu sein, wenn es einem treibt, sich hulfreich und thathig zu zeigen. Ich empfand auch, dass sie nur in der Angst des Augenblicks auf mich verfiel. Und dann es ist etwas in der Art, in dem Blick, dem Ton der Dame, was mich lahmt. Furchten Sie nicht, es konne mich dies aufs Neue unsicher machen. Im Gegentheil, es zwingt mich, z u d e n k e n . Aber ich brauche Zeit, dem Moment habe ich nicht sogleich Besonnenheit entgegenzusetzen. Deshalb saumen Sie, verehrter Herr Baron! doch nicht, sie aufzusuchen.

Ach, wenn wir diesem schonen Herzen Frieden erflehen konnten!

Antwort

Unternehmen Sie nichts! Thun Sie so wenig als moglich von dem Ihrigen hinzu. Eifer ist selten ohne Hitze, und es giebt Menschen, welche sich kuhl halten mussen. Unter hundertmal, gilt es neun und neunzigmal zu schweigen, um einmal zu rechter Zeit zu reden. D e n Augenblick haben wir zu erwarten. Unsere Weisheit ist: h o r e n zu konnen. Um die Antwort, wenn es Noth thut, brauchen wir dann nicht verlegen zu sein. Streiten wir nicht allzuviel uber die Wege? Wir wissen von keinem mit Sicherheit, ob er der k u r z t e sei?

Ich selbst kann jetzt nicht kommen. Aber ich werde einen andern fur mich an Elise schicken, der ihr meine Auftrage bringt. Er wird auch Sie besuchen.

Mein Vater begleitet mich auf einer Reise. Wir haben ein Geschaft zu beenden. Treten Sie ja zuruck, wenn Sie fuhlen, zu rasch zu handeln.

Curd an seine Mutter

Ich konnte mich in Stucke zerreissen und meine Uebereilung durch alle ersinnliche Plagen abbussen, dachte ich nicht, dass es so hatte sein sollen. Dieser Rest von Glauben, den ich Ihnen, gute Mutter, verdanke, rettet mich jetzt vor Verzweiflung. Denn sonst, sagen Sie selbst, ware ohne mich, ohne meinen Hass gegen Hugo, jemals die Entdeckung des unglucklichen Geheimnisses ans Licht gekommen? Presste die Angst fur sein Leben der armen Frau nicht den Schrei aus? Und folgt das Uebrige nicht, wie ein Uebel dem andern?

Ich mag gar nicht an Elise denken, nicht nach ihr fragen!

Sie erkundigen sich noch, ob es denn auch ganz gewiss sei? Nun, beim Himmel! wenn es das nicht ware, gabe es denn noch einen erbarmlichern Menschen auf der weiten Gotteswelt, als einen, der nicht sterben kann, und fur Niemand, als sich selbst leben mag?

Nein, wie fremd mir auch immer der kalte Philosoph blieb, so bin ich ihm doch nie so gram gewesen, um solch' arges Misstrauen in ihn zu setzen.

Todt ist er! darauf schwore ich.

Man ersinnt jetzt allerlei, dem Dinge einen Mantel umzuhangen. Er soll beim Schwimmen durch einen Krampf unfahig geworden sein, dem raschen Strudel beim Wehr zu widerstehen. Wissen kann das Niemand, und ist es der Familie ein Trost, es zu glauben, so lasse man sie dabei. Ich denke aber, wie er einmal war, hatte er hier nichts mehr zu thun. Das wusste kein Mensch besser als er selbst. Solch' verdorbenes Genie, Gott verzeihe mir's, dass ich das von einem Todten sage, aber wahr ist es, solch' verdorbenes Genie ist nicht im Himmel, nicht auf der Erde zu Hause, und doch, hatte ihn nur das Wiedersehen der Frau, der erste Schreck bei ihrem Anblick, und dann, dass sie Nonne geworden ist, nicht so ausser aller Fassung gebracht, er ware am Ende von meiner oder einer andern Kugel im Zweikampf oder auf dem Schlachtfelde, wie ein Mann gefallen, der sich vor nichts, auch vor dem Leben nicht furchtet.

Das aber machte ihn confus. Der Fall lag ausser seiner Berechnung, das Geschick hatte ihn uberlistet. Er wusste nicht mehr aus noch ein. Ich wette meinen Kopf gegen die schlechteste Kupfermunze, ware Emma frei gewesen, hatte er sie ohne Schwierigkeit mit sich zuruck nach der Burg fuhren konnen, er wurde das Spiel hochst abgeschmackt und die ganze Geschichte eine tragische Farce genannt haben, die ihm noch dazu die Freiheit liess, von da seinen Weg allein zu gehen. So aber! dass er m u ss t e , was er eigentlich nicht w o l l t e , das machte ihm das Dasein verhasst. Er suchte einen andern, einen ungewissen Ausweg.

Wohin er nur gekommen sein mag? Ich frage mich das hundertmal, und dann regt sich mir's im Gewissen. D u h a s t i h n d a h i n g e b r a c h t ! Elise wird das auch glauben. Es thut einem doch wehe, verkannt zu sein. Ich weiss das wohl von sonst her. Es argerte mich immer. Jetzt nun, es wird sich auch geben. Es ist das grosste Gluck auf Erden, dass sich Alles vergisst, Alles verschmerzt. Was wurde auch sonst aus der Welt?

Schreiben Sie mir ja gleich, liebe Mutter! wenn Elise etwas von sich horen lasst. Ich habe keinen Begriff davon, wohin sie sich wenden, was sie nun mit sich selbst anfangen wird. Die verwunschten Romanenstreiche!

Antwort

Wie kann es Dir nur einfallen, lieber Sohn! dass Du an all' dem verruchten Wirrwarr schuld bist?

Du gerechter Gott! Mir schwindelt es im Kopfe, wenn ich denke, dass Menschen auf dergleichen Abwege gerathen!

Ich habe in meinem Leben immer eine grosse Furcht vor Narren gehabt, und bin gerannt, was ich nur konnte, wenn ich Einem auf tausend Schritt nahe kam. Aber jetzt, ich sollte es wohl nicht sagen, denn es klingt vermessen, doch mir kommt es so vor, als ware die ganze Welt wie ein Irrenhaus zu betrachten. Was hort man nicht fur Dinge! was erlebt man nicht! Und wie die Leute unsern Herr Gott immer im Munde fuhren, von Opfer und Entsagung, und weiss der Himmel Alles raisonniren, und nun lauft eine christlich getraute Ehefrau mir nichts, dir nichts, von ihrem Manne fort, stellt sich todt, lasst ihn in dem sundlichen Glauben, er durfe nun dem Gelusten seines Herzens nachgehen, und kann doch selbst nicht von ihm lassen, windet sich um ihn herum, bis es so weit kommt, dass er sie wiederfindet, und erfahrt, wie sie ihn zu einer doppelten Ehe verleiten wollte.

Ei, da kann einem wohl die Haut schaudern, und der gesunde Menschenverstand ausgehen! Ich bin sonst nicht die Lobrednerin des Grafen, aber hier muss ich doch der Wahrheit die Ehre geben, ihm ist schlimm mitgespielt worden.

Ueber die Art, wie er ein Ende genommen hat, sollen wir auch nicht richten. Wir tappen hier im Finstern. Viel Kluges habe ich von ihm nie erwartet, denn warum? Er glaubte an Nichts. Das habe ich Elisen wohl angemerkt. Eine Frau singt immer in dem Ton, den ihr Liebster anstimmt. Es hat mich Thranen genug gekostet. Von daher also sah ich Gottes Gericht wohl anrucken. Aber druben von dem grunen Holze da war ich mir besserer Fruchte gewartig. Wie das Alles klug thut und uber seine Krafte hinaus will! Ich weiss es am besten, man hat in den engen vier Pfahlen, auf gerader Diele schlechtweg, einen Tag wie den andern denselben Weg gegangen, und hat sich vorzusehen, dass man nicht einmal uber die eigenen Fusse fallt. Und die da wollen die feste Erde gar wegstossen, und in der Schwebe bei Sinn und Verstand bleiben. Ja, siehst Du, wenn das nicht verruckt sein heisst, so weiss ich es nicht.

Kurz und gut, soll ich die Menschen nicht mit Krankheit geschlagen, nicht fur verwirrt und aberwitzig halten, dann kann ich mir gar keinen Begriff von unserer Zeit machen.

Du, Curd, darfst auch nicht soviel nach Elisen fragen. Das schickt sich nicht fur Dich. Ja, hattest Du sie nicht heirathen wollen, und Dir allerlei daruber in den Kopf gesetzt. In Gottes Namen! Du bist ihr Vetter. Verwandte sollen zu einander halten. Aber so! Schilt nicht so strenge auf Romanenstreiche, Du mochtest auch Deinen Theil mit dran haben.

Nun will ich Dir dann aber doch sagen, ich reise selbst zu Elisen. Ich muss wissen, wie es dem armen Kinde geht? sie mag daraus abnehmen, wie lieb ich sie habe, dass ich mich mit meiner Aengstlichkeit auf einen so weiten Weg mache, alles hinter mir lasse, Haus und Hof und Wirthschaft, blos um sie zu sehen, sie da wegzuholen, wo ihr so schwer ums Herz sein muss! Ja, wenn sie auch ganz, ganz anders wie ich, und auch nicht so denkt, wie sie sollte, kann ich dann aufhoren, ihr gut zu sein? Ich wusste nicht, wie ich es anfinge. Lebe wohl, lieber Sohn! Von dem Stifte aus, schreibe ich Dir wieder.

Sophie an den Comthur

Der Anblick meiner Schriftzuge wird Sie nach gerade unruhig machen. Seit lange horten Sie nur traurige Berichte durch mich bestatigen, oder Sie darauf vorbereiten. Ich eile deshalb um so mehr, Sie im Voraus zu beruhigen, ja, Ihnen Erfreuliches zu verheissen.

Elise, hoffe ich, ist ihrer angstlichen Unsicherheit, dem kranken Hin- und Hergreifen, der ganzen schmerzlichen Trostlosigkeit, in die wir sie mit Betrubniss kraftlos versinken sahen, entrissen; oder vielmehr, alles dies fuhrte ihre Rettung herbei. Ich sagte Ihnen, dass sie Tavanelli kommen liess, auch an Leontin schrieb, dass sie uberall hinhorte, etwas wollte, sich gleichwohl nirgend verstandigen konnte, und bald nach dem Austausch innerer Ueberzeugung verlangte, bald mit dem Seufzer: "E r a l l e i n h a t t e m e i n e g a n z e S e e l e !" davon abstand. Eben so war sie immer im Begriff, von hier abzureisen, ohne gleichwohl jemals zur Ausfuhrung ihres Entschlusses gekommen zu sein. Kurz, sie konnte nicht schweigen, nicht reden, nicht bleiben, nicht gehen, nicht leben, nicht sterben. Die Bemuhungen ihrer Tante wurden ihr, wie Sie, lieber, berucksichtigender Freund! es selbst mit Pein empfunden, unangenehm. Die einfache Frau ging gerade zu. Sie glaubte durchaus die Vernunft und das gute Herz ihrer Nichte in Anspruch nehmen zu mussen. Sie begriff gar nicht, wie ihre Grunde nicht entscheidend, und andere Vorstellungen dagegen haftend sein konnten. Ich hatte viele Muhe mit ihr, und war nur froh, dass Curd sie endlich von hier abholte.

Die arme Frau jammerte mich. Sie hatte wirklich ein Opfer mit dieser Reise gebracht. Sie war sich dessen bewusst. Es that ihr wehe, so vielen guten Willen nicht erkannt zu sehen; denn, trug sie Elise auch auf den Handen, so ging sie doch nicht in ihre Vorstellungen ein, noch weniger war es ihr moglich, der trefflichen, aber ermudenden Verwandtin in ihre Einsamkeit zu folgen.

Jene gab sie endlich mit heissen Thranen auf, und es blieb, wie es war.

Diesen Morgen werde ich nun mit der Nachricht geweckt, ein Fremder wunsche mir aufzuwarten. Ich frage nach Stand, Namen, Personlichkeit. Ueber die beiden ersten Punkte hatte sich der Angekommene nicht erklart. Ueber die letztere erfuhr ich indess, dass sie einnehmend sei, und dem stattlichen, wohlgebildeten Manne von ungefahr funfzig Jahren zur Empfehlung diene.

Ich war begierig, ihn zu sehen.

Schnell zu dem Empfange eines Gastes bereit, trete ich in den Vorsaal. Mit unterdrucktem Freudengeschrei fliegt mir Georg, das liebe Kind, in die Arme. Im ersten Augenblick sah ich nichts als ihn. Ich umarme ihn mit unaussprechlicher Ruhrung. Ich bitte ihn, seine Freude zu massigen, ich verspreche, ihn gleich, doch nicht ohne vorhergegangene Einleitung, zur Mutter zu fuhren. Doch jetzt endlich, denke ich an seinen Begleiter. Ich sah mich mit Herzklopfen nach ihm um. Ich furchtete fast, Eduard zu begegnen. Da tritt mir aus dem Hintergrunde des Zimmers ein vollig unbekannter Mann, von schlichtem, offnen Ansehen entgegen. Er begrusst mich, sagt: Baron Leontin von Wildenau habe das Vertrauen zu ihm gehabt, dass er den Knaben der Mutter sicher zufuhren, und dieser auch wohl noch dies und jenes zur Beruhigung mittheilen werde.

Ich nahm anfanglich keine sonderliche Notiz von ihm, und war froh, den Prasidenten nicht hier zu sehen, ich meinte, in dem Fremden einen gewohnlichen, guten, sichern Menschen, einen Beauftragten, suchen zu mussen.

Ich wollte ihn eben wieder verlassen, um Elise auf das unverhoffte Wiedersehen ihres Kindes vorzubereiten, als jener noch hinzusetzte: Auch von Grafin Emma habe er Auftrage an mich. Ich stutzte, sah ihn an, plotzlich fiel mir ein: Der Geistliche! Emma's, Leontins Vertrauter! Ich nannte seinen Namen, der Fremde verleugnete ihn nicht; bat auch, hinter seinem Incognito nichts Gesuchtes voraussetzen zu wollen. Ihm sei in jeder Beziehung grosse Vorsicht empfohlen, er habe nicht wissen konnen, ob nicht dennoch ein Missverstandniss moglich gewesen, er wolle nicht gern durch vorschnelles Zufahren uberraschen, uberall mochten wir Leontin sein Eindringen beimessen. Ich schnitt ihm die Worte ab. Ich ergriff seine Hand mit Innigkeit, ich sah ihm in die sanften Augen. "Kommen Sie," bat ich. Er folgte mir.

Wir haben einen seligen Morgen verlebt! Elise ist ganz, wie man sie mir an jenem Tage beschrieben, da sie Georg todt geglaubt, und das Kind die Augen zuerst wieder offnete. Schuchtern, demuthig, stumm, sieht sie den Liebling an. Sie traut ihrem Gluck nicht, und fahrt oft, wie vom Schlafe auf, wenn die harmlose Ausgelassenheit des gesunden, tuchtigen Jungen alles so naturlich, so wahr erscheinen lasst, was ihr unbegreiflich dunkt. Und dabei der Geistliche, der Mann, der ihr wie ein finstrer Richter, seit Tavanelli's erstem Auftreten, eigentlich ein Gegenstand des tiefsten Unwillens war, er fuhrt die Unterhaltung an dem Geringfugigsten hin, sagt nichts Auffallendes, nimmt an Allem Theil, ist durch und durch hell wie Kristall, und lasst bis in den Grund des warmen, freundlichen Herzens heitre, bewegliche Lichter sehen, die nach allen Seiten ihre Strahlen werfen. Gott, welch' ein Mensch! So einfach und so weise! Etwas Aehnliches schwebte Hugo vor der Seele. Er hatte so sein mogen. Aber es fehlte eben der Kern!

Von Elisen jetzt noch nichts. Sie ist benommen, uberfullt, ihrer nicht machtig. Was gleichwohl ihre ganze Aufmerksamkeit fesselt, was sie angelegentlich beschaftigt, ist das Bild von Leontins neuer Stiftung, das uns der Geistliche sehr anschaulich in einzelnen, bestimmten Zugen entwarf.

"Sie wissen," sagte er, "aus des Barons Briefen, dass dieser den Meierhof am Fusse des Schwarzwaldes kaufte, und durch die fruhere Bestimmung des Gemachs, in welchem er ubernachtete, auf den Gedanken kam, hier ein Monchskloster zu stiften, und selbst in den Orden zu treten. Er unterliess das Eine, wie das Andere, bei klarer Prufung. Gleichwohl wunschte er, durch einen besondern Zweck sein Leben zu erhohen. Er fing damit an, sich aufmerksam zu beobachten, und bemerkte, dass seine fruhere Schwermuth, die ihm so viel zu leiden gemacht, mehr aus einer gewissen Gebundenheit des Innern, als aus wirklichem Missgeschick entstand. In den Kinderjahren kranklich, vernachlassigt, dann blode, steif, unbeholfen, trat er, wie verriegelt, uberall zuruck. Am Ende fand er durch sich selbst, nach muhseligem Suchen, die Richtung, auf welcher er fortging. Sein Schritt wurde fest, sein Blick bestimmt, er aber, wie herausgeschnitten aus der ubrigen Welt, ein Mensch nach Systemen, edel, doch bizarr. Ihm hatte Gemeinschaft mit Andern das Leben nicht verstandlicher gemacht. Er war auf eine Anhohe getreten, sah nach den verschiedenen Strassen hinunter, lernte sie nennen, k a n n t e keine. Alle sahen gleich aus, alle schienen ihm klein, eng, in der Irre umher zu fuhren; er uberschaute wohl das Ganze, doch durchschaute er es nicht. So," fuhr der Geistliche fort, "dachte er darauf, nachdem er sich erkannte, Andere vor diesem Umwege zu bewahren. Es ward ihm klar, dass vielleicht in keinem Augenblick so sehr als jetzt, das Gefuhl der Billigkeit durch festere Bande des Vertrauens, durch Gewohnheit und innere Verzweigung des Daseins gestarkt werden musse. Ein Erziehungsinstitut auf dieses Prinzip gegrundet, dunkte ihm etwas Schones. Er beabsichtigt den hohern Freisinn der Eigenthumlichkeit bei gleich erhabenem Zweck in dem Wechselverein junger Herzen lebendig zu erhalten, Alle in e i n e m Glauben, durch e i n Gesetz zu binden, und doch Jeden den eignen Gang m i t Andern gehen zu lehren. Ob er es erreicht? so endigte unser Freund. Wir mussen das Gelingen einer h o h e r n H a n d uberlassen."

"Und im Schwarzwalde," fragte Elise, "soll die Stiftung gegrundet werden?"

"Dort i s t sie gegrundet," erwiederte jener. "Das Unternehmen ist mit merkwurdiger Schnelligkeit ins Werk gerichtet, so dass wir schon einige Zoglinge dort vereinigten, zu welchen wir mit Freuden Georg zahlen."

Elise umarmte den Knaben mit unverkennbarer Beschamung. Was in dem Augenblick in ihr vorging, war eher zu errathen, als auszusprechen.

Georgs Hand in der ihren, hub sie nach kurzem Schweigen leise an: "Sie sagten mir, mein Herr! Sie nahmen auch Theil an dem Erziehungsgeschaft des Barons?"

"Nun," lachelte der Geistliche, "wir Menschen erziehen uns Alle durch einander, und so finde ich wohl meine Aufgabe wie Jeder, der sich nicht fur zu weise halt, um zu lernen, und zu lieblos ist, um von seinem Vorrath mitzutheilen. Doch sind meine Pflichten nicht auf das Institut allein beschrankt. Ich mochte das eben nicht. Ich bewahre mir gern die freie Beweglichkeit. Allein angeschlossen habe ich mich den Mannern, die hier zu wirken hoffen."

In Elisen entwickelten sich unmittelbar eine Menge neuer Ideen. Ihr lebendiges Gesicht druckte dies sprechend aus. Sie ging darauf mit Georg im Garten umher. Ich blieb bei dem Geistlichen zuruck. Wir vermieden beide, von den letzten Vorfallen zu reden. Doch Emma lag uns zu nahe, um die Wendung ihres Geschicks mit Stillschweigen ubergehen zu konnen.

"Glauben Sie mir," sagte der vortreffliche Mann, "dies schone Herz hat mir von jeher die grosste Sorge gemacht. Es verstand sich immer nur zur Halfte, und irrte durch Aberglauben an seinen Eingebungen. Die Grafin," fuhr er fort, "stand von Kindheit an, im Widerspruch mit sich und ihren Verhaltnissen. Mutter und Tochter hatten sich, wie das so oft zwischen Eltern und Kindern der Fall ist, erganzen konnen, wenn nicht Eine die Andere gerade so hatte haben wollen, als sie selbst war. Emma empfand zuerst, dass sie die Mutter nicht umschmelzen werde, deshalb zog sie sich um so strenger, und, wenn ich in dem Sinne so sagen darf, h a r t e r im Innern zusammen. Sie lernte auf ihre Ansichten bestehen, und hielt fest an dem Satz, sie m u s s e , was sie s o l l . Ueber dies S o l l wurde sie indess nie klar, weil sie tief, aber einseitig empfand. Lesen Sie," setzte der Geistliche hinzu, "aus diesen raschen Zugen die Geschichte ihrer Gefuhle, wie ihrer Handlungen heraus. Auf sie wirkte man nie unmittelbar, und unglucklicher Weise war sie schneller im Thun, als umfassend im Denken. Man konnte in gewisser Beziehung von ihr behaupten, sie sei sich selbst nicht gewachsen gewesen, denn wirklich zerfallt sie nicht sowohl in die beiden gewohnlichen Halften irrdischer und himmlischer Natur, als in Ueberzeugung und Gefuhl. Eins bleibt hinter dem Andern zuruck."

"Sie entrathseln," entgegnete ich, uber das Gehorte nachsinnend, "vieles im Benehmen der Grafin, was mich durch seine Inconsequenz verletzte."

"Ach!" rief er aus, "wo wollen Sie Zusammenhang finden, wenn sich die Natur zerstort! Das Leben zerfasert sich, so wie die Faden ruhigen Fortgehens kunstlich gelegt, oder uber Vermogen gezerrt werden. Emma ist nicht ruhig, wenn sie auch still ist. Sie muss, wie wir Alle, erst Frieden in sich machen lernen. Welch ein Maass des Streites hierzu gehort, das ermisst Keiner!"

Lieber Freund! Ich habe mir die letzten Worte seitdem oft wiederholt. Man wird gelassener, wenn man bedenkt, wie viel geschehen muss, ehe etwas Bleibendes erwachst. N. S.

Ich hielt dies Blatt bis diesen Morgen zuruck. Elise ist entschlossen. Sie begleitet Georg nach dem Schwarzwalde. Der Geistliche hat ihr von einer kleinen Villa in einem der Thaler erzahlt. Vielleicht lasst sie sich dort nieder. Sie ist dem geliebten Knaben nahe, auch Emma geht nicht nach Italien. So waren denn beide uberall zu einer Nachbarschaft bestimmt, die Ihnen am Ende unentbehrlich werden kann.

Wir, liebster Freund! bleiben in der ausgestorbenen Gegend a l l e i n zuruck, doch wollen wir nur nicht allein fuhlen.

Antwort

Tavanelli geht mit diesen Zeilen zu Ihnen. Er wird Ihnen sagen, dass auch er nach dem Tode der alten Martha, welcher er seine Pflege widmete, Georg und dem Geistlichen folgt. Sophie! man wird gelassener, wenn man bedenkt, wie viel geschehen muss, ehe etwas Bleibendes erwachst. S i e sagen es, und i c h muss es w i e d e r holen. Auch wir werden lernen, Frieden in uns zu machen.

Die Grafin an Agathe

Lass Deine romanhafte Nachbarsgeschichten, Deine kleine, coquettirende Eifersucht, lass Elisen, lass dem redlichen Curd, der alles in der Welt, nur nicht sentimental ist, Ruhe, und denke an etwas Ernsthaftes. Leontin hat uns die Erbschaft der T a n t e c e d i r t . Dies giebt Dir ein Gewicht, was Dein Mann respektiren muss, mir ein Recht mitzusprechen, und Deiner Schwester die Wahl unter ihren Bewerbern. Was geht uns alles Uebrige an! Hier endet nun ein Briefwechsel, dem noch Manches zu erganzen ubrig bleibt. Gleichwohl findet sich nichts, als die Nachricht, dass Heinrich, Hugo's Freund, nach mehreren Jahren eine Reise in die Gegend von Wehrheim unternahm. Er besuchte das ode Schloss und die Ufer des verhangnissvollen Stroms. Bei dem Wehr fand er einen Stein aufgerichtet, mit Hugo's Namen und dem Tag seines Verschwindens. Die Frau des Zimmermanns begleitete Heinrich dahin. Sie erwahnte der schwarzen Hand, die sich warnend auf dem Geruste gezeigt hatte. Die Leute im Dorfe dachten seitdem oft daran. Alle liebten den a r m e n H e r r n , wie sie Hugo nannten.

Fast um dieselbe Zeit schrieb Elise zwei kurze Zeilen an Sophie, die letzten, die sich von ihrer Hand vorfinden:

"Kann ich auch nicht denken, wie Andere es wollen, so lerne ich doch mit A n d e r n l e b e n , Manches errathen, schweigen und w a r t e n , bis es heller und heller wird."

Friedrich de la Motte Fouque

(17771843)