1827_Spindler_093 Topic 1

Carl Spindler

Der Jude

Deutsches Sittengemalde aus der ersten Halfte

des funfzehnten Jahrhunderts

Gespenst der Vorwelt:

Warum rufst Du mich herauf aus meinem dunkeln

Grabe?

Zauberer.

Aus dass Du Zeugniss gebest von einer dunkeln Zeit.

Erster Band

Erstes Kapitel.

O Marten! Marten!

Der Korb muss verbrannt seyn,

Das Geld aus den Taschen,

Der Wein aus den Flaschen,

Die Gans vom Spiess!

Da trink und iss!

Wer sich voll zechen kann,

Wird ein rechter Martinsmann!

Altd. Lied.

Der zwolfte November des Jahrs Eintausend vierhundert und vierzehn nach des Erlosers Geburt, sah mit kaltem und duftigem Morgenantlitz in die Fensterscheiben der Herberge zum Rebstock in der Reichsstadt Worms. Der Winter hatte dem Spatherbst talpisch und zierlich zugleich in's Amt gegriffen; denn, wahrend alles knisterte und knarrte, vor der fruh eingebrochnen ungestumen Kalte, hatten die entlaubten Baume weisse Wollelockchen angesetzt, und niedliche Eisblumlein sich angewachsen am Glas und Gestein. Zwar leckte der Sonnenstrahl gierig an den uber Nacht aufgeschossenen Gewachsen, aber seine Zunge war nicht mehr feurig genug, sie aufzuzehren. Im untern Geschosse des Rebstocks kam man der matten Sonnenflamme mit gluhendem Ofen zu Hulfe, allein im Oberstocke glimmte kein Funke, und der machtige Kachelofen der hubschesten Stube des Hauses, die nach einem uber der Thure angemalten buntfarbigen Blumenstrauss "die Maienstube" genannt wurde, war eiskalt, obschon ein stattlicher Gast das Gemach bewohnte. Die Attribute der Ritterschaft: Schwert, Handschuhe, bespornte Stifel und Federhut lagen unordentlich hin und her auf dem Boden zerstreut. Der Besitzer dieser Herrlichkeiten lag aber vollig angezogen zu Bette, beschaftigt, den verwichenen Martinsabend auszuschlafen, der ihm nicht am zutraglichsten gewesen zu seyn schien. Neben ihm ruhte, in einen Reitermantel gewickelt, ein gar holder Knabe, dessen still lachelndes Gesicht, vom sanftesten Schlummer befangen, sehr gegen das aufgedunsene, von Trunkenheit und wusten Traumen entstellte Antlitz des Nebenschlafers abstach. Der Letztere reckte sich endlich, fuhr mit der breiten Hand uber Stirne und Augen, und den bereiften Bart und erwachte. Verwundert betrachtete er die Stube und seine eigene Gestalt; seine Verwunderung wurde Erstaunen, da er seinen Bettnachbar gewahrte, und er sprang bei dessen Anblick auf, gleich als ob ihn eine Schlange gestochen. Unverstandliche Worte vor sich hinbrummend, und vor Kalte zitternd fuhr er in die Stiefel, und stampfte dreimal gewaltig den Boden, dass der schlafende Knabe erschrocken aufschrie, alsobald jedoch wieder in Mudigkeit und Schlummer versank. Ein langer hagrer Mensch, in der etwas zerlumpten Kleidung eines Herrenknechts, kam zur Thure herein, und fragte mit winterblauen Lippen nach dem Befehl des gestrengen Herrn.

"Sag an, Vollbrecht!" fragte der Letztere: "Wie gieng es denn zu, dass ich in Wamms und Krause zu Bett gekommen?" "Euer demuthiger Knecht hat Euch selbst hineingebracht;" erwiederte Vollbrecht mit angstlichem Buckling: "Ihr littet gestern stark am Gebreste des heil. Martin, und so geschah es denn ..."

"Still!" befahl der Herr. "Wie komme ich aber zu dem Kind?" fuhr er kleinlaut fort.

"Der gestrenge Junker wolle sich nur gutig erinnern," sprach Vollbrecht, ein paar Schritte ausweichend, "wie ich Euch gestern aus der Trinkstube zum Rosengarten heimleuchtete mit dem Kienspan, den mir die rothbackige Dorothea aufgedrungen, und wie wir im Scheibengasslein unfern von dem Eckstein, an dem das Muttergottesbild aufgerichtet, den Knaben gefunden, der da eingeschlafen war."

"Ganz recht; ich besinne mich nun auf Alles;" erwiederte der Junker, und rieb sich die erstarrenden Hande: "Was treibt aber unser Wirth, dass nicht einmal Feuer angemacht wird, bei der grimmen Kalte? Sollen wir hier erfrieren?"

"Erfrieren;" bestatigte Vollbrecht, die Thurblinke zur Hand nehmend: "Erfrieren, oder uns von dannen machen; denn der Wirth will nicht langer borgen, und verlangt Zahlung unsrer Zeche."

"Nichts Billigers als das;" antwortete der Herr: "aber Verlangen ist Eins; Zahlen hingegen ein Anderes. Ich habe keinen Weisspfennig mehr in der Tasche. Alles gieng gestern drauf in Wein, Imbis und Brettspiel. Der alte Narr muss warten."

Vollbrecht schuttelte den Kopf. "Ich zweifle, Herr," sprach er hierauf, vorsichtig die Thure offnend. "Der Mensch sagte mir erst vorhin, er werde nach Pferd und Zaum greifen, wenn nicht noch heute Morgen alles getilgt wurde, was darauf gegangen ist in dieser Woche."

"Kreuz! Stein und Dorn!" brach der Junker los, nach der Klinge fahrend, dass Vollbrecht, solcher Auftritte nicht ungewohnt, sich hinter der Thure barg: "was bildet er sich ein, der Wormser Lump? Streckt er eine Kralle nach meinem Gaul aus, so haue ich sie ihm ab. Gleich soll er kommen, gleich, und auf der Stelle; ohne Saumen!"

Vollbrecht sprang die Treppe hinab. Der Junker stulpte trotzig den Hut auf den Kopf, und schritt, eine Anrede an den Herrn des Rebstocks im Sinne ordnend, ungeduldig auf und nieder. Bald erschien auch der Gerufene, das verhangnissvolle Kerbholz tragend, aus dem die ziemlich betrachtliche Schuldsumme des Gastes eingeschnitten zu sehen war.

"Wie viel betragt meine Zeche?" fragte der Letztere barsch, als strotzten seine Taschen von Golde.

"Zwanzig Turnosen, drei Pfenninge fur den Herrn, den Knecht und das Pferd;" antwortete der Wirth vom Rebstock sehr freundlich.

"Ein Bettelgeld," prahlte der Fremde: "obgleich die Zeche ubertrieben theuer. Aber wie gesagt, ein Bettelgeld, wegen dessen Du mir keine Umstande machen wirst, guter Freund. Nicht wahr?"

"Nicht die Geringsten," erwiederte der Wirth: "Ihr habt nur zu bezahlen, und meine schlechte Schenke ist wieder ganz zu Euern Diensten."

"Du bist harthorig, mein Freund!" sprach der Gast mit vornehmem Augenzwinkern: "Ich hatte gestern Ungluck im Spiel, und der Martinschmauss hat mich viel gekostet. Heut kann ich Dich nicht befriedigen, aber sobald ich wiederkehre von Costnitz, soll Dein seyn, was Dir gehort."

Der Wirth sah den Sprecher einen Augenblick an, .. zuckte die Achseln und gieng nach der Thure. "Wohin gehst Du?" fragte ihn der Andere.

"Ich gehe, den Stall zuzusperren;" versetzte der Burger kalt: "Musst Ihr gen Costnitz, mogt Ihr zu Fusse gehen. Euer Pferd bleibt hier zuruck, bis mein ist, was mir gehort."

"Wie?" fuhr der Gast auf: "Du ungeschliffener Wirth! weisst Du, mit wem Du also sprichst? Ich bin der Edelknecht Gerhard von Hulshofen, und darum nicht zu Schild und Helm geboren, um mir von einem elenden Reichsstadter Schmachreden ins Angesicht sagen zu lassen."

"Ich kenne Euch wohl;" erwiederte der Wirth: "Wer sollte den verwegensten Gesellen am Rheinstrome nicht kennen, den der wohlweise Rath von Frankfurt als seinen Kampfer und Turnierfechter gedungen; der zwar keinen Gegner unbezwungen lasst, aber auch keinen Becher ungeleert, keine Dirne ungeneckt, und keinen Herberger ungeprellt. Darum eben nehme ich Euren Gaul."

"Das Pferd gehort meinen Herren von Frankfurt," rief der Edelknecht patzig.

"So mogen Eure Herren von Frankfurt es auch auslosen;" versetzte der Glaubiger gleichgultig. "Der ehrsame Rath wird einen Reichsburger nicht schadig gen lassen an seinem Gut durch einen Dienstmann."

"Ich bin ein Edelmann, Bursche;" brauste der Junker; und wenn ich Spiessburgern diene, so geschieht es aus gutem Willen, und nicht ...

"Lieber Herr;" erwiederte der Wirth: "Ich vermag eines Adlichen Thun und Lassen nicht zu schatzen; allein ich wollte, Ihr hattet Euern Martinstag wo anders zugebracht. Ich hab Euch nicht geladen, und will folglich Eure Zehrkosten nicht aus eignem Seckel bestreiten. Darum nehme ich Euern Gaul und damit genug."

"Unterstehe Dich!" rief Gerhard: "Plumper Wicht! Glaubst Du, meine Freunde werden mich verlassen?"

"Ei, Herr Junker," sprach der Wirth lachelnd: "Ihr seyd zu alt in der Welt geworden, um das im Ernste sprechen zu konnen. Freunde werden Feinde, sobald sie helfen sollen. Und vollends die Euren, mit denen Ihr acht Tage gezecht und gewurfelt habt. Die Einen sind auf der Landstrasse besser zu Hause, als in ihren vier verschuldeten Pfahlen. Die Andern sind verdorbene Burgerssohne, die Gewerb und Fleiss an den Nagel gehangt haben, um das vaterliche Erbe ohne Verzug durch die Gurgel zu jagen. Solche Martinsmanner sind aber den Wirthen nur bis zu einem gewissen Zeitpunkte willkommene Gaste. Doch horch; .. mich dunkt, ich hore ihrer Etliche die Stiege heraufsturmen. Versucht Euer Heil, Herr. Zwanzig Turnosen die Pfenninge erlasse ich Euch offnen die Stallthure, und geben Euerm Gaul freien Pass nach Costnitz. Kein Albus weniger! Verlasst Euch darauf."

Der Wirth gieng ruhig von dannen, und an seiner Statt tobten vier Mannergestalten herein, denen man die Ausschweifungen verwichener Nacht nicht wenig ansah. "Guten Tag! Bruder Hulshofen!" brullten sie im Chor und schuttelten dem Verdrusslichen die steifgewordenen Hande? "Wie geht es? wie geschlafen? warum ists hier so verteufelt kalt?" Gerhard zogerte keinen Augenblick, ihnen die unangenehme Lage, in der er sich befand, zu eroffnen. Die Freunde lachten aus vollem Halse, und konnten sich gar nicht lassen vor muthwilliger Lust.

"Nun, das nenne ich doch in der Bruhe sitzen!" rief der baumlange Wernher von Hyrzenhorn: "So frohlich wurde die Gans eingelautet, und so traurig ist der Nachtisch!"

"Was ist aber da zu thun!" sprach Wolf von Eppenstein: "Ich will dem Schwarzen seyn mit Haut und Haar, wenn ich Dir helfen kann, Bruder Gerhard. Du weisst, dass uns der Sattel das tagliche Brod verschafft, und Deine Dienstherren gerade, dass sie Gott verdammen moge! haben es uns so geschmalert, dass es eine Sunde ist. Die Conziliumsfahrer haben unserm Seckel zwar etwas eingebracht, aber Weib und Kind wollen auch leben, und Martinstag will auch gefeiert seyn. Da haben wir uns denn hier zusammengethan, in Fried und Eintracht die Milch unsrer lieben Frauen reichlich genossen, und mussen dafur Morgen kahl wieder abziehen."

"Hilf Dir selbst!" rief der wilde Hornberger Veit: "Brich die Stallthure auf, und reite dem verdammten Kneibenwirth vor der Nase weg. Ich helfe Dir, und je mehr Auflauf es gibt, desto besser."

"Die Frankfurter setzen mich auf den Eschenheimer Thurm, erfahren sie dergleichen," versicherte Gerhard kopfschuttelnd. "Euch aber, meine Freunde, fuhr er fort Euch ware es ein Leichtes, mir zu helfen, denn das Fruhjahr bringt Euch wieder Messleute und Marktschiffe, die Euch das kleine Darlehen reichlich ersetzen, kann ich's bis dahin nicht erstatten."

"Ich schwore einen korperlichen Eid, dass ich nicht helfen kann!" betheuerte der Herr von Hyrzenhorn, und der Eppsteiner holte eine in vergoldetem Kupfer gefasste Reliquie des heil. Marcellinus aus seinem Wamms, auf welche alle drei Edelleute in aller Eile und bester Form den theuersten Schwur leisteten, dass sie ausser Stand seyen fur ihren gemeinsamen Freund das Geringste zu thun. Gerhard, wohl wissend, ein solcher Eid mache ein unwiderrufliches Ende, sey er auch noch so falsch, wendete sich alsdann zu dem vierten Freund, der bis jetzt ein stummer Zuhorer des Auftritts gewesen war. "Werde ich auch bei Euch vergebens anhalten, lieber Trautwein?" sprach er zuckersuss: "Ihr habt des Vermogens viel, habt mir gestern erst im Rosengarten all mein Klingendes abgenommen, und werdet wohl nicht anstehen, mich der unverdienten Schmach zu entreissen."

Der Goldschmid lachelte aber eiskalt, zuckte die Achseln, und erwiederte: "Gestrenger Herr; im Handel und Wandel braucht man sein Geld, und dass des Letztern nicht zu viel werde, sorgen schon treulich Kaiser und Reich, die Ehewirthin und ihre Kinderlein, und die Herren vom Stegreif. Deshalb bin ich ausser Stande etwas zu thun, als Euch die funf Schillinge nachzulassen, die ihr mir noch gestern auf Euer Wort schuldig wurdet."

"Ich wollte, alle Martinsfeuer, die gestern brannten, um Wetterschaden zu verhuten, schlugen uber Euch alle zusammen, und kochten Euch zu Brei und Muss;" rief Gerhard in hohem Unmuth: "Mein Gaul, mein armer Gaul!"

"Uebermorgen soll ich in Costnitz seyn. Ich hab's den Schoffen Holzhausen und zum Braunfels in die Hand geloben mussen. Der Kaiser gibt ein Turnier, auf dem ich zu Frankfurts und des Reichs Ehre mitstechen soll. Ich bin ewig beschimpft, erschein ich nicht auf diesem Rennen. Und ohne meinen Roland, ohne mein gutes Pferd komme ich nicht hin, kann ich nicht mitkampfen."

"Schlimm! sehr schlimm!" meinten die adelichen Herrn, und machten Miene zu gehen. "Willst Du einen Romer Wurzwein annehmen, so komm' mit uns!" sprach der Horaberger gutmuthig, aber Gerhard verweigerte alles mit Ungestum, und liess die adelichen Bruder und Freunde ohne Widerrede ziehen. Trautwein blieb an der Thure zuruck.

"Hort noch ein Wort, lieber Herr," sprach er mit einiger Theilnahme: "Ob es gleich grimmig kalt in Eurer Stube ist, bin ich doch hinter jenen rohen Gesellen zuruck geblieben, um Euch einen Rath zugeben."

"Nun?" fragte Gerhard unwirsch auf und niedergehend. "Der Kaiser gibt wohl ubermorgen kein Rennen zu Costnitz, indem er noch in Aachen auf seiner Kronung verweilt," sagte Trautwein; "allein Eure Lage ist doch misslich, und liegt ausser meinen Grundsatzen und Kraften, Euch zu dienen; aber es gibt noch andere Leute, die es vielleicht gerne thun, wenn einiger Gewinn dabei zu verspuren ist."

"Wer sind diese Leute?" fragte Gerhard aufmerksam werdend.

"Ei nun," sprach der Goldschmid zogernd: "Es sind unsers heil. romischen Reiches liebe Kammerknechte" ..

"Was?" fuhr Gerhard auf: "Juden? Hebraer? Seyd Ihr toll geworden mit Einemmale?"

"Wie so?" fragte Trautwein gleichgultig: "Hebraisch Geld zahlt wie das unsere; es kommt ja ohnehin nur aus christlichen Taschen. Fursten und Herren wissen das wohl."

"Hm!" sprach Gerhard uberlegend: "Mein ganzes Leben hindurch habe ich mich gehutet den Galgenvogeln in die Hande zu fallen, und in meinem funfzigsten Jahre ... indessen ... wer weiss ... damit ich nur fortkomme ... wo gelangt man zu dem Gesindel? Ich will gleich ..."

Der Goldschmid hielt ihn zuruck. "Ihr werdet doch nicht am hellen lichten Tage ...?" sagte er missbilligend: "In eigener Person ...?"

"Ihr habt Recht;" antwortete Gerhard: "Es ist wegen des Geredes ... also will ich mich gedulden ... diesen Abend, sobald es dunkel ..."

"Behute;" fiel Trautwein ein: "Es ist bei zehn Pfund Heller Strafe verboten, bei Nacht in ein Judenhaus zu gehen, um zu leihen oder zu zahlen."

"Aber beim Donner! was soll ich d e n n thun?" fragte Gerhard argerlich.

"Abwarten, bis ich Euch einen vertrauten Mann schicke, mit dem Ihr alsdann handeln konnt;" versetzte Trautwein.

"Einen vertrauten Mann, durch den es die ganze Stadt erfahret, von welchem Rocken ich spinne, nicht wahr?"

"Gerade im Gegentheil. Ich weiss einen, der, wenn ich nicht irre, in der Nahe von Frankfurt zu Hause ist. Ein verschwiegener Mann, mit dem ich selbst manch Geschaft gemacht. Ist er gerade hier, kann er vielleicht bewogem werden, Euch zu helfen. Mich dunkt, ich sah ihn gestern unweit von dem Dalbergschen Hause in der Kammererstrasse. Ich sende ihn Euch, und will besorgen, dass mein Gevatter Rebstockwirth Euch zum mindesten ein Feuer anmache in dem Ofen."

"Nun, so geht, so geht, und plaudert nicht lange!" drangte Gerhard, und schob ihn zur Thure hinaus. Alsdann fieng er wieder seine gewohnliche Rennbahn in der Stube an, rieb sich die Hande, die Stirne, brummte einen Fluch nach dem andern, und schwor sich zu, in der Folge nie mehr auf Freunde sich zu verlassen, seine Zeche immer nach der Habe zu richten, oder, ... wollte er einen Wirth prellen die Sache gescheuter anfangen. Ein leises Schluchzen und Weinen unterbrach den Lauf seiner Gedanken, und da es sich hinter den Vorhangen des machtigen Himmelbetts vernehmen liess, so fiel ihm mit einem Male der Gedanke an den Knaben, den er gestern aufgenommen, siedendwarm auf die Brust. Er eilte zum Lager, und sah das vier- bis funfjahrige Kind aufrecht sitzend, und eng in den groben Mantel gewickelt, aus dem nichts hervorguckte als der braungelockte Kindskopf, mit blauen von Thranen uberfliessenden Augen. Der Knabe fuhr etwas zusammen, da er das kupferrothe mit dichtem Bart versehene Gesicht seines Findelvaters gewahr wurde, aber bald beruhigte er sich wieder in etwas, da er sich deutlich erinnerte, dass ihn derselbe Mann gestern von der offenen Strasse genommen, und den Muden erwarmt, aufs Lager gebracht hatte. Er streckte ihm die kleinen Arme bittend entgegen, und sah ihn mit einer Wehmuth an, die ihm fast das Herz abzudrucken schien. Der rauhe Hagestolz fuhlte sich geruhrt und angezogen von der hulflosen Unschuld des Kindes, und nahm es, in Mantel und Decken gehullt auf seinen Schoos. "Komm her," sprach er, "und lass uns vernunftig reden, mein Junge! Wir haben gestern Abend nur fluchtige Bekanntschaft gemacht. Heute wollen wir's einbringen. Wie heissest Du, mein Kind?" "Hans!" antwortete der Knabe muthig und vernehmlich. "Und Dein Vater?" "Ich habe keinen mehr." "Doch eine Mutter hast Du?" "Ja, die Mutter und die Gundel." "Wie nennt sich Deine Mutter?" "Ich weiss es nicht." "Wo wohnt sie aber?" "Ach, weit, weit von hier!" "So? demnach nicht hier in der Stadt?" "Wir sind drei Tage gefahren, bis wir angekommen sind. No ist denn aber die Mutter?" "Ja, wenn D u das nicht weisst ..." Der Knabe schuttelte traurig den Kopf. "Sage mir doch, Hanschen," fuhr Gerhard neugierig fort: "Wie lange bist Du denn hier?" "Ich heisse nicht Hanschen," versetzte der Knabe: "Hanschen hat vier Fusse, und ich habe zwei; darum heisse ich Hans. Hanschen ist aber zu Hause geblieben. Wirst Du mich wieder heimbringen, fremder Mann?" "Wenn ich weiss, wo Deiner Mutter Haus steht, mein Knabe." "Ach, es ist fern, recht fern. Wir haben dreimal geschlafen, ehe wir gestern in der Nacht ankamen." "Wie kamst Du denn auf die Strasse?" "Ich weiss es nicht auf dem Wagen schlief ich ein, und auf der Erde bin ich aufgewacht. Ach, wie war es so kalt, da Ihr mich aufnahmt. Die Mutter muss mich verloren haben." "Wie war die Mutter gegen Dich?" "Bose, lieber Mann, immer bose und finster. Aber Gundel ist herzensgut, und zu ihr mochte ich lieber als zur Mutter, und auch zu Hanschen lieber als zur schwarzen Mutter." "Zur schwarzen Mutter? Warum nennst Du sie so?" "Sie ist immer schwarz gekleidet, und hat so dunkle Augen; aber Gundel hat helle, und geht immer grun oder roth. Hanschen ist weiss und braun."

Der Junker schuttelte bedenklich den Kopf, und zweifelte nicht mehr daran, dass der Knabe mit Vorbedacht zuruckgelassen worden sey, auf der Durchfahrt durch die Fremde, im nachtlichen Dunkel verhullten Stadt. Aus dem Knaben war ubrigens nichts herauszubringen, als dass der Mutter Haus auf einem Hugel stehe, unfern von einem Strome, dass viel Waldung und ein Dorf sich in dessen Nahe befinde, und nicht allzuweit eine Stadt, in der sich das Kind besann, vor einiger Zeit gewesen zu seyn, zur Zeit eines Jahrmarkts. Ueber den Namen seines mutterlichen Hauses, des Stroms, der Stadt, war er in wahrscheinlich geflissentlicher Unwissenheit erhalten worden. Fern von Jugendgespielen und Gefahrten seines Alters kannte er niemand, als die schwarze Mutter, die er nicht liebte, die freundliche Gundel, nach der er sich sehnte, und das vierfussige Hanschen, das er am schmerzlichsten vermisste. Gerhard ersah aus Allem, dass ihn seine, grosstentheils vom Wein erregte Weichherzigkeit hier in eine sonderbare Historie verwickelt hatte, und ihm wahrscheinlich eine Last zugefallen war, die er bei der aussersten Beschrankung seiner Lage nicht auf die Dauer wurde tragen konnen. Eine plotzliche Vermuthung ergriff ihn; und er durchsuchte die Kleider des Kindes nach Geld oder Kleinodien, die vielleicht dem Finder als eine Entschadigung zugedacht seyn mochten; doch war sein Bemuhen umsonst. Keine Blechmunze, kein armseliger Hohlpfennig war bei dem Verlassenen zu finden. Ausser dem hochst einfachen Gewande des Kindes trug es nichts an sich. Unmuthig stellte er den Knaben nieder, und gieng, von Neuem gegen sein Geschick grollend, auf und ab. Das Kind schmiegte sich indessen stille und in sich gekehrt an den durch Trautweins Vorsorge erwamten Ofen, und weinte nur von Zeit zu Zeit vor sich hin, theils im Andenken an die gute Gundel, theils im Bewusstseyn des qualenden Hungers, den es verspurte. Ein Gluck war es, das Gerhard in der Tasche seiner Pluderhosen noch ein sogenanntes Martinshorn auffand, ein Gebacke, mit dem er alsobald den seufzenden Knaben beschwichtigte, .... zum Mindesten auf Augenblicke. Indem er jedoch mit sich selbst zu Rathe gieng, wie die esslustige Burde vom Halse zu schaffen, und sein eignes betrubtes Verhaltniss zu wenden sey, liess sich von Aussen ein schlurfender leiser Tritt vernehmen, und ein demuthiges Pochen erklang an der eichenen schwerfallig verzierten Thure. Gerhard offnete schnell, und vor ihm stand Einer aus dem Volke Abrahams. Seine Statur bot nichts Ausgezeichnetes dar, noch weniger seine Kleidung, die den wandernden Handelsjuden bezeichnend, in Schnitt, Farbe und Gestalt hochst unbedeutend erschien. Aber das Gesicht, das aus dem unscheinbaren grauen Kittel und aus dem schlecht gefalteten Kragen heraussah, war auffallend genug. Ein nicht fern von den funfzigen stehendes Antlitz mit Spuren tiefen Kummers entweder, oder schwerer Erschlaffung, bleich und hager, war von Augen belebt, die, wenn gleich etwas klein, an Lebhaftigkeit und stechender Scharfe mit denen der Eidechse wetteiferten. Die kahle Stirne, von wenigen, dunnen und grauen Lokken besetzt, gab grossen Spielraum der Beweglichkeit von Gesichtszugen, die wie die Schlangenwege eines Labyrinths sich nach allen Seiten in merkwurdiger Verschlingung ausdehnten. Eine breite Narbe, die quer von dem rechten Schlaf sich uber Wange und Nase heruberzog, bis zu dem linken Ohrlappchen, schied das Gesicht so zu sagen, in zwei ungleiche Halften. Die Nase vorspringend und gebogen, zeugte von orientalischer Abkunft, und die Form des Mundes ware gut gerathen zu nennen gewesen, hatte sich nicht in der etwas hangenden Unterlippe jener, aber schon angedeutete Charakter der Abspannung offenbart, der nicht vermogend ist, einem menschlichen Angesichte etwas Angenehmes mitzutheilen. Der Bart, kurz, kraus, grau und schwarz gemischt, passte zu dem Uebrigen. Der Jude neigte sich unterthanig vor dem Edelknecht, ohne ein Wort zu sprechen. "Wer bist Du?" fragte ihn der Letztere barsch und kurz. "Was willst Du hier?"

"Was ich hier s o l l , mochte ich wissen, gestrenger Herr;" erwiederte der Jude mit unterwurfigem Tone: "Der achtbare Meister Trautwein sendet mich zu Euch. Er sagte mir, Ihr konntet meine Dienste brauchen, und somit biete ich sie Euch an."

"Trautwein?" fragte Gerhard. "Durch seine Empfehlung bist Du mir willkommen, insofern Du nicht hier in Worms geboren oder ansassig; denn ich fordre, dass Du schweigest."

"Gestrenger Herr Ritter;" versetzte der Jude wie oben: "Ich weiss zwar nicht, wie Ihr konnt hegen Zweifel an der redlichen Verschwiegenheit meiner Glaubensgenossen hier zu Worms. Es sind die Besten von unsern Leuten, .. die schon vor der Geburt Eures Erlosers eine Synagoge gehabt haben in dieser Stadt, und diese Synagoge hat durchaus nicht gewilligt in den Tod Eures Messias, der nur darum sterben musste, weil die Entfernung zu gross ist zwischen dem Rheinstrom und Jerusalem, und der Bote von der Schule zu Worms um einige Stunden zu spat gekommen ist, mit der Verwendung von den Wormser Rabbinern und Aeltesten. Nenn Ihr indessen demungeachtet Grund zu glauben habt, unsere hiesigen Bruder zu beargwohnen, so vertraut Euch mir. Ich stamme von Friedberg, und dieses Zeichen auf meinem Rocke mag Euch beweisen, dass ich nicht von hier bin, wo diess Schiboleth in Vergessenheit gerathen ist."

Hier zeigte er auf den Ring von gelber Seide, den jeder Jude in und um Frankfurt auf der linken Brust tragen musste. Gerhard, ungeduldig, die missliche Angelegenheit ins Reine zu bringen, machte dem Juden eine ausfuhrliche Beschreibung seiner Lage, und verlangte ein Darlehen auf Wort, Schrift und Glauben. Seine eindringlichen Worte, seine ziemlich herrische Forderung verriethen wohl, dass er eine abschlagige Antwort nicht im Bereich der Moglichkeit vermuthe; um so mehr befremdete ihn das uberlegende und durchaus nicht billigende Kopfschutteln seines Gegenubers. Nach langer Pause sprach der Jude endlich: "Seht, werther Herr. Wir halten auf das, was die Vater sagten und uns einpragten. Ben David, sagte der Meinige, dem einst das Paradies sey, ofters: Hute Dich, grossen Herren und Kriegsleuten aus das blinde Wort, auf das leere Geschrift hin zu vertrauen. Das Wort verweht der Wind, und das Papier zerhaut der Degen, der auch im besten Fall nie richtige Zinsen zu zahlen geneigt ist. Baare Munze lacht; ein gutes Pfand macht Muth. Ich habs nun immer so gehalten, und Euch, lieber Herr, soll geholfen seyn, wenn Ihr mir Burgschaft stellt in Dingen von Gewicht und Werth, oder im Wort eines wackern Mannes, dem die Rechtschaffenheit werth ist, soll er sie auch nur gegen Juden beweisen."

"Da steckt eben der Knoten!" polterte Gerhard: "Auf Pfand und reichliche Burgschaft kann jeder Fastnachtsnarr Kappe und Peitsche leihen. Ich habe keine Kleinodien, nichts von Werth, als meinen Gaul, und von ihm trenne ich mich um keinen Preis."

"Das glaube ich;" versetzte Ben David: "Das ist ein Pferd! Gott! ich habe Euch gestern reiten sehen, als der heilige Martin in der Procession. Ihr ward so stattlich, und das Pferd so geputzt und so blank; ... nein! einen solchen Gaul gibt man nicht her!"

"Wie soll ich aber aus dem verdammten Worms kommen? rief der Junker: Willst Du die Burgschaft der Herren von Eppstein, von Hornberg und von Hyrzenhorn?"

"Was soll mir die Burgschaft von diesen Herren?" fragte Ben David: "Sie sitzen mir zu hoch, und haben mich selbst schon zu oft gepfandet, als dass ihr Wort mir ein gultig Pfand seyn konnte" Ja, wenn es der edle Herr von Dalberg ware, der wackre Kammerer von Worms, unsers Glaubens Beschutzer; .. oder nur der Meister Trautwein, .. aber .. setzte er lachelnd hinzu: "Der Erste kennt Euch nicht, und der Zweite ist zu klug, um jemals sich zu verburgen."

"Kreuz und Dorn!" fuhr Gerhard auf: "Mach' mich nicht wild, elender Hundsjude. Ich will Dich lehren, mein adelich Wort zu ehren. Zur Stelle wirst Du mir gehorsamen! Einem Fursten oder dem Kramermagistrat einer Reichsstadt seyd Ihr gleich zu Willen mit Geld und Gut. Aber einen wackern Edelmann lasst Ihr verderben."

Der Jude zuckte die Achseln. "Fordert die Stadt unser Geld," sprach er kalt: "so gehts mit Sturmen los auf unsere Habe, und der Gewalt weichen wir. Der Kaiser gibt uns Schutz, und nennt uns seine Kammerknechte; und da wir zufrieden sind, wenn wir athmen durfen, wenn gleich als Knechte, so geben wir gern dafur, was unser ist. Dem e i n z e l n e n steht aber nicht die Befugniss zu, uns gewaltsam zu plundern, zum mindesten nicht in Worms, wo wir eines billigen Schutzes uns erfreuen."

Bei diesen Worten naherte er sich der Thure, um das Gemach zu verlassen. Gerhard jedoch, von der Nodwendigkeit des Augenblicks bedrangt, wollte ihn aufhalten, und gab von seiner Storrigkeit vieles nach, indem er ihm sagte: "Es war nicht so ubel gemeint, Ben David. Du solltest aber auch einen ehrlichen Mann nicht so lang auf die Folter legen."

"Alle Ehrfurcht vor Eurer Ehrlichkeit;" erwiederte der Jude: "aber Euer Benehmen macht mich nicht lustern auf ihre nahere Bekanntschaft."

"So lass doch mit Dir reden;" fuhr Gerhard fort, ihn zuruckhaltend. "Ich will mit Dir handeln, wie ich es mit einem braven Christen thun wurde, und mit einem ebenburtigen Manne, wahrend Du doch keiner von Beiden bist. Ich verschreibe Dir Zins und Ruckzahlung bis zum Sonntag Latare, kommenden Jahrs mit meinem Namen und Wappen; und mit der Klausel, dass, wofern ich Dir bis dahin nicht gerecht werden konnte, ich, mein Einlager mit zwei Knechten und drei Pferden hier im Rebstock halten will, bis Du befriedigt bist."

"Ei! ei! bei meinem Bart! was muthet Ihr mir zu?" fragte Ben David. "Da sassen zwein im Ungluck statt des Einen. Ich, weil Ihr mir meine Schuld nicht bezahlt, der Wirth, weil Ihr Euer Einlager nicht bezahlt. Nein; bin ich gleich ein Jude, will ich doch nicht einen braven Christen, wie diesen Rebstokkwirth, in Schaden bringen. Ich sehe schon; Ihr wurdet mir noch anbieten Eure Hausfrau als Pfand, wenn Ihr nicht unbeweibt wart. Gott befohlen!"

"Jetzt hast Du Zeit zu gehen, verdammter Spotter!" tobte der Junker, und erwischte sein grosses Fechterschwert, das er drohend gegen den Juden schwang: "Hinaus! oder ich lege Dir den Solinger so um die Ohren, dass du vielleicht nachher keine Spur von ihnen findest!"

Ben David wollte schnellfussig aus der Thure. Indem sprang aber der kleine Hans, der bisher hinter dem Kachelofen gelauscht hatte, angstlich schreiend hervor, und hing sich an Gerhard, entsetzt von dem gewaltig drohenden Schwerte, und einen schrecklichen Auftritt furchtend. Der Junker hielt inne, und beugte sich zu dem Knaben, ihn zu beruhigen. Wahrend dessen hatte aber Ben David einen Blick auf den Letztern geworfen, einen Augenblick theils uberrascht, theils uberlegend verbracht, und sich endlich wieder gelassen uber die Schwelle in das Zimmer verfugt. "Was willst Du noch hier?" schnauzte ihn Gerhard an, als er nach fluchtiger Liebkosung des Findlings wieder in die Hohe sah.

"Mit Verlaub, gestrenger Herr!" sprach Ben David, das linke Auge auf den Erzurnten, das rechte auf das Kind richtend: "Ist das Euer Knabe?"

"Kummerts Dich?" fragte Gerhard, wie oben. Der Jude verneigte sich geschmeidig, schuttelte leicht den Kopf. "Um des Knaben Willen mochte ich dann mit Euch ins Reine kommen." Fuhr er fort.

"Ich bedaure;" versetzte Gerhard: "Der Knabe ist nicht mein; obendrein eine sehr unnutze widerliche Last."

"Eine widerliche Last muss man sich schaffen vom Halse;" meinte Ben David und erkundigte sich, neugierig, nach seines Volkes Sitte, um die nahere Bewandtniss, die es mit dem Kinde habe. Gerhard machte auch kein Geheimniss aus der Art, wie er zu demselben gekommen, und aus seinen Mittheilungen, wie unvollkommen sie auch seyn mochten. Der Jude horte aufmerksam zu, und in den Muskeln seines Gesichts zeigte sich eine auffallende Bewegung, die einem bessern Menschenkenner, als es Gerhard war, unmoglich hatte entgehen konnen. Gleichgultig jedoch, dem aussern Anscheine nach, wiegte er den Kopf und sprach, nachdem Gerhard geendet: "Es ist seltsam, wie das zusamentrifft. Der Knabe hat nicht Vater, nicht Mutter, denn die ihn boslich verlassen hat, ist so gut als todt. Und zufalligerweise kenne ich eine traurende Mutter, die geben wurde, was in ihren schwachen Kraften steht, konnte sie einen Sohn dafur erhalten, in dem gleichen Alter dessen, den ihr ein fruhzeitiger Tod entriss. Ueberlasst mir und der jammernden Mutter diesen Verstossnen, damit er noch werde die Freude eines Menschen, und einstens stehe an seinem eigenen Herde."

"Ists eine Christin doch, der Du das Kind bestimmst?" schon zu der Ansicht des Juden sich neigend.

"Die Rechtglaubigste; die Wittwe Schechlerin in Friedberg," versetzte Ben David. "Sie besitzt einen kleinen Kram, der gerade hinreicht, sie zu ernahren, und den Knaben."

"Die Waise zwingst Du nicht zum Judenthum, und schworst mir's zu?" fuhr Gerhard fort, der sein erwachendes oder zweifelndes Gewissen durch leere Form zu beschwichtigen dachte.

"Bei dem Haupte meines Vaters schwor ichs Euch!" entgegnete Ben David sehr ernst: "Wie konnte ich wohl einst eingehen in's ewige Jerusalem, hatte ich mit Vorbedacht einen Menschen elend gemacht? Der Elendeste aber auf Erden ist ein Jude."

"Ja wohl, ja wohl!" entgegnete Gerhard, den Sinn von Ben Davids Worten nicht begreifend, mit verachtlichem Blicke: "Damit wir aber schnell in's Reine kommen, ... zahle funfzig Turnosen, und fuhre den Knaben hinweg."

"Funfzig? Du Herr meines Lebens!" rief der Jude, wie im grossten Erstaunen die Hande zusammenschlagend: "Wo denkt Ihr hin, lieber Herr? Von zwanzigen war bis jetzt die Rede; wie soll ich zu funfzigen ..."

"Dort ist die Thure!" erwiederte Gerhard trocken, und kehrte ihm den Rucken. Ben David ging aber nicht, sondern kam naher: "Als ich gebe dreissig Turnos, gebe ich Alles und Alles, was in meiner Macht steht!"

"Schmutziger Schacherer!" versetzte Gerhard: "einen Menschen verkauft man nicht um solch elendes Geld."

"Ich wette doch," sprach Ben David ironisch: "Ihr verkauft mich um ein Geringeres."

"Um das Vergnugen, Dich zwischen zwei Hunden aufhangen zu sehen;" brummte der Junker: "Du hast recht. Aber einen Christen verhandelt man nicht um dreissig Silbergroschen."

"Hat denn nicht Judas den ersten aller Menschen, Euern Herrn, den Born alles Christenthums um gleiches Geld weggegeben?" fragte Ben David.

"Es konnte auch nur ein Jude solchen Handel treiben!" polterte Gerhard, roth werdend vor Zorn: "und jetzt packe Dich. Ich furchte ohnehin, dass ich Sunde thue, wenn ich diess junge Leben Deiner graugewordenen Verworfenheit uberlasse."

Ben David zuckte die Achseln, schlug seufzend die Augen gen Himmel, stellte sich hierauf zum Tische, langte aus seinem Zwerchsack einen nicht ubermassig gefullten ledernen Beutel hervor, und begann Geld aufzuzahlen. Gerherd spielte hiebei den Gleichgultigen, obgleich er im Innern bereits an seinem Siege frohlockend zehrte; der Knabe, der arme Unschuldige, um dessen Haut und Haar der ganze bose Handel ging, ergotzte sich mit kindischer Lust an dem Glanz der Silberstucke, die aus des Juden hagern Fingern auf den Tisch rollten, und sehr langsam und sehr bedachtig von ihrem bisherigen Besitzer in Reihe und Schnur gestellt wurden. Gerhard konnte nur mit Muhe bei dieser geflissentlichen Langsamkeit seine Ungeduld bandigen. Endlich schuttelte der Jude den leeren Beutel, und sprach: "Seht da mein ganzes Vermogen: zweiundvierzig Turnosen nicht mehr, und nicht weniger als Alles, was ich habe. Wollt Ihr's, so nehmt. Die funfzig kann ich nicht voll machen."

"So trolle Dich, und versieh Dich ein Andermal mit mehrerem Gelde, wenn Du zu einem Edelmann gerufen wirst;" antwortete Gerhard kalt, der nun die Handlungsweise seines neuen Bekannten begreifen lernte.

"Ich kann nicht mehr geben;" fuhr der Jude fort: "Ich habe nicht mehr, als das und mein Leben."

"So behalte Beides in Gottesnamen und scheere Dich fort!" versetzte der Junker mit immer grosserer Zuversicht. "Ich finde einen andern."

"Ihr seyd ein boser Kaufmann;" meinte Ben David und stellte sich, als wollte er das Geld zusammenraffen. Da ihn aber Gerhard von diesem Thun nicht abhielt, so liess er es bleiben, und holte statt dessen einen wollenen Lumpen aus seinem Sacke, in welchem sich mehr Geld eingeschnurt befand, als in dem geleerten Beutel gewesen war. "Seht," fuhr er fort: "wozu mich Eure Hartnackigkeit verleitet. Das ist anvertrautes Geld, und ich muss davon entwenden acht Turnos, um sie Euch zu geben. Ich mochte mich selber schlagen in's Gesicht, dass ich das thue, aber ich bin zu freundschaftlich fur Euch gesinnt, als dass ich Euch nicht helfen sollte aus der Noth."

Die funfzig Turnosen waren voll, und behaglich lachelnd strich der Junker das Geld ein. "Fur das Geld den Knaben," sprach er: "auf Nimmer wieder zu erstatten; aber erkundigen werde ich mich zu Friedberg, wie Du den Knaben versorgt."

"Das konnt Ihr," antwortete der Jude mit aller Aufrichtigkeit: "Ich schenke dem Knaben eine wackere Mutter. Komm, Bubchen!"

Der Kleine weigerte sich anfanglich. "Der Mann bringt Dich zur Mutter!" redete ihm Gerhard zu. "Ich will, lieber bei Dir bleiben;" meinte das Kind. "Aber auch zur Gundel und dem kleinen Hanschen!" setzte Gerhard bei. Der Jude nickte freundlich grinsend zu dieser Zusage, und der Knabe war schnell fur den neuen Fuhrer gewonnen. Frohlich hieng er sich an seine Hand, und eilte, ohne viel Abschied zu nehmen, mit ihm von dannen. So springt das unschuldige Lamm neben seinem Herrn dahin, in harmloser Frohlichkeit, .. nicht wissend, wird es zur lustigen Weide, wird es zur Schlachbank gebracht.

Zweites Kapitel.

Ein schlicht Gewand

Deckt in der Welt

Gar oft den Mann

Der in der Hand

Den Zepter halt

Wie's ihm gefallt:

Wer sieht's ihm an?

Ballade.

"Schon gesattelt und aufgezaumt?" fragte ein junger lebhafter Mann von ausnehmend schoner Gestalt und vornehmem Wesen den Knecht des Junkes von Hulshofen, der den erlosten Gaul mit der Reisedecke schmuckte. "Dachte nicht, dass es schon so weit seyn wurde, nachdem was ich gehort!" Sprachs, und stand mit wenig Sprungen in der Maienstube vor dem Edelknecht. Dieser sass bei einem Passglase Malvasier, und kanzelte den demuthigen Wirth zum Rebstock auf gut deutsch ab, wegen seines unziemlichen Benehmens gegen fremde ehrsame Edelleute. Da er jedoch des Besuchs ansichtig wurde, schickte er kurz abbrechend den Kneipenmeister zum Teufel, und wendete sich in der frohlichsten Laune zu dem Jungling. "Sieh da!" sprach er: "Edles Herrlein, seyd willkommen. Habt doch Wort gehalten, ob schon Ihrs im Martinsjubel gabt. Ihr verschmaht es nicht, in der Gesellschaft eines alten Schrankenraufers zu reiten, der Wappen und Freiheit an Eure Stadt verkaufen musste, um schnoden Sold."

"Ei warum denn, possierlicher Mensch?" fragte der Jungling. "Wer mir auf der Lebensbahn aufstosst, lustig, wohlgemuth wie ich, ist vor Allen mein lieber Gesellschafter, er schaue nun unter einer Grafenkrone, einer Fechterhaube, oder einem Gugelhute hervor. Alter Degenknopf; ich habe von Deinem gebrannten Herzeleid gehort, und bin gekommen, Dich zu befreien aus den Schlingen der Edomiter, die gar zu gern einhergefahren waren auf Deinem Turniergaule!" Hier klimperte er dem Gerhard gar anmuthig mit einem gefullten Beutel vor den Ohren. "Ich komme jedoch zu spat, wie ich zu meiner Freude sehe. Wie ist es Dir moglich geworden, Du durchlochertes Sieb, dem Handel so schnell ein Ende zu machen?"

Gerhard erzahlte lustig, locker und frech in der Freude seines Herzens die Art, wie er zu dem Gelde gekommen. Des Junglings Gesicht verfinsterte sich jedoch gewaltig, und ungeduldig stampfte er mit dem Fusse, da Hulshofen geendet. "Pfui! pfui! und abermals pfui!" rief er: "Zerbrich Dein Wappen und Dein Schwert, Du geldsuchtiger alter Mensch! Bist Du nicht schlechter als der Jude, der doch nur eine Christenseele kaufte, die Du verschleudert hast? Gerhard! ist das eines Edelmanns wurdig? Warst Du bei Deinem Steigbugel zu Gaste gegangen, wie die lockern Gesellen, die gestern im Rosengarten mit Dir zechten, hattest Du die Marktschiffe geschunden, wie der grausame Hans von Rudenkheim, dessen Ruckinger Schloss mein Vater vor zehen Jahren niederbrennen half, hattest Du mit Scharlach gehandelt auf offner Landstrasse, ich wurde um Alles diess Dich weniger gescholten haben, als um eines Menschenverkaufs willen; denn der ist vor allen unritterlichen Streichen der unritterlichste."

"Noth kennt kein Gebot;" meinte Gerhard. "Hattet Ihr gesehen, wie mich der Wirth beschimpfte, hattet Ihr gesehen, wie meine lieben Freunde mich sitzen liessen, hattet Ihr empfunden, wie kalt dieser Ofen und wie leer mein Magen war; Ihr wurdet glimpflicher mit mir verfahren."

"Einem Juden?" fuhr der junge Mann fort: "Der arme Junge! Ich war ja dabei, als Du ihn gefunden. Noch sehe ich sein holdes Antlitz; ich empfahl ihn Dir noch auf das Beste, da ich Dich trunknen Mann an der Hausthure Deinem Knechte uberliess; aber was hilft das Alles! Verschachert wie Joseph an die Kinder Ismaels! Nun, wart, wart! alter Luxbruder! Der heilige Martin wird Dir's gedenken, wenn die Seele eines Christen durch Dich zum Teufel fahrt."

"Ei nun;" erwiederte Gerhard: "so uberlasst es auch dem heil. Martin und brummt nicht mit mir. Was soll das Hadern? Lasst uns den Span in Minne beilegen, und zu Gaule steigen. Geld klingt in der Tasche, und uberall stehen die Fasser uns offen. Seyd Ihr schon reisefertig?"

"Mein Pferd steht vor meiner Herberge;" antwortete noch etwas finster der junge Mann; "lasst uns dort den Valettrunk halten, denn von Deinem mit Christenblut bezahlten Sekt nehme ich keinen Tropfen an."

Der Vorschlag wurde von dem trinklustigen Gerhard recht ausfuhrbar befunden, und die Beiden begaben sich auf den Weg. Der lange Vollbrecht, ohnehin zum Fussmarsch verdammt, machte sich eilends zum Thore hinaus, wahrend die Herren noch lustig im Rosengarten sich zutranken. Die rothwangige Tochter des Hauses kredenzte den feurigen Wein, und entzuckte durch ihre Liebenswurdigkeit den jungen Mann dergestalt, dass er den Arm um ihren schlanken Leib legte, und sich theuer vermass, er wolle ihrer selbst im Getummel der Feste zu Costnitz eingedenk seyn.

"Ei, seht doch!" schackerte die erfahrne Dirne: "Der Junker will wohl gar noch laugnen, dass er in Frankfurt eine schone Amrie zuruckgelassen, dass vielleicht in Costnitz eine zweite seiner harrt."

Der Junker fuhr sich unmuthig uber die Stirne. "Was schwatzest Du da fur Zeug, tolles Madel!" rief er: "Man muss Deine Schonheit schatzen, wie ich, um Dir Deine Unverschamtheit so hingehen zu lassen!"

"Nur nicht bose, lieber Herr!" bat Dorothea: "Es ziemt mir freilich nicht, also mit ritterlichen Leuten zu scherzen, allein dem willkommnen Mund verzeiht man ofters eine unwillkommne Rede." Sie bot dem Jungling die frischen Lippen zum Kuss, der auch nicht verweigert wurde. "Ihr durft Euch ubrigens," fuhr sie fort, "im Ernste darauf gefasst machen, Euer Herz in Costnitz zu verlieren, ware es auch ganz allein an die schone Fremde, die gestern einen Augenblick hier still hielt auf ihrer Reise nach Costnitz, und trotz der stark einbrechenden Nacht alsobald weiter fuhr. Sie darf Euch dort begegnen, und Ihr seyd unwiederbringlich verloren."

"Eine schone Fremde?" fragte der Jungling begierig. "Jungfrau oder ..."

"Ein Fraulein ist sie wohl nicht, denke ich;" erwiederte das schlau lachelnde Madchen: "aber eine Wittib ganz gewiss, eine junge schone Wittib, der das schwarze Trauergewand unvergleichlich zu den dunkeln Augen steht."

"Eine Frau in Trauer?" fragte Gerhard begierig: "die nur einen Augenblick halten liess?"

"Ja; sie liess sich nur einen Trunk Weins belieben, und fuhr schnell von dannen. Ein Fuhrknecht und eine junge Gurtelmagd waren ihre ganze Begleitung."

"Sie ist's! ohne Zweifel!" schrie Gerhard. "Der Zufall hilft uns auf die Sprunge!"

Dorothea staunte. "Auf welche?" fragte der junge Mann; und gab dem vorlauten Fechtbruder einen derben Rippenstoss, als dieser von dem gefundenen und verkauften Knaben anheben wollte. Gerhard schwieg besturzt, und folgte ohne Widerrede dem Junkherr, denn, nachdem er in Kurze von Dorothea erfragt, dass die trauernde Fremde in der That den Weg gen Costnitz genommen, und vermuthlich eine jener fahrenden Frauen sey, die des Gewinns halber die Kirchenversammlung mitzufeiern gedachten, rasch zu Gaule stieg, und nebst seinem Begleiter Worms bald im Rucken hatte.

"Sage mir aber ums Himmelswillen," begann der Jungling nach einer Weile unmuthig, "sage mir, ob Du rein des Satans bist, Du kupfriges Gefass? Erst verhandelst Du eine unmundige Seele an den Moloch, und hinterher willst Du durch Dein abgeschmacktes Gerede uns in den Mund der plauderhaften Dirne, vielleicht auf den Scheiterhaufen bringen?"

"Nun, nun," fiel Gerhard begutigend ein: "Nur nicht bose; meine Offenherzigkeit ist allzugross, und wenn die Frau wirklich die Frau ware ..."

"Schweig!" brummte der junge Mann: "Du warst noch im Stande, der Nachstbesten auf den Kopf zuzusagen, dass sie ihr Kind ausgesetzt; blos weil sie ein schwarzes Kleid tragt. Ich sollte mich billig aufs Neue gegen Dich erzurnen, Du Seelenverkaufer."

"Lasst's seyn," meinte Gerhard. "Es kommt bei dem Zanke nichts heraus, als viel Geschwatz, viel Galle, und am Ende Blut, wenn die Galle uberlauft. Der heilige Martin wird die Sunde von mir nehmen, und damit genug. Lasst uns lieber von Eurem Herzlieb reden, das Ihr in Frankfurt zuruckgelassen; denn ohne Grund wurdet Ihr nicht roth, da das Kellerdirnel Euch auf das Kapitel brachte."

"Pah! Schnurren und Flausen!" lachte der Jungling. "Jede Dirne traumt nur von Minne, und jeder gewaschige Hagestolz von unziemlicher Buhlschaft. Ich antworte Dir darauf Nichts, als dass ich zum Dienst des Herrn bestimmt bin, und also an kein Lieb zu denken habe."

Gerhard hielt plotzlich seinen Gaul an, stemmte beide Arme in die Seiten, und brach in ein unmenschliches Gelachter aus. "Ho ho!" stammelte er unter demselben, und wischte sich die Lachzahren aus den Augen: "Erlaubt mir, dass ich lachend sterbe bei dem Gedanken, Euch dereinst im Chorrock mit geschorner Platte zu erblicken."

"Stirb zu, alter Pickelharing!" entgegnete ihm der Begleiter lustig: "Jetzt hast Du die beste Zeit dazu, denn ich ertheile Dir die Absolution in aller Form, und einen so nachgiebigen Beichtvater findest Du gewiss in Deinem ganzen Leben nicht mehr. Was meinst Du aber mit Deinem Narrengelachter eigentlich. Denkst Du, ich wurde mich schlecht ausnehmen im Messgewand oder gar, wenn das Gluck will, in der Inful?"

"Bewahre!" versetzte der Hulshofen: "Ick bedaure vielmehr alle Dirnen und Frauen, die das Ungluck haben, den Ort zu bewohnen, wo Ihr Chor singt, oder den Hirtenstab regiert. Es macht mir indessen Spass, Euch mir im Pfaffengewand zu denken, da Ihr doch augenfallig in den Panzer gehort, mit dem Rauchfass bewaffnet, da Ihr doch den Flamberg fuhren solltet von Gott und Reichswegen! die Kerze in der Faust, die den Sperber zu tragen geschaffen ist."

"Hast Recht;" sprach der Jungling, ein wenig nachdenklich werdend: "aber was hilft all das Reden gegen Vatergebot und Muttergelubde? Die gute Mutter! Dass sie mich zur Welt gebracht, gab ihr den Tod; doch um dem Himmel zu danken, dass er nur mich gesund und getrost erschaffen, vermahlten mich ihm ihre sterbenden Lippen, und gerne schied sie dahin, weil ich nur athmete. Mein Vater Du kennst ihn ja, der alte Diether Frosch, stiess sich in meiner Erziehung wenig an den Schwur der Mutter, und liess mich adeliches Gewerb lehren. Ich lernte reiten, fechten, walsch, hungarisch und deutsch tanzen, Falken abrichten und der Jagd obliegen, die Laute spielen und den Ball schlagen. Nothdurftig begriff ich die Kunst des Lesens und Schreibens, und war weit entfernt, zu glauben, dass es jemals Ernst werden sollte mit dem Gelubde der Mutter. Aber, da mein Vater ein anderes Weib nahm, und mir eine bose Stiefmutter gab, wurde es anders."

"Glaub's;" schaltete der Edelknecht ein: "Kann auch ein Liedlein singen, wie's den Kindern erster Ehe geht."

"Auf einmal war ander Wetter in unsrem Hause:" fuhr der junge Mann fort. "Die Stiefmutter ein bluhendes rundes Weiblein, nicht alter denn i c h damals gewesen namlich achtzehn Jahren mit Haut und Haar, zog ein in des Brautigams Gut und Habe, eine rustige Abigail zu einem ergrauten David. Seinen Reichthumern hatte die arme Freiin ihre Jugend geopfert; e r hatte seine Selbststandigkeit fur die Rosen ihrer Wangen hingegeben. Der Himmel der neuen Ehe war blau, so lang die Hochzeitsfeste dauerten, dann thurmten sich winterliche Wolken daran auf. Die Rosen wollten im Schnee nicht gedeihen; sehnten sich nach einem andern Gartner. Der Vater hatte nicht klug daran gethan, den erwachsenen Sohn im Hause zu halten; und ... doch es gilt Dir gleichviel, wie es geschah, dass ich aus Liebe zum Vater mit der Stiefmutter in Unfrieden gerieth."

"Nur weiter; ich begreife schon;" versetzte Gerhard schelmisch lachelnd.

"Mit einem Wort": fuhr der Jungling fort: "Plotzlich brach die alte Litanei los, von dem Gelubde der Mutter, von der Verpflichtung es zu halten, und da nach Verlauf eines Jahrs die Stiefmutter eines Sohnleins genass, war mit einem Streich mein Schicksal entschieden. Meine Schwester alter als ich und kuhner, hatte schon fruher das vaterliche Haus im Zwist verlassen, und an Thuringens Grenze ein Gut bezogen, das ihr ein Oheim geschenkt, der Pralat eines Klosters in Walschland ist, und den sie um Schutz angefleht gegen die bose Mutter. Ich folgte ihr bald nach, und ward zu dem beruhmten Predigermonch Johannes in Obhut gethan, der das Privium und Quadrivium volle funf Jahre mit mir durchstoberte, und mich endlich auf den Punkt gebracht hat, wo man eingeht in das Pfaffenthum. Nun schrieb mein Ohm, der Pralat, dem Vater, und forderte ihn auf, mich ihm zu senden nach Costnitz, we er Pflichtswegen dem Concilio beiwohnt. Ich soll ihm gen Walschland folgen, auf einer hohen Schule meine Studia vollenden, und durch seinen Einfluss einer fetten Pfrunde gewartig seyn."

"Wohl dem, der heiliger Verwandtschaft sich ruhmen kann;" meinte Gerhard.

"Und so liess ich denn Alles dahinten," fuhr der Jungling fort: "Haus und Hof und Geld und Gut gehort dem kleinen Bruder Johannes, und ich uberlasse ihm Alles gern, denn er ist ein lieblicher Bube, sofern als ich mich seiner noch entsinnen kann, bevor er seiner Gesundheit halber weggethan wurde in die Kost zu einer Amme unfern des Konigsteins. Mag er in Wohlstand leben, mag ihn die Mutter verhatscheln, und der Vater Abgotterei mit ihm treiben; mir gleichviel. Mich ernahrt furder der Altar, und ein faules Chorherrnleben ist eben nicht das Schlimmste."

"Gott erhalte Eure Lustigkeit, Junker Frosch!" rief Gerhard: "Mit Euren Schwanken helft Ihr Euch uber Alles hinuber. Und Recht habt Ihr, beim Donner. 'Skommt nur darauf an, wie man die Sache nimmt. Seyd Ihr einmal Stiftsherr, hat's keine Noth. Die beste Tafel, die sussesten Weine stehen Euch zu Gebot. Dm Morgen vertraumt Ihr im Chor, oder schwanzt die Kirche, habt Ihr gerade nicht Lust zum Singen und Plarren. Fur die Vesper mogen die Kaplane sorgen, wahrend Ihr in Edeltracht zu Pferde sitzt, oder hinter'm Brettspiel, oder im kuhlen Keller. Die Seelsorge kummert Euch nicht; Ihr habt nur die Muhe, das was Ihr gelernt, zu vergessen, und wenn Euch dann nach einem Tage voll Last und Plage Euer seidnes Lager aufnimmt, so finden sich auch wohl ein Paar schone Arme, die Euch umpfangen, ohne dass der Leutpriester den Segen daruber sprach."

"Ei du ruchloser Gauch!" lachte der Junker: "Also verunglimpfst Du das geistliche Leben?"

"Straft mich Lugen, wenn Ihr konnt;" rief Gerhard in Eifer: "Tretet nur einmal in ein vornehm Gestift und Ihr werdet mehr noch sehen. Machen's doch die Pfaffen auf dem platten Lande auch nicht besser. Der Pfarrherr halt sein Lieb im Hause, der Vikar sucht es ausserhalb. Der Domherr sieht keine zehnmal im Jahre seinen Chorstuhl, und der Bischof hat das Uebermenschliche gethan, wenn er die Weihen empfing, und vielleicht am Osterfeste das Hochamt mit anhort, auf seinem Throne sitzend."

"Leider hast Du Recht;" erwiederte der Begleiter. "Unfug ist eingerissen, aber ihn zu beseitigen, ist ja die Kirchenversammlung angeordnet. Du wirst sehen ..."

"Dass eine Krahe der andern die Augen nicht aushackt;" unterbrach ihn Gerhard. "Lasst nur die Walschen hineinplaudern; so ist von vorn herein Alles verkehrt."

"Vergissest Du, dass des Kaisers Majestat selbst sich alle Muhe gab, das Concil zu Stande zu bringen? dass der beredtsame Prediger aus Bohmen daselbst seine Lehre vertheidigen, sieghaft vertheidigen wird?"

"Sieghaft?" lachte Gerhard: "Ihr habt so viel gelernt und tappt im Dunkeln? Wie machts der Jager einem storrigen Ruden, der die Zahne weisst? Er lockt ihn mit Schmeichelworten, und kommt der dumme Hund heran, bethort von trugerischer Freundlichkeit, so liegt ihm der Maulkorb vor der Schnauze ehe er sichs versieht, und der Knuttel auf dem Kreuz. Wollt Ihr wissen, wie ichs einem Gegner mache, dessen Fechterkunste mir gefahrlich scheinen? Ich lufte den linken Arm, und wahrend er nach der klaffenden Schiene stosst, und auf dem schnell gekehrten Schild die Lanze bricht, spiesst ihn meine Glene zwischen Halsberge und Krebs. Mein Roland schlagt seinem Pferde den Huf in die Seite, und im Sande liegen Ross und Reiter. Was ubrigens den Kaiser angeht, der wie ein Buttel deutscher Nation durch alle Lander fuhr, um Gotteswillen die Fursten einzuladen ..."

"Schweig, Lasterzunge!" fiel ihm scherzend der Andere in die Rede: "Den Kaiser taste mir nicht an. Dagobert! sagte mein Vater beim Abschiede: Ich werde Deine Tage segnen, so ich Dich einmal in den Wurden unsers Vorfahrers sehe, des beruhmten Wikker Frosch, der Hauskaplan des hochstseligen Kaisers Caroli des Vierten und dessen rechte Hand gewesen! Da ich nun also, diesen Zweck zu erreichen, mich freundlich mit dem Mehrer des heil. romischen Reichs halten muss, so verbiete ich Dir jeden Ausfall gegen Seine Majestat."

"Nun in Gottesnamen!" versetzte Gerhard: "So sey denn Friede zwischen uns, und ich empfehle Euch, als zukunftigem Kanzler des wackern Herrn, Euern unterthanigen Knecht von Hulshofen zu beliebiger Versorgung."

Lustig trabten sie von dannen, und vertrugen sich herrlich auf der ziemlich weiten Fahrt, die, eine vorzeitige Kalte abgerechnet, nichts Besonderes aufzuweisen hatte. Ungeduldig sah sich Dagobert nach Abenteuern um. Mit gleicher Ungeduld spahte Gerhard aus nach der Unbekannten im Trauergewande, aber die Sehnsucht Beider ward getauscht. Naher und naher kamen sie dem Ziele, und waren nur noch etliche Stunden von Costnitz entfernt, als sich endlich der Schauplatz um sie her veranderte. Die Strassen wimmelten von ab- und zugehenden Wanderern, von Reitern und Fahrenden. Eine grosse Menge von Landleuten schleppte die Vorrathe des Landes nach der Stadt, in der es summte und brauste, wie in einem Bienenstocke. Kaufleute, Handwerksgesellen, Gaugler und Bankelsanger zogen Hordenweise dem gelobten Lande zu. Alle Herbergen und Schenken waren uberfullt von fremden Gasten, die in jeder Zunge schwatzten, sangen und fluchten. Gerhard freute sich des bunten Lebens, so lang es ihm nicht den Zutritt zum Keller versagte, aber seine Erwartung, diese Freude von seinem jungen Begleiter getheilt zu sehen, betrog ihn gewaltig. Der muntre Dagobert wurde unter dem ergotzlichen Gewuhl still, einsylbig, verdustert, und blickte verdrossen vor sich hin.

"Lustig! Lustig!" rief ihm Gerhard mit ungestumer Theilnahme zu: "Es geht ja hier zu, wie beim Thurmbau zu Babel! Frohlich mitgeschwommen in dem Strome des heitern Lebens, junger leicht beweglicher Fisch! Jetzt, unter Fremden gilt's, die blenden Schuppen zu regen, und obenauf zu rudern in traglicher Fluth!"

"Deine Ermahnungen erregen nur meinen Unmuth;" erwiederte Dagobert. "Was ist es anders, das meinen Geist bekummert, als eben wandeln zu mussen unter Fremden. Hier ist nicht mehr Deutschland. Die heimeliche Sitte der Vaterstadt gilt hier nicht mehr, untergehend unter dem Schwall fremder Gewohnheit, die sich breit macht auf unsrer Erde. Und nimmer kehre ich vielleicht zuruck zu dem Hause, wo meine Wiege stand; nimmer sehe ich sie vielleicht wieder, die Fluren auf denen meine Jugend erwuchs. Ein gutgemeintes aber vorschnell Wort schneidet mich aus dem hauslichen Leben; der Groll einer Verschmahten wirft Berge und Strome zwischen mich und meine Heimath! Was wird mir die Fremde bieten, die nicht meine Sprache kennt, nicht mein vaterlandisch Herz?"

"Ihr schiebt Alles aufs Vaterland!" brach Gerhard los: "aber der Donner soll mich erschlagen aus heitrem Winterhimmel, wenn hinter den Gedanken an die Heimath sich nicht noch birgt das Gedachtniss an was Liebes, das Ihr daheimgelassen."

Dagobert errothete und sprach nach einer Weile: "Fast mochtest Du recht haben. Ich gestehe es selbst. Ich glaubte nicht, dass ein wohlthuend Gefuhl, welches ich seit Jahren bewahre, wie man eine bescheidne Blume bewahrt im stillen Schlafgemach, so ernstlich geworden sey. Aber," fuhr er, sich ermannend, fort: "Es ist all Thorheit und Schnack. Ich hatte das Blumlein nicht vor die Brust stecken durfen, wenn ich auch ein Laie bleiben konnte. Der Levit muss sich ohnehin die Gedanken vergehen lassen."

"Ihr sprecht so zierlich, als ob Ihr bei einem alten Minnesinger in die Lehre gegangen waret;" meinte Gerhard: "Loblicher ist es aber noch, sich in seine Lage finden. Ihr seyd nicht dazu gemacht, fur die Liebe zu sterben in der Sehnsucht Pein. Schwer ists allerdings, ein Magdlein zu vergessen, an das man sich gebunden mit der Herzenskette, so lang man nur s e i n e r gedenkt, und unnothig ihm die Treue aufbewahrt. Aber federleicht wird's, glaubt es mir sobald man sich vornimmt, Alle zu lieben, die ein fein Gesicht und ein lieblich Ansehen erhalten haben von dem lieben Gott. Thut ein solches und ihr werdet mich loben."

Dagobert lachte. "Das ist es ja eben, was ich am meisten furchte;" rief er: "Der Himmel hat mir ein butterweiches Herz geschenkt, wie es mein Vater hat, der noch im sechzigsten Jahre eine Achtzehnjahrige umfing. Ein Paar schone Augen haben mir's immer angethan, wo die Minne frei walten durfte, und die Sorge, meinem Schatzlein nicht die Treue bewahren zu konnen, die ich ihr im Herzen zugeschworen, qualt mich halb zu Tode. Doch diese Wolken gehen auch voruber, wie alle andern, und der Sonnenschein meiner frohen Laune wird nicht ausbleiben. Sieh diese herrliche Aussicht uber die Stadt und den Bodensee! Sieh, wie alles funkelt im winterlichen Mittagsglanz! Wen sollte dieser Anblick nicht froh machen im tiefsten Leid? Horch! die Glocken lauten uns entgegen. Sie konnten nicht feierlicher schallen, wenn Du der Kaiser warst, und ich an Deiner Seite heranritte, als Hauskaplan!"

Durch solche Scherze suchte Dagobert das unangenehme Gefuhl zu ersticken, das sich in seinem Innern bemerkbar gemacht hatte, obgleich ihm nicht recht um's Scherzen war. Gerhard horte ihm wohlgefallig zu, liess den Blick uber Stadt, See und Strom gleiten, und ubersah es, dass der Weg an einem geringen, aber von Reif und Novembereis geglattetem Abhang hinunter lief. Plotzlich strauchelte sein Pferd, und nur ein kecker Griff Dagoberts in die Zugel des stolpernden Rolands, konnte Gaul und Reiter vom gefahrlichen Sturz erlosen. "Kreuz und Dorn!" fluchte der erschrockne Gerhard, stille haltend: "Das kommt davon, wenn man Euch zuhort, und sich selbst daruber vergisst! Die verdammte Halde mit ihrem Abhang! Es wird besser seyn, wenn wir, da doch die Mittagsglocken lauten wie andere ehrliche Christen, von den Pferden steigen, das Kapplein unter den Arm nehmen, und unsere Thiere betend weiter fuhren."

"So sey's, Du wackrer Christ!" entgegnete Dagobert: "Es wird nebenbei nicht schaden, dass wir bei der Hand sind, wenn jener Reitersmann, der da vor uns hinkleppert, sich aus dem Sattel begeben sollte. Sein Gaul tanzt wie Deiner auf der Eisbahn, ... wie Du scheint der Mann in Gedanken versuncken, denn der Zaum hangt schlaff, und wer weiss, wie bald ..."

"Alle Teufel! da haben wir's!" unterbrach Gerhard sein schon begonnenes Gebet, und er und Dagobert setzten sich in Lauf, auf die Gefahr ein Bein oder den Hals zu brechen; denn der besagte Reiter schlug so eben zum Boden nieder, und das Ross walzte sich auf ihm. Die Helfer in der Noth schnirten in der Eile ihre Gaule an einer Buche fest mit dem Zugel, und eilten zur Rettung des Gesturzten herbei. Mit vieler Muhe wurde dieser von der Last seines Pferdes befreit, das sich mit der grossten Anstrengung aufrichten liess, und endlich, schauernd von Schreck und Schmerz, aber unverletzt neben seinem Herrn stand. Dieser sass, nach und nach Besinnung und Sprache wieder erlanget, auf der Erde, und starrte die beiden Schutzengel lange an.

"Gelobt sey Jesus Christus!" begann er endlich mit sehr tief und vollklingender Stimme, wahrend er sich das linke Bein rieb, auf dem sein Rappe gelegen war: "Das war ein Sturz, wie er mir doch Zeit meines Lebens nicht vorgekommen ist."

"Ihr seyd doch ganz und heil, lieber Herr?" fragte Dagobert theilnehmend. Der Fremde zuckte die Achseln, aber ein zufriedenes Lacheln breitete sich uber sein braunes mannliches Angesicht, als er nach wiederholter Ausdehnung seiner Gliedmassen verspurte, dass sie unverletzt geblieben.

"S'ist noch gut genug abgelaufen!" meinte er, und wischte sich den kalten Schweiss von der Stirne. "Hebt mich auf, ihr guten Leute; ich werde wohl mit Gottes Hulfe allein stehen konnen." Der Versuch ging ohne Gefahrde glucklich voruber. Der Fremde stand da, seine beiden Nothhelfer um ein Erkleckliches uberragend, und wandte nun die herrischen Augen gegen den Rappen, der noch angstlicher zitterte, als ob er des Herrn Blick schon kenne und dessen Folgen. "Seht da, ihr Herren!" sprach der abgeworfene Reiter: "seht da einen Gaul, der mir schon zehen Jahre dient, und mich auf manchem Ritt zu Ernst und Schimpf getragen, um den man mich gar oftmals beneidet, und den ich Gutfreund getauft, um seines sichern Schrittes und seiner Aufmerksamkeit willen. Ist's nicht eine Schande, dass er mich heute abgeschleudert in seiner faulen Nachlassigkeit? Du boses Pferd mit unsrer Freundschaft ist's aus: von heute an reite ich dich nicht mehr."

"Wenn Ihr der Wechselpferde mehrere besitzt, ist's gut fur Euch;" versetzte Gerhard, der den schlichten Lederkoller des Reiters mit Geringschatzung betrachtete: "Indessen hat der Gaul nur ein Versehen verschuldet. Es ist ja kein Mensch."

"Wackre Freunde und treue Thiere halten sichern Schritt bis an's Ende!" erwiederte der Fremde, die Sache ernster nehmend: "Sie sollen seyn ein treuer Stecken und Stab, der nimmer bricht, als im letzten Stundlein. Wort und Gehorsam sollen ewig seyn. Der Freund, in dessen Schooss ich nicht sicher ruhen kann der Gaul, der durch Tragheit oder Scheu mein Leben in Gefahr bringt sie gelten mir Nichts mehr. Darum fresse dieser abgedankte Trager das Gnadenbrod, so lange er will. Er verkummre aber unter dem Tross."

"Ihr seyd ein seltsamer Mensch!" lachte Gerhard: "Um des Bischens Abwerfens willen! Du lieber Himmel! Mein Roland ist mir um das Reich nicht feil, aber abgesetzt hat er mich dennoch oft, nur nie, wo's Ernst galt. Kugelt man auch ein wenig in den Staub, was thuts, so lange die Rippen halten? Ist Euch doch nichts mehr nichts weniger begegnet, als dem heiligen Vater erst vor Kurzem, da er uber den Oelberg gen Costnitz zog, und sein Fuhrwerk umschlug."

Der Fremde brummte ein etwas unwilliges "Hm!" ergriff den Zugel seines Rappen und zog ihn, langsam vorschreitend, nach sich. Dagobert hatte die beiden andern Pferde herbeigebracht, und alle Drei gingen, der Fremde in der Mitte, auf die Stadt los, die Thiere fuhrend. Gerhard der ungern seinem Witz Fesseln anlegte, war er einmal im Zuge, schwazte weiter im Texte: "Wie Ihr so straff und aufrecht daher schreitet, lieber Herr! Euch kummerts nicht, ob dieser Fall ein boses Omen gewesen oder nicht. Doch Se. Heiligkeit ist furchtsamer gewesen, und es durfte leicht geschehen, dass sie Recht hatte, als sie auf dem Oelberg ausrief: Was hat es zu bedeuten, dass uns der Unfall widerfuhr? Gott lenke es zum Guten!"

"Und lehre Dich schweigen, aberwitziges Schneppermaul!" platzte der Fremde los, der, als dis Rede wieder vom Pabste anhob, die Stirne gehassig gerunzelt hatte: "Verspotte nicht das Haupt der Christenheit, oder ...!"

Er schwang den Handschuh der linken Faust drohend gegen den besturtzten Gerhard, schien aber weniger Lust zu haben, ihm denselben vor die Fusse zu werfen, als um's Gesicht zu schlagen. Hulshofen griff nach dem Schwertknauf; Dagobert jedoch, der schnell auf seine Seite gesprungen war, flusterte ihm zu: "Gib Ruhe, Raufbold! willst Du Dich ins Verderben bringen. Wir sind innerhalb dem Weichbilde der Stadt. Du bist dem Blutbann verfallen, so Du ziehst."

"Dem schlagfertigen Gerhard fiel das strenge Conciliumsgesetz ein, und murrend liess er die Klinge ruhen, einigen Schimpfworten Luft machend, und den Fremden mit drohenden Blicken messend. Dagobert drangte sich zwischen Beide. Ihr mogt seyn, wer Ihr wollt, begann er zu dem Fremden, so bitte ich Euch, Friede zu halten. Ein Schwank soll nicht mit Blut gesuhnt werden, und wenn drei unbedeutende Menschen wie wir zum Schwert greifen, einen tollen Handel auszufechten, wird es dem heiligen Vater von wenig Nutzen seyn. Ueberdiess sind wir Fremde; dass Ihr es seyd, verburgt mir Eure Mundart. Warum wollen wir den Hals dem Gesetze dahingeben, wahrend wir vielleicht zu einem ruhmlichern Streite aufbewahrt sind."

"Ihr sprecht wie ein Buch;" versetzte der Fremde lachelnd: "Ihr irrt jedoch, wenn Ihr glaubt, dass ich dem Menschen dort zu Leibe wollte. Beim heiligen Georg! das kam mir nicht zu Sinne. Mir stunde es wenig an, mich mit ihm gemein zu machen. Euch hingegen kennen zu lernen, junger Mann, freut mich ganz absonderlich. Auf stillehrbare Leute kann man sich verlassen, denke ich. Wollt Ihr mein Freund werden, so sagt mir Euern Namen."

Dagobert wollte so eben, sich verwundernd, dieselbe Frage an den Fremden richten, da kam unweit des Stadtthors ein Knecht daher in weiss und rothem Rock, entblosste, da er des Unbekannten ansichtig wurde, das Haupt, und blieb am Rande des Weges stehen. "Nimm dieses Pferd," sprach der Reiter zu ihm, "und bring es in den Stall. In Zukunft reite ich den Schimmel nur."

Der Knecht empfing, still sich neigend, das Thier, und einen Schritt von Thor entfernt, fragte der Herr den jungen Frankfurter lachelnd: "Werde ich noch nicht erfahren, wer mir aus der Noth half?"

Dagobert nannte bescheiden seinen Namen, und machte auch Gerhards Stand und Geschlecht kund. "Mit dem Edelknecht hab' ich nichts zu schaffen;" versetzte der Fremde barsch: "Er hat den Dienst, den er mir leistete, zu Nichte gemacht, durch seinen ungebetenen Vorwitz in einem Ding, ob dem ich keinen Scherz verstehe. Ihr aber, biedrer Altburger, Ihr seyd mir lieb und werth. Ohne Zweifel werdet Ihr im Engel Eure Wohnung nehmen, da die Schoffen, Euerer Stadt Abgesandte, daselbst die Einkehr nehmen? Recht lieb wird mir's seyn, von Euch zu horen."

Nach einem fluchtigen Kopfnicken verliess der Mann, ohne weiter das Geringste hinzuzufugen, die Ankommlinge, und ging in die Stadt. Die Letztern sahen wohl, dass die Soldwachter ehrerbietig Platz machten, die Burger demuthig Hute und Mutzen ruckten, und sothane Ehrfucht auf sie Beide sogar uberging, da sie mit dem geehrten Mann herangekommen waren. Stolz trabten sie und staunend durch das Thor. "Ich furchte, ich habe einen thorichten Streich gemacht," flusterte Gerhard dem Begleiter zu: "Der Mann ist wohl mehr, als wir Beide." "Moglich;" versetzte Dagobert lachelnd, und verwies den Neugierigen an den Knecht, der mit dem gesturtzten Gutfreund hintendrein kam. "Wie nennt sich Dein Herr, guter Gesell!" fragte auch Gerhard den Knecht, und verstummte kleinlaut, als dieser erwiederte: "Seine furstl. Gnaden ist's, der gnadigste Herzog Friedrich von Oestreich-Tyrol."

Drittes Kapitel.

Ein dreitausendjahriges Gesetz! Seine Wurzel,

in den Pyramiden, seine Wipfel allenthalben

Schatten werfend: ein vom Blitz gespaltner

Stamm, grunend dennoch durch die Thranen

strome ausgestossner Sclaven! ...

Die zwischen dem Mainstrom und der Domkirche gelegene Judengasse zu Frankfurt war mit ihren alterthumlichen Hausern in das Dunkel eines spaten Freitags Abends versunken. Still und einsam war die enge und krumme Strasse, und es wimmelte nicht mehr das geschwatzige Volk darin umher, das wohl zu den Zeiten Ludwigs des Baiern sich darin bewegte. Das Geschick dieses Volks hatte sich seit dem Tode jenes Fursten nach und nach gewaltig umgestaltet, und in Folge des harten Drucks, der sogar dann und wann in offene Schlachten ausbrach, war der israelitische Stamm zu Frankfurt ausgegangen bis auf wenige Geschlechter. Diese hausten nun abgezogen von der ubrigen burgerlichen Welt in ihren halbverfallnen Gebauden, deren Nachbarhauser in Ermanglung der ehemaligen judischen Besitzer die blutarmsten Einwohner der Reichsstadt inne hatten. Diese Letzteren, dem bittern Mangel unterthan, belauerten mit eifersuchtigen Blicken das Thun und Treiben der Juden, die Bedurfniss und Gewinnsucht auf den Handel anwies, und die alle List anzuwenden hatten, ihren wachsenden Wohlstand vor den neidischen Augen ihrer Nachbarn zu verbergen. Darum liessen sie ihre Wohnungen von Aussen verfallen, darum schlichen sie umher in der zerlumpten Tracht mit Zwerchsack und Wanderstab, darum liessen sie den seltenen Gasten, die sich in ihre Hauser wagten, nur die in Elend und Schmutz versunkene Unterstube sehen; darum schlossen sie sorgfaltig am Sabbath ihre Fensterladen und Hausthuren, dass nicht durch die Ersteren der Lichter Schein, durch die Letzteren der Geruch der Festspeisen dringen und einen Schimmer von Wohlhabenheit verrathen moge, der ihnen hatte gefahrlich werden konnen. So waren auch heute ihre Fenster und Pforten verliegelt und der Feierabend eingekerkert zwischen vier Mauern. Das Haus des Altesten unter ihnen, der in der ganzen Umgegend wegen seines Alters, seiner Leiden und Erfahrungen hochgeachteten David Ben Jochai, machte keine Ausnahme. Schwarz und duster sah es gleich den Ubrigen in die Strasse, aber, hatte man den endlosen finstern Hausgang durchmessen, die dunkle Wendelsteige uberschritten, und sich durch die Nacht nach dem Hintergebaude fortgegriffen, so trat man plotzlich in einen heiter geschmuckten Ort, wo der Sabbath walten durfte in prachtiger Heimlichkeit. Eine im langlichen Viereck gebaute Stube, getafelt an den Wanden, und geschmuckt mit Vorhangen und buntem Schnitzwerk war der Haustempel. Ein grossblumiger Teppich bedeckte den grossten Theil des Fussbodens. Von der Decke schwebte der siebenarmige Leuchter, unter welchem der runde Tisch stand, uberhangen mit einer rothwollenen Decke, uber die erst wieder eine andere kleinere gebreitet war, von weissem feinem Linnenzeuge. Um den Tisch, den drei silberne und reich gearbeitete Becher schmuckten, auf einer silbernen Kredenzplatte aufgestellt, standen drei Stuhle mit hohen goldverzierten Lehnen und Polstern von geschornem Sammet. Unfern von der Tafel glanzte aus einer Nische der Mauer das silberne Waschbecken, in welches, sobald man den oben angebrachten vergoldeten Hahn umdrehte, das klare Wasser sprudelte. Feine Linnentucher lagen zum Abtrocknen bereit. In der Ecke war der Tisch zu schauen, der die Festspeisen trug und den blinkenden Weinkrug. Der Hintergrund der Stube nahm aber ein auf morgenlandische Weise geordnetes Lager von bequemen Seidenpolstern ein, uberlegt mit einem kostlichen gewirkten Stuck. Auf diesem Lager ruhte nun die Enkelin des Hausherrn, Esther, die an Schonheit ihres Gleichen nicht hatte am ganzen Rhein- und Mainstrom; angethan mit prachtigen Gewandern nach der Sitte des Vaterlands geschnitten, glanzende Gehange in den Ohren, und viele kostbare Ringe an den Fingern. Sie hielt eine Schnur von farbigen Glaskugeln in den Handen, und liess sie gedankenlos auf- und niedergleiten, ein erlaubtes Spielwerk. Aber aufmerksam lieh sie ihr Ohr dem Grossvater, der zu ihren Fussen sass, in eine schon gefutterte Pelzschaube gehullt, das silberweisse Haar mit einem Sammetkapplein bedeckt. Wer ihn betrachtet hatte, den alten Mann, wie er so da sass, gebuckt von den Jahren, die Ellenbogen auf die Kniee gestutzt, und die Hande lebhaft bewegend wie die redende Lippe, und den schneeigen, bis uber den Gurtel fallenden Bart, hatte ihn fur die Zeit selbst halten sollen, die der Frau Venus Mahrlein erzahlt von vergangenen Tagen. Und in der That war es auch die Zeit, die auf den Lippen des Alten sass, und die Vergangenheit gab er wieder in eifrigen Worten. Das Geschick hatte ihn bereits durch einen Kreis von hundert Lebensjahren gefuhrt, und hundert bittre Jahre waren es, von denen er Kunde geben konnte. Nun ist die Zeit des Leidens die unerschopflichste; denn wahrend ein frohes Jahr voruberschaumt wie der brausende Geist feurigen Weins, schleichen die truben Tage gleich Jahrhunderten dahin, schauckelnd auf langsamer fauler Woge, und lassen dem Mitschwimmer Muse genug, in die Tiefen zu schauen in die Klufte die sich aufreissen wahrend seiner Bahn. Damit er sich all ihre Schrecknisse einprage im sichern Gedachtniss. Diese ernsten Anschauungen mitzutheilen, ist ein Bedurfniss des Alters, das ohnehin nur allzuoft den kekken Gang kraftbewusster Jugend in den prufenden Schritt der alternden Bedachtigkeit verkehren mochte. Der greise Jochai offnete also auch, sobald der Ruheabend eingebrochen, den Schatz seiner Rede und Erfahrung, und unterhielt den Sohn und die Enkelin von den Schicksalen und Begebenheiten ihres Volks. Heute horte ihm jedoch nur die reizende Esther zu, da ihr Vater unbegreiflicher Weise von seiner Handelswanderung noch nicht zuruckgekommen war. Es schien uberhaupt an diesem Abend ein besonderer Unstern die Ordnung des Hauses zu verrucken, denn auch der Diener und Mitgenosse desselben war ausgeblieben, und sein Platz hinter dem Ofen von der Sabbathmagd, der stummen Grete, eingenommen, die darin gahnend mit dem Schlafe kampfte, und nur dann und wann aus dem Winkel hervorschlich, um die verdusterten Lampen zu putzen.

"Die Moglichkeit, zu vergessen solche Greuel, wie ich sie erlebt," sprach Jochai, mit gepresster Stimme seine Erzahlung endend, "liegt ausser der Gewalt des Menschen. Der fromme Rabbi Simeon, mein weiser Lehrer, dem das Paradies sey, sprach zu mir auf seinem Sterbelager, wo er noch in Frieden dahin fuhr: Junger Bube; wir leben noch anjetzo in goldener Gefangenschaft. Wir haben einen Herrn, einen harten Herrn, aber er ist gerecht, und gonnt uns den Schatten seiner Gesetzpalmen. Aber, es wird kommen eine Zeit wohl mir, dass ich sie nicht mehr sehe, eine Zeit der hochsten Trubsal und Prufung. Wehe wird gerufen werden uber Israel! Machet aber nicht, dass die Gerechten im Paradiese uber euch Wehe schreien. Haltet fest an den Buchern eurer Vater, an dem Gesetz, das unmittelbar gekommen ist, von dem, den ich nicht ausspreche, und habt ihr gekostet die bittre Frucht der Zeit, so mischet den Wehrmuth ihres Gedachtnisses dann und wann in die Speise eurer Kinder und Enkel, dass sie nicht ablassen zu flehen zu dem Allmachtigen, dessen Herrlichkeit unmittelbar unsre Scheitel beruhrt, damit er endlich seine Verheissung erfulle, und uns den Messias sende, den Ersehnten! Ach, sie ist erfullt worden, des frommen Rabbi's Prophezeiung, ... wir haben sie gekostet, die bittre Frucht der Zeiten, die da s i n d , aber noch immer zogern die Jahre, die da kommen sollen im Gefolge des Messiah!"

"O, sage doch, lieber Grossvater," fragte Esther neugierig: "werden sie denn wirklich so schon seyn, die Tage, uber die der Verheissne als Konig gebietet?"

"Herrlich, meine Tochter!" erwiederte der Greis mit leuchtenden Augen: "herrlich, uber alle Beschreibung. Wir werden wieder seyn wie Sand am Meere, herrschend uber alle Volker der Erde. Das Leben wird verfliessen in unverganglichen Laub- und Friedenshutten! Das neuerbaute Jerusalem wird seyn die Stadt der Welt, und in seinem Tempel werden alle die vom Weibe geboren sind, dienen und opfern. An Uppigkeit werden die Saaten ins Unendliche gedeihen, das Korn zu riesenhohen Garben erwachsen, die Weinstocke ungeheure Trauben erzeugen, die Flusse Milch und Honig fluthen. Selbst die Gestirne werden sich des herrlichen Zeitalters freuen, der Sonne dreihundertfaltiger Strahl den Himmel in Paradiesesglut tauchen, des Mondes Schein die Nacht zum schonsten Maientag verklaren!"

"Welch' reizende Zukunft!" rief Ester hingerissen: "Warum ist sie nicht schon zur Gegenwart geworden!"

"Noch zurnt der Gebenedeite!" versetzte Jochai mit zerknirschter Beugung des Hauptes: "noch hort er nicht die Stimmen seiner Kinder, die zu ihm schreien aus der Tiefe. Noch halt der Vater des Bosen, der Furst der Wildniss, der grausame Sammael das Ohr des Herrn verstopft, weil er nicht will, dass unsere Gebeine ruhen im Schosse des gelobten Landes. Aber endlich wird der Schrei unsrer Noth dennoch zu dem lieblichen Gabriel dringen, dem Boten der Barmherzigkeit, und jede neue Morgenrothe kann uns den Verheissnen senden, mit ihm unsre Rettung."

"Kame sie doch morgen schon!" seufzte Esther: "Ich verliere alle Lust zum Leben, und mir ist gar oft der sundhafte Gedanke gekommen, als ware doch am Ende besser eine Christin zu seyn auf Erden, als ..."

"Rede nicht aus!" fuhr Jochai auf: "Der Herr nehme den Greuel von Dir, den Du gedacht! Warum hegst Du so thoricht Verlangen, das Dich in das Feuer der Gehinnam bringen konnte?"

"Verzeihe mir, Grossvater!" sprach die liebliche Esther, und kreuzte die Hande bereuend auf der Brust: "aber gestehe, dass wir dahin leben, wie die trauernde Weide am sumpfigen Teiche. Ihr Manner geht aus in die Welt, seht Lander und Menschen, und gewinnt muhsam dem geizigen Gojims Euer Leben ab. Diese Art zu seyn hat manche Freiheit, manche Lust. Wir aber, wir vertrauern unsre Tage daheim. Versorgt auch Eure Gute uns mit den Leckerbissen, die uns behagen, mit der Bequemlichkeit die unsre Lust ist, mit dem kostlichen Putz, der uns so sehr gefallt, ... was hilft uns dieses Alles? Von der harten Fessel eingeklemmt, mussen wir all die Herrlichkeit geniessen, verstohlen, wie ein Dieb seinen Raub. Vor der gaffenden Welt erscheinen wir nicht, oder im unscheinbaren Gewande, in erlogner Durftigkeit. Die gesellige Freude ist ausgeschlossen aus unserm Hause. Hinter Schloss und Riegel gefallt uns nicht der Prunk, nicht die leckere Tafel, nicht das weiche Lager, von dem wir uns kaum erheben."

"Verblendete!" eiferte Jochai: "In Fesseln liegst Du, aber in denen der verdammlichen Eitelkeit, die uber dem Spiegel das Gesetz vergisst. Gefallsuchtige! Nicht auf den unzuchtigen Tanzen der Unglaubigen, nicht bei ihren heidnischen Feierlichkeiten und unsittlichen Schmausereien sollst Du glanzen. Gefalle Deinem Vater, gefalle Deinem Manne! Die ubrige Welt kenne Dich nicht."

Purpurfarbe uberzog Esthers Gesicht. Verlegen lachelte sie, schlug dann die grossen schwarzen Augen, um Versohnung flehend, zu dem Alten auf, und reichte ihm die Hand. "Dir und dem Vater will ich ja auch nur gefallen," sprach sie bittend: "und einst dem Manne, den mir Ben David erwahlen wird. Wo bleibt aber der Vater? Die Sanduhr zeigt bereits die siebente Stunde. Es wird ihm doch kein Leid zugestossen seyn?"

"Den wahre der Furst Israel!" erwiederte Jochai mit glaubigem Vertrauen. "Gewiss ist mein Sohn zuruckgehalten worden von den Freunden, oder es hat ihn der Sabbath auf freiem Felde uberrascht, und ein wahrer Gesetzfreund heiligt ihn durch Ruhe und ein friedlich Mahl, wo es auch sey."

In dem Augenblicke pochte es gelinde an die Hausthure. Der Schall verbreitete sich schnell durch den leeren Vorderbau in das festliche Gemach. Grossvater und Enkelin fuhren etwas zusammen. Die alte Christenmagd zundete die Traglampe an, und langte nach dem Schlussel an der Wand. "Bedachtig!" flusterte ihr Jochai zu: "Ich gehe mit, um vom Fenster herab zu ersehen, wer der Klopfende ist. Komme, alte Magd! Vorsicht ist von Nothen."

Die Alte leuchtete dem Hausherrn vor, und Esther blieb allein zuruck, sinnend den Kopf in die Hand gestutzt. "Hm!" seufzte sie nach einer Weile: "der Grossvater hat gut reden. Das Eis seiner hundert Jahre hat eine Rinde um ihn gelegt, dass er das Sehnen und Wunschen der Jugend nicht begreift. Und dennoch, trotz seinen Ermahnungen und Bussreden wird er mich nicht uberzeugen. Ich bin recht unglucklich!" fuhr sie nach einer kleinen Stille fort: "unglucklicher als ich mir's vielleicht selbst traumen lasse, ... und, ach! nur Eines fehlt zu meinem Glucke; aber auch das unerringbar Einzige!"

Schwermuthig liess sie das Haupt sinken. Da trat Jochai herein, hinter ihm sein Sohn Ben David, ein Knabchen an der Hand fuhrend. Freudig eilte die Tochter an des Vaters Hals, und erkundigte sich angelegen ob seines langen Wegbleibens.

"Ich brach spat auf von der Nachtherberge," sprach Ben David: "der kurze Wintertag hat mich verlassen, da ich noch uber eine Stunde von hier entfernt war. Mein Begleiter da konnte auch nur schlecht voran mit seinen Beinchen, und so trug ich ihn denn die letzte halbe Stunde auf dem Rucken hieher. Die Einlasspforte Hab ich mir geoffnet, mit einem dicken Groschen und da bin ich. Gut Schabbes!"

Esther erwiederte freundlich den Gruss, und musterte neugierig den Knaben, der vor Mudigkeit beinahe in die Kniee sank, und von Ben David auf den Sitz am Ofen gebracht wurde. Der alte Jochai jedoch sah mit finsterer Miene auf das Treiben seines Sohns, und sprach: "Ich kann nicht segnen Deinen Eingang, denn Du hast den Sabbath entheiligt durch Deine Reise wahrend seines Beginnens, durch die Last die Du auf Dich nahmst, indem Du diesen Buben auf die Schultern nahmst, und durch den Einlasspfennig, den Du beruhrtest zu verbotner Zeit."

"Frommer Vater!" versetzte Ben David: "so ich gesundigt habe und das Gesetz beleidigt, indem ich den kleinen Menschen der hinzusinken und zu erfrieren dachte, in Sicherheit gebracht, so will ich, wenn Du befiehlst, gern auf meinen Platz verzichten am Tische, am Boden liegen und Fasten, bis Du sagst: genug! nur befiehl, dass der Knabe gesattigt werde, und eines warmen Lagers sich freue."

"Was soll er hier?" fragte Jochai streng wie zuvor: "Er ist ein Christenknabe, dessen Leib das Kleid des Unreinen ist, der abstammt von dem Adam Belial, und nicht Platz soll nehmen im Hause der Gerechten, sondern gehort in die Hohle des Esau."

"Vater!" erwiederte Ben David unterwurfig: "Dein Wort sey gelobt, doch der Unmundige ist noch Gottes allein, der das Kind regieret in seinen Gedanken und Werken. Erlaube, dass dieser, der noch nicht ist, weder ein Sohn des Gesetzes, noch ein Sohn Baals, hier bleibe bis ich ihn ubermorgen zu seiner Mutter fuhre."

"Esther vereinigte ihre Bitten mit denen ihres Vaters, und der rauhe Alte erlaubte endlich, dass der Knabe bleibe, unter der einzigen Bedingung jedoch, dass die Christenmagd ihn sattige, und in ihrer Kammer zur Ruhe bringe. Grete nahm demzufolge den bereits Entschlummerten auf die Arme, und trug ihn hinaus. Nach einer langen Ermahnung, in Zukunft den Sabbath wurdiger zu feiern, bot Jochai seinem Sohn den Kuss des Friedens, und den Platz am Tische, und das Mahl begann, nachdem der Greis gleich einem Patriarchen, Brod, Wein, Salz und Fisch gesegnet, und Ben David sein Haupt bedeckt hatte. Als sie zu Tische sassen, fragten Vater und Tochter neugierig nach Ben Davids Geschaften, und besonders nach dem Abenteuer, das ihn mit dem Kinde zusammengebracht. Der Funfzigjahrige legte dem Alten, mit aller Ehrfurcht eines halberwachsenen Sohnes, von seinem Handel und Wandel genaue Rechenschaft ab; beobachtete jedoch nicht dieselbe Genauigkeit, als er auf den Kleinen zu sprechen kam. Er behauptete namlich, das Kind einige Stunden von Frankfurt, verirrt und umherlaufend gefunden, und von ihm herausgebracht zu haben, dass es nach der Stadt gehore. Aus Mitleid habe er es mitgenommen, um seinen Vater oder seine Mutter auszukundschaften, und hoffe, sich dadurch etwas Ansehnliches zu verdienen, da das Kind aus gutem Hause zu seyn scheine."

"Was der Alte vorhin dem Mitleid ungern einraumen zu wollen bedacht war, liess er jetzt der Berechnung eines Vortheils hingehen, und belobte des Sohns Umsicht und Gewandtheit. Zugleich aber beklagte er sich uber Esthers Unzufriedenheit mit ihrer Lage, und forderte den Vater auf, mit Strenge dergleichen unziemliche Gedanken in ihr zu ersticken."

"Zurne nicht, Vater!" antwortete Ben David hierauf: "Schilt nicht die ubermuthige Lust, mit welcher die Jugend nach den lockenden Fruchten der Welt blickt, die nun einmal durch des hochgelobten Gottes unerforschlichen Rathschluss den Gojim bestimmt sind, statt seinem Volke. Dein Bart ist weiss geworden im Kerker und Du sehnst Dich hinaus. Mein Haupthaar ist ergraut unter dem Joch, und ich durste nach Freiheit. Warum soll das kraftige Geschlecht das nach uns kommt, nicht sich hinaus wunschen aus dem Haus der Gefangenschaft unter die Oelbaume des freien Lebens?"

Jochai schuttelte zweifelnd das Haupt, und strich unmuthig den langen Bart. Ben David fuhr aber zu Esther gewendet, fort: "Beruhige Dich, mein Kind. Vielleicht fugt es sich, dass ich Dich im nachsten Fruhjahr mit hinausnehme in den Garten der Welt. Ich gedenke, zu fahren gen Costnitz, woselbst viele der grossen Herren mein bedurfen werden, und wo wir auftreten konnen in Glanz und Pracht, wie es uns hier die Klugheit verbietet."

"Ei, was sprichst Du?" fragte Jochai angstlich den Sohn. "So ich nicht schon begraben liege an dem Ort der Lebendigen1, wirst Du nicht das Madchen von meiner Seite nehmen. Wer soll mich huten, wer mich pflegen, bist Du fern?"

"Gib Dich zufrieden, Vater!" antwortete Ben David: "der gute Knecht Zodick wird an Dir thun, wie an seinem Vater."

"Zodick?" fragte Jochai zweifelhaft: "Zodick, der das Gesetz der Vater so wenig beachtet, dass er noch jetzt sich im Hause nicht sehen liess?"

"Ich dachte, er sey schon in seine Kammer gegangen!" erwiederte Ben David, und wollte noch einige Bemerkungen uber Zodick's fruheres Benehmen hinzusetzen, als ein furchterlicher Tumult vor dem Hause laut wurde, auf dessen Pforte Schlag auf Schlag fiel. Erschrocken fuhr die Familie in die Hohe, und Grete sturzte herein, durch ihre heftigen Geberden etwas Ausserordentliches verkundend, das sich auf der Strasse zugetragen. Entsetzen ergriff den Alten und die schone Esther, denn ein Volksauflauf, mit einer neuen daraus entspringenden Judenschaft, stand wie ein ungeheures Gespenst vor ihren Gedanken; aber Ben David beruhigte sie mit wenig Worten, ermahnte sie, die Thure des Hintergebaudes fest zu verriegeln und die Kostbarkeiten bei Seite zu bringen, und folgte, wenn auch nicht ohne Herzklopfen, der lebhaft voranschreitenden Grete die Treppe hinab, durch den Hausgang an die Pforte, die von wiederholtem Pochen ertonte, und vor welcher das Gesumme einer ansehnlichen Menschenmenge sich vernehmen liess. "Wer pocht so ungestum?" fragte Ben David durch das Schlusselloch, und zuruck schrie eine klagende Stimme die Antwort: "Herr! offne! Dein Knecht Zodick ist's! offne! bei Deines Vaters Haupt beschwore ich Dich: lass mich nicht zu Schanden werden vor den Edomitern hier auf der Schwelle Deines Hauses!" Und Gemurre und einzelnes Spottgelachter rings umher. Ben David, die Verzweiflung des hulferufenden Hausgenossen nicht verkennend, befahl seinen Leib dem Gott seines Bundes, und gebot der Magd, zu offnen. Das Schloss ging auf sammt den Riegeln, und kaum klaffte die Thure, als ein Haufe gemeinen Pobels sich hereindrangte in's Haus: neugierige und hohnisch gezogene Gesichter, von wenigen Laternen und Kienspanen schwach beleuchtet; in deren Mitte der Diener des Hauses, Zodick, Gesicht, Hemde und Gewand von Blut befleckt, das reichlich herabstromte aus einer breiten Stirnwunde.

Ben David fuhr bei diesem Anblick erschrocken zuruck, hob beide Hande gen Himmel, und rief in heiligem Eifer: "Zodick! unseliger Knecht! Hat Dich der Furst der hollischen Nacht beruckt, dass Du also trunken und blutend von einem Falle eintrittst in die Hutten Israels, und verbrecherisch schandest die liebliche Konigin Schabbath, die allhier ihren Sitz genommen?"

Zodick winkte verneinend mit der Hand, sank jedoch, unfahig zu reden, auf die Schwelle der Unterstube. Ben David sah fragend umher in dem Kreis der Nachbarn, die zum Theil in schmutzigen Nachtgewandern, erst dem Lager entflohen, als gaffende und schadenfrohe Zeugen den Verwundeten umstanden. "Was hat's gegeben, liebe Freunde?" fragte er mehrmals vergebens, bis endlich ein altlicher Mann von rechtlichem Aussehen sich hindurch drangte, und also sprach: "Ich will Dir Auskunft geben, Jude! Ich bin der Schmid Albrecht dort an der Ecke dieser Gasse, und kam vor Kurzem aus unsrer Herberge. Wie ich nun kaum zwanzig Schritte von meinem Hause bin, so stolpre ich uber den Rothkopf da, der halb besinnungslos in der Gasse liegt, wie ein Trunkner. Da ich ihn beleuchte mit dem Lichtstumplein, das ich in Handen trug, erkenne ich ihn wohl, und auch er macht die Augen auf, fahrt zusammen, und ruft: 'Lasst mich los! ich bin unschuldig!' Es war leicht zu sehen, dass der Bube in augenscheinlicher Verwirrung befangen war, und nicht im Rausche. Ich begutigte ihn daher, und nun hat er, da er mich erkannt, erzahlt, dass ihn auf dem Fischerfelde, von wannen er nach Hause gehen wollen, mehrere Gesellen mit roth und schwarz gefarbten Gesichtern uberfallen, geplundert und mit einem Streithammer verletzt haben; dass jedoch zum Gluck der Streich schier fehlgegangen und nur gestreift habe, und er dem Tode entgangen sey, indem er sich zur Erde fallen lassen, gleich als habe er die letzte Olung. Da er zu Dir verlangte, hab ich ihm erlaubt, sich an meinem Arm zu fuhren, und auf sein klagliches Geschrei sind die Nachbarn herbeigelaufen."

Nach dieser Erzahlung lief ein Gemurmel durch den Haufen, bedauernd, dass der Jude nicht umgekommen war unter den Streichen seiner Verfolger; und sich auflosend in ein rohes Gelachter, das sich den an der Stubenthure lehnenden, keines Worts machtigen Menschen als Zielscheibe setzte. Ben David, ungeduldig, dem storenden Auftritt ein Ende zu machen, dankte hoflichst dem wohlbeleibten Schmid fur seinen Beistand, und offnete die Stube, um den Diener hineinzubringen. Die Menge quoll aber auch in das Gemach hinein, und musterte mit Luchsaugen die elenden Gerathschaften, die darin an den Wanden umherstanden. Mehrere junge Bursche hatten nicht wenig Lust mit ihren flackernden Lichtspanen uber Gang und Treppe in das Oberhaus zu dringen. Aber Gretens abweisende Geberden, und noch mehr die Einflusterung alterer Leute, die ihren Uebermuth vor den in jedem Judenhause verborgenen Fallthuren und mit Vorbedacht offen gelassenen Kellergruben warnten, hielten die Verwegenen von ihrem Vorsatz ab. Zugleich drangten sich auch einige benachbarte Juden herein, schwatzend, neugierig wie die ubrigen, und zudringlich mehr, als hulfreich in ihren angebotnen Dienstleistungen. Vergebens bat Ben David diese Letztern den Misshandelten ihm ganz allein zu uberlassen, sie wichen nicht; vergebens flehte er die anwesenden Christen an, endlich doch mit seinem besten Danke das Haus zu raumen. Sie gingen nicht, und forderten endlich ziemlich trotzig ihren Lohn, dass sie den Judenknecht nach Hause geleitet hatten. Ben David, solcher unziemlichen Forderungen nicht ungewohnt, bezeugte sich nun, die Ungestumen auf den Sonntag zu vertrosten, da ihm das Gesetz verbiete, am Sabbath Geld anzuruhren, allein damit machte er das Uebel nur arger. "Seht den Juden an!" rief Einer aus der Schaar: "Galte es, unsre Taschen zu leeren, wurde er sich wenig um das Gesetz kummern." "Am Sonntag haben wir Schabbes!" rief ein Andrer: "also muss er heute zahlen, der Hundsjude."

Umsonst suchte Ben David die Ungerechtigkeit zu beschwichtigen; der Pobel wurde schwurig; die Habsuchtigsten erwischten von den in der Kammer umherliegenden Trodelwaaren was ihnen am Dienlichsten schien, und machten sich damit davon. Die Handellustigen aber brachen aus in Schimpfworte, und mehrere geballte Fauste schlugen durch ihre drohende Bewegung die Nachbarjuden in die Flucht, die ihre Glaubensgenossen feig im Stich liessen, und die Luft nur von ihrem morderischen Hulfsruf erschutterten.

Eine gute Folge schien jedoch ihr Zetergeschrei herbeizufuhren, denn der Oberstrichter der Reichsstadt, der gerade zufallig die Strassen durchritt, um die Nachtschwarmer und Trinkbruder zu Paaren zu treiben, horte das Getose, und erschien in schnellem Trab auf dem Schauplatz, wo Ben David gerade in Gefahr stand, korperliche Misshandlungen zu erfahren. Die Rathsknechte, die des Oberstrichters Ross umgaben, wiesen mit ihren Hackenstangen die Angreifer bald zur Ruhe, und der Friedensstifter erfuhr in wenig Augenblicken, von was hier eigentlich die Rede sey. Gleichgultig zuckte er die Achseln und sprach mit verachtlichem Tone zu Ben David: "Was hat Dein Knecht noch in spater Dammrung auf dem Fischerfelde zu schaffen? Kein Wunder ist's, dass er in die Hande der Blutzapfer fiel, die jetzo wiederum innerhalb und ausser der Stadt ihr Wesen treiben sollen, wie mir der Kufermeister, Andreas von Liebfrauenberg, vor einer Stunde geklagt hat, der auch von den Mordbuben nachst dem Hirschgraben angefallen worden ist, sich aber durch seine Faust befreit, und einige von den Hunden ubel zugerichtet hat. Das vermag freilich ein Hebraer nicht."

Ein wieherndes Gelachter der umstehenden Knechte und Burger lohnte das Witzwort des Gewaltigen, der, Stille gebietend, also fortfuhr:

"Ich befehle Dir daher, Jude, dass Du Deinen Knecht ehrlich zu Hause haltest. Fur die heut verursachte Storung hergebrachter Ordnung, denn die lange Glocke ist schon lange gelautet worden busse ich Dich um funf Goldgulden, die Du unerlasslich nachsten Montag auf dem Rententhurm zu erlegen gehalten bist. Auch hast Du von Rechts wegen diesen wackern Burgern zu zinsen, jedem einen dicken Groschen, dass sie Dir den Knecht nach Hause gefuhrt; denn die Menschenliebe, die sich um einen Juden kummert, muss belohnt werden. Sie mogen am Sonntagsmorgen das Geld bei Dir in Empfang nehmen."

Geschmeidig buckte sich Ben David und kusste den Mantelzipfel des Oberstrichters. "Erlaubt, o Herr!" sprach er demuthig: "die meisten dieser Leute haben sich schon gepfandet an meinem Eigenthume, und sind mit Zeug und Linnen davon gegangen."

"Kannst Du die Leute nennen?" fragte der Oberstrichter streng, und fuhr, ohne eine Antwort abzuwarten, fort: "Nein; Du kannst es nicht. Und warst Du's auch im Stande, auf Deiner Seite ware immer die grosste Schuld. Warum gibst Du nicht gutwillig, und warum halst Du Dein Auge nicht auf Deine Lumpen? Schliesse jetzt Dein Haus, und verhalte Dich still. Die leiseste Widerrede kostet Dich zehn Gulden. Geht nach Haus, brave Burger! Gut Nacht, liebe Freunde!"

Die rasche Schwenkung seines Gauls hatte beinahe den armen Ben David in den Koth geworfen; dennoch versaumte er den letzten Buckling nicht, und liess mit niedergeschlagenen Augen die spottelnden Nachbarn an sich vorubergehen. Darauf befahl er der Magd ganz leise die Thure zu verschliessen, und den halb ohnmachtigen Zodick nach seiner Kammer zu bringen. Er selbst verlor kein Wort mehr an den Menschen, der ihm so viel Verdruss gemacht hatte, und kehrte mit schwerer Brust und manchem unmuthigen Seufzer in das Hintergebaude zuruck, wo Jochai und Esther angstlich auf jedes Gerausch lauschten, und um den Feiertag nicht zu schanden, alles in der gewohnten Ordnung hatten liegen und stehen lassen. Freudig bewillkommten sie den Ruhebringenden, der sich andachtig neigte vor dem Tische und den schwebenden Lichtern, und sprach: "Esau's Sturm hat sich gelegt. Gebenedeit seyst Du, hochgelobter Gott, dessen Jakob, Herrlichkeit unsre Scheitel beruhrt. Wie schon sind Deine Hutten und deine Wohnungen, Israel! Wie schon ist dein Palast, wohlduftende Konigin Schabbath, du Freude und Trost aller Glaubigen."

Und sein Mund jubelte, wahrend seine Augen von Thranen, wie sie tiefempfundene Knechtschaft erpresst, uberflossen; seine Lippen sprachen Versohnungsgebete und frohe Psalmen, wahrend sein Herz anschwoll von unterdruckten Bannformeln gegen die Unglaubigen. Der greise Jochai murmelte neben ihm Fluchgebete in den Bart, herausgestossen mit allem Feuer orientalischer Wortfulle. Esther wandte sich aber voll Grauen von seinem Gebete, und sagte nur Amen zu dem ihres Vaters.

Am nachsten Morgen, an dem noch der Grossvater ruhte, und Ben David, angethan mit der Zizis und den Tephillim seinen Fruhsegen sprach und die Psalmen, die die Sabbathfeier vorschreibt, da, wo keine Schule die Sohne des alten Bundes zum feierlichen Dienste des Hochsten versammelt, schlich sich seine bluhende Tochter nach der Kammer, wo die Magd Grete ihre Zeit zubrachte, wahrend der Festtage. Auf dem durftigen Lager der Alten, die abwesend war, beschaftigt um den kranken Zodick, schlief noch der Knabe, den Ben David in's Haus gebracht hatte. Auf den Zehen naherte sich Esther dem Schlummernden, beugte sich uber ihn, und betrachtete mit Wohlgefallen die Zuge seines unschuldigen Gesichts. Ich habe mich doch nicht geirrt, flusterte sie in sich hinein, da ich schon gestern einige Mahnung finden wollte in diesem Antlitz, an ein andres das mir nur allzutheuer ist. Beschaue ich diese braunen krausen Locken, die hochgezogenen Augenbraune, die langlichte Nase und den lachelnden Mund, so bin ich in Versuchung, zu glauben, s e i n Bild liege vor mir, und ich musste es ans Herz drucken, da ich i h n nimmer, ach nimmer umfangen werde!

Sie setzte sich vertraulich zu dem kleinen Traumer, spielte leicht mit seinem schonen Haar, und verlor sich in dem Andenken einer Vergangenheit, die sich ihr reizend bald, und bald betrubend, nur allzuoft aufdrang in ihrer stillen Einsamkeit. Bin ich nicht eine Thorin? fragte sie sich am Ende selbst, aufschreckend aus ihrem Hinbruten: Mache ich mich nicht etwa einer Sunde schuldig, da ich hier mit diesem Bilde eines edeln Christen die Augenblicke vertandle? Jochai konnte es wohl gar Abgotterei nennen, wie er so gerne zu thun pflegt, wenn ich mit Liebe an etwas hange! Sie stand auf. Guter Knabe! fuhr sie nach einer Weile fort, gleichsam wider Willen nach ihm zurucksehend: Weder Dich, noch den dem Du zufallig gleichst, darf ich mein nennen. Wohl Dir, wohl i h m , dass er so ist, und wehe mir. Ihr seyd nicht geschaffen, um im Elend eure Tage zu vertrauern. Euch winkt Ehre und Freiheit. Wir kennen Beides nicht. Du wirst zuruckgehen zu Deinen trostlosen Eltern, und mein Vater wird Dich segnen, wenn sie reich sind und nicht karg den Dienst belohnen. Ich aber, Du holder Junge, segne Dich, weil Dein Anblick mir die Wonne in die Wirklichkeit zauberte, die ich nur in der Erinnerung zu geniessen, angewiesen bin!

Esther wollte scheiden, aber schon an der Thure angelangt, zog es sie allgewaltig zuruck zu dem Knaben. Ich will gehen? fragte sie sich: Gehen, ohne den Wunsch, an s e i n e m Anblick mich zu weiden, ganz erfullt zu haben? genugt mir es denn, diese vom Schlummer erstarrten Zuge in Gedanken mit i h m zu vergleichen? Lebend will ich ihn, offen seine Augen sehen, und in die durstende Brust das lang hinweggenommene Labsal schlurfen!

Rasch fuhr sie mit warmer Hand uber die Stirne des Kindes, das ruhig, wie ein lachelnder Engel die Augen aufschlug, und in die gluhenden Esthers schaute. "Gundel!" stammelte der Schlaftrunkne, die Armchen nach der Verkannten ausstreckend. Ben Davids Tochter bog sich aber zuruck, und der Knabe ersah seinen Irrthum. Bekummert verzog sich sein Mund, die Handchen fielen auf die Decke zuruck. "Du bist es nicht!" klagte er: "Liebe fremde Frau, wirst Du mich zur Mutter bringen und zu meinem Hanschen?"

"Ich mochte Dir Mutter seyn, holdes Kind!" erwiederte Esther freundlich: "wenn ich es nur seyn durfte."

"Warum darfst Du denn nicht?" fragte der Knabe zutraulich werdend: "Du bist so gut und lieb; Dich mochte ich schon Mutter nennen, viel lieber als die schwarze Mutter, die mich bestandig schmalen wird, weil ich sie verloren habe."

"Schmalen wurde sie Dich?" sprach Esther, ihn an sich druckend, "ware sie dann Mutter? Jubeln wird sie, und dem hochgelobten Gott danken, der Dich wieder in ihre Arme fuhrt."

Der Knabe starrte sie verwundert an. "Gundel hat mir einmal von dem lieben Gott erzahlt!" sprach er hierauf. "Nicht wahr, er ist uberall?"

"Ja, mein Kind."

"Er lasst seinen Kindlein nichts Boses geschehen?"

"Nein, mein Knabe."

"So ist er nicht da, wo die schwarze Mutter ist. Sie hat mir oft wehe gethan, und Gott hat ihr's nicht verboten. Aber hier ist er, bei Dir, denn Du bist so gut und so schon, dass ich auch immer bei Dir bleiben mochte."

"Ja; der Ewige ist hier!" rief Esther: "Er spricht aus Deinem Lallen, er thut sich kund in meinem Herzen, das Dich sein Kleinod nennen wurde ware es ihm erlaubt."

"Verblendete!" sprach Jochai hinter ihr, der leise eingetreten war: "Danke Dem, den man nicht nennt bei seinem Namen, dass es Dir nicht erlaubt ist, diesen Christenauswurf in Deinen Armen zu hegen. Du sehnst Dich, hinabzusteigen zu den verworfenen Sohnen und unzuchtigen Tochtern Kains, wie die Fursten des Himmels, Asa und Asael, Gelusten trugen zu den Tochtern der Erde. Aber, so wie die fehlenden Engel hangen mussen zwischen Himmel und Erde, also wird auch Dich der Zorn des Herrn ereilen, wo Du nicht ablassest vom Irrthume."

Esther legte die Hand des Grossvaters auf ihr Haupt, kniete nieder und sprach: "Vater, ich danke taglich dem Ewigen, dass er mich eine Tochter Zions werden liess. Verkenne mich nicht." Jochai sah sie streng an, schuttelte das Haupt und redete: "Weib, Zogling der Schlange! ob Du wahr sprichst, weiss nur E r allein. Aber Du schandest den Sabbath, dass Du hier am Bette des Christenbuben weilst, wahrend ein Sohn des Gesetzes in unserem Hause leidet, auf den noch kein Strahl Deines Auges fiel."

"Du meinst Zodick?" erwiederte Esther kalt, und stand auf: "Grete mag ihn pflegen und heilen. Das Gesetz verbietet mir, am heiligen Tage Wunden zu verbinden."

"Zodick ist ein getreuer Bekenner des Glaubens und dieser wird ihn heilen, ohne Dein Zuthun;" versetzte Jochai, und fuhrte Esther hinweg in die geschmuckte Stube, obgleich sie sich nur ungern von dem weinenden Knaben trennte.

"Was hast Du gegen den getreuen Zodick?" fragte Jochai, da Beide sich wieder in der Sabbathsruhe sich befanden: "Sprich, rede offen."

"Mich argert der Mensch, so oft ich ihn erblicke;" antwortete Esther offenherzig: "Seine ungeschlachte Gestalt, sein rothes Haar und sein schielender Blick sind mir zuwider."

"Liebe Deinen Bruder, spricht die Pflicht;" versetzte Jochai: "Gewohne Dich, auch den Hasslichen zu lieben, wenn er Dein Mann werden soll; spricht die Klugheit."

Esther erbleichte, ... fasste sich indessen bald und fragte verlegen lachelnd: "Nicht wahr, Du scherzest, Vater? Zodick mein Gatte? ...."

"So wurde es ausgemacht, zwischen Deinem Vater und dem seinigen," erwiederte Jochai. "Als ihr noch Kinder wart, habt ihr Euch schon die Hande gereicht, und: 'Missal Tobh!' gesagt, wie es unsre Rabbinen gesegneten Angedenkens verlangen. Zodicks Vater ist daheim gegangen, von wannen man nicht wiederkehrt, und auf seinem Gedachtniss sey Friede. Aber der Bund muss gehalten werden, so lange Zodick ein Mann nach dem Herzen Gottes bleibt. Er dient schon mehr denn sechs Jahre um Dich, und am Ende des siebenten wird er Dich heimfuhren nach Worms, wo noch unsre Bruder athmen durfen, in ihren Ketten."

Esther las aus den Augen des Alten, dass der Sache kein Schwank zum Grunde liege, und die Angst fiel ihr schwer auf das Herz, um so mehr, da Jochai also fortfuhr: "In der letzten Zeit hab ich dann und wann Zweifel gehegt gegen Zodicks Frommigkeit: immer hat er aber meine Zweifel widerlegt, und erst gestern hat sein trauriges Aussehen bestatigt, dass er gezwungen nur das Gesetz verletzt. Darum wollte ich Dich vorbereiten, und Dich bitten, nicht schnode gegen ihn zu seyn."

"Ich kann immer noch nicht glauben, dass Du nicht scherzest, Vater!" antwortete Esther: "Ist es jedoch Ernst, was Du mir verkundest, so glaube gewiss, dass Du und der Vater mich vielleicht zwingen konnen, den Widerwartigen zu ehelichen, dass ich ihn aber niemals lieben werde."

"Ein fleissiger Mann verkehrt Kupfer in Gold, die Abneigung des Weibes in Liebe," meinte Jochai. "Du wirst ihn naher kennen lernen, und das Andere findet sich."

Ben David trat in die Stube. "Ich komme von Zodick," sprach er heiter: "die Wunde heilt, obschon der Kranke, wie das Gebot es will, die abgefallnen Pflaster nicht mehr auflegen liess. Gott gab seinen Segen."

"Das Vertrauen auf ihn wirkt Wunder!" bekraftigte Ben Jochai.

"Auch ich hore Wunderdinge!" fiel Esther ihm rasch in's Wort: "Bestatige sie mir, Vater. Ich soll den Knecht ehelichen, dass er mein Herr werde?"

Missbilligend sah Ben David auf den Vater. "Man hat Dir," sprach er, "zu fruh von Dingen gesprochen, die ..."

"Die mich elend machen;" rief Esther heftig, mit Thranen in den Augen: "elend, Vater; die Du nicht verantworten kannst ... wenn einst der Todesengel vor Dir steht und der Blitz seiner tausend Augen Deine Thaten pruft."

"Zodick denkt edel und grossmuthig," sprach Jochai: "Ich habe ihm vorgeschlagen, seine unbekannten Gegner, die ihn zu morden dachten, aus ihrem Dunkel zu ziehen durch die Befragung des Fursten des Ols, oder der Hand. Er schlagt aber alles aus, will seine Feinde nicht kennen, verzeiht ihnen ..."

"Und denkt noch nicht des Tags, der Dich mit ihm verbinden soll;" unterbrach ihn Ben David, zu Esther gewendet. "Schweige darum, und lass uns den Schabbat geniessen in Frohsinn, Lust und freundlicher Einsamkeit."

Und dem geschah also. Jochai und die Seinen verbrachten den Tag in Ruhe und Festlichkeit. Der arme kleine Hans verlebte ihn auf den Knieen der stummen Grete. Da aber die Abendmahlzeit voruber war, der Hausvater Wein, Gewurz und Brod sammt seinen Angehorigen gesegnet, und durch das Anzunden der Habdalahkerze, wie durch das Kaddischgebet den Sabbath geschieden hatte von der ubrigen Woche, und alle sich zur Ruhe begeben wollten, hielt Ben David seine Tochter allein auf, und gebot ihr, am Morgen des nachsten Tags sich verstohlen einzuschleichen in das Haus des Altburgers Diether Frosch, mit Vorsicht in das Gemach der edeln Frau Margarethe zu dringen, und ihr kund zu machen, Ben David habe gethan nach ihren Wunschen, und erwarte die Bestimmung der Zeit und des Orts, die ihr gelegen seyn wurden, seinen Bericht anzuhoren. Mit diesem Auftrag und dem herkommlichen vaterlichen Kuss und Segen entliess Ben David seine Tochter.

Fussnoten

1 Begrabnissplatz.

Viertes Kapitel.

"Tragt der Bube mein Gesicht?"

"Lieber Vater, zweifle nicht."

"Ist das meiner Augen Licht?"

"Vater, Vater, zweifle nicht."

"Ist das meiner Nase Zier?"

"Vater, Vater, glaube mir!"

"Ist des Knaben Mund der meine?"

"Grossre Ahnlichkeit gibt's keine."

"Aber, Weib, der Nachbar spricht ..."

"Bosen Zungen traue nicht."

Romanze von der verschlagenen Ehefrau.

"Du bist heute so saumselig und faul!" schalt die Ehewirthin des ehrsamen Altburgers Diether Frosch ihre Gurtelmagd, die am Sonntagmorgen nicht mit dem Zopfeflechten fertig werden wollte. "Wenn ich heute die Kirche besuchen wollte, so konnte ich, nur immerhin im Schlafmantel dahin gehen. Trages missleidiges Ding! Was Dir seit einigen Tagen im Kopfe steckt, begreife ich nicht."

Else schwieg einige Augenblicke und seufzte. Dann aber sprach sie, da gerade wieder die Gebieterin ihre Ungeduld durch eine heftige Bewegung verrathen hatte:

"Ehrsame Frau! die Schuld, dass ich nichts recht denn Ihr seyd seit geraumer Zeit so reizbar und unwirsch, dass Euch immer beim geringsten Anlass gleich der Zorn ubermannt, und ich nur mit Zittern und Zagen Kamm und Schnurnadel zur Hand nehme, mein Amt bei Euch zu verrichten."

Else schwieg, sich selber ob der Keckheit wundernd, mit der sie zu der raschen Gebiterin gesprochen, und die bosen Folgen furchtend; aber zu ihrer grosseren Verwunderung blieb die Letztere in Schweigen versunken. Die gefalteten Hande auf dem Schooss haltend, sah sie vor sich hin, wie von tiefem Nachdenken gefesselt, blickte dann schnell in die Hohe, strich sich die spiegelglatten Augenbraunen und sagte: "Diessmal hast Du nicht Unrecht gute Else. Ich finde das selbst. Dieser Zustand dauert schon einige Wochen."

"Freilich, liebe gnadige Frau!" versetzte Else mit gutmuthiger Besorgniss ihr ins Gesicht schauend: "Ich furchte, Ihr seyd krank, oder auf dem Wege es zu werden. Eure rosenrothen Wangen haben an Farbe verloren, und Euer Auge sieht oft aus, als schwamme es in Thranen, oder, als habe es viel geweint. Ich an Eurer Stelle wurde den Judenarzt um Rath fragen."

Frau Margarethe schuttelte langsam den Kopf. "Der alte Joseph ist ein geschickter Mann," sprach sie, "aber seine Arzeneien heilen mein Ubel nicht."

"Warum denn nicht?" fragte die Magd: "Ist er nicht dafur bezahlt, Euch zu helfen? Ein Jude kann Alles. Wo seine Krauter nicht ausreichen, da h e x t er die Krankheit weg."

"Einfaltiges Geschwatz!" eiferte die Gebieterin "Ich werde doch wissen, ob ich krank bin oder nicht. Das Ganze wird meines Bedenkens nichts anders seyn, als die Folge der Unruhe, die meinen Schlaf stort, und mir bose Traume verursacht."

"Die bosen Traume wie die guten kommen von Gott;" meinte Else mit einem frommen Seufzer. "Darum hat er auch zugelassen, dass gewisse Menschen die Traume auszulegen vermogen, als lasen sie deren Bedeutung aus einem offenen Buche. Meiner Mutter Schwester konnte furtrefflich damit umgehen, und bei ihren Lebzeiten hat man sie oft zu den vornehmsten Geschlechtern berufen, um Traume zu deuten. Ich habe ihr viel abgelernt, als ich bei ihr wohnte, aber freilich zu ihrer ganzen Kunst hab ich's nie gebracht."

"So?" fragte Margarethe neugierig werdend: "Da Du so geschickt bist, hatte ich beinahe Lust, Dir das Gesicht mitzutheilen, das ich erst verwichne Nacht hatte, und dessen Andenken noch jetzt mit einem seltsamen Schmerz meine Seele foltert, obgleich ich wieder Lust hatte daruber zu lachen."

"Nur nicht lachen!" warnte die glaubige Else. "Ein Traum ist gar ein ernsthaft Ding. Aber nicht jedes bose Traumgesicht bedeutet darum eine bose Wirklichkeit. Oftmals verkehrt sich des Schlummers Leid in wachende Freude. Wer im Schlafe Sarge sieht, macht gewohnlich bald eine frohliche Hochzeit, und wer hinwiederum getraumt, er werde in der Kirche mit der Braut eingesegnet, braucht gar haufig kurz nachher sein Todtenhemd."

"Nun!" versetzte die Frau etwas aufgeheitert: "In dem Gesichte, das ich Dir mittheilen werde, kommt nichts von Sargen vor, und nichts von einer frohlichen Trauung. Es wird daher wohl nichts Schlimmes auf sich haben. Hore mir zu, gute Else. Sieh! ich schlummerte ein vor Mitternacht, und sah mich, nach manchen Traumbegebenheiten, auf die ich mich nicht mehr besinnen kann, in einen herrlichen, zu einem lustigen Bankett geschmuckten Saal versetzt. Es war alles spiegelblank geputzt. Blumenstrausse wehten uber allen mit Gold- und Silberstuck gedeckten Tafeln, und ich war, gleichsam als die Konigin des Festes, auf einem Thronsitz erhoht, der ganz von Rosen eingefangen war."

"Ach! das ist herrlich!" rief Else: "Rothe Rosen bedeuten Gluck und Jugend."

"Hore weiter!" fuhr Frau Margarethe fort: "Da ich nun also gefeiert da sass, von vielen kostiglich angelegten Herren und Frauen umgeben, die mir dienten, so fiel mein Blick auf einen Spiegel, der mir gegenuber hing, ... von einer Grosse, wie ich mich nicht entsinnen kann jemals gesehen zu haben. Von dem Anblick uberrascht, lachelte ich freundlich meinem Spiegelbilde zu, und gewahre, indem ich die Lippen offne, in der Reihe meiner Zahne einen weitblinkenden vom feinsten Golde gestalteten, wunderbar und zaubrisch mir entgegenleuchtend. Und wie ich nun, entzuckt davon, aus den Handen eines Pagen einen Becher empfange, geschnitten aus purem Edelstein, und angefullt mit hispanischem Weine, und ihn an den Mund setze, so beruhrt kaum der erste Tropfen meine Zunge, als plotzlich mit einem schrillenden Klange, dem gleich, den ein zerschmettertes Kelchglas von sich gibt, der goldne Zahn gewaltsam losspringt von den Ubrigen, und klingend zur Erde fallt. Ich bucke mich schnell nach dem Entwurzelten, aber zu meinen Fussen war der glatte Boden des Saals zu wustem Schlamm geworden, der, wie ein Strudel gahrend, das goldne Kleinod immer tiefer hinabschlurfte in den schwarzen Mund. Mein Jammer war nicht zu beschreiben, bis eine Hand aus dem neblichten Dufte um mich her, sich herausstreckte, mit einem bluthenweissen Zahne zwischen den Fingern, und ihn an die Stelle des Verlornen setzte. Aber, Kind, Du bist bleich geworden, ... rede ... was haltst Du von diesem Traume?"

Frau Margarethe blickte angstlich zagend in die Augen der Magd, die, eine bangende Zuhorerin, sich vor ihr niedergekauert hatte, und endlich, die Hande der Gebieterin an ihre Brust druckend, ausrief: "O, das ist ein bos Gesichte, liebe Frau! Ach, welch Unheil mag es Euch verkundet haben ..."

"Also doch?" fragte Margarethe, von einem leichten Frost geschuttelt: "Unbarmherzige, Du hortest noch nicht Alles, und beinahe sollte ich Dir Schonungslosen das Ende verschweigen. Doch m u ss t Du jetzt Alles wissen, da ich Dir so viel verrathen. So wisse denn, dass, wahrend mein Auge hoffnungslos dem goldnen Punkte folgte, der, immer tiefer sinkend, nur wie ein ferner Stern noch in dem gahrenden Dunkel sichtbar war, sein neugepflanzter Stellvertreter in meinem Munde lebendig wurde, sich, in eine graue Schlange verwandelt, auf meine Brust herabringelte, und mit heissem Schmerze sich da einbohrte, wo das Herz schlagt ..."

"O haltet ein, liebe Frau!" seufzte Else unter angstlichem Zittern: "das ist des Entsetzlichen zu Viel! Eilt, durch Gebet und fromme Gaben des Himmels Zorn zu wenden, der Euch ein liebes Kleinod rauben will, aus dessen Verlust ein immer nagender Wurm entspringen und Euer Herz verzehren wird. Betet zu der heiligen Mutter, zu den Martyrern, dass sie Euer Wort fuhren vor dem Throne, wo der Vater sitzt mit dem Sohne und dem Geiste. Stiftet Messen, gelobt Wallfahrten, damit das Unheil sich wende das Euch droht!"

"Aberwitziges Geschopf!" schalt Frau Margarethe, bemuht durch den aufgeregten Zorn Herr ihrer Bangigkeit zu werden: "Schweig jetzt mit Deiner albernen Rede! Meynst Du ich glaube an Deine tolle Auslegung und widerliche Besorgniss. Lug und Trug ist die Traumdeuterei, und wofern ich hore, dass Du diese wahnsinnige Kunst noch ferner ausubst, um Leichtglaubige zu schrecken und zu argern, so lasse ich Dich durch den Stocker aus der Stadt bringen!"

Else, die nicht recht begriff, wie so schnell das Vertrauen der Herrin sich in Ungnade verkehren konnte, packte, um sich nicht durch Widerrede um den Dienst zu bringen, alle ihre Gerathschaften zusammen, und liess ohne eine Silbe zu reden, die Zurnende allein. Margarethe gieng heftig hin und her von Tisch zu Schrank, vom Spiegel zum Fenster. Sie riss die Flugel des letztern auf, und starrte in den nasskalten Wintertag hinaus; aber die geputzten Leute, die, Rosenkranz und Kerzen in der Hand, zur Kirche wandelten, passten wenig zu ihrer grollenden Stimmung; sie offnete ihren Juwelenschrein, aber das Gefunkel der Steine ergotzte nicht ihren traurigen Sinn; sie wollte sich in ihr Schlafgemach einschliessen, aber im Begriff einzutreten, gewahrte sie das Bild ihres Ehgemahls, das sie von der Wand herab ansah in ernstem Schweigen, und unmuthig warf sie die halboffne Thure ins Schloss. Aber gerade da sie unruhig sich niederliess in den breiten Sorgensessel, und der Vernunft das Feld einraumen wollte, trat ein Gast in die Stube, der nicht zur ungelegenern, und wiederum nicht zur gelegenern Zeit hatte kommen konnen. Ein Laut der Uberraschung entfuhr Margarethen, da sie die wohlbekannte Weibergestalt in der Tracht der Nassauer Bauerinnen kerzengerade auf der Schwelle stehen sah.

"Willhild! Willhild!" rief sie halblaut, und wollte der Frau entgegeneilen, aber das Zittern ihrer Kniee verhinderte sie daran. "Was bringt Dich so schnell wieder hieher? Unglucksbotin!"

Die Bauerin machte sorglich die Thure hinter sich zu, nachdem sie im Vorzimmer nachgesehen hatte, ob niemand zugegen; schob den Riegel vor, und naherte sich verlegen und mit gebucktem Haupte der Frau vom Hause. "Bleibt nur immer ruhig auf Eurem Stuhle," sagte sie zogernd: "Ihr spracht nicht unwahr. Ich bringe kein Gluck."

"So ist es denn endlich wahr geworden, was schon lange zu furchten war?" klagte Margarethe mit herzzerreissendem Gefluster: "Er ist dahin, ... todt ...?"

Willhild nickte trubsinnig mit dem Haupte. Margarethe warf sich in den Stuhl zuruck, und schlug in bittrem Schmerz beide Hande vor das Gesicht. Es gibt ein Leiden, das sich weder in Worten, noch in Thranen ausspricht, und den Korper eines Starken durch seine entsetzliche Wucht an die Granzmarke des Lebens drangt, .. dahin, wo die Sinne schwinden und der Athem vergeht, ohne ihm einen Laut abzwingen zu konnen. Es ist der lang vorausgesehene Gram, dessen fernher kommender Tritt schon die Thranenquelle offnete. Wahrend er nun langsam und duster verhullt einherkommt, versiegen schon die Thranenstrome. Die Augen haben kein Wasser mehr, wenn der Furchterliche ihnen endlich mit einem Zauberschlage ganz nahe steht und sein entsetzliches Antlitz weisst. Die Brust hat keinen Seufzer mehr, die Zunge keine Klage, und nur das muhsam arbeitende Herz kampft mit dem Grausamen einen kurzen aber um so schrecklichern Kampf, der den widerstrebenden Sterblichen entweder unter dem eisernen Fuss des Schicksals zermalmt, oder ein seltnerer Ausgang ihn zum Herrn und Sieger seines Verhangnisses macht. Ein solches Leiden hatte Margarethens Seele uberfallen; gegen ein solches Leiden, stritt sie verzweifelnd, eine bittre Viertelstunde lang, und ihr ward der Siegerkranz. Willhild stand niedergeschlagen vor der Trauernden, und murmelte Gebete, als diese mit einem Male die Hande sinken und die uble Botschafterin in ein bleiches, ernstes, in starrer Ruhe gehaltnes Antlitz blikken liess.

"Ermanne Dich, Willhild;" sprach sie gefasst: "Trockne die Tropfen ab, die dick und schwer an Deinen grauen Augenwimpern hangen. Folge meinem Beispiel. Als Du vor einigen Wochen mir die erste Nachricht brachtest, gewohnte ich mich nach und nach an den Gedanken des hochsten Kummers. Du siehst, sein plotzliches Einbrechen hat mich nicht dahingerafft. Ich wusste schon, was kommen wurde!" setzte sie hinzu, und gedachte schmerzlich ihres Traums, der so schnell in Erfullung gehen sollte. "Erzahle aber; wie gieng es? Schone mich nicht."

"Ach, gestrenge Frau!" versetzte die Alte, in peinlicher Verlegenheit, wie die Sache anzubringen sey: "Die Heiligen mogen es wissen, dass keine Sorge gespart wurde, das junge Herrlein zu erhalten, bis es das zufallige Geschick uns entriss."

"Nichts ist Zufall!" fiel Margarethe ein. "Der Knabe musste sterben nach Gottes Gebot, und ich spreche Dich frei von aller Schuld."

"Vorgestern," fuhr die Alte stockend fort ... "vorgestern war das Junkerlein noch ziemlich munter, aber ... am Abend ... war er nicht mehr bei uns."

"Schied er unter Schmerzen, der, liebe Knabe?" fragte Margarethe.

"Nein ... das nicht, edle Frau," entgegnete Willhild: "Im Schlummer ward er von uns genommen. Gestern haben wir ihm ein Kreuz errichtet."

"Gestern wurde er begraben?" fiel Diether's Gattin ein: "O mein warnungsvoller Traum! Johannes, Du bist das goldne Kleinod, das in die schwarze Grube sinkt ... und mir einen ewigen Stachel zurucklasst. Kein Wort mehr, Willhild. Er ist todt, bestattet; genug bis auf eine Zeit, wo ich werde weinen konnen. Eine Frage: Du hast doch beachtet, was ich Dir bei Deinem letzten Hierseyn vorschrieb. Du hast geschwiegen?"

"Wie das Grab!" betheuerte Willhild. Ich darf einen Eid darauf ablegen: "Auch hat noch keine Christenseele erfahren, dass das Herrlein ... nicht mehr bei uns."

"So sey es auch ferner!" sprach Margarethe lebhaft: "Sein. Tod sey ein Geheimniss fur die Welt." "Der Vater muss jedoch erfahren ..." meinte Willhild.

"Er am allerwenigsten;" versetzte Margarethe herrisch: "Vor der Hand zum mindesten nicht. Du weisst ubrigens, was ich Dir auf den Fall des Ablebens unsers Sohnes neulich vertraute?"

"Als ob es gestern gewesen ware;" erwiederte Willhild.

"Mein Eheherr, fuhr Margarethe fort: kaum von schwerer Krankheit genesen, hat nicht das geringste von Johannes Siechthum erfahren. Noch weniger erfahre er seinen Tod, wenn es mir gelingt, wovon ich Dir jungst sagte, und Du mir Deinen Beistand nicht entziehen willst."

"Gewiss nicht! ehrsame Frau!" gelobte Willhild. "Auch meinen Mann, den einfaltigen Kumpan, will ich schon unterweisen. Er kommt ohnediess nie hieher gen Frankfurt."

"Aber der Pfarrherr, den des Knaben Leiche bestattete ...?" fragte Margarethe.

"I nun!" meinte Willhild, nach einigem Besinnen: "Wenn Ihr nicht schelten wollt, mochte ich Euch wohl gestehen, dass ich, Euren fruhern Reden eingedenk, dem Leutpriester von Wiesbaden vorgelogen habe, der Knabe sey mein eigner Sohn gewesen."

"Gut!" rief Margarethe und ein Strahl der freude flog uber ihr Angesicht: "diese Luge soll dir herrlich belohnt werden, wenn die Hauptsache erst in Richtigkeit ist."

"Freilich;" versetzte Willhild etwas angstlich: "ich sehe nur nicht ab, wie ihr das alles in's Werk richten wollt."

"Meine Sorge!" sprach die edle Frau: "Wenn nur der Zufall seinen Segen gibt. Es pochte an der Thure, leise und verstohlen. Margarethe fragte auffahrend, wer ihre Einsamkeit store. Zu dem Schlusselloch stahl sich aber eine zarte Stimme in's Gemach, die versicherte, insgeheim und auf der Stelle mit der gestrengen Frau sprechen zu mussen. Margarethe winkte der Bauerin in das Seitengemach, und offnete die Thure, durch welche Ben Davids Tochter herein schlich. Wie verschieden war aber ihr Aussehen, ihre Kleidung von der Tracht und dem Benehmen des gestrigen Tages. Statt des seidnen Gewandes, mit kostlichen Blumen besat, mit Fransen geschmuckt, und von einem silbernen Reif, der Gurtelstelle war, zusammengehalten, hieng heute ein armlich unsauber Kleid um ihren schongeformten Korper, dessen Reize in der groben Hulle ihr Grab fanden. Die von wollenen Streifen umwickelten Fusse schlurften in schweren Holzschuhen einher, und das bluhende Gesicht war unkanntlich gemacht durch die tief anliegende Kopfbinde und den groben kurzen Schleier, der Haar, Wange und Hals neidisch und unbildlich versteckte. In solcher Vermummung musste, wenn es wiewohl selten die Nothwendigkeit erheischte, die musterhaft gebildete Jungfrau ihr Haus verlassen, wie ein Weib der niedersten Volksclasse. Diese abscheuliche Larve musste ihren Wohlstand vor dem Blicke des Neiders, ihre Schonheit vor den Begierden des Wollustigen sicher stellen und verbergen."

Die Hausfrau war unangenehm durch die Erscheinung uberrascht, und fragte hastig und unwirsch nach des Madchens Begehr; aber ihr Gesicht wurde freundlicher, ihr Wort sanfter, da sie Ben Davids Botschaft vernahm. Sinnend rieb sie sich die Stirne, und sprach nach kurzem Besinnen: "Dein Vater mag noch diesen Abend kommen, in ehrbarer Tracht. Meine Magde werde ich aus dem Hause senden, und eine vertraute Frau zur Thurhuterin bestellen. Um die siebente Stunde erwarte ich ihn, wenn die Glocke Achte schlagt, kommt mein Eheherr nach Hause, und darf ihn um Alles in der Welt nicht mehr finden. Geh jetzt von dannen."

Margarethe wunderte sich nicht wenig, als die Dirne nicht von der Stelle wich, sondern e i n e s Schauens nach einer Schilderei starrte, die uber dem Putztische der Altburgerin hing. Und da das Madchen auch auf eine wiederholte Mahnung nicht von dannen ging, so wandte sich Margarethe mit einem ungeduldigen: Verdammter judischer Eigennutz! von ihr ab, suchte nach einigen Hohlpfennigen in ihrem Wetscher1, und druckte dieselben, mit der Weisung, das Trinkgeld zu nehmen, und endlich zu scheiden, in Esthers widerstrebende Hand. Ben Davids Tochter kam zu sich, und wies errothend die Gabe von sich. "Bist du so stolz, schmutzige Judin," sprach Margarethe dadurch gereizt; "dass Dir dieser Lohn zu gering erscheint, fur welchen Andere Deines gleichen einen falschen Eid leisten wurden."

"Ob mit diesem Gelde ein falscher Schwur sich bezahlen lasst, weiss ich nicht;" antwortete Esther mit leichtem Unwillen: "aber Ihr konntet meinen Gang, ohne mir durch schnodes Almosen weh zu thun, besser vergelten, sonder Geld und Gabe."

"Wie das?" fragte Margarethe stolz.

"Mit einem freundlichen Wort;" erwiederte Ben Davids Tochter: "Sagt mir doch, gnadige Frau, ... wer ist der Reiter dort auf dem Bilde, der die Schlange todt sticht unter seines Pferdes Hufen?"

"Der Reiter hat nichts mit Dir und Deinem Volke gemein," versetzte Diether's Gattin nicht ohne Hochmuth. "Er ist ein Heiliger unsrer Kirche, ein Streiter fur den Glauben, der allein selig macht, und man nennt ihn den frommen Ritter Georg."

"Der Ritter Georg?" fragte Esther schlau und ihre Bewegung verbergend: "ich danke Euch, ehrsame Frau. Wie glucklich seyd Ihr, solch ein Bild Euer zu nennen! Der Maler muss den Heiligen selbst gesehen haben, denn dem schonen Ritter sieht gewiss kein Sterblicher gleich."

"Kein Jude freilich;" spottete Margarethe bitter. "Der Maler fand aber unter den Rechtglaubigen das beste Vorbild, meinen ... hier errothete sie schnell ... meinen Stiefsohn."

Esther sah sie uberrascht an, musste aber der herrischen Geberde gehorchen, mit der Margarethe sie aus dem Gemache wies. Gesenkten Hauptes schlich das Madchen, unbemerkt, wie sie gekommen, uber die marmorgefassten Treppen zur weiten Hauspforte hinaus. Schnell fluchtete sie uber den Liebfrauenberg weg, wo die vor dem Stifte spielenden Jungen ihren kindischen Muthwillen durch Schimpfworte und Steinwerfen gegen sie ausserten, weil sie an dem blaugestreiften Schleier die Judin erkannten. Wie ein Reh eilte sie an den Hutten der Scherer gegen dem Romer uber, vorbei, vor denen Meister und Gesellen mit allerlei mussigen Gesindel in herkommlichem Sonntagsgeschwatz verkehrten, und gern ihren schaalen Witz auf Kosten aller vorubergehenden Weiber ubten. Nicht eher schritt sie langsamer, als bis sie in der Nahe der Domkirche gekommen war, aus welcher des Hochamts Orgeltone feierlich zu ihrem Ohre drangen, und der bosen Lust der Vorubergehenden die Fesseln der Andacht anlegten. Wie gerne hatte sie vor der offenen Pforte verweilen, in das von Weihrauchduften erfullte Gotteshaus schauen, und sich unter all den Feierklangen, Kerzenflammen und pomphaften Gebrauchen den heiligen Rittersmann wieder vergegenwartigen mogen, der in Diether's Hause sie so zauberisch beruckt. Aber die Scheu vor roher Misshandlung trieb sie von dannen, und sie durfte nur in sich hinein flustern: Ihr Stiefsohn ist's? Er, der Ritter, der mit mir und meinem Volke nichts zu schaffen hat? Leider ist es so! Nun, da der fur mich bisher namenlose einen Namen tragt, ... nun, da ich ihn, aussprechen darf, ... nun ist er ganz fur mich verloren ... auch fur meine Traume. Gewiss ... o gewiss trennt ihn nicht sein Volk, sein Glaube, sein Stand allein von mir. Diese Hindernisse sind ja nichts fur ein Herz, das nur im Erinnerungsbilde liebt, und allem Irrdischen entsagend, nur im Reiche der Einbildung glucklich zu seyn wunsche. Aber gewiss fesseln ihn andere Bande ... den Angebeteten. Konnte der schone Mann seiner Stiefmutter gleichgultig bleiben neben den grauen Haaren ihres Gemahls? Dass sein Bild in ihrer Kammer hangt, burgt fur ein geliebtes Andenken, und vereint hat sie die Liebe! Esthsr's Gesicht flammte auf in Schaam uber die Ungerechtigkeit ihres Wahns. Die Liebe? zurnte sie gegen sich selbst: Die Sunde hatte sie vereint, und Sunde ist dem Herrn meines Herzens fremd. Wahrlich! wahrlich! Wie konnte sonst sein Antlitz das Bild eines Heiligen seyn? Verzeihe mir, Du, den ich uber alles liebe, nicht zu nennen wage, und in dem Gotzenbilde verehre, das mein Gesetz verdammt und verflucht. Nimmer soll eine Eifersucht, wie diese, Dein holdes Andenken schwachen!

An der Thure ihrer Wohnung empfieng sie der Vater, der ihr gleichgultig im Gesprache mittheilte, dass es ihm bereits gelungen, die Eltern seines kleinen Christenfindlings zu ergattern. Esther fragte mit heftiger Neugierde nach deren Namen. "Du wirst es gut finden, wenn ich ihn verschweige," antwortete Ben David mit scharfem und bestimmtem Tone: "Der Greis Jochai hat mir offenbart, welch unziemlich Gefuhl Dich hinzieht zu dem Knaben. Die Thorheit muss nicht ferner genahrt seyn; denn unbegreiflich ist es ohnehin, wie Du Dich hinneigst zu den Sohnen und Tochtern Amaleks. Der fromme Vater, dem einst der Frieden sey, dringt darauf, dass ich Dich fuhre gen Worms, wo eine Schule bluht, und die Weisheit gelehrter Rabbinen. Er will gern die Traurigkeit auf sich nehmen, Dich nicht um sich zu sehen, wenn sein Angesicht bleich wird; so Du nur wieder des Paradieses wurdig wirst."

"Fuhre mich in den Tod, nur nicht nach Worms;" sprach Esther entschieden und fest. "Worms ist Zodicks Vaterstadt, und folglich fur mich der hollische Pfuhl, aus welchem die Teufel und Nachtgespenster stammen. Ich muss Dir gehorsamen, aber Dir vergebe dann der hochgelobte Gott!"

Sie entfloh in ihre Kammer, und schloss sich ein, allein mit ihrem Liebesbilde und ihrem Kummer. Der Vater blickte ihr wehmuthig lachelnd nach, schlug sich die Brust, und sah seufzend empor zum Himmel. Hier ahne ich bose Sturme! sprach er zu sich. Der Ewige wolle Alles zum Guten wenden. Hierauf verbrachte er den Tag in geschaftreicher Musse; ordnete seine Rechnungen, uberzahlte sein Geld, das er im Keller barg, une die ubrige Habe, und kleidete sich gegen Abend in feinburgerliche Tracht. Dann nahm er den Knaben, der ungestum nach der Mutter verlangte, bei der Hand, und fuhrte ihn mit sich an das Haus der Frosche, wo er mit dem Glockenschlage der siebenten Stunde, wie befohlen, anlangte. Willhild harrte an der zugelehnten Thure, und so wie sie in der Dunkelheit den Mann und das Kind herannahen, und die Pfortentreppe besteigen sah, winkte sie ihm, naher zu kommen und einzutreten. Ben David folgte ihr durch das menschenleere Gebaude, bis in das Vorgemach der edeln Frau, die ihn alsobald zu sich herein bescheiden liess. Er ubergab den Knaben Willhild's Obhut, und ging bescheidnen und leisen Trittes in Margarethens Stube. Erwartung und Hoffnung in den Mienen empfing ihn die stolze Frau.

"Was bringst Du mir, David?" fragte sie gespannt: "Die Moglichkeit, die ich neulich Dir angab, ist zur bosen Wirklichkeit geworden. Mein Sohn ist hinubergegangen."

"Ist er?" sprach Ben David mit Theilnahme: "so bedaure ich die zuruckgebliebene Mutter. Beim hochgelobten Gott! ich bedaure Euch aufrichtig, denn auch wir Juden wissen, wie lieb uns Kinder sind, und Sohne vor Allen. Ach! auch mir hat der Herr Zweie genommen. Den Einen durch einen grausamen Tod; den Andern ...... Nun des Herrn Wille geschehe!"

"Er geschehe!" versetzte Margarethe kurz abbrechend: "Aber eben weil dieser Wille unabanderlich ist, und niemand aus dem Grabe ruckkehrt, so ist es nicht gerathen, in einem vergeblichen Schmerz zu verwelken, und daruber das Leben zu vergessen. Der Himmel weiss, dass ich Dich nicht gern zu meinem innigern Vertrauten mache, aber die Lage der Dinge erfordert es. Ich war arm, ehe ich dem alten Mann meine Hand gab. Die Meinigen sind es noch. Ich bin jung, und will nicht gern umsonst den Winter meines Eheherrn mit dem Kranze meiner Jugend geziert haben. Die Vorsehung selbst hat das nicht verlangt, darum gestattete sie, dass meines Gatten einziger Sohn erster Ehe dem Himmel geweiht wurde, seine Tochter Verzicht leistete auf ihr Erbe, und ich ein Sohnlein gebar, das einst der Besitzer aller Habe seines Vaters zu werden bestimmt war. Fur seine Gesundheit besorgt, ubergaben wir den Knaben einer ehemaligen Dienerin meines Hauses, die unfern vom Wiesbade verheirathet, den schwachlichen Korper des Kindes in dem starkenden Heilbrunnen daselbst zu baden angewiesen war, nach der Vorschrift des Arztes Joseph, der uns den Aufenthalt auf dem Lande, zu Sommerund Winterzeit, als das wirksamste Heilmittel fur das krankelnde Kind anpries. Vor wenigen Wochen erfahre ich, der Knabe sey krank. Die Mutterangst reisst mich vom Lager des siechen Gemahls, den ich uber diesen Punkt in Unwissenheit liess; ich sehe meinen Sohn, uberzeuge mich von einer unheilbaren Verzehrung, die ihn uberfallen, und denke, trostlos zuruckkehrend, sogleich auf die allzuwahrscheinliche Zukunft. Damals war es, wo ich Dir, der mir schon ofter Vertrauen abgewann, ein grosseres schenkte, und heute sind wir da, wo ich mich damals nur hindachte. Hast Du gefunden, was Du suchtest? Eine Mutter, die ihr Kind fur reichlichen Lohn auf ewig von ihrem Busen weisst? oder eine Waise, wurdig des herrlichen Looses, das ich ihm bereite? Rede! zaudre nicht. Die Zeit ist kostbar."

"Eine Mutter, die ihr Kind verkauft, fand ich nicht, edle Frau;" erwiederte der Jude: "Selten mag wohl dieser Vogel seyn. Aber etwas Besseres fand ich, einen Knaben, an den die Welt keinen Anspruch hat, der selbst nicht weiss, woher er stammt, von dessen Eltern Ihr keine Forderung zu furchten habt, da sie ihn verstiessen."

Margarethe horchte aufmerksam auf die Geschichte, die ihr Ben David zu erzahlen fur gut fand, ohne dabei des Edelknechts von Hulshofen zu erwahnen. "Hat der Knabe alle Eigenschaften, die ich verlangte?" fragte sie hierauf: "Braunes Haar, blaue Augen ... eine fluchtige Ahnlichkeit mit den Bildern unsers Geschlechts? das rechte Alter?"

"Alles, wie Ihr's begehrt. Der Zufall konnte nicht besser dienen. Uberzeugt Euch selbst."

Ben David fuhrte den Knaben herein. Willhild erschien mit ihm, und winkte der edeln Frau mit voller Zufriedenheit zu. Wohlgefallig betrachtete Margarethe beim hellen Kerzenschein das blode dastehende Kind. Thranen stiegen in ihre Augen. "Wahrlich!" rief sie mit aufgeregtem Gefuhl: "sind diese Zuge nicht ein Fingerzeig von Gott, so weiss ich's nicht. Sprich, Willhild! Mein Knabe, ware er gesund und kraftig geworden ... hatte aussehen mussen, wie dieser. Ach, mein Johannes!"

"Ich heisse Hans!" sprach der Knabe schuchtern.

"Ein neuer Wink von oben!" versetzte Ben David: "Das Bublein heisst wie der Eure, und leicht kann auf seinem Dorfe der Name also abgekurzt worden seyn."

"In der That!" meinte Margarethe, die Zahren trocknend: "es ist ausserordentlich, und Alles fugt sich besser, als man's wunschen kann. Komm her, mein Knabe! wirst Du mich lieben?"

Sie zog den Buben an sich, und kusste seine Stirne: er starrte aber zu ihr empor, spielte mit dem goldnen Kreuz an ihrem Halse, und fragte: "Wer bist Du denn, gute Frau?"

"Ei, das ist ja Deine Mutter!" antwortete ihm Ben David kurz und bestimmt. Der Knabe aber lachelte unglaubig, und schuttelte zweifelnd mit dem Haupte.

"Das ist Deine Mutter, und ich bin Deine Pflegemutter;" bedeutete ihm Willhilde ebenfalls. Der Knabe sah sie gross an, und schien zweifelhaft zu werden. "Wo ist denn die Gundel, und das Hanschen?" fragte er ein wenig kleinlaut.

"Gundel ist fortgegangen und kommt nicht mehr wieder;" nahm Ben David das Wort, da die Frauen des Knaben Rede nicht begriffen: "Hanschen ist aber schwarz geworden, weil Du so lange ausgeblieben," setzte er hinzu, und wies auf den kleinen schwarzen Spitzhund, der zu den Fussen der Altburgerin auf einem zierlichen Polster schlief. Der Knabe schlug verwundert die Handchen zusammen, warf dann noch einen prufenden Blick auf Margarethens Antlitz, das bekummert und freundlich zu ihm niedersah, und flusterte hierauf dem Juden halblaut zu: "Die ist aber doch die Mutter nicht."

"Ungerathener Bube!" rief Diether's Gattin, durch einen Wink Ben David's unterrichtet, und ihre Augen blitzten zurnend auf den bloden kleinen Hans; "willst Du mich wohl gleich wieder erkennen? schon zu lang dauert das Possenspiel. Sprich, wenn Du nicht die Ruthe kosten willst; bin ich Deine Mutter, oder nicht?"

Der Knabe krummte angstlich seinen Rucken, faltete die Hande, und rief, in der Scheltenden Schooss geschmiegt: "Liebe Mutter, schlage mich nur nicht. Hans will gut seyn, und er weiss ja, dass Du seine Mutter bist. Nur nicht schlagen."

"So lass ich's gelten!" erwiederte Margarethe, und reichte ihm versohnt einen Zuckerfladen: "Sey nur immer gut und folgsam, und Du wirst auch den Vater zu sehen bekommen."

"Den Vater?" fragte der Knabe: "ich habe keinen mehr."

"Doch, doch, mein Jungelchen!" redete ihm Ben David zu. "Einen guten und liebreichen Vater, der Dich lieben, reich beschenken und unter lauter Freude und Vergnugen gross ziehen wird."

"Das ist schon, dass ich einen Vater habe, und eine Mutter, die mich nicht schlagt!" rief hierauf Hans ganz erfreut, und liess sich, in den Zuckerfladen beissend, vertraulich auf dem Polster des Hundchens nieder, das bald gute Freuudschaft mit ihm machte, und seinen Kuchen mit verzehren half. Wahrend nun die Beiden spielten, und Frau Willhild sich hineinmischte, um den Knaben mit sich bekannt zu machen, folgte Ben David Margarethen in ihr Schlafgemach, wo die Bedingungen des Verkaufs festgesetzt wurden. Nicht geringe waren sie, denn als Ben David mit Beuteln und Verschreibung beladen, davon zu gehen im Begriff war, sagte ihm Margarethe: "Du verstehst es, Jude, Deinen Vortheil zu beachten. Der Kinderhandel schlagt Dir gut ein."

"Was wollt Ihr, edle Frau, und was redet Ihr da?" fragte Ben David, mit schlauer Aufrichtigkeit: "Kinder sind doch Gottes Segen, und den bezahlt man nie zu theuer. Am allerwenigsten, wenn man damit gewinnt Erb und Gut. Dem alten Herrn bluht gewiss kein Sohn mehr. Ihr seyd zu fromm, um zu beglucken den Freund statt des Ehemanns. Und dennoch muss der Sohn der ersten Ehe ausgeschlossen bleiben und Priester werden, und nimmer den Dispens gewinnen, den Stamm fortzupflanzen in Ermanglung andrer Erben. Der Knabe, den ich Euch uberlasse, ist dennoch allzuwohlfeil erkauft, als Euer grosstes Gluck und Heil."

"Doch der tiefsten Verschwiegenheit darf ich mich zu Dir versehen?" fuhr Margarethe mit durchdringendem Blicke fort: "Wenn Du treulos seyn konntest ..."

"Beruhigt Euch, gute Frau;" antwortete Ben David lachelnd: "war ich ein Christ, so wurde ich Euch leisten einen Schwur, und ihn hinterher vielleicht erst nicht halten. Als Jude darf ich nicht schworen einen Eid ohne den Rabbi, und dann erst musstest Ihr mir glauben auf's Wort, ob ich recht geschworen habe, oder nicht; denn ich verstehe Euer Deutsch, aber Ihr nicht mein Hebraisch. Verlasst Euch deshalb auf ein sicheres Pfand: auf meinen Hals. Wenigstens an mein Leben ginge es, kame es heraus, dass ich ein Christenkind verschachert; und mein Leben ist mir lieb, ist's gleich mir ein elend Judenleben. Gehabt Euch wohl, und versichert Euch nur der Weiberzunge, die Euer, unser Geheimniss theilt."

Hierauf entfernte sich Ben David schnell, und Margarethe saumte nicht, seinem Wink zu folgen, und die halb verlegen, halb froh sich benehmende Willhild zur Bewahrung des Gelubdes aufzufordern, das sie geleistet.

"Ihr konnt mir keck vertrauen, beste Frau;" versetzte Willhild: "mir fallt ein Stein vom Herzen, dass ich nicht des edeln Herrn Unwillen aushalten muss, der furchterlich gegen mich entbrennen wurde, trate ich vor ihn hin, und meldete ihm den Unfall, der seinem Sohnlein widerfahren. Aber ... wenn ich mich nur uberzeugen konnte, dass es keine Sunde sey, einen unbekannten Zweig auf solch edeln Baum zu pflanzen."

"Wenn i c h es nicht fur Sunde halte," entgegnete Margarethe stolz, "so denke ich doch wohl ..."

"Ach, liebe Frau, Alles gut;" versetzte Willhild angstlich: "bei Euch vornehmen Leuten ist das was anders. Kommt ein boser Fall auch hie und da vor, so konnt Ihr mit Geld Euch Ablass holen. Wir armen Leute haben aber nichts, als das nackte Leben, und unser Leutpriester zu Wiesbaden ist ein strenger gottesfurchtiger Mann, dem ich doch nachste Ostern den ganzen Handel beichten muss. Er ist im Stande, und schickt mich ohne Ablass aus dem Beichtstuhle, und dann ist es so gut, als ob ich vor der ganzen Gemeinde im Banne lage."

"Sey unbesorgt!" erwiederte hierauf Margarethe: "kommt die Zeit heran, so mache Dir ein Geschaft zu Frankfurt, und lege Dein Sundenbekenntniss vor meinem Beichtvater, dem guten Barfussermonch Reinhold ab. Der wackre Priester fragt nicht nach Namen und nahern Umstanden, und lasst Deiner Reue um so eher die gewunschte Lossprechung angedeihen, als Du beschworen kannst, durch besagte Verwechslung einen unglucklichen Knaben glucklich gemacht zu haben."

"Nun so sey es denn in Gottes Namen!" sprach Willhild, und legte muthig ihre Hand auf das Kruzifix, das ihr Margarethe vorhielt und in dem ein Splitter von der Hirnschale der heil. Katharina eingefasst war: "Da mein Seelenheil nicht gefahrdet seyn soll, so schwore ich das mit aufgelegten Handen auf die Heiligen zu den Heiligen, dass ich Euch nimmer verrathen werde, so lange mir die Augen offen stehen, an Niemanden, der da lebt, und vom Weibe geboren ist."

Hierauf kusste sie der Gebieterin die Hand und Beide begannen nun zu berathschlagen, wie und wann der Knabe in das Haus seiner neuen Eltern eingefuhrt werden sollte. Der kleine Hans sass dabei, ohne von der Verhandlung etwas zu verstehen, spielte mit dem Spitzhunde und liebkoste Margarethens Hand, und nannte sie einmal uber das andre seine gute und liebe Mutter. Ehe jedoch die Berathschlagung eine vollig genugende Wendung genommen hatte, horte man von ferne den Schritt des heimgekehrten Gemahls. Margarethe sprang mit Herzklopfen auf. "Kein Zogern mehr!" rief sie: "das Schicksal will schnellen Entschluss. Willkommen, Johannes Frosch! Du wirst den Vater sehen!"

Sie druckte den Knaben mit wehmuthigen Gefuhlen an ihre Brust, und drangte Willhild mit dem Kleinen in die Kammer. Schnell trocknete sie die Thrane von ihrer Wimper, schmuckte vor dem Spiegel ihr Gesicht mit freundlichem Lacheln, und erwartete muthig, wiewohl nicht ohne innere Bangigkeit, den Eheherrn, der auch nicht saumte, bei ihr einzusprechen.

"Guten Abend, Margarethe!" sprach Diether in frohlicher Weinlaune auf die Gattin zugehend, und sie in die Arme schliessend. Er warf einen freundlichen Blick auf sie, und da er gewahrte, dass sie mit gleicher Freundlichkeit zu ihm aufsah, so freute er sich dess, und sagte: "Seht, liebe Ehewirthin, so gefallt ihr mir. Das dustre Gesicht, das schon seit geraumer Zeit Euer alltagliches geworden war, hat mir viel Nachdenken verursacht. Aber wenn Eure Stirn glanzt, wie ein Heller Spiegel und Euer Mund so zuckersuss lachelt, gerade so wie jetzt, dann geht mir das Herz auf."

Er kusste sie zartlich. "Kommt, lasst uns Eins plaudern;" fuhr er fort, und zog sie auf den gepolsterten Fenstersitz. "Es ist mir jetzt Bedurfniss, zu schwatzen wie eine Elster. Gar unlieb ware es mir gewesen, wenn ich Euch noch trubsinnig gefunden hatte, wie heute zu Mittag, denn ein Glas Rheinfall hat meine Seele frohlich gemacht, und eine wohlklingende Botschaft ist mir zu Ohren gekommen von meinem Sohne Dagobert."

"Welche?" fragte Margarethe, nicht ohne Theilnahme.

"Ihr seyd ein wackres Weib!" versetzte der alte Diether, ihr die Hand druckend: "Ihr nehmt so viel Antheil an dem Jungling, und er ist doch nur Euer Stiefsohn. Darum sagte ich ja immer, wenn mich meine Freunde und Spielgesellen aufhetzen wollten gegen Euch in Schnack und Schwank: meine Grete ist ein herzliebes Ehgespons, das sich weder an meinem grauen Bart stosst, noch nach dem flaumbartigen Stiefsohn verlangt in Unehren; und darum sollt Ihr auch jetzt wissen, dass der Dagobert glucklich und gesund zu Costnitz angekommen ist, wie mir 's ist kaum eine halbe Stunde der Stadtschreiber Heinrich von Gelnhausen versichert hat, der in Reitstiefeln, gerade wie er vom Ross gestiegen, auf unsere Trinkstube Limpurg kam. Der Schoffe von Braunfels hat ihn zuruckgesandt, um noch mehrere Schriften nachzubringen, und im Augenblicke der Abreise hat er unsern Dagobert, der gerade angekommen, begrusst. Nicht wahr, das freut Euch, so wie mich."

"Von ganzer Seele;" versetzte die Frau.

"Der Trunk Weins hat mir absonderlich darauf geschmeckt;" versicherte Diether. "Mitten unter der Freude meines Herzens ist mir jedoch eine ernste Betrachtung angekommen. Sprecht selbst, liebe Ehewirthin: ist's nicht ein seltsam Schicksal, von dreien Kindern, die uns lieb sind, keines unter unsern Augen zu haben? Von der Tochter will ich eigentlich nicht reden, denn sie hat sich selbst losgesagt von uns. Ihr Bruder aber ist fern, auf seinen Beruf bedacht; und unser Johannes, mir das liebste von den Kindern, da Ihr seine Mutter seyd, lebt auch von uns entfernt, ohne dass wir selbst ihn pflegen konnten, und seinen schwachlichen Leib."

"Ihr wurdet ihn also gerne wieder um Euch haben?" fragte Margarethe lachelnd, obgleich ihr das Herz beinahe brach.

"Welche, Frage?" erwiederte Diether: "Zwei Jahre sind es fast, dass ich ihn nicht sah. Das verdammte Zipperlein hat mich gehindert, verwichenen Herbst den Buben zu besuchen, wie ich mir's vorgenommen. Aber so bald es wieder trocken und kalt wird, und meine Gicht das Leben im Steigbugel vertragen kann, steige ich zu Pferde, und gehe den Jungen zu kussen."

"Er ist recht kraftig geworden;" sprach Margarethe. "Willhild hat mir gestern Botschaft gesandt. Seit ich ihn heimsuchte, hat er um Vieles zugenommen."

"Hat er?" rief Diether: "beim Himmel! das ist mir lieb. Ich sagte es oft. Ein gesunder Stamm tragt auch gesunde Fruchte! Wenn er nur schon so weit ware, dass er wieder kommen konnte in's Vaterhaus."

"Wer weiss, ob das nicht bald, recht bald geschieht;" meinte Margarethe.

"Bald? recht bald?" versetzte Diether mit glanzenden Blicken: "Weib, Ihr wisst am Ende, dass er kommen darf? Sagt mir's ... ich will ihn abholen, auf meinen Armen ihn hieher tragen! Wie gerne will ich meinen Bart von ihm zerraufen lassen, wie gern ihn auf meinen Knien schaukeln, so lange er will, wenn er nur kommt, gesund ist, und unsre Freude wird!"

Margarethe benutzte geschickt die freudige Bewegung des Alten, offnete rasch die Seitenthure, und legte den staunenden Knaben an die Brust des vor Freude zur Bildsaule gewordnen Gatten. "Sieh hier Deinen Sohn!"

"Mein Johannes!" stammelte der Uberraschte, und presste ihn unzahligemal an sein Herz, an seine Lippen. Er nahm ihn auf die Arme, tanzte mit ihm in der Stube umher, geberdete sich, als habe die Freude seinen Verstand verruckt. Endlich setzte er ihn zur Erde nieder, und betrachtete ihn staunend.

"Ich kann nicht zu mir selbst kommen;" sagte er. "Wie konnen wenige Monate ein Kind verandern! Wie haben sich die Zuge ausgebildet, und die Gestalt! Ja; so, so muss ein Sohn unsers alten Geschlechts aussehen; stark, kraftig, ein emporstrebendes Stammchen. Warum bist Du aber so fremd geworden gegen Deinen Vater? Du betrachtest mich so verwundert, als ob Du mich noch nie gesehen? Was ist denn mit dem Jungen?"

"Auf unserm Maierhofe," begann Willhild angstlich, "hat er viel vergessen. Zurnt ihm nicht, edler Herr."

"Umarme Deinen Vater, Hans!" gebot Margarethe. Der Knabe warf einen furchtsamen Blick auf sie, umschlang Diether's Hals, und druckte einen herzhaften Kuss auf dessen Mund. "Willkomm, Vater!" sprach er, noch halb verdutzt: "Hab den kleinen Hans lieb!"

Schon der Kuss hatte Alles wieder gut gemacht, und die zutraulichen Worte des Knaben vollendeten Diether's Bezwingung. Kosend und tandelnd trat er, den Kleinen auf dem Arm, vor den Spiegel, und sprach wohlgefallig: "Fast mochte ich fur wahr halten, was die Amme schon sagte, da sie den neugebornen Buben in meinen Arm legte, er sieht mir ahnlich; recht ahnlich! Ist das nicht meine Nase, mein Mund? Sind das nicht meine Augen? Die Ahnlichkeit hat sich erst recht herausgewachsen. Nicht wahr?"

Margarethe und Willhild bekraftigten die Meinung des guten Alten, und sein Vergnugen wuchs zum Muthwillen auf. "Die Lasterzungen," raunte er Margarethen in's Ohr, "die uber unsern Ehbund spottelten, werden gelahmt seyn, beim Anblick dieses Gesichts, das in das Geschlecht der Frosche recht eigentlich gehort. Sie prophezeiten mir das gewohnliche Loos des Sechzigjarigen, der zur zweiten Ehe schritt, und dennoch ...."

Hier wies er triumphirend auf den Knaben, der mit seinen grauen Locken spielte. Margarethe verschloss ihm aber den ruhmredigen Mund mit einem Kusse.

Fussnoten

1 Lederne Gurteltasche der Frauen.

Funftes Kapitel.

O, kehre nie zur Heimath wieder,

Ein Fremdling warst Du ihr.

Dir tonen nicht mehr ihre Lieder

Und ihre Sitte widert Dir.

Was willst Du hier? im fernen Lande

Fand'st Du ein falsches Gluck,

Und liessest Thor! dafur zum Pfande

Dein ehrlich deutsches Herz zuruck!

Altes Schauspiel.

Dagobert's und Gerhard's Berufswege liefen in entgegengesetzter Richtung. Darum war es auch weiter kein Wunder, dass ihr taglicher Lebensweg ebenfalls ein verschiedner war. Gerhard lag in dem Gasthause zum Engel, auf der Barenhaut, und wartete bei Trunk und Spiel mit der grossten Gelassenheit auf eine Gelegenheit, in irgend einem Schimpfspiele als Turnierfechter der freien Reichsstadt Frankfurt sich auszuzeichnen. Dagobert benutzte hingegen die ersten Tage seiner Anwesenheit zu Costnitz, die Stadt sammt ihren Kirchen und Merkwurdigkeiten kennen zu lernen, und nach seinem Oheim zu fragen, der ausdrukklich versprochen hatte, sich im Gefolge des Papstes Johann auf dem Concilium einzufinden. Um so seltsamer kam es ihm vor, dass es ihm nicht gelang, die mindeste Spur von ihm ausfindig zu machen. Vergebens forschte er bei Geistlichen und Weltlichen nach dem Pralaten Hieronymus Frosch: niemand wusste ihm Auskunft zu geben. Die Schoffen des Frankfurter Raths selbst hatten nicht das Geringste von einem solchen gehort, und so verging schier eine Woche, und der Eifer Dagobert's hatte schon bedeutend nachgelassen, als ihn mit einemmale ein Diener zu dem Herzog Friedrich von Ostreich beschied. In sein bestes Kleid gehullt, eilte er nach dem Hofe, den dieser reiche und prachtliebende Furst mit seinem Gefolge einnahm. Der Herzog empfing ihn in einem einfach aber edel gezierten Gemache. "Wie gefallt's Euch zu Costnitz, junger Degen?" fragte er den Jungling mit heitrer Miene: "Wie behagt Euch das lustige Treiben und die bunte Menge, die einen Jahrmarkt eher verkundet, als eine ernste Kirchenversammlung?"

Dagobert bekannte, dass er noch wenig gethan, um sich mit dem Gewuhl der vielen Auslander und fremden vaterlandischen Gaste vertraut zu machen.

"Bei Eurer Jugend nimmt mich das hochlich Wunder!" sprach der Herzog: "Jesus Christus! wenn ich daran denke, wie ich in Euerm Alter das Leben betrachtet habe! Es kam mir nicht anders vor, als wie ein grosser Pokal, den ich verbunden sey, Tag fur Tag auszuleeren bis auf die Neige, nach guter alter Trinkersitte. Wo es recht toll herging, war ich mitten darunter, und nirgends frohlicher als wo gescheite Leute und Narren um mich schwarmten wie ein Bienenvolk. Ihr, lieber Freund, seht aus wie ein lockerleichtes Blut, und musst wohl Eure Grunde haben, wenn Ihr nicht gleich Andern Eures Schlags uber die Schranken haut, wo es angebracht ist. Ihr habt Euch doch nicht etwa schon vergafft zu Costnitz? Nehmt Euch in Acht. Es gibt der Schonen viele in dieser Stadt, aber die meisten sind fremde Zugvogel, die ihr truglich Gefieder hier ausspreiten, weil es in der Heimath den Werth verloren hat; Hexendirnen, die sich anstellen, als ob sie Herzen fischten, wahrend sie doch nur das Netz nach dem Golde unerfahrner Lustlinge auswerfen."

"Die Art und List dieser Meerweibchen ist mir wenn gleich nur aus Berichten nicht unbekannt;" versetzte Dagobert lustig: "Ew. furstl. Gnaden ist daher im Irrthum. Nicht einem rothwangigen Magdlein jage ich nach, sondern einem graubartigen Manne, der mich hieher berufen, und nun Versteckens mit mir spielt; meinem Ohm namlich."

"Euer Ohm?" fragte der Herzog aufmerksam werdend: "Sein Name?"

"Ist der meine;" antwortete Dagobert: "aber der Trager versteckt sich im Sumpfe."

"Ware das der Pralat von dem Stifte des heil. Bartholomaus bei Cesena?"

"Derselbe, gnadiger Herr. Der Bruder meines Vaters: Hieronymus Frosch."

"Ei, der ist freilich hier;" lachte der Herzog: "ist mit mir gekommen, da ich den heil. Vater hieher geleitete."

Dagobert stand, steif vor Erstaunen, da.

"Ihr konnt mir's glauben, auf Furstenwort;" fuhr der Herzog fort: "sein Logement wurde ihm eingerichtet im Paradiesgasslein, in dem Hause, zum Pfauen geschildet."

"Bin ich denn blind gewesen?" fragte sich Dagobert halb argerlich; "war ich denn taub? hab ich nicht umhergespaht mit Aug und Ohr wie die Frommen am Pfingsttage in. der Kirche, da der heilige Geist aus dem Schalloche hernieder zu schweben hat?"

"Seyd zufrieden;" versicherte der Herzog: "Ihr seyd nicht blind, nicht taub gewesen. Ihr habt aber bestandig nur nach dem Unrechten gefragt; der ubelklingende Name Frosch ist nicht mehr der Euers Ohms. Er hat sich in's Walsche ubertragen, und wenn Ihr nach dem ehrwurdigen Monsignor Ranocchia Euch erkundigt, wird er Euch sicher nicht entgehen."

"Wie ist mir denn?" rief Dagobert: "Unsers ehrlichen Namens, beruhmt geworden durch den Hauskaplan Kaiser Karls des Vierten, schamt sich der Oheim?"

Der Herzog zuckte die Achseln. "Ich habe Euern Vaterbruder nie als einen Deutschen gekannt," sprach er, "und immer nur den Italianer in ihm gesehen. Macht es auch so. Man weiss, ja ohnediess nicht mehr, was heut zu Tage Deutsch ist oder nicht. Wer findet hier unter dem bunten wollisch, englisch und bohmischen Geplauder das Vaterland heraus? Jede Nation, nur die unsre nicht, spielt hier den Herrn, vorab die franzosische. Ein schnackisches Volklein das: singt hoher dann genotirt, liest anders, denn geschrieben, spricht anders als ihm um's Herz ist, und steckt uns durch seinen gelehrten Kanzler Gerson gewisslich in den Sack. O! setzte er mit bitterm Spotte hinzu: diess Concilium ist des Luxemburgers Meisterstucklein!"

Heftig schritt der Herzog einige Schritte vor sich hin, blieb dann stehen und wandte sich mit einem Male rasch und kurz zu Dagobert.

"Ihr wisst nun, wo Euer Ohm zu finden, junger Mann;" sagte er, wie man einem Besuche gern ein Ende machen will: "es wird ihn freuen, Euch bald zu sehen, wie es mir angenehm seyn wird, Euch nicht aus den Augen zu verlieren. Das Pferd, das Ihr bei Eurer Heimkunft im Stalle finden werdet, thut Ihr mir wohl die Liebe, als Geschenk fur Eure Hulfe anzunehmen. Es ist ein polnisch Thier und gerade wild genug fur einen derben Jungen, so wie Ihr."

"Gnadigster Herzog ..." stammelte Dagobert dankend, aber Friedrich unterbrach ihn schnell, indem er lachelnd sagte:

"Kein Wort fur die schlechte Gabe. War' ich Kaiser, sollte sie besser seyn. Hatte ich Euch nicht aufrichtig lieb, und wollte Euch ablohnen, sollte sie auch besser seyn. Ich stehe aber gerne noch ein wenig in Eurer Schuld. Geht mit Gott, und kommt bald wieder. Ohne den verwunschten Klopffechter seyd Ihr stets willkommen."

Mit der grossten Freundlichkeit, aber ohne seinem Stande etwas zu vergeben, beurlaubte der Herzog, steif in der Mitte des Gemachs stehend, und kaum merklich mit dem Haupte nickend, seinen jungen Freund. Dagobert saumte nicht, da es erst um die Mittagsstunde war, die Wohnung seines Oheims aufzusuchen. Das Paradiesgasslein war bald gefunden, und das Haus zum Pfauen, das ansehnlichste der Gasse, eben so schnell entdeckt. Die Thure stand offen, und innerhalb derselben lehnte im Schein der Mittagssonne ein ziemlich nachlassig gekleideter Diener und speiste Nusse. Dagobert erfuhr von dem Mussigen auf Befragen, dass Monsignor so eben vom Messelesen gekommen sey, und sein Stundchen der Bequemlichkeit feire, in welchem er sich nicht gerne von Fremden gestort sehe.

"Ich bin kein Fremder;" erwiederte Dagobert kurz: "ich bin des Pralaten Neffe, und hoffe allerdings auf unverzuglichen Empfang."

Der Diener, ein Italianer und mit barbarischem Deutsch behaftet, wurde nun zwar ehrerbietiger denn zuvor, wies aber den Besucher stumm und trocken uber den Hof. Dagobert kehrte dem tragen Nussfresser den Rucken, und flog, den angegebnen Weg verfolgend, die Treppe hinan, an der offnen Kuche vorbei, die einen Wohlgeruch ausstromte, wie er selbst im vaterlichen Hause seine Nase nicht gekitzelt hatte. Auf dem Vorplatze angelangt, der mit Heiligenbildern geschmuckt war, untersuchte Dagobert, welche von den drei vorhandenen Thuren diejenige sey, die zu dem Oheim fuhren mochte. Die Eine war verschlossen, die Andre nicht, aber scheu zog diese der Jungling wieder zu, weil er in ein Gemach gesehen, das augenfallig von einem Frauenbilde bewohnt war, wie es die zierliche Ordnung, der Stickrahmen am Fenster und mehrere auf Stuhlen ausgebreitete Frauengewander andeuteten, obgleich die Besitzerin nicht gegenwartig war. Die dritte Thure war noch ubrig, ebenfalls verschlossen wie die Erste, aber ein daran angebrachter Glokkenzug schien das Mittel sie zu erschliessen anzugeben. Dagobert bewegte die Schelle leise und bescheiden, und vernahm bald darauf Tritte, die sich naherten, und Gerausch des aufgezogenen Riegels. Die Thure sprang auf, aber statt eines gramlichen Dieners mit einem Klostergesichte, wie es Dagobert erwartet, schaute ein rundes Madchenantlitz daraus hervor, wie er es n i c h t erwartet hatte. Das Antlitz trug freundliches Geprage, bis auf einen finstern Zug zwischen den Augenbraunen, der zu sagen schien: Was willst Du denn zu dieser Stunde, Storefried? ..... Dieser Zug verschwand indessen, als ein fluchtiger Blick die Dirne belehrt hatte, dass es ein schlanker wohlgebauter Mann sey, der sich hier, wiewohl nicht in der fliessendsten Rede, nach dem Pralaten befrage.

Dagobert bemerkte indessen die Veranderung in dem Gesichte des Magdleins, und fuhr muthiger fort: "Fast muss ich befurchten durch den hamischen Unverstand des Pfortners an die unrechte Thure gerathen zu seyn, denn ich suche die Zelle eines Himmelgeweihten, und finde mich nun am Himmel selbst."

Das Madchen lachelte ohne weiter um die Schmeichelei ein Wort zu verlieren. "Euer Begehr?" fragte sie in gebrochenem Deutsch: "Monsignore lasst sich nicht sprechen um diese Stunde. Eure Botschaft will ich ausrichten, so ich es vermag."

Dagobert betrachtete einen Augenblick lachelnd und kopfschuttelnd die ungewohnliche Thurhuterin eines Geistlichen, und erwiederte scherzend: "Mein schones Kind, das geht nicht an. Meine Botschaften pflege ich selber auszurichten, und schmeichle mir, weder durch Ton noch Kleid den Knecht zu verrathen, den man vor der Thure abspeist. Sollte ich ubrigens eines Namens von Gewicht bedurfen, um hier den Eingang zu finden, so melde dem Pralaten: mich sende der Herzog von Ostreich."

Augenblicklich verneigte sich die Pfortnerin ehrerbietig, versprach den Besuch zu melden, und verschwand in dem anstossenden Gemach. Dagobert, dem der Auftritt Spass machte, nahm von dem Vorzimmerchen Besitz, wo ein Altar der heiligen Mutter aufgerichtet war, geschmuckt mit silbernen und goldnen Blumen, und wo ein ungemein lieblicher Weihrauchduft herrschte, der aus den Zimmern des Pralaten sich zu stehlen schien. "Recht so, guter Ohm!" flusterte der Neffe vor sich hin: "Du machst Dir die Gelubde leicht, wie mir's vorkommt, und suchst das Paradies Dir schon in dieser Welt zu schaffen. Wenn das Ubrige dem, was ich bereits sah, entspricht, so uberredet Niemand leichter zu dem Klosterstande, als Dein Beispiel!"

Das Madchen erschien auf der Schwelle des Gemachs, und winkte verbindlich dem Harrenden, einzutreten. Dagobert wartete keine zweite Einladung ab, und liess die Schone im Vorzimmer zuruck. Er traute aber seinen Augen nicht, da er die Stube seines Oheims betrat. Er ging auf kostbaren Teppichen, so weich und glatt, dass er seinen eignen Schritt nicht vernahm. Eine gelinde Warme erfullte das Gemach, und der Duft balsamischer Spezereien zog behaglich aus der Raucherpfanne auf, die in der Ecke am Ofen gluhte. Warme und schon gewirkte Decken bekleideten die Wande vom Simse bis zum Boden. Schwellendgepolsterte Stuhle luden zur Ruhe ein, wie es auch die durch grune Fensterschirme gemilderte Tagshelle that. Ein glanzend geputzter Kredenzschrein blendete das Auge durch den Schimmer der vielen da aufgestellten Geschirre und Trinkgefasse. Ein schon zum Mittagsmahle gerusteter Rundtisch mit blinkendem Gerath geziert, in der Nahe einer zierlichen Kuhlwanne, aus der kurzhalsige Flaschen guckten, erweckte die Lust nach leckerm Imbiss und Trunk. Von der Hohe des Zimmers schmetterten seltne Singvogel aus gelben Drahtkastchen ihr muntres Lied herab. Der Besitzer all dieser Herrlichkeiten aber dehnte sich auf einem uppigen Lotterbette. Das herrlich geschriebene und in goldbeschlagnen Sammet gebundne Brevier war seiner Hand entsunken, und ein grauer Sittich hatte sich von seiner unfern stehenden Stange an langer Kette herunterbegeben, und dem Herrn auf die fleischige Linke gesetzt, die er mit dem krummen Schnabel liebkosend pickte.

Dagobert hatte Musse genug, seinen Oheim genau zu betrachten, als sich derselbe schwerfallig von den Ruhepolstern aufrichtete, ohne jedoch die liegende Stellung ganz zu verlassen. Das war nicht mehr der hagre bleiche Augustinermonch, mit dem ernsten Antlitz und den tiefliegenden niedergeschlagnen Augen, auf den sich Dagobert wohl noch zu Zeiten aus seiner fruhsten Kindheit erinnert hatte. Die Zeit hatte ihn zu einem stark beleibten Pralaten umgewandelt, der ausser dem Kreuze von Topasen und Gold gefertigt, nichts Monchisches mehr an sich trug. Die Haare hingen auf die Schulter, und die Eitelkeit hatte die Graugewordenen durch metallische Mittel kupferbraun gefarbt. Die Augenbraunen waren auch mit trugerischer Farbe geschmuckt, goldne Ringe hingen in den Ohren, glattgeschoren waren Wange und Kinn. Kostbare Fingerreife glanzten an den Handen. Die Fulle des Angesichts hatte viel dazu beigetragen, ihm ein jungeres Ansehen zu geben, und die Augen wie der Mund hatten einen Anstrich von keckem Stolze gewonnen, der keine Spur der ehemaligen Klosterdemuth mehr durchblicken, liess. Dagobert, von dieser Erscheinung, die er sich nicht traumen liess, betroffen, neigte sich schweigend vor dem Pralaten, der durch eine nicht allzubedeutende Kopfneigung und Handbewegung den Jungling einlud, zu sprechen. Dagobert hatte sich wenigstens eingebildet, von seinem Oheim bald erkannt zu werden, und schwieg, ihn unablassig betrachtend. Der Pralat fand hingegen das Betragen des Fremden sonderbar und fragte daher mit vornehmer dringender Rede; Was bringt Ihr, junger Herr? Was steht zum Befehl Sr. furstlichen Gnaden?

"Ach, hochwurdiger Herr!" begann Dagobert, bei dem die Ruhrung die Oberhand gewann: "Nicht des Herzogs Wille fuhrt mich hieher; sondern mein Herz, mein Herz allein!"

Der Pralat mass ihn mit staunenden Blicken. "Seltsam!" sprach er alsdann: "was hatte ich mit Euerm Herzen zu schaffen, da ich Euer Gesicht nicht kenne, und Ihr Euern Namen hinter einem ehrenwerthen verbergen musst?"

"Brauche ich einen Namen vor Euch?" fuhr Dagobert dringender fort: "Sprechen nicht aus meinem Gesichte bekannte Zuge zu Euerm Gefuhl."

"Ei, junger Gesell, Du wirst doch nicht ..." entgegnete der Pralat betreten, und holte seine Brille aus dem Armel: "Sendet Dich etwa ... wie nennt sich Deine Mutter?"

"Wie mogt Ihr nach der Mutter fragen?" sprach Dagobert weiter: "Die Edle ruht im Grabe; doch des Vaters Name ......"

"Genug, genug, mein Sohn!" Unterbrach ihn der Oheim mit wachsender Befangenheit, und sein Blick suchte den Boden, wahrend er die Hand zum Kusse reichte: "Du bringst mir eine bose Nachricht. Rechinald ist todt? Gott genade ihrer Seele .... Was willst Du aber beginnen ...? Fur Dich zu sorgen wird mir schwer werden; .... wir armen Geistlichen werden in diesen neusten Zeiten, gedruckt und gepfandet, als hatten wir des Erdreichs Schatze allein; ... ich werde wahrlich Nichts fur Dich thun konnen."

Dagobert betrachtete ihn wahrend dieser Rede, ohne zu wissen, ob der Pralat Ernst mache oder Scherz, oder ob er in einer plotzlichen Geistesabwesenheit, also irre und verworren spreche.

"Wie ist Euch doch zu Sinne?" begann er endlich, da die peinliche Verlegenheit des Geistlichen fortdauerte, und sein Auge gleichsam aus dem Boden die versagenden Worte auszugraben sich anstellte: "Was Ihr mit der Rechinald zu thun begehrt, der Gott ein langes Leben, oder, ware sie wirklich gestorben eine frohliche Urstand schenken moge, das weiss ich nicht. Ich habe nie Eine dieses Namens gekannt, und meine Mutter hiess Wallrade, wie meine schlimme Schwester. Ich weiss jedoch ganz ausgemacht, dass ich nicht als zudringlicher Bettler mich bei Euch einfinde, sondern auf Euern ausdrucklichen Wunsch und Willen, hochwurdiger Herr Ohm! Der Vater lasst Euch bestens grussen, und die Stiefmutter. So Ihr mir zum frommen dienen wollt, werd ich's Euch herzlich danken. So sich aber Eure Willensmeinung geandert hatte, kehre ich stehenden Fusses um gen Frankfurt, ohne Groll und Reue."

Mit jedem Worte des jungen Mannes war der Pralat aufmerksamer, ruhiger und aufgerichteter geworden. Es spiegelte sich sogar eine Art von Freude in seinem Gesichte, als Dagobert geendet hatte. Durch die Brille studirte der Oheim einen Augenblick hindurch die Zuge des Letztern, und rief alsdann, ihm beide Hande hinreichend: Ach du narrischer Kautz! Das ist ja etwas ganz Andres! Komm, umarme Deinen alten Ohm! Die heilige Jungfrau benedeie Deinen Eingang!

"Dagobert umhalste den blodsichtigen Pralaten und setzte sich, wie dieser es begehrte, neben ihn auf das Ruhebette." "Ja, das ist ganz das Gesicht des Bruders!" sprach Hieronymus: "Meine bosen Augen! Vergib mir nur den Missgriff, lieber Neffe. Du hast aber auch eine seltsame Weise, Dich einzufuhren. Ich hatte darauf geschworen .... siehst Du ... diese Rechinald ... sie war mein frommes Beichtkind, da ich noch in Deutschland lebte, ... und .. ihr Sohn .... doch, ich werde Dir das bei gelegnerer Zeit erzahlen. Gib mir noch einmal die Hand. So! bist ein hubscher Bursche geworden. Nun, das ist ein Erbtheil unsers Geschlechts. Aber in Deinem Wesen hatte ich mir nicht weniger als Alles anders vorgestellt. Wo ist der geistliche Rock, das Piret? der Rosenkranz und der niedergeschlagene Blick? Du siehst aus, als ob Du zum Herrendienst an den Hof reiten wolltest, und nicht nach Walschland in das Bartholomaistift."

"Vergebung, Ohm!" scherzte Dagobert und zupfte neckend an dem blandamastnen Uberkleid des Pralaten: "Das ist eben auch nicht das Klostergewand."

"Hm!" lachelte der Oheim selbstgefallig: "Die Klausur und Regel ist nicht mehr fur den Geistlichen meines Standes. Wir haben von unten auf gedient, und durfen uns in reifen Jahren schon eine bequeme Freiheit erlauben, zumal hier in der Fremde, mit papstlichem Dispens."

"Hier in der Fremde?" wiederholte Dagobert: "Ei, lieber Ohm, Ihr seyd ja hier im Vaterlande."

"Welch Geschwatz!" entgegnete der Pralat, das Gesicht verziehend: "Wo ist des Priesters Vaterland? Da, wo der Statthalter Christi wohnt und herrscht mit den Fursten seiner Kirche. Und war auch dieses nicht, so braucht man nur einen Fuss nach dem gelobten Lande Italia gesetzt zu haben, um sich furder keine andre Heimath zu wunschen. Wahrlich, hatte nicht die Pflicht geboten, nimmer ware ich zuruckgekommen in das Reich ungehobelter deutscher Nation. Jenseits der Alpen weht eine heitre warme Luft; hier in Euerm truben Winterlande erstickt mich der Husten. Dort gehe ich durch helle geraumige Stadte, hier versinke ich im Morast enger winklicher Gassen, wie man sie in armen Dorfern nicht schlechter hat. Dort trinke ich kostlichen, mild und feurig zugleich schmeckenden Wein, esse herrliches Obst, Geflugel und Fisch. Hier quale ich mich mit abscheulichem Kratzer, den Ihr lobt, weil er am Rhein wachst, und kalt und rauh ist, wie Eure Sitte; hier verderbe ich mir den Geschmack mit Holzapfeln und sauern Trauben. Dort hore ich eine Sprache, die wie Musika klingt, einen Gesang, dem gleich der lieben Engelein. Hier musst ich mich bequemen, das widerliche deutsche Pfauen- und Hahnengeschrei anzuhoren, es selbst wieder vorzusuchen, wenn ich mich verstandlich machen will, und muss noch von Gluck sagen, wenn ich nur dann und wann von ferne ein deutsches Lied singen hore, das gewohnlich nicht anders klingt, als wie eine knarrende Thure, deren Angeln des Ols ermangeln, und zu welchem Euer verdammtes Instrument, der schnurrende hollische Pommer, die beste Begleitung abgibt. Ich will nun gar nicht von Eurer plumpen Sitte, von Eurer schlechten Kuche, von Eurer unflatigen Zechlust reden, nicht von Euren unbequemen Hausern, wo man sich einrichten muss, wie Figura zeigt, das heisst, wie ein Bauer in seiner Lehmhutte, und einen Wald in den Ofen zu werfen hat, wenn nur die Finger nicht erfrieren sollen; nicht von Eurer Raubsucht und erbarmlichen Kindererziehung, ... denn alle diese Unformen und Missgestaltungen sind an der Zahl Legion. Nur das gebe ich Dir zu verstehen, dass Du, um mir wahrhaft zu gefallen, und meiner Gunst wurdig zu werden, die grobe deutsche Lebensart ab- und nebenbei eine schickliche geistliche Tracht abzulegen hast."

"Hm!" versetzte Dagobert lustig: "Das Letztere ist bald gethan, denn der Schneider macht in einem Tage den Cleriker fertig; aber das Erste wird nicht so schnell gehen. Mir ist vaterlandische Gewohnheit so an's Herz gewachsen, dass es gewaltiger Muhe bedurfte, sie sammt den Wurzeln herauszureissen."

"Wie heisst das deutsche Sprichwort?" fragte der Pralat: "Das eine Vernunftige unter tausend Albernen?" "Alles, was Du willt, geschieht, so Dir's nicht an Muth gebricht. Beherzige das, und folge meiner Weisung; dann kann noch ein flammend Kirchenlicht aus Dir werden. Vor der Hand lasse Dir's indessen heute bei mir gefallen, und nimm vorlieb mit meinem Tische."

"Das wird mir nicht schwer fallen," scherzte Dagobert, dessen schelmisches Lacheln, wie der verstohlne Blick auf die Leibesfulle des Oheims dem Letztern nicht entgingen.

"Hm!" sprach dieser mit aufgeworfnem Munde: "Freilich findest Du auf meiner geringen Tafel keine Pfeffertunke, keine Saffranbruhe, wie sie hier erfordert wird, keinen Wildbraten, der durch seinen Geruch jede feine Nase von dannen scheucht, aber deutscher Jager und Edelleute kostlichste Speise ist. Eben so wenig aber darfst Du hoffen, ein schwelgerisches Mahl zu geniessen, sondern die einfache Kost eines Dieners der Kirche, deren Oberhaupt sich einen Knecht der Knechte nennt."

Die hubsche Pfortnerin, deren Neugierde durch den so sehr verlangerten Besuch auf's Hochste gereizt worden war, steckte, erinnernd an den Imbis, den Kopf in die Stube. "Wir haben einen Gast," rief ihr der Pralat freundlich nickend zu: "Diesen jungen Mann, in welchem ich Euch, werthe Fiorilla, meinen geliebten Neffen vorstelle."

Fiorilla staunte ein Weilchen den Jungling an, der so schnell ein Verwandter des Hauses geworden war; hierauf folgte sie jedoch der empfangenen Weisung, legte fur den Geladenen Tellerbrod und Tellertuch auf, setzte einen schon gearbeiteten Becher an seinen Platz, und begab sich hinweg, um die Speisen herauf fordern zu lassen. Dagobert hatte genau bemerkt, wie sein Ohm mit den Augen jeder Bewegung der holden Dienerin gefolgt war, und von Zeit zu Zeit auf ihn selbst einen prufenden Blick geworfen hatte. Er gab sich daher alle Muhe, recht unbefangen zu scheinen, und fragte den Pralaten mit seinem besten Gleichmuth, ob Fiorilla etwa auch eine Verwandte sey, oder ob das Verhaltniss der Magd sie an dies Haus buche. Hieronymus besann sich eine Weile. "Dieses Madchen" sagte er hierauf "ist nicht Verwandte, nicht Dienerin; sondern eine Tochter edeln Hauses, aus Cesena geburtig, die durch ihr besondres Vertrauen in mich, meine Freundschaft und vaterliche Teilnahme gewann. Ihre Neugierde und ihre Luft die Welt zu sehen, zu befriedigen, erlaubte ich ihr, einer schutzlosen Waise, mich hieher zu begleiten, wo sie dann als Freundin mein kleines Hauswesen zu besorgen unternommen, wahrend sie vor der Welt, die in dem reinsten Verhaltniss eine Sunde wittert, meine Base heisst."

"Obschon ich die runde Maid mit den Flammenaugen nicht ungern mein Baschen nenne," meinte Dagobert: "so begreife ich doch nicht, wie ein Mann von Eurer Wurde und Heiligkeit sich zu dieser Unwahrheit herablassen konnte."

"Ach! Du weisst es nicht," seufzte der Ohm, wie die Welt im Argen lebt; wie sie sich freut uber den Fall des Gerechten, und aus seiner Unschuld die bittre Schuld saugt. Die Deutschen absonderlich, trotz ihrer Ruchlosigkeit, ihren unzuchtigen Tanzen und heidnischen Philosophemen; Wer ist es, der das Leben des Priesters einer solch unchristlichen Untersuchung unterwirft, wie noch nie erhort worden? Der Deutsche. Wer wagt es, Pralaten, Bischofe, Kardinale, und Gott sey es geklagt, den Unfehlbaren in Rom selbst in seinem hauslichen Thun zu meistern? Der Deutsche. Wer schreit am ungestumsten nach einer allgemeinen Kirchenverbesserung? der Deutsche. "O der Sunde! die Kirche und ihre Satzungen will er umsturzen und erneuern, gleich als ob sie Menschenwerk waren, und nicht das Vollkommenste, Gottes und seines Sohnes Werk!"

Dagobert, der den Meinungen seines Oheims nicht offne Fehde bieten wollte, so sehr auch seine Ansichten von ihnen abwichen, betrachtete still lachelnd die Schnabelspitzen seiner Stiefel, und athmete freier, als endlich der Imbis aufgetragen war, und somit das ernstwerdende Gesprachsel ein Ende hatte.

Bei Tische, wahrend des Genusses der feinsten Speisen, die eines Erzbischofs Tafel zu Ehren gebracht haben wurden, hatte der junge Mann Gelegenheit genug, zu bemerken, dass die Freundschaft seines Oheims zu Fiorillen wirklich eine Grosse war. Die lekkersten Bissen legte sie dem Pralaten vor, und dieser schob das Leckerste von ihnen auf ihren Teller. Seinen und des Neffen Becher fullte er halb mit Wein, halb mit Wasser, in Fiorillens Kelchglase perlte der reine italienische Feuerwein. Wahrend Dagobert zum Nachtisch mit vaterlandischem Kase abgespeist wurde, futterte Oheimchen Fiorillen mit dem schmackhaften in Honig gefassten Ingwer, und mit der sussen Weichsellatwerge. Venedische Mandeln und Weinbeeren wurden aufgetragen, um von dem Hausherrn benascht, und an Fiorillen verschenkt zu werden. Endlich betheuerte die Letztere ernstlich, zur Genuge versorgt zu seyn, und bemitleidete scherzend den Gast, dass ihm nichts von diesen Leckereien beschieden gewesen. Dagobert lachelte Achselzuckend; der Oheim sprach aber trocken: Mein Neffe macht sich sicher nichts aus diesen Sussigkeiten, denn er ist noch ein achter Deutscher, und eine Ochsenkeule ihm lieber als eine seine Tafel, war's auch die des Cardinals Zabrella, der auf das Essen etwas halt.

"Alles gleicht sich aus;" erwiederte Dagobert: "Derbe Kost gibt derbe Menschen." "Richtig," meinte der Pralat: "und feine Speise zieht den feinen Mann."

Fiorilla gab einige Worte dazwischen, die nicht undeutlich merken liessen, dass ihr eine kraftige Derbheit nicht missfalle, indem sie Burge eines kraftigen Gemuths sey.

"Es muss mich wundern," sprach sie endend: "Hochwurdiger Herr, dass Ihr an dem Neffen tadeln zu wollen scheint, was ihr an der Nichte gut heisst."

"An Euch, mein Baschen?" fragte Dagobert munter, und warf, dem eifersuchtig lauernden Ohm zum Trotze, einen seiner feurigsten Blicke in Fiorilla's Augen.

"Nicht doch;" antwortete diese errothend: "Ich spreche von der Nichte Sr. Hochwurden." Monsignore gab der Geschwatzigen mit verdrusslicher Miene ein Zeichen zu schweigen. Dagobert, dem auch dieser Wink nicht entging, hatte Muthwillen genug, weiter zu forschen.

"Seyd Ihr's also nicht, liebes Baschen?" fragte er; "oder von welch andrer Nichte ist denn hier die Rede, Oheim."

"Von wem sonst, als von Deiner Schwester?"

brach der Letztere unmuthig los.

"Von Wallraden?" rief Dagobert.

"Freilich von ihr;" versetzte Fiorilla. "Was meint

Ihr, hochwurdiger Herr? Sie wird viele Freude haben, ihren Bruder zu sehen, der gerade so muthig und entschlossen zu seyn scheint, wie sie."

"Wie ist mir denn?" fragte Dagobert: "Wallrade

ware hier?"

"Ja doch;" entgegnete Fiorilla unbefangen: "Ihr

wusstet das nicht?"

"Verdrussliche Schwatzerin!" zurnte der Pralat

gegen die Freundin: "Mulier taceat in ecclesiam!"

"In ecclesia!" verbesserte Dagobert lachelnd: "Ein

guter Spruch! aber ich verstehe nicht, warum Ihr mir ein Geheimniss aus der Anwesenheit meiner Schwester machen wollt, guter Oheim? Mir ist sie das gleichgultigste Ding von der Welt, macht mir nicht Liebe, nicht Hass. Wir Beide, Wallrade und ich, wir konnten uns von Jugend auf nicht leiden. Ich war ihr zu lustig, s i e war mir zu rauh. Ein Gluck, dass sie ein Madchen und nicht ein Bube geworden. Es hatte alle Tage blutige Kopfe gesetzt. Seither sind wir auseinander gekommen, und haben uns naturlich nicht lieben gelernt. Sie wird mich nicht suchen, wie ich nicht sie. Wir wurden uns fremd bleiben, wohnten wir auch unter einem Dache."

"Das wusst ich ja eben!" fiel der Pralat ein: "Ich hatte mir's auch so schon ausgedacht, wie ich euch Trotzkopfe mit guter Art zusammenbringen und versohnen wollte, ehe ihr noch von eurer gegenseitigen Anwesenheit gewusst hattet. Durch die Fiorilla Cicalonilla ist mir das gute Werk vereitelt."

"Es ist nicht meine Schuld," schmollte die Gescholtene, "dass ich vielleicht in der besten Absicht Euer Vorhaben zu nichte machte. Ich wusste weder von dem Widerwillen der Geschwister, noch von der bezweckten Versohnung. Ich wette indessen, setzte sie mit einem verstohlnen Seitenblick auf den Jungling bei, dass Euers Neffen redlich Gemuth auch ohne Uberraschung und Vermittlung den rechten Weg einschlagen und die Bande fester knupfen werde, die Vorurtheil und Zufall auflockerten."

"Ihr thut mir viel Ehre an," erwiederte Dagobert hoflich: "ich muss sie aber ablehnen. Wallradens hochfahrender Sinn hat sich stets so trotzig erwiesen, in jedem Verhaltniss des Lebens, dass ich, selbst bei dem redlichsten Willen, die Hoffnung aufgeben musste, ihn fur meine redlichste Gutherzigkeit zu gewinnen. Auf der andern Seite bin ich auch, nicht der Mann, der Weiberlaunen unterthan ist, waren es auch die einer Schwester, die einer geliebten Gattin."

"Du versteigst Dich;" unterbrach ihn der Pralat: "Nicht d e n k e n sollst Du an eine Gattin, die Du nimmer besitzen wirst."

"Nun denn," rief Dagobert lachend: "Ist mir die Liebe verboten, so ist mir doch die Freundschaft erlaubt. Nicht wahr, mein Baschen?"

Fiorilla nickte heimlich lachelnd, und Dagobert ergriff seinen gefullten Becher. "Auf gute Freundschaft denn!" sprach er schmeichelnd, und klang mit Fiorillens Kelchglas an. "Macht kein finstres Gesicht, Oheim! Wir ungehobelten Deutschen mussen einmal den Becher zur Hand nehmen, ob wir Frieden machen, Krieg beschliessen, der Minne oder der Freundschaft Bund heiligen. Wir wollen gute, gute Freunde seyn, Baschen Fiorilla, oder Blumchen! Aber selbst E u r e Launen trag ich nicht."

Fiorilla setzte das Glas mit lieblicher Geberde an den Mund, und wahrend ihre Lippen nippten, ruhte ihr Auge seelenvoll auf des Junglings bluhendem Gesicht. Der Pralat ruckte unruhig auf dem Stuhle, und drohte der Italianerin verstohlen mit dem Finger. Die Leichtfertige lachte, Dagobert stellte sich aber, als habe er es nicht bemerkt, und fuhr in lustiger Laune fort: "Ihr seyd mir noch die Erklarung schuldig, bester Ohm, wie es kommt, dass ich Wallraden hier zu Costnitz finde? Was fuhrt sie her? In welcher Absicht ist sie hier?"

"O seht;" rief Fiorilla; "seht, wie diese Neugierde schon verborgne Theilnahme verrath."

"Sie kam auf meine Ladung, mich zu besuchen;" antwortete der Pralat dem Neffen kurz und gleichgultig. "Eine Stiefmutter hat Euch Beide aus Eurem Stammhause vertrieben: ich halte es fur Pflicht, Vaterstelle bei Euch zu vertreten, die der schwache Vater verliess. Indem ich Wallraden vor sechs Jahren mein durch Erbschaft mir zugefallenes Gut in Thuringen uberliess, gab ich ihr schon ein sorgenfreies Geschick, und behielt mir dafur nichts vor, als die Befugniss, ihr einen Gatten zu wahlen, und diesen Gatten denke ich ihr hier zu freien."

"Das muss eine herrliche Ehe werden!" lachte Dagobert: "Lieber Ohm, wahlt nur ein recht frommes Schaf, das von Geburt an gewohnt ist, mit Gebiss und Trense zu laufen, und alleine keinen Schritt zu thun. Wie heisst der Gluckliche, den Ihr der Sanftmuthigen zugedacht?"

"Dem Spotter nenne ich ihn jetzt nicht," entgegnete der Pralat verletzt und hob durch sein Aufstehen die Tafel auf.

"'S ist auch gleichviel!" versetzte, Dagobert in obigem Tone: "Bedauernswerth ist er, er heisse nun Adam wie der erste Mensch, oder Sylvester wie der letzte Tag im Jahre. Wohl bekomm ihm die Veranderung und der Hiobstand."

"Unertraglich!" murmelte der Pralat zwischen den Zahnen. Gemassigter aber fuhr er fort: "Ich habe noch einen Besuch zu machen, bei welchem ich Deiner Gegenwart entbehren muss, denn er gilt gerade Deiner Schwester. Es wird mich freuen Dich bald wieder zu sehen, und in schicklicherer Tracht."

"Verlasst Euch darauf," erwiederte der muntere Jungling, nach dem Federhute greifend. "Im schwarzen Rock, mit Gurtel, Kragen und Kappe schaut Ihr mich nachstens wieder. Ich bin Euch gern gefallig, ware gerne immer um Euch."

"Ich glaubs;" spottelte der Oheim mit einem Seitenblick auf Fiorillen: "Du wirst aber ermessen, dass ich Dir keine Herberge unter meinem Dache anweisen kann, weil mir's die Sorge fur dieser lieben Beichttochter Ehre untersagt."

"Freilich;" bestatigte Dagobert mit verstelltem Ernst: "Ihr musstet nicht halb so gewissenhaft seyn, werther Ohm, als Ihr wirklich seyd, um solches zuzugeben. Ich weiss mich auch zu bescheiden. Ich verplauderte gerne noch den ganzen Tag mit meinem wunderlieblichen Baschen, dem Blumlein Tausendschon, ... weil Ihr denn doch zu Wallraden geht ... aber die Sitte leidet's nicht; ... in Deutschland mindestens nicht, aber ..." hier schwieg er heimlich lachelnd stille.

"Aber?" fragte Fiorilla muthwillig. "Aber?" wiederholte der Pralat neugierig, und gedehnt.

"Aber wollt ich sagen," fuhr Dagobert fort "das wird sich schon geben, wenn ich einmal die Kirchenfarbe trage. Darum will ich eilen, und den Schneider auf den Tod plagen, bis er meine Heiligkeit gefertigt hat; den Freibrief der in Euerm Haufe mir das Offnungsrecht verleiht. Gott befohlen, hochwurdiger Oheim! traumt von mir liebe Base!"

Lachend und plaudernd eilte Dagobert von dem ungewohnten walschen Weine aufgeregt, von dannen, und dachte unter der Thure des Vorgemachs das Herz seiner Begleiterin durch einen gluhenden Handedruck zu versengen, aber indem rief des Pralaten befehlende Stimme: "Fiorilla!" und mit einem leise geflusterten Lebewohl: "Addio carino!" flog, sie in das Speisegemach zuruck.

"Welch einen Burschen hat mir der Bruder da gesendet!" sprach der Pralat mit gefalteten Handen: "Der schwatzt wie ein Franzose, zudringlich, keck und vorlaut; und sauft und ist grob wie ein achter Deutscher."

Fiorilla verlor kein Wortlein, sie schmunzelte aber fur sich; versaumte nicht unter dem Aufraumen, am Spiegel sich voruberzudrehen, und strafte in Gedanken ihren hochwurdigen Freund Lugen.

"Und der Fastnachtsnarr will Priester werden," fuhr der Pralat fort.

"Er will nicht, aber er soll und muss;" schaltete Fiorilla ein.

"Ganz recht; er soll!" versetzte Monsignore: "Aber Gott behute uns in Gnaden. Das wird ein Kirchenlicht abgeben, von dem einst du Heiland sagen wird: Besser war's, es ware niemals angezundet worden."

"Gleich tausend Andern!" kicherte Fiorilla vor sich hin, und futterte den Sittich mit Honigbrod.

Sechstes Kapitel.

O Johannes Huss!

Armer Dominus!

Seufzest Ach und Weh,

Armer Domine!

Warst Du doch daheim geblieben!

Dein Geleit war falsch geschrieben;

Ob's der Kaiser selbst verspricht,

Halt man's doch dem Ketzer nicht.

Volkslied jener Zeit.

Die Kirchenversammlung zu Costnitz, die grosste die jemals statt gefunden, zeigte sich bereits in ihrem Anbeginn glanzend und prachtvoll, obgleich das Oberhaupt des Reichs, Kaiser Sigismund noch in Aachen verweilte, wo seine Kronung vor sich gegangen war. Der Antheil, welchen ganz Europa an diesem lang vorbereiteten Concilium nahm, war unbeschreiblich und um so naturlicher, als Jedermann von der Nothwendigkeit einer ausgleichenden schiedsrichterlichen Versammlung innig uberzeugt war. Die lateinische Kirche, von tiefen Spaltungen zerrissen, zahlte, statt Eines Statthalters Christi, ihrer Dreie, die einander, von feindlichen Parteien erwahlt, erbittert gegenuber standen, und durch ihr Beispiel, wie durch ihren Bann, alle Eide und Pflichten locker machten, Christen gegen Christen aufreizten, und dem Sittenverfall der Priester mussig zusahen, theils weil sie zu schwach waren zu widerstreben, theils weil sie die Verirrten durch strafliche Nachsicht fur ihre Zwecke zu gewinnen hofften, theils endlich, weil sie nicht besser waren, denn ihre Untergebenen. Dieses schon in die Lange dauernde Argerniss, dieses emporende Schauspiel, das drei Afterpapste der Welt gaben, musste geendet werden, aber weder Johann XXIII., der arglistigste unter ihnen, noch der stolze Benedict XIII., der in Arragonien auf den Schutz des Konigs trotzte, noch der weit lenksamere, aber zum Werkzeug seiner Umgebungen herabgewurdigte Gregor XII. waren zum gutlichen Vergleich, zu Entsagung und aufrichtiger Mitwirkung an dem Geschaft der Kirchenverbesserung zu bewegen. Am lautesten eiferte das deutsche Volk gegen den chaotischen Unfug und Missbrauch, der die Kirche zum Schauplatz hirnloser Gebrauche und zur Ablassbude machte; aber diese laute Missbilligung vermochte es nicht, den Kaiser aus seiner Apathie zu wecken. Den dringenden Vorspiegelungen der Franzosen war es vorbehalten, seine Theilnahmslosigkeit in den brennendsten Eifer zu verwandeln. Verschiedene grosse Begebenheiten, die gewohnlichen Vorlaufer von wichtigern, spornten endlich seine Thatigkeit: Hussens Umtriebe und kuhne Eingriffe in Bohmen, der Osmanen heranfluthendes Nomadenreich, aus dessen Zelten die wankenden Trummer des Griechenreichs kaum noch hervorsahen. Mit den unerhortesten Anstrengungen, mit personlichen Aufopferungen, die einem Kaiser deutscher Nation wohl so eigentlich nicht ziemten, aber in den Ansichten Sigismunds ihre Wurzel fanden, brachte derselbe endlich mit Zustimmung Johannes XXIII., die ersehnte Kirchenversammlung zu Stande, und vereinte zu Costnitz die englische, italianische, franzosische und deutsche Nation zu allgemeiner Berathung. Der Papst Johannes, auf die Gultigkeit seiner Wahl sich stutzend, erschien selbst auf dem Concilium. Ausgezeichnete Fursten mit ihrem zahlreichen Gefolge schlossen sich an die ungeheure Zahl von Geistlichen aller Wurden, von Doktoren und Meistern der freien Kunste, der Volksmenge nicht zu gedenken, die Schaulust und Gewinnsucht herbeifuhrte. Mit gespannter Aufmerksamkeit wartete man auf den Kaiser, der die grossen Sitzungen in Person eroffnen sollte, und da sich seine Ankunft von Woche zu Woche verzogerte, so suchte die Neugierde ihre Nahrung an andern Gegenstanden. E i n Mann war es besonders, der die Augen des Volks auf sich zog, bekleidete ihn auch weder Tiare noch Hermelin, wohnte er gleich in keinem Palaste. Dieser Mann war niemand anders, als der furchtlose Bohme, Johannes Huss, der Prediger, einer neuen Lehre, welcher dem Kaiserlichen Worte und dem des Papstes vertrauend, sondern Scheu sich zu Costnitz eingefunden hatte, seinen Glauben vor den Gottesgelahrten aller Nationen zu vertheidigen. Die frommglaubigen Costnitzer hatten ihn zwar mit gemischten Empfindungen aufgenommen, da ihm der Ruf eines Ketzers voraus ging, aber der Zauber des Kaiserlichen Geleitbriefs hatte ihn bisher vor jedem Unbild geschutzt, und seine schlichte Tugend ihm am Ende die Herzen der Redlichen gewonnen. Wenn er sein Haus verliess, grussten ihn die Burger freundlich, die Kinder hingen sich an seine Hand, und horchten aufmerksam auf seine milde Rede, wurde sie gleich in ungelenkem Deutsch gegeben. Diese Anhanglichkeit, die sich so unumwunden zu aussern begann, wirkte widrig auf die Feinde des bohmischen Predigers, und vermochte sie, die fortdauernde Abwesenheit des Kaisers zu benutzen, und ihrer Rachsucht den Zugel zu nehmen, damit sie den ersten entscheidenden Schritt thue. Die Vorbereitungen zu demselben konnten nicht so heimlich gemacht werden, dass nicht die Ahnung, davon nach aussen gedrungen ware. Hussens Freunde, seine von dem Konig Wenzesla ihm mitgegebnen Wachter, die Edlen von Chlum und Lanzenbrock wurden gewarnt; er selbst wurde ermahnt, auf seiner Hut zu seyn, aber sein unbegranztes Vertrauen auf Gott und Furstenwort, ein Burge seines grossen Herzens, liess ihn alle gutgemeinten Winke zu seiner Rettung ubersehen. Furchtlos, wie sonst, wandelte er zu den Verhoren, die von mehreren mit der Untersuchung seiner Glaubenslehren beauftragten Cardinalen gegen ihn eingeleitet worden waren, und er ahnte nicht, dass auf einem dieser Gange das Ungluck riesengross auf ihn einschreiten wurde.

Der achtundzwanzigste November war ein heiterer Tag. Papst Johann, von einer geringen Unpasslichkeit genesen, sass am halb geoffneten Fenster seiner Wohnung, um die sanft erwarmenden Strahlen der scheidenden Mittagssonne zu geniesen. Vor ihm stand Herzog Friedrich von Ostreich in eifrigem Gesprach begriffen. Sein Auge blitzte, und die Rechte ruhte mit stolzem Bewusstseyn auf der Brust.

"Meine Quellen lugen nicht;" sprach er heftig: "Wenn ich Aufpasser aufstelle, so zahle ich koniglich, und mir dient man besser, als dem Kaiser, der immer nur das Geld vonnothen hat. Ew. Heiligkeit mag mir glauben auf Furstenehre, ... sie vollfuhren's, ist's nicht heute, so ist es morgen ganz gewiss."

Der Papst wiegte bedachtig das Haupt hin und her, schob das Fenster zu, und trat vertraulich zu dem Herzog.

"Lasst, lieber Sohn, die Schranken der Formlichkeit zwischen uns fallen;" sagte er mit so anmuthiger Miene, als sie sein fnistres Gesicht nur zuliess: "Ihr gebt demnach den Huss verloren?"

"Unwiederbringlich;" erwiederte der Herzog, "die Cardinale sind daruber einverstanden, glaubt mir's."

"Hm!" meinte Johann: "im Grunde ist wohl an dem Heresiarchen nichts gelegen. Der Fanatiker predigt eine Kirchenverbesserung, wo beinahe keine nothig ist. So lange wir das sichtbare Oberhaupt der Christenheit diese Nothwendigkeit nicht einsehen soll auch ein gemeiner bohmischer Pfaffe das Maul nicht unnutz aufthun."

"Vergebt, heil. Vater;" antwortete der Herzog, "nothwendig ist ein Umguss allerdings, doch ist er nicht bequem. Da steckt der Knoten."

"Lasst das;" versetzte der Papst achselzuckend: "Wenn aber der Bohme ergriffen und gerichtet wird, wie steht es dann mit des Kaisers, wie mit unserm Wort, das, wir ihm gaben auf seine Unverletzbarkeit?"

"Mit Sigmund's Worte steht es schlecht, wie immer;" erwiederte Friedrich spottisch: "Den Luxemburger kummert ein Treubruch nicht, er ist aus einem Geschlecht, das an Geld stets Mangel, aber an leeren Eiden immer Ueberfluss hat. Euer Wort konnt Ihr salviren, wenn Ihr gegen das Verfahren Euch verwahrt, von dem Ihr ohnehin nichts gewusst."

"Wird aber die Welt es glauben, dass wir um unsrer Kardinale Thun nichts gewusst?" fragte der Papst bedenklich.

"Ohne Zweifel;" ausserte Friedrich kalt: "Sie sieht schon jetzo in Euch nur den Gefangnen Eurer eignen Kirche."

"Wie?" rief Johannes.

"Nicht anders", bekraftigte der Herzog wie oben: "Tauscht Euch nur selber uber Eure Lage nicht. Trotz der ehrfurchtgebietenden Pracht, die Euch umgibt, seyd Ihr wenig anders daran, als der rebellische Ketzer Huss. Droht Euch gleich nicht der Scheiterhaufen, so hangt doch ein verdammend Urtheil uber Euerm Haupte, wenn nicht Eure Klugheit und Eurer Freunde Schutz dem Ubel wehrt. Denkt selbst, heil. Vater, welch ein Schauspiel Ihr der Welt gegeben. Ein Nachfolger des heil. Petrus, der dem Kaiser gehorsam gen Deutschland folgt, wo dieser fur gut gehalten, ein Concilium auszuschreiben. Ein Papst, der unthatig hier auf denselben Kaiser wartet, der i h n hatte erwarten und empfangen sollen; ein Statthalter Jesu Christi endlich, der Nichts von dem weiss, was die um ihn versammelten Priester beschliessen, wenn nicht ein Freund, oder ein durch Vaterland und Eigennutz mit ihm verbundner Pfaffe ihm es mittheilen. Was folgt aus Allem dem?"

"Ihr habt Recht, lieber Sohn;" entgegnete der Papst bekummert: "O die bose, bose Zeit! Die Cardinale, die uber den Ort des Concils unterhandeln sollten, und von mir geheime Weisung erhalten hatten, in keinen zu willigen, der meiner Wurde Nachtheil bringen mochte, haben mich verrathen. Zu spat werden sie einsehen, wie sie sich gebettet. Sollte der storrische Benedict triumphiren ....."

"Sorgt nicht, heil. Vater!" unterbrach ihn der Herzog: "Nicht Benedict, nicht Gregor wird siegen. Die allgemeine Stimme fordert, dass Petri Stuhl wieder erledigt, und neu besetzt werde. E u c h darauf zu erhalten, fallt dem Kaiser nicht ein. Sein boser Wille log Euch frei Geleit, und war's auch nicht boser Wille, ... der Schwachling v e r m a g Euch nicht zu schutzen gegen den Hass der Englander, der Franzosen und der Deutschen, die Eure Legaten anders hatten behandeln konnen."

"Welch einen Abgrund offnet Ihr vor uns?" fragte Johannes besturzt: "Gestaltet sich Alles, wie Ihr sagt, so sehen wir keine Hulfe ab. Wir mussen unterliegen."

"Das muss Ew. Heiligkeit nicht;" erwiederte der Herzog fest: "Wahrlich nicht, so lange Ihr auf Freunde rechnen konnt, deren starke Arme Euch uber der Fluth halten. Ihr habt drei nicht unbedeutende Wachter fur Eure Sicherheit aufgestellt durch kluges Werben. Ostreich, Baden und Burgund halten Euch aufrecht gegen die gesammte Macht des Lutzelburger's und seines Anhangs."

"Dem Markgrafen traue ich nicht ganz"; versetzte Johannes bedenklich: "und der Herzog von Burgund ist weit. Wie, wenn im Augenblicke der Gefahr die beiden Stutzen wichen?"

"Dann habt Ihr m i c h ;" antwortete Friedrich mit kuhnem Stolze: "Alles Erdreich ist Ostreich unterthan! Das Wort ist ewig, und ich halt's Euch, sollt's mich Land und Leute kosten. Frei fuhre ich Euch von bannen, ohne dass man's wagen durfte, Euch ein Haar zu krummen."

"Wackrer Furst!" rief der Papst, von einer dankbaren Regung, ubermannt: "Solcher Treue ruhmen wir uns in Walschland nicht. Ihr richtet uns auf in unserm Kummer, und niemand ist wurdiger, der Bannertrager des heil. Stuhls zu heissen, denn Ihr, edler Habsburger. Der Herr der Heerscharen sey ferner mit Euch!"

Ein Gewoge und Gebrause wurde auf der Strasse vernehmlich. Der Herzog trat an's Fenster, warf einen Blick hinab, und winkte dem Papste, mit den Worten: "Seht, seht, heiliger Vater, ob ich ein falscher Prophet bin. Die Erfullung folgt meiner Rede auf dem Fusse. Da kommt der Huss die Strasse herab, umringt von Partisanen und gebunden, wie mich dunkt. Das heutige Verhor hat demnach den Ausschlag gegeben!"

Der Papst eilte an das Fenster, trat aber alsobald schamroth zuruck, da er den Verrathenen ersah, der in seinen Banden ruhig wie ein Heiliger daherschritt, und, als wollte er den heiligen Vater an sein gegebnes Wort mahnen, den Blick zu ihm in die Hohe warf. Des Volkes Auflauf tobte um den Gefangenen her, und die zum Tod entsetzten, in ohnmachtiger Wuth sich verzehrenden Freunde und Huter des Dulders, waren durch die ungestume Menge von seiner Seite gerissen worden. In geringer Entfernung von des Papstes Wohnung hatte ein neuer Auftritt in dem Zuge Statt. Ein untersetzter Kerl, der Diener eines italianischen Doktors hatte sich Bahn durch das Getummel gemacht, um den Ketzer zu sehen, dessen Verhaftung dem blindwuthenden Pobel neue Waffen in die Hande gab. Die Wachter des Gefangenen, die jede mitleidige Seele mit Lanzenstossen von ihm jagten, liessen den frechen Burschen heran, der mit viehischer Roheit den Wehrlosen in's Gesicht schlug. Huss litt die Misshandlung mit Standhaftigkeit und stummer Lippe, aber die Vergeltung sass der Unthat schon auf der Ferse. Ein junger Mann packte den tuckischen Italianer beim Kragen, und warf ihn mit einem Fussstosse zur Erde nieder. Zugleich sah er sich kampflustig mit geballten Fausten unter den Umstehenden um, erwartend, ob nicht jemand Lust haben mochte, die Partei des Geschlagenen zu nehmen. Die Rechtlichern unter dem Volke und den Zuschauern an den Hauserfenstern riefen ihm Beifall zu. Das Gesindel furchtete sich vor gleichwichtigen Schlagen. Um so mehr fiel aber die Begebenheit auf, als der Jungling in die schwarze. lange Schleppentracht junger Subdiakonen gekleidet war. Die Kappe mit der Quastentroddel sass trotzig in die Stirn gedruckt, die Schleppe des Gewandes hatte der Kampfer um den linken Arm gewickelt, den rechten Armel aufgeknopft und aufgeschurzt. Mit einem derben Haarzauser entliess er den bestraften Walschen, da ihm Huss zugerufen hatte: "Dank, junger Freund! schone aber in dem Verblendeten den Menschen! " Eifrig begann er nun, wahrend der Gefangene in die Gasse gefuhrt wurde, wo das Kloster, sein angewiesener Kerker, stand, die alte Ordnung seines Kleides wieder herzustellen. Da vernahm er hinter sich die Worte, die eine volltonende Frauenstimme sprach: "Seht, mein Herr von Konigseck! das ware ein Mann nach meinem Geschmack. Schnelle Entschlossenheit und kecke That zieren das starke Geschlecht!" Verwundert sah sich der junge Mann nach der Sprecherin um, und erblickte die herrliche Gestalt eines stolzen Weibes, das gerade mit einem Ruckblick auf ihn, am Arm eines zierlich gekleideten Begleiters in die Thure eines ansehnlichen Hauses trat. Der geschlitzte Hut mit bunten Federn bekranzt, den das Frauenbild auf dem braunen Haupthaar trug, die Perlenschnur, mit welcher ihre Stirne geschmuckt war, das bauschige Gewand mit Goldspangen und kostlichem Pelzbesatz, die gelben Schnabelschuhe mit Pelz gefuttert, und die schweren silbernen Schellen, die den breiten Sammtgurtel zierten, verriethen den Reichthum und den hohen Stand der schonen, trotz ihrer Blasse anziehenden Frau. Der junge Geistliche war von dem uberraschenden Schauspiel fest gebannt auf seiner Stelle, bis ihn das Gerausch vieler an ihm vorbeikommenden Menschen erinnerte, dass er sich auf der Strasse befinde. Der Herzog von Ostreich kehrte mit seinem Gefolge in seinen Hof zuruck. Prachtig gekleidete Zinkenblaser traten dem Geleite voraus, ihre blitzenden Instrumente ruhig in den Handen tragend, um sie an jeder Kreuzstrasse erschallen zu lassen, den Ruhm ihres Gebieters zu verkunden. Trabanten in Ostreichs Farben, die Hellebarden auf der Schulter, folgten, und hinter dem stolz flatternden Banner mit Ostreichs und Tyrols Wappenschildern ritt der Herzog, umgeben von den Edeln seines Hauses. Pagen beruhrten seine Steigbugel, und den goldgeschmuckten Zaum seines Pferdes, und besondre Leibwachter in blanken Brustpanzern, mit Mordaxten bewaffnet, schlossen sich unmittelbar, die Letztern des Zugs, dem Gebieter an. Das scharfe Auge des Letztern hatte schon vor des Papstes Fenstern den jungen Mann im geistlichen Gewande erkannt, und sein Finger winkte denselben an sein Pferd heran. Im weiten Kreise standen abweichend die Begleiter, die Strasse sperrend durch ihr Stillhalten. Der Herzog buckte sich vertraulich uber den Hals des Gauls zu dem Jungling herab, und fragte halblaut: "Was macht Ihr denn fur Tollmannsstreiche, Dagobert? Faselt auf der Strasse umher in dem Kirchenrock, der Euch nicht kleidet, und begeht noch obendrein das Verbrechen, Euch eines Unglucklichen anzunehmen! Das wird Euch Verdruss bringen und Hass erwerben."

"Hatt' ich nicht Recht?" fragte Dagobert: "Ich scheere mich nicht um des Bohmen Lehre, aber Mensch bleibt Mensch, und Ihr, gnadiger Herzog, hattet an meiner Stelle nicht um ein Haar anders gehandelt."

Friedrich besann sich einen Augenblick, dann nickte er zugebend mit dem Kopfe, sprechend: "Ich glaube es beinahe selbst, aber ... junger Patrizier ... wollt Ihr Menschenrechte vertheidigen, so zieht die Kutte aus. Man kann darin den Arm nicht frei regieren, so wenig als den Mund. Auf Wiedersehen!"

Er zog seines Wegs, und Dagobert ging den seinigen. "Der Herzog hat nicht Unrecht," sagte er zu sich selbst, "aber wie ist das zu andern? Fur mein Leben gern kroche ich wieder in mein kurz Rocklein und handthierte mit dem Rappiere, aber der Mutter Gelubde, muss ich wohl halten. Wie glucklich sind diejenigen, die frei sich bewegen konnen, wie sie wollen, und den Kelch des Lebens trinken konnen, wo sie wollen, nur nicht am Altare. Ich Armer kann nichts thun, als sie beneiden, und muss zusehen, wenn sie hubsche Frauen heimfuhren durfen, wie die, welche ich heute sah. Ich aber mag Psalmen singen, und Prozession laufen, oder den gewissenlosen Pfaffen machen, vor dem jeder rechtliche Christ das Kreuz schlagt. Das Letztere verhute aber Gott!"

"Ei, um aller Heiligen willen, deren Fursprache mir auf dem Sterbebette Noth thun mochte! was ficht Euch an, dass Ihr also umherwandelt, bei hellem Tage, ein lebendiger Leichnam, ohne Sinn, Gehor, Gesicht und Wortes?" fragte Gerhard's Stimme plotzlich neben dem Patrizier, der verwundert aufsah, und mit einem bittern Lacheln antwortete: "I nu, lieber Hulshofen, ich freue mich kindisch auf den Augenblick, wo ich Papst seyn werde."

"Wollte Gott, Ihr wart's;" rief Gerhard, "so konnt' ich vielleicht auf Absolution hoffen, oder auf Dispens von den Fastenspeisen, die mir gegenwartig wie Blei im Magen liegen. Unser Wirth im Engel, ein abgefeimter Spitzbube, der fruherhin kaum am Freitage Fleisch, Butter und Eier wegliess, ist durch das Concilium so heilig geworden, dass wir Mittwoch, Freitag und Sonnabends nichts als Fisch, Mehl und Ol zu sehen bekommen."

"Faste und bete, da Du nichts zu schaffen hast," predigte Dagobert, und wollte von dannen, aber Gerhard hielt ihn zuruck. "Thut mir doch die Liebe," sprach der Edelknecht, "und gehet ein Sprunglein mit mir. Ich will mich eben zum Meister Thomas begeben, dem feinsten Waffen- und Messerschmid zu Costnitz. Ich lasse von seiner kunstfertigen Hand eine Klinge vom Rost saubern, und wollt Ihr einen Rukkenklopfer sehen, wie ihn selbst Seine Majestat Kaiser Karl der Grosse nicht an der Hufte hatte, so kommt mit."

"Was sollen mir Eure Klingen?" fragte Dagobert lachelnd: "Ich fechte in Zukunft nur mit Kerze und Weihwedel. Uberdiess ist's mit dem Sonnenschein vorbei, der Schnee beginnt sich wieder in leichten Flocken einzustellen, und ich sehne mich nach der Ofenglut."

"O pfui!" hohnte Gerhard: "Junges Blut! was will aus Euch werden? Kommt mit; wenn's Euch reut, die Waffe gesehen zu haben, so schlank und blank, dass schon das Anschauen allein in der Faust juckt, will ich nicht selig werden. 'S ist ja auch nicht weit. Ein Funfzig Schritte zuruck .... seht, dort, wo der Kurass mit Kolbe und Morgenstern uber der Hausthure zu sehen ist."

"Dort?" wiederholte Dagobert, und mit einem kurzen: "Meinetwegen!" hatte er sich gedreht, und wandelte dem Hause zu, welches kein andres war, als dasjenige, in dessen Pforte die schone Frau in der stolzen Schellentracht verschwunden war. Die Werkstatt hinten im Hofe, war erfullt von lustigem Getose. Der Blasbalg schnaufte, der Hammer klang, und zwischen durch Funkengeknister und Ambosgeton schallten frohliche Lieder in schwabischer, bairischer und Schweizer-Mundart, wie sie die Gesellen des Schmids aus ihrer Heimath mitgebracht hatten. Das kuhne, unverdrossene Leben, das sich in dem schwarzen Gewolbe bewegte, luftete wohlthuend Dagobert's Brust. Die starken Gestalten, die hier handthierten, der winterlichen Kalte wie der schmorenden Hitze zum Trotz halb entblost bis zum Gurtel, schwangen rustig die schweren Eisenkeulen, und das sprode Metall fugte sich ihren Streichen, unter welchen der Gesang nicht verstummte. Dort trug Einer eine Last Kohlen zur Glut, hier loschte ein Andrer das weissgegluhte Eisen im dampfenden Wasser, dort wurden zierliche Stahlklingen glatt und blank gemacht, hier versuchte sich der Lehrling an der Vernietung einer Halsberge. Die Gewerbe der Messerer, Waffenschmide und Harnischer waren hier in Eins verschmolzen, und in der Mitte der tobenden Schar stand der stattliche Meister, mit prufendem Blicke einen Turnier- und Brechhut musternd, der so eben fertig geworden war.

"Gruss Dich Gott, Thomas!" rief ihn Gerhard an: "Wie steht's, alter krauskopfiger Bursche? Was macht mein Stossdegen? sitzt er noch im Roste, oder kann sich ein hubsch Madel darin beaugeln?"

"Der Kaspar dort im Winkel putzt gerade den Bugel;" erwiederte Thomas: "wollt Euer Schwert betrachten, lieber Herr. Ich hab' den Griff mit baierschen Hauben beschlagen lassen. Er sieht furnehmer aus, und haftet sichrer in der Faust."

Gerhard schritt auf den bezeichneten Kaspar los, und der Meister wendete sich verwundert zu Dagobert: "Womit kann ich Euch dienen, geistlicher Herr?" fragte er: "Euer Gewand ist ein unerhorter Gast in meiner Werkstatt. Schwert und Panzer bedurft Ihr nicht; die Messer zu Eurer Tafel besorgt Eure Kuchenmagd, und ich habe nicht einmal eine Tochter, noch ein Weib, denen zu Gefallen man sich wohl einmal in die russige Hohle eines Schmids verirren mochte."

"Ruchlose Gedanken!" scherzte Dagobert mit dem Finger drohend: "Vor der Hand bin ich indessen hier nur in Begleitung jenes wackern Meisters vom langen Schwerts, der sich eine Freude daraus macht, dann und wann die Kirche zu schirmen. Setzest Du indessen durchaus einen andern Grund voraus, der mich zu Dir fuhrt, so will ich mich zu Deiner Ansicht herunter lassen, und Dir eine Frage stellen, so kurz vom Zaune abgebrochen und so naseweis, als sich's gerade schickt. Wer ist die Frau, die in Deinem Hause wohnt, die Stattliche, prachtig Gekleidete? Mich drangts, daruber Auskunft zu erhalten, w a h r e Kunde, wohlgemerkt."

"Hm!" versetzte Thomas schmunzelnd, und auf einen Menschen weisend, der mit verschrankten Armen und lachelndem Gesicht herzugetreten und aufgehorcht hatte: "Ihr konnt Euch an keinen bessern Kundmann wenden, als an diesen, hochwurdiger Herr! Er weiss von seiner Gebieterin vortrefflich zu berichten."

Dagobert beschaute fluchtig das Antlitz des Empfohlnen, und fand es gemein, einer breiten Ochsenlarve nicht unahnlich, aber geeignet, Vertrauen einzuflossen.

"Es ist weiter auch kein Geheimniss dabei;" sprach der Breitstirnige gleichmuthig: "meine Herrin nennt sich das Erbfraulein von Baldergrun am Harzwalde. Sie ist, wenn nicht die reichste, doch auch nicht die armste Edeljungfrau. Zwei freie Sassen zinsen ihr, und, mich dazu gerechnet, zahlt sie sechzehn Halseigne, die ihr dienen."

"Wird sie lange hier verweilen?" fragte Dagobert mit steigender Theilnahme.

"Weiss nicht," erwiederte der Knecht achselzukkend: "doch sollt' ich's vermuthen. Es heisst, sie werde sich hier vermahlen."

"Vermahlen!" rief Dagobert rasch: "Mit wem!"

"Meiner Treu!" lachte der Knecht: "Zweie lassen ihr die Wahl. Der Herr von Konigseck, oder der von Montfort, einer von Beiden wird's am Ende seyn."

"Ich danke Dir!" versetzte Dagobert unwillig, ohne der Ursache sich bewusst zu seyn, und kehrte dem Berichter den Rucken zu. Gerhard trat just mit seiner schongeputzten Waffe herbei, und pries dem Jungling ihre Vorzuge. Dieser uberhorte jedoch Alles, was der Gewehrkundige von Bugel, Korb, Stahlschnitt, Knopf und Spitze sprach, und ging mit ihm hinaus, ohne von Meister und Knecht Abschied genommen zu haben. Thomas schuttelte den Kopf, und die Gesellen thaten's ihm nach. Sie konnten den jungen Geistlichen nicht begreifen; am wenigsten konnten's diejenigen, die ihn vor einer halben Stunde in rustigem Fauststreit gesehen hatten, und nun sein blodzerstreutes Wesen nicht zu reimen vermochten. Der Knecht jedoch vermochte es am Besten: "Dem hat's mein Fraulein angethan;" brummte er pfiffig in den Bart, und ging hinauf, seiner Herrin zu berichten, es sey nun nicht mehr nothig, nach dem jungen Manne zu forschen, wie sie ihm geboten; dieser habe selbst sich schon nach ihr befragt, und nur eines Winks bedurft es, ihn ihrem Befehle gehorsam zu machen, wenn sie anders Lust habe, ihm Befehle zu ertheilen.

Siebentes Kapitel.

In Treuen fest

War' wohl das Best',

Doch haltst Du es nicht fast in Ehren:

Du Minnedieb,

Der Du zum Lieb

Nur, was Dir nicht ziemt, willt begehren!

Fastnachtspiel.

Seit mehreren Tagen hatte sich Dagobert nicht im Hause seines Oheims blicken lassen, und wurde doch von dem Letztern, wie von dessen Freundin Fiorilla sehnlichst erwartet, wenn gleich aus verschiednen Beweggrunden. Sein endliches Erscheinen nach dem sonntaglichen Hochamte befriedigte die seiner harrenden Seelen. Zum grossen Befremden des Junglings schien weder der geistliche Zuschnitt seines Rockes, noch die ernste gesammelte Miene, mit der er eintrat, einen besonders gunstigen Eindruck auf den Pralaten zu machen. Im Gegentheile: Er bewillkommte den Neffen finster und kalt; Fiorillens bedeutende Geberden und scheues Fortschleichen wiesen auf Sturm. "Ist es also," begann Monsignore, nach langer ungewisser Pause, "ist's also, dass man sich vorbereitet zu dem heiligen Stande, den man zu ergreifen gedenkt, nach Gottes und des Oheims Willen? Schame Dich dessen, was ich von Dir vernehmen musste!"

Dagobert fragte schuchtern nach der Sunde, die er begangen haben sollte.

"Du willst nicht wissen, Dich nicht entsinnen?" rief der Pralat: "verstockter, unbussfertiger deutscher Tollkopf! Ich will Dir erklaren, was ich meine: Ein Jungling von altburgerlichem Geschlecht, zum Dienst der alleinseligmachenden Kirche bestimmt, in ihr Friedenskleid gehullt, wird auf offener Strasse ein faustfertiger Klopffechter, des Pobels Widerpart! Um einen Ketzer zu vertheidigen, schlagt er einen Christen zu Boden! Das kann nur ein Deutscher thun, der ein gewaltig zahmes Herz lugt, und, diess seinem Gegner zu beweisen, demselben kaltblutig eine Handvoll Haare, ein halbes Dutzend Zahne oder ein Auge ausreisst. Schame Dich, bereue, und bitte sogedachte Frevel dem Herrn der Heerscharen ab. Noch einmal ein Wort fur den Ketzer verloren, noch einmal zu seinen Gunsten die Faust gezuckt, und ich ziehe meine Hand von Dir ab. Keine Einwendung! Ich weiss wohl, dass Ihr in Deutschland selbst im Chorrock das grobe baurische Wesen nicht ablegt, das Ihr adelich Thun nennt; dass Eure Bischofe und Stiftsherren sogar zu Gaule steigen, und Eure Thurneien und Ringelrennen mitmachen, als wussten sie nichts anders zu treiben, als solche sundliche Lustbarkeiten. An Dir jedoch will ich diess Unheil nicht erleben. Bereue demnach, und begib Dich in Demuth hinweg, um Dich vorzubereiten auf den Besuch, denn Du Morgen bei Sr. Eminenz dem Erzbischof von Ravenna ablegen wirst. Ich tafle heute bei dem hochwurdigsten Herrn, und will den gerechten Zorn, den er gegen Dich empfindet, welchen ich bereits seiner Gunst empfohlen, in die gewohnte Milde umzustimmen suchen. Doch thue ich dieses nur diess Erste- und Einzigemal; wohl zu merken. Entferne Dich! "

Dagobert nahm die Predigt stillschweigend hin, verliess ebenso das Gemach, und wurde von Fiorillen, die seiner auf dem Vorplatze wartete, unter Bedeutung der volligsten Heimlichkeit in ihre Stube gewiesen. "Monsignore halt seinen Imbiss heute auswarts;" flusterte ihm die Schlaue zu: "bleibt bei mir zu Gaste, und ruhrt Euch nicht, bis der Ohm von dannen ging." Dagobert liess das Madchen lachelnd gewahren, und verschmahte die leckre Kost an dessen Seite nicht. Nach einer langweiligen Stunde verliess der Oheim das Haus, und Fiorilla rustete die Tafel mit ausgesuchter Zierlichkeit. Die Speisen wurden durch sie selbst heraufgeschafft, der umherlauernde Diener mit einem Trinkgeld vergnugt, und in's Weinhaus gesandt; die Thure verschlossen, und Base und Vetter setzten sich in friedlicher Einsamkeit zu dem Mahle, geschmuckt von den Kranzen der Ceres und des Bacchus. Fiorilla hatte nicht ungerne den kleinen heidnischen Gott, der gewohnlich die Dreizahl voll macht, mit in die Gesellschaft gezogen. Aber umsonst. So freundlich ihre Worte und Geberden den kleinen Schalk einluden, so blieb er doch aus; er scheute sich vor Dagobert's Unempfindlichkeit, die, im Anbeginn unter der gleissenden Larve des unbefangensten Frohsinns verborgen, gegen Ende der Mahlzeit in ein nachdenkliches Schweigen uberging. Fiorilla's Spott ruttelte ihn aus demselben. "Da plaudre ich nun, und plaudre mir die Zunge lahm," rief sie schakkernd: "und Ihr sitzt da, wie aus Holz geschnitzt. Bekennt, was Euch so fuhllos gegen die Rede einer jungen muntern Dirne macht, die Euch fur ihr Leben gern gefallen mochte. Was ist's, das Eure Lustigkeit dergestalt herabstimmen konnte?" Ist's die Busspredigt Eures Ohms, so schlagt sie Euch kuhn aus dem Sinn. Er ist auch kein Heiliger. Ist's die Erinnerung an ein verlassenes Liebchen, so vertraut Euren Kummer meiner uneigennutzigen Freundschaft. Oder ware es vielleicht die Bewerbung um meines Herzens Gunst, die Euch auf der Zunge sitzt, und muthlos, nicht sich auszusprechen wagt ...? nur keck heraus damit. Wer weiss, sagte ich: "Nein" darauf.

Dagobert, ohne einen Augenblick in Verlegenheit zu gerathen, sprach nach kurzem Besinnen: "Lieb Baschen! des Oheims Donnerworte sind mir schon nicht mehr im Gedachtniss", bekummern mich folglich keineswegs. Ich horte, so zu sagen, eigentlich gar nicht auf sie. Eben so wenig denke ich um Eure Gunst zu freien. Soviel ich deren bedarf, um in Euch die uneigennutzige Freundin zu schatzen, habt Ihr mir bereits zugewendet. Ein Mehreres verbietet mir mein Stand und die Liebe fur den Ohm zu begehren. Auch denkt Ihr nicht daran. Daher darf ich Euch frank und frei vertrauen, dass Euer Scharfsinn den rechten Zweck getroffen, indem Ihr von einem verlassenen Lieb spracht, und von dem Gedachtniss an dasselbe. "Wenn Ihr's erlaubt, und nicht dem Oheim, mindesten nicht mit argerlichen Zusatzen, das Gesagte wieder sagen wollt, so mochte ich wohl meinem Herzen Luft machen durch ein frei Bekenntniss, auf die Gefahr hin, von Euch gescholten oder ausgelacht zu werden, denn die Historie meiner Liebe ist nicht die gewohnlichste." So schnell, auch die ersten Worte Dagoberts Fiorillens Antlitz mit Unmuth beschattet hatten, so schnell erheiterte dasselbe des Madchens naturliche Herzensgute, und die dem Geschlechte eigene Neugier und Theilnahme an Sachen der Minne. "Sprecht!" versetzte sie: "Freundschaft gelobe ich Euch, und Bewahrung Euers Vertrauens. Nicht dem Schilf am See, nicht dem verschwiegenen Ofen will ich gestehen, was ich von Euch erfahren soll, sey es eine Wahrheit oder gefallige Luge!"

"Keine Luge, Muhmlein von Cesena;" versicherte Dagobert, "die lautere Wahrheit hingegen. Hort aufmerksam zu. Es mogen ungefahr zwei Jahre verflossen seyn nein; zu nachsten Fruhling werden es zwei Jahre; da gab der Rath unserer Stadt ein grosses Kampfspiel auf dem Romerberg, zu dem alle gute und ebenburtige Leute aus Stadt und Gegend geladen waren, und auf dem die altburgerlichen Geschlechter mitstritten zu Pferd und zu Fuss." Es ware mein Tod gewesen, hatte ich mich von solchem stattlichen Rennen ausschliessen sollen. Ich stach daher auch mit, in Stahlhaube und Panzer, und ritt meines Vaters tollstes Pferd, Trotzteufel genannt, das seines Gleichen sucht in Starke und Unbandigkeit. Ziemlich eitel von Geburt, suchte ich meinen Stolz darin, den Gaul zu reizen mit Sporn und Zugelriss, dass er stieg, wieherte, sich herumwarf im Kreise, und endlich, hinten und vorne ausschlagen, zu bocken begann, dass allen Zuschauern Horen und Sehen verging, und Sand und Kies hinaufspruhte zum Altan, wo die Stechgrafen sassen und die Frauen. Da ich mein Muthchen gekuhlt hatte, und mich wendete, um gegen meinen Mitkampfer anzusprengen, so horte ich unfern von mir, von den Schranken herunter, ein boshaftes Gelachter schallen, und ersah einen hasslichen Kerl, der, in seiner ritterliche Tracht auf dem Geplanke sitzend, wie toll aufwieherte uber meine Reiterkunste, wahrend alle ubrigen Zuschauer sie bewunderten. Ich drohte zurnend dem geputzten Wicht mit der Faust, und dachte er wurde Ruhe geben. Statt dessen zieht mir der Bube eine boshafte Fratze. Daruber entrustet, winkte ich schnell den Trompetern zu schweigen, meinen Gegner nicht anzusprengen; reite darauf gestreckten Zuges an die Planken hin, und schlage dem rothhaarigen Tolpel, der das Turniergesetz verletzte, das jede Beleidigung und Storung der Kampfenden verpont, mit der Glane dergestalt uber die Affennase, dass er von seinem Sitze herab in den Strassenkoth purzelt. Da er ohne einen Laut von sich zu geben, noch irgend eine Urkunde seines Lebens dahinsturzte und liegen bleibt, gewinnt das Mitleid schnell bei mir die Oberhand. Ich schwinge mich, des Panzers ungeachtet, schnell vom Pferde und uber die Schranken, und springe dem Elenden bei, der von neugierigen Zuschauer aufgehoben worden war. So wie ich aber dem Burschen das Wamms lufte, schlagt er die Augen, auf, und stosst mich mit der geballten Faust zuruck, wie ein Wahnsinniger schreiend: "Fort! ruhr mich nicht an, verfluchter Goi!" Durch diesen Ausruf verrieth er sich als einen Juden, und weckte auf's Neue meinen Zorn und den aller Umstehenden. "Ein Jude!" brullte der Haufen, und hundert Fauste erhoben sich drohend, denn es ist jedem aus dem Volke Abrahams streng bei uns verboten, einem feierlichen Spiele zuzusehen, weil der missgunstige Blick des Zuschauers schon zum Schaden wirken kann, geschweige erst die tuckische Zauberformel, deren sich oft die Juden bedienen sollen, um den Christen jede Lust in Leid zu verkehren.

"Das ist wohl ein Aberglaube!" meinte Fiorilla, und fuhr etwas verlegen mit dem feinen Tuchlein uber die errothende Stirne.

"Moglich!" versetzte Dagobert, gleichmuthig: "Ich sage nur, was uns von Kindheit an Amme, Eltern und Schulmeister einpragen. Genug; dem Rothkopf bekam seine Neugierde ubel. Ich konnte mich vor Wuth, von einem Juden misshandelt worden zu seyn, nicht fassen". Rechts und links schmetterte ich mit dem Blechfaustling dem Buben in das hassliche Angesicht, und das Volk riss indessen die prachtigen Kleider in die er sich verkappt hatte, in Stucken. So hatten wir ihm eine gute Strecke von dem Schrankewerk hinweg das Geleite gegeben, als plotzlich einige alte Juden aus ihrer Gasse herbeieilten, sich darein mischten, den Bestraften ihren Freund und Verwandten nannten, und uns bei allen Verdiensten der Erzvater beschworen, inne zu halten. Ich ware wenig geneigt gewesen, dem Geschrei und Gejammer der Langbarte nachzugeben, hatte nicht mit einem Male eine seidenweiche Hand meine drohende Faust aufgehalten, und eine zarte Stimme zu mir emporgefleht. Verwundert blickte ich hernieder, und sah ein judisches Magdlein vor mir stehen, in reizlose Tracht gekleidet, so wie diess Volk gewohnlich auf der Strasse gesehen wird. Verachtlich stiess ich sie von mir, und wollte dem Haufen nach, der sich mit dem Misshandelten und seinen Fursprechern einige Schritte von meiner Seite gewirbelt hatte, da hielt mich das Magdlein zum zweiten Male auf, und wenig hatte gefehlt, so ware sie zu meinen Fussen gesunken. Mit einem derben Fluche wollte ich die Zudringliche noch einmal von dannen weisen, aber da mein Auge zurnend auf ihr Antlitz blitzte, da war im Nu mein Zorn vorbei, und nicht um die Welt hatte ich ferner ein hartes Wort zu der Dirne gesprochen, die mit den Blicken eines bittenden Engels aus dem groben Schleier sah, und mit der Zunge der Alles gewinnenden Demuth die Worte zu mir sagte: 'O schlagt nicht mehr, lieber Herr! schlagt nicht mehr! Zodick ist ja kein Hund; er ist unser Knecht, und wird sicher nimmer thun, was Euern Zorn gereizt!'

Dagobert lehnte sich hier in den Stuhl zuruck, druckte beide Augen, zu, als' suche er das gegebene Bild noch einmal aus der Vergangenheit zuruckzuzwingen in die Gegenwart, und fuhr dann mit sanfter Stimme fort: Erwartet, liebe Fiorilla, keine Schilderung der Schonheit dieses Madchens; selbst die Eure musste ihr weichen. Erwartet eben so wenig einen Bericht, wie sich plotzlich mein Herz gewandelt. Genug, es war so. Der Leue war zum Lamm geworden. Mein Grimm hatte den hamischen Buben der Rache uberliefert, mein Furwort entriss ihn den Klauen seiner Feinde. Als ihn nun seine Glaubensbruder hinwegfuhrten, fuhlte ich einen heissen Kuss auf meiner Hand, und siedwarme Thranen. Die Dirne war es, die mir also ihren Dank bezeugte. Die Hand zog ich zuruck, doch nicht das Auge, das eingewurzelt schien in die Fulle von Liebreiz., die des Madchens Antlitz darbot. Sie war aber umsichtiger als ich; 'Lebt wohl, guter Junkherr!' flusterte sie, 'ich mochte Euch zwar gerne sagen, wie hoch ich Euch verehre, aber es ist Euch eine Schande, eine elende Judin auf offener Strasse anzuhoren, darum vergonnt mir nur diess Andenken von Euch mir zuzueignen.' Sie buckte sich schnell nach einer schlechten Feder die meinem Helmbusche entfallen war, druckte sie heftig an die Lippen, verbarg sie im Busen, und entfernte sich rasch. Wie ein Traumender gieng ich zu dem Rennen zuruck, aber mir war die Kampflust vergangen, ich mied den Kreis meiner Gesellen, die mit roher Schadenfreude das Abenteuer mit dem Juden ausposaunten; Kurass und Haube warf ich von mir, griff zur Laute, und verklimperte den Tag und den Abend im einsamen Stublein. Je mehr ich aber klimperte, je naher trat mir das Bild des Magdleins; trotz dem Abscheu, den ich von Kindheit auf gegen das ganze Volk der Hebraer hegte, wurde mir dieses Bild immer lieber, immer traulicher, so oft ich die Saiten ruhrte, die jetzt nur der Minne klangen, wie fruher dem lustigen Scherz, so trat die liebliche Gestalt in meine Zelle, neigte sich, und schien mit dem Lacheln der Sehnsucht meinen Tonen zu lauschen. Wie selig war ich dann! Zwar sagte ich nur oft: du wirst noch den Veitstanz gewinnen, wenn das Gebreste so fort geht. Sey nicht aberwitzig und kein Dummbart, der sein Quentlein Verstand an das gluhende Gesicht einer Dirne verliert, die nicht einmal an den Heiland glaubt. Mein Lehrmeister, der Predigermonch Johannes, ersah wohl meinen Trubsinn, meine wehmuthige Freundlichkeit, errieth deren Ursprung. "'Die Minne qualt Dich und schafft Dir Herzeleid,' sagte er warnend, 'hute Dich, mein Sohn, Du bist bestimmt der Jungfrau jungfraulich zu dienen, und darfst dem Geluste der Sinne nicht nachhangen. Bete, mache das heil. Kreuzeszeichen so oft der Versucher zu Dir tritt, und genese!' Ich folgte seiner Lehre, ich betete, schlug das Kreuz, und genas doch nicht. Im Gegentheil: ich lernte immer mehr das verfuhrerische Siechthum lieben, in das ich verfallen war."

"Ihr Glucklicher!" rief Fiorilla, ausbrechend in wehmuthige Theilnahme: "Euch haben die Rosen des Lebens gebluht; nicht jeder sieht diese Bluthen mit unentweihtem Sinn!"

"Mein Sinn war rein, und ist es noch jetzt;" betheuerte Dagobert, "aber im selben Grade ist kraftig meine Brust, und gesund mein Herz. Die Minne und ihre Sehnsucht wischten nicht das Roth von meiner Wange. Der Trubsinn, eine fremde Erscheinung in meinem Leben ward nach einiger Dauer von der Frohlichkeit niedergekampft. Ich nahm wieder Theil an den Festlichkeiten der Stadt und der Geschlechter, an den Gelagen meiner Jugendgesellen und Gefahrten, ich stieg wieder zu Pferd, und besuchte Forst, Hain und Flur. Endlich glaubte ich es ohne Nachtheil wagen zu durfen, meine Thorheit, wie ich's' nannte, herauszufordern. Ich ritt durch die Judengasse, und hoffte diejenige zu sehen, die mir's angethan, hoffte dem unbegreiflichen Zauber Hohn zu sprechen mit gestahltem Herzen. Aber ... seltsam ... schon beim Eintritt in die schmutzige Strasse, winkte der Bann auf's Neue. Ich, der sonst nur Muthwille halber hier meinen Weg durchnahm, die Buben und Magdleins der Ebraer durch das wuthende Dahersprengen meines Rosses erschreckend und in die Flucht treibend; .. ich, der zuerst unter dem Jubelruf der Freunde es unternommen hatte, in eine jener alterthumlichen Judenhutten einzureiten, zu Pferd meinem Besuch in der Stube zu machen, wo der Hausvater mit den Seinen zu Tische sass, und beinahe den Tod hatte vor Schrecken ob des hohnenden Gastes, der die Runde um die Tafel machte, das Estrich aufwuhlte, und mit Spottgelachter uber die in Staub krachende Schwelle seinen Abzug nahm; ich liess jetzt das Pferd langsam gehen, und spahte sorgsam nach beiden Seiten zu den erblindenden Fenstern auf, ob ich nicht die Holde gewahren mochte, welche mich beruckt. Und siehe ... wie verabredet erschien ihr Antlitz, ihre Gestalt unter der Thure eines Hauses, des ansehnlichsten der Gasse. Mit gespannter, uberraschter Aufmerksamkeit schaute sie zu mir empor, und ein neuer Reiz schmuckte ihr heute von Locken und zierlichen Zopfen bekranztes Haupt, die Rosenglut der Scham, der feurige Wiederschein erfullter Sehnsucht. Ich zwang meine hochklopfende Brust zur Ruhe, meine von schmerzlich sussem Leid gespannten Zuge zu kalter Gleichgultigkeit und trabte voruber. Die Dirne grusste nicht ...... obgleich sie mich nur allzuwohl erkannte; die Vorsichtige schonte mein Gefuhl. Sie blickte mir aber nach, so weit die krumme Gasse es verstattete, und da ich an der Ecke zuruckschaute, winkten mir noch ihre Augen, wie freundliche Sterne. Seitdem sah ich sie oft, denn der neugestarkte Zauber trieb mich Tag fur Tag zur selben Stunde durch den von Pferden und Reitern selten besuchten Stadttheil. Und wie an der eingesturzten Pforte der Strasse meines Rosses erster Hufschlag erklang, so klang auch das Fensterlein jenes Hauses, und das Zauberkind umgarnte mich mit neuen, allzulieben Schlingen. Ihr lachelt wohl, lieb Mumchen, wenn ich Euch sage, dass uber ein Jahr diese seltsame Minne bestand, ohne ein dollmetschendes Wort zu finden; kaum einen dollmetschenden Blick, da ich immerfort, wenn gerade nicht Kalte, doch eine Ruhe heuchelte, die mir, sah ich die Schone, so fremd war, wie der Galle die Sussigkeit des Honigs."

"O ihr Deutsche!" lachelte Fiorilla, "zogernd legt ihr selbst die Riegel vor das Paradies."

"Mit Recht!" erwiederte Dagobert: "Steht die Pforte offen, so ist's das Paradies nicht mehr. Hinter den Bergen die unsere Fluren bekranzen, denken wir uns schonere Auen, bluhendere Matten, und finden, haben wir die Hohen uberklettert, nur die gewohnten Busche und Felder wieder. Begehren ist Lust; im Genusse wird sie stumpf. Ich ritt also fort und fort meiner schonen Judin zu Hofe, und gefiel mir in der Sonderbarkeit meiner Neigung. Da geschah es, dass an einem Abend des verwichenen Sommers, die Wachter hatten die zehnte Stunde abgerufen, Feuer entstand in der Nahe der Judengasse. Ein Reiterknecht war mit brennendem Spann in den Stall seines Gauls gegangen, und ein Funke hatte den Brand geweckt. Die Feuerglocke heulte vom Thurme, und auch in meine Klosterstille drang das Getummel der zum Brand fluthenden Menschenmenge. Schnell war ich entschlossen meine thatige Hulfe nicht zu versagen, schnell hatte ich mich in die Kleider geworfen, und kam athemlos auf dem Platze an, wo langst dem Mainstrom eine Reihe von Stallen, Heuschobern und Werkhutten in vollen Flammen stand. Unser Volk ist brav und rustig, wo es zu retten gilt. Wasser wurde herbeigeschleppt von allen Orten und Enden; schon einigemal hatte ich auf meinen Rucken den vollen Bottich herzugetragen, und noch einmal ihn zu fullen, lief ich weg aus dem Getose, da fiel mir eine weibliche Gestalt in die Augen, die, da wo man eingeht in die Judengasse, unter dem Vorsprung eines Hauses auf eine Bank niedergesunken schien. Entfernt von dem Gewuhle der Menschen, forderte der Anblick der huflos Verlassenen, vielleicht Ohnmachtigen, mein Mitleid auf. Ich trat zu ihr; erstaunt, ein kostlich geschmucktes Madchen zu finden, dem nur der Schrekken die Kraft versagt hatte, weiter zu gehen; .... entzuckt zugleich in der festlich Geputzten die zu erkennen, die schon so lang in meiner Seele lebte. Wir waren beide nur allzusehr betroffen, und kaum konnte ich die Worte stammeln: 'Mein schones Kind, wie kommst Du hierher, in diesen Gewandern? hier ist doch Deine Stelle nicht!' 'O Herr,' versetzte sie hierauf schuchtern und demuthig: 'Zurnt mir nicht. Das Entsetzen mag mich entschuldigen, wenn ich Unziemliches gethan. Wir feierten den Sabbath, der gerade heute eingegangen, geschmuckt mit unserm Kostlichsten, als die Feuerglut entstand. Mein Vater und Grossvater wurden aus dem Hause gerissen, und mit Schlagen zum Loschen angetrieben. Die Angst vermochte mich, ihnen zu folgen, doch verlor ich sie aus den Augen, und sank hier halb ohnmachtig zur Erde.' Wahrend dieser erlauternden Rede hatte ich mich nicht abwenden konnen, von der hohen Schonheit, die hier, in abenteuerlichen Prachtgewandern, wie sie wohl nur das Morgenland erfunden, vom fernen Glutshain zauberisch beleuchtet, der Reize hochste dem Bewunderer verrieth. Die funkelnden Ketten und Armbander, das Geschmeide im Haare, der Perlengurtel konnten die Herrliche nicht schoner machen. Aber zu einer jener Feenkoniginen verklaren, von denen die Minnedichter singen, und die schon oft das Gluck eines Sterblichen begrundet haben sollen. 'Wie hold bist Du!' flusterte ich der Lieblichen in's Ohr, und sturmisch klopfte mein Herz, da sie zuchtig und leise antwortete: 'Niemand begehre ich zu gefallen, denn Euch, mein Herr.' Herr? fragte ich mit leisem Vorwurf; Herr? warum nicht Freund? Ich schmiegte sie in meinen bebenden Arm, sie entzog sich aber demselben und kusste meine Hand. 'Nicht so,' sprach sie, 'Freund durft Ihr mir nicht seyn, wohl darf ich Euch jedoch meinen Herrn nennen, dem ich zu eigen seyn muss fur und fur.' 'Du musst,' versetzte ich lachelnd; 'warum? der Grund?' Nun druckte sie meine Hand an ihren Busen, an ihre Stirne, dann von neuem an den Mund, und ich meinte, sie wurde meine Finger versengen mit dem gluhenden Hauche ihrer Lippen. Befremdet ob solch leidenschaftlichem Thun, richtete ich das Madchen ernst auf, und sagte zu ihr im selben Tone: 'nicht wolle es sich langer ziemen, mit ihr auf freier Strasse zu kosen; ich sey bereit sie nach Hause zu geleiten.' Sie wollte das nicht zugeben, und wir hatten den Streit nicht beigelegt, als eine lange grobe Gestalt um die Ecke tolpelte, mein Madchen plotzlich stille schwieg, ihren Finger auf meinen Mund legte, und sich in den tiefsten Schatten des Vorsprungs zuruckzog. 'Esther! Esther! wo steckst Du denn?' rief der ungebetene Gast mit rauher widerlicher Stimme, in der ich gleich die des Buben erkannte, der mich auf dem Turniere beleidigt hatte. Nun juckte es in der Faust, aber ich bezwang mich, und gestattete es, dass die Gerufene sich vollig hinter mir verbarg. Der rothkopfige Knecht starrte mich einen Augenblick an, wich aber auf mein rauhes: 'Wer geht da?' scheu zuruck, und naherte sich dem Gewuhle der Loschenden, immer den Namen des Madchens rufend. Wir schlupften alsdann in die menschenleere Strasse, und gelangten unter freundlichem Kosen an Esther's Haus. Die Schatten des Hausganges nahmen uns auf. Hier fragte mich Esther, ob sie mich wiedersehen werde. Bald zum Letztenmale, antwortete ich, und vertraute ihr, ohne meinen Namen genannt zu haben, wie ich zum Dienste des Altars bestimmt sey. Sie seufzte tief, fasste sich jedoch bald, 'Als Priester durft Ihr Euch nicht verehelichen, nicht wahr?' fragte sie lebhaft. Kopfschuttelnd schwieg ich. 'O dann ist's recht!' sprach sie: 'Dann bleibt Ihr mein Gebieter, und ich Eure Magd, wenn uns auch weite Lander trennen. Dann werde ich nicht sterben vor Gram, Euch an der Seite einer geliebten Hausfrau zu wissen'. 'Wie kannst Du meiner ferner gedenken,' fragte ich: 'meiner? des Priesters eines Glaubens, den Du hassest?'" "'Denket das nicht,' antwortete sie: 'Ich hasse nicht Eure Lehre, nicht Euren Messiah.' 'Wenn auch das ware,' fuhr ich fort: 'so wird es, furchte ich, Sunde seyn, wenn i c h Dein Bild bewahre, das der Verlaugenden?' 'Ist das eine Sunde,' erwiederte sie schnell, 'so kommt zuruck, wenn Ihr Priester seyd, und tauft mich. An Eurer Hand gehe ich gern in Euer Himmelreich, ohne das ewige Jerusalem zu schauen'. 'Aber freilich,' setzte sie stockend hinzu: 'freilich musste das erst geschehen, wenn der Vater todt seyn wird, und der Altvater Jochai. Denn es wurde ihnen das Herz brechen, und ich mochte sie gerne in Frieden dahinscheiden sehen.' Dieser ungeheuchelte Beweis einer reinen Seele zog meine Lippen an die Ihrigen. Der erste und der letzte Kuss ward zwischen uns gewechselt. Herannahendes Gerausch scheuchte mich aus dem Hause, und nimmer habe ich seitdem die Reizende gesehen. Ost trabte ich durch die Gasse, nimmer liess ihr holdes Bild sich mehr schauen, und mein Schicksal riss mich von dannen, ohne mir das Gluck des Lebewohls zu gonnen."

Fiorilla trocknete eine Thrane, und neigte sich dankend zu dem Erzahler. "Wie soll ich Euch das Vertrauen vergelten, dessen Ihr mich gewurdigt? Ihr habt mir das Geheimniss Eures Lebens geschenkt, ... ich kann Euch kein Ahnliches vertrauen."

"Vertraut mir nichts, Fiorilla!" unterbrach sie Dagobert ernst: "Ich bin Euch zu hold, als dass ich Euch vor mir errothen sehen mochte. Bedauert hingegen mein Missgeschick," fuhr er, muntrer werdend fort; "das mich beinahe zwingt, das Andenken, das ich treu bewahrte, aufzugeben fur ein Andres. Ich hatte meinem Herzen nicht so viel Wankelmuth zugetraut; der Flattersinn muss im Blute stecken. Ein ander Frauenbild hat mich schier bethort; Esther und dieses holde Weib streiten in meiner Brust, und dennoch ist Keine auf Erden mir bestimmt und erlaubt."

"Verwahrt darum Euer Herz;" entgegnete Fiorilla schelmisch: "Wer ist aber die, die ihr zu lieben besorgt? Erleichtert Eure Brust. Ich wage nichts bei Eurem Bekenntniss, da Ihr mir schon versichert habt, ich sey nicht im Stande, Euere Empfindung in Aufruhr zu bringen. Ihr wagt noch viel weniger, denn das Wichtigere habt Ihr mir schon entdeckt."

Dagobert erklarte sich auch scherzend bereit, und erzahlte das Nachspiel zu dem Abenteuer auf der breiten Strasse, wo er den gefangnen Huss gegen die Roheit seines Beleidigers vertheidigt hatte. Und da er nun die Gestalt seiner neuen Huldin, wie das Haus beschrieben hatte, in das sie gegangen, so warf sich Fiorilla lachend in den Polstersessel zuruck, und vermochte im Anbeginn, auf alle Fragen Dagobert's nichts anders zu erwiedern, als eben das schallendste Gelachter. Der junge Mann stand endlich verletzt auf, und wollte sich mit finsterm Gesichte entfernen. Fiorilla hielt ihn jedoch zuruck. "Grollt, mir nicht;" stammelte sie, nach Luft athmend: "Das Zusammentreffen ist zu seltsam und zu lustig. Man rede noch einmal von der Stimme des Bluts, von angebornem Hass und Vorurtheil, der auch mit verbundnem Auge seinen Feind erkenne. Diejenige, die Ihr meint, ist niemand anders als Eure Schwester Wallrade, die sich gewiss nicht traumen liess, dass es ihr gelingen wurde, den abgeneigten Bruder in einen sehnsuchtigen Minneknaben zu verwandeln ......"

"Wallrade!" fragte Dagobert staunend: "Wallrade, das Fraulein von Baldergrun? Der Name des Besitztums, das ihr Monsignore zum Geschenk machte;" erklarte Fiorilla. "Sie verabscheut ihren Geschlechtsnamen, da Eure Stiefmutter ihn fuhrt."

"Thorin! eitle, selbstsuchtige Thorin!" rief Dagobert: "Wahrlich, lieb Baschen, Ihr hattet mir keine wirksamere Arznei geben konnen, als mir der Name Wallrade wurde. Wo hatte ich meine Augen, dass ich, wenn gleich nach so langer Zeit, Diejenige nicht erkannte, die mir des Leid's viel, und Nichts zu Liebe gethan. Toller, toller Zufall! Mich ergotzt es, dass auch s i e blind gewesen und mich nicht erkannt. Wie gut ist's, dass sich noch nicht die Gelegenheit dargeboten, ihr den Hof zu machen. Wie wurde der Hageprunk uber meine Kurzsichtigkeit gespottelt haben! Habt Dank, gute Fiorilla. Empfangt meinen herzlichen Handedruck fur Eure Wohlthat. Ich bin nun gesund, und kann uber meine Narrheit lachen. Er uberliess sich auch dem ungebundensten Frohsinn."

"O des leichten, wandelbaren Bluts!" scherzte Fiorilla: "Ihr konntet mein Landsmann seyn."

"Arme Esther! Bei solchem Flattersinn wird Dein Gedachtniss schwinden, fruh oder spat, wenn ich's gleich heute vor aller Gefahr zu schutzen so glucklich war."

"Ihr bereut den Dienst doch nicht, den Ihr dem Judenmagdlein erwiesen?" fragte lachelnd Fiorilla:

"Ihr, die Nichte ... die Freundin eines rechtglaubigen Pralaten? Wahrhaftig, ich muss Eure Duldung bewundern, die Kirche, Gesetz und des Pobels Eigensinn verdammen."

"Leider!" erwiederte Fiorilla seufzend: "Ihr mochtet leichtlich staunen, eine Walsche, welche die Madame verehrt, also sprechen zu horen. Vielleicht wird Euch jedoch meine Hinneigung zu der liebenswurdigen Esther erklarlicher, wenn ich Euch sage, dass ich keineswegs aus Cesena, sondern aus dem Ghelto zu Rom stamme, meine Eltern fruh verlor, und durch die Milde Eures Ohms in eine Bekehrte verwandelt wurde."

Dieses uberraschende Gestandniss kitzelte Dagobert's Zwergfell auf's Neue und Heftigste. "Hoho!" rief er, lachend wie ein Verruckter: "kann denn auf dem Brocken in der Walpurgisnacht einem Hexlein etwas Tolleres begegnen, als mir? Es granzt an's Mahrchenhafte. Ich liebe eine Judin und meine Schwester, und meine Vertraute ist eine Neugetaufte! Nein, ich muss mich lossagen von solchen Banden, damit mir's nicht ergehe, wie den bohmischen Ketzern, und darum guten Abend, holdes Heidenkind!"

Schnell hatte er einen Kuss auf Fiorillens Wange gepresst, und polterte lachend die Treppe hinunter. Unter der Pforte rannte er an seinem heimkehrenden Oheim, der ihn, Dank sey es der Dammerung, nicht erkannte, aber durch ein halb angstliches: "Wer da! wer seyd Ihr?" festzuhalten dachte. "Ein Rabbiner, der von Euch bekehrt seyn mochte!" brummte der Spottvogel im tiefsten Register, schob den Staunenden bei Seite, und entsprang.

Achtes Kapitel.

Weihnachtsfreude, Weihnachtslust!

Offnest segnend jede Brust!

Nacht, die unsern Herrn geboren,

Zur Versohnung auserkoren

Du vereinest, die sich hassen,

Dass sie ihren Groll verlassen.

Doch, wie nur Dein Bann verweht,

Schnell die Schlange neu ersteht:

Und sie flieh' mit scheuem Bangen,

Die sich freundlich kaum empfangen!

W.

So wie der Meistersanger, dem es vergonnt ist, vor grosser Gesellschaft seine Kunst zu zeigen, nachdem er die Ohren seiner Zuhorer mit den sanften Gesangen der Minne, mit schwarmerischen Balladen und klagenden Liedern ergotzt hat, auf einmal aus der weichen Tonweise in die harte umspringt, und die Saiten ruhrt zum frohlichen steyrischen oder hungarischen Tanz, und eine Melodei nach der andern aufspielt, bis das junge Volk das Morgenroth herbeigestampft hat; .. also war Dagobert rasch und leicht seiner zufalligen Schwermuth enthoben, und schwamm wieder mit Gerhard zu reden wie ein lustiges Fischlein auf traglicher Lebensfluth, unbesorgt vor Strudeln und Falle im weiten Bogen von dannen schleicht, also schlich er um Wallradens Haus, und war seelenfroh, dass sie ihm nicht wieder begegnete. Alle unfriedlichen Auftritte seiner Jugend waren ihm lebhaft vor's Gedachtniss getreten, und er konnte sich der argsten Dummheit schelten, dass er sein Schwesterlein schon gefunden, sie, die wie eine bose Nixe ihm alle Freude verdorben hatte, von jeher. An Esther dachte er freilich oft, mit Sehnsucht und stillem Behagen, aber ... war sie nicht fern von ihm? nicht auf ewig von ihm getrennt? Darum schuttelte er alle Sorge von sich, und lebte mit den Lebendigen, mit den Frohlichen, deren Viele damals zn Costnitz versammelt waren. Vergebens meisterte ihn sein Ohm mit aller Strenge, vergebens uberhaufte ihn der Erzbischof von Ravenna mit vielem unnutzen Geschreibsel zum Behuf der vorzubereitenden Sessionen: demuthig horte er Monsignore's Lehre an, geduldig, aber schnell, that er die Arbeiten des Cardinals ab; doch, war sein Nacken, sein Ohr wieder auf einige Stunden frei, so sah man ihn alsobald im Kreise muntrer Freunde. Sein ernstes Kleid war uberall willkommen, weil der Schalk, der gutmuthige Schalk, darunter verborgen war; die Frauen und Dirnen der besten Geschlechter sammelten sich um ihn, den freundlichen Sanger, den fertigen Lautenspieler, den erfinderischen Mahrleinschmidt; die Manner schatzten in ihm den geubten Reiter, den erfahrnen Waidmann und Falkenabrichter, und den unverzagten Zecher. Die Geselligkeit schmuckte ihn mit ihren besten Kranzen, und seine Laune wuchs wie eine Pappel in walschem Boden, schnell und hoch, dass bald in der ganzen Stadt von nichts Anderm gesprochen wurde, als von Junker Froschleins Schwanken. "Recht so!" sagte ihm einst sein Gonner, Herzog Friedrich: "was ich von Euch hore, gefallt mir wohl. Der Most muss brausen, der Bursch austoben; vorab, wenn er in die harne Kutte schlupfen soll. Wie lange dauert's, so werden Eures Ohms Geschafte allhier geendet und Ihr gemussigt seyn, ihm uber die Berge zu folgen, hinter denen deutsche Ehrlichkeit das letzte Paternoster betet. Dann werdet ihr werden mussen, wie sie Alle sind, aber wenigstens aus dem Vaterlande die Erinnerung einer kraftig freien Jugend mit Euch in's Grab nehmen, an dem Euch ohnehin keine Lieben nachweinen durfen. Lasst Euch drum nicht storen in Eurer Freudigkeit, so lange sie neben Sitte und Zucht bestehen mag, und hutet Euch nur vor lusternen Weibern. Einen Haus- und Kernfluch verzeiht der liebe Gott, eine Ohrfeige im Streite ist kein Todtschlag, ein Rausch besser, denn ein Fieber; aber der Kuss einer falschen Delila stellt wahrlich eine scharfe Schere vor, die Manneskraft und Simson'shaar mit einem Schnitte verschandet. Desshalb erfreut sich auch unser allergnadigster Kaiser einer werdenden Glatze, und sein Leibscherer hat bereits, wie man vernimmt, alle Muhe, den Ubelstand durch kunstliche Verflechtung des Haupthaars zu verbergen. "

Dagobert schwieg, lachelte aber im Stillen, uber den leidenschaftlichen Spott, der, im Ubrigen dem biedern Gemuthe des Habsburgers ganzlich fremd bestandig vorleuchtete, sprach er von Sigismund. Der Herzog fuhr indessen schmunzelnd fort: "Der gnadigste Herr wird, wie es verlautet hat, heute oder morgen zu Costnitz einreiten. Ein kluger Gedanke! Die Weihnachtsfeier wird uns demnach den Heiland der Christenheit bringen. Die friedenstiftende Majestat wird ihren Einzug halten, da man in den Kirchen singt: In dulci jubilo! Es thut mir leid," setzte er rasch abbrechend hinzu, "dass ich zum Empfang des Herrn, Satteldecke und Steigbugel putzen muss, sonst fande ich wohl noch Gelegenheit, mich langer mit Euch zu unterhalten, guter Dagobert!" Der Letztere verstand diese schon manchmal vorgekommene Beurlaubung, die immer auf die steigende Galle des Herzogs deutete, und entfernte sich alsobald. Da er jedoch heraustrat auf die winterlich beschneite Gasse, uber die der dunkelblaue Himmel so eben seine ersten Sterne heraushing; da er uber den Markt schritt, wo in Hutten von Holz und Segeltuch allerlei Spielwerk und Lekkerzeug feilgestellt wurde, zur Freude der Kinder, die am heiligen Abend damit beschenkt werden sollten, einer heitern Sitte gemass; da wich in ihm die Erinnerung an des Herzogs Worte dem machtigern Gedachtniss der fernen Heimath und der entschwundnen Jugendjahre. Denn sie war wirklich unvermerkt herangekommen, die frohliche Weihnachtszeit, der lichte Stern an trubem winterlichen Himmelszelt, das gemuthliche Fest; Eines von denen, die die heitre Kette schlingen um Haus- und Kirchenaltar, das burgerliche Leben mit dem Glauben an ein Gottliches, an ein Jenseitiges verbinden. Eine freundliche Wehmuth, die man gern und gastlich in den Busen aufnimmt, weil ihre Pein lebensstarkenden Balsam bereitet, bemeisterte sich der Brust Dagobert's, und was alle Ermahnungen seines geistlichen Schirmvogts nicht vermocht hatten, brachte s i e zu Wege. Der junge Mann schloss sich ein in sein Gemach, fern vom Gerausch der Welt, und saugte an den Blumen der Erinnerung. Sein redlich Herz drangte ihn, diese goldne Zeit seiner Knabenfreuden zu feiern, wie es einem wackern Jungling zustehe. Wie beklagte er es, dass ihm die Mittel nicht beschieden waren, das Gluck eines Menschen zu grunden. Wie bedauerte er, dass er keinen Todfeind wusste, den er hatte versohnt in die Arme schliessen konnen! Da fiel ihm plotzlich seine Schwester Wallrade ein, gegen die der beinahe vergessne Groll wieder neu in seinem Herzen aufgeflackert war. Ja, rief er nach kurzem Bedenken: Ich will ihr die Hand zur Eintracht bieten, und das feindliche Verhaltniss in ein freundliches umgestalten, und also den Christtag wurdig begehen. Dazu helfe mir Gott und Esther's Gedachtniss; das Andenken des lieben, aber unglucklichen Magdleins, der die Segnungen unsers Glaubens und seine erhebenden Feste unbekannt sind! In seinem Stublein brachte er die Stunde zu, bis der Weihnachtabend sich still und kalt herniedergesenkt hatte uber Stadt und See. Nun litt es ihn nicht mehr im engen Hause. Das Gerausch des kaiserlichen Einzugs der am Tage Statt gefunden hatte, war nicht vermogend gewesen, ihn seiner Einsamkeit zu entreissen. Der kalten Nacht gelang es, und verhullt, wie ein Geist, schritt er nach dem Mauerdamm, an dessen Grundfeste die Wellen des Bodensees brausend anschlugen, des Frostes spottend, der bisher fruchtlos versucht hatte, ihnen Eisfesseln anzulegen. Des Junglings heitrer Blick schweifte uber das dunkle deutsche Meer nach den Gebirgen des Appenzells, die in ihren Schneegewandern wie riesige am Himmel gelagerte Geister und Weltwachter herabsahen auf die stolze Bischofsstadt. Alle Glocken des Thurgaus, des Gallenstifts und der schwabischen Ufer sangen ihr feierliches Lied uber des See's Spiegelflache, auf welcher das wandelnde Mondbild dahin glitt, wie eine Silberscheibe auf ebener Eisbahn. "Gelobt seyst Du, Nacht des Heils;" sprach Dagobert mit demjenigen erhebenden Gefuhl, das das einfachste Menschenwort zum Gebete stempelt: "Vor langer denn tausend Jahren brachtest Du uns den Glauben, schoner und sanfter als der Mondstrahl, der Dich heute erhellt. Aber noch jetzt, so oft Du wiederkehrst, senkt sich Friede und Freude in die elendeste Hutte, wie in die stolzeste Furstenburg der Christenheit. Du milde Nacht, den Unschuldigen hold und ein ersehnter Gast, schenke auch mir den Frieden, Deinen Begleiter. Schenke i h r dereinst Dein gnadenvolles Licht, i h r , die noch im Dunkel wandelt, damit ich jenseits sie wieder sehen mag, mit der hienieden keine Vereinigung mir erlaubt ist. Lenke das Herz derer, die mich hassen, zur Liebe und Versohnung, und mache alle glucklich, die mir fromm auf dem Lebenspfade die Hand bieten!" Eine Thrane zitterte im Auge des Betenden; er schamte sich ihrer nicht. Sein Herz war beklommen, aber nur von susser, ruhiger Wonne. Keiner Schuld sich bewusst, kehrte er in die Stadt zuruck, wo die Menge durcheinander wogte, wie am hellen Mittage. Alle Fenster waren hell erleuchtet; in dem erbarmlichsten Hauslein brannte ein kummerliches Licht. Uberall, wo Kindersegen daheim war, ragten dunkle Tannenbaume empor, mit den Fruchten des Herbstes geschmuckt und mit schwankenden Kerzen, die sich auf den Zweigen wiegten, wie die Voglein des Waldes. Festlich geziert alle Stuben, Mohnklose und Leckereien auf jedem Tische, Entzucken in jedem Kinderauge, wonnevoller Dank zum Hochsten in jedem Vater- in jedem Mutterblicke. Hier tummelten sich muntre Knaben um den holzernen Gaul mit Federn geschmuckt, und traumten sich zum ebenburtigen Ritter, zu Schild und Helm geboren; dort tanzte der Magdlein rothwangige Schar um den zierlichen Rocken, um die glatte Spindel, die das Christkind bescheert; hier brachte eine in Engelgewander vermummte Dirne susse Fladen und Mandelschnitte, dort spruhte ein Ruthenbewaffneter Putzenmummel den feurigen Regen vergoldeter Nusse in's Haus. Allenthalben aber regte sich die Lust, und die Erwachsenen schienen zu Kindern geworden zu seyn, um kindlichen Jubel zu theilen. Dagobert strich an den glucklichen Menschenwohnungen voruber, sein Auge, sein Ohr ergotzend, und dachte, in Theilnahme versunken, kaum daran, dass er keinem Sohne, keiner Tochter das willkommne Christgeschenk werde reichen durfen. Da uberraschte ihn die Mitternachtsstunde, und von dem Thurme der Domkirche riefen die Glocken zur Mette der heiligen Nacht. Das Menschengewuhl der Stadt walzte sich nach Klostern, Pfarrkirchen und Dom. Den Letztern betrat auch Dagobert. Schon mischten sich einzelne Orgeltone in das Summen der heranstromenden Betund Schaulustigen, die Kerzen an den Altaren winkten schon wie flammende Zungen herbei zum nachtlichen Opfer. Um die Weihkessel an den Eingangen drangte sich das Volk. Dagobert reichte hoflich mit dem gewohnlichen Spruch: "Gelobt sey Jesus Christus und seine gesegnete Weihnacht," seine mit dem benedeiten Wasser benetzten Finger einer edelgekleideten Frau, die vor dem Gedrange nicht zur Saule gelangen konnte, und verstummte uberrascht. Seine Schwester stand vor ihm. An ihrer Seite, der breitstirnige Knecht, den sammetnen Kniepolster unter'm Arme und das Windlicht in der Hand. Befremdet mass auch den Jungling die finster blickende Wallrade, warf den Kopf in die Hohe, und drehte ihm den Rukken zu, langsam vorschreitend gegen den Altar, wo sie ihre Andacht zu verrichten beschlossen hatte. Dagobert schloss sich jedoch hart an die vom Gewuhl Aufgehaltne, und sprach sanft zu ihr: "Wir feiern heute die Geburt des Herrn mit freudiger Zuversicht. Auch unsre Eltern, Wallrade, haben die unsrige also begangen, begehen sie noch heute; der Vater auf Erden, lieb Mutterlein im Himmel. Wollen wir denn, die e i n e Mutter gebar, nicht endlich den kindischen Groll fahren lassen, der aus unsern Spielen stammt, und unser Grab feindlich zu beschatten droht, damit keine Blume der Liebe darauf erspriessen moge? Wollen wir nicht endlich den Zwist ersticken, das Unkraut aus dem irdischen Vaterhause, das wahrlich nicht wuchern sollte in dem Hause des ewigen Vaters?" Wallrade stand aufmerksam stille, heftete die grossen Augen auf den milden Redner, und erwiederte: "Ich nahm Antheil an Euch, da ich nicht wusste, dass Ihr mein Blutsfreund seyd. Die Trennung mancher Jahre hatte mir Eure Zuge fremd gemacht, aber der Ohm hat mich erinnert, dass ich noch einen Bruder habe, den ich nicht einen Geliebten nennen kann; und dass derselbe hier lebe, erfuhr ich ebenfalls durch ihn. Weder Ihr, noch der Zufall haben etwas gethan, das mein Vorurtheil hatte mindern konnen. Liegt Euch indessen so viel daran, uns versohnt zu sehen, so reiche ich der Seltsamkeit wegen die Hand dazu." Sie winkte dem jungen Manne, in dem Betstuhle neben ihr Platz zu nehmen, und raunte ihm, den Rosenkranz vom Gurtel nestelnd zu: "Eure Gesellschaft kommt mir noch obendrein in diesem Augenblicke gelegen; sie bewahrt mich vor schlimmerer." "Wie so, meine Schwester?" fragte Dagobert. Wallrade sah seitwarts und bezeichnete ihm durch unmerkliches Augenzwinkern zwei Manner, die unfern standen, und ihre Blicke auf sie gerichtet hielten. "Der Eine," sprach sie: "der in der bunten Kleidung, den Ihr schon einmal, wie mich dunkt, an meiner Seite gesehen, ist der Herr von Konigseck, ein weibisch thuender Gesell, der von Rosmarinol duftet, sich einschnurt, dass er einem Heupferde gleicht, und vor eitel Zierlichkeit nicht dazu gekommen ist, in irgend einer Fehde die Sporen zu gewinnen. Der Andre, klein und unansehnlich, verwachsen und murrisch vom Angesicht, tragt unter seiner hohen Schulter ein Herz voll Kuhnheit, Tucke und Leidenschaft. Er ist ein Graf von Montfort; beide Herren aber sind meine Freier; Beide vom Ohm begunstigt; Beide mir verhasst; der Erste, weil er kein Mann, der Zweite, weil er hasslich und hochfahrend ist. Sie hatten sich sicherlich schon an mich gedrangt, hielte sie Euer geistlich Gewand nicht in Ehrfurcht. Das Letztere danke ich Euch." Hiemit neigte sie das Haupt auf die gefalteten Hande, und liess im stillen Gebete Kugel auf Kugel durch die Finger schlupfen, ohne den Bruder nur eines einzigen fernern Worts zu wurdigen. Dagobert betrachtete sie verwundert von der Seite, und musste sich gestehen, dass diese stolze Schonheit wohl im Stande sey, andre Manner zu berucken, als den Stutzer und den Missgestalteten, von denen die Rede gewesen. Zugleich aber bekannte er sich, dass die fromme Stimmung nicht mehr vorhanden sey, in welcher er Wallraden angeredet; dass das seltsam schroffe Benehmen Wallradens ihn beinahe bedauern, liess, eine Versohnung eingeleitet zu haben, die nur um Gotteswillen, wie es schien, angenommen worden war. Welch ein Weib! dachte er bei sich: jeder frommen Regung unzuganglich; die Harte ihres Gemuths sogar bis zu den Ihrem des Herrn tragend, und ohne Bedenken zur Schau legend! Nicht einmal die heilige Handlung beschaftigt sie in diesem Augenblicke, die Glockentone, die der Menge das Zeichen geben, sich zu bekreuzen, die Brust zu schlagen, werden von i h r uberhort. Gedankenlos lasst sie die geweihten Kugeln durch die Fingerspitzen gleiten; denn offenbar verweilt bei andern Gegenstanden ihr Sinn, und bald furcht sich ihre Stirn, bald glattet sie sich; bald lachelt ihr Mund, bald seufzt er schwer auf, wie man zu thun pflegt, wenn man sich abmuht, der Seele einen Entschluss abzuringen, vor dem man sich selber scheut. Wallradens rasches Emporrichten endigte seine Betrachtungen; an deren Stelle trat des Ohrs Aufmerksamkeit, da Wallrade, von den Donnertonen der Orgel umbraust, Gelegenheit fand, dem Nachbar etwas Geheimes mitzutheilen. "Ich will glauben," flusterte sie sanfter denn zuvor, "dass das Bemuhen aufrichtig ist, mit welchem der Jungling Dagobert gut zu machen sucht, was der Knabe an der Schwester verbrach. Ich zaudre daher nicht, des Mannes Freundschaft anzunehmen, mit meinem Vertrauen zu erwiedern, und ihm Anlass zu geben, meinen Dank zu verdienen, so fern er mir zusagt, das Anvertraute zu bewahren wie ein Mann, nicht wie ein Plauderhaftes Weib."

"Zahlt darauf, Wallrade;" erwiederte Dagobert: "ich konnte eines Zauberschatzes Huter seyn, Monden lang, ohne ihn durch ein einzig Wortlein in Asche und Kohlen zu verwandeln. Kann ich vollends Euern Dank dadurch verdienen, bin ich gern bereit zu thun, was Ihr verlangt, um nur Euer Vorurtheil zu widerlegen."

"Vernehmt denn;" sprach Wallrade, vertraulich werdend: "Es langte heute in des Kaisers Gefolge ein Mann an, der sich schwer an mir verging. Dieser Frevel ist Euch gleichgultig, und somit verschweige ich ihn. Der Anblick dieses Mannes jedoch ist mir eine Folter, da ich mich nicht thatlich an ihm rachen darf, obgleich er mich sehr zu furchten hat. Sehr; sage ich Euch: der Verdammte furchtet nicht also seinen Henker. Ihn zu vertreiben aus meiner Nahe, den Beleidiger, ist mein einz'ger Wunsch, und, um diesen erfullt zu sehen, spreche ich Euch, dessen offne Keckheit ich beifallig wahrgenommen, um Hulfe und Beistand an."

"Wie kann ich aber mich in diess seltsame Beginnen einlassen?" fragte Dagobert verwundert.

"Ein einziger Besuch ist hier hinreichend;" versetzte Wallrade. "Der, den wir meinen, heisst Rudolph Bilger von der Rhon, und ist einer von des Kaisers Jagdleuten. Zieht Kunde ein von seiner Wohnung, sucht ihn heim, und sagt ihm durr heraus: mein Wille sey's, dass er wieder von dannen scheide, da mir seine Anwesenheit Argerniss gebe. Diesem Begehren moge er auf's Schleunigste gehorchen, oder meines Thuns gewartig seyn. Das ist Alles. Verspricht er, zu thun, wie ich begehre, so lasst ihn ruhig ziehen; weigert er sich, so fordert ihn vor die Klinge. Ihr habt den Muth dazu, doch gelobe ich Euch, dass es so weit nicht kommen wird. Keines weitern Eingehens in die Sache, nur meines Namens und eines befehlenden Tons bedarf's, um sicher den Zweck zu erreichen."

"Ihr scheint Eures Mannes verzweifelt gewiss;" meinte Dagobert etwas verlegen: "Wie aber kommt es, Schwester, dass Ihr keinem Eurer Freier diesen Auftrag gebt?"

"Weil sie meine Freier sind," antwortete Wallrade; "weil ich niemals heirathen werde, und folglich auch nicht die mindeste Hoffnung dazu geben will."

"Ich werde demnach in diesem Geschafte Euer stummes unwissendes Werkzeug vorstellen?" fuhr Dagobert fort; "wie der eigenhorige Knecht, der Hab' und Leben wagen muss, blos weil sein Herr es will, und die Vernunft der Gewalt gehorcht?"

"Befremdet Euch das?" fragte Wallrade, aufstehend; denn der das Hochamt haltende Domprobst sang so eben das feierliche: Ite, missa est: "Seht um Euch her, lieber Bruder Grubler; seht auf Euer Kleid, und nehmt die Vernunft gefangen. Ihr seyd dem Weltall eigen, das erst, nachdem Ihr ihm Alles geopfert, vielleicht Euch offenbart, warum dieses seyn musste; Ihr strebt darnach, der Leibeigne eines Standes zu werden, der fur Alles den Loseschlussel hat, Alles verzeiht, nur das Vernunfteln nicht. Ubt Euch vor der Hand in solcher Pflicht, und gehorcht den Launen eines Weibes, denn nur dadurch erkauft Ihr das Gefuhl, welches Ihr von meinem Herzen verlangt."

Sie schritt von dannen, der Knecht voraus, Dagobert ihr zur Seite, hart an den besprochnen Freiwerbern voruber, wie nicht beachtet wurden. "Ich werde Euch willfahren, Wallrade," sprach der Bruder unter der Pforte: "ich habe es Euch zugesagt; aber weh thut mir's, dass eine Art von Schergenhandlung, deren Zweck und Grund ich nicht begreife, der Preis Eurer schwesterlichen Zuneigung werden soll, die mir mein redliches Werben, die Bande des Bluts und unsers Vaters Liebe hatten zusichern mussen. "

"Die Redlichkeit des Mannes ist Luge meistentheils," versetzte Wallrade kalt und hart: "die Verwandtschaft achte ich nicht Kain erschlug den sanften Abel und Diether Frosch, dessen Namen ich nicht mehr trage, hat aufgehort, mein Vater zu seyn, da er die Leuenbergerin zur Ehgemahl erwahlte. Schweigt also von Dingen, die nur in des Bankelsangers Lied gehoren, und sagt mir: thut Ihr, was ich begehre, oder nicht?"

"Das Erstere; verlasst Euch darauf;" antwortete Dagobert unmuthig. "So lasst uns hier Abschied nehmen;" versetzte Wallrade: "ich untersage Euch, mich nach Hause zu geleiten. Die Nebenbuhler sind mir auf der Ferse, und ich will keinen Verdacht erregen, den ich mit dem leistesten Wortlein zu widerlegen, unter meiner Wurde halte." Ohne Widerrede, gerne sogar nahm Dagobert die Weisung an, und es war ihm fast wohl, dass er von der Schwester Seite kam, zu deren Dienst ihn blos sein voreilig gegebnes Wort, und ein besondres Zusammentreffen der Dinge bestellt hatten. Der Wunsch, diesen unangenehmen Frohndienst ungesaumt abzuthun, so wie auch nicht minder die leise Neugier, das Geheinmiss der Schwester vielleicht, wider ihren Willen, zu entrathseln, vermochten ihn, am folgenden Tage schon seine Nachforschungen zu beginnen. Die Feier des Christfestes bot ihm hiezu die erwunschteste Gelegenheit dar. Der prachtvolle Morgengottesdienst am Weihnachttage, begunstigt von dem schonsten kalten Wetter, versammelte im Dom die Fursten der Kirche, die weltlichen Fursten und an ihrer Spitze den Kaiser mit seinem ganzen ansehnlichen Gefolge. Ein nicht bis jetzt in Costnitz erhorter Prunk entfaltete sich bei diesem Anlass. Sigmund, ein wohlgebildeter freundlich blickender Mann mit langem Haupthaare und Bart, dessen Leutseligkeit bei Hohen und Niedern anerkannt war, so wie seine eifrige Bewerbung um Frauengunst, und seine vorstechende Eitelkeit, hatte sich mit allem Pomp umgeben, der einem Kaiser deutscher Nation zu Gebote stand. Alle Fursten des Reichs, die gegenwartig waren, halfen treulich dazu, um den vielen Fremden einen Begriff ihrer eignen Macht zu geben. Herolde, Pannertrager, Musikbanden, glanzende Leibwachen, Edelknaben und Marschalle schmuckten den Zug der Fursten und Edeln, und es war keine geringe Aufgabe, unter der Fluth von Herren und Dienern Einen herauszufinden, von dem man nichts weiss, als den schlichten Namen. Dagoberts Bekanntschaft mit Herzog Friedrichs Hause verschaffte ihm Auskunft. Der Truchsess des Herzogs zeigte ihm unter der Schar von grunen Herren im Gefolge des Kaisers den Wildmeister von der Rhon. Dagobert stutzte bei dessen Anblick. Diese sanften Zuge, diese bescheidne Haltung verriethen durchaus nicht den rohen Mann, der sich eine Freude daraus macht, sittsame Frauen zu kranken. In dem ganzen Aussern des in schonster Alters Bluthe stehenden Wildmeisters fand der Beobachter nicht das Geringste, das seinen Auftrag und den Widerwillen der Schwester hatte rechtfertigen konnen. Unmuthig, seines Versprechens Fessel sich aufgeladen zu haben, folgte Dagobert nach vollendetem Gottesdienst dem Herrn von der Rhon in dessen Herberge. Wenige Augenblicke nach dem Letztern trat er in's Gemach, das der Wildmeister bewohnte, und, wie sich's auswies, nicht a l l e i n bewohnte. Eine junge kindlich hubsche Frau hing so eben bewillkommend an seinem Halse, ein Kind von zwei Jahren ungefahr lachelte ihm von dem Schoosse der Mutter entgegen. In dem engen Stublein herrschte ein Geist der Ordnung und Reinlichkeit, der die Zelle einer Nonne nicht vortheilhafter hatte schmucken konnen. Eine Minute beilaufig stand Dagobert unschlussig unter der Thure, unbemerkt von dem zartlichen Paare; aber des Wildmeisters Barenfanger gewahrte den Fremden und gab Laut. Der Herr von der Rhon ging aufmerksam gemacht dem jungen Cleriker freundlich entgegen, nothigte ihn einzutreten, und forschte hoflich nach seinem Begehr. Dagobert's Zunge weigerte sich, den Auftrag, der ihn hieher gefuhrt, in Gegenwart der jungen Frau kund zu geben. Er verlangte von dem Wildmeister geheim Gehor. Bilger uberflog den Boten mit seinen Blicken, neigte sich dann freundlich, und sprach: "Wurdiger Herr, ich denke, dass zwischen uns, die sich noch nie sahen, kein Ding bestehen kann, das meiner lieben Ehefrau ein Geheimniss bleiben musste. Indessen wurde ich dennoch Euerm Wunsche gern willfahren, aber ich muss bekennen, wie die Herberge von unsers gnadigsten Kaisers Lerten dergestalt eingenommen ist, dass mir und den Meinen diess kleine Gemach allein verblieb. Wollet Euch also hier Euers Auftrags entledigen."

Dagobert wollte reden, aber im Begriff es zu thun, sah er auf Mutter und Kind, wie diese sich herzten, und Engeln gleich zu dem fremden Manne emporsahen, und es war ihm, als durfe seine Botschaft nicht das Ohr der Unschuldigen beruhren. Er bat demnach den Wildmeister, ihm. auf die Flur zu folgen. Bilger, den Kopf schuttelnd uber solch seltsam Betragen, ging mit ihm. "Mich sendet Wallrade von Baldergrun," begann Dagobert, und sah alsobald den Wildmeister, erbleichen wie einen Sterbenden. "Wo ... wo .... ist sie, was begehrt sie?" stammelte er, der Sprache kaum machtig. "Sie ist hier;" antwortete Dagobert betroffen uber die zaubergleiche Wirkung der ersten Worte. "Hier?" Bilger musste sich am dem Fensterpfeiler halten. "Hier?" fuhr er fort, da der Bote, selbst von Staunen befangen, verstummte. "Und ich ... o sagt es heraus ... ich bin verloren?" "Ich begreife Eure Rede nicht;" sprach Dagobert, trostend, denn ihn erbarmte des Wildmeisters Zustand. "Der Unwille Wallradens, wenn gleich, wie ich jetzt befurchten muss, verschuldet, sucht Euer Verderben nicht. Das Erbfraulein begehrt nur Eure schleunige Entfernung aus ihrer Nahe. Eure Gegenwart, sagt sie, sey ihr verhasst, und wolltet ihr der Forderung nicht willfahren, so wurde sie thun, was Euch nicht gefallt!" "Die Schreckliche!" seufzte Bilger: "O, sie weiss zu lohnen, furchterlich zu lohnen. Aber ich werde ... ich muss gehorchen. Ohnediess hatte ich nicht lange hier verweilt. Sagt ihr, wurdiger Herr .... ich wurde scheiden .... sobald die Feiertage verflossen." Dagobert sah kopfschuttelnd in des Mannes zerstortes Angesicht. Bilger schlug die Augen scheu nieder. "Wurdiger Herr!" begann er dann zogernd: "Ich darf Euch wohl nicht fragen, ob Euch das Nahere bekannt, das zwischen dem Fraulein und mir obwaltende Verhangniss ....?" "O schweigt., schweigt!" unterbrach ihn Dagobert rasch: "hier wittre ich Unheil, und das ist, was ich nicht zu wissen begehre. Mein Staunen, Euch so leicht und knechtisch unter eines Weibes Wort gebeugt zu sehen, sey Euch Burge fur meine Unwissenheit. Ich bin Wallradens Bruder, und kenne weder meiner Schwester Herz noch ihr Schicksal, verlange Beides nicht zu kennen. Lebt wohl und vergebt mir die Sendung, die Euch also betrubt und erschreckt hat." Ohne des Wildmeisters Antwort zu horen, flog Dagobert die Treppe hinunter. "Ei, was gahnt mich denn so schauerlich aus. diesen Auftritten an?" fragte er sich befremdet: "Schier kommt mir Wallrade vor wie ein bos Gespenst, das den Menschen durch Unthaten zu seinem Leibeignen macht, um seine Seele mit seinem Leib zu verderben. Nein, Schwesterlein; ich begehre nicht, in Dein Spiel zu sehen, verschmahe es aber auch, Dein Knecht zu seyn!"

Noch am selben Nachmittage ging er, von mancherlei Gefuhlen beseelt, Wallraden heimzusuchen. In ihrer Wohnung fand er den Oheim, und die Herren von Konigseck und Montfort versammelt. Alle drei waren hochlich uberrascht, ihn eintreten zu sehen. Die edeln Freier beruhigten sich indessen bald, da sie vernahmen, der schwarze Herr, der ihnen in vergangner Nacht viel Unruhe verursacht hatte, sey niemand anders, als der Bruder ihrer Huldin. Monsignore Ranocchia lieferte dagegen einen Auftritt, der sich recht gut darstellte, wenn man annahm, Alles, was er vorbrachte, sey ihm Ernst; der aber fur die Hauptpersonen possirlich wurde, die wenig an des Oheims Aufrichtigkeit glaubten, und eben nicht besondre Lust verspurten, in ihrem eignen Verhaltniss Aufrichtigkeit walten zu lassen. Der Pralat sprach viel von der Stimme der Natur, die endlich doch immer siege, wenn gleich lange durch bosen Zwang darniedergehalten, von Geschwistern, die zuletzt doch der gottlichen Liebe ihren Hass opfern; und mit Freudenthranen segnete er den heiligen Tag, der Wallraden und Dagobert wieder zusammengefuhrt. "Ja!" rief er, die klaren Kunstthranen in den Wimpern; "der Himmel hat mein eifriges Gebet erhort. Geschehen ist die Versohnung, die ich zu meinem liebsten Gedanken erhoben hatte. Dieser wackre Neffe, den ich liebe, wie ein Vater den Sohn." Dagobert musste heimlich lachen. "Diese getreue Nichte, die ich im Herzen trage, wie eine Mutter die Tochter," Wallrade zuckte mitleidig die Achseln, "sie haben sich wiedergefunden durch mein Zuthun. Die erhabne Kirche, deren Festlichkeiten die Ketzer, Wiklefs und Hussens Junger, zu schmalern und zu entwurdigen gedenken, pflegt also durch ihre ruhrende Feier getrennte Seelen zu vereinigen; und ich, ihr unwurdig Geweihter, vereinige Euch zum zweitenmale durch diesen Friedenskuss!" Er kusste Dagoberts, Wallradens Stirne, und nothigte die Geschwister, sich zu umarmen. Aber wenn es moglich ware, dass zwei Bildsaulen von Granit sich in die Arme fielen, herzloser konnten sie nicht Brust an Brust ruhen, als hier die lebenden, von jugendlichem Blute durchstromten Menschen. Die Zuschauer empfanden alle Langweile, die ein solches Schauspiel gewahrt. Die Vesperglocken brachten daher einen angenehmen Eindruck auf sie hervor. Der Pralat griff eilig nach Mantel und Hut, um die Kirche nicht zu versaumen; der Herr von Konigseck bot Wallraden seine Begleitung in den Dom an, um daselbst den lustigen Pomwitzeltanz mit anzusehen, der ein Uberbleibsel des Heidenthums in der Christtagsvesper um den Altar getanzt wurde. Der Graf von Montfort schlug einen Gang in's Freie vor, aber Wallrade verweigerte alles, unter dem Vorwande, mit ihrem Bruder eine Sache von Wichtigkeit abthun zu mussen.

Die Herren sammt und sonders fugten sich in ihren Willen. Wahrend sie jedoch mit den verbindlichsten Worten Abschied nahmen, zog der Pralat den Neffen in das Fenster. "Es ist ein Beweis Deiner Klugheit," sprach er, "dass Du Wallradens Freundschaft suchtest, und ich belobe Dich desshalb. Die Herren Freier sind wenn gleich deutsche ungelenke Thiere dennoch nicht zu verwerfende Gonner, und ich fordre von Dir, dass Du Deinen augenblicklichen Einfluss auf Wallraden dazu benutzest, einen oder den andern ihr genehm zu machen, damit sie zur Ehe schreite. Beide sind ganz vernunftig in ihren Bedingungen die sie mir machten. Der Konigseck zahlt tausend Gulden baar; der Montfort bietet eine Prabende im Stiftmunster, oder zweihundert Sonnenkronen Jahr fur Jahr, zehn Jahre hindurch. Es soll dein Schade nicht sey, wenn Du die Widerspenstige zu Einem oder dem Andern zu bereden fahig bist. Empfange daher meinen Segen und sey klug. Besonnenheit und Vernunft verschaffen diesem Rocke Ehrfurcht." Mit dem edeln Herzen gieng der Oheim von dannen. Wallrade versicherte sich, dass kein Lauscher nahe sey, trat dann mit durchdringendem Blicke hart vor Dagobert hin, und fragte: "Nun, Bundesgenosse! Habt Ihr gethan nach meinen Worten?" Dagobert bejahte. "Wird er gehorchen?" fuhr sie fort, dringend und fest. "Er wird!" erwiederte der Bruder. "In wenig Tagen schon." "Hm! ich weiss;" sprach Wallrade mit fliegendem Lacheln: "ich erfuhr bereits ... er geht nach Morsburg, als bischoflicher Jagdmeister. Es kommt darauf an, ob er mir dort lastig scheint. In diesem Falle rechne ich auf Euern neuen Beistand, ihn von dannen zu treiben."

Diese Worte emporten Dagobert's Gefuhl, so gut er bis jetzt an sich gehalten hatte. "Ich begreife nicht," sprach er mit Heftigkeit: welch "unglucklich Schicksal diesen Mann, der einem Verbrecher nicht ahnlich steht, zu einem Geachteten, Vogelfreien gemacht hat, der vor der Drohung eines Weibes sich verbergen muss, jede Statte verlassend, wo er gedenkt zu bleiben; .. aber so wenig mir gelustet, der Theilnehmer Eures Geheimnisses zu seyn, so wenig biete ich auch ferner meine Hand zu dieser im Verbergenen schleichenden Gewalttatigkeiten. Hat dieser Mann Euch so schwer beleidigt, dass nur sein Verderben Euch zu versohnen vermag .... sagt's, und ich werfe diese Kutte auf einige Tage von mir, um mit dem Degen in der Faust den zu strafen, der Euch misshandelte. Das ist Bruderpflicht. Aber Euer Foltersknecht bin ich nicht, werde es nie seyn. Ich habe des armen Mannes Weib gesehen, sein Kind .... nicht mein Mund, nicht meine Hand wird das Geringste thun, diese Unschuldigen langsam mit zu martern durch die Qual des Gatten und Vaters."

"Sein Weib, sein Kind?" fragte Wallrade schneidend: "Sie sind hier? Diese Nachricht danke ich Euch. Schon hier? Sehr wohl. Der Herr von der Rhon wird wohl thun, so schnell als moglich von dannen zu ziehen. Nicht meinetwegen allein;" setzte sie langsam und laurend hinzu: "auch wegen des weichherzigen Bruders Empfindsamkeit, der die Laune hat, jungen Ehefrauen allein zugethan zu seyn, ware es auch seines eigenen Vaters Weib, seine Stiefmutter."

"Wallrade!" rief Dagobert entsetzt, und seine Zunge erstarrte ob der frechen Anklage."Laugnet!" entgegnete ihm Wallrade heftig und frecher: "Laugnet, was ganz Frankfurt weiss, was bis in meine tiefe Einsamkeit drang, und meinen Hass gegen Euch befestigte. Laugnet, was Eure Zunge lahmt, als ob sie Gottes Hand getroffen. Wagt es, mich zu beschuldigen und Euch heilig zu sprechen. Ich strafe nur ein Verbrechen, Ihr lebt aber noch in Schuld und Fehl. Euer falscher Mund, konnte mich gestern berucken, heute aber steht der eigensuchtige, verlaumderische, boshaft-uppige Bube Dagobert wieder in seiner vollen Blosse da, und von nun an keine Gemeinschaft zwischen uns. Thut was Euch beliebt. Das Schwert des Henkers legt sich zwischen Euch und mein Geheimniss, damit es der Schuldige nicht verrathe. Es ist todt fur Euch. Versucht aber auch ja nicht den Schleier zu luften; offenkundig machte ich dann Eure eigene Schande, und diesen Arm ..." hier hob sie drohend ihre Rechte ... "ist stark genug, auch in des Bruders Brust Genugthuung zu suchen. Verlasst mich jetzt."

Stumm vor Krankung, Wuth und Abscheu mass Dagobert die entartete Schwester mit einem Blicke der tiefsten Verachtung, und wendete sich von ihr, wie der fromme Martyrer von dem Bilde Baals, dem zu opfern die Tyrannei ihn zwingen will. Fest entschlossen, die Unheilathmende nie wieder zu sehen, ging er hinweg.

Neuntes Kapitel.

Der Reiter und sein geschwindes Ross,

Sie sind gefurchtete Gaste.

Schiller.

Der erste Tag des Jahres Eintausend vierhundert und funfzehn hatte sich eingestellt, zur Freude von Alt und Jung; denn obgleich der Winter jetzt erst anfing, so dachte schon Jedes mit Entzucken an die Fastnachtfreuden, und an die bald darauf folgenden gelben Himmelsschlussel, die lieblichen Herolde des Fruhlings. In Frankfurt war Alles lebendig, das Fest zu begehen; die Kirchen waren gedrangt voll, und auf den Gassen summte es frohlich umher. Aus den Pelz- und Zwillichmanteln schauten vergnugte Gesichter, und der Geschenke wurden fast viel gespendet. Freunde begabten Freunde, Verwandte den Blutsfreund, der Herr den Diener, der Unterthan seinen Vorgesetzten. Auf dem Romer sassen Burgermeister, Schultheiss und Schoffenrath, um die gewohnten Gaben zu empfangen. In den Gotteshausern waren die Opferstocke dazu geoffnet; Genossen der Bruderschaften der heil. Sebastian, Jost, Jorg und Stephan sammelten in verschlossenen Buchsen fur die milden Stiftungen von Haus zu Haus. Und durch all dieses Getreibe hupften Gesellen ohne Haus und Hof, Frau und Kind, die Trinkstuben und Zunfthauser fullend, weil an diesem Tage die strengen Zechordnungen so gut wie aufgehoben waren. Den Altburger Diether Frosch hielt sein Amt als Schoffe auf dem Rathhause fest; seine Ehefrau hatte die Liebfrauenkirche besucht, und wandelte nach ihrer Wohnung zuruck, da der Gottesdienst zu Ende war, als Else, die unter der Thure auf sie geharrt hatte, von Weitem schon auf sie zusprang. "Ach, liebe Frau," sagte sie eilig: "erschreckt nur nicht. Es sitzt ein Gast in Eurer Stube, der Euch nicht angenehm ist. Argert Euch nicht, und denkt an Eure kostbare Gesundheit." "Wer ist's, Unheilbringerin?" fragte die Altburgerin angstlich, und sah an ihrem Hause in die Hohe; da gewahrte sie, oben aus dem Fenster schauend, den Mann, dessen Anblick in der That ihrem Herzen nicht wohl that. Verdruss in Auge und Brust stieg sie hinauf, und trat, ohne denselben zu verhehlen, in ihr Gemach, wo ein langer Mann in ritterlicher, aber abgetragener Kleidung, bequem i m Lehnsessel sitzend, ihrer wartete. Sein sonnverbranntes Gesicht mit den Zugen eines Dreissigers trug indessen alle Spuren eines lockern Lebenswandels, so wie sein ubriges Aussere das Geprage der Durftigkeit aufwies. An seiner, in zwei Farben getheilten Tracht fehlte nichts, was zu dem Anzuge eines adelichen Herrn gehort, aber Alles war im ubeln Zustande. Der Federbusch auf dem fleckigen Hute hing wie eine trauernde Weide daruber her. Die Metallspangen und Hefteln des Wamms waren erblindet, die Zierrathen des verblichenen Mantels unscheinbar geworden; Handschuhe und Reitstiefel, sammt Sporen, Dolch und Raufdegen zeugten von langem Gebrauche und schlechter Besorgung. Zu der ganzen Gestalt, die von allen Unbilden der Hitze, des Frostes, des Schwertes und der Armuth gezeichnet war, passten vollkommen die ungeschlachten Geberden, die vernachlassigte Sprache, die der Redner immer mit ausdrucksvollen Bewegungen seiner hagern luftgebraunten Hande begleitete, und gaben das getreue Bild eines jener Edelleute, die nichts ihr Eigenthum nannten, als den durren Klepper, den sie ritten, das Wenige was sie am Leibe trugen, und ihr Wappen; die an den Kreuzwegen ihr wild Gewerbe trieben, und oft keine sichere Hohle hatten, um ihre Beute darinnen zu bergen. "Was soll das, Veit?", fragte Margarethe streng und finster: "Du schon wieder hier? Du magst wissen, dass Deine Gegenwart mich befremdet, mich in Unmuth versetzt." "Niemand ist darob bekummerter denn ich," antwortete der Fremde: "Du weisst aber, lieb Schwesterlein, dass ich nicht anders kann. Die Welt bekummert sich nicht um mich; ich muss mich daher um sie bekummern. Die Blutsfreunde laden mich nicht ein; daher muss ich mich schon selbst einladen." "Du bist ein zudringlicher Gast," zurnte Margarethe: "und jede Nachsicht macht Dich mehr zum Schmarotzer!" "Sey nicht bose, Gretel," versetzte Veit spottisch: "Dein schmuckes Angesicht wird hasslich entstellt durch den Zorn, und Du anderst damit doch nichts. Ich bin einmal da, um Dir ein glucklich Neujahr zu wunschen, und den Festtag bei Dir zu begehen." Mit einem Seufzer des Unwillens legte Margarethe Hut und Hauptfinster1 ab, hangte Mantel und Uberkleid in den Schrein, und setzte sich hierauf in ziemlicher Entfernung dem Bruder gegenuber. "Wo kommst du her?" fragte sie kurz und hart. "Zunachst von der Landstrasse;" erwiederte der rohe Mensch: "eigentlich aus unserm Rattenneste zu Gelnhausen". "Was macht die Base, wie geht es ihr?" "Hm; die Base ist noch lahm wie sonst. Einaugig ist sie jedoch obendrein geworden. Die Katze hieb ihr das rechte Auge aus. Im Uebrigen befindet sie sich wohl. Sie tratscht uber Kaiser und Reich, und hat dabei eine frische Esslust, trotz mir. Das ware nun freilich all gut, wenn wir nur mehr zu essen hatten." "Man muss genugsam seyn;" schaltete Margarethe trocken ein: "Nicht ein Jeder kann im Ueberflusse leben." "Gott's Marter!" rief Veit: "Du hast gar schone Spruchlein gelernt, seitdem Du selbst im Ueberflusse sitzest. Als Du noch daheim lebtest in unserm Gauerbenschloss, war Dir Alles nicht recht. Gar manch' liebesmal, da wir beieinander sassen, bei unserer Rubensuppe und Klaienbrod, hast Du Dich gekummert, dass nicht alle Menschen reich sind. Mich wunderts heute noch, dass Dich unser Herrgott, trotz Deinem Schelten, erhort hat, und Dich der grauhaarige Rathsherr zur Frau nahm. Seither hast Du uns rein vergessen, und doch ist unser Eulennest noch baufalliger, unsere Kost noch schmaler geworden. Die ganze Ganerbschaft kann keinen elendern Haushalt aufweisen, als den Deiner Base und Deines Bruders. Und doch gaben wir die Einwilligung dazu, dass unser Wappen erniedriget wurde durch Deine Verbindung mit einem jener Altburger, die sich zwar gern fur Adeliche ausgeben mochten, im Grunde aber doch keine sind, wenn sie schon selbst der Kaiser den Letztern gleich halt." "Genug Deines unverschamten Geschwatzes!" eiferte Margarethe: "Lang genug war ich die Thorin die sich in die Wunsche ihrer geldgierigen Verwandten fugte. Die tausendfaltige Unterstutzung, die ich Euch verlieh und die Ihr fur nichts rechnet, soll und muss aufhoren, denn verschuldet ist eure Trubsal. Ernahre ich Euch nicht sammt und sonders seit langer denn sechs Jahren? Hast denn Du nur ein einzigmal versucht, Dir das nackte Leben zu gewinnen? Frei wollt ihr seyn, wie der Sonnenstrahl, und zehren wie dieser an der Habe Eurer Blutsfreundin, die sich fur Euch einem ungeliebten Gatten hingab." "Sprich fur Dich selbst;" versetzte Veit kalt. "Bot ich der kranken Base nicht eine Pfrunde im Stifte der Witwe Wambach?" fuhr Margarethe eifriger fort: "Wollte mein Eheherr Dich nicht zum Hauptmann unter den laufenden Gesellen der Stadt vorschlagen, oder zum Reisigen des Raths, wenn Du zu stolz warest mit burgerlichen Hauptleuten zu dienen?" "Schweige mit den alten Grillen!" fuhr Veit trotzig auf: "Du reizest jetzt meine Galle. D i e n e n , schon diess Wort allein rechtfertigt meine Weigerung. Ich diene dem Kaiser selber nicht, und will mich eben so wenig, als die Base in ein reichsstadtisches Spital gehort, um ein paar Ellen Tuch an die Zunftkonige verdingen, die hier das Wort fuhren. Ich will meinem Stande gemass leben, und wenigstens frei seyn, ohne Eurer Burgermeister Brod zu essen."

"So gehe und sey frei!" entgegnete Margarethe: "Du bist auf dem besten Wege. Geh hinaus, plundere und faullenze. Werde der Schrecken der Kaufleute und Handwerksgesellen, und maste Dich von ihrem Schweiss. Ich thue nichts mehr fur Euch, und verweise Dich in Treuen auf das Gewerbe, das Dir langst kein fremdes mehr ist."

"Wer kann mir das beweisen?" fragte Veit hohnisch: "Und thate ich's, was war' es anders, als was die meisten meines Gleichen thun."

"Schame Dich, roher Mensch!" rief Margarethe: "Du schandest unsern Namen. Du bist der Spiessgeselle aller Nachtreiter, die das Land unsicher machen. Der Verdacht, den Mord des Pfarrherrn von Bonames verursacht zu haben, der vor zwei Jahren in der Fruhe zur Kirche gehend, von Schandbuben erschlagen wurde, ruht auf Dir. Du hattest ihm blutige Rache geschworen, weil er Dich im Beichtstuhl nicht losgesprochen."

"Lugen!" entgegnete Veit; aber sein Ton wurde gemassigter. Die Schwester fuhr indessen fort: "Auf diesen Verdacht hin hat man Dir die Stadt verboten. Wie kannst Du wagen, hier zu erscheinen? Mensch, Du steckst den Hals selbst in die Schlinge."

"Am heutigen Fest ist die Stadt ihren argsten Feinden erlaubt bis Sonnenuntergang;" versetzte Veit: "ich weiss, wie weit ich mich wagen darf. Ich bin nicht so einfaltig, wie der Wernher von Hyrzenhorn, der sich neulich fangen liess, und nun auf dem Eschenheimer Thurme sitzt; im Trocknen zwar, aber in Eisen und Frost. Entsinnst Du Dich noch des riesigen Kumpans der einst von Herzen gern um Deine Hand gefreut hatte?"

"Der grobe Junker mit den Sitten eines Trossbuben ist mir allerdings noch im Gedachtniss," antwortete Margarethe: "unser Vater war vor Zeiten sein Treuenhander und Vogt." "Pfleger und Mundel verjubelten gemeinsam ihr bischen Gut!" schaltete Veit ein: "'s war eine lustige Wirtschaft. Hore, den wackern Kampen konntest Du, fruherer Bekanntschaft eingedenk, aus seinem Kafich befreien, wenn Du wolltest, oder ihm mindestens zu billigern Bedingungen verhelfen, denn man will ihn nicht eher der Haft entlassen, als bis er seinen Thurm zu Wettershausen der Stadt zu Lehn gestellt, vierhundert Gulden als Losegeld erlegt, und vier adeliche Freunde vermocht hat, sich gleich ihm der Stadt zu Mannen zu verschreiben. Das Erste thut er nicht, das Zweite kann er nicht, und das Dritte thun die A n d e r n nicht."

"Was soll ich fur ihn bewirken konnen?" fragte Margarethe befremdet.

"Das Vorteilhafteste," erklarte Veit, "und das war mit zum Theil der Grund meines Ritts hieher. Mir ist es wohl bewusst, dass der Schultheiss Dich liebt, und ein Wortlein aus Deinem minnekosigen Munde setzt den Waffenbruder in Freiheit, ohne dass ihm besonderer Schaden zugefugt wird."

"Was kannst Du mir zumuthen?" fragte Margarethe staunend und besturzt: "Welchen Begriff machst Du Dir von meinen Sitten, meiner Zucht? Ich liebe den Schultheiss nicht."

"Thue nicht so heilig, mein Taublein!" versetzte Veit lachend: "Wir wissen das besser. Der Schultheiss ist ein stattlicher Mann; stattlicher noch, als Dein guter Stiefsohn, der Dir auch gar hold war, und Dein Eheherr ein Lazarus, ein a l t e r Lazarus obendrein, dessen gichtbruchige Beine ihm den Dienst versagen, weil er sie nach 66 Jahren noch nicht zur Ruhe legen will."

"Frecher Spotter!" sprach Diethers Frau, errothend im stolzen Unwillen: "Beuge Dich vor den grauen Haaren meines Herrn, dem Du Ehrfurcht schuldig bist."

"Ehrfurcht! Ei warum denn?" lachte der Bruder: "Etwa desshalb, weil er mich darben lasst, und Dich angesteckt hat mit seinem schmutzigen Geize? Oder, weil er gegenwartig auf dem Romer sitzen und die Geschenke mit empfangen darf, die der Pobel seinen saubern Herren bringt? Wohl bekomme ihm das Wurzgeschenk und die Malvasiersuppe, die ihm die Juden bringen; Gott gesegne ihm die Honigkuchen mit denen die weissen Frauen den Rath heute bedanken. Lieber war' es mir jedoch fur Dich und mich, Du hattest ihn schon zu Tod geargert, und man sange das De Profundis uber seinen starren Leib. Du hattest dann nicht Noth, den Tugendspiegel langer vorzustellen, und ich wurde am Ende Vormunder uber Deinen Buben, der leider Frosch heissen muss, ob er gleich ich schwore darauf kein Frosch ist."

Diese gemeine Zweideutigkeit fertigte die Verletzte mit einem verachtlichen Blicke ab, weigerte sich jedoch hartnackig den Knaben herbeibringen zu lassen, welches der werthe Oheim angenehm dringend, wie immer verlangte; und wahrend dieser Weigerung kam Diether im volligen Staate eines Schoffen nach Hause. War Margarethens Staunen bei dem Anblick des unwillkommenen Bruders gross gewesen, so uberstieg das unmuthige Befremden Diethers dasselbe noch bei Weitem. Die Ungezogenheit des Gastes liess es aber nicht zum Ausbruch kommen: "Glucklich Neujahr!" schrie er, dem Schoffen an den Hals fliegend: "so viel Gesundheit, als dazu gehort, Methusalems Alter zu erreichen, so viel Geld als der Kaiser brauchen wurde, um zu sagen: Ich habe genug; und so viel Gluck als Tochter der Freude hier zu Frankfurt hausen! Ich zweifle nicht, dass Ihr diese Wunsche mit einem feinen Geschenk vergelten werdet, und will es in dieser Voraussetzung dabei bewenden lassen, alter Schwager."

Diether blickte ihn stumm und achselzuckend an. "Mit einem guten Rathe zum Mindesten will ich des Uberlastigen Gluckwunsche, so widerlich sie sind, vergelten," sprach er, "kommt ja nie mehr gen Frankfurt; stellt Eure Auflauerungen in der Umgegend ein; haltet Euch fein still zu Gelnhausen. Paul, der Webergesell aus Bonames ist so eben in seines Meisters Hause in der Schnarrgasse verschieden, nachdem er ein Bekenntniss abgelegt, das uber den zu Bonames verubten Mord viele, die wichtigsten Aufschlusse gibt. Der Stadtpfaffe2 wird das Bekenntniss bei Rathe niederlegen und auf Eure Verdammung antragen."

Veit wurde blass; ermannte sich jedoch: "Verdammtes Lugengespenst!" rief er: "Der Rath hat nicht mich zu verdammen, ich stehe nicht unter ihm."

"So haltet Euch auch fern von seinem Weichbild," ermahnte Diether: "die Unthat ist auf seinem Boden verubt worden, und wir verstehen keinen Scherz. Dass ich Euch jetzo warne, lauft schon wider der meine Pflichten. B e r u c k s i c h t i g t aber mindestens diese Warnung, und bringt ferner uns nicht Gefahr durch Eure Einkehr."

"Gefahr?" lachte Veit mit grimmigem Hohne: "E h r e bringe ich Euch; mehr Ehre, denn Ihr verdient, ungastlicher Mann. Ein Sprosse alten Geschlechts, wie ich bin, sollte sich Recht vor Recht scheuen, in ein Haus wie das Eure zu treten; diese Auszeichnung verdankt Ihr nur Eurem Weibe, das sich zu Euch herabliess. Ich hoffe dafur nicht mit Undank belohnt zu werden. Fur's Erste weigert Euch nicht, mir den Jahrgehalt verabfolgen zu lassen, den Margarethe mir bisher zahlte; zehn Pfund Heller, nicht mehr, nicht weniger. Gerade so viel kostet's, um Burger bei Euch zu werden lege ich zwei Pfund darauf, so kann ich einen Mord abthun vor Gerichte, war's auch der des Pfaffen zu Bonames."

Margarethe schlug beschamt die Augen nieder. Diether sah strenge auf sie, und sprach: "Ich wusste wohl, dass meine Ehefrau Euch zudringlichen Gesellen dann und wann mit Almosen bedachte, aber von einem Jahrgehalte weiss ich nichts, und ein so Reichliches erwartet nimmer."

"Ihr wisst wohl von Vielem nicht, was Euere Wirthin thut;" ausserte Veit hamisch grinsend: "'s ist kein Wunder; nicht Eure Haare allein, auch Euer Verstand und Witz ist alterschwach geworden."

"Glaubt ihm nicht, dem schamlosen Lugner;" bat Margarethe den stutzig werdenden Gatten. "Er missbraucht auf unerhorte Weise die Blutsfreundschaft, die mich leider an ihn fesselt. Ich gab nie so viel; Eure Gebote waren mir heilig, lieber Herr!"

"Glaubt ihr doch;" spottete Veit ihr nach: "Im Grunde sagt sie die Wahrheit. Nicht sowohl zu meinem Nutz und Frommen, als zu Andrer Wohlseyn wird sie Euere Geldtruhe leeren, und wohl bekomm's Euch, schabiger Filz. Indessen saumt nicht, mir das verlangte Geld einzuhandigen. Ihr mochtet sonst einen Tanz erleben, dass Euch die Haare zu Berge stehen."

"Ihr droht, in meinem Hause?" fuhr Diether zornig auf: "So ihr Euch vergesst! ...."

"Wir haben ein lustig Spruchlein;" sprach Veit unbekummert weiter: "das lautet also: Rother Hahn und rothes Eisen soll den Burgern Sitte weisen! Merkt Euch das. Der Hahn kommt geflogen, ehe man sich's versieht; und das Eisen braucht nur eine kuhne Faust. Zahlt aus, sturzt den Seckel. Schon um die Freude, mich los zu seyn, sputet Euch."

"Schandlicher Bube!" grollte der Altburger, und knupfte den Beutel ab, den er am Gurtel trug, und dem Schwager verachtlich vor die Fusse warf. Dieser hob ihn aber geschmeidig auf, wog ihn in der Hand, und sagte: "'s wird weniger seyn, denn ich verlangte; dafur seyd Ihr aber auch ein Frankfurter Burger, der sich nicht schamt, an seinem Wechseltisch mit dem schmutzigsten Gewertschen3 um einen falschen Schilling zu judeln; und, wenn ich Zeit habe, hole ich das Fehlende nach."

"Thut es nicht," entgegnete Diether: "es mochte Euch theure Zinsen kosten. Packt Euch jetzt. Der Imbis wartet auf uns, und fur einen verwiesenen Landstreicher ist kein Stuhl an meinem Tische."

So eben brachte Else den kleinen Hans herein, und Veit flog wie ein Stossvogel auf den Knaben zu, und herzte ihn mit widriger Zartlichkeit, so sehr Kind, Magd und Mutter es zu wehren suchten. "Lasst mich doch!" rief der Junker: "ist der Bube doch mein Neffe; gewisser mein Neffe, als Euer Sohn, Graubart! Hore doch, mein Junge, den alten Mann, welch tolles Zeug er redet. Der Kaiser kann nicht hochmuthiger seyn, als er. Lache ihn aus, dicker Bube, lache ihn aus."

Diether, der kaum seinen Zorn noch massigen konnte, winkte Elsen zu gehen. Veit hielt den Knaben zuruck, und wollte ihm einen Kuss auf die Wange drukken. Das wilde Gesicht und der hangende Schnauzbart des Ohms schreckte jedoch den Kleinen, und mit dem Ruf: "Lieb Vaterlein! hilf mir von dem Manne!" entsprang er dem Leuenberger und eilte in Diether's Arme. Der Junker schlug ein helles Gelachter auf. "Lieb Vaterlein!" rief er: "Lieb Vaterlein! Sie haben Dir das Vaterunser gut gelernt, mein Sohnlein, wenn sie auch selbst nicht dran glauben. Ich wunsche Euch Gluck zu dem Buben, Alter. Kein Zug von Euch in seinem Gesichte; gewiss auch keine Ader von Euch im Herzen. Er wird einst Euern schlechten Namen zu Ehren bringen. Verlasst Euch darauf, und lebt wohl. Ich mochte nicht gerne uberlastig seyn, darum gehe ich jetzt schon. Zahlt indessen immer Geld fur mich ab; und Du, lieb Schwesterlein, vergiss nicht fur Deinen ehemaligen Freiersmann ein gut Wort bei Deinem treuen Freunde einzulegen."

Nun war dem Ausbunde roher Bosheit das Niemand schonende Gift ausgegangen, und er ging davon uber die Schwelle des Hauses, in welchem er den nagenden Keim des Unfriedens zuruckliess. Diether verlor zwar kein Wort uber die abscheulichen Andeutungen des feinen Buschritters, aber sein Schweigen war der Vorbote einer bosen Zeit, und Margarethe, von Schuld nicht rein, wenn auch vor des Bruders Anklage ohne Fehl, that, von Gewissensangst befangen, keinen Schritt, dies feindliche Schweigen zu brechen, das den frohen Neujahrstag in eine trube Nacht stummen Zwistes verwandelte. Von der andern Seite war es in des Lauenbergers Brust bei weitem nicht so ruhig geblieben, als vielleicht sein kalter Spott ahnen liess. Er kochte verzehrenden Grimm, denn die Drohund Schmachworte, die sein Schwager gegen ihn gebraucht, hatten den wunden Fleck seines Ehrgefuhls unsanft beruhrt. Die Furcht vor den reichsstadtischen Zwang- und Halsgesetzen allein hatte ihn abgehalten, sich thatige Rache auf dem Fleck zu nehmen. Die unersattliche Habgier, die, aller Weigerung ungeachtet, demnach in der Zukunft neue Nahrung erwartete, hatte auch ein begutigend Wort dazu gesprochen; aber die furchterliche Suhne, die der Augenblick nicht gebaren durfte, sollte nichtsdestoweniger in der Folge die Verunglimpfung vergelten. Mit diesem Gedanken beschaftigt, stieg der Herr von Leuenberg in seiner Winkelherberge zu Pferde, nachdem er sein durftig Mahl und Mittagsruhe gehalten hatte, und klepperte, sobald die Thore wieder nach der Vesperzeit geoffnet worden waren, von dannen; denn die Sonne ging bereits zu Ruste, und die Stunde war im Schlagen, die den Stadtfeind seinen Gegnern erlaubte.

Seine raschtrabende Mahre legte mit Windesschnelle den Weg bis uber die nahe Warte zuruck, und hier schopfte der Behutsame neuen Athem. Theils um dem beginnenden Schneegestober auszuweichen, theils auch um sich zu erfrischen; wohl auch in der Hoffnung, auf Bekannte zu stossen, lenkte er links von der Heerstrasse ab, nach der Gegend zu, wo zwischen sanft anstrebenden Anhohen ein wenig besuchter Hohlweg durchlauft und zu einer Wustung fuhrt, an deren Ende, von Erdauswurfen, wie von Vertiefungen und kruppelhaften Buschwerk gedeckt, eine elende Schenke stand; die Herberge herren- und gesetzlosen Gesindels grosstentheils, dann und wann der verstekkte Schlupf- und Lauerwinkel hungriger Raubjunker; am seltensten wohl das Nachtlager irgend eines verirrten, von Sturm und Regen hier zum Ubernachten gezwungenen ehrlichen Wanderers. Weder dem Leuenberger, noch seinem Gaule war das raucherige Nest ein unbekannter Ort, denn in der einbrechenden Dammerung, wie auf bosem, aufgewuhlten und dann wieder hartgefrornem Pfade erreichten sie ihn blindlings. Der Reiter klopfte, zum Zeichen, dass ein guter Freund angekommen, mit der Gerte an die armseligen Schiebefenster, zog sein Pferd unter die elende Bedachung von Tannenasten, die einen Stall vorstellen sollte, band es an einen Sparren fest, und trat, nachdem er ihm Hackerling vorgeschuttet, und eine Last Stroh, von dem Huttendach gerauft, untergeworfen, in das Innere der verrufnen Kneipe. Ein altes Weib kauerte am Herde, und muhte sich ab, das nassgewordene Reisig in Flammen zu blasen; eine junge Dirne von unlieblichem Angesichte, schlief in der Ecke mit einigen daselbst aufgeflogenen Huhnern um die Wette. Sonst keine Seele in der Hutte, und ein Paar elende Tische aus Balken gezimmert, dergleichen Banke, und ein Kandelbret mit unsaubern Krugen und holzernen Bechern versehen, waren das ganze Gerathe der Stube, auf deren Estrich man mit der grossten Vorsicht wandeln musste, um nicht in einem der Locher desselben ein Bein zu brechen. "Ein Glas Funkelhans!"4 rief der Eintretende der Alten zu, die auch alsobald mit tiefem Reverenz das Verlangte herbei brachte und einen frischen Lichtspan aufsteckte. "Ich werde hier bis morgen verweilen," fuhr Veit mit vornehmen Tone fort: "Die Nacht hat mich ubereilt, und ist keines Menschen Freund." Das Weib nickte beifallig, versicherte, es werde ihr eine Ehre seyn, den Junker zu beherbergen, und machte sich wieder an ihr Geschaft. "Was braust Du da Alte?" fragte Veit, um das Gesprach nicht ersterben zu lassen. "Habersuppe, edler Herr;" erwiederte die Wirthin, indem sie einen derben Kessel an's Feuer ruckte. "Wer geht heute bei Dir zu Tafel, alte Hexe?" fuhr der edle Herr fort: "Die Bruhe ist zu lang fur Deinen und Deines Tochterleins Hunger." "Hm!" grinste das Weib: "Ihr wisst ja wohl, dass wir oft Gaste haben, und so auch heute. Mein Mann hat bei Bergen ein Geschaft, das ihn bis in den spaten Abend vielleicht aufhalt. Wenn er heim kommt, wird er hungrig seyn, und die Gesellen nicht weniger." "Was gibt's heut zu Bergen?" erkundigte sich der Leuenberger. "'S ist dort Tanz und offne Lustbarkeit;" klang der Bescheid: "Ein reicher Burgersohn von Friedberg, der vor der Adventzeit die schone Eva von Bergen geehlicht, halt heute ihren Mahlschatz, und gedenkt, ihn noch gen Friedberg zu schaffen." "Er gedenkt, ..." brummte Veit hohnisch; "so, so! Dein Alter denkt aber weiter, nicht wahr?" "Ach grosser Gott!" seufzte das Weib, die Augen verdrehend: "Man muss freilich sehen, wie man kummerlich sein Leben durchbringe." "Kummerlich!" spottete der Gast: "Ihr Lugenvolk! Nur das Schlechte lasst ihr liegen; das Beste nehmt Ihr, und heuchelt obendrein Armuth gegen Leute, die Einiges von Euren Kniffen verstehen." "Lieber Herr," erwiederte die Wirthin: "'s ist lauter Wahrheit. Mit den Kumpanen muss man theilen; das Kostbarste verscharren, darf das liebe Gut nicht sehen lassen. Oft sagte ich zu meinem Manne: Marten! sagte ich zu ihm: War's nicht besser, wir fingen an ehrlich zu arbeiten, und konnten ruhig leben und uns wohl seyn lassen, als von ungerechtem Gut reich seyn, und es verbergen mussen, und zittern mussen vor Entdeckung? Da lacht er mich aber jedesmal aus, und sagt: Wart nur, Weib, bis wir genug haben, dann wallfahrten wir nach Compostell, opfern dem heiligen Jakob eine silberne Krone, holen uns Ablass, und kaufen uns alsdann am Rheine an." "Ein seines Vorhaben," lachte Veit: "So habt ihr noch immer die Aussicht als Ehrenleute zu sterben, vielleicht noch selig gesprochen zu werden, wenn ihr auf dem Todbette irgend ein Kloster reichlich bedenkt." Die Alte wurde empfindlich. "Warum sollen wir denn etwa nicht des Paradieses theilhaftig werden? Mein Marten hat noch keinen Pfarrherrn erschlagen." "Verfluchte Spotterin!" fuhr Veit auf, und griff nach dem Dolche. Die Alte rannte schreiend nach der Ecke, in der die Tochter schlief, und weckte diese durch ihr Gejammer.

"Was schreit Ihr denn also?" fragte die Erwachende in schlaftrunknem Gleichmuthe: "Der Herr wird Euch nicht im Ernste erstechen wollen, und in Eurem luderlichen Gewerbe sollt Ihr blanker Messer schon gewohnt geworden seyn." Veit musste uber die faule Predigt lachen, die das hassliche Magdlein hielt, und steckte den Dolch wieder ein. "Komm her, Alte," rief er: "'s war nur mein Scherz. Und Du, garstige Bussrednerin, lege wieder Dein Haupt zur Ruhe. Unser Gesprachsel wurde Dein frommes Ohr argern."

"Das wurde es auch;" versetzte die Dirne, wie oben. "Ich will mich daher lieber draussen im Stalle zur Ruhe legen, als in Eurer Nahe." Sie stand auf, und ging. "Madel, draussen pfeift der Schneewind;" rief ihr die Mutter zu. "Mein Ross steht im Stall, und kann nicht gut Gesellschaft leiden!" fugte der Junker bei. "Was thut das?" fragte die Dirne entgegen: "Schneeluft ist kalt, aber kalter der Schooss einer gottlosen Mutter. Unter den Hufen eines schlagenden Rosses schlaft der Gerechte besser, als unter'm Schirmdache des Bosen. Gute Nacht!" Sie verschwand, und bei dem Ernste ihres Abschieds war dem Leuenberger unheimlich um's Herz geworden. Unheimlicher noch der Mutter, die trubsinnig beim Feuer sitzend, die Hande faltete, und in die Flamme starrend, die dicken Thranentropfen ungetrocknet liess, die in ihren grauen Wimpern hingen. "Die Maid bricht noch mein Herz, ..." seufzte sie endlich: "und ich darf sie nicht schelten, weil sie die einzige Unschuldige im Hause ist." "Eine Narrin ist sie!" brummte Veit murrisch. Die Alte versetzte aber eifernd: "Nein, lieber Herr, sie ist verstandiger, denn Eine ihres Alters. Die Klostermagd am uralten Stifte der Reuerinnen zu Frankfurt, war der Dirne Taufpathin, und brachte sie, da sie zehn Jahre alt geworden, und ich noch rustig dem Haushalt vorzustehen vermochte, als ihre Helferin in dasselbe Stift. Daselbst wurde unsre Judith zwanzig Jahre alt, und uberlebte ihre Pathin, und trat an deren Stelle, bis ich, vergesslich werdend und an Kraften abnehmend, sie wieder zu uns forderte. Sie weigerte sich auch keineswegs, und kehrte heim, geschickt und gewandt, und ausgestattet mit Bibel- und Sittenspruchen, die sonst an uns gemeinen Leute nicht kommen. Ihr Verstand merkte bald, wo es leider in unserm Hause hinaus will, und ihre Frommigkeit spricht oft Donnerworte gegen uns aus, vor denen nicht selten mein Mann selbst erzittert. Im Anfang wollte er die Judith s c h l a g e n , aber es war immer, als ob ein Engel seine Hand aufhielte, obgleich die Dirne gelassen Rucken und Wange bot. Und da wir nun sahen, dass sie unverdrossen ihre Arbeit verrichtet, und das vierte Gebot ehrt wie eine Heilige, so liessen wir sie reden, und haben uns an ihre harten Ermahnungen gewohnt, beachten sie gar nicht, wenn sie nicht etwa dann und wann mein Mutterherz zu schonungslos angreift, wie just heute. Ich habe sie ja doch g e b o r e n ! "

"Eben darum;" versetzte Veit gleichgultig: "die Barin muss etwas von ihrer Brut vertragen konnen. Schlechtes Volk seyd ihr, das leidet einmal keinen Zweifel. Nehmt immerhin das Kreuz auf Euch, fugt Euch der Tollheit Eures Sprosslings, und dankt dem Satan, wenn die Verruckte Euch nicht einmal an die Gerichte verrath."

Die Alte schuttelte unglaubig den Kopf. "Das thut sie nimmermehr!" sprach sie: "Ich habe einmal von ihr verlangt, sie sollte einen Eid darauf schworen." Sie aber hat's nicht gethan, und gesagt: "So Ihr auf ein leeres Wort von mir vertraut, mehr als auf mein kindlich Herz, so verdientet Ihr, dass ich hinginge und Euch verriethe. Sorgt indessen nicht, fur Eure Sunden will ich bussen, wenn's Noth thut, weil es geschrieben steht, dass die Unthaten der Eltern bis in's vierte Glied forterben, ... aber nimmer sie vergehen vor der Welt."

"Desto besser!" lachte der Leuenberger: "Da habt Ihr ein gutmuthig Schaflein, das, wenn einmal der Stab uber Euch gebrochen wird, fur Euch den Hals streckt, und bei dem lieben Gott Eure Furbitterin wird. Stille aber jetzt mit dem thorichten Geplauder. Weisst Du schon, dass Euer alter Geselle, der Weber Paul von Bonames, gestorben?"

"Nein, werther Herr," erwiederte die Alte: "Ihm sey das Freudenreich dort oben, wenn's also sich verhalt."

"Den Teufel auch!" schalt Veit: "Der Holle Schwefelpfuhl sey dem niedertrachtigen Buben, der auf dem Sterbelager zur Plaudertasche wurde, und mir ubeln Leumund brachte. Ich kummre mich freilich wenig um die Ellenreiter zu Frankfurt, aber verdrusslich ist's doch immer, wenn solche Menschlichkeiten zur offnen Sprache kommen."

"Ja wohl, ja wohl!" bekraftigte die Alte: "Paul war sonst einer der Besten unter meines Martens Leuten, bis er fromm wurde, und sich in Reue und trostlosem Nachgrubeln sein Ende herbeizog. Mein Mann erzahlte oft, der Paul fuhre einen Stoss, trotz einem Walschen, und Stich und Tod sey Eins bei ihm."

"Dem war auch so," versetzte Veit: "bis der Kerl zum Schurken wurde."

"Dass solche kecke Leute auch dahinfahren mussen!" fuhr das Weib fort: "Ich darf es wohl bekennen; die besten Gehulfen Martens, den doch allgemach Augen und Kraft verlasst, kommen nach und nach von seiner Seite. Dreie sind ihm noch geblieben von der ganzen Schar, die er seit mehr denn zwanzig Jahren muhsam herangezogen. Und von diesen Dreien wird nachstens der Beste, der Jude, sich trennen, wie mir mein Mann mit Verdruss geklagt."

"Wie?" fuhr Veit uberrascht auf: "Der Jude, der pfiffigste aller Galgenvogel, der unverzagteste aller Morder hat Euch den Dienst aufgekundigt? Blitz und Strahl! Wegen seiner bin ich eigentlich hier. Seiner Geschicklichkeit bedarf ich ja gerade am allermeisten."

"Die wird Euch auch nicht entstehen;" trostete die Alte: "Kann die Arbeit bald gethan werden, so verrichtet sie der Rothe gern fur Euch. Ihr kennt ihn und uns ja nicht von gestern. Aber im nachsten Sommer wird er eine Frau nehmen und gen Worms ziehen, und das Messer an den Nagel hangen, um ein ehrlicher Mann zu werden. Der Bursche hat gar leicht zu reden und zu thun. Den besten Theil jeder Beute hat er fur sich genommen, und sein Gewissen ist vollkommen ruhig, denn ein Jude begeht keine Sunde, wenn er einen Christen plundert oder erschlagt, so wenig als es etwas zu sagen hat, wenn ein Christ einen Hebraer todt macht."

Schone Weisheitslehren! dachte Veit fur sich, und wunschte sich weit hinweg von dem entmenschten Weibe in die Gesellschaft der rohesten Manner. Sein Wunsch wurde bald erhort, denn ein dumpfes Gerausch wurde, fern herkommend, vernommen. Die Alte spitzte das Ohr, offnete behutsam den Schiebladen, horchte und flusterte in die Stube herein: "Sie kommen, edler Herr; sie sind's!" Auch Veit legte sich auf die Lauer. Das Gesumme kam naher leichte Tritte, dann Gestolper auf dem holprigen Pfade, der von der Bergener Anhohe herunter fuhrte, ... mitunter leises Stohnen, wie das eines Geknebelten darauf folgende halblaut hervorgepresste Fluche; ... endlich verlor sich Alles hinter der Hutte, und schien plotzlich still zu werden. Mit einer Ungeheuern Seelenangst schlug die Alte aber das Fensterlein zu, packte den Junker wie eine Verzweifelnde am Arm, und murmelte mit klappernden Zahnen: "Betet, betet ein Paternoster, lieber Herr, ... ein Ave fur die arme Seele: Sie sind zu den Weiden am Sumpfe gegangen ... Gott erbarme sich!" Veit, dessen Haare sich auf dem Wirbel straubten, machte sich mit aller Gewalt von der Entsetzlichen los, und wollte zur Thure, zu welcher eben Judith wie ein bleicher Schatten eintrat, umweht von schaurigem aus duftiger Nachtferne dringendem Geachze. "Wo wollt Ihr hin?" fragte die Dirne hohl und bebend: "Bei den Weidenbaumen wird das Werk gethan, auch ohne Euch. Wahrlich! besser ware es, mit dieser Hutte umzukommen im feurigen Pfuhl, als den Mord zu sehen, an welchem wieder ein Gerechter verblutet."

Ein herzzerreissendes Stohnen aus der Ferne war das Letzte, das gehort wurde. Lange blieb es nun stille; endlich horte man ein Rauschen im Moore, wie das Versenken schwerer Steine, und kurz darauf kamen hastige Schritte auf die Hutte zu, in welche drei stammige Kerle traten. "Guten Abend!" war ihr erstes Wort; "Wer da?" ihr zweites, da sie des Fremden gewahrten, der ihnen indessen bald kein Fremder mehr war, wie die rohe Freundlichkeit des alten Marten bewies, der ihn zuvorkommend aufnahm. "Wasser!" herrschte Einer von den andern hochgewachsenen Burschen der Dirne zu; und gemessenen Schritts holte diese den Schwenkkessel vom Kandelbret, in dem sich der Wildblickende die Hande wusch. "Reinige Deine blutigen Hande, Zodick;" redete das Madchen zu ihm: "von Deiner Seele geht der rothe Flekken nicht ab, bis er sich vor dem Herrn in hollische Flammen verkehren wird." "Schweig, Aberwitz!" polterte der Jude, die Faust gegen sie erhebend. "Dass i c h schweige," versetzte die Magd, "ist kein Wunder, da ich Deine Schlage furchte, dass aber der dort oben schweigen kann bei solchem Mordgraul, ist ein unverstandlich Mirakel!" "Wahnsinniges Thier!" entgegnete Zodick verachtlich, und setzte sich zu den Ubrigen. Die Alte trug Most auf, und die Habersuppe, die den Ubrigen mundete. Zodick zog aber ein Stuck Brod aus der Tasche, und einige Zwiebeln, um sie zu speisen, legte dann sein Messer in des Herdes Kohlen, und forderte seinen besondern Becher, seine besondre Flasche. Beides, mit eingeschnittnen Zeichen versehen, wurde gebracht; in dem Most, der ihm vorgesetzt wurde, loschte der gewissenhafte Jude die gluhend gewordne Klinge ab, murmelte: "Koscher! koscher! koscher!" vor sich hin in den Bart, und trank und ass dann mit den Andern drauf los, die ihrerseits ebenfalls die grosste Scheu zeigten, etwas zu beruhren, dessen sich der Hebraer bedient hatte. "Wo ist Jost?" fragte die Alte, einen der gewohnten Tafelgenossen vermissend. Der Wirth zuckte schweigend die Achseln, der Andre blies gleichmuthig uber die flache Hand weg, Zodick aber antwortete frech. "Was gibt's da zu verhehlen? Gebeckert hat er. So wahr als wir sitzen hier am Tische, so wahr hat ihn der Goi, der nicht lassen wollte vom Gelde, darniedergestreckt mit e i n e m Hieb. Darum hat er auch mussen an's Messer, und hatt' ich ihn schleppen mussen sechs Stunden weiter, ich hatt' ihm sein Blut nicht geschenkt." "Barenwuthig hat sich der Bursche gewehrt," fuhr Marten fort: "er meinte uns alle in die Flucht zu schlagen durch sein Schwertlein. Aber nichts da. Wolf hieb ihm die Sehne der rechten Faust mit dem Messer durch, ich rannte ihn zu Boden, und der Jud stiess ihm den Knebel in den vorlauten Schreihals. Fort mit ihm uber Stock und Stein bis hieher, wo ihn Zodick abkehlte. Er schlafe wohl; im Sumpfe ruht er, sanft gebettet, und kommt gewiss nicht wieder, sein Geschmeide und sein Geld zuruckzufordern."

"Gott wird's an seiner Statt, und die Thrane seiner Witwe!" sprach Judith feierlich: "Ich aber will am Rande des Moors fur seine arme Seele beten." Sie ging hinweg, und die Alte folgte ihr bald nach, um durch aberglaubische Formeln ihr zagendes Gemuth zu beschwichtigen.

"Dass Du dem unnutzen Ding das Gedibber nicht verbieten magst!" schalt Zodick gegen Marten. "Verbiete der Gans das Schnattern," antwortete dieser mit vieler Ruhe. "Mag die Dirne doch reden, was sie will; wir thun, was w i r wollen." "Jetzt zum Beispiel, wollen wir theilen," meinte Zodick mit seiner gewohnten Grobheit; "heraus mit dem Fang; ich muss heute noch zur Stadt, sonst merkt mein Herr Unrath." Marten winkte ihm mit den Augen zu, und deutete verstohlen auf den Leuenberger, der, ohne Antheil an dem Gesprache zu nehmen, ruhig in der Ecke sitzend, einen gunstigen Augenblick erwartete, sein eigen Gesuch anzubringen. Zodick verstand Marten's Geberde wohl, aber, lachend die Kappe auf dem Wirbel drehend, antwortete er: "Immer zu! immer zu! 's hat keine Noth. Der Herr ist nicht dabei zum Erstenmale. Ihr furchtet wohl, er mochte versucht seyn, uns alles abzunehmen mit seinen Spiessgesellen? Weit gefehlt. Dazu ist er zu fein, und weiss, dass das Messer der Blutzopfer trifft, hinter'm Schutzgatten, wie hinter'm Altar."

"Macht Euch keine Sorgen;" bestatigte Veit unbefangen; "vor Euern Genickfangern habe ich alle Ehrfurcht. Weit entfernt, mich ihnen selbst zum Ziele zu geben, will ich diesem wackern Rothkopf vielmehr eine Arbeit auftragen, die ihm wenig Zeit kosten, aber Vortheil bringen wird."

"Desto besser!" versetzte Zodick mit abscheulichem Grinsen. "Davon nachher. Vorab die Theilung. Frisch daran. Zahlt die Masumme, putzt die Scheinlinge. Steht die Wache vor der Thure!"

"Meine Alte passt auf;" erwiederte Marten, und langte eine schwere Geldkatze hervor, die auf den Tisch geleert eine nicht unbedeutende Sammlung von Geld und Kleinodien, wie sie die Burgersleute zu tragen pflegten, enthielt. Veit stand am glimmenden Herde, und schaute auf die drei Schurken heruber, die mit einer ekelhaft habsuchtigen Schnelligkeit den ganzen Raub in drei Theile zerrissen, von welchen der grosste und beste dem Juden anheimfiel, der obendrein mit vieler Spitzbuberei den andern Bosewichtern, die auf deren Theil gefallnen Kostbarkeiten um einen Schelmenpreiss abschacherte, und abdrangte. Noch im letzten Augenblicke des saubern Geschafts stahl er seinen Gesellen mit gewandten Fingern einige Silberstucke, und auf ihre Einsprache zuckte sogleich des Juden blutgewohnte Faust nach dem Dolche, den die Andern so sehr furchteten, dass sie jeden Anspruch auf der Stelle fahren liessen. "Lasst doch den Hader," sprach Veit, sich einmengend; "es ist schon spat geworden. Legt Euch zur Ruhe, ihr Leute. Ich muss mit dem Rothen noch ein Paar Worte reden." Marten und sein Kumpan fugten sich in die Rede des gestrengen Herrn, und lagerten sich auf den Boden am Herde. Zodick machte sich indessen fertig zum Gehen, zog die Mutze uber's Ohr, band ein schmutziges Tuch daruber und unter das Kinn, und winkte dem Leuenberger, ihm vor die Thure zu folgen. "Die Spitzbuben lauern wie die Fuchse!" flusterte er seinem Kundmann warnend zu, und zog ihn aus der Hutte. "Was soll's?" fragte er hier demuthig und geschmeidig. Aber kaum hatte Veit den Namen seines Schwagers genannt, als sich der Bube emporrichtete, mit Augen, die durch die Finsterniss roth funkelten. "Ho!" rief er mit Zahnknirschen: "diesen Namen kenne ich wohl, und Hab' ihm Rache geschworen; so oft ich gebetet habe das Gebet Schephot, das verflucht alle, die uns hassen, so habe ich nur gedacht an den, den ich hasse, und der sich nennt nach seinem Vater." "Du redest irre!" fiel Veit ihm in die Rede. Der Jude verneinte indessen lebhaft, und fragte: "Ist's der Alte, dem ich den Talles geben soll?" Veit bejahte. "Schade, Schade!" versetzte Zodick unmuthig den Kopf nach beiden Seiten bewegend: "den Jungen hatte ich lieber geschachtet." "Der ist fern;" sprach Veit: "erwarte seine Ruckkehr, und schaffe ihn dann hinweg, wenn's Dir beliebt."

"Hm! warum nicht?" meinte Zodick: "wenn es mir wurde bezahlt! Schon lange lebte er nicht mehr, hatte ich's nicht verschworen, keinen Stoss zu thun, als nur fur baar Geld. So mag's denn bleiben bei dem Aette. Wie schwer wiegt er Euch?"

"Funf Pfund Heller .... keinen Albus mehr!" erwiederte Veit. "Ich zahle sie nach gethaner Arbeit. Du weisst aus Erfahrung, dass ich in ahnlichen Fallen Wort halte."

"Ja, ja, ganz recht!" sprach der Jude zogernd: "aber 's ist verdammt wenig, das Ihr bietet." "Fur ein abgenutztes altes Leben, das ohnehin vielleicht in Kurzem von selber reissen wird!" "Der Tod dieses abgenutzten Korpers bringt Euch aber Gluck!" lachte Zodick hamisch: "Bietet mehr, und zahlt etwas voraus." "Ich biete nicht mehr, und zahle nichts voraus;" sprach Veit. "Weiss wohl!" entgegnete Zodick. "Ihr Herren habt nie Vorrath an Munze. Musst erst den Sold irgendwo krimpeln, ehe ihr ihn zahlen konnt. Mag's indessen seyn. Tof! tof! Sobald ich ihm ankomme an die Rippen, dem Alten, sollt Ihr von mir horen."

Die Wurdigen schuttelten sich die Hande, und schieden. Veit legte sich in der Mordhutte zur Ruhe, und Zodick lief uber Zaun und Steg der Stadt zu. Er erreichte das Thor gegen Mitternacht und wurde gegen das Sperrgeld von dem schlaftrunknen Pfortner in die Stadt gelassen. Der aus dem Schlummer Gestorte fluchte dem Juden, der so spat vom Handel zuruckzukommen vorgab, alle Pest und Plage an den Hals. Zodick nahm indessen alles gleichmuthig hin, und schlupfte durch die finstern Strassen in die Judengasse. Nach Gewohnheit fand er das Haus verschlossen, offnete die Thure geschickt mit einem eisernen Haken, druckte sie wieder zu, und suchte mit leisen Katzentritten das elende Lager, auf welchem ihn, den im Verbrechen verharteten Sunder bald ein Schlaf beschlich, der, fest und anhaltend, seine Sinne wieder neu starkte zu neuen verabscheuungswurdigen Vorsatzen.

Fussnoten

1 Haube. 2 Meister der Rechte, beim Rathe bedienstet, seit 1380; das Amt des Syndikus verwaltend. 3 Lombarden, gleich den Juden vom Wechsel ausgeschlossen, auf Makler-, Leih- und Wuchergeschafte angewiesen. 4 Scharfer Wein oder Obstmost.

Zehntes Kapitel.

Herr! vergib ihnen; sie wissen nicht, was sie

thun!

Ben David stand einige Tage nachher eines Morgens zum Ausgehen bereit, als Zodick in feiertaglichen Kleidern zu ihm in die Stube trat. Verwundert ob diesem Aufzuge, und dem gespreizten Wesen, das der Schachergehulfe an den Tag legte, befragte ihn der Herr nach deren Ursache. "Ich komme bei Dir zu freien um Deine Tochter," erwiederte Zodick: "Du weisst, Herr, welch ein Vertrag Dich gebunden hat an meines Vaters Wunsch, auf dessen Andenken der Friede sey. Die Zeit ist geflossen dahin, wahrend welcher ich dienen musste nach dem Beispiele des Erzvaters. Ich habe den Lohn verdient, den wir ausgemacht, und die Perle, die ich wachsen sah, soll mein seyn, nach dem Willen des hochgelobten Gottes und seiner Elohim, die Dein Wort gehort und aufgezeichnet haben." Ben David schwieg mit sichtlicher Uberraschung eine Weile; dann antwortete er: "Das siebente Jahr ist noch nicht zu Ende. Der vierzehnte Tag des Mondes Adar, an dem man feiert das Purimfest, ist derjenige, an dem die Frist verfallt." "Du sollst nicht zahlen die Tage, wenn es ein Gelubde gilt," erinnerte Zodick im Thale Josaphat Deine Sunden um so nachsichtiger." Ben David drohte ihm ernst und schweigend mit dem Finger. "Es bleibt dabei;" sprach er: "am gedachten Tage komme wieder und freie mein Kind." "So soll mich der Hammer zerklopfen, wie den verfluchten Haman am Purim, wenn ich langer harre!" brach Zodick in leidenschaftlicher Hitze aus: "So ich mich gedulde bis dahin, so ich sicher noch langer mich gedulden muss! Du hast gedehnt meine Dienstzeit von drei Jahren auf funf, von funf auf sieben. Ich bin es mude. Ich habe Dir gehorcht, als ein redlicher Knecht, will aber nicht mein Lebenlang seufzen unter'm Joch der Dienstbarkeit, will nicht im Abnehmen meiner Tage eine hassliche alte Reck freien, statt der schonen Rahel. Meine Freunde zu Worms fordern dass ich heimkehre, und ein Weib will ich mitbringen; darum saume nicht, und gib Deinen Segen." Ben David war in unangenehme Verlegenheit versetzt; nach manchen vergeblichen Winkelzugen, die alle an der Beharrlichkeit des Freiers scheiterten, entschloss er sich, mit der Wahrheit es zu versuchen. "Freund Zodick!" redete er: "da Du mit Ernst darauf dringst, um jeden Preiss erfahren zu wollen, was ich Dir noch gern verschwiegen hatte, so mag's drum seyn. Dein Vater war mir lieb und werth; ein Gerechter in Israel. Du warst es nicht minder; aber seit einiger Zeit habe ich uberlegt, und gefunden, es mochte gut seyn, wenn nichts wurde aus dem Verlobniss zwischen Dir und Esther." "Wie?" fragte Zodick neugierig und argwohnisch zugleich. "Esther ist Dir nicht hold," fuhr Ben David ruhig fort, "aber als eine gehorsame Tochter wurde ihr Mund Ja sagen, wo ihr Herz Nein sagt. Ich wurde vor Gott und dem Gesetz die Macht haben, sie zu nothigen zur Ehe mit Dir; aber ich furchte, sie schlagt aus zu Euerm Unheil. Esther ist nicht fur Dich, Dein Herz nicht fur sie." "Was kannst Du aussetzen an meinem Herzen?" fragte Zodick rasch und ubermuthig: "Bin ich nicht immer gewesen ein eifriger Bar Israel? Hab ich nicht, wie es einem rechten Bechor zukommt, gehalten meine sechshundert Gebote und Verbote, seitdem ich geworden war ein Sohn des Gebots? Wer hat fleissiger die Schule besucht zu Worms, denn ich? Wer hat das gesegnete Hallel eifriger gesungen als ich? Habe ich einmal versaumt zu beten dreimal im Tage die Gebete Schmone Esra und Knias Schma? Was kann man mir vorwerfen? Ich bin ein Eifriger in Israel, denn ich halte das Gesetz; ich bin ein rechtschaffener Sohn, denn ich faste jahrlich am Sterbetage meines Vaters; ich bin ein getreuer Knecht, denn ich will verlahmen, wenn ich Dich oder einen von unsern Leuten verkurzt habe, um einen Schilling. Ich bin ein sparsamer Mensch, denn der heilige Gott hat meine Arbeit gesegnet, dass ich etwas vor mich gebracht habe; ich bin wohlthatig, denn ich habe nie unterlassen, Almosen zu geben an die Armen, damit sie den Sabbath heiligen konnten. Was kannst Du mehr verlangen? Was darf Deine Tochter mehr begehren?" "Hoffartiger Mensch!" erwiederte ihm Ben David aufgebracht: "Willst Du prahlen mit den Gebrauchen, die Deine Hande verrichten und Dein Mund? Aber Du magst wissen, dass Deine Hande todt sind, wenn sie sich gleich bewegen, und stumm Dein Mund, wenn er gleich redet. Das Gesetz des heiligen Gottes ruht nicht auf den Zahnen, noch auf den Fingerspitzen, sondern im Herzen. Der bose englische Pfenning ist glanzender als der Gerechte, nichts destoweniger aber falsch. Die Mesusa an der Thure Deiner Hutten mag noch so schon und richtig geschrieben seyn, und doch geht Sammael uber ihre Schwelle, so Deine Seele nicht rein und gesegnet ware. Zodick! Zodick! ich furchte, Du wandelst auf bosen Wegen, die da nicht fuhren in das himmlische Zion; sondern in den Feuerstrom, der unter dem Throne des hochgelobten Gottes herausfliesst auf die Haupter der Sunder!" "Wie magst Du mich schelten?" fragte Zodick mit frecher Fassung: "Du schandest mein Haupt, um Dein Versprechen nicht zu halten!" "Davon nachher;" entgegnete Ben David ernst: "Fur's Erste entscheide meine Tochter!"

Er ging und kehrte nach einigen Minuten, Esther an der Hand, zuruck. "Dieser Mann freit um Dich," sprach er ohne Leidenschaft: "ich zwinge Dein Gefuhl nicht; antworte: willst Du sein Weib werden? Zum erstenmal redet wohl ein Hausvater in Israel also zu seinem Kinde. Bekenne frei und offen: Willst Du sein Weib seyn?" Esther sturzte mit Freudenthranen zu Ben David's Fussen. "Da Du mich frei sprichst, Vater," rief sie frohlockend, "so vernimm es, mein Gestandniss ohne Zagen: ich verabscheue diesen falschen Heuchler ich kann nicht die Mutter seiner Kinder seyn" Ben David hob sie liebreich auf; Zodick stand da auf den Kohlen der peinlichsten Beschamung, wort-, bewegungslos. Ben David hatte Mitleiden mit seiner Qual und sandte die jubelnde Esther durch einen Wink seiner Hand hinweg. "Du wirst nicht begehren, eine, so Dich hasst, in Dein Bette aufzunehmen," redete er zu Zodick: "siehe aber, ich lose mich von Dir mit diesen zwanzig Mark Silbers." Er legte den Sack mit dem kostbaren Metall vor Zodick hin auf den Tisch. "Verlasse aber jetzt mein Haus;" fuhr er fort: "es kann Dir hier nimmer wohl seyn." Eine tiefdunkle Rothe bedeckte Zodick's Gesicht; seine Brust hob sich muhsam. "Du gehst mit mir um, wie mit einem aus dem verfluchten Stamme Esau;" murrte der vor Zorn zitternde Knecht: "hab ich's verdient, dass Du also mit mir verfahrst? Ben David! Ben David! dass es Dich nicht gereue! der heilige Prophet Elias und seine Engel sind allenthalben um uns. Sie haben Deine Worte gehort! zittre vor ihrer Rache!" "Zittre Du selbst vor ihnen, Sohn der Unreinigkeit!" zurnte Ben David: "Ziehe nicht die Heiligen Israels in Deine Handel, wahrend Du mir allein Rache brutest. Der Prophet hort Deine Worte wie die meinen; er belauscht Deine Schritte wie die meinen. Er sieht Dich, wann Du hinausgehst zur Stunde, wo Lilis, die ungeheure Nachtfrau auf dem Throne sitzt, und ihre Sohne die Teufel aussendet, dass sie die Menschen verblenden. Der Prophet weiss, was Du zu jener Zeit verrichtest, da Du ferne vom Hause umherschwarmst auf dem Pfade verbotner Lust, oder verdammlicher That. Zittre! geboten ist's, zur Nachtzeit die Schulen zu besuchen, wo deren Daseyn erlaubt ist; geboten ist's, den Neumond zu feiern mit Dankgebeten; erlaubt ist's, in der siebenten Nacht unsers Huttenfestes hinauszugehen in den Mondschein, um den Schatten zu befragen nach der Dauer unsers Lebens; aber verboten ist's, aus sundlichem Gewerbe herumzustreifen zur Zeit des Schlummers. Dieses thust Du aber unzahligemale, dieses hat mir Dein ubles Trachten verrathen, dieses verweist Dich aus meinem Hause; der Friede des Herrn komme auf Dich, und sein Segen. Geh' hin, und meide uns." Zodick lachte hohnisch dem Scheidenden nach, und ballte in steigendem Ingrimm die kecke Faust. "Du sollst es noch theuer bezahlen, was Du mir gethan, elender Lugner!" sprach er halblaut vor sich hin mit leidenschaftlicher Geberde: "Was Du Boses an dem verdammten Gojim geubt, das vergelte Dir der hochgelobte Gott mit tausendfaltiger Pein, statt mit Wonne, wie unsre Cohenim es lehren. Er verschliesse den Schooss Deiner Tochter, dass sie Dein Blut aussterben lasse in Israel, und verstossen von ihrem Manne dahinwelke in Schmach und Verachtung! Er schlage Dich mit Jammer wie den aussatzigen Hiob, verwandle Dein Gold in Staub, Dein Haus in Kohle, Deinen Namen in den der krummen Schlange! Gras wachse vor Deiner Thure, Hunger sitze an Deinem Tische und Dein Haar werde weiss im Elend! Sammael lahme Dein Gebein, der Teufel Schafriri Dein Auge, und Deine Zunge bettle das Brod vor den Thuren Amaleks! Lebe, lebe, lebe unendliche Jahre der Noth und Trubsal, bis der Herr, unser Gott, mit seinem Zorn angethan, Dich hinwegreisst zum ewigen Feuer der Gehenna! Amen."

Unzahligemale wiederholte der Elende den abscheulichen Fluch, wahrend er seine Habseligkeiten zusammenraumte, um sie wegzuschaffen. Diesen Fluch auf der Zunge schuttelte er vor Ben David's Thure den Staub von seinen Schuhen, und wanderte zum Dorfe Oberrad, wo er bei einem daselbst geduldeten Glaubensverwandten fur den Augenblick seine Wohnung nahm. In Ben David's Hause war seit des zweideutigen Knechts Abzug eine feierliche Stille und Ruhe eingetreten, nur dann und wann von Jochai's bedenklichem Kopfschutteln gestort, der es unverholen missbilligte, dass sein Sohn sein Versprechen zuruckgezogen und auf einen blossen Verdacht hin, den Esther bestimmten Brautigam aus dem Hause verwiesen. Er ausserte mit Nachdruck die Vermuthung, die Wormser Judenheit werde gedachtes Verfahren nicht gut aufnehmen, Ben David wohl in Bann thun; der Letztere blieb indessen unerschuttert. "Ware ich doch des Paradieses so gewiss," sprach er, "als Zodick das Gesetz mit Fussen trat. Der sucht die Nacht, der die Sonne scheut und das Ruchtbarwerden seiner That. Was die Schule zu Worms betrifft, so bin ich hier, wo keine bluht, der Konig meines Hauses, und schalte mit meinem Kinde, wie ich will. Lasst uns den Herrn preisen, der uns aus der Gemeinschaft des Gottlosen brachte, und frohlich leben in Eintracht."

Ben David's, Ruhe erlitt dennoch eine ungemeine Storung, da er in Kurzem gewahr wurde, dass Zodick den Platz zu Frankfurt nicht verlassen hatte, wie er im Anfang geglaubt. Haufig begegnete er dem tuckisch lachelnden Rothkopfe auf seinen Handels- und Maklergangen. Bald war es ihm auch kein Geheimniss mehr, dass derselbe auf die Verkurzung seines Erwerbs ausgehe. Uberall kam Ben David, der fleissigste unter den Juden, zu spat; allenthalben sah er seinen Eifer schlecht belohnt, und allenthalben stack Zodick unter der Decke. Naherte sich Ben David den Tischen, und Hutten auf dem Berge bei St. Niklas, wo die Compsoren (Wechsler) sassen, und bot seine Unterhandlerdienste an, so war Zodick schon da gewesen und hatte unter den leichtesten Bedingungen alle Auftrage an sich gerissen; trat er in Palmstorfer's Wechselstube zum Weidenbaum, so ging Zodick gerade heraus, Rechentafel und Beutel unter'm Arm, und der alte Wechsler und Altburger Humbrecht sagte ohne Hehl zu Ben David: "Du hast da einen gar guten Spurhund gezogen, Jude. Er lauft wie ein Teufel, schnobert alles aus, und nimmt geringre Zinsen, denn Du. Darum magst Du jetzt feiern, und Dich pflegen. Zodick dient uns besser und luftiger als Du, alter Knabe." War auf dem Gewandhause eine Versteigerung, und Ben David dachte dabei sein Heil zu versuchen ... umsonst, Zodick war dabei, kaufte am theuersten, schlug im geringsten Preisse los. Wurde an einem Orte ein Schmuck von edeln Steinen verlangt, und Ben David hatte bei allen Goldschmiden und Juwelenhandlern mit Muhe und Noth die Kleinodien zusammengebracht, so war doch alles vergebens; Zodick hatte Wind davon gehabt und weit schonere Steine herbeigeschafft. Was die Darlehen den Haupterwerbszweig der Juden anbelangte, war Ben David nicht glucklicher. Zodick drangte sich uberall auf, und Geld zu dem er nach seines ehmaligen Herrn Einsichten, unmoglich auf richtigem Wege gelangt seyn konnte, stand ihm in Hulle und Fulle zu Gebot. Der ausschweifende Sohn des Oberstrichters, der leichtsinnige Neffe des Schultheissen zogen gegen niedere Zinsen die Mittel zu ihrer Verschwendung aus Zodick's Beutel. Sogar dem gefangnen Raubritter von Hyrzenhorn streckte der rothkopfige Storefried die zweihundert Gulden vor, welche der Verhaftete um nur loszukommen, der Stadt sammt seinem Haus zu Wettershausen als Losegeld stellte. Mit einem Worte: Zodick's Bemuhungen, auf den Verderb seines Lehrherrn losgehend, erreichten vollkommen ihren Zweck. Die grossern Geschafte, wie sie nur etwa den Frankfurter Juden erlaubt waren, riss er zu Ben David's und seiner ubrigen Glaubensgenossen Nachtheil an sich, und erschlich sich behende das Vertrauen der Burger, das sich dem Neuen und Wohlfeilern gern zuwendet. Ben David wurde von Tage zu Tage missmuthiger, und konnte endlich nicht umhin, dem Judenarzte Joseph, einem stolzen aber nicht unverstandigen Manne, der ihn einst auf der Strasse seiner verdrossenen Miene halber zur Rede stellte, seinen Gram mitzutheilen. "Ei, ei, Ben David!" erwiederte ihm Joseph mit vornehmem Kopfwiegen: "Die Klugheit, die gerade vom Herrn stammt, hat Euch verlassen, und der List des Leviathan's, der eine schlechte Schlange ist, das Feld geraumt. Lasse nie einen Andern gucken zu tief in deinen Becher! lautet ein alter Spruch. Lehre Deinem Schuler nie Deine besten Kunste, auf dass nicht seine junge Wissenschaft Deine bejahrte verderbe, lautet ein andrer. Da nun aber der Fehler begangen ist, so halte ich dafur, da Euch der Quell des Lebens Reichthum bescheert hat, es sey am Besten, damit auf anderm Boden Euer Heil zu versuchen, bis der, der Euch verderben will, in seinen eignen Schlingen verdarb." "Wie meint Ihr das, Rabbi?" fragte Ben David aufmerksam, und Joseph erwiederte wichtig und den Mund voll nehmend: "Thut doch, was ich Euch schon vor langerer Zeit gerathen. Macht Euch auf gen Costnitz, mit Gelde versehen. Ich weiss aus sichrer Hand, dass der Herzog von Ostreich bedeutende Summen sucht, die er hoch verzinsen will, wenn sie unter dem Siegel des Schweigens verabfolgt werden. Bei mehreren altburgerlichen Geschlechtern dahier ist von ihm Anfrage gehalten worden, allein die haben ihr Baares bereits an den Kaiser und den Kurfursten von Mainz und Pfalz geliehen. Da ware ein ansehnlicher Gewinn zu hoffen, und kehrt ihr zuruck, ist vielleicht schon des undankbaren Dieners Freudenleben zu Ende. Wer so rasch beginnt, endet sicher rasch. Beim Fluchtigwerden oder Falschmunzen hort's gewohnlich auf." Ben David dankte dem Rathgeber von Herzen, und begab sich mit bessrer Zuversicht nach Hause, denn es hatte an seinem Leben genagt, dass sein Erwerb zu stocken und in die Hande eines Andern uberzugehen drohte. Erheiterten Sinns erklarte er seiner Esther, dass sie zur Reise gen Costnitz sich bereit halten mochte, und frohlicher denn er die Kunde gab, nahm sie das Madchen auf. Nachbars Ephraim, ein junger Bursche, der an Zodick's Stelle in Ben David's Hause getreten war, wurde angewiesen, dem Greise Jochai freundlich und gefallig in Allem zu Diensten zu seyn, und nachdem die Familie noch in hauslicher Eintracht den Freudentag gefeiert hatte, der in den Mond Schebat fallt, fuhren Vater und Tochter, von den Segensspruchen des Altvaters begleitet, von dannen, im Gefolge eines ansehnlichen Kramerzugs, der nach dem Bodensee trachtete. Gerathen war es, einem bewaffneten Geleit sich anzuschliessen, da vor wenig Tagen erst die Junker Bernhard und Wernher von Keseberg, wegen eines Unbilds, das sie in einem Pferdehandel von dem judischen Rosstauscher Gombracht zu Steinheim erlitten zu haben vorgaben, "der ganzen Judenschaft und ihren Hohmeistern, wo sie auch seyen," Fehde geboten und durch ein nach Frankfurt gesendetes untersiegeltes Schreiben erklart hatten. Das gedrohte Unheil beruhrte sonach weder Ben David noch die schone Esther, die ungehindert ihres Weges zogen, sondern denjenigen, der in seiner Frechheit es am allerwenigsten vermuthet hatte. Zodick namlich, der wohl von dem am Romer aufgehangten seltsamen Fehdebriefe gehort hatte, sich jedoch auf seine Faust und sein Messer verliess, das er als Vertheidigungswaffe versteckt bei sich trug, weil die Gesetze jedem Juden untersagten, offentlich ein Gewehr anzuhangen, schlenderte eines Abends bei einbrechender Dammerung missmuthig von Frankfurt nach Oberrad. Er hatte erfahren, dass Ben David die Stadt auf unbestimmte Zeit verlassen, und es qualte seine Seele, denjenigen nicht mehr taglich zu sehen, dessen Eigen- und Geldliebe seine Tucke einen so entscheidenden Stoss beigebracht hatte. So sehr es ihn freute, seinen Zweck zum Theil erfullt zu sehen, wie es die schnelle Entfernung Ben David's zur Genuge zu beweisen schien, so war ihm dieser Erfolg keineswegs genug. Den Wohlstand seines ehemaligen Herrn bis auf die Wurzel auszurotten, den Dolch des bittersten Leidens bis an's Heft in seine Brust zu stossen, war seine Absicht, das Ziel seiner gluhenden Rache. Doch, wie er so eben in dem Rusthause seiner boshaften Gedanken wuhlte, den Pfeil zu finden, den vergifteten, fernhintreffenden, fahig, des Gegners Leben zu verletzen, verkroche dieser sich auch hinter den ewigen Eisbergen im Suden ereilte den Grubler selbst ein feindlich Schicksal. Er war so eben an der deutschen Herren Muhle vorbeigeschritten, als aus dem beschneiten Graben der die Heerstrasse von Feldacker trennte, dunkle Gestalten auftaumelten, und ihn umringten. Zodick's Hand fuhr nach der Waffe, allein, schon hatte eine Schlinge, um seinen Hals geworfen, ihn zu Boden gerissen, ein Pechpflaster klebte auf seinem Munde; im Nu war er entwaffnet, gebunden, und querfeldein geschleppt an die Ufer des Mains, von dannen auf wenig betretnen Fahrten gen Offenbach. Es war finstre Nacht, als der Flecken erreicht wurde, und die Strassendiebe zerrten ihre Beute in eine abgelegne Hutte, wo einige Manner in ritterlicher Kleidung bei dem elenden Schimmer einer Ollampe Buschkleppertafel hielten, aus der Faust. Die Gebruder Keseberg und der tolle Veit von Hornberg waren die saubern Herren, die den Gefangnen mit dem Gejohle wilder Freude empfingen. "Sieh da! sieh da!" lachte Wernher: "Ein dicker rother Gimpel zur Fastnachtszeit! Wackre Vogelsteller, die solches Wild aus dem Schnee zu graben verstehen! Guten Abend, Judas! Wir haben nicht umsonst Rechnung auf Dich gemacht. Hast Du viel Geld bei Dir?" Zodick schuttelte heftig mit dem Kopfe. Einer der Wegelagerer versicherte indessen seinem gestrengen Herrn, man habe den Juden zwar noch nicht durchsucht; er trage jedoch eine erkleckliche Geldkatze um den Leib. "Gut!" erwiederte Bernhard: "Nehmt ihm die Last ab. Das ist jedoch das Geringste. Wir wissen genau, dass er die Verschreibung unsers Vetters von Hyrzenhorn bei sich tragt. Um diese ist's uns zu thun. Hyrzenhorn ist genug zu bedauern, dass er den Frankfurtern sich verschreiben musste; er gedenkt aber nicht langer der Schuldner eines schmutzigen Juden zu seyn. Nehmt ihm den Wisch ab, so haben wir unsern Auftrag redlich erfullt."

Zodick wehrte sich wie ein Rasender mit Handen und Fussen, aber seine unsinnige Wuth musste der Kraft des Hornbergers weichen, der, in ahnlichem Gewerbe geubt, ihn mit Blitzesschnelle durchsucht, Alles gefunden, und ihm entrissen hatte. "Verdammter Fetzen!" schrie der Junker bei der letzten Maulschelle, die er dem Geplunderten gab: "Ich will Dir lehren, wie man sich in Kriegs- und Fehdesitte fugt." Er griff nun nach der dickknotigen rindsledernen Sattelpeitsche, und wollte ein furchterlich Gericht uber Zodick ergehen lassen, als Bernhard sich mitleidig darein mischte. "Lass doch den armen Sunder in Ruhe!" sprach er vermittelnd: "Wir wehren uns auch mit Zahnen und Klaue, wenn man uns an's Leben will. Bedenke doch, dass man einem Juden mehr als das Leben raubt, in seinem Gelde." "Mein Bruder hat Recht," setzte Wernher bei: "Auch hat mir der Leuenberger empfohlen, sauberlich mit dem Unkraut zu verfahren. Er hat schon oft unsers Gleichen gute Dienste geleistet durch seine feine Nase. Friede sey darum mit ihm. Nehmt ihm das Pflaster vom Maule. Weiber und Ebraer mussen plaudern, sonst wachsen ihnen die Zahne zusammen." So; setze Dich jetzt zu uns; Du sollst mit essen, Dich erholen von der ausgestandnen Angst. Hier ist Brod, Kase, Wurst. Lange zu! Zodick fuhr mit Abscheu vor dem Dargebotnen zuruck. Die Herren wollten borsten vor Lachen uber die hassliche Fratze, die der Misshandelte zog. "Iss!" rief der Hornberger, mit dem Jagdmesser nach Zodick's linken Auge zielend: "iss, raudiger Hund, oder es kostet Dich ein Auge." Der Jude, wissend, dass in solchen Scherzen der furchterlichste Ernst verborgen lag, nahm ergrimmt einen Bissen von der verbotnen Speise, und wurgte ihn zornbebend hinunter. "Auf einen fetten Bissen gehort ein klarer Trunk!" witzelte der Hornberger, und machte kurz und gut den Vorschlag, den Juden in den Main zu werfen. "Recht!" lachte Zodick mit verzweifelnder Galle: "Schmeisst mich doch lieber in den Fluss, als dass ihr mich zu dergleichen Sunde zwingt. Der Gerechte, der gesackt wird in Edom, geht doch ein in Kanaan!" "Der Teufel verstehe das Kauderwalsch des Brandkopfs!" brummte Wernher: "Wir gedenken ihm aber nicht zum Marterthum zu verhelfen." "Wir haben nur dem Rosstauscher zu Steinheim den Tod geschworen," setzte Bernhard bei: "Dir, Zodick, wollen wir wohl, da Du so ein gewandter Stehler bist. Im Grunde galt es nur der Verschreibung, die ich hiemit feierlich an der Lampe verbrenne. Das Geld, das Du zufallig bei Dir trugst, behalten wir fur unser Muhewalten. Speise und Trank sey Dir aber vergonnt. D e i n Fehler, wenn Du nicht zugreifst."

"Das Gesetz verbietet mir's;" antwortete Zodick; trotzig vor sich niedersehend. "Gelt! unsre Speisen sind nicht koscher, Schuft?" polterte Veit von Hornberg: "Bist denn Du aber koscher genug, um an unsem Tische zu sitzen? Nein, sage ich, und Du fahrst durch meine Klinge zum Teufel, wenn Du nicht diese Beleidigung unsers Wappens auf der Stelle gut machst." Zodick schaute hoch auf, der neuen Laune des Junkers gewartig, und des Letztern Spiessgesellen riefen lachend: "Hoho! Schwager! was fallt Dir ein? was kann der Schurke da gut machen? Welche Grille kommt Dir an?" "Keine Grille!" versetzte Hornberg, in dessen Kopfe sich der Wein breit machte: "Aber ich schwors Euch zu bei meiner Seelen Seligkeit und meines Leibes Urstand, dass ich den vermaledeiten Fuchsbart uber den Haufen steche, bevor der Morgen graut, wenn er sich nicht in dieser Nacht noch taufen lasst."

Ein lautes Gewieher war die Antwort auf den uberraschend seltsamen Vorschlag, der jedoch im nachsten Augenblick schon den zu allem Abenteuerlichen sattsam aufgelegten Herren vollig zusagte, und mit Begierde von ihnen aufgenommen wurde.

"Vortrefflich!" rief Bernhard. "Herrlich!" rief Wernher: "der Jude muss sich taufen lassen, und wir wollen des Hollenbratens Pathen seyn." "Zodick konnte vor Wuth und ohnmachtigen Ingrimm keine Silbe vorbringen, aber sein giftiges Ausspucken und Kopfschutteln redete an seiner Statt." "Wage es, Nein zu sagen," schrie Veit, ihm den Stahl an die Kehle setzend: "und Du fahrst zur Holle. Niedertrachtiger Auswurf, dessen Wohlthater wir werden wollen, den wir mit eignen Handen aus dem ewigen Pfuhl ziehen! mukse nicht, oder es ist Dein Letztes."

Verblassend und verstummend stand Zodick wie niedergedonnert. "Macht fort, Bruder," sprach Veit gemassigter weiter: "bestellt Pfarrherrn und Glockner; ich will indessen dem Hollenbrand mit dem Dolche das Paternoster einkitzeln."

Die Gebruder Keherberg eilten schnell von dannen und durchstreiften mit ihren Knechten, wie Gespenster der Nacht, den Flecken, Strasse auf, Strasse ab, bis sie in der tiefen Dunkelheit Kirche und Pfarrhaus gefunden. Wohl horten die Bewohner Offenbachs die Schritte und rohen Reden der Nachtgaste, sahen sie wohl mitunter durch die Ritzen der Laden, wie sie Waffenrauschend durch die Gassen larmten, aber in den damaligen Zeiten des Unfriedens und der Selbsthulfe wagte sich Keiner aus dem Hause, sondern erwartete in angstlicher Stille, ob der Besuch nur eine voruberziehende Wetterwolke sey, oder wie der Blitz ihre Huttendacher entzunden werde. Die Wachter des Schlosses fanden ebenfalls keinen Beruf, sich in das Thun der Fremden zu mischen, hielten sich zur Vertheidigung gefasst, und blieben ruhig. So gelangten die Junkherren ohne Anstand zum vorgesteckten Ziele. Mit lautem Klopfen wurde der Leutpriester aus dem Schlummer geweckt, an's Fenster beschieden. Der von Natur Furchtsame erbebte, da er Bewaffnete vor seinem Hause sah, und fragte demuthig nach ihrem Begehren. "Heraus, Pfaffe!" rief ihm Wernher zu: "Lege den Chorrock an, und die Stola. Versieh Dich mit Kerze, Ol, Salz und Honig und komm zur Kirche. Ein Ketzer will sich taufen lassen, und schnell, damit der bose Geist ihn nicht abwendig mache von seinem loblichen Vorsatze." "Ein Ketzer?" fragte der erschrockne Geistliche: "Taufen, in spater Nacht, ... wer burgt mir..?" "Schweig!" erwiederte ihm Bernhard: "Wir burgen, drei Edelleute, des Ketzers Taufzeugen. Steig herab ohne Saumen; bescheide den Glockner, dass er Dir diene; aber wofern der Bube Larm macht, oder den Glockenstrang zu ziehen gedenkt, so ist sein letztes Stundlein da und das Deine. Wir sind zum Trutz gerustet, und unsere Knechte umlagern schon das Kirchlein."

Der Pfarrherr, der an Sprache und Keckheit wohl merkte, mit welchen Gesellen er zu thun bekam, und durch das traurige Beispiel mehrerer Amtsbruder, die so zu sagen am Altare ihren Tod durch Morderhand gefunden hatten, gewitzigt worden war, saumte nicht, dem gebieterischen Begehren Folge zu leisten. Das Frosteln der Angst in allen Gliedern warf er sich in die kirchlichen Gewander, beschickte den Messner, und da er in Begleitung des Letztern, eines altergrauen Mannleins, das vor Schreck sich kaum auf den Fussen zu halten vermochte, an die Pforte der Kapelle kam, langte so eben der Hornberger daselbst an, dessen Knechte den Taufling an der Leine fuhrten, wie einen Ruden. Das Kirchlein wurde geoffnet, Wache davor gestellt; ein Bewaffneter hutete den Eingang zum Glockenthurmlein, und die edeln Herren forderten nun den Priester auf, beim Schein einer einzigen Kerze das heilige Amt an dem stummen, todtbleichen Zodick zu verrichten, den der wilde Bekehrungseifer und die Drohungen des Hornbergers dazu gebracht hatten, sich Alles gefallen zu lassen, was man mit ihm vornehmen wurde. Der Pfarrherr, der verstandig genug war, einzusehen, dass hier die Wurde der Kirche und alles Recht mit Fussen getreten werde sollte, machte nachdruckliche Einspruche in das Verfahren der drei Ketzerbekehrer, forderte sie auf, den armen Menschen, der wie das Espenlaub zittre, und keinen armen Laut von sich zu geben vermoge, ruhig ziehen zu lassen, ihn nicht zu einer Handlung zu zwingen, die er nicht begreife, die er verabscheue, deren er nicht wurdig sey.

Die drei Gebietenden zogen aber bedeutend und drohend die Schwerter, stellten sich in den Taufstein, und streckten die Schworfinger in die Hohe. Wir haben es gelobt bei den Wunden des Herrn, diesen verstockten Sunder zu heiligen, wider seinen Willen, sprachen sie. Geht seine Seele verloren durch Dein Zaudern, Pfaffe, so stirbst Du dahin ohne Gnade, erstickt von Deinen Sunden. Gib ihm das ewige Leben, und geniesse ferner das zeitliche. Gib ihm den ewigen Tod und theile ihn mit ihm! Der Geistliche zuckte die Achseln, und machte sich bereit zu der Handlung. "Die Folgen Eures frevelnden Muthwillens kommen uber Euch!" sagte er feierlich und begann die vorgeschriebnen Gebete. Die Waffendrohenden Zeugen antworteten auf jede Frage fur den zur starren Bildsaule gewordenen Zodick, der alle Gebrauche mit ubereinander gebissenen Zahnen uber sich ergehen liess. Das Glaubensbekenntniss legten die verwahrlosten, der Kirche langst entfremdeten Pathen mit Muhe und Stottern fur den Taufling ab, nun aber kam es an die gefahrlichste Stelle der Handlung; an das einfache, aber aus dem Munde des zu Taufenden selbst zu verlangende Gelubde. Zu Aller Erstaunen sprach der Jude die vorgesagten Worte keck und fest nach, machte das Zeichen des Christen mit sicherer Hand, und nickte ungezwungen mit dem Haupte, da er, dem barbarischen Rituale jener Zeit gemass, seinen bisherigen Glauben, und die ihm anhingen, durch den Mund des Geistlichen verfluchen musste. Diese auffallende Anderung des Betragens erleichterte das Herz des Pfarrherrn in etwas; die entweihte Handlung wurde ruhig beschlossen, und dem Neugetauften der Name Friedrich beigelegt. Auf dem staubigen Tische der Sakristei schrieb der Pfarrherr das Zeugniss des Ubertritts nieder, handigte es dem Juden ein, befestigte auf seiner Brust, statt des gelben Ringes, ein Blechschild mit dem Kreuze und dem Buchstaben C, wie Neubekehrte es zu tragen verbunden waren, und entliess die seltsame Taufversammlung mit seinem Segen. Mit rohen Scherzen zogen die Bekehrer davon, und uberhauften den still rasenden Zodick mit Spottreden und Schmachworten. Vor dem Flecken umringten sie ihn, trieben noch allerlei Possen mit dem Unempfindlichen, und gaben ihm nun vollige Freiheit zu gehen, wohin es ihm belieben wurde. "Geh heim, Sohnlein Friedreich," sprach Wernher hohnisch zu ihm; "wachse im Glauben, und danke es uns fein, dass wir dir zum Himmel verholfen."

"Falle nicht in den alten Baalsdienst zuruck;" ermahnte ihn Bernhard, der, der Gutmuthigste von den Dreien, sich in der That einbildete, ein dem Himmel angenehmes Werk verrichtet zu haben: "Das Christenthum schenkt zeitliche und ewige Wohlfahrt. Dem Juden sagte man, den Bekehrten wird Alles lieben, und allenthalben befordern." "Merke Dir aber noch das Eine!" schloss der Hornberger drohend: "Wofern wir vernehmen, dass Du wieder zur Ketzerei Dich wendest, dass Du diess Schildlein nicht tragst, und nicht bekennst, dass Du freiwillig unsers Glaubens wurdest, so stirbst Du ohne Barmherzigkeit von meiner Hand. Jetzt aber bedanke Dich knieend fur die von uns empfangne Wohlthat, und fahre hin, Deines Wegs." "Zodick musste auf seinen Knieen die Hande seiner drei Pathen kussen, geloben, ihnen in Treue zu dienen, wann und wo sie es begehren wurden, und wurde unter Gelachter und Hohn entlassen." Als ob ihm der Kopf brenne, lief er aus dem Bereich seiner Peiniger hinweg; bald verliessen ihn jedoch die Krafte, und er sank nieder in den Schnee, geruttelt von Gewissensbissen und reggewordner Verzweiflung. Es gibt Falten im menschlichen Herzen, die der Witz des Gelehrten nimmer auskundschaften wird. Der blutgierige Bube Zodick hatte geraubt, gemordet, und sein Gewissen war ruhig geblieben bei der freiwilligen Unthat. Es waren ja nur Christen, die Unterdrucker Israels; dachte er bei sich selbst. Ihre Habe ist in unsre Hande gegeben, ihr Leben selbst, das nicht edler ist, als das eines Schweins. Nur, wenn ich Einen aus Israel plundre, begehe ich einen Raub; nur wenn ich einen Sohn meines Gesetzes wurge, begehe ich einen Todtschlag vor dem Herrn. Der unfreiwillige Abfiell jedoch von eben diesem Gesetze erfullte den verharteten Bosewicht mit allen Qualen der Reue und des Jammers. Vergebens stellte er sich vor, was ihn in jener furchterlichen Kapelle bewogen hatte, frisch und frei seinen Mund zu dem frevelnden Werke zu leihen: dass namlich die Rabbiner lehren, ein gezwungener Eid sey Keiner ein freiwilliger sogar sey keiner, sobald man nur geschickt den Worten des Gelubdes einen andern Sinn beilege in Gedanken, als den Geforderten. Der Ausweg, den diese letzere verderbliche Lehre so wohlthatig dem Meineid eroffnete, war unzulanglich fur den Aberglaubigen, der sich jammernd und verzweifelnd im Schnee walzte, um von seinem Haupte den Grauel einer verabscheuten Religion zu waschen. "Ich bin verloren!" seufzte er aus keuchender Brust: "Ein Jude bin ich nicht mehr, ein Christ kann und mag ich nicht seyn. Alle Paradiese sind mir verschlossen, jedes Glaubens Holle mir beschieden! Einen falschen Eid konnte ich verantworten, aber solche Grauelthat nicht. Wollte ich auch vorschutzen, ich hatte es nicht freiwillig gethan was nutzt es mir? ... der Mensch steht vor Gott und seine Werke um ihn her. Der heilige, hochgelobte Gott, der starke eifrige Gott hat sich gekleidet in Zorn, denn er hat gesehen, wie man mich taufte, ... er hat gehort, wie ich geschworen .... wehe mir! wehe! Die Schule zu Worms wird mich in Bann thun; die grausamen Kinder Esau werden wich ermorden, wofern ich wanke. Muss ich denn verloren seyn, warum gehen sie nicht mit mir unter, die gottlosen Sohne Amaleks? Verruchte Gojim! ihr habt mir meine Seele gestohlen! Ich fluche Euch! Ich gelobe Euch Rache, vollgeltende Rache!"

Dieser Gedanke belebte den Unseligen, von Zweifeln und Muthlosigkeit Zerrissenen mit dem Funken, der nicht aus dem Himmel stammt, sondern aus der Tiefe. Zodick raffte sich zusammen, blickte wild, mit wehenden Haaren zu den jagenden Wolken auf, die vergebens ihre dichtesten Schneeflocken hernieder sandten, das gluhende Molochgebilde abzukuhlen. "Der Bund ist zerrissen!" schrie er gellend hinauf, das einzige lebende Wesen unter dem stillen eisigen Regen: "Sammael! Furst der Wildniss, Furst des Todes und Gatte der entsetzlichen Nachtfrau Lilis, der Gebarerin aller Schreckgespenster und Sunden! Dir ergebe ich mich! Schutze mich vor dem Zorne unsers Gottes! berge mich vor der Wuth Edom's! Lehre mich das Schwert fuhren gegen das Gesetz, das nicht mehr mein ist. Erlaube mir, Rache zu nehmen an Israel, wie an Esau, bis Du einst meinen Geist dahin nimmst in den Sturmen Deines Grimmes!"

Als ob der entsetzliche Sammael ihn verfolge, irrte der Sunder auf den Schneefeldern umher, bis der nachste Morgen grau und kalt heraufstieg, und ihn zur Hutte trieb. Das wachsende Licht des Tages senkt stets mehr Zuversicht in gute, wie in bose Zweifelnde Herzen. Der Wahnsinn der verweinten oder verlasterten Nacht schwindet in ruhigeres Nachdenken hin, und auch Zodick wurde ruhiger, gemassigter. Er sah plotzlich ein, wie sehr sein irdischer Vortheil durch die nothgedrungne Glaubensanderung gewinne, und dass es dem jenseits Verlornen erlaubt seyn musse, hienieden doppelt zu leben in eigner Freude und fremden Leiden. Er erklarte vogelfrei alle Menschen, wes Glaubens sie auch seyen, und beschloss, nun das Werk seiner Rache an Ben Davids Hause auf's glanzendste zu vollenden. Trunken vor Freude uber die entsetzlichen Bilder, die in seinem Gehirne aufstiegen, dankte sogar der Verblendete der Vorsehung fur die verwichne Nacht. Sein Aberglaube wahnte von dem Schicksale mit Vorbedacht, die Freiheit erhalten zu haben, ohne Gewissensangst seinen Durst nach Rache loschen zu konnen, und seine Bosheit schritt langsam, aber kuhn zur Ausfuhrung.

Eilftes Kapitel.

Die Wohlthat ist eine stattliche Pflanze;

ihre seltenste Bluthe aber ist: Dankbarkeit.

Pers. Sittenspruch.

Allgemach war die Zeit eingetreten, in welcher, nach den Berichten alter Schriftsteller, die Deutschen zu rasen pflegten, vorsatzlich, sich in Gespenster vermummten, und allen Muthwillen fur erlaubt hielten; die Fastnachtzeit namlich das dreitagige Fest, das einer langen dauernden Reihe von Tagen der Betrubniss und des Fastens vorausgeht. Diese frohliche Zeit, sehnlichst herangewunscht von allen Standen, setzte in Costnitz alle Hande in Thatigkeit, alle Sinne in Arbeit. Der Ernst und die wichtige Formlichkeit der Kirchenversammlung, deren Beschlusse eine allgemeine Sittenverbesserung bezwecken sollten, setzten dieser Volkslust wenig oder gar keine Schranken entgegen, und der Kaiser Sigismund, ein gar kurzweiliger, freundlicher Herr, dem Minne- und Larvenspiel nicht abhold, vermehrte die allgemeine Ergotzlichkeit durch den eifrigen Antheil, den er daran nahm. "Man muss dem Volke seine Spiele nicht nehmen;" sprach er zu den strengen Sittenrichtern, die ihn gern vermocht hatten, aus Rucksicht fur das Concilium die Fastuns wehren wollen, an unsrer Hofstatt das Fest zu begehen; allein wir mogen in solcher Zeit keine Freude geniessen, an der nicht Alles, das uns umgibt, Theil nehmen konnte. Die Herren aus Walschland und Frankreich mogen sehen, dass unsre deutsche Nation ein lustig Volk ist, und ein Oberhaupt hat, das Kurzweil und Schimpf in Ehren liebt. Darum wollen wir befehlen, dass man jetzo jubilire, wie sonst, denn des Herzens Frohlichkeit gefallt dem Herrn im Himmel, und darf demnach sich vor seinen Statthaltern auf Erden nicht scheu verkriechen." Des Kaisers Wille geschah diessmal ohne fernere Widerrede, und der Fastnachtsonntag trat einher in Prunk und lustigen Glanz gehullt, wie ein Furst der Freuden. Alle Geschafte blieben liegen, und nach Aussen in das herrliche Frostwetter drangte sich Alles, was deutsches, nordgewohntes Blut in den Adern trug, und nicht blos aus den Fenstern der geheizten Gemacher die Ergotzlichkeit mit ansehen wollte, wie die Walschen thaten. Dagobert blieb nicht dahinten. Der geistliche Rock wurde in den Schrank gehangt, das enge Rocklein wieder hervorsucht, und, das Symbolum der Fastnacht, den grunen Tannenzweig auf dem Hute, suchte der Neffe den Oheim auf, den er, an Husten und Schnupfen und Gichtbeschwerden laborirend, im Sorgenstuhle antraf. "Sieh da!" rief der Pralat mit schlecht verborgnem Verdrusse: "sieh da, wieder ein Faschingsgesicht, dem man es ansieht, wie es nur auf die Kirchenglocke lauert, die das Zeichen geben soll, zu dem graulichen Tollmannswesen! Gleich wie die blinden Heiden ihre Bacchanalien feierten in Rausch und Unzucht, also siehet man heutzutage die Christen in den Schlamm der Abscheulichkeit sturzen, um sich auf vierzig Tage satt darinnen zu schlemmen! O du verlorner Sohn Absalom! Deine Mutter hat es noch dereinst am jungsten Tage zu verantworten, dass sie Dich zur Kirche bestimmt hat."

"Ihr habt vollig Recht, lieber Ohm," versetzte Dagobert: "ich bin selbst dieser Meinung. Lasst uns indessen nicht grollen, nicht hadern an diesen Freudentagen, Fastnacht kommt nur einmal im Jahre .. 's thut mir leid, dass Euch das Zipperlein an die Stube fesselt. Ich hatte Euch so gerne Euere ehemaligen Landsleute in ihrer Glorie von Frohlichkeit gezeigt." "Ja, eine Glorie ist's," antwortete der Pralat: "eine Glorie von Flammen aus dem hollischen Pfuhl gewebt. O, ihr Deutsche, ihr Deutsche! Wohl dem, der sich lossagen kann von Eurer Gemeinschaft."

"Spricht lieb Muhmlein desgleichen?" fragte Dagobert die lachelnde Fiorilla. Diese aber schuttelte schelmisch mit dem Kopf, und erwiederte: "Ich musste lugen, Vetter. Gestern erst, da zufallig der Kaiser mit seinem Gefolge unter unsers Hauses Fenstern vorbeiging, lernte ich Eure Landgenossen auf's Neue bewundern. Welche kraftige Gestalten, welch edler Wuchs, welch stolze Haltung! Stark von Brust und Schultern, aufgerichtet das Haupt, umwallt von krausem Goldhaar, kann dieses Volk das schonste genannt werden von allen Reichen der Welt."

"Wie das plaudert! wie das schnappert! unedle Sinnenlust!" eiferte der argwohnische Pralat aus seinem Sessel. Dagobert kusste aber die Sprecherin auf die Stirne.

"Ich bringe Euch den Dank meines Volks;" sagte er verbindlich: "Ich darf doch darauf rechnen, Euch zum mindesten in das Festgewuhl der belobten Landsleute fuhren zu durfen?" Entschuldigend und versagend zeigte Fiorilla auf den leidenden Oheim, dem dagegen die Rothe des Argers auf die Wange, stieg. "Hebe Dich weg, Versucher!" rief er zornmuthig: "Entfuhre nicht dem Kranken die Pflegerin. Geh zu Wallraden. Dort ist Dein Platz. Sie magst Du fuhren, wohin Du willst."

"Ach, Oheim!" entgegnete Dagobert mit schalkhafter Betrubniss: "Die Fastnacht zwischen Wallraden und mir ist schon vorbei. Sie hat bessere Gesellschaft, denn die Meine."

"Hm!" meinte der Pralat, die Nase rumpfend: "Die ist nicht schwer zu finden. Doch .... ein Wort im Vertrauen." Er zog den Neffen bei dem Arme sich naher, und Fiorilla entfernte sich auf seinen Wink. "Warum kommst Du gar nicht mehr zu Wallraden?" fragte Monsignore: "Ich bat Dich doch, Deinen Einfluss fur einen ihrer Freier zu verwenden." "Ohm!" antwortete Dagobert: "Ich sagte es Euch: Mein Einfluss ist aus, und dann bin ich ein schlechter Freiwerber." "Du weisst also gar nicht, wie sich die Sachen gestaltet haben?" fuhr der Pralat fort: "Wallrade hat mir selbst vertraut, dass unser allergnadigster Herr, der Kaiser selbst, ein huldvolles Auge auf sie geworfen. Das geschah am verwichnen Sonntag, bei dem grossen Tanzfeste, das des Kaisers Majestat in ihrer Freigebigkeit veranstaltet."

"Der gute Herr ist der Minne Freund;" schaltete Dagobert ein: "Was soll aber daraus folgen?" "Blodsichtiger!" schalt der Oheim! "Daraus folgt, dass mein, Dein und Wallraden's Waizen bluht, wenn des Kaisers Neigung begunstigt wird." "Wie so denn?" fragte der Neffe mit grossen Augen. "Verwunschter deutscher Querkopf!" fuhr der Pralat fort: "Wallradens zeitliches Gluck, eine herrliche Pfrunde fur Dich, kostliche Privilegien fur mich und mein Stift, eine Bischofsmutze vielleicht .... begreifst Du nun?" "Ich wurde das Alles begreifen," versetzte Dagobert bedachtig, "wenn Wallrade von Sigmund geehlicht werden konnte. Ihr vergesst aber, guter Ohm, dass meine Schwester nur eines Altburgers Tochter, dass der Kaiser bereits vermahlt. Wie raumt sich also, was Ihr sagt?"

Der Pralat spielte ungeduldig mit dem Kreuze auf seiner Brust. "So alt schon," sprach er, "und noch nicht kluger? Ein Weltkind, und unbefangener als ein Klosterbruder, der nie aus der Zelle kam? Wie raumt sich denn d a s ? Siehst Du denn nicht ein, dass eines Kaisers, eines verliebten Kaisers Leidenschaft sich nicht an Ring und Priestersegen bindet? dass es unendlich vortheilhafter ist, auf kurze Zeit seine Freundin, als auf ewig seine Gattin zu seyn? Sigismund hat ein weiches, gottesfurchtiges Herz; er liebt es, Alles um sich her zufrieden zu sehen, und beginnt unstreitig bei den Blutsfreunden seiner Huldin, wenn sie vorsichtig einwilligen, ihren Bruder- und Oheimsnamen als Schild zu Schutz und Trutz vor die verschwiegne Minne halten, und durch solche Wache den Kaiser beglucken, bis dieser die Geliebte der Sache ein Ende zu machen einem reichen Magnaten als Gattin schenkt. Nun bin ich Dir doch klar genug gewesen, einfaltiger junger Mensch?"

"Weiss es Gott;" versetzte Dagobert, sich langsam von dem Oheim losmachend: "Klarer ist das A B C nicht, aber ich bin ein ungelehriger, fauler Schuler, der es mit Vorsatz in derlei Dingen nicht einmal bis zu den Buchstaben bringen will; ein Trotzkopf von Bruder, der einer Wallrade nicht einmal dann etwas verdanken mochte, wenn es m i t E h r e n geschehen konnte, geschweige hier, wo es sich um eine Sunde handelt, die bei uns zu Frankfurt, an Burgersleuten wenigstens mit Ruthenstreichen, mit Schande und Tod bestraft wird. Wallrade thue, was sie vor Gott thut Ihr, was Ihr vor eurem Gewissen verantworten mogt; ... mich lasst aus dem Spiele. Ich bin zu deutsch, zu dumm, wenn Ihr wollt, um Eure Wurfel zu fuhren. Gute Besserung, Oheim!"

"Was habt Ihr denn, Dagobert?" fragte Fiorilla stutzend, da er mit flammenden Gesichte aus der Stube trat: "Diese Rothe auf Eurem Gesichte" .... "Ich schame mich, Base;" antwortete der Jungling: "Der Ohm war so gutig, mich mit seinen Sittenlehren bekannt zu machen, und ich stehe weiter hinter ihm, als ich gedacht. Ich eile, mich zu zerstreuen." "Glucklicher!" seufzte Fiorilla: "ich muss das Haus huten, und sehe nichts von all den Herrlichkeiten, die sich draussen vorbereiten." "Ihr sollt wenigstens durch meinen Mund erfahren, was sich Alles begab;" erwiederte Dagobert: "so Ihr mir erlaubt, in der zehnten Stunde ungefahr unter Euer Fenster zu kommen, und ein Viertelstundchen mit Euch zu kosen; denn des Ohms Haus betrete ich vor der Hand nicht mehr." "Nicht?" rief Fiorilla erschrocken: "Was ist geschehen?" "Fiorilla!" liess sich der Pralat im Gemache vernehmen. "Ihr sollt Alles wissen," flusterte Dagobert. "Um die zehnte Stunde?" Fiorilla nickte mit dem Haupte, und verschwand.

Euern Auftrag habe ich erfullt, so gut es in meinen Kraften stand, sprach Gerhard von Hulshofen zu Dagobert, als sie in der Herberge zusammengekommen waren. Die schonsten Mummenkleider, die der eisgraue Schneider Welsner hatte, stehen Euch zu Diensten, und Ihr habt unter Dreien die Wahl bis zur Mittagsstunde. Schaut, da bringt mein Vollbrecht just den Bundel in's Haus. Auf Eurer Kammer wollen wir dessen Inhalt belugen.

Gerhard, um seinen Geschmack in's beste Licht zu setzen, pries nun, eine Larvenkleidung nach der andern auseinander breitend vor den Blicken des Wahlers, die Vorzuge einer Jeden mit behaglicher Lust. "Seht einmal diesen wilden Mann!" sprach er wohlgefallig lachelnd: "Neu, wie er von der Nadel kommt. Schone gelbe Leinwand, zierliche Schnurlocher und feine venedische Seidenschnur! Musste Eurer schonen Gestalt stehen, wie angegossen. Das Visir dazu ist sorgfaltig gemacht und aufgeputzt mit den ubermassigen Augenbraunen, Bart und Haarhaube von schwarzgefarbten Werg. Der Blatterkranz und Laubgurtel, die Keule und die ungeschlachten Geisschuhe Alles liegt dabei, und kann nicht schoner seyn. In dieser Mummerei werdet ihr allenthalben ein willkommner Faschingsgast seyn, und musst Euch nur von Fackeln entfernt halten, denn das am Kleide verschwendete Werg und Harz versteht keinen Scherz, und man hat Beispiele, dass Leute jammerlich verbrannt sind in solcher grasslich schonen Haut." Betrachtet ferner diesen Schalksnarren, und sagt mir, ob auch ein schonerer Pickelharing noch vorgekommen? Blitzt nicht auf Wams, Kappe und Unterkleid Grun, Roth, Gelb und Blau durcheinander, als hatte unser Herrgott seinen Regenbogen Stuckweise darauf geklebt? Wie gefallt Euch der prahlende Hahnenlamm an der Gugelmutze? Was sagt Ihr zu den stattlichen Eselsohren, die an derselben emporragen? Zu den zierlichen Glokken, an Ohren, Kamm, Gurtel, Schienbein, Ellbogen, Knie, ja sogar an den hochgekrummten Schuhspitzen? Was haltet Ihr von der lustigen Fratze, die dazu gehort, mit der knotigen Nase und dem flatternden Spitzbart? Seht, Halskragen, Kolbe, und Ruthe sind nicht vergessen! Beide Anzuge jedoch verdunkelt der, der uns noch zu besehen bleibt. Der wilde Jager, den ich jetzt vor Eure Augen lege, ist das Schonste, das aus Welsner's Werkstatt hervorging; so niedlich und zierlich, als ob es ein Materinger von Nurnberg1 zum Meisterstuck bestimmt hatte. Grun, wie der lustige Wald das Gewand; golden wie funkelnder Sonnenschein die Verbramung, roth wie das Nordlicht der flatternde Mantel. Wie die Mahne des Pferdes fallen die pechschwarzen Haare aus dem Spitzhute, an dem die Hahnenfeder des Jagers Wachsamkeit bezeichnet. Das Jagdmesser blinkt von hellem Beschlage und Elfenbein, der kurze Spiess scheint seine Scharfe in's Mondlicht getaucht zu haben ......

"Genug, genug, guter Freund," unterbrach ihn, vor Lachen beinahe erstickend, Dagobert. "Du bist begeistert von dem Jagerskleide, so dass mir bedunkt, als hattest Du selbst nicht ubel Lust, es zum Bestellerlohn fur dich zu fordern."

"Wo denkt ihr hin, Junkherr?" fragte Gerhard, mit begehrlichen Augen das Gewand musternd: "Meiner Treu, .... hatte ich auch die Lust, so hatte ich doch nicht die volle Tasche, die zu solchem Spass gehort. 'S ist ein erbarmlich Leben hier. Ein einzig Stechen hat bis jetzt der Kaiser angestellt, ein Ringelrennen, auf dem ich wohl den Preis errang; aber wie bald war die geringe Gabe in den Wind gegangen. Meine Hoffnung ist der Fruhling, in dem das lustige Ritterspiel wieder beginnt in voller Pracht. Bis dahin muss ich mich dunken und vergnugt seyn mit der Atzung, die mir meine Herren von Frankfurt hier im Engel verabreichen."

"Armer Schelm!" versetzte Dagobert: "Solche Entsagung fallt Dir schwer. Eine Fastnacht sollte vorubergehen, ohne dass Du darauf der vornehmste Narr gewesen? Nimmermehr. Es bleibt dabei, Du nimmst den wilden Jager, den ich bezahle, und dessen Seckel ich versehen will, damit seine Kehle nicht trocken bleibe, und ich ... je nun, ich stecke mich in den Pikkelharing; denn zu dem, was ich vorhabe, brauche ich eine Larve, die nicht die Einzige ihres Schlags im Gewuhle sey, und einen Begleiter, herzhaft wie der wilde Jager, unter dessen Mantel wohl neben dem Jagdmesser eine Raufklinge Platz hat."

"Hoho! was spracht Ihr da?" rief Gerhard vergnugt, und umarmte in seines Herzens Freude den jungen Gonner: "Larvenspuck, Silber in der Tasche, Weinlust und zum Beschluss eine Rauferei? Ihr macht uberselig!" "Und verlange nichts dafur, als Verschwiegenheit;" erwiederte Dagobert: "Verschwiegenheit und Aufsparung Deiner Freude bis zum Faschingdienstag. Schlendre bis dahin umher, in welcher Maske Dir's gefallt; den Jager hebe aber auf, sonst erfahrt man vor der Zeit aus Deinem sprachseligen Munde, dass Du dahinter steckst."

"Ich bin ja kein altes Spittelweib," lachte Gerhard zuversichtlich: "indessen: Euer Wille geschehe. Mein Freund, der Mundkoch aus dem Bischofshofe hat mir den langen Christoph versprochen, um mich darein zu vermummen, und ich will mir's gefallen lassen, bis zum Dienstage den Heiligen vorzustellen. Was ist's aber eigentlich, das ihr vorhabt, liebes Froschlein?"

"Hatte ich Lust, Dir's mitzutheilen," versetzte Dagobert: "so wusstest Du's bereits. Verstanden?"

Gerhard zuckte mit Zweifelhaftem Gesichte die Achseln, wollte reden, schlug sich aber auf den Mund, und empfahl sich durch einen stummen Buckling dem jungen Manne zu fernerm Wohlwollen. "Geh hin, altes Sieb," sprach Dagobert, ihm auf die Schultern klopfend: "Deiner Faust und Deinem guten Willen vertraue ich gern; keineswegs aber Deiner plauderhaften Zunge, die im Trunk und Aberwitz Dein eigen Seelenheil an den Teufel zu verschwatzen im Stande ware."

"Nachdem der Dicke hinweggegangen, um sich in den grossen Christoph zu verwandeln, setzte sich Dagobert gedankenvoll an den Tisch, stutzte den Kopf in die Hand, und uberlegte, was zentnerschwer auf seinem Herzen lastete." Sein tiefes Nachsinnen loste sich endlich in ein unzusammenhangendes Selbstgesprach auf. "Wird es gelingen?" fragte er sich leise und scheu, als ob er die zuhorchenden Mauern zu furchten hatte: "Lieber Gott! wird es denn erfullt werden, was von drei redlichen Mannern beschlossen wurde? .... Wenn es Tugend ist, das Recht von dem Joche einer meineidigen Gewalt zu befreien, dann muss ja auch der Segen von oben uns beschirmen. Wehe unsrer Zeit, dass wir im Verborgnen schleichen mussen, das Gute zu thun. Darf ich aber auch ganz ruhig seyn? Sundige ich nicht wider mein Gewissen und den Stand, den ich erwahlen muss? Nicht gegen meines furstlichen Freundes, des Herzogs, Ansichten und Glauben? O nein, gewiss nicht! mein Herz ist ruhig, und Friedrich wurde an meinem Platze dasselbe thun. Fort, zu ihm, um aus seinem geraden und klaren Blicke Festigkeit zu saugen und Beharrlichkeit zu dem Werke, eines Mannes, eines deutschen vor Allen wurdig!"

Da er in des Herzogs Hof eintrat, schallte ihm das frohe Getummel der zahlreichen Dienstleute entgegen, an welche die Freigebigkeit des Fursten so eben zum Eintritt der Fastnacht einen verschwenderischen Vespertrunk gespendet hatte. In Kuche, Vorplatz und den untern Gemachern des Hauses lagen und sassen die Zechenden umher, und liessen sich den Seewein munden, der in Stromen aus den aufgepflanzten Fassern floss. Treppen und Vorgemacher des Oberstocks waren leer von Dienern. Dagobert, ein gewohnter Gast, schritt keck auf des Herzogs Zimmer zu, da gewahrte er in der Ecke der Trabantenkammer einen Menschen, den einzigen hier athmenden. Der erste Blick auf den Wartenden liess den Juden nicht verkennen, so wie dessen langer schwarzseidner Rock mit gelbem Futter und Aufschlag den Reichen ankundigte. Der Jude, ein zerfetztes, bleiches Gesicht, naherte sich demuthig dem stutzenden Jungling. "Guter, junger Herr," sprach er: "seit langer denn einer Stunde warte ich hier auf die Gnade, vor den glorreichen Herzog gelassen zu werden. Die Diener sind nicht zu meinen Diensten, obgleich ich wurde hieher beschieden, und ich bin nicht genug frech, um zu dringen ohne Ansage in das Gemach des vornehmen Fursten von Tyrol. Eurer Huld, edelgesinnter Herr Ritter, empfehle ich mich; man gelangt ja durch Fursprache in den Himmel, warum nicht durch ein gutes Wort vor einen Fursten. Ihr seyd einer von dessen Vertrauten; das sagt Euer Gang und Eure Unbefangenheit; macht mich durch Eure Gnade zu Eurem Schuldner."

"Uberflussiges Geschmeichel!" brummte Dagobert: "Du willst, ich soll dem Herzog Deine Anwesenheit melden. Wie nenn' ich Dich?"

"Vor den Gewaltigen haben wir keinen Namen als den des Knechts;" antwortete der Jude! "Sagt nur, ich sey der Wechsler, der gestern beschieden wurde."

Dagobert zuckte die Achseln, und ging zum Herzoge hinein. Der Harrende zahlte indessen zum zehntenmale die Steine, mit welchen der Boden des Gemachs geplattet war. Bald kam jedoch der junge Mann wieder heraus. "Geh hinein, Jude!" sprach er kurz, und schob den in Danksagungen und Verbeugungen Zogernden in die Thure, die er, draussen verbleibend, hinter ihm schloss. Der Herzog sass am obern Ende des Gemachs auf einem Polstersessel, schien gerade von einem kleinen Schlummer erwacht zu seyn, und kraute seinem Jagdhunde hinter den Ohren. Die Bucklinge, mit denen der Eintretende den Kopf beinahe zur Erde neigte, machten einen missfalligen Eindruck auf den Fursten. "Lass die Possen!" sprach er hart: "Ich verlange die Ehrfurcht eines Menschen, nicht eines Hundes. So sehr ich Dir Dank weiss, dass Du mich nicht in meinem Vesperschlafe gestort hast, so wenig billige ich solche Kriecherei." Er winkte ihm naher zu kommen, in einer Entfernung von sechs Schritten jedoch stehen zu bleiben. "Du nennst Dich Ben David?" begann er nun: "Der geehrte Altburger zur Hofstatt hat Dich mir sehr empfohlen in dem Schreiben, das Du mir gestern uberreichen liessest. Wir wollen sehen, ob Du das Vertrauen verdienst, das ich Dir gerne schenken mochte."

"Es kommt ja nur an auf die Probe;" erwiederte Ben David ehrfurchtsvoll: "unser Volk hat immer geehrt und geliebt den Stamm der Habsburger, den Erlauchten, Weitgepriesenen."

"Schweig!" herrschte ihm der Furst zu: "Ich hasse die Speichelleckerei zu der Deine Glaubensgenossen so viele Anlage haben. Gerade und offen in's Gesicht; hinterm Rucken kein Haarbreit anders; so sey der Unterthan gegen seinen Herrn, der Geringe gegen den Hohen. Ich wette, diese schmutzige Glattzungigkeit ist Dir nicht einmal Ernst, denn Dein abscheulich Antlitz wird noch hasslicher durch das erheuchelte Grinsen."

Ben David zuckte schweigend die Achseln, und verbeugte sich. Der Herzog blickte ihn scharf an, und schlug alsdann erstaunt die Hande zusammen. "Jesus Christus!" rief er: "Wer hat Dich denn also zugerichtet, Jude, dass Dein Gesicht aussieht wie ein zerfetzter und kummerlich zusammengenahter Turnierhandschuh? Das nenne ich eine Narbe, wie man sie nur auf dem besten Schlachtfelde holen kann, obschon D u sie da nicht holtest."

"Ach, gnadigster Herr," erwiederte Ben David mit bewegter Stimme: "auf dem ehrenvollsten habe ich diese Narbe erhalten; im Kampfe fur meine Sohne, und Ihr, grossmuthigster Furst," hier warf sich der Jude weinend zu Friedrichs Fussen; "Ihr musstet mich an diesem Denkzeichen erkennen, wenn ein Sohn Israels werth ware der Erinnerung."

Der Herzog stand betroffen auf, und musterte mit durchdringendem Auge den Knieenden, der also fortfuhr: "O gewiss, gewiss, Ihr entsinnt Euch noch des Reichstags, der vor achtzehn Jahren beilaufig zu Frankfurt gehalten wurde, mit ungeheurer Pracht und grossem Zulauf von Fursten und Gewaltigen, unter denen jedoch hervorglanzte wie der Stern des Morgens der Herzog Leopold von Osterreich."

"Ob ich mich dessen entsinne?" fragte Friedrich mit leuchtendem Blicke: "Osterreich glanzte da wie die Sonne selbst, nicht wie der Stern, den sie verscheucht. Steh auf; rede wie kommst Du mit Leopold zusammen?"

"Des Herzogs Haus war offen wie das Haus eines Vaters seinen Sohnen;" fuhr Ben David fort: "um Gott und um Ehre wurde daselbst gespeist der Hungrige, getrankt der Durstige." Zwei Judenknaben wollten auch mit ansehen die Pracht des herzoglichen Hofstaats. Ach, sie wussten nicht, dass wo der christliche Bettler Zutritt hat, derselbe dem Juden doch verboten ist. Neugierig durchstreiften sie den Hof, die weitlaufigen Stalle. Dem Einen von ihnen fallt ein kostlich Sattelzeug in die Augen, mit vergoldeten Buckeln, der Andre greift es kindisch bewundernd an mit den Handen; ein Sattelknecht sieht's und ruft: "Diebe!" "Unter den Fausten des Trosses bussen die Kinder ihre unschuldige Neugier. Vergebens flehen sie an ihre Peiniger! Sie schreien auf zu dem hochgelobten Gott und zu ihrem Vater. Der Zufall will, dass dieser vorbeigeht an den offnen Thoren, hort das Gejammer, hineinsieht in den Hof und erkennt seine eignen, gemarterten Sohne. Die Angst jagt ihn unter die rohen Pferdeknechte; ihre Grausamkeit stosst ihn zuruck. Mit der Gewalt der Verzweiflung will er entreissen sein Blut der Gefahr, und der Hieb eines scharfen Schneidmessers wirft mich mit blutendem Gesichte zu Boden, denn i c h , ich Herr, war der Vater der armen Kleinen."

"Still! still!" rief der Herzog, auf dem Antlitz die edle Scham zeigend, welche eine gute That darauf malt: "Ich weiss bereits .... steh' auf; ich entsinne mich schon."

"Vor der Herrlichkeit Gottes liege ich nicht aufrichtiger im Gebete, als hier vor Euch in Dankbarkeit!" sprach Ben David weiter, und grosse Thranentropfen fielen in seinen Bart: "Ihr habt mich und die Sohne gerettet, edler Herzog, damals in der Jugendbluthe. Ihr habt mir gesendet Euern Arzt, der mich heilte; Ihr habt getrostet mein klagend Weib; Ihr habt beschenkt meine Kinder. Ihr habt Euch nicht geschamt, herabzusteigen in eines armen Juden Hutte, zu sehen unsre Armuth, unsre Leiden." "Gott!" spracht Ihr beim Scheiden halb vor Euch hin: "kann man denn Menschen so in den Staub treten?" und eine Handvoll Gold liesst Ihr auf meinem Schmerzenslager zuruck. "Herr! Mensch unter'm Herzogshute! Aus Euerm Beispiele hab ich gelernt, dass es gibt edle Christen. Herr! von Euch habe ich ererbt Vertrauen auf die dunkle Vorsehung; Herr! Euer Gold hat mir gebracht Segen, hat mich gemacht reich, und bei dem Haupte meines Vaters gelobe ich's Euch: Euer ist auch Alles, was mein ist auf der Erde."

Ben David schwieg erschopft, und kusste des Herzogs Stiefel, dass Friedrich emport zurucktrat, und halb geruhrt, halb unmuthig ausrief: "So steh doch auf, aberwitziger Ebraer! Du wirst mich bose machen mit dem ubertriebnen Gewasche. So seyd Ihr aber, leichtsinniges Volk. Dem Erloser sangt ihr Hosianna, und habt ihn dann getodtet."

Ben David richtete sich langsam und bekummert auf. "Gnadigster Herzog," sprach er, ganzlich ablenkend: "mein Vater, der seine hundert Jahre zahlt, hat viel des Guten gethan auf der Welt, und keinen Lohn davon getragen, als ein schneeweisses Haupt und schwache Glieder. Belohnt mich an seiner Statt, edler Furst, oder sorgt, dass der Kaiser es thue."

Der Herzog sah ihn befremdet an. "Wie soll ich das verstehen?" fragte er: "Wie kame denn ich, wie der Kaiser dazu, Dich zu belohnen fur die guten Thaten, die vielleicht Dein Vater verrichtet hat?"

Lachelnd schwieg Ben David eine Weile, trat dann in die vorige ehrfurchtsvolle Entfernung, und versetzte: "Euer Wort ist Wahrheit, Herr, aber ... wenn Ihr nicht an mir das G u t e vergelten wollt, das mein Vater vor funfzig Jahren that, warum lasst Ihr mir entgelten, was mein Volk vor anderthalbtausen Jahren B o s e s gethan? "

Friedrich warf bei der unvermutheten Wendung den Kopf zuruck, hielt aber an sich, biss sich in die Lippen, und bezwang seinen gereizten Stolz mannlich und edel, wie es einem klugen und rechtlichen Fursten geziemt, wenn die Wahrheit sein Vorurtheil besiegt. "Was ist aus Deinen Sohnen geworden?" begann er leutseliger, als zuvor. Ben David legte die Linke auf die Brust, und seufzte. "Sie haben mir viel Herzeleid. gemacht;" sprach er. "Der altere lebt und ist doch gestorben fur mich. Ich werde ihn nicht wiedersehen im Wohnort der Gerechten. Mein Bechor hat sich gerissen los von den Seinen, aus einem Sohn der Gebote ist er geworden ein Abtrunniger, ein Anhanger derjenigen, die sein Volk unterdrucken!"

"Ich verstehe;" erwiederte Herzog Friedrich: "er ist kluger gewesen als Du, und ist, ein Reuiger, in den Schooss unsrer Kirche eingegangen. Ich muss ihn um dessentwillen loben. Es ist besser ein schlechter Christ seyn, als der beste Jude." "Als Ihr sprecht von Essen und Trinken und Bequemlichkeit, gebe ich's zu;" versetzte Ben David ernst: "der heilige Gott moge ihm verzeihen. So viel ich weiss, lehrt er jetzt die hebraische Sprache zu Heidelberg an der hohen Schule." "Wohl ihm;" setzte der Herzog hinzu: "was geschah aber mit dem Jungsten?" "Auf seinem Gedachtnisse sey der Friede!" murmelte der Vater mit zum Himmel gerichtetem Blicke: "Er sitzt oben in der Herrlichkeit Gottes; vor vier Jahren wurde er zu Budweis erschlagen, da die Christen eine Judenhetze hielten daselbst."

Friedrich war betroffen. "Ein erbarmlich Schicksal!" sprach er, und wandte sich zum Fenster, um den Ausdruck der Ruhrung auf seinem Gesichte zu verbergen. Ben David trocknete eine Zahre von der vernarbten Wange, und fragte unterthanig, mit welchen Diensten er dem Herzoge aufzuwarten vermoge. "Ich werde vielleicht bald funf- bis sechstausend Mark Silbers benothigt seyn;" antwortete Friedrich, ohne seine Stellung zu andern, denn seine Bewegung war noch nicht voruber: "ich habe meine Grunde, warum ich dieses Geld nicht von meinen Rechneimeistern eintreibe; denn ich verlange strenge Verschwiegenheit. Kannst Du die Summe schaffen, sobald ich sie zu fordern veranlasst seyn konnte?"

"Zu jeder Stunde soll sie liegen bereit;" versicherte Ben David ohne Bedenken.

"Wie haltst Du's mit Zinsen und Verschreibung oder Pfandschaft?" fuhr Friedrich wie oben fort.

"Von Euch nehme ich nicht Zinsen;" entgegnete der Jude ruhig: "Euer Wort ist das beste Pfand; und eine Schrift begehre ich nicht, seitdem Kaiser Wenzel uns gezwungen hat, alle Schuldbriefe edler Herren unentgeldlich auszuliefern."

"Was soll das, Jude?" fragte der Herzog heftig sich umdrehend: "Was nimmst Du Dir heraus? Ein Herzog in Osterreich wird sich von einem Kammerknechte keinen Zins schenken lassen, und kein Darlehen empfangen ohne Brief und Siegel auszustellen, gleichsam als war es eine Gabe. Oder haltst Du mich, den Habsburger, fahig, von der Armseligkeit, die damals der Luxemburger gegen Euch ausgeubt, Vortheil zu ziehen?"

"Ich will doch umkommen auf der Stelle, wenn ich Euch, gnadigster Herzog, habe beleidigen wollen;" betheuerte der Jude: "nur so viel wollte ich sagen, dass Euer ist meine Habe und mein Leben, dass ich Euch weihe meine Dankbarkeit und den Segen mit dem mich hat uberschuttet der Gott Israel."

"Schweig, Hebraer!" rief Herzog Friedrich, sich aufgebracht stellend: "Lege ein andermal Deine Worte auf die Wage, und bedenke, dass ich kein Kohljunker bin, dessen Durftigkeit sich von Dir etwas gefallen lassen muss. Geh heim; es wird schon dunkel, und es ist keine Ehre dabei, mit Deinesgleichen zu solcher Stunde zu verkehren. Mache Deinen Uberschlag an Zinsen, an vollwichtigen Zinsen, horst Du? Herzog Friedrich will keinen Dienst umsonst und makelt nicht um einen Heller. Halte Dich sodann bereit sammt Deinem Gelde, wann die Zeit kommt, da ich es gebrauche." Mit dem stolzen Wesen, das dem Herzog so wohl stand, verabschiedete er den Juden, der sich in gewohnter Demuth und Unterwurfigkeit davon machte. Dagobert trat ein, den schweren vergoldeten Leuchter in der Hand, dessen drei flammende Kerzen das Dunkel des Winterabends aus dem Gemache bannten.

"Ich furchtete schon, Ew. furstl. Gnaden hatte sich in geheime Kabale und Sterndeuterei mit dem Juden eingelassen;" sprach der junge Mann lachelnd: "die Unterredung wollte kein Ende nehmen." "Haltet es dem Zufall zu Gute," versetzte der Herzog herablassend; "wenn heute der neue Bund vor der Thure harren musste, wahrend ich dem alten Gehor gab. Man beschaftigt sich ja manchmal mit Pflanzen, die im Schlamme wachsen, und diese wahrlich hat nicht die ubelsten Eigenschaften. Dem hasslichen Gesichte ware es beinahe gelungen, mein Herz zu ruhren, das sonst geharnischt ist wie eine Fechterfaust. Weg damit. Wie kommt's aber, guter Freund, dass ich Euch bei mir sehe, heute am ersten Faschingstage? Rollt das junge Blut wieder langsamer, als es sollte? Wollt Ihr den Graubart spielen, wahrend Alles sich in jugendlicher Lust ergotzt? Wisst Ihr nicht, dass es heute auf dem Tanzhause munter hergeht? dass der Kaiser selbst sich in die Freude mischen, dass er Ketten, Ringe austheilen wird an die Schonsten, die das Fest verherrlichen? Geht dorthin. Eurer wartet daselbst mehr Vergnugen, als bei mir und meinem steifen Waldmann. Oder, kann ich Euch in etwas dienen? Fordert." "Erlaubt, dass ich einige Augenblicke um Euch seyn darf;" bat Dagobert mit aufrichtiger Anhanglichkeit: "Euer Anschauen wird mich endlich zum Manne machen." "Greift Euern Jahren ja nicht vor;" erwiederte Friedrich: "sie sind die schonsten, die es gibt, und den vollen Keim des Mannes tragt Ihr in der Brust; des Mannes wie ich ihn liebe: gerade, frei, froh und eisenhart."

"Warum darf ich bei Euch nicht Ritterschaft lernen, gnadigster Herr;" klagte Dagobert. "Wenn ich Euch so kraftig vor mir stehen sehe, gepanzert gegen alle Widerwartigkeit, umgeben von Ehre, Gluck und Starke, da pocht mir das Herz vor Unmuth, dass ich in die Kutte kriechen, und kein Ritter werden soll, wie Ihr es seyd?" "Ihr wart ja nicht Eures Schicksals eigner Schmid;" versetzte der Herzog achselzuckend: "der Mutter Gelubde ist der Planet, dem Ihr gehorchen musst. Das troste Euch. Horch!" setzte er bei, zum Fenster eilend: "Warum wird denn da unten auf der Gasse so larmend gepaukt und schalmeit?"

In der That zog eine Bande von Zinkenblasern, Stosspfeifern und Paukern voruber. Eine Menge Fakkeltrager folgte ihnen; in ihrer Mitte der Kaiser zu Fusse, umgeben von angesehenen Frauen der Stadt, mit ihnen freudiglich dahertanzend unter einem unbandigen Zulauf von Larven und Fastnachtsnarren und kreischendem Pobel!

"Jesus Christus!" begann der Herzog, unmuthig mit dem Fusse stampfend: "Mein alter kahlkopfiger Lehrer hat mir Vieles von einem alten Kaiser zu Rom erzahlt, der seine Wurde so sehr vergessen hat, dass er auf einer Buhne vor allem Volk getanzt und den Gaukelspieler gemacht. Unsre kaiserliche Majestat ist das leibhaftige Konterfei des blutgierigen Thoren zu Rom. Er schleppt seine Wurde im Staube nach sich, wie einen unbequemen abgetragnen Reitermantel. Pfui! dass die Auslander solche Narreteien sehen mussen!" "Der Geist des Unmuths kommt uber Euch;" erinnerte ihn Dagobert bescheiden: "lasst Euch doch des Kaisers Thun nicht zu Herzen gehen!" "Seht Ihr, junger Gesell, wie ubel es um meinen Seelenpanzer steht?" rief der Herzog: "Der feige Lutzelburger trifft mit seiner Pritsche allemal die Blose. Ich sitze auf des heiligen romischen Reichs Furstenbank, meine Vorfahren sassen glorreich und wurdevoll auf dem deutschen Throne, den Habsburg auch jetzo mit grossrer Ehre fullen wurde, als die Luxemburger es im Stande sind. Ich darf, ich muss mich ereifern uber die strafliche Unbesonnenheit, die also zur Schau getragen wird. Ist das ein Betragen, eines Kaisers wurdig? Und dieser Faschingsheld will die Christenheit und ihre Kirche zu bessrer Zucht und Ordnung bringen? Von diesem tanz- und minnelustigen Herrn muss der Statthalter Gottes sich in's Joch der Knechtschaft beugen lassen? Nimmermehr! Doch was rede ich da?" unterbrach er sich: "Guter Dagobert; Ihr musst mir meine Laune nicht anrechnen, mich nicht fur einen Zanksuchtigen halten. Es thut wehe, eine ganze muthige Nation unter der Sohle eines Gauklers zu sehen. Glaubt mir, der ganze Stamm verdient kein bessres Lob, als ich ihm beilege. Der Vater Karl, in dem nicht Geist, nicht Muth, nicht Adel wohnte, sondern holzerne Formlichkeit allein, hat in seinen Sohnen nichts Treffliches hinterlassen. Niemand hatte wohl triftigere Ursache bei der Kronung den seltsamen Eid zu leisten: mit Gottes Hulfe nuchtern zu seyn und zu leben, als Kaiser Wenzel; niemand hat aber je einen Schwur schneller gebrochen als Er, den seine Vollerei und Zuchtlosigkeit um des Reichs Krone brachte. Sigmund ist jedoch um nichts besser: feig, wollustig, eitel und prunksuchtig ersetzt er den Mangel an Trinklust durch Tucke und unkaiserliche Doppelzungigkeit. Er hasst mich leidenschaftlich, in hoherm Grade, als ich ihn verachte, aber er streichelt meine Wange mit der Sammetpfote einer falschen Katze. Noch diesen Morgen druckte er mich an die Brust, nannte mich seinen liebsten Vetter, und heute Abend ich schwor's nennt er mich im Kreise seiner Speichellecker nach seiner Gewohnheit den Herzog der Flaschentrager, und den Erzpaschaler; obgleich ich fur meine Person das heutige Fest, des Conciliums wurdiger begehe, als Er."

Der Herzog, der diese lange Erlauterung seiner innersten Gedanken mit steigendem Feuer herausgesprudelt hatte, schwieg, um Athem zu schopfen; warf sich in seinen Stuhl, klopfte seinem alten Ruden die Ohren, und Dagobert, in gerathenem Schweigen verharrend, erwartete wie gewohnlich die Beurlaubung, die nach ahnlichem Sturme nie auszubleiben pflegte. Wider Vermuthen wurde jedoch des Herzogs Stimmung gemassigter, seine finstre Miene freundlicher. Das unmuthige. "Hm!" das zu wiederholten malen seinen Lippen entschlupft war, verwandelte sich in das Trillern eines Tyroler Verglieds, das der Furst besonders liebte, und das er oft gebrauchte, um sich in Heiterkeit zu versetzen. Mit einemmale schwieg er, heftete den Blick auf Dagobert, lachelte, und sprach in bessrer Laune: "Ei, mein werther Jungherr! Ihr steht an der Thure, wie einer der in unhochzeitlichem Kleide zum Feste gekommen ist. Gefallt es Euch, meine heutige Einsamkeit durch einiges Gesprachsel zu beleben, so tretet naher. Setzt Euch zu mir." Er wies auf einen Schemel, der unweit von ihm stand. So freundlich war der Herzog noch nie gewesen. Der Erlaubniss, sich zu setzen, durften uberhaupt gar Wenige in seinem Gemache sich ruhmen, und Dagobert war sie noch nicht zu Theil geworden. Geschmeichelt von der Herablassung des Gonners, gehorchte er gerne, und der Letztere hob bald also zu sprechen an: "Vielleicht habe ich Euch in des Kaisers Person beleidigt? Sagt es offen heraus, und Euch soll's nicht gegolten haben. Stellt Euch nicht so befremdet. Oder hattet Ihr in der That Eure zeitlichen Hoffnungen nicht auf Sigmund gebaut, der ich weiss es um Eurer Schwester Gunst wirbt? Euer Ohm hat schon hie und da ein Wortlein fallen lassen; hat schon dem heiligen Vater, zu dessen Sache er stand, halb und halb entsagt, um von dem im Augenblick uberwiegenden Kaiser desto eher den rothen Hut zu gewinnen. So redet doch auch Ihr."

Dagobert stand bekrankt auf, und neigte sich ernst. "Des Vaters Bruder handle wie's ihm recht dunkt; die Schwester desgleichen. Ich werde nie durch Unehre steigen wollen. Ihr habt mich hochgeehrt, gnadigster Herr, und mich erniedrigt im selben Augenblicke. Ich verdiene Euer Misstrauen nicht. Zahlt Ihr mich zu den Abenteurern, die Hand und Herz dahin lenken, wo der Vortheil am schwersten zieht, so muss es Euch befremden, mich an Eurer Seite, und nicht zu Sigmund's Fussen zu sehen."

"Wackrer Junge!" rief Friedrich zufrieden lachelnd, und die Hand nach ihm ausstreckend: "Lasst mich Eure Hand schutteln! Ich habe mich nicht in Euch getauscht. Ehre und Treue am Guten; das ist Euer Wahlspruch. Wie Ihr, redet nur die Wahrheit, und was wir am meisten an dem Manne lieben, den wir uns zum Freund verbinden wollen, ist eben Wahrheit. Ich diene Euch auch damit. Wallradens Betragen, das den schwachen Herrscher in's Netz der Minne zu ziehen bemuht ist, hat, wie es zu gehen pflegt, mancherlei Eindruck gemacht. Die Verdorbenen ihres und unsers Geschlechts beneiden s i e und den Kaiser. Die Sittlichern die kleinere Zahl verachtet sie desshalb; diejenigen aber, die sich in ihre Reize vergafften, und durch ihre Lockungen ermuthigt worden waren, sind zur Verzweiflung, oder zur Wuth gebracht. An der Spitze der Erstern steht der Herr von Konigseck, ein eitler Lasse, wie nur je deutscher Boden Einen trug. An der Spitze der Letztern befindet sich der Graf von Montfort. Die Verzweiflung des weibischen Hageprunks ware zu belachen; die Wuth des kuhnen Montfort ist es nicht. Er hat mir seinen Kummer vertraut, denn ich begunstigte sein Werben um Wallraden. Er hat mir betheuert, seine Geduld werde bald erschopft, seine Eifersucht bald auf's Hochste gestiegen seyn. Warnt Eure Schwester. Die Drohungen des Konigseckers mag sie verspotten; Montfort's Rache naht aber heimlich und schweigend, wie das Ungluck selbst. Wallrade sey auf ihrer Hut."

"Sie masste sich stets an, die Klugere zu seyn;" versicherte Dagobert: "ohne meiner Mannheit zu vergeben, darf ich die Ubermuthige nicht warnen. Auf meinen Arm mag sie eher rechnen, wenn der Zufall mich einst zu ihrem Beistand auffordern sollte, obgleich sie es nicht verdient."

"Warum musst Ihr in's Kloster wandern?" fragte der Herzog theilnehmend: "Ihr habt Anlagen genug zum biedersten Rittersmann. Wille und That sind bei Euch Eins und Dasselbe. Ich habe heute einen weissen Raben gefunden, einen dankbaren Juden namlich. Lasst mich in Euch das gleichseltne Kleinod finden, einen treuen Freund, wie ihn ein Furst so selten hat, von verschwiegnem Mund, bereitwilligem Arm und redlichem Herzen."

"Mein gnadigster Herr!" rief Dagobert uberrascht von so viel Zuneigung, und wollte Friedrichs Hand kussen. Der Herzog zog sie aber zuruck. "Keine Umstande!" sprach er ernst: "Ware ich Euresgleichen, ich nahme Euch in meine Arme. Dieses ziemt mir nun freilich nicht, da Gott einen Fursten aus mir gemacht hat, und Schranken mussen einmal seyn auf Erden. Aber die Hande durfen sich zwei Biedermanner wohl schutteln, wenn auch der Eine einen Herzogshut, der Andre ein einfach Piret tragt, wenn auch der Eine in des Lebens Herbst, der Andre erst in dessen Fruhling tritt." Er stand auf, und schuttelte traulich Dagobert's Hand. "Furwahr!" fuhr er fort: "diese Hand werde ich fruher gebrauchen, als Ihr wohl denkt, und auch den Kopf, meine ich; wenn Ihr anders nichts dagegen habt."

"O sprecht, mein Herzog!" bat Dagobert ungestum: "Was kann ich thun, um Euer Vertrauen zu verdienen? Redet; auf der Stelle sey's vollbracht." Der Herzog legte den Finger auf den Mund. "Noch ist's nicht an der Zeit!" begann er: "doch die Zeit wird kommen: verlasst Euch darauf. Noch darf ich nicht reden, sondern nur lauernd harren, bis geschehen muss, was noch jetzt ein Geheimniss ist. Gelt, ein schmachvoll Jahrhundert, in dem sogar ein Furst wie ein gefahrlicher Verbrecher heimlich thun muss, indem das Recht auf leisen Socken schleichen muss; wahrend der Schelm ohne Scheu so viel Larm macht, als ihm beliebt. Aber das Gute und Rechte thun, wenn es auch verboten ist durch schmahliche Gewalt, ist loblich, und in solchem Falle sind alle Mittel, sofern sie nicht Sunde sind, dem ehrlichen Zwecke gerecht." "Ist das Euer aufrichtig Glaubensbekenntniss?" fragte Dagobert den Herzog rasch und kuhn. "Mein aufrichtigstes;" entgegnete dieser, und fugte abbrechend bei: "des Besten mich zu Euch versehend, entlasse ich Euch."

"Und stark auf's Neue in Geist und Kraft scheide ich von Euch, edler Herzog," antwortete Dagobert, zufrieden von seinem erhabnen Freunde gehend.

Fussnoten

1 Kandidat der Meisterschaft im Schneiderhandwerk.

Zwolftes Kapitel.

Lasst uns ruhren die frohlichen Schellen!

Rustig und schnell in's Gewuhl hinein;

Darf der Thorheit sich Ernst beigesellen,

Dann ist es Lust ein Narr zu seyn.

In der Poeten fabelhaft Reich

Zaubert ein drolliger Fastnachtsstreich!

W.

"Nun? wie gefall' ich Euch?" sprach Gerhard lachend zu Dagobert, als sich Beide am Nachmittage des Fastnachtdienstags in ihre Larvenkleider gesteckt hatten: "Bin ich nicht der wildeste aller Jager? Kreuz, Stein und Dorn! Was werden die Leute gaffen, und auch Ihr, Junkerlein, seyd der schmuckste Schalksnarr, der jemals zu Costnitz die Schellen regte. Wir werden Aufsehen machen, wo wir uns nur zeigen." "Das verhute Gott!" erwiederte Dagobert: "Benehme Du Dich nur nicht auffallend und allzu abenteuerlich. Deine ungehobelte Gestalt ist ohnediess allzukenntlich, wenn Du nicht den Mantel vernunftig und weit umgeschlagen tragst, damit, er Dich verhulle." "Ohne Sorge!" meinte Gerhard: "Ganz Costnitz ist der Meinung, ich laufe noch immer als grosser Christoph umher, denn ich habe meinem langen Vollbrecht Kleid, Schurbaum und Heiligenschein abgetreten." "Herrlich!" versetzte Dagobert: "Ganz Costnitz weiss demnach, dass Du in jener Mummerei steckst, und Wird gewiss auch von der Neuen erfahren haben." "Ich will im nachsten Stechen in jedem Rennen den Sand kussen, wenn eine Seele von dem wilden Jager weiss;" betheuerte Gerhard: "Mit dem Christoph war's ein ander Ding. Um einen Begleiter und eine Ansprache zu haben, erlaube ich meinem Knechte Vollbrecht, mit mir umher zu laufen, und da der einfaltige Tropf mich immer gestrenger Herr nannte in Dorf und Stadt, so war's gleich weltkundig, wer ich sey." "Eine herrliche Aussicht!" fugte Dagobert bei: "Der Knecht hat die Plaudersucht von Dir geerbt. Nur so viel zur Nachricht. Kein Tropfen Weins kommt in Deine Gurgel mehr, sobald Du verrathst, dass ich in diesem Pickelharing stack." "Verstehe;" antwortete Gerhard: "werde mich auch huten. Trinke lieber nach geschehener Arbeit meinen Wein fur Euer Geld, als dass ich wie ein achter Kalandsbruder herum schmarotze mit leerem Seckel. Seyd nicht bange. Und den Raufdegen? Ich trage ihn unterm Mantel am Gurtel. Geschliffen ist er wie ein Schermesser, und wehe den Rippen derjenigen, die mit ihm Bekanntschaft machen wollen." "Gut;" erwiderte Dagobert: "Jetzt lass uns hinaus in die tolle Faschingslust, die wohl haufig unter der bunten Tracht den schwarzen Ernst verbirgt! Komm, wilder Jager, und folge mir Schritt fur Schritt."

Wo sie hinkamen, die stattlichen Vermummten, empfing sie der Jubel, der heute ausgelassen und gellend durch alle Strassen tobte und sogar der strengen Stadt- und Conciliumsordnung spottete. Alle Stande wetteiferten sich in Tollheiten zu uberbieten, und die seltsamen Figuren, die wie eines vielfarbigen Stromes Wellen, durch die Hauserreihen, uber die Platze sturmten, versetzten den ernstesten Zuschauer in ein fremdes, wunderliches Land, worinnen es schwer fiel, dem Mitburger- und Mitnarrenrecht sich zu entziehen. Getrost und munter umherschwarmend kummerte sich Keiner um den Andern. Alle nur um die allgemeine Festlichkeit. Der Schultheiss mit dem Hintersassen, die Burgermeisterin mit der armsten Pfrundnerin, der Meister freier Kunste mit den rohen Bauern, sie hatten nur e i n Ziel. Der Leibeigene schritt seinem Zwingherrn zur Seite, die Magd ihrer Gebieterin. Der Larven Freiheit vernichtete jede Schranke. Nach dem Massstabe der Anspruche und des Wohlstandes der Hohen und Niedern im Volke waren, auch die Lustbarkeiten verschieden, in welche die frohliche Feier zerfiel. Rotten von verlarvten Spielleuten liessen sich allenthalben horen, und ihre Vorlaufer, in possenhafte Thiergestalten verkleidet, als aufrechtgehende Leuen, Baren und Greife sammelten an allen Hauserpforten fur die unermudeten Pfeifer und Lautenschlager. Die Freigebigkeit der frohgestimmten Burger ferner in Anspruch zu nehmen, zogen Buben mit Tannenbaumen heran, sie vor die Thuren pflanzend, und das herkommliche Lied dabei singend: Ich bring' zum Fastelabend einen grunen Busch! Junge Bursche vom Lande schleppten Pfluge zu den Vorstadten, mit farbigen und goldnen Bandern geschmuckt, fingen die muthwillig umherschweifenden Dirnen in Strohketten auf, und spannten sie an das Ackerfuhrwerk, bis unter dem Gejauchze des Pobels die armen Gefangnen, von einem Regen von Hackerling und Sagspanen uberstromt, sich mit ein Paar Hellern oder einem Kusse ihr Losegeld bezahlen.

"Solche Kusse sind besser denn Fastnachtswekken!" meinte Gerhard, da er mit seinem Begleiter an einem Auftritte dieser Art voruberging, und Dagobert hatte nicht wenig Muhe, den wilden Jager von der Theilnahme an der niedern Volksbelustigung zuruckzuhalten. "Ei du altes Sieb!" sprach der junge Altburger, indem er ihm die Kolbe zu kosten gab: "Mochtest Du nicht etwa dort auf dem Kornmarkte mit um das unreine Thier turnieren, dem die vielen Bengel mit verbundnen Augen und derben Dornknuppeln in der Faust zu Leibe gehen? Ein herrlicher Sieg, die arme an den Pfahl gebundne Bestie vor das Hirn zu schlagen, und zum Festbraten fur den Abend zu gewinnen! Oder gelustet Dich vielleicht nach jenem dunnen Haringe, den die beiden Lumpenhanse dort mit den russbesudelten Gesichtern an der ungeheuern Stange tragen, ein Vorbild der anruckenden Fastenzeit?" "Ach, schweigt mir von der Faste;" entgegnete Gerhard gramlich: "Ich mochte mich ja gerne von allen Fastnachtruthen zerprugeln lassen, die heute von dem verlarvten Gesindel an den Maulaffen von Zuschauern zerhauen werden, durfte ich den Aschermittwoch sammt Nachfolgern aus dem Kalender streichen, und flugs auf dem Faschingdienstag den Ostersonntag kommen lassen." "Alle Teufel!" unterbrach er sich hier plotzlich, so dass Dagobert es der Muhe werth fand, ihn um die Ursache des schnellen Verstummens zu befragen: "Habt Ihr das hassliche Gesicht nicht gesehen, das aus dem Erdgeschosse jenes Hauses blickte?" fragte Gerhard entgegen. Dagobert verneinte. "Und auch das Engelantlitz ihm zur Seite nicht?" fuhr Gerhard fort. "Eben so wenig;" versicherte Dagobert. "Na, so wunscht Euch zu dem Ersten Gluck, und reisst Euch die Haare aus dem Kopfe wegen des Zweiten;" flusterte Gerhard. "Ein Engel," sage ich Euch, "ein Engel neben einem garstigen Satan, der an seinem Gesichte Larve genug hat, um heute keines Mummenschanzes weiter zu bedurfen." "Du schwatzest wie ein Verruckter;" entgegnete Dagobert. "Den Teufel auch," murrte Gerhard vor sich hin: "Der Ausbund von Hasslichkeit sah mir nur zu vornehm aus, sonst glaubte ich steif und fest, es sey der Bursche der zu Worms ....."

"Willkommen, wilder Jagersmann!" schrie eine Schar von Larven, die sich um den verdutzten Gerhard versammelte: "Du liessest lange auf dich warten!" Der erste Blick belehrte die beiden Gesellen, dass eitel Weiber sie umringten, in grune, lustige Waldfarbe gekleidet, mit Tannenstraussern auf den Huten, Bogen, Pfeile und Jagdlanzen in den Handen; schon verzierte Hifthornlein an der Seite. "Wie konntest Du Waldinen harren lassen, viel zu lange fur ihre Sehnsucht?" rief die Anfuhrerin der Schar, die den Sperber auf der Hand trug, und von deren Sammthutlein ein Strauss von grunen Federn nickte: "Komm mit uns! Komm mit Frau Holda Waldinen!" jauchzte die ausgelassene Bande: "Hussa! wackrer Waidmann! ho! ho! mit uns!"

Der verlegene Gerhard, der kein Wort zu erwiedern vermochte, fuhlte sich, alles Widerstrebens ungeachtet, von Dagoberts Seite gerissen, von der Schar der Jagerinnen im Triumph davon gefuhrt, und ein grosser Larvenzug, der die Strasse heraufkam, trennte unaufhaltsam die Gefahrten. "Ihn reisst sein Schicksal dahin!" dachte Dagobert lachelnd fur sich: "und mich beraubt es vielleicht dadurch eines handfesten Helfers. Immerhin jedoch, was beschlossen ist, muss geschehen, selbst wenn mir der willkommne Wachter entginge. Frisch hindurch und mitten unter das Gewuhl, damit es fur jetzt mein Herz ergotze!" Er warf sich Kopfuber in den Zug, der aus mehreren hundert Verlarvten bestand, den vornehmern Leuten angehorend. Von unzahlichen Narren umschwarmt, die wie Besessene durch das Zuschauergedrange tobten, mit Ruthen und Peitschen die Hande der Gaffenden kitzelten, an Thuren und Laden klopften, in die Hauser drangen unter dem Vortritt eines Herolds possenhafter Natur, um daselbst kleine Fastnachtsspiele aufzufuhren, deren Witz oft nicht der zuchtigste war, bewegte sich die Larvenschar langsam vorwarts, und bot dem Volke ein glanzendes Schauspiel. Ein Pickelharing mit der Narrenfahne in der Faust eroffnete es, auf einem Esel reitend. Eine Bande von Trompetern, Schalmeiern und Gigenbucklern folgte ihre Musikam in den wunderlichsten Tonen auffuhrende. Der ewige Jude und der lange Christoph Arm in Arm schritten dahin mit langen Tannenbaumen in den Hangen. Der wohlgemastete Fasching, auf einer Schleife ruhend, von Schinken, Wursten und Kurbisflaschen umkranzt, wurde einhergefuhrt von dem drollig geputzten Sonntag, Montag und Dienstag den Grossen seines Reichs. Ihm folgte ein Trupp von nahenden Schneidern auf Geisbocken, von zahneflatschenden Affen auf Tigerlarven sitzend; der Vortrab der herbeigetragnen Fastnacht, dem Weibe des Faschings, dessen Thron auf den Schultern von verlarvten Backergesellen in zierlichen Leinwandkitteln und blauen Schurzen errichtet war, und von welchen eine reiche Spende von Bretzeln und Hornaffen unter das Volk und die larmende Jugend regnete. Nach dieser erfreulichen Augen- und Magenlust ergotzte doppelt die schwere, knarrende und von bebanderten Ochsen geleitete Guggelfuhre, angefullt mit den possierlichsten Mummereien, mit langbartigen Turken, kinnwakkelnden Judenkopfen, verzerrten Mohrengesichtern und klaffenden Bullenbeissern, denen man zerzauste Haarhauben auf die gramlichen Gesichter gestulpt hatte. Ein lustig Gesindel von Thorhansen und Gaukelspringern machte hier, radschlagend, burzelbaumend, schellend, rasselnd und in den hochsten Tonen des Stimmengejauchzes quinkelirend, das Gefolge, und zugleich den Herold der grossten Pracht des Zuges, des herrlichen Hofs der Frau Venus, wie ihn die schlichte Sage schildert. Der treue Eckart mit dem weissen Stabe ging voraus, warnend und ermahnend, mit langem Silberbarte, in schlichtem grauem Gewande. Dagobert's scharfer Blick entdeckte schnell unter dem faltigen Rocke eine fast unmerkliche Schultererhohung, und wusste alsobald, dass der Graf von Montfort unter der Larve stecke. Sein Ahnungsvermogen, von den Muthmassungen der ihn umsummenden Schaulustigen und in das Larvengeheimniss Eingeweihten gerechtfertigt, fand auch unter den Nachfolgern des treuen Eckarts Bekannte auf. Ein uber ein Stockwerk hoher Wagen mit vielen stufenweise erhohten Sitzen wurde von acht Schimmeln gezogen, die, mit prachtigen Decken angethan, an jeder Seite von vier jungen Leuten in heidnischer Tracht mit bekranzten Hauptern, gefuhrt wurden. Zwei stattliche wilde Manner lenkten von oben die Zugel, und sassen zu den Fussen liebenswurdiger Knaben, die in rosenfarbiger Seide gekleidet waren, silberne Binden auf der Stirne trugen, und goldne Bogen mit Pfeilen und Kocher in den Handen hielten. Hinter denselben sassen die drei Gesellschafterinnen und Gespielinnen der holden Liebeskonigin, in weissen, blauen und Amaranth-Gewandern mit Granaten- und Perlschnuren geschmuckt, und mit flimmernden Piretleins von Straussenfedern umwallt. Die Eine hielt einen runden Metallspiegel, die Zweite einen Facher von weichem Flaumengefieder, die Dritte eine weisse Taube mit vergoldetem Schopfe. Uber ihnen thronend jedoch unter purpurnem Himmel, umgeben von einem zahlreichen Kreise der bestgezierten Frauen, glanzte Frau Venus selbst, angethan in goldnem Stuck, strahlend von blitzenden Kleinodien, eine geborne Furstin der Schonheit und der Pracht. Es war diessmal fur Dagobert eine schlechte Aufgabe, in der heidnischen Gottin und Fee seine Schwester zu erkennen, da ihre Eitelkeit sogar die Gesichtslarve verschmaht hatte. Der geschnirgelte, geschnurte, und geleckte Ritter Tannhauser an ihrer Seite konnte Niemand anders seyn, als der stutzerhafte Herr von Konigseck. Wie spreizte er sich an dem Ehrenplatze, der ihm zu Theil geworden war! Stolzer brustete er sich dort oben als der dicke Goliath, das Vorbild aller ausgemasteten Philister, der hinter dem Prunkwagen zu Pferde sass, und mit seiner Stechlanze die Rotten von kleinen schwarzen Teufelchen mit Schweif und Scharlachzunge wegprugelte, die gern zum Thron der Venus aufgeklettert waren, lachend von dem halb erstiegnen Wagen purzelten, schnell wieder von ihrem Falle erstanden und entweder das Wagestuck von Neuem versuchten, oder die Pfeile ihres derben Witzes gegen den langen durren und zerlumpten Aschermittwoch kehrten, welcher matt und keuchend, sich anhaltend an den Schweif des friesischen Goliathhengstes, den Zug durch seine Jammergestalt beschloss. "Du bist der treue Eckart, und warnst Jedermann;" rief Dagobert dem weissbartigen Grafen zu, und warf sich mit klingendem Schellengetose in den Haufen: "Aber Dich selbst warnt Deine Thorheit nicht. Fliehe die falsche Venus!"

Ehe noch der Graf nach dem aufdringlichen Mahner umschauen konnte, hatte dieser, kecker als die Teufelchen und unangefochten vor dem Philister, den Triumphwagen erklimmt, und sich vertraulich zwischen das Liebespaar geschoben. "Mit Gunst!" sprach er mit verstellter Stimme, die Schellen lustig schuttelnd: "Wo die Minne hausst, darf die Thorheit nicht fehlen. Wie gefallt Dir die Aussicht auf den Ekkart dort unten, lieber Tannhauser? Bilde Dir nicht zu viel ein auf Deinen Schnurleib und Deine wohlriechenden Salben. Frau Venus ist falsch und in Kurzem gehst Du im Staube wie der treue Eckart." Tannhauser schaute hoch auf. Venus wendete sich aber mit verachtlichem Blicke zu Dagobert. "Der Narr mengt sich in Alles, und weiss Alles!" sprach sie hohnisch. "Ei wohl;" versetzte der Schalk dreist und zuthulich: "weisst Du warum der Zug jetzt halt? Weil er unter des Kaisers Fenstern steht. Weisst Du, warum Dein linkes Auge seitwarts schielt? Weil der Kaiser auf dem Altan sitzt, und die Minnefurstin mit seinen Blikken verschlingt. Furchte Dich vor Kron und Scepter, Tannhauser, und Du, .. setzte er in Wallradens Ohr flusternd bei: .. Du, furchte Eckarts Eifersucht!" "Abgeschmackter!" zurnte sie, erwiederte augelnd des Kaisers zartlichen Gruss, heftete ihren Blick auf das Fenster eines benachbarten Hauses und errothete plotzlich. "Du bist bewegt, Frau Minne!" fragte Dagobert neckisch: "Lass horen; Thorheit heilt das Herz." Wallrade sah ihm scharf in die glasernen Larvenaugen, und glaubte eine zartlichere Theilnahme an dem Schalksnarren zu bemerken, die sie, die schlaue Mannerqualerin, nie unbenutzt liess. "Du brustest Dich Alles zu wissen?" fragte sie lauernd entgegen: "Was, war's, das mich bewegte?" "Du sahst an jenem Fenster ein Weib, dessen Schonheit den Vergleich mit der Deinigen nicht scheut;" antwortete der Schelm schnell und zuversichtlich. Wallradens Stirne zog sich zusammen. "Du bist nicht der zierlichste Narr;" erwiederte sie nicht ohne Bitterkeit: "Sage mir jedoch, wer i s t die Frau mit dem holden Kinde im Arm?" "Frage mich nicht;" antwortete Dagobert scherzend. "Sprich, ich befehle es Dir." "Die Minne gebietet nie der Thorheit; sie ist ihr unterthan." "Rede, ich lasse Dich nicht." "Das schone Weib ist die Frau von der Rhon!" raunte ihr Dagobert hart und rauh in das Ohr. "Abscheulicher!" schrie Wallrade auf. "Was gibts?" fuhr Konigseck dazwischen, dessen argwohnischer Leidenschaft die heimliche Unterredung mit dem raschen Fremdling schon viel zu lange gedauert hatte. "Eine Uberraschung, guter Tannhauser," lachte Dagobert ihm in's Gesicht: "Weiter nichts! Leb' wohl!" Klappernd und schellend machte er sich vom Wagen herunter, nachdem er dem zierlichen Liebesritter seine Kolbe zu kosten gegeben fur das uberflussige: "Verdammter Hanswurst!" das der edle Herr, seinem Unmuth Luft zu machen, ihm nachgebelfert hatte. Muthwillig geworden durch den aufregenden Schwank, sprengte Dagobert wie ein dem Pferch entronnenes Fullen kreuz und quer durch das ausgelassene Volk, das sich auf den Gipfel der Lustigkeit hinaufschraubte und immer tollere Streiche machte, je naher die Dammerung ruckte mit ihrem Schatten. Die Schalkheit des Pobels setzte sich hauptsachlich die Klosterleute beiderlei Geschlechts zum Ziele, die an diesem Tage ihre Clausur zu verlassen, bevorrechtet waren, und, wenig Zucht und Anstand beobachtend, die Stadt durchstreiften, mit den Laien in Thorheit wetteifernd. Jedoch, obgleich sie in Thun und Lassen den Weltkindern nachahmten, so vermochten sie es doch nie, ihren Stand selbst unter der verhullendsten Maske, ganz zu verbergen. Der Kuttenschritt verrieth die Manner, das ungewisse Trippeln und Zusammenhalten in ansehnlichen Banden den weiblichen Convent; und dieser Umstand setzte die Zellenbewohner manchen Unannehmlichkeiten aus, wie sie die Ausschweifungen der Fastnacht mit sich brachten. Flinke und gelenke Pikkelharinge nahten eine ganze Nonnengemeinde zusammen, und trieben sie mit Peitschhieben und tausendfaltigem: Hoho! und Hallah! vor sich her. Das grobe Schiffervolk riss den als Monche Beargwohnten die Kopfbedeckung vom Haupte, und stellten ihre Tonsur zur Schau, und dennoch, kaum entschlupft den Handen der ungeschlachten Gesellen, setzten die Ordensleute, ihre Freiheit benutzend, ihre Thorheiten fort, auf Strassen, Platzen, Tanzhausern und Trinkstuben bis der Morgen herandammerte und sie gebieterisch in das Kloster zuruckwies, diejenigen ausgenommen, die vom Weine ubermannt, den Taumel erst ausschlafen mussten. Bei einem solchen Auflauf, in welchem ein Paar schuchterne Conobiten gequalt und gehanselt wurden, stiess der von seines Ohms Hause kommende Dagobert plotzlich wieder auf den verloren gegangnen Gerhard. Bei dem Flammenscheine einer Pechpfanne erkannte er Mantel, Hut und Visier, und die Behaglichkeit, mit welcher der grobhautige Fechtbruder dem gemeinen Possenspiel zusah, liess dem jungen Manne keinen Zweifel ubrig. "Gut, dass ich Dich finde;" sprach dieser zu dem Ungetreuen: "Bist Du's, oder bist Du's nicht, Gerhard?" "Na, beim heiligen Georg! wer soll's denn anders seyn?" brummte Gerhard, mit lustiger Vertraulichkeit Dagobert's Hand ergreifend, und den von Wein unsicher gewordnen Korper auf dessen Schulter neigend: "Das ist Froschlein," fuhr er fort, "Froschlein oder mich soll der Schwarze holen mit Pferdefuss und hollischem Gestank!" "Ei Du Trunkenbold!" zurnte ihm Dagobert entgegen und zerrte ihn abseits von dem Menschengewuhle: "Nimm die Trommel, und rufe mich aus nach allen vier Winden, Du Schlemmer! Wo kommst Du her, Du trunknes Ungeheuer?" "Aus dem Paradies," versetzte Gerhard lustig: "aus dem Paradies;" setzte er baurisch grob hinzu, da Dagobert nichts entgegnete: "Ihr konnt mir glauben. Es lebe Frau Holda Waldina sammt ihren schmucken Tochtern, und ihrem kostlichen Firnewein!"

Es ergab sich aus den Reden des Edelknechts, dass er in eine nichts weniger als ehrenvolle Gesellschaft gerathen war, namlich in die von fahrenden Tochtern und Frauen, deren es um die Zeit des Conciliums eine bedeutende Anzahl zu Costnitz gab, und die entweder einzeln in den Vorstadten, namentlich aber zunftweise unter Meisterinnen versammelt, in der nachsten Umgegend der Stadt, ofters auch nur, nach Massgabe ihrer Anspruche, in elenden Hutten und Zelten sich aufhielten. Diese Bande, eine der ansehnlichsten, hatte es am heutigen Tage auf Niemand Geringern, als auf den Kaiser selbst abgesehen gehabt, von dem ein dunkles Gerucht verbreitet hatte, als wolle er selbst, in die Tracht, des wilden Jagers vermummt, allein und ohne Gefolge die Volkslust in den hochsten, wie in den niedersten Kreisen verfolgen und beobachten. Die Hoffnung, von dem leutseligen Herrn ein ansehnliches Geschenk zu gewinnen, hatte diese lockern Tochter so kuhn gemacht, ihn im Putze vornehmer Frauen aufzusuchen, und so zierlich zu bewirthen, als es angehen wurde. Gerhard's Larve tauschte sie, wie fruher schon das lugenhafte Gerucht; erst in dem Saale des Gasthauses, in welchem fur die lebenslustige Schar und ihren seltnen Gast ein Vespertrunk bereit stand, enthullte sich die Wahrheit. Gerhard lachte die Betrogenen aus, log ihnen von seinem Geschlechte und seinen Gutern ein Langes und Breites vor, liess sich ihren Wein schmecken, seinen Beutel wegstibitzen, und entrann mit leerer Tasche und ziemlich vollem Kopfe den Lockungen des losen Gesindels. "Sagt nun einmal zur Gute," schloss er seinen Bericht; "ob ich nicht Wort gehalten habe, wie ein Mann. Hier bin ich wieder und stehe Euch zur Seite. Verlangt, was Ihr wollt. Ich stehe dem Satan selbst, wenn er Lust hatte, mit mir anzubinden."

"Das glaub' ich Dir von Herzen gern;" erwiederte Dagobert: "denn Dir sitzt ein Dutzend von Teufeln jetzt im Leibe. Da ich indessen heute eines Menschen bedarf, der nicht grubelt, da der Weindunst Dir das Grubeln verbietet, und Deiner Barenkraft das Doppelte, wie ich hoffe, zulegt; so sollst Du der Wachter einer That seyn, die Dir spater Segen bringen wird, erfahrst Du auch kein Wort von ihr." "Ihr sprecht ein Deutsch, das klingt wie Latein;" meinte Gerhard: "ich will bucklich werden, wie der Montfort, wenn ich ein Wort davon verstehe. Thut indessen nichts. Sagt mir nur, wo ich hinstehen soll. Kreuz und Dorn! ich halte fest." "Fur's Erste," sprach Dagobert, indem er ihn in ein finster Gasslein zog: "fur's Erste nimm Dein Jagdmesser zur Hand." "Was?" fragte Gerhard, den Jungling anglotzend, so gut es die Dunkelheit erlaubte: "Ich werde E u c h doch nicht die Gurgel abschneiden sollen?" "Schweig!" raunte ihm Dagobert zu: "Trenne schnell und sicher jetzo die Schellen von meinem Gewand und meiner Kappe." "Eine seltsame Grille!" versetzte der Hulshofen "eine wunderliche Aufgabe, hier den Schneider zu machen, wo es Pechrabenschwarz um uns her ist. Schreibt Euch's selbst zu, wenn ich nicht blos die Naht treffe." "Thut nichts; nur zu. Ich gebe indessen das Zeichen." Wahrend Gerhard mit unbarmherziger Hand die Schellen abschnitt, und mit jeder derselben ein erkleckliches Stuck des Gewandes wegnahm, schnalzte Dagobert viermal mit der Zunge, als ob eine Wachtel anschluge aus grunem Felde. Nicht lange war das Zeichen voruber als auch schon zwei Manner sich naherten, in schleppenden Rocken. Gerhard, stutzig gemacht, wollte ihnen ein derbes: "Wer geht da?" entgegendonnern, aber Dagobert hielt ihm den Mund zu. "Willkomm!" sprach der erste Ankommling in auslandischer Mundart: "Die Mund ist da." "Wie steht's?" fragte Dagobert. "Gut;" versetzte der Andre: "der Freund" auf den zweiten zeigend "hat vorgearbeitet. Petrus wird aufmachen." "Das gebe Gott;" antwortete Dagobert, und ging voraus. An der Ecke warf er seine Narrenglocken in einen Brunnen, und schritt dann schneller vorwarts. "Ist das der Mensch, von dem Ihr spracht?" fragte ihn leise einer der Fremden, auf den geduldig nachtrabenden Gerhard weisend. "Ja," entgegnete der junge Mann: "er ist's, Herr Graf. Zuverlassig, willenlos, und ganzlich unwissend." "Gut, gut;" antwortete der Fremde, und hielt sich mit seinem Begleiter dicht auf den Fersen des Fuhrers, der abermals in ein Gasslein einbog, und vor der Pforte und dem Vorsprungshanslein eines Klostergebaudes stille stand. Kein Laut war weder in dem Kloster, noch in der Nachbarschaft zu horen. "Halte hier die strengste Wache!" sprach Dagobert zu Gerhard: "Wir haben im Hause zu thun. Solltest Du Larm horen, so decke unsern Ruckzug. Schlage das feige Gesindel, mit dem Du zu thun bekommen wirst, nur tapfer hinter die Ohren mit der Klinge. Verletze jedoch nur im allerhochsten Nothfall. In der Herberge sehen wir uns im schlimmsten Falle wieder." Gerhard brummte zu diesem Allen ein bereitwilliges Ja, pflanzte sich auf ein steinern Banklein, unfern dem Kloster, und harrte geduldig der Dinge, die da kommen sollten. Dagobert sammt Begleitern klopften hingegen leise an das Pfortlein, und gaben auf die Frage des von innen herausspahenden Bruders die Antwort: "Fastnachtsfreunde." Darauf offneten sich die Riegel, und des Thurleins schwarzer Mund verschlang die Pochenden. Ein fettleibiger Klosterbruder stand vor den Eintretenden mit Lampe und Schlusselbund, und grusste sie, wie der bildlich dargestellte Fasching mit wankenden Knieen, Bruhetriefendem Munde, und in Weineslust verkehrten Auglein. "O weh!" flusterte Dagobert den Begleitern zu, von denen indessen der zweite zuversichtlich auf den Pfortner zutrat, und ihn also anredete: "Ihr erinnert Euch wohl noch meiner, Frater Dominikus! Da sind die Freunde, von denen ich Euch gestern sprach, und hier der Beutel, der der Eurige wird, sobald Ihr unsern Wunsch erfullt." Der Pfortner lachelte freundlich aber ungewiss, schob den Hauptriegel vor die Thure, und summte die erste Zeile des damals beruhmten und von den Gelehrten haufig gesungnen Fastnachtliedes: "Edit Nonna, edit Clerus!" "Wollt Ihr nicht in's Stublein treten?" setzte er mit schwerer Zunge hinzu: "es ist warm darinnen, und wir konnen daselbst weiter plaudern." "Sind wir denn um des Plauderns willen Hieher gekommen?" fragte Dagobert leise die Seinen: "Was treibt denn der verwunschte Frater?" Die Begleiter ermahnten ihn durch Zeichen zur Geduld. "Ad edendum nemo serus!" brummte der Frater gleichmuthig fort, und machte seinen Gasten einen unbehulflichen und unsichern Reverenz: "Wollt Ihr Euch nicht niederlassen, meine werthen Herren und Freunde? Ein Tropflein Weins schadet nicht." Er setzte einen ungeheuern Weinkrug an den begehrlichen Mund; schlurfte einen guten Schluck, und reichte das Trinkgefass seinem Nebenmanne, nachdem er mit dem Armel den Rand abgewischt hatte. "Bibit ille, bibit illa!" sang er weiter, jedoch sich selbst unterbrechend durch Rede und Frage: "Trinkt herzhaft, ihr Manner; 's ist vom Guten! Bibit servus cum ancilla. So! so! jetzt sagt an .... was steht zu Diensten?" "Ei, Dominik! habt Ihr denn bereits vergessen, was wir ausmachten?" fragte Einer von Dagobert's Begleitern entgegen, wahrend der junge Mann einen ziemlich vernehmlichen: "Schafskopf!" laut werden liess. Der trunkne Frater zog dem Offenherzigen ein scheel Gesicht, vergass aber auf der Stelle die Beleidigung, und fiel wieder in sein voriges Lied: "Bibit abbas cum priore! Hm! wenn mir recht ist .... hm! hm! bibit coquus cum factore .... Was wollt' ich sagen .... helft mir doch wieder ein wenig auf die Spur, ihr Herren! .... et pro rege ...." "Zum Donner!" unterbrach ihn der warmblutige Dagobert: "Wir wunschen den armen gefangnen Mann heimzusuchen, den Du zu huten hast, und ihm zur Fastnacht ein wohlgemeint Geschenk zu bringen." "So! so!" erwiederte der Pfortner, sich bedachtig im Kreise umschauend, und das Kapplein luftend: "Der Ketzer verdient's gar nicht, dass wackre Leute ihn heimsuchen. Et pro rege et pro papa ...." "Macht voran!" drangte Einer von den Andern: "Den Lohn habt Ihr empfangen. An der Thure des Gewolbs konnt Ihr unsrer harren; in einer halben Viertelstunde ist's abgethan, und Ihr habt das Geld verdient wir unser Gelubde gelost. Zaudert nicht. Es ist keine Gefahr dabei. Eure Vorgesetzten ...." "Bibunt vinum sine aqua!" tremulirte Dominikus dazwischen, und griff nach der Lampe: "Ihr habt jedoch den besten Augenblick erwahlt ..." stammelte er fortfahrend: "Der Prior und die meisten Herren sind draussen in der Stadt, und die Ubrigen hm! sie sitzen oben am Spiel und Trunk, und haben mehr zu thun, als sich um den verdammten Ketzer zu bekummern, dem Ihr eine unverdiente Ehre erweisen wollt." "Lasst uns aufbrechen!" mahnte Dagobert instandig, schob dem Pfortner das gewaltige Schlusselgebund in die fehltappende schwammige Faust, und ihn selbst vor sich her zur Thure. "Et pro papa et pro rege!" intonirte der Mensch mit einer Lowenstimme, da sie in den Kreuzgang traten. "Um des Himmelswillen! schweigt!" flusterten ihm die Nachschleichenden unter angstlichen Rippenstossen zu; er liess sich jedoch nicht irre machen, schlurfte in seinem Elephantenschritte fort, und von seinem: Bibunt omnes sine lege! hallte das Gewolbe wieder. Alles blieb auf dieses, wahrscheinlich zu dieser Zeit gar nicht ungewohnte Geplarre ruhig; nur im fernen Refektorium war ein wustes Gejohle horbar; ein Beweis, welchen Geschaften der Convent oblag, und eine gute Vorbedeutung fur die drei Fremdlinge, deren Vordermann sie eine lange Treppe, von mehreren Pforten verschlossen, hinunterfuhrte, an deren Ende seitwarts eine ganz niedere mit Eisen schwer beschlagene Thure offnete, und die Besucher hindurch kriechen hiess. "Bibunt primum et secundo" summte er wahrend dessen, und rief dann in das tiefgewolbte Kerkerloch hinein: "Steht auf von Euerm Stroh, verruchter Abtrunniger donec nihil sit in fundo und Ihr, meine Herren, fasst Euch kurz." Dagobert schauderte, da er beim Schein der Lampe das entsetzliche Gefangniss gewahrte, in welchem ein Unglucklicher mit langem Barte und in durftiger Kleidung einem rechtlosen Urtheil entgegen schmachtete. "Vater Johann! Vater Johann!" riefen des Junglings Begleiter mit von Thranen halb erstickter Stimme, und warfen sich zu den Fussen des Eingekerkerten. Dieser erhob sich muhsam in seinen Fesseln von dem nassen Lager, und hielt die Hande vor die, von ungewohntem Lichtstrahl geblendeten Augen, aber sein Ohr hatte die bekannten Stimmen vernommen, und sein Herz mit einer, diesem Schreckensorte fremden, freudigen Ruhrung erfullt. "Ist das nicht Graf Chlum?" fragte er bewegt; "ist das nicht der edle Herr von Lanzenbrock? Ach, ihr meine unglucklichen Freunde ... was fuhrt Euch in meinen Kerker?" Lange konnten die zu seinen Fussen Schluchzenden nicht Worte finden, und Dagobert lauschte besorgt nach dem vor der Thur gebliebnen Frater. Von demselben war jedoch keine Unterbrechung zu befurchten. Neben der auf die Schwelle gestellten Lampe sitzend, hatte er sich mit der Zahlung seines leicht erworbnen Geldes beschaftigt, und war dabei eingeschlafen. "Eilt, eilt, edle Herren;" raunte der junge Altburger den bohmischen Edelleuten zu: "der Augenblick ist sicher, aber kostbar!" "Vater Huss!" begann der Graf dringend: "Dich zu befreien sind wir hier! Eile, nur zu willfahren. Hulle Dich in dieses, mein Gewand. Es ist weit genug, Dich und Deine Ketten zu verbergen. Diesen jungen Mann, der unter der Larve der Thorheit den mannlichsten Willen und den gluhendsten Eifer fur das Recht verbirgt, der schon einmal eine Dir zugefugte Beleidigung edelmuthig rachte, haben wir ersehen, Dich aus der Stadt zu bringen. Er kennt alle Schliche, und die Wege rund um im Land; er und Lanzenbrock schaffen Dich uber'n See in's Schweizerland, von wannen sichre Freunde Dich nach der Heimath fuhren werden. Fliehe, fliehe, es drangt die Zeit."

"Traume ich denn?" fragte Huss, besturzt um sich schauend. "Steht es denn so schlimm mit mir, dass solche Flucht nothwendig ware?" "Furchte Alles!" entgegnete Lanzenbrock: "Deinem Haupte droht die hochste Gefahr." "Und ich sollte nicht der Gefahr gedenken, in welche sich der an meiner Statt zuruckbleibende Freund sturzen wird?" fuhr Huss mit ernstem Vorwurf fort. "Mein Schicksal kummre Dich nicht!" unterbrach ihn der Graf: "Von Dir hangt die Freiheit unsrer Kirche, unsers Glaubens ab. Tausende meiner Landsleute konnen fechten wie ich; wie Du zu reden, vermag Keiner ausser Dir."

"Kommt, kommt, wurdiger Herr;" setzte Dagobert bei: "wir meinen's redlich, und das Gluck fur heut nicht minder. Morgen ist's zu spat." "Wer sagt Euch," sprach der Gefangene mit erhabner Sanftmuth: "wer sagt Euch, dass ich morgen anders gesinnt seyn konnte, denn heute? Ich wurde zum Lugner an meiner Lehre, wollte ich diesen Kerker feig verlassen. Das Wort ist ewig, und muss den Sieg erringen. Nicht ich bin zu beklagen in meiner Schmach, denn mich bedienen Engel in dieser dunkeln Gruft; wohl aber diejenigen, die ihren Eid gebrochen haben, und den Starken vertilgen wollen in dem schwachen Gefass, das er sich auserlesen. Geht meine Freunde; meinen Dank fur Eure Aufopferung, doch Euch zum Frommen willige ich nicht darein." "Grausamer!" seufzte der Graf: "Du rennst in Dein Verderben! Unwiderbringlich verloren bist Du. An Wenzel's Throne bist Du sicher; in Sigismund's Gewalt des Todes." "Unnutze Furcht!" lachelte Huss wie ein Verklarter: "Ich bin geweiht vor dem Altare des Herrn; an meinem Haupte werden sie sich nicht vergreifen, und aus den Fesseln, die den Leib belasten, wird mich der Hochste befreien, wann das Werk vollendet ist." Ungeduldig ob solchem Starrsinn stampfte Dagobert mit dem Fusse, und die Bohmen umschlangen mit liebevollem Ungestum die Kniee des Versagenden, mit Worten und Thranen ihn bekampfend. Sein Entschluss, fest wie ein Fels, begann zu wanken; seine abweisende Strenge wich dem vereinten Bemuhen der Freunde, schon gab er nach; schon ward die Moglichkeit einer nahen Freiheit reizend fur seine in Kerkernacht erstorbnen Sinne, ... schon griff seine Hand zogernd nach dem Rettungsgewande, ... als es mit einemmale uber den Hauptern der Befreier lebendig wurde. Von Ferne, die Treppe herab tonte ein beunruhigendes Laufen und Rennen; Getose von Stimmen, zugeschlagnen Thuren, entferntem Waffenklang. "Wir sind verloren!" flusterte Lanzenbrock erschrocken, und Dagobert fuhr auf wie ein Sturm. "Die Zeit ist versaumt!" rief er: "Schreibt Euch's selbst zu, eigensinniger Mann. Wenig wurde es Euch jedoch helfen, gingen wir um der ungeschehenen That willen zu Grunde. Wer Muth hat, folge mir frank und frei. Vielleicht bietet sich bald eine andre Gelegenheit zur Rettung!" Diese Aufforderung, verbunden mit dem so naturlichen Gefuhl der Selbsterhaltung, wirkte auf den Gefangenen und seine Freunde. Der Erstere beschwor die Uberraschten, sich dem Unheil zu entziehen, ihn ruhig seinem Schicksale zu uberlassen; die Letztern sturzten, da das Getummel lauter wurde, mit der Schnelligkeit des Hirsches aus dem Kerkergewolbe, die Treppe hinan. Dagobert voran sturmend wie eine Windsbraut. Den fest entschlafnen Frater weckte sein Gefangner selbst, und ermahnte den Taumelnden, doch die Thure zu verschliessen, damit ihm nicht die Lust anwandeln mochte, seine Haft zu verlassen. Kopfschuttelnd uber diese seltne Bitte, gewahrte sie der trunkne Dominikus, und schleppte sich langsam die Stiege hinan. Indessen war oben alles in Aufruhr gekommen. Die Veranlassung zu der ganzen unzeitigen Storung hatte der vor dem Kloster auf einer Steinbank dahinbrutende Gerhard gegeben, da seine in Schlaf- und Weinlust blinzelnden Augen zwei Klosterherren erblickten, die, satt von den Freuden des Tages, sich behaglich nach ihren Zellen zuruckzuwalzen im Begriff waren. Seines Wortes eingedenk, niemand hindurch zu lassen, glaubte er sehr wohl zu thun, wenn er auch diese Klosterbewohner von ihrer Klause zuruckhielt. "Hier geht niemand durch!" murrte er daher barsch den Arglosen entgegen, und stellte sich ihnen, breit und stammig, wie er war, in den Weg. Die Monche, obgleich verdutzt im Augenblicke, sahen doch gar bald, dass sie nur mit einem einzigen, wahrscheinlich trunknen Manne zu thun hatten, und bestanden auf ihrem Hausrecht. Der Weglagerer liess dasselbe jedoch nicht gelten, und verbot fortwahrend den Zutritt zur Pforte. Dringendes Ansuchen von der einen, murrische Abweisung von der andern Seite. Der Auftritt nahm bald eine ernstere Gestalt an. Die Klosterleute, wenig gewohnt sich auf ihrem Grund und Boden die geringste Widerspenstigkeit gefallen zu lassen, wurden bose und giftig; der Kampfer dagegen rauh und grob. Von den Worten kam's zu Thatlichkeiten. Die Geistlichen wollten mit Gewalt den Schlagbaum auf die Seite schieben. Gerhard's kraftige Faust stiess jedoch beide zuruck. Der Frevel gegen das heilige Gewand veranlasste einen neuen gewaltigern Angriff, der abermals abgeschlagen wurde. Um seine Drohungen wirksamer zu machen, zog Gerhard den Stossdegen aus der Scheide. Wahrend nun einer von den Monchen vor der Klinge mit Zetergeschrei zuruckwich, schob sich der andre hinter Gerhard's Rucken voruber nach der Pfortenglocke, und hatte schon betrachtlich Sturm gelautet, so wie mit Handen und Fussen an die Thure gedonnert, ehe der Hulshofner ihn von der Schwelle peitschen konnte. Dieses Getose, das der andre Pater erneuerte, sobald Gerhard, den Ersten verfolgend, den Rucken gedreht hatte, machte endlich die Schlemmer im Refektorium, so wie die Knechte, die im Seitengebaude bei den Wurfeln sassen, aufmerksam Die Erstern schrien um Hulfe, die Letztern liefen zum Kreuzgange, ihre rostigen Hellebarden nach sich schleifend. Keiner von den Mannern allen jedoch hatte den Muth, die verriegelte Pforte zu offnen, und den von dem unbekannten Teufelsbraten misshandelten und zerblauten Herren zu Hulfe zu kommen. Alle schrien nach dem Prior und dem Pfortner. Der Erstere war aber vom Schmausen noch nicht zuruck, der Zweite nirgends zu finden. Der Kellermeister fasste den Verdacht, der Frater mochte wohl im Keller stekken, und ein verbotnes Fass verkosten, und eilte, so schnell es seine Uebehulflichkeit, und das Gedrange der Ubrigen erlaubte, der Treppe zu, die nach den untern Gewolben des Hauses fuhrte, aber des Todes war er fast vor Schrecken, da einige Verlarvte die Stiege heraufsturzten, ihn sammt der Lampe, die er in Handen trug, der Einzigen die ein schwaches Licht verbreitet hatte, die Ampel ausgenommen, welche am Bilde des Gekreuzigten in der Halle hing zu Boden warfen, und mit Riesensprungen und Faustschlagen nach allen in den Weg Tretenden, die Pforte gewannen. Der Pickelharing, der den Vorlaufer machte, und dessen Habit allein in etwas unterschieden werden konnte, riss, mit der Ortsgelegenheit vertraut, den Riegel auf, und tobte durch die aufklaffende Thure in's Freie. Seine Begleiter saumten nicht dem Beispiele zu folgen. "Aufhalten!" donnerte Dagobert dem Gerhard zu, der indessen noch immer seine Hetze in dem Gasslein fortgesetzt hatte, und lief in's Weite; aber der bereitwillige Fechter konnte nicht verhindern, dass einige Klosterknechte dem Fluchtigen nacheilten, dessen buntes Kleid ihnen besser im Auge blieb, als die dunkeln Gewander der beiden andern, die nach verschiednen Seiten sich verloren. Unter dem ubrigen aus dem Gebaude stromenden Gewuhl von Monchen und Laien wuthete Gerhard's flache Klinge mit ubermenschlicher Kraft. "Bleibt zuruck, ihr Schopse!" rief er den Besturzten entgegen: "Bleibt zuruck, oder Ihr seyd des Todes." "Greift an!" hetzten die beiden, seiner Wuth entkommenen Klosterherren: "Er hat das Schwert gezogen, und ist in des Kaisers wie in der Kirche Bann!" Der ganze Schwarm wollte sich nun auf den Einzelnen werfen. "Zuruck!" schrie dieser noch lauter, denn zuvor: "Schufte! habt Ehrfurcht! Ich bin der Kaiser selbst, ihr Lottergesindel, und will ich meinen Bann hinter die langen Ohren schreiben, dass ihr an mich denken sollt!"

Diese Aufschneiderei, zu welcher den Edelknecht, dessen Arm schon ermudete, der Gedanke bewog, dass man ihn bereits heute fur den Kaiser angesehen, verfehlte ihre Wirkung nicht. Die Knechte wichen stumm und erschrocken zuruck; der Mund der anfeuernden Geistlichen verstummte, und indem sich die Blicke bald nach dem Kaiser, bald nach dem Pfortner richteten, der unbefangen, als ob er kein Wasser getrubt und staunend, unter die Menge trat, ging Gerhard stolz und aufrecht von dannen, weder aufgehalten von seinen Gegnern, noch von dem Volke, das sich um das Getummel versammelt hatte. Seinem jungen Freunde war jedoch kein so ehrenvoller Ruckzug vorbehalten. Von den rustigsten Knechten des Convents verfolgt, sprang er links und rechts, geschmeidig wie ein Aal durch die Strassen und die gaffenden Pobelhaufen, die sich noch in so spater Nacht im Freien befanden. Gern hatte er sich in einen Hausgang geworfen, allein allenthalben waren die Thuren verschlossen. Endlich gewahrte er an einem Hause hinlaufend, in dem Erdgeschosse desselben Licht, erwischte, um die Ecke sturzend, einen zu der Thure heraustretenden Menschen, welcher bedachtig hinter sich zuschliessen wollte, beim Kragen, und schleuderte ihn mit Riesenkraft den Nachsetzenden in die Arme. Wahrend nun diese Letztern den ihnen in die Hande Laufenden aufhielten, befragten, und dieser ihnen nichts zu erzahlen wusste, da er den, der ihn um die Ecke geworfen, nicht einmal gesehen hatte, machte sich Dagobert eilends in die Unterstube, wo er noch zwei Menschen, einen Mann und ein Frauenbild, fand. "Helft!" rief er angstlich dem Manne zu: "ich bin des Teufels, wenn sie mich erwischen!" und ohne eine Antwort abzuwarten, schlupfte er in die offenstehende Kammer, und kauerte sich unter das darin stehende Bette, dessen lange Vorhange jede Spur von ihm verbargen. Der unerwartete Anblick des Vermummten hatte die Bewohner der Stube in keine geringe Besturzung versetzt; doch war stillschweigend ihr Entschluss gefasst, ehe noch die Verfolger in die Stube drangen. "Um des Gottes Abrahams und Jakobs willen!" seufzte der Mann, den die Knechte beim Fittig hereinzogen: "liebwerthester Gastfreund! wollt Ihr mir nicht bezeugen, dass ich bin der Elieser, der Sohn des langen Schmuls, der gewesen ist ein Leibarzt bei des Markgrafen Hoheit zu Baden? Verdiene ich nicht redlich mein Brod durch Handel und Wandel, und weiss ich etwas von dem schlechten Menschen, der mich hat umgeworfen und getreten mit Fussen, ohne dass ich weiss, wo er ist hingekommen?" "Halt das Maul!" fuhr ihn einer von den Klosterknechten an: "Dich suchen wir auch nicht, furchtsamer Jude, aber von Dir" zu dem Andern gewendet "von Dir wollen wir erfahren, ob sich nicht hier ein fremder Mann versteckt hat?" "Gesteht es, Ben David!" klagte Elieser: "bringt nicht Euch in's Ungluck, und nicht mich." "Ich will sterben, wenn ich weiss, was ihr wollt;" erwiederte Ben David kalt: "Ich habe wohl gehort, wie ein Mensch rannte hier vorbei, doch herein ist keiner gekommen. Nicht wahr, Esther?" "Wahrlich, wahrlich, Vater;" bekraftigte Esther ganz unbefangen. "Lasst sehen!" erwiederte der Klosterknecht, nach dem Lichte greifend: "Euch verdammten Juden ist nie zu glauben. Hier ist er nicht, doch in der Kammer sitzt er ganz sicherlich." Er leuchtete in die Kammer hinein; kehrte aber, da er nichts in Unordnung fand, und auch kein Gerausch horte, unzufrieden zuruck. "Wenn Ihr doch schwarz wurdet, luderliches Volk!" brummte er: "bei Euch haben wir die kostbare Zeit verloren, und wer weiss, was indessen daheim vorgefallen ist." "Heraus Bruder! ich hab' ihn!" schrie ein vor dem Hause als Wache zuruckgebliebener Knecht, der einen, harmlos voruberstreichenden Fastnachtsnarren, seines Abwehrens ungeachtet, aufgegriffen hatte. "Die ganze Rotte sturmte auch hinaus, versammelte sich um den Zitternden, der in seiner Betroffenheit aussah, als hatte er irgend etwas Ubles verschuldet, und schleppte ihn hohnlachend hinweg nach dem Kloster, theils in der Meinung, sie hatten den Rechten erwischt, theils aber auch, um nur nicht ohne Beute von ihrem Heldenzuge heimzukehren."

Von Ungeduld und Erschopfung gepeinigt, lag, das Ende des Vorgangs abzuwarten, Dagobert auf der Erde, als Ben David mit der Kerze in der Hand vor ihn trat, und ihm anzeigte, dass die Gefahr voruber sey. Als der Verfolgte aus seinem Schlupfwinkel kroch, und die Larve vom Gesichte nahm, erstaunte er nicht wenig in Ben David den Juden zu erkennen, den er beim Herzog eingefuhrt hatte. "Dienst gegen Dienst!" sagte Ben David zu dem jungen Manne, dessen Gesicht, obgleich verstort aus der Narrenkleidung schauend, ihm wohl erinnerlich war: "Ihr scheint grosse Angst ausgestanden zu haben." Verfolger und Verrather sind ferne. Geniesst ein Glas Wein, wenn es Euch nicht Eckel macht, von einem Juden die Erquikkung anzunehmen. Esther! aus der geschliffenen Flasche dort in der Ecke! Dieser Name schlug betaubend an des Junglings Ohr, der sich willenlos in die grossre Stube ziehen liess. Sein Schreck, wenn gleich ein freudiger, war noch betaubender, da Esther selbst in der Bluthe ihrer Schonheit vor ihn trat, den Krystallbecher auf einem spiegelblanken Kredenzteller. Die Bewegung Dagobert's war nur mit der des Madchens selbst zu vergleichen, da es unmittelbar nachher den Mann erkannte, an welchem seine ganze Seele hing. Teller und Becher drohten ihrer bebenden Hand zu entschlupfen. Ben David nahm der Jungfrau die Last ab. "Es ist Schade," sprach er, "dass Dein von dem vorigen Auftritte herruhrender Schrecken Dich unfahig macht, dem edeln Herrn die Labung zu reichen. Von der Hand der Jugend hatte er sie um so lieber genommen. Empfangt sie indessen von mir, und glaubt, sie ist Euch geboten von einer treuen Hand." Starr auf die Tochter blickend, nahm Dagobert das Glas, und trank, ohne mit dem Blick von ihr zu weichen, gleichsam als ob er auf ihr Wohl den Wein kostete. Die Rothe der verlegnen Scham farbte Esther's Wangen, doch ihre Lippen waren eben so stumm, als ihr Herz, fast horbar pochend, eine laute Sprache fuhrte. "Geh zu Bette, mein Kind;" redete ihr der Vater zu: "Der heilige Gott segne Deinen Schlaf, wie den der frommen Rebbecka, und Lilis bleibe fern von Dir." Esther, schmerzlich bewegt, so schnell von dem wiedergefundnen Freunde scheiden zu mussen, und dennoch halbfroh, aus seiner ihr beiderseitiges Geheimniss bedrohenden Nahe zu kommen, neigte sich verschamt vor Dagobert, der den Gruss wortlos erwiederte, und verschwand in die Kammer. "Ruht jetzt aus, werther Herr!" sagte Ben David, und lud den Jungling ein, auf dem Polstersitze Platz zu nehmen: "Der Zufall hat mir gedient, da er mich liess in etwas vergelten, was Ihr an mir gethan. Besonders ist mein Herz freudig, da Ihr gewiss Nichts gethan, das wirklich gescholten werden konnte, bose. Ihr seyd ein Vertrauter des Herzogs, und der edle Mann kann nur haben Edle in seinem Vertrauen. Bedurft Ihr das Geringste, so wendet Euch an mich. Was ein armer Jude thun kann, Euch zu gefallen, soll geschehen." Dagobert wich allen Fragen aus, die Ben David mit der geschickten Neugier seines Volks ihm stellte, um den Hergang des Abenteuers dieser Nacht zu erforschen; das letztere Anerbieten wies er jedoch nicht formlich von sich, um sich die Moglichkeit in Ben Davids Haus wiederzukehren, nicht zu rauben. Er verplauderte eine geringe Weile mit Esther's Vater, und verliess ihn endlich mit dem Versprechen, ihn wieder zu sehen. "Du wirst doch nicht?" flusterte sein Verstand. "Ach! ich furchte, Du wirst!" entgegnete sein Herz, und zerrissen von Uberraschung, Wonne und Pein langte er in seiner Herberge an, woselbst er sich auf's Lager warf, um nicht zu schlummern.

Dreizehntes Kapitel.

Riefst Du einmal nur die Schuld zur Frohne,

Ewig dienst Du ihr dann als frohnender Knecht.

Wer Liebe und Unschuld vereint und traulich zu Tafel sitzen sehen wollte, musste an den Tisch des Wildmeisters Bilger von Rhon treten. Massig war er besetzt von Gasten und Speisen, allein aus den Gesichtern der beiden Ehegatten, wie des zwischen ihnen spielenden Kindes lachte eine Zufriedenheit, welche die magern Fastengerichte in einen konigsuppigen Pfingstschmauss verkehrte. Die Sonne eines heitern Tages, wie ihn nicht selten der scheidende Hornung bietet, schaute behaglich durch die weiten Fenster des Morsburger Schlosses auf den kleinen Haushalt des Wildmeisters, dem gerade sein Weib in kindlicher Einfalt noch einmal alle Wunder und Festlichkeiten der Fastnacht zu Costnitz erzahlte, welche sie schon ofters zum Besten gegeben hatte. Mit liebevoller Geduld horchte Bilger der Geschwatzigen zu; das Tochterlein, halb auf dem Schoosse der Mutter gelehnt, stellte sich eben so aufmerksam, und selbst der Barenfanger Haltan schien, vor dem Tische aufrecht sitzend, und das Gesicht in die Sammetfalten des beschauenden Ernstes gelegt, das stille Vergnugen seiAufmerksamkeit war dennoch von dem oft gehorten Bericht nicht so sehr in Anspruch genommen, dass er das Gerausch uberhort hatte, das sich in dem Hofe vernehmen liess; den Hufschlag ankommender Pferde, das Rufen der Reiter, und die langgehaltnen Hornstosse des Wachters. Er eilte, an das Fenster zu kommen, und erblickte, da er die gemalten Flugel aufschlug, mehrere in des Kaisers Farben gekleidete Knechte auf dem Burgplatze, theils zu Gaule sitzend, theils einen aalglatten Schimmel haltend, dessen reiches Sattelzeug alsobald den vornehmen Reiter verrieth. Der Pfortner machte aus seinem Huttchen die Geberden der grossten Verwunderung nach dem herabschauenden Wildmeister heruber, und das Rathsel loste sich diesem bald, denn die Thure sprang auf, und der Kaiser selbst trat im einfachen Reitkleide herein, ... den Vogt verabschiedend, der ihn bis hieher geleitet hatte. Bilger's und seiner Gattin freudiges Erstaunen wuchs, da der Furst mit der ihm angebornen Freundlichkeit und Herablassung alle Bewillkommnung von der Hand wies, Reverenz und Gewandkuss untersagte, und so vertraulich am Tische auf einem Schemel ohne Lehne Platz nahm, als sey dieses seine ihm zustehende Stelle. "Keine Zierereien!" sprach Sigmund, wahrend er durch seinen Wink den Hausherrn sammt Ehewirthin in die kaum verlassnen Lehnstuhle wies, und das lachelnde Kind auf den Schooss zog, in den warmen Marderpelz: "Wenn man gute Freunde heimsucht, thut man sich weder Zwang an, noch duldet man ihn; und ich denke ja, ich bin bei guten Freunden." "Bei den treusten Dienern Ew. romischen Majestat;" versicherte der Wildmeister. "Ich wollte mich von Euerm Wohlseyn uberzeugen," fuhr der Kaiser fort: "und sehen, wie das holde Weiblein hier im Hauswesen sich benimmt."

Die Wildmeisterin errothete verschamt; Bilger aber erwiederte: "Mit drei Worten, gnadigster Herr, kann ich Euch hieruber berichten: ich bin glucklich. Meine Katharine ist das Gestirn, das mildiglich meinen Lebensweg, uberstrahlt, und sich in unsern Kleinen zu unfrer Wonne verdoppelt hat." "Wie bin ich froh, solch Zeugniss aus Eurem Munde zu vernehmen, Herr von der Rhon," versetzte der Kaiser: "so hat denn doch der Befehl Eures Vaters, dem ihr so lange widerstrebtet, gute Fruchte getragen. So stosst man oft die Perle lange zuruck, die uns das Schicksal wohlwollend reicht. Ihr habt noch zu rechter Zeit die Hand aufgethan. Wohl Euch!"

Mit verdustertem, aber freundlichem Blicke reichte Bilger seinem Weibe die Hand. Sigmund fuhr indessen fort: "Ihr Leute wisst gar nicht, wie glucklich ihr seyd. Ihr freut euch des Daseyns in eurem eignen Hause, wahrend Meinesgleichen in weitlaufigen Burgen und Stadten mit dem Missmuth Hand in Hand gehen. Es ist ein schwer Ding um das Regiment uber Land und Leute. Wie gerne vertauschte ich den Furstenpelz mit Euerm Rocke, und wurde ein Wildmeister, wie Ihr. Aber so ist es mein Beruf, der ganzen Welt Handel zu schlichten, wie es eben geht. Hier soll ich begnadigen, dort mit dem Schwerte drein schlagen; an allen Orten soll ich zugleich seyn. Bald machen mich die Stadte unwirsch, bald hab' ich's mit der Herrenbank verdorben; die Fursten spreizen sich, die Bauern murren, die Ketzer predigen alles Unheil. Gegenwartig hab ich's mit der Geistlichkeit zu thun, und der liebe Gott helfe mir gnadig uber diesen stachlichen Zaun. Hab' ich aber auch mit Angst und Noth dem Staatsleben so ziemlich aufgeholfen, flugs reiben sich gewohnliche Finsterlinge an meinem Ansehen im gemeinen Burgerleben. Hat sich nicht erst vor Kurzem bei einem gewissen verdriesslichen Handel ein Dummbart unterstanden, sich, fur meine Person auszugeben, und mich dadurch vor aller Welt in einen argerlichen Verdacht gezogen? Doch ubergenug. So wie des romischen Reichs erwahlter Kaiser den ersten Mann vorstellt in der Christenheit, so sind seine Sorgen auch die grossten, und darum bitte ich geziemend das liebliche Weiblein um einen Becher Wein, damit ich auf ihre Gesundheit trinkend, Grab und bose Erinnerung vom Herzen schwemmen moge."

Eifrig gehorsam stand die Wildmeisterin auf, griff nach den Schlusseln am Schenktisch, und eilte nach dem Keller, um dem vornehmen Gast den verlangten Labetrunk so frisch als moglich zu reichen. Der Kaiser legte das auf seinen Knieen entschlummerte Magdlein behutsam, wie eine sorgende Mutter, in's Ruhebettlein, und setzte sich wieder zutraulich zu dem Wildmeister, der, seinem Willen zuwider, ebenfalls sitzend verharren musste. "Bilger," sprach Sigismund leiser: "Ich muss Euch bekennen, wie es nicht eitel Zufall ist, dass ich mich hieher begeben, obschon mir angenehm ist, wenn die Leute glauben, dass es auf einem unbestimmten Lustritte, oder Euch zu Liebe allein geschehen sey. Eigentlich jedoch bin ich hier, um ein Amt zu verrichten, das nicht zu den Regalien gehort; das Marschalkenamt namlich. Eine edle Frau, an deren Schicksal ich viel Theil nehme, wunscht einige Tage in strenger Abgeschlossenheit in diesem Hause zuzubringen, da ihr zu Costnitz, wie sie befurchtet, eine nicht geringe Gefahr droht. Das schwache Weib zu schutzen ist jedes Ritters Pflicht; um wie viel mehr die Pflicht des Kaisers also, der ein Meister ist uber alle Ritter deutschen Volks. Ich habe der edlen Frau meine Obhut zugesagt in diesem Schlosse, das der Bischof vom Reich zu Lehen tragt, und vertraue sie Eurem absonderlichen Schirm, so dass Ihr keinen Menschen in ihre Nahe lasset, der ihr Unheil bringen konnte."

"Das Vertrauen meines kaiserlichen Herrn zu rechtfertigen, wird mein Bestreben seyn;" versicherte Bilger von der Rhon. "Heute noch wird das wurdige Frauenbild hier eintreffen," fuhr der Kaiser fort: "Ich verbiete ausdrucklich nach ihrem Namen und Stand zu forschen. Ich habe ohnedies das Missgeschick, meine Huld gegen ehrenwerthe Frauen haufig verkannt zu sehen; ich will nicht ihre Namen der Verlaumdung Preis geben. Es ist nichts Zarteres, als des Weibes Leumund. Wie gesagt jedoch: Euerm Schirm vertraue ich die Freundin, und empfehle sie der Dienstfertigkeit Eurer Ehewirthin, da sie, wie ich vermuthe, ihre Leute zu Costnitz lassen wird, bis die bose Conjunktur voruber." "Es soll geschehen, wie kaiserl. Majestat befiehlt;" erwiederte Bilger unterwurfig, und der Kaiser wurde durch solche Bereitwilligkeit dergestalt in gute Laune versetzt, dass er den Becher, den ihm Frau Katharine kredenzte, in einem Zuge auf das Wohlseyn des Hauses von der Rhon leerte. "Traun!" lachelte der Wildmeister: "es ist hohe Zeit. Ich bin der Einzige und Letzte meines Stammes, seit mein Vater vor einem Jahre zur Grube fuhr, und mir wird das Wappenbild nachgeworfen, wenn meine gute Hausfrau mich nicht mit einem Sohne erfreut." "Trostet Euch mit Kaisern und Konigen, denen es dann und wann um nichts besser geht;" versetzte Sigmund: "und freut Euch, in dem Alter zu seyn, das eine Hoffnung noch zulasst. Nun aber, lieber Wirth, lasst uns zu Ross steigen, um eurem holden Gaste entgegenzureiten. Er kann nicht mehr lange saumen." Der Kaiser umarmte zum Abschiede Frau Katharinen auf das Zierlichste, druckte einen Kuss auf ihre Stirn und Wange, liess die goldne Kette von seinem Halse auf das Bettlein des schlummernden Kindes gleiten, und schied. Der Wildmeister ritt zu seiner Linken, und sie waren noch nicht weit vor das Stadtlein hinausgekommen, als schon in der Ferne eine Sanfte sichtbar wurde, von einigen Reisigen geleitet. Der Anfuhrer derselben, ein buntgekleideter Rittersmann, stolzirte selbstgenugsam voran. "In dem Wiedehopfe erkenne ich meinen Mann!" sprach der Kaiser lachelnd zu seinem Begleiter, und winkte den Scheckigen heran, der auch dienstfertig herzusprengte, wahrend die Sanfte zogernd folgte. Drei Schritte von dem Kaiser entfernt, warf sich der Reiter vom Gaule, und nahte dem Fursten mit allen Zeichen betroffner Ehrfurcht. "Sieh da, mein Herr von Konigseck!" redete ihn Sigmund, sich verwundert stellend, an: "Unverhofft kommt oft." "Bei des heil. Stephans Krone! Wie kommt es, dass Ihr Euch aus der warmen Stube in den Frost wagt? Wer ist die Schonheit, die Ihr in jener festverschlossnen Sanfte zu geleiten scheint?" "Meine Braut, gnadigster Herr;" versicherte der Geck wohlgefallig: "sie hat den Wunsch geaussert, einige Tage in dem Hause des Wildmeisters zu Morsburg zuzubringen, dessen Gattin ihr sehr nah befreundet ist, und ich hielt's fur meine Pflicht, ihr unterwegs meinen Arm zum Schutz zu leihen." "Ein kraftiger Schirm allerdings;" versetzte Sigmund mit leisem Spott: "um so unangenehmer wird es mir, Euch in der Erfullung susser Pflicht zu hemmen. Ich bedarf Eurer; noch in dieser Nacht sende ich Euch von hinnen in einem wichtigen Auftrage, den ich nur Eurer Klugheit anvertrauen darf. Saumt also nicht, sogleich in meinem Gefolge gen Costnitz umzukehren." "Der edle Herr stand verblufft neben seinem Pferde, und wusste nur mit einem Buckling, und einer verlegnen Hinweisung nach der Sanfte zu antworten." "Die Wohlfahrt Eurer Zukunftigen sey Eure geringste Sorge;" versicherte ihm der Kaiser: "der Zufall will, dass der Wildmeister sich gerade hier befindet. Er wird fur die Sicherheit der Freundin seines Hauses stehen. Nicht wahr, mein wackrer Herr von der Rhon?" "Wie fur mein eigen Haupt;" entgegnete Bilger, der aus Unterwurfigkeit in eine Sache einging, deren Zusammenhang er nicht begriff. Konigseck verharrte indessen noch immer in Unschlussigkeit. Die Sanfte kam immer naher. "Nun denn aber auch, beim Erloser! steigt doch auf!" rief der Kaiser dem Zaudernden heftig zu: "Des Konigs Wille geht vor der Minne. Ihr wisst, wie ich Euch begunstige; seyd indessen auch meiner Gnade werth. Frisch zu Gaule! Da die Zucht mir nicht erlaubt, die Dame Eurer Wahl auf offner Heerstrasse, in der Dammerung des Abends, zu begrussen, so folgt mir unverzuglich. Der Wildmeister wird die seinem Schutz Befohlne begrussen, und Euch, wegen Eures schnellen Abschieds, mit meinem Gebote entschuldigen." Der Konigsekker neigte sich verlegen, und stieg langsam in die Vugel. "Seht doch den faulen Knecht!" sprach Sigmund, seinen langen Bart streichelnd: "Ich hatte Euch mir nicht so saumselig gedacht. Da war der Montfort flinker, da ich ihm heute befehlen liess, in meinen Geschaften nach Frankfurt zu reiten. Kaum nahm er sich die Zeit, noch eine Messe zu horen, und fort war er, wie ein Irrlicht. Dennoch ist er dem Tyroler zugethan, mehr, denn Ihr es m i r zu seyn scheint." Diese Neuigkeit belebte auf einmal den zwischen Pflicht, Minne und Eifersucht Schwankenden. "Gott erhalte Euch, kaiserlicher Herr!" rief er hochaufathmend: "so der Montfort von Costnitz gewichen, will ich ja gerne fur Euch reiten, denn nun weiss ich meine Lieb vor seinen Drohungen sicher. Doch ein Wort des Abschieds mogt Ihr mir wohl gonnen, Herr Konig!" Sigmund winkte ihm kurz, aber billigend; und, nachdem er dem Wildmeister den Befehl zugeflustert, keiner Seele, ihn, den Kaiser ausgenommen Zutritt zu der Fremden zu gestatten, zog er mit seinen Stallmeistern seines Wegs, ohne auch nur den Kopf nach der Sanfte zu drehen, die indessen in des Wildmeisters und Konigseck's Nahe anlangte. Der Letztere offnete zierlich und geschmeidig die Vorhange, hinter welchen eine dichtverschleierte Frau sass, sprach mit glatten Worten von des Kaisers Willen, seinem Gehorsam, und dem Schmerz, den er empfinde, sie nicht ganzlich an Ort und Stelle geleiten zu konnen. Zugleich stellte er ihr den Herrn von der Rhon vor, als ihren weitern Schirm und Beschutzer. "So lebt denn wohl, und nehmt meinen Dank, Herr von Konigseck!" erwiederte eine gleichgultige Stimme, die dem Wildmeister bekannt und drohend in die Ohren klang: "Ich bin mit meinem neuen Geleitsmann vollig zufrieden, setzte sie hinzu, und aus dem gelufteten Schleier blickte ein Antlitz, das Bilger's Herz mit starrem Entsetzen erfullte." Er schwankte auf seinem Rosse, da er in Wallradens Zuge schaute. Das Fraulein grusste ihn unbefangen, reichte dem scheidenden Brautigam die Hand, und verschloss wieder sorgfaltig die Vorhange ihres Tragsessels, da Konigseck von dannen sprengte, und der Zug sich gen Morsburg weiter bewegte. Bilger war zu Stein geworden, wahrend im innersten Busen sein Herz tobte und hammerte, wie das eines fluchtigen Verbrechers. Erschuttert ritt er der Sanfte nach, und blickte vergebens zum Himmel nach Trost und Fassung auf. Sein Geschick lag schwer auf ihm, und schwarz war ihm wieder plotzlich die Zukunft geworden, dunkel wie die Nacht und der Nebelschleier des Firmaments, der nur so viel Mondstrahl durchliess, als nothig war, um die furchterliche Pracht der kampfenden Wolkengebirge bewundern zu konnen. "Das ist kein gut Zusammentreffen!" seufzte er vor sich hin: "Was soll daraus werden? O ich Unglucklicher! Ich selbst muss das Unheil in mein Haus fuhren, ... mein eignes Verderben an der Flamme meines Herdes niedersitzen lassen! Wehe mir!"

Des Wildmeisters Hausfrau empfing die Kommenden auf der Schwelle des Schlosses mit gastlicher Freundlichkeit. Wallrade erwiederte ihren Gruss auf dieselbe Weise, und wandelte an Katharinens Hand zu der Wohnstube, woselbst ein einfaches Mahl bereitet war. "Furwahr;" sprach das Fraulein mit zuvorkommender Sanftmuth, die den Herrn von der Rhon wohlthatig anregte: "Ich weiss nicht, edle Frau, wie ich zu einer genugenden Entschuldigung gelangen soll; dass ich mich so storend in Eure Hauswesen drange. Wahrscheinlich verdanke ich nur der auserlesensten Fursprache den biedern Willkomm, der mich in Euerm kleinen Familienkreise schon im Augenblick meines Eintritts heimisch macht. Vergebt daher der Uberlastigen." Bilger's Ehewirthin antwortete auf diese bescheidnen Worte aus der Fulle ihres guten Herzens, und ein gutes Verstandniss, wie es ofters zwischen Frauen sich befestigt, wenn auch nur durch luftgewebte Bande spann sich auch hier an. Die Fremde wusste durch alle kleine Kunste, die sich unbemerkt in Gesprach und Thun entfalten, das Vertrauen der Hausfrau zu erringen, und sich uber das Gemuth derselben in's Klare zu setzen. Katharine, diess einfach herzlichgute Wesen, schlicht, wie das Kleid, das sie trug, aber auch rein wie dieses, verhullte nicht lange den Spiegel ihrer Seele, ohne dass sie daran gedacht hatte, einen Blick unbescheidner Neugier in die Augen des Gastes zu werfen. Die von dem Kaiser und ihrem Gatten ihr Anvertraute nahm nun die erste Stelle in ihrem Hauswesen ein. Sie war das Ziel aller kleinen Sorgen und Rucksichten geworden. Zart und anspruchslos bot ihr Katharine ihre dienstfertige Freundschaft, empfahl sie ihrer Gute das aus dem Schlummer erwachte Kind. Bilger sah diess Alles mit an, und freute sich der Milde seines gefurchteten Besuchs; aber diese Freude war im Grunde nur die scheue Hoffnung auf einen bessern Ausgang. So unbefangen und heiter auch seine Zuge schienen, wenn der Wohlstand verlangte, dem Gaste einige Worte der Theilnahme zu schenken, oder auf irgend eine gleichgultige Frage desselben zu antworten, so finster wurde sein Auge, so sturmbewegt sein Herz, wenn er sein Kind in den Armen der Fremden sah; wenn er vernahm mit welchen Schmeicheltonen sie das Magdlein kirrte, mit welcher Bereitwilligkeit das Kind ihre Liebkosungen erwiederte. Ihm war, als musse er dazwischen treten, sein Eigenthum an seine Brust drucken, um es vor bosem Zauber zu retten; aber kraftlos sank der aufgerichtete Nacken, und die ausgestreckte Hand, so bald Wallradens Blicke auf ihn fielen, und seine Gattin in ihrer unschuldigen Frohlichkeit betheuerte, ihre Tochter habe sich ausser den Eltern noch Niemand so liebevoll genahert, als ihrer werthen Gastfreundin. Erst spat trennte man sich. Katharine geleitete das Fraulein auf ihr Gemach, und verrichtete den Zofendienst bei ihr, wahrend der Wildmeister im weiten Armsessel bei dustrer Lampe Schimmer einsam und unruhig sich bald hin und her warf, bald mit verschrankten Armen wehmuthig und kummervoll vor sich hinsah. Die kurze Viertelstunde, binnen welcher sein Weib abwesend war, dunkte ihm eine Ewigkeit, und mit einer besondern Angstlichkeit, schlecht verhehlt, um desto auffallender jedoch, suchte er in den Augen der Zuruckkehrenden zu lesen. Katharine konnte nicht Ausdrucke genug finden, um die sanfte Herablassung und Bescheidenheit des Frauleins zu beloben, und machte schliesslich dem Gatten kund, dass die Fremde ihn morgen auf ihrem Gemache erwarten werde, um ihm einen Auftrag von hoher Wichtigkeit anzuvertrauen. Flammen schlugen nun aus dem bisher bleichen Gesichte des Herrn von der Rhon, und Katharinens Unbefangenheit konnte nicht umhin, diesen schnellen Farbenwechsel zu bemerken. "Was ist Dir, guter Rudolf?" fragte sie besorgt: "bist Du krank? Dein Antlitz ist bald Glut, bald Asche. Du fieberst. Rede doch; reisse mich aus meiner Angst." Der Wildmeister lachelte verlegen, und versuchte es, ihrer Besorgniss zu spotten. "Ei, lieb Weib, wo denkst Du hin?" erwiederte er, so gefasst als moglich: "Mir ist wohl, trotz Einem, und Du wirst mir's glauben, wenn ich Dir sage, dass ich jetzt noch nach den Fallen sehen will, die ich im Zwinger stellte. Ich vernahm vorhin einen Laut, wie das Gebelle eines Fuchses. Gewiss hat der Feind unsers Huhnerstalles, dem ich so lange nachgestellt, die Schnauze oder eine Klaue in der Falle gelassen. Geh indessen zu Bette; ich komme bald zuruck." Katharine wollte ihn von diesem spaten Rundgange abwendig machen, allein er blieb unbeugsam bei seinem Vorhaben. Ihm ward leichter, da er in der freien Luft stand, und der Nachtfrost kuhlte wie ein weicher Balsam seine gluhenden Pulse. Er loschte die Leuchte, die des Mondes Schein entbehrlich machte, und wandelte in dem Mauerschatten des schmalen Zwingers nachdenkend und uberlegend dahin, bis ihn endlich im Dahinlaufen auch die Bewegung verliess, und er sich unwillkurlich fest in die dunkle Ecke schmiegte, welche das vorspringende Marienbild am Brunnen bildete. Wahrend er nun sich in unbeweglicher Fuhllosigkeit seinen truben Gedanken uberliess, horte er jenseits des Verhau's am Graben einen leisen Werdaruf, und das Gesumme zweier Mannerstimmen, das im Anfang unverstandlich, dem aufmerksamen Zuhorer in der stillen Nacht bald vernehmlich wurde. "Ei so rede, Bertram," sprach die eine Stimme: "uberall verschlossen, sagst Du?" "Wie ein Kloster;" erwiederte der andre Mann: "Der grimmige Thorhuter berichtete mir, dass in der Nacht niemals ein Pfortchen geoffnet werde." "Sie ist aber doch im Schlosse?" fragte der Erste weiter. "Ohne Zweifel," antwortete der Zweite: "man hat sie ja in der Dammerung einreiten gesehen. Der Wildmeister hatte sie eingeholt." "Teufel! wenn ich genarrt ware!" brummte der Erste: "Ihr Brieflein lautet so honigsuss, aber auch Gift kann man mit Honig wurzen." "Ja wohl, Herr Graf;" meinte der Andre: "'s ware nicht die Erste, die einen biedern Rittersmann Meilenweit am Faden gezogen hat." "Wenn das ware, wehe ihr!" sprach der Herr mit entschlossnem Tone: "Morgen wird sich's finden. Bleibt mir auch noch dann der Zugang zu ihr versperrt, so weiss ich, was davon zu halten sey, und kann das Schwert wetzen nach Lust und Rache. Ha; ware der Kaiser nicht zuruckgeritten nach der Stadt, ich wurde glauben, das Weib lasse sich gefallen, mit uns den Fasching zu verlangern, aber der Himmel verdamme mich, wenn ich ......" Die Worte verklangen; weil der Sprechende sich vom Graben entfernte, und auch die Fusstritte der beiden Nachtwandrer verhallten bald in den nachsten Gassen. Der Wildmeister machte sich aus seinem Versteck hervor, und schlich nach seinem Wohngebaude. Bitter lachelnd schuttelte er den Kopf, schlug er die Arme ubereinander. "Vor einem solchen Weibe muss ich schweigen?" seufzte er: "Sie, die mit Jedem ihr Spiel treibt, wie ich ververmuthe, sie muss ich scheuen! Hartes Verhangniss, das mich in Fesseln schlug, die nur der Tod zu losen vermag! Rette nur Weib und Kind von Gefahr. Nur sie verschone!"

Wohl streckte er sich auf das weiche Lager, wohl schloss er die Augen zum Schlummer, aber das Bette wurde ihm zur Dornenhecke; ein qualvolles Wachen, nur dann und wann in Fiebertraume ausartend, machte ihm die Nacht zu einer Ewigkeit von Pein. Und dennoch bangte ihm, da der Morgen graute, vor dem Tage. Zogernd entwich er seiner Lagerstatte, und angstlich zahlte er die Stunden, bis endlich diejenige herankam, die ihn zu seinem Gaste beschied. Erst nach wiederholter Aufforderung von Seiten seiner Gattin trat er den sauren Weg an, und klopfte mit zagendem Finger an die Thure von Wallradens Gemach. Das Fraulein sass mit weiblicher Arbeit beschaftigt unfern von dem Ofen des weitlaufigen Zimmers, und nickte kaum mit dem Haupte auf Bilger's geziemenden Gruss. Der Wildmeister fragte, naher tretend, mit unsichrer Stimme nach der Herrin Begehr. Wallrade heftete einen langen Blick auf den Schuchternen, einen Blick, in dem der Triumph eines entschiednen Ubergewichts lag, und sprach, von der Frage abweichend, mit der Freundlichkeit, die den Scorpionstachel fuhrt: "Zuvorderst meine Entschuldigung, Herr von der Rhon. Ich konnte mir jedoch die Lust nicht versagen, Euch in Eurem Hause heimzusuchen. Meine Ankunft kam Euch uberraschend, furchte ich." "Ich laugne es nicht;" antwortete Bilger mit Ruhe: "welches indessen auch der Beweggrund sey; lasst mich ihn vernehmen." "Ich stelle Euren Scharfsinn auf die Probe;" fuhr Wallrade nach einer kleinen Uberlegung fort: "Errathet, was mich zu Euch fuhrt." "Durfte ich," sprach Bilger gemessen: "durfte ich Euerm Munde glauben, was er gestern Abend sprach zu mir, zu Katharinen und dem Kinde, so mochte ich fast hoffen, dass Friede in Euerm Gefolge kommt. War jene Freundlichkeit nur Larve, so furchte ich um so mehr fur meine Ruhe." "Das bose Gewissen pocht wieder an die Pforte;" entgegnete schlau lachelnd das Fraulein: "ich bin indessen nicht so bose, als Ihr glaubt, Bilger. Ich komme, Euch Gelegenheit zu geben Eurer Sunden quitt zu werden, mit einemmale. Es gilt die Erfullung eines geringen Wunsches, und ich verspreche Euch," sie begleitete diese Verheissung mit einem verachtlich niedergleitenden Blicke "mich ferner weder um Euch zu bekummern, noch um diejenige, die Ihr Euer Weib nennt." "O sprecht, .. was ist's?" fiel der von der Rhon lebhaft ein: "Sprecht, wodurch werde ich Eurer Verachtung wurdig? womit erkaufe ich das Gluck, mich von Euch vergessen zu sehen?" "Es gab eine Zeit," versetzte Wallrade beissend: "wo alle Schatze der Welt Euch nicht uber meine Gleichgultigkeit hatten trosten konnen. Die Jahre wechseln jedoch: mit ihnen des Menschen Sinnesart. Wohlfeiler kauft Ihr ubrigens keine Lust auf Erden, als meine Verachtung, wenn Euer Arm noch nicht verlernte, das Schwert zu fuhren, oder Euch noch ein Keller zu Gebote steht, in dem sich's allenfalls sterben lasst, ohne von der neugierigen Mitwelt zu Grabe geleitet zu werden." "Eure Worte sind mir eben so viele Rathsel," erwiederte Bilger: "spannt meine Erwartung langer nicht auf die Folter. Hat jemals Mitleid Eure Brust bewegt, o so versetzt Euch in meine Lage. Ein der Holle Verfallner durstet nach der Moglichkeit, wieder den Frieden zu gewinnen. Sprecht, ... wie erringt er das verlorne Kleinod?" "Euer hauslich Gluck hat Euch zum Kinde gemacht;" spottelte Wallrade. "Indessen, ohne lange zu grubeln oder zu zogern, vernehmt, was ich von Euch begehre. Ein Mann wird sich heute oder morgen an den Thoren dieses Schlosses zeigen, und den Zutritt zu mir begehren; er wird sich auf eine Aufforderung von meiner Hand stutzen. Ein kuhner Blick, ein braunes Antlitz und eine hohe Schulter zeichnen ihn aus. Mit einem Worte: der Graf von Montfort ist's, den ich zu furchten Grund habe. Der Eitle warb um meine Gunst, bildete sich ein, in deren Sonnenhohe zu stehen, und hat mir entsetzliche Rache geschworen, da er seinen Irrthum einsah. Ich, ein schwaches unvertheidigt Weib, musste fruh oder spat seiner Unversohnlichkeit zum Opfer fallen; darum hab ich's vorgezogen, den Eisenkopf durch List in eine Schlinge zu ziehen, der er nicht entrinnen soll, sobald Ihr mir die Hand reicht. Der Kaiser hat mich Euch vertraut; ich weiss es, denn ich halte die Faden des Gewebes. Verseht Euer Amt; der zudringliche Frauenschreck finde an Euerm Schwerte seinen letzten Augenblick, oder verkummre auf ewig in Euerm Verliesse. So nur sattigt sich mein beleidigt Ehrgefuhl, so nur beruhigt sich mein Herz." Bilger schwieg betroffen eine lange Weile; darauf wandte er sein kummertrubes Auge zu Wallraden, und sprach: "Ist es denn nicht genug, Wallrade, dass Deine grausame Arglist gerade m e i n Haus ausgesucht zum Schauplatze Deiner trugerischen Ranke? Gerade m e i n e Obhut angesprochen zum Schutze gegen betrogne Freier, zum Deckmantel eines unwurdigen Verhaltnisses, das eine Konigskrone selbst nicht zu adeln vermag? Muss denn auch meine Hand es seyn, die Du aufforderst in unritterlichem Thun?" "Und wessen Hand sonst?" fragte Wallrade kurz und herrisch: "Ist sie nicht m e i n ? Ich dinge keine Miethlingsfaust, so lange ich einer Leibeigenen zu befehlen habe. Auf Euch kommt's an, ob Ihr meinem Recht im Stillen huldigen wollt durch Gehorsam, oder ob ich mein Eigenthum vor dem Reiche zuruckzufordern habe." "Welch einen Preiss verlangt Ihr, Unbarmherzige!" wendete Bilger seufzend ein: "Um ein Vergehen zu suhnen, soll ich ein doppelter Verbrecher werden!" "Wahlt!" rief Wallrade streng: "Der, der mir Rache schwur, darf nicht mehr athmen unter den Lebendigen. Schafft ihn hinweg, und Vergessenheit des Vergangnen, die Ruhe Eurer Zukunft sey Euer Lohn. Weigert Euch hingegen, und a u s sey das Gaukelspiel. Ich werde reden, wo Ihr verstummt, und aus meinem Munde sprudle ich Schande auf Euer zerbrochnes Wappenschild, Schande und Tod auf Euer Haupt, Zeter und Schmach auf Alle, die Euch angehoren." "Halt ein! giftgeschwollner Wurm, der meines Lebens Blute zernagte!" unterbrach Bilger ungestum die Zurnende: "Die tiefste Erniedrigung hat eine Granze. Zehnfach schon busste ich fur den mir abgedrungnen Frevel; nicht langer will ich vor den Drohungen eines Weibes, zittern, das ich verabscheue. Zu Deinem Wachter wurde ich bestellt, nicht zu Deinem Mordknechte. Das will der Kaiser nicht, der getauschte Kaiser, der nicht ahnt, was Deine glanzende Hulle birgt. Aber, er wird meine Stimme horen; zu seinen Fussen will ich Alles bekennen; er wird verzeihen, mir die Ritterhand reichen!" "Verzeihen? retten?" lachte Wallrade tuckisch: "Thor! vergesst Ihr, dass Sigmund zu meinen Fussen liegt; dass er seine Pflichten hintansetzt, um mir hier in stiller Abgeschiedenheit seine Huldigung darzubringen? Ein Wort nur kostet's mir, und Ihr steht auf dem Rabensteine, .. Katharine wandert zum Spittel, und Eure Kinder hort Ihr? Eure Kinder, Blodsinniger, sind schmachbedeckte Bettler!" Mit einem Laut aufzuckender Verzweiflung taumelte Bilger zur Thure, die jedoch im selben Augenblick von einem rasch Dahersturmenden aufgerissen wurde. Der Graf von Montfort stand vor den Staunenden. "Ich will doch sehen," sprach er in ungestumer Jast: "ich will doch sehen, ob eine Thure hier im Schlosse dem Geschlechte Montfort verboten seyn kann, das in Habsburg's Vesten frei aus- und eingeht. Ihr habt unhofliche Wachter zu Euren Thoren bestellt, Herr von der Rhon. Die Bursche wagten es, einem Manne von meinem Ansehen den Einritt streitig zu machen, obwohlen mich Ehre und Minne hieher berufen." "Sie thaten nach meinem Gebot;" erwiederte Rudolph, der in dem Trotz des Fremdlings seine Fassung wieder gefunden hatte. "Desto schlimmer!" brauste der Graf auf: "Ich werde, sobald ich diese Dame hier gesprochen, auch mit Euch ein Wort reden, wie es waffenfahigen Mannen zukommt. Bis dahin verlasst uns!" Bilger gab nichts auf die wegweisende Geberde, und versetzte kalt und bestimmt: "Ich bin der Huter dieser Edelfrau; befugt, zudringliche Gaste von ihr abzuhalten. Ihr seyd ein solcher, und sie furchtet von Euch Gefahr. Darum geht in Gutem, ehe ich vergesse, welches Wappen Ihr fuhrt." "Montfort's Heerschild war seinen Gegnern immer schrecklich;" antwortete der Graf mit blitzendem Auge: "ich muss mich wundern, in Euch einen hartnackigen Feind zu treffen, da Euch Niemand aufgefordert, mir die Spitze zu bieten. Das Fraulein von Baldergrun ist von keinem Manne abhangig, und als die Freundin Eures Ehgemahls nicht Eure Magd geworden. Ihr Wunsch berief mich hieher; ich begreife desshalb nicht, wie Ihr es wagen mogt, zwischen mich und meine Braut zu treten." "Eure Braut?" lachte Bilger bitter: "Gleichviel; ich muss Euch bitten, ausser diesem Schlosse den Freiwerber zu machen; so lange Fraulein Wallrade in dem Hause wohnt, das ich bewache, treibe ich die Uberlastigen von meiner Schwelle." Ein Blick, zermalmend wie der Blitz, flammte aus Montfort's Auge uber den kuhnen Wachter, und zornschnaubend wendete sich der Graf zu Wallraden. "So sprecht doch Ihr, Fraulein;" stammelte er: "sprecht doch selbst. Duldet es nicht, dass Euer Brautigam, ein Werdenberg, von einem Dienstmanne beleidigt werde, wie man einem unverschamten Possenreisser zu thun pflegt. Redet: bin ich nicht hier mit Eurer Genehmigung, in Folge Eures Begehrs?" Unverwandten Blicks betrachteten die beiden Manner Wallraden, die, gleich einer verschamten Braut, die Augen niederschlug, und endlich zogernd begann: "Was uns bindet, was uns verknupft, edler Montfort gehort es wohl vor den Richterstuhl des harten Mannes, der ohne meine Zustimmung den Meister uber mich zu spielen wagt? Der Gewalt des Augenblicks unterthan, darf ich nicht reden, wie mein Herz es verlangt. Wenn Freiheit wieder mir geworden nur dann fragt mich wieder." "Bei des Erlosers Geburt!" antwortete Montfort, den Kopf schuttelnd: "Eure Reden sind mir dunkel wie die sybillinischen Bucher. Das Eine nur ersieht mein Verstand daraus, dass Ihr weniger ein Gast in dieser Burg seyd, denn eine Gefangene, und wenn ich mir alles zusammenreime ...... so steckt Luzelburgsche List hier unter der Decke. Darum sollt' ich gen Frankfurt reiten? Holl' und Teufel! weiche aus dem Gemache, koniglicher Kuppelknecht!"

Die schwere Beleidigung entrustete den Wildmeister dermassen, dass er wuthend nach der Klinge fasste, aber eine rasche Geberde Wallradens, die ihm uber die Schulter des vertretenden Grafen ein Zeichen gab, denselben nicht zu schonen, bandigte das Gefuhl gereizter Ehre, um nur der unbegranztesten Verachtung Raum zu lassen. Bilger hielt den Arm des streitlustigen Montfort auf, und sprach zu dem Staunenden: "Lasst die Waffen ruhen, Herr Graf, und scheltet mich nicht feige, ob solcher Aufforderung. Schon ist's, fur die Ehre einer tugendhaften Frau das Leben auf das Spiel zu setzen; aber allzukostbar ist das Blut zweier Biedermanner, wenn es dem Verrath zum Opfer fliessen soll!" "Was bedeuten diese Worte?" fuhr der Graf auf: "Hinter Euch lauscht der Verrath, der mich verderben soll, und meines einst'gen Weibes Ehre." "Wunscht Euch das Ungeheuer nicht zum Weibe!" brach Bilger los von Wallradens Trotz emport: "Nicht ich legte Euch Schlingen; die Grassliche hat selbst Euch verlockt, und mich zu einem Henkerdienste aufgefordert, den ich ihr verweigerte. Verrathner! Sie hintergeht Euch, den Konigsecker, und ihren furstlichen Buhler. Ihr Leben war nur e i n e Luge. Nie hat diese stolze Felsenbrust das Gefuhl gekannt; nie noch Liebe empfunden. Blos das Feuer wilder Lust, oder des Hasses Glut entzundet ihr Herz. Die Bande des Blutes, wie der Neigung tritt sie zu Boden, und nimmer noch verzieh sie dem, der nur mit einem Blicke sie geschmaht. Glaubt mir, getauschter Montfort; ich kenne die in boser Leidenschaft Unersattliche. Verlasst sie, folgt nicht ihrer Spur. Lachelnd mordet sie Euch, und spottet Eurer im Arme eines Andern, dem ihre Hinterlist ein Grab neben dem Eurigen grabt."

Bilger schwieg erschopft mit bebender und bleicher Lippe, und seine heftige Rede hatte ihre Wirkung auf Montfort's Gemuth nicht verfehlt. Der Graf stierte den Sprecher athemlos an, und trat scheu von Wallraden zuruck. "Welch ein Scheusal malt Ihr mir!" sprach er endlich mit halb unterdruckter Stimme: "Diese gleisende Hulle ware also wirklich nur der Balg einer giftigen Schlange? Meine Ahnung, meine innerste Seele hatten mich also nicht hintergangen? Ja, ja, Herr von der Rhon! Ihr habt wahr geredet; Wallradens stumme Lippe bezeugt es, die Todtenfarbe, die ihr Antlitz uberzieht. Eure unerwartete Offenherzigkeit hat ihre Gestalt in Stein verwandelt, aber diese Hulflosigkeit der Sunde erregt nicht mein Mitgefuhl; sie reizt mich nur auf zur That, und ich will untersuchen, ob auch ihr Herzblut zu Eis geworden ist!"

Mit einem durchdringenden Schrei flog Wallrade zum Fenster, da der blindwuthende heftige Mann mit dem Stahle in der Faust auf sie zusturzte. Bebend wie das Laub der Espe umklammerte sie den gehassten Rudolph, der sich mit aller Mannskraft zwischen die Beiden geworfen hatte, und mit ubermenschlichem Ringen den gereizten Tiger von seiner Beute abhielt. Nach heftigem Kampfe musste der schwachere Graf von seinem blutigen Vorhaben ablassen, und ergab sich zahnknirschend in den Willen des Uberwinders, der seine Pflicht, Wallraden nichts Leides geschehen zu lassen, als eine heilige behauptete, und den Bezwungnen ermahnte, augenblicklich das Schloss zu verlassen, und des Konigs Frieden nicht langer zu storen, wolle er nicht Hand und Haupt verwurken. "Wohl!" keuchte Montfort, mit seinen wilden Blicken Wallraden durchbohrend, die eine wundersame Mischung von Frechheit, Wuth, Furcht und drohender Schadenfreude in ihren Zugen trug: "Der Bann des Konigs ist mir heilig; des Konigs Metze nicht. Zittre Weib, mir jemals wieder zu begegnen! Zittre vor meiner Vergeltung. Montfort kennt nur e i n e Liebe, aber auch nur e i n e n e w i g e n Hass!" Mit furchtbaren Geberden ging er davon, schwang sich auf das Ross, das sein Leibknecht im Hofe hielt, und sprengte wie ein Rasender uber die Schlossbrucke. Bilger hatte nach ihm Wallradens Zimmer verlassen wollen; das Fraulein hielt ihn jedoch mit Riesenkraft zuruck, obgleich ihre Pulse flogen, die Lippe zitterte, und der Busen sich so ungestum hob, dass jedes Wort nur gebrochen und klanglos ihrem Munde entfliehen konnte. "Einen Augenblick noch;" stammelte sie, wahrend die Holle in ihrem Auge aufflackerte: "hort mein letztes Wort zu Euch. Ihr habt mich entehrt und dem Feinde in tiefster Schmach gezeigt. Der Verbrecher hat uber mich den Sieg davon getragen. Der Himmel mag Euch vergeben, von mir erwartet nun keine Schonung. Ich uberantworte Euch dem Henker, der Schande Eure Buhlerin und ihre Brut." "Weib!" donnerte der Wildmeister rollenden Auges: "Verhange uber mich, was Du willst. Die Meinigen schone aber. Schone sie, oder ich wurge Dich hier zu Tode!" Schreckhaft fuhr Wallrade zuruck, und erwiederte wie oben: "Um Euch ein neu Verbrechen zu ersparen, wohlan! so wahlt eine hartre Strafe freiwillig, harter als der Tod. Flieht hinweg von Euerm Herd .... lasst Alles dahinten, was Ihr mit sundiger Liebe umfasst; ... lasst Euern Namen vergehen und Euer Gedachtniss, wie das eines Gestorbnen, und ich will schweigen, will genug haben an Euerm langsamen Dahinwelken auf fremdem Boden, genug an der ewigen Trauer der verlassenen Waisen! Aber fort musst Ihr seyn, ehe noch das Abendroth niedergeht; fort ohne jemals wiederzukehren, sonst nehm' ich mein Gnadenwort zuruck. Wahlt! Werdet fluchtig wie Kain und lebet, oder bleibt und sterbt mit den Euern!" Die Drohende liess des vernichteten Mannes Hand los, und er enteilte wie wahnsinnig dem Aufenthalte seiner erbitterten Feindin. Im Sturme seiner Gefuhle hatte er nicht die Hornklange vernommen, die einen neuen Besuch angekundigt hatten, welcher eben die Treppe heraufkam. Der Kaiser war es wieder; zu seiner Rechten die schuchterne und angstliche Hausfrau des Wildmeisters, die ihrem verstorten Gatten Blicke der furchtsamsten Besorgniss zuwarf. Denn Sigmund war nicht der leutselige herablassende Furst, wie er noch gestern sich gezeigt; heute gluhte die Rothe des Zorns auf seiner Stirne, und von beleidigtem Stolze, vielleicht auch von Eifersucht glanzten die Augen. Kaum eines Blicks wurdigte er den Wildmeister. "Ihr kommt sehr spat, um meinen Willkomm zu empfangen!" herrschte er dem Besturzten zu: "Auch bin ich in Verlegenheit, wie ich Euch zu begrussen habe: als einen minnelustigen Fant, der in einem fremden Garten Fruchte naschen mochte, die ihm nicht bestimmt; oder als einen schlauen, aber ertappten Kuppler."

"Kaiserliche Majestat!" stotterte Bilger, emport und gekrankt. "Als einen schlauen aber ertappten Kuppler!" fuhr Sigmund kalt und vernichtend fort: "Ich sagte es, und wahr ist mein kaiserlich Wort, denn so eben hat erst der pflichtvergessne Montfort das Stadtlein und dieses Schloss verlassen. Rechtfertigt Euch nicht, furchtet meinen Zorn, und weicht ihm aus. Euer Weib wird mich an Eurer Statt zu dem Gemache des Frauleins von Baldergrun geleiten." Verachtlich wandte der Kaiser dem Betroffnen den Rukken, und Catharine, nachdem sie durch klagende Geberden den Antheil ausgedruckt, den sie am Missgeschicke ihres Gatten nahm, folgte dem Herrscher unterwurfig.

Wie ein Trunkner taumelte Bilger die Stiege hinunter, auf deren letzten Stufe Preyswerck, des Kaisers Hofnarr und lustiger Rath sass; sein einziger Begleiter auf dem Ritte zum Liebchen. Der Bursche nickte freundlich mit dem geschornen Haupte dem Wildmeister zu, und sprach, indem er ihn am Saume des Gewandes festhielt: "Wollt Ihr ein schon Stucklein lernen, wie es die Sperlinge auf den Dachern, und die Narren auf allen Gassen singen?" "Lasst mich;" gab Bilger unwirsch zur Antwort: "mir ist's jetzo wahrlich nicht um der Narren Gesang zu thun." "So?" fuhr Preyswerck gemuthlich fort: "so? dann musst Ihr zwei Stucklein lernen. Das Erste heisst: 'Herrengunst und Vogelsang ist lieblich, aber dauert nicht lang' und das Andre, das Ihr nothwendig wissen solltet, wart Ihr ein vollendeter Waidmann, ist nach des Roland's Melodie zu singen und klingt also: 'Edler Falk, man spannt auf Dich, schuttle Dein Gefieder! Edler Falk, so fluchte Dich kehre nimmer wieder!'" "Habe Dank, ehrlicher Narr!" erwiederte der Wildmeister: "Den Rath, den Deine lustige Zunge gab, muss meine Verzweiflung, befolgen. Grusse mein Weib tausendmal und dem Kaiser sage: Bei dem Zorne sey keine Gerechtigkeit, darum wollte ich auch keine von ihm verlangen, sondern hingehen, wo man mich nicht zwingt, ein lockres Weib statt des Wildes zu huten. Catharine moge mein gedenken, und ..." Ausbrechende Thranen machten ihn hier in seiner Rede verstummen. Gewaltsam: riss er sich von dem lustigen Rathe los, sturzte in das Zimmer, wo seine Tochter harmlos spielte, druckte die Kleine unzahligemale an seine Brust, schwang sich auf ein ungesattelt Pferd, und verliess auf dessen schnellen Hufen das Haus, das er wie ein Geachteter und Gebannter zu fliehen gezwungen war. Der Gedanke, Sigmund's Entrustung werde sich neu entzunden an Wallradens Wuth, gab seinem Rosse den scharfen Sporn, und weniger sein bedrohtes Leben suchte er in Sicherheit zu bringen, als seine Ehre, den Leumund der Gattin, und seines Kindes zukunftig Geschick.

Vierzehntes Kapitel.

Du fauler Bote! Sag' an Deine Post. Deine Zunge ist lahm,

wie

Dein Gaul. Herr! ich reite auch kein Freudenpferd.

Alt. Schauspiel.

Die merkwurdige Sitzung des Conciliums, in welcher die Vater desselben, um die Hyder, die die Christenheit umschlungen hielt, mit einem Streiche zu vertilgen, die Absetzung der drei Papste beschlossen, und Papst Johann zu ohnmachtig und zu staatsklug, um der Ubermacht zu widerstreben in eigner Person die Absetzungsformel verlesen hatte, war voruber, und die Zuhorer, wie die Beisitzer, staunend uber das bisher Unerhorte, begaben sich in zahlreichen gedrangten Scharen nach ihren Hausern. Dagobert in seiner geistlichen Tracht war mitten darunter, und schlenderte unbefangen, dem Vesperbrode entgegenharrend, durch die Strassen, als plotzlich unter dem Schwarme der Vorubereilenden, eine derbe Faust seine Rechte ergriff und herzlich druckte: "Hoch lebe das Concilium, alle drei heilige Vater und vorab der gefallige und nachgiebige Johannes!" jauchzte der ungestume Freund, der Gerhard in Lebensgrosse war. "Willkommen! alter Kumpan!" entgegnete ihm der froh krochen, wilder Jager? Haben sie Dich aus der Eulen Nest gelassen? Und rede, wie kommt's, dass Du frei und frank vor mir stehst?" "Fur's Erste," antwortete der Hulshofner, "neigt Euch in Demuth vor meinen Tugenden, die Ihr nie geahnt habt. Drei vollig und gut gezahlte Wochen sass ich im Schatten, wo es nicht hinregnet noch schneit, wo nicht Thau noch Sonnenstrahl zu sehen, und wahrend dieser Frist, die, reimweis zu reden, keine geringe ist, habe ich kein Einzigmal geplaudert, denn sonst stolzirtet Ihr wohl nicht so junkerlich und freiherrlich hier herum. Der Syndikns, ein wahrer Pestilenzer, hat mir zugesetzt gleichwie mit gluhenden Zangen, und dennoch, und dennoch ... dennoch nichts verrathen. Kreuz und Dorn und Stein! 's hat schier Funken gegeben. Die Pfaffen gaben verdammte Zeugschaft, die leichtfertigen Jagerinnen, deren Geschwatz mich in die klagliche Geschichte hinein gebracht hatte, meinten, sie mussten mir an den Hals zur Strafe, dass ich der Kaiser nicht gewesen, wahrend das Klostergesindel mich braten wollte, weil's mir eingefallen, zur Unzeit kaiserliche Majestat zu seyn. Von Euch erfuhr ich nichts; meine Herren von Frankfurt hatten mich aufgegeben; ich sass in der Bruhe, und argerte mich nur daruber, dass ich nicht einmal wusste, in welcher. Bald sollte ich einen Ketzer befreit, bald ein ganzes Kloster an den Rand des Grabes gebracht haben, und was des tollen Zeugs mehr ist. Ich spielte jedoch den Klugen, schwieg fein und sauberlich, und leugnete wie ein Heide. Zum Gluck hatte ich vor der abscheulichen Verhaftung den wilden Jager in Eure Obhut gebracht, und konnte mich herzhaft auf den langen Christoph berufen. Das drang denn endlich allgemach durch; ich bekannte mich selbst nicht schuldig, leugnete daher auch alle Mitschuldigen, und heute bin ich denn auf Befehl des Kaisers, der den heutigen Tag als einen grossen zu feiern gedenkt, nebst einer Menge von Leuten, die entweder einem Fastnachtsstreich oder einem minniglichen Abenteuer oder auch einem harten Glaubiger ihre Haft verdankten, in Freiheit gesetzt worden. Mein gutes Gluck liess mich alsobald auf Euch stossen, von dem ich wenigstens als billige Entschadigung einen Imbis erwarte, wie er lange meinen Gaumen nicht gekitzelt." "Was meint Ihr zu gefalznen Hechten mit Peterlein, und einem Romer Weins aus der Marggrafschaft?" "Sollst haben, was Dein Herz begehrt," versicherte ihm der Jungling freundlich: "Du bist der bravste Edelknecht in deutschen Landen, wie der verschwiegenste. Freilich trug auch die magre Kost im Gewahrsam viel zu dieser letztern Tugend bei; indessen." ... "Indessen ist's doch immer lobenswerth;" unterbrach ihn Gerhard fast grob: "Wie viele Leute gibt's, die selbst beim Wasserkrug das Maul nicht halten konnen? Wunderbarer ist's, dass der alte Schneider Velsner, der die Larven hergeliehen, meine Verschwiegenheit theilte." "Das ging sehr naturlich zu, mein guter Altgeselle;" erwiederte Dagobert halb scherzend, halb ernst: "der Tod tanzte mit ihm den Kehraus in der Dienstagsnacht." "Das haben sie beide brav gemacht;" sprach Gerhard, andachtig ein Kreuz schlagend: "der weisse Tanzer, dass er kam, und der graue Schneider, dass er sich nicht sperrte, wie eine blode Dirne. Ich wunsche dem wackern Meister die beste Kundschaft dort oben, obgleich ich ihn wieder bedauern muss, dass er gerade in Aschermittwochs Hungertuch gefallen ist." "Ei du armer Schelm!" lachelte Dagobert: "siehst Du doch selbst aus, als ob Du dem Hungertuche gerade entschlupft warest. Zum Gluck stehen wir, just vor der Herberge. Komm herein; lass Dir's schmecken; aus Dankbarkeit will ich Dein Kuchenmeister und Mundschenk seyn. He da! Wirth und Wirthin herbei! Ihr Magde und Kellerbuben spitzt das Ohr, denn der wackerste Kampfer am Rheinstrome will tafeln, wie sich's gebuhrt, und Eure sparsame Fastenkuche es erlaubt." Gerhard nahm mit wichtiger Feierlichleit an dem Tische Platz, und Leuchter, Wein und Becher standen flugs vor ihm aufgepflanzt. Dagobert machte sich ein Fest daraus, dem ausgehungerten Schlemmer selbst den wurzigen Trunk von Badens Rebhugeln zu kredenzen. Die Wirthin schleppte Teller und Pfannen herbei. "So, mein alter Kampe;" scherzte Dagobert, wahrend er ihm das Tellertuch um den Hals befestigte: "da sitzest Du wie der Kaiser am Kronungsbankett. Dein Bart konnte zwar saubrer geschoren, Dein Wamms reinlicher seyn, allein Dein guter Wille, der sich in der Art und Weise offenbart, wie Du nach dem Essgerathe langst, hilft allen ubrigen Mangeln ab. Du wirst zwar den gewunschten Hecht vermissen, aber dieser nerrige Stockfisch mit Ol und sussen Rosinen ist auch nicht zu verachten, und solltest Du es fur nothig erachten, Deinen Durst erst zu reizen, so versehen jene gerosteten Picklinge, gewurzt vom scharfen Leipziger Senf, vollkommen den Dienst. So, mein Junge. Frisch in's Handgemenge! ich will Dich kraftig unterstutzen." Gerhard nahm sich des Verfechteramts eifrig an, und arbeitete bald mit vollen Backen, bald mit dem klingenden Messer, bald mit dem schaumenden Becher, auf dessen Grunde er dreimal ein Goldstuck mit dem Geprage des Freistaats Benegia fand. Dankbar druckte er dem Geber und Gastfreund die Hand und sprach: Solchen Bodensatz im Wein zu finden, lasse ich mir gefallen. Zu viel aber ist's der Freigebigkeit, da ich weiss, dass durch Eure Zwistigkeit mit dem walschen Ohm Euer Geldseckel in Abnahme gerathen ist. "Der Herzog Friedrich hat mir erlaubt, dann und wann aus seinem Beutel zu schopfen, wenn ichs bedarf;" antwortete Dagobert: "Bei seiner milden Hand magst Du Dich demnach fur diess Geschenk bedanken."

"Ei, vor dem Herzog alle erdenkliche Ehrfurcht!" sprach Gerhard mit einem Sonnenblicke der Behaglichkeit: "Es gab zwar eine Zeit, wo wir Beide nicht auf dem besten Fusse zusammen standen, allein diese Zeit ist nicht mehr. Was konnte ich in der That auch dafur, dass der wackre Herr damals in ein Reiterwamms zu kriechen beliebt hatte? Am Kragen kennt man den Mann, lautet ein wahres und liebes Sprichwort. Wenn unser Vater Adam nicht die Kleider erfunden hatte, waren die vornehmen Herren ubel daran, und nebenbei auch die gemeinen Leute, die am Ende nicht wissen wurden, ob sie einem Andern oder sich selbst den Reverenz zu machen haben. Dem sey nun indessen, wie ihm wolle; ich bin mit dem Herzog versohnt, und empfange um so lieber die Goldpfenninge, die mir aus seinem Schatze durch Eure Freigebigkeit zufliessen."

"Versohnt?" lachte Dagobert: "Altes Sieb, wie kommst Du mit dem Habsburger zusammen, der Dich, gerade heraus gesagt ungefahr so leiden kann, wie der Rude den Dachs?"

"Leiden konnte, Froschlein, leiden konnte;" versetzte Gerhard in seiner ungestorten Friedlichkeit, indem er die letzten Reste der Piklinge versorgte: "Seine herzogl. Gnaden sind aber jetzo mindestens nicht ungnadig auf mich. Im Gegentheil. Der versohnliche Furst hat mich durch den Herrn Schoffen von Braunfels auffordern lassen, das Turnier, das er am Zwanzigsten dieses Mondes Marz zu geben gesonnen, durch meine Tapferkeit und zierlichen Fechterkunste zu verherrlichen; indem wie er sich huldreichst auszudrucken geruhte Keiner von allen anwesenden Kampen im Bugel- und Ringelrennen, im Kolbenschlag und Fusskampf meines Gleichen sey."

"Beneidenswerther!" rief Dagobert, ihm den vollen Becher zubringend: "Die Gewaltigen der Erde werden aufmerksam auf Deine Verdienste, und es kann Dir gar nicht fehlen, bleibt Deine Rechte nur gesund, und Dein Leib wohl genahrt."

Das Letztere sey auch mein Hauptaugenmerk bis zum Tag, wo es gilt. Lasst sehen, Junker; wie weit haben wir noch zum Zwanzigsten? "Funf Tage, mein Gesell;" berichtete ihn Dagobert: "Bis dahin fey mein Gast. Du sollst einen dankbaren Schuldner an mir finden. Was das Concilium an essbaren Stockfischen aufweisen kann, soll Dein seyn. Der beste Rebensaft werde Dir kredenzt. Verlangst Du Tafelmusik, sie soll Dir nicht fehlen? Siehst Du reizende Aufwarterinnen gerne an Deinem Tische? Ich schaffe sie Dir, anmuthiger als die plumpen Thurgauer Dirnen, die so eben die leeren Schusseln wegtragen, sittsamer als die leichtfertigen Jagerinnen in Frau Waldina's Gefolge. Kennst Du das Mahrlein vom Tischlein deck dich? Meine Dankbarkeit soll es an Dir verwirklichen, und Dich in jene harmlose Zeit versetzen, wo Du noch, ein langknochiger Bube, die tragen Fusse unter Deines Vaters Tisch stecktest, und ohne Sorgen verzehrtest, was sich gerade vorfand, unbekummert, ob es die Voglein vom Himmel, oder Dein Vater von der Heerstrasse gebracht." Der unverzagte Esser liess den Becher sinken bei diesen Worten, schlug die verglasten Augen auf gen Himmel, und eine Mischung von Wehmuth und lachelnder Erinnerung breitete sich uber sein Antlitz. Er reichte dem Nachbar die fleischige Hand und sprach mit weicher Stimme: "Ach, lieb Froschlein! Da habt Ihr's getroffen, wo meine Halsberge nicht zum Besten schliesst. Mein rechtschaffner Vater .... Gott erhalte ihn bei der Seligkeit! ... er starb wie ein wackrer Edelmann. Thut mir die Liebe, werthes Froschlein, und thut mir Bescheid auf den Becher, den ich Euch feierlich zutrinke, als das Gedachtniss an einem ehrenwerthen Mann!" "Von Herzen gern!" antwortete Dagobert, seinen Wunsch erfullend: "Auf das Wohl eines Biedermannes trinke ich stets, sasse er auch schon im Fegefeuer. Und auf Dein Wohl nicht minder, alte deutsche Haut, weil Du Deines Vaters Angedenken dergestalt in Ehren haltst. Das hatte ich nicht hinter Deinem groben Fell gesucht; und wahrlich, ich werde hinter Deiner Tugend nicht zuruck bleiben, wenn's einst Gott gefallen sollte, meinen Alten zu sich zu rufen."

Da riss mit einem Male der Hulshofner die von wehmuthiger Weinlaune feuchtgewordnen Augen auf, sah den jungen Tischgenossen mit einem ganz besondern Ausdruck von Bedauern an, rieb sich die Stirne, wie einer dem etwas entfallen war, und der sich, jetzt fast zu spat, dessen verdrusslich erinnert, und seufzte: Guter Junker! wenn ein Sprichwort die Wahrheit sagt, so ist es dasjenige, welches lautet: "Im W e i n ist Wahrheit; Ihr habt die Ahnung, ich die Erinnerung wieder im Becher gefunden. Vergessen hatte ich schandlich, was Ihr doch wissen musst. Fasst Euch, lieber freigebiger, theilnehmender Frosch; und glaubt, dass ich Eure Bekummerniss theilen werde, wie ein Bruder. Ja, ja; schaut mich nur an, wie den Bischof die verwunderte Katze. Euer Lacheln wird sich verkehren in Trubsal. Euer Vater hat den Schoffenstuhl zu Frankfurt mit dem himmlischen vertauscht. Er ruhe in Frieden!"

Mit offnem Munde und gespannten Zugen sass Dagobert dem Hiobsboten gegenuber, dessen Weichmuth in eine Thranenfluth uberging, die einige schnell geleerte Becher kaum auftrocknen konnten. "Sage mir doch," fing Dagobert endlich kleinlaut an: "ist denn noch Fasching, oder heisst man am nachsten Sonntag: Latare? Unglucksrabe! spricht der Rausch aus Dir, oder ist sie Wahrheit, die Botschaft, die Du mir, dem Freien ans Deinem Gefangniss bringst?" "Wahrheit, lieb Junkerchen;" versicherte Gerhard ganz treuherzig: "die Sache ist die folgende. Mein erster Weg aus dem Gewahrsam ging zu meinen Herren von Frankfurt, den Schoffen, die hier im Hause wohnen. Der alte Herr Holzhausen nahm sich heraus, mir einen Text zu lesen, wie er sich in keinem Evangelienbuche findet, mich einen Wustling und Handelsucher zu nennen, und was dergleichen mehr ist, welches auch gerade nicht hieher gehort. Der Herr von Braunfels nahm sich meiner an, und die Beiden sagten sich derbe Worte ...."

"Um Gottes willen!" fiel Dagobert ein: "lass die Umschweife, vollende!"

"Ich bin's eben im Begriff," versicherte Gerhard: "denn ich setze mit Sporn und Gebiss uber den Streit der wohlweisen Herren weg, bis zu der Thure, durch welche gerade und just der Stadtschreiber Heinrich eintrat, der seit geraumer Zeit weniger fur die Stadt schreibt, als Boten reitet, und gerade wieder, mit Schriften beladen wie ein Maulthier, von Frankfurt daher getrabt kam." Der Gruss von ihm war kurz, und er warf sich gleich mitten in das Gesprachsel. "Wisst ihr etwas Neues, ihr Herrn?" rief er: "Am Abend des verwichnen Tages der heil. Felicitas ist zu Frankfurt unfern vom Hirschgraben der wackre Schoff und Altburger Diether Frosch ermordet worden!" "Ermordet?" rief Dagobert, entsetzt vom Tisch aufspringend: "Verdammt sey Deine Zunge, die solche Schreckensbotschaft mir so lange verhehlen konnte!" "Hat sich wohl!" brummte Gerhard unwillig: "Wo der Kopf vergisst, schweigt auch die Zunge ohne bosen Willen. Erfahrt Ihr's doch jetzo zeitig genug. Sollt' ich Euch das Vespermahl vergallen? Wo wollt Ihr aber hin?" "Zu den Herren von Frankfurt!" erwiederte Dagobert, und suchte sich angstlich von dem Zuruckhaltenden los zu machen. "Nehmt doch Vernunft an!" sprach Gerhard entgegen: "die Schoffen sind nicht daheim. Die Abgeordneten der Reichsstadte haben heut ein gross Convivium im goldnen Brunnen." "So will ich dorthin!" rief Dagobert: "Lass mich!" "Bleibt doch!" erwiederte Gerhard: "Ihr schlagt um Euch wie ein rasendes Fullen, aber ich leide es doch nicht, dass Ihr dort Euren Schmerz zur Schau tragt." Dagobert besann sich, "Du hast Recht;" sprach er: "ein schiefes Wort, ein schiefer Blick nur in dieser Stimmung von einem Fremden, der, wie begreiflich, mein Leid nicht fuhlt, konnte mich zum Mord bewegen. Aber rede doch Du: sieh! ich will mich zu Dir setzen, ganz ein Mann seyn, trotz Einem, aber sage mir, wie ging das Entsetzliche zu? Ich werde mich zwingen, mein Gebreste in meiner Seele zu verschliessen, und nur dann weinen, wann Du es erlaubst; sage mir aber, wie ward das Grassliche vollbracht? wie ward mein Vater ... o, mein Gott! ... wie wurde er erschlagen?" "Junker!" antwortete Gerhard, verlegen ob der nicht geahnten Heftigkeit des jungen Mannes: "Ihr fragt mich da nach Dingen, die ich eben so wenig weiss, als Ihr. Vielleicht aber" hier nestelte er den weiten Armel seines Kollers auf ... "vielleicht belehrt Euch diess Schreiben eines Bessern. Der Stadtschreiber brachte es von Frankfurt mit, und Euch es zu ubergeben, vertraute mir's der Herr von Braunfels. Bis auf diesen Augenblick hatt' ich's vergessen, doch kommt's auch jetzo nicht zu spat." "Da!" fuhr er fort, indem er das wohlversiegelte Schreiben aus dem Armel fischte, und dem gierig darnach greifenden Dagobert langsam reichte: "Da ist der Brief, Euer Vater schreibt Euch darin die ganze Begebenheit selbst." "Er selbst?" fragte verwundert der Jungling, das Schreiben staunend in den Handen haltend, und einen Blick auf die Aufschrift werfend: "Wahrhaftig, er selbst! fuhr er fort mit steigender Hitze: Einfaltiger Weinschlauch! und Du konntest mich beinahe zum Tode erschrekken? Danke es dem Himmel, dass keine Waffe an meiner Hufte hangt! Dieser Augenblick ware Dein letzter!" "Froschlein! Ihr redet irre!" erwiederte Gerhard, der sich scheu in die Ecke schmiegte: "Was ficht Euch an? Ist das der Dank fur meine gutmuthige Theilnahme?" "Ich mochte lachen, ware mir nicht so furchterlich ernst zu Sinne;" begann Dagobert auf's Neue: "lachen ob Deiner beklagenswerthen Einfalt. Mensch! siehst Du denn nicht weiter als ein Maulwurf? Du entsetzest mich durch die Botschaft von meines Vaters Tode? kann aber der todt seyn, der mir von diesem Mord geschrieben?" "Ich dummer Hans!" murmelte Gerhard durch die Zahne, und schlug sich mit der geballten Faust vor die Stirne: "Dummer als ein Ganserich. Es ist auch wahr. Vergebt, Froschlein; gestorben wird er nun wohl nicht seyn, aber Ihr werdet aus dem Briefe sehen, dass gewiss etwas Schreckliches vorgefallen." Dagobert wollte so eben, seinem Zweifel zu entgehen, die Wachsplatte von dem wohlverwahrten Schreiben losen, als er noch einen Blick der Aufschrift schenkte. "Nein!" rief er alsdann: "bei unsrer lieben Frau vom Berge! Da hatte ich etwas Hubsches angerichtet. Das Schreiben gehort meinem wurdigen Ohm, dem Pralaten. Der eifrige Mann wurde mich in Bann thun, kame es verletzt in seine Hande. Vergib indessen meiner begreiflichen Neugier, wenn ich Dich jetzo allein lasse, zur Stunde, wo der Becher Dir am besten mundet. Ich denke das Versaumte nachstens einzuholen. Fur jetzt aber eile ich, den Ohm, so leid mir's thut, aus seiner abendlichen Bequemlichkeit zu storen, denn bis morgen die Ungewissheit zu ertragen, vermag mein Gemuth nicht. Gute Nacht!" "Gute Nacht, Junker," entgegnete Gerhard: "Ihr hegt doch keinen Groll gegen mich?" "Sorge nicht;" beruhigte ihn Dagobert: "Was kann der Mund, dafur, dass er einem ungeschickten Kopfe gehorcht? Iss und trink! die freie Tafel bis zum Tage des Turniers soll darum nicht wegfallen!"

Der Pralat staunte nicht wenig, die Stille seines Hauses durch ein ungebuhrliches Pochen und Larmen gestort zu sehen, und traute kaum dem Bericht des zur Pforte gesandten Dieners, der die Ankunft des Neffen verkundete, welcher Haus und Hof wie mit Sturm eingenommen habe. Der furchtsame Geistliche, der sehr geneigt war, an eine beabsichtigte Gewaltthatigkeit seines Wildfangs von Anverwandten zu glauben, rief Fiorillen herbei, die ihn nur mit Muhe von dem Vorhaben abhielt, seine ganze Dienerschaft zu seinem Schutze um sich her zu versammeln.

"Entschuldigt meinen seltnen, spaten und uberlastigen Besuch!" rief Dagobert beim Eintreten: "Mein Geschaft bei Euch ist kurz, aber um so dringender!" Der Pralat lief einige Schritte zuruck, da Dagobert's Hand rasch nach dem Gurtel fuhr, um den Brief herauszuziehen, und die Versicherung Fiorillens, es sey wirklich nur ein harmloses Papier und keine Mordwaffe, welches der Vetter bei sich trage, konnte Monsignore kaum beruhigen. Dagobert war genothigt, ihm wie einem widerstrebenden Kinde die Finger zu offnen, und den Brief hineinzulegen, mit der Bitte, doch ja alsobald den Inhalt desselben ihm mitzutheilen.

Nun begann der Muth des Pralaten wiederum zu wachsen. "Per Dio e la santissima vergine!" rief er mit aufgeblasenen Backen, da er den Ungrund seiner Besorgniss einsah: "heisst das nicht die Roheit eines deutschen Lummels auf die hochste Spitze steigern? Wie nanntest Du Dich vorhin? Einen seltnen, spaten, uberlastigen Gast? Ja wohl; eine Luge sagtest Du mindestens nicht in diesen Worten. Ist das eine seine Zucht und Sitte? Uberfallt bei Nacht und Nebel, einem Buschklepper gleich, seinen Ohm, einen Pralaten, der noch obendrein aufgebracht gegen ihn ist, und mit Recht ungehalten auf seinen Lebenswandel. Und warum dieser sturmische Uberfall, der manchem weniger Beherzten den blassen Tod hatte zufugen konnen? weshalb dieser Graul? Um einen Brief zu uberbringen, der morgen eben so gut gelesen werden konnte, denn heute."

"Mag seyn, Ohm;" erwiederte Dagobert: "ich kann Euch aber darum doch nicht helfen. Meine Besorgniss ist zu gross. Meinem Vater ist ein Unfall zugestossen, dessen nahern Verlauf ich heute noch wissen muss." "Hore doch einmal zu, Fiorilla!" seufzte der Pralat, trostlos die Hande faltend: "Hore doch, wie der Gelbschnabel zu mir spricht. Wie ein Guardian zu einem Novizen. Was geht mich denn seine Besorgniss an? Warum m u ss ich denn gerade heute noch das Schreiben lesen?" "Weil es meinen Vater betrifft;" versetzte Dagobert heftig, der freilich nur Euer Bruder ist, und weil ich kurz und gut nicht eher aus dem Hause gehe, als bis ich weiss, was den Meinen zugestossen. "Du wirst sehen," raunte der Pralat Fiorillen in's Ohr Du wirst sehen, er setzt uns noch auf die Gasse, und macht sich breit in meinen vier Pfahlen. Sieh nur, er gluht im Gesichte wie ein Kobold. Ob er betrunken ist, oder ob er am Veitstanz laborirt, oder was den deutschen Baren ofters zu begegnen pflegt gerade von einer verderblichen Lust zu morden und zu wuthen befallen ist wer weiss das? "Thut ihm deshalb den Gefallen, den er verlangt;" ermahnte Fiorilla: "Sohnesliebe spricht aus ihm." "Nun, wenn Du meinst;" versetzte der Pralat: "so sey es drum. Gib mir die Brille, und zunde mir im Nebengemach die Lampe an. Du weisst wohl, setzte er leiser hinzu, dass ich an dem verdammten krausen Geschrifft lange studiren muss mit meinen bloden Augen, und ich kanns nicht leiden, dass der wilde Laffe davon Zeuge sey. Unterhalte ihn indessen, wenn Du Dich vor ihm nicht furchtest; und suche ihn zu begutigen, damit der Teufel Ruhe halte, der in ihm rumort." Fiorilla versprach ihm, ihr Moglichstes zu thun, und der Pralat schlich zum Nebengemach, sich an die beschwerliche Arbeit zu machen. Dagobert hatte sich in einen Sessel geworfen, und starrte erwartungsvoll zur Decke empor. Fiorilla machte sich allerlei in der Stube zu schaffen, naherte sich dem Schweigenden, entfernte sich wieder von ihm, hustete, sprach mit dem Sittich, und da alle die kleinen Mittel nicht verfingen, die sonst wohl der Manner Aufmerksamkeit rege machen, trat sie auf's Neue zu dem Jungling und klopfte ihm leise auf die Schulter. Dagobert tauchte aus der Fluth seiner Gedanken auf, und sah verwundert in das Auge des lieblichen Madchens, in welchem sich weder Leichtfertigkeit, noch stille Sehnsucht, wohl aber die freundlichste Theilnahme aussprach. "Warum so verloren?" redete Fiorilla sanft und wohlthuend den Vetter an: "Was kann Euch so sehr betruben und kranken? Euer Vater ist ja nicht gestorben, da er selber Urkund von sich gibt, und andrer Schmerz belastet Euch nicht!" "Ihr habt Recht, Muhmchen;" entgegnete Dagobert leicht: "fur heute ist Ungewissheit mein Einziger." "Wir Frauen mochten so gerne jede Plage von der Brust des Mannes nehmen," fuhr Fiorilla fort: "Wie lohnt ihr mir, wenn ich diese Frauenpflicht an Euch ube? wenn ich vielleicht einen Augenblick Eures Lebens in die Farbe der Rosen tauche?" "Versucht's!" sprach Dagobert: "Wahlt gleich den jetzigen Augenblick, in dem ich der Erheiterung bedarf." "So entrunzelt Eure Stirne! Dem Manne, der liebt, und sich der heftigsten Gegenliebe erfreut, ziemt der dustre Unmuth nicht." "Gutes Muhmchen! Ihr wisst um meine seltsame Liebschaft; es ist wahr. Was soll diese aber hier? Ihr Gedachtniss konnte meinen Unmuth mehren." "Nicht so finster!" ausserte Fiorilla, neckend drohend: "Der Liebende hort ja doch sonst mit voller Seele den Werth seines Liebchens von fremden Zungen preisen. Machtet Ihr hier eine Ausnahme? Ich glaube nicht. So wisst denn, dass ich Euch belobe ob der Wahl, die Ihr getroffen." "Ihr?" fragte Dagobert befremdet: "Wie konnt ihr wissen?" "Erinnert Ihr Euch noch jener Nacht, in der Ihr, des Bedurfnisses voll, eine Vertraute Eurer kleinen Geheimnisse zu haben, unter mein Fenster kamt, und mir mit uberstromender Freude erzahltet, Euer Lieb von Frankfurt befinde sich zu Costnitz, ... Ihr hattet sie gesehen ... gesprochen? ..." "Recht wohl entsinne ich mich des Abends, von dem Ihr sprecht; denn kaum der Wochen dreie sind seitdem verstrichen; wie aber jene Kunde sich mit dem Beginn Eurer Rede reimt ....." "Das begreift ihr nicht? Kurzsichtiger! Ihr kennt die Wissbegier der Frauen nicht. Diejenige zu schauen, deren Reize Euch unempfindlich gemacht hatten gegen meine Freundlichkeit, liess ich mich die Muhe nicht verdriessen, das holde Judenkind aufzusuchen. Bald entdeckte ich dessen Aufenthalt. Der Vorwand, italienisch Geld gegen deutsche Munze umzutauschen, fuhrte mich beim Vater ein; meine Jugend und Schmeichelei machte mich der Tochter angenehm, das Vorgeben: ich sey noch, was ich einst war, ihre Glaubensverwandte machte dem Vater meinen oftern Besuch bei der einsamen Tochter wunschenswerth; und mein offnes Bekenntniss von meinem Ubertritt und meinen ziemlich nahen Beziehungen zu Euch, gewann mir das unumschrankte Vertrauen Esthers!" "Ists moglich?" rief Dagobert: "und ich ahnte nicht? ...."

"Warum kamt Ihr nicht mehr in Ben Davids Haus?" fragte Fiorilla: "Oft schlich ich mich von hier weg, um Euch an Esthers Seite zu erwarten. Oft harrte ich auf einen abermaligen Abendbesuch unter meinem Kammerfenster, um Euch von dem Gesagten in Kenntniss zu setzen. Esther und ich, wir harrten umsonst. Grausamer! wer wollte kalt an solchem Schatze vorubergehen, und seiner nicht begehren, nicht um ihn sich bewerben? Welch eine Fulle von Reizen, die ich neidisch bewundre, aber auch welch ein Reichthum von Tugenden, liegt in diesem Wundermadchen verborgen! Ihr kennt die Bluthe nicht, nach welcher Euer Auge lustern sah, von welcher sich jedoch die Hand scheu entfernte. Das Vorurtheil ist in Euer Herz eingewachsen, wie sich der stumpfe Splitter ofters in der Wunde vernarbt. Ihr liebt in dem reizenden Geschopfe sein Geschlecht; Ihr hasst in ihm sein Volk. Welch unendliche Liebe fuhlt Esther fur Euch! wie lohnt Ihr dieselbe durch schroffes Verschmahen! Ich habe des Madchens Leidenschaft durchschaut; ich bewundere schaudernd den Abgrund dieser stammenden Neigung, wie sie nur die gluhende Sonne des Mittags erzeugt. Esther gleicht dem lodernden Brande; Ihr der abreisenden Eisklippe. Esther konnte Jahrelang fur Euch sterben ... Ihr wagt es nicht nur einen Augenblick fur sie zu leben!"

Erschuttert schwieg Dagobert, als Fiorilla geendet hatte. "Eure Gleichnisse sind ubel gewahlt;" begann er kurz darauf, mit so viel Gleichmuth, als ihm zu Gebote stand: "Und dennoch ein seltner Fall treffend in ihrer ubeln Auswahl. Sie sprechen das richtigste Urtheil. Brand und Eis sollen nimmer sich verbinden. Der Augenblick, der sie vereint, ist zugleich der Augenblick des Todes fur Beide. Muht Euch darum nicht, gutes Muhmchen. Und ware auch endlich was ich behaupte die sittsame, zuchtige Esther nicht die Flamme aus der Nachbarschaft der Wuste, und ich, Dagobert Frosch, nicht der eiskalte Sumpfbewohner, den mein Name verkundet, sondern wir beide ganz gewohnliche Menschen von gemassigter und gegenseitiger Leidenschaft; dennoch wurde nichts aus Eurer Ehestiftung. Mich fordert der Altar, wie ihr wohl wisst, holde Freundin."

"Musst Ihr denn, einem blinden Wahne gehorchend, zwei Herzen brechen?" eiferte Fiorilla: "Gibt es nicht Lande, wo man vom thorichten Gelubde Eurer Mutter nichts weiss? Flieht dorthin. Esther, ich schwor's Euch zu, wird nach kurzem Widerstande folgen, ohne Kampf die Lehre lassen, die ihr Herz nicht liebt; zu dem Glauben sich bekennen, der ihr jetzt schon theuer, weil es der Eurige ist. Eure Wissenschaft, und adlich Gewerbe sichert den Wohlstand Eurer Hutte. Wagt es glucklich zu seyn, entflieht der Welt, um ihre Freuden ungestort zu geniessen. Bedurft ihr des Beistands, des Raths? wahlt mich. Durch Uberredung, That und Anschlag fordre ich Euern Zweck. Esther wird glucklich, Euer Herz versteinert nicht unter dem Scapulier, und ein bluhend Geschlecht wird Euren Freisinn, Euren Muth segnen und verehren."

"Und rechnet Ihr fur Nichts die Verwunschungen eines glaubenseifrigen, betrognen Vaters, mit welchen belastet Esther fliehen wurde? fur Nichts den Fluch des Meinigen? Das Urtheil der Welt, den Bann der Kirche, unser eignes streng richtendes Gewissen, und endlich den entsetzlichen Augenblick des Wiedersehens dort oben, wenn meine Mutter mir entgegenkommen und mich fragen wird: Sohn! wie hast Du mein Gelubde geheiligt? Es ist nicht geloset, und doch nicht erfullt worden! Ich danke Euch, Fiorilla, fur Eure angebotne Hulfe, allein, Gott sey Dank; der Helfer ist in meiner eignen Brust. Lasst die Sache beruhen, und uns lieber geduldigen Gemuths vernehmen, was der Ohm, den ich kommen hore, mir zu verkundigen haben wird."

Wirklich trat auch der Pralat gewichtigen Schritts aus dem Seitengemach, Lampe und Brief in der Hand. Sein Antlitz zeugte von einer gerade nicht unbedeutenden Bewegung, und auch der Gang war nicht so sicher, wie wohl sonst. "Redet, um der ewigen Barmherzigkeit willen!" rief ihm Dagobert entgegen, der alsobald uber die Besorgniss fur den Vater das so eben abgehandelte Gesprach vergessen hatte: "Martert mich nicht. Was ist geschehen?" "Der Herr hat es noch wohl gemacht;" erwiederte Hieronymus, klaglich auf die Ruhebank sinkend: "der Bruder lebt, und wird bald vollends genesen seyn, aber ein Unfall hat ihn betroffen, wie er sich nur in den verwahrlosten deutschen Landen begeben kann. In der Dammerung sich nach Hause wendend, begegnete ihm ein Freihart in Pudelmutze und Wolfspelz, und schaut ihm mit blutroth gefarbtem Angesichte keck und unverschamt unter das herabgekrampte Piret. Dein Vater fahrt zuruck." Der Wutherich, dem die leere Strasse Muth zulegt, fragt ihn hohnisch: "Kauf mir ein Menschenleben ab, Schoff!" Und da nun der Bruder ihn zuruckstosst, und den Mund offnet, um nach Hulfe zu schreien, so fuhlt er bereits das Messer des Wehrwolfs unter seinen Rippen sitzen, und sinkt dahin. "Gute Nacht, alter Frosch!" ruft ihm noch der hassliche Morder in's Ohr: "Dein Froschlein kommt nach!" und packt den Verwundeten an, um ihn an den Rand des Grabens zu schleifen, und wahrscheinlich kopfuber in der Hirsche Revier hinabzusturzen. Da nahen aber glucklicherweise Leute; um seines Werks wenigstens sicher zu seyn, fuhrt der Verfluchte noch einen Stoss gegen die Brust des armen Diether's. Der Stahl prallt jedoch zum Heil von der Halskette desselben ab, und der Bluthund entflieht. Die Wunde wurde, von wenig Bedeutung zu seyn, erkannt, und wie gesagt, Dein Vater ist auf dem Wege zur vollen Besserung.

"Abscheuliches Verbrechen!" riefen Dagobert und Fiorilla entsetzt aus.

"Nun ist aber dennoch auf sothanem Schmerzenlager" fuhr der Pralat fort "der Gedanke in dem Bruder erwacht: es mochte denn doch vielleicht der Herr einst schnell uber ihn gebieten, und da es loblich ist, in solchem Alter und solcher Befurchtung noch einmal sein Geschlecht um sich zu versammeln, und sich mit denjenigen zu versohnen, mit denen ein unbilliger Hass uns entzweit hat, so verlangt der wackre Diether, ich solle mich in Deiner und Wallradens Gesellschaft zu ihm begeben, um das Fest seiner Heilung in seinem Hause feierlich zu begehen. Wallrade soll bei dieser Gelegenheit wieder in alle Kindesrechte und den Arm des Vaters aufgenommen werden."

"Daran thut mein allzuguter Vater gerecht und wohl;" erwiederte Dagobert: "obschon die Schwester diese Liebe nicht verdient, und auch nicht zu wurdigen vermag. Was beschliesst Ihr aber hierauf, mein hochwurdiger Ohm und Herr?"

"Hm!" sprach Monsignore nach zweifelhaftem Kopfschutteln: "Ich meine, dass es vollkommen hinreichen wird, wenn ich hier zu Costnitz in meiner stillen Kammer dem Herrn fur das meinem Bruder wiederfahrne Heil danke, und zu Ehren unsrer lieben Frauen, die durch ihre Furbitte des Morders Stoss fehl gehen liess, einige Messen lese. Wallraden werde ich jedoch zu der Aussohnung bewegen, und uberlassen es Dir gerne, die Schwester nach dem Vaterhause zu geleiten, und wohlbehalten wieder anher zu fuhren."

"Mit nichten;" ausserte Dagobert aufstehend und kalt: "Wallrade bedarf meines Geleits nicht. Einer ihrer zahlreichen Freier wird dieser sussen Pflicht sich leicht unterziehen, wenn nicht kaiserliche Majestat selbst ihren Reisestallmeister machen will. Euch uberlasse ich es, Ohm, die Liebenswurdige vorzubereiten. Unstreitig wisst Ihr ihren jetzigen Aufenthalt besser denn ich, der nur dann und wann von mussigen Stadtzungen Geruchte und Vermuthungen hort, die gar nicht zur Ehre unsers Stammes gereichen. Gerne werde ich auch Wallraden den Vorzug im Vaterhause einraumen, und daher einzurichten suchen, dass ich an dem Tage ankomme, an welchem sie geht. Schliesslich danke ich Euch demuthigst fur Eure gehabte Muhe, und werde dieselbe gegen meinen Vater zu ruhmen wissen, da es Euch ohnedies widerstrebt tiefer in das verhasste deutsche Geburtsland vorzudringen. Gute Nacht, wurdiger Herr!"

Der Pralat sah betroffen, beschamt und staunend dem Neffen nach, der wie er endlich zu begreifen begann, unter dem Schimmer jugendlichen Leichtsinns einen stechenden Ernst barg, welcher einem verweichlichten Gemuthe um so empfindlicher wehe that. Fiorilla leuchtete dem Scheidenden bis zu des Hauses Pforte. Daselbst ergriff sie seine Hand, sah ihn mit weinenden Augen an, und sagte: "Ihr habt heute durch Eure feste Redlichkeit vermocht, dass ich vor mir selbst errothete. Konnt Ihr mir vergeben, wozu ich Euch verleiten wollte?" "Von ganzem Herzen!" erwiederte Dagobert, denn Ihr wart weit entfernt, mich zu beleidigen. Euch reisst die Leidenschaft dahin, und zwingt Euch zum Tribut. Ich aber bin einer ihrer schlimmsten Zahler, und mein Trachten geht darauf aus, die ungestume Mahnerin ganz aus meinem Hause zu werfen. Schatzt Euch darum nicht geringer, mich nicht hoher als von nothen. Ihr seyd noch lange nicht der lodernde Brand, den Euch die wilde Empfindung vorspiegelt, ich noch lange keine Eisscholle. Esther ist aber viel zu gut, und zu edel, als dass ich ihr fur kurze Wonne eine ewige Reue verkaufen mochte. Gute Nacht!

Funfzehntes Kapitel.

Hei! wie freut mich der Herrenstand,

Auf hohem Ross, das Schwert zur Hand!

Gewappnet vor dem Liebchen stehn,

Und neben Furst' und Grafen gehn!

Du grobes Burgerpack, vorbei!

Nur fur den Adel ist Turnei!

Das Spiel vom hoffartigen Junker.

Wohl noch nie hat eine Stadt, so weit in deutschen Landen der Lauf des Rhein- und Donaustroms nicht, einen lustigern und gastlichern Anblick gewahrt, als Costnitz ihn am zwanzigsten Tage des Monats Marz darstellte. Geraume Zeit vorher hatte man gewusst, Herzog Friedrich von Osterreich-Tyrol werde, das Fruhlingsfest zu verherrlichen, ein Kampf- und Ritterspiel geben, wie es selten noch irgendwo geschaut worden. Die Zubereitungen, die jedoch in den letzten Tagen getroffen worden waren, ubertrafen durch ihre Pracht Alles, was die gespannte Neugier erwarten durfte. Und am Morgen des anberaumten Feiertags stand das Werk vollendet da, ein wundersames Schauspiel fur Costnitzs Bewohner, und weit herbeigestromte Gaste. Den weiten Rennplatz umgaben zierliche Schranken, getaucht in die weisse und rothe Farbe. In blinkenden Angeln drehten sich die Pforten, durch welche die Kreiswartel gingen; mit blanken Schildern, Ketten und Hacken waren die Schlagbaume geziert, durch welche die Kampfer einreiten sollten. Rings um den mit Sand und Kies geebneten Platz flatterten in geringen Zwischenraumen die Banner von Osterreich-Tyrol, dem Argau, dem Thurgau und andern, Friedrichs Herrschaft unterworfnen Stadten und Landen. Hoch aber uber diesen Bildern und Fahnen der Macht erhoben sich im Halbkreis die leicht und geschmackvoll gebauten Emporbuhnen und Schaugeruste, von welchen der Kaiser mit feines Reichs Fursten, die Vater des Conciliums, und die Blumen der Gesellschaft und Volksversammlung, die reizenden Frauen, den Spielen zusehen sollten. Des Kaisers Tribune, von goldnem Stuck gleich wie ein Feldherrnzelt erbaut, uberragte mit ihrem Silberdach, umwallt von wehende Reiherbuschen und Federstraussen, alle Nachbarbuhnen, von deren Gelander prachtvolle Sammetdecken mit Wappen, Sinnspruchen und Thierbildern ubersat, zu den Schranken hinabhingen. Die nieder gelegenen Sitze der Kampfrichter und Bankspender, die Trompeterganglein in jeder Ecke des Platzes, die kleinen Hutten der Kreiswartel und Stechknechte sogar, schlossen sich wurdig durch ihr glanzend einfaches Aussre an die Platze der vornehmern Leute. Jeder Eingang zu dem Platze, jede Treppe zu den Buhnen wurde von Trabanten des Herzogs bewacht, theils zu Fuss, auf ihren Partisanen lehnend, theils zu Ross, im Silberkurass, den Morgenstern an die Faust geknupft. Die Turniervogte fassen bereits mit ihren Staben hinter den vor ihren Schirmdachern aufgepflanzten Hellebarden. Die Rennknechte in ihren glatt anliegenden Lederkleidern und Kappen, das Strickmesser am Gurtel hangend, hatten schon die Seile gespannt, und sich dabei gelagert. Am Fusse der, zu den Stuhlen der Kampfrichter fuhrenden Stufen hielt in glanzender Rustung und buntem Wappenscapulier, der Turnierherold, umgeben von seinen Dienern, die rings an den Brustungen-Schrauben die Schilde der turnierlustigen Herren aufzuhangen beschaftigt waren, so wie diese nach und nach herbeigebracht wurden. Die Fechtpreisse, in silbernen und goldnen Kleinodien, kostbarem Stechgezeug, auserlesenen Waffen und Tigerfellen bestehend, waren in einem eigens dazu bestimmten Raume prahlend ausgestellt. Auch die Spielleute waren schon an ihren angewiesenen Stellen, und so oft ein neues Wappenschild feierlich herzugetragen wurde, um gepruft und neben den ubrigen aufgehangt zu werden, ertonte, von Pauken, Trompeten und Zinken geweckt, ein frohlicher Turnierruf. Zu all dieser Pracht, die ein noch herrlicheres Schauspiel verhiess, hatte der Himmel den klarsten Tag geschenkt, der sich nur je im Bodensee gespiegelt. Die Sonne, warm und lieblich strahlend, streute ihr Gold freigebig auf Land und Fluth, und blau hatte sich Himmel, See und Gebirgsferne geschmuckt. Lustig und leicht tanzten die schwankenden Kahne, angefullt von schaulustigen Leuten, vom jenseitigen Ufer heruber, die Strassen rings um die Stadt waren bedeckt mit herzueilenden Rossen und Fussgangern, und vom fruhen Morgen an lebten die Gassen der Stadt. Wahrend jedoch Tausende von Gaffern die Schranken des Rennplatzes summend und durcheinander wimmelnd umgaben, und in den gedrangt vollen Schenkhausern haufig die Gesundheit des prachtliebenden Herzogs ausgebracht wurde, war Er der Geber all dieser Festlichkeit und Freude daheim, missmuthig in sein innerstes Gemach zuruckgezogen, wo er bald unruhig auf- und niederging, bald eine Last von Schriften der Flamme seines Kamins opferte, bald mit heimlichem Lachen ein Schnippchen in die freie Luft schlug, mit dem Finger vor sich hindrohte, und sein Tyroler Liedlein jodelte, mit dem klirrenden Sporn den Takt dazu tretend. Er konnte auch wohl unmoglich zu einer ebenen Stimmung gelangen, denn der Geschafte hatte er nebenbei viele. Jetzt war es der Stallmeister, der seine Befehle einholte, dann der Haushofmeister, welcher wegen der zu reichenden Erfrischungen, und der dem Volke zugedachten Spenden sich Raths erholen mochte, hierauf der Turniermarschall, der neuen Geldvorraths bedurfte, und zu diesem Endzwecke eine Weisung des Herzogs an den Schatzmeister verlangte; zuletzt war es der Seckelmeister selbst, der sich neuen Zufluss aus dein Beutel Seiner furstlichen Gnaden erbat. Alle diese dringenden Mahner und Bittsteller befriedigte der Furst auch mit gemessenen Befehlen und freigebig ausstreuender Hand. War ein solcher Besuch jedoch abgefertigt, so ging wieder dasselbe unruhige Getreibe und Gewerbe los, das den Herzog heute nicht verliess. So eben hatte er einen geistlichen Herrn im violetten, roth verbramten Habit zur Thure begleitet, und ihm die Worte nachgerufen: "Sagt Euerm Gebieter, er mochte die Vesperglocke eben so wenig vergessen, als ich mein Wort je vergass. Mit einem Worte: sagt ihm, ich sey ein Habsburger, und damit genug!" Der Geistliche ging, und der Herzog begann wieder seine Gebirgsweise zu singen, als ein neuer Gast von dem wachhabendem Edeljunker in das Gemach gelassen wurde. "Sieh da! Dagobert!" rief Friedrich, angenehm uberrascht: "Du lassest Dich lange erwarten, ehrliche Seele! Aber, Jesus Christus! steckt Ihr wieder in der verwunschten schwarzen Kutte? S o kann ich Euch heute nicht brauchen." "Der Erzbischof hat mir heute durch meinen Ohm andeuten lassen, ich solle mich nimmer unterstehen, in weltlicher Kleidung mich sehen zu lassen, und uberhaupt mich fertig zu machen, nach Verlauf von Zehn Tagen nach Cesena in's Kloster zu wandern;" erwiederte Dagobert achselzuckend. "So?" fuhr Friedrich fort: "Die Herren eilen, aus dem freudigen Waldfinken eine schmutzige Eule zu formen. Und Eure Fahrt gen Frankfurt?" "Ich will sie morgen antreten, befiehlt man mir;" antwortete Dagobert: "binnen neun Tagen muss ich jedoch zuruck und nach Walschland reisefertig seyn." "Hm!" brummte der Herzog lachelnd: "Nicht ubel berechnet. I c h sage Euch jedoch, Ihr geht morgen eben so wenig schon nach Frankfurt, als uberhaupt in's Bartholomaistift. Ich habe Euch heute vonnothen, und ein wackrer Altburgerssohn zieht hoffentlich sein Wort nicht zuruck." "Wahrlich nein!" entgegnete Dagobert lebhaft: "Ich scheere mich den Teufel um alle Erzbischofe, wenn Ihr mich eines Auftrags wurdig haltet, gnadigster Herr." "Das dachte ich mir!" versetzte Friedrich mit wohlwollender Geberde: "Heute soll's aber nicht heissen: das Brevier gebetet; sondern: die Stiefel geschmiert, die Sporen gewetzt, in die Handschuhe gefahren, den Degen umgeschnallt!" "In Gottesnamen!" stimmte Dagobert heiter ein: "Das ist meine Lust. Sagt an, gnadiger Herzog! was soll ich fur Euch thun?" "Das ist bald gesagt, mein Geselle;" begann Friedrich mit gedampfter Stimme, und winkte dem Aufmerksamen von der Thure weg; mehr in seine Nahe: "mir liegt daran, einen Mann, an den mich mancherlei Verbindlichkeiten fesseln, unversehrt aus einer dringenden Gefahr zu bringen, die, verwirklichte sie sich, mir sogar Unehre zufugen wurde. Euch ist gleichgultig, ob dieser Mann schuldig oder unschuldig in Gefahr gerathen, denn ich hoffe, Ihr nehmt fur ihn meine Burgschaft an." "Auf Euer Geheiss rette ich einen Vatermorder vom Scheiterhaufen;" betheuerte Dagobert; "wie aber ist es zu vollbringen?" "Hort mir zu;" antwortete der Herzog: "Ich bedaure, dass Ihr kein Zeuge des heutigen Ritterspiels seyn konnt, vielweniger ein Theilnehmer daran. Demungeachtet verheisse ich Euch einen Preiss, kostbarer und ehrenwerther vielleicht, als jeder von denen, die im Rennen gewonnen werden sollen; meine Freundschaft, wenn Ihr kuhn und gescheit vollbringt, warum ich Euch bitte. Sobald also die Vesperglocke lautet, und alles Volk, dem Turnierplatz zugestromt, und Aug und Ohr fur die daselbst zu schauenden Herrlichkeiten hat, eilt Ihr meinetwegen in das Rabenkleid gehullt, das Ihr auf dem Leibe tragt, aber darunter mit Waffen und Rustzeug versehen, zu Ross in meinen Hof. Die Wachter werden Euch nur gegen das Losungswort: Oesterreich uber Alles! einlassen. Unter dem Schuppendache rechter Hand werdet Ihr zwei Manner finden. Der Eine, auf einem Maulthiere reitend, ist ein Bekannter von Euch; der Andre hingegen, auf einem grauen Pferde sitzend, ist derjenige, den es heimlich fortzubringen gilt. Am Thore gen Schafhausen, zu welchem Ihr Euch mit den Anbefohlnen zu begeben habt, alle stark, belebten Strassen vermeidend, und Euern Trab fordernd, mogt Ihr Euch von einem Knechte erwarten lassen, der, wo moglich, ein Fremder seyn mag, und nicht meine Farben tragen darf. Sobald Ihr jedoch langsam und unbefangen des Thores Bogen durchschritten, gebt Ihr dem Pferde Sporn und Peitsche zu kosten, und sorgt, dass Eure Schutzbefohlnen nicht hinter Euch bleiben. Ich thue Euch im Voraus kund, dass Ihr mit zwei schlechten Reitern zu schaffen habt; darum wird es gut seyn, wenn Ihr des Graurosses Zugel ergreift, und der Knecht des Maulthiers sich annimmt; denn so schnell als die Pferde laufen und die Reiter es ausdauern, musst Ihr Schafhausen erreichen, woselbst Euch das Weitere berichtet, und die Erlaubniss zur Ruckkehr ertheilt werden wird. Ihr seht, die Sache ist nicht verwickelt. Den Mann binde ich Euch indessen auf die Seele. Sollten Hindernisse sich auf dem Wege finden treibt sie ab mit Gewalt oder List; nur bringt unsern Mann sicher und wohlbehalten an Ort und Stelle. Nun wisst Ihr Bescheid, und mogt ohne falsche Scham diesen Beutel annehmen, der kein Lohn seyn soll. Aber Gold ebnet Berge, schlagt Brucken, und hat schon oft aus drohender Feindeswuth errettet."

Sich verneigend nahm Dagobert das Dargebotne, und sprach: "So sey es denn, gnadigster Herr. Ich hab Euch's zugesagt, und eher will ich sterben, als, den Ihr meinem Schirm vertraut, in Gefahr umkommen lassen." "Wohl gesprochen!" antwortete Friedrich: "Der Himmel fuge es indessen zum Guten. Ich erwartete indessen keinen andern Bescheid von dem jungen Wagehals, der den Bohmen zu befreien dachte." Dagobert stutzte. Der Herzog lachelte aber, drohte ihm mit dem Finger, und sagte: "Lasst's gut seyn, mein Geselle. Das Pfaffenvolk mochtet Ihr hintergehen; ich hatte aber bei meinem Herzogshute geschworen auf Eure Mitwissenschaft. Gott gebe Euch heut ein besser Gluck."

Indem platzte die Schnur, die des Herzogs Hermelinmantel zusammenhielt, und das kostbare Kleidungsstuck sank zur Erde. "Ein boses Omen!" scherzte Friedrich, sich nach dem Entfallnen umsehend. "Ein andrer als ich, wurde uble Vorbedeutungen aus diesem Zufall ziehen. Nicht wahr, Dagobert? Kommt, helft mir die Prunkdecke wieder auflegen, wackrer Gesell. Eure Hande sind ja dem Altare verlobt; vielleicht bannt ihre Auflegung das prophezeite Missgeschick." Wahrend Dagobert nun sorgfaltig die Schnur wieder in einen kunstlichen Knoten schlang, und unter einer Spange den Schaden verbarg, betrachtete sich der Herzog kopfschuttelnd und spottischen Angesichts. "Wahrhaftig!" begann er: "je mehr ich mich beschaue und beaugle, je mehr mochte ich mich einem edlen Thiere vergleichen, das man mit Tand und glanzendem Zeug schmuckt, damit es vor dem Gebieter seine eingepeitschten Fertigkeiten und Kunste zur Schau lege. Jesus Christus! und vor welchem Gebieter! Vor einem Lutzelburger, der nicht besser ist, als seine ehrbedurftigen Vorfahren! Doch nur Geduld! Das Scharwenzeln und Hofeln und Bukken wird bald ein Ende haben, sammt der freigebigen Gastlichkeit, die mir, einem Sigmund gegenuber, Ernst ist, wie meinem Waldmann das Aufrechtgehen. So, mein guter Dagobert, seyd bedankt. Das war wohl der erste Furstenmantel, den Eure Hand beruhrte und meisterte? Die kaiserliche Majestat mochte sich auch mit diesem Handwerk abgeben, aber, so geduldig auch der Mantel seyn mag der Furst steckt nicht im Pelz." "Wahrlich! Ihr bedurft des aussern Prunks nicht;" versicherte Dagobert. "Ich weiss das;" entgegnete Friedrich mit Selbstgefuhl: "und in meinem Bauernlande, wie es Sigmund nennt, trage ich auch nicht mein Herzogthum am Leibe, wie Er die Fetzen des romischen Reichs. Ha! Ihr solltet nach Tyrol gerathen! Jesus Christus! das Herz im Leibe wurde Euch lachen. Ist zwar nur ein Bauernrock, mein Tyrol, aber ein feiner, warmer Rock, der vor Unwetter schutzt, und den Flitterprunk entbehrlich macht, den ich hier wie ein Gaukler fur geringes Schildgeld zur Schau tragen muss. Das weiss kaiserliche Majestat; darum hasst sie mich auch, aber, bei des ersten Habsburgers Gebeinen! so wenig Sigmund meines Insprucks vergisst, so wenig vergesse ich, was ich meinen Ahnen, und mir selbst schuldig bin. Gehabt Euch wohl, biedrer Altburger. Das Schicksal kann mir vielleicht in Kurzem die Zahne fletschen, aber immer werde ich doch noch eine Hand und ein Herz fur die behalten, die ich liebe. Sigmund war am machtigsten und grossten, als er im Concilium des Papstes Fusse kusste, und ihm im Namen der Christenheit fur die gezwungene Entsagung dankte; ich werde ihm wahrlich nicht nachstehen, sollte ich auch unverdient unterliegen! "

Des Herzogs Worte waren bedenkliche Rathsel fur den jungen Mann, allein, gewohnt, in ihm den trefflichen Mann zu verehren, grubelte Dagobert nicht lange nach dem dunkeln Sinn, sondern ging, um sich zu seiner Aufgabe vorzubereiten. Auf der Strasse kam ihm Gerhard entgegen, in vollstandigem Fechterzeug, von vielem Volke umgeben, um sein Wappenschild dem Turnierkonige zu uberbringen. Freundlich hielt er bei seinem jungen Freunde, allein dieser merkte bald, dass sogar die Freude uber die bevorstehende Kampfeslust nur schlecht einen heimlichen Arger verbarg, der sich nicht von dem Gesichte des Hulshofners verdrangen liess. Dagobert fragte nach der Ursache, und Gerhard, der vom Pferde stieg, und seine Schildtrager allein ziehen liess, zogerte nicht, sie ihm zu entdecken. "Stellt Euch vor;" sprach er: "der Schuft, mein langer Vollbrecht hat mir den Dienst aufgesagt. Denkt Euch, der Bursche, der mich seit zehn Jahren begleitet, wie der Schatten den Korper, hat mir Valet gesagt. Er behauptet, der unverschamte Knecht ... er werde mit jedem Tage magrer in meinem Brode. Abscheuliche Verlaumdung! Da habe ich ihn denn ziehen lassen in Gottes Namen, argre mich aber dergestalt, dass mich eine Katze in den Sand strecken wurde, falls ich jetzo mit ihr turnieren sollte."

"Nimm mein Bedauern, alter Kampe;" erwiederte Dagobert: "ich denke aber, wenn's zum Treffen kommt, lasst Dein Knecht so wenig von Dir, als Du von ihm zu lassen gedenkst. Es mussen nur erst einige Tage uber dem Zwist vergangen seyn. Lass mir den Burschen heute. Ich habe einen Ritt zu thun, der mich bis Ubermorgen aussen halten durfte. Vollbrecht soll wohl genahrt werden, wahrend dieser Frist, und ich verspreche Dir im Voraus, dass er wieder bei Dir eintritt, wenn Du die Zusage leisten willst, ihn nicht mehr g a r so schmahlich hungern zu lassen, als bisher." "Von Herzen gern!" versicherte der Edelknecht: "allein, wie sagtet Ihr? Ihr habt einen Ritt vor? heut an diesem Ehren- und Freudentage sammtlicher Ritterschaft? Wie ist das zu verstehen?" "Das heisst so viel als: Dich kummert's nicht;" entgegnete Dagobert. "Wo finde ich den Langen?" "Im Maulbeerbaume sitzt er;" maulte Gerhard: "Ihr seyd aber ein Geheimnisskramer, mit dem nicht auszukommen ist. Schon gut indessen. Ich hole mir Ruhm und Preisse, wahrend Ihr ich schwor es auf irgend ein verliebtes Abenteuer zu Dorfe reitet, und am Ende mit zerblautem Rucken heimkehrt."

Sie trennten sich, und Dagobert ging nach dem bezeichneten Hause. Wer indessen Fusse hatte zu laufen, und Ellenbogen, sich in dem Gedrange Platz zu machen, sturmte dem Turnierplatze zu. Die Mittagsstunde kam und ging. Die Sonne schien heiss auf die Scheitel der gaffenden Menge, aber unbeweglich wie eine Mauer hielt das Volk den Platz besetzt. Die Fenster und Erker und Soller der umliegenden Hauser fullten sich mit Neugierigen, die Giebelzacken und Dachrucken trugen unzahlige von kecken, schwindelfreien Gesellen, die, gleichsam in freier Luft schwebend, sich etwas darauf einbildeten, hoher zu sitzen als der Kaiser selbst. Nach und nach wurde allenthalben der Raum enger, denn die zum Kampf gemeldeten und schildfahigen Ritter und Edle kamen langsam zu Rosse angeruckt, umgeben von reisigen Wappnern mit Fahnleintragern und Trompetenblasern. In doppelter und dreifacher Reihe schaarten sie sich um die noch verschlossenen Schranken der Stechbahn. Zugweise kamen nun auch die anmuthig und kostlich geschmuckten Frauen herbei, und bildeten den schonsten Kranz auf den uberfullten Emporbuhnen. Die vornehmen Wurdentrager der Kirche, die, adelicher Geburt und selbst unter Inful und Cardinalshut weltlicher Ritterlust nicht entsagend, den Abscheu nicht theilten, mit welchem die Geistlichkeit niedren Ranges die Kampfspiele betrachtete, nahmen die fur sie bestimmten Banke ein, und musterten lachelnd, in fremder wie einheimischer Zunge scherzend, das schone, uberzahlig anwesende Geschlecht. Noch war die Bahn leer, noch lagen die Fallbaume und Gitter im Schloss; da eilten geschaftig die Kampfrichter herbei, begaben sich durch das engste Pfortlein in den Rennkreis, bestiegen ihre Stuhle, und winkten den Turniervogten zur Ordnung, den Spielleuten zur Pflicht. Von den Sollern der Letztern ertonte ein vollstimmiger andauernder Jubel, und festlich prangende Klange. Denn der Kaiser langte so eben, von dem leuchtenden Geschwader prachtig gerusteter Fursten und Herren umringt, auf dem Platze an. Sein lenksamer Schimmel, bunt verziert mit Straussen- etc. Federn und Goldbandern tanzte stolz daher, indessen neben ihm der schwarze Hengst des Herzogs von Osterreich-Tyrol seinen schweren gewichtigen Schritt hielt. Der Herr der Pfalz und Baierns Furst ritten dicht hinter Friedrich, welcher, den Wirthspflichten getreu, schnell an der Treppe, die zu des Kaisers Stuhl fuhrte, absprang, mit der linken Hand eine Geberde machte, als beruhre er den Steigbugel, und mit der Rechten dem absteigenden Sigmund die aussersten Fingerspitzen zur Hulfe darreichte, die aber auch von dem Konig nicht angenommen wurden. Hierauf begnugte sich Friedrich mit der Hand nach der Treppe zu weisen, und dem dahingehenden Sigmund noch einmal seinen Arm als Stutze anzubieten, der aber ebenfalls versagt wurde. Ein lautes Lebehoch und Trompetengeschmetter empfieng die Fursten, da sie in dem goldnen Zelte angelangt waren, und Sigmund liess sich huldvoll nickend, am Rande der Brustung auf den Brokatsessel nieder. Die Fursten im Kreise um ihn her, Friedrich zu seiner Linken. Alle noch freien Platze waren in einem Nu von den Rittern und Edelknechten, Hofjunkern und Dienstmannen der Gewaltigen eingenommen, und auf ein mit einem weissen Tuche vom Herzog Friedrich gegebnes Zeichen, sprangen Schlagbaume und Pforten auf, und unter dem Getone aller Instrumente ritten die bezeichneten Kampfer in geschlossenen Gliedern ein, auf den Platz, und zogen innerhalb den Schranken rund um denselben, die Paniere schwingend, die Lanzen neigend, und ihre Rosse in stolzem Schritte haltend. Hierauf wurden sie in Rotten abgetheilt, nach eigner Willkur und der Anordnung der Kampfaltesten. Die Reihenfolge der Renn- und Fusskampfe wurde bestimmt; des Konigs Friede und Bann nach allen vier Winden von dem Herolde und seinen Helfern ausgerufen, und die Seile wieder straff gezogen vor den gewappneten Haufen, die mit einem Gesammtstechen das Turnier eroffnen sollten. Die Spielleute trommeteten und paukten; die Grieswartel schlugen an die Lanzen, die Stricke fielen, und losbrach der Kampf, nach dem sich Ritter und Knecht, Edle und Geringe mit gleicher Lust gesehnt hatten.

Wahrend nun die Vesperglocke vergebens ihre hellen Klange in die Luft sandte, um die Zuschauer von dem Turniere weg zur Kirche zu locken, das Rittergefecht ein glanzendes Ende nahm, und nun zum Rennen eingeritten wurde, pochte Dagobert an die wohlverschlossene Pforte des herzoglichen Hofs. "Oesterreich uber Alles!" gab er dem fragenden Wachter zur Antwort, und erhielt Einlass. Der murrische Thorwart deutete, da er seiner ansichtig wurde, auf das vorspringende Vordach der Stallung, und Dagobert gewahrte daselbst schon der auf ihn harrenden Begleiter. Der Herzog hatte dieselben ganz genau geschildert, und mit leichter Muhe erkannte der Jungling in dem Einen den Juden Ben David, seiner Esther Vater, der, auf einem Maulthiere hangend, still vor sich hinsah, und wie es schien, ein Gebet murmelte. War aber schon der Jude wunderlich anzusehen auf dem langohrigen Thiere, so war es doppelt sein Nachbar, der, mehrere Schritte von ihm entfernt, des grauen Rosses Zugel um den Arm geschlungen hielt, und angstlich bald auf das Pferd, bald auf den vermuthlich nicht angenehmen Nachbar schielte, bald endlich die Augen gen Himmel drehte, und ebenfalls das Aussere eines Beters annahm. Der lange hagre Mann steckte in einem geringen Gewande, wie es ein unbemittelter Edelmann allenfalls seinen leibeignen Knechten zu geben pflegt. Ein halb geubtes Auge musste zugleich wahrnehmen, dass er nicht einheimisch in diesem Kleide war. Die Last der Reitstiefel zog die Knie hernieder; der Koller von Buffelleder hielt Backen und Kinn in unbequemer Steifheit; die Handschuhe waren zu weit, wie der Gurtel, an dem, zuruckgeschoben wie ein unnutz und ungewohnt Gerath, ein kurzes Schwert hing. Dasjenige aber, was das grosste Widerspiel zu dem reisigen Gewande bildete, war des Mannes Gesicht, das aus dem fingerbreiten Halsstreif dunkelbraun heraussah, wie der Kopf eines Mauren. Die grossen Augen, deren Weisses grell gegen die Olivenfarbe abstach, wechselten ungemein schnell mit ihrem Ausdrucke. Jetzt lauerten sie furchtsam nach der Seite, dann wurden sie ernst und duster nachsinnend; darauf nahmen sie sogar eine Art von Hoheit an, die mit dem Ubrigen nicht zusammen zu reimen war. Die Augenbraunen waren dick und schwarz, keine Spur von Backen- oder Kinnbart war vorhanden; die Haare versteckte eine schwarze Mutze, die beinahe uber die Ohren herabgezogen war, und auf dieser Mutze sass eine graue Filzkappe, an welcher ein durftiges Federbuschlein schwankte. Dagobert konnte sich eines leichten Schmunzelns nicht vollig erwehren, da er seine auserlesene Reisegesellschaft in Augenschein nahm, und erwiederte obenhin den unterwurfigen Gruss Ben Davids. "Nun, mein Freund," wendete er sich zu dem Fremden: "sind wir bereit, abzureiten? Ich dachte, es ware Zeit." "Es ist doch wahrlich Zeit;" fiel der Jude mit einem besorglichen Seitenblick auf den Verkappten ein: "lasst uns eilen, gestrenger junger Herr, dieweil die Strassen noch sind leer." Der Fremde warf einen verdriesslichen Blick auf den Plaudrer, nickte dem jungen Geleitsmann zu, und machte Miene zu Ross zu steigen. "Ei, ei, lieber Herr, wie geberdet Ihr Euch doch?" fragte Dagobert halb mitleidig, halb unwillig, da aller Hulfe ungeachtet das Aufsteigen nicht gelingen wollte: "Der mag's bei Gott verantworten, der Euch zum reisigen Manne stempelte. Ein Gluck, dass des Herzogs Leute alle ferne sind, und der Thorwart seine Augen auf seinen brummigen Lieblingskater gerichtet hat, Ihr wurdet ansonst wohl schwerlich dem Spottgelachter entgehen." "Parva sustine patientia, mi fili!" gab ihm hierauf der Mann zur Antwort, und kletterte vollends, so zu sagen, uber die Schultern Dagobert's in den Sattel des Grauschimmels, auf welchem er sich mit aufgezognen Beinen und in die Mahnen des Pferds verwickelter Rechten nichts weniger als reiterlich ausnahm. Dagobert staunte den Lateiner eine Weile an, und schwang sich dann wieder auf den eignen Gaul, das Zeichen zum Ausritt gebend. Der Thorwart offnete die Sperrflugel, und das Dreiblatt klepperte, ohne ein Wort zu verlieren, durch die engsten und winkeligsten Gassen der Stadt in welchen das Sonnenlicht so selten war, als ein Menschengesicht dem Schafhauser Thore zu. Hatte Dagobert schon beim Aufsteigen seines Schutzbefohlnen Sorge und Angst gehabt, so wurde sie noch grosser, da er wahrnahm, wie der Fremde so gut als gar nichts vom Reiten verstand, beim geringsten Trab oder Stolpertritt des Gauls hoch im Sattel aufflog, wieder niederhutschte, zusammengekrummt wie ein tauchender Nir, und den Zugel schier fahren lassend, sein einzig Hort in dem krampfhaft umklammerten Sattelknopf suchte. Der Maulthierreiter, so vertrackt er auch sich ausnahm, war ein Turnier- und Kunstreiter gegen den Unbekannten, den Dagobert endlich vor sich hertraben liess, um bei einem vorkommenden Unfall bei der Hand zu seyn. "Sage mir doch, Ben David," flusterte er dem Juden zu: "da ihr Juden doch alles besser wisst, als unsereins, wolltest Du mir nicht vertrauen, wer unser Begleiter ist?" "Ein schlechter Knecht, der nicht kennt seinen Hauptmann;" erwiederte Ben David lachelnd: "ich spreche nicht hier von mir, sondern von Euch, gestrenger Junker. Ihr seyd getreten oder wollet treten in den Stamm der Cohenim, und kennt nicht dessen Obersten? Ihr wollet weiden die Schafe, und kennt nicht den Hirten, der Euch weidet?" "Ich will ein Schaf seyn, wenn ich Dich verstehe;" versetzte Dagobert wie oben: "Jude, Du bist verruckt." "Mit nichten;" antwortete Ben David; "aber werden konnte man's, so man bedenkt, dass das Oberhaupt der Christenheit gezwungen ist, davon zu reiten seinen Feinden, vermummt als ein Knecht, und im Geleite eines schlechten Juden." "Herrgott!" seufzte Dagobert erschrocken: "sagst Du die Wahrheit?" "So ich die Wahrheit gesehen habe, habe ich sie gesagt;" entgegnete Ben David: "vertraut hat man mir sie nicht, aber ich habe einen scharfen Blick und will verkrummen, wenn ich plaudre, was ich gesehen." "Das rathet Dir auch der Himmel!" drohte ihm Dagobert, und ergriff schnell herbeieilend den Zugel des Graurosses, das so eben von dem erreichten Thore ab, in eine Seitenstrasse lenken wollte. "Hier hinaus, Landsmann!" rief er, und wollte zwischen den mussig an dem Stadtthore umherlungernden Soldknechten hindurch, als eine Stimme unfern von ihnen ein lautes: "Haltet auf! haltet auf!" vernehmen liess, und die Wachter auf diesen Ruf den Gaulen ihre Partisanen vorhielten. Dagobert hatte genug zu thun, den erblassenden und im Sattel schwankenden Fluchtling, auf eine gute, nicht allzubemerkbare Weise aufrecht zu erhalten, und musste darum schon die Verfolger ungehindert herankommen lassen. Am unbefangensten, weil er seiner Gesichtszuge am meisten Herr zu seyn wusste, drehte sich Ben David nach den beiden Mannern um, die Haltauf gerufen hatten, und in welchen nicht der Stadtschreiber von Frankfurt, noch viel weniger der Rathsweibel von Costnitz, in die Farben der Stadt gekleidet, zu verkennen waren. Es geschieht indessen wohl ofter, dass der launische Geist, der sogern die Handlungen der Sterblichen stort, an dem Schuldbewussten Unheilahnenden vorubergeht, und nach dem Sorglosen Unvorbereiteten greift, um ihn in das zermalmende Raderwerk seines schwarzen Spucks zu ziehen. Also erging es auch in vorliegenden Umstanden dem Vater der holden Esther. "Was wollen die gestrengen Herren?" fragte er mit jener einschmeichelnden Freundlichkeit, die seine Nation so willfahrig annimmt, um den Zorn des Gegners vor dem Ausbruche zu entwaffnen; aber unfreundlich lautete die Antwort aus des Stadtschreibers Munde: "Dich selbst, Jude!" Ben David verstummte erbleichend. "Wie so? warum?" rief Dagobert dazwischen. "Das kummert Euch nicht, junger Herr!" erwiederte der Stadtschreiber: "Der Jude gehort dem wohlweisen Rathe zu Frankfurt, und ihn zu verhaften, brachte ich die Weisung mit. Heute erst fand ich des Burschen Schliche, und gramte mich bass, ihn ausgeflogen zu wissen, als ich zum Gluck seiner jetzt noch zu guter Zeit ansichtig wurde. Euch bringt es aber wenig Ehre, Junker, mit solchen Gelichter in die Welt zu reiten." "Hab' ich denn verstanden recht?" fragte Ben David kleinlaut: "Verhaften wollt ihr mich?" "Ich scherze nie;" versicherte Meister Heinrich: "Steig ab, und folge diesem Manne in den Thurm." "Hab' ich doch nichts verbrochen!" seufzte der Jude: "Lasst mich ledig, ubt Barmherzigkeit!" "Steig ab," wiederholte der Stadtschreiber strenger, "oder ich lasse Dich von der Mahre werfen, und geknebelt von dannen bringen." "O mein Herr Gott in Israel!" achzte Ben David, in hochster Besturzung vom Maulthier gleitend: "Werde ich gefuhrt zu meiner Tochter?" "Nein!" ausserte der Stadtschreiber mit Harte: "Wirst sie wohl nimmer zu sehen bekommen; denn morgen mit dem Fruhsten geht's mit Dir nach Frankfurt; und dann gute Nacht!"

Ben David entsetzte sich, dass seine Kniee wankten. Der Reiter des Grauschimmels, der indessen ein Gegenstand der Witzeleien der Thorwachter geworden war, zupfte Dagobert dringend am Armel. Dieser kehrte sich aber nicht daran, sondern fragte herrisch, da ihm Esthers Vater nicht so gleichgultig war, als der Jude: "Noch einmal! was hat der Mann verbrochen?" "Reitet Ihr Eurer Wege sammt Eurem wunderlichen Dienstmann!" antwortete der Stadtschreiber nicht minder herrisch: "Was kummert den Pfaffen der Ebraer? Fort mit dem Juden!" "Werd' ich auch nicht durfen Abschied nehmen von dem guten jungen Herrn, der sich meiner annimmt, wie ein Freund?" sprach Ben David unterthanig zu dem rauhen Gerichtsherrn. "Meinthalben, wenn sich der Junker nicht schamt, von Dir Freund geschmaht zu werden;" meinte der Stadtschreiber: "Mach's indessen kurz."

Da naherte sich Ben David rasch dem jungen Manne, ergriff seine Hand, schuttelte sie bewegt, und rief: "Der Herr Israels, der da ist der hochgelobte Gott der Welt, segne Euern Ausgang, und streue Palmen auf Euern Heimweg!" "Bei dem Haupte Eures Vaters beschwore ich Euch," setzte er leise hinzu: "das Pergament, so ich hier in Euern Stiefel gleiten lasse, meinem Kinde zu ubergeben entweder das Geschrift, oder das darin benamste Geld, das ich erheben sollte zu Schafhausen. Der Furst der Barmherzigkeit wird Euch dafur segnen in der Stunde des Scheidens. Sagt meiner Esther, sie moge ....." "Verdammter Mauschel!" donnerte der Stadtschreiber, und riss den Juden von Dagobert hinweg: "Was hast Du Heimliches von? Macht Junker, dass Ihr Eurer Wege zieht, sonst muss ich mich auch Eurer Person versichern!" "Festina, carissime fili!" raunte dem jungen Manne sein Schutzbefohlner zu, und mit einem zusagenden Kopfnicken gegen den angstlich in seinen Augen lesenden Ben David, mit einem verachtlichen Achselzucken gegen den Meister Heinrich und seinen Schergen zugleich aber mit einem kraftigen: "In Gottesnamen! liess Dagobert seinen Gaul uber die Spiesse der Soldner wegsetzen, riss seinen Begleiter nach sich, und befand sich sammt ihm bald an der Linde des Kreuzwegs, wo der lange Vollbrecht sich in der Sonne dehnte." "Holla! auf! du fauler Gesell!" rief er dem Knechte zu: "Zu Gaule! und Ihr, mein wurdiger, unbekannter Herr, fugte er gegen den Verkappten bei, Ihr erlaubt es wohl, dass wir Beide Euer Pferd in die Mitte nehmen, und mit Euch ausziehen, was das Zeug halten mag, denn nun kommt mir's selbst vor, als ob es gerathen ware, Euch moglichst schnell von dannen zu schaffen" Der Befragte, fur welchen schon der kurze Ritt durch die Stadt eine Hollenqual gewesen war, gab wehmuthig seufzend, und der Nothwendigkeit gehorchend, seine Zustimmung zu des jungen Mannes Vorschlag, und Himmel und Erde vergingen vor seinen Blicken, als Dagobert und Vollbrecht ihren Gaulen die Sporen gaben und mit dem Dritten Reissaus nahmen, als gelte es, vor Abend noch der Welt Ende zu erreichen.

Ohne Gefahr verlief ferner die Reise. Uber Heerstrasse, Strom und einsamen Pfad geleitete die Fliehenden das Gluck. Aber erst, als sie bei dunkler Nacht Schafhausen erreicht hatten, und bei des Herzogs Vogt dem oberherrlichen Befehl gemass, wohl aufgenommen worden waren, senkte Dagobert im einsamen Zimmer vor dem erhabnen Fluchtling das Knie zur Erde, um den Worten: "heiliger Vater! Ihr seyd in Sicherheit. Wie der Herzog sein Furstenwort gegen Euch gelost, also hab' ich meine Zusage gegen ihn erfullt. Ich danke Gott dafur, und bitte um Euern Segen zur Ruckkehr." Der Papst, obgleich zum Tode ermudet von der ungewohnten Anstrengung, legte nicht ohne ein Gefuhl der Ruhrung seine Hande auf den Kopf des erwahlten Rustzeuges. "Unsern Dank, und des Himmels Segen nimm hin fur Deine wohl gelungne That!" sprach er feierlich: "Zugleich aber empfange von unsrer Huld ein Geschenk, das auch in der Zeitlichkeit Werth haben mag. Als uns der Herzog von Deinem Beistande in Kenntniss setzte, unterrichtete er uns ebenfalls, dass ein Gelubde der Mutter Euch zum Dienst der Kirche verpflichte, welchem jedoch Euer Sinn, der nach Thaten und Weltruhm strebt, nicht hold sey. In Betracht, dass dem Herrn nur die Herzen wohlgefallen, die freiwillig seinem Dienste sich weihen, dass Euerm Ohm, der sich von unsrer Seite losgesagt, vollends nicht zustehe, dem Herrn einen unwillkommnen und gezwungnen Diener zuzufuhren, so wie in Betracht Deiner Bereitwilligkeit, uns gefallig zu seyn, haben wir dem Herzog versprochen, Deines Gelubdes Bande zu losen, und losen sie wirklich hiemit im Namen der Dreieinigkeit und der von Gott uns Unwurdigsten anvertrauten Macht. Morgen soll das Breve Dir ausgefertigt werden, zu Deiner Beruhigung und zum Gedachtniss unsrer dankbaren Huld."

Die rauhe Stimme des erschopften Oberhirten klang wie Musik der Engelein in Dagobert's Ohr, und sprachlos kusste er des Befreiers Hande und Kleid. Der Papst winkte ihm jedoch aufzustehen, und warf sich in den Lehnsessel, um mit so viel Wurde, als es die freilich sehr unvortheilhaften Umgebungen erlaubten, die Schar der geistlichen und herzoglichen Beamten Schafhausens zu empfangen, die, so eben von der Ankunft des hochsten und unvermuthetsten alle Gaste unterrichtet, noch in spater Nacht dem Haupte der Kirche und dem Freunde ihres Landesherrn die schuldige Huldigung darzubringen kamen.

Sechzehntes Kapitel.

Frischen Muth,

Junges Blut!

Ziehe nach der Heimath Land

An der schonsten Frauen Hand!

Lied.

Die Flucht Johann's XXIII., die noch am selben Tage, wo sie Statt hatte, ruchtbar wurde, hatte einen unbeschreiblichen Eindruck auf Fursten, Pfaffheit und Volk gemacht, und das prachtige Turnier, das Herzog Friedrich zum Deckmantel seines Vorhabens gebraucht hatte, auf eine argerliche Weise gestort und zu Ende gebracht. Eben so wenig, als die Sache selbst, konnte des Herzogs Mitwirkung lange ein Geheimniss bleiben. Friedrich muhte sich auch keineswegs, seine That zu laugnen, und berief sich kuhn auf das sichre Geleit, das er, nebst andern Herren, dem Papst zugesagt, auf die Gefahr, in welcher Johann geschwebt hatte, durch des Kaisers Hinterlist und des Conciliums Feindseligkeit Tiare und Freiheit zu verlieren; auf die Pflicht, die ihm, dem Herzog, daraus erwachsen, solche Willkur nicht zu dulden; und endlich auf die dem Fursten wie dem schlechten Edelmann heiligen Turnierartikel, die den Schutz der Unbinden. Sothane Ritterlichkeit, freudig und zuversichtlich, ohne Furcht und Reue offen an den Tag gelegt, sollte, nach des Herzogs Berechnung, die wirksamsten Folgen fur des Papstes Lache haben, ein schneidendes Gegenstuck zu Sigmund's gegen Huss bewiessnen Wortbruchigkeit liefern, alle weltlichen Stande auf die Seite des Herzogs bringen, und der grossen Anzahl derjenigen Geistlichen, die nur aus Scheu und Furchtsamkeit Partei wider Johannes genommen hatten, neuen Muth, Selbststandigkeit und einen festen Anhalt geben. Von diesem Allen geschah indessen nicht das Geringste. Friedrichs Biederkeit und Treue scheiterte an dem Bunde seiner Gegner, wie ein die offne See befahrendes Schiff an dem verborgnen Felsenriff zerschellt. Der Herzog hatte Recht gehabt, als er sagte: Sigmund war nie machtiger, als in dem Augenblicke, wo er, ein demuthiger Knecht, des Papstes Fusse kusste, und ihm knieend im Namen der Christenheit fur seine Nachgiebigkeit dankte. Diese Nachgiebigkeit eben, ein Schlangenmittel falscher Staatskunst, von Friedrich missbilligt, hatte Alles verdorben. Wer den Treubruch eines Andern ahnden will, muss nicht selbst zum Doppelzungler werden. Dem zufolge kettete sich Kaiser und Concilium fest aneinander. Otto Colonna, ein Furst der Kirche, ehrgeizig und durchgreifend, wie nur je ein Bewerber um die hochste Macht, trat an die Spitze der zurnenden Vater. Offen ging er nun seinem, fruher verhehlten, Zwecke entgegen, und benutzte geschickt die dem Kaiser als Reichsoberhaupt zugefugte Krankung, um den Bruch zwischen dem Letztern und seinem Reichsstand dem Herzog unheilbar zu machen. Wahrend das Concilium auf der einen Seite die Blitze schmiedete, welche den protestirenden Papst unrettbar von dem romischen Stuhle schleudern sollten, griff auf der Andern Sigmund nach der schrecklichen Waffe, die den, oft nur Schattengewalt besitzenden Kaisern Deutschlands zu Gebote stand, nach des Reiches Acht. Wie langsam und zogernd auch diese Strafe vorbereitet wurde, so fand sich doch kein Talisman sie aufzuhalten.

Friedrich, verlassen von seinen Freunden, feindselig geschmaht von denen, auf deren Beistand er gebaut, musste knirschend dem verhassten Luxemburger das Feld raumen, ehe noch das Ungewitter zum volligen Ausbruch kam. Seinem kleinen Heere von Rittern, Waffenknechten und Dienern hatte er es zu verdanken, dass man den Vorbereitungen zu seinem Abzuge nichts in den Weg legte. Bittrer Unmuth und die Scham, seinem Todfeinde zu unterliegen, peinigte ihn, und sprach auch aus ihm, als am Abend vor seinem Wegzuge Dagobert, von Schafhausen ruckkehrend, vor ihm trat. "Was wollt Ihr hier?" fragte er den jungen Mann bekummert: "Entweicht unter dem Fittich der Nacht, denn nicht lange wird's dauern, und geachtet bin ich, wie Alle, so mir anhangen. Jesus Christus! wer hatte das gedacht? Wahrlich, wahrlich; die Deutschen sinds werth, vor eines Schalksnarren Zobelpelz zu katzenpuckeln. Pfui! pfui! Ehre, Treue und Redlichkeit sind nur leerer Tand, und der Falschheit gehort die Welt. Flieht, mein guter Geselle. Eure Treue kann ich jetzt mit nichts belohnen, als mit der Warnung: verlasst diese Stadt; man spricht schon hie und da von Eurer Theilnahme an meinem Verrath, wie sie's nennen. Geht aber auch nicht mit mir; ich habe das Spiel verloren, und das Ungluck vererbt sich leicht auf junges Blut. Wird's wieder Tag, sollt Ihr von mir horen!"

Dagobert betroffen uber das Unerwartete, das er hier erfuhr, versicherte dem Herzog seine Treue, seine Ergebenheit, und den Entschluss, dennoch nicht von seiner Seite zu weichen.

Der Herzog schuttelte mit entschiedner Verneinung das Haupt. "Ich verbiete Euch, mir anzuhangen!" rief er fast unmuthig: "Der Teufel ist in die Zeit gefahren, und was sonst in deutschen Landen unerhort war, ist an der Tagesordnung. Gehts nach Sigmunds Sinn, und warum sollte es nicht nach ihm gehen? so bleibt mir in Kurzem kein Pfulb um meinen Kopf darauf zu legen. Wie konnte ich Euren Bedurfnissen steuern. Geht, geht, wohin des Sohns Pflicht Euch ruft; gen Frankfurt, und denkt mein an dem Tage, wenn der Pfaffe Euch des Gelubdes entbindet." "Mein Wohlthater!" seufzte Dagobert, Friedrichs Hand kussend: "Euch zu lassen, fallt mir schwer." "Doch ist's vonnothen;" entgegnete der Herzog, sich rasch losmachend, um der eignen Ruhrung vorzubeugen: "geht heim, kusst den Vater und das Mutterlein, und freut Euch des Lebens. Jesus Christus! war' ich noch einmal jung und frei wie Ihr! Mit meinen tyroler Gemsenschutzen wollte ich ein Schiessen anstellen, dass dem Mehrer des Reichs die letzten Haare wackeln sollten. Aber heut zu Tage gilt's der eignen Haut sich wehren. Geht heim, sage ich, und lernt ritterlich Gewerbe. Wer drein schlagen kann, und das Herz auf dem rechten Flecke hat, verdirbt nicht in unserm rauflustigen Vaterlande. Und weil mir's gerade einfallt ich will Euch zu guter Letzt noch Gelegenheit geben, ritterliche Pflicht zu uben. Der arme Schacher, der Jude, dessen Gold mit zu dem bewussten Turniere helfen musste, und dessen von mir ausgestellten Brief mein Spitzbube von Rentmeister zu Schafhausen nicht eingelost hat, wie Ihr mir berichtet, ist nach Frankfurt geschleppt worden; der Himmel weiss, was sie mit der Judenseele zu beginnen denken. Die Tochter des unglucklichen Menschen hat sich mir zu Fussen geworfen, und um meine Fursprache gefleht. Auf meine Fursprache gibt aber jetzo Niemand das Geringste, denn wie gesagt der Teufel ist in die Zeit gefahren. Ich gab ihr jedoch mein Wort, sie nach der Heimath bringen zu lassen. Ich habe dabei Eurer gedacht, und bestelle Euch zu des Madchens Vogt."

"Mein gnadigster Herr" stammelte Dagobert betroffen und besturzt. Friedrich fuhr aber gleichmuthig fort: "Furchtet Euch nicht. Es ist zwar nur ein Judendirnlein, aber so fein und zart und lieblich, dass es manche Heilige nicht zurnen wurde, schriebe man ihren Namen unter der Judin Bild. Schafft die anmuthige Ketzerin nach Hause, ehe sie gezwungen ware, Sigmunds Gerechtigkeit und Ritterlichkeit in Verlegenheit zu setzen. Ihr wisst, um welchen Preis die Majestat Witwen und Waisen zu schutzen, wie sie das zugesicherte Geleit zu handhaben pflegt. Jagt das Lamm dem Wolf nicht in die Hande. Bringt es zur heimathlichen Herde, und gebt der vaterlosen Maid in meinem Namen das heilige Versprechen, dass ich mich meiner Schuld gegen Ben David entbinden werde, sobald ich den drohenden Sturm uberstanden habe. Geht; ich rechne auf meines Auftrags sichre Vollziehung. Zieht von dannen, ehe es zu spat wird, und Gott mit Euch."

Der Herzog drehte sich kurz und rasch auf dem Absatze um, und ging mit starken Schritten in das Seitenzimmer, das er heftig hinter sich verriegelte. Dagobert streckte die Arme nach ihm aus, wie nach einem scheidenden Jugendfreund, und blieb einige Zeit bewegungslos im Gemache stehen. Dann aber raffte er sich mannlich zusammen, und floh aus dem Hause, in dem er bisher das Ideal eines Ritters, wie er sich es dachte, bewundert hatte. In dem Hause seines Ohms fand er eine besturzte und unfreundliche Aufnahme. Des Pralaten Blicke massen ihn mit gehassigem Ausdruck; Fiorillens Augen mit angstlicher Scheu und Beklommenheit.

"Was willst Du noch bei mir?" fragte der Ohm nicht ohne Heftigkeit: "Freude bringst Du nie. Du kommst ungeladen wie eine Krankheit, und gehst nur wie s i e von dannen: nachdem Du Schaden angerichtet." "Ihr seyd furchterlich streng in Euerm Urtheil," antwortete Dagobert: "allein auch eine Krankheit sieht man gerne Abschied nehmen, und in keiner andern Absicht hab ich's gewagt, Euch in dieser Zwielichtsstunde zu uberfallen." "Fahre wohl;" lautete es aus des Pralaten Munde: "ich frage nicht, wohin Du gehst, denn dem Bosen soll man nie auf die Ferse blicken; auch bist Du seit langrer Zeit auf geheimen Reisen begriffen, deren Geheimniss ...." "Nicht lange geheim bleibt?" fiel der Neffe lachelnd ein: "Ihr Herren habt das Vorrecht, Allem auf die Spur zu kommen, fruher als andre ehrliche Leute. Fur diessmal geht meine Fahrt zum Vater, und ich habe gewunscht, wie es einem biedern Blutsverwandten zukommt, mich mit Euch zu letzen, und Euch zu fragen, ob Ihr mich nicht mit einem Brieflein oder dergleichen zu beauftragen begehrt. Vom Wiedersehen durfte wohl, nicht leicht mehr die Rede seyn. Die Lust am lieben deutschen Vaterlande hat in mir uberhand genommen. Jenseits der Berge, furchte ich, ist mein Platz nicht, und das Bartolomaistift bei Cesena sogar ....." "Schweig!" fuhr der Pralat mit zornrothem Antlitz auf, und aus dem fleischigen Antlitz brach ein Strahl von Grimm und gehassiger Tucke, wie ihn Dagobert noch nie gesehen. Fiorilla zerrte, von dem jungen Manne unbemerkt, warnend an des Pralaten Uberkleid, und der Sturm begutigte sich hierauf, mindestens dem aussern Anscheine nach. Monsignore zwang die aufgeregten Gesichtsmuskeln in ihre alte Ordnung zuruck, und fuhr mit gemassigtem Tone, in dem jedoch unverkennbar bittrer Spott lag, fort: "Du hast vollkommen Recht, Neffe. Dort findet, sich kein Platz mehr fur Dich, nach dem, was Du gethan. Stelle Dich nicht so unbefangen an. Ganz Costnitz weiss von Deinen Ranken. Der Himmel verzeihe es denen, die Dich dazu verleiteten. Der Himmel verzeihe auch Dir den Nachtheil, den Du Deinen Angehorigen dadurch bereitet. Herzog Friedrich wird die treuen Dienste doch mit einer fetten Pfrunde lohnen in seinem Bauernlande?" "Ei was, Ohm;" erwiederte Dagobert lustig; "Bauern hin, Bauern her! Im Tyrol legen die Huhner Eier, und tragen die Reben Beeren, wie in Walschland, und ein altes Sprichwort sagt: Wo's nicht an Hennen und Zehnten gebricht, da verdirbt auch die Pfaffheit nicht. Die Prabende, die der Montfort ausbot Ihr erinnert Euch konnte ich nicht verdienen. Ich muss demnach auf Ersatz denken." Der Pralat antwortete nichts, sondern kaute wehmuthig, und als wie uberlegend an den Lippen.

"Ernstlich indessen;" sprach Dagobert weiter: "Der Herzog ist mir nichts schuldig, und ich habe keinen kaiserlichen Gonner, wie Ihr, wurdiger Ohm, der mir Ring und Stab aus dem Armel schutteln kann, sobald er nur will, zum Lohn fur eine Nachsicht zu rechter Zeit." "Toller Schwatzer!" rief der Pralat, von Neuem hitzig werdend: "Was kummert mich der Kaiser? Spare Deinen Spott zu gelegener Stunde." "O weh!" entgegnete Dagobert: "Was bedeutet dieser Groll? trug der Winter die Rosen, und bringt der Fruhling den Schnee? Hat Liebstockel schon im Marz abgebluht? oder haltet Ihr es nimmer mit dem Kaiser, seit Johannes es wieder mit der freien Luft halt."

"Ich muss gestehen," versetzte der Pralat mit einer gewissen arglistigen Schalkheit: "dass dieses das seltsamste Gesprach seyn mag, das jemals zwischen Ohm und Neffen gefuhrt worden ist. In dem walschen Lande, das Du zu verachten scheinst, sprechen Todfeinde zierlicher zu einander, als hier in Deiner gepriesenen deutschen Heimath des Bluts Befreundete. Jedoch, damit Du sehest, wie wenig ich gewohnt bin, Boses mit Bosem, Trotz mit verdienter Harte zu vergelten, will ich Dir erlauben, hier zu verziehen, und einen Abendtrunk anzunehmen, den Fiorilla besorgen wird, wahrend dessen ich, meinen schlechten Augen zum Trotz, aber meiner bruderlichen Liebe zum Frommen, ein Schreiben an Deinen Vater aufsetze. Ich verspreche Dir; es soll Dir nicht zu Leide geschrieben seyn, und keck darfst Du es ubergeben. Du machst Dich doch morgen mit dem fruhsten davon?" "Ich denke es;" antwortete Dagobert, sich bequem in einen Sessel niederlassend. "Thue das;" fuhr der Ohm fort, wie oben: "langer ist's fur Dich nicht geheuer zu Costnitz. Dein Pferd steht im Engel?" "Ja, mein guter Ohm!" erwiederte Dagobert: "das wackre Ross wird mich auch unter Engels Schutz und Schirm weiter tragen. Fur den Augenblick bin ich ja sicher genug in meines Vaterbruders Hause." "Amen!" fugte Hieronymus bei, sandte Fiorilla zum Keller, und begab sich durch die Seitenthure in sein Schlaf- und Schreibgemach. Dagobert dehnte sich gemachlich in seinem Polsterstuhl, und stutzte den Kopf in die Hand. "Wie ist mir denn?" sagte er zu sich selbst: "Komme ich mir doch vor, wie ein Traumender, oder besser, wie ein Trunkner, der auf schwankenden Eisschollen uber einen Strom zu taumeln versucht. Die Geschichte dieser letzten Tage ist wie ein toller Spuck gestaltet. Ich denke einem wider Willen zu einem Verbrechen gereizten Manne, meines Standes hochstens, das Geleit zu geben, und siehe da, es ist das Oberhaupt der Christenheit selbst, das mich zum Lohn von meinen Altarpflichten frei spricht wahrend wie ich begreife das ganze Concilium meiner That den Stab bricht. Ich verlasse den Herzog auf dem Gipfel furstlichen Glanzes, und finde ihn wieder im Begriff Reissaus zu nehmen vor einer Rotte von Priestermutzen und einem Kaiser, dem wenig mehr zu Gebote steht, als ein Mund voll Honig, wenn auch Galle sein Herz erfullt. Ich stand schon auf einem seltsamen Fusse mit dem Ohm, ehe ich gen Schafhausen zog, aber nun stehe ich auf einem weit wunderbarern mit dem Wackern. Wir sagen uns gegenseitig durre Wahrheiten, durr und stachlich wie die winterliche Schlehenhecke, und dennoch will e r die Sanftmuth vorwalten lassen; ... er, der sich, wie ich beinahe glaube, durch seines neuen Vaterlandes Doppelzungigkeit um des Papstes und des Kaisers vorubergehende Gunst gebracht hat? Frei ging ich zu Costnitz einher, nachdem ich einen Ketzer hatte befreien wollen, und jetzo rath mir der Herzog selbst schnellen Abzug, weil ich dem Vater der Rechtglaubigen aus dem Netze half? Ja, Friedrich hat Recht: der Teufel ist in die Zeit gefahren, aber auch dem Schwarzen trotze ich mit dem Freibrief in meiner Tasche. Bin ich einmal hinter den Mauern meiner Vaterstadt ... dann fahret wohl, Kaiser, Concilium und Reich. Ich mische mich ferner nicht mehr in eure Handel." "Ei sieh da;" sprach Dagobert nun laut, und den Kopf nach der Thure wendend, durch welche Fiorilla mit Wein und Semmeln belastet, eintrat: "sieh da, mein Baschen! Eure Heimath werde ich nicht zu sehen bekommen, aber den gunstigen Augenblick will ich benutzen, um den Kuss des Lebewohls auf Deine Rosenlippen zu drucken." Fiorilla entzog sich seinem Arme mit sichtbarer Befangenheit und Furcht. "Warum so angstlich, narrische Dirne?" flusterte Dagobert: "Noch haben sie mich nicht vogelfrei erklart; noch darf mich ein holdes Magdlein kussen. Oder furchtest Du Dich vor dem Chorrock? Beruhige Dich; Chorrock und Kutte hange ich an den Nagel. Oder bangt Dir vor der Nahe Deines eifersuchtigen Freundes? Ohne Sorgen. Der gute Ohm brauchte neulich mehr denn eine Stunde dazu, einen deutschen Brief zu lesen. Wie viel geben wir ihm wohl Zeit, einen deutschen Brief zu schreiben? Bis er sich wieder besinnt, wie die wunderlich gekrauselten Buchstaben gemalt werden mussen, ist die Mitternacht da. Versage mir also Dein Mundlein nicht, holde, dem schwarzen Bocksfuss entrissene Seele!" Noch einmal wies ihn Fiorilla zuruck, und presste aus fliegender Brust die eiligen Worte hervor: "Ihr werdet scherzen und Kurzweil treiben, wenn Euch der Tod uber die Schulter sieht. Verblendeter; verloren seyd Ihr, wenn Ihr nicht schnell Euch von dannen macht."

"Ho!" entgegnete Dagobert, ernst und aufmerksam werdend: "Madchen! Du gonnst mir wohl nicht den Wein aus meines lieben Oheims Keller?" "Die Freiheit gonne ich Euch lieber;" sprach Fiorilla, wie vorhin: "Flieht, weil es noch Zeit ist. Der Oheim hat Boses gegen Euch im Sinne. Glaubt nicht, dass er sich in seinem Schlafgemach befindet. Vor einem Augenblicke verliess er mit dem Knechte, der die Leuchte trug, das Haus. Hinter der Thure des Kellers lauschend, horte ich, wie er zu dem Burschen sagte: Nimm Dich wohl in Acht, und leuchte vernunftig. Von des Cardinals Hause laufst Du, was Du kannst, zum Engel." Sorgfaltig die Thure schliessend, gingen sie davon, Euch zu verrathen. "Zu verrathen?" rief Dagobert, aufspringend: "Der Bruder meines Vaters mich verrathen? Zu welchem Endzweck das Bubenstuck?" "Ach, Ihr wisst noch nicht, was geschehen;" entgegnete Fiorilla mit steigender Besorgniss: "Wallradens Verstandniss mit Sigmund ist vorbei." Ohnmachtig wuthend zog sie von hier ab, verspottet von ihren Freiern und der Welt. Eures Oheims Gluckstern ging schnell unter. Er, der den Papst verlassen um des Kaisers willen, wird von diesem schnode behandelt, und seit des heil. Vaters Flucht, die Ihr, wie man allgemein behauptet, begunstigt, geben die Machthaber vor, in Euerm Ohm einen heuchlerischen Anhanger des Gefluchteten entdeckt zu haben. Die Cardinale, den arglistigen Colonna an der Spitze, der zum Kaiser halt, wiesen den Flehenden von ihrer Thure, und zu allem Ungluck gelangte gestern an ihn die unwillkommne, die zermalmende Botschaft, dass sein Capitel, seines langen Ausbleibens und Geldverschwendens mude, einen Andern statt seiner erwahlt, und diese Wahl zur Bestatigung an das Concilium bereits berichtet. Diese Kunde donnerte den Pralaten vollends nieder, und nun geht er hin zu dem Colonna, von dem er allein noch Hilfe erbetteln konnte, und verrath Euch, seinen Neffen, als den Entfuhrer des Papstes; in der Hoffnung .... durch einen grossen Schurkenstreich minder bedeutende wieder gut zu machen; unterbrach sie Dagobert ungestum: "Wohl bekomm's, ungetaufter Ehrenmann. Gut ausgedacht. Der Eine lauft zum Cardinal, mich anzugeben, der Andre zum Engel, um dort meine Habe zu verhaften. Zum Gluck hat mir vom Teufel g e t r a u m t , und ich habe dem Ohm eine Nase gedreht. Meine Pferde stehen in einer Herberge vor der Stadt, und dahin eile ich jetzt. Vor dem Kaiser wurde ich nicht Fersengeld geben; aber das Concilium ist ein ander Ding. Ich habe Hussens Kerker gesehen, und damit genug gehabt."

"Wie aber entweiche ich? Sie haben die Thure verschlossen, sagst Du?" "Ich besitze noch einen Schlussel," antwortete Fiorilla zogernd und roth werdend, "von dem der Ohm nichts weiss. Mit diesem offne ich Euch die Pforte." "Habe Dank, du listige Schlange;" versetzte Dagobert, die Mutze aufstulpend, einen derben Zug aus dem Becher thuend, und Fiorillen die Hand reichend: "Gott segne Dich, und den glucklichen Buhlen, dem dieser Schlussel wohl schon ofter hinter des ehrwurdigen Freundes Rucken das Pfortlein aufthat. Wie kann ich Dir vergelten?" "Durch einen kleinen Liebesdienst;" erwiederte Fiorilla eilig, und dennoch verschamt: "Gestattet, dass ein junger Mensch Euch ein Stuckchen Wegs begleite. Das junge Blut furchtet sich, allein von dannen zu gehen, und dennoch ...." "Und dennoch soll ihn der Ohm hier nicht finden?" fragte Dagobert schelmisch drohend: "In des Himmels Namen er komme. Ich bin schon einmal dazu bestimmt, der Begleiter von allerlei Menschen zu seyn, die dem Wetter nicht recht trauen, und selbst, wenn ich auf fluchtigen Fussen bin, muss ich noch immer einen Andern mit mir schleppen. Der feine Bube tummle sich indessen. Ich habe nun weder Ruh noch Rast. Kame der Ohm jetzt zuruck, war's sein Ungluck und das Meine, und Beides hatte ich nicht gern auf dem Gewissen." "Eurer Zusage vertrauend, wartet der Knabe draussen;" sprach Fiorilla: "bringt ihn ja gut dahin, wo er zu Hause ist." "Insofern sein Haus an meiner Strasse liegt, und der Bube flink auf den Beinen ist, recht gern, weil dem Baschen so viel an dem furchtsamen Milchbart liegt. Jetzt die Hand, Fiorilla, und die Wange. So! Gott lohne Euch die Warnung, und lasse Euch glucklich und vernunftig werden. Lebt wohl."

Schnell verliess er das Zimmer; Fiorilla eilte mit dem Lichte voraus. Auf der dustern Treppe schloss sich der Gunstling der Italianerin, ein feiner Junge, aber wunderlich vermummt in einen, der Kleiderkammer des Pralaten entliehenen, weiten Rock, und eine Stirn und Wange verhullende Kappe, an die Beiden an. Dagobert, mit seinem eignen Geschick beschaftigt, schenkte ihm nur einen fluchtigen Blick, und schritt rustig zu der Pforte, deren Schloss Fiorilla's Schlussel nur zu langsam fur des Junglings Ungeduld offnete. Thranenden Blicks reichte die Schone von Cesena dem Letztern die Hand, heftig schluchzend fiel sie dem Vermummten um den Hals, und Dagobert war schon ziemlich voraus, ehe sein Begleiter, dessen Schritt von dem langen Gewande gehindert wurde, ihn erreichte. "Spute Dich, Du verliebter Fruh-in'sHolz!" raunte Dagobert dem Keuchenden zu. "Weit ist noch der Weg bis vor die Stadt, wenn Du ausserhalb derselben wohnst?" Der zur Seite Laufende nickte stumm, und Dagobert setzte sich wieder in den alten Schritt, bis er in die Strasse gelangte, welche er einst, dem Kloster fluchtig enteilend, nicht minder schnell gemessen. Wie ein Blitzstral fuhr ihm aber hier mit einemmale die Erinnerung an Esther, an des Herzogs Worte, an seine Liebe durchs Gehirn, und unschlussig blieb er stehen. "Wie ist's?" uberlegte er: "soll ich das Madchen, das ich liebe, wenn ich's gleich nicht gestehen will, einer ungunstigen Conjunktur zum Raube lassen? Oder soll ich, sie zu retten, fur mich selbst die Zeit versaumen? Wer burgt mir dafur, dass nicht in der nachsten Stunde den Wachen an allen Thoren die Kunde ward, auf mich ein wachsam Auge zu haben? Ware ich nicht alsdann verloren, und das Magdlein schutzlos wie zuvor? Und dennoch muss ich meine Zusage halten, .... und dennoch muss ich wenigstens v e r s u c h e n , ob ich sie retten kann, fur die mein Herz und Friedrichs Gebot das Wort fuhrt." "Herr meines Lebens," seufzte hier eine schwache Stimme neben ihm, und er gewahrte mit Erstaunen seinen Begleiter neben sich, der die Hande in die Seiten gestutzt, verschnaufend an einer Ecke lehnte. "Was gibt's?" fragte Dagobert unmuthig: "Junger Fant, was soll das Wehleidigthun? Wer sich in den Dienst der Frau Venus will begeben, muss kussen, drein schlagen und laufen konnen, w a n n es eben seyn muss; denn vom Abenteuer lebt die Minne." "Ich verstehe Eure Worte nicht," lispelte des jungen Knaben zarte Stimme: "aber ich weiss, dass ich des Todes bin vor Angst und Gram, wenn Ihr von meiner Seite weicht, und nicht Mitleid habt mit meiner Schwache." Dagobert fuhr zusammen bei dem Klange dieser Stimme. "Nein!" rief er, mit seinen Augen des Begleiters Gestalt messend: "also spricht kein Mann; das ist Frauensprache, und, wenn mich nicht ein boser Zauber bethort, eine Sprache, die mir nicht unbekannt geblieben." "Konnt Ihr verzeihen?" stammelte der Knabe, und wollte zu Dagobert's Fussen sinken, als dieser, plotzlich Esther's Zuge unter der entstellenden Kappe entdeckte, und die furchtsame Dirne kraftig in der Hohe hielt. "Ungluckliche!" sprach er leise zu ihr: "Wie kommst Du hieher? Doch gleichviel. Die Erlauterung raubt Zeit, und wir bedurfen der letztern. Der Mondstral hat Dich mir genannt. Deinen Mund lass schweigen, bis wir ausser Gefahr sind. Hange Deinen Arm in den Meinigen. Stutze Dich auf mich. Nun ich weiss, wer Du bist, muss ich nach Deinen Kraften mich fugen."

"Guter Mann!" seufzte Esther, und lehnte sich vertrauend auf des Helfers Arm, der sie, obgleich die innere Ungeduld mit Nesseln peitschte, langsam durch die noch ziemlich belebten Gassen dem Thore zufuhrte. Die Huter desselben spotteten des Paars, und machten sich weidlich uber die bezechten Schuler lustig, die nach dem Gelage mit schwerem Kopfe den Weg zur Heimath suchten. Dogobert liess die rohen Gemuther gerne bei dem Glauben, der ihm und seiner Schutzbefohlnen so forderlich ward, und geleitete besonnen die Entkraftete zu einer Bank, die am Rande der Heerstrasse stand. "Einen Augenblick darfst Du hier ruhen;" sprach er zu Esther: "sprich jetzt, Madchen wie erklare ich mir ...?" "Fiorilla war meine Freundin geworden, wie Ihr bereits wisst, edler Herr;" antwortete das Madchen: "sie nahm mich zu sich am gestrigen Tage, und ich liess mich lieber ihre Zofe nennen, als dass ich noch langer in dem Hause geblieben ware, wo Nachstellungen aller Art die Vaterlose verfolgten, die selbst zu den Fussen des Herzogs nur ein Versprechen freien Geleits gen Frankfurt erhalten hatte. Euer Ohm ahnte nichts von dem wahren Zusammenhange meiner Verhaltnisse, und er schien viel Gefallen an der neuen Dienerin zu finden. Ehe jedoch Fiorilla mit der Bestimmung meines weitern Geschicks im Reinen war, kamt Ihr. O, ich horte Euch kommen, ich horte Euch sprechen, und die Vergangenheit lag wieder vor mir wie ein Paradiesesgarten. Ich hoffte wieder, ich war beruhigt, ohne mir genau bewusst zu seyn, warum. Fiorilla bestarkte mich in dieser seligen Beruhigung, als sie plotzlich bei mir eintrat. 'Esther!' sprach sie: 'Dein Retter und Geleiter ist gefunden. Man spinnt Verrath gegen den Junker. Ich werde ihn warnen; er muss fliehen, und Dich mit sich nehmen, ohne zu wissen, wer Du seyst, denn der Erklarungen und Einwendungen ware dann kein Ende, und dennoch ist die Zeit nur allzugemessen. Muth, meine Freundin! Dagobert ist ein edler Mann; er wird Dich nicht verlassen.' Vermummt folgte ich Euch, und uberlasse es Euerm Edelmuthe, ob Ihr Fiorillens Zusage erfullen wollt."

"Ob ich will, ist keinem Zweifel unterworfen," antwortete Dagobert kurz und gemessen, denn er suchte hinter dieser Kurze den wahren unruhigen Zustand seines Herzens zu verbergen. "Aber," setzte er bei: "armes Madchen! Wohin soll ich Dich fuhren? Gen Frankfurt, wo Dein Vater im Kerker liegt?" "Mein Vater ist unschuldig an jedem Fehl o gewiss! glaubt es mir!" versetzte Esther mit Zuversicht: "Gewiss kommt er mir ohne Fesseln bereits entgegen, und ware es nicht, so bin ich in des alten Jochai's Armen aufgehoben wie im Schoosse der Mutter!" "Wohlan denn!" sprach Dagobert: "So reiten wir noch diese Nacht. Jenes Dach beherbergt meine Rosse und meinen Knecht. Folge mir bis dahin, und wir wollen uberlegen, wie Du am schnellsten fortzubringen bist." Er unterstutzte sie wahrend des kurzen Gangs. "Hast Du auch Alles uberlegt?" fragte er an der Herbergspforte noch das Madchen: "Ich bin ein junger wilder Geselle, dessen Arm Dich schon einmal umfing, dessen Lippen schon einmal auf den Deinen ruhten. Hast Du jener Zeit vergessen, oder meinst Du, ich hatte es gethan? Hegst Du Vertrauen zu mir, und ubergibt Dich mir auf der weiten Fahrt ohne Scheu, ohne Misstrauen?" "Ob ich jener Zeit vergessen?" fragte Esther entgegen mit leuchtendem Blicke: "Ihr scherzt wohl, edler guter Herr. Aber so wahr als diese Hecken um uns her den Fruhling kunden durch ihre Knospen, so wahr ist das Vertrauen zu Euch, das in mir lebt. Auf der weiten Welt lebt Keiner, dem ich so zuversichtlich mein Leben anvertraue und meine Ehre. Ihr werdet mich fuhren zum Vater, Ihr werdet durch Eure fromme Hulfe meinen Pfad ebnen, und den Frieden in mein Herz zuruckbringen, wie die scheidende Sonne den Thau auf die lechzende Wuste. Denn auch Ihr werdet dann scheiden von mir, und nur die Erinnerung in meiner Seele lassen und die Dankbarkeit, die nimmer Verloschende. Mein Gebet fur Euch sey Friede, und der hochgelobte Gott verwirkliche hundertfaltig den Segen, den schon jetzt mein Mund vom hohen Himmel herab auf Euch lenken mochte!"

"Genug! genug!" fiel hier Dagobert rasch und abstossend ein: "Lass uns erst an's Ziel gelangen, und moge es fur Dich ein Erwunschtes seyn. Die Vergangenheit werde nie zwischen uns beruhrt, und Deine Gesinnung uber diesen Punkt gibt mir erst den Muth, Dein Gefahrte zu bleiben, bis an Frankfurts Thore. Von da aus findest Du den Weg in's Vaterhaus allein, und unter uns sey es, als hatten wir uns nie gekannt."

"So sey es!" flusterte Esther zogernd und kleinlaut, wahrend Thranen ihre Wangen benetzten. Der junge Mann hingegen, der jetzt erst einen grossen Sieg uber sein eigen Herz davon getragen, und nun den Talisman gefunden zu haben vermeinte, jeder Versuchung zu widerstehen, ging sorglosen Muthes hin, die Rosse zu rusten, und Alles zu der Reise vorzubereiten, die auch mit dem ersten Fruhstral angetreten wurde.

Ende des ersten Bandes.

Zweiter Band

Erstes Kapitel.

Der Lenz ist angekommen!

Habt ihr es nicht vernommen?

Es sagen's euch die Vogelein,

Es sagen's euch die Blumelein:

Der Lenz ist angekommen!

Ihr seht es an den Feldern,

Ihr seht es an den Waldern;

Der Kukuk ruft, der Finke schlagt,

Es jubelt, was sich froh bewegt:

Der Lenz ist angekommen.

Hier Blumlein auf der Heide,

Dort Schaflein auf der Weide!

Ach seht doch, wie sich alles freut,

Es hat die Welt sich schon erneut:

Der Lenz ist angekommen!

Altd. Lied aus der Sage

vom Venusberge.

Es ist doch eine gar schone, muntre und selige Zeit, wenn der Fruhling wieder herein kommt ins Land, der gar nicht unedel von den Dichtern einem Brautigam verglichen wird, welcher seine Braut zu schmucken und zu umfangen naht, im Glanz und Prunk des Hochzeittages. Ein Furst der Erde konnte er nicht minder genannt werden, denn tausend leichtbeschwingte und buntgefiederte Herolde ziehn vor ihm her, seine Ankunft verkundend; himmelblau und golden ist sein Kleid, an das sich der fernen Eisberge Saum anschmiegt, wie Hermelinsverbramung, und alle Bluthenbusche fugt er in e i n e duftende Krone, womit er sich und seine Liebe ziert.

Und die Braut, im Gewande zarter Hoffnung, umgurtet von den Silberbandern, deren Juwelenschmuck erst wieder lebendig wurde durch des Ersehnten feurigen Goldblick, winkt dem Nahenden mit jugendlich grunen Zweigen, und scheint ihn demuthig zu fragen: Kommst Du noch einmal, mit mir den Bund zu schliessen in neuer Verjungung? Nicht umsonst, Geliebter, tragst Du die Farbe der Bestandigkeit, denn viele tausendmal begingen wir schon unsre Feier, und dennoch freist Du keine Andre als mich? Der Hochzeiter schuttelt hierauf lachelnd die wohlriechenden Locken, dass Bluthe auf Bluthe und Perle auf Perle daraus in den Schooss der Freundin sinkt, als ein Geschenk seiner Freigebigkeit. Keine Andre als Du, spricht er, schmuckt mir Lager und Teppich so bunt und reizend; keine wolbt mir Lauben luftig und schattig, wie Du; keine andre theilt meine Lust, das Leben zu beglukken, das aus Dir stammt, in Dir vergeht, und wieder von neuem aufsprosst, sich unsrer zu freuen. Glucklich sey das Geschlecht, wahrend meines Reiches Dauer, denn nach mir kommen strengere Herrscher, und die Sorge, und die Welkezeit, und die Nacht!

Wer hat sich nicht schon gefreut unter dem lindwehenden Panier des frohlichen Lenzes? Wer, der ein fuhlend Herz in der Brust tragt, hatte nicht schon unter dem sonnigen Fruhlingsschein die Arme ausgebreitet mit unnennbarem Sehnen, entzuckt von Dankbarkeit, erregt von milder Ruhrung? Predigt die schone Jugendzeit des Jahrs nicht Friede und Versohnung? Entwaffnet sie nicht den Hass in edeln Gemuthern? O wahrlich, diese goldnen Tage sollten kein gezucktes Schwert schauen, die susse Fruhlingsluft kein drohend Wort vernehmen! Aber die Leidenschaften ziehen eine Eiswand um des Menschen Herz, die auch der Lenz nicht zu schmelzen vermag; das rohe jungere Geschlecht kummert sich nicht um den Wonnemond, weil seine kraftige Begehrlichkeit nicht nach der Sonnenwende fragt, um Wonne zu geniessen; und nur des reifen Alters Vorzug ists, das Leben zu verstehen, ihm Sinn und Deutung zu geben, und zu wissen, dass unser irdisch Theil ein treues Conterfei des Wechsels in dem Weltall darstellt.

Wenn er's auch nicht aussprach, so fuhlte doch Herr Diether, der Altburger, dasselbe, da er an einem wunderschonen Morgen in seinem Gartlein lustwandelte, das vor der Stadt gelegen war, und trotz seinem einfachen Plankengehage, und dem darin schlicht von Dielen auferbauten Lust- und Werkhauslein hoher von Diether geachtet wurde, als sein stolzes Haus zu Frankfurt selbst. Auf den Arm seiner Ehefrau gestutzt, denn noch war die Wunde, an der er darniedergelegen, nicht vollig vernarbt, schritt er sinnend, aber hellen Auges, auf und nieder, und erging sich in der wurzigen Luft und dem warmen Himmelshauche. Frau Margarethe, ihrerseits in Gedanken versunken, aber dennoch ein Auge sorglich auf den presthaften Gatten geheftet, wahrend das andre nach dem kleinen Hans hinuberschweifte, der mit Elsen in einem Winkel des Gartens spielte, schwieg gleich ihrem Herrn. Da begehrte der Letztere zu sitzen, und Margarethe fuhrte ihn zu der Bank an der Thure des Hauschens. Als sie nun beide darauf Platz genommen, fingen die Glocken der Stadt an ihr Gelaute ertonen zu lassen. Diether schlug die Hande fromm zusammen, sah eine Weile still vor sich hin, und redete alsdann: Sie haben in der Stadt ein gottesfurchtig Werk vor. In diesem Augenblicke legt der hochwurdige Stiftsdechant, Herr Jakob Herdan, den Grundstein zu einem stattlichen Thurme, der am Damm aufgefuhrt werden soll. Ehrenwerth ist es, da ein Denkmal fur den lieben Herrgott hinzusetzen, wo fruher das Rathhaus stand, auf dem der Burger Wohl besorgt wurde; und ziemlich ist's zu gleicher Zeit, dass ich, den Gebreste verhinderte, von Amtswegen bei der heiligen Handlung zu seyn, den festlichen Augenblick begehe mit frommer That und Rede. Seht, meine werthe Hausfrau: ich habe es bis jetzt aufgespart, mit Euch etwas zu besprechen, das mir am Herzen nagte. Es kann Euch nicht entgangen seyn dass ich seit einiger Zeit wohl nicht derselbe gegen Euch war, der ich fruherhin gewesen. Ich kann leider nicht laugnen, dass der Tag, an welchem Euer Bruder uns mit gewohnter Unverschamtheit heimsuchte, eine Quelle des Argwohns und traurigen Verdachts fur mich geworden. Ich schame mich schier, die Reden des wusten Menschen zu wiederholen, die niemals einen Eindruck auf mich hatten machen sollen. Aber der Mensch ist ein schwaches Geschopf. Von dem Kleinern zum Grossern fortzuschreiten, selbst den Funken zum Brande anzublasen ist ihm ein gering Geschaft. Der Bose verblendete mich ganz, da mich der Meuchelmorder uberfallen und gezeichnet hatte. Ich beklage den Wahn, der mich gehassig gegen Euch anreizte, dass ich eure Hulfe von mir stiess, und mich wie ein Toller geberdete, bis ich ohnmachtig mich Eurer Fursorge uberlassen m u ss t e . Da gingen mir endlich nach und nach die Augen auf. Euer still besonnenes Thun, gleich weit entfernt von dem Trugeifer einer Heuchlerin, wie von der schadenfrohen Sorglosigkeit eines Weibes, das sich Witwe zu werden sehnt, erweichte mein Gemuth, wie meine Wunde. Dennoch, argwohnisch, wie ich war, las ich aufmerksam in eurem Blicke, und mir entging die ruhige Freude nicht, mit welcher Euch meine Genesung erfullte. O, diese Uberzeugung trug viel zu meiner Herstellung bei, und, als ein gerechter Mann, der sich nicht scheut, sein Unrecht einzugestehen, frage ich Euch heute, unterm Blau des Himmels, und in Gegenwart unsers Kindes, ob ihr den graulichen Verdacht vergeben konnt.

"Mein werther Eheherr ...." stammelte Margarethe uberrascht und beschamt: "Wie konnt Ihr doch meinen, dass ein Groll gegen Euch ...."

"Lieb Weib," fiel Diether ein: "Ich liebe das Geradezu." Scheltet mich aus, wie einen Heiden, dass ich zweifeln konnte an Eurer Ehre und euerm Christenthum, auf das Zeugniss eines Lugners hin, und auf die That eines meuchlerischen Buben. "Nein," fuhr er fort, Margarethens Wange und Hand streichelnd "dies fromme Angesicht konnte mich nicht an einen Andern verrathen; diese Hand, die mich so zart und sorgsam pflegte, hat nicht auf das Leben eines alten Mannes gezielt."

"Jesus!" seufzte Margarethe erschrocken: "Was kommt Euch zu Sinne, lieber Herr? Die Heiligen mogen Euch verzeihen, wie ich es thue, ob solchem schnoden Verdacht."

"Wenn Ihr vergebt, die Beleidigte, so thun es die Heiligen nicht minder;" antwortete Diether; "und forder sollt Ihr nicht klagen konnen. Der Versucher soll nimmer an mich kommen. Mein Siechthum hat gar Vieles anders gemacht in meinem Innern. Eine recht susse Wehmuth, wie ich sie nie gefuhlt, seit ich zum Erstenmal freite, hat mirs angethan, und den Wunsch in mir erregt, Alle, die mir nahe angehoren, um mich her versammelt zu sehen: den Bruder, den Sohn, und .... ach ja ... und auch die Tochter, obgleich sie sich von uns geschieden hat mit Vorbedacht. Seht, Margarethe, auch um dessenwillen muss ich Euch danken. Wallrade hat Euch schwer beleidigt, und dennoch tratet Ihr nicht zwischen sie und mein Verlangen."

"Die Jahre werden viel geandert haben;" erwiederte Diethers Gattin sauft: "Damals wollte sie nicht meine Tochter heissen; jetzt wurde sie vielleicht meine Freundin."

"O gewiss;" bekraftigte Diether: "die Zeit macht milder, wie das Spruchwort heisst. Aber wehe thut mirs, dass bis jetzo auf mein redlich Schreiben weder Antwort kam, noch der herzliebe Besuch von den Dreien, die sich zu Kostnitz plotzlich zusammen doch gefunden. Ich hatte mich darauf gefreut wie ein Kind. Ich hatte mir alles so schon und heimlich ausgedacht, wie ich Wallraden die liebe widerspenstige Tochter in Deine Arme fuhren wollte; wie ich den zu unsrer Wonne so glucklich gesundeten Sohn an der Geschwister Brust gelegt hatte; ... aber meine Freude fiel in den tiefsten Brunnen. Noch am verwichnen Sonntage zupfte es mich an allen Nahten, und eine falsche Ahnung flusterte mir zu: heute, ja, heute kommen sie ganz gewiss. Schier hatte ich mich auf die Heerstrasse tragen lassen, um ihnen in die Ferne entgegen zu sehen. Der alte Thor hatte sich aber blind geschaut. Dem Greise versagen sich die, die er liebt."

"Habt Ihr denn nicht uns?" fragte Margarethe mit angstlicher Freundlichkeit, und hob den Knaben der sich herbei gemacht hatte, auf den Schooss des Gatten, dessen Nacken sie umschlang. "Bedurft Ihr, um glucklich, und zufrieden zu seyn, noch andrer Herzen, die Euch fremd geworden zu seyn scheinen?"

"Nicht doch, geliebte Ehefrau!" betheuerte der geruhrte alte Mann, den Buben und seine Gattin abwechselnd herzend und liebkosend: "nicht doch, herzliebes Sohnlein! Aber, wenn ich Euch gleich inniger im Busen trage, als die Vermissten, .... sie sind doch auch meine Kinder; vorab der Dagobert, der die Freuden des Hausvaters dahinten lassen muss, um der Mutter zu einer frohlichen Urstund zu helfen."

"Hier, sagt man, soll ich Herrn Diether finden?" fragte am Eingange des Gartens eine Stimme, die Margarethen nicht fremd, ihrem Gatten eine liebe war.

"Wallrade!" riefen beide uberrascht, und Diether's wankende Knie versagten dem Aufstehenden den Dienst. Indessen kam die Unerwartete und dennoch Ersehnte langsam und stolz herangeschritten, von Elsen begleitet, die ihr den Weg zu dem Elternpaare wies. "Wallrade! Tochter!" stammelte Diether unter Thranengussen der Freude, die Arme weit offnend. "Willkommen Fraulein!" setzte die Stiefmutter hinzu, die Hand ihr reichend. Aber weder in die Arme des Vaters sank die Tochter, noch ergriff sie die dargebotne Rechte. Einige Schritte von Diether entfernt, stand sie stille, warf einen durchdringenden Blick auf das Paar, und schlug die Hande zusammen. "Herrgott!" sprach sie in dem tiefen Tone, der nicht selten auf ein hartes Gemuth schliessen lasst: "Wie verandert finde ich Euch, Vater! Die letzten Jahre scheinen Euch nicht zugesagt zu haben!" Diether uberhorte diese Worte, bewegt von den Gefuhlen, die das schwache Alter doppelt empfindet; aber Margarethe fasste sie auf, die wie ein kalter Hauch an ihr warmgewordnes Herz drangen. "Die letzten Tage, wollt Ihr sagen, Fraulein!" erwiederte sie empfindlich: "Die letzten Jahre waren gut, und von Eurer Kindlichkeit wird es abhangen, ob der heutige Tag ihnen gleichen soll. Euer Vater harrt noch immer der schicklichen Umarmung entgegen. Ich mochte Euch nicht gern umsonst darauf aufmerksam gemacht haben. "

Wallrade naherte sich dem Vater, kusste seine Hand und Wange mit Formlichkeit, und neigte sich steif vor Margarethen. "O mein liebes Kind!" sprach Diether, der sie neben sich auf das Bankchen niederzog: "Wie erquickt mich Dein Anblick. Ja, in Frauenherzen wohnt Versohnlichkeit und der Funke der Liebe. Du, das verloren geachtete Kind, kehrst in's Vaterhaus zuruck, wahrend Sohn und Bruder ferne bleiben." Wallrade zuckte leicht die Achseln und wendete sich zu Margarethen mit den Worten: "Ehrsame Frau;" wenn mich der Vater schon verloren achtete, ... "um wie viel strenger mag nicht Euer Urtheil uber mich gelautet haben?"

"Ihr irrt;" versetzte Margarethe ruhig: "was das heisse Blut der Jugend fuhlte, steht den reifern Jahren zu, wieder gut zu machen. Mein Herr liebt Euch, darum seyd Ihr auch m i r kein unlieber Gast." "Wacker gesprochen, liebe Wirthin!" rief Diether, ihr entzuckt die Hand entgegenstreckend: "Ihr seyd eine Perle, wie sie wohl selten ein Greis in seinen Winterkranz flechten darf, und ich denke, Wallrade soll Euch bald innig befreundet seyn. Umhalst euch vor meinen Augen. Das letzte widerstrebende Gefuhl versinke in der freundlichen Annaherung. So; und nun, meine wiedergefundne Tochter, kusse auch Deinen Bruder, den kleinen muthwilligen Johann, die Wonne meiner alten Tage." Wallrade sah sich mit verdustertem Antlitz nach dem Jungen um, der, wie Margarethe erst jetzt bemerkte, sich hinter die Bank und die Gewander der Mutter verkrochen hatte. "Johann, wo steckst Du?" fragte Diether liebreich: "Komm, umarme Deine Schwester!" "Ei, du einfaltiger Bube;" ermahnte Margarethe den Weigernden: "Was muss denn Schwester Wallrade von Dir denken? Du bist ja kein Ungeheuer, das sich nicht am Tage sehen lassen darf. Komm, komm doch!" Sie zog den schuchternen Buben, der sich aus allen Kraften straubte, mit Gewalt herbei, und erschrak jetzo selbst uber die Blasse, die sein Gesicht uberzogen hatte. Angstlich gebuckt, mit niedergeschlagnen Augen, stand der Kleine da, als hatte er ein Verbrechen begangen. Nichts konnte ihn bewegen, der Fremden nur einen Blick, eine Sylbe zu schenken. Diese Scheu, welche Diether und Margarethe sich nicht entrathseln konnten, machte augenscheinlich den widrigsten Eindruck auf Wallraden. Sie stand auf, zweifelhaft, ob sie ihr Gesicht dem Knaben zuwenden, oder es von ihm kehren sollte. Ihre Augen brannten, ihr Mund zuckte und ihre gespannten Zuge druckten die Leidenschaftlichkeit aus, die ihre Brust beseelte. Ihren Unmuth muhsam bemeisternd, wies sie des Knaben Hand schweigend von sich, als die Mutter, in deren Arme er sich gefluchtet hatte, ihn bewog, ihr die widerstrebende zu uberlassen.

Zugleich zog sie den Schleier uber Stirn und Augen. "Da das Herrlein meinen Anblick unertraglich findet," sprach sie mit angegriffener Stimme, "so thue ich am besten, wenn ich ihm das unwillkommne Gesicht entziehe." Wirklich schien es auch, als ob der Knabe sich begutigen wolle, denn seine Angstlichkeit verlor sich nun so ziemlich, und er heftete dann und wann die blauen Augen staunend auf das reiche hellfarbige Gewand Wallradens, und auf ihre mit blitzenden Ringen gezierten Finger. Auf alle Fragen, Ermahnungen und tadelnden Reden der Eltern erwiederte er nichts; jedoch in demselben Augenblicke, als man ihn zu vermogen gedachte, zwischen Margarethen und Wallraden niederzusitzen, erstand wieder die vorige Furchtsamkeit in ihm, und er suchte abermals in Margarethens Schooss Zuflucht, wie vor einer Gefahr. "Man hat dem Buben ohne Zweifel angenehme Dinge von mir berichtet;" begann Wallrade mit beleidigtem Stolze: "wenn ihm die Schwester als ein Schreckgespenst geschildert wurde, so muss er sie freilich fliehen, wie die Sunde." "Ei," erwiederte Diether: "das hat meine Hausfrau sicherlich nicht gethan, darauf wollte ich schworen." "Mein werther Herr durfte es auch;" bekraftigte Margarethe mit gesteigerter Empfindlichkeit: "Der Knabe horte kaum des Frauleins Namen nennen. Ich wollte wetten, er hat vergessen, dass er eine Schwester hat. Unerwartet kam ihm daher deren Anblick; wenn wir nicht annehmen wollten," setzte sie wie im Scherz hinzu, obgleich der Ernst hinter ihrem Lacheln lauerte, "dass Kinder eine richtigere Ahnung haben, denn die Erwachsenen, ob man sie von Herzen liebt, oder ihnen nur des Herkommens wegen Liebkosungen erweisst." "Das Letztere mochte seyn;" entgegnete Wallrade rasch und kalt: "Ich muss bekennen, dass ich Kinder dieses Alters nicht liebe, waren sie auch die Sohne meiner werthen Stiefmutter. Die Tolpelhaftigkeit der Buben ist mir in der Seele zuwider, und ich werde es als ein Zeichen Eurer aufrichtigen Freundschaft ansehen, ehrsame Frau, wenn Ihr mir, so oft ich des Vaters Haus besuche, den Anblick des ungeberdigen Stiefbruderleins erspart."

"Soll gerne geschehen, verlasst Euch darauf;" versetzte Margarethe gekrankt, und beschaftigte sich damit, die Haare des kleinen Hans unter dem Sonenhutlein zu ordnen, das sie ihm aufsetzte, damit ein Zeichen zum Aufbruch gebend.

"Das wird ja alles werden;" sprach Diether begutigend: "Was lasst mich aber Deine Rede muthmassen, liebe Wallrade? Du gedenkst nicht zu wohnen in meinem Hause"?

"Nein, mein Vater!" antwortete das Fraulein bestimmt: "Ich bin seit Langem gewohnt, in meiner Behausung Herr zu seyn; und meine Gewohnheiten konnten Eurer Ehefrau lastig seyn, so wie mir vielleicht ihre Hausordnung. Daher habe ich's fur gut erachtet, in der Herberge zum Eichhorn abzutreten. Dadurch erspare ich uns allen manche Unannehmlichkeit, die um so uberflussiger ist, als mein Aufenthalt zu Frankfurt nur von kurzer Dauer seyn kann." Diether wollte sein Bedauern nicht verhehlen, und der Tochter zureden, aber Margarethe unterbrach ihn schnell.

"Es sey fern von uns," sagte sie hitzig: "des Frauleins Willen beschranken zu wollen, und darum geschehe nach ihrem Wunsche, aber die Freude, Euch an unsrem Tische zu bewirthen, werdet Ihr dem Vater doch nicht versagen? Der arme, kleine, ungeberdige und tolpelhafte Johann soll nie durch seine Gegenwart storen." "Ihr verbindet mich immer mehr, gute Frau;" erwiederte Wallrade in gleichem Tone: "und damit ihr von meiner Bereitwilligkeit uberzeugt werdet, so fordre ich Euch selbst auf, nach der Stadt zu kehren. An meines Vaters Seite sitzend, will ich ihm vom Ohm erzahlen, der ihn zartlich grussen lasst." "Gruss ersetzt wohl bei Tafelfreuden die Einkehr;" entgegnete Diether seufzend, und, zum Weggehen fertig, sich auf Wallradens Arm stutzend: "aber wehe thut mir's doch, dass er nicht selber kam, und dass Dagobert ausbleibt, auf dessen treuen Kindessinn ich Felsen gebaut hatte." "Von Dagobert lasst mich schweigen;" ausserte Wallrade mit geheuchelter Bekummerniss, und war aber im Augenblicke, auf die Aufforderung der vaterlichen Besorgniss, bereit, dies Schweigen zu brechen. Mit dem alten Diether vorausgehend, entwarf sie dem angstlich Zuhorenden ein mit hamischer Bemuhung ausgemaltes Truggemalde von Dagobert's Lebenswandel zu Costnitz, und fuhrte den Pinsel so gut, dass der Vater in dem Verlaumdeten bald den verlornen Sohn beweinte. Wahrend dieser Einflusterungen ging in betrachtlicher Entfernung hinter Vater und Tochter Frau Margarethe, den Knaben an der Hand, nachdem sie Elsen voraus zur Stadt geschickt, um zu einem erweiterten Mittagmahl Anstalten zu treffen. Die Art und Weise, wie die ungeliebte Wallrade trotz ihrer Schroffheit sich im ersten Augenblicke des Vertrauens des Vaters bemachtigte, mit geringschatzender Hintansetzung der Gattin desselben, die Krankungen, die Wallrade mit freigebiger Hand an die Stiefmutter und den Knaben gespendet, griffen hart und bose an das reizbare Herz der stolzen Leuenbergerin. Wie aber oft das menschliche Gemuth, ein weibliches insbesondre, aus Dingen Trost gewinnen kann, die an sich geringfugig sind, so beruhigte sich auch hier Margarethe mit dem Gedanken, dass nicht allein sie selbst der Widersacherin Wermuth, zu kosten gegeben, sondern dass der Knabe sogar durch seine deutlich ausgesprochne Abneigung der Gegnerin Stolz verletzt habe. Von dieser kleinen Vergeltung erfreut, buckte sie sich mit grossrer Freundlichkeit, als sie sonst wohl dem Knaben zuwendete zu demselben hinab, und streichelte seine Wangen. "Du bist ein wackrer Bube;" sprach sie belobend zu ihm: "ich habe Dich lieb vor Allen, wenn Du gegen Wallraden ferner Dich betragst, wie heute. Willst Du?" "Was Du befiehlst, Mutter;" erwiederte der Knabe freundlich.

"Recht so, mein guter Hans," fuhr Margarethe fort: "Gehe nicht zu der falschen Frau. Sie wird Dir vielleicht Honigkuchen und Semmelringe bieten, um dich kirre zu machen. Nimm aber nichts von ihr, horst Du? Sie meint es bose mit Dir und mir und mit dem Vater." "Ach Mutterlein!" rannte ihr der Knabe ins Ohr: "Ich furchte mich vor ihr." "Thue das immer, mein Sohnlein!" versetzte Margarethe: "Zieh' ihr immer ein finster Gesicht, und iss nicht, was sie Dir bietet. Fur jeden Leckerbissen, den Du aus ihrer Hand nicht nimmst, gebe ich Dir deren zwei." "O ja Mutterlein!" entgegnete der Knabe hupfend: "Du bist ein gut und anmuthig Mutterlein bei dem ich bleiben will. Zu der schwarzen Mutter will ich nicht mehr." "Was schwatzest Du wieder von dem schwarzen Weibe?" schalt Margarethe: "Du weisst, dass Du nur von ihm getraumt hast, Bube. Vergiss doch endlich den bosen Traum!"

"Ich will ja wohl, lieb' Mutter," sagte der Knabe, eingeschuchtert durch den heftigen Ton: "aber Heute war mir's, als finge ich wieder an zu traumen, und die Fremde ist gewiss die Schwarze, die mich schlagen will." "Lacherliches Zeug!" eiferte Margarethe: "Wallrade ist Deine Schwester, Hans, und Niemand sonst. Aber eine bose Schwester ist sie, ob sie gleich ein rothes lustiges Gewand tragt. Sie will uns arm machen, dass wir betteln gehen sollen, wie der arme Hug, dem du alle Samstag seinen Heller an die Pforte bringst. Denk Dir nur! Je weniger Du sie aber leiden kannst, je weniger vermag sie uns anzuhaben." "Ich will ihr aus dem Wege gehen," versicherte der kleine Hans treuherzig: "Du musst mir auch dagegen nichts thun lassen." "Sorge nicht, mein Kind!" trostete Margarethe. "Ich will Dich huten wie meinen Augapfel. Folge nur fein meinen Geboten, und es wird alles gut gehen."

Es gieng auch alles nach ihrem Wunsche. Knabe und Stieftochter blieben einander ferne, weil sie sich nicht suchten. Diether, der, von Gatten- und Vaterliebe gleich bedrangt, in seiner unwandelbaren Gutmuthigkeit bestandig hoffte, die Misstone seines Hauses wurden sich endlich doch noch in den gewunschten Einklang auflosen, vermittelte, entschuldigte, sprach zur Suhne, wo und wie es sich nur thun liess, und erhielt auf diese Weise einen Schein von Friedlichkeit im Hauswesen, welcher bald genug die ganze Stadt tauschte, den nahen Verwandten- und Freundekreis nicht ausgenommen. Wallrade, die man geraume Zeit zu Frankfurt vergessen hatte, gewann nun neue Theilnahme durch ihr musterhaft sittsames Betragen, und durch die reuevolle Versohnlichkeit, mit welcher sie, nach Diethers jubelvoller Behauptung, den Eltern die Friedenshand gereicht hatte. Der Altburger, von den Gluckwunschen seiner Freunde geschmeichelt, schwamm in einem Meere von Entzucken, und gewahrte in seiner Herzensfreude nicht, wie zwischen Wallraden und Margarethen die Kluft immer grosser wurde, und zwischen Schwester und Bruderlein dennoch keine Annaherung sich stiften wollte. Eine Woche war also hingeschwunden, eine kurze Zeit fur Seelen, die sich lieben, eine lange fur solche, die bloss das Band verhasster Form verknupft, als Wallrade aus dem Vaterhause unmuthig und duster nach ihrer Wohnung im Einhorn zuruckkehrte. Verdrusslich beurlaubte sie den abgeschmackten Herrn, der durch eine weitlaufige Vetterschaft das Recht gewonnen hatte, ihr als Begleiter auf dem Heimwege lastig zu seyn. Verdrusslich trat sie in ihr Gemach, wo ihre Begleiterin in tiefen Gedanken versunken, am Fenster sass. "Gute Wallrade," sprach die Letztere, die Eintretende froh begrussend: "Wie freue ich mich, Dich schon so fruhe bei mir zu sehen. Mich qualen heute ganz absonderliche Grillen." "Wie so?" fragte Wallrade entgegen. "Der schone Nachmittag hat mich verlockt, mit meiner Kleinen in's Freie zu gehen;" antwortete die andre: "Wir haben die gerauschvollsten Strassen durchstrichen, und ich erging mich einmal wieder im warmen Fruhlingsschein. Meinen Kummer hatte ich mir durch Zerstreuung erleichtert; aber auf einmal wurde er verdoppelt in seiner Last. Plotzlich war mir's, als ob ich unter dem Gewuhle der Menschen meinen armen Rudolf erblickte. Du glaubst nicht, Wallrade, welchen Eindruck der grune Rock auf mich machte, den ich unfern von mir durch das Getummel schimmern sah. Wie eine aufgescheuchte Taube machte ich mir Bahn, und flog dem rustig dahineilenden nach. Rudolf! rief ich in meinem Wahn, Vater! lallte mein Madchen, als ob es meinen Schmerz theilte. Der Mann sah sich um, und ich gewahrte ein kaltes, fremdes Gesicht. O, wie hatte ich mich getauscht!"

"Und wie sehr verdientest du diese Tauschung!" erwiederte Wallrade hart: "Verbot ich Dir nicht, Dich in der Stadt zu zeigen? Ich wusste es ja wohl, dass Deine unselige Leidenschaft den Gaffern ein Schauspiel geben, und die jungen mussigen Thoren in Bewegung setzen wurde."

"Schilt mich," versetzte Frau Katharine, "aber zurne mir nicht ernstlich. Was wurde aus mir, wenn ich Deine Freundschaft einbussen sollte? Lass mich indessen erst ganzlich meine Erzahlung zu Ende bringen. Einen besondern Zufall habe ich noch zu berichten. Du kannst Dir vorstellen, in welcher Lage ich mich befand, als die Hoffnung, den Gatten zu umfangen, mir entwichen, sein Trugbild, wie ein Gespenst unter meinen Handen in Nichts zerronnen war. Mich kummerte das Anstarren der Gaffer nicht. In meinem, erst recht lebendig gewordnen Schmerze blickte ich auf zum Himmel, und druckte mein weinendes Kind heftig an die Brust, da steht plotzlich ein junger Mann vor mir, in dem ich ohne Muhe jenen Jungling erkannte, der uns, wie ich Dir schon erzahlt, zu Costnitz den rathselhaften Besuch abgestattet hat, seit welchem meines Mannes verschlossne Schwermuth anhob."

"So?" unterbrach sie Wallrade uberrascht: "jener Jungling? Doch gewiss war's abermals nur ein Truggebild Deines Gehirns."

"Nicht doch;" fuhr Katharine fort: "die wunderfreundlichen Augen des jungen Mannes habe ich mir zu gut gemerkt, sah ich ihn auch damals nur gleich wie im Fluge. Eben so freundlich blickte er nun mich an, und schien nicht weniger uberrascht zu seyn, als ich. 'Ei, Frau von der Rhon,' sprach er hierauf: 'wie kommt's, dass ich Euch hier zu Frankfurt sehe? Ihr habt sicherlich unter dem Gedrange Euern Gatten verloren. Darf ich Euch an seiner Statt nach Hause bringen? '"

"Seht doch!" spottelte Wallrade mit einer gewissen Unruhe: "wie ritterlich! Und Du gingst mit ihm, und benahmst ihm ohne Zweifel seinen Irrthum?"

"Meine Schaam liess es nicht zu;" entgegnete Katharine: "ich liess mich zwar von ihm nach Hause geleiten, konnte mich jedoch nicht uberwinden, ihm die Wahrheit zu sagen, wie angelegentlich er sich auch nach dem Herrn von der Rhon und der Ursache unsers hiesigen Aufenthalts erkundigte." Auf der Schwelle des Hauses nahm er Abschied. Da war es aber auch, wo er mir folgende bewerkenswerthe Worte sagte: "Grusst Euern Gemahl von dem Unbekannten, edle Frau, und sagt ihm, er habe keine gute Zeit gewahlt, hier zu verweilen. Sein boser Geist ist um die Wege. Er moge sich huten, ihm zu begegnen. Ich werde in den nachsten Tagen selber ihn heimsuchen, und ihm, so Gott will, die Kunde bringen, dass die Gefahr voruber." "Somit schied er, und seitdem ich zu Hause sitze, foltern mich neue Zweifel, peinigt mich verdoppelte Angst."

Wallrade schwieg eine Weile mit gerunzelter Stirne, nachsinnend und duster. "Dieser Mensch," sprach sie endlich, "ist ohne Zweifel selbst Deines Gatten Feind, oder das Werkzeug seines bosen Geistes. Hinter seinen rathselhaften Worten lauert Unheil, ich wollte darauf einen Eid ablegen. Du musst dem Fremdling ausweichen; ich will es. Ohnehin ist meines Bleibens hier nicht mehr lange."

"Nicht?" fragte Katharine angstlich in Wallraden's Augen lesend: "Du wirst doch nicht vergessen, was Du mir, Deiner Freundin gelobtest? Hieher, erfuhren wir, habe der beklagenswerthe Fluchtling sich gewendet; hier verliert sich seine Spur, dem Anscheine nach; allein Du hast mir nahere Auskunft zugesichert, durch Deines Geschlechts und Deiner Freunde vielseitige Verbindungen. Versaume nicht, fur mich zu handeln. Ich, die Verlassene ohne Verwandte, ohne Guter und Freund, vermag es ja nicht."

"Was ich gelobte, habe ich nie versaumt;" erwiederte Wallrade: "ich h a b e fur Dich gehandelt; ich habe Aufschluss erhalten auf mein beharrliches Forschen; ich m u ss Dir nun, so wehe es mir thut, mittheilen, was ich aus der reinsten Quelle geschopft; denn Deine uberspannte Sehnsucht, Deine auf's hochste gereizte Leidenschaft fur einen Treulosen, der Dich verliess, muss geheilt werden, sey es auch durch das lauternde Feuer des Grams. "

"Gott! was werde ich horen!" seufzte Katharine in banger Erwartung, die Augen starr auf das unheilverkundende Antlitz Wallraden's geheftet, welche hart und ohne Ruhrung fortfuhr, Streich auf Streich gegen das kindlich wehrlose Herz der Unglucklichen zu fuhren. "Nimmer wirst Du ferner den Schandlichen schauen;" sprach sie: "nach Frankreich ist er gezogen, um unter franzosischen oder englischen Fahnen sein Blut zu verspritzen. Nicht des Kaisers Zorn scheuchte ihn aus den Gemarken seines Vaterlands, sondern die Furcht vor der Rache Gottes und seiner Kirche. Er liegt im Bann."

"Herr des Himmels!" schrie Katharine auf: "Im Bann? Was hat der Ungluckselige gefrevelt? Was hat ihn in die ewige Verdammniss gebracht? O rede, rede Wallrade!"

"Du forderst mich auf, den grossten Jammer. Dir nicht langer zu verhehlen;" versetzte das Fraulein, "der Herr von der Rhon hat mit Gottes heiligstem Gebote seinen verfluchten Spott getrieben. Das Sakrament der Ehe, das der Herr selbst eingesetzt, hat er missbraucht, um seinen Lusten zu frohnen. Ehe er Dich zum Weibe nahm in boser Arglist, hatte ihn der Priester schon mit einer andern eingesegnet vor Gott."

"Halt ein!" rief Katharine, entsetzt auffahrend; allein die Unerbittliche vollendete demungeachtet: "Die, die er verliess, um Dich zu betrugen, schmachtet dahin in Elend und Kummer sammt ihren Kindern. Und dennoch ist sie weniger zu beklagen, als Du; denn Deine Ehe mit dem Verrather ist Sunde und Schmach; Dein Kind ist unehelich gezeugt in Schuld und Frevel."

Katharine sank mit einem dumpfen Laut vom Sessel zur Erde, und mitleidige Ohnmacht schloss ihr Auge. Aber das Mitleid stand an ihrer Seite nicht. Wallrade leistete ihr keine Hulfe, sondern lachelte tuckisch in das Ungluck, das sie angerichtet. Mit grausamem Ubermuth heftete sie die wilden Augen bald auf das arme Weib zu ihren Fussen, bald auf dessen, in weichen Kissen schlummerndes Kind. Grimmiges Rachgefuhl verzog ihr Gesicht, hob die kuhn arbeitende Brust. Die Hande schlug sie befriedigt zusammen, und murmelte hohnend zwischen den Zahnen: "Der Siegreich ist gefallen! Fast stehe ich am Ziele. Er, fluchtig wie ein Achter; s i e , losgerissen von Allem, in meiner Gewalt; sein Kind mein Opfer, wehrlos hingegeben meiner Vergeltung! So musste es kommen. Leben muss er zu seiner Qual, und wenn auch die kuhnste Verzweiflung ihn wieder zum verlassnen Herde triebe, verstohlen, um jeden Preiss seine Lieben noch einmal zu sehen, die Statte ode finden, und nicht wissen, wo sie athmen, die ihm theuer sind. Vergehen muss e r nun langsam in fruchtlosem Jammer; vergehen muss aber auch s i e an der tragen Glut fressenden Grams; und erblassen muss die Tochter in meinem Schooss, verwelken an dem Genusse des Wermuthbechers, den ich ihr reichen will vom Sonnenaufgang bis zum Abendroth. Dies zu vollbringen helfe mir das Ungluck, das so gerne feindselig des Menschen Geschick zu untergraben bereit ist! "

Die Zofe trat hier in die Stube, und bebte zuruck, da sie die erblasst dahin Gesunkene ersah. "Was solls?" fragte Wallrade. "Rudiger ist zuruck;" berichtete die Magd, ihrer Besturzung kaum Herr werdend. "Zuruck?" fragte Wallrade wiederum, und ein heller Schein uberstrahlte ihre Zuge: "Ich gehe, ihn zu sprechen. Stehe Du mittlerweile hier der Elenden bei, und bringe sie zur Ruhe. "

Mit einem hohnenden Abschiedsblick rauschte sie zur Thure hinaus, vor welcher der Knecht Rudiger wartete. Sie winkte ihm in die Seitenstube. "Sag' an Deine Mahr;" begann sie zu dem Manne. "Gesagt ist sie bald," erwiederte derselbe. "Es hat Alles seine vollige Richtigkeit. Der Knabe, von dem Ihr Kunde haben wollt, ist wirklich derjenige, wofur er ausgegeben wird." "Nicht moglich!" fiel Wallrade ein: "Du lugst!" "Ihr durft mich einen Lugner schelten;" versetzte der Breitgestirnte gleichmuthig: "Ihr seyd meine Herrschaft, und ich Euer halseigner Knecht. Aber trotz dem konnte ich zu Wiesbaden nichts anderes herausbringen. Die Frau Willhild von welcher mir Else erzahlte, da ich sie Eurem Gebote gemass, geschickt ausforschte, hat richtig Herrn Diether's Junker erzogen, und ihn verwichnen Herbst zur Stadt gebracht. Keine Seele in ihrem Wohnorte und zu Wiesbaden weiss Anderes davon zu berichten. All meine Muhe war umsonst." "Schon genug;" versetzte Wallrade: "Du bist ein Buffel, und ich werde selbst an Ort und Stelle sehen, ob Du meinen Auftrag ausgerichtet, wie ich's begehrt." "Das steht Euch frei;" entgegnete Rudiger wie oben: "aber, ob Ihr gleich der Herr seyd und ich Nichts gegen Euch vorstelle, so werdet Ihr doch finden, dass ich Recht habe."

Nachdem er sich entfernt, uberlegte Wallrade, mit Ernst und Fleiss, wie Alles sich zu ihren schnoden Zwecken fugen musse. "Diese schwule Gewitterhitze kann nicht von Bestand seyn," sprach sie zu sich selbst: "bleibe ich langer, so kommt es zur Fehde zwischen der Stiefmutter und mir. Den offnen Bruch muss ich jedoch vermeiden, bis ich ihr hart an's Leben kann. Jetzt treibt mich die Vorsicht von hinnen, denn nach dem, was Katharine sprach, ist mein Bruder angelangt, und brutet sicher in geheimer Stille Verderben gegen mich. Ihm muss ich ausweichen zu gelegner Zeit, und selbst zu Wiesbaden und an Willhild's Wohnorte die Waffen suchen, deren ich bedarf, um Margarethen zu vernichten. Denn falsch ist ihr Spiel; wie sollte i c h den Buben nicht kennen? Warum ware e r so scheu und furchtsam gewesen, da er mich nur sah? Welch ein seltsam Verhangniss ihn auch hieher, gerade in dieses Haus gefuhrt haben mag ..... ich will es benutzen. Zuerst diene er mir als Hebel zum Sturze meiner Feindin; dann erst soll auch ihn meine verzogerte Rache ereilen. Ehe ich aber die Fahrt antrete, die mir Gewissheit verschaffen soll, wo Margarethens Sohn hingekommen, muss ich noch ein Gift bereiten, das ich in Diether's Wunde streuen kann, um sie nie verharrschen zu lassen."

"Um Gottes Barmherzigkeit willen, lasst mich zu ihr!" jammerte eine flagende Stimme draussen, und Bilger's Gattin sturzte mit aufgelostem Haar und zerrutteten Gewandern zu Wallraden herein. "Ich konnte sie nicht aufhalten!" versicherte die zagend nachfolgende Zofe, da sie in Wallradens finsterm Blicke den Zorn uber die unverhoffte und unwillkommne Storung las. Verweint, bleich, mit wankenden Knien nahte sich Katharine dem Fraulein, das durch einen Wink die Dienerin entfernte; sie ergriff des Frauleins Hand und sah sie mit dem Ausdrucke unaussprechlicher Wehmuth an. "Was willst Du, Katharine von der Rhon?" fragte Wallrade hart und abgeschlossen. "Verbirg mich vor meiner eignen Schande!" schluchzte Katharine, "und nenne den unglucklichen Namen nicht, der mich einst selig machte, und nun meine ganze Zukunft vergiften wird." "Wie soll ich Dich denn also nennen, Unselige?" fragte Wallrade wie zuvor. "Hab ich denn mein Recht auf Deine Freundschaft verloren?" klagte Katharine: "An Deinem Busen fand ich Trost uber des Gatten Verlust, als er mich und sein Kind so schnode verlassen hatte: Deinem Zureden folgte ich, als ich unsers gnadigsten Kaisers Gnade von mir verwies, die fur meine Zukunft sorgen wollte. Deiner ernstlichen Zuneigung vertraute ich, als Du mich auffordertest, mit Dir zu ziehen, um des treulosen geliebten Fluchtlings Spur zu verfolgen. O, steh mir auch jetzt bei in den schwersten Stunden meines Lebens! Hilf mir in diesem Sturme meines emporten Herzens!" "Wie soll ich?" sprach Wallrade mit Kalte und unverkennbarem Widerwillen. "Werde mir nicht fremd;" fuhr Bilger's Gattin dringender fort: "zurne nicht meiner Scheu, zu glauben, was meine Seele durchschneidet wie ein Schwert. Ist es auch sichre lautre Wahrheit, was Du mir berichtet?" Wallrade richtete sich stolz in die Hohe: "Wozu diese Frage?" sagte sie mit einem Tone, der die arme unschuldige Katharine beben machte: "Ich luge nicht. Beruhigt Dich aber ein Eid mehr, als mein Wort, so schwore ich den theuersten, dass ich Wahrheit sprach." "Und wer .... wer ist die, die er zuerst umfing, um sie zu meiden fur meinen Besitz?" fragte Katharine, wie von Eiseskalte geschuttelt weiter. "Die Ungluckliche ist hier geboren, aus edelm Geschlechte stammend;" entgegnete Wallrade zogernd: "sogar nahe nahe mit mir befreundet. Ihren Namen, wie den Ort, den sie bewohnt mit ihren vaterlosen Waisen, hoffe nicht von mir zu erfahren." "O nenne mir ihn!" bat Katharine flehend, und ausser sich: "Nenne mir das Weib, nenne es!" "Mit nichten!" hohnte Wallrade: "Etwa, damit Du, die leidenschaftlichste aller Frauen, die ein lodernd Feuer unter harmlosem Antlitz birgt, die stille Zuruckgezogenheit der Armsten storen mogest durch Deine Klagen, Deine Verwunschungen?" "O, wie hart urtheilst Du von mir!" versetzte die Frau von der Rhon: "ich habe fur ihn, den falschen Verrather, den sundigen Mann keine Verwunschung, und ich sollte jener zurnen, die fruher von ihm betrogen wurde, denn ich?" "Du sprichst gut;" antwortete Wallrade gleichgultig: "nur Schade, dass Deine Rede gleissender ist, als die That es seyn wurde. Das Weib ist heftiger in seinem Hass, als der Mann selbst. Uberdies kehrst Du die Waffen gegen Dich selbst, sobald Du ruchtbar machst, dass Du den in Bann Verfallnen in verbrecherischer Ehe umschlungen. So wie Du die Sunde mit ihm theiltest, so musstest Du auch die Strafe mit ihm theilen. Gelustet's Dich, mit geschornem Haupt und nackten Fussen, die gelbe Kerze in der Hand vor der Kirchenpforte zu knien, Busse zu thun vor den Augen der Gemeinde, und jeden Vorubergehenden um Vergebung anzubetteln im Namen des barmherzigen Gottes und seiner Heiligen? Gewahrte es Dir Luft etwa, als Verfuhrerin des ruchlosen. Mannes, der, sich selbst feig der Gefahr entziehend, Dich darinnen umkommen lasst, Dein Leben in einem dumpfigen Kerker bei Wasser und Brod zu vertrauern, wahrend Dein Magdlein im Schlamm der Schande und des Mangels untergeht? Und doch waren dieses die Folgen Deiner Unbesonnenheit. Das Geschlecht der rechtmassigen Gattin von der Rhon's wurde Dich auf's grausamste verfolgen. Du wurdest unbezweifelt das Opfer seyn."

"Du entfaltest ein erbarmlich Loos vor meinem Blicke;" seufzte Katharine mit Thranen der Angst in den schonen Augen: "wohin ich sehe, droht mir Schande. Meinen Namen wage ich nicht mehr vor einem fremden Ohre auszusprechen."

"Du musst ihn auch aus der Welt tilgen;" forderte Wallrade gebieterisch: "Du darfst nicht mehr nach dem Elenden Dich nennen; nicht Dich, nicht Dein Kind: denn nur jene Erste fuhrt das Wappen derer von de Rhon mit Recht. Und nicht nur Dein Name, du selbst musst aus dem Alltagsleben verschwinden, willst Du ruhig, ungefahrdet seyn, und Reue uben ob dem Frevel, dessen Du Dich theilhaftig gemacht."

"So rede!" flehte Katharine: "Rathe! zeige mir einen Weg, der zu der Abgeschiedenheit fuhrt, die allein mir Heil bringen kann!" Wallrade schwieg hartnackig, und erst, nachdem Katharine alle Bitten der Freundschaft an sie verschwendet hatte, begann sie ernst und gemessen, wie folgt: "Gerne wurde ich Dir eine Zuflucht in meinem Hause anbieten, allein mein Gut wirft kaum meinen Unterhalt ab, und die zahlreiche Nachbarschaft, die in meinem Hofe ausund eingeht, konnte Dir gefahrlich werden. Ich mochte meine Freundschaft nicht gern mit Bann und Interdikt belohnt sehen."

"Was bleibt mir ubrig?" weinte Katharine und rang die Hande: "Meine Eltern sind schon lange todt. Zu Bilger's Freunden darf ich nicht, soll nicht das Grassliche an's Tagslicht kommen; des Kaisers Hulfe hab' ich ausgeschlagen ...."

"Mit Fug und Recht;" unterbrach sie Wallrade herrisch: "der Kaiser ist ein Meister in der Kunst, schwache Weiber zu bethoren. Du weisst, auf welche Weise er meine unschuldige Freundschaft fast vergolten hatte. Welch ein Schicksal, als seine Buhlerin angesehen, und in der Folge von dem wankelmuthigen Lustling in's Elend gestossen zu werden! Ich wurde es vorziehen, den weissen Stab zur Hand zu nehmen, und von der Mildthatigkeit meiner Nebenmenschen die Fristung meines Lebens zu heischen."

"Das ist auch das Einzige, das mir bescheert ist, guter Gott!" seufzte die arme Katharine: "Bilger war nicht reich. Das Wenige, das er vor seiner Flucht gewonnen hatte, und zuruckliess, wird bald zerronnen seyn, und dann, wie Gott will! Die Freundin stosst mich von sich .... was darf ich von fremden Menschen hoffen?" Sie wankte zur Thure. Mit dem Ausdruck falschen Mitleids rief sie Wallrade zuruck. "Hore mich;" sprach die Letztere so gleissend, als sie vermochte: "will ich denn Dein Ungluck? Zweifelst Du denn an meinem herzlichen Bedauern? Vernimm meinen Rath. Er wird Dich von der Reinheit meiner Gedanken, wie von meiner aufrichtigen Sorge fur Dein Seelenheil, das Du gewissermassen verwirkt hast durch Deine Verbindung mit dem Sunder, uberzeugen. Wahr ist's: der Menschen Satzung spricht ein hart und grausam Urtheil uber das Verbrechen, dessen Theilnehmerin Du unlaugbar gewesen: darum weiche dem Schwert irdischer Gerechtigkeit aus. Wohin konntest Du aber vertrauensvoller fliehen, als unter den Schirm Gottes, der die ewige Barmherzigkeit ist, und den Tod des Sunders nicht will? Wirf Dich in die Arme des Erlosers! Vertraue, folge mir, und ich fuhre Dich an seine Brust, welche ihr kostbares Blut vergossen hat, um uns rein zu waschen von jedem Frevel. Die Oberin des Stifts der weissen Frauen ist mir hold, und wurde auf meine Verwendung Dich gerne unter die Zahl der Reuerinnen aufnehmen. Hinter jenen uralten Mauern bist Du sicher. Todt ist dort jedes ausserhalb begangene Vergehen; Busse und Versohnung wohnen in dem Schoosse jener ehrwurdigen Schwesterschaft. Durch Arbeit und Gebet wirst Du die verlorne Zufriedenheit wieder gewinnen, den sundlichen Namen, den Du tragst, vertauschen mit einem neuen gottgefalligen, und die Krone der ewigen Seligkeit erringen!" Katharine, bleich wie ein Marmorbild, starrte Wallraden unbeweglich an. Die Augen waren ohne Thranen, obschon ein bittrer Schmerz aus ihnen leuchtete. Lange konnte sie kein Wort der Erwiederung finden. Endlich offnete sich der blasse Mund. "Wallrade!" klagte die Gequalte: "Du forderst mich auf, lebendig in's Grub zu steigen? O, wie oft horte ich, dass hinter Klostermauern der Friede nicht wohnt! Dort soll ich des Lebens Bluthe verwelken sehen? Ich bin ja noch so jung, Wallrade, ich habe kaum die Welt geschaut, und soll sie schon vergessen in dumpfiger Zelle? Du begehrst das Schwerste, das ich kaum gewahren konnte!"

"Wie's Euch beliebt;" antwortete Wallrade kalt: "mein Rath war redlich, Katharine; dass ihr ihn nicht befolgt, mochte Euch zu spat gereuen. Mich kummert zwar Euer Loos nicht im mindesten. Wollet mir jedoch die Liebe thun, mein Haus stracks zu meiden. Ich lebe nicht gern mit Fluch und Bann unter einem Dache."

Die grausame Rede schuttelte Katharinens schwaches Widerstreben zu Staub. Ein Strom von Thranen presste sich unter den Wimpern der Leidenden hervor, die wie verzweifelnd sich zu Wallradens Fussen warf. "O Wallrade!" jammerte sie: "Bin ich denn so ganz dem Bosen verfallen in Deinen Augen, dass Du mich unerbittlicher von Dir stossest, als es ein Heide thun wurde! Ach, Wallrade! hat jemals Dein Mund wahrgesprochen, als er mich Freundin nannte, so jage mich nicht von dannen, wie den gehetzten Hirsch! Hast Du nicht Mitleid mit mir weil ich eine grosse Sunderin bin, so habe doch Erbarmen mit meinem unschuldigen Wurmlein, das nicht entgelten soll die Frevel seiner Erzeuger. Weise uns nicht hinaus in das wilde feindliche Treiben, das uns verschlingen wurde! Ich habe nie gelernt, allein zu wandeln die Bahn des Lebens, .... wie soll ich es jetzt beginnen, da mir alle Stutzen brachen? .. mit ihnen mein Muth?"

"Du fuhlst es also," zurnte Wallrade, "Du fuhlst es, dass der Strudel der Welt Dich hinabziehen wurde, und zogerst noch, in den sichern Hafen zu schiffen? Du bist Dir bewusst, schwacher zu seyn als ein Kind, und straubst Dich, nach dem treusten Stab, nach dem Kreuze zu fassen? Thorichte, in Sunde und eitle Sinnenlust Verstrickte! Ich sollte Dich vergehen lassen im Verderben, .... aber noch einmal wendet sich Dir mein Herz zu. Gelobe, ehe es zu spat wird, meinem Willen zu gehorsamen. Rette Dich zu den weissen Frauen. Streng ist ihre Regel, aber herrlich und suss die Zukunft, die sie durch dieselbe erkaufen. Nicht Deine Strafe allein wendest Du vom schuldbewussten Haupte ab .... auch Deines verbrecherischen Buhlen Pein kannst du mildern, ihm ein sanfteres Loos in jener Welt erwirken! ...."

"O, welch einen Gedanken fachst Du in meinem Gehirn an!" versetzte Katharine, erhoben durch die Vorspiegelung der Falschen: "Wenn mich e i n e Ursache bestimmt, e i n Verlagen, so ist es der Wunsch, das Begehren, ihm, der mich elend machte, durch Wohlthat und Liebe zu vergelten! Ja, ja! ich folge Dir unbedingt s e i n Seelenheil zu retten! Aber ... fugte sie erschuttert und schmerzlich hinzu: Aber ... mein Gott! das zerreisst mein Herz! ... was wird aus meinem Kinde?"

"Deine Demuth, Deinen Gehorsam belohnt der Herr auf der Stelle!" sprach Wallrade prunkend: "Deine Tochter sey die Meine. Nie werde ich mich vermahlen, und in Deinem Kinde die Mutterfreuden kennen lernen, die ich nicht durch die Umarmung eines Mannes erkaufen mochte. Von Zeit zu Zeit bringe ich Dir das Magdlein in deine Abgeschiedenheit, um es zu kussen, um es zu segnen, und zu sehen, wie mild und gut ich's mit Dir meine."

Mit der Wonne hochster Dankbarkeit umschlang Katharine Wallraden. "Du bist eine Heilige!" jubelte die arme Mutter: "An Deine hohe Tugend reichen meine Sinne nicht! Noch vor wenig Augenblicken sah ich eine Feindin in Dir, und nun zwingst Du mich, als meine grosste Wohlthaterin Dich zu verehren!"

Wallrade, welcher der herzzerreissende Auftritt, trotz der Siegesfreude, die ihr daraus erwuchs, zu lange dauerte, beeilte sich, ihm rasch und durchgreifend ein Ende zu machen. Sie versicherte unter den kraftigsten Betheuerungen der Armsten ihre unwandelbare Zuneigung, ermahnte sie, dem muhsam abgerungenen Vorsatze treu zu bleiben, und versprach ihr zum folgenden Tag die Einfuhrung in das Kloster der weissen Frauen, woselbst unter ihrer Vermittlung die Aufnahme vorbereitet werden sollte. Hierauf redete sie ihr zu, das Lager zu suchen, um durch Ruhe den Sturm ihres Gemuths zu beschwichtigen, und uberliess sich, nach Katharinens Entfernung, einem tiefen Nachdenken, dessen Ergebnisse am nachsten Morgen sich offenbaren sollten.

Zweites Kapitel.

Reichthum heisst nicht, Gold und Silber zu besit

zen, sondern was man liebt.

Serbisches Lied.

Frau Margarethe stand umwolkten Blicks vor dem Kastchen, in welchem auf schwarzem Sammtgrunde die goldne Kette lag, womit ihr Gemahl sie zur Feier ihres heutigen Geburtstages bedacht hatte. Sie hatte mit sich selber grollen mogen, die Beschenkte. Herr Diether hatte so herzliche Worte der Liebe zu ihr gesprochen, und trotz ihrem aufrichtigen Bemuhen, solcher Liebe wurdig zu seyn, konnte sie kein ahnlich Gefuhl in ihrer Brust hervorzaubern. Ehrfurcht und Sorgfalt, den greisen Mann zu rachen, fand sie ihre Seele bereit, aber jene Empfindung, die so zart bewegt, so sanft erwarmt, so selig begluckt, war und blieb ihr fremd. In der prachtvollen Kette, diesem Zeichen von Diether's liebevollem Wohlgefallen, sah sie nicht den Schmuck sondern nur die neue Fessel. Eine befriedigende Selbsttauschung hatte sie bis jetzt verblendet, und errothend, widerstrebend musste sie sich gestehen, dass sie sich betrogen, dass sie fur Diether nur ein Herz habe, kalt wie das Metall, aus welchem das vorliegende Festgeschmeide gefertigt. "Wie sich hin: "Ich mochte gerne redlich meine Pflicht erfullen, wie es meines Eheherrn fromme Gute verdient, und dennoch meinem Willen zuwieder kommt mir wie Heuchelei vor, was ich thue und rede. Ach! hatte doch mindestens der Himmel meinen Johann erhalten; .... ich konnte alsdann in Diether den Vater meines Kindes lieben! Aber das Ungluck war nicht abzuwenden, ... nur zu v e r d o p p e l n durch eine verratherische Luge ..." setzte sie leise und unmuthig hinzu.

Rasch warf sie den Deckel des Kastchens zu, und wollte dasselbe in ihre Spinde schieden, aber mit Staunen bemerkte sie nun, dass sie nicht allein gewesen. Der Schultheiss, ein schongewachsener in den funfziger Jahren noch stattlich aussehender Mann, dessen Gestalt ein geschmackvoller. Anzug noch erhob, war, ohne von Margarethe gehort worden zu seyn, in das Closett getreten. Diether's Gattin verneigte sich besturzt, suchte in den Augen des edlen Herrn zu lesen, ob er etwa vernommen, was beinahe unwillkurlich ihren Lippen entwischte, ersah jedoch zu ihrem Vergnugen nichts anders darin, als nur den freundlichen Gruss eines so eben uber die Schwelle Schreitenden. Der Schultheiss, ein Mann von Sitte und Geschmeidigkeit, zogerte nicht, der sichtbaren Verlegenheit Margarethens hulfreich entgegen zu kommen, und fragte bescheiden und angelegentlich nach dem Schoffen. Margarethe berichtete ihm, ihr Gatte sey nach dem Garten gewandelt, um uber die Anpflanzung desselben Befehle zu ertheilen. Der Schultheiss lachelte fein. "Freund Diether," sprach er, "scheint Blumlein und Fruchte zu lieben; er ist eifersuchtig, auf sein Eigenthum, und entzieht aller Welt dessen Genuss. Die schonste Blume seiner Garten lasst er in Einsamkeit vertrauern, statt dann und wann die Zahl anderer Verehrer durch ihren Anblick zu erfreuen." Margarethe, deren Scharfsinn gar leicht die Bedeutung der sinnbildlichen Rede errieth, antwortete durch das Roth auf ihren Wangen, und duldete es, dass der Schultheiss betonender fortfuhr: "Wir haben Euch so lange nicht in unsrer Mitte gesehen, ehrsame Frau. Die weitberuhmte und herrliche Gesellschaft auf Limpurg1 hat ihren Reiz und Glanz verloren, seitdem sie Euch nicht mehr zu ihren Gasten zahlt. Wahrlich, ich werde am Ende von meinem Stubenmeisterrecht Gebrauch machen mussen, um den saumigen Gesellen Diether Frosch zur Ordnung und zur Pflicht anzuhalten. Nicht umsonst heisst Limpurgs Banner- und Wahlspruch: Zucht und Ehren soll man mehren, und Freud nicht wehren. Aber Euer Eheherr wehrt unsrer Freude, indem er uns Eure Holdseligkeit versagt." Margarethe erwiederte hierauf besonnen und milde, dass der Schultheiss zu strenge ihrem Herrn zur Last lege, was am Ende sie nur allein verschuldet; dass die Einsamkeit des Hauses ihr besser zusage, als die Festlichkeiten Limpurgs; dass sie desshalb freiwillig in denselben verbleibe, besonders seit ihr Sohnlein wiederum gesundet nach der Stadt gekehrt. Der Schultheiss schuttelte am Schlusse dieser Entschuldigung leicht, aber dennoch bedeutend mit dem Haupte. "Es mag seyn," sprach er, "dass die Liebe zu dem Kinde eines g e l i e b t e n Mannes in einer Frauenseele alles Ubrige verdrangt. Ich, der Hagestolz, habe nie Gelegenheit gehabt, mich davon genau zu unterrichten. Aber all' Eure geschickten Ausfluchte, reichen nicht hin, um mich von deren Wahrhaftigkeit zu uberzeugen. Wo Eifersucht ist, ehrsame Frau, da ist auch Zwang; und eifersuchtig ist Diether im hochsten Grade, so sehr Ihr Euch bemuht, ihn zu entschuldigen. Wer weiss, ob ich's nicht auch an seiner Stelle ware. Je strahlender der Edelstein, je naher der Dieb. Dem sey nun aber, wie es wolle," fugte er mit zierlicher Verbeugung hinzu: "Der Glucklichste auf Erden wurde ich seyn, wolltet ihr mir vergonnen, Euch in Eurer Einsamkeit die Huldigung darzubringen, die Ihr von der Menge verschmaht; wolltet ihr diese goldne Rose gutig empfangen, die ich Euch an dem Tage uberreiche, der Euch gebar. Sie sollte von Juwelen gebildet seyn, ware ich ein Furst; ein einfach Maienroslein, war ich noch ein Jungling, dessen Rosenwangen seiner schlichten Gabe das Wort reden konnten."

Er hielt der staunenden Altburgerin die kostbar gearbeitete Goldblume mit sussem Lacheln und hofmannischer Geberde hin, und stutzte uber die Massen, als Margarethe das Geschenk mit zierlichen, aber klaren und bestimmten Worten zuruckwies. "Seyd nicht ob meinem Thun beleidigt, Herr Ritter;" endigte sie: "Wie durfte ich von Eurer Hand ein Geschenk empfangen, das ich nimmer erwiedern konnte. Die Sitte, und meine Pflicht gegen Diether verbinden mich, diese Rose auszuschlagen, welches auch ihre Deutung sey, und welche, ohne Zweifel untadelhafte, Absicht Ihr bei ihrer Uberreichung haben mogt."

"Das ist eine harte Weigerung;" antwortete der Schultheiss, mit dem Ausdruck gekrankter Eitelkeit: "es kann Euch ja schon langst kein Geheimniss mehr seyn, schone Frau, welche Gefuhle ich fur Euch hege. Schon langst sehnte ich mich nach einem Anlass, ihnen Worte zu leihen. Heute, an dem schonsten Feiertage, der fur mich vorhanden, finde ich diese Gelegenheit, und Grausamkeit wird der Lohn meiner redlichen Empfindung? Bedenkt, holdeste der Frauen, dass Ihr durch Eure Weigerung die Rose nicht allein verwerft."

"Bedenkt, edler Herr," erwiederte Margarethe, gereizt durch den drohenden Ernst, der in des Schultheissen letzten Worten zu liegen schien, "bedenkt, dass ich ein verehlicht Weib bin, das solcher Zweisprache fuglich entbehren kann; k a n n und m u ss ."

"Ihr verbergt Euch hinter dem Bollwerke der Pflicht;" redete der Schultheiss bitter: "eine bessre Burg gibt es nicht fur sprode Frauen. Waren aber vielleicht nur meine Jahre der Feind, dessen Sturm Ihr so muthvoll abschlagt? Ihr musst mir schon vergeben, ehrsame Frau, wenn ich in Eurem Hause umsonst nach dem Talisman forsche, der Euch unverletzbar macht."

"Seht ihn hier;" rief Margarethe, da gerade der kleine Hans in die Stube sprang, und in ihre Arme eilte: "seht ihn hier, und zurnt meiner nicht, gestrenger Herr!"

Der Schultheiss verbarg seinen Unmuth uber die zur Unzeit eingetretne Storung hinter der Maske wehmuthsvoller Freundlichkeit. Er verbeugte sich mit einem vielsagenden Blick, und streichelte, der Mutter zu gefallen, des Knaben bluhende Wange. "Du liebst wohl Deine Mutter sehr?" fragte er den Kleinen.

"Uber Alles lieb' ich sie!" versicherte der Letztere mit strahlendem Auge. "Du Glucklicher!" seufzte der Ritter, verstohlen Margarethens Antlitz hutend: "Du darfst es; Dir gewahrt sie Alles. Wie ist's aber mit Deinem Vater? Liebst Du ihn gleich Deiner Mutter?"

Margarethe warf einen der unbescheidnen Frage zurnenden Blick auf den Schultheiss, und wollte dem Knaben den Mund verschliessen, aber schon war die Antwort heraus:

"Ich habe keinen Vater!" rief der kleine Hans, von alten Erinnerungen erregt, und in dem Ubermuth seiner Anhanglichkeit fur Margarethen. "Abscheulicher Bube!" zurnte diese: "Noch einmal diese Antwort, und" .... "Lasst ihn doch;" meinte der Schultheiss lachelnd: "der Knabe sagte zu viel; das ist aber die Art seines Alters. Desshalb weiss man doch, woran man zu glauben hat." "Herr Schultheiss!" unterbrach ihn Margarethe heftig. Er liess sie indessen nicht ausreden, faltete des Knaben Hande, und sagte ihm die Worte vor: "Bitte Deine Mutter, Knabe, sie moge mir um Deinetwillen vergeben, und mir nicht ferner zurnen." Der kleine Hans liess sich gern zur Furbitte gebrauchen, und seine kindliche Unbefangenheit und Drolligkeit zauberte sogar auf Margarethens Lippen ein leichtes Lacheln.

"Man soll am Feste der Geburt nicht bose seyn, will ein alter Sittenspruch;" sagte sie, dem Schultheiss schnell versohnt die Hand reichend, die er zartlich druckte; "Man hat sonst Galle das ganze Jahr hindurch. Ihr musst mir dafur geloben, nicht wieder so freventlich zu reden, wie es sich zu Euerm Amt und Alter gewisslich nicht ziemt." Der Schultheiss nickte gehorsam, obgleich verdustert durch die Erwahnung seines Alters. "Und als endliche Bedingung meiner volligen Vergebung," setzte Margarethe erheiterter hinzu: "verlange ich von Euch die Gewahrung einer geringen Bitte." "Sprecht, Frau Minne!" antwortete ihr der Schultheiss neugierig und lachelnd. "Es ware mir beinahe entfallen," fuhr Diether's Gattin immer unbefangner fort, "dass mir heute das Heil wiederfuhr, zur Furbitterin in einer Sache aufgefordert zu werden, die gewiss so geringfugig ist, dass sie kaum der Rede lohnt, mit der ich Euer Ohr belastige. Ein arm Geschopf mit einem Worte, ein schlecht Judendirnlein kam heut weinend und schreiend hergerannt, und flehte mich im Namen des Himmels und der Erde an, durch irgend einen guten Freund zu bewirken, dass ihr Vater, und wenn ich recht horte, auch ihr Grossvater losgelassen wurden, die schon seit einiger Zeit im Kerker schmachten. Die Ursache ihrer Haft, schwort die Dirne, nicht zu wissen; aber ich bilde mir wohl selbst ein, dass der Handel von wenig Belang seyn wird. Dergleichen Plackereien sind so haufig, dass Hebraer, um kleinen Vorwands willen, in den Thurm wandern mussen, um dann an ihrer Habe gebusst zu werden. Es ist auch ein schlecht Volk, das solchen Zwang verdient, weit es den Heiland kreuzigte. Ich dachte dennoch, dass bei Esther's Vater eine Ausnahme gar wohl zu machen ware. Er ist ein eifriger Mann; keiner der unredlichsten, und ich kenne ihn aus manchem Kaufgewerbe, das ihn in mein Haus gefuhrt. Ich mochte gerne dem Armen loshelfen, wenn es moglich ware, und da der Zufall .... oder n i c h t der Zufall, es gewollt, dass Ihr, gestrenger Herr, mir Eurer Einkehr Ehre schenktet, so richte ich an Euch die Bitte, beim Oberstrichter ein gewichtig Wort zu reden, dass der Jude bald wieder den Weg aus dem Gefangnisse finde, und nicht zu hart an seinem Gelde gebrandschatzt werde." "Man konnte das Gezucht beneiden um die Theilnahme, die Eure Purpurlippen fur dasselbe aussprechen;" antwortete der Schultheiss nicht ohne widrige Anregung: "Ich mische mich sonst nie in des Richters Verfahren; indessen, wo Euch, edle Frau, ein Dienst geleistet werden kann, mache ich gerne eine Ausnahme. Wie nennt sich der hebraische Hund?" "Ben David ist's," erwiederte Margarethe: "der reichste .... zum mindesten der angesehnste aus der Judengasse." Aber schon war des Schultheissen Stirne streng gerunzelt, schon hatten sich seine Augenbraunen dicht zusammengezogen, und finster schuttelte er das Haupt. "Ist's d e r ?" fragte er mit Harte: "Dann lasst mich aus dem Spiele, edle Frau. Ich rette den Burschen nicht." "Nicht?" entgegnete Margarethe staunend: "Hat denn der Mann so Grassliches begangen?" "Aus Eurer Frage vernimmt man, dass Euch sein Verbrechen wirklich noch unbekannt;" versetzte der Schultheiss heftig: "welche Mutter konnte gleichgultig dabei bleiben?" "O erzahlt;" verlangte Margarethe, mit boser Ahnung kampfend: "Erzahlt ... eine Mutter, sagt Ihr ...?" "Nu ja doch;" erlauterte der Schultheiss: "konnt Ihr Euch Abscheulicheres denken? Die Hunde haben ein Christenkind, einen Knaben, seiner Mutter gestohlen, oder um schnoden Sold vielleicht ....."

Margarethe horte nichts weiter, denn, in unbeschreiblicher Angst, den kleinen Johann an sich reissend wie einen gefahrdeten Sohn, ... dann ihn wieder von sich stossend, wie einen verhassten Fremdling .... sank sie bewusstlos mit dem Haupte vor sich hin auf den Tisch. Entsetzt schrie der kleine Hans auf; der Schultheiss sprang hinzu, um der Ohnmachtigen beizustehen. Die Angst des Liebenden half ihm in dem ungewohnten Geschafte. Mit Wasser benetzte er die Schlafe Margarethens; Kusse druckte er auf ihren bleichen, nicht widerstrebenden Mund, und so geschah es, dass sie bald aus der schweren Bewusstlosigkeit erwachte. Beinahe hatte sie aber zum Zweitenmale die Augen im Todeskampfe geschlossen, denn sie sah sich in des zudringlichen Bewerbers Armen, und zu der gegenuberliegenden Thure traten eben unvermuthet und rasch Diether und Wallrade ein.

Besturzung und Uberraschung lagen auf jedem Angesichte; eine frohe Betroffenheit jedoch nur auf Wallradens. Diether nahm eine so ernste Stellung an, dass selbst der Schultheiss, ein gewandter Mann, und Meister seiner Bewegungen, nur nach wiederholten misslungnen Versuchen, den Faden finden konnte, den Grund der befremdenden Lage, in der er uberrascht worden, namlich Margarethens plotzliche Ohnmacht anzugeben. Kalt und finster nahm Diether diese Erklarung auf, und peinigte, wahrend Wallrade mit erheuchelter Theilnahme sich um seine Gattin beschaftigte, den unwillkommnen Vorgesetzten mit einer Formlichkeit, die demselben bald lastig genug fiel, um sich ziemlich verlegen zu entfernen. Die Schlange in des Altburgers Brust fing wieder an zu nagen, und Wallradens Schadenfreude streute ihr Futter. Denn als Diether benagten Herzens, auf wankenden Fussen von der Hauspforte, zu welcher er den Schultheiss geleitet hatte, zuruckkehrte nach der Wohnstube, wo eben Margarethe, deren Schwache einem wunderlich gereizten Zustand gewichen war, in einem Strom von Thranen sich ausweinte, winkte ihm Wallrade mit dem zwinkernden Auge, ein Tuch zu luften, das, den Handen der Altburgerin entsunken, auf dem Tische lag. Im Vorubergehen that Diether nach der Verraterin Begehr, und enthullte die goldne Rose, die der Schultheiss in dem angstlichen Drangen der letzten Augenblicke vergessen hatte, mit sich zu nehmen. Diether's bittres Lachen schreckte die Weinende auf, und uber ihre bleiche Wange fuhr die Gluth neuer Beschamung, da sie der ungluckseligen Gabe gewahr wurde, die ihr Gatte in der Hand hielt.

Zu Eis wurde sie, obgleich unschuldig, da sie aus seinem Munde die Worte horen musste: "Gluck zu, tugendsame Hausfrau, Ihr beruhmt Euch hoher Gunst. Ihr habt Euch den stattlichsten Freund gewahlt, von besserer Geburt obendrein, als Euer Griesgram von Ehewirth; sinniger und zierlicher nebenbei in seinen Gaben, denn, wo der Gemahl die lastige Kette bietet, opfert der Buhle das lockende Roslein eines goldnen Maien. O, leicht durfte fur ihn der heutige Tag zum Rosensonntag geworden seyn! Dem Graukopf gehort Wermuth, bis er zur Grube fahrt." "Ihr seyd ungerecht, lieber Herr;" erwiederte Margarethe, matt und erschopft: "Diese Rose ist nicht mein. Falsch ist Euer Wahn." "Falsch?" lachte Diether grimmig: "So falsch etwa, als Eure Ohnmacht? Am Busen des willkommnen Trosters hat Euch der Sinnentaumel ubermannt. Vor Wonne wart ihr ausser Euch. Nichts weiter. Woher sonst dieser Magdalenenblick, woher die sundige Scheu, die noch jetzt Eure Zuge peinigt? Zehnfache Schaam moge Euch foltern, da Ihr in dieses Knaben Gegenwart sogar Eurer heiligsten Pflichten vergessen konntet." Stumm, ohne eine Sylbe zu finden, wand die Altburgerin die Hande. Wallrade wollte den Augenblick benutzen, um des Knaben, den sie schon eine lange Weile mit gluhenden Blicken gemessen hatte, sich zu bemeistern.

"Komm, Kleiner," sagte sie zu ihm, seine Hand ergreifend: "komm, lass uns gehen. Wenn die Eltern hadern, muss der Bube vor der Thure stehen!" Der Knabe wehrte sich aber wie ein ungeberdig Pferd gegen sie, riss seine Hand aus der Ihrigen, und floh mit Lauten der Angst zu Margarethens Knieen. "Lasst mich!" schrie er: "Ich darf nicht mit Dir gehen, ... ich darf nicht mit Dir reden .... Mutterlein hat's verboten!"

"Hort Ihr, Vater?" fragte Wallrade tuckisch: "Hort Ihr, wie Euer Weib den Hass zwischen Geschwister pflanzt?" Noch einmal wollte sie den Knaben mit sich von bannen ziehen, aber noch einmal mit verdoppelter Angst vertheidigte sich derselbe. "Lass mich!" kreischte er: "Du willst uns arm machen", .... ich soll betteln gehen, .... lass mich ... "Du bist die Schwarze, wenn du schon ein roth Joplein tragst ...!"

Wallrade erbleichte plotzlich, und machte eine Geberde, als wollte sie durch einen Schlag den Jungen zum Schweigen bringen; aber er kreischte noch heftiger, und reizte die erschopfte Margarethe auf, dass sie empor sprang, und wie eine zurnende Lowin der verstummenden Wallrade sich entgegenstellte. "Wage es Boshafte!" schrie sie: "Wage es, dies Kind zu der beruhren, und das Tageslicht sahest Du zum letztenmale!" "Weib, was ficht Dich an!" rief Diether, zwischen die Frauen sich werfend: "Kennst Du Deines Mannes Tochter nicht mehr? Und Du, Wallrade, was deuten die seltsamen Reden des Knaben?" Diese Frage loste das Zauberband, das Wallradens Zunge bisher gefangen gehalten. "Was werden sie deuten?" sprudelte sie heftig heraus: "was werden sie deuten, diese Reden eines mit Fleiss eingewurzelten Hasses? Euer Weib wird mich dem Buben als einen Teufel, einen schwarzen bosen Geist geschildert haben, und also sieht mich auch des Knaben verrucktes Hirn!"

"Pfui Wallrade!" erwiederte Diether mit strengem Vorwurf: "Fast mocht' ich selbst Dich einen unsaubern Geist schelten, da Du Deinen Bruder, meinen geliebten Sohn sinnverwirrt und hirnverruckt schelten magst. Das ist sundlich Zungenspiel, das nimmer aus gutem Herzen kommt. Denn, wie Gott dem Knaben gerade Glieder schenkte, so gab er ihm auch volligen Verstand, und nur ein Hexenweib kann solchen gotteslasterlichen Ausdrucks sich bedienen!" Wallrade zuckte mitleidig lachelnd die Achseln. Margarethe erwiederte jedoch auf Diethers Rede: "Das Kind vertheidigt Ihr; den Leumund der Gattin gebt Ihr aber unbedacht der bosen Zunge einer neidischen Erbschleicherin Preis." "Meines Korpers Schwache verhinderte mich, Eure ungerechten Beschuldigungen, wie sie's verdienen, zu beantworten. Jetzt habe ich aber meine Starke, und mein Bewusstseyn wiedergefunden, und sage Euch: Unwahr ist, was Euer Argwohn und die Einflusterungen dieser bosartigen Maid Euch vorgespiegelt. Dies Kleinod mogt Ihr darum dem Schultheiss wieder zustellen, und von ihm selbst zu Eurer Beschamung erfahren, wie es sich damit verhalt." Sie wollte hinauseilen, Diether hielt sie jedoch zuruck, und sprach mit weicher Stimme: "Gott weiss, Margarethe, wie schmerzlich mir's ware, Euch Unrecht zuzufugen. Ich will ja gerne glauben, dass Ihr rein seyd, wie der Schnee des Gebirgs; ich will ja zugeben, dass ein neidisch Auge durch einen bosen Blick den Unfrieden in unsre Wirthschaft bannte; lasst uns darum, dem Teufel zum Trotz, Frieden halten. Die Hande lasst uns verschranken, dass an diesem Feiertage unsers Hauses der unselige Zauber seine Kraft verliere." Schmeichelnd bemachtigte er sich der rechten Hand Margarethens, die wie ein zagender aber versohnlicher Engel nach ihm heruberblickte. "Mochtet Ihr doch diese Hand auch Wallraden reichen;" fuhr er, zum Vermittler werdend, fort: "zum Abschiede;" setzte er schnell hinzu, da Margarethe finster das Haupt schuttelte: "zum Abschiede; denn sie besteht darauf, Morgen mit dem Fruhesten Frankfurt zu vertauschen mit ihrem eignen Besitzthum. Das Fraulein thue, wie ihr's gefallt;" versetzte Margarethe, kein Auge nach Wallraden kehrend, die den Rucken gegen das Zimmer und die Sprechenden gewendet, durchs Fenster sah: "Es hat verschmaht, meine Freundin zu werden, und fahre wohl. Ich verschmahe, einen Handschlag zu geben, der nicht von Herzen kommt, und hochstens nur das Behagen ausdrucken konnte, Wallraden Abschied nehmen zu sehen."

"Starrsinnige Weiber!" sagte Diether verlegen, wie er sich zu benehmen habe, um nicht der Tochter, nicht der Gattin allzuwehe zu thun: "Nur Eure Eitelkeit straubt sich gegen eine Nachgiebigkeit, die in Euern Herzen einheimisch ist."

"Ich gebe das Beispiel der Nachgiebigkeit;" antwortete Margarethe kalt: "denn ich gehe, und raume Eurer Tochter das Feld. Ich wurde ein storender Zeuge Euers Abschieds seyn, und entferne mich daher. Auch beim Imbiss, fur den ich Sorge tragen werde, soll meine Gegenwart nicht beschwerlich fallen." "Loblich von Euch;" versetzte Wallrade in gleichem Tone, und ohne ihre Stellung zu verandern: "ich uberhebe euch jedoch dieses Zwangs; denn ich finde heute noch an dem Tische der frommen Waldburga im Stift der Reuerinnen meinen Platz." "Desto besser;" schloss Margarethe das wunderliche Gesprach: "die Reue gonne ich Euch von Herzen."

Hierauf verschwand sie schnell und fuhrte den Kleinen mit sich hinweg. Diether, sah ihr lange beklommen nach, stand eine Weile sinnend da, und verbarg alsdann grollend mit sich selbst die goldne Rose, welche noch auf dem Tische lag, in eine Lade des Schreins. Wahrend er noch, wie ein Traumender, die Hand am Schlussel hielt, drehte sich Wallrade rasch um, naherte sich ihm, legte ihre Rechte auf seine Schulter, und sprach mit Scharfe und greller Betonung: "Gott starke Euch, mein Vater. Ich werde ferne seyn, und die Zeit Eurer Prufung erst beginnen." "Ei, welche Gedanken!" entgegnete Diether, mit Muhe die Unruhe verbergend, die von der bosen Prophezeihung in seiner Seele wieder erzeugt wurde. "Friede im Haus ist ein gut Kissen;" sprach Wallrade weiter: "Unfriede zwischen Eheleuten hingegen ein Stachel, dem jeder Tag an Scharfe zulegt. Ihr werdet wahnen, der Unfriede ziehe mit mir von dannen, aber weit gefehlt. Die Warnerin geht von Euch; das Unheil bleibt." "Du bist ungerecht und grausam zugleich;" ausserte Diether: "Du verunglimpfst mein Weib, und uberlassest mich doch dem bosen Geschick, das Du voraussagst." "Mein Maierhof fordert seine Gebieterin," erwiederte Wallrade hingeworfen: "die Felder sollen bestellt werden, ..... in Euerm Hause ist das Feld schon vom bosen Samann bestellt. Ich thue Euch und mir eine Liebe, wenn ich gehe." "O Du hartherzige Tochter!" versetzte Diether schmerzlich: "Also belohnst Du meine Zartlichkeit. Ich dachte Alles wieder in's alte Gleis der Sitte zu bringen, Dir das Erbtheil zuzuwenden, dem Du freiwillig entsagst ......" "Gebt mir's vor Euerm Tode," spottete Wallrade, "damit ich Euch ernahren konne, wenn Euer Weib und Eure Sohne Euch verlassen. Im Ernste aber; lasst uns Abschied nehmen. In dem Hause wo man mich einen hollischen Geist, eine Erbschleicherin nennt, weile ich nicht mit Freuden. Lasst uns Lebewohl sagen. Mein Platz im Hause wird bald durch einen willkommnern Gast besetzt seyn." "Boses Kind," antwortete Diether: "Warst Du nicht der Willkommenste?" "Vielleicht fur Euch;" lachte Wallrade giftig: "Fur Euer Weib ist wahrlich und gewisslich Dagobert der Willkommnere." "Was sprichst Du da, Argwohnische!" rief Diether: "Und wie kame denn Dagobert, der Pflichtvergessene, hieher zu uns, die er meidet?" "Er ist schon hier, seit mehreren Tagen hier;" erlauterte Wallrade: "so seltsam es Euern Ohren klingen mag, so wahr ist's doch. Ein wackerer Sohn, der Tage lang in derselben Stadt athmet, in der sein Vater wohnt, und des Vaters Angesicht scheutet! Vielleicht furchtet er auch nur m e i n e Gegenwart; vielleicht bewegt ihn auch ein wichtigerer Grund, E u e r Auge zu meiden." "Ich weiss kaum, was Du sprichst," betheuerte Diether: "Mir wirbelts vor den Sinnen. Dagobert kommt, da Du gehst? Er thut sehr wohl daran;" lachelte das Fraulein: "Ich will auch als ein freundlich Schwesterlein des Bruders Vergnugen nicht hemmen. Lebt wohl, Vater, und wird es euch zu eng in Frankfurt, so kommt auf Baldengrun. Willkommen seyd Ihr da, erscheint Ihr allein, ohne Euer zweites Weib." "Unversohnliche!" sprach Diether mit uberstromenden Augen, indem er Wallraden wehmuthig an sich druckte: "Den K i n d e r n sind doch sonst der Frauen Herzen hold; lass nicht das Bruderlein den Widerwillen theilen, den Du, ich schwor es, ohne Grund, gegen die Mutter hegst. Willst du das zarte Bublein nicht kussen zum Lebewohl, so sprich doch nur gegen mich ein Wort der ausgesohnten Schwesterliebe." "Schwesterliebe?" fragte Wallrade wie verwundert, wahrend sie sich mit argem Lacheln aus des Vaters Armen wand: "Ihr sprecht doch von dem kleinen Johann? Ich ware dessen Schwester? Ei, das wolle Gott nicht. Nennt mich lieber seine Muhme, guter Vater." "Wie soll ich verstehen, was du sprichst?" fragte Diether erbleichend entgegen. Wallrade zog jedoch mitleidig die Schultern in die Hohe und verneigte sich ausweichend. "Erlasst doch m i r die Erklarung;" sprach sie hohnisch: "fragt die Stadt, und wenn Ihr auch dieser nicht glaubt, so wendet Euch an den heiligen Georg selbst, der uber dem Putztische Eures Weibes hangt. Ein feiner Rittersmann, dessen Ebenbild zu seyn, Euerm Sohne dem Johann namlich keine Schande bringen wird, so lange Euch selbst die Sache Freude macht. Lebt indessen wohl, und dreimal wohl, mein Vater. Gott mit Euch!"

Einen Kuss der Pflicht fuhlte Diether auf seiner Wange; einen Augenblick hielt ihn die Tochter umschlungen, und schon war die Thure hinter ihr in's Schloss gefallen. Lange starrte aber noch der graue gebeugte Vater vor sich hin, wie ein, von jahem Tod Erblasster, und als dann nun wieder Regsamkeit in seine Glieder trat, wandte er den Blick; gezwungen fast, zu dem Bilde des Heiligen, das auf ihn herniedersah wie eines Todfeinds verhasstes Antlitz, trug es gleich die Zuge des einstens zartlich geliebten Dagoberts. Aber also ist das ungluckselige Wesen des Argwohns und der Eifersucht, dass durch e i n Wort, durch e i n e n aufgeruttelten Gedanken das Theuerste ein Gegenstand bittrer Verfolgung werden, Liebe sich in Wuth verkehren kann. Und dieser leise Grimm, ein fressend Ungethum in der Brust des Leichtglaubigen, baut sich fester und fester ein, je angelegentlicher man ihn vertilgen mochte. In gefahrlicher Stille wachst der Funke an zur verderblichen Glut, und so kann es geschehen, dass selbst unter dem Eise des Alters ein gahrendes Flammenmeer wogt, denn im Mittelpunkt des Lebens sturmt und braust es heiss und kraftig, wenn auch seine Granzen allgemach in Frost erstarren. Mit der festesten Willensgewalt vermochte nur Diether den bosen Geist zu bandigen; nicht jedoch um die Augen mit Vertrauen zu offnen, und ihn dadurch vollig zu uberwinden, sondern um ihn zu pflegen, und grosser zu ziehen in Schweigen und Heimlichkeit. Darum uberliess er sich selbst dem Fehler, dem er auf die Spur zu kommen trachtete, der Heuchelei. Mit freier Stirn uberliess er sich der Umarmung Margarethens, die ihm ihre Dankbarkeit bezeugte, dass er Wallraden nicht langer in ihrer Nahe aufgehalten; ohne mit einer Miene seinen tiefen Verdacht, seinen heimlichen Groll zu offenbaren, tandelte er mit dem Knaben, den ihm die Ehefrau schmeichelnd in die Arme legte. Stundenlang scherzte er mit dem Buben, verwendete er kein Auge von ihm; aber nicht vaterliches Wohlgefallen, wie wohl ehedem, bewog ihn dazu, sondern die Begierde, Johanns Zuge sich fest einzupragen; und so oft sein Blick vergleichend von des Knaben Antlitz zu dem Bilde des heiligen Rittersmannes schweifte, bohrte sich ein neuer Dolch in des Argwohnischen Gemuth, und je gewisser ihm die Aehnlichkeit wurde, je wuster tobte es in seinem Innern, so freundlich er auch seine Runzeln glattete, so peinlich er auch den Mund zum Lacheln zwang. Die Nacht, die auf diesen Tag qualender Unruhe folgte, war fur den von Jahren, Gebreste und Verdacht geschwachten Mann keine Erfreuliche, und, dem Geizhalse zu vergleichen, der auf seiner Geldtruhe nur von Raub und Mord zu traumen pflegt, sah Diether Dagoberts und des Schultheissen hamisch lachelnde Haupter um sein Lager kreisen. Liebesgirren, und Minnegekose folterte sein Ohr, so tief er den Kopf in die Kissen wuhlte, und hundertmal verliess er sein Bette, um an Margarethens Kammerthur zu lauschen, ihre Athemzuge zu zahlen, und sich zu uberzeugen, dass kein kecker Buhle ihre Einsamkeit theile. Den Ermudeten hatte kaum ein mitleidiger Morgenschlummer uberrascht, und schon weckte ihn eine Botschaft, die ihm vor wenig Tagen noch eine freudige gewesen ware; die Kunde von der Ankunft Dagoberts. Der Sohn nicht ahnend, dass er im Vaterhause fremd geworden, sturzte mit dem Jubel ungeheuchelter Liebe an des uberraschten Vaters Brust. Ach! die herzlich gemeinte Freude des Wiedersehens konnte nur auf durftige Augenblicke den unseligen Wahn von Diethers Bette scheuchen. Ohne Saumen kehrte er wieder zuruck. Dem unbefangnen Jungling sogar konnte die Veranderung nicht entgehen, die sich mit seinem Vater zugetragen, allein er schrieb auf Rechnung des Siechthums, was auf Rechnung eines verblendeten Gemuths kam. Aufrichtig und sturmisch, wie er war, konnte er seine Gedanken nicht lange bei sich behalten. "Sagt mir doch, herzlieber Vater," sprach er mit jener Zutraulichkeit im Auge, welcher man so selten widersteht: "Sagt mir doch, ob es nur eine Einbildung ist, oder Wahrheit, dass ich Kalte und eine gewisse Fremdheit in Euerm Empfang wahrnehme; und wenn es wahr seyn sollte, ob das noch von Eurer Krankheit stammt, ob nicht. Sprecht aufrichtig vom Herzen weg, damit es alsdann wieder zwischen uns werde, wie vormals."

Diether blickte prufend in des Junglings redlich Gesicht, aber die Aufrichtigkeit war bei ihm hinter die Wege gezogen. Den Scheingrund schob er ohne langes Uberlegen vor. "Wie kommt es," fragte er beinahe hart, "dass mir jetzo erst Dich zu sehen erlaubt ist, wahrend Du bereits seit einigen Tagen hier verweilst?" "Ich Vater?" fragte Dagobert betreten, und hatte gerne verneint, unbefangen verneint. Diether ging aber ohne Zogern auf den Grund, und drangte mit neuer strengerer Frage, so dass am Ende der Jungling den besten Theil erwahlte. "So mogt Ihr's denn wissen;" sprach er: "ich verstehe mich schlecht aufs Lugen, besonders wenn Ihr mir in's Auge seht, denn vor dem Manne, den ich am meisten ehre und liebe, habe ich kein Falsch. Es sey also darum. Wahr ist's; seit vorgestern Mittag bin ich hier, und habe mich sorgfaltig von Euerm Hause fern gehalten, weil Ihr mogt mir darob nicht zurnen weil Schwester Wallrade darinnen ein- und ausging. Heut sah ich sie jedoch mit Ross und bepacktem Wagen von dannen ziehen, und saumte langer nicht, hier einzusprechen. Gott gesegne Euch die Ostertage. Die Fladen mit Euch zu verzehren bin ich hier, und will sie mir schmecken lassen, so der Himmel will, und Ihr mich gerne an Euerm Tische seht." "Du bringst nicht die Eintracht zu dem Feste;" antwortete Diether murrisch: "der Bruder flieht den Ort, wo seine Schwester haust?" "Ihr wisst ja, Vater, dass wir's von jeher also hielten;" entgegnete Dagobert mit leichtem Scherz: "Was Hanschen jung gewohnt, das thut es auch im Alter. Doch, weil ich eben seinen Namen nenne, was macht mein Bruderlein? Ihr sollt sehen, ob wir nicht besser zusammenhalten, als ich mit Wallraden." "Wirklich?" spottelte Diether: "Man sollte es kaum glauben. Ein Stiefbruder ist gewohnlich nicht der Geliebtere." "Hm!" lachte Dagobert: "es hat mit dem Kleinen ein besonder Bewandniss." Dem Vater stieg eine dunkle Flamme der Beschamung bis unter die Haare. "Der arme Junge war stets krank," fuhr Dagobert frohlich fort: "nun ist er aber gesundet, wie ich hore. Seht, schon dieses freut mich ungemein. Doppelt lieb muss ich aber den Burschen haben, weil ...." "Weil ...?" unterbrach ihn Diether gespannt und heftig. "Weil ich komme, um mit dem armen Schelm sein Erbe zu theilen. Seht mich nur verwundert an. So wie Ihr mich vor Euch erblickt, habe ich mich mit der Kirche abgefunden, oder sie vielmehr mit mir. Sie kann mich nicht brauchen, und hat der Mutter Gelubde gelost, als ob es auf's Beste erfullt worden ware." "Wie?" fragte Diether: "das ist nicht moglich. Wie solltest Du ...?" "Wenn Ihr Latein verstundet," fiel hinwiederum Dagobert ein: "so wurde Euch dies Pergament genug sagen, um zu glauben, was ich sage. Ich habe aber der Ursachen mehr, zu staunen ob Euerm seltsamen Betragen, Vater. Brachte ich Euch die frohe Mahr ein Jahrlein fruher, so lagt Ihr voll Entzucken an meinem Halse. Heute geberdet Ihr Euch just, als war es Euch zuwider, was ich bringe, und doch habt Ihr selbst mehr denn hundertmal mein Geschick beklagt, da es noch unabwendbar schien." "Wie soll ich mich freuen," brach Diether los, "wenn ich aus Allem entnehmen muss, dass Dein wuster Lebenswandel allein hier den Ausschlag gegeben. Nicht wurdig hat man Dich befunden, das Messgewand zu tragen und zu binden und zu losen. Ich weiss, was Costnitz und des Conciliums Vater von Dir denken, wie unzahligemal Du Deinen Ohm gekrankt, misshandelt, dass er am Ende seine Vaterhand von Dir abgezogen." "Ho!" versetzte Dagobert, sich mit dem Zeigfinger auf die Stirne tippend: "Jetzt weiss ich mit einemmale, woher es blitzt. Wallradchen hat mein Bettlein aufgeruttelt, und mir's sein bequem gemacht im Vaterhause. Recht so; wo sich der Teufel anlehnte, macht sich auch der weisseste Armel voll Russ. Was lieb Schwesterlein indessen gesagt haben mag, ... glaubt mir, lieber Vater; es ist erlogen. Was den wurdigen Ohm betrifft, so muss ich lachen, und behalte mir vor, Euch kund zu thun, wie ich meine Hand von i h m abgezogen habe. Des Papstes Breve aber, aus dem man vielleicht ein Zeugniss meiner luderlichen Sitten machen mochte, soll Euch Pater Johannes verteutschen. Bis dahin habt mich jedoch lieb, und lasst mich das Bruderlein kussen." "Deinem Wunsche kann alsobald Genuge geschehen;" erwiederte Diether: "hier kommt so eben die Mutter sammt dem Sohne."

Frau Margarethe erschien wirklich sammt dem kleinen Hans, und stutzte merklich bei Dagobert's Anblick, obschon dessen Ankunft ihr bekannt. Dieses Befremden fand indessen seinen Grund in Dagobert's Kleidung und Gestalt. Die Stiefmutter hatte darauf gerechnet den angehenden Monch zu finden, mit hohlem Fastengesichte und harenem Gewande, und statt dessen stand ein kraftiger junger Mann vor ihr, im Schmucke des wohlhabenden Sohns eines altburgerlichen Geschlechts, bluhender noch, als da er von dannen gezogen.

Wer mag dem Getriebe des Herzens folgerechten Zwang anlegen? Auf dieses Befremden drangte sich augenblicklich die machtige Erinnerung vor Margarethens Seele, .... das Andenken an ihren Eintritt in dieses Haus, an jene Zeit der Sehnsucht, in welcher die Jugend nur mit Widerwillen dem Alter gehorte, und eines jugendlichen Freundes begehrte. Dieser Freund, verboten ihr durch Sitte und Kirchengebot, dennoch erkoren von ihr mit leidenschaftlichem Verlangen, dieser Freund, der feindlich sie verschmahte, und in ihr jenes wunderliche Gefuhl erzeugte, das uns ofter antreibt, mit blutendem Herzen diejenigen zu hassen, die wir demungeachtet dauernd und ewig lieben, ohne sie unser nennen zu durfen, dieser Freund stand nun wieder vor Margarethens Augen; er malte ihr in seinem stummen Bilde eine schmerzlich selige Vergangenheit; zugleich auf ihre Wangen jene zauberische Rothe, ... der Schaam wie des Entzuckens heilige Farbe. Dagobert hatte sich vorgenommen, der Stiefmutter freundlich entgegenzukommen, um sie mitleidig der ersten so begreiflichen Verlegenheit zu entreissen; aber ihr unerwarteter Empfang, ... die Uberraschung, die sich in ihrem ganzen Aussern gestaltete wie die Verwirrung einer geschamigen Braut, ubte gleichwirkende Kraft auf den Jungling. Auch er fuhlte seine Wangen gluhen; auch er verneigte sich stumm, stotterte alsdann einige Worte, die unzusammenhangend seinem Munde entschlupften, und beugte sich schnell, um der Begrussten das Schauspiel seiner Blodigkeit zu entziehen, zu dem Knaben, der fremd und verwundert zu ihm aufschaute. "Ach!" rief er aus: "wie schon, wie stark, wie bluhend ist der Junge geworden. Werthes Stiefmutterlein, empfangt meinen Gluckwunsch; und auch Ihr, mein guter Vater, erlaubt, dass ich Euch die Hand schuttle, wie ein Freund dem andern, und dem Buben einen Kuss auf den trotzigen Mund drucke, zum Pfand meiner Liebe. Ja, herziger Knabe, wir werden Freunde seyn; Deine hellen Augen sprechen ganz anders zu meiner Seele als Wallradens stechender, nirgends verweilender Blick." Er kusste den Knaben, der auch seiner Seits freundlich die Arme zu ihm emporstreckte, und wie ein Eichhornlein auf seine Knie kletterte. "Hast Du mich lieb, kleiner Hans?" fragte Dagobert in seiner Frohlichkeit kosend den Knaben. "Gewiss, lieber Herr;" antwortete Hans, den zierlichen Bart des Junglings streichelnd: "willst Du mein Vaterlein seyn?" "Ei, du einfaltiger Hans;" erwiederte Dagobert lachend wie ein ausgelassener Gesell: "welch tolles Zeug bringst Du zu Markte? Haben sie Dir in Frankfurt nichts bessres gelehrt? Dort steht Dein Vater;" er zeigte auf Diether, der, halb abgewendet, seinen steigenden Groll kaum mehr zu massigen vermochte: "auch mein Vater ist er, und wir beide wollen gute Bruder seyn. Herzgeliebte Eltern;" fuhr er fort, indem er aufstand, und den Knaben wegsetzte: "Wallrade mag von mir geplaudert haben wie und was sie wolle, ich bin dennoch nicht so schlecht, als sie Euch uberreden mochte. Glaubt ja nicht, dass ich heim komme, um den kleinen Knirbs, mein Bruderlein, zu plundern und zu verkurzen um das Erbtheil, das ich ihm abgetreten. Davor bewahre mich der liebe Gott. Er hat mir schon genugsam bescheert, da er mich vom Pfaffenthum entbinden liess, durch seinen Statthalter auf Erden. Was ich gelernt, bringt mich schon anderweitig durch, und komme ich vielleicht einmal aus irgend einer Fehde als ein lahmer Kruppel heim, und weiss mit meinem alten Arm nichts mehr zu gewinnen, so erinnert sich wohl der Johann der Liebe, die ich fur ihn hatte, und futtert mich alsdann von seinem Uberfluss."

Die biedre klare und aus voller Brust gesprochne Rede Dagobert's presste in Diether's Augen Zahren der Ruhrung; sie waren aber nicht vermogend den Panzer zu erweichen, den der Geist des Verdachts um des Schoffen Milde gezogen. Der Verblendete hatte Margarethens, Dagobert's Errothen gesehen; er hatte, von Fieberfrost geschuttelt, des Knaben unschuldige Worte vernommen, und ihnen eine giftige Deutung untergelegt. Ein Felsen lag auf seiner unruhig steigenden Brust, und erstickte jedes Wort der Erklarung. Heftig wandte er dem Sohne den Rucken, und ging aus dem Gemach. Verwundert und gekrankt sah ihm Dagobert nach. "Ehrsame Frau," begann er nach einer Weile zu Margarethen, die den Blick auf den Boden geheftet vor ihm stand, unschlussig, ob ihr zu gehen, ob ihr zu bleiben zieme, zogernd, von dannen zu scheiden, angstlich, noch langer in des Gefahrlichen Nahe zu verweilen, "Ehrsame Frau. Konnt Ihr mir nicht erklaren, wie es eigentlich um den Vater stehe? Welch unheimlich Geberden, welche grollende Verschlossenheit hat er angenommen?" "Sein Unfall ..." antwortete Margarethe stockend: " ... seine Wunde, die noch nicht geschlossen, ...." "Ach, wehe uns;" seufzte Dagobert: "wehe uns, wenn jener meuchlerische Bube todtlich den Fleck verletzte, wo die Liebe fur den treuen Sohn sitzt. Tauscht mich nicht, gute Stiefmutter. Ich will nicht glauben, dass I h r mich so ganzlich hinterrucks aus dem Felde geschlagen. Ich habe Euch ja nie Leides gethan, und liebe Euern Sohn, als ob ihn meine eigne Mutter geboren; aber, Wallrade .....?" Margarethe nickte heftig mit dem Kopfe, und Dagobert fuhr fort: "Gelt? ich hab's getroffen? O die verlaumderische Heuchlerin! Doch will ich nicht verzweifeln. Den Vater will ich zwingen, seine Gunst mir wieder zuzuwenden, und Ihr, mein zweites Mutterlein, sprecht ein gutes Wort fur mich. Ich bin ein ehrlicher Geselle; verlasst Euch darauf, und redet mir zur Minne." Bittend hatte er ihre beiden Hande ergriffen, die sie, erschrocken uber die heftige Bewegung ihres Gemuths, schnell aus den seinigen zog, obgleich ihre Augen mit einem sanften Ausdruck auf dem Stiefsohne ruhten. "Misstraut mir nicht;" sprach sie langsam: "ich hoffe, es wird sich Alles geben. Mein Herr wird nicht in seinem Irrthum beharren. Vor meinen Augen seyd Ihr rein, rein, wie dieser!" Sie deutete auf das Bild des heiligen Georg, und verliess eilig mit dem Knaben die Stube. Dagobert konnte sich lange nicht von dem nie gehofften Eindruck erholen, den der Empfang im Elternhause auf ihn gemacht. Wehmuthig sinnend sass er da, den Kopf in beide Hande gestutzt, wischte sich dann eine Thrane, wie nur gekrankte Treue sie weint, aus dem Auge, und richtete seine Blicke auf St. Georgii Bild. "Die gute Stiefmutter!" sprach er halb lachelnd zu sich selbst: "Wenn sie recht hatte, und ich ein Gotteskampfer ware, wie der heilige Reitersmann dort oben. Den Teufel wollte ich mich um alle Wallraden und Pralaten des heiligen romischen Reichs scheeren, waren sie auch alle meine Schwestern und Vettern. Der Verlaumdung stiesse ich die Rennstange wohlgemuth zwischen die Zahne, bis sie verendete, und beim Vater musste der liebe Herrgott ein Wort der Suhne einlegen, kraftiger als das Furwort aus Frau Margarethens Munde, obschon dieser Mund allerliebst ist, und vielleicht nur von einem Einzigen in ganz Teutschland ubertroffen wird."

Er schritt durch das Gemach, und blieb alsdann mit verschrankten Armen vor dem Bilde stehen. "Ein schmuckes Gemalde!" begann er, sein Herz durch Zerstreuung von schwerer Sorge abzulenken: "hab's noch niemals in Vaters Hause gesehen. Hu! wie der Schimmel springt und steigt! Wie des Reiters braune Locken im Winde flattern! wie stolz und stattlich er im Sattel sitzt! Ja! solch ein Mann zu seyn .... das ware eine Lust! Die Dirne mochte ich sehen, die mir dann sprode widerstunde! Narrischer Schalk!" unterbrach er sich, lachend: "als ob mir's darum zu thun ware! Wie sang der arme Barfusser, der draussen im Haus der Aussatzigen verkummert, wahrend aus seinem fruchtbaren Kopfe unzahlige Lieder der Minne und Geselligkeit entspringen, und in ganz Teutschland nach gefalligen Weisen gesungen werden? 'E i n Fischlein mir gar wohl gefallt, doch darf ich sein nicht kosten! Drum sey der Fischzug eingestellt ... Die Angel mag nun rosten!' Das ist auch mein Bescheid, und kalt, wie ein rechter Frosch will ich seyn, trotz dem wackern Kampfer Georg, dessen anmuthig Gesicht ich schon irgendwo gesehen haben mag, so bekannt spricht mich's an. Und, wenn mir recht ist, so ist's gar mein Bruderlein Johann, das dem Heiligen gleicht. Wahrlich, wahrlich! Ein feiner Sprossling, der Bube; und eben dessen Zuge waren mir beim ersten Zusammentreffen so wenig fremd, dass ich darauf hatte schworen mogen, ich hatte ihn vor Kurzem erst, zu Costnitz oder irgendwo, gesehen. Es mag aber leichtlich nur ein Traumbild gewesen seyn; denn mein guter Predigermonch sagte gar vielmal, dass es Beispiele gegeben, wie gewisse Menschen andere im Traume gesehen, die sie nachher auf dem, Lebenswege angetroffen, und lieb gewinnen mussen. Ach! auch Esther war ein Bild meiner fruhsten Traume; nicht selten ist sie eine Erscheinung meiner jetzigen; und zu verwundern ist's, wie einem frommen Christen von einer halben Heidin traumen, ... wie diese an des Rechtglaubigen Herz wachsen darf, wahrend sie doch nimmer in seine Arme wachsen darf!"

Fussnoten

1 Versammlungshaus und Trinkstube der edelsten Geschlechter von Frankfurt.

Drittes Kapitel.

Was ist scharfer, denn ein Pfeil?

was giftiger als Schlangengeifer?

Die Zunge des Bosen, der den

Feind will verderben.

Persisches Gleichniss.

Am Morgen des Samstags in der heiligen Charwoche war ein reges Getreibe auf dem Romer. Die Osterfeiertage waren vor der Thure, und alle Geschafte des Raths, wie des Gerichts mussten bis auf den Punkt vorbereitet werden, die Ostertage hindurch ohne Gefahr und Nachtheil ruhen zu konnen. Die Kanzelleien waren angefullt von fleissigen Schreibern, harrenden Boten, befehlenden und in die Feder sagenden Rathsherren; die Vorgemacher wimmelten von ungeduldigen Clienten und Parteien, unter welchen wie geschmeidige Aale Fursprecher und Momparne hin und her schlupften, bald zu gutlichem Vergleich beredend, bald zu ernstem Streit vor dem Richter anhetzend. Glaubiger mit ihren Schuldnern, Treuenhander mit ihren Mundeln, Tabellionen mit Kauflustigen gingen Thuren aus, Thuren ein, und ein schwirrendes Getose erfullte das weite stattliche Gebaude, die Sale ausgenommen, wo hinter schweren Flugelpforten die viermeister und Rath im weiten Kreise versammelt sassen, des Regiments zu pflegen. Wichtig thuende Schreiberknechte flogen mit Schriftbundeln beladen, die Treppen auf und ab; murrische Rathsdiener schreckten durch die Gange. Altburger, im Bewusstseyn ihres stadtischen Ansehens, und Gewichts, stiegen gravitatisch umher, und massen mit finsterm Blicke die zahlreichen Edelleute vom platten Lande, die, um Handel und Spane mit der Stadt beizulegen, herbeigekommen waren, um wider Willen ihr hohnlachelndes Haupt vor der Rechtspflege der reichsfreien Burger zu beugen. Nebst all diesen, mehr oder weniger im Heiligthume der Gerechtigkeit beschaftigten Leuten, drehte sich noch in den Hallen eine nicht unbedeutende Anzahl mussiger Gesellen, die heute schon die Osterzeit begonnen hatten, um allenthalben ihr neugierig und faul Angesicht zur Schau zu tragen, und eine Menge Gesindels, das, keinem zunftigen Gewerbe zugethan, sein elend Stucklein taglichen Brods taglich aus der blauen Luft holt, wie eine Lerche auf gut Gluck den Acker bestreift und mit leichter Muhe aus der Furche den Waizen holt, der im Grunde nicht fur sie bestimmt ist, und von welchem sie noch nicht wusste in verwichner Nacht. Die Einen dieses Gelichters hielten vor dem Gebaude die Pferde der Junker vom Lande, die Andern zeigten den Fremden die Eingange zu den verschiednen Kanzleien; die Tragsten endlich bettelten geradezu die Vorubergehenden an, oder bildeten, an Mauer und Treppengelander gelehnt, eine Strasse von Gaffern, durch welche Alles hindurch musste, um gehorig bewitzelt und berauchert zu werden. Fur diesesmal hatte jedoch der Mund dieser Faulthiere Feiertag, wie ihre bestandig ruhenden Hande, und eines unverwandten Blicks starrten sie hinab zur Eingangspforte, hinaus auf die Gasse, wie Menschen, die auf etwas Ausserordentliches gespannt sind. Es war namlich durch einen nicht allzuverschwiegnen Diener des peinlichen Stuhls ruchtbar geworden, dass heute der hundertjahrige Jude und sein Sohn vor dem Oberstrichter im stillen Verhore erscheinen wurden. Dem Gesindel war es schon ein Fest, diejenigen von Angesicht zu sehen, gegen welche schon der Name ihres Volks den allgemeinen Hohn, die grasslichste Erbitterung rege machte. Seit Wochen bereits lagen die Juden im Thurm, und noch war die Art und Gattung ihres Frevels nicht laut geworden unter dem Volke. Ursache genug, die grausame Neugier zu verdoppeln, und den Wunsch zu erhohen, bald ein blutiges Urtheil aussprechen zu horen, vollstrecken zu sehen. Denn; todeswurdig, so vernunftelte das Volk todeswurdig musste ihr Vergehen seyn, und unmenschlich die Strafe. Mit Ungeduld harrte die Menge auf ihre Opfer, um ihnen schon diesen ersten sauern Weg durch Verwunschungen und Schmahungen noch schrecklicher zu machen. Plotzlich lief ein Gemurmel durch die Reihen. "Seht ihr den Rothkopf..?" flusterten sie unter einander: "Kennt ihr den Juden, der sich taufen liess? Dort schleicht er die Treppe hinan. Was will d e r hier?" Scheuen Blicks schritt Zodick durch das murmelnde Volk, grusste hier demuthig einen ihm begegnenden Vornehmen, der vor ihm ausspuckte; warf dort einem bosen Schuldner, der ihm auswich, einen drohenden Wink zu; zog vor dem Kruzifix der Vorhalle andachtig kriechend den Hut, und beruhrte darauf furchtsam die Zizis, die er streng verborgen unter seinem Taufschilde und unter dem faltigen Wams auf der blossen Brust trug, um den hochgelobten Gott der Sunde wegen, dass er den Sabbat entheiligen musse, um Vergebung zu bitten.

Er verlor sich in den schwach erhellten Gang, der zu der Thure der peinlichen Kammer fuhrte. Wahrend dessen entstand eine lebhaftere Unruhe unter dem in den Saulengewolben harrenden Pobel. Von starker Wache geleitet, schleppten sich in schwerer, schwerer Eisenlast zwei lebende Bilder des Leidens uber die Stufen des Gebaudes: Der Greis Jochai und sein Sohn. Das Elend einer kurzen, aber entsetzlichen Haft hatte Wunder des Jammers an Beiden gewirkt; aber dennoch waren jetzo ihre todtenfahlen Wangen gerothet, ihre im Moderduft des Kerkers erloschnen Augen in flackernde Flammchen verkehrt, denn vor einigen Augenblicken erst hatten sie sich wiedergesehen, die Nichts mehr von einander wussten. Sie hatten die schmerzliche Freude empfunden, sich in gleichem Leide als Genossen zu finden, und von halb menschlichen Wachtern begunstigt, des Glucks genossen, sich zu umarmen im Schmuck der Verbrecher. Sie durften zwar kein Wort wechseln, aber ihre Blicke sagten sich genug, hatten auch ihre Augen das Weinen verlernt. Dieses Paar, in unscheinbare Uberreste feiner Gewander gehullt, Haar und Bart triefend von Nasse, starrend von Schimmel und Moder, wankenden Fusses einherschreitend, niedergezogen von schleifenden Ketten, dieses Paar des Erbarmens, wurde mit Hohngelachter und Geschrei bewillkommt. Nicht die Leiden der Seele und des Korpers, die in unverkennbaren Zugen auf Ben Davids Gesichte verzeichnet waren, nicht des hochsten Menschenalters ruhrende Ehrwurdigkeit auf Jochai's Antlitz ruhrte das unbarmherzige Volk. Die Wachter hatten zu wehren, dass nicht im Hause der Gerechtigkeit Frevel an den Gefesselten verubt wurden. Den Schmahworten konnten sie indessen nicht steuern, und beladen mit Drohungen und Fluchen aller Art erreichten die Gefangenen die Hohe der Treppe; hier begegnete ihnen ein bekanntes Gesicht. Der Judenarzt Joseph war's, der gerade von einem, wahrend der Sitzung unpasslich gewordnen Rathsgliede kam. Kaum hatte er jedoch der Unglucklichen gewahrt, so wendete er scheu und verdriesslich den Kopf hinweg, ubersah den Gruss Ben David's und schob sich, so schnell es seine Wohlbeleibtheit verstattete, die Stiege hinunter, tobend und scheltend gegen den Pobel, der dem, wenn gleich vornehmern und hoher gehaltnen Juden den giftigsten Spott nicht schenkte. Erst nachdem sich die Thure der Kanzlei des peinlichen Gerichts hinter Ben David und seinem Vater geschlossen, waren sie dem schadenfrohen Getummel entronnen, und nur die Zielscheibe der unziemlichen Scherze, welche sich Schreiber und Diener gegen sie erlaubten, bis sie auf das Zeichen einer Glocke in die Verhorkammer gebracht wurden, woselbst der Oberstrichter, umgeben von dem dustern Geprange des Blutgerichts, ihrer harrte, sammt dem vereideten Geheimschreiber. Nachdem der gestrenge Herr die Kettenbelasteten eine Weile mit finstern Augen gemessen, befahl er dem anwesenden Rathsknecht, ihnen die Bande abzunehmen, und sich zuruckzuziehen. Sobald dem Befehle gehorcht worden war, lehnte sich der Richter in den breiten Sessel zuruck, winkte dem Schreiber, die Feder zur Hand zu nehmen, und wendete sich mit den hergebrachten Eingangsfragen an die Juden. Auf die Frage nach Namen und Stand erwiederte der hundertjahrige Greis: "Gewaltiger Herr! Ich nenne mich David Ben Jochai; mein Sohn, Jochai Ben David, was so viel heisst, als: Sohn des David. Unsre Leute haben sich aber gewohnt, uns zu nennen, der Kurze halber, mich Jochai; meinen Sohn Ben David. Wir sind von jeher gewesen arme aber fleissige Leute im Handel und Wandel, Trodel und Schacher, und ehrliche Darleiher in guter Munze gegen billige Zinsen. Ich habe zuruckgelegt das hundertste Jahr mit der Hulfe des barmherzigen Gottes, welcher zahlt die Haare und die Tage des Menschen; mein Sohn ist gewesen funfzig Jahre, wenn mich nicht trugt mein altes Gedachtniss. Der Herr in Israel hat uns auch gesegnet in der Fremde, bis wir sind gekommen in so viel Leid und Trubsal, als wir hier vor Euch stehen. Man hat uns gebunden mit Ketten; man hat uns geworfen in furchterliche Locher, wo wir mussen waten bis an den Knochel im Wasser, wo unser Angesicht bleich wird und unser Auge blode; und noch hat man uns nicht gesagt, wessen wir beschuldigt sind, und unser Herz ist doch rein wie das Ei, wenn es glatt und zu rechter Zeit aus der Schale geht." "Schweig!" unterbrach ihn der Oberstrichter streng: "Deine Zunge ruhrt sich ungemessen zur unrechten Zeit. Die Ursache Eurer Haft sollt Ihr heute noch erfahren, ihr Ketzer, wenn ihr nicht vorziehen solltet, Euer Verbrechen reuig zu bekennen." "Wie konnen wir doch bekennen, was wir nicht wissen?" fragte Ben David mit angstlichen Geberden: "Wir wissen uns rein, und konnen auf die Thora, auf welcher Gottes Herrlichkeit ruht, beschworen, dass wir unschuldig sind an jedem Fehl. Der hochgelobte Furst und Herr in Israel wird's uns sogar nicht anrechnen, dass wir jetzo den Sabbat entheiligen durch Zeugniss und Verantwortung vor Gericht; denn Noth kennt kein Gebot." "Stille!" rief der Oberstrichter ihnen auf's Neue zu: "Wer wird sich darum bekummern? Macht ihr's mit eurem Gotzen aus. Wir wissen nichts von Eurem Baalsdienste. Eine Frage an Euch insgesammt, Vater und Sohn. Was ist aus dem Christenkinde geworden, das Einer von Euch vor funf Monden etwa in Euern Schlupfwinkel in der Judengasse geschleppt hat?" Jochai, besonders aber Ben David stutzte heftig. "Nun?" fuhr der Richter barsch fort: "Wird's bald mit der Antwort? Wahrheit oder Luge! Wo kam das Kind hin?" "Ich weiss doch von keinem Kinde," antwortete Ben David schnell, ehe der zweifelnde Jochai durch ein schwankendes Wort das Gegentheil verrathen konnte. Der Greis, in dessen Augen schon Angstlichkeit sichtbar geworden war, zogerte indessen nicht, wortlich die Aussage des Sohns zu wiederholen. "Ihr wisst also nichts?" fragte der Richter bitter lachelnd weiter: "Ihr habt wohl noch nie ein Christenkind in Eurem Hause gesehen?" "Als uns Gott soll helfen," erwiederte Ben David ausweichend: "Wir wissen nicht, von welchem Kinde Ihr sprecht." "Mein Alter macht vergesslich;" fugte Jochai bei, welcher nicht bejahen, doch auch nicht ganz verneinen wollte: "Ich wusste mich nicht zu besinnen, ob jemals ...." " Ihr laugnet?" sprach der Oberstrichter drohend: "Desto strenger wird das Urtheil fallen." "Gott soll uns helfen, und sich Israels erbarmen!" klagten Vater und Sohn: "Wir sind unschuldig, man mag uns zeihen, wessen man begehrt. Wir haben stets gezahlt als redliche Leute unsre Abgaben, den Opferpfenning, die Kronsteuer, des Kaisers Hof- und Kesselgeld. Wir haben richtig eingeliefert Pfander und Briefe von Herren und Edeln, als der Konig Wenzel es befohlen. Wir haben nicht beschnitten das Geld, noch bose gemunzt. Wir haben nicht betrogen, nicht geschunden; wir haben vom ehrsamen Rath nur geringe Zinsen genommen, und ihm unser bischen Armuth immer offen gehalten." Wir finden keine Schuld an uns, und sollten unsre Bruder gefrevelt haben, so kummerts doch uns nicht, denn der heilige Gott, spricht: "Indem Einzelnen soll gethan werden nach seinen Werken." "Spricht Euer Gotze so?" erwiederte der Oberstrichter mit hartem Hohne: "Wohlan, so sey es auch also. Es ist hier nicht die Rede von Euern Ketzerbrudern; von Euch selbst, verworfnes Gelichter; und da ihr nicht gestehen wollt, was Ihr begangen, so will ich's Euch beweisen lassen, von unverwerflichen Zeugen."

Er zog die Glocke, und flusterte dem eintretenden Diener ein Wort in's Ohr. Kurze Weile nachdem sich dieser wieder entfernt hatte, schlich Ben David's Sabbatmagd, die stumme Grete, herein; mit gefalteten Handen, in welchen der Rosenkranz hing; mit thranenden Augen und blassem Angesichte. Sie verneigte sich demuthig vor dem Richter und dem Bilde des Erlosers, das uber dessen Stuhle hing, und schlug, seitwarts auf die Beklagten blickend, ein verstohlnes Kreuz. "Die Schworfinger in die Hohe!" gebot der Richter: "Du schworst vor der heiligen Dreifaltigkeit und bei dem Gedachtniss an unsers Heilands bittres Leiden die Wahrheit, sofern sie Dir bewusst, zu bekennen durch unverdachtige Zeichen? Nicke mit dem Kopfe!" Die Alte that, wie man ihr hiess, und zitterte vor andachtiger Furcht an allen Gliedern. Nachdem sie der Oberstrichter uber ihren Namen, Gewerb und die Zeit, wahrend welcher sie bei den Beklagten in Diensten gestanden, befragt, ging er zur weitern Untersuchung uber, und auf seine dringenden Ermahnungen gestand nach und nach das arme Weib, so deutlich es nur aus seiner Zeichensprache anging, dass vor einiger Zeit Ben David einen Christenknaben in sein Haus gebracht, von einer fernen Wanderung zuruckkommend; dass sie selbst den Knaben zwei Nachte hindurch in ihrer Kammer beherbergt; dass er aber in der dritten verschwunden, und nicht mehr zum Vorschein gekommen sey. "Hast Du nicht wahrgenommen," fuhr der Oberstrichter in seinem Verhor fort, "ob nicht Einer von diesen anwesenden Juden gegen den Knaben einen besondern Widerwillen und Hass bezeigt?" Grete nickte nach einigem Nachsinnen mit dem Haupte, und deutete auf den Greis Jochai. "Nun denn, ihr schandliches Gesindel," fuhr der Richter die Juden an: "Gesteht Ihr bis hieher ein, was die Alte angedeutet?"

"Ben David laugnete frisch weg die ganze Sache, und Jochai, der es erwartet hatte, wie sein Sohn sich benehmen wurde, stimmte, ohne zu zogern, in das Laugnen ein. Der Oberstrichter wurde braunroth im Gesichte, zog zum Zweitenmale die Glocke, und nach einer kurzen von den Beklagten bang durchathmeten Stille trat, keck wie die sichre Wahrheit selbst, Zodick in die Kammer, achtete nicht des Schrecks, mit welchem Jochai und Ben David bei seinem Anblick zusammenfuhren, sondern naherte sich furchtlos dem Richter, dessen Gewand er unterthanig beruhrte, und vor dessen Gerichtstafel er sich mit erhobener Hand stellte, die frechen Augen auf das Kruzifix und den Verhorenden gerichtet, wie einer, der schon oft dabei gewesen. Die Geberde, die er machte, kam jedoch den Juden so unerwartet und so grasslich vor, dass Jochai, seinen Unmuth vergessend, dem Menschen mit angstlicher Stimme zurief: Zodick! ach Zodick! ist es denn wahr, was von Dir gesagt haben unsre Leute? Hast Du abgeschworen den einzigen Gott, um zu opfern dem fremden?" "Zodick, was thust Du?" setzte der von Nichts wissende Ben David uberrascht hinzu. Der Oberstrichter rief aber dazwischen: "Schweigt, ihr Hundsjuden, sonst lasse ich euch staupen zum Lohne fur eure verfluchte Schwatzhaftigkeit. Lass Dich's nicht kummern, Friedrich, setzte er gemassigter bei, und schwore vor der heiligen Dreifaltigkeit und ihren Heiligen, und bei dem kostbaren Blute unsers gekreuzigten Erlosers, den Du hast erkennen gelernt durch der heiligen Mutter Furbitte und ihres barmherzigen Sohns unendliche Gnade, die Wahrheit zu sprechen, sonder Furcht und Mitleid." "Ich schwore," entgegnete Zodick kurz und fest, und nachdem er auf Befehl des Oberstrichters den Glauben gebetet und das Kreuz vor Stirn und Brust geschlagen hatte, wobei Ben David unruhig den Kopf schuttelte, und Jochai mit geschlossnen Augen der judischen Schulen Bannformel zwischen den Zahnen murmelte, begann er ein Zeugniss, oder besser, eine Klage abzulegen, wahrend welcher die Stille des Grauens also eintrat mit ihren Schauern in das unheimliche Verhorgemach, dass auch keine Sylbe aus des Klagers Munde einem der Anwesenden entging.

"Es sind funf Monden etwa verflossen," sprach Zodick, "und es war so gegen das Ende des Monds Monchesran, da die Juden, wie mich dunkt, den letzten Shabbat des Monds feierten, als Ben David, der hier steht in billiger Haft, mein damaliger Herr, dieweil ich noch bin gewandelt im Finstern, heimkehrend von einem Gang uber Feld, wie er ofters zu thun pflegt, des Handels wegen, ein Kind mit sich brachte, einen Knaben, und von christlicher Geburt." Am Abend des eingehenden, so wie am Abend des ausgehenden Festes sah ich den Knaben nicht, denn ich lag darnieder an einer Wunde, die mir bose Menschen geschlagen hatten. Ben David sagte mir mit keinem Worte von dem Kinde, und nicht Esther, seine Tochter, und Jochai war der Einzige, dem in der Geschwatzigkeit seines Alters die Kunde entschlupfte gegen mich, es befinde sich im Hause ein Knabe, den der Herr gefuhrt habe, man wisse nicht von wannen, und bringen wolle, man wisse nicht, wohin. Von dem Schmerz meiner Wunde geplagt, achtete ich auch nicht auf des Alten Geplauder. Da aber nach dem Habdalah mein Leib wundersam schnell wieder genesete, und ich am folgenden Tage blos um zu ruhen, zu Bette lag in meiner einsamen Kammer, da trat dieser Greis Jochai, als es schon wieder zu dammern begann, zu mir, und sprach: "Steh auf, Zodick, so Du ein guter Knecht meines Sohns bist, und Deines Leibes Schmerzen er vertragen, und folge mir eiligst mit Schaufel und Haue." "Sogleich, Raaf," antwortete ich dem Alten gehorsam, denn zu der Zeit ehrte ich ihn, wie alle Juden zu thun pflegen, da er das Gesetz kennt und auslegt. Ich stand auch alsobald auf, nahm nach seinem Willen Schaufel und Haue, und folgte ihm, der trotz seinen bloden Augen rustig voranschritt uber die dunkeln Stiegen zu dem Keller; in dessen Gewolbe, das unter dem Hinterhause fortlauft, und durch einen Verschlag geschieden ist, von dem Vordern, wo man Holz und Wintergemuse aufbewahrt, rastete der Alte, und befahl mir, Feuer anzuschlagen und die Leuchte anzuzunden, die er unter seinem Rocke hervorzog. Dieses geschah. Run setzte sich der Alte auf einen Stein, und sprach: "Jetzo, mein guter Knecht, nimm die Werkzeuge zur Hand, und haue hier vor meinen Fussen eine Grube von anderthalb Schritten in der Lange, und von der Breite eines Ellbogenmaasses." Ich zogerte nicht, mich an die Arbeit zu machen, in der Meinung, man wollte hier Kostbarkeiten vergraben, wie die Juden gar oft zu thun pflegen, denn sie hegen Verdacht gegen Alles, was sie umgibt, und besitzen gar haufig Dinge, die nicht kommen durfen sobald an den Tag. Da mir nun aber Jochai ferner gebot, die Tiefe von zwei Ellbogenlangen zu nehmen, und sauberlich geraumig zu machen die Grube, ward ich doch stutzig. "Raaf!" sagte ich, kopfschuttelnd: "Ihr musst viel kostliche Habe zusammenbringen, um dies Loch nur zur Halfte auszufullen." Er hiess mich jedoch einen furwitzigen Mancher, und befahl mir, zu fordern die Arbeit. Ich that es nun auch, und wahrend dessen begann der Alte eitel verdachtige und seltsame Reden, und fragte mich, ob ich etwas verstande von Zauberei und geheimen Mitteln. "Gott soll huten!" versetzte ich hierauf, und fluchte den Zauberern. Der Raaf sah mich, schnell an, und sprach: "Verflucht seyen die Schedim, aber heilig die Zauberer, die den Schemhamphorath verstehen, und damit die Sprache der Thiere, der Teufel und die Kenntniss der Mittel, die gross machen Israel in Edom. 'Hast Du nie davon gehort,' fuhr er fort, 'dass eines unmundigen, vom Berge Seir1 stammenden Knaben Herz, in der Nacht des Amalekitischen Sabbats von gesegneten Handen ausgerissen, zu Staub verbrannt, und am Abend des Festes Haman in geheiligtem Weine genossen, Gluck, bringt und grossen Reichthum?' Ich schaute dem Raaf besturzt in's Gesicht, und habe nicht erwiedert ein Wort. Nachdem ich aber die Grube vollendet, und den Grund geschaufelt auf einen Haufen, musste ich noch verstopfen mit Stroh und Holz die Luftlocher des Gewolbes, und wurde von dem Alten angewiesen, mich zu begeben hinauf, und dem Herrn zu sagen; es sey geschehen im Namen des Propheten Elias." So wie ich nun aber an des Kellers Thure gelange, kommen mir Schritte entgegen, und herab steigt bereits der Herr, und tragt auf der Schulter einen Knaben, in Schlummer versunken. Er stutzte sehr, da er mein wurde ansichtig, und der Raaf sprach zu ihm wie im Zorne: "Warum kommst Du geschlurft zur Unzeit? Der Knecht sollte Dir erst sagen, war's beschlossen ...." "Ben David stotterte ein Paar unverstandliche Worte, und hiess mich gehen von bannen mit der Lampe, so er mit sich gebracht; und mich legen zu Bette, ohne zu verweilen. Ich ging, und hinter mir schlossen sie die Thure zu mit allen Riegeln. Da ich nun aber die Stiege emporging, liess mir's nicht Rast und nicht Ruh, und ich musste sehen, was da unten vorging, und hatte ich furchten sollen, zu werden blind, wie Einer, der die Scheching, das heisst, die Herrlichkeit Gottes anschaut, wenn sie gerade auf den Fingernspitzen des Cohen's sitzt, welcher segnet. Ich zog daher aus die Schuhe, und blies aus die Lampe, und tappte in finstrer Nacht in das Hoflein, und sah hinunter in den Keller durch eine Ritze, die ich mit Vorbedacht gelassen hatte in einer der Fensterverkleidungen. Ich muss geworden seyn kalt wie Eis, da ich gewahrte, was vorging im Gewolbe. Ben David hatte den Knaben entkleidet, und die Kalte den Armen geweckt. Zu dem leise Wimmernden trat der Raaf, und fragte ihn, wie die Juden zu fragen pflegen am Feste Jom Kippur2, das da fallt im Monde Tisri: Jungelchen, uber welches der Mohel3 nicht gekommen. Willst Du seyn mein Kappora?4 Das Bublein machte Ben David nicken mit dem Haupte, und plotzlich stopfte ihm der Raaf einen Knebel in den Mund, dass es nur leise und dumpf stohnen konnte, wahrend dessen seine Augen hervortraten aus den Hohlen, wie die eines Lamms, das man schachtet. Und herbei aus dem Winkel schleppte der Raaf ein roh gezimmertes Kreuz; Ben David streckte darauf den Gepeinigten aus, und voll zitternder Begierde, mit vor Alter bebenden Handen, nagelte ihn der Raaf auf das Leidensholz, indem er das Gebet murmelte, das leider unter den Juden heimisch ist, und also lautet: Dies Opfer soll mir dienen als Wechsel und Tausch; es komme an meine Statt; es gehe in den Tod und ich mit allem Volke! Israel in's ewige Leben! Furcht und Angst komme uber die Gojim! Verflucht, seyen die Wohnungen des Berges Seir! Verflucht und vertilgt die Hutten Amaleks! Verflucht und vertilgt Ammon, Edom und Moab Offenbart und endlich geschenkt deinem Volke seine Erlosung!"

"Wahrend dieses Gebets hat Ben David dem zukkenden Wurmlein gespieen in's Angesicht, und gerufen mit Hohn: Gegrusst seyst Du uns, Konig in Israel! Herrlich und gesegnet seyst Du, Furst der Juden! Darauf hat er die Lampe ergriffen und bedeutet dem Raaf, er moge ein Ende machen denn der Knabe drohe schon jetzo zu verscheiden. Und der Raaf ergriff ein blank geschliffen Messer, und heiligte es in den von den Gliedern des Opfers rinnenden Tropfen, und naherte sich damit her Stelle, wo das angstliche Herzlein pickte, und zeichnete hier ein blutiges Kreuz ......"

"Ersticke, und verdammt seyst Du, verfluchter abtrunniger, Sohn des Leviathan!" kreischte hier der alte Jochai, und sank unter Zuckungen zur Erde nieder. Ben David stand ihm, obwohl selbst kraftlos taumelnd, bei, und wandte zum Himmel die trocknen Augen, in welchen eine wilde, verzweiflungsvolle Frage an das Verhangniss lag. Der Oberstrichter nahm jedoch keinen Antheil an Jochai's Zustand, und gebot dem furchterlichen Klager zu enden. Mit tuckischer Behaglichkeit ging auch Zodick zu Ende. "Das Bublein ist verschieden unter dem Messer des Raaf, und sein weitres Schicksal weiss ich nicht;" schloss er. Ob sie das Korperlein vergraben, ob sie es geworfen in den Fluss, weiss ich nicht, da ich mich entfernte, wahrend sie noch daruber gestritten. Der Raaf war fur das Erstere, und Ben David fur das Zweite; denn er hat mir nicht getraut, da ich ihn kommen gesehen mit den Knaben. Ich aber konnte nicht mehr aushalten in Ben Davids Nahe, und habe benutzt die erste Gelegenheit, um aus der Gemeinschaft zu treten mit dem Raaf und seinem Sohne. Das ist, so wahr mir helfe der Barmherzige, der mich gerettet von der Ketzerei, die reine, lautre Wahrheit; Amen.

Ein tiefes Schweigen beherrschte den dustern Schauplatz. Jochai lag bewusstlos, Ben David war zu Stein geworden, Grete betete in Gedanken ihren Rosenkranz zum Heil der hingeopferten Seele; Zodick rastete von der Anstrengung seiner Rede, und selbst der Oberstrichter und sein Gehulfe, gewohnt an Schrecknisse und Frevelklagen, erholten sich von den unerhorten Graueln, die sie vernommen. Endlich fasste sich der Richter, und wendete sich mit donnernder Stimme an Ben David: "Du hast gehort, Abscheulicher," sprach er: "wessen man dich anklagt. Ein Genosse Deines Hauses, Dein ehemaliger Glaubensbruder, Dein getreuer Knecht ist es, der den Schleier von dem ungeheuern Verbrechen zieht, das Du mit Deinem Vater begingst. Wirst Du ferner laugnen, und dadurch das Schwert der Vergeltung scharfen? Wirst Du verharren in dem giftigen Groll Deiner irrglaubigen Verstocktheit?"

"Herr!" antwortete Ben David mit frostklappernden Zahnen: "Ich soll reden, und kann kaum finden ein Wort auf meiner Zunge. Ich konnte Euch zuschworen unsre Unschuld bei dem heiligen, hochgelobten Gott, den Grabern unsrer Voreltern, und Allem, was uns heilig ist in Israel, Ihr wurdet uns aber nicht glauben, denn wir sind schlechte Juden, ich konnte herbeibringen das Zeugniss meiner unschuldigen Tochter Esther, aber Ihr wurdet sagen, es gelte nicht, w e i l es meine Tochter gab. Warum jedoch glaubt Ihr dem abtrunnigen Knecht, der gegen uns zeugt, warum der Magd, die in ihrer Stumpfheit Alles bejaht, was man ihr vorsagt? Unschuldig sind wir, unschuldig, unschuldig an dem grasslichen Frevel, den man uns auflugt. Funf Monden sollen seyn verflossen seither, und nun erst kommt der gottlose Bube hier vor Eure Bank, und schreit Zeter uber uns? Warum hat er nicht alsobald aufgerufen zur Rache Himmel und Erde, nachdem, wie er lugt die Unthat geschehen?" "Wirst Du schweigen, verfluchter aussatziger Jude!" zurnte der Oberstrichter, indem er heftig aufsprang: "Sollte sich der arme Mann Eurer Rache aussetzen? Ihr Judengeschmeiss klebt an einander wie Kletten, und dieser hier ware nicht der Erste, den ihr erschlagen habt, um seine Gestandnisse zu verhindern, oder zu bestrafen. Ehe er mit Euch in's verdiente Gericht ging, musste er aufhoren in Eurer hollischen Mitte zu leben. Er that's, er hat sich dem Himmel, dem allbarmherzigen Schooss des wahren Glaubens zugewendet, und kann nun offen gegen Euch auftreten, von unsrer Macht geschutzt. Noch mehr, die Seele des unschuldigen Knableins, das Ihr unserm Heilande zu schmahlichem Spott zu Tode gemartert habt, ist diesem neuen Christen zu wiederholten Malen im Traume erschienen, und hat ihn aufgefordert bei seiner eignen Seele Heil und Frieden, die Grauelthat offenkundig zu machen, und zu rachen schon, in dieser Welt. Blutdurstiges Schelmenvolk! Deine Bosheit liegt am Tage, und noch in dieser Stunde lasse ich euch Beide in Eures Hauses Keller fuhren, der noch bis jetzt mit meinem Siegelring verpetschirt liegt. Ich will mir ein Fest daraus machen, durch eigne Untersuchung des Klagers Angaben zu beglaubigen, und am letzten Tage der Leidenswoche unsres Herrn zwei Morder und Gotteslasterer zu entlarven, die mit seinem Namen und seinem Erlosungswerke todeswurdigen Spott getrieben."

Die Schelle erklang von Neuem, und Rathsdiener erschienen. "Reisst den alten Bosewicht von der Erde auf;" befahl der Oberstrichter, dessen blinde Hitze im Steigen war: "es ist eitel Lug und Trug mit seiner Hinfalligkeit. Die Wahrheit, die er nicht laugnen kann, hat ihn umgeworfen. Schleift ihn an Stricken mit euch. Den andern Hollenhund werft wieder in seine Fesseln. Der Stocker soll herbei mit seinen Knechten, und das Gezucht nach der Judengasse bringen, denn keinem ehrlichen Manne steht's zu, seine Hand an den Ungeheuern hier zu verunreinigen. Ich folge alsobald."

Der gestrenge Herr warf den Mantel uber, winkte dem Schreiber, dem Zodick und der stummen Magd, ihm nachzukommen, und ging aus der Kammer. Ben David hatte keine Augen fur das tuckische Lacheln, mit welchem Zodick an ihm voruberstrich, sondern lauschte sorgsam auf die Athemzuge seines sich erholenden Vaters, von welchem er sich nicht trennte, obgleich man ihn neben demselben in Ketten schlug.

Einer der Rathsknechte lief, befohlnermassen, nach dem Stocker und seinem Geleite, der Andre ging vor die Thure, um den Wachen und neugierigen Gaffern redselig zu beschreiben, in welcher Wuth der Oberstrichter von dannen gegangen, und welche Worte er drohend und zurnend gesprochen. Die Gefangnen blieben einige Augenblicke allein, und Ben David kusste mit Entzucken die Hande seines erwachenden Vaters. "Ach!" seufzte dieser ermattet: "so war es kein Traum! O Herr in Israel! wie kannst Du dulden solche Nichtswurdigkeit! I c h bin zu alt, um machen zu konnen Anspruch auf's Leben, denn ich habe gelebt fur zwei Menschen auf der Erde, aber ... Du mein Sohn und Esther, das Enkelchen! Weh mir! was soll das noch werden, wenn Du bestehst darauf, zu schweigen, und nicht zu sagen, wo Du hingefuhrt den Knaben aus Edom."

"Ich darf nicht, Vater," versetzte Ben David fest: "ich wurde machen unglucklich, die jetzt glucklich sind. Ich habe versprochen, zu schweigen, und will halten, was ich versprochen."

"Und wenn Du hattest geschworen," fiel Jochai eifrig ein: "so gilt der Schwur nichts, da es geht an den Hals. Ich will Dich entbinden Deines Gelubdes, wie ein rechter Lehrer in Israel. Ungultig soll seyn der Schwur, den man geleistet an die Manner und Frauen von Amalet. Wir wollen beten das Gebet Col niddre, und Dein Schwur soll Dir erlassen seyn."

"Vater;" antwortete Ben David ernst: "Du magst mich entbinden des Eids, doch nicht der Zusage, so ich geleistet als redlicher Mann. Wenig Gewinn wurde entstehen aus meinem Bekenntniss; es wurde mir kosten den Kopf, und Estherchen Hab und Gut, und Dir Schande bringen und den Bettelstab."

"Weh mir!" jammerte der Alte: "In welchen Handel hast Du Dich begeben? unbesonnener Mann; Geld ist gut, doch besser das Leben. So Du aber sterben musst, und Esther verarmen, begehre ich auch nicht langer zu athmen. Denn mehr als todt ist ein Alter von hundert Jahren, das in Kummer und Hunger versiegt."

"Beruhige Dich, Vater;" versetzte David: "wir werden nicht sterben, Du sollst nicht hungern. Die Leute, die da wissen, dass ich reden konnte, werden schon helfen, ehe es seyn wird zu spat. Verlasse Dich darauf!"

"Und wenn sie uns peinigen?" klagte der Greis mit wachsendem Eifer: "Wenn sie uns todten, schnell wie die Hand des Herrn? Sohn, Sohn! traue nicht auf der Gojim Hulfe und Versprechen! traue nicht auf das Wort, es komme aus der Erde, oder falle vom Himmel! Beten wir nicht taglich: Herr, bau Zion wieder, die Gottesstadt und ihren Tempel? Lass ihn geboren werden und kommen den Messias, den man nennen wird gleich Dir, den Sohn Davids? Und noch ist Zion nicht gebaut, und noch der Messias nicht gekommen; und also werden wir von bannen genommen seyn, ehe Hulfe kommt und Rath; als Opfer Deines unseligen Handels, und Deines Eigensinns."

"Verzagst Du denn so ganz an der Hulfe des hochgelobten Gottes?" fragte Ben David, den Alten, der zwischen Wahn, Glaube und Unglaube angstlich schwankte, wehmuthig bei der Hand ergreifend: "Vertraust Du denn nicht auf unsre Unschuld selbst, deren Stimme endliche uns frei sprechen wird von dem teuflischen Lugengewebe?"

"Ach," seufzte der Alte, zweifelnd und befangen: "funf Stimmen gibt's, die nicht horbar von einem Ende der Welt zum andern gehen; aber die Stimme der Unschuld ist nicht darunter. Sie ist nicht die Stimme des fruchtbaren Baums, den man fallt, nicht die Stimme der Schlange, die man schindet, nicht die eines vom Manne erkannten, von einem Manne geschiednen Weibes; nicht die Stimme des neugebornen Kindes ....!"

"Besinne Dich, Raaf!" unterbrach ihn Ben David sanft: "Ist das Kind nicht das Bild der Unschuld? Halte Dich am Glauben, und lass uns vertrauen."

Mit vielem Gerausch trat die Wache ein, die ohne Schonung den Greis mit Stricken band, und ihn neben seinem Sohne durch das wilde Volksgedrange hindurch, an die Pforte des Romers fuhrte, wo auf den Stufen der Nachrichter mit seinen Knechten die Armsten erwartete, die er im geheiligten Rathhause selbst nicht abholen durfte.

Fussnoten

1 Bezeichnender Name der Christenheit, gleich Edom, Amalek etc. 2 Der lange Tag Fest der Versohnung. 3 Der, welcher die Beschneidung verrichtet. 4 Opfer.

Viertes Kapitel.

Wo ist das Auge, das scharfer sahe, als das der

Liebe? Wo die Hand, die kraftiger schirmte, als

die des Liebenden? Er hutet sein Kleinod mit

freudigem Muthe, und nimmt es auf mit einer

Welt, die ihm widerstrebt!

W.

Dagobert war noch immer nicht einheimisch in seines Vaters Hause geworden. Diether hatte zwar viel von seinem murrischen Wesen abgelegt, aber seine Freundlichkeit war Novembersonne. Er schien den Sohn eher zu meiden, als zu suchen, und der frohliche Ostersonntag war vor der Thure, ohne dass er seinem Dagobert nur ein einzigmal gesagt hatte, ob es ihn freue, dass ihn der Papst freigesprochen, ob nicht. Der Sohn blieb daher ungern in dem Hause, wo er nur trube Gesichter sah, denn auch Margarethe war von einer unbeugsamen Schwermuth befallen. Die zwei Tage, die er bei den Eltern zugebracht, waren ihm schneckenlangsam hingekrochen, und Zerstreuung zu suchen, befahl er seinem Vollbrecht, der's vorgezogen hatte, bei dem leutseligen Herrn zu verbleiben, die Pferde zu satteln, und einen Lustritt mit ihm zu machen. Der lange Knecht war's wohl zufrieden, und bald trabten sie im Freien. "Ei, welches ist denn jenes Gebaude dort an der Anhohe?" fragte Vollbrecht, da sich zu ihrer Linken ein Haus zeigte mit einem Thurmlein dessen farbig Ziegeldach lustig leuchtete im Mittagstrahl. Dagobert blickte hin, und hielt sein Ross an. "Sieh doch," sprach er: "das ist der Schellenhof, der meinem Vater zusteht. Eine Meierei, auf welcher ich als Knabe manch heitern Tag verlebt. Es ist schon recht lange her, seit ich das wohnliche Haus zum Letztenmale gesehen, und ich verspure eine Lust in mir, die alte Crescentia zu begrussen, die dort als unsre Schaffnerin haust, und manch liebes Mal meinen Gaumen mit einem Becher Milch, oder mit saftigen Kirschen erquickt hat. Da wir eben keinen absonderlichen Zweck vor Augen haben, dachte ich, wir ritten an den Hof hinan." Gesagt, gethan. In kurzer Frist hatten die Pferde den breiten Landweg, der zum Gebaude fuhrte, gemessen, und die Reiter stiegen an der mit Reben umkranzten Pforte ab. Zwei krummbeinige Dachshunde, die im warmen Sonnenscheine auf den Stufen lagen, umkreisten bellend die Pferde, und uber die Halbthure des Hauses lehnte sich ein altes aber freundliches Gesicht, den Ankommling mit Vergnugen bewillkommend. "Gruss Dich Gott, alte Magd!" sprach Dagobert treuherzig, und reichte ihr die Hand: "Sieh, es freut mich in der Seele, dass ich Dich lebendig und munter antreffe, wie einen rustigen Wachter. Kennst Du mich denn noch?" "Ei, wie sollte ich nicht?" antwortete die Frau mit vieler Ruhrung, und die Pforte weit offnend: "An meinem alten Korper sind die Augen noch das Beste. Ein Gesicht, wie das Eure vergisst sich auch nicht so leicht. Tretet ein, lieber Junker Dagobert, tretet nur einen Augenblick ein in meine Klause." Der Jungling folgte ihr bereitwillig und liess sich's in dem engen Stublein gefallen, wo Crescentia mit Schurze und Borstwisch Ordnung schaffte, den Tisch rein machte, die Katze vom Ofen, die Lieblingshenne vom Fensterbrett jagte, und einen ledernen Sorgenstuhl herbeischleppte fur den lieben Gast. Dagobert sah sich, der Knabenzeit eingedenk, in dem kleinen Gemache um, das ihn heimisch ansprach mit Allem, was darinnen stand und lag. Da waren noch die alten Schranke zu schauen, und der machtige Tisch mit dem knaufigen Gestell, und die bunte Truhe, und das Himmelbett mit den blau und weiss geflammten Vorhangen, und der Weihkessel an der Thure, und das Kruzifix zwischen den Fenstern, und selbst die Dreikonigskreuze uber dem Eingang standen wieder da, mit Kreide angemalt, wie vor Zeiten. "Hier war ich glucklich!" sprach Dagobert, all die veralteten Herrlichkeiten musternd: "Glucklicher als jetzt, und jene Gluckseligkeit verdankte ich Dir, gute Frau." "Ei, warum solltet Ihr denn jetzt nicht eben so viel und doppelt so viel Freude haben, denn sonst?" fragte Crescentia, ihm gutmuthig auf die Hand klopfend: "Ihr verdient's ja, glucklich zu seyn; das sagt mir Euer gesundes und wackres Angesicht, und gewisslich seyd Ihr brav geblieben, wie Ihr's wart. 'Ach,' sagte oft mein Seliger: 'wenn ich's nur erleben konnte, den kleinen Junker als unsern Herrn zu sehen. Sein Vater ist zwar gut, aber zehnmal besser wurde der Sohn.' Nun freilich," fuhr sie fort mit einem Seufzer: "diese Zeit hat mein Alter nicht erlebt; er wurde sie auch nicht erlebt haben, wenn er noch so alt geworden ware; wir wussten damals noch nicht, dass Eure Mutter, der Gott gnadig seyn wolle, Euch der Kirche verlobt habe." "Gott erhalte Euch meinen Vater noch lange," erwiederte Dagobert: "einen bessern Gebieter findest Du schwerlich wieder." "Mag seyn," versetzte Crescentia trokken: "das Bessre, sagt ein Sprichwort kommt nicht immer nach. Eure Schwester, das Fraulein Wallrade, war kurzlich hier." "So?" fragte Dagobert gleichgultig: "Wie kam's, dass sie sich hieher verirrte?" "Ei," fuhr die Schaffnerin fort: "in solchen Angelegenheiten mag sich's wohl der Muhe verlohnen, auch dem kleinen Schellenhof einen Besuch zu schenken. Das Fraulein hat alle Baulichkeiten und Landereien betrachtet, Stall und Garten besichtigt, und nach allen Einkunften und Zinsen des Guts gefragt. Das ist eine genaue Herrin, und wird Vieles andern, wenn sie den Hof antritt." "Wallrade?" fragte Dagobert, mit mehrerer Theilnahme schon: "Wallrade? Ei, wie kame sie dazu?" "Sie hat mir versichert," sprach die Alte, "dass sonder Zweifel die Meierei an sie fallen wurde; und sich uberhaupt so herrisch und stolz betragen, als ob Euer Vater schon auf dem Schragen lage, und sie die einzige Erbin sey." "Hm!" schaltete Dagobert ein: "Nicht ubel. Es durfte aber leicht anders kommen, gute Crescenz. Lass uns von andern Dingen reden, denn Du weisst wohl Geschwister horen nicht gerne von Geschwistern sprechen. Ich bin gekommen, Eins mit Dir, zu plaudern, gute Seele, von Deinen kleinen Sorgen, von Deinem bescheidnen Wohlstande, von Deinen Leiden und Freuden, mit einem Worte." "Ach," versetzte die Alte lachelnd: "was soll ich Euch denn sagen, lieber Junker, das Euerm gelehrten Verstande nicht langweilig vorkommen sollte? Der Leiden habe ich, dem Himmel sey Dank, nur wenig. Die Vergangenheit hatte mir deren mehr bescheert. Die wenigen Freuden schaffe ich mir selbst, oder die Jahreszeit bringt sie. Damals war eine bose Zeit, als mein Wolfram starb. Euer Vater hatte just zum zweiten Male gefreit, und Eure Stiefmutter war eingezogen in aller Pracht und Herrlichkeit, aber auch mit allem Ubermuth einer leichtsinnigen Jugend. Da sollte Alles neu erstehen und aufgeputzt werden; da war Alles zu alt und zu verjahrt. Das alte Gerathe aus dem Hause, und die alten Diener hinterdrein, hiess es damals. Ich hatte das Ungluck, den Groll der schonen Frau auf mich zu ziehen, weil ich ihr nicht den gehorigen Reverenz erwiesen, da sie den Schellenhof zum Erstenmal besucht. Aber, Du lieber Gott, mein Wolfram war gerade gestorben, im Hause Alles drunter und druber; ich fand kaum ein Wort fur mich, geschweige denn fur die gestrenge Frau. Sie zurnte desshalb auf mich, und ich war die Erste, die aus Euers Vaters Dienst entlassen wurde, eine arme Wittib, ohne Habe, und Mutter eines noch unerwachsnen Magdleins. Zudem hatte mein Alter noch Schulden hinterlassen, die ich nicht tilgen konnte, und schon wollte ich, das Kleid, das ich auf dem Leibe trug, allein behaltend, meinen Rosenkranz auf meines Mannes Grab legen1 und dann mit meinem Kinde betteln gehen, als ein Menschenfreund durch seine unvermuthete Hulfe uns von der bittersten Armuth rettete. Wir zogen auf das nahe Dorf, und lebten von der Unterstutzung des biedern Helfers. Meiner Hande Arbeit versorgte den Mund, die Milde jenes Edeln half unsern ubrigen Bedurfnissen ab. Indessen hatte hier ein Gartner aus Walschland sein Wesen getrieben, des Meierhofs Nutzen verkleinert, die Herrschaft betrogen. Durch unsern Freund kam die Schelmerei an den Tag, durch unsers Freundes Furbitte wurde ich wieder hier eingesetzt, nachdem ich sechs Monden lang dies Haus hatte meiden mussen. Die gestrenge Frau, die ihre Voreiligkeit in ihrer Herzensgute gerne wieder verbesserte, hat mich seither gut behandelt, und vor zwei Jahren meine Else zu sich als Gurtelmagd genommen. So gut ich meiner Else Arme hier im Hause hatte brauchen konnen, so wollte ich doch ihre Dienste einer Gebieterin nicht weigern, die mit einer alten Frau menschlich umgeht. Von jener Zeit an lebe ich hier allein und einsam. Der Lenz erfreut mich mit seinen Blumen, der Sommer mit seinen Garben, im Herbste breche ich die Fruchte der Baume, ..." "Und im Winter?" fiel Dagobert ein: "im Winter? Wie steht es da? Nicht dem Sturme des Nords allein bist Du Preis gegeben, sondern auch dem Muthwillen, der Raublust boser Gesellen, denen Du in Deiner Einsamkeit nicht widerstehen konntest." "Ei warum denn nicht?" fragte Crescentia lachelnd: "Glaubt ja nicht, dass ich so ganz Mutterseelen allein sey. Mit nichten. Ein Paar rustige, Knechte sind immer hier zur Hand. Nicht bestandig bin ich einsam, gerade wie heute. Heute ist ein besondrer Fall. Meine Leute sind nach der Stadt gelaufen, weil, wie es heisst, die gefangnen Juden vor Gericht gestellt werden. Ich hatte nicht selbst das traurige Schauspiel sehen mogen, aber wissen will ich doch, was an der Sache ist, weil der Eine der Gefangnen mir besonders am Herzen liegt, und ich mir nicht einbilden kann, was er verbrochen haben soll." "Wen meint Ihr da?" fragte Dagobert aufmerksam. "I nu, den armen Mann Ben David, der mit seinem Vater im Gefangniss liegt," versetzte Crescenz: "und der eben jener Wohlthater war, welcher ein halbes Jahr hindurch mein und meines Kindes Leben fristete." "Ben David, sagt Ihr?" fuhr Dagobert heftig fort: "der Jude Ben David? Er heute vor Gericht? Er noch nicht frei? und auch Jochai im Kerker? Beim Himmel! Du weisst nicht, Crescenz, welche Nachricht Du mir mittheiltest. Ich muss fort, zur Stelle fort; Vollbrecht! die Pferde vor!" "Ei, was habt Ihr denn, mein guter Junker?" rief Crescentia: "So schnell, und auf diese Nachricht hin wollt Ihr scheiden? Wie ist mir denn? Kennt Ihr den Juden? Habt Ihr schon etwa vernommen, wessen er beschuldigt?" Aber ihre Fragen, und ihr Rufen verhallte, denn schon sass Dagobert zu Ross, schon flog er mit seinem Knechte den Sandweg hinab zur Heerstrasse, und erreichte in Kurzem die Stadt. Wie im Fluge ging's, Zwingen und Gassen entlang bis zur Judenstrasse. Hier waren jedoch die Reiter gezwungen, ihre Pferde zu bandigen, denn die Gasse stand gedrangt voll von Menschen. Aller Augen auf Ben David's Haus gerichtet, Aller Lippen in unruhig schwatzender Bewegung. Die Bewohner der Gasse hielten sich in ihren Wohnungen verkrochen, Wache hatte die Pforte von David's Hause besetzt, aber dennoch stromten Menschen darin aus und ein, und so eben fuhrte man daraus ein ohnmachtiges Weib auf die Gasse, in Gewandern, wie sie die Burgerinnen kleiner Landstadte zu tragen pflegten. "Das arme Weib!" scholl es theilnehmend aus dem Munde aller Anwesenden: "Ein, wahres Ungluck hat sie just heute zur Stadt gefuhrt!" "Was gibt's denn hier?" erkundigte sich Dagobert bei einem Kerl, der, Langes und Breites erzahlend, unter einem Haufen von Handwerksgenossen stand, deren rothgelbe Jacken die Zunft der Loher verriethen. "Des Juden Keller ist durchsucht worden;" erlauterte der Geselle: "ich selbst war unten. Das getodtete Kind hat man zwar nicht gefunden die Buben haben's in den Main geworfen, aber viel andres Zeug, das wohl bewahrt, welch ein Handwerk die Schelmen von Juden im Stillen getrieben haben."

"Was denn" fragten die neugierigen Zuhorer. "Kleidungsstucke mit Blut befleckt," fuhr der Erzahler fort: "Lumpen sowohl als Staatsgewander, einige Kostbarkeiten, lauter gestohlnes Gut, und endlich eine Kette mit blutrothen Steinen, kenntlich fur den Eigenthumer durch die Steine selbst und die Arbeit des Silberschmids. Der Schmuck hat auch schon seinen Eigenthumer gefunden. Das arme Weib, das dort ohnmachtig liegt und just gelabt wird, hat ihn erkannt." "Erkannt?" rief der Hause. "Jeder von Euch," sprach der Loher weiter, "hat ja wohl einmal von dem schonen Evchen von Berger gehort? Weit und breit war das wunderholde Kind beruhmt. Weit und breit wurde Hermann, der junge Metzger aus Friedberg beneidet, da er endlich das schmucke Madel heimfuhrte. Nun, schaut hin auf das arme Weibsbild, ob man eine Spur der ehemaligen Schonheit auf ihrem Gesicht erkennt; und doch ist sie's. Ihr Mann aber wurde erschlagen, da er mit der Ausstattung seiner jungen Frau nach Friedberg fuhr, und die Halskette mit den blutrothen Steinen, ein Erbtheil von Evchens Grossmutter hat einen Theil der Mitgabe ausgemacht, und sich so eben in dem Keller des verfluchten Juden gefunden." "Das ist nicht wahr!" donnerte dem Erzahler Dagobert zu, wahrend die Umstehenden sich bekreuzten. Der Kerl gaffte ihn mit offenem Maule an. "Nu, wenn Ihrs besser wisst, Herr," antwortete er flamisch, "so hattet I h r den wackern Leuten hier das Ding erzahlen sollen." Dagobert wollte mit dem Ross auf den Lummel einsprengen, aber Vollbrecht war diessmal der Besonnenere, und riss den Herrn zuruck. "Bedenkt doch die Uebermacht!" flusterte er dem Heftigen zu, "und lasse uns forder ziehen." "Nimmermehr!" erwiederte Dagobert: "sehen muss ich, welch ein Ende der verdammte Auftritt nimmt!" Die Fluth des Volks walzte sich gerade mit aller Macht gegen Ben-David's Thure; denn die Gefangenen wurden eben herausgebracht. Der Oberstrichter, erhitzt von Eifer und Zorn ging voraus; ihm folgten Knechte mit Korben und Bundeln, die das Gefundene fortschleppten; hierauf erschien Zodick mit siegreicher Miene, und lange nach ihm die Gebundenen selbst, von Soldknechten umringt. Nachrichter und Gesellen folgten erst weit hintendrein, denn der Oberstrichter hatte dennoch fur gut befunden, sie nur als schreckende, nicht dienende Leute mit zu fuhren. Beim Erscheinen der sogenannten Verbrecher entfaltete das Volk wieder all seine Rohheit, denn es schamte sich nicht, aus vollem Halse das Lied anzustimmen, das in der Rumpelwoche in den Kirchen gesungen wurde, begleitet vom einem tobenden Larm ungezogener Handwerksgesellen und Strassenbuben: "Ach, Du armer Judas! Was hast Du gethan? Weiss ich doch sonst was, das geht Dich auch an. Ach, du armer Judas! Was hast Du gethan!" Unter diesem Geheule, dem der blutdurstigen Wolfe zu vergleichen, fiel ein neuer Austritt vor herzzerreissender als der, den das schone Evchen gegeben hatte, und schmerzlich im hochsten Grade fur Dagobert. Eine Dirne sturzte herbei, mit aufgelostem Haare, bleich wie der Tod, aber bildschon im hochsten Kummer selbst; Esther, die verzweifelnde Esther, die herzueilte, jetzt erst von dem schrecklichen Gange unterrichtet, den ihr Vater thun musste, welchen bisher zu sehen, ihr nicht vergonnt gewesen. Zu seinen Fussen drangte sie sich durch, seine Hande druckte sie mit Inbrunst an's Herz, die ihrigen streckte sie nach Jochai aus, aber wilde Gewalt stiess sie von ihren Lieben zuruck. Vergebens jammerte, vergebens flehte sie, vergebens bot sie, was sie von Werth bei sich trug, fur die Gnade, ein paar Augenblicke lang sich mit dem Unglucklichen zu letzen ..... ihre Bitten prallten ab von den Panzern der Wachter, und da endlich diese Letztern es nicht ferner uber sich gewinnen konnten, die ruhrende Schonheit unbarmherzig mit ihren Waffen zuruckzuweisen, so kam eilfertig der Stocker herbei, um zu thun, was dem Krieger wiederstrebte. Aber, so wie er die Arme ausstreckte, um Esther zu ergreifen, fuhlte er einen so heftigen Schlag im Genicke, dass ihm die Lust verging, weiter vorzudringen. "Gott verdamme Dich, ungehobelter Gesell!" rief dem besturzt zuruckschauenden Dagobert in's Ohr, welcher die Peitsche schwang, um nothigenfalls seine kraftige Zurechtweisung zu wiederholen: "So Du noch einmal Dich unterfangst, die Dirne hier durch Deine schandliche Beruhrung unehrlich machen zu wollen, so breche ich Dir den Hals!" Der Nachrichter schrie nach Hulfe. Das Volk lachte den Verhassten aus, und hohnte ihn. Da kehrte der Oberstrichter zuruck. "Was gibts da?" herrschte er: "Wer nimmt Partie fur die Judin?" "Ich Herr," entgegnete ihm Dagobert trotzig: "Ich Dagobert Frosch, des Schoffen und Altburgers Sohn." "Schande fur Euch!" eiferte der Oberstrichter: "Stokker! schafft das freche Geschopf weg!" "Dem Schurken kostets die Ohren!" versetzte Dagobert, seinen Dolch ergreifend: "Er wage es nicht. Schande ist's fur Euch, edler Herr, solche Gesellen in Eurem Gefolge zu fuhren. Den Verdammten ergreife der Henker, den Unschuldigen nicht." "Die Judin gehort mein!" liess sich der Stocker vernehmen: "Sie hat dem Gebot zuwider gehandelt, und ist auf die Gasse gelaufen ohne Schleier und Judenzeichen. Das Halseisen gebuhrt ihr, und mein gehoren ihre Haarflechten, so sie dieselbe nicht mit Geld losen mag." "Der Teufel auf Deinen eignen geschornen Schadel gehort Dir, Galgenrabe!" zurnte Dagobert dem Burschen entgegen: "Soll die Dirne deshalb bussen, dass sie in ihres Herzens Angst Euer Verbot vergessen?" "Sie ist eine schlechte Judin!" rief der Oberstrichter. "Ein Jude ist auch ein Mensch!" antwortete ihm Dagobert zorniger denn zuvor: "Und kurz und gut, Ihr lasst sammt Euern Helfershelfern das Madel in Frieden, oder ich will Euch zeigen, wie man mit Hunden umgeht!" Der Stocker entwich bei der furchtbaren Bewegung, die der Jungling gegen ihn machte. Aber zu gleicher Zeit rissen auf einen Wink des Richters, die Knechte, die Gefangenen von dannen, welche indessen Musse gehabt hatten, einige Worte mit Esther zu wechseln. Diese Letztere aus den Klauen der Schergen und des Pobels zu retten, der nur des Richters Entfernung erwartete, um an der Armsten seine rohe Willkur zu uben, war Dagoberts Bestreben von nun an. "Komm Dirne, mit mir!" rief er dem Madchen zu: "ich fuhre Dich in's Freie!" Dankend naherte sich ihm Esther, von Thranen uberstromt. Der Oberstrichter lachte hohnisch auf. "Ein wackres Ritterstucklein!" versetzte er: "Werd's zu ruhmen wissen, und Euch deshalb beloben!" "wie's Euch beliebt!" rief dem Scheidenden Diether's Sohn nach: "Wir sprechen uns wohl noch anderswo, Herr Oberstrichter!" Der Letztere warf ein kurzes: "Ich denk's!" zuruck, und ging trutziglich davon. "Fass meinen Steigbugel an!" sprach hierauf Dagobert zu der zitternden Esther, um die sich der Pobel brausend drangte, im Begriff seinen Schmahungen Luft zu machen: "Halte Dich fest; und Du, Vollbrecht, reite auf des Magdleins anderer Seite. Ihr aber, Gesindel, bleibt zuruck, oder wahrt Eure Kopfe!" Nach dieser Warnung ging es so schnell davon, als die zwischen den Pferden gehende Ester Schritt zu halten vermochte. Bis an den Ausgang der Strasse wogte die Menschenmasse nach; da indessen einige wohl angebrachte Peitschenhiebe ihres Zwecks nicht verfehlten, und die Unbandigsten des Pobels in ihre Schranken wiesen, blieben die Uebrigen zuruck, und bloss mehrere Steinwurfe, die nicht trafen, gaben das letzte Zeugniss von der ohnmachtigen Wuth des Volks. "Wohin soll ich Dich bringen?" fragte Dagobert, um die verwunderten Gaffer an den Hausthuren unbekummert: "Esther, sprich! Wo hausest Du denn Madchen?" "Vor die Stadt bringt mich, edler Herr!" seufzte Esther: "Vor die Stadt nur geleitet mich." "So lass den garstigen Steigbugel fahren," erwiederte Dagobert: "und ergreife die Quaste meiner Satteldecke" Dies geschah; ehe jedoch noch des Zwingers Graben erreicht war, ruhte Esthers Hand schon in der Rechten Dagoberts. Vor dem Thore, zu welchem kurz zuvor der Jungling herein geritten, sass er ab, und sprach zu Esther: "Nun sage an, mein Kind, wohin Du Deine Schritte zu lenken gedenkst? Warum entfliehst Du den Ringmauern der Stadt? Hast Du kein sicheres Obdach in derselben?" Wehmuthig schuttelte Esther, das von Perlen der Kindesliebe geschmuckte Haupt. "Ei, so sage doch, um Gott, wo Du weiltest in den verflossenen Tagen?" fuhr Dagobert betroffen fort: "Ich wahnte Dich in Deines Grossvaters Haus und Armen. Sprich doch, Du armes Magdlein, sprich." "Jochai liegt im Gefangniss, gleich meinem Vater;" antwortete Esther schluchzend: "An die Thuren unsrer Nachbarn und Glaubensfreunde wandte ich mich; aber von allen wies man die Tochter, der als Verbrecher gehaltenen Leute zuruck. Als ob mich die Schule in Bann gethan, flohen mich alle Bekannte, und nur bei dem Judenarzt Joseph fand ich eine Aufnahme, nach langem, langem Bedenken von seiner Seite; nach vielem Einreden seines Weibes." "O Du bemitleidenswerthes Geschopf!" sprach hier Dagobert theilnehmend, und schmeichelnd ihre Hand fassend: "dass Du gezungen wurdest, bei dem hoffartigen Manne Brod und Wohnstatte zu begehren! Dass ich Dich schonungslos solchem Zufall uberliess! Wie aber wurdest Du von ihm gehalten? Warum kehrst Du nicht zu ihm zuruck?" "Erlaubt mir, davon zu schweigen!" bat Esther mit niedergeschlagenen Augen und geschamiger Wange. "Nein, Esther;" fuhr der heftige Jungling fort: "Wissen muss ich's, Du darfst mir's nicht verschweigen!" "Dass er mich gleich einer dienenden Magd behandelte," sagte Esther zogernd und oft innehaltend, "hatte ich ihm gern verziehen; die Hulflosigkeit muss ja immer Sklavendienste leisten; aber, dass er eines schandlichen Handels Hoffnung auf meinen Kummer, auf meine Liebe zum Vater baute, ..... das kann ich ihm kaum vergeben, und nimmer kehre ich darum zuruck zu dem abscheulichen Mann."

"Von welchem Handel sprichst Du?" fragte der Jungling bebend: ..... "rede, mein Kind, ich muss es erfahren; .... horst Du? .... ich muss." "Dem Schultheiss wollte er mich verkaufen," antwortete Esther, ihr Antlitz mit den Handen verbergend: "ich sollte fur meines Vaters leichtere Haft einen Preis zahlen, den .... ach; erlasst mir das Ubrige." "Schurke!" knirschte Dagobert. "Ich widerstand;" sprach Esther weiter: "ich zurnte dem Unholde; da entdeckte er mir schonungslos, was mein Vater verbrochen haben soll, und dass er gerade jetzo zum Hause seiner Vater geschleppt worden sey. Halb gekleidet, wie ich war, heulend vor Schmerz und Angst enteilte ich dem Hause Josephs, fest entschlossen, nimmer dessen Schwelle wieder zu betreten."

"Da sey Gott vor!" entgegnete Dagobert, mit der Faust gegen die Stadt drohend: "Dem hageprunkenden Fettwanst will ich's gedenken, sollte er mir einst unter die Augen kommen. Wo aber, wo, mein gutes Dirnlein, wo gedenkst Du hin? Wo leben die Freunde, wo Verwandte, die Dein Schicksal beweinen?" "Ach, nirgends, Herr;" klagte die Verlassene: "ich habe Niemand, den eine Pflicht verbande, mir zu helfen. Hingehen will ich aber auf irgend ein Dorf, und in einem Stalle mich betten, und taglich nach der Stadt ziehen, und taglich zu den Fussen der Wachter meines Vaters um die Gnade betteln, ihn sehen zu durfen in seiner Gefangenschaft. Vielleicht wird einmal doch meine Bitte erhort, vielleicht gewahrt man mir endlich die grossre, im Kerker zu bleiben, bei ihm, dem meine Sorgfalt, mein Leben gehort." "Esther! Madchen!" sprach Dagobert bekummert: "Betrube mich nicht also, und handle nicht wie eine Morderin an Dir selbst! Du solltest eine Beute des rohen Bauernvolkes werden; am Ende dennoch durch Deine unablassigen Bitten und Versuche in die Hande des saubern Gelichters gerathen, denen ich Dich so eben entrissen? Wahrlich; das gebe ich nicht zu." Vollbrecht gaffte mit offnem Munde dem seltnen Auftritt zu; Dagobert, der es jedoch bemerkte, gab ihm den Befehl, die Rosse heimzufuhren. Obwohl ungern, jedoch vom Gefuhl des Gehorsams beseelt, that Vollbrecht, wie ihm geheissen. Da er sich entfernt hatte, bog Dagobert, im Gesprach mit Esther, in den Sandweg ein, den er kurz vorher beritten. "Du musst mir eine Liebe thun," sagte er zu Esther, die in stiller Erwartung neben ihm ging. "Welche? mein guter Herr?" fragte sie, die sanftleuchtenden Augen zu ihm erhebend: "Sprecht. Nach dem Vater gehore ich Euch allein." "Ich habe Dich sonder Gefahrde hieher geleitet von Costnitz," sprach Dagobert weiter; "Dich unter Wegs gehalten wie ein ehrlich Frauenbild, und mich wie einen ehrlichen Gesellen." "Das weiss der Himmel!" betheuerte Esther mit dankbarer Neigung: "Einer ehrsamen Burgerin gleich habt Ihr mich gehalten, und nicht wie eine schlechte Judin. Das vergelte Euch der hochgelobte Gott, der es auch gnadig mit ansieht, wie Ihr also wandelt mit mir im Freien, ohne Schaam und Scheu, mit mir, der von aller Welt Verstossenen." "Wolltest Du mir wohl ferner vertrauen?" fragte Dagobert mit weicher Stimme. "Bis an's Ende, Herr, unwandelbar;" antwortete Esther. "Deine Habe hast Du mir bereits vertraut, da wir schieden;" sagte Dagobert ferner: "Herzog Friedrichs Brief habe ich in Handen, und werde Dir einst Rechnung davon stellen; aber nun sollst Du Dich selbst mir anvertrauen." "Gerne, Herr!" versetzte das Magdlein ohne Saumen. "So nimm eine Herberge an von mir;" sprach der Jungling, den ruhigen Blick auf sie heftend. "Eine Herberge, Herr?" fragte sie staunend: "Bei Euch? das ziemt sich nicht." "Nein, wahrlich;" lachelte der Junker: "bei mir? das wurde sich freilich nicht ziemen. Aber in einem Hause, dem eine wackre Freundin vorsteht ... was meinst Du dazu?" "Ohne Bedenken;" antwortete Esther mit frohem Danke: "Wohin I h r mich fuhrt, darf ich gehen." "Auf die Gefahr, dass ich des Schultheissen Vorliebe fur hubsche Dirnen theilte?" fragte Dagobert mit Laune. Esther sah ihn ernst an, schuttelte lachelnd den Kopf, und sprach: "Verkleinert Euch doch nicht selbst; im Scherze nicht einmal. Woran soll man erkennen den Mann, wann er sich selbst den bosen Leumund anhangt?" "An seinen Handlungen, treffliche Dirne!" antwortete Dagobert rasch, indem er unwillkurlich ihr die Hand druckte: "Und nun, komme mit mir zum Schellenhofe. Die alte Crescenz will mir wohl und Dein Vater steht bei ihr nach dem Heilande in den grossten Ehren. Dort, mein armes Kind, dort wirst Du sicher seyn."

Fussnoten

1 Gesetzlicher Gebrauch, sobald die Wittib ihres Mannes Schulden nicht bezahlen konnte. Nach geleistetem Eide sie durch obige Handlung aller Verbindlichkeit quitt.

Funftes Kapitel.

Eia, Eia!

Ostern ist da!

Fasten ist voruber,

Das ist mir lieber;

Eier und Wecken

Viel besser schmecken!

Eia, Eia!

Ostern ist da!

Altd. Kinderlied zum Osterfeste.

Der Heilige Ostertag hatte sich einen schonen Schmuck von Sonnenschein und Warme angelegt, allein an dem Abend desselben war glanzendere Helle, wenn gleich nur von Kerzenlicht, und eine viel angenehmere Warme in den Stuben des adelichen Gesellenhauses Limpurg zu finden. Die Gemacher waren geschmuckt wie zu einer Hochzeit. Bunte Vorhange waren an den Fenstern aufgemacht, allenthalben vielarmige Wand- und Deckenleuchter angebracht, und der Fussboden entweder mit gewurkten Teppichen belegt, oder mit weiss und rothem Sand bestreut, den man in allerlei seltsamen Figuren aufgeschuttet hatte. Auch die Tafel, an welcher heute recht viele der edeln Gesellen sammt ihren Frauen und Tochtern und Schwestern das abendliche Ostermahl begehen wollten, war herrlich hergerichtet in dem Saale, welcher der Schauplatz der Schmause und Geschlechtertanze zu seyn pflegte. Blendendweisse Tischtucher mit buntem Rande, die Ecken in zierliche Knoten geschlungen, bedeckten die Tafel, mit schimmerndem Gerath versehen, so wie der gegenuberstehende Kredenztisch mit prachtigen Gefassen besetzt war. Die Becher der Gaste waren schon bekranzt mit den zum Fest gehorigen Maaslieben oder Osterblumchen, und voll angehauften Zinnschusseln mit bemalten Ostereiern standen hin und wieder auf Tisch und Schrein aufgepflanzt, um den hin und her wandelnden Herren und Frauen als eine kleine Ergotzlichkeit des Gaumens zu dienen, bis das Zeichen zum Mahle gegeben seyn wurde. Der grossre Theil der ungemein ansehnlichen Zahl von anwesenden Stubengenossen war im grossen Vorgemache versammelt, um den machtigen Ofen, dessen Flachen mit dem in Farben ausgefuhrten Wappen der Vaterstadt geschmuckt waren, so wie die Wande umher mit der langen Reihe von Limpurgs Geschlechterwappen, mit den auf grossen Pergamenttafeln geschriebnen Ordnungen der Ttrinkstube, dem bedeutenden Namens-Verzeichniss von Meistern und Gesellen, und den Panieren der Gesellschaft. Plaudernd und schackernd unterhielten sich die geputzten Gaste von dem, was der Tag gerade gebracht hatte. Die jungern Anwesenden sprachen von Scherz und Liebe, zeigten sich gegenseitig die prachtvollen Ostereier, die sie empfangen, gesandt in zierlichen Korben, oder auf seidnen und duftenden Kissen, und mit den niedlichsten Spruchen bemalt. Der zartliche Freier benutzte das Dammerdunkel des Ofenschattens, um der Geliebten das Geschenk wieder zum Geschenke zu machen, und einen sussen Blick dafur zu erhalten. Gespielinnen und Freunde bekranzten sich gegenseitig mit den Blumen, in welchen die Ostergeschenke gelegen, und mancher zartliche Reimspruch ging von Munde zu Munde. Wahrend dessen redeten die jungen Frauen von der Herrlichkeit der bevorstehenden Fruhlingsfeste, die altern von dem Barfusser, der heute das wirksamste und ergotzlichste Ostergelachter erdacht, von der Deutschherrenkirche, in welcher das ansehnlichste Osterlicht zu schauen gewesen, und von dem Backer, der die schmackhaftesten Fladen zum Feste geliefert. Unter den Mannern ging hingegen vom Wechsel und Gewerbe die Sprache, von Gerichten, Fehden und dem Concilium. Trotz diesen ganz verschiednen Redestoffen stand dennoch die Menge beisammen auf einem Knaul, als ob das Gesprach nur einen und denselben Gegendstand betrafe; zwei Herren allein hatten sich von der Versammlung abseits gezogen, und besprachen sich eifrig in einer Ecke des Gemachs: der Schultheiss und der Oberstrichter. "Ihr wurdet mich zur ewigen Dankbarkeit verpflichten," sagte der Letztere, das Gesprach zu Ende leitend, "wenn Ihr dem Jungen irgend einen Denkzettel anhangen wolltet. Ihr findet eher die Gelegenhenheit hiezu, denn ich. Mir durfte er schwerlich in's Gehege kommen." "Ich denke, mir ist er schon in's Gehege gerathen;" entgegnete der Schultheiss finster: "seyd unbesorgt, ehrbarer Herr; was man sucht, findet sich wohl; ich bin vielleicht sogar bald im Stande, Euch uber wichtigere Dinge Aufschluss zu geben, denn ich vermuthe nicht mit Ungrund, dass in jenem Hause gewisse Verhaltnisse obwalten, die bis jetzt gut gethan haben, sich mit dem Schleier des Geheimnisses zu verhullen." "Meint Ihr, gestrenger Herr?" fragte der Oberstrichter schnell: "Das ware Wasser auf meine Muhle, und wenn die Dinge von der Art waren, mein Amt zu beschaftigen, .... um desto besser." "Ich verspreche noch nichts;" antwortete der Schultheiss einlenkend: "ich weiss von nichts. Die Zeit wird lehren, wie ich mich zu verhalten haben werde." Der Andre buckte sich mit der Freundlichkeit, die willig vor dem Machtigern verstummt, und ihre Neugier in den Zaum nimmt. Das Stubenmeisteramt, das der Schultheiss bekleidete, machte ihm die nachsten Anordnungen der Tafel zur Pflicht, und als Alles besorgt war, und er schon mit dem silbernen Stabe in das Gemach schreiten wollte, um der harrenden Gesellschaft das Zeichen zum Mahle zu geben, kam ihm der Altburger Diether Frosch hastig entgegen und zog ihn in das Tafelzimmer zuruck. Der Schultheiss errothete leicht bei diesem unverhofften Zusammentreffen, fasste sich jedoch bald wieder, und sprach: "Willkommen, mein wackrer Schoff! Sehnlichst haben wir Eurer gewartet. Und Eure Ehefrau .... Ihr habt sie doch mit Euch gebracht, darf ich hoffen?" "Mit nichten, Herr;" versetzte Diether: "Doch zweierlei Botschaft bringe ich, die Frau Margarethen angeht, und von der ich auch reden muss, ehe Ihr zu Tische sitzt. Ihr habt neulich eine Rose in meinem Hause zuruckgelassen, .. ein feines Kleinod, und viel zu kostbar fur meine Wirthin, die es Euch durch mich zuruckstellen lasst. Ferner habt Ihr die Gute gehabt, heute Morgen Euern Buben in mein Haus zu senden, der ein blankes Korblein trug, mit diesem silbernen Granatapfel, angefullt von wohlriechender Essenz, und verziert mit einem Minnespruch. Der alte Diether, der, wie alle Sechziger, wenig schlaft, und fruh das Lager verlasst, fand den Buben, der an Frau Margarethens Thure harrte, und nahm ihm das zarte Geschenk ab. Er bringt Euch nun Beides wieder: die Rose von Gold, den Apfel von Silber, mit der Bitte, seinen kleinen Hausstand mit solcher Freigebigkeit ferner nicht zu beschamen. Sein Haus war stets ein Wohnsitz der Zucht und Ehrbarkeit, und wird und soll es ferner bleiben, wozu Gott helfe!"

Der Schultheiss, der schon vorausgesehen, was des Alten gramliche Miene verkundete, nahm heftig die Kleinodien aus Diether's Hand, und sagte halblaut zu dem Schoffen: "Ihr habt recht gut die Zeit gewahlt, mich zu beleidigen, denn rings um uns wandeln Leute hin und her, die mit ihren Falkenblicken in Eurem zornigen Antlitz zu lesen verstehen. Ihr mogt indessen Eurem Ehgemahl berichten, dass Versehen und Irrthum nur diess Geschenke, fur andre, geschatzte Freundinnen bestimmt, in ihren Bereich gebracht, und dass ich mich zu hoch dunke, an dem Honig zu naschen, in welchem ein alterschwacher Thor, und ein lasterhafter Stiefsohn geschwelgt." "Seyd ubrigens versohnt, guter Schoffe," setzte er mit dem freundlichsten Lacheln hinzu, um die neugierigen Gaffer irre zu fuhren, "dass ich Euch den heutigen Abend nach Kraften gedenken werde." Diese Worte, mit welchen der Ritter dem Altburger den Rucken kehrte, demuthigten Margarethens Gatten um so empfindlicher, je stolzer er in dem Gefuhle seines Rechts und des vom Schultheissen beabsichtigten Unrechts gewesen war. Durr ausgesprochen, schonungslos herausgesagt, hatte er nur den Verdacht gehort, den er schon langst im stillen Herzen bewahrt, und von Emporung und Schaam zugleich bedrangt, wollte er die Trinkstube verlassen, als der Schultheiss an der Spitze der Paarweisgehenden Gaste wieder eintrat, und ihn so vertraulich unter dem Arme nahm, als ware niemals etwas zwischen ihnen vorgefallen. "Biedrer und ehrsamer Freund," sprach der gestrenge Herr mit lauter Stimme und freundlicher Geberde, dass alle Umstehende seine Worte vernehmen mussten: "es ist schon lange her, seit Euer Unfall Euch hinderte an unserm geselligen Mahle Theil zu nehmen. Da I h r nun gewissermassen heute a u c h das Fest der Auferstehung feiert, so beliebe es Euch, hier zwischen den Stuhlen der Stubenmeister, und an meiner Seite Platz zu nehmen. Wir haben oft zusammengesessen im Rathe, zusammen gestritten im Felde; lasst uns nach geraumer Zeit wieder zusammen tafeln." Ehe noch der greise Diether ein Wort des Widerstrebens zu finden vermochte, hatten ihn schon die ubrigen Stubenmeister zu einem Sessel gefuhrt, und ihn mit freundschaftlicher Gewalt genothigt, sich darauf niederzulassen. Die ubrigen Tafelgenossen reihten sich nach Rang und Wurden um den Tisch, und hinter den Stuhlen der Frauen und Tochter sammelten sich die jungen Manner, die entweder zu spat gekommen waren, um einen Sitz zu finden, oder deren Lebhaftigkeit es vorzog, sich an keinen Ort binden zu lassen. Sie stellten sich entweder gleich wie Edelknechte, bereit, auf den ersten Wink der Dame von dannen zu fliegen, und auszurichten, was sie befohlen, oder sie kauerten und knieten nieder auf gepolsterten Schemeln, um ihren Brauten, Liebchen oder Freundinnen kurzweilige Reden und zartlich Gefluster in die Ohren zu wispern. Nach und nach sammelte sich jedoch der grosse Schwarm um das untere Ende der Tafel, wo ein junger Mann in feiner Kleidung das Wort fuhrte, und allerlei lustige Spruche und Fundlein an die Reihe kommen liess. Der frohliche Erzahler war Dagobert, der erst vor Kurzem eingetreten und seinen Standpunkt hinter dem Lehnstuhle der Frau von Durningen genommen, einer Adelichen aus der Gegend von Friedberg, die, nur zum Besuch, uber das Fest nach Frankreich gekommen war. Mit ihr, der freundlich und gemuthlich gestimmten Wittib in dem besten Alter, und mit ihrer Tochter, einem gar muntern und lieblichen Magdlein von vierzehn Jahren hochstens, beschaftigte sich Dagobert vorzuglich, da, den trocknen Vetter der Dame ausgenommen, beinahe niemand der Anwesenden ein Wort an die Fremden richtete. Die Mutter wusste den Liebesdienst des ehrlichen Junkers zu schatzen, und horte seinem Gesprache gern zu; mit grossrer Theilnahme jedoch die holde Regina, welche den hellen Blick kaum von des angenehmen Gesellschafters Lippen verwendete, lachelnd seinen Worten mit dem lauschenden Ohre folgte, und zuchtig errothete, so oft seine Augen auf ihrem Antlitz verweilten. Der schelmische Jungling schien es nicht zu bemerken, und machte sich ein Vergnugen daraus, seine Scherze fast immer an das Madchen selbst zu richten, und dadurch die umstehenden Junggesellen schier eifersuchtig zu machen. "Vergonnt mir," sprach er unter anderm: "vergonnt mir Euer Ritter zu seyn, holde Jungfrau aus der Fremde! Nennt mir Eure Farbe, damit ich sie trage zum Zeichen, dass ich der Eurige bin." "Unsers Wappens Farbe ist blau und Silber und grun," erwiederte das Madchen unbefangen: "ich selbst jedoch, nicht wahr, Mutter? ich habe noch keine Farbe, mit der ich Euch zieren konnte." Die Mutter nickte lachelnd. "Das ist schlimm!" scherzte Dagobert: "So werdet Ihr mir mindestens erlauben, Euch dies Osterei zu uberreichen, mit dem Spruch, den ich mir dabei denke?" "Und dieser ist?" fragte Regina neugierig. "Er lautet ganz einfach;" versetzte Dagobert: "Ich wunsche, Liebchen, froh und frei, mich Dir, Dich mir zum Osterei." "Ei wie schon!" rief Regina, von einer strahlenden Rothe ubergossen; die Mutter streichelte ihr aber die gluhende Stirn und das goldne gescheitelte Haar, und sagte mit scherzhaftem Vorwurf: "Nicht doch, junger Herr! Euer hofelndes Gerede macht die Dirne eitel." "Warum sollte sie auch nicht eitel seyn?" fragte Dagobert lustig entgegen: "Hat sie doch schon in der Taufe die Vollmacht und das Recht erhalten, eitel und stolz herabzusehen auf uns Ubrige? Was bedeutet denn Regina anders als eine Konigin? Und wenn diese kleine Konigin bestimmt ist, Hunderte zu beherrschen durch die Macht ihrer Holdseligkeit, .. warum nicht auch mein Herz, eines der Empfanglichsten?"

"Diese glatten Reden voll Muthwillen passen wenig zu dem geistlichen Stande, dem Ihr bestimmt seyd, junger Herr!" warf der Vetter der Frau von Durningen, ein hagrer, aller Lust feindseliger Patrizier von steifsten Schrot und Korn ein. Diether's Sohn schaute ihn gross an, und erwiederte: "Lieber Herr, das mache ich mit meinem Gewissen aus. Wollt mir das gutig erlauben. Habt Ihr mir keinen Spruch entgegen zu schenken?" fuhr er fort, sich lachelnd an Reginen wendend. "O ja," entgegnete die Dirne geschwatzig: "hort nur zu, ob ich mich recht darauf besinne; ich, Du, das Ei, das sind unser drei. Theilen wir das Ei, bleiben unser zwei." Das Madchen schwieg, als ob der Spruch zu Ende sey. Dagobert lachte. "Man kann den uberlastigsten Freier nicht besser abfertigen!" betheuerte er: "Ihr habt aber den Schluss des Reims vergessen, schone Maid. Er schliesst also: Einen wie uns zwei, bleibts bei Einerlei. Oder nicht?" "Bleibts bei Einerlei!" wiederholte halb ernstlich, halb schalkhaft das Fraulein mit einer lustigen Verneigung, und ein frohlich Gelachter erscholl aus dem Munde der Umstehenden, wahrend des Oberstrichters Sohn, der ausschweifende Jungherr Schweikard, der nach dem eiteln Ruhme geizte, uberall der einzig gefeierte Lustigmacher zu seyn, mit missmuthiger Geberde dem Beifall entfloh, der einem andern zu Theile wurde, und seinem Vater einige Worte in's Ohr raunte. Dieser nickte beifallig, und wandte sich heimlich flusternd an den unsern sitzenden Schultheiss. Die Beiden wechselten viele und schnelle Worte, mit drohenden Blicken bald auf den, jetzt erst bemerkten Dagobert hinzielend, bald auf dessen Vater, der schon langst wie auf Kohlen neben dem Schultheiss sass, aber der Schicklichkeit halber, dem Burgermeister, der auf der andern Seite sein Nachbar war, und ihn in Fluthen von Erzahlungen langst vergessner Begebenheiten vertiefte, zuhoren musste. Dem Altburger war es klar, dass der Schultheiss mit seiner uberraschenden Freundlichkeit und vorhergegangnen Schimpf, nur bezwecke, vor der Gesellschaft den Zwist sammt dessen Ursache zu verbergen, oder ihm eine noch empfindlichere Beleidigung zufugen zu konnen. Daher konnte ihm kein Bissen schmecken, kein Tropfen munden, und ihm war es sehr willkommen, als der Stubendiener ihn benachrichtigte, im Vorgemach harre ein Knecht, der ihm Wichtiges zu verkunden habe. Er stand schnell auf; indessen erschien aber auch bereits der Hausmeister und rief mit vollen Backen; "Ihr werdet Euch wundern, ehrsamer Herr Frosch. Das Ungluck .... mir selbst zittern alle Glieder!" "Nun, was gibt's?" fragte der Schultheiss mit schadenfroher Ahnung, wahrend der Burgermeister den erschrocknen Diether wieder auf den Stuhl niederzog. "Eure Tochter, das tugendbelobte Fraulein Wallrade" .... stammelte der Schwatzer ferner.

"Meine Tochter?" entgegnete Diether mit erloschender Stimme. "Sie ist in's Ungluck gerathen, da sie eine Stunde Feldwegs von Wiesbaden gekommen!" platzte der Hausmeister heraus: "Die Herren vom Stegreif, welche dort und hier die Landstrassen unsicher machen, haben sie aufgefangen, und, Gott weiss in welches ihrer Raubnester gebracht. Erst gestern wurden ihre Leute freigelassen und mit verbundnen Augen in der Nacht an einem Kreuzwege ausgesetzt, wenig Stunden von hier, unfern auch von dem Gebirge. Knecht und Zofe haben die erschreckliche Kunde mitgebracht, und Eure Hausfrau fordert Eure Heimkehr, Herr!" "Gleich, gleich," stotterte Diether halb ausser sich, und nach Mantel und Piret rufend, welches ihm der Stubendiener zogernd und faul herbeibrachte. Indessen ging die Nachricht schnell um die ganze Tafel, und Dagobert sprang ebenfalls auf, um dem Vater zu folgen, der sich gerade der Thure naherte, als der Schultheiss zu dem Burgermeister laut genug sagte: "Wie konnt Ihr nur eine Frage verschwenden nach dem Thater, wohlweiser Herr? Wie die Sachen in jenem Hause stehen, ist m i r nicht fremd. Man muss wissen, dass die Stiefmutter und der eigne Bruder die arme Schwester stets verfolgten, und dass der E r s t e r n leiblicher Bruder ein weitberuchtiger Buschklepper ist, der im Stadtbann wie im Kirchenbann liegt, um den ganzen Handel begreifen zu konnen." Diether horchte hoch auf; schleuderte dann einen vernichtenden Blick auf seinen Sohn, und rannte ungestum aus der Thure. Dagobert, den Groll des Vaters ubersehend, trat jedoch festen Schritts und schnell auf den Schultheissen zu, und sagte mit Gewicht: "Wie mogt Ihr nur, edler Herr, solch unuberlegt Wort in offner Gesellschaft meinem Vater und mir zum Gehore reden? Wie mogt Ihr meine Stiefmutter beschimpfen, die des Leuenberger's sittenlosen, ubeln Wandel nicht theilt, sondern stets ein Muster von Rechtschaffenheit fur die ganze Stadt gewesen?"

Der Ritter mass den Jungling, auf den sich alle Blicke richteten, vom Kopf bis zu den Fussen, und verzog hohnisch den Mund. "Wenn ich auch sehr gut begreife," sprach er, "wie es kommt, dass hier der Stiefsohn fur die Stiefmutter so heftig Partei nimmt, so mochte ich das Recht wohl kennen, das Euch zusteht, mich zur Rede zu setzen? Ich muss Euch auffordern, vorlauter Mensch, zu schweigen, wenn ich nicht reden soll." "Frei heraus:" entgegnete Dagobert, in welchem das vom Schultheiss gegen Esther beabsichtigte Unbill die Flamme schurte: "Frei heraus! Ich habe schon gesehen, dass ihr scheel auf mich schaut. Vielleicht erfahre ich jetzt, warum. Doch rathe ich Euch, jede Schmahung gegen Vater oder Mutter unterwegs zu lassen, soll ich nicht vergessen ..." "Massigt Euch!" flusterten ihm mehrere theilnehmende Freunde zu, und ein begutigender Blick von der Frau von Durningen machte ihn schweigen. "Ihr habt Euch schon vergessen;" brausste der Schultheiss auf; "doch soll man nicht sagen, als wollte ich vergelten, was der Jugend Thorheit, oder der Trunk aus Euch spricht; als Ritter und als Schultheiss vergebe ich Eure rohe Unart. Aber als Stubenmeister dieser loblichen und reinadelichen Gesellschaft habe ich ein Wort zu Euch zu sprechen, das fruher schon gefallen ware, hatte ich fruher Eure Anwesenheit bemerken, oder Euern Vater nicht schonen wollen. Warum, junger, unbesonnener Gesell, erfordern unsre Ordnungen acht Ohrenschilder zur Aufnahme in die Genossenschaft? Damit nur reinadeliche Gesinnung in diesem Kreise herrsche. Wer gegen Sitte, Zucht und Biederkeit handelt, was schlechter Gesellschaft plegt, zum Abschaum des Pobels herniedersteigt, und mit Rohheit den Adel und die Wurde schmaht, wird aus diesem Haus gewiesen, und also thue ich Euch." "Mir?" fuhr Dagobert auf, und rings ward es stumm. "Euch!" wiederholte der Schultheiss mit der zu Boden schlagenden Hohheit, die ihm zu Zeiten eigen war: "Denkt des gestrigen Tags, und fragt Euch selbst, ob Ihr ferner wurdig seyd, auf diesem Boden zu stehen. Wer mit Juden, Mordern und Dieben verkehrt, sie gegen die offentliche Gewalt in Schutz nimmt, den Richter in seinem Amte lastert und bedroht, wer sich nicht schamt, an den unehrlichen Stocker auf offner Gasse Hand zu legen, um das Gesindel zu befreien, .. der stehe nicht mehr unter uns, nicht heut, nicht morgen und nimmer. Dort ist die Thure. Geht!"

"Um aller Heiligen willen! was ist vorgefallen?" fragten die meisten aus der Versammlung, und zur Antwort flog die Erzahlung des Vorfalls gestrigen Tags, entstellt, vergrossert und gehassig gemacht, rings umher, von dem Oberstrichter, seinem Sohne und des Schultheissen Neffen verbreitet. Die Dagobert Zunachststehenden wichen um mehrere Schritte zuruck, denn der Angeklagte hatte ja mit Juden zu thun gehabt, und den Nachrichter beruhrt, war vielleicht von dem letztern wieder beruhrt worden. Die Frauen, die am langsten fur ihn Theilnahme gehegt, rumpften, da sie von der Judendirne horten, hohnisch die Nase. Die Frau von Durningen mit ihrer Tochter sah scheu und befangen, obwohl nicht zurnend nach dem Jungling. So sehr indessen Mehrere auf des Schultheissen rucksichtslose Schmachrede einen heftigen Ausbruch von Dagobert's Wuth befurchteten, den wieder andre, der Folgen wegen, wunschten, so sehr hatten sich diese geirrt. Die letzten Worte des Stubenmeisters hatten eine himmlische Ruhe uber das Antlitz des Beleidigten verbreitet. "Ich dachte bis jetzo unter gefuhlvollen Menschen zu stehen;" erwiederte er, sich ernst umschauend: "doch hab' ich mich geirrt. Es ist wohl keiner unter all' diesen edeln Herren, der nicht sein Geld verschwendete, um einem lahmen Pferde wieder auf die Beine zu helfen; keine unter all' diesen Frauen, die nicht ihr Herz zerrissen fuhlte, sahe sie ihren Schoosshund in Gefahr. Doch sprechen sie uber mich das Urtheil, weil ich mit den erbarmenswerthesten Menschen Mitleid fuhlte; weil ich eine Grausamkeit abwehrte, die nur in dem traurigsten Verfolgungsgeist, nicht im Richteramte ihren Grund findet. In Gottesnamen denn; ich wusste nicht, dass Juden weniger als Hunde und Gaule sind, und diese Lehre ist der Verweisung aus diesem Hause wohl werth. Ich gehe mit Freuden, und thue dieses ohne Groll, denn ich erzahle nicht einmal den ehrsamen Anwesenden, was zwischen dem gestrengen Herrn Schultheiss und dem schlechten Judenarzt Joseph abgeredet worden ist." Mit einem mitleidigen Blicke streifte er noch einmal alle Umstehenden, besonders den hohnisch lachelnden Oberstrichter und den verlegnen Schultheiss, gurtete langsam seinen Stossdegen um, band das Piret unterm Kinn fest, und verliess ohne irgend ein Zeichen des Lebewohls, wie ein im Ruckzuge noch furchtbarer Feind, das Tafelzimmer. Sein Scheiden war das Zeichen zu offnem Zwiste in der Gesellschaft. Manche, mit dem Geschlechte der Frosche theils befreundet, theils verschwagert und verbunden, erkuhnten sich, dem Stubenmeister Vorwurfe uber sein hartes Benehmen gegen den Sohn eines angesehenen Altburgers und Schoffen zu machen. Ohne Dagobert's Schuld an dem Vorfalle in der Judengasse vertheidigen zu wollen, theils von Vorurtheile befangen, theils zu muthlos, um gegen die Vorurtheile Andrer anzukampfen, sprachen sie von dem zahlreichen Anhange Diether's, der sich in seinem Sohne schwer beleidigt sehen wurde; von der Rache, die wohl auf eine oder die andre Weise nachfolgen durfte. Die Widersacher bestritten hingegen verachtlich alle Mahnungen, verlachten jede Drohung, und gedachten des Ausgewiesenen und seines Vaters mit den ehrenruhrigsten Beinamen. "Sie mogen versuchen, wie weit ihre Ohnmacht reicht;" rief der Schultheiss: "ich habe meine Pflicht gethan, und werde als Stubenmeister wie als Schultheiss mein Recht behaupten." "Fur rebellische Burger gibt es noch Thurme!" drohte der Oberstrichter. "Was ist hier auch viel zu scheuen?" lachte des Schultheissen Neffe: "Dagobert's Wandel auf dem Concil ist stadtbekannt, sein Leumund nicht ehrenvoll." "Der verruchte Mensch will nicht einmal der Mutter Gelubde erfullen, und Pfaffe werden!" klagte der Vetter der Frau von Durningen mit heuchlerischer Miene. "Wohl uns, wenn der luderliche Pickelharing sich nicht mehr in adliger Gesellschaft zeigen darf;" schrie des Oberstrichters Sohn, und der Schultheiss fugte, wie mit prophetischer Zuversicht hinzu: "Es durften vielleicht bald ganz andre Dinge von dem Hause der Frosche zur Sprache kommen!" Die dem geschmahten Geschlechte Anhangenden brachen schmollend und zurnend auf; die Freuden des Festes waren gestort, und aus der frohlichen Ostertafel eine gallige Gasterei geworden, an welcher Feindseligkeit und Hass ihr Panier aufsteckten.

Verachtung gegen seine Feinde, aber auch ein ruhiges Bewusstseyn im Herzen, hatte Dagobert sein vaterlich Haus wiedergefunden. Vollbrecht offnete ihm die Thure. "Wo ist mein Vater?" fragte er den Knecht. "Der gestrenge Herr hat sich durch den Peter zum Stadthauptmann leuchten lassen, um ihm die Anzeige von dem Raube zu machen." "Gut;" versetzte Dagobert: "Die zuruckgekommenen Leute meiner Schwester?" "Sie schlafen schon in wohlverriegelten Stuben," berichtete Vollbrecht: "denn die ehrsame Frau meinte, sie konnten wohl selbst allenfalls das arme Fraulein getodtet, oder an einen Rauber verkauft haben." "Moglich war es allerdings;" erwiederte Dagobert: "ich will morgen die Leute sprechen. Gib mir die Kerze, und warte indessen auf den Vater." Dem wie aus dem Himmel herabgefallnen Bubenstuck nachsinnend, stieg Dagobert die Treppe empor, und kam eben an Frau Margarethens Gemache voruber, als dessen Thure sich leise offnete, und der Altburgerin Stimme ein leises: "Junker Dagobert! seyd Ihr's?" daraus vernehmen liess. "Ja freilich ehrsame Frau;" antwortete der junge Mann: "Behut' Euch Gott und segne Euern Schlaf." "O bleibt," flusterte Margarethe, mit der weissen Hand aus dem Halbdunkel, hervorwinkend: "lasst mich den Augenblick benutzen und tretet bei mir ein." Dagobert stutzte, und Margarethens fruhere unverholne Leidenschaft fur ihn, und auch zugleich etwas von des agyptischen Josephs Geschichte fiel ihm ein. Er zogerte. "Um der gottlichen Barmherzigkeit willen!" seufzte die Stiefmutter dringend: "Einen Augenblick nur hort mich an. Furchtet nichts, mein lieber Sohn!" Die Bitte klang so ruhrend, dass Dagobert ferner kein Bedenken trug, einzutreten in das warme trauliche Gemach, in welchem, beim halben Schimmer einer verdeckten Lampe, die schone Margarethe im tiefen Nachtgewande ihn empfing. Sein Herz pochte, seine Hand zitterte in der ihrigen, aber besonnener als s i e , zog er den Schirm von der Lampe, und fuhlte eine Art von Beruhigung, da er in kein von lusternem Verlangen erregtes Gesicht, sondern in ein Antlitz voll Kummer und Gram, in thranenvolle Augen sah. "Was begehrt Ihr?" fragte er sanft und mitleidig die weinende Frau: "Ich bin bereit mit Wille und That; nur einen Rath verlangt nicht, denn ich bin gerade in einer ganz besondern Stimmung, wo mir Alles bunt durch den Kopf geht." "Ich bin granzenlos unglucklich!" brach Margarethe unter bittern Thranen aus, und sank auf einen Stuhl: "Ich bin ein armes Weib, nicht fehlerfrei, aber so entsetzlich sollt' ich doch nicht fur meine unschweren Vergehen bussen!" "Der Gedanke und der Wunsch nach einem Fehltritt macht ihn oft zur Folter, als sey er schon vollbracht," meinte Dagobert; doch bereute er schnell den Stachel seines Worts, und setzte hinzu: "redet, und gebe Gott, dass ich helfen konne." "Mein Herr, Euer Vater war hier;" sprach Margarethe in kurzen Absatzen. "Er hat unmenschlich gegen mich gewuthet. Argwohn und Grimm theilen sich in seine Seele. Unbezweifelt scheint es ihm, dass mein Bruder Wallraden aufgefangen, und dass ich die Anstifterin des Frevels gewesen. Ich kann bei dem ewigen Gott beschworen, dass ich unschuldig bin, aber Herr Diether glaubt meinen Schwuren nicht. Wie soll ich ihn uberzeugen? Sprecht; Ihr konnt mir Euern Rath nicht verweigern, noch Eure Hulfe; denn auch Euch verwickelt der Argwohn in seinen Verdacht. Er glaubt ein Verstandniss zwischen uns beiden wahrzunehmen." "Ein schones Vertrauen in Gattin und Sohn!" erwiederte Dagobert aufwallend: "Uns traut er einen Bund von dieser Schandlichkeit zu? Wir sollten einen Menschen, unsre Verwandte an Rauber verkauft, wohl gar aus dem Wege geraumt haben? Der Vater hat sich sehr geandert. Aber Ihr habt Recht, arme Stiefmutter. Wer nicht glauben will, muss die Uberzeugung in der Hand sehen. Um Euern Ruf und den meinigen zu retten, setze ich mich morgen zu Pferde, und reite in der Welt herum, bis ich die Spur des Unkrauts gefunden." "Ihr seyd ein wackrer edler Mensch!" sagte Margarethe mit auflebender Hoffnung, seine Hand in ihre gefalteten nehmend: "Seyd Ihr mein Hort, wenn mich die ganze Welt verlasst, ... dann furchte ich nichts. Guter Dagobert;" fuhr sie mit dem Ausdruck verschamter Dankbarkeit fort: "leider kann ich noch nicht so offen gegen Euch seyn, als ich es sollte, denn Ihr seyd unfahig, mich zu verrathen und unglucklicher zu machen, als ich schon bin. Indessen, kehrt Ihr zuruck, so sollt Ihr mehr erfahren, von dem Ihr Euch nicht traumen lasst; und dann beklagt mich vollends, und flucht mir nicht." "Ich verstehe Euch nicht;" entgegnete Dagobert unbefangen: "ich hoffe auch nicht, jemals aus Euerm Munde etwas Fluchwerthes zu erfahren; aber bei dieser Gelegenheit entsinne ich mich plotzlich eines Auftrags, den ich von guter Hand erhalten, und dessen ich mich gegen Euch entledigen muss, bevor ich ausreite, lieb Schwesterlein zu suchen. Der arme Jude Ben David, der unter der Anklage unerhorter Verbrechen im Kerker jammert mit seinem hundertjahrigen Vater, lasst Euch dringend um Hulfe anflehen."

Margarethe erblasste. "Es sey die hochste Zeit, lasst er Euch vermelden," fuhr Dagobert fort: "die Folter sey ihm schon angedroht, und er wurde sie am Ende nicht aushalten konnen. Ihr mochtet also, da er von Euch allein Hulfe erwarten konne, damit nicht saumen, und seiner Ergebenheit gewiss seyn." "Nicht saumen!" wiederholte Margarethe langsam und erschopft: "Dieses setzt meinem Elend die Krone auf. Wie soll ich ihn, wie mich retten?" setzte sie handeringend und ausser sich hinzu. "Beruhigt Euch," sprach Dagobert trostend: "E u c h rette i c h vom schmahlichen Verdacht, und einer Furbitte ist der arme Jude wohl werth. Die Schoffen werden uber den Elenden richten, und ein gutes Wort an den Vater ist wohl nur mit dem Ansuchen gemeint. Schlagt's der Vater ab, so habt Ihr Menschenpflicht gethan, und konnt ruhig seyn." "Ruhig?" rief Margarethe wie in Verzweiflung: "Ich m u ss den Juden retten .... bald retten, oder ich bin verloren! Dagobert! Edler Mensch! Mann, den ich leidenschaftlich liebte, den ich noch verehre wie einen Heiligen! nimm Dich meiner an. Es streitet wider Dein eignes Recht, aber ... rette den Juden, rette mich! Das Schicksal droht mein Verhangniss mit Fussen zu treten, wie das des Kindes, das in jener Kammer schlaft." "Johann's?" fragte Dagobert besturzt: "Ehrsame Frau! Der Himmel behute Eure Vernunft. Ihr redet irre!" "O nein, nein!" schluchzte Margarethe: "Euch allein und dem Himmel befehle ich mein und des Knaben Loos! O, dieser Knabe ... er hat keinen Vater .... Dagobert! nehmt Euch seiner an! Werdet Ihr des Knaben Vater!"

Dagobert trat erschrocken zuruck, als die Frau ihm zu Fussen sank, und wie vernichtet die Hande vor das Gesicht schlug, da Dieter, heimkehrend, plotzlich in das Zimmer trat. Entsetzt blieb der Greis am Eingang stehen, und Dagobert eilte, nachdem er die Stiefmutter aufgehoben und in den Sessel gebracht, auf ihn zu: "Liebster Vater!" rief er, ohne in seiner Seele nur eine Ahnung von dem bosen Schein zu haben, den dieses spate und seltsame Beisammenseyn auf ihn und Margarethen warf: "Ihr kommt zu rechter Zeit. Nehmt die Mutter in Euern Schutz. Ihr Verstand leidet unter dem Argwohn, den Ihr auf sie geworfen. Mich schmerzt es, dass Ihr auch m i r misstraut. Doch, Euch zu uberfuhren, verlass ich Morgen mit dem Fruhsten die Stadt, um Wallraden aufzusuchen, und ohne sie kehre ich nicht wieder. Vergonnt mir nur, ihren Knecht mit mir zu nehmen, denn sein bedarf ich, und versprecht mir, gegen den Schultheiss, der mich heut auf's groblichste beleidigte, meine Sache zu fuhren bis zu meiner Heimkehr, damit der Ritter und sein Gelichter nicht glauben, dass ich aus Feigheit oder Beschamung ihnen ausgewichen." Diether schwieg eine lange Weile hindurch, den finstern Blick zur Erde geheftet. Dann sprach er kurz: "Ich werde allezeit meines Hauses Ehre zu bewahren wissen. Mache was Du willst. Du thust aber Recht, wenn Du nicht ferner weilst." Dagobert sah ihn gross an; um aber des Vaters Grimm nicht zu reizen, ging er still davon. Diether starrte wild zum Himmel auf. "Die Gewissheit ist da, die ich erbeten!" grollte er dumpf in sich hinein; dann fugte er, zu der Frau gewendet, hinzu: "Beschamt stand ich vor meinem Sohne, nachdem ich Eure Worte gehort. Es kann also ferner nicht zwischen uns bleiben, wie bisher. Ich hasse das Aufsehen und die Lasterungen; befehle Euch jedoch, Eure Stuben nicht zu verlassen, und weder mit noch ohne den Knaben einen Versuch zu machen, bis zu mir zu dringen. Ich will Euch ferner nicht mehr sehen, und in Stille und Ruhe uberlegen, wie ich, ohne Euch vor der Welt zu Schanden zu machen, noch mich herabzuwurdigen, Euer Geschick bestimmen moge." Dies sagend kehrte er der in Schmerz und Angst aufgelosten Gattin unerbittlich den Rucken und verschloss sich in seinem Gemache.

Sechstes Kapitel.

Ist auch mein Haus nicht gross und schon,

Und leer Gewolb und Speicher,

Brauch' ich vom Thurm nur umzusehn,

Und wer ist dann noch reicher?

Ich denke uber Feld und Hain

Der einzige Herr und Furst zu seyn

Und dass die Unterthanen mir es glauben

Will ich sie, eh' ein and'rer kommt, berauben.

Ballade.

Der Leuenberger Veit sass auf einem Vorsprunge in der Burg zu Gelnhausen, von welchem er durch ein Gitter in's Freie schauen konnte. Seine Base Petronelle hinkte um den Herd des anstossenden Gemachs, das zugleich Kuche, Wohnstube und Schlafkammer vorstellte, und blinzelte nur von Zeit zu Zeit nach dem Vetter, der sich gerade beschaftigte, seinem Falken ein neues Geschuhe anzupassen. Der Falke machte ein sehr verdrusslich Gesicht, aber sein Herr noch ein verdrusslicheres. Seinem ungeduldigen Blick und noch ungeduldigeren Handen wollte das Nesteln und Schnallen der langen und kurzen Gefasse und Wurfschnure nicht schnell genug gelingen. "Warte, verdammter Falk!" schalt er: "deinen Trotzkopf werde ich schon zu beugen wissen. Seit neun Monden machst du mir das Leben sauer, und bist so einfaltig, als ob du gerade aus dem Gestaude gehoben warst. Aber hungern sollst du und wachen, dass dir der Kitzel vergehen wird in kurzer Zeit." Damit packte er den wilden Vogel auf, zog ihm die Haube ubern Kopf und setzte ihn drinnen auf die Stange. Als nun aber Veit pfeifend und mit auf den Rucken gelegten Handen wieder hinaus auf den Vorsprung ging, und in's Weite starrte, konnte die Muhme nicht langer an sich halten. "Wenn Hunger und Nachtwachen jeden Trotzkopf zahm machen konnten," keifte sie vom Heerde her, "so musste auch der Deinige schon lange in der Ordnung seyn, Neffe." "Habt Ihr etwas geredet, Muhme?" sprach der Leuenberger spitzig zu ihr hinuber. "Schon lange, toller Mensch," erwiederte Petronella, nach dem Blasebalge greifend: "Aber was hilfts? Der Herr mag noch so reichlich die Heerstrassen segnen, Du bringst gewiss nichts heim, das der Muhe werth ware. Dass gestern der Weinhandler von Nurnberg mit seinen Fassern ungeschlagen hier vorbeikam, werde ich Dir nimmer vergessen." "Pah!" rief Veit, und schlug ein Schnippchen in die blaue Luft: "Den Kasebergern muss man auch aus Freundschaft etwas gonnen." "Ei ja;" spottelte die Alte: "Deine alte getreue Base kann aber daheim darben, wahrend ihr ein Becher Rheinwein dann und wann so gut thun wurde." "Trinkt klares Wasser," lachte Veit: "'s macht helle Augen, und Euer einziges wird nachgerade schadhaft, wie Eure Nase stumpf, denn Ihr seht und riecht nicht, dass unser Linsengericht in der Pfanne anbrennt." "Ei potz Velten!" schrie die Muhme erschrocken, und hob die Pfanne vom Feuer: "Ich muss auch die Augen uberall haben, weil Du Dich um nichts kummerst." "Komm, Veitchen, komm, setz' Dich zu Tische; komm, iss mein armer Junge." Sie schob mit dem Ermel alles Hinderliche von dem morschen Rundtische, warf eine geblumte Schurze darauf, und setzte das unlieblich dampfende Gerucht auf das unreinliche Pfannenholz. Von Tellern war keine Rede, und die rostigen Gabeln und Messer gaben eben keinen sonderlichen Begriff von dem Hauswesen des Edelmanns. Veit setzte sich wankend zum Essen und lachte spottisch uber das Endchen Wurst, das die Muhme triumphirend aus den Linsen fischte, und gewissenhaft mit dem Neffen theilte. "Ein feiner Braten in der Osterwoche!" sprach er verdrusslich, und schnitt ein Stuck Gerstenbrod der Muhme ab: "Ich sag's Euch, Base; wenn dieses Leben noch lange dauert, so hange ich mich am nachsten Nagel auf. Diese unaufhorliche Armuth bei so vielen Gefahren halte ich nicht langer aus. Seitdem der verdammte Schwager zu Frankfurt mir den Brodkorb hoher hangte, ist es zum Teufelholen." "Du haderst immer mit dem Schicksale, statt es zu verbessern;" predigte die Alte, tapfer die Schussel angreifend: "Drei Landstrassen stehen Dir offen; warum passest Du nicht auf, wie Andere?" "Warum bin ich ein armerer Schlucker als andere?" fragte Veit hohnisch entgegen: "Der Eppsteiner und die Kaseberger und All' die Bruder in der Runde haben Rosse wie Stahl und Eisen, die achtzehn Stunden in einem weg trappen, ohne dass ihnen ein Huf wehe thut. Meinem Klepper kann ich kaum mehr einen Ritt von hier gen Frankfurt in einem Tage zumuthen, und wenn ich ihn in den Sprung bringe, so bekommt er gleich das Keuchen. Die obige Sippschaft hat Geld, um die Kundschafter tuchtig zu bezahlen; m i r verrathrn die Bursche kaum einen wandernden Schuhflicker, weil ich ihre Klauen nicht versilbern kann. Das Schlechteste kommt an mich, und, theil ich mit Andern, habe ich sicher den kleinsten Theil. Bring ich etwas heim, so geht's in Rauch auf, wie's gewonnen wurde, und Schmalhaus zahlt uns immer die Brocken zu. Pest und rother Hase! Ich hab's satt, und dreimal satt. Ich habe Wind und Wetter ausgehalten, verstehe mein Gewerbe, wie ein Alter, und soll Leben aus, Leben ein, am Hungertuche nagen, wahrend andere im Wohlleben schwimmen, und kein Haar besser sind als ich? Gott verdammne mich, wenn ich's langer mit ansehe!" "Du bist ein trotziger ungenugsamer Mensch, ein fauler Barenhauter oben drein!" versetzte die Muhme: "Schau einmal unsere Nachbarn unter den Burgleuten an. Betrachte den Jost, der just unter unserm Gemache hausst, und dessen Kinder uns den Kopf toll machen mit ihrem Geschrei. Die Stube voll Wurmchen, und die ewig kranke Frau, und den lahmen Vater; und bei alle dem auch nichts als den Grauschimmel und Sattel und Stegreif. Da heisst es, die Ohren steif halten. Gedenke nur des Henne von Riedlingen, der im andern Flugel wohnt, dicht am Hundezwinger. Eine Stube, wie ein Stall, und darinnen eingepfercht zu seyn mit Kind und Kegel, und gezwungen zu seyn, fur die vielen Mauler Tag aus Tag ein, die Kost aus dem Forste, oder vom Vogelherde, oder aus dem verbotenen Teiche zu holen! Um wie viel glucklicher bist Du, ein unbeweibter Mann, dem eine sorgfaltige und regsame Base das Hauswesen fuhrt! Du gehst, wenn Du willst, Du kommst, wenn Dir's einfallt, und findest immer etwas fur den Schnabel, bald wenig bald viel, bald vollauf bald knapp, je nachdem Dein Gewerbe geht oder stockt. Daheim kannst Du Deinen Leib pflegen, Falken abrichten, die Fenster verkleben, wenn es Noth thut, und auf Deinem wohlgefullten Strohsacke lungern, so lange Dir's gefallt. Ich wette darauf, Deine ungerathene Schwester, die uns vergisst, wie alle Reiche zu thun pflegen, hat in ihrem Uberflusse der Sorgen mehr als Du." "Moglich!" antwortete Veit: "Ich wurde dennoch gleich mit ihr tauschen. Schaut einmal mein Wamms an, Muhme. Der Ellbogen des rechten Armels ist geplatzt." "Ei, so gib her!" versetzte die Muhme geschaftig; "und lange mir vom Fenstergesims Nadel und Faden. Das muss auf der Stelle ausgebessert werden, denn die Katze hat sich heute gar oft hinter den Ohren gekratzt, und mir juckt die Stirne bestandig." "Beides bedeutet aber einen Besuch, der heute nicht ausbleibt. Ach, mochte es doch ein Guter seyn!" murrte Veit, unruhig auf und abgehend: "nicht der Junker von Hagen, dem ich noch sechs Schillinge vom Brettspiel schulde, und nicht der Landschaden, dem ich vor acht Tagen das Heu mit Gewalt dem Schober nahm und nicht der Jude Nathan, von dem ich ein Pfund Heller entlehnte auf meinen nachsten Fang." "Du wirst doch all die Leute nicht furchten, Neffe?" sprach Petronella: "Den von Hagen vertroste, den Landschaden fahre nur grob an, und den Juden wirf die Wendelstiege hinunter, dass er den Hals bricht, wenn er sich untersteht; denn der Hund ist Dir nicht ebenburtig, und darf Dich in der adlichen Ganerbschaft nicht beleidigen."

"Sey indessen unbesorgt. Es kribbelt mir in Einem fort an der linken Hand, und das bedeutet allemal ein Stuck Geld, das man einnimmt, oder ein Gluck, das Einem bevorsteht." "Wollte Gott, Ihr hattet Recht, Base!" rief der Junker, und stellte sich an den in der Ecke des Gemachs stehenden Schleifstein, um seinen Dolch und sein Jagdmesser abzuziehen: "Wenn ich nur der Kaiser ware, Frankfurt musste ich im Sturme gewinnen, und alle Burger niedersabeln lassen, .... die hochfahrenden Hunde, und in ihre Hauser wurde ich lauter Adliche setzen, die in Teutschland ein unverdientes ungunstiges Schicksal tragen." "Du bist noch immer ein kindischer Gesell," lachelte die Muhme beifallig, .. "Obschon nicht mehr der Jungste. Ach, wie Dich Deine gute Muhme liebhaben wurde, konntest Du ihr ein sorgenfreies Ende bereiten!" "Das glaube ich;" versetzte Veit, wacker drauf los schleifend: "Kam's auf ein Wort an, oder eine Handvoll Stahls, wir wurden bald reicher seyn, als der alte Frosch, den neulich der ungeschickte Tolpel so schlecht getroffen hat." "Ich mochte wissen, wer wohl eigentlich dem Altburger an die Kehle wollte;" brummte die Alte nachsinnend. "Mag's gewesen seyn, wer da will," erwiederte der Neffe unwirsch: "Den Schafskopf von Morder sollte man aber vom Handwerk jagen. Die Galle peitscht mir das Blut durcheinander, wenn ich daran denke, wie viel wir an uns hatten ziehen konnen, ware der Alte gefasst worden, wie sich's gehort. Pah! weg mit den Grillen," fugte er schnell hinzu: "Von etwas Anderm. Erzahlt mir ein Mahrlein, deren Ihr so viele wisst, Muhme, oder besser: singt mir ein Lied aus der alten Zeit. Der Schleifstein walzt sich dann hurtiger, und das verdrussliche Geschaft geht schneller von der Hand." "Gern, mein guter Junge:" erwiederte Petronella; hing das fertig gewordne Wamms an den Wandhacken, vergnugte mit dem Uberrest des armlichen Mahls die hungrige Katze, und begann, indem sie die Pfanne sauberte und scheuerte, mit gellender Stimme ein Lied zu singen, von dem Kaiser Rothbart und der Burgmannstochter Gela, das zu jener Zeit in und um Gelnhausen, unter Burgern und Landvolk, stark im Schwange ging. Wahrend nun die Base sang, und das Schleifrad flog, und die Klingen lust'ge Funken spruhten, und der Falk auf seiner Stange ungeduldig kauete und das Gefieder straubte ob dem storenden Larm, kam des Burgmanns und Nachbars Jost altester Bube eilig heraufgesprungen uber die drohnende Wendelstiege, und rief in das offen stehende Gemach: "Edler Nachbar! mein Vater lasst Euch berichten, Ihr mochtet in Wamms und Stiefel fahren, und die Mutze bursten, denn der Hornberger Herr ist eben angekommen mit Ross und Wagen, und wird gleich bei Euch seyn. Er beschickt nur Pferde und Gefahrt im Stall! Der Bube sprang mit drei Satzen die Treppe hinab, und schon verkundete das wohlbekannte Gebell des weit in der Wetterau gefurchteten danischen Bullenbeissers, des Hornbergers Anwesenheit." "Hab ich's nicht gesagt?" rief die Muhme munter und lustig: "Einkehr, freundliche Einkehr hat uns die Katze prophezeit." "Ich hatte den blauen Teufel von der freundlichen Einkehr!" maulte der Neffe, indem er die schweren Holzsohlen in die Ecke schlenderte, Stiefel und Wamms uberwarf, und eine Wolke von Staub aus dem durftigen Federstrauss seines Barets blies: "Der Hornberger ist ein armer Schlucker wie ich. Nur versteht er das Schmarotzen, tragt feinere Kleider und reitet einen bessern Gaul." "Und treibt sein angewiesen Gewerb besser als Du;" entgegnete die Muhme, zusammenraumend und unter den Heerd werfend, was ihr nicht geeignet schien, vom Gast auf den ersten Blick wahrgenommen zu werden: "Der gute Herr hat Dich oft zum Theilnehmer an eintraglichem Geschaft erwahlt, und merke auf: aus keiner andern Absicht kommt er heute." Die Muhme war mit ihrem Aufraumungsgeschafte noch nicht zu Ende, als schon der klingende Tritt der Edelknechte, sein heller Pfiff und das ungezogene Schnauben seines Hundes horbar wurde, und Herr und Thier zugleich in das Gemach sturmten, beide gleich ubelgerathene Gesellen.

"Guten Tag!" schrie der Erstere, "schuttelte dem entgegenkommenden Namensbruder die Hand, klopfte der Muhme derb auf den gekrummten Rucken, und brach in ein ungestumes Gelachter aus, als sein Bullenbeisser Petronella's Katze ansichtig wurde, mit einem Riesensprunge die Fliehende uber Heerd, Tisch und Schemel verfolgte, die Paar Topfe der Haushaltung in Staub und Scherben legte, und ein furchterliches Gebell erhob, als die Katze durch das Gitter des Vorsprungs einen Ausweg gefunden hatte." "Mein Packan ist ein kreuztolles Thier!" jubelte der Hornberger die Fauste in die Seite stemmend: "ein Hund ohne Gleichen; ich lieb' ihn wie einen Bruder. Lasst Euch den Plunder nicht kummern, Fraulein Hinkebein. Eure Topfe mogen immer beim Teufel seyn. Ich bezahle sie." Er warf vornehm eine Handvoll von Weisspfenningen auf den Tisch, und klimperte obendrein mit dem Geldvorrath in seiner Tasche. Die Muhme machte urplotzlich ein freundlich Gesicht, und ihr Neffe fragte halb neugierig, halb neidisch: "Du thust ja dicke und gross, wie der Schatzmeister des romischen Reichs? Welcher Kaufherr oder Muller hat Dir seine Kisten oder Sparhafen offnen mussen?" "Bruder!" rief Hornberg vergnugt: "Bruder! ein Fang, wie er nicht alle Wochen vorkommt; ich schwor's bei meinem Schutzpatron! Das Wichtigste aber muss ich jetzt gleich vom Herzen drucken. Base, Peterlein, und Du murrische Rauchschwalbe! Angezogen, aufgeputzt, aufgesessen; ich bringe Euch die Aussicht auf eine Schlemmerei von vierzehn Tagen wenigstens." "Eine Schlemmerei?" fragte Veit mit gespitztem Ohre, "von vierzehn Tagen?" wiederholte die Muhme, deren Antlitz die frohste Hoffnung auf eine Frist des Wohllebens abspiegelte. "So ist's," versetzte der Hornberger; "ich bin geritten wie ein Dieb, und ehe es noch zwolfe schlagt, mussen wir aufbrechen. Unser guter alter Degen, der ehrliche Bechtram von Vilbel ladet Euch beide schonstens zu Gaste auf seine Veste." "Bechtram von Vilbel?" begann die Muhme staunend. "Ei, wie kommt denn der geizige Hellerfuchs dazu, uns einzuladen?" setzte Veit misstraurisch bei: "Seitdem er aufgehort hat, der Feldhauptmann der Frankfurter Spiessburger zu seyn, und wieder adlich Handwerk treibt, hat er sich nie um mich bekummert, obgleich er mir das Raufen lehrte; um die Muhme noch weniger." "Wie soll ich denn die Einladung verstehen?" "Redlich und annehmbar;" antwortete Hornberg: "Mein adlich Wort darauf. Jetzt aber, Gott verdamme mich, mag die Base sich zum Aufbruch rusten; denn in diesem Aufzug einer Kuchenhexe nehm' ich sie nicht mit." "Aber Du liebes junges Blut," entgegnete die Alte, verlegen umher trippelnd: "wenn ich nur erst wusste .... ist es Ernst? .... und wie werde ich fortkommen, ohne Pferd noch Esel .....?" "Dafur ist gesorgt," fuhr Hornberg fort: "Aber, potz Kreuz und Dorn! So sputet Euch doch einmal. Wahrend Ihr Euch in den Staat werft, will ich Eure Neugierde befriedigen." "In's Himmels-Namen denn!" seufzte die Alte, suchte aus ihren Taschen, den selten gebrauchten Schlussel zur Truhe des Hauses, und hinkte in eine Ecke des Gemachs, wo der uber einen ausgespannten Strick gehangte, abgetragene und hie und da durchlocherte Reitmantel des Leuenberger's, Petronellen's Lagerstatte und ihre wenigen Habseligkeiten dem unbescheidnen Auge des Besuchers sparlich und nothbedurftig verbarg. Der Hornberger setzte sich indessen auf den Spreusack, der mit Kalbfellen bedeckt, das Bett seines Freundes vorstellte, kratzte dem Bullenbeisser gnadig den Kopf, und hob an zu erzahlen, wobei Petronella und ihr Neffe, der mittlerweile, uber eine Schussel voll Wasser gebuckt, das Geschaft des Bartscherens vornahm, eifrig zuhorten. "Ich war uber Land geritten," sprach er, "dieweil ich zu Hause nicht Holz hatte, um mich zu warmen, noch Wein, mich zu erquicken; und das fiel in die heilige Woche. Ich wollte den Reiffensteiner heimsuchen, fand ihn aber nicht, und die Frau schien nicht Lust zu haben, mich den Mann, der nach Franken geritten war, erwarten zu lassen. Ich schnallte daher meinem Gaul den Gurt fester, wie auch mir, und trabte gen Neufalkenstein, wo auch der Eppsteiner seyn sollte, wie ich vernommen. Der alte Bechtram ist zwar nicht freigebig, aber seine Hausehre, Frau Else, lasst einen wackern Rittersmann nicht Noth leiden, wenn er Grunde halber die Feiertage in ihres Herrn Hause zuzubringen verlangt. Die Anstalten zu dem Feste waren auch richtig schon gemacht. Frau Else handthierte am Backtroge, und die Knechte im Hofe brachen ein Paar Rehe auf, bei deren Anblick mir das Wasser im Munde zusammenlief. Es war Morgens um die neunte Stunde etwa, und der Ritter sass schon mit dem Eppsteiner und dem Wernher von Hyrzenhorn bei einem Trunke Weins und einigen in Essig gesottnen Fischen. Die Herren empfingen mich auch gar frohlich und guter Dinge." "Absonderlich," sagte der Hausherr: "Da kommt der Hornberger; ein grober, aber ausgepichter Ostergast." Hierauf musste ich mich zu ihnen setzen, und der alte Bechtram schenkte so fleissig ein, als ich es noch nie an ihm gewohnt gewesen. Der Becher ging tapfer in der Runde umher, bis dem langen Wernher der Kopf schwer wurde, und er entschlief. Nun begann Bechtram erst mir zu reden: "Er hatte nicht zu gelegenerer Zeit kommen konnen, ungeschlachter Hornberger. Wir haben etwas vor, der Eppenstein und ich; so dies und jenes, und eins und das andere, wobei wir Euch brauchen konnen." "Ich war dessen bereitwillig, und wunderte mich nur, dass sie den Hyrzenhorn nicht angeworben, der doch ein schier noch rustigerer Kampe sey, denn ich." Da verzog der Eppsteiner das Gesicht, und Bechtram sagte: "Der Teufel hole alle Frankfurter, und die, die es aus Feigheit mit ihnen halten;" womit er des Hyrzenhorners spottete, der sich der Stadt zu eigen verschrieben. "Ich habe lange genug den Schwefelkramern das Panner getragen;" fuhr Bechtram fort: "Wie haben sie mir's vergolten? Dafur will ich ihnen jetzt auch das Licht halten, dass ihnen die Haut schauern soll." Nun verabredeten wir ein Paar Ritte gen Peterweil und Erlebach; vorzunehmen nach der heiligen Zeit. Alsdann nahm mich aber Bechtram bei Seite und redete zu mir: "Wollt Ihr Eure Osterfladen in meinem Hause und ein brav Stuck Geld nebenbei verdienen, so mogt Ihr Euch morgen mit mir zu Gaule setzen, und auf das Wiesbad zureiten. Der Eppstein hat ein Gelobniss gethan, nicht eher zu satteln, als bis die Glocken von Rom zuruckkommen." "Dasselbe Gelubde habe ich zwar auch gethan, mit dem Eppenstein zu gleicher Zeit, als uns die Erzbischoflichen von Mainz schier beim Kragen gepackt hatten, und die Heiligen haben uns darum auch durchgeholfen. Jedoch hab' ich nicht Noth, mein Gelobniss zu halten, weil mich vor drei Wochen der Pfarrherr zu Offenbach in Bann gethan; und ich bin nicht gesonnen, einen Hauptgewinn von der Hand zu weisen. Ein vornehmer Mann hat mir aufgetragen, ein gewisses Fraulein aufzufangen und fest zu halten, das von Frankfurt nach dem Thuringer Walde zu ziehen vor hat, und dessen Kostbarkeiten und Geld mein seyn sollen, ohne Ausnahme, benebst einem reichlichen Lohngelde und Atzungsvorschuss, so mir der biedre Edelmann zu zahlen verspricht. Seit langer denn einer Woche hat mein guter Geselle Kunz Doring das Fraulein zu Frankfurt belauert, und mir gestern gemeldet, dass es sich plotzlich entschlossen, gen Wiesbaden zu ziehen; zwar nur auf einen Tag oder anderthalb, wie man aus dem Geplauder ihres Knechts vernommen. So hab' ich denn beschlossen, das Weib, wenn es von Wiesbaden von dannen fahrt, aufzufischen, und bedarf eines rustigen Beistands, denn der Reiffenberger und der von Wiede, meine Freunde und Helfer, sind den Rhein hinab, um einen Zollner leicht zu machen, und Doring's Arm ist mir nicht hinreichend, im Fall die Frau mit starkem Geleite daher kame." Es versteht sich, dass ich ohne Bedenken einschlug, und am stillen Freitage lagerten wir schon auf der Heerstrasse zwischen dem Wiesbad und Frankfurt, weil unser Fraulein nach der Stadt zuruck wollte. Die Sache verzog sich indessen bis zum Sonnabend, weil ein Aberglaube ist, dass man am Charfreitage Ungluck hat, zu reisen. Die Sonne war gerade aufgegangen, als sich der Wagen sehen liess; und wir, drauf und dran und druber her, und ich machte die Arbeit ganz allein, schlug den Knecht vom Gaule, schnitt die Strange los, warf die Zofe vom Wagen, knebelte die Gebieterin, obgleich sie sich wehrte, als ware sie ein verkappter Mann, raumte den Karren aus, und band das Fraulein auf's Sattelpferd. Wahrend nun Doring einem Bauerlein vergebens nachsprengte, das hinten auf den Wagen gesessen, und sich beim Uberfall schnell auf und davon und nach dem Wiesbad zuruckgemacht hatte, Bechtram die Habseligkeiten der Gefangnen seinem Pferde aufpackte, und sein Knecht die Dienstleute derselben an Knebel und Leine legte, trabte ich mit dem Fraulein, einem saubern, ja man mochte sagen, schonen Weibsbilde, die Kreuz und die Quer, uber Acker und Hecken und Bach davon, auf Neufalkenstein zu. Dem armen Geschopfe wurde der harte Trab bald zu viel, und es hatte wenig gefehlt, so hatte die Arme den Geist im Sattel aufgegeben. Bisher hatte ich dazu gelacht, denn der vornehme Herr hatte sich ausbedungen, dass man ohne Schonung mit ihr verfuhre; da sie aber schwankte und den Kopf sinken liess, und bleich wurde, wie der Tod, hatte ich Mitleid, loste ihr den Knebel vom Munde, nachdem ich sie mit dem Erwurgen bedroht, wofern sie schreien wurde, und vergonnte ihr, an einem einsamen Waldrande ein wenig zu rasten. Ich bot ihr sogar einen Bissen von dem Brode und dem Knoblauch an, das ich im Sattelbeutel bei mir fuhrte. Sie schlug die Labung zwar aus; betrug sich aber so friedlich, klug und stille, dass ich meine Freude daran hatte, und ihr alle Erleichterung angedeihen liess, bis wir in der Dammerung nach dem Schlosse gelangten, wo wir denn auch die Ubrigen versammelt fanden. Die Dienstleute liess man am andern Morgen, ohne ihnen zu sagen, wo sie gewesen, laufen, und die schone Gefangne blieb allein zuruck.

"Aber, Gotts Marter!" rief Veit, der sich indessen in seinen besten Putz geworfen: "Was kummert uns denn die verdammt lange Historie? Dergleichen Begebenheiten an Kreuz- und Hohlwegen sind mir doch, bei Gott! bekannt genug." "Was Euch die Historie kummert?" lachte der Hornberger: "Sehr viel; denn Ihr verdankt Ihr ein Paar zehr- und zechfreie Wochen, und die Bekanntschaft mit einer liebenswerthen Base, denn keine andre ist Bechtram's Gefangne, als Eurer Margarethe Stieftochter Wallrade." "Wallrade?" kreischte die Base hinter dem Mantel hervor; Veit sah aber den Hornberger mit unglaubigem Lacheln an. "So wahr ich, wie ein achter Christ, meine osterliche Zeit gehalten habe," betheuerte der Hornberger, "so vollig hat mein Wort seine Richtigkeit. Das Fraulein von Baldergrun ist's, und ihre Klugheit und Besonnenheit hat mir viel Freude gemacht. Sie benimmt sich so gleichgultig, als ob sie ein Rittersmann ware, dem das Gluck der Fehde untreu geworden. Aber im Innern scheint's dennoch unheimlich zu sturmen, und damit sie nicht krank werde, und etwa sterbe, bevor die Atzungskosten angewachsen, und das Fanggeld bezahlt, haben Bechtram und Frau Else den Entschluss gefasst, Euch, dem Fraulein zur Erheiterung, einladen zu lassen. Wallrade soll durch den Besuch ihrer Blutsfreunde uberrascht werden, und sich an den Mahrlein Petronellens ergotzen." "Ich zweifle, dass unser Besuch die hochmuthige Dirne erheitern werde;" entgegnete Veit schadenfroh grinsend: "aber mir wird's ein Fest seyn, das Kramerfraulein in seiner Erniedrigung zu sehen." "Ja wahrlich; Du hast Recht, guter Neffe!" fiel Petronella ein, die in ihrem Staats- und Abendmahlsrocke aus ihrem Winkel rauschte: "Mich gelustet sehr, meine eitle Verwandte zu begrussen, die es fur einen Schimpf gehalten, dass das Leuenberg'sche Wappen zu ihres Vaters Hause herabgestiegen ist. Sage doch, guter Veit, ob mein Gewand in den gehorigen Falten liegt, und noch im Stande ist, die Stiefnichte zu argern, und dem Hause der Leuenberger, wie dem Hause meiner alten Freundin, der Frau Else von Vilbel, Ehre zu machen." Veit musterte aufmerksam und wichtig das veraltete Prachtgewand, das sich schon seit einem Jahrhundert beilaufig von e i n e r Leuenbergerin auf die andre vererbt hatte, und der Hornberger biss sich in die Lippen, dass sie schier bluteten, um nicht beim Anblick des greisen Frauleins in ein allzubeleidigendes Gelachter herauszuplatzen. Der wunderliche, mit Figuren seltsamer Art gezierte Zeug des Gewandes von gelb und blassrother Farbe, war von Veit's Urgrossvater, der eine Fahrt nach Walschland gemacht hatte, aus Venedig heimgebracht worden, in der Absicht, daraus zwei Messgewander fertigen zu lassen, die er, wahrend eines Meersturms, in seine Taufkirche verlobt hatte. Wie es nun aber sich ofters trifft, dass die eifrigsten Gelober, ist die Noth voruber die saumseligsten Bezahler werden, so traf sich's auch hier. Das Ehgemahl des Heimkehrenden schnitt sich aus dem schweren Zeuge ein Gewand mit ungeheuer bauschigen Armeln und ausgesteiften, mit Draht unterlegten Falten, in welchem die gelbe, unaussprechlich hagre und kleine Muhme kaum zum Vorschein kommen, kaum sich bewegen konnte. Der gewichtige Besatz von Sammetstreifen und wollenen Zotteln fiel so tief herab, dass kaum der leinwandne Strumpf und der halbe Schuh des rechten Fusses sichtbar werden konnte; des linken, verkurzten, gar nicht zu gedenken. Ein ungeheurer Wetscher an einem breiten Lendengurtel mit einst versilbert gewesenen Buckeln beschlagen, hinderte die Geputzte stark im Gehen; die vergilbte, aber auf die Dauer von einer Ewigkeit berechnete Halskrause fasste das vertrocknete einaugige Antlitz wie in einen Korb, und der Hauptschmuck von gesteiftem Schleiertuche, zwischen welchem die ergrauten Haarflechten der adelichen Jungfrau zu sehen waren, schien in seiner ungefalligen Gestalt keineswegs geeignet, das nicht gefalligere Angesicht der Geschmuckten im Geringsten zu verschonern. Petronella hatte ein kleines Bundelchen zusammengewurfelt, das sie unter'm Arme trug. An Veit's Seite stolzirte der Raufdegen, auf seinem Kopfe prangte der befliederte Hut. Des Hornberger's Weisspfenninge klapperten in einem weitschimmernden Beutel an Veit's Gurtel, und somit waren alle zum Aufbruch fertig. "Macht ein Ende," drangte Hornberg mit einem seiner kraftigen Hausfluche. "Eh' es Zwolfe brummt, mussen wir auf und davon seyn, und doch wird's hart halten, vor stokkfinstrer Nacht Neufalkenstein zu erreichen, wenn auch Rader und Hufe Feuer geben. Fur einen Wagen namlich ist gesorgt. Die Muhme mochte einen Ritt, selbander auf dem Rosse, nicht allzuwohl aushalten." Petronella verneigte sich geschmeichelt, und nahm nun, mit einemmale erheitert, die Katze, die sich heimlich wieder herbeigeschlichen, unter'm Arm. "Donner und Wetter!" rief aber Veit: "Dem alten Bechtram ist gewiss sein Stundlein nahe, da er uns sogar einen Wagen schickt." "Meine Vorsorge," lachte der Hornberger: "zwei Stunden von hier fallt mir plotzlich ein, wie ich denn wohl die Base vom Platze bringen werde, und ich bin schon halb und halb entschlossen, sie als hoflicher Rittersmann vor mich auf's Pferd zu nehmen, als mir, gerade wie gerufen, ein Bauer begegnet, der gen Frankfurt und Hochst zu fahren gedenkt mit einem Wagelein voll des besten Stroh's, auf dem ein Bettelmonch sitzt, schmutzig, wie sie alle sind, aber nicht so feist, wie sie gewohnlich zu seyn pflegen. Den Bauer anhalten, ihm befehlen, mit mir umzukehren, und dann mit einer neuen Ladung hinzufahren, wo es mir belieben wurde, war eins, und schnell abgethan. Der Hund wollte sich weigern. Da hieb ich einem von seinen beiden Gaulen die Sehne am linken Hinterfusse durch, und drohte, den andern eben so zu zeichnen, falls er nicht gehorsam seyn wolle. Die Lehre half, und er fuhr mit zuruck. Den Pfaffen, der nach Frankfurt gedenkt, wollte ich vom Wagen jagen; der Mensch wies mir aber seine wunden Fusse, und so liess ich ihn denn in Ruhe, weil ich mit dem Gesindel barmherzig bin, da man nicht weiss, wo man einmal eine Kutte brauchen kann. Bauer, Monch und Fuhrwerk hab' ich unten im Stalle eingesperrt, und meinen Knecht als Wache zuruckgelassen, damit die Geschichte nicht in der Stadt vertratscht wird. Den wunden Gaul mach ich Dir zum Geschenk, Veit, und dem Bauer wollen wir unterwegs schon wieder ein andres Pferd schaffen."

Die Muhme versicherte, dass sie nun noch einmal so gern die Fahrt mitmache, da ein Gesalbter des Herrn ihr Nachbar seyn wurde, hangte den vergessnen Rosenkranz an die Hand, das kupferne Kreuz an den Hals, und forderte nun die Manner auf, zu gehen. Veit nahm den Falken auf die Faust, und warf noch einen Blick in dem Gemache umher. "Habt Ihr die Truhe verschlossen, Muhme?" fragte er dann leise: "habt Ihr das Eisengerath wohl verwahrt, das ich neulich heimbrachte, und die Gefasse, die vor Kurzem aus der Marxkapelle.abhanden gekommen sind?" "Alles ist wohl verwahrt, Neffe," erwiederte Petronella, indem sie das Gemach nach den vier Weltgegenden mit Weihwasser besprengte, das an der Thure hing: "Gott und seine Heiligen werden in unsrer Abwesenheit unsre stille Klause wohl bewahren." Damit liess sie das Schloss zuschnappen, und hinkte den Mannern nach, belastet mit Katze und Bundel. Veit hatte indessen dem Nachbar Jost die Aufsicht uber seinen kleinen Palast empfohlen, und einen Sattel von ihm geliehen, ein, dem Nachbar, dessen Pferd erst kurzlich gefallen, sehr entbehrliches Gerath.

Des Leuenberger's Klepper wurde geschirrt, Petronella auf denWagen neben den in seine Kaputze verhullten Monch gehoben; die edeln Herren sassen zu Pferde, des Hornberger's Knecht auf dem Hintertheile des Karrens. Die Fenster und Pforten der angranzenden Burgwohnungen waren von den edeln Ganerben und ihren Sippschaften besetzt, die theils lachend auf das schlechte Fuhrwerk blickten, theils den Leuenberger beneideten, der trotz seiner, der Ihrigen nichts nachgebenden Armuth zu fernen Festlichkeiten auf so viele Stunden Wegs abgeholt wurde. Der arme Fuhrbauer warf noch einen truben Blick auf den verletzten Gaul, der in einem fremden Stalle zuruckbleiben musste, um wohl nimmer zu seinem Herrn wiederzukehren. Dann schwang er mit einem Seufzer und abgewandtem Gesichte die Peitsche; das dienstbare Ross zog an; der Bullenbeisser bellte, und fort gings, wie auf einer Rennbahn.

Siebentes Kapitel.

Ach, dass die Hulfe aus Zion uber Israel

kame, und der Herr sein gefangen Volk

erloste! So wurde Jakob frohlich seyn,

und Israel sich freuen!

Psalm Davids.

Schlosser und Riegel klangen. Eine helle Stube that sich auf. Die Augen der Gefangenen die hineingelassen wurden, zogen sich zusammen, ob der ungewohnten Klarheit.

"Was sollen wir hier?" fragte Ben David den Schliesser, der beiden wenigstens die Schellen an den Handen abnahm. "Wem haben wir zu verdanken die Wolthat, wieder beisammen zu seyn?" setzte Jochai hinzu, und rieb sich den Arm, wo die engen Ketten gesessen hatten. "Werdet's schon sehen!" brummte der Warter entgegen: "Ihr werdet heute mancherlei Besuch haben, den man nicht in euer Verliess fuhren kann." Eine lange Stille folgte, wahrend welcher der Wachter sich auf einen Schemmel setzte, und die Juden sich forschend beobachteten. "Durfen wir denn miteinander reden?" erkundigte sich Jochai demuthig. "In Gottesnamen;" erwiederte der Wachter: "der ehrbare Herr Oberstrichter meint, es konne auf jeden Fall brennt man Euch zu Asche." Eine Bewegung zaghafter Angst konnten die Gefangenen bei dieser rohen Rede nicht unterdrucken. Ben David fasste sich jedoch zuerst, und gieng auf den bleichen Vater zu: "Wie geht Dir es Vater?" fragte er in dem Dialect, der, aus hebraischen und deutschen Worten zusammengesetzt, fur den Zuhorer von Amtswegen, beinahe unverstandlich war. "Frage die im Moor verdorrende Weide;" antwortete Jochai schmerzhaft: "Die Lampe brennt aus allmahlich, und bald werde ich liegen in dem angstvollen Zustande, wo die Seele unstat umherlauft durch alle Glieder und zittert vor der Nahe des Todesengels. O Sohn! Sohn! Dein Eigensinn und Starrmuth wird mich von der Welt bringen, dessen Liebe Dich zur Welt brachte." Ben David rieb sich bekummert die Stirne. "Es ist beinahe verflossen eine Woche ...." sprach er wie verloren vor sich hin: "keine Kunde doch von Esther und ihrem Auftrag. Weisst du nichts von dem Kinde?" "Der Warter hat mir zweimal Wein gebracht;" antwortete Jochai: "Gewiss hab' ich nur Esther's Liebe verdankt diese Starkung."

Ben David wendete sich an den Kerkerknecht: "Guter Mann," sagte er: "wisst Ihr uns nichts zu sagen von Esther, unserm Kind? Kommt sie noch wohl wie fruher taglich an die Pforte, und fragt nach ihrem Vater und dem Greise Jochai?" "Was weiss ich?" polterte der Warter: "Ich hatte viel zu thun, wollte ich auf all die Leute merken, die mir Jahr aus Jahr ein die Ohren voll jammern und heulen. Ihr Gesindel bekummert euch wenig um die, die im Pfeffer sitzen. Eine Dirne ausgenommen, die ein Paarmal Wein fur den Alten brachte, hat Niemand nach Euch gefragt." "Diese Dirne ist Esther! Gott segne sie dafur im Reiche des Messias!" stammelte Jochai unter Freudenthranen.

"Hm!" grunste der Knecht: "Eine Judin ist das Madel nicht, denn es tragt ein Kreuz am Halse; aber hasslich ist sie dafur, dass es alle Tage in eure Sippschaft gezahlt werden konnte." "Also Esther ist's nicht!" seufzte Ben David, und sah kummervoll zu Boden.

"Wie kommt die Barmherzigkeit in die Seele der Tochter aus Edom?" murmelte kopfschuttelnd der Greis. "Wo mag wohl hingekommen seyn mein Kind?" fuhr Ben David fort, und lehnte sich trostlos an das mit Gittern von innen und aussen verwahrte Fenster.

Einer Glocke Schall rief den Wachter hinaus. Ben David und sein Vater sahen mit gespannter Erwartung nach der Thure, ob nicht der angekundigte Besuch hereintreten wurde. Endlich erklangen Stimmen und Tritte, und der Warter trat wieder ein, hinter ihm Zodick. Die Blicke der Juden wendeten sich voll Abscheu von dem Abtrunnigen, dessen Zuge einen sonderbaren Ausdruck von Wildheit, Angstlichkeit und verstellter Teilnahme angenommen hatten. Auf einen Wink von ihm trat der Wachter ab. "Ben David und Jochai," sprach der Convertit ernst und bedachtig: "Ich habe ein Wort mit Euch zu reden, gewichtig fur Hunderte." "O, dass Dich doch Deine Mutter geboren hatte stumm!" eiferte Jochai in kaum verhaltenem Groll; Ben David schwieg aber finster und erwartungsvoll. "Der hochgelobte Gott weiss," fuhr Zodick leiser fort, "wie schwer mir's ist geworden, aufzutreten als Werkzeug seiner Vergeltung. Ich habe doch mit ihm gerungen, wie einst der Erzvater in dem Lande jenseits des Meeres. Aber des barmherzigen und zornigen Herrn Wille geschieht in Ewigeit." "Lastre nicht den Herrn," ermahnte Ben David: "Du bekleidest ihn mit Schande durch Deine schandliche blutgierige Luge, die uns bringt in des Henkers Hand." "Scheltet mich immer einen Lugner," erwiederte Zodick: "beweisst aber, dass ich es bin." Ben David zeigte ruhig gen Himmel. "Auf Erden will man Schwarz auf Weiss, oder einen besiebneten Eid;" versetzte spottisch Zodick: "und mein Schwur wurde allenfalls hoher gelten, als der Eurige." Er zeigte auf das Kreuz an seinem Wamms, und Jochai, durch diese Geberde ausser sich gebracht, hatte einen Schlag dagegengefuhrt, wenn ihn nicht sein Sohn zuruckgehalten. "Was thust Du, Raaf?" schrie er dem zornentflammten Greise zu, wahrend Zodick ihn hohnisch angrinste. "Lass ihn doch," sprach dieser: "lass ihn, Ben David. Es gabe noch eine Klage mehr von Gotteslasterung und Kreuzentweihung. Die Sunde hauft sich ohnehin auf Eurem Kopf, ohne dass ich etwas thue dazu. Der Halsschmuck, den man gefunden in Eurem Keller .... er hat gedibbert wie eine Elster, und euch genannt Hehler und Stehler von der Blutzapferrotte. Verrathen ist es durch aufrichtigen Bericht der Judenschaft zu Worms, die immer offen handelt und ehrlich gegen die von Gott eingesetzte christliche Obrigkeit, dass Du, Ben David, daselbst den Buben gekauft, den Ihr so schmahlich ermordet habt. Der Rittersmann, dem Du das Knablein abgeschachert, ist gar wohl bekannt, und wird Euch Verstockte bringen zum Gestandniss. Ihr seyd verloren, und mir blutet das Herz als Mensch und als Christ, denn der Gott, den ich jetzt habe erkannt, will nicht, dass der Sunder sterbe, wie ihn sterben lasst das Gesetz." Ben David und Jochai, obgleich von Zodick's unheildrohender Rede erschuttert, warfen ihm einen Blick der Verachtung zu, und schwiegen. "Rechnet es daher meiner Erbarmniss zu Gute, fuhr der Heimtuckische fort, dass ich jetzt komme zu euch, ein Bote der ewigen Milde, des Fursten der Barmherzigkeit. Zwei Wege thun sich vor euch auf, zum Leben. Schon mancher Jude hat sich gekauft los vom Scheiterhaufen und dem Strang. Versucht auch i h r das Mittel. Vertraut mir, wo Ihr vergraben Euer Geld, denn des Silbers wenig hat man gefunden bei Euch. Hab' ich Euch gebracht in Babylon durch des hochgelobten Gottes Fursicht und Wille, kann ich Euch auch bringen wieder heraus durch die Kraft der Masumme, der die Gojim selten widerstehen." "Deine Mitbruder willst du sagen, abscheulicher Mancher!" schalt Jochai, dessen Gesicht sich bei der blossen Erinnerung an Zodick's Ubertritt krampfhaft verzog. Der Gescholtne mass den Zurnenden mit den frechen Augen, und wendete sich alsdann wieder mit fragendem Blicke zu Ben David. Dieser, nachdem er den Vater durch eine bittende Geberde veranlasst, Ruhe zu halten, sprach nicht ohne Bewegung. "Jetzt erst gibt sich bloss der Heisshunger des Gerichts und der Deine nach meinem Golde und meiner andren geringen Habe. Aber eben so wenig, als mich werden vermogen die graulichsten Martern zu bekennen eine Sunde, die ich nicht begangen, eben so wenig soll mich uberreden Deine Zunge, dir des Sammaels, zu bezeichnen den Ort, wo ich vergraben und verborgen, was mein ist. Was Werth hat an Silber und Gold und Edelstein, ist uns theuer, denn davon leben wir armes, verachtetes Volk. Edom wurde uns ja missgonnen die Luft, so wir athmen, hatten wir nicht Stein und Metall, seinen Lusten zu frohnen. Darum vertheidigen wir mit dem Leben unsern kleinen Schatz, eben weil er ist unser Leben. Aber einen Schlussel dazu will ich Dir geben, so fern Du mir gibst Kunde von dem grossten Schatze den ich besitze: von meiner Tochter Esther. Ist auch sie gerathen in die Hande von Amalek durch Deinen treulosen Mund? Sind auch ihre zarten Glieder bedroht von Folter und Schmach? Das arme Geschopf, .. es weiss ja von Nichts: unschuldig ist es gekommen zur Welt; unschuldig wird es gehn von dannen. Oder hat sich des Magdleins etwa bemachtigt Deine gierige Lust? Gib mir Gewissheit, und ich will nicht herabfluchen den Zorn des starken und eifrigen Gottes auf Dein Haupt. Gewissheit uber Esther's Schicksal sey's die traurigste gib dem trauernden Vater!" "Mir thuts leid," erwiederte Zodick, der bei all diesen Reden bestandig Zeichen einer ungewissen, von Angstlichkeit beengten Haltung an den Tag gelegt hatte: "Das Madel geht wie Ihr entgegen dem Stocker und seiner Flamme." "Halte mich, Herr in Israel!" stohnte Jochai, wahrend Ben David erschrocken nach Zodick's Hand griff. "Ich will verkrummen, ist's nicht wahr;" betheuerte dieser Letztere keck: "Esther ist in Buhlschaft verfallen mit einem rechtglaubigen Jungling. Der unbesonnene Altburger, der jungst Euch und eure Dirne allen Gesetzen zum Trotz vertheidigte, hat sie aus der Stadt gebracht, und halt sie irgendwo versteckt zu eigner Kurzweil." "O ihr ewigen Schaaren der Elohims!" seufzte der gebeugte Greis Jochai: "Also hat die krumme Schlange eine von Zions Tochtern mit Schmach bedeckt. Sohn, Sohn, Vater Deiner Esther! Wie wirst Du bestehen, vor dem Fursten des Gerichts und dem Throne des Messias, da Du durch Deinen Eisenkopf all das Unheil, das wir erleiden und befurchten, erzeugt hast!" Ben David machte eine heftige Bewegung und unterbrach den Vater lebhaft: "leide ich nicht wie Du, Raaf, und befurchte ich weniger? Hab' ich Dich nichs geehrt und geliebt, wie ein gerechter Bechor? Musst Du nicht darum auch willigen zu theilen meine Noth? Wir haben zusammen gewonnen Geld, Gut, und haben getheilt manche Freude." Lass uns thun ein Gleiches mit dem Leide. Nicht meine Schuld, .. die Luge hat uns hieher gebracht, und der hochgelobte Gott, dessen Herrlichkeit unser Haupt beruhrt, und Deine Fingerspitzen, so Du mich segnest, wird uns nicht umkommen lassen durch die Unglaubigen. Schrecklich war es, wenn Esther in den Stricken lage der Wollust, der Buhlerei mit einem fremden Manne ... aber, es heisst in den Buchern der Vater: "So Dich einer einmal belogen, und falsch Zeugniss gegeben von Dir, so glaube ihm nicht ein andermal, und nicht ein drittesmal, und nicht zum hundertenmale, denn die Zunge desselben ist ein schlecht Stuck Fleisch, das verdorren wird im Thale der Auferstehung."

Zodick wies hohnisch die Zahne. "Wahrlich, sage ich Euch:" sprach er, "Esther und der junge Altburger Frosch sind verfallen dem Scheiterhaufen, so die Gerechtigkeit der Obern sie ereilt. Noch ist ihr Aufenthalt nicht entdeckt, aber ganz gewiss wird er nicht entgehen meiner Wachsamkeit, da mich der Herr bestellt hat zum Mittler in Euerm traurigen Schicksal. Ihr aber nehmt zu an Verblendung und Luge, wie das wachsende Kind an Kraft und Mark, da ihr Euch weigert, die in Gesellschaft der Blutzapfen geraubten Schatze herauszugeben, um Euer Blut zu retten. Der Tag, der Eure Rechnung vollig schliesst, ist jedoch noch nicht angebrochen, und der Prophet Elias, der immer um Euch ist, sieht betrubt, wie sich vermehrt die Last Eurer Sunden. Es ist schier ausser Zweifel, dass Du es gewesen, Ben David, der an dem alten Rathsschoffen Frosch das Mordstucklein gewagt, das ihn beinahe in den Talles gelegt." "Sohn! Sohn! Sohn der Gebote und meines Gebets!" stammelte Jochai: "Unseliger Mann! wohin bist Du versunken? Bringt doch jeder Augenblick eine neue Klage auf Haut und Haar, jeder Augenblick einen neuen Herzstoss fur den greisen Vater! O weh mir! weh mir! warum hab' ich gelebt der Jahre zweimal funfzig und daruber? Warum verlasst mich der Gott David's und Samuel's also in meiner Noth, dass ich schauen muss, wie mein Geschlecht langsam versinkt in Blut, Schande und den Flammen des unehrlichen rothen Mannes! David! David! So wahr du tragst den Namen des Erlosers, den wir hoffen, so wahr will ich Deinem Schweigen ein Ende machen; bekenne Deine Unschuld wider Deinen Willen. Zodick! rufe herbei den Richter! Ich will reden; der alte Jochai will reden, und Wahrheit sagen. Geh! geh! und Dir vergebe der hochgelobte Gott Deine Sunde an uns, die Dir nicht abgenommen werden kann weder durch den Tag der Versohnung und das Kapporah des Bocks Hazazel, noch durch die Fasten, Esther und Gedalja und die Feier der Tempelzerstorung." Der Greis schwieg erschopft; Ben David verharrte in missbilligendem Schweigen. "Nicht um Dein Geschrei zu horen, habe ich geredet;" sprach Zodick mit schadenfrohem Vorwurf zu dem Alten: "um Euch ein Mittel anzugeben vielmehr, das Euch, wenn nicht zur Freiheit und zum Leben, dennoch zu einem sanftern Tode verhelfen wurde, so Ihr es annehmen wolltet. Denn dem Tode seyd Ihr gewiss, wenn Ihr Euere Habe verhehlt, und der Tod in Flammen ist schrecklich Bekennst Du hingegen, Ben David, dass Du den Altburger Frosch ermorden wolltest, auf Anstiften und Anregen seiner Ehefrau, so will der Altburger selbst ein Furwort einlegen, dass Eure Strafe in die leichteste verwandelt werde, weil er seinem Morder Gutes zu thun wunscht. Beeilst Du Dich, die Gnade des Herrn zu verdienen, so konnte wohl gar noch werden bewiesen, dass Jochai im Wahnsinne gehandelt, da er den Knaben gekreuzigt im Keller, und konnte ihm, ob seines Alters Elend, noch werden geschenkt das Leben." Jochai befuhlte sich bei diesen seltsamen Eroffnungen den Kopf, gleich als ob er aus einem bosen, bosen Traume aufzuwachen im Begriff stande. Ben David hingegen gewann eine Ruhe und Heiterkeit, die gleich sehr gegen den dumpfen Jammer des Vaters, wie gegen die befangene Frechheit Zodicks abstach. "Ich sehe jetzo;" sprach er recht laut und vernehmlich: "dass ganz Frankfurt toll geworden. Das Ungeheure konnte mich schier bringen zum Lachen. Wenn jetzo plotzlich aufstiege ein Nebel des Gewassers, und unsichtbar machte die Bruckenthurme oder Sachsenhaufen .... was gilts ... der arme David musste sie gestohlen und seinem Vater gesteckt haben in den Schnappsack. Geh, geh, Du lacherlicher Bote! Du hast gewisslich am heiligen Sabbat zu weite Schritte gemacht im Kundschafterdienst, denn diese schwachen Gesicht und Verstand. Du bist, ob ein Lugner, ob ein Irrsinniger, gleichviel. Kannst Du mir jedoch bringen wahrhaftige Kunde von Esther, und ein Zeichen von ihr, ein glaubhaftes, dass sie lebt und frei ist, wenn gleich versunken in dem Laster, dessen Du gedacht, so soll's Dein Schade nicht seyn; ich schwor's auf die Torah; und dieses heilige Gesetz wird mir geben die Kraft durch mein Gebet des Madchens Seele abzulenken vom Bosen, und sein irrdisch Theil zu retten von schimpflicher Strafe." Zodick warf spottisch den Mund auf, und ging hinweg, ohne ein Wort zu erwiedern. Ben David naherte sich dem Vater, der wie eine Bildsaule vor sich hinstarrte. "Du willst bekennen, Raaf;" fragte er ihn sanft und sehr leise: "was willst Du denn bekennen, da Du nichts weisst, als dass der Knabe nicht gestorben, sondern seinen Freunden wiedergegeben? Sage tausendmal, dass ich unschuldig sey, und Du nicht schuldig, und tausendmal werden sie Dir nicht glauben, .. selbst dann nicht, wenn ich's wollte und konnte beweisen. Wisse aber, dass ich eher auf der Folter die Zunge verschlucke, ehe ich rede; weil ich gethan ein Gelubde, das ich halten werde fester als eins, das ich in der Schule geleistet." Jochai sah ihn fragend und kopfschuttelttd an. "Weh mir!" sagte er: "Ein Eid, und wann hast Du ihn gethan?" "Er ist noch nicht so alt, als Zodick's Besuch;" erwiederte Ben David: ich hab' ihn geschworen bei der Lade des Bundes im Allerheiligsten meiner Gedanken. "Raaf!" setzte er leise flusternd hinzu: "Raaf! ich habe bose gethan, fuhle ich jetzt, denn ich habe gehandelt mit Menschenblut. Das Schandliche solchen Beginnens ist mir geworden klar, da mir einfiel, wie Esther jetzo hulflos einem gleichen Handel Preis gegeben ist, der vielleicht das Kleid ihrer Ehren in Koth tritt, vielleicht ihr junges Leben erstickt. Darum will ich bussen, und, sollt' ich ersterben in Graus und Schmerz, nicht durch mein Zuthun den Versuch machen, zu lindern mein Schicksal."

Jochai wollte in ein Geschrei des Jammers ausbrechen; Ben David bedeutete ihn jedoch heftig, zu schweigen, und raunte ihm in's Ohr: "Spare Deine Worte, die unser Elend nur beschleunigen, denn hinter jener Wand lauschen verborgne Zeugen, die Zodick's Unterredung mit uns behorchten. Mir hat's verrathen sein angstlich Lauschen, und ich warne Dich." Man kommt schon: "horst Du? Ermanne Dich. Dein Leben werd' ich gewisslich retten. Meine Vertheidigung muss der hochgelobte Gott unternehmen. Eine MenschenZunge allein rettet einen Juden nicht."

Der Oberstrichter kam herein mit gewohnter Wurde; in seinem Gefolge ein Schreiber, das Verhorprotokoll unter'm Arme, das Schreibzeug am Gurtel. Der Gefangenwarter schob den Tisch zurecht, und ging. "Jude Jochai und Du, sein Sohn David!" begann der Richter: "Man hat uns gemeldet, dass die Aufrichtigkeit in eurer Seele die Oberhand gewonnen, ehe wir noch der Folter bedurft, um sie zu wecken. Ihr thut klug daran, zu bekennen, denn eure Missethaten brechen von Tag zu Tage mehr hervor aus dem Schleier, mit welchem Eure Ranke sie umhullt hatten. Gerhard von Hulshofen erbleicht ihr nicht noch deutlicher unter eurer Blasse? wird nicht saumen, vor unsern Schranken Zeugniss gegen euch abzulegen, um also die Schuld wieder gut zu machen, so er als rechtglaubiger Christ zu boser Stunde auf sich geladen. Des armen Friedbergers Schmuck, von seiner Witwe erkannt, bezeichnet Euch als Glieder der verruchten Mordbande, die ihre Verbrechen sogar in unsern Mauern ausubt. Nichtswurdige Gesellen, die schon seit lange in unsern Verliessen schmachten, und ehemals mit jener Rotte Korah in Verbindung gewesen, entsinnen sich auch recht gut, einen der Hauptmorder mit dem Namen: 'der Jude' bezeichnen gehort zu haben, und wurden gewiss den David von Angesicht zu Angesicht erkennen, ware er ihnen damals nicht immer in einer unkenntlichen Vermummung erschienen. Kurz: die Zeit bricht ein Stuck nach dem andern von dem Bollwerke ab, das eure Heuchelei um die Wahrheit gezogen hat. Gerade jetzt ists noch Zeit zu bekennen, um die schwere Hand der gesetzlichen Rache in ihrem Falle etwas aufzuhalten, und ein milderes Loos zu gewinnen, wenn es seyn kann. Wir haben daher auch nicht gesaumt, der an uns gegangenen Aufforderung diesenfalls zu entsprechen, und begehren von Dir, Jochai, dass du sonder Ausschweife an den Tag gebest, was Du zu bekennen hast." "Zu bekennen, Herr!" sagte der durch Hingebung seines Sohns muthiger gewordne Greis: "Gott soll mir helfen, wenn ich weiss, was ich bekennen soll, wenn es nicht ist unsre Unschuld." Ben David schwieg befriedigt, aber des Oberstrichters schlaufreundliche Miene wandelte sich in eine frostige um, da er die Weigerung des Alten horte. "Wie?" fragte er: "Hast Du Deinen Vornamen sobald geandert? Man sagte mir doch ..." "Edler Herr!" versezte Jochai mit scheinbarer Offenherzigkeit: "So uns der hochgelobte Herr der Welt Starke verleiht, so werden wir selbst unter Folterpein nicht aussagen, was uns, sind wir gleich fleckenlos wie das Lamm, den Stab bricht; um wie viel mehr mussten wir die Zunge schelten, die an uns zur Lugnerin werden wollte, freiwillig, ohne Noth." "Aber," polterte der Richter aufwallend, "Du sagtest doch selbst, alter Sunder ...." Jochai schuttelte schweigend den Kopf, wie Einer, der seiner Sache sehr gewiss ist, und, mit einem Lacheln, nur den Unglauben eines Andern straft. Diese Geberde machte indessen den Richter hitziger. "Laugne nicht, Jude," sprach er drohend: "Friedrich hat die Lugen verabscheuen gelernt im Schoose des wahren Glaubens. Du warst geneigt zu bekennen .... so bekenne denn. Deine Aufrichtigkeit kann nur wohltatigen Einfluss auf Dein, selbst auf deines Sohns Geschick haben. Bekenne die erschreckliche Kreuzigung des Knaben, die hauptsachlich dir zur Last gelegt wird, hast Du einmal diese erste und grosste Missethat von Allen gestanden, dann, wird das Bekenntniss der Ubrigen leichter." Jochai warf einen verstohlenen Blick auf den unerschutterlichen Ben David, und sagte dann entschlossen: "Gestrenger Herr ...." mir sollen alle Glieder erstarren zu Eis, wenn ich anders sagen kann, als: "Wir sind unschuldig." Der abtrunnige Knecht Zodick hat auch heute gelogen wie in seiner Klage. Gras wachse vor seiner Thur, und Er soll seyn der Lezte nach allen Menschen auf der Erde. "Ich werde nicht bekennen, was ich nicht weiss."

"Ja, verdammter Jude!" brach der Oberstrichter los: "Du hast Bekenntniss und Luge in einer Tasche. Die wenigen Augenblicke, die du mit diesem Elenden hier allein geblieben, alter Thor, waren hinreichend, dich umzustimmen, und nun soll Friedrich gelogen haben, obgleich ...."

Hier verstummte der edle Herr, weil ihn beinahe der Zorn veranlasst hatte, zu gestehen, dass er alles hinter jener Wand verborgen, mit angehort. Jochai entgegnete jedoch mit treffendem Blick und bitterm Lacheln: "Und wenn ihr selbst, gestrenger Herr, mit Euern eigenen Ohren gehort haben wolltet, was Euch Zodick sagte, so musste ich erklaren, dass Ihr Euch irrt." "Genug;" fuhr der Oberstrichter fort: "Ich sehe, dass Ihr unverbesserliches Gesindel seyd. Was jener blut- und raubdurstende Mensch, dein Sohn, an Kraft und Geschick, das Bose zu thun, vor Dir voraus hat, das ersetzest du durch deine hundertjahrige Schlauheit und Tucke. Aber was es nun auch sey boshafte Luge, beginnender Wahnsinn des Alters, oder jene Vergesslichkeit, die den ergrauten Bosewicht zuweilen befallt, und seinem Gedachtnisse schwere Frevel entruckt, als ob sie nie vollfuhrt worden waren, ... ich will Dich schon zum Gestandniss bringen. Die Verworfenheit, die rund um unser Weichbild, und innerhalb desselben, das Haupt zu Raub, Todschlag und Brand erhebt, zittert vor meinem Namen, meinem Ansehen und Eifer. Diese Schrecken der Zugellosigkeit sollen auch nicht an zwei erbarmlichen Juden erlahmen. "

"Gebraucht Eure Macht, ehrbarer und strenger

Herr;" sprach Jochai mit leidender Demuth: "der Mensch ist ein schwach Gefass in den Handen seines zornigen Feindes, sagt der Rabbi Jose, auf welchem der Friede sey, und das Paradies seinem Andenken. Der grosse Tag, jenseits des Meeres, hat aber ein Andrer gesagt, wird ausgleichen Alles, was geschehen ist zwischen Auf- und Niedergang. Ich sage nicht, was nicht ist, wenn ich unsre Unschuld bekraftige. Der Wahnsinn, dieser Aussatz, mit welchem die Schedim den innern Menschen schlagen, wie Job geschlagen ist worden von dem Fursten der Wildniss, von dem haarigen Bocke, redet auch nicht aus mir. Aber auch nicht Vergesslichkeit, erzeugt vom Ubermaasse der Verbrechen, hat entrissen meinem Gedachtnisse, was einst, wichtig wie allenfalls seyn kann ein Mord, sich ihm einpragte. Ich weiss noch herzuzahlen an den Fingern die zweihundert und acht und vierzig Gebote, wie die dreihundert funf und sechzig Verbote, denen ich mich musste unterwerfen, da ich wurde im dreizehnten Jahre meines Lebens ein Ban Mitzra, das ist: ein Sohn des Gesetzes. Ich habe mich gewohnt, aufzuzeichnen und zu behalten im Kopfe alle gluckliche und ungluckliche Tage meiner Jahre. Der glucklichen hatte ich wenig aufzuzeichnen: der unglucklichen jedoch zu behalten viele, denn ich bin ein schlechter Jude."

"Was soll das Gewasche?" fragte der Oberstrichter barsch: "Spare die erheuchelnden Thranen fur die Folterbank und den letzten Gang, elender grauer Dieb. Was hast Du noch vorzubringen? Kurz; sage ich Dir."

"Ich werde seyn schnell zu Ende;" antwortete Jochai, mit schmerzlichen Lacheln in die Hande hauchend und uber seine nassen Augen fahrend. "Ich will nur reden von der Zeit gestrenger Herr, da Ihr noch wart ungeboren, Euer Vater ein Knabe noch beinahe, und Euers Vaters Vater noch ein rustiger Mann. Herr, ich habe erlebt, was sich jetzt noch die Enkel des damaligen Geschlechts erzahlen mit behaglichem Grausen. Herr, ich war schon gewesen ein Mann von vierzig Jahren, da des hochseligen Kaisers Carl IV. Majestat genau drei Jahre am Regiment gewesen, und da wir zahlten das funftausend einhundert und neunte Jahr der Welt, in welchem man allenthalben begann, die Juden zu schlachten, weil sie vergiftet haben sollten die Brunnen, verzaubert das Vieh und herbeigeflucht die grosse Pest. Mir gedenkt's wie der Tag von gestern, da das Gemetzel losbrach, hier zu Frankfurt, als die Geissler eingezogen waren mit Fahnen und Kerzen, und den vielen Bildern des gekreuzigten Mannes." "Der Heiland!" verbesserte der Oberstrichter finster; unterbrach jedoch, mit einer Art von Theilnahme sich vorlehnend, den Greis nicht, so sehr auch der Schreiber, den die anhebende Erzahlung langweilte, mit ungeduldiger Geberde zum Unterbrechen mahnte.

"Die Geissler haben gesungen durch die Strassen: Ach, so hebet eure Hande, dass sich doch das Sterben wende!" fuhr Jochai fort: "Mittlerweile aber sie sich die Rucken zerfleischten, und den Staub der Gassen dungten mit ihrem Blute, ist ein Feuer ausgebrochen, und weh! weh! in der ganzen Stadt gerufen worden. Unfern von unsrer Gasse war durch Nachlassigkeit oder vorsetzlichen Frevel der Brand aufgegangen. Ich stand gerade fertig, um uber Land zu gehen, und zu holen mein Weib, dass heimgesucht hatte seine Eltern uber dem Rheine. In meiner Mutter Stube stand ich, da die Glocken anfingen zu wimmern, und das Getose uberhand nahm in den Strassen. Die arme alte Frau von siebzig Jahren, erblindet durch die Muhen des Gerwerbes, erschrack zum Tode, und schickte mich fort, zu sehen, was es gabe. Ich lief, ich schrie, ich entsetzte mich." "Die Juden haben den Brand gemacht!" schrieen die rasenden Geissler auf den Gassen: "Wir haben's gesehen! Sie haben geschossen mit feurigen Pfeilen aus dem Hause zum Storch nach dem Rathhause! Und das Volk schrie nach, und durstete Rache, und brach ein in die Hauser, die Geissler bestandig voran, die raubten und sengten und metzelten. Herr! da kam ich heim, vor Angst und Ermattung halbtodt, um zu retten die blinde arme Mutter." Die war in ihrer Herzensnoth herausgegangen zur Stube, und hatte sich zur Treppe gefuhlt, war aber gestiegen hinauf, statt hinunter, und also gerathen auf den Speicher, wo nebenan des Nachbars Haus brannte lichterloh. Und ich stand vor'm Hause, und konnte nicht hinein, weil alles voll Plunderer wogte, und sah die liebe Frau, die mich geboren, am Giebelfenster stehen, wie sie die Hande rang und hinausrief in die Flammen, die sie nicht sah: "Sohn! Sohn! Jochai! Sohn Davids! wo bist Du? verlass mich nicht!" Ich sah endlich, wie die Rauber zu ihr hinaufdrangen, und konnte, selbst geschlagen und misshandelt, nicht herzu. "Heule nicht! Judenvettel!" donnerte der Verzweifelnden ein Mann zu, erhitzt von Wuth und angethan mit Grausamkeit: "Dort ist Sein Sohn! fahr gesund zum Teufel!" Und in die Flammen des Nachbarhauses flog die Blinde. "Auf ihrer Asche sey der Friede!"

Eine tiefe Stille folgte dieser Erzahlung Jochai's. Der Oberstrichter starrte ungewissen Auges zu dem Gitter des Fensters empor; sprach aber keine Sylbe. Da schloss Jochai also: "Die Blinde, Herr, ist gewesen meine Mutter, und, der sie in das Feuer warf, Euer Grossvater, Herr. Ich kenne demnach, was ein Jude zu gewartigen hat von Euerm Geschlecht, und Ihr habt ein Pfand, dass ich nicht bin so vergesslich, als Ihr glaubt. Was der Grossvater ubrig gelassen, mag nun verderben der Enkel."

Der Oberstrichter schwieg noch immer mit ausserst nachdenklichem Gesichte. Er rieb sich heftig die Stirne, zog die Augenbraunen zusammen, und hing an einer unangenehmen Erinnerung. "Du bist also ...?" fragte er mit einemmale, wie bewusstlos, unterbrach sich aber schnell, und wendete sich zu dem Schreiber. "Ich bedarf Euers Diensts nicht;" sagte er: "Geht, und nehmt diesen Alten mit Euch. Der Thurmwachter soll ihm ein luftigeres und reinlicheres Gefangniss geben, und ihm forder die Ketten nicht mehr anlegen."

Der Schreiber winkte dem staunenden Jochai, auf den Ben David schnell zuging, um ihn zu umarmen, und ihm die Hand zu kussen. "Ein Strahl der Milde bricht in die Hutten Jakobs!" sagte er heftig bewegt: "Raaf! zage nicht, und vertraue dem Herrn!" Jochai schwankte hinaus mit dem Begleiter. Der Oberstrichter hatte seinen ganzen furchterlichen Ernst wieder gesammelt, und redete zu Ben David. "Du siehst, wie barmherzig ich seyn kann. Ich habe Wille und Vollmacht, fur Dich ein Gleiches zu thun, wenn Du weniger halsstarrig seyn wolltest. Friedrich's Klage ist klar wie die Sonne, aber ein schwerer Verdacht, der sich in des Volkes Stimme gegen Dich erhebt, bedarf Deines bestatigenden Gestandnisses. Bekenne, dass Du Diether's Morder seyn wolltest, angereizt und besoldet von seinem treulosen Weibe. Gestehe ohne Scheu. Eine gnadige Behandlung, ein leichter Tod sey Dein Lohn dafur." "Heer!" erwiederte Ben David ohne Bedenken: "War' ich allein in das Gewebe verflochten, das mich Unschuldigen droht zu erwurgen, so sagte ich ohne Wahl und Furcht ein lautes: 'Ja!' Zu glucklich, um damit zu erkaufen Linderung der Kerkerqual, und einen schnellen, beschleunigten Tod unter den Fittigen des Boten der Barmherzigkeit, Gabriel, welcher die Seelen der unschuldig Sterbenden hinuberfuhrt gen Canaan. Aber es ist wider das Gebot, eine fremde, schuldlose Seele mit zu todten durch falsches Zeugniss. Ich kenne die Ehewirthin des Altburgers nicht." "Du lugst;" entgegnete der Oberstrichter gereizt: "Du warst oft in ihrem Hause; ich habe Zeugen." "Gehandelt hab' ich mit der ehrsamen Frau;" gab David zu: "Doch soll mir Gott helfen, kenn' ich sie weiter." "Du lugst!" zurnte der Oberstrichter heftig: "Man hat Dich zur dunkeln Nachtzeit aus dem Hause schleichen sehen, in welches Du hineingekommen warst, unbemerkt, von Niemand geachtet. Du warst in fremder Tracht, beladen mit Geld, wie es schien, und doch wurde von einem Diebstahl nichts gehort. Also hast Du damals den Lohn des blutigen Werks im Voraus empfangen, und den Handel geschlossen." "Gestrenger Herr!" entgegnete Ben David, seine Betroffenheit kunstlich verbergend: "Da Meister Diether Frosch angefallen wurde, war ich zu Costnitz, und getraumt hat dem, der mich vermummt gesehen haben will."

"Du ermudest meine Langmuth!" schalt der Oberstrichter: "In der Folterkammer wirst Du geschmeidiger werden, sage ich Dir indessen voraus. Denk an mich!"

"Ich will es erwarten, Herr;" antwortete Ben David ruhig, und liess sich geduldig die Ketten wieder anlegen, und in sein trauriges Verliess zuruckbringen.

Achtes Kapitel.

Ich bin ein leibeigner Bauer,

Mein Leben wird mir sauer;

Ich steige auf den Birkenbaum,

Davon haue ich mir Sattel und Zaum;

Ich bind meine Schuhe mit Bast,

Ich full' meinem Junker den Kast,

Leiste dem Pfarrherrn die Pflicht

Und weiss von Gott und seinem Worte nicht.

Lieflandisches Volkslied.

"Wohin?" fragte Diether, im Begriff, sein Haus zu verlassen, um in seinem Garten Zerstreuung zu suchen, einen Mann in baurischer Tracht, der, einen Tragkorb auf dem Rucken, die Treppe hinanstieg. Der Mann hielt auf diese rasche, unvermuthete Frage still, sah mit offnem Munde hinauf, strich sich die Haare von der Stirne, und fragte, die Mutze in der Hand, entgegen, ob hier die Frau Altburgerin Margarethe Frosch wohnhaft sey. Diether bejahte, und winkte dem Zaudernden naher zu kommen. "Was soll denn die ehrsame Frau?" begann er, dessen Misstrauen durch die scheu umherschweifenden Blicke des Bauern erregt wurde. "Ich muss selbst mit ihr reden;" meinte hierauf der Letztere, und die liebe Dummheit sprach sich in seinen Zugen und Worten aus: "Der Herr soll nichts davon erfahren, hat mein Weib gesagt; oder seyd Ihr vielleicht der Herr?" "Nicht doch;" erwiederte Diether kurz: "Ich bin Frau Margarethens vertrautester Freund, und Du kannst nichts Besseres thun, als auch mir Dein Gewerb vertrauen, weil die ehrsame Frau verreist ist, und unter einigen Tagen nicht wiederkehrt." "So?" sprach der Bauer, auf den Stock gelehnt: "Das ist einfaltig, guter Freund. Wer wird mir denn abnehmen, was ich in meinem Kober trage?" "Tritt hier herein!" befahl Diether, die Thure seiner Stube offnend: "Ich will Dir Botschaft und Werth abnehmen, Deine Zunge und Deinen Rucken ledig machen." Der Bauer sah sich verwundert in der Stube um, und wusste nicht recht, ob er niedersetzen oder fortgehen sollte. Diether gebot ihm hingegen nachdrucklich, den Inhalt des Korbes vorzuweisen; und mit einer dummpfiffigen Miene gehorchte endlich der Mensch. Mit einem verstockten Lacheln zog er die grobe Leinwand von dem Korbe, in welchem ein kleines Magdlein sass, das seine Handchen bittend dem Alten entgegenstreckte. Diether nahm das holde Kind schnell aus dem unbequemen Versteck, und mass staunend bald den Trager, bald seine Burde. "Was soll das?" fragte er: "Ein Kind?" Der Bauer lachte, und wiederholte: "Mein Seel, Herr, es ist ein Kind." "Wessen Kind? Sag an?" "Hm!" versetzte der Bauer langsam, und kratzte sich auf dem Wirbel: "Herr, wenn ich das wusste, mein Seel, ich wollt's Euch sagen." "Ist der Mann hier Dein Vater?" sagte Diether zu dem Kinde, das sein Kopfchen an des Alten Brust legte. Es schuttelte aber auf diese Frage das Haupt, und antwortete mit kindischem Lallen: "Nein, nein, Vater weit, Mutter weit, Agnes ganz allein gelassen!" Diether begutigte das Magdlein, so gut er es vermochte, und wendete sich wieder zu dem damischen Boten, der mit eingebogenen Knieen und vorgestrecktem Halse da stand, ein gleichgultiger Zuschauer. "Wer bist denn Du, Mensch, und wie hangt das Alles zusammen?" fragte der Altburger. "Mein Seel," entgegnete der Bauer: "guter Herr und Freund, ich will Euch wohl sagen, dass man mich Paul getauft hat, und dass ich ein eigner Mann des gestrengen Grafen von Katzenelnbogen bin. Wir armen Leute wissen nicht, wie alt wir sind, aber, dass der Johannistag heuer zum ein und zwanzigsten Mal wiederkommt, seitdem ich mich mit meiner Willhild habe einsegnen lassen durfen zu Wiesbad, denn wir zu Moorweiler haben keinen Pfaffen fur uns, das weiss ich genau." "Willhield?" wiederholte Diether; "ware die Pflegerin meines Sohnleins ... des Herrn Diether's wollte ich sagen, ware sie Dein Weib?" "Mein Seel, Herr, sie ist's, wenn uns anders der Leutpriester recht eingesegnet hat." "So rede schnell. Was ist's mit dem Kinde, und was soll es bei Frau Margarethen?" "I nu," redete Paul: "mein Weib meint, dass es am Besten da aufgehoben ware, weil es doch einmal die Tochter von der Frau ist." "Wer?" rief Diether mit gallebewegtem Blute: "Wer ist Margarethens Tochter." "Ho, die musst Ihr wohl kennen, wenn Ihr der Freund vom Hause seyd;" entgegnete der Bauer: "das schone Weibsbild, das vorige Woche von der Heerstrasse gestohlen wurde." "Wallrade?"

"Recht, so heisst sie;" fuhr Paul fort: "und ihr Tochterlein ist das Kind hier, das sie bei uns zuruckgelassen hat. Wir sollten's ihr aufheben, bis sie wieder kame." "Wallradens Kind?" sprach Diether besturzt und entsetzt vor sich hin: "Barmherziger Gott! in welchen Hollenschlingen finde ich bei jedem Schritte Alle, die ich liebe!" "Wie kam denn das Fraulein zu Euch!" setzte er laut hinzu. "Zu Wagen, lieber Freund;" antwortete Paul: "Was die Weiber mit einander schwatzten, weiss ich nicht, denn ich hatte die Frohne fur meinen gestrengen Herrn, und die Willhild sagt mir auch nicht viel. Genug, da es Sonnabend war vor des Herrn Geburt, sollte ich mit herein und auf Alles Ja sagen, was die Frau, die Mutter namlich von diesem Kinde, erzahlen und vorbringen wurde." "Vor des Herrn Geburt?" wiederholte Diether kopfschuttelnd: "Mensch, bist Du irre; vor Ostern vielleicht?" Meinetwegen vor Ostern, wenn das nicht Eins ist, was wir ungelehrte Leute nicht wissen. Es ist einmal noch nicht lange her. Die Frau war sehr aufgebracht und sagte einmal uber das Andremal: "Ich will zuruckkommen, ich will dem Vater sagen ... doch, das geht Euch nichts an, und ich weiss es auch nicht mehr so recht." "O meine Ahnung!" murmelte Diether durch die Zahne: "Strahlende Gewissheit bist Du geworden. Wallrade hat den wunden Fleck meines Hauses getroffen, Willhild zum Bekenntniss gebracht, den Bastard in meinem Geschlechte entlarvt. Ich musste ihr danken, hatte sie nicht ahnliche Schande auf mein Haus gehauft!" Er sah bei diesen Worten das Kind auf seinen Armen finster an, und drang in Paul, endlich doch fortzufahren, und zu endigen.

"Ich bin schon zu Ende:" versicherte der Bauer! "Die Frau wurde gestohlen, und ich lief heim, ohne zu wissen, wo sie hingekommen." Einer von den Teufelsburschen hat mich gejagt wie einen Hasen, und Willhild mich noch obendrein ausgescholten. Und da die Frau nicht widerkam in den nachsten Tagen, und keine Kunde von hier aus, so redete meine kluge Willhild zu mir: "Morgen, Paul, nimmst Du das Magdlein im Korbe mit Dir, und tragst es zu Frau Margarethen, denn die Mutter, furchte ich, ist dahin, und ich konnte nicht ruhig sterben, wenn das Kind nicht versorgt ware. Sage der ehrsamen Frau, sie soll mir nicht bose seyn, allein ich musste reden, um unser beider Seelenheil, und dass der alte Herr nicht ferner betrogen sey." "Horst Du, alter Thor?" fragte Diether knirschend in sich hinein: Weiter, Paul! "Lass Dich aber nicht vom Herrn erwischen," sagte das gute Weib ferner, fuhr Paul fort: "Es konnte mit diesem Kinde auch einen Hacken haben, wie mit dem Johannes, und zu viel Verdruss auf einmal muss man dem lieben Herrn nicht machen."

"Schweig!" herrschte Diether dem Erzahler zu, welcher erschrocken zusammenfuhr: "Aus Deinem Munde will ich nicht wissen, was noch zuruck ist. Lass das Kind hier, und packe Dich, so lieb Dir Dein Leben ist, schnell aus der Stadt in die Heimath. Mit Dir, Du Tolpel, habe ich nichts zu schaffen. Aber Willhild soll kommen; ubermorgen soll sie hier seyn, oder es schwer bereuen. Hinweg!" "Na, na, lieber Freund," sprach Paul begutigend: "ich will's wohl ausrichten, und die arme Willhild wird freilich kommen, wenn sie kann. Aber ... hier kratzte er sich wieder hinter den Ohren es ist ein kitzlich Ding." "Wie so?" fragte Diether strenge. "Das arme Weib wird wohl gestorben seyn;" versetzte Paul weinerlich: "der Pfaffe gab ihr, da ich heute fruh aufbrach, nur zwei Stunden noch zu leben." "Verflucht!" zurnte Diether dumpf, und setzte das Kind nieder. "Wenn Ihr jedoch ein vertrauter Freund des Herrn wart, wie der ehrsamen Frau," fuhr Paul fort, "so wollte ich Euch wohl ein Brieflein fur denselben zustellen." "Das Bekenntniss meiner Schande!" seufzte Diether fur sich, und griff finster nach dem Zettel, den ihm der Bauer reichte. "Ein verkleideter Mann gab ihn mir, da ich Moorweiler verliess;" setzte dieser hinzu: "Er mag wohl seine Ursachen haben, warum er ihn nicht selbst uberbringt."

Diether offnete bedachtig den Zettel, und las zu seiner Verwunderung ganz andre Worte, als er vermuthet hatte. Es standen darin folgende: "Wisset, Schoff und Rathsherr, Diether Frosch, dass ein Freund seine Ehre bewahrt will haben, und Euch verrathen, an welchem Ort sich befindet Eure Tochter Wallrade. So Ihr am Tage, da der nachste Vollmond eintritt zur elften Stunde der Nacht Euch wollt einfinden an dem Feldund Bannsteine, das Sprunglin genannt, unfern von Bergen, und mitbringen wollt einen Sack mit vierhundert Mark lothigen Silbers, sollt Ihr Alles wissen und erfahren, wie Ihr wieder zu Eurer Tochter gelangen konnt. Kommt allein, sonder Gefahrde, sonst sucht Euch der rothe Hahn daheim. Ich bin der Niemand."

Mit finster gerunzelter Stirne sah Diether von dem Zettel zum Boten auf; Letzterer hatte aber fur gut gefunden, sich einem Unwetter vorzubeugen aus dem Staube zu machen. Diether rief seinen Leibdiener herbei. Der Mensch wollte jedoch nichts von dem Bauern gesehen haben. "Eitel!" sprach Diether unwirsch, da sein Auge wieder auf das Kind fiel, das still und furchtsam in der Ecke sass: "ist meiner Tochter Knecht noch nicht heimgekehrt von dem Streifzuge des Jungherrn?" Der Diener verneinte. "Liegt die Magd noch krank?" fuhr der Hausherr fort. Eitel berichtete, dass seit dem gestrigen Tage das Fieber nachgelassen habe, das von dem Schrecken des Uberfalls erregt, die Dirne bisher ausser Stand gesetzt hatte, ausser dem Bette zu bleiben, und Antwort auf die ihr vorgelegten Fragen zu ertheilen. Diether befahl, die Zofe heraufzusenden. Uberlegend ging er auf und nieder. "Soll ich denn von der Magd erfahren, was mein Blut jetzt schon sieden macht? was mir jetzt schon klar wie der Tag ist?" fragte er endlich: "Nein! Diether," antwortete er entschlossen; "Nein, sey Du gerade, bleibe Du redlich, wenn Dich auch der hinterlistige Verrath umgibt. Schirme, so viel als moglich, die Ehre Deines Namens."

Er fuhrte das Kind in die Kammer, und unmittelbar darauf trat die Zofe Wallradens, eine hubsche, etwas blasse Dirne zu ihm in's Gemach, gewartig, seine Befehle zu empfangen.

"Du bist eine feine Magd;" begann Diether ernst: "Deine Gebieterin schmachtet in arger Haft, und Du denkst nicht einmal an das Kind, das sie hulflos zuruckgelassen?" "Ihr Kind?" entgegnete die Dirne betroffen, und ihr Angesicht wurde bluthroth: "Ach, gestrenger Herr, Ihr wisst ...?" "Wie sollt' ich nicht?" fragte Diether mit scheinbarer Unbefangenheit entgegen, obgleich die Bestatigung von Paul's Bericht sein Herz durchschnitt: "Unverzeihlich ist es von Euch, zugegeben zu haben ...." "Ach Herr," seufzte das Madchen angstlich: "Vergebt uns. Der Diener muss gehorchen und schweigen, so die Herrschaft befiehlt. Und da es Gott so gut gemacht hatte mit dem Kleinen, ... in welchen Handen konnten wir das Kind lieber sehen ....?" "Als in Willhildens Hutte, bei der Sterbenden?" unterbrach sie Diether rasch: "Unverzeihliches Beginnen der Mutter und der Pfleger! und mir ein Geheimniss aus dem zu machen, was ich wusste, blieb das arme Kind verwahrlost zuruck?" Die Magd wollte reden. "Kein Wort, bei meinem Zorn!" fuhr Diether auf: "Ich sehe hell und brauche Euer Deuteln nicht. Hier ist das Kind" er fuhrte das Magdlein aus der Kammer .... "heute mag es noch bei Dir im Hause bleiben; ich mache Dir's jedoch zur Pflicht, vor Niemand es sehen zu lassen; vor meiner ... vor Frau Margarethen am allerwenigsten. Wo die Mutter nicht gern gesehen ist, wird das Kind verachtet;" schaltete er bitter ein, und endigte mit dem Versprechen, der Zofe und dem Tochterlein mit dem nachsten Tage eine Zuflucht anzuweisen, in welcher sie die Befreiung der Mutter zu verbleiben hatten. Die Zofe schwieg gehorsam; in ihren Augen war jedoch ein gewisses Staunen nicht wohl zu verkennen, da Diether ihr das Magdlein hinreichte, das sich mit dem Schmeichelworte: "Ach, Du liebe Gundel! Du bist da?" an der Errothenden Brust schmiegte. "Sieh da, Agnes, Du hier?" entgegnete der Mund der Letztern endlich, und nachdem sie noch einige Fragen des Altburgers, die er, geflissentlich den Aufenthalt im Wiesbad und die Geschichte des Kindes umgehend, uber einige Umstande des Raubes auf der Heerstrasse an sie richtete, beantwortet hatte, ging sie stille und demuthig mit der muden Agnes hinweg.

Diether sass lange da, und konnte des Grollens in seiner verwundeten Brust nicht Herr werden. Der Groll wich endlich auf kurze Weile, und ein unsaglicher stummer Schmerz trat fur ihn ein. Der Gedanke, von Weib und Sohn sich verrathen, von der tugendhaft geglaubten Wallrade entehrt zu sehn, presste dem alten Manne dicke Tropfen der innersten Marter aus den Augen, und in solcher Niedergeschlagenheit fand ihn der Oberstrichter, welcher plotzlich in dem Gemache erschien. Der Eintritt desselben machte keinen unangenehmen Eindruck auf den Leidenden. In einer nicht unbedeutenden Reihe von Jahren durch die Geschafte des Kriegs und des Friedens verbunden, hatten sich beide einander freundschaftlich genahert, ohne innige Freunde geworden zu seyn. Der Oberstrichter, dessen grosster Fehler ein Jahzorn war, leicht zu wekken, schwer zu besanftigen, hatte keinen Grund gehabt, Diethern gehassig zu seyn, und dieses letztere Misstrauen, von des hofelnden Schultheissen Bewerbungen um Margarethens Gunst aufgereizt, hatte den fur Frauen nicht empfanglichen Oberstrichter unverwehrt dann und wann das Haus besuchen lassen. Sogar der verdriessliche Auftritt mit Dagobert auf Limpurg hatte Diether nicht von dem Richter entfernt, obschon der letztere unverholen auf des Schultheissen Seite gewesen. Gewohnheit hatte sie, die beide gegen Dagobert grollten, zusammen gehalten. Auch heute reichte Diether dem Gaste die Hand zur stummen Begrussung. "Gott walte im Hause!" sprach der Oberstrichter: "Vergebt, Alter, dass ich einbreche wie ein Kundschafter. Von Eurer Wallrade ist noch keine Spur zu finden, und der Stadthauptmann in Verzweiflung, Euch nicht kraftiger dienen zu konnen. Die Aussagen des Knechts reichen nicht hin, und nicht die der Zofe, wie ich vernehme. Beide wissen nur, dass die Veste, in welche man sie geschleppt, weit von hier liegen muss, und aussieht wie ein jedes Schloss im Innern auszusehen pflegt. Man muss von der Zeit erwarten, was sich jetzo nicht fordern mag. Ein ander Geschaft bringt mich hieher. Ich suche Vollbrecht, Euers Sohnes Knecht. Sein ehemaliger Herr ist in den Handel des Juden verwickelt, und am Ende weiss der Knecht mehr davon, als wir alle." "Vollbrecht ist mit Dagobert auf die Streife gezogen," erlauterte der Altburger. "Hm!" brummte der Oberstrichter: "da werden wohl beide nimmer heimkehren. Euerm Sohne ist's schwerlich Ernst, die Schwester aufzusuchen, deren Gefangniss ihm bekannt genug seyn mag. Und das bose Gewissen wird schon das Ubrige thun. Ich bedaure Euch, alter Freund, Ihr habt keine Freude an dem Erben Euers Namens, denn ... was den Johannes betrifft ...." "Schweigt um's Himmelswillen!" unterbrach ihn Diether: "Schmerz und Zorn zersprengen mein Herz. Nicht der leiseste Zweifel bleibt mir mehr. Diess sey Euch genug. Mein lasterhaftes Weib ist aus meiner Liebe gestossen, wie ich es schon aus meinen Armen stiess." "Und dennoch wollt Ihr nicht glauben, was die ganze Stadt glaubt;" erinnerte der Oberstrichter: "das Laster geht riesengross einher, sobald man es nicht im Wachsthum todtet. Glaubt mir; Ben David wollte Euch erwurgen; Ben David wurde dafur von Margarethen gedungen. Schuttelt nicht das Haupt. Die Zeit trifft zusammen. Eitel, euer Knecht, glaubt in jenem Manne, der bei Nachtzeit aus dem Hause schlich, den mit Geld beladnen Juden entdeckt zu haben. Dagobert hatte dazumal schon den Freibrief von dem Papste erwirkt; Dagobert sollte zuruckkehren. Gatte und Vater war im Wege." "O dass ich es glauben muss!" seufzte Diether trostlos: "aber, horten meine Ohren nicht selbst, wie die Sunderin ihrem Buhler die Rettung des Juden so dringend empfahl? Warum, wenn nicht ....?" "Hort ferner:" fuhr der Oberstrichter fort "In unserm Thurme liegt ein junger Bube, ein angehender Helfershelfer der Blutzapfer; ein Lehrling des Webergesellen Borames. Ein einzigmal ist der Bube in der Morder Genossame gekommen, ohne, wie er schwort einen einzigen derselben zu kennen, noch den Ort wieder bezeichnen zu konnen, an den er damals in einer Schneenacht gefuhrt worden. In jenem Mordwinkel jedoch, behauptet er gehort zu haben, dass ein Ritter mit dem Juden einen Handel abgeschlossen, Euch aus der Welt zu schaffen; um zehn Pfund Heller glaubt er, seyet Ihr verkauft worden." "O der Niedertrachtigkeit!" rief Diether emport: "und dieser Ritter ....?" "Dagobert oder Euer Schwager von Leuenberg;" antwortete der Freund achselzuckend. "Schandlich!" jammerte der trostlose Vater: "Ich bin Preis gegeben dem abscheulichsten Meuchelmord, und weiss es nicht, in welcher Hand der Dolch mich bedroht." "Das Mittel, hell zu sehen," fuhr der Oberstrichter fort, "ware, der Anklage freien Lauf zu geben, die ich gegen Euer Weib verhangen will, und die das Gestandniss des Juden bekraftigen muss. Die Wahrheit muss alsdann durch Gottes Fursicht an den Tag kommen." "Nimmermehr;" erklarte Diether mit schneller Fassung: "nicht also beschimpfe ich selbst mein Haus. Das Weib, das ich einst liebte, sollte ich der offentlichen Schande Preis geben, einem schmahlichen Tode uberliefern? Nein! ich will nicht klagen, und verbiete Euch, es zu thun. Ich werde die Sunderin von mir entfernen, uber als eine letzte Gnade empfange sie ihr Leben von mir." "Ihr seyd die Milde selbst," ausserte der Oberstrichter: "ich weiss jedoch nicht, ob ich Eurer Barmherzigkeit werde willfahren konnen. Des Schultheissen Befehl durften ..." "Der Schultheiss wird nicht als Klager auftreten konnen, so lange ich schweige," versetzte Diether heftig. "Wohl und recht;" sprach der andre nach einer Weile: "erlaubt jedoch, dass ich Euch auf eine Pflicht aufmerksam mache, die Ihr boslich, will ich nicht glauben aber lassig zu ubersehen scheint." Hiemit ging der Oberstrichter nach der Thure, sah behutsam hinaus, ob Niemand um die Wege, kehrte dann zuruck, und zog Margarethens Gatten in die Ecke. "Euer Sohn," sprach er, "hat ein gewaltig Argerniss gegeben, und seine Vergehen sind weltbekannt. Er hat geschandet Euer Haus in straflichem Bunde mit Eurem Weibe; er hat entehrt Euern Stamm, der einen wilden Zweig in seiner edeln Krone tragt. Er hat hochst wahrscheinlich einen Morder gedungen gegen Euch; er hat das richterliche Amt verletzt auf offentlicher Strasse, eine schlechte Judendirne vertheidigend; er lebt, nach wohlverburgten Angaben in Buhlerei mit dieser Judin, deren Schlupfwinkel die Gerechtigkeit nur zu erfahren strebt, um ihr den wohlverdienten Lohn werden zu lassen. Blutschande, Verletzung kaiserlicher Majestat, Mord, Abfall vom christlichen Glauben nennt man obige Vergehen. Ihr hemmt den Arm der offentlichen Rechtspflege; aber die Sunde soll nicht ungestraft bleiben, da auch im Verborgnen gerichtet wird unter dem hochsten Konigsbann. Ich frage Euch also, Diether Frosch, Schoppe der heimlichen beschlossenen Acht, ... was werdet Ihr thun?" Diether fuhr heftig zusammen, und musste sich an dem Gesimse anhalten, um nicht hinzusinken. Der Oberstrichter raunte ihm hierauf in die Ohren: "Denkt Euers Eides, und Eurer frei-kaiserlichen Schoppenpflicht. Einmal habe ich gewarnt. Ich thue es nicht das zweite Mal. Nachsten Dienstag wird gehegt, und der Stuhl erwartet Eure Klage." "Um Gott!" seufzte Diether: "Dieses Grassliche hat mir nicht geahnt. Um des Heilands willen! eben so gut hatte ich meinem Sohne, der doch mein Fleisch und Blut bleibt, den Dolch in die Brust stossen konnen, denn muss ich dort klagen, ist er ohne Gnade dahin." "Ertapptet Ihr ihn auf handhaftiger That, so war's an Euch, in des Konigs Namen zu richten;" versetzte der Oberstrichter kalt: "verbessert jetzo Euern Fehler. Die Pflicht ist schwer, ich geb' es zu; aber eines echten Freischoffen schwerste Pflicht ist seinem Eide etwas Leichtes. Lebt wohl, Bruder. Gedenkt Euers Schwurs." Der Oberstrichter uberliess den Altburger seinen Betrachtungen, wie unerbittlichen Henkern ein vergebens widerstrebendes Opfer.

Da nun der ehrbare Herr sich dem Rathhause naherte, sah er an dessen Pforte den Schultheiss stehn, im vertraulichen Gesprache mit Zodick, den er jedoch bald entliess, da er des Oberstrichters ansichtig wurde. Der Letztere saumte nicht, seinem Gonner und Freunde zu berichten, dass durch seine Bemuhungen alles Verdachtige in Diether's Hause sich zu entwickeln im Begriffe stehe. Der Schultheiss lachelte freundlich bei dieser Kunde. "Recht, mein guter Herr und Freund;" sprach er: "hier gilt es viel zu thun fur Euern Eifer, das Bose, das sich halsstarrig Euerm Falkenblick zu entgehen strebt, an's Tagslicht zu ziehen. M i r , " setzte er lachelnd hinzu: "mir ist das Gluck nicht so gunstig. So oben benachrichtigt mich der getaufte Jude, dass es ihm noch nicht gelungen, den Aufenthalt Esther's auszuwittern, und ich darf Euch versichern, dass ich des Geldes nicht schonen wurde, ihn zu entdecken." Der Oberstrichter wiegte achselzuckend den Kopf. "Ich konnte nicht wissen," entgegnete er, "dass die armselige Judin Euch es angethan. Ich hatte sie wahrlich nicht so wohlfeilen Kaufs damals entkommen lassen." "O, Ihr wisst nicht, was schon ist!" versetzte der Schultheiss seufzend: "Das verwilderte Gesicht eines Morders, der schon Jahre lang in Euern Kerkern modert, hat der Reize mehr fur Euch als die Rosenwangen des schonsten Frauenbildes. Schafft mir diejenige wieder, nach deren Besitz ich mich unaussprechlich sehne, und verlangt von mir, was Ihr wollt. Mein schoner flossreicher Weiher am Feldberg hat Euch bestandig so wohl gefallen. Er ist Euer mit all seinen Fischen, fur das einzige Fischlein, das Ihr aus dem Netze liesst, weil Ihr seinen Werth nicht zu schatzen wusstet." "Traun, Herr Schultheiss," lachte der Oberstrichter: "ich war all mein Tage ein schlechter und lassiger Dirnenfanger, aber dort seh' ich, wie mich dunkt, einen ganz andern Fisch die Strasse heraufschwimmen, der noch nicht einmal weiss, an welcher Angel er hangt." Es walzte sich auch wirklich durch die ziemlich enge Gasse ein Schwarm von Menschen daher mit Sing und Sang und Pfeifenklang, die sich gar frohlich geberdeten. Zwei Gestalten in buntfarbiger Kleidung, junge Manner, die ihre jugendlichen Gesichter mit ungeheuern falschen Barten verziert hatten, eroffneten den kleinen Zug, lange Schwerter auf den Schultern tragend. Ein Panner- und Schildtrager folgte auf sie, und ihnen nach jubelte die ganze Zunft der Harnischer und Waffenschmiede, dem Reiter, der in ihrer Mitte langsam und gravitatisch einherklepperte, ein helles "Lebehoch!" bringend.

"Ist das nicht der von Hulshofen?" fragte der Schultheiss, die Hand vor die Augen haltend, um besser zu sehen. "So ist's, gestrenger Herr," erwiederte der Oberstrichter: "auf meine Einladung in Euerm Namen kehrt er zuruck, und ich gonnte ihm gerne das kurze Festgeprange, das ihm die Waffenschmiede zugedacht, da er in Costnitz durch seine Fechterkunst unsrer Stadt viel Ehr' und Ruhm erworben. An Euch ist es nun, ihm anzukunden, wozu er eigentlich hieherberufen." "Das geschehe auch auf der Stelle," meinte der Schultheiss, und zog sich mit seinem Freunde an die innere Treppe zuruck, da die ankommende Menge schon anfing, die Pforte zu belagern. Mit einem dreimaligen Vivat, dem Kampfer und der Vaterstadt dargebracht, wurde Gerhard vom Gaule gehoben, und betrat die Schwelle des Heiligthums der Gerechtigkeit. Zu seiner Linken trug man sein Wappen und die Waffenstucke, die er im Rennen zu Dank erhalten; zu seiner Rechten das Panner der Zunft, und die in Turnieren eroberten Stechfahnlein. Mit einer bescheidnen Unterwurfigkeit, aber nicht ohne jenes Selbstbewusstseyn, das so gerne dem wirklichen oder Schein-Verdienst entspringt, naherte sich der Fechter dem Vorsteher der Stadt, und empfahl sich seinem Wohlwollen, mit der Bitte, ihm die Ursache wissen zu lassen, die seinen also schnellen Aufbruch von Costnitz nothig gemacht. Der Schultheiss erwiederte mit Wurde: man wurde ihm diese Ursache nicht vorenthalten, sobald er sein Geleite verabschiedet haben wurde. "Nun, so geht denn hin, ihr guten Jungen;" sprach Gerhard zu den jubelnden Freunden: "Gott hat meinen Einritt gesegnet, und mich mit allerlei Ruhm bekront wiederkehren lassen. Eure Freude thut meinem Herzen wohl, aber noch wohler wird meiner durftenden Kehle der Firnewein thun, den ich von Eurer Freigebigkeit zu erhalten hoffe, gehet darum hin auf Eure Stube, und pflanzt die weissen Holzbecher auf, die ich so sehr liebe, und diese Waffen und Fahnlein, die Zeugen der Tapferkeit, mit welcher ich das Ansehen Eurer Stadt in der Fremde behauptete. Mit den gestrengen Herren allhier habe ich noch einige Worte zu wechseln, und dann bin ich bei Euch, ehe Ihr's Euch verseht." Die Meister der Zunft schuttelten dem erprobten Zecher und Raufer die machtige Faust, die Gesellen schlugen die kleinen Tartschen und Kolben aneinander, mit denen sie sich der Festlichkeit halber geschmuckt hatten. Die Pfeifer bliessen zum Ruckzug, und unter gellendem Freudengeschrei wurde dieser auch wirklich angetreten. Gerhard stieg mit den beiden Machthabern die Treppe vollends hinan, und erschopfte sich in prahlerischen Redensarten, und in der Wiederholung der Grusse und Freundschaftsversicherungen, welche ihm, seinen Betheuerungen zu Folge, Fursten und Herren an den wohlweisen Rath von Frankfurt aufgetragen, mit auf den Weg gegeben hatten. In dem Strome seiner langathmigen Rede dahinschwimmend, und wie ein geschickter Schutze immer das vorgesteckte Ziel erreichend, und die Hoffnung beruhrend, die er auf die bekannte Grossmuth und Freigebigkeit des Magistrats gesetzt, bemerkte Gerhard nicht, dass Schultheiss und Oberstrichter hartnackig schwiegen, und kein Wortlein auf all diese zudringlichen Hoflichkeiten zu erwiedern Lust hatten. Da aber die Thure des Schoffengemachs hinter ihnen zugefallen war, und Gerhard sich noch immer vergebens nach einem freundlichen Gesichte umsah, statt dessen jedoch nur zwei ganz ernsthafte vor sich erblickte, wurde ihm anders zu Sinne. Er schwieg ebenfalls, und manche langst vergessene Schalkheit, fur die er jetzo zur Verantwortung gezogen zu werden befurchtete, drang sich seiner Erinnerung auf; indessen glaubte er aus allen Himmeln zu fallen, als ihn der Schultheiss folgendermassen anredete: "Herr! Ihr habt Euch zu Costnitz gehalten wie ein Mann; glaubte ich nicht den Berichten der dort anwesenden Schoffen, ich musste es Euerm ruhmredigen Mund unbedingt glauben; allein nicht um Eurer Thaten willen belobt zu werden, wurdet Ihr zuruckberufen, sondern um Rechenschaft zu geben von einer Handlung, die sich eben so wenig mit Euerm Wappen, als mit Euerm Stand als Dienstmann dieser reichsfreien Stadt vertragt. Darum werdet Ihr Belieben tragen, Eure Wehr an den ehrbaren Herrn hier zu meiner Seite abzuliefern, und in seinem Hause fur's Erste ritterliche Haft Euch gefallen zu lassen. Von Euerm Benehmen und Euern Gestandnissen wird es abhangen, ob Ihr daselbst verbleiben durft, oder hartern Gewahrsams schuldig seyd."

Der Edelknecht stand verblufft, und spielte in seiner Verlegenheit mit dem Wehrgehange. "Gestrenger Herr," versetzte er endlich: "Gott der Herr behute meine Ohren; ich furchte aber, sie haben falsch gehort. Ich wusste nicht, welcher Popanz von Glaubiger mich verklagt haben konnte. In Costnitz hat der Wirth zum Engel mein Kerbholz feierlich zerbrochen, und in allen Ehren auf der Schiefertafel das Zeichen, das mich vorstellte, ausgeloscht. Ich bin frei dort weggegangen wie der Barfusser, der den besten Schmaus mir mit einem Gratias vergilt. Kleine Lumpereien zu geschweigen, welche einige gemeine Hintersassenseelen allhier von mir zu fordern haben, bin ich ohne alle Schulden, und begreife darum nicht, warum ich in des ehrbaren Herrn Oberstrichters Hause meine Schlafstatte aufschlagen soll1. Hier ist ein Irrthum, liebe Herren und Meister."

"Mit nichten, Junker;" erwiederte der Oberst-richter: "Von Eurer gewohnlichen Krankheit ist diesmal nicht die Rede. Ihr gebt einen sehr unvortheilhaften Begriff von Euerer christlichen Gewissenhaftigkeit, dass Ihr keine Ahnung von dem Vergehen kund gebt, dessen man Euch bezuchtigt. Da sich jedoch Eure Erinnerungen meistentheils nur an Herbergen und Trinktische knupfen, so brauche ich Euch nur den Wirth zur Traube zu Worms in's Gedachtniss zu rufen, um Euch mit einemmale von Allem in Kenntniss zu setzen." "Ha! der Schelm!" brausste Gerhard auf: "Ich wollte, ich durfte bei einem Ringelrennen seinen nichtswurdigen Glotzkopf vom Rumpfe stechen. Der Bursche lugt, wenn er das Kleinste noch an mich begehrt. Hie Paar Turnosen, die ich ihm schuldig wurde, weil er immer doppelt und dreifach in's Holz schneidet, sind ihm langst bezahlt; das will ich durch einen gestabten Eid erharten und bekraftigen." "Lass das!" antwortete der Schultheiss verachtlich: "Dass Ihr zahltet, wissen wir. Sagt uns lieber, w i e Ihr bezahlet."

"Je nun," .... hob Gerhard an, und verstummte aber in selbigem Augenblick, da ihm plotzlich der Handel mit dem Juden beifiel. Der Oberstrichter fiel dagegen siegreich ein: "Da haben wir's. Dieses Stocken verrath den ganzen Hergang. Die Wormser Juden haben Recht, und Junker Gerhard wird sich freisam herausreden mussen, wenn er mit ehrlichem Schild aus dem Gedrange zu kommen Lust hat." Gerhard nahm mit einer wehmuthigen Miene das Schwert von der Hufte und reichte es wie ein armer Sunder dem Oberstrichter hin. "Getrenge Herren," stammelte er verlegen: "Eure Weisheit und Gerechtigkeit wird ja wohl einen Fehler von einem Verbrechen unterscheiden." "Nicht alles, was Juden und ahnliche Heiden uber einen eifrigen Christen aussagen, ist ein Evangelium. Ich vermuthe," fuhr er immer verzagter fort, wahrend seine Zuhorer das Lachen verbeissen mussten, "dass hier von einem gewissen Knaben die Rede werden durfte, der mir zu Worms plotzlich zu, und noch plotzlicher abhanden gekommen seyn soll. Ich kann jedoch einen korperlichen Eid darauf ablegen, dass der verdammte Jude," .... "hier ist nicht der Ort zu Eurer Rechtfertigung, noch zum Eide," unterbrach ihn der Schultheiss: "Der Oberstrichter wird Euch beides abfordern, wann er es fur nothig erachtet. Folgt ihm jetzt." Gerhard rieb sich angstlich die Stirne. "Euer Haus, liebster Herr," seufzte er, "ist so nahe am Eschenheimer Thurm, dass ich nichts Gutes aus meiner Einkehr bei Euch erwachsen sehe. Und dennoch Ihr werdet sehen bin ich eigentlich schuldlos. Lasst mich daher zum mindesten im Staat gewahrsam. Ich gebe Euch meinen adlichen Handschlag, durch kein Pfortlein noch Thor zu entwischen." Der Oberstrichter verneinte. "Traut Ihr dem Worte eines biedern Edelmanns nicht, so verstattet mir einen Burgen;" fuhr Gerhard dringender fort. "Mein bester Freund lebt zum Glucke hier, Herr Dagobert Frosch des Schoffen Sohn. Er wird sich fur meine Redlichkeit und Haft verburgen, und mir ein vorteilhaft Zeugniss geben konnen, da, wie mir gerade einfallt, er selbst just bei dieser ganzen Wormser Begebenheit gegenwartig gewesen."

"Dagobert Frosch?" fragte der Oberstrichter schnell. "Der junge Mann hat ja uberall die Hande im Spiel;" setzte der Schultheiss mit Schadenfreude hinzu, und dem armen Gerhard wurde es mit einemmale recht klar, dass er des Freundes wohl zu vorschnell erwahnt hatte. Nun half ihm kein Zogern mehr. Der Schultheiss wiess ihn bloss auf ein aufrichtiges Bekennen an, und, statt auf der Zunftstube Wein und Lob im ungeheuern Masse zu geniessen, musste er dem Oberstrichter ohne Widerrede folgen. Wie ein Sieger war er eingezogen, und sass nun zwischen vier kahlen Wanden. Von einer Saule des Ruhms hatte ihm getraumt, und vor den Gittern seines Fensters streckte sich der Eschenheimer Thurm in die Hohe, sein kunftiger Aufenthalt, wenn Zufall oder Willkur oder Gerechtigkeit seine Lage verschlimmern wurden. Von Dagoberts Klugheit allein hoffte er einen Ausweg aus diesem Gewirre von bosen Folgen einer ubeln That, und darum war bald der Entschluss in ihm fest geworden, den jungen Mann ohne Ruckhalt mit in die Geschichte zu verwickeln; uberzeugt, dass der Verstand desselben gewiss Sieger werden wurde.

Fussnoten

1 Des Oberstrichters Wohnung war in der Regel das Schuldgefangniss angesehener Leute.

Neuntes Kapitel.

Ein wenig Lieb' ist karg und leer,

Ein wenig Lieb' ist keine;

Viel Lieb' ist eben auch nicht mehr;

Lieb' ist die vollig Eine,

Lieb' ist nicht wenig und nicht viel,

Deine Lieb' ist ohne Mass und Ziel.

St. Schutz

"Leb' wohl, mein susses Kind! Gott behute Dich, arme Maid!" hatte Dagobert bei seinem Abschiede zu Esther gesprochen, und dieses einfache herzliche Lebewohl war der Verlassenen fest im Gedachtniss geblieben. An jedem Tage wiederholte sie wohl tausendmal die Worte ihres Beschutzers, wie ein frommes Gebet, denn sie schienen ihr einen unfehlbaren Segen zu enthalten. Die gute Crescenz, die ein seltnes Beispiel in ihrer finstern Zeit Dankbarkeit hoher achtete, denn Vorurtheil, bemuhte sich, an Esther aus Kraften zu vergelten, was sie von deren Vater empfangen, und war treu in der Sorgfalt, die sie dem scheidenden Junker Dagobert gelobt hatte. Auf diese Weise konnte es denn geschehen, dass Esther auf dem Schellenhofe einige Tage verlebte, so ruhig, als sie nur, den Umstanden nach, seyn konnten. In einem versteckten Giebelstubchen hausend, von niemand bemerkt. Allen im Hause fremd, die gutmuthige Pflegerin ausgenommen hatte sie vollige Musse, ihres treuen Freundes zu denken, und ihres armen Vaters, den sie nicht sehen zu wollen dem Junker, welcher fur ihre eigne Freiheit zitterte, hatte versprechen mussen. Sobald jedoch die Dammrung heranschlich, durfte sie auch von den Gegenstanden ihrer Liebe s p r e c h e n , denn Frau Crescenz nahm alsdann Platz an ihrer Seite im traulichen Kammerlein, und geschwatzt wurde von der Vergangenheit und gebaut auf die Zukunft. Wollte nun auch Estehr's Vertrauen auf diese letztere wanken, so war die fromme Hauswirthin bereit, mit unzahligen Trost- und Denkspruchen dieses Vertrauen zu befestigen, erinnerte die Zagende an die Unschuld ihres Vaters, die denn doch gewiss, wie Alles, an den Tag kommen musste, an den Freund, den ihr die Vorsicht zugesandt, und an die unendliche Gnade Gottes, die auch an ihr sich wunderthatig erweisen werde. "Glaube mir;" sprach die wackre Alte dann: "was auch Deine Rabbiner sagen mogen, Ihr habt keinen andern Gott, denn wir. E r ist der Einzige der alle Mensch mit gleicher Liebe umfasst. Es ist freilich ein Ungluck, dass Du noch in den Irrthumern Deiner Glaubensbruder verstrickt liegst, allein der Herr wird Euch schon davon befreien, wann es zu Euerm wahren Heil seyn wird. Ich denke, Euerm Beschutzer, der sich ja ohnehin der heiligen Kirche zu weihen hat, wird das fromme Werk Eurer Bekehrung vorbehalten seyn, und einen bessern Taufer findet Ihr niemals. Bis dahin troste Dich jedoch mit dem Beispiele andrer Unglucklichen, die aus ihren tiefen Nothen zum Herrn emporschreien und seufzen, je nachdem sie ihr Elend offenkundig machen durfen, oder geheim halten mussen. Geld und Gut macht nicht glucklich, die liebe Gesundheit des Leibes sogar nicht, aber die weit bessre Gesundheit der Seele und des Gewissens, die Zufriedenheit in Herz und Haus. Sieh nur einmal die Eltern unsers ehrsamen Junkers Dagobert: Reichthum die Hulle und Fulle, und doch nicht glucklich, nicht einig." "Esther horchte auf, und fragte nach der Ursache. Crescentia schuttelte bedeutend den Kopf, und meinte, Geruchte wie sie des Pobels lugenhafter Mund ersinne, zu wiederholen, gezieme einer gottesfurchtigen Frau nicht." "Meine Else hat mir auch mehr des Unheils ahnen lassen, als wirklich erzahlt;" setzte die Alte bei: "aber ein boser Wurm muss an dem Leben und dem Frieden der beiden Eheleute nagen. Sie sind, wenn gleich von derselben Mauer umschlossen, getrennt in ihrem eignen Hause, und der Himmel weiss, welch Unheil noch aus all den bosen Vorzeichen sich entwickeln wird. Eh, als eine treue Dienerin des Hauses, baue fest auf die Vermittlung des jungen Herrn, der wohl bald im Kleide des Friedens zwischen die beiden treten und sie versohnen wird." "Jawohl!" bekraftigte Esther mit schwarmerischem Ausdruck: "Er ist ja ein versohnender Engel! ein gar holder lieblicher Diener des barmherzigsten Herrn, wie er sie nicht haufig zur Erde niedersendet." "Du sprichst ja fromm und zart, wie ein heiliges Buch!" bemerkte Crescenz wohlgefallig lachelnd: "Wandle fort in dieser Bahn, so wirst Du bald den Herrn in seiner reinsten Glorie erkennen lernen. Verehre immerhin den tugendhaften Junker als einen Heiligen und liebe ihn wie einen solchen. Es ist vollig in der Ordnung, dass er sich nimmer ehelich verbinden darf. Er gehort namlich unter die seltnen Manner, die zu edel sind, um blos als Manner geliebt zu werden. Meinst Du nicht auch?" Verschamt und stumm gab ihr Esther vollkommen Recht, insofern ihr Haupt nickte. Was aber auf dem Grunde ihres Herzens vorging, mochte sie der freundlichen Wirthin doch nicht enthullen. Sie mochte ihr nicht entdecken, wie Dagobert so ganz der Abgott ihrer Seele geworden, wie sie sich sehne, ihn zu umfangen hier auf der Erde wie jenseits in den Himmeln. Sie mochte ihr nicht gestehen, dass selbst des Vaters Leiden nicht den Sturm in ihrer Brust erregten, als der einfache Gedanke, es mochte dem geliebten Dagobert auf seinem Zuge ein Leid begegnen. Zerrissen von herbem Kummer, und beseligt von verschwiegener Liebe verschloss Esther den Schmerz und die Lust ihrer Abgeschiedenheit in sich, um flehte taglich zu dem Gott ihrer Vater um die Erfullung ihrer heissesten Wunsche: um Dagobert's Ruckkehr, um Ben David's und Jochai's Befreiung durch des Edeln Hulfe und Macht, um ungestorte Verborgenheit bis zu diesem ersehnten Zeitpunkte. Diese Verbogenheit aber konnte sie dem Geschick nicht abringen. Am folgenden Tage wurde Crescentia, da sie gerade ihrer Schutzbefohlnen das Vesperbrod gebracht hatte, durch den Klang der wohlbekannten Thorschelle abgerufen, um einen Besuch zu empfangen. Esther, deren Busen hoch schlug in der Erwartung des Geliebten, lauschte an der Treppe, ob nicht die erfreuliche Stimme des Junkers unten laut wurde. Sie horte Reden aus mannlichem und weiblichem Munde wechseln, und endlich in Crescentia's Wohnstube verhallen, und bereits wollte sie, missmuthig uber die Tauschung ihres sehnsuchtvollen Herzens, in ihre Klause zuruckkehren, um sich einzuriegeln, als ein leiser knisternder Schritt sich auf den Treppen horen liess, die zu ihrem Versteck fuhrten. Die Hoffnung erneute sich in ihrer Brust. O gewiss! dachte sie, ... o gewiss ist er zuruckgekehrt, und gedenkt mich zu uberraschen mit einer Fulle von Seligkeit, mit seinem wonnigen Anblick, Leise erklimmt er die Stufen, um wie eines Schutzengels Erscheinung plotzlich vor mir zu stehen; aber er soll mich vorbereitet finden. Er soll sehen, dass ich nur an ihn denke, dass meine Sinne nur nach ihm gerichtet sind, dass ich durch mein dankbares Vertrauen seines Schutzes werth geworden bin!

Erfullt von diesen entzuckenden Gedancken beugte die Lauschende dem Nahenden uber die Spitze der Treppensaule den Kopf entgegen, und blieb stehen wie ein in gebuckter Stellung ausgehauenes Steinbild, da der Anblick, welcher sich ihr darbot, ihr alle Krafte zum Fliehen fur den Augenblick benahm. Denn nicht Dagobert's bluhendes Antlitz, umwallt von braunen Locken, ein Rothkopf mit blassem hasslichem, aber wohlbekanntem Angesichte schaute sie an. "Ei, Schickselchen," flusterte der Hassliche, in welchem der abscheuliche Zodick nicht zu misskennen war: "ei, lieb Estherchen! Sind' ich Dich endlich? O Du bos Vogelein! hast Du doch endlich nicht entkommen mogen dem Vogelsteller, der so lange hat geharrt umsonst?" Der Mensch stand nun lebensgross vor der Versteinerten, und gab ihr das Leben wieder, da er es versuchte, ihre Hand zu ergreifen. "Zuruck! Grasslicher!" rief sie mit vor Entsetzen halb erstickter Stimme: "Du wagst es? Diese Hand, die meine Vater ermordet, wagt's, mich zu beruhren? .." Zodick gebot ihr mit einer halb spottischen, halb drohenden Geberde Schweigen, und zog sie in die offne Thure der Giebelkammer. "Lass ein vernunftig Wort finden Platz in Deinem Ohre;" ermahnte er mit leiser Stimme: "kummre Dich nicht um das, was ich unternommen gegen Deinen Vater und Jochai. Solche Dinge gehoren nicht fur das Weib, und ich werde verantworten alles, so ich gethan, an jenem Tage des Zochs und der Barmherzigkeit." "Lass ab von mir," seufzte Esther "wie kommst Du hieher, ungetreuer Sohn Jakob's? welch boser Furst des Unglucks hat Dir verrathen, wo ich athme?" "Zwei scharfe Diener meines Willens;" entgegnete Zodick: "meine beiden hellen Augen. Beruhige Dich. Nicht von heute erst ist die Entdeckung. Ich schlich Euch nach, da Ihr diesen Schlupfwinkel suchtet, Dein Buhle und, Du." Esther erblasste. "Beruhige Dich, sage ich noch einmal," wiederholte Zodick scharf: "dass ich bis jetzo Dich nicht an die Gojim verrieth, die Deiner Freiheit Ketten schmieden mochten, sey Dir Burge, dass ich Dich noch nicht verrathen w i l l ." "Lugner!" zurnte Esther. Er fuhr jedoch kalt und gemessen fort: "Ich spreche die Wahrheit. Ich will nicht gehen gerade von hier, wenn ich luge. Warum sollte ich auch gehassig seyn Dir, die ich zur Frau machen wollte, ehe der Goi Deine Gunst errang? Hast D u doch nicht den Christenknaben gekreuzigt, und nicht erschlagen den Friedberger. Hast Du Dich versundigt mit einem Edomiter, ist es Deine Sache allein, und Deinem Geschlechte der Treubruch angeboren. Schon Hera hat gefrevelt vor dem Gesetz. Warum nichts Du? Die Obrigkeit wurde Dich desshalb auf den Scheiterhaufen setzen, aber ich vergebe Dir." "Welche. Sprache?" fragte Esther entrustet: "Bist Du gekommen, meiner zu spotten, ehe Du mich dem Henker uberlieferst? Geh' oder ich rufe nach Hulfe." "Und bereitest dadurch Dein eigen Verderben;" erganzte Zodick boshaft: "thue es doch ja. Es sitzt ein Gast bei der alten Beschliesserin, der es nicht ungerne sahe, wenn er mit der Verfuhrerin seines Sohns bekannt wurde. Herr Diether Frosch namlich, der Altburger. Verloren bist Du, gibst Du einen Laut von Dir. Ich verhafte Dich dann im Namen der Obrigkeit." "Barmherziger, hochgelobter Gott!" klagte Esther die Hande ringend: "Entziehe mir nicht ganzlich Deine Huld! Lass mich nicht umkommen in den Schlingen meiner Feinde. Oder, .. war' es nicht besser, ich theilte die Fesseln meines Vaters, als dass ich hier noch kurze Frist athme unter der Faust des unmenschlichen Henkers?" "Oder, .." affte Zodick nach ... "war' es nicht besser, ich gabe mich gutwillig in die Fesseln des Schultheissen, als dass ich schmachte noch langer ohne Liebeskuss und Spiel, wie eine Wittib?" Esther erschrak mehr uber die Mahnung an des Schultheissen Sinnlichkeit, als uber die rohe Beleidigung, die sie aus diesem Munde erwarten musste. Der Abtrunnige fuhr aber fort: "Bist Du klug, Estherchen, so schweigst Du, und vertraust auf meine Gute. Ich hab' es uberlegt: Du bist zu schon und zu holdselig fur die lusternen Richter aus Amalek. Ich gonne Dich ihnen nicht; aber auch dem jungen Goi gonne ich Dich. Der Bube hat mich einst geschlagen mit Faust und Kolben, und das vergesse ich ihm nie, so wahr ich gedenke meines Vaters, dem das Paradies sey. Denn es heisst: 'Wer einen schlagt aus dem Volke Israel, dessen Stamm wird verdorren und sein Geschlecht ausgerottet werden mit der Scharfe des Schwerts, oder durch den Strahl des Himmels.' Was der Herr bos gemacht hat durch meine Hand und meinen Mund, will er wieder gut machen auf dieselbe Art. Ergib Dich mir zum Weibe, und Ben David soll nicht sterben; auch Jochai nicht," setzte er nach einigem Bedenken hinzu. "Esther starrte ihn unbeweglich an und stumm emport."

"Besinne Dich nicht lange;" fuhr er fort: "gemessen ist die Zeit. Kurz ist nur der Augenblick, der mir erlaubt hat, Dir zu nahen. Seit manchem Tage umschleiche ich das Haus, aber immer liegt die Pforte im Riegel, oder das alte Weib steht daran wie der feurige Wachter am Paradiese. Die Ankunft des Herrn hat auch meine Einkehr begunstigt. Aber lange darf ich nicht weilen, sollst nicht Du verloren seyn. Entscheide also. Gib a u f den Goi, dem die Holle sey, und rede zu mir, wie die Braut zum Verlobten." "Unsinniger Bosewicht!" erwiederte Esther heftig, und entzog sich seinen Armen: "Welch ein Wahnsinn blendet Dich. Weisst Du nicht, dass des Scheiterhaufens Flamme mir willkommner ware, als eine Liebkosung aus Deinem Munde? Hinweg! thue was Du willst, aber ich sterbe eher, ehe ich Dein sundlich Verlangen erwiedre." "Gemach! gemach!" flusterte Zodick, dessen linkes Ohr bestandig gegen die Treppe gespitzt war: "Estherchen, geberde Dich doch nicht wie die krumme Schlange." Warum eiferst Du also? Sehe ich doch hier nichts Besondres. Du bist einst gewesen die Tochter des reichen Ben David, und ich Dich Knecht, den Du verschmahtest. Jetzt bist Du das Kind eines zum Tod verdammten armen Sunders, und ich hingegen mehr als Du; namlich ein Christ. Die schlechte Judin sollte sich's zur Erde rechnen, bewirbt sich ein Bekehrter um sie. Allein sie gedenkt von liebrer Hand die Taufe zu empfangen. Ich merke das. Wie dem auch sey. Dein Strauben hilft nichts, und nicht Deiner Schmahungen ergiebige Quelle. Bei meines Vaters Gebet und Todeskampf! Ich hole Dich heim, ehe noch des Mondes Scheibe sich fullt; magst Du mich nun erwarten, geschmuckt wie die Braut, oder thranend wie das gebundne Opferthier. Hoffe nicht, mir zu entrinnen, denn es heisst: "Dem Falken gehort die Welt, und meinem Falkenblick wie meinen Spahern entkommst Du nicht." "Mensch!" stammelte Esther, Todtenblasse auf den Wangen: "Was willst Du beginnen in Deiner tollen Grausamkeit? Hast Du geschworen zu verderben mein Geschlecht, so ermorde mich. Kannst Du erringen Geld und Belohnung, so verrathe mich an das Gericht. Welchen Vortheil bringt Dir's aber, so Du mich qualst mit Zumuthungen, deren Grasslichkeit mir den Tod wunschenswerth macht?"

"Narrchen!" lachte Zodick hahnisch: "Du wirst mich kennen lernen besser, denn bisher. Leb wohl, und setze all Deine Hoffnung auf mich. Noch eins!" setzte er bei, an der Thure umkehrend: "ich habe versprochen Deinem Vater, zu bringen von Dir ein Zeichen des Lebens und des Wohlseyns. Der hochgelobte Gott will, dass ich ihn dadurch troste in der Nacht seines verdienten Kerkers. Gib mir den Ring Deines Fingers, oder die Flechtenspitze von Deinem Haupte, auf dass sie Zeugniss geben fur mich bei Deinem Vater!" Esther sah den Menschen lange und forschend an. "O sage mir, Zodick," sprach sie alsdann: "rede, und sage mir, wer Du bist, eigentlich und wahr. Ob ein Abschaum der Verworfenheit, auf welchem immer die Luge schwimmt, oder ein wahnsinniger Thor, den der Herr geschlagen, dass er die Welt unglucklich mache durch seine bosen Traume und giftigen Reden, oder aber ein cerblendeter unglucklicher Mensch, der bose handelt aus Rache und Hass, und gern wieder gut handeln mochte, um seinem bessern Theile zu genugen, und dem Gesetze, und dem emporten, zagenden Gewissen? Der Erste scheinst Du zu seyn, da Du Unschuldige in den Kerker legst, und durch falsche Eide den Tod herabrufst auf ihr Haupt; als den Zweiten gibt Dich Dein Erscheinen kund in dieser Kammer, und die Reden, die Du darin ausgestossen; aber zugleich mochte ich Dich fur den Letzten halten, so Du mir betheuern konntest, dass keine Hinterlist hinter Deinem Begehren lausche." "Wofern ich nicht habe versprochen Deinem Vater, ihm zu bringen ein Pfand Deines Lebens und Deiner Freiheit," hob langsam und beschworend Zodick an, "so will ich verkrummen und werden wie ein lahmer Wurm, der im Staube verscheidet. Die Seligkeit meines Vaters soll von ihm genommen seyn und dessen unstate fluchtige Seele zuruckkehren zu dieser Welt, um mich zu peinigen durch sieben Ewigkeiten, und alle Blutschuld von Israel und Edom falle uber mein Haupt zusammen wie die Felsen von Josaphat. Also geschehe mir, wofern ...." "Halt ein mit dem grasslichen Schwur, der den Unglaubigsten uberzeugen musste von der Wahrheit dessen, was Du gesagt!" unterbrach ihn Esther schaudernd, indem sie mit schneller Hand eine Locke vom Haupte schnitt, und sie dem falschen Boten hinreichte: "Da; nimm, rathselhafter Mensch, der bald die Holle selbst in sich erschliesst, bald eine menschliche Regung kund gibt. Bringe den armen Gefangnen in Babylon Trost durch dieses Zeichen, und lass den hochgelobten Gott Deine Seele lenken, dass Du erwachsen mogest aus dem Schlummer der Sunde, und widerrufest, was Du gelogen und falsch beschworen. Zodick!" fuhr sie fort, da er stumm und stier, wie nachsinnend vor sich hinsah, und sie dieses Schweigen fur eine menschliche Ruhrung nahm: "Zodick! Hore mich! Noch habe ich mich nicht herabgelassen, zu flehen bei Dir; heute aber thue ich es. Hore den Jammer eines Kindes, das seinen Vater sieht sterben in Noth und Pein. Auch Du willst einst Vater werden. Lass Dich ruhren das Schicksal Ben David's, Deines vaterlichen Freundes. Nimm sie zuruck, diese Anklage, die drei Menschen erbarmlich hinwurgt, wie schuldlos gepeinigte Lammer."

"Schweige!" entgegnete Zodick uberrascht: "Das geht nicht; aber, Gott soll mir helfen, das Argste will ich treiben ab, so Du mir sagst: Massal tosch!"

Mit einem Blicke des Abscheus wendete sich Esther ab, und der freche Brautwerber drohte ihr grinsend mit dem Finger: "Was man oft verweigert in Gute," murmelte er spottend, "das gewahrt man oft der Gewalt. Gute Feiertage, Schickselchen. Wir sehn uns wieder. Denk an mich."

Mit der Schnelligkeit eines Kobolds huschte der Mensch uber die Treppen hinunter, und entkam glucklich, wie sich aus der Ruhe des Hauses schliessen liess. Statt seiner fand sich bald die alte Crescentia ein, und weckte Esther aus den bosen Traumen, in welche sie der Besuch des gefurchteten Zodick versetzt hatte. "Gute Esther," sprach die Frau, nicht ohne eine kleine innere Bewegung zu verrathen: "ich bitte Dich, ja recht ruhig Dich hier oben zu verhalten, damit Deine Unwesenheit nicht kund werde." Nun erst fiel Esthern der Besuch des alten Diether ein, und aufschreckend fragte sie: "Bin ich entdeckt? Hat mich Herr Frosch ausgekundschaftet?" Crescenz schwieg ein wenig betroffen, dann entgegnete sie: "Ei, ei, Magdlein, wie kannst Du wissen, dass Herr Frosch der Altburger hier gewesen, wenn Du nicht gelauscht hast an der untern Treppe? Diese Neugierde ist euch Juden angeboren, hatte Dich aber diesmal in grosse Gefahr bringen konnen. Der alte Herr war ohnehin so aufgeregt und unwirsch, ... und wenn er vollends Dich gesehen, erfahren hatte, wen ich hier ohne sein Vorwissen beherberge .... beim Stocker sassest Du, und ich ware um den kommlichen ruhigen Dienst." Esther erwiederte nichts, da sie es nicht gerathen hielt, den gehabten Besuch anzuzeigen, und die geschwatzige Crescenz fuhr fort: "Zum Glucke hat es diesmal nicht Dir gegolten, Du mein armes neugieriges Heidenkind; aber neue Hausbewohner hat der Herr auf den Schellenhof gebracht, und da dieselben gerade unter dieser Giebelstube ihren Sitz aufgeschlagen haben, so empfehle ich Dir leise Socken und ein hubsches feines Schweigen." "Neue Hausbewohner?" fragte Esther: "Herr Diether Frosch hat sie gebracht?" "Jawohl;" seufzte die Alte, und schlug, achselzuckend gen Himmel sehend, ein Kreuz: "Die Welt wird immer boser und verdrossener von Tag zu Tage. Komm' ich mir doch beinahe vor, wie der Gefangnisswarter huten, die man in der Stadt nicht wohl aufheben mag." Esther seufzte tief auf. "Nu, nu," fuhr die Alte fort: "das soll Dir nicht zum Gehor geredet seyn, mein Dauschen. Du bist, abgerechnet, dass Dein Vater ein Jude ist, wofur Ihr beide, er und Du nichts konnt, ein seines reines Magdlein, und ich wollte auf Deine Ehrbarkeit einen Eid schworen, blos allein, weil Junker Dagobert Dich seines Schutzes wurdigt; allein die da unten ist nicht mehr rein wie der Schnee und die Apfelbluthe an meinen Baumen, und ich wollte alles verwetten, dass in ihr der Grund alles Zwiespalts im Froschiachen Hause aufzusuchen ist." "Wer ist diejenige, von welcher Ihr sprecht?" fragte Esther. "Die Magd ist's, die so eben der alte Diether hieher geleitet, und sammt einem holden Tochterlein in meine Verwahrung gegeben hat, bis auf weiteren Befehl. Er nimmt Antheil und Sorge an dem Tochterlein, sagt er, und ich glaube es wohl, denn man musste blind seyn um nicht die Wahrheit zu errathen. Er findet es nicht gerathen, das Magdlein und deren Mutter in seinem eignen Hause zu beherbergen. Das meine ich auch, sintemalen die Hausfrau daselbst das Regiment fuhrt, und solche vom Himmelgefallene Kinderleins mit scheelen Augen ansehen wurde. Da soll denn nun mein guter ehrlicher Schellenhof das Nest seyn, wo fremde Eier, Kuckuckseier, verwahrt werden mogen." "Aber, was bedeuten denn diese Reden?" fragte Esther: "was meint Ihr damit?" "Dass den alten Herrn der Leidige zu unrechter Zeit geblendet hat," eiferte die fromme Crescentia; "und dass hier die Schande verborgen werden soll. Meinethalben; ich bin eine alte Magd, und mich kummert nicht, was die Herrschaft thut oder lasst; ich sehe daher auch ganz ruhig zu, und will, dem Befehl des Herrn zu folgen, sogar mich bezahmen, und die Dirne, die gleichmuthig dasitzt wie die Unschuld selbst, nicht einmal ausfragen, sondern die Sachen gehen lassen, wie sie eben konnen, aber, wenn die ehrsame Frau heraus kommt, wie sie in jedem Fruhling ein Paarmal zu thun pflegt, und mich die Stuben aufsperren heisst, und die ganze Bescheerung sieht, dann wasche ich meine Hande in Unschuld, und dem alten Herrn von sechzig Jahren und daruber, dem ich stets etwas Besseres zugetraut hatte, geschieht dann recht. Aber," setzte sie, plotzlich leicht errothend hinzu: "da bemerke ich so eben, dass ich in der Fulle meines Herzens und meiner Gedanken alles herausgesprochen habe, was ich mir als Wahrheit einbilde. Das will sich fur eine alte treue Wachterin nicht wohl geziemen. Du magst es jedoch der Geschwatzigkeit des Alters zu Gute halten, und es wieder vergessen. Besonders empfehle ich Dir, gegen den Jungherrn bei dessen Ruckkehr nicht das geringste merken zu lassen, denn Kinder mussen nichts erfahren von den Verirrungen ihrer Eltern, selbst nicht einmal so wurdige und wackre Sohne, wie Junker Dagobert."

Als die Alte hinweggegangen war, setzte sich Esther in einen Winkel, und machte ihrem gepressten Herzen durch einen Strom von Thranen Luft. "Wie unglucklich bin ich!" klagte sie still und leise vor sich hin: "Und wie kommt es, dass mir jetzt gerade einfallt das wahrsagende Wort, so einst der Altvater Jochai zu mir gesprochen, da er mich warnte vor der Hinneigung zu den Bekennern des Gekreuzigten? Hat er nicht damals vor meinen Augen gestellt das Schicksal der Engel Asa und Asael, denen es gelustete nach Brauten der Erde? Seit Jahrtausenden schweben die Armen zwischen Himmel und Erde, wo sie aufgehangt hat in seinem Zorn der eifrige und hochgebenedeite Gott. Und ihr Schicksal ... ist es nicht das Meine? Einer Liebe hingegeben, die bald wie eine sanfte Glut mein Innerstes erwarmt und veredelt, bald aber wie ein ungeduldig Feuer meine Seele qualt und anschmiedet an einen Gegenstand, der unstat und rastlos sich immer meiner Sehnsucht entzieht, bin ich bald niedergezogen zur Tiefe, bald schwebe ich auf zur Hohe der Himmel. Die Pflicht ruft mich gebieterisch auf die Schwelle wenigstens des Kerkers, in welchen meine Vater athmen, da die rohe Willkur mir das Gluck versagt, ihn mit denselben zu theilen; die Liebe aber halt mich hier in diesem engen Raume zuruck. Ihr vertrauend, die mir Schutz und Beistand den Meinigen verheisst, uberlasse ich Jochai und Ben David ihren Leiden. Wird aber dieses Vertrauen sich erfullen? Wird denn der Freund erfullen konnen, was er zu erfullen wunscht? Reisst mich dass Verweilen auf dieser Statte nicht endlich auch in den Abgrund, aus welchem ich meinem Vater nimmer emporreichen werde konnen die rettende Hand? O Mutter, welcher das Paradies sey, und die Palme des ewigen Friedens, Mutter, erinnere Dich, wenn gleich ein abgeschiedner Geist, Deiner Tochter, und leiste Hulfe! Ureiniger Gott, zu den Jakob's Sohne beten, wie die Verehrer des Menschgewordnen, schutze Du den edeln Mann, den ich ehre wie einen Seligen und Gesegneten des Herrn, dass er bald zuruckkehre, und durch seine Kraft und Grossmuth das Truggewebe zerreisse, das meines Vaters Unschuld, unser aller Geschick umhullt! Schon drang der Verrath uber diese Schwelle; wer weiss, wie lange der verbrecherische Unhold seine Drohungen aufschiebt? Wer weiss, ob mich nicht vielleicht der nachste Tag verrathen und verkauft in den Handen der Feinde sieht? Ich mochte fliehen, und wage es doch nicht. Wie entkomme ich den Kundschaftern des Unseligen, die vielleicht hinter jedem Baume lauern? Wohin konnte und durfte ich entfliehen? Wo lebt der Mensch, der mich aufnehmen, .. wo ist die Veste, die mich schutzen wurde? Wo weilt er, der einzige Hort, auf den ich baue? Kann meine angstvolle Stimme ihn rufen uber Berg und Thal? Hort denn sein Ohr den fluchtigen Schritt meiner Sohle? O, dass meine Klage ein Zauberspruch ware, der ihn fesselte, und herbeizoge mit unwiderstehlicher Gewalt; dass der hochgelobte Gott die Schwester doch wieder in seine Hand gegeben hatte, damit er Zeit gewinnen moge, an seine unwurdige Magd zu denken! Welche Leiden ich auch schon erduldet habe, welcher Kummer mir auch noch bevorstehen mag, seine Nahe allein dunkt mir schon ein Balsam fur alle Wunden, die das Schicksal schlagt. Und meine allzugefallige Einbildungskraft gaukelt mir nur zu oft eine schmeichelnde Tauschung vor. Pocht mein Herz bang und ungeduldig, so hore ich den Hufschlag seines geschwinden Rosses. Zittern meine Pulse, so vernehme ich seinen nahenden Schritt. In den Glocken, die gerade jetzt herubertonen aus der Stadt, spricht seine anmuthige Stimme, aus dem Abendroth dort an den Bergen schaut sein freundlich Angesicht. Ungeduldig berge ich mich hinter diesen Riegeln, da ich doch von jenen Hohen den geliebten Namen ausschreien mochte durch die Welt. Zurnend sieht mein Auge jenes verschlossene Fenster an, das mir die Aussicht nach der Heerstrasse verbirgt, auf welcher er daher ziehen wird. Wenn er kame, jetzt kame, im Andrange der hochsten Noth! Wenn ich ihm konnte entgegeneilen auf den Flugeln des Auges, um ihn zu begrussen, schon im fernen Dammerschein? Warum nicht jenes Fenster, das unnutze Vorsicht verschloss, kann eroffnen die muthige Hand. Vom Aufgange kommt alles Gute, alles Wahre. Vom Sonnenaufgange her sieht der hochgelobte Gott in unsre Tempel; von dort muss auch Dagobert wieder heimkehren!" Kuhn schlug ihre Hand den verschlossnen Laden des Fensterleins auf, und ihr Blick suchte unter den Rosen, die der Niedergang dem blaudunkeln Osten zuwarf, den Geliebten. Umsonst! Leer war und blieb die Strasse. Langs der Gartenmauer jedoch kroch ein Mann schwer und unbehulflich am Strassenrande hin, beschaftigt, wie es schien, Krauter zu sammeln im thauigen Abendschein. Zufallig richtete sich auf ihn Esther's Auge, zufallig blickte er zu dem klingenden Fenster empor, und schnell fuhr das Madchen zuruck. Es war der Judenarzt Joseph, der dort unten verkehrte, und Esther flehte zum Himmel um die Gnade, von dem Gefurchteten nicht erkannt worden zu seyn.

Zehntes Kapitel.

"Komm, Alte, komm, erzahle uns ein Mahr

lein!" Gern, liebe Puppchen; werdet Ihr aber

auch das Grausen vertragen konnen? Wer kein

gut Gewissen hat, setze sich vor die Thure, und

bete indessen ein Vaterunser!

Kindermahrchen.

Das Schloss Neufalkenstein, der Sitz des Ritters Bechtram von Vilbel, hatte seit Langem nicht so viel Geplauder und Gelarm in seinen Mauern gefasst, als seit der Zeit, da der Graft von Montfort dem Besitzer einen Besuch abgestattet, und demselben aufgetragen hatte, das schone Fraulein von Baldergrun von der Heerstrasse wegzufangen, zum schuldigen Dank fur so manche Unbill, die der Graf zur Zeit, da er um das Edelfraulein warb, hatte ertragen mussen. Dem in dergleichen Auftragen geubten Bechtram, welcher, nachdem er lange Jahre hindurch der Hauptmann der Reichstadt Frankfurt in Ehren und Frieden gewesen, vorgezogen hatte, das unedlere Gewerbe der Wegelagerei wieder zu ergreifen, war des Grafen von Montfort Aufgabe uber alle Massen trefflich gelungen, und die Beute richtig geworden. Ein solcher Fang warf zu viel an Gewinn ab, und war uberhaupt so selten in der Rechnung der Herren vom Stegreif, als dass sich die Letztern nicht hatten etwas zu Gute thun sollen. Bechtram mit seinen Genossen bankettirte Tag aus, Tag ein, was doch sonst seine Sache nicht war; seine Hausfrau hatte alle Hande vollauf zu thun, um ihre Gaste zu bewirthen, und Wallrade hatte in ihrem mannlichen Geiste mit uberraschendem Scharfblick den Standpunkt erfasst, von welchem sie ohne weitere Demuthigung in das Gewuhl um sie her herniedersehen konnte. So finster es auch in ihrem Innern wogte, so heiter und glatt hatte sie die Stirne gelegt. Nicht die Gefangene schien sie zu seyn, preisgegeben der harten Willkur rauberischer Wachter; eine Furstin vielmehr, die sich es gefallen lasst, auf kurze Zeit von dem Gipfel ihrer Grosse in's gemeinere Leben herniederzusteigen, und durch ihre Gegenwart das Haus eines ihrer armern Wasallen zu beglucken. Den Zwang, der sie druckte, wusste sie unvermerkt in den Hintergrund zu drangen, und zu ihrem Diener zu machen, dass es den Anschein hatte, als sey jede Beschrankung ihre freie Wahl. Sie sah auf den Lippen oder der Stirne ihrer Huter keinen Befehl, keinen Wunsch schweben, den sie nicht plotzlich errathen, und zu ihrem eigenen Willen gemacht, ihn also geaussert hatte. Sie vermochte es uber sich, dem ganzen Abenteuer eine scherzhafte Seite abzugewinnen, und dann und wann mit feinem Spott ihren Umgebungen merken zu lassen, dass der ganze Vorfall ihr nichts weniger, als wichtig erscheine, sondern im Gegentheile kurzweilig und ergotzlich, da er uber Kurz oder Lang dennoch ein fur sie erwunschtes Ende nehmen werde. Mit verachtlicher Kalte hatte sie ihre Kleinodien und ihre Baarschaft den Raubern hingegeben, mit unbefangner Ruhe hatte sie es mit angesehen, da Frau Else, Bechtram's Hauswirthin, ihre breitschultrige, unangenehme Gestalt mit diesen Kostbarkeiten geschmuckt, und sich ihr also geputzt wie in hohnendem Scherz vorgestellt hatte. Den derben Ubermuth des Burgherrn und seiner Freunde vergalt sie eben so mit unempfindlicher Derbheit, des Leuenberger's und Petronellen's schadenfrohen Spott mit schalkhaften Antworten, die die Lacher auf ihre Seite brachten; und stand im Ganzen genommen da, nicht wie ein eingekerkert schwaches Weib, sondern wie ein zu Schutz und Trutz gerusteter Kampfer, der keine Blosse gibt, ohne die des Gegners zugleich zu treffen. Je unerwarteter dieses Benehmen den I n n s a s s e n und Gasten Neufalkensteins war, je weniger verfehlte es seinen Zweck, und die kraftige Wallrade hatte die Genugthuung, bald den Erfolg zu beobachten. Bechtram, sein Weib und seine Gesellen, rauhe Menschen, wie das wilde Leben in Fehde, Forst und abgeschiedner Veste sie zu gestalten pflegt, hatten die stillduldende Sanftmuth einer Unglucklichen unerbittlich zu Boden getreten; aber der unduldsame Trotz, die kecke Widerspenstigkeit und Spottsucht Wallradens erschienen den Harten als Eigenschaften, eines bessern Schicksals, wie einer gunstigern Behandlung wurdig. Bechtram lachelte, wenn das Fraulein ihn einen grauen Taugenichts, seine Veste ein Raubnest schalt. Else duldete scherzend den Spott, welchen die gezwungne Gastfreundin uber ihre unschmackhafte Kuche aussprudelte. Der wilde Hornberger gerieth in Entzucken, sah er Wallraden auf dem Rucken seines Gauls, dessen Koller sie mit aller Kraft eines Mannes im wenig geraumigen Zwinger bandigte. Der schielende Doring, der wuste Reifenberger, der dicke Henne von Wiede, Bechtram's Gefahrten so wie der ab und zu fahrende Eppsteiner bemuhten sich um die Wette, das in Haft liegende Fraulein durch kurzweilig Gesprachsel zu vergnugen, oder durch ein Spiel im Brette, oder durch ein vom Zuge mitgebrachtes Geschenk. Der Leuenberger legte nach und nach, von Stunde zu Stunde, mehr von der Schroffheit ab, die er gegen seine Stiefnichte geaussert hatte, und wandelte sein Betragen in eine gewisse tolpische Hoflichkeit und Augendienerei um, die von Wallraden nicht unbemerkt, so wie von allen Ubrigen nicht ungeneckt blieb. Die Base Petronella endlich, verblufft von dem ungezwungnen und freien Benehmen Wallradens, hatte so ziemlich ihre beissende Zunge zur Ruhe verwiesen, und ihren gewohnliche Standpunkt eingenommen; namlich den einer Zeitvertreiberin, weil ihre Mahrlein und Schnurren weit und breit in den adelichen Genossamen der Gegend guten Klang und Ruf hatten. Frau Else liebte das Erzahlen im traulichen Kreise, und Wallrade forderte oft selbst die Muhme dazu auf, wenn sie den Zudringlichkeiten des Leuenbergers ein Ende machen wollte. War die Alte dann im Zuge, so entfernte sich Diether's Tochter gewohnlich unvermerkt, und erklimmte den Wartthurm, wo sie sich zwischen den machtigen Zinnen niederliess auf die Steinbank, in die weite Luft hinausstarrte, und ihren sturmischen, mit ubermenschlicher Kraft zuruckgepressten Gefuhlen den Lauf liess. Der Thurmwachter, der seiner tauben Ohren halber aus den Reihen der reisigen Knechte in die Hohe verwiesen worden war, wo seine scharfen Augen noch gute Dienste zu leisten vermochten, sass dann gewohnlich vor der Offnung, die auf des Thurmes Platte seinem elenden Schlafwinkel als Thure und Fenster diener, und schneiderte an den Kleidern der Burgleute, oder kammte seinen Hund, und begriff nicht, wie sich das schone gefangne Fraulein so ganz allein zu unterhalten vermoge auf der einsamen Warte. Wallrade legte aber die gluhende Stirne an die kalten Steine, und blickte hinaus gen Frankfurt, von wannen immer noch kein Retter nahen wollte. Immer noch war es ihr nicht gelungen, eine Botschaft den Vater zu senden; von Tag zu Tage verzogerte sich ihre Befreiung. Unwillig klagte sie den Himmel an, dass er sie, gleich wie auf einem Siegerzuge, aufgehalten, wahrend sie im Begriff gestanden, des Unfriedens und der Zwietracht hochstes Maass uber das Haupt des Vaters und der Stiefmutter auszugiessen. Unwillig fragte sie die Vorsehung, wie lange sie noch hier zu verharren habe in einem Zwang des Willens und der Empfindung, der ihr an's innerste Leben zu greifen begann, trotz Verstellung und Standhaftigkeit. Zagend und zurnend zugleich gedachte sie des Augenblicks, in welchem der Graf von Montfort; dessen Zuthun bei der verwunschten Begebenheit sie leicht errieth, wenn gleich Bechtram seinen Namen nicht auszusprechen wagte, auf der Veste erscheinen und durch seine Gegenwart die durch seine Unritterlichkeit Gefangene am tiefsten demuthigen wurde. Allein, wie sehr sie auch klagte, zurnte und zagte, der Zeitpunkt ihrer Erlosung lag immer noch ferne, denn ein geheimnissvoller Schleier bedeckte vor jedem fremden Auge die auf Neufalkenstein verwahrte Beute. Der Aufenthalt der von Gelnhansen geladenen Gaste hatte bereits mehrere Tage gedauert, und Wallrade, von truben Gedanken in ihrer engen Kammer gepeinigt, war gerade nach dem Imbis zu dem Wartthurm emporgestiegen, um die laue Fruhlingsluft in ihrer klaren Reinheit zu trinken, und ruhiger zu werden. Der Weg, welcher unfern der Veste voruberlief, war leer und ode wie immer, seitdem die Nachbarschaft von Bechtram's neuen Unternehmungen vernommen hatte. Ein frischer Luftstrom erquickte aber Auge und Stirn der Gefangenen, und ihr Blick schweifte kuhn uber die Hohen und Ebenen, uber Gewasser und dustre Tannenwipfel, und senkte sich tief in das Innere der kleinen, zu ihren Fussen liegenden Veste. Ihr Herz ergrimmte auf's Neue, da sie jetzt erst wahrnahm, wie gering und unbedeutend der Kerker war, der sie einschloss. Der an und fur sich nicht sehr ergiebige Raum war von dem Erbauer haushalterisch benutzt worden. Ein tiefer Graben umschloss die unregelmassig gebaute Veste, deren Eingang ein schmales Thor, blos fur einen Mann zu Pferde breit und hoch genug bildete. Zugbrucke und Pforte verschloss diesen Eingang bestandig, wie eine von aller Welt abgeschnittene Klause. Hinter den dicken, am Graben emporragenden Mauern schlangelte sich der enge Zwinger, in welchem Knechte und Pferde und Hunde, sammt dem geraubten Zug- und Melkvieh ihre Hutten und Stalle fanden. Eine elende Waffenschmiede, in welcher die auf Raubzugen zerhacken Blechhauben und Drahtwamser nothdurftig zusammengeflickt wurden, streckte hier ihren rauchenden Schlot. Dicht daneben hatten die Burgleute zu ihrem Vergnugen eine bald zum Armbrustschiessen, bald zum Regelschieben benutzte Bahn angelegt; der einzige Fleck, auf welchem allenfalls ein Ross zugeritten werden konnte. Wer aus diesem Zwinger in das Innerste dringen wollte, musste durch ein niedres, von schwerem eichenen Gegatter fest verschlossnes Pfortlein kriechen, hinter welchem der enge finstre Hof das Wohngebaude des Herrn einfasste, zu dessen, ungefahr acht bis neun Schuhe von dem Boden erhohten Schwelle eine in Klammern gehangte Holztreppe fuhrte, die im Nothfall weggenommen werden konnte, um einem Feinde oder einem Rauber den Eingang zu den Schatzen und Vorrathen des Hauses unmoglich zu machen oder mindestens zu erschweren. In dem Hofraume schnatterte und larmte des Federvieh's bedeutende Menge, rauchte der Ofen, in welchem die thatige Hausfrau das Brod bereitete, umfangen von hohem, russigem Gemauer, das in die Fensteroffnungen des Erdgeschosses der Burg nur den bleichsten Strahl des Tages eindringen liess. Und dennoch waren hier die Raume, in welchen die Geschafte der Wirthschaft und des Hauswesens verrichtet werden mussten. Hier war die Halle, welche den machtigen Herd in sich fasste, und den in tiefer Schlucht quillenden Brunnen der Veste, und den Eingang in die unterirdischen Waarenkammern und Weinkeller des Hauses, so wie die Treppe zu den obern Gemachern, deren zwei sich in der Burg befanden, in eben so vielen Stockwerken vertheilt. Das erste, zu welchem die Wendeltreppe fuhrte, das Gemach der mannlichen Bewohner, zugleich die grosste Stube der Veste, in welcher Trinkgelage und Mahlzeiten gehalten wurden, nahm den ganzen Raum des Stockwerks ein, eine Kammer ausgenommen, in welcher auf Stroh- und Rohrgefullten Sacken, uberdeckt mit Wolfs- oder Barenfallen die Manner des Schlafs genossen, umgeben von ihren Gewandern, Waffen und den Satteln ihrer Pferde. Stieg man die fortlaufende Wendeltreppe empor, so gelangte man im zweiten Stockwerke zu dem Gemach der Frauen, das, wenn gleich zierlicher geputzt, als das der Einrichtung hatte. In jedem der vier ziemlich breiten aber niedern Fenster zwei steinerne Ecksitze, an den Wanden fortgehende Banke mit Polstern; in jedem Winkel des Gemachs ein schwerer Schwenktisch oder Kleiderschrein, geschmuckt mit glanzendem Schloss und zierlich geputzten Kurbissen und Pfauenfederstraussen, Truhe und Spinnrocken und Garnwinde nicht zu vergessen. Vorspringende Erker von kleinen Schartenfenstern erhellt, enthielten die Lagerstellen der Frauen des Hauses, und der langs der Vorderseite des obern Stockwerks hinlaufende Soller bot ihnen eine willkommne Stelle dar, um in freier Luft zu arbeiten, zu beten, zu plaudern, oder in stiller Unthatigkeit dem Treiben und Leben des Taubenvolks zuzuschauen, das oben an des Schlosses Zinne seinen Schlag besass, und auf und nieder flatterte an den steil gezackten Giebelseiten des bunten Ziegeldachs. Rings um war oben die Aussicht frei, nur an der Seite nicht, wo der lange und runde Wartthurm in die Hohe strebte, welcher aus dem Gemauer des innern Hofraums entsprang, in seinem Erdgeschosse die enge und kleine Kapelle der Burg enthielt, und drei Stockwerke zahlte, bis zu der Zinnen raumlicher Krone, drei Verliesse enthaltend, von welchen das oberste des Lichts genoss, das mittlere einer milden Dammerungshelle sich erfreute; das unterste aber, zu welchem nur ein rundes Loch den Eingang bot, tief hinabging in schaurig dunkle Gruft, wohin blos die ferne Stimme des in der Kapelle die Messe singenden Priesters drang, da der schreckliche Schlauch des Verliesses dicht hinter dem Altar sich abwarts senkte. Auch dieser schwache Trost war jedoch zu gegenwartiger Zeit dem Unglucklichen versagt, der vielleicht diese Schreckensgrufte bewohnen musste. Der Herr dieser Behausung, welcher weiter nichts Merkwurdiges als das schon Beruhrte aufzuweisen hatte, war in den Kirchenbaum gethan worden; der Pfaffe, der den Kapellendienst im Schlosse versehen hatte, war ausgeblieben, und dumpfiges Schweigen herrschte Tag und Nacht in dem verodeten Kirchlein, wie der Staub auf seiner Glocke. Wallrade wusste nicht, ob das unterste Verliess des Wartthurms, auf dem sie stand, einen Gefangenen barg; aber dass im mittlern Stockwerke des Erkergebaudes Menschen in Haft lagen, war unbezweifelt, da von Zeit zu Zeit, trotz dem dicken Gemauer und den schmalen Luftluchen klagende oder singende Stimmen herausdrangen, nur horbar fur den auf der Thurmspitze aufmerksam Lauschenden. Im Vergleich mit diesen armen, zwischen dustern Wanden eingesperrten Leuten musste Wallrade freilich ihr Schicksal glucklich preisen, und sie that es auch, so lange ihr Auge Erholung suchte in den freien Himmelsraumen. Sah sie jedoch hinab in die enge Veste, welcher sie dennoch nicht entrinnen konnte, da wollte ihre Brust beinahe zerspringen. Montfort hatte keine bitterere Qual fur sie ersinnen konnen, als den Verlust ihrer Freiheit; und alles Gold der Welt hatte sie fur die Erlaubniss gegeben, einen jener Renner zur Flucht besteigen zu konnen, die so eben im Zwinger zu einem Zuge fertig gemacht und gezaumt wurden. Die Knechte der Burg, vielleicht ein Dutzend an der Zahl, krochen gerustet aus ihren Hutten, und jagten sich, plumpe Scherze treibend, auf dem Rasen umher, wahrend der Schmied die Hufe der Rosse besichtigte, und in Eile zusammenpfuschte, was verdorben war, oder nicht mehr halten wollte. Mittlerweile traten die Herren des wurdigen Trosses aus der Gatterpforte: Bechtram mit seinen Gefahrten. Ihr Anzug verrieth deutlich, dass sie nicht zu einem Lustritt gingen. Bewaffnet bis an die Zahne stiegen sie zu Pferde, winkten der Hausfrau, die dem scheidenden Gatten noch die Hand durch's Gatter reichte, ein Lebewohl, und zogen durch das schmale Thor uber die schwankende Brucke in's Freie. Der Leuenberger, der zur Bewachung des Hauses zuruckgeblieben war, ertheilte dem Thorwachter die nothigen Befehle zur Verschliessung der Burg. Die Brucke ging knarrend in die Hohe; die wenigen zuruckgebliebenen Burgleute gingen an ihr Geschaft, oder an das zeitvertreibende Spiel, und die ausgezogenen Manner waren noch nicht an die Spitze des Tannenbruchs gelangt, als schon in der Veste wieder eine Ruhe herrschte, gleich der des Grabes. Es wahrte indessen nur kurze Zeit, so kamen rasche Tritte den Thurm herauf, und der gegenwartige Schirmvogt der Veste stand plotzlich vor Wallraden. Das Gefuhl und Bewusstseyn des wichtigen Amts, das er in diesem Augenblicke zu bekleiden erkoren war, sprach aus seiner Haltung und seinen Zugen. "Beschaftigt, alle Raume des mir anvertrauten Schlosses zu besichtigen," sprach er mit widerlichem Lacheln, "muss ich doch auch sehen, wie und wo sich meine werthe Gefangene befindet."

"Sie lugt hier nach dem Zuge der freien Lerchen," entgegnete Wallrade ebenfalls lachelnd: "und kann nicht begreifen, wie sich diese holden Sanger diesem finstern Thurme nahern mogen, in welchem die Knechtschaft weint."

"Ei, was kummern Euch die Knechte im Thurm?" versetzte Veit mit einer plumpen Verbeugung: "Ihr seyd die Herrin von Neufalkenstein, mehr denn Frau Else selbst." "O spart Euer hohnisch Schmeichelwort," erwiederte Wallrade leicht, "und vor Allem lasst ja dergleichen Frau Else nicht horen, Ihr wisst, sie versteht nicht lange Scherz, und ist eifersuchtig auf die Oberherrschaft."

"Wie ich auf einen Blick von Euerm holden Augenpaar;" fugte Veit wie oben bei. Wallrade zuckte die Achseln, und gab sich die Miene, seinen Worten keinen Glauben beimessen zu wollen, daher nahm der Leuenberger seine Zuflucht zu Betheuerungen. "Pest und rother Hahn!" rief er: "Schones Fraulein, ich will den Hals brechen zur Stelle, wenn ich eine Luge spreche. Ich wurde lugen wie ein Schelm, wenn ich sagen wollte, dass ich Euch von Anbeginn gern gesehen, aber das Wohlwollen, und lasst es mich heraussagen, die Liebe nistet sich ein, ohne dass man's vorher sieht, oder geradezu merkt. Das wisst Ihr auch gar wohl, denn Ihr seyd ein verstandig Frauenbild, und konnt unterscheiden, was blanke Zierhofelei ist, was Ernst und baare Munze." "Guter Leuenberger," erwiderte Wallrade: "die Manner sprechen alle auf diese Weise, wenn sie ein Frauenherz zu berucken suchen." "Pah," lachte Veit: "Zeit meines Lebens habe ich mich noch nie damit abgegeben, Weiberherzen zu kirren, und habe das Falkenabrichten immer der Minne vorgezogen. Wie man einen Stossvogel zahmt, weiss ich; aber nicht, wie man ein Weib gewinnt." Wallrade gab ihm in ihren Gedanken vollig recht. Er fuhr jedoch fort: "Hier ist der Spiess umgekehrt. Ihr habt mich beruckt, ob ich gleich bis auf den heutigen Tag mein Herz bewahrte, und ob Ihr gleich meine Stiefnichte seyd." "Ihr schreibt mir einen grossen Sieg zu;" versetzte Wallrade scherzend, aber einen der gefahrlichsten Blicke hinzufugend, deren sie nur Meister war. Dieser Blick ermuthigte den unbeholfnen Ritter, in seiner Herzensergiessung fortzufahren. "Mich soll der Schwarze reiten, hier vor Euren Augen," sprach er, "wenn, was ich sage, nicht mein voller Ernst ist; wenn ich Euch nicht verehre, wie eine Nonne ihr Muttergottesbild. Ich habe in meinem Leben noch vor keinem Strauss gezittert, und bin auch jetzo zu jeder Probe bereit, die Ihr mir auferlegen wolltet, um meine Treue zu erwahren. Vergebt mir: ich rede sonst nicht viel mit Weibern, aber heute, und Euch gegenuber bin ich in den Zug gekommen. Ihr wisst jetzt mein Geheimniss, von welchem ich nicht einmal der Base ein Sterbenswortlein verrathen habe. Erwiedert mein Vertrauen mit dem Eurigen. Lasst mich wissen, ob ich vielleicht hoffen durfte." "Eure Rede wird sehr dringend und ernstlich;" meinte Wallrade, eine Aufmerksamkeit verrathend, die des liebetrunknen Junkers Glut anfachte. "Wenn Ihr nur endlich das Ernstliche einseht;" rief er: "Kreuz und Stein! Wie soll ich's anfangen, deutlicher zu reden? Ich denke, mit einem Wort, so gut als Euer Vater und meine Schwester ein Paar werden konnten, so gut konnten wir's auch werden, und sollte die Verwandtschaft ein Hinderniss machen wollen, so martre ich einen Pfaffen so lange, bis er einen Dispens herausgibt, gultig wie einer von Rom." "Ei, Ihr sprecht ja ruchlos, wie ein bohmischer Ketzer!" rief Wallrade scherzhaft: "Nimmer werdet Ihr mich von der Wahrheit einer Liebe uberzeugen konnen, die sich so gotteslasterlich ausdruckt." "Pest und rother Hahn!" eiferte der Leuenberger, heftig mit seinen braunen Handen die Luft sagend: "Fordert eine Probe meiner Liebe, mehr kann ich ja doch nicht thun, als Euch die Wahl lassen. Soll ich den tauben Hund von Wachter, der dort wie ein Klotz auf der Matte kauert, und in die Ferne stiert. Kopf uber Kopf unter vom Thurm werfen? Oder soll ich mich mit Dreien raufen auf Leben und Tod? Oder soll ich in Frankfurt einreiten, trotz dem Stadtbann, in dem ich liege, und mich wieder herausschlagen, und das Dintenfass des Stadtpfaffen vom Romer mit heimbringen? Gebietet; was Ihr wollt, soll geschehen, und wenn sich der Satan dreimal dazwischen legte." "Ihr stellt Euch Aufgaben, allzuschwer, als dass ich Euch beim Worte nehmen konnte;" entgegnete Wallrade; "und gerade durch solches Uberbieten in Gefahren, die Ihr bestehen wollt, macht Ihr mich misstrauisch. Kann ich an die Liebe des Mannes glauben, der, um mir zu gefallen, Andre mordet; mich selbst jedoch, ohne vor Schaam und Unwillen zu errothen, in dem Schlamm der Demuthigung sehen kann? Wie mogt Ihr, ein freier adelicher Mann, Euch ein gefangen Liebchen wahlen, das Ihr doch nicht erlosen wollt? Ihr fordert, dass ich Euer Herz prufe. Wohlan; geht hin, offnet mir die Pforte dieses Kerkers, lost meine Fesseln, und dann bewerbt Euch um meine Gunst. Oder, thut das Leichtere: meldet nur meinem Vater den Ort meiner Gefangenschaft, und dann nachdem ich in seine Arme zuruckgekehrt, dann fordert meine Hand." Der Leuenberger schwieg eine Weile betroffen, wahrend Wallrade den scharfen Blick auf ihn heftete. Verlegen spielte er mit den Knopfen seines Armels, strich sich den Bart und kaute an den Lippen. "Edles Fraulein," sprach er endlich bedachtig: "Was Ihr verlangt, geht uber meine Krafte. Wir Edelleute halten fest an unserm Wort, und Bechtram hat das Meine; und von Euerm Vater vollends erwarte ich nichts als Undank. Er wurde mir zehnmal eher vor dem Gallusthor zu Frankfurt Nase und Ohren abschneiden lassen, als mich in seiner Sippschaft aufzunehmen." "Ich weiss nicht, in wiefern Herr Diether Euch gehassig ist;" erwiederte Wallrade seufzend; "allein ich dachte, auch m e i n e r Dankbarkeit solltet Ihr in etwas vertrauen." Der Blick, den sie bei dieser Rede auf Veit's Antlitz warf, sollte heftiger zunden, als die vorigen, aber seine Kraft prallte ab, an der Scheu des Leuenberger's vor Bechtram's Rache und Diether's gegrundetem Hass. "Ei was!" brummte er: "Eure Haft kann ja doch wahrlich nicht ewig wahren. Hat Bechtram vom Montfort erst erhalten, was er will, liegt ihm ferner nichts daran, Euch zu futtern. Dann ware es an der Zeit, meinen Wunschen zu genugen, und eine frohliche Ritterehe zu schliessen, zu welcher man nichts braucht, als einen Bettelmonch, der den Segen gurgelt, und ein stilles, sichres Kammerlein. Was sagt Ihr dazu, mein susses Lieb?" "Dass Ihr ein Abscheulicher seyd, der meine Verachtung verdient, aber nicht die Minne einer ehrsamen Jungfrau;" erwiederte ohne Hehl Wallrade, der das Blut in die Wangen geschossen war, bei dem unziemlichen Antrag des Stegreifritters. Veit, welcher seine Furcht vor den von dem Fraulein vorgeschlagenen Prufungen hatte hinter der Larve eines rauhen Muthwillens verbergen wollen, schwieg wie ein ertappter und geschlagener Schuler, und lehnte sich verlegen auf die Brustwehr des Thurms. "Einfaltiger, tolpischer Klotz!" murmelte Wallrade vor sich hin, und stutzte verdrusslich den Kopf in die Hand. Der Leuenberger gewahrte aber so eben seine Base am Erkerfenster der Burg, und winkte ihr und Frau Elsen, heraufzukommen auf die luftige Hohe. "Muhme Petronella soll uns ein Mahrlein erzahlen," sprach er mit lappischem Lacheln zu Wallraden:"sie wird Euch dadurch auf andre Gedanken bringen, und mich vergessen machen, was ich von Euch vernehmen musste." Wallrade machte eine unwillige Bewegung gegen ihn, und stand auf, um zu gehen. Der Versuch war aber umsonst, denn schon knarrte die Thure des Thurms, und die schwerfalligen Tritte der Frauen kamen bald naher und naher heran. Frau Else schritt wackrer und rustiger zu, als die hinkende Base, und hielt die auf der Hohe der Steige unschlussig verweilende Wallrade auf. "Ei, wo hinaus?" fragte sie mit ihrer mannlichen Stimme, die im Hause Befehle ertheilte, donnernd wie der Schlachtruf eines Feldhauptsmanns: "Da geblieben! Nicht davon gelaufen. Wir sind jetzt die alleinigen Herrn im Hause, und wollen uns gutlich thun auf der kuhlen Warte." Somit drehte sie Wallraden mit einer Schwenkung des Ellbogens um, und reichte der muhsam heranklimmenden Base die Hand. "Herauf! Herauf! alte Nixe!" rief sie der Keuchenden entgegen: "Hier oben ist's wohl seyn. Hast Du dem Wilpert gesagt, dass er uns eine Kanne kuhlen Weins heraufschleppe, und einen Korb mit Brod und Fleischkuchen?" Petronella bejahte; Else klopfte beifallig und munter in die machtigen Hande, und zog Rocken und Spindel aus dem breiten Ledergurtel, der ihren stammigen Leib umschloss. Der Thurmwachter musste dem zogernden Wilpert entgegeneilen, und die Frauen machten sich's bequem auf den Mauerbanken zwischen den Zinnen. "Wie ist es doch so schon hier oben!" sprach Petronella, nachdem ihr Husten, von dem Treppensteigen und der Einathmung reinerer Luft erregt, nachgelassen hatte: "Himmlischer Vater! wenn das Alles, was wir hier vor Augen sehen, unser ware! Was meint Ihr, liebe Frau Else?"

Bechtram's Ehewirthin zuckte verachtlich mit den Lippen. "Man hort's Euern Reden wohl an, Fraulein," sprach sie derb, "dass Ihr kein Haus als Eigenthum besitzt, sonst wurdet Ihr nicht so tolle Wunsche von Euch geben. Mir kommt ein ahnlicher Gedanke nicht, denn ich bin zufrieden in meinem Hauswesen, und wenn dieses mir nach Wunsch geht, so frage ich nicht nach Allem, was um uns her liegt an Wald und Feld, an Haufern und Hofen." Hier beschrieb sie mit dem hoch und drohend geschwungnen Rocken einen grossen Kreis rings um sich her, und schlug damit auf die Schulter des Leuenberger's, der in Gedanken verloren, den Weibern den Rucken gekehrt hatte. "Frau Else! Frau Else!" rief der Erschrockene, sich die Schulter reibend: "Ihr fuhrt einen harten Zepterstab, und der Ritterschlag von Eurer Hand ist nicht sanfter, als der von einer Mannerfaust." "Meint Ihr?" entgegnete die Frau von Vilbel: "Ich mochte auch wissen, wie ich wohl zurecht kommen wurde unter dem Gelichter, das in unserm Hause aus- und einfahrt, wie die Hexen aus und in den Schlot. Vergebt aber, Leuenbergerin, dass ich gerade von bosen Hexen sprach. Ich sollte wissen, dass Ihr's nicht liebt, wenn man von Truden redet." "Hm!" meinte Petronella: "so man nur davon redet, mag es hingehen. Nur uber die Schwelle durfen sie nicht kommen, und dafur habt Ihr gesorgt, Frau Else, denn das Hufeisen, das unter Eurer Pforte angenagelt ist, bleibt ein wahres Gottesmittel dagegen, und so Ihr vollends nicht versaumt, jeden Morgen zwei Strohhalme kreuzweis druber zu legen, so kommt Euch nimmer eine Hexe zu nahe." "Ihr seyd eine kluge Jungfrau," erwiederte Frau Else, "und ich werde mir noch manches von Euern Erfahrungen merken, ehe Ihr von dannen scheidet." "Ho, die Base ist gelehrter, als ein Meister der freien Kunste," fiel der Leuenberger ein; "besonders im Erkennen zauberischer, ubernaturlicher und verborgner Dinge." "So?" fragten Else und Waltrade. "Das hatte man versuchen konnen;" fuhr die Erstere fort: "Ihr hattet meinem Manne des heutigen Zuges Ausgang und Erfolg weissagen mussen." "Hm!" meinte Petronella, den Kopf bedenklich wiegend: "dem Gastfreund geziemt's eigentlich nicht, des Wirths Thun und Lassen zu deuteln, aber, wenn man Achtung hat, auf das was um uns vorgeht, so kann man manches in seinen Handlungen andern, was erspriesslich und von Nutzen ware." "Ihr sprecht als ob's Lateinisch ware," lachelte Else: "ich verstehe Euch nicht." "Der Hund hat die ganze Nacht im Zwinger jammerlich geheult," sprach die Alte weiter: "die Eule hat geschrien und die Todtenuhr hat gehammert, als wollte sie nimmer aufhoren. Das bedeutet nicht viel Gutes. Zudem ist heute kein glucklicher Tag, und ich hatte an Eurer Statt den Ritter nun nimmermehr reiten lassen." "Ihr macht mir bange!" versetzte Else, ohne jedoch weiter eine Bewegung zu aussern: "Mein Mann lacht uber solche Dinge, und furchtet sich nicht, weil er ein geweihtes Amulet bei sich tragt, das er einem Pilger abgenommen, der es gerade von des Erlosers Grab geholt hatte. Wenn ihm nur das Heiligthum noch hilft, da er jetzo im Banne liegt?" "Ei, wie sollte es denn nicht?" fragte Petronella entgegen: "die hochwurdigen Barfusser Ordensherren weihen ja gewohnlich diese Schutzmittel, und man weiss ja, dass sie sich nicht viel um Bann und Interdikt kummern." "Ihr beruhigt mich wieder vollig;" antwortete Else, dem alten Fraulein gutmuthig und derb auf den hohen Rucken klopfend: "ich hatte schon den Gedanken gefasst, trotz Bann und Strahl eine Messe in der Kapelle lesen zu lassen auf die gluckliche Heimkehr meines Alten." "Eine Messe?" lachte Petronella: "wie das?" "Wer versteht das Handwerk hier?" spottete Wallrade: "etwa der edle Herr, der vor uns steht, oder der taube Wachter, der endlich mit dem ersehnten Vorrath anlangt?" "Hoho!" fiel Else ein: nur nicht so hohnisch, gefangnes Fraulein Naseweis. Wir haben wohl noch andre Leute hier im Schlosse, die Kutte und Platte tragen. "Da unter uns sitzt ein armer Pater im Kuhlen, dem Eure Gesellschaft, Leuenbergerin, Ungluck gebracht hat, und der wohl jetzo, obschon Mittag voruber, nuchtern genug ware, um das Messopfer zu bringen." "Wie?" schrie Petronella, erstaunt die Hande faltend: "Wie? Der arme Mann, der mit uns hier angelangt?" "Derselbe;" versetzte Frau Else kaltblutig: "er sammt dem Bauerlein, das Euch den Wagen lieh, bewohnt unsern Thurm, weil mein Alter meinte, die Leute seyen mit der Gegend zu bekannt, als dass nicht der Gewahrsam der schonen Wallrade verrathen hatte werden mussen. Sie werden sich's nun gefallen lassen, so lange hier zu verharren, bis des Frauleins Haft voruber." "Ha, Euer Herr macht wackre Streiche!" rief Wallrade keck; "an schwachen Frauen und wehrlosen Monchen erprobt sich des Helden Muth." "O lasst den Heldenmuth aus dem Spiele, gutes Fraulein:" entgegnete Else: "einen schonen Falken lasst der tapferste und grossmuthigste Mann nicht aus den Handen. Wahrlich, Wallrade, hatte ich einen Sohn, ich liesse Euch gar nicht mehr von meiner Seite; Ihr musstet meine Schwieger werden, und noch heute musste der Pfaffe da unten Euch trauen." "Das ist ein Wort, vortrefflichste Nichte;" sprach Petronella beissend: "Frau Else denkt nicht an ihr alt Geschlecht." "Ihr habt Recht, Base Stolperwitz;" liess sich Wallrade vernehmen: "unser halbadelig Wappen wurde nicht zu dem des Ritters Bechtram passen, wenn er gleich Rauberei treibt. Beruhigt Euch indessen. Meine verehrte Wirthin hat ja keinen Sohn, der ihre Drohung verwirklichen konnte." "Freilich nicht;" setzte Else seufzend hinzu: "das ist's, was mir oft blutige Thranen kostet. Was nutzt meinem Alten seine schwere Muhe und saure Arbeit? Was nutzt ihm langes Leben und Gedeihen? Wir haben ja doch niemand, dem wir hinterlassen konnten, was er mit Schweiss und Blut erobert. Der Tag, an dem unser Philipp starb, der wilde Bube, war ein harter Tag, und auch damals schrie die Eule wie ein wahrer Unglucksvogel. Der Junge musste gerade seinen Kopf aufsetzen, und ein Pferd in die Schwemme reiten wollen. Mein Alter erlaubte es dem Furwitz, und gesturzt, vom Ross geschleift und zertreten, brachten uns die Leute den Buben sterbend in's Haus zuruck." Else wischte sich eine Thrane ab, die in ihr finstres Auge gedrungen war. "Den leibeigenen Knecht, der das Ungluck, ohne zu helfen, geschehen liess, liessen wir todt peitschen," setzte sie mit furchterlich gepresster Stimme hinzu, "allein unsern Philipp machte es nicht lebendig." Eine tiefe Stille folgte auf diese kurze und grassliche Erinnerung. Frau Else richtete sich indessen schnell in die Hohe, stampfte einigemal mit dem Fusse auf das Pflaster, fuhr sich verstohlen mit dem Armel uber die Augen, und langte die Kanne mit Wein an Wallraden. "Trinkt! thut Bescheid!" sprach sie mit ganz verandertem Tone: "dem Gaste gebuhrt die Ehre. Dann die kluge Leuenbergerin, dann ihr Vetter, und zuletzt ich. Petronella ist hernach so gut, und gibt uns eine Sage oder Legende zum Besten. Man vertreibt damit die Zeit am Besten, und der Faden am Rocken wird noch einmal so glatt und eben, und die Kuchen schmecken noch einmal so gut." "In Gottesnamen denn," fugte Wallrade hinzu, und drehte dem Leuenberger den Rucken, da er ihr einige verbindliche Worte in's Ohr flustern wollte: "in Gottesnamen, Muhme. Hebt an, und erzahlt."

Veit stemmte maulend den Kopf in beide Hande, und pfiff in die Luft hinaus: die Alte setzte sich indessen zurecht, roch ein Paarmal mit besinnender und bedachtiger Miene an dem Bisamapfel, den sie auf der Brust trug, und graute sich am Kinn. "Lieben Freunde," begann sie, indem sie den Finger an die Nase legte: "eine Sage, die Ihr nicht schon wusstet, fallt mir gerade nicht ein; eine Geschichte von den lieben Heiligen ziemt sich nicht zu berichten, an einem Orte, wo kein Gottesdienst gehalten werden darf; demzufolge will ich Euch lieber, da wir von Kindern gesprochen haben, auch ein Kindermahrchen erzahlen; nicht das beste, nicht das schwerste, das jemals von einer Amme oder einer treuen Mutter erfunden worden ist." "Meinethalben;" entgegnete Frau Else: "nur sey es nicht zu lustig und schnurrig, mein kluges Fraulein. Das Ernsthafte und Schauerliche ist mir lieber, und stimmt besser zu meinem heutigen Gemuth." "Wie Ihr befehlt, meine gute Wirthin;" antwortete hierauf des Leuenbergers Base, und hob an, mit lebhaften Geberden und wackelndem Kinn, wie folgt:

"Es sind wohl langer denn zweitausend Jahre her, und viel daruber, als es einen reichen Mann gab, der eine gar schone, fromme und sittige Wirthin in sein Haus gefuhrt hatte, und mit ihr des Lebens Gluck genoss im hochsten Maasse, ausgenommen das Gluck, ein Kind zu haben. Da geschah es einmal, dass die Ehewirthin an einem frischen Wintertage unter dem Mandelbaume sass, der im Hofe stand, und einen Apfel schalte. Das Messer glitt jedoch ab, und fuhr ihr in den Finger, dass ihr Blut in den Schnee rann. 'Ach!' sagte sie hierauf und seufzte aus innrer Brust: 'Ach, wohl ist weiss der Schnee und roth das Blut, und hatte ich hoch ein Kindlein roth und weiss wie sie beide.' Kaum hatte die Frau diese Worte gesprochen, als ihr recht frohlich und heimlich um's Herz wurde, denn sie hatte nicht umsonst geredet und geseufzt. E i n Mond ging hin und der Schnee ging weg; der zweite Mont fand alles grun, im dritten kamen die Blumelein aus der Erde, im vierten alle Baume in's Holz, worin die Vogelein sangen, und die Bluten fielen. Und wie der funfte Mond vorbei war, da stand die Frau unter dem Mandelbaum, der gar zu lieblich roch, und ihr Herz war froh und konnte sich nicht fassen vor stiller Freude. Und der sechste Mond voruber war, da begannen die Fruchte aufzugehen und stark zu werden; sie aber wurde ganz still. Im siebenten Mond griff sie nach den Mandelbeeren, ass davon und ward borsthaft und traurig. Da aber der achte Mond hingegangen war, da rief sie ihren Mann, und weinte, und sagte zu ihm: 'Wenn ich sterbe, so begrabe mich unter den Mandelbaum.' Nun wurde ihr wieder ganz wohl und getrost zu Sinne, und kaum war der neunte Mond vorbei, so gebar sie ein Kind, weiss wie der Schnee und roth wie Blut, und freute sich dass, und starb. Ihr Mann begrub sie unter den Baum, wie er es versprochen, und fing an zu weinen gar sehr, eine Weile lang; nach und nach und allgemach legte sich aber das Herzeleid, und dann horte er auf zu greinen, und dann wahrte es nur eine kurze Zeit, so nahm er sich wieder ein Weib." "Mannertreue!" sprach Wallrade bitter: "Ihr erzahlt kein Mahrlein, Muhme. Dass ich Euch also nennen muss, beweist, dass wirklich im Leben geschieht, was in der Ammenstube erdichtet wird." Petronella zog ein verdriessliches Gesicht, und ihr Vetter schlug eine spottische Lache auf. Frau Else aber schlug allen beginnenden Hader durch den Wunsch nieder, das Mahrlein weiter zu horen, und das Fraulein von Leuenberg fuhr fort: "Die Stiefmutter gebar eine Tochter in's Haus, und diese war ihre Liebe, und der Sohn der Verstorbenen wurde ihr Hass, und sie dachte ihn zu verderben. Und der Gott sey bei uns fugte es, dass einstens der Junge aus der Schule kam, und von der Mutter 'nen Apfel begehrte. Sie machte ein finster Gesicht und gluhende Augen, und begehrte von dem Buben, dass er heraufkomme zur Dachkammer, wo eine Kiste stand mit scharfem Schloss von Eisen, und da sie den Deckel aufmacht, und dem armen Jungen befiehlt, sich einen Apfel aus der Truhe zu holen, und der unschuldige Knabe sich hineinbiegt ... Puff! Schagt sie den Deckel zu, dass des Buben Kopf unter die rothen Apfel fiel. Darauf hat sie mit einem weissen Tuch das Haupt wieder an den Korper gebunden, den Knaben vor die Thure gesetzt, und ihm einen Apfel in die Hand gegeben. Und da sie in der Kuche stand, und einen Topf mit heissem Wasser brudeln liess, da kam ihr Tochterlein traurig zur Kuche, und sprach: 'Ach Mutter mein! Vor der Thure sitzt das Bruderlein und sieht aus wie der Schnee, und isst nicht seinen Apfel und antwortet nicht, ob ich ihn gleich gebeten; mir von dem Apfel zu geben.' 'Ei,' sagt die Mutter, 'wenn der bose Bube nicht reden will, so ziehe ihn an den Ohren.' Lenchen ging hin, und that wie ihr die Mutter geheissen, und da lag der Bruder todt zur Erde. Da hat nun das arme Magdlein geschrien und geweint, und die Mutter hat gesprochen: 'Ach, Lene, Lene, was hast Du gethan. Komm, dass wir's dem Vater verbergen!' Und sie hackte den Jungen in Stucken, und steckte diese in den Topf mit Wasser und kochte sie zum Imbiss; Lenchen stand aber dabei, und weinte, und weinte, dass alle Thranen in den Topf fielen, und das Gericht brauchte weiter kein Salz." "Aber, Fraulein!" sprach hier Frau Else: "welch schreckliche Mahr erzahlt Ihr uns da? Gott vergebe der bosen Stiefmutter!"

"Und es ist doch nur 'ne Stiefmutter;" entgegnete Petronella mit hasslichem Lacheln, "und manche wahre und echte Mutter hat also gethan an ihrem Kinde" Else schlug ein Kreuz; Veit wollte sich todt lachen uber die Schnurren, die seine Base auftischte; Wallrade war jedoch ganz still, und sah ernst vor sich. Die Leuenbergerin nahm dafur den Faden wieder auf, und erzahlte:

"Wie nun der Vater kam aus dem Wald, und warf die Art weg und setzte sich zum Tisch, so fragte er: 'Wo ist denn der Bube?' Zuerst antwortete die Mutter nicht, und trug das Essen auf; du jedoch Lenchen die Zahren nicht verbergen konnte, so fragte der Vater wieder: 'Weib, wo ist denn der Bube, mein Sohn?' 'Uber Land ist er gegangen,' antwortete ihm die Frau hierauf, als ob sie kein Wasser getrubt hatte: 'er will beim Grossohm verweilen sechs Wochen lang und ich habe ihm's nicht versagen mogen.' 'Ach, was ist doch dem Buben eingefallen?' versetzte hierauf der Vater gar wehmuthig: 'Wie konnte er doch fortgehen, ohne mir gesagt zu haben: Leb' wohl Vater, und bleib' gesund?' Der gute Mann wurde recht wehmuthig, und wollte nichts geniessen; da er aber den ersten Bissen der Grasslichen Speise gekostet, wurden ihm Augen und Mund weit, und er ass und ass, und ass ganz allein, und liess keinem Menschen einen Bissen ubrig, und vom ganzen Gerichte nur die Beinlein, die das kleine Lenchen in ein seiden Stuck wickelte, verstohlen, dass es die Mutter nicht sah, und damit von dannen ging, unter den Mandelbaum, wo sie des Bruders Uberreste niederlegte in's grune Gras, und sie befeuchtete mit blutigen Thranen. Da geschah es aber mit einemmale, dass der Mandelbaum begunnte sich zu bewegen, und der Wipfel nickte freundlich, wahrend dessen die Zweige auseinander rauschten, und wieder zusammenschlugen, wie frohliche Leute mit ihren Handen zu thun pflegen, und die Wurzeln hupften hupften und zuckten, wie die Fusse eines tanzlustigen Gesellen. Und dabei ging eine Nebelwolke aus von dem Baume und in der Wolke brannte ein schones rothes Fetter, und aus dem Feuer flog so ein schoner Vogel heraus, wie er nimmer gesehen wird in deutschen Landen; der sang lieblich und wohlgemuth und flog in die hohe Luft. Unter dem Mandelbaume war jedoch alles wie zuvor, und das Gras spielte im Winde, die Blatter regten sich leise, aber des Bruderleins Gebeine waren verschwunden, wie das seidne Stuck, so dass Lenchen's Herz weit wurde, wie das eines Glucklichen, und sie sich nicht anders vorstellen konnte, als dass lieb Bruderlein noch lebe. Worauf sie vergnugt nach Hause ging. Der bunte Vogel setzte sich inzwischen auf eines Goldschmids Haus, und sang vernehmlich: 'Die Mutter hat mich erschlagen, Verzehrt hat mich des Vaters Mund, Mein Schwesterlein that mich begraben, Beim Mandelbaum im kuhlen Grund! Kywitt! kywitt! welch ein schoner Vogel bin ich!' Meister Goldschmid sass gerade in der Werkstatt und fertigte eine goldne Kette. Der Gesang des fremden Vogels auf seinem Dach gefiel ihm uber die Massen, und er lief, ob er gleich Schuh' und Schurzfell in der Eile verlor, auf die Strasse, wo die Sonne so hell schien, wie das goldne Geschmeide in seiner Hand. 'Ach Vogelein!' rief, der kunstreiche Mann: 'wie singst Du doch so schon! Wiederhole die Weise noch einmal.' Der Vogel kratzte sich darauf schelmisch am Kopf, und er wiederte: 'Gibst Du mir die goldne Kette in Deiner Hand, so singe ich noch einmal. Umsonst thu' ich's jedoch nicht.' Der Goldschmid reckte ihm hierauf die Kette dar vom reinsten Golde, und der Vogel packte sie in die Kralle, und setzte sich vor dem Goldschmid nieder und sang: 'Die Mutter hat mich erschlagen, Verzehrt hat mich des Vaters Mund, Lieb Schwesterlein that mich begraben, Beim Mandelbaum im kuhlen Grund! Kywitt! kywitt! welch ein schoner Vogel bin ich!'" "Traun!" schaltete hier der Leuenberger ein: "man kann nicht leichter zu goldnen Ketten kommen." "Unterbrecht doch die Muhme nicht," schalt Else dagegen: "Ihr seyd ein unruhiger Zuhorer. Nehmt ein Beispiel an Eurer Nichte, welche da sitzt wie ein fleissig Magdlein in der Kinderlehre."

Petronella schenkte der aufmerksamen Zuhorerin einen gunstigern Blick, denn zuvor, und liess sich weiter vernehmen: "Der Vogel flog von dannen und setzte sich auf eines Schusters Dach, wo er abermals sein Lied sang, und damit Meister und Frau , Kinder und Gesellen auf die Strasse lockte, wo die Sonne nicht heller schien, als die goldne Kette um des Vogels Hals. Und da ihn der Schuster aufgefordert hat, das Stucklein noch einmal zu pfeifen, so gurrte der Vogel, als ob er sich besanne, und fragt: 'Gibst Du mir die rothen Schuhe, die Du gerade vollendet hast, so will ich singen; umsonst thu' ich's aber nicht.' 'Was will ich machen?' versetzt der Meister, und reicht die Schuhe dem Vogel, der sie erpackt, auf des Schusters Schulter fliegt, und das Lied wiederholt, das wir schon wissen. Weit davon stand aber eine Muhle, die ging klipp klapp, klipp klapp vom Morgen bis zur spaten Nacht, und zwanzig Mullerknechte standen darin und behaupten einen Stein, und ihre Hammer klangen: hick, hack, hick hack zwischen durch der Muhle Klipp klapp, klipp klapp. Ein Lindenbaum stand gar lustig vor der Muhle und darauf setzte sich der bunte Vogel mit Kette und Schuhen, und sang sein Lied, dass einer von den Gesellen nach dem andern aufhorte zu hauen, und alle herausgelaufen kamen, und den wunderlichen Vogel anstarrten, der so vernehmlich singen konnte wie ein Mensch, und so bedenklich obendrein. Da sie nun verlangten, er mochte seine Weise wiederholen, so entgegnete der Vogel: 'Gebt Ihr mir den Muhlenstein, so Ihr behauen habt, so will ich wohl. Umsonst aber thu ich's nicht.' Die Gesellen pflogen hierauf Raths unter sich, und wurden endlich eins, dass der Stein dem Vogel gehoren sollte. Da sie nun mit Hebeln und Stossbaumen ansetzten, um den schweren Stein zu erheben, so kam der Vogel herbeigeflogen, die Kette in der rechten, die Schuhe in der linken Kralle, steckte sich den Muhlstein an den Hals, wie einen Helmkragen, und da er noch einmal gesungen hatte, so flog er weit, weit weg mit Stein, Kette und Schuhen, nach seines Vaters Hause."

"Dort fliegt Staub auf am Waldrande!" rief der Leuenberger, mit der Hand nach der Heerstrasse deutend: "Es wirbelt lustig durcheinander. Was gilt's, unser wackrer Hauswirth kehrt heim!" Else warf einen Blick nach der Strasse, und erwiederte gelassen; "Gottlob! Aber noch sind die Manner fern, und das Fraulein hat alle Musse, ihre schone Mahr zu endigen, deren Schluss ich mit Neubegier erwarte." "Gewiss!" setzte Wallrade mit einem gezwungnen Lacheln bei, wahrend ihr Auge bald gespannt auf Petronellens Munde haftete, bald scheu den Boden suchte. Die Base, nachdem auch sie den fernen Ankommlingen einen Blick ihres Auges geschenkt hatte, fuhr lebhafter und mit feierlichem Antlitz fort: "In der Stube des Hauses sassen der Vater, die Mutter, und Lenchen am Tisch," und der Vater sagte: "Mir wirb so wohl und frei um die Brust, ob ich schon nicht weiss, warum." Die Frau sagte dagegen: "'s wunderlich. Mir wird so schwul zu Sinne, als ob ein Wetter uber'm Schlot stande." Lenchen aber musste verstohlen greinen und weinen, so kamen ihr die Thranen in die Augen. Plotzlich fliegt der Vogel herbei, und so wie er sich auf das Dach setzt. "Ach!" sagt der Vater: "Mir ist heut sonnenwohl und heiter, als ob ich einen guten alten Freund wiedersehen sollte." Die Frau sagt dagegen: "'s ist wunderlich! mir wird so bang, und die Zahne klappern mir, und es kriecht wie Feuer durch meine Adern, und das Mieder will mit zerspringen vor Gebreste." Lenchen sagte kein Wort, und weinte, dass die Schurze nass wurde, wie ein Regentuch. Inzwischen war der Vogel auf den Mandelbaum geflattert, und indem er durch die Scheiben stierte, als ware jeder seiner Blicke eine Stechlanze, sang er: "Die Mutter hat mich erschlagen ...." da hielt die Frau die Ohren zu, und kniff die Augen zusammen, dass sie nicht horen und nicht sehen mochte. Doch vor den Ohren brausste es ihr wie alle Waldstrome des Fichtelgebirgs, und vor den Augen zuckte ein Blitz nach dem andern. "Verzehrt hat mich des Vaters Mund ...." sang der Vogel weiter, und obgleich der Mutter das Lied klang wie Todtenglocken, so war's doch dem Vater als ob Engel singen zu goldnen Harfen, und ein susser Geruch wie Rosmarin und Holderbluthe herabrieselte von dem Wipfel des Baum in die sonnenhelle Stube, "Lieb Schwesterlein that mich begraben," tonte des Vogels Stimme weiter, und Lenchen musste, um sich satt zu weinen, den Kopf auf die Knie legen. Der Vater konnte hingegen nicht mehr im Hause bleiben, und wollte heraus, nach dem seltsamen Vogel zu schauen, was er auch that, ob ihn schon die Frau beim Armel zuruckhielt und stammelte: "Geh nicht! Geh nicht! Es wankt ja das Haus, und steht's nicht in Flammen?" Da der Vater nun den Vogel beschaute, und sich seines Gefieders freute, wie auch sich wunderte ob der befremdlichen Worte, die er sang: "Beim Mandelbaum, im kuhlen Grund, .. kywitt! kywitt! welch ein schoner Vogel bin ich!" so liess der Sanger die goldne Kette fallen, gerade um des Vaters Hals, dass sie ihm stand, wie der Schmuck eines Ritters oder Marschalls. Als er nun freudig hineinging, und der Frau das Geschmeide wies; so konnte die Sundige sich kaum aufrecht erhalten, weil der Vogel wieder anhob, wie mit tausend Zinken- und Heroldsstimmen: "Die Mutter hat mich erschlagen!" "O mein Herz!" seufzte die bose Frau: "O lage ich doch tausend Klafter unter dem Boden, dass ich nicht horen musste, was das Gespenst dort auf dem Baume krachzt." Der Vogel kam nun an die Weise: "Lieb Schwesterlein that mich begraben," und nun musste auch das Magdlein hinaus, um den Vogel zu schauen, der ihr die rothen Schuhe herunter warf, auf denen sie frohlich in die Stube zurucktanzte. Da schmetterte der Vogel fein: "Kywitt! kywitt!" wie ein rustiger Trompeter durch die Luft, und horte nicht damit auf, dass der falschen Mutter die Haare zu Bergen standen, wie Feuerflammen und wehende Waldbaume. "Ach!" schrie sie verzweifelnd: "Geht denn die Welt nicht unter? Hort denn der Bube nicht auf zu schreien? Ich muss hinaus zu ihm, ob es mir wohl mein Herzblut kosten wird!" Rannte hinaus, und vom Mandelbaum polterte der Buchtstein herab, dass sie elendiglich zerschellt dahin sank, viele Fuss tief in die Erde, aus welcher der Stein nimmer gehoben werden konnte. Der Vater und Lenchen rangen die Hande, da Dampf und Feuer aufging von der Statte. Als aber der Rauch verzogen, die Flamme erloschen war, da war es unter dem Mandelbaume wie zuvor, das Gras spielte im Winde, die Blatter regten sich leise und der kleine stand, weiss wie Schnee, und roth wie Blut, und lebendig wie ein Hirsch vor dem Vater und dem Schwesterlein, und sprach: "Guten Tag, ihr Lieben, und wohl mir, dass ich wieder bei Euch bin." Und wie sie sich frohlich zu Tisch setzen, ist das Mahrlein zu Ende.

"Blase, Barenhauter!" schrie Veit: dem Wachter in die Ohren, der langsam und faul nach dem Horn griff, da die Reiter schon nahe am Graben waren. "'S ist wahrlich mein Alter!" rief Else unter dem Geschmetter des Horns: "Gott und alle Heiligen seyen gelobt." Indem sie jedoch schnell aufstand, bemerkte sie mit Schrecken, dass Wallrade von der Steinbank zur Erde gegleitet war, und ihrer Sinne verlustig geworden, dahin liegend wie eine Leiche. Die Frauen sprangen der Ohnmachtigen bei. Der Junker sah ihnen hohnisch lachelnd uber die Achseln. "Seht doch einmal!" rief er: "Das Fraulein ist ja doch sonst hart wie Stahl und Eisen, und weder Hass noch Liebe erschuttert sie. Wie kommt's, dass ein Kindermahrlein die Starke umwirft? Ich laufe, die Zugbrucke herab zu lassen." Er uberliess die Bewusstlose ihren Pflegerinnen, und eilte hinab an das Thor der Veste, um den Ankommenden den Einritt zu verstatten. Sie kehrten alle wohlbehalten zuruck, aber mit verdrusslichen Gesichtern. Bechtram ritt eines Knechts Mahre, und sein eignes Pferd kam hinkend hinterdrein. "Das war ein Miserereritt!" rief er dem Leuenberger entgegen: "Gotts Marter! wer sagt mir denn, was meinem Hengste fehlt?" Die bockbeinige Mahre hat mich abgeworfen, da ich ihr das Hinken mit den Sporen austreiben wollte, und das hat unserm Zug ein plotzliches Ende gemacht, denn der Satan versuche an dem Tage sein Gluck weiter, wo sein Leibpferd ihm abwarf. Das gedeutet Ungluck, und vielleicht sogar Hexere. "Wir hatten der bosen Zeichen viele," rief der Hornberger dazwischen: "eine alte Vettel war der erste Mensch, der uns begegnete, und der Teufel selbst kann kein grosser Ungluck herbeifuhren." Die Ubrigen hatten indessen das Pferd umringt, und belugten das Thier von allen Seiten, wie schon im Freien geschehen war, ohne die Ursache seines Gebrestes und seines Kollers entdecken zu konnen. "Kreuz und Stern!" rief Bechtram ungeduldig, und zauste seinen grauen Knebelbart: "Irgend etwas muss doch die Schuld tragen. Wer weiss, ob Deine Base den Gaul nicht verhert hat, Leuenberg." Die Ubrigen brachen in lautes Gelachter aus. Doring fasste ubrigens den Gedanken auf, und versicherte ernsthaft und kopfschuttelnd, es sey hier wohl eher die Wahrscheinlichkeit einer Zauberei da, als nicht. "Es ware moglich, dass die Kramer zu Frankfurt Dir den Gaul geknupft hatten;" meinte der Reifenberg, und der von Wiede schwor bei allen Wettern, Zauberei stecke dahinter, und weiter nichts. Sie standen mit untergeschlagenen Armen im Kreise um den Gaul, und Bechtram sprach endlich verdrusslich: "Was verzaubert ist, muss, sich auch entzaubern lassen, wenn man's nur verstande." "Warum liegt Ihr im Bann?" wieherte der Hornberger: "Warum nahm Euer Kaplan Reissaus? Die Schorkopfe kennen Teufelei und Hexenwerk wie ihr Messbuch, und beten dem Satan die Horner stumpf." "Wenn's nur das ist, da kann abgeholfen werden," meinte Bechtram: "in meinem Verliesse steckt ja ein Kuttenknecht, und man konnte ihn ja eine Weile aus dem Kafig lassen, um hier seine Schuldigkeit zu thun." "Ja wohl," pflichtete der Leuenberger bei: "und so Ihr begehrt, verlange ich von Eurer Hausfrau die Schlussel, und schleppe Euch den hagern Burschen her." Bechtram gab nach einigem Bedenken die Einwilligung, und Veit eilte, seinen Auftrag auszurichten, und kehrte bald mit dem Monch zuruck, dessen Gang sich sehr von dem schleichenden Katzentritt seiner Ordensbruder unterschied. Kraftlosigkeit lag jedoch uber sein ganzes Wesen ausgebreitet, und das Gesicht hielt er in der Kaputze verborgen, durch deren Offnung ein verwirrter Bart sich sehen liess. "Willkommen, hochwurdiger Herr;" redete ihn Bechtram spottend an: "Ihr mogt vergeben, dass meines Gewerbes strenge Beschaftigung mir noch nicht die Musse gonnte, einen werthen Gast, wie Ihr seyd, von Angesicht zu Angesicht zu schauen. Ich hoffe indessen, dass Euch und euerm Begleiter die nothwendige Atzung nicht gefehlt haben werde." "Der arme Schelm!" schaltete Doring mitleidig ein: "Frau Else hat nur fur trocken Brod und klares Wasser gesorgt." Bechtram warf ihm einen finstern Blick zu, und entgegnete mit trockner Kalte: "Ein Jeder, Freund, wird in meinem Hause gehalten, wie es seinem Stande geziemt. Monch und Bauer sind auf die nuchternste Kost angewiesen, und darum hat meine Wirthin ihre Tafel also geordnet. Ich mochte Euch indessen, wurdiger Vater, gern zu einem bessern Trunk und leckerem Bissen verhelfen, wenn Ihr mir dieses Pferd hier, das am Hinterfuss verzaubert und gebannt ist, wieder zurecht bringen wolltet durch euern Segen und Beschworung." Der Monch, der bis daher noch kein Wort gesprochen hatte, sah auf den Gaul und dessen Herrn hernieder wie ein Furst, und erwiederte ruhig: "Ich verstehe das nicht, Herr, was Ihr begehrt." Bechtram war mit der Antwort nicht zufrieden. "Ausfluchte," sprach er lachelnd: "Ihr Klosterleute pflegt doch sonst eher mehr zu versprechen als ihr halten konnt, und allzugrosse Bescheidenheit ist eure Sache nicht. Hangt sie an den Nagel, und stellt mir das Thier wieder her. Es soll euer Schade nicht seyn. Hoher als eines Menschen Leben schatze ich das Ross, und meine Dankbarkeit ist Euch gewiss."

"Ich wiederhole Euch, Herr," versetzte der Monch gelassen, "dass ich nichts von Beschworungen verstehe." Bechtram's Stirne wurde glutroth, und der Hornberger fuhr auf. "Bist Du ein Pfaffe," schrie er, "und kannst nicht einmal ein verhextes Vieh losen? Schwanke uber Schwanke! Das Zaubern lernt ihr aus euern Chorbuchern, die keine andre Christenseele versteht. Merkt Ihr nicht, Bechtram, dass der schmutzige Barfusser Euch nur zum Besten hat? dass es ihm Freude macht, Euern Renner krumm und lahm zu sehen? Die Pfaffen sind Eure geschwornen Feinde. Lass diesem hier nur die Peitsche geben, bis er sich bequemt. Kreuz und Dorn! ich mache nie so viele Umstande mit den braunen Unthieren." "Hm," erwiederte Bechtram: "ich werde doch in sechzig Jahren nicht weniger gelernt haben, als Ihr, mein Herr von Hornberg? Lasst das Hofmeistern auf gelegnere Zeit, wenn Euch der Bart grau geworden. Ich weiss schon selbst, wie mit Widerspenstigen, umzuspringen ist." Der Hornberger wurde empfindlich uber die offentliche Zurechtweisung. "Bei allen Gewittern!" rief er: "Nicht so hitzig und beissig, Meister Bechtram. Dass ein grauer Bart nicht vor Thorheit schutzt, beweisst Ihr gerade jetzo, da Ihr einen erprobten Freund wegen eines Pferds und eines Tagediebs beleidigt." "Schweig! Gelbschnabel," erwiederte Bechtram mit zorniger Geberde, indem er an die Hufte schlug, wo das breite Schwert hing. Friede! Friede! riefen jedoch die Andern dazwischen. Der Leuenberger nahm es uber sich, den Hornberg zu besanftigen, und der altere Doring machte sich an Bechtram. Die beiden gereizten Manner ergaben sich nicht alsobald in den Willen der Vermittler, und straubten sich lange gegen eine Versohnung des so schnell ausgebrochnen Zwists. Endlich hangte sich noch der Reifenberg an den Hornberger, Henne von Wiede an den Burgherrn, und sprachen, so gut es ihre rauhe und der Schmachreden mehr denn der Friedensworte gewohnte Zunge vermochte, kraftig genug zur Suhne. Wahrend nun die eine Partei unter lebhaften Geberden auf der Scheibenbahn des Zwingers auf und ab lief, und die andre, heftige Worte wechselnd, sich an das Gatterthor gezogen hatte, besah der Monch das arme Ross nach allen Regeln der Kunst, so dass sich die Knechte selbst ob der Unerschrockenheit wunderten, mit welcher ein des Reitens unkundiger Klosterbruder das wilde und ungeduldige Thier zu behandeln wagte. Er war mit seiner Untersuchung zu Ende gekommen, als gerade die friedestiftenden Freunde auch an das Ende ihrer Bemuhungen gelangt waren. Des Hornberger's Hitze war grosstentheils verdampft; der kaltere Bechtram hatte erwogen, dass er des unerschrocknen Kampen wohl noch ferner bedurfe, und beide boten endlich willig die Hand zur Ruhe und Minne. "Lasst's gut seyn;" brummte Bechtram, des Junkers Rechte schuttelnd. "Gott strafe mich, wenn ich's Euch gedenke;" erwiederte der rohe Mensch, dem altern Kumpan um den Hals fallend: "aber, setzte er hinzu: da sich zwei wackre Edelleute um solches Ungethum auf den Monch zeigend vermeinigt haben, so muss der Bube uns beiden Genugthuung leisten, und auf der Stelle den Teufel beschworen, der in dem Gaule sitzt, oder es geht ihm nicht gut." "Recht, Hornberg;" bekraftigte Bechtram, der sich mit dem Ubergewichte eines hochmuthigen Zwingherrn gegen den Monch wendete: Mache Dich fertig, Pfafflein, sonder Widerrede, heile mir das Pferd. Ehe die Abendsonne hinter jene Linde sinkt, muss es geschehen seyn. Mangelt Dir etwas vom geistlichen Staat, so zu diesem Werke nothig ware, so soll es Dir gereicht werden. Weihkessel und Wedel, Stola und Messrock findet sich in meiner Kapelle. "Darum sprich und treibe Deine Schwanke, damit mein Gaul gesunde, und es Dir wohl gehe auf Erden."

"Muss ich denn wiederholen, was ich fruher sagte?" fragte der Monch achselzuckend, mit etwas verachtlicher Miene, so weit sich sein blasses Gesicht unter der Kaputze erkennen liess. Bechtram stampfte wild mit dem Fusse. "Hagel, Sturm, Pest und rother Hahn!" schrie der vorlaute Hornberg: "Tagdieb! willst Du wohl gehorchen? Seit einer Stunde schon gibt Dir ein biedrer Rittersmann die besten Worte, und Du, schmutziger Bettelganger, treibst Deinen Spott mit ihm? An's Werk, oder ich lahme Dich wie den Gaul hier."

Er griff nach seinem Lieblingswerkzeug, dem Messer am Gurtel. "Bist Du denn toll?" rief ihm der Leuenberger in's Ohr, und hielt seinen Arm. Der wilde Junker straubte sich jedoch ungeberdig, und rief ausser sich: "Lass mich, Veit, lass mich! Ich will die Kniesehne des Faullenzers treffen, so gut als die eines Pferdes!" Leuenberg liess indessen nicht ab, und die Ubrigen standen ihm bei. Der Monch kehrte sich gelassen zu Bechtram, und sprach: "Ich weiss wohl, dass der gute ungestume Junkherr Wort halten wurde. Einen Menschen zu verstummeln wie ein Thier fallt ihm nicht schwer. Demungeachtet kann ich Euerm Wunsche durch eine Beschworung nicht genugen, wohl aber durch leichtere Hulfsmittel. Das Ross ist nicht behext, und wenn es der Hufschmidt Sr. kaiserlichen Majestat behaupten wollte. In seinem Hufe sitzt die ganze Zauberei, und diese Krankheit nennt man die Steingalle. Gefallt es Euch, so will ich noch diese Nacht ein wundatzend Wasser bereiten, und morgen das Pferd damit von Grund aus heilen. Mit Zauberei gebe ich mich aber nicht ab." Die Edelleute standen unglaubig und stumm bei diesen Worten. Als aber der Monch mit gewandter Faust des Pferdes Huf aufhob, und ihnen Allen den kleinen braunrothen Fleck darinnen zeigte, den ihr ungeubter Blick ubersehen hatte, und sie sich uberzeugten, dass bei der Beruhrung dieses verletzten Fleckchens das Thier zusammenschauerte, und mit aller Macht zu hauen und zu beissen verlangte, da kam ihnen doch nach und nach zu Sinne, dass der verachtete Klostermann wohl Recht haben konnte, und eine gewisse Art von Bewunderung trat an die Stelle des pobelhaften Hohns. "Ei, hochwurdiger Herr," sprach Bechtram so verbindlich als es ihm moglich war: "Ihr verrathet einen Mann, der nicht in die braune Haut gehort, die Ihr auf dem Rucken tragt. Solch adlich Reitergewerbe zu verstehen, wie Ihrs versteht, was sich aus Euren Handgriffen und zuversichtlichen gerechten Worten ermessen lasst, das lernt man sonst in Euern Klostern nicht, worin der Bettelesel das einzige Thier ist, das von Ferne eine Ahnlichkeit mit dem edlen Rosse hat. Sagt, womit ich Euch erfreuen kann; nur die Freiheit muss ich Euch fur jetzo versagen, da mir es eine andre Pflicht gebietet." "Ich weiss zwar nicht, welche Pflicht Euch gebieten kann," versetzte der Monch, "die Gewaltthatigkeit fortzusetzen, die jener junge unbesonnene Mann an mir und meinem armen Fuhrmann verubt hat. Allein eben in die Gewalt muss man sich fugen, so man nicht der Starkre ist. Heile ich Euch jedoch den Hengst, und findet Ihr morgen, dass ich nicht zu viel versprochen, so erleichtert in etwas das Schicksal des armen Bauers, der mit mir in Euerm Thurme schmachtet. Bedenkt, dass er ein Weib daheim hat, und funf Kinder, die nicht ahnen, wohin ihr Ernahrer gerathen ist, und die vielleicht vergehen in Noth und Jammer, wie Er dahin schwindet in Heimweh und verzehrendem Gram. Behandelt ihn nicht schlechter als Euere Ruden, die denn doch dann und wann eine bessere Atzung erhalten, als verdorbnes Haferbrod und schlammiges Wasser. Mit einem Worte: haltet den Unschuldigen wie einen Menschen; dann habt Ihr mir reichlich den geringen Dienst vergolten, welchen ich Euch leisten will." Bechtram schwieg etwas beschamt. Die edeln Herren sahen sich der Reihe nach verwundert an. "Ein wunderlicher Heiliger!" lachte der Hornberger, der sich aus seiner Wuth wieder zum Scherz gefunden hatte: "Wenn Ihr ihn auf der Fahrt hieher gesehen hattet, ... geschworen hattet Ihr, der Mensch sey stumm. Auch kein Wortlein hat er verschwendet, so tapfer Leuenberger's Base ihn in's Gebet nahm. Ohren und Augen in die Kutte gehullt, sass er da, wie ein Bild von Holz, und ich schwors, er hat auch kein Wort gehort, was wir gesprochen. Jetzo aber geht ihm der Mund frisch weg, wie ein fleissiges Radlein. Gluck zu, Pater!" "Man rede nur zur gelegnen Zeit;" versetzte der Monch ruhig. "Man rede aber auch alsdann fur sich, und nicht fur Andre;" fugte Bechtram mit einer Gutmuthigkeit bei, die ihm um so besser anstand, als er selten darein verfiel: "Mir war's lieber, bei Gott; Ihr verlangtet etwas Bessres, als ein Stuck Fleisch fur den dummen Bauer." "Mein Gewand ist das der Demuth;" entgegnete der Monch kurz: "ich begehre nichts fur mich; aber hindert Euch denn dieses, mir freundlich entgegen zu kommen? Fur heute wunsche ich nichts als Ruhe, und dass man mir verstatten moge, in den Thurm zuruck zu kehren, um das Wundwasser fur das Pferd zu bereiten." "Wohl wird es kuhl und dammrig hier im Zwinger," meinte Bechtram, "und wir wollen Euch unter Dach und Fach bringen, guter Klostermann. Aber bei leibe nicht in den Thurm. An unserm Hausherde konnt Ihr weit leichter Euern Balsam brauen, und an unsrem Trinktische sitzt sich's besser, als in dem Kerker. Kommt mit; einige Becher edeln Getranks werden Euch starken, und ein Stuck kostlichen Wildbratens-Euern Gaumen vergnugen. Ihr erzahlt uns dabei aus Euerm Leben, und aus der Ferne, denn, weit seyd Ihr hergekommen, und helft uns also den Abend verkurzen." "Ich bin ein schlechter Erzahler," antwortete der Monch: "im Thurm aber wird mein Begleiter, der arme Bauersmann, meine Gesellschaft vermissen. Mein Trost allein und mein Zuspruch druckten ihm die Augen zu auf seinem elenden Strohlager." "Pah!" rief der Leuenberger: "solch Volk braucht kein Einlullen." "Keine Genossenschaft, als die der Ratzen und Spinnen," setzte Hornberg hinzu. "Ja wahrlich!" bekraftigte Bechtram: "Ich sende dem Manne einen Becher Wein, daran mag er sich Rausch und Schlaf zutrinken, und frohlich seyn. Ihr aber, Pater, Kreuz und Stein! Ihr musst mit, und ohne Zogern."

Der Ritter nahm den Arm des Monchs unter den feinigen, und das ganze Hauflein der Gaste nahm seinen Weg zu dem Gatterthore, an welchem die Hausfrau ihnen entgegen kam, und den Eheherrn bewillkommte. "Wo ist das Fraulein?" fragte er schnell, und jeder Mund wiederholte die Frage, und jeder Blick suchte sie. Frau Else gab jedoch eine unbedeutende Unpasslichkeit vor, versicherte, dass dieselbe bald voruber seyn wurde, und fuhrte die Herren sammt und sonders in das Gemacht des ersten Stockwerks, wo auf dem eichenen Tisch Speisen aufgestellt waren, und vom Kandelbrett die glanzenden zinnernen Kannen herableuchteten, mit den sauber geformten Angstern, den machtigen Passglasern und den bauchigen Krugen. Wie heisshungrige Wolfe fielen die Gaste uber die derben Keulen her, und der duftige Wein stromte in die Becher. Frau Else schnitt das Fleisch vor, das Fraulein von Leuenberg kredenzte in Ermanglung eines reizendern Mundschenks den Trunk, und bald verwirrte sich Alles in scherzhaften Gesprachen und Alletagsreden. Doring und Weide griffen nach der reisenden Uhr1, sich die Zeit zu vertreiben; der Reifenberger krahte ein Minnelied zu Petronellens Ehre, welches der tolle Hornberger mit einer verstimmten Laute begleitete; Bechtram, der Leuenberger und der Monch sassen beisammen, und schwatzten von Jagd und Falkeniererskunst, in welcher der Letztere nieder ungemeine Fertigkeit verrieth, und den Zuhorern manch Jagerstucklein und Falknergeheimniss zum Besten gab, von dem sie sich nichts hatten traumen lassen. Bald jedoch nahm der Wein in Bechtram's, wie in Veit's Kopfe uberhand, und es entspann sich zwischen ihnen ein Hader uber Wilderei und Forstherrngerechtsame. Die Ubrigen, nicht minder vom Wein ergluht, mischten sich in den Handel, und ehe man sich's recht versehen konnte, sassen alle beisammen an einem Tische, um sich mit weniger Aufwand an Stimme und Geberden zanken zu konnen. Petronella nahm keinen Theil an dem Mannerzwist, sah sich vergebens nach Elsen um, die aus der Stube verschwunden war, und steuerte endlich auf den geistlichen Herrn zu, der jedoch von ihrem Vornehmen etwas merken musste, da er plotzlich aufstand, und aus dem Gewirre und Gelarm der Bezechten, wie vor der Redseligkeit der alten Jungfrau froh, um an den verglimmenden Kohlen des Herdes die Wundarznei zu bereiten, und daneben seine Schlafstelle zu suchen. Die Glut knisterte schon unter dem Topfe, in welchem das Wasser gahrte, vermischt mit dem nothwendigen Wein und Gewurz, und der lange braune Mann stand sinnend, mit ubereinander geschlagenen Armen, uber die Dampfe des Topfes hinwegsehend in den finstern Schlot, bis ihn ein Gerausch aufzuschauen bewog. Frau Else stand neben ihm, ergriff seine Hand, und kusste seinen Armel. Da sich nun der Monch darob verwundert anstellte, so redete Frau Else also, mit demuthigem Gesichte: "Liegen wir gleich jetzo im Baum hier zu Falkenstein, so sind wir doch getaufte Christen, und keine Heiden oder Juden, die es gerne sehen, wenn die Geweihten des Herrn in Trubsal schmachten und Noth. Hochwurdiger Herr; es hat mir oft das Herz geblutet, dass mein Alter Euch gefangen halten muss, seiner eignen Sicherheit wegen, und dass sich Euch nicht besser bewirthen durfte, als bisher geschehen: ich bin aber die Frau, wurdiger Herr, und der Mann fuhrt den Befehl. Vergebt mir also." "Hab' ich Euch gezurnt, Frau?" fragte der Monch dagegen: "Wollt mir gutigst hier eine Weile beistehen, so lange das Wasser kocht;" setzte er hinzu: "denn ich muss Euch bekennen, dass ich des Kuchenhandwerks nicht allzu gewohnt bin." "Ich glaub' es wohl, hochwurdiger Vater;" erwiederte Frau Else: "das Geschaft schickt sich eher fur weibliche Hand, und ich will gerne, so Ihr mir begreiflich macht, was dabei zu beobachten ist, es ganz an Eurer Statt zu Ende bringen, wenn Ihr geneigt wart, einer armet mit sich selbst und ihrem Gott zerfallnen Frau einen Liebesdienst zu erweisen, wie ihn die Kirche und der Heiland fordern und eingesetzt haben." "Wie meint Ihr das, Frau, und ist von Euch die Rede?" fragte der Monch ernsthaft. "Nicht von mir gerade, liebster Herr;" sprach Frau Else heimlicher: "ich liege im Bann durch meines Mannes Schuld, und darf ja von der Kirche nichts begehren, bevor wir nicht losgesprochen. Aber da ist eine Frau im Schlosse, eine Verwandte von uns, musst Ihr wissen; und diese Frau sehnt sich plotzlich nach dem Sakrament der Beichte und Busse, wie ein Sterbender nach dem Liebesmahl. Ich hab's nicht gern gethan, allein ich musste ihrem Bitten nachgeben, da der Zufall gewollt hat, dass mein Herr Euch aus der engen Haft entlassen. Wollt also sagen: Ja, und die Schlussel zur Kapelle empfangen, denn in das Gemach der Schwermuthigen darf ich Euch nicht bringen, weil die Manner es merken konnten, und der Jahzorn meines Alten ist ohne Granzen, weil er im Bann liegt, und er kann daher nicht leiden was geistlich, oder geistlicher Verrichtung ist. Ich sende Euch die Bussbedurftige, ... in einer halben Stunde ist alles abgethan, und Ihr nehmt einen Gotteslohn mit Euch."

Der Ordensmann war wahrend dieser Erlauterung verlegen und unruhig geworden. Mit einer gewissen Heftigkeit weigerte er sich des Antrags, und schob der Weigerung, Schuld auf das Interdikt, das auf der Veste ruhe. Frau Else warf ihm dagegen ein, dass die Fremde nicht dem Banne unterliege, und es demnach nicht gegen das Gewissen des Paters laufen wurde, wenn er das Verlangte thue. Durch die abschlagige Antwort noch obendrein ein wenig gereizt, setzte das mannliche Weib mit unverholner Bestimmtheit hinzu: "Ihr Herren macht ja sonst keine Umstande, wenn es darauf ankommt, einen Beichtheller zu gewinnen. Den heilige Vater mag Stadte und Weichbilder in Bann thun, und alle andre Welt- und Ordenspriester mit Kreuz und Fahnen von dannen ziehen, I h r bleibt zuruck, und singt Eure Metten und Vesper, nach wie vor. Fugt Euch darum heute auch gutwillig, versteht Ihr mich? Eure Tafel soll Eure Willfahrigkeit verspuren, hort Ihr? Hier ist der Schlussel zum Kirchlein, setzte sie hinzu, indem sie den Machtigen von dem breiten Schlusselringe losmachte: hier steht eine Leuchte, mit der Ihr vorsichtig umgehen mogt, denn es liegt allerlei brennbares Zeug in der Kapelle, und sie ist etwas in Unordnung gerathen, aber zum Beichtsitzen ist Platz genug vorhanden. Geht voraus; gleich sende ich Euch das Fraulein. Lasst es aber unterwegs, mit demselben vielleicht eine List anzuspinnen, um zu entkommen; unsre Augen, sind scharf; man hintergeht nicht mich, nicht meinen Alten." Somit drehte sie, ohne eine Antwort abzuwarten, dem Monch den Rukken, und ging nach der Treppe, uber welche das Gebrull der Zecher, die ein Fechtlied angestimmt hatten, in die Halle schallte. "Wartet! wartet, ihr Trunkenbolde!" schalt die Hauskonigin, indem sie ihre Faust mit einem Besen bewaffnete: "Ich will Euch zur Ruhe bringen, dass der Larm aufhore bei nachtschlafender Zeit. Ihr musst fromm seyn, wenn Ihr noch einen Tropfen Weius bekommen wollt!" In der That verfugte sie sich auch vorerst in die Trinkstube, brachte durch ihre Vorwurfe und durchdringende Stimme die Larmenden zu besserer Erkenntniss, und nachdem sie die Ruhe wieder in etwas hergestellt, begab sie sich in das hohere Stockwerk, das Frauengemach, wie ihre schweren Schritte auf der steinernen Stiege vernehmen liessen. Der Monch zundete indessen die Leuchte an der Flamme des Herds an, schob sein Gebraude von der Glut, lachelte dann seltsamlich, und blickte nachdenkend gen Himmel. "Sollte es denn wohl eine Sunde seyn," fragte er vor sich hin, "wenn ich mich in diese Zumuthung fuge? Nicht doch; setzte er nach kurzem Bedenken bei: dies Gewand schon erheischt es, und dann ist es ja eine Trostbedurftige in Rauberhanden, die nach der Theilnahme eines Menschen verlangt, in dessen Worten sie den allmachtigen Gott zu finden hofft. Vermuthlich, trotz der Verwandtschaft, von welcher Frau Else sprach, eine gleich mir Gefangene, .... vielleicht diejenige, um deren Willen man mich und den Unglucklichen, der mich fuhr, zuruckhalt, ob wir gleich in unsrer Abgeschiedenheit nicht einmal ihren Namen erfuhren? Werde ich sie aber trosten konnen, ich, der Trostsuchende und Trostlose? Vielleicht denn doch: auf die Lippen des Leidenden setzt sich wohl zuweilen ein Engel, welcher andern Gepruften das Heil einer gesegneten Zukunft verkundet. Lass sehen!"

Er fasste Leuchte und Schlussel, und schlich uber die Holztreppe in den engen Hof, in welchem er nach wenigen Schritten das Kirchlein erreichte, dessen niedrige Pforte mit einem grossen Kreuze bezeichnet, und von einem halb verwitterten Fliederbaume durftig beschattet war. Schon hatte die Spinne ihr Gewebe uber die Offnung des Schlosses gezogen, schon hatte der Rost sich in die Angeln gesetzt, dass sie knarrten wie Rader, als der Monch die Pforte aufthat. "Was macht Ihr da, frommer Herr?" fragte eine Stimme uber die Brustwehr der Hofmauer aus dem Zwinger heruber, leise und mit Theilnahme. Ein Knecht guckte heruber, der gerade vier Stunden lang die Rundwache hatte, und auf dem Mauerganglein einherschlenderte. "Ich gehe beten!" versetzte der Monch ohne eine Betroffenheit zu verrathen, die ihm hatte Schaden bringen konnen. "Ei Herr," sprach wieder der Knecht, ein junges Blut mit treuen Augen: "darf man denn beten, wo der Bannfluch haust?" "Warum nicht?" redete der Monch: "Gott ist uberall, und seine Mondesscheibe sieht die Gebannten an, wie die Freien." "Ach, wie dank' ich Euch, wurdiger Herr," versetzte der Knecht: "ich habe mich gescheut, den englischen Gruss zu beten, seit ich auf der Veste bin, wahrend ganzer drei Wochen, und war doch daheim gewohnt, nie ohne Gebet einzuschlummern." "Bete Du auch hier!" versicherte ihn der Monch; "fromm seyn bringt Segen uberall. Behute Dich Gott!" "Und Euch;" flusterte dankbar der Knecht: "so Ihr etwas Geheimes da drinnen zu verrichten habt, habe ich Euch nicht gesehen. Ave Maria, Herr!" Ohne weitere Storung trat der Monch in die Kapelle, und es wurde ihm seltsam um's Herz, da er das kleine Gotteshaus in so ganz anderm Zustande antraf, als man es wohl an solchen Gebauden gewohnt seyn durfte. In einem Winkel aufgethurmt lagen Betschemel, Bahre und Abendmahlbanke, umflort von Staub und Spinnenfaden. Die Halfte des Kirchleins war angefullt mit Laubhaufen und Strohbundeln, wie mit einem Heuvorrath, welchen zu erganzen oder wegzunehmen die Burgknechte den bequemsten und kurzesten Weg gefunden hatten, namlich durch das an die Zwingermauer stossende Fenster der Kapelle, wo die Leiter lehnte, welche diese Geschaftsgange zu erleichtern bestimmt war. Die holzernen Stufen des Altars waren zertrummert; der Altar selbst in dem traurigsten Zustande. Der Burgpfaffe hatte die Monstranz mit sich genommen, und das Tabernakel stand offen und verodet. Das Bild unsrer lieben Frau neigte sich dem Beschauer von der Hohe entgegen, aber seines Schmucks entkleidet, und von dem Haupte des Bildes hingen noch wenige verwelkte und vertrocknete Blumen, die einst eine fromme Hand zu einem Kranze fur dasselbe gewunden hatte. Der Priesterornat, wie die Gefasse des Altars lagen in dem Schrein, dessen Thure weit offen stand, so wie der Zufall und neugierige Finger sie unter einander geworfen hatten. Die Fetzen eines alten Kirchenpaniers flatterten im Zugwinde traurig von der bestaubten Stange, und die Lampe, die ewige genannt, nunmehr aber auch erloschen, bewegte sich, von e i n e r Kette losgerissen, blos noch von der andern emporgehalten, klirrend im Luftstrome hin und her. Der Besucher dieser Ode hatte nicht lange Musse, alle Gegenstande genau zu betrachten, die sich ihm in finstrer Unordnung in diesem engen Raume, aufdrangten. Bald vernahm er die Schritte eines naher kommenden Menschen, und er hatte kaum noch Zeit gefunden, sich in den Beichstuhl zu setzen, den man zur Herberge alter und verdorbener Satteldecken gemacht hatte, als die Pforte wieder leise aufging, und eben auf diese Weise zugemacht wurde. Wallrade trat ein, in dichte Gewander und einen truben. Schleier gewickelt, warf im Vorubergehen gegen den Altar einen Blick in den Stuhl der Reue, und nickte dem Darin sitzenden langsam zu. Alsdann warf sie sich vor den Stufen des Altars nieder, und Thranen, seltne, seit Langem ungewohnte Gaste, heute schon einmal erschienen, besuchten die Erschutterte zum Zweitenmale. Ihre Lippen beteten, wie ihre Augen weinten, heftig, sturmisch, und ihr Flehen stieg leise aber dennoch sturmisch wie das vom Orkan gepeitschte Meer, wenn man es aus der Ferne sieht, zum Himmel empor. "Herr der Erde und aller Welten!" stammelte ihre Empfindung in unhorbaren Worten: "Wie ist doch mein Herz heute erfasst worden auf wunderbare Weise, und bist Du es, oder einer Deiner strafenden Ellgel, der also zu mir redete durch den Mund der aberwitzigen Alten? O gib mir doch einen Wink, dass Du es bist, oder verrathe mir, dass es der Geist der Ohnmacht allein gewesen, der uber mich kam, und mich schwacher machte, denn ein unbeholfenes Kind! ... Ha, wie dieses Wort mich ergreift. Warum hasse ich den Namen des Kindes, warum verachte ich den der Mutter, und warum dennoch ergriff mich so allgewaltig das mahrchenhafte Beispiel der Grausamkeit einer Mutter, des Leidens eines Sohns? Warum klang es wie mit metallnen Schlagen an mein Herz, dass auch i c h .... o weh mir! Wer hilft aus diesem Wirrsal! Wer sagt mir, was ich thun soll, und ob ich recht thue, indem ich meinem entsetzten Gewissen folge, und zur Busse schreiten will, die mich vielleicht verwirft, die ich vielleicht verwerfen sollte, wenn meine Kraft noch die alte ware? Heilloses Schwanken! traurige Furcht vor den Gespenstern meiner Einbildung! Ich habe ja nicht gemordet! was will ich denn eigentlich bekennen? Gott schutze mich und meine Vernunft!"

Sie erhob sich entschlossen, naherte sich rasch dem Beichtstuhle, in welchem der Geistliche lehnte; zu dessen Fussen die hell aufflackernde Leuchte brannte. Und als sie den Schleier zuruckwarf und auf die Stelle des Reuigen treten, die Knie beugen wollte, tonte ein schmerzliches "Ach!" von den Lippen des Monchs, und er schien in Bewusstlosigkeit zu vergehen. Wallrade, erschrocken, heftig wie sonst, reisst die Lampe auf, leuchtet in das Gesicht des Todtblassen, und entsetzt sich nicht minder. Denn nicht nur das Antlitz, das sich gewaltsam emporreisst aus den Banden des umklammernden Halbtodes, auch die Stimme ist's, die sie erkennt und furchtet. Die Augen des Monchs gehen auf wie drohende Mordbilder, seine Hand erfasst machtig die erkaltende Wallradens; mit der Linken entreisst er ihr die Leuchte, die sie so eben sinken lassen will, und seine Zunge stammelt ein schreckliches: "Jesus! Jesus! sehen wir hier uns wieder? Kennst Du mich?" setzt er heftiger bei, und sie nickt stumm mit dem zitternden Haupte, und halt sich schwindelnd fest in den Armen dessen, den sie hasst, damit sie nicht niedergleite zum kalten Boden. Und der Mann, der Zurnende, hat Mitleid mit der Vernichteten, und ein freundlicherer Ton seines Mundes ruft sie wieder auf zum Leben, zum Schauen. O dass in solchen Augenblicken der hereinbrechenden Wahrheit, Reue und Beschamung ein falsches Herz nicht bricht, um rein unter die Erde zu gehen! Dass mit der Besinnung und der wiederkehrenden Kraft auch die voruberblitzende Schaam schwindet, und das Bedurfniss der Suhne! Dass auf der Schwelle zum Licht, der finstre Geist seine Verbundeten zuruckzuhalten vermag! Dass jeder gute Vorsatz durch der Luge gift'gen Athem in der Bluthe vergeht, wie das Wort der Vertheidigung auf den Lippen des schuchternen Magdleins! Von Wallraden wich der gute Engel trauernd, in einem Augenblicke der wichtigsten Warnung, und gerade d e m gegenuber, dessen plotzliches Erscheinen das Siegel auf ihren Bund mit der Busse hatte drucken sollen.

Fussnoten

1 Schach- und Brettspiel, Wurfel etc.

Elftes Kapitel.

Bist Du ein Weib? Du sollst mir keine Kinder

gebaren.

Macbeth.

"Wallrade! kennst Du mich?" wiederholte der Monch mit schmerzlicher Stimme, und Wallrade wand sich stolz aus seinen umfangenden Armen. "Wie sollte ich nicht, Rudolph?" fragte sie bitter: "Ich finde Euch immer im Gewande der Luge. Trug ist Euer steter Begleiter, und nimmer stand ein offner Helm uber Euerm Wappen. Was sucht Ihr hier? wie kommt Ihr hieher?" "Weib!" entgegnete der Herr von der Rhon, dessen bleiche Wange sich hoher farbte bei dieser schnoden Anrede: "Weib! sieh selbst, was Du aus mir gemacht hast. Hab' ich denn so schwer gesundigt, dass ich umherirren muss wie ein Fluchtiger, dem Henker Verfallner? Du hast mich fortgetrieben aus meinem Hause, von Allem, was ich liebte. Zu stolz, um mich einen Thoren schelten zu lassen von den Freunden, die mir auf dieser seltsamen Flucht begegnen mochten, zu schwach hingegen, ohne Scheu dem schimpflichen Tode entgegenzutreten, der von einem Worte Deiner Lippen abhing, beschloss ich, auch den Namen des Unglucklichsten aller Menschen von der chen meiner bessern Herkunft, weg die Erinnerung, dass ich einst am Tische des Konigs Platz genommen. Diese Erinnerung verband sich ja zu nahe mit derjenigen meines gezwungnen Abschieds von meinen Theuern. In das Gewand der Demuth und Durftigkeit gehullt, zog ich nach den Wallfahrtsorten der Schweiz, und fand an dem Fusse der Altare keinen Ersatz fur das, was ich zuruckgelassen. Durch das Elend ermannte sich aber mein Geist, der dem unmenschlichen Gebote zu widerstreben begehrte. Zuruck trieb es mich nach dem Wohnsitze meiner Lieben, trotz Deinen furchterlichen Drohungen. Was empfand aber mein Herz, da ich diesen Sitz, des hauslichen Friedens verodet und verwaist fand, alles von dannen genommen, was meinem Leben Werth zu verleihen vermochte, alle Bluthen entwendet, durch die Hand, die von jeher mein Ungluck machte; durch die Deinige. Lachle nicht so hohnisch. Du kennst die Bitterkeit dieser Empfindungen nicht. Du hingst nie aufrichtig und treu an einer Seele auf Erden. Wohin? stammelte mein Mund, wohin? fragte meine Zunge, und achselzuckend, denn meine Fragen klangen absonderlich und verwirrt, wendeten sich Alle, die ich fragte, von dem sinnverwirrten Pilger. Zu Costnitz erfuhr ich, dass Du zur Heimach gekehrt seyst, zu den D e i n i g e n namlich, an Thuringens Granze, dass eine Frau mit einem Kinde in Deinem Gefolge sey. Ein neuer Donnerschlag! M e i n Weib, m e i n Kind in Deinem Gefolge! Nachgeschleppt an Deine Kette, wie stumme Zeugen Deines grausamsten Sieges! Ich erkannte Deine Tucke, aber die Gegenstande meiner Zartlichkeit Dir zu entreissen, beschloss ich alsobald. Die Fluren, die ich seit Jahren mied, weil auf ihnen mir die Holle erwuchs, betrat ich wieder, gestarkt durch den Gedanken an Katharinen. In jenem Hause, das meine Verblendung und den Ursprung unsers unseligen Zwistes sah, suchte ich meine Lieben, und fand sie nicht, leer die Statte, wo ich mich einst in den Himmel traumte, wahrend ich einen finstern Geist umarmte." "Redet deutlicher;" unterbrach ihn Wallrade kalt: "Ihr meint das Haus Euers Weibes, in welchem Ihr Euer unrechtmassiges Weib und Eure Bastardtochter suchtet." "Wallrade!" fuhr der Herr von der Rhon empor, besann sich aber schnell, und sprach gemassigt fort: "Ich muss mich schamen, dass ich nicht gelassen Euern Vorwurf erdulde, da ich doch die Schuld mit leichtem Muthe begangen, deren Ihr mich zeiht. Aber, Wallrade, des Menschen Zorn soll nicht durch Ewigkeiten dauern. Vergebt endlich; ich muss glauben, dass ein erschuttertes Herz Euch in dieser Kapelle Einsamkeit gefuhrt, wo Ihr einen Priester des Herrn, einen Troster zu finden hofftet. Lasst die seltne Regung in Eurer Brust nicht ganz verschwunden seyn! Lasst aus der Gefangenschaft, die uns beide hier fesselt, die Bluthe der Versohnung entspriessen. War ich hart und ungerecht gegen Euch, so vergebt mir, wie ich Euch verzeihe, was Ihr mir Boses zugefugt. Lasst ab, mich zu verfolgen, wegen dessen, was unwiderruflich einmal geschehen, nicht mehr zu andern ist." Wallrade sah ihn verachtlich an: "Ihr traut Euch viel Werth zu," sprach sie, "da Ihr glaubt, mein Hass konnte wirklich niemals eine Granze finden. Ich habe Euch es gedroht, aber der Jammer, in welchem ich Euch muthlos versunken sehe, bewegt meine Brust. Konnte ich einst Euch lieben? das frage ich mich selbst erstaunt, da ich Euch winselnd um meine Gnade flehen hore. Ist das der Mann, der einst alle Schranken ubersprang, um mein zu seyn? Seines Vaters Befehl, meine eigne Abneigung gegen jedes feste Band? Ach, schon damals hatte ich ahnen mussen, was die Folge bringen wurde. Ihr scheutet Euch, im hellen Sonnenlichte mir zu gehoren, und diese Scheu gefiel meinen abenteuerlichen Gedanken, meiner gedemuthigten Sprodigkeit, die gern vor aller Welt die Larve der Unuberwindlichkeit vorbehalten hatte. Eure Flatterhaftigkeit, Euer Wankelmuth enttauschte mich furchterlich. Der Segen des Priesters war ein Zauberwort gewesen, das unser Wohl vernichtet hatte. Lasst mich uber jene Zeit hinweggehen, wo Ihr mich uberreden wolltet, ich sey plotzlich ein Teufel geworden, wahrend Ihr mich zuvor den Engel Euers Lebens nanntet. Von Eifersucht und Unzufriedenheit zerrissen, verliesst Ihr mich und Euer Kind, um der Gatte einer andern zu werden. Ware ich wirklich so bose gewesen, als Ihr betheuertet, schon damals hatte ich unsre Ehe bekannt gemacht, Euch und Euer Kebsweib der Schande preis gegeben. Ich that es nicht; nur mag mir vergeben werden, dass ich denjenigen nicht mehr in meiner Nahe dulden wollte, dem ich's verdanke, dass ich mit dem Leben zerfallen bin." "Bin ich es weniger?" fragte Bilger entgegen, und sah sie durchdringend an: "Weib, das durch seine gleissnerische Beredsamkeit meinen Fehler in eine unverzeihliche Sunde verkehren mochte. Fraulein von Baldergrun! gedenkt des deutschen Herrn, Eures weitlaufigen Verwandten, Eures nahen Freundes! Lasst mich schweigen! Seine Hulfe schloss unsern Bund, seine Hand hielt unsern Knaben zur Taufe, sein tuckischer Sinn vergiftete mein Gluck, und gab Dir Muth, in Deiner wahren Gestalt aufzutreten. Hier ein Bundniss, das mir nicht ehrenhaft mehr schien, um es laut zu offenbaren, ein Weib, das ich, das mich hassen gelernt hatte, ein Freund, der unter dem Mantel der Blutsfreundschaft und der Sittenreinheit eine unumschrankte Gewalt uber Dich und mein Kind ausubte, kurz eine Zukunft voll Verzweiflung und blutigen Ausgangs, dort hingegen ein greiser Vater, der es in die Hand seines Waffengenossen geschworen hatte, seine Tochter nach dessen Tode zu erziehen, und seinem Sohne zu vermahlen, diese Tochter selbst, ein Urbild von Sanftmuth und Unschuld, gegen deren Vorzuge Deiner Reize gefahrlicher Zauber mich unempfindlich gemacht hatte, Scheu, falsche Schaam, dem Vater zu gestehen was vorgegangen, das nagende Gefuhl, kein Gluck an Deiner Seite, nur Elend zu finden, das Bewusstseyn, dass Katharine um meinetwillen vergehe in stillein Liebesgram, mit einem Worte, ich war ein Mensch, und fehlte vor Kirche und Gesetz, wahrend mein Herz mich frei sprach."

"Eitle Reden!" erwiederte Wallrade streng: "Die Schmahungen, mit denen Ihr mich, und den Herrn von Issing uberhauft, verzeihe ich Euerm Gewissen, das schwindelnd an dem Abgrunde steht, und jeden Strohhalm fest halten mochte, um nicht rettungslos zu versinken. Ihr seyd fortan ein unwurdiger Gegenstand meines Hasses. Geht hin! ..." Bilger hielt die, zum Entweichen Gewendete zuruck, und fragte mit Thranen der Angst im Auge: "O Wallrade! ich will ja gerne schweigen, und glauben, dass die Tugend, die Ihr heuchelt, eine wahre ist; allein nicht dieser kalte und leere Bescheid genugt mir. Seyd nicht die Schlange, die in einem Augenblicke sich zahm um die Hand des Neugierigen wickelt, in dem nachsten jedoch ihn todtlich verwundet. Sprecht, .. wo ist meine Katharine, ... wo meine Agnes ...? soll ich beide nimmer wieder sehen?"

Wallrade sah mit einem stechenden Lacheln in das blasse Antlitz des Geangsteten. "Ich habe bewiesen," sprach sie langsam, "indem ich Mutter und Tochter der Hulflosigkeit entriss, in welche Euer Abschied sie versetzt hatte, dass ich keinen Groll hege gegen sie, die ich doch wahrlich den Umstanden nach nicht lieben konnte."

"Ihr hattet in Gutem fur sie gesorgt?" fragte von der Rhon misstrauisch: "Ihr? ware es auch, war's doch kein Verdienst; Ihr selbst triebt ja den Gatten und Vater von ihnen." "Schweigt!" herrschte ihm Wallrade zu: "Ich konnte sie verschmachten lassen, und that es nicht; ich konnte sie dem Hohn der Welt preis geben, und that es nicht. Nach Baldergrun wollte ich sie fuhren. Der Gedanke gefiel mir, gerade ihnen wohl zu thun. Allein ... begehrt Ihr ihr ferneres Schicksal zu wissen, so muss ich befurchten wirklich der Schlange zu gleichen, von welcher Ihr spracht." "O sagt's heraus!" unterbrach sie Bilger schnell und verstort: "Euer Zogern gibt mir im Voraus den Tod. O welches Wort sprach ich jetzt aus?" setzte er hinzu, und schauderte: "Musste ich ihn nennen, den Tod? Und steht er nicht in Verbindung mit dem, was ich von Euch erfahren werde?"

"Moglich;" antwortete Wallrade kalt: "Gewissheit ist indessen besser als der Zweifel. Durch meines Herzens Bezwingung erhielt ich Katharinens Freundschaft, allein weder Trost noch Freigebigkeit konnten ihr Leben erhalten. Mit ihrem Kinde im Arms sturzte sie sich in die Fluthen des Mains." Der Herr von der Rhon sank langsam nieder auf die Trummer der Altarstufen. "In die Fluthen des Mains!" wiederholte er mit der eisigen Kalte der Verzweiflung, die jedes Wort mit Zentnergewicht belegt, damit es ja unerbittlich die Seele zerschmettre. "In die Fluthen des Mains? Das, ungluckseliges Weib, war also deiner Tugend Ziel? das das letzte Schlafstundlein meines Kindes? O, wahr ist es, wahr, dass die Sunde nimmer Gedeihen bringt, aber nur der Teufel bringt die Sunde auf die Welt."

"Lasst doch meine Hand los!" sagte Wallrade zitternd, da sie sich von Bilger's eisiger Rechten erfasst fuhlte: "Die Kalte des Todes zuckt in Euern Fingern!" "Warum habt Ihr nicht recht?" jammerte der Herr von der Rhon, und erleichternde Thranen schossen in seine Augen, wie der Angstschweiss auf die Stirne: "Warum liege ich nicht auch, ein erstarrter Leichnam, im Abgrund des trugerischen Stroms? Ach, ich habe ja doch nur s i e geliebt. Was fruher mein Herz bewegte, war eitler Tand, ... s i e nur war das Juwel, die Perle meines Lebens. Aber so wie die Perl emporsteigt aus der Tiefe der Fluth, so hat sie sich hinunter gesenkt auf den kuhlen Moosgrund, weil die Welt zu arm war, dies Kleinod zu kaufen und zu huten."

"Ihr werdet wahnsinnig!" versetzte Wallrade; "lasst mich!" "Nicht eher, als bis Du mich hingefuhrt hast zum Grabe meines Weibes!" sprach Bilger: "Wo ruht sie? wo mein Kind? O sage es mir, Du, ihre letzte Pflegerin, Du ihre Morderin!"

"Spart Euern Witz!" antwortete das Fraulein kalt: "Eure Sunden haben sie umgebracht. Ihre Leiber fand man aber nicht, und gewiss hat die Fluth sie hinausgefuhrt in's offne Meer, damit nicht christlich geweihte Erde die Theilnehmerin wie die Frucht schandlicher Doppelehe bedecke!" "Nicht einmal ihr Grab werde ich sehen?" klagte Bilger, ohne auf Wallradens Schmachrede zu horen: "Wie elend bin ich nun?" Mochte ich doch fluchtig umherirren ... ich wusste ja doch, dass fern von mir zwei Herzen voll Liebe fur mich schlagen! Und diese sind jetzt zur Ruhe gegangen! "O, ich Schandlichen! Du, Grausame! wir haben sie gemordet! Ein unerbittlich Strafgericht hat mich gen Frankfurt gefuhrt, und in diese Hohle des Raubes, damit ich erfahre, wie ganz verwaist ich nun bin? Meine Katharine! meine kleine, holde, unschuldige Agnese!" "Seht da, in welcher Erbarmlichkeit und Blosse Euer unmannlicher Schmerz Euch darstellt!" sprach hierauf Wallrade, deren Busen hoch aufklopfte bei diesem Anblick: "Ihr trauert um das Weib, das Euch nicht gehorte, um das Kind der Unzucht; und Eure rechtmassige Gattin verabscheut Ihr? nach Euerm Sohn sendet Ihr kein fragend Wort aus?" "Wolfin!" seufzte Bilger, trostlos ihr in's Auge sehend: "Erbarmte mich nicht des Knaben Schicksal? hielst Du ihn nicht von mir entfernt, und begannst meine Strafe, indem Du ihn mir entzogst?"

"Weil ich mein Kind nicht als einen Fundling in Euerm Hause wissen wollte;" erwiederte Wallrade: "Tauschung verabscheut mein Herz. Der Knabe sollte Euern Namen nicht fuhren, aber unter Katharinens Herrschaft stehen? Nimmermehr! Ich behielt ihn, damit er mir stets Euer Verbrechen vergegenwartige, und ich laugne es nicht zu meinem Racher wollte ich ihn erziehen." "Mein Sohn sollte Dich an mir rachen?" fragte Bilger entsetzt: "Weib! Du hast keinen menschlichen Blutstropfen in Deinen Adern. Wo wird er zu diesem abscheulichen Geschaft erzogen?" "Ich hatte ihn dem Freiherrn von Issing vertraut;" entgegnete Wallrade ruhig, obgleich bei diesem Namen ein Blitz aus Bilger's nassem Auge schlug: "allein der edle, von Euch verkannte Mann war schon in Preussen in einem Volksaufruhr gefallen, und der Knabe selbst wurde mir geraubt." "Geraubt?" stammelte Bilger: "Geraubt? O sprecht es aus: Er ist auch todt?" "Ich wurde es Euch nicht verhehlen!" erwiederte das Fraulein fest: "allein ich sage die Wahrheit. Euch hatte ich zuerst im Verdacht; aber nun habe ich erkundet, wo der Knabe ist, und werde ihn so bald ich befreit bin zuruckfordern." "Wo, wo ist er?" fragte Bilger dringend: "Dieses Kind konnte mir allein die Ruhe wiedergeben. Wenn noch ein Anklang jener Zeit in Deinem Busen lebt, die uns das Trugbild einer schonen Zukunft vorspiegelte, so verhehle mir auch nicht des Knaben Aufenthalt. Wer hat ihn entfuhrt? Wer hat sich seiner angenommen? O, wenn i c h ihn auch nicht m e i n nennen darf, nur sehen, s e h e n mochte ich ihn! Ihn kussen und fliehen bis in mein Grab!"

"Ihr seyd berauscht von Euerm Schmerz;" versetzte Wallrade: "Ich bedaure Euch; aber des Knaben Wohnort nenn ich Euch nicht. Eure Unbesonnenheit und Euer Ungestum konnten mir mein Eigenthum rauben, ehe meine Ketten sich hier losen."

"O warum bin ich ein ohnmachtiger, wehrloser Mann?" rief Bilger: "Warum kann ich Euch nicht befreien, dass Ihr mich hinfuhren konntet zu dem holden Knaben, den Ihr zu unnaturlichem Dienste bestimmt. O gewiss! meine Reue, meine Liebe wurden schon in dem Kinde die Rache, des Mannes entwaffnen! Ich wurde ruhig und ferne sterben konnen!" "Der List, welche ohnmachtig scheint, und es nicht ist, gelingt oft mehr als der Starke und Gewalt!" sprach Wallrade: "Euerm Gewande sollte, selbst in der Mitte dieser rohen Bosewichter, nichts unmoglich seyn. Wollt Ihr dem Sohne zu Liebe thun, was Ihr der Mutter nie zu Gunsten thun wurdet, so trachtet, mich zu befreien. Dann fuhre ich Euch zum Sohne. Im Gegenfalle sterbe ich eher, als ich an Euch verrathe, wo der Knabe lebt. Sinnt nach! An Musse dazu fehlt es in dem Gefangnisse nicht. Ich lohne Euch mit ganzlichem Vergessen, und mit einer Umarmung unsers Johanns. Vielleicht thue ich auch mehr, wenn ich Vertrauen zu Euerm Vaterherzen fassen kann. Nunmehr lasst uns aber scheiden. Im nahen Dorfe schlagt die elfte Stunde, und, so ich nicht irre, vernehme ich von fern Frau Elsen, die mich abzuholen kommt."

Sie verliess den zerknirschten Mann, der unbeweglich auf des Altars Stufen ruhen blieb. Frau Else kam ihr wirklich im Hofe entgegen, und der Anblick der Gefangnen erheiterte die harten und finster gewordenen Zuge der Frau von Vilbel. "Sieh, sieh," sagte diese Letztere, die Lampe in ihren Handen putzend: "das war ein lang Gewerbe in dem Kirchlein. Ich dachte, es wurde kein Ende nehmen, midi furchtete bereits, Ihr mochtet mit dem Ordensmanne durch die Luft davon gegangen seyn. Nun, nun, wenn man Busse thut, so thue man sie recht; das ist auch meine Meinung, und ich wurde auch recht fleissig zur Kirche gehen, wenn mein Alter nicht bestandig im Interdikt lage. Kommt jetzo nur mit hinaus. Ich habe die Trunkenbolde alle zu Bett geschickt, denn ich sass wegen Eurer auf Nadeln zwischen den ungehobelten Gesellen. Der Weg zu unserm Gemache ist rein und still." Wahrend Wallrade auf das Gebaude zuschritt, rief Else in die offne Kapellenthure: "Kommt, ehrwurdiger Herr! Ihr werdet mude seyn, und ich habe Euch am glimmenden Herde ein Lager bereitet, worauf ihr schlafen konnt, wie ein Kaiser." Indem trat der Herr von der Rhon auf sie zu, und vor seinem leichenmassigen Antlitz entsetzte sich Bechtram's Ehewirthin. "Um Gott!" flusterte sie: "Was ist Euch zugestossen, hochwurdiger Herr? Ist es doch, als hattet Ihr ein Gespenst gesehen, oder wart selber eins!" Da nun aber der sogenannte Monch nicht antwortete, sondern unwillkurlich nach der Thure des Thurms ging, in welchem er bisher gewohnt war, seine Behausung zu sehen, so nahm ihn Frau Else ohne Umstande beim Arm, und sagte: "Was treibt Ihr denn, guter Herr? Seyd Ihr schlaftrunken, oder hat Euch ein Gesicht erschreckt? Kommt, kommt; dort in der Halle ist es warm und heimlich. Dort werdet Ihr ruhen und Eurer bisherigen Leiden vergessen. Ich werde meinem Alten sagen, dass es anders mit Euch wird. Kommt nur! kommt!" Sie schloss die Kirchenthure zu, und fuhrte sorglicher, als man von dem harten Weibe hatte erwarten durfen, den von seinem Schreck noch nicht zu sich Gekommenen, in das Haus. Wallrade floh bei seiner Annaherung die Stiege hinan, und Bilger sank, nachdem Else mit eigner Hand die Holztreppe des Hauses in die Hohe gewunden, und in dem Schloss befestigt hatte, ermudet von Gram und Entbehrung auf die durftige Ruhestatte, die ihm die mitleidige Ritterfrau am Fusse des Herdes bereitet hatte. Die Stunden schlichen aber uber seinem Haupte hin, wie saumselig zogernde Grabgestalten; und Gestalten des Grabes sah auch nur sein wacher Traum. Er hatte Wallraden nur wieder gesehen, um neues Unbill von ihr zu erfahren. Ein grossres hatte sie ihm indessen niemals zugefugt; denn die Kunde von Katharinen's und Agnesen's Tode schlug seinen Muth vollig darnieder. Die Ungewissheit uber seines Sohnes Schicksal, den er nur mit bangem Widerstreben, um sein Geheimniss nicht zu enthullen, Wallraden uberlassen hatte, vermehrte seine entsetzliche Stimmug, und der Gedanke, dass er Wallraden zuvor befreien musse, ehe er erfahren werde, wo sein Sohn hingekommen, scheuchte auch die leiseste Annaherung des Schlummers von seinem Haupte. Und da gegen Morgen die Erschopfung ihr Recht geltend machen wollte, umstanden schon die Herren und Gaste des Hauses sein Lager, und weckten ihn unter Scherzen, wie sie in der Genossenschaft gang und gabe waren. "Aufgestanden, Hexenmeister!" rief der Hornberger, aus dessen rothen Augen noch die Flamme der gestrigen Ausschweifung loderten: "Halloh! an's Werk! Bechtram's Ross muss gesund seyn, ehe noch die Sonne ganz uber den Bergen ist." "Wo seyd Ihr denn gestern hingekommen?" fragte Bechtram, der dem Herrn von der Rhon vom Lager aufhalf. "Nicht weiter als hieher, ich wette!" lachte der Leuenberger: "Der feurige Steinwein war dem armen Burschen ein ungewohnt Ding, und er ging an die Arznei, als schon der Kopf nicht mehr sein war. Da hat er sich gewisslich wahrend des Kesselschwenkens nieder gelegt, um sanft zu entschlafen und selig." "Kommt, ihr Herren," erwiederte Bilger nach all diesen freundlichen und spottischen Reden: "ich denke, ich werde nicht zu viel versprochen haben." Der Versuch fiel glucklich aus. Bechtram's Gaul spitzte muthig die Ohren, da die schmerzhafte Heilung voruber war, und scharrte mit dem Huf, als wollte er in's Weite. Bechtram jubelte ob dem Gelingen, und liess sorgfaltig den Gaul in den Stall zuruckbringen. "Habt Dank, Meister Kuttenmann!" sprach er freundlich zu Bilger: "Meine Anerkennung will ich Euch thatig beweisen, so bald ich kann. Vor der Hand konnt Ihr frei gehen, so weit der Zwinger reicht, und meine Hausfrau soll Euch nichts abgehen lassen. Ich hab' es ihr befohlen, und will bei meiner Ruckkehr horen, ob sie Wort gehalten." Der Herr von der Rhon nickte gleichgultig mit dem Kopfe, und entfernte sich langsam in's Innre der Burg. "Ein narrischer Kumpan!" spottete der Hornberger: "Kurz angebunden, als ob er, weiss Gott wer ware. Und wie nennt man ihn denn?" Die Ubrigen mussten bekennen, dass sie es eben so wenig wussten. "Wozu auch einen Namen?" rief der Leuenberg: "Ist 'Pfaffe' nicht genug? Pfaffe, und damit gut. Mag er uns ein Freudenamt singen, wenn unser Wirth gesund und wohlbehalten von Frankfurt wiederkehrt." "Willst Du im Ernste hin?" fragte Doring den Ritter: "und lachelnd bejahte er es." Doring schuttelte den Kopf. "Traue den Kramerfuchsen nicht!" sprach er warnend: "Du wirst Dich verlassen auf das freie Geleit, dass sie Dir vor einer Woche zustellen liessen, fur den heutigen Tag, und den morgenden, im Fall sich die Unterhandlungen in die Lange dehnen sollten. Aber wir erleben heut zu Tage gar oft das Beispiel, dass frei Geleit gebrochen wird, sonder Scham und Reue. Geh nicht hin." "So tapfer im Strauss, so feig im Rath!" versetzte lachelnd wie oben der Burgherr: "Ich traue den Frankfurtern, und habe eher Recht, als sie, wenn sie mir vertrauen wollten. War ich nicht geraume Zeit ihr Stadt- und Feldhauptmann? Sie werden nicht hinterlistig handeln gegen einen Mann, der ihre Fahne trug." "Eben darum!" fuhr Doring lebhafter fort: "Hattest Du den Lappen nie getragen! Und wozu soll denn wohl der vorgeschlagene Vergleich dienen? Du wirst doch nicht die Artikel halten wollen, die das Burgerpack Dir aufschwatzen mochte?" "Beschworen und halten ist nicht einerlei;" sprach Bechtram dagegen: "aber mir kann's nicht einerlei seyn, wenn ich sehe, dass die vorsichtigen Pfeffersacke mir die Heerstrasse rein halten, so weit das Auge reicht. Darum will ich sie wieder kirre machen, und wimmelts alsdann wie ehedem von Kornern, Mezgerzugen und Weinfuhren, so will ich ihnen die Leichtglaubigkeit eintranken, und meine Vorrathe anhaufen. Jahrlich einen Span mit Frankfurt, und jahrlich wieder Versohnung! Dabei finde ich gute Rechnung. Haltet mich darum nicht auf, meine Freunde. Den alten Fuchs von Vilbel fangt man nicht so leicht, und die Herren von Frankfurt furchten mich und meine Drohungen." "Donner und zehntausend Teufel!" rief der Hornberger dazwischen: "Das durfen sie auch. Wir heissen nicht umsonst die wilde Jagd in der Wetterau. Eine Lohe wollten wir anschuren uber den Giebeln der Stadt, dass die Engel im Himmel die Fusse zusammenziehen sollten vor Brandschmerz; .. und so viel Achtung und Freundlichkeit mir das Fraulein von Baldergrun eingeflosst hat, das Haupt schluge ich ihr vom Rumpfe, und schickte es ihren Landsleuten zum Geschenke, wenn sie sich an unserm biedern Wirth vergreifen wollten."

"Erbarmliche Prahlerei!" sprach der Leuenberger halblaut zu dem von Wiede: "Ich wollt es ihm doch rathen, des Frauleins Kopf ungeschorn zu lassen." "Donner und Pestilenz!" erwiederte der Junker von Hornberg, der die Ausserung gehort hatte: "Wer spricht da? Veit! Veit! nimm Dich in Acht mit Deiner vorlauten Zunge! Einen Prahler schilt mich Keiner zweimal." "'s kame darauf an, es zu versuchen!" entgegnete Veit, und warf die Nase in die Hohe: "Es gibt Dinge, die ich nicht einmal im Scherz begreife." "Wahre Dich vor dem Hornberger!" redete Bechtram lachend dazwischen: "Du weisst ja, dass er mir gestern beinahe in aller Freundschaft und Kumpanei den Hals gebrochen hatte. Schame Dich aber auch, alter, grosser Leuenberg, dass Du so unritterlich dem Fraulein den Hof machst. Schon langst hab' ich's gemerkt, und ich glaube, in der ganzen Veste gibt es Keinen, dem es ein Geheimniss ware. Es gibt, weiss Gott, nichts Lacherlicheres, als einen verliebten Burschen, der schon beinahe uber die Jahre hinaus, und in seinem ganzen Leben der Schonste nie gewesen ist." Die Genossen des Ritters lachten hell auf, wahrend eine Art von Schaamrothe in Veit's braunes Gesicht stieg. Bechtram fand Anerkennung seines rohen Witzes, und fuhr daher kecker fort: "Den Hornberg lob' ich mir dagegen. Die Blicke einer Dirne prallen von ihm ab, wie die Pfeile des Schutzen von dem Kurass. Und doch ware er ein andrer Mann als Du, mein guter Veit Lustiger, offner, und ... ich muss es sagen, weit kecker als Du. Wahrend Du auf der faulen Haut liegst, und denkst, die Sonne soll Dir Wein, Brod und fleisch in die Kammer scheinen, sitzt der Hornberg risch und straff zu Gaule, und ist in der Wetterau gefurchtet, wie ich es nur war in meiner besten Zeit. Aber derselbe Muth, der im freien Felde, sich herumschlagt, gewinnt auch in einsamer Kammer die Herzen der Weiber. Merke Dir das, Veit; und vergib mir, dass ich Dir in etwas die Wahrheit sagte, wie man nur einem Freunde zu thun pflegt." "An Eurer Ausrichtigkeit ist mir nie eingefallen zu zweifeln," versetzte Veit, seinen auf's Hochste gestiegenen Unmuth hinter einem bittersussen Lacheln verbergend: "ob es geziemend ist, einen Gast durch solche Reden zu kranken vor ansehnlicher Ritterschaft, meine ich nicht; allein ich ubersehe es Euch, da Ihr eben mein Gastfreund und obendrein mein Lehrer seyd, und Eures Alters wegen ein Wort voraushaben mogt." Dass ich uberall dabei bin, wo es gilt, und ich einen Vortheil absehe, dass ich in Kuhnheit und Muth es aufnehme mit Jedem, der es mit mir wagen will, behaupte ich, so wie, dass ich Jedem den Hals breche, der an den des Frauleins will. "Sie ist meine Base, und wahrlich weder der Graf von Montfort, noch Ihr, verehrlicher Ritter habt Euch durch ihren Raub Ruhm erworben." "Horch! horch!" spottete Hornberg, die Weise eines damalig beliebten Liedleins nachaffend: "Wie anders die Schalmeye klingt, denn sie zuvor erklungen! wie anders doch der Buhe singt, denn er zuvor gesungen! Wie hat der Leuenberg vor wenig Tagen noch gesprochen, und wie spricht er jetzo? So lernt man minnen, was man hasste. Was gilt's, hol' mich der Satan, er bedauert, der arme Schelm, dass ihn die Frankfurter in den Bann gethan. In die Kramerladen wurde er sich stellen, und das Einmal Eins lernen, und die Elle handhaben, um sein Liebchen zu gewinnen!" "Wenn Du nicht schweigst!" schrie Veit, nach dem Dolche fahrend. Bechtram stiess ihn indessen kurz und bundig zuruck.

"Friede!" rief er barsch dazwischen: "Stern und Kreuz! Ihr habt mich gestern verhindert zu raufen, ob ich gleich der Herr vom Hause bin. Heute sollt I h r mir dafur keinen Larm und Hader anzetteln, und musste ich euch Beide vor das Schloss werfen. Vertragt Euch, und damit ihr's konnt, soll meine Wirthin Wein schaffen!" Er klatschte in die Hande, pfiff seinen wohlbekannten Forstruf, und da das Fenster erklang, und Frau Else herausschaute, begehrte er einen Valetund Satteltrunk. "Ich bin heute so vergnugt;" fuhr er fort, und sah sich munter im Kreise um: "Ich gedenke heute einen frohen Tag zu feiern, und morgen spatestens wieder behaglich in Eurer Mitte zu seyn." Alle, sogar des maulende Veit reichten ihm die Hande. Doring sagte jedoch kopfschuttelnd: "Gott verdamme den Weg, den Du machst, Bechtram. Ich habe bose Ahnung, Dein Gaul hat gestern das Vorzeichen gegeben. Es droht Dir entweder zu Frankfurt Unheil, oder Du bringst es von dannen nach Deinem Hause. Bleib daheim."

"Plaudertasche!" versetzte Bechtram lachelnd, ihn beim Schnauzbart zupfend: "Sorge nicht; mir begegnet nichts Boses. Der alte Auerstier ist die Furcht des Waldes, und ware ich's auch nicht allein, den die Stadter furchten, so sind es doch meine Freunde. Sieh einmal hin, auf die Hand voll Menschen, keck wie die Hahne, gespornt wie sie, und nicht minder hitzig. Ihr lasst mir nichts geschehen, Freunde, und in diesem Vertrauen lasst uns die Becher leeren auf frohlich Wiedersehen!" Frau Else kredenzte den Trunk, und mit einem Jubel aufflogen die geleerten Humpen in die Luft. "Nun keinen Tropfen mehr!" rief der Reifenberger. "Auf morgen, oder heute Abend schon, das Ubrige!" setzte Henne von Wiede hinzu. "Wiedersehen!" murmelte Doring, dem Bechtram die Rechte schuttelnd. "Ehe wir aber uns hinsetzen, um uber die hintergangnen Reichsstadter in's Faustchen zu lachen, mussen wir unsern Freund an Frankfurts Thore geleiten!" sprach lebhaft der Hornberger. "Ja! das mussen, das wollen wir!" jubelten alle insgesammt. "Ich reite mit ihm in Sachsenhausen ein!" fugte der von Wiede hinzu: "ich gehe ihm nicht von der Seite!" "Warum darf ich nicht ein Gleiches thun!" brummte Doring: "Aber ich habe einen Span mit dem Rathe, und traue nicht." "Wir erwarten den Bechtram zu Oberrad!" schlug der Hornberger vor, und Bechtram willigte gerne in das Geleit seiner Freunde und Genossen. "So sey's!" sprach er: "so bald ich mit dem Magistrate im deutschen Hause Frieden geschlossen, komme ich zu Euch, und sollte jener Unglucksvogel, der Kunz, recht haben, und sie mich einsperren auf ein Losegeld, trotz Geleit und Furcht, so kommt der Wiede doch, und bringt Euch Kunde."

"Wehe dann, der Stadt!" betheuerten Alle mit Larm und Geschrei. "Dir, mein werther Schuler und Freund," wendete sich Bechtram zu Leuenberg: "Dir glaube ich eine Liebe zu thun, wenn ich Dich abermals zum Huter der Frauen und des Hauses bestelle. Wallradens Gefangenschaft wird Dir weniger grausam erscheinen, wenn sie nur D e i n e Gefangene ist. Du magst indessen die liebe Base trosten. Bleibt der Montfort noch eine Weile aus, trotz Versprechen und Wort, so liefre ich das Fraulein wieder aus an ihren Vater, der mir ein schweres Losegeld dafur bezahlen soll. Dann magst Du um dasselbe freien nach Herzenslust, guter Veit, insofern Herr Diether Frosch Deine Armuth, und der Papst die Blutsfreundschaft ubersieht. Bewahre mir also vor der Hand Thurm und Haus mit treuem Sinn, und sorge, dass meiner Hausfrau und Deinen Basen nichts Boses, widerfahre." Die Herren schwangen sich auf die Gaule, und nachdem Frau Else einen kurzen und mannlichen Abschied von dem Gatten genommen, zogen die Reiter von dannen, einige wenige Knechte auf ihrer Spur. Der Leuenberger sah ihnen durch das Vorsprungfensterlein am Thore nach, und sprach zu sich: "Viel Gluck auf den Weg, lieben Freunde; elendes Volk und Gesindel, das sich uberhebt, als ware es schon vor der Sundfluth geadelt worden. Dass der Hornberg ein vorlauter, boser Geselle ist, war mir langst bekannt, und seine Freundschaft, so viel Wesens die Base Petronella davon macht, hat mir nie Erkleckliches in den Sekkel gelockt. Ich hasse den Buben jetzt von ganzer Seele, aber ich denke, ich hasse den alten Bechtram noch weit mehr seit einer Stunde. Wie mich der Graubart hingestellt hat vor aller Welt, wie man einen gemeinen Dieb an's Halseisen legt! Was er sich nur einbildet? Auf was er nur pocht? Auf seine Habe? Der Teufel danke ihm sein Geld, seinen Wein und seinen fetten Tisch. Hatte ich ein Paar Dutzend Knechte, und einige arme, aber handfeste Schlucker wie der Doring, der Wiede oder der Reifenberg zu meinem Befehl, ich wollte mich auch bald reich gearbeitet haben. Oder pocht er auf seinen Stamm? Mein Adel ist so alt als der seine, und dem Kaiser wird es schon lange leid thun, dass er ihn zum Ritter geschlagen. Was nutzen ihm die goldnen Sporen? Wenn es um den Scharlachhandel zu thun ist, oder darauf ankommt, ein Paar elende Kaufleute nieder zu werfen, so ist der Edelmann mit der besten Faust der tauglichste, er sey nun Ritter oder Junker. Eine gute Faust konnte man dem Bechtram nicht ablaugnen, aber er ist schon ein a l t e r B a r geworden. Ich hatte mich wohl unterfangen, mit ihm anzubinden, aber ich habe die Ubrigen gefurchtet. Indessen soll er an mich denken, und es bereuen, dass er mich wie einen Schmarotzer und Krippenreiter behandelt hat. Ich furchte, seine Hoffnung auf das Losegeld aus Diether's Hand schlagt fehl, denn ich kenne Einen, der ihm zuvorkommen wird. Heute haben wir Vollmond, und ich meine, Meister Diether werde auf der Bergener Strasse zu finden seyn. Ist das Geld in meinen Handen, dann wird auch Wallrade mir folgen mussen, wenn auch nicht in ihr vaterlich Haus, und die Frankfurter brennen zum schuldigen Dank dem hochmuthigen Bechtram den Schornstein ober, dem Haupte weg."

"Pest und rother Hahn! Ein herrliches Fundlein," setzte er bei, indem er vergnugt sich die Hande reibend, aufstand: "Mit einem Streiche erlange ich Diether's Geld, Wallradens Demuthigung, Bechtram's Verderben, und zuletzt muss mein verhasster Schwager erst noch, getauscht, mit langer Bahn von diesen Mauern abziehen! Noch einmal: Gluck auf den Weg, ihr Herren und Freunde! der Leuenberger macht Euch Alles wett!"

Die Stunden verstrichen in sorgloser Stille. Die Veste lag einsam, und weder Ross noch Mann weit hinaus in die Runde war zu sehen. Die Sonne sank, und im Zwinger und Burghof wurde es schon schattig und duster. Die Frauen beschlossen, abermals auf dem Wartthurme luftige Helle zu suchen. Wahrend sie jedoch die Hohe erklimmten, liess der Leuenberger seinen Gaul aus dem Stalle ziehen, und die Pforte offnen. "Wilpert;" sprach er zu dem Knechte, der ihm das Pferd vorfuhrte: "ich kehre erst zur Nacht zuruck. Der Frau magst Du sagen, dass ich, meines Falkens Steigen zu erproben, ein wenig in's Freie geritten sey. Bleibe hubsch auf Deiner Hut, und hab' Acht auf das Thor." Der Knecht nickte mit dem Kopfe, und der Junker ritt aus, und lenkte seinen Klepper gleich ausser der Burg auf versteckte Waldpfade, dass die auf dem Wartthurme sitzenden Weiber nicht das Geringste davon bemerkten. "Ihr seyd also vollig wieder hergestellt?" fragte Petronella das Fraulein mit erheuchelter Theilnahme: "Ihr werdet mir nun sagen konnen, ob der Luftzug uber die Zinnen, oder mein arm, unschuldig Mahrlein an Euerm Zufalle schuld gewesen?" "Keins, von beiden;" versicherte Wallrade spitzig: "im Ganzen war es nur ein Ubelbefinden, das mich ofter anwandelt; ein Schwindel; weiter nichts. Ihr kennt ja solche Zufalle, ob sie gleich bei Euch vom Alter ihren Ursprung nehmen, und bei mir das junge heisse Blut daran Ursache ist." Frau Else lachte, wahrend das Fraulein von Leuenberg die Stirne verzog und die spitzige Nase rumpfte. "Mag ich doch der Jahre so viele zahlen, als der Erzvater Methusalem;" sprach sie bitter: "ich bleibe doch immer jung gegen das Alter unsers adeligen Stammes. Nicht alle Leute konnen sich solcher Herkunft ruhmen." "Nicht alle Leute mogen hoffartige Armuth einem bequemen Burgerthum vorziehen;" versetzte Wallrade gereizt: "vergebt mir, Fraulein; es mag alles wahr seyn, was Ihr mir von Euerm schonen Schlosse zu Gelnhausen zu erzahlen fur gut fandet, allein es ist wohl bessres zu finden, als schmale Kost und magre Mahrlein, wie Ihr sie Euerm Vetter auftischt. Das wusste Eure Base Gretchen sehr gut; sie scheute sich keineswegs dem Wohlleben eines Frankfurter Burgers ein leeres Wappen zum Opfer zu bringen." "Dieses Opfer unbesonnener Jugend hat auch schier mein Herz gebrochen;" erwiederte Petronella: "der Falk soll nie auf einem Finkenneste horsten. Merkt Euch das, gute Nichte." "Warum hatten doch eure Warnungen keine kraftigere Wirkung?" fuhr Wallrade gluhend und mit Spott fort: "Meinem Hause ware viel Unfriede erspart gewesen, und viele Schande." "Schande?" schrie Petronella, erstickend fast vor Unwillen: "Welch boser Geist spricht denn heute diese Lasterungen aus Euch, da Ihr Euch noch gestern geberdet habt, wie ein reuiges Schaflein? So man auch wollte, man konnte sich doch nicht mit Euch vertragen, denn Ihr seyd schlimm, wie ein schneidiges Messer." "Allerdings;" gab Wallrade zu: "in ungeschickten Handen werde ich dazu, und das ist bei Euch der Fall." "Was sollen, denn die Stachelreden?" fiel Else derb und heftig ein: "Wenn Verwandte sich also erzurnen, was sollen denn wildfremde Menschen thun? Gebt Euch zufrieden. Beide seyd Ihr mir gleich liebe Gaste, und," setzte sie scherzend hinzu: "das Fraulein von Baldergrun ist mir schier noch angenehmer, als Ihr, Leuenbergerin." "Weil das Fraulein mit goldnen Ketten und Geschmuck den gezwungnen Aufenthalt bezahlen muss;" erganzte Petronella. "Und Ihr das erwunschte Traktament nur mit Mahrlein;" setzte Wallrade verhohnend hinzu: "Ihr verdankt meinem Unglucke, das aber dennoch, wie Alles, ein Ende nehmen wird, ein Paar lustige Gelagwochen, Euer alter Kater ist schon in seinem Fett erstickt, und auch Eure hagre Gestalt beginnt sich zu runden. Wahrend dessen aber muss der arme Bauersmann, der Euch gefahren, im Thurme verzweifeln." "Was kummert mich der Mensch?" fragte Petronella unwirsch: "Ich bin sammt meinem Vetter in Ehren geladen hieher gekommen, und es steht Euch schlecht an, mich fur eine Schmarotzerin geltend zu machen. Der Hochmuth ziemt Eurer Lage nicht. Meinen Adel, meine Freiheit, mein gutes Gewissen habt Ihr doch nicht. Lacht nicht, mit dem Gewissen ist's wirklich nicht richtig; die gestrige Ohnmacht, und die plotzliche Bekehrung, die darauf folgte, beweisen es, und der Monch, der Eure Beichte anhorte, wurde viel zu erzahlen haben, wenn er anders erzahlen durfte." "Keine Beleidigung!" zurnte Wallrade; aber Petronella hatte unerbittlich fortgefahren, wenn nicht Frau Else dazwischen getreten ware. "Ei, beim Wetter!" rief sie: "Ist des Haders noch kein Ende? Schamt Euch, Fraulein von Leuenberg. Euer Alter sollte vernunftiger seyn. Schamt Euch, noch einmal, und nehmt Euch in Acht vor dem Vetter Veit, denn es scheint, als hatte er seine Nichte zu lieb gewonnen, als dass er Euch nicht den Kopf zurecht setzen wollte, wenn Ihr das Fraulein schmaht." "Das wolle Gott verhuten!" seufzte Petronella mit niedergeschlagenen Augen: "Der Bruder wird doch nicht dem Beispiele der Schwester zu folgen trachten?" "Und wenn es ware?" entgegnete Wallrade mit verachtlichem Scherz. "Mein Tod ware es;" fuhr Petronella giftig fort: "der letzte Nagel zu meinem Sarge." "So sterbt immerhin;" sprach Wallrade hohnisch weiter, wahrend Frau Else des Lachens kein Ende finden konnte: "der Junker von Leuenberg macht mir den Hof, und hat geziemend um meine Hand geworben." "O der dumme Christoph!" seufzte das alte Fraulein schmerzlich, und machte ihre Augen gross auf. "Noch mehr!" fuhr Wallrade schnell fort: "er wird mich befreien; er hat's versprochen." "Befreien? versprochen?" stammelte Petronella und sank auf ihren Sitz zuruck: "Ich bin verloren. Der undankbare Mensch kann seiner Muhme also vergessen? m i c h wurde er aus dem Hause stossen wollen, um eines Burgers Tochter in unser Schloss zu setzen? Abscheulich! Wo ist er, der Wutherich? horen will ich's; aus seinem Munde will ich's hore!" "Ihr erfahrt es fruh genug;" versicherte Wallrade. "Ich gebe Euch indessen mein Wort, dass ich mich lange besinnen werde, ehe ich zu Euers Vetters Zartlichkeiten ein gutes Gesicht mache." "Und warum?" fragte die Alte ereifert: "Ein junger Edelknecht von Veit's einnehmender Gestalt, ist Jungfrauen von zweideutigem Burgeradel immer willkommen und wenn ich's beim Lichte besehe, so kann ich's nicht dulden, dass Ihr meinen Vetter ausschlagt." Es ware ein Schimpf fur unser gutes Wappen, das Kaiser Karl der Grosse unserm wohlverdienten Ahnherrn gab. "Der Frosch soll sich's zur Gnade schatzen, mit dem Leuen auf dem Berge wandeln zu durfen." "Ihr sprecht verwirrtes Zeug, Fraulein;" fuhr Frau Else dazwischen: "das Alter und die Galle machen Euch thoricht vor der Zeit. Lasst das Ding nur seinen Weg gehen, und kummert Euch nicht darum. Unser lieber Gast Wallrade hat mit Euch sich einen Scherz erlaubt. Der Vetter Veit wird sie weder zum Altar fuhren, noch befreien, ehe mein Alter nicht klingendes Geld dafur gewonnen. Riegel und Knechte burgen uns fur ihre Ruhe und stilles Verhalten, wenn die Freundlichkeit, womit wir die Gefangene behandeln, es nicht thut. Ich habe indessen glaubt mir's Leuenbergerin ein weit besseres Vertrauen zu des Leuenberger's Redlichkeit gegen uns, und zu des Frauleins Aufrichtigkeit, als Ihr. Glaubt Ihr wohl, ich zogerte im Geringsten, die ehrsame Wallrade zu bitten, aus meinem Schreine die Stickarbeit zu bringen, die ich vor einigen Tagen begonnen, und ihr zu diesem Behuf meinen ganzen Schlusselbund anzuvertrauen? Hier habt Ihr diese theuern Schlussel, mein Fraulein von Baldergrun. Eure Bereitwilligkeit burgt mir dafur, dass Eure jungen Beine meinen altern den Liebesdienst erweisen werden." In der Bitte der Frau Else lag ein Befehl; Wallrade zogerte daher nicht, mit erkunstelter Freiwilligkeit zu thun, wozu sie sich nicht gerne hatte zwingen lassen. Schnell nahm sie die Schlussel, verneigte sich boshaft vor der Base Petronella, und sprach: "Vergebt, edle Blutsfreundin, meiner vielgeliebten Stiefmutter, dass der Wunsch unsrer verehrten Gastfreundin mich hindert, Euch jetzt schon zu sagen, was der Frosch zu dem Leuen sagen konnte, wenn er mit demselben auf dem Berge lustwandelt. Dieses sinnige Gleichniss hoffe ich indessen spater mit Euch abthun zu konnen, und diese Hoffnung wird nicht der geringste Beweggrund seyn, der mich zur Eile antreibt." Sie flog die Treppen hinab, und erschrack beinahe, da sie, an des Thurmes Pforte angelangt, den Herrn von der Rhon erblickte, der mit verschrankten Armen auf der Steinbank an der Kapellenthure sass, und in tiefe Betrachtung versunken zu seyn schien. Die Geubte fasste sich jedoch schnell, warf dem Aufschauenden einen verachtlichen Blick zu, und ging stolz voruber nach dem Wohngebaude. Bilger sah ihr nach, bis sie innerhalb der Thure desselben verschwunden war, und ein schwerer Seufzer loste sich von seiner Brust. Unmuthig in der Erinnerung seiner Verirrung und seiner Leiden, wollte er in den verborgensten Winkel des Hofs entfliehen, um nicht zum Zweitenmale den Anblick der Frau ertragen zu mussen, die er einst fur eine Heilige gehalten, und die er jetzo nur verabscheuen konnte, als uber die Mauer heruber eine nicht unbekannte Stimme kam: "Gott grusse Euch, und gelobt sey Jesus Christus, frommer Vater!" Bilger sah den jungen Knecht uber die Brustwehr lugen, mit dem er in verwichner Nacht geredet, und dankte ihm nach Art der Monche. "Hochwurdiger Herr!" fuhr der Geselle vertraulicher und leiser fort: "ich bin Euch viel Dank schuldig. Die Erlaubniss zu beten, die Ihr mir gabt, hat mich erquickt, und im Schlaf heute Morgen ist mir mein Mutterlein erschienen, und hat mich aufgefordert, wieder heimzukehren aus der ruchlosen Gemeinschaft." "Gott geleite Dich, mein Sohn!" erwiederte Bilger: "Bete Du dann auch fur mich." "Ach, Herr!" meinte der Knecht: "frei seyn ist edler, denn Alles. Wie gerne wollte ich Euch frei machen , wenn ich's nur vermochte" Indem vernahm man ein Rennen und Laufen im Zwinger, und der Balken der Zugbrucke knarrte, wie der Riegel des Thors. "Was gibt's denn da draussen?" fragte der Herr von der Rhon den freundlichen Knecht. "Denkt doch!" flusterte dieser herab: "das bose Zeichen! der Gaul, auf dem heut der Herr fortgeritten, kommt schon wieder gesattelt und gezaumt. Das Ross rennt wie toll am Abhang auf und ab, und hin und her. Die Knechte machen sich hinaus, um's einzufangen. Ach Herr! was ware das ein Augenblick des Heils fur Euch, wenn das verdammte Gatterthor nicht ware? Brucke nieder, Thor auf, Knechte zerstreut, ein Pferd, halb beschlagen, steht verlassen an der Schmiede. Warum konnt Ihr nicht hinauf, und dann im Abendschein in den grunen Wald hinein!" So eben rief ein andrer Knecht den Plaudernden von dannen, und alles Getose verlor sich in der Ferne. Bilger blinzelte durch das Gitterlein am Gatterthor, und sah, wie Recht sein junger Freund gehabt. Alles leer, auf der herabgelassenen Brucke ein einziger gaffender Knecht, ... der an der Schmiede verlassene Schimmel ruhig grasend, mit schleppender Trense. Nach Freiheit klopfte des Gefangenen Brust, und mit leuchtenden Augen kehrte er sich, Groll und Kummer vergessend, zu Wallraden, die gerade mit Frau Elsens Stickerei aus dem Hause trat. "Dort ..." stammelte er, mit dem Finger durch das Gitter zeigend: "ein Augenblick der Rettung ... wer zu dieser Pforte den Schlussel hatte!" Wallrade stand betroffen, dann fasste sie schnell nach dem Schlusselgebunde, schleuderte Frau Elsens Stickerei in die dunkle Hausflur zuruck, und lief nach dem Thurme, dessen Pforte sie in einem Nu zuzog, und mit dem ihr bekannten Schlussel sperrte. Wie ein entschlossner Held zauderte sie keinen Augenblick, den Schlussel zu suchen, welcher das Gatterthor offnete, und ein gunstiger Engel leitete ihre Hand. Der zweite, mit dem sie es versuchte, schloss die Pforte auf. Bilger eilte ihr voraus in den Zwinger; das Schlusselgebund flog in den Nesselbusch am Eingange; des Wildmeisters geubte Hand bemachtigte sich des Schimmels, und hob Wallraden schnell auf dessen Rucken. Trotz der Kutte und der unbehulflichen Holzsohlen sprang er nach, und der Gaul, begrusst von Zungenschlag und Rippenstoss, entsetzt von der ungewohnten Doppellast, die sich ihm plotzlich aufgeschwungen, tobte wie rasend gegen das Thor, und war schon durch Gewolb und Bluckenbogen, ehe dem wachhabenden aber in die Ferne schauenden Knechte es einfiel, "Halt!" zu schreien. Dieser Ruf kam zu spat, denn schon verloren sich Ross und Fluchtlinge hinter Kieferstammen und Buschwerk, als erst die im Weiten nach Bechtram's Renner laufenden Burgleute das Geschrei vernahmen. Der Schimmel verstand seinen gezwungenen Dienst auf's Trefflichste, denn er stand nur erst nach einer langen zuruckgelegten Strecke still; auf einem Waldplatze, der einsam zwischen hohen Baumen lag, und auf welchem man nur schwach die Hornstosse vernahm, die von Neufalkenstein's Warte ertonten. Wallradens Gesicht uberflogen, trotz der Ermudung und Erschutterung, Streiflichter der boshaften Schadenfreude, da sie diese Nothtone vernahm. "Ein Mark Silbers gabe ich darum," stammelte die fast athemlos im Grase Ruhende, "konnte ich auf jenem Wartthurme Zeuge der Verwirrung der beiden niedertrachtigen Weiber seyn. O, dass sie den Hals brachen von der Zinne herab! Wie wird Bechtram fluchen bei seiner Heimkehr! Er ist im Stande und mordet die Weiber mit eigner Hand! Susse Wonne der Vergeltung, wenn diese Kunde mein Ohr beruhrte!" "Seyd doch nicht unversohnlich und gehassig in der Stunde, da es gilt, den Himmel anzuflehen um vollige Befreiung;" ermahnte Bilger sich aufraffend: "Eure ruchlosen Wunsche mochten leicht den Engel von uns scheuchen, der unsre allzukuhne Flucht bis jetzt beschirmte!" Wallrade sah ihn finster an; er ubersah es jedoch, und drangte zur schleunigen Fortsetzung der Fahrt. "Wir haben keinen Augenblick zu entmussigen;" sprach er heftig: "durch jene Busche sehe ich im falben Abendglanz die Heerstrasse schimmern. Die Sonne ist fast erloschen, und das Dunkel beginnt. Noch lange jedoch sind wir nicht auf befreundetem Boden, und ich furchte, mit dem Pferde haben wir keine Zeit zu verlieren. Seht, wie es keucht und schnauft, als ob es dem Herzgespann unterliegen wollte!" "Wohlan denn!" entgegnete Wallrade, aufgeregt von der Moglichkeit, wieder angehalten zu werden, und liess sich wieder auf des Schimmels Rukken heben: "Kommt, und eilt, wenn auch das Thier in der nachsten Stunde zu Schanden gehen sollte!" Rasch brachen sie durch auf die Strasse, und immer hastiger ging's voran. Der Herr von der Rhon hatte keinen andern Gedanken als den der Flucht, und alles ubrige vergessend, hielt er mit dem rechten Arme Wallraden umschlungen, wahrend die Linke den Gaul regierte, wie es sich eben mit dem unzulanglichen Zugelriemen thun liess. Wallrade fand aber unter Gefahr und banger Furcht noch Zeit zum unbescheidnen Scherz. "Ihr thut ja so eifrig, und umschlingt mich so fest," sprach sie, spottisch lachelnd zu ihm zuruckgewendet, "als war' ich nur erst Euer geliebtes Brautlein, und nicht Eure verhasste Ehefrau! Oder vermeint Ihr etwa, mein rascher Rittersmann, mich wieder in den Arm zu nehmen, weil Euer wahres Lieb der Sensenmann umfangen?" Der unzarte Scherz griff eiskalt wie die Hand des Sensenmanns an Bilger's Herz, und von Wallradens schlankem Leibe wich schaudernd seine Rechte, und der schwache Zaum entsank seiner Linken, und alsobalb sturzte der Gaul, uber Baumwurzeln stolpernd, nieder, um nimmer wieder aufzustehen. Ein Vorderfuss war gebrochen, und auch die keuchende Brust des Thiers, vom scharfen Ritte langst entwohnt, war am Verathmen. "Euerm Frevel folgt doch gleich der Fluch auf der Ferse!" zurnte Bilger, und riss Wallraden unsanft in die Hohe: "Jetzt mag unsrer eignen Fusse Kraft uns weiter tragen." "Feiger Mann!" schalt Wallrade verachtlich entgegen: "Das schreckt Euch? Jeder Weg ist gut, fuhrt er zum Ziele. Mag auch Dorn und Kies meine Sohlen zerreissen, gleichviel entgehe ich nur dem schandlichen Bechtram, und dem noch schandlichern Montfort!" "Ho! wer gedenkt hier meiner?" rief sie ein Mann an, der zu Pferde um die, einen Schritt entfernte Waldekke bog, und Wallradens Knie brachen, denn selbst in der machtig einbrechenden Dammerung war des Grafen verwachsne Gestalt, die wie ein Kobold im Sattel sass, nicht zu verkennen. Der besturzte Bilger liess die Erbleichende aus seinem Arm, und dies war der Augenblick, in welchem sich der vom Ross springende Montfort der willkommnen Beute bemachtigte. "Ei, was seh' ich?" rief er schadenfroh und uberrascht: "Ist das nicht die tugendsame Jungfrau, der ich so eben zu Hofe zu reiten im Begriff bin? Wollte sie mir entgegeneilen, oder hattest Du es gewagt, lusterner Klostermann, mein Taubchen zu entfuhren? Fort mit Dir, soll ich mich nicht an Deiner Glatze vergreifen!" "Herr Graf!" entgegnete Bilger trotzig: "Ihr werdet nicht so unedel seyn, dies Weib auf offner Strasse zu rauben, da es mir angehort." "Der Teufel ist hier Graf, und Dir gehort auch nur der Teufel an!" fuhr ihn Montfort an, indem er die blosse Wehr gegen ihn erhob: "Weiche, verdammter Kuttentrager, und erkuhne Dich nicht, meinen Namen nur auszusprechen, weil er zu edel fur Deinen Mund ist." Wallrade machte eine Bewegung um zu entkommen; des Grafen Arm hielt sie jedoch fest; den vor Zorn ergluhenden Bilger hielt er mit dem vorgestreckten Schwerte zuruck. "Ich hore Schnauben von Rossen, und Stimmen von ferne;" jammerte die neuerdings Gefangene, die aber die Besonnenheit nicht in dem Grade verlor, um zu vergessen, dass nur dann erst Alles verloren war, wenn beide wieder gefangen wurden: "die Verfolger sind's! Weicht der Ubermacht, frommer Vater! Rettet Euer Leben!" "Ja, fliehe, geschorner Wicht!" donnerte ihm Montfort zu: "fliehe, weil ich Dir's vergonnen muss, da ich allein bin, und ohne Geleite. Fliehe, mir ist's nur um diese hier zu thun, an welcher die Welt nichts verliert, mag sie Dir vorgelogen haben, was sie will, gefalliger Beichtvater! Kommen hingegen die Andern heran, denen Ihr entlieft, so mochte es Dir nicht gut gehen." "Flieht! Ihr macht uns alle unglucklich!" schrie ihm Wallrade zu, und deutete heftig nach der Gegend hin, wo Frankfurt lag, und da plotzlich Frau Elsens gellende Stimme auf der Hohe des Wegs laut sich vernehmen liess, so fand Bilger's Unschlussigkeit ihr Ende schnell, und mit der Schnelligkeit eines Hirsches warf er sich abermals in das dicke Forstgehage hinein, wohin kein Pferd dringen konnte, und das Rauschen seiner Schritte verscholl, ehe noch der Tross herbeikam, welcher in der That aus Leuten von Neufalkenstein bestand, die je zwei und zwei auf einem Ackergaule oder Lastesel hangend, herbeiklepperten. An ihrer Spitze war Frau Else selbst, quer auf einer grauen Stute sitzend, einen runden kleinen Schild am linken Arme fuhrend, und mit einem breiten Waidmesser bewaffnet, das an ihrer Hufte hing. "Sah man den hinkenden Lauf ihres Rosses, das im aufgehenden Mondlicht erglanzende Regentuch, das um ihr Haupt flatterte, den im Abendwinde schwimmenden und wehenden Gurtel, und das abenteuerliche Hauflein, das ihr folgte, so war man versucht, sie fur die wilde Hexen- und Waldfrau zu halten, von deren Spuck und Gespenstergeleite die Sagen des Thuringerwalds, und des Brockens so viel zu erzahlen mussten." "Halt!" rief sie ihrer Rotte zu, da sie gewahrte, dass ihre Beute eingeholt worden: "Halt! herab von den Thieren! Kreuz, Nagel und Dorn! Gruss Euch Gott, so ich Euch recht erkenne, Herr Graf von Montfort. Der Teufel auf Euern verdammten Schlangenkopf, listiges Fraulein! Haben wir Euch wieder? Alle vierzehn heilige Nothhelfer mussten Euch gerade diese Strasse fuhren, Herr Graf. Heda! Bursche; nehmt das Weibsbild, und bindet es recht fest mit Zweigen und Riemen, dass sich die falsche Hexe nicht ruhren kann."

"Frau Else!" entgegnete Wallrade emport: "so Ihr dieses an mir thun lasst, so ersticke ich mich selbst. Das Ungluck hat mich in Eure Gewalt gebracht, und kein Verbrechen!" "Seht doch!" eiferte die MannFrau, indem sie die Fauste in die Seite stemmte: "ist es kein Verbrechen, mein Vertrauen zu betrugen? meine Leute zu verfuhren?" "Ich antworte Euch nicht mehr;" versetzte Wallrade: "aber ich todte mich, wenn Ihr mich misshandelt; verlasst Euch darauf." "Verruchte Krote!" murrte Else in sich hinein, und der Graf sprach mit beissendem Spott: "Bedenkt doch, Frau von Vilbel! es geht wahrlich nicht, dass wir eine Leiche mit heim bringen, statt der holden Verlobten, in deren Armen ich Ersatz fur meine muhsame Reise zu finden hoffte. Uberlasst das Fraulein meiner alleinigen Obhut. Ich will es so zierlich, als ein Kampe von der Tafelrunde in das so schnode verlassne Kammerlein zuruckbringen, und Wallrade, die sanfte, reizende Wallrade wird meinen Schutz sicher nicht verschmahen. Nicht wahr, mein Fraulein?" Lachelnd hielt er ihr den Steigbugel seines Pferds, und Wallrade erwiederte, indem sie sich ungeduldig aufschwang: "Herr Graf! unter solchen Umgebungen hat Eure Uberredung eine so unwiderstehliche Gewalt, dass ich Euch noch hundertfach mehr verabscheuen musste, als ich es wirklich thue, um nicht Eure Gesellschaft derjenigen einer wuthenden Frau vorzuziehen, die es mir nicht vergeben will, hubsch listig versucht zu haben, was sie selbst in ahnlicher Lage, wenn auch grober und unbehulflicher, in's Werk gesetzt haben wurde." "Die Leuenbergerin hat Recht;" entgegnete Frau Else bitter: "Ihr seyd ein schneidig Messerlein, dem nicht zu trauen ist. Traut ihr nur ja nicht, bester Graf. Den Leuenberger Veit hat sie verfuhrt, dass er ihr durchgeholfen, und den Monch hat sie mitgenommen. Er und der arme Gaul, der hier am Boden liegt, mochten in Gottes Namen seyn, wo sie konnen, wenn wir nur des ungetreuen Schirmvogts, des Leuenbergers habhaft wurden. Der Vogel hat aber sicherlich die Gefahr davon gespurt, und ist auf und davon gegangen." Wallrade schwieg hartnackig und ergotzte sich im Stillen an dem falschen Verdachte der Alten, obschon die getauschte Hoffnung ihr Gehirn und Brust zusammenpresste, dass die Tropfen bittrer Thranen in ihre Augen traten. Stumm wurde der Zug nach der kaum verlassenen Veste zuruckgelegt. Auf Frau Elsens Ruf offnete sich die Burg; als sie aber uber die Zugbrucke zu dem Hofe ritten, entsetzten sich Wallrade und der Graf, und auch die rohen, des Bannfluchs gewohnten Knechte bekreuzten sich, und beteten einen Stossseufzer, denn an den Thorpfeilern hingen zwei Leichname. Auf Befehl der strengen Hausfrau hatte hier der Thorwachter geendet, welcher Wallradens Flucht nicht auf der That gehindert, und der alte Schmied, der von dem Schimmel gegangen war, dessen sich Bilger bemachtigt hatte. "Spiegelt Euch daran!" sprach Frau Else hartherzig und trocken zu Wallraden: "Allen, die es mit Euch halten, geht es also, und musste ich den Letzten mit eigner Hand aufhenken. Diese Schlussel aber, sie zeigte hohnlachend das wiedergefundne Gebund, diese Schlussel vertraue ich nimmer Eurer gefahrlichen Hand, obschon es mit dem Einsperren im Wartthurm nicht so vieles auf sich hatte. Ihr habt vergessen, dass der Thurmwarter eine Axt, und die grobe Frau Else Fauste besitzt, die allenfalls, mit Eisen bewaffnet, ein Schloss auch ohne Schlussel zu offnen verstehen. Euch jedoch soll furder weder Axt noch Schlussel zu Gebote stehen, bis mein Herr sich mit dem Grafen abgefunden, und Euer Schicksal entschieden hat." Der innere Raum der Veste wurde nun verrammelt, als ob ein die Acht vollstreckendes Heer des Kaisers vor derselben lage. Frau Else bewirthete ihren unvermutheten, aber langst erwarteten graflichen Gast in der Trinkstube, und Wallrade betrat beschamt und von Zorn zerrissen, aber nicht verzweifelnd, das Frauengemach, das sie vor wenig Stunden auf ewig verlassen zu haben glaubte, und in welchem Petronella, vom Schreck uber die plotzliche Flucht der Gefangenen, und die muthmassliche Theilnahme ihres Vetters, zusammengeschuttelt, krank zu Bette lag, und die mit dem Geschick grollende mit den hartesten Vorwurfen empfieng.

Zwolftes Kapitel.

Hast du gethan, was nicht recht, so trage den Lohn mit

Geduld,

Lass' vom verdienten Geschick nicht allzutief Dich beugen: Willst Du die zurnende Welt von Reue uberzeugen, Wahle die Mittel nur gut, sonst mehrst Du die vorige

Schuld.

Anonymus.

"Was bringt Ihr mir, wurdiger Vater!" sprach Frau Margarethe Frosch, da sie den Beichtvater Reinhold bei sich eintreten sah, und eilte ihm hoffend entgegen: "O sagt, sagt, mein guter Herr, bringt Ihr Leben oder Tod?" Der Monch machte das Zeichen des Kreuzes auf die Stirne der angstvoll Harrenden, und entgegnete: "Liebe Schwester im Heiland! die Kirche und ihr Diener bringen nie den Tod, so lange ein glaubiges Vertrauen in sie gesetzt wird; wohl aber immer das wahre Leben durch den himmlischen Trost, wenn auch der beschrankte Menschenverstand dagegen ankampft. Auf Euren Gatten, liebe Frau, hofft indessen nicht mehr. Er ist hart wie ein Fels, und will weder durch Eure Bitten, noch durch meinen Zuspruch, der Ruhrung Eingang verschaffen. Es haben sich bose Machte seiner angenommen, die sein Ohr verstopfen, und seine Sinne umnebeln; darum gieng ich auch nicht zum Aussersten, und habe ihm nichts entdeckt, was seine Wuth noch hatte reizen konnen." "Er weiss also nicht?" fragte Margarethe mit langem Athemzuge, "er weiss nicht, und zurnt mir dennoch unversohnlich?" "Schwerer Verdacht;" versetzte der Monch achselzuckend: "Sein Sohn Dagobert scheint ihm der Rauber seiner Ehre zu seyn, und sein Sohn Johannes eine Frucht unziemlichen Verstandnisses." "So ist es denn nun herausgesagt, was ich ahnte?" klagte Margarethe mit hervorquellenden Thranen: "und dennoch, bin ich unschuldig, unschuldig, wie die Sonne!" "Allerdings;" stimmte Reinhold bei, "ohne Zweifel, ob ihr gleich den jungen Mann geliebt, wie niemand besser wissen kann, denn ich. Ihr habt Euch mannlich herausgerissen aus den Schlingen, in die Euch der Satan verstricken wollte; eifrig habt Ihr Busse gesucht, und darum sie auch gefunden." "Und dennoch also verkannt?" fiel Margarethe ein. "Nehmt dieses hin als eine Strafe fur den Fehl, den Ihr begangen;" erinnerte Reinhold: "Dass Ihr, wie ich aus Eurer Beichte weiss, einen fremden Knaben statt des Euern verstorbenen eingepflanzt, ware nichts, denn, was wir nicht wissen, ist nichts, und ein glucklicher Wahn ist besser, denn eine bittere Wahrheit; allein die Mittel zu dem Zwecke waren nicht gut, sondern verdammlich gewahlt. Einen Juden zum Vertrauten zu machen, ... eine Kreatur, weit verabscheuungswurdiger, denn die schwarzen Heiden im Lande Afrika, die doch nur halbe Menschen seyn sollen ... o! das wird Euch bose Fruchte tragen. Mich befremdets, dass Euer Name nicht schon vor dem Richterstuhl genannt worden ist, und Gott hat mir noch nicht den Ausweg gezeigt, der endlich diesem Wirrsal ein Ende machen werde." "Sollte Wahrheit nicht die beste Wahl seyn?" fragte Margarethe kuhn entschlossen: "Sollte es mir nicht den Frieden wiedergeben, wenn ich hintrate und offen eingestunde, was ich gethan?" Der Pater schuttelte bedenklich den Kopf. "Ein altes Sprichwort ist's," sagte er, "dass man den schlafenden Wolf nicht wecke. Ist einmal der Pfeil vom Bogen, dann halte ihn auf, wer kann. Nicht doch. Ihr wurdet Euch vielleicht unnothig der Schande preis geben, wahrend jetzt nur ein Verdacht Euch belastet. Was ist ein Verdacht, wenn man sich unschuldig fuhlt? Eine giftberaubte Schlange zu unsern Fussen. Hundert Frauen tragen ja geduldig den gegrundeten Verdacht. Dass sie die Treue nicht bewahrten, ihre Stiefsohne kussten, immerhin! Aber mit einem Juden solchen Menschenhandel getrieben zu haben. Das wurde keine von sich sagen lassen wollen. Zudem, wo ist die Gewissheit, dass Johannes das Kind sey, das der Jude ermordet haben soll? Ist's unwahrscheinlich, dass der Bosewicht ein ander Kind gemartert habe? Noch hat er nicht geplaudert, und ubermorgen wird sein und seines Vaters Urtheil gesprochen. Konnte er mit dem Gestandniss seinen Hals retten, sicher hatte er's nicht unterlassen. Ich werde ubrigens das Nahere morgen wissen, denn ich will versuchen, ob's moglich ware, diese heidnischen Blutzapfer vor ihrem grasslichen Ende zu bekehren." "Ihr verwerft also ein offen reuiges Bekenntniss?" fragte Margarethe noch einmal. "Gott und seiner Kirche ist man verbunden, Alles zu entdecken und aufzuthun die geheimsten Falten des Herzens;" erwiederte Reinhold kalt; "das Laienvolk braucht nicht Alles zu wissen. Einen einzigen Mann kenne ich, bei welchem Euer Bekenntniss Nutzen bringen mochte; indem sein Schutz und Schirm Euch aus der peinlichen Lage reissen wurde, in die Euch der Argwohn Diethers versetzt hat. Ich meine den Schultheiss. Der Ritter hat langst nach Eurer Gunst gestrebt. Mit Begierde wird er die Gelegenheit ergreifen, sie zu verdienen. Ein Wort von Euch, und die gefahrlichen Juden sterben plotzlich dahin, der Schoff wird beschwichtigt oder zur Ruhe gezwungen, und Johannes bleibt, was er seyn soll, Euer Erbe."

"Nimmermehr!" entgegnete Margarethe unwillig: "Aus Eurem Munde diesen Rath? Nein; ich habe nicht Lust wirklich zu werden, wofur mein Eheherr mich halt." "Wie ihr meynt;" sprach Reinhold gelassen: "ich preise Eure Tugend, welche verwirft, was Tausende thun wurden, um die Moglichkeit zu vermeiden, vor der Welt ein Argerniss zu geben. Ihr seyd aber nicht wie Andere, obwohl auch aus heiligen Buchern Beispiele anzufuhren waren, dass selbst die frommsten Weiber sich nicht scheuten, dem besten Zwecke manche Bedenklichkeit zu opfern. Denkt an Judith, die dem wilden Holofernes sich uberliess ..." "Schweigt, wurdiger Herr!" bat Margarethe: "Ich vermag nicht, was Ihr jetzo begehrt. Lasst es daher beruhen, und sprecht mir von Derjenigen, die noch ferner um das Geheimniss weiss; ... von Willhild." "Ich weiss nichts von ihr und ihr Schweigen macht mir bange." "Ich kann Euch beruhigen," antwortete der Monch: "Ich habe mich befragt. Willhild und ihr Mann sind vor wenigen Tagen gen Compostell gezogen, auf eine Wallfahrt. Besorgt nichts von ihnen. Der Mann ist blodsinnig zu nennen, und die Frau, die vor Kurzem erst sehr krank gewesen, kommt sicher aus Hispania nicht wieder heim." "Ich hatte nimmer geglaubt, dass die Hoffnung auf eines Menschen Tod mich beruhigen konnte;" versetzte athemholend Margarethe. "O die Hoffnung ist immer suss," sagte der Pater, "wenn sie sich auch auf Graber richtet, die sich erst offnen sollen. Haben den Juden die Flammen erstickt, die unzuverlassige Willhild die Muhseligkeiten der Wallfahrt hinweggerafft ... wie lange dauert's, und sie tragen einen alten Schoffen zur Gruft? Dann fallen Eure Fesseln; dann feiert Ihr schon hienieden die Auferstehung." "Ach, hochwurdiger Herr!" seufzte Margarethe: "Gehe es mit mir, wie es wolle; aber dieser Augenblick bleibe fern. Kann ich den Greis auch nicht lieben, wie eine Braut den gefalligen Brautigam, so ehre ich doch sein graues Haupt, und bin ihm dankbar, dass er mein durftiges Leben mit Uberfluss gekront hat." "Hm!" entgegnete Reinhold: "Jedem das Seine. Der reiche Prasser kann zwar, sitzt er im Schwefelpfuhle der Holle mit all seinem Golde nicht einen Tropfen Wasser erkaufen, aber hienieden steht ihm die schonste Blume zu gebot, dass sie an seiner kalten Brust verwelke. Hat Diether Euer Leben mit Uberfluss gekront, so kront er es jetzt mit unverdienter Schmach. Ihr seyd im Vortheil gegen ihn, und Er muss Euch dankbar seyn fur die edle Gesinnung, die ihr fur ihn hegt. Der alte Mann ist derselben nicht wurdig, da er beinahe unverholen ahnen lasst, er schreibe Euch jenen Morduberfall zu, und versehe sich eines Zweiten, wenn nicht seine Klugheit vorbaue." "Schrecklich!" rief Margarethe emport: "Die Schlange erneut sich stets in seiner Brust. Er furchtet einen Meuchelmord von seiner Gattin!" "Noch mehr," versetzte der Monch: "er achtet ihn ganz nahe. Heute just, furchtet er, lauern Morder auf sein Leben; Morder von Euch gedungen und Eurem Bruder, vielleicht von Dagobert, wie der Argwohnische sich nicht schamt, zu glauben. Ein Unbekannter hat ihm gemeldet, dass er erfahren wurde, wo Wallrade hingekommen, wenn er in der heutigen Nacht, mit Geld versehen, am Bannsteine von Bergen, das Sprunglin genannt, erscheinen wolle. Diese Nachricht halt er von Euch erdichtet, und wittert Verrath, und wird nicht gehen, niemand senden." "Am Sprunglin? sagt Ihr?" fragte Margarethe neugierig. "So ist's," antwortete Reinhold: "Ich, an seiner Statt, wurde doch Jemand hinaussenden; denn ich traue eher dem, der um Geldes willen mir ein Ding zu verrathen verheisst, als der reinen Menschenliebe wegen. Indessen, Euch kann's gleichviel seyn. Wallrade mag Euch nie zu lange aussen bleiben; wohl aber der gute Dagobert, dessen kekkes Handeln Euch und Eurer Sache nur Vortheil gewahren kann. Nicht wahr?"

Margarethe schlug die Augen vor den forschenden des Paters nieder, welcher nach einer Pause fortfuhr: "Wie ich vernommen, hat der junge Mann sich von der Kirche, welcher er verlobt gewesen, losen lassen. Meines Bedunkens hat er ubel daran gethan, und sogar sein hochmuthiger Lehrer, der Predigermonch Johann, der, wie alle seines Ordens, dem unsrigen nicht hold ist, weil er am Evangelium reiner hangt, denn alle Andern, muss mir Recht geben. Ware der Junkherr Priester geworden, es ware ihm nicht geschehen, was seit heute Morgen das Gerede der ganzen Stadt ist." "Um Gotteswillen!" sprach Margarethe angstlich: "Was ist ihm geschehen? welch Unheil? redet." "Ihr wisst nicht?" fragte Reinhold entgegen: "Da sieht man wohl, wie sehr Recht das Lied hat, welches sagt: Jenseits bin ich wohl bekannt, Fremdling doch im eignen Land! Dass Eure Zofen aus Schonung Euch's verschwiegen haben, gebe ich zu, aber der Rachbegierde Eures Eheherrn hatt' ich das Schweigen nicht zugetraut. Heute morgen hat Euer Knecht Eitel, als er des Hauses Thure offnete, ein Pergament daran geheftet gefunden, und die drei Spane, die aus der Pforte gehauen worden waren, entdeckten dem des Lesens Unkundigen gleich das Wahre, wie auch dem Pobel, der schon lange gaffend vor dem Hause stand. Eine Ladung der heimlichen Acht ist es, gerichtet an den Junkherrn Dagobert Frosch, welcher auf den nachsten Dienstag vorgefordert wird vor den Stuhl zu Sachsenhausen, um sich zu verantworten uber schwere Missethaten, deren er angeklagt worden."

"Heiliger Gott!" stammelte Margarethe: "die heimliche beschlossene Acht? armer Dagobert! welch' ein Teufel hat Dich vor diese Schranken gefordet, wo der K l a g e r nur Recht erhalt? Hochwurdiger Herr! Um meinetwillen, o gewiss, um meinetwillen ist er in diese Verderbniss gerathen! Wie soll ich mir jetzt rathen, ...: wie soll ich mir helfen?" Der Monch zuckte die Achseln, verwies die Klagende auf den Willen Gottes, und auf das eigne Schweigen, und begab sich mit dem Versprechen hinweg, bald wieder einzusprechen, und ihr sogleich zu wissen zu machen, wann der gefangene Jude ein gefahrliches Gestandniss besorgen lassen sollte.

Eine unsagliche Angst bemachtigte sich Margarethens, da sie wieder allein war, und in ihrem erschutterten Geiste Alles zusammenstellte, was sich in den letzten Tagen zugetragen, und ihr Schicksal auf solch entsetzliche Weise verwirrt hatte. Ihres Fehls bewusst, drangte es sie, etwas zu unternehmen, wodurch sie die Schuld ihres Gewissens in etwas zum mindesten zu suhnen vermochte, und dieses Etwas wurde, trotz seiner gefahrlichen Abenteuerlichkeit, bald in ihr zum festen Entschluss. "Ich will ihn zwingen, wenigstens nicht das argste von mir zu glauben," sprach sie zu sich selbst; "nicht die Bosheit, Wallraden aus dem Wege geschafft, noch die grossre, Morder gegen sein Leben aufgestellt zu haben. Ist es Gottes Wille, dass ich in meinem Vornehmen umkomme, so sey es darum; wo nicht, so sey der Engel gepriesen, der mir diesen Weg gezeigt, wieder etwas in der heillosen Verwirrung gut machen zu konnen, worein meine leichtsinnige Verblendung mein Haus gesturzt hat." Sie sammelte mit zitternder Hand die Kleinodien und den kleinen Schatz von Denkmunzen und seltnen Goldpfennigen, die sie der Freigebigkeit ihres Gatten verdankte, und wahlte aus ihrem Kleiderschreine einen dichten, weitverhullenden Regenmantel, welcher ihr zu ihrem Vorhaben geeignet schien. Hierauf sagte sie zu Elsen, die sich mit dem kleinen Johannes bei ihr eingefunden hatte: "Gute Dirne! Du hast schon viele Heftigkeit von mir ertragen und meinem aufbrausenden Zorn stille Geduld entgegengesetzt. Nun, da ein boses Geschick mir die Augen geoffnet, und mir selbst Duldung zur Pflicht gemacht hat, danke ich Dir fur Deine Nachgiebigkeit, welche immer mit der seltensten Treue gepaart war. Du hast treu bei mir ausgehalten, seit mich ein widriges Gestirn in die Tiefe des hauslichen Unglucks versenkte; nicht Dein Mund, nicht ein Blick von Dir hat mich fuhlen lassen, wie sehr die Gegenwart meine Vergangenheit in Schatten stellt. Empfange dafur meinen herzlichsten Dank, und gib mir Gelegenheit, Dir eine noch warmere Dankbarkeit widmen zu konnen. Willst Du, meine gute Else?" Die Zofe staunte bei dieser ungewohnten und aufrichtigen Sanftmuth ihrer Herrin, und versicherte sie ihrer Bereitwilligkeit. "Entsinnst Du Dich noch des Traums, den ich Dir vor manchen Monden erzahlte?" fuhr Margarethe fort! "Ich spottete damals Deiner finstern Ahnung, obwohl mir der Spott nicht von Herzen ging. Nun aber erwahrt sich das Gebilde jener Nacht auf eine furchtbare Weise. Aus der Zeit ist eine Schlange erwachsen, aus Allem dem, was ich fur das Theuerste achtete, ist ein Ungeheuer entsprungen, das mir das Herz abfrisst. Ich weiss, um diese Schrecken zu mildern, nur einen Ausweg, und diesen zu ergreifen, sollst Du mir behulflich seyn." Else kusste der Gebieterin Hand, und fragte unter Thranen: "Was soll ich thun, ehrsame Frau, das Euch genehm ware, und das Mittel darbote, den Frieden in Euer Haus und Herz zuruckzubringen? Wenn eine schwache Magd vollbringen kann, was Ihr begehrt, so zahlt auf mich." "Ich muss fort;" sprach Margarethe mit gedampften Tone weiter: "noch in dieser Nacht muss ich fort. Begunstige diesen Vorsatz; hilf mir hinaus aus diesem Gebaude, wo mich Kummer und Angst todtet." "Fort?" fragte Else erstaunt: "Fort? Ei, um unsrer lieben Frauen willen? was wollt Ihr beginnen? Wollt Ihr Euern Herrn verlassen, und Euern guten Leumund zu Grunde richten? oder wollt Ihr Euch ein Leides anthun? Ach, liebe Meisterin, unterlasst doch dieses Vornehmen! Ihr seyd jung, Ihr seyd Mutter und Hausfrau. Verzweifelt nicht an der Barmherzigkeit, die Allen hilft. Ist der Kummer unverschuldet, der Euch druckt, ... und wie konnte es anders seyn? ... so wird er Euch nicht todten, und der Allmachtige Euch nicht umkommen lassen. Die Wahrheit muss ja doch endlich an's Tageslicht kommen, und Eure Feinde verderben. Man lebt nur einmal, gute Frau, und was helfen Euch alle Ehrenkronen auf Euerm Grabe, so bald Ihr die Augen nicht wieder aufthun konntet." "Nicht doch;" versetzte Margarethe mit schmeichelnder Uberredung: "Gutes Kind, Du irrst. Ich will weder fluchtig gehen, noch mir das Leben nehmen, und, wenn die Sterne mir gunstig sind, bin ich morgen bei guter Zeit wieder zuruck. Sollte ich jedoch nimmer wiederkehren, so sage meinem Herrn, dass er von Deiner Mutter erfahren wurde, wohin ich gegangen, und wie mein letzter Gruss an ihn gelautet. Du aber bete dann fur meine Seele, Madchen!" "Ihr wollt mich beruhigen, ehrsame Frau;" begann Else nach einer kleinen Weile, in welcher sie die Gebieterin stumm betrachtet: "und dennoch mehrt sich meine Angst. Wohin wollt Ihr gehen, dass Ihr vielleicht nimmer lebendig wiederkehren durftet. O, liebe Frau, denkt an Euern Knaben!" Sie fuhrte den wehmuthig die Hande faltenden Johannes zu Margarethen. Die Altburgerin betrachtete den Knaben kummervoll, legte die Hand auf seinen Kopf, und sagte: "Armer Junge! Du bist die Quelle des Unheils, das uns betroffen, und doch unschuldiger, als wir Alle! Traue auf Gott, und er wird wohl an Dir machen, was Menschensinn verdarb. Du wirst, wie auch Dein Geschick sich wende, an Herrn Diether einen Vater finden." "Das walte Gott!" seufzte das Madchen: "Was wird aber der rauhe, argwohnische Herr an dem Knaben thun, da Ihr, die Mutter, so kalt von ihm scheidet?" "Du schiltst mein Mutterherz?" fragte Margarethe heftig, und ihr Auge suchte weinend am dammernden Himmel den Wohnsitz des verblichnen Sohns. Sie fasste sich jedoch bald wieder, und fuhr gelassner fort: "Die Nacht bricht ein, mein Kind. Lass mich nicht vergebens bitten. Bleibe mir treu; ich fordre es vielleicht zum Letztenmale von Dir. Berichte mir, wenn Herr Diether heut Abend das Haus verlasst, und offne mir alsdann die Thur, wenn Du's vermagst. Ich selbst habe die Schlussel des Hauses nicht mehr, da sie mein Herr mir abfordern liess, allein ich denke ..." "Gute Frau," fiel Else ein: "ich habe Mitleid mit Euch. Herrgott! so jung, so schon und reich zu seyn, und doch nicht glucklich! Das kann uns armen Leuten nicht recht zu Sinne gehen, wenn wir nicht in Herrendiensten sind. Ich sehe es aber hier deutlich, und will gerne die Hand zu einem Schritte bieten, von welchem, wie Ihr sagt, meine wackre Mutter weiss. Aber Ihr vergesst, dass der ehrsame Herr, so oft er Abends das Haus verlasst, die Thure sperrt. Wie wird es moglich seyn, zu entweichen, wenn es auch geschehen konnte, dass keine Magd und kein Knecht Euch sahe?" "Welch ein Hinderniss!" klagte Margarethe: "und heute, gerade heute muss ich fort! Sinne nach, kluge Dirne, sinne nach, und hilf. Schon steigt der neue Mond herauf am Himmel; wir haben nicht lange Zeit zu verlieren, denn weit ist der Weg, den ich unternehme." "Es wird mir schauerlich zu Muthe," erwiederte Else, "hor' ich Euch also sprechen. Ihr werdet doch nicht zu einer Hexenfrau gehen, um Euch die Zukunft deuten zu lassen durch verbotnen Zauber? Gute Frau, ... das thut nimmer gut, nicht hier, nicht jenseits uber den Himmeln." "Schwatzerin!" schalt Margarethe halb scherzhaft, ihr auf die Wange klopfend: "Vergissest Du, dass Deine Mutter um die Sache wissen wird, und dass sie eine allzufromme Christin ist, um sich mit Hexenwerken einzulassen? Sey ruhig, und offne mir einen Weg aus dem Hause. Hore aber vorerst, was das Gerausch bedeutet, das ich in den Gangen vernehme." Die Zofe ging hinaus, um nach dem Willen der Gebieterin zu thun. Der kleine Johannes naherte sich aber der in Trubsinn versinkenden Frau; faltete nochmals seine Handchen, und sprach: "Lieb Mutterlein! Du kommst doch wieder? Du lassest mich doch nicht allein bei dem finstern Manne, der uns nicht mehr sehen nicht mehr horen will?" "Ich komme wieder, Johannes!" versicherte Margarethe, seine Hand streichelnd: "und wenn ich auch nicht wieder kame, so verzage nicht. Du bist ja ein unschuldig Kind. Dir werden sie nichts zu Leide zu thun." "Ach, dem kleinen Hans ist schon viel zu Leide gethan worden," klagte der Knabe: "die schwarze Mutter hat ihn viel geschlagen, und endlich gar verlassen. Und Du bist so eine freundliche Mutter, und wolltest auch von mir gehen?" "Ei, Hans;" zurnte Margarethe leise: "Wie magst Du denn schon wieder an Deine Traume denken? Getraumt hat Dir von der schwarzen Mutter ... nichts weiter. Wie kommt es denn, dass Du wieder an die Tollheiten kommst?" "Seit heute Nachmittag, lieb Mutterlein;" erklarte der Bube gesprachlicher: "Es muss am Ende doch wahr seyn, was ich getraumt habe. Else hat mich hinausgefuhrt auf die Gassen unter die andern Buben, und wir haben gespielt. Und da ich mude wurde, und Else sich vor einem grossen schonen Hause mit mir hinsetzte, mir das Hutlein abnahm, und den Schweiss abtrocknete, ja, da hab' ich den Mann gesehen, der mich gefunden hat, da meine schwarze Mutter von mir gegangen war, und es ist just so vor mir gestanden, Alles, wie damals, als es mir getraumt hat, wie Du sagst." "Welchen Mann?" fragte Margarethe mit pochendem Herzen. Der Knabe besann sich ein wenig; dann versetzte er: "ich habe bei ihm geschlafen, ... ganz gewiss, ... und bin auf seinem Knie geritten; ... ach Mutterlein! welch ein grosser Schnauzbart; und den hat er noch." Ei, wo sahst Du ihn denn, Hans? "Am Fenster stand er," fuhr der Bube fort, "und ein schwarzer grosser Herr neben ihm, und sie sahen mich auch lange an; der Mann hatte gewiss mit mir geredet, wenn er nicht im Hause gewesen ware, und ich auf der Gasse." "Gewiss," versetzte Margarethe, leichter athmend: "dass er aber nicht zu Dir heraus kam, sey Dir ein Beweis, dass es doch nichts war, als ein Traum, was Du Dir einbildest; ein Traum, von dem zu reden ich Dir ernstlicher verbiete als jemals; horst Du? Wenn Du haben willst, dass ich nicht mehr zuruck komme, so magst Du thun, was ich verboten habe." "O, mein Mutterlein!" antwortete schmeichelnd der Bube: "Wieder kommen! nichts sagen, gewiss nicht, herziges Mutterlein." Da trat Else wieder in die Stube. "Ersame Frau," sprach sie, auf den Zehen heranschleichend: "es ist, als ob ein Zauber Euern Ausgang begunstigen wollte: wir haben Besuch bekommen; der Bruder des Herrn, der Pralat aus Walschland ist so eben im Hause eingekehrt, mit einem gar holdseligen Fraulein, das wohl seine Haushalterin oder eine Verwandte seyn mag. Der Herr Schoff ist uberrascht auf seiner Stube ihnen entgegen gegangen, und hat die Gaste bewillkommt, und in den grossen Gaden gefuhrt. Darauf hat er dem Eitel befohlen, spanischen Wein heraufzubringen, und ein Nachtmahl anzuordnen, wie es in der Eile sich wurde thun lassen. Das Gesinde ist in Kuche und Keller beschaftigt, die Thure ist offen, das Gluck und die Nacht sind Euch gunstig, wenn Ihr ferner bei Eurem Vornehmen beharrt." "Ob ich dabei beharre?" fragte Margarethe lebhaft: "Hartnackiger denn zuvor. Den Pralaten, welcher Wallraden liebt, wie seinen Augapfel will ich nicht eher sehen, als bis ich etwas gethan, das unlaugbar von meinem guten, aber schnod verkannten Sinne zeugt. Komm, Else, hilf mir, und Du, mein Junge, setze Dich dort in den Winkel, und weine nicht, und plaudre nicht. Ich werde wiederkommen, und Dir schone Sachen mitbringen." Hans that, wie ihm geheissen war, und Else warf der Gebieterin den Mantel um. "Gott schutze Euch!" schluchzte die gute Seele, da sie die schweren silbernen Hacken am Halse Margarethens zumachte, und ihr das Kastchen unter den Arm schob: "Der Himmel gebe, dass wir alle es nicht bereuen mogen, dass Ihr heute fortgegangen von Euerm Herrn und Sohne." "Das gebe der Himmel!" erwiederte Margarethe, und offnete die Thure des Gemachs leise und vorsichtig. Else folgte der voranschleichenden Herrin, wie ein lauschender Dieb, und der Zufall wollte, dass kein Verrather uber ihren Weg ging. Die schwere Hauspforte wurde halb aufgezogen, und in die braune Dammerung entschwand Margarethe.

Die aufgeregte Einbildungskraft zeigt uns oft, wenn uns die Nacht auf Haide und Blachfeld uberrascht, am Saume der Wolken Schatten und Gestalten, die dahin gleiten wie in Floren und weit verhullenden Gewandern schwebend, Klagefrauen ahnlich, die um den in Meeresfluthen begrabnen Tag trauern, und die Hande ringen. Also durcheilte Margarethe die Strassen der Stadt, uber welche der neu eingetretne Vollmond einen feuchten, dustern Himmel gespannt hatte. Mit der Sonne hatte auch das schone Wetter Abschied genommen, und gewitterliche Wolken den Schauplatz bezogen. Wohl leuchtete der Mond, aber seine Scheibe war bleich, und diese blasse Helle deutete auf herannahenden Sturm und Regenguss, so wie die Mitternacht herankommen wurde. Wann hatte jedoch des Firmaments Beobachtung einen Menschen abgehalten von dem Vorsatz, zu welchem ihn der feste Wille treibt, oder die unerschutterliche Nothwendigkeit? Auch das schwachre Weib zittert nicht vor den drohenden Schrecken der Natur, wenn sein Herz zu hohern Pflichten, zu wirklichen oder eingebildeten ruft, und Margarethe bemerkte, rasch fortschreitend, nicht den stillen Wolkenkampf am Himmelsbogen, nicht das dumpfige Wehen der nasslichen Luft. Es war ein seltnes Schauspiel, um jene vorgeruckte Abendstunde ein Weib aus dem bessern Stande allein auf den Gassen der Stadt zu gewahren, und mehr als ein zudringlicher Junker bot der Eilfertigen seine Begleitung an. Kaum horte sie jedoch die Begrussung der Schuchternen, die Frechern wies sie mit harten Worten zuruck, und verschloss ihre Ohren vor den Spottereien der Wachter am Thore. E i n Ziel vor Augen habend, ging sie muthig hinaus in's Weite, und das Mondlicht sowohl, als auch dann und wann ferne am Feldberg aufzudeckende Blitze leuchteten ihr mitleidig auf dem Weg zum Schellenhof. Keine menschliche Seele war ihr vor der Stadt begegnet. Zuge von Dohlen und Krahen, die, vor dem fern drauenden Sturm einen Zufluchtsort suchend, dicht am Boden voruberflatterten, waren die einzigen lebenden Geschopfe, die sich zeigten. Frau Margarethe, trotz aller Standhaftigkeit dennoch solcher einsamen Wanderungen ungewohnt, dankte dem Himmel im Stillen, als die Hunde des Schellenhofs bei ihrer Annaherung anschlugen, obwohl hier erst der halbe Weg zur Gefahr uberwunden war. Die Hunde tobten an der Kette, und der geschlossne Fensterladen im Erdgeschosse ging auf. Crescentia, die nach der Ursache des Gebells aussah, erschrack in die tiefste Seele, als sie die Stimme der Dienstherrin vernahm, die auf einen Augenblick den Eintritt in'ss Haus verlangte. Die Beschliesserin gehorchte indessen auf der Stelle, und that ihr gastliches Gemach auf, in welchem Margarethe einen langen Mann gewahrte, welcher so eben einen massigen Nachtimbis einnahm, und verlegen aufsprang, da Margarethe in die Thure trat. "Sieh da, Vollbrecht!" rief die Altburgerin, schmerzlich und freudig betroffen von dem Anblick des Knechts: "Du hier? Ei, sprich, wo ist Dein Herr, und kehrt er zuruck?" "Ehrsame Frau!" lautete die Antwort: "Wir sind herumgezogen in der Irre, wie Roland's Knappen, haben aber nichts erlauert, nichts erspurt. Wir haben zwar manchen Span bestanden mit den adelichen Herren, die rundum an den Strassen und Flussen die Schlagbaume machen, und von Freund und Feind den Zoll heischen, aber, die wir suchten, fanden wir nicht, und des Frauleins leibeigner Knecht Rudiger, nachdem er uns lange links und rechts und kreuz und quer im Lande umhergefuhrt hatte, meinte endlich, er werde doch nimmer das Schloss erkennen, in welchem sie gesteckt, das Fraulein, Er und die Zofe, und glaube steif und fest, man habe das Fraulein umgebracht, weil auch kein Laut mehr, von ihr zu horen sey. Darauf haben wir uns auf den Ruckweg gemacht, und wollten heut zur Vesperzeit in Frankfurt einreiten, als mit einemmale der Rudiger krank wurde, und so bresthaft, dass er wohl nimmer erstehen wird. Der Mensch hat sich so viel Gedanken um seiner Herrschaft Schicksal gemacht, und sich so sehr darob gegramt, dass, er sicher schon verschieden ware, wenn er nicht etwas auf dem Gewissen gehabt hatte, das ihn, wie er sagt, seit geraumer Zeit gedruckt hat, wie ein Fels. Der Junkherr hat ihm zugesprochen, wie ein Beichtherr, denn das versteht er aus dem Grunde, und endlich hat der Knecht sich drein ergeben, und versprochen, ihm Alles zu bekennen, und sein Herz zu erleichtern vor dem Ende." "Was kummert mich der Knecht?" schaltete Margarethe dringend ein: "Wo ist Dein Herr? das will ich wissen." "Ich bin ja gleich zu Ende;" erwiederte der Knecht gehorsam: "Wir waren gezwungen, in einer schlechten Winkelschenke einzukehren, nicht allzufern von hier, da der Rudiger nicht weiter konnte, vor Frost und Hitze, und wenn man ihn auf's Pferd gebunden hatte. Und da es den sterbenden Mann drangte, meinem Herren zu vertrauen, was ihn qualt, und mir, dem Knecht, nicht nothig und ziemlich ist, davon zu wissen, so hat der Junker gesagt: 'Reit Du indessen gen Frankfurt, Vollbrecht, und sieh nur, wie's dorten steht, ob sich vielleicht durch Gottes und eines andern Biedermanns Hulfe die Schwester daselbst wieder eingefunden, und wie es mit dem lieben Vater steht, der Mutter und dem kleinen Hans. Vergiss jedoch nicht, vorerst auf dem Schellenhofe einzusprechen, und der wackern Frau Creszens meinen Gruss zu bringen, mit dem Vermelden: es stehe bis auf die getauschte Hoffnung, wohl mit mir, und sie solle es nur weiter sagen. Sobald des Rudigers Zustand es erlaubt, komme ich selbst.'" "Um Gotteswillen nicht!" fiel hier Margarethe eifrig ein: "Fliege zuruck zu ihm, und bringe ihm diese Kunde! Nur gen Frankfurt nicht. Die Heimath wird sein Grab. Er bleibe fern, denn seine Feinde haben die todtlichsten Pfeile auf ihn gerichtet. Die heimliche Acht hat ihn vorgeladen, und von ihren Schranken kehrt kein Gerechter wieder."

"Jesus Maria!" seufzte die Beschliesserin, und schlug ein grosses Kreuz. Der lange Vollbrecht faltete erschrocken die Hande, und sprach kein Wort. "Wenn ihm sein Leben, wenn ihm meine Ruhe lieb ist, so bleibe er fern, so verberge er sich in entlegnen Landen vor den Schoffen der Vehme!" fuhr Margarethe bewegter fort: "Sage ihm, Vollbrecht, ich hatte gehort, dass der Kaiser allein die Vervehmten zu schutzen vermoge. Er suche zu Sigmunds Fussen die Lossprechung von jener furchtbaren Ladung. Er fliehe zu den Fussen des heiligen Vaters, denn in Deutschland sollen Hunderttausend Dolche auf die Brust des Geachteten lauern. Doch, was rede ich?" setzte sie sich besinnend bei: "ich sollte ihn wegscheuchen vom heimatlichen Boden, ohne ihm erst zu sagen, wie sich Alles gestaltet? Nein, nein, nein! Guter Vollbrecht! vergib mir, wenn ich verwirrt rede, aber wiederhole ihm getreu meine Worte. Sie verrathen selbst in ihrer Verwirrung die Liebe, die dankbare Freundschaft, die ich fur ihn empfinde. Er soll mir glauben, Vollbrecht, nicht wahnen, als sey es Bosheit einer Stiefmutter, die den Sohn erster Ehe aus dem Vaterhause treiben mochte! Ich bin ja selbst geachtet, ... selbst verstossen! Aber recht! reden muss ich noch einmal zu ihm. Ich muss ihn sprechen, obgleich ich nicht weiss, ob ich morgen noch lebe! Sage ihm, treuer Knecht, sage ihm, dass er morgen, um diese Stunde hier erscheine er wurde mich finden, ihm Lebewohl zu sagen; bis dahin moge er jedoch verborgen bleiben; denn Alles sey gegen ihn verschworen. Und nun mache Dich zur Stelle auf, und eile von dannen. Vielleicht ist jetzt schon Rudiger des Todes, oder genesen. Vielleicht geht jetzt schon der Sorglose, Unbefangne seinem Untergange entgegen, ohne Warnung, ohne Ahnung! Geh! geh! guter Vollbrecht!"

Um den schwankenden Entschluss des zogernden Burschen zu beschleunigen, druckte sie ihm ein Geldstuck in die Hand, und diese Freigebigkeit, verbunden mit der aufrichtigsten Anhanglichkeit an seinen Herrn bestimmte den Knecht, sich alsobald auf zu machen. Frau Margarethen fur ihr Geschenk das Kleid kussend, Crescenzien fur das Nachtmahl dankbar die Hand schuttelnd, sprang er hinaus, warf sich auf den harrenden Gaul, und suchte auf gut Gluck in dunkler Nacht den Weg, den er gekommen. Die Schaffnerin hatte kaum ihren Ohren getraut, als sie die Reden vernommen, die Margarethens Mund, wie vom Sturme beflugelt, gesprochen hatte. Es schien ihr noch immer, wie ein Traum, das ihre Meisterin jetzt, zu dieser Stunde in ihrem Gemache stehe, und eine angstliche Neugierde bemachtigte sich ihrer, zu erfahren, was der seltne und verstorte Gast eigentlich hier begehre. Die Altburgerin liess diese Neugier nicht zu Worte kommen, denn auch sie wurde von der vorruckenden Nacht gemahnt, ihr Gewerbe hier zu Ende zu bringen. "Das Morgen wird kommen," sagte sie ernst zu der Dienerin: "Ich werde vielleicht nicht wiederkehren, denn meines Lebens bin ich nicht sicher auf dem Wege, den ich heute gehen muss. Versprich mir aber, Crescenz, dass, wofern ich morgen in des Tages fruhe nicht zuruckkehrte, Du meinen Herrn aufsuchen wollest, und ihm melden: Ich hatte es nicht ferner tragen konnen, meine Unschuld fur bose Schuld abgewogen zu sehen. Ich sey ihm immer treu gewesen und hold, Dagobert sey rein, wie das Sonnenlicht, ich hatte weder meinen Herrn und zu Ehewirth zu morden begehrt; noch sein Herz zu zerreissen durch Wallradens Raub, den er mir ebenfalls zugeschrieben. Um ihn zu uberzeugen, dass ich wahr und redlich gehandelt, sey ich heut hinausgegangen zum Sprunglinsteine, um dort zu verrichten, was Herr Diether, von Argwohn und Misstrauen befangen, nicht unternehmen wollte. Er mochte mir daher vergeben, was ich vielleicht im Leichtsinn der Jugend an ihm gefrevelt. Boses habe mein Herz dabei nie im Schilde gefuhrt. Er moge mir auch verzeihen, was ich Schwereres begangen, und mir nicht als Sunde zurechnen, was ein irre geleitetes Gefuhl verbrach. Er moge endlich meiner in Frieden gedenken, und von dem kleinen Hans seine Hand nicht abziehen, wie auch die Dinge kommen sollten. Verstehst Du mich, gute Crescenz?"

Die Alte hatte zugehort, und immer aufmerksamer Auge wie Ohr geoffnet. Nun aber, da Margarethe zu reden aufgehort, starrte sie dieselbe unbeweglich an. "Ich werde ausrichten, was Ihr befehlt, ehrsame Frau," sagte sie, in ihrer Besturzung verharrend, "aber ich will nicht getauft seyn, wenn ich begreife, was das Alles heissen soll? Hat Euch denn der liebe Herrgott Euer Sterbestundlein offenbart? oder welche Ursache habt Ihr dann, dass Ihr solche bedenkliche Reden fuhrt? Oder hatte Euer hauslich Kreuz Euren Verstand beschadigt? Ich sollte Euch wahrlich nicht fortlassen in der dunklen Nacht." "Keine Widerrede:" befahl Margarethe herrisch, und Crescenz zog sich alsobald in die Schranke der Demuth zuruck: "Hore noch das letzte:" setzte die Altburgerin hinzu: "Athme ich morgen noch, so werde ich am Abend hier mit meinem Stiefsohne ein Wort des Abschieds reden, in Gegenwart Deiner beiden Augen, unter der Obhut Deiner verschwiegenen Zunge. Hat jedoch der Herr des Lebens uber mich geboten, so sage dem jungen, unglucklichen, durch m i c h unglucklich gewordnen jungen Manne: Bis zu meinem letzten Athemzuge sey e r mir der theuerste Mensch auf Erden gewesen. Die Zeit, da ich ihn verstohlen liebte, wie ein unerreichbar hochstes Gut, sey meine glucklichste; die Zeit in der ich ihn hasste in verirrter Leidenschaft, meine elendeste gewesen. Seine vergebende Freundschaft war Paradieseshauch in meinem hauslichen Jammer, sein Bild der Heilige zu dem ich betete. Bekenne ihm in meinem Namen, dass ich, die Unwurdige, glucklich war, in der Erinnerung an ihn, und dass, wenn es moglich ist, mein Geist sich von oben herabneigen wird, um uber seine Schritte zu wachen, dass ich ihn aber bitte mit der verzweifelnden Liebe einer Mutter, sich selbst zu erhalten, und die Statte zu meiden, wo offentlich und heimlich die hochste Gefahr ihm droht, wo selbst der eigne Vater von schnoder Rachlust entbrannt ist gegen den Unschuldigen. Beschwore ihn," ... hier hemmten Thranen die Worte Margarethens, und mit einem schmerzlichen: "Ich kann nicht mehr; lebe wohl!" sturzte sie aus dem Gemach. Die angstvolle Crescentia folgte ihr ermahnend, bittend und klagend. Die Altburgerin war unerbittlich gegen ihr Flehen; noch unter der Hausthure musste ihr die Alte in dem ungewissen Dunkel die Richtung bezeichnen, die sie gen Bergen zu nehmen hatte, und unter dem Gebell der wachbaren Hunde, entwich die kuhne, auf's Ausserste gefasste Frau den Augen der alten Dienerin. Kopfschuttelnd sah ihr die Letztere nach, schob alsdann den Riegel vor, und sendete das Gesinde, das durch das Hundegebell aufgeschreckt worden war, wieder zum Lager zuruck. Sie setzte sich hierauf in den Sorgenstuhl, und dachte im unruhigen Geist nach uber die Begebenheiten des Abends. Nach allem Uberlegen schien ihr endlich nichts klarer und gewisser zu seyn, als dass der angehaufte Gram und Unmuth Margarethens Verstand in Unordnung gebracht habe, und sie begann, sich die bittersten Vorwurfe zu machen, dass sie die Sinnverwirrte hinausgelassen in die einsame Finsterniss, wo ihr unstater Fuss gar leicht in des Wassers Fluth gerathen, oder ein Blitz ihr Haupt zerschmettern konnte. Sie schalt sich einfaltig, dass sie gar nicht bedacht, wie ungnadig Herr Diether ihr Betragen, kam's zu Tage aufnehmen wurde, und bedauerte abwechselnd die arme Frau, sich selbst, und den guten Junker Dagobert, den die Botschaft, die Margarethe seinem Knechte aufgegeben, unbedingt zum Tode erschrekken musse. "Der biedre Junker!" sagte sie vor sich hin, wahrend sie ihr Nachtkleid uberwarf: "Wie er Alles liebt, das ihm vertraut. Wie dankbar, gedenkt nicht sein die Stiefmutter, die ihn hasste? Wie zart denkt er nicht Aller, deren er sich angenommen! Wie werde ich das gute Judendirnlein morgen mit der Nachricht erquicken, dass er gesund und wohl ist. Der lange Knecht liess sich's gewiss nicht traumen, dass der Gruss an die alte Crescenz auch noch jemand Anderm galt! Wie aber in aller Welt, kommt es, dass der biedre junge Herr vor die Vehme gerathen ist, von der ihm nur der Kaiser loshelfen mag?" "Ei!" unterbrach sie sich, gegen das Fenster lauschend: "war mir's doch, als ob die Hunde sich wieder bewegten, und leise knurrten. 'sist aber wieder Alles stille. Und dennoch," setzte sie nach einer Pause hinzu: "dennoch regt sich draussen etwas, und ich hore die Hunde schnaufen und schmatzen, als ob sie etwas kostliches zu fressen erhalten, hatten." Schon griff die herzhafte Frau nach der Lampe, als eine behutsame Faust einigemal leise an den Laden klopfte. "Da haben mir's!" flusterte die Alte vor sich: "Das ist ein frecher Dieb, der meinen Hunden mit Gift das Maul gestopft hat, und nun herein mochte." Sie erfasste schnell eine Haue, die in der Ecke stand, offnete das Fensterlein, und sprach durch die Ritze des Ladens hinaus: "Du diebischer, ungeschlachter Gesell, wer du auch seyst, packe Dich fort, denn meine Leute sind beim ersten Schrei wach und hellmunter. Auch halte ich eine Haue in der Hand, die dir den Kopf zerschmettert, wenn Du in's Fenster einzubrechen wagst. Zieh darum ab. Ich bin 'ne arme Frau, und hier ist nichts zu holen, als ein blutiger Kopf." "Macht keinen Larm!" flusterte es von draussen herein: "Ich bin kein Dieb, sondern ein ehrlicher Mann. Ich komme doch nur, um Euch zu warnen, Mutterlein." "Wofur? Du Schalksgesell?" fragte Crescenz, noch immer unglaubig. Der Fremde vor dem Fenster fuhr aber fort: "Man ist Ben David's Esterchen gekommen auf die Spur; Du gutes Weiblein. Sie werden kommen, ehe vergeht eine Stunde, mit Spiessen und Stangen, um die Judin zu fangen, und um Dich, als Hehlerin, zu setzen auf den Thurm bei Wasser und Brod." Crescentia's Herz klopfte heftig, denn sie konnte nicht an dem guten Wissen des Klopfenden zweifeln. Sie offnete scheu den Laden, obgleich nur halb, und beleuchtete vorsichtig Zodick's hassliches Antlitz, das sich herein bog. "Wer bist denn Du, Nachtlaufer?" fragte sie halb erschrocken. "Kennst Du mich denn nicht, Mamme!" sagte Zodick entgegen: "Bin ich doch gewesen der Knecht, der Dir so oft gebracht hat mildthatige Beisteuern von David, dem Sohne Jochai. Du musst Dich noch besinnen auf meine Gestalt." "Ach! Du bist's?" rief die Alte erschreckt: "Weiche von dannen, Du Lugner, der seinen Herrn zum Tode bringt, durch seine blutige Bosheit!" "Ich bin nicht derselbe;" hiess es entgegen: "Jener Zodick, der geklagt hat in Edom, ist nicht mehr, sondern ein reuiger Zodick lebt noch, und darum will er retten, die Tochter seines Herrn, die Einer aus Israel verrathen hat an den wollustigen Schultheiss." "Um Gotteswillen!" fiel die Alte klaglich ein: "Der Schultheiss? das arme Kind ... wer war der Verrather?" "Joseph der Arzt;" erwiederte Zodick leise: "Um die elfte Stunde kommen des Oberstrichters Trabanten heraus, und wehe Dir, wenn man die Dirne findet. Mir hat's gesagt der kleine Finger, und ich will holen das Estherchen, und es bringen zum Vater." "Zum Vater?" fragte Crescentia misstrauisch: "Faule Fische, rothkopfiger Jude." "Ich will sprudeln Gift und Galle ein Jahr lang," betheuerte Zodick, "wenn es nicht ist wahr. Ich habe herausgebracht den Alten aus dem Thurm, und ihm versprochen, weil er selber ist krank und schwach, die Tochter zu retten aus den Klauen der haarigen Bocke."

"Ei, Du unverschamtes Lugenmaul!" eiferte die Alte: "Du halst mich fur eine Schnattergans, dass Du solch Possenzeug mir weiss machen willst. Esther ist nicht hier, ist noch nie hier gewesen, magst Du wissen, Du schleichender Spurhund. Hier hausst eine andre Jungfer, die mit Euch Juden nichts gemein hat: weisst Du das? Deine Mahrlein von dem Oberstrichter und seinen Knechten trage nur anderwarts hin, horst Du?"

"Lasst doch das lacherliche Gedibber;" versetzte Zodick unwillig: "Wer im Giebelstubchen wohnt, weiss ich gar wohl, so gut als der Prophet Elias. Ruf' mir das Schickselchen herab, und ich fuhre sie zum Arte, ehe noch die Gewalt kommt uber Euch." "Wenn Du nicht alsobald gehst," erwiederte die Alte derb, "so kommt die Gewalt meiner Haue und meiner Hunde uber Dich; wenn Du nicht die Letztern vergiftet hast, da ich keinen Laut von ihnen hore." "Ohne Sorgen, Mutterlein;" sagte Zodick schmeichelnd: "sie leben, die Thiere; aber thun werden sie mir nichts, denn ich verstehe das Handwerk, und habe ihnen gegeben Kuchen, besser als der Kuchen Levi in der Nacht des Passah. Du, lass mich aber hinein, dass nicht Ungluck einzieht bei Dir und Estherchen frei werde, von Amaleks sundigen Richtern." "Nimmermehr!" wiederholte Crescenz: "Ich traue Dir nicht, ich glaube Dir nicht, Du abtrunniger Mensch, dem's mit dem wahren Glauben eben so wenig Ernst ist, als mit dem falschen. Du bist ein Gezeichneter. Mache, dass Du von hinnen kommst!"

Ein blitzendes Messer zungelte wie ein Strahl durch die Offnung des Ladens; Creszens gewahrte jedoch noch zu rechter Zeit des meuchelmorderischen Versuchs, sprang zuruck, und riss den Laden mit einer Gewalt zu, dass die Klinge zerbrach. Der Mordbube fluchte draussen halblaut uber des Weibes Klugheit, und den Verlust seines Gewehrs. Crescenz belferte ihm aber zu: "Rothhaariger Schuft! wo Du nicht gleich Reissaus nimmst, rufe ich meine Leute, und Dein letztes Brod ist gebacken, Du Schurke." Eilig, wie ein rollender Kiesel, entsprang der Bosewicht, und die Hunde, wie von einem Zauberspruch betaubt, ruhrten sich nicht in ihren Hutten.

Dreizehntes Kapitel.

O, horet doch, wie sein Donner zurnet, und

welch eherne Rede von seinem Munde ausgeht!

Er siehet unter allen Himmeln, und sein Blitz

scheinet auf die Enden der Erde!

Hiob.

Die gute Crescenz hatte nichts Eiligeres zu thun, als den Weg nach der Giebelkammer zu suchen, um die holde Esther, die kaum, von Thranen und Leid erschopft, entschlummert gewesen, aus der sussen Ruhe zu wecken. Das Madchen fuhr erschrocken empor, und ihr Schrecken verdoppelte sich, als ihre Pflegerin ihr in's Ohr rief: "Du bist verrathen, Magdlein! auf! Dein Heil ist nur die schnellste Flucht!" "Verrathen?" stammelte Esther: "woher wisst Ihr ....? wer hat das gethan?" Crescenz saumte nicht, so schnell als ihre Zunge es gestattete, den Auftritt mit Zodick der staunenden Zuhorerin zu berichten, die sich hierauf in Danksagungen gegen sie erschopfte. "Ei, so lass Dank und glatte Worte bei Seite!" schalt endlich die Alte: "was ich dabei gethan, ist gar keines Lobes wurdig. Welcher Mensch in der Welt wird solch ein Galgengesicht gutwillig in's Haus und sich die Gurgel abschneiden lassen? darauf hatte es der Schurke doch doch nicht vorbei, sondern sie kommt erst heran. Entweder ist es wahr, was der Bursche behauptete, und der Judenarzt hat Dich an den Schultheiss verschwatzt, und in diesem Falle musst Du schleunig fort; oder, es ist nicht wahr, und der Schandbube gibt selber Dich an; dann musst Du auch fort. Darum kleide Dich, und laufe; es blutet mir das Herz, dass ich Dich vor die Thure stossen muss, aber uberall wirst Du besser seyn, als in den Handen des lustgierigen Schultheissen." "Hochgelobter gepriesener Gott!" seufzte Esther trostlos: "Kann Dein Vaterauge sehen solche Bedrangniss ohne zu helfen? O, dass er fern seyn muss, auf den ich baute, wie auf einen Engel."

Crescenz hatte gerne der Klagenden den Trost gegeben, dass Dagobert nicht mehr ferne sey, allein sie bedachte noch zu rechter Zeit, dass diese Kunde den Schmerz des Madchens, und ihren Widerwillen gegen die plotzliche Trennung vom Schellenhof vermehren wurde, und dennoch war, ihrer Meinung nach, kein bessres Mittel vorhanden, dem nahenden Unheil zu entgehen. Sie begnugte sich daher, der trauernden Esther aufzutragen, sich in Wald und Busch so lange verborgen zu halten, bis der nachste Abend herangekommen seyn wurde, und alsdann fein vorsichtig auf dem Hofe sich wieder zu melden. Unnachsichtlich drangte sie indessen jetzo zum Abschiede, denn neben der Furcht, das Madchen selbst in der Feinde Schlingen fallen zu sehen, beunruhigte sie das Loos gar sehr, das ihrer warten durfte, ward ihre Theilnahme an dem heimlichen Handel bekannt. Aber so sehr sie auch drangte und trieb, so sehr Esther sich beeilte, ihrem Willen folgsam zu seyn, und kaum sich die Zeit nahm, die schonen Locken mit Crescentia's eignem Miedertuche vor dem gegen die Fenster schwirrenden Regen zu schutzen, so waren doch Warnung und Vorsicht zu spat gekommen. Die Hunde, die sich bisher nicht geregt hatten, fuhren auf einmal mit wuthendem Toben aus ihren Hutten, und an ihrem kurz darauf folgenden erbarmlichen Geschrei war bald zu merken, dass einige derbe Schlage sie zur Ruhe verwiesen. Zugleich polterten mehrere Stosse gegen die Hausthure, und barsche Stimmen, verlangten Einlass. "Herrgott! schutze Deine Magd!" stohnte Crescenz, und loschte schnell die Lampe aus, die sie mit in die Kammer gebracht hatte. "Halte Dich ganz ruhig und still, Estherchen," flusterte sie derselben zu, die sich, an allen Gliedern bebend, in eine Ecke des Stubleins verkroch: "bis ich hinunterkomme und Licht mache, und dem Gesindel die Thure offne, fallt mir vielleicht ein Nothbehelf ein, und ich rette Dich vor der Nase dieser Spurhunde." Rasch, wie ein Mann im rustigsten Alter, tappte die Alte die Treppen hinab, und begann durch das Schlusselloch mit den Bewaffneten vor dem Hause zu unterhandeln. Diese waren jedoch keineswegs gelaunt, Scherz oder Zogerung mit sich treiben zu lassen, und drohten, Thur und Fenster in Stucken zu hauen, wofern nicht alsogleich aufgethan wurde. Da sich nun Crescenz entschuldigte mit Mangel an Licht, so erboten sich die Belagerer, ihre eignen Laternen herzugeben, um das Haus zu durchsuchen. Wie sie dann nun immer heftiger wurden, und ohne Aufhoren im Namen des Oberstrichters die Offnung begehrten, auch indessen das Gesinde zusammengelaufen war, und sich wunderte uber den muthwilligen Verzug der Schaffnerin, so blieb der Letztern nichts ubrig, als in Gottesnamen dem rohen Soldnerhaufen Einlass zu geben. Der Anfuhrer der grimmigen Schaar fuhr sogleich mit Donnerstimme uber die Alte her: "Den Judenbalg gib heraus, den Du in Deinem Hause versteckt haltst! heraus! ohne Widerstand und Ausflucht. Du bist des Todes, wenn Du nicht blitzschnell thust, was wir begehren!" Crescenz spielte die Uberraschte, die Unwissende, aber ihr linkisches Laugnen machte die Herren noch dringender, die gar nicht ubel unterrichtet zu seyn schienen. "Luge, dass Du erstickst!" schrie der Fuhrer: "Wir werden doch wissen, welch Nestlein wir hier auszuheben haben! Spare also Deine Winkelzuge, und freue Dich auf den Pranger, alte Kupplerin, welche Sohne von ehrlichen Burgern verfuhrt zur Gemeinschaft mit nichtswurdigen Judinnen. Mach' Dich fertig, und steige voran. Wir wollen schon finden, was unser ist." Je naher die Gefahr ruckte, je trotziger wurde indessen die Alte, und hatte sich beinahe verleiten lassen, eine Betheuerung darauf abzulegen, dass die gesuchte Judin sich nicht im Hofe befinde. Indem drangte sich eine neue Figur in den Kreis, und der hassliche Zodick stand wieder frech und leibhaftig wie vor einer halben Stunde vor dem zankenden Weibe. "Glaubt nicht der Hexe!" rief er den Soldnern zu: "Die Dirne ist nicht gekommen aus dem Hause. Ganz Mokum1 will sie an der Nase fuhren, dass sie selbst komme davon mit ganzen Ohren. Doch ich will Euch sagen, was sie nicht will schmusen. Das Vogelein steckt oben im Nest. So Ihr erklimmt die Stiege, hort Ihr's schon piepen und flattern." "Der Jude hat eine Nase wie der Teufel!" schwor der Anfuhrer der Hascher, welche larmend, gegen die Treppe vordrangen. Vergebens suchte Crescenz den grinsenden Zodick Lugen zu strafen, vergebens gegen ihn selbst eine schwerere Anklage zu richten; sie wurde nicht gehort, ihr Geschrei ubertaubt, und der andrangende Haufe riss sie in seinem Wirbel mit fort. Den schlagendsten Beweis, dass sie mit Ranken umgehe, schien obendrein das Erscheinen einer Dirne zu liefern, die oben auf dem ersten Treppenabsatz sich sehen liess, gehullt in unordentlich ubergeworfene Nachtkleider, und mit angstlicher Stimme herunterschrie: "Aber Frau, Frau, um Alles in der Welt! was soll das Getose? was gibt es denn?"

"Das ist sie!" rief Zodick dem Hascheranfuhrer in's Ohr. "Das ist sie!" donnerte der ganze Haufe, und zwanzig Hande streckten sich nach der Dirne aus die ersehend, dass es auf sie gemunzt sey, mit jammerlichem Geschrei: "Mein Kind! mein Kind! Hulfe! Hulfe!" zurucksprang, und eine schwere Thure hinter sich in's Schloss warf. "Siehst Du, alte Vettel!" donnerte der besturzten Schaffnerin, die vergebens eine Erklarung versuchte, der Anfuhrer zu, und gab ihr einen groben Rippenstoss: "da ist das Geschopf, das wir suchen. Nicht die Dirne, noch ihr Junges soll uns entkommen, und brennen sollen sie beide! Sperr' auf die Thure." Crescenz, von todtlichem Schreck erkaltet, suchte zahneklappernd einen Schlussel nach dem andern in das Schlusselloch zu passen; da jedoch die Angst den rechten ihr nicht finden liess, so machten die Bewaffneten kurzere Wirthschaft, und rannten die Thure ein. Wie ein Knaul von Wahnsinnigen sturzte der helle Haufe in das Gemach, und erwischte die schreiende Dirne, da sie eben, besinnungslos vor Entsetzen, mit einem Kinde im Arme, zum hohen Fenster hinausspringen wollte. Wahrend nun Crescenz in der Mitte des Getummels umsonst ihre Lunge anstrengte, um zu beweisen, dass die Gefangene nicht diejenige sey, die man suchte, wahrend die Gefangene selbst in Thranen zerfloss, und das Kind jammerte, wahrend die Hascher Stricke und Riemen hervorsuchten, um nicht nur allein die muthmassliche Esther, sondern auch die Schaffnerin und ihr Hausgesinde zu binden, hatte Zodick, seinen Vortheil ersehend, einem gaffenden Knechte die Leuchte aus der Hand gerissen, und war damit unter dem allgemeinen Getose verschwunden, um den obern Theil des Hauses zu durchsuchen. Wild klopfte sein Herz, als er die Stufen zum Giebelstubchen erstieg, denn er dachte an die Moglichkeit, dass Esther bereits seiner Wuth entgangen seyn mochte; aber, so wie er die Kammer offnete, und mit gierigem Auge in das Dunkel leuchtete, so machte sein ahnender Zorn, hohnlachender Freude Platz. Die arme Esther hatte in ihrer Unruhe, gequalt von banger Furcht, nicht an die Flucht gedacht, und sich wie ein Opferlamm in das grassliche Schicksal ergeben. Nicht die Thure hatte sie verriegelt, und lag betend, aber ohne zu wissen, was die Lippen beteten, in dem Winkel auf ihren Knien. Hier ergriff sie die Faust des siegenden Feindes; hier raunte ihr seine entsetzliche Stimme in die Ohren: "Du bist mein, Estherchen! Gedenkst Du meiner Worte? Der Vollmond ist da, und ich komme, Dich zu holen heim. Zogre nicht, zaudre nicht, kleine Spinne! Komm, dass ich Dich fuhre vom Berge Seir!" "Abscheulicher!" versetzte Esther, mit verachtender Wurde sich erhebend: "Hier sind meine Hande, fessle sie, aber hore auf zu misshandeln die Frau, die mich hat gepflegt wie der Rabe der Wuste. Ihr Geschrei dringt herauf zu mir, Unhold. Lass es verstummen." "Alles verstummt unter den Fussen des Herrn!" entgegnete Zodick hohnisch: "Auch Deine Schmahung wird verstummen, Weib. Mag ich Dir seyn wie Gabriel, der Furst der Barmherzigkeit, oder wie Sammael, der Furst der finstern Wildniss; gleichviel. Folge mir, und schweige wie in der Neumondnacht, die unsers Lebens Dauer uns kund thut." Behutsam loschte er die Leuchte aus; packte Ester's rechte Hand fest in die seinige, und stieg vorsichtig mit ihr die Treppe hinab. Noch dauerte das Getose in der Stube des ersten Stockwerks; da der Bosewicht dieses horte, zwang er auf einmal seine Beute, geschwinder zu entlaufen, stulpte ihr seine weite Mutze uber Kopf und Augen, und entfuhrte sie also hinaus in's Weite, trotz den heulenden Hunden. Der Regen floss rieselig und kalt hernieder. Esther schauderte am Arm ihres grasslichen Fuhrers, und liess sich eine gute Weile durch Sand und Moor mit fortziehen im schweigenden Dunkel, bis sie endlich so viel Besinnung gewann, die lederne Mutze vom Haupte zu reissen, plotzlich stille zu stehen, und mit der Stimme der Verzweiflung zu fragen: "Was ist das, Zodick? Warum rissest Du mich denn weg aus dem Hause? warum hast du mich nicht ubergeben den tobenden Haschern, dass sie mich banden und fortschleppten? und wohin fuhrst Du mich? nicht gen Frankfurt? was soll ich in diesem Gestrupp oder in den Furchen des Feldes? wohin schleppst Du mich, unsaubrer Geist?" "Nach der Hochzeitkammer, Liebchen?" antwortete grinsend der Schurke: "Nach dem Hochzeitsbette, und von dannen in's Paradies." "Ach!" schrie Esther: "Du willst mich todten in Schmach?" "Nicht doch, Schickselchen;" versetzte Zodick kalt: "Du wirst leben im Uberfluss, so Du thust meinen Willen. Doch ist nicht hier der Ort, wo zu reden ist von der Zukunft. Komm, komm, Estherchen? 's ist nimmer weit!" Die Uberzeugung, ohne Rettung verloren zu seyn, gibt dem Menschen ofters ubermenschlichen Muth, und ungewohnliche Krafte. Esther empfand tief, dass der Augenblick gekommen sey, diese Krafte zu wecken mit dem verzweifelnden Willen. Mit einer Heftigkeit, die nur dem aus brennender Zone stammenden Blute eigen ist, warf sie sich wild und kreischend auf den Niedertrachtigen; der sie weiter nach seiner Hohlen schleppen wollte. Weiblichkeit und die zarte Sanftmuth abstreifend, welche sonst ihre Zierde waren, gestaltete sich Esther aus einem duldenden Lamme zu einem kuhnen Tiger um, und griff den Feind mit offner That an. Der Uberraschte wehrte sich im Anbeginn nur schwach; da es aber Esther zu gelingen schien ihn zuruckzudrangen und von seiner Klaue sich losszureissen, da ergrimmte der furchterliche Mensch. Vom Sturme des Zorns und der Leidenschaft hingerissen, bot er alle Krafte gegen die Widerstrebende auf; seine riesigen Arme wurden langer, seine Fauste starker, und die Armste, deren Krafte endlich in dem ungleichen Kampfe erlagen, sank keuchend und wimmernd auf den nassen Sand zu den Fussen des Schrecklichen, dessen eherne Hand sie beinahe zermalmte, wahrend er nach seinem Gurtel griff, um die Bezwungene damit zu binden. Der entsetzlichsten Misshandlung Preis gegeben, anderte Esther ihre Handlungsweise. Die Schlauheit ihres Geschlechts in das Treffen fuhrend, liess sie ab von dem fruchtlosen Kampfe, faltete die Hande wie eine Flehende, und beschwor unter Schluchzen und Thranen den ubermachtigen Feind ihrer zu schonen. Sie wolle die Seine werden, sobald er ihr Zeit gonnen wurde, sich zu fassen, zu erholen von dem grasslichen Sturme in ihrer Seele. Befriedigt lachelnd horchte Zodick auf die seinem Ohre willkommenen Worte, und zog die Bittende unsanft vom Boden in die Hohe. "So gefallst Du mir, Estherchen!" sprach er, tief Athem holend: "Du hast mir warm gemacht; aber Du kennst nun auch, was es heisst, mit mir anbinden. 's war' ein schlecht Geschaft, ein Druck des Fingers, um Dich zu vernichten hier in der Einode; drum ist's besser, Du ergibst Dich in des Herrn Befehl, und folgst mir zur Kammer. Eile aber jetzo. Wir sind bald zur Stelle." Unaufhaltsam riss er das Madchen mit sich fort, durch Sandgetriebe, Weidenbusche und verodete Triften, bis es endlich schroff uber Kies und Gerull hinunterging zu einer nackten Vertiefung, in welcher bei der Mondhelle ein Sumpf stand, wie ein truber Spiegel, und daneben eine schwarze Hutte, aus deren Lucken ein mattes Licht schimmerte, dem Johanniswurmchen gleich, in schwarzer Hecke. Zodick befahl Esthern, leise aufzutreten, und schlich an die lichtspendende Offnung, um den forschenden Blick in das Innre zu tauchen. Esther's Brust hob sich indessen wie die Brust einer Sterbenden. Und war sie nicht eine solche? Den theuern Schwur, sich eher zu todten, als beschimpfen zu lassen, dachte sie unverbruchlich zu halten, und jenes traurige Moor schien ihr vom Geschick auserlesen zu seyn, ihr Todesbette zu werden. Welche Schrecken aber noch bis dahin an ihrem Geiste vorubergehen konnten, daran gedachte sie bebend. Zodick hatte indessen erkundschaftet, dass nicht gefahrliches in der Hutte verborgen sey. Er pochte leise an das Fensterlein, und gab ein kauderwalsches Losungswort von sich, nach welchem man von innen fragte. Hierauf zog er Esther mit sich zum niederen Pfortchen der Hutte, welche schon aufgethan worden war. "Gut Zeit!" sagte er zu dem alten Weibe, das, den brennenden Span in der Hand, die Einkehrenden empfing, und sorgfaltig hinter ihnen zumachte: "Ist sauber die Luft, und rein Alles von Gefahr?" "Drinnen ist Alles rein," erwiederte die Alte, und mass verwundert die bleiche Esther vom Kopf bis zu den Fussen. "Ist Marten daheim?" fuhr der Mordknecht fort, argwohnisch in alle Winkel schielend. Das Weib bejahte, und stiess die Thure zur elenden Stube der Mordherberge auf, in welcher der Anfuhrer der Blutzapferrotte sich auf einer schmutzigen Bank wiegte, die Augen roth und gluhend vom Ubermaass des berauschenden Getranks. Esther fuhr zusammen bei dem Anblick dieses Menschen und seiner Umgebung, und setzte sich stumm, mit verbissenem Schmerz auf einen Schemel in der Ecke. Das alte Weib des trunknen Marten ging forschend und lauernd vor der Fremden auf und nieder, und hutete sie mit Drachenblicken. Marten reichte dafur dem begrussenden die blutgewohnte Hand, mit dem Vorwurfe, dass er sich lange nicht habe sehen lassen. "Hab' Andres zu schlichten," erwiederte der Mensch: "bring' Euch da einen Gast, welcher aufwiegt alle Tochter in Israel, und will ihn Euch geben in Obhut, wenn es rein und koscher ist bei Euch." " 's ist Alles leer;" versicherte der alte Rauber: "die Gesellen sind alle in Thuringen gezogen, und an den Rheinstrom, weil's die Witterung erlaubt, in der Ferne sich Nahrung zu holen. Kein Mensch ist hier als das Weib und die Tochter, denn die drei Rittersknechte, die seit heut Nachmittag hier eingekehrt sind, sind nicht zu rechnen. Einer von ihnen liegt am Tode, und wir haben sie und ihre Rosse in die Scheuer eingestellt, am Moor." Zodick winkte dem Schwatzer mit einem Seitenblick auf Esther zu. "Zu dieser Nacht verlange ich die Kammer hier nebenan, fur mich und mein Weib;" sprach er, und die alte Frau entgegnete dienstwillig, sie stehe bereit, allein es sey kein Fenster darinnen angebracht. Zodick schlug ein freches Gelachter auf. "Braut und Brautigam fragen nicht nach Helle und Licht," scherzte er, "und war's auch die Schechinah des hochgelobten Gottes selbst. Wir werden sie gern entbehren. Nicht wahr, Liebchen?" Mit Abscheu wendete sich Esther, stumm die Hande ringend, von ihm. Der rohe Marten lachte. "Das Magdlein" sprach er, "geht so frei und lustig nach dem Brautbett, wie das junge Thier zum Metzgerhaus. Wohl bekomm's Euch beiden. Ich fur mein Theil wollte, es kame endlich mein Knecht Wolfhard. 's geht an die elfte Stunde, und ich muss noch heut hinaus." Inzwischen hatte sich Zodick zu Esther herabgebeugt, und raunte ihr drohend zu: "Gib Dich in Dein Schicksal. Wo Du schreist, wo Du Widerstand wagst, hast Du den Talles. Besinne Dich kurz; ich gebe nicht mehr Frist. Ich will nicht werden alt wie Abraham, ohne zu kosten Deine Reize. Du kannst werden glucklich und leben lang, sobald Du wirst bekennen, wo Dein Vater hat hinvergraben seine Schatze. Der schlechte Mann hat mir gelaugnet ab, dass er welche besessen. Du weisst aber sicher darum, und nur diesem Bekenntniss wirst Du zu danken haben Dein Leben. Bleibst Du stumm, mach' ich Dich ewig stumm nach der Hochzeit."

"Grausamer! todte mich jetzt, da ich noch bin wie das Lamm der Weide!" flehte Esther: "ich weiss nicht von dem, was Du begehrst." Zodick kehrte ihr drohend den Rucken, und sturzte ein Glas des Weins hinunter, den die katzenfreundliche Wirthin aufgestellt hatte. Indessen ging die Thure auf, und Judith, Marten's und des Weibes Tochter, kam langsam und finstern Angesichts herein. Ohne zu grussen, betrachtete sie abwechselnd Zodick wie Esther mit durchdringendem Auge. Der Jude wendete sich verachtlich von ihr, Esther nicht minder, da sie in den groben und dustern Zugen der Dirne eine neue Feindin zu entdekken glaubte. Judith blieb in ihrer Stellung, bis der Vater sie anfuhr: "Wo streifst Du herum, Dirne? Woher so spat?" "Ich komme vom Moor," antwortete sie gelassen: "ich habe dort gebetet." "Du sollst verschwarzen, Greinerin!" zankte Zodick giftig: "Bei dem Reitergesindel hat sie gesteckt in der Scheuer." "Dort ist der Tod;" entgegnete Judith trube: "Du witterst den Tod, blutiger Mann, darum bist Du hier." Zodick spie verachtlich vor der seltsamen Magd aus, und sturzte noch ein Glas hinunter. "Schlinge nur, schlinge, nimmersatte Gurgel!" sprach die Dirne ernst: "Bald wirst Du hier Blut zu saufen haben, Zodick." Der Genannte wie die andern schwiegen betroffen, und Judith wendete sich zu Esther mit der Frage: "Wie kommt es denn, dass die Reinheit eingegangen ist in diese Mordhutte an der Hand des blutigen Frevels? Bedauernswerthe Jungfrau, denn Du bist's, warum bist Du gekommen an diese Statte des Verderbens?" Esther suchte zagend in den Augen der Sprecherin, ob Wahnsinn oder eiserne Vernunft aus ihr rede. Judith errieth ihre Gedanken, und sprach viel milder: "Ich bin nicht toll, mein schones Bild. Alles um Dich her ist nicht Wahnsinn oder Trug; es ist furchterliche Wahrheit. Dies ist ein verfluchtes Haus; jener dort im Kleid des Elends und der Trunkenheit ist mein Vater; und dieses entmenschte Weib ist die Mutter, die mich Erbarmenswerthe geboren. Steh' auf, Weib, von der Seite der Unschuld, dass ich sie naher kennen lerne." Mit einer gebieterischen Geberde befahl sie der Mutter von Esther's Seite zu weichen, und das Weib, das hohere Zungen aus ihrem Kinde zu horen vermeinte, that wie sie begehrte. Zodick machte eine ungeduldige Bewegung: "War' mein Kind der verfluchte Lasterbalg," murrte er, "den Kopf hatt' ich ihm eingedruckt in den Windeln. Ein Wort jedoch Alter!" Er zog den Alten bei Seite, und befragte ihn scharf nach den in der Scheuer liegenden Reitern. Marten blieb dabei, von denselben sey keine Gefahr zu besorgen. Der Eine sey sterbend, ein Zweiter zu seiner Pflege bestimmt, und der Dritte sey, wie er meine, schon von dannen geritten. "Sind's Reisige, die zuruckkommen aus einer Fehde," sagte Zodick uberlegend, "so konnte zu finden seyn Beute bei ihnen. Warum gehen wir nicht dahin, und bringen sie um, und nehmen, was sie haben? Zum mindesten sind werth die Gaule ihren Schilling." "Recht;" erwiederte Marten: "wenn nur kein Sterbender in der Scheuer lage! Aber s'ist ruchlos, da zu plundern, wo ein an Gebreste Verschmachtender verscheidet. Das bringt Ungluck, weisst Du wohl. Gluck bringen nur die Leichen, die wir selbst mit rothen Wunden gezeichnet." Zustimmend nickte Zodick. "Du hast Recht, Marten," sagte er alsdann: "s'ist gefahrlich und nicht geheuer. Steht doch zu den Fussen des Sterbenden der Engel des Todes mit seinen tausend Augen, und schlagt herum mit seinem scharfen Schwerte, dass man geblendet rennt in dessen Scharfe! Nein, wir wollen verharren, bis er seyn wird starr, und alles Wasser hinweggegossen2; dann wollen wir sehen. Schofel ist's aber, dass in der heutigen Nacht nicht kann werden etwas gewonnen, bevor ich steige zu Bett mit dem Liebchen."

"Ho! wenn Dir das Noth anthut und Zwang, so wusste ich wohl zu helfen;" meynte Marten mit schalkhaftem Zahnefletschen: "Hab's Euch nur nicht anbieten wollen, Zodick, ... oder ... vergebt, ... Friedrich, wollt ich sagen." "Lasst's beim Alten, trunkener Goi;" schaltete Zodick finster lachelnd ein, "und lasst horen, was es ist." "Ein glockenhell und unvereitelbarer Fang;" antwortete Marten leise: "Ich weiss von guter Hand, dass heut gegen Mitternacht am Sprunglin Burger von Bergen nach einem Schatz zu graben gedenken, den ihnen eine nachtliche Flamme verrathen, und ein Pfaffe verheissen haben soll. Die Dummkopfe haben Geld zusammengebeutelt aus allen Kisten und Truhen, denn sie mussen hundert Mark Silbers auf den Platz bringen, und nur uber dem Gelde kann die Beschworung gehalten werden. Merkst Du nun, Jude? Die armen Schlucker sind wohl darauf gefasst, den Teufel in eines Hundes Gestalt auf dem Schatze zu finden, doch auf zwei rustige Manner mit rothgefarbten Gesichtern und scharfen Messern sind sie nicht vorbereitet. Geh mit, Zodick, und wir heben den sichern Schatz. Ich hatte dem Wulfhard gern den Antheil gegonnt; der Bube bleibt aber aus, und Deine Faust ist doch die gewandtere." "Topp!" sprach der andre: "ich gehe mit, doch muss zuvor Dein Weib geloben, meine Esther dort zu huten, wie den Stern des Auges, und mir sie aufzubewahren sonder Falsch." "Ei, warum denn nicht?" lachte die Alte frech, die hinter die Sprechenden geschlichen war. "Bei meiner Seligkeit will ich geloben ..." "Nichts da!" fuhr Zodick dazwischen: "Bei Deiner Gurgel schwore, Alte; denn Du tragst sie nicht ganz davon, wenn ich nimmer finde mein Lieb." Die Alte betheuerte noch mit aller Zuversicht, sie wolle ihre Kehle wagen, denn es sey unmoglich, dass Esther entfliehen konne aus ihrem Gewahrsam. Die Manner mochten nur bald wiederkehren, und ihr und der Tochter einen gehenkelten Silbergroschen verehren. "Putze die Schemmlinge;" sprach noch Zodick zu der Alten: "Du hast zu huten zwei Schlangen. Esther und das blodsinnige Thier, Deine Tochter. Wahrlich, waren nicht zu verdienen hundert Mark, ich wollte eher verlieren das Paradies, denn weggehen von der Dirne, meinem Lieb. Aber Dein Leben Alte, ist mir Burge, dass ich finde Alles im Alten." "Verlasst Euch darauf;" schwur noch einmal die Alte, und die beiden Morder machten ihren scheusslichen Aufzug zurecht. Die entblossten Arme wurden feuerroth angestrichen, so wie die verzerrten Gesichter, rauhe Kappen uber den Kopf gezogen, und ein Lederwamms uber die Brust geknupft, von welchem ein nicht mit der grossten Sicherheit gefuhrter Stoss oder Hieb abprallen musste, wie von einem eisernen Bruststuck. Zodick wahlte, sein zerbrochenes Handmesser zu ersetzen, einen schneidenden Dolch aus Marten's Rustkammer, und da er die Waffe in seinen Gurtel steckte, schien er sich mit verdoppelter Grausamkeit und Bosheit ausgestattet zu haben. Von Habsucht und Mordlust gluhend, drang er nun selbst in Marten, aufzubrechen, und nachdem er der von seinem grossen Ansehen zuruckbebenden Esther noch einmal seine Drohungen wiederholt, und sie abermals der Wachsamkeit der Wirthin empfohlen hatte, sturmte er mit seinem trunknen Gefahrten dem Schauplatze eines neuen Frevels zu.

In welchen Qualen Esther zuruckblieb, lasst sich denken, nicht beschreiben. Sprachlos starrte sie zu der beraucherten Decke der elenden Stube hinauf, und flehte in ihrer Seele um Vernichtung. Judith sass an ihrer Seite mit gefalteten Handen, und betete mit lauter Stimme ein lateinisches Gebet. Die Mutter, nachdem sie die Hutte wieder verschlossen, fragte die Tochter murrisch, was sie denn daher plaudere in unverstandlicher Sprache? "Es ist ein Gebet fur die Todten;" antwortete die Dirne kurz und ernsthaft. "Ei, welch thoricht Beginnen;" schalt die Mutter: "Draussen ist's schwarze Nacht, und schauerlich ist's, jetzo an die Bahre und das Grab zu denken." "Stirbt nicht einer draussen in der Scheuer am Moor?" fragte Judith entgegen: "Liegt nicht einer schon langst begraben im Moor? Ach, du verderbte und leichtsinnige Mutter! Ich furchte, wir werden bald zu Grabe singen mussen, und zehn Jahre meines Lebens gabe ich darum, ware diese Nacht schon vorbei." "Verdient Euch einen Gotteslohn," jammerte Esther, vor innerer Bewegung aufspringend, ... "und schafft mich vom Leben, noch ehe sie vergeht diese Nacht, und wiederkehrt mein Henker!" "Hattest Du mir auch nicht gesagt, dass Du nicht getauft bist," entgegnete Judith verweisend, "ich wurde es an Deiner Rede horen. Verzweifle nicht an dem Gott uber uns, denn so weit sein Sternendach, so weit und unendlich seine Gnade. Er lasst nicht zu Schanden werden, wer ihm vertraut. Fur den Glaubigen wird das Eisen in der Hand des Morders zum kuhlenden Palmblatt; denn unser Gott ist nicht zornig, wenn er uns todtet. Seine Liebe giebt uns den Tod, weil er uns ferner nicht zu missen vermag in dem Vaterhaus der Himmel; und vor bitterer Schmach bewahrt er uns durch den Tod." "Ich verstehe Dich," rief Esther: "und Dein Mund bekraftigt mir, was ich schon geahnt im Geiste. In dieser Hutte geht aus der Quell meines Lebens." "Wenn Gott es will, ja," versetzte Judith: "aber nicht vorgreifen darfst Du ihm. Und wahrlich, wahrlich, Du wirst ferner athmen; ich verkunde dir Leben im Angesicht des bejammernswerthen Weibes, das Dich bewacht, wie das verkaufte Schaflein unter dem Messer. Du wirst leben, denn mein Gebet hat Kraft, und meine Ahnung wird lebendig." "Tochter! Du hast den Verstand wahrlich verloren!" seufzte die Mutter, unruhig in der Stube umherwandelnd. "Nein, Mutter," redete Judith: "Du aber hast Dein Heil verloren, ungluckliches Weib, und sie ist, furchte ich, verstrichen die Zeit der Besserung. Du wirst zur Holle gehen mussen, wenn nicht meine Thranen ihre Flammen ausloschen."

"Ach, wie lieblos bist Du gegen mich vor der Fremden!" klagte die Alte mit schmerzlich bewegtem Gewissen. "Ich hasse Dich ja nicht," antwortete Judith milde, und nahm die Hand der Mutter: "Komm, wir wollen uns letzen, da noch nicht die Stunde da ist. Wir wollen uns vergeben, wie Leute die von der Jammerwelt zu scheiden begehren. Du bist ja meine Mutter, und Dein Schooss hat mich getragen; aber besser ware es, Du warst ein unfruchtbarer Baum geblieben, oder noch besser, Deine Mutter hatte nie geboren. Schon ist ein Stamm mit gesunder Bluthe und Frucht, aber den gifttragenden sollte man abhauen. Thue Busse, Mutter, da es noch nicht an der Stunde ist, dahinzugehen in das Dunkel druben."

"Du wirst mich noch aufbringen durch Dein abgeschmackt Gewasch;" versetzte die Alte, deren Geduld auszugehen begann: "Schweige, ungerathnes Kind, deren Thorheit wir unbegreiflich lange nachgegeben haben. Schweige." "Das kann ich," entgegnete Judith aufstehend: "Ich bin nicht die einzige Stimme in der Welt, welche erstickt wird im Unrecht, Ich will hinausgehen an das Moor, wo mich das Schilf versteht, nur Einer mit mir betet aus der kalten Tiefe. Denn auch aus Schlamm und Rohrig dringt der Todten Gebet zum lieben Gott." "Nicht von der Stelle!" eiferte die Frau, sie zuruckhaltend: "Du sollst mich nicht allein lassen in dieser Nacht. Du horst's, uber die Berge kommt ein Wetter daher, und es donnert dumpf und graulich. Du sollst dableiben, sage ich Dir." Judith besann sich eine Weile, kehrte dann ruhig um, kauerte sich zu den Fussen der Mutter am Heerde, und sagte weich: "Ich will bei Dir bleiben, Mutter. Ich will Dir noch gehorsam seyn, und erfullen, was ich Dir gelobte, bis an's Ende. Denn bald wird sie voruber seyn, die Zeit des Gehorsams, denke ich. Deine Zeit, ungluckliche Mutter." "Sprich doch nicht so frevelhaft;" schalt die Alte: "Mich schauert vor Deiner Liebe, wie vor Deiner Busspredigt."

"Fuhlst Du das," fragte Judith langsam, "fuhlst Du das bei m e i n e r Liebe, was soll ich fuhlen, wenn Du mich Deine liebe Tochter nennst? Doch, sieh, die Fremde ist entweder im Kummer dahingegangen, oder sie ist entschlummert vor Ermattung. Sie scheint von uns die unglucklichste zu seyn, und ist doch viel, viel reicher, als wir. Sie hat ein gut Gewissen, und einen Vater, der unschuldig im Kerker leidet. Unschuldig, Mutter. Aber, nicht wahr, Du kennst das Wort nicht mehr? Gib mir die Hand, armes Weib; ich will Dir vergeben im Namen des Herrn, der uber uns gebietet, wenn nur ein Funken von Reue in Deiner rauhen Brust aufschlagt." Die Alte schlug erbittert die dargebotene Hand aus, und stand ergrimmt auf. Judith seufzte aus tiefer Brust, und liess, ruhig sitzen bleibend, geduldig geschehen, dass die Mutter die arme Esther ziemlich derb und roh aus ihrer Betaubung aufschuttelte, und ihr befahl, sich in die Kammer zu begeben, wo sie bis zu Zodick's Ruckkehr eingeschlossen verbleiben sollte. Esther warf scheue Blicke um sich her, als befurchte sie, den grasslichen Brautigam zu schauen; dann schlug sie die Augen noch einmal mit bitterm Vorwurf gen Himmel, und liess sich halb bewusstlos von der Alten an die Thure der elenden, ringsum dunkeln Kammer gleiten. Judith war indessen aufgestanden, und fasste auf der Schwelle ihre Hand. "Thue nicht vorschnell!" ermahnte sie das leidende Madchen: "Der Mensch kann sich aus dem Leben reissen, wann und wo er will, aber nicht zu rasch beginne er das traurige Werk. Bete in dem Dunkel dieser Kammer, aber todte Dich nicht, und kampfe gegen die Verzweiflung. Wahrlich, ich sage Dir, Du wirst leben, und Dein Fruhling wird nicht in dieser Sturmnacht untergehen, denn schon rollt uber Himmel und Gebirge der Wagen desjenigen, der Dich retten wird, so gewiss als sein Sohn Mensch geworden ist."

Die Alte stiess Judith unwillig zuruck: "Blodsinnige!" schalt sie: "Deine Tollheit steigt. Lass die Dirne im Frieden. Nicht jeder bringt sich um, der damit droht, und was gilts. Ehe es Morgen wird hat die Sprode hier in des Buhlen Arm den abgeschmackten Vorsatz vergessen, und begehrt nichts besseres, denn zu leben." Mit einem Blicke der tiefsten Verachtung wendete sich Esther von der Unverschamten, und gieng stolz in die Kammer, deren Thure die Alte hinter ihr verriegelte. Judith zuckte die Achseln mit finsterm Gesicht, und gieng zum Fensterlein; wahrend Marthen's Weib still und verdrossen an den Herd schlich, und sich auf seinen gewohnten Platz niederliess. Mutter und Tochter sprachen kein Wortlein, und eine angstvolle Stille lagerte sich in der Stube, nur unterbrochen von dem Schluchzen Esthers, das manchmal laut wurde, und von dem naher und naher rauschenden Hochgewitter. Die Kienspane flackerten traurig, und der Blitz der Wolken welcher von Zeit zu Zeit einen Strahl seines blendenden Lichtes in die Hutte warf, schien der armseligen Fichtenflamme zu spotten. Mit der Heftigkeit des Gewitters stieg die Beklommenheit des alten Weibes, das alle Uberreste von Bussseufzern und Wettergebeten aus seinem Gedachtnisse hervorsuchte, um dieselben gedankenlos mit bebender Lippe abzuplarren. Die Alte sang bald, bald betete sie mit lauter Stimme ein Stucklein eines andern Betspruchs, bald grommelte sie zwischen den Zahnen Worte ohne Verstand und Zusammenhang. Dabei wurde ihre Angst immer machtiger, und Judith, die das verzweiflungsvolle Treiben der Mutter ersah, trat endlich wieder zu ihr. "Mutter;" sagte sie zu ihr: "Nicht thuts Noth, Euern Leib zu peinigen, da doch die Seele nimmer gesunden will. Was sollen die Worte der Angst aus Eurem Munde, da doch das Herz nichts von ihnen weiss? Warum zerschlagt Ihr die Brust, da doch nicht der Heiland darinnen seinen Tempel erbaut? Ach Mutter, so Ihr nicht Euer Elend erkennt, wird Euch die Bitte auch nur zum Fluch. Aber auch nur e i n Gedanke kann hinwiederum Euch retten; ich besorge jedoch, er wird sich nicht einfinden in Euerm verstockten Gehirne, der Gedanke Eures entsetzlichen Jammers, erzeugt durch die Ruchlosigkeit Eures Wandels. Verdreht nicht die Augen, seufzt nicht, als ob ein Berg auf Eurer Brust lage, denn nicht Eure Schuld belastet Euch, sondern die Mahnung an das Ende. Stosst mich nicht von Euch, denn wie bald werden nicht Eure zitternden Hande nach mir langen? O Mutter, .. Mutter, die mich gesaugt hat zum elenden Daseyn! Warum ist Dein Haar schon grau vom Schimmel des Alters? Warum ist Dein Leib vertrocknet, und darinnen nicht minder Dein Herz? Dass Du zum Kinde werden konntest, mit offenen Ohren und vertrauender Seele, und weichem Gefuhl. Du wurdest dann in jenem Donner der Hohe nicht den Schritt des zornigen Gottes vernehmen, sondern die Siegesklange seiner Liebe ... Du wurdest Dich sehnen hinaufzugehen zu ihm auf der Leiter seiner flammenden Blitze; aber nicht dem h i m m l i s c h e n Feuer ist Dein Leben verfallen, Ungluckliche." Das Wort auffahrenden Zornes auf der Zunge der mitten in ihrer Angst erbitterten Mutter erstarb unter dem krachenden Gebrull eines furchterlichen Donnerschlags, welcher die Erde beben machte. Der Blitz, der mit ihm zugleich vom Himmel fiel, schien die Umgegend rings in Feuer zu setzen; er war indessen schon lange erloschen, als seine falbe Helle noch von den geblendeten Augen der Weiber flatterte, die nun langsam sich weiter auftathen. Ihre Ohren summten aber noch lange den graulichen Wetterschlag nach, der noch jetzt dumpf und langsam fortdrohnte, und sich wie in einen jammernden Schmerzruf aus der Ferne aufloste. Judith, die der armen Esther klagende Stimme zu vernehmen dachte, lehnte lauschend das Haupt an der Kammer Thur. Das Madchen darinnen betete laut in hebraischer Sprache, eifrig und stark. Durch das Fenster jedoch, das Sturm und Wettergewalt aufgerissen hatte, drang durch den heftig niederstromenden Regen der vorige Schmerzruf in die Stube, und wollte nimmer verstummen, und erneute sich immer wieder, und wurde grasslicher, je langer er wahrte, und schien der Hutte naher zu kommen. Judith's Haar straubte sich, und die Mutter rief mit frostig klappernden Zahnen: "Horch! Horch! O mein Herrgott! Judith! das ist der Todte aus dem Sumpfe, und verlangt nach seiner Habe!" "O nein! o nein! Mutter!" entgegnete langsam und hohl die sehr ergriffene Tochter: "Den Todten singt der Donner das Schlaflied, aber, der jetzt heraufkriecht zur Hutte, und dessen Stohnen unterm Fenster klingt, will erst ein Todter werden, und sich hinunterlegen, von wannen wir zum Gerichte gehen." "Um des Heilands willen! was redest Du denn?" jammerte die Mutter: "Mich uberlauft eine Gansehaut. Es wird doch nicht Einer von unserm Hause sterben?" "Ja!" erwiederte Judith mit gebrochener Stimme, da ein leichenblasses Gesicht zum Fenster auftauchte: "Vor s e i n e m Hause ... der Vater ist's." "Jesus!" kreischte die Mutter, herzuspringend mit dem brennenden Span: "Christus! Marten! Ach wie bist du voll Blut." "Lass mich ein!" stammelte der am Kopf auf's Entsetzlichste Verwundete, sich mit den schwachen Handen an das Fenster klammernd: "Mach auf ... ich will drinnen ein Ende machen." Er sank trotz aller Anstrengung, wieder zum Boden nieder, und wurde ohne Sinnen von Weib und Tochter hereingebracht, und auf Judith's durftiges Lager gebracht, das hinter einer elenden Scheidewand von Rohr hergerichtet war. Die Alte geberdete sich wie eine Verzweifelnde, warf sich uber den Korper des rochelnden Mannes, und zerraufte sich das sparliche graue Haar. Indessen schaffte Judith, besonnen und klaglos Alles herbei, was zur Erleichterung des Verwundeten gereichen konnte. Aber nicht Wasser, nicht Wein konnte das Blut stillen, das aus der grasslichen Todeswunde floss, und der Verlorne dankte es nicht den Bemuhungen der Tochter, die seine Lebensgeister wieder erregte: "Der Tanz ist aus!" lallte er in wildem Sterbekampfe: "Heut holt mich der Schwarze, und morgen den verdammten Edelmann, der mich zusammenhieb." "Wo ist der Jude?" schrie ihm Judith in's Ohr. Marten machte mit der Rechten eine Bewegung zur Erde, als ob er auf einen zu Boden Gestreckten deutete. "Halleluja!" betete die Tochter mit heiterm Gesichte bei diesen Worten, obgleich sich die Zuge des Vaters furchterlich verzerrten, und die Mutter wuthend rief: "Schlange! Du preisest den Himmel an Deines Vaters Sterbelager?" Die Dirne schob dem Vater den Polster zurecht, und verliess dann sein Bett, um in einen Winkel zu knieen. Die Alte badete den erstarrenden Mann mit siedenden Thranen, ballte die Fauste gen Himmel, und spie Gebete aus, die wie Lasterungen klangen. Marten erwiderte hierauf unverstandliche Worte, und vermochte bald nur stumm die Lippen zu bewegen. "Judith! Judith!" krachzte die Heulende: "Er stirbt! Hilf! Hilf, Du jetzt, Betschwester hilf!" "Lasst ihn doch vergehen!" antwortete diese eintonig: "Ich sagte es ja, ich wurde heute ein Todtenlied singen mussen; und ... ach Herrgott! ware doch die Nacht schon vorbei, Mutter. Mein Herz ist noch nicht ruhig geworden, und meine Ahnung ist noch lebendig. Weint uber Euch, Mutter, nicht um den verlornen Mann." Die Alte drohte ihr mit Wuthgeberde, warf sich jedoch wieder uber den Sterbenden, und uberliess sich allen Ausschweifungen eines im wildesten Gramm auflodernden Herzens. Judith ersah den Augenblick, wo die Alte ihr Gesicht in die rauhe Decke des Lagers gedruckt hatte, und stille verschnaufte. Sie hob den Schlussel auf, der dem Weibe entfallen war, und schlich leise zu Esther's Kammerthure. "Komm heraus!" flusterte sie, das Schloss behutsam offnend: "Der Jude ist todt: der Vater stirbt. Entfliehe!" Wie auf den Flugeln der Hoffnung sturzte ihr das Magdlein in die Arme, und beide schlupften an der Rohrwand vorbei aus der Stube, ohne von der Alten bemerkt zu seyn. "Ach, wohin in diesem tobenden Sturme?" fragte zitternd Esther, da vor der Thure der pfeifende Zugwind die Flechten ihres schonen Haars durcheinander peitschte: "Ich sterbe, stossest Du mich hinaus in das Brausen des Wetters." "Komm" erwiederte Judith ... "komm zur Scheuer! Unter den wilden Kriegsknechten bist du sichrer, denn unter uns. O, diese Nacht ist noch nicht voruber, sagt mir ein finstrer Geist. Komm, dass ich Deine Unschuld rette aus dem Neste des Verbrechens." Am Brunnen und dem wusten Gartlein voruber, vorbei am Moore, das selbst unter dem Rauschen des Windes und des Regens still und bleiern zu liegen schien, umfangen von traurig oden Ufern, leitete Judith die Zitternde zu der Scheuer leichtem Bau. Rosse stampfend darinnen, und da Judith die breite Thur offnete, sahen die Eintretenden zwei Manner bei einer verhullten Leiche sitzend, und wachend beim Schimmer einer dem Verloschen nahen Leuchte. Die Manner fuhren beim Gerausch auf, und nach den Waffen, aber machtiger denn Waffe und Wehr war Esther's staunender Blick. Denn vor seinem Leuchten sank des einen Mannes Schwert zur Erde, ein himmlisches Lacheln streifte uber sein verstortes Antlitz, und mit dem Rufe: Esther! geliebte Esther! wo kommst Du her bei dunkler Nacht? sturzte er dem aufschreienden Madchen um den Hals. Die Erschutterte, die sich in Dagobert's Armen, an seiner Brust fuhlte, dachte nicht daran, seiner plotzlich, allen Fesseln zum Trotz, hervorbrechenden Liebe zu widerstehen, und uberliess sich mit Freude und erneutem Vertrauen seinen Liebkosungen. Wahrend hundert und wieder hundert Fragen von ihrem und seinem Munde flogen, und keine beantwortet wurde, und doch eine jede auf Antwort drang, rieb sich Judith verwirrt die Stirne, und sah bald betroffen auf die Gruppe der Neuvereinten, bald auf den Knecht Vollbrecht, welcher, ohne viel mehr zu begreifen, regungslos dabei stand.

"Verblendete Welt!" rief sie endlich, zwischen Dagobert und Esther tretend: "Ist es an der Zeit, im Rachen des Todes sundliche Flammen zu schuren? Mann! seyd Ihr ein Christ? und umarmt eine unglaubige Judin? Weib, willst Du also das Bad der Taufe verdienen? Flieht, rettet Euch. Hier ist Eures Bleibens nicht. Morder sind um die Wege. Fort, ohne Saumen, denn ich weiss ... ich weiss ... die Zeit die ich furchte, ist da."

Ohne weiter ein Wort zu verlieren, eilte Judith davon, um zu den Eltern wiederzukehren. Aber am Sumpfe hielt sie ihre Schritte an, und lauschte scheu nach dem flirrenden Rohricht, auf welchem die Tropfen des langsam fallenden Regens knisterten, und aus dessen Grunde Schatten zu nicken schienen, mit gluhenden Augen und verzerrten Gesichtern. Hier, an dem Ufer warf sich die Dirne auf die Knie, und breitete ihre Hande aus uber das stille Moor, und sprach, wie eine beschworende Hexenfrau: "Unschuldig Gestorbner auf dem Grunde und im Schilf! Zurne nicht mehr der Seele meines Vaters, denn sie verlasst den Leib gerade jetzo mit Angst und Seufzen. Zwei Augen haben sich zugethan, die den Herrn nimmer erkannt haben. Vergib den beiden, die noch offen stehen, um des Erlosers Willen, und ruhe furder im Frieden. Und Du, barmherziger Gott! entsundige die, die mich zeugten, und sollten ihre Laster alle auf mein Haupt fallen; lass aber auch die schmachtende Unschuld nicht verderben, wenn es in Deinem Rathschlusse ist, und schone dann mein Herz nicht." Ihrer aufgeregten Einbildungskraft war es just, als ob aus dem bleischwarzen Sumpf eine weisse Hand sich herausstreckte, lang und hager, die Ihrige zu fassen, wie zum Pfande Ihres Gelobnisses, und sie riss sich entsetzt von der unheimlichen Statte. Indem sie mit Befriedigung dem Hufschlage der Pferde lauschte, die aus der Scheune heraustrabten, und sich jenseits gen Bergen hin verloren, indem sie Gott dankte, dass er die fremde Jungfrau in seinen Schutz genommen, horte der Regen auf, und die zerreissenden Wolken liessen schwaches Licht hernieder. Es leuchtete grasslich fur Judith, denn sie erblickte den Schatten eines Mannes durch das Dunkel nach der Hutte eilen und darin verschwinden. Der Gedanke: Wenn Zodick nicht todt, ... wenn der Jude jener Schatten ware! stiess wie ein scharfes Schwert in ihr Gehirn, und die Erinnerung an seine entsetzliche Verheissung schlich frostelnd durch ihre Adern. "Wenn er wirklich zuruckgekehrt ware aus dem gelogenen Tode!" murmelte sie zwischen den Zahnen, und sah vor sich hin in das Dunkel: "O, welch ein Ende wurde das Elend nehmen? Aber nur auf Gott vertraut! Er kann binden, er kann losen!" Noch eine Weile horchte sie, dann drang ein entsetzliches Geschrei aus der Hutte. "Herrgott! die Mutter!" stotterte die heftig Zusammenfahrende: "Weh mir! Der blutige Mann bringt sie um, und fort wollte sie, um dem Morder die eigne Brust zu bieten, statt des Mutterherzens." Aber ihre Fusse konnten nicht von der Stelle. Riesenkraftig strebte sie vorwarts, aber wie eingewurzelt hielt sie der Boden. In erbarmlicher Angst arbeitete ihr Busen; der Mund versuchte zu schreien, doch seine Stimme war erloschen; alle Sinne und Krafte schienen allmahlig von ihr zu entweichen; nur das Ohr blieb in grausamem Gehorsam, denn sie musste horen, horen, wie nach und nach das Geschrei zum Gejammer, die Klage zum Gewimmer wurde, wild unterbrochen von Zodick's fluchender Wolfsstimme. Und schwacher wurde das Gestohne, und endlich gelang es der gefolterten Tochter, sich zu ermannen, und loszureissen von dem Platze des Entsetzens. Allein, nicht hinweg von dem Orte des Schrekkens, h i n drangte sie der schwarze Geist des Augenblicks. Sehen sehen wollte sie, und dem Wuthrich in's Auge schauen. Wie eine wuthentflammte Lowin, die Zuge bald in bleiche Angst, bald in rothen Zorn getaucht sturzte sie in die Hutte, und vernahm in der Stube das Achzen der Mutterstimme, die Verwunschungen des Unholden, der Thuren zu sprengen, Kisten und Kasten zu zerschlagen im Begriff zu seyn schien. Welch ein Anblick, da Judith in das Gemach drang? Umgesturzt die Rohrwand, und blutend darauf ausgestreckt die Wirthin des Hauses ... das Messer in der Brust. Des Vaters starrer Leichnam halb aus dem Lager geschleudert, in welchem die gierigen Hande des Raubers gewuhlt hatten. Schrank und Truhen erbrochen; der Raub von manchem Jahre hervorgezerrt an's Licht der Herdesflamme, und zerstreut auf dem Boden liegend. Und mitten in dem Graul dieser Umgebung der schandliche Zodick selbst stehend, durchnasst von Regenfluthen und Blut, plundernd, wahlend, verwerfend, und Gotteslasterungen und grauliche Fluche aus dem giftigen Munde sprudelnd. Das schauderhafte Bild entlockte der eintretenden Judith einen lauten Schrei. Die endende Mutter horte ihn noch, faltete bittend die Hand gegen die Tochter, und verschied. Aber auch dem Mordbuben war die Gegenwart der verhassten Judith nicht entgangen. Sein grassliches Auge blitzte ihr Verderben entgegen, sein schaumender Mund stammelte: "Verflucht seyst Du, hassliche Brut, und wahrend die Linke den Sack sinken liess, in welchem er das Kostbarste von Marten's Habe geworfen hatte, um es fortzuschleppen, suchte die wuthzitternde Rechte das Messer an der Hufte." Judith verstand die unglucksschwangere Bewegung, und kam ihr zuvor, denn das Eisen, das der von Raub und Mord zerstreute Bube am Gurtel wahnte, riss sie aus der Brust der Hingeschlachteten, und zuckte es schreiend gegen Zodick selbst. Dem Meuchelmorder fehlte die Faust, was sie nicht mit Stahl bewaffnet, und der feige Verbrecher erstarrte vor dem beherzten Weibe. "Komm an!" rief ihm das Letztere entgegen: "Jude! gottesmorderischer Jude! erwurge mich jetzo, wie Du meine Mutter erwurgt hast." "Ich hatt' ihr's geschworen!" erwiederte Zodick frech, indem er sich gegen die Wand zuruckzog: "Ihr habt davon geholfen meinem Lieb, und dafur hat die alte Kehle bezahlt." "Niedertrachtiger!" schrie Judith unter heissen Thranen schmerzlichen Grimms; "war' ich ein Mann, Du kamst nicht lebend uber diese Schwelle; aber ich bin ein Weib, gerade noch stark genug, Dir das Messer in den Hals zu rennen, so Du mir nahst. Doch spricht der Herr zu Dir, aus meinem Mund: 'D e i n Weg auch naht sich seinem Ende. Vier Augen, die ich schonen musste, sind geschlossen auf ewig, aber die Deinen, die ich hasse, durfen nicht allein offen bleiben. Raube hier, und stehle, was Dir gefallt. Mir wurde grauen, von dieser blutgetrankten Habe ein Stuck zu nehmen. Doch Dir sey sie Verderben. Ich habe nicht mehr den Vater, nicht die Mutter zu verschonen; und jetzt noch, heute von diesen Leichen weg gehe ich nach Frankfurt.'" "Gott soll mir helfen!" rief der uberraschte Zodick, wie zusammensinkend: "Das thatst Du, Ungeheuer? Drache des Amalek?" "Der Himmel will's!" antwortete Judith gehoben: "Versuch's, mich aufzuhalten, da der Herr mir befiehlt, zu gehen!" "Eher sollst Du verschwarzen!" brullte der Jude, auf sie losfahrend. Da sturzte die Leiche des alten Raubers vollends herab vom Lager, vor die Fusse Zodick's, und dieser Sturz hemmte seinen Lauf, dass er erbebend stille stand. Judith riss die Thure auf: "Siehst Du, wem ich vertraue?" rief sie siegreich: "der Gott der Welt ist mit mir. Die durch Dich elend Gemachten werden nicht sterben, ... Deine Bosheit wird enthullt, und verfallt dem Schwerte. Verzweifle, ich gehe gen Frankfurt!"

Sie warf sich entschlossen aus der Thure, und rannte wie eine Gemse davon uber Hugel und Sandsturze, das Keuchen und Schnauben des sie verfolgenden Morders hinter ihr. Ihrem kraftigen Vertrauen, dem Bewusstseyn ihrer, wie von Gott selbst auferlegten Pflicht gelang es, den Vorsprung im gewaltigen Laufe zu vermehren, statt eingeholt zu werden. Zodick's Fluche wurden dumpfer, das Keuchen seiner Brust, wie seine Schritte verhallten hinter ihr, und da sie, unfern vom Schellenhofe inne hielt, um von dem gewaltigen Rennen sich zu erholen, war der Nachsetzende ganz zuruckgeblieben. Sie zog sich hinter einen Versteck von Schlehenstrauchen zuruck, um ruhig sich zu erholen, und nach dem Aufgange, wo schon der Tag bleichte, lenkte sich ihr Auge, in welchem jetzt die Thranen ausbrachen, die der Schmerz uber den furchterlichen Tod ihrer Erzeuger darin angehauft hatte. Feierlich betete sie ein De profundis fur die des himmlischen Lichts unwurdigen Seelen, und eine gewisse Freudigkeit entstand in ihr, da sie dieser letzten Kindespflicht genugt hatte, und an die schonere Pflicht dachte, die sie jetzt zu erfullen sich vorgenommen. Diese Freudigkeit verliess sie auch nicht, als blutrothe Flammen in der Ferne aufstiegen, und Hutte und Scheuer emporloderten im gefrassigen Feuer. "Dort feiert der Morder sein Fest!" sagte sie ruhig und betrachtend: "Seine ohnmachtige Rache zerstort das Haus des Meineids und des Mords. Fahrt wohl, arme verirrte Eltern! Besser ist's, das Feuer verzehrt Euer Gebein, als der unehrliche Stocker musste es auf dem Anger begraben. Euerm unsterblichen Theil sey aber der Herr der Himmel gnadig, wie auch mir, dass meine Stimme nicht verhalle in der Wuste, und Segen entspriesse aus dem Grabe der Meinigen!"

Fussnoten

1 die Stadt 2 Judischer Gebrauch nach dem Tode eines Hausgenossen.

Vierzehntes Kapitel.

Fasset Muth im Sturm der Wellen,

Euern Mast halt Gottes Hand;

Nimmer wird der Kiel zerschellen,

Der euch fuhrt in's freie Land!

Nur, wenn das Vertrauen bricht,

Geht ihr unter, eher nicht!

Moore.

Der Altburger Diether Frosch betrat mit zornflammendem Gesichte und heftiger Geberde das Vorzimmer des Schoffensaals im Rathause, und fragte auffahrend und rauh nach dem Schultheiss. Der Rathsknecht wies ihn in das Verhorgemach, in welchem der Ritter, die Hande auf den Rucken gelegt, und finster simulirend auf und nieder ging. Es war noch fruh am Tage; darum war der edle Herr noch vollig allein. Als er den Schoffen hereinkommen sah, blieb er stutzig in der Mitte des Zimmers stehen, und nahm eine drohende Haltung an, da er um des ganzen Wesens des Alten willen auf einen sturmischen Angriff rechnen konnte. Diether rechtfertigte diese Vermuthung, und fing mit ubelverhaltnem Groll an: "Mir ist's lieb, dass ich Euch allein treffe, Schultheiss, oder auch nicht lieb, denn ich hatte Euch auch gerne vor Zeugen gesagt, was ich nicht auf dem Herzen behalten kann. Ihr seyd ein frecher unritterlicher Mann, der viel zu kurz kommen mochte, wurde ihm Rechenschaft von seinem Handeln abgefordert." "Herr! ..." entgegnete der Schultheiss emport; der Schoffe liess ihn jedoch nicht vollenden, sondern fuhr fort: "Es ist ein Ungluck, das offentliche Wohl in den Handen eines Mannes zu wissen, der; im Innersten verderbt, seinen Leidenschaften jeden Zugel schiessen lasst, das Beispiel der Unsittlichkeit gibt, und in jedem Dirnengesicht einen Stachel fur seine Wollust findet." "Seyd ihr toll geworden, Schoff?" fragte der Schultheiss trotzig: "oder plagt Euch der Teufel der Eifersucht abermals?" "Keine Ausfluchte!" fuhr Diether heftig fort: "Was soll die Geschichte vergangener Nacht bedeuten? Warum habt Ihr mein Eigenthum, den Schellenhof, verletzt durch unziemlichen und verbotnen Angriff? Warum habt Ihr Leute, die ich dorthin gesetzt, gefangen wegfuhren lassen? Ist ein ehrlicher Mann nicht mehr hinter seiner Granze und Feldmark sicher? Oder ist mein Haus ein Sammelplatz, eine Herberge luderlichen Gesindels? Ich verlange, dass Ihr Abbitte leistet, und die unschuldig Gefangenen losgebt." "Ihr redet irre, guter Mann," erwiederte spottisch und kalt der Ritter: "Von dem Auftritte verwichner Nacht weiss ich wohl, doch ging er nicht auf mein Geheiss vor sich. Was hatte ich auch auf Euerm Schellenhof zu suchen? Der Oberstrichter jedoch hatte Fug und Recht, Kraft seines Amtes, den Versuch zu machen, ein gefahrliches Weib, dem man lange schon auf der Spur gewesen, aus dem Nest zu heben, das ihm sicherlich Euer Sohn auf Euerm Eigenthum bereitet. Man hat statt dieser Dirne, die wohl, fruher gewarnt, die Flucht nahm, eine Andre ergriffen, die Euch ziemlich nahe angehen mag, und die, sammt ihrem Kinde, wenn sie das ubliche Verhor ausgehalten, Euch wieder zuruckgegeben werden wird. Das ist der Zusammenhang der Sache, und ich finde es frech von E u c h , Schoff, dass Ihr Euch herausnehmt, mich bei jedem Anlass zu verunglimpfen. Fur meine Wurde ziemt sich indessen Vergebung besser, denn Rache, und ich behalte mir vor, einmal spater mit Euch die ganze Rechnung abzuthun auf einmal."

"Ihr seyd eine glatte Schlange;" entgegnete der gereizte Diether: "Der Oberstrichter schiebt die Schuld auf Euch, und Ihr walzt alle Verantwortlichkeit auf den Richter." "Hagel, Blitz und Strahl!" fuhr der Schultheiss auf: "Wahnwitziger Mann! treibt mich nicht aufs Ausserste. Eurer groben Tucke bin ich schon langst herzlich mude. Solch Verfahren steht Eurem Greisenalter wenig an, schier so wenig als es sich fur Euch schickt, eine fahrende Tochter sammt ihrem Bankert auf Euerm Hofe zu halten. Ihr gebt das Beispiel der Unsitte und schlechten Zucht, und es ist gar kein Wunder, dass Sohn und Frau nicht aus der Art schlagen. Schamt Euch und schreibt es Euch selbst zu, wenn die Gerichte Euch auf dem Halse liegen. Es gehen unerbauliche Dinge in Euerm Hause vor, und Ihr selbst habt Rath und Burgerschaft in Eure missliche Handel gezogen. Auf allen Gassen spricht man von der Historie Eurer Ehewirthschaft: Auf allen Strassen laufen Sparer umher, nach Eurer Tochter zu forschen, die, wer weiss, in welchem Waldneste, mit einem Buschklepper Buhlerei treibt, mit dem sie willig entlaufen? Euer Argwohn hat ja nicht geruht, bis ich dem Stadthauptmann erlaubte, gestern einen Tross seiner laufenden Gesellen nach dem Sprunglin zu senden. Wie ich vernommen, hat sich die kaiserlich freie und heimliche Acht nicht minder in die Unthaten Eures Sohns gemischt. Donner und Teufel! was soll nach solcher Menge von Argerniss, die Euer Haus gegeben, die stolze verletzende Rede, welche Euer Mund so freigiebig fuhrt? Ich weiss sehr gut, dass Ihr wunscht, jetzo ein Basilisk zu seyn, um mich mit einem Blicke zu erstechen, weil Ihr noch immer so thoricht seyd, zu glauben, ich hatte Euerm Weibe nachgestellt. Allein ich lache Eures possierlichen Grimms, und wenn Ihr's noch arger macht." Diether stand wort- und bewegungslos da, so gewaltig hatte ihn des Schultheissen Rede zerschmettert, weil sie eine Masse von Unrecht auf ihn warf, die er nicht mit e i n e m heftigen Worte abzuschutteln die Macht besass. Der Schultheiss dagegen freute sich, den uberaus verhassten Schoffen, so recht in's Leben treffen zu konnen, und sprach mit boshaftem Lacheln weiter: "Wie steht's mit Euerm Weibe, Diether? Ich horte schon in aller fruhe, Margarethe sey entlaufen. Laugnet nicht, denn ich weiss es von guter Hand, wie es schon die Stadt weiss, und mich wundert nur, dass Ihr mir nicht auf den Kopf zusagt, ich hatte sie Euch gestohlen. Wie es aber auch damit gegangen seyn mag, ... ich kann ihr nicht Unrecht geben. Einmal ist es hart fur eine Frau von lockern Sitten, bei einem murrischen Manne auszuhalten, der den strengen unertraglichen Sittenrichter spielt, ob er gleich unfern der Stadt sein eigen Lieb in stiller Kammer halt; zum Andern ist sie wahrscheinlich von ihrem Buhler Dagobert, der seine Ursachen hat, nicht nach der Stadt zuruckzukommen, beschieden worden, und endlich, denke ich, hat sie gerade die rechte Zeit gewahlt, zu gehen, um dem weltlichen Gerichtsarm zu entlaufen." Diether staunte den Ritter finster an .... "Ich vergebe Euch die Schmachungen, mit denen Ihr mich uberhauft," ... sagte er, kaum vernehmbar vor innrer Bewegung; ... "aber ... habt die Gnade, mir zu erklaren, wie meine Hauswirthin Margarethe dem Gericht verfallen seyn kann, da ich noch nicht als Klager vor die Schranken trat?" "O, mein lieber Herr," entgegnete der Schultheiss: "Das soll Euch nicht vorenthalten bleiben, und gewiss wird Euch's noch diesen Morgen kund." Der Rathsknecht meldete: der Stadthauptmann und ein Rottmeister der Stadt forderten Gehor bei dem strengen Herrn, um zu berichten, was bei'm Sprunglin vorgefallen. "Recht;" erwiederte der Schultheiss: "Herr Frosch: Ihr seyd ja am meisten bei der Sache im Spiele. Verharrt, und hort mit an, was uns die Leute sagen werden. Ihr mogt horen, dass Alles, Euerm Wunsch gemass und in strengstem Geheimniss ausgerichtet worden." Die Gemeldeten erschienen, und der Stadthauptmann fragte den Schultheiss, ob es ihm gefallig ware, zu vernehmen, was der Rottmeister Sebald erzahlen werde. "Ich habe ihn," sprach er, "als einen geschickten Mann auserwahlt, mit zehn laufenden Soldnern den Zug nach dem Bannsteine von Bergen, das Sprunglin genannt, zu verrichten, und er ist gestern um die neunte Stunde der Nacht von dannen gegangen, und heute, als die Thoren wieder geoffnet wurden, hereingekommen." Der Schultheiss gebot dem Rottmeister kund zu thun, was ihm und seinen Leuten begegnet sey, und getreulich begann dieser Folgendes zu berichten: "Wie der edle Hauptmann Euch eroffnet," sagte er, "so bin ich mit meinem Hauflein von dannen gezogen, da es gerade neun Uhr am Abend seyn mochte, und das Wetter drohte, nicht das Allerbeste zu werden. Deshalb liess ich meinen Bieber frisch drauf los treten, und wir waren auf Feld- und Hohlwegen in die Gemarkung von Bergen gelangt, ehe wir es nur merkten, und kehrten ein in dem einzelnen Gehoft, das man gewohnlich im Tannicht nennt. Versteckter hatten wir allerdings in der Martenschenke gelegen, die am Sandgubel steht, und wo man gemeiniglich bessern Trunk erhalt, obschon nicht immer die besten Kunden sich da zusammen finden. Aber vom Tannicht aus hatten wir den Sprunglinstein, so zu sagen im Gesichte, wenn man also reden darf in der Nacht um die zehnte Stunde, wo der Mond gerade ausgegangen war, und es stockdunkel wurde, dass man die Hand nicht vor Augen sehen konnte, geschweige das Sprunglin, das vierhundert Gange weit vom Tannicht liegt. Ferner ist zu merken, dass in der Martenschenke es nicht geheuer ist, und um dieselbe am Moor Gespenster zu gehen pflegen, die auch den herzhaftesten Kriegsknecht erschrecken konnen. Denn wie Ew. Gestrenger weiss, so ist dorten die Abdeckerei gestanden, und des Marten's Grossvater ist selbst 'mal Stocker gewesen." "Du wirst allzuweitlauftig, Freund;" versicherte der Schultheiss gahnend: "Spute Dich. Wir haben noch mehr zu verrichten, als Dich anzuhoren." Der Rottmeister machte ein verdrusslich Gesicht, verschluckte aber den Arger: und fuhr rascher fort: "Wie Ihr befehlt. Kurz, wir steckten im Tannicht, und ein Knecht stand unfern vom Bannsteine auf der Wacht und Lauer. Die eilfte Stunde kam heran, und wir alle waren noch recht wohl nuchtern, als der Wachter in das Gehoft sprang, und meldete: es sey gerade jetzo von Bergen her ein Mann zu Gaule gezogen, der am Sprunglin abgesessen sey, und dabei lustwandle, trotz dem aufziehenden Wetter und dem Sturme, der sich zu erheben begann." "Passt auf," sagte ich: "Passt auf. Das wird unser Mann seyn. Jetzt reibt die Ohren rechtschaffen, damit Ihr mein erstes Wort versteht." Denn, beilaufig zu bemerken, ich hatte, sintemal mir das Geheimniss auf die Seele gebunden gewesen, noch bis jetzo keinem von den Leuten gesagt, was eigentlich hier im Schilde gefuhrt wurde. Wir demnach hinaus, und umzingeln fein leise den Platz, und schleichen uns naher um den verdachtigen Mann heran, und sehen, dass er, den Gaul am Zugel mit ihm hin und her geht, als ob's im schonsten Sonnenschein ware, und er hatte einen guten Freund am Arme. Da ist uns schier schauerlich geworden, allen sammt und gar, und haben uns in der Ferne zusammengethan, und mit einander gewispert, und etliche von uns haben gemeint, der Mann mochte am Ende wohl nicht ein Mann von Fleisch und Bein seyn, sondern ein Verstorbner, der zur Nachtzeit mit Sporn und Gaul herausmusse aus dem Grabe, um Wacht zu halten bis um Zwolfe. Ich habe den Burschen jedoch die Ammenfurcht verwiesen, und zumal, da ich vernahm, wie der Fremde vernehmlich niesste, was ein Gespenst nicht thut, so machte ich mich auf, und ging wieder leise an ihn heran. Da wurde es mir bald klar, dass er ein rechter Mensch sey, denn er fluchte recht verstandlich: "Gott verdamme das vertrackte Zogern, und den vermaledeiten Regen!" Ein guter Geist redet nicht von der Verdammniss, ein Boser nicht von dem lieben Herrgott, und aus dem bischen Regen machen sie sich Beide nichts; also war der Mann ein rechter Mann, und ich ging strack und beherzt auf ihn zu. Er sass just auf dem Bannsteine, den Zugel seines Gauls um den Arm, und in seinem Gesichte konnt' ich nichts erkennen, als eine grosse Nase und einen Schnauzbart. Er fuhr in die Hohe, da er mich endlich gewahrte, und antwortete auf mein barsches: "Wer da?" mit einem drohenden: "Der Teufel, Kerl, wenn Du Dich nicht packst!" Er machte eine sehr auffallende Bewegung, und ich denke, er hatte nach mir geschlagen, hatte ich nicht die Hellebarde blitzen lassen, und gesagt: "er solle ja das Schlagen unterlassen, denn ich sey Rottmeister der edeln Stadt Frankfurt, und ein Rudel meiner Knechte, sey nicht fern." Da besann er sich freilich, setzte sich wieder auf den Bannstein, und fragte was wir von ihm zu begehren hatten. Ich sagte ihm nun fur's Erste fein hoflich, um keinen Verstoss zu machen, er mochte mir melden, was er um diese Stunde hier zu schaffen habe. "Ich treibe Sternguckerei," antwortete er, und sah steif und fest nach dem Himmel, auf welchem wohl zu merken, Wetterwolken genug zu schauen waren, aber um tausend Goldgulden kein Stern. Da ich ihm dieses nun bemerkte, so lachte er laut auf, und sagte: "Wann Ihr blind seyd, kummerts mich nicht. Ich sehe einen Wald von Sternen, und lasst mich jetzt ungeschoren." Es versteht sich, dass ich ging, denn mir war nicht aufgetragen, Einem zu verwehren, sich am Sprunglin nach Sternen umzusehen. Doch schickte ich nach einer Weile einen Knecht an ihn mit derselben Frage, die ich gethan, und demselben erwiederte er, "er sey um frische Luft zu schopfen, vom Hanauer Schloss herubergeritten; und bedrohte den Frager mit einer Tracht Prugel, wenn er noch einmal kame." Dieser kam auch nicht wieder, aber ich schickte einen Zweiten, welchem der Nachtwandler den Bescheid gab: "Er warte hier auf seine Maid, die ihm ein Minnestundlein versprochen habe." Zugleich aber fing er an, dem Knechte die Tracht Prugel zu geben, die er dem Andern versprochen hatte. Ich traute nicht, mich darein zu mischen, weil mir in den Kopf gekommen war, der Mann mochte wohl einer von den jungen Herren von Hanau seyn, die ihrer verliebten Schwanke wegen in der ganzen Wetterau bekannt sind, und mit denen einen Span zu haben, nicht gut ist. Zudem blitzte und donnerte es redlich um uns her, und es war gerathener, im Gestrauch zu liegen und zu passen. Wahrend sich nun die beiden am Bannsteine prugelten, und ich vergebens dem Bastian pfiff und rief, umzukehren, so kommt schnell durch das Gebusch geraschelt, ein Weib im Regenmantel und Regentuch, und prallt zuruck, da sie beim Blitzschein uns erblickt. Ich, nicht faul, packe sie am Gewand, und frage, wer sie ist. Sie hat mir kauderwalsch darauf geantwortet, und da sie in der That ein Weibsbild, und mir nicht befohlen war, am Sprunglin eine Frau zu fahen; ... da mir auch der Zusammenhang der Historie klar wurde, so fragte ich sie schlau und pfiffig, ob sie nicht ein Standlein am Sprunglin zu besuchen, im Begriff stehe, und auf ihre Bejahung liess ich sie zum Bannsteine fuhren, und sagte zu dem Reiter, der den Knecht noch immer an den Ohren hatte: er mochte doch einmal aufhoren, denn hier sey ja das Weib, das er erwarte. Drauf liess er den Bastian los, und besah sich die Frau von oben bis unten, und, da mir nicht befohlen war, ein Paar Liebesleute am Sprunglin zu storen, so liess ich meine Leute wieder unter die Baume kehren, wo mir der scheltende Bastian vertraute, er wolle sich henken lassen, wenn der, mit dem er sich gerauft, nicht der Leuenberger gewesen. Das war dann nun verdachtig; denn der Leuenberger ist im Stadtbann, und auf ihn hatte ich absonderliche Weisung. Darum rasch mit gefalltem Spiess gegen das Sprunglin zuruck im hellen Haufen, und wir sahen, weil der Himmel von allen Seiten flammte, wie der Mann und das Weib noch auf der Matte standen, und die Frau sich geberdete, als wolle sie verzweifeln. Was sie aber sprachen, horten wir vor Donner und Getose nicht, sondern schrien wie aus einem Halse: "Gib Dich, Leuenberger! Gib Dich!" Wie wir jedoch also auf ihn anruckten, und er Unrath merkt, so nimmt er das Weib auf den Arm, springt mit ihr und dem Gaule uber einen Graben in ein Gerstenfeld, und ruft uns zu: "Zuruck, Ihr Schufte, mit Verlaub vor Ew. Gestrengen zuruck, denn hier ist des Grafen von Katzenelnbogen Mark und Eigenthum, und er brennt die Stadt nieder, so Ihr sein Gebiet verletzt." Da half dann nun freilich nichts: "Mit dem Grafen ist nicht zu spassen, und da wir nur fur das Sprunglin Auftrag hatten, und es hier offenbar nur einem Liebeshandel galt, so blieben wir zuruck, absonderlich, da uns ein wahres Mordgeschrei vom Tannicht her, zu Ohren kam. Wie das wuthende Heer, trotz Blitz und Sturm jagen wir zuruck und fallen gerade in ein Gemetzel, das zwei verkappte und bewehrte Buben an einigen Leuten veruben wollen, die mit Leuchte und Haue und einem Pfaffen von Bergen gekommen waren, um beim Tannicht nach Schatzen zu graben. Hier war unsere Hulfe nothig, und wir schlugen auf die Rauber los, wie die Baren, ohne dass sie recht verwussten, woher das neue Wetter kam. Der Eine wollte just dem Pfaffen an die Kehle, weil er Geld bei sich trug; der Andere balgte sich mit den beiden andern Leuten herum. Den Ersten rannte ein Lanzenstoss, wie ich glaube, nieder, und dem Zweiten spaltete der Bastian, den der Leuenberger bose gemacht hatte, mit der Hellebarde den Kopf, dass er niederschlug, als hatte er nie gestanden. Zum Ungluck verloschte plotzlich im gewaltigsten Platzregen die schwache Leuchte, und wir sahen unter einander herumschlagend beim nachsten Blitze nur, dass wir in Gefahr waren, uns selbst und gegenseitig todt zu machen. Der Teufel mochte es langer im Freien aushalten. Es wetterte nieder, wie eine Sundfluth, und wir, wie die Leute von Bergen kamen wie gebadet in dem Gehofte zum Tannicht an. Das Hollengesturme horte indessen bald auf, und wir suchten nachher in allen Richtungen auf dem Platze nach, aber keine Spur von den Erschlagenen war zu finden, und sicher hat sie der Teufel wahrend des furchterlichen Donnerschlags geholt, der uns sammt und sonders unter Dach trieb. Nicht einmal ein Saum von Blut war mehr auf dem Boden zu schauen. Der Regen hatte Alles abgespult. Wahrend wir nun lange Zeit suchten und lugten, so sah Einer vor uns, wie von fern ein Brand aufging, und da wir drauf los eilten, so kamen wir gerade an die Martenschenke, die lichterloh brannte, dergestalt, dass sich keiner von uns hinein wagte. Entweder war die Hutte ganz verlassen, oder alle Leute waren darin umgekommen, denn es war nichts zu horen als das Jauchen der Flamme, und das Geprassel der Balken. Von dannen kehrten wir zur Stadt zuruck." "Und habt bewiesen, dass Ihr trunkne Mannen gewesen, die man in der Folge zum Ochsentreiben, aber nicht zum Spitzbubenfang aussenden wird;" versetzte der Schultheiss mit erkunstelter Strenge, obschon es ihn ergotzte, dass Diethers Hoffnung auf ein gunstigeres Ergebniss getauscht worden war: "Ihr, Hauptmann, hattet besser daran gethan, einen verstandigern Gesellen zum Fuhrer zu wahlen, als diesen breitmauligen Erzahler, den der rohe Witz eines Gaudiebs dergestalt uberlisten konnte. Mir thut es leid," fugte er aufstehend, und gegen Diether gewendet, hinzu, "dass Ihr um nichts gelehrter seyd, nach diesem Zuge, und lade Euch ein, von diesem Handel abzubrechen, da ich Leute nahen sehe, die unsre Aufmerksamkeit anderweitig in Anspruch nehmen werden." "Sogleich;" entgegnete Diether finster grollend: "Was ist aber aus dem Leuenberger geworden, und dem Weibe, das zu ihm sich gefunden?" "Traun, lieber Herr," antwortete der Rottmeister verdutzt: "Das mogen die Beiden am Besten wissen. Hat sie nicht der Blitz erschlagen, werden sie wohl mit heiler Haut davon gekommen seyn." "Dummkopf!" murrte Diether dem Fortgehenden nach, und sprach dann vor sich hin: "Bleibt mir denn eine Wahl der Gedanken und Vermuthungen? Margarethe war das Weib ... und ihr bos Gewissen hat sie von mir gejagt. O, ich stehe allein unter entmenschten Geschopfen, gezwungen zu hassen, die ich liebe, ein verlassener, betrogener, misshandelter Greis!"

"Macht Euch auf Weiteres noch gefasst;" sprach der Oberstrichter sanft zu ihm, und Diether gewahrte beim Aufschauen das Gemach von Leuten angefullt, in deren Kreise sich zu finden er sehr betroffen war. Da waren eingetreten, ausser dem Richter in der Amtstracht, der Barfussermonch Reinhold, der Predigermonch Johannes, beruhmt durch seine Gelehrsamkeit und seines herrlichen Gemuths Vorzuge, der Edelknecht Gerhard von Hulshofen, welcher, blass und abgefallen, kaum mehr zu erkennen war; und im Hintergrunde verweilten noch zwei langbartige, schattenahnliche Gestalten, Jochai und sein Sohn David. Frei ging der hundertjahrige Vater einher, aber schwere Ketten belasteten die Hande des Sohns, dessen Blick indessen furchtlos war, obschon die Glieder bebten, vor Schwache theils, theils vor Angst. Ganz zuletzt bemerkte Herr Diether an der Hand des Bettelmonchs einen Knaben, seinen Sohn. "Hochwurdiger Herr," sprach er besturzt zu Reinhold: "wie kommt der Knabe hieher, und was soll er in dieser Versammlung?" "Ihr werdet's sehen," antwortete der Monch mit finsterm Blick, und auch der Predigermonch schwieg mit missbilligenden Mienen, da der Schoffe an ihn sich wandte. Der Knabe schien an des Beichtvaters Hand nicht furchtsam zu seyn; aber den Hulshofen betrachtete er mit aufmerksamem Gesichte und unverwandt. Nachdem der Knecht die Thure verschlossen hatte, vor dem Andrange des Volks, das in dem Wahne stand, die Juden mussten heute zum Flammentode verdammt werden, begann der Oberstrichter, nachdem er Platz genommen, und dem Schultheiss, dem Schoffen und den Ordensmannern Sitze angeboten, mit feierlichem Tone: "Es sind oft Dinge vor den Schranken des peinlichen Rechts anhangig, die es nothig machen, dass man abgehe von der Weise des Herkommens und der geschriebenen Satzungen. So haben wir denn beschlossen, heut, anstatt des geheimen und stillen Verhors der angeklagten Juden, wobei dieselben doch immer auf ihrem Laugnen beharren wurden, ein offen Verhor anzustellen, wobei alle diejenigen erscheinen mochten, die schon in der Klage verwickelt sind, oder zur Aufklarung des Geheimnisses Theil daran zu nehmen wunschen. Jochai und David sind angeklagt auf Haut und Haar, ein Christenkind gemartert und ermordet zu haben. Der Edelknecht von Hulshofen ist mit reuigem Muthe gestandig, einen Knaben an den Juden David verkauft zu haben, um wenige Turnosen; doch laugnete es der Jude ab, und sollte heute, nach langen leeren Drohungen wirklich auf die Folter gesetzt werden, als sich gestern plotzlich ein Umstand ergeben, der die Sache verwickelter, die Klage trugerisch, und dennoch den Gegenbeweis nicht leichter macht. Der Junker von Hulshofen hat auf seinen Eid geschworen, in diesem Knaben den erkannt zu haben, welchen er am Tage nach dem des heiligen Martin im verwichnen Jahre an den Juden David verhandelt hat. Dieser Knabe ist Herrn Diether Frosch, des Schoffen Sohnlein, oder wird dafur gehalten. Um in's Klare zu kommen, soll der Kleine in seines Vaters Gegenwart befragt werden." Mit vieler Milde richtete der Oberstrichter viele Fragen an den Knaben, die er in seiner Einfalt und kindlichen Erinnerung so beantwortete, dass kein Zweifel ubrig blieb, dass e r es wirklich gewesen, welchen Gerhard gefunden. "Mit Verlaub, gestrenge Herren," betheuerte der Edelknecht nach ergangner Aufforderung: "der Henker soll mein Wappen unterm Galgen zerbrechen, wenn das nicht der Bube ist, von dem ich sprach. Nicht wahr, mein Junge? In meinem Mantel hast Du geruht, ... vor meinem Barte bist Du erschrocken, ... Malvasier hast Du bei mir gekostet, und mit dem schabigen Juden dort, dem zerfetzten Haman, bist Du gegangen? Sag's frisch heraus, und Ihr, meine Herren, konnt Ihr noch an der Wahrheit deuteln, da der Bube bejaht? Gluhte ich nicht wie die lustige Sommersonne mitten im November zu Worms? und bin ich nicht jetzo von Kummer, Reue, betrubter Haft und schmaler Kost ein rechtes Charfreitaggesicht geworden? Und dennoch kennt mich der Bube, und entsinnt sich meiner. Nicht wahr, mein kleiner Hans?" Der Knabe bekraftigte so gut er's vermochte, des Edelknechts Behauptung, und Diether's funkelnde Augen zeugten von einer ungewohnlichen Sehnsucht, auf den Grund dieser Verwirrung zu kommen. Gerhard suchte von dem Augenblicke Nutzen zu ziehen, und sagte demuthig: "Nun, Ihr Herren, ware ich im Reinen. Reu und Leid thue ich von Herzen, und will auch die Armen reichlich bedenken, so ihr mich von hinnen lasst. Ihr seht, der Bube ist ein Christenbube geblieben und in reiche Sippschaft gerathen. Ich wasche meine Hande in Unschuld. Der verdammte Jude, der von meiner Trubsal Nutzen zog, mag es entgelten. Spart nur die Folter nicht an dem Hunde, bis er bekennt, was er mit dem Knaben vorgenommen, bis er ihn so weit gebracht. Mich jedoch lasst ziehen mit Verlaub." Ein ernster Blick des Schultheissen brachte mit einemmale den Schwatzer zum Schweigen, und der aufgerufene Jochai bezeugte mit zitternder Stimme: "Dieser sey wirklich der Knabe, den einst David in sein Haus gebracht, aber auch wieder von dannen geschafft habe, ohne zu sagen, wohin."

Ben David trat nach ihm vor, und sagte bescheiden und ruhig: "Mir soll Gott helfen ... Das ist das Jungelchen, leibhaftig, und ich will nicht laugnen furder." "Aber bei den Wunden des Herrn!" fuhr Diether auf: "wie verwickelt sich denn plotzlich meines Hauses Ehre mit diesem ekelhaften Judengesindel? Was ist da vorgegangen? Wer ist der Knabe? Ist dieser Bube mein Sohn ... ist er's nicht? Rede, verruchter Menschenkaufer!" Der Schultheiss lachelte tuckisch, und hing mit den Blicken an Ben David's Antlitz, welcher sich ruhig neigte und laut erwiederte: "Bei der Hoffnung Israels! Euer Sohn ist's, Herr; Ihr mogt's glauben!" "Gelobt sey doch der Herr, unser Gott, und gepriesen, dass er endlich aufgethan den Mund des Stummen!" betete Jochai aus dem Grunde seines Herzens, und umarmte den Sohn, welcher die weitern Fragen des Richters, wie des Schoffen erwartete. "Aber, ... bei den Martyrern!" begann der Letztere mit unruhig pochender Brust: ... "ist der Bube mein ... wie kam er nach Worms, wie in Deine Hande, Jude? Hast Du begonnen, die Wahrheit zu reden, so vollende auch, oder bekenne, dass Du in diesem Augenblicke gelogen. An Deinen Worten hangt Schuld oder Unschuld meines Eheweibes." "Das Frau Margarethe rein in dieser Sache war, wie der Abendstern, bekraftige ich mit meinem priesterlichen Worte;" entgegnete Reinhold wichtig und vernehmlich, ohne sich durch des Schultheissen drohendes Antlitz ausser Fassung bringen zu lassen: "es ist an der Zeit, dass Ihr endlich von Euern verderblichen Irrthumern wiederkehrt zum Vertrauen, Herr Diether. Gerade nicht die, die Ihr hasst, wollte Euern Gram und Verderben, sondern die, die Ihr unverdient geliebt. Es thut mir weh, dass ich hier das Vergehen einer unnaturlichen Tochter aufzudecken habe; allein ich r e d e vor Mannern, und die Wahrheit soll man sagen ohne Menschenfurcht. Eure Tochter Wallrade, von Hass entbrannt gegen eine Stiefmutter, die ihr Erbe und Vaterliebe zu schmalern schien, hat Euer Kind aus Willhild's, der Pflegerin Hutte gestohlen, und mit sich gen Worms gefuhrt auf ihrer Fahrt gen Costnitz. Dort hat sie den Knaben ausgesetzt dem Mangel und der Hulflosigkeit, ihn schlafend auf der Strasse verlassen. Gott wollte, dass dieser Mann das Kind finden musste, und sich dessen annahm, und der Jude, der den wohlbekannten Sohn einer Frau, die ihn im Handel gunstig stets bedacht hatte, in dem Buben entdeckte, saumte nicht, ihn zu erkaufen, und der zum Tod betrubten Mutter heimzubringen. Zu den Fussen derselben hatte sich indessen die trostlose Willhild geworfen, und sie angefleht, ihre Sorglosigkeit nicht dem Zorne des Vaters Preis zu geben. Um der Verzweifelnden zu schonen, und des Vaters Herz nicht zu brechen, schwieg die barmherzige Mutter, und verbarg ihren Gram in sich. Allein ihr Gebet war eifrig, und blieb nicht unerhort. Aus den Handen eines verworfenen Hebraers liess er fur Euer Haus das Heil erwachsen, und den Knaben wieder hervorgehen. Und als endlich durch Wallradens Erscheinen im Vaterhause der leise genahrte Verdacht, dass sie des Knaben Rauberin gewesen, bestatigt wurde durch ihr Erschrecken bei seinem unverhofften Anblick, durch des Kindes Strauben gegen sie, die ihn misshandelt hatte, und durch dessen eigne kindliche Gestandnisse, ... da zeigte sich dafur die Tugend Margarethens in ihrem schonsten Lichte. Sie verbot der eifrigen Willhild, die Euch, edler Schoffe, in's Geheimniss ziehen wollte, jede Einmischung: sie verzieh grossmuthig der bittenden Feindin nach den Worten des Heilands: 'Segnet, die Euch fluchen! thuet denen Liebes, die Euch Boses gethan!' Sie schwieg um nicht des Vaters Herz von der Tochter zu reissen, und ahnte nicht, dass der unseligste Argwohn so bald ihren Frieden truben wurde. Verkannt duldete sie jede Krankung und schwieg, und floh lieber das Haus ihres Eheherrn, um nicht vor den Schranken des Gerichts eine Tochter anklagen zu mussen, die sie lieben mochte. Da aber nun plotzlich die Dinge und der bose Handel dieser Juden eine solche bedauerliche Wendung nehmen, und das ehrliche Haus eines wackern Altburgers mit in den Strudel der Verworfenheit hinab zu reissen drohten, konnte und mochte ich nicht langer schweigen, und entdecke, um die Abwesende zu vertheidigen, lieber frei und offen, was sie mir, nicht unter dem Siegel der Beichte, wohl aber im engsten Vertrauen langst geoffenbart."

Der Monch hielt inne mit seiner Rede, die er mit sturmischem Eifer vorgetragen hatte, und alle Anwesende schwiegen eine Weile. Diether sah starr auf den Knaben, der sich an die grobe Kutte des Monchs schmiegte, der Oberstrichter kaute an den Nageln, der Schultheiss lehnte sich mit vornehmer Geberde, ein unglaubiges Lacheln auf dem Antlitze, in den Sessel zuruck. "Und was sagst Du, Jude?" fragte der Oberstrichter endlich den harrenden Ben David. Dieser zuckte die Achseln, und entgegnete: "Was fragt Ihr doch nach m e i n e m Gezeugnisse, gestrenger Herr, da schon der gelehrte und heilige Mann dort gezeugt hat, und geredet? Ich bin nur ein schlechter Jud; aber auch unsre Leute glauben alle an die vom Stamme Levi." "Welche Widerspruche!" rief der Schultheiss: "Mit Erlaubniss, hochwurdiger Herr; allein wie mag's geschehen, dass der Jude geschwiegen bis jetzt?" "Das moge er selbst verantworten;" versetzte Reinhold mit scharfem Seitenblicke auf Ben David. Der Letztere nahm auch alsobald das Wort: "Ich habe gehandelt recht, da ich den Buben zuruckgab der Mutter, und das Recht ist ein gut Kopfkissen im Thurme sogar. Ich habe auch immer gehofft, wir wurden seyn gerettet durch der ehrsamen Frau Margarethe Beistand, und nicht verlassen hatte uns diese Zuversicht bis zum Ende. Darum habe ich nicht genannt ihren Namen vor dem Gericht, weil ein edler Name nicht gehort davor." "Schurke!" murmelte Gerhard zwischen den Zahnen: "ich wollte, mein Name ware auch hier nicht genannt worden." "Ihr habt freilich nicht am Vortheilhaftesten Euch ausgezeichnet," meinte der Oberstrichter: "allein ohne Euer Zeugniss ware das Ganze nicht enthullt worden, denn niemand, auch Frau Margarethe nicht, konnte ahnen, dass von diesem Knaben gerade die Rede sey, in der Anklage gegen die Juden. Aber, erklart uns lieber, Junker voll Hulshofen, wie es wohl geschehen seyn mag, dass der Sohn des ehrsamen Schoffen, der junge Dagobert, den kleinen Stiefbruder nicht erkannte, da er doch bei dem Funde gegenwartig gewesen, wie Ihr behauptet habt." "Ei Herr," antwortete Gerhard, begierig, sich so schnell als moglich aus dem Handel zu wickeln, der einen uberraschend guten Ausgang fur ihn darzubieten schien: "das geschah am Martinsabend, wo wir alle nicht recht im Stande gewesen waren, unsre Vater und Mutter zu erkennen, geschweige denn unsre Bruder. Dass der Jude den Buben erkannte, am folgenden Tag nemlich, das glaube ich recht gern; er war betroffen; aber die Hoffnung, Gewinn zu ziehen, machte ihn schweigen, damit ich ihm nicht etwa zuvorkame; ich begreife das."

"Der Herr weiss, wie wir handeln;" fugte Ben David schlau lachelnd bei. "Mich ergotzt es ungemein," hob hier der Predigermonch Johannes an, der bis jetzt keine Sylbe zu dem Gesprach gegeben hatte, "dass durch des Junkers Aussage mein guter Dagobert von jeder Mitwissenschaft an dem dunkeln Gewebe dieses seltnen Menschenkaufs freigesprochen wird. Mich hat es tief betrubt, da ich horte, dass auch in dieser graulichen Judensache meines Zoglings Name vorgekommen. Ein teuflischer Unhold scheint sich seit kurzer Frist Muhe gegeben zu haben, alles Unheil uber dem Haupte Dagoberts, des Schuldlosesten aller Menschen, zusammenzublasen, und sein eigner Vater sogar hat an die Lugen der Leidenschaft und des Zufalls geglaubt. Desshalb habe ich mich aufgemacht von meiner Zelle, um hier ein Wort der Suhne fur den Zogling zu sprechen, der abwesend nicht selbst seine Sache zu fuhren vermag; denn ich kenne sein Herz, ich habe es gebildet; ich darf ich kann ich muss mich fur ihn verburgen." Reinhold schaute, wahrend Diether vor der Hoheit des beredten Priesters die Augen niederschlug, den Mann eines verhassten Ordens, scharf von der Seite an, und sprach: "Das mogt Ihr allerdings, gelehrter Herr; allein lasst uns im Geleise bleiben. Dagobert findet seinen Richter in und ausser sich. Hier handelt sich's jedoch um andre Dinge: um dieses Knaben Wohlfahrt, um die Unschuld seiner Mutter." "Rede, Hans!" hob nun mit einem tiefen Athemzuge Diether an, und nahm den Buben freundlich bei der Hand: "Sage uns selbst, mit eignem Munde, wer Dich davon gefuhrt hat, von Willhild." Der Knabe sah ihn fragend an. "Wer verliess Dich zu Worms?" fugte der Oberstrichter bei. "Ei, die schwarze Mutter!" antwortete das Kind: "sie hat mich erbarmlich geschlagen, und dann auf der Gasse liegen lassen, da ich schlief. Der Mann hier hat mich darauf zu sich genommen." "Ganz recht, Knabe;" versetzte Reinhold: "wer ist aber die, die Du eine schwarze Mutter nennst?" "Schwester Wallrade ist's," entgegnete Hans nach kurzem Besinnen: "Da sie wieder kam und mich kussen wollte, hatte sie ein roth Rocklein an; ich habe sie aber doch wieder erkannt."

"Wer ist Dein Vater, Knabe?" fragte der Schultheiss plotzlich und scharf. Der Knabe stutzte ob der heftigen Anrede; aber ein ermunternder Handedruck des Paters an seiner Seite gab ihm Muth, und er deutete scheu und verzagt auf Diether. Also ist die Gewalt eines liebevollen Herzens, das gleichsam wider Willen von Groll umsponnen wurde, dass der geringste Anlass den Geist der Liebe wieder darinnen machtig weckt. Diether erfuhr es in diesem Augenblicke. Die scheue, man mochte sagen sclavische Geberde des Kleinen gewann ihm plotzlich die Zartlichkeit des Alten, weil es demselben schmeichelte, dadurch vor der Welt sein Recht, das er selbst beinahe im Argwohn aufgegeben, behauptet zu sehen. Er zog den Buben an seine Brust, kusste ihn, und rief: "Ja, ja, du armer kleiner Hans! Du sollst den Vater nicht langer missen. Bitte nur den Himmel, dass er volliges Licht in diese Wildniss von Zweifeln sende." "Das ist Dein Vater also;" fiel der Schultheiss ein, welcher gar zu gerne den Knaben auf einem Fehlwort ertappt hatte: "Wer aber ist Dagobert?" ... "Mein lieber Bruder!" erwiederte Hans vergnugt und munter. "Und Frau Margarethe? ..." fuhr der Versucher fort. "Mein liebes, liebes Mutterlein!" hiess die unbefangene Antwort, und der Schultheiss sprang auf mit den Worten: "In Gottes Namen denn! Selig sind die da glauben, und nicht sehen!" Diether sah gehassig auf den Unmuthigen, der zum Fenster trat, und wandte sich dann zu dem Oberstrichter und den geistlichen Herren. "Gewisse Vorfalle," sprach er, "die sich wahrend meiner Tochter Anwesenheit zwischen ihr und dem Knaben ereignet, so wie die Aussagen des Kleinen bestimmen mich schier, an die Gewissheit der Aufklarung, die Ihr gegeben, wurdiger Pater Reinhold, zu glauben. Ich danke Euch auch mit zerknirschtem Herzen dafur, denn ich beginne mein Unrecht einzusehen, und verzeihe sowohl dem Junker von Hulshofen, als auch dem elenden Juden hier, dass sie mit meinem Blute einen Handel getrieben. In diesem Augenblicke schmerzt mich nichts mehr, als dass meine Wirthin einen Schritt gethan, der ihr nicht erlaubt, selbst hier das Gesagte zu bekraftigen. Willhild, welche um die Sache vollkommen wissen muss, hat sich am zweiten Tage nach Wallradens unbegreiflichem Raube, auf eine weite Wallfahrt begeben, und ich habe nichts von ihr gehort; allein Wallradens Zofe, unstreitig eine Vertraute des Frevels, ist in diesen Mauern, und sie ist es, die Ihr gefangen haltet, Herr Schultheiss, weil sie das Ungluck hatte, von Euern Haschern fur eine Andre gehalten zu werden." "Weder ein Ungluck fur sie," entgegnete der Ritter stolz, "noch eine Sunde von mir. Der Oberstrichter hat uber die Magd sammt ihrem Kinde zu verfugen, und wird sich nicht weigern, sie vorfuhren zu lassen."

Der Oberstrichter zog die Schelle, und befahl, die Magd aus dem Gefangnisse zu holen. Wahrend nun Diether mit dem Bettelmonche und seinem Buben in freundlicherm Gesprache verkehrte, der Predigermonch von dem von Hulshofen sich den Hergang des Abenteuers zu Worms berichten liess, und der Schultheiss voll stillen Grimms die Fensterscheiben einsam und verdrossen zahlte, nahten sich die beiden Juden dem Oberstrichter ehrfurchtsvoll, und kussten den Saum seines Gewandes, und Jochai hob an: "Gestrenger Herr! Grosser Richter uber uns. Die Zeit hat angefangen zu werden gut, nachdem sie lange ist gewesen bose. Werdet auch Ihr gut wie die Zeit, und hasst nicht meinen Sohn, und haltet ihn nicht langer wie einen Morder, denn er ist ja keiner, und ihm wird einst seyn das Paradies der Gerechten, und auf seinem Andenken Friede. Ihr habt mich gewurdigt einer grossen Barmherzigkeit, fur die Euch des gepriesenen Gottes Herrlichkeit wird segnen mit vielen Gutern und vielen Jahren in der Zeitlichkeit; denn Ihr habt seit geraumer Frist geschont mein weisses Haar, gespeist meinen Leib, und das Ol der Gnade gegossen in die Wundmale, die ich an mir trug von den Ketten der Gefangenschaft. Lasst Ausgehen diese Barmherzigkeit nicht minder uber meinen Einzigen, weil er auch schuldlos ist, damit er nicht verkummre und verkrumme im Elend." "Was soll das Gewasch?" fuhr der Oberstrichter mit Harte auf: "Soll ich ihn auf Teppiche betten, und in Prunkgemachern wandeln lassen? Mit Deinem Alter hatte ich Mitleid, und weil ...." der Oberstrichter verschluckte was er sagen wollte. Kurz darauf fuhr er indessen mit der obigen Harte fort: "Ein fur allemal, Ihr seyd ein zudringliches Volk. Reicht man Euch den Zaum, wollt Ihr gleich das Pferd nicht minder. Was wollt Ihr denn? Ihr seyd nicht gerechtfertigt, nicht frei. Eine Anklage wie die Eurige auf Haut und Haar wird nicht aus der Luft gegriffen seyn. Einen Buben mogt Ihr verkauft, einen andern gemartert haben, und Euer Antheil an der Blutzapfer entsetzlichem Grauel, ist unlaugbar. Gesteht darum lieber, denn der Folter werdet ihr nicht entgehen, ich schwore es Euch." "Peinigt uns doch nicht!" bat Ben David: "Mein Vater ist rein wie der Schnee, und ich nicht weniger schuldlos an den Grasslichkeiten, die man mir aufgeburdet. Aber wir wurden beide bekennen das, was nie geschehen, unter den Martern der Folter. Sollen wir denn verwirken das Leben durch ein gezwungen falsches Gestandniss?" "Ausfluchte," schalt der Oberstrichter: "Schon zu lange hat die Untersuchung gedauert, und der Rath zurnt meiner zogernden Nachsicht. Es muss zu Ende gehen; so oder so. Die Kerker liegen voll. Wir haben Eile." "Ei, ehrsamer Herr," sprach hierauf der Predigermonch, der sich in das Gesprach mischte: "Frommt denn die Eile im Blut- und Konigszwang? Gibt es denn Furchterlicheres als einen Richterstuhl, vor welchem die Sandkorner angstlich gezahlt werden, weil das Urtheil nach dem Falle einer gewissen Zahl derselben gefallt werden muss? O, mein edler Herr! Gedenkt der traurigen Geschichte die sich beim Halsgericht zu Friedberg ereignet hat. Ein Jude war auch dort der Angeschuldigte, Zauberei mit einem Kinde getrieben zu haben, und wahrend hier durch Gottes Zulassen die Wahrheit an den Tag kam, hatten die Friedberger dort bereits den Armen verbrannt." "Das geschah nicht minder mit der Zulassung des Herrn;" antwortete der Oberstrichter kalt: "Jedem das Seinige, hochwurdiger Herr. Ihr seid ein Held auf der Kanzel, wie an dem Arbeitstische; lasst mich auf dem Richterstuhle gewahren. Euch mag ein Sunder, der aus seiner Verstockheit zuruckkehrt zum Heil, angenehmer seyn als tausend Gerechte, die nie gestrauchelt sind; denn die gottliche Milde spricht durch Euern Mund zu uns. Wir aber sind die Diener weltlicher Macht, und das Schwert ist in unsre Hand gegeben, nicht, dass wir damit spielen, sondern dass wir es gebrauchen, und besser ist's, wenn zehn Unschuldige fallen, als dass ein Schuldiger aufrecht stehen bleibe." "Grasslicher Grundsatz," seufzte Johannes, wahrend die Juden sich bekummert ansahen: "Eine Vorschrift, die der heimlichen Acht wurdig ware, welche den Stab ohne Unterschied uber jeden bricht, der einen feindlichen Klager gefunden hat." "Wisst Ihr das so genau?" fragte der Oberstrichter mit feinem Lacheln: "Ein Gluck ist's dass Euer Gewand Euch sicher stellt vor der Vehme, sonst mochtet Ihr doch ob solchen Reden Ungelegenheit erfahren. Hier ist ubrigens ein offen Gedinge, und uber Zwang und Hinterlist durfen sich die Beklagten nicht beschweren." "So lasst, um ehrlich und redlich zu verfahren," fiel Johannes ein, "zum Nutzen und Frommen dieser armen Leute, die, wenn gleich Verirrte und in bosem Wahne befangen, dennoch Menschen sind, jetzt alsobald, um wenigstens den Handel uber diesen Knaben in Ordnung zu bringen, die Anklager vorfordern und mit dem Kinde zusammenstellen, damit sie aussagen, ob es dasjenige wirklich sey, das damals in des Juden Haus erschien. Auf das Zeugniss der stummen Grete ware noch am Ersten zu bauen, denn der getaufte Jude soll Zorn und Hass gegen seinen ehemaligen Meister hegen, und diess macht seine Klage verdachtig."

"Ei, das hebt sich auf;" antwortete der Oberstrichter: "diese Juden haben sich nicht entblodet, Abscheuliches von ihrem ehemaligen Glaubensbruder zu berichten. Die Magd, von der Ihr redet, ist wahrend der Zeit gestorben, und Friedrich steht allein gegen die Juden, aber um so gewichtiger und bestimmter ist seine Klage, die durch ihre Umstandlichkeit jeden Zweifel niederschlagt, und dann verdient sein Wort ein unbedingteres Vertrauen, weil ihn der Himmel so sichtbarlich erleuchtet hat durch seine Gnade, und er gleich und den Erloser verehrt, den diese Hunde laugnen." "Ach!" seufzte der Monch, mit einem Blicke der tiefsten Wehmuth auf die Unglucklichen, die i h r e Augen niederschlugen zur Erde, um der bittern D e h m u t h i g u n g nicht in die Augen zu schauen: "gestrenger Herr! Der Buchstabe nicht und nicht das Wort macht lebendig, denn beide sind nur ein leerer Schall, wenn sie der Geist nicht belebt. Eben so wenig, guter Herr, als unsre Psalmen, an der Bahre eines Todten gesungen, wieder Athem hauchen in dessen Brust, eben weil sie todt und starr ist, eben so wenig wird im Glauben derjenige leben, welcher nie im Glauben wandelte. Indessen" setzte er mit einem leichten Ubergange hinzu, "will ich nicht an der Bekehrung dieser Beiden hier zweifeln, da der eifrige Vater Reinhold sein Werk mit ihnen begonnen, und schon die vorige Nacht im Kerker mit ihnen zugebracht."

Jochai schauderte zusammen bei dieser Vermuthung, und Ben David schuttelte unwillkuhrlich und fast unmerklich den Kopf. Indem ging die Thure auf, und der abgeschickte Rathsknecht kam eilig herein, und gieng verstort auf den Oberstrichter zu, den er geschaftig auf die Seite zog. Ben David buckte sich mittlerweile vor dem gelehrten Johannes, und kusste den Armel seines Gewandes, obgleich ihn Jochai von dieser, eines eifrigen Juden unwurdigen Handlung zuruckzuhalten versuchte. "Ihr seyd ein Mensch;" sprach er bewegt, mit nassen Augen: "Der hochgelobte Gott lohne Euch Euer mildes Mitleid, denn ihr geht einher, wie der Furst der Barmherzigkeit. Euch sind wir keine Fremdlinge, wie unser Name uns nennt1, und Ihr seyd es nicht fur uns, weil Ihr achtet unser menschlich Angesicht, und versteht unsre Sprache; denn wir wissen gar wohl, dass Ihr das Buch Hiob entbunden habt aus den Ketten fremder Zunge, und es gelegt habt auf die Lippen der Deutschen2; und auch wir kennen den Mann aus dem Lande Uz, und auch uber unserm Haupte hat geleuchtet die Leuchte des Herrn, und gleich ihm ist sie uns ausgegangen in der tiefen Finsterniss, wo wir denn hulflos tappen, wenn nicht eine Freundeshand uns fuhrt, wie die Eure." Der Monch wollte so eben die Lobrede des Juden unterbrechen, als der Oberstrichter mit lauter Stimme durch das Gemach rief: "Der Thurmer muss in's Wasserloch. Bei den Wunden des Heilands. Die Dirne entwischen zu lassen. Lieber Freund! Die Zofe des Frauleins von Baldergrun, wie der ehrsame Schoffe hier die Dirne nennt, ist entsprungen samt ihrem Kinde. Ein neuer Beweis fur des hochwurdigen Vaters Reinhold; die Magd hat dem Wetter nicht getraut, und das bose Gewissen hat ihre Fersen leicht gemacht."

"So komm denn, mein Sohn!" sprach Diether zu dem Kleinen, den er liebreich auf den Arm nahm, indem er dem Pater Reinhold die Hand reichte: "Habt Dank, wackrer Mann, fur Euern Zuspruch. Ich will alles aufbieten, die Verlorne wieder zu finden, und bewahrt sich ihre Unschuld, wie Ihr sie verburgt, so soll sie wieder die Meine seyn, wie ehedem." "Lieber Herr," flusterte Gerhard dem Lehrer Dagoberts zu: "Sprecht doch ein Wortlein zu dem Richter, dass er mich mindestens in Stadtgewahrsam versetze. Ich will zur Stechlanze werden, wenn ich langer die verdammte einsame Haft aushalte." "Sohn, Sohn," sprach indessen Jochai schmerzlich zu Ben David: "Du wirst sehen, sie geben ihn los, der Schuld ist am ganzen Handel, und uns sperren sie ein in hartere Gefangenschaft."

Noch hatte Johannes keine Zeit gefunden, das erbetne gute Wort zum Oberstrichter zu reden, als der ganze Schauplatz mit einemmale eine andere Gestalt gewann. Denn wie Sturmes Brausen tobten Menschenstimmen und Menschentritte uber die Gange, und der Thursteher meldete athemlos, dass ein Volksmeer das geraumige Haus uberschwemme. An der Spitze der ansturmenden Haufen ziehe eine hassliche aber rustige Dirne heran, uber deren Haupt ein schwarzes Tuch herabhange, und welche wie begeistert zu dem Volke rede, und dasselbe auffordere, unverzagt voran zu gehen. Der Schultheiss, durch diese Nachricht seiner finstern Grillen enthoben, und seiner Wurde zuruckgegeben, ging vornehm und schnell dem tobenden Menschenstrudel entgegen, vor welchem so eben die mit Muhe von den Knechten zugehaltnen Flugelpforten des Gemachs aufgehen mussten. In die Stube quollen die ersten des Haufens; in ihrer Mitte Judith, aus deren Zugen, Gang und Geberden ein heftiger Schmerz und eine wilde Entschlossenheit sprach, welche vor der unnachahmlichen Hoheit des Schultheissen nicht verstummte! "Richter und Herren dieser Stadt!" rief sie mit starker Stimme: "Da Ihr zu horen vermogt, so hort, hort, was der Herr von mir begehrt hat, Euch wissen zu lassen!" Die auffallende Erscheinung des Madchens fesselte jede Zunge, und Judith fuhr fort: "Lasset los, die Ihr gebunden, und fanget diejenigen, so Ihr frei gelassen, denn ich will das Gewebe der Luge zerreissen, da es noch Zeit ist, und keine Seele desshalb gestorben. Also spricht der Herr, unser Gott: Ich will nicht, dass Verirrte den Tod leiden sollen, da sie doch nichts Todeswurdiges verschuldet haben. Ich begehre aber, dass das Blut geracht werde an dem Blute des Schuldbewussten. Lasset darum los diese Juden, denn es ist kein Fehl an ihnen, und ihr Anklager allein ist der Frevel voll, ein geruttelt Maass."

"Ist das Weib wahnsinnig?" fragte der Oberstrichter heftig, da der Schultheiss nur Blicke des Staunens hatte, welche aber die entschlossene Judith nicht aus der Fassung brachten. "Luge ist Wahnsinn;" erwiederte diese Letztere stark: "aber Wahrheit ist gesunder Sinn. Der ewige Lugner hat Euch angesteckt: hort mich jedoch an, und Ihr werdet genesen." Das umstehende Volk, welches schon durch die Gassen der Stadt der Rednerin gefolgt war, und an jeder Kirchthure aus ihrem Munde Worte vernommen hatte, deren Sinn und Zusammenhang es sich nicht zu deuten wusste, gewann nun Ehrfurcht vor der Kuhnen, welche mit den Vatern der Stadt eben ohne Scheu und Zuruckhaltung redete, wie zu ihm, und die Rathsherren, die nach und nach in dem Gedrange sich einfanden, Burgermeister und Schultheiss an der Spitze, achteten bald die Uberspannung der melancholischen Dirne fur keine Tollheit mehr, und forderten sie auf, endlich herauszusagen, was sie auf dem Herzen trage. Diese Aufforderung klang wie Himmelsmusik in Judith's Ohr, und sie begann freudig: "Euer Wille, edle Herren, ist mir Gottes Stimme. Derjenige, der mich errettet hat aus den Klauen des unversohnlichen Feindes, beweisst sich wieder stark und kraftig in dieser Mahnung, und wird die Saat zur Frucht aufgehen lassen durch sein himmlisch Wort. So hort denn zu, wie ich beginne vor allem Volke, im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes!"

Langsam beginnend, aber immer schneller vorschreitend, immer beredsamer werdend durch die Anspannung seiner Gedanken und Krafte entwickelte das muthige Madchen vor den Augen derer, zu welchen es redete, eine lange Reihe von Grauelbildern, deren Wiege ihr vaterlich Haus gewesen war, eine traurige Kette von Freveln, deren Schauplatz die beruchtigte Schenke, deren Grab das dunkle Moor geworden. Die Zuhorer bebten bei dieser furchtbaren Rechnung, und schauderten, als sie erfuhren, dass in jenem abgelegenen Winkel die Herberge jener entsetzlichen Morder gewesen, unter deren Dolchen seit langen Jahren die ganze Umgegend gezittert hatte. Noch hoher stieg ihr Abscheu, da endlich aus diesem Gewirr von grasslichen Thaten eine Gestalt aufdammerte, deren Scheusslichkeit Alles uberbot, was in gewohnlichen Diebskreisen gefrevelt wird; ein Riesenmann an Blutgier und Mordsucht. Alle Augen richteten sich auf Ben David, da Judith diesen Hauptmorder anfanglich mit dem Namen: "der Jude" bezeichnete, aber alle Augen flogen furchtsam und beschamt vor dem ruhigen Blicke Ben David's zur Erde, als Judith Zodick's Namen nannte, unnachsichtlich jedes Bubenstuck enthullte, dessen Zeuge sie gewesen war; als sie Ben David von jeder Gemeinschaft mit den Raubern frei sprach; als sie erzahlte, dass Zodick des Schoffen Mord unternommen, dass Zodick den Schmuck der bedauernswerthen Wittib des Burgers von Friedberg um seiner Kenntlichkeit willen in Ben David's Keller verborgen, eine That, deren sich der Niedertrachtige nachher noch oft bei Trunk und Scherz geruhmt; dass Zodick endlich die Wurzel des Truggespinnstes sey, das Jochai und Ben David bisher im Kerker gehalten. Da sie nun endlich an die letzte Schreckensbegebenheit in ihres Vaters Hutte kam, an das Elend, das dort gewaltet, ... an die Leichen, die der Brand, von den Handen des Ungeheuers entzundet, zu Asche gebrannt hatte, ... da schwammen nicht nur allein in den Augen der Umstehenden Thranen, sondern auch in die Ihrigen trat wieder das helle Wasser, und das Schluchzen machte ihre Stimme versagen, denn sie dachte nun ganz lebhaft daran, dass sie nie auf dem Grabe ihrer Erzeuger sitzen konne, dass sie ihrer nie in Liebe gedenken konne, und dass sie gehalten sey, statt einer kindlichen Todtenfeier, ihre Laster und Verbrechen schonungslos zu enthullen. Und als, nachdem eine lange Stille voruber, und das darauf folgende Gemurmel der Menge verrauscht war der Oberstrichter sie ernst und mahnend fragte, ob dieses auch alles wahr sey, und warum sie nicht fruher diesen Schurken Einhalt gethan, durch ein offnes Gestandniss, da antwortete sie mit wehmuthigem Vorwurf: "Ihr vergesst, ehrsamer Herr, dass es mein Vater und meine Mutter waren, die an der Spitze jener Horde standen. Die, denen ich das Leben verdanke, auf das Rad zu bringen, hatte ich nicht vermocht, und wenn noch Tausend unter dem Messer des Juden und seiner Gefahrten hatten verbluten mussen. Ihr gestriges Schreckensende hat mich frei gemacht, und ich schwore beim Himmel und all seinen Heiligen, dass ich die Wahrheit gesagt habe. Oft hab' ich mich angstvoll auf dem Lager hin und her geworfen, und mit meiner Kindespflicht gerungen, wie Jakob mit dem gewaltigen Herrn. Aber ... die Verbrecher blieben doch immer meine Eltern. Die Natur hat ein Schloss vor meinen Mund gelegt, und gestern erst hat der gnadige Gott es aufgethan mit seiner Kraft und unergrundlichen Weisheit. Darum verachtet nicht die einfaltige Rede, so ich gesprochen, und lasset leben, die da ohne Fehl sind, und lasset sterben den, der den Tod verdient hat." Judith schwieg erschopft, und schlug die Augen nieder vor den dankbaren Blicken, welche die Juden auf sie richteten. Die Meister des Raths standen indessen noch mit gefalteten Stirnen in tiefes Nachsinnen verloren, und der Schoffe Diether war der Erste, welcher die Sprache wiederfand, und ausrief wie ein von schwerem Traum Erwachender: "Gottlob! Gottlob! grasslicher Argwohn fallt Stuckweis ab von meiner Brust. Gesegnet seyst Du, muthige Magd, die da eingetreten ist zu rechter Zeit!" Der Priester Johannes wendete sich an die Vorsteher der Stadt: "O redet ein mildes Wort;" sagte er bewegt: "Seht diese armen Leute, welche zitternd da stehen, und selbst nicht begreifen konnen, wie ihre Unschuld so schnell an den Tag gekommen. Wenn auch ihre Fesseln jetzt noch nicht f a l l e n durfen, so erleichtert sie ihnen doch durch ein Wort des Trostes und der Hoffnung. Viel Freude und Gluck ruht auf den Lippen der Machtigen, wenn sie es aussprechen wollen gegen das Elend." "Die Dirne muss beweisen, was sie vorgebracht," entgegnete der Oberstrichter: "oder die Zeit beweise und burge fur sie. Ich habe ausgesandt nach Friedrich, und wehe ihm, wenn sich alles so befindet, wie dieses Weib gesagt."

"Der Morder ist eine schlaue Natter;" versetzte Judith: "er wird sich huten, in die Falle freiwillig zu gehen. Hier sind aber meine Hande, damit man sie binde. Freudig will ich den Kerker beziehen, und keine Schmach daran finden; denn der Herr, der mich hiehergefuhrt, wird mein und dieser Armen nicht vergessen, als ein rechter Richter und Helfer der Waisen. Er wird die Hand des Gottlosen zerbrechen, und aufstehen zu unsrer volligen Rettung!"

Ein Wink des Oberstrichters beendigte den ergreifenden Auftritt. Judith wurde zu leichter Haft in das Haus der Reuerinnen gesendet, und die Juden in den Kerker zuruckgefuhrt. Judith wurde von einer jubelnden Menge begleitet, wie ein siegreicher Kampfer von seiner Freunde Schaar, Jochai und Ben David waren von einer lautlosen Volksmasse umgeben, die ihren Schritten, wie mit einer innern Beschamung folgten. Auch die Herren vom Gerichte theilten diese stille Schaam, und mancher beklagte nun im Geheimen die Schmach, die den Untadelhaften widerfahren war. Ben David sagte aber mit freudethranenden Augen zu Jochai: "Nun, Raaf? was sagst Du nun? Die Leuchte des hochgelobten Gottes ob unserm Haupte beginnt wieder zu brennen, und des Herrn Finger ruht auf uns. Gepriesen sey der Gott Abrahams, der die Hutten Jakobs beschirmt, der den Bosen versenkt in die Grube, die er selbst gegraben, der dessen Fuss fangt in dem Netze, so er selbst gestellt." "Preis ihm und Dank ihm," antwortete, den Kopf wie beim Gebete neigend, der alte Jochai: "mit uns will er es wohl machen, der starke, eifrige Gott; sein guter Segen wird salben unser Haupt mit Balsam, und sein Fluch verderben den Feind; aber wie wird es geschehen mit Esther, unsrer Tochter? Mir will zerspringen die Brust, so ich an sie denke, die Freude unsers Alters, das Leid unsrer Liebe. Sie irrt umher in Amalek, gerathen unter die Hande des Gottlosen, woraus sie errettet worden, um vielleicht zu fallen in argere Stricke. Das, mein David, das qualt mich, und frisst an meiner Freude." "Vertraue, Raaf;" erwiederte Ben David, ob er gleich sein eigen kummervolles Antlitz nicht bergen konnte: "Vertraue; auch sie wird unverletzt wieder kommen zu uns, und werden unsre starke Stutze. In dieser Zuversicht will ich betreten mein Gefangniss, wie ein Konig seinen hohen Saal, und mich niederlassen auf mein Strohlager, wie auf das kostliche Bette des Passah, denn mein Herr ist wieder mit mir, und die Hulfe in der Noth, und der Glaube, dass wir noch schauen werden das Gluck im Lande der Lebendigen."

Sie standen an der Thure ihres Thurms, und Jochai segnete den Sohn, mit der Liebe, die den Erst- und Einziggebornen bei seinem Eintritt in die Welt zu empfangen pflegt. Alle Eigenheit, herstammend von Volkssitte und Gewohnheit war wahrend dieser Augenblicke in einem Jeden von ihnen verschwunden, und sie waren nur Menschen, freudige Menschen. Nach langer, von Jubelthranen gefeierten Umarmung trennten sie sich seufzend, aber Beide traten, wie mit Kronen geschmuckt, in ihre Gefangnisse, beide hatten eine herrliche Begleiterin in ihrem Gefolge: die Hoffnung, die frisch und grun bekranzte Hoffnung!

Ende des zweiten Bandes.

Fussnoten

1 Hebraer Fremdlinge. 2 Der Predigermonch Johann von Frankfurt hat wirklich das genannte Buch ubertragen.

Dritter Band

Erstes Kapitel.

Ist's der Hass, der wehe thut mit seinen grimmi

gen Streichen? Argwohn und Misstrauen

schmerzen tiefer, die fressenden Schlangen.

W ...

Das zweifelhafteste und unschlussigste Herz, das jemals geschlagen, schlug in des Altburgers Diether's Brust. Die Eroffnungen, welchen er auf dem Rathhause beigewohnt, hatten das Gebaude seines Argwohns bis zum Grunde erschuttert, aber es nicht ganzlich niederzuwerfen vermocht. Dass nicht Margarethe, dass nicht Dagobert den Mord gegen ihn gedungen, dass weder Sohn noch Gattin die geliebte Wallrade geraubt, dass der kleine Hans wirklich sein, bei Willhild verpflegter Johannes sey, das war ihm vollig klar geworden; die Bilder seiner Hausfrau, seines wackern Dagobert's, trub und duster umflort, bisher in dem Hintergrunde seiner Erinnerung verweilend, naherten sich ihm, heller, glanzender, wie Sterne, die das dunkle Gewolb durchbrechen, aber noch immer zweifelte er an ihrer volligen Reinheit; noch immer versagte er ihrer Unschuld die vollstandige Anerkennung; noch immer fand er es moglich, dass ein verbrecherischer Bund zwischen Beiden bestanden, dass Johannes die kelmuthig, so ungleich in seinem Wollen ist der Mensch, dennoch umklammerte er jetzt mit aller Liebe den Knaben. In ihm sah er jetzt die letzte Stutze seines Alters und seines Hauses; im nachsten Augenblicke furchtete er den Bastard in ihm zu erkennen. Aber trotz diesen Zweifeln, trotz diesem Treiben zwischen Vaterliebe und der Angst eines Getauschten, hatschelte und pflegte er den Knaben, da er der Einzige zuruckgebliebne, der Letzte seiner Lieben war. Margarethens Flucht war ihm entsetzlich, und senkte einen nimmer ruhenden Stachel in seine Brust. Wo war sie hingeflohen? Durfte er jemals hoffen, sie wiederzusehen? Sollte er bereuen, was er gegen sie gethan? Sollte er sich beruhigen mit dem Gedanken, dass er ihr gethan, wie sie verdient? Ahnliche Zweifel besturmten ihn, gedachte er Dagobert's, dessen Heimkehr nach der geschehenen Ladung des heimlichen Gerichts sich nicht erwarten liess, da bei dem Namen schon der beschlossenen Acht der Gerechte wie der Schuldbewusste scheu das Kreuz schlug, und entwich, wo er nur entweichen konnte. Und Wallrade endlich? War sie nicht die Beute eines Raubers, vielleicht das Opfer des Mords geworden? Und, kam sie jemals auch in's Vaterhaus zuruck, mit welcher Stirne sollte er sie empfangen? Musste er sich nicht, wie s i e sich einst von seinem Hause losgesagt, lossagen von i h r , die ihm den Sohn geraubt, ihn der Hulflosigkeit Preis gegeben hatte, von i h r , die den Unfrieden verschwenderisch in seinen Garten gesat hatte, wahrend sie doch selbst auf der Bahn der Schuld geschritten war, wie nur zu deutlich das Tochterlein bewies, mit welchem die furchtsame Magd entkommen war, ehe man daruber vollige Auskunft hatte sammeln konnen. Die Zofe hatte auf alle Fragen, die Diether an sie gerichtet, mit der grossten Seelenangst geantwortet, und dadurch den Verdacht einer thatkraftigen Mitwissenschaft an der geheimen Verbindung Wallradens auf sich geladen, die sie endlich nicht mehr laugnen konnte. Den Namen des Mannes, der Wallradens Gatte geworden war, hatte sie genannt; einen Namen, den Diether vorher nie gehort. Den Ursprung jener Liebe, die Begebenheiten bis zur ehelichen Verbindung des Paars hatte sie ziemlich genau angegeben. Ein Wetterstrahl hatte eine Scheuer auf Wallradens Gute entzundet, und die Feuergefahr den Hutten der Knechte, wie dem Wohnhause gedroht. Die Nothglokke auf dem Thurmchen des einsam gelegenen Maierhofs hatte die fern wohnenden Nachbarn herbeigelockt, und einer der fernsten, gerade zu jener Zeit im anstossenden Forste auf seinen Wildgangen verweilend, war mit den Ubrigen herbeigekommen, und hatte durch seine entschlossene Besonnenheit das Allermeiste zur Rettung von Wallradens Habe beigetragen. Diese Hulfleistung hatte dem Junker von der Rhon, einem nicht reichen, aber altadelichen schonen Manne, gewisse Rechte auf des Frauleins Dankbarkeit gegeben. Liebe ward daraus, und ein Feind dieser Liebe entstand: des Junkers Vater, der Wallradens minder adelichen Stamm verachtete, und einer Zusage zufolge, seines seligen Waffenbruders verwaiste Tochter, zur Gattin fur seinen Sohn erzog. Hingegen fand sich auch ein helfender Freund; ein deutscher Herr, der im nachsten Stadchen in Angelegenheiten seines Ordens verkehrte, und taglich auf Baldergrun zur Einkehr war. Er war es, der eines Abends einen Monch zum Maierhofe brachte, der das Paar, vaterlichem Verbote zum Trotz, einsegnete, zu einer Ehe, aus welcher ein Kind entsprang.

Bis hieher hatte der Altburger durch unablassiges geschicktes Forschen die Magd in ihren Gestandnissen gebracht. Es schien, nach ihrer Verwirrung und ihrer Angst, die sie oft zu Thranen zwang, noch manches Geheime an's Licht des Tages treten zu wollen, da unterbrach des Schultheissen Willkur, und der Dirne leicht verzeihliche Flucht die Reihe ihrer Bekenntnisse, und Diether fand darin nur die einzige untrugerische Gewissheit, dass Wallrade seiner ausgezeichneten Liebe nicht wurdig gewesen. Zwar fand das Fraulein einen kraftigen Vertheidiger an dem Pralaten, welchen das Ungluck die unabanderlich erfolgte Absetzung und Verweisung aus seinem Stifte zu Cesena wieder zum Stammhause getrieben hatte, als einen Obdach suchenden und Pflege heischenden Gast. Allein, so innig Diether auch den gelehrten Bruder geliebt hatte, so konnten dennoch seine Reden nicht mehr den Eindruck machen, wie vor langerer Zeit, denn Diether erkannte, je langer, je mehr, den Geist der Heuchelei, des demuthelnden Stolzes, der in dem Pralaten regierte, und der Vaterlandsliebe des Altburgers galten die Worte des Bruders schon desshalb gering, weil dieser Letztere deutsche Sitte und Ordnung nicht aufhorte zu schmahen, und dagegen Walschlands Vorzuge zu preisen, ob er gleich jetzo aus seiner zweiten Heimath gestossen, unter einem deutschen Dache sein Haupt niederlegen musste, an einem deutschen Tische seinen Platz um der Liebe willen fand, aus deutscher, ehrlich erworbner Habe seiner Bedurfnisse Gewahrung schopfte, und von all seiner walschen Herrlichkeit nur das zweideutigste Kleinod, Fiorillen behalten hatte. Es fiel dem zu Argwohn und Verdacht gereizten Diether nicht schwer, das wahre Verhaltniss zwischen dem Pralaten und seiner Freundin zu ergrunden; theils jedoch benahm das von Gebrechen aller Art belastete Alter des Monsignore dieser Verbindung das offentliche Argerniss, theils schloss sich Fiorilla mit wahrer inniger Liebe an den kleinen Knaben Hans, der ohne alle weibliche Pflege geblieben war, weil Diether, bei der ersten Kunde von Margarethens Flucht, im Aufwallen seines Zorns, die, jede Mitwissenschaft laugnende Else, aus dem Dienste gejagt hatte. Der arme Kleine fand in Fiorilla's Sorgfalt Elsens Pflege in doppeltem Maasse wieder, und Diether, sah er die Liebe der Pflegerin zu dem Knaben bedauerte nur eins so sehr, dass ihm der Zufall Wallradens holdes Tochterlein geraubt, und ihm kein Mittel zu Gebote stehe, etwas Gewisses von dem Schicksale der kleinen hubschen Agnes zu erfahren. Uber das Geschick ihrer sogenannten Mutter kam er dafur binnen einigen Tagen in's Klare.

Eine Monchsgestalt, vom Fieber geschuttelt, und von Blasse entstellt, trat eines Morgens, der zweite nach jenem Verhore auf dem Romer, auf einen Stab gestutzt, vor den Altburger. Dem Leidenden eine milde Gabe zu reichen, war Diether's erster Gedanke, aber wie erstaunte er, da der Monch nicht allein jede Gabe verschmahte, sondern ihn selbst mit einer unerwarteten Kunde beschenkte: mit der Botschaft von Wallradens Aufenthalt, von ihrer vereitelten Flucht, von ihrer Ruckkehr in die traurige Haft, von der Gefahr in welcher sie schwebe, von ihrem einzig auf den Vater gesetzten Vertrauen. Diether, obwohl in Zorn gluhendob Wallradens Vergehen, fuhlte doch sein Vaterherz beben bei dem Berichte ihrer Leiden. Allein, so schnell auch sein Entschluss gefasst war, Alles aufzubieten, um sein Kind zu retten, so schnell gesellte sich diesem Vornehmen auch der Verdacht bei. Misstrauisch mass er den Monch von Kopf bis zum Fuss, verwickelte er ihn in verfangliche Fragen, und liess ihm nicht undeutlich merken, dass er versucht sey, ihn fur ein Werkzeug jener Rauber zu halten, und die ganze Botschaft fur eine Schlinge, welche seiner Habe, wo nicht gar seinem Leben gelegt sey, wie jene Ladung zum Sprunglinsteine gewesen. In dem matten Auge des Monchs blitzte eine Flamme ritterlichen Unmuths auf, und seine Lippe warf sich auf, um kuhn und trotzig den schnoden Verdacht von sich zu walzen. Doch bezwang er sich, und erwiederte, so ruhig als die erregte innere Bewegung ihm verstattete, dass er sich willig als Burge und Geissel darstelle fur jedes von ihm gesprochne Wort, dass ubrigens das heftige Fieber, das ihn auf einem unfern gelegenen Dorfe ergriffen, und ihn abgehalten, am verwichnen Tage bereits in Frankfurt zu seyn, schon der beste Burge fur sein Verweilen in jeder beliebigen Haft sey, und dass er furchte, es werde sollte ihm Hulfe und milde Sorgfalt noch ferner entstehen mit seinem Leben bald zu Ende seyn. Der eisige Frost, welcher des Gequalten Glieder durcheinanderschuttelte, und ihn beinahe zu Boden warf, machte Diether's naturliche Barmherzigkeit rege. Er liess den todtkranken Monch auf einer Tragbahre in das Kloster des Ordens bringen, zu welchem der Ungluckliche, seiner Kutte nach, zu gehoren schien, und empfahl ihn der angelegentlichen Fursorge des Paters Reinhold, Margarethens Beichtvaters. Er selbst jedoch eilte auf den Romer, um die erhaltne Botschaft dem Rathe zu verkunden. Seine Freunde in demselben staunten; seine Feinde schuttelten unglaubig die Kopfe, und behaupteten, der Schoff tausche Meister und Rath mit unhaltbaren Geruchten, und halte muthwilliger Weise die Stadt sammt ihrer bewaffneten Gewalt in Athem. Hatte er einen andern als Rauber genannt, riefen sie, dann ware ein Schein von Glaubwurdigkeit vorhanden; aber gerade diesen Bechtram von Vilbel zu nennen, diesen alten wackern Kampen, der so lange der Stadt treu gedient, der sich in der letzten Frist nur, gewisser Anspruche wegen, mit der Reichsstadt veruneinigt hat! Und diese Anspruche, sind sie nicht geschlichtet? Dieser Span, ist er nicht in Minne beigelegt worden? Hat nicht vor drei Tagen erst Bechtram Friede mit uns gemacht, sonder Gefahrde, in Treu und Glauben, und in Gegenwart der verehrlichsten Zeugen, der ritterlichen Herrn vom deutschen Orden? Ein Mahrchen also der ganze Bericht; der Schoff, entweder selbst getauscht, oder im Begriffe uns zu tauschen, und die Klage ohne Grund! Diether's, wie des Monchs Wahrhaftigkeit wurde jedoch um ein Gutes verburgt und vergewissert, da der jungste Burgermeister mit einem Gesichte voll Zorn und Wildheit in die Versammlung trat, den Wirth vom Einhorn auf seinen Fersen. "Gott verdamme doch alle Verrather und Meineidige!" begann er heftig, wie man es an ihm gewohnt war, bei wichtigem Anlass: "Vernehmt doch, ihr liebe Herren und Freunde, welche Mahr unser guter Burger und Wirth zum Einhorn Euch zu bringen hat." Der Wirth erzahlte also nach vorhergegangener Aufforderung, dass schon seit manchem Jahre der Kaufdiener Conrad Schwarz, gemeinhin, seines Vaterlandes und seiner Mundart halber, der Schwabe oder das Schwabeln genannt, und zu Diensten des weltberuhmten Hauses Ulrich Arzt in Augsburg stehend, auf seinen Messzugen und Reisen in's Brabant sich in der Herberge zum Einhorn eingefunden habe, und stets als ein ehrlicher Geselle und guter Zahler von dannen gefahren sey. Ein solches sey ebenfalls vor dreien Tagen geschehen, an dem Tage selbst, da Bechtram von Vilbel und des Raths Freunde und Abgesandte im Deutschherrenhause ihren Frieden gemacht. Nun habe aber Er, der Wirth zum Einhorn, heute Morgen durch einen Landmann vom Maingehoft einen Zettel erhalten, den ein reisiger Knecht demselben zur Bestellung ubergeben; einen Zettel, von dem Schwaben selbst geschrieben, worinnen er berichtet, der Herr von Vilbel habe ihn am bewussten Suhntage, im Heimreiten begriffen, von der Strasse aufgefangen, nach Neufalkenstein geschleppt, und ihn genothigt, diesen Brief zu schreiben, damit der Wirth zum Einhorn zweihundert Mark Silbers als Losegeld fur den Gefangenen nach Neufalkenstein trage. Er, der Wirth, begehre nun zwar nicht, das Verlangte zu thun, sintemalen ihm bang geworden um sein Geld und seinen eignen Leib; er habe jedoch nicht verfehlen wollen, denen gestrengen Herren solches zu berichten, damit sie in ihrer Weisheit das Nothige beschliessen mochten, ob vielleicht der ehrliche Kaufdiener aus seiner Angst erloset werden konnte. Diese Erzahlung, unterstutzt durch den vorgewiesenen Zettel, weckte den Unwillen der ganzen Versammlung, und Diether's Angabe fand nun unbedingten Glauben. Der Schultheiss und Diether's Feinde, die so sehr auf Bechtram's Redlichkeit gepocht hatten, traten nun auf die Seite derjenigen, die seinen Treubruch schmahten, und vollwichtige Rache fur den auf dem Gebiete der Stadt verubten Frevel forderten, und fur den hohnenden Meineid, den der alte Buschklepper am Tage selbst der Friedensstiftung in frechem Muthe begangen. Die Furcht vor der Wuth des Raubritters und seiner Diebsgesellen in der Wetterau wich nun zuruck, indem man die der freien Stadt wiederfahrene Beleidigung fest in's Auge fasste, und e i n e Stimme nur war's, die aus jedem Munde die Befreiung der Burgerin Frankfurts und des fremden Gastes forderte. Als aber die Mittel dazu zur Sprache kamen, da waren wieder die Zungen uneins geworden. Die Kuhnsten riethen zu einem Auszug, wie er im Jahre 1404 gegen Ruckingen, das Schloss des Hans von Rudenscheim, des Marktschiffschinders, statt gehabt hatte. Die Vorsichtigern verwarfen die offne Gewalt, die alle Genossen des Raubers gegen die von Streitern ziemlich entblosste Stadt anhetzen wurde, und sprachen von List und besonnener Klugheit. Die Feigen schlugen vor, die Hulfe eines benachbarten Fursten anzurufen; ein Vorschlag, der den Vaterlandsfreunden, welche jede fremde Einmischung in die Handel der Stadt hassten, vollkommen widerlich war; aber demungeachtet einen Streit entspann, welcher die Berathung der Versammelten in eine wilde Gahrung verwandelte, aus welcher sich Diether, um mit seinem Gram und seinen Entwurfen allein zu seyn, rettete. Aber auch dieses Alleinseyn, dieser Strom von Gedanken, den er einsam an sich vorbeirauschen liess, fuhrte sein Herz nicht zur Ruhe, und er suchte sein Haus auf, um Zerstreuung in der Gesellschaft seines Bruders, seines Knaben zu finden. Wie vom Blitze geruhrt, stand er jedoch da, als ihm sein Knecht Eitel berichtete, Dagobert sey angelangt, als Vollbrecht, der Knecht des Junkherrn, ihm den Reverenz machend, voruberging, und Dagobert selbst ihm auf der Stiege entgegen kam. Des Vaters Verwirrung war granzenlos, und Schreck und Beschamung knickten seine Knie ein, dass er das Gelander der Stiege erfassen musste, um nicht zuruckzusinken. Dagobert ersah diese plotzliche Schwache, und reichte ihm schnell die helfende Hand, an welcher er den Vater zu seinem Schlafgemach geleitete. Schwer athmend liess sich der Schoffe in den Sorgenstuhl nieder, und erst, nachdem er einige Zeit lang den Blick auf den Boden, alsdann auf das mildfreundliche Antlitz des gegenuber sitzenden Sohns geheftet hatte; wagte er die Anrede: "Du hier, Dagobert? Und Wallrade? ..." "Mein Bemuhen war vergeblich;" entgegnete der Sohn bedauernd: "Eben so leicht hatte ich den grossen Kaiser Karl finden mogen, der seit sechshundert Jahren im Brunnen der Beste zu Nurnberg sitzen soll. Dafur, hab' ich vernommen habt Ihr selbst gelegnere Kunde erhalten, wozu ich Euch und mir von Herzen Gluck wunsche, Herr Vater." "Dir?" fragte Diether mit spottelnd unglaubiger Miene. "Weiss es der Himmel, auch m i r ; " versetzte Dagobert: "Ich habe zwar nicht viel Ursach, Wallraden Gutes zu wunschen, aber mehr denn sie, lieb' ich meinen guten Leumund, und bin herzlich froh, dass endlich die Stadt erfahren wird, und auch Ihr beineben, Herr Vater, dass i c h Wallraden nicht hab' stehlen lassen." Diese Worte, obgleich mit mildem Ernst, weit von jeder Anmahnung an grollenden Spott gesprochen, trieben dem Alten die Rothe der Schaam auf die gefurchte Wange. "Das eigne Gewissen ist des Menschen furnehmster Richter;" sprach er stockend, und Dagobert entgegnete gelassen: "Das ist's, Herr Diether. Mein Gewissen ist jedoch heil, wie ein frisches Auge: darum bin ich auch hier, wo der Teufel recht geschaftig gewesen ist, mich anzuschwarzen vor aller Welt. Ein biedrer Mensch weicht dem Satan nicht aus, sondern nimmt ihn bei den Hornern und wirft ihn aus dem Wege." "Du sprichst kuhn!" meinte Diether, der ihm forschend in's Auge sah. "Ich vertraue auf den Himmel;" antwortete Dagobert muthvoll: "ich bin dem lieben Gott von Herzen treu und hold, und er wird's mir nicht minder seyn; darum furchte ich auch nicht den Schultheiss, nicht den Oberstrichter, nicht des Pralaten, der hier in's Nest gezogen ist, Verlaumdungen; auch die heilige Acht nicht, die mich einer Ladung vor ihren Stuhl gewurdigt hat." Diether's Wange sank von hoher Rothe in die Blasse des Todes herab: "Unglucklicher;" murmelte er: "Du frevelst. Furchte jenen Stuhl, vor welchem der Sunde die letzte Larve entfallt, und die Wahrheit sich aufthut in finstrer Nacht."

"Ich scheue die Wahrheit nicht;" entgegnete Dagobert fest: "ich wunsche sie, mein Vater. Wollte Gott, die unbekannten Herren ergrundeten sie beim frohlichen Sonnenlicht; aber auch um Mitternacht stehe ich ihrer Ladung, und morgen soll der Frohne nicht umsonst meiner warten." "Du wolltest ernstlich ..." "Soll ich mich verfehmen lassen, mein Vater, um unter dem Messer irgend einer Blindschleiche der Acht zu fallen, sonder Gehor und Vertheidigung? Oder ware das ernste Gericht im Grunde nur ein Fastnachtsschwank, den man nur auffuhrt, sobald sich Zuschauer eingefunden haben; und unterlasst, sobald kein Mensch seine Ohren dazu leihen will, trotz Heroldsruf und Pfeifenklang? Ich halte mehr von dem finstern Richterstuhle und will ihm meine Reverenz nicht versagen, damit ich vernehme, wessen man mich eigentlich beschuldigt hat, und mich rein wasche von der aufgelogenen Sunde." "Eine trotzige Zuversicht!" schaltete Diether warnend ein." "O, dass Ihr sie nicht theilen mogt, Vater;" sagte hierauf der Jungling, und ergriff wehmuthig Diether's widerstrebende Hand: "o, dass Ihr der Erste seyd, der den Stein auf mich geworfen, und der Letzte, der ein offnes Ohr fur meine Schuldlosigkeit haben wird! Ich kenne mich selbst kaum mehr, seitdem ich geahnt, seitdem ich vernommen, was in Euerm Herzen vorgegangen, wie sich dasselbe so ganz von mir gewendet. Ich bin irre an mir geworden, ich habe meiner Gedanken innerste Kammer durchsucht, und nicht eine Spur von Gottlosigkeit darin gefunden. Und Ihr der Gerechte zweifelt an meiner Seele, Ihr verdammt mich, wahrend ich rein bin, wie ein hulfloses Kind! Doch habe ich gegen Euch keine Waffen. Im Gegentheile; ich wahle Euch zu meinem Beistande vor dem Stuhle zu Sachsenhausen, und gewiss schlagt Ihr mir's nicht ab, mich dahin zu begleiten, wo die Wahrheit sich aufthut in finstrer Nacht."

Diether schrack sichtlich zusammen, und die Vorwurfe seines Gewissens pochten so heftig an sein Herz, dass er kaum eine angstliche Weigerung hervorbringen konnte. Dagobert sah verdustert vor sich hin, seufzte, und sagte: "Ihr verstosst mich ganz, mein Vater. So muss ich denn allein den dunkeln Weg machen. In Gottesnamen; aber mich betrubt's, dass Ihr mir verweigert, warum Wallrade an meiner Statt sicher nicht vergebens gebeten haben wurde." "Nichts von Wallraden!" rief Diether angstlich und unwillig: "Ich bin nicht ungerecht in der Liebe, die ich meinen Kindern schenke. Ich liebte Wallraden, da ich sie flekkenlos glaubte; aber nun, ... selbst gegen den ihr gehassigen Bruder vertheidige ich sie nicht." "Ich hasse ja Wallraden nicht;" sprach Dagobert ruhig; "doch ihrem Hass vermag ich nicht verschwenderische Liebe entgegen zu setzen, und darf Euch mit dem heiligsten Eide versichern, dass diese Schwester, Eure Tochter niemals wurdig war, unsern Namen zu fuhren. Wollt Ihr Beweise ...?" "Schweig!" unterbrach ihn Diether heftig: "aus Deinem Munde will ich nicht wieder horen, was ich schon weiss. Welch ein Sieg fur Dich und Margarethen!" Dagobert zuckte schweigend die Achseln. Diether fuhr aber entrustet fort: "Schlange nennst Du Wallraden; sag' an, gelehrter Sohn: welch Urtheil fallst Du uber Margarethen? Schenkst Du ihr einen Heiligenschein, oder musst Du beschamt bekennen, dass sie schlimmer fehlte, als Wallrade?" Dagobert schwieg nicht lange. "Dies Bekenntniss vermag ich nicht zu leisten," sagte er: "dass jedoch Frau Margarethe fehlte, Eurer unwurdig handelte, will ich nicht laugnen. Leider darf ich's nicht." Triumphirend sah Diether zu ihm empor und rief: "Dank Dir, mein Gott, dass des Sunders Mund so eben die eigne Schuld bekennt in der fremden." "Ich begreife kaum mit Sinn und Ohr, was Euer Mund spricht," erwiederte Dagobert; "doch schwor ich's Euch, dass meine Lippen manches enthullen konnten, was ich verschweige, weil Frau Margarethe Eure Hausfrau, meine zweite Mutter ist. Die Zeit ersetze das, was ich versaume." "Recht; doppelzungiger Mensch;" rief Diether gereizt: "Hulle Dich nur ein in rathselhafte Reden. Deine Vergehen blicken uberall hervor, und das strafende Gericht wird nicht ausbleiben. Die Ehre Deines Vaters hast Du misshandelt; Deine eigne Ehre in den Staub getreten; Dein Leben verwirkt durch Deine Buhlerei mit der Judin, von welcher die ganze Stadt weiss." "Vater!" rief Dagobert mit flammenden Augen und eilenden Worten: "Beschutzt habe ich Eure Ehre, und nie besudelt die meinige. Vater, wer an die reine Sitte der Unglucklichen tastet, der ich Beschutzer ward, weil sie keinen Freund auf der weiten Erde hat, wer Ben David's Tochter schmaht, blos desshalb weil sie eine Judin und mir lieb ist, gegen d e n zieht mein Zorn zu Felde, und ware ich gleich sein Sohn. Buhlerei, sagt Ihr? Die Farbe des reinen Himmels reicht nicht an Esther's Unbescholtenheit; eine Schurkerei habe ich noch nie g e d a c h t . Aber unter meinem Schilde ruht die Taube sicher; ich verrathe ihre Zuflucht den Feinden nicht, und wurde jetzt schon der Holzstoss fur mich angezundet."

"Prahlender Wustling!" zurnte Diether: "Tritt immer auf in Deiner wahren Gestalt; fliehe aber die Statte wo ein Freistuhl Westphalens steht. Haufe nicht noch den Jammer auf mein Haupt, Dich an einem Stadtthore von den heimlichen Rachern aufgehangt zu erblicken."

"Der H e r r wurde unschuldig gerichtet;" erwiederte Dagobert mit volliger Seelenruhe: "beneidenswerth ware ich, ein schwacher Sohn des Staubes, trafe mich ein gleiches Loos. Lebt wohl indessen, Vater. Ich scheide. Lieblich war mir dies Haus, da ich noch eine frohliche Jugend darin herumtrug, von Stiege zu Stiege, von Speicher zu Flur, von Gemach zu Gemach, und mich uberall in die Arme eines guten Vaters, in den Schooss einer treuen Mutter legen konnte. Aber, nun die getreue Mutter zum Himmel gezogen ist, und das Vaterherz ein doppelt Erz angethan hat, sind mir erst diese Wande eng geworden, und niedrig wie Sarge diese Gemacher. Ich will Euch, Herr Vater, wie den walschen Ohm mit meinem Anblick verschonen, und furder allein fur mich meine Strasse ziehen. Behut' Euch Gott, und lebet wohl." Auf der Schwelle stiess Dagobert, in dessen Augen der Thranen Gewalt druckte und presste, auf den kleinen Hans, den Fiorilla an der Hand fuhrte. Fiorilla begrusste den Jungling mit jener Fremdartigkeit, die vor den Zeugen die nahere Bekanntschaft zu verbergen strebt; der kleine Hans jedoch jubelte laut auf und kletterte an Dagobert empor. Dieser wurde roth vor Uberraschung, und setzte den Knaben stumm wieder nieder, ohne seine Liebkosungen, wie wohl vordem, zu erwiedern. Hans machte ihm kindliche Vorwurfe wegen dieses Kaltsinns. "Die gute Mutter ist fortgegangen," klagte er, "und Else ist fortgegangen, und der Mann dort macht ein finster Gesicht. Was soll ich denn anfangen, Dagobert, wenn auch Du nichts mehr von mir wissen willst?"

Geruhrt blickte Dagobert auf den Knaben herab, betrachtete ihn aufmerksam, nickte dann mit dem Kopfe und sprach: "Wahrlich, Du armes Kind, ... Du bist ubel daran, ... ubler als Du weisst und verdienst." Hier wendete er sich rasch zu Diether, aber der schon zum Reden geoffnete Mund verstummte vor dem stieren Blick, mit welchem der Vater seine Sohne beobachtete. "Uberlasse Alles dem Herrn!" flusterte der Jungling in sich hinein und buckte sich wieder zu dem Knaben herab: "Gutes Kind!" sagte er halblaut zu demselben: "Vaterloser Knabe! fasse Muth und starke Dich zu jedem Ungluck. Bist Du einst Allen fremd geworden und ich lebe noch, so komm zu mir; ich will Dir Vater seyn!" "Ach ja;" wiederholte der Knabe, seinen Lockenkopf vertraulich auf Dagobert's Schulter lehnend: "Du mein Vater." "Ich, mein Sohn; ja! beim ewigen Gott! i c h ...." stammelte Dagobert unter Thranen, umarmte das Kind, legte es in Fiorillens Arm und entfloh dann aus dem Gemach. Fiorilla brachte den sehnsuchtsvoll nach dem Scheidenden blickenden Knaben auf Diether's Schooss. Der zornige Mann stiess ihn aber von sich, und rief: "So geh' doch hin zu Deinem Vater, junger Kuckuck, und verwunscht sey die Stunde, in der mich mein leichtglaubig Herz abermals betrog!"

Zweites Kapitel.

Schauet doch, und sehet, ob irgend ein Schmerz

sey, wie mein Schmerz, der mich getroffen hat!

Denn der Herr hat mich voll Jammer gemacht

am Tage seines grimmigen Zorns!

Jeremias.

Es geschah, dass an dem Abend desselben Tags, an welchem Dagobert nach Hause kehrte, ein boses Stucklein in der Stadt verubt wurde. Es war in der Neustadt ein Haus belegen, das man "Zum heissen Stein" nannte, und worin schon mancher seine Holle auf Erden gefunden hatte. Man pflog namlich daselbst des Spiels mit Wurfeln und Brett, und es ging scharf dabei her, mit Geld und Gut und fahrender Habe. Zu verschiedenen Malen war schon der Reiche als ein Bettler aus diesem Hause getreten; seltner jedoch der Habenichts als ein vermoglicher Mann, weil der Zufall nicht immer allein waltete in diesen Spielen, sondern auch gar oft und haufig die geschickte Hand und der falsche Wurfel. Es hatte sich schon haufig, namentlich wahrend der Messen zugetragen, dass trugliche Spieler aus dem Fenster waren geworfen, oder dem Arm des Gerichts ubergeben worden, das ihnen nachher zum Lohn fur ihre Frevel die Augen hatte Diese schreckliche Strafe hatte indessen die Frevler nicht ausgerottet, sondern nur ihre Behutsamkeit und Vorsicht vermehrt, indem es doch immer fur Abenteurer aus der Fremde eine gar zu lockende Gelegenheit blieb, um leichtsinnige Burgersohne, oder ubermuthige Prahlhanse von Junkern, oder unerfahrne Kaufleute und Diener zu rupfen, und um ihr blankes Geld zu bringen. Wurde hin und wieder ein solcher Spielgauner ertappt, so wusste er schon recht gut, welch ein Schicksal seiner harrte, und er wehrte sich daher, oft von Spiessgesellen unterstutzt, seiner Haut dergestalt, dass die Rauferei nicht immer zum Vortheil der Rechthaber ausfiel. Der heisse Stein wurde dann oft ein blutiger, und nur die offentliche Gewalt vermochte in der wusten Spielherberge Ruhe und Friede herzustellen. Ein ahnlicher Handel fiel auch an dem benannten Abende vor, denn ein walscher Gaudieb, der sich uber die Messe zu Frankfurt verweilt hatte, war dem Verbot des Raths zum Trotze, welcher selbst die Wurfel an den heissen Stein lieferte, mit eignen aus Walschland gebrachten Wurfeln daselbst aufgetreten. Wie denn das Neue immer dem Gewohnten vorgezogen wird, so waren die Spielgaste, junge Brausekopfe aus reichen Burgergeschlechtern, mit dem Willen des Fremden einverstanden, und zwangen den Spielwirth, die auslandischen Wurfel auflegen zu lassen. Und also ging dann das Rumoren und Geklapper los, und der Italianer gewann und gewann, und sein Beutel wurde immer straffer, wahrend die Geldtaschen der Mitspieler sich leerten bis auf den Grund. Aber nicht minder die Geduld der Verlierenden versiegte, und da des Fremdlings Gewinn immer mehr und mehr anschwoll, so ergriff einer von den heftigsten Spielern im Zorn die Wurfel, die ihm so eben die letzten Goldkronen gekostet hatten, und warf sie mit dem Rufe: "Ei so sey doch Du verdammt, sammt Deinem Spielzeuge, vermaledeiter Schelm!" dergestalt auf den Boden, dass einer derselben zersprang, und es sich ergab, dass er mit Blei gefuttert gewesen, und immer die Sechsen, wenn die geschickte Hand des Walschen die Knochen regierte, oben liegen mussten. Darob ergrimmten denn die Herren sammt und sonders, und derselbe, der zur Entdeckung Anlass gegeben, nahm sich auch des Racheramts an, und ging dem Gauner mit dem Degen zu Leibe. Allein derselbe war ein Raufhahn nebenbei, und wehrte sich mit dem langen walschen Rappiere dermassen, dass, obgleich die Andern dazwischen sprangen, und der Wirth nach Hulfe lief, der Angreifer durchbohrt auf dem Estrich lag, ehe noch die Klingen dreimal gekreuzt worden waren. Der Schreck, den der Fall des Fechters einflosste, half dem Spitzbuben zur Flucht, und die herbeikommende Nachtwache fand weder Morder, noch Zeugen mehr im Hause, sondern einzig und allein den todten Mann, den man fur des Oberstrichters Sohn, einen leidenschaftlichen, ausschweifenden Menschen, erkannte. Sprach nun gleich die ganze Stadt, es sey an dem Wustling gar nicht viel verloren, so redete das Vaterherz doch anders, und der Oberstrichter, der von vielen Kindern diesen Einzigen gross gezogen hatte, uberliess sich der stummen Verzweiflung, da ihm die abgerissne letzte Bluthe seines Stammes heimgetragen wurde. Die Morgenrothe fand ihn neben dem starren Sohne sitzend, und dessen Hand in der seinigen haltend, und brutend uber dem Verhangniss. Da nun die Sonne heraufstieg, und das Trauerhaus eben so gut mit Gold bekleidete, wie das Haus der Freude, da nun der gebeugte Vater sich erinnerte, dass sein Schmerz, obgleich der eines Gewaltigen, im weiten Kreise der Welt nur ein schwacher Punkt sey, unbeachtet von Allen denen, welchen des Morders Klinge nicht gleich ihm in's Innerste des Herzens gedrungen war, da legte sich die Verzweiflung zur Ruhe, und ein milder Schmerz trat an dessen Stelle; nicht der nach Rache durstende Jammer, sondern der versohnliche weinende Gram. Zitternd blickte der alte Mann in sein Leben zuruck, und suchte nach einer Wurzel dieses Verderbens, das sein ganzes Geschlecht dahingerafft, denn der Mensch greift zum Aberglauben, um den leitenden Faden zu finden, den ihm sein unbewaffnetes Auge nicht zeigt im Leben. Er gedachte seines strengen Amts, der vielen Schuldigen, die seine Thurme verschlungen hatten; ... der wenigen Unschuldigen, die wieder daraus hervorgegangen waren. Er gedachte jener Vielen, die noch unter der Hand des Henkers ihre Unschuld betheuert hatten, und qualende Zweifel, ob er auch immer recht gerichtet, stiegen in ihm auf. Plotzlich erinnerte er sich der Juden, die, allen Zeugnissen zu Folge, schuldlos und unverdient, hochstens nur einer leichten Bussung wurdig, im Kerker schmachteten, und an diese Gestalten des Elends reihte sich eine andre, aus ferner Vergangenheit, ... die blinde Mutter, die des Oberstrichters Vater in die Flammen geworfen hatte, und bis an seinen Tod nicht wegbringen konnte von seinem Kopfkissen, wie er oft dem Sohne mit bitterlicher Reue geklagt. "Wer weiss," seufzte der betrubte Richter, .. "wer weiss, ob nicht von jener unbesonnen graulichen That das Unheil ausgebrutet wurde, das mich und die Meinen schon betraf? Wer weiss, welch grassliches Verhangniss meiner noch im schwachen Alter wartet, wenn ich nicht vergute, was in meiner Macht steht?" Diesen trubsinnigen Gedanken nachhangend, kampfte der Oberstrichter lange mit dem wilden Vorurtheile; riss sich alsdann mannlich empor, und begab sich mit einer Hast, als mochte es im nachsten Augenblicke schon zu spat seyn, zum Thurme, in welchem Ben David und sein Vater schmachteten. Der Wachter zog achselzuckend ein langes Gesicht, da der ehrsame Herr nach dem alten Jochai fragte. "Mit ihm wird's wohl am langsten gedauert haben," brummte der rohe Mensch: "seit gestern Abend hat's ihn angefallen, wie ein todtlich Gebreste, und mein Schwager, der Scherer am Liebfrauenberge, der den Alten gesehen, meint, es gehe mit der Judenseele zu Ende." Der Oberstrichter entsetzte sich, ohne jedoch ein Wort des Mitleids vor den Ohren des Kerkermeisters zu wagen. "Hat man denn dem alten Manne keine Hulfe gereicht?" fragte er schier gleichgultig. "I wozu, ehrbarer Herr?" fragte der Wachter entgegen: "Das Gesindel bedarf keiner Arznei. Der Teufel hilft seinen Jungen ohnehin, wenn sie nicht sterben sollen, und er holt sie auch in seinen Pfuhl, wenn's an der Zeit ist. Dann hilft kein Strauben, und der alte Schelm von hundert Jahren fahrt auch gerade zu in die Flammen; so hat der hochwurdige Pater Reinhold gesagt, der erst vor Kurzem hinwegging. Der verfluchte Hundsjude hat sich nicht bekehren wollen, und der Pater versichert, dass ihm angst und bang bei dem Sunder geworden sey: dermassen habe der Teufel, der in ihm sitzt, geschnauft und gefaucht und geknurret, so oft der Pfaffe mit Gebet und Beschworung angesetzt." "Ist denn der Sohn bei dem Sterbenden?" fragte der Richter, und der Warter schuttelte den Kopf. Das Kopfschutteln begann wieder, als er den Befehl erhalten hatte, David zu Jochai zu fuhren. "Gott genade unsern Ohren!" sprach der Brummbar, nach den Schlusseln suchend: "das verdammte Volk wird ein Geschrei und Geklage anheben, dass man sein eigen Wort nicht versteht, und es hilft doch zu nichts. Der Schurke muss dennoch fort." Der Oberstrichter wiederholte kalt und bestimmt seinen Befehl, und liess sich indessen Jochai's Gemach offnen. Da lag der Greis, ausgestreckt auf einem elenden Lager, das doch immer im Vergleich mit seinem vorigen modernden Strohbette eine kostliche Ruhestelle war, ganz allein, ohne Hulfe, ohne Labung, und nur der Tod war bei ihm, begriffen in seinem traurigen Geschaft. Das Gesicht hatte schon beinahe die Zuge angenommen, die der alte Arzt Hippokrates als die letzten bezeichnet; die Brust hob sich angstlich und keuchend, weil in ihr das Leben sich straubte gegen das Erloschen, wahrend schon die Glieder regungslos ruhten, unvermogend, den armseligen Wasserkrug, der zu Haupten des Bettes stand, an die fieberisch zitternden Lippen des Sterbenden zu bringen. Der Oberstrichter erwies diesen Dienst dem Hulflosen, er unterstutzte dessen Haupt, und sprach sanfte Worte zu ihm. Das Labsal der kuhlenden Tropfen und der milden Rede rief den Entschlummernden zur Besinnung zuruck, und die starren Augen belebten sich wieder, und sahen in der feindlichen Amtstracht einen M e n s c h e n an dem Bette des Todes stehen. "Der hochgelobte Gott soll Euch vergelten," sprach der Greis, welcher den Oberstrichter gar wohl erkannte: "mich hat uberfallen die elende Zeit, da uns der Herr hinweggehen heisst aus dem Leben, und Versohnung befiehlt mit dem Feinde." "Auch unser Gott nicht minder will Versohnung im Sterben;" entgegnete der Richter mit trubem Blicke und dumpfer Stimme: "Vergib meiner Pflicht, was ich Dir Boses gethan, und fluche meinem Namen nicht." "Da sey Gott vor," redete Jochai, "dass ich fluche dem, der meinen Mund genetzt hat mit kuhlem Wasser. Genommen sey von Euch jeglicher Fehl und das Vergehen Euers Vaters, denn ich kann Euch vergeben fur Israel, doch nicht fur den gebenedeiten Gott, welcher Edom verdammt hat zum Feuer. Ich will aber bitten fur Euch im Thale Josaphat, so Ihr m i r gewahren wollt zwei Bitten." "Sprich!" erwiederte der Oberstrichter. "Jaget den Pfaffen von meinem Lager," versetzte der Sterbende wehmuthig: "seine Gotter sind mir ein Graul des Baal, und weil kein Rabbi stehen kann zu meiner Seite, und keiner von den Freunden, so will ich seyn allein mit dem Engel, der da bringt das Ende." Der Oberstrichter nickte, und der Alte fuhr fort: "Sehen mochte ich noch den Sohn, meinen Bechor, und dessen Tochter, die arme Esther." "Von Esther weiss ich nicht," ausserte der Richter: "jedoch Dein Sohn, ... so eben bringt man ihn."

Man muss den leidenschaftlichen Schmerz der Volker des Sudens gesehen haben, um Davids furchtbaren Kummer sich denken zu konnen. Er strebte gewaltsam vorwarts aus den Handen der Wachter, die im Begriff waren, ihm die Ketten abzunehmen, und hatte sich mit der ganzen schweren Eisenlast uber den Korper des Vaters geworfen, wenn man es zugelassen hatte. Endlich, von den Banden befreit, sturzte er an dem Bette nieder auf die Knie, fasste die erschlafften Hande des Sterbenden, kusste sie und den bleichen Mund unter Thranen und Schluchzen und stiess von Zeit zu Zeit ein Geschrei und eine laute Klage aus, die man im Munde des Weibes, aber nicht auf den Lippen des alternden Mannes erwartet haben wurde. Der Ungestum dieses Auftrittes, welchem der Oderstrichter mit Thranen im Auge entfloh, um nach dem Hause seiner eigenen Trauer zu kehren, und zu uberlegen was ferner zu thun sey, dauerte eine gute Weile hindurch, und Jochai schien diese heftigen Schmerzausserungen als den schuldigen Tribut der kindlichen Liebe hinzunehmen. Endlich verstummte jedoch der allzulaute Jammer in angstliches Stohnen, und auch dieses horte auf, da Ben David das bekummerte Auge auf Jochai's erloschendes richtete, gleichsam als wolle er die Augenblicke zahlen, die noch dem Sterbenden ubrig blieben. Der Greis begann nun mit brechender Stimme ein Gebet zu murmeln, in welches der Sohn einstimmte, und das bald beendigt war. Nun sprach Ben David trostlos und zogernd: "Raaf! wirst du mich segnen, bevor Du hinweggehst, oder wird mein Name verflucht seyn von Dir? Raaf! Du hast mir gegeben das Leben, und ich habe Dir gegeben den Tod; ach! es ist wahr geworden, was Du gesagt hast in Weisheit. Du stirbst hin in edomitischen Banden, und ich hab es verschuldet, dass Dein Angesicht bleich wird ausser Israel und den Hutten Jakobs!" "Sohn;" entgegnete Jochai sanft: "So Du mir hattest Gift gegossen in den Leib, wurde ich Dir doch verzeihen, nun ich sterbe, denn wir werden doch theilen das Paradies mit den verderbten Kindern, da wir ihnen nicht entziehen das Erbtheil dieser Welt?1 Aber Du bist nicht gewesen die Schlange der Wildniss, und weil mich der Herr geschlagen hat mit Schwache und Blodheit da ich lebte, so hat er mir verliehen Gewalt und Kraft vor dem Tode. Ich gehe nicht dahin aus Leid, mein Sohn, ich gehe dahin aus Freude, weil die Herrlichkeit Israels hat gesiegt, und der Vater Furbitte bei dem Ewigen an's Licht gebracht unsre Unschuld. Das ist ein freudevoll Hinscheiden, mein Sohn, und ich verdanke es Dir." Dankbar presste David die milde Hand Jochai's an seinen Mund.

"Wir haben gelitten viel;" fuhr der Greis mit schwacherer Stimme fort: "aber die Freude ist grosser, denn die Qual. Aus Amalek fuhrt uns der Weg in's Paradies, wo der Herr waltet, als oberster Furst und gastlicher Wirth, und den Behemoth futtert, wie den Leviathan zur Kost der sieben Schaaren der Gerechten aus Israel2. Mag auch ausgehen die Leuchte unsers Lebens, .. wenn doch nur strahlt die Leuchte ober unserm Haupte: die Herrlichkeit des hochgelobten Gottes. Meines Hand ist kraftlos geworden, Sohn, und ich kann sie nicht auflegen Deinem Haupte, wie die Vater es gethan, aber meine Zunge spricht ihn noch aus, den Segen, der Dich geleite zum ewigen Leben der Wonnen, zu dem ich vorangehen will. Finde Gold auf Deinen Wegen, und der Herr starke Dein Gesicht und Deine Hande, auf dass Du mogest sehen die Stricke Edoms, und gewinnen Deine verlorne Habe. Der hochgelobte Gott lasse Dich fahren unter die Gerechten, und Deine Tochter Esther nicht minder." Ben David seufzte schwer. Jochai fuhlte es, und fuhr, wiewohl eremattet, fort: "Gelobe mir," mein Sohn, "dass Du so Du wieder findest unser verlornes Kind, dass Du es erhalten willst auf dem Wege des Heils. Dass sie nicht anhange einem Goi aus Edom!" "Wie soll ich geloben, was ich nicht kann hindern?" fragte David angstlich: "Ich kann nicht legen Fesseln an ihr Herz, kann nicht machen ungeschehen, was vielleicht schon ist." "So gelobe mir," sprach der Sterbende mit muhsam erhohter Stimme weiter, "sie nicht zu lassen zu dem verruchten, vermaledeiten Bad, das sie die Wiedergeburt nennen; halte sie ab, dass sie nicht abschwore vor dem Volke den Glauben aus Canaan. Schwore, gelobe!" setzte er zornig bei, da Ben David zogerte und zauderte: "Schwore, denn dort zu meinen Fussen richtet sich schon der Engel des Todes auf." Halb ohne Bewusstseyn gelobte David, was der Alte begehrte. Jochai beruhigte sich merklich, und sprach: "Der Segen folge diesem Eide, und dem Kinde, das sich nennt wie das Pflegkind Mardochai's. Und nun, mein Sohn, binde mir auf das Haupt, um die Hand die Tephilum, da mein Gebein schwach geworden ist." David that, wie ihm geheissen war. Jochai's Auge wurde wieder starrer, und seine Stimme verwirrt. "Die Seele wird unstat im Leibe," seufzte er unter den Bewegungen des nahenden Endes: "sie durchlauft zitternd die Glieder, weil sie bebt vor dem Engel, der dort steht, und feurige Augen tragt vom Wirbel bis zur Sohle. Hute Dich, David, dass Du nicht gerathst unter das Schwert des Wilden, der dort unten tanzt wie ein trunkner Fechter. Halte Dich an mich, denn das ist Samael, der die Seelen nimmt derjenigen, die sterben ausserhalb dem heiligen Lande. Hilf mir, Sohn! Gib mir die Erde des Herrn, die Du tragst auf Deiner Brust, dass ich in der Heimath sterbe, und der Engel Gabriel meine Seele hole3." Ben David riss das Packchen von der Brust, und schob er unter den Kopf des Verscheidenden, dessen Blicke noch einmal aufloderten in dem Scheine einer wehmuthigen Freude. "Gross ist der Herr!" stammelte seine Zunge: "gekannt in Juda, und sein Name herrlich in Israel. Zu Salem ist sein Gezelt, und seine Wohnung zu Zion! Lasst uns ihn preisen, den hochgelobten Gott!" Hier stockte die Zunge des Erblassenden; seine Augen umdusterte die in's Leben hereinbrechende Nacht; noch einmal offnete sich der Mund, und von dem Schwerte des Todesengels fiel der an der Spitze hangende Galltropfen hinein, von welchem das Angesicht bleich wird, und die Seele entflieht4. Aber ein guter Engel, der Furst der Barmherzigkeit musste hier gewaltet haben, weil freundlich das Angesicht wurde und still wie der Friede. Ben David zog dem Todten das armselige Kissen weg unter dem Kopfe, sturzte den Wasserkrug um, in welchem vielleicht der Todesbote sein Schwert abgewaschen hatte; zerriss fein Gewand, und warf sich nieder auf dem Boden, wo er trauerte im Schweigen, oder betete, oder jammernd im Staube sich walzte.

In diesem Zustand fand ihn am Abend der Oberstrichter. Die Wahrhaftigkeit seines Schmerzens hatte selbst die rauhe Brust des Thurmwarters geruhrt, dass er es nicht gewagt, die theure Leiche dem Trauernden zu entreiffen, bevor der Befehl dazu gekommen seyn wurde. Starr und schweigend, ohne sich zu erheben, sah Ben David in des Oberstrichters Antlitz, als suche er in den Augen desselben zu lesen. Die Starrheit seiner Zuge milderte sich jedoch, da er nichts als Mitgefuhl in des Richters Blicken wahrnahm. "Stehe auf, David;" sprach derselbe zu ihm: "Stehe auf, ich will zu Dir reden." "Herr;" versetzte Ben David: "ich darf nicht aufstehen; so will es das Gesetz, weil die Erde ist das Lager der bittern Armuth, und verschlingt unsern wahren Reichthum. Erlaubt mir, dass ich dem Gesetze folge, und redet zu mir, wie ein milder Herr zu seinem Hunde." "Steh auf, David," wiederholte der Oberstrichter: "mich kummert nicht Dein Gesetz; und Du magst es uben an anderm Orte und zu andrer Frist. Denn Du sollst frei seyn." "Frei?" fragte Ben David staunend: "Herr! redet Ich auch wahr und redlich? Schwer ist die Kette, aber sie wird schwerer, denn die Welt, wenn man versprach, sie zu luften, und nicht dem also thut." "Ich luge Dir nicht;" erwiederte der Oberstrichter ernst: "Du sollst frei seyn." "Frei?" wiederholte Ben David noch einmal: "hab ich's doch ganz verlernt, wie man ist frei. Gehen in freier Luft, ohne Bande, schlafen unter freiem Dache, ohne Schmerz und Sorge? Versteh ich Euch? und hat der Rath endlich erkannt die Wahrheit?"

"Er hat sie erkannt;" sagte der Oberstrichter: "der Schurke Zodick ist fluchtig gegangen, und Werkzeuge seiner morderischen Frevel hat man in seiner Wohnung gefunden. Was den abscheulichen Menschenhandel betrifft, den Du getrieben, so will der Rath Gnade fur Recht ergehen lassen, in Rucksicht auf die bose Zeit, die ihr, auf Mord und Raub beklagt, ausgestanden habt, damit nicht gesagt werde, wir hatten Euch ungerecht behandelt. Allein, da es sich doch nicht geziemen wurde, dass ein von einem Betruger irre gefuhrter Richterstuhl bekenne, dass er sich ubereilte, und die peinliche Rathbank nimmer darauf eingehen wird, sich gegen einen Juden ferner zu erklaren, so fiel der Schluss dahin aus, dass Dir zwar die Thuren des Kerkers geoffnet werden sollen, jedoch ohne offentlichen Freispruch; dass die Dokumente dieses Handels vernichtet werden mogen, und Du binnen sechs Jahren verbannt bleibest aus dieser Stadt und ihrem Weichbilde, bei Verlust der Ohren und des rechten Daumens, so Du Dich wieder betreten liessest, binnen der aufgegebenen Bannfrist. Diese Pon magst Du hinnehmen, als Vergeltung fur den Kauf eines Christenknaben. Im ubrigen danke der Milde des Gerichtes, und entferne Dich noch disen Abend." "Herr!" versetzte Ben David nach langer Uberleguug: "Es musste nicht gelten die Freiheit, wenn ich nicht annahme Euern Antrag. Aber der Bann, der Bann macht mich zum Verbrecher." Mein Haus wird verfallen, Gras wachsen vor meiner Thur, meine Freunde werden mich suchen, und fragen: "Wo ist er hingegangen, dass wir ihn nicht finden? Und meine Tochter, mein Esterchen! Herr! ich werde doch nicht konnen fort." "So muss ich Dich mit Gewalt wegbringen lassen;" entgegnete der Oberstrichter gleichgultig: "und wehe dann Deinem Kopf und Deiner Faust, im Falle des Wiederbetretens." "O Herr!" seufzte der Jude: "Ihr seyd grausam in Eurer Barmherzigkeit. Und doch ist ein so herrliches Gut die Freiheit! Ich wollte gerne gehen, ob ich gleich nackt bin, wie ein Bettler, arm wie das Kind das eben zur Welt gebar der Schooss des Weibes. Denn ich habe nicht vergraben Schatze, ich habe nicht verborgen mein Gold. Meine einzige Habe ist ein elend Geschrifft, das der Wind mag zerstuckeln, und vielleicht schon weggefuhrt hat die Fluth. Dennoch wollte ich gehen hinaus in die Welt, um zu seyn frei; ich wollte legen den Schlussel meiner Thur in die Hande des Nachbars, und aushalten den Baun, mit dem Brandzeichen des Verbrechens, und zu suchen, und wieder zu finden mein Kind; aber diese Leiche, ... mein Vater .... ich kann sie doch nicht tragen auf meinen Schultern davon, und was wird aus ihr werden? Soll sie doch jetzt schon ruhen in der Erde, weil der Herr befiehlt, dass die Trauer nicht schlafe uber Nacht im Hause. Was geschieht aber mit ihr: Werdet Ihr sie auf den Anger werfen lassen, oder in den Fluss? Wehe, wehe uber Israel und seine Schmach! Mein Herz wallet mir im Leibe, denn mein Elend ist gross!" "Beruhige Dich," versetzte hierauf der Oberstrichter: "Deine Glaubensgenossen sollen Morgen den Todten von hinnen holen, und ihn nach ihrer Weise bestatten durfen; bei meinem Eide!" Da ging Ben David hin zu der geliebten Leiche, buckte sich uber sie, und fragte: "Raaf, wirst Du Zorn fuhlen gegen mich in Deiner unstaten Seele, wenn ich nicht aushalte hier die Tage der Trauer? Ich will mich ja aufmachen, zu suchen meine Esther, das Kind, das Du geliebt, das Kind, das Du getragen hast in Deinem Herzen, wie in Deinem Arm. Ich will, ein Verbannter, aufsuchen das Land, wo Deine Hutten stehen, Jakob, und das Gesetz gelehrt wird. Ich will dort die doppelte Zeit hindurch fasten und beten, und sitzen auf der Erde mit zerrissenem Gewand. Zurne mir jetzo nicht, ich darf ja nicht beerdigen Deinen Leib, ich darf ja nicht folgen Deinen Gebeinen zur Grube. Verzeihe mir, Raaf, dem das Paradies sey, und lebe wohl!" Er kusste noch einmal zartlich und ehrerbietig die Stirne und den Mund des Todten, druckte ihm die Augen zu, und band die Tephillum des Haupts daruber. Dann breitete er ein Tuch uber das erblasste Gesicht, und wendete sich zu dem Oberstrichter mit den Worten: "Befehlt, ehrsamer Herr, ich will gehorchen." "So gehe hin, sobald der spate Abend dammert;" sprach der Richter: "Der Kerkerknecht wird Dich nach Sachsenhausen hinuber geleiten. Dort magst Du weilenbis Morgen. Mit dem fruhesten des Tages jedoch schuttle den Staub von Deinen Schuhen, und wandre, wandre weit von hier. Dem erbarmenden Gefuhle in meiner Brust habe ich genug gethan, da ich Dich losgebettelt habe bei dem Rathe. Zwinge mich nicht, Deine Strafe aussprechen zu mussen, und halte Deinen Bann." "Schon dammert der Spatabend;" entgegnete Ben David langsam, durch die Fenster schauend, auf die nachsten Hauser, in welchen die Lichter angezundet wurden: "Das Bruckenthor wird bald gesperrt werden; ich will daher jetzt gehen, Herr, so Ihr befehlt." Der Wachter erschien mit Licht an der Thure, und der Oberstrichter machte sich auf, das Zimmer zu verlassen. Ben David that einige Schritte, und blieb dann wie eine Bildsaule stehen. "Ist mir doch, stammelte er, als ob michs hielte bei den Haaren und Salomon's Ring mich festbannte, dass ich nicht kann fort!" "Fasse Muth, Jude," antwortete der Oberstrichter hierauf: "Die Freiheit winkt. Spare die ungemessene Trauer. Der alte Mann stand lange schon am Ziele seines Lebens, und der Vater stirbt vor dem Sohne nach dem Laufe der Natur. M i c h beklage, denn ich gehe von hier zum Sarge meines Erben!" Ben David gedachte seiner Sohne, wendete mit dem schmerzlichsten Seufzer den Kopf noch einmal nach dem Entschlummerten, und folgte alsdann, sich wie in der Verzweiflung losreissend, dem Kerkerknecht. Der Mann warf ihm, wahrend sein Gehulfe dem Richter des Thurmes Thure offnete, ein wollnes Wamms zu, und sagte: "Das schickt Dir die Barmherzigkeit der verruckten Dirne, die des getauften Schurken Frevelthaten an das Licht gebracht. Die Jacke war fur den Alten bestimmt, doch kommt sie Dir jetzo auch zu gut, so wie diese Flasche Wein, die von derselben Geberin geschickt worden ist. Die narrische Dirne hat Euch schon fruherhin, da Eure Leute sich nicht um Euch bekummerten, manchmal Wein geschickt, und er hat, wenn gleich nicht koscher Euern Judengurgeln wohl geschmeckt. Da, nimm auch diesen." "Was soll mir Wein?" fragte Ben David bitter lachelnd: "Ich bin getrankt mit Sorge und Bangigkeit. Trinke Du, mein Freund." "Lieber Pech und Schwefel;" erwiederte der grobe Knecht: "lieber des Teufels heissesten Trunk, als Rudesheimer, der schon einmal fur judische Ketzer bestimmt ist. Darauf haftet schon der Fluch. Trink, und dann komm. Ich wurde Dich an die Leine nehmen, wie der Schlachter das Schwein, euern Erbfeind; aber ich schamte mich, wenn mich in der Dammerung ein Mensch in Deiner Gesellschaft erkennte. Darum will ich Dir erlauben, frei vor mir zu gehen, und ich zahle auf Deine schwachen Beine, dass Du mir nicht in der Stadt entkommst." Ben David antwortete nicht auf die pobelhaften Beleidigungen, zwang sich, einen Zug aus der ubersandten Flasche zu thun, und folgte, nachdem er seine zitternden Glieder mit dem warmen Wamms bedeckt, seinem rohen Fuhrer, der i h n auf der Gasse vorschreiten liess, um ihn im Auge zu haben. Er trieb den armen geschwachten Juden hastig an, und brummte ohne Aufhoren vor sich hin, dass er die Gnade des Magistrats nicht begreife; dass er es vorgezogen haben wurde, den uberlebenden Juden wo moglich zweimal verbrennen zu lassen, damit ihm die Strafe des Gestorbenen zu gute komme; und dass die Juden das schlechteste, aber auch zugleich das glucklichste Gesindel von der Welt seyen, dem Herren und Fursten allzugnadig gar Vieles durch die Finger sahen. Am Bruckenthor angelangt, wo schon die Pforten gesperrt werden sollten, schickte er seinen Begleiter unter derben Fluchen zum Teufel, und befahl den Wachen an, dem Juden, falls er sich heute noch heruber wagen wollte, mit der Hellebarte die Nase aus dem Gesicht zu hauen, und ihn zu weiterer Bestrafung, einzufangen. Ben David hatte indessen vollige Freiheit, zu gehen, wohin er wollte. Wankend vor Schwache schritt er durch die Haufen der nach Sachsenhausen kehrenden Handwerker hin, und e r , dessen Schicksal eine geraume Zeit hindurch auf allen Zungen gewesen war, blieb unbemerkt und unbeachtet. Der Rath hatte kein besseres Mittel wahlen konnen, allem Deuteln des Pobels wie der Bessern auszuweichen, als den misshandelten Juden gerade um diese Zeit wegweisen zu lassen. Ben David suchte auch nicht, sein Schicksal Jemand mitzutheilen, oder sein sehr kennbares Gesicht bei Lichte zu zeigen; desshalb setzte er sich, da feine Mattigkeit ihm nicht erlaubte, weiter furbass zu ziehen, in einen entlegenen Winkel der Gasse, in welcher die Maternuskapelle lag, ein unausgebautes, seit bald funfzig Jahren ode und wust stehendes Kirchlein, das dem Muden wohl ein besseres Obdach gegeben hatte, aber als eine christliche Tempelstatte, schon mit dem Namen eines heiligen Patrons begabt, von dem gewissenhaften Juden nicht zum Schlummerplatz erwahlt wurde. Die Gedanken, die einen betrubten Sohn und noch betrubtern in alles Ungemach des Lebens und der Armuth herausgestossenen Vater qualen, belagerten auch die Sinne des unglucklichen Ben David, und verwehrten dem mildernden Schlummer allen Zugang zu dem Gepeinigten. Wohin sollte er sich jetzt wenden, um das verlorne Kleinod seines verbitterten Lebens aufzusuchen? Wohin hatten die wilden Reiter, von denen Judith sprach, die bedauernswerthe Esther entfuhrt? Und wenn er das Kind seiner Tage wieder in die Arme schloss, welche Schande weilte nicht vielleicht im verborgenen Hintergrunde? Seine grausame Einbildungskraft stellte die ganze wunderliebliche und verfuhrerische Gestalt der Verlornen vor seine Augen, und bekummerter hob sich seine Brust, denn so viel Liebreitz konnte nimmer der Gefahr entgangen seyn. "O Gott meiner Vater!" seufzte er aus dem Grunde seines Herzens in die rings um ihn still gewordene Nacht hinaus: "O Du, der Du gemacht hast die Sterne, die dort oben funkeln in der Krone Deines Haupts! Wie liege ich doch hier, so geplagt und gepeinigt, wie ein von Deinem Angesichte Verstossener? Ich bin unglucklicher, denn der arme Mann Job und der Bettler vor der Thure des Reichen. Ich habe gehabt Geld und Gut, ich habe gepflegt einen greisen Vater, ich wurde bedient von einer geliebten Tochter; ich habe hinausgeschickt in die Fremde zwei Sohne, zu werden der Stolz meiner Tage, und meine Freude im Tode. Weh mir! weh mir! was ist geworden aus diesem Reichthum? Wahrlich, wahrlich; auch gegen mich hat sich der Schrecken gekehrt, und hat verfolgt wie der Wind meine Herrlichkeit, und wie eine laufende Wolke meinen gluckseligen Stand. Das Schwert hat gefressen den einen meiner Sohne; abgefallen ist der zweite von dem Gesetze seiner Vater. Geschieden ist mein Vater in den Banden der Knechtschaft, und verstummt ist unter dem Himmel die Klage meiner Tochter. Wo ist sie, die bluhende Rose aus meinem Garten? Ach, sie ist vergangen wie ein Schatten, und von dannen gerafft worden, wie meine Habe, und betteln muss ich mein Brod vor den Hutten Jakobs, oder den Wohnungen Amaleks, das mir den Tod wunscht, statt Gedeihen, weil ich hange an dem Gesetz, an Deinem Gesetz, hochgelobter, gepriesener Gott! weil ich mich nenne nach Israel, das Du geweiht hast vor allen Volkern der Erde. Gerechtigkeit war mein Kleid, mein Recht der furstliche Hut meines Haupts! Hast Du denn so gar grosse Sunde gefunden an Deinem Knecht, o Herr, dass Du ihn schlagst mit Deinem unendlichen Zorn? oder willst Du prufen, ob ....." Das leise Flustern der bebenden Lippen verlosch in lauschende Stille, denn Gestalten, wie die Schatten der Nacht in dustre Gewander gehullt, eilte unfern von dem Platze des Juden voruber. Gingen ihrer gleich mehrere zusammen, so wurde dennoch kein Wort gewechselt, und dieses schnelle und ganz gerauschlose Vorubertreiben der nachtlichen Wanderer machte nicht auf Ben David allein einen unheimlichen Eindruck, denn ein guter Burger, welcher gegenuber, vielleicht der letzte Wachende in seiner ganzen Strasse, beim dustern Lampenschimmer am halb geoffneten Fenster sass, schlug bei obigem Anblick mit dem halblauten Rufe: "Ach Jesus Maria!" das Fensterlein zu, und loschte schnell den Lichtschein, um scheu in sein Lager zu kriechen. Ben David, mit Gespensterfurcht wenig bekannt, sah in den verhullten Leuten keine Schrecknisse des Grabes; wohl aber erinnerte ihn seine Vernunft gar bald an das im Finstern waltende Gericht, das von Zeit zu Zeit auf Sachsenhausens Boden gehegt wurde, und von dem Volke gefurchteter und gehasster war, als von den Juden, die nicht vor die heimliche Acht gezogen wurden. Diese Freiung sicherte indessen diese Letztere nicht vor unglaubiger Misshandlung, so sie in dem Umkreise der Vehmstatte als lauschende und neugierige Spaher aufgefunden wurden, und, um von den hin und her schweifenden Vermummten nicht ertappt zu werden, versuchte Ben David, trotz seiner Erschopfung, von dannen zu schleichen, als eine bekannte Stimme, die sich in geringer Entfernung horen liess, ihn neuerdings vermochte, sein Ohr aufzuthun, und zu verharren. "Bis hieher, und nicht weiter;" sagte eine Stimme freundlich: "hat anders die Sage des Pobels einen Grund, so muss ich im Bereich der Maternkapelle meine Leute finden. Habe Dank, dass Du mich bis hieher geleitet, denn, da ich hier der Feinde so viele und machtige zahle, wird mir bald selbst vor Meuchelmord bange."

"Wer weiss, ob Ihr nicht einem ahnlichen Schicksale entgegen geht;" antwortete eine andere Stimme: "Seht, guter Dagobert, ich mochte Euch gar zu gerne wieder mit mir zuruck nehmen nach der Stadt. Lasst das Wagstuck bleiben, und geht in's Kloster, oder in die Fremde auf Abenteuer; dann lassen Euch die Finsterlinge ungeschoren!" "Wahre Deine Zunge;" entgegnete Dagobert: "hier ist die Luft nicht rein; und von meinem Vorhaben bringst Du mich nicht ab. Um Deines freundlichen Geleits willen jedoch verzeihe ich Dir, dass Du mich so feig in Deinen bosen Handel verwickeln wolltest, und nehme all meinen Groll zuruck." "Ihr habt gut reden, Junker;" versetzte der Andre, Gerhard von Hulshofen: "und Ihr selbst hattet alsobald dem ganzen Ding eine andre Wendung geben konnen, hattet Ihr die Augen bei Euch gehabt, und den Jungen als Euern Bruder erkannt." "Du hast Recht;" sprach Dagobert mit einem Seufzer, nach kurzer Stille: "'s ist meine Schuld. Mir war der Knabe fremd. Geh aber jetzt mit Gott von dannen. Mir ist, als stande ich in einem Zauberkreise, und keinen Zweiten mocht' ich in mein Geschick verwickeln. Frage morgen im Einhorn nach mir; bin ich am Leben noch, so wollen wir einen Valettrunk halten, trotz dem im Rosengarten zu Worms, denn mir ist Vaterhaus und Vaterstadt verleidet, und ich will fort. Bei dieser Gelegenheit magst Du uber Deinen langen Vollbrecht staunen. Die Kost in meinem Dienste schlug dem Burschen trefflich an, und er beginnt, Dir's gleich zu thun." "Ihr konnt noch scherzen," sprach Gerhard: "und mir pocht das Herz wie einem armen Sunder! Ein gut Gewissen mag ein wackrer Harnisch seyn, allein ...." "Das ist es auch;" meinte Dagobert: "noch einmal, geh! Komm ich nicht wieder, so gruss' den Vater und den Lehrer Johannes, und nimm mein Pferd, das Beste meiner Habe. Leb wohl aber jetzt." Ein Handschlag noch, und fort eilte der Begleiter. Dagobert sah sich unschlussig auf der Kreuzstrasse um, und brummte in den Bart: "Am besten ist's, ich warte hier, bis man mich ausgewittert. Ist's denn wohl der Nachtthau, der meine Augen feucht macht, oder etwas Besseres? Der plumpe Wicht sogar hatte mich bald weich gemacht, und an den Vater, und an s i e will ich gar nicht denken, sonst heule ich den unbekannten Herrn etwas vor, statt wie ein Mann zu reden. Und wahrlich, dieses Letztere zu thun, ist Noth, denn dort gilt's, wie es heisst. In Gottes Namen, und im Namen der Dreifaltigkeit: ich bin gefasst." Er schlug den Mantel fester um die Schultern, und blickte scharf nach der Seite, von wo sich etwas gegen ihn bewegte. Den linken, in den Mantel gewickelten Arm vorgehalten wie ein Schild, und die rechte Faust am Griffe des kurzen Schwerts, das an seiner Seite hing, rief er dem Nahenden fein: "Wer geht da?" entgegen. Statt der stumpfen Stimme eines harrenden Freifrohnen redete ihn jedoch Ben David's Stimme an, die er alsobald erkannte; erschrocken rief er ihm zu: "Unglucklicher, woher kommst Du? was willst Du hier? Rede, oder besser: fliehe! Man bringt Dich in Deinen Kerker zuruck, oder die Diener der Acht schleudern Dich in den Main, so Du nicht eilig auf und davon gehst!" "Ich bin nicht entsprungen, Herr!" erwiederte der Jude schwerathmend und demuthig: "ich will weiter wandern jedoch, um zu retten mein armselig Daseyn fur mein Kind. Doch, eben dieses Kind ... Herr, ... Ihr habt es gekannt, ... Ihr habt es beschutzt ... Ihr habt es vielleicht geliebt, wie ein Edelmann nicht soll lieben eine schlechte Judin." "Ben David!" rief der Junker halb zurnend, aber der Jude liess ihn nicht weiter sprechen, sondern fuhr fort: "Hab' ich gesagt eine Luge, so verzeiht mir, und der liebe Gott wird es nicht minder thun. Und hatte ich gesagt die Wahrheit, und war Esther geworden ein Spiel Eurer Musse und Eures raschen Bluts, ... Herr, ... ich muss Euch vergeben, da Ihr ein Christ seyd, und ich nur ein elender Jude; aber ich w i l l auch vergeben, wenn Ihr barmherzig seyn wollt, und mir nur einen Wink gebet, wo ich s i e wiederfinden kann, das Licht meiner Augen, den Stab meiner schwachen Hand." "Aber, was rede ich?" setzte er hinzu, da Dagobert noch vor Besturzung schwieg: "Ich bin ein Thor; blodsinnig bin ich geworden, und vergesslich wie das Hirn eines alten Weibes. Weiss ich denn nicht, dass der verfluchte Zodick sie geraubt aus Euerm Gewahrsam, .... dass sie geworden ist eine Beute des Kriegsvolks? ... Weh mir! weh mir! wehe geschrieen uber mich und Israel!"

Der arme erschutterte Mann war im Begriff, in laute Klagen auszubrechen und mit seinem Jammer Nacht und Nachbarschaft aufzustoren. Dagobert hatte besorgliches Mitleid mit den Vater seiner Esther. "Fasse Dich;" sagte er eindringlich zu dem Winselnden, indem er ihn mit starker Hand emporhielt: "Du sturzest Dich in's Verderben durch Dein zweckloses Gewimmer. Deine Furcht ist grundlos. Esther ist in Sicherheit; Gott und ich wir haben sie nicht verlassen. Du wirst mich besser kennen lernen." "Engel, Furst der Barmherzigkeit!" stammelte der froh uberraschte Vater, Dagobert's Hande kussend: "Ihr habt Segen gepflanzt auf meinen dunkeln Weg, Ol gegossen in die Wunden meines Grams. Erfullt das Maass Eurer Menschenliebe .... zeigt mir den Weg zu Esther. Besorgt nicht, dass ich sie reisse mit mir in's Ungluck. Ist sie Euer Eigenthum geworden; wie der Knecht das des Herrn, ich raube sie Euch nicht, ... ist sie geworden Euer Gut, wie das Lieb des Buhlen, ich verfuhre sie Euch nicht; aber letzen muss ich mich mit ihr, damit ich hinfahren konne in Frieden."

"Merke auf;" versetzte Dagobert schnell und bewegt: "Morgen schon magst Du im Arme Deines Kindes liegen. Unfern von der Stadt Friedberg liegt das Durninger Schloss, und in dem Walde, der das Ritterhaus umgibt, steht, eingehagt wie das Veilchen im weitverbergenden Wieswachs, die Forsthutte des Schlosses. Darin haust Esther, dort magst Du sie finden, und mein in Frieden gedenken, sollte ich nimmer dahin zuruck kommen. Geh' aber jetzt, Alter, denn sicher bleibt diese Statte nicht mehr lange leer." Er riss die zwar nicht uberflussig gefullte Borse vom Gurtel, und druckte sie dem Freudevollen in die widerstrebende Hand. Mit dankbarer Inbrunst kusste Ben David den Saum seines Mantels, stammelte die Worte: "Herr des Lebens! Herr der Gnade! Und Dich konnte ich nennen grausam?" und lief, ohne ferner zu verweilen, fort gegen das Gatterthor zu, das aus Sachsenhausen einen Ausweg darbot, und seine Flugel vor der Freigebigkeit des eiligen Wandrers willig offnete. "Die Begierde, uber den Strom zuruck zu kommen, sturzt vielleicht den armen Mann in die Fluthen, ehe noch das Morgenlicht den Schiffer weckt, die Fahre zu rusten!" sagte Dagobert vor sich hin, und schritt mit aufmerksamem Ohre hin und her. "Es dauert lange!" fuhr er nach einer kurzen Stille fort: "wusste ich nur ein Mittel, mich den Herren bemerkbar zu machen; denn gehegt wird heute. Die schwarzen Vogel strichen schon an mir vorbei." Indem er nun mit verschrankten Armen zu den Sternen emporsah in ungeduldiger Erwartung, und in der schmerzlichen Erinnerung an die Ferne, Ersehnte, fiel ihm ein Lied ein, das zu jenen Zeiten im Munde aller gefuhlvollen oder minneholden Junglinge war; und da dessen einfach ruhrender Inhalt sich vollkommen nach dem Zustande seiner innersten Seele richtete, so sang er es vor sich hin mit halblauter Stimme, damit wieder Ruhe und Fassung in seine Brust kehrte:5 "Vom Vaterland," so fern so fern, "hat mich erkannt" der Abendstern, "und lacht mich an;" ich kenne Dich, "und Deine Bahn;" hier siehst Du mich!

Nachdem er diesen ersten Vers vollendet, und sein Herz in neuer Kraft aufschlagen fuhlte, war es ihm, als ob sich unfern von ihm wieder etwas regte. Er lauschte; das Gerausch hatte aber aufgehort. So begann er denn den zweiten Vers des ermunternden Liedes: "Ich blick' Dich an," ach Abendstern, "auf Deiner Bahn," so nah und fern, "Wie freu' ich mich," Dich hier zu sehn; "Du kannst nicht ich," zum Liebchen geh'n. "Zum Liebchen gehn!" wiederholte er schmerzlich, und hielt die Hand vor die thranenden Augen. Neben ihm liess sich indessen eine freundliche Mannsstimme vernehmen: "Habt Dank, guter Geselle: Euer Lied kam von Herzen, und ging auch zu Herzen. Gott segne den wackern Sanger, der es machte, und lasse es ihm wohl gehen; sasse er auch in Schmach und Elend, ... vergnugt musste er seyn, da die Dichtkunst und die liebliche Musika ihm dienen, und sie sind beide gar holdselige Engelein."

Dagobert schaute verwundert auf den Nachbar mit der leisen gemuthlichen Rede, und ware fast erschrokken, da er in demselben einen kleinen verkappten Mann wahr nahm, uber dessen Haupt die Kaputze eines dunkeln Mantels tief herabfiel. "Ich muss Euch aber jetzo bitten," sprach der Mann weiter: "diesen Platz zu meiden. Es wird hier herum die kaiserliche beschlossene Acht gehegt, und wir haben Fug und Recht vom Kaiser, hier nur Geladene zu dulden. Ich hab' Euch nur das Liedlein wollen vollenden lassen, und denke, Ihr werdet ohne Saumen heim gehen." "Ei, mein Freund," antwortete Dagobert fast lustig und wohlgemuth: "ich b i n ja ein Geladener, und wenn Ihr, wie ich denke, ein Diener der Heimlichen seyd, so thut mir die Liebe, mich hinzufuhren, wo man meiner bedarf, denn es ist nicht eben frohlich, hier das Grab umsonst zu huten6. Die Stunde ist spat, und vom Main weht keine sommerliche Luft." Der kleine Mann warf sich bei diesen Worten etwas in die Brust, und fragte nach dem Namen des Andern. Als derselbe sich genannt, staunte der Frohn ein wenig. "Ihr seyd allzufertig, Junkher Frosch;" sagte er mit einer Art von Verbeugung: "Nur ein gut Gewissen stellt sich, ohne die dritte Ladung abzuwarten, vor die Schranken. Gluck auf, Herr, und folgt mir. Ich will hoffen, Euch wohlbehalten wieder hieher zuruck zu bringen." "Gott geb's!" versetzte Dagobert: "Schreitet voran, Ihr da; ich komme nach." "Erlaubt, dass ich Euch mit diesem Tuche die Augen blende;" entgegnete der Frohn: "wir haben nicht weit zu gehen, und der Gebrauch will es so. Auch Eure Waffen gebt mir, falls Ihr deren bei Euch tragt." Dagobert besann sich ein wenig; dann sagte er: "Und warum denn nicht? Mein Recht bedarf keines Schwerts, und die schwache Klinge wurde nicht der Gewaltthat Vieler sich erwehren konnen." Er reichte dem Frohn die Waffe, und liess sich geduldig das Antlitz verhullen, worauf ihn der Frohn bei der Hand nahm, und behutsam mit ihm voranging. "Ware ich Freigraf und Schoppenbank in Einem," wisperte der Kleine dem Jungling zu: "so hatte ich Euch schon dort auf dem Kreuzwege freigesprochen; denn ein Mann, der solche Liedlein singt, und singt, wie Ihr es thut, .. der hat nimmer einen Frevel im Schilde gefuhrt." "Ihr habt viel Vertrauen, obschon Ihr zu den Heimlichen gehort;" meinte Dagobert: "konntet Euch wohl irren." "Nicht doch;" versetzte der Frohn: "ich kenne Euch auch nicht erst seit heute, und schon, da Ihr mit Singen aufhortet, und zu sprechen begannt, hab' ich wohl gewusst, wer Ihr seyd. Ich kenne Euch recht gut und Euer Haus." "Ei, so soll mich Gott! .." sagte Dagobert, im Gehen inne haltend: "Ihr seyd mir auch nicht fremd, und manches Stiefelpaar hat mir Eure Hand gefertigt, Meister Freudenberger, wenn mich meine Ohren nicht abscheulich hinters Licht fuhren." "Pst!" antwortete der Andere, und weiter nichts. "Wie kommt denn Ihr, der frohliche Meister und kunstgerechte Chor- und Stubensanger, wie kommt Ihr unter diese Eulen der Nacht?" fragte Dagobert theilnehmend weiter. Der Frohn druckte ihm aber rasch die Hand, und flusterte: "Stille, um des Himmels Willen. Wir sind unfern dem Stuhle, und haben nur das Zeichen zu erwarten." Lautlos standen Beide stille, und nachdem verschiedne Stimmen, brummend und flusternd an ihnen voruber gegangen waren, geschahen unweit von ihrer Statte sieben Hammerschlage auf ein drohnendes Brett, und mehrere Menschen kamen heran. "Ben!" rief der Eine, mit viel Frohsinn in dem Ausdruck seiner Rede: "'s hat hart gehalten, aber, Gott sey Dank; Recht ist Recht geblieben. Wie wird sich meine Mutter freuen, wenn ich wohlbehalten nach Hause komme. Sein ferneres Geplauder, wie eine Mahnung der Begleiter sich ruhig zu verhalten, verscholl in der Weite." "Dieser Mensch hat's glucklich uberstanden;" dachte Dagobert fur sich: "die Vehme scheint also nicht aus eitel Bluthunden zu bestehen; darum Muth, Freund Dagobert. Muth und offnen Helm!"

Rasch fuhlte er sich nun fortgefuhrt; sein Fuss betrat glattes Steinpflaster; er horte ein Gerausch um sich summen, wie Reden aus dem Munde Vieler, die sich an den Bogen eines Gewolbes brechen. Der Frohnbote hiess ihn stille stehen, und nahm ihm die Verhullung von den Augen. Dagobert erkannte angenblicklich die Maternuskirche als die Statte des heimlichen Gerichts. Auf den Stufen, den Altar zu tragen bestimmt, war eine schlichte Tafel errichtet, hinter welcher der Freigraf auf einem Stuhle, die sieben ihn umgebenden Schoppen auf niedern Banken sassen. Vor dem Erstern lag ein Schwert und der Zweig einer Weide. Hinter den Sitzen der Richter standen und sassen theils einzeln, theils in mannichfachen Gruppen, eine Anzahl von Mannern, deren sorgfaltige Verhullung, jener der Richter gleich, andeutete, dass sie mit zu den Wissenden gehorten, ob als Frohnboten, oder als echte und rechte Schoppen, jedenfalls ohne an dem Gerichte thatigen Theil zu nehmen. Um den Vorgeladenen standen einige Diener des Gerichts in bescheidentlicher Entfernung. Zwei Lampen, von welchen die eine an der Thure gehalten wurde, die Andre vor dem Grafen stand, leuchteten in diesem dustern Bau. Die Unterredung der im Kreise Sitzenden dauerte mit Lebhaftigkeit fort, bis endlich der Frohnbote den Freigrafen bescheidentlich erinnerte, dass der Vorgeladene des Weitern harre. Ein Schlag auf den Tisch stellte die Ruhe her. Aller Augen richteten sich unter den bergenden Kaputzen hervor auf den Jungling, dessen Ruhe und Sicherheit in dem Maasse zunahm, als er mehr und mehr gewahr wurde, mit welcher Sorglosigkeit die so gefurchteten Richter ihr Geschaft betrieben. Der Freigraf erhob zuerst seine Stimme, und sprach: "Ich frage Dich, Frohne, ob es noch wohl an der Zeit seye, in Statt und Stuhl unsers allergnadigsten Herrn, des romischen Kaisers, dass ich ein Gericht und heilig Ding hege, zu richten unter'm Konigsbanne." Der Frohne antwortete: "Sintemalen Ihr von der Freigrafschaft, und von der leiblichen Hand des romischen Konigs Fug und Recht zu hegen empfangen habt, so mogt Ihr noch immer thun zu Rechten an diesem Beklagten, Geladenen und Gegenwartigen." Hierauf wurde dem Jungling abermals das Haupt verhullt; dagegen enthullten Freigraf und Schoppen ihr Antlitz, und entblossten ihre Haupter. Sie legten die Mantel zuruck auf die Schultern und warfen die Handschuhe ab. In Aller Namen sprach der Freigraf die Worte: "So hege ich denn ein Gericht und billig gefeimtes Geding unter'm Konigsbann, auf des Konigs Bank, Statte und Stuhl mit diesen echten, rechten freien Mannern des Konigs, und furbass mit diesen andern Freischoppen; wie sich's mit Recht gebuhrt unter'm Konigszwang und bei der hochsten Strafe des Strangs." Die Richter verhullten sich wieder, setzten sich, und dem Geladenen wurden die Augen freigegeben. Nach den Eingangsfragen, aus welche Dagobert mit harmloser Unbefangenheit antwortete, kam die Reihe im schnell und oberflachlich gefuhrten Verhor auf die Missethaten, deren der Vorgeladene von einem Wissenden beschuldigt worden sey. Dagobert's Herz emporte sich bei der Aufzahlung der Verbrechen, die ihm zur Last gelegt wurden, aber diese edle Zorn ubermannte nicht das Bewusstseyn seiner Unschuld, und raubte ihm nicht die Sprache des kuhnen Mannes, der sich stark und kraftig gegen solche Unbill vertheidigt. Mit hinreissender Beredsamkeit schilderte er den Unbekannten seines Lebens klaren Weg; wie ihm ein gesundes, gutes Herz stets das hochste Kleinod gewesen, wie er immer seine Eltern geliebt und geehrt, wie er selbst die Stiefmutter, die ihn gehasst, so kindlich behandelt, dass sie endlich seine vertrauende mutterliche Freundin geworden. Er sagte klar und frei heraus, wie Wallrade ihn stets verfolgt und gehasst, wie er ihr freundlich die Hand geboten, doch ohne Erfolg. Er sprach von der nothwendig guten Beziehung, die Judith's letzte Aussagen, und die Kunde vom Aufenthalt Wallradens auf seine Sache haben mussten.

"Ich habe also nicht des Vaters Leben einem Morder verdungen;" sprach er: "ich habe nicht die Schwester in Raubers Hand geliefert; ich habe keinen Theil an dem Verkauf des Knaben Johannes gehabt. Die Vernunft spricht mich frei davon. Wird es mir, erleuchteten und weisen Mannern gegenuber, schwer fallen, meine Unschuld in den ubrigen Anklagen zu beweisen? Nicht die That steht mir zu diesem Endzweck zu Gebote; nur das Wort. Aber auch nicht die That kann man als Beweis gegen mich aufbringen; nicht das Wort. Mein Wandel war unstraflich bis hieher. Ich habe meinen Vater stets geehrt, und geachtet seine grauen Haare. Ich habe ihm nicht den schlechtesten Pfenning entzogen, und sollte mich an dem hochsten Schmuck seines Hauses, an dem Herzen seines geliebten Weibes zum Diebe gemacht haben? Die abscheulichkeit kann nur aus dem Grunde einer verlaumderischen Brust kommen, und ich verachte sie als Mann und als Christ. Die letzte Beschuldigung endlich, ihr Herren des Vehmgedings, ist nicht minder ungegrundet. Buhlschaft unterhalten mit einer Judin, und dadurch zum Ketzer werden? Wer zeiht mich dessen? Ich habe die arme verlassne, von der Welt gehasste und verachtete Dirne in meinen Schutz genommen, ohne strafliche Absicht. Ich halte sie verborgen vor ihren Feinden, und bin frohlich, dass es mir gelungen ist. Vergebens befragte man mich nach ihrer Zufluchtsstatte. Das Lamm, das ich rettete, verkaufe ich nicht selbst den Wolfen, und ich musste mich zuvorderst uberzeugen, ob nicht hinter diesen Gewandern, die Euch, ihr Herren, verhullen, von diesen Wolfen einige verborgen waren. Verzeiht mir dieses dreiste Wort; uberfuhrt mich jedoch vom Gegentheil; und konnt Ihr mir verburgen, dass Esther, Ben David's Tochter, gehalten werden soll, wie eine ehrliche Dirne, und nicht wie ein verworfnes Thier, konnt Ihr mir verburgen, dass sie Handen ubergeben wird, die redlich und ohne Hass ihr Bestes wahren, dann erst sollt Ihr ohne Widerrede erfahren, wo sie weilt. Ich aber habe mich in Eure Gewalt gegeben, ob Ihr meinen Worten trauen wollt, ob nicht. Es ware mir nicht schwer geworden, manches Bose zu enthullen, das ich von denen erfahren, die ich verletzt haben soll, allein Rache und bose Vergeltung ist meiner Seele fremd. Ich bin ein deutscher Junge, handle schlicht und recht, und denke in dem kaiserlich freien Gericht, vor dem ich mich sonder Furcht gestellt, nicht den Stuhl zu finden, vor dem die Wahrheit flieht, und die Luge das Haupt erhebt, wie das Volk insgemein befurchtet; sondern einen Verein von deutschen Mannern, die des Konigs heiligen Namen ehren, und nicht minder den untadeligen Menschen, den Gott nach seinem Ebenbilde schuf."

Als nun der herzhafte Jungling schwieg, verbreitete sich uber den ganzen Raume eine Stille sonder Gleichen, und jeder von den Unbekannten uberlegte, ob denn Dagobert gesprochen wie ein Beklagter, oder vielmehr wie ein Wissender selbst, der den Stuhl des Grafen besteigen will. Der Freigraf hob, der Erste, wieder an zu reden, und sagte: "Gott walte, dass auf dieser Vehmstatte die Unschuld wissentlich verderbe. Der Mann, so das Reich hutet, unser gnadigster Herr und Konig hat nicht darum seine hochste Macht uber Gut, Ehr' und Leben in unsre Hand gelegt, dass wir todten sollen den Schuldlosen, und erhohen den Straflichen. Bedeutet das Schwert hier vor uns das Kreuz, an welchem der Erloser gelitten, und die Gestrengigkeit unsers Gerichts, so wie die Weide die Strafe der Bosen, um ihre Missethat; so hat uns doch der Herr die Weisheit gegeben, die das Wahre unterscheiden mag vom Falschen. Gleichwie der erste Stuhl auf rother Erde der Spiegel des Reichs genannt wird, in welchem Alles zu schauen, wie es ist; also jede Vehmstatte fur die ihr Untergeordneten durch kaiserliche Satzung. Ich finde nicht die Schuld an Euch, deren Ihr bezuchtigt worden, und die Stimmen dieser sieben Freien mogen zur Sprache kommen." Wahrend die Schoppen rings um die Tafel leise ihre Entscheidung dem Freigrafen mittheilten, bemerkte Dagobert, dass in einer Ecke, halb von einer vorspringenden Saule verdeckt, einer der Verhullten sich wie ein trostloser Mensch geberdete, das Haupt gegen die Saule stemmte, und sich nicht durch das Zureden einiger um ihn Versammelten begutigen liess.

"Die Schoppen der heimlichen Acht finden keinen Fehl an Euch;" begann der Freigraf feierlich, "und damit Ihr sehet, dass wir redlich richten, sonder Willkur und Minne, so rufe ich den Wissenden, Euern Klager vor die Schranken, hiemit zum ersten, zweiten und dritten Male." Der Verhullte, von dem fruher gesprochen, wankte heran, umgeben von seinen Begleitern. "Schoppe;" sprach der Freigraf ernst: "wir finden Eure Klage ungegrundet. Wollt Ihr sie beschworen auf Euern Eid, oder beweisen, dass Ihr den beklagten Mann ergriffen auf handhafter That? oder weiter fuhren die Klage vor die Kammer des Reichs zu Dortmund?" Der Klager schuttelte den Kopf, und sprach mit halberloschner Stimme: "Nein, mein Herr Graf. Nimmer soll das geschehen. Die schwerste Pflicht hab' ich als redlicher Freischoppe in Treuen und Wahrhaftigkeit zu erfullen geglaubt. Der Himmel will, dass ich erliege mit meiner Klage. Ich schwore nicht auf meinen Eid und meine Pflicht; denn dieser ware dann verloren, und Gott will, dass er frei ausgehe. Auf handhaftiger That hab' ich ihn nicht ergrisfen, und kann nicht Zeugniss stellen ohne Luge, und vor dem Spiegel der rothen Erde trage ich meine Schande furder nicht." Das Blut in Dagobert's Adern starrte, denn die Stimme seines leiblichen Vaters war in der des Klagers nicht zu verkennen. Gewaltsam musste er an sich halten. Als aber der Gedemuthigte fortfuhr: "So unterwerfe ich mich denn der Strafe, die des Freigerichts Ordnung selbst gegen den Wissenden verhangt, und biete meinen Hals der Weide, wie der Beklagte hatte thun mussen; ..." da konnte Dagobert nicht ferner schweigen; sondern sturzte mit dem Ausrufe: "Barmherziger Himmel! mein Vater!" gegen den Stuhl hin: "mein armer getauschter Vater sterben fur mich? O ihr Herren der Vehme! Das nicht, das nicht dem armsten betrogenen Greise, den ein grausam Verhangniss gezwungen hat, den Sohn selbst anzuklagen auf peinliche Strafe!" Der Freigraf winkte ihm Stille zu. Indem trat ein Andrer auf, dessen Rede und Geberde den Oberstrichter verrieth: "Herr Graf," sagte er: "Dieses heutige Freigeding ist merkwurdig durch den leichten Sieg, den eines Junglings beredte Zunge und scheinbare Freimuthigkeit sonder Beweise uber eines Wissenden Klage davon getragen. Jedoch; Euer Spruch, ihr Herren, ist einmal geschehen, und unumstosslich fur uns. Ubt jedoch Nachsicht gegen den Klager, der mit Ehren seit langer Frist unter uns gesessen. Seine Klage war Pflicht; eine gebotene. Die klare Wahrheit ist noch nicht am Tage. Sprecht daher kein blutig Urtheil. Es sey hinlanglich, ihn unfahig zu machen, ferner zu sitzen und zu klagen an gespannter Bank." "Diese Schande?" rief Diether heftig entgegen: "Nimmermehr! nehmt meinen Kopf, damit jener Mensch lebe!"

"Vater! Vater!" sagte hier Dagobert mit uberwallendem Schmerze: "Vater! Ihr versundigt Euch an mir. Habt Ihr denn mein Leben gewollt? O dann Ihr Herren, nehmt es hin. Nehmt es in diesem Augenblikke. Hasst mich gleich der Vater unverdient, so will ich dennoch lieber alle Missethat bekennen, die man mir aufgeburdet, und als Ketzer und Ehrenschander sterben, als dass nur ein Haar meines Vaters gekrummt, seine Ehre nur mit einem Hauche verletzt werde." "Und diesen Sohn konntet Ihr verfolgen, Schoppe?" fragte der Freigraf mit strengem Vorwurf: "Und die verderbliche Leidenschaft tobt noch in Euch? Weniger zu hassen, als zu bemitleiden seyd Ihr, ein Spielwerk in den Handen des Zufalls und falscher Freunde. Ich sah voraus, in welchen Kampf Eure Seele gerathen wurde, bei dieser unseligen Klage, die ich mit blutendem Herzen angenommen habe. Um dieses Mitleid zu uben, greife ich zu dem Mittel, das schon als ein letztes bereit lag, ware auch der junge Mann uberwiesen worden der Beschuldigung. Denn nicht solle es heissen, dass unter meinem Vorsitze der Vater den Sohn gemordet habe auf der Statte des Gerichts. Ich erklare daher unsern Spruch nicht als ein kraftig Unheil, sondern weise die Klage ab. Der Junker Dagobert Frosch ist gefreit von der Vehme. Er ist der Kirche verlobt, und schon als Cleriker zu halten. Null und nichtig ist die Freisprechung, die ihm Johannes, der Papst, zugewendet. Johann war seines heiligen Amtes entsetzt, hatte selbst die Formel der Absetzung verlesen im Concilio, und war nicht mehr befugt, ein solches Kirchenrecht zu uben. Sein Mund konnte nicht mehr losen was gebunden war durch fromme Gelubde: Dagobert Frosch, des Altburgers Sohn, ist demnach noch Priester, frei von dem Zwang der Vehme, und wir uberlassen es dem geistlichen Amte und dem Bischof, ihn zu seinen Kirchenpflichten anzuhalten, von welchen wir, da wir die Ladung gaben, nichts gewusst. Also haben wir abgeurtheilt nach altem Herkommen und Gesetzen des Kaisers und des Reichs, und zum Frommen legen wir dem Beklagten den Eid auf, geheim und hehr zu halten, was er an diesen Schranken des Freigedings westphalischen Gerichts gesehen und gehort."

Dagobert wollte zwar anfangs mit keckem Muthe widersprechen, da der Freigraf von der Nichtigkeit feiner Freisprechung durch den Papst handelte, aber der Gedanke, dass dieses der einzige Weg sey, sich und den Vater von Schimpf und Schmach zu retten, verschloss ihm den Mund. Eben so willig leistete er den verlangten Eid auf das vorgehaltne Schwert, und liess sich von dem Frohnboten wieder von dannen bringen. Der gute Mann nahm theilnehmend Abschied von dem Junkherrn, und sagte: "Ja, Herr; Gott hat es wohl gemacht; aber er erhalte uns auch noch lange den edeln Freigrafen, der selbst unter den Wissenden strenges Recht ubt. Ihr habt ihn, er Euch vielleicht noch nie gesehen, aber der gottesfurchtige Mann macht keinen Unterschied. Sie sind nicht alle so sanft und gerecht, wie Er, mein lieber Herr. Doch hier seyd Ihr unfern dem Bruckenthore. Gehabt Euch wohl. Ich muss zuruck. Es gibt noch heute eine Ladung anzuschlagen; und da der Bursche fluchtig ging, und darum der Brief an alle Warten geheftet werden muss, so haben wir, meine Gefahrten und ich der Mudigkeit noch viel, des Schlummers wenig zu gewarten." Dem guten Dagobert ging's nicht besser. Schien ihm doch die Begebenheit der Nacht nicht als ein boser Traum.

Fussnoten

1 Die judische Lehre verbietet, ein Kind zu enterben, aus welchem Grunde es auch geschehen mochte. 2 Andeutungen aus dem Talmud. 3 Reichere Juden pflegten sich aus Palastina Erde kommen zu lassen, mit welcher sie einen Polster oder ein kleines auf der Brust zu tragendes Amulet anfullten, damit sie ihnen beim Sterben unter das Haupt gelegt werde. 4 Nach den Angaben und Lehrsatzen mehrerer Rabbiner; vielleicht der schonste poetische Gedanke des Talmud. 5 Dieses Lied an den Abendstern ist wirklich ein dem Mittelalter angehorendes, welches durch seine naiven Worte einen eignen Zauber uber das Gefuhl des Lesers ubt. 6 Sprichwortl. Redensart, entsprungen dem Gebrauche, in der heil. Woche das Grab des Heilands in den Kirchen von Schulern gegen eine Vergutung an Geld und Speise huten zu lassen.

Drittes Kapitel.

In des Lowen Hohle fuhren wohl die Fusstap

fen; ... wer sagt mir aber, ob zuruck?

Fabel.

"Ihr konnt mir glauben, lieb Herrlein," sprach am andern Morgen Gerhard zu dem Sohne Diether's: "Ihr konnt mir glauben, dass ich von Herzen froh bin, Euch wiederum zu sehen, lebendig anzutreffen, und erlost aus den Klauen des schwarzen heimlichen Gesindels, ob mir gleich ein schones Ross dadurch entgeht, und Ihr nicht einmal meiner Neugierde etwas von der Historie, die druben vorgefallen ist, zum Besten geben wollt." Aber dennoch bin ich nichts weniger, denn zufrieden mit Euch, und ich mochte ausrufen, so oft ich Euch ansehe, wie Ihr da sitzt, trub vor Euch hinstarrend und wortkarg: "Wo sind sie hin, die Tage von Costnitz? und wie bedaure ich es, dass sie von hinnen gerauscht sind. Und noch mehr: wo sind sie hin, die A b e n d e von Costnitz, wo wir andres zu thun hatten, als der Vehme unsere Reverenz zu machen? Damals bluhtet Ihr wie ein Borsdorferapfel, und ich war mit meinem Fett zufrieden; heute seht Ihr blass, und mein Wamms wirft, Dank der Atzung im Oberstrichters Hause, verdriessliche Falten. Damals gleiteBissen, lecker bereitet und hungrig verschlungen; heute schenkt Ihr nicht einmal einen Blick den herrlichen Fleischschnitten und dem Wurztrunk, mit welchen Euch der freundliche Wirth vom Einhorn zum Fruhimbiss bedacht hat; geschweige, dass Ihr noch so viel Gastfreundschaft bewahrt hattet, mich an Eurer Statt zum Mahle zu laden."

Der Edelknecht wartete ubrigens die Einladung nicht ab, sondern griff nach dem Becher und nach dem Messer. Dagobert nickte ihm halblachelnd zu, und sagte: "Nur zu, altes Sieb; nur zu. Ich gonne Dir's von Herzen, und wurde selig und vergnugt seyn, konnte ich Dir's nachthun. Ich hatte nimmer geglaubt, dass ich mich einst an Deine Stelle wunschen mochte; allein, alles, was ich besitze, Eines ausgenommen, gabe ich darum, konnte ich seyn ein frohlicher Thor, wie Du." "Ein Lobspruch, der mich argern konnte;" erwiederte Gerhard mit vollen Backen: "aber .... ich vergebe Euch: Ihr seyd verliebt, und der Hagel soll mich treffen, wenn Ihr nicht das Judendirnlein minnt; das wunderholde Gesicht, das wahrend der Mummerei zu Costnitz neben des vertrakten David's narbigem Gesichte aus dem Fenster sah. Ist das jedoch eine Liebe, wie sie einem kecken Manne geziemt? Lasst das Seufzen und Grameln einem siechen Weiberknecht, oder einem dunnleibigen Minnesanger; lasst es den scheinheiligen Pfaffen, die sich mit Demuth und Wehmuth, und verdrehten Augen und schmunzelnden Lippen in das Herz einer Dirne schwatzen, bis sie darin ganz unverschamt den Herrn und Meister spielen. Stillt Eure Sehnsucht und kummert Euch nicht um die Welt. Der Kutte seyd Ihr ledig, und mir zum Mindesten kommt's nicht wie eine Todsunde vor, eine hubsche Judenmagd zu lieben. Der liebe Gott hat viel Unkraut erschaffen, das demungeachtet anmuthig aussieht, und erquickt durch Farbe und Geruch." Dem Schwatzer war's gelungen, durch die dreiste Auslegung seiner Lebensweisheit dem ernsten Dagobert ein neues Lacheln abzugewinnen. "Guter Freund;" antwortete dieser: "bin ich gleich nicht einverstanden mit Deinen wilden Gedanken, die aufschiessen wie das Unkraut, so beurtheilst Du mich doch falsch. Nicht die Minne presst mein Herz, dass es seufzt, und schwerem Gebreste unterliegt. Die Minne ist's allein, die mich aufrecht erhalt, und mein Gram wurzelt nur im Vaterhause."

"Ei, so lasst das torichte Haus liegen, wo es liegt, unfern der Liebfrauenkirche zu Frankfurt am Mainstrom," meinte Gerhard: "und geht dahin, wo Euer die Stutze der Liebe wartet. Die Dinge in Eures Vaters Hause sind bose, bis auf das Fleisch hinein, wie ich wohl merke. Lasst darum Eure Hande davon; nehmt Euer Lieb, hinaus damit in die Welt, und wollt Ihr gar gewissenhaft seyn, so lasst das Magdlein taufen. Dann mag der Teufel selbst es Euch nicht rauben." "Du malst die Zukunft leicht und schon;" entgegnete Dagobert leichtern Herzens: "und wer weiss, ob ich Deinem Rathe nicht folge. Der Herzog von Osterreich-Tyrol hat wieder Friede gemacht mit dem Kaiser, und ich glaube doch, ich mochte wohl hinter seinen Alpen ein Platzlein finden, meinen Herd zu grunden; auch ohne Vatershulfe." "Ei, der Herzog soll leben!" rief Gerhard, den Becher leerend: "Ist er gleich derb wie ein Eichenknorren, so ist er doch gut wie ein Kind. Ihr wisst, wir sind zuletzt aus Feinden die besten Freunde geworden, und ich habe dem Kaiser die Pest auf den Hals gewunscht, dass er dem Herzog die Eidgenossen auf den Hals hetzte, in der grossten Noth, und Schuld war, dass die Lander im Argau, Thurgau und Breisgau zum Teufel gingen. Aber von Tyrol hielt Sigmund die grosse Nase weg, und Friedrich, wird er gleich der mit der leeren Tasche genannt, vermag es doch noch, einen Freund wie Ihr seyd, warm und trocken zu setzen." Gerhard wollte sich just noch eines Breitern uber Dagobert's hingeworfenen Vorsatz auslassen, als der Wirth des Hauses schnell hereintrat. "Denkt Euch doch, Ihr Herren!" begann er, wider seine Gewohnheit schnell und lebhaft redend: "Ein Bauersmann, der meine Kuche versorgt mit den Fruchten seines Ackers, sitzt so eben unten, und erzahlt, er sey dem Schelmenritter, dem von Vilbel begegnet, der nach Hayn zum Grafen von Katzenelnbogen ritt; einzig und allein von zwei Knechten geleitet. 'Kennst Du mich, Bauerlein?' hat er den armen Mann angefahren, der demuthig in's Wagengeleis getreten war, und sein Kapplein abgezogen hatte. Und da der Bauer bejahte, so fuhr der Ritter fort: 'Ziehst Du nach Frankfurt auf den Markt, so grusse mir die Herren auf dem Romer, und lade sie in meinem Namen ein nach Erlebach fur diesen Abend. Meine Buben, die wilde Jagd aus der Wetters, feiern heute dort den Kirchweihtag, und ich will noch selbst darauf den Reigen eroffnen, trotz meinen alten Beinen.' Nachdem er diesen Spott von sich gesprudelt, hieb er den Bauer mit der Peitsche uber den geschornen Kopf, dass er taumelte, und die Knechte warfen ihn aus Muthwillen in den Graben, dass all die Waaren, die er im Korbe trug, verdorben im Morast lagen. Sagt nun, ihr Herren; war's wohl gerathen, den Herren auf dem Romer die Mahr anzuzeigen, dass sie den Erlebachern Hulfe schicken, die der Wuthrich gewiss heut Nacht mit Brand und Mord bedroht?"

"Thut wie es Euch gefallt, guter Wirth;" erwiederte Dagobert: "viel helfen wird's jedoch nicht, wenn auch der Rauber in seinem Ubermuth, frech genug die wahre Farthe verrieth. Die Herren des Raths sind unschlussig, uneins, und ich denke wohl, dass meine Schwester graue Haare haben, und Euer Gast, der Kaufdiener verhungert seyn wird, wann einmal der Beschluss herauskommt, ernstlich auf deren Befreiung zu sinnen." Der Wirth begab sich, durch Dagobert's Worte unschlussig geworden, kopfschuttelnd hinweg, und der junge Altburger sprach munter und eilig zu dem Edelknecht: "Glaubt Ihr wohl, dass diese Kunde mich wieder aufregte zum Leben? Ihr habt Recht: Trubsinn und Schwermuth machen uns bresthaft, ohne zu helfen. Mannlich Wollen und Thun gibt uns hingegen neue Kraft. Ich liebe meine Schwester nicht; weiss Gott, ich musste es lugen, allein das erneuerte Angedenken an ihre schmahliche Haft emport mich; nicht minder die Saumseligkeit des Raths, der mit Drohungen stets, zur That aber selten gerustet ist. Lass uns die Vollstrecker des Befehls werden, den die Burgermeister geben werden, wann es zu spat seyn wird. Mich drangt es ohnehin, diese Mauern zu verlassen, die mir vorkommen, wie ein Grab meiner angebornen Frohlichkeit. Lass uns reiten, und auf dem Wege nach Hayn in Hinterhalt uns legen. Ich will doch auch einmal versuchen, wie sich's thut, wenn man auf der Landstrasse den Feind niederwirft, und will's Gott, muss Bechtram unser seyn, ehe noch die Sonne im Mittag steht. Er wird sich fordern im Geschafte mit dem Grafen, um rasch wie der Blitz am hellen Tage noch an unsrer Stadt voruber zu ziehen, und Abends bei seinen Gefahrten zu seyn; denn einen blutigen Tanz hat er sicher vor, wenn auch wohl nicht zu Erlebach." "Beim heiligen Martin!" rief Gerhard: "Ihr habt mir aus der Seele geredet. Ich habe ohnehin mit dem alten Bosewicht einen Faden vom Rocken zu spinnen. Mogt Ihr's glauben, dass der Graukopf, zur Zeit, da er noch Hauptmann der Stadt gewesen, dergestalt vom Teufel des Hochmuths geplagt worden ist, dass er es abschlug, mit mir Bruderschaft zu trinken, ... blos, weil er dem Kaiser die Sporen abgegaunert hatte? Donner und Strahl! heute ist der Tag, an dem ich ihm jene Unbill in den Bart reiben konnte. Darum, mein wackrer Geselle! auf, und nicht gesaumt. Ich will gerne ohne Trunk die Mittagshitze verwinden, wenn wir nur nicht die Gelegenheit versaumen, dem Schurken einen Stein in den Garten zu werfen, und uns dafur einen solchen bei der Stadt in's Brett zu setzen." "Das Letztere mag D e i n e Sorge seyn;" versetzte Dagobert spottisch, und rief nach Vollbrecht, um Alles ohne Aufsehen zum Auszuge rusten zu lassen. Bei dem Namen des Knechts faltete sich des Hulshofners Stirne: "War's nicht, dass wir Dreie seyen gegen Dreie," sprach er, so mochte ich wohl, dass wir den Langen zu Hause liessen. Der Anblick des Burschen demuthigt mich in etwas, denn er tragt seine Wohlbeleibtheit so stolz vor sich her zur Schau, als wollte er mir immer sagen: "Gelt, Du armer Fechtbruder; ich bin in die Pfingstwoche gerathen, wahrend Du noch immer am Aschermittwoch kauest?" "Lass den wackern Knecht ungeschoren," erwiederte Dagobert freundlich, und wendete sich gegen die aufgehende Thure. Wie staunte er aber nicht, da nicht Vollbrecht hereinkam, sondern der unerwartetste von allen Menschen: Diether der Altburger, fein Vater! Verlegen und gluhenden Antlitzes ging er auf den Uberraschenden zu, ohne eines Wortes machtig zu seyn. Der Alte, gewohnt sein Ausseres bei offentlichen Gelegenheiten und Anlassen zu beherrschen, nickte langsam grussend mit dem Haupte, und blickte auf den Edelknecht, als wollte er fragen, warum sich ein unerwunschter Dritter hier befinde. Dagobert verstand den Wink besser, als der glotzende Gerhard, und fandte ihn hinweg mit der Bitte, im Stalle nach dem Rechten zu sehen. Als nun Vater und Sohn allein waren, begann der Erste, nachdem er sich gesetzt: "Du willst fort, Dagobert?" Dieser bejahte gelassen. "So leicht also ware es Dir schon geworden, von Deiner Heimath und Deinem Vater zu gehen?" Dagobert schwieg, um sich nicht in unangenehme Erorterungen einzulassen. Diether fuhr langsam fort: "Dagobert, Du warst ja sonst ein harmloser Mensch, dessen Gutmuthigkeit, wie ein Kind, nach Allem in der Welt griff, um es an die Brust zu drukken, waren es auch Schlangen gewesen. O dieses kindliche Vertrauen kann noch nicht ganz aus Deiner Seele gewichen feyn! Das bose tuckische Schicksal kann Dich nicht so kalt gemacht haben, dass Du nicht fur die Reue eines Vaters ein Ohr, fur seine Bitte ein versohnlich Herz, fur seine zitternde, Vergebung suchende Rechte eine freundliche, offene Sohneshand hattest!"

Dagobert war auf ganz andere Reden gefasst gewesen; um so uberraschender klang die herzliche, erschutternde des Alten, unterstutzt von seiner dargebotenen Hand, von der Thrane die in seinem Auge bebte, von der schwachen Rothe, welche die Beschamung in seine blassen Mangen trieb. Auch in Dagoberts Augen sturzten Tropfen des heiligsten Gefuhls, und zu den Fussen des Vaters sank er nieder, als ob er der verlorne Sohn sey, und der Verbrechen unzahlige zu bekennen hatte. Diether war so ergriffen, dass er nicht aufstehen, den Knieenden nicht aufheben konnte, sondern bloss mit seinen Handen dessen Wangen streichelte, und Perle auf Perle in dessen braune Lokken, auf dessen Stirne fallen liess. "O, mein Sohn," sprach er nach langem Schweigen: "Du kennst meinen unbeugsamen Willen, Dir ist nicht fremd, dass ich eher in Zorn gerathe, als in Ruhrung; allein, ich fuhle, seit Gestern bin ich anders geworden. Mein Wahnsinn musste mich auf den hochsten Gipfel treiben, um zu erliegen den gluhenden Worten eines Fremden. Welche Nacht habe ich zugebracht in den quallvollsten Leiden meines Innern! Mit welcher Pein wurde ich wiedergeboren, und wie straubte sich mein eiserner Sinn gegen die Reue, welche dem Beleidigten die Hand reichen muss, ... wie wehrte sich mein Fuss gegen den ersten Schritt, welcher der Busse auferlegt ist. Endlich hat der Herr gesiegt, und mein bessrer Theil; abgeschuttelt habe ich alle Schaam, allen Hochmuth, ... und in dem Gewande der Demuth bin ich vor den Sohn getreten, um ihn zu bitten, dass er mir verzeihe, was ich schwer an ihm verschuldet, dass er mir den schimpflichen Verdacht vergebe, den ich gegen ihn gehegt, und dass er darein willige, wieder in mein verwaistes und verodetes Haus zu ziehen, geschmuckt mit der Frohlichkeit seiner fruhern Zeit, und mit ungetrubtem Vertrauen gegen einen Vater, der die noch kurze Frist seines Daseyns gerne hingeben wurde, konnte er damit die vergangenen Schreckenszeiten zuruckkaufen." "Ach, mein Vater;" antwortete Dagobert sanft und schonend: "wie weh und dennoch, wie wohl thut mir nicht Eure Rede. Wenn es mich schmerzen muss, den Vater mich anflehen zu horen, wie kaum ein reuiges Kind thun mochte, so wollte ich doch gerne aufjubeln vor Freude, dass Ihr endlich mein Herz erkannt habt, das stets rein geblieben ist, und ohne Falsch. Schier ware ich verzweifelt an der Hoffnung, mich wieder treu und liebevoll an Eure Brust legen zu durfen: ein guter Gott hat aber dafur gesorgt, dass nicht getrennt bleibe, was der Allvater gnadig zusammenfugte. Glucklich werde ich seyn, mein Vater, wenn Ihr mich wieder in Eure Arme aufnehmen wollt, und lage es an mir, Euer Leben zu verschonern ......." "Deine Rede beschamt mich immer mehr;" versetzte Diether aufstehend, und des Sohnes Hand schuttelnd: "Lass uns reden, wie es Mannern geziemt, ohne viele Worte, die nur weich machen, wo das Herz wieder stark werden soll. Wir wollen wieder Eins seyn, Freunde, gute Freunde, nicht wahr mein Sohn?" "Wahrlich, Vater!" versicherte Dagobert aufrichtig. "Wir wollen vergessen und hinter uns werfen, was unser Gefuhl beleidigt hat, und zerrissen unsre Herzen!" "Das wollen wir, Vater! Wir wollen nicht zogern, der Welt zu zeigen, dass wir uns wieder vereinigten, und ablassen von jedem Groll, den wir hegen konnten, gegen Feinde und falsche wohldienerische Freunde!" "In Gottesnamen, Vater." "Nun denn," setzte Diether hinzu: "So komm mit mir, mein Erstgeborner, mein Wiedergeborner, damit der Gang in unser Haus mir lieblicher werde, als der saure Gang hierher, wo ich den Sohn unter Fremden suchen musste." "So Ihr mir erlaubt, alsdann auf einen Ritt zu gehen, den ich nicht verschieben kann?" "Gerne, mein Sohn, Zwang soll Dich nicht drucken. Nur einen Augenblick ruhe wieder aus in meinem Hause, damit der Geist der Zwietracht vollig daraus entweiche." Sie gingen, Arm in Arm, durch die Gassen, wo alle Fenster aufgingen, und alle Hausthuren, an welchen sie voruberkamen. Der Zwist zwischen Vater und Sohn war zum Geschwatze der Stadt geworden; ihre Versohnung wurde es nicht minder. Die wahren Freunde winkten ihnen lachelnd zu, die falchen zogen sich beschamt auf die Seite, und der Schultheiss warf klingend die Fensterflugel zu, an welchen er zufalligerweise ein Zeuge dieses ruhrenden Schauspiels gewesen war. Bei dem Eintritte in das vaterliche Haus sah Dagobert den Mann ihm entgegentreten, in welchem er alsobald nachst Gott die Wurzel dieser ersohnten Vereinigung erkannte: den Predigermonch Johannes, seinen wurdigen Lehrer. "O, wie lieb ist mir's," rief Dagobert: "dass dieses weisse Friedenskleid mir entgegen kommt, und nicht die schwarze Kutte meines Ohms. Gott segnet meinen Eingang hier durch Euern Empfang, hochwurdiger Herr!" "Der Mensch ist nur ein schwaches Gefass, so lang ihn seine Begierde regiert;" erwiederte Johannes: "aber herrlich und stark, wenn der Herr ihn besucht, in seiner Gnade. Seht hier einen solchen Herrlichen und Starken" fugte er bei, indem er auf Diether deutete, der mit seligem Lacheln daneben stand, und die Hand auf Dagoberts Schultern hielt, als ob er befurchte, den Wiedergefundenen auf's Neue zu verlieren. "O mein Lehrer und Freund!" fragte Diethers Sohn: "Noch Gestern so unglucklich, Heute so glucklich in den Armen des Vaters! womit vergelte ich diese unerwartete Gnade?" "Mit Versohnung;" entgegnete Johannes, nach der Thure zeigend, durch welche sich langsam und feierlich der Pralat von Cesena herein bewegte. Das Gespreizte und Gezwungene seiner Haltung, die heuchelnde Freundlichkeit, die auf seinen Lippen und Wangen sass, wahrend der finstere Zug auf der Stirne ein still brutendes Missvergnugen verrieth, hatte den scharfblickenden Neffen sicher wieder von der geforderten Versohnung zuruckgeschreckt, wenn nicht der Monch seine Linke, der Vater seine Rechte ergriffen hatte, um ihn zu dem Eintretenden zu geleiten. Die Annaherung indessen, welche, selbst der Liebe entbehrend, durch den Einfluss geliebter Freunde dennoch nur zogernd zu Stande gekommen ware, machte sich leichter durch die salbungsvolle Anrede des Pralaten, welcher aus vollem Munde seinen Reffen ein Pax cum tibi, mi fili! entgegenrief. Der Verstoss gegen die romische Sprache, der darinnen lag, half glucklich uber das letzte Hinderniss weg, denn Dagobert erinnerte sich, in sich lachend, der Zeit, in welcher er den Ohm uber manchen ahnlichen Schnitzer aufgeklart hatte, und in diesem Angedenken an lustige Tage, gab er denn seine Hand in die feiste des Pralaten, und sagte; "Gleichfalls, lieber Ohm und wurdigster Herr! Willkommen auf deutschem Grund und Boden. Es wird Euch schwer gefallen seyn, wieder zur Heimath zu kehren, aber besser spat, denn niemals. Gott lasse Euch noch lange deutsche Luft geniessen, und uns Freunde seyn. Vergebt mir, was ich vielleicht gegen Euch gesundigt, und ich will Euch herzlich gern jenen Gang zum Cardinal vergeben." Verstummend sah der Pralat verlegen auf den Saum seines Gewandes; aber Johannes erbarmte sich seiner Verlegenheit, und brachte ihn auf einen Text, der angenehmer war, auf den Unterschied der deutschen und walschen Lebensweise. Monsignore gerieth in verwickelte Abhandlungen, und Dagobert, nachdem er, guter alter Sitte gemass, vor dem Altar des Hauses ein kurzes Gebet verrichtet hatte, machte Anstalt, wieder zu scheiden. "In Kurzem bin ich wieder zuruck," sagte er zu Diether, der ihn schwer wieder von der Seite liess: "und mir gluckt's vielleicht, etwas zu gewinnen, das Euch lieb und genehm ist, mein Vater!" "Was kann mir lieber seyn, als Deine Nahe, und die des kleinen Hans?" fragte Diether schmerzlich, sich umschauend: "So weit ich sehe durch das geraumige Haus, so fehlt doch immer die darinnen, welche fleissig hier waltete, ... eine ehrsame Hausfrau, bis mich der Satan beschlich. Nicht minder fehlt die Tochter .... ach, und diese wird immer fehlen, da ich in ihr die Schlange erkannt habe. Ich beklage nur ihr Schicksal, das meines Hauses so ganz unwurdig ist, und zu dessen Entscheidung Bitten und Dringen den Rath noch nicht vermogen konnte. Und das Kind der Unglucklichen ...."

"O schweigt, schweigt:" fiel Dagobert rasch ein: "Ihr spracht wahr, ... sie ist eine Schlange, aber d i e s e s Kind, von welchem Ihr redet, ist ihr fremd, und gerade darum, ... o mein Vater .... ich wage es nicht diese Rathsel zu losen, da ich nur einer mildern, gunstigern Zeit es vertrauend uberlasse! Dem sey, wie ihm wolle; Wallradens Haft bleibt ein Brandmal fur unsre ganze Sippschaft, wenn wir sie nicht mit Gewalt zu Ende fuhren. Dieser Pflicht gilt mein heutiger Ritt, und es wird sich zeigen, ob ich Gluck mitbringe oder getauschte Hoffnung." Zum Lebewohl reichte er dem staunenden Vater die getreue Hand, und begegnete auf des Hauses Schwelle dem kleinen Hans mit Fiorillen. "Gruss Dich Gott, Muhmlein!" rief er lustig: "Der Teufel ist mit Gottes Hulfe ausgetrieben, obgleich der Ohm noch im Oberstocke wohnt; bete fur mich, schone Bekehrte, dass der Schwarze ganzlich aus dem Wege bleibt!" Florille deutete sorglich nach der Treppe, und winkte dem Jungling Schweigen zu. "Ich sehe es gerne," sagte sie fluchtig und scheu, "dass Ihr Eure Laune wieder himmelblau gekleidet habt, aber die Vertraulichkeit, die Ihr mir zu Kostnitz schenktet, massigt vor der Eifersucht des Pralaten, und dem Ernste Eures Vaters, und den Lauerblicken des Gesindes. Ich verlange nun nichts mehr zu gelten, als eine Magd, und frage nur aus teilnehmenden Herzen nach der holden Esther, deren Haus so schmahlich zu Grunde gieng." Dagobert flusterte ihr in's Ohr, dass Esther sicher sey, und wollte fort. Da klammerte sich Hans an ihn, und fragte: "Schon wieder, lieb Bruderlein, willst Du scheiden ohne Gruss und Kuss fur den armen kleinen Hans?" "Ach, Du armer Bube!" redete Dagobert zu ihm, und zog ihn zu sich empor: "Du armes Unglucksmannlein! kannst Du mir nicht sagen, wo der rechte Johannes ist?" Der Knabe sah ihn gross an, und erwiederte: "Ich verstehe Dich nicht, lieber Dagobert. Aber in der Erde oder im Himmel muss er seyn, glaube ich." "I n der Erde, im Himmel?" versetzte Dagobert duster: "O Du sagst die Wahrheit, Du armer Bube." "Was habt Ihr denn, guter Junker?" fragte Fiorilla theilnehmend. "Du verstehst mich auch nicht, Blumchen," erwiederte Dagobert, seinen Trubsinn zum Scherz zwingend, und wollte Gott, ich verstunde mich selbst nicht, und ware noch wie wohl sonst, und konnte hier den Buben lieb haben, wie sonst, und wusste nicht .... aber wahrhaftig, ich rede thoricht Zeug, und wunsche doch nicht, dass Dein Mund meine Tollheit verrathe, meine Freundin. "Horst Du?" "Habt Ihr nicht erfahren, dass ich schweigen kann?" fragte Fiorilla entgegen: "Aber so gebt doch dem guten Jungen, der schon lange sein Maulchen spitzt, einen Kuss, bevor Ihr geht." "Das will ich;" sagte Dagobert, indem er dem Hans einen derben Schmatz aufdruckte: "Da, mein kleiner Hans! Und wenn ich wiederkehre, bringe ich Dir einen Butterwecken mit, damit Du glaubest an meine Freundschaft." "O ja," rief der Kleine frohlich hupfend: "Einen Wecken und die gute, liebe Mutter; nicht wahr, Dagobert?" "Deine Mutter? Deine gute, liebe Mutter?" fragte Dagobert schnell und uberrascht; dann setzte er mit einem stillen Seufzer hinzu: "Ja, mein Hans, D e i n e r Mutter gilt auch mein Gang. Leb' wohl!" Mit einem bittern Zug um den Mund stellte er den Knaben nieder, und eilte, was er nur konnte, dem Thore zu, unter dessen Schwibbogen Gerhard und Vollbrecht seiner harrten, denn der Mittag kam mit Macht heran. Der Hulshofner fluchte wie ein Heide uber des Junkers langes Aussenbleiben, und behauptete: entweder sey der Gaudieb schon wieder seines Wegs zuruckgekehrt, oder die Mittagssonne wurde sie verschmachten lassen, bevor sie einen dienlichen Hinterhalt erreicht haben wurden. Dagobert ermangelte nicht, ihm wie gewohnlich Trost zuzusprechen, und seinen erkalteten Eifer anzufachen. Er verhiess ihm frischbelaubte, starkschattige Eichbaume, um sich darunter zu lagern, eine kuhle Quelle, um den verdorrenden Gaumen zu netzen, und Abends, ob nun das Gelingen den Plan kronen wurde, ob nicht, etwas Besseres, als kuhles Wasser zur Erquickung. Diese Prophezeiungen willig fur ein Evangelium haltend, trabte Gerhard dem voraneilenden Dagobert nach, der, seinen Gedanken nachhangend, wenig auf die vielen Fragen des Kampfers erwiederte. Eine ziemliche Strecke von der Stadt entfernt, dem Gutleuthause gegenuber, fanden die Reiter gut, zu rasten. Aber da war nicht Eichbaum, nicht Quelle, sondern ein durrer Erdaufwurf, hoch genug, Gaul und Reiter zu verbergen, umschattet von magern Schlehenbuschen, die dem kleinsten Sonnenstrahl willig den Durchgang liessen. Vollbrecht hatte jedoch in betrachtlicher Entfernung einige Gestalten auf dem krummlaufenden Wege bemerkt, die aus dem Forste zu kommen, und Reisige zu seyn schienen. Gerhard hatte sich desshalb in sein Schicksal ergeben, in die Ginsterbusche niedergestreckt, und den Schatten seines Pferdes in Anspruch genommen. Dagobert hielt rustig und lauernd hinter den Schlehenbuschen, durch welche sein scharfes Auge, sowohl den Gayner Weg, als auch das jenseitige Ufer des Mains im Visir hatte. Vollbrecht hingegen, hatte seinen Klepper an einen Erlenstrauch geschnurt, und kroch auf allen Vieren, von Haidekraut und Dornbuschen versteckt, nach der Richtung zu, in welcher er die besagten Gestalten wahrgenommen zu haben vermeinte, um Kundschaft zu bringen, und der Erste bei der Hand zu seyn. Je weiter er auf diese Art kriechend vorruckte, je gewisser wurden seinem Blikke die Umrisse der Gestalten, und er erkannte endlich deutlich drei Reiter, von denen einer vor dem andern daherzog. Ihre Annaherung verzogerte sich indessen ausserordentlich, da ihrer Pferde Schritte bald inne hielten, bald langsam vorwarts ruckten. Lange versuchte Vollbrecht vergebens, die Ursache dieses ungleichen Rittes zu entrathseln; endlich aber bemerkte er, wie auf einem querfeldein laufenden Feldwege ein Wagen daherkam, bedeckt mit einem Segeltuche, und von zwei Pferden bespannt; ein Fuhrwerk, wie es sich die Kaufleute der Landstadte zu ihren Reisen uber Land anzukaufen pflegten. Da nun, je naher der schneckenahnliche Wagen kam, auch die Reiter je mehr und mehr inne hielten, und sich endlich an den Saum des Weges zogen, wo einige dicht verwachsene Hecken und Baume sie verstecken konnten; so zweifelte Vollbrecht keineswegs daran, dass die Herren es auf den Karren abgesehen hatten, und machte sich unverzuglich auf den schnellsten Ruckweg. Bei seinem Herrn angelangt, fand er diesen und sogar den von der Hitze trag gewordenen Gerhard schon bereit, loszugehen auf die fernen Reiter. "Es ist kein Zweifel" sagte Dagobert, nachdem er Vollbrechts Bericht angehort, "es ist kein Zweifel, dass es der alte Raubgeselle Bechtram ist, der dort hinter dem Busche lauert. Mir sagts meine Ahnung. Aber nicht minder ist kein Zweifel, dass, wofern wir nicht eilen, der Ruhm, hier den Strauss begonnen zu haben, uns entgehen werde, denn ich vermuthe, der Rath war diessmal seiner Seits auch wachsam. Dort bei den drei Buchen uber'm Main sehe ich Bewaffnete ans Ufer laufen. Sie tragen die Stadtfarbe, und ich wette, sie suchen die Furth, um ihres Wildes nicht zu fehlen. Drum frisch voran, ihr Gesellen!" Wie der Wind sprengte er den Andern voran; ihm nach trabte Hulshofens schwerfalliger Hengst, auf welchem der Edelknecht sass wie ein Mann von Erz. Vollbrecht knupfte sich den Streithammer an die Faust, und spornte seinen Klepper dergestalt, dass er nur wenig hinter seinem Herren zuruckblieb. Die Raubscene hatte schon begonnen, als die Reiter noch fern von dem Schauplatze waren. Der Besitzer des Wagens, der vollig sorglos unter dem schattigen Dache sass, ein schlichter Wollen- und Hanfhandler aus der Gegend, wurde zu seinem Schrecken von dem Anrufe der Buschklepper aus dem Schlummer geweckt, in welchen ihn die druckende Hitze gewiegt hatte. Schlaftrunken griff er mit der Rechten nach dem Haudegen zu seiner Seite, wahrend er mit der Linken, am Leitseil reissend, die muden, vom Sandweg erschopften Gaule zu einem wiewohl vergeblichen Rennen antreiben wollte. Dieser Versuch belohnte sich aber schlecht. Ein grausamer Stich streckte das Leitpferd nieder, und ein gewaltiger Hieb lahmte den Arm des unglucklichen Kaufherrn. Der Wagen hielt. Machtige Fauste langten unter die Decke, und zogen den von Schmerz halb ohnmachtigen Eigenthumer hervor in's Freie, warfen ihn unter den Wagen, wie ein unnutzes Stuck Holz. Der Arme konnte diese Misshandlungen nur mit einem angstlichen Gewimmer erwiedern, das die Unmenschen verlachten, die sich alsobald an die Beraubung des Wagens machten. Die Bundel und Packe, die darin aufgeschichtet lagen, schienen ihnen theils zu gering an Gehalt, theils zu unbequem zum Fortschaffen, und so eben rissen sie unter den grimmigsten Drohungen den Kaufmann in die Hohe, um ihn nach Geld zu durchsuchen, oder ihn zu zwingen zu gestehen, wohin er sein Geld verborgen habe, als der den Befehl fuhrende Ritter einen Blick in die Hohe warf, und zu seinem Missverguugen wenige Pferdslangen von der Statte entfernt, drei Reiter ersah, die gerade auf ihn und seine Leute losrannten, mit unverholner drohender Geberde. "Hagel! Strahl und Pestilenz!" schrie er: "Auf, ihr Buben, schlagt den Hund vor den Schadel, und setzt Euch zur Wehre! Frisch, auf die Schurken dort!" Zum Gluck fur den Kaufmann, der unter dem Eisen der Knechte sein letztes Stundlein mit Zittern und Zagen erwartete, waren die Retter schnell da, wie Gottes Blitz und seine Gerichte. Gezwungen, sich vor den einhagelnden Hieben zu schutzen, und zum Beistand ihres Herrn angerufen, liessen die reisigen Knechte den Misshandelten ledig, und das Handgemeng begann zu wuthen. Dagobert war auf den Ritter losgesturzt, und beschaftigte ihn mit blitzschneller Klinge, wahrend Gerhard einen nach dem Andern von den Knechten vom Gaule rannte, durch die Wucht seines Ansprengens allein. "Gib Dich, grauer Raubknecht!" donnerte er hierauf dem Herrn von Vilbel zu, und hieb ihn mit der flachen Klinge auf die Faust, dass er des Pferdes Zugel fahren lassen musste. "Kreuz, Stein und Strahl! Vermaledeiter Hulshofen!" fluchte Bechtram, und Dagobert riss ihn vollends vom Pferde. Der alte Raubgeselle wehrte sich noch am Boden, wie verzweifelt, aber sein Grimm erstarb in Ohnmacht, und Thranen der Wuth perlten in seinen grauen Bart, da er seine Hande gebunden, und sich aller Waffen beraubt fuhlte. Die Soldner der Stadt, die mittlerweile uber den Strom gesetzt hatten, machten vollends reine Arbeit und knebelten die beiden Knechte des Stegreifritters. "Ritterliche Haft! ritterliche Haft!" bat der uberwundne und gedemuthigte Bechtram, die gebundnen Hande zu Gerhard und Dagobert aufhebend. "Den Teufel auf Deinen Schurkenschadel!" antwortete ihm der Hulshofen: "Ich will Dich lehren, wackern Kampen die Freundschaft zu versagen, hochmuthiger Dieb! Sieh her, wie Du den armen Mann zugerichtet hast; setzte er hinzu, auf den Kaufmann zeigend, der sich muhsam herbeischleppte: armer Heinz Duke! wohl erkenne ich Dich in dieser Jammergestalt. Ich habe schon manches Wollenwamms bei Dir gekauft und auch manches geborgt. Stehe ich allenfalls noch auf Deinem Kerbholze, so kannst Du mich dieses Dienstes wegen ausloschen, und Dir die Freude machen, aus Deinem schonen Hanf einen Strick fur diesen Buben zu drehen, der ihm fein und glatt zum dikken Halse stehen soll."

"Niedertrachtiger Klopffechter!" schnaubte Bechtram wild, und dieses Wort ware mit einer entsetzlichen Misshandlung bestraft worden hatte sich nicht Dagobert des Gefangenen angenommen, den Uberwindern Massigung gepredigt, und darauf gedrungen, schnell nach der Stand zuruckzukehren mit der guten Beute. Seine Worte wurden befolgt, Ritter und Knechte auf die Gaule geschnurt, und Reiter, Fussknechte und Wagen zogen bald wie stolze Sieger in der wichtigsten Fehde in Frankfurt ein. Der Jubel des Volks donnerte auf allen Gassen, da es den gefurchteten Feind in seiner Gewalt sah, und Dagobert's, wie Gerhard's Namen schwebten gepriesen und erhoben zum Himmel auf allen Zungen. Sogleich versammelten sich Burgermeister, Schoffen und Rath, und der Schultheiss, an der Spitze der gesammten Vater der Stadt, musste, so schwer es ihm auch wurde, dem verhassten Sohne Diether's den Dank der Burgerschaft verheissen. Diether umarmte seinen Dagobert mit der Liebe, die den Knaben in's Leben geleitet hatte, und rief: "Ja, Du bist ein treuer Mensch. Die Feindin zu retten, wagst Du Dein Leben!" "Die Feindin?" fragte Dagobert wehmuthig entgegen: "Verhut' es Gott, Wallrade ist meine Schwester, aber unwurdig leider unsers Namens. Ich hasse sie jedoch nicht, und wurde, sie zu befreien, wohl noch mehr thun, als einen Rauber niederwerfen." Dieser Rauber war ein Felsen von Verstocktheit. Sein Laugnen, sein Hohn gegen die Vorwurfe, mit welchen ihn des Raths Vorsteher uberhauften, seines Treu- und Friedensbruchs wegen, uberstieg an Frechheit Alles, was man bisher aus Raubersmund vernommen hatte. Seine Knechte, in der Schule des Verbrechens gross gezogen, folgten dem Bespiele ihres Gebieter, bis der Oberstrichter ihnen mit der Folter drohte, und zum Beweise, dass er es ernstlich meine, die schrecklichsten Folterwerkzeuge herbeibringen liess. Dieser grausenvolle Anblick erschutterte die Standhaftigkeit der Reisigen; sie wankten, liessen nach von ihrem Starrsinn, und bekannten endlich unter der Bedingung, ihr elendes Leben zu behalten, eine Unzahl von blutigen Thaten und Raubfreveln, die ihr Brodherr binnen der letzten Frist verubt hatte. Keine Schandthat war zu denken, die nicht von Bechtram und feiner wilden Jagd begangen worden ware, und der graue Sunder erblasste selbst, da man ihm die Litanei seiner Bubenstucke vorhielt. Sein Trotz und Ubermuth verwandelte sich, da er seine Helfershelfer von ihm gewendet sah, in plotzliche Muthlosigkeit, und in eine finstre Ahnung des Schicksals, das ihn betreffen mochte. Unter solchen Umstanden wurde es dem Oberstrichter leicht, noch in der Nacht desselben Tages das Bekenntniss von ihm zu erringen, dass Wallrade und der Kaufdiener Schwarz und noch einige andere arme Leute in seinem Raubneste gefangen gehalten wurden; ... und die Furcht vor einem schmahlichen Tode, die Hoffnung, Leben und Freiheit zu erhalten, bewog den an der Vorsehung und seinen Freunden Verzweifelnden, an seine Hausfrau folgende Zeilen zu schreiben: "Der ehrbaren Else von Vilwyl, meiner lieben Hausfrauen, meinen freundlichen Gruss zuvor. Liebe Hausfrau! ich lasse Dich wissen, dass mich die von Frankfurt gefangen haben; darum befehle ich Dir, die Gefangenen von Stund an laufen zu lassen, weil ich gefunden habe, dass ich nichts mit ihnen, noch sie etwas mit mir zu schaffen haben. So Du das thust, ist mir's lieb. Gegeben unter meinem Insiegel. Zum Wahrzeichen schicke ich Dir Deinen eignen Siegelring. Bechtram von Vilwyl, Ritter."

Dieser Brief, die Befreiungsurkunde der in Haft gehaltnen, war geschrieben, aber der Bote fehlte, welcher ihn uberbracht hatte, indem die Harte und grausame Rohheit der Frau von Vilbel, wie der Genossen des Ritters im ganzen Gau bekannt war, und selbst der Entschlossenste den Tod furchtete, als sichern Lohn der Botschaft. Vergebens befahl der Rath: seine Diener meinten, ihr Leben kame nicht wieder, wenn man auch den Bechtram alsdann der Rache opfern wollte, und Geld und Versprechungen bewogen keinen, nach dem ubelberuchtigten Schlosse Neufalkenstein zu reiten. "Schande genug fur so viele im Kriegshandwerk ergraute Leute!" schalt Dagobert, da er diese unaufhorlichen Weigerungen erfuhr: "Gebt mir Brief und Ring, und ich hole die Gefangenen unversehrt aus der Hohle des Wolfs. Trifft mich dabei ein Ungluck; nun, so lasst eine Messe fur meine Seele lesen, und damit gut. Es soll nicht gesagt werden, dass sich in ganz Frankfurt kein Mann gefunden, der es gewagt hatte, den Raubern in das Weisse des Augs zu sehen." Auf dieses kecke Anerbieten hin, fanden sich Viele, die nun das Wagstuck unternommen hatten, allein Dagobert blieb fest bei seinem Begehren, und der Schultheiss unterstutzte es, gegen alle Einwendungen des Vaters und der Freunde des Junglings. Dagobert erkannte wohl den bosen Sinn seiner Worte und Bemuhungen, freute sich aber ihrer Unterstutzung und ritt von dannen, geleitet von Vollbrecht und einem Trompeter der Stadt, als ob er zu einem frohlichen Kirchweihfeste geladen ware. "'s ist doch mein alter boser Fluch," brummte er lachelnd vor sich hin, "dass ich immer wie der ew'ge Jude umherziehen muss im Lande, und die Pfoten in's Feuer stecken fur Leute, die mich vergiften mochten; aber, was thuts? Mit meinem Frohsinn wachst meine Zuversicht, und meine Lust, jedem zu helfen, der meines Diensts begehrt. Mit dem Vater habe ich mich versohnt, und das ist denn doch die Hauptsache. Mutterlein und Bruder Hans im Himmel werden mich dafur segnen, und es nicht ubel nehmen, wenn ich mich auch um die entartete Schwester, um die verirrte Stiefmutter bekummre, und den armen kleinen Hans nicht aus dem Hause stosse, wenn er gleich nicht hinein gehort. Seine Mutter ist ja doch unser eigen Blut. Frisch also vorwarts! Ich gehe auf dem Wege des Rechten, und darf mich nicht furchten; wartet doch meiner Segen, und ein freundlicher Blick aus Esther's holdem Auge."

Das Bild der Lieblichen, das in ihm emporstieg, machte ihn selig, aber traurig zugleich. Denn ob er gleich, nach langem Widerstreben seiner Liebe zu dem Madchen so klar bewusst geworden, dass er sie nicht mehr laugnete, so war ihm doch das Ende, welches dieses Gewirr von Begebenheiten nehmen wurde, nichts weniger als klar. Denn, wenn seine Zartlichkeit sich auch uber die Vorurtheile der vornehmern Stande hinwegsetzte immer riss sich eine unubersteigbare Kluft zwischen ihm und Esther auf. Ihr Vater trat immer dazwischen, wie ein storender Geist, und diesem Mann hatte er jetzt selbst den Aufenthalt seines Kindes verrathen, ... diesen Mann war er gewiss, bei Esther zu finden. Wie wurde sich alles entwickeln, wie sich losen? Esther mit sich vereinigt zu denken, schien ihm vom Schicksale zu viel gefordert. Eine Trennung von ihr? Ach, wie weit schob seine sehnsuchtige Liebe diese Moglichkeit in den fernsten Hintergrund der Zukunft!

Neufalkenstein ragte vor ihnen empor im Mittagsglanze. Der Wachter auf dem Wartthurme blies aus Leibeskraften sein Horn, da der Trompeter der Stadt die Annaherung eines Besuchs verkundigt hatte. Ein unruhiges Hin- und Herlaufen im Zwinger wurde durch die Fensterlucken und Schiessscharten der Mauer bemerkbar, und eine Stimme rief durch das Gitter am Thorbogen den jenseits des Grabens haltenden Reitern zu. "Ich habe eine Botschaft zu werben bei der Frau von Vilbel!" antwortete Dagobert: "im Namen der freien Reichsstadt Frankfurt." Frau Else ist krank, lautete die Gegenrede. "Thut nichts; ich werde nur wenig mit ihr sprechen, und nur einen Brief ubergeben." Die Stimme innerhalb dem Thore verstummte, und die Boten der Stadt harrten lange vergebens. Indessen waren auf dem Wartthurme Leute erschienen, unter ihnen ein Frauenbild mit wehendem Schleier, das starr und unverwandt auf Dagobert und seine Begleiter herniedersah. "Wenn die Sonne mich nicht blendet," sagte Vollbrecht, "so ist das Frauenbild Eure Schwester, Herr. Sie tragt dasselbe Kleid, in welchem sie von Frankfurt abfuhr, da Ihr mich auf ihre Spur sandtet." "Sie lebt also! sie lebt!" jauchzte Dagobert: "Ich werde ihr mit Gutem vergelten konnen, was sie Boses an mir versucht." So eben klirrte die Zugbrucke wieder, und des Thores Flugel offneten sich. Vollbrecht wollte seinem Herrn folgen, aber dieser wies ihn zuruck. "Bleibe hier bei diesem Manne," sprach er: "bleib' ich aus, so meldet's zu Frankfurt, und Du, mein Vollbrecht, sagst es an in der Forsthutte zu Durningen. Gott befohlen indessen." Gelassen und stolz ritt er uber die Brucke durch das Thor, und rief hier freierlich aus vor dem Haufen Bewaffneter, die ihn umgaben: "Ich bin ein Herold und unverletzlicher Bote der Stadt, und, so ihr ein Haar krummt auf meinem Haupte, sage ich diesen Mauern Brand zu, und Euch allen, die da halfen, den Tod auf dem Rade." Als er nach diesem Eingange sich vom Ross geschwungen, so bemerkte er wohl, wie unnothig seine Drohung gewesen sey, denn bleiche Gesichter standen um ihn her; kein Trotz war in der Mienen zu schauen, sondern eine wilde Angstlichkeit, eine Unruhe, wie sie Verbrecher vor dem Gange zur Strafe zu uberfallen pflegt. Am Thore des innern Hofes empfing den Jungling Frau Else mit rothen Augen und kraftlos einherschreitend, die machtige Frau. Kaum vermochte sie sich den Schein der stolzen Gebieterin zu geben, die des Boten Gewerbe gleichgultig erwartet; aber auch dieser Schein verging, als Dagobert ihr den Brief verlesen, und den bewahrheitenden Ring uberreicht hatte. Ihre Kniee zitterten, wie ihre Lippen. "So ist es denn sicher und gewiss," sprach sie zu dem alten Doring, der neben ihr stand. "Ich konnte es bis jetzo noch nicht glauben. Mein Alter in den Handen der Frankfurter! Sprecht, Doring, ... was soll ich thun?" "Befolgen, was er Euch befiehlt;" erwiederte der Alte, dem die Augen feucht geworden waren: "Gebt frei die Gefangenen, damit Euer Herr lebe und frei sey. Zogert nicht." "Alsobald;" versetzte die Frau, und suchte an ihrem Schlusselgebunde die Schlussel zum Thurme, und konnte sie lange in der Verwirrung nicht finden.

"Nicht wahr," fuhr sie weichmuthiger, denn je fort, als Doring mit den Schlusseln hinweggegangen war: "nicht wahr, Bechtram wird nicht sterben, da ich thue, was Er und Ihr verlangt. Nicht wahr, mein guter Herr! Ihr versprecht mir das?" "Wie kann ich das, gute Frau?" fragte Dagobert, den die Erschutterung dieses mannlichen Weibes nicht unbewegt liess: "Unsre Herren zu Frankfurt haben daruber zu richten, doch werden sie milde seyn, denke ich." Wallrade flog herbei, und umarmte den uberraschten Dagobert wie den herzlichsten Freund. "Willkommen, Bruder!" rief sie mit der Freundlichkeit der Schlange: "Willkommen hier als Bote der Erlosung! Auf Dich habe ich gehofft, auf Dich gebaut; von Dir meine Rache erwartet. Der Gatte dieses schandlichen Weibes, auf Else deutend, ist gefangen, wie ich vernehme, und sein Tod ist unsre Freiheit. Dank dem Himmel!" "Ha!" fuhr Else, durch die boshafte Rede des Frauleins gereizt, empor: "Wenn ich das wusste! wenn er sterben musste, trotz Eurer Loslassung! Erwurgen liess ich Euch zur Stelle, und diesem Boten das Haupt abschlagen, als vorausgenommene Rache." Der herbeigekommene Conrad Schwarz, sammt einigen Bauern, die in Neufalkensteins Kerker gesessen hatten, sammelten sich erschrocken um den furchtlosen Dagobert; denn sie hatten die in Wuth auflodernde Frau schon kennen gelernt. Wallrade hielt sich zitternd an seinen Arm. Er machte sich aber ruhig los von der Falschen, und erwiederte Frau Elsen: "Versuchts, mein Amt zu verletzen, und erwartet alsdann die furchterlichen Folgen." "Was konnte denn noch Schrecklicheres kommen, wenn Bechtram verloren ware?" klagte Else mit dumpfem Tone: "Wir sind so lange zusammen gegangen; uber dreissig Jahre sind's, haben Freud und Leid, Ehr' und Schmach getheilt und getragen. Wahnsinnig musste ich werden, ginge er vor mir heim wie ein schimpflicher Verbrecher, ... und noch einmal ... wusst' ich's im Voraus, ... weder das bose Fraulein hier, noch Ihr, der Bruder, trugt Eure Kopfe ganz hinweg!"

"Lass uns gehen, mein Bruder;" drang Wallrade in Dagobert: "lass uns gehen. Hore nicht auf die Worte des Weibes. Komm." "Alsobald, mein Fraulein;" antwortete Dagobert kalt. "Erlaubt nur, dass ich zuvor Frau Elsen auf das Ernstlichste befrage, ob kein Gefangner mehr in der Veste Verborgen?" "Else schuttelte schweigend mit niedergeschlagenem Blicke das Haupt." "Keiner, keiner, mein Bruder!" antwortete fur sie und ungestum Wallrade: "Komm, lass uns eilen!" Indessen hatte ein junger Knecht dem muthigen Dagobert zugeflustert, er moge nicht glauben; es sey noch eine Frau im Schlosse verborgen. Dagobert fragte unerschrocken nach der Versteckten. Wallrade, roth vor Zorn und Ungeduld, bestritt einstimmig mit Elsen die Forderung des Bruders. Dagobert stellte den Laugnenden den Knecht gegenuber, nachdem er ihm Freiheit und Leben zugesichert. Verrather! herrschten nun diesem Elsens Lippen entgegen, und auch Wallradens Munde entfloh eine leise Verwunschung.

"Was soll dieses verstockte Lugengewebe?" fragte Dagobert, als sey e r der Herr Neufalkensteins: "Denkt Ihr mit mir und meinem gnadigen Herrn ein frevelnd Spiel zu treiben? Zittert: ihr mochtet es bereuen. Eine kleine Strecke von hier rastet ein Fahnlein gut Bewaffneter. Glaubt Ihr denn, ich hatte mich allein in Euern Schlupfwinkel gewagt, dass Ihr meinem Begehren solch unverschamten Widerstand geleistet? Heraus an's Tageslicht mit der Unglucklichen, die Ihr verborgen haltet; heraus, oder das Spiel endet sich mit Euch nicht gut." "Waren nur der Hornberger und Eppensteins Wolf zugegen, Ihr solltet bald zahm werden!" murmelte Henne von Wiede grollend. "Gewiss die saubern Gesellen, die gestern Nacht zu Erlebach brannten, sengten und plunderten, wie gottvergessene Heiden?" fragte Dagobert wild entgegen: "Die Missethater entlaufen ihrem Galgen nicht. Ihr rettet aber Euern Herrn, wenn Ihr ohne Widerrede bekennt, und heraus gebt, wen Ihr widerrechtlich zuruckzuhalten Lust bezeigt." Else schwieg noch unentschlossen; da drangte sich aus dem Haufen der Burgleute der Leuenberger vor, mit seiner gewohnten Frechheit gerustet, und seine Unverschamtheit gleichsam uberbietend: "Thut nicht so patzig, Neffe!" rief er: "Auch den Heroldsrock sammt dem Herzen darunter, zerreisst mein Stahl, wenn's nothig ist. Hier aber habt Ihr eben so wenig Recht, das Wort des Herrn zu fuhren, als wir der Heimlichkeit bedurfen, um u n s e r Recht darzuthun. Das Weib, das hier zuruckbleiben muss, wird, und sogar w i l l , ist meine Schwester, Eures Vaters Frau, die er schandlich aus dem Hause hat gestossen, er der Kramer, eine adeliche Leuenbergerin. Schutz hat sie bei mir gesucht, und bei Pest und rothem Hahn; ich will sie schirmen wie der Vogt das Kloster. Euere Schwester nehmt immerhin mit Euch; sie ist eine Hexe, die den Klugsten kirre macht, und hinterher verlaumdet. Ihre Schlangen hatte mir fast das Leben gekostet. Fort mit ihr; aber Margarethe bleibt bei mir." "Frau Margarethe hier?" fragte Dagobert staunend: "Margarethe hier in Haft? Wenn Euch Euer Leben lieb ist, gebt sie heraus." "Das Weib geht mich nichts an," erwiederte Else trotzig: "Der Bruder hat Gewalt uber die Schwester." "Der Mann hat grossre uber sein Weib!" versetzte Dagobert: "Gebt sie heraus, die Hausfrau eines Altburgers von Frankfurt."

"Der Teufel hole Frankfurt, seine Burger und alle leichtfertige Waare, wie Wallrade ist!" fluchte der Leuenberger: "Neffe, reizt mich nicht. Meine arme Base ist schon von Eurer Schwester in's Grab geargert worden. Meine Schwester soll nicht zu Grunde gehen in Euern buhlerischen Armen, denn nur fur Euch gedenkt Ihr sie heimzufuhren!" "Verdammter Hund!" brach Dagobert los, und griff nach dem Schwerte. Die Schaar von Taugenichtsen gerieth in Bewegung; Veit zog seine Klinge blank und Frau Else schrie Zeter. "Mord und Tod!" rief sie wild: "Seht, wie der Herold selbst sein Recht verletzt. Thor zu! Brucke auf! Geht dem Frankfurter Wichte zu Leibe!" Da Veit seine aufmahnende Stimme mit der ihrigen vereinte, schickten sich die Knechte willig an, Folge zu leisten. Einer der entfernt Stehenden langte die Armbrust vom Haken und zielte auf den in den Sattel gesprungnen Jungling, um welchen sich das Hauflein der wehrlosen Gefangenen drangte, das von ihm Rettung und Befreiung erwartete. Der heimtuckische Schutze fehlte jedoch sein Ziel, da ein schnell Herbeikommender ihm mit aller Gewalt die Waffe aus der Hand schlug: "Schurke!" rief er: "hute Dich vor Meuchelmord, und Ihr, Frau Else, gedenkt Euers Herrn und seines Schicksals, das auf der Spitze einer Nadel wirbelt. Kommt herzu, ehrsame Frau," setzte der Mann bei, indem er ein bekummertes Weib in die Mitte der emporten Streiter leitete: "stiftet Ihr den Frieden, und endigt durch Euern Ausspruch diesen Auftritt, der dem Rasenden hier nur Gefahr bringen wurde, und den ich ferner nimmer ansehen kann." "Graf von Montfort!" rief Dagobert mit dusterm Blicke: "wie kommt Frau Margarethe zu Euerm Schutz? Ich bekenne, dass Ihr Euch der Weiber unsers Hauses allzusehr annehmt, wenn Bechtram wahr sprach, als er Euch den Stifter des Raubes an dieser hier" auf Wallraden zeigend "nannte." "Wahr sprach er!" fiel Wallrade giftig ein: "dieser unedle Rittersmann befahl den Frauenraub, und kam selbst, an meiner Qual sich zu weiden, und mich mit seinen unziemlichen Wunschen zu verfolgen." "Das Letztere ist Luge," versetzte Montfort: "das Erstre laugne ich nicht und bereue, dass ich, von der Leidenschaft des Hasses und der Rache geblendet, unedel an der Nichtswurdigen handeln konnte, und in Gemeinschaft treten mit dem rauberischen Bechtram, dessen Schandgewerbe mir erst klar wurde, da ich in das Junre seiner Wohnnug trat. Seinen Dienst bezahlte ich mit meinem Golde, und Euch, mein kuhner Degen, biete ich Vergeltung im ehrlichen Zweikampfe, damit mein Schild rein werde von der bosen That. Jetzo aber entscheidet rasch das Schicksal dieser Allen, und nehmt sie fort mit Euch." Dagobert antwortete ihm nicht, sondern heftete den Blick auf Margarethen, die wie eine ergebne Dulderin da stand, mit gerotheter Wange und fliegendem Busen. "Den will ich sehen, der mir die Schwester raubt;" sprach Veit frech und kuhn: "ihr eigner Wille ist's, zu bleiben." "Wie, ehrsame Frau?" fragte Dagobert staunend: "Spricht der Mensch die Wahrheit?" "Der Wille, recht zu handeln," entgegnete Diether's Gattin, "hat mich aus meines Herrn Hause gefuhrt und in dieser Leute Hand gegeben. Ich furchte jedoch, ich darf nimmer wiederkehren zu meinem Herrn, und eh' ich der unverdienten Schande mich uberlasse ....." "Eher wolltet Ihr dem Strassenrauber folgen?" fragte Dagobert ernst: "Mutter, das sprach nicht Euer g u t e r Wille, und um den bosen Geist zu bannen, schwor' ich's Euch, Ihr werdet offne Arme in Euerm Hause finden." "Dann, ja dann ..." lispelte Margarethe uberrascht und zogernd. "Nichts dann! nimmer dann!" fiel Veit brausend und tobend ein: "Pest und rother Hahn! Eine Leuenbergerin wieder zuruckkehren zu dem Ellenprinzen, gleichsam wie in Sack und Asche? Des Todes ist der Bube, wenn er nur Deine Fingerspitze beruhrt, wankelmuthige Grete." "Der Leuenberger hat Recht," schrie Else dazwischen; "und ich bin die Herrin auf Neufalkenstein, und ehre wohl den Herold der Stadt Frankfurt, aber den ungeschliffenen Gast, der in meines Hauses Rechte greift, lass ich in's Verliess werfen. Thor zu! Brucke auf, sage ich noch einmal!" Nun eilten die Knechte, den Befehl zu vollziehen; Montfort sprang jedoch zwischen Veit, welcher Margarethen mit sich fortreissen wollte, und Dagobert, der wuthend wie ein Lowe unter das Gesindel sprengen wollte. "Weib!" rief er der zornrothen Else zu, die so eben dem verratherischen Knecht den Strang zum Lohne verhiess: "Weib! Du selbst bringst Deinen Mann unter das Beil des Henkers!" und in demselben Augenblicke liessen sich schmetternde Trompetenstosse vor der Burg vernehmen, die von einigen Hornern in der Ferne beantwortet wurden. Diese kriegerischen Tone, Dagobert selbst unerwartet, machten auf die Burgleute den Eindruck wie Posaunen des letzten Gerichts. "Ihr bringt uns alle auf's Blutgeruste!" brullte Doring dem erstarrenden Leuenberger zu: "Der Bursche hat nicht gelogen. Draussen liegen die Helfer, und wir sind verloren, ein schnell uberwundnes Hauflein. Lasst das Weibsbild ziehen, und rettet Eure Haut!" Veit liess es geschehen, dass Montfort die frohlockende Margarethe an Dagobert ubergab, und Else weigerte sich eben so wenig, die Wiedereroffnung, des Thors zu befehlen. Die Gefangenen zogen aus, und Wallrade fuhlte die Demuthigung, sehen zu mussen, wie Dagobert Margarethen auf sein Pferd hob, und dasselbe am Zugel fuhrend, neben herging, ohne einen Blick, ohne ein Wort ihr, der Heuchlerin, zu schenken. Frau Else sank, in ohnmachtigem Grimm und banger Ahnung vergehend, trostlos, am offnen Thore nieder, den Abziehenden nachstarrend, und ein Gebet fur ihren Gatten versuchend; der Leuenberger rennte im Hofe wie ein hintergangner Teufel auf und nieder; die Knechte glotzten unmuthig und leise fluchend dem Zuge nach, und sandten, da derselbe schon ferne war, noch einige Bolzen und Steine hinterdrein, die jedoch ihr Ziel nicht erreichten. "Wir sehen uns wieder," hatte Montfort beim Scheiden zu Dagobert gesagt: "und dann stehe ich Euch Rede!" Wallrade hatte ihm einen vernichtenden Giftblick zugeworfen und schritt verdrossen neben Dagobert hin. In kleiner Entfernung kamen den Befreiten Vollbrecht und der Trompeter entgegen, und jubelten, Dagobert gesund und unversehrt wieder zu erblicken. "Wahrlich," sprach der Knecht: "wir hatten Angst, da die Zeit verrann und Ihr nicht wiederkehrtet. Und als nun vollends die Brucke aufflog, glaubten wir Euch hingemetzelt und sprengten fort. Doch, kaum an jenes Tannengehege gelangt, ersehen wir eine Schaar von Gerusteten, die eilig heranziehen. Der Trompeter blast, das Hifthorn des Fuhrers antwortet, und ein Reiter voran, schwingt im Sonnenstrahl die. Lanze. Frankfurter sind's, und, truge ich mich nicht, an ihrer Spitze der Edelknecht, mein ehemaliger Herr." Die Soldner kamen so eben heran, und der Hulshofner in eigner Gestalt sprang vom Gaule, und fiel seinem Freunde um den Hals. "Gott sey Dank," rief er, "dass Euers Vaters Besorgniss vergebens war, und wir, die Nachgesandten, Euch wohl und heil antreffen. Was mich betrifft, der ich freiwillig diesen Ritterzug, Euch zu beschirmen, unternahm, ich bin schier aufgebracht daruber, dass ich nicht fur Euch Sturm laufen, nicht fur Euch mich herumbalgen darf. Die Hunde sollten meine Faust gespurt haben." Er erblickte nun Wallraden, und bot ihr, hoflich genug fur einen rohen Gesellen, sein eigen Pferd zum Dienste an. Das Fraulein schlug es, mit einem unwilligen Blick aus ihren Bruder, aus. Dagobert gebot seinem Knechte, sein sanftes Pferd Wallraden zu leihen, und half ihr in den Sattel. Wahrend dessen sprach Wallrade hamisch zu ihm: "Dein unzartes Benehmen gegen mich war mir ein Rathsel. Der Edelknecht hat es gelost. Der Vater hat sicher Friede mit Dir gemacht, und Dein Ubermuth liess die Uberwundne zu Fusse gehen, neben dem Rosse Deiner so sehr geliebten Stiefmutter. Nicht wahr, Du stilles Wasser, Du ehrliches Auge Du?" "Ich antworte Dir nur," versetzte Dagobert still, aber, ernst, "dass ich Dir rathe, Deine giftige Zunge im Zaume zu halten. Wisse, Unselige; Rudiger starb in meinen Armen: gebeichtet hat er mir Deine Frevel. Ein Versuch von Dir, den hauslichen Frieden meines Vaters zu storen, und ich spreche ohne Schonung, Du entartetes Weib, Du gefuhllose Mutter!" Wallrade wurde bleich, wie der Schnee, und Dagobert kehrte, ohne ihre Erwiederung zu erwarten, und sie der Leitung Gerhard's uberlassend, zu Margarethen zuruck, welcher der Unmuth in seinen Mienen nicht entging. "Ihr habt mit Wallraden Zwist gehabt?" fragte sie: "O erzurnt Euch nicht um dieses Weibes willen. Gott starke nur mich. In den wenigen Tagen, die ich auf Neufalkenstein verlebte, hat Wallrade mir durch ihre Bosheit fast das Blut vom Herzen gesaugt; was wird meiner erst warten, betret' ich wieder Diether's Haus, vor welchem ich mich furchte, wie vor der Holle?"

"Der Vater ist versohnlich geworden," entgegnete Dagobert: "der bose Geist ist von Saul gewichen." "Ihr seyd das Vertrauen selbst," sagte Margarethe; "und warum solltet Ihr auch nicht ein Kind seyn, das frohlich und treu Glauben gibt, und Glauben fordert? Ihr seyd edel und bieder, ohne Falsch, ohne strafendes Bewusstseyn, .... nicht ich also, mein Freund, und darum scheue ich meines Herrn Antlitz und meine Ruckkehr in sein Haus!" "O, Mutter," redete dagegen Dagobert: "wie unglucklich habt Ihr selber Euch gemacht durch e i n e n Schritt vom Pfade der Wahrheit! Versucht nicht, mir Alles zu bekennen, denn ich weiss schon Alles, und als Euer Sohn schweige ich in Ehrfurcht vor Euch. Aber, so wie Euer Mund schweigen mag gegen mich, also mogt Ihr ihn aufthun gegen den Mann, dem Euer Vertrauen gebuhrt, gegen meinen Vater. Bekennt ihm offen Eure Schuld, damit er nicht aus dem Munde des Zufalls sie erfahre; vertraut seiner Liebe zu Euch, die nicht erlosch unter der Last von Argwohn, welche er auf seinem Herzen trug, die nicht unterging unter der Fluth von Verlaumdung, mit welcher Neid und Bosheit Euern guten Ruf besteckte. Ihr werdet Euer Schicksal durch die Hand geschaftiger Freunde entweder, oder durch ein Verhangniss, das Euch wohl zu wollen scheint, gestellt finden, dass Euer Bekenntniss Euch unnothig, vielleicht gefahrlich vorkommen durfte. Traut aber dieser einflusternden Stimme, die nicht Euer Bestes will, nicht mehr. Das Verhangniss kann gleissen und Euch um so tuckischer verderben; Willhild konnte plotzlich wiederkehren ...." "Ja; Ihr wisst Alles!" rief Margarethe handeringend: "Ihr wisst Alles, und Ihr schwiegt bis jetzt? O, welch ein Zufall hat Euch entdeckt ....? Warum habe ich gegen Euch geschwiegen ...? warum ...? Hatte ich wiederkehren konnen aus dem Garne, in dem mein abenteuerlicher Vorsatz mich verstrickt hat, auf dem Schellenhofe, wohin ich Euch beschied, hatte ich Alles Euch vertraut, ich hatte ...."

"Unnothige Muhe;" versicherte Dagobert: "ich ware nicht erschienen. Der unschuldigen Gattin meines Vaters war ich ein aufmerksames Ohr, eine hulfreiche Hand schuldig; der des Fehls bewussten hingegen durfte ich nicht folgen, um gegen den Vater in eine Verschworung zu treten."

Margarethe schwieg beschamt. Dagobert, daruber betroffen, und unwillig uber seine Freimuthigkeit, suchte ein frohliches Ende an den betrubten Anfang des Gesprachs zu binden.

"Lasst's gut seyn, Mutter!" sprach er: "ich wollte Euch nicht kranken, sondern Euch Muth machen, und die Erkenntniss Eures bessern Theils in Euch erwekken. Nicht vergeblich hab' ich das gewollt, und darum bin ich der Eure mit Hand und Mund, sobald Ihr aufrichtig und Eurer wurdig zu seyn begehrt. Mag dann der Vater auch vielleicht aufbrausen und den Zorn, den gerechten, anlegen, nehmt's hin in Geduld um Eurer Sunden willen, und dass es nicht zu arg werde, und zu jammerlichem Ausgang fuhre, dafur lasst mich sorgen. Ich bin mit der Vehme fertig geworden, ich habe Wallraden kirre gemacht, und das Diebsgesindel dort in seinen eignen Schlupfwinkeln zu Paaren getrieben ich werde doch wahrhaftig an einem guten Vaterherzen nicht erlahmen. Es ist ein herrlich Ding, zur Suhne reden, und Friede stiften, und ich will's furder treiben, wenn auch nicht im Chorrock. Doch, ich merke, dass die Schatten langer wurden und die Pferde ermudet einherschreiten. Wir wollen daher in der Schenke dort unser Nachtlager ausschlagen, um Morgen mit dem Fruhsten in der Stadt einzuziehen, wie es den Siegern fur eine gute Sache geziemt."

Margarethens Angst hatte keine Eile, in Diether's Haus zuruckzukehren; Gerhard hatte nicht das Mindeste gegen einen Rastabend, der sich beim Becher ruhig zubringen liess; Wallradens Gewissen hatte das Fraulein unwohl und krankhaft gemacht. Die ubrigen zu Fusse laufenden befreiten Gefangnen waren mude geworden, und Alle sehnten sich nach Ruhe. Dagobert liess das ganze Haus von den Soldnern umlagern, schaffte Margarethen in die beste Stube des Gebaudes; trennte Wallraden von ihr, und schlief, um die Hinterlistige zu verhindern, fruher als er dem Vaterhause zuzueilen, auf seiner Schwester Schwelle. Vollbrecht aber sprengte noch am selben Abend nach der Stadt, um die frohliche Botschaft ohne Verzug zu hinterbringen.

Viertes Kapitel.

Starker noch als Frauenhaar,

Starke Fesseln doch furwahr,

Starker auch als Furstenhand,

Die regiert das ganze Land,

Ist des Vaters treue Lieb'!

Helvet. Denkspruch.

Das abgelegenste und verschlossenste Platzchen, viele Meilen in der Runde, war in dem Forste um das Ritterhaus Durningen, die Stelle, auf welcher die Forsthutte erbaut war. Das Gebaude, fest und stark aus Baumstammen zusammengefugt, war auf einer Grasflache errichtet, die dem schonsten bunten Teppiche aus den Niederlanden glich, rings umgeben von einem schwarzgrunen dichten Waldsaum, welcher, durch angepflanzte Hecken zu einer undurchdringlichen Wand gemacht, nur einen einzigen Eingang auf die Hutte zuliess. Dieser Zugang, war demungeachtet nicht leicht zu finden, unter den vielen Schlangenwegen, die durch den Wald liefen, und der Fremde, um zur Hutte zu gelangen musste es entweder dem gunstigen Zufalle verdanken, oder etwa dem Schall der Glocke folgen, die zur Mittagszeit vor der Hutte gelautet wurde, um das im Forste gehegte Wild zum Futter zu rufen. Der Pfleger dieser Waldthiere, die in ungemeiner Anzahl gehalten wurden, weil die Frau von Durningen, weder an der Jagd Freude hatte, noch taglich einen Wildbraten fur ihren Tisch verlangte, wohnte nun in dem aus Baumstammen erbauten Hause, warf dem Wildvolke sein Futter vor, wahlte die zur Kuche bestimmten Stucke aus, und wachte zunachst uber die Sicherheit der Waldung, die fruherhin haufig von unbefugten Schutzen und Holzfrevlern beunruhigt worden war. Der Herr von Durningen selbst war von einem solchen Wilddiebe mit einem Bolzen durch die Brust geschossen worden, wie er gerade vor der Thure der Hutte stand, und seine Rehe uberzahlte; er war auch alsobald auf diesem Platze gestorben, und seine Wittib hatte sich nicht entschliessen konnen, jemals wieder die Stelle zu sehen, auf welcher das Blut ihres lieben Eheherrn geflossen war. Desto ofter schlich sich dagegen Regina, der Freiin Tochter und einziges Kind auf die bunte Wiesenflache, setzte sich nieder auf den Buchenstumpf, neben welchem ihr Vater verschieden, gedachte in frohlich wehmuthiger Erinnerung seiner, ob sie gleich bei seinem Tode nur ein ganz junges Magdlein gewesen, und es dauchte ihr, als konnten nirgends die Blumen des Feldes schoner bluhen, als gerade auf dem Hugel um den Buchenstrunk. Es traf sich oft, dass sie mit dem fruhesten Morgen schon sich auf der bethauten Statte einfand, um die perlgefullten Waldglocken zu pflucken, und mit Butterblumen in einen Kranz gewunden, an den Resten des Buchenbaumes aufzuhangen, weil sie denselben hoher wie die Grabstatte des Vaters selbst hielt. Es war nicht minder nichts Ungewohnliches, sie am Abend wiederkehren zu sehen, um Krauter zu pflucken zu kraftigen Suppen fur die krankelnde Mutter. Zu dieser Zeit war sie auch immer die frohliche, unbefangen aufbluhende Dirne im schonsten Lebensalter, und nicht beschlich sie die Trauer, wie wohl am Morgen geschah. Sie scherzte mit dem zahmen Hirschlein, das auf der Forsthutte gehalten wurde, spielte mit den braun und weissgefleckten Hunden des Waldwarters, oder plauderte kindisch geschwatzig noch mit dem Staarvogel des Hauses, welcher die Jagerrufe: Hussa! Sa sa! Hoho! gelernt hatte, und ausschrie in den hallenden Wald; oder sie horte dem alten Forstwart selbst aufmerksam zu, wenn er von seinen Lebensabenteuern anhob, bis die blauduftige Abendluft kuhler wurde, und das Rosenlicht der Sonne an den Tannenwipfeln vergluhte. Dann eilte sie, schnellfussig wie die Rehe, die hie und da uber ihren Pfad schwirrten, so dass kaum der Warter, ihr gewohnlicher Begleiter zu Abend, ihr zu folgen vermochte, nach dem Edelhof zuruck. Die Mutter wusste von ihren Waldgangen sehr genau und umstandlich, aber sie dachte nicht daran, der Tochter diese harmlose Lust zu verbieten, weil sie gefahrlos zu geniessen war. Der Wald war namlich, seit der alte Ammon auf der Forsthutte hauste, so sicher geworden, als er vor dem unsicher gewesen. Plotzlich hatten die Diebereien darinnen aufgehort, und die losesten Gesellen und Gaunervogel scheuten sich in die Nahe von Ammons Wohnung zu kommen, und schlugen ein Kreuz, so sie der Zufall dann und wann Abends am Rande des Forstes voruberfuhrte. Der Forstwart stand nemlich in dem Rufe, einen Bund mit dem Bosen gemacht zu haben; ein Glaube, der im Bauervolke nicht auszurotten war. Der Alte, obgleich geboren auf dem Hofe der Durninger, kam den Nachbarleuten dennoch vor, wie ein Fremdling. Er war als ein trefflicher Falken- und Sperberlehrer, mit Befugniss seines Leib- und Zwingherrn, in die Fremde gegangen, um seine Wissenschaft zu erweitern, ein Stuck Geld zu verdienen, und nach Verlauf der ihm erlaubten drei Jahre zuruckzukehren mit wohlabgerichteten Beitzvogeln fur den Herrn. Er kehrte aber nicht wieder, und konnte auch keine Falken senden; denn Neubegier und Leichtsinn hatten ihn uber das pyrenaische Gebirg nach dem Lande Hispanien gefuhrt, woselbst er in die Gewalt der unglaubigen Mauren gerieth, jedoch bald aus einem geplagten Knecht der Liebling des Konigs seines Herrn wurde, seiner Geschweidigkeit und kecken Natur halber. Von diesem Konige, nach manchem Jahre, in Afrika gesendet, um ein Gespann von Leuen zu erhandeln, und nach Spanien zu bringen, als eine Zierde der koniglichen Garten; kam's ihm plotzlich ein, dass es doch besser sey, umherzuschweifen wie der freie Lowe, statt wieder in den goldnen Kafich zu kriechen. Ohne sich zu besinnen, suchte er den Weg zum gelobten Lande, wo der Herr gewandert ist in Menschengestalt. Ein widriges Geschick verfolgte ihn in Palastina, und nackt wie ein Bettler, schiffte er von einem mitleidigen Schiffer aufgenommen, ubers Meer, zuruck gedenkend nach der Heimath. Sturme verschlugen das Fahrzeug an die Kusten des griechischen Kaiserthums, und ein Seerauber von dem tapfern muhamedanischen Volke, das schon beinahe ganz Griechenland unterjocht hatte, fieng es auf mit Mann und Maus. Wieder manches Jahr verlebte Ammon unter den Zelten der Sarazenen, und begehrte, an dem wilden Leben Freude findend, schier nimmer von ihnen weg, als nach einer schweren Krankheit plotzlich ihn das Heimweh uberfiel, das schon Manchen in der Fremde den Garaus gespielt hat. Da trieb es ihn fort auf nackten Sohlen und in die Lumpen des Elends gehullt, durch die Wildnisse und Moraste der Bulgarei, ohne Saumen, ohne Ruhe, bis er die Lander erreicht hatte, wo man weder den Propheten anruft, noch auf griechische Weise das Kreuz macht. So kam er endlich an in der Gegend, wo er geboren worden, ein fremder, unbekannter Mensch, mit ungewohnten Sitten, auslandischen Gebrauchen und in der heidnischen wilden Sprache besser erfahren, denn in der vaterlandischen. Als ein schmucker Bursche war er von dannen gezogen, und ein wilder rauher Greis kam er heim, mit der Rothe eines heissen Himmelsstrichs auf den benarbten Wangen, und mit geschornem Kopfe, aus welchem nur sparsam die Stoppelspitzen des weissen starren Haars wieder heraufteimten. Der Herr von Durningen hatte Erbarmen mit dem alten Landstreicher und setzte ihn in den Wald als Forst- und Wildhuter. Er hatte just den Diener in sein Haus gefuhrt, und ihm die Zahl der Rehe angegeben, als sein Stundlein schlug. Ammon schwur dem unbekannten Thater und seinem Gelichter unversohnliche Rache, und hielt sein Wort. Mit der grasslichsten Strenge gieng er zu Werke; die Holzdiebe peitschte er zum Sterben; die auf's Wild lauernden Rauber ereilte er leise wie der Tod, und ehe sie sich's versahen, sass ihnen auch schon der Tod im Herzen, den der wilde Ammon aus einer tragbaren Donnerbuchse, die er selbst verfertigt hatte, schleuderte, ohne nur e i n m a l seines Ziels zu verfehlen. Diese Sicherheit im Schuss, und der Umstand, dass ihn nimmer ein Bolzen getroffen, von denen, die man oft aus Busch und Dickicht meuchlings gegen ihn versandte, schreckte die Bosewichter schon, die auf ubernaturliche Kunste zu schliessen gern bereit sind. Bald theilte das ganze Landvolk, um und um, diese Meinung. Ammon ging nie zur Kirche, wurde nie betend gesehen, und zeigte sich immer so finster und verschlossen, dass Jedermann, darauf schwur, er stehe mit dem Gottseybeiuns im Pakt. Dieser Glaube schien nicht ohne Grund zu seyn, da Ammon haufig bei Nachtzeit in Wald und Moor herumlief, Ottern suchte, und ihr Fett zu gewissen Salben bereitete, und seine Hutte offen stehen liess, ohne Furcht. Einige Waghalse hatten zwar einmal den Augenblick benutzen wollen, da der Alte nicht zu Hause war, um dasselbe zu berauben, oder in Asche zu legen, allein sie fanden in einer ungeheuren Wolfsfalle auf spitzigen Pfahlen den Tod, und Ammon hing ihre Leiber zur Warnung fur Andre an den Fichten auf, neben welchen der Eingang in den Wald fuhrte. Nun floh ihn und seinen Aufenthalt, was in der Umgegend lebte, Regina ausgenommen, die das Geheimniss gefunden hatte, sich die gutmuthige Theilnahme des verwilderten Greisen zu gewinnen, indem sie seinem polternden Wesen Gleichgultigkeit entgegensetzte, seinen Erzahlungen ihr aufmerksames Ohr nicht entzog, und ihn auf jede Weise in Schutz nahm, wenn nachbarliche Zungen die fromme Mutter vor dem alten Knechte warnten, der zu keiner Messe gieng, und den geselligen Verkehr mied, wie die Sunde. Nach wie vor fand das Fraulein seines Tages Freude auf dem stillen Waldplatze, und war eines Morgens, wie gewohnlich, beschaftigt, einen Kranz von Wiesenblumen zu flechten, als der Schall mehrerer menschlichen Stimmen unter den Baumgewolben vernehmbar wurde, Stimmen, die sich anriefen, und Verirrten, des Weges unkundigen zu gehoren schienen. "Ammon;" sagte Regina zu dem Alten, der, unweit von ihr, ein Jagernetz ausbesserte: "Geh doch hin, und weise die Leute zu recht." "Ei was!" brummte der Forstwart entgegen: "Haben sie sich hereingefunden, mogen sie auch sehen, wie sie wieder hinauskommen. Fuhrt sie der Weg hierher, dann will ich ihnen schon den Weg weisen." Diese letzten Worte begleitete er mit einer sehr nachdrucklichen Geberde, die auf keinen guten Empfang der ungeladeuen Gaste schliessen liess. Regina warf ihm seine Unvertraglichkeit vor, und verbot ihm ernsthaft jede Gewaltthat, insofern die Verirrten hieher gerathen, und nach dem Wege fragen sollten. Sie hatte kaum ausgeredet, als sich schon am Eingange des Platzes ein Mann zeigte, welchem ein Frauenbild folgte, und ein anderer Mann, der einige Gaule nach sich durch den Wald zog. Ach! wie ging in Reginens Seele die Erinnerung an den letzten Osterabend auf, den sie in Frankfurt zugebracht. Denn der junge Mann, der so bescheiden sich nahte, um nach der rechten Strasse zu fragen, war sie wusste es ganz gewiss der anmuthige Junker, sie eine Konigin genannt, und der erste Mann gewesen, der wohlthuend ihren Reitzen vor aller Augen Gerechtigkeit hatte wiederfahren lassen. Der ernsthafte Ausgang jenes frohlich begonnenen Ostermahls hatte ihre, jugendliche Brust wit Bewunderung fur den kuhnen Jungling erfullt, der die unverletzlichen Menschenrechte muthig vertheidigte gegen den schnoden Vorwurf, und dann und dann und wann war des Jungling Bild noch wiedergekehrt vor ihre Seele, und hatte immer den Wunsch im Gefolge gehabt, ihn einst wieder zu sehen, ihn bald wieder zu sehen; nicht im Ernst eines schon Standes und Alters, sondern noch im Schmuck, in der frohlichen Freiheit jugendlichen Lebens, Plotzlich nun war dieser Wunsch erfullt worden, und Regina, davon uberrascht, zogerte nicht, ein harmloses Kind der Natur, dem Ankommling entgegen zu eilen, ihn zu begrussen, seine Hand zu schutteln wie ein Mann, und ihm das Anerbieten zu machen, ihn zu ihrer Mutter zu fuhren, die erfreut seyn wurde ihn zu sehen. Dagobert, wohlthatig uberrascht von diesem Empfang, den er in diesen Waldern nicht erwartet hatte, warf einen forschenden Blick um sich her, und sprach zu Reginen: "Mein gutes Fraulein! Es ist als ob mich Gott hiehergefuhrt hatte, in diesen traulichstillen Wald, und in Eure Nahe. Ihr befehlt als Herrin hier, und so Ihr wollet, konntet Ihr mir grossere Huld verleihen, als ich Euch je vergelten konnte. Wir sind seit Mitternacht geritten auf's Geradewohl in die Welt hinein, verfolgt von Ungewitter und gefahrlichen Menschen, die es auf dieser Jungfrau Leben abgesehen hatten. Die Ungluckliche hat jedoch kein Obdach fur die erste Zeit, und heilige Pflichten rufen mich auf mehrere Tage von ihrer Seite. Waret Ihr wohl geneigt, meine liebliche Konigin, in deren duftigen Wald und Blumenreiche wir angekommen sind, eine kurze Zeit hindurch, diess edle, sonder Verschulden in's Elend gerathene Madchen in diesem stillen Hause verborgen zu halten vor Jedermann, die Mutter selbst nicht ausgenommen, weil die Jungfrau hier noch keine Christin ist, sondern sich erst vorbereiten will, zum heiligen Bunde zu treten? Eine kurze Frist nur, dann sorge ich ferner fur Esther's Geschick; ... den alten Mann dort wenn er ihr verschwiegener Huter seyn wollte, wurde ich lohnen, wie ein Furst nur kann, und ewig dankbar seyn, mein Fraulein."

Es wallte sich in Reginens Busen die Begierde auf, dem bewunderten jungen Manne einen Dienst zu leisten, und es schmeichelte nicht wenig ihrer kleinen Eitelkeit, hier, ganz im Stillen, eine Handlung der Oberherrschaft auszuuben. Ihr Auge verweilte indessen forschend und ernst auf Esther's Angesichte, und je reizender ihr dieses vorkam, je deutlicher wurde ihr ein geheimer Widerwille, der in ihr aufstieg, und ihr widerrathen wollte, sich der allzuschonen Fremden anzunehmen. Ihre Haltung wurde dadurch gemessener. Der schlanke Leib, sonst in Geberden und Bewegung zwanglos frei sich regend, nahm die Stellung einer prufenden, missbilligenden Herrin an, und ihr Blick wandte sich halb verlegen gegen Ammon, in dessen Gesichte sie indessen zu ihrer Verwunderung keine finstre Verwirrung, sondern eine wohlgefallige, seltne Heiterkeit wahrnahm. "Sprecht doch mein Urtheil," sagte hierauf. Dagobert schmeichelnd, und fuhrte Esther dem Fraulein entgegen: "Seht, holdes Fraulein, dieses seltne Geschopf, und gesteht, dass selbst unter dieser niedern Hulle eine Bluthe verborgen ist, die mit den Schonsten Eures stilles Reichs den Wettstreit beginnen kann, ... Eure Majestat, wie sich's gebuhrt, ausgenommen." Das Fraulein musste uber diese scherzhafte Schmeichelei lacheln, und schon liess ihre angeborne Frohlichkeit die Larve der gezwungenen Bedenklichkeit sinken. Esther, die es deutlicher fuhlte, was in dem Busen Regineus, der kaum entwickelten Jungfrau, vorging, schwieg, ergeben in ihr Schicksal, und senkte erwartungsvoll die schone Wimper uber das schonre Auge. Regina, zweifelnd, zogernd, nachgebend und dennoch widerstrebend, liess sich in abgebrochenen Worten vernehmen. Sie ausserte, es falle ihr schwer, vor ihrer lieben Mutter ein Geheimniss zu haben, ob sie gleich im selben Augenblicke zugab, es sey nichts leichteres, als das Geheimniss zu bewahren, weil die Frau von Durning nimmer diesen Platz besuche. Aber ihre Bedenklichkeiten beschrankten sich endlich darauf, dass sie nicht wisse, ob es nicht eine Sunde sey, eine Judin heimlich zu hegen, und ob Ammon sich bewegen lassen wurde, die Unglaubige in seinem Hause aufzunehmen. Dagobert bekampfte den ersten Theil dieses Vorwandes mit der Betheuerung, Esther verlange nichts Sehnlicheres, als eine Christin zu werden, und Ammon stellte seinerseits Reginen vollig sicher. "Mir ist gleich," sprach er, ob's ein Turke, ein Heide, oder ein Jude ist, der unter meinem Dache hausst, so Ihr's befehlt, mein Fraulein. Gott ist uberall, und getauft oder nicht getauft, Gottes Sonne bescheint uns uberall, und dem Heiden wachsen so gut seine Saaten, als dem Christen; und des Christen Feld zerschlagt der Hagel eben so gut, als des Unglaubigen Korn. Sagt, ob Ihr wollt, Fraulein, und mehr bedarf es nicht. Und da Regine einen neuen, wohlwollendern Blick auf die schone Fremde warf, und sich nicht verhehlen konnte, dass sie eben so schon sey, und rein in ihren Zugen, als wie das kunstreiche Marienbild im Edelhofe; als endlich Esther ihre Augen aufschloss, das Fraulein in den ganzen Zauber dieser Paradiesessterne sehen liess, und mit der schmelzend weichen Stimme, der nichts widerstehen konnte, die Worte sprach: "Verstosst mich nicht, gute, edle Jungfrau, und vergelten wird's Euch der hochgepriesne Gott, und meines Vaters Segen, und meines edeln Freundes Dankbarkeit!" Da hatte Regina nicht das gefuhlvolle, reine Madchen seyn mussen, um nicht einzuwilligen von Herzen.

So wohnte denn nun, von jenem Augenblicke an, Esther in der Hutte des Forsts zu Durningen, und der alte Ammon sorgte fur ihre Bedurfnisse, so gut als er es vermochte, denn er war geschmeidig geworden durch die Erinnerung, durch diesen Zauber, der den Menschen durch das Leben geleitet, und im Greise starker wirkt, als im Jungling selbst, weil sein Daseyn blos nur in der Vergangenheit liegt. Auch der wilde Falkenjager hatte einst geliebt, da sein Scheitel noch umwallt war von braunen Locken, und seine Jugend in der schonsten Bluthe stand; und diese Liebe war ein Maurisches Madchen gewesen, herstammend aus gluhender Zone, und ahnlich den Zugen Esther's. Seit vierzig Jahren war diese Dirne aus den Lebenden geschieden, von gaher Krankheit dahingerafft, in einer Zeit, wo Ammon seiner Vater Glauben willig hingeworfen hatte, um das schone Kleinod sein zu nennen. Seit vierzig Jahren feierte Ammon alljahrlich des Madchens Todestag, und nun, da Kida's Bild merklich schon abgebleicht worden war in der Kammer seines Gedachtnisses, nun war sie gleich wie auf's Neue lebendig geworden in der reizenden Esther, zu ihm getreten in seine Wildniss, ein freundlicher Engel, ein Trost fur seine leere Brust. Darum hatte er auch dem Madchen die einzige Stube des Hauses eingeraumt, und sich auf den Speicher gebettet: darum hatte er, rund um die Hutte, neue, gefahrliche Fallen und Gruben angelegt, damit ihm Niemand bei Nacht die Anvertraute stehle; darum ging er wie ein sorgsamer Knecht hinter der Gebieterin her, um ihren Wunschen sein Ohr zu leihen, und ihr so viel Annehmlichkeiten zu verschaffen, als in seinen schlechten Kraften stand. Er fand in Esther's Lobe kein Ende, wenn Regina kam, nach ihr zu fragen, und missbilligte es sehr, dass das Fraulein sich weigerte, die schone Fremde naher kennen zu lernen, dass es gleichgultig die warmen Dankesausserungen Esther's zuruckwies, und sich ihren einsamen Beschaftigungen uberliess, wie zuvor, ohne seinen Schutzling zu verstatten, ihm naher zu kommen, und vertraulicher zu werden. Ammon wusste nicht, dass weder der niedre Stand Esther's, noch ihr Glaube sie von Reginens mitleidigem Herzen entfernte, sondern gerade der Vorzug, den das Fraulein ihr einraumen musste: der Vorzug, Dagobert's Freundin zu seyn. Ammon bemerkte es nicht, wie oft Regina im Grase sitzend, in tiefes Nachdenken versank, und Viertelstunden lang nach dem Waldgange blickte, als musse er jetzt kommen, ... als musse er dann den fremden Gast hinwegfuhren, und dann allein wieder kommen, und taglich wiederkehren, und endlich gar nicht mehr von dannen gehen. An Dagobert's Statt kam aber eines Mittags Ben David an, durftig und verschmachtend blos von der Hulle bedeckt, die ihm das Mitleid zugeworfen. Ammon hatte schon nach der Peitsche gegriffen, um den verdachtig aussehenden Bettler aus dem Reviere zu treiben: Esther's Freude- und Angstruf entwaffnete ihn. Dem Vater von Kida's Ebenbilde konnte er nichts Ubles zufugen, und er besann sich, dass auch ihn einst sein Vater unsaglich geliebt hatte, dass auch er einst an seinem Vater mit Treue gehangen; er begriff Esther's Empfindung, und wehrte dem Alten nicht, die Wohnung seiner Tochter zu theilen. Vater und Tochter waren vollig ungestort, denn eine Unpasslichkeit hielt Reginen vom Walde fern, und Ammon machte doppelt eifrig seine Runde. Esther's und David's Wiedersehensfreude, wie ihr Leid um Jochai's Hinscheiden und ihre Verstossung aus der Stadt, die ihnen Schirm und Heimath gewesen, durfte ohne storende Zeugen sich aussprechen, fessellos, wie es der Schmerz, frei, wie es die Lust verlangt. Aber schon am folgenden Tage begehrte David zu wissen aus Esther's Munde, wie ihr Verhaltniss gewesen sey zu dem Junker. Esther's Wange errothete zwar; doch hatte ihr Mund keine Schuld zu bekennen, und ihre Rede, einfach und erklarend, trug der Wahrheit Stempel. Ben David scharfes Auge, allen seinen Glaubensgenossen mehr oder minder eigen, sah indessen durch den Schimmer der Wahrheit hindurch einen dunkeln Punkt in dem Herzen seiner Tochter; ein verschleiertes Gefuhl, dessen Decke zu heben sie nicht begehrte. Er fasste daher ihre Hand, und sprach! "Geliebtes Kind; Du verschweigst mir, was Du nicht solltest, und wegen dessen ich Dir nicht zurnen mag, denn es ist nur die Folge der Vergangenheit. Dagobert ist gewesen Dein Schirm, Dein Alles, weil ich lag in Banden. Dagobert hat Dich genahrt und gepflegt, und gerettet aus tausend Gefahren; der hochgelobte Gott wird ihn darob segnen und ihn eingehen lassen in's Paradies, weil er Gutes gethan an Israel; weil er es hat gethan uneigennutzig, und nicht hat befleckt Dein Kleid der Ehren. Friede sey mit ihm, und auch auf seinem Andenken sey einst Friede, wie auf Zodick's Gedachtniss Schmach sey und der Zorn Gottes, und ihm selbst das Feuer der Gehenna! Aber, liebste Tochter, mein Kind: dergestalt, wie Du den abtrunnigen Knecht Zodick musst hassen, dergestalt hast Du gelernt lieben den seltnen Mann, der da handelte, als stamme er aus den Lenden Jakob's, und nicht vom Berge Seir. Gesteh' es mir, mein Kind." "Vater," erwiederte Esther stokkend: "Deiner Klugheit kann nichts verborgen bleiben. Ich muss es bekennen, und wenn es Sunde ware vor Dir und dem Gesetz. Nach dem hochgelobten Gott, den ich furchte, nach Dir, mein Vater und Herr, den ich ehre, lebt Niemand mehr auf der Welt, denn Er, den ich bewundre, den ich liebe, .... o lass mich nicht vollenden." "Nein, meine Tochter; vollende nicht;" versetzte David angstlich: "Du liebst ihn nicht, wie der Dankbare den Wohlthater, .... Du liebst ihn nicht, wie das Kind den Vater, ... nicht wie die Schwester den Bruder; ... Du liebst ihn wie die Jungfrau den Mann, und Wehe geschrieen uber mich und Dich ... was soll aus dieser Liebe werden?" "Was Gott wird beschliessen, und Du, mein Vater:" sagte Esther ergeben, wiewohl sie erbleichte, und erkannte, dass sie nun an den Markstein ihres Lebens getreten. "Ich kann nichts beschliessen;" antwortete seufzend der Vater, mit grossrer Fassung, weil er auf sein eigen Ungluck zuruckkam: "Ich bin ein armer, geschlagener, zu Nichts gewordener Mann; sie haben mich hinausgestossen in die Welt, und ich habe von all meinem Gute nichts mitgenommen, als die Last der Dankbarkeit gegen den Jungling Dagobert, dessen freigebige Hand mir noch einige Pfenninge zuwarf. Des Herzogs Gluckstern ist erloschen, und mein Gold, das ich ihm lieh, gewiss verloren. Meine ubrige Habe, theils in Costnitz zuruckgeblieben, theils in unserm Hause zu Frankfurt verwahrt, ist eine Beute geworden, dort betrugerischer Freunde, hier der habsuchtigen Richter, die noch nach verborgenen Schatzen lechzten, von welchen ihnen der abscheuliche Zodick vorgelogen. Ich muss wieder hinaus in die Welt, wie ich gekommen bin herein, um zu erjagen, wo moglich, ein neues Gluck; und Dich, mein einzig Kleinod, muss ich lassen hinter mir, auf dass Du nicht verderbest unter'm Druck des Elends und der Entbehrung meiner fluchtigen Wanderschaft. Du magst nun entscheiden, Tochter: ich lasse Dir die Wahl: willst Du Dich werfen in die Arme Edoms? willst Du zuruckbleiben unter unsern Leuten, zu Worms entweder, oder zu Nurnberg? Wir haben zwar nicht Freunde mehr, nicht Verwandte, aber Israel wird nicht lassen von David's unglucklicher Tochter." Esther sprang auf, fasste heftig ihres Vaters Hand, und rief mit ausbrechenden Thranen im Auge: "Vater! bei der Herrlichkeit des Reiches, das uns vom Messiah gebracht werden soll! Nimm mich mit Dir; ich will leiten Deine Schritte durch Fels und Sand; ich will schlummern neben Dir auf Haidekraut und Moor, ich will nicht mehr begehren, denn ein Stucklein verschimmeltes Brods, um mein Leben zu fristen; und am Ende auch dieses Leben willig verlieren, erliegend unter Bekummerniss und Gottes, des Herrn Schickung. Aber nimmer geh' ich nach Worms, nimmer nach Nurnberg. Unsre Leute, zu denen ich fluchtete zu Frankfurt, haben mich verrathen an die Wollust, ein Sohn der Gebote hat Dich verrathen und den Raaf Jochai getodtet; was soll ich erwarten von ihnen? Die Arme wird seyn verachtet und arm in Ewigkeit: eine Magd werde ich seyn mussen in Schmach und Kummer. Vater, Dir will ich folgen, aber nicht furder dem Gesetz und seinen Bekennern. Der Herr hat uns verderben lassen in der Noth, die Bruder haben uns lassen verzweifeln. Der Christ hat mich errettet. Ihm gehoren, nach Dir, meine Tage. Weisest Du mich von Dir, so bin ich sein Eigenthum, wenn er's verlangt, seine Dienerin, denn er ist mehr als ein Mensch; ein Engel des Heils, ein Erloser und Erretter!" "Weh mir! weh mir!" entgegnete Ben David bekummert: "O, wie ist Dir doch angeflogen der Mehlthau aus Amalek! Du willst nicht mehr seyn eine Tochter Zion's! Du brausest auf in Leidenschaft und Hitze, und horst nicht die Stimme des Herrn und des Vaters! Erwarte nicht, dass ich Dir fluche, nicht dass ich zu Dir flehe! Aber gerettet mochte ich Deine Seele wissen. Ich wurde Dich ermorden, wenn ich Dich mit hinaus nahme in Sonnenbrand und Nachtsturm, um mir mein Brod suchen zu helfen unter den Hefen des Volks, begleitet von Verachtung und Hohn. Deine Bluthe wurde nicht gross gezogen, um zu erstikken im Kothe. So bleibe denn lieber in Edom, und halte Dich zu den Unglaubigen. Vielleicht, dass einst der Herr in seiner Barmherzigkeit Deine Seele beruhrt mit dem Stabe seiner Gnade, vielleicht, dass Du einst zuruckkehrst in den Schooss des Gesetzes, nicht zu spat fur Deine Paradieseshoffnung, wenn gleich zu spat fur meine in Kummer und Todesgram erloschenen Augen!" Wehmuthig und beklommen stand der Vater auf, und uberliess Esther dem Strome von Thranen, in welchen sich die Erschutterung ihrer Brust aufloste. Ben David legte sich hinter der Hutte in's uppige Waldgras, von Mucken umtanzt, von Vogeln umgeben, deren Gezwitscher herrlich und frei aus dem Wipfel der Baume zum Himmel stieg. In dieser Einsamkeit legte sich der Sturm seines Vorurtheils und, zu der blauen Decke hinaufblickend dachte er, dass dieses schone Zelt ja fur Jeden erbaut sey, und dass die Hand des Herrn alle Menschengraber mit Gras und Blumen ziere. Die Brust wurde ihm weiter, und mit ihr auch die Fesseln, die seine knechtische Glaubenslehre ihm von Jugend an uber den Nacken geworfen. Er beseufzte das Geschick, das ihn unter diesem Himmelsstriche in Jakobs's Hutten hatte hervorgehen lassen; er wunschte um seiner Esther willen, in den Reichen der Gojim geboren zu seyn; er dachte sich die Moglichkeit, sie mit Dagobert vereint zu sehen; er gonnte ihr den edeln Mann, ihm die reine vollendete Jungfrau; aber wie ein Felsstuck von der Hohe eines Alpengebirgs rollte die Erinnerung an jenen Schwur, den er in des sterbenden Jochai's Hande hatte leisten mussen, auf sein Herz. "Ich darf sie ja nicht zulassen zu dem Bade, das in Edom ein Bad der Wiedergeburt genannt wird;" sprach er vor sich hin: "ich darf sie ja nicht abschworen lassen vor dem Volke ihren Glauben! O, Herr! hochgelobter Herr! halte mich aufrecht, dass ich nicht verdiene den Zorn meines abgeschiedenen Raaf's. Erleuchte mich in meinem Haupte, damit ich den Ausweg finde den rechten, untruglichen! Leite mich Herr, und Du, Seele meines Vaters, auf dessen Andenken der Friede sey!" David versank in ein eifriges Gebet, das er in den folgenden Tagen, nach kurzen Zwischenraumen immer wieder fortsetzte im Dickicht des Waldes. Er sprach kein Wort mehr uber das Vergangene mit Esther. Seine Zunge schien gleichmuthig geworden zu seyn, wie seine Stirne. Er hatte seinen Entschluss gefasst und harrte sogar mit Ungeduld auf Dagobert's Ankunft, welcher auch Esther's Herz sehnlichst entgegenschlug, denn auch ihr Herz, ihre Vernunft war zu einem Entschlusse gelangt, zu dem hochsten, dem seltensten in der Seele und dem Munde eines leidenschaftlich liebenden Weibes, zu dem Entschlusse der Entsagung.

Dagobert liess sich nicht allzulang erwarten. Eines Abends schnaubte sein Ross am Waldgehege; seine Schritte wurden horbar vor Esther's Kammer, und ein trat er zu den ihm entgegen Eilenden, wie ein verklarter Lebensbote. "Grusse Dich Gott, Du vielgeprufte Dirne;" sagte er, dem Madchen treuherzig und liebevoll die Hand reichend: "und auch Du, armer Ben David, sey gegrusst. Als ich von dannen ritt aus diesem Walde, dachte ich nicht, mit so viel Gluck beladen, wieder zu kommen. Esther, Du liebes treues Kind, freue Dich mit mir. Mit dem Vater ausgesohnt, habe ich auch die Mutter, ungekrankt und gleichsam wie eine zweite junge Braut an sein Herz gelegt. Wallrade, die Stifterin des Bosen, ist verwiesen aus dem Hause, und mein Vater hat aus ihrem Munde kein Wort vernehmen wollen. Graf Montfort, dem ich Schonung zu erweisen im Stande war, will dankbar mich dem Herzog Friedrich anempfehlen, dass meine Freilassung von dem Kirchendienst vom neuen Papst bestatigt werde, und dass der Herzog so schleunig als er kann, das Geld ersetze, so er von Dir geliehen, armer Ben David. Mein, Vater, willfahrig gegen meine Wunsche geworden, hat mir erlaubt ihm eine Tochter zuzufuhren, sobald mein Handel mit Rom ausgeglichen und will nicht fragen nach ihrem Stand, nicht nach ihrem Namen, nicht nach ihrer Habe."

"So bringe ich denn, mein zierlich Magdlein, mein Werben bei Dir an. Das Geschick hat uns so oft und wunderlich zusammengefuhrt, dass es des Himmels seyn muss, dass wir uns naher angehoren. Schlag' ein in meine Hand: Dein Vater wird sich nicht weigern, in Dein Gluck zu willigen."

Bei dieser Zuversicht uberflog eine zitternde Bewegung Esther's Korper, und ihr Mund stammelte: "Herr! Ihr uberrascht mich ... diese Gute, ... dieser Vorzug ...."

"Ei, meine Esther, ist Liebe denn Gute oder Gnade?" fragte Dagobert lachelnd. "Wenn's ein Vorzug ist, dass ein Reicherer eine minder beguterte Ehewirthin wahlt, so hast Du diesen Vorzug uber alle Massen verdient durch Deine zarte Weiblichkeit, durch Deine Engelstugend, und durch Deine Schonheit."

"Die Schonheit verblendet Euch;" sprach Ben David, schuchtern seine Stimme erhebend: "wird sie jedoch Euern Vater blenden? Weiss er, dass Ihr eine Judin begehrt, und verponen nicht Eure Gesetze solchen Bund mit der Strafe des Feuers?"

"Nun, bei Gott!" rief Dagobert: "wenn Esther eine Judin ist, so mochte ich die Christin sehen, die ihr gleich kommt. Alle Menschen gleich zu lieben, befiehlt uns der Heiland; und wenn seine Worte nicht immer und allenthalben befolgt werden, so ist es nicht des gottlichen Lehrers Schuld: kein Mensch auf Erden ist der Taufe wurdiger, als Deine Tochter. Sie sehnt sich darnach, sie hat eingewilligt, aus Eurem Bunde zu treten, und als Christin wird sie vor Gott und Menschen mein Weib!"

"Welch ein Mann!" seufzte Esther, die Hande faltend; Ben David's Stirne uberzog ein finstrer Schleier, da er die Augen auf seine Tochter heftete. "Du sehnst Dich nach der Taufe?" fragte er duster und langsam: "Du hast eingewilligt? Tochter! was soll ich Dir sagen, jetzt noch in dieser Stunde? Soll ich zerreissen mein Kleid, wie fur einen werthen Gestorbenen, oder soll ich mich freuen Deines Glucks in der Zeitlichkeit? Und Ihr, Herr Frosch, ist's Euer ernstlicher Wille, dass Esther sich scheide von mir, und furchtet Ihr nicht mindestens die Zungen der Welt, wenn Ihr gleich gefangen habt das Herz eines allzuschwachen Vaters?"

"Eines gerechten Vaters," verbesserte Dagobert: "ich scherze nicht mit einer Leidenschaft. Ich gebe ihr auch nicht leichtsinnig Raum. Aber hier bin ich fest entschlossen. Du m u ss t zugeben, dass Deine Tochter ihre Irrthumer abschwort; Du musst zugeben, dass sie mein Weib werde; und damit die Zungen der Welt unser Gluck nicht storen, und meines Vaters Tage nicht truben, will ich mich fern von der Vaterstadt hauslich niederlassen, einsam mit meinem schonen Kleinod. Lieb und angenehm ist mir's, wenn Du, Ben David, auch den falschen Herrn vertauschen willst gegen den wahren Glauben, aber selbst im Gegentheile auch soll Dir in der Ferne eine namhafte Unterstutzung nicht entstehen; nur magst Du, vor der Welt zum mindesten, meine Schwelle meiden. Entscheide jetzt und sey klug."

"Also fragt man den Verdammten um Entscheidung seines Schicksals;" entgegnete Ben David, betrubt und im Kampfe mit sich selbst: "Herr! ich bin geworden zu alt, um wegzuwerfen mein Licht und Hort wie ein unnutzes Kleid. Herr! ich habe keine Stimme der Gewalt gegen eine Tochter, die da liebt, und einen Mann, der mir mein Hochstes nimmt mit dessen Befugniss. Herr! ich bin Euch Dank schuldig, denn Ihr seyd ein vornehmer Mann, und begehrt mein Kind, eine schlechte Judin, in Ehren. Ich bin geworden Euer ewiger Schuldner, da Ihr gehandelt habt wie ein Bruder an i h r , wie ein Sohn an mir. Ich bin Euch, Gott soll mir helfen, verpflichtet, als Knecht, weil ich gesundigt habe gegen Euer Haus, und Ihr mir dennoch wollt vergeben ..."

"Die Verirrung meiner Mutter wird sich milde losen," entgegnete Dagobert: "ich hege keinen Groll desshalb gegen Dich, ob ich gleich weiss, dass Du vor Gerichte die Wahrheit nicht gesagt, und dass der kleine Hans nicht mein Bruder ist." "Gott soll mir helfen," versetzte David eifrig, "wenn ich nicht habe gesagt Alles, so wie mir's der Beichtvater Eurer Mutter im Thurme hat befohlen." "Ich dachte mir's," sprach Dagobert: "darum sey ruhig, und fahre fort in Deiner Rede, deren Bedenklichkeit ich mit den Worten der Wahrheit beantworten will." "Herr;" begann Ben David wieder: "Ihr habt gesagt, ich musste willigen in Esther's Ubergang, in Esther's Ehe mit Euch. Vor dem Gesetze Eurer Herren musste ich's, denn ich bin ein elender Jude, den man aufhangt zwischen Hunden, wenn man seiner los seyn will. Aber ich muss nicht vor meinem Herzen; ich m u ss nicht vor dem Euern, das da ist ein gutes, und treues Herz, welches sogar in den Kindern des alten Bundes ersieht seine Nebenmenschen. Aber die Dankbarkeit ist mir mehr geworden, als das Gesetz Eurer Herren. Aber die Dankbarkeit lasst mich dazu lacheln, dass Ihr so grausam seyn wollt, auf ewig meinen grossten Schatz zu nehmen, zum Lohne fur das, so Ihr gethan an uns. Ich will jauchzen, wenn mir gleich das Herz brechen mochte, und ich will segnen das Band, weil ich will losen meine Schuld, und nicht laden will auf mich den Fluch meines Kindes, mag auch dann aus mir werden, was da wolle."

Esther und Dagobert wurden tiefbewegt durch diese Rede, die Keines von ihnen erwartet hatte, durch diese Einwilligung, in welcher ein grosser Schmerz sich kund that. Die Flamme der Beschamung schlug in Dagobert's Gesichte auf, und sein redlicher Mund verhehlte nicht, was in ihm sich vorbereitete. "Wahrlich," sprach er: "Ben David, Du bist kein gemeiner Jude, der seine Rede nur setzen lernt, um einem Kaufer ein Stuck schlechter Waare fur ein gutes auszuschwatzen; Du hast die Kunst erlernt, zum Innern der Seele zu reden, und Dir mochte es gelingen mir das Theuerste, das ich kenne, damit von der Brust zu reissen. Ich will nicht grausam seyn, und die Dankbarkeit, die Du mir vielleicht schuldest, als eine Schlinge gebrauchen, in welcher Deines Lebens Freuden erstikken sollen. Davor bewahre mich der Allmachtige. Aber Deine Tochter, deren Lebensgluck ich gerne stiften mochte, hat doch auch in diesem Handel eine Stimme. Sie rede frei, ohne Zwang, ohne Uberredung. Wird sie dem Vater und seinem Irrthume folgen, oder dem Verlobten in den Bund der wahren Kirche?" Ben David schwieg, wie Dagobert verstummte, und die Blicke beider hefteten sich unruhig auf Esther, die in den grausamsten Kampf verfiel, wie eine Siegerin jedoch, sich schnell und besonnen daraus emporriss.

"Dagobert!" rief sie, ihren Arm fest um seinen Nacken schlingend: "Mensch, der nicht von der Erde stammt! Herr meiner Gedanken und meiner Seele! Dass ich Euch liebe und an Euch hange fur alle Zeit; .. das Erstemal ist's, dass ich es wage, Euch es zu gestehen; aber, Engel des Friedens! wurde ich seyn Eurer werth, wenn ich zauderte in diesem Kampfe? Ich glaube fest, dass uns Alle jenseits vereinigen wird E i n Paradies. Dort Euer zu seyn, Dagobert, wird meinem Glauben der hochgelobte Gott gewahren. Hier .... o seht den Schmerz des Vaters! Ich kann nicht todten den, der mir gegeben hat das Licht; Vater! nimm mich mit Dir; uber Berg und Thal, uber Feld und Meer! Dein gehor' ich bis an's Ende Deiner Tage!"

Von dem Halse des Geliebten sich losreissend, warf sie sich in die Arme des Vaters, der uberrascht auf seinen Fussen wankte, der Tochter Stirne mit Kussen bedeckend, und Perlen der Angst und der Freude auf seinen benarbten Wangen tragend. So wie aber die Feier des grossen Siegs verrauscht war, und Ben David's Auge sich nach Dagobert umschaute, und den erbleichenden Jungling gewahrte, wie er sich kaum aufrecht zu halten vermochte, und demungeachtet seiner Esther Beifall zulachelte; als David auf Esther blickte, die, nicht minder zum Tode blass, unter dem Gewichte der erfullten Pflicht zu erliegen dachte; da wurde sein Gesicht wieder trube und angstlich, und er trat an das Fenster, und sah in das Grune hinaus, und betete zum Herrn und zu der Seele seines verstorbnen Vaters. Endlich wendete er sich um zu dem Paare, das stillschweigend sich die Hande erfasst hatte, als sollte schon jetzt Trennung und Abschied hereinbrechen, und sprach recht milde und recht leise, wie er's gewohnt war, mit Esther zu reden: "Ich danke Dir, meine Tochter. Du hast wir wieder gemacht Muth, und Jehovah wird lohnen, wo ich es nicht kann. Aber Dich mitnehmen auf meinen Wegen, ... ich kann es nicht. Und zu unsern Leuten kehren willst Du nicht, und Menschen, die sich also lieben, reissen von einander; das soll nicht seyn, spricht der Herr unser Gott, sobald er abgelegt hat den Rock des Zorns, und anlegt das Gewand der Milde und Barmherzigkeit. Darum will ich denn auch, so schwer mir's wird, gestehen, was ich weiss, um zu fordern Euer Gluck, und mir zu erwerben Euer dankbar Angedenken."

Ehe er begann, schopfte er muhsam Athem; sein kurzes Uberlegen war schon eine Ewigkeit fur Dagobert und Esther, die mit wissbegierigen Blicken erwartungsvoll an seinem Munde hingen. Endlich hob er an, und sprach mit kurzen Unterbrechungen und Zwischenraumen: "Mein Weib ihre sey das Paradies hat mir geboren zwei Sohne, und das letzte Kind, das es mir schenkte, war ein Magdlein, an das ich mich gewohnte schneller und leichter, denn an die Buben, was selten ist bei unsern Leuten, die nach Sohnen streben, wie nach Reichthum. So oft ich ging uber Feld, legte ich das Tochterlein der Mutter auf's Gewissen, und drohte ihr, wofern dem Kinde widerfuhre etwas Leides, sie zu verstossen aus dem Hause und der Ehe, so wie's das Gesetz erlaubt. Gewiss, Gott soll mir helfen ich hatt' es nicht gethan, aber die Angst war gekommen auf das Weib, und es meinte, sterben zu mussen auf dem Fleck, als es eines Morgens da ich abwesend war, und mein Tochterlein erst alt drei Wochen das Kind todt fand in der Wiege; denn die Katze hatte sich hereingeschlichen vom Nachbarhause, und sich gelegt auf des Kindes Hals, und dasselbe also erstickt. Die Mutter erhob kein gross Geschrei, denn sie wollte nicht kund geben ihre Nachlassigkeit, allein sie setzte sich in den Winkel neben das todte Kind, und weinte bitterlich, und da gerade der Vater Jochai hereinkam, so redete sie zu ihm: 'Raaf! sieh hier das Kind. Dein Sohn verstosst mich; so er's erfahrt, und ich bin doch unschuldig. Hilf mir, dass wir beten uber das Kind, ob es vielleicht erwache, ehe noch der Vater heimkommt mit den Buben.' Und sie beteten uber das Kind, und Gabriel erweckte es nicht. Da nun mein Weib wieder, anhob zu klagen, so sagte der kluge Greis Jochai: 'Schweige, Weib: Ich will gehen hinaus, und sehen, was mir der Herr eingibt, oder der Prophet Elias.' Und nicht lange war er fort gewesen, so kehrte er wieder zu der betrubten Mutter, und trug ein klein Magdlein auf dem Arme, und redete: 'Weib! sieh hier; was mir hat Gott bescheert. Draussen an der Strasse hab' ich gefunden ein Bettelweib im Sterben, und das Wurmlein hier an dessen Brust, die doch keine Nahrung mehr gab. Mutter, sagte ich, weil mir's der Herr eingab: willst Du mir erlauben Dein Kind, ehe es mit Dir stirbt? Ich bin ein ehrlicher Mann. Das Weib sah schon nicht mehr hell und wusste nicht, dass ein Jude zu ihm sprach: es reichte mir aber das Magdlein hin, und sagte: "Nimm' ehrlicher Mann, und Gott vergelt's. Getauft ist das Kind, und heisst Marie." Es war der Armen letztes Wort; sie starb, und hier bringe ich Dir die Kleine, damit sie eine Judin werde, und Davids Herz nicht betrubt sey bis in den Tod.' Legten die beiden das lebende Kindlein von gleichem Alter und selbem Ansehen an die Stelle des todten, das sie heimlich fortschafften, und da ich wiederkam, liebte ich das Kind wie zuvor, und habe es erzogen, und nicht anders gewusst; als bis ich von Jochai auf seinem Sterbelager erfahren, was er gethan; wofur ich ihn noch segne, denn mein Weib ist hinuber gegangen im hauslichen Frieden, mein Herz war nicht betrubt bis in den Tod, und ich vermag's, zwei Herzen zu verbinden, die sich lieben, denn Du, Esther, .. wahrlich ... Du bist jenes Kind."

"Eine Christin?" rief Dagobert frohlockend. "Nicht Deine Tochter?" fragte Esther mit einer Empfindung gemischt aus Freude und Wehmuth: "So steht ja unserm Bunde nichts im Wege?" fuhr Dagobert fort: "Marie! Geraubt aus unsrer Kirche kehrst Du doch wieder dahin zuruck, zum Gluck der Zeitlichkeit, zum Gluck des ewigen Lebens. Marie! o lass uns den Greis segnen, der noch am Sterben seinen Betrug offenbarte; lass uns diesen ehrlichen Juden segnen, der die Hinterlist seines Volkes verschmahend, uns bekannt gemacht mit dem Geheimnisse, das uns ohne Widerrede verbindet!" Dankbar geruhrt reichten Beide dem Juden die Hande. "Es qualt mich, wie es mich entzuckt, dass ich nimmer Deine Tochter seyn soll;" sprach Esther: "Ganz verwaist stehe ich nun da in dieser Welt." "Hast Du nicht mich, Deinen Freund, Deinen Gatten?" erwiederte Dagobert: "Hast Du nicht den Heiland wieder gefunden, Du, nach seiner Mutter genannte? O, ich ahnte oft, was sich jetzt entdeckt! Du warst nie eine Judin; du theiltest nie den Hass jenes Volkes gegen Andersglaubende, Du warst stets so rein, so zuchtig, wie die Heilige, deren Namen Du fuhrst." "Ich bin wie im Traume!" stammelte Esther, sich dem Arm des entzuckten Junglings uberlassend: "Was ich wunschte, wonach ich mich gesehnt, ist langst geschehen, ich bin schon eine Christin; darf nicht vor allem Volke den Schwur leisten, nicht erst betteln um das Bad der Weihe, denn ich hab es schon empfangen, oder, mein Freund, muss dieser Gebranch erneuert werden, um .....?" "Nein, nein," fiel Ben David angstlich ein: "Nein, nein, mein Kind. Es wird ja nur getauft e i n m a l , und war' es nicht Sunde, zum zum zweitenmale es zu begehren?" "Sundlich und uberflusiig;" versicherte Dagobert: "Wozu ein neues Hinderniss auf die Bahn zu unserm Glucke schleudern? Marie! Nun bist Du mein. Nun hat dieser Mann keinen Theil mehr an Dir, keinen Anspruch, als auf meine Dankbarkeit, die ihm allenthalben folgen, ihn uberall erreichen wird." "Ben David!" setzte Esther weinend hinzu: "Ich habe Euch geliebt, wie eine Tochter den Vater; ich habe wegen Euer mich wollen reissen los von dem edlen Mann, der mein Alles ist in der Welt. Vergebt mir meine Freude darum, ihm jetzt schon naher anzugehoren, und empfangt meinen Dank." "Ei! ei!" antwortete Ben David kopfschuttelnd und schmerzlich lachelnd: "Seht doch, wie ihre Gesichter sich tauchen, nicht allein in's Abendroth, sondern auch in das Roth der Freude. Vor einer Weile hatte ich noch eine Tochter, jetzt nicht mehr. Vor einer Weile wollte mir folgen eine treue Seele in's Elend; jetzo stehe ich verwaister, als die Palme in der Wuste. Gelobt sey der Herr! Gesegnet sey meine Zunge und Ihr, deren Gluck einzig ist mein Werk." Mit Thranen in den Augen riss er sich von den Wonnetrunkenen los, und gieng hinaus in den Forst, wohin er durch eine Lucke im Gehege drang. Unter einem von Buchen gewolbten Dome warf er sich auf seine Knie, und betete, nach seiner Vater Weise, zum Herrn der Himmel, der hoch oben seine Sterne schon angezundet hatte. "Vergib mir, Gott Israels!" beteten seine Lippen zum Schlusse: "vergib mir, wenn ich gehandelt habe wider Deine Gebote; aber ich habe gehandelt nach der ewigen Thora, die da wohnt in jedes Menschen Brust. Verzeih', dass ich freiwillig dahin gab eine Tochter Zions, da sie doch, spat oder fruh, gezogen ware zum Berge Seir, statt zu wohnen, in dem herrlichen Salem! So habe ich doch gehalten den Eid, den ich geschworen in meines Vaters sterbende Hand, so habe ich doch geubt Dankbarkeit, so habe ich doch gelassen mein Kind im Schutze der Gewalt und der Macht, nicht im Staube Deines auserwahlten Volks, das noch immer Dein Zorn darniedertritt, wie einen Grashalm. O baue, baue Zions Zinnen recht bald, starker eifriger Gott! O lass mich finden im Paradiese die Tochter und den heldenmuthigen tugendhaften Jungling! Du prufest ja Herzen und Nieren! vor Dir ist der Behemoth eine Milbe. Und also kann auch Deine Gnade reinigen den Unglaubigen zum Sohne Jakobs. Mit mir aber, so lange ich auf Erden lebe, thue nach Deinem Gefallen, Herr. Ich bin geworden unter Deinem Zorne und den Streichen der Feinde ein Wurm statt eines Menschen, ein Spott der Leute, eine Verachtung des Volkes, aber gesegnet sey Dein Wille, gelobt Dein Name, gepriesen Deine Herrlichkeit; hochgelobter, unendlicher ewiger Gott!" Gestarkt und ermuthigt stand der arme David auf, und ging davon; allein zu Esther kehrte er nicht mehr zuruck.

Funftes Kapitel.

Sieh doch zu, Junge, wer jener Mann ist. Sein

Gesicht weissagt nichts Gutes, so wie sein Rock

nur Trubsal. Den hagern gelben Leuten traue ich

nicht eine Spanne weit!

Aus einem veralt. Schauspiele.

"Lasst den Hund laufen, gelehrter Herr! Der Bube entlauft seinem Galgenholze nicht. Schade, dass mein Bolzen ihm nicht in's Bein flog, sondern durch die Mutze. Er ware ansonst gewisslich nicht davon gerannt wie ein Heide!" "Der elende Mensch!" antwortete dem alten Ammon der Mann, der, schier gekleidet wie ein Cleriker, vor dem Jager auf einem Feldsteine sass, und ausschnaufte: "Mein ganz Gepakke hat er mitgenommen, und ich dank es nur Deiner Hulfe, guter Mann, dass ich mit dem Leben davon gekommen bin; der Schurke hatte nicht wenig Lust, mich auch des Geldes zu berauben, das ich im Gurtel trage." "Aber sagt mir doch," fragte Ammon, "wie's kommt, dass ein gelehrter Herr, wie Ihr, um diese Abendzeit allhier im Busche zu finden ist? Euch Herren gehts doch nicht, wie einem armen Teufel, der seine Fusse brauchen muss, statt des Fuhrwerks." "Du weisst es alsobald;" versetzte der Mann im aufgeFriedberg zu gelangen. Der Karren brach jedoch, eine Stunde Wegs von hier, so ungefahr." Ich sass missmuthig und halb zerschlagen am Rande der Heerstrasse, und wartete bei meinem Gepack die Ruckkehr des Fuhrmanns ab, der auf dem Gaule nach Leuten und Hulfe geritten war. Wenig Menschen auf der Strasse. Kommt plotzlich durchs Feld und uber Wiesenpfade ein Mann daher, rustig und stark darauf losschreitend, den Dornstock in der Hand, und also scharf um sich blickend, und dennoch sorglos vor sich hingehend, als sey er wohlbekannt auf all diesen Stegen und Wegen rings im Land. Da mir's zu lange dauerte, bis mein Knecht zuruckkam, so fragte ich den Wanderer nach demselben, und verrieth ihm meinen Unfall. Da meinte er, ich konnte wohl noch lange vergebens warten, und am Ende schon zu Friedberg seyn, ehe der Geselle vom Dorfe zuruckgekommen, wenn ich nur i h m folgen wollte auf abkurzendem Pfade, den er genau zu finden wisse. Mir war der Vorschlag recht, und ich trug nur Zweifel wegen meines Gepacks. Der breitschulterige Mann lachte, und meinte, es ware ein blosses Kinderspiel fur ihn, mir das Gepack zu tragen bis zur Herberge zu Friedberg, und wenn ich ihm daselbst zum Lohne einen frischen Trunk wollte reichen lassen, so wurde er's dankbar annehmen, und herzlich damit zufrieden seyn. Er hatte noch nicht ausgeredet, und ich auch noch nicht "Ja" gesagt, und flucks hatt' er den Bundel auf dem Rucken, und wanderte rustig voraus. Ich folgte ohne Argwohn, und kam mit ihm in solch Gesprach, dass ich nicht bemerkte, wie er mich in diese Gegend gefuhrt hatte, wo rings um uns einsam Gestruppe steht, doch weit und breit kein Thurm noch Thor von Friedberg. Und da ich endlich es bemerke, und ihn desshalb zur Rede stelle, so lugte er frech hinauf zum Himmel und ringsum, und spricht: "er werde sich wohl im Pfad geirrt haben; der Abend sey jedoch noch nicht weit vorangeruckt, und wir wurden zeitig noch nach Friedberg gelangen, dessen Thurm schon zu sehen sey." Wie er mir nun zeigt, nach welcher Seite ich sehen musse um ihn zu gewahren, und ich dem bosen Rathe des falschen Menschen folge, sauste mir sein Dornstock in's Genick, dass ich hinfalle, und ihm, dem Rauber, keinen Widerstand zu leisten fahig bin. Mein Schreien war jedoch nicht vergeblich, und wohl mir Dein Ohr hat's zeitig genug vernommen, ehe der Schurke mich geplundert. Mag er doch laufen mit dem Pack; der Herr wird ihn schon lassen verlahmen und steif werden wie das Eis, und, .....

Mehrere andere Verwunschungen, die der Fremde auf seiner Zunge hatte, verhallten in dumpfem Gemurmel. Ammon erwiederte darauf lachend: "Nur heraus mit dem Gewetter und Gefluche. Ein meilenlanger Fluch erleichtert recht das mannliche Herz, und Ihr seyd ja jetzt im Freien und nicht in Eurer Schule, wo es sittsam und friedlich hergehen muss. Wenn ihr wolltet, konnte ich Euch turkische und wallachische Fluche lehren, die weit besser klingen, als unsre matten in Deutschland. Allein im Grunde hilft doch der wetterlichste Schwur Euch nimmer zu Eurer Habseligkeit. Besser war's gewesen, ich hatte den vertrakten Schurken in's Knie geschossen; dabei bleib ich. Wo wollt ihr aber jetzt hin, gelahrter Herr? Die Stadt ist an zwei Stunden Wegs von hier; dort links, und schwer zu finden fur einen Fremden. Ich wollt Euch gern dahin geleiten, musst ich nicht in meinen Wald zuruck. Auch trautet Ihr wohl meinem Gesichte nicht; denn die Leute sagen, der alte Ammon sehe aus, wie der leibhaftige Teufel selbst."

"Hatte ich nur dem Gesichte jenes Schurken nicht getraut;" seufzte der Fremde: "der Bube hatte Gaunerzuge, und brandrothes Haar!" "Hutet Euch vor den Gezeichneten;" schaltete Ammon ein: "Wisst Ihr jedoch sonst nichts, das auf die Spur des Sunders fuhren konnte? Ich wollte lauern lassen auf den Burschen, wie auf einen Iltis."

"Ich weiss nichts, das mir ausser seinem Gesichte aufgefallen ware;" sprach der Fremde weiter. "Ein Schild, das er auf seiner linken Brust trug, konnte vielleicht einen Neubekehrten verrathen; doch traue ich darin meinen Augen nicht." "Einen getauften Juden!" rief Ammon: "das ware moglich; und das ist gefahrlich Gesindel. Das vertauscht seinen Gott, wie ein Soldner seinen Hauptmann. Und dennoch ist es immer Eins, woran man glaubt. Das hab' ich auf meinen Kreuzzugen oft genug erfahren. Mir gilt der Heide, wie der beste Christ, und wenn Ihr, gelahrter Herr, in meiner schlechten Hutte ubernachten wolltet, so ware ich gern bereit, Euch ein unglaubig Dirnlein zu zeigen, das seines Gleichen sucht in der getauften und ungetauften Welt." "So?" murmelte der Fremde, der in Gedanken versunken war, vor sich hin; dann setzte er bei: "Ich nehme es an, Meister Graurock. Ich gehe mit Euch, aber einzig und allein um eines warmen Obdaches willen, weil mich mein Genick schmerzt, nicht der schonen Dirne wegen."

"Mir recht;" versetzte Ammon: "Ich hab' noch nie aus freien Stucken 'nen Gast in meine Hutte gefuhrt. Ihr seyd der Erste, und ein warmes Heulager soll Euch nicht entstehen. Morgen wandern wir dann selbander auf Friedberg los. Kommt; lasst Euch fuhren, denn Mohren und Cordova! Ihr wankt auf den Fussen; ... was ist Euch denn? Warum stieret Euer Auge also in die Ferne, als wollte er in dem Hohlweg sich verlieren? Ihr werdet ja immer bleicher, Herr! Was ficht Euch an?"

"Der Fremde war starr und steif stehen geblieben, und zeigte unverruckt mit Aug und Hand auf einen Mann, der schnell, obgleich muhsam aus dem Hohlwege, zur Seite kletterte, rasch auf die Gehenden loskam, scheu von der Seite sie anblickte, und, ob vor Ammons Zugen, oder dem Gesichte des Fremden erschreckend, plotzlich die Kappe in die Stirne druckte, mit einem Laute des Unwillens oder der Uberraschung sich abwendete, und, als wie von einem Gespenste gejagt, uber die buschige Flache sich verlor." Wahrend der Fremde ihm bewegungslos nachstarrte, schrie Ammon, der ihn erkannt hatte, wild hinterdrein: "Hoho! sa sa! Jude! wohinaus? Wirst doch nicht gestohlen haben? halt auf, Jude, halt auf!" "Sein greller Ruf scheuchte den Fliehenden nur noch fluchtiger von dannen, und Ammon brach da er dieses sah, in ein wustes Fluchen und Toben aus, das nur die wiederholte, dringende Frage des Fremden unterbrach: ob der Jager den Fluchtigen kenne, und wer dieser sey?" "Ei, potz Reiher und Falk!" schrie Ammon: "ob ich ihn kenne? Der narbige Ketzer ist kenntlich genug. Das ist eben der Vater der schonen Esther, von der ich Euch geredet."

"Esther? Ihr Vater?" rief der Fremde an seine Stirne fuhlend, ob denn auch alles um ihn her wirklich sey, oder ein Traum: "Gepriesener Gott! ich kenne ihn auch, diesen Mann. Sein Name?" "Der leidige Teufel kennt ihn besser als ich," antwortete Ammon, mit der Faust nach der Gegend drohend, in welcher der Fliehende verschwunden war: "ich konnt' ihn nicht behalten." "Ben David?" fiel der Fremde ein: "rede, Mann des Himmels! So Du sagst ja, werde ich Dich halten wie einen Freund, wie einen Bruder." "Nun denn, in aller Hexen Ramen: Ja!" rief Ammon: "So heisst der Bursche. Warum aber der Mensch davon lauft, als habe er die Kleinodien des Reichs gestohlen? Warte, Hund! Wenn ich zu Hause etwas Unrechtes merke, wenn meiner guten Esther etwas geschehen ist, so verschreibe ich mich dem Teufel wirklich und leibhaftig, um nur Deiner habhaft zu werden, Jude, und Dir die Fusssohlen mit gluhenden Peitschen streichen zulassen."

"Esther! Ben David!" wiederholte der Fremde indessen haufig hinter einander, und geberdete sich ganz seltsam, die Hande zusammenschlagend, mit dem Kopfe nickend und schuttelnd, Fusse und Hande und Korper bewegend in lebhaften und wunderlichen Geberden, wahrend sein blasses eingefallenes Gesicht bald Freude, bald Kummer, bald Angstlichkeit, bald eine Art von wildem Unmuth verrieth. "Gott sey bei uns!" rief Ammon derb und roh dazwischen: "Trugt Ihr nicht einen Rock wie ein christlicher Schulherr, ich wurde Euch fur 'nen Rabbiner halten, so verzerrt ihr Leib und Angesicht. Lasst doch die Possen, und tretet derb auf; ich kann nicht erwarten, zu sehen, was daheim ist vorgefallen." "Daheim! ja daheim!" wiederholte der Fremde, unbekummert um Ammon's Reden: "ja, zu Esther lass uns eilen. Ich kenne sie, ich kenne i h n , ihn, der an uns vorbeiflog. Ich muss ihr Schicksal wissen; ich muss ...." "Ihr musst in's warme Heu!" polterte Ammon: "Kreuz und Mond! Des Galgenstricks Dornknittel hat Euern Verstand getroffen, und nicht allein das Genick. Geduldet Euch indessen, und werdet mir nicht vollends toll, bevor wir unter Dach sind. Seht, seht, hier ist schon der Pfad; dort zeigt sich der Hutte Giebel, noch ein Paar Schritte hurtig gemacht, und wir sind allen Kobolden zum Trotz, zur Stelle." Ammon's Unruhe wurde bald besanftigt, da er die Hunde frohlich anschlagen horte, wie sonst, und Esther gewahrte, die auf dem Platze sass, den Regina wohl sonst einzunehmen pflegte, Dagobert's Braut sass in die susse Schwermuth vertieft, welche zartliche Gemuther am Vorabend ihres Liebesglucks gerne beschleicht. Der treue Freund hatte Abschied genommen, um nach der Stadt zu reiten, und am nachsten Abend, mit Geschenken und neuen Gewandern fur sein Lieb beladen, zuruckzukommen. Sie hatte ihm das Geleit bis zum Waldpfade gegeben, dann in die tonenden Forsthallen Ben Davids Namen gerufen, und sich endlich niedergelassen in's thauige Gras, um des wackern Mannes zu harren. Ammon, der zuerst am Eingange des Gehegs erschien, war ihr willkommen, und in demjenigen, der seinen Schritten folgte, vermuthete sie den Vater. Aber ein fremdes Gesicht neigte sich vor ihr an seiner Statt, und je mehr sie dieses Gesicht betrachtete, und von demselben mit gluhenden Blicken durchbohrt wurde, je mehr war es ihr kein fremd Gesicht mehr. Aus der Tiefe ihres Gedachtnisses, aus dem Born kindlicher Erinnerungen musste sie schopfen, um sich dieses schmale Antlitz, mit der Adlernase, und dem geklemmten Munde zu vergegenwartigen, und sie horte nicht auf Ammon's Stimme, noch auf dasjenige, was der Jager schwatzte, sondern nur auf die schon verklungenen Laute des Fremden, welcher gesagt hatte: "Esther! Ben Davids Tochter! Dich hatt' ich nimmer wieder erkannt, aber wirst Du auch nicht mehr kennen mein Antlitz?" Esther's Erinnerungen waren ubrigens mangelhaft, nur mit einem Seufzer aus tiefer Brust musste der Fremde ihr zu Hulfe kommen, in den Worten: "Ich habe einst geheissen Ascher, Du Tochter Ben Davids, und wirst Du mich kennen noch nicht?" "Jehovah! unser Gott!" schrie Esther auf: "Ascher! mein Bruder Ascher! Sey gegrusst, sey willkommen, Du Verlorner!"

"Die Dirne hat den ganzen Sabbat vom Brocken hieher gelockt;" murrte der Forstwart vor sich hin: "und was gilt's, sie wandelt meine Hutte um in eine Judenherberge. Vater und Bruder sind schon gekommen, und wer weiss, wer noch alles folgt. Nein, Jungferlein: Also geht es nicht; und morgen weiss die Frau von Durning Alles." "Er ging missmuthig zu seinen Hunden und in die Hutte, wahrend das Gesprach zwischen Esther und dem Ankommling so ernst wurde, dass sie Ammon's ganzlich vergassen. Verlorner! sagtest Du;" sprach Ascher wehmuthig, Esther's Hand ergreifend: "die Wahrheit kommt nicht reiner vom Himmel, als in diesem Worte aus Deinem Munde. Verloren war ich, verloren bin ich, und wurde es bleiben, wollte ich nicht zu rechter Zeit mich wieder gewinnen. Ach, sieh mich nicht an, Esther. Ich habe schon des Vaters Zorn gesehen; lass mich nicht schauen auch Deine Berachtung. Vergib mir, dass ich hingegangen bin vom Glauben zum Irrthum, von dem Gesetz der Vater zu einem fremden. Die Uberredung hat mich verleitet, der finstre Geist des falschen Wissens hat mich verfuhrt; Hoffnung auf ein zeitliches Gluck hat mich bethort, dass ich gethan, was ich jetzt bereue von Herzen, wie der grosse Konig David bereut hat seine Sunden."

"Ei, was muss ich horen:" fragte Esther dagegen: "Du bereust, der Thora abgeschworen, dem reinen Gesetze gehuldigt zu haben? O schwanke nicht in diesem neuern herrlichen Glauben! Zittre vor Wankelmuth, und halte Dich fest an dem Leitfaden, den des Ewigen Milde Dir erlaubte." "Versteh' ich Dich?" sprach Ascher verwundert: "Ist das meine Schwester, die Tochter meiner Mutter, der einzigen Tochter des frommen Alliba zu Oppenheim, auf dem der Friede sey, wie auf ihr die Ruhe und Segen? Spricht also die Tochter David's, des Sohnes Jochai, die nimmer versaumt hat eine von den vielen Pflichten, die zu erfullen hat ein Sohn des Gebots? Wie kommt es, dass Du mich schiltst, da ich thue, was Recht ist? Reue und Busse."

"Ach, Ascher!" entgegnete Esther milde unk freundlich: "Ich hatte Euch nicht gehasst, so auch noch Alles geblieben ware, wie ehedem, denn die Gojim, wie Du und Deine Bruder sie nenne, sind mir doch immer vorgekommen, wie unsre wahren Bruder. Aber; es ist alles ganz anders geworden. Ich heisse nicht mehr Esther; mein Name ist Maria, und eine Christin bin ich von Geburt an; nicht Davids Tochter, nicht Deine Schwester." "Nicht Davids Tochter?" fragte Ascher: "nicht meine Schwester? Wie fasse ich das?" Esther erzahlte vom Ungemach des Vaters an, bis auf den heutigen Tag, und das Gestandniss Davids Alles, der Wahrheit getreu, und Ascher traute kaum seinen Ohren. "Weh geschrieen!" rief er, da das Madchen vollendet hatte: "Gott! was habe ich gehort? Der Herr segne den Raaf im Paradiese, und der Raaf verzeihe dem Vater die Luge, die er auf jenes Grab gepflanzt. Eine Luge? Ich will sterben zur Stunde und ohne Gebet und ohne Beistand dahin fahren, wie der Abtrunnigen Grasslichster in seinen Sunden, wenn das wahr ist, was der Vater mir berichtet. Wie? O, David ist ein sanfter Herr seinen Kindern; er will sie glucklich sehen; er will allein tragen den Vorwurf, damit das Gewissen seiner Kinder frei bleibe vom Vorwurf. Er will selbst werden ein Sunder, bevor, er zugabe, dass Du, Esther, eine Sunde begehest. Du, Esther, D u bist Davids Tochter, und keine andre. An Deiner Wiege sass ich uber einen Mond, wachend und Dich wartend in einer Krankheit, die mit der Geburt uber Dich gekommen war. Ich und, mein Bruder sind niemals mit dem Vater gewesen uber Land. Nie hatte sie Statt, die angebliche Verwechslung. Der Raaf hatte nimmer ein Christenkind in's Haus eines Glaubigen gefuhrt, nimmer sich theilhaftig gemacht einer solchen Sunde wider das Gesetz; und dieser hebraische Buchstab an dem kleinen Finger Deiner linken Hand ist eingeatzt worden von dem kunstreichen Raaf, da Du noch keine Woche alt gewesen, als Zeichen unsers Hauses. Ich gelobe Dir's, beim Haupte des Vaters: Du bist von seinem Blute und aus Israel."

"Herr Gott im Himmel!" feufzte Esther angstlich und niedergeschlagen: "Wenn das ware! Entsetzlich! Wo ist der Vater? Du wirst sehen, Ascher!" ... "Nicht doch, mein Kind;" versetzte Ascher, seiner Sache gewiss: "Ich werde nicht einmal den Vater sehen, denn er ist geflohen vor meinem Antlitze." Esther's Staunen mehrte sich, da sie nun erst erfuhr, was auf dem Wege hieher vorgefallen. "O, gewiss, ist es, gewiss," schloss er: "Vaterliebe seltner Art hat Ben David's Zunge regiert. Aber Bruderliebe ist noch gekommen zu guter Zeit, um dich zu retten fur die Ewigkeit, die ohne Ende ist in ihren Freuden, aber auch unendlich in ihren Qualen. Hore mich an, Schwester, hore mich an, und glaube, was ich rede. Der Vater hatte mich bestimmt zu lehren in der Schule, und ich habe darum gelernt das Geschrift und die Kunst zu lesen unsre Sprache nach der Wissenschaft, und die Kabbala in all ihren Zweigen. Da kam mir's plotzlich an, als wurde ich machen mein Gluck unter den Christen, und ein vornehmer Mann von Mainz, der sich im Hebraischen oft Raths bei mir erholte, rieth mir dringend an, zu thun, wie ich gesonnen. Meine Jugend war mude, immer Knecht zu seyn von andern, und zu gehoren zu der Sohle von ganz Deutschland. Ich schwor daher der Vater Lehre ab, auf dass es mir wohl gehe auf Erden. Meine Wissenschaft wurde nun hervorgezogen aus dem Staube der Erniedrigung, und jener vornehme Mann wirkte mir einen Lehrstuhl aus zu Heidelberg, um die hebraische Sprache zu lehren, nachdem ich ihn selber vorher einige Jahre unterrichtet hatte. Mir ging es wohl, und der Lehrer Taufkirch war wohl gelitten allenthalben, verfehlte keine Messe, keine Predigt, und hatte ausgezogen den verachteten Juden, kaum mehr zu erkennen an der Mundart. Nichts hatte gestort mein Gluck, wenn es nicht war der Wurm in meiner Brust, der plotzlich anfing, sich zu heben, mich zu qualen. Mein Amt begehrte, dass unsre heiligen Bucher sich einpragten in meinen Kopf, und da fand ich denn nach langem Sinnen, dass alle unsre Lehre, wie die Vater sie befolgten, der Grund der Lehre vom Erloser sey, und dass ohne diesen Grund die Letztere nicht habe konnen entsteh'n und wachsen. Und nun schlug mir das Gewissen, und nachdem ich einige Jahre hindurch gekampft, gelitten, und mich halb gegramt zum Tode, hat des Himmels Herrlichkeit und Israels Gott den Sieg gewonnen uber meine zeitlichen Begierden; weggeworfen habe ich das Amt, um heimzukehren zum Vater, wie der verlorne Sohn, zu den Schulen, wie das verirrte Schaf. Da erfuhr ich zu Frankfurt Euer grausam Schicksal, des Vaters Flucht, wie sie es nennen, den Tod des Jochai, und Dein Verschwinden. Auf's Gerathewohl habe ich mich gehen lassen in die Welt, und die Reihe von Abenteuern, die mich bis hieher gebracht zu diesem abgelegenen Winkel, verburgt mir, dass es Gottes Wille sey, dass ich Dich rette!" "Hochgelobter Gott!" jammerte Esther: "Welche spitzige Widerhaken wirfst Du in meine Brust? Ben David entflohen? und ich dennoch sein Kind? dennoch aus Israel? Bruder! sey barmherzig, und sage, dass Alles gewesen ist Luge und leerer Schaum." "So wahr ich lebe, und der Himmel gemacht ist vom Herrn, so wahr ist mein Mund;" betheuerte Ascher duster und dringend: "ich bin gesendet, ein Prophet zu der am Abgrund schwebenden Zion, die einst Konigin der Stadte gewesen, und nun sich herablassen will zur Magd der Edomiter! O hore auf meine Stimme, Esther, hore sie, damit Du nicht einst bereuen mogest, was Du gethan. Lasse ab von dem Jungling, der zu Rom halt. Lasse ab von dem Gedanken, zu werden, wie er. Troste Dich nicht mit dem Gedanken, nicht Du, sondern David, unser Vater, musse verantworten die Luge, die seine unendliche Liebe gewagt hat, auf die Gefahr, seine eigne Seligkeit zu verlieren. Aber der Herr, der hochgelobte Gott, ein starker und eifriger Gott, zuchtigt fur die Sunden der Vater die Kinder bis in's tausendste Glied. Ungluck und Schande wurde erwachsen aus Deiner sundigen Ehe, Ungeheuer an Leib und Seele daraus hervorgehen, den Teufeln gleich, die Leviathan mit Lilis zeugte." "Halt ein, Ascher!" rief die Verzweifelnde. Der Schonungslose fuhr aber dennoch fort: "Hore mich, verfuhrte Tochter Salem's! Gib Dich nicht in Moloch's Gewalt. Du sollst seine Sklavin seyn. Warum wird er nicht ein Sohn Jakobs, wenn seine Liebe eifrig ist? Warum sollst Du zu seiner Lehre schworen? Weil er Abrahams Saamen verachtet, weil er Dich sundigen machen will, damit Du sein und der Holle seyst, auf immerdar. Denn Sunde ist dieser Tausch, glaube mir, dem Sundigen. Wer seinem angebornen Herrn untreu wird, seinem Gott; wie kann der ferner treu seyn im Haus, im Ehebett? wie kann ein solcher Treue verlangen? und wie wird einst seine Sterbestunde seyn? O, glaube, glaube an die Qualen des Abtrunnigen; ich habe sie gefuhlt, ich fuhle sie noch, und werde nur erst dann ruhig werden, wenn ich gebusst habe in einer Schule. O kehre um, setzte er wie in Verzweiflung hinzu: Kehre um, da es noch Zeit ist, und Du dieser Busse nicht bedarfst. Sieh mich an, wie mich der Herr geschlagen hat: Wie meine Gebeine geschwunden sind, wie mein Leib zum Schatten geworden. Nicht Schlaf, nicht Ruhe kommt uber mein Auge, nicht die Hoffnung in meine Brust, und dieser Zustand muss sich andern, sollte ich auch Jahre lang vor der Thure einer Synagoge liegen, und mit meinem Rucken den Glaubigen zur Schwelle dienen1. Aber selbst dann wurde ich nicht wieder seyn, wie zuvor, wenn ich Dich nicht gerettet; versiechen wurde ich im Jammer, wie auch versiechen wird in Elend und Trostlosigkeit David, unser guter, allzu guter Vater. Dir gehort dann sein Tod; und mein letzter Seufzer wird seyn Dein Werk!"

"O schweige, schweige, grausamer Bruder!" schluchzte Esther, trostlos die Hande ringend, "Du greifst furchterlich mein Herz an, das doch nichts Boses wollte, das doch nur glucklich zu seyn begehrte! Aber nicht Dein Tod, nicht der unsers Vaters komme uber mich. Wie konnte ich die Freuden des Lebens finden, musste ich mir vorwerfen, sie seyen erkauft durch das Eure. Nimmermehr! Ich will seyn stark, starker als mein Geschlecht, starker als der Mann selbst, der nicht freiwillig ablasst von dem, was er liebt." "Dann segne Dich Jehovah!" entgegnete Ascher freudig: "O gehe mit mir, Schwester, wiedergefundne Tochter Abrahams und Jakobs. Noch besitze ich Geld und Gut, zu fristen unsre Tage. Komm, theile mein bescheiden Loos, troste mich in meiner Busse, in meiner Reue; halte bei mir aus, und der Herr wird uns wiederschenken den Vater, dessen Schmach und Elend gewisslich nur eine Folge ist meiner Missethat." "Ein Lebewohl, das Letzte, werde ich doch dem Freunde bringen durfen?" "Nein, nein!" herrschte Ascher: "Fliehe die glatte Zunge aus Midian, fliehe den Mund, der Dich bethorte. Ein Hauch der Schlange reicht hin, Dich und uns Alle zu verderben. Du musst mir folgen! O, warum ist die Nacht schon dunkel geworden? Warum leuchtet nicht die Sonne? Gleich musstest Du gehen mit mir. Aber morgen, morgen, so wie es Tag wird, folge mir!" "Du brichst mein Herz und meine Gefuhle, wie Binsen!" rief Esther schmerzlich: "Aber, mag ich doch das Opfer seyn, dass der Herr nicht zurne, und dass es den Meinen wohl gehe auf der Erde! Ich will mir denken, Er sey m i r untreu geworden, wahrend ich doch meineidig werde gegen ihn. Ich will mir denken, dass er in den Tagen, wo ich fur ihn zitterte, ein Opfer der Vehme gefallen sey; aber werden diese Gedanken mich beruhigen? Werden sie nicht entsetzliche Geisseln und Stacheln seyn, um zu zerfleischen mein Inneres? Mein Bewusstseyn erhalte mich aufrecht, und mein hochgelobter Gott, der mich geschaffen. In seinem heiligen Namen, Bruder ich folge Dir!"

Fussnoten

1 Eine ehemalige Bussungsart der Juden.

Sechstes Kapitel.

Du bist ein hartgesottener Sunder!

Schiller's Fiesko.

Der arme Dagobert hatte nicht die kleinste Ahnung von dem, was in seiner Abwesenheit vorgegangen war. Mit der Freude eines Liebenden, der auf sein nahes Gluck hofft, hatte er aus den Kaufladen der Stadt das Schonste und Beste zusammengelesen, um seine Liebe damit zu zieren, und es vermag der Mensch keine grossre Seligkeit zu fuhlen, als er, da er am folgenden Abend am Forstgehege anlangte, und klopfenden Herzens sich der Hutte naherte. Dort sass eine weibliche Gestalt, harrend, nachdenkend, wie es ihm schien, und ihr schmuckloses Gewand war wie Esther's anzusehen. Der Jungling verdoppelte seine Schritte, er flog der Theuern entgegen; und sie war es nicht. An ihrer Statt begrusste Regina den Betroffenen, und bei seinem Anblick stiegen ihr Flammen auf die Stirne, Zahren in's Auge. "Mein Gott!" stammelte Dagobert: "mein gutes Fraulein! Ihr hier? Genesen, aber allein? Was verkundet mir diese Stille? diese Bewegung in Euerm Antlitze? Wo ist Esther?" "Ich soll Euch ihr Lebewohl bringen;" entgegnete Regina halblaut und schuchtern; aber diese Verlegenheit wurde zum Schreck, da sie den jungen Mann fast bewusstlos hinsinken sah. Kaum vermochte sie alsdann seinen sturmischen Fragen Genuge zu leisten. Sie erzahlte, so gut ihre eigne Erschutterung es zuliess, wie sie heute in aller Fruhe zum Wald gekommen, um sich des schonen Morgens zu freuen, da die Krankheit sie so lange in der Kammer daheim gehalten; wie Esther ihr in Begleitung eines finstern Mannes aber sonst ohne Geleit, schon fern von dem Huttenpfade begegnet, wie sie besturzt das Madchen angeredet habe, und nach Dagobert gefragt. 'O mein holdes Fraulein,' hatte Esther gesprochen: 'sagt ihm, der heute vergebens sich dieser Statte nahen wird, sagt ihm mein letztes, herzliches Lebewohl. Sagt ihm, dass Ben David uns wohlmeinend getauscht, dass mein Bruder mich errettet aus der Sunde, in die ich unschuldig fast gerathen ware; dass ich meinen Gott nicht verlaugnen darf, aber ewig ihn, mein Heiligenbild, im Bussen tragen werde; ... dass er mich beklage, sich aber dennoch meines Sieges freuen moge, und ... setzte Regina verschamt hinzu; in der Liebe einer Andern, Bessern glucklich sey.'"

Keine Schilderung von Dagobert's Gefuhlen. Nach langem Kampfe sich muhsam erhebend, seufzte er: "Nun dann! so ist er vorbei der schone Traum, der mich begluckte. So ist dahin, was ich in meinen Nachten gesonnen, warum ich im Sonnenlichte gekampft, wonach ich gestrebt mit allem Feuer meiner Jugend. Der Aberglaube, eines Bruders finstre Glaubenswuth reisst Alles zusammen, was ich, dem Verhangniss zum Trotz erbaute; den Tempel meines Glucks. In Gottes Namen also. Das Unheil soll auch seinen Mann an mir finden; aber, dass sich a l s o loste, was so eng verbunden wurde, dass die holde Fessel so s c h n o d e gesprungen; ... das thut mir weh, und darum wird diese Wunde nimmer vernarben. O, welche Menschen! Mein Vertrauen also zu tauschen! Ben David lugt mir ein Gluck, das ich kaum ahnte, ... sein Sohn entreisst es mir, und Esther reisst sich kalt von allen Banden los, die sie an mich schlossen: Wehe mir!" "Ach, mein guter, trauriger Junker!" sprach Regina trostend und legte ihre Hand auf die Seine, und heftete ihren Taubenblick auf sein dustres Auge: "wer sagte denn, dass sie kaltsinnig schied, deren Flucht euch bekummert? Heisse Thranen weinte sie, und darum .... ich will Euch gestehen, dass ich sie vorher nicht liebte ... darum aber gewann sie meine Theilnahme im Augenblick der Trennung." "Wenn Ihr sie gekannt hattet!" klagte der Jungling: "Tugendhaft und rein war sie, wie Ihr, mein Fraulein. Eine Seltne in dem Kranz der Frauen, die Einzige in den Reihen ihres Volks, das geadelt wurde durch ihren Besitz. O, diese Hutte hier! eine Kapelle sollte man auf ihre Statte bauen, weil die Liebliche durch kurze, allzukurze Frist hier verweilte." "Ihr sprecht ja nicht wie ein Christ!" sagte Regina mit lachelndem Vorwurf: "ich sollte bose auf Euch werden, wenn ich nicht die Vertraute Eurer Liebe geworden ware. Ach, mein Antheil an ihr ist mir schlimm bekommen. Der garstige Ammon hat heute der Mutter Alles auf's Kleinste berichtet, denn er furchtete die Folgen; und Mutterlein hat mich gescholten, und gesagt, es zieme sich fur ein Edelfraulein nimmer, um solche Abenteuer zu wissen, und sie werde mir verbieten, je den Wald wieder zu besuchen." Dennoch bin ich ihrer Wachsamkeit entgangen, denn Ihr musstet ja erfahren, wie Alles kam, und ich ware gestorben hatte ich Euch in Ungewissheit lassen mussen. "Nehmt Ihr Theil an mir, holde Dirne?" fragte Dagobert weich und dankbar. Regina wurde roth, entzog ihm ihre Hand, und sagte ausweichend: "Wenigstens wollte ich's gern ertragen, dass mein Mutterlein mich schmalt, konnte ich Euern Schmerz nur wenden. Ich liebe traurige Gesichter nicht. Seh' ich jedoch Euch in Gram versunken, so mochte ich flugs mit Euch weinen, ob es vielleicht Euern Kummer lindern mochte." "Lindern? gewiss!" rief Dagobert: "Die Thranen der Unschuld, die des allerreinsten Gefuhls sind Lebensbalsam fur den Trauernden. Ja, mein wunderholdes Magdlein; die Zuversicht, .. das glaubige Vertrauen auf eine helle Zukunft, diese heilige Schrift, die in Euern Augen zu lesen ist, klar und deutlich, wie das Licht der Sonne, ... sie gibt mir Trost, und Muth zu leben, ... muss ich auch allein auf meiner Bahn zu Ende wandeln." "Allein?" fragte Regina neugierig: "wie meint Ihr das?" "Ich werde nimmer um eine Jungfrau minnen;" versetzte Dagobert: "einsam bleiben, und allein, keinen Herd mir bauen, keine Hutte, sondern fluchtig seyn und unstat."

"Um Gottes willen nicht!" rief Regine: "Nur das, ehrsamer Junker, das thut nicht. Viel Hundertmale horte ich meine Mutter sagen, ein Hagestolz hatte nicht Freude und nicht wahre Lust am Leben, er besasse nicht einmal ein Herz fur seinen Hund; und ich will's glauben, lieber Herr. Da ist der Vetter Schwarzbach, und der Ohm von Miltenberg, vor denen mir schon bang wird, wenn sie unser Haus betreten. Da geht's Treppe auf, Treppen ab, mit beschmutzten Stiefel und ungekammten Barten, mit Halloh und Hassah durch Feld und Wald, und nur dem Becher wird ein freundlich Gesicht gemacht, und Frauen hingegen bestandig ein scheeles. Zu solchem Leben seyd Ihr nicht gemacht, guter Herr. Ihr seyd so freundlich, und wart so froh, dass es Schade ware, wenn Euch einer Judin Verlust zum Trubsinn brachte." "Anmuthige Regina!" erwiederte Dagobert: "wollte der Himmel, die Sachen stunden noch wie am verwichnen Ostertage. Damals glaubte ich mich noch frei, und Euer Liebreiz nur allein hatte mir eine Fessel anlegen konnen." "Ach nicht doch!" kicherte das Edelfraulein verneinend, und hielt die Hande vor das geschamige Antlitz. Indem trat, von Ammon begleitet, die Frau von Durningen an den Eingang des Geheges. "Regina!" rief sie ernst, und Dagobert eilte, das erschrockne Madchen zu der Mutter zu fuhren. "Ich danke Euch Eure Gegenwart nicht, Junker;" sagte die Edelfrau, "da ich nun zu spat nur durch Ammon erfahren habe, was mir meiner Tochter Mund verschwieg. Ihr habt unedel genug die Eitelkeit meiner Tochter missbraucht, um einer Dirne von schlechten Herkommen und ungewissem Leumund eine Zuflucht auf meinem Boden zu gewinnen; und Ihr versucht's vielleicht, jetzt noch die Leichtglaubigkeit der unerfahrnen Jungfrau zu verfuhren, da Euers Herzens Lieb Euch untreu geworden. Ich bin ein Weib, und kann, ohne mannlichen Schutz, mit dem Manne nicht rechten, wie sich's gebuhrte. Thut mir jedoch die Liebe, so schnell als moglich mein Eigenthum zu meiden." "Euer Misstrauen, gestrenge Frau, betrubt mich;" antwortete Dagobert gelassen: "ich weiche jedoch gerne aus Euerm Eigenthume, in welchem ich das meines Herzens verlor, um Eurer fleckenlosen Tochter ferner keinen Kummer zu verursachen. Habt Dank, Fraulein, fur das, was Ihr an Esther und mir gethan, und belehrt, uberzeugt Eure Mutter eines Bessern, damit sie nicht aufhore, mich zu achten, wie einen Ehrenmann." Schweigend verneigte er sich und verschwand. Seinen qualenden Gefuhlen konnt' er jedoch nicht entgehen, wie den strafenden Blicken der argwohnischen Mutter. Viele Male hielt er auf seiner Strasse inne, und uberlegte bei sich selbst, ob er zuruck gen Frankfurt kehren solle, ob er es versuchen werde, Esther's Spur zu finden. Gegen diesen letzten, von keinem Hulfsmittel unterstutzten Versuch straubte sich sein Stolz. "Ward ihr's so leicht, von dir zu scheiden ohne Frage, ohne Wahl und Lebewohl," sagte dieser, "so lass sie. Sie hat deine Liebe nicht verstanden, oder war ihrer nicht wurdig." Und dennoch flusterte sein Herz im nachsten Augenblicke: "Ach, freilich hat sie dich verstanden, so wie auch du i h r e Liebe, die heilige, tadelreine verstehst. Freilich war sie deiner wurdig, und auch in der Ferne wird sie's bleiben. Und hierauf dachte er an das Vaterhaus, an den Vater, der ihm wieder lieb geworden, an die reuige Mutter, an den kleinen Hans, und den biedern gelehrten Johannes, und er fuhlte, dass ausser der Liebe noch das Leben Anspruche an ihn, und Pflichten fur ihn habe, und dass daheim nur das heilende Krautlein v i e l l e i c h t auch nur wachsen mochte, seiner Seele Wunden zu sanftigen. Gegen alle Weltgegenden breitete er daher seine Arme aus, als wollte er die Verlorne damit an sein Herz ziehen, und ware sie am aussersten Ende der Welt. Ihren Namen rief er laut und oft in die Luft hinaus und himmelan; dann waffnete er sich mit neuem Muthe, und wandte sich nach der Vaterstadt, ... nicht ein Vergessender, sondern ein in seines Herzens Muth und zuversichtlicher Kraft Getrosteter."

Er hatte kaum den Scheideweg verlassen, der ihm die Strasse frei liess nach Friedberg und weiter in's Land, oder nach dem Mainstrome, als eine leise Stimme, hinter einem Haselbusche hertonend, fragte: "Aber Veit! warum fendest Du dem Schurken nicht einen Pfosten nach oder in Ermanglung einen guten derben Stein?"

"Ei, lass mich doch, Leuenberg," antwortete der Hornberger; denn die beiden Ehrenmanner waren's, die hinter dem Busche lagen: "ich bin noch mude, wie ein kolleriges, Pferd, das seinen Meister gefunden hat. Der scharfe Ritt schon hatte mich angestrengt, und Du, guter Geselle, warst in eine verdammt schlechte Sippschaft gerathen, deren Arme nicht von Wachs gewesen sind. Sag' mir doch, wie kamst Du unter das Gelichter?"

"s' hat weiter kein Bedeuten," entgegnete Leuenberg, "und mein wunder Schadel schmerzt mich dermassen, dass ich nicht viel reden mag. Seit ich von Neufalkenstein wegging, hat mich tausend Noth verfolgt. Wie hab' ich's bereut, dass ich dem angstlichen Doring folgte, der von der Burg ausriss, als hatten ihn schon die Hascher der Stadt beim Helmkragen. Der Taugenichts ging seine Wege, ich die meinigen. Auf der Gelnhauser Burg hatte ich nichts zu leisten, nichts zu thun, und schlug mich hieher, wo ich auf dem Anstand herumlungerte, ohne ein glucklicher Schutze zu seyn. Ein Paar arme Bauern, nicht der Muhe werth, sie zu durchsuchen, das war Alles, was die Heerstrasse bot. Doch halt! bald hatt' ich's vergessen: einen Schelm bot sie auch: den rothen Juden Zodick, oder wie der Teufelskopf in der Taufe genannt wurde." "Ho!" fiel der Hornberger ein: "wie schon! Friedreich, mein Pathchen! Was treibt der hier herum?" "Der Gauner stiehlt auf eigne Faust, zu Fuss zwar, wie ein rechter Dieb," versetzte Leuenberg, "allein dem hebraischen Hund war das Gewerbe im stillen Busche weit gunstiger, als mir ausser dem Feld und Holz. Gestern hat er einen Reifenden geplundert, und heute den Plunder zum Verkauf getragen. Hier wollt er sich einfinden, sagt' er. Ich schlenderte indessen zu Gaule hin und her, bis der verdammte Wechsler daher fuhr, in dessen Gefolge ich eben so wenig nassauische Reitersknechte vermuthet hatte, als den Tod, und den ich also blind und thoricht angriff. Wie mir's erging, weisst Du so gut wie ich, denn ohne Dein Hinzukommen ware ich jetzt steif und starr. Hab' Dank, dass Du mich hieher geschleppt hast; ich wollte gerne meine Wunde verschmerzen, wenn ich meinen guten Klepper, den die Hunde niederstiessen, wieder lebendig machen konnte, oder wenigsten das Blut jenes breitmauligen Junkers gesehen hatte, der Deiner Tragheit verdankt, dass ihm sein erbarmliches Leben geblieben ist. Oder war's etwa eine gewisse Angstlichkeit, die Dich zuruckhielt? Willst Du Reu und Leid machen? und hat Dich das, was Du in Frankfurt saht, auf ernsthaftere Gedanken gebracht?" "Moglich war's schon gewesen, beim Donuer;" hiess des Hornberger's Antwort: "Dich hatt' ich an meiner Stelle sehen wollen. Ich ritt ganz ruhig und verkappt in der Stadt ein, und kaufte mir die Dolchklinge hier. Da nun die Gassen wimmelten von neugierigen Leuten und Alles sich dem Bockenheimer Thore zuwalzte, konnte ich mich nicht enthalten, nach der Ursache zu fragen. 'Der verdammte Rauber, der alte Bechtram von Vilbel, wird gerichtet;' gab mir der Kramer zur Antwort, und ich hatte ihm dafur die Rippen durchbohren mogen. Aber, so entsetzt ich auch war, von der Kunde, den, den ich wo moglich zu befreien gekommen war, auf dem Wege zum Tode zu finden, ... dabei musste ich seyn und es mit ansehen, kostete es mir auch selbst den Hals. O, welch bedauerlich Schauspiel, Freund Leuenberg! Du hattest sehen mussen, wie unser wackrer alter Ritter daherschritt in den Stricken der Soldknechte, die er einst angefuhrt hatte. Donner und Strahl! so weh mir dieser Anblick that, so war ich dennoch hoch entzuckt, zu sehen, wie er noch den alten Trotz und die ritterliche Wurde auf seiner Stirne festhielt, vor welcher sie Kramerlummel die Augen niederschlagen mussten. Und so blieb er auch bis zum Ziele. Vor dem Thore auf dem Anger war ein schwarzes Tuch ausgebreitet, und auf demselben liess man den alten Mann niederknien wie einen Verbrecher. Ich hatte ein Gewitter seyn mogen, um uber die abscheulichen Rathsschnauzen herzufallen, die so steif und holzern dem Bechtram das Urtheil wieder vorlasen, als ob sie im Recht sassen, und der von Vilbel im Unrecht. Und dennoch hatte er sie Gefangenen losgegeben, und folglich ward ihm von treubruchigen Hunden das Leben abgesprochen. Mit diesem letztern war's auch bald vorbei. Ein Rottmeister brachte ein Tuch heran, um dem Sterbenden die Augen zu verbinden, ... aber tausend Hagelwetter! der Bube kannte unsern Alten nicht, welcher das Tuch verweigerte und die Augen muthig offen hielt, unterm Schwert des Henkers, das schon blitzte, und nach welchem die in unzahliger Menge versammelten Reichsstadter schielten, wie abgestandne Fische, denn das Gesindel furchtet sogar die Klinge, die es selbst aber noch mein Unstern wollen, dass, wahrend ich also in Zuschauen und grimmiger verhaltner Wuth versunken, auf meinem Gaule hielt, und hervorragte uber den Pobel an der Erde, ... dass Bechtram das Auge zu mir empor hob, und trotz meines falschen Bartes mich erkannte. Unwillig rief er aus, mir winkend: 'Hoho! Hornberger! Du hier, und ich muss sterben? Hilf!' Im selben Nu siel sein Kopf, aber alle andre Kopfe drehten sich nach mir, der ich meinem Gaule wuthend die Spornen gab, um mich aus dem Strudel zu arbeiten, der um mich her summte, wie ein Schwarm wilder Bienen, und mir kein bessres Schicksal verhiess, blieb ich in seiner Mitte hangen. 'Halt auf! halt auf!' schrie es um mich her, und manche kecke Faust griff zu nach meinem Zugel; ich aber, nicht faul, hieb mit der Peitsche um mich her wie ein toller Mann, und habe manchen Spiessburger gezeichnet, dass er ewig an den wilden Hornberger denken wird. Reiter hinter mir drein ... Steine durch die Luft ... und ich voran wie die Windsbraut, und narrte sie hinter mir her bis an die Warte. Dann streckte ich dem Lumpenpack die Zunge heraus, und ritt gemachlicher durch Feld und Flur und Saat, bis ich in Deine Handel fiel. Aber geschworen hab' ich's, heute wenigstens keiner Christenseele ein Leid zu thun, weil mich des armen Bechtram's Tod doch sehr besturzt gemacht, und desshalb liess ich auch den Fant ziehen, den Du nicht leiden kannst." "Hol' ihn der Teufel, und nicht minder den Juden, der seines Vaters Brust verfehlte!" brummte Veit von Leuenberg grollend: "Dass ich mich nicht ruhren konnte! Ich hatte den Buben kalt gemacht wie seine Landsleute an Bechtram thaten, der ubrigens auch noch lebte; wenn auf Neufalkenstein mein Rath befolgt, und der saubre Neffe gehangen worden ware." "Pah!" erwiederte der Hornberg: "hort man Dich allein, so hast Du zu Allem das Beste gerathen, und von Allem das Beste gethan. Geht man auf den Grund, ist wenig dahinter. Ich denke, die meisten Leute leben noch, denen Du den Tod geschworen!" "Keinen Schimpf!" drohte Veit, sich muhsam auf den Ellbogen stutzend: "gerade hier bin ich dem Platze nahe, wo ich zum Erstenmale einen Menschen ausloschte. Es war mein Probestuck, auf einem Wildgange, der mich durch den ganzen Forst gefuhrt hatte. Bei der Futterhutte des Waldes sah ich einen Mann stehen, einen Edelmann, nach Kleid und Wehr zu halten; er zahlte seine Rehe, und mir wasserte in dem Versteck der Mund, dass mir's jetzo so leicht seyn wurde, ein Wild aus diesem gedrangten Haufen herauszuschiessen; dass mir aber nicht gestattet sey, das Geschossene zu holen. Ich ergrimmte bei diesen Gedanken, und dachte: wie war's denn, Veit, wenn Du den breitschulterigen Mann holtest, der, wie ein frohlockender Geizhals seinen Reichthum uberzahlt, von dem dir nichts gehort? Der Gedanke war auch sogleich die That, und wie hineingeblasen sass der Pfeil der Armbrust dem Menschen in der Gurgel. Ich auf und davon, sah ihn von ferne noch taumeln, sturzen, und kam selber glucklich davon. Hinterher erfuhr ich, dass ich den Herrn von Durning erschossen." "Ei, das ist ja eine grassliche That, ein Jugendstreich, wie es wenige gibt;" versetzte der Hornberg: "aber Dir ahnlich, Leuenberg. Einen wehrlosen Mann aus dem Busche zu treffen, oder einen friedlichen Pfarrherrn vom Kirchwege in's Grab zu legen, das ist Deine Sache." "Schweig mit dem Spotte!" eiferte Leuenberg wild werdend: "Ein Jeder treibt's nach seiner Lust und Freude. Dieser in gerauschloser Nacht, jener in Rauferei und offnem Streit. Da kommt aber Einer, dem das wahre Mordhandwerk noch keiner jemals besser nachafft, als er's treibt." Der getaufte Jude Zodick schlich sich eben auf Kreis- und Schneckengangen aus dem Geholz daher. Sein Rucken war ohne Last, sein Aussehen verrieth indessen wenig den glucklichen Vertrodler geraubter Sachen, als vielmehr den zornigen erbitterten Bosewicht. Vorsichtig und wie ein Falke blinzelte er hinter jeden Strauch, und trat, nachdem er sich uberzeugt, dass es rings umher still geworden, mit zuthulicher Frechheit zu den Junkern, die ihn starr ansahen, aber seinen Gruss kaum erwiederten. "Bringst Du Geld?" fragte der Leuenberg: "heraus damit, ohne Widerrede und Umstande. Du siehst, Jude, dass ich Hulfe in diesem Manne erhalten habe. Weigre Dich demnach nicht ferner." "Euer Knecht, Herr von Hornberg;" versetzte der Jude fluchtig: "wie seyd Ihr gekommen in die Wildniss, die da beherbergt zwei von Euern besten Bekannten?" "Um Dich zu sohn, mein Taufsohn!" grinste der Hornberger dem Buben zu: "Wie steht's mit Dir, Bursche?" "Gut, Herr;" entgegnete Zodick boshaft lachelnd: "ich habe den Fehdebrief geschrieben der ganzen Welt, meine Freunde, die edeln Herren hier, ausgenommen. Ich hatte gebaut so schon mein Haus, und die krumme Schlange hat's eingeschlagen. Zu Frankfurt verlangen sie meinen Kopf, und das Vehmgeding hat mich geladen vor seinen Stuhl. Was thue ich aber mit der Ladung? Damit ich nicht erst zuruckgehen muss, bleibe ich gleich ganz weg." "Das Beste;" meinte Hornberg lachend: "wie bringst Du Dich jetzt durch?" "Ich nehme; was mir uberlassen die adelingen Herren;" antwortete Zodick schnell: "und muss obendrein stehlen fur den Mann, der mir noch schuldig ist funf Pfund Heller fur ein Menschenleben." "Verdammte Brut!" fuhr Leuenberg wuthend auf: "Die funf Pfund, die Du erhieltest, waren noch viel zu viel fur Deine Ungeschicklichkeit." "Ungeschicklichkeit?" spottelte der Jude: "so man mir zahlt halb, morde ich auch nur halb, und halb hatte der Alte seinen Rest, was man nicht laugnen kann. Was sollen mich im Ubrigen kummern Eure Handel, Herr, da Ihr Euch nicht umseht um die meinigen? Der arme Friedreich muss Alles ausfechten mit seiner eignen Hand, und kein Mensch steht ihm bei."

"Elender Jude!" murrte der Leuenberg. Der Hornberger erwiederte jedoch halb ernst, halb scherzhaft: "Ei bei leibe, Bruder Veit! Ich bin Freidrichs Taufgevatter, und behaupte gegen Juden sein Christenthum. Heisse ihn den schlechtesten Burschen im romischen Reiche, nur keinen Juden." "War' ich doch geblieben ein Jude!" lachte Zodick hohnisch: "die heimliche Acht hatte mich dann wohl in Ruhe gelassen. War' ich doch geblieben ein Sohn Jakobs, so ware doch vielleicht Esther geworden mein, und Alles nicht geschehen, was sich begeben hat. War' ich doch gewesen ein vorsichtiger Mensch, ... ich hatte gewittert, dass das ganze Nest in meiner Nahe war! Dummer, dummer Zodick!" Er schlug sich bei diesen Worten einigemal tuchtig vor die Stirne, und die edlen Herrn wollten sich, trotz Wunden und Mudigkeit ausschutten vor Lachen. "Der Hund ist verruckt geworden!" meinte Leuenberg "Gottes Wunden und Zeichen!" versetzte Zodick mit verzerrtem Gesicht: "Verruckt und mischukke vor Zorn und wuthiger Sehnsucht. Ich soll theilen mit Euch mein erworbenes Geld ... und Ihr haltet nicht einmal meine Feinde auf, die an Euch mussen seyn vorubergezogen! Das ganze Geschlecht, das ich verfluchte in's tausendste Glied ist gewesen hier ... aber mein Fluch hat es wieder zerstreut in alle Welt. Hatt' ich doch gewusst, dass der Soi, den ich gestern geplundert habe, kein Goi gewesen! dass er gehorte zu der Sippschaft die ich hasse wie den Tod; ich hatte nicht gerastet, nicht geruht, bis er hatte verseufzet seinem Athem unter meiner Faust!" "So rede doch vernunftig; sag at, was hast Du denn? fragte der Hornberger heftig, und Zodick erzahlte von der Forsthutte, von Esther, Ben David und dem Bruder aus der Fremde." "Dummer Bube!" maulte Hornberg: "uns das nicht fruher wissen zu lassen! Eine schmuke Dirne ware mir lieb, wenn gleich nur eine Judin. Wir hatten sie aus dem Bette gestohlen." "Wie erfuhrst denn Du?" fragte Leuenberg. "Ich kam zu vertrodeln meine gewonnene Habe zu Durning," antwortete der Jude: "und dem Gesindel im Hofe erzahlte der alte Ammon, der Forstwart, die ganze Begebenheit. Der Schurke werde krumm, lahm und taub, weil er mir gestern hat abgewehrt, und heut von den Dingen erzahlt, die schon vorbei waren. Noch dachte ich zu erwischen den jungen Frosch, und ihm zu werfen einen Stein zwischen die Fusse, aber auch diesen entzog mir der Furst der Finsterniss. Verdammt und vermaledeit; und ich ruhe doch eher nicht, bis ich mich blutig geracht habe an dem Wicht ohne Bart." "Traum; ich mochte wissen, welcher von uns sich uber den Fant nicht zu beklagen hatte?" fragte Veit von Leuenberg ungestum: "Hat er mir nicht Schimpf und Schmach angethan zu Neufalkenstein? Hat er nicht die Freilassung der gefangenen Hunde ertrotzt, und dadurch dem Henker das Zeichen gegeben, unsern Bechtram abzuthun." "Ja wahrhaftig, bei meinem Eide!" fugte Hornberg, wild drohend, hinzu: "Soll mich doch tausend Ewigkeiten hindurch der Teufel mit Pech und Feuer laben, wenn ich die Hinterlist dem Buben nicht vergelte." "Und ihm a l l e i n gebuhrt nicht Vergeltung!" eiferte Leuenberg, sich erhebend: "die ganze Sippschaft ist mir zuwider Opperment und Krotengift. Der alte, schabige, schmutzige Filz; die nichtswurdige Grete, die all adlich Blut verlaugnet hat, um zu dem Spiessburger zu kehren; der kleine Wechselbalg sogar, der Hans, der, bei Gott, nichts Anders ist, als ein Bastard von Mutter und Sohn, und endlich vor Allem der Abschaum von Niedertrachtigkeit; Wallrade, an die ich, moosiger Bursche, mich noch vergaffen musste, Dank sey es ihren Teuselskunsten, und die alsdann mich selbst anklagte, ich hatte ihr und dem Pfaffen durchgeholfen; dem verdammten Pfaffen, der uns verrieth. Ich hatte meinen Hals hergeben durfen, hatte mich nicht mein holdseliges Schwesterlein mit ihren Kleinodien ausgelost. Wenn ich den Streich der spitzbubischen Schlange je vergesse, so will ich schon jetzt um Haut und Haar seyn." "Wie gewonnen, so zerronnen," spottete Hornberg: "Mit Deiner Schwester war's eine verworrene Geschichte. Sie hatte sich aus ihres Mannes Haus gefluchtet, und in Deinen Arm geworfen, wie Du uns zum mindesten gesagt. Und dennoch geberdete sie sich untrostlich, und dennoch gieng sie freiwillig zuruck?" "Lass' die verdriesslichen Tage dahinten!" fiel Veit ein, dem diese Fragen unangenehm wurden: "ich wollte nur sagen, dass ich hasse, was Frosch heisst, meine eigne Schwester nicht ausgenommen; und ein Fest sollte es fur mich seyn, die ganze Brut auf e i n e m Holzstosse sich verzappeln zu sehen, mindestens durch e i n e n Dolch niedergeworfen. Ein Kinderspiel fur einen Blutzapfer, wie der, der hier vor uns sitzt, ware er nicht so erbarmlich ungeschickt geworden, dass das morsche Leben eines Weisskopfs noch einen stichfesten Panzer gegen seinen Stachel abgibt." Zodick, der bis jetzt, halb dem Gesprache zuhorend, halb in sich hinein brutend, auf einem Steine gesessen hatte, die Hande auf den Knien, und das teuflisch lauernde Gesicht vorgebeugt wie ein tief nachsinnender Mann, richtete sich bei diesen Worten rasch auf, und sagte: "Ihr habt gut reden von Ungeschick, edler Herr. Doch das Gedibber allein fuhrt nicht zum Zweck. Versucht's einmal selbst, oder besser, folgt dem Rath, den ich Euch gebe. Es kommt mir bald vor wie Schofel und Jammer, wenn man sein Messer zuckt auf einen Einzigen, der doch nur ein Sandkorn ist in der Welt. Das thut auch nur ein verworfner Jude um ein Paar Groschen willen, oder ein Paar Lumpen, Handel damit zu treiben. Fur edle Herren wie Ihr, ist's schoner und muthiger und frecher, zu schneiden hinweg ganze Geschlechter, wie die Sichel auf dem Felde die Garben. Ich bin ein Hund gegen Euch. Ihr sagt's, und ich will mich huten, anders zu denken. Aber der Hund hat jetzt gleich Schicksal mit dem Herrn. Einer ist vogelfrei, wie der Andre. Lasst uns darum erklaren Allen den Krieg, weil Alle ihn fuhren gegen uns. Der alte Frosch sterbe nicht a l l e i n , aber mit ihm sein Haus, und mit diesem ganz Frankfurt, und Verderben sey uber seinen Burgern und ihrem Geschlecht." Die beiden Manner sahen den Juden staunend an, und Hornberger sagte endlich: "Beim Stern und beim Kreuz und beim Hammer! Kerl! Du faselst, oder Du hast da einen Streich ausgesonnen, wie ihn die Welt noch nicht gekannt hat, und wie er selbst in meinem frischen, kecken Hirn sich nicht gefunden hatte."

"Diether und all' die Seinen? ganz Frankfurt sammt seinen Mannern, Weibern und Kindern?" fragte Leuenberg neugierig, und die Begierde nach Mord, Brand und Beute leuchtete aus seinen aufflammenden Augen: "Rede, Jude! rede! zogre nicht."

"Die Wildniss hat Ohren wie der Hund," meinte Zodick: "in einsamer Kammer spricht sich's besser von solchen Dingen. Zudem ist's schon dunkel geworden, und kuhl weht die Nachtluft." "Ich spur's wohl an meines Schadels Verletzung;" erwiederte Leuenberg, schmerzhaft nach der Wunde greifend: "aber ich weiss hier nirgends in der Runde ein sichres Wirthshaus fur uns." "'s wird wohl am besten seyn, die Nacht unter'm Mantel zuzubringen," setzte Hornberg bei: "der Teufel traue in diesen ersten Tagen nach Bechtram's Hinritt dem Frieden!" "Ei, nicht doch;" schmunzelte Zodick: "als Ihr kommen wollt mit mir, will ich Euch fuhren, wo Euch niemand sucht, und im Fall des Suchens, niemand findet. Ein prachtig Haus, und sicher wie im Schoosse Abrahams, soll mir Gott helfen." "Nun, so hol der Schwarze das harte Lager hier und die Abendluft;" rief Leuenberg, und machte sich auf die Beine. "Vordem schlief ich, that's Noth, unter meinem treuen Gaule. Der ist nun dahin, entschlafen wie die einaugige Muhme. Gott troste sie beide, und bescheere uns ein Strohlager und einen warmenden Trunk. Sollen wir aber dem Hundsjuden da so unbedingt trauen? setzte er zu Hornberg gewendet hinzu." "Warum nicht?" lachte dieser mit gewohnter Rohheit: "'s war sein eigner Schade. Denn mein Messer schlitzt ihm den Bauch auf, ehe ein Verrather uns ergreift." "Gott foll huten!" entgegnete hohnisch der Jude! "Hab' ich doch meinen Leid zu lieb, und meine Herren und Freunde. Wandert herzhaft mit mir: ich kenne auch hier die Schliche, und unsre Leute sind uberall!"

Siebentes Kapitel.

Schnell ist der Pfeil, schneller die Rache, am

schnellsten die Reue.

Pers. Sittenspruch.

"Du kommst allein, mein Sohn?" fragte Diether staunend und freundlich zugleich, als Dagobert zu ihm hereintrat in's Gemach, wo er mit Frau Margarethen in volliger Eintracht sass, den kleinen Hans auf seinen Knieen. Dagobert bejahte stumm, reichte seinen Eltern die Hande, warf einen prufenden Blick auf Margarethen, und kusste den Knaben. "Sieh," begann Diether wieder und liebevoll: "sieh, das freut mich; ich laugne es nicht. Es ist erfullt worden, warum ich Gott in meinen letzten Nachten gebeten habe. Du hast muthig eine unziemliche Leidenschaft bekampft, deren Gegenstand nur als unsre Tochter aufgenommen worden ware, um Dir einen Beweis unsrer ausserordentlich Liebe zu geben, nicht aus Neigung unsers Herzens, da wir in der Judin, selbst wenn sie die Taufe empfangen, nur die nicht mit Rechten unserm Kreise Angehorige sehen konnen."

"Ja," setzte Margarethe bei, die ihr Auge vor dem Dagobert's niedergeschlagen hatte, nun es aber mit freundlicher Klarheit zu ihm erhob; "bester Sohn; obist mir's, wie meinem Herrn genehm, dass Ihr der hebraischen Magd entsagt habt. Mit unserm Verlangen stimmt es uberein. Was mein Herr noch ferner auf den Herzen tragt, uberlasse ich ihm selbst, zu erklaren gegen Euch." "Was ferner, mein Vater?" fragte Dagobert sanft. "Deine Stimne gibt mir Muth;" erwiederte Diether: "es moge Dir nicht grausame Willkur scheinen, was ich von Dir jetzt fordre. Lege es aus Rechnung meines durch manchen Fehl betrubten Herzens, das recht innig und aufrichtig Friede schliessen mochte mit dem Himmel. Deiner Mutter Gelubde, ... Sohn, ... lass mich nicht vollenden. Der Eid, den sie gethan, ist nicht geloset, denn des Papstes Brief verliert die Kraft, so bald er nicht mehr das Recht besitzt, zu losen. Also spricht der wurdige Vater Reinhold, also spricht der gelehrte Dechant des Doms, Herr Herdan; darauf dringt Dein Ohm, der Pralat, Pater Johannes selbst, der sehr zu Deinem Vortheil neigt, zuckt hiebei die Achseln. Ich weiss keinen Weg zu finden aus der Gewissensangst, die mich belastet, und der Dechant hat schon geaussert, er wolle an den bischoflichen Stuhl berichten ...." "Nicht doch, mein Vater," unterbrach ihn Dagobert gelassen und heiter: "der wurdige Herr mag diese Muhe sparen, wie Ihr die Sorge, nach Worten zu suchen, die Eure Absicht aussprechen sollen, ohne mir wehe zu thun. Nicht Ihr, nicht Herdan, nicht Reinhold, nicht einmal der Ohm, die Hauptquelle dieser Einwirkung der Kirche ... keiner von ihnen fugt mir dadurch ein Leides zu, sondern ihre Worte sind aus meiner Seele genommen. Ja, mein Vater: ich will Priester seyn, und will den Bischof um die Weihen bitten, sie mir nicht aufdringen lassen." "Sohn! Dagobert!" rief der Vater entzuckt, so schnell am Ziele zu seyn: "ist es moglich, dass ich recht horte? Du wolltest? wahrlich, Du bist mehr als ein gewohnlicher Mensch, und granzest an den Heiligen, der dort Dein Ebenbild von der Wand herab uns zulachelt." Dagobert warf schnell den Blick auf das Gemalde, welches den heiligen Georg in s e i n e n Zugen darstellte. Seine Bescheidenheit hatte nie geahnt, dass dieses Bild ihn selbst vorstelle, und er errothete. Dann verneigte er sich vor Margarethen, und redete: "Ehrsame Frau, Euer Befehl schuf jenes Bild, und ich muss Euch herzlich um Vergebung bitten. Ich dachte, vom Haus geschieden, in schlechterm Andenken bei Euch zu stehen. Ihr jedoch, mein Vater, preiset allzusehr mein schwach Verdienst. Ich bin kein Heiliger, begehre auch nicht, es zu seyn; aber wohl ein gehorsamer Sohn und ein Mensch, der allein seyn will mit Vergangenheit und Gegenwart. Es bleibt dabei, mein Vater. Morgen, heute noch spreche ich mit Pater Johannes uber diese Sache, oder mit Reinhold, wenn Ihr meint. Ich liebe raschen Entschluss, und denselben rasch zu vollfuhren." "Geh', wohin Dein Herz Dich zieht;" versetzte Diether: "die Mutter wird vom Himmel herab Dich segnen, und Dein Bruder Johannes Deiner Tugend huldigen. Ich gehe, um den Dechant und den Vater Reinhold von Deinem freien Willen zu unterrichten. Im Barfusserkloster wartet meiner ohnehin eine andre Pflicht. Der Monch, der mir von Wallrade Kunde brachte, ist genesen, und soll meinen Dank empfangen. Reinhold, der ihn in der Krankheit oft gepflegt, betheuert, der Mann sey nicht Priester, sondern von ritterlicher Herkunft, wie er aus Worten vernommen, die seinem Munde in der Hitze des Fiebers entwischten. Wie dem auch sey, ob eine Ordensregel, ob Ungluck oder ein Gelubde den Mann in diese Kutte zwang; ich will ihm vergelten, so gut ich's vermag; denn er war mir ein froher Bote, und seine Botschaft darf nichts gemein haben mit meinem Zwiste mit Wallraden," "Wallrade! die Ungluckliche und Unselige!" rief Dagobert theilnehmend aus: "Wo ist sie? sicher nicht in diesem Hause, denn ich sehe, hier wohnt endlich her Friede." "Ja wahrlich!" bekraftigte Diether, mit einer herzlichen Umarmung seines Weibes: "Der kuhne Gang zum Bannstein hat Margarethen gereinigt in meinen Augen, wie ein heiliges Feuer. Sie ist eine wackre Hausfrau, eine biedre Mutter, und pflegt mit voller Liebe den Knaben, der uns fast so schnode verloren gegangen ware, durch die Schlange, meine Tochter; durch mein eignes Kind! Ha, diese That hat mich emport, wenn ich ihr gleich den Fehltritt verziehen hatte, der sie in jenes Edelmanns Arme fuhrte. Gott schutze ihr unglucklich Kind, das, wer weiss, auf welchem Strom des Lebens jetzo schwimmt, aber sie, die nichtswurdige Tochter und Mutter, will ich nicht mehr wiedersehen, kein Wort mehr von ihr horen. Moge sie in dem Hause der Reuerinnen, wohin sie sich grollend zuruckzog, Reue lernen und Gefuhl. Ich bin mit ihr fertig." "Ach, lieber Herr," seufzte Margarethe: "bezwingt doch diese Unversohnlichkeit. Bedenkt, in welchen Jammer uns Eure Harte ohne Gottes Beistand gebracht haben wurde." "O sieh, sieh, Dagobert!" sprach Diether entzuckt: "sieh diesen beleidigten Engel, der fur die Beleidigerin bittet. Ich lese in Deinen Augen gleiche Wunsche, aber, um nicht weich zu werden, entziehe ich mich lieber Euern Bitten, bis ich kalter und ruhiger geworden bin." Er ging rasch hinaus, und Dagobert sagte kopfschuttelnd: "Der Vater gleicht einem gewandten Gesellen, der auf der Mummerei Tag und Nacht vorstellt. Argwohnisch und gehassig in e i n e r Stunde, entzuckt und das Vertrauen selbst in der andern. Ich sehe, nur ein guter Schiffer vermag sicher durch dies trugliche Meer zu steuern. Euer Schifflein jedoch, meine Mutter, geht hohl und einer Klippe zu." "Sprecht;" fuhr er zu der Verlegnen, sich herabneigend, fort: "Sprecht doch, ehrsame Frau! Wie mogt Ihr doch in lugendes Schweigen der Wahrheit vorziehen, die sich uberall Bahn bricht: Noch, wie ich hore, weiss mein Vater nichts von dem falschen Johannes. Und ich bat Euch doch so sehr! Soll i c h denn reden an Eurer Statt? Und m u ss ich es nicht vielmehr?" "Vater Reinhold rieth mir zu schweigen;" antwortete die Betroffene angstlich: "Seine Klugheit ...." "Sucht hinter Eurer Luge die eigene wohlgemeinte zu verbergen, mit welcher er Euern Leumund rettete;" unterbrach sie Dagobert: "aber, i h n trifft nicht der Blitz, der Euer Haupt nicht verfehlen wurde, erfuhre mein Vater durch andre Zungen, was sich begeben. Verachtet doch endlich die Winkelzuge. Ihr habt mich einst sehr geliebt, Ihr liebt mich noch; wie eine treue Mutter den frommen Sohn, denke ich. Thut mir doch zu Liebe jenes Gestandniss, dass Euch susse Fruchte tragen wird. Thut es bald, denn die Zeit verrauscht, und jeder Tag konnte Euch unrettbar verderben. Uberlegt, und lasst mich, kehr' ich wieder, Euch entschlossen finden."

Kurze Zeit, bevor Dagobert aus seines Vaters Hause ging, um sich zu seinem geliebten Lehrer Johannes zu begeben, hatte der Herr von der Rhon, von den Schmerzen des heftigen Fiebers erstanden, das Barfusserkloster verlassen, um zu lustwandeln im Strahle des sommerlich leuchtenden Tages, neue Krafte zu gewinnen, und seine wunderliche Lage genau zu bedenken. Schon im einsamen Krankenzimmer des Klosters hatte er gehort, dass Diether's Tochter zuruckgekehrt war aus der Haft des rauberischen Bechtrams, der ein blutiges Ende gefunden. Er lenkte unwillkurlich halb, und dennoch halb von Sehnsucht getrieben, seine Schritte nach Diether's Wohnung. Er umschlich sie einigemale, und lugte empor zu den Fenstern des Hauses, um vielleicht Wallraden zu gewahren, einen Anlass, sie zu sprechen, zu suchen, um von ihr zu horen, wo sein Knabe, die einzige Hoffnung seines Lebens, sey. Freilich mahnte ihn ofters die innere Stimme, der Arglistigen, die seine Feindin geworden war, nicht blindlings zu vertrauen; freilich beschlich ihn die Furcht, sie mochte ihn nun sie in Freiheit, tauschen, wie sie schon oft gethan, allein nach dem Strohhalme greifend, wie ein Schiffbruchiger, treibend auf wallender See, sehnte er sich dennoch nach dem Anblicke der Gehassten. Ihr Antlitz, so widerlich es ihm geworden, war das Ziel, nach welchem seine Blicke suchten, allein vergebens war sein Bemuhen. Die Fensterflugel alle standen offen, um die balsamische Luft in das dunkle Gebaude zu lassen; jedoch an keinem dieser Fenster war Wallrade zu erspahen. Ein f r e u n d l i c h e s Gesicht, Margarethens, neigte sich wohl ofters aus den Bogen; kein anderes war aber zu schauen. Seiner Fassung nicht vertrauend, um unvorbereitet in das Haus, unter die Augen der Unversohnlichen, oder ihres Vaters, des strengen Mannes zu treten, kehrte er seufzend, sein Vorhaben auf gunstigere Zeit verschiebend, den Mauern, in welchen Wallrade, das Ungluck seines Lebens, geboren wurde, den Rucken, und ging weiter, ohne ein bestimmtes Ziel sich zu stecken. An den Hutten voruber, in welchen Bettlerrotten ihr unverschamtes Gewerbe trieben, und in Horden die Vorubergehenden anfielen1, schritt er gedankenvoll dem Rauerberge zu, um von dannen an den Mainstrom zu gelangen; nicht die Aussicht uber den Fluss zog ihn dahin; wohl aber die schmerzliche Lust, die Fluthen wogen zu sehen, in welchen sein geliebtes Weib, sein theures Kind zu Grunde gegangen waren. Wie er nun so dahin ging, dieser verlornen Lieben im Innersten wehmuthig gedenkend, so strich eine junge Betteldirne an ihm voruber, die ein Kind auf dem Arme hielt, und dem Monchsgewand eine fromme Verneigung schenkte. Als wie durch eine Fugung gezwungen, drehte Bilger den Kopf nach ihr, und indem er das Kind gewahrte auf ihren Armen, schlug wie ein Donnerstreich der Gedanke durch sein Gehirn: Rudolf! dieses Kind! ist's nicht das Deine? Und zu stehen befahl er der Dirne, und auch ihre Zuge waren ihm bekannt, als wie aus fruher, dammernder Zeit. "Wer bist Du, Maid?" stammelte er betroffen, und hielt die Bettlerin mit zitternden Handen fest: "Wer bist Du, Ungluckliche, und wessen ist dies Kind?" Seiner heftigen Bewegung zu Folge fiel die Kaputze von seinem Haupte, und sein Antlitz erschien im Sonnenlichte, der besturzten Magd so schrecklich und drohend, dass sie aufschrie: "Um aller Heiligen Willen! Herr von der Rhon! Ihr seyd's? O welche Freude!" "Kunigund!" stammelte er, wie von einem neuen Fieberanfall geschuttelt: "Antworte mir .... antworte! dieses Madchen!" "Ist das Eure, Herr;" erwiederte Gundel, sich vor ihm auf die Kniee werfend: "verzeiht, vergebt, Herr, ich wusste nicht, dass Ihr zu Frankfurt; ich furchtete mich .... mich schreckte der Kerker. Bettelnd hab' ich meine und des Kindes Tage gefristet, um nur Frau Wallradens Ruckkehr zu erwarten." "Wallrade?" rief Bilger entsetzt, indem er das schreiende Kind, das den Vater in der rauhen Hulle, entstellt von Blasse und verwildertem Varte, nicht erkannte, auf seinen Arm riss: "Wallrade? ich entsinne mich. Welch furchterliches Licht! Sie nannte mir das Kind todt!" "Todt?" fragte befremdet Kunigunde: "Todt? ach nein, lieber Herr!" "Des Kindes Mutter jedoch? ..." fuhr Bilger mit steigender Angst und Hoffnung fort. "Auch sie lebt, guter Herr!" betheuerte Gnudel.

"Abschaum der Holle!" schrie von der Rhon in heftigster Bewegung: "Niedertrachtige Wallrade! Wo ist mein Weib, wo? sprich, Dirne, sonst ist Dein Ende da!" "Ich schwore, dass ich es nicht weiss, Herr," entgegnete Gundel schluchzend und die Hande ringend: "hatte ich den sonst nicht der Mutter ihr Kind gebracht, das nur mich allein hatte in der Welt? Ach, Herr, Wallrade ist bose, und ich berene mit blutigen Thranen, dass ich um ihre Frevel weiss. Euer Sohn, o Herr! ..." "Nachher von meinem Sohne!" donnerte von der Rhon: "nachher! jetzt aber, von ihr, der Lugnerin! Wo finde ich sie? wo?" "Erst gestern hab' ich ihren Aufenthalt erfahren," antwortete Gundel schnell: "die Abtissin der Reuerinnen ist ihre Freundin, und sie wohnt darum im Hause der weissen Frauen." "Der Teufel im Hause der Busse?" fragte von der Rhon mit wilden Zornesflammen im Gesichte: "Wenn ich sie finde, wenn ich sie treffe! ..." Mit diesen Worten enteilte er, das Kind auf dem Arme, dem Kreise von neugierigem Pobel, der sich um diesen seltsamen Auftritt versammelt hatte, und sturtzte mit der Hast eines Wuthenden der Mainpforte zu. "Um Gottes und Christi Willen!" jammerte Gundel, nachrennend.: "Ihr sturtzt Euch in's Verderben, Herr! Hort mich! hort!" Aber so wie ihr Geschrei, das eines schwachen Weibes fruchtlos verhallte unter dem Toben der Menge, also war uberhaupt nicht mehr aufzuhalten das Rad des Unglucks, das vom Zufalle entfesselt worden war, und nun zerschmetternd daherrollte. Der Stifterin alles Ubels nahte ihre verhangnissvolle Stunde, denn sie begegnete, wenige Schritte von der Pforte dem Rasenden, der wie ein boser Geist an sie heransturmte. "Willkommen, Ungeheuer!" rief er ihr zu, dass sie entsetzend vor ihm wich, und sich an ihre Begleiterin festhielt: "Kennst Du dies Kind? Kennst Du mich? und soll ferner noch Dein schandlich Lugengewebe bestehen? Wo ist die Mutter dieses Kindes?"

"Gott der Barmherzigkeit!" flusterte erschrocken Wallradens Begleiterin, und das Fraulein schrie: "Kommt Willhild, kommt! befreit mich von dem Tollgewordenen!" "Wo ist dieses Kindes Mutter?" brullte der Verzweifelnde, und schleuderte sie mit machtiger Faust zuruck: "In dem Strome? Luge ist's! darum bekenne, oder furchte das Ausserste, Hollengespenst!"

"Der Mensch will mich ermorden!" jammerte Wallrade, verblassend und bebend an allen Gliedern: "Willhild! helft mir von dannen!" "Ermorden? ja bei Gott!" donnerte Bilger: "Nicht leben sollst Du, wenn Du nicht auf der Stelle bekennst!" Vor seinen furchterlichen Blicken wich die Menge zuruck, die das Schauspiel umbrausste. Wache von der Pforte naherte sich nun, um auf Willhild's durchdringendes, Geschrei Ruhe zu stiften. Bilger sturzte jedoch mit der Wuth eines Tigers auf den Anfuhrer der Soldner und entriss ihm gewaltsam die blanke Waffe. Sie in einem leuchtenden Kreise schwingend, schreckte er die Knechte von sich, und verdoppelte Wallradens Angst, an welche er die vorige Frage wiederholte, ausser sich vor Zorn und Grimm. Da gewahrte Willhild den Junker Dagobert, der, von der heulenden Gundel geleitet, sich durch das Volk drangte, und schrie, was sie vermochte, nach Hulfe, und nach seinem Schutz. "Erbarme Dich meiner, Bruder!" wimmerte Wallrade, vor dem Wuthenden zuruckweichend. "Du schweigst?" stammelte dieser: "So stirb, Verfluchte! Und mit einem gewaltigen Schwertstoss auf die Brust der Feindin warf er sie in den Staub, dass sie, schwer blutend und achzend zusammenfiel, ohne ferneres Zeichen des Lebens. "

"Zeter!" schrie der Haufe und fuhr weit zuruck vor dem Herrn von der Rhon: "Ein Mord! Genade der Armen Gott! Ein Mord! Wer bist Du, Entsetzlicher!" rief Dagobert, der die in seinen Arm Gesunkne, Willhild und Gundel uberliess. Der Herr von der Rhon war beim Anblick der Verletzten und der Strome ihres Bluts wie gefuhllos geworden, und dieser Schreck gewann ihm die Herzen des Pobels, und Dagobert's Mitleid, der seinen Mann plotzlich erkannte, und wie von einem Gespenste beruhrt, zurucktaumelte. "Herr von der Rhon?" schrie er: "Unglucklicher! Abscheulicher! was habt Ihr gethan?"

"Stosst mich nieder," antwortete ihm Bilger wie bewusstlos, und die triefende Klinge entfiel seiner Hand. "Das walte Gott!" versetzte Dagobert schaudernd: "Dort naht schon die zuruckkehrende Wache, Schoffen an der Spitze. Euer Blut komme nicht uber mich, flieht!" "Flieht! flieht!" schrie die Menge: "Flieht, unglucklicher Vater! Nach der Freistadt, nach der Freistadt! fort, fort!" "Wo? wo?" stotterte Rhon, in dem die Lust zum Leben wieder erwachte. "Nach dem deutschen Hause!" raunte ihm Dagobert in das Ohr, und stiess ihn in das Gewuhl des Volks, das dem bewusstlos Fliehenden geraumigen Platz machte. "So versorgt Ihr mein Kind?" entgegnete der arme Vater, und im Nu hatte es Dagobert schon auf seinen Armen gezogen. Bilger entfloh, so schnell, als seine Fusse es erlaubten und die unbequeme Tracht. Das Mitleid der aus den Hausern laufenden Burger bahnte ihm den Weg. "Lasst ihn durch!" riefen einige Stimmen: "er ist ein armer Morder!" "Zu den deutschen Herren mit ihm!" riefen wieder andre. "Haltet die Wache auf!" schrieen die Kuhnsten, Meister und Knechte der Metzgerzunft, und schleuderten Steine, Axte und dergleichen Dinge mehr den eifrig Nachsetzenden zwischen die Beine. Am Bruckenthore wollten die Soldner den Monch nicht durchlassen. Metzgerfauste stiessen sie zuruck. Zweie von der handfesten Schifferzunft packten den ermatteten Bilger bei den Handen, nahmen ihn in die Mitte, und rannten mit ihm, schnell wie der Wind, uber die Brukke. Wagen sogar mussten ausweichen, und aus den Fenstern des Deutschherrenhauses wurde der Auflauf gesehen. Eifersuchtig, ihr heiliges Vorrecht zu uben, gaben die Obern Befehl, die Thure weit zu offnen. Bilger nahte dem Ziele, aber auch die Verfolger waren nur einen Schritt hinter ihm zuruck. Auch sie machten sich durch Hellebardenschlage und Rippenstosse Luft und freien Weg, und ihre Hande beruhrten schon die Kutte des Unglucklichen, als er die Schwelle des deutschen Hauses erreichte, und athemlos darauf zusammen sank.

"Ruhre nur die Mauer an, armer Mann!" riefen ihm Mitleidige zu, und seine matte Hand erfasste einen Stein der Pfortensaule, als der Schoffe anlangte, ihn in Haft zu ziehen. Dieser Letztere, ein rustiger, noch junger Mann, wollte sich ohne weitere Umstande seiner Beute bemachtigen, und auf seinen Wink griffen die zweifelhaft zogernd Soldner zu, allein Bilger klammerte sich mit der Kraft eines Verzweifelnden an die rettende Pforte, und gewahrte einen augenblicklichen Widerstand, der dem Oberreiter des Hauses Zeit liess, sich in den Handel zu mengen. Er wies die Angreifenden mit Wort und That zuruck, und das umstehende Volk nahm seine und des unglucklichen Verbrechers Partei. Der Schoff schien jedoch hierauf nicht zu achten in seinem Ungestum, und legte in Person Hand an den Herrn von der Rhon. Verloren schien dieser in seiner Verfolger Gewalt, als der Komthur des Hauses rasch aus der Pforte kam, und mit kuhner Faust den Ergriffenen wieder frei machte.

"Wer wagt's, sich an unsern guten Rechten zu vergreifen?" fragte er trotzig: "Hat uns der Stuhl zu Rom und Kaiser und Reich dieselben darum gegeben, dass ein Rathsherr, von Frankfurt mit ihnen verfahren konnte, wie ein Kind Mit seinem Spielwerke? Lasst die Hand ab, und geht mit Gott ohne diesen Mann." Der Schoff behauptete, der Verfolgte habe noch nicht die gefegten Steine beruhrt gehabt, als man herangekommen; aber die Stimme des Volks widersprach seinen Worten, und der Komthur hielt sich an die Rede des Volks. "Zieht ab;" rief er: "ohnehin gehort der Monch vor sein eigen geistliches Gericht." "Er ist kein wirklicher Monch!" entgegnete der Schoffe zornig: "Er tragt die Kutte ohne Beruf und Vergunst. Unser muss er seyn." "Und wenn's der Teufel selbst ware im Barfussergewand," uberschrie den Rathsherrn der Komthur, "so muss er sicher seyn unter unserm schwarzen Kreuze, sonst sperren wir das Haus, und ziehen Euch vor dem Reichstage zu Rede und Antwort. Lasst darum den Mann und uns in Frieden; uber vier Wochen mogt Ihr wiederkommen!"2 Mit diesen Worten, ohne seine Rede ferner zu vergeuden, zog der Komthur den Herrn von der Rhon nach sich in's Haus, und riegelte mit eigner Hand die Pforte zu, sich wenig bekummernd um das Toben und Schelten der abziehenden Rathsknechte und Soldner. Bilger folgte seinem Schutzherrn ohne jede Uberlegung inden Saal des Erdgeschosses, wo sich zu gleicher Zeit der Trappierer und der Pfaffe des Hauses einfanden, um den Ankommling neugierig zu betrachten.

"Ihr habt Euer Probe- und Meisterstucklein herrlich gemacht, Herr Komthur!" sprach der Pfaffe schmunzelnd zu dem Ritter: "Ihr seyd mit den Leuten umgesprungen, als ob Ihr seit einem Jahrzehend mit ihnen zu Felde gelegen." "Hm!" entgegnete der deutsche Herr lachelnd: "Ihr wisst ja, Pater, dass man die Kinder hat, wie man sie zieht. Gleich von Anbeginn den Daumen wacker auf die Augen gedruckt, bewahrt vor dem Allzuhellsehen. Nun aber zu Dir, Du sauberer Vogel;" fuhr er fort, zu Bilger gewendet: "Du hast ein leichtfertig und verpontes Stucklein gemacht, wie ich vernommen. Der Todschlag mit offner Wehr kommt sonst in Deinem Gewand selten vor. Sag' darum an, ob der Schoffe wahrgesprochen, da er schwur, Du seyst kein Monch, und bekenne: wer bist Du denn?" Bilger hatte indessen den Blick starr und steif auf den Komthur gerichtet, schwieg noch eine Weile, und antwortete hierauf mit dumpfer Stimme: "Ich bin bereit, Euch zu sagen, was Ihr verlangt, Herr, doch eben und gerade nur Euch." "Da muss Erbauliches dahinterstecken, was wohl nicht mit einer Busse von vier Wochen abgethan seyn durfte," spottete der Ritter, beurlaubte indessen seine Freunde mit einem stolzen Kopfnicken und blieb mit dem von der Rhon allein. Dieser, statt ein Wort zu reden, begnugte sich, vor den Komthur hinzutreten, ihm fest in's Auge zu sehen, und die Kaputze vom Haupte zu ziehen. Der Ritter starrte ihn verwundert an, aber nur nach langem Zweifeln stieg eine Erinnerung in ihm empor, die seine Augenbraunen hoch emporzog und die kahle Stirne in trube Falten legte. "Bei meinem Eid!" begann er endlich: "seh' ich recht? tauscht mich auch nicht der Bart und das fahle Gesicht, oder seyd Ihr's wirklich, Rudolph Bilger?" "Ich bin's, Herr," entgegnete der von der Rhon, "und an Eurer gerunzelten Stirne sehe ich, dass Ihr mir ferner Euern Schutz nicht gewahren werdet fur ein Verbrechen, dessen Wurzel eigentlich nur in Euch zu suchen ist; wisst, ich erschlug Wallraden!" Da wurde der deutsche Herr bleich wie die Wand, und so ergriffen, dass er sich an das Fenstergesimse lehnen musste. "Wallrade?" seufzte er kaum vernehmlich: "Wallraden habt Ihr erschlagen?" Er hielt die Hand vor die Stirne und Augen, und da er sie wieder wegzog, war die braune Rothe abermals auf sein Antlitz gestiegen, und seine Augen leuchteten wieder wie herausfordernde Irrwische und der Mund warf sich wieder trotzig auf unter dem borstigen Knebelbarte wie zuvor. "Seyd mir willkommen, von der Rhon!" sagte er, dem Staunenden die Hand reichend: "Obschon Ihr an meinem Schutze verzweifelt, so liefre ich Euch dennoch nicht aus; gerade jetzo nicht, denn der heilige Georg hat nicht besser gethan, da er den Lindwurm verletzte, als Ihr, da Ihr diesen Teufel zur Heimath sandtet. Wohl bekomm's der falschen Metze! Sie hat's verdient an manchem Biedermann!" "E u c h , gerade Euch also reden zu horen ...?" hob Rudolph an: "Wie reim' ich das?"

"Reimt's wie Ihr wollt;" antwortete der Komthur: "aber ich bin ein reifer geworden in der Welt, seit wir uns nicht sahen. Ich bin ein wildes Blut gewesen, und die Leute sagen, ich war' es noch, obgleich der Sabel eines verfluchten Polen meinen Schadel seht diese Narbe in der Feldschlacht also zugerichtet hat, dass mir mit den Haaren auch der Satan darunter hatte ausgehen mussen, wenn Alles mit rechten Dingen zuginge. Aber meine Wildheit reicht noch lange nicht an die Schlechtigkeit der Dame von Baldergrun. Nachdem meine Wunde geheilt worden war, und der Heermeister im Kapitel den Komthursstab als Pflaster darauf gelegt hatte, als ich wieder auf meiner Fahrt hieher durch meine Heimath wieder auf meiner Fahrt hieher durch meine Heimath und Thuringen kam, wo man mich allenthalben anstaunte wie einen todtgeglaubten Mann, ... was horte ich nicht von Wallraden? Wie manchen wackern Mann nannte man mir nicht, der sich zeither in den Schligen der Hexe gefangen und sehr ubel darnach befunden hatte? War sie fruher nur ein Spiel meiner Leidenschaft gewesen, so wurde sie jetzo ein Gegenstand meines Abscheus. Ich wusste wohl, dass sie sich hier befinde, aber tausend Jahre hatte sie leben konnen, ohne mich zu sehen. Vetter Issing ist fur sie nicht mehr auf der Welt. Noch einmal: wohl bekomme ihr der gahe Tod. Was aber ist aus Euerm Johannes geworden, von der Rhon?" "O, Ihr reisst eine Wunde auf, deren ich in dieser unglucksschwangern Stunde ganz vergessen hatte;" rief Bilger ausser sich, und erzahlte nun dem aufmerksamen Komthur seiner Leiden bedauernswurdige Geschichte, wie er geglaubt, Weib und Tochter verloren zu haben, wie er seine einzige Hoffnung auf den Knaben gesetzt, und wie ihm das grausame Verhangniss die Tochter wieder in die Arme gefuhrt habe, um ihm sie, ihre geliebte Mutter, den von fremder Gnade lebenden Sohn, und uberhaupt alles Gluck, alle Freude des Lebens durch einen im Zorn verubten Mord unerbittlich zu rauben.

"O ich bin ein sehr unglucklicher Mensch!" schloss der arme Mann mit jener starren Verzweiflung, die auch im hochsten Schmerz keine erleichternde Thrane in das trockne Auge lasst: "und besser furwahr ware es, Ihr ubergabet mich alsobald den Handen des Halsgerichts, das vor der Thure lauert, und dem ich nach kurzer Frist ohnehin zum Raube werden muss. Das Elend, in welchem ich vergehe, beschreibt keine Zunge, und wenn ich mich uber den Verlust meiner irdischen Freude trosten mochte, so kann ich's nicht, denn mein Bewusstseyn ist voll Schuld, denn auf mir lastet ausser der blutigen That, die mir vielleicht der Barmherzige vergabe eine Sunde wider Ihn und seine Gebote, die nicht Er, die nicht seine Kirche verzeiht und erlasst; die Sunde der Doppelehe, gleich zu rechnen der Blutschande und straflichen Unzucht. Wer hilft mir aus diesem Gewirre von Freveln, und werde ich sie denn auf dem Blutgeruste sogar abbussen konnen?" Der Komthur blickte unter seinen buschigen Augenbraunen hervor auf das zerstorte Gesicht des jammernden Bilger's, und er sagte mit roher Gutmuthigkeit: "Denkt doch nicht jetzt schon an's Sterben und den unehrlichen Henker. Noch habt Ihr Frist genug dazu, und die Bullenbeisser auf unsers Hauses Schwelle mogen sich vor der Hand die Nase stumpf wittern. Erholt Euch; aus einem Scheinfreunde bin ich Euer wahrer Freund geworden, und will Euch Gutes thun, wie ich nur vermag. Weib und Kind kann ich Euch nicht wieder schaffen, und Euern Hals nicht sichern vor dem Schwerte der Frankfurter, aber lustiger und gemachlicher sollt Ihr die Zeit hinbringen, und erwarten, ob nicht etwa ein Cardinal oder der heilige Vater selbst, oder der Kaiser diese Strasse ziehe; das sind Leute, deren Anblick allein Gnade bringt und Freiheit. Hofft, auf was Ihr wollt; auf ein Wunder, auf des Himmels Einsturz sogar; das gilt mir gleich! aber h o f f t nur, und schlagt Euch den Stocker aus dem Sinne. Werdet wieder ein Mensch, der Alles hinter sich wirft, und glattet die Stirne. Wir im deutschen Hause sind keine Kopfhanger, und lieben Tafel, Wein und Scherz. Selbst mit den Weibern nehmen wir's nicht genau, sind sie uns gleich verboten. Anlasse genug um frohlich zu seyn mit den Frohlichen. Vier Wochen sind eine Ewigkeit fur den zuversichtlichen Grillenfeind. Euer Trubsinn hilft nicht; darum jagt ihn weg, und lasst fur die Zukunft den Herrgott sorgen!"

Fussnoten

1 Auf dem Liebfrauenberge. 2 Ein Morder war in dem Hause der deutschen Herren eine Frist von vier Wochen hindurch vor dem Blutrichter sicher.

Achtes Kapitel.

Wenn auch kein Balsam mehr des Leibes Wun

den heilen mag, so nehmt von der Zunge des

Scheidenden die Schuld, und legt darauf den

sussen Balsam der Vergebung, dass er frohlich

hinscheide.

W ...

So wie der Haufe des neugierigen Pobels vor dem Hause der deutschen Herren stand und die geschlossene Thure angaffte, sammt den Soldnern des Raths, die vor der derselben auf der Lauerwache standen, also auch die Menge des Volkes vor dem Klosterthore der weissen Frauen, nachdem man Wallraden hineingetragen hatte, blutig und entstellt, eine erbarmenswerthe Leiche. Wie ein Blitz hatte die Schreckenskunde die Stadt durchflogen, und nicht zuletzt Diethers Haus erreicht. Der Altburger war abwesend, und Margarethe, allen Groll vergessend, nur der Stimme des Mitleides und weiblicher Milde Gehor gebend, die in ihrem Herzen laut wurde, flog auf den Flugeln, der Angst und des Schreckens nach dem Kloster, um wo moglich Wallraden vor ihrem Hintritt noch zu sehen, ihr den Tod leichter zu machen durch die Versohnung. Die Zelle, die Wallrade als Gast des Klosters bewohnte, war gedrangt voll von Menschen. Um das von Blut gerothete Lager standen dienende Frauen des Klosters, ... Gundel kniete zu Haupten des Bettes und flehte zum Himmel, dass er ihr nicht den Tod der Gebieterin anrechnen moge; zu den Fussen des Bettes lag Willhild auf ihren Knien, und betete, ohne aufzuhoren, oder ihren Lippen einen Stillstand zu gonnen. Die Oberin des Klosters, die stolze Walburg, die innige Freundin Wallradens, war beschaftigt mit ihren kunsterfahrnen Handen und Augen die Wunde der Bewusstlosen zu untersuchen, und Judith, die Magd half ihr bei diesem muhsamen Geschafte. In der Ecke aber stand Dagobert mit blassem Angesichte, die kleine Agnes noch auf dem Arme, und im Auge den trostlosen Anblick einer sterbenden Schwester, gegen welche er jeden Zorn verschwunden fuhlte. Ihr Leiden hatte ihn entwaffnet, und dankbar schier reichte er Margarethen die Hand, da sie zu ihm trat. "Gott vergelte Euch den guten Herzenswillen, ehrsame Frau;" sprach er: "Ihr verschmaht es nicht, einer in den Staub gefallenen Euch zu nahen, und zum Frieden zu reden, wie mir's Euer himmelklares. Angesicht sagt; eine deutliche Schrift. Ich furchte jedoch, Ihr kommt zu spat. Dennoch aber," setzte er leiser, hinzu, auf Willhild deutend: "dennoch fruh genug, um d i e s e hier zu sehen." Margarethe erbleichte jahlings, da sie das gefurchtete Weib ersah, und naherte sich demselben. Mit gepresster kaum vernehmbarer Stimme fragte sie die Hochaufschauende, wie sie daher gekommen, und welcher Endzweck sie zu Wallraden gefuhrt habe. "O liebe Frau," entgegnete Willhild: "Ich habe gelernt, wie nichts besser sey, denn Wahrheit. Konnte diejenige, die dort verscheidet, mir die Wahrheit abschwatzen mit Trug und List, warum sollte ich sie nicht offentlich bekennen? Erschrocken, dass ich Eurer Stieftochter, in Krankheitsangst und von meinem blodsinnigen Manne versucht, entdeckt, was ich nicht entdecken sollte, furchtete ich Euren Anblick, und da mein Paul wieder heim kam, und mir glaublich wurde, dass er Euern Gemahl selbst gesprochen, dass dieser um Alles wusste, und furchterlich strafen wurde, da ward ich plotzlich gesund von dem Gebreste. Die Angst hatte mich geheilt, und mein Herz sehnte sich nach dem Compostell, um dort Vergebung meiner Sunde zu holen. Aber aus einem Kloster auf der Granze von Elsass sandte man mich zuruck. Der Prior versagte um jeden Beistand zur weitern Pilgerfahrt, wenn ich nicht heimkehren, selbst Alles reuig bekennen wurde, und Vergebung erhielte. Meinen Mann zurucklassend eilte ich zuruck auf wunden Sohlen, und gelangte heute hieher. Wie hatte ich ohne Schutz vor Euer Antlitz treten konnen, vor Euch, die ich verrathen? Eine Fursprecherin glaubte ich in dem Fraulein zu finden, was ein bedauernswerther Zufall mir in den Gassen der Stadt begegnen liess. Wallraden's Freude uber mein Erscheinen war ausserordentlich. 'So mogen sie denn Alle mich Lugen strafen!' sagte sie recht hamisch: 'Ich habe hier den besten Zeugen gefunden, und aus dem Hause soll mir die Frau und der Bube. Kommt mit, Wilhild. Seyd herzhaft und dreist, und Euer Schade soll's nicht seyn.' Nun merkte ich wohl, dass ich vor die unrechte Schmiede gerathen war, allein hier half keine Widerrede. Angstvoll der Dinge wartend, die da kommen wurden, folgte ich Eurer Stieftochter, als mit einemmale das Ungluck in dem wahnsinnigen Monche einherraste." "Und was gedenkst Du jetzt zu thun?" fragte Margarethe forschend. "Ich muss Herrn Diether Alles bekennen, ehrsame Frau;" versetzte Wilhild: "Sie sprechen mich sonst nicht los zu Compostell. Aber Euch, die ich so sehr getauscht, will ich uberlassen, wann es geschehen soll." Dagobert winkte Margarethen zu, und sie verstand den gutgemeinten Wink. "Ich rufe Dich;" sagte sie zu Wilhild, die sich sofort wieder zum Beten anschickte, und ging an das Bette der unglucklichen Wallrade. "Gesegnet sey der Herr," sprach so eben Walburga: "noch lebt die Armste, und heilbar scheint mir die schwere Wunde." Alles drangte sich dem Lager naher, um zu sehen, wie stufenweise das Leben wieder in die Glieder der Verwundeten trat, um zu horen, wie endlich der erste Seufzer ihren Lippen entschwebte, und das erste Wort aus ihrem Munde ging, dem alsdann wieder der erste Blick folgte. Doch das Auge Wallradens schloss sich wie geblendet vor den Zugen Margarethens, und die Schaam jagte eine fluchtig vergehende Rothe, auf die todtenfarbigen Wangen des Frauleins. "Warum nicht todt?" stammelte ihr Mund: "warum gerade d i e s e vor meinen Augen?" Die Oberin, um das Gemuth ihrer Freundin, und einen schmerzlichen Auftritt zwischen ihr und ihren Angehorigen, nicht der Neugierde und dem Tadel fremder Augen blosszustellen, entfernte die Frauen des Klosters. Unter ihnen, oder vielmehr nach ihnen entfernte sich auch Judith, die sich erinnerte, dass sie uber dem graulichen Mordschauspiele vergessen hatte, der armen Frau, die im Kloster eingesperrt war und gehalten wurde, wie eine Wahnsinnige, ihre Kost zu bringen. Das Versaumte eilte die Mitleidige nachzuholen, liess sich von der Kuchenmeisterin Speisen und Schlussel geben, und trat zu der abgeharmten Frau in die durftige, enge und wohlverwahrte Clause. "Seyd nicht bose," redete sie so sanft als moglich, und versuchte ihre unschonen Zuge durch Freundlichkeit gefalliger zu machen: "seyd nicht bose, liebe Frau Katharine. Ich bin ein unwurdig, vergesslich Ding, das allenthalben seine Hande bieten mochte, und dabei immer Einem oder dem Andern ein Leid thut. Mir thut es herzlich weh, dass Ihr gehungert habt um meinetwillen. Vergebt mir." "Ach, was bist Du eine gute treue Magd;" erwiederte Katharina wehmuthig freundlich, richtete sich aber nicht empor, aus der nachdenkenden Stellung, in welcher sie von Judith gefunden worden: "Habe Dank! beruhige Dich jedoch. Mich hungert nicht, ... denn wie sollte ich in meinem Elend mich erinnern, dass ich ein Weib bin, dass noch furder zu leben gedenkt? Sage mir, liebe, gute Judith, ob noch keine Frau nach mir gefragt hat, ... ob noch kein Kind gebracht worden ist, das ich umarmen soll?" Judith verneinte, bekummert lachelnd, denn sie meinte, die Frau sprache wieder im Wahnsinn. "Das ist doch recht traurig," sprach Katharine weiter, und das Haupt liess sie in ihre Hand sinken, wie die hellen Thranen aus den Augen: "Sieh, Judith, sieh, das w i r d mich wahnsinnig machen, wenn ich's nicht schon bin. Und sie hatte mir's so heilig versprochen und gelobt!" setzte sie, vor sich hinredend hinzu: "und s i e bleibt aus, mit meinem Kinde." "Esset doch, gute Frau!" ermahnte Judith: "Es segne der Herr Eures Korpers Gedeihen, und zugleich das Licht Eures Haupts." "Lass mich doch;" versetzte Katharine schwermuthig: "Glaubst denn Du auch, dass ich thoricht im Gehirn bin? O lass doch die Leute reden. Leider habe ich meinen Verstand, und wenn ich ihnen nur sagen durfte, wer ich bin, und wie ich mich nenne, und wenn meine Freundin kame und sahe, wie man hier mit mir verfahrt, grausam, wie mit einem wilden Thiere ... dann sollte Alles anders werden. Aber wo wird sie seyn, die Zeit? wo sind sie, meine Lieben?" "Wehrt doch Euern Thranen, Frau," ermahnte Judith dringender: "Das Wasser des Auges hilft nie von dem, was das Auge gesehen, noch zu dem, was es verloren hat."

"Verloren?" fragte Katharina schnell: "Verloren? Wahrlich, wahrlich, Du hast Recht. Hin ist hin, verloren ist verloren, und nimmer, ach nimmer kehrt das Verlorne wieder. Glaube mir doch ja," setzte sie langsamer und schwermuthig hinzu: "Glaube doch ja, dass ich nicht wahnsinnig bin, und sage es der hochwurdigen Frau Walburg; ich konnte aber verwirrt im Haupte werden, wenn man mich furder zwingen mochte, mit meinem Schmerz und meiner ungewissen Angst allein zu seyn. Erzahlt mir aber jetzt, meine gute Magd, wie es kam, dass Du heute so lange weggeblieben?" Judith erzahlte, was vorgefallen war, aber mit vieler Vorsicht, um das Gemuth der Seelenkranken nicht allzuheftig zu erschuttern. Gleichgultig fast fragte endlich Katharina nach dem Namen der zum Tode Verwundeten, und Judith glaubte ihr nicht verheelen zu mussen. Nun war es aber gerade, als ob alle Flammen der Leidenschaft aus der schwermutigen Frau von der Rhon schlugen, denn sie fuhr auf, dass selbst die herzhafte Judith erschrecken musste. "Wallrade!" rief sie: "Wallrade? o bittre, allzubittre Tauschung! Sie hat in diesen Mauern gelebt, und liess mich im Kerker? .... Auf ihren Befehl liege ich also hier im Ketten? O, der Grauelstunden meines Lebens schrecklichste komme uber ihr Haupt! Doch nein, nein ...." eitzte sie gemassigter hinzu: "hat sie denn Gottes Gericht nicht schon getroffen? Liegt sie nicht darnieder, wie ein abgerissener Zweig! Fluche ihr nicht Katharine, aber fluche auch deinem Gatten nicht, dessen Leummuth die Schlange gewiss nur vergiftet hat, um meine Ruhe zu morden!" "Ach, welche Erinnerung thut sich mir auf beim Angedenken meines Gatten! Judith! Judith! denke Dir den Jammer einer Mutter! Hat gleich das schwere Schicksal und Dein eigner starrer Wille Dich bestimmt, nie die Mutterfreuden zu geniessen, so bist Du doch ein Weib; Du ahnest doch Leiden und Wonne des Weibes; hilf mir darum heraus, heraus aus diesem Kerker, hinaus zu der Sterbenden, .... denn ich muss mit ihr reden, .... ich muss sie sehen ...." "Gute Frau," entgegnete Judith, welche noch immer auf dem Glauben an Katharinens Wahnsinn beharrte, und in ihrem Schmerz nur einen heftigen Anfall der Krankheit sah: "Fasst und massigt Euch, .... ich vermag nicht, was Ihr begehrt, und zudem ist es leider gewiss schon zu spat. Wallrade lebt gewiss nicht mehr." "Barmherziger Gott!" kreischte Katharina grasslich auf: "Sie lebte nicht mehr? Was sagst Du, Unselige? Das kann nicht seyn! Sie darf nicht todt seyn, .... sie kann nicht sterben! Sie muss mir ja sagen, wo mein Kind hingekommen ist .... ich bin ja Agnesens Mutter, .... sie darf mir ja nicht verhelen ... O um Gotteswillen, Judith! Judith! lass mich fort an ihr Sterbelager." Judith suchte in dem Vorrath ihrer Bibelspruche vergebens Einen, der als Talisman gedient hatte, die gegen jeden fernern Zwang rustig Aufstrebende zuruckzuhalten, ..., die Gewalt ihrer Hande gegen die Ungluckliche zu gebrauchen, weigerte sich ihr Mitleid, welches die Moglichkeit, dass hier nicht Wahnsinn sowohl, als endloses Leid die Sprache fuhren moge, gar wohl ahnte. Sie war daher auf dem Punkte, dem ihr auferlegten Gebote zum Trotz, die als thoricht Eingesperrte dahin zu lassen, wohin ihrer ganzen Seele Sehnsucht strebte, als Walburg's Eintritt sie aus der Verlegenheit riss. Das Gesicht der strengen, unerbittlichen Oberin war finster und trug die Spuren einer unangenehmen Beweg. Sie trat langsam vor Katharinen hin, betrachtete die in Schmerz Vergehende, welche, aus Furcht verstummend, umsonst nach Worten suchte, der Nonne zu sagen, was sie der Magd gesagt hatte, und schuttelte ernst das Haupt. "Ich bin arg hintergangen worden;" sagte sie alsdann, "oder aus der Verwundeten spricht die Glut des Fiebers. Wahr soll es seyn, dass Ihr Eure Vernunft besitzt: dass Ihr nicht wahnwitzig geworden uber den Tod eines Kindes ....?" "Mein Kind lebt!" fiel Katharine ein: 'hochwurdige Frau'! um Gotteswillen, mein Kind lebt; sagt mir nicht anders. Ich will Euch ja von Herzen vergeben, was Ihr Boses an mir gethan. Ihr wart hintergangen, Ihr seyd ein schwacher Mensch gleich mir; der Satan hatte Euch umstrickt; .... aber damit ich Euch verzeihe, sagt mir nur nicht, dass mein Kind todt ist. Sie wird es doch nicht gemordet haben, die Abscheuliche? Sagt nicht. 'Ja' wurdige Frau. Des Kindes Vater hat sie ins Elend getrieben; ... sie wird doch nicht das Tochterlein erwurgt haben? "Nein, nein, ehrsame Frau;" antwortete Walburg zuversichtlich: "Dieses Kind lebt; ich will es Euch zeigen sogar, in Eure Arme es legen, denn diese Mutterangst ist nicht Tollheit, und ich furchte, ich habe mich sehr versundigt an Euch. Kommt mit mir, arme Frau, und bringt ein versohnlich Herz zu der Todtkranken, damit sie nicht auf ihren Sunden hinab, sondern auf ihrer Reue zum Himmel steige." Ohne ein Wort zu erwiedern, behende wie die Lowin, die, zur Hohle kehrend, ihre Jungen nicht mehr findet, und hinaussturmt, um ihre Spur zu entdecken, folgte Catharine der Oberin, und Judith murmelte hinter ihnen her: "O ja, ihr Menschenkinder. Thut Busse, und ubt Reue, denn Ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist, weil Ihr nicht glaubt an Wunder, Zeichen und Ahnung. Liesse ich mir nicht die Hand abhauen, wenn ich meinem Vater, meiner Mutter einen tod hatte bereiten konnen, wie ihn hier die Verbrecherin stirbt, im Schooss der Reue? Eitle Wunsche! Barmherzig ist der Herr und er kann Alles thun, was er begehrt, weil auf seinen Fingern einst die Ruhe, und strafe ihren Morder nach Verdienst. Wenn jemals die Bitten einer Tochter Eingang fanden zu seinem Ohre, so wird, so muss dieses Gebet erfullt werden. Amen!"

Mit versohnlichem Herzen, und mit dem aufrichtigsten Willen, zu vergeben, betrat Catharina an Walburg's Hand Wallradens Zelle, aber nur einen schmerzlichen Blick warf sie auf die Todbleiche, die so eben von Margarethen und Willhild aus einer Ohnmacht geweckt wurde, und zu sturzte sie auf die kleine Agnese, die von Dagoberts Armen ihr entgegenlachelte und jauchzte. Die treue, im Entzucken versunkene Mutter hatte keinen andern Gedanken von da an, als ihr Kind, kauerte sich mit demselben in einen Winkel, koste mit ihm, herzte es, machte tausend Fragen an seinen geschwatzigen Mund, und vergass Alles um sich her. Wallraden, die wieder zu sich gekommen war, that es wohl, von der Misshandelten nicht angeredet zu werden, und sie fuhr in der offenen Beichte fort, die sie schon fruher gegen Margarethen begonnen hatte, von der kurzen Bewusstlosigkeit unterbrochen. "Es ist hart", lispelte sie, "dass ich um mich nur Menschen sehen kann, denen ich weh gethan, die ich hinterging. Das Schwert des Morders hat der Reue eine furchterliche Bahn in meinem Busen gemacht, und nur Eure Gegenwart, Margarethe, ... Eure Milde ist Arznei fur mich. Die ich am meisten hasste stehen bei mir, ... die Andern verliessen mich. Lasst mich endigen, Stiefmutter; lasst mich Eurer freundlichen Sorge das Kind empfehlen, das von mir ausgestossen wurde, und alles Unheil in Euer Haus und uber Andere brachte, ... der unschuldige Knabe. Ich hatte nie ein Mutterrherz: ich habe nie das Kind geliebt, dessen Vater ich hasste. Ich uberliess dem, der m i c h verlassen, den Knaben nicht, damit er keine Freude an ihm erleben sollte; ich misshandelte den Buben, weil ich in ihm des Vater Ebenbild zu demuthigen glaubte: ich stiess ihn hinaus in die Welt, weil mir endlich sein Anblick untertraglich wurde, da sich in seinem Gesichte, durch Zufall oder geheimen Zusammenhang der Blutsfreundschaft, die Zuge des verabscheuten Bruders entwickelten. Gundel und Rudiger waren Zeugen meiner Thaten, und der unverfalschlichste ist der Knabe selbst, denn E r ist Euer kleiner Johannes." Staunend schlug Margarethe die Hande zusammen, und versank in dustres Nachdenken. "Lasst ihm nicht entgelten, was seine Mutter verbrach, ..." flehte Wallrade: "Stosst ihn nicht von Euch, wie ich gethan; .... Dagobert, ... sey Du des Knaben Schirm. Ach, der Vater wird ihn ja nicht ganz verlassen, denn er hat mich Unwurdige ja einst geliebt, obschon sein Zorn ihm jetzo nicht erlaubt an meinem Todtenbette zu stehen. Dagobert! Sorge Du fur den kleinen Hans! Versprich es mir!" "Ich gelobe," antwortete Dagobert, Wallradens Hand fassend, "des Knaben Freund und treuer Ohm zu seyn; ihn nimmer zu verlassen, und zu halten wie einen Sohn." "Das erheitert mein schrecklich Ende;" flusterte Wallrade; dann setzte sie mit erhabener Stimme hinzu: "O meine Lieben und Freunde: konnte ich Euch doch eine Hoffnung zurucklassen zum Ersatz fur all das Bose, das ich Euch in Wirklichkeit gethan. Vergebens werdet Ihr das Kreuz auf dem Grabe Eures Sohnleins suchen. Willhild's Angst vor der gerechten Strafe ihrer Unvorsichtigkeit walzte eine Schuld auf sie, die alles Andre nach sich zog. Johannes starb nicht bei ihr." "Nicht?" rief Margarethe heftige aus, und beugte sich tiefer zu Wallradens Lippen. "Hab' ich auch recht vernommen? Johannes starb nicht? Um Gotteswillen! Willhild; was soll das bedeuten?" Willhild druckte furchtsam und schuchzend das Antlitz in die Kissen des Lagers; Wallrade versuchte vergebens zu sprechen; Dagobert jedoch erganzte mit vorsichtiger Kurze das Mangelnde. "Rudiger, der Knecht," sprach er, "hat mir im Sterben gestanden, was er dem Manne Willhildens, dem halb blodsinnigen Paul entlockt hatte: Der Knabe krankelte sehr, und war nahe dem Versiechen, da rief eines Tages ein nothwendig Feldgeschaft Willhild und Paul zur Bestellung ausserhalb der Hutte. Das seltne freundliche Spatherbstwetter, bewog die Pfleger, den ihnen anvertrauten Sohn nicht in der Hutte einzusperren, wie sie sonst wohl gethan, wenn sein uberhandnehmendes Gebreste es verhinderte, ihn mit auf's Feld zu nehmen. Sie liessen dem Buben Wies und Gartlein frei, und da sie von der einsamen Wohnung gingen, hatte sich das kranke Kind in den Sonnenschein auf eine kleine Bank gelagert, die am Gehege stand, und war eingeschlummert vor Schwache. Die Leute blieben stehen vor dem Knaben, und ihnen war, als sollten sie nicht von dannen gehen, und das Herz wurde ihnen weich beim Anblick des abgemagerten Gesichts und Korperleins. Sie trauten sich jedoch nicht, den Kleinen zu wecken, breiteten noch ein Tuchlein uber sein Antlitz, und begaben sich hinweg. Da sie aber wieder zuruckkehrten, war der Bube nicht mehr da, und nicht in Haus und Hof, nicht auf Wies und Feld zu finden, und bis auf den heutigen Tag nirgends eine Spur von ihm anzutreffen gewesen." Dagobert schwieg, und der Schmerz der Mutter nahm nun das Wort: "O, wie erneuert diese Erzahlung blutende Wunden!" klagte sie: "Wie doppelt fuhle ich jetzt den Gram um meinen Einziggebornen! Bis jetzt glaubte ich ihn in kuhle Erde versenkt, im geweihten, christlichen Grabe, und jetzt erst muss ich befurchten, dass ihn ein wildes Thier hinweggetragen, das herabgekommen ist von des Haynreichs waldigem Rucken1. Seine Gebeine sind ein Spott der Vogel geworden, und dungen den Boden des Forstes! Willhild! Willhild! Was hast du auf dem Gewissen, Ungluckliche? Und ist Alles wahr, was ich vernommen?"

Willhild vermochte nur, stumm den Kopf zu neigen, und brach in lautes Weinen aus. Wallrade winkte ebenfalls bekraftigend, und faltete die Hande, wie um Vergebung fur die reuevolle Pflegerin zu bitten. "Das hat lange auf meiner Brust gelastet," begann Dagobert; "und ich konnte mich nicht uberwinden, es zu entdecken, aber das Ungluck schenkt dem Menschen nichts. Fasst Euch daher, gute Mutter, und setzt Eure Zuversicht auf Gott, wie Ihr auf diese arme Frau keinen Groll werft, sondern die Liebe des Gerechten, das Mitleid Eurer Seele." "Dann sterbe ich leichter," sprach Wallrade, die wieder zu Kraften gekommen war: "ruhiger, unter Verzeihenden eine Vergebende, denn ich nehme alle Schuld von meinem Morder, dem unglucklichen von der Rhon."

"Von der Rhon?" fragte Catharina, aus ihrem zartlichen Kosen mit dem Kind aufschreckend: "Was ist mit ihm? Wallrade, ich beschwore Euch bei der Barmherzigkeit Gottes, ... bei Eurem Seelenheil, ... wo ist der dessen Namen Ihr nanntet? Auch dieses lallende Kind nannte ihn .... was soll ich glauben, was werde ich horen? Redet, ... nur ein Wort, mein Fraulein, wo ist mein Gatte, ... was geschah mit ihm?" Wallrade schlug die Augen gen Himmel, blickte dann fragend nach der Abtissin, im Begriff zu reden. Walburg raunte jedoch befehlend in das Ohr der Verwundeten: "Schweigt, .... lasst mich der Schwerbedrangten antworten, damit die Kunde von der Wahrheit sie nicht todte aus unsrer Mitte. Euer Gatte lebt:" sprach sie hierauf zu der gespannten Zuhorerin: "Noch mehr; Ihr werdet ihn sehen; macht euch gefasst, ihn im Schoosse des Glucks zu finden, ..." "Des Glucks?" fragte Catharine rasch entgegen: "Hochwurdige Frau, ... wie konnte Bilger glucklich seyn, ohne die, die ihn lieben? Ach, mochte er in Armuth und Durftigkeit darniederliegen ... mein Anblick, der Anblick seines Kindes wird ihm willkommen seyn. Ich will ihn pflegen, ich will sein Leben erleichtern. Gott! Alles will ich thun, Alles leiden, Hunger und Pein mit ihm leiden, wenn ich ihr nun sehen, in seiner Nahe seyn kann, denn so wie ich liebt ihn keine Andere, so hat ihn jene sicher nicht geliebt, der er gehuldigt, bevor er mir die Treue gelobte." Wallrade zuckte schmerzhaft zusammen. Walburg versetzte; "Uber die Vergangenheit, gute Frau, lasst uns einen Schleier werfen, und uns freuen, dass auch die Zukunft hinter einem Schleier liegt. Verlasst Euch indessen darauf: Euern Gatten sollt Ihr sehen. Vielleicht schon morgen, vielleicht noch heute Abend. Bleibt aber ruhig jetzt, und geht auf Eure Zelle mit Eurem Kinde. Ihr sollt wohl gehalten seyn; denn ich will mein Unrecht gut machen; betet aber dafur ein Vaterunser und ein Stossgebet fur diese im Todeskampfe Leidende!" Dagobert glaubte, indem er einen Blick auf der Schwester Antlitz warf, dass sie schon verschieden sey, doch Margarethens Ohr horte das fast unmerkbare Athmen ihrer wunden Brust, und winkte Allen stille zu seyn. Dieser Schlummer, der die Arme befallen, schien derjenige, der oft dem allerletzten Schlummer, in welchem der Odem erlischt, vorausgeht. Katharina entfernte sich mit ihrer kleinen Agnes um in der Hoffnung des Wiedersehens zu schwelgen, Walburg betete bei dem Lager der Freundin. Dagobert sass neben ihr, wie ein treuer Wachter. Margarethe, nachdem sie eine kleine Weile uberlegt, flusterte zu Dagobert: "Bleibt Ihr, mein guter Sohn; ich kann sie nicht verscheiden sehen. Ich gehe, meine langst versaumte Pflicht zu erfullen, und vor Diethers Augen die Wahrheit zu enthullen. Weh mir, dass meine Schwache, mein Wankelmuth bis jetzt das Gestandniss verzogerte: bis jetzt, wo es ein entsetzliches Verhangniss aus meinem Busen reisst. Indessen einmal besser als nie. Komm, Willhild, komm, von diesem Sterbelager mussen wir rein gehen, und nur zu den Fussen meines Herrn ist jetzt unsre Stelle." "Gott segne Euern Weg;" erwiederte Dagobert mit freudeleuchtenden Augen: "Es wird hell in unserm Hause werden, und nur zu beklagen ist's, dass hier Nacht werden muss, damit es dort tage. Geht mit Zuversicht und Muth; ich furchte, ich werde auch bald folgen konnen." Er warf einen besorglichen Blick auf die schwerathmende Schwester. Margarethe zerdruckte eine Thrane im Auge, und schlug ein grosses Kreuz uber die Leidende. Willhild, die sich mit einem Seufzer von der Erde erhob, besprengte Wallradens Lager mit einigen Tropfen Weihwasser, und wankte der schnell davonschreitenden Altburgerin nach. So still ihr Gang durch die Strassen war, so still war ihr Empfang zu Hause. Herr Diether bemerkte kaum, in sein Leid versunken, die Eintretenden. Gleichgultig sah er auf Willhilds bebende Gestalt, aber mit erzwungner Ruhe fragte er Margarethen: "Ihr kommt von ihr? Sie ist hinuber?" Die Gattin schuttelte den Kopf, und sagte mit geheimer Angst, wie sie denn wohl das harte Bekenntniss einleiten mochte: "Sie lebt noch, mein werther Herr, und sie hoffte, Euch an ihrem Bette zu sehen, als ein versohnter Vater." "Zerreisst mir ihr Tod nicht das Herz?" fragte Diether mit ausbrechender heftiger Wehmuth: "Ist sie denn nicht meine Tochter? Ich bin kein Thier des Waldes, das sich die Gebeine seiner Jungen selbst zur Nahrung wahlt; ich bin ein Mensch, ein alter Mann von rauhen Sitten, aber meine Brust ist nicht fuhllos. Bei meinem scheidenden Kinde zu weilen, ware mir eine heilige Pflicht, konnte ich mit ganz reinen, ungemischten Gefuhlen die Tochter wiedersehen. Aber, mit dem Mitleid wurde der Groll kampfen, mit der Versohnung der Hass, mit dem Segen der Fluch, und besser ist's, ich bleibe weg von ihr, als dass mir in ihrem letzten Stundlein, wieder in ihrer Nahe beikame, was sie gegen mich, gegen uns verbrochen hat."

Margarethe wollte in seine Rede fallen, aber Diether gab es nicht zu. "Kein Wort zu ihrer Vertheidigung," sprach er heftig: "verzeihen kann ich ihr, segnen will ich sie, aber nicht selbst ihr das Wort der Vergebung bringen, aber nicht selbst die Hand auf ihr Haupt legen, aber nicht vergessen dass sie es war, die alles Elend uber uns gebracht, dass sie das Kind uns gestohlen, um es dem Jammer hinzuwerfen, wie ein armes junges blindes Thier in den reissenden Strom!" "O Herr," rief Margarethem seine Knie umfassend: "hemmt doch Euern Zorn, hemmt doch Eueren Groll. Wallrade hat viel verbrochen, aber unschuldig ist sie an d i e s e m Vergehen." "Unschuldig?" wiederholte Diether, und sah mit Besturzung, wie auch Willhild sich heulend vor ihm niederwarf, und nun aus dem Munde der Frauen ein Bekenntniss zu Tage stiess, das sich der alte Mann nicht hatte traumen lassen. Und da er nach und nach heller sah in der verworrenen Geschichte, horte, wie er hintergangen, und wie diese schnode List der Anfang alles Unglucks seines Hauses gewesen, da emporte sich sein Gemuth; das Blut wallte siedend uaf in seiner Brust und seinem Gehirn. Der gewohnte Ungestum wollte hervorbrechen aus den kaum geschmiedeten Fesseln, verstossen wollte er die schuldige Gattin, der strengsten Strafe uberliefern ihre Mithelferin; aber ein Augenblick gestaltete sein Inneres anders. Margarethe, in ihrer Reue schoner noch, als an dem Tage, da sie in Diether's Hause einzog, eine siegreiche Braut, sah auf zu ihm aus der Vernichtung, in welcher sie vor ihm lag. Alle Engel des Erbarmens schienen um sie her im Kreise auf den Knieen zu liegen vor dem zurnenden Greise, ihre Hande gegen ihn zu falten, und seiner sturmischen Seele Friede zuzufacheln mit ihren bunten und goldnen Schwingen. Der Zauber, der uber des Kindes wie uber des Alten veranderlich Gemuth eine strenge Herrschaft ubt, wirkte auch hier. Gegen die entwaffnete Busse hatte er nur Ruhrung zu stellen, wiederkehrende Liebe, und all diese Gefuhle wurden geheiligt durch eine erhebende Ahnung der ewigen, unabanderlichen Vorsehung. So konnte es denn geschehen, dass sein Grimm plotzlich vernichtet dahin fiel, dass wehmuthige Freundlichkeit uber seine Zuge schlich, und dass die Hand, die vor einem Athemzuge noch, die vor ihm Knieende hinwegstossen wollte, dieselbe jetzo aufhob, wie ein Vater das liebe Kind aufhebt. "Steht auf, meine Ehefrau;" sprach er gutig, und siegreich im Kampfe der Leidenschaft: "Ihr habt mir so vieles zu vergeben, dass ich, obgleich schmerzlich aus der Himmelshoffnung meines Alters gerissen, nicht anders thun kann. Kein Wort mehr von dem, was gewesen ist." Er schuttelte Margarethen treuherzig die Hand, sie kusste die seine schluchzend und dankbar. Hierauf hob er auch Willhild auf, und sagte zu ihr, wenn gleich mit strengem Blicke: "Dich konnte ich fragen: Wo ist das Kind, das ich Dir vertraute? Aber, .... ich bezwinge mich. Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sey gelobt. Der arme kranke, todtschwache Knabe wird freilich von uns nie mehr gesehen werden, setzte er weich hinzu: und auch seine Uberreste werden wir nicht finden. Das Haus bleibt aber darum doch nicht ohne Erben, und auch der kleine Hans soll nicht unglucklich seyn, um der Missethat seiner Mutter willen. Jetzt aber, kommt zu eben dieser Mutter Sterbebette, dass ich jetzo sie mit heiterm Muthe segne, und ihr aus vollem Herzen das suhnende Lebewohl zurufe!"

Fussnoten

1 Haynreich ein mittelalterlicher Name des Taunusgebirges.

Neuntes Kapitel.

Wenn die Noth am grossten, ist die Hulfe am

nachsten!

Sprichwort.

Im Scheine des gelblich flammenden Abends sass Bilger von der Rhon an einem Fenster des Deutschordenshauses, das hinaussah auf die wallende Fluth des Stroms, und vor dem die Schiffe und Kahne, die darauf zu Berg und zu Thal tanzten, sich tummelten, wie die Fischlein im Grunde ihrer nassen Heimath. Aber das lustige und rege Leben auf Strom und Brucke regte den in kummervolles Nachdenken Versunkenen nicht an, sondern vermehrte nur seinen Schmerz, sich hinausgestossen zu wissen aus der Mitte des Volks, geachtet, seiner Freiheit, seiner Ehre, seines Lebens selbst am Ende verlustig. Er sah voraus, wie alles um ihn her sich noch schwarzer und dustrer gestalten wurde, als es schon bis jetzt geworden war, und seine lebendige Einbildungskraft zeigte ihm hinter den Gefahren der Gegenwart und der Zukunft die Gestalten seiner Lieben, wie sie, gleich verwiesenen Engeln, ihre Hande ausstreckten nach dem Vater und Freund, ohne ihn retten, oder an sich ziehen zu konnen. Bei diesen trostlosen Gedanken uberraschte ihn manchmal chen, um darin alles Kummers und Elends auf einmal quitt zu werden. Dieser Gedanke, in seiner Furchterlichkeit dem Gefolterten ein Freund, hatte ihn von der Tafel des Komthur's gejagt, dessen rohe und leichtsinnige Reden, im Verein mit der Schlemmerei in Mahl und Trunk, welche die drei Herren des Hauses trieben, seine Brust grausam verletzt hatten. Die deutschen Herren jener Zeit, sowohl Ritter, als Amtleute und Geistliche waren in ihrem Ubermuthe, der sich auf die Reichthumer, die Gewalt und Vorrechte ihres Ordens grundete, weit uber alle Schranken gegangen. Hang zum Wohlleben, Habsucht und Willkur waren die bezeichnenden Eigenschaften der grossern Mehrzahl der Ordensglieder, die vom Volke nicht geliebt, aber wohl gefurchtet wurden, um ihrer weit um sich greifenden Macht willen. Unter den Schwelgern und Trotzkopfen, die der Orden aufzuweisen hatte, stand der Herr von Issing in der vordersten Reihe. So wie er der Tapfersten einer im Felde war, ... seinem Muthe verdankte er die Komthurei, so war er im Frieden einer der Stolzesten und Unvertraglichsten, der mit Harte und Eigenmachtigkeit Alles durchsetzte, was zum Besten des Gesammten war, sollte auch Recht un gut Andrer dabei zu Grunde gehen. Ohne ein boses Herz zu haben, besass er doch alle Untugenden eines zum Laster aufgelegten Mannes, und vom Augenblick, von der Laune, die dieser ihm gerade einflosste, hing der Werth seiner Handlungen ab. Eine gutmuthige Rohheit sprach sich in ihm aus, hatte er gerade seine beste Stunde; kalte Unbarmherzigkeit oder grausamer Zorn brachte vielleicht die nachste, minder gunstige. Von fruhster Jugend an den Weibern ergeben, hatte er seine hochste Gluckseligkeit in den Ausschweifungen sinnlicher Liebe gefunden. In seinen mannlichern Jahren hatte sich die aufkeimende Lust an Schmaus und Gezech mit Frau Venus und ihrem Gefolge in sein Herz getheilt, und bei der wohlbesetzten Tafel war es immer, wo er seine unbandige Frohlichkeit frei daher gehen liess, seine Scherze, nicht die zartesten, freigebig auftischte, und gleich wilde Lustigkeit von seinen Tischgesellen verlangte. Der Pfaffe des Hauses, ein rustiger Trinker, liess sich nicht lange auffordern, Issing's Farbe zu tragen, und der Trappierer, ein durchtriebener Schelm, voll Geiz und Schlauheit versaumte nicht, dem Komthur, von dessen Nachsicht er mancherlei Vortheile bei seiner Amtsfuhrung erwartete, dienstfertig zu hofeln, und ihn schier noch zu uberbieten in schwelgerischer Esslust und unziemlichen Reden. In der Mitte dieser Manner konnte einem Unglucklichen unmoglichst wohl seyn, da die grausame Rohheit der Genossen immer wie mit eiserner Faust an das wunde Herz des Armen griff; und Bilger vollends hatte gewunscht, einer jener durftigen Unglucklichen zu seyn, denen man, um eines Verbrechens willen, zwar die Freistadt im Hause gonnte; um welche man sich aber nicht bekummerte; denen man uberliess, fur ihr Obdach und ihren Unterhalt so gut zu sorgen, als sie konnten. Der Komthur hatte aber seinen Stolz darein gesetzt, gegen den Herrn von der Rhon von der freundlichsten Bereitwilligkeit zu seyn, und ihn zu halten, wie es sein Stand und sein Name wohl verdiente. Daher musste Bilger eine stundenlange Qual an dem tische des Hauses aushalten, und sich, wie ein Dieb, bei guter Gelegenheit fortschleichen, um ungestort seiner Traurigkeit nachhangen zu durfen ... Zwar war dieses Alleinseyn schmerzlich, aber des Unglucklichen einzig Eigenthum bleibt ja nur noch sein Schmerz. Bilger horchte also nicht auf die fern her gellende Stimme des Ordenspriesters, der in trunknem Muthe die Hymne an den heiligen Johannes, den Patron der Sanger1, zum Besten gab, sondern er lauschte auf die angstvollen Schlage seines Herzens, auf die Geisterstimmen, die klanglos, aber verstandlich zu seinem Ohre sprachen, und sah nicht, wie es dammerte immer mehr und mehr. Aber das Gerausch welches der eintretende Komthur machte, rief ihn zuruck aus der Welt seiner sehnsuchtigen Traume. "Ei! bei den Dornen und Wunden unsers Herrn!" rief der Herr von Issing: "von der Rhon! was ficht Euch den an, den einsamen Saal hier unserer heimlichen Essstube vorzuziehen? Schickt doch Eure Grillen zur Holle. Meint Ihr denn, die alten Ordensherren, deren gemalte Gesichter uns so kriegerisch anglotzen durch den dammerigen Abendschein, werden Euch helfen aus der Noth? Die Lebenden sind's, auf welche Ihr hoffen musst, und so lang Ihr unter dem Schutze des Kreuzes steht, soll Kaiser und Reich die Hand von Euerm Leibe halten. Seyd demnach hubsch munter, und behagt Euch etwa u n s r e Kumpanei nicht, so sagt's nur frisch heraus, von Brust und Leber: ich kann Euch auch wohl andere Gesellschaft zuweisen, mit welcher Ihr zufrieden seyn mochtet." "Herr Komthur!" antwortete Rudolph ernsthaft: "mein Ungluck hat mich unter Euern Schirm gebracht; doch gewinnt Ihr nicht dadurch das Recht, meiner und meines Grams zu spotten. Bedenkt, dass von Euch selbst alles Ubel meines Lebens seinen Ursprung nimmt." "Nun, bei meinem Eid!" lachte Issing schonungslos: "es ist lustig, dass Ihr mir aufburden wollt, was Eure freie Wahl und eines schlechten Weibes Niedertrachtigkeit verschuldet hat; indessen, w e i l Ihr unglucklich seyd, nehme ich's nicht so genau, und behaupte Euch ruhig in's Angesicht, dass ich Eurer nie gespottet habe, und nimmer spotten werde. Der Zufall erlaubt mir, Euch sogar gute Botschaft zu bringen. Aus dem Weissfrauenkloster erhalte ich Kunde, dass Wallrade nicht gestorben, dass sogar die Hoffnung gehegt wird, sie zu heilen und ihr Leben zu erhalten. So wenig ich es der Elenden gonne, so lieb mag's Euch seyn, dass sie ein Katzenleben hat." "Wirklich?" fragte Rudolph mit frohem Blicke: "sie lebt wirklich noch? O habt Dank, Herr von Issing, dass Ihr meiner Seele dieses Labsal brachtet. Meinen Hals befreit die Kunde freilich nicht, aber mein Gewissen wird leicht dagegen und gesunder. Habt Dank. Konntet Ihr mir nur gleich gute Mahr von meinem Kinde bringen, ... von meinem Weibe ... o Gott!" Bilger liess den Kopf, auf die Brust, die Hande in den Schooss sinken, und schwieg seufzend. Der Komthur zuckte die Achseln, und sprach: "Davon weiss ich nicht, mein Freund. Vielleicht ware jedoch der Bote besser unterrichtet, der vom Kloster nach unserm Hause kam. War's Euch recht, ihn zu sehen, selbst zu sprechen? Man mag ihm wohl vertrauen, sonder Gefahrde!" "Zwar sollte ich jeden Menschen scheuen," entgegnete von der Rhon: "allein, ob ich mich jetzo nenne, ob nicht; es ist gleichviel. Lebt Wallrade noch, o so hat ihr Mund mich genannt; Gundel hat mich verrathen, Dagobert gegen mich gezeugt; ich darf furder nicht hoffen, unerkannt mein Leben zu lassen, ohne Schande fur meines Hauses Wappen! Verstattet mir daher, den Mann zu sehen, Herr Komthur." "Gern!" antwortete dieser, und stiess mit des Schwertes Scheide auf den steinernen Boden, dass es an der Decke des Saals wiederhallte, worauf die Flugelthure sich offnete, und ein blendender Kerzenschimmer hereinstrahlte.

Die plotzliche Helle schloss Bilger's Augenlied, aber schnell eroffnete er es wieder, als eine susse Stimme seinen Namen rief, und die Freude rustete ihn mit starkem Arme empor, da seinem Blick hinter dem Diener, der die Kerzen hereintrug, die Gestalten sich zeigten, die seine Einsamkeit schon diesen Abend besucht hatten; diesmal aber keine v e r g e b e n s nach ihm sich sehnende Engelsbilder, sondern lebende, verkorperte Gestalten, die an sein Herz flogen, die ihn mit Liebesarmen umschlangen, und ihm abwechselnd zuflusterten oder zujubelten: "Gatte! Vater! wir sind hier, ... wir, Dein Weib, Dein Kind! Wir sehn Dich wieder!"

Rudolph's Augen, vor Kurzem noch uberfliessend von den Zahren des Jammers, stromten nun uber von den Thranen der Freude, der dankbarsten Freude. Aber nicht in seinen Wimpern allein hingen diese kostlichen Perlen des Gefuhls: auch die Gattin schluchzte an seinem Halse, auch die kleine Agnes weinte unter ihren freundlichen Liebkosungen, und an der Thure stand die harte Judith, aufgelost in Ruhrung; in der Mitte des Saals stand der Komthur und fuhlte sein rauhes Herz erschuttert von menschlicher Bewegung. Die Glucklichen, die sich wiedergefunden hatten, vergassen die Zeugen um sich her, und verloren sich in Fragen und in Antworten, in dem Labyrinth der Rede, welche der laute Herold des innern Gefuhls ist. Ach, nun erfuhr Rudolpf, dass Katharine von seiner ersten Ehe wusste, wenn gleich nicht das Daseyn des Knaben Johannes. Diese Kunde war ein bittrer Tropfen in Bilger's Freudenkelch, und er nahm ihn hin wie ein reuiger Sunder, ohne zu laugnen, obschon Katharine mit angstlichem Blicke dieses Laugnen erwartete, und einer Sylbe von seinen Lippen mehr geglaubt hatte, als allen Schwuren Wallradens, deren entsetzliche Falschheit sie kennen gelernt hatte. Als jedoch Bilger reuevoll um Vergebung bettelte, da wurde aus den schmerzlichen Vorwurfen der Gattin der barmherzige Trost eines Engels, und sie vergab, und forderte ihn auf, sie, und Agnes ferner nicht zu verlassen. "Wer auch jene Andre sey," rief sie begeistert: "sie liebt Dich nicht wie ich; sie hat Dich nie also geliebt; unglucklich muss sie Dich gemacht haben, denn Du bist denen treu, die Du im Herzen tragst, ... obgleich Du auch von u n s gegangen bist, von mir und Deiner Agnes!" Katharine schwieg schluchzend und kauerte sich zu dem Magdlein hernieder, um ihre nassen an dessen Halse zu verbergen. Der Herr von der Rhon rief dagegen, den Komthur heftig bei der Hand fassend: "Seht her, edler Herr, seht her; welch ein Weib! Ihr habt nur Sinn fur die aussere Bluthe der Frauen, aber a h n e n mogt ihr dennoch, was Liebe, was Tugend, was Hingebung und Opfer fur den Geliebten sey! Weh mir, dass ich solch ein Herz zu betruben geschaffen bin, und dass ich noch Schande haufe, auf dieses theure Haupt. Wehe Euch, Herr, denn Ihr habt mich zu jenem abscheulichen Bunde uberredet; Ihr gabt dem Zagenden, dem bloden Jungling die Mittel zur Hand, die Kette unwiderruflich zu schmieden, nach welcher sein ahnend Herz bald verlangte, welche es bald verwarf. O hatte ich doch nimmer die Stunde erlebt, in welcher ich das verhangnissvolle Ja gesagt, hatte ich doch nimmer den dienstfertigen Monch geschaut, den Eure Hand auf Baldergrun einfuhrte, dessen Segensspruch der Fluth meines Lebens dieses edle Weib zu meiner Krebsfrau, dieses holde Kind zu einem Bastard macht, und mich gefesselt halt an die unselige Wallrade!" "Wallrade!" schrie Katharine laut auf, und sank von der Uberraschung uberwaltigt, zu Boden. Judith flog auf die Erblassende zu, und mit dem Rufe: "Barmherziger Gott! sie stirbt!" wollte sich Rudolph neben ihr niederwerfen. Issing hielt ihn heftig zuruck. "Seyd ein Mann!" sprach er ernst und doch nicht unfreundlich: "das ist nicht der Tod; eine Schwache blos, aus welcher dieses Weib hier die Ungluckliche rutteln mag. Ich dafur will Euch aus einer verderblichern Ohnmacht zum Leben reizen, aus den Ketten einer verderblichen Wahns. Hort mich an, und wohl mir, dass mein Spott am Heiligsten mir gonnt, euch Heil zu verkunden. Wallrade hatte mich unterjocht, und wunschte, meiner fast uberdrussig, und Euch mit flucht'ger Liebe umfassend, eng mit Euch verbunden zu seyn, um den zaudernden bloden Freier unaufloslich an sich zu binden. In einer schwachen Stunde entlockte sie mir den Eid, selbst die Hand dazu zu bieten. Ich konnte nicht zuruck, fuhlte ich gleich die ganze Holle, selbst den Segen uber die Geliebte und den verhassten Nebenbuhler sprechen zu mussen. Aber meine Arglist verfiel auf eine Auskunft. Ich wollte Euch binden, aber nur vor Euern Augen; und einst euch niederdonnern mit dem grimmigsten Hohne, Euch erniedrigen vor meiner Verachtung. Der Kirche Segen durfte nur ein Possenspiel seyn, und ein Ordensknecht, der dem Noviziat im Bettelkloster davon gelaufen war, stellte den Monchspopanz vor, der Euch verband mit ruchloser Spottrede und entweihter Stola." "Wie?" stammelte von der Rhon, zuruckfahrend. "Wie die Dinge nachher wurden," sprach der Komthur weiter, "so war mir's nicht gelegen Euch den Irrthum zu benehmen, denn ich sah Euch unglucklich seufzen unter dem eingebildeten Joche, und meiner Rache Ziel war erreicht. Dieses Stuckleins habe ich mich stets gefreut, und Ihr mogt es jetzt meinem weichen Herzen und der Ruhrung Eures schonen Weibes danken, dass ich Euch den Aufschluss gab. Der vorgebliche Monch ruht aber langst schon in der Erde. Ein ungeheuerer Polacke hieb ihn neben mir zusammen, in demselben Kampfe, der mir die kahle Stirne eintrug." "Komthur!" rief Bilger ausser sich vor Freude: "nimmer hat ein Teufel dem Menschen so viel des Ubeln zugefugt, als Ihr, schwerverirrter Mann, mir des Guten gethan habt, in boser Tucke. Weib, Gattin, Katharine! erwache und freue dich mit mir. Ich bin D e i n , nur einzig und allein D e i n Gatte. Keine Fremde hat Theil an mir, und unverletzt ist Deine Ehre, unsers Kindes Herkunft. Mag man mich nun auch von hinnen reissen, mich foltern, und mein Haupt vom Rumpfe trennen, weil ich in blindem Wuthen meinen Feind zu erschlagen begehrte, ... ist doch diese Schuld, die grassliche Gewissensschuld von mir genommen." "Ich bin ein gnadiger Beichtiger!" lachte der Komthur, wieder in seinem Gleichmuth zurucksinkend: "seyd Ihr hingegen ein k l u g e s Beichtkind, und todtet nicht durch vorlaute Rede die Arme, die jetzt erst muhselig aus der Ohnmacht wiederkehrt. Sie weiss noch nicht, was Ihr begangen, warum Ihr Euch hier befindet. Mitleidig verschwiegen ihr's die Oberin des Weissfrauenklosters, und Wallradens Freunde, damit sie gelinder und gemildert die Ungluckspost aus Eurem Munde hore."

Der Herr von der Rhon schreckte heftig bei dieser Eroffnung zusammen. Das Schwerste war ihm demnach noch ubrig, und langsam musste er das Gestandniss seiner That, die blutige Hoffnung seiner Zukunft den dringender und dringender werdenden Aufforderungen Katharinens entgegensetzen, welche begehrte, er mochte alsobald mit ihr und dem Kinde dies Haus verlassen, und niemals wieder von ihnen weichen.

Die Tiefen des Gemuths, zumal des weiblichen Gefuhls, sind unergrundlich. Ungleich weniger als der Name Wallradens in obiger Beziehung Katharinen erschreckt hatte, erschutterte sie die Nachricht von Bilger's Schuld und gefahrlicher Lage. Trotz ihrem weichen versohnlichen Herzen fuhlte sie eine Art von schreckhafter Freude da sie horte, dass der Arm des beleidigten, verhohnten, getauschten Rudolph's das Werkzeug der Vergeltung gewesen war, dass durch ihn das gerechte Verhangniss die Frevlerin in den Staub gesturzt hatte. Denn ihre Leichtglaubigkeit hoffte aus diesem blutigen Vorgange Wallradens Besserung erwachsen zu sehen, und ihre Unerfahrenheit ubersah spielend das drohende Schwert, das uber ihres Gatten Haupte hing, an einem leisen Faden hing. Hatte er doch nur im gerechten Zorne das Schwert entblost, und gebraucht; war doch Wallrade nicht an der Wunde verschieden, und sogar die Hoffnung da, sie wieder herzustellen. Die kindliche Frau glaubte, es mussten recht bald dem Fluchtling die Thore geoffnet werden zum Auszug in die Freiheit; sie dachte schon daran, wie sie vielleicht durch eine Furbitte die Frist abkurzen konne. Bilger hingegen, welcher wohl wusste, dass der Bruch des Stadtfriedens, das Beginnen des Mordes die strengsten Richter finden wurde, und dass die Gesetze der Reichsstadt fur den Fremden mit Blut geschrieben waren, schwieg trube und duster bei den Vorsatzen und Hoffnungen, die Katharine in ihrem wachsenden Muthe an den Tag legte, und konnte es nicht uber sich gewinnen, durch ein beifalliges Lacheln die Arme zu tauschen. "Gute Katharine!" sprach er bewegt: "ich danke dem Himmel aus vollem Herzen, dass er mir das Gluck gewahrt hat, Euch noch einmal zu schauen, meine Lieben, die ich jetzt mit allem Recht mein nennen kann. Mehr zu begehren geziemt jedoch nicht meiner Schuld, nicht meinem jetzigen Zustande. Ihr habt selbst von den Soldwachen gesprochen, die des Hauses Pforte belagern; Ihr habt mir selbst ihre Wachsamkeit geschildert, die Strenge, mit welcher sie Euch befragten, und den Argwohn, mit welchem sie Euch nachsahen, da Ihr mit Erlaubniss des Komthurs durch dieses Thor eingingt. Diese Wachsamkeit wird sich nur von Tag zu Tag verdoppeln; begierig werden sie die Stunden zahlen, nach deren Verlauf ich ihnen verfallen bin, und ist die letzte verronnen, mir furder keinen Augenblick mehr schenken. Ihren Ketten entgehe ich nicht, wie mein Haupt dem Spruche des Blutgerichts. betruge Dich darum nicht mit eitler Hoffnung, gute Katharine. Wir haben uns wiedergefunden, um uns in Kurzem wieder zu verlieren, denn also ist's beschlossen im Himmel, und die Erfullung dieses Beschlusses schreitet schnell auf Erden." "O, was sagst Du, mein Rudolph?" seufzte Katharine aus bangem Herzen: "Du willst mir jede Hoffnung rauben? Du verzweifelst an jeder Rettung?" "Warum mich hinhalten mit trugerischer Ahnung, mit falschem Vertrauen?" entgegnete von der Rhon: "Ich bin nur reich durch Euch, meine Lieben! Gold und Silber habe ich nicht; und wo findet der Arme einen uneigennutzigen Retter?"

Der Komthur, der bisher geschwiegen hatte, lachelte hierbei halb spottisch, halb gutmuthig, und rief: "Bei Kreuz, Dorn und Wunden, Herr! Ihr wisst die Waffen zu fuhren, habt gekampft und die Wildbahn beritten wie ein erfahrner Jagersmann, und wollt nicht vertrauen auf das Gluck, das so oft da hilft, Wo weder Klinge noch Pfeil noch der Arm ausreicht? Ich bleibe dabei: noch lange habt Ihr Frist, und wer weiss, ob nicht in diesem Augenblicke schon Euer Retter Euch nahe steht?"

Rasche Schritte kamen den Gang herauf, und auf die Thure des Saals zu. Mehrere Stimmen wurden laut. "Ei, zum Donner!" fragte de Komthur: "wer stort uns denn noch am spaten Abend?" Die Antwort auf diese Frage gab der eintretende Oberreiter, der einen Boten des Herzogs Friedrich von Osterreich meldete, und welchem auch der bemeldete Bote auf dem Fusse folgte. Von der Rhon fuhr bei seinem Anblick zusammen, denn Dagobert, Wallradens Bruder, war es in leibhafter Gestalt. Mit ungezwungnem Anstande, ohne kaum einen Blick auf den Unglucklichen und dessen Gattin zu werfen, naherte er sich dem Komthur, und redete ihn an: "Zuvorderst, edler Herr, hab' ich Euch zu berichten, dass Se. furstliche Gnaden, der Herzog dich hinter mir einherzieht, und von Eurer Gastfreundschaft eine willige Aufnahme in Euerm Hause erwartet, wo er, die kurze Zeit, die er zu Frankfurt zu verweilen gedenkt, wohnen will." "Ehre und Schuldigkeit;" erwiederte der Komthur, und sandte den Oberreiter sogleich an den Trappierer, um die nothige Vorbereitungen treffen zu lassen: "Se. furstlichen Gnaden sind ein lieber Gast, und sollen gut gehalten werden in unsers Ordens Hause, das der Freigebigkeit der osterreichischen Fursten viel verdankt. Wie aber nenne ich Euch, mein Herr, der mir die frohe Kunde bringt?" "Mein Name ist nicht wohlklingend fur diese Mannes Ohr," entgegnete Dagobert mit einem Seitenblick auf Bilger: "er moge aber wissen, dass ich nicht als sein Feind erscheine, sondern lediglich als des Herzogs Vorlaufer, zu dem mich der Zufall gemacht hat, da ich diesen Nachmittag, eine gute Strecke vor der Stadt lustreitend, unversehens auf des Herzogs Geleite stiess. Ich heisse Frosch, des Altburgers Diether Sohn." Issing biss sich betroffen in die Lippen; sammelte jedoch seine Fassung schnell wieder, und nickte bewillkommend mit dem Kopfe. Judith ersah aber den Augenblick, welchen das tiefe Schweigen, das nun auf allen Lippen herrschte, ihr gonnte, um Katharinen zuzuflustern: es sey nun die hochste Zeit nach dem Kloster zuruckzukehren. Seufzend wand sich die Arme, den Gesetzen der Ehrbarkeit gehorchend, aus Rudolph's Arm, und gelobte hoch und theuer, morgen sicher wiederzukehren, wenn der Komthur es erlauben wurde. Verbindlich antwortete dieser: er wisse sich nur weniger Falle aus seinem Leben zu erinnern, wo er gegen Frauen unerbittlich gewesen sey, und er finde vollends keinen Willen in sich, der leidenden Schonheit zu wiederstehen. "Geht mit Gott, edle Frau," sprach er zum Abschiede: "und mit Gott kehrt wieder, so oft Ihr wollt. Dieses Haus ist eine Zuflucht fur den Verfolgten, und wird durch solche liebliche Unschuld doppelt geheiligt, wie durch des Priesters Spruch. Euern Gatten sollt Ihr unverletzt wieder finden, verlasst Euch darauf." Der Herr von der Rhon geleitete Katharinen, vor welcher ein Diener des Hauses mit einem Windlicht zu schreiten befehljgt war, bis zur Pforte, und wahrend dessen hob Dagobert freimuthig und zutraulich zu dem Komthur an: "Erlaubt, gestrenger Herr, dass ich ein billig Wort zu Euch rede. Ihr seyd noch nicht lange an diesem Platze; die Stadt hat Euch indessen als einen unbeugsamen strengen Mann kennen gelernt, und furwahr, man darf Euch nur in das Gesicht sehen, um dasselbe zu glauben. Sollte ich mich denn wohl tauschen, wenn ich bei Euch auch einen unbeugsamen Willen zum Guten voraussetze? Ihr habt der Gelegenheit manche, Gutes zu uben, und gerade jetzt ware eine herrliche vorhanden. Dieser ungluckliche Mann, der bei Euch Schutz und Schirm gesucht und gefunden, soll er denn aus diesen Pforten endlich doch wieder in die Hande der Schergen gelangen, welchen er mit genauer Noth entkam? Wollt Ihr ihm nur auf dreissig elende Tage das Leben gerettet haben, damit es nach dieser Frist dennoch des Henkers Beute werde? Rettet ihn fur immerdar, Herr, und werdet der Wohlthater von drei dankbaren Menschen." Der Komthur mass lachelnd den vor ihm stehenden Jungling, in dessen Auge das reinste Feuer strahlte, die Begeisterung fur Barmherzigkeit und Milde gegen das Elend. "Ich soll mich uber Eure Reden wundern," begann er hierauf, "und Euch fur einen leidigen Versucher halten, der gern entrathseln mochte, was ich im Schilde fuhre. Ihr seyd Wallradens Bruder, und Blutrache zu uben ware E u r e erste Pflicht, denke ich." "Wofur haltet Ihr mich?" fragte Dagobert kuhn entgegen: "Ich sollte einen armen Menschen todten, der im aufwallenden Zorn die That beging, die ihn ich weiss es reut? Nimmermehr; und hier, Herr, stehen die Dinge anders denn gewohnlich. Gestern hat sich's entschieden, dass Wallrade wieder auf das Leben hoffen darf; der Bussfertigen eigner Wunsch ist's, ihren Morder frei zu wissen und straflos. Soll ich auf die Seite des unerbittlichen Gesetzes, jede menschliche Regung mit Fussen treten? Lernt mich besser kennen, Herr, und folgt meinem Beispiele. Mir ist durch des sterbenden Rudiger's Mund bekannt, dass Ihr Antheil genommen an jenem Unglucksbunde auf Baldergrun; lasst Euch nicht durch eifersucht'ge Rache verleiten, hier grausam zu seyn, der Tigerkatze uberm Meer zu gleichen, von der die Sage geht, dass sie unbarmherzig noch mit dem Opfer spiele, das unter ihren Klauen zittert ihm einen Schein, eine Hoffnung eine Spanne von Freiheit lasse, um es im nachsten Augenblicke unerbittlich zu zerfleischen!" Da sah der Komthur den jungen Mann mit einem auflodernden Blicke an, der den Ausdruck einer fast beleidjgten Seele annahm. "Bei meinem Eid!" rief er: "Ihr nehmt Euch etwas viel heraus, junger Degen, und furwahr, Euer Name ist nicht geeignet, mich nachsichtiger gegen Euch zu machen, aber Euer kuhner Muth gefallt mir, ob er mich gleich zu unrechter Zeit an Baldergrun und Wallraden erinnert hat. Ihr mogt wissen, dass der Ritter von Issing keiner Weisung bedarf, um Gutes zu thun. Sein eigen Gemuth befiehlt ihm, keine fremde Zunge. Ihr mogt wissen, dass er schon bei sich beschlossen hatte, den armen Mann zu retten, um Gottes und seines Weibes und Kindes willen, und dass er nur den Augenblick erwartet, der ihm erlaubt, ohne ihn der Straffalligkeit gegen seine Pflicht und gegen den Rath der Stadt zu unterwerfen, der doch einmal unsers Ordens Haus bevogtet und bewacht." "Der Augenblick ist gefunden;" versetzte Dagobert freudig, des Ritters Hand ergreifend und dankbar schuttelnd: "wann erschiene er gelegner, wann so gunstig? Der Herzog kommt; von seinem starken Gefolge wird das Haus, werden Sachsenhausens Gassen wimmeln. Die lauernden Soldner vor der Pforte werden durch die Zahl der Fremden mehr noch durch des Fursten Gegenwart, der keinen Hascher in der Nahe duldet, zuruckgedrangt genothigt, aus der Ferne dies Haus zu beobachten, damit der Morder ihren Netzen nicht entschlupfe. Morgen Mittag geht ein grosser Theil des Comitats auf demselben Wege zuruck. In dessen Mitte, im hellen Glanz der Sonne entschlupfe der Verfolgte. Fur reisige Gewander sorge ich, wie fur die Bewilligung des Herzogs Farbe tragen zu durfen, bis er in Sicherheit seyn wird. Die uberraschende Einkehr des Fursten, der dadurch veranlasste Tumult im Hause, die Verwirrung unter den Ein- und Abziehenden rechtfertigt Euch, Herr Ritter, und der von der Rhon ist gerettet, ohne dass Ihr offentlich die Hand dazu geboten."

"Schon ausgedacht," erwiederte der Komthur spottelnd: "fein schnell und leicht auszufuhren, aber ein jugendlich Vornehmen, das erst die That will, und dann die Uberlegung. Wie steht's denn mit dem Manne, wenn er seinen Gefahren entronnen ist? Hulflos ist er in die Welt gejagt, und die Seinen erliegen unter der Last des Unglucks, und unter dem Kummer, den Vater abermals von ihnen getrennt zu wissen." "Der Herzog wird helfen;" antwortete nach kurzem Nachsinnen Dagobert: "O, gewiss, er wird helfen. Er hat wieder mit dem Kaiser Friede gemacht, und besitzt, wenn gleich an Landerthum geschmalert, noch manche Hufe Landes, auf welcher ein unglucklicher Hausvater eine sichre Statte finden mag. Ich hatte ja beschlossen, fur m i c h seine Gunst anzuflehen; aber mit mir ist's ohnehin vorbei, und so mag dem Armern werden, wessen ich nichts mehr bedarf. Ich darf mich der Huld des Herzogs ruhmen, und rede heute noch mit ihm davon. Ihr aber, Herr Komthur, nehmt meinen Dank fur Euer redlich Wollen. Ihr habt mich dadurch mit Euerm Namen ausgesohnt, der mir aus Rudiger's Munde nicht lieblich geklungen hat. Bereitet Ihr den Herrn von der Rhon und seine Gattin vor, und lasst mich ganzlich dabei aus dem Spiele. Es ziemt sich nicht wohl, dass meiner Schwester Feind auf meinem Rucken davon schwimme, und ich mochte seinem wunden Herzen durch kein Wort verrathen, dass er m i r , gerade m i r , Wallradens Bruder, Dank fur sein gerettet Leben, fur seine gesicherte Zukunft schuldig sey." "Ihr seyd ein wackrer Mensch;" versetzte der Komthur etwas beschamt, wie es die Rothe seiner Wange bezeugte: "'s ist seltsam, dass ein Stamm nebeneinander die herrlichste und die boseste Frucht zu tragen im Stande ist. Um dieses Stuckleins willen, so Ihr's vollfuhrt, muss Eure Seele, wenn's zum Letzten geht, gerade auf zum Himmel fahren, des Fegefeuers quitt und ledig. Ich begreife wohl, dass der Dank dreier Menschen eine feste Himmelsleiter seyn mag, und der Herr rechnet vielleicht an meinen Sunden ein Geringes ab, wenn ich mein Scherflein zu der biedern That hinzufuge. Es bleibt also dabei; indessen, so sehr ich mich darob freue, so thut mir weh, dass wir dem Armen nicht den Trost mitgeben konnen, dass er wisse, wo sein Knabe weilt. Wallrade hat nichtswurdig an dem Kinde gehandelt, und ihr unmutterliches Herz weiss wohl nicht, wo der Bube aufgehoben ist, im Himmel, oder auf der Erde. Der Knabe ist mein Taufenkel; ich mochte wohl fur ihn sorgen, wusste ich nur ....." "Fur Johannes ist gesorgt;" unterbrach Dagobert den Komthur freundlich und zuversichtlich: "er lebt, und lebt in Wohlbehagen und Freude Er vermisst nicht die herzlose Mutter, nicht den Vater, den er nicht gekannt. Aber seines Lebens Statte und Heimath verschweige ich barmherzig dem Vater. Soll diesem einst Gluck bluhen in seiner frisch aufstrebenden Hauslichkeit, so bleibe ihm und seiner Gattin der Sohn fremd. Fur beide ware der Unschuldige nur eine qualende Erinnerung, die den Frieden ihres Hauses vergiften, ihm ein trauriges Leben bereiten wurde. Ich gelobe es Euch, Herr Komthur, Johannes ist in den besten Handen, und einst sollt Ihr Euch selber davon uberzeugen. So viel ich Euch jetzt gesagt, mogt Ihr dem bekummerten Vater auf Euern Rittereid ungefahrdet mittheilen. Nur unsers Geschlechts Namen nicht dabei genannt. Lasst dem Herzog vor allem und Euch zunachst das Verdienst der guten That, und Gott gebe hiezu sein gnadiglich Gedeihen."

Pferde und Wagen braussten und rollten in den Hof. Das lebendige Getummel eines reisigen Zugs, das Gelarme des furstlichen Trosses spottete der still gewordnen Nacht, und brachte in das einsame Deutschordenshaus alles Gerausch eines machtigen Furstenhofs. Der Komthur eilte, den Herzog ehrerbietig an der Pforte des Hauses zu empfangen, und liess den Hof von Fackeln erleuchten, dass er im Mittagschein zu liegen schien. Mit einem freundlich herablassenden Grusse stieg Friedrich aus den Bugeln, und schritt auf den Komthur und den herzukommenden Dagobert gestutzt, die Treppe hinan, nach den Prunkgastzimmern des Gebaudes, die durch die Sorgfalt des Trappierers schon bereit standen, den hohen Fremdling gebuhrend aufzunehmen. Der Herzog, mude von der Reise, verschmahte das angebotne Mahl, entliess bald den Komthur, dem er nur auf wenig Tage lastig zu fallen verhiess, und behielt nur seinen wiedergefundnen jungen Freund, seinen Dagobert, bei sich zuruck, den er vermocht hatte, die Nacht mit ihm zu verplaudern, in welcher der von Schlaflosigkeit geplagte Furst ohnedies seit geraumer Zeit keine erquickende Schlummerruhe fand. Der kommende Tag begann eben so gerauschvoll, als der vorige geendet hatte. Die Wachen des Herzogs geriethen in Handel mit den Soldnern des Raths, die sich nicht zuruckziehen wollten. Friedrich sandte einen seiner Junker nach dem Romer, um von seinem Erscheinen Meldung zu thun, und den argerlichen Streit beizulegen. Eine Ehren- und Schildwache des Raths besetzte nun die Pforte des Deutschherrenhauses, die Hascher zogen sich in die nachsten Strassen, und mussten auf ihr Amt so gut als verzichten, da das Volk, so wie es von der Einkehr des Herzogs erfuhr, in hellen Haufen herbeieilte, um das Haus anzugaffen, in welchem sich der Mann befand, der es gewagt hatte, zu Ehren deutscher Treuen und Redlichkeit, dem Kaiser wie einem grossen Concilio die Spitze zu bieten, und lieber einen grossen Theil seiner Habe aufgeopfert hatte, als seinen Schwur, sein Furstenwort. So verstrich die Halfte des Morgens, und die anwallende Fluth der Menge, welche bestandig hoffte, den Herzog ausreiten zu sehen, stieg immer hoher, so dass die Gesandtschaft der Stadt, da sie gegen Mittag zum deutschen Hause kam, um den erhabnen Gast zu begrussen, kaum Raum genug finden mochte, um hindurch zu dringen. Was den Ermahnungen der Vater der Stadt nicht gelang, gelang den machtigen Pferden, die auf grossen Wagen die Gaben heranzogen, welche das gemeine Wesen der Stadt dem Fursten, der Sitte der Zeit gemass, darzubieten hatte. Diese Huldigungsgeschenke bestanden in Wein, Heu, Hafer und Fischen, und der Schultheiss, umgeben von den Burgermeistern, dem Oberstrichter und den Schoffen, alle in ihre Amtstracht gekleidet, bat den Herzog, vor dessen Angesicht endlich die Gesandtschaft gelangt war, die Geschenke als einen Beweis des guten Willens der Burgerschaft, und ihrer Anhanglichkeit an den Stamm Ostreich, von dem schon mancher um das deutsche Reich verdienter Furst ausgegangen, huldvoll anzunehmen. Der Herzog, umringt von seinen Marschallen, Dienstjunkern und den Kreuzherren, seinen gastfreundlichen Wirthen, nahm sowohl die Rede des Schultheissen, als auch die zu Hofe gebrachten Gaben mit der ihm eignen Leutseligkeit auf, und erwiederte dagegen: "Seyd bedankt, ihr lieben Herren und Freunde, fur das, was Ihr mir aus gutem Herzen reicht, und auch jetzo wieder, Gott sey Preis und Lob, reichen durft; denn unser Haus ist wieder erlost von des Reiches Acht, und wir sind wieder einig geworden mit unserm lieben Herrn, dem Kaiser." Der Herzog bemuhte sich, die bittre Miene, die sein Antlitz bei diesen Worten beschlichen hatte, in eine freundliche umzuwandeln, und fuhr fort: "Darum mogt Ihr mir wohl vergonnen, einige Tage unter Euch zu weilen, und mich in Euern Mauern umzusehen, dieweilen ich wichtige Angelegenheiten gerne schlichten mochte, uber die Euch mein Kanzler eines Weitern belehren wird. Zugleich jedoch habe ich gehofft, hier eine Sache abzuthun, die mir nicht minder am Herzen liegt; ich habe indessen vernommen, dass sich mir Hindernisse entgegenstellen. Ich habe an den Juden David, Sohn des alten Jochai, der Eures Schutzes genoss, Gelder zu entrichten, die er mir vorgeschossen. Ungern musste ich horen, dass der Mann sich nicht mehr in hiesiger Stadt befindet, wie auch niemand seiner Angehorigen." "Er hat sich fluchtig gemacht;" versetzte Achselzuckend der Oberstrichter; "und uns mangelt Kunde, wo er hingerathen." "Das ist schlimm, ihr Herren;" entgegnete Friedrich ernst: "wir dachten, in Gnaden uns des Mannes anzunehmen, und ihn nach Innsbruck zu setzen, als unsern Hofwechsler; denn wahrlich, er ist der Erlichsten einer, und mit Bedauern erfuhr ich, dass man ihn allhier unredlich beklagt, ubel gehalten, und seinen ganzen Wohlstand zertrummert habe."

Der Oberstrichter zuckte wieder mit verlegnem Gesichte die Achseln; der Schultheiss aber, den des Herzogs Rede spitzer traf, antwortete: "Mag seyn, gnadiger Herr; allein der Schein war wider den Mann, und noch hat er sich vor u n s e r m S t u h l e , vor welchen er doch m i t L e i b u n d L e b e n g e h o r t , nicht vollkommen gereinigt." Die Betonung, mit welcher der Schultheiss diese Worte vorbrachte, verfehlten ihren Entzweck nicht. Der Herzog furchte die Stirne, und sagte: "Gar wohl, mein Herr Ritter und Schultheiss. Ich habe nicht Befugniss, mich in Eure Gerechtsame zu mischen, welche von Kaiser und Reich bestatigt und verburgt sind. Ich meine jedoch, dass Recht und Urtheil Jedem gleich seyn soll, sey er nun getauft, oder nicht. Ihr habt hier, wie ich hore, einen Judenarzt, dem Ihr Euren Korper anvertraut, sonder Furcht und Angst; warum schenkt Ihr dem, der vor Euern Schranken steht, nicht gleiches Vertrauen? Doch, geschehen ist geschehen, und ich bin bereit, die fraglichen Gelder einem beruhmten hiesigen Manne zu ubergeben, damit der Jude, kehrt er jemals wieder, oder wird uns von ihm Kunde, wieder zu seinem Eigenthum komme. Ich glaube zu diesem Entzweck keinen bessern aus Euch wahlen zu konnen, ihr Herren, als den Schoffen Diether Frosch; einen biedern, ehrlich strengen Mann, den ich bitte, sich mir vorzustellen." Diether trat aus den Reihen der Schoffen, und verneigte sich ehrbar vor dem Herrn. Der Herzog liess eine Weile den Blick auf ihm ruhen, wendete sich dann zur Seite, und sprach zu Dagobert, den er aus der Schaar seiner Umgebung zu sich winkte: "Dieser also ist Dein Vater, Dagobert?" Dagobert bejahte freundlich, und grusste den Vater. "Mich freut's, ihn kennen zu lernen;" fuhr der Herzog fort, dem Altburger die Hand reichend: "seyd mir willkommen, alter Herr, und empfangt meinen Gluckwunsch zu Euerm wiederhergestellten Hausfrieden, wie zu Euerm Sohne. Ja, lieben Freunde!" setzte er hinzu, dem jungen Manne vertraulich und wohlwollend auf die Achsel klopfend, "einen bessern Mann als diesen hier, hat Frankfurt sicher nicht aufzuweisen, und vielleicht nicht allzuviele die ihm gleichen. Es macht mich froh, die Tugenden und seltnen Eigenschaften des Junkers vor Euer Aller Augen wurdigen und preisen zu konnen. Er ist der treuste, redlichste und heiterste Mensch, den ich kenne, und Schade ware es, wenn so viel Gutes in einem Kloster verkummern sollte, wie es den Anschein hat. Nicht wahr, liebe Herren und Meister?" Der Schultheiss kaute an den Lippen, uber des Oberstrichters Stirne flogen trube Wolken, aber beide buckten sich gleich den Andern, und stammelten ein: "Freilich, gnadigster Herr, ... aber ... Beweggrunde ..."

"Schon gut"; meinte der Herzog mit einem verachtlichen Blicke auf sie: "ich weiss bereits Alles. Vielleicht kenne ich aber auch ein Mittel, diese Ungerechtigkeit des Muttergelubdes wieder gut zu machen. Ich wertze heute noch an den hochwurdigen Dechant Herdan, der am heftigsten, wie der Ohm des jungen Mannes, auf dessen Weihe besteht, einen pergamentnen Brief senden, in welchem der heilige Vater, Martin V., die Freilassung die der abgetretne Pabst dem Dagobert Frosch ertheilte, im Ganzen bestatigt, mit dem Vorbehalte jedoch, dass ein anderes Glied der christlichen Gemeine, sey es nun ein Mann, oder sey es ein Weib, an s e i n e r S t a t t das kirchliche Gelubde ablege. Ich zweifle nicht, dass eine fromme christliche Seele zu diesem Berufe bald sich finden werde, und ermahne sowohl den Vater Dagobert's, als auch sammtliche Herrn vom Rathe, wie vom Kapitel, denselben von dem Gelubde, das er durchaus ablegen w i l l , abzuhalten; bedenkend, dass Gott kein Gefallen hat an einem Diener, der sich ihm nur opfert, weil er mit der Welt zerfallen zu seyn glaubt. Stille, guter Freund," flusterte er nach diesem dem Sohne Diethers zu, welcher einige Worte der Weigerung auf der Zunge hatte: "Montfort hat mich nicht fruher an diese Pflicht gemahnt, als mein Herz es schon gethan hat. Erlaubt mir daher, den Weg zu Euerm Besten, sey's auch fur Heute Euerm Wunsche zuwider, kraftig fortzusetzen." Dagobert verstummte ehrfurchtsvoll; dagegen ward es an dem Hofthore laut und gerauschvoll. Die Blicke aller Anwesenden flogen durch die Reihe stattlicher Fenster hinab gegen die Pforte, und befremdet sah der Herzog die Rathsherren an, da er einen Streit zwischen Leuten seines Gefolges und den Stadtwachtern gewahrte. "Ei, was gibts dort, ihr Herren?" fragte er mit gerunzelter Stirne. Ein Burgermeister wollte hierauf sogleich hinunter, um nach der Veranlassung des Vorfalls zu forschen, allein der Oberreiter welcher eintrat, verkundete sie, indem er meldete, die um das Haus vertheilten Wachter seyen ob der bedeutenden Zahl von Reitern, die dasselbe verlassen wollten, argwohnisch geworden, und witterten unter denselben den Verbrecher, der sich hier versteckt halte. Des Comthur's Stirne, so wie Dagobert's Wange flammte; der Herzog liess sich nicht aus seiner strengen Haltung bringen, sondern nahm eine noch drohendere Stellung an. "Was soll das heissen?" rief er, indem ein Zorngewitter uber seine Zuge lief: "Bin ich denn Herzog Friedrich oder ein Landstreicher, von dem man nicht weiss, von wannen, er kommt, wohin er geht, und dem man nicht uber den Zaun traut? Jesus Christus! Werden Osterreichs Farben nicht hoher geachtet, als der Bettelbrief eines Gauners? Nein furwahr; das mogt Ihr abstellen, ihr Herren, denn ich werde mich nimmer herablassen, Eure Erlaubniss zu fordern, will ich mein Geleit zurucksenden, wie Heute geschieht. Um Eure Verbrecher kummre ich mich nicht, und frei will ich Alle sehen, die mein Wappen und Zeichen tragen. Darum befehlt stracklich und ohne Verzug, dass man meinen Wildmeister auf Schloss Ambras, sammt seinem, in jenem Rollwagen befindlichen Weibe und Kinde und dem anvertrauten Gefolge, das ich gen Tyrol sende, ungehindert ziehen lasse, bei meiner Ungnade." Diese ernstlichen Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Ein Schoffe eilte, um das Gebot des Fursten schleunigst vollziehen zu lassen, und mahnte die Wachter ab, die sich noch immer ungestum in den Weg des reisigen Trosses warfen, und sich auch nicht so willig den Geboten des Schoffen fugten, als dieser es erwartet hatte. "Seht, ehrsamer Herr!" behauptete der Anfuhrer der Soldner: "ich will nicht selig werden, wenn das Weib, das sich so angstlich hinter jenes Wagens Vorhange verbirgt, nicht dasselbe ist, das gestern und erst noch Heute mit einem Kinde zu diesem Hause kam, um den darin versteckten Morder heimzusuchen, und ganz gewiss befindet sich der Letztere unter diesem ubermuthigen Trosse." "Und wenn es ware," erwiederte der Schoffe heftig, "so befiehlt, doch hier der Rath, und an Euch ist's Gehorsam zu uben." "Ei, so waschen wir unsre Hande in Unschuld;" antwortete der Fuhrer unmuthig, und wendete sich gegen die Seinigen. Indem ritt der Anfuhrer des Zuges heran, und fragte: "Wird's bald, Herr Schoff? Wie lange soll's noch dauern, frage ich?" Der Schoffe, der dem Frager in's Auge sah, vermochte nichts zu entgegnen, denn er selbst, der den Todtschlager vor wenig Tagen bis zu der Thure des deutschen Hauses verfolgt hatte, glaubte in dem schmukken Jagersmann den Gebannten zu erkennen. Dachte er sich den wirren Bart sauber geschoren, die grobe Kutte vertauscht mit einem grunen prachtigem Rock, an der Stelle des Gurtelstricks Osterreichs. Scharpe, so waren es die Augen, die Zuge, die Gestalt, die Stimme des fluchtigen Morders. Der Schoffe, ein junger Mann, war in feiner Uberraschung auf dem Punkte, das Gebot seiner Herren eigenmachtig zu wiederrufen, aber zu eben derselben Zeit donnerte der Ruf des Hauptsmanns: "Lasst freien Pass! durch die Reihen der Fussknechte;" auseinander flog der drohende Trupp; und unter Hornerschall jubelte der reisige Tross, den bedeckten Wagen in der Mitte, durch die staunenden Huter hindurch, entlang die Strassen von Sachsenhausen, hinaus aus dem Thore, und ohne Saumen fort auf dem Heerwege, den der Herzog am verwichenen Tage einhergezogen. Und als die Warte, hinter den Reitern lag, und mit ihr die Granze der Reichsstadt, da naherte sich der Anfuhrer, nach dankbarem, den Vornehmsten des Geleits gereichten Handschlage, dem Wagen, aus welchem ein in Thranen schwimmendes Frauenantlitz, und ein rosiges Kindergesicht ihn anlachelten. Geruhrt reichte er die Hand seinen Lieben, und rief: "Segne Gott den edeln Herzog und den biedern Comthur. Wir sind frei, und ein guter Engel moge Dich, Katharine und unser Magdlein erhalten zu meiner langen Freude, und mich einst ruhig sterben lassen in Euern Armen. Sieh, mein gutes Weib, dort hinter jenen aufdammernden Bergen, dort liegt unsre neue Heimath. Lass' uns vergessen, was bis jetzo uns schmerzlich gepeinigt. Ich hatte die schwere Prufung verschuldet, aber Gott ist gnadig und Deine Furbitte, Du Reine, von ihm erhort worden. Wir durfen ich ahne es, wir durfen noch glucklich seyn!"

Fussnoten

1 Das dem Musikkenner wohlbewusste Lied, welches seine Anfangssylben zu Bildung der Tonleiter hergab, und in mittelalterlicher Zeit als Mittel gegen die Heiterkeit gesungen wurde. 'Ut queant resonare fibris etc.'

Zehntes Kapitel.

Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren,

Und nicht in Dir, Du bleibst noch ewiglich verloren.

Geistlicher Spruch.

In einer einsam Zelle des Predigerklosters sass Dagobert, die Laute in der Hand, und sang mit halblauter Stimme ein frommes Lied, zu welchem das schwermuthige Antlitz des Junglings, wie die klagenden Tone, die er den Saiten entlockte, passende Begleiter waren. Er uberhorte, ganz seinem Tiefsinn hingegeben, dass man schon einigemal leise an die Thure gepocht hatte, bis dem rustigen Klopfer draussen die Zeit lange wurde, und seine Hand die Klinke offnete, ohne ferner ein einladendes Wort von innen zu erwarten. Dagobert staunte, den Hulshofner vor sich zu sehen; allein, da mit dem Gesichte des Bekannten auch zugleich manche wohlthuende Erinnerung wieder vor seiner Seele wach wurde, so verzog sich unwillkurlich sein ernst geschlossener Mund zu einem freundlich bewillkommenden Lacheln, und er fragte sanft: "Ei, alter Freund, wie kommt Dein frohlich Angesicht in diese Klause? Mich befremdet das, obgleich ich Dich gerne hier sehe." "Lasst mich Euch mit einer andern Frage antworten;" entgegnete Gersetzte: "Wie kommt der weiland frohlichste Geselle in der Wetterau in diese enge Zelle, wo alle Freuden des Lebens schon vor der Thure Valet nehmen? Traun, ich hatte nimmer gedacht, Euch wieder zu finden, schmal und blass, trotz einem bussfertigen Sunder, der zur Seelgerette noch vor seinem Ende in eine Kutte kriechen will, um sich darin in den Himmel zu stehlen."

"Deine Vergleichung konnte mich kranken," versetzte Dagobert gelassen, "wenn ich sie nicht Deiner Narrheit zu gut hielte, Freund." "Narr hin, Narr her," erwiederte Gerhard lachelnd: "Lasst das gut seyn, Junker. Schon oft hat ein lustiger Narr durch seine freie Rede mehr Gutes gestiftet, als der hohlaugigste Fastenprediger durch seine abschreckende Tugend. Ihr konntet mich einst wohl leiden, und desshalb habe ich's, nach meiner Ruckkehr von einer lustigen Rheinfahrt unternommen, Euch auf den Zahn zu fuhlen, und meine Meinung zu sagen, deutsch und gerade heraus, wie ich mir sie denke. Bei allen Kreuzen und Dornen! Ihr seyd nicht mehr der Schatten dessen, der Ihr ehemals wart. Und desto schlimmer ist's, da Ihr Euch selbst zum Schatten machtet. Hui! wie viele Freude machtet Ihr mir, da Ihr auf dem Wege wart, ein recht ungeschlachter Kapitelherr zu werden, geistlich aus Zwang, aber rustig bei Jagd und Gelage! Aber nun, da das Gelubde Eurer Mutter den Stachel verloren hat, und es Euch frei steht, einen Andern an Eure Stelle zu schieben, nun zieht Ihr freiwillig die Kaputze uber die Ohren, um darunter ein rechter Tuckmauser zu werden, aus eigner Wahl! Schamt Euch, zum Frommler seyd Ihr nicht geboren, und der Friede belohnt niemals solch widernaturlich Beginnen." "Du schiltst mich unverdient;" antwortete Dagobert, ohne jedoch eine leichte Rothe bezwingen zu konnen, die uber seine bleiche Wange hinlief: "Mein Bewusstseyn verheisst mir den Frieden, wenn ihn auch diese Mauern nicht verleihen sollten. Ich habe Ruhe und Gluck in meines Vaters Haus zuruckgefuhrt. Darinnen, in dieser Uberzeugung finde ich trostenden Balsam fur mein ganzes Leben, das jeder andern Bluthe tuckisch beraubt worden ist."

Gerhard lachte wieder und rieb sich mit einer Art von Freude die Hande. "Der liebe Gott," sprach er, "hat mich zur Abwechslung e i n m a l wenigstens im Leben vernunftiger gemacht, denn Euch. Ich traue kaum meinen Ohren, da ich Euch also reden hore. Ich begreife aber leicht, warum Herzog Friedrich, Euer Freund und Gonner, sich so schnell davon gemacht hat. Es thut weh, den Busenfreund verruckt zu sehen. Ich will mit meiner steifen Zunge die bloss an das Vorwarts! Kolbe auf! Lanze ab! Schlagt zu! Hopp, mein Fuchs! und an das beliebte: 'Eingeschenkt!' grosstentheils gewohnt ist, versuchen, Euch klar und heiter darzustellen, wie Ihr gehandelt habt. Narrisch fur's Erste, denn Ihr zieht ohne Noth den Monch uber Euern ritterlichen Leib. Der zaundurre Dominik Pfulber aus dem Lamprechtgasslein, der feiste Henne Wiedling unter den neuen Kramen, beide arme Teufel, die um ein Stuck Geld augenblicklich baarfuss gehen, und den Bettelsack umwerfen wurden, haben Euch um aller Heiligen willen gebeten, ihnen an Eurer Statt zum Himmel zu verhelfen. Ihr habt's nicht gethan, obgleich Euch beide Schlucker um ein Paar Pfund Heller feil gewesen waren. Eitel und thoricht handelt Ihr fur's Zweite Ihr meynt, Ihr habt Gluckliche gemacht? O, Ihr irrt Euch sehr. Was Euer Biedersinn gut gemacht hat, verdirbt Euer verderblicher Dumpfsinn um so gewisser. Seht Euern Vater an, der nach einem Erben seiner Habe aussieht, und nur die Wahl hat, seinen Stamm gleich einem unfruchtbaren Baum abdorren zu sehen, oder Alles seinem Enkel zu uberlassen, dessen Anblick ihm, der Mutter willen, jedesmal einen Stich versetzt, da wo sich die linke Schulterplatte des Harnisches offnet. Seht Eure Stiefmutter, die ihr ganzes wiedererworbenes Lebensgluck durch den Gedanken vergallt sieht, Euch, ihren Heiland, unglucklich zu wissen. Seht den kleinen Johannes, der einst vergebens an der Brust des liebeleeren Monchs den Freund suchen wird, zu welchem ihm der beweibte Mann geworden seyn musste. Seht endlich Euern vaterlichen Lehrer Johannes, dessen Antlitz uber Euer Beginnen von Gram gefurcht ist, der seufzend schweigt, da die Pflichten seines Standes ihm verbieten, Euch zu ermahnen, demselben nicht beizutreten. So steht's um das Gluck Eurer Angehorigen, und ich will nicht einmal davon reden, wie mir's ums Herz ist, der ich Euch so viel verdanke, und wahrlich fur Euch gerne Messe lesen wurde, wenn ich zu dem verdammten Latein nicht schon gar zu alt ware. Glucklich durch Euer freiwillig Ungluck wird nur der Pater Reinhold, der fur sein Kloster im Truben fischen wird, bei Eurer Stiefmutter, wird nur der hochnasige Pralat, Euer Ohm, der in Euerm Hause liegt, wie ein schmarotzender Blutigel, und sich an Euerm Erbe fur den lumpigen Maierhof zu entschadigen gedenkt, den er einst der bosen Wallrade abgetreten. Lachen wird nur der Schultheiss, der Euch weniger leiden mag, als mein Ross eine Bremse; sich freuen wird nur der Oberstrichter, der, weil er seinen luderlichen Sohn in so verdriesslichem Handel verlor, Eurem Vater herzlich den Verlust des seinigen gonnt. O, ich konnte, da ich einmal in Fluss gerathen bin, dieses Bild noch sehr in die Lange dehnen, aber schon wird meine Zunge trocken, und ich muss eilen, Euch noch zu guter Letzt vorzurucken, wie unverzeihlich blodsinnig ihr drittens und schliesslich handelt. Ihr sagt, alle Bluthen hatten Euerm Leben abgebluht, alle waren Euch tuckisch geraubt worden? Donner und Hagel! Ist das eine Sprache fur einen Mann, oder uberredet sich nicht vielmehr also ein krankes Gemuth, eingesperrt in dumpfiger Zelle? Welches Gluck vermisst Ihr? Den Besitz einer Judin, vor der jeder Rechtglaubige ein Kreuz schlagt, weil sie ein Satanskind ist, wenn gleich ein recht feines. Glaubt mir, junges Herrlein, ob ich gleich nicht gelahrt bin, wie Ihr, durch die Juden ist alles Ungluck auf die Erde gekommen. Wer erschlug den guten Christen Abel? Der abscheuliche rothkopfige Jude Kain. Wer hat unsern Herrn und Heiland verrathen und verkauft, den rechtschaffensten Christen seitdem die Welt steht? Der verfluchte rothhaarige Jude Ischarioth. Wer hat den wackern Haman aufhangen lassen, und den ganzen Hofstaat des damaligen romischen Kaisers Ahasverus? Wer anders als die abscheuliche Esther, die einen Ohm hatte, zehnmal schlechter als der Eure? Seht, indem ich also an Alles das denke, was mir in der Jugend der Leutpriester zu Friedberg eingeblaut hat, so dreht sich mir das Herz um bei dem Namen Esther. Ihr und ich, und die Euern waren nimmer dergestalt in die Tranke gekommen, waren Ben David der Jude nicht gewesen, und nicht dessen Tochter Esther, an deren Haupt Ihr die Horner nicht sehen wollt, wie unter den Fransen ihres Kleides nicht die Pferdefusse. Wisst Ihr, woher das kommt? Weil sie Euch einen Liebestrank beigebracht hat bei zunehmendem Mond. Wenn sie Euch liebte, warum liess sie sich nicht taufen? Warum lief sie davon? Eine schone Sippschaft in die Ihr schier gerathen wart. Der Vater hangt vielleicht schon irgendwo am lichten Galgen, oder sucht in der Ferne ein Paar neue Ohren. Der aus den Wolken gefallne Bruder wird vielleicht in diesem Augenblick als Falschmunzer in kochendem Ol gesotten, und das heuchlerische Esterchen ..... Nun, nun! runzelt nur die Stirne nicht also, und haltet Eure Geduld nur ein klein wenig noch fest. Ich meine es ja nicht so bose, aber ich denke, der liebe Herrgott wird wenig Freude daran haben, wenn er Euch vor seinem Altare stehen sieht, im Messgewand, den Kelch mit seinem heiligen Blute in Handen, und das Bild einer unheiligen Judin im Herzen!"

Dagobert unterbrach durch eine heftige Bewegung den Redefluss des Edelknechts, der in seinem ganzen Leben nicht so viel auf einmal geredet hatte, und, nachdem er der Freundschaft dieses unerhorte Opfer gebracht, sich allenthalben und vergebens in der durftigen Zelle nach einem Trunk Wein umsah, um sunen durren Gaumen zu netzen. "Wir sind Freunde gewesen, so Du weiter fortfahrst, altes Sieb!" sagte Dagobert heftig, und ein Funke des alten lebendigen Geistes schlug aus seinen Augen. "Beinahe kommt mir der Glaube an, dass man Dich, den wunderlichen Redekunstler, abgesandt, um mich kirre zu machen. An den unuberlegten Worten eines rohen Fechtmeisters soll mein Vorsatz stumpf werden, der schon Vaters Ermahnungen, den Bitten der Mutter und der Missbilligung des hochwurdigen Johannes widerstand? Welch ein Mensch war' ich dann? Du, Ihr Alle begreift es nicht, was ich an Esther verloren; Ihr wisst nicht, dass dieses Madchen in seinem Irrthume reiner und heiliger ist, als die frommste Nonne. Ihr ahnt nicht den Werth des Kleinods, das von meiner Brust fiel in das tiefste Meer. Die Welt bietet mir keine Freude mehr; aber diese kleine Zelle, in welcher i h r Bild zum allererstenmale in mir emporstieg, ist jetzt noch von ihm erfullt, wird es ewig seyn. Darum will ich selbst der Mutter Schwur erfullen, und nicht feilen Miethlingen die Sorge uberlassen. Hatte ich einen Seelenfreund, einen Blutsverwandten, der aus reiner Anhanglichkeit fur mich das Kreuz auf sich nehmen wollte, vielleicht hatte ich, wenn gleich wider Wunsch und Willen, den Bitten der Altern willfahrt; aber da dieses nicht war, nicht ist, so ist's beschlossen, auf immerdar, hier in Abgeschiedenheit die Lust zu geniessen, welcher ich in der Welt entbehren wurde auf ewig!"

"Thor aller Thoren!" rief Gerhard aufspringend aus: "Ihr redet also, und draussen lacht der blaue Himmel, rauschen die dichten Zweige, und zwischen ihre Schatten streut Frau Sonne ihre Goldstrahlen, welche den Saft der Traube kochen, und im Voraus Jedem Frohlichkeit in's Auge blitzen, wie in's Herz? Wie anders wurdet Ihr reden, hattet Ihr mit mir die heitre Rheinfahrt gemacht auf dem blankem Wasserspiegel, durch gesegnete Fluren und heitre Stadte; hattet Ihr mit mir erklimmt die Burgen der Freunde, wo es treuen Handedruck gab, und Sang und Klang und Berglust; hattet Ihr mit mir die Thaler besucht, wo aus jeder Hutte ein freundlich Dirnengesicht lacht, von jedem Giebel schier der lustige Tannenbusch schwankt, und mit Fidel und Schalmei die Erndte gesammelt wird; hattet Ihr mit mir gekostet vom herrlichen Weine, den der Keller des Burgers aufweisen kann, wie die Gewolbe der Schlosser und das plumpe Fass des Weinbauers! Kreuz und Dorn! Wer jemals zu Bacharach sass auf dem Stalecker Fels, den Scheitel mit Reblaub bekranzt, ein Madel im Arm, den Pokal in der Hand, und den Blick weit schweifend uber Strom, Stadte, Schlosser, Berge und Ebenen, und hat nicht den Herrn gepriesen unter dem Dache seines prachtvollen Hauses, ... der freilich hat an der ganzen schonen Welt keine Freude, und mag sich auf den Friedhof legen, wann es ihm gefallt, ihm zum Nutzen und seinem Nachbar zum Frommen. Aber das konnt Ihr nicht; das sagt mir Euer glanzendes Auge, das sich aufgethan hat bei meinen Worten, Eure hochathmende Brust, die sich endlich wieder hebt, wie es einem jungen Kampen geziemt, und die Leibfarbe der kecken Jugend, die sich abermals auf Euerm Gesichte zeigt. Werft sie vollends ab, diese Trauer, diese unmannliche Schwermuth. Ich bin ein rauher und derber Geselle, aber weinen mochte ich, wie ein gepeitschtes Kind, sehe ich Eure angeborne Frohlichkeit in solch traurigen unnaturlichen Banden liegen." Dagobert rieb sich die Stirne, hielt die Hand einen Augenblick auf der Brust, schuttelte dann mit mildwehmuthigem Lacheln seine Locken, und des Freundes Hand. "Wahrlich," sagte er: "Gerhard! ich hatte nicht so viele Anlagen zu einem Sanger hinter Dir gesucht. Deine Worte haben mich um so mehr ergriffen, als ich ihrer aus Deinem Munde nicht gewartig war. O, warum sprachst Du nicht blos von dem, was Du besonders liebst: von Deinem Rosse, Deinen Fechterkunsten, Deiner Trinklust und Deinen Schulden? Ich ware im Geleise geblieben, und das Leben mir noch abgestandner erschienen, denn zuvor, aber wie ein Zauber hat Deine Rede auf mich gewirkt. Seit Wochen schon glaubte ich, mit mir fertig geworden zu seyn. Indem ich das Vaterhaus verliess, und wieder zu dieser Zelle zog, dachte ich die ganze Welt dahinten gelassen zu haben, aber nun war mir es plotzlich, als musste ich mindestens noch einmal hinaus in die weite Schopfung, und noch einmal ihr ganzes Bild in meine Augen ziehen, um sie dann auf ewig in Klosternacht zu schliessen. Der alte Muth hat angeklopft in meiner Brust; der alte Frohsinn luftete meine Stirn, und wenn auch gleich diese herrliche entzuckende Bewegung nicht zur That werden darf, so habe Dank dafur, Du gute treue Seele. Gehorte mein die Jakobskirche zu Compostell mit all ihren Kronen und Schatzen, waren mein die Kleinodien des Reichs, Dein mussten sie werden fur das Hochgefuhl dieses Augenblicks." "Seht Ihr wohl, wie Ihr schwarmt!" lachelte Gerhard zufrieden: "Die Kronen des heiligen Jakob, wie unsers Herrn und Kaisers wolltet Ihr hinwerfen um den Schatten dessen, was Euch die Wirklichkeit umsonst bietet, und eine Grille nur verhindert anzunehmen! I c h schenke Euch indessen meinen Lohn nicht, und Ihr werdet, statt mir Silber und Gold zu schenken, mir etwas zu Liebe thun."

"Sprich!" entgegnete Dagobert misstrauisch. "Thut einen einzigen Schritt noch zuruck in die Welt, der Ihr Valet zu sagen denkt;" sprach Gerhard: "erheitert noch fur einen Augenblick das Haus Euers Vaters. Er feiert heute den Jahrstag seiner Vermahlung, und ich darf's nicht laugnen, er, der ehedem nie gute Freundschaft mit mir hielt, er hat mich aufgesucht, und mich gebeten, auf meine Weise zu versuchen, was nicht seinem Munde und nicht dem Munde Frau Margarethens gelingen mochte." Dagobert schwieg erschuttert; dann sagte er, den Kopf schuttelnd: "Dieser Gang wird mir weh thun; denn alle Proben meiner Standhaftigkeit werden sich verdoppelt erneuern." "Ei, so zeigt Euch doppelt standhaft;" versetzte mit gutmuthigem Scherz der Edelknecht: "kommt aber mit mir; noch ehe der Pfortner das Kloster schliesst, bringe ich Euch frei und frank hieher zuruck, und Ihr mogt Euch meinentwegen Morgen schon die Platte scheeren lassen. Aber heute seyd noch einmal den Euern; heute fehlt nicht in Eurer Eltern Mitte; denn nicht froh wurden sie seyn, sagten sie, wenn der Schutzgeist ihres Glucks unter ihnen fehlte. Darum, wollet nicht des Tages Freudenwein durch Eure halsstarrige Weigerung in Wermuth verkehren. Es gibt ja in dem Ehestand. Galle genug durch's ganze ubrige Jahr."

Dagobert's Augen wurden feucht; seine Blicke flogen gen Himmel und mit einem freundlichen: "Keinen Wermuth in den Becher meiner Altern!" ergriff er das Barett, die Hand des Freundes und verliess mit ihm schneller, als dieser es gedacht hatte, das Haus des heiligen Dominikus, um seinen Altern festliche Wohnung einmal, das Letztemal dachte er vor seiner Einkleidung zu betreten. Wie wurde ihm zu Muthe, da er dieses Haus wieder sah, geschmuckt mit der alten gediegenen Pracht, die nur bei den feierlichsten Anlassen hervorgeholt wurde aus den bergenden Schreinen. Schon die Flur, die Treppe verkundete Festlichkeit, und aus den Mienen der, dem Sohne des Hauses entgegeneilend Diener leuchtete das Behagen, den willkommensten Gast, zu empfangen. Der alte Diether, von der guten Botschaft erfreut, umarmte den Sohn auf der letzten Treppenstufe, und Frau Margarethe trug in ihren zarten Handen den aus silbernen Munzen kunstfertig zusammengefugten Pokal herbei, um ihn, mit duftendem Weine gefullt, dem lieben Dagobert zu kredenzen.

"O, meine Altern!" sprach der uberraschte und geruhrte Jungling, ihre Liebkosungen dankbar vergeltend, ... "wie macht Ihr mir es doch so schwer, dieses Haus wieder zu betreten, da ich es ja doch wieder meiden muss? Aber Euers Vermahlungsfestes Jahrstag, der zugleich meiner wackern Mutter Geburtstag ist, forderte meine Gegenwart, obgleich noch in diesen unheiligen Kleidern dabei erscheinen muss."

"Vor dem Herrn ist der reine unbescholtne Sinn das hochzeitlichste Gewand," sprach dagegen der Predigermonch Johannes, der, Wallradens Sohnlein an der Hand, zu den Umschlungenen trat: "Ein drolliger Schalk hat Dich der Klause entlockt, guter Dagobert, in welcher ich Dich ungerne sah. Moge ein guter Engel es fugen, dass Du nicht mehr dahin zuruckkehrest." Der junge Mann sah ihn betroffen an. Wahrend dessen aber ergriff Diether ihn bei der Hand und fuhrte ihn in die Stube ein, um deren Tafel ein bunter Kranz frohlicher Gaste sich reihte. Die Manner, grosstentheils nahe Freunde des Hauses, begrussten den Sohn mit dem gewichtigen Handschlage; die geladenen Frauen mit sittiger Kopfneigung, und er rieb sich verwundert die Augen, als ihn der Vater zu seiner Rechten setzte, und er in seinen Nachbarinnen die Edelfrau von Durning und ihre anmuthige Tochter Regina erkannte. Beide Frauen, seine Uberraschung gewahrend, theilten sie gewissermassen, in einer Befangenheit verharrend, die sich in Mutter und Tochter gleich aussprach, obschon von verschiedenen Beweggrunden erzeugt. "Ihr staunt, ehrsamer Junker," begann endlich die Edelfrau, "Ihr staunt, uns hier anzutreffen. Allein die Ursache, dass wir seit kurzer Frist in diesem Hause fast heimisch geworden, ist zugleich die Ursache der Beschamung, die mir es schier verwehrt, ohne Ruckhalt mit Euch zu reden. Es ziemt jedoch dem Fehlenden, zuerst den Mund zum Vergleiche aufzuthun. So mag ich Euch denn nicht bergen, dass mir schon lange in der Seele leid gethan, was ich damals in bitterm ungerechten Verdachte Euch gesagt vor unserm Scheiden. Meine Regina, die kein Geheimniss mehr vor ihrer Mutter hat, hat mir erklart, wie die Dinge zusammenhingen und wie ehrenwerth Euer Schmerz um Esther, wie rein Euer Verhaltniss zu Regina gewesen. Glaubt mir, dass ich einen Anlass herbeiwunschte, um gut machen zu konnen, was ich verbrach, und wider Vermuthen fand sich dieser. Da Eure uberhand nehmende Schwermuth Euch gewaltsam aus dem Hause Eurer Altern riss, so wurde der Sinn Euers Vaters also erweicht, dass er seine Habe darum gegeben hatte, Esther wieder aufzufinden und in Eure Arme selbst zu fuhren, wofern sie nur zum Bund der wahren Kirche treten wollte. In dem Bemuhen seiner Vatersorge wendete er sich auch an mich, ob ich denn von keiner Spur des Madchens je gehort. Leider musste ich verneinen. Diese Zufalligkeit jedoch hat uns mit den Euern bekannt gemacht und mich veranlasst, der Einladung Eurer Mutter zu dem heutigen Tage nachzukommen, weil ich mir die Moglichkeit dachte, vielleicht Euch sehen und von Munde zu Munde sagen zu konnen, dass ich herzlich meinen Argwohn gegen Euch bereue, und Euch um Vergebung bitte." "Ich musste wohl jetzo ein recht hartherziger unversohnlicher Feind seyn," entgegnete Dagobert lachelnd, "um solche Bitten aus hochgeehrtem Munde tagelang mir wiederholen zu lassen. Leider aber erfordert mein zukunftiger Stand Friedensliebe und Versohnlichkeit, und somit ertheile ich Euch, edle Frau, von Herzen die gewunschte Absolution, ob mich gleich noch nicht die Weihe des Bischofs dazu befugt hat." "Also ist es doch wahr?" fragte Regina ein wenig vorschnell und ein wenig erschrocken: "Ihr wolltet wirklich in's Kloster gehen, edler Junkherr? einen weissen Rock anlegen, wie der lange Monch dort, der Euch immer so freundlich anlachelt? Thut das ja nicht, Herr. Das ritterliche Kleid steht Euch viel besser an, und Ihr seyd fur das Kloster viel zu ... viel zu jung."

"Ei, Regina!" unterbrach die Mutter die Stockende mit verweisendem Blicke: "Was soll das heissen, was soll der Junker von Deiner Frommigkeit halten, wenn Du also unehrerbietig von den heiligen Klostern sprichst?" "Eure Tochter hat s e l b s t die Frommigkeit einer Heiligen," versetzte Dagobert: "Diese bindet sich nicht an ein Kloster oder einen Wallfahrtsort, sondern an den lieben Herrgott selbst, und die Seinen. Rechtet aber mit der heiligen Kirche desshalb nicht, mein Fraulein. Dringt gleich der feiste Herr dort oben, mein Ohm, der Pralat, auf meinen Profess, fordert ihn gleich der wurdige Herr Dechant, derselbe, der so eben nach der Pfeffertunke langt, als eine unerlassliche und unaufschiebbare Pflicht, .... so zwingen mich doch die Genannten nicht, und nicht der Bischof, und nicht der heilige Vater sammt dem Concilium: mein Wille thuts, und meines Herzens Gefuhl." "Das ist traurig;" sprach Regina niedergeschlagen, und liess das Haupt sinken: "Ich glaubte Euch nicht, als Ihr damals bei der Forsthutte den Vorsatz ausspracht, in Zukunft einsam in der Welt zu leben. Aber ich sehe, dass Ihr bittern Ernst macht, denn Ihr hattet wohl sonst nicht eigensinnig Alle die zuruckgewiesen, die fur Euch der Mutter Eid losen wollten."

"Ich verabscheue den Beter um Sold," entgegnete Dagobert kurz, "und besitze auf der Welt kein Freundesherz, das freiwillig, nur um meinetwillen fur mich eintrate."

"Nicht?" fragte rasch Regina, und ihre Augen blitzten auf, so schnell als ihre Lippen weiter sprachen: "Wie aber, wenn i c h den Schleier nahme, um Euch zu losen?"

Dagobert schwieg uberrascht und besturzt. Sein Blick, der verwundert dem Blicke Reginens begegnete, flog plotzlich vor diesem zu Boden, und sein Mund wusste kein Wort zu bilden, um so mehr, als Regina in ihrer kindlichen Unbefangenheit weiter plauderte: "Lasst mich doch immerhin, Mutterlein. Ob Ihr mich am Gewande zupft, oder mit dem Ellbogen tippt, es ist ja doch wahr. Von dieser Tafel ginge ich zum Kloster, wenn es dem Junker frommen mochte, und nimmer, .... ach mein Gott, gewiss nimmer wurd' es mich gereuen." Die Edelfrau warf einen halb lachelnden, halb missbilligenden Blick auf Reginen, die das von stolzer Zufriedenheit strahlende Antlitz hoch emporhielt, und Dagobert konnte nur, von seltsamen Gefuhlen befangen, erwiedern: "Um die Rosen Eurer Jugend ware es Schade, mein liebliches Fraulein. Solcher Liebreiz ist zu gut fur's Kloster. Seyd indessen bedankt, dass Ihr mir ein theilnehmend Herz erschlossen," fugte er nach kurzem Schweigen hinzu: "Das Bewusstseyn, von Euch bemitleidet zu werden, soll der Engel seyn, der nimmer von mir weichen darf in meinem vom Schicksal erlesenen, freiwillig gewahlten Kerker." "Ist das die Rede eines jungen Deutschen?" fragte Diether, der die letzten Worte des Gesprachs vernommen hatte: "Ist das eines jungen Reichsstadters, eines Altburgers Sprache? O, mein Sohn, wie schmerzlich betrubst Du Deinen Vater. Bedenke: mein Gewissen, das des greisen Mannes ist ruhig geworden, da alle Zweifel beseitigt wurden, und der heilige Vater Dir die Wahl freigestellt, und Dein Starrsinn verschmaht die Huld der Kirche."

Dagobert erwiederte einige Worte der Beruhigung, und versuchte, dem Vater vorzustellen, dass er weniger in ohnmachtigem Groll gegen das Schicksal handle, als nach innigem Pflichtgefuhl. Diether schuttelte unglaubig den Kopf, und versank in jenes Zuhoren, das nur das Ohr in Anspruch nimmt, ohne den Verstand zu uberzeugen. Plotzlich wurden aber seine Zuge lebhafter; Frau Margarethe, die, den Schlusselbund an der Seite, als geschaftige Hauswirthin um die Tafel ging, gab ihrem Gemahl einen Wink mit den Augen, und deutete verstohlen auf die Thure des Nebengemachs. "Sieh, wie unsere Gaste froh sind!" sprach Diether, Dagobert's Hand fassend: "Die zahlreichen Trinkspruche, die der Hulshofen ausgebracht, haben die Kopfe erhitzt, und der Mund geht uber in raschem Gesprachsel. Die Frauen sind nicht minder lebendig geworden, und schmausen plaudernd die venedischen Mandeln und Weinbeeren, die in Fulle vor ihnen stehen. Alles ist froh bei diesem Doppelfeste, an welchem ich Deiner Mutter ersten Lebenstag feiere, wie meinen zweiten Hochzeitstag, damit Jedermann sehe, dass ich meiner Frauen Unschuld erkannt, und sie wieder aufgenommen habe, in mein Herz, in meine Arme. Lass mich dieser Feier eine dritte Bedeutung hinzufugen: lasse sie auch das Fest Deiner Befreiung seyn. Komm mit mir, mein Sohn. Die Manner vermissen nicht den Wirth, die Frauen nicht die Hausfrau; uns bleiben einige Augenblicke. O, dass sie gunstig wahren fur uns, wie fur Dich!" Er zog, rasch aufstehend, seinen Sohn schnell mit sich in's Nebenzimmer, wohin auch Frau Margarethe folgte. Dagobert, der nicht wusste, wie ihm geschah, und was alles dieses zu bedeuten haben mochte, prallte an der Thure vor Erstaunen zuruck, da er im Hintergrunde des Gemachs auf einem Lehnsessel ruhend, eine bleiche Frauengestalt erblickte, deren Gesichtszuge man fruher genau gekannt haben musste, um in ihnen diejenigen der, ehemals so reizenden, Wallrade wieder zu finden, Von Diether's, wie von Dagobert's Anblick bewegt, erhob sich die Jammergestalt, unterstutzt von der hulfreichen Oberin des Weissfrauenklosters, die mit der Freundin gekommen war, und streckte die Hande dem Vater entgegen. "Endlich sehe ich Euch wieder, mein Vater;" sprach sie mit annoch sehr schwacher Stimme: "Nachdem Eure Hande segnend mein Haupt beruhrt hatten, da ich noch im Todeskampfe zu ringen schien, entzogt Ihr mir Euern Anblick, und die Kunde meiner Wiedergenesung entfernte Euch von mir, denn Ihr fuhltet Euch nur stark genug, der Sterbenden, nicht der Lebenden zu verzeihen. Ich murrte nicht gegen Euern Entschluss; ich habe Euern Zorn verschuldet. Aber zurnt mir nicht, dass ich nach einem Mittel forschte, Euern Unwillen zu mildern. Frau Margarethe, die gute Frau, die ich bisher schmahlich misskannt, und die mein Krankenlager bis auf den heutigen Tag umgeben hat, wie ein helfendes Engelsbild, zollte meinem Vorsatze Beifall, und ermuthigte mich, zu Euern Fussen mich zu werfen, dass ich Vergebung erhalten moge." Der geruhrte Vater hinderte Wallradens Kniebeugung, und ermahnte sie liebevoll, auf ihrem Sessel zu verbleiben, und nicht ihm, der schon von Allem wisse, sondern dem Bruder zu verkunden, was sie, von Gott erleuchtet, beschlossen habe, und bereit sey, zu vollfuhren. Erwartungsvoll sah Dagobert auf die entstellte Schwester, die, wie ein Bild des Leides ihn eine kleine Weile stumm betrachtete, und nachdem die in ihrem Antlitz aufgestiegnen dustern Schatten verdammert waren, also begann mit langsamen Worten aber vernehmlicher Stimme: "Obgleich, mein Bruder Dagobert, e i n e Mutter uns gebar, so haben wir uns dennoch nie geliebt, und es wird einst dort oben zur Sprache kommen, wessen Schuld es gewesen. Indessen hat mein ungluckselig Geschick mir durch die Schreckensthat, die an mir verubt worden, den Fingerzeig gegeben, dass man noch hienieden selbst die Hand zum Frieden und zum Guten bieten musse, weil die Zeit verinnt, und schnell herbeikommt der Tod. Verzeihe mir daher, mein Bruder, so ich Dich beleidigt."

"Auf Deinem Schmerzenslager habe ich Dir vergeben, Dich gesegnet;" erwiederte Dagobert: "ich kenne keinen Groll mehr gegen Dich." "So nimm auch ein Geschenk von mir;" fuhr Wallrade fort. "Was Deine Liebe mir zugedenkt;" entgegnete Dagobert: "mein sey es, und ich will Dir's danken, als ein Pfand unsers Geschwisterbundes."

"Du schworst mir, dass Du nichts verschmahst, es sey auch noch so durftig und gering, oder noch so kostlich und begehrenswerth?" "Ich schwor' Dir's zu, Schwester;" antwortete Dagobert rasch, und uber die Gesichter aller Anwesenden ging die Sonne der Freude auf. "So empfange von mir Deine Freiheit;" sprach gewichtig und betonend Wallrade: "Unser Vater verzweifle nicht kinderlos. Bleibe Du ihm, da sein lieberer Sohn ihm starb. Des Papstes Brief lasst zu, dass Mann oder Weib Deine Stelle im Chor vertrete. Ich thue das Gelubde an Deiner Statt, und lose also das Deiner Mutter, die auch die meinige war." Das hatte Dagobert nicht gedacht; unuberlegt hatte er sich in der Betheuerung fangen lassen, und suchte nun auf Wallradens Stirne zu erforschen, ob Wahrheit, ob Luge sie sprach. Wallradens Antlitz blieb sich jedoch gleich, als wie aus Stein geformt, und dankend umarmte sie Margarethe, und dankend schuttelte ihr der Vater die Hand, obgleich der Eltern Brust erbebt hatte unter der schonungslosen Beruhrung des Absterbens ihres kleinen Johannes. Dagobert allein sah lange stumm vor sich hin, und reichte hierauf ziemlich kuhl und verstimmt ebenfalls der Schwester seine Rechte. "Ich will wohl glauben," sprach er, "dass das Vergangene Dein Herz gewendet, Schwester. Ein Erdstoss sturzt ja auch Felsen ein. Allein, die Art, wie Du das Gute thust, ist ganz der Schlangenlist ahnlich, die Dich fruherhin beseelt. Du hast mich in einer Schlinge gefangen, und zerstorst grausam das Gebaude eines wehmuthig stillen Einsiedlerglucks, dass sich meine Einbildung in die Zukunft hinein, aus der Welt hinaus gebaut hatte. Ich musste nicht ein Mann seyn, dem sein Wort heilig ist, ich musste nicht die Freudenthranen meines Vaters, meiner zweiten Mutter sehen, wenn ich langer unerbittlich bleiben sollte. In Gottesnamen denn! geh' hin an meiner Statt, und diene dem Herrn, aber diene ihm ohne Falsch, mit redlichem Herzen. Erwarte aber keinen Dank von mir, denn ihr Alle, die ihr mich liebt, ihr raubt mir die Ruhe, die ich hoffte, und schleudert mich als Beute hin dem Strudel eines unruhvollen Lebens, auf dessen schonsten Fluren mir dennoch ewig das Schonste fehlen wird." Nicht wie einer, dem eine wohlthatige Hand die unverdienten Ketten abgenommen, nein; wie ein Knecht, den tyrannische Gewalt erst auf die Ruderbank gezwungen, ging er zu der Versammlung zuruck. "Kehrt Euch nicht an den Sonderling, Wallrade!" sprach zu dieser entschuldigend Margarethe: "Wir achten oft eine Wohlthat gering, die wir nachher nicht hoch genug zu schatzen vermogen."

"Lasst das, liebe Frau;" erwiederte Wallrade kalt: "Nicht ihm zum Guten, sondern mir zu Liebe thue ich das, was ihm missfallt. Mein Gewerbe ist jetzo hier vollendet, darum, Vater, bitt' ich um ein trostend Aschiedswort, und sag' Euch Lebewohl."

"Wie?" fragte Diether besorgt: "Schon willst Du scheiden? nicht den Freunden unsers Hauses diejenige zeigen, deren Aufopferung mir den Erben erhalt?" "Wo denkt Ihr hin, Vater?" fragte Wallrade bitter lachend entgegen: "Mein abgezehrtes Antlitz taugt nicht in den Kreis der Frohlichen. Ihre Blicke, ihr Flustern, ihr Achselzucken wurde mir den Tod geben. Ich gehe zu meiner Zelle zuruck." "Aber, Wallrade," redete Margarethe sanft in ihr Ohr: "wollt Ihr nicht wenigstens den Knaben sehen, der Euch angehort? Euern Johannes?" Da fuhr Wallrade empor, und schoss einen Blick auf Margarethen, dass diese zusammenfuhr, denn alle Flammen einer auflodernden Holle spruhten daraus ihre Funken. Dabei schuttelte sie heftig den Kopf, und rief aus gepresster Brust: "Nein! nein! nimmer! in Ewigkeit nicht!"

Wahrend sie bei diesen Worten den Schleier rasch zusammenzog, dass er ganzlich verhullend herabfiel uber die drohende Gestalt, und das noch drohendere Antlitz, fasste Margarethe den staunenden Diether bei der Hand, und zog ihn hinweg aus der Thure. "O kommt!" flusterte sie: "Ich furchte mich. Gewiss hat sie sich nicht ganz gebessert, denn unmoglich kennt ein Mutterherz solche Harte und Grausamkeit, hat es die Sunde nicht versteinert,"

Eben so kopfschuttelnd, als Diether seiner Gattin folgte, also blickte die Oberin Walburg, die Freundin an, da sie zusammen zum Kloster gekehrt waren. "Erklare mir doch das grosste Rathsel," sprach sie mit forschendem Auge. "Wallrade erklare Dich selbst; denn ich hore auf, Dich zu begreifen. Wo ist die Weichheit hin, die unter bitterm Leiden Deine Stirn verklarte, und jedes Deiner Worte in Honigseim tauchte? Wohin die Liebe, die Du damals fur den Sohn aussprachst, den Du misshandelt? Welche Wendung nahm der Auftritt heute in Deines Vaters Hause? Die gottgeweihte Magd, die, die sich selbst hingibt, um Andrer Willen, zum Suhn- und Loseopfer, in Dir habe ich sie nicht erkannt. Deine Liebe scheint von Erz zu seyn, die Wohlthaten, die Du spendest, obgleich ungezwungen und freiwillig, sie erwecken Grauen. Mir selbst erscheinen sie, wie verhangnissvolle Gaben, die das Verderben unter angenehmer Hulle bergen, und fast mochte ich lieber der Knabe seyn, den Du so unmutterlich verwirfst, als zu Jenen gehoren, die sich Deiner Liebe erfreuen, wie die, welche wir verlassen haben." Wallrade lachelte hierauf nachdenklich und arg, und versetzte unbefangen: "Der Geist, mit dem wir in's Leben traten, begleitet uns auch bis zum Grabe, und ist unterthan dem Korper, obgleich dieser nur ein Leib aus Staub und Asche ist. Sind unsre Glieder schwach, so erlahmt auch Wille und That. Sind sie stark, so erstarkt auch unsre Seele. Daraus erklare Dir selbst, meine Freundin, die mich schon seit meiner fruhsten Jugend kannte, wie ich in meinem Siechthum so ganz anders reden und handeln konnte, als ich fruher that, und ferner thue und reden werde. An den Pforten des Todes war ich nicht mehr Wallrade, nur ein zur Grube taumelndes, irrdisch, schwaches Weib. Aber, so wie die Krafte wuchsen, so kam auch der alte Geist wieder zuruck, und obgleich noch nicht vollig hergestellt, so spure ich doch die ehemaligen Gefuhle wieder die Flugel regen, und ich werde seyn wie ehemals." "Du wirst mir unerklarbarer;" schaltete Walburg ein: "Du, wie ehemals? Du, mit Deinem Hange zu den Freuden der Aussenwelt, willst in ein Kloster Dich verkriechen, und dennoch seyn wie ehemals?"

"Glaube mir," antwortete Wallrade. "Der elende Morder hat mich nicht zum Tode getroffen, aber an seinem Eisen blieb die Bluthe meines Lebens. Weg aus der Welt mit der Unvermahlten, deren Rosenwangen und Korperschonheit zu Grabe ging. Dem schonen Weibe gehort die Welt mit ihren Konigen und Helden; der Verblichenen ein Altar und hinter demselben ein spates Grab. Und ich vollends .... ich, ubermannt von der Last von Vorwurfen, die die Welt auf mich geschleudert, weil bose Zufalle und ein tuckisches Geschick mich zu Boden warfen; ... ich sollte wieder hinaustreten in diese Welt? Nimmermehr! Ich werfe mich in die Arme der Kirche, doch nicht als reuige, bussfertige Sunderin: eher wurd' ich sterben. Aber segnen, benedeien mussen mich noch diejenigen, die ich hasse, und bis zum Grabe hassen werde. Die Hand mussen sie noch kussen, die sie zuchtigt, und laut ausrufen: 'Sie ist unsere Wohlthaterin geworden! Wir haben sie verkannt.' Indem ich mich also aufopfere fur das Beste dieses Bruders, so bereite ich mir einen Heiligenschein, und jenen in der Brust eine glimmende Holle. Bleibt Dagobert im Vaterhause, so baut des Argwohns Schlange wieder dort ihr schwer zerstorbares Nest, Eifersucht und Trug werden dort wieder heimisch, und Dagobert selbst, der in seiner Schwarmerei im Kloster glucklich geworden ware, wird der Unglucklichste der Sterblichen. Durch diesen Schritt werfe ich dem Pralaten, der sein fruheres Wohlseyn nicht benutzt hat, wieder den Maierhof zuruck, den er mir einstens uberlassen; und mich ergotzt's, dass er, der mich an alle Fursten verkauft haben wurde, um seinen Beutel zu fullen, jetzo mir ein durftiges Almosen danken muss. Die nichtswurdige Frucht meiner Ehe mit dem von der Rhon weise ich somit ganzlich an die Mildthatigkeit der Blutsfreunde, und bin freier in meinem Kloster, als ich es vielleicht jemals ausser demselben war, lebe meiner Behaglichkeit, und der Hoffnung auf schwere Rache an allen meinen Feinden." "Hor' auf!" bat Walburg: "mir zittern die Glieder, so ich Dich anhore." "Meiner Freundschaft verdanckst Du diese seltne Aufrichtigkeit;" entgegnete Wallrade ernst: "von Deiner Freundschaft hingegen erwarte ich Geduld, Verschwiegenheit und ehrliche Behandlung. Eine andre Lebensfrist beginnt hierin fur mich. Herab vom Himmel will ich Rache flehen, und wie die Ritterdame vom Sollen einem Turniere, so aus dem Klosterfenster ruhig dem Wirrsal zusehen, das ein unbeugsam Geschick uber meine Feinde verhangen wird; ... und somit, Freundin, Oberin, lass die Kirche schmucken zum Empfange einer neuen Braut, raube mir die Lokken, in welchen sich schon manch Gewaltiger hing, ziere mich mit dem Kranze, und dann: Salve Regina!"

Elftes Kapitel.

Die weite Stadt fasst nicht die Zahl der

Gaste, .....

Schiller.

So sehr lieblich auch der Lenz gewesen war, so stellte sich doch der Sommer ein, als ein gluhender Gast, der Fluren und Matten versengte, Bache austrocknete, und den verschmachtenden Menschen und Pflanzen kaum einige kuhle Nachtstunden zur Erholung gonnte. Indessen, je mehr er andauerte, je mehr liess er wieder nach, von seiner brennenden Strenge, und ein heiterer gewitterleerer Spatsommer entschadigte fur des Augustmonats entsetzliche Hitze. Darum stromten auch, wie neubelebt, aus allen Gegenden des Vaterlandes und der Fremde, zahlreiche Schaaren zu der alten Herbstmesse, die zu Frankfurt wieder eingelautet wurde, und sie versprach, weit glanzender zu werden, als in vielen vergangenen Jahren. Die Zuge der Kaufherren, die nach einander unterm Geleite der Reichsstadt, des Erzbischofs von Mainz und des Pfalzgrafen bei Rhein eintrafen, uberboten sich an Zahl und Reichthum. Nicht bloss die Stadte am machtigen Rheinstrome, von Basel beginnend bis gen Coln, sandten ihre besten Handelswaren, nicht aus gewerbfleissigen Niederlanden allein eilten die Fursten des Handels herzu, sondern auch aus weit entlegnern Landen fanden sich Kaufer und Verkaufer ein. Walschlands Werkherren, die Gevertschen aus der Lombardei, und die Wechsler aus Burgund, die Stahlarbeiter und Wollentuchhandler aus Engelland, die Pelzverkaufer aus den nordlichen Reichen, dem fernen Polen, und dem noch fernern Reussenland, der machtigen Stadt Neugart, fullten die Gewolbe Frankfurts mit ihren Waaren, und genossen freundliche Aufnahme in der von Menschen aller Volker wimmelnden Stadt. Bis unter die Lucken der Dacher lebte und webte jedes Haus, und dennoch schien die Zahl der Gebaude zu klein, um all die Gaste zu fassen, denn auf dem Fischer- und Klapperfelde standen Lager von lustigen Zelten, und auf den Gassen drangte sich unaufhorlich ein rastlos tobendes Menschenmeer. Stolzer als sonst wohl, sah nun jeder Frankfurter Burger aus seinem Fenster in das Gewuhl vor demselben, und pries glucklich sich und seine Heimath, auf deren Markt das fernste Ausland seine Erzeugnisse brachte, und sein klingend Geld, oder seine gultigen Wechselbriefe. Durch alle Thore rollte der Seegen des Handels, durch alle Pforten zogen heitre Menschen mit lebenslustiger Stirne und schwergefulltem Beutel; den Mainstrom herab kamen die uberfullten Marktschiffe aus Franken unterm Knall der zum Jubel losgebrannten Donnerbuchsen und dem Gesange der Mannschaft; den Strom herauf zu Berg steuerten die reichbeladenen Fahrzeuge vom Neckar und vom Rhein. Und welche Frohlichkeit entfaltete ihr Panier, fanden sich in der weiten Stadt Landsleute zu Landsleuten, Bekannte zu Bekannten. Die Glockenschlage und Trompeterstucklein, die vom Thurme den Ankommlingen entgegenschallten, stimmten zur Freude, denn nun war sie ja uberstanden, die gefahrvolle Reise, auf welcher schon manch Unglucklicher Leben und Habe verlor, unter den Mordklauen des rauberischen Gelichters, das Heerstrasse, wie Strom unsicher machte. Nun befanden sich ja die sicher Geleiteten unter dem Schutze eines wohlgeordneten Gemeinwesens, hinter schirmenden Mauern, und im Schoosse geregelter Gesetze, die den Messfremden gar gunstig waren, und insonderheitlich keiner Freude wehrten. Darum schwang sich auch das Rad des ernsten und eifrigen Gewerbes scheinbar leicht wie das Spielrad einer Knabenmuhle; die Wichtigkeit des Geschafts gewann den Anstrich eines sorgenlosen Tauschvertrags, und uber den dustersten angefulltesten Gewolben und seinen emsigen Dienern und Schreibern wehte die Wimpel der Heiterkeit. Welch ein reges Leben in allen Theilen der Stadt, und langs dem Flusse, wo sowohl die zweckmassigste Lage, als auch Gewohnheit die Hauptsammelplatze der Kaufmannschaft geordnet haben. Still und besonnen treiben die Tuchhandler aus den flandrischen Stadten, die reichen Antwerper, die stolzen Genter und die verschmitzten Herren von Brugge ihr Werk, ohne viel Gerausch, aber mit sicherer Geschaftigkeit. Neben ihren Niederlagen preisen die Schleierhandler von Strassburg den voruberziehenden Frauen ihre dunne und kostliche Waare, sammt den Gold- und Silberspitzen, die sie lockend und prahlend zugleich am hellen Sonnenlichte durch die feinen Finger gleiten lassen. Wahrend auf der Schwelle einer einladenden Weinschenke feurig gluhende Weinhandler aus dem Elsass den Kauflustigen das duftende Ol ihrer Fasser ruhmen, und mit Schwank und Scherz ihren Handel richtig zu machen suchen, rufen an ihrer Seite die Kaufleute vom Rhein ihre Hute und Handschuhe zum Verkauf, und nicht fern davon die Schweizerhandler in ihrer rauhen Mundart die Teppiche und Zeuge von seltner Gute, die sie aus ihren Bergen zu Markte bringen. In der Bude des Bohmen klingelt die zerbrechliche Glaswaare, wie in des Steuermarkers Laden das dauernde Eisen rasselt. Gegenuber jedoch wiegt der kluge Kaufherr aus Sachsen schweigend und bedachtig die Silberstangen, um welche die Munzwardeine und der Silberschmiede gelehrte Schaar prufend steht; nicht minder vermisst nebenan der Ulmer seine schone Leinwand mit gerauschloser Fertigkeit, und spart die freundlichen Worte nicht, um die ehrsamen Hausfrauen, die sein Gewolbe fullen, zu seinem Vortheil zu stimmen. Mag immerhin der Kramer aus Pisa oder Lukka aus vollem Halse sein Gewurz, seine wohlriechenden Salben ausschreien, ... lachelnd und still erwartend lehnen unfern die Kaufleute der Hansee an ihren Ladenthuren, durch welche blankes Schiessgewehr, kostliche Nordfelle auf die Strasse sehen. Des Zuspruchs holder Frauen sind die schweigsamen Manner nicht gewartig, ausgenommen vielleicht die Verkaufer der gesalzenen und getrockneten Seefische, und nur Manner suchen in diesen entlegenen Buden und Kellern ernstere Waare, die Metalle und Erze des Nordens, das gefahrliche Pulver, die schweren Brandweine in den ungeheuren Tonnen. Hier voruber geht es aber wieder in das dicke Gewuhl des Gewerbes hinein. Die langen Reihen von Fassern, die aus Thuringen herbeigeschafft werden, und Pech, T h e e r und Kienruss enthalten, ziehen das Volk der Schiffer an; die Farber und Wollenhandler stromen dagegen zu den Niederlagen der Erfurter, welche den nicht genug herbeizuschaffenden Waid feilbieten. Hier spielen die Waidtrager mit ihren Korben und Tragen den Herrn und Meister; die Messerschmiede, eine unhofliche Zunft, schliessen sich mit ihren Kramstellen an die Thuringer, an diese die Holzwaaren- und Messinghandler von Nurnberg, die Seidenweber von Augsburg, und uberall dieselbe Regsamkeit, allenthalben derselbe Eifer, von dem Lehrjungen an, der auf eine Kiste das Zeichen seines Kauf- und Lehrherren pinselt, bis zu dem Ostfriesen, der vor Rittern und Herren die ausgesuchten Rosse tummelt, die er auf den bedeutenden Markt gebracht. Doch nicht allein fur das Nutzlichste ist allenthalben im Uberfluss gesorgt, ... auch das Lustige und das Seltsame will sein Recht behaupten. Nicht im Handel und Wandel allein sollen die Beutel geleert und gefullt werden; das abenteuernde Volk der Kunst will auch, dass man der Thorheit seinen Zoll entrichte, und an Wunderlichkeiten der Natur nicht ohne Spende vorubergehe, .. besondere Geschicklichkeit nicht unbelohnt lasse. Hat die Handelwelt ihre Throne auf dem Romerberg, im Saalhofe und am Ufer des Mainstroms errichtet, so baut dagegen die Kunst, die sich zur Schau stellt, anderwarts ihre luftige Buhne, oder durchzieht wandelnd die Gassen, Burgern und Fremden vor die Thure bringend, wonach, sie a u s der Thure keinen Schritt thun wurden. Wandernde Dichter und Sanger ziehen umher, von Herold und Pickelharing begleitet, und halten Wettkampfe der Begeisterung oder possenhaften Reimerei. Haufig ist der blaue Himmel das Dach ihres Schauplatzes, und aus den Fenstern der Hauser und den Thuren der Laden fliegen die Heller, die ihre Anstrengungen belohnen sollen. Ofter jedoch ziehen sie es vor, die heimlichen gewolbten Stuben der Kufermeister zu besuchen, die in der Messe niemals leer werden, weil ihr Kranz und Busch immer grun, und der dadurch verheissene Wein immer duftig und kuhl ist. Der Sanger liebt der Rebe Gold, der wohlgenahrte Burgersmann ist freigebig; die Fasser laufen uber, und in der Laune des Trunks fliegt aus der Gaste Hand oft das Doppelte dessen in des Herolds Mutze, das der Geber zu steuern sich vorgenommen. Auf dem Rossmarkte bereitet sich indessen ein ernsterer Wettkampf vor, obgleich im Grunde auch nur Posse und Spielerei. Ein hohes Geruste besteigen so eben zwei Fechter, die das Volk unter lautem Jubel herbeigefuhrt. Die Schelme, die so fremd gegeneinander thun, und sich drohend messen mit den Blicken, und die Nase rumpfen, dass der gewaltige falsche Schnurbart sich in die Hohe zieht, sie kennen sich recht gut, und sind nur zu verschiedenen Thoren eingezogen, um das leichtglaubige Volk zu tauschen, ihre Fertigkeit in hohern Werth zu setzen, und ihre Rechnung dabei doppelt zu finden. Eine Burgerfreude ist solch ein Fechteraufzug; die grosste Wonne des Pobels zwei fremde Kampfer aneinander zu hetzen. Die lederne Sturmhaube auf dem Kopfe, geschmuckt mit einer langen Feder, die schon bei manchem Strauss gewesen, ein ungeheures Schlachtschwert auf der Schulter tragend, ... seltsam aufgeputzt mit farbigen Bandern, erklimmen die Klopffechter die Buhne, um dort zu siegen oder zu unterliegen, je nachdem gerade die Reihe an einem oder dem andern ist. Das Volk klatscht sich die Hande wund, schreit sich die Kehle rauh, und aus den, bis zum Gibel mit zahllosen Zuschauern besetzten Hausern des Rossmarktes regnet reiches Schaugeld, von einem kecken Hannswurst erbettelt, in den Seckel der Schalksgesellen, die in's Faustchen lachen, und vielleicht, um dem Schauspiel ein glanzendes Ende zu verleihen, sich gegenseitig den Doctorgrad des langen Schwertes unter albernen Gebrauchen ertheilen.

"Ich will doch des Donners und des Hagels seyn," sprach Gerhard von Hulshofen zu Dagobert, mit welchem er durch das Gewuhl schlenderte, "wenn ich nicht die beiden angeputzten Hasenfusse auf jenem Geruste, so barsch und reckelhaft sie sich auch haben, mit einem Pfannenstiele in die Flucht jage, so weit der Himmel blau ist. Das sollen Fechterhiebe seyn? Buffelei, weiter nichts, mein guter junger Herr. Was meint Ihr dazu?" Dagobert blickte den Frager mit der Miene eines Mannes an, der so eben aus einem tiefen Schlaf erwacht, und nicht eine Sylbe von dem gehort hat, was man ihm seit Stunden vorgeredet. Gerhard schuttelte unwillig den Kopf. "Seyd wieder in Eurer besten Laune, mein Lieber;" brummte er: "Ich rathe Euch, loscht Eure Lampe aus, und sagt der Welt 'Gute Nacht;' s'ist eine Schande fur alle Junggesellen des romischen Reichs, dass Ihr, der Wakkersten Einer, Euch geberdet, wie ein traumend Kind. Ihr helft der ganzen Welt aus dem Eisen, wie die Historia mit dem Wildmeister erst kurzlich bewiesen, obgleich der Herzog Alles gethan haben musste; ... aber Euch selbst konnt Ihr nicht helfen. Schamt Euch, und kommt zu bessern Gedanken. Dass Ihr nicht heirathen wollt, wie es Euer Vater wunscht, ist gut, ... denn nur der unbeweibte Mann ist ein ganzer, aber der Grund, w a r u m Ihr's nicht thun wollt, ist ein schlechter Grund. Fur diessmal sey's genug, aber seyd doch lustig, in's Teufels Namen, s'ist Messzeit, Jubel und Freude an allen Ecken, und der wohlweise Rath so sanft wie ein Lamm, er weiss schon warum. Alle fahrende Frauen und Tochter sind losgelassen, und durfen schwarmen auch ausserhalb dem Rosenthale1. Die Schenken sind offen die ganze Nacht hindurch, und kein sauertopfischer Wirth darf mich auf die lange Glocke verweisen, wenn ich nach neun Uhr mein herzhaftes: Eingeschenkt, uber den Tisch donnre. Ich mag jetzo meine langste Stossklinge an die Hufte stecken, und damit den Waden der jungen Fante beschwerlich fallen, wahrend ich sonst mein kurzestes Schwertlein anhangen muss, das nicht besser aussieht, als das Wetzeisen am Gurtel eines Schlachters. Ja, mir ist's sogar nicht verwehrt, Sonntags meinen Bart scheeren zu lassen, so mir's gefallt. Es lebe die Messfreiheit! Sagt, kann man wohl glucklicher seyn? Jagt darum die Grillen zum Teufel. Sprecht, wohin wollen wir? Soll ich Euch etwa zu dem Wundarzt fuhren, der an der Ecke der Klauskirche seine Latwergen und Pillen verkauft? Vielleicht hat er ein Mittel gegen Euren Blodsinn, oder sein Schalksnarr zwingt Euch zum Lachen, was das Herz froh macht, und hungrig den Magen; oder wollen, wir den Vogel Strauss sehen, von welchem Alt und Jung erzahlt, oder das ungeheure Elephantenthier, in dessen Wanst, wie das Volk behauptet, der Teufel selbst stecken soll?" "Besieh Du allein diese Seltenheiten," erwiederte Dagobert kopfschuttelnd: "lasst mich jedoch hier unter der Menge von Menschen, die mir grosstentheils fremd sind, und folglich auch meine Burde nicht kennen." "Glaubt Ihr denn, ich wurde Euch allein lassen, guter Freund?" fragte Gerhard lachend: "Behute Gott; ich bin wie zu Eurem Wachter bestellt. Ihr wart im Stande, in Euerm Trubsinn geradezu in den Strom zu gehen, oder Euch zum Mindesten von dem einfalltigsten Spitzbuben Eure Borse vom Gurtel stehlen zu lassen; denn der Diebe gibt es hier zu Frankfurt ein ansehnlich Gelichter. Wenn der Markt eingelautert ist, mogen Schelme und Strolchen zur Stadt kommen, bis wieder ausgelautet wird. Wohl dann den Liebesrittern, wenn sie viele solche Junkherrn antreffen, die, wie Ihr, eihergehen, die Hande auf dem Rucken, die Augen in der Luft, und nicht bemerkend, was um sie her sich begibt. Schaut! wahrend ich so rede, hat sich ein abscheuliches Gesicht an Eure Seite gedruckt. Zieh' aus, Schelm!" Dagobert blickte neben sich, und ersah einen Menschen, welcher der drohenden Geberde Gerhards entlief, und im Entspringen gegen den Edelknecht hohnisch die Zunge herausstreckte. "Pfui!" rief Dagobert: "welch ein abscheulich Gesicht, entstellt noch obendrein durch das Pflaster, das die Hohle des verlornen Auges bedeckt. Wahrlich! waren dem Burschen nicht schwarze Borsten gewachsen, ich wurde ihn fur des elenden Judenknechts Ebenbild halten, den ich einmal von den Schranken schlug. Wer weiss," setzte er nach langem Schweigen hinzu: "wer weiss auf welchem Anger der Schadel des Bosewichts bleicht, ... aber sein schrecklich Angedenken verbindet sich so innig mit einem unaussprechlich wehmuthigen, mit Esther's Gedachtniss, dass ich schier Thranen in meinem Augenwinkel fuhle." "O weh!" klagte Gerhard argerlich: "da sind wir wieder auf der alten Fahrte. Die Pest uber alle Liebesnarren. Das Gesicht des hasslichen Gauners erinnert sie an ihres Liebchens Antlitz. Kaum wage ich's, Euch auf jene Bande von holden Dirnen aufmerksam zu machen, die kosend und lachend an des Goldschmieds Laden stehen. Der glatzkopfige Bube hatte gewiss lange keinen so freundlichen und willkommenen Besuch. Seht wie er in seinen kleinen Schreinen kramt und wuhlt, als ob seine gichtbruchigen Finger erst vor sechzehn Jahren gewachsen waren; wie er den Mund susslachelnd zusammenkneift, dass die bluhenden Dirnen das mangelhafte Gebiss nicht bemerken sollen. Euch, liebes Herrlein, ist freilich seit geraumer Frist der Anblick schoner Weiber ein Grauel geworden. Erlaubt aber immerhin, dass ich mich ein Weilchen daran ergotze. Das runde kleine Magdlein in der Ecke, dasselbe, das so verlegen in dem Kastlein sucht, und an ihres Gurtels Hacken ebenfalls etwas zu suchen scheint, ich weiss nicht was? Das Magdlein sticht mir ganz besonders in die Augen, und wen mich diese nicht hinters Licht fuhren, so ist die Maid eine Bekannte, sowohl von Euch, als auch von mir." "Wer? wer?" fragte Dagobert hastig, warf einen Blick nach der Bude, und ein hoher Grad von Uberraschung malte sich in seinen Zugen: "Ist das nicht," .. setzte er staunend hinzu "ist das nicht das Fraulein ... Regina ... von Durning?" "Freilich!" erwiederte der Freund: "das liebliche Fraulein von Durning, wie es leibt und lebt. Wer ist denn aber der junge Mann, er vor mir steht? S e y d Ihrs denn noch, Freund Dagobert? euer Gesicht glitzert ja wie das Abendroth?" "Thut es das?" fragte Dagobert hinwieder mit einer gewissen Angstlichkeit: "O so komm', alter Kumpan, komm', lass uns von dannen eilen." "Warum zupft Ihr mich so ungestum am Armel?" lachte Gerhard: "ein schon Dirnengesicht ist doch keine Teufelsfratze, die uns begehren konnte. Macht der schonen Maid Eure Reverenz und geht dann!" "Um Gotteswillen nicht!" entgegnete Dagobert angstlicher, und suchte zu entkommen; allein im Nu drehte sich auch Reginens Gesicht nach dem seinigen, und die Flucht musste unterbleiben. Das anmuthige Geschopf, obschon in dessen Zugen eine zarte jungfrauliche Verwirrung ihre Rosensaat ausgestreut hatte, neigte sich freundlich gegen den Erkannten, und faltete wie flehend die zierlichen Hande, mit der Bitte doch absobald naher zu treten. Dagobert konnte sich der Einladung nimmer entziehen, und naherte sich fragenden Blicks. Regina flusterte ihm hierauf rasch und heimlichst in das Ohr: "Ach, mein lieber, ehrenwerthester Junkherr! Ihr erscheint, recht wie ein Engel, mir zum Troste. Die blasse Kunigunde dort, eine liebe Gespielin von uns allen hier Versammelten, geht zum Advent in's Kloster, und sie soll ein Andenken von uns Allen haben. Ringe sind der Freundschaft Sinnbild und Kette, sagt man. Eine jede hat daher einen goldnen Reif erhandelt, zum Geschenk fur die Freundin, und auch ich nicht minder; da gewahre ich jetzt erst, dass mir ein boser Mensch meiner Wetscher vom Gurtel gestohlen hat. Meine kleine Baarschaft war darinnen, und doch mochte ich von dem Goldschmied nicht als eine leichtsinnige Kauferin oder Borgerin angesehen, noch von des Vetters hochnasigen Tochtern ausgespottet werden. Werdet Ihr daher Burge fur mich, lieber Junkherr. Die Mutter wird, sobald als ......" Die Liebliche durfte nicht ausreden, und schon hatte der Kaufmann, was ihm gehorte. Wie nun Dagobert bemerkte, dass sein Gefahrte mit den ubrigen Jungfrauen in's Gesprach getreten war, und diese Letztem begierig auf die Fabeln horchten, die des Edelknechts ruhmrediger Mund zum Besten gab, so sprach er ferner zu der dankbar bewegten Regina: "Ihr werdet mir doch wohl erlauben, mein anmuthiges Fraulein, dass ich den Augenblick, in dem ich so glucklich war, Euch einen geringen Dienst zu erweisen, ebenfalls an eine Kette legen darf, wie Ihr mit dem Gedachtniss Eurer Freundin zu thun begehrt? Der einfache Goldreif taugt immerhin fur die Nonne, die nur in stiller Zelle dergleichen Weltherrlichkeiten beschauen darf; Euerm Liebreiz und Eurer freien Jugend gebuhrt jedoch ein schones Geschenk." Somit langte er mit sicherm Finger in des Goldschmieds Vorrathskasten, und holte den allerschonsten Ring heraus, der sich unter den ubrigen ausgenommen hatte, wie ein Konig unter seinen Vasallen. Er war von walscher Arbeit, und hielt einen Saphir umfasst mit einer herrlichen Krone von Gold und Perlen. Regina wusste nicht, wie ihr geschah, als ihr Dagobert das blitzende Kleinod an den Daumen schob, wo die vornehmsten Frauen ihre Prachtringe zu tragen pflegten, und mit einem gewissen Befremden, mit einer sussen ahnenden Lust jedoch zugleich, sah sie auf das Juwel hernieder, ohne mit Worten es anzunehmen, ohne sich dessen mit Worten zu weigern. Der Goldschmied pries indessen die Freigebigkeit, mit welcher Dagobert ihm seine Forderung bewilligte, erzahlte mit gelaufiger Zunge, dass solch ein Wunderwerk in deutschen Landen nicht gefertigt worden, sondern, dass Neapolis dessen Heimathland gewesen; dass vor einem Jahrzehnd ungefahr eine vornehme Frau dieses Kleinod nebst vielen andern bei ihm verpfandet, und auch nach verstrichener Losefrist gelassen habe, und setzte schelmisch lachelnd und flusterlich hinzu: "Der gestrenge Herr moge nicht ubersehen, dass dieser Ring ein Verlobungs- und Ehereif sey." Unangenehm uberrascht sah Dagobert nach dem Kleinod hin, welches Regina so eben wieder vom Finger zog, und sinnig lachelnd betrachtete. "Ja, ja, ...." lispelte sie, wie in einem holden Traum befangen, vor sich hin: "Das war er .... der war gemeint; ...." wandte sich dann zu Dagobert, und sagte mit einer Verneigung: "Es ist vielleicht nicht recht, mein edler Herr, dass ich von Euch ein Geschenk empfahe, und obendrein will sich ein kostliches, wie dieses, fur mich nicht ziemen, aber dennoch behalte ich den Ring und danke Euch. Wollt mir jedoch nicht zurnen, wenn ich ihn nicht am Finger trage, sondern der Nonne gleich, in einsamer Zelle nur beschaue." "Thut, wie's Euch gefallt," entgegnete Dagobert sichtlich erleichtert; "Doppelt geehrt ist ein Geschenk und dessen Geber, wenn man es der stillen Aufmerksamkeit wurdigt, ohne sein im alltaglichen Gebrauche zu vergessen." Regina warf einen verlegenen Blick auf den Jungling, und der Ring verschwand schnell in dem golddurchwirkten Mieder. Nun erst besann sich das Fraulein auf ihre Gespielinnen, allein diese waren indessen dem schwatzhaften Gerhard bis an die Ecke der Strasse gefolgt, wo ein Wildbar in starken Ketten tanzen musste, um welches Schauspiel sich eine Fluth von Neugierigen drangte; Dagobert schlug seiner holden Gefahrtin vor, sie dahin zu fuhren. "Was soll ich in dem wilden Gewuhl?" fragte sie sanft und mit leuchtenden Augen: "Vor Allem, was soll ich j e t z t dort? Fuhrt mich lieber zu unsrer Wohnung, guter Junkherr. Die Mutter wird sich freuen, Euch wieder zu sehen." "Ei," lachelte Dagobert: "der Ton mit dem Ihr langsam und gezogen diese Worte spracht, liesse mich beinahe das Gegentheil vermuthen. Wie kommt es uberhaupt dass Ihr, die Herrlichkeit der Messe anzuschauen, in Eures steifen Vetters Haus gezogen seyd, welches in abgelegner, finstrer Gasse steht, und nicht vielmehr in das unsrige, mitten im Gewuhl emporragende, in welches Euch obendrein der Mutter und des Vaters freundliche Einladung berief?" Regina betrachtete im Gehen verlegen die Schnabelspitzen ihrer Schuhe, und antwortete anfanglich gar nicht. Alsdann erwiederte sie zogernd: "Fragt mich doch nicht, ehrsamer Herr. Ich kann Euch ja hierauf nicht berichten, und ich darf es ja auch nicht." "Ihr kommt mir rathselhaft vor," versetzte Dagobert, dem die Wangen heiss wurden, ohne dass er sich bewusst war, warum: "Hingen Eure Augen nicht so fest am Boden hin, wie Eure zierlichen Fusschen, ich mochte wohl die Wahrheit in ihrem klaren Spiegel erforschen. Ein Kummer scheint Eure heitre Stirne zu truben. Was ist's, dass Euch ein Kind des Himmels zu bekranken vermag?" Regina seufzte schwer, und entgegnete so leise, dass kaum der lauschende Dagobert sie vernahm: "O Herr, auch ich habe meinen Gram, wie jeder andre Mensch, ... wie Ihr zum Beispiel selber, Junkherr." "Wolle Euch doch der Himmel vor solchen Leiden bewahren!" rief der junge Mann erschrocken: "Eure Leid ist nur das eines harmlosen Kindes, und vergeht schnell wie der Marzschnee, aber ich, ich sehe meinem Trubsinn kein Ende." Da blickte ihn Regina von der Seite an, mit einem Gesichte, als wollte sie sagen: Schelm! Du solltest ewig gramlich bleiben? Ihr Mund sprach aber zu dem Betroffenen die Worte: "Nehmt Euch zusammen, Herr. Macht doch Euch, euern Altern, und nur Euern Freunden wieder Freude. Glaubt mir, euer Trubsal wird sich endigen, und bald, sage ich Euch." "Ho, mein Fraulein," versetzte Dagobert leicht scherzend: "Seyd ihr etwa eine weise Sybille, die in der Zukunft oder in den Sternen liest? Prophezeit mir nur recht viel Gutes, reizendes Wunderkind. Was Eure Kirschenlippen verkunden, muss der Himmel verwirklichen, wie eines Engels Ausspruch." Regina schuttelte heimlich lachelnd den Kopf und erwiederte: "Ihr redet heidnisch, denke ich. Hier bedarf es jedoch nur einer trostenden Zuversicht. Ich habe meine Sache auf die heilige Mutter gestellt, und sie wird mir gnadig seyn, das weiss ich; seit einer Stunde weiss ich's ganz gewiss." "Seit einer Stunde?" fragte Dagobert neugierig und ahnend: "O, mein Fraulein, Ihr versteht es, einen ehrlichen Burschen auf die Folter zu legen. Wer hat Euch denn gesagt ....?" "Der Ring, den Ihr mir gabt, hat mir Alles gesagt;" platzte Regina heraus, und setzte schnell hinzu, gleichsam, als furchte sie, fur ihr Zartgefuhl zu viel gesagt zu haben: "Nun aber kein Wort mehr, guter Junkherr. Seit die Glocken lauten, stehen wir schon an des Vetters Thure. Wenn die Mutter mich sah, so ergeht mir's nicht gut. lebt wohl, mein Freund; ich sende Euch durch Ammon, was Eure Gute fur mich ausgelegt." "Warum diese Erinnerung zum Abschiede?" fragte Dagobert, dem es jetzt schwer fiel, sich von der Anmuthigen zu trennen: "Sagt mir lieber, ob ich Euch nicht wiedersehe? sagt mir, wann es geschieht." "Ihr fragt mich zu viel," antwortete Regina eilig und ernsthaft: "d a ss wir uns aber wiedersehen .... verlasst Euch darauf." Mit diesen Worten war sie innerhalb der Pforte verschwunden, und Dagobert's Auge starrte ihr nach in den dunkeln Gang, in dessen Hintergrunde ihr flatterndes Gewand von dannen rauschte. Eine rauhe Stimme liess sich hinter ihm mit einem gezogenen: "Guten Tag, edler Herr!" vernehmen. "Wie? Du hier, altes wildes Gesicht?" fragte Dagobert den begrussenden Ammon, der mit einem Korbe beladen, in's Haus wollte. "Euch zu Diensten, gestrenger Junker!" antwortete der Alte. "Mogt zugleich wissen, dass auch die Edelfrau zu Frankfurt ist, und in kurzer Frist hier seyn wird. Sie folgt mir auf dem Fusse. Lasst Euch hier nicht von ihr finden, Herr." "Warum denn nicht, alter Jager?" "Als ob Ihr's nicht wusstet!" versetzte hamisch lachelnd Ammon: "Ihr verruckt Getauften wie Ungetauften den Kopf, und das Schlimmste bei der Sache ist, dass Ihr ausseht, als hattet Ihr nimmer ein Wasser getrubt." "Du bist toll, Alter." "Ich nicht, aber das Fraulein wohl mit mitunter, denn es spricht nur von Euch, denkt nur an Euch, und ich wette, seine Traume sind nur von Euch, und da Ihr dennoch ehelos bleiben wollt, was soll die Mutter anders thun, als die Tochter huten vor Eurer gefahrlichen Nahe? Macht, dass Ihr von dannen kommt. Ihr wisst nun zu Deutsch, was die Glocke schlug, und mogt Euch darnach richten. Gott befohlen. Dort kommt die Frau von Durning."

Dagobert konnte sich selbst nicht Rechenschaft geben von der innern Gewalt, die in seiner Seele aufbrauste, und ihn von dannen riss vor der nahenden Edelfrau, wie ein gescheuchtes Reh vor dem Jager, wie einen fluchtigen Feind vor dem Verfolger. Genug, er entging den Blicken der Frau von Durning schnell und gewandt, und holte erst in der dritten engen Nachbargasse Athem, um zu uberlegen, warum er eigentlich die Flucht ergriffen. "Habe ich denn ein boses Gewissen?" fragte er sich aufrichtig und ehrlich, und glaubte, die Frage verneinen zu durfen. "Wesshalb also diese plotzliche Scheu? Wenn ich glaube, was mein Herz mir zuflustert, so furchte ich, dass Regina meiner Nahe gefahrlich werden konnte. Und welcher tuckische Geist musste mich verleiten, ihr das Geschenk zu bieten, das, ich fuhl' es, plotzlich zu einem geheimen zauberischen Bindemittel zwischen uns geworden ist; der Ring einer Kette, die uns zu vereinen strebt, obgleich ich selbst dadurch zerrissen werde in zwei sich abstossende Halften? Gehort denn nur ein Augenblick dazu, die Vorsatze eines Mannes zu zertrummern, ein geliebtes Bild zu vernichten, und ein andres an dessen Statt aufzustellen? nur ein Augenblick, um mit Schaam die Blicke zu verschleiern, die noch vor ganz kurzer Frist frank und offen einem Jeden unter den Helm sahen? Nicht doch, Dagobert;" setzte er hinzu, und ermannte sich gewaltsam: "Was dir den Mangel an Selbstgefuhl und Selbstvertrauen zuflustert, das ist nicht ... nein! das ist nie gewesen. Esther! Deine Vorurtheile, Deine Harte haben Dich von mir geschieden, aber mein Herz wird Dir dennoch immer sehnsuchtig nachweinen. Du hast meine Brust zerfleischt, aber diese Brust fuhlt bis zum letzten Lebensfunken nur fur Dich. Den Schwur, den ich Deinem Angedenken leistete ich will ihn halten. Vom Altar riss mich das Flehen meines Vaters, aber nicht in die Arme einer Gattin soll sein Befehl mich stossen, so lange Du lebst, Geliebte, und wie konnte ich Dich uberleben? so lange D u mir treu bleibst, trotz Trennung und Glaube, und wie konnte mein Gehirn so wahnsinnig und verbrecherisch seyn, Deine Untreue nur moglich zu achten?"

Dagobert, nachdem er auf diese Weise mit seinem Gefuhl und Gewissen in's Reine gekommen zu seyn glaubte, bemerkte, dass sein Selbstgesprach, oder vielmehr die Geberden, mit welchen er dasselbe begleitete, Zuschauer an die kleinen Fenster der umstehenden Hauser gezogen hatten. Er schamte sich desshalb, hier ein Schauspiel gegeben zu haben und eilte mit hastigen Schritten, in der nachsten Kirche seine brennende Wange zu verbergen und die Heftigkeit seiner Gemuthsbewegung zu massigen. Da er nun eben mit dem eisigen Weihwasserborn seine gluhende Stirne kuhlte unter dem Zeichen des Kreuzes, kam ihm aus dem Halbdunkel des Betgewolbes, in welchem sich die Mittagsstunde nahte nur wenige Glaubige befanden, eine Frauengestalt entgegen, die, bekannt und freundlich zwar, ihm schon lange eine Gleichgultige geworden war; jetzo aber, Dank sey es den feierlich vorragenden Schatten des Gotteshauses und der vorhergegangenen Gewissensforschung, einen neuen Werth fur ihn erhielt. "Ei, mein Baschen!" fragte er leise und vertraulich, die Hand der Entgegenkommenden fassend: "Baschen Fiorilla! unter dem Dache des Herrn begegnen wir uns, was unter dem unsrigen fast nimmer zu geschehen pflegt. Woher, wohin, mein Kind? plaudre mir die Grillen weg durch ein paar susse walsche Worte, Baschen. Wir sind hier ungestort und zu Hause meidest Du mich ohnehin wie das Fieber." "Wir meiden uns gegenseitig;" lachelte Fiorilla: "Ihr, weil Eure Schwermuth jede, vor allen weibliche Gesellschaft flieht. Ich, weil meinem Herzen nichts gefahrlicher ist, als der Anblick eines traurigen Junglings, der von Liebesgram verzehrt wird. Heute indessen kommt Euer Zusammentreffen mir erwunscht. Fur's Erste darf ich Euch Lebewohl sagen. Morgen scheiden wir." "Scheiden?" fragte Dagobert zerstreut: "wer denn? Du von mir?"

"Der hochwurdige Oheim und Pralat," versetzte das Madchen; "und in seinem Gefolge ich, seine treue Dienerin." "Ja, ja," sprach Dagobert wie oben, und Fiorillen theilnehmend ansehend: "Ja, gute Fiorilla. Du bist dem Satan verfallen auf immerdar. Weine nicht, mein Kind, ich habe es nicht bose gemeint, und um der Taufe willen muss man sich auch schon etwas gefallen lassen. Zurne mir nicht, und sage mir lieber, was den Ohm forttreibt? Er vermisst gewisslich hier das walsche Ungeziefer, die walsche Zaunkonigskost, und unser Rinderbraten ist ihm ein Graul geworden. Nicht also?" "O nein, bester Dagobert;" erwiederte Fiorilla: "er thut nur, was ihm einzig ubrig bleibt. Er hat von der Nichte wieder angenommen, was er ihr einst grossmuthig abgetreten, sein Gut zu Baldergrun; zu glucklich, auf einer deutschen Hufe sein Leben beschliessen zu konnen, da zu Cesena Gluck und Ehre ihm verloren ging. Vorbereitungen zu unsrer Reist zu treffen, hatte ich das Haus verlassen, und bin erfreut, auf der Ruckkehr von den Geschaften Euch zu begegnen, bester Junherr!" Mit feuchtem Blicke druckte sie die Hand des Junglings, und zog ihn in einen stillen Winkel des Gebaudes, wo selbst noch Vorubergehende die Sprechenden nicht leicht gewahren mochten. "Zugleich," spann sie dort den Faden des Gesprachs weiter, ... "zugleich bin ich entzuckt, vom Zufall in den Stand gesetzt zu seyn, Euch eine Kunde mitzutheilen, die, je schmerzlicher sie Euch im Augenblicke betroffen mag, um so wohlthatiger in ihren belohnenden Folgen sich bewahren wird." "Eine schmerzlich Kunde?" fiel Dagobert ein: "Ich bin des langsam fressenden Leids schon gewohnt, und sehne mich nach einem harten Schlage des Schicksals; der durch seine Ubermacht meine Sehnen wieder spanne und aufwecke zum Widerstand. Indessen scheint Dir vielleicht schmerzlich, was mir gleichgultig geworden. Vater, Mutter und Neffe leben und freuen sich des Lebens. Da bin ich also nur von e i n e r Seite verwundbar, und diese wird Dein Pfeil nicht treffen." "Und wenn ich Euch den Namen: 'Esther' nenne?" fragte Fiorilla langsam, ihm prufend in's Auge sehend. Seine Farbe veranderte sich mit einemmale, seine Hand fuhr nach der Brust, und ohne zu reden, nickte er der Freundin zu, ihre Mahr anzuheben. "Esther ist hier," sprach Fiorilla gemassigt: "ich habe sie gesehen, gesprochen. Der Zufall fuhrte mich heute bei ihr ein, wie einst zu Costnitz meine Neugier." "Hier? gesehen, gesprochen?" stammelte Dagobert, mit angstlich wartendem Auge des fernern Berichts lauschend. "Ihr fruheres Ungluck in dieser Stadt zwingt sie, in Verborgenheit zu leben," fuhr Fiorilla fort: "aber, war' auch dieses nicht, ... Euch, Dagobert, wurde sie nimmer sehen, und Ihr letztes Lebewohl Euch zu bringen, hat sie mich beauftragt." Dagobert fuhlte nach seiner Stirn, um sich zu uberzeugen, dass er wach sey, dass er lebe, dass e r selbst es sey, der Alles dieses hore, entgegnete aber keine Sylbe. Fiorilla sprach weiter: "Ihr wurdet sie kaum mehr erkennen, denn selbst das scharfe Auge der Liebe wurde geblendet seyn, von der Pracht, dem Uberfluss, welche die Holde umgeben. Wie eine Konigin des Morgenlandes stand sie vor mir und sprach von Euch in Worten der Liebe, der in Freundschaft ubergegangenen Liebe."

"Also nicht im Elend?" sprach Dagobert, leichter Athem schopfend, und Fiorillens letzte Worte uberhorend, vor sich hin: "Gottlob! Und auch nicht gut;" setzte er mit Thranen im Auge hinzu: "Bin ich nicht der Bewahrer ihrer Habe? Die Grausame! als Bettlerin hatte sie mir wohl ihren Augenblick gegonnt, und des Herzogs Geld gefordert. Im Schooss des Reichthums verschmaht sie das falsche Erz und den treuen Freund." "Sie schont den letzten," entgegnete Fiorilla, "und tragt billige Scheu, vor ihm zu erscheinen." "Wie?" fragte Dagobert mit voller Glut der aufflammenden Liebe: "sie zweifelt an mir? Hat sie mich denn jemals geliebt, wen sie dieses kann? Weiss sie nicht, dass Liebe unendlich ist, wie die Sonne, und so mild, wie diese? Sie hat mich zum Tode betrubt durch ihre Flucht, durch diese entsetzliche Tauschung meiner Hoffnung, aber sie ist's allein, die ich im Herzen trage. Sie kehre wieder; kein Vorwurf betrube sie, sie bettle nicht um Vergebung. Sie sey mein, sie werfe endlich Starrsinn und Vorurtheil weg; sie empfange die Taufe des Herrn, und vor aller Welt sollen unsre Hochzeitskerzen brennen!"

"Zu spat!" seufzte Fiorilla dazwischen, aber der leidenschaftliche junge Mann fuhr heftig fort: "Zu spat? warum? Sind wir denn in den wenigen Monden unsrer Trennung steinalte Leute geworden? Findet sich kein Priester mehr, sie aufzunehmen in den Bund der Christen, zu segnen den unsern? O Fiorilla, ich vertraue Dir ganz. Du hast gewiss zu meinem Vortheile geredet, aber die Sprache der Freundschaft uberredet nicht wie die der Minne. Sprich, wo ist sie? wo finde ich ihre Wohnung? Den Feinden sey sie verborgen, dem Freunde nicht, dass er zu ihr rede, dass er sie umgarne mit den Zauberworten seines Mundes, dass er sie wider Willen fuhre zum Gluck!" "Zu spat;" wiederholte Fiorilla mit Thranen des Mitgefuhls im Auge: "indem wir sprechen, entfuhrten leichte Rosse die Schonste ihres Volks diesen gefahrlichen Mauern. Sie wird Euch nimmer wiedersehen; aber ..." fugte sie langsam und eintonig hinzu: "des Herzogs Gold mogt Ihr bereit legen. Ihr Mann wird es heute noch bei Euch abholen". Dagobert's Sinne drohten zu vergehen, und kalter Todesschweiss trat auf seine Stirne. Aber sich ermannend, druckte er grimmig Fiorillens Hand, und fragte mit bebendem Munde: "Wie sagtest Du? Ihr Wann .... ihr Mann? O wiederhole mir dies Schreckenswort."

"Einmal musstet Ihr's doch erfahren;" versetzte Fiorilla, die niederschlagende Rede mildernd, so gut es in ihrer Kraft stand: "ihr Ehemann, der Wechsler Joel von Luttich, des Bischofs rechte Hand in Geldsachen, und reich, wie der griechische Kaiser. Esther's Bruder zwang sie, dem reichen Manne die Hand zu reichen, obschon ihr Herz geblutet. Allein, da der Bruder Gewalt uber sie hat an Statt des noch bis heute rathselhaft verschwundnen Vaters, und keine Moglichkeit, Euch je mit ihr vereint zu sehen, sich zeigte, so ergab sie sich endlich in den Willen des Bruders und des Geschicks, und wurde Joel's Weib. Seit drei Monden vermahlt, ..." setzte Fiorilla schonend hinzu, "hat sie den redlichen Mann, wie sie versichert, lieben gelernt, und um so sichrer den Unverstand der ersten Liebe eingesehen, die niemals belohnt worden ware. Sie wird Mutter werden ....."

"Genug!" versetzte Dagobert mit bewegter Stimme: "genug; obgleich diese letzten Worte mich nicht mehr erschuttern. Das Erste war allein vermogend, mich noch einmal zum Kinde zu machen, das, ohnmachtig und lacherlich zugleich, seine schwache Wuth gegen den grollenden Gewitterhimmel auslassen mochte. Esther abgewichen von der Bahn der Treue, von dem Gelubde, das ihr das eigne Herz aufgedrungen haben musste, that es auch kein fremder Mund? Das heisst Alles in sich fassen, das ein Mannerherz zermalmen oder heilen kann. Und an diesem unerwarteten Schreckniss soll mein Herz nicht zerschellen. Genesen soll es, wie der Kranke, dessen Wunde ein gluhend Eisen ausbrennt, mit schmerzlich wohlthatiger Gewalt; ... wie der Vergiftete, dem der besonnene Arzt ein schrecklicheres Gift aufzwingt, damit es mit dem verderblichen Vorganger in den Kampf gehe und ihn uberwinde. Alle Segenswunsche der Erde uber Dein Haupt, Fiorilla. Das Messer Deiner Rede hat tief in meine Seele geschnitten, dass sie gesunde. Uber Dein Haupt der Segensruf der Glucklichen, die ich jetzo machen werde und machen darf." "Wie verstehe ich Euch?" fragte Fiorilla neugierig und besorgt nach der Hand des Entweichenden greifend. "Es ist das Leichtste und das Angenehmste von der Welt;" erwiederte Dagobert mit bitterm Lacheln: "ich will das vierte Gebot erfullen und thun, wie mein Vater will, und meine zweite Mutter begehrt. Die Frau des Juden Joel ziehe immerhin gen Luttich, wie der Ohm nach Baldergrun. Mit der Erstern sey der Gott der Barmherzigkeit und der Vergebung Engel, fur den Zweiten mag meine fromme Schwester beten. Ich aber fur mein Theil, will hingehen und, ein gehorsamer Sohn, die Altern fragen: Wo ist die, die ich freien soll? Zeigt und nennt sie mir, dass ich thue nach euerm Willen." "Ihr wolltet wirklich ...?" fragte Fiorilla halb frohlich uberrascht, halb angstlich: "Ohne zu wahlen, ... ohne zu uberlegen..,?" Dagobert zuckte spottisch die Achseln. "Hatte ich nicht schon gewahlt, und stehe jetzo doch allein?" fragte er: "Lasst mich gewahren. Die Zeit eilt. Die Stunden sind gezahlt, wie meines Vaters graue Haare. Ehe er von hinnen geht, soll er Freude an seinem Sohne erleben, und wenn mir auch das Herz daruber brache. Leb' wohl, Fiorilla, und habe Dank."

Fussnoten

1 Der Ort, in welchem der Rath diese Personen gebannt hatte.

Zwolftes Kapitel.

.... ein nomadisch Volk,

Diebisch, listig und verwegen,

Heidenbrut aus Afrika,

Vogelfrei und dennoch furchtbar.

Romanisches Lied.

Die edle Frau von Durning stand ihrer Tochter gegenuber, und beide schienen ihr Wesen gegen einander ausgtauscht zu haben. Regina, die sonst gewohnt war, mit niedergeschlagenen Augen der Mutter Worte anzuhoren, wie ein demuthig Kind, stand nun aufgerichtet vor ihr; im offnen geraden Blicke freudige Unbefangenheit, Lichter einer seligen Lust, die auch ihre Zuge mit rosigem Schimmer verklarten. Frau von Durning hingegen hatte die Augen zu Boden gerichtet, sah sinnend vor sich hin, und um ihren Mund spielte das leichte Lacheln, das sich einfindet, wenn uns eingetroffen ist, was wir fur unmoglich hielten, und was wir uberrascht in eine nicht unangenehme Wirklichkeit treten sehen. So wie in Reginens Gesichte etwas Siegerisches lag, so pragte sich in der Mutter Zugen ein gewisses Nachgeben aus, das nicht Zwang und Gewalt, sondern mutterliche Liebe allein herbeigefuhrt zu haben schien, und in dem dazu gehorigen rend, fragte sie die Tochter: "Bist Du nun zufrieden, mein Kind?" "Zufrieden und glucklich, mein Mutterlein!" erwiederte Regina, und der Mutter Sanftmuth zog das Madchen unwiderstehlich an deren Brust. "Fast kommt mir's vor, wie ein Traumbild," hob wieder die Edelfrau an, schuttelte lachelnd den Kopf, und trat an das offne Fenster. "Dort gehen aber noch beide," fuhr sie fort: "der alte Herr in seinem stattlichsten Feierkleide, und sein Sohn in dem schlichten kurzen Rocke, der ihm so gut steht, wie ich nicht mehr langer laugnen mag." Regina blintzelte verschamt uber die Schulter der Mutter, und lispelte: "Leb' wohl, und kehre recht bald wiedeer, Du guter, guter Mensch." "Er wird wohl nur zu bald wiederkehren;" meinte die Mutter schalkhaft: "ist's doch, als ob der junge Mann in den Krieg musste, so eilt er sich mit Freierei und Einsegnung. Ei, wer hatte gestern dieses schon gedacht?" "Lieb Mutterlein," versetzte Regina: "seit gestern wusste ich's ganz gewiss, dass Dagobert, mein Herr wird, und kein Andrer." "Sieh doch!" schaltete die Edelfrau ein: "So lass doch horen, Du verstandig und vorwitzig Kind."

"Ich will Euch dessen haarklein berichten," antwortete die Tochter freundlich, und setzte sich zu der Mutter Fussen auf den gepolsterten Schemel: "Euch war es lange nicht nicht mehr unbekannt, dass ich den Junker liebgewonnen hatte seit verwichnem Osterfeste, und noch viel mehr zur Zeit, da er in unsern Forst kam mit der armen Dirne, die er leider damals liebte, wie sie's nicht verdiente, weil sie eine Judin war, und weil sie ihm nicht treu blieb. Seither habt Ihr mir verboten, ihm merken zu lassen, dass ich ihm hold sey, und nachdem wir in seinem Hause seiner Eltern Hochzeittag begangen, habt Ihr mir untersagt, an ihn zu denken, weil er damals frei heraus gesagt, er werde, obgleich vom Kircheneide frei, nimmer heirathen in seinem Leben. Aber, gute Mutter; das untersagt sich leichter, als sich's thun lasst, dem Verbote zu gehorchen. Wider Willen sogar musste ich stets an ihn denken, und ich hatte ihn jetzt weit lieber denn zuvor, und gramte mich schier, als unsere Nachbarin vom Wildenstein Hochzeit machte, und ich sah, wie die beiden Brautleute sich herzten, und ich mir immer sagen musste, Dagobert und ich wurden nimmer ein gluckliches Paar werden durfen. Da begab es sich einstmal es mogen drei Sonntage seitdem vergangen seyn, dass Ihr nach Friedberg gefahren wart, und ich das Haus hutete. Ich hatte Langeweile in den Stuben, und keine Kurzweil in unserm kleinen Garten, weil die Blumen schon meistens abgebluht haben, und auch die Baume fruchtleer stehen, des Frostes wegen, der die Bluthen verdarb. Gar zu gern hatte ich mich unter die Hofleute gemischt, die unter der grossschattigen Linde des Burgplatzes sassen, und mit Plaudern und Scherz und Gesang sich den Feiertag vertrieben; aber Ihr habt mir oft gesagt, dass sich das fur mich nicht mehr zieme, und so unterliess ich's denn, mich bezwingend, vom Fenster aus, ihrem frohlichen Weben und Leben zuzuschauen mit sehnsuchtiger Freude. Da gewahrte ich, dass die Wurzel aller Freude jener Leute ein Mann war, von hasslichem Aussehen zwar, der jedoch der possenhaften Geberden viel trieb, zu einer ganz verstimmten Laute Lieder sang nach lustigen Weisen und mit lacherlichem Nasentone, und sich uberhaupt vorgenommen hatte, fur ein Paar Pfenninge und einen Trunk die Burgleute zu unterhalten. Den meisten Spass aber machte er den Zuhorern, da er ihnen aus der Hand wahrsagte, nach der Reihe, einem nach dem andern, und so oft er dem Neugierigen gesagt, was sich ferner mit ihm begeben werde, so erschallte laut und anhaltend das Gelachter der Ubrigen. Ich weiss nicht, wie es kam, dass ich mit einemmale auf der Schwelle des Hauses stand, und Eure Gurtelmagd voruberging, mit den Worten: 'Der kann mehr als Brod essen, gutes Fraulein'. Er hat uns alles gesagt, was wir schon erlebt haben, und, da er es so gut getroffen, so muss auch wahr seyn, was er von der Zukunft uns gelehrt."

Um so neugieriger sah ich nach dem fremden Manne, und plotzlich stand er vor mir, dass ich schier erschrocken ware vor seinem hasslichen Gesichte, und dem Pflaster auf seinem Auge. "Furchtet Euch nicht, lieb Fraulein!" sprach er mit unangenehmen Lachen: "Der Mensch kann nichts fur sein Gesicht. Gott gibt die Schonheit und die Hasslichkeit; die Klugheit jedoch nicht minder. Erlaubt, dass ich Euch wahr sage aus der Zukunft."

Unwillkurlich halb, und halb mit Wissbegier reichte ich ihm die Linke, in deren Flache er lange Zeit schaute und blinzelte, heimliche Worte murmelnd. Endlich begann er mir zu erzahlen aus meiner Jugend, und sagte mir unverholen, ich sey in meinem Herzen einem jungen Mann gar hold und zugethan. Wie ich da erschrack! Gut war es nur, dass er nicht des Junglings Namen genannt; ich ware sonst vergangen vor Schaam. Hierauf versicherte er mir, ich wurde nachstens eine Hausfrau werden, und derjenige ganz gewiss mein Liebster und mein Ehegatte seyn, der mir einen Goldring schenken wurde mit 'nem blauen Stein und zwei verschlungnen Handen unter einem Kranze. Nun wollte ich nichts weiter horen, reichte ihm eine reichliche Gabe, und dachte mir die Prophezeihung aus den Sinnen zu schlagen. Des Fremdlings Geschicklichkeit bewahrte sich indessen schon in der folgenden Nacht. Dem Freisassen Kunz vom Wildensteine, der mit unsern Leuten trank und scherzte, hatte er vorausgesagt, er solle sein locker Leben einstellen, denn es stehe ihm ein gewaltsam Ende bevor, und der Freisass hatte ihn verhohnt, verspottet und fur verruckt gehalten. Aber in derselben Nacht wurde er auf seinem Hofe jammerlich um's Leben gebracht, und seine Stalle und Kasten geplundert, man weiss zur Stund noch nicht, von wem. Von da an musste ich taglich, stundlich sogar der Voraussagung gedenken, und stellt Euch vor, gestern schenkte mir Dagobert einen Ring, gerade so, wie ihn der Wahrsager beschrieben, ... denselben, den er heute von mir verlangt, und feierlich, zum Zeichen unsrer Verlobung, an den Finger mir gesteckt. "Denselben Ring, den Du mir verheimlicht;" versetzte die Mutter mit sanftem Vorwurf: "es ist wahrlich Zeit, dass Du aus meiner Obhut trittst, sonst erlebte ich noch das Bittre, das ganze Vertrauen meines Kindes zu verlieren." "Nicht bose, mein Mutterlein!" flehte die bewegte Regina, und ihrem schmeichelnden Tone konnte die Frau von Durning nicht widerstehen. Sie nahm die bluhende Braut in die Arme, herzte und kusste sie unter mutterlichen Thranen, und sprach dann, sich ermannend: "Gott segne Dich, mein Kind; das ist mein bester Wunsch. Ich denke, Du wirst einen wackern Eheherrn erhalten; gehorche ihm wie einem Vater, liebe ihn mehr als Dich selbst, und vor allem erinnere ihn niemals Dein Mund an die Liebe, deren Vertraute Du gewesen. Sah er gleich ein, wie unwurdig der Gegenstand derselben war, so blutet doch vielleicht sein Herz bei der Erinnerung noch. Lass die Wunde ganz verharrschen: rede nicht von ihr, bis er selbst einst lachelnd es zu thun vermag. Schon manche Hausfrau hat die zartliche Liebe ihres Gatten verloren, weil sie unzart verschollne Schwachen aus den Schleiern der Vergangenheit an's Licht zog. Hute Dich vor gleichem Schicksale. Webe still und emsig Rosen in des Mannes Leben. Er empfinde tief, welchen Schatz er in Dir besitzt, und werde nicht gemahnt an das Spielwerk seiner Neigung, das ihm entrissen wurde. Nun aber, mein Kind, lasse mich von Dir, damit ich gehe, und dem Vetter, wie unsern Freunden die schnelle Veranderung Deines Standes bekannt machen darf. Ich werde viel Widerspruch erfahren; es ist ausser dem Geleise der Sitte, an e i n e m Tage um die Braut zu freien, am andern sie schon heimzufuhren; allein ich werde standhaft seyn, mein Kind, und der Formlichkeit unsrer Basen, wie dem Widerwillen, den der Vetter gegen die Sippschaft des Schoffen Frosch von jeher hegte, muthig die Sorgfalt fur Dein Gluck entgegensetzen, uber welches zu wachen mich das Schicksal berufen hat." Die Edelfrau warf das Piret auf das Haupt, band es fest, zupfte vor dem Spiegel die Haubenkannten gerade, hing Kette und Wetscher an Hals und Gurtel, und ging nach freundlichem Abschiede von dannen. Regina blieb mit ihrer Frohlichkeit allein, und schritt in dem einsamen Gemache mit gefalteten Handen auf und nieder, den trunknen Blick zum Himmel hebend, und ihm dankend fur die gewahrte Seligkeit. Bald jedoch eilte sie an's Fenster, um in das Gewuhl zu schauen, das so eben durch die enge Gasse durchwogte. Ein Zug von neu ankommenden Kaufleuten, welchem sich ein Trupp von Wallfahrern aus der Wetterau angeschlossen hatte, der nach St. Wendels Kapelle ging, um die Schafheerden von dem Veitstanz loszubeten, erregte das Getose. Eine Menge Volks lief den Fremdlingen und den Pilgern nach, und Regina's Scharfblick gewahrte unter diesem Pobeltross des Wahrsagers, von welchem sie so eben der Mutter berichtet hatten Der Mensch sah gerade mit einem neugierigen Gesichte herauf, und ehe sie es selbst noch bedacht hatte, hatte Regina ihm gewinkt, und herein in's Haus war er geschlupft, die Thure des Gemachs hatte er gefunden, und stand mit demuthiger Frage, nach des Frauleins Befehl, vor demselben, die Filzmutze unterm Arme, wie sich's fur den Geringern geziemt, und das freie Auge blinzelnd in neugieriger Erwanung. "Du hier?" fragte ihn Regina staunend: "Bist Du denn uberall?" "Wie der Wind, schone Maid," erwiederte der Mensch; "uberall, wo es Geld gibt und mitleidige Seelen." "Du solltest des Mitleids gar nicht bedurfen," meinte Regina: "Deine Geschicklichkeit sollte Dir Kisten voll Gold einbringen." "Freigebigkeit ist geworden selten in der Welt;" hiess die Antwort. "Ich will nicht die Kargste seyn," sprach Regina, dem Staunenden einen Beutel mit Silbermunze hinlangend: "Deine Prophezeiung ist eingetroffen, Du hasslicher, aber kluger Bursche. Der Ring mit dem blauen Steine kam, und mit ihm mein Hochzeiter. Auch von ihm kannst Du noch einen reichlichen Lohn gewinnen, stellst Du Dich ihm morgen, an unserm Ehrentage vor." "Euerm Hochzeiter?" fragte der Mensch neugieriger und lauernd. "Ja doch;" erwiederte Regina lachelnd: "dem ehrsamen Altburgersohn Dagobert Frosch, wenn Dir etwa sein Name noch nicht bekannt seyn sollte. Wir werden morgen ein Ehepaar, und mochten im Vorgefuhle einer glucklichen Zeit den Herold derselben belohnen, wenn er's nicht verschmaht." "Verschmahen?" fragte der Fremde mit scharfem Lacheln: "Ein Bettelmann wirft nichts hinter die Thur, am wenigsten den Dank, den ich nicht erwartet hatte von Euerm jungen Eheherrn. Ich werde kommen zum Schmaus, und nicht alleine, hoffe ich. Ein Hochzeitgeschenke soll mich begleiten, und Ihr werdet seyn glucklich in Ewigkeit, so Ihr's fromm und geduldig empfahen mogt. Valet, junge Braut." Mit diesen Worten war der Mensch mit dem klimperden Beutel wie der Blitz davon, und liess Reginen allein, die uber das seltsame Benehmen des Fremdlings nicht genug sich wundern, es nicht genug belacheln konnte. Wahrend sie sich jedoch den Kopf vergebens zerbrach, ruderte der Fremdling mit schnell arbeitenden Ellbogen durch die Menschenerfullten Gassen, unter schadenfrohem, heimlichem Lachen, und mit wildfreudig klopfender Brust. Er sturzte sich in das dickste Volksgedrange, und entfaltete hier sein eigentlich Gewerbe. Mit scharfer, im Armel verborgnen Scheere schnitt er hier eine Geldtasche von einem Frauengurtel, dort einen Beutel von des Mannes Hufte. Die goldnen Troddeln an den Kaputzen der Mantel wurden haufig auf dieselbe Weise sein, und wo er, von Andrer Augen gehutet, nicht das Kostbare erobern mochte, schnitt er, nur um zu schaden, die kostlichen Pelzverbramungen der Frauenrocke, wie auch die herrlichen Sammetschauben der Vornehmen in Stucken. Trotz diesem eifrig betriebnen Geschafte drang er doch unaufhaltsam in e i n e r geraden Richtung fort bis zum Mainstrome, wo er mit dem Mittagsgelaute eintraf. Andachtig, wie alle Vorubergehende entblosste en den schwarz und rauh behaarten Kopf, und warf sich auf die Knie, die Brust klopfend und die Stirne bekreuzend; dann spie er verstohlen aus, und schlupfte in eine von den Breterschenken, die, luftig und fur den Augenblick erbaut, zum Besten der Kaufleute am Ufer errichtet waren. In einem verborgnen Winkel derselben verzehrte er hastig und gefrassig den Knoblauch und das harte Brod, das er in der Tasche trug, und schlurfte dazu seine halbe Kanne schlechten Weins, das Geld im Verborgnen uberzahlend, das er auf seinem Gewerbgange erobert. Nach kurzer Ruhe erhob er sich wieder wie ein Fuchs vom Lager, strich am Herde voruber, warf die ganze Pfefferbuchse auf ein Gericht von Fischen, das dort in der Pfanne schmorte, stiess einen vor der Hutte stehenden mit Wecken gefullten Korb mit einem schnellen Fusstritt in den Strom und verschwand innerhalb dem Bereiche mehrerer Zelthutten, die von einigen Meisterinnen fahrender Tochter unfern davon aufgeschlagen worden waren, und in welchen das luderliche Herrenund Pobelgesindel seine Schwelgereien feierte, unter'm Schutze der Messfreiheit. Der Beutelschneider, aller Wege und Stege in diesen Hutten der Ausschweifung wohl bewusst, brachte schnell bei den uppigen Dirnen die Quasten und Troddeln an, die er gestohlen, und die sie ihm dreifach bezahlen mussten, um ihrer unverschamten Eitelkeit und ihres Sundenerwerbs willen. Der Handel fiel glucklich aus, und im Davongehen stiess der Dieb auf einen hagern Mann in burgerlicher Tracht, der seinen Weg gegen die Zelte zu nehmen schien. "Wohin? wohin? edler Herr?" fragte der Erstere halblaut, und dem Manne vertraulich auf den Leib ruckend: "Schleicht man doch nicht im Mittagsscheine zum Liebchen, und hattet Ihr wohl was Bessres zu thun, als hier im Schlamm zu verderben Zeit und Masumme!" "Halts Maul, Jud!" raunte ihm der Andre ergrimmt zu: "Scheer' Dich Deiner Wege." "Nichts da;" versetzte der Gescholtne: "Ihr werdet mir folgen in den Knippling, und vernehmen allda, was sich begeben, oder nichts haben von der Brut."

"Verdammter Hund!" murrte der Andre vor sich hin, und drehte sich aber um, dem Kerl zu folgen, der wie ein Wiesel, durch die Strassen dahin schoss, und sich nach mannichfachem, wiederholtem Umschauen nach seinem Nachfolger, in das engste Gassengewinkel der Altstadt verlor. Hier, in einem Sackgasslein, zu dem Jahr aus, Jahr ein kein Sonnenstrahl den Weg zu bahnen sich vermochte, weil die eng an einanderstossenden Uberhange der Hauser jeden Luftzugang versperrten, hier stand, rechts und links von dustern Stiftsgebauden eingefangen, eine elende Schenke, zum Knippling genannt, im Munde des Volks, und allerdings nicht allzu wohl beruchtigt, obgleich im Herzen der Stadt belegen. Der Wirth, ein eisgrauer Hagestolz hatte es gleich von Anbeginn nicht darauf abgesehen, eine klare, ehrliche Wirthschaft zu errichten, und hatte nur die niedern Burger an sich gezogen durch wohlgeil Getranke. Anfanglich hatte er auch ein Kupplerwesen in der Stille getrieben, und mancher Altburger, wie auch mancher Chorherr des benachbarten Stifts hatte wohl damals, bis an die Augen vermummt, unter'm Schirm der finstern Nacht, des pfiffigen Brandlings Haus besucht; aber seit der Rath die uble Wirthei ergattert, und der Stocker, als Herr und Meister der fahrenden Weiber, bei hellem Tage die Dirnen aus dem Knippling getrieben hatte in's Rosenthal unter seinen eignen Bannbereich, seitdem hatte der vornehme stille Zuspruch aufgehort, und aus der Bekanntschaft mit den Stiftsherren war fur Brandling nur der Vortheil erwachsen, dass er ferner ungestort auf dem Grund und Boden des Kapitels verweilen durfte. Von Stund an hatte sich auch nichts Unredliches vom Knippling weiter horen lassen, aber rechtliche Leute mieden bestandig die Spelunke, in welcher nach wie vor nur sparsamer Pobeltross, oder arme Messkramer, oder listige Messgauner ihre Einkehr hielten. In dieses finstre Haus traten die beiden Kumpane, begrussten den gahnenden Wirth wie einen alten Bekannten und begaben sich in die kleine gewolbte Stube, in welcher zwei andre Manner an einem schmutzigen Brettspiele sassen. "Ho!" rief der Gefahrte des Beutelschneiders: "Da komm ich ja guter Stunde: Schon da, Namensvetter? Gruss Dich Gott, und auch Dich, Bruder Reifenberg!" Das Brettspiel flog nach diesen Worten unter den Tisch, die Dreie schuttelten sich die Hande und umarmten sich, wie alte Freunde. Der Vierte, der schwarzborstige Diebsgeselle, stand daneben, rieb die Hande und lachte wie ein Satan. Der Eine der Fremden sah sich nach ihm um, und sprach: "Du auch hier, Pathchen? Herrlich! ein ganzes Nest zunftiger Vogel. Wein her, Brandling! Wein! und nun rund um den Tisch, ihr Leute, und aufgethan den Schnabel, und erzahlt wie es hier steht. Friedrich! mach Du den Anfang, denn in Deinen Augen .... Donner und Pestilenz! da wetterleuchtet es, wie unter den Braunen des Teufels!"

Brandling schleppte, auf leisen Socken schleichend, einige Kannen herbei, empfahl seinen Gasten Behutsamket und heimliches Gesprach, und ging, um an der Thure Wache zu halten, dass sie nicht uberfallen wurden von ungebetnen Gefahrten.

"'s ist alles reif," begann Zodick: "reif, als mir Gott soll helfen im Sterben. Alle die, die einst gedient haben unter dem trunknen Marten, Alle, die bis jetzo entgangen sind dem Blutgericht, sind hie, und vertheilt in den Erdhutten und schlechten Bayes auf dem Klapperfeld und dem Fischerfeld. Ich steh' fur sie ein, mit Gut und Blut. Sie zittern nicht, sie zagen nicht. Als ich ihnen sag': Stosst zu! so stossen sie auf den Fleck, bis er nichts mehr fuhlt." "Die zwanzig angeworbnen Soldner sind ebenfalls um die Stadt herum versteckt;" setzte der Leuenberger, Zodick's Kumpan, hinzu: "tuchtige Leute, ein wahres Mordgesindel, das den Pfaffen am Altar ermordet, und aus des Papstes Hand den Kelch stiehlt, wann man's haben will." "Herrlich, beim Blitz und Strahl!" jubelte der Hornberger Veit, Reifenberger's Begleiter: "Siebzig Knechte haben wir im Gefolge und rings im Feld und Acker aufgestellt, die alle vor Begierde brennen, sich an den hochmuthigen Ellenreitern zu rachen, die sie herrenlos gemacht!" "Gott sey Lob und Dank;" liess sich der Reifenberger vernehmen, "so durfen wir doch hoffen, unserm armen Bechtram eine Todtenfeier zu halten, bei welcher die Frankfurter Geisel- und Romerfahrt, das grosse Sterben und die Grauel der Judenschlacht vergessen sollen. Sagt aber, ihr Freunde, wann soll's beginnen?" "Morgen!" fiel Zodick hastig ein: "Morgen, edle Herren, und nicht fruher, und nicht spater." "Hoho!" riefen die Andern: "Friedrich! Dir funkeln schon die Finger nach der Plunderung; aber so schnell wird's nicht seyn konnen!" "Gott soll mir helfen;" betheuerte der Jude: "entweder morgen, und ich bin dabei, oder nicht morgen, und ich ziehe ab meine Hand." "Dummer Hecht!" versetzte der Leuenberg: "hier konnen wir nicht ohne Dich seyn, Du sollst uns den Pobel aufhetzen lassen, dass er an dem Spiele Theil nehme, Du sollst uns zu den Kisten und Kasten der Reichen fuhren, und uns zeigen, welches Haus fruher brennen muss, als das andre." "Das will ich!" versicherte Zodick: "aber ich will verkrummen, und schwarz werden wie die Nacht, so ich's an anders thue, denn morgen. Ich will nicht haben umsonst mich gesturzt in die Gefahr des Todes; denn auf diesen Gassen liegt der Strick fur meinen Hals; ich will Euch friedigen die Lust nach, und die Lust nach Rache." "Geld und Rache!" rief Hornberg: "Bei Donner und Strahl! der Jude, Friedrich, wollt' ich sagen hat Recht. Ist's denn nicht auch unsre Losung? Geld fur uns! Rache fur Bechtram's Henkertod!" "Ganz recht!" polterte Leuenberg: "die Pest auf die Frankfurter und der rothe Hahn ihre Hauser; aber noch einmal: nichts ubereilt! Vorsicht; ihr Freunde!" "Versaumen wir's um einen Tag," erlauterte Zodick, "so gehn die reichsten Niederlander fort, denn schon stehen leer ihre Gewolbe, und voll sind ihre Kasten; zaudern wir, so geht fur mich verloren das hochste Gluck der Rache. Mein Feind, der junge Frosch, macht morgen Hochzeit. Hat er gewonnen die Hand der Braut, soll er doch nicht gewinnen ihren Leib. Ich schlachte ihn am Hochzeitschmause mit seinem Ette, und will nichts weiter dafur, Herr von Leuenberg; aber ich will lahm werden wie ein Hund, wenn s i e nicht die Ersten sind, die da kriegen den Talles. Ich hab's geschworen, ihr Herren, und halten will ich's bei Gott!" "Den jungen Frosch! den alten Sunder daneben?" fiel Leuenberg wild ein: "Vortrefflich! das bewegt mich, und bringt mich zu Allem. Am Hochzeittag? Drauf und dran! Bei dem blutgen Hochzeitsmahl tanz ich mit meiner Grete den Kehraus und mit Wallraden. Sie haben's um mich verdient!" "In Gottesnamen! wie Ihr wollt!" stimmte Hornberg ein: "Je fruher es an's Gemetzel geht, je freudiger schlage ich zu." "All' gut," meinte der Reifenberger: "'s will aber doch beredet seyn, wie wir's vollfuhren, denn Kopf und Fuss muss eine Sache von dieser Wichtigkeit haben; das begreift Ihr wohl. Lasst uns darum uberlegen, wie's am Besten anzufangen ist, und in's Reine bringen, wo und wann der Angriff statt zu finden hat; wo zu seugen und zu plundern, wie die Beute dann zu theilen ist." "Der lange Zodick mag zuerst sein Scherflein anbringen;" sprach der Leuenberg: "er kennt hier Zeit und Ort am Besten, und sein eigner Vortheil ist's, fuhrt er uns gut und zur gelegnen Stunde." "Mir recht!" antwortete Zodick: "ich will Euch vorschmusen, wie ich mir's hab' gedacht. Erlaubt jedoch, dass ich zuvor werfe die rosshaarne Haube und 's Pflaster vom Kopf. Die Stirne gluht mir darunter wie ein Ofen." Indem er davon redete, hatte er auch die tauschende Verhullung vom Haupte gerissen und sein rothes struppiges Haar, wie das blasse, zernagte und zerstorte Gesicht zu Tage gefordert. Indessen bemerkte Reiffenstein, der nach dem Fenster blickte, vor demselben einen Mann, der durch die Scheiben glotzte, als suchten seine Augen einen Bekannten in der Stube. "Die Mummerei vor's Gesicht!" rannte er dem Juden, der davon nichts gewahr worden war, zum und gab ihm einen bedeutungsvollen Wink. Zodick sah sich rasch um, und gewahrte noch den Mann, der so eben von Brandling bemerkt und angerufen worden war.

"Gott soll mir helfen, wenn mich der lennt;" sprach er gleichgultig und lachelnd zu dem Reiffenberg: "Ich kenn' ihn doch auch nicht: aber Vorsicht ist recht, und ich will darauf halten." Er stulpte die Haarhaube auf den Kopf, und schlich mit den Andern an die Thure der Stube, um zu horchen, wer wohl eigentlich der Fremde sey, und was er hier begehre. Sie vernahmen alsobald auch Brandlings Rede, die sich also vernehmen liess: "Ei, ei, Meister Freudenberger! seit wann ist es denn Sitte, ungebeten in die Zechstube zu schauen, und zu horen, was die Gaste darin verhandeln?" "Seyd nur nicht bose, Brandling;" erwiederte der Fremde: "Ich hab' nur einen Augenblick hineingeschaut, um zu sehen, ob Ihr daheim, und gehorcht hab' ich vollends nicht. Ihr wisst, mich kennen die Schenken nicht viel. Meine Einkehr gilt Euch; ich habe noch aus Euerm Hause ein Paar Schillinge zu fordern fur Schuharbeit, und mochte Euch bitten, mir das langste Schuldige zu zahlen, weil ich Leder zur Messe kaufen muss." "Ho!" entgegnete Brandling grob, wahrend seine Hande vergebens in den leeren Taschen nach Munze suchten; "der Bettel wird doch noch gut bei mir stehen, Meister Freudenberger? Ihr seyd ein unhoflicher Mahner, so suss Ihr auch Eure Worte vorbringt, und kommt taglich zweimal, wie der Hunger. Setzt Euch doch hinein in die Stube, und sauft die kleine Schuld vom Kerbholze ab. Euch Schuhworten kommt ja ohnehin selten genug ein Glas Wein in die trockne Gurgel." "Ich trinke nicht bei Euch, lieber Nachbar;" versetzte Freudenberger gelassen und freundlich: "will ich meine Kanne trinken, weiss ich auch schon bessere Hauser. Bemuht Euch um Geld, Lieber; ich komme morgen am Abend wieder." "Oder ubermorgen lieber," antwortete Brandling grob und aufgeblasen, wie zuvor: "Ubermorgen zahle ich Alles bei Heller und Pfennig." "Also ubermorgen," entgegnete Freudenberger, wie oben: "Will aber doch morgen wieder nachfragen. Gott befohlen, Nachbar." Der Schuster ging, und Brandling belferte ihm ein: "Dass Du den Staupenschlag hattest, frommelnder Schurke!" nach. Freudenberger sah sich nicht einmal mehr um, und zog ruhig seines Weges fort. Indessen trat Zodick zu Brandling, und rief ihm in's Ohr, wahrend er ihm den Schopf beutelte: "Wenn Du noch einmal lasst kommen solch verdachtigen Goi in unsere Nahe, so hast Du gegessen Dein letzt Brod, Du fauler und trager Wirth!" Die edeln Herren versicherten dem seine Unschuld Betheuernden ein Gleiches, und wollten, sich begluckwunschend, dass kein gefahrlicherer Mann in dieses Freudenbergers Haut gesteckt, wieder an ihre Berathungen gehen, als in der Strasse, nach welcher man eine Handbreit Aussicht aus Brandlings Kneipe hatte, ein Gelaufe und Getobe entstand, als ob die Stadt mit Sturm genommen wurde. "Pest und rother Hahn!" donnerte Leuenberg, und griff nach der verborgnen Wehr: "was geht dort los? Schelm von einem Wirth! hast Du uns verrathen und verkauft, oder sind uns andre im frommen Werk zuvorgekommen?" "Soll mich doch gleich der Blitz zehn Klafter in die Erde schlagen;" schrie Brandling weinerlich, denn Veit von Hornberg hatte ihm im Voraus schon, auf Abschlag, einen Schlag in's Genick versetzt, dass er sich kaum aufrecht zu halten vermochte: "ich weiss von Nichts: aber ein Sprung an die Ecke, Ihr Herren, und ich sag' Euch, was vorgeht!" "Nicht ohne mich;" setzte der Hornberger bei, und packte den Wirth unter den Arm: "Wir gehen zusammen, Kumpan, und bei der mindesten Falschheit sitzt Dir mein Schnepper in der Gurgel, Du schielender, krummbeiniger Hund!" Somit schleppte er den sich straubenden Wirth mit sich, und in einiger Entfernung folgten die ubrigen Drei, durch ihre Verkleidung keck gemacht, und sicher genug, von niemand unter diesen Federn erkannt zu werden. So wie sie aus dem Sackgasslein hervortaten, und aus dem Gebrause des sie umsturmenden Volkes einige Worte klar auffischen mochten, so sahen sie die Nichtigkeit ihres Argwohns ein. Hundert Stimmen antworteten auf ihr Befragen: "Die braunen Leute aus Agypten kommen! der Herzog aus dem Lande Afrika wird gleich hier vorbei ziehen," und Zodick, der auf seinen Kreuzzugen durch das platte Land schon die Vorlaufer dieser braunen Leute kannte, saumte nicht seinen Spiessgesellen alsobald auf's Eiligste mitzutheilen, welche Bewandniss es mit diesem Volke habe. Es hatten sich namlich seit ganz kurzer Frist eine Menge von landstreicherischen Horden im Osten des deutschen Landes gezeigt, von fremder Abkunft, dunkler Farbe, zerlumpter abentheuerlicher Kleidung und kauderwalscher Sprache, wie auch von unbekannten Sitten. Diese Eigenschaften, mehr aber noch als diese der Fremdlinge uberkeckes Thun und Treiben, hatten die Landbewohner in Staunen und Besturzung versetzt, denn nichts von dem, was klingt und leuchtet und glanzt, war sicher vor den habsuchtigen Fingern der Fremden;. aber auch Huhnerhofe, Taubenschlage und Ferkelstalle leerten sie aus, verzehrend, was ihnen gerade behagte, vertauschend gegen Geld, was sie gerade im Uberflusse besassen, und verderbend, was ihnen unnutzlich schien. Mit Unwillen sah der Bauer das zuchtlose Betragen des gleichwie vom Himmel geschneiten Gesindels, dessen Ursprung, Namen, Zunge und Bestimmung auch dem Gelehrtesten unbekannt war; er hatte gerne die frevelnden Gaste mit offner Gewalt vertrieben, denn Muth im ehrlichen Streite schien eben ihre Sache nicht zu seyn; aber die Menge, die stets sich erneuend wie aus dem Boden wuchs, ersetzte hier die Tapferkeit, und die Tausende, auf Leben und Tod durch die Bande ihres unbekannten Vaterlandes verknupft zu dem gefahlichen Zug, durch fremde Lander, bildeten eine furchtbare Macht, welcher selbst das wohlbewahrte Frankfurt den Durchzug, und was mehr noch ist, einige Rasttage nicht verbieten zu konnen glaubte. An dem Morgen des heutigen Tages waren, nach dem Berichte mehrere Burger, die erzahlend und neugierig unter dem Getummel standen, waren die Herolde des braunen Volks vor Schultheiss, Burgermeister und Rath erschienen, und hatten Geleitsbriefe vorgelegt von Konigen, Fursten und Herren, und im Namen ihres Herzogs den Durchzug gefordert, gegen Westen und Mittag, und der Magistrat, geschreckt von der im Munde des Volks weit ubertriebenen und vergrosserten Zahl der zu einer Einzigen versammelten Horden, hatte dem Begehren willfahrt. In dieser Stunde kamen sie eben an, die Fremdlinge, gefuhrt vom Oberstrichter selbst, und umgeben von Soldnern des Raths, die von Zug zu Zug verhindern sollten, dass Einer von den Agyptern sich in die Stadt verliere, und zugleich ihnen als Begleitung dienen, bis zu der wust liegenden Maternuskapelle in Sachsenhausen, wo sie ihre Rastzeit zubringen sollten. Helle Haufen von Weibern braunen Angesichts, mit glanzend schwarzen Haaren, ihre Kinder theils fuhrend an der Hand, theils tragend auf dem Rucken, eroffneten, an langen Staben wandernd, den langen Zug. Zerlumptes Mannervolk mit Zwerchsacken, Bundeln und Schlauchen auf den Schultern, Hahnenfedern auf den Mutzen und kurzen Messern an der Seite, folgten. Ihre Gesichter waren meistens dunkel, wie die braune Kastanie, ihre Augen schwarz und lebendig, das Haar kurz und von gleicher Farbe, die Zahne lang und glanzend, wie das Elfenbein. Diese Horden, wenn gleich zahlreich und aus handfesten Leuten bestehend, waren indessen nur die Vorlaufer der eigentlichen Volks- und Heeresmacht der Agypter. Ein wildes Getose liess sich in der Ferne vernehmen. Koppeln von Hunden wurden tobend vorbei getrieben, einzelne Bewaffnete auf durren Eseln oder kleinen unansehnlichen Kleppern, mit dicken Kopfen und armseligen Schweifen, reitend; liessen sich unter dem dichter werdenden Getummel sehen, und eine barbarische Musik ruckte heran: Schaaren von Sangern und Spielleuten, die mit kleinen Trommeln, Handpaucken, Schellen, blechernen Klingdekkeln, Dudelsacken und kleinen Mohrenpfeifen, einen wusten Jubel erhoben und unterhielten. Hinter ihnen wurde die Stange, mit vergoldetem Knopfe und Buscheln von Rosshaaren geschmuckt, getragen, von welcher an goldnen Schnuren der grosse pergamentne Freipass herabhing, den Kaiser Sigismund dem aus fernem Osten heranziehenden agyptischen Volke hatte ausfertigen lassen, und den viele grosse Herren und Stadte durch ihr Insiegel bekraftigt hatten. Die prachtige Kleidung des Herzogs dieser Horden, der unter dem Schatten jenes Pergament-Paniers auf einem schellengeschmuckten Maulthiere einher trabte, stach grell gegen die zerlumpte Tracht seiner Untergebenen ab. Das ungarische Gewand starrte von goldnen Zierrathen, auf seiner Mutze prangte ein Busch von rothen Hahnenfedern, und unter dem pelzverbramten Rande dieses Hauptschmucks blitzten Augen hervor, die des Mannes Beruf, uber das ungeschlachte Volk den Stab der Gewalt zu schwingen, auf's Bundigste bekraftigten. Um ihn her wurden die Kochgeschirre der Horde getragen, Schlauche mit Wein, Sacke mit Mundvorrathen; Weiber und Manner. Die rustigsten aus Allen, mit langen Speeren bewehrt, folgten dem Heere, und an diese schloss sich, die Nachhut des ganzen Zuges bildrnd, ein unzahlbarer Schwarm von Gesindel, Trossvolk und schwarzgebrannten, mit langen Knebelbarten gezierten Burschen, die den verwegnen Blick nach allen Seiten richteten, und bereit schienen, bei der ersten verdachtigen Bewegung des gaffenden Volks, wie blutlechzende Hunde in dessen Reihen einzubrechen, und zu morden und zu plundern nach Gefallen und Willkuhr. Also zog unter dem Summen der neugierigen Burgermenge, dem widerlichen Getone der Brumm und Gellpfeifen, und unaufhorlich aufwirbelnden Staubwolken die wunderliche Heeresmacht voruber, und hinter ihr floss das nachdrangende Volk in einen Knaul zusammen, um die seltsamen Fremdlinge und ungebetnen Gaste nach ihrer Ruhestatte zu geleiten.

Zodick und seine Gefahrten machten sich dagegen nach dem Knippling zuruck, wo ihnen Brandling, da sich indessen in der Schenkstube einheimische Zecher eingefunden hatten, ein dunkles abgelegnes Hinterstublein anwiess, in welchem sie sich um den Tisch lagerten, die Passglaser fullten, und weiter sprachen von ihren verderblichen Planen. "Gottes Wunder!" rief Zodick schmunzelnd und sich wohlgefallig das Kinn reibend: "Ihr edlen Herren und Genossen! Kann man finden einen bessern Deckel fur unsre Sache, so wir nicht verschieben die Ausfuhrung? Das agyptische Volk halt hier Ruhtag, begreift Ihr, wackre Herren? Man furchtet das Volk, man traut ihm nicht. Was wir anzunden, werden gethan haben sie die Fremden. Was wir zum Kapporah nehmen, werden geschachtet haben sie. So wir geben das Zeichen zur Gewalt, so werden auch sie ergreifen das Schwert und bringen die letzte Verzweiflung uber Mokum. Tausend Helfer haben wir errungen, in jenen; darum zogert nicht." "Donner und Teufel!" rief der wilde Hornberger mit Freudengelachter; "das trifft sich, wie gerufen, und unser Herrgott hat selbst der hochmuthigen Reichsstadt das Ziel gesteckt. auf das Wohl der Agypter, weiss auch keine Seele, welcher Kukuk diese Satanseier in unser Nest gelegt hat. Wohl bekomme ihnen, und den Frankfurtern das Fest, zu dem wir die Melodey aufspielen wollen. Sie mogen Sachsenhausen und den erbarmlichen Strich, wie auch die Buden am Main plundern, und Tod und Feuer allenthalben hinbringen. Bis s i e sich an die Arbeit machen, haben wir in Alt- und Neustadt schon die Augen von der Bruhe geschopft, und suchen das Freie. Mag dann das Heidenvolk keinen Stein auf den andern lassen. Desto besser fur uns." "Und keinem Zweifel unterliegt's," setzte Leuenberg hinzu, "dass die brannen Gesellen in unser Horn blasen." "Ob sie's thun?" fragte Reiffenberg: "Art lasst nicht von Art." "Zeigt dem Wolf nur Blut;" bekraftigte Zodick mit hamischem Spotte: "Er wird es dann suchen mit Begier." "Nun aber," erhob Reiffenberg noch einmal die Stimme: "Vergleicht Euch; wie ist's zu beginnen, zu vollfuhren? Unsre Leute mussen morgen mit dem Fruhsten schon Bescheid wissen." "Warum denn?" fragte Zodick mit angstlicher Schlauheit: "Wollt Ihr geben unsre Hoffnung in hundert Manner? Dann sitzen wir morgen Alle auf dem Bruckenthurm, denn unter hundert Menschen, die ein Geheimniss wissen, sind achzig geneigt es auszudibbern. Eh's losgeht, den Augenblick zuvor, sollen sie's erfahren, und nur an uns ist's, zu bestimmen unter uns, w i e ' s losgehen soll. Auch wir sind schon um vier Augen zu stark, wenn man will seyn vorsichtig." "Schweig, Hund, mit solchem Diebsgeschwatz!" schnauzte ihn der Leuenberger an: "Rath, Anleitung und Handdienst verlangen wir von Dir; weiter Nichts." "Wir sind die Herren," stimmte Hornberg mit flammenden Augen ein: "vergiss nicht, dass Du weniger bist als mein schlechtester Knecht, dessen Eltern und Voreltern schon getauft waren." "Das heisst:" schloss der Reiffenberger: "Halte Dein Judenmaul, wenn Du nicht gefragt wirst. Jetzo aber befehlen wir Dir, uns kurz und bundig zu sagen, wie Du uber das Besprechen denkst und was Du rathst." Zodick warf unter den buschigen Augenbraunen einen grimmigen Blick auf die stolzen Herren und Freunde; er bezwang aber bis zu gelegner Zeit, klug und vorsichtig, die Galle, die ihm schon auf die Lippen zu treten drohte, und erlauterte nun den Edelleuten, wie er sich das Ganze ausgesonnen. Die zehnte Stunde der Nacht sollte die zum grasslichen Werk bestimmte seyn. Der erste Schritt des Verderbens sollte nach Diethers Hause im Mittelpunkte der Stadt geschehen. Zodick und Veit von Leuenberg wollten daselbst mit den aufgebotnen Uberresten der Blutzapferrotte ein entsetzlich Schauspiel geben, und den alten Diether, seinen Sohn, Margarethe, den Schultheiss, Oberstrichter und die Schoffen, die sich, wie sie nicht zweifelten, beim Schmause befinden wurden, so wie Wallraden, die sie auch nicht dabei fehlend dachten, mit Blitzesschnelle hinmetzeln, das Haus plundern, und dann in Brand stecken. Dieses Geschaft von geubten Morderfausten verubt, sollte bald abgethan, und die am Liebfrauenberge himmelansteigende Flamme das Zeichen fur die Ubrigen am Romerberg, und in der Neustadt verborgenen Rotten unter dem Hornberger und dem von Reiffenberg seyn. Die Hauser der reichsten Burger, der Geschlechter Glauburg, Goldstein, zur Hofstatt, deren von Colle, zum Kranich, von Holzhausen, der Munzberechtigten Altburger Klabelauch wurden den Raubern zum vornehmsten Ziele gegeben. Gold, Gold und Mord! hiess der Wahlspruch. Und nach all diesem Brand und Verwustung. Reiffenberg ubernahm es, den Stadthauptmann von Dudenhofen im Bette zu erschlagen, und somit den Arm aller Soldner des Rathes zu lahmen. Zodick versprach, die Geldvorrathe der ersten Wechslerstuben aufzuraumen. Leuenberg gelobte der niederlandischen Kaufleute Niederlagen zu plundern, und hinwegzuschaffen, und Feuer in alle Holzhutten zu werfen. Der Hornberger vermass sich hoch und theuer das Gewandhaus abzubrennen, die Gewolbe der Goldschmiede auf sich zu nehmen, und der reichen Stifter nicht zu schonen. Alle Gefangnisse sollten aufgesprengt, alle Messgauner zur Theilnahme aufgefordert, der Pobel, ihn zu gewinnen, in den Weinkellern der Reichen berauscht werden. Die Schiffe am Mainufer sollten gekappt, einige von ihnen, mit dem Raube beladen, und also gen Mainz gesteuert werden. Und endlich, nachdem, wie zu hoffen stand, vom Dunkel der Nacht, wie von der schlaftrunknen Ohnmacht der zum Verderben Bestimmten, begunstigt, das Werk unter Flammen, Blut und Mordgeheul zu seiner schonsten Bluthe erwachsen, dann wollten die Verschwornen die Bruckenthore mit Gewalt eroffnen, und die Fremdlinge, das rauberische Volk heruberrufen zum Kehraus; wahrend dessen sich auf dem Strome von dannen treiben lassen, und auf irgend einem befreundeten Raubnest des Rheinthals die kuhn errungne Beute theilen. Nachdem Zodick also gesprochen, konnten ihm die Andern ihren Beifall nicht versagen, und der Hornberger staunte nur, dass der Gedanke zu solchem Heldenwerk in eines Zodick's Hirn entspringen konnte, fruher als in dem seinigen und seiner Gefahrten. "Wahrlich!" rief er: "bei Hagel und Donnerstrahl! der Friedreich ist ein andrer Bursche geworden, denn zuvor. Ein schlechter Beutel- und Kehlabschneider w a r er, ein kuhner Waghals ist er geworden. Der heilige Geist hat ihn wundersam in der Taufe uberschattet, und mich freut's, ihr Herren, dass ich bei dem Kindlein Gevatter stand." "Mehr freut mich's," sprach der Leuenberger, "dass endlich der Augenblick der Rache vor der Thure ist: Pest und rother Hahn! Jetzt ist die Reihe an mir, Euch zu vergelten, Ihr Frankfurter Wichte. Die Frosche niedermetzeln, Wallraden und Margarethen zeichnen, dass sie meiner gedenken, hu! welche Lust. Und das Eine, Ihr Bruder und Freunde, das Eine musst Ihr mir versprechen; schenkt keinem der aus Frankfurt ist, aus der verdammten Stadt, das Leben. Stosst jeden nieder, der Euch in den Wurf kommt. Kind, Jungling, Greis, Mann oder Weib, schont ihrer nicht, der verfluchten Brut!" "Ei, so sollen mich tausend Teufel zerreissen, ehe ich etwas Anders thue, als du begehrst!" fluchte Hornberger mit seinem entsetzlichsten Kampfgesichte. "Und mich!" fugte der Reiffenberg, "und mich," setzte Zodick langsam hinzu; "Amen!" sprach der Leuenberg, und da gerade die Viere nach den Kannen griffen, um sich zuzutrinken, schlug ein tiefer Seufzer an ihr Ohr. Wild fuhren sie in die Hohe, der Eine nach der Thure, der Andere nach dem vergitterten Fenster. Zodick jedoch hatte das geubteste Gehor und suchte hinter dem Kachelofen nach dem verborgenen Zeugen ihres Gesprachs. Eine Knabe von zwolf bis dreizehn Jahren lag dort auf der Ofenbank, und hatte sich furchtsam zusammengekauert, da Zodick mit allen Zeichen der Uberraschung und Wuth an ihn herantrat. "Verflucht seyen die Bruste, die Dich saugten, niedertrachiger Goi!" sprudelte der Jude, und spie dem Knaben seinen Geifer in's Angesicht: "Fur Dein Ohr muss zahlen Dein Hals!" Mit keckem Schlachtergriff packte er den armen Jungen bei der Kehle und zerrte ihn aus dem Winkel nach dem Tische, auf welchem sein Messer lag. Der Knabe, mit dem Ersticken kampfend unter der riesigen Faust des Elenden vermochte nur ein krachzendes Gestohne hervorzubringen, und sich mit der Gewalt der Todesangst an den Fussboden und die Kniee des Morders anzuklammern, so dass dieser, einige Schritte vom Tische entfernt, und den Hals seines Opfers, um es stumm zu machen, nicht lassend, nicht von der Stelle konnte, und von dem Reiffenberg schaumend den Dolch verlangte. Dieser weigerte sich dessen, und behauptete, der Junge musse zuvor reden, und musste er sterben zuvor auf alle Falle noch beten durfen. Leuenberg widersprach dieser Regung von menschlichem Gefuhl; Hornberg dagegen, obgleich der Wildeste unter Seinesgleichen sprang auf des Reifenbergers Seite, und begehrte von Zodick, er solle den Buben loslassen. "Gott soll mich strafen an Leib und Seel!" rief er, da der Jude verneinte; "ich haue Dir die Faust vom Rumpfe, wenn Du nicht Deine Krallen von dem Buben lassest. Dir aber, Bube, befehl ich, alles Geheul und Wehklagen von dannen zu lassen, und fein leise und still mir zu sagen, wie Du hieher gekommen. Beim ersten Schrei fahrt Dir mein Stahl in die Gurgel?" Zodick liess zitternd vor Wuth und Grimm dem Buben ein wenig Luft, und der Arme schleppte sich dumpfwimmernd zu den Fussen des Hornbergers, obgleich ihn Zodick noch immer fest hielt, wie ein Fanghund die angeschossne Beute. Reiffenberg suchte indessen den von Leuenberg zu begutigen. Auf Befragen des Hornbergers berichtete der Knabe schluchzend: "er sey Brandlings Vetter Heinrich, von ihm an Sohnsstadt aufgenommen, und zur Kufnerei bestimmt. Er sey verwichne Nacht als Aufwarter bei einem Benderschmausse gewesen, und mud zum Tode heimgekommen. Nach dem Mittagimbiss habe er noch seine Hausarbeit verrichtet, sey dann in diese Stube gedusselt, und auf der Ofenbank eingeschlafen, auf welcher er vor einigen Augenblicken erst erwacht. Er betheuerte, von dem Gesprach der Herren nicht das Geringste vernommen zu haben, und bat um Vergebung und um sein Leben." "Der Bube lugt, wie ein Schelm!" rief Zodick dazwischen: "Seht doch, wie er wird roth bei jedem Wort. Der ist cochem wie ein Fuchs. Darum nieder mit ihm." Er krallte seine Faust wieder um den Knabenhals, und zuckte das Messer. Der Hornberg zuckte die Achseln, und wendete sich ab. Reiffenberg fiel dem Juden in den Arm, und sprach: "Blutunke! bedenke doch ... das Geschrei des Knaben, sein Rocheln, man wird es vernehmen ... die Folgen ...!"

"Sorgt nicht!" spottete der Jude: "ich verstehe es, wie man schachtet, ohne dass das Lammchm schreit!" und wieder zu Boden warf er den Knaben, als mit einemmal die Thure aufging, und Brandling hereintrat, der weiss vor Angst und Entsetzen wurde, da er seines Vetters Bedrangniss sah. Wie ein wuthender Mensch sprang er auf den Juden zu, zerrte ihm sein Opfer aus der Faust, und fragte mit blauen bebenden Lippen nach der Ursache solch grausamen Verfahrens.

Ein Wort des Hornbergers reichte hin, ihm Aufschluss zu geben, und seinen Mund zur flehenden Bitte zu offnen. "Ach ihr Herren," seufzte er: "verlangt Alles von mir, nur nicht, dass ich in diese that willigen soll. Der Bube ist mein leiblicher Schwestersohn, ein guter Bursche, ohne Trug und Falsch, und ohne Ruhm zu melden, weit besser als wir alle sammt und sonders sind. Nimmer konnt' ich mir vergeben, hatte ich meinen Schwestersohn umkommen lassen in Gefahr. Seyd nur diessmal barmherzig, ihr Herren, und Gott wird Euch um so reichlicher segnen, in dem was ihr vorhabt, und mir einen doppelten Theil zuwenden." "Heuchle keine Menschlichkeit, du krummer Katzenbuckel!" schalt der von Leuenberg: "Der Bube hat uns behorcht, und fort muss er." "Und den Talles bekommst auch Du, wenn Du ihn nicht gibst heraus, den Horcher!" fugte der Jude bei, und griff abermals nach dem Knaben. Brandling bewies aber durch die Heftigkeit, mit welcher er den Knaben in die Arme schloss, wie sehr es ihm Ernst sey, um das, was er vorhin gesagt, denn er riss den zitternden Heinrich zu der Thure hin, druckte die Faust auf die Klinke, und sprach mit der klanglosen bebenden Stimme des auf's hochste Gereizten: "Versuchts, ihr Herren! versucht's! Stecht mich zusammen, aber im Fallen reisse ich die Thure auf, und mein Gebrull ruft die Schifferknechte, von welchen die Schenke wimmelt, hieher, und verloren seyd Ihr dann; noch im Sterben verrathe ich Alles, was ich weiss, und geheim halten will wie der Pfaffe die Beichte, wann Ihr ablasst von dem Knaben." "Brandling, hat Recht!" fiel der Hornberger ein: "Wegen seiner auf's Rad gesetzt zu werden, gelustet mir nicht. Sag aber an, welche Burgschaft leistest du fur den Buben? denn haften musst Du fur ihn mit Haut und Haar!" "Das will ich auch, Herr!" erwiederte der Wirth, von schwerer Angst erlost, und freier athmend: "Schworen soll der Knabe, dass, wenn er auch etwas vernahm, nichts uber seinen Mund gehe, es zu verrathen."

"Gottes Wunder!" hohnte Zodick: "Was soll uns helfen ein leerer Schwur?" "Schweig!" murrte Reiffenberg: "Dem Kinde da ist ein Eid heilig wie der Tabernakel." Leuenberg lachte unglaubig, Zodick fletschte verdrossen die Zahne, und Hornberg hielt unterdessen dem Knaben das Kreuz seines Schwerts vor, indem er ihm die Eidesformel vorsprach: "Ich gelobe handlich und festiglich auf dieses Kreuz das des Erlosers Kreuz bedeutet, keiner Seele, die da lebt auf Erden, zu vertrauen, und zu verrathen, was ich in der heutigen Nacht als unberufner Zeuge gehort und vernommen. Verdammt will ich seyn in Ewigkeit, und das schrecklichste Gebrest und Siechthum erdulden in dieser Welt, wenn ich den Eid nicht halte, den ich hier schwur mit aufgehobenen Handen zu Gott, seinem Sohne und allen Heiligen. Amen."

Der Knabe sprach deutlich und sichtlich ergriffen und bewegt den Eid nach, und zerfloss nach dessen Leistung in Thranen. Reiffenberg nickte, zufrieden gestellt, mit dem Kopfe, und der Hornberger ubergab den Buben seinem Vetter Brandling. "Das Letzte fur unsre Ruhe und Sicherheit ist noch an Dir, zu thun," sprach er: "Sperre den Buben ein in Deinen tiefsten Keller, und lasse ihn nicht eher los und ledig, als bis es Zeit geworden ist. Solch kurze Frist hindurch ist ein glatter Aal zu huten; warum nicht ein junger Bursche? So Du redlich unsern Willen thust, sind wir Dir gewogen, alter Brandling. Beim mindesten Versehen hingegen, und bei der kleinsten Falschheit sollst Du der Erste seyn, der den verdienten Lohn erhalt." Brandling, Treue und Gehorsam gelobend, riegelte vor den Augen der wilden Gaste den Vetter Heinrich, ein duldsames Lamm, in das hinterste Gewolbe seines Hauses, und beruhigt suchten die Verbundeten ihr durftiges Lager.

Dreizehntes Kapitel.

Ich nehme den angeklagten ungehorsamen

Mann hier aus den Rechten, aus dem Frieden,

aus den Freiheiten, die Kaiser Carolus gesetzet,

Papst Leo confirmiret hat, und von allen Fur

sten, Herrn, Rittern, Knechten, Freien und Frei

schoppen beschworen und geleistet worden, in

dem Lande zu Sachsen, und werfe ihn nieder

vom hochsten Grade, und thue ihn mit all' sei

nen Freiheiten, Frieden und Rechten in des Ko

nigs Bann, und strafe ihn mit hochstem Unfrie

den und Ungnade, und mache ihn unwurdig,

achtlos, rechtlos, siegellos, redelos und unfahig

zu allen Rechten und Verfahren, und setze ihn

aus nach den Satzungen der heimlichen Acht,

und verfalle seinen Hals dem Strange, seinen

Leichnam den Vogeln des Himmels und den

Thieren der Luft zur Atzung, und befehle seine

Seele Gott im Himmel in seine Macht und Ge

walt, und erklare seine Lehen und Gut fur heim

gefallen ihrem Herrn von dem sie zu Lehen ruh

ren, oder der heiligen Kirche, sein Weib eine

Wittib, seine Kinder Waisen!

Der heimlichen Acht Bannfluch auf Haut und Haar.

Der arme Heinrich erlebte eine uble Nacht auf dem Spreusack, den die Hand des mitleidigen Vetters ihm zugeworfen hatte, um sich bequemer auf den feuchten Boden des Kellers zu betten. Der Vorfall des Abends schien dem geschreckten Knaben nur ein Fieberbild, wie uns der unruhige Schlummer zuweilen vorfuhrt, allein zu bald nur erinnerte er sich an die Wirklichkeit des Grauelauftritts, indem er in der Stille der Nacht sich nach und nach aller Reden wieder erinnerte, welche von den bosen Gesellen gefuhrt worden waren, und die er von Anbeginn alle vernommen, ob er gleich in der Todesangst es gelaugnet; denn er war kurz nach dem Eintritt der furchtbaren Manner erwacht, und hatte sich, von einer dem Knabenalter sehr gewohnlichen Scheu ergriffen, nicht getraut, seine Anwesenheit kund zu geben, und mit Herzklopfen den Augenblick erwartet, in welchem die Schrecklichen gehen wurden, bis ihm das Entsetzliche ihres unverholen ausgesprochenen Vorhabens einen tiefen schmerzlichen Seufzer ausgepresst. Und betrubter noch seufzte er jetzt in seines Kerkers Einode, weil er Klugheit und Gefuhl genug besass, um das Verderben, das uber die Stadt verhangt worden, zu wurdigen, und das jammervolle Schicksal der zum Tod bestimmten Burger voll inniger Wehmuth beklagte. Und der grassliche Eid vollends, den er geschworen, den ihm der Vetter selbst noch dringend an's Herz gelegt; den er seinem Glauben und Gewissen zufolge, nicht einmal dem Priester im Beichtstuhle entdecken durfte, um nicht hienieden elend zu sterben, und jenseits auf ewig zur hollischen Flamme verdammt zu seyn! Der Knabe litt unaussprechlich, und zu diesen Seelenleiden noch korperliche Angst. Wenn ein Luftzug durch das hoch gelegne Luftloch hereinstrich, glaubte er das mordgierige Schnauben Zodicks zu vernehmen; wenn eine Ratte an den Riegeln und Angeln der Thure emporkletterte, furchtete er die Annaherung seiner grausamen Feinde zu horen. Seines Vetters Gestalt sogar, die sich fruh und Mittags zeigte, um den kleinen Gefangenen Atzung hinzustellen, beruhigte seine aufgeregten Sinne nicht. Er wusste ja leider, dass sein Verwandter selbst zu der abscheulichen Rotter gehorte; er durfte argwohnen, dass vielleicht in der nachsten Stunde der entartete Mann selbst die Hand zu seines unschuldigen Vetters Tode bieten mochte. Und naher und immer naher schlich schon wieder der Abend, und naher und naher kam die Zeit des Verderbens, und er, der um Alles wusste, musste schweigen, an Schwur und Kerker gefesselt! Da wurden hastige Schritte in dem Vorgewolbe horbar: geschaftige Hande riegelten auf und drehten den Schlussel der Thure behende, und Brandling, blass und verstort rannte in den Keller. Der erschrockene Knabe, nur seinen Tod ahnend, floh in die Ecke des Gewolbes, aber Brandling beruhigte ihn durch Wort und Geberde, indem er zu ihm sprach: "Guter Vetter, lieber Heinrich! Du warst von jeher ein wackrer Knabe und Verwandter, und nicht meine Schuld ist's du weisst es wohl, dass Du hier sitzest, gleichwie in der Lowengrube. Zurne mir darum nicht, und thu' mir das zu Liebe." Der Knabe war bereitwillig, und Brandling fuhr fort: "Ein schlechter Mensch von meinen Zechgasten hat den Weinstecher Veit verrathen, dass ich dann und wann, stummen Wein ausschenke. Du lieber Gott! in der Zerstreuung geht wohl manchmal dergleichen vor, und ich habe nicht 'mal recht gewusst, dass ich ein unklar Fass im Keller habe. Veit war aber da, er hat's gefunden und ist hinweg gegangen, mit der Drohung, noch heut' den Stockerknecht zu schicken, dass er das Fass abhole und vor dem Romer auslaufen lassen. Bedenke Henrich, welche Schande, ... welcher Anlass zu andern Entdeckungen! Wenn Du nicht hilfst, so kann mich's heute an den Galgen bringen. Veit ist mir nicht hold, aber Dir, mein Neffe und Sohnlein, den er aus der Taufe hob, um desto mehr. Deine selige Mutter war ihm lieb und werth, und nun es wird schon alles gut werden, wenn Du stracks zu ihm laufen, und fur mich eine Furbitte einlegen wolltest. Nur den Stocker lasse er zu Hause, und zahlen will ich, was er will, M o r g e n schon bezahlen, und den Wein vertilgen im Geheim. Willst Du, mein Sohnlein?" Heinrich bejahte gutmuthig. "'s ist jetzt die beste Zeit," sprach Brandling weiter: "die Wutheriche sind nicht daheim, bis auf einen., der oben in der Giebelkammer faullenzt. Es sieht dich Niemand fortgehen, und zuruck bist Du, ehe und ohne dass dich eine Seele bemerkt. Aber, Heinrich, gutes Kind, denke an Deinen Eid, und an Deine ewige Seligkeit, und plaudre an keinem Menschen aus was Du Ungluckseliger vielleicht gehort!" Heinrich gelobte es noch einmal in des falschen Mannes Hand, und entrannte, wie ein fluchtiges Reh, dem unbequemen Kerker. Die Sonne neigte sich zum Untergange, und des Pathen Haus war, obgleich fern, doch bald erreicht. Der treuherzigen Furbitte des Knaben konnte der biederherzige Veit nicht lange widerstehen, und liess ihn endlich mit guter Botschaft, aber auch mit der strengen Warnung fur den Ohm ziehen. Heinrich flog wieder heimwarts; allein, da es um die Zeit war, da alle Handwerksgesellen durch die Strassen jubelten, von der Arbeit kommend, die reichern Kaufleute ihre Laden schlossen, und die Vornehmem der Stadt behaglich lustwandelten durch die Strassen in der abendlichen Kuhle, da wurde dem Knaben das Herz schwer, seine Tritte wurden langsamer, da er der Graul gedachte, die in diesen froh lebendigen Strassen bald wuthen sollten. Hausvater und ihre Frauen, ihre Kinder und Enkel sassen vor den Thuren, durch welche der Mord eingehen sollte, buntgekleidete Musikanten, Lustigmacher und dergleichen Volk durchstreiften die Gassen, und wenn man sie fragte: "wohin die Reise?" so antworteten alle: "Zu des Altburgers Froschen Haus; 'sist Hochzeit dort, und die Stosspfeifer durfen zum Tanz nicht fehlen!" Diese Worte zerrissen Heinrichs Brust, und ohne Bewusstseyn und Willen fast, fluchtete er sich in die uralte Kirche der Weissen-Frauen, die noch offen stand fur Reuige und Leidende. Ein innrer Trieb zwang den Knaben, sich vor den Stufen des vergitterten Chors nieder zu werfen auf seine Kniee, und inbrunstig zu Gott zu beten, um Erleichterung, um Trost, um Hulfe und um Eingebung von Oben. Nachdem er sein Gebet verrichtet, sah er sich um in der Kirche und sie war leer; er blickte, mit Anstrengung auf den Zehen sich erhebend, durch das Chorgitter, und gewahrte eine von den weissen Frauen, die auf einen Betschemel kniete, und zu beten schien; sonst niemand. Da fuhr dem aufgeregten Knaben ein abentheuerlicher Gedanke durch den Kopf, und er schritt auf der Stelle zur Ausfuhrung, dem Zufall es uberlassend, ob seine Saat auf guten Boden falle, oder auf Stein. Die Nonne dort konnte ja schlafen, sie konnte taub seyn oder unglaubig; aber Gott wird ja Alles zum Besten lenken, dachte der Knabe, ... und Deinen Schwur hast Du nicht gebrochen. Er wendete sich daher frischen Muths knieend mit ausgespannten Armen zu dem Magdalenenbild, das, verwittert und. bemoosst am Eingange des Chors trauerte, und sprach mit vernehmlicher Zunge: "O Du, mein heiliges Steinbild, lass Dir vertrauen, was ich geschworen habe, keiner lebenden Seele zu verrathen, und wann der Herrgott nicht ein Wunder thun will, und Dir den steinernen Mund offnet, dass Du redest, so behalte in Deinem tauben Ohre meine Rede. Wisse, dass die Stadt in grosser Gefahr ist, dass bose Gesellen sich verschworen haben, mit der zehnten Stunde Glockenschlag noch heute den Hochzeitschmauss in der Froschen Hause in ein Blutbad zu verwandeln, und zu erwurgen Alles, was sich dort zusammenfindet, vom Brautigam bis zur Magd. Wisse, dass auf diesen Mord die Stadt angestossen werden soll mit Feuer, und geplundert der Reiche, und ermordet Arm und Reich. Wisse, dass die Agypter herubergerufen werden sollen, um Stein von Stein zu reissen, wahrend die Morder den Main hinunterschwimmen wollen auf abgekappten Schiffen, von Blut und Beute schwer. Wisse diess All', du heiliges Steinbild, denn mein Herz kann's nicht bewahren, und die Zunge soll's doch verschweigen. Wahr ist's; dazu helfe mir Gott, und von dem Tode all' den armen Leuten, die morgen nicht mehr leben sollen. Amen!" Der Knabe hatte dieses Bekenntniss kaum abgelegt, als er mit der Eile eines fluchtigen Wildes die Kirche verliess, um heimzulaufen. Seine Worte waren nicht ungehort verhallt. Die weisse Frau hatte sich horchend erhoben, und keine Sylbe verloren; aber nicht minder hatte eine dienende Schwester, die von einem vorspringenden Grabmal verdeckt, dem Blick des Knaben entgangen war, alles gehort mit zagender entsetzter Seele. Der kleine Redner war auch kaum ausser der Kirche, als die Schwester zu der Nonne trat, und dringend fragte: "Habt Ihr gehort, hochwurdige Frau!" Die Nonne nickte stolz mit dem Kopfe. "Um aller Heiligen willen!" fuhr die Andere fort: "war das ein wahnsinniger Bube, oder ein gesunder Herold der Wahrheit?" Die Nonne zuckte die Achseln. Die Schwester sprach angstlicher, und die Hande ringend weiter: "Wie mogt Ihr doch so kalt und gleichgultig seyn, wurdigste Frau, da doch die Schreckenskunde euer eigen Haus betrifft? Die Stimme des Herrn ist die eines Lowen, dass Zion sie vernehme!" "Was wollt Ihr denn thun, Schwester Judith?" fragte die weisse Frau langsam und bedachtig. "Reden, reden will ich;" antwortete Judith heftig: "des Herrn Gnade verkunden. Du sollst Dein Licht nicht unter den Scheffel stellen. Die Oberin, der Beichtvater, der Rath soll wissen und erfahren, du Himmelskonigin und Jesu Christe! es ist keine Zeit zu verlieren."

Die Nonne blickte starr und schweigend vor sich hin. Judith machte sich indessen fertig, dem Chor zu melden, plotzlich jedoch besann sie sich, und sagte zu sich selbst: "Die Pflicht geht vor. Thue zuerst, was Du musst, und dann erst, was Du sollst. Bald hatte ich den Geisselstrick der Oberin aus dem Gewolbe mitzunehmen vergessen." "Gleich", setzte sie zu der Nonne gewendet hinzu: "gleich, hochwurdige Frau, bin ich zuruck, und dann lasst uns den Mund aufthun, um zu reden mit der Stimme der Gewitter, wie der Herr gethan hat, auf den Hohen Horeb; denn zornig ist der Herr, und doch allmachtig in dem Schwachen." Bei diesen Worten schob sie den schweren Riegel vor der Fallthure des Geisselgewolbes, und bemuhte sich, die ungeheuern Eichenbohlen aufzuheben; mit aller Anstrengung gelang es ihr nicht, und sie wollte schon das Werk verlassen, als die Nonne sich selbst herabliess, ihre Hulfe anzubieten, und zu leisten. Der vereinten Kraft der Weiber fugte sich die schwere Last, und liess sich in ihren Angeln herumlegen. Judith, den scheidenden Abendstrahl, der durch die Fenster schimmerte, als einzige Leuchte mit sich nehmend, eilte die Treppe hinab, nachdem sie noch gesehen, wie die Nonne durch die Seitenthur in den Kreuzgang verschwunden war. Kaum aber war der Klang ihrer Schritte schwacher geworden, und sie im Gewolbe selbst angekommen, als schnell die Nonne zuruckkehrte, auf die Gruft zueilte, die eiserne Stutzstange der Fallthure wegriss, und die Pforte donnernd und drohnend in ihre Fugen fallen liess. Der Schlag hallte schrecklich im ganzen Gebaude wieder, und vor ihrer eignen Handlung erschreckend, floh die Boshafte nach ihrer Zelle. Dort athmete sie ruhiger. "Muth, Wallrade!" sagte sie zu sich: "geht heut die Rache nicht in Erfullung, so verzichte ich auf sie in Ewigkeit". Die schwatzhafte Judith schmachte, bis die Stunde voruber. Ihr ohnmachtiges Poltern an der Grabespforte wird die furchtsame Beschliesserin zum Gespensterspuck rechnen, und mit scheuem Kreuzschlage ihres Weges ziehen. Ein Zufall entschuldigt wohl spater der Laienschwester unwillkommne Haft. Ich aber will spielen mit dem Schicksal, das jetzt in meiner Hand liegt. Die zehnte Stunde muss erst geschlagen haben, ehe ich durch meine Worte die Stadt rette. Ich will sehen, wie in meinem Hause dass Ungluck schreitet; ob ich allein dazu verdammt bin, oder Andre mit. Falscher Dagobert! so schnell konntest Du Deine Liebe vergessen, und treulos in die Arme einer andern sinken? So war es nicht gemeint. Ich raubte Dir der Zelle Trost, damit Du der Entsagung und der Tauschung Foltern schmeckest dein Lebelang; damit Du Unkraut saest im Vaterhause, wie bisher. Glucklich wollt ich Dich nicht sehen, und heute welche Freude heute trittst Du an Deines Gluckes Granze. Die Pforte dazu ist auch schon sein Markstein. Fahre hin; und Du, einfaltige Braut, und Du, scheinheilige Stiefmutter, welche einen Sieg uber mich errungen zu haben wahnt; fahrt hin, ihr Lasterzungen alle, die ihr meinen Leumund zerfleischt habt, und an meiner Feinde Hochzeitstisch zu prassen denkt. Schon rustet sich der Pfaff zu Eurer Todtenmesse! Sie schauderte selbst vor dem entsetzlichen Gedanken zuruck, und ein Bild mit greisen Zugen und weissen Haaren, ein Bild voll Liebe und Gram stellte sich langsam in der Dammerung vor ihre Augen. "Mein Vater!" seufzte sie unter menschlicher Regung: "Mein Vater! Er ist der Einzige in jenem Hause, der nicht fallen sollte wie die Andern? Er ist aber auch der tugendhafteste, setzte sie, in grausamem Wahn sich selbst belugend, hinzu: und Gott thut Wunder an dem Gerechten. Wenn Gott nicht will, so erlahmt der Arm des Morders, sein Stahl zerbricht, und frei aus geht der Gute unter'm furchterlichsten Wirrsal. Fasse Muth, Wallrade, rede nicht matt und feige. Gott wird unter den Sundern die Seinen finden und behuten." Also ihr boses Trachten mit ihrem nagenden Gewissen trotzig, und schlau vereinbarend, liess die tuckische Wallrade die Stunde hinschleichen, und schwelgte im Voraus in den Schreckensauftritten, die im Vaterhause vorfallen sollten. Ihres Vaters gedachte sie zwar haufig, weniger, ihres armen Sohnes, aber die Glut wilder Leidenschaft und eine gewisse freche Lust, das Schicksal in die Schranken zu fordern, erstickte den Funken von Kindesliebe in ihrer Brust. Mutterliebe hatte sie nie gekannt, und das Andenken an den so gehassten Vater des kleinen Johannes war allein schon hinreichend, um sie zu bewegen, den Knaben einem drauenden Unheil sonder Mitleid zu uberlassen. Wahrend nun die Schreckliche also still und einsam in der dunkeln Zelle brutete, und die arme Judith im ganzen Kloster wie verschwunden schien, dammerte tiefer und tiefer der Abend nieder; die Strassen wurden leerer, die Trinkstuben voller, und auch im Knippling ging es lustig und gerauschvoll her. In der vordern Stube johlten Waidtrager, Loher und Schiffknechte, in dem hintersten Gemache sassen die Verbundeten mit mehreren ihrer Helfershelfer beim schaumenden Trunke. Die neunte Stunde hatte schon langst geschlagen, und mit Ungeduld harrten die Raublustigen, auf die zehnte. Um sich die Langeweile und Unruhe zu vertreiben, trank der Hornberger Zug fur Zug einen Becher leer, und der Reiffenberger, wie auch Veit von Leuenberg thaten herzhaft Bescheid. Zodick hingegen hielt sich nuchtern, und ermahnte die Fuhrer der, bereits auf ihren Sammelplatzen versteckten Knechte, die sich ebenfalls zum Abendtrunk hier eingefunden hatten, klar und hell im Kopfe zu bleiben, um den Dienst nicht zu versaumen. "Wie der Jude schwatzt!" rief der Reiffenberger unwirsch: "Ein rustiger Mann und ein wackrer Fussknecht mussen trinken wie Teufel, um, gleich Teufeln, losschlagen zu konnen .. Im offenen Streit ist ein kleiner Weinnebel an seiner Statt; man sieht nicht lange, wo man hinschlagt. Um eine Kehle abzuschneiden, bedarf man freilich klarerer Augen." "Mein! mein!" versetzte Zodick giftig: "wir wollen sehen, wer lacht von uns am letzten: ich mit meinen hellen Scheinlingen, oder Ihr mit Euern truben. Ich und meine Gesellen, und diese guten Freunde, wir werden noch immer thun mussen das Beste." "Pest und rother Hahn!" polterte Leuenberg dazwischen: "frohlich gelebt und frohlich gestorben ..... wie heisst das Spruchlein, Bruder Hornberg?"

"Lass mich doch ungeschoren mit Deinem Possenschwank!" antwortete ihm der Hornberger, eine Kanne leerend, und damit auf den Tisch klopfend: "Ich weiss ein bessres Liedlein: 'Firnewein vor der Schlacht, hat viele, zu Helden gemacht!' und so wollen wir's heute halten. Donner, Strahls Hagel und Gewitter! keine halbe Stunde mehr, und der Tanz geht los. Bis hieher haben uns alle Heilige bewahrt und geschirmt. Von all den Stadtschurken, die uns vorgekommen sind, hat uns kein einziger gekannt, nicht mich, der ich mit der Stadt meine Spane haben, nicht den Reiffenberg, der hier so viel schuldig ist, dass er von dem Gelde sein verfallnes Dach mit Goldgulden decken, und seinem Hof damit pflastern konnte; nicht den Leuenberg, der im Stadtbann liegt, er weiss wohl, warum ...?" "Nicht einmal den verfluchten Judenchristen hier haben sie erwittert;" fiel der Leuenberg ein, "ob er gleich von Stadt, Kaiser und Reich verfehmt und geachtet ist." Zodick lachte pfiffig. "Wisst ihr, ihr Herren," sprach er: "woher das kommt? weil ich mir nie getrunken habe einen Rausch, weder im Wein, noch im Frusselhannes. Nuchtern seyn, ist klug. Fur den Groschen, den hinauswirft der trunkne Mann, gewinnt der nuchterne ein Pfund." "Pah!" rief der von Leuenberg: "wie konnte, auch ein Jude frohlich seyn, wie ein christlicher Rittersmann. Gebt dem Gelichter 'ne Zwiebel, schimmlich Brod und faul Wasser; glucklich ist's dabei, wenn es nur Munze zusammenscharren mag." "Dass Ihr doch lahm wurdet, verfluchte Gojim!" murmelte Zodick in den Bart, wahrend er, es zu verbergen, sich unter den Tisch buckte, als wollte er ein Messer aufheben. "Lasst doch den Friedrich;" brummte der Hornberger: "der ist ein Christ, so gut wie einer, und wer ihn schimpft, hat's mit mir zu thun. Aber, Donner und Teufel! wo steckt der Wirth? Vergebens klopfe ich seit einer ewigen Frist nach einer frischen Kanne, und doch ist zu Frankfurt mehr des Weins in den Kellern, als Wasser in den Brunnen! Heda! eingeschenkt!"

Vergebens mahnte der vorsichtigere Zodick ab; Hornberg polterte aus allen Kraften mit den Kannen auf den Eichentisch, bis endlich Brandling erschrokken zur Thure hereinsprach. Der Mann hatte zwar in der Freude uber Heinrichs willkommne Botschaft, so wie in der heimlichen Seelenangst vor der kommenden Nacht, ebenfalls viele Schlucke uber den Durst gethan, und wankte unsicher auf seinen Beinen umher, aber die Sorge fur die Sicherheit seines Hauses und seiner Gaste verliess ihn selbst in diesem Zustande nicht. "Um der ewigen Barmherzigkeit willen!" rief er: "Ihr Herren macht doch nicht des Larmens so viel. Die Trinker in der Stube werden aufmerksam werden, und wissen wollen, wer dahinten also rumort. Und denkt 'mal; wer Euch also sahe, bewahrt und bewaffnet, wie Ihr seyd ...." "Halt's Maul, Hund!" fuhr ihn der Hornberger an: "Schenk ein: wir sind die Herren, Du der Knecht, und nicht lange wahrt's, so haben wir ganz Frankfurt unter unsrer Sohle. Schaff Wein herbei, und sey nicht lassig im Dienst, sonst schneide ich Dir, Gott verdamme meine arme Seele, fur jede Kanne einen Kerbstrich in Dein Hundeantlitz, dass Du aussehen sollst, wie ein bemalter Turnierpfahl. Wein, Schurke! Wein! Wasser unter'n Wein! Wasser darunter!" flusterte Zodick dem erschrocknen Brandling zu, welcher verblufft seinen Abtritt nahm, und bald neuen, sehr getauften Weinvorrath brachte. Mit ihm trat ein Knecht des Reiffenberg in die Stube, auf welchen alle neugierig losgingen und taumelten. "Sieh da, Eckart!" fragte sein Herr: "Wie ist's? wie steht's? was bringst Du?" "Alles ruhig, ihr Herren;" meldete der Knecht: "die Leute alle auf ihrer Stelle im Hinterhalt. Ich gab noch den Befehl, dass keiner von ihnen sich unterstehen solle, etwas zu beginnen, bevor Ihr nicht mit Euern Freunden an ihrer Spitze seyd. Sie erwarten das Zeichen ungeduldig." "Wahrlich nicht mit grossrer Ungeduld als wir;" antwortete der Hornberger: "Gewitter und Strahl! will denn die Zeit stehen bleiben? Sag an, Bursche: welche Stunde ist's?" "'s muss im Augenblicke Zehne schlagen;" antwortete der Knecht: "in Sachsenhausen druben riefen die Wachter schon die Stunde ab, doch pflegen sie's stets fruher zu thun, als hier heruben die Glocke schlagt." "Ei, so lasst uns die Kruge leeren!" sprach der Hornberger: "Gott sey gelobt; wir stehen am Ziele." "Kruge, aus, Waffen an!" lallte der Leuenberg: "Bruder Reiffenberg, schnalle mir den Gurt fester; meine Hand ist schwer und ungeschickt geworden." "Du wirst doch nicht zu viel im Kopfe haben?" fragte der Hornberger spottisch: "Ich fuhle Barenmark in meinen Knochen, und wollte einen Eichbaum spalten." Um den Beweis zu fuhren, hob er die schwere Klinge mit Macht, und wollte einen Hieb gegen den Ofen thun, allein die niedre Stubendecke wehrte dem Streich, und die Waffe fiel klirrend aus des Zechers Hand. "Weh geschrieen! weh geschrrieen!" begann Zodick, der unruhig wurde: "Was soll daraus werden. Hab' ich doch gezahlt auf einen Simson, und es wird nicht da seyn ein Davidchen! Ihr Leute, ihr Waffenknechte: haltet Euch besser als eure Herren, und folgt dem, was ich werde befehlen; denn ich werde gehen sicher, und zustossen ohne Fehl, und wenn herabkame vom Himmel der Melach der Konige!"

"Bist Du gewesen an der Frosche Haus?" fragte er sodann den Eckart leise. Dieser bejahte, und berichtete, Alles gehe dort hell auf, von Kerzenschimmer funkle Fenster und Thor, die Pauke wirble, der Bombard schnurre und die Pfeifer bliesen lustig zum Tanz. Zodick rieb sich, teuflisch lachend, die Hande, wahrend die Edelleute in Braus und Verwirrung ihre Waffen und Wehr ordneten, zusammensuchten, schalten und lasterten, und die Knechte alle Hande voll zu thun hatten, ihre Gebieter zum Strauss zu rusten; und sprach vor sich hin: "Ich danke Dir, hochgelobter Gott, dass Du mich lassest Rache nehmen an meinen Feinden. Ich war fluchtig wie Kain, aber bald werden s i e vor mir fliehen; ich war getreten in den Staub, aber bald werd' ich s i e stossen in's Elend! Warum kann ich nicht mit diesem blanken und haarscharfen Messer trennen vom Rumpfe der Menschheit a l l e Halse meiner Feinde? Warum ist Ben David gegangen in die Welt? Jochai geflohen von wannen man nicht kehrt heim, und Esther gewandert mit ihrem Bruder in's Weite, wohin mein Dolch nicht trifft? Aber euch verfolge mein Fluch; euch sey die Holle und das Feuer der Geheime, Amen!" Indem blies vom nahem Stiftsthurme der Wachter, und die Glocken schlugen die zehnte Stunde an. "Halloh! halloch!" rief der Hornberger: "rustig, ihr Genossen! der Teufel ist: los!" "Hand in Hand noch einmal lasst uns stehen!" sprach der Reiffenberg, "und schworen, ehrlich an einander zu halten, und unsre Pflicht zu thun." "Wir schworen's," riefen Edle und Knechte. "Du, Jude, thue Deine Schuldigkeit." "Gott soll mir helfen, dass ich sie thue;" erwiederte Zodick, sich die Mutze fest bindend. "Geschwinde!" rief Eckart in die Thure: "Stunde schlug, Thur' ist offen, der Wirth harrt unser, leis an der Stube vorbei, hinaus auf die Gasse!" "Baschol! baschol!" trieb nun Zodick selbst eilfertig und heimlich: "wir haben gewonnen, so wir behalten den Kopf frei und die Hand. Wenn ich nicht vollfuhre, was ich versprochen, so will ich den Talles haben im Augenblick ohne Gebet und Barmherzigkeit. Fort! fort!" Der Schwarm von Menschen drangte sich zur Thur, als diese rasch aufging, und Brandling's geisterbleiches Angesicht hereinsah. "Halt! halt!" stammelte er entsetzt: "wir sind verloren ...!" "Verloren?" donnerte ihm der Hornberger zu, und hob das gewichtige Schwert; aber, wenn gleich des Schenkwirths Stimme versagte, so ergab sich doch alsobald der Bescheid auf des Hornbergers Frage. "Im Namen der kaiserlich freien beschlossenen Acht!" schallten mehrere Stimmen draussen, begleitet von Schlagen an Wand und Thure. "Die heimliche Vehm!" riefen die Soldner verwirrt, und aus ihren Handen fiel die Wehr, einige verkrochen sich unter Tische und Ofen, wohin auch Brandling sich gefluchtet hatte, andere schmiegten sich auf die Banke an Wand und Ecke. Selbst den Leuenberg und den von Reiffenberg hatte dieser Schreckensname dergestalt erschuttert, dass sie auf ihre Stuhle zurucksanken, und der Hornberger senkte das drauende Schwert, hinter der Thure lauschend, durch welche einige vermummte Gestalten rasch und keck hereintraten, und wie Falken nach allen Seiten die Augen drehten. "Keiner ruhre sich!" schrie der Erste von ihnen mit rauher Stimme, "und wer ein frommer Mann ist, sitze still!" Da ergriff den Zodick eine entsetzliche Angst. Wild sprang er auf, schlug die Lampe um, und wollte durch die Geheimen durch in's Freie brechen; allein der Schimmer eines Windlichts, das durch die Offnung der Thure blitzte, blendete ihn, und der Verhullte riss ihm indessen Kappe, Haarhaube und Pflaster, vom Kopf und Gesicht. "D e r ist's!" rief er, den Schaudernden gegen seine Begleiter stossend, und diese antworteten in tiefem Tone: "Bei unserm Eid! d e r ist's!" "Jehova! Sammael! Christus! rette mich!" schrie der verzweiflungsvolle Jude, da ihn nun eine furchterliche Ahnung durch's Herz zuckte: "Weh mir! helft ihr Freunde!" Aber die Freunde blieben scheu und unthatig, weder Himmel noch Holle that zu des Frevlers Gunsten ein Wunder, und der heftige Dolchstoss, den seine erprobte Faust mit aller Gewalt auf die Brust des Anfuhrers der Verhullten fuhrte, brach sich an dem Panzer, den dieser trug. Ein heftiger Schlag schleuderte ihm die Waffe aus den Fingern, und eine feste Schlinge flog um seinen Hals, und riss ihn, seine Kehle zuschnurend, zu Boden. "Genade Dir Gott, Missethater!" riefen die Trabanten der heimlichen Acht, und schleppten den ohnmachtig widerstrebenden vor die Thure. Vor ihrem Anblick flohen die ubrigen Gaste, bisher neugierige Zuschauer, zur Pforte und Gasse hinaus. "Macht geschwinde!" herrschte der Schoffe seinen Frohnen zu: "Henkt ihn auf." "Wohin, Herr?" fragten diese. "Knupft ihn an den Kettenhaken neben der Thur!" befahl der Schoppe kalt; und dies Todesurtheil brachte den halb bewusstlosen Morder zu sich selbst. "Gott! hochgelobter Gott!" stohnte er, ausser sich: "Ich bin doch unschuldig! Ihr Manner! ich bin unschuldig." "Du bist verfehmt," erwiederte der Schoppe: "und all ist zu spat. Gott genade Dich." Schon ward der Strick um den Haken geschlungen. In wuthiger Todesangst brullte Zodick: "Ich gehore nicht vor Euer Gericht. Ich bin ein Jude, des Kaisers Kammerknecht ....!" "Wardst Du nicht getauft, abtrunniger Hund?" riefen die Frohnen: "Fahr' hin!" Der Elende schwebte in die Hohe. All' seine Glieder strebten an gegen den hart einbrechenden Tod, ... seine erstickende Kehle schnappte nach Luft, sein Mund versuchte noch den letzten Fluch, aber unter dem dumpfen: "Fahr' hin! Zeter! fahr' hin! genade Dir Gott!" stockte das verhasste Leben und der Grassliche war nicht mehr. Die Frohnen streckten ihn aus, der Schoppe stiess sein Messer in den Thurpfosten, und alle entfernten sich eilig durch die verodete Gasse denn alle Gaste der Schenke hatten die schnellste Flucht ergriffen vor den Vollstrekkern der gefurchteten heimlichen Acht. Die zum Mordbrand Verschwornen, sammt ihren Soldnern und Gesellen hatten sich nicht minder, von blindem Schreck gejagt, nach allen Seiten hin zerstreut. Der Unbandigste und Frechste aus ihrer Mitte war vom schnellen Tod dahingerissen worden, den seine frevelnde Zunge gerade herbeigerufen, und Jeder der Ubrigen war sich mancher schweren Schuld geheim bewusst. Die Spannung der Trunkenheit war gewichen, die Erschlaffung der Krafte und die Pein des Gewissens war zuruckgeblieben. Ohne ferner an die Verubung des grasslichen Mordplans zu denken, irrten die Teilnehmer desselben in den Gassen der Stadt umher, und ihre Furcht wuchs mit jedem Augenblicke mehr heran, denn mit Staunen und Herzklopfen horten sie, wie plotzlich, rasch hintereinander alle Glocken auf den Kirchthurmen wach und lebendig wurden, wie die Wachterhorner von den Zinnen bliesen, laut und dringend, wie das Gamperlein1 lautete, die Schnurre durch die Strassen lief, wie die Trommel vor dem und Quartier der Soldner wirbelte und die Trompete die Reisigen zu dem Sammelplatze rief. Lichter und Laternen wurden allenthalben ausgesteckt, in allen Hausern wurde es hell und lebhaft. Die Zunfte, Rotten und Fahnlein der Burger und Soldner stromten zusammen auf ihren Larmplatzen. Die Burgermeister mit den Bannern, den laufenden Gesellen und den Zunften der Altstadt hielten auf dem Samstagsberge und vor dem Falkenstein; in der Neustadt riefen die Hauptleute vor St. Marthen und Katharina die ihrigen auf. Der Schultheiss jagte zu Pferde, wie ein Wuthender zu seinen Reitern auf dem Liebfrauenberge; und nach Sachsenhausen hinuber der Oberstrichter, um dort den Befehl zu ubernehmen, und die verdachtigen, daselbst gelagerten Agypter zu bewachen und zu beobachten. Um die Verbindung mit der Stadt zu unterhalten, blieben die Bruckenthore offen, wiewohl mit Wachen und freiwillig herbeieilenden Burgern besetzt; denn es hatte sich das Gerucht verbreitet, die Stadt sollte morderisch angestossen werden mit Feuer und Schwert, und jeder zitterte fur seine Habe, und jeder entbrannte in Begierde, fur das gemeine Wesen sein Schwert zu ziehen. Die vielen Fremden, aus dem Schhlummer aufgeschreckt durch das Getose und die Besorgniss ihrer Wirthe, hatten sich, in Landsmannschaften getheilt, und bewaffnet, um ihre Niederlage versammelt; streifende Rotten von Spiesknechten durchflogen die Strassen, aufgreifend Alles, was verdachtig schien, und vor dem Romer glimmten die Lunten der Hakenschutzen, kampf- und streitfertig. Noch suchte jedoch das Auge der Gewarnten und Gerusteten vergebens den bewehrten Feind. Er hatte die Waffen weggeworfen und. irrte vermummt und verzweifelnd uber Platze und Gassen, das Dunkel suchend, und einen rettenden Ausweg. Dieser letztere war aber nicht zu finden, und so mussten die Verschwornen sich begnugen, einen Schlupfwinkel fur den gefahrlichsten Augenblick zu erspahen. Am Schlimmsten war daran der von Leuenberg, in dessen Gehirne noch der Taumel des Weins tobte, wahrend seine Fusse Blei waren, und der Hornberger, der mitleidig bei ihm aushielt, alle Muhe hatte, ihn mit Gewalt von der Stelle zu schleppen. Zodick's Hinrichtung hatte den furchterlichsten Eindruck auf ihn gemacht, und er sah sich selbst schon unterm Schwert des Nachrichters. So prahlend seine Zunge sonst gewesen, so feige war sie jetzt, und er hatte sich zum Monch scheeren lassen um den Preiss seiner Rettung. Aber diese Rettung war ihm nicht beschieden. Die schwarze Stunde trat auf seine Ferse. Am Ausgang eines Gassleins warf sich den Fluchtigen ein Trupp von Fussknechten in den Weg, und trennte sie. Wahrend auf der einen Seite der Hornberger angehalten wurde, und seine Kunst, so frech zu lugen, dass man's glauben musste, in Anwendung brachte, verbarg sich Leuenberg unter die Bank eines Eckhauses, und kroch schwerfallig hervor, da die Soldner weiter gezogen waren. Mit aller Schwere seines Korpers und seines eiligen Laufs fiel er einem unfern gehenden Manne, den er fur Hornberg hielt, um den Hals und in die Arme. "Pest und rother Hahn!" rief er, obwohl leise genug: "Du hast Dich meisterlich durchgelogen, Veit; und nun lass' uns weiter gehen." Der Mann brummte einige unverstandliche Worte, und suchte sich los zu machen. Um so fester klammerte sich der Leuenberg an ihn, und raunte ihm hastig und bebend in's Ohr: "Hornberger! Du wirst mich doch jetzt nicht verlassen wollen? Nur jetzt nicht Bruder, denn beim Teufel, ich bin schwach wie ein Kind, und in meinem Herzen spur' ich 'ne Angst, wie ich sie nicht verspurt, da ich dem Durning den Rest gab, ob's gleich mein erstes Stucklein war." Da stiess der Mann, Veits boser Engel einen gellenden Schrei der Uberraschung aus, und eine derbe Faust packte den Raubjunker wild bei der Brust. "Hund!" rief eine fremdartige Stimme: "Du bist's also? Du der Schelm, der meinen Herrn ermordet hat? Nieder mit Dir, Mordbube!" Beim auflodernden Schein eines Pechkranzes sah Veit mit straubendem Haar in ein wustes, grausam verzerrtes Gesicht, und dieser Blick war sein letzter, denn Ammon's Jagdmesser ubte die langgenahrte Blutrache furchterlich und schnell, dass kein Laut dem Darniedersinkenden mehr uber die erbleichenden Lippen ging. Ammon stand eine Weile mit wilder Zufriedenheit bei dem Entseelten, steckte den rachenden Stahl in die Scheide, und murmelte: "Wenn das nur Zufall war, so bin ich ein Schurke, und will schlechter seyn, als der gemeinste Heide. Nach so langer Frist musste ich hieher gerathen, um dem Todtschlager des Herrn seinen Lohn zu geben? Und er ging heim, ohne zu wissen, wer ihn heimschickte? und ich erschlug ihn, ohne mehr von ihm zu kennen, als sein selbstgestandiges Verbrechen? Lieber Herr dort oben, bitt' fur mich, wenn's eine Sunde war, die ich gethan!" Er wendete sich nun schnell von dieser Stelle, und wollte von dannen, als unfern von dem Platze eine Flamme aufging, und das ganze Gewuhl der in den Strassen stromenden Volksmenge zu der Rettung eines brennenden Hauses aufforderte. Ammon, nicht gelaunt, dem Gewuhle zu folgen, hielt sich gegen den Strom fest an der Ecke des Nebenhauses. Fussganger und Berittene gingen uber den Leuenberger weg, ohne im allgemeinen Drange der gefurchteten Gefahr sonderlich auf den in dunkler Gasse Erschlagenen zu achten, und da der Menschensturm etwas nachliess, drangte sich ein Mann, mit einem Kinde an der Hand, quer durch, und wendete sich mit Heftigkeit an den harrenden Ammon. "Der Larm und das Getose hat mich verwirrt gemacht;" sagte er mit unruhiger Hast: "Wollt mir berichten, wo man zum Liebfrauenberg am schnellsten gelangt." "Ich gehe dahin;" erwiederte Ammon, den Zerlumpten misstrauisch betrachtend:. "Habt Ihr ein gut Gewissen, mogt Ihr folgen; wo nicht, so bleibt zuruck; der Schultheiss befehligt dort." "Auf meinem Wege furcht' ich ihn nicht;" antwortete der Andere ruhig, und folgte mit seinem kleinen Begleiter getrost dem schnell vorangehenden Ammon.

Fussnoten

1 Sturmglocke; eigentlich viel spater erst aufgehangt.

Vierzehntes Kapitel.

Findet ihr den Trost nicht in der Nahe, so erhebt

euch und sucht ihn immer hoher; der Paradies

vogel flieht aus dem hohen Sturm, der sein Ge

fieder packt und uberwaltigt, blos hoher hinauf,

wo keiner ist.

Jean Paul.

Noch eine Stunde vor jenem wusten Larm und Getose, von welchem jetzt die bedrohte Stadt wiederhallte, war Diethers Haus ein Schauplatz stiller geselliger Freude gewesen, und ein froh' und zartliches Brautpaar hatte bei Tafel und Tanz die Ehrenamter des Hauses verwaltet, um den Gasten gefallig zu seyn. Das Prunkgemach des Gebaudes, das ganze Jahr hindurch verschlossen, und nur bei feierlichen Anlassen eroffnet, hatte auch diesmal den Freunden und Geladenen seine Herrlichkeiten aufgethan. Langs der blank getafelten Wand streckte sich der reichbelastete Tisch, von Polsterbanken und zierlich geschnitzten Schemeln umgeben; ein reicher Schenktisch strahlte neben der bemalten Eingangsthure. Gegenuber fanden die Spielleute ihren erhohten Platz. An den Wanden flammten Armleuchter, von der gemalten Decke schwebten an grunen Laubgewinden viele Kerzenreife herab, von welchen lange und buntglanzende Bander herniederflatterten bis auf die Scheitel der Tanzenden mitten im Saale. Denn das junge Volk hatte, Braut und Brautigam an der Spitze, den Tisch verlassen, um sich an rascher Bewegung zu ergotzen. Die Alten waren zuruckgeblieben, und liessen sich das letzte Prachtstuck der reichen Tafel, den kostlichen Mandelkase schmecken, der bei keiner ahnlichen Festlichkeit fehlen durfte, und auf dessen Zubereitung die grosste Sorgfalt verwendet wurde. Wahrend nun also Alt und Jung dem Vergnugen frohnte in erlaubter Hingebung, brach plotzlich von aussen die Storung ein, die das lustige Band der Geselligkeit zerriss. S'ist Feuer! schrie Alles, und die Manner, besorgt fur ihr Hab und Gut, machten sich bereit, dahin zu gehen, wo ihre Gegenwart erforderlich seyn mochte. Auch Heer Diether saumte nicht, seiner Schoffenpflicht zu gehorchen, die ihn zum Mittelpunkte der Gefahr rief. Vergebens waren die Bitten Margarethens, umsonst die Vorstellungen des Sohns, der sich erbot, an seiner Statt auf den Romer zu eilen, und fur ihn einzustehen in der gefahrlichen dunkeln Nacht. Der unbeugsame alte Mann hatte zu viel Eifer, einen all zu hohen Begriff von seiner Wurde, als dass er hier sich hatte uberreden lassen konnen; er ging, und liess seinem Dagobert noch obendrein den Befehl zuruck, als Schirmvogt im Hause zuruck zu bleiben, und fur das Wohl der Frauen besorgt zu seyn. Darauf ging er hinweg, und wollte kaum dem Edelknecht von Hulshofen, den Dagobert zum Beistand aufgefordert, erlauben, an seiner Seite zu bleiben, damit er unversehrt wieder nach Hause kehre. Das Hochzeithaus gewann nun ein ganz anders Ansehen. Das Gesinde wurde ausgeschickt, und nur einige rustige Knechte zur Hut der Pforte zuruckbehalten; die zuruckgebliebenen Frauen hatten sich in einen dichten Kreis um Frau Margarethen, die Frau von Durningen, und den Pater Johannes gedrangt, der am Morgen selbst die Trennung verrichtet hatte, und nun all seine Beredsamkeit aufbieten musste, um seinen angstlichen Zuhorerinnen nur eine Quelle des Trostes zu eroffnen. In dem Erker stand Dagobert, unruhig nach dem Himmel blickend, ob er sich nicht von Brandgluth rothe, oder niederschauend nach dem unfernen Liebfrauenberge, wo die Reisigen der Stadt ihre Rosse tummelten, und des Larms viel war. Seine junge Gattin stand neben ihm, seine Hand in des Geliebten Antlitz, nach dem Zustande seines Gemuths. Da fiel ein Blick der Liebe aus des jungen Mannes Auge auf die Brautliche, und er sprach mit zarter Stimme, ihre Wange streichelnd: "Sey nicht also beklommen, gute Regina. Es scheint zwar ein gewaltig Unheil die Stadt zu bedrohen, oder schon betroffen zu haben, aber die Burger von Frankfurt sind ein starkes Volk, zusammenhaltend wie an stahlerner Kette, und Brust an Brust zu einer Mauer reihend gegen den gemeinschaftlichen Feind. Da prallen denn gewohnlich auch die Pfeile des Unglucks machtlos ab, findet sich in der drauendsten Gefahr. Darum fasse Muth. So lange mein Am Dich umschlingt, soll Dir nicht Brand, nicht Feind Schaden zufugen." Er umfasste sie liebreich, und zog sie an sich, die sich ihm anschmiegte, wie ein vertrauendes Kind. Sie hob die hellen Augen zu ihm empor, lachelte sanft, und erwiederte: "Bei Euch, lieber Herr, furchte ich auch nichts, was von Menschen kommt. Aber, sollte diese unbegreifliche Storung, die unsre Hochzeitfreuden zerstort, sollte sie nicht eine Vorbedeutung seyn von mehrerem Unheil, das unsern neuen Stand betreffen soll?" "Gott verhute, mein Kind, dass solcher Wahnglaube Wurzel in Deinem Herzen fasse;" sagte Dagobert ernst, wiewohl milde: "Da fuhrtest dann selbst den Feind in unser stilles Hauswesen. Lass' dem Volke seinen Aberwitz, und vertraue auf Gott, der nicht mit seinen Kindern ein muthwilliges Spiel treibt. Liebst Du mich herzlich, so wie ich Dich, so werden wir stets glucklich seyn". "Dann musst Ihr mich aber auch stets lieben;" hob Regina wichtig an. "Nun freilich;" lachte Dagobert: "Wie konnte ich anders, meine Konigin?" "Ach, ich glaube euch so gerne;" versetzte Regina mit leisem Seufzer, und dennoch nicht ohne Schalkhaftigkeit: "aber ich habe mir schon meine eigenen Gedanken gemacht, und ich darf sie Euch jetzo gestehn, da Ihr ... da Ihr mein Herr seyd." "Du m u ss t sogar;" schaltete Dagobert scherzend ein, und fasste die Ergluhende beim Kinn, dass sie ihm nicht den Anblick ihrer lieblichen Schonheit entziehe. "Rede also zu Deinem Herrn." "Dass Ihr um mich geworben, guter Dagobert," fuhr Regina nach kurzem Innehalten ermuthigt fort, "das, das war mir lieb, sehr lieb sogar; aber, dass es so schnell gekommen, dass dieses Werben sich so dringend ausgesprochen, das liess mich im Stillen befurchten, Euer Gemuth mochte noch nicht ruhig, und jenes Bild, das Euch einst verzaubert hatte, noch darin geschaftig seyn. Mir war's, als ob ich das Mittel seyn sollte, das der Leidende auf's Ungefahr ergreift, ob es ihn vielleicht gesunden mache, das er jedoch, lindert es seine Qualen nicht, unmuthig wegwirft." "Ach, mein verehrter Herr, und lieber Dagobert," fuhr sie, da ihr Gatte lachelnd, aber schweigend, ihr in das liebliche Antlitz sah, fort, "wenn Ihr je mich also wegwerfen konntet, wenn jemals eine Zeit kommen sollte, in welcher Ihr Euch sagtet: O, dass ich sie doch nicht gesehen, nicht gefreit hatte! O, dass doch die Andre mein ware, die ich unsaglich liebte, und die jetzo noch mein ganzes Herz erfullt! das ware ein Ungluck, lieber Herr, und ich wollte dann lieber des Vetters Schwarzbach Hausfrau seyn, von dem ich schon am Altare wusste, dass er seinen Barenfanger mehr liebt, als Weib und Kind." "Seht doch, welche Grillen!" entgegnete Dagobert, ruhig und gelassen, und sah offen und ehrlich dem bekummerten Weiblein in das schwimmende Auge: "Diese Zweifel thun mir weh; indess ist ein Vertrau'n des Andern wurdig. So wisse denn, mein Kind, dass ich nicht von heute, nicht von gestern an, dich in meiner Brust trage, als eine liebe Freundin. In den Fesseln einer seltnen und seltsamen Liebe befangen, hatte ich darum nicht minder Sinn fur Deinen Liebreiz, Deine kindliche Anmuth, und ich hatte in der letzten Frist Muhe genug, gegen mein Gefuhl anzukampfen, und die Stimmung zu behaupten, die das Erloschen meiner thoricht getraumten Gluckssonne in mir erzeugt hatte. Ich floh wohl dann und wann sogar Deine Nahe, mein susses Kind, und jener Ringkauf an des Goldschmids Laden war ohne meinen Willen nur vom Zufall, oder der Bestimmung herbeigefuhrt. Ich laugne es nicht, dass dabei mein Herz schwer verwundet wurde, und gleich darauf, wie ein Donnerschlag aus heiterm Himmel, kam mir die Kunde, dass sie, um die ich trauerte, sich ganzlich losgerissen von meinem Herzen und Gedachtniss. Mein Ergrimmen gegen das Geschehene war vergeblich, unnutz, kindisch, und meine Pflicht gegen den Vater trat vor meine Seele. Ich will verschweigen, welchen Eindruck der Besuch des Wechslers Joel auf mich machte. Das finstre, gramliche Gesicht des Buntgekleideten, seine flache Einsilbigkeit, beleidigten meine Eitelkeit. Ihn, der nur fur das Geld Sinn hatte, das ihm mein Vater hinzahlte, ihn, der so kalt und theilnahmlos mir die wenigen Geschenke wieder reichte, die Esther einst von mir empfangen, ihn hatte sie mir vorziehen, diesen Juden mit ihrer Hand begaben konnen! Unwillig entliess ich den Makler, gehassig dachte ich an sein Weib zuruck; und Deine Schonheit, Deine jungfrauliche Tugend trat, wie durch einen Zauberschlag, lichtglanzend und strahlend, wie eine Himmelsgestalt, vor mich. Mit diesem Engelbilde besuchte mich auch mein guter Geist, und zu dem Lehrer meiner Kindheit, meiner Jugend fuhrte er mich mit Sturmgewalt, dass ich durch seine Weisheit das Gute vom Bosen unterscheiden lernen, und den wurdigen Theil erwahlen moge. Ich vermag es nicht, Dir die Worte zu wiederholen, die seinem Munde entquollen, mir zum Troste und zur Belehrung. Genug; ich verdankte ihnen meine Ruhe und die Ruckkehr meines heitern Sinns, das Bewusstseyn, Dich nicht leichtsinnig gefreit zu haben, meine gute, meine liebliche Regina. Johannes hat mich uberzeugt, dass Segen und Zufriedenheit wohl nimmer aus dem Bunde zwischen Esther und mir entsprungen waren, hatten beider Herzen sich auch unveranderlich geliebt. Die Kluft ist zu gross gewesen, selbst fur die Edelsten und Besten, und sie uberspringen zu wollen, war nur der Wunsch, die Sehnsucht einer feurigen, rucksichtslosen Jugend. So habe ich mich denn schnell entschlossen, mein susses Weib, um Deine Hand zu werben, und mit dem Kranze der Zufriedenheit meiner Altern Dach zu zieren. Da ich am Altare schwur, war ich fertig mit der Vergangenheit, die freundliche Erinnerung abgerechnet, die mich zum Grab geleiten wird; mein Frohsinn hat sich wieder eingestellt, und dies Fest nicht unwurdig begangen. Ich bin der Alte geworden, und selbst die Sturme dieses Abends, wie sie sich auch noch gestalten mogen, sollen mich nicht darnieder beugen, rette ich nur Dich, mein Kleinod, unversehrt aus dem Gedrange."

Regina warf sich mit dem vollsten Vertrauen der Liebe in Dagoberts Arme, und die Neuvermahlten vergassen in ihrer Seligkeit den Saal um sich her, mit seinen duster brennenden Kerzen und seiner angstlich lauschenden Bewohnerinnen, wie auch das auf der Gasse auf- und niederwogende Toben, Larmen und Treiben, dessen Ursache noch kein Mensch, allem Fragen zum Trotze, angeben konnte. Da erdrohnte von wiederholten Schlagen die Pforte des Hauses, dass alle Anwesende zusammenfuhren, und der hinter dem Ofen entschlummerte kleine Hans erschrocken aus dem Schlafe taumelte, und in die Arme der gutigen Margarethe lief. "Was giebt's da unten?" rief Dagobert dem kurz darauf eintretenden Ammon zu, und dieser winkte ihm, jedoch die Ubrigen mit einigen Worten beruhigend, auf die Seite. "Ein Mann ist draussen, der Euch zu sprechen wunscht;" flusterte er wichtig: "fast bedaure ich's, ihn hieher gefuhrt zu haben; denn erst beim Laternenschimmer im Hausgange ersah ich, dass der Bursche einer von dem agyptischen Volke ist, das gestern hier eingezogen ist, und in Sachsenhausen Rasttag halt. Vor solch Gesindel muss man auf der Hut seyn, darum hab' ich seine Gefahrten bei dem Pfortner zuruckhalten lassen, als Geissel fur Eure Sicherheit Herr, und die des Hauses. Draussen im Vorgemache wartet der zerlumpte Mensch."

Dagobert folgte dem Forstwart mit Zuversicht und Muth, und stand alsobald vor dem dunkelbraunen Gesellen, dessen Gesichtszuge die herunterhangenden Haare verbargen. Da jedoch Dagobert die Rede an ihn richtete, da strich der Mann die Haare zuruck, und fragte mit wohlbekannter Stimme: "Kennt Ihr mich nicht mehr. Herr Frosch? Bin ich Euch geworden ganz fremd?" Er streckte die Hand dem Staunenden entgegen, welcher jedoch betroffen einige Schritte, zurucktrat, und schier erschrocken aus rief: "Ben David! Mensch! bist Du's, oder afft mich ein possenhafter Zufall mit Deinem Gesichte und Deiner Stimme?" "Soll mir Gott helfen, als ich's selber bin, wie mich geboren hat die Mutter;" erwiederte Ben David, und griff nach des Junglings, Hand, wie ein Freund nach des Freundes Hand. Aber Dagobert wies die dargebotne Rechte erschrocken zuruck, und fragte dringend und angstlich: "Mensch! Was willst Du hier? Du bist gebannt; zittre vor Deiner Strafe; und fliehe, fliehe, armer Mensch! Dein Gesicht ist gekommen, um mir den heutigen Abend vollends zu truben, und kein Gluck bringt Dir dieser Gang!"

"Weh' mir! weh mir!" seufzte Ben David beklommen, faltete die Hande, und sah hierauf wehmuthig und bekummert in das Gesicht Dagobert's: "bin ich gekommen darum, dass ich empfangen werde also mit Schmach und Verweis? Ist das ein Willkomm fur den Schwaher, fur den Vater Eurer Braut?" "Meiner Braut?" fragte Dagobert noch staunender. "Hab' ich doch lassen rufen Euch, damit nicht erschrecke mein Estherchen vor meinem laugen Bart, in meiner zerlumpten Kleidung," fuhr Ben David fort: "Hab' ich doch geglaubt zu finden in Euch ein menschlich Herz; aber jetzo werdet Ihr mich fuhren zu meiner Tochter, damit ich sehe, ob sie verlernt hat jede Liebe zu ihrem Ette, jede Anhanglichkeit an das Gesetz, das sie verlassen." Mit der Zudringlichkeit, die seinem Volke und der leidenschaftlichen Bewegung eigen ist, wollte Ben David neben Dagobert vorbei in das Gemach dringen; der junge Mann, der jetzt erst den Missverstand begriff, hielt ihn stark aber mitleidig zuruck. "Halt ein, Ungluckseliger!" rief er: "Du bist im Irrthum, obgleich im Verzeihlichern." "Nicht?" stammelte verblufft der Jude, und hielte inne, schlug die Hande uber dem Kopf zusammen, und setzte hinzu: "Nicht? unglucklicher Vater!" Hierauf verklarte sich aber plotzlich sein Gesicht, wie zum Danke erhoben sich seine Arme, und ein: "Nicht? Gelobt sey Gott, der hochgelobte Herr und Konig!" entschwebte seinem zitternden Munde. Dagobert betrachtete ihn, mit bittern Gefuhlen kampfend, und Ben David ging bald aus seiner freudigen Erschutterung in eine unangenehme uber. "Wer weiss," murmelte er vor sich hin .... "wer weiss, ob es nicht also ist geworden schlimmer? Sagt mir, gnadigster Junker," sprach er laut, den Saum von Dagobert's Rocke kussend, "sagt mir, wo Esther ist gekommen hin? Vielleicht war' es doch gewesen besser, sie hatte geschlossen mit Euch den Bund, als" .... "Beruhige Dich!" versetzte Dagobert der ein bittres Lacheln nicht unterdrucken konnte: "Sie ist Eurer wurdig geblieben. Sie ging mir voraus in der Ehe, und Luttichs reichster Jude, Joel ist ihr Mann!" Uberrascht und zweifelnd starrte Ben David den Jungling an; da er aber in dessen Augen Wahrheit keine Falschheit las, so verkehrte sich schnell sein Trubsinn in Jubel, ausser sich voll Freude fiel er vor dem Junker auf die Kniee, und jauchzte: "Heil sey Euch, Herr, und der Segen des hochgelobten Gottes in Israel. Dank dem Propheten Elias und dem Fursten der Barmherzigkeit, die gnadig regiert haben das Herz meiner lieben Esther, die ich nun mit Freuden nenne mein eignes liebes Kind. Also belohnt der Herr die Treue, die an ihm halt fest wie Eisen und Gold. Ihr hattet mir geben konnen alle Kronen von Perl und Edelgestein, und sie hatten nicht also erquickt mein Herz und meine Augen, als Eure Worte es gethan. Gern will ich seyn ein schlechter Jude und unter Euern Schuhen der Staub, weil es also gekommen ist; gern nicht mich brusten, mit dem Namen Eures Schwahervaters und ohne mein Kind in Pracht und Herrlichkeit zu sehen, umsonst gekommen seyn zur Hochzeit. Doch." fugte er, sich besinnend, hinzu: "Nein! umsonst bin ich nicht da, gestrenger Junker." "Du meinst des Geldes wegen, das Dir der Herzog schuldete?" fragte Dagobert, der hinter Davids Rede judischen Eigennutz witterte. "Das Gold hat Deiner Tochter Gatte, Joel, schon empfangen." "Recht!" erwiederte David ruhig: "ist's doch meines Kindes Erbtheil, von dem ich nicht gesprochen, da ich einen grossern Schatz trage auf meiner Brust, die Haarlocke meiner Esther, fur welche ich einst verrathen habe mein letztes verstecktes Geld an den grausamen Zodick; ein Kleinod, das mich ermannt hat in jeglicher Gefahr, das mich gefuhrt hat wie Zauberwerk durch jedes Elend; kostlicher denn Gold und Geschmuck, das mir der hochgelobte Gott gesendet hat durch die Hand des Bosen, wie seine unerforschliche Klugheit heilt durch Gift und reif macht durch Kummer, Muhe und Last. Nein, Herr! ich habe nicht geredet, von dem Gelde des Herzogs, ich habe nicht begehrt ein Geschenk von Eurer Freigebigkeit; ich bin gekommen zu bringen ein Geschenk fur Euer Haus und Euer Hochzeitfest. Ich habe vermeint, zu schmeicheln den schmutzigen hebraischen Schwahervater ein in das Haus der Hochzeitfreude; aber, ist mir gleich dieses verwehrt, so wird sie doch angenehm seyn, des Landstreichers Gabe, und ubersehen lassen sein unhochzeitlich Kleid, und ihm erwerben ein verschwiegen Obdach in Euerm Hause." "Eine Gabe? Du?" fragte halb lachelnd, halb misstrauisch Dagobert. "Lasst Euch sagen:" erwiederte der Jude geschaftig, zutraulich und eilig: "Gottes Wunder sind gross. Ich bin gelaufen gen Hungarn, um dort zu finden mein Brod oder den Tod, und zu besuchen die Stadte, wo sie gemordet haben meinen Sohn. Das Gespenst des Andern hat mich gejagt, .... doch Ihr versteht nicht, was ich rede, und darum sag' ich Euch, dass ich gekommen bin zu der agyptischen Horde, die von Aufgang herzieht gen Niedergang, und an welche sich angeschlossen haben viele Verfolgte von unsern Leuten, um also zu gelangen in's Abendland, das sie nicht erreicht haben wurden, als Juden, allein und hulflos. Denn mir war's eingekommen plotzlich zu wandern nach dem hispanischen Land, und zu suchen mein Gluck. Geschah es eines Tags, dass ich finde bei einem gestorbnen Agypterweibe, das im Graben lag, ein Knablein, fein und flink, d a s bitter weinte, fragte ich ihn nach seinem Leid, und erzahlt mir der Bube, dass hier seine Pflegerin liege, todt, und dass er sey hulflos in der Welt, denn die Alte habe versprochen, ihn zu fuhren zuruck bei seinen Eltern, denen er gestohlen worden sey von walschem Bettvolk, das ihn, der krank und schwach gewesen, brauchen wollte, um der Allmosen mehr zu gewinnen fur das sieche Kind. Da aber die Bettelfahrt das Kind gesund gemacht, statt es noch ganzlich aufzureiben, so ist der Knabe bald geworden ein unnutzig Essmaul fur die Bettler, und sie haben ihn in Hungarn verkauft an das Weib, das todt vor mir lag." "Ei, Jungelchen," sprach, ich: "weisst Du denn, Du junges Blut, wer sie sind Deine Eltern, und wo sie wohnen?" Der Knabe lachte, und hat gesagt in seiner halb kauderwalsch gewordnen Sprache: "Freilich weiss ich's Alter! Heiss ich doch Johannes Frosch, das liebe Junkerlein von Frankfurt; denn also hat mich die Willhild genannt, alle Tage da ich bei dir gewesen bin auf dem Dorfe." "Gott! Gott! da wurde mir, als ob die Schechinah des Herrn herunter stiege von den Fingern der Cohenim und sich setzte auf meine freudige Brust." "Mensch!" fiel Dagobert ein: "ist das wieder eine Luge? oder spricht ein gnadiger Gott Wahrheit aus Deinem Munde?" "Wahrheit, Herr, Gott soll mir helfen!" versetzte der Jude geruhrt, mit Thranen in den Augen, und die Worte schnell herausstossend: "Denn wir sind gekommen an, und waren bald verzweifelt, weil man uns druben streng bewacht, dass keiner heruber komme, und ich nicht traute, ob des Bannes, dem Oberstrichter Alles zu entdecken. Morgen ware es jedoch geschehen, .... da hat der Herr uns heut befreit. In dem Getummel und Geschrei, dass man die Stadt verrathen wolle und anbrennen, haben wir gewonnen die Flucht, und sind heruber gekommen ganz und heil; lasst den Buben holen, der beim Pfortner sitzt, .... lasst ihn holen, Herr, denn bei dem Gotte Israels, und bei des Vaters Seele, auf der der Friede sey; der Knab' ist Euer Bruder, Euers Vaters Sohn!" "Johannes!" rief Dagobert entzuckt, und eilte nach der Treppe. Da tonte schon von unten die Stimme der alten Willhild, die schon am Tage verstohlen in's Haus gekommen war, um bei Frau Margarethen und dem Brautpaar ihren Gluckwunsch abzustatten. Sie kam dem Sohne Diether's auf der Stiege entgegen, den Knaben schon im Arme, den sie so eben beim Pfortner gesehen, ihn kussend unter Thranen, und ihn an's Herz pressend, wie das eigne Kind: "Herr!" stammelte sie schluchzend, und den Knaben in des Bruders Arme legend: "Herr! preisst Gottes Barmherzigkeit. Johannes ist der Knabe, frisch, gesund und von graden Gliedern ist er, er hat mich erkannt, er nennt seine Eltern, er bringt Freude und Gluck in Ihr Haus!" "Und Ruhe, Friedensruhe in meine Brust!" setzte Ben David in seliger Zufriedenheit verstohlen bei, gen Himmel blikkend: "So hab' ich doch nicht umsonst gelebt; so hab' ich doch nicht gelitten umsonst. Leid ist gekommen durch mich uber dieses Dach, Freude, Freude fuhre ich an meiner Hand wieder, hinein!" Indessen hatte Dagobert die Thure aufgerissen, und den Wiedergefundenen im Triumph in das Gemach getragen, auf Frau Margarethens Schooss. "Mutter! Euer Sohn!" rief er freudetrunken, und der Knabe, der in seinen, des aus ihrem Gedachtniss Verschwundnen, Armen unruhig und angstlich geworden war, brach in lauten Jubel aus, da er die Mutter wieder sah, deren Zuge ihm nicht fremd geworden waren. "Mutter! Mutterlein!" schrie er, weinend vor Entzucken: "Mutterlein, ich bin wieder da. Johannes, das liebe Junkerlein von Frankfurt ist wieder da. Nicht mehr von Dir lasse mich, Mutterlein, und dem guten Manne, der mich wiedergebracht! Horst Du, Mutterlein! horst Du? den armen Johannes behalte bei Dir!"

Wer hat Mutterfreude je gesehen? Wer hat das Entzucken je genossen, das vom Himmel herabfallt, plotzlich unerwartet in die Nacht des Grauens, wie ein duftiger Blumenkranz in ein dustres Verliess? wie ein erquickender Himmelsthau auf die lechzende Flur? Margarethe, die kraftige, starke Frau, erlag dem Ubermaass der Wonne nicht, aber die Kunst des Malers, der es versuchen wollte, diesen Jubelauftritt zu schildern, wurde unterliegen. Eine grosse Freude hat aber, wie ein grosses Leid das Eigene, dass sie beklemmend auf die Brust derjenigen fallt, die nicht auf's innigste Theil nehmen an dem Freudevollen. Also auch hier. Die meisten der Anwesenden zogen sich in entferntere Gemacher zuruck, oder verliessen das Haus, da das Getose auf den Gassen nachliess, und nur die eng Befreundeten blieben wohlwollend darin zuruck, wie ein kleiner Hofstaat die gluckliche Mutter umgebend, die den Thron der reinsten Zartlichkeit bestiegen hatte. Aber weder Margarethe, noch die Zeugen ihres Glucks bemerkten, dass draussen Alles ruhiger wurde, dass Hornklang, Glockenschall und Trommelschlag aufhorten, .... niemand bemerkte, dass ein Gast in die Stube getreten war, bis derselbe sich selbst ankundigte. Dagobert, Margarethe und alle Umstehende staunten, denn es war der Schultheiss. Mit einem edel ritterlichen Anstande naherte er sich der Gattin Diether's, hengte sich auf ihre Hand, sie kussend, und redete: "Ich war nur Willens, ehrsame Frau, hier einen Becher Weins zu heischen, ein Labsal, das Ihr gewiss dem ermudeten Feinde nicht versagt haben wurdet, ... allein, zum Zeugen dieses ruhrenden Auftritts geworden, ware, ich in Versuchung, Euch um Verzeihung vergangner Unbilder zu bitten, wenn ich wusste, dass mir diese Vergebung nicht entstehen mochte. Ich war ein thor, ein boser Thor; ich habe Euer Ungluck fur Schuld, Eurer Jugend leichten Sinn fur Tugendlosigkeit gehalten; .... doch ich bereue, ich sehe Euch nun rein, wie den Thautropfen im Blumenkelch vor mir; und die heutige Nacht, die durch ihre drohenden Schrecken auf's Neue alle biedern Burger an einander schloss zu gemeinschaftlichem Streben, gibt mir den Muth, mit Zuversicht Euch mein Gestandniss abzulegen. Reicht mir die Hand, Dagobert. Vergesst, und werdet mein Fusprecher bei Euer Mutter, bei Eurem Vater, der sich heute durch seinen Eifer, seine Thatigkeit meine hochste Bewundrung und den Dank der Vaterstadt errungen." Welcher Augenblick ware zur Versohnung geeigneter gewesen? Dagobert reichte frohlich dem Ritter die Hand, und Frau Margarethe lispelte mit niedergeschlagnen Augen: "Ich habe Euch nie gezurnt, gestrenger Herr. Ich beklagte nur Eure Verblendund, und bin erfreut, dass Ihr mir Eure Hochachtung ferner nicht versagt. Wo ist aber mein Eheherr? fragte sie lebhafter, den Knaben an sich druckend: Wo weilt er? Ihr spracht von drohenden Gefahren? Sind sie voruber, oder? ..." "Voruber;" erwiderte der Ritter beruhigend: "voruber durch die redliche Hochherzigkeit einer schlichten Magd, die unter dem harnen Kittel ein Gemuth voll Adel burgt. Ohrenzeuge einer Verschworung geworden, die Leben und Habe aller Burger, die Eure vor allen betraf, wollte sie, was sie gehort, entdecken. Teuflische Schadenfreude am Bosen trat ihr hinterlistig in den Weg. Die arme Dirne konnte aus einem Kerker, in den man sie gesperrt, nicht entwischen, als in den letzten Augenblicken vor der bestimmten Stunde des Verbrechens, wo es ihr gelungen war, ihre Stimme Andern vernehmbar zu machen. Die Tucke ihrer Gegnerin, einer Klosterfrau, leider diesem Hause befreundet, kam schnell an den Tag. Die Oberin liess die Strenge walten, und hat die Unverbesserliche zu ewiger Clausur verdammt. Fur die Welt, der sie nur schaden wollte, ist sie verloren. Indessen, rief Judith, die wackre Magd, mich und die Burgermeister aus dem Schlummer; mit uns die Stadt. Gott hat gnadig den Schild vor uns gehalten. Viele verdachtige Gesellen fielen in unsere Hande. Ein Schiff, angefullt mit andern, entkam auf dem Strome. Einen abscheulichen Radelsfuhrer hat die Vehme gerichtet; einen andern, bis zur Unkenntlichkeit von Rossen und Menschen zerstampften Leichnam fand man auf der Strasse. Mit der grossten Wachsamkeit konnte man dennoch nicht verhuten, dass ein Haus, von Messfremden grosstentheils bewohnt, von dem mord- und raublustigen Gesindel mit Feuer angestossen wurde. Dort, begriffen zu loschen, zu retten und zu schirmen, befindet sich Euer Gemahl, ehrbare Frau. Bald wird er heimkehren, seine Burgerkrone, Euch zu Fussen zu legen, und sich mit den Freuden des Wiedersehens seines Sohns zu bekranzen. Gluck auf! aber auch Dank dem Biedermanne, der also sein Unrecht gut gemacht, und vergessen an der Thure steht, wie ein Fremder. Komm naher, David, den ich wohl erkenne! furchte nichts! Der Bann soll von Dir genommen werden, und, dies bewirkend, will ich beweisen, dass ich's furder redlich meine mit diesem Hause und seinem Frieden." Die Zuhorer, die bisher der Rede des Schultheissen mit angstlichem Schauer gelauscht hatten, verklarten nun ihr Antlitz zum Lacheln der Zufriedenheit und beeiferten sich um die Wette, dem Juden, dem die innere Gemuthsbewegung auf dem unschonen Gesichte stand, die redlich verdiente Dankbarkeit durch Wort und Handschlag zu beweisen. Sogar Ammon, der an der Thure lauschte, fuhlte sich davon ergriffen, spurte eine Thrane in seinem Auge, und hatte es nicht uber sich gewinnen konnen, dieses Fest der Herzen durch die Kunde seiner That zu storen. "Gott segne meine Edelfrau!" sprach er in sich hinein: "Sie und ihre Tochter sind so selig, wie fast nie. Darum sollen sie auch nie erfahren, dass ihr Vater und Gatte blutig geracht wurde. Weiss i c h ' s doch, und war doch die That geracht." Plotzlich schoss der Diener Eitel an ihm voruber, riss die Thure auf, und rief freudig: "Der Herr kehrt heim! Der gute Herr! welche Freude wird das seyn!" Dem Ankommenden stromte Alles entgegen, und alle Zungen sprachen zu ihm, und alle Augen strahlten ihm Freude zu, und alle Hande legten dem von Lust und Uberraschung Trunknen seinen Knaben, seinen Sohn in die zitternden Vaterarme. "Vater! Vater! bist Du's, und kennst Du das liebe Junkerlein aus Frankfurt noch?" fragte der wahre Johannes in seiner kindischen ausgelassenen Wonne: "Gelt! ich hab' Euch wiedergefunden, ihr meine Eltern? Gelt, ich bin gesund heimgekommen, und ich darf jetzt bei Euch bleiben? Ich muss nicht wieder zu Willhild, auf das Dorf, wo man die schlafenden Kindlein stiehlt?" "Nein, nein!" betheuerte der begeisterte Greis: "Nicht mehr aus diesem Hause, nicht mehr aus diesen Armen!" Indem nun Diether, vorschreitend, den um ihn gesammelten Kreis durchbrach, und vergebend und vergessend dem Schultheiss die Hand schuttelte, wurden hinter ihm zwei Gestalten sichtbar: ein Mann in wohlhabender Kleidung und ein verschleiert Frauenbild. Dagobert erschrack heftig, denn der Mann war Joel, der Wechsler aus Luttich, und unter dem bergenden Schleier konnte nur Esther athmen. Es schnurte ihm das Herz zusammen, wahrend Margarethe den Eheherrn nach den Fremden fragte.

"Das Haus, in dem sie wohnten, brannte nieder, erklarte, sich entschuldigend, der Altburger. Ihr Habe habe ich gerettet, und bot ihnen ein Unterkommen fur diese Nacht, obschon sie sich straubten, mir hieher zu folgen. Aber, seh ich recht? setzte er bei: Hier erst, guter Freund, erkenne ich Eure Zuge. Beim Blitz, Ihr seyd der Mann, dem ich das Geld gezahlt, das seinem Schwahervater zugehort, und diese Frau ...." "Gottes Wunder!" schrie hier plotzlich Ben David auf, dessen bis jetzt die dem alten Erzahlenden in der Freude ihres Herzens kaum erwahnt hatten, und der demuthig hinter den Vornehmern stand: "Gottes Wunder! es ist nicht gewesen sein Geist ... er ist es selbst! Ascher! Ascher! mein Sohn! mein Sohn! seh ich Dich wieder, ... und weg geschrieen, ... w i e seh ich Dich wieder?" "Vater! Vater! hochgelobter Gott in Deiner Gnade!" rief mittlerweile die Verschleierte, deren Verhullung sank, deren Zuge Esther's waren, deren Knie brachen, und welche hingleitete in des besturzten Dagobert's Arm, sogleich unterstutzt von ihrer glucklichen Nebenbuhlerin Regina. Dieser Auftritt wandelte die Zuschauer zu Stein, den Schultheiss ausgenommen, der, von Esther's Anblick beschamt, davon schlich aus dem Saale, und ausgenommen Ascher, der auf seinen Vater zugelaufen war, und mit ihm, lebhaft und unterwurfig sich geberdend, einen wichtigen Zweisprach hielt in hebraischer Zunge.

"Esther! Tochter Ben David's!" rief Dagobert der Erwachenden in's Ohr: "Sage, Du hier? Du betrittst dies Haus?" Die Augen offnend, aus welchen die zartlichste Liebe auf Dagobert strahlte, erwiederte die Liebliche, reizend selbst in der Blasse der Ohnmacht: "Euch, verehrter Herr, sollte ich noch einmal sehen; Zeuge Euers Glucks seyn sollte ich; Euch finden musste ich im Arme der Braut und der wonnevollen Eltern. So wollte es das Schicksal und der hochgelobte Gott, der noch einmal prufen wollte dies Herz. Aber," setzte sie mit himmlischer Zufriedenheit auf Stirn' und Wange hinzu: "gepriesen sey seine Huld! Ich kann Euch offen sehen in's Auge, ohne neidisch zu seyn auf Euer Wohl, und gut hat er's gemacht und recht in seiner unerforschlichen Weisheit!" Wie staunend und sprachlos auch Dagobert und seine junge Gattin an den Lippen der Redenden hingen; ihre Staunen, ihre Uberraschung steigerte sich, da Esther in ihres Vaters Arme flog, der gerade seinen wiedergefundenen Sohn gesegnet hatte; denn Ben David sprach: "Gesegnet sey der Herr, der meine Augen offen gehalten, dass ich sehe zuruckkehren zu den schonen Hutten Jakobs den Verlornen, und preisen darf das Loos derjenigen, die ich liebe, trotz einem Sohne, weil sie nicht gefallen ist in die Schlingen der Abtrunnigkeit! Ist mir's jedoch gewesen wie ein Traum, dass man mir gesagt, Du seyst vermahlt, mein Kind! wo ist Dein Mann, Kind, dass ich ihn segne mit den Fingern meiner Hand und dem Spruche des Gerechten?" Da bluhte das Gestandniss des grossten Edelmuths, den je ein Weib bewiesen, in Purpurflammen auf Esther's Angesichte auf; und sie schuttelte ehrerbietig den Kopf, und beugte sich nieder vor Ben David, und ihre Lippe stammelte: "Bei dem Gedachtniss des Raaf! Ich bin Jungfrau, und unvermahlt!" Dagobert's Hand zuckte heftig in Regina's Hand bei diesem Gestandniss, und noch einmal erhob sich mit Sturmesgewalt eine Bewegung in seiner Brust, auf welcher sich der bose Geist, der in den Tiefen schlummert, herauf arbeiten wollte, zur Geschaftigkeit und That. "Du warst getauscht!" raunte er dem erbleichenden Brautigam zu: "Verrathen und betrogen um Dein Lebensgluck! Warum ist sie schon fern Fiorilla, die Lugnerin? warum Dir so nahe, unaufloslich an Dich geschmiedet, die minder als Esther geliebte Regina? Giebt es kein Mittel, zu andern, was vorgegangen?" Das Gefluster des bosen Geistes verstummte jedoch, und zuruck wogte die finstre Welle, auf welcher er gekommen, denn Dagoberts Treue und Mannlichkeit behielt den Sieg. Beruhigend und liebevoll blickte er auf Reginen hernieder, die, von Esthers Bekenntniss erschreckt, mehr denn Dagobert, angstlich das Haupt an seine Brust gelegt hatte, das Auge zu ihm emporgerichtet, als wollte sie fragen: "Mein Geliebter! wankst Du nun? bereuest Du nun? und bin ich die Deine noch, oder schon von Dir getrennt?" Er umschlang sie mit der Innigkeit eines wahren und redlichen Gefuhls, druckte einen Kuss auf ihre Stirne, und wendete sich mit offnem Gesichte zu Esther, die, in den Armen des Vaters liegend, mit wehmuthiger Freundlichkeit nach ihm heruber sah. "Seltsames Madchen!" sprach er, ohne Vorwurf, ohne Bitterkeit: "Ich weiss nicht, soll ich Dir zurnen, oder Deinem Gedachtniss eine doppelte Liebe schenken? Bunt und tauschend schimmernd, wie eine Schlange, windest Du Dich zu dem Ziele der Tugend, und furchtest nicht, einst zu bereuen?" "Nimmermehr, mein theurer Freund, den ich also nennen darf, vor allen, die uns umstehen!" erwiederte Esther himmlisch lachelnd: "So wie wir getheilt haben die Liebe einer abwechselnd dustern und rosigen Zeit, also mussten wir auch die Reue theilen, und man fuhlt diese nicht im Besitze eines reinen, schonen, tugendhaften Wesens, wie Eure Braut; man fuhlt sie nicht in dem Bewusstseyn erfullter Pflicht. Glanzen nicht hier in jedem Auge Thranen der Freude und der Ruhrung? Zwei Vater, zwei Mutter segnen meinen Entschluss, und aus der schlechten Judin, die, hatte sie auch erschlichen durch die Taufe das Burgerrecht in diesem Hause, dennoch immer darin geblieben ware eine Fremde, ist geworden auf einmal eine Freundin, ein Geschopf, das man duldet um ihres Gemuths willen. Ich kann nicht dankbar genug preisen den Herrn, der mir Starke genug gegeben, auf mich selbst zu walzen eine Schuld, um Euch, theurer Herr, zu bewegen, den Schritt zu thun, der, uns plotzlich auf ewig trennend, Eure Sinne zuruckfuhren musste in den Kreis der Euern, Euers Standes, Eurer Pflichten. Ich wollte Euch nicht mehr sehen, und grollte fast mit dem hochgelobten Gott, dass er mich noch einmal in Eure Nahe gefuhrt, weil ich zu storen glaubte, nicht meiner Seele Frieden, der unerschutterlich besteht, sondern Euer harmlos Erstlingsgluck; allein nun benedeie ich Jehovah und sein Gesetz, da sie mir zum Lohne wieder finden liessen den schmerzlich beweinten Vater!" Sie warf sich entzuckt von neuem an den Hals Ben David's. "Liebenswerthes Madchen!" rief Margarethe, und umschlang, das Vorurtheil vergessend, Esther's Nakken; "Wandle stets auf dieser Bahn!" ermahnte, ihre Hand ergreifend, die bewegte Edelfrau; "sieh hier mehr als eine Christin!" sprach Dagobert in seligem Entzucken zu Regina: "sieh hier eine Heilige!" Diether trocknete sich, halb abgewendet, sein nasses Auge, und sagte: "Gott segne Euch, ihr armen, verirrten, verblendeten Menschen, die mir aber Gutes gethan haben, wie Bruder, und Die ich schier lieben muss, wie solche! Sprecht indessen! Ihr habt mir den Sohn wieder gebracht, die Lust meines Alters, so wie sein alterer Bruder der Stolz desselben ist. Ich bin nicht undankbar! fordert meine Habe! hin geb' ich sie Euch, mit Freuden fur dieses Kleinod, das Ruhe und Heiterkeit auf ewige Zeiten unter mein Dach zuruckfuhrt. Warum bin ich nicht der Mann, der das romische Reich bewacht und hutet? beneidenswerth sollte euer Loos seyn!" Ben David lachelte, seine Kinder umschlingend, dass seine vernarbten Zuge fast einen angenehmen Anblick gewahrten. "Ehrsamer, Herr!" rief er froh bewegt: "bin ich nicht schon geworden ein gekronter Konig, voll Ehren und Freude? Wer sieht mich in der Kinder Mitte, und beneidet mich nicht? Behaltet, Herr, eure Gaben, und lasst dafur fallen einen Blick der Gnade auf einen Armen, der bis jetzt im Winkel gestanden ist, wie einer, der nicht zu den Frohlichen gehort." Er fuhrte den armen kleinen Hans, der sich schuchtern hinter einen Sessel gezogen hatte, dem Grossvater zu, an dessen Halse noch der Wiedergefundne ruhte. Hans hatte die Augen voll Thranen, Schmerz auf den Lippen, und seine Handchen falteten sich bittend. "Verstosse mich nicht, Vater!" seufzte er: "und Du, mein gutes Mutterlein! was hab' ich Dir gethan, dass Du mich nicht mehr ansiehst, um des fremden Buben willen, der mir ein bos Gesichte macht?" Fast beschamt bogen sich Diether und Margarethe schmeichelnd zu der gekrankten Unschuld hernieder; als aber Dagobert, dessen Blicken nichts entging, des echten Bruders grollendes auf Hans gerichtetes Auge ersah, da trat er in die Mitte, Reginen an der Hand, und sagte: "Was ich einst gelobte, will ich jetzo halten, so Gott mir hilft, und mein redliches Weiblein einstimmt. Dieses Kind eines unglucklichen Bundes, einer Schwester, die uns hasste und hassen wird bis zu Ende, .. es entgelte nicht die trube Stunde seiner Geburt. Mein Sohn sey Hans, und willst Du, meine Hausfrau der erste Sprossling unsrer jungen Ehe!" Die liebliche Regina beugte sich, von Mutterahnung uberrascht, zu dem Knaben nieder, und weihte ihn durch ihren reinen Liebeskuss zu ihrem Sohne. Lobend und gluckwunschend drangten sich die Altern um das Paar; Esther zog aber rasch und sturmisch Vater und Bruder in das Seitengemach. "Ich kann, ich darf dies Schauspiel nicht wieder sehen!" sprach sie mit bewegtem Herzen: "Ich fuhle dann, dass ich nur bin ein schwaches Wesen von Staub. In Eurer Mitte lasst mich seyn beruhigt und frohlich in meiner Pflicht, und lasst uns entweichen aus Frankfurt, wo ich nimmer athmen kann!" "Wir gehen, wohin mich ruft eines wackern Fursten Gnadenstimme, gen Innsbruck!" versetzte froh der Vater, die Hande dankbar gen Himmel hebend: "Ich bin wieder geworden ein schuldloser Mann, und von mir wird weichen Bann und Makel; ich halte wieder bei mir den verlornen Sohn, der in Busse und Noth wiedergefunden hat Israel. Ich ruhme mich einer Tochter, die erkannt hat, dass die Leidenschaft demuthiger seyn muss, als die Liebe zu dem Herr, und der Lehre, in der wir geboren! Freude also in Israel und in den Zelten der Gerechten! Du, Ascher, wirst meinen Stamm fortpflanzen auf die spatsten Zeiten, wie es thaten die Voreltern, auf denen der Friede sey, und Du, mein Kind Esther, wirst den Lohn Deiner Tugend an der Hand eines rechtschaffenen Mannes aus Israel finden!" "Nimmer, mein Vater;" erwiederte rasch, aber ernst und fest entschlossen Esther: "Nicht dem Manne aus Edom, nicht dem Sohne Jakobs gehore jemals Dein Kind. Ich will Dich pflegen, bis Dein Angesicht bleich wird, und dann erloschen, einsam und ruhig, das schwor' ich bei Gott! Schilt mich nicht. Nur einmal bluht im Lenz der Baum, die Blume. Die Liebesbluthe meines Fruhlings ist dahin, kehrt niemals wieder. Die Erinnerung labe mich fortan, und des Wiedersehns Hoffnung. Freudig sehe ich zuruck auf meinen Pfad, freudig und zuversichtlich in die Ferne. Dem hochgelobten Herrn bin ich treu geblieben, und i h n , den Freund, finde ich wieder glaubt mir's unter den Palmen des ewigen Zions; seiner wurdig ist geblieben meine Seele, und sie wird mit der reinsten Wonne ihn und die Gattin umschlingen unterm Klang der goldnen Harfen der Gerechten, unter der Engel Hallelujah!"

Ende.