1827_Hauff_033 Topic 1

Wilhelm Hauff

Lichtenstein

Romantische Sage aus der

wurttembergischen Geschichte

Erster Teil

Einleitung

Von der Parteien Gunst und Hass verwirrt

Schwankt sein Charakterbild in der Geschichte;

Doch euren Augen soll ihn jetzt die Kunst

Auch euren Herzen menschlich naher bringen:

Sie sieht den Menschen in des Lebens Drang

Und walzt die grossre Halfte seiner Schuld

Den ungluckseligen Gestirnen zu.

Schiller

Die Sage, womit sich die folgenden Blatter beschaftigen, gehort jenem Teil des sudlichen Teutschlands an, welcher sich zwischen den Gebirgen der Alb und des Schwarzwaldes ausbreitet: das erstere dieser Gebirge schliesst von Nordwest nach Suden in verschiedener Breite sich ausdehnend, in einer langen Bergkette dieses Land ein, der Schwarzwald aber ziehet sich von den Quellen der Donau bis hinuber an den Rhein und bildet mit seinen schwarzlichen Tannenwaldern einen dunklen Hintergrund fur die schone, fruchtbare, weinreiche Landschaft, die vom Neckar durchstromt an seinem Fusse sich ausbreitet und Wurttemberg heisst.

Dieses Land schritt aus geringem, dunklem Anfang unter mancherlei Kampfen siegend zu seiner jetzigen Stellung unter den Nachbarstaaten hervor. Es erregt dies um so grossere Bewunderung, wenn man die Zeit bedenkt, in welcher sein Name zuerst aus dem Dunkel tritt; jene Zeit, wo machtige Grenznachbarn, wie die Stauffen, die Herzoge von Teck, die Grafen von Zollern um seine Wiege gelagert waren; wenn man die inneren und ausseren Sturme bedenkt, die es durchzogen und oft selbst seinen Namen aus den Annalen der Geschichte zu vertilgen drohten.

Gab es ja doch sogar eine Zeit, wo der Stamm seiner Beherrscher auf ewig aus den Hallen ihrer Vater verdrangt schien, wo sein unglucklicher Herzog aus seinen Grenzen fliehen und in druckender Verbannung leben musste, wo fremde Herren in seinen Burgen hausten, fremde Soldner das Land bewachten, und wenig fehlte, dass Wurttemberg aufhorte zu sein, jene bluhenden Fluren zerrissen und eine Beute fur viele oder eine Provinz des Hauses Osterreich wurde.

Unter den vielen Sagen, die von ihrem Lande und der Geschichte ihrer Vater im Munde der Schwaben leben, ist wohl keine von so hohem romantischem Interesse, als die, welche sich an die Kampfe der eben erwahnten Zeit, an das wunderbare Schicksal jenes unglucklichen Fursten knupft. Wir haben versucht, sie wiederzugeben, wie man sie auf den Hohen von Lichtenstein und an den Ufern des Neckars erzahlen hort, wir haben es gewagt, auch auf die Gefahr hin, verkannt zu werden. Man wird uns namlich entgegenhalten, dass sich der Charakter Ulerichs von Wurttemberg1 nicht dazu eigne, in einem historischen Romane mit milden Farben wiedergegeben zu werden; man hat ihn vielfach angefeindet, manches Auge hat sich sogar daran gewohnt, wenn es die lange Bilderreihe der Herzoge Wurttembergs mustert, mit scheuem Blick vom altern Eberhard auf Christoph2 uberzuspringen, als seie das Ungluck eines Landes nur allein in seinem Herrscher zu suchen, oder als seie es verdienstlich, das Auge mit Abscheu zu wenden von den Tagen der Not.

Und doch mochte es die Frage sein, ob man nicht in Beurteilung dieses Fursten nur seinem erbittertsten Feinde Ulerich von Hutten nachbetet, der, um wenig zu sagen, hier allzusehr Partei ist, um als leidenschaftloser Zeuge gelten zu konnen; die Stimmen aber, die der Herzog und seine Freunde erhoben, hat der rauschende Strom der Zeit ubertaubt, sie haben die zugleich anklagende und richtende Beredsamkeit seines Feindes, jene donnernde "Philippica in ducem Ulericum" nicht uberdauert.

Wir haben fast alle gleichzeitige Schriftsteller, die Stimmen eines langstvergangenen, vielbewegten Jahrhunderts gewissenhaft verglichen und fanden keinen, der ihn geradehin verdammt. Und wenn man bedenkt, welch gewaltigen Einfluss Zeit und Umgebungen auf den Sterblichen auszuuben pflegen, wenn man bedenkt, dass Ulerich von Wurttemberg unter der Vormundschaft schlechter Rate aufwuchs, die ihn zum Bosen anleiteten um ihn nachher zu missbrauchen, wenn man sich erinnert, dass er in einem Alter die Zugel der Regierung in die Hande bekam, wo der Knabe kaum zum Jungling reif ist, so muss man wenigstens die erhabenen Seiten seines Charakters, hohe Seelenstarke und einen Mut, der nie zu unterdrucken ist, bewundern, sollte man es auch nicht uber sich vermogen, die Harten damit zu mildern, die in seiner Geschichte das Auge beleidigen.

Das Jahr 1519, in welches unsere Sage fallt, hat uber ihn entschieden, denn es ist der Anfang seines langen Ungluckes. Doch darf die Nachwelt sagen, es war der Anfang seines Gluckes; war ja doch jene lange Verbannung ein lauterndes Feuer, woraus er weise und kraftiger als je hervorging; es war der Anfang seines Gluckes, denn seine spateren Regentenjahre wird jeder Wurttemberger segnen, der die religiose Umwalzung, die dieser Furst in seinem Vaterlande bewerkstelligte, fur ein Gluck ansieht.

In jenem Jahre war alles auf die Spitze gestellt. Der Aufruhr des Armen Konrad war sechs Jahre fruher mit Muhe gestillt, doch war das Landvolk hie und da noch schwierig, weil der Herzog sie nicht fur sich zu gewinnen wusste, seine Amtleute auf ihre eigene Faust arg hausten und Steuern auf Steuern erhoben wurden. Den Schwabischen Bund, eine machtige Vereinigung von Fursten, Grafen, Rittern und freien Stadten des Schwaben- und Frankenlandes hatte er wiederholt beleidigt, hauptsachlich auch dadurch, dass er sich weigerte, ihm beizutreten. So sahen also alle seine Grenznachbarn mit feindlichen Blicken auf sein Tun, als wollten sie nur Gelegenheit abwarten, ihn fuhlen zu lassen, welch machtiges Bundnis er verweigert habe. Der Kaiser Maximilian, der damals noch regierte, war ihm auch nicht ganz hold, besonders seit er im Verdacht war, den Ritter Gotz von Berlichingen unterstutzt zu haben, um sich an dem Kurfursten von Mainz zu rachen.

Der Herzog von Bayern, ein machtiger Nachbar, dazu sein Schwager, war ihm abgeneigt, weil Ulerich mit der Herzogin Sabina nicht zum besten lebte. Zu allem diesem kam, um sein Verderben zu beschleunigen, die Ermordung eines frankischen Ritters, der an seinem Hofe lebte. Glaubwurdige Chronisten sagen, das Verhaltnis des Johann von Hutten zu Sabina sei nicht so gewesen, wie es der Herzog gerne sah; daher griff ihn der Herzog auf einer Jagd an, warf ihm seine Untreue vor, forderte ihn auf, sich seines Lebens zu erwehren und stach ihn nieder. Die Huttischen, hauptsachlich Ulerich von Hutten, erhoben ihre Stimmen wider ihn, und in ganz Teutschland erscholl ihr Klage- und Rachegeschrei.

Auch die Herzogin, die durch stolzes, zankisches Wesen Ulerich schon als Braut aufgebracht und ihm keine gute Ehe bereitet hatte, trat jetzt als Gegnerin auf, entfloh mit Hulfe Dieterichs von Spat, und sie und ihre Bruder traten als Klager und bittere Feinde bei dem Kaiser auf.3 Es wurden Vertrage geschlossen und nicht gehalten, es wurden Friedensvorschlage angeboten und wieder verworfen, die Not um den Herzog wuchs von Monat zu Monat, und dennoch beugte sich sein Sinn nicht, denn er meinte, recht getan zu haben. Der Kaiser starb in dieser Zeit; er war ein Herr, der Ulerich trotz den vielen Klagen dennoch Milde bewiesen hatte; an ihm starb dem Herzog ein unparteiischer Richter, den er in diesen Bedrangnissen so gut hatte brauchen konnen, denn das Ungluck kam jetzt schnell.

Man feierte das Leichenfest des Kaisers zu Stuttgart in der Burg, als dem Herzog Kunde kam, dass Reutlingen, eine Reichsstadt, die in seinem Gebiete lag, seinen Waldvogt auf Achalm erschlagen habe. Diese Stadtler hatten ihn schon oft empfindlich beleidigt, sie waren ihm verhasst und sollten jetzt seine Rache fuhlen. Schnell zum Zorn gereizt wie er war, warf er sich aufs Pferd, liess die Larmtrommeln tonen durch das Land, belagerte die Stadt und nahm sie ein. Der Herzog liess sich von ihnen huldigen und die Reichsstadt war wurttembergisch.4

Aber jetzt erhob sich der Schwabische Bund mit Macht, denn diese Stadt war ein Glied desselben gewesen. So schwer es auch sonst hielt, diese Fursten, Grafen und Stadte alle aufzubieten, so weilten sie doch hier nicht, sondern hielten zusammen, denn der Hass ist ein fester Kitt. Umsonst waren Ulerichs schriftliche Verteidigungen5; das Bundesheer sammelte sich bei Ulm und drohte mit einem Einfall.

So war also in dem Jahr 1519 alles auf die Spitze gestellt. Konnte der Herzog das Feld behaupten, so behielt er recht und es war nicht zu zweifeln, dass er dann grossen Anhang bekommen wurde; gelang es dem Bunde, den Herzog aus dem Felde zu schlagen, dann wehe ihm, wo so vieles zu rachen war, durfte er keine Schonung erwarten.

Die Blicke Teutschlands hingen bange an dem Erfolg dieses Kampfes, sie suchten begierig durch den Vorhang des Schicksals zu dringen und zu erspahen, was die kunftigen Tage bringen werden, ob Wurttemberg gesiegt, ob der Bund den Walplatz behauptet habe. Wir rollen diesen Vorhang auf, wir lassen Bild an Bild voruberziehen, moge das Auge nicht zu fruhe ermudet sich davon abwenden.

Oder sollte es ein zu kuhnes Unternehmen sein, eine historische Sage der Vorzeit in unsern Tagen wieder zu erzahlen? Sollte es unbillig sein, zu wunschen, dass sich die Aufmerksamkeit des Lesers einige kurze Stunden nach den Hohen der Schwabischen Alb und nach den lieblichen Talern des Neckars wende?

Die Quellen des Susquehanna und die malerischen Hohen von Boston, die grunen Ufer des Tweed und die Gebirge des schottischen Hochlandes, Alt-Englands lustige Sitten und die romantische Armut der Galen, leben, Dank sei es dem glucklichen Pinsel jener beruhmten Novellisten, auch bei uns in aller Munde. Begierig liest man in getreuen Ubertragungen, die wie Pilze aus der Erde zu wachsen scheinen, was vor sechzig oder sechshundert Jahren in den Gefilden von Glasgow oder in den Waldern von Wallis sich zugetragen. Ja, wir werden bald die Geschichte der drei Reiche so genau innehaben, als hatten wir sie nach den gelehrtesten Forschungen ergrundet. Und doch ist es meist nur der grosse Unbekannte, der uns die Bucher seiner Chroniken erschloss und Bild an Bild in unendlicher Reihe vor dem staunenden Auge voruberfuhrte; er ist es, der diesen Zauber bewirkte, dass wir in Schottlands Geschichte beinahe besser bewandert sind, als in der unserigen, und dass wir die religiosen und weltlichen Handel unserer Vorzeit bei weitem nicht so deutlich kennen, als die Presbyterianer und Episkopalen Albions.

Und in was besteht der Zauber, womit jener unbekannte Magier unsere Blicke und unsere Herzen nach den "bergigten Heiden" seines Vaterlandes zog? Vielleicht in der ungeheuern Masse dessen, was er erzahlt, in der grauenvollen Anzahl von hundert Banden, die er uns uber den Kanal schickte? Aber auch wir haben mit Gottes und der Leipziger Messen Hulfe Manner von achtzig, hundert und hundertundzwanzig! Oder haben vielleicht die Berge von Schottland ein glanzenderes Grun, als der teutsche Harz, der Taunus und die Hohen des Schwarzwaldes; ziehen die Wellen des Tweed in lieblicherem Blau als der Neckar und die Donau, sind seine Ufer herrlicher als die Ufer des Rheins? Sind vielleicht jene Schotten ein interessanterer Menschenschlag als der, den unser Vaterland tragt, hatten ihre Vater roteres Blut als die Schwaben und Sachsen der alten Zeit, sind ihre Weiber liebenswurdiger, ihre Madchen schoner als die Tochter Teutschlands? Wir haben Ursache daran zu zweifeln, und hierin kann also jener Zauber des Unbekannten nicht liegen.

Aber darin liegt er wohl, dass jener grosse Novellist auf historischem Grund und Boden geht, nicht als ob der unserige weniger geschichtlich ware, aber wir haben ja schon seit Jahrhunderten uns angewohnt, unter fremdem Himmel zu suchen, was bei uns selbst bluhte, und wie wir die rohen Stoffe ausfuhren, um sie in anderer Form mit Bewunderung und Ehrfurcht als teure Kleinode wieder in unsere Grenzen aufzunehmen, so bewundern wir jedes Fremde und Auslandische nicht, weil es gross oder erhaben, sondern weil es nicht in unseren Talern gewachsen ist.

Doch auch wir hatten eine Vorzeit, die reich an burgerlichen Kampfen, uns nicht weniger interessant dunkt als die Vorzeit des Schotten; darum haben auch wir gewagt, ein historisches Tableau zu entrollen, das, wenn es auch nicht jene kuhnen Umrisse der Gestalten, jenen zauberischen Schmelz der Landschaft aufweist, und wenn das an solche Herrlichkeiten gewohnte Auge umsonst die susse, bequeme Magie der Hexerei und den von Zigeunerhand geschurzten Schicksalsknoten darin sucht, ja wenn sogar unsere Farben matt, unser Crayon stumpf erscheint, doch eines zur Entschuldigung fur sich haben mochte, ich meine die historische Wahrheit.

I

Was soll doch dies Trommeten sein?

Was deutet dies Geschrei?

Will treten an das Fensterlein,

Ich ahne, was es sei.

L. Uhland

Nach den ersten truben Tagen des Marz 1519 war endlich am 12. ein recht freundlicher Morgen uber der Reichsstadt Ulm aufgegangen. Die Donaunebel, die um diese Jahreszeit immer noch druckend uber der Stadt liegen, waren schon lange vor Mittag der Sonne gewichen, und immer freier und weiter wurde die Aussicht in die Ebene uber den Fluss hinuber.

Aber auch die engen kalten Strassen mit ihren hohen dunkeln Giebelhausern hatte der schone Morgen heller als sonst beleuchtet, und ihnen einen Glanz, eine Freundlichkeit gegeben, die zu dem heutigen festlichen Ansehen der Stadt gar trefflich passte. Die grosse Herdbruckergasse sie fuhrt von dem Donautor an das Rathaus stand an diesem Morgen gedrangt voll Menschen, die sich Kopf an Kopf wie eine Mauer an den beiden Seiten der Hauser hinzogen, nur einen engen Raum in der Mitte der Gasse ubriglassend; ein dumpfes Gemurmel gespannter Erwartung lachter aus, wenn etwa die alten, strengen Stadtwachter eine hubsche Dirne, die sich zu vorlaut in den freigelassenen Raum gedrangt hatte; etwas unsanft mit dem Ende ihrer langen Hellebarde zuruckdrangten, oder wenn ein Schalk sich den Spass machte, "Sie kommen, sie kommen", rief, alles lange Halse machte und schaute, bis es sich zeigte, dass man sich wieder getauscht habe.

Noch dichter aber war das Gedrange da, wo die Herdbruckergasse auf den Platz vor dem Rathaus einbiegt; dort hatten sich die Zunfte aufgestellt; die Schiffer-Gilde mit ihren Altmeistern an der Spitze, die Weber, die Zimmerer, die Brauer, mit ihren Fahnen und Gewerbzeichen, sie alle waren im Sonntagswams und wohlbewaffnet zahlreich dort versammelt.

Bot aber schon die Menge hier unten einen frohlichen, festlichen Anblick dar, so war dies noch mehr der Fall mit den hohen Hausern der Strassen selbst. Bis an die Giebeldacher waren alle Fenster voll geputzter Frauen und Madchen, um welche sich die grunen Tannen und Taxuszweige, die bunten Teppiche und Tucher, mit welchen die Seiten geschmuckt waren, wie Rahmen um liebliche Gemalde zogen.

Das anmutigste Bild gewahrte wohl ein Erkerfenster im Hause des Herrn Hans von Besserer. Dort standen zwei Madchen, so verschieden an Gesicht, Gestalt und Kleidung, und doch beide von so ausgezeichneter Schonheit, dass, wer sie so von der Strasse betrachtete, eine Weile zweifelhaft war, welcher er wohl den Vorzug geben mochte.

Beide schienen nicht uber achtzehn Jahre zu haben, die eine grossere war zart gebaut; reiches braunes Haar zog sich um eine freie Stirne, die gewolbten Bogen ihrer dunkeln Brauen, das ruhige blaue Auge, der feingeschnittene Mund, die zarten Farben der Wangen sie gaben ein Bild, das unter unsern heutigen Damen fur sehr anziehend gelten wurde, das aber in jenen Zeiten, wo noch hoheren Farben, volleren Formen der Apfel zuerkannt wurde, nur durch seine gebietende Wurde neben der andern Schonen sich geltend machen konnte.

Diese, kleiner und in reichlicherer Fulle als ihre Nachbarin, war eines jener unbesorgten immer heiteren Wesen, welche wohl wissen, dass sie gefallen. Ihr hellblondes Haar war nach damaliger Sitte der Ulmer Damen in viel Lockchen und Zopfchen geschlungen, und zum Teil unter ein weisses Haubchen voll kleiner kunstlicher Faltchen gesteckt, das runde frische Gesichtchen war in immerwahrender Bewegung, noch rastloser glitten die lebhaften Augen uber die Menge hin, und der lachelnde Mund, der alle Augenblicke die schonen Zahne sehen liess, zeugt deutlich, dass es unter den vielerlei abenteuerlichen Gruppen und Gestalten nicht an Gegenstanden fehle, die ihrer frohlichen Laune zur Zielscheibe dienen mussten.

Hinter den beiden Madchen stand ein grosser bejahrter Mann; seine tiefen strengen Zuge, seine buschigen Augenbrauen, sein langer dunner, schon ins Graue spielender Bart, selbst sein ganz schwarzer Anzug, der wunderlich gegen die reichen bunten Farben um ihn her abstach, gaben ihm ein ernstes, beinahe trauriges Aussehen, das kaum ein wenig milder wurde, wenn ein Schimmer von Freundlichkeit, hervorgelockt durch die glucklichen Einfalle der Blondine, wie ein Wetterleuchten durch das finstere Gesicht zog. Diese Gruppe, so verschieden in sich durch Farbe und Schattierung, wie durch Charakter und Jahre, zog hin und wieder die Aufmerksamkeit der Untenstehenden auf sich. Manches Auge hing an den schonen Madchen, und sie beschaftigten eine Weile durch ihre uberraschende Erscheinung jene mussige Menge, die schon ungeduldig zu werden anfing, dass das Schauspiel, dessen sie harrten, noch immer sich nicht zeigen wollte.

Es ging schon stark auf Mittag; die Menge wogte immer ungeduldiger, presste sich starker, und hin und wieder hatte sich schon einer oder der andere aus den Reihen der ehrsamen Zunfte auf den Boden gelagert, da tonten drei Stuckschusse von der Schanze auf dem Luginsland heruber, die Glocken des Munsters begannen tiefe volle Akkorde uber die Stadt hinzurollen, und im Augenblick hatten sich die verworrenen Reihen geordnet.

"Sie kommen, Marie, sie kommen", rief die Blonde im Erkerfenster, und schlang ihren Arm um den Leib ihrer Nachbarin, indem sie sich weiter zum Fenster hinausbeugte. Das Haus des Herrn von Besserer bildete die Ecke der vorerwahnten Strasse, von dem Erker konnte man hinab beinahe bis an das Donautor, und hinuber bis in die Fenster des Rathauses, sehen, und die Madchen hatten also ihren Standpunkt trefflich gewahlt, um das Schauspiel, dessen sie harrten, ganz zu geniessen.

Die Gasse zwischen den beiden Reihen des Volkes war indes mit Muhe weiter gemacht worden, die Stadtwachter stellten sich mit weit ausgestreckten Hellebarden auf, tiefe Stille herrschte unter der ungeheuren Menge, nur das Gelaute der Glocken tonte noch fort.

Jetzt horte man den dumpfen Schall der Pauken, vermischt mit den hohen Klangen der Zinken und Trompeten, und durch das Tor herein bewegte sich ein langer glanzender Zug von Reitern. Die Stadtpauker und Trompeter, die berittene Schar der Ulmer Patriziersohne war eine zu alltagliche Erscheinung, als dass das Auge lange darauf verweilt hatte. Als aber das schwarze und weisse Banner der Stadt, mit dem Reichsadler, als Fahnen und Standarten aller Grossen und Farben, zum Tor hereinschwankten, da gedachten die Zuschauer, dass jetzt der rechte Augenblick gekommen sei.

Auch unsere Schonen im Erkerfenster scharften jetzt ihre Blicke, als man die Menge am untern Teil der Strasse ehrerbietig die Mutzen abnehmen sah.

Auf einem grossen starkknochigen Rosse nahte ein Mann, dessen kraftige Haltung, dessen heiteres, frisches Ansehen in sonderbarem Kontrast stand, mit der tief gefurchten Stirne und dem schon ins Graue spielenden Haar und Bart. Er trug einen zugespitzten Hut mit vielen Federn, einen Brustharnisch uber ein enganschliessendes rotes Wams, Beinkleider von Leder mit Seide ausgeschlitzt, die wohl von neuem recht hubsch gewesen sein mochten, aber durch Regen und Strapazen eine einformige dunkelbraune Farbe erhalten hatten. Weite schwere Reiterstiefel schlossen sich unter den Knien an. Seine einzige Waffe ein ungewohnlich grosses Schwert mit langem Griffe ohne Korb, vollendet das Bild eines gewaltigen, unter Gefahren fruh ergrauten Kriegers. Der einzige Schmuck dieses Mannes war eine lange goldene Kette von dicken Ringen, funfmal um den Hals gelegt, an welcher ein Ehrenpfennig von gleichem Metall auf die Brust herabhing.

"Sagt geschwind, Oheim! wer ist der stattliche Mann, der so jung und alt aussieht", rief die Blonde, indem sie das Kopfchen ein wenig nach dem schwarzen Herrn, der hinter ihr stand, zuruckbeugte.

"Das kann ich dir sagen, Berta", antwortete dieser, "es ist Georg von Frondsberg6, oberster Feldhauptmann des bundischen Fussvolkes, ein wackerer Mann, wenn er einer besseren Sache diente!"

"Behaltet Eure Bemerkungen fur Euch, Herr Wurttemberger", entgegnete ihm die Kleine, indem sie lachelnd mit dem Finger drohte, "Ihr wisst, dass die Ulmer Madchen gut bundisch sind!"

Der Oheim aber, ohne sich irremachen zu lassen, fuhr fort: "Jener dort auf dem Schimmel ist Truchsess Waldburg, der Feldlieutenant7, dem auch etwas von unserem Wurttemberg wohl anstunde; dort hinter ihm kommen die Bundesobersten; weiss Gott, sie sehen aus wie Wolfe, die nach Beute gehen."

"Pfui! verwitterte Gestalten!" bemerkte Berta, "ob es wohl auch der Muhe wert war, Baschen Marie, dass wir uns so putzten? Aber siehe da, wer ist der junge schwarze Reiter auf dem Braunen? sieh nur das bleiche Gesicht und die feurigen schwarzen Augen! Auf seinem Schilde steht, 'ich hab's gewagt.'"

"Das ist der Ritter Ulerich von Hutten", erwiderte der Alte, "dem Gott seine Schmahworte gegen unsern Herzog verzeihen wolle. Kinder! das ist ein gelehrter frommer Herr; er ist zwar des Herzogs bitterster Feind, aber ich sage so, denn was wahr ist, muss wahr bleiben!8

Und siehe, da sind Sickingens9 Farben, wahrhaftig da ist er selbst; schaut hin Madchen, das ist Franz von Sickingen, sie sagen, er fuhre tausend Reiter in das Feld, der ist's mit dem blanken Harnisch und der roten Feder."

"Aber sagt mir Oheim", fragte Berta wieder, "welches ist denn Gotz von Berlichingen, von dem uns Vetter Kraft so viel erzahlt; er ist ein gewaltiger Mann und hat eine Faust von Eisen; reitet er nicht mit den Stadten?"

"Gotz und die Stadtler nenne nie in einem Atem", sprach der Alte mit Ernst; "er halt zu Wurttemberg."10

Ein grosser Teil des Zuges war wahrend diesem Gesprach am Fenster vorubergezogen, und mit Verwunderung hatte Berta bemerkt, wie gleichgultig und teilnahmslos ihre Base Marie hinabschaue. Es war zwar sonst des Madchens Art, sinnend, zuweilen wohl auch traumend auszusehen, aber heute, bei einem so glanzenden Aufzug so ganz ohne Teilnahme zu sein, deuchte ihr ein grosses Unrecht. Sie wollte sie eben zur Rede stellen, als ein Gerausch von der Strasse her, ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Ein machtiges Ross baumte sich in der Mitte der Strasse unter Ihrem Fenster, wahrscheinlich scheue gemacht durch die flatternden Fahnen der Zunfte. Sein hoch zuruckgeworfener Kopf verdeckte den Reiter, so dass nur die wehenden Federn des Baretts sichtbar waren; aber die Gewandtheit und Kraft, mit welcher er das Pferd herunterriss und zum Stehen brachte, liess einen jungen mutigen Reiter ahnen. Das lange hellbraune Haar war ihm von der Anstrengung uber das Gesicht herabgefallen, als er es zuruckschlug, traf sein Blick das Erkerfenster.

"Nun dies ist doch einmal ein hubscher Herr", flusterte die Blonde ihrer Nachbarin zu, so heimlich, so leise, als furchte sie von dem schonen Reiter gehort zu werden, "und wie er artig und hoflich ist! siehe nur, er hat uns gegrusst ohne uns zu kennen!"

Aber das stille Baschen Marie schien der Kleinen nicht viel Aufmerksamkeit zu schenken; ein gluhendes Rot zog uber die zarten Wangen. Ja! wer die ernste Jungfrau gesehen hatte, wie sie so kalt auf den Zug hinabsah, hatte wohl nie geahnet, dass so viel holde Freundlichkeit um diesen Mund, so viel Liebe in diesem sinnenden Auge wohnen konnte, als in jenem Augenblick sichtbar wurde, wo sie durch ein leichtes Neigen des Hauptes den Gruss des jungen Reiters erwiderte.

Der kleinen Schwatzerin war unsere fluchtige aber wahre Bemerkung uber dem Anblick des schonen Mannes vollig entgangen; "Nur schnell Oheim", rief sie und zog den alten Herrn am Mantel, "wer ist dieser in der hellblauen Binde mit Silber? Nun?"

"Ja liebes Kind", antwortete der Oheim, "den habe ich in meinem Leben nicht gesehen. Seinen Farben nach steht er in keinem besonderen Dienst, sondern reitet wohl auf seine eigene Faust gegen meinen Herzog und Herrn, wie so viele Hungerleider, die sich an unseren Topfen laben wollen."

"Mit Euch ist doch nichts anzufangen", sagte die Kleine und wandte sich unmutig ab; "die alten und gelehrten Herren kennet Ihr alle auf hundert Schritte und weiter; wenn man aber einmal nach einem hubschen, hoflichen Junker fragt, wisst Ihr nichts. Du bist auch so Marie, machtest Augen auf den Zug hinunter, als ob es eine Prozession an Fronleichnam ware; ich wette, du hast das Schonste von allem nicht gesehen, und hattest noch den alten Frondsberg im Kopfe, als ganz andere Leute vorbeiritten!"

Der Zug hatte sich wahrend dieser Strafrede Bertas vor dem Rathause aufgestellt, die bundische Reiterei, die noch voruberzog, hatte wenig Interesse mehr fur die beiden Madchen, als daher die Herren abgesessen und zum Imbiss ins Rathaus gezogen waren, als die Zunfte ihre Glieder auflosten und das Volk sich allmahlich zu verlaufen begann, zogen auch sie sich vom Fenster zuruck.

Berta schien nicht ganz zufrieden zu sein. Ihre Neugier war nur halb befriedigt. Sie hutete sich ubrigens wohl, vor dem alten, ernsten Oheim etwas merken zu lassen. Als aber dieser das Gemach verliess, wandte sie sich an ihre Base, die noch immer traumend am Fenster stand:

"Nein! wie einen doch so etwas peinigen kann! Ich wollte viel darum geben, wenn ich wusste, wie er heisst; dass du aber auch gar keine Augen hast, Marie! Ich stiess dich doch an, als er grusste. Siehe, hellbraune Haare, recht lang und glatt, freundliche dunkle Augen, das ganze Gesicht ein wenig braunlich, aber hubsch, sehr hubsch. Ein Bartchen uber dem Mund, nein! ich sage dir Wie du jetzt nur wieder gleich rot werden kannst", fuhr die Blonde in ihrem Eifer fort, "als ob zwei Madchen, wenn sie allein sind, nicht von dem schonen Mund eines jungen Herrn sprechen durften. Dies geschieht oft bei uns; aber freilich bei deiner seligen Frau Muhme in Tubingen und bei deinem ernsten Vater in Lichtenstein, kamen solche Sachen nicht zur Sprache, und ich sehe schon, Baschen Marie traumt wieder, und ich muss mir ein Ulmer Stadtkind suchen, wenn ich auch nur ein klein wenig schwatzen will."

Marie antwortete nur durch ein Lacheln, das wir vielleicht etwas schelmisch gefunden hatten; Berta aber nahm den grossen Schlusselbund vom Haken an der Ture, sang sich ein Liedchen und ging, um noch einiges zum Mittagessen zu rusten. Denn wenn man ihr auch etwas zu grosse Neugierde vorwerfen konnte, so war sie doch eine zu gute Haushalterin, als dass sie uber der fluchtigen Erscheinung des hoflichen Reiters das Zugemuse und den Nachtisch vergessen hatte.

Sie hupfte hinaus und liess ihre Base allein bei ihren Gedanken; und auch wir storen sie nicht, wenn sie jetzt die schonen Bilder der Erinnerung durchgeht, die jene Erscheinung mit einemmal aus dem tiefen, treuen Herzen hervorgerufen hatte, wenn sie jener Zeit gedenkt, wo ein fluchtiger Blick von ihm, ein Druck seiner Hand, ihre Tage erhellte, wenn sie jener Nachte gedenkt, wo sie im stillen Kammerlein, unbelauscht von der seligen Muhme, jene Scharpe flocht, deren freudige Farben sie heute aus ihren Traumen weckten; wir lauschen nicht, wenn sie errotend und mit niedergeschlagenen Augen sich fragt, ob Baschen Berta den sussen Mund des Geliebten richtig beschrieben habe?

II

Steigt deine Hoffnung wieder?

Ist nicht dein Herz entbrannt?

Du fuhlst dich, Jungling wieder

Im alten Schwabenland.

G. Schwab

Der festliche Aufzug, den wir auf den letzten Blattern beschrieben haben, galt den Hauptern und Obersten des Schwabischen Bundes, der an diesem Tage, auf seinem Marsch von Augsburg, wo er sich versammelt hatte, in Ulm einzog. Der Leser kennt aus der Einleitung die Lage der Dinge. Herzog Ulerich von Wurttemberg hatte durch die Unbeugsamkeit, mit welcher er trotzte, durch die allzuheftigen Ausbruche seines Zornes und seiner Rache, durch die Kuhnheit, mit welcher er, der einzelne, so vielen verbundeten Fursten und Herren die Stirne bot, zuletzt noch durch die plotzliche Einnahme der Reichsstadt Reutlingen den bittersten Hass des Bundes auf sich gezogen. Der Krieg war unvermeidlich, denn es stand nicht zu erwarten, dass man Ulerich, nachdem man so weit gegangen, friedliche Vorschlage tun werde.

Hiezu kamen noch die besonderen Rucksichten, die jeden leiteten. Der Herzog von Bayern, um seiner Schar der Huttischen um ihren Stammesvetter zu rachen, Dieterich von Spat11 und seine Gesellen, um ihre Schmach in Wurttembergs Ungluck abzuwaschen, die Stadte und Stadtchen, um Reutlingen wieder gut bundisch zu machen, sie alle hatten ihre Banner entrollt und sich mit blutigen Gedanken und lustern nach gewisser Beute eingestellt.

Bei weitem friedlicher und frohlicher waren bei diesem Einzug die Gesinnungen Georgs von Sturmfeder, jenes "artigen Reiters", der Bertas Neugierde in so hohem Grade erweckt, dessen unerwartete Erscheinung Mariens Wangen mit so tiefem Rot gefarbt hatte. Wusste er doch kaum selbst, wie er zu diesem Feldzug kam, da er, obgleich den Waffen nicht fremd, doch nicht zunachst fur das Waffenwerk bestimmt war. Aus einem armen aber angesehenen Stamme Frankens entsprossen, war er fruhe verwaist von einem Bruder seines Vaters erzogen worden. Schon damals hatte man angefangen, gelehrte Bildung als einen Schmuck des Adels zu schatzen. Daher wahlte sein Oheim fur ihn diese Laufhahn. Die Sage erzahlt nicht, ob er auf der hohen Schule in Tubingen, die damals in ihrem ersten Erbluhen war, in Wissenschaften viel getan. Es kam nur die Nachricht bis auf uns, dass er einem Fraulein von Lichtenstein, die bei einer Muhme in jener Musenstadt lebte, warmere Teilnahme schenkte, als den Lehrstuhlen der beruhmtesten Doktoren. Man erzahlt sich auch, dass das Fraulein mit ernstem, beinahe mannlichem Geiste alle Kunste, womit andere ihr Herz besturmten, gering geachtet habe. Zwar kannte man schon damals alle jene Kriegslisten, ein hartes Herz zu erobern, und die Junger der alten Tubinga hatten ihren Ovid vielleicht besser studiert als die heutigen, es sollen aber weder nachtliche Liebesklagen, noch furchterliche Schlachten und Kampfe um ihren Besitz die Jungfrau erweicht haben. Nur einem gelang es, dieses Herz fur sich zu gewinnen, und dieser eine war Georg. Sie haben zwar, wie es stille Liebe zu tun pflegt, niemand gesagt, wann und wo ihnen der erste Strahl des Verstandnisses aufging und wir sind weit entfernt, uns in dieses susse Geheimnis der ersten Liebe eindrangen zu wollen, oder gar Dinge zu erzahlen, die wir geschichtlich nicht belegen konnen; doch konnen wir mit Grund annehmen, dass sie schon bis zu jenem Grad der Liebe gediehen waren, wo man, gedrangt von ausseren Verhaltnissen, gleichsam als Trost fur das Scheiden, ewige Treue schwort; denn als die Muhme in Tubingen das Zeitliche gesegnete, und Herr von Lichtenstein sein Tochterlein zu sich holen liess, um sie nach Ulm, wo ihm eine Schwester verheiratet war, zu weiterer Ausbildung zu schicken, da merkte Rose, Mariens alte Zofe, dass so heisse Tranen und die Sehnsucht, mit welcher Maria noch einmal und immer wieder aus der Sanfte zurucksah, nicht den bergigten Strassen, denen sie Valet sagen mussten, allein gelte.

Bald darauf langte auch ein Sendschreiben an Georg an, worin ihm sein Oheim die Frage beibrachte, ob er jetzt nach vier Jahren noch nicht gelehrt genug sei? Dieser Ruf kam ihm erwunscht; seit Mariens Abreise waren ihm die Lehrstuhle der gelehrten Doktoren, die finstere Hugelstadt, ja selbst das liebliche Tal des Neckars verhasst geworden. Mit neuer Kraft erfrischte ihn die kalte Luft, die ihm von den Bergen entgegenstromte, als er an einem schonen Morgen des Februar aus den Toren Tubingens seiner Heimat entgegenritt, wie die Sehnen seiner Arme in dem frischen Morgen sich straffer anzogen, wie die Muskeln seiner Faust kraftiger in die Zugel fassten, so erhob sich auch seine Seele zu jenem frischen heiteren Mute, der diesem Alter so eigen ist, wenn die Gewissheit eines sussen Gluckes im Herzen lebt, und vor dem Auge, das Erfahrung noch nicht gescharft, Ungluck noch nicht getrubt hat, die Zukunft heiter und freundlich sich ausbreitet. Wie der klare See, der das heitere Bild, das auf ihn herabschaut, nicht minder freundlich zuruckwirft, und mit diesen reizenden Farben seine Tiefe verhullt, so hat gerade das Ungewisse dieser Zukunft seinen eigentumlichen Reiz. Man glaubt im Kopf und Arm Kraft genug zu tragen, um dem Gluck seine Gunst abzuringen, und dies Vertrauen auf sich selbst gibt bei weitem mutigere Zuversicht, als die machtigste Hulfe von aussen.

So war die Stimmung Georgs von Sturmfeder, als er durch den Schonbuchwald seiner Heimat zuzog. Zwar brachte ihn dieser Weg dem Liebchen nicht naher, zwar konnte er nichts sein nennen als das Ross, das er eben ritt und die Burg seiner Vater, von welcher der Volkswitz sang:

Ein Haus auf drei Stutzen,

Wer vorn hereinkommt,

Kann hinten nicht sitzen.

Aber er wusste, dass dem festen Willen hundert Wege offenstehen, um zum Ziel zu gelangen, und der alte Spruch des Romers: "Fortes fortuna juvat", hatte ihm noch nie gelogen.

Wirklich schienen auch seine Wunsche nach einer tatigen Laufbahn bald in Erfullung zu gehen.

Der Herzog von Wurttemberg hatte Reutlingen, das ihn beleidigt hatte, aus einer Reichsstadt zur Landstadt gemacht und es war kein Zweifel mehr an einem Krieg.

Der Erfolg schien aber damals sehr ungewiss. Der Schwabische Bund, wenn er auch erfahrenere Feldherrn und geubtere Soldaten zahlte, hatte doch in allen Kriegen durch Uneinigkeit sich selbst geschadet. Ulerich, auf seiner Seite, hatte vierzehntausend Schweizer, tapfere kampfgeubte Manner geworben, aus seinem eigenen Lande konnte er, wenn auch minder geubte, doch zahlreiche und tuchtige Truppen ziehen und so stand die Waage im Februar 1519 noch ziemlich gleich.

Wo alles um ihn her Partei nahm, glaubte Georg nicht mussig bleiben zu durfen. Ein Krieg war Ihm erwunscht; es war eine Laufbahn, die ihn seinem Ziele, um Marie wurdig freien zu konnen, bald nahebringen konnte.

Zwar zog ihn sein Herz weder zu der einen, noch zu der andern Partei. Vom Herzog sprach man im Lande schlecht, des Bundes Absichten schienen nicht die reinsten. Als aber durch Geld und Klagen der Huttischen und durch die Aussicht auf reiche Beute bestochen achtzehn Grafen und Herren, deren Besitzungen an sein Gutchen grenzten, auf einmal12 dem Herzog ihre Dienste aufsagten, da schien es ihn zum Bunde zu ziehen. Den Ausschlag gab die Nachricht, dass der alte Lichtenstein mit seiner Tochter in Ulm sich befinde; auf jener Seite, wo Marie war, durfte er nicht fehlen, und so bot er dem Bunde seine Dienste an.

Die frankische Ritterschaft unter Anfuhrung Ludwigs von Hutten, zog sich am Anfang des Marz gegen Augsburg hin, um sich dort mit Ludwig von Bayern und den ubrigen Bundesgliedern zu vereinigen. Bald hatte sich das Heer gesammelt, und ihr Weg glich einem Triumphzug, je naher sie dem Gebiete ihres Feindes kamen.

Herzog Ulerich war bei Blaubeuren, der aussersten Stadt seines Landes gegen Ulm und Bayern hin, gelagert. In Ulm sollte jetzt noch einmal zuvor im grossen Kriegsrat der Feldzug besprochen werden, und dann hoffte man in kurzer Zeit die Wurttemberger zur entscheidenden Schlacht zu notigen. An friedliche Unterhandlungen wurde, da man so weit gegangen war, nicht mehr gedacht, Krieg war die Losung und Sieg der Gedanke des Heeres als ein frischer Morgenwind ihnen die Grusse des schweren Geschutzes von den Wallen der Stadt entgegentrug, als das Gelaute aller Glocken zum Willkomm vom anderen Ufer der Donau herubertonte.

Wohl schlug auch Georgs Herz hoher bei dem Gedanken an seine erste Waffenprobe; aber wer je in ahnlicher Lage sich befand, wird ihn nicht tadeln, dass auch friedlichere Gedanken in seiner Seele aufzogen und ihn Kampf und Sieg vergessen liessen. Als zuerst, noch in weiter Ferne, das kolossale Munster aus dem Nebel auftauchte, als nachher der verhullende Dunstschleier herabfiel und die Stadt mit ihren dunkeln Backsteinmauern, mit ihren hohen Torturmen sich vor seinen Blicken ausbreitete, da kamen alle Zweifel, die er fruher tief in die Brust zuruckgedrangt hatte, schwerer als je uber ihn. "Schliessen jene Mauern auch die Geliebte ein? hat nicht ihr Vater seinem Herzog treu, vielleicht in die feindlichen Scharen sich gestellt, und darf der, dessen ganze Hoffnung darauf beruht, den Vater zu gewinnen, darf er sich jenem gegenuberstellen, ohne sein ganzes Gluck zu vernichten? Und ist der Vater auf feindlicher Seite, kann Marie moglicherweise noch in jenen Mauern sein. Und wenn alles gut ware, wenn unter der festlichen Menge, die sich zum Anblick des einziehenden Heeres drangt, auch Marie auf ihn herabschaut, hat sie auch die Treue noch bewahrt, die sie geschworen? "

Doch der letzte Gedanke machte bald einer freudigeren Gewissheit Raum, denn wenn sich auch alles Ungluck gegen ihn verschwor, Mariens Treue, er wusste es, war unwandelbar. Mutig druckte er die Scharpe, die sie ihm gegeben, an seine Brust, und als jetzt die Ulmer Reiterei sich an den Zug anschloss, als die Zinken und Trompeten ihre mutigen Weisen anstimmten, da kehrte seine alte Freudigkeit wieder, stolzer hob er sich im Sattel, kuhner ruckte er das Barett in die Stirne, und als der Zug in die festlich geschmuckten Strassen einbog, musterte sein scharfes Auge alle Fenster der hohen Hauser, um sie zu erspahen.

Da gewahrte er sie, wie sie ernst und sinnend auf das frohliche Gewuhl hinabsah, er glaubte zu erkennen, wie ihre Gedanken in weiter Ferne den suchten, der ihr so nahe war, schnell druckte er seinem Pferde die Sporen in die Seite, dass es sich hoch aufbaumte und das Pflaster von seinem Hufschlag ertonte. Aber als sie sich zu ihm herabwandte, als Auge dem Auge begegnete, als ihr freudiges Erroten dem Glucklichen sagte, dass er erkannt und noch immer geliebt sei, da war es um die Besinnung des guten Georg geschehen; willenlos folgte er dem Zuge vor das Rathaus und es hatte nicht viel gefehlt, so hatte ihn seine Sehnsucht alle Rucksichten vergessen lassen, und unwiderstehlich zu dem Eckhaus mit dem Erker hingezogen.

Schon hatte er die ersten Schritte nach jener Seite getan, als er sich von kraftiger Hand am Arm angefasst fuhlte.

"Was treibet Ihr, Junker", rief ihm eine tiefe wohlbekannte Stimme ins Ohr, "dort hinauf geht es die Rathaustreppe. Wie? ich glaube, Ihr schwindelt, ware auch kein Wunder, denn das Fruhstuck war gar zu mager. Seid getrost, Freundchen, und kommt. Die Ulmer fuhren gute Weine, wir wollen Euch mit altem Remstaler anstreichen."

Wenn auch der Fall aus seinem Freudenhimmel, in welchem er einige Minuten geschwebt hatte, auf den Rathausplatz in Ulm etwas unsanft war, so wusste er doch dem alten Herrn von Breitenstein, seinem nachsten Grenznachbar in Franken, Dank, dass er ihn aus seinen Traumen aufgeschuttelt und von einem ubereilten Schritte zuruckgehalten hatte.

Er nahm daher freundlich den Arm des alten Herrn und folgte mit ihm den ubrigen Rittern und Herren, die sich von dem scharfen Morgenritte an der guten Mittagskost, die ihnen die freie Reichsstadt aufgesetzt hatte, wieder erholen wollten.

III

Ich hore rauschende Musik, das Schloss ist

Von Lichtern hell. Wer sind die Frohlichen?

Schiller

Der Saal des Rathauses, wohin die Angekommenen gefuhrt wurden, bildete ein grosses, langliches Viereck. Die Wande und die zu der Grosse des Saales unverhaltnismassig niedere Decke waren mit einem Getafer von braunem Holz ausgelegt, unzahlige Fenster mit runden Scheiben, worauf die Wappen der edlen Geschlechter von Ulm mit brennenden Farben gemalt waren, zogen sich an der einen Seite hin, die gegenuberstehende Wand fullten Gemalde beruhmter Burgermeister und Ratsherrn der Stadt, die beinahe alle in der gleichen Stellung, die Linke in die Hufte, die Rechte auf einen reichbehangten Tisch gestutzt, ernst und feierlich auf die Gaste ihrer Enkel herabsahen. Diese drangten sich in verworrenen Gruppen um die Tafel her, die in Form eines Hufeisens aufgestellt, beinahe die ganze Weite des Saales einnahm. Der Rat und die Patrizier, die heute im Namen der Stadt die Honneurs machen sollten, stachen in ihren zierlichen Festkleidern mit den steifen schneeweissen Halskrausen wunderlich ab gegen ihre bestaubten Gaste, die in die seidenen Mantelein und samtenen Gewander streiften. Man hatte bis jetzt noch auf den Herzog von Bayern gewartet, der einige Tage vorher eingetroffen, zu dem glanzenden Mittagsmahl zugesagt hatte, als aber sein Kammerling seine Entschuldigung brachte, gaben die Trompeten das ersehnte Zeichen, und alles drangte sich so ungestum zur Tafel, dass nicht einmal die gastfreundliche Ordnung des Rates, die je zwischen zwei Gaste einen Ulmer setzen wollten, gehorig beobachtet wurde.

Breitenstein hatte Georg auf einen Sitz niedergezogen, den er ihm als einen ganz vorzuglichen anpries. "Ich hatte Euch", sagte der alte Herr, "zu den Gewaltigen da oben, zu Frondsberg, Sickingen, Hutten und Waldburg setzen konnen, aber in solcher Gesellschaft kann man den Hunger nicht mit gehoriger Ruhe stillen. Ich hatte Euch ferner zu den Nurnbergern und Augsburgern fuhren konnen, dort unten, wo der gebratene Pfau steht weiss Gott sie haben keinen ubeln Platz , aber ich weiss, dass Euch die Stadtler nicht recht behagen, darum habe ich Euch hieher gesetzt. Schauet Euch hier um, ob dies nicht ein trefflicher Platz ist? Die Gesichter umher kennen wir nicht, also braucht man nicht viel zu schwatzen. Rechts haben wir den geraucherten Schweinskopf mit der Zitrone im Maul, links eine prachtvolle Forelle, die sich vor Vergnugen in den Schwanz beisst, und vor uns diesen Rehziemer, so fett und zart wie auf der ganzen Tafel keiner mehr zu finden ist."

Georg dankte ihm, dass er mit so viel Umsicht fur ihn gesorgt habe, und betrachtete zugleich fluchtig seine Umgebung. Sein Nachbar rechts war ein junger zierlicher Herr, von etwa 25 bis 30 Jahren. Das frischgekammte Haar, duftend von wohlriechenden Salben, der kleine Bart, der erst vor einer Stunde mit warmen Zanglein gekrauselt worden sein mochte, liessen Georg, noch ehe ihn die Mundart davon uberzeugte, einen Ulmer Herrn erraten. Der junge Herr, als er sah, dass er von seinem Nachbar bemerkt wurde, bewies sich sehr zuvorkommend, indem er Georgs Becher aus einer grossen silbernen Kanne fullte, auf gluckliche Ankunft und gute Nachbarschaft mit ihm anstiess, und auch die besten Bissen von den unzahligen Rehen, Hasen, Schweinen, Fasanen und wilden Enten, die auf silbernen Platten umherstanden, dem Fremdling aufs Teller legte.

Doch diesen konnte weder seines Nachbars zuvorkommende Gefalligkeit noch Breitensteins ungemeiner Appetit zum Essen reizen. Er war noch zu sehr beschaftigt mit dem geliebten Bilde, das sich ihm beim Einzug gezeigt hatte, als dass er die Ermunterungen seiner Nachbarn befolgt hatte. Gedankenvoll sah er in den Becher, den er noch immer in der Hand hielt, und glaubte, wenn die Blaschen des alten Weines zersprangen und in Kreisen verschwebten, das Bild der Geliebten aus dem goldenen Boden des Bechers auftauchen zu sehen. Es war kein Wunder, dass der gesellige Herr zu seiner Rechten, als er sah, wie sein Gast, den Becher in der Hand, jede Speise verschmahe, ihn fur einen unverbesserlichen Zechbruder hielt. Das feurige Auge, das unverwandt in den Becher sah, der lachelnde Mund des in seinen Traumen versunkenen Junglings schien ihm einen jener echten Weinkenner anzuzeigen, die auf fein geubter Zunge den Gehalt des edlen Trankes lange zu prufen pflegen.

Um der Ermahnung des wohledlen Rates, den Gasten das Mahl so angenehm als moglich zu machen, gehorig nachzu kommen, suchte er auf der entdeckten schwachen Seite dem jungen Mann beizukommen. Es war zwar gegen die Gewohnheit des jungen Ulmers, Wein zu trinken, aber dem jungen Mann zulieb, der etwas so Hohes und Gebietendes an sich hatte, musste er schon ein ubriges tun. Er schenkte sich seinen Becher wieder voll und begann: "Nicht wahr, Herr Nachbar, das Weinchen hat Feuer und einen feinen Geschmack? Freilich ist es kein Wurzburger, wie Ihr ihn in Franken gewohnt sein werdet, aber es ist echter Ellfinger aus dem Ratskeller und immer seine achtzig Jahre alt."

Verwundert uber diese Anrede, setzte Georg den Becher nieder und antwortete mit einem kurzen "Ja, ja " der Nachbar liess aber den einmal aufgenommenen Faden nicht so bald wieder fallen. "Es scheint", fuhr er fort, "als munde er Euch doch nicht ganz, aber da weiss ich Rat. Heda! gebt eine Kanne Uhlbacher hieher. Versuchet einmal diesen, der wachst zunachst an des Wurttembergers Schloss; in diesem musst Ihr mir Bescheid tun: Kurzen Krieg, grossen Sieg!"

Georg, dem dieses Gesprach nicht recht zusagte, suchte seinen Nachbar auf einen anderen Weg zu bringen, der ihn zu anziehenderen Nachrichten fuhren konnte: "Ihr habt", sprach er, "schone Madchen hier in Ulm, wenigstens bei unserem Einzug glaubte ich deren viele zu bemerken."

"Weiss Gott", entgegnete der Ulmer, "man konnte damit pflastern."

"Das ware vielleicht so ubel nicht", fuhr Georg fort, "denn das Pflaster Eurer Strassen ist herzlich schlecht. Aber sagt mir, wer wohnt dort in dem Eckhaus mit dem Erker, wenn ich nicht irre, schauten dort zwei feine Jungfrauen heraus, als wir einritten."

"Habt Ihr diese auch schon bemerkt?" lachte jener, "wahrhaftig, Ihr habt ein scharfes Auge und seid ein Kenner. Das sind meine lieben Basen mutterlicherseits, die kleine Blonde ist eine Besserer, die andere ein Fraulein von Lichtenstein, eine Wurttembergerin, die auf Besuch dort ist."

Georg dankte im stillen dem Himmel, der ihn gleich mit einem so nahen Verwandten Mariens zusammenfuhrte. Er beschloss den Zufall zu benutzen, und wandte sich so freundlich er nur konnte, zu seinem Nachbar: "Ihr habt ein paar hubsche Muhmchen, Herr von Besserer..."

"Dieterich von Kraft nenne ich mich", fiel er ein, "Schreiber des Grossen Rates "

"Ein paar schone Kinder, Herr von Kraft; und Ihr besuchet sie wohl recht oft?"

"Ja wohl", antwortete der Schreiber des Grossen Rates, "besonders seit die Lichtenstein im Hause ist. Zwar will mein Baschen Berta etwas eifersuchtig werden, denn im Vertrauen gesagt, wir waren vorher ein Herz und eine Seele, aber ich tue als merke ich es nicht, und stehe mit Marien um so besser."

Diese Nachricht mochte nicht so gar angenehm in Georgs Ohren klingen, denn er presste die Lippen zusammen und seine Wangen farbten sich dunkler.

"Ja lachet nur", fuhr der Ratsschreiber fort, dem der ungewohnte Geist des Weines zu Kopfe stieg, "wenn Ihr wusstet, wie sie sich beide um mich reissen. Zwar die Lichtenstein hat eine verdammte Art freundlich zu sein, sie tut so vornehm und ernst, dass man nicht recht wagt, in ihrer Gegenwart Spass zu machen, noch weniger lasst sie ein wenig mit sich schakern wie Berta, aber gerade das kommt mir so wunderhubsch vor, dass ich eilfmal wiederkomme, wenn sie mich auch zehnmal fortgeschickt hat. Das macht aber", murmelte er nachdenklicher vor sich hin, "weil der gestrenge Herr Vater da ist, vor dem scheut sie sich, lasst nur den einmal uber der Ulmer Markung sein, so soll sie schon kirre werden."

Georg wollte sich nach dem Vater noch weiter erkundigen, als sonderbare Stimmen ihn unterbrachen. Schon vorher hatte er mitten durch das Gerausch der Speisenden diese Stimmen zu horen geglaubt, wie sie in schleppendem, einformigem Ton ein paar kurze Satze hersagten, ohne zu verstehen was es war. Jetzt horte er dieselben Stimmen ganz in der Nahe, und bald bemerkte er welchen Inhaltes ihre eintonigen Satze waren. Es gehorte namlich in den guten alten Zeiten, besonders in Reichsstadten zum Ton, dass der Hausvater und seine Frau, wenn sie Gaste geladen hatten, gegen die Mitte der Tafel aufstanden, und bei jedem einzelnen umhergingen, mit einem herkommlichen Spruchlein zum Essen und Trinken zu notigen.

Diese Sitte war in Ulm so stehend geworden, dass der Hohe Rat beschloss, auch an diesem Mahl keine Ausnahme zu machen, sondern ex officio einen Hausvater samt Hausfrau aufzustellen, um diese Pflicht zu uben. Die Wahl fiel auf den Burgermeister und den altesten Ratsherrn.

Sie hatten schon zwei Seiten der Tafel "notigend" umgangen, kein Wunder, dass ihre Stimmen durch die grosse Anstrengung endlich rauh und heiser geworden waren, und ihre freundschaftliche Aufmunterung wie Drohung klang. Eine rauhe Stimme tonte in Georgs Ohr: "Warum esset Ihr denn nicht, warum trinket Ihr denn nicht?" Erschrocken wandte sich der Gefragte um, und sah einen starken, grossen Mann mit rotem Gesicht ehe er noch auf die schrecklichen Tone antworten konnte, begann an seiner andern Seite ein kleiner Mann mit einer hohen dunnen Stimme:

"So esset doch und trinket satt

was der Magistrat Euch vorgesetzt hat."

"Hab ich's doch schon lange gedacht, dass es so kommen wurde", fiel der alte Breitenstein ein, indem er ein wenig von der Anstrengung, mit welcher er den Rehziemer bearbeitet hatte, ausruhte.

"Da sitzt er und schwatzt, statt die kostlichen Braten zu geniessen, die uns die Herren in so reichlicher Fulle vorgesetzt haben."

"Mit Verlaub", unterbrach ihn Dieterich von Kraft, "der junge Herr isst nichts, er ist ein Zechbruder und trefflicher Weinschmecker; hab ich's nicht gleich weggehabt, dass er gerne zu tief ins Glas guckt? Darum tadle ihn keiner, wenn er sich lieber an den Uhlbacher halt."

Georg wusste gar nicht wie er zu dieser sonderbaren Schutzrede kam; er war im Begriff sich zu entschuldigen, als ihn ein neuer Anblick uberraschte. Breitenstein hatte sich jetzt uber den Schweinskopf mit der Zitrone im Maul, erbarmt, hatte die Zitrone geschickt aus dem Rachen des Tieres operiert, und begann mit grossem Behagen und geubter Hand die weitere Sektion vorzunehmen, da trat der Burgermeister auch zu ihm, und eben als er an einem guten Bissen kaute, hub er an: "Warum esset Ihr denn nicht, warum trinket Ihr denn nicht?" Dieser sah den Notigenden mit starren Blicken an, zum Reden hatten seine Sprachorgane keine Zeit. Er nickte daher mit dem Haupte und deutete auf die Reste des Rehziemers; der kleine Mann mit der Fistelstimme liess sich aber nicht irremachen, sondern sprach freundschaftlichst:

"So esset doch und trinket satt

was der Magistrat Euch vorgesetzt hat."

So war es nun in den "guten alten Zeiten"! Man konnte sich wenigstens nicht beklagen, nur zu einem Schauessen geladen worden zu sein. Bald aber bekam die Tafel eine andere Gestalt. Die grossen Schusseln und Platten wurden abgetragen und geraumigere Humpen, grossere Kannen, gefullt mit edlem Weine, aufgesetzt. Die Umtranke und das in Schwaben schon damals sehr haufige Zutrinken begann, und nicht lange, so ausserte auch der Wein seine Wirkungen. Dieterich Spat und seine Gesellen sangen Spottlieder auf Herzog Ulerich und bekraftigten jeden Fluch oder schlechten Witz, den einer ausbrachte mit Gelachter oder einem guten Trunke. Die frankischen Ritter wurfelten um die Guter des Herzogs und tranken einander das Tubinger Schloss im Weine ab. Ulerich von Hutten und einige seiner Freunde hielten in lateinischer Sprache eine laute Kontrovers mit einigen Italienern wegen des Angriffes auf den romischen Stuhl, den kurz zuvor ein unberuhmter Monch in Wittenberg unternommen hatte; die Nurnberger, Augsburger und einige Ulmer Herren, die sich zusammengetan hatten, waren uber den Glanz ihrer Republiken in Streit geraten, und so fullte Gelachter, Gesang, Zanken und der dumpfe Klang der silbernen und zinnernen Becher, den Saal.

Nur am oberen Ende der Tafel herrschte anstandigere, ruhigere Frohlichkeit. Dort sass Georg von Frondsberg, der alte Ludwig Hutten, Waldburg Truchsess, Franz von Sickingen und noch andere altliche, gesetzte Herren.

Dorthin wandte jetzt auch der Bundeshauptmann Hans von Breitenstein, nachdem er sich genugsam gesattiget hatte, seine Blicke und sprach zu Georg: "Das Larmen um uns her will mir gar nicht behagen, wie ware es, wenn ich Euch jetzt dem Frondsberger vorstellte, wie Ihr in den letzten Tagen gewunscht habt?"

Georg, dessen Wunsch schon lange war, dem Kriegsobersten bekannt zu werden, stand freudig auf, um dem alten Freunde zu folgen. Wir werden ihn nicht tadeln, dass sein Herz bei diesem Gange angstlicher pochte, seine Wangen sich hoher farbten, seine Schritte je naher er kam, ungewisser und zogernder wurden. Wen haben nicht in seiner Jugend, wenn er einem glanzenden, ruhmbekranzten Vorbild nahte, ahnliche Gefuhle besturmt? Wem sank da nicht sein eigenes Ich zur Unbedeutendheit zusammen, wahrend der Gefeierte zum Riesen wuchs. Georg von Frondsberg galt schon damals fur einen der beruhmtesten Feldherren seiner Zeit. Italien, Frankreich und Teutschland erzahlten von seinen Siegen, und die Kriegskunst wird ihn ewig in ihren Annalen nennen, denn er war der Stifter und Grunder eines geordneten, in Reihen und Gliedern fechtenden Fussvolkes. Sagen und Chroniken erhielten das Bild dieses Helden bis auf unsere Tage, und wer gedenkt nicht unwillkurlich jener homerischen Helden wenn er von diesem Manne liest: "Er war so stark an Gliedern, wenn er den Mittelfinger der rechten Hand ausstreckte, dass er damit den starksten Mann, so sich steif stellte, vom Platz stossen, ein rennendes Pferd beim Zaum ergreifen und stellen, die grossen Buchsen und Mauerbrecher allein von einem Ort zum andern fuhren konnte?" Zu ihm fuhrte Breitenstein den Jungling.

"Wen bringt Ihr uns da, Hans?" rief Georg von Frondsberg, indem er den hochgewachsenen, schonen, jungen Mann mit Teilnahme betrachtete.

"Seht ihn Euch einmal recht an, werter Herr", antwortete Breitenstein, "ob Euch nicht beifallt, in welches Haus er gehoren mag?"

Aufmerksamer betrachtete ihn der Feldhauptmann, auch der alte Truchsess von Waldburg wandte prufend sein Auge heruber. Georg war schuchtern und blode vor diese Manner getreten; aber sei es, dass die freundliche, zutrauliche Weise Frondsbergs ihm Mut machte, sei es, dass er fuhlte, wie wichtig der Augenblick fur ihn sei, er bekampfte die Scham den Blicken so vieler beruhmter Manner ausgesetzt zu sein, und sah ihnen entschlossen und mutig ins Gesicht.

"Jetzt, an diesem Blick erkenne ich dich", sagte Frondsberg und bot ihm die Hand, "du bist ein Sturmfeder?"

"Georg Sturmfeder", antwortete der junge Mann, "mein Vater war Burkhardt Sturmfeder, er fiel, wie man mir sagte, in Italien an Eurer Seite."

"Er war ein tapferer Mann", sprach der Feldhauptmann, dessen Auge immer noch sinnend auf Georgs Zugen ruhte, "an manchem warmen Schlachttag hat er treu zu mir gehalten, wahrlich sie haben ihn allzufruhe eingescharrt! Und du", setzte er freundlicher hinzu, "du hast dich eingestellt, um seiner Spur zu folgen? Was treibt dich schon so fruhe aus dem Neste und bist kaum flick?"

"Ich weiss schon", unterbrach ihn Waldburg mit rauher, unangenehmer Stimme; "das Vogelein will sich ein paar Flockchen Wolle suchen, um das alte Nest zu flicken!"

Diese rohe Anspielung auf die verfallene Burg seiner Ahnen jagte eine hohe Glut auf die Wangen des Junglings. Er hatte sich nie seiner Durftigkeit geschamt, aber dieses Wort klang so hohnend, dass er sich zum ersten Male dem reichen Spotter gegenuber recht arm fuhlte. Da fiel sein Blick uber Truchsess Waldburg hin durch die Scheiben auf jenes wohlbekannte Erkerfenster; er glaubte Mariens Gestalt zu erblicken und sein alter Mut kehrte wieder. "Ein jeder Kampf hat seinen Preis, Herr Ritter", sagte er, "ich habe dem Bund Kopf und Arm angetragen; was mich dazu treibt, kann Euch gleichgultig sein."

"Nun, nun!" erwiderte jener, "wie es mit dem Arm aussieht, werden wir sehen, im Kopfe muss es aber nicht so ganz hell sein, da Ihr aus Spass gleich Ernst macht."

Der gereizte Jungling wollte wieder etwas darauf erwidern, Frondsberg aber nahm ihn freundlich bei der Hand: "Ganz wie dein Vater, lieber Junge, nun du willst zeitlich zu einer Nessel werden.13 Und wir werden Leute brauchen, denen das Herz am rechten Flecke sitzt. Dass du dann nicht der letzte bist, darfst du gewiss sein."

Diese wenigen Worte aus dem Munde eines durch Tapferkeit und Kriegskunst unter seinen Zeitgenossen hochberuhmten Mannes, ubten so besanftigende Gewalt uber Georg, dass er die Antwort, die ihm auf der Zunge schwebte, zuruckdrangte, und sich schweigend von der Tafel in ein Fenster zuruckzog, teils um die Obersten nicht weiter zu storen, teils um sich genauer zu uberzeugen, ob die fluchtige Erscheinung, die er vorhin gesehen, wirklich Marie gewesen sei?

Als Georg die Tafel verlassen hatte, wandte sich Frondsberg zu Waldburg: "Das ist nicht die Art, Herr Truchsess, wie man tuchtige Gesellen fur unsere Sache gewinnt, ich wette, er ging nicht mit halb soviel Eifer fur die Sache von uns, als er zu uns brachte."

"Musst Ihr dem jungen Laffen auch noch das Wort reden?" fuhr jener auf, "was braucht es da? er soll einen Spass von seinem Oberen ertragen lernen."

"Mit Verlaub", fiel ihm Breitenstein ins Wort, "das ist kein Spass, sich uber unverschuldete Armut lustig zu machen, ich weiss aber wohl, Ihr seid seinem Vater auch nie grun gewesen."

"Und", fuhr Frondsberg fort, "sein Oberer seid Ihr ganz und gar noch nicht. Er hat dem Bunde noch keinen Eid geleistet, also kann er noch immer hinreiten, wohin er will; und wenn er auch unter Euren eigenen Fahnen diente, so mochte ich Euch doch nicht raten, ihn zu hanseln, er sieht mir nicht darnach aus, als ob er sich viel gefallen liesse!"

Sprachlos vor Zorn uber den Widerspruch, den er in seinem Leben nie ertragen konnte, blickte Truchsess den einen und den andern an, mit so wutvollen Blikken, dass sich Ludwig von Hutten schnell ins Mittel warf, um noch argeren Streit zu verhuten: "Lasst doch die alten Geschichten!" rief er. "Oberhaupt ware es gut, wir heben die Tafel auf. Es dunkelt draussen schon stark und der Wein wird zu machtig. Dieterich Spat hat schon zweimal des Wurttembergers Tod ausgebracht, und die Franken dort unten sind nur noch nicht einig, ob man seine Schlosser niederbrennen oder verteilen soll."

"Lasst sie immer", lachte Waldburg bitter, "die Herren durfen ja heute machen was sie wollen, Frondsberg wird ihnen doch das Wort reden."

"Nein", antwortete Ludwig Hutten; "wenn einer von so etwas reden darf, bin ich es, als der Blutracher meines Sohnes; aber ehe noch der Krieg erklart ist, mussen solche Reden unterbleiben. Mein Vetter Ulerich spricht mir auch zu heftig mit den Italienern, uber den Monch von Wittenberg, und er verschwatzt sich zu sehr, wenn er in Zorn geratet. Lasst uns aufbrechen."

Frondsberg und Sickingen stimmten ihm bei, sie standen auf, und als die nachsten um sie her ihrem Beispiel folgten, war der Aufbruch allgemein.

IV

Wollt ihr wissen was die Augen sein,

Womit ich sie sehe durch alle Land?

Es sind die Gedanken des Herzens mein,

Damit schau ich durch Mauer und Wand.

Walther von der Vogelweide

Georg hatte in dem Fenster, wohin er sich zuruckgezogen, nicht so entfernt gestanden, dass er nicht jedes Wort der Streitenden gehort hatte. Er freute sich der warmen Teilnahme, mit welcher Frondsberg sich des unberuhmten, verwaisten Junglings angenommen hatte, zugleich aber konnte er es sich nicht verbergen, dass sein erster Schritt in die kriegerische Laufbahn ihm einen machtigen, erbitterten Feind zugezogen hatte. Der Truchsess war zu bekannt im Heere wegen seines unversohnlichen Stolzes, als das Georg hatte glauben durfen, Huttens vermittelnde und besanftigende Worte haben jede Erinnerung an diesen Streit verloscht, und dass Manner von Gewicht, wie Waldburg, in solchen Fallen, der vielleicht unschuldigen Ursache ihres Zornes die Schuld nicht erlassen, war ihm aus manchen Fallen wohlbekannt. Ein leichter Schlag auf seine Schulter unterbrach seine Gedanken und er sah, als er sich umwandte, seinen freundlichen sich.

"Ich wette, Ihr habt Euch noch nach keinem Quartier umgesehen", sprach Dieterich von Kraft, "und es mochte Euch auch jetzt etwas schwer werden, denn es ist bereits dunkel und die Stadt ist uberfullt."

Georg gestand, dass er noch nicht daran gedacht habe, er hoffe aber, in einer der offentlichen Herbergen noch ein Platzchen zu bekommen.

"Da mochte ich doch nicht so sicher darauf bauen", entgegnete jener, "und gesetzt, Ihr fandet auch in einer solchen Schenke einen Winkel, so durft Ihr doch sicherlich darauf rechnen, dass Ihr schlecht genug bedient seid. Aber wenn Euch meine Wohnung nicht zu gering scheint, so steht sie Euch mit Freuden offen."

Der gute Ratsschreiber sprach mit so viel Herzlichkeit, dass Georg nicht Anstand nahm, sein Anerbieten anzunehmen, obgleich er beinahe befurchtete, die gastfreundliche Einladung mochte seinen Wirt gereuen, wenn die gute Laune zugleich mit den Dunsten des Weines verflogen sein werde. Jener aber schien uber die Bereitwilligkeit seines Gastes hoch erfreut; er nahm mit einem herzlichen Handschlag seinen Arm und fuhrte ihn aus dem Saal.

Der Platz vor dem Rathaus bot indes einen ganz eigenen Anblick dar. Die Tage waren noch kurz und die Abenddammerung war uber der Tafel unbemerkt hereingebrochen; man hatte daher Fackeln und Windlichter angezundet, ihr dunkelroter Schein erhellte den grossen Raum nur sparsam und spielte in zitternden Reflexen an den Fenstern der gegenuberstehenden Hauser und auf den blanken Helmen und Brustharnischen der Ritter. Wildes Ruten nach Pferden und Knechten scholl aus der Halle des Rathauses, das Klirren der nachschleppenden Schwerter, das Hinund Herrennen der vielen Menschen mischte sich in das Gebell der Hunde, in das Wiehern und Stampfen der ungeduldigen Rosse, eine Szene, die mehr einem in der Nacht vom Feinde uberfallenen Posten, als dem Aufbruch von einem friedlichen Mahle glich.

Uberrasche blieb Georg unter der Halle stehen. Der Anblick so vieler, frohlicher Gesichter, der kraftigen Gestalten, die in jugendlichem Mute ansprengten, kuhne Reiterkunste ubten und dann singend und jubelnd in kleinen Haufen abzogen und in der Nacht verschwanden, dieser nachtliche, fluchtige Anblick erinnerte ihn, wie ungewiss, wie schnell auch diese Tage vorubergehen werden, wie alle diese frohlichen Gesellen dem tiefen Ernste des Krieges entgegenziehen, wie mancher, noch ehe der Fruhling vollig heraufginge, mit seinem Korper den grunenden Rasen decken werde. Wie sie gefallen sein werden, ohne mit ihrem Blute etwas eingelost zu haben, als die Trane eines Kameraden und den kurzen Ruhm als brave Manner vor dem Feinde geblieben zu sein.

Unwillkurlich streifte sein Auge nach jener Seite hin, wo er seinen Kampfpreis wusste. Er sah dort viele Leute an den Fenstern stehen, aber der schwarzliche Rauch der Fackeln, der wie eine Wolke uber den Platz hinzog, verhullte die Gegenstande wie mit einem Schleier und liess sie nur wie ungewisse Schatten sehen; unbefriedigt wandte er sein Auge ab. "So ist auch meine Zukunft", sagte er zu sich, "das Jetzt ist helle, aber wie dunkel, wie ungewiss das Ziel!"

Sein freundlicher Wirt riss ihn aus diesem dustern Sinnen mit der Frage: wo seine Knechte mit seinen Pferden seien? Wenn der Platz, worauf sie standen, heller erleuchtet gewesen ware, so hatte vielleicht der gute Kraft eine fluchtige aber brennende Rote, die bei dieser Frage uber Georgs Wangen zog, bemerken konnen. "Ein junger Kriegsmann", antwortete er schnell gefasst, "muss sich so viel moglich selbst zu helfen wissen, daher habe ich keine Diener bei mir. Mein Pferd aber habe ich Breitensteins Knechten ubergeben."

Der Ratsschreiber lobte im Weiterschreiten die Strenge des jungen Mannes gegen sich selbst, gestand aber, dass er, wenn er einmal zu Feld ziehe, den Dienst nicht so strenge lernen werde. Ein Blick auf sein zierlich geordnetes Haar und den fein gekrauselten Bart, uberzeugten Georg, dass sein Begleiter aus voller Seele spreche, und die zierliche, bequeme Wohnung, in welcher sie bald darauf anlangten, widersprach diesem Glauben nicht.

Das Hauswesen des Herrn von Kraft war eine sogenannte Junggesellenwirtschaft, denn Herrn Dieterichs Eltern waren langst abgeschieden, als er in das Mannesalter und zugleich in seinen Posten beim Grossen Rat eintrat. Er hatte sich vielleicht langst um eine Genossin seiner Herrlichkeit umgesehen, wenn nicht die Anmut des Junggesellenlebens, der nicht zu verachtende Vorteil, von allen jungen Damen der Stadt als eine gute Partie (nach heutigen Begriffen) angesehen und honoriert zu werden, vor allem aber, wie man sich ins Ohr flusterte, die entschiedene Abneigung, die seine alte Amme und Haushalterin vor einer jungen Gebieterin hegte, ihn immer von diesem Schritte abgehalten hatte.

Herr Dieterich hatte ein grosses Haus nicht weit vom Munster, einen schonen Garten am Michelsberg, sein Hausgerate war im besten Stande, die grossen eichenen Kasten voll des kostlichsten Linnenzeuges, das die Kraftinnen und ihre Zofen seit vielen Generationen in den langen Winterabenden zusammengesponnen hatten, die eiserne Truhe im Schlafzimmer enthielt eine erkleckliche Anzahl von Goldgulden, Herr Dieterich selbst war ein hubscher, solider Herr, ging immer geschniegelt und gebugelt, mit gesetztem, anstandigem Gang in den Rat, hatte einen guten Haus- und Ratverstand, war aus einer alten Familie, war es ein Wunder, wenn die ganze Stadt sein Leben pries und jedes hubsche Ulmer Stadtkind sich glucklich geschatzt hatte, in diesen bequem ausstaffierten Ehehimmel zu kommen?

Georg kamen ubrigens diese Verhaltnisse bei naherer Besichtigung nichts weniger als lockend vor. Die einzigen Hausgenossen des Ratsschreibers waren, ein alter grauer Diener, zwei grosse Katzen und die unformlich dicke Amme. Diese vier Geschopfe starrten den Gast mit grossen, bedenklichen Augen an, die ihm bewiesen, wie ungewohnt ihnen ein solcher Zuwachs der Haushaltung sei. Die Katzen umgingen ihn schnurrend, mit gekrummtem Rucken, die Amme schob unmutig an der ungeheuren Buckelhaube von Golddraht und fragte, ob sie fur zwei Personen das Abendessen zurichten solle? Als sie aber nicht nur ihre Frage bestatigen horte, sondern auch den Auftrag (man war ungewiss, war es Bitte oder Befehl) bekam, das Eckzimmer im zweiten Stock fur den Gast zuzurusten, da schien ihre Geduld erschopft; sie liess einen wutenden Blick auf ihren jungen Gebieter schiessen und verliess mit ihrem Schlusselbund rasselnd das Gemach. Georg horte noch lange die hohltonenden Treppen unter ihren schweren Tritten erbeben, und die ode Stille des grossen Hauses gab in vielfaltigem Echo das Gepolter der Turen zuruck, welche sie im Grimme hinter sich zuwarf.

Der graue Diener hatte indessen einen Tisch und zwei grosse Armstuhle an den ungeheuren Ofen geruckt; den Tisch besetzte er mit einem schwarzen Kasten, stellte zu beiden Seiten desselben ein Licht und einen silbernen Becher mit Wein und entfernte sich dann, nachdem er einige leise Worte mit seinem Herrn gewechselt hatte. Herr Dieterich lud seinen Gast ein, an seiner gewohnlichen Abendunterhaltung teilzunehmen. Er offnete den schwarzen Kasten, es war ein Brettspiel.

Georg graute vor dieser Unterhaltung seines Gastfreundes, als er ihm erzahlte, dass er seit seinem zehenten Jahre alle Abende mit der Amme an diesem Spiele sich ergotze. Wie ode, wie unheimlich kam ihm das ganze Haus vor. Das Rennen und Laufen der Amme hatte doch noch an Leben und Bewegung erinnert, jetzt aber lag Grabesstille uber den weiten Gangen und Gemachern, nur zuweilen vom Knistern der Lichter, vom Ticken des Holzwurmes im schwarzlichen Getafer und dem eintonigen Rollen der Wurfel unterbrochen. Das Spiel hatte nie etwas Anziehendes fur ihn gehabt, seine Gedanken waren auch ferne davon und die tiefe Melancholie der oden Gemacher und der Gedanke, nur wenige Strassen von ihr entfernt, doch den langersehnten Anblick der Geliebten entbehren zu mussen, breitete dustere Schatten uber seine Seele. Nur die ungeheuchelte Freude Herrn Dieterichs, beinahe alle Spiele zu gewinnen, die seinem gutmutigen Gesicht etwas Angenehmes verlieh, entschadigte ihn fur den Verlust der langsam hinschleichenden Stunden.

Mit dem Schlag der achten Stunde fuhrte Dieterich seinen Gast zum Abendbrot, das die Amme trotz ihres Unmutes, trefflich bereitet hatte, denn sie wollte der Ehre des Kraftischen Hauses nichts vergeben. Hier offnete auch der Ratsschreiber wieder die Schleusen seiner Beredsamkeit, indem er seinem Gaste das Mahl durch Gesprach zu wurzen suchte. Aber umsonst spahete dieser, ob er nicht von seinem schonen Muhmchen reden werde; nur eine Ausbeute bekam er, Kraft zahlte unter den wurttembergischen Rittern, die in Ulm anwesend seien, auch den Ritter von Lichtenstein auf. Doch schon dieses Wort erweckte dankbare Gefuhle gegen die Wendung seines Schicksales in ihm. Jetzt erst freute er sich, einer Partei beigetreten zu sein, die ihm sonst ausser den beruhmten Namen, die sie an der Spitze trug, ziemlich gleichgultig war. So aber hatte auch ihr Vater sich in dem Sammelplatze des Heeres eingefunden, und durfte er auch nicht hoffen, dass ihm das Gluck vergonnen werde, an der Seite des teuren Mannes zu fechten, so trug er doch die Gewissheit in der Brust, ihm beweisen zu konnen, dass Georg von Sturmfeder nicht der letzte Kampfer im Heere sei.

Der Hausherr fuhrte ihn nach aufgehobener Tafel in sein Schlafgemach und schied von ihm mit einem herzlichen Gluckwunsch fur seine Ruhe. Georg sah sich das Gemach, das man ihm angewiesen hatte, naher an, und fand, dass es ganz zu dem oden Hause passe. Die runden, vom Alter geblendeten Scheiben der Fenster, das dunkle Taferwerk an Wand und Dekke, der grosse weit vorspringende Ofen, selbst das ungeheure Bette mit breitem Himmel und steifen, schweren Gardinen, sie gewahrten ein dusteres, beinahe trauriges Aussehen. Aber dennoch war alles zu seiner Bequemlichkeit eingerichtet. Frische, schneeweisse Linnen blinkten ihm einladend aus dem Bette entgegen, als er die Vorhange zuruckschlug; der Ofen verbreitete eine angenehme Warme, eine Nachtlampe war an der Decke aufgehangt, und selbst der Schlaftrunk, ein Becher wohlgewurzten warmen Weines, war nicht vergessen. Er zog die Gardinen vor, und liess die Bilder des vergangenen Tages an seiner Seele voruberziehen. Geordnet und freundlich kamen sie anfangs voruber, dann aber verwirrten sie sich, in buntem Gedrange fuhrten sie seine Seele in das Reich der Traume, und nur ein teures Bild ging ihm heller auf, es war das Bild der Geliebten.

V

Ist's kein Wahn?

Will der Holde, Vielgetreue,

Dem ich Herz und Leben weihe,

Heute noch zu Gruss und Kusse nahn?

F. Haug

Georg wurde am anderen Morgen durch ein bescheidenes Pochen an seiner Ture erweckt. Er schlug die Vorhange seines Bettes zuruck und sah, dass die Sonne schon ziemlich hoch stehe. Es wurde wieder und starker gepocht, und sein freundlicher Wirt, schon vollig im Putz, trat ein. Nach den ersten Erkundigungen wie sein Gast geschlafen habe, kam Herr Dieterich gleich auf die Ursache seines fruhen Besuches. Der Grosse Rat hatte gestern abend noch beschlossen, die Ankunft der Bundesgenossen auch durch einen Tanz zu feiern, der am heutigen Abend auf dem Rathause abgehalten werden sollte. Ihm, als dem Ratsschreiber, kam es zu, alles anzuordnen, was zu dieser Festlichkeit gehorte, er musste die Stadtpfeifer bestellen, die ersten Familien feierlich und im Namen des Rates dazu einladen, er musste vor allem zu seinen lieben Muhmchen eilen, um ihnen dieses seltene Gluck zu verkundigen. Gaste und versicherte ihn, dass er vor dem Drang der Geschafte nicht wisse, wo ihm der Kopf stehe. Doch Georg hatte nur fur eines Sinn; er durfte hoffen, Marien zu sehen und zu sprechen, und darum hatte er gerne Herrn Dieterich fur seine gute Botschaft an das freudig pochende Herz gedruckt.

"Ich sehe es Euch an", sagte dieser, "die Nachricht macht Euch Freude und die Tanzlust leuchtet Euch schon aus den Augen. Doch Ihr sollt ein paar Tanzerinnen haben, wie Ihr sie nur wunschen konnt; mit meinen Baschen sollt Ihr mir tanzen, denn ich bin ihr Fuhrer bei solchen Gelegenheiten und werde es schon zu machen wissen, dass Ihr und kein anderer zuerst sie aufziehen sollet; und wie werden sie sich freuen, wenn ich ihnen einen so flinken Tanzer verspreche!" Damit wunschte er seinem Gast einen guten Morgen und ermahnte ihn, wenn er ausgehe, sein Haus zu merken und das Mittagessen nicht zu versaumen.

Herr Dieterich hatte als sehr naher Verwandter schon so fruhe am Tag Zutritt im Hause des Herrn von Besserer, besonders heute, da ihn seine vielen Geschafte bei diesem Morgenbesuche entschuldigten.

Er fand die Madchen noch beim Fruhstuck. Wohl hatte dort manche unserer heutigen Damen ein elegantes Dejeuner von gemaltem Porzellain und den, nach den schonsten, antiken Vasen geformten Schokoladebecher vermisst. Aber, wenn es wahr ist, dass naturliche Anmut und Wurde auch im geringsten Kleide sich dem Auge nicht verhullen, so durfen wir schon mit mehr Mut gestehen, dass Marie und die frohliche Berta an jenem Morgen ein Biersuppchen verspeisten. Ob aber dieses Gestandnis der asthetischen Haltung dieser Damen nicht Eintrag tut? Es mag sein; wer ubrigens Marien und Berta in dem weissen Morgenhaubchen, in dem reinlichen Hauskleide gesehen hatte, wurde gewiss auch wie Vetter Kraft, Verlangen getragen haben, dieses Fruhstuck mit den holden Madchen zu teilen.

"Ich sehe dir es an, Vetter", begann Berta, "du mochtest gar zu gerne von unserer Suppe kosten, weil dir deine Amme heute einen Kinderbrei vorgesetzt hat; aber schlage dir diese Gedanken nur gleich aus dem Sinne; du hast Strafe verdient und musst fasten "

"Ach, wie wir so sehnlich auf Euch gewartet haben", unterbrach sie Marie.

"Ja wohl", fiel ihr Berta in die Rede, "aber bilde dir nur nicht ein, dass wir eigentlich dich erwarteten; nein, ganz allein deine Neuigkeiten."

Der Ratsschreiber war schon gewohnt von Berta so empfangen zu werden; er wollte daher, um sie zu versohnen, dass er nicht gestern abend noch ihre Neugierde befriedigt habe, seine Nachrichten in desto langerem Strome geben; aber Berta unterbrach ihn: "Wir kennen", sagte sie, "deine breiten Erzahlungen, und haben auch das meiste vom Erker aus selbst mit angesehen; von eurem Trinkgelage, wo es arg genug hergegangen sein soll, will ich auch nichts wissen, darum antworte mir auf meine Frage." Sie stellte sich mit komischem Ernst vor ihn hin und fuhr fort: "Dieterich von Kraft, Schreiber eines wohledlen Rates, habt Ihr unter den Bundischen keinen jungen, uberaus hoflichen Herrn gesehen, mit langem hellbraunem Haar, einem Gesicht, nicht so milchweiss wie das Eure, aber doch nicht minder hubsch, kleinem Bart, nicht so zierlich wie der Eure, aber dennoch schoner, hellblauer Scharpe mit Silber..."

"Ach, das ist kein anderer als mein Gast", rief Herr Dieterich, "er ritt einen grossen Braunen, trug ein blaues Wams, an den Schultern geschlitzt und mit Hellblau ausgelegt?"

"Ja, ja, nur weiter", rief Berta, "wir haben unsere eigenen Ursachen, uns nach ihm zu erkundigen."

Marie stand auf und suchte ihr Nahzeug in dem Kasten, indem sie den beiden den Rucken zukehrte; aber die Rote, die alle Augenblicke auf ihren Wangen wechselte, liess ahnen, dass sie kein Wort von Herrn Dieterichs Erzahlung verlor.

"Nun das ist Georg von Sturmfeder", fuhr der Ratschreiber fort; "ein schoner, lieber Junge. Sonderbar; auch ihr seid ihm gleich beim Einzug aufgefallen" und nun erzahlte er, was am Gastmahl vorgegangen sei, wie ihm der hohe Wuchs, das Gebietende und Anziehende in des Junglings Mienen gleich anfangs aufgefallen, wie ihn der Zufall zu seinem Nachbar gemacht, wie er ihn immer lieber gewonnen und endlich in sein Haus gefuhrt habe.

"Nun, das ist schon von dir, Vetter", sagte Berta als er geendet hatte, und reichte ihm freundlich die Hand, "ich glaube, es ist das erstemal, dass du es wagst, Gaste zu haben. Aber das Gesicht der alten Sabine hatte ich sehen mogen, als Junker Dieter so spat noch einen Gast brachte."

"Oh, sie war wie der Lindwurm gegen Sankt Georg; aber als ich ihr ganz verblumt zu verstehen gab, es konne wohl geschehen, dass ich bald eine meiner schonen Basen heimfuhren werde..."

"Ach, geh doch!" entgegnete Berta, indem sie ihm hoch errotend ihre Hand entreissen wollte; aber Herr Dieterich, dem sein Muhmchen noch nie so hubsch als in diesem Augenblicke geschienen hatte, druckte die weiche Hand fester, und Mariens ernsteres Bild verlor von Sekunde zu Sekunde an Gehalt, und die Waagschale der frohlichen Berta, die jetzt in holder Verschamtheit vor ihm sass, stieg hoch in den Augen des glucklichen Ratschreibers.

Marie hatte indes schweigend das Gemach verlassen, und Berta ergriff mit Freuden diese Gelegenheit ein anderes Gesprach einzuleiten.

"Da geht sie nun wieder", sagte sie und sah Marien nach, "und ich wollte darauf wetten, sie geht in ihre Kammer und weint. Ach, sie hat gestern wieder so heftig geweint, dass ich auch ganz traurig geworden bin."

"Was hat sie nur?" fragte Dieterich teilnehmend.

"Ich habe so wenig wie fruher die Ursache ihrer Tranen erfahren", fuhr Berta fort, "ich habe gefragt und immer wieder gefragt, aber sie schuttelt dann nur den Kopf, als wenn ihr nicht zu helfen ware; 'der unselige Krieg!' war alles, was sie mir zur Antwort gab."

"So ist der Alte noch immer entschlossen, mit ihr nach Lichtenstein zuruckzugehen?"

"Ja wohl", war Bertas Antwort, "du hattest nur horen sollen, wie der alte Mann gestern beim Einzug auf die Bundischen schimpfte. Nun er ist einmal seinem Herzog mit Leib und Seele ergeben, darum mag es ihm hingehen; aber sobald der Krieg erklart ist, will er mit ihr abreisen."

Herr Dieterich schien sehr nachdenklich zu werden; er stutzte den Kopf auf die Hand und horte seiner Muhme schweigend zu.

"Und denke", fuhr diese fort, "da hat sie nun gestern nach dem Einritte der Bundischen so heftig geweint. Du weisst, sie war zwar vorher schon immer ernst und duster, und ich habe sie an manchem Morgen in Tranen gefunden; aber als habe schon dieser Einzug uber das ganze Schicksal des Krieges entschieden, so untrostlich gebardete sie sich. Ich glaube Ulm liegt ihr nicht so am Herzen, aber ich vermute", setzte sie geheimnisvoll hinzu, "sie hat eine heimliche Liebe im Herzen."

"Ach freilich, ich habe es ja schon lange gemerkt", seufzte Herr Dieterich, "aber was kann ich denn davor?"

"Du? was du davor kannst?" lachte Berta, auf deren Gesicht bei diesen Worten alle Trauer verschwunden war; "nein! du bist nicht schuld an ihrem Schmerz. Sie war schon so, ehe du sie nur mit einem Auge gesehen hast!"

Der ehrliche Ratschreiber war sehr beschamt durch diese Versicherung. Er glaubte in seinem Herzen nicht anders, als der Abschied von ihm, gehe der armen Marie so nahe, und fast schien ihr wehmutiges Bild in seinem wankelmutigen Herzen wieder das Ubergewicht zu bekommen. Berta aber liess nicht ab, ihn mit seiner torichten Vermutung zu hohnen, bis ihm auf einmal der Zweck seines Besuches wieder einfiel, den er wahrend des Gespraches ganz aus den Augen verloren hatte. Sie sprang mit einem Schrei der Freude auf, als ihr der Vetter die Nachricht von dem Abendtanz mitteilte.

"Marie, Marie!" rief sie in hellen Tonen, dass die Gerufene besturzt und irgendein Ungluck ahnend, herbeisprang. "Marie, ein Abendtanz auf dem Rathaus!" rief ihr die begluckte Berta schon unter der Ture entgegen.

Auch diese schien freudig uberrascht von dieser Nachricht. "Wann? kommen die Fremden dazu?" waren ihre schnellen Fragen, indem ein hohes Rot ihre Wangen farbte, und aus dem ernsten Auge, das die kaum geweinten Tranen nicht verbergen konnte, ein Strahl der Freude drang.

Berta und der Vetter waren erstaunt uber den schnellen Wechsel von Schmerz und Freude, und der letztere konnte die Bemerkung nicht unterdrucken, dass Marie eine leidenschaftliche Tanzerin sein musse. Doch wir glauben, er habe sich hierin nicht weniger geirrt als wenn er Georg fur einen Weinkenner hielt.

Als der Ratschreiber sah, dass er jetzt, wo die Madchen sich in eine wichtige Beratung uber ihren Anzug verwickelten, eine uberflussige Rolle spiele, empfahl er sich, um seinen wichtigeren Geschaften nachzugehen. Er beeilte sich, seine Anordnungen zu treffen, und die hohen Gaste und die angesehensten Hauser zu laden. Uberall erschien er als ein Bote des Heils, denn wie die Sage erzahlt, ist die Freude am Tanzen nicht erst in unseren Tagen uber die Madchen gekommen.

Auch seine Anordnungen waren bald getroffen. Es war noch nicht zum Grundsatz geworden, dass man nur in einer langen Reihe von Zimmern, bei flimmernden Lustres, umgeben von jenen unzahligen, unwesentlichen Dingen, welche die Mode als notwendig preist, frohlich sein konne. Der Rathaussaal gab hinlanglichen Raum, und die kunstlosen Lampen, die an den Wanden aufgehangt waren, hatten bisher Helle genug verbreitet, die schonen Jungfrauen von Ulm in ihrer Pracht zu sehen.

Doch nicht seine Anordnungen allein waren dem Ratsschreiber gelungen, er hatte nebenbei auch manche geheime Nachricht erspaht, die bis jetzt nur der engere Ausschuss des Rates mit den Bundesobersten teilte.

Zufrieden mit dem Erfolg seiner vielen Geschafte kam er gegen Mittag nach Hause und sein erster Gang war nach seinem Gaste zu sehen. Er traf ihn in sonderbarer Arbeit. Georg hatte lange in einem schongeschriebenen Chronikbuch, das er in seinem Zimmer gefunden hatte, geblattert. Die reinlich gemalten Bilder, womit die Anfangsbuchstaben der Kapitel unterlegt waren, die Triumphzuge und Schlachtenstucke, welche mit kuhnen Zugen entworfen, mit besonderem Fleisse ausgemalt, hin und wieder den Text unterbrachen, unterhielten ihn geraume Zeit. Dann fing er an, erfullt von den kriegerischen Bildern, die er angeschaut hatte, seinen Helm und Harnisch, und das vom Vater ererbte Schwert zu reinigen und blank zu machen, indem er, zu grossem Argernis der Frau Sabine, bald lustige bald ernstere Weisen dazu sang.

So traf ihn sein Gastfreund. Schon unten an der Treppe hatte er die angenehme Stimme des Singenden vernommen; er konnte sich nicht enthalten noch einige Zeit an der Ture zu lauschen, ehe er den Gesang unterbrach.

Es war eine jener ernsten, beinahe wehmutig tonenden Weisen, wie sie durch ihren innern Wert erhalten und fortgetragen, bis auf unsere Tage herabkamen. Noch heute leben sie in dem Munde der Schwaben, und oft und gerne haben wir, ergriffen von ihrer einfachen Schonheit, von den gehaltenen Klangen ihrer vollen Akkorde, an den lieblichen Ufern des Neckars sie belauscht.

Der Sanger begann von neuem:

"Kaum gedacht

War der Lust ein End gemacht.

Gestern noch auf stolzen Rossen,

Heute durch die Brust geschossen,

Morgen in das kuhle Grab.

Doch was ist

Aller Erden Freud und Lust'.

Prangst du gleich mit deinen Wangen,

Die wie Milch und Purpur prangen,

Sieh, die Rosen welken all.

Darum still

Geb ich mich, wie Gott es will.

Und wird die Trompete blasen,

Und muss ich mein Leben lassen,

Stirbt ein braver Reitersmann."

"Wahrlich, Ihr habt eine schone Stimme", sagte Herr von Kraft, als er in das Gemach eintrat, "aber warum singet Ihr so traurige Lieder? Ich kann mich zwar nicht mit Euch messen, aber was ich singe, muss frohlich sein, wie es einem jungen Mann von achtundzwanzig geziemt."

Georg legte sein Schwert auf die Seite und bot seinem Gastfreunde die Hand. "Ihr mogt recht haben", sagte er, "was Euch betrifft; aber wenn man zu Feld reitet wie wir, da hat ein solches Lied grosse Gewalt und Trost, denn es gibt auch dem Tode eine milde Seite."

"Nun, das ist ja gerade was ich meine", entgegnete der Schreiber des Grossen Rates, "wozu soll man das auch noch in schonen Verslein besingen, was leider nur zu gewiss nicht ausbleibt. Man soll den Teufel nicht an die Wand malen, sonst kommt er, sagt ein Spruchwort; ubrigens hat es damit keine Not, wie jetzt die Sachen stehen."

"Wie? ist der Krieg nicht entschieden?" fragte Georg neugierig. "Hat der Wurttemberger Bedingungen angenommen?"

"Dem macht man gar keine mehr", antwortete Dieterich mit wegwerfender Miene, "er ist die langste Zeit Herzog gewesen, jetzt kommt das Regieren auch einmal an uns. Ich will Euch etwas sagen", setzte er wichtig und geheimnisvoll hinzu, "aber bis jetzt bleibt es noch unter uns; die Hand darauf. Ihr meint der Herzog habe 14000 Schweizer? Sie sind wie weggeblasen. Der Bote, den wir nach Zurch und Bern geschickt haben, ist zuruck; was von Schweizern bei Blaubeuren und auf der Alb liegt muss nach Haus."

"Nach Haus zuruck?" rief Georg erstaunt, "haben die Schweizer selbst Krieg?"

"Nein", war die Antwort, "sie haben tiefen Frieden, aber kein Geld; glaubt mir, ehe acht Tage ins Land kommen, sind schon Boten da, die das ganze Heer nach Haus zuruckrufen."

"Und werden sie gehen?" unterbrach ihn der Jungling, "sie sind auf ihre eigene Faust dem Herzog zu Hulfe gezogen, wer kann ihnen gebieten, seine Fahnen zu verlassen?"

"Das weiss man schon zu machen; glaubt Ihr denn, wenn an die Schweizer der Ruf kommt, bei Verlust ihrer Guter und bei Leib- und Lebensstrafe nach Haus zu eilen14, sie werden bleiben? Ulerich hat zuwenig Geld, um sie zu halten, denn auf Versprechungen dienen sie nicht."

"Aber ist dies auch ehrlich gehandelt", bemerkte Georg, "heisst das nicht dem Feinde, der in ehrlicher Fehde mit uns lebt, die Waffen stehlen und ihn dann uberfallen?"

"In der Politica, wie wir es nennen", gab der Ratschreiber zur Antwort, und schien sich dem unerfahrenen Kriegsmann gegenuber kein geringes Ansehen geben zu wollen, "in der Politica wird die Ehrlichkeit hochstens zum Schein angewandt; so werden die Schweizer z.B. dem Herzog erklaren, dass sie sich ein Gewissen daraus machen, ihre Leute gegen die freien Stadte dienen zu lassen; aber die Wahrheit ist, dass wir dem grossen Baren mehr Goldgulden in die Tatze druckten als der Herzog."

"Nun, und wenn die Schweizer auch abziehen", sagte Georg, "so hat doch Wurttemberg noch Leute genug, um keinen Hund uber die Alb zu lassen."

"Auch dafur wird gesorgt", fuhr der Schreiber in seiner Erlauterung fort, "wir schicken einen Brief an die Stande von Wurttemberg, und ermahnen sie, das unleidliche Regiment ihres Herzogs zu bedenken, demselben keinen Beistand zu tun, sondern dem Bunde zuzuziehen."15

"Wie?" rief Georg mit Entsetzen, "das hiesse ja den Herzog um sein Land betrugen; wollt Ihr ihn denn zwingen, der Regierung zu entsagen, und sein schones Wurttemberg mit dem Rucken anzusehen?"

"Und Ihr habt bisher geglaubt, man wolle nichts weiter als etwa Reutlingen wieder zur Reichsstadt machen? Von was soll denn Hutten seine 42 Gesellen und ihre Diener besolden? Wovon denn Sickingen seine 1000 Reiter und 12000 zu Fuss, wenn er nicht ein hubsches Stuckchen Land damit erkampft? Und meint Ihr, der Herzog von Bayern wolle nicht auch sein Teil? Und wir? Unsere Markung grenzt zunachst an Wurttemberg "

"Aber die Fursten Teutschlands", unterbrach ihn Georg ungeduldig, "meint Ihr, sie werden es ruhig mit ansehen, dass Ihr ein schones Land in kleine Fetzen reisset? Der Kaiser, wird er es dulden, dass Ihr einen Herzog aus dem Lande jagt?"

Auch dafur wusste Herr Dieterich Rat. "Es ist kein Zweifel, dass Karl seinem Vater als Kaiser folgt; ihm selbst bieten wir das Land zur Obervormundschaft an, und wenn Osterreich seinen Mantel darauf deckt, wer kann dagegen sein? Doch, sehet nicht so duster aus; wenn Euch nach Krieg gelustet, da kann Rat dazu werden. Der Adel halt noch zum Herzog, und an seinen Schlossern wird sich noch mancher die Zahne einbrechen. Wir verschwatzen ubrigens das Mittagsmahl, kommt bald nach, dass wir erfahren was Frau Sabina uns gekocht hat." Damit verliess der Schreiber des Grossen Rates von Ulm, so stolzen Schrittes, als ware er selbst schon Obervormund von Wurttemberg, das Zimmer seines Gastes.

Georg sandte ihm nicht die freundlichsten Blicke nach. Zurnend schob er seinen Helm, den er noch vor einer Stunde mit so freudigem Mute zu seinem ersten Kampf geschmuckt hatte, in die Ecke; mit Wehmut betrachtete er sein altes Schwert, diesen treuen Stahl, den sein Vater in manchem guten Streite gefuhrt, den er sterbend seinem verwaisten Knaben als einziges Erbe vom Schlachtfeld gesendet hatte. "Ficht ehrlich", war das Symbolum, das der Waffenschmied in die schone Klinge gegraben hatte, und er sollte sie fur eine Sache fuhren, die ihre Ungerechtigkeit an der Stirne trug? Wo er der Kriegskunst erfahrener Manner, der Tapferkeit des einzelnen die Entscheidung zutraute, da sollten geheime Ranke, die Politica, wie Herr Dieterich sich ausdruckte entscheiden? Wo ihn der frohliche Glanz der Waffen, die Aussicht auf Ruhm gelockt hatte, da sollte er nur den habgierigen Planen dieser Menschen dienen? Ein altes Furstenhaus, dem seine Ahnen gerne gedient hatten, sollte er von diesen Spiessburgern vertreiben sehen? Unertraglich wollte ihm auch der Gedanke scheinen, von diesem Kraft sich belehren lassen zu mussen.

Doch dem Unmut uber seinen gutmutigen Wirt, konnte er nicht lange Raum geben, wenn er bedachte, dass ja jene Plane nicht in seinem Kopfe gewachsen seien; und dass Menschen, wie dieser politische Ratschreiber, wenn sie einmal ein Geheimnis, einen grossen Gedanken in Erfahrung gebracht haben, ihn hegen und pflegen wie ihren eigenen; dass sie sich mit dem adoptierten Kinde brusten, als ware es Minerva und aus ihrem eigenen, harten Kopfe entsprungen.

Mit milderen Gedanken kam er zu seinem Gastfreund, als man ihn zu Tisch rief.

Ja, die ganze Ansicht der Dinge wurde ihm nach einigen Stunden bei weitem ertraglicher, als er sich erinnerte, dass ja auch Mariens Vater dieser Partei folge; es war ihm, als mochte die Sache doch nicht so schwarz sein, welcher Manner, wie Frondsberg ihre Dienste geliehen.

Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort,

Das schnell sich handhabt wie des Messers

Schneide

Gleich heisst ihr alles schandlich oder wurdig,

Bos oder gut.

Dieses wahre Wort des Dichters moge die Gesinnung Georgs bezeichnen, die Gesinnung Georgs, der vielleicht allzuschnell seine Ansicht uber jene Dinge anderte. Und wie die dusteren Falten des Unmuts, auf einer jugendlichen Stirne sich schneller glatten, wie selbst schmerzliche Eindrucke in des Junglings Seele von freundlichen Bildern leicht verdrangt werden, so erhellte auch Georgs Seele der freudige Gedanke an den Abend.

Man hat uns erzahlt, dass unter die schonsten Stunden im Leben der Liebe, die gehoren, wo die Erwartung sich an schone Erinnerungen knupft. Der Geist seie da ahnungsvoller, das Herz gehobener. So mochte auch Georg fuhlen. Er traumte von den schonen Augenblicken, wo es ihm vergonnt sein werde, die Geliebte zu sehen, sie zu sprechen, ihre Hand zu fassen und in ihrem Auge zu lesen.

VI

Und als er sie schwingt nun im luftigen Reigen,

Da flustert sie leise, sie kann's nicht verschweigen.

L. Uhland

Wenn es moglich gewesen ware, auf einem Trodelmarke oder in der Auktion eines Antiquars ein "Taschenbuch zum geselligen Vergnugen, mit neuen Tanztouren vom Jahr 1519" aufzufinden, wir hatten nicht leicht so angenehm uberrascht werden konnen, als durch einen Fund ahnlicher Art, den uns der Zufall in die Hande spielte.

Wir waren namlich in vorliegender Historie bis an dieses Kapitel gekommen, das um der Sage zu folgen, von einem Abendtanz handeln soll; da fiel uns mit einem Male der Gedanke schwer aufs Herz, dass wir ja nicht einmal wissen, wie und was man in jenen Zeiten getanzt habe.

Wir hatten zwar schlechthin sagen konnen, "sie tanzten"; aber wie leicht ware es geschehen gewesen, dass eine unserer freundlichen Leserinnen einen Anachronismus gemacht, und etwa Georg von Frondsberg in ihren Gedanken einen Cotillon hatte vortanzen lassen. In dieser Verlegenheit stiessen wir auf das sehr selten gewordene Buch: "Vom Anfang, Ursprung und Reich. Frankfurt 1564." Wir fanden in diesem teuren Folianten, unter andern trefflichen Holzschnitten einige, die einen solchen Abendtanz vorstellten, wie er zu Zeiten Kaiser Maximilians, etwa ein Jahr vor dieser Historie, gehalten wurde.

Wir durfen beinahe mit Gewissheit annehmen, dass der Abendtanz im Ulmer Rathaussaal sich in nichts von jenem angefuhrten unterschied, und man wird sich den deutlichsten Begriff eines solchen Vergnugens machen, wenn wir eines dieser Bilder beschreiben.

Den Vordergrund nehmen Zuschauer und die Pfeifer, Trommler und Trompeter ein, die, nach dem Ausdrucke des Turnierbuches, "eins aufblasen". Zu beiden Seiten, mehr dem Hintergrunde zu, steht die tanzlustige Jugend, in reiche schwere Stoffe gekleidet. In unseren Tagen siehet man bei solchen Gelegenheiten nur zwei Grundfarben, Schwarz und Weiss, worein sich die Herren und Damen, wie in Nacht und Tag geteilt haben; anders zu jenen Zeiten. Ein uberraschender Glanz der Farben strahlt uns aus jenem Bilde entgegen. Das herrlichste Rot vom brennendsten Scharlach bis zum dunkelsten Purpur, jenes brennende Blau, das uns noch heute an den Gemalden alter Meister uberrascht, sind die freudigen Farben ihrer malerisch drapierten Gewander. Die Mitte der Szene nimmt der eigentliche Tanz ein. Er hat am meisten Ahnlichkeit mit der Polonaise, denn er ist ein Umzug im Saale. Den Zug eroffnen vier Trompeter mit langen Wappenfahnen an den Instrumenten; diesen folgt der Vortanzer und seine Dame, diese Stelle begleitet bei jedem Tanze wieder ein anderer, und es entschied hiebei nicht die Geschicklichkeit, sondern der Rang des Tanzers. Auf diese folgen zwei Fackeltrager und dann Paar um Paar der lange Zug der Tanzenden. Die Damen schreiten ehrbar und zuchtig einher, die Manner aber setzen ihre Fusse wunderlich, wie zu kuhnen Sprungen, einige scheinen auch mit den Absatzen den Takt zu stampfen, wie wir auf jeder Kirchweihe in Schwaben noch heutzutage sehen konnen.

So war der Abendtanz zu Ulm. Man blies schon langst zum ersten auf, als Georg von Sturmfeder in den Rathaussaal eintrat. Seine Blicke schweiften durch die Reihen der Tanzenden, und endlich trafen sie Marien. Sie tanzte mit einem jungen, frankischen Ritter seiner Bekanntschaft, schien aber der eifrigen Rede, die er an sie richtete, nicht Gehor zu geben. Ihr Auge suchte den Boden, ihre Miene konnte Ernst, beinahe Trauer ausdrucken; ganz anders als die ubrigen Fraulein, die in der wahren Tanzseligkeit schwimmend, ein Ohr der Musik, das andere dem Tanzer liehen, und die freundlichen Augen bald ihren Bekannten, um den Beifall in ihren Mienen zu lesen, bald ihren Tanzern zuwandten, um zu prufen, ob ihre Aufmerksamkeit auch ganz gewiss auf sie gerichtet sei?

In gehaltenen Tonen hielten jetzt die Zinken und Trompeten aus und endeten; Herr Dieterich Kraft hatte seinen Gastfreund bemerkt und kam ihn, wie er versprochen, zu seinen Muhmen zu fuhren. Er flusterte ihm zu, dass er selbst schon fur den nachsten Tanz mit Baschen Berta versagt sei, doch habe er soeben um Mariens Hand fur seinen Gast geworben.

Beide Madchen waren auf die Erscheinung des ihnen so interessanten Fremden vorbereitet gewesen, und dennoch bedeckte die Erinnerung dessen, was sie uber ihn gesprochen, Bertas angenehme Zuge mit hoher Glut, und die Verwirrung, in welche sie sein Anblick versetzte, liess sie nicht bemerken, welches Entzucken ihm aus Mariens Auge entgegenstrahlte, wie sie bebte, wie sie muhsam nach Atem suchte, wie ihr selbst die Sprache ihre Dienste zu versagen schien.

"Da bringe ich euch Herrn Georg von Sturmfeder, meinen lieben Gast", begann der Ratschreiber, "der um die Gunst bittet, mit euch zu tanzen."

"Wenn ich nicht schon diesen Tanz an meinen Vetter zugesagt hatte", antwortete Berta schneller gefasst als ihre Base, "so solltet Ihr ihn haben, aber Marie ist noch frei, die wird mit Euch tanzen."

"So seid Ihr noch nicht versagt, Fraulein von Lichtenstein?" fragte Georg, indem er sich zu der Geliebten wandte.

"Ich bin an Euch versagt", antwortete Marie. So horte er denn zum ersten Male wieder die Stimme, die ihn so oft mit den sussesten Namen genannt hatte, er sah in diese treuen Augen, die ihn noch immer so hold anblickten, wie vormals.

Die Trompeten schmetterten in den Saal; der Oberfeldlieutenant Waldburg Truchsess, dem man den zweiten Tanz gegeben hatte, schritt mit seiner Tanzerin vor, die Fackeltrager folgten, die Paare ordneten sich, und auch Georg ergriff Mariens Hand und schloss sich an. Jetzt suchten ihre Blicke nicht mehr den Boden, sie hingen an denen des Geliebten; und dennoch wollte es ihm scheinen, als mache sie dieses Wiedersehen nicht so glucklich wie ihn, denn noch immer lag eine dustere Wolke von Schwermut oder Trauer um ihre Stirne. Sie sah sich um, ob Dieterich und Berta, das nachste Paar nach ihnen, nicht allzu nahe sei. Sie waren ferne.

"Ach Georg", begann sie, "welch unglucklicher Stern hat dich in dieses Heer gefuhrt!"

"Du warst dieser Stern, Marie", sagte er, "dich habe ich auf dieser Seite geahnet, und wie glucklich bin ich, dass ich dich fand! Kannst du mich tadeln, dass ich die gelehrten Bucher beiseite legte und Kriegsdienste nahm? Ich habe ja kein Erbe als das Schwert meines Vaters; aber mit diesem Gute will ich wuchern, dass der deinige sehen soll, dass seine Tochter keinen Unwurdigen liebt."

"Ach Gott; du hast doch dem Bunde noch nicht zugesagt?" unterbrach sie ihn.

"Angstige dich doch nicht so, mein Liebchen, ich habe noch nicht vollig zugesagt; aber es muss nachster Tage geschehen. Willst du denn deinem Georg nicht auch ein wenig Kriegsruhm gonnen; warum magst du um mich so bange haben? Dein Vater ist alt und zieht ja doch auch mit aus."

"Ach, mein Vater, mein Vater!" klagte Marie, "er ist ja doch brich ab, Georg, brich ab Berta belausche uns; aber ich muss dich morgen sprechen, ich muss , und sollte es meine Seligkeit kosten. Ach! wenn ich nur wusste wie?"

"Was angstigt dich denn nur so?" fragte Georg, dem es unbegreiflich war, wie Marie statt sich der Freude des Wiedersehens hinzugeben, nur an die Gefahren dachte, denen er entgegengehe? "Du stellst dir die Gefahren grosser vor als sie sind", flusterte er ihr trostend zu: "Denke an nichts, als dass wir uns jetzt wiederhaben, dass ich deine Hand drucken darf, dass Auge in Auge sieht wie sonst. Geniesse jetzt die Augenblicke, sei heiter!"

"Heiter? o diese Zeiten sind vorbei, Georg! hore und sei standhaft mein Vater ist nicht bundisch!"

"Jesus Maria! was sagst du", rief der Jungling und beugte sich, als habe er das Wort des Unglucks nicht gehort, herab zu Marien; "o sage, ist denn dein Vater nicht hier in Ulm?"

Sie hatte sich starker geglaubt; sie konnte nicht mehr sprechen; bei dem ersten Laut waren ihre Tranen unaufhaltsam geflossen; sie antwortete nur durch einen Druck der Hand, und ging mit gesenktem Haupt nach Kraft suchend, ihren Schmerz zu bekampfen, neben Georg her. Endlich siegte der starke Geist dieses Madchens uber die Schwache ihrer Natur, die einem so grossen, tiefen Kummer beinahe erlegen ware. "Mein Vater", flusterte sie, "ist Herzog Ulerichs warmster Freund, und sobald der Krieg entschieden ist, fuhrt er mich heim auf den Lichtenstein!"

Betaubend wirbelten jetzt die Trommeln, in volleren Tonen schmetterten die Trompeten, sie begrussten den Truchsess, der eben an dem Musikchor voruberzog; er warf ihnen, wie es Sitte war, einige Silberstukke zu, und von neuem erhob sich ihr betaubender Jubel.

Das leise Gesprach der Liebenden verstummte vor der rauhen Gewalt dieser Tone, aber ihr Auge hatte sich in diesem Schiffbruch ihrer Liebe um so mehr zu sagen, und sie bemerkten nicht einmal wie ein Gefluster uber sie im Saal erging, das sie als das schonste Paar pries.

Aber nur zu wohl hatte Berta diese Bemerkungen der Menge gehort. Sie war zu gutmutig, als dass Neid daruber in ihre Seele gekommen ware, aber sie setzte sich doch im Geiste an Mariens Platz, und fand, dass man vielleicht das Paar nicht minder schon gefunden hatte. Auch das Gesprach, das zwischen den beiden begonnen hatte, fiel ihr auf. Die ernste Base, die selten oder nie mit einem Mann lange sprach, schien mehr und angelegentlicher zu reden, als ihr Tanzer. Die Musik hinderte sie zu verstehen, was gesprochen wurde; die Neugierde, die man vielleicht nicht mit Unrecht jungen Madchen ausschliesslich zuschreibt, wurde in ihr rege, sie zog ihren Tanzer naher an das vordere Paar, um ein wenig zu lauschen; aber war es Zufall oder Absicht, das Gesprach verstummte als sie naher kam, oder wurde so leise gefuhrt, dass sie nichts davon verstand.

Ihr Interesse an dem schonen, jungen Mann wuchs mit diesen Hindernissen; noch nie war ihr der gute Vetter Kraft so lastig geworden, als in diesen Augenblicken; denn die zierlichen Redensarten, womit er ihr Herz zu umspinnen gedachte, verhinderten sie, jene genauer zu beobachten. Sie war froh, als endlich der Tanz sich endigte. Denn sie durfte hoffen, dass der nachste an des jungen Ritters Seite desto angenehmer fur sie sein werde.

Sie tauschte sich nicht in ihrer Hoffnung Georg kam, sie um den nachsten Tanz zu bitten, der auch sogleich begann, und sie hupfte frohlich an seiner Seite in die Reihen. Aber es war nicht mehr derselbe, der vorhin mit Marien so freundlich gesprochen hatte. Verstort, einsilbig, in tiefe Gedanken versunken, war der junge Mann an ihrer Seite, und es war nur zu sichtbar, dass er sich immer erst wieder sammeln musste, wenn er eine ihrer Fragen beantworten sollte.

War dies jener "hofliche Reiter", welcher sie, ohne dass sie sich je gesehen hatten, so freundlich grusste? War es derselbe, welcher so heiter, so frohlich war, als ihn Vetter Kraft zu ihnen fuhrte? Derselbe, der mit Marien so eifrig sich unterredet hatte? Oder sollte diese ? ja es war klar. Marie hatte ihm besser gefallen, ach! vielleicht weil sie die erste war, die mit ihm tanzte. Je weniger Berta gewohnt war, sich der ernsten Marie nachgesetzt zu sehen, um so mehr befremdete sie dieser Sieg ihrer Base, um so mehr glaubte sie sich beeifern zu mussen, ihren Rang, ihre Gaben geltend zu machen. Sie setzte daher mit ihrer heiteren Geschwatzigkeit das Gesprach uber den bevorstehenden Krieg, das sie mit Muhe angesponnen hatte, fort, als sie nach Beendigung des Tanzes zu Marie und dem Ratsschreiber traten. "Nun? und der wievielste Feldzug ist es denn, Herr von Sturmfeder, dem Ihr jetzt beiwohnet?"

"Es ist mein erster", antwortete dieser kurz abgebrochen, denn er war unmutig daruber, dass jene ihn noch immer im Gesprach halte, da er mit Marie so gerne gesprochen hatte.

"Euer erster?" entgegnete Berta verwundert, "Ihr wollt mir etwas weismachen, da habt Ihr ja schon eine machtige Narbe auf der Stirne."

"Die bekam ich auf der hohen Schule", antwortete Georg.

"Wie? Ihr seid ein Gelehrter?" fragte jene eifrig weiter. "Nun, und da seid Ihr gewiss recht weit weg gewesen; etwa in Padua oder Bologna, oder gar bei den Ketzern in Wittenberg."

"Nicht so weit als Ihr meint", entgegnete er, indem er sich zu Marien wandte; "ich war in Tubingen."

"In Tubingen?" rief Berta voll Verwunderung. Wie ein Blitz erhellte dies einzige Wort, alles was ihr bisher dunkel war, und ein Blick auf Marien, die mit niedergeschlagenen Augen, mit der Rote der Scham auf den Wangen, vor ihr stand, uberzeugte sie, dass die lange Reihe von Schlussen, die sich an jenes Wort anschlossen, ihren nur zu sicheren Grund haben. Jetzt war ihr auf einmal klar, warum sie der artige Reiter begrusste, warum Marie weinte, die ihn gewiss gerne auf der feindlichen Seite gesehen hatte, warum er so viel mit jener gesprochen, warum er bei ihr selbst so einsilbig war. Es war keine Frage, sie kannten sich, sie mussten sich langst gekannt haben.

Beschamung war das erste Gefuhl, das bei dieser Entdeckung Bertas Herz besturmte, sie errotete vor sich selbst, wenn sie sich gestand, nach der Aufmerksamkeit eines Mannes gestrebt zu haben, dessen Seele ein ganz anderer Gegenstand beschaftigte. Unmut uber Mariens Heimlichkeit verfinsterte ihre Zuge. Sie suchte Entschuldigung fur ihr eigenes Betragen, und fand sie nur in der Falschheit ihrer Base. Hatte diese ihr gestanden, in welchem Verhaltnis sie zu dem jungen Manne stehe, sie hatte ihr nie ihre Teilnahme an ihm gezeigt, er ware ihr dann, meinte sie, hochst gleichgultig geblieben, sie hatte nie diese Beschamung erfahren. Wir haben es von guter Hand, dass junge Damen grosse Beleidigungen, tiefere Schmerzen im Gefuhl ihrer Wurde mit Anstand zu ertragen wissen; dass sie aber oft, wenn es sich um geringe Dinge handelt, nicht Gleichmut genug besitzen, um das Wahre vom Falschen zu unterscheiden, nicht Grossmut genug, um zu vergessen.

Berta hat an diesem Abend den unglucklichen jungen Mann keines Blickes mehr gewurdigt, was ihm ubrigens uber dem grosseren Schmerz, der seine Seele beschaftigte, vollig entging. Sein Ungluck wollte es auch, dass er nie mehr Gelegenheit fand, Marien wieder allein und ungestort zu sprechen; der Abendtanz ging zu Ende, ohne dass er uber Mariens Schicksal und uber die Gesinnungen ihres Vaters gewisser wurde, und Marie fand kaum noch auf der Treppe Gelegenheit ihm zuzuflustern, er mochte morgen in der Stadt bleiben, weil sie vielleicht irgendeine Gelegenheit finden wurde, ihn zu sprechen.

Verstimmt kamen die beiden Schonen nach Hause. Berta hatte auf alle Fragen Mariens kurze Antwort gegeben, und auch diese, sei es, dass sie ahnete, was in ihrer Freundin vorgehe, sei es, weil sie selbst ein grosser Schmerz beschaftigte, war nach und nach immer dusterer, einsilbiger geworden.

Aber auf beiden lastete die Storung ihres bisherigen freundschaftlichen Verhaltnisses erst recht schwer, als sie ernst und schweigend in ihr Gemach traten. Sie hatten sich bisher alle jene kleinen Dienste geleistet, welche junge Madchen nur noch zu engerer Freundschaft verbinden. Wie ganz anders war es heute! Berta hatte die silberne Nadel aus dem reichen blonden Haar gezogen, dass es in langen Ringellocken uber den schonen Nacken herabstromte. Sie versuchte, es unter das Nachthaubchen zu stecken; ungewohnt, diese Arbeit ohne Mariens Hulfe zu verrichten, kam sie nicht damit zustande, aber zu stolz, ihre Feindin, wie sie Marien in ihrem Sinne nannte, ihre Verlegenheit merken zu lassen, warf sie das Haubchen in die Ecke und ergriff ein Tuch, um es um das Haar zu winden.

Schweigend nahm Marie das verworfene Haubchen wieder auf, und trat hinzu, das Haar ihrer Base nach gewohnter Weise zu ordnen und aufzubinden.

"Hinweg, du Falsche!" rief die erzurnte Berta, indem sie die hilfreiche Hand zuruckstiess.

"Berta, hab ich dies um dich verdient?" sprach Marie mit Ruhe und Sanftmut. "O wenn du wusstest, wie unglucklich ich bin, du wurdest sanfter gegen mich sein!"

"Unglucklich?" lachte jene laut auf, "unglucklich; vielleicht weil der artige Herr nur einmal mit dir tanzte?"

"Du bist recht hart, Berta", antwortete Marie, "du bist bose auf mich, und sagst mir nicht einmal warum?"

"So? Du willst also nicht wissen, dass du mich betrogen hast? nicht wissen, wie mich deine Heimlichkeiten dem Spott und der Beschamung aussetzen? Ich hatte nie geglaubt, dass du so schlecht, so falsch an mir handeln wurdest!"

Von neuem erwachte in Berta das krankende Gefuhl, sich hintangesetzt zu sehen; ihre Tranen stromten, sie legte die heisse Stirne in die Hand und die reichen Locken flossen uber ihr zusammen und verhullten die Weinende.

Tranen sind die Zeichen milderen Schmerzens; Marie kannte diese Tranen und fuhr mit mehr Vertrauen fort: "Berta! Du schiltst meine Heimlichkeit; ich sehe du hast erraten, was ich nie von selbst sagen konnte. Setze dich selbst in meine Lage; ach, du selbst, so heiter und offen du bist, du selbst hattest mir dein Geheimnis nicht vertrauen konnen. Aber jetzt ist es ja aus; du weisst, was meine Lippen auszusprechen sich scheuten; ich liebe ihn, ja ich werde geliebt, und nicht erst von gestern her. Willst du mich horen? darf ich dir alles sagen?"

Bertas Tranen flossen noch immer; sie antwortete nicht auf jene Fragen, aber Marie hub an zu erzahlen, wie sie Georg im Hause der seligen Muhme kennengelernt habe; wie sie ihm gut gewesen, lange ehe er ihr seine Liebe gestanden; alle jene schonen Erinnerungen lebten in ihr auf, mit gluhenden Wangen, mit strahlendem Auge fuhrte sie die Vergangenheit herauf; sie erzahlte von so mancher schonen Stunde, vom Schwur ihrer Treue, von ihrem Abschied. "Und jetzt", fuhr sie mit wehmutigem Lacheln fort, "jetzt hat ihn dieser ungluckliche Krieg auf diese Seite gefuhrt; er hort, wir seien hier in Ulm, er glaubt nicht anders, als mein Vater sei dem Bunde beigetreten, er hofft, mich durch sein Schwert zu verdienen, denn er ist arm, recht arm! O Berta, du kennst meinen Vater; er ist so gut, aber auch so strenge, wenn etwas seiner Meinung widerspricht. Wird er einem Manne seine Tochter geben, der sein Schwert gegen Wurttemberg gezogen hat? Siehe, das waren meine Tranen! Ach, ich wollte dir so oft sagen, warum sie fliessen, aber eine unbesiegbare Scham schloss meine Lippen; kannst du mir noch zurnen? Muss ich mit dem Geliebten auch die Freundin verlieren?"

Auch Mariens Tranen flossen, und Berta fuhlte den eigenen Schmerz von dem grossern Kummer der Freundin besiegt. Sie umarmte Marien schweigend und weinte mit ihr.

"In den nachsten Tagen", fuhr diese fort, "will mein Vater Ulm verlassen, und ich muss ihm folgen. Aber noch einmal muss ich Georg sprechen, nur ein Viertelstundchen; Berta, du kannst gewiss Gelegenheit geben; nur ein ganz kleines Viertelstundchen!"

"Du willst ihn doch nicht der guten Sache abwendig machen?" fragte Berta.

"Was nennst du die gute Sache?" antwortete Marie. "Des Herzogs Sache ist vielleicht nicht minder gut als die eure; du sprichst so, weil ihr bundisch seid; ich bin eine Wurttembergerin, und mein Vater ist seinem Herzoge treu. Doch sollen wir Madchen uber den Krieg entscheiden? Lass uns lieber auf Mittel sinnen, ihn noch einmal zu sehen."

Berta hatte uber der Teilnahme, mit welcher sie der Geschichte ihrer Base zugehort hatte, ganz vergessen, dass sie ihr jemals gram gewesen war. Sie war uberdies fur alles Geheimnisvolle eingenommen, daher kamen ihr diese Mitteilungen erwunscht; sie fuhlte, wie wichtig und ehrenvoll der Posten einer Vertrauten sei und gab sich daher alle mogliche Muhe, dem liebenden Paare mit ihrem Scharfsinn zu dienen.

"Ich hab's gefunden", rief sie endlich aus, "wir laden ihn geradezu in den Garten."

"In den Garten?" fragte Marie schuchtern und unglaubig, "und durch wen?"

"Sein Wirt, der gute Vetter Dieterich muss ihn selbst bringen", antwortete sie, "das ist herrlich, und dieser darf auch kein Wortchen davon merken, lass nur mich dafur sorgen."

Marie, entschlossen und stark bei grossen Dingen, zitterte doch bei diesem gewagten Schritte. Aber ihre mutige, frohliche Base wusste ihr alle Bedenklichkeiten auszureden, und mit zuruckgekehrter, mit erneuerter Hoffnung und befreit von der Last des Geheimnisses, umarmten sich die Madchen, ehe sie sich zur Ruhe legten.

VII

Und wie ein Geist schlingt um den Hals

Das Liebchen sich herum:

"Willst mich verlassen, liebes Herz

Auf ewig?" und der bittre Schmerz

Macht 's arme Liebchen stumm.

Schubart

Sinnend und traurig sass Georg am Mittag nach dem festlichen Abend in seinem Gemach. Er hatte Breitenstein besucht und wenig Trostliches fur seine Hoffnungen erfahren. Der Kriegsrat hatte sich an diesem Morgen versammelt und unwiderruflich war der Krieg beschlossen worden. Zwolf Edelknaben waren, die Absagebriefe des Herzogs von Bayern, der Ritterschaft und gesamter Stadte an ihre Lanzen geheftet, zum Gogglinger Tor hinausgejagt, um die Feindesbotschaft dem Wurttemberger nach Blaubeuren zu bringen. Auf den Strassen rief man einander frohlich diese Nachricht zu, und die Freude, dass es jetzt endlich ins Feld gehen werde, stand deutlich auf allen Gesichtern geschrieben. Nur einen traf diese Kunde wie das schreckliche Machtwort seines Schicksals. Der Gram trieb ihn aus dem Kreise der frohlichen Gesellen, die jetzt den Weinstuben zuzogen, um in lautem Jubel das Geburtsfest des Krieges zu begehen und das Los kunftiger Siege im Wurfelspiel zu belauschen. Ach! ihm waren ja schon die Wurfel gefallen! ein blutiges Schlachtfeld dehnte sich zwischen ihm und seiner Liebe aus, sie war ihm auf lange, vielleicht auf ewig verloren.

Eilige Tritte, welche die Treppe heraufsturmten, weckten ihn aus seinem Bruten. Der Ratsschreiber steckte den Kopf in die Ture. "Gluck auf, Junker!" rief er, "jetzt hebt der Tanz erst recht an. Aber Ihr wisst es vielleicht noch gar nicht? der Krieg ist angekundigt, schon vor einer Stunde sind unsere Absageboten ausgeritten."

"Ich weiss es", antwortete sein finsterer Gast.

"Nun, und hupft Euch das Herz nicht freier? Habt Ihr auch gehort nein, das konnt Ihr nicht wissen", fuhr Dieterich fort, indem er zutraulich naher zu ihm trat, "dass die Schweizer bereits abziehen?"

"Wie, sie ziehen?" unterbrach ihn Georg, "also hat der Krieg schon ein Ende?"

"Das mochte ich nicht gerade behaupten", fuhr der Ratsschreiber bedenklich fort, "der Herzog von Wurttemberg ist noch ein junger, mutiger Herr und hat noch Ritter und Dienstleute genug. Zwar wird er wohl keine offene Feldschlacht mehr wagen, aber er hat feste Stadte und Burgen. Da ist einmal der Hollenstein und darin Stephan von Lichow, ein Mann wie Eisen. Da ist Goppingen, das Philipp von Rechberg auch nicht auf den ersten Stuckschuss ergeben wird; da ist Schorndorf, Rothenberg und Asperg, da ist vor allem Tubingen, das er tuchtig befestigt hat. Es wird noch mancher ins Gras beissen, bis Ihr Eure Rosse im Neckar tranket.

Nun, nun!" fuhr er fort, als er sah, dass seine Nachrichten die finstere Stirne seines schweigenden Gastes nicht aufheitern konnten. "Wenn Ihr diese kriegerischen Botschaften nicht freundlich aufnehmet, so schenkt Ihr vielleicht einem friedlicheren Auftrag ein geneigtes Ohr. Sagt einmal, habt Ihr nicht irgendwo eine Base?"

"Base? ja, warum fragt Ihr?"

"Nun sehet, jetzt erst verstehe ich die verwirrten Reden, die vorhin Berta vorbrachte. Als ich aus dem Rathaus kam, winkte sie mir hinauf und befahl mir, meinen Gast heute nachmittag in ihren Garten an der Donau zu fuhren. Marie habe Euch etwas sehr Wichtiges an Eure Base, die sie sehr gut kenne, aufzutragen. Ihr musst mir schon den Gefallen tun, mitzugehen. Solche Geheimnisse und Auftrage sind zwar gewohnlich nicht weit her und ich wollte wetten, sie geben Euch ein Musterlein fur den Webstuhl oder eine Probe feiner Wolle, oder ein tiefes Geheimnis der Kochkunst, oder gar ein paar Kornlein von einer seltenen Blume mit, denn Marie ist eine grosse Gartnerin doch, wenn Ihr gestern an dem Madchen Gefallen gefunden habt, gehet Ihr wohl selbst gerne mit."

Mitten in den schmerzlichen Gedanken an die Scheidestunde musste Georg uber die List der Madchen lachen; freundlich bot er dem guten Boten die Hand und schickte sich an, ihn in den Garten zu begleiten.

Dieser lag an der Donau, ungefahr zweitausend Schritte unter der Brucke; er war nicht gross, zeugte aber von Sorgfalt und Fleiss. Die schonen Obstbaume waren zwar noch nicht belaubt und die in wunderlichen Formen abgestochenen Beete hatten noch keine Blumen, aber ein langer Taxusgang, der an dem Ufer des Flusses sich hinzog, und in eine geraumige Laube endete, gab durch sein helles Grun einen lebhaften Anblick und hinlanglichen Schutz gegen die, einem weissen Hals und schonen Armen so gefahrlichen Strahlen der Marzsonne. Dort, auf dem breiten bequemen Steinsitze, wo die Lucken der Laube eine freie Aussicht die Donau hinauf und hinab gewahrten, hatten die Madchen unter mancherlei Gesprachen der jungen Manner geharrt.

Marie sass traurig, in sich gekehrt; sie hatte den schonen Arm auf eine Lucke der Laube aufgestutzt, und das von Gram und Tranen mude Kopfchen in die Hand gelegt. Ihr dunkles, glanzendes Haar hob die Weisse ihres Teint um so mehr heraus, als stiller Kummer ihre Wangen gebleicht, und schlaflose Nachte dem lieblichen blauen Auge seinen sonst so uberraschenden Glanz geraubt und ihm einen matteren, vielleicht nur um so anziehenderen Schimmer von Melancholie gegeben hatten. Das vollendete Bild frohlichen Lebens, sass die frische, runde, rosige Berta neben ihr. Wie ihre gelblichen Locken mit Mariens dunklen Haaren, ihr rundes, frisches Gesichtchen mit den ovalen, scharferen Formen ihrer Base, wie ihre freundlichen, beweglichen hellbraunen Augen in auffallendem Kontrast stunden mit dem sinnenden, geistvollen Blick Mariens: so wurde auch jede ihrer raschen, lebhaften Bewegungen zum Gegensatz gegen jene stille Trauer.

Berta schien ihre rosigste Laune hervorgeholt zu haben, um ihre Base zu trosten oder doch ihren grossen Schmerz zu zerstreuen. Sie erzahlte und schwatzte, sie lachte und ahmte die Gebarde und Sprache vieler Leute nach, sie versuchte alle jene tausend kleinen Kunste, womit die Natur ihre frohliche Tochter ausstattete; aber wir glauben, dass sie wenig ausrichtete, denn nur hie und da gleitete ein wehmutiges, schnell verschwebendes Lacheln uber Mariens feine Zuge hin.

Endlich ergriff sie, als gar nichts mehr helfen wollte, ihre Laute, die in der Ecke stand. Marie besass auf diesem Instrument grosse Fertigkeit, und Berta hatte sich sonst nicht leicht bewegen lassen, vor der Meisterin zu spielen. Doch heute hoffte sie durch ihr Geklimper wenigstens ein Lacheln ihrer Base zu entlokken. Sie setzte sich mit grossem Ernste nieder und begann:

"Fragt mich jemand, was ist Minne?

Wusst ich gern auch darum meh(r).

Wer nun recht daruber sinne

Sag mir, warum tut sie weh?

Minne ist Liebe, tut sie wohl;

Tut sie weh, heisst sie nicht Minne.

Oh, dann weiss ich, wie sie heissen soll."

"Wo hast du dies alte, schwabische Liedchen her?" fragte Marie, die der einfachen Musik und dem lieblichen Text gerne ihr Ohr lieh.

"Nicht wahr, es ist hubsch? aber es kommt noch viel hubscher, wenn du horen willst", antwortete Berta; "das hat mich in Nurnberg ein Meistersanger, Hans Sachs, gelehrt, es ist ubrigens nicht von ihm, sondern von Walther von der Vogelweide, der wohl vor dreihundert Jahren gelebt und geliebt hat. Hore nur weiter:

Ob ich recht erraten konne,

Was die Minne sei? so sprecht ja;

Minne ist zweier Herzen Wonne;

Teilen sie gleich, so ist sie da.

Doch soll ungeteilt sein,

So kann ein Herz allein sie nicht enthalten;

Willst du mir helfen, traute Jungfrau mein?

Nun hast du geteilt mit dem armen Junker?" fragte die schelmische Berta ihre errotende Base. "Vetter Kraft mochte gerne auch mit mir teilen, einstweilen kann er aber seinen ganzen Part allein tragen. Doch du wirst mir wieder ernst, ich muss schon noch ein Liedchen des alten Herrn Walthers singen:

Ich weiss nicht, wie es damit geschah,

Meinem Auge ist's noch nie geschehen,

Seit ich sie in meinem Herzen sah

Kann ich sie auch ohne Augen sehen;

Da ist doch ein Wunder mit geschehen,

Denn wer gab es, dass es ohne Augen

Sie zu aller Zeit mag sehen?

Wollt ihr wissen, was die Augen sein,

Womit ich sie sehe durch alle Land,

Es sind die Gedanken des Herzens mein

Damit schau ich durch Mauer und Wand,

Und huten diese sie noch so gut,

Es schauen sie mit vollen Augen

Das Herz, der Wille und mein Mut."

Marie lobte das Lied des Herrn Walther von der Vogelweide als einen guten Trost beim Scheiden; Berta bestatigte es. "Ich weiss noch einen Reim", sagte sie lachelnd, und sang:

"Und zog sie auch weit in das Schwabenland,

Seine Augen schauen durch Mauer und Wand,

Seine Blicke bohren durch Fels und Stein,

Er schaut durch die Alb nach dem Lichtenstein!"

Als Berta noch im Nachspiel zu ihrem Liedchen begriffen war, ging die Gartenpforte; Mannertritte tonten den Gang herauf, und die Madchen standen auf, die Erwarteten zu empfangen.

"Herr von Sturmfeder", begann Berta nach den ersten Begrussungen, "verzeihet doch, dass ich es wagte, Euch in meines Vaters Garten einzuladen; aber meine Base Marie wunscht Euch Auftrage an eine Freundin zu geben. Nun, und dass wir andern nicht zu kurz kommen", setzte sie zu Herrn Kraft gewandt hinzu, "so wollen wir eines plaudern und den Abendtanz von gestern mustern." Damit ergriff sie ihres Vetters Hand und zog ihn mit sich den Gang hinab.

Georg hatte sich zu Marie auf die Bank gesetzt. Sie lehnte sich an seine Brust und weinte heftig. Die sussesten Worte, die er ihr zuflusterte, vermochten nicht, ihre Tranen zu stillen. "Marie", sagte er, "du warst ja sonst so stark, wie kannst du nun gerade jetzt allen Glauben an ein besseres Geschick, alle Hoffnung aufgeben?"

"Hoffnung?" fragte sie wehmutig, "mit unserer Hoffnung, mit unserem Gluck ist es fur ewig aus."

"Siehe", antwortete Georg, "eben dies kann ich nicht glauben; ich trage die Gewissheit unserer Liebe in mir so innig, so tief, und ich sollte jemals glauben, dass sie untergehen konne?"

"Du hoffst noch? So hore mich ganz an. Ich muss dir ein tiefes Geheimnis sagen, an dem das Leben meines Vaters hangt. Mein Vater ist so sehr ein bitterer Feind des Bundes, als er ein Freund des Herzogs ist; er ist nicht nur deswegen hier, um sein Kind heimzuholen, nein, er sucht die Plane des Bundes zu erforschen und mit Geld und Rede zu verwirren. Und glaubst du, ein so bitterer Gegner des Bundes werde seine einzige Tochter einem Jungling geben, der in unserem Verderben sich emporzuschwingen sucht? Einem, der sich an Menschen anschliesst, die kein Recht, sondern nur Raub suchen?"

"Dein Eifer fuhrt dich zu weit, Marie", unterbrach sie der Jungling; "du musst wissen, dass mancher Ehrenmann in diesem Heere dient!"

"Und wenn dies ware", fuhr jene eifrig fort, "so sind sie betrogen und verfuhrt, wie auch du betrogen bist."

"Wer sagt dir dies so gewiss", entgegnete Georg, welcher errotete, die Partei, die er ergriffen, von einem Madchen so erniedrigt zu sehen, obgleich er ahnete, dass sie so unrecht nicht habe; "wer sagt dir dies so gewiss? kann nicht dein Vater auch verblendet und betrogen sein? Wie mag er nur mit so vielem Eifer die Sache dieses stolzen, herrschsuchtigen Mannes fuhren, der seine Edlen ermordet, der seine Burger in den Staub tritt, der an seiner Tafel das Mark des Landes verprasst und seine Bauern verschmachten lasst?"

"Ja, so schildern ihn seine Feinde," antwortete Marie, "so spricht man von ihm in diesem Heere, aber frage dort unten an den Ufern des Neckars, ob sie ihren angestammten Fursten nicht lieben, wenngleich seine Hand zuweilen schwer auf ihnen ruht. Frage jene Manner, die mit ihm ausgezogen sind, ob sie nicht freudig ihr Blut fur den Enkel Eberhards geben, ehe sie diesem stolzen Herzog von Bayern, diesen rauberischen Edlen, diesen Stadtlern ihr Land abtreten."

Georg schwieg eine Zeitlang nachdenklich; "Aber wie entschuldigen denn diese warmen Verteidiger den Mord des Hutten?" fragte er.

"Ihr sprecht immer von Eurer Ehre", antwortete Marie, "und wollt nicht leiden, dass ein Herzog seine Ehre verteidige? Hutten ist nicht meuchelmorderisch gefallen, wie seine Anhanger in alle Welt ausgeschrieen haben, sondern im ehrlichen Kampfe, worin der Herzog selbst sein Leben einsetzte. Ich will nicht alles verteidigen, was er tat; aber man soll nur auch bedenken, dass ein junger Herr, wie der Herzog, von schlechten Raten umgeben, nicht immer weise handeln kann. Aber er ist gewiss gut, und wenn du wusstest, wie mild, wie leutselig er sein kann!"

"Es fehlt nur noch, dass du ihn auch den schonen Herzog nennst", sagte Georg bitter lachelnd, "du wirst reichen Ersatz finden fur den armen Georg, wenn er es der Muhe wert halt, mein Bild aus deinem Herzen zu verdrangen."

"Wahrlich, dieser kleinlichen Eifersucht habe ich dich nicht fahig gehalten", antwortete Marie, indem sie sich mit Tranen des Unmuts, im Gefuhl gekrankter Wurde abwandte. "Glaubst du denn, das Herz eines Madchens konne nicht auch warm fur die Sache ihres Vaterlandes schlagen?"

"Sei mir nicht bose", bat Georg, der mit Reue und Beschamung einsah, wie ungerecht er sei, "gewiss, es war nur Scherz!"

"Und kannst du scherzen, wo es unser ganzes Lebensgluck gilt?" entgegnete Marie; "morgen will der Vater Ulm verlassen, weil der Krieg entschieden ist; wir sehen uns vielleicht lange, lange nicht mehr, und du magst scherzen? Ach, wenn du gesehen hattest, wie ich so manche Nacht mit heissen Tranen zu Gott flehte, er moge dein Herz hinuber auf unsere Seite lenken, er moge uns vor dem Ungluck bewahren, auf ewig getrennt zu sein, gewiss du konntest nicht so grausam scherzen!"

"Er hat es nicht zum Heil gelenkt", antwortete Georg, duster vor sich hinblickend.

"Und sollte es nicht noch moglich sein", sprach Marie, indem sie seine Hand fasste und mit dem Ausdruck bittender Zartlichkeit, mit der gewinnenden Sanftmut eines Engels ihm ins Auge sah, "sollte es nicht noch moglich sein? Komm mit uns, Georg, wie gerne wird der Vater einen jungen Streiter seinem Herzog zufuhren. Ein Schwert wiegt viel in solchen Zeiten, sagte er oft, er wird es dir hoch anschlagen, wenn du ihm folgst, an seiner Seite wirst du kampfen, mein Herz wird dann nicht zerrissen, nicht geteilt sein, zwischen jenseits und diesseits; mein Gebet, wenn es um Gluck und Sieg fleht, wird nicht zitternd zwischen beiden Heeren irren!"

"Halt ein!" rief der Jungling und bedeckte seine Augen, denn der Sieg der Uberzeugung strahlte aus ihren Blicken, die Gewalt der Wahrheit hatte sich auf ihren sussen Lippen gelagert. "Willst du mich bereden, ein Uberlaufer zu werden? Gestern zog ich mit dem Heere ein, heute wird der Krieg erklart und morgen soll ich zu dem Herzog hinuberreiten? Kann dir meine Ehre so gleichgultig sein?"

"Die Ehre?" fragte Marie und Tranen entsturzten ihrem Auge; "sie ist dir also teurer als deine Liebe? wie anders klang es, als mir Georg ewige Treue schwur. Wohlan! sei glucklicher mit ihr als mit mir! Aber moge dir, wenn dich der Herzog von Bayern auf dem Schlachtfeld zum Ritter schlagt, weil du in unsern Fluren am schrecklichsten gewutet, wenn er dir ein Ehrenkettlein umhangt, weil du Wurttembergs Burgen am tapfersten gebrochen, moge dir der Gedanke deine Freude nicht truben, dass du ein Herz brachst, das dich so treu, so zartlich liebte!"

"Geliebte!" antwortete Georg, dessen Brust widerstreitende Gefuhle zerrissen, "dein Schmerz lasst dich nicht sehen, wie ungerecht du bist. Doch es sei! dass du siehest, dass ich den Ruhm, der mir so freundlich winkte, der Liebe zum Opfer zu bringen weiss, so hore mich: Hinuber zu euch darf ich nicht. Aber ablassen will ich von dem Bunde, moge kampfen und siegen wer da will mein Kampf und Sieg war ein Traum, er ist zu Ende!"

Marie sandte einen Blick des Dankes zum Himmel und belohnte die Worte des jungen Mannes mit sussem Lohne. "O glaube mir", sagte sie, "ich fuhle, wieviel dich dieses Opfer kosten muss. Aber siehe mir nicht so traurig an dein Schwert hinunter; wer fruhe entsagt, der erntet schon, sagt mein Vater, es muss uns doch auch einmal die Sonne des Gluckes scheinen. Jetzt kann ich getrost von dir scheiden; denn wie auch der Krieg sich enden mag, du kannst ja frei vor meinen Vater treten, und wie wird er sich freuen, wenn ich ihm sage, welch schweres Opfer du gebracht hast!"

Bertas helle Stimme, die der Freundin ein Zeichen gab, dass der Ratsschreiber nicht mehr zuruckzuhalten sei, schreckte die Liebenden auf. Schnell trocknete Marie die Spuren ihrer Tranen und trat mit Georg aus der Laube.

"Vetter Kraft will aufbrechen", sagte Berta, "er fragt, ob der Junker ihn begleiten wolle?"

"Ich muss wohl, wenn ich den Weg nach Hause nicht verfehlen soll", antwortete Georg; so teuer ihm die letzten Augenblicke vor einer langen Trennung von Marie gewesen waren, so kannte er doch die strenge Sitte seiner Zeit zu gut, als dass er ohne den Vetter, als Landfremder bei den Madchen geblieben ware.

Schweigend gingen sie den Garten hinab, nur Herr Dieterich fuhrte das Wort, indem er in wohlgesetzten Worten seinen Jammer beschrieb, dass seine Base morgen schon Ulm verlassen werde. Aber Berta mochte in Georgs Augen gelesen haben, dass ihm noch etwas zu wunschen ubrigbleibe, wobei der uneingeweihte Zeuge uberflussig war; sie zog den Vetter an ihre Seite und befragte ihn so eifrig uber eine Pflanze, die gerade zu seinen Fussen mit ihren ersten Blattern aus der Erde sprosste, dass er nicht Zeit hatte, zu beobachten, was hinter seinem Rucken vorgehe.

Schnell benutzte Georg diesen Augenblick, Marien noch einmal an sein Herz zu ziehen, aber das Rauschen von Mariens schwerem, seidenen Gewande, Georgs klirrendes Schwert weckten den Ratsschreiber aus seinen botanischen Betrachtungen; er sah sich um, und o Wunder! er erblickte die ernste, zuchtige Base in den Armen seines Gastes.

"Das war wohl ein Gruss an die liebe Base in Franken?" fragte er, nachdem er sich von seinem Erstaunen erholt hatte.

"Nein, Herr Ratsschreiber", antwortete Georg, "es war ein Gruss an mich selbst, und zwar von der, die ich einst heimzufuhren gedenke. Ihr habt doch nichts dagegen, Vetter?"

"Gott bewahre! ich gratuliere von Herzen", antwortete Herr Dieterich, der von dem ernsten Blick des jungen Kriegsmannes und von Mariens Tranen etwas eingeschuchtert wurde. "Aber der Tausend, das heiss ich veni, vidi, vici; ich scherwenzte schon ein Vierteljahr um die Schone, und habe mich kaum eines Blikkes erfreuen konnen. Und heute muss ich nun gar den Marder selbst herausfuhren, der mir das Taubchen vor dem Mund wegstiehlt."

"Verzeihe den Scherz, Vetter, den wir uns mit dir machten", fiel ihm Berta ins Wort, "sei vernunftig und lass dir die Sache erklaren." Sie sagte ihm, was er zu wissen brauchte, um gegen Mariens Vater zu schweigen. Mehr durch die freundlichen Blicke Bertas besanftigt, versprach er zu schweigen, unter der Bedingung, setzte er schalkhaft hinzu, dass sie etwa auch einen solchen Gruss an ihn bestelle.

Berta verwies ihm, wiewohl nicht allzu strenge, seine unartige Forderung, und fragte ihn neckend an der Gartenture noch einmal um die Naturgeschichte des ersten Veilchens, das die Sonne hervorgelockt hatte. Er war gutmutig genug, eine lange und gelehrte Erklarung daruber zu geben, ohne weder durch Mariens leises Weinen, noch durch Georgs klirrendes Schwert sich unterbrechen zu lassen. Ein dankender Blick Mariens, ein freundlicher Handschlag von Berta belohnte ihn dafur beim Scheiden, und noch lange wehten die Schleier der schonen Baschen, uber den Gartenzaun hin, den Scheidenden nach.

VIII

Im stillen Klostergarten

Eine bleiche Jungfrau ging;

Der Mond beschien sie trube,

An ihrer Wimper hing

Die Trane zarter Liebe.

L. Uhland

Ulm glich in den nachsten Tagen einem grossen Lager. Statt der friedlichen Landleute, der geschaftigen Burger, die sonst ehrbaren und ruhigen Schrittes ihrem Gewerbe nach, durch die Strassen gingen, sah man uberall nur wunderliche Gestalten mit Sturmhauben und Eisenhuten, mit Lanzen, Armbrusten und schweren Buchsen. Statt der Ratsherren, in ihrer einfachen schwarzen Tracht, zogen stolze Ritter, mit wehenden Helmbuschen, ganz mit Stahl bedeckt, begleitet von einer grossen Schar bewaffneter Dienstleute, uber die Platze und Markte. Noch lebhafter war dies kriegerische Bild vor den Toren der Stadt; auf einem Anger an der Donau ubte Sickingen seine Reiterei, auf einem grossen Blachfelde gegen Soflingen hin, pflegte Frondsberg sein Fussvolk zu tummeln.

An einem schonen Morgen, etwa drei bis vier Tage nachdem Marie von Lichtenstein mit ihrem Vater Ulm verlassen hatte, sah man eine ungeheure Menge Menschen aus allen Standen auf jener Wiese versammelt, um diesen Ubungen Frondsbergs zuzusehen. Sie betrachteten diesen Mann, dem ein so grosser Ruf vorangegangen war, vielleicht mit nicht geringerem Interesse als wir, wenn wir die kaiserlichen oder koniglichen Sohne des Mars, die Dienste eines Feldherrn verrichten sahen. Knupft sich ja doch gerade an die Person eines ausgezeichneten Fuhrers das Interesse, das dem ganzen Heere gilt, ja wir meinen oft die Schlachten, von denen uns die Sage oder offentliche Blatter erzahlen, um so deutlicher zu verstehen, wenn wir uns die Gestalt des Heerfuhrers vor das Auge zuruckrufen konnen.

So mochte es wohl auch damals den Bewohnern von Ulm zumut sein, wenn sie ihre engen Strassen verliessen, um den Mann des Tages in seinem Handwerk zu sehen. Die Geschicklichkeit, mit der er sein Fussvolk, das sonst in zerstreuten Haufen gefochten hatte, zu geschlossenen Massen vereinigte; die Schnelligkeit, womit sie sich nach seinem Winke nach allen Seiten schwenkten oder in furchtbare, von Piken und Donnerbuchsen starrende Kreise zusammenzogen; seine machtige Stimme, die selbst die Trommeln ubertonte, seine erhabene, kriegerische Gestalt, dies alles gewahrte ein so neues, anziehendes Bild, dass auch die bequemsten Burger es nicht scheuten, einen langen Vormittag auf dem Anger zu stehen, und unbeweglich dieses Schauspiel zu geniessen.

Der Feldhauptmann schien an diesem Morgen noch freundlicher und frohlicher zu sein, als sonst. Mochte ihn der warme Anteil, den die guten Ulmer an ihm nahmen, und der auf allen Gesichtern geschrieben stand, erfreuen? Mochte ihm hier aussen in dem schonen Morgen, unter seinen Waffenubungen wohler sein, als in den engen, kalten Strassen der Stadt? Er blickte so freundlich auf die Menge hin, dass jeder glaubte, von ihm besonders beachtet und begrusst zu werden, und der Ausruf: "Ein wackerer Herr, ein braver Ritter", jedem seiner Schritte folgte.

Besonders freundlich schien er immer an einer Stelle zu sein; wenn er vorubersprengte, so durfte man gewiss sein, dass er dort mit dem Schwerte oder der Hand herubergrusste und traulich nickte.

Die Hintersten stellten sich auf die Zehen, um den Gegenstand seiner freundlichen Winke zu sehen; die Naherstehenden sahen sich fragend an und verwunderten sich, denn keiner der versammelten Burger schien dieser Auszeichnung wurdig. Als Frondsberg wieder vorubersprengte, und die Zeichen seiner Gnade wiederholte, gaben wohl hundert Augen recht genau acht, und es fand sich, dass die Grusse einem grossen, schlanken, jungen Mann gelten mussten, der in der vordersten Reihe der Zuschauer stand. Das Wams von feinem Tuch und Seidenschlitzen, die hohen Barettfedern, mit welchen der Morgenwind spielte, sein langes Schwert und eine Feldbinde oder Scharpe zeichneten ihn auf den ersten Blick vor seinen Nachbarn aus, die minder geschmuckt als er, auch durch untersetztere Figuren und breite Gesichter sich nicht zu ihrem Vorteil von ihm unterschieden.

Der Jungling schien aber zum Argernis der guten Spiessburger nicht sehr erfreut uber die hohe Gnade, die ihm vor ihren Augen zuteil ward. Schon seine Stellung, das Haupt gesenkt, die Arme uber die Brust gekreuzt, schienen nicht anstandig genug fur einen feinen Junker, wenn er von einem alten Kriegshelden gegrusst wurde. Uberdies errotete er bei jedem Gruss des Feldhauptmanns, dankte nur durch ein leichtes Neigen, und sah ihm mit so dusteren Blicken nach, als galte es ein langes Scheiden, und dieser Gruss ware der letzte eines lieben Freundes gewesen.

"Ein sonderbarer Kauz der Junker dort", sagte der Obermeister aller Ulmer Weber zu seinem Nachbar, einem wackeren Waffenschmidt; "ich gabe mein Sonntagswams um einen solchen Gruss von dem Frondsberger, und dieser da muckt nicht daruber. Hiess es nicht in der ganzen Stadt, 'was hat der Meister Kohler mit dem Frondsberg; waren ja neulich miteinander wie zwei Bruder? Oh, die kennen einander schon lange', hiess es dann, 'und sind gute Freunde von alters her.' Ich kann mich ordentlich argern, dass ein so gescheuter und gewaltiger Herr solch einen Laffen all Paternosterlang grusst!"

Der Waffenschmidt, ein kleiner, alter Kerl hatte ihm seinen Beifall zugenickt: "Gott straf mich, Ihr habt recht, Meister Kohler! Stehen nicht dort ganz andere Leut, die er grussen konnte; ist nicht der Herr Burgermeister auf dem Platz, und steht dort nicht mein Gevatter, der Herr von Besserer am Eck? Ich wollt dem Junker den Kopf beugen lernen, wenn ich Herr ware; aber glaubt mir, der da beugt seinen Nakken nicht, und wenn der Kaiser selbst kame. Er muss auch etwas Rechtes sein; denn der Ratsschreiber, mein Nachbar, der sonst allen Gasten feind ist, hat ihn in seiner Behausung."

"Der Kraft?" fragte der Weber verwundert, "ei, ei! aber halt, dahinter steckt ein Geheimnis. Das ist gewiss so ein junger Potentat, oder gar des Burgermeisters von Koln sein Sohn, der auch unter dem Heer mitreiten soll. Steht nicht dort des Kraften alter Johann?"

"Weiss Gott er ist's", fiel der Waffenschmidt ein, den die Vermutungen des Webers neugierig gemacht hatten; "er ist's, und ich will ihn beichten lassen, trotz dem Probst von Elchingen." Aber so klein auch der Raum zwischen den beiden Burgern und dem alten Diener des Kraftischen Hauses war, so konnte doch der Schmied nicht zu ihm durchkommen, so dicht standen die Zuschauer. Endlich drang die gewichtige Miene des Obermeisters aller Weber durch, denn er war reich und angesehen in der Stadt; er erwischte den alten Johann, und zog ihn zu dem Schmied. Doch auch der alte Johann konnte wenig Bescheid geben, er wusste nichts, als dass sein Gast ein Herr von Sturmfeder sei; "ubrigens muss er nicht 'weit her' sein", setzte er hinzu, "denn er reitet ein Landpferd und hat keine Dienstleute mit sich; meinem Herrn aber wird der Gast ubel bekommen, denn unsere alte Sabine, die Amme ist wie ein Drache, dass er die Hausordnung stort, und ungefragt, nur so mir nichts dir nichts ein fremdes Menschenkind mit Stiefel und Sporen ins Haus schleppt."

"Nichts fur ungut", fiel ihm der Obermeister in die Rede, "Euer Herr, Johann, ist ein Narr! Die alte Hexe Gott verzeih mir's hatte ich schon lange auf die Strasse geworfen, wo sie hingehort. Hat der Herr doch sein gutes Alter, und soll sich behandeln lassen, als lage er noch in den Windeln."

"Ihr habt gut reden, Meister Kohler", antwortete der alte Diener, "aber das versteht Ihr doch nicht recht. Auf die Gasse werfen? Wer soll denn nachher haushalten?"

"Wer?" schrie der erhitzte Weber; "wer? ein Weib soll er nehmen, eine Hausfrau wie ein anderer Christ und Ulmer Burger auch; was hat er notig als Junggeselle zu leben? und allen Madchen in der Stadt nachzulaufen? Hab ich ihn nicht neulich angetroffen, wie er meiner Katharine schongetan hat? Schiff und Geschirr hatte ich ihm mogen an den Kopf werfen, dem gestrengen Herrn; so aber seine Mutter selig hat manch schones Tafelstuck bei mir weben lassen, die brave Frau so musst ich meine Mutze abziehen und sagen: 'Gehorsamen guten Abend, und was befehlen Euer Wohledlen!' Dass dich der "

"Ei schau einer!" sagte Johann mit unmutigem Gesicht; "ich habe immer gedacht, ein Herr wie der Ratsschreiber, mein Herr, konne in allen Ehren mit Eurem Tochterlein ein Wort wechseln, ohne dass die bose Welt "

"So? ein Wort wechseln, und abends nach der Versperglock im Marz? Er heiratet sie doch nicht, und meint Ihr, meines Kindes guter Ruf musse nicht so rein sein, wie Eures Herrn seine weisse Halskrause? Das konnt ich brauchen!"

Der Obermeister hatte wahrend seinen eifrigen Reden den alten Johann an der Brust gepackt und seine Stimme so erhoben, dass die Umstehenden aufmerksam wurden; der Meister Schmidt hielt es daher fur das beste, den Erzurnten mit Gewalt wegzuziehen, und er verhutete so zwar weitere Streitigkeiten, doch konnte er nicht verhuten, dass es schon um Mittag in der ganzen Stadt hiess: Herr von Kraftens Johann habe noch in seinen alten Tagen eine Liebschaft mit des Obermeisters Tochterlein, und seie von dem erzurnten Vater auf der Wiese daruber zur Rede gestellt worden.

Die Ubungen des Fussvolkes waren indes zu Ende gegangen, das Volk verlief sich, und auch den jungen Mann, der die unschuldige Ursache zu jenem Streit gewesen war, sah man seine Schritte der Stadt zuwenden; sein Gang war langsam und ungleich, sein Gesicht schien bleicher als sonst, seine Blicke suchten noch immer den Boden oder schweiften mit dem Ausdruck von Sehnsucht oder stillem Gram nach den fernen blauen Bergen, den Grenzmauern von Wurttemberg.

Noch nie hatte sich Georg von Sturmfeder so unglucklich gefuhlt, als in diesen Stunden. Marie war mit ihrem Vater abgereist; sie hatte ihn noch einmal beschworen lassen, seinem Versprechen treu zu sein, und wie unglucklich machte ihn dieses Versprechen! Wohl hatte es ihn damals nicht geringen Kampf gekostet es zu geben; aber der betaubende Schmerz des Abschiedes, der Gram des geliebten Madchens hatten uberwunden. Doch jetzt, wo er mit festerem Blicke seinen Umgebungen, seiner Zukunft ins Auge sah, wie traurig, wie schwierig erschien ihm seine Lage! Nichts davon zu sagen, dass alle seine goldenen Traume, alle jene kuhnen Hoffnungen von Ruhm und Ehre mit einemmal verschwanden, nichts davon zu sagen, dass auch sein Ziel, das so nahe lag, Marien durch Kriegsdienste zu verdienen, ungewiss in die Weite hinausgeruckt war er sollte auf die Gefahr hin, von Mannern, deren Achtung ihm teuer war, verkannt zu werden, diese Fahnen verlassen, gerade in einem Augenblick, wo man der Entscheidung entgegenging. Von Tag zu Tag, solange es ihm nur moglich war, verschob er diese Erklarung; wo sollte er Grunde, wo Worte hernehmen, vor dem alten, tapfern Degen Breitenstein, seinem vaterlichen Freunde seinen Abzug zu rechtfertigen; mit welcher Stirne sollte er vor den edlen Frondsberg treten? Ach, jene freundlichen Grusse, womit er den Sohn seines tapfern Waffengenossen zu freudigem Kampfe aufzumuntern schien, hatten ihn mit tausend Qualen gefoltert. An seiner Seite war sein Vater gefallen, er hatte gehort, wie der Sterbende den Ruhm seines Namens und ein leuchtendes Beispiel als einziges Erbe dem unmundigen Knaben zusandte; dieser Mann war es, der ihm jetzt so liebevoll die Schranken offnete, und auch ihm musste er in so zweideutigem Lichte erscheinen.

Er hatte sich unter diesen truben Gedanken langsam dem Tore der Stadt genahert, als er sich plotzlich am Arm ergriffen fuhlte; er sah sich um, ein Mann, dem Anschein nach ein Bauer, stand vor ihm.

"Was willst du", fragte Georg etwas unwillig, in seinen Gedanken unterbrochen zu werden.

"Es kommt darauf an, ob Ihr auch der Rechte seid", antwortete der Mann. "Sagt einmal, was gehort zu Licht und Sturm?"

Georg wunderte sich ob der sonderbaren Frage und betrachtete jenen genauer. Er war nicht gross aber kraftig; seine Brust war breit, seine Gestalt gedrungen. Das Gesicht von der Sonne braun gefarbt, ware flach und unbedeutend gewesen, wenn nicht ein eigener Zug von List und Schlauheit um den Mund, und aus den grauen Augen Mut und Verwegenheit geleuchtet hatten. Sein Haar und Bart war dunkelgelb und gerollt; er trug einen langen Dolch im ledernen Gurt, in der einen Hand hielt er eine Axt, in der andern eine runde, niedere Mutze von Leder, wie man sie noch heute bei dem schwabischen Landvolk sieht.

Wahrend Georg diese fluchtigen Bemerkungen machte, wurden auch seine Zuge lauernd beobachtet.

"Ihr habt mich vielleicht nicht recht verstanden, Herr Ritter", fuhr jener nach kurzem Stillschweigen fort; "was passt zu Licht und Sturm, dass es zwei gute Namen gibt?"

"Feder und Stein!" antwortete der junge Mann, dem es auf einmal klarwurde, was unter jener Frage verstanden sei; "was willst du damit?"

"So seid Ihr Georg von Sturmfeder", sagte jener, "und ich komme von Marien von "

"Um Gottes willen, sei still Freund, und nenne keine Namen", fiel Georg ein, "sage schnell, was du mir bringst."

"Ein Brieflein, Junker!" sprach der Bauer, indem er die breiten, schwarzen Kniegurtel, womit er seine ledernen Beinkleider umwunden hatte, aufloste, und einen Streifen Pergament hervorzog.

Mit hastiger Freude nahm Georg das Pergament; es waren wenige Worte mit glanzend schwarzer Dinte geschrieben; den Zugen der Schrift sah man aber an, dass sie einige Muhe gekostet haben mochten, denn die Madchen von 1519 waren nicht so flink mit der Feder, um ihre zartlichen Gefuhle auszudrucken, als die in unseren Tagen, wo jede Dorfschone ihrem Geliebten zum Regiment eine Epistel, so lange als die 3. St. Johannis schreiben kann. Die Chronik, woraus wir diese Historie genommen, hat uns jene Worte aufbewahrt, welche Georgs gierige Blicke aus den verworrenen Zugen des Pergamentes entzifferten:

"Bedenk deinen Eid. Flieh beizeit.

Gott dein Geleit. Marie dein in Ewigkeit."

Es liegt ein frommer, zarter Sinn in diesen Worten; und wer sich ein liebendes Herz dazu denkt, wie es mit diesen Zeilen in die Ferne fliegen mochte, ein Auge voll Zartlichkeit umflort von einem Schleier stiller Tranen, einen holden Mund, der das Blattchen noch einmal kusst, verschamte Wangen, die bei diesem geheimnisvollen Grusse erroten wer dies hinzudenkt, der wird es Georg nicht verargen, dass er einige Augenblicke wie trunken war. Ein freudiger, glanzender Blick, nach den fernen blauen Bergen hin, dankte der Geliebten fur ihren trostenden Spruch und wahrlich er war auch zu keiner andern Zeit notiger gewesen als gerade jetzt, um den gesunkenen Mut des jungen Mannes zu erheben. Wusste er doch, dass ein Wesen, das teuerste was fur ihn auf der Erde lebte, ihn nicht verkannte. Der Schluss jener Zeilen erhob sein Herz zur alten Freudigkeit, er bot dem guten Boten die Hand, dankte ihm herzlich und fragte, wie er zu diesen Zeilen gekommen sei.

"Dacht ich's doch", antwortete dieser, "dass das Blattchen keinen bosen Zauberspruch enthalten musse. Denn das Fraulein lachelte so gar freundlich, als sie es mir in die rauhe Hand druckte. Es war vergangenen Mittwoch, dass ich nach Blaubeuren kam wo unser Kriegsvolk stand. Es ist dort in der Klosterkirche ein prachtiger Hochaltar, worauf die Geschichte meines Patrons des Taufers Johannes vorgestellt ist. Vor sieben Jahren als ich in grosser Not und einem schmahlichen Ende nahe war, gelobt ich alle Jahre um diese Zeit eine Wallfahrt dahin. So hielt ich es alle Jahre seit der Zeit, dass mich der Heilige durch ein Wunder von Henkers Hand errettet hat. Wenn ich nun mein Gebet verrichtet hatte, ging ich allemal zum Herrn Abt, um ihm ein paar schone Ganse oder ein Lamm zu bringen, oder was er sonst gerade gerne hat. Aber ich mache Euch Langeweile mit meinem Geschwatz, Junker?"

"Nein, nein, erzahle nur weiter", antwortete Georg, "komm, setze dich zu mir auf jene Bank."

"Das wurde sich schon schicken!" entgegnete der Bote, "wenn ein Bauer an des Junkers Seite sitzen wollte, den der Oberfeldhauptmann vor aller Augen so oft grusste; erlaubt mir, dass ich mich vor Euch hinstelle."

Georg liess sich auf einen Steinsitz am Wege nieder, der Bauer aber fuhr auf seine Axt gestutzt, in seiner Erzahlung fort: "Ich hatte diesmal bei den unruhigen Zeiten wenig Lust zur Wallfahrt, aber 'gebrochener Eid, tut Gott leid', heisst es, und so musste ich mein Gelubde vollbringen. Wie ich vom Gebet aufstund, um dem Abt zu bringen was recht ist, sagte mir einer der Pfaffen, dass ich diesmal nicht zu seiner Ehrwurden konne, weil viele Herren und Ritter dort zu Besuch seien. Ich bestand aber doch darauf, denn der Abt ist ein leutseliger Herr, und hatte mir's nicht verziehen, wenn ich ihn nicht heimgesucht hatte. Wenn Ihr je ins Kloster hinauskommt, so vergesset nicht nach der Treppe zu schauen, die vom Hochaltar zum Dorment fuhrt. Sie geht durch die dicke Mauer, welche die Kirche ans Kloster schliesst, und ist lang und schmal. Dort war es, wo mir das Fraulein begegnet ist. Es kommt mir namlich ein feines Weibsbild im Schleier mit Brevier und Rosenkranz die Treppe herab, entgegen; ich drucke mich an die Wand um sie vorbeizulassen, sie aber bleibt stehen und spricht: 'Ei Hanns, woher des Wegs?' "

"Woher kennt Euch denn das Fraulein?" unterbrach ihn Georg.

"Meine Schwester ist ihre Amme und "

"Wie, die alte Rose ist Eure Schwester?" rief der junge Mann. "Habt Ihr sie auch gekannt?" sagte der Bote, "ei seh doch einer! aber dass ich weiter sage: ich hatte eine grosse Freude sie wiederzusehen, denn ich besuchte meine Schwester haufig in Lichtenstein, und habe das Fraulein gekannt als man sie noch in ihres Vaters Schwertkuppel gehen lernte. Aber ich hatte sie kaum wiedererkannt, so gross war sie geworden, und die roten Wangen sind auch weg wie der Schnee am ersten Mai. Ich weiss nicht wie es ging, aber mich dauerte ihr Anblick in der Seele, und ich musste fragen was ihr fehle, und ob ich ihr nicht etwas helfen konne? Sie besann sich eine Weile und sagte dann: 'Ja, wenn du verschwiegen warest, Hanns, konntest du mir wohl einen grossen Dienst leisten!' Ich sagte zu, und sie bestellt mich bis nach der Vesper."

"Aber wie kommt sie nur in das Kloster", fragte Georg; "sonst darf ja doch kein Weiberschuh uber die Schwelle."

"Der Abt ist mit ihrem Vater befreundet, und da so viel Volk in Blaubeuren liegt, so ist sie dort besser aufgehoben als im Stadtchen, wo es toll genug zugeht. Nach der Vesper, als alles still war, kam sie ganz leise in den Kreuzgang. Ich sprach ihr Mut zu, wie es eben unsereins versteht, da gab sie mir dies Blattchen und bat mich, Euch aufzusuchen."

"Ich danke dir herzlich, guter Hanns", sagte der Jungling. "Aber hat sie dir sonst nichts an mich aufgetragen?"

"Ja", antwortete der Bote, "mundlich hat sie mir noch etwas aufgetragen; Ihr sollt Euch huten, man habe etwas mit Euch vor."

"Mit mir?" rief Georg; "das hast du nicht recht gehort, wer und was soll man mit mir vorhaben?"

"Da frage Ihr mich zuviel", entgegnete jener, "aber wenn ich es sagen darf, so glaube ich die Bundischen. Das Fraulein setzte noch hinzu, ihr Vater habe davon gesprochen, und hat nicht der Frondsberg Euch heute zugewinkt und Euch geehrt wie des Kaisers Sohn, dass sich jedermann darob verwunderte? Glaubt nur es hat allemal etwas zu bedeuten, wenn solch ein Herr so freundlich ist."

Georg war uberrascht von der richtigen Bemerkung des schlichten Bauers; er entsann sich auch, dass Mariens Vater tief in die Geheimnisse der Bundesobersten eingedrungen sei, und vielleicht etwas erfahren habe, was sich zunachst auf ihn bezoge? Aber er mochte sinnen wie er wollte, so konnte er doch nichts erfinden, was zu dieser geheimnisvollen Warnung Mariens gepasst hatte. Mit Muhe riss er sich aus diesem Gewebe von Vermutungen, indem er den Boten fragte, wie er ihn so schnell gefunden habe?

"Dies ware ohne Frondsberg so bald nicht geschehen", antwortete er; "ich sollte Euch bei Herrn Dieterich von Kraft aufsuchen. Wie ich aber die Strasse hereinging, da sah man viel Volk auf den Wiesen. Ich dachte, eine halbe Stunde mache nichts aus, und stellte mich auch hin, um das Fussvolk zu betrachten. Wahrlich der Frondsberg hat es weit gebracht. Nun da war mir's, als horte ich nahe bei mir Euren Namen nennen, ich sah mich um, es waren drei alte Manner, die sprachen von Euch und deuteten auf Euch hin, ich aber merkte mir Eure Gestalt und folgte Euren Schritten, und weil ich meiner Sache doch nicht ganz gewiss war, so gab ich Euch das Ratsel von Sturm und Licht auf."

"Das hast du klug gemacht", sagte Georg lachelnd "aber dennoch komme in mein Haus, dass man dir etwas zu essen reiche; wann kehrst du wieder heim?"

Hanns bedachte sich eine Weile; endlich aber sagte er, indem ein schlaues Lacheln um seinen Mund zog: "Nichts fur ungut, Junker, aber ich habe dem Fraulein versprechen mussen, nicht eher von Euch zu weichen, als bis Ihr dem bundischen Heer Valet gesagt habt!"

"Und dann?" fragte Georg.

"Und dann gehe ich stracks nach Lichtenstein, und bringe ihr die gute Nachricht von Euch; wie wird sie sich sehnen! alle Tage steht sie wohl im Gartchen auf dem Felsen, und sieht ins Tal hinab, ob der alte Hanns noch nicht kommt!"

"Die Freude soll ihr bald werden", antwortete Georg, "vielleicht reite ich schon morgen, und dann schreibe ich vorher noch ein Brieflein."

"Aber greifet es doch klug an", sagte der Bote, "das Pergament darf nicht breiter sein als jenes, das ich brachte. Denn ich muss es wieder im Kniegurtel verstecken. Man weiss nicht, was einem in so unruhiger Zeit begegnen kann, und dort sucht es niemand."

"Es sei so", antwortete Georg, indem er aufstand. "Fur jetzt lebe wohl, um Mittag komme zu Herrn von Kraft, nicht weit vom Munster. Gib dich fur meinen Landsmann aus Franken aus, denn die Ulmer sind den Wurttembergern nicht grun."

"Sorgt nicht, Ihr sollt zufrieden sein", rief Hanns dem Scheidenden zu. Er sah dem schlanken Jungling nach und gestand sich, dass das holde Pflegekind seiner Schwester keine uble Wahl getroffen habe, wenn auch die rosigen Wangen des Kindes bei der ersten Liebe der Jungfrau etwas von ihren bluhenden Farben verloren hatten.

IX

Was unter dieser Sonne kann es geben,

Das ich nicht hinzuopfern eilen will,

Wenn Sie es wunschen? Fliehen Sie!

Schiller

Georg war es von Anfang bange, wie sich sein neuer Bekannter in dem Kraftischen Hause benehmen werde. Er furchtete nicht ohne Grund, jener mochte sich durch seine Mundart, durch unbedachte Ausserungen verraten, was ihm hochst unangenehm gewesen ware; denn, je fester er bei sich beschlossen hatte, das Bundesheer in den nachsten Tagen zu verlassen, um so weniger mochte er in Verdacht geraten, in Verbindung nach dem Wurttemberg hinuber zu stehen. Konnte und durfte er ja doch im schlimmen Falle, wenn der Bote entdeckt wurde, wenn er bekannte, an ihn geschickt worden zu sein, die Geliebte nicht verraten. Er wollte umkehren und den Mann aufsuchen, ihn bitten, sich so bald als moglich zu entfernen, aber als er bedachte, dass dieser schon langst von dem Platz ihrer Unterredung sich entfernt haben musse, dass er indes zu Kraft kommen konne, schien es ihm geratener, dahin vorauszueilen, um jenem dort die notigen Winke zu geben und ihn vor Unvorsichtigkeit

Und doch, wenn er sich das kuhne Auge, die kluge verschlagene Miene des Mannes ins Gedachtnis rief, glaubte er hoffen zu durfen, dass Marie, obgleich ihr keine grosse Wahl ubrigblieb, keinem unsicheren Mann diese Botschaft anvertraut haben konnte.

Und wirklich traute er seinem Auge, seinem Ohr kaum, als ihm um Mittag ein Landsmann aus Franken gemeldet, und sein Liebesbote hereingefuhrt ward. Welche Gewalt musste dieser Mensch uber sich haben. Es war derselbe, und doch schien er ein ganz anderer. Er ging gebuckt, die Arme hingen schlaff an dem Korper herab, selten schlug er die Augen auf, sein Gesicht hatte einen Ausdruck von Blodigkeit, der Georg ein unwillkurliches Lacheln abnotigte. Und als er dann zu sprechen anfing, als er ihn in frankischer Mundart begrusste, und mit der gelaufigen Zunge eines geborenen Franken dem Herrn von Kraft auf seine mancherlei Fragen antwortete, da kam er in Versuchung, an ubernaturliche Dinge zu glauben; die Marchen seiner Kindheit stiegen in seinem Gedachtnisse auf, wo ein freundlicher Zauberer oder eine huldreiche Fee in allerlei Gestalten dem Dienst zweier Liebenden sich widmet, und sie glucklich mitten durch das feindselige Schicksal hindurchfuhrt.

Der Zauber war zwar bald gelost, als er mit dem Boten auf seinem Zimmer allein war, und ihn der gute Schwabe von seiner Personlichkeit versicherte, aber doch konnte er ihm seine Bewunderung nicht versagen, uber die Rolle, die er so gut gespielt.

"Glaubt deshalb nicht minder an meine Ehrlichkeit", antwortete der Bauer, "man wird oft genotigt, von Jugend auf durch solche Kunste sich fortzuhelfen, sie schaden keinem und tun doch dem gut, der sie kann."

Georg versicherte, ihm nicht minder zu trauen als vorher, der Bote aber bat dringend, er mochte doch jetzt auch auf seine Abreise denken, er mochte bedenken wie sehr sich das Fraulein nach dieser Nachricht sehne, dass er nicht fruher heimkehren durfe, als bis er diese Gewissheit bringen konne.

Georg antwortete ihm, dass er nur noch den Abmarsch des Bundesheeres abwarten wolle, um in seine Heimat zuruckzukehren.

"Oh, da braucht Ihr nicht mehr lange zu warten", antwortete der Bote; "wenn sie morgen nicht aufbrechen, so ist es ubermorgen, denn das Land ist offen bis ins Herz hinein. Ich darf Euch trauen, Junker, darum sag ich Euch dies."

"Ist es denn wahr, dass die Schweizer abgezogen sind", fragte Georg, "und dass der Herzog keine Feldschlacht mehr liefern kann?"

Der Bote warf einen lauernden Blick im Zimmer umher, offnete behutsam die Ture, und als er sah, dass kein Lauscher in der Nahe sei, begann er:

"Herr! ich war bei einem Auftritt, den ich nie vergesse, und wenn ich neunzig Jahre alt werde! Schon unterwegs waren mir auf der Alb grosse Scharen der heimziehenden Schweizer begegnet; ihre Rate und Landamtmanner hatten sie heimgerufen; bei Blaubeuren standen aber noch uber achttausend Mann, jedoch lauter gute Wurttemberger und nichts andres drunter."

"Und der Herzog", unterbrach ihn Georg, "wo war denn dieser? "

"Der Herzog hatte in Kirchheim zum letztenmal mit den Schweizern unterhandelt, aber sie zogen ab, weil er sie nicht bezahlen konnte.16 Da kam er gen Blaubeuren, wo sich sein Landvolk gelagert hatte. Gestern morgen wurde durch Trommelschlag bekannt gemacht, dass sich bis neun Uhr alles Volk auf den Klosterwiesen einstellen solle. Es waren viele Manner, die dort versammelt waren, aber jeder dachte ein und dasselbe. Seht, Junker! der Herzog Ulerich ist ein gestrenger Herr, und weiss den Bauer nicht fur sich zu gewinnen. Die Steuern sind hart, der Jagdfrevel ist scharf und grausam, am Hof aber wird verprasst was man uns genommen hat. Aber wenn ein solcher Herr im Ungluck ist, da ist es gleich ein anderes Ding. Jetzt fiel uns allen nur ein, dass er ein tapferer Mann und unser unglucklicher Herzog sei, dem man wolle das Land mit Gewalt entreissen. Es ging ein Gemurmel unter uns, dass der Herzog wolle eine Schlacht liefern, und jeder druckte das Schwert fester in der Hand, grimmig schuttelten sie ihre Speere und riefen den Bundlern Verwunschungen zu. Da kam der Herzog "

"Du sahst den Herzog, du kennst ihn?" rief Georg neugierig. "O sprich, wie sieht er aus? "

"Ob ich ihn kenne?" sagte der Bote mit sonderbarem Lacheln, "wahrhaftig ich sah ihn als es ihm nicht wohl war mich zu sehen. Der Herr ist noch ein junger Mann, wenn es viel ist, ist er zweiunddreissig Jahr. Er ist stattlich und kraftig, und man sieht ihm an, dass er die Waffen zu fuhren weiss. Augen hat er wie Feuer, und es lebt keiner, der ihm lange hineinschaute. Der Herzog trat in den Kreis, den das bewaffnete Volk geschlossen hatte, und es war Totenstille unter den vielen Menschen. Mit vernehmlicher Stimme sprach er, dass er sich also verlassen, nimmer zu helfen wusste.17 Diejenigen, worauf er gehofft, seien ihm benommen, seinen Feinden sei er ein Spott; denn ohne die Schweizer konne er keine Schlacht wagen. Da trat ein alter, eisgrauer Mann hervor, der sprach: 'Herr Herzog! habt Ihr unsern Arm schon versucht, dass Ihr die Hoffnung aufgebt? schaut, diese alle wollen fur Euch bluten; ich habe Euch auch meine vier Buben mitgebracht, hat jeder einen Spiess und ein Messer, und so sind hier viele Tausend; seid Ihr des Landes so mude, dass Ihr uns verschmaht?' Da brach dem Ulerich das Herz; er wischte sich Tranen aus dem Auge und bot dem Alten seine Hand. 'Ich zweifle nicht an eurem Mut', sprach er mit lauter Stimme. 'Aber wir sind unserer zu wenig; so dass wir nur sterben konnen aber nicht siegen. Geht nach Haus ihr guten Leute und bleibet mir treu. Ich muss mein Land verlassen und im bitteren Elend sein. Aber mit Gottes Hulfe hoffe ich auch wieder hereinzukommen.' So sprach der Herzog, unsere Leute aber weinten und knirschten mit den Zahnen und zogen ab in Trauer und Unmut. "18

"Und der Herzog?" fragte Georg.

"Von Blaubeuren ist er weggeritten, wohin weiss man nicht. In den Schlossern aber liegt die Ritterschaft, sie zu verteidigen, bis der Herzog vielleicht andere Hulfe bekommt."

Der alte Johann unterbrach hier den Boten und meldete, dass der Junker auf zwei Uhr in den Kriegsrat beschieden sei, der in Frondsbergs Quartier gehalten werde; Georg war nicht wenig erstaunt uber diese Nachricht; was konnte man von ihm im Kriegsrat wollen? Sollte Frondsberg schon ein Mittel gefunden haben, ihn zu empfehlen?

"Nehmt Euch in acht, Junker", sprach der Bote, als der alte Johann das Gemach verlassen hatte, "und bedenkt das Versprechen, das Ihr dem Fraulein gegeben, vor allem erinnert Euch, was sie Euch sagen liess: Ihr sollt Euch huten, weil man etwas mit Euch vorhabe. Mir aber erlaubt, als Euer Diener in diesem Haus zu bleiben; ich kann Euer Pferd besorgen und bin zu jedem Dienst erbotig."

Georg nahm das Anerbieten des treuen Mannes mit Dank an und Hanns trat auch sogleich in seinen Dienst, denn er band seinem jungen Herrn das Schwert um, und setzte ihm das Barett zurecht. Er bat ihn noch unter der Ture, seines Schwures und jener Warnung eingedenk zu sein.

Dem unbegreiflichen Ruf in den Kriegsrat und der sonderbar zutreffenden Warnung Mariens nachsinnend, ging Georg dem bezeichneten Hause zu; man wies ihn dort eine breite Wendeltreppe hinan, wo er in der ersten Ture rechts, die Kriegsobersten versammelt finden sollte. Aber der Eingang in dieses Heiligtum ward ihm nicht so bald verstattet; ein alter bartiger Kriegsmann fragte, als er die Ture offnen wollte, nach seinem Begehr, und gab ihm den schlechten Trost, es konne hochstens noch eine halbe Stunde dauern, bis er vorgelassen werde; zugleich ergriff er die Hand des jungen Mannes und fuhrte ihn einen schmalen Gang hindurch, nach einem kleinen Gemach, wo er sich einstweilen gedulden solle.

Wer je in besorgter Erwartung einsam und allein auf der Marterbank eines Vorzimmers sass, der kennt die Qual, die Georg in jener Stunde auszustehen hatte. Das ungeduldige Herz pocht der Entscheidung entgegen, alle Nerven sind gespannt, das Auge mochte die Ture durchbohren, das Ohr scharft sich, wenn in der Ferne eine Ture knarrt, Schritte uber den Hausgang rauschen oder undeutliche Stimmen im anstossenden Zimmer lauter werden. Aber die Turen haben umsonst getont, die Schritte immer naher und naher kommend, gehen voruber, der ungleiche Ton der Stimmen sinkt zum Gefluster herab. Die Bretter des Fussbodens und die Fenster des Nachbarhauses sind bald gezahlt, und schon wieder zeigt der helle Ton der Glocke eine umsonst verlebte halbe Stunde an. Das Ohr begleitet alle Glocken und Uhren der Stadt, bemerkt ihre hohen und tiefen Tone auch sie haben ausgeschlagen. Man steht auf, man macht einen Gang durch das enge Gemach, horch! da geht wieder eine Ture, gewichtige Schritte kommen den Gang herauf, die Klinke der Ture bewegt sich nach so langer Zeit wieder

"Georg von Frondsberg lasst Euch seinen Gruss vermelden", sprach der alte Kriegsmann, der nach so langer Zeit wieder zu Georg kam, "es konnte vielleicht noch eine Weile dauern; doch sei dies ungewiss, darum sollet Ihr hierbleiben. Er schickt Euch hier einen Krug Wein zum Vespern."

Der Diener setzte den Wein auf den breiten Fenstersims des Zimmers, denn ein Tisch war nicht vorhanden, und verliess das Gemach.

Georg sah ihm staunend nach; er hatte dies nicht fur moglich gehalten; uber eine Stunde war schon verschwunden, und noch nicht? Er griff zu dem Wein, er war nicht ubel, aber wie konnte ihm in seiner traurigen Einsamkeit das Glas munden?

Es ist ein gewohnlicher Fehler junger Leute in Georgs Jahren, dass sie sich fur wichtiger halten, als es ihre Stellung in der Welt eigentlich mit sich bringt. Der gereiftere Mann wird eine Beeintrachtigung seiner Wurde eher verschmerzen oder wenigstens sein Missfallen zuruckhalten, wahrend der Jungling empfindlicher uber den Punkt der Ehre leichter und schneller aufbraust. Kein Wunder daher, dass Georg, als er nach zwei todlich langen Stunden in den Kriegsrat abgefuhrt wurde, nicht in der besten Laune war. Er folgte schweigend dem ergrauten Fuhrer, der ihn hieher geleitet hatte, den langen Gang hin.

An der Ture wandte sich jener um und sagte freundlich: "Verschmaht den Rat eines alten Mannes nicht, Junker, und legt die trotzige, finstere Miene ab; es tut nicht gut bei den gestrengen Herren da drinnen."

Georg war in dem Augenblick zu wenig Herr uber sich, als dass er den wohlgemeinten Rat hatte befolgen konnen, er dankte ihm durch einen Handedruck, ergriff dann rasch die gewaltige eiserne Turklinke und die schwere, eichene Zimmerture drehte sich achzend auf.

Um einen grossen, schwerfalligen Tisch sassen acht altliche Manner, die den Kriegsrat des Bundes bildeten. Einige davon kannte Georg. Jorg Truchsess, Freiherr von Waldburg, nahm als Oberster-Feldlieutenant den obersten Platz an dem Tische ein, auf beiden Seiten von ihm sassen Frondsberg und Franz von Sickingen, von den ubrigen kannte er keinen, als den alten Ludwig von Hutten; aber die Chronik hat uns ihre Namen treulich aufbewahrt, es sassen dort noch Christoph Graf zu Ortenberg, Alban von Closen, Christoph von Frauenberg und Diepolt von Stein; bejahrte, im Heere angesehene Manner.

Georg war an der Ture stehengeblieben, Frondsberg aber winkte ihm freundlich naher zu kommen. Er trat bis an den Tisch, und uberschaute nun mit dem freien kuhnen Blick, der ihm so eigen war, die Versammlung. Aber auch er wurde von den Versammelten beobachtet, und es schien, als fanden sie Gefallen an dem schonen, hochgewachsenen Jungling, denn mancher Blick ruhte mit Wohlwollen auf ihm, einige nickten ihm sogar freundlich zu.

Der Truchsess von Waldburg hob endlich an: "Georg von Sturmfeder, wir haben uns sagen lassen, Ihr seid auf der Hochschule in Tubingen gewesen, ist dem also?"

"Ja Herr Ritter", antwortete Georg.

"Seid Ihr in der Gegend von Tubingen genau bekannt?" fuhr jener fort.

Georg errotete bei dieser Frage; er dachte an die Geliebte, die ja nur wenige Stunden von jener Stadt entfernt, auf ihrem Lichtenstein war; doch er fasste sich bald und sagte: "Ich kam zwar nicht viel auf die Jagd, auch habe ich sonst die Gegend wenig durchstreift, doch ist sie mir im allgemeinen bekannt."

"Wir haben beschlossen", fuhr Truchsess fort, "einen sicheren Mann in jene Gegend zu schicken, auszukundschaften was der Herzog von Wurttemberg bei unserem Anzug tun wird. Es soll auch uber die Befestigung des Schlosses Tubingen, uber die Stimmung des Landvolkes in jener Gegend genaue Nachricht eingezogen werden; ein solcher Mann kann dem Wurttemberger durch Klugheit und List mehr Abbruch tun als hundert Reiter, und wir haben Euch dazu ausersehen."

"Mich?" rief Georg voll Schrecken.

"Euch, Georg von Sturmfeder; zwar gehort Ubung und Erfahrung zu einem solchen Geschaft, aber was Euch dran abgeht, moge Euer Kopf ersetzen."

Man sah dem Jungling an, dass er einen heftigen Kampf mit sich kampfte. Sein Gesicht war bleich, sein Auge starr, seine Lippen fest zusammengeklemmt. Die Warnung Mariens war ihm jetzt auf einmal klar; aber wie fest er auch bei sich beschloss, den Antrag auszuschlagen, wie erwunscht beinahe diese Gelegenheit erschien, um dem Bunde zu entsagen, so kam ihm die Entscheidung doch zu uberraschend, er scheute sich, vor den beruhmten Mannern seinen Entschluss auszusprechen.

Der Truchsess ruckte ungeduldig auf seinem Stuhl hin und her, als der junge Mann so lange mit seiner Antwort zogerte: "Nun? wird's bald? warum besinnt Ihr Euch so lange?" rief er ihm zu.

"Verschonet mich mit diesem Auftrag", sagte Georg nicht ohne Zagen, "ich kann, ich darf nicht."

Die alten Manner sahen sich erstaunt an, als trauten sie ihren Ohren nicht. "Ihr durft nicht, Ihr konnt nicht", wiederholte Truchsess langsam, und eine dunkle Rote, der Vorbote seines aufsteigenden Zornes lagerte sich auf seine Stirne und um seine Augen.

Georg sah, dass er sich in seinen Ausdrucken ubereilt habe; er sammelte sich und sprach mit freierem Mute: "Ich habe Euch meine Dienste angeboten um ehrlich zu fechten, nicht aber um mich in Feindesland zu schleichen und hinterrucks nach seinen Gedanken zu spahen. Es ist wahr, ich bin jung und unerfahren, aber so viel weiss ich doch, um mir von meinen Schritten Rechenschaft geben zu konnen; und wer von Euch, der Vater eines Sohnes ist, mochte ihm zu seiner ersten Waffentat raten, den Kundschafter zu machen?"

Der Truchsess zog die dunkeln, buschigen Augenbrauen zusammen, und schoss einen durchdringenden Blick auf den Jungling, der so kuhn war, anderer Meinung zu sein als er. "Was fallt Euch ein, Junker!" rief er; "Eure Reden helfen Euch jetzt nichts, es handelt sich nicht darum, ob es sich mit Eurem kindischen Gewissen vertragt was wir Euch auftragen; es handelt sich um Gehorsam, wir wollen es, und Ihr musst!"

"Und ich will nicht!" entgegnete ihm Georg mit fester Stimme. Er fuhlte, dass mit dem Zorn uber Waldburgs beleidigenden Ton sein Mut von Minute zu Minute wachse, er wunschte sogar, der Truchsess mochte noch weiter in seinen Reden fortfahren, denn jetzt glaubte er sich jeder Entscheidung gewachsen.

"Ja freilich, freilich!" lachte Waldburg in bitterem Grimm, "das Ding hat Gefahr, so allein in Feindesland herumzureiten. Ha! Ha! Da kommen die Junker von Habenichts und Binnichts und bieten mit grossen Worten und erhabenen Gesichtern ihren Kopf und ihren tapferen Arm an, und wenn es drauf und dran kommt, wenn man etwas von ihnen haben will, so fehlt es am Herz. Doch Art lasst nicht von Art, der Apfel fallt nicht weit vom Stamm und wo nichts ist: da hat der Kaiser das Recht verloren."

"Wenn dies eine Beleidigung fur meinen Vater sein soll", antwortete Georg erbittert, "so sitzen hier Zeugen, die ihm bezeugen konnen, dass er in ihrem Gedachtnisse als ein Tapferer lebt. Ihr musst viel getan haben in der Welt, dass Ihr Euch herausnehmt auf andere so tief herabzusehen!"

"Soll ein solcher Milchbart mir vorschreiben was ich reden soll?" unterbrach ihn Waldburg; "was braucht es da das lange Schwatzen? ich will wissen, Junkerlein, ob Ihr morgen Euer Pferd satteln, und Euch nach unseren Befehlen richten wollet oder nicht!"

"Herr Truchsess", antwortete Georg mit mehr Ruhe als er sich selbst zugetraut hatte; "Ihr habt durch Eure scharfe Reden nichts gezeigt, als dass Ihr wenig wisset, wie man mit einem Edelmann, der dem Bunde seine Dienste anbot, wie man mit dem Sohn meines tapfern Vaters sprechen musse. Ihr habt aber als Oberster dieses Rates im Namen des Bundes zu mir gesprochen und mich so tief beleidigt, als ob ich Euer argster Feind ware, darum kann ich nichts tun, als wie Ihr selbst befehlt, mein Ross satteln, aber gewiss nicht zu Eurem Dienst. Es ist mir nicht langer Ehre, diesen Fahnen zu folgen, nein, ich sage mich los und ledig von Euch fur immer; gehabt Euch wohl!"

Der junge Mann hatte mit Nachdruck und Festigkeit gesprochen, und wandte sich, zu gehen.

"Georg!" rief Frondsberg, indem er aufsprang, "Sohn meines Freundes! "

"Nicht so rasch, Junker", riefen die ubrigen, und warfen missbilligende Blicke auf Waldburg; aber Georg war, ohne sich umzusehen, aus dem Gemach geschritten, die eiserne Klinke schlug klirrend ins Schloss und die gewaltigen Flugel der eichenen Pforte lagerten sich zwischen ihn und den wohlmeinenden Nachruf der besser gesinnten Manner; sie schieden Georg von Sturmfeder auf ewig von dem Schwabischen Bunde.

X

O wenn die Nacht des Grames dich umschlinget,

Mit schwerem Leid dein wundes Herz oft ringet,

Wenn nur der Stern, der nach der Sonne stehet,

Der Liebe Stern in dir nicht untergehet.

P. Conz

Georg fuhlte sich leichter, als er auf seinem Zimmer uber das Vorgefallene nachdachte. Jetzt war ja entschieden, was zu entscheiden er so lange gezogert hatte, entschieden auf eine Weise, wie er sie besser nicht hatte wunschen konnen. So hatte er jetzt einen guten Grund, das Heer sogleich zu verlassen, und der Oberstfeldlieutenant musste die Schuld sich selbst beimessen.

Wie schnell hatte sich doch alles in den vier Tagen gewendet; wie verschieden waren die Gesinnungen, mit denen er in diese Stadt einzog, von denen, die ihn aus ihren Mauern hinaustrieben! Damals, als der Donner der Geschutze, der feierliche Klang aller Glocken, die lockenden Tone der Trompeten ihn begrussten, wie schlug da sein Herz dem Kampf entgegen, um Marien zu verdienen. Und als er das erstemal vor jenen Frondsberg gefuhrt wurde, wie erhebend war der Gedanke, unter den Augen dieses Mannes zu Und wie erkaltete bald darauf sein Eifer, als der Bund in seinen Augen jenen Glanz verlor, mit welchem ihn seine jugendliche Phantasie umgeben hatte; wie schamte er sich, sein Schwert fur die zu ziehen, die nur von Eigennutz und Habgier getrieben, das schone Land sich zur Beute ausersehen hatten! Wie schrecklich der Gedanke, Marie und die Ihrigen auf der feindlichen Seite zu wissen, treu ergeben dem unglucklichen Fursten, den auch er aus seinen Grenzen zu jagen helfen sollte? Um eine solche Sache sollte er jenes teure Herz brechen, das unter jedem Wechsel treu fur ihn schlug? "Nein! Du hast es wohl mit mir gemeint", sprach er, indem sein Auge dem Strahl der Abendsonne, der durch die runden Scheiben hereinfiel, hinauf zu dem blauen Himmel folgte; "du hast es wohl mit mir gemeint, was jedem andern, der heute an meiner Stelle stand, zum Verderben gewesen ware, hast du fur mich zum Heil gelenkt!" Jene Heiterkeit, die, seit er wusste, wie furchtbar sich das Geschick zwischen ihn und die Geliebte stellte, einem truben Ernste gewichen war, kehrte wieder auf seine Stirne, um seinen Mund zuruck; er sang sich ein frohes Lied, wie in seinen frohesten Augenblicken.

Erstaunt betrachtete ihn der eintretende Herr von Kraft. "Nun das ist doch sonderbar", sagte er, "ich eile nach Haus, um meinen Gast in seinem gerechten Schmerz zu trosten, und finde ihn so frohlich wie nie; wie raume ich das zusammen?"

"Habt Ihr noch nie gehort, Herr Dieterich", entgegnete Georg, der fur geratener hielt, seine Frohlichkeit zu verbergen, "habt Ihr nie gehort, dass man auch aus Zorn lachen und im Schmerz singen konne?"

"Gehort hab ich es schon, aber gesehen nie bis zu diesem Augenblick", antwortete Kraft.

"Nun, und Ihr habt also auch von der verdrusslichen Geschichte gehort", fragte Georg, "man erzahlt sich es gewiss schon auf allen Strassen?"

"O nein", antwortete der Ratsschreiber, "man weiss nirgens etwas davon, man hatte ja zugleich Eure geheime Sendung nach Wurttemberg damit ausposaunen mussen. Nein! ich habe, Gott sei Dank, so meine eigenen Quellen, und erfahre manches noch in der Stunde wo es getan oder gesprochen wurde. Aber nehmt mir's nicht ubel, Ihr habt da einen dummen Streich gemacht!"

"So?" antwortete Georg lachelnd, "und warum denn?"

"Bot sich Euch nicht die schonste Gelegenheit, Euch auszuzeichnen? Wem waren die Bundesobersten mehr Dank schuldig als "

"Sagt es nur heraus", unterbrach ihn Georg, " als dem Kundschafter in des Feindes Rucken. Es ist nur schade, dass mein Vater und die Ehre meines Namens mich vor, nicht hinter den Feind bestimmt haben, es sei denn, dass er vor mir fliehe."

"Dies sind Bedenklichkeiten, die ich nicht bei Euch gesucht hatte; wahrlich, wenn ich so bekannt in jener Gegend ware, wie Ihr, man hatte es mir nicht zweimal sagen durfen."

"Ihr habt hierzuland vielleicht andere Grundsatze uber diesen Punkt", sagte Georg nicht ohne Spott, "als wir in unserem Franken, das hatte Truchsess von Waldburg bedenken und einen Ulmer schicken sollen."

"Ihr bringt mich da eben recht noch auf etwas anderes; der Oberfeldlieutenant! Wie habt Ihr ihn Euch so zum Feinde machen mogen, denn dass dieser Euch das Geschehene in seinem Leben nicht verzeiht, durft Ihr gewiss sein."

"Das ist mein geringster Kummer", antwortete Georg, "aber eines tut mir weh, dass ich den Ubermutigen, der schon meinem Vater Boses getan, wo er konnte, nicht vor meine Klinge stellen, und ihm zeigen kann, dass der Arm nicht so ganz zu verachten ist, den er heute von sich gestossen hat."

"Um Gottes willen", fiel Kraft ein, "sprecht nicht so laut, er konnte es horen; uberhaupt musst Ihr Euch sehr zusammennehmen, wenn Ihr ferner im Heere unter ihm dienen wollt!"

"Ich will den Herrn Truchsess von meinem verhassten Anblick bald befreien; so Gott will, habe ich die Sonne zum letztenmal in Ulm untergehen sehen!"

"So ware es wahr", fragte Herr von Kraft mit Staunen, "was man noch dazusetzte und was ich nicht glauben konnte: Georg von Sturmfeder will wegen dieser Kleinigkeit unsere gute Sache verlassen?"

"Verletzung der Ehre ist nirgends eine Kleinigkeit", antwortete Georg ernst, "am wenigsten bei einem Stand wie der unserige; was aber Eure gute Sache betrifft, so habe ich nachgerade eingesehen, dass ich weder fur eine gute Sache noch fur eine gute Meinung, sondern fur ein paar grosse Herren und fur ein paar Mauern voll Spiessburger mich schlagen sollte."

Der unangenehme Eindruck, den besonders die letzten Worte auf den Ratsschreiber machten, entging ihm nicht, er fuhr daher, indem er seine Hand ergriff und druckte, ruhiger fort: "Nehmt mir meine scharfen Worte nicht ubel, mein freundlicher Wirt, weiss Gott, ich habe Euch nicht damit beleidigen wollen; aber aus Eurem eigenen Munde habe ich die Gesinnungen und Zwecke der verschiedenen Parteien in diesem Heere erfahren, schreibt es Euch selbst zu, wenn ich meinen eigenen Weg einschlage, da Ihr mir die Binde von den Augen genommen habt."

"Ihr habt so unrecht gerade nicht, guter Junker; es wird bunt hergehen, wenn die Herren erst das schone Land da druben unter sich teilen. Aber da habe ich gedacht, es gehe ja in einem hin, Ihr konntet Euch auch Euer Scherflein dabei verdienen. Man sagt, Ihr durft es mir aber nicht ubelnehmen, Euer Haus sei etwas herabgekommen, da meinte ich "

"Nichts davon", fiel Georg rasch ein, geruhrt von der Gutmutigkeit seines Gastfreundes, "das Haus meiner Vater zerfallt, unsere Tore hangen auf gebrochenen Angeln, auf der Zugbrucke wachst Moos, und auf dem hohen Wartturm hausen Eulen. In funfzig Jahren steht vielleicht noch ein Turm oder ein Mauerchen, und erinnert den Wanderer, dass hier einst ein ritterliches Geschlecht hauste. Aber, wenn auch die morschen Mauern uber mir zusammensturzen, und den letzten meines Stammes unter ihren Trummern begraben, niemand soll von mir sagen: ich habe fur ungerechtes Gut das Schwert meines Vaters gezogen."

"Jeder nach seiner Weise", antwortete Dieterich, "es klingt dies alles recht schon, aber ich fur meinen Teil wurde mir schon etwas gefallen lassen, um mein Haus anstandig und wohnlich wieder herzustellen. Moget Ihr ubrigens Euren Entschluss andern oder nicht, auf jeden Fall hoffe ich, werdet Ihr es Euch noch einige Tage bei mir gefallen lassen."

"Ich erkenne Eure Gute", antwortete Georg, "aber Ihr seht, dass ich unter den gegenwartigen Umstanden nichts mehr in dieser Stadt zu tun habe. Ich gedenke mit Anbruch des Morgens zu reiten."

"Nun, und kann man Euch Grusse mitgeben?" sagte der Ratsschreiber mit uberaus schlauem Lacheln; "Ihr reitet doch den nachsten Weg nach Lichtenstein?"

Der junge Mann errotete bis in die Stirne hinauf. Es war zwischen ihm und seinem Gastfreund seit Mariens Abreise noch nie uber diesen Gegenstand zu Sprache gekommen, um so mehr uberraschte ihn jetzt die schlaue Frage seines Gastfreundes. "Ich sehe", sagte er, "dass Ihr mich noch immer falsch verstehet. Ihr glaubet, ich habe dem Bunde nur deswegen den Rucken zugewandt, um mich an die Feinde anzuschliessen? Wie moget Ihr nur so schlimm von mir denken!"

"Ach, geht mir doch!" entgegnete der kluge Ratsschreiber; "niemand anders als mein reizendes Baschen hat Euch von uns abwendig gemacht. Ihr hattet wohl zu allem, was der Bund getan, ein Auge zugedruckt, wenn der alte Lichtenstein auch mitgemacht hatte; nun er auf der anderen Seite steht, glaubt Ihr auch schnell umsatteln zu mussen!"

Georg mochte sich verteidigen wie er wollte, der Ratsschreiber war zu fest von seiner eigenen Klugheit uberzeugt, als dass er sich diese Meinung hatte ausreden lassen. Er fand diesen Schritt auch ganz naturlich, und sah nichts Boses oder Unehrliches darin. Mit einem herzlichen Gruss an die Base in Lichtenstein verliess er das Zimmer seines Gastes. Doch auf der Schwelle wandte er sich noch einmal um. "Fast hatte ich das Wichtigste vergessen", sagte er, "ich begegnete Georg von Frondsberg auf der Strasse; er lasst Euch bitten heute abend noch zu ihm in sein Haus zu kommen."

Georg hatte sich zwar selbst vorgestellt, dass ihn Frondsberg nicht ohne Abschied werde ziehen lassen, und doch war ihm bange vor dem Anblick dieses Mannes, der es so gut mit ihm gemeint, und dessen freundliche Plane er so schnell durchkreuzt hatte. Er schnallte unter den Gedanken an diesen schweren Gang sein Schwert um, und wollte eben seinen Mantel zurecht richten, als ein sonderbares Gerausch von der Treppe her seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Schwere Tritte vieler Menschen naherten sich seiner Ture, er glaubte Schwerter und Hellebarden auf dem Estrich seines Vorsaales klirren zu horen, er machte schnell einige Schritte gegen die Ture, um sich von dem Grund seiner Vermutung zu uberzeugen.

Aber noch ehe er die Ture erreicht hatte, ging diese auf, das matte Licht einiger Kerzen liess ihn mehrere bewaffnete Kriegsknechte sehen, die seine Ture umstellt hatten. Jener alte Kriegsmann, der ihn heute vor dem Kriegsrat empfangen hatte, trat aus ihrer Mitte hervor:

"Georg von Sturmfeder!" sprach er zu dem Jungling, der mit Staunen zurucktrat, "ich nehme Euch auf Befehl eines Hohen Bundesrates gefangen."

"Mich? gefangen?" rief Georg mit Schrecken. "Warum? wessen beschuldigt man mich denn?"

"Das ist nicht meine Sache", antwortete der Alte murrisch, "doch wird man Euch vermutlich nicht lange in Ungewissheit lassen. Jetzt aber seid so gut und reicht mir Euer Schwert und folget mir auf das Rathaus."

"Wie? Euch soll ich mein Schwert geben?" entgegnete der junge Mann mit dem Zorn beleidigten Stolzes, "wer seid Ihr, dass Ihr mir meine Waffen abfordern konnet? da muss der Rat ganz andere Leute schicken als Euch, so viel verstehe ich auch von Eurem Handwerk!"

"Um Gottes willen, gebt doch nach", rief der Ratsschreiber, der sich bleich und verstort an seine Seite gedrangt hatte, "gebt nach; Widerstand kann Euch wenig nutzen; Ihr habt es mit dem Truchsess zu tun", flusterte er heimlicher; "das ist ein boser Feind, bringt ihn nicht noch arger gegen Euch auf."

Der alte Kriegsmann unterbrach die Einflusterungen des Ratsschreibers: "Es ist wahrscheinlich das erstemal, Junker", sagte er, "dass Ihr in Haft genommen werdet, deswegen verzeihe ich Euch gern die unziemlichen Worte gegen einen Mann, der oft in einem Zelt mit Eurem Vater schlief. Euer Schwert moget Ihr auch immerhin behalten; ich kenne diesen Griff und diese Scheide, und habe den Stahl, den sie verschliesst, manchen ruhmlichen Kampf ausfechten sehen. Es ist loblich, dass Ihr viel darauf haltet, und es nicht in jede Hand kommen lassen moget. Aber aufs Rathaus musst Ihr mit, denn es ware toricht, wenn Ihr der Gewalt Trotz bieten wolltet."

Der Jungling, dem alles wie ein Traum erschien, ergab sich schweigend in sein Schicksal, er trug dem Ratsschreiber heimlich auf, zu Frondsberg zu gehen und diesen von seiner Gefangenschaft zu unterrichten. Er wickelte sich tiefer in seinen Mantel, um auf der Strasse bei diesem unangenehmen Gang nicht erkannt zu werden, und folgte dem ergrauten Fuhrer und seinen Lanzknechten.

XI

Die Eisentur geht auf, des Kerkers schwarze Wand

Erhellt ein blasser Schein, er horet jemand gehen

Und stemmt sich auf, und sieht

Wieland

Die Truppe, den Gefangenen in der Mitte, bewegte sich schweigend dem Rathaus zu. Nur eine einzige Fackel leuchtete ihnen voran, und Georg dankte dem Himmel, dass sie nur sparsame Helle verbreitete; denn er glaubte, alle Menschen, die ihn begegneten, mussten es ihm ansehen, dass er ins Gefangnis gefuhrt werde. Nachst diesem beschaftigte ihn unterwegs vorzuglich ein Gedanke: es war das erste Mal in seinem Leben, dass er in ein Gefangnis gefuhrt wurde, er dachte daher nicht ohne Grauen an einen feuchten, unreinlichen Kerker; das Burgverlies in seinem alten Schlosse, das er als Knabe einmal besucht hatte, kam ihm immer vor das Auge; er war einigemal im Begriff, seinen Fuhrer daruber zu befragen, doch drangte der Gedanke, man mochte es fur kindische Furcht ansehen, seine Frage immer wieder zuruck.

Nicht wenig war er daher uberrascht, als man ihn in ein geraumiges, schones Zimmer fuhrte, das zwar nicht sehr wohnlich aussah, denn es enthielt nur eine Vergleichung mit den Bildern seiner Phantasie eher einem Prunkgemach als einem Gefangnis glich. Der alte Kriegsmann wunschte dem Gefangenen gute Nacht und zog sich mit seinen Knechten zuruck, ein kleiner, hagerer, sehr altlicher Mann trat ein; der grosse Schlusselbund, welcher an seiner Seite hing und jeden seiner Schritte wie mit Kettengerassel bezeichnete, gab ihn als den Rathausdiener oder Schliesser kund. Er legte schweigend einige grosse Scheite Holz ins Kamin und bald loderte ein behagliches Feuer auf, das dem jungen Mann in der kalten Marznacht sehr zustatten kam. Auf die Bretter der breiten, leeren Bettstelle breitete der Schliesser eine grosse, wollene Decke, und das erste Wort, das Georg aus seinem Munde horte, war die freundliche Einladung an den Gefangenen, sich's bequem zu machen. Die harten Brettchen nur mit einer dunnen Decke uberlegt, mochten nun freilich nicht sehr einladend aussehen, doch lobte Georg die Bemuhungen des Alten und sein Gefangnis.

"Das ist halt die Ritterhaft", belehrte ihn der Schliesser, "die fur den gemeinen Mann ist unter der Erde und nicht so schon; doch ist sie dafur desto besuchter."

"Hier war wohl seit langer Zeit niemand?" fragte Georg, indem er das ode Gemach musterte.

"Der letzte war vor sieben Jahren ein Herr von Berger, er ist in jenem Bett verschieden; Gott sei seiner armen Seele gnadig! Es schien ihm aber hier zu gefallen, denn er ist schon in mancher Mitternacht aus seiner Bahre heraufgestiegen, um sein altes Zimmer zu besuchen."

"Wie?" sagte Georg lachelnd, "hieher soll er sich nach seinem Tode noch bemuht haben?"

Der Schliesser warf einen scheuen Blick in die Ecken des Zimmers, die von dem unruhigen Flackern des Kaminfeuers kaum erhellt, sich bald vor-, bald zuruckzudrangen schienen; er legte das Holz mehr zurecht und brummte: "Man spricht so mancherlei."

"Und auf jener Decke ist er verschieden?" rief Georg, den bei allem jugendlichen Mut doch ein unwillkurlicher Schauder uberlief.

"Ja, Herr!" flusterte der Schliesser leise, "dort auf jener Decke ist er abgefahren, Gott gebe, dass es nicht tiefer als ins Fegefeuer ging. Wir nennen deswegen die Decke nur das Leichentuch, das Zimmer aber heisst des Ritters Totenkammer!" Mit leisen Schritten, als furchte er, durch jeden Laut den Toten zu erwekken, schlich er aus dem Gemach, desto vernehmlicher rauschten aussen seine Schlussel in dem Turschloss, als feierten sie seinen Triumph, einem greulichen Spuk entflohen zu sein.

"Also auf dem Leichentuch in des Ritters Totenkammer?" dachte Georg und fuhlte, wie sein Herz lauter pochte. Man hatte zwar damals das menschliche Gemut noch nicht wie in unsern Tagen durch eigene Gespenster- und Schauerbucher fur das Grauenhafte empfanglich gemacht; doch hatten Ammen und alte Knechte hinlanglich dafur gesorgt, den Geist des Junkers Georg mit diesem reichlich wuchernden Unkraut anzupflanzen.

Er war daher unschlussig, ob er sich auf das Leichentuch legen sollte oder nicht? Aber er sah keinen Stuhl, keine Bank in der ganzen Totenkammer, der Boden mit Backsteinen zierlich ausgelegt, war noch kalter als das kalte feuchte Leichentuch; er begann sich dieser Untersuchungen, dieses Zogerns zu schamen, und bald nahm ihn das gastliche Lager des Verstorbenen auf.

Auch das harteste Lager ist weich fur den, der mit gutem Gewissen zur Ruhe geht. Georg hatte sein Nachtgebet gesprochen und war bald entschlummert. Aber aus dem Leichentuch stiegen wunderliche Traume auf und lagerten sich bange uber den jungen Mann; er sah deutlich, wie der alte Schliesser zu dem grossen Schlusselloch hereinguckte und sich segnete, dass er auf der anderen Seite der Ture stehe, denn in der Totenkammer begann es recht unheimlich zu werden. Es fing an, wunderlich umherzurauschen, auf den Backsteinen schlurften alte Sohlen in hasslichen Tonen; Georg glaubte zu traumen, er ermannte sich, er horchte, er horchte wieder, aber es war keine Tauschung; schwere Tritte tonten im Gemach. Jetzt wurde das Feuer heller angeschurt; der ungewisse Schein der Flamme spielte um eine grosse dunkle Gestalt; sie bewegte sich, der Weg vom Kamin zum Bette war gar nicht weit. Die Schritte kommen naher, das Leichentuch wird angefasst und geschuttelt; Georg, von unabwendbarer Furcht befallen, druckt die Augen zu, aber als die Decke gerade neben seinem Haupte gefasst wurde, als eine kalte, schwere Hand sich auf seine Stirne legte, da riss er sich los aus seiner Angst, er sprang auf, und mass mit ungewissen Blicken jene dunkle Gestalt, die jetzt dicht vor ihm stand; hell flakkerten die Flammen im Kamine, sie beleuchteten die wohlbekannten Zuge Georgs von Frondsberg.

"Ihr seid es, Herr Feldhauptmann?" rief Georg, indem er freier atmete und seinen Mantel zurecht richtete, um den Ritter nach Wurde zu empfangen.

"Bleibt, bleibt", sagte jener und druckte ihn sanft auf sein Lager nieder; "ich setze mich zu Euch auf das Bett und wir plaudern noch ein Halbstundchen, denn es ist auf allen Glocken erst neun Uhr und in Ulm schlaft noch niemand als dieser Sprudelkopf, dem man zur Abkuhlung heute nacht recht hart gebettet hat." Er fasste Georgs Hand und setzte sich zu seinen Fussen auf das Bett.

"Oh, wie kann ich diese milde Nachsicht verdienen", sprach Georg, "stehe ich nicht in Euren Augen als ein Undankbarer da, der Euer Wohlwollen zuruckstosst, und was Ihr gutig fur ihn angesponnen, mit rauher Hand zerreisst?"

"Nein, mein junger Freund!" antwortete der freundliche Mann, "du stehst vor meinen Augen als der echte Sohn deines Vaters; geradeso schnell fertig mit Lob und Tadel, mit Entschluss und Rede war er; dass er ein Ehrenmann dabei war, weiss ich wohl; aber ich weiss auch, wie unglucklich ihn sein schnelles Aufbrausen, sein Trotz, den er fur Festigkeit ausgab, machten."

"Aber saget selbst, edler Herr!" entgegnete Georg, "konnte ich heute anders handeln? Hatte mich nicht der Truchsess aufs Ausserste gebracht?"

"Du konntest anders handeln, wenn du die Weise und Art dieses Mannes beachtetest, welche sich dir letzthin schon kundgab. Auch hattest du denken konnen, dass Leute genug da waren, die dir kein Unrecht geschehen liessen. Du aber schuttetest das Kind mit dem Bade aus und liefst weg."

"Das Alter soll kalter machen", erwiderte der junge Mann "aber in der Jugend hat man heisses Blut; ich kann alles ertragen, Harte und Strenge, wenn sie gerecht sind und meine Ehre nicht kranken. Aber kalter Spott, Hohn uber das Ungluck meines Hauses kann mich zum wutenden Wolf machen. Wie kann ein so hoher Mann nur Freude daran haben, einen so zu qualen?"

"Auf diese Art aussert sich immer sein Zorn", belehrte ihn Frondsberg; "je kalter und scharfer er aber von aussen ist, desto heisser kocht in ihm die Wut. Er war es, der auf den Gedanken kam, dich nach Tubingen zu senden, teils weil er sonst keinen wusste, teils auch um dir das Unrecht, das er dir angetan, wiedergutzumachen. Denn in seinem Sinne war diese Sendung hochst ehrenvoll. Du aber hast ihn durch deine Weigerung gekrankt und vor dem Kriegsrat beschamt."

"Wie?" rief Georg; "der Truchsess hat mich vorgeschlagen? So kam also jene Sendung nicht von Euch?"

"Nein", gab ihm der Feldhauptmann mit geheimnisvollem Lacheln zur Antwort; "nein! ich habe ihm sogar mit aller Muhe abgeraten, dich zu senden, aber es half nichts, denn die wahren Grunde konnte ich ihm doch nicht sagen. Ich wusste, ehe du eintratst, dass du dich weigern wurdest, dies Amt anzunehmen. Nun reisse doch die Augen nicht so auf, als wolltest du mir durch das lederne Koller ins Herz hineinschauen. Ich weiss allerlei Geschichten von meinem jungen Trotzkopf da!"

Georg schlug verwirrt die Augen nieder. "So kamen Euch die Grunde nicht genugend vor, die ich angab?" sagte er; "was wolle Ihr denn so Geheimnisvolles von mir wissen?"

"Geheimnisvoll? nun so gar geheimnisvoll ist es gerade nicht, denn merke fur die Zukunft: wenn man nicht verraten sein will, so muss man weder bei Abendtanzen sich gebarden wie einer, der von Sankt Veits Tanz befallen ist, noch nachmittags um drei Uhr zu schonen Madchen gehen. Ja, mein Sohn! ich weiss allerlei", setzte er hinzu, indem er lachelnd mit dem Finger drohte, "ich weiss auch, dass dieses ungestume Herz gut wurttembergisch ist."

Georg errotete und vermochte den lauernden Blick des Ritters nicht auszuhalten. "Wurttembergisch?" entgegnete er, indem er sich mit Muhe gefasst hatte, "da tut Ihr mir unrecht; nicht mit Euch zu Feld ziehen zu wollen, heisst noch nicht sich an den Feind anschliessen; gewiss ich schwore Euch "

"Schwore nicht", fiel ihm Frondsberg rasch ins Wort, "ein Eid ist ein leichtes Wort, aber es ist doch eine druckend schwere Kette, die man bricht oder von der man zerbrochen wird. Was du tun wirst, das wird so sein, dass es sich mit deiner Ehre vertragt. Nur eines musst du dem Bunde an Eidesstatt geloben, und dann erst wirst du deiner Haft entlassen: in den nachsten vierzehn Tagen nicht gegen uns zu kampfen."

"So legt Ihr mir also dennoch falsche Gesinnungen unter?" sprach Georg bewegt; "das hatte ich nicht gedacht! und wie unnotig ist dieser Schwur! Fur wen, und mit wem sollte ich denn auf jener Seite kampfen? Die Schweizer sind abgezogen, das Landvolk hat sich zerstreut, die Ritterschaft liegt in den Festungen und wird sich huten, den nachsten besten, der vom Bundesheer heruberlauft, in ihre Mauern aufzunehmen, der Herzog selbst ist enflohen "

"Entflohen?" rief Frondsberg aus, "entflohen? das weiss man noch nicht so gewiss; warum hatte der Truchsess dann die Reiter ausgeschickt?" setzte er hinzu; "und uberhaupt, wo hast du diese Nachrichten alle her? Hast du den Kriegsrat belauscht? oder sollte es wahr sein, was einige behaupten wollen, dass du verdachtige Verbindungen nach Wurttemberg hinuber unterhaltst?"

"Wer wagt dies zu behaupten?" rief Georg erblassend.

Frondsbergs durchdringende Augen ruhten prufend auf den Zugen des jungen Mannes. "Hore, du bist mir zu jung und ehrlich zu einem Bubenstucke", sagte er, "und wenn du etwas solches im Schilde fuhrtest, hattest du dich wohl nicht vom Bunde losgesagt, sondern auch ferner Wurttembergs Spion gemacht."

"Wie? spricht man so von mir?" unterbrach ihn Georg; "wenn Ihr nur ein Funkchen Liebe zu mir habt, so nennt mir den schlechten Kerl, der so von mir spricht!"

"Nur nicht gleich wieder so aufbrausend", entgegnete Frondsberg und druckte die Hand des jungen Mannes; "du kannst denken, dass, wenn ein solches Wort offentlich gesprochen wurde, oder ich an diese Einflusterungen glaubte, Georg von Frondsberg nicht zu dir kame. Aber etwas muss denn doch an der Sache sein. Zu dem alten Lichtenstein kam ofters ein schlichter Bauersmann in die Stadt; er fiel nicht auf zu einer Zeit, wo so vielerlei Menschen hier sind. Aber man gab uns geheime Winke, dass dieser Bauer ein verschlagener Mann und ein geheimer Botschafter aus Wurttemberg sei. Der Lichtensteiner zog ab, und der Bauer und sein geheimnisvolles Treiben war vergessen. Diesen Morgen hat er sich wieder gezeigt. Er soll vor der Stadt lange Zeit mit dir gesprochen haben, auch wurde er in deinem Haus gesehen. Wie verhalt sich nun diese Sache?"

Georg hatte ihm mit wachsendem Staunen zugehort. "So wahr ein Gott uber mir ist", sagte er, als Frondsberg geendet hatte, "ich bin unschuldig. Heute fruhe kam ein Bauer zu mir und "

"Nun, warum verstummst du auf einmal", fragte Frondsberg, "du gluhst ja uber und uber, was ist es denn mit diesem Boten?"

"Ach! ich schame mich, es auszusprechen, und dennoch habt Ihr ja schon alles erraten; er brachte mir ein paar Worte von meinem Liebchen!" Der junge Mann offnete bei diesen Worten sein Wams und zog einen Streifen von Pergament hervor, den er dort verborgen hatte. "Seht, dies ist alles, was er brachte", sagte er, indem er es Frondsberg bot.

"Das ist also alles?" lachte dieser, nachdem er gelesen hatte; "armer Junge! und du kennst also diesen Mann nicht naher? Du weisst nicht, wer er ist?"

"Nein, er ist auch weiter nichts, als unser Liebesbote, dafur wollte ich stehen!"

"Ein schoner Liebesbote, der nebenher unsere Sachen auskundschaften soll; weisst du denn nicht, dass es der gefahrlichste Mann ist? es ist der Pfeifer von Hardt."

"Der Pfeifer von Hardt?" fragte Georg, "zum erstenmal hore ich diesen Namen; und was ist es dann, wenn er der Pfeifer von Hardt ist?"

"Das weiss niemand recht, er war im Aufstand vom Armen Konrad einer der schrecklichsten Aufruhrer, nachher wurde er begnadigt; seit der Zeit fuhrt er ein unstetes Leben, und ist jetzt ein Kundschafter des Herzogs von Wurttemberg."

"Und hat man ihn aufgefangen?" forschte Georg weiter, denn unwillkurlich nahm er warmeren Anteil an seinem neuen Diener.

"Nein, das gerade ist das Unbegreifliche; man machte uns so still als moglich die Anzeige, dass er sich wieder in Ulm sehen lasse; in Eurem Stall soll er zuletzt gewesen sein, und als wir ihn ganz in geheim aufheben wollten, war er uber alle Berge. Nun, ich glaube deinem Wort und deinen ehrlichen Augen, dass er in keinen andern Angelegenheiten zu dir kam. Du kannst dich ubrigens darauf verlassen, dass er, wenn es derselbe ist, den ich meine, nicht allein deinetwegen sich nach Ulm wagte. Und solltest du je wieder mit ihm zusammentreffen, so nimm dich in acht, solchem Gesindel ist nicht zu trauen. Doch der Wachter ruft zehn Uhr. Lege dich noch einmal aufs Ohr und vertraume deine Gefangenschaft. Vorher aber gib mir dein Wort wegen der vierzehn Tage, und das sage ich dir, wenn du Ulm verlasst ohne dem alten Frondsberg Lebewohl zu sagen "

"Ich komme, ich komme", rief Georg, geruhrt von der Wehmut des verehrten Mannes, die jener umsonst unter einer lachelnden Miene zu verbergen suchte. Er gab ihm Handtreue, wie es der Kriegsrat verlangte, der Ritter aber verliess mit langsamen Schritten die Totenkammer.

XII

Nur einmal noch lass leuchten

Mir deiner Augen Strahl,

Lass horen deine Stimme

Nur noch ein einzig Mal!

C. Gruneisen

Die Mittagssonne des folgenden Tages sendete drukkende Strahlen auf einen Reiter, welcher uber den Teil der Schwabischen Alb, der gegen Franken auslauft, hinzog. Er war jung, mehr schlank als fest gebaut, und ritt ein hochgewachsenes Pferd von dunkelbrauner Farbe; er war wohlbewaffnet mit Brustharnisch, Dolch und Schwert; einige andere Stucke seiner Armatur, als der Helm und die aus Eisenblech getriebenen Arm- und Beinschienen, waren am Sattel befestigt. Die hellblau und weiss gestreifte Feldbinde, die von der rechten Schulter sich uber die Brust zog, liess erraten, dass der junge Mann von Adel war, denn diese Auszeichnung war damals ein Vorrecht hoherer Stande.

Er war auf einem Berggipfel angekommen, welcher eine weite Aussicht ins Tal hinab gewahrte. Er hielt sein schnaubendes Ross an, wandte es zur Seite und genoss nun den schonen Anblick, der sich vor seinem digen Hohen begrenzt, durchstromt von den grunen Wellen der Donau; zu seiner Rechten die Hugelkette der wurttembergischen Alb, zu seiner Linken in weiter, weiter Ferne die Schneekuppen der Tiroler Alpen. In freundlichem Blau spannte der Himmel seinen Bogen uber diese Szene, und seine sanften lichten Farben kontrastierten sonderbar mit den schwarzlichen Mauern Ulms, das am Fusse des Berges lag, mit seinem dunkelgrauen, ungeheuren Munsterturm. Die dumpfen Glocken dieser alten Kirche begannen in diesem Augenblick den Mittag einzulauten, ihre Tone zogen in langen, beruhigenden Akkorden uber die Stadt uber die weite Ebene, bis sie sich an den fernen Bergen brachen, und zitternd in das Blau der Lufte verschwebten, als wollten sie auf ihrer melodischen Leiter die Wunsche der Menschen zum Himmel tragen.

"So begleitet ihr also den Scheidenden wie ihr seinen Eintritt begrusst habt", rief der junge Reiter, "mit denselben Tonen, mit denselben feierlichen Akkorden sprechet ihr zu ihm, wann er kommt und geht; wie anders, wie so ganz anders deutete ich eure ehernen Stimmen, als mein Ohr euch zum erstenmal lauschte. Da vernahm ich in euch verwandte Tone, es klang mir wie ein Ruf zur Geliebten! Und jetzt, da ich scheide, ohne Aussicht, ohne Freude, jetzt ruft ihr mir dieselben Tone entgegen? Die Geburt meiner seligen Hoffnung habt ihr ebenso eingelautet, wie jetzt das Grabgelaute meiner Hoffnung? Das Bild des Lebens!" setzte er wehmutig hinzu, indem er nach einem langen Abschiedsblick auf dieses Tal, auf diese Mauern, sein Pferd wandte. "Das Bild des Lebens! Um Wiege und Sarg schweben sie in gleichen Tonen, und die Glokken meiner Hauskapelle haben an jenem frohlichen Tage, wo man mich zur Taufe trug, mir ebenso getont, wie sie mir tonen werden, wenn man den letzten Sturmfeder zu Grabe tragt!"

Das Gebirge wurde jetzt steiler, und Georg, denn als diesen haben unsere Leser den jungen Reiter schon langst erkannt, Georg liess sein Pferd langsam hinschreiten, indem er seinen Gedanken nachhing. Es war der Weg nach seiner Heimat, und die Vergleichungen, die er zwischen dieser Heimkehr und dem frohlichen Auszug anstellte, mochten nicht dazu beitragen, seine dusteren Gefuhle aufzuhellen. Der gesterige Tag, der schnelle Wechsel heftiger Empfindungen, seine Verhaftung, zuletzt noch heute der Abschied von Mannern, die ihm wohlwollten, hatte ihn heftig angegriffen.

Wie treuherzig und gutmutig hatte Dieterich von Kraft sein zierlicher Gastfreund seine Abreise bedauert; wie gleich war sich dieser gute Mensch in seinem Wohlwollen gegen ihn geblieben, vom ersten Becher an, den er mit ihm im Rathaussaale geleert, bis zum Abschiedstrunk, den er seinem Gast noch auf das Pferd hinauf kredenzte; und wie hatte er ihm gelohnt? Beschaftigt mit sich selbst hatte er ihn wenig geachtet, ubersehen. Wie hatte er dem biedern Breitenstein, wie dem Helden Frondsberg, der ihn vor den Augen eines Heeres wie seinen Liebling ausgezeichnet hatte, wie hatte er ihnen vergolten? Wahrlich, es ist fur ein edles Gemut kein Gedanke druckender, als der, fur undankbar zu gelten bei Mannern, in deren Augen wir geachtet sein mochten.

Er hatte unter diesen truben Gedanken eine gute Strecke auf dem Gebirgsrucken zuruckgelegt. Die Strahlen der Marzsonne wurden immer druckender, die Pfade rauher, und er beschloss, unter dem Schatten einer breiten Eiche sich und seinem Pferde Mittagsruhe zu gonnen. Er stieg ab, schnallte den Sattelgurt leichter und liess das ermudete Tier die sparsam hervorkeimenden Graser aufsuchen. Er selbst streckte sich unter der Eiche nieder, und so gerne er sich dem Schlafe uberlassen hatte, wozu nach dem ermudenden Ritte ihn der kuhle Schatten einlud, so hielt ihn doch die Besorgnis, in so unruhigen Zeiten in einem Lande, das so nahe dem Schauplatz des Krieges lag, um sein Ross und vielleicht gar um seine Waffen zukommen, einige Zeit wach, bis er in jenen Zustand versank, wo die Seele zwischen Wachen und Schlafen umsonst mit dem Korper kampft, der ungestum seine Rechte fordert.

Er mochte wohl ein Stundchen so geschlummert haben, als ihn das Wiehern seines Pferdes aufschreckte; er sah sich um und gewahrte einen Mann, der, ihm den Rucken gekehrt, sich mit dem Tier beschaftigte. Sein erster Gedanke war, dass man seine Unachtsamkeit benutzen, und das Pferd entfuhren wolle; er sprang auf, zog sein Schwert und war in drei Sprungen dort. "Halt! was hast du da mit dem Pferd zu schaffen!" rief er, indem er seine Hand etwas unsanft auf die Schulter des Mannes legte.

"Habt Ihr mich denn schon wieder aus Eurem Dienst entlassen, Junker?" antwortete dieser und wandte sich zu ihm; in den listigen, kuhnen Augen, an dem lachelnden Mund erkannte Georg sogleich den Boten, den ihm Marie gesandt hatte: er war noch unschlussig, wie er sich gegen ihn benehmen sollte, denn Frondsbergs Warnung schreckte ihn ab, Mariens Zuversicht empfahl ihn, doch der Bauer fuhr fort, indem er ihm eine gute Handvoll Heu vorzeigte: "Ich konnte mir wohl denken, dass Ihr keinen Futtersack mitnehmen werdet; auf den Bergen da oben sieht es noch schlecht aus mit dem Gras, da habe ich denn Eurem Braunen einen Armvoll Heu mitgebracht; es hat ihm trefflich behagt." So sprach der Bauer, und fuhr ganz gelassen fort dem Pferd das Futter hinzureichen.

"Und woher kommst du denn?" fragte Georg, nachdem er sich ein wenig von seinem Erstaunen gesammelt hatte.

"Nun, Ihr seid ja so schnell von Ulm weggeritten, dass ich Euch nicht gleich folgen konnte", antwortete jener.

"Luge nicht!" unterbrach ihn der junge Mann; "sonst kann ich dir furder nicht vertrauen. Du kommst jetzt nicht aus jener Stadt her?"

"Nun, Ihr werdet mich doch nicht schelten, dass ich mich etwas fruher auf den Weg machte als Ihr?" sagte der Bauer und wandte sich ab; doch entging Georg nicht, dass jenes listige Lacheln wieder uber sein Gesicht zog.

"Lass mein Pferd jetzt stehen", rief Georg ungeduldig, "und komm mit mir unter die Eiche dort; da setze dich hin und sprich, aber ohne auszuweichen, warum hast du gestern abend so plotzlich die Stadt verlassen?"

"An den Ulmern lag es nicht", entgegnete jener, "sie wollten mich sogar einladen langer bei ihnen zu bleiben, und wollten mir freie Kost und Wohnung geben."

"Ja, ins tiefste Verlies wollten sie dich stecken, wo weder Sonne noch Mond hinscheint, und wohin die Kundschafter und Spaher gehoren."

"Mit Verlaub, Junker", erwiderte der Bote, "da ware ich, wiewohl ein paar Stockwerke tiefer, in dieselbe Behausung gekommen wie Ihr?"

"Hund von einem Aufpasser!" rief der Junker ungeduldig, indem Zorn seine Wangen rotete, "willst du meines Vaters Sohn in eine Reihe stellen mit dem Pfeifer von Hardt!"

"Was sprecht Ihr da?" fuhr der Mann an seiner Seite mit wilder Miene auf; "was nennt Ihr fur einen Namen? kennt Ihr den Pfeifer von Hardt?" Er hatte vielleicht unwillkurlich bei diesen Worten die Axt, die neben ihm lag, in seine nervige Rechte gefasst. Seine gedrungene feste Gestalt, seine breite Brust, gaben ihm trotz seiner nicht ansehnlichen Grosse, doch das Ansehen eines nicht zu verachtenden Kampfers; sein wildrollendes Auge, sein eingepresster Mund mochten manchen einzelnen Mann ausser Fassung gebracht haben.

Der Jungling aber sprang mutig auf, er warf sein langes Haar zuruck, und ein Blick voll Stolz und Hoheit begegnete dem finsteren Auge jenes Mannes; er legte seine Hand an den Griff seines Schwertes und sagte ruhig und fest: "Was fallt dir ein, dich so vor mich hinzustellen und mit dieser Stirne mich zu fragen; du bist, wenn ich nicht irre, der, den ich nannte, du bist dieser Meuter und Anfuhrer von aufruhrerischen Hunden; pack dich fort, auf der Stelle, oder ich will dir zeigen wie man mit solchem Gesindel spricht!"

Der Bauer schien mit seinem Zorn zu ringen; er hieb die Axt mit einem kraftigen Schwung in den Baum, und stand nun ohne Waffe vor dem zurnenden, jungen Mann. "Erlaubet", sagte er, "dass ich Euch fur ein andermal warne, dass Ihr Euren Gegner, und sei er auch nur ein geringer Bauersmann wie ich, nicht zwischen Euch und Eurem Braunen stehen lasset; denn wenn ich Euren Befehl, mich fortzupacken, hatte aufs schnellste befolgen wollen, ware er mir trefflich zustatten kommen."

Ein Blick dahin uberzeugte Georg, dass der Bauer wahr gesprochen habe; errotend uber diese Unvorsichtigkeit, die beweisen konnte, wie wenig er noch Erfahrung im Kriege besitze, liess er seine Hand von dem Griff seines Schwertes sinken, und setzte sich, ohne etwas zu erwidern, auf die Erde nieder. Der Bauer folgte, jedoch in ehrerbietiger Entfernung, seinem Beispiel und sprach: "Ihr habt ganz recht, dass Ihr mir grollt, Herr von Sturmfeder, aber wenn Ihr wusstet, wie weh mir jener Name tut, wurdet Ihr vielleicht meine schnelle Hitze verzeihen! Ja! ich bin der, den man so nennt, aber es ist mir ein Greuel, mich also rufen zu horen; meine Freunde nennen mich Hanns, aber meinen Feinden gefallt jener Name, weil ich ihn hasse."

"Was hat dir dieser unschuldige Name getan?" fragte Georg, "warum nennt man dich so? warum willst du dich nicht so nennen lassen?"

"Warum man mich so nennt?" antwortete jener; "ich bin aus einem Dorf, das heisst Hardt, und liegt im Unterland nicht weit von Nurtingen; meinem Gewerbe nach bin ich ein Spielmann, und musiziere auf Markten und Kirchweihen, wenn die ledigen Bursche und die jungen Magdlein tanzen wollen. Deswegen nannte man mich den Pfeifer von Hardt. Aber dieser Name hat sich mit Untat und Blut befleckt in einer bosen Zeit, darum habe ich ihn abgetan und kann ihn nimmer leiden."

Georg mass ihn mit einem durchdringenden Blick, indem er sagte: "Ich weiss wohl, in welcher bosen Zeit; als ihr Bauern gegen euern Herzog rebelliert habt, da warst du einer von den argsten. Ist's nicht also?"

"Ihr seid wohlbekannt mit dem Schicksal eines unglucklichen Mannes", sagte der Bauer finster zu Boden blickend; "Ihr musst aber nicht glauben, dass ich noch derselbe bin. Der Heilige hat mich gerettet und meinen Sinn geandert, und ich darf sagen, dass ich jetzt ein ehrlicher Mann bin."

"Oh, erzahle mir", unterbrach ihn der Jungling, "wie ging es zu in jenem Aufruhr? wie wurdest du gerettet, wie kommt's, dass du jetzt dem Herzog dienst?"

"Das alles will ich auf ein andermal versparen", entgegnete jener; "denn ich hoffe nicht zum letztenmal an Eurer Seite zu sein; erlaubt mir dafur, dass ich auch Euch etwas frage; wo soll Euch denn dieser Weg hinfuhren? da geht nicht die Strasse nach Lichtenstein!"

"Ich gehe auch nicht nach Lichtenstein", antwortete Georg niedergeschlagen; "mein Weg fuhrt nach Franken zu dem alten Oheim; das kannst du dem Fraulein vermelden, wenn du nach Lichtenstein kommst."

"Und was wollt Ihr beim Oheim? Jagen? das konnt Ihr anderswo ebensogut; Langeweile haben? die kauft Ihr allerorten wohlfeil; kurz und gut, Junker", setzte er gutmutig lachelnd hinzu, "ich rate Euch, wendet Euer Ross und reitet so ein paar Tage mit mir in Wurttemberg umher; der Krieg ist ja so gut als beendigt; man kann ganz ungehindert reisen."

"Ich habe dem Bund mein Wort gegeben, in vierzehn Tagen nicht gegen ihn zu fechten; wie kann ich also nach Wurttemberg gehen?"

"Heisst denn das gegen ihn fechten, wenn Ihr ruhig Eure Strasse ziehet? So also, vierzehn Tage lang, in vierzehn Tagen glauben sie den Krieg vollendet? Wird noch mancher nach vierzehn Tagen den Kopf verstossen an den Mauern von Tubingen. Kommt mit, es ist ja nicht gegen Euren Eid!"

"Und was soll ich in Wurttemberg", rief Georg schmerzlich, "soll ich recht in der Nahe sehen, wie meine Kriegsgesellen bei Eroberung der Festen sich Ruhm erwerben? Soll ich den Bundesfahnen, denen ich auf ewig Lebewohl gesagt und den Rucken gekehrt, noch einmal begegnen? Nein! nach Franken will ich ziehen, in meine Heimat", sagte er duster, indem er die umwolkte Stirn in die Hand stutzte, "in meine alte Mauern will ich mich begraben, und traumen, wie ich hatte glucklich sein konnen!"

"Das ist ein schoner Entschluss fur einen jungen Mann von Euerm Schrot und Korn! Habt Ihr denn in Wurttemberg gar nichts zu tun, als des armen Herzogs Burgen zu sturmen? Nun, reitet immerhin", fuhr er fort, indem er den Jungling mit listigem Lacheln anblickte, "versucht einmal, ob der Lichtenstein nicht im Sturm genommen werden konne?"

Der junge Mann errotete bis in die Stirne hinauf, "wie magst du nur jetzt deinen Scherz treiben", sagte er, halb in Unmut, halb lachelnd, "wie magst du mit meinem Ungluck spassen?"

"Fallt mir nicht ein, Scherz mit meinem gnadigen Junker zu treiben", antwortete sein Gefahrte; "es ist mein voller Ernst, dass ich Euch bereden mochte, dorthin zu ziehen."

"Und was dort tun?"

"Nun! den alten Herrn fur Euch gewinnen, und die Tranen des bleichen Frauleins stillen, das wegen Euch Tag und Nacht weint!"

"Und wie soll ich auf den Lichtenstein kommen? der Vater kennt mich nicht, wie soll ich mit ihm bekannt werden?"

"Seid Ihr der erste Rittersmann, der nach Sitte der Vater eine freie Zehrung in einem Schloss fordert? Lasset nur mich dafur sorgen, so sollt Ihr bald auf den Lichtenstein kommen!"

Der Jungling sann lange Zeit nach, er erwog alle Grunde fur und wider, er bedachte, ob es nicht gegen seine Ehre sei, statt vom Schauplatz des Krieges sich zu entfernen, in eine Gegend zu reisen, wohin sich der Krieg notwendig ziehen musste. Doch als er bedachte, wie mild die Bundesobersten selbst seinen Abfall angesehen hatten, wie sie sogar im Fall seines volligen Ubertrittes zum Feinde nur vierzehn Tage Frist angesetzt hatten, als ihm Mariens trauernde Miene, ihre stille Sehnsucht auf ihrem einsamen Lichtenstein vorschwebte, da neigte sich die Schale nach Wurttemberg.

"Noch einmal will ich sie sehen, nur noch einmal sie sprechen", dachte er. "Nun wohlan", rief er endlich, "wenn du mir versprichst, dass nie davon die Rede sein soll, mich an die Wurttemberger anzuschliessen; dass ich nicht als Anhanger eures Herzogs, sondern als Gast in Lichtenstein behandelt werde, wenn du dies versprichst, so will ich folgen."

"Fur mich kann ich dies wohl versprechen", antwortete der Bauer, "aber wie kann ich etwas geloben fur den Ritter von Lichtenstein?"

"Ich weiss, wie du mit ihm stehst, und dass du oft zu ihm nach Ulm kamst und er sein Vertrauen in dich setzt; so gut du ihm geheime Botschaft aller Art bringen konntest, nicht minder kannst du ihm auch dies beibringen!"

Der Pfeifer von Hardt sah den jungen Mann lange staunend an: "Woher wisst Ihr dies?" rief er, "doch die, welche mich verfolgten, konnen auch dies gesagt haben. Nun gut, ich verspreche Euch, dass Ihr uberall so angesehen sein sollt, als Ihr wollet; besteiget Euer Ross, ich will Euch fuhren, und Ihr sollt willkommen sein auf Lichtenstein!"

XIII

Da spricht der arme Hirte: "Des mag noch werden Rat, Ich weiss geheime Wege, die noch kein Mensch betrat, Kein Mensch mag sie ersteigen, nur Geissen klettern dort, Wollt Ihr sogleich mir folgen, ich bring Euch sicher fort."

L. Uhland

Von jenem Bergrucken, wo Georg den Entschluss gefasst hatte, seinem geheimnisvollen Fuhrer zu folgen, gab es zwei Wege in die Gegend von Reutlingen, wo Mariens Bergschloss, der Lichtenstein, lag. Der eine war die offene Heerstrasse, welche von Ulm nach Tubingen fuhrt. Sie fuhrte durch das schone Blautal, bis man bei Blaubeuren wieder an den Fuss der Alb kam, von da quer uber dieses Gebirge, vorbei an der Feste Hohen-Urach, gegen Sankt Johann und Pfullingen hin. Dieser Weg war sonst fur Reisende, die Pferde, Sanften oder Wagen mit sich fuhrten, der bequemere. In jenen Tagen aber, wo Georg mit dem Pfeifer von Hardt uber das Gebirge zog, war es nicht ratsam, ihn zu wahlen. Die Bundestruppen hatten schon Blaubeuren besetzt, ihre Posten dehnten sich uber die ganze Strasse bis gegen Urach hin, und verfuhren gegen jeden, der nicht zum Heer gehorte, oder zu ihnen sich bekannte, mit grosser Strenge und Erbitterung. Georg sein Fuhrer war zu sehr auf seine eigene Sicherheit bedacht, als dass er dem jungen Mann von diesem Entschluss abgeraten hatte.

Der andere Weg, eigentlich ein Fusspfad, und nur den Bewohnern des Landes genau bekannt, beruhrte auf einer Strecke von beinahe zwolf Stunden nur einige einzeln stehende Hofe, zog sich durch dichte Walder und Gebirgsschluchten, und hatte, wenn er auch hie und da, um die Landstrasse zu vermeiden, einen Bogen machte, und fur Pferde ermudend und oft beinahe unzuganglich war, doch den grossen Vorteil der Sicherheit.

Diesen Pfad wahlte der Bauer von Hardt und der Junker willigte mit Freuden ein, weil er hoffen durfte, hier auf keine Bundischen zu stossen. Sie zogen rasch furbass, der Bauer war immer an Georgs Seite, wenn die Stellen schwierig wurden, fuhrte er sorgsam sein Pferd und bewies uberhaupt so viele Aufmerksamkeit und Sorgfalt fur Reiter und Ross, dass in Georgs Seele jene Warnungen Frondsbergs vor diesem Manne immer mehr an Gewicht verloren und er nur einen treuen Diener in ihm sah.

Georg unterhielt sich gerne mit ihm; er urteilte uber manche Dinge, die sonst ausser dem Kreise des Landmanns liegen, klug und scharfsinnig und mit einem so schlagenden Witz, dass er dem sonst ernsten, jungen Mann, den seine zweifelhafte Lage oft trube stimmte, unwillkurlich ein Lacheln abnotigte. Von jeder Burg, die in der Ferne aus den Waldern auftauchte, wusste er eine Sage zu erzahlen, und die Klarheit und Lebendigkeit, mit welcher er vortrug, bewies, dass er bei manchem Hochzeitschmaus, bei manchem Kirchweihtanz neben seinem Amt als Spielmann auch das eines Erzahlers ubernommen haben musse. Nur sooft Georg auf sein eigenes Leben, besonders auf jene Periode kommen wollte, wo der Pfeifer von Hardt eine bedeutende Rolle in dem Aufruhr des Armen Konrad gespielt hatte, brach er duster ab, oder wusste mit mehr Gelaufigkeit, als man dem schlichten Mann zugetraut hatte, das Gesprach auf andere Gegenstande zu bringen.

So waren sie ohne Aufenthalt fortgereist; Hanns wusste immer voraus, wann wieder ein Gehofte kam, wo sie Erfrischung fur sich und gutes Futter fur das Pferd finden wurden. Uberall war er bekannt, uberall wurde er freundlich, wiewohl, wie es Georg schien, meistens mit Staunen aufgenommen. Er flusterte dann gewohnlich ein Viertelstundchen mit dem Hausvater, wahrend die Hausfrau dem jungen Ritter emsig und freundlich mit Brot, Butter und unvermischtem Apfelwein aufwartete und die "Buebla" und "Madla" den hohen, schlanken Gast, seine schonen Kleider, seine glanzende Scharpe, die wallenden Federn seines Barettes, bewunderten. War dann das kleine Mahl verzehrt, hatte Georgs Pferd wieder Krafte gesammelt, so begleitete das ganze Haus den Scheidenden bis an die Ture, und der junge Reiter konnte zu seiner Beschamung niemals die Gastfreundschaft der guten Leute belohnen, mit abwehrenden Blicken auf den Pfeifer von Hardt, weigerten sie sich standhaft, seine kleinen Gaben anzunehmen. Auch dieses Ratsel loste ihm sein Begleiter nicht; denn seine Antwort: "Wenn die Leute nach Hardt kommen, kehren sie auch wieder bei mir ein", schien nur eine ausweichende Antwort zu sein.

Die Nacht brachten sie ebenfalls in einem dieser zerstreuten Hofe zu, wo die Hausfrau ihrem vornehmen Gast mit nicht geringerer Bereitwilligkeit auf der Ofenbank ein Bett zurechtmachte, als sie ihm zu Ehren ein paar Tauben geopfert und einen dickgeschmalzten Haberbrei aufgetragen hatte.

Den folgenden Tag setzten sie ihre Reise auf dieselbe Art fort, nur kam es Georg vor, als ob sein Fuhrer mit noch mehr Vorsicht als gestern zu Werke gehe; denn er liess, wenn sie sich einem Hof nahten, den Reiter wohl funfhundert Schritte davon haltmachen, nahte sich behutsam den Gebauden, und erst, nachdem er alles sorgfaltig ausgespahet hatte, winkte er dem Junker, zu folgen. Georg befragte ihn umsonst, ob es in dieser Gegend gefahrlicher sei, ob die Bundestruppen schon in der Nahe seien? er sagte nichts Bestimmtes daruber.

Doch gegen Mittag, als die Gegend lichter wurde, und der Weg sich mehr gegen das ebene Land herabzuziehen schien, schien auch die Reise gefahrlicher zu werden; denn der Spielmann von Hardt schien sich von jetzt an gar nicht mehr den Wohnungen nahern zu wollen, sondern hatte sich in einem Hof mit einem Sack versehen, der Futter fur das Pferd und hinlangliche Viktualien fur sie beide enthielt; es schien, als ob er meist noch einsamere Pfade als bisher aufsuche; auch glaubte Georg zu bemerken, dass sie nicht mehr dieselbe Richtung befolgen wie fruher, sondern sehr stark zur Rechten einbiegen.

Am Rand eines schattigen Buchenwaldchens, wo eine klare Quelle und frischer Rasen zur Ruhe einlud, machten sie halt; Georg stieg ab, und sein Fuhrer bereitete aus seinem Sack ein gutes Mittagsmahl. Nachdem er das Pferd versehen hatte, setzte er sich zu den Fussen des jungen Ritters und begann mit grossem Appetit zuzugreifen.

Georg hatte seinen Hunger gestillt und betrachtete jetzt mit aufmerksamem Auge die Gegend. Es war ein schones breites Tal, in welches sie hinabsahen. Ein kleines Flusschen eilte schnell durchhin, die Felder, wovon es begrenzt war, schienen gut und fleissig angepflanzt, eine freundliche Burg erhob sich auf einem Hugel am andern Ende des Tales, die ganze Gegend war freundlicher als der Gebirgsrucken, uber welchen sie gezogen waren.

"Es scheint, wir haben die Alb verlassen?" sagte der junge Mann, indem er sich zu seinem Gefahrten wandte, "dieses Tal, jene Hugel sehen bei weitem freundlicher aus, als der Felsenboden und die oden Weideplatze, die wir durchzogen. Selbst die Luft weht hier milder und warmer als oben, wo uns die Winde oft so hart anfassten."

"Ihr habt recht geraten, Junker", sagte Hanns, indem er die Reste ihrer Mahlzeit sorgfaltig in den Sack legte; "diese Taler gehoren schon zum Unterland, und jenes Flusschen, das Ihr sehet, stromt in den Neckar."

"Wie kommt es aber, dass wir so weit vom Weg abbiegen?" fragte Georg; "es kam mir schon oben im Gebirge vor, als haben wir die alte Richtung verlassen, aber du wolltest nie darauf horen. Dieser Weg muss, soviel ich die Lage von Lichtenstein kenne, viel zu weit rechts fuhren."

"Nun, ich will es Euch jetzt sagen", antwortete der Bauer, "ich wollte Euch auf der Alb nicht unnotig bange machen, jetzt aber sind wir, so Gott will, in Sicherheit; denn im schlimmsten Fall sind wir keine vier Stunden mehr von Hardt, wo sie uns nichts mehr anhaben sollen!"

"In Sicherheit?" unterbrach ihn Georg verwundert, "wer soll uns etwas anhaben?"

"Ei, die Bundischen", erwiderte der Spielmann, "sie streifen auf der Alb und oft waren ihre Reiter keine tausend Schritte mehr von uns; mir fur meinen Teil ware es nicht lieb gewesen, in ihre Hande zu fallen, denn sie sind mir, wie Ihr wohl wisset, gar nicht grun; und auch Euch ware es vielleicht nicht ganz recht, gefangen vor den Herrn Truchsess gefuhrt zu werden!"

"Gott soll mich bewahren!" rief der Junker; "vor den Truchsess? lieber lasse ich mich auf der Stelle totschlagen. Was wollen sie denn aber hier? Es ist ja hier in der Nahe keine Feste von Wurttemberg, und du sagtest mir ja doch, sie konnen ungehindert durchs Land ziehen; wornach streifen sie denn?"

"Seht Junker! es gibt uberall schlechte Leute; was ein rechter Wurttemberger ist, der lasst sich eher die Haut abziehen, als dass er den Herzog verrat, nach welchem die Bundler jetzt ein Treibjagen halten. Aber der Truchsess soll unter der Hand einen ganzen Haufen Gold versprochen haben, wenn man ihn fangt; er hat seine Reiter ausgeschickt, diese streifen jetzt uberall und die Leute sagen, es gebe einige unter den Bauern, die sich vom Gold blenden lassen, und den Spurhunden alle Klingen und Schlupfwinkel zeigen."19

"Nach dem Herzog sollen sie streifen? Der ist ja aus dem Lande geflohen, oder wie andere sagen, in Tubingen, auf seinem festen Schlosse, wo ihn vierzig Ritter beschutzen."

"Ja, die vierzig Edlen sind dort", antwortete der Bauer mit schlauer Miene; "auch des Herzogs Sohnlein, der Christoph ist dort, das hat seine Richtigkeit, ob aber der Herzog selbst dort ist, weiss niemand recht. Im Vertrauen gesagt, wie ich ihn kenne, schliesst er sich auch nur zur hochsten Not in eine Feste ein; er ist ein kuhner, unruhiger Herr; und es ist ihm wohler in den Waldern und Bergen, wenn es auch Gefahr hat."

"Den Herzog also suchen sie? also musste er hier in der Nahe sein?"

"Wo er ist, weiss ich nicht", erwiderte der Pfeifer von Hardt, "und ich wollte wetten, dies weiss niemand als Gott; aber wo er sein wird, weiss ich", setzte er hinzu, und es schien Georg, als ob ein Strahl von Begeisterung aus dem Auge dieses Mannes breche: "wo er sein wird, wenn die Not am hochsten ist, wo seine Getreuen sich zu ihm finden werden, wo manche treue Brust zur Mauer werden wird, um den Herrn in der Not gegen diese Bundler zu schutzen. Denn ist er auch ein strenger Herr, so ist er doch ein Wurttemberger, und seine schwere Hand ist uns lieber als die gleissenden Worte des Bayern und des Osterreichers."

"Und wenn sie den unglucklichen Fursten erkennen, wenn sie auf ihn stossen? hat er nicht seine Gestalt verhullt und unkenntlich gemacht? Du hast mir einmal sein Gesicht beschrieben und ich glaube ihn beinahe vor mir zu sehen, besonders sein gebietendes, glanzendes Auge. Aber wie ist seine Gestalt?"

"Er mag kaum acht Jahre alter sein als Ihr", entgegnete jener, "er ist nicht so gross, als Ihr, aber in vielem Euch ahnlich an Gestalt; besonders wenn Ihr zu Pferd sasset und ich hinter Euch ging, da gemahnte es mich oft und ich dachte, so, geradeso sah der Herzog aus, in den Tagen seiner Herrlichkeit."

Georg war aufgestanden, um nach seinem Pferd zu sehen; die Worte des Bauern hatten ihn um seine Sicherheit besorgt gemacht, und er sah jetzt erst ein, wie toricht er gehandelt, in diesem Kriegesstrudel sich durch ein okkupiertes Land stehlen zu wollen. Es ware ihm hochst unangenehm gewesen, in diesem Augenblicke gefangen zu werden; zwar konnte er nach seinem Eide reisen wohin er wollte, wenn er nur in den nachsten vierzehn Tagen keinen tatlichen Anteil an dem Kampfe gegen den Bund nahm; aber er fuhlte, welch nachteiliges Licht es dennoch auf ihn werfen musste, in dieser Gegend, so weit von dem Weg nach seiner Heimat aufgegriffen zu werden, und dazu noch in Gesellschaft eines Mannes, der den Bundesobersten sehr verdachtig, sogar gefahrlich geschienen hatte. Umzukehren war keine Moglichkeit, denn es liess sich beinahe mit Gewissheit annehmen, dass die Bundestruppen bereits die ganze Breite der Alb eingenommen haben; das sicherste schien, sich zu beeilen, uber die aussersten Posten des Heeres hinauszukommen; man hatte dann die Gefahr im Rucken, vor und neben sich aber freie Bahn.

Das sonst so muntere Tier, das seinen Herrn uber diese Gefahren hinaustragen sollte, hing die Ohren; die grosse Eile und die ermudenden, steinigen Fusspfade hatten seine Kraft geschwacht; zu seinem grossen Verdruss bemerkte Georg sogar, dass es auf dem linken Vorderfuss nicht gerne auftrete, was nach einem achtstundigen Weg uber scharfe, eckigte Felsen nicht zu verwundern war. Der Bauer bemerkte die Verlegenheit des Junkers; er untersuchte das Tier, und riet, es noch einige Stunden stehen zu lassen, gab aber zugleich den Trost, er seie der Gegend so kundig, dass sie eine grosse Strecke in der Nacht zurucklegen konnen.

XIV

Es ziehen vom Schwabenbunde

Die Jager durchs Gefild,

Die spuren in die Runde

Nach einem Furstenwild.

G. Schwab

Der junge Mann ergab sich in sein Schicksal, und suchte Zerstreuung in der lieblichen Aussicht, die sich noch bei weitem herrlicher seinen Augen offnete, als ihn der Bauer etwa funfzig Schritte hoher gefuhrt hatte. Sie standen auf einer Felsenecke, die einen schonen Auslaufer der Schwabischen Alb begrenzte. Ein ungeheures Panorama breitete sich vor den erstaunten Blicken Georgs aus, so uberraschend, von so lieblichem Schmelz der Farben, von so erhabener Schonheit, dass seine Blicke eine geraume Zeit wie entzuckt an ihnen hingen. Und wirklich, wer je mit reinem Sinn fur Schonheiten der Natur, ohne himmelhohe Alpen, ohne Taler wie das Rheingau zu suchen, die Schwabische Alb bestiegen hat, dem wird die Erinnerung eines solchen Anblickes unter die lieblichsten der Erde gehoren.

Man denke sich eine Kette von Gebirgen, die von der weitesten Entfernung, dem Auge kaum erreichbar, sanftem Grau, durch alle Nuancen von Blau, am Horizont sich herzieht, bis das dunkle Grun der naher liegenden Berge mit seinem sanften Schmelz die Kette schliesst. Auf diesen Gipfeln eines langen Gebirgsrukken erkennt das Auge Schlosser und Burgen ohne Zahl, die wie Wachter auf diese Hohen sich lagern und uber das Land hinschauen. Jetzt sind ihre Turme zerfallen, ihre stattlichen Tore sind gebrochen, den tiefen Burggraben fullen Trummer und Moos, und die Hallen, in welchen sonst laute Freude erscholl, sind verstummt, aber damals, als Georg auf dem Felsen von Beuren stand, ragten sie noch fest und herrlich; sie breiteten sich wie eine undurchbrochene Schar gewaltiger Manner zwischen den Heldengestalten von Staufen und Hohenzollern aus.

"Ein herrliches Land dieses Wurttemberg", rief Georg, indem sein Auge von Hugel zu Hugel schweifte; "wie kuhn, wie erhaben diese Gipfel und Bergwande, diese Felsen und ihre Burgen; und wenn ich mich dorthin wende gegen die Taler des Neckars wie lieblich jene sanften Hugel, jene Berge mit Obst und Wein besetzt, jene fruchtbaren Taler mit schonen Bachen und Flussen, dazu ein milder Himmel und ein guter, kraftiger Schlag von Menschen."

"Ja", fiel der Bauer ein, "es ist ein schones Land; doch hier oben will es noch nicht viel sagen, aber was so unter Stuttgart ist, das wahre Unterland, Herr! da ist es eine Freude im Sommer oder Herbst, am Neckar hinabzuwandeln; wie da die Felder so schon und reich stehen, wie der Weinstock so dicht und grun die Berge uberzieht, und wie Nachen und Flosse den Nekkar hinauf- und hinabfahren, wie die Leute so frohlich an der Arbeit sind, und die schonen Madchen singen wie die jungen Lerchen!"

"Wohl sind jene Taler an der Rems und dem Nekkar schoner", entgegnete Georg, "aber auch dieses Tal zu unsern Fussen, auch diese Hohen um uns her haben eigenen, stillen Reiz; wie heissen jene Burgen auf den Hugeln? sage, wie heissen jene fernen Berge?"

Der Bauer uberblickte sinnend die Gegend, und zeigte auf die hinterste Bergwand, die dem Auge kaum noch sichtbar aus den Nebeln ragte. "Dort hinten zwischen Morgen und Mittag ist der Rossberg, in gleicher Richtung herwarts, jene vielen Felsenzacken sind die Hohen von Urach. Dort, mehr gegen Abend ist Achalm, nicht weit davon, doch konnt Ihr ihn hier nicht sehen, liegt der Felsen von Lichtenstein."

"Dort also", sagte Georg stille vor sich hin, und sein Auge tauchte tief in die Nebel des Abends, "dort wo jenes Wolkchen in der Abendrote schwebt, dort schlagt ein treues Herz fur mich; jetzt auch steht sie vielleicht auf der Zinne ihres Felsens und sieht heruber in diese Welt von Bergen, vielleicht nach diesem Felsen hin. O dass die Abendlufte dir meine Grusse brachten, und jene rosigen Wolken dir meine Nahe verkundeten!"

"Weiter hin, Ihr sehet doch jene scharfe Ecke, das ist die Teck; unsere Herzoge nennen sich Herzoge von Teck, es ist eine gute feste Burg; wendet Eure Blicke hier zur Rechten, jener hohe, steile Berg war einst die Wohnung beruhmter Kaiser, es ist Hohenstaufen."

"Aber wie heisst jene Burg, die hier zunachst aus der Tiefe emporsteigt", fragte der junge Mann; "sieh nur, wie sich die Sonne an ihren hellen weissen Wanden spiegelt, wie ihre Zinnen in goldenen Duft zu tauchen scheinen, wie ihre Turme in rotlichem Lichte erglanzen."

"Das ist Neuffen, Herr! auch eine starke Feste, die dem Bunde zu schaffen machen wird."

Die Sonne des kurzen, schonen Marztages begann wahrend diesem Zwiegesprach der Wanderer hinabzusinken. Die Schatten des Abends rollten dunkle Schleier uber das Gebirge, und verhullten dem Auge die ferneren Gipfel und Hohen. Der Mond kam bleich herauf, und uberschaute sein nachtliches Gebiet. Nur die hohen Mauern und Turme von Neuffen rotete die Sonne noch mit ihren letzten Strahlen, als sei dieser Felsen ihr Liebling, von welchem sie ungern scheide. Sie sank, auch diese Mauern hullten sich in Dunkel, und durch die Walder zog die Nachtluft, geheimnisvolle Grusse flusternd dem heller strahlenden Mond entgegen.

"Jetzt ist die wahre Tageszeit fur Diebe und fur fluchtige Reisende, wie wir", sagte der Bauer, als er des Junkers Pferd aufzaumte; "sei es noch um eine Stunde, so ist die Nacht kohlschwarz, und dann soll uns, bis die Sonne wieder aufgeht, kein bundischer Reiter ausspuren!"

"Glaubst du es habe Gefahr?" sagte Georg, indem er seine Hand nach dem Helm ausstreckte, und das dunne Barett abnahm. "Meinst du nicht, wir sollen uns besser wappnen?"

"Lasst hangen, Junker", rief der Bauer lachend, "solch eine Sturmhaube ist an sich schon kalt, und gibt in einer frischen Nacht nicht sehr warm; lasset immer Euer Barett sitzen; in dieser Gegend suchen sie den Herzog nicht, und sollten sie kommen, wir zwei furchten ihrer vier nicht."

Der junge Mann liess zogernd seinen schonen Helm am Sattelknopf hangen, er schamte sich, weniger Mut zu zeigen als sein Begleiter, der unberitten, nur durch eine dunne lederne Mutze geschutzt, und mit einer einfachen Axt schlecht bewaffnet war. Er schwang sich auf. Sein Fuhrer ergriff die Zugel des Rosses, und schritt voran den Berg hinab.

"Du meinst also", fragte Georg nach einer Weile, "bis hieher werden sich die bundischen Reiter nicht wagen?"

"Es ist nicht wohl moglich", antwortete der Pfeifer, "Neuffen ist ein starkes Schloss und hat gute Besatzung; sie werden es zwar in kurzer Zeit mit Heeresmacht belagern, aber Gesindel wie die Handvoll Reiter des Truchsess wagt sich doch nicht in die Nahe einer feindlichen Burg."

"Schau! wie hell und schon der Mond scheint", rief der Jungling, der, noch immer erfullt von dem Anblick auf dem Berge, die wunderlichen Schatten der Walder und Hohen, die hellglanzenden Felsen betrachtete; "siehe wie die Fenster von Neuffen im Mondlicht schimmern!"

"Es ware mir lieber er schiene heute nacht nicht", entgegnete sein Fuhrer, indem er sich zuweilen besorgt umsah; "dunkle Nacht ware besser fur uns, der Mond hat schon manchen braven Mann verraten. Doch jetzt steht er gerade uber dem Reissenstein, wo der Riese gewohnt hat, es kann nicht mehr lange dauern, so ist er hinunter."

"Was schwatzt du da von einem Riesen, der auf dem Reissenstein gewohnt hat?"

"Ja, dort hat vor langer Zeit ein Riese gewohnt20, das hat seine Richtigkeit; dort uber dem Berg, gerade wo jetzt der Mond steht, liegt ein Schloss, das heisst der Reissenstein; es gehort jetzt den Helfensteinern; es liegt auf jahen Felsen, weit oben in der Luft, und hat keine Nachbarschaft als die Wolken und bei Nacht den Mond. Geradeuber von der Burg auf einem Berge, worauf jetzt der Heimenstein steht, liegt eine Hohle, und darinnen wohnte vor alters ein Riese. Er hatte ungeheuer viel Gold, und hatte herrlich und in Freuden leben konnen, wenn es noch mehr Riesen und Riesinnen ausser ihm gegeben hatte. Da fiel es ihm ein, er wolle sich ein Schloss bauen, wie es die Ritter haben auf der Alb. Der Felsen gegenuber schien ihm gerade recht dazu.

Er selbst aber war ein schlechter Baumeister; er grub mit den Nageln haushohe Felsen aus der Alb und stellte sie aufeinander, aber sie fielen immer wieder ein und wollten kein geschicktes Schloss geben. Da legte er sich auf den Beurener Felsen, und schrie ins Tal hinab nach Handwerkern, Zimmerleute, Maurer, Steinmetze, Schlosser, alles solle kommen und ihm helfen; er wolle gut bezahlen.

Man horte sein Geschrei im ganzen Schwabenland vom Kocher hinauf bis zum Bodensee, vom Neckar bis an die Donau, und uberallher kamen die Meister und Gesellen, um dem Riesen das Schloss zu bauen. Reitet aus dem Mondschein, Junker, hieher in den Schatten, Euer Harnisch glanzt wie Silber, und konnte leicht den Spurhunden in die Augen glanzen!

Nun, um wieder auch den Riesen zu kommen, so war es lustig anzusehen, wie er vor seiner Hohle im Sonnenschein sass, und uber dem Tal druben auf dem hohen Felsen sein Schloss bauen sah, die Meister und Gesellen waren flink an der Arbeit und bauten wie er ihnen uber das Tal hinuber zuschrie; sie hatten allerlei frohlichen Schwank und Kurzweil mit ihm, weil er von der Bauerei nichts verstand. Endlich war der Bau fertig und der Riese zog ein, und schaute aus dem hochsten Fenster aufs Tal hinab, wo die Meister und Gesellen versammelt waren, und fragte sie, ob ihm das Schloss gut anstehe, wenn er so zum Fenster herausschaue. Als er sich aber umsah, ergrimmte er, denn die Meister hatten geschworen, es sei alles fertig, aber an dem obersten Fenster wo er heraussah, fehlte noch ein Nagel.

Die Schlossermeister entschuldigten sich und sagten, es habe sich keiner getraut vors Fenster hinaus in die Luft zu sitzen und den Nagel einzuschlagen. Der Riese aber wollte nichts davon horen, sondern zahlte den Lohn nicht aus, bis der Nagel eingeschlagen sei.

Da zogen sie alle wieder in die Burg, die wildesten Bursche vermassen sich hoch und teuer, es sei ihnen ein geringes, den Nagel einzuschlagen, wenn sie aber an das oberste Fenster kamen und hinausschauten in die Luft, und hinab in das Tal, das so tief unter ihnen lag, und ringsum nichts als Felsen, da schuttelten sie den Kopf und zogen beschamt ab. Da boten die Meister zehnfachen Lohn, wer den Nagel einschlage, und es fand sich lange keiner.

Nun war ein flinker Schlossergeselle dabei, der hatte die Tochter seines Meisters lieb und sie ihn auch, aber der Vater war ein harter Mann und wollte sie ihm nicht zum Weibe geben, weil er arm war. Der fasste sich ein Herz und gedachte, er konne hier seinen Schatz verdienen oder sterben; denn das Leben war ihm verleidet ohne sie; er trat vor den Meister, ihren Vater, und sprach: 'Gebt Ihr mir Eure Tochter, wenn ich den Nagel einschlage?' der aber gedachte seiner auf diese Art loszuwerden, wenn er auf die Felsen hinabsturze und den Hals breche, und sagte ja.

Der flinke Schlossergeselle nahm den Nagel und seinen Hammer, sprach ein frommes Gebet und schickte sich an zum Fenster hinauszusteigen, und den Nagel einzuschlagen fur sein Madchen. Da erhob sich ein Freudengeschrei unter den Bauleuten, dass der Riese vom Schlaf aufwachte und fragte was es gebe. Und als er horte, dass sich einer gefunden habe, der den Nagel einschlagen wolle, kam er, betrachtete den jungen Schlosser lange und sagte: 'Du bist ein braver Kerl und hast mehr Herz als das Lumpengesindel da; komm ich will dir helfen.' Da nahm er ihn beim Genick, dass es allen durch Mark und Bein ging, hob ihn zum Fenster hinaus in die Luft und sagte: 'Jetzt hau draufzu; ich lasse dich nicht fallen.'

Und der Knecht schlug den Nagel in den Stein, dass er fest sass; der Riese aber kusste und streichelte ihn, dass er beinahe ums Leben kam, fuhrte ihn zum Schlossermeister und sprach, 'diesem gibst du dein Tochterlein.' Dann ging er hinuber in seine Hohle, langte einen Geldsack heraus, und zahlte jeden aus bei Heller und Pfenning. Endlich kam er auch an den flinken Schlossergesellen; zu diesem sagte er: 'Jetzt gehe heim, du herzhafter Bursche, hole deines Meisters Tochterlein, und ziehe ein in diese Burg, denn sie ist dein.'

Des freuten sich alle; der Schlosser ging heim und "

"Horch! hortest du nicht das Wiehern von Rossen?" rief Georg, dem es in der Schlucht, die sie durchzogen, ganz unheimlich wurde. Der Mond schien noch hell, die Schatten der Eichen bewegten sich, es rauschte im Gebusch, und oft wollte es ihm bedunken, als sehe er dunkle Gestalten im Wald neben ihm hergehen.

Der Pfeifer von Hardt blieb stehen, ungeduldig, dass ihn der Junker nicht bis zum Ende erzahlen lasse: "Es kam mir vorhin auch so vor, aber es war der Wind, der in den Eichen achzt, und der Schuhu rief im Gebusch. Waren wir nur das Wiesental noch hinuber, da ist es so offen und hell, wie bei Tag; jenseits fangt wieder der Wald an, da ist es dann dunkel, und hat keine Not mehr. Gebt Eurem Braunen die Sporen und reitet Trab uber das Tal hin, ich laufe neben Euch her."

"Warum denn jetzt auf einmal Trab", fragte der junge Mann; "meinst du, es hat Gefahr? Gestehe nur, nicht wahr, du hast sie auch gesehen die Gestalten im Wald, die neben uns herschlichen. Glaubst du, es sind Bundische?"

"Nun ja", flusterte der Bauer, indem er sich umsah, "mir war es auch, als ob uns jemand nachschleiche; drum sputet Euch, dass wir aus dem verdammten Hohlweg herauskommen, und dann im Trab uber das Tal hinuber, weiterhin hat es keine Gefahr."

Georg machte sein Schwert locker in der Scheide, und nahm die Zugel seines Rosses kraftiger in die Faust. Schweigend zogen sie die Schlucht hinab, beleuchtet von so hellem Mondschein, dass der junge Mann jeden Zug seines Gefahrten erkennen konnte und deutlich sah, dass er seine Axt auf die Schulter nahm, und ein Messer, das er im Wams verborgen hatte, herausnahm und in den Gurtel steckte.

Sie wollten eben am Ausgang des Hohlweges in das Tal einbiegen, da rief eine Stimme im Gebusch: "Das ist der Pfeifer von Hardt, drauf Gesellen, der dort auf dem Ross muss der Rechte sein."

"Fliehet, Junker, fliehet", rief sein treuer Fuhrer, und stellte sich mit seiner Axt zum Kampf bereit; doch Georg zog sein Schwert, und in demselben Augenblick sah er sich von funf Mannern angefallen, wahrend sein Gefahrte schon mit drei andern im Handgemenge war.

Der enge Hohlweg hinderte ihn, sich seiner Vorteile zu bedienen, und auf die Seiten auszubiegen. Einer packte die Zugel seines Rosses, doch in demselben Augenblick traf ihn Georgs Klinge auf die Stirne, dass er ohne Laut niedersank, doch die andern, wutend gemacht durch den Fall ihres Genossen, drangen noch starker auf ihn ein und riefen ihm zu, sich zu ergeben; aber Georg, obgleich er schon am Arm und Fuss aus mehreren Wunden blutete, antwortete nur durch Schwerthiebe.

"Lebendig oder tot", rief einer der Kampfenden, "wenn der Herr Herzog nicht anders will, so mag er's haben." Er rief's, und in demselben Augenblick sank Georg von Sturmfeder, von einem schweren Hieb uber den Kopf getroffen, nieder. In todlicher Ermattung schloss er die Augen, er fuhlte sich aufgehoben und weggetragen, und horte nur das grimmige Lachen seiner Morder, die uber ihren Fang zu triumphieren schienen.

Nach einer kleinen Weile liess man ihn auf den Boden nieder, ein Reiter sprengte heran, sass ab und trat zu denen, die ihn getragen hatten. Georg raffte seine letzte Kraft zusammen, um die Augen noch einmal zu offnen. Er sah ein unbekanntes Gesicht das sich uber ihn herabbeugte; "Was habt ihr gemacht?" horte er rufen, "dieser ist es nicht, ihr habt den Falschen getroffen. Macht, dass ihr fortkommt, die von Neuffen sind uns auf den Fersen." Matt zum Tode schloss Georg sein Auge, nur sein Ohr vernahm wilde Stimmen und das Gerausch von Streitenden, doch auch dieses zog sich ferne; feuchte Kalte drang aus dem Boden des Wiesentales, und machte seine Glieder erstarren, aber ein susser Schlummer senkte sich auf den Verwundeten herab, und mit dem letzten Gedanken an die Geliebte entschwanden seine Sinne.

Zweiter Teil

I

Von vieler Burgen Walle

Des Bundes Fahnen wehn,

Die Stadte huld'gen alle,

Kein Schloss mag widerstehn,

Nur Tubingen, die Feste

Verspricht noch Wehr und Trutz.

G. Schwab

Der Schwabische Bund war mit Macht in Wurttemberg eingedrungen, von Tag zu Tag gewann er an Boden, von Woche zu Woche wurden seine Heere furchtbarer. Zuerst war nach langer mutiger Gegenwehr der Hollenstein, das feste Schloss von Heidenheim gefallen. Ein tapferer Mann, Stephan von Lichow hatte dort befehligt, aber mit seinem Paar Feldschlangen, mit einer Handvoll Knechte konnte er den Tausenden des Bundes und der Kriegskunst eines Frondsberg nicht widerstehen. Bald nachher fiel Goppingen. Nicht minder tapfer als der von Lichow hatte sich Philipp von Rechberg gewehrt, hatte sogar fur sich und seine Knechte freien Abzug erfochten; aber das Schicksal des Landes vermochte er nicht abzuwenden. Teck, damals noch eine starke, feste Burg, fiel durch Unvorsichtigkeit der Besatzung; am mutigsten hielt sich Meckmuhl, es schloss einen Mann in seinen Mauern ein, der sich allein mit zwanzig der Belagerer geschlagen hatte; sein eiserner Wille war oft nicht minder schwer als seine eiserne Hand auf ihnen gelegen. Auch diese Mauern wurden gebrochen, und Gotz von Berlichingen fiel in des Bundes Hand. Auch Schorndorf konnte den Kanonen Georgs von Frondsberg nicht widerstehen; es war die festeste Stadt gewesen, mit ihr fiel das Unterland.21

So war nun ganz Wurttemberg bis herauf gegen Kirchheim in der Bundischen Gewalt, und der Bayern Herzog brach sein Lager auf, um mit Ernst an Stuttgart zu gehen. Da kamen ihm Gesandte entgegen nach Denkendorf, die um Gnade flehten. Sie durften zwar nicht wagen vor dem erbitterten Feind ihren Herzog zu entschuldigen, aber sie gaben zu bedenken, dass ja er, die Ursache des Krieges, nicht mehr unter ihnen sei, dass man nur gegen seinen unschuldigen Knaben, den Prinzen Christoph und gegen das Land Krieg fuhre. Aber vor der ehernen Stirne Wilhelms von Bayern, vor den habgierigen Blicken der Bundesglieder fanden diese Bitten keine Gnade. Ulerich habe diese Strafe verdient, gab man zur Antwort, das Land habe ihn unterstutzt, also mit gefangen, mit gehangen auch Stuttgart musste seine Tore offnen.22

Aber noch war der Sieg nichts weniger als vollstandig; der grosste Teil des Oberlandes hielt noch zu dem Herzog, und es schien nicht, als ob er sich auf den ersten Aufruf ergeben wollte. Dieses hoher gelegene Gebirgsland wurde von zwei festen Platzen, Urach und Tubingen, beherrscht, solange diese sich hielten, wollten auch die Lande umher nicht abfallen. In Urach hielt es die Burgerschaft mit dem Bunde, die Besatzung mit dem Herzog. Es kam zum Handgemenge, worin der tapfere Kommandant erstochen wurde, die Stadt ergab sich den Bundischen.

Und so war in der Mitte des April nur Tubingen noch ubrig; doch dieses hatte der Herzog stark befestigt; dort waren seine Kinder und die Schatze seines Hauses; dem Kern des Adels, vierzig wackeren, kampfgeubten Rittern und zweihundert der tapfersten Landeskindern war das Schloss anvertraut. Diese Feste war stark; mit Kriegsvorraten wohl versehen, an ihr hingen jetzt die Blicke der Wurttemberger; denn aus diesen Mauern war ihnen schon manches Schone und Herrliche hervorgegangen, von diesen Mauern aus konnte das Land wieder dem angestammten Fursten erobert werden, wenn es sich so lange hielt, bis er Entsatz herbeibrachte. Und dorthin wandten sich jetzt die Bundischen mit aller Macht. Ihrer Gewappneten Schritte tonten durch den Schonbuch, die Taler des Neckars zitterten unter dem Hufschlag ihrer Rosse; auf den Fildern zeigten tiefe Spuren, wohin die schweren Feldschlangen, Falkonen und Bombarden, die Kugel- und Pulverwagen, der ganze furchtbare Apparat einer langen Belagerung gezogen war.

Diese Fortschritte des Krieges hatte Georg von Sturmfeder nicht gesehen. Ein tiefer, aber susser Schlummer hielt wie ein machtiger Zauber seine Sinne viele Tage lang gefangen; es war ihm in diesem Zustand wohl zumut wie einem Kinde, das an dem Busen seiner Mutter schlaft, nur hin und wieder die Augen ein wenig offnet, um in eine Welt zu blicken, die es noch nicht kennt, um sie dann wieder auf lange zu verschliessen. Schone beruhigende Traume aus besseren Tagen gaukelten um sein Lager, ein mildes, seliges Lacheln zog oft uber sein bleiches Gesicht und trostete die, welche mit banger Erwartung seiner pflegten.

Wir wagen es, den Leser in die niedere Hutte zu fuhren, die ihn gastfreundlich aufgenommen hatte, und zwar am Morgen des neunten Tages, nachdem er verwundet wurde.

Die Morgensonne dieses Tages brach sich in farbigen Strahlen an den runden Scheiben eines kleinen Fensters, und erhellte das grossere Gemach eines durftigen Bauernhauses. Das Gerate, womit es ausgestattet war, zeugte zwar von Armut, aber von Reinlichkeit und Sinn fur Ordnung. Ein grosser eichener Tisch stand in einer Ecke des Zimmers, auf zwei Seiten von einer holzernen Bank umgeben. Ein geschnitzter, mit hellen Farben bemalter Schrein mochte den Sonntagsstaat der Bewohner, oder schone selbstgesponnene Leinwand enthalten; das dunkle Getafer der Wande trug ringsum ein Brett, worauf blanke Kannen, Becher und Platten von Zinn, irdenes Geschirr mit sinnreichen Reimen bemalt, und allerlei musikalische Instrumente eines langst verflossenen Jahrhunderts, als Zimbeln, Schalmeien und eine Zither aufgestellt waren. Um den grossen Kachelofen, der weit vorsprang, waren reinliche Linnen zum Trocknen aufgehangt, und sie verdeckten beinahe dem Auge eine grosse Bettstelle, mit Gardinen von grossgeblumtem Gewebe, die im hintersten Teil der Stube aufgestellt war.

An diesem Bette sass ein schones, liebliches Kind, von etwa sechzehn bis siebzehn Jahren. Sie war in jene malerische Bauerntracht gekleidet, die sich teilweise bis auf unsere Tage in Schwaben erhalten hat. Ihr gelbes Haar war unbedeckt, und fiel in zwei langen, mit bunten Bandern durchflochtenen Zopfen uber den Rucken hinab. Die Sonne hatte ihr freundliches, rundes Gesichtchen etwas gebraunt, doch nicht so sehr, dass es das schone jugendliche Rot auf der Wange verdunkelt hatte; ein munteres, blaues Auge blickte unter den langen Wimpern hervor. Weisse faltenreiche Armel bedeckten bis an die Hand den schonen Arm, ein rotes Mieder mit silbernen Ketten geschnurt, mit blendend weissen, zierlich genahten Linnen umgeben, schloss eng um den Leib; ein kurzes, schwarzes Rockchen fiel kaum bis uber die Knie herunter; diese schmucken Sachen und dazu noch eine blanke Schurze und schneeweisse Zwickelstrumpfe mit schonen Kniebandern, wollten beinahe zu stattlich aussehen zu dem durftigen Gemach, besonders da es Werktag war.

Die Kleine spann emsig feine, glanzende Faden aus ihrer Kunkel, zuweilen luftete sie die Gardinen des Bettes und warf einen verstohlenen Blick hinein. Doch schnell, als ware sie auf bosen Wegen erfunden worden, schlug sie die Vorhange wieder zu und strich die Falten glatt, als sollte niemand merken, dass sie gelauscht habe.

Die Ture ging auf, und eine runde, altliche Frau in derselben Tracht wie das Madchen, aber armlicher gekleidet, trat ein. Sie trug eine dampfende Schussel Suppe zum Fruhstuck auf und stellte Teller auf dem Tische zurecht. Indem fiel ihr Blick auf das schone Kind am Bette, sie staunte sie an und wenig hatte gefehlt, so liess sie den Krug mit gutem Apfelwein fallen, den sie eben in der Hand hielt.

"Was fallt der aber um Gottes willa ei', Barbele", sagte sie, indem sie den Krug niedersetzte und zu dem Madchen trat, "was fallt der ei', dass de am Wertich da nuia rauta Rock zum Spinna anziehst? und au 's nui Mieder hot se an, und, ei dass di! au a silberne Kette. Und en frischa Schurz und Strumpf no so mir nix dir nix aus em Kasta reissa? Wer wird denn en solcha Hochmuat treiba, du dumms Ding, du? Woisst du net, dass mer arme Leut sind? und dass du es Kind voma ougluckliche Mann bist? "A1

Die Tochter hatte geduldig die ereiferte Frau ausreden lassen; sie schlug zwar die Augen nieder, aber ein schelmisches Lacheln, das uber ihr Gesicht flog, zeigte, dass die Strafpredigt nicht sehr tief gehe. "Ei, so lasset uich doch b'richta", antwortete sie, "was schadet's denn dem Rock, wenn i ihn au amol amma christliche Wertag ahan? an der silberna Kette wird au nix verderbt, und da Schurz kann i jo wieder wascha!"A2

"So? als wemma et immer gnuag z'wascha und z'putza hatt? So sag mer no, was ist denn in de gfahra, dass de so strahlst und schoa machst?"A3

"Ah was!" flusterte das errotende Schwabenkind, "wisset Er denn net, dass heut der acht' Tag ist? hot et der Atti g'sait, der Junker werd' am heutiga Morga verwacha, wenn sei Trankle guete Wirking hab? und do hanne eba denkt "A4

"Ist's um dui Zeit?" entgegnete die Hausfrau freundlicher; "da host warle reacht; wenn er verwacht und sieht alles so schluttich und schlampich, se ist et guot und konnt Verdruss ga beim Atte. Ih sieh au aus wie na Drach. Gang Barbele; holmer mei schwaarz Wammas, mei rauts Miader und en frischa Schurz."A5

"Aber Muater", gab die Kleine zu bedenken. "Er wendt Ich doch ett do atau wella? wenn der Junker jetzt no grad verwacha tat? ganget lieber uffe und teant Ich droban a, i bleib derweil bei em."A6

"Da host et aureacht, Madle"A7, murmelte die Alte, liess selbst das Fruhstuck stehen und ging, um sich in ihren Putz zu werfen. Die Tochter aber offnete das Fenster der frischen erquickenden Morgenluft, sie streute Futter auf den breiten Sims, viele Tauben und Sperlinge flogen heran, und verzehrten mit Gurren und Zwitschern ihr Fruhstuck; die Lerchen in den Baumen vor den Fenstern antworteten in einem vielstimmigen Chorus, und das schone Madchen sah, von der Morgensonne umstrahlt, lachelnd ihren kleinen Kostgangern zu.

In diesem Augenblick offneten sich die Gardinen des Bettes der Kopf eines schonen, jungen Mannes sah heraus; wir kennen ihn, es ist Georg.

Ein leichtes Rot, der erste Bote wiederkehrender Gesundheit lag auf seinen Wangen; sein Blick war wieder glanzend wie sonst; sein Arm stemmte sich kraftig auf das Lager. Erstaunt blickte er auf seine Umgebungen; dieses Zimmer, diese Gerate waren ihm fremd, er selbst, seine ganze Lage kam ihm ungewohnt vor. Wer hatte ihm diese Binde um das Haupt gebunden? Wer hatte ihn in dieses Bett gelegt; es war ihm wie einem, der mit frohlichen Brudern eine Nacht durchjubelt, die Besinnung endlich verliert, und auf einem fremden Lager aufwacht.

Lange sah er dem Madchen am Fenster zu; dieses Bild, das erste, das ihm bei seinem Erwachen aus langem Schlafe, entgegentrat, war so freundlich, dass er das Auge nicht davon abwenden konnte; endlich siegte die Neugierde, uber das, was mit ihm vorgegangen war, gewisser zu werden; er machte ein Gerausch, indem er die Gardinen des Bettes noch weiter zuruckschlug.

Das Madchen am Fenster schien zusammenzuschrecken; sie wandte sich um, uber ihr schones Gesicht flog ein brennendes Rot, freundliche blaue Augen staunten ihn an; ein roter, lachelnder Mund schien vergebens nach Worten zu suchen, den Kranken bei seiner Ruckkehr ins Leben zu begrussen. Sie fasste sich, und eilte mit kurzen Schrittchen an das Bette, doch machte sie unterwegs mehreremal halt, als besinne sie sich, ob er denn wirklich wieder aufgewacht sei, ob es sich auch schicke, dass sie zu ihm trete, da er jetzt wieder lebe wie ein anderer Mensch.

Der junge Mann, nachdem er der Verlegenheit des schonen Kindes lachelnd zugesehen hatte, brach zuerst das Stillschweigen.

"Sag mir, wo bin ich? wie kam ich hieher?" fragte Georg, "wem gehort dieses Haus, worin ich, mir scheint aus einem langen Schlaf erwacht bin?"

"Sind Er wieder ganz bei Ich?" rief das Madchen, indem sie vor Freude die Hande zusammenschlug. "Ach, Herr Jeses, wer hett des denkt? Er gucket oin doch au wieder g'scheit an und et so duselig, dass oims allamol angst und bang wora ist."A8

"Ich war also krank?" forschte Georg, der das Idiom des Madchens nur zum Teil verstand. "Ich lag einige Stunden ohne Bewusstsein?"

"Ei wie schwazet Er doch", kicherte das hubsche Schwabenkind und nahm das Ende des langen Zopfbandes in den Mund, um das laute Lachen zu verbeissen; "a baar Stund, saget Er? Heit nacht wird's grad nei Tag, dass se Ich brocht hent."A9

Der Jungling staunte sie mit ernsten Blicken an. Neun Tage ohne zu Marien zu kommen! Zu Marien? mit diesem himmlischen Bilde kehrte wie mit einem Schlag seine Erinnerung wieder, er erinnerte sich, dass er vom Bunde sich losgesagt habe; dass er sich entschlossen habe nach Lichtenstein zu reisen, dass er uber die Alb auf geheimen Wegen gezogen sei, dass er und sein Fuhrer uberfallen, vielleicht gefangen wurde; "gefangen?" rief er schmerzlich, "sage Madchen, bin ich gefangen?"

Diese hatte mit wachsender Angst gesehen, wie sich die klaren Blicke des jungen Ritters verfinstert hatten, wie seine freundlichen Zuge ernst, beinahe wild wurden. Sie glaubte, er falle in jenen schrecklichen Zustand zuruck, wo er vom Wundfieber hart angefallen, einige Stunden lang gerast hatte; und der schwermutige Ton seiner Frage konnte ihre Furcht nicht mindern. Unschlussig, ob sie bleiben oder um Hulfe rufen sollte, trat sie einen Schritt zuruck.

Der junge Mann glaubte in ihrem Schweigen, in ihrer Angst die Bestatigung seiner Frage zu lesen. "Gefangen, vielleicht auf lange, lange Zeit", dachte er, "vielleicht weit von ihr entfernt, ohne Hoffnung, ohne den Trost, etwas von ihr zu wissen!" Sein Korper war noch zu erschopft, als dass er der trauernden Seele widerstanden hatte; eine Trane stahl sich aus dem gesenkten Auge.

Das Madchen sah diese Trane, ihre Angst loste sich augenblicklich in Mitleiden auf, sie trat naher, sie setzte sich an sein Bett, sie wagte es, die herabhangende Hand des Junglings zu ergreifen. "Er muesset et greina", sagte sie; "Euer Gnada sind jo jetzt wieder g'sund, und Er kennet jo jetzt bald wieder fortreita",A10 setzte sie wehmutig lachelnd hinzu.

"Fortreiten?" fragte Georg, "also bin ich nicht gefangen?"

"G'fanga? noi, g'fanga send Er net; es hatt zwor a baarmol sei kenna, wia dia vom Schwabischa Bund vorbeizoga send, aber mer hent Ich allemol guet versteckt; der Vater hot gsait, mer solle da Junker koin Menscha seah lau."A11

"Der Vater?" rief der Jungling, "wer ist der gutige Mann? wo bin ich denn?"

"Ha, wo werdet Er sei?" antwortete Barbele, "bei aus send Er in Hardt."

"In Hardt?" ein Blick auf die musikalisch ausstaffierten Wande gab ihm Gewissheit, dass er Freiheit und Leben jenem Mann zu verdanken habe, der ihm wie ein Schutzgeist von Marien zugesandt war. "Also in Hardt? und dein Vater ist der Pfeifer von Hardt? nicht wahr?"

"Er hot's et gern, wemmar em so ruaft", antwortete das Madchen, "er ist freile sei's Zoiches a Spielma, er hairt's am gernsta, wemmer Hanns zua nem sait."A12

"Und wie kam ich denn hieher?" fragte jener wieder.

"Ja wisset Er denn au gar koi Wortle meh?" lachelte das hubsche Kind, und bediente sich wieder des Zopfbandes. Sie erzahlte, ihr Vater sei schon seit einigen Wochen nicht zu Hause gewesen, da sei er einesmals vor neun Tagen in der Nacht an das Haus gekommen und habe stark gepocht, bis sie erwacht sei. Sie habe seine Stimme erkannt, und sei hinabgeeilt, um ihm zu offnen. Er sei aber nicht allein gewesen, sondern noch vier andere Manner bei ihm, die eine, mit einem Mantel verdeckte Tragbahre in die Stube niedergelassen haben. Der Vater habe den Mantel zuruckgeschlagen, und ihr befohlen zu leuchten, sie sei aber heftig erschrocken, denn ein blutender, beinahe toter Mann sei auf der Bahre gelegen. Der Vater habe ihr befohlen, das Zimmer schnell zu warmen, indessen habe man den Verwundeten, den sie seinen Kleidern nach fur einen vornehmen Herrn erkannt habe, auf das Bett gebracht; der Vater habe ihm seine Wunden mit Krautern verbunden, habe ihm dann auch selbst einen Trank bereitet, denn er verstehe sich trefflich auf die Arzneien: fur Tiere und Menschen. Zwei Tage lang seien sie alle besorgt gewesen, denn der Junker habe gerast und getobt; nach dem zweiten Tranklein aber sei er stille geworden, der Vater habe gesagt, am achten Morgen werde er gesund und frisch erwachen, und wirklich sei es auch so eingetroffen.

Der junge Mann hatte mit wachsendem Erstaunen der Rede des Madchens zugehort; er hatte sie oft unterbrechen mussen, wenn er ihre zierlichen Ausdrucke nicht recht verstand oder wenn sie in ihrer Rede abschweifte, um die Krauter zu beschreiben, woraus der Pfeifer von Hardt seine Arzneien bereitet hatte.

"Und dein Vater", fragte er sie, "wo ist er?"

"Was wisset mier wo er ist", antwortete sie ausweichend, doch als besinne sie sich eines Besseren, setzte sie hinzu "Uich kammes jo saga, denn Ihr muesset guet Freund sei mit em Vater; er ist nach Lichtastoi."

"Nach Lichtenstein?" rief Georg, indem sich seine Wangen hoher farbten; "und wann kommt er zuruck?"

"Ja er sott schau seit zwoi Tag da sei, wie ner gsait hot. Wennem no nix gschea ist; d' Leut saget, dia bundische Reiter bassenem uf."A13

Nach Lichtenstein dorthin zog es ja auch ihn; er fuhlte sich kraftig genug wieder einen Ritt zu wagen, und die Versaumnis der neun Tage einzuholen. Seine nachste und wichtigste Frage war daher nach seinem Ross; und als er horte, dass es sich ganz wohl befinde und im Kuhstall seiner Ruhe pflege, war auch der letzte Kummer von ihm gewichen. Er dankte seiner holden Pflegerin fur seine Wartung, und bat sie um sein Wams und seinen Mantel. Sie hatte langst alle Spuren von Blut und Schwerthieben aus den schonen Gewandern vertilgt, mit freundlicher Geschaftigkeit nahm sie die Habe des Junkers aus dem geschnitzten und gemalten Schrein, wo sie neben ihrem Sonntagsschmuck geruht hatte; lachelnd breitete sie Stuck vor Stuck vor ihm aus, und schien sein Lob, dass sie alles so schon gemacht habe, gerne zu horen. Dann enteilte sie dem Gemach, um die frohe Botschaft, dass der Junker ganz genesen sei, der Mutter zu verkundigen.

Ob sie der Mutter auch gestanden, dass sie schon seit einer halben Stunde mit dem schonen, freundlichen Herrn geplaudert habe, wissen wir nicht; wir haben aber Ursache daran zu zweifeln, denn jene altliche, runde Frau hatte Erfahrung aus ihrer Jugend, und glaubte ihrem Tochterlein die Warnung nie genug wiederholen zu konnen: Sie solle sich wohl huten, mit einem jungen Burschen langer als ein Ave Maria lang zu sprechen.

II

Was kummert's dich? Du fragst

Nach Dingen, Madchen, die dir nicht geziemen.

Schiller

Als die runde Frau und Barbele von der Bodenkammer herabstiegen, war ihr erster Gang, nicht in das Gemach, wo ihr Gast war, sondern nach der Kuche. Und zwar aus zweierlei Grunden. Einmal, weil jetzt dem Gast ein kraftiges Habermus gekocht werden musste, und dann von der Kuche ging ein kleines Fenster in die Stube, dorthin stellte sich die Mutter, um die Mienen des Junkers zu rekognoszieren.

Barbele stellte sich auf die Zehen und schaute ihrer Mutter uber die Schulter durchs Fensterlein. Sie staunte und ihr Herz pochte seit siebzehn Jahren zum erstenmal recht ungestum, denn so hubsch hatte sie sich doch den Junker nicht gedacht. Sie war zwar oft von seinem Anblick bis zu Tranen geruhrt gewesen, wenn er mit starren Augen ohne Bewusstsein, beinahe ohne Leben, dalag; seine bleichen, noch im Kampf mit dem Tode so schonen Zuge hatten sie oft angezogen, wie ein ruhrendes, erhabenes Bild den frommen Sinn einer Betenden anziehet, aber jetzt, sie fuhlte es, jetzt war es was ganz anderes. Die Augen waren wie"dem Barbele auf den Zehen" bedunken, als habe sie, so alt sie geworden, noch gar keine solche gesehen. Das Haar lag nicht mehr in unordentlichen Strangen um die schone Stirne, es fiel geordnet und reich in den Nacken hinab.

Seine Wangen hatten sich wieder gerotet, seine Lippen waren so frisch wie die Kirschen an Peter und Paul; und wie ihn das seidengestickte Wams gut kleidete; und der breite weisse Halskragen, den er uber das Kleid herausgelegt hatte. Aber das konnte das Madchen nicht ergrunden, warum er wohl immer auf eine aus weiss und blauer Seide geflochtene Scharpe niedersah; so fest, so eifrig, als waren geheimnisvolle Zeichen eingewoben, die er zu entziffern bemuht sei. Ja, es kam ihr sogar vor als drucke er die Feldbinde an das Herz, als fuhre er sie an die Lippen voll Andacht und Inbrunst, wie man Reliquien zu verehren pflegt.

Die runde Frau hatte indessen ihre Forschungen durch das Fensterlein vollendet. "'s ist a Herr wie na Prenz", sagte sie, indem sie das Habermus umruhrte; "was er a Wammes a hot; dia Herra z' Stuagerd kennets et schoner hau. Was duet er no mit dem Fetza, won er in der Hand hot? Er guckta jo schier ausenander! Es ist, ka sei, a bisle Bluat na komma, dass ens verzirnt."A14

"Noi sell isch et", entgegnete Barbele, die jetzt bequemer das Zimmer ubersehen konnte; "aber wisseter Muater wia mers furkommt? er macht so gar fuirige Auga druf na; sell ist gewiss ebbes von seim Schaz."A15

Die runde Frau konnte sich nicht enthalten, uber die richtige Vermutung ihres Kindes etwas weniges zu lacheln, doch schnell nahm sie ihre mutterliche Wurde wieder zusammen, indem sie entgegnete: "A, was woist du von Schaz! So na Kind wia du muass gar an nix so denka. Gang jetzt weg vom Fensterle dort, lang mir sell Hafele her. Der Herr wird a furnehms Fressa gwohnt sei, i muass am a bisle viel Schmalz in da Brei dauh."A16

Barbele verliess etwas empfindlich das Fenster: sie wusste, dass sie ihrer Mutter nicht widersprechen durfe, aber diesmal hatte sie offenbar unrecht. Ging nicht das Madchen schon seit einem Jahr in den Lichtkarz, wo von den Madchen des Dorfes uber Schatzchen und Liebe viel gesprochen und gesungen wurde, hatten nicht einige ihrer Gespielinnen, die wenige Wochen alter waren als sie, schon jede einen erklarten Schatz, und sie allein sollte nicht davon sprechen, nicht einmal etwas davon wissen durfen? Nein, es war recht unbillig von der runden Frau, ihrem Tochterlein, das, wenn sie sich auf die Zehen stellte, der Mutter uber die Schulter sehen konnte, solche Wissenschaft geradehin zu verbieten. Aber wie es zu geschehen pflegt: das Verbot reizt gewohnlich zur Ubertretung, und Barbele nahm sich vor, nicht eher zu ruhen, als bis sie wisse, warum der junge Ritter mit so gar "fuirigen Augen" auf seine Feldbinde hinschaue.

Das Fruhstuck des Junkers war indessen fertig geworden, es fehlte nichts mehr als ein Becher guten alten Weines; auch dieser war bald herbeigebracht, denn der Pfeifer von Hardt war zwar ein geringer Mann, aber nicht so arm, dass er nicht fur feierliche Gelegenheiten ein Fasschen im Keller liegen hatte; das Madchen trug den Wein und das Brot, und die runde Frau ging im vollen Sonntagsstaat, die Schussel mit Habermus in beiden Fausten, ihrem holden Tochterlein voran in die Stube.

Es kostete den jungen Mann nicht geringe Muhe, den vielen Knicksen der Pfeifersfrau Einhalt zu tun; sie hatte in ihrer Jugend einmal auf dem Schloss zu Neuffen gedient, und wusste was Lebensart war; daher blieb sie mit der rauchenden Schussel an ihrer eigenen Schwelle stehen, bis ihr der gestrenge Junker ernstlich befahl, vorzutreten. Die Tochter aber stand errotend hinter der runden Frau, und ihr verschamtes Gesicht ward nur auf Augenblicke sichtbar, wenn die Mutter sich recht tief verneigte. Auch sie machte die gehorige Anzahl Knickse, doch mochten sie nicht so ungemein ehrerbietig sein, denn sie hatte ja schon ein halb Stundchen mit ihm geplaudert.

Das Madchen deckte jetzt den Tisch mit frischen Linnen; setzte dem Junker das Habermus und den Wein an den Ehrenplatz in der Ecke der Bank unter dem Kruzifix; dann steckte sie einen zierlich geschnitzten holzernen Loffel in das Mus; er blieb aufrecht darin stehen, und es war dies ein gutes Zeichen, dass das Fruhstuck delikat bereitet sei. Als der Junker sich niedergelassen hatte, setzten sich auch Mutter und Tochter an den Tisch zu ihrem Suppennapf, doch in bescheidener Entfernung und nicht ohne das Salzfass zwischen sich und ihren vornehmen Gast zu stellen. Denn so wollte es die Sitte in den guten, alten Zeiten.

Georg hatte, wahrend sie das Fruhmahl verzehrten, Musse genug, die beiden Frauen zu betrachten. Er gestand sich, dass die Hausehre des Pfeifers von Hardt eine stattliche Frau sei, die vielleicht manchen weniger kuhnen Mann als seinen Fuhrer und Erretter unter die Stelzen ihrer gewichtigen Schuhe (Pantoffel hatte sie wohl nicht) gebracht hatte. Auch das Kind des Spielmanns dunkte ihm eine liebliche Dirne, und ein so schoner Kopf, solche freundliche Augen hatten vielleicht in seinem Herzen einen nicht zu verachtenden Raum gewonnen, ware es nicht von einem Bild schon ganz erfullt gewesen, ware nicht die Kluft so unendlich gross gewesen, welche Geburt und Verhaltnisse zwischen den Erben des Namens Sturmfeder und der geringen Tochter des Pfeifers von Hardt befestigt hatte. Nichtsdestoweniger ruhten seine Blicke mit Wohlgefallen auf ihren reinen, unschuldigen Zugen, und ware die runde Frau nicht mit ihrer Suppe zu beschaftigt gewesen, so ware ihr wohl die Rote nicht entgangen, die auf den Wangen ihres Kindes aufstieg, wenn zufallig einer ihrer verstohlenen Blicke dem Auge des jungen Mannes begegnete.

"Der Napf ist leer, jetzt ist es Zeit zu schwatzen." Dieser richtige Spruch galt auch hier sobald das Tischtuch weggenommen war. Georg lagen vornehmlich zwei Dinge am Herzen; er musste gewiss sein, wann der Pfeifer von Lichtenstein zuruckkommen wurde, weil er nur seine Nachrichten uber die Geliebte abwarten wollte, um dann sogleich zu ihr zu eilen; und zweitens war es ihm sehr wichtig, zu erfahren, wo das Heer des Bundes in diesem Augenblick stehe. Uber das erstere konnte er keine weitere Auskunft erhalten, als was ihm das Madchen fruher schon gesagt hatte; der Vater sei etwa seit sechs Tagen abwesend; habe aber versprochen am funften Abend wieder hier zu sein, und sie erwarten ihn daher stundlich. Die runde Frau vergoss Tranen, indem sie dem Junker klagte, dass ihr Mann, seitdem dieser Krieg begonnen, kaum einige Stunden zu Haus gewesen sei; er sei von fruheren Zeiten her schon als ein unruhiger Mann beruchtigt; jetzt murmeln die Leute auch wieder allerlei uber ihn, und gewiss bringe er seine Frau und sein Kind durch sein gefahrliches Leben noch in Ungluck und Jammer.

Georg suchte alle Trostgrunde hervor, um ihre Tranen zu stillen; es gelang ihm wenigstens insoweit, dass sie ihm seine Fragen nach dem Bundesheer beantwortete.

"Ach Herr", sagte sie; "des ist a Graus und a Jomer; 's ist grad wie wenn der wild Jager uf de Wolka reitet, und mit seine g'schpenstige Hund ubers Land wegzieht. 's ganz Unterland hent se schau, und jetzt got's mit em hella Haufa ge Tibenga."

"So sind die Festungen alle schon in ihrer Hand?" fragte Georg verwundert; "Hollenstein, Schorndorf, Goppingen, Teck, Urach? Sind sie alle schon eingenommen?"

"Alles hent se; a Mann vo Schorndorf hot's g'sait, dass se de Hollastoi, Schorndorf und Goppenga hent. Aber von Teck und Aurich kane Uich ganz gnau berichta, mer send jo koine drei, vier Stund davo." Sie erzahlte nun, am dritten April sei das Heer vor Teck gezogen; sie haben einen Teil des Fussvolkes vor das eine Tor gesetzt, und sich mit der Besatzung uber die Ubergabe besprochen. Da seien alle Knechte zu diesem Tor geeilt und haben zugehort, und indessen sei das andere Tor von den Feinden bestiegen worden. Im Schloss Urach aber seien vierhundert herzogliche Fussknechte gewesen; diese habe die Burgerschaft nicht in die Stadt lassen wollen, als der Feind anruckte. Es sei zum Gefecht zwischen ihnen gekommen, worin die Knechte auf den Markt gedrungen seien, dort aber sei der Vogt von einer Kugel getroffen, und nachher mit Hellebarden niedergestossen worden; die Stadt habe sich dem Bunde ergeben. "Es ist koi Wunder", schloss die runde Frau ihre Erzahlung, "alle Burga und Schlosser nemmet se ei; denn se hent lange Feldschlanga und Bombardierstuck, wo se Kugla draus schiesset, graisser als mei Kopf, dass alle Maura zema brecha, und alle Tirn eifalle muasset."

Georg konnte nach diesem Bericht ahnen, dass eine Reise von Hardt nach Lichtenstein nicht minder gefahrlich sein werde, als jener Ritt uber die Alb, denn er musste gerade die Linie zwischen Urach und Tubingen durchschneiden. Doch war Urach schon seit mehreren Tagen von dem Heere verlassen; die Belagerung von Tubingen musste notwendig viele Mannschaft erfordern, und so konnte Georg dennoch hoffen, dass keine eigentlichen Posten mehr den Strich Landes, den er zu durchreisen hatte, besetzt halten werden.

Mit Ungeduld erwartete er daher die Ankunft seines Fuhrers. Seine Kopfwunde war geheilt; sie war nicht tief gewesen, denn die Federn seines Barettes und sein dichtes Haar hatten dem Hiebe, der nach ihm gefuhrt worden war, seine Scharfe benommen; doch war der Schlag noch immer kraftig genug gewesen, um ihn auf so viele Tage des Bewusstseins zu berauben. Auch seine ubrigen Wunden an Arm und Beinen waren geheilt, und die einzige korperliche Folge jener unglucklichen Nacht war eine Mattigkeit, die er dem Blutverlust, dem langen Liegen und dem Wundfieber zuschrieb; doch auch diese schwand von Stunde zu Stunde, denn ein frischer Mut und sehnsuchtige Gedanken in die Ferne, verjagen gar bald solche schlimme Gaste.

Es gehorte ubrigens dieser frische Mut und ein wenig jugendliche Neugierde dazu, ihm die langsam hinschleichenden Stunden ertraglich zu machen; es gehorte die muntere Tochter des Pfeifers dazu, um ihn vergessen zu lassen, wie unertraglich lange ihr Vater auf sich warten lasse. Er sah hier, was er sich schon lange zu sehen gewunscht hatte, eine echte, schwabische Bauernwirtschaft. Wie drollig kamen ihm ihre Sitten, ihre Sprache vor; sein Franken, so nahe es an dieses Wurttemberg grenzte, hatte doch wieder einen anderen Schlag von Leuten; es deuchte ihm, seine Bauern seien pfiffiger, verschlagener, in manchen Dingen weniger roh als diese. Aber die gutmutige Ehrlichkeit dieser Leute, die aus ihren Augen, aus ihrer Sprache, aus ihrem ganzen Wesen hervorblitzte; ihre muntere, unverdrossene Arbeitsamkeit; ihre Reinlichkeit, die ihrer Armut ein ehrbares, sogar schmukkes Ansehen gab, dies alles machte, dass er zu fuhlen glaubte, es haben diese Leute als Menschen mehr inneren Gehalt als die, welche er in seinen Gauen kennengelernt hatte, wenn sie auch in manchen Dingen nicht so viel Verschlagenheit zeigten.

Bewundern musste er auch die trauliche gutmutige Geschwatzigkeit des Madchens. Die runde Frau mochte schmalen wie sie wollte, mochte sie noch so oft ermahnen, den hohen Stand des Ritters zu bedenken, sie liess es sich nicht nehmen, ihren Gast zu unterhalten, besonders da sie ihren geheimen Plan, zu erforschen, ob sie in Hinsicht auf die Feldbinde besser geraten habe als die Mutter, noch nicht aufgegeben hatte. Sie hatte hieruber noch ihre ganz besonderen Gedanken; als namlich der Junker so gar krank gelegen, war sie in der Nacht noch lange aufgeblieben, um dem Vater Gesellschaft zu leisten, der am Bette des Verwundeten wachte. Doch bald schlief sie uber ihrer Arbeit ein; es mochte ungefahr zehn Uhr in der Nacht sein, da sie von einem Gerausch im Zimmer aufgeschreckt wurde. Sie sah einen Mann mit dem Vater angelegentlich sprechen; seine Zuge entgingen ihr nicht, obgleich er sich in eine grosse Kappe gehullt hatte, sie glaubte einen Diener des Ritters von Lichtenstein, der schon oft auf geheimnisvolle Weise zu dem Pfeifer von Hardt gekommen war, und bei dessen Anwesenheit sie immer das Zimmer hatte verlassen mussen, in ihm zu erkennen.

Neugierig, endlich einmal zu horen was dieser Mann bei dem Vater zu tun habe, schloss sie ihre Augen wieder fest zu, denn es war ihr wahrscheinlich, dass ihr Vater sie nur im Zimmer liess, weil er sie fur fest eingeschlafen hielt. Der Mann erzahlte von einem Fraulein, die uber eine gewisse Nachricht untrostlich sei. Sie habe den fremden Mann gebeten und gefleht nach Hardt zu gehen und Nachricht einzuziehen, sie habe geschworen, wenn er nicht gute Nachricht bringe, ihrem Vater alles zu sagen, und zur Pflege des Kranken selbst zu kommen. Solches hatte der Lichtensteiner heimlich gesprochen; der Vater hatte darauf das Fraulein beklagt, hatte dem Boten den ganzen Zustand des Kranken geschildert und versprochen, dass er, sobald sich der Kranke gebessert habe, selbst kommen werde, um dem Fraulein diesen Trost zu bringen. Der fremde Mann hatte sodann dem Kranken ein Lockchen von seinen langen Haaren abgeschnitten, es in ein Tuch geschlagen und unter dem Wams wohl verwahrt; darauf war er vom Vater gefuhrt, aus der Stube gegangen, und kurz nachher horte sie ihn bei Nacht und Nebel wieder wegreiten.

Diese Begebenheit hatten die vielerlei Geschafte der folgenden Tage bald wieder aus dem leichten, jugendlichen Sinn der Tochter des Pfeifers von Hardt verdrangt, sie erwachten aber jetzt aufs neue, aufgeregt durch das, was Barbele durchs Kuchenfenster gesehen hatte. Sie wusste, dass der Ritter von Lichtenstein eine Tochter habe, denn die Schwester des Spielmanns war ja ihre Amme. Und dieses Fraulein musste es wohl sein, die den Lichtensteiner Knecht gesandt hatte, um sich so angelegentlich nach dem Kranken zu erkundigen, die sogar selbst kommen wollte, um ihn zu pflegen.

Alle Sagen von liebenden Konigstochtern, von Rittern, die krank in Gefangenschaft gelegen, und von holden Fraulein errettet wurden, alles, was uber dieses Kapitel jemals in der traulichen Spinnstube erzahlt worden war und es gab viele "grausige" Geschichten hieruber , kam ihr in das Gedachtnis. Sie wusste nun zwar nicht, wie es mit der Minne so vornehmer Leute beschaffen sei, aber sie dachte, es werde den hohen Fraulein wohl ungefahr ebenso ums Herz sein, wie den Madchen von Hardt, wenn sie an einen schmucken Burschen von Ober-Ensingen oder Kongen ihr Herz verschenkt haben. Und in dieser Hinsicht kam ihr das Verhaltnis, dem sie in Gedanken nachspurte, gar reizend vor, besonders dachte sie sich den Schmerz des Frauleins auf ihrer fernen, hohen Burg recht grausam und ruhrend, wie sie nicht wisse, ob ihr Schatz lebendig oder tot sei, wie sie nicht zu ihm konne, um ihn zu sehen und zu pflegen.

Sie wusste ein Lied, das man oft im Lichtkarz sang; es hatte eine schone Weise, und kam ihr unwillkurlich auch jetzt in den Sinn; es hiess:

"Wenn i im Bett lieg und bi krank,

Wer fuhrt mer mei Schatzle zum Tanz;

Und wenn i im Grab lieg und faule,

Wer kusst no ihr Honigmaule?"

Tranen traten ihr in die sonst so frohlichen Augen, als sie bedachte, wie leicht der Junker seinem Liebchen hatte wegsterben konnen, und wie sie dann so einsam und ohne Liebe gewesen ware, und doch war sie gewiss recht schon und eines vornehmen reichen Ritters Kind. Doch ist nicht der Junker noch viel schlimmer daran? dachte das gutherzige Schwabenkind weiter; dem Fraulein hatte ja der Vater jetzt Nachricht von ihm gebracht, aber er, er wusste ja seit vielen Tagen kein Wortchen von ihr; denn fruher wusste er nichts von sich selbst, und seit er wieder ganz bei Leben war, konnte er auch nichts wissen; darum hatte er wohl die Binde, die er gewiss von ihr hatte, so beweglich angeschaut und ans Herz und den Mund gedruckt? Sie nahm sich vor ihm zu erzahlen, was in jener Nacht vorgegangen sei, vielleicht ist es ihm doch ein Trost, dachte sie.

Georg hatte bemerkt, wie die frohliche Miene des spinnenden Barbeles nach und nach ernster geworden war, wie sie uber etwas nachzusinnen schien, ja er glaubte sogar eine Trane in ihrem Auge bemerkt zu haben. "Was hast du, Madchen", sagte er, als die Mutter gerade das Zimmer verlassen hatte; "warum wirst du auf einmal so still und ernst? und netzt ja sogar deine Faden mit Tranen?"

"Send denn Ihr so lustig, Junker?" fragte Barbele, und sah ihm recht fest ins Auge; "i han gmoint, es sei vorig ebbes aus Eure Auga grollt, was selle Binde dort gnetzt hot. Sell hent Er gwiss vo Eurem Schatzle, und jetzt tuet Ichs loid, dass Er et bei er sind."A17

Sie mochte nahe ans Ziel getroffen haben, denn der junge Mann errotete tief uber ihre Frage. "Du hast vielleicht recht" sagte er lachelnd, "doch bin ich deswegen nicht gar zu traurig ich werde sie bald wiedersehen."

"Ach, was des fur a Freud sein wird in Lichtastoi", entgegnete Barbele mit einem schelmischen Seitenblick.

Georg erstaunte; sollte ihr der Vater von dem Geheimnis seiner Liebe etwas gesagt haben? "In Lichtenstein?" fragte er sie, "was weisst du von mir und Lichtenstein?"

"Ach, i mag's dem gnadigen Fraule wohl gonna, dass se wieder amol a Freud hot; mer hot mer gsait, sie hab rechtschaffa g'jomeret, wie Er so krank gwe send."A18

"Gejammert sagst du?" rief Georg, indem er aufsprang und zu ihr trat; "so wusste sie um meine Krankheit? O sage, was weisst du von Marie? kennst du sie? Was sagte der Vater von ihr?"

"Der Vater hot koi Sterbeswortle zu mer gsait, und i wisst au net, dass es a Fraule von Lichtastoi geit, wenn et mei Bas ihr Amm war. Aber Er muesset mer's et ubel nemma, Junker, dasse a bissele g'horcht hau; gucket des Ding ist so ganga:"A19 Sie erzahlte dem Junker wie sie hinter das Geheimnis gekommen sei, und dass der Vater, wahrscheinlich um guten Trost zu bringen, nach Lichtenstein gegangen sei.

Georg wurde schmerzlich bewegt durch diese Nachricht, er hatte bis jetzt geglaubt, Marie werde die Nachricht seines Unfalls zugleich mit der trostlichen Kunde seiner Genesung erhalten; und jetzt musste er erfahren, dass sie mehrere bange Tage in Ungewissheit geschwebt sei; in der schrecklichen Ungewissheit, ob er nicht hier noch entdeckt werde, ob er gerettet werde, ob sie ihn je wiedersehen wurde; er kannte ihr treues Herz, und wie lebhaft konnte er sich ihren Kummer denken! Wahrlich, sein eigenes Ungluck schien ihm gering und nicht zu beachten, wenn er sich den Jammer des teuren Madchens vorstellte. Wieviel hatte sie in Ulm gelitten, wie schmerzlich war ihr der Abschied von ihm geworden; und kaum hatte ihr Herz wieder freier geatmet in dem Gedanken, dass er des Bundes Fahnen verlassen werde, kaum hatte sie ein wenig heiterer in die Zukunft gesehen, so kam ihr die Schreckensbotschaft von der todlichen Wunde. Und dieses alles vor den Blicken des Vaters verschliessen zu mussen, diesen grossen Schmerz allein tragen mussen, ohne eine, auch nur eine Seele zu haben, bei welcher sie weinen, bei welcher sie Trost suchen konnte. Jetzt fullte er erst, wie notwendig es sei, schnell nach Lichtenstein zu eilen, und seine Ungeduld wurde zum Unmut, dass jener, sonst so kluge Mann, gerade in diesen kostbaren Augenblicken so lange ausbleibe.

Das Madchen mochte seine Gedanken erraten, "I sieh wohl, Er mochtet gern von ich fort; wenn no der Vater do war, denn alloi fendet Er da Weg noch Lichtastoi net; Er send koi Witaberger, des merke an der Sproch, und so kennet Er leicht verirra. Wisseter was? i lauf em Vater entgege und mach, dass er bald kommt."A20

"Du wolltest ihm entgegengehen?" sagte Georg, geruhrt von der Gutmutigkeit des Madchens, "weisst du denn, ob er schon in der Nahe ist; vielleicht ist er noch stundenweit entfernt, und in einer Stunde wird es Nacht!"

"Und war's so Nacht, dass mer da Weg mit de Hand greifa muesst, und muesset e laufa bis Lichtastoi, i wett's gern dauh, Er kommet jo no balder zu "A21 errotend schlug sie die Augen nieder, denn trieb sie auch ihr gutes Herz, sich zum Liebesboten des Ritters anzubieten, so schamte sie sich doch, jenes zarte Verhaltnis, das ihr heute so klar, wie noch nie zuvor einleuchtete, zu beruhren.

"Und willst du mir zulieb gehen bis Lichtenstein, so ware es ja toricht von mir, zuruckzubleiben, und erst deinen Vater zu erwarten. Ich sattle geschwind mein Ross und reite neben dir her, und du zeigst mir den Weg, bis ich ihn nicht mehr verfehlen kann!"

Das Madchen von Hardt schlug die Augen nieder und spielte mit dem langen Zopfband; "aber es wird jo scho enera Stund Nacht",A22 flusterte sie kaum horbar.

"Ei, was schadet das, dann bin ich um den Hahnenschrei in Lichtenstein", antwortete Georg, "du wolltest dich ja vorhin selbst bei Nacht und Nebel auf den Weg machen."

"Ja i wohl", entgegnete Barbele ohne aufzusehen, "aber Euch ist's gwiss et gsund, wo ner erst krank gwa sent, so in der kuhla Nacht en Weg von sechs Stund z'macha."A23

"Das kann ich nicht beachten", rief Georg, "und die Wunde ist ja geheilt, ich bin gesund wie zuvor; nein! ruste dich immer, gutes Kind, wir brechen sogleich auf, ich gehe mein Pferd zu satteln." Er nahm den Zaum von einem Nagel an der Wand, wo er aufgehangt war, und schritt zur Ture.

"Herr! Euer Gnaden!" rief ihm das Madchen angstlich nach; "lasset's lieber geh. Gucket, 's tuet se et, dass mer so selbander in der Nacht fortganget. D'Leut in Hardt send so gar wunderlich, und mer tat mer gwiss ebbes ahanga, wenne .A24 Wartet lieber bis morga fruh, so wille Ich meitwega fuhra bis Pfullinga."

Der Junker ehrte die Grunde des guten Madchens, und hing schweigend den Zaum wieder an die Wand. Es mochte ihm freilich lieber gewesen sein, wenn die Leute von Hardt weniger geneigt waren, Boses zu denken; doch es war hier nichts zu tun, als sich schweigend in sein Schicksal zu ergeben. Er beschloss daher diesen Abend und die folgende Nacht noch auf den Pfeifer zu warten; kame er nicht, so wollte er mit dem fruhesten Morgen zu Pferd sein, und unter Leitung seiner schonen Tochter nach Lichtenstein aufbrechen.

III

Die linden Lufte sind erwacht,

Sie schaffen und weben Tag und Nacht,

Sie sauseln an allen Enden,

O frischer Duft, o neuer Klang!

Nun, armes Herze, sei nicht bang!

Nun muss sich alles, alles wenden.

L. Uhland

Aber der Pfeifer von Hardt kehrte auch in dieser Nacht nicht nach Haus zuruck, und Georg, der seine Sehnsucht nach der Geliebten nicht mehr langer zugeln konnte, sattelte, als der Morgen graute, sein Pferd. Die runde Frau hatte nach einigen harten Kampfen, mit ihrem Tochterlein, erlaubt, dass sie den Junker geleiten durfe. Sie wusste zwar, dass ein so unerhortes Ereignis viele Abende zur Unterhaltung in den Spinnstuben von Hardt dienen werde, und sah es deswegen nicht ganz gerne. Wenn sie aber bedachte, wieviel ihrem Eheherrn an dem jungen Ritter gelegen sein musse, weil er ihn in sein Haus aufgenommen, und wie einen Sohn gepflegt hatte, so glaubte sie doch diesen letzten Dienst ihrem Gast nicht abschlagen zu durfen; doch machte sie die Bedingung, dass Barbele vorausgehen, und ihn eine Viertelstunde hinwarfst an einem Markstein erwarten musse.

Georg nahm geruhrt Abschied von der stattlichen, runden Frau, die ihm zu Ehren heute noch einmal in ihrem Sonntagsstaat prangte; er hatte in den geschnitzten Schrank einen Goldgulden gelegt, ein wichtiges Geschenk fur die damalige Zeit, und eine bedeutende Summe fur die Reisekasse Georgs von Sturmfeder. Der Pfeifer von Hardt soll ubrigens nie etwas von diesem Depositum erfahren haben; sei es nun, dass die gute runde Frau den Goldgulden nicht gefunden hat, oder dass sie ihrem Eheherrn nichts davon berichtete, aus Angst, er mochte den Junker durch die Ruckgabe des Geschenkes beleidigen. Nur so viel ist gewiss, dass die Frau des Spielmanns kurze Zeit nach diesem Vorfall mit einem nagelneuen Rock in der Kirche erschien, zur Verwunderung aller Weiber in der Gegend, und dass ihre Tochter Barbele ein schones Mieder von feinem Tuch mit Goldborden auf der nachsten Kirchweihe trug, das man fruher nie an ihr gesehen. Auch soll sie jedesmal errotet sein, wenn die Madchen das neue Mieder befuhlten und lobten. Welch grossen Staat konnte man in den guten Zeiten um einen Goldgulden machen!

Georg traf seine Fuhrerin auf dem bezeichneten Markstein sitzen. Sie sprang auf, als er herankam, und ging mit raschen Schritten neben ihm her. Das Madchen kam ihm heute noch viel hubscher vor als gestern. Ihre Wangen hatte der frische Aprilmorgen mit hohem Rot bedeckt, und ihre Augen glanzten freundlich. Ihre Tracht eignete sich ganz gut zu einem weiten Marsch, denn das kurze Rockchen hinderte den Fuss nicht, flink auszuschreiten. Sie hatte ein Korbchen an den Arm gehangt, als wolle sie zu Markt in die Stadt gehen. Sie trug aber weder Gemus noch Fruchte darin, was sie wohl sonst in die Stadt zu bringen pflegte, sondern ein Regentuch, mit dem sie sich gegen die wechselnden Launen eines Apriltages versehen hatte. Der Junker dachte bei sich, als sie so schmuck und rustig neben ihm hinging, dass das Madchen wohl einmal eine gute, tuchtige Hausfrau zu werden verspreche, und pries den jungen Burschen glucklich, der einst das Kleinod des Spielmannes von Hardt fur sich gewinnen werde.

Sie hatte unstreitig viel von dem lebhaften Geiste ihres Vaters geerbt. Denn, wie auch jener bei der Reise uber die Alb seinem vornehmen Gefahrten durch Erzahlungen und Hindeutungen auf die Gegend den Weg zu verkurzen bemuht gewesen war, so wusste auch sie, sooft das Gesprach zu stocken begann, entweder auf einen schonen Punkt in den Talern und Bergen umher, aufmerksam zu machen, oder sie teilte ihm unaufgefordert eine und die andere Sage mit, die sich an ein Schloss, an ein Tal oder einen Bach knupften.

Sie wahlte meistens Nebenwege, und fuhrte den Reiter hochstens zwei- bis dreimal durch Dorfer, von zwei zu zwei Stunden aber machten sie halt. Endlich nach vier solchen Stationen sah man in der Entfernung von einer kleinen halben Stunde ein Stadtchen liegen; der Weg schied sich hier, und ein Fusspfad fuhrte links ab in ein Dorf. An diesem Scheidepunkt blieb das Madchen stehen und sagte: "Was Er dort sehet ist Pfullinga, von dort kann Ich jedes Kind da Weg nach Lichtastoi zeiga."

"Wie? Du willst mich schon verlassen?" fragte Georg, der sich an die munteren, sinnigen Reden seiner Begleiterin so gewohnt hatte, dass ihn der Abschied uberraschte; "warum gehst du nicht wenigstens mit mir bis Pfullingen? Dort kannst du in der Herberge etwas essen und trinken; du willst doch nicht geradezu nach Haus laufen?"

Das Madchen suchte freundlich auszusehen und zu scherzen, doch konnte sie einen schmerzlichen Zug um den Mund und trube Augen nicht verbergen; denn wohl mochte auch ihr die Nahe ihres schonen Gastes teurer geworden sein, als sie vielleicht selbst wusste. "Do muess i von Ich geh, gnadiger Herr", sagte sie, "so gerne au no weiters mitging; aber d'Muetter will's so; dort in dem Dorfle am Berg hanne a Baas, und bei der bleibe heut, und morga gange wieder noch Hardt. Jetzt b'huet Ich Gott der Herr und d' heilig Jungfrau und alle seine Heilige nemmet Ich in Schutz. Gruesset mer de Vater und au", setzte sie lachelnd hinzu, indem sie schnell eine Trane abschuttelte, "gruesset mer sell Frahla, die Er so gern hent."A25

"Dank dir Barbele", entgegnete Georg, und reichte ihr die Hand zum Abschied vom Pferd hinab. "Ich kann dir deine treue Pflege nicht vergelten. Aber wenn du nach Haus kommst, so schau in den geschnitzten Schrank, dort wirst du etwas finden, das vielleicht zu einem neuen Mieder oder zu einem Rockchen fur den Sonntag reicht. Nun, und wenn du es dann zum erstenmal anhast und dein Schatz dich darin kusst, so denke an Georg von Sturmfeder!"

Der junge Mann gab seinem Pferde die Sporen, und trabte uber die grune Ebene hin dem Stadtchen zu. Zweihundert Schritte weit entfernt, schaute er sich noch einmal nach der Tochter des Spielmannes um. Sie stand noch dort, wo er sie verlassen hatte, im roten Mieder, im kurzen Rockchen, mit langen Zopfen und weissen Strumpfen, sie war es und keine andere; aber sie hielt die Hand vor die glanzenden Augen, und Georg war ungewiss, ob sie die Strahlen der Sonne dadurch abhalten wolle, indem sie ihm nachblickte, oder ob sie vielleicht jene Trane verwische, die er in ihren Wimpern blinken sah, als sie Abschied nahm.

Bald war er am Tor der kleinen Stadt angelangt. Er fuhlte sich ermudet und durstig, und fragte daher auf der Strasse nach einer guten Herberge. Man wies ihn nach einem kleinen dusteren Haus, wo ein Spiess uber der Ture und ein Schild mit einem springenden Hirsch geziert, zur Einkehr einluden. Ein kleiner barfussiger Junge fuhrte sein Pferd in den Stall, ihn selbst aber empfing in der Ture eine junge, freundliche Frau und fuhrte ihn zur Trinkstube.

Es war dies ein weites, finsteres Zimmer, an dessen Wanden sich schwere eichene Tische und Banke hinzogen. Die ungeheure Menge von Kannen und Bechern, die blank gescheuert von den Gestellen am Getafer herabblinkte, bewies, dass die Herberge zum Hirsch sehr besucht sein musse. In der Tat sassen auch, obgleich es erst Mittag war, schon viele Gaste beim Wein. Sie schauten den stattlichen jungen Ritter prufend an, als er an ihren Tischen voruber zum Ehrenplatz, in ein sechseckiges, wie eine Laterne aus lauter Fenstern erbautes Erkerlein gefuhrt wurde; doch liessen sie sich in ihrem Gesprach durch den vornehmen Gast nicht lange storen, sondern schwatzten weiter uber Krieg und Frieden, uber Schlachten und Belagerungen, wie ehrsame Spiessburger in so unruhigen Zeiten, wie etwa anno 1519, zu tun pflegen.

Die Wirtin schien an ihrem Gast Gefallen zu finden. Sie schaute mit lachelnder Miene nach ihm heruber, wenn sie am Erkerlein vorbeiging, und als sie ihm eine Kanne alten Heppacher und einen silbernen Becher vorsetzte, zog sich ihr etwas grosser Mund zu holdseliger Freundlichkeit. Sie versprach ihm auch, ein junges Huhn zu braten und einen Tisch zu decken, wenn er sich nur ein wenig gedulden wolle; einstweilen solle er sich den Wein gut bekommen lassen. Das laternenformige Erkerlein lag um zwei Stufen hoher als die ubrige Trinkstube, Georg konnte daher mit Musse die Tische ubersehen und trinkend die Gaste mustern. Obgleich er nicht viel in Herbergen und Weinstuben sich herumzutreiben pflegte, so hatte er doch, vielleicht dadurch, dass er weniger sprach als beobachtete, einen eigenen Takt in Beurteilung solcher Umgebungen gewonnen, der ihn auch bei seinen jetzigen Beobachtungen unterstutzte.

Die Gesellschaft, die um einen der grossen eichenen Tische sass, bestand aus etwa zehn bis zwolf Mannern. Sie unterschieden sich auf den ersten Anblick nicht sehr voneinander; grosse Barte, kurze Haare, runde Mutzen, dunkle Wamser gehorten dem einen so gut wie dem anderen an. Doch sonderte ein scharferer Blick bald vorzuglich drei von den ubrigen. Der eine, er sass Georg am nachsten, war ein kleiner, fetter freundlicher Mann. Sein Haar war im Nacken etwas langer als das der anderen, er hatte es sorgfaltiger gekammt, auch schien sein dunkler Bart besser gepflegt zu sein. Ein Mantel von feinem schwarzem Tuch, und ein Filzhut mit spitzigem Kopf und breiter Krempe, die hinter ihm an einem Nagel hingen, bezeichneten einen Mann von einigem Gewicht, vielleicht gar einen Ratsherrn. Er mochte auch eine bessere Sorte trinken als die ubrigen, denn er schlurfte bedachtig, und wenn er mit dem Deckel an seinem Krug das Zeichen gab, dass er leer sei, tat er dies mit einem gewissen Anstand, und vernehmlicher als die ubrigen. Er sah bei allem, was gesprochen wurde, uberaus fein und listig aus, als wisse er noch manches, ohne es gerade hier preisgeben zu wollen. Auch hatte er das Vorrecht, das Kellnermadchen in die Wangen zu kneipen oder ihren runden Arm zu "tatscheln", wenn sie ihm die gefullte Kanne brachte.

Ein anderer Mann, der am entgegengesetzten Ende des Tisches sass, stach nicht minder gegen seine Umgebungen ab, als der Fette; alles war an ihm langlich und hager. Sein Gesicht, von der Stirne bis zu dem langen, zugespitzten Kinn, mass wohl eine gute Mannesspanne; seine Finger, mit welchen er auf dem Tische den Takt eines Liedes spielte, das er leise vor sich hin pfiff, hatten etwas Spinnenartiges, und als sich Georg einmal zufallig buckte, gewahrte er zu seinem grossen Erstaunen, dass der hagere Mann lange, dunne Beine, beinahe unter dem ganzen Tisch hin, ausgestreckt hatte. Er hatte um seine Nase etwas Hochfahrendes, das sich auch in der Art, wie er allem, was die Burger vorbrachten, widersprach, ausdruckte; er sah aus, wie einer der viel mit vornehmen Herren umgegangen ist, ihre Art und Weise angenommen hat, aber doch nicht recht bequem damit zurechtkommt. Er konnte nicht aus dem Stadtchen sein, denn er hatte die Wirtin nach seinem Pferd gefragt. Nach Georgs Mutmassungen war er ein reisender Arzt, wie sie zu jener Zeit im Land umherzogen, um die Menschen kunstlich umzubringen.

Der dritte Mann, der dem Gast im Erker auffiel, sah etwas zerrissen und zerlumpt aus; er hatte ubrigens etwas Bewegliches, Listiges in seinem Wesen, das ihn von der gutmutigen, behaglichen Ruhe der Spiessburger merklich unterschied. Er hatte uber dem einen Auge ein grosses Pflaster, das andere aber blickte kuhn und offen um sich. Ein grosser Reisestock mit eiserner Spitze, der neben ihm lag, und sein lederbesetzter Rucken, worauf er gewohnlich einen Korb oder eine Kiste tragen mochte, liessen schliessen, dass er entweder ein Bote sei, oder wahrscheinlicher noch einer jener herumziehenden Kramer, die auf Markte und Kirchweihen, nebst wunderbaren Nachrichten aus fernen Landen, fur die Weiber wirksame Mittel gegen verhextes Vieh, und fur die Madchen schone bunte Bander und Tucher bringen.

Diese drei waren es auch, die das Gesprach fuhrten, das nur hin und wieder durch einen Ausruf der Verwunderung oder durch ein Klopfen mit den Krugdekkeln von den ubrigen ehrsamen Burgern unterbrochen wurde.

Diese Manner handelten ubrigens eine Materie ab, die Georgs Interesse sehr in Anspruch nahm. Sie sprachen uber die Unternehmungen des Bundes im wurttembergischen Unterland. Der Kramer mit dem ledernen Rucken hatte erzahlt, dass Meckmuhl, worin sich Gotz von Berlichingen eingeschlossen, von den Bundischen ersturmt, und jener tapfere Mann gefangen worden sei.23

Der Ratsherr hatte zu dieser Nachricht listig gelachelt, und einen guten Zug von seiner besseren Sorte getrunken; der Hagere liess aber den Lederrucken nicht aussprechen, er schlug den Takt mit den langen Fingern etwas vernehmlicher, und sagte mit hohler Stimme: "Das ist erstunken und erlogen, Freund! seht, das ist gar nit moglich, denn der Berlichingen versteht die schwarze Kunst und ist fest, das muss ich wissen; und uberdies hat er allein mit seiner eisernen Hand in mancher Schlacht zweihundert Mann maustot geschlagen, was wird er sich denn fangen lassen?"

"Mit Verlaub", unterbrach ihn der fette Herr; "dem ist nicht also, sondern Gotz ist in der Tat gefangen, und sitzt in Heilbronn. Aber nicht weil er erlegen ist, denn sein Schloss in Meckmuhl ist nicht ersturmt worden, sondern die Bundischen haben ihm und den Seinigen freien Abzug versprochen; wie er aber aus dem Tor kam, wurde er uberfallen, seine Knechte getotet und er gefangen. Seht, das ist nicht recht, und da hat der Bund schandlich gehandelt."

"Da muss ich doch bitten, Herr", sprach der Lange, "dass man nicht also von den Bundesobersten spricht; ich kenne viele Herren davon genau, wie z.B. Herr Truchsess von Waldburg mein geneigter Herr und Freund ist."

Der fette Herr schien etwas erwidern zu wollen, spulte aber das, was ihm auf der Zunge lag, mit einigem Wein hinunter. Jedoch die Burger brachen bei Erwahnung so vornehmer Bekanntschaften in ein Gemurmel des Staunens aus, und lufteten ehrerbietig ihre Mutzen.

"Nun, wenn Ihr bei dem Bunde so gut bekannt seid", sagte der Zerlumpte mit etwas trotziger Miene, "so werdet Ihr uns die beste Nachricht geben konnen, wie es um Tubingen aussieht."

"Es pfeifet auf dem letzten Loch", antwortete der Gefragte; "ich war vor kurzer Zeit dort, und sah die furtrefflichen und schrecklichen Anstalten zur Belagerung."

"Ei, So, Wie", flusterten die Burger und ruckten naher zusammen, als erwarteten sie wichtige Kunde.

Der hagere Mann lehnte sich an die Lehne seines Stuhles zuruck, steckte die langen Finger in die Degenkuppel, streckte die Beine um einige Zoll langer aus und sprach: "Ja, ja ihr Leute, dort sieht es arg aus; alle Ortschaften in der Nachbarschaft sind in grossem Schaden, denn die Obstbaume sind alle abgehauen, man schiesst mit aller Macht auf Stadt und Schloss, und die Stadt hat sich schon ergeben; im Schloss liegen vierzig Ritter, aber sie konnen die paar Mauerlein nicht mehr lange halten!"

"Was? ein paar Mauerlein?" rief der fette Herr und setzte seine Kanne klirrend auf den Tisch; "wer je das Schloss von Tubingen gesehen hat, kann nicht von ein paar Mauerlein reden. Hat es nicht auf den Seiten, wo es an den Berg stosst, zwei tiefe Graben, dass die Bundler mit keiner Leiter hinaufkonnen, und Mauern zwolf Schuh dick, und Turme, aus welchen sie ihre Feldschlangen nicht ubel spielen lassen."

"Umgeschossen, umgeschossen!" rief der lange Mann mit so greulich hohler Stimme, dass die erschrockenen Burger die Turme von Tubingen krachen zu horen glaubten; "den neuen Turm, den der Ulerich neulich aufbaute, hat der Frondsberg umgeschossen, wie wenn er nie dagestanden ware."24

"Aber damit ist noch nicht alles hin", antwortete der Zerlumpte. "Und die Ritter machen Ausfalle aus dem Schloss, und haben schon manchen auf dem Worth am Neckar schlafen gelegt. Und dem Frondsberg haben sie den Hut vom Kopf geschossen, dass er heute noch Ohrensumsen hat."25

"Da seid Ihr falsch berichtet", sprach der Hagere nachlassig; "Ausfalle? dafur haben die Belagerer leichte Reiter wie die Teufel; es sind Griechen, ich weiss nicht vom Ganges oder Epiros, man heisst sie Stratioten; die haben einen Obersten, den Georg Samares, der lasst keinen Hund aus dem Loch ausfallen."26

"Der hat halt auch ins Gras beissen mussen", entgegnete der zerlumpte Mann mit einem hohnischen Seitenblicke; "die Hunde, wie Ihr sie nennt, sind dennoch ausgefallen, obgleich der Grieche vor dem Loch stand, und haben ihn gebissen und gefangen, und "

"Gefangen? den Samares?" rief der Lange aus seiner vornehmen Ruhe aufgeschreckt; "Freund, das habt Ihr falsch gehort!"

"Nein", antwortete jener sehr ruhig, "ich habe die Glocken lauten horen, als man ihn in Sankt-JorgenKirche begraben hat."

Die Burger schauten aufmerksam nach dem langen Fremden um zu erforschen, was fur einen Eindruck diese Nachricht auf ihn mache? Er liess seine buschigen Augenbrauen herab, dass von seinen Augen nichts mehr zu sehen war, zwirbelte seinen langen dunnen Knebelbart, schlug mit der knochernen Hand auf den Tisch und sagte: "Und wenn sie ihn auch in zehn Stucke zerhauen hatten, den Griechen, es hilft doch nichts! das Schloss muss uber, da hilft nichts, und hat man Tubingen, dann gute Nacht Wurttemberg. Der Ulerich ist zum Land hinaus, und meine gnadige Herren und Gonner sind Meister."

"Wer steht Euch davor, dass er nicht wiederkommt? und dann? " sagte der kluge, fette Herr, und klappte den Deckel zu.

"Was? wiederkommen", schrie jener; "der Bettelmann? wer sagt das, dass er wiederkommt; wer wagt es? He?"

"Was geht es uns an?" murmelten die Gaste unmutig; "wir sind friedliche Burger, uns ist's einerlei, wer Herr im Land ist, wenn nur die Steuern anders werden. Wenn man in der Herberg ist, wird doch auch noch ein Wort erlaubt sein?" So sprachen sie, und der Hagere schien zufrieden, dass ihm keiner etwas Ernstliches entgegnete. Er sah einen um den andern mit stechendem Blicke an, zog dann sein Gesicht in freundlichere Falten und sagte: "Es war nur zur Erinnerung, dass wir den Herzog furder nicht mehr brauchen; mein Seel, mir ist er wie Gift und Operment, darum gefallt mir auch das Paternoster so gut, das einer auf ihn gemacht hat; ich will es einmal singen." Die Burger sahen finster vor sich hin, und schienen nicht sehr begierig auf den Spottgesang, der ihrem unglucklichen Herzog galt. Jener aber befeuchtete seine Kehle mit einem guten Trunk, und sang mit heiserer, unangenehmer Stimme:

"Vater unser

Reutlingen ist unser.

Der du bist

Esslingen hat nicht lange Frist.

Geheiligt werde dein Nam';

Heilbronn und Weil wollen wir han,

Zukomm uns dein Reich,

Ulm sieht uns auch gleich.

Dein Will geschehe

Die Munz' hat gereiht ein anderes Geprahe.

Unser taglich Brot

Wir haben Geschutz fur alle Not.

Gib uns heut und vergib uns unsere Schuld,

Wir haben des Konigs in Frankreich Huld,

Als wir vergeben unseren Schuldigern,

Wir wollen dem Bund das Maul zusperrn!

Lass uns nicht versucht werden

Wir wollen bald Kaiser werden.

Sondern erlos uns vom Ubel. Amen!

So behalten wir des Kaisers Namen."27

Er schloss seinen Gesang mit einem fatalen, zitternden Schnorkel, der weiter keinen Effekt hervorbrachte, als dass die Burger einander heimlich anstiessen, und uber die jammerlichen Tone des Sangers, die Achsel zuckten. Er aber schaute stolz in dem Kreise umher, als wolle er in den Mienen seiner Zuhorer den gerechten Beifall lesen.

"Ihr habt da ein gar frommes Lied gesungen", sagte der Zerlumpte, "so fein kann ich's nicht, aber doch weiss ich auch ein neues Lied, und will es mit Eurem Verlaub singen."

Der Hagere sah ihn scheel und spottisch an, die Burger aber nickten ihm zu, und er begann mit einem angenehmen Tenor, indem er die Augen halb zuschloss, aber doch hin und wieder auf den langen Mann hinuberschielte, als beobachte er, welchen Eindruck sein Gesang mache:28

"O weh, wo bleibet deine Kraft,

Wurttemberg, du arme Landschaft;

Ich klag dich billig hart und sehr,

Denn der Bader von Ulm, der ist dein Herr.

Der zu Nurnberg die Wetschger macht,

Der Weber von Augsburg treibt auch sein Pracht,

Der Salzsieder von Schwabisch Hall,

Von Ravenspurg die Kramer all.

Von Rottweil die neuen Schweizerknaben

Wollten der Gans auch ein Feder haben,

Und der Schneider von Memming ist in der Sach

Und auch der Kurschner von Biberach."

Larmender Beifall und Gelachter unterbrach den Sanger; sie langten uber den Tisch heruber, schuttelten dem Zerlumpten die Hand und lobten sein Lied. Der Hagere sprach kein Wort, sondern warf finstere Blikke auf die Gesellschaft; man war ungewiss, ob er den Beifall des Zerlumpten beneidete, oder ob der Gegenstand des Liedes ihn beleidigte. Der fette Herr aber sah ungemein klug aus, brummte die Weise des Liedes mit, und nickte bei jeder Kraftstelle mit dem Haupt.

Der Sanger mit dem ledernen Rucken fuhr fort:

"Den Saymer von Kempten ich euch meld

Und Holzhauer von dem Herdtfeld

Und andere, die ich nit nennen will

Der Haufen ist gross und wird gar zu viel.

Und auch der ist in dem Strauss,

Der richt' alles mit Ungeld aus,

Ich mein' Junker Ermlich und sein Gesind

Des reichen Barchetwebers Kind."

"Dass Euch der Kuckuck in den Hals fahr! Ihr Lumpenhund", fuhr der lange Mann auf, als er die letzten Worte horte; "ich weiss wohl, wen Ihr mit dem Barchetweber meint; meinen gnadigen Gonner den Herrn von Fugger. Den soll mir ein solcher Landlaufer verunglimpfen?" Er begleitete diese Worte mit einem ausdrucksvollen Mienespiel, und mit schrecklicher Gebarde.

Doch der mit dem ledernen Rucken liess sich nicht einschuchtern; er stellte seine ungemein muskulose Faust vor sich hin und sagte: "Den Landlaufer konnt Ihr fur Euch behalten, Herr Calmus, man weiss wohl wer Ihr seid; und wenn Ihr nicht augenblicklich Euer Maul haltet, so will ich Euch Eure Ruhrloffelarme vom Leib schlagen."

Der Hagere stand auf und bedauerte sich selbst, dass er in so gemeine Gesellschaft geraten sei; er zahlte seinen Wein und ging vornehmen Schrittes aus der Trinkstube.

IV

Weh mir, ich habe die Natur verandert.

Wie kommt der Argwohn in die freie Seele?

Vertrauen, Glaube, Hoffnung ist dahin.

Denn alles log mir, was ich hochgeachtet.

Schiller

Als dieser Mann das Zimmer verlassen hatte, sahen die Gaste erstaunt einander an; es war ihnen zumut, als hatten sie ein schweres Gewitter aufsteigen sehen, es hatte gekracht, als ob die Erde bersten wollen, ja, als ware ein erschrecklicher, totender Blitz auf sie herabgefahren, und siehe da, es war nur ein "kalter Schlag". Dem Mann mit dem Lederrucken dankten sie, dass er den ungezogenen, ubermutigen Gast so schnell entfernet habe, und fragten, was er wohl von dem hageren Fremden wisse?

"Den kenne ich wohl", antwortete dieser, "das ist unseres Herrgotts Tagdieb, ein fahrender Arzt, der den Leuten Pillen verkauft gegen die Pest, den Hunden den Wurm schneidet und die Ohren stutzt, die Madchen von dicken Halsen befreit und den Weibern Augenwasser gibt, dass sie blind werden. Er heisst eigentlich Kahlmauser, aber weil er ein Gelehrter sein will, heisst er sich Doktor Calmus. Er nistet sich bei einen Esel geheissen hat, so meint er schon, er sei sein bester Freund."

"Mit dem Herzog muss er aber nicht gut stehen", bemerkte der schlaue Herr, "denn er hat doch lasterlich uber ihn geschimpft."

"Ja, mit Herrn Ulerich steht er freilich nicht gut; das ging aber so: der Herzog hatte einen schonen danischen Jagdbund, der hatte sich im Schonbuch einen Dorn tief in die Pfote getreten. Den Herzog dauerte der Hund, er forschte nach einem geschickten Mann, der das Tier heilen konnte, und zufallig war der Kahlmauser da, und bot sich mit wichtigem Gesicht dazu an. Er bekam im Schloss in Stuttgart alle Tage gut zu essen und eine Mass Wein; das schmeckte ihm nun so gut, dass er uber ein Vierteljahr an der Hundspfote dokterte. Da liess ihn eines Tages der Herzog samt dem Hund rufen und fragte, was er ausgerichtet habe. Er soll viel gelehrtes Zeug geschwatzt haben, doch der Herr hat nicht darauf geachtet, sondern die Pfote selbst untersucht, und da fand es sich, dass sie schon ganz schwarz und brandig war. Da nahm der Herzog den Kahlmauser, so lang er war, trug ihn an die lange Treppe, auf der man bis in den zweiten Stock hinaufreiten kann, und warf ihn hinunter, dass er halb tot unten ankam. Und seit der Zeit ist der Doktor Calmus nicht gut auf den Herzog zu sprechen. Andere sagen auch, er sei der Kundschafter gewesen zwischen dem Hutten und Frau Sabina, und habe nur deswegen den Hund ubernommen, weil er dadurch ins Schloss kam."

"So? mit dem Hutten hat er es gehalten?" sagte einer der Burger. "Das hatten wir wissen sollen, so hatten wir ihm das Fell recht gegerbt, dem Lumpendoktor! Der Hutten ist doch an all dem unseligen Kriege schuld, mit seiner Liebelei, und der durre Kahlmauser hat ihm dazu geholfen."

"De mortuis nil nisi bene; man muss die Toten schonen, sagen die Lateiner", entgegnete der fette Herr; "der arme Teufel hat es mit dem Leben teuer genug bezahlt."

"Aber es ist ihm recht geschehen", rief jener Burger mit grosser Hitze; "an des Herzogs Stelle hatte ich's gerade auch so gemacht, ein jeder Mann muss sein Hausrecht wahren."

"Reitet Ihr zuweilen mit dem Vogt auf die Jagd?" fragte der fette Herr mit uberaus schlauem Lacheln, "da habt Ihr die beste Gelegenheit; ein Schwert habt Ihr ja, und eine Eiche wird sich auch finden, wohin Ihr seinen Leichnam hangen konnet."

Ein schallendes Gelachter der Burger von Pfullingen, belehrte den Gast im Erker, dass jener eifrige Verteidiger des Hausrechts in seinem eigenen Hause nicht so ganz strenge Justiz uben musse. Er errotete und murmelte einige unverstandliche Worte in seinen Becher hinein.

Der Zerlumpte aber, der als Fremder nicht mitlachen wollte, nahm sich seiner an: "Ja wohl hat der Herzog ganz recht gehabt; denn er hatte den Hutten auf der Stelle hangen konnen, ohne dass er erst mit ihm focht, er ist ja Freischoff vom westfalischen Stuhl, vom heimlichen Gericht, und darf einen solchen Ehrenschander ohne weiteres abtun. Und er hatte die besten Beweise gleich bei der Hand; kennt Ihr das schone Liedlein? Ich will einmal ein paar Verse daraus singen:

Und im Wald er sich zum Hutten wandt:

'Was flimmert dort an deiner Hand?'

'Herr Herzog 's ist ein Ringelein

Das hab ich von meiner Liebsten fein.'

'Ei Hanns, du bist ein stattlich Mann

Hast auch ein gulden Kettlein an!'

'Das hat mir auch mein Schatz geschenkt,

Zum Zeichen, dass sie mein gedenkt.'

Dann heisst es weiter:

O Hutten, gib dei'm Gaul die Sporn,

Des Herzogs Auge rollt voll Zorn,

O Hutten, fleuch, noch ist es Zeit,

Er reisst das Schwert schon aus der Scheid "

"Lasst es lieber gut sein", unterbrach ihn der fette Herr mit ernster Miene; "es ist nicht gut, dass man in solchen Zeiten dies Lied in der Herberge singt; dem Herzog kann es nicht mehr nutzen, und die Bundischen sind rings um uns; es konnte leicht einer etwas davon horen", setzte er mit einem stechenden Blick auf Georg hinzu, "und dann hiesse es gleich: Pfullingen zahlt hundert Gulden Brandsteuer mehr."

"Weiss Gott, Ihr habt recht", sagte der Zerlumpte; "es ist nicht mehr wie fruher, wo man ein freies Wort sprechen und singen durfte beim Wein in der Trinkstube; da muss man immer umschauen ob nicht dort ein Herzoglicher, und auf der andern Seite ein Bundler sitzt; aber den letzten Vers will ich noch singen, trotz Bayern und dem Schwabenbund:

Es steht eine Eich' im Schonbuchwald,

Gar breit in den Asten und hoch gestalt't;

Die wird zum Zeichen Jahrhunderte stahn:

Dort hing der Herzog den Hutten dran."

Er hatte ausgesungen, das Gesprach der Burger sank jetzt zum Gefluster herab, und Georg glaubte zu bemerken, dass sie uber ihn ihre Glossen machen. Auch die freundliche Wirtin schien neugierig, zu wissen, wen sie in ihrem Erkerlein beherberge. Sie setzte die Speisen, die sie ihm bereitet hatte, vor ihn hin, nachdem sie ein schones Tafeltuch uber den runden Tisch ausgebreitet hatte; dann nahm sie selbst an der entgegengesetzten Seite Platz und befragte ihn, wiewohl sehr bescheiden, uber das Woher? und Wohin?

Der junge Mann war nicht gesonnen, ihr uber den eigentlichen Zweck seiner Reise genaue Auskunft zu geben. Das Gesprach der Gaste an der langen Tafel hatte ihn belehrt, dass es hier nicht minder gefahrlich sei, zu gar keiner Partei zu gehoren, als sich fur irgendeine bestimmt zu erklaren, er sagte daher, er komme aus Franken und werde noch weiter hinauf ins Land, in die Gegend von Zollern reisen, und schnitt somit jede weitere Frage ab; denn die Wirtin war zu bescheiden, als dass sie sich den Ort wohin er gehe, noch naher hatte bezeichnen lassen. Es schien ihm aber eine gute Gelegenheit, sich nach Marien zu erkundigen, denn er war glucklich, wenn ihm die Wirtin zum Goldenen Hirsch, auch nur ihren Namen nennen, nur den Saum ihres Kleides beschreiben wurde. Er fragte daher nach den Burgen umher und nach den ritterlichen Familien, die in der Nachbarschaft wohnen.

Die Wirtin schwatzte gerne; sie gab ihm in weniger als einer Viertelstunde die Chronik von funf bis sechs Schlossern aus der Gegend, und bald kam auch Lichtenstein an die Reihe. Der junge Mann holte tiefer Atem bei diesem Namen, und Schob die Schussel weit hinweg, um seine Aufmerksamkeit ganz der Erzahlerin zu widmen.

"Nun, die Lichtensteiner sind gar nicht arm, im Gegenteil, sie haben schone Felder und Walder, und keine Rute Landes verpfandet: da liesse sich der Alte lieber seinen langen Bart abscheren, obgleich er gar viel darauf halt und ihn immer streichelt, wenn er mit den Leuten spricht. Er ist ein strenger, ernster Mann; was er einmal haben will, das muss geschehen, und sollte es biegen oder brechen. Er ist auch einer von denen, die es so lange mit dem Herzog hielten; die Bundischen werden es ihm ubel entgelten lassen."

"Wie ist denn seine..., ich meine Ihr sagtet, er habe eine Tochter, der Lichtenstein?"

"Nein", antwortete die Wirtin, indem sich ihr sonst so heiteres Gesicht in gramliche Falten zog, "von der habe ich gewiss nicht gesprochen, dass ich es wusste. Ja, er hat eine Tochter, der gute alte Mann, und es ware ihm besser, er fuhre kinderlos in die Grube, als dass er aus Jammer uber sein einziges Kind abfahrt."

Georg traute seinen Ohren nicht; was konnte die Wirtin gerade von Marien so Arges denken, dass sie den Vater glucklich pries, wenn er dieses Kind nicht hatte? "Was ist es denn mit diesem Fraulein", fragte er, indem er sich vergebens abmuhte, recht scherzhaft auszusehen; "Ihr macht mich neugierig, Frau Wirtin; oder ist es ein Geheimnis, das Ihr nicht sagen durft?"

Die Frau zum Goldenen Hirsch schaute aus dem Erker heraus nach allen Seiten, ob niemand lausche, aber die Burger waren ruhig in ihrem Gesprach begriffen, und achteten nicht auf sie, und sonst war niemand in der Nahe, der sie horen konnte. "Ihr seid ein Fremder", hub sie nach diesen Forschungen an, "Ihr reiset weiter und habt nichts mit dieser Gegend zu schaffen, darum kann ich Euch wohl sagen, was ich nicht jedem vertrauen mochte. Das Fraulein dort oben auf dem Lichtenstein ist ein ein ja bei uns Burgersleuten wurde man sagen, sie ist ein schlechtes Ding, eine lose Dirne "

"Frau Wirtin!" rief Georg.

"So schreiet doch nicht so, verehrter Herr Gast, die Leute schauen sich ja um. Meinet Ihr denn, ich sage, was ich nicht ganz gewiss weiss? Denkt Euch, alle Nacht Schlag eilf Uhr lasst sie ihren Liebsten in die Burg. Ist das nicht schrecklich genug, fur ein sittsames Fraulein?"

"Bedenket, was Ihr sprechet! Ihren Liebsten?"

"Ja leider, nachts um eilf Uhr ihren Liebsten; es ist eine Schande und ein Spott! Es ist ein ziemlich grosser Mann, der kommt in einen grauen Mantel gehullt ans Tor. Sie hat es zu machen gewusst, dass zu dieser Zeit alle Knechte vom Tor entfernt sind, und nur der alte Burgwart, der ihr auch in ihrer Kindheit zu allen losen Streichen half, um den Weg ist; da kommt sie nun allemal, wenn es druben in Holzelfingen eilf Uhr schlagt, selbst herunter in den Hof, die Nacht mag so kalt sein als sie will, und bringt den Schlussel zur Zugbrucke, den sie zuvor ihrem alten Vater vom Bette stiehlt; dann schliesst der alte Sunder, der Burgwart, auf, die Brucke fallt nieder, und der Mann im grauen Mantel eilt in die Arme des Frauleins."

"Und dann?" fragte Georg, der beinahe keinen Atem mehr in der Brust, kein Blut mehr in den Wangen hatte; "und dann?"

"Ja, dann wird Braten, Brot und Wein geholt; so viel ist gewiss, dass der nachtliche Liebste einen ungeheuren Hunger haben muss, denn er hat in mancher Nacht einen halben Rehziemer rein aufgezehrt, und zwei, drei Nossel Wein dazu getrunken; was weiter geschieht, weiss ich nicht; ich will nichts vermuten, nichts sagen, aber das weiss ich", setzte sie mit einem christlichen Blick gen Himmel hinzu, "beten werden sie nicht."

Georg schalt sich nach kurzem Nachdenken selbst aus, dass er nur einen Augenblick gezweifelt habe, dass diese Erzahlung eine Luge, von irgendeinem mussigen Kopf ersonnen sei; oder wenn auch etwas Wahres darin ware, so konnte es doch nichts sein, das Marien zur Unehre gereicht hatte.

Wenn es wahr ist, dass die Liebe eines Junglings in den guten alten Zeiten zwar nicht weniger leidenschaftlich war, als in unseren Tagen, aber mehr den Charakter reiner anbetender Ehrfurcht trug, dass nach der Sitte der Zeit die Geliebte nicht auf gleicher Stufe mit ihrem Verehrer, sondern um eine hoher stand, wenn wir den romantischen Erzahlungen alter Chroniken und Minnebucher trauen durfen, die so viele Beispiele auffuhren, dass sich edle Manner, wenn sie in Liebe sind, fur die Treue und Reinheit ihrer Dame, auf der Stelle totschlagen lassen, so ist es nicht zu verwundern, dass Georg von Sturmfeder wenigstens auf diese Indizien hin, von Marien nichts Schlechtes denken konnte. So ratselhaft ihm selbst jene nachtlichen Besuche vorkommen mochten, so sah er doch klar, es sei weder bewiesen, dass der Vater nichts darum wisse noch dass der geheimnisvolle Mann gerade ein Liebhaber sein musse. Er trug diese Zweifel auch seiner Wirtin vor.

"So? meint Ihr, der Vater wisse um die Geschichte?" sprach sie; "dem ist nicht so. Sehet, ich weiss das gewiss, denn die alte Rosel, die Amme des Frauleins "

"Die alte Rosel hat es gesagt?" rief Georg unwillkurlich; ihm war ja diese Amme, die Schwester des Pfeifers von Hardt, so wohlbekannt; freilich wenn diese es gesagt hatte, war die Sache nicht mehr so zweifelhaft; denn er wusste, dass sie eine fromme Frau und dem Fraulein sehr zugetan war.

"Ihr kennt die alte Rosel?" fragte die Wirtin, erstaunt uber den Eifer, womit ihr fremder Gast nach dieser Frau fragte.

"Ich? sie kennen? nein, erinnert Euch nur, dass ich heute zum erstenmal in diese Gegenden komme; nur der Name Rosel fiel mir auf."

"Sagt man bei Euch nicht so? Rosel heisst Rosina bei uns, und so nennt man die alte Amme in Lichtenstein; nun seht, diese halt viel auf mich, und kommt hie und da zu mir, dann koche ich ein susses Weinmuschen, was sie fur ihr Leben gerne isst, und zum Dank vertraut sie mir allerlei Neues. Von ihr habe ich auch was ich Euch sagte. Der Vater weiss gar nichts von diesen nachtlichen Besuchen, denn er geht schon um acht Uhr zu Bette, die Amme schickte das Fraulein jedesmal um acht Uhr in ihre Kammer. Das fiel nun nach ein paar Tagen der guten Rosel auf. Sie stellt sich, als gehe sie zu Bette, und siehe da, was geschieht? Kaum ist alles ruhig im Schloss, so macht das Fraulein, das sonst keinen Span anruhrt, eigenhandig ein Feuer auf den Herd; kocht und bratet, was sie kann und weiss, holt Wein aus dem Keller, holt Brot aus dem Schrank, und deckt in der Herrenstube den Tisch. Dann schaut sie zum Fenster hinaus, in die kalte schwarze Nacht, und richtig wenn es druben eilf Uhr schlagt, rasselt die Zugbrucke nieder, der nachtliche Geselle wird eingelassen, und geht mit dem Fraulein in die Herrenstube; sie hat auch schon gehorcht, die Rosel, was wohl drinnen vorgehe, aber die eichenen Turen sind gar dick; dann lugte sie auch einmal durchs Schlusselloch, sah aber nichts als den Kopf des Fremden."

"Nun, und ist er schon alt? Wie sieht er aus?"

"Alt? wo denket Ihr hin! Die sieht mir auch darnach aus, dass sie es mit einem Alten hatte! Jung ist er und schon, wie mir die Rosel sagt; er hat einen dunkeln Bart um Mund und Kinn, schones gerolltes Haar auf dem Kopf, und sah recht freundlich und liebreich aus."

"Dass ihm der Satan den Bart Haar fur Haar auszwicke", murmelte Georg, und strich mit der Hand uber das Kinn, das noch ziemlich glatt war. "Frau! besinnt Euch, habt Ihr denn dies alles so recht gehort von der Frau Rosel? hat sie dies alles so gesagt? machet Ihr nicht noch mehr dazu?"

"Gott bewahre mich, dass ich uber jemand lastere! Da kennt Ihr mich schlecht, Herr Ritter! Das alles hat mir Frau Rosel gesagt, und noch mehr hat sie vermutet, und mir ins Ohr geflustert, was eine ehrliche Frau einem schonen jungen Herrn nicht wiedersagen kann. Und denket Euch, wie recht schlecht das Fraulein ist, sie hat noch einen andern Liebhaber gehabt, und dem ist sie also untreu geworden!"

"Noch einen?" fragte Georg aufmerksam, denn die Erzahlung schien ihm mehr und mehr an Wahrscheinlichkeit zuzunehmen.

"Ja noch einen; es soll ein gar schoner, lieber Herr sein, sagte mir die Rosel; sie war mit dem Fraulein einige Zeit in Tubingen, und da war ein Herr von von ich glaube Sturmfittich heisst er der war auf der hohen Schule; und da lernten sich die beiden Leutchen kennen, und die Amme schwort, es sei nie ein schmuckeres Paar erfunden worden im ganzen Schwabenland. Sie hat ihn auch ganz schrecklich liebgehabt, das ist wahr und sei sehr traurig gewesen um ihn, als sie von Tubingen ging; nun ist sie dem armen Jungen untreu geworden, das falsche Herz; und die Amme heult, wenn sie nur an den schonen, treuen Herrn denkt, er soll noch viel, viel schoner gewesen sein als der, den sie jetzt hat."

"Frau Wirtin, wie oft lasset Ihr mich denn klopfen, bis ich einen vollen Becher bekomme", rief der fette Herr aus der Trinkstube herauf; denn die Frau Wirtin hatte uber ihrer Erzahlung alles ubrige vergessen.

"Gleich, gleich!" antwortete sie, und flog an den Schenktisch hin, den durstigen Herrn mit seiner besseren Sorte zu versehen; und von da ging es zum Keller, und Boden und Kuche nahmen sie in Anspruch, so dass der Gast im Erker gute Weile hatte, einsam uber das, was er gehort hatte, nachzusinnen.

Den Kopf auf die Hand gestutzt, sass er da, und schaute unverruckt in die Tiefe seines silbernen Bechers, so sass er am Nachmittag, so sass er am Abend, die Nacht war schon lange eingebrochen, und er sass noch immer so hinter dem runden Tisch im Erker, tot fur die Welt umher, nur hin und wieder verriet ein tiefes Seufzen, dass noch Leben und Empfindung in ihm sei. Die Wirtin wusste nicht, was sie aus ihm machen sollte; sie hatte sich wenigstens zehnmal neben ihn gesetzt; hatte versucht, mit ihm zu sprechen, aber er hatte ihr gedankenlos mit starren Augen ins Gesicht geschaut und nichts geantwortet; es war ihr ganz angst dabei geworden, denn geradeso hatte sie ihr seliger Mann angestarrt, als er das Zeitliche gesegnete, und ihr den Goldenen Hirsch hinterliess.

Sie beriet sich mit dem fetten Herrn, und auch der Mann mit dem Lederrucken gab seine Meinung preis. Die Wirtin behauptete, entweder sei er verliebt bis uber die Ohren, oder man habe es ihm angetan. Sie belegte ihre Behauptungen mit einer schrecklichen Geschichte von einem jungen Ritter, den sie gesehen, und der auch aus lauter Liebe am ganzen Leib erstarrt sei, bis er am Ende gestorben.

Der Zerlumpte war nicht dieser Meinung; er glaubte, dem jungen Mann sei vielleicht ein Ungluck geschehen, wie jetzt oft im Kriege vorkomme, und er sei deswegen in so tiefe Trauer versenkt. Der fette Herr aber blinzelte einigemal nach dem stummen Gast im Erker hinauf, und fragte dann mit sehr pfiffiger Miene, von welchem Gewachs und Jahrgang der Ritter trinke?

"Nun ich hab ihm Heppacher gegeben von 1480. Es ist das Beste, was der Goldene Hirsch hat."

"Da haben wir es!" rief der kluge Mann; "ich kenn den Heppacher Achtz'ger, den kann solch ein Junkerlein nicht fuhren, und der ist ihm zu Kopf gestiegen. Lasst ihn sitzen, lasst ihn immer sitzen, seinen schweren Kopf in der Hand, ich wette, ehe es acht Uhr schlagt, hat er ausgeschlafen und ist wieder so frisch wie der Fisch im Wasser."

Der Zerlumpte schuttelte den Kopf und sagte nichts dazu, die Wirtin aber belobte den gewohnten Scharfsinn des fetten Herrn, und fand seine Vermutung am wahrscheinlichsten.

Es war neun Uhr in der Nacht, die taglichen Zechgaste hatten schon alle die Trinkstube verlassen, und auch die Wirtin wollte sich zum Abendsegen rusten, als der fremde Herr aus seinem Zustand erwachte. Er sprang auf, machte einige Gange durchs Zimmer, und blieb endlich vor der Hausfrau stehen. Er sah duster und verstort aus, und die wenigen Stunden vom Mittag bis jetzt, hatten seinen sonst so freundlichen offenen Zugen tiefe Spuren des Grames eingedruckt.

Die Wirtin dauerte sein Anblick, sie wollte ihm, eingedenk des klugen fetten Herrn, noch ein heilsames Supplein kochen, und ihm dann ein treffliches, weiches Bett anweisen, doch er schien fur diese Nacht ein rauheres Lager sich erwahlt zu haben.

"Wann sagt Ihr", hub er mit leiser, unsicherer Stimme an, "wann geht der nachtliche Gast nach Lichtenstein, und wann kommt er zuruck?"

"Um eilf Uhr, lieber Herr, geht er hinein, und um den ersten Hahnenschrei kommt er wieder uber die Zugbrucke."

"Lasset mein Pferd satteln, und besorget mir einen Knecht, der mich nach Lichtenstein geleite."

"Jetzt in der Nacht?" rief die Wirtin, und schlug vor Verwunderung die Hande zusammen. "Jetzt wollet Ihr ausreiten? Ei geht doch, Ihr treibt Spass mit mir."

"Nein, gute Frau, es ist mein wahrer Ernst; aber sputet Euch ein wenig, ich habe Eile."

"Die habt Ihr den ganzen Tag nicht gehabt", entgegnete jene; "und jetzt wollt Ihr auf einmal uber Hals und Kopf in die Nacht hinaus. Zwar die frische Luft kann nichts schaden bei solchen Kranken; aber weiss Gott Euer Pferd lasse ich nicht aus dem Stall, Ihr konnt mir herunterfallen oder allerlei Ungluck anrichten, und dann hiesse es, wo hat denn die Hirschwirtin wieder den Kopf gehabt, dass sie die Leute so laufen lasst."

Der junge Mann hatte ihre Rede ganz uberhort, denn er war wieder in sein dusteres Sinnen zuruckgesunken; als sie aufhorte zu sprechen schrak er auf und wunderte sich, dass sie seinen Befehl noch nicht befolgt habe.

Er ging, als sie noch immer zauderte, um sein Pferd selbst zu besorgen; da gedachte sie, dass sie doch keine Gewalt habe, ihn zuruckzuhalten und dass es geratener sein mochte, ihn ziehen zu lassen. "Lasset dem Herrn seinen Braunen herausfuhren", rief sie, "und der Andres soll sich rusten, heute nacht noch ein Stuck Weges zu gehen! Er hat recht, dass er jemand mitnehmen will", sprach sie fur sich weiter; "der kann ihn doch im Notfall halten; zwar sagt man, sie haben ein paar Sinne mehr, wenn sie etwas im Kopf haben, und es falle keiner so leicht vom Pferd, wenn er auch hin und her schwankt, wie der Schwingel in der grossen Glocke, aber besser ist besser. Was Ihr schuldig seid, Herr Ritter? nun Ihr habt gehabt eine Mass Alten, macht zwolf Kreuzer, und das Essen nun, es ist nicht der Rede wert, was Ihr gegessen habt; Ihr habt ja mein Huhn kaum angesehen. Nun, wenn Ihr fur den Stall und das Essen noch zwei Kreuzer zulegen wollt, so wird Euch eine arme Witfrau schon danken."

Nachdem die Rechnung in dem niederen Munzfuss der guten, alten Zeiten berichtigt war, entliess die Wirtin zum Goldenen Hirsch ihren Gast; sie war ihm zwar nicht mehr so gewogen wie heute mittag, als er herrlich wie der junge Tag in ihre Trinkstube getreten war, aber dennoch konnte sie sich nicht verhehlen, als er beim Schein der Kienfackeln sich aufs Pferd schwang, dass sie nicht leicht einen schoneren Mann gesehen habe, und sie scharfte daher ihrem Knecht, der ihn begleitete, um so sorgfaltiger ein, recht genau auf ihn achtzuhaben, weil es bei diesem Herrn "doch nicht ganz richtig im Kopfe sei".

Vor dem Tor von Pfullingen fragte der Knecht den nachtlichen Reiter, wohin er reiten wolle; und auf seine Antwort "Nach Lichtenstein!" schlug er einen Weg rechts ein, der zum Gebirge fuhrte. Der junge Mann ritt schweigend durch die Nacht hin; er sah nicht rechts, er sah nicht links, er sah nicht auf nach den Sternen, nicht hinaus in die Weite, seine gesenkten Blicke hafteten am Boden. Es war ihm wie damals, als ihn die Morder am Wege niedergeschlagen hatten, seine Gedanken standen stille, er hoffte nicht mehr, er hatte zu leben, zu lieben und zu wunschen aufgehort. Und doch war ihm damals wohler gewesen, als ihm auf dem kuhlen Teppich des Wiesentales, die Besinnung schwand, er war ja entschlummert mit dem erhebenden Gedanken an sie, und die erstarrenden Lippen hatten noch einmal einen sussen Namen ausgesprochen.

Aber jetzt war die Leuchte verloscht, die seinen Pfad durchs Leben erhellt hatte. Es war ihm, als habe er nur noch einen kurzen Weg im Dunkeln hinzugehen, und dann in lichteren Hohen als auf dem Lichtenstein seine Ruhe zu finden; und unwillkurlich zuckte seine Rechte hie und da ans Schwert, als wolle er sich versichern, dass ihm dieser Gefahrte wenigstens treu geblieben sei, als sei dies der gewichtige Schlussel, der die Pforte sprengen sollte, die aus dem Dunkel zum Lichte fuhrt.

Der Wald hatte langst die Wanderer aufgenommen, steiler wurden die Pfade, und das Ross strebte muhsam unter der Last des Reiters und seiner Rustung bergan; doch der Reiter bemerkte es nicht. Die Nachtluft wehte kuhler, und spielte mit den langen Haaren des Junglings, er fuhlte es nicht; der Mond kam herauf und beleuchtete seinen Pfad, beleuchtete kuhne Felsenmassen und die hohen, gewaltigen Eichen, unter welchen er hinzog, er sah es nicht; unbemerkt von ihm, rauschte der Strom der Zeit an ihnen voruber, Stunde um Stunde verging, ohne dass ihm der Weg lang bedunkte.

Es war Mitternacht, als sie auf der hochsten Hohe ankamen. Sie traten heraus aus dem Wald, und getrennt durch eine weite Kluft von der ubrigen Erde lag auf einem einzelnen, senkrecht aus der nachtlichen Tiefe aufsteigenden Felsen der Lichtenstein.

Seine weissen Mauern, seine zackigten Felsen schimmerten im Mondlicht, es war, als schlummere das Schlosschen, abgeschieden von der Welt im tiefen Frieden der Einsamkeit.

Der Ritter warf einen dusteren Blick dorthin und sprang ab. Er band das Pferd an einen Baum, und setzte sich auf einen bemoosten Stein, gegenuber von der Burg. Der Knecht stand erwartend, was sich weiter begeben werde, und fragte mehreremal vergeblich, ob er seines Dienstes jetzt entlassen sei?

"Wie weit ist's noch bis zum ersten Hahnenschrei?" fragte endlich der stumme Mann auf dem Steine.

"Zwei Stunden, Herr!" war die Antwort des Knechtes.

Der Ritter reichte ihm reichlichen Lohn fur sein Geleite, und winkte ihm zu gehen. Er zogerte, als scheue er sich, den jungen Mann in diesem unglucklichen Zustand zu verlassen; als aber jener ungeduldig seinen Wink wiederholte, entfernte er sich stille nur einmal noch sah er sich um, ehe er in den Wald eintrat, der schweigende Gast sass noch immer, die Stirne in die Hand gestutzt, im Schatten einer Eiche, auf dem bemoosten Stein.

V

Durch diese hohle Gasse muss er kommen, es

fuhrt kein andrer Weg nach Kussnacht Hier

Vollend ich's die Gelegenheit ist gunstig.

Schiller

Man hat zu allen Zeiten viel Schones und Wahres uber die Torheit der Eifersucht geschrieben, und dennoch sind die Menschen seit Urias' Zeiten darin nicht weiser geworden. Leute von uberaus kuhler Konstitution werden zwar sagen, wenn jener beruhmte judische Hauptmann nicht die Torheit begangen hatte, seine schone junge Frau nur fur sich allein haben zu wollen, oder gar auf den Konig David eifersuchtig zu werden, so ware der beruchtigte Uriasbrief nie geschrieben worden, und besagter Hauptmann hatte es vielleicht noch weit im Dienste bringen konnen. Andere aber, denen die Natur heisses Blut und einen Stolz, ein Gefuhl der Ehre gegeben hat, das durch Hintansetzung oder Treuebruch leicht aufgeregt und beleidigt wird, werden beim eintretenden Falle jenem unglucklichen Ubel unterliegen, wenn sie auch mit allen Beweisgrunden der kalteren Vernunft sich selbst die Torheit ihres Beginnens vorpredigen.

Georg von Sturmfeder war nicht von so kuhlem nicht aus allen Schranken der Billigkeit und Massigung herausgejagt hatte; er war uberdies in einem Alter, wo zwar die offene Seele sich noch nicht daran gewohnt hat, den Menschen a priori zu misstrauen, wo aber ein solcher Fall um so uberraschender ist, um so gefahrlicher wirkt, eben weil das arglose Herz ihn nie gedacht hat. Da kocht das Gefuhl der gekrankten Treue, da braust der Stolz auf, der sich beleidigt dunkt; den prufenden Verstand, der das Falsche vom Rechten zu sondern pflegt, umziehen trube, dustre Wolken, und verhullen ihm das Wahre; ein Wortchen Wahrscheinlichkeit in einem Gewebe von Luge uberzeugt ihn; die Sonne der Liebe sinkt hinab, und es wird Nacht in der Seele. Dann schleichen sich jene nachtlichen Gesellen: Verachtung, Wut, Rache, in das von allen guten Engeln verlassene Herz, und die unendliche Stufenleiter der Empfindungen, welche von Liebe zu Hass fuhrt, hat die Eifersucht in wenigen Augenblicken zuruckgelegt.

Georg war auf jener Stufe der dusteren, stillen Wut und der Rache angekommen; uber diese Empfindungen brutend, sass er unempfindlich gegen die Kalte der Nacht auf dem bemoosten Stein, und sein einziger, immer wiederkehrender Gedanke war, den nachtlichen Freund "zu stellen, und ein Wort mit ihm zu sprechen".

Es schlug zwei Uhr in einem Dorf uber dem Walde, als er sah, dass sich Lichter an den Fenstern des Schlosses hin bewegten, erwartungsvoll pochte sein Herz, krampfhaft hatte seine Hand den langen Griff des Schwertes umfasst. Jetzt wurden die Lichter hinter den Gittern des Tores sichtbar, Hunde schlugen an, Georg sprang auf und warf den Mantel zuruck. Er horte, wie eine tiefe Stimme, ein vernehmliches "Gute Nacht" sprach. Die Zugbrucke rauschte nieder und legte sich uber den Abgrund, der das Land von Lichtenstein scheidet, das Tor ging auf, und ein Mann, den Hut tief ins Gesicht gedruckt, den dunkeln Mantel fest umgezogen, schritt uber die Brucke, und gerade auf den Ort zu, wo Georg Wache hielt.

Er war noch wenige Schritte entfernt, als dieser mit einem drohnenden: "Zieh Verrater, und wehr dich deines Lebens" auf ihn einsturzte; der Mann im Mantel trat zuruck und zog; im Augenblick begegneten sich die blitzenden Klingen und rasselten klirrend aneinander.

"Lebendig sollst du mich nicht haben", rief der andere, "wenigstens will ich mein Leben teuer genug bezahlen!" Zugleich sah ihn Georg tapfer auf sich eindringen, und an den schnellen und gewichtigen Hieben merkte er, dass er keinen zu verachtenden Gegner vor der Klinge habe. Georg war kein ungeubter Fechter, und er hatte manch ernstlichen Kampf mit Ehre ausgefochten, aber hier hatte er seinen Mann gefunden. Er fuhlte, dass er sich bald auf die eigene Verteidigung beschranken musse, und wollte eben zu einem letzten gewaltigen Stoss ausfallen, als plotzlich sein Arm mit ungeheurer Gewalt festgehalten wurde; sein Schwert wurde ihm in demselben Augenblicke aus der Hand gewunden, zwei machtige Arme schlangen sich um seinen Leib und fesselten ihn regungslos, und eine furchtbare Stimme schrie: "Stosst zu, Herr, ein solcher Meuchelmorder verdient nicht, dass er noch einen Augenblick zum letzten Paternoster habe!"

"Das kannst du verrichten, Hanns", sprach der im Mantel, "ich stosse keinen Wehrlosen nieder; dort ist sein Schwert, schlag ihn tot, aber mach es kurz."

"Warum wollt Ihr mich nicht lieber selbst umbringen, Herr!" sagte Georg mit fester Stimme; "Ihr habt mir meine Liebe gestohlen, was liegt an meinem Leben?"

"Was habe ich?" fragte jener und trat naher.

"Was Teufel ist das fur eine Stimme?" sprach der Mann, der ihn noch immer umschlungen hielt; "die sollte ich kennen!" Er drehte den jungen Mann in seinen Armen um, und wie von einem Blitz getroffen, zog er die Hande von ihm ab: "Jesus, Maria und Joseph! da hatten wir bald etwas Schones gemacht! aber welcher Unstern fuhrt Euch auch gerade hieher, Junker? was denken auch meine Leute, dass sie Euch fortlassen, ohne dass ich dabei bin!"

Es war der Pfeifer von Hardt, der Georg also anredete, und ihm die Hand zum Gruss bot; dieser aber schien nicht geneigt, dieses freundschaftliche Zeichen einem Manne zu erwidern, der noch soeben das Handwerk des Henkers an ihm verrichten wollte; wild blickte er bald den Mann im Mantel, bald den Pfeifer an. "Meinst du", sagte er zu diesem, "ich hatte mich von deinen Weibern in Gefangenschaft halten lassen sollen, dass ich deine Verraterei hier nicht sehe? Erbarmlicher Betruger! Und Ihr", wandte er sich zu dem andern, "wenn Ihr ein Mann von Ehre seid, so steht mir, und fallet nicht zu zwei uber einen her; wenn Ihr wisst, dass ich Georg von Sturmfeder bin, so mogen Euch meine fruheren Anspruche auf das Fraulein nicht unbekannt sein, und mit Euch mich zu messen, bin ich hierhergekommen. Darum befehlet diesem Schurken, dass er mir mein Schwert wiedergebe, und lasst uns ehrlich fechten, wie es Mannern geziemt."

"Ihr seid Georg von Sturmfeder?" sprach jener mit freundlicher Stimme und trat naher zu ihm. "Es scheint mir, Ihr seid etwas im Irrtum hier. Glaubet mir ich bin Euch sehr gewogen, und hatte Euch langst gerne gesehen. Nehmet das Ehrenwort eines Mannes, dass mich nicht die Absichten in jenes Schloss fuhren, die Ihr mir unterleget, und seid mein Freund."

Er bot dem uberraschten Jungling die Hand unter dem Mantel hervor, doch dieser zauderte; die gewichtigen Hiebe dieses Mannes hatten ihm zwar gesagt, dass er ein Ehrenwerter und Tapferer sei, darum konnte und musste er seinen Worten trauen aber sein Gemut war noch so verwirrt, von allem was er gehort und gesehen, dass er ungewiss war, ob er den Handschlag dessen, den er noch vor einem Augenblick als seinen bittersten Feind angesehen hatte, empfangen sollte oder nicht? "Wer ist es, der mir die Hand beut?" fragte er; "ich habe Euch meinen Namen genannt, und konnte wohl billigerweise dasselbe von Euch verlangen."

Der Unbekannte schlug den Mantel auseinander, schob das Barett zuruck, und der Mond beleuchtete ein Gesicht voll Wurde, und Georg begegnete einem glanzenden Auge, das den Ausdruck gebietender Hoheit trug. "Fraget nicht nach Namen", sprach er, indem ein Zug von Wehmut um seinen Mund blitzte "ich bin ein Mann, und dies mag Euch genug sein; wohl fuhrte auch ich einst einen Namen in der Welt, der sich mit dem ehrenwertesten messen konnte, wohl trug auch ich die goldenen Sporen und den wallenden Helmbusch, und auf den Ruf meines Hufthorns lauschten viele hundert Knechte, er ist verklungen. Aber eines ist mir geblieben", setzte er mit unbeschreiblicher Hoheit hinzu, indem er die Hand des jungen Mannes fester druckte, "ich bin ein Mann und trage ein Schwert,

Si fractus illabatur orbis

Impavidum ferient ruinae."

Er druckte das Barett wieder in die Stirne, zog seinen Mantel hoch herauf, und ging voruber in den Wald.

Georg stand in stummem Erstaunen auf sein Schwert gestutzt. Der Anblick dieses Mannes es war ihm unbegreiflich hatte alle Gedanken der Rache in seinem Herzen ausgeloscht. Dieser gebietende Blick, dieser gewinnende, wohlwollende Zug um den Mund, das tapfere, gewaltige Wesen dieses Mannes, erfullten seine Seele mit Staunen, mit Achtung, mit Beschamung. Er hatte geschworen, mit Marien in keiner Beruhrung zu stehen, er hatte es bekraftigt mit jener tapfern Rechten, die noch eben die gewichtige Klinge leicht wie ein Spiel gefuhrt hatte; er hatte es bestatigt mit einem jener Blicke, deren Strahl Georg wie den der Sonne nicht zu ertragen vermochte, eine Bergeslast walzte sich von seiner Brust, denn er glaubte, er musste glauben.

Wenn man bedenkt, wie sehr zu jener Zeit korperliche Eigenschaften gewogen und angeschlagen wurden, wie man Tapferkeit auch an dem Feinde hochschatzte und achtete, wie das Wort eines anerkannt tapferen Mannes so fest stand, wie der Schwur auf die Hostie, wenn man ferner bedenkt, wie gross die Wirkung eines anmutigen, oder aber eines imponierenden Aussern auf ein jugendliches Gemut ist, so wird man sich uber die Veranderung nicht zu sehr wundern, welche in diesen kurzen Augenblicken mit der Gesinnung des Junglings vorging.

"Wer ist dieser Mann?" fragte Georg den Pfeifer, der noch immer neben ihm stand.

"Ihr hortet ja, dass er keinen Namen hat, und auch ich weiss ihn nicht zu nennen."

"Du wusstest nicht, wer er sei?" entgegnete Georg, "und doch hast du ihm beigestanden, als er mit mir focht? gehe! Du willst mich belugen!"

"Gewiss nicht Junker", antwortete der Pfeifer; "es ist, Gott weiss es, wahr, dass jener Mann derzeit keinen Namen hat, wenn Ihr ubrigens durchaus erfahren wollet, was er ist, so wisset, er ist ein Geachteter, den der Bund aus seinem Schloss vertrieb; einst aber war er ein machtiger Ritter im Schwabenland."

"Der Arme! darum also ging er so verhullt? und mich hielt er wohl fur einen Meuchelmorder! ja ich erinnere mich, dass er sagte, er wolle sein Leben teuer genug verkaufen."

"Nehmt mir nicht ubel, werter Herr", sagte der Bauer, "auch ich hielt Euch fur einen, der dem Geachteten auf das Leben lauern soll, darum kam ich ihm zu Hulfe, und hatte ich nicht Eure Stimme noch gehort, wer weiss, ob Ihr noch lange geatmet hattet. Wie kommt Ihr aber auch um Mitternacht hieher, und welches Unheil fuhrt Euch gerade dem geachteten Mann in den Wurf. Wahrlich, Ihr durft von Gluck sagen, dass er Euch nicht in zwei Stucke gehauen, es leben wenige die vor seinem Schwert standgehalten hatten. Ich vermute, die Liebe hat Euch da einen argen Streich gespielt!"

Georg erzahlte seinem ehemaligen Fuhrer, welche Nachrichten ihm im Hirsch in Pfullingen mitgeteilt worden seien. Namentlich berief er sich auf die Aussage der Amme, des Pfeifers Schwester, die ihm so hochst wahrscheinlich gelautet habe.

"Dacht ich's doch, dass es so was sein musse", antwortete der Pfeifer. "Die Liebe hat manchem noch arger mitgespielt, und ich weiss nicht was ich in jungen Jahren in ahnlichem Fall getan hatte. Daran ist aber wieder niemand schuld als meine Rosel, die alte Schwatzerin; was hat sie notig der Wirtin im Hirsch, die auch nichts bei sich behalten kann, zu beichten?"

"Es muss aber doch etwas Wahres an der Sache sein", entgegnete Georg, in welchem das alte Misstrauen hin und wieder aufblitzte. "So ganz ohne Grund konnte doch Frau Rosel nichts ersinnen!"

"Wahr? etwas Wahres musse daran sein? allerdings ist alles wahr nach der Reihe; die Knechte werden zu Bett geschickt und die alte Aufpasserin auch, um eilf Uhr kommt der Mann, vor das Schloss, die Zugbrucke fallt herab, die Tore tun sich ihm auf, das Fraulein empfangt ihn und fuhrt ihn in die Herrenstube "

"Nun? siehst du", rief Georg ungeduldig, "wenn dieses alles wahr ist, wie kann dann jener Mann schworen, dass er mit dem Fraulein "

"Dass er mit dem Fraulein ganz und gar nichts wolle?" antwortete der Pfeifer, "allerdings kann er das schworen; denn es ist nur ein Unterschied bei der ganzen Sache, den die Gans, die Rosel freilich nicht gewusst hat, namlich, dass der Ritter von Lichtenstein in der Herrenstube sitzt, das Fraulein aber sich entfernt, wenn sie ihre heimlich bereiteten Speisen aufgetragen hat. Der Alte bleibt bei dem geachteten Mann bis um den ersten Hahnenschrei, und wenn er gegessen und getrunken, und die erstarrten Glieder am Feuer wieder erwarmt hat, verlasst er das Schloss, wie er es betreten."

"O ich Tor! dass ich dies alles nicht fruher ahnete. Wie nahe lag die Wahrheit und wie weit liess ich mich irreleiten. Aber verflucht sei die Neugierde und Lastersucht dieser Weiber, die in allem noch etwas ganz Besonderes zu sehen glauben, und denen das Unwahrscheinlichste und Grellste gerade das Liebste ist! Aber sprich", fuhr Georg nach einigem Nachsinnen fort; "auffallend ist es mir doch, dass dieser geachtete Mann alle Nacht ins Schloss kommt; in welch unwirtlicher Gegend wohnt er denn, wo er keine warme Kost, keinen Becher Weines und keinen warmen Ofen findet? Hore, wenn du mich dennoch belogest!"

Des Pfeifers Auge ruhte mit einem beinahe spottischen Ausdruck auf dem jungen Mann. "Ein Junker wie Ihr", antwortete er, "weiss freilich wenig wie weh Verbannung tut; Ihr wisst es nicht was es heisst, sich vor den Augen seiner Morder verbergen, Ihr wisst nicht, wie schaurig sich's in feuchten Hohlen, in unwirtlichen Schluchten wohnt, Ihr kennt die Wohltat nicht, die ein warmer Bissen und ein feuriger Trunk dem gewahre, der bei den Eulen speist und bei dem Schuhu in der Miete ist; aber kommt, wenn es Euch gelustet; der Morgen bricht noch nicht an, und in der Nacht konnet Ihr nicht nach Lichtenstein, ich will Euch dahin fuhren, wo der geachtete Ritter wohnt, und Ihr werdet nicht mehr fragen, warum er um Mitternacht nach Speise geht!"

Die Erscheinung des Unbekannten hatte Georgs Neugierde zu sehr aufgeregt, als dass er nicht begierig den Vorschlag des Pfeifers von Hardt angenommen hatte, besonders auch da er darin den besten Beweis fur die Wahrheit oder Falschheit seiner Aussagen finden konnte. Sein Fuhrer ergriff die Zugel des Rosses und fuhrte es einen engen Waldweg bergab. Georg folgte, nachdem er noch einen Blick nach den Fenstern des Lichtenstein zuruckgeworfen hatte. Sie zogen schweigend immer weiter, und dem jungen Mann schien dieses Schweigen nicht unangenehm zu sein, denn er machte keinen Versuch es zu unterbrechen. Er hing seinen Gedanken nach uber den Mann, zu dessen geheimnisvoller Wohnung er gefuhrt wurde. Unablassig beschaftigte ihn die Frage, wer dieser Geachtete sein konnte. Er erinnerte sich fast wie aus einem Traum, dass mehrere Anhanger des vertriebenen Herzogs aus ihren Besitzungen gejagt worden seien, ja es deuchte ihm sogar, es sei in der Herberge zu Pfullingen, wahrend seines teilnahmlosen Hinbrutens, von einem Ritter, Marx Stumpf von Schweinsberg, die Rede gewesen, nach welchem die Bundischen fahnden. Die Tapferkeit und ausgezeichnete Starke dieses Mannes war in Schwaben und Franken wohlbekannt; und wenn sich Georg die zwar nicht uberaus grosse, aber kraftige Gestalt, die gebietende Miene, das heldenmutige, ritterliche Wesen des Mannes ins Gedachtnis zuruckrief, ward es ihm immer mehr zur Gewissheit, dass der Geachtete kein anderer, als der treueste Anhanger Ulerichs von Wurttemberg, Marx Stumpf von Schweinsberg sei.

Besonders schmeichelhaft fur die Phantasie des jungen Mannes war auch der Gedanke, einen gefahrlichen Gang mit diesem Tapfern gemacht, und in einem Gefechte seine Klinge mit der seinigen gemessen zu haben, dessen Ausgang zum wenigsten sehr unentschieden war.

So dachte in jener Nacht Georg von Sturmfeder, aber noch viele Jahre nachher, als der Mann, den er in jener Nacht bekampfte, langst wieder in seine Rechte eingesetzt war, und seinem Hufthorn wieder Hunderte folgten, rechnete er es unter seine schonsten Waffentaten, dem tapfern, gewaltigen Unbekannten keinen Schritt breit gewichen zu sein.

Die Wanderer waren wahrend diesem Selbstgesprach des jungen Mannes auf einer kleinen, freien Waldwiese angekommen; der Pfeifer band das Pferd seitwarts an, und winkte Georg, zu folgen. Die Waldwiese brach in eine schroffe, mit dichtem Gestrauch bewachsene Abdachung ab; dort schlug der Pfeifer einige verschlungene Zweige zuruck, hinter welchen ein schmaler Fusspfad sichtbar wurde, welcher abwarts fuhrte. Nicht ohne Muhe und Gefahr folgte Georg seinem Fuhrer, der ihm an einigen Stellen kraftig die Hand reichte. Nachdem sie etwa achtzig Fuss hinabgestiegen waren, befanden sie sich wieder auf ebenem Grund, aber umsonst suchte der junge Mann nach der Statte des geachteten Ritters. Der Pfeifer ging nun zu einem Baum von ungeheurem Umfang, der innen hohl sein musste, denn jener brachte zwei grosse Kienfakkeln daraus hervor; er schlug Feuer und zundete mit einem Stuckchen Schwefel die Fackeln an.

Als diese hell aufloderten, bemerkte Georg, dass sie vor einem grossen Portal stehen, das die Natur in die Felsenwand gebrochen hatte; und dies mochte wohl der Eingang zu der Wohnung sein, wo der Geachtete, wie sich der Pfeifer ausdruckte, bei dem Schuhu zur Miete war. Der Mann von Hardt ergriff eine der Fakkeln und bat den Jungling, die andere zu tragen, denn ihr Weg sei dunkel, und hie und da nicht ohne Gefahr. Nachdem er diese Warnung geflustert, schritt er voran in das dunkle Tor.

Georg hatte eine niedere Erdschlucht erwartet, kurz und eng, dem Lager der Tiere gleich, wie er sie in den Forsten seiner Heimat hin und wieder gesehen, aber wie erstaunte er, als die erhabenen Hallen eines unterirdischen Palastes vor seinen Augen sich auftaten. Er hatte in seiner Kindheit aus dem Munde eines Knappen, dessen Urgrossvater in Palastina in Gefangenschaft geraten war, ein Marchen gehort, das von Geschlecht zu Geschlecht uberliefert worden war; dort war ein Knabe von einem bosen Zauberer unter die Erde geschickt worden, in einen Palast, dessen erhabene Schonheit alles ubertraf, was der Knabe je uber der Erde gesehen hatte; was die kuhne Phantasie des Morgenlandes Prachtvolles und Herrliches ersinnen konnte, goldene Saulen mit kristallenen Kapitalern, gewolbte Kuppeln von Smaragden und Saphiren, diamantene Wande, deren vielfach gebrochene Strahlen das Auge blendeten; alles war jener unterirdischen Wohnung der Genien beigelegt. Diese Sage, die sich der kindischen Einbildungskraft tief eingedruckt, lebte auf und verwirklichte sich vor den Blicken des staunenden Junglings. Alle Augenblicke stand er still von neuem uberrascht, hielt die Fackel hoch, und staunte und bewunderte, denn in hohen majestatisch gewolbten Bogen zog sich der Hohlengang hin, und flimmerte und blitzte, wie von tausend Kristallen und Diamanten. Aber noch grossere Uberraschung stand ihm bevor, als sich sein Fuhrer links wandte, und ihn in eine weite Grotte fuhrte, die wie der festlich geschmuckte Saal des unterirdischen Palastes anzusehen war.

Sein Fuhrer mochte den gewaltigen Eindruck bemerken, den dieses Wunderwerk der Natur auf die Seele des Junglings machte. Er nahm ihm die Fackel aus der Hand, stieg auf einen vorspringenden Felsen, und beleuchtete so einen grossen Teil dieser Grotte.

Glanzend weisse Felsen fassten die Wande ein, kuhne Schwibbogen, Wolbungen, uber deren Kuhnheit das irdische Auge staunte, bildeten die glanzende Kuppel; der Tropfstein, aus dem diese Hohle gebildet war, hing voll von vielen Millionen kleiner Tropfchen, die in allen Farben des Regenbogens den Schein zuruckwarfen, und als silberreine Quellen in kristallenen Schalen sich sammelten. In grotesken Gestalten standen Felsen umher, und die aufgeregte Phantasie, das trunkene Auge, glaubte bald eine Kapelle, bald grosse Altare mit reicher Draperie, und gotisch verzierte Kanzeln zu sehen. Selbst die Orgel fehlte dem unterirdischen Dome nicht, und die wechselnden Schatten des Fackellichtes, die an den Wanden hin und her zogen, schienen geheimnisvoll erhabene Bilder von Martyrern und Heiligen in ihren Nischen bald auf- bald zuzudecken.

So schmuckte die christliche Phantasie des jungen Mannes, voll Ehrfurcht vor dem geheimnisvollen Wirken der Gottheit, das unterirdische Gemach zur Kirche aus, wahrend jener Aladin mit der Wunderlampe die Sale des Paradieses und die ewig glanzenden Lauben der Huris geschaut hatte.

Der Fuhrer stieg, nachdem er das Auge des Junglings fur hinlanglich gesattigt halten mochte, wieder herab von seinem Felsen. "Das ist die Nebelhohle", sprach er; "man kennt sie wenig im Land, und nur den Jagern und Hirten ist sie bekannt; doch wagen es nicht viele hereinzugehen, weil man allerlei bose Geschichten von diesen Kammern der Gespenster weiss. Einem, der die Hohle nicht genau kennt, mochte ich nicht raten, sich herabzuwagen; sie hat tiefe Schlunde und unterirdische Wasser, aus denen keiner mehr ans Licht kommt. Auch gibt es geheime Gange und Kammern, die nur funf Mannern bekannt sind, die jetzt leben."

"Und der geachtete Ritter?" fragte Georg.

"Nehmt die Fackel und folget mir", antwortete jener, und schritt voran in einen Seitengang. Sie waren wieder etwa zwanzig Schritte gegangen, als Georg die tiefen Tone einer Orgel zu vernehmen glaubte. Er machte seinen Fuhrer darauf aufmerksam.

"Das ist Gesang", entgegnete er, "der tont in diesen Gewolben gar lieblich und voll. Wenn zwei oder drei Manner singen, so lautet es, als sange ein ganzer Chor Monche die Hora." Immer vernehmlicher tonte der Gesang; je naher sie kamen, desto deutlicher wurden die Wendungen einer angenehmen Melodie. Sie bogen um eine Felsenecke, und von oben herab ertonte ganz nahe die Stimme des Singenden, brach sich an den zackigten Felsenwanden in vielfachem Echo, bis sie sich verschwebend mit den fallenden Tropfen der feuchten Steine und mit dem Murmeln eines unterirdischen Wasserfalles mischte, der sich in eine dunkle, geheimnisvolle Tiefe ergoss.

"Hier ist der Ort", sprach der Fuhrer, "dort oben in der Felswand ist die Wohnung des unglucklichen Mannes; hort Ihr sein Lied? wir wollen warten und lauschen bis er zu Ende ist, denn er war nicht gewohnt unterbrochen zu werden, als er noch oben auf der Erde war."

Die Manner lauschten und verstanden durch das Echo und das Gemurmel der Wasser etwa folgende Worte, die der Geachtete sang:

"Vom Turme wo ich oft gesehen

Hernieder auf ein schones Land,

Vom Turme fremde Fahnen wehen

Wo meiner Ahnen Banner stand.

Der Vater Hallen sind gebrochen,

Gefallen ist des Enkels Los,

Er birgt besiegt und ungerochen

Sich in der Erde tiefem Schoss.

Und wo einst in des Gluckes Tagen

Mein Jagdhorn tonte durchs Gefild,

Da meine Feinde grasslich jagen,

Sie hetzen gar ein edles Wild.

Ich bin das Wild, auf das sie birschen,

Die Bluthund wetzen schon den Zahn,

Sie dursten nach dem Schweiss des Hirschen,

Und sein Geweih29 steht ihnen an.

Die Morder han in Berg und Heide

Auf mich die Armbrust aufgespannt,

Drum in des Bettlers rauhem Kleide

Durchschleich ich nachts mein eigen Land;

Wo ich als Herr sonst eingeritten,

Und meinen hohen Gruss entbot,

Da klopf ich schuchtern an die Hutten

Und bettle um ein Stuckchen Brot.

Ihr warft mich aus den eignen Toren

Doch einmal klopf ich wieder an,

Drum Mut! noch ist nicht all' verloren,

Ich hab ein Schwert und bin ein Mann.

Ich wanke nicht; ich will es tragen,

Und ob mein Herz daruber bricht,

So sollen meine Feinde sagen:

Er war ein Mann und wankte nicht."

Er hatte geendet, und der tiefe Seufzer, den er den verhallenden Tonen seines Liedes nachsandte, liess ahnen, dass er im Gesang nicht viel Trost gefunden habe. Dem rauhen Manne von Hardt war wahrend dem Liede eine grosse Trane uber die gebraunte Wange gerollt, und Georg war es nicht entgangen, wie er sich anstrengte, die alte feste Fassung wieder zu erhalten und dem Bewohner der Hohle eine heitere Stirne und ein ungetrubtes Auge zu zeigen. Er gab dem Junker auch die zweite Fackel in die Hand und klimmte den glatten schlupfrigen Felsen hinan, der zu der Grotte fuhrte, woraus der Gesang erklungen war. Georg dachte sich, dass er ihn vielleicht dem Ritter melden wolle, und bald sah er ihn mit einem tuchtigen Strick zuruckkehren. Er klimmte die Halfte des Felsen wieder herab und liess sich die Fackeln geben, die er geschickt in eine Felsenritze an der Seite steckte; dann warf er Georg den Strick zu und half ihm so die Felsenwand erklimmen, was ihm ohne diese Hulfe schwerlich gelungen ware. Er war oben und wenige Schritte noch so stand er vor dem Felsengemach des Geachteten.30

VI

In wunderbaren Gestalten

Ragt aus der dunkeln Nacht das angestrahlte Gestein

Mit wildem Gebusch versetzt, das aus den schwarzen

Spalten

Herabnickt und im Widerschein

Als grunes Feuer brennt. Mit furchtvermengtem Grauen

Bleibt unser Ritter stehn, den Zauber anzuschauen.

Wieland

Der Teil jener grossen Hohle, welchen sie jetzt betraten, unterschied sich merklich von den ubrigen Grotten und Kammern. Er war von Sandstein und hatte, weil dieser Stein die Feuchtigkeit einschluckt, ein trockenes wohnlicheres Ansehen. Der Boden war mit Binsen und Stroh bestreut, eine Lampe, die an der Wand angebracht war, verbreitete ein hinreichendes Licht auf die Breite und den grossten Teil der Lange dieser Grotte. Gegenuber sass jener Mann auf einem breiten Barenfelle, neben ihm stand sein Schwert und ein Hufthorn; ein alter Hut und der graue Mantel, mit welchem er sich verhullt hatte, lagen am Boden. Er trug ein Wams von dunkelbraunem Leder und Beinkleider von grobem, blauem Tuche. Ein unscheinbarer Anzug, der aber seinen kraftigen Korperbau und seine feinen edlen Zuge nur noch mehr heraushob. Er mochte ungefahr vierunddreissig Jahre haben, und sein Gesicht war noch immer hubsch und angenehm zu nennen, obgleich die erste Blute der Jugend von Gefahren und Strapazen abgestreift schien, und der verwilderte Bart ihm zuweilen etwas Furchtbares verlieh; diese fluchtigen Bemerkungen drangten sich Georg auf, als er am Eingang der Grotte stillstand.

"Willkommen in meinem Palatium, Georg von Sturmfeder!" rief der Bewohner der Hohle, indem er sich von dem Barenfelle aufrichtete, dem Jungling die Hand bot, und ihm winkte, auf einem ebenso kunstlosen Sitz von Rehfellen sich niederzulassen. "Seid herzlich willkommen; es war kein ubler Einfall unseres Spielmanns, Euch in diese Unterwelt herabzufuhren, und mir einen so angenehmen Gesellschafter zu bringen. Hanns! du treue Seele, du warst bisher unser Majordomus, Truchsess und Kanzler, wir ernennen dich jetzt zu unserem Kellermeister und Obermundschenk; siehe, dort hinter jener Saule des schonsten Granit muss ein Krug stehen, worin sich noch ein Rest alten Weines befindet. Nimm meinen Jagdbecher von Buchsbaum, das einzige Tafelgeschirr, das wir jetzt fuhren, giess ihn voll bis an den Rand, und kredenze ihn unserm ehrenwerten Gast."

Georg sah erstaunt auf den geachteten Mann. Er hatte nach dem Schicksal, das ihn betroffen, nach seinen unwirtlichen Umgebungen, zuletzt noch nach dem Klaggesang, den er gehort hatte, einen Mann erwartet, der zwar unbesiegt von den Sturmen des Lebens, aber ernst, vielleicht sogar finster in seinem Umgang sein werde; und er fand ihn heiter, unbesorgt, scherzend uber seine Lage, als habe ihn auf der Jagd ein Sturm uberfallen, und genotigt eine kleine Weile in dieser Hohle Schutz gegen das Wetter zu suchen. Und doch war es ein schrecklicherer Sturm, als der furchtbarste Orkan der Natur, der ihn aus der Burg seiner Vater vertrieb, und doch war er ja das gejagte Wild, das gegen die Geschosse der mordlustigen Jager hier eine Zuflucht fand!

"Ihr schaut mich verwundert an, werter Gast", sagte der Ritter, als Georg bald ihn, bald seine Umgebungen mit verwunderten Blicken mass, "vielleicht habt Ihr erwartet, dass ich Euch etwas weniges vorjammern werde? Aber uber was soll ich klagen? Mein Ungluck kann in diesem Augenblick keiner wenden, darum ziemt es sich, dass man heitere Miene zum bosen Spiele macht. Und saget selbst, wohne ich hier nicht wie Fursten selten wohnen. Habt Ihr meine Hallen gesehen, und die weiten Sale meines Palastes? glanzen nicht ihre Wande wie Silber? wolben die Decken sich nicht, wie aus Perlen und Diamanten zusammengesetzt? werden sie nicht getragen von Saulen, die von Smaragden und Rubinen, und allen Edelsteinen der Erde prangen? Doch hier kommt Hanns, mein Obermundschenk, mit dem Weine; sprich mein Getreuer! ist das all unser Getrank, was in diesem Becher ist?"

"Wasser so klar als Kristall hat Eure Wohnung", sprach der Pfeifer, der mit der heiteren Laune seines Gefahrten schon vertraut war, "aber auch ein Restchen Wein, das wenigstens noch drei Becher fullt, ist im Krug und nun wir haben ja heute einen Gast, und konnen schon etwas draufgehen lassen ich will es nur gestehen, ich habe heute nacht einen vollen Krug alten Uhlbacher hereingebracht, er steht bei dem andern."

"Das hast du wohl gemacht", rief der geachtete Ritter, und ein Strahl der Freude drang aus seinem glanzenden Auge; "glaubet nicht, Herr Georg, dass ich ein Schlemmer und Saufer bin; aber guter Wein ist ein edles Ding, und ich liebe es, in guter Gesellschaft den vollen Becher rundgehen zu lassen. Pflanze die Kruge nur hier auf, werter Kellermeister, wir wollen tafeln, wie in den Tagen des Gluckes. Ich bring es Euch, auf den alten Glanz des Hauses Sturmfeder!"

Georg dankte und trank; "Ich sollte die Ehre erwidern", sagte er, "und doch weiss ich Euren Namen nicht, Herr Ritter. Doch ich bringe es Euch! moget Ihr bald wieder siegreich in die Burg Eurer Vater einziehen, moge Euer Geschlecht auf ewige Zeiten grunen und bluhen es lebe!" Georg hatte die letzten Worte mit starker Stimme gerufen, und wollte eben den Becher ansetzen, als das Gerausch vieler Stimmen vom Eingang der Grotte her, aus der Tiefe emporstieg, die vernehmlich, "Es lebe! lebe!" riefen. Verwundert setzte er den Becher nieder. "Was ist das," sagte er; "sind wir nicht allein?"

"Es sind meine Vasallen, die Geister", antwortete der Ritter lachelnd, "oder wenn Ihr so lieber wollt, das Echo, das Eurem freundlichen Rufe beistimmte. Ich habe oft", setzte er ernster hinzu, "in den Zeiten des Glanzes, das Wohl meines Hauses von hundert Stimmen ausrufen horen, doch hat es mich nie so erfreut und geruhrt als hier, wo mein einziger Gast es ausbrachte, und die Felsen dieser Unterwelt es beantworteten. Fulle den Becher Hanns und trinke auch du, und weisst du einen guten Spruch, so gib ihn preis."

Der Pfeifer von Hardt fullte sich den Becher, und blickte Georg mit freundlichen Blicken an: "Ich bring es Euch, Junker! und etwas recht Schones dazu: das Fraulein von Lichtenstein!"

"Halloh, sa! sa! trinkt Junker, trinkt", rief der Geachtete und lachte, dass die Hohle drohnte; "aus bis auf den Boden, aus! sie soll bluhen und leben fur Euch! das hast du gut gemacht, Hans! sieh nur, wie unserem Gast das Blut in die Wangen steigt, wie seine Augen blitzen, als kusse er schon ihren Mund. Durft Euch nicht schamen! auch ich habe geliebt und gefreit, und weiss wie einem frohlichen Herzen von vierundzwanzig Jahren zumut ist!"

"Armer Mann!" sagte Georg; "Ihr habt geliebt und gefreit, und musstet vielleicht ein geliebtes Weib und gute Kinder zurucklassen!?" Er fuhlte sich, wahrend er dies sprach, heftig am Mantel gezogen, er sah sich um, und der Spielmann winkte ihm schnell mit den Augen, als sei dies ein Punkt, woruber man mit dem Ritter nicht sprechen musse. Und den Jungling gereueten auch seine Worte, denn die Zuge des unglucklichen Mannes verfinsterten sich, und er warf einen wilden Blick auf Georg, indem er sagte: "Der Frost im September hat schon oft verderbt, was im Mai gar herrlich bluhte, und man fragt nicht wie es geschehen sei; meine Kinder habe ich in den Handen rauher aber guter Ammen gelassen, sie werden sie, so Gott will, bewahren, bis der Vater wieder heimkommt." Er hatte dies mit bewegter, dumpfer Stimme gesprochen, doch als wolle er die truben Gedanken aus dem Gedachtnis abwischen, fuhr er mit der Hand uber die Stirne, und wirklich glatteten sich die Falten, die sich dort zusammengezogen hatten, augenblicklich, er blickte wieder heiterer um sich her und sprach:

"Der Hanns hier kann mir bezeugen, dass ich schon oft gewunscht habe, Euch zu sehen, Herr von Sturmfeder; er hat mir von Eurer sonderbaren Verwundung erzahlt, wo man Euch wahrscheinlich fur einen der Vertriebenen gehalten und angefallen hat, indessen der Rechte Zeit gewann, zu entfliehen."

"Das soll mir lieb sein!" antwortete Georg. "Ich mochte fast glauben, man hat mich fur den Herzog selbst gehalten, denn diesem passten sie damals auf; und ich will gerne die tuchtige Schlappe bekommen haben, wenn er dadurch gerettet wurde."

"Ei, das ist doch viel; wisset Ihr nicht, dass der Hieb, der nach Euch gefuhrt wurde, ebensogut todlich werden konnte?"

"Wer zu Feld zieht", entgegnete Georg, "der muss seine Rechnung mit der Welt so ziemlich abgeschlossen haben. Es ist zwar schoner in einer Feldschlacht vor dem Feinde bleiben; wenn die Freunde jubeln und die Kameraden umherstehen, um einem den letzten Liebesdienst zu erweisen. Aber doch ware ich damals auch gestorben, wenn es hatte sein mussen, um die Streiche dieser Meuchelmorder von dem Herzog abzulenken."

Der Geachtete sah den Jungling mit Ruhrung an und druckte seine Hand. "Ihr scheint grossen Anteil an dem Herzog zu nehmen", sagte er, indem er seine durchdringenden Augen auf ihn heftete, "das hatte ich kaum gedacht, man sagte mir, Ihr seid bundisch."

"Ich weiss, Ihr seid ein Anhanger des Herzogs", antwortete Georg, "aber Ihr werdet mir schon ein freies Wort gestatten. Sehet, der Herzog hat manches getan, was nicht recht ist; zum Beispiel die Huttische Geschichte, sie mag nun sein wie sie will, hatte er unterlassen konnen; sodann mag er mit seiner Frau hart umgegangen sein, und Ihr musst selbst gestehen, er liess sich doch zu sehr vom Zorn bemeistern, als er Reutlingen sich unterwarf "

Er hielt inn', als erwarte er die Antwort des Ritters, doch dieser schlug die Augen nieder und winkte schweigend dem jungen Mann, fortzufahren: "Nun, so dachte ich von dem Herzog, als ich bundisch wurde, so, und nur etwas starker sprach man von ihm im Heere; aber eine grosse Fursprecherin hatte er an Marien, und es ist Euch vielleicht bekannt, dass ich mich auf ihr Zureden lossagte; nun bekamen die Sachen bald eine andere Gestalt in meinen Augen, sei es weil ich von Natur mitleidig bin, und niemand ungerecht misshandeln sehen kann, oder auch weil ich die Absichten der Bundischen besser durchschaute ich sah, dass dem Herzog zu viel geschehe, denn der Bund hatte offenbar kein Recht, den Herzog aus allen seinen Besitzungen, und sogar von seinem Furstenstuhl zu vertreiben und ihn ins Elend zu jagen. Und da gewann der Herzog wieder in meinen Augen; er hatte ja vielleicht noch eine Schlacht wagen konnen, aber er wollte nicht das Blut seiner Wurttemberger auf ein so gewagtes Spiel setzen; er hatte konnen den Leuten Geld abpressen und die Schweizer damit halten, aber er war grosser als sein Ungluck, und sehet das hat mich zu seinem Freunde gemacht."

Der Ritter schlug die Augen auf, seine Brust schien hoher zu schlagen, seine edle Gestalt richtete sich stolzer empor, er sah Georg lange an und druckte seine Hand an sein pochendes Herz. "Wahrlich", sagte er, "es lebt eine heilige, reine Stimme in dir, junger Freund! ich kenne den Herzog wie mich selbst, aber ich darf sagen wie du sagtest, er ist grosser als sein Ungluck, und besser als der Ruf von ihm sagt. Aber er hat wenige gefunden, die ihm Probe gehalten haben! Ach, dass er nur hundert gehabt hatte, wie du bist, und es hatte kein Fetzen der bundischen Paniere auf einer wurttembergischen Zinne geweht. Dass du sein Freund werden konntest! doch es sei ferne von mir, dich einzuladen sein Ungluck mit ihm zu teilen, es ist genug, dass deine Klinge und ein Arm wie der deinige, nicht mehr seinen Feinden gehort; mogen deine Tage heiterer sein als die seinigen, moge der Himmel dir deine guten Gesinnungen gegen einen Unglucklichen belohnen."

Es wehte ein Geist in den Worten des geachteten Ritters, der manch verwandte Saite in dem Herzen des Junglings anschlug. War es die Anerkennung seines personlichen Wertes, der ihm aus dem Munde eines Tapferen so ermunternd klang, war es die Ahnlichkeit des Schicksales dieses Unglucklichen mit seiner eigenen Armut und mit dem Ungluck seines Hauses, war es die romantische Idee nicht fur das siegende Unrecht, sondern fur die gerechte Sache, gerade weil sie im tiefsten Ungluck war, sich zu erklaren. Georg fuhlte sich unwiderstehlich zu diesem geachteten Mann, zu der Sache, fur die er litt, hingezogen, begeistert fasste er seine Hand und rief: "Es spreche mir keiner von Vorsicht, nenne es keiner Torheit, sich an das Ungluck anzuschliessen! mogen andere dieses schone Land dort oben teilen, und in den Gutern des unglucklichsten Fursten schwelgen ich fuhle Mut in mir, mit ihm zu tragen was er tragt, und wenn er sein Schwert zieht, seine Lande wieder zu erobern, so will ich der erste sein, der sich an seine Seite stellt. Nehmt meinen Handschlag, Herr Ritter, ich bin, wie es auch komme, Ulerichs Freund fur immer!"

Eine Trane glanzte in dem Auge des Geachteten, indem er den Handschlag zuruckgab. "Du wagst viel, aber du bist viel, wenn du Ulerichs Freund bist. Das Land da oben gehort jetzt den Raubern und Dieben, aber hier unten ist noch gut Wurttemberg. Hier vor mir sitzt der Ritter und der Burger, vergesset einen Augenblick, dass ich ein armer Ritter und ein unglucklicher geachteter Mann bin, und denket ich sei Furst des Landes, wie ich der Herr der Hohle bin. Ha! noch gibt es ein Wurttemberg wo diese drei zusammenhalten, und sei es auch tief im Schoss der Erde. Fulle den Becher Hanns, und lege deine rauhe Hand in die unsrigen, wir wollen den Bund besiegeln!"

Hanns ergriff den vollen Krug und fullte den Becher. "Trinkt edle Herren, trinkt", sagte er, "ihr konnet euch in keinem edleren Wein Bescheid tun, als in diesem Uhlbacher."

Der Geachtete trank in langen Zugen den Becher aus, liess ihn wieder fullen und reichte ihn Georg. "Wie ist mir doch?" sagte dieser, "bluhte nicht dieser Wein um Wurttembergs Stammschloss? Ich glaube man nennt also den Wein, der auf jenen Hohen wachst?"

"Es ist so", antwortete der Geachtete; "Rotenberg heisst der Berg, an dessen Fuss dieser Wein wachst, und auf seinem Gipfel steht das Schloss, das Wurttembergs Ahnen gebaut haben. Oh, ihr schonen Taler des Neckars, ihr herrlichen Berge voll Frucht und Wein! von euch, von euch auf immer?!" Er rief es mit einer Stimme, die aus einem gebrochenen Herzen voll Schmerz und Kummer heraufstieg, denn die Wehmut hatte die Decke gesprengt, womit der feste, unbeugsame Sinn dieses Mannes seine kummervolle Seele verhullt hatte!

Der Bauer kniete nieder zu ihm, ergriff seine Hand und weckte ihn aus dem dusteren Hinbruten, dem er sich einige Augenblicke hingegeben hatte. "Seid stark, guter Herr! Ihr werdet sie wiedersehen, frohlicher als Ihr sie verlassen habt."

"Ihr werdet sie wiedersehen, die Taler Eurer Heimat", rief Georg, "wenn der Herzog einruckt in sein Land, wenn er einziehet in die Burg seiner Ahnen, wenn die Taler des Neckars und seine weinreichen Hohen widerhallen vom Jubel des Volkes, dann werdet auch Ihr Eurer Wohnung wieder entgegenziehen. Verscheuchet die truben Gedanken, nunc vino pellite curas, trinket, vergesset nicht, was wir vorhin gesprochen haben, ich tue Euch Bescheid in diesem Wurttemberger Weine der Herzog und seine Treuen! "

Ein angenehmes Lacheln ging wie ein Sonnenblick bei diesen Worten auf den dusteren Zugen des Ritters auf. "Ja!" rief er, "Treue ist das Wort das Genesung gibt dem gebrochenen Herzen, wie ein kuhler Trank dem einsamen Wanderer in der Wuste. Vergesset meine Schwache, Junker; verzeihet sie einem Mann, der sonst seinem Kummer nicht Raum gibt. Aber wenn Ihr je vom Gipfel des Rothenberges hinabgesehen hattet, auf das Herz von Wurttemberg, wie der Neckar durch grune Ufer zieht, wie mannshohe Halmen in den Feldern wogen, wie sanfte Hugel am Fluss sich hinauf ziehen, bepflanzt mit kostlichem Weine, wie dunkle, schattige Forsten die Gipfel der Berge bekranzen, wie Dorf an Dorf mit seinen freundlichen roten Dachern aus den Waldern von Obstbaumen hervorschauen, wie gute fleissige Menschen, kraftige Manner, schone Weiber auf diesen Hohen, in diesen Talern walten, und sie zu einem Garten anbauen hattet Ihr dieses gesehen, Junker, gesehen mit meinen Augen, und sasset jetzt hier unten, hinausgeworfen, verflucht, vertrieben, umgeben von starren Felsen, tief im Schoss der Erde! Oh, der Gedanke ist schrecklich und oft zu machtig fur ein Mannerherz!"

Georg bangte, der Ritter mochte durch die traurige Gegenwart und seine schoneren Erinnerungen wieder in seine Wehmut zuruckgefuhrt werden, daher suchte er schnell dem Gesprach, eine andere Wendung zu geben: "Ihr waret also oft um den Herzog, Herr Ritter? O saget mir, ich bin ja jetzt sein Freund, saget mir, wie ist er im Umgang? wie sieht er aus? nicht wahr, er ist sehr veranderlich und hat viele Launen?"

"Nichts davon", entgegnete der Geachtete, "Ihr werdet ihn sehen und lernet ihn am besten ohne Beschreibung kennen. Aber schon zu lange haben wir von fremden Angelegenheiten gesprochen, von Euren eigenen saget Ihr gar nichts? nichts von dem Zweck Eurer jetzigen Reise, nichts von dem schonen Fraulein von Lichtenstein? Ihr schweiget und schlaget die Augen nieder? glaubet nicht, dass es Neugierde sei, warum ich frage; nein, ich glaube Euch in dieser Sache nutzlich sein zu konnen."

"Nach dem was diese Nacht zwischen uns geschehen ist", antwortete Georg, "ist von meiner Seite keine Zuruckhaltung, kein Geheimnis mehr notig. Es scheint auch, Ihr wusstet langst, dass ich Marien liebe, vielleicht auch, dass sie mir hold ist?"

"O ja", entgegnete der Ritter lachelnd, "wenn ich anders die Zeichen der Liebe verstehe und richtig deuten kann; denn sie schlug, wenn von Euch die Rede war, die Augen nieder, und errotete bis in die Stirne, auch nannte sie Euren Namen mit eigenem, so eigenem Ton, als gaben alle Saiten ihres Herzens den Akkord zu diesem Grundton an."

"Ich glaube, Euer scharfes Auge hat richtig bemerkt, und deswegen will ich nach Lichtenstein. Ich war von Anfang willens, als ich mich vom Bunde lossagte, nach Haus zu ziehen, aber die Alb ist schon halbwegs von Franken hieher, da dachte ich, ich konnte das Fraulein noch einmal zuvor sehen. Der Mann hier fuhrte mich uber die Alb; Ihr wisset was meine Reise um acht Tage verzogerte; sobald der Morgen herauf ist, will ich oben im Schloss einsprechen, und ich hoffe, ich komme dem alten Herrn jetzt willkommner, da ich das neutrale Gebiet verlassen und zu seiner Farbe mich geschlagen habe."

"Wohl werdet Ihr ihm willkommen sein, wenn Ihr als Freund des Herzogs kommt, denn er ist ihm treu und sehr ergeben. Doch konnte es sein, dass er Euch nicht traute, denn er soll ein wenig misstrauisch und gramlich gegen fremde Menschen sein. Ihr wisset, wie ich mit ihm stehe, denn er ist der barmherzige Samariter der mich, wenn ich nachts aus meiner Hohle steige, mit warmer Speise und mit noch warmerem Trost fur die Zukunft labt; ein paar Zeilen von mir mogen Euch bei ihm besser empfehlen als ein Freibrief des Kaisers, und zum Zeichen fur ihn und manchen andern, nehmet diesen Ring und traget ihn zum Andenken an diese Stunde, er wird Euch als einen Freund der gerechten Sache Wurttembergs verkunden." Er zog bei diesen Worten einen breiten Goldreif vom Finger. Ein roter Stein war in die Mitte gefasst, und in den drei Hirschgeweihen mit dem Jagdhorn auf dem Wappenhelm, die darin eingegraben waren, erkannte der junge Mann das Zeichen Wurttembergs; um den Ring standen erhaben gepragte Buchstaben, deren Sinn er nicht verstand. Sie hiessen:

U. H. Z. W. U. T. "Uhzwut? was bedeutet dieser Name?" fragte er. "Ist es etwa ein Feldgeschrei fur die Anhanger des Herzogs?"

"Nein, mein junger Freund", antwortete der geachtete Ritter; "diesen Ring trug der Herzog lange an seiner Hand, und er war mir immer sehr wert, ich habe aber noch viele andere Andenken von ihm, und konnte dieses an keinen Besseren abtreten. Die Zeichen heissen Ulrich, Herzog Zu Wurttemberg Und Teck!"

"Er wird mir ewig teuer sein", erwiderte Georg, "als ein Andenken an den unglucklichen Herrn, dessen Namen er tragt, und als schone Erinnerung an Euch, Herr Ritter, und die Nacht in der Hohle."

"Wenn Ihr an die Zugbrucke von Lichtenstein kommet", fuhr der Ritter fort, "so gebet dem nachsten besten Knecht den Zettel, den ich Euch schreiben werde, und diesen Ring, solches dem Herrn des Schlosses zu bringen, und Ihr werdet gewiss empfangen werden, als waret Ihr des Herzogs eigener Sohn. Doch fur das Fraulein musst Ihr Eure eigenen Zeichen haben, denn auf sie erstreckt sich mein Zauber nicht; etwa ein herzlicher Handedruck, die geheimnisvolle Sprache der Augen, oder ein susser Kuss auf ihren roten Mund; doch, um gehorig vor ihr zu erscheinen, habt Ihr Ruhe notig, denn Eure Augen mochten nach einer durchwachten Nacht etwas trube sein. Daher folget meinem Beispiel, strecket Euch auf die Rehfelle nieder, und leget Euren Mantel als Kopfkissen unter. Und du wurdiger Majordomus, oberster Kammerer und Mundschenk, Hanns, getreuer Gefahrte im Ungluck, reiche diesem Paladin noch einen Becher zum Schlaftrunk, dass ihm jene Felle zum weichen Pfuhl, diese Felsengrotte zum Schlafklosett werde, und ihn der Gott der Traume mit seinen lieblichsten Bildern besuche!"

Die Manner tranken und legten sich zur Ruhe, und Hanns setzte sich, wie ein treuer Hund, an die Pforte der Felsenkammer. Bald kam Morpheus mit leisen Tritten zu dem Lager des Junglings und streute seine Schlummerkorner uber ihn, und er horte nur noch halb im Traume, wie der geachtete Mann sein Nachtgebet sprach, und mit frommer Zuversicht zu dem Lenker der Schicksale flehte uber ihn und jenes ungluckliche Land, in dessen tiefem Schoss er jetzt ruhte, seinen Schutz und seine Hulfe herabzusenden.

VII

Aus einem tiefen grunen Tal

Steigt auf ein Fels als wie ein Strahl,

Drauf schaut das Schlosslein Lichtenstein

Vergnuglich in die Welt hinein.

Schwab

Georg konnte sich anfangs nicht recht auf seine Lage, und die Gegenstande umher besinnen, als er von dem Pfeifer von Hardt aus dem Schlaf aufgeschuttelt wurde; allmahlich aber kehrten die Bilder der vergangenen Nacht in seine Seele zuruck, und er erwiderte freudig den Handschlag, mit welchem ihn der geachtete Ritter begrusste. "So gerne ich Euch noch tagelang in meinem Palast beherbergen wurde", sprach dieser, "so mochte ich Euch doch raten, nach Lichtenstein aufzubrechen, wenn Ihr anders ein warmes Fruhstuck haben wollet. In meiner Hohle kann ich Euch leider keines bereiten lassen, denn wir machen niemals Feuer auf, weil der Rauch uns gar zu leicht verraten konnte."

Georg stimmte seinen Grunden bei, und dankte ihm fur seine Beherbergung. "Wahrlich", sagte er, "ich habe selten eine frohlichere Nacht beim Becher verlebt, als in dieser Hohle. Es hat etwas Reizendes, so Freunden sich zu besprechen. Ich gebe nicht den herrlichsten Saal des schonsten Schlosses um diese Felsenwande!"

"Ja, unter Freunden, wenn der Becher munter kreist", entgegnete der Bewohner der Hohle; "aber unfreiwillig hier zu sitzen, tagelang einsam in diesen Kellern uber sein Ungluck zu bruten, wenn das Herz sich hinaussehnt in den grunen Wald, unter den blauen Himmel, wenn das Auge, mude dieser unterirdischen Pracht, hineintauchen mochte in die reizende Landschaft, hinuberschweifen mochte uber lachende Taler zu den fernen Bergen der Heimat; wenn das Ohr, betaubt von dem eintonigen Gemurmel dieser Wasser, die Tropfen um Tropfen von den Wanden rieseln, und gesammelt in bodenlose Tiefen hinabsturzen, sich hinaussehnt, den Gesang der Lerche zu horen, zu lauschen wie das Wild in den Buschen rauscht!"

"Armer Mann! es ist wahr, eine solche Einsamkeit muss schrecklich sein!"

"Und dennoch", fuhr jener fort und richtete sich hoher auf, indem ein stolzer Trotz aus seinen Augen blitzte; "und dennoch preise ich mich glucklich, mit Hulfe guter Leute diese Zuflucht gefunden zu haben. Ja ich wollte lieber noch hundert Faden tief hinabsteigen, wo die Brust keine Luft mehr zu atmen findet, als in die Hande meiner Feinde fallen und ihr Gespott werden; und wenn sie dahin mir nachkamen, die blutgierigen Hunde des Bundes, so wollte ich mich mit meinen Nageln weiter hineinscharren in die hartesten Felsen, ich wollte hinabsteigen tiefer und immer tiefer, bis wo der Mittelpunkt der Erde ist. Und kamen sie auch dorthin, so wollte ich die Heiligen lastern, die mich verlassen haben, und wollte dem Teufel rufen, dass er die Pforten der Finsternis aufreisse, und mich berge gegen die Verfolgung dieses ubermutigen Gesindels." Der Mann war in diesem Augenblick so furchtbar, dass Georg unwillkurlich vor ihm zuruckbebte. Seine Gestalt schien grosser, alle seine Muskeln waren angespannt, seine Wangen gluhten, seine Augen schossen Blitze, als suchten sie einen Feind, den sie vernichten sollten, seine Stimme drohnte hohl und stark, und das Echo der Felsen sprach ihm in schrecklichen Tonen seine Verwunschungen nach. Obgleich diese Gradation dem Jungling zu stark vorkommen mochte, so konnte er doch die Gefuhle eines Mannes nicht tadeln, den man, weil er seinem Herrn treu geblieben war, aus seinen Besitzungen hinausgeworfen hatte, den man wie ein angeschossenes Wild suchte, um ihn zu toten. "Es liegt ein Trost in dieser Gesinnung", sagte er zu dem Geachteten, "und Ihr werdet Euer Ungluck leichter tragen, wenn Ihr den Gegensatz recht scharf ins Auge fasset. Ich bewundre Euch, um Eurer Seelenstarke, Herr Ritter! aber eben dieses Gefuhl der Bewunderung notigt mir eine Frage ab, die vielleicht noch immer zu unbescheiden klingt, doch Ihr habt mich in der letzten Nacht zu oft Freund genant, als dass ich sie nicht wagen durfte; nicht wahr, Ihr seid Marx Stumpf von Schweinsberg?"

Es musste etwas Lacherliches in dieser Frage liegen, das Georg nicht finden konnte, denn der Ernst, der noch immer auf den Zugen des Ritters gelegen, war wie weggeblasen, er lachte zuerst leise vor sich hin, dann aber brach er in lautes Gelachter aus, in welches, wie auf ein gegebenes Zeichen, auch der Spielmann ein stimmte.

Georg sah bald den einen, bald den andern fragend an, aber seine verlegenen Blicke schienen nur die Lachlust der beiden Manner noch mehr zu reizen. Endlich fasste sich der Geachtete: "Verzeihet, werter Gast, dass ich das Gastrecht so groblich verletzte, und mir nicht lieber die Zunge abgebissen habe, ehe ich etwas von Euch lacherlich fand; aber wie kommt Ihr nur auf den Marx Stumpf? Kennet Ihr ihn denn?"

"Nein, aber ich weiss, dass er ein tapferer Ritter ist, dass er wegen des Herzogs vertrieben wurde, und dass die Bundischen auf ihn lauern; und passt dieses nicht alles ganz gut auf Euch?"

"Danke Euch, dass Ihr mich fur so tapfer haltet, aber das mochte ich Euch doch raten, dass Ihr dem Stumpf nicht bei Nacht in den Weg kommet wie mir, denn dieser hatte Euch ohne weiteres zu Kochstucken zusammengehauen. Der Schweinsberg ist ein kleiner dicker Kerl, einen Kopf kleiner als ich, und darum kam mir unwiderstehlich das Lachen. Ubrigens ist er ein ehrenwerter Mann, und einer von den wenigen, die ihren Herrn im Ungluck nicht verliessen."

"So seid Ihr nicht dieser Schweinsberg?" entgegnete Georg traurig, "und ich muss gehen ohne zu wissen, wer mein Freund ist?"

"Junger Mann!" sagte der Geachtete mit Hoheit, die nur durch den gewinnenden Ausdruck der Freundlichkeit gemildert wurde, "Ihr habt einen Freund gefunden, durch Euer tapferes, ehrenvolles Wesen, durch Euren offenen, freien Blick, durch Eure warme Teilnahme an dem unglucklichen Herzog. Es sei Euch genug, diesen Freund gewonnen zu haben, fraget nicht weiter, ein Wort konnte vielleicht dieses trauliche Verhaltnis zerstoren, das mir so angenehm ist. Lebet wohl, denket an den geachteten Mann ohne Namen, und seid versichert, ehe zwei Tage vorbeigehen, sollt Ihr von mir und meinem Namen horen!" Es wollte Georg dunken, als stehe dieser Mann, trotz seines unscheinbaren Kleides, vor ihm wie ein Furst, der seinen Diener huldreich entlasst, so gross war jene unbeschreibliche Hoheit, die ihm auf der Stirne thronte, so erhaben der Glanz, der aus seinem Auge drang.

Der Pfeifer hatte unter diesen Worten die Fackeln angezundet, und stand erwartend am Eingang der Grotte, der geachtete Ritter druckte einen Kuss auf die Lippen des Junglings und winkte ihm zu gehen. Er ging und wusste nicht wie ihm geschah, noch nie war ihm ein Mensch so freundlich nahe, und doch zugleich so unendlich hoch uber ihm gestanden, noch nie hatte er gefuhlt, wie in jenen Augenblicken, dass ein Mann entkleidet von jenem irdischen Glanze, der das Leben schmuckt, selbst in armlicher Hulle und Umgebung eine Erhabenheit und Grosse von sich strahlen konne, die das Auge blendet, und das Gefuhl des eigenen Ichs so plotzlich uberrascht und hinabdruckt. Mit diesem Gedanken beschaftigt, ging er durch die Hohle; die erhabene Pracht der Natur, die beim Eintritt sein Auge uberrascht und gefesselt hatte, ging fur ihn verloren; er staunte nicht mehr, dass sie im Schosse eines unscheinbaren Berges sich so herrlich und grossartig ausgesprochen habe. War ja doch sein inneres Auge mit einem Gegenstand beschaftigt, in welchem sie sich noch imposanter und grossartiger aussprach, als in der nachtlichen Pracht dieser Felsen, denn er bewunderte die Erhabenheit des menschlichen Geistes uber jedes irdische Verhaltnis, und dachte nach uber die Majestat einer grossen Seele, die auch im Gewande des Bettlers ihren angeborenen Adel nicht verleugnen kann.

Ein heller freundlicher Tag empfing sie, als sie aus der Nacht der Hohle zum Licht herausstiegen. Georg atmete freier und leichter in der kuhlen Morgenluft, denn der feuchte Dunst, der in den Gangen und Grotten der Hohle umzieht, und wovon sie vielleicht den Namen Nebelhohle tragt, lagert sich beengend auf die Brust. Sie fanden das Pferd des jungen Ritters noch an derselben Stelle angebunden, munter und frisch wie sonst, und selbst die Waffenstucke, die am Sattel befestigt waren, hatten durch den Nachttau nicht Schaden gelitten, wie Georg befurchtet hatte, denn der Pfeifer von Hardt hatte ein grobes Tuch, das ihm beim Unwetter gegen Regen und Kalte dienen mochte, uber den Rucken des Pferdes ausgebreitet. Georg machte seine Kleidung und das Zeug des Rosses zurecht, wahrend der Bauer diesem einige Handevoll Heu zum Morgenbrot reichte, und dann ging es weiter den Berg hinan. Sie waren noch wenige Schritte vorgeruckt, als der Klang einer Glocke aus dem Tal herauftonte, die feierliche Stille des Morgens unterbrach, eine andere antwortete, drei bis vier stimmten ein, bis die melodischen Tone von wenigstens zwolf Glocken von den Hohen umher und aus den Talern aufstiegen. Uberrascht, hielt der junge Mann sein Pferd an; "Was ist das!" rief er, "brennt es irgendwo, oder wie, sollten wir heute ein Fest im Kalender haben? Weiss Gott, ich bin durch meine Krankheit so aus aller Zeit herausgekommen, dass ich den Sonntag nur daran erkenne, dass die Madchen neue Rocke und frische Schurzen anhaben."

"Es ist wohl schon manchem Kriegsmann so gegangen", antwortete Hanns der Spielmann; "ich selbst habe mich oft erst auf die Zeit besinnen mussen, wenn ich wichtigere Dinge im Kopf hatte als Mess' und Predigt, aber heute ist es ein anderes Ding", setzte er ernster hinzu und schlug ein Kreuz, "heut ist Karfreitag. Gelobt sei Jesus Christus!"

"In Ewigkeit!" erwiderte der Jungling. "Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich den Tag nicht wurdig begehe, wie ich soll; und dieser Tag erinnert mich an manche schone Stunde meiner Kindheit. Damals lebte noch mein Vater; ich hatte eine sanfte, gute Mutter und ein ganz kleines Schwesterlein. Wir beide freuten uns immer, wenn der Karfreitag kam; wir wussten nichts von der Bedeutung des Tages, aber wir rechneten dann, dass es nur noch zwei Tage bis Ostern sei, wo uns die Mutter schone Sachen bescherte. Requiescant in pace", setzte er hinzu, indem er seitwarts blickte, um eine Trane zu verbergen; "sie sind druben alle drei, und feiern dort ihren heiligen Freitag."

"Man sollte nicht von so unheiligen Dingen sprechen", sagte der Pfeifer nach einigem Stillschweigen, "aber mein Beichtiger mag es mir schon vergeben. Ich denke, Ihr solltet nicht traurig sein, Junker! Denen die schlafen, ist es wohl, und die, die wachen, sollen vorwarts und nicht ruckwarts sehen. So wurde ich an Eurer Stelle daran denken, wie Ihr einst auch Euren Kindlein das Ostern bescheren konnet, und wie sie sich freuen werden am Karfreitag. Seid Ihr nicht auf der Brautfahrt, und wird ein gewisses Fraulein nicht auch eine gute, sanfte Mutter werden?"

Georg suchte umsonst ein Lacheln zu unterdrukken, das dieser sonderbare Trostspruch hervorgelockt hatte. "Hore, guter Freund", entgegnete er, "dir ist zur Not ein solches Wort erlaubt; doch mochte ich keinem andern raten, meine Ohren durch solche sundige Gedanken zu entweihen."

"Nichts fur ungut, Herr! ich wollte weder Euch noch das Fraulein damit beleidigen; soll auch nicht mehr geschehen. Aber sehet Ihr nicht dort schon den Turm aus den Wipfeln ragen? Noch eine kleine Viertelstunde, und wir sind oben."

"Soviel ich gestern in der Nacht bemerken konnte, ist das Schloss auf einen einzelnen, jahen Felsen hinausgestellt? bei Gott, ein kuhner Gedanke, da konnte wohl niemand hinuberkommen, wer nicht mit den Geiern im Bunde war und fliegen gelernt hatte; freilich jetzt konnte man mit Stuckschussen sehr zusetzen."

"Meint Ihr? nun es stehen auch vier gute Doppelhaken in der Halle, die auch ein Wortchen antworten wurden. Wenn Ihr recht gesehen habt, so musst Ihr bemerkt haben, dass der Felsen ringsum durch ein breites Tal von den Bergen umher gesondert ist, dorther konnte man nicht viel Schaden tun; die einzige Seite, die naher an dem Berge liegt, ist die, wo die Zugbrukke herubergeht. Pflanzet einmal dort Geschutz auf und sehet zu, ob es Euch der Lichtensteiner nicht in den Grund schiesst, ehe Ihr nur ein Fenster aufs Korn genommen habt. Und wie wollet Ihr Geschutz herauffuhren in diesen Schluchten und Bergen, ohne dass Euch wenige entschlossene Manner mehr Schaden tun, als das ganze Nest wert ist?"

"Da habt Ihr recht", antwortete Georg; "ich mochte wissen, wer den Gedanken gehabt hat, auf den Felsen ein Schloss zu bauen."

"Das will ich Euch sagen", erwiderte der Spielmann, der mit allen Sagen seines Landes vertraut war; "es lebte einmal vor vielen Jahren eine Frau; die musste viele Verfolgung dulden, und wusste sich nicht mehr zu raten. Da kam sie an diesen Felsen, und sah, wie ein grosser Geier mit seiner Familie und allem Haushalt dort lebte, und gegen alle Nachstellung sicher war. Da beschloss sie den Geier zu verdrangen. Sie liess das Schloss dorthin bauen, und als alles fertig war, liess sie die Brucke aufziehen, stieg auf die Zinne ihres Turmes und sprach; 'Nun bin ich Gottes Freund und aller Welt Feind.' Und es konnte ihr keiner mehr etwas anhaben. Aber sehet, da sind wir schon. Lebet wohl, vielleicht dass ich Euch schon heute nacht wiedersehe. Ich steige jetzt ins Land hinab, und bringe dann dem Herrn in der Hohle Kundschaft, wie es dort unten aussieht. Vergesset nicht, an der Brucke Brief und Ring dem Herrn des Schlosses zu senden, und hutet Euch, das Siegel selbst zu brechen."

"Sei ohne Sorgen! ich danke dir fur dein Geleite, und grusse meinen werten Gastfreund in der Hohle." Georg sprach es, trieb sein Pferd an, und in wenigen Augenblicken war er vor der ausseren Verschanzung von Lichtenstein angelangt.

Ein Knecht, der das Tor bewachte, fragte nach seinem Begehr und rief einen anderen herbei, ihrem Herrn das Brieflein und den Ring zu ubergeben. Georg hatte indes Zeit genug, das Schloss und seine Umgebungen zu betrachten. War ihm schon in der Nacht, beim ungewissen Schein des Mondes und in einer Gemutsstimmung, die ihn nicht zum aufmerksamsten Beobachter machte, die kuhne Bauart dieser Burg aufgefallen, so staunte er jetzt noch mehr, als er sie vom hellen Tag beleuchtet, anschaute. Wie ein kolossaler Munsterturm steigt aus einem tiefen Albtal ein schoner Felsen, frei und kuhn, empor. Weitab liegt alles feste Land, als hatte ihn ein Blitz von der Erde weggespalten, ein Erdbeben ihn losgetrennt, oder eine Wasserflut vor uralten Zeiten das weichere Erdreich ringsum von seinen festen Steinmassen abgespult. Selbst an der Seite von Sudwest, wo er dem ubrigen Gebirge sich nahert, klafft eine tiefe Spalte, hinlanglich weit, um auch den kuhnsten Sprung einer Gemse unmoglich zu machen doch, nicht so breit, dass nicht die erfinderische Kunst des Menschen durch eine Brucke die getrennten Teile vereinigen konnte.

Wie das Nest eines Vogels auf die hochsten Wipfel einer Eiche oder auf die kuhnsten Zinnen eines Turms gebaut, hing das Schlosschen auf dem Felsen. Es konnte oben keinen sehr grossen Raum haben, denn ausser einem Turm sah man nur eine befestigte Wohnung, aber die vielen Schiessscharten im unteren Teil des Gebaudes, und mehrere weite Offnungen, aus denen die Mundungen von schwerem Geschutz hervorragten, zeigten, dass es wohlverwahrt und trotz seines kleinen Raumes eine nicht zu verachtende Feste sei; und wenn ihm die vielen hellen Fenster des oberen Stockes ein freies, luftiges Ansehen verliehen, so zeigten doch die ungeheuren Grundmauern und Strebepfeiler, die mit dem Felsen verwachsen schienen, und durch Zeit und Ungewitter beinahe dieselbe braungraue Farbe, wie die Steinmasse, worauf sie ruhten, angenommen hatten, dass es auf festem Grunde wurzle, und weder vor der Gewalt der Elemente noch dem Sturm der Menschen erzittern werde. Eine schone Aussicht bot sich schon hier dem uberraschten Auge dar, und eine noch herrlichere, freiere, liess die hohe Zinne des Wartturms und die lange Fensterreihe des Hauses ahnen.

Diese Bemerkungen drangten sich Georg auf, als er erwartend an der ausseren Pforte stand, die wohlverschanzt herwarts uber der Kluft, auf dem Lande den Zugang zu der Brucke deckte. Jetzt tonten Schritte uber die Brucke, das Tor tat sich auf, und der Herr des Schlosses erschien selbst, seinen Gast zu empfangen. Es war jener ernste, altliche Mann, den Georg in Ulm mehreremal gesehen, dessen Bild er nicht vergessen hatte; denn die dusteren, feurigen Augen, die bleichen aber edlen Zuge, seine grosse Ahnlichkeit mit der Geliebten, hatten sich tief in die Seele des Junglings gepragt.

"Ihr seid willkommen in Lichtenstein", sagte der alte Herr, indem er seinem Gast die Hand bot, und eine gutige Freundlichkeit den gewohnlichen strengen Ernst seiner Zuge milderte. "Was steht ihr mussig da ihr Schlingel!" wandte er sich nach dieser ersten Begrussung zu seinen Dienern. "Soll etwa der Junker sein Ross mit hinauffahren in die Stube? schnell, hinein mit in den Stall; das Rustzeug traget auf die Kammer am Saal! Verzeihet, werter Herr, dass man Euch so lange unbedient stehenliess, aber in diese Bursche ist kein Verstand zu bringen. Wollet Ihr mir folgen?"

Er ging voran uber die Zugbrucke, Georg folgte. Sein Herz pochte bei diesem Gang, voll Erwartung, voll Sehnsucht, seine Wangen roteten sich vor Liebe und vor Scham, wenn er an die letzte Nacht und an die Gefuhle zuruckdachte, die ihn zuerst vor diese Burg gefuhrt hatten. Sein Auge suchte an den Fenstern umher, ob es nicht die Geliebte erspahe, sein Ohr scharfte sich um vielleicht ihre Stimme zu vernehmen, wenn auch ihr Anblick ihm jetzt noch verborgen war. Aber umsonst suchten seine Blicke diese Mauern zu durchbohren, umsonst fing sein scharfes Ohr jeden Laut begierig auf, noch schien sie sich nicht zeigen zu wollen.

Sie gelangten jetzt an das innere Tor. Es war nach alter Art tief, stark gebaut, und mit Fallgattern, Offnungen fur siedendes Ol und Wasser, und allen jenen sinnreichen Verteidigungsmitteln versehen, womit man in den guten alten Zeiten den sturmenden Feind, wann er sich der Brucke bemeistert haben sollte, abhielt. Doch die ungeheuren Mauern und Befestigungen, die sich von dem Tor an rings um das Haus zogen, verdankte Lichtenstein nicht der Kunst allein, sondern auch der Natur; denn ganze Felsen waren in die Mauerlinie gezogen, und selbst der schone, geraumige Pferdestall und die kuhlen Kammern, die statt des Kellers dienten, waren in den Felsen eingehauen. Ein bequemer, gewundener Schneckengang fuhrte in die oberen Teile des Hauses, und auch dort waren kriegerische Verteidigungen nicht vergessen; denn auf dem Vorplatz der zu den Zimmern fuhrte, wo in anderen Wohnungen hausliche Geratschaften aufgestellt sind, waren hier furchtbare Doppelhaken und Kisten mit Stuckkugeln aufgepflanzt. Das Auge des alten Ritters ruhte mit einem gewissen Ausdruck von Stolz auf diesem sonderbaren Hausrat, und in der Tat konnten diese Geschutze damals fur ein Zeichen von Wohlhabenheit und selbst Reichtum gelten, denn nicht jeder Privatmann war imstande, seine Burg mit vier oder sechs solchen Stucken zu versehen.

Von hier ging es noch einmal aufwarts in den zweiten Stock, wo ein uberaus schoner Saal, ringsum mit hellen Fenstern, den Ritter von Lichtenstein und seinen Gast aufnahm. Der Hausherr gab einem Diener, der ihnen gefolgt war, mehr durch Zeichen als Worte einige Befehle, die ihn aus dem Saale entfernten.31

VIII

Und der Graf, geruhrt von solches

Hohen Opfers hohem Geiste

Bei der Freude susser Regung,

Kann der Freundschaft mildem Taue

Der durchs Herz ihm, der durchs Auge

Schon ihm schleicht, nicht widerstehen.

P. Conz

Als die beiden Manner in dem weiten Saale von Lichtenstein allein waren, trat der Alte dicht vor Georg hin, und schaute ihn an, als messe er prufend seine Zuge. Ein Strahl von Begeisterung und Freude drang aus seinen Augen, die Melancholie seiner Stirne war verschwunden, er war heiter, frohlich sogar, wie der Vater, der einen Sohn empfangt, der von langen Reisen zuruckkehrt. Endlich stahl sich eine Trane aus seinem glanzenden Auge, aber es war eine Trane der Freude, denn er zog den uberraschten Jungling an sein Herz.

"Ich pflege nicht weich zu sein", sprach er nach dieser feierlichen Umarmung zu Georg, "aber solche Augenblicke uberwinden die Natur, denn sie sind selten. Darf ich denn wirklich meinen alten Augen trauen? trugen die Zuge dieses Briefes nicht? ist dieses Siegel echt und darf ich ihm glauben? doch was zweifle ich! hat nicht die Natur Euch ihr Siegel auf die freie Stirne gedruckt? sind die Zuge nicht echt, die sie auf den offenen Brief Eures Gesichtes geschrieben? nein, Ihr konnet nicht tauschen die Sache meines unglucklichen Herrn hat einen Freund gefunden!"

"Wenn Ihr die Sache des vertriebenen Herzogs meinet, so habt Ihr recht gesehen, sie hat einen warmen Anhanger gefunden. Der Ruf bezeichnete mir langst den Herrn von Lichtenstein, als einen treuen Freund des Herzogs, und ich ware vielleicht auch ohne den Rat jenes unglucklichen Mannes, der mich zu Euch schickte, gekommen, Euch zu besuchen."

"Setzet Euch zu mir, junger Freund", sagte der Alte, dessen Augen immer noch mit Liebe auf dem Jungling zu ruhen schienen; "setzet Euch hier und horet was ich sage. Ich liebe es sonst nicht, wenn die Leute ihre Farbe andern, ich habe in meinem langen Leben gelernt, dass man die Uberzeugung eines jeden ehren musse, und dass ein Mann, wenn er nur sonst reine Absichten hat, nicht gerade deswegen zu verdammen sei, weil er anderer Meinung ist, als wir. Aber wenn man seine Farbe mit so uneigennutzigen Absichten andert wie Ihr, Georg von Sturmfeder, wenn man dem Gluck den Rucken kehrt, um sich an das Ungluck anzuschliessen, da hat die Anderung grossen Wert, denn sie tragt das Geprage einer edlen Tat an der Stirne."

Georg errotete uber sich selbst, als er horte, wie der Lichtensteiner seine uneigennutzigen Absichten pries. War es denn nicht auch die schone Tochter, was ihn zu der Fahne des Vaters fuhrte? Und musste er nicht in der Achtung dieses Mannes sinken, wenn uber kurz oder lange dieses Motiv seines Ubertrittes ans Licht kam? "Ihr seid zu gutig", antwortete er; "die Absichten eines Menschen liegen oft tiefer verborgen, als man auf den ersten Anblick glaubt; seid versichert, dass mein Ubertritt zu Eurer Sache zwar zum Teil von dem emporten Gefuhl des Rechtes geleitet wurde; doch konnte es auch einen irdischeren Beweggrund geben, Herr Ritter; und ich mochte nicht, dass Ihr mich fur zu gut hieltet, es wurde mir um so weher tun, wenn Ihr nachher ungunstiger von mir urteiltet."

"Ich liebe Euch um dieser Offenheit willen nur noch mehr", entgegnete der Herr des Schlosses, und druckte seinem Gast die Hand. "Doch traue ich meiner Erfahrung und meiner Kenntnis der Gesichter, und von Euch will ich kuhn behaupten, dass, wenn Euch auch noch eine andere Absicht leitet, als das Gefuhl des Rechtes, diese Absicht doch keine schlechte sein kann. Wer Schlechtes im Schilde fuhrt, ist feig, und wer feig ist, wagt es nicht, den Truchsess, den Herzog von Bayern und den Schwabischen Bund vor den Kopf zu stossen und so aufzutreten, wie Ihr aufgetreten seid."

"Was wisset Ihr von mir", rief Georg mit freudigem Erstaunen; "habt Ihr denn je von mir gehort vor diesem Augenblick?"

Der Diener, welcher bei diesen Worten die Ture offnete, unterbrach die Antwort des alten Herrn; er setzte Wildbret und volle Becher vor Georg hin, und schickte sich an, den Gast zu bedienen. Doch ein Wink seines Herrn entfernte ihn aufs neue. "Verschmahet diesen Morgenimbiss nicht", sagte er zu dem jungen Mann; "den ersten Becher sollte zwar die Hausfrau kredenzen, wie es die angenehme Sitte heischt; aber die meinige ist schon lange tot, und meine einzige Tochter, Marie, die an ihrer Stelle das Hauswesen versiehet, ist ins Dorf hinabgegangen, um am hohen Feste eine Predigt zu horen und die Messe. Nun, Ihr fragtet mich, ob ich noch nie von Euch gehort hatte? Ihr seid ja jetzt unser, daher darf ich Euch wohl sagen, was man sonst verschweigt. Ich war zur Zeit, als Ihr in Ulm einrucktet, in jener Stadt, um meine Tochter abzuholen, die sich dort aufhielt, hauptsachlich aber, um manches zu erfahren, was fur den Herzog zu wissen wichtig war; Gold offnet alle Pforten", setzte er lachelnd hinzu, "auch die des Hohen Rates, und so horte ich taglich, was die Bundesobersten beschlossen. Als der Krieg erklart wurde, war ich genotigt, abzureisen; ich hielt aber treue Manner in jener Stadt, die mir auch das Geheimste berichteten, was vorging."

"War nicht einer davon der Pfeifer von Hardt", fragte Georg, "den ich bei dem Geachteten traf?"

" Und der Euch uber die Alb fuhrte? ja wohl! Diese brachten immer Kundschaft. So erfuhr ich denn auch, dass man beschloss, einen Spaher hinter den Rucken des Herzogs zu schicken, etwa in die Gegend von Tubingen, um dem Bunde sogleich Nachricht von unseren Schritten zu erteilen. Ich erfuhr auch, dass die Wahl auf Euch gefallen sei. Nun muss ich Euch redlich gestehen, Ihr und Euer Name war mir ziemlich gleichgultig, nur bedauerte ich Euch, als ich horte, dass Ihr noch solch ein junges Blut seid, denn sobald Ihr uber die Alb kamet als Kundschafter, waret Ihr ohne Gnade und Barmherzigkeit totgeschlagen oder unter die Erde gesetzt worden, wo keine Sonne und kein Mond hinscheint. Um so uberraschender war mir und vielen Mannern die Nachricht, wie Ihr es ausgeschlagen, und wie tapfer Ihr vor jenen Herren gesprochen. Auch dass Ihr absagtet und auf vierzehn Tage Urfehde schworen musstet, erfuhr ich. Und wie freut es mich, dass Ihr nun gar unser Freund geworden seid!"

Die Wangen des jungen Mannes gluhten, sein Auge strahlte vor Freude, brach ja doch dieser Augenblick alle Schranken, welche die Verhaltnisse zwischen ihm und Marie gezogen hatten. Sein langer Wunsch, dessen Erfullung oft so weit in die Ferne hinausgeruckt schien, war in Erfullung gegangen, er hatte unbewusst Mariens Vater fur sich gewonnen. "Ja, ich habe ihnen abgesagt", antwortete Georg, "weil ich ihr Wesen nicht mehr leiden mochte, ich bin Euer Freund geworden, doch ware es moglich, ich hatte mich nicht so bald zu Eurer Sache bekannt; aber als ich unten in der Hohle neben jenem geachteten Mann sass, als ich bedachte, wie man mit den Edeln und selbst mit dem Herrn des Landes umgehe, wie seine gewaltigen Reden so machtig an meiner Brust anklopften: da war es mir auf einmal hell und klar, hieher musse ich stehen, hier musse ich streiten. Und glaubt Ihr, es werde bald etwas zu tun geben? denn ich bin nicht zu Euch herubergeritten, um die Hande in den Schoss zu legen!"

"Das konnte ich mir denken", sagte der Ritter lachelnd; "vor vierzig Jahren hatte ich auch so rasches Blut, und es liess mich nicht lange auf einem Fleck. Wie die Sachen stehen, wisst Ihr; man kann sagen eher schlimm als gut. Sie haben das Unterland, sie haben den ganzen Strich von Urach herauf. Auf eines kommt alles an: halt Tubingen fest, so siegen wir."

"Die Ehre von vierzig Rittern burgt dafur", rief Georg mit Unmut, "das Schloss ist stark, ich habe kein starkeres gesehen, Besatzung ist hinlanglich da, und vierzig Manner von Adel werden sich so leicht nicht ergeben. Es kann nicht sein, es darf nicht sein. Haben sie nicht des Herzogs Kinder bei sich und den Schatz des Hauses? sie mussen sich halten."

"Wohl, wenn sie alle dachten wie Ihr. Es kommt gar viel auf Tubingen an. Wenn der Herzog Entsatz bringen kann, so hat er an Tubingen einen festen Punkt, von wo aus er sein Land wieder erobern kann; es sind grosse Kriegsvorrate, es ist ein grosser Teil des Adels dort; solange sie zu seiner Partie halten, ist Wurttemberg nur dem Boden nach gewonnen, dem Geiste nach ist es noch des Herzogs! aber ich furchte, ich furchte!"

"Wie? unmoglich konnen sich die vierzig ergeben!"

"Ihr habt noch wenig erfahren in der Welt", erwiderte der Alte, "Ihr wisst nicht, welche Lockungen und Schlingen manchen ehrlichen Mann straucheln machen konnen. Und es ist mancher in der Burg, dem der Herzog zu viel getraut hat. Er merkt auch wohl, dass es nicht ganz lauter und rein hergeht, denn er schickte den Ritter Marx Stumpf von Schweinsberg an sie mit einem beweglichen Schreiben32, das Schloss nicht zu ubergeben, sondern ihm Gelegenheit zu machen, in dasselbe zu kommen, weil er dort zu sterben bereit sei, wenn es Gott uber ihn verhange."

"Der arme Herr!" rief Georg bewegt. "Aber ich kann nicht glauben, dass der Landesadel so schandlich freveln konne; sie werden ihn einlassen in die Burg, er wird ihren Mut aufs neue beseelen, er wird Ausfalle machen, er wird sie schlagen die Belagerer trotz Bayern und Frondsberg, wir werden uns an ihn anschliessen, wir werden fechtend durch das Land ziehen und diese Bundler verjagen."

"Marx Stumpf ist noch nicht zuruck", sagte der Ritter von Lichtenstein mit besorgter Miene; "auch haben sie seit gestern das Schiessen eingestellt. Sonst horte man jeden Stuckschuss hier auf dem Lichtenstein, aber seit gestern ist es still wie im Grabe."

"Vielleicht schweigt das Geschutz wegen des Festes; gebt acht sie werden morgen oder am Ostermontag wieder donnern lassen, dass es durch Eure Felsen hallt."

"Was da!" entgegnete jener. "Wegen des Festes? seinem Herzog treu zu dienen ist auch ein frommer Dienst; und es ware den Heiligen im Himmel vielleicht lieber sie horten den Donner der Feldschlangen von Tubingens Wallen, als dass sie die Ritter mussig sehen. Mussiggang ist aller Laster Anfang! aber wenn nur der Stumpf in das Schloss kommt, der wird sie aufrutteln aus ihrem Schlummer."

"Der Herzog hat den Ritter von Schweinsberg nach Tubingen geschickt, sagt Ihr? der Herzog will ins Schloss, weil die Besatzung seit einigen Tagen zu wanken scheint? da kann also Ulerich nicht bis Mompelgard entflohen sein, wie die Leute sagen; da ist er vielleicht in der Nahe? O dass ich ihn sehen konnte, dass ich mich mit ihm nach Tubingen schleichen konnte!"

Ein sonderbares Lacheln zog fluchtig uber die ernsten Zuge des Alten; "Ihr werdet ihn sehen, wenn es Zeit ist", sagte er. "Ihr werdet ihm angenehm sein, denn er liebt Euch schon jetzt. Und ist das Gluck gut, so sollt Ihr auch mit ihm nach Tubingen kommen, Ihr habt mein Wort drauf. Doch jetzt muss ich Euch bitten, Euch ein Stundchen allein zu gedulden. Mich ruft ein Geschaft, das aber bald abgetan sein wird. Nehmt Euch meinen Wein zum Gesellschafter, schauet Euch um in meinem Haus, ich wurde Euch einladen auf die Jagd auszureiten, wenn ein solches Vergnugen zum Karfreitag passte."

Der alte Herr druckte seinem Gast noch einmal die Hand und verliess das Zimmer; bald nachher sah ihn Georg aus dem Schlosse dem Wald zu reiten.

Als sich der junge Mann allein gelassen sah, fing er an, seinen Anzug ein wenig zu besorgen, der durch den Ritt in der Nacht, durch seinen Aufenthalt in der Hohle etwas ausser Ordnung gekommen war. Wer je unter solchen Umstanden in die Nahe der Geliebten kam, wird es ihm nicht ubelnehmen, wenn er vor einem kleinen Spiegel von poliertem Metall, den er in diesem Gemach vorfand, und der wohl zu Mariens Geratschaften gehoren mochte, Bart und Haare ordnete, das Wams ein wenig reinigte, und jede Spur von Unordnung aus seinem Anzug zu verbannen suchte. Er erging sich dann in dem grossen Zimmer, und suchte unter den vielen Fenstern eines auf, von welchem er auf den Felsenweg hinabschauen konnte, den Marie von der Kirche im Tal heraufkommen musste.

Es waren frohliche Gedanken, die sich in bunter Menge an seiner Seele voruberdrangten, schnell und fluchtig wie ein Zug heller Wolkchen, die am blauen Gewolb des Himmels dahingleiten. Dies war die Burg, die er seit mehr als einem Jahre im Wachen getraumt, in Traumen klar gesehen hatte; dies die Berge, die Felsen, von denen sie ihm so oft erzahlte, dies die Gemacher ihrer Kindheit! Es hat etwas Anziehendes, in den Zimmern zu verweilen, wo die Geliebte gross geworden ist. Man traumt sich um Jahre zuruck, man sieht sie als kleines Madchen in diesen Kammern, in diesen Gangen sich umtreiben. Man geht um einige Jahre vorwarts, man sieht sie noch klein aber verstandig der Mutter jene kleinen Kunste der Haushaltung abspahen, die sie viele Jahre nachher als Hausfrau notig hat. Doch in dem kleinen Kopfchen gestaltet sich schon jetzt ein eigenes Hauswesen; es ist vielleicht jene Ecke, dachte Georg lachelnd, wo sie in kindischer Geschaftigkeit, was sie von den Brosamen der Kuche erbeutete, zu Speisen von eigener Erfindung bereitete, wo sie das holzerne Wesen, das ein Knecht kunstreich schnitzelte, und die Amme mit einigen bunten Fetzen behangt hat, fur ein wackeres Kind halt, und es mit wichtiger Miene zu futtern gedenkt.

Und dann jene anmutsvolle Stufe zwischen Kind und Jungfrau! wo ist wohl das stille Platzchen, wo sich das funfzehnjahrige Fraulein, wenn sie in Garten und Feld nach Kinderweise getobt hatte, sich ernst und feierlich hinsetzte, die Kunkel zur Hand nahm und goldene Faden zog, wahrend ihr der Vater von der Mutter und von den Tagen seiner Jugend erzahlte, oder durch weise Lehren und gewichtige Spruche den Geist der Jungfrau zu erheben suchte?

Wo ist das Lieblingsfenster, wohin sie sich, immer hoher und schoner heranwachsend, gerne setzte, und mit unbewusster, dunkler Sehnsucht in die Ferne sah, uber das Leben und ihre eigene Zukunft nachsann, und sich in freundliche Traume versenkte?

Es war ihm so heimisch, so wohl in diesem Hause, es war ihr Geist, der hier waltete, der ihn umschwebte, den er, ob sie auch fern war, freundlich begrusste; dieses Gartchen auf einem schmalen Raum am Felsen hatte sie besorgt und gepflegt, diese Blumen, die in einem Topf auf dem Tische standen, hatte sie vielleicht heute schon gepfluckt! er ging hin, diese Zeichen ihres freundlichen Sinnes zu begrussen.

Er beugte sich herab uber die Blumen, er fuhrte die duftenden Veilchen zum Mund. In diesem Augenblick glaubte er ein Gerausch vor der Ture zu vernehmen; er sah sich um sie war es, es war Marie, die staunend und regungslos, als traue sie ihren Augen nicht, an der Ture stand. Er flog zu ihr hin, er zog sie in seine Arme, und seine Lippen erst schienen sie zu uberzeugen, dass es nicht der Geist des Geliebten sei, der ihr hier erscheine. Wie viel hatten sie sich zu fragen, bei weitem mehr als sie nur antworten konnten. Es gab Augenblicke wo sie, wie aus einem Traum erwach, sich ansahen, sich uberzeugen mussten, ob sie denn wirklich sich wieder haben?

"Wie viel habe ich um dich gelitten", sagte Marie, und ihre Wangen straften sie nicht Lugen, "wie schwer wurde mir das Herz, als ich aus Ulm scheiden musste. Zwar hattest du mir gelobt, vom Bunde abzulassen, aber hatte ich denn Hoffnung, dich so bald wiederzusehen? und dann, wie mir Hanns die Nachricht brachte, dass du mit ihm nach Lichtenstein kommen wolltest, aber du seiest uberfallen, verwundet worden, das Herz wollte mir bald brechen, und doch konnte ich nicht zu dir, konnte dich nicht pflegen!"

Wie beschamt war Georg, wenn er an seine torichte Eifersucht zuruckdachte, wie fullte er sich so klein und schwach Mariens zarter Liebe gegenuber. Er suchte sein Erroten zu verbergen, er erzahlte, oft unterbrochen von ihren Fragen, wie sich alles so gefugt habe, wie er dem Bunde abgesagt, wie er uber die Alb gezogen sei, wie er uberfallen worden, wie er der Pflege der Pfeifersfrau sich entzogen habe, um nach Lichtenstein zu reisen.

Georg war zu ehrlich, als dass ihn Mariens Fragen nicht hin und wieder in Verlegenheit gesetzt hatten; besonders als sie mit Verwunderung fragte, warum er denn so tief in der Nacht erst nach Lichtenstein aufgebrochen sei, wusste er sich nicht zu raten. Die schonen, klaren Augen der Geliebten ruhten so fragend, so durchdringend auf ihm, dass er um keinen Preis eine Unwahrheit zu sagen vermocht hatte.

"Ich will es nur gestehen", sagte er mit niedergeschlagenen Augen, "die Wirtin in Pfullingen hat mich betort, sie sagte mir etwas von dir, was ich nicht mit Gleichmut horen konnte."

"Die Wirtin? von mir?" rief Marie lachelnd; "nun was war denn dies, dass es dich noch in der Nacht die Berge herauftrieb?"

"Lass es doch! ich weiss ja, dass ich ein Tor war. Der geachtete Ritter hat mich ja schon langst uberzeugt, dass ich vollig unrecht hatte."

"Nein, nein", entgegnete sie bittend, "so entgehest du mir nicht; was wusste die Schwatzerin wieder von mir; gestehe nur gleich "

"Nun lache mich nur recht aus; sie erzahlte: du habest einen Liebsten und lassest ihn, wenn der Vater schlafe, alle Nacht in die Burg."

Marie errotete; Unwille und die Lust uber diese Torheit zu lachen, kampften in ihren schonen Zugen. "Nun, ich hoffe" sagte sie, "du hast ihr darauf geantwortet, wie es sich gehort, und aus Unmut uber eine solche Verleumdung ihr Haus verlassen? Dachtest vielleicht, du konntest unser Schloss noch erreichen und hier ubernachten?"

"Ehrlich gestanden, das dachte ich nicht. Siehe, ich war noch halb krank, ich glaubte ihr auch anfangs gewiss nicht, aber deine Amme, die alte Frau Rosel wurde aufgefuhrt, sie hatte es der Wirtin gesagt, sie hatte mich selbst mit ins Spiel gebracht und bedauert, dass ich um meine Liebe betrogen sei, da o sieh nicht weg, Marie, werde mir nicht bos! Ich schwang mich aufs Pferd und ritt vors Schloss herauf, um ein Wort mit dem zu sprechen, der es wage, Marien zu lieben."

"Das konntest du glauben", rief Marie, und Tranen sturzten aus ihren Augen. "Dass Frau Rosel solche Sachen aussagt, ist unrecht, aber sie ist ein altes Weib, klatscht gerne; dass die Frau Wirtin solche Sachen nachsagt, nehme ich ihr nicht ubel, denn sie weiss nichts Besseres zu tun; aber du, du Georg konntest nur einen Augenblick so arge Lugen glauben, du wolltest dich uberzeugen, dass " von neuem stromten ihre Tranen, und das Gefuhl bitterer Krankung erstickte ihre Stimme.

Georg zurnte sich selbst, dass er so toricht hatte sein konnen, aber er fuhlte auch, dass wenn er ein grosses Unrecht an der Geliebten begangen hatte, es nur die Liebe war, die ihn verleitete. "Verzeihe mir nur diesmal", bat er; "siehe, wenn ich dich nicht so liebgehabt hatte, ich hatte gewiss nicht geglaubt; aber wenn du wusstest, was Eifersucht ist!"

"Wer recht liebt kann gar nicht eifersuchtig sein", sagte Marie unmutig; "aber schon in Ulm hast du etwas solches gesagt, und schon damals hat es mich recht tief betrubt. Aber du kennst mich gar nicht, wenn du mich recht gekannt hattest, wenn du mich geliebt hattest wie ich dich, warest du nie auf solche Gedanken gekommen."

"Nein! ungerecht musst du doch nicht werden", rief Georg und fasste ihre Hand; "wie kannst du mir vorwerfen, dass ich dich nicht liebe, wie du mich? hatte es denn nicht moglich sein konnen, dass ein Wurdigerer als ich erschienen, dass der arme Georg durch irgendeinen bosen Zauber aus deinem Herzen verdrangt worden ware; es ist ja doch alles moglich auf der Erde!"

"Moglich?" unterbrach ihn Marie, und jener Stolz, den Georg oft mit Lacheln an der Tochter des Ritters von Lichtenstein betrachtet hatte, schien sie allein zu beseelen. "Moglich? wenn Ihr nur einen Augenblick so Arges von mir fur moglich gehalten hattet, ich wiederhole es, Herr von Sturmfeder! so habt Ihr mich nie geliebt; ein Mann muss sich nicht wie ein Rohr hin und her bewegen lassen, er muss fest stehen auf seiner Meinung, und wenn er liebt, so muss er auch glauben."

"Diesen Vorwurf habe ich von dir am wenigsten verdient", sagte der junge Mann, indem er unmutig aufsprang; "wohl bin ich ein Rohr, das vom Winde hin und her bewegt wird, und mancher wird mich darum verachten "

"Es konnte sein!" flusterte sie, doch nicht so leise, dass es sein Ohr nicht erreichte, und seinen Unmut zum Zorn anblies.

"Auch du wirst mich also darum verachten, und doch bist du es, was mich hin und her bewegt! Ich habe dich auf bundischer Seite gesucht, ich war selig als ich dich dort fand. Du batest mich davon abzulassen, ich ging; ich tat noch mehr; ich kam zu euch heruber, es kostete mich beinahe das Leben, und doch liess ich mich nicht abschrecken; ich ergriff Wurttembergs Partei, ich kam zu deinem Vater, er nahm mich wie einen Sohn auf und freute sich, dass ich sein Freund geworden aber seine Tochter schilt mich ein Rohr, das vom Winde hin und her bewegt wird! aber noch einmal will ich mich zum letztenmal von dir bewegen lassen; ich will fort, weil du meine Liebe so vergiltst, noch in dieser Stunde will ich fort!"

Er gurtete unter den letzten Worten sein Schwert um, ergriff sein Barett und wandte sich zur Ture.

"Georg!" rief Marie mit den sussesten Tonen der Liebe, indem sie aufsprang und seine Hand fasste; ihr Stolz, ihr Zorn, jede Wolke des Unmuts war verschwunden, selbst die Tranen hemmten ihren Lauf, und nur bittende Liebe blickte aus ihrem Auge, "um Gottes willen, Georg! ich meinte es nicht so bose; bleibe bei mir, siehe ich will alles vergessen, ich schame mich, dass ich nur so unwillig werden konnte."

Aber der Zorn des jungen Mannes war nicht so schnell zu besanftigen, er sah weg, um nicht durch ihre Blicke, durch ihr bittendes Lacheln gewonnen zu werden, denn sein Entschluss stand fest, das Schloss zu verlassen. "Nein!" rief er; "du sollst das Rohr nicht mehr zuruckwenden. Aber deinem Vater kannst du sagen, wie du seinen Gast aus seinem Hause vertrieben hast"; die runden Fensterscheiben zitterten vor seiner Stimme, sein Auge blickte wild umher, er entriss seine Hand der Geliebten, gefolgt von ihr schritt er fort, er riss die Ture auf, um auf ewig zu fliehen, als ihn auf der Schwelle eine Erscheinung fesselte, die wir im nachsten Kapitel naher beschreiben werden.

IX

Herrengunst, Aprillenwetter,

Frauenlieb und Rosenblatter,

Wurfel, Karten, Federspiel,

Verkehren sich oft, wer's glauben will.

Altes Sprichwort

Als Georg die Ture offnete, richtete sich aus einer sehr gebuckten Stellung die hagere, knocherne Gestalt der Frau Rosel auf. Es war dies eine jener alten Dienerinnen, die, wenn sie von fruher Jugend an in einer Familie bleiben, sich einburgern, in die Familie verwachsen und gleichsam ein notwendiger Zweig davon werden. Sie hatte ihre Nutzlichkeit besonders nach dem Tode der Frau von Lichtenstein erprobt, wo sie Marie mit grosser Sorgfalt pflegte und aufzog. Sie war so von einer Zofe zur Kindsfrau, von der Kindsfrau zur Haushalterin, von diesem Posten zu Mariens Oberhofmeisterin und Vertrauten avanciert. Sie hatte aber wie ein kluger Feldherr sich den Rucken gesichert, sie hatte jene Posten, aus denen sie in die hoheren Stellen vorgeruckt war, nicht wieder besetzen lassen, sondern verwaltete sie alle zusammen, wie sie behauptete, mit grosser Gewissenhaftigkeit, und weil es doch sonst niemand verstehe. Sie hatte durch dieZugel der hauslichen Regierung an sich gebracht, das Gesinde ging und kam nach ihrem Blick und sie gab zu verstehen, dass sie beim Herrn alles gelte, obgleich seine ganze Gnade nur darin bestand, dass er sie nicht in Gegenwart der ubrigen auszankte.

Mit dem Fraulein lebte sie in neuern Zeiten nicht mehr im besten Verhaltnis. Sie hatte in den Tagen der Kindheit und ersten Jugend ihr ganzes Vertrauen besessen; noch in Tubingen war sie wenigstens halb ins Geheimnis ihrer Liebe gezogen und Frau Rosel nahm wirklich so tatigen Anteil an allem, was ihr Fraulein betraf, dass sie gesagt hatte: "Wir lieben den Herrn von Sturmfeder aufs zartlichste, oder uns will das Herz beinahe brechen, weil wir scheiden mussen."

Diesem Vertrauen machten aber zwei Dinge ein Ende. Das Fraulein bemerkte, dass Frau Rosel zu gerne schwatze, sie war ihr auf der Spur, dass sie sogar von ihrem Verhaltnis zu Georg geplaudert habe. Sie war daher von jetzt an kalter gegen die Alte, und Frau Rosel merkte den Augenblick, warum dies so geschehe. Als aber bald darauf die Reise nach Ulm angetreten wurde, als Frau Rosel, obgleich sie sich einen neuen Rock von Fries und eine kostliche Haube von Brokat hierzu verfertigt hatte, auf hoheren Befehl in Lichtenstein bleiben musste, da wurde die Kluft noch weiter, denn die Alte glaubte, das Fraulein habe es beim Vater dahin gebracht, dass sie nicht nach Ulm mitreisen durfe.

Das Vertrauen wurde nicht hergestellt, als Marie von Ulm zuruckkehrte. Frau Rosel zwar, die gerner mit der Herrschaft als dem Gesinde lebte, suchte einigemal Erkundigungen uber Herrn Georg einzuziehen, und so das alte Verhaltnis wieder anzuknupfen, doch Mariens Herz war zu voll, die Amme ihr zu verdachtig, als dass sie etwas gesagt hatte. Als daher der geachtete Ritter nachtlicherweile ins Schloss kam, als das Fraulein so geheimnisvoll Speisen fur ihn bereitete und, wie Frau Rosel glaubte, mit ihm allein war, als sie auch hier nicht mehr ins Geheimnis gezogen wurde, da schuttete sie ihr Herz gegen die Frau Wirtin in Pfullingen aus, und es war Georg nicht so ganz zu verdenken, dass er jenen Worten traute, kannte er ja doch Frau Rosel nur als Vertraute ihres Frauleins, wusste er ja doch nicht, wie dieses Verhaltnis indessen so anders sich gestaltet habe.

Frau Rosel war im Sonntagsstaat mit ihrer Dame diesen Morgen in die Kirche gewallfahrtet. Sie hatte ihre Sunden, worunter Neugierde ziemlich weit obenan stand, dem Priester gebeichtet, auch Absolution dafur erhalten und war mit so viel leichterem Herz und Gewissen auf den Lichtenstein zuruckgekehrt, als sie vorher schwer und unter der Last der Sunden seufzend, hinabgestiegen war. Die salbungsvollen Worte des Paters mochten aber doch nicht so tief gedrungen sein, um ihre Sunden mit der Wurzel auszurotten, denn als sie in ihr Kammerlein hinaufstieg, um Rosenkranz und Sonntagsschmuck abzulegen, horte sie ihr Fraulein und eine tiefe Mannerstimme heftig miteinander sprechen, es wollte ihr sogar bedunken, ihr Fraulein weine.

"Sollte er wohl bei Tag hier sein, weil der Alte ausgeritten?" dachte sie; die naturliche Menschenliebe und ein zartes Mitgefuhl zog ihr Auge und Ohr ans Schlusselloch und sie vernahm in abgebrochenen Worten den Streit, dessen Zeugen auch wir gewesen sind.

Der junge Mann hatte die Ture so rasch geoffnet, dass sie nicht mehr Zeit gehabt hatte, sich zu entfernen, sondern kaum noch aus ihrer gebuckten Stellung am Schlusselloch auftauchen konnte. Doch sie wusste sich zu helfen in solchen misslichen Fallen, sie liess Georg nicht an sich voruber, liess beide nicht zum Wort kommen, sie ergriff die Hande des jungen Mannes und uberstromte ihn mit einem Schwall von Worten:

"Ei, du meine Gute! hatt ich glaubt, dass meine alten Augen den Junker von Sturmfeder noch schauen wurden. Und ich mein, Ihr sind noch schoner worden und grosser, seit ich Euch nimmer sah! Hatt ich das gewusst! Steh da wie ein Stock an der Tur, denke, ei! wer spricht jetzt mit der gnadigen Fraulein? Der Herr ist's nicht; von den Knechten ist's auch keiner! Ei was man nicht erlebt! jetzt ist's der Junker Georg, der da drin spricht!"

Georg hatte sich wahrend dieser Reden der Frau Rosel vergeblich von ihr loszumachen gesucht. Er fuhlte, dass es sich nicht gezieme, vor ihr zu zeigen, dass er auf Marien zurne, und doch glaubte er keinen Augenblick mehr bleiben zu konnen. Er rang endlich eine Hand aus der knochernen Faust der Alten, aber indem er sie frei fuhlte, hatte sie auch schon Marie ergriffen, hatte sie, ohne auf Frau Rosels hohnisches Lacheln zu achten, an ihr Herz gedruckt; er war bei dieser Bewegung einem ihrer Blicke begegnet, die ihn auf ewig zu bannen schienen. Jetzt aber erwachte in ihm ein neuer Kampf, eine neue Verlegenheit. Er fuhlte seinen Unmut schwinden, er fuhlte, dass es Marie nicht so bos mit ihm gemeint habe wie sollte er aber jetzt mit Ehren zuruckkehren? wie sollte er so ganz ungekrankt scheinen? Ware er mit Marien allein gewesen, so war es vielleicht noch eher moglich, aber vor diesem Zeugen, vor der wohlbekannten Frau Rosel umzukehren, sich durch einen Handedruck, durch einen Blick erweichen lassen und gefangengeben? Er schamte sich vor diesem Weib, weil er sich vor sich selbst schamte, und wir haben gehort, dass dieses Gefuhl der Scham, die Ungewissheit, wie man, ohne zu erroten, zuruckkehren konne, schon oft aus einer kurzen Trennung in Unmut, eine dauernde gemacht und die schonsten Verhaltnisse gebrochen habe.

Frau Rosel hatte sich einige Augenblicke an der Angst, an dem Gram ihres Frauleins geweidet, dann aber siegte die ihr angeborne Gutmutigkeit uber die kleine Schadenfreude, die in ihr aufgestiegen war. Sie fasste die Hand des Junkers fester: "Ihr werdet uns doch nicht schon wieder verlassen wollen, nachdem Ihr kaum ein Stundchen auf dem Lichtenstein verweilt habt? Ehe Ihr etwas zu Mittag gegessen, lasst Euch die alte Rosel gar nicht weiter, das ist gegen alle Sitte des Schlosses. Und den Herrn habt Ihr wahrscheinlich auch noch nicht begrusst?"

Es war schon ein grosser Gewinn fur Mariens Sache, dass Georg sprach: "Ich habe ihn schon gesprochen, dort stehen noch die Becher, die wir zusammen leerten."

"Nun?" fuhr die Alte fort, "da werdet Ihr wohl noch nicht von ihm Abschied genommen haben?"

"Nein, ich sollte ihn im Schloss erwarten."

"Ei, wer wird dann gehen wollen", sagte sie, und drangte ihn sanft in das Zimmer zuruck; "das war mir eine schone Sitte. Der Herr konnte ja wunder meinen, was fur einen sonderbaren Gast er beherbergte. Wer bei Tag kommt", setzte sie mit einem stechenden Blick auf das Fraulein hinzu, "wer beim hellen Tag kommt, hat ein gut Gewissen und darf sich nicht wegschleichen wie der Dieb in der Nacht."

Marie errotete und druckte die Hand des Junglings und unwillkurlich musste dieser lacheln, wenn er an den Irrtum der Alten dachte und die strafenden Blicke sah, die sie auf Marien warf.

"Ja, ja, wie ich sagte", fuhr Frau Rosel fort, "braucht Euch nicht wegzustehlen wie der Dieb in der Nacht. Ware vielleicht besser gewesen, Ihr waret schon fruher gekommen; im Sprichwort heisst es: 'Sieh fur dich, irren ist misslich; und wer will haben Ruh, bleib bei seiner Kuh!' Aber ich will nichts gesagt haben."

"Nun ja", sagte Marie, "du siehst, er bleibt da; was willst du nur mit deinen Reden und Spruchlein? Du weisst selbst, sie passen nicht immer."

"So? aber bisweilen treffen sie doch einen, dem es nicht lieb ist; aber 'Reu und guter Rat ist unnutz nach geschehener Tat'. Ich weiss schon, Undank ist der Welt Lohn, ich kann ja schweigen; 'Wer will haben gute Ruh, der seh und hor und schweig dazu.'"

"Nun so schweige immerhin", entgegnete das Fraulein, etwas gereizt; "ubrigens wirst du wohl tun, wenn du den Vater nicht geradezu merken lasst, dass du Herrn von Sturmfeder schon kennst; es ware moglich, er konnte glauben, er sei wegen uns nach Lichtenstein gekommen."

Frau Rosel kampfte zwischen guter und boser Laune. Es tat ihr wohl, dass man sie brauche, dass man Stillschweigen von ihr erbitten musse; auf der andern Seite war sie noch unwillig daruber, dass das Fraulein seit neuerer Zeit so wenig Vertrauen in sie gesetzt habe. Sie murmelte daher nur einige unverstandliche Worte vor sich hin, indem sie die Stuhle wieder an die Wande stellte, die Becher von dem Tisch nahm und die Flecken abwischte, die der Wein auf der Schieferplatte, womit der Tisch eingelegt war, zuruckgelassen hatte. Marie gab Georg, der sich an ein Fenster gestellt hatte und noch nicht vollig mit sich und der Geliebten ausgesohnt schien, einen Wink, den er nicht unbeachtet liess. Ihm selbst war viel daran gelegen, dass Mariens Vater noch nichts um ihre Liebe wusste, er furchtete, jener mochte es als einziges Motiv seines Ubertritts zu Wurttemberg ansehen, er mochte ihn darum weniger gunstig beurteilen, als er bisher getan. Dies erwagend, naherte sich Georg der alten Frau Rosel; er klopfte ihr traulich auf die Schultern und ihre Zuge hellten sich zusehends auf. "Man muss gestehen", sagte er freundlich, "Frau Rosalie hat eine schone Haube; aber dies Band passt doch wahrlich nicht dazu, es ist alt und verschossen."

"Ei was!" sagte die Alte etwas argerlich, denn sie hatte sich wohl auf eine freundlichere Rede gefasst gemacht, "was kummert Euch meine Haube, 'ein jeder fege vor seiner Tur'. 'Sieh auf dich und auf die Deinen, darnach schilt mich und die Meinen.' Ich bin ein armes Weib und kann nicht Staat machen wie eine Reichsgrafin. 'Wenn alle Leute waren gleich, und waren alle samtlich reich, und waren all' zu Tisch gesessen, wer wollt auftragen Trinken und Essen?'"

"Nun, so habe ich's nicht gemeint", sagte Georg besanftigend, indem er eine Silbermunze aus seinem Beutelein zog; "aber mir zu Gefallen andert Frau Rosalie schon ihr Band; und dass meine Forderung nicht gar zu unbillig klingt, wird sie diesen Dicktaler nicht verschmahen!"

Wer hat nicht an einem Oktobertag trotz Sturm und Wolken die Sonne durchdringen, und Gewolk und Nebel verjagen sehen? So ging es auch am Horizont der Frau Rosel freundlich auf. Die artige Weise des Junkers, ihr Lieblingsname Rosalie, der ihr viel wohltonender dunkte, als das verdorbene Rosel, und endlich der Dicktaler mit dem Krauskopf des Herzogs und dem Wappen von Teck wie konnte sie so vielen Reizen widerstehen? "Ihr seid doch der alte freundliche Junker!" sagte sie, indem sie, sich tief verneigend, den Taler in die ungeheure lederne Tasche an ihrer Seite gleiten liess, und den Saum von Georgs Mantel zum Munde fuhrte. "Gerade so wusstet Ihr es in Tubingen zu machen. Stand ich am Jorgenbrunnen, ging ich von der Burgsteig hinab auf den Markt, richtig rief es hinter mir, 'Guten Morgen Frau Rosalie, und wie geht es dem Fraulein?' und wie oft und reich habt Ihr mich dort beschenkt; wenigstens zwei Dritteile von dem Rock, den ich hier trage, verdank ich Eurer Gnade!"

"Lass das, gute Frau", unterbrach sie Georg. "Und was den Herrn betrifft, so wirst du "

"Was meint Ihr!" erwiderte sie, indem sie die Augen halb zudruckte. "Habe Euch in meinem Leben nicht gesehen. Nein, da konnt Ihr Euch drauf verlassen. 'Was ich nicht weiss, macht mich nicht heiss, und was mich nicht brennt, das blase ich nicht!'"

Sie verliess bei diesen Worten das Zimmer, und stieg in den ersten Stock hinab, um dort in der Kuche ihr Regiment zu verwalten.

Dankbar und freudig zog sie den Taler aus der Ledertasche, und besah ihn hin und her; sie pries bei sich die Freigebigkeit des wackern Junkers, und bedauerte ihn im stillen, dass seine Liebe so schlecht vergolten werde, denn dass es ihr Fraulein mit einem andern habe, war ihr ausgemachte Sache. Vor der Kuche stand sie gedankenvoll still. Sie war im Zweifel mit sich, ob sie der Sache ihren Lauf lassen solle, oder ob es nicht besser ware, dem Junker einige Winke uber den nachtlichen Besucher zu geben? "Doch kommt Zeit, kommt Rat, vielleicht sieht er es selbst und braucht mich nicht dazu. Uberdies -'Ein Rater in zweier Feinde Mitten, kann es leicht mit beiden verschutten'; man kann warten und zusehen, denn 'Hitz im Rat, Eil in der Tat, gebaren nichts als Schad.' 'Wer will haben gute Ruh, der seh und hor und schweig dazu!'"

Solchen Rat pflog mit sich selbst Frau Rosel vor der Kuche; die Liebenden aber, denen diese Beratung galt, hatten sich nach ihrem Abzug bald wieder gefunden. Georg vermochte nicht den bittenden Blicken Mariens zu widerstehen; und als sie mit den sussesten Tonen der Liebe ihn fragte, ob er ihr wieder gut sei, da vermochte er nicht nein zu sagen, und der Friede war, was selten der Fall ist, in kurzerer Zeit wieder geschlossen, als die Fehde begonnen hatte.

Mit hohem Interesse horte Marie auf Georgs fernere Erzahlung, und es gehorte der feste Glaube des jungen Mannes an die Geliebte und sein Vertrauen in das Wort des Geachteten dazu, um nicht von neuem ausser Fassung zu kommen. Denn als er beschrieb, wie er auf den Ritter getroffen, und sich mit ihm geschlagen habe, da errotete sie, sie richtete sich stolzer auf und druckte die Hand des Geliebten, sie gestand ihm, dass er einen wichtigen Kampf bestanden habe, denn jener Mann sei ein tapferer Kampe. Und als er erzahlte, wie sie hinabgestiegen in die Nebelhohle, wie sie den Geachteten besuchten, wie er tief unter der Erde in armlicher Umgebung doch so gross und erhaben geschienen, da sturzten Tranen aus ihren Augen, sie blickte hinauf zum Himmel, als bete sie im stillen, er mochte das traurige Geschick dieses Mannes wenden, und als er fortfuhr und sagte, was sie gesprochen, und wie der Mann der Hohle sich seinen Freund genannt, wie er sich zu Wurttembergs Sache, zu der Sache der Unterdruckten und Vertriebenen mit Wort und Handschlag verpflichtet habe, da strahlte Mariens Auge von wunderbarem Glanze, sie sah Georg lange an, er glaubte eine Begeisterung in ihrem Auge, in ihren Zugen zu lesen, die nicht die Freude, dass er ihres Vaters Partie ergriffen habe, allein vorbrachte.

"Georg!" sagte sie, "es werden viele sein, die dich einst um diese Nacht beneiden werden. Du darfst es dir auch zur Ehre rechnen, denn glaube mir, nicht jeden hatte Hanns zu dem Vertriebenen gefuhrt."

"Du kennst ihn", erwiderte Georg, "du weisst um sein Geheimnis? o sag mir doch, wer ist er? Ich habe selten einen Mann gesehen, dessen Auge, dessen Miene, dessen ganzes Wesen mich so beherrscht hatte, wie dieser. Wo lagen seine Besitzungen, wo ist das Schloss, aus dem er vertrieben ist? Er sagt, er wolle jetzt keinen andern Namen haben als 'der Mann', aber sein Arm, dessen Starke ich gefuhlt, sein heller Blick verburgte mir, dass er einst einen beruhmten Namen in der Welt gehabt haben musse."

"Er hatte einen Namen", antwortete Marie, "einen, der sich mit den besten messen konnte. Aber wenn er dir ihn nicht selbst gesagt hat, so darf ich ihn auch nicht nennen; das ware gegen mein Wort, das ich darauf gegeben. Herr Georg muss sich also schon noch gedulden", setzte sie lachelnd hinzu, "so hart es ihn auch ankommt, denn er ist ein neugieriger Herr."

"Mir kannst du es ja doch sagen", unterbrach sie Georg; "sind wir nicht eins? Darf das eine ein Geheimnis haben, ohne dass es der andere Teil wissen muss? Schnell! antworte, wer ist der Mann in der Hohle?"

"Werde nicht bose, siehe, wenn es nur mein Geheimnis ware, so musstest du es auch wissen und konntest es mit Recht verlangen, aber so ich weiss zwar, dass es bei dir so sicher ware als bei mir, aber ich darf nicht."

Sie sprach noch, als die Ture aufsprang und eine Dogge von ungeheurer Grosse hereinsturzte.33 Georg fuhr unwillkurlich auf, denn einen Hund von solcher Grosse und Starke hatte er nie gesehen. Der Hund stellte sich ihm gegenuber, schaute ihn mit rollenden Augen an und fing an zu murren. Es tonte aus seiner breiten Brust herauf dumpf und hohl wie ein nahender Sturm und die wohlgeordnete Reihe scharfer Zahne, die er vorwies, zeigten ihn als einen Kampfer, dessen Zorn man nicht reizen durfe. Ein Wort von Marie reichte hin, ihn ruhig und besanftigt zu ihren Fussen zu legen. Sie streichelte seinen schonen Kopf, aus welchem die klugen Augen noch immer bald nach ihr bald nach dem Junker spahten. "Er hat Menschenverstand!" sagte sie lachelnd. "Er kommt, um mich zu warnen, dass ich den Mann in der Hohle nicht verraten soll."

"Ein herrlicher Hund, wie ich nie einen gesehen! wie er den Kopf so stolz aus dem goldenen Halshand hervortragt, als gehore er einem Kaiser oder Konig!"

"Er gehort ihm, dem Vertriebenen", erwiderte Marie, "und weil ich auf dem Sprung war, den Namen seines Herrn zu nennen, kam er mich zu warnen."

"Warum aber fuhrt der Ritter seinen Hetzer nicht mit sich? wahrlich, ein Arm wie der seine, unterstutzt von einem solchen Tier, darf sechs Morder nicht furchten."

"Das Tier ist wachsam", antwortete sie, "aber wild, wenn er es in der Hohle unten hatte, so hatte er zwar einen sicheren Schutz; wie aber, wenn durch Zufall ein Mensch in jene Hohle kame? Sie ist so gross, dass man den Mann nicht darin ahnen kann, aber die Dogge wurde ihn verraten. Sie wurde knurren und anschlagen, sobald sie Tritte horte, und sein Aufenthalt ware entdeckt. Darum hat er ihm befohlen, als er wegging, hierzubleiben, er versteht dies Gebot und ich sorge fur ihn. Er hat ordentlich das Heimweh nach seinem Herrn, und die Freude solltest du sehen, wenn es Nacht wird; er weiss, dass dann sein Herr bald ins Schloss kommt, und wenn die Zugbrucke niederfallt und die Schritte des Mannes auf dem Hofe tonen, da ist er nicht mehr zu halten, er wurde sechsfache Ketten zerreissen, um bei ihm zu sein."

"Ein schones Bild der Treue! doch ein schoneres noch ist der Mann, dem dieser Hund gehort. Hing er doch ebenso treu an seinem Herrn, und liess sich verbannen und ins Elend jagen; es ist toricht von mir", setzte Georg hinzu, "ich weiss, Neugierde steht einem Mann nicht an, aber wissen mochte ich, wer er ist?"

"So gedulde dich doch bis es Nacht wird! wenn der Mann kommt, will ich ihn fragen, ob du es wissen darfst; ich zweifle nicht, er wird es erlauben."

"Es ist noch lange bis dahin, und jeden Augenblick muss ich an ihn denken; wenn du mir es nicht sagst, so muss ich mich an den Hund wenden, vielleicht ist er gutiger als du."

"Versuche es immer", rief Marie lachelnd, "wenn er sprechen kann, so soll er es nur gestehen."

"Hor einmal, du ungeheurer Geselle", wandte sich Georg zu dem Hund, der ihn aufmerksam ansah, "sage mir, wie heisst dein Herr?"

Der Hund richtete sich stolz auf, riss den weiten Rachen auf und brullte in schrecklichen Tonen "U-u-u!"

Marie errotete; "Lass doch die Possen", sagte sie, und rief den Hund zu sich, "wer wird mit Hunden sprechen, wenn man in menschlicher Gesellschaft ist!"

Georg schien nicht darauf zu horen. "'U!' hat er gesagt, der gute Hund? der ist darauf geschult, ich wollte alles wetten! es ist nicht das erste Mal, dass man ihn fragt: wie heisst dein Herr?"

Kaum hatte Georg die letzten Worte gesprochen, so fing der Hund mit noch greulicheren Tonen als vorher, sein U-u-u! zu heulen an. Aufs neue errotete Marie, sie hiess beinahe unwillig den Hund schweigen, er legte sich ruhig zu ihren Fussen.

"Da haben wir's", rief Georg lachend, "der Herr heisst U! und fing das sonderbare Wort auf dem Ringe, den mir der Ritter gab, nicht auch mit U an? Ungeheuer! heisst dein Herr vielleicht Uffenheim? oder Uxkull? oder Ulm? oder vielleicht gar "

"Unsinn! der Hund hat gar keinen anderen Laut als U, wie magst du dir nur Muhe geben, daraus etwas zu folgern; doch hier kommt der Vater den Berg herauf, willst du, dass es ihm verborgen bleibe, so nimm dich zusammen und verrate dich nicht. Ich gehe jetzt, denn es ist nicht gut wenn er uns beisammen antrifft."

Georg gelobte es; er umarmte noch einmal die Geliebte, und versah sich von ihrem sussen Mund auf viele Stunden, um wenigstens an der Erinnerung sich zu erfreuen, wenn die Gegenwart des Vaters jede zartlichere Annaherung unmoglich machte. Der Hund des Herrn U sah verwundert auf die liebliche Gruppe; doch, sei es, dass er wirklich Menschenverstand hatte, oder dass er bei seinem Herrn schon Ahnliches erlebt hatte und einsah, dass der Junker das Fraulein nicht umbringen wolle, er machte keine Miene, seiner Dame zu Hulfe zu kommen, und erst der Hufschlag, der von der Brucke heraufscholl, schreckte die Errotende aus den Armen des glucklichen Junglings.

X

Der Herzog schaut hinunter lang

Und spricht mit einem Seufzer bang:

"Wie fern, ach von mir abgewandt,

Wie tief, wie tief liegst du mein Land."

G. Schwab

Karfreitag und Osterfest waren vorubergegangen, und Georg von Sturmfeder befand sich noch immer in Lichtenstein. Der Herr dieses Schlosses hatte ihn eingeladen, bei ihm zu verweilen, bis etwa der Krieg eine andere Wendung nehmen wurde oder Gelegenheit da ware, der Sache des Herzogs wichtige Dienste zu leisten. Man kann sich denken, wie gerne der junge Mann diese Einladung annahm. Unter einem Dach mit der Geliebten, immer in ihrer Nahe, oft ein Stundchen mit ihr allein, von ihrem Vater geliebt er hatte in seinen kuhnsten Traumen kein ahnliches Gluck ahnen konnen. Nur eine Wolke trubte den Himmel der Liebenden, die dustere Wolke, die zuweilen auf der Stirne des Vaters lag. Es schien, als habe er nicht die besten Nachrichten von seinem Herzog und dem Kriegsschauplatz. Es kamen zu verschiedenen Tageszeiten Boten in die Burg, aber sie kamen und gingen, ohne dass der Ritter seinem Gast eroffnete was sie gedammerung sogar den Pfeifer von Hardt uber die Brucke schleichen zu sehen, er hoffte von diesem vielleicht etwas erfahren zu konnen, er eilte hinab, um ihn zu begegnen, aber wenn er bis an die Brucke kam, war jede Spur von ihm verschwunden.

Der junge Mann fuhlte sich etwas beleidigt uber diesen Mangel an Zutrauen, wie er es bei sich und in seinen Ausserungen gegen Marie nannte. "Ich habe doch den Freunden des Herzogs mich ganz und gar angeboten, obgleich ihre Partie nicht viel Lockendes hat, der Mann in der Hohle und der Ritter von Lichtenstein bewiesen mir Freundschaft und Vertrauen, aber warum nur bis auf diesen Punkt? warum darf ich nicht erfahren wie es mit Tubingen steht, warum nicht wie der Herzog operiert um sein Land wiederzuerobern? Bin ich nur zum Dreinschlagen gut, verschmaht man mich im Rat?"

Marie suchte ihn zu trosten. Es gelang oft ihren schonen Augen, ihren freundlichen Reden, ihn diese Gedanken vergessen zu lassen, aber dennoch kehrten sie in manchem Augenblicke wieder, und die sorgenvolle Miene des alten Herrn mahnte ihn immer an die Sache, welcher er beigetreten war.

Am Abend des Osterfestes konnte er endlich dieses Stillschweigen nicht langer ertragen; er fragte auf die Gefahr hin, fur unbescheiden zu gelten, wie es mit dem Herzog und seinen Planen stehe, ob man nicht auch seiner endlich einmal bedurfe? Aber der Ritter von Lichtenstein druckte ihm freundlich die Hand und sagte: "Ich sehe schon lange, wackerer Junge, wie es dir das Herz beinahe abdrucken will, dass du nicht teilnehmen kannst an unseren Muhen und Sorgen; aber gedulde dich noch einige Zeit, vielleicht nur einen Tag noch, so wird sich manches entscheiden. Was soll ich dich mit ungewissen Nachrichten, mit traurigen Botschaften plagen? Dein heiterer Jugendsinn ist nicht gemacht, bedachtlich in ein Gewebe von Bosheit zu schauen, und die kunstlich geschlungenen Faden wieder loszumachen. Wenn die Entscheidung naht, dann, glaube mir, wirst du ein willkommener Genosse sein, bei Rat und Tat. Nur so viel brauchst du zu wissen, es steht mit unserer Sache weder schlimm noch gut; doch bald muss es sich entscheiden."

Der junge Mann sah ein, dass der Alte recht haben konne, und doch war er nichts weniger als zufrieden mit dieser Antwort. Auch erfuhr er den Namen des Geachteten nicht. Marie hatte ihn, als er in der nachsten Nacht ins Schloss gekommen war, gefragt, ob sie ihrem Gast seinen Namen nennen durfe, er hatte nichts darauf gesagt, als: "Noch ist's nicht an der Zeit!"

Noch ein dritter Umstand war es, der Georg beinahe beleidigend vorkam. Er hatte dem Herrn von Lichtenstein gesagt, wie sehr ihn der Mann in der Hohle angezogen habe, wie er nichts Erfreulicheres kenne, als recht oft in dessen Nahe zu sein, und dennoch hatte man ihn nie mit einem Wort eingeladen, eine Nacht mit dem geheimnisvollen Gaste zuzubringen. Er war zu stolz sich aufzudrangen, er wartete von Nacht zu Nacht, ob man ihn nicht herabrufen werde, jenen Mann zu sprechen; es geschah nicht. Er beschloss wenigstens einmal uneingeladen zuzusehen, wie der Fremde in die Burg komme, und betrachtete sich deswegen die Gelegenheit genau. Seine Kammer, wohin er regelmassig um acht Uhr gefuhrt wurde, lag gegen das Tal hinaus; gerade entgegengesetzt der Seite, wo die Brucke uber den Abgrund fuhrte. Von hier war es also nicht moglich, ihn kommen zu sehen. Das grosse Zimmer im zweiten Stock, das nicht weit entfernt von seiner Kammer lag, wurde jede Nacht abgeschlossen, von dort aus konnte er also auch nicht hinabsehen. Auf dem Vorplatz der die Kammern umher und den Saal verband, gingen zwar zwei Fenster gegen die Brucke hinaus, sie waren aber vergittert und hoch, so dass man zwar ins Freie hinuber, aber nicht hinab auf die Brucke sehen konnte.

Es blieb ihm daher nichts ubrig, als sich irgendwo zu verbergen, wenn er den nachtlichen Besuch sehen wollte. Im ersten Stock war dies nicht moglich, weil dort so viele Leute wohnten, dass er leicht entdeckt werden konnte. Doch als er den Torweg und die Stalle musterte, die unter dem Schloss in den Felsen gehauen waren, bemerkte er an der Zugbrucke eine Nische, die von den Torflugeln bedeckt wurde, welche man nur wenn der Feind vor den Toren war, verschloss. Dies war der Ort, der ihm Sicherheit und zugleich Raum genug zu gewahren schien, um zu beobachten, was um ihn her vorging; links vor der Nische, schloss sich die Zugbrucke an das Tor, rechts war die Treppe, die hinauffuhrte, vor ihm der Torweg, den jeder gehen musste, der ins Schloss kam. Dorthin beschloss er in der kommenden Nacht sich zu schleichen.

Um acht Uhr kam der Knappe mit der Lampe, um ihm wie gewohnlich ins Bett zu leuchten. Der Herr des Schlosses und seine Tochter sagten ihm freundlich gute Nacht. Er stieg hinan in seine Kammer, er entliess den Knecht, der ihn sonst entkleidete, und warf sich angekleidet auf das Bette; er lauschte auf jeden Glockenschlag, den die Nachtluft aus dem Dorf hinter dem Walde herubertrug; oft schlossen sich seine Augen, oft schwebte er schon auf jener unsicheren Grenze, zwischen Wachen und Schlafen, wo sich die Seele nur mit ermatteten Kraften gegen die Bande des Schlummers straubt, aber immer wieder rang er sich los, wenn seine Gedanken klar genug waren, um ihm seinen Zweck ins Gedachtnis zuruckzufuhren.

Zehn Uhr war langst voruber; die Burg war still und tot, Georg raffte sich auf, zog die schweren Sporen und Stiefel ab, hullte sich in seinen Mantel und offnete behutsam die Ture seiner Kammer. Er hielt den Atem an, um sich nicht durch Schnauben zu verraten, die Angeln seiner Ture garrten, er hielt an, er lauschte, ob niemand diese verraterischen Tone gehort habe? Es blieb alles still; der Mond fiel in mattem Schein auf den Vorplatz, Georg pries sich glucklich, dass ihn dieses trugerische Licht nicht zum zweitenmal verraten werde. Er schlich weiter an die Wendeltreppe, noch einmal hielt er an, um zu lauschen, ob alles stille sei; er horte nichts als das Sausen des Windes und das Rauschen der Eichen uber der Brucke. Er stieg behutsam hinab. In der Stille der Nacht tont alles lauter, und Dinge erwecken die Aufmerksamkeit, die man am Tage nicht beachtet hatte. Wenn Georgs Fuss auf ein Sandkornchen trat, so rauschte es auf der gewolbten Wendeltreppe, dass er erschrak und glaubte, man musse es im ganzen Hause gehort haben. Er kam an dem ersten Stock voruber; er lauschte, er horte niemand, aber auf dem Herd in der Kuche flatterte ein lustiges Feuer. Jetzt war er unten. Zu dem Weg von seiner Kammer bis zum Tor, den er sonst in einem Augenblick zurucklegte, hatte er eine Viertelstunde verwandt.

Er stellte sich in die Nische und zog den Torflugel noch naher zu sich her, so dass er vollig von ihm bedeckt war. Eine Spalte in der Ture war gross genug, dass er durch sie alles beobachten konnte. Noch war alles still im Schloss. Nur fluchtige Tritte glaubte er uber sich zu vernehmen, es war wohl Marie, die geschaftig hin und her ging.

Nach einer todlich langen Viertelstunde schlug es im Dorfe eilf Uhr. Dies war die Zeit des nachtlichen Besuches, Georg scharfte sein Ohr, um zu vernehmen wann er komme. Nach wenigen Minuten horte er oben den Hund anschlagen, zugleich rief uber dem Graben eine tiefe Stimme: "Lichtenstein!"

"Wer da?" fragte man aus der Burg.

"Der Mann ist da!" antwortete jene Stimme, die Georg von seinem Besuch in der Hohle so wohlbekannt war.

Ein alter Mann, der Burgwart, kam aus einer Kasematte, die in den Grundfelsen gehauen war. Er offnete mit einem wunderlich geformten Schlussel das Schloss der Zugbrucke. Indem er noch damit beschaftigt war, sturzte in grossen Sprungen der Hund die Treppe herab; er winselte, er wedelte mit dem Schwanz, er hupfte an dem Burgwart hinauf, als wolle er ihm behulflich sein, die Brucke fur seinen Herrn herabzulassen. Und jetzt kam auch Marie, sie trug ein Windlicht, und leuchtete damit dem Alten, der mit seinem Aufschliessen nicht zurechtzukommen schien.

"Spute dich, Balthasar!" flusterte sie, "er wartet schon eine gute Weile, und draussen ist's kalt, und es weht ein garstiger Wind."

"Jetzt nur noch die Kette los, gnadiges Fraulein", antwortete er, "dann sollt Ihr gleich sehen, wie schon meine Brucke fallt. Ich habe auch, wie Ihr befohlen habt, die Fugen mit Ol geschmiert, dass sie nicht mehr garren, und die Frau Rosel aus ihrem sanften Schlaf aufwecken."

Die Ketten rauschten in die Hohe, die Brucke senkte sich langsam nach aussen, und legte sich uber den Abgrund; der Mann aus der Hohle, in seinen groben Mantel eingehullt, schritt heruber. Georg hatte sich das Bild dieses Mannes tief ins Herz gepragt, und doch uberraschten ihn aufs neue seine auffallend kuhnen Zuge, sein gebietendes Auge, seine freie Stirne, das Kraftige, Gewaltige in seinen Bewegungen.

Der Schein des Windlichtes fiel auf ihn und Marie, und noch lange Jahre bewahrte Georg die Erinnerung an diese Gruppe. Die schlanke Gestalt der Geliebten, das dunkle Haar, dessen Flechten aufgegangen waren und nun um den zierlichen Hals herabstromten, die blendende Stirne, das sinnige, blaue Auge, dem die langen, dunklen Wimpern und die schongeschwungenen Bogen der Brau'n einen eigentumlichen Reiz gaben, der kleine rote Mund, die zarte Farbe ihrer Wangen, dies alles, uberstrahlt von dem Lichte, das sie in der Hand hielt, bewirkte, dass Georg glaubte, die Geliebte nie so reizend gesehen zu haben, als in diesem Augenblick, wo der Kontrast gegen die scharfen, kraftigen Formen des Mannes, der neben ihr stand, ihr zartes, liebliches Wesen noch mehr hervorhob.

Der nachtliche Gast half mit beinahe ubermenschlicher Kraft dem alten Pfortner die Brucke wieder aufziehen. Dann zog sich der Alte zuruck und Georg vernahm folgendes Gesprach:

"Ist Nachricht da von Tubingen? ist Marx Stumpf zuruck? Ich lese Ungluck in Euren Mienen!"

"Nein, Herr, er ist noch nicht zuruck", sagte Marie, "der Vater erwartet ihn aber noch diese Nacht."

"Dass ihm der Teufel Fusse mache! Ich muss warten, bis er kommt, und sollte es Tag daruber werden. Hu! eine kalte Nacht, Fraulein", sagte der Geachtete, "meine Schuhu und Kauzlein in der Nebelhohle muss es auch gewaltig frieren, denn sie schrieen und jammerten in klaglichen Tonen, als ich heraufstieg."

"Ja, es ist kalt", antwortete sie, "um keinen Preis mochte ich mit Euch hinabsteigen; und wie schauerlich muss es sein, wenn die Kauzlein schreien; mir graut, wenn ich nur daran denke."

"Wenn Junker Georg Euch begleitete, ginget Ihr doch mit", erwiderte jener lachelnd, indem er das errotende Gesicht des Madchens am Kinn ein wenig in die Hohe hob; "nicht wahr, mit dem ginget Ihr in die Holle? Was das fur eine Liebe sein muss! Weiss Gott, Euer Mund ist ganz wund; nein gar zu arg musst Ihr es doch nicht machen mit Kussen."

"Ach Herr!" flusterte Marie, indem sich aufs neue eine dunkle Rote uber die zarten Wangen goss; "wie mogt Ihr nur so sprechen. Wisst Ihr, dass ich gar nicht mehr herabkomme, Euch gar nicht mehr koche, wenn Ihr so von mir und dem Junker denket?"

"Nun, einen Scherz musst Ihr mir schon gelten lassen", sagte der Ritter, und kniff sie in die errotenden Wangen, "ich habe ja in meiner Behausung da unten so wenig Zeit und Gelegenheit zum Scherzen. Aber was gebt Ihr mir, wenn ich fur den Junker ein gutes Wort einlege beim Vater, dass er ihn Euch zum Mann gibt? Ihr wisst, der Alte tut was ich haben will, und wenn ich ihm einen Schwiegersohn empfehle, nimmt er ihn unbesehen."

Marie schlug die schonen Augen auf, und sah ihn mit freundlichen Blicken an. "Gnadigster Herr", antwortete sie, "ich will es Euch nicht wehren, wenn Ihr fur Georg ein gutes Wort sprechet; ubrigens ist ihm der Vater schon sehr gewogen."

"Ich frage, was ich fur ein gutes Wort bekomme, alles hat seinen Preis; nun, was wird mir dafur?"

Marie schlug die Augen nieder. "Ein schoner Dank", sagte sie; "aber kommt Herr, der Vater wird schon langst auf uns warten."

Sie wollte vorangehen, der Geachtete aber ergriff ihre Hand und hielt sie auf. Georgs Herz pochte beinahe horbar, es wurde ihm bald heiss bald kalt, er fasste den Torflugel, und ware nahe daran gewesen, diese Fursprache um einen fixen Preis zu verbitten.

"Warum so eilig?" horte er den Mann der Hohle sagen. "Nun, sei es um ein Kusschen, so will ich loben und preisen, dass dein Vater sogleich den Pfaffen holen lasst, um das heilige Sakrament der Ehe an euch zu vollziehen." Er senkte sein Haupt gegen Marie herab, Georg schwindelte es vor den Augen, er war im Begriff, aus seinem Hinterhalt hervorzubrechen. Das Fraulein aber sah jenen Mann mit einem strafenden Blicke an. "Das kann unmoglich Euer Gnaden Ernst sein", sagte sie, "sonst hattet Ihr mich zum letztenmal gesehen."

"Wenn Ihr wusstet, wie erhaben und schon Euch dieser Trotz steht", sagte der Ritter mit unerschutterlicher Freundlichkeit, "Ihr ginget den ganzen Tag im Zorn und in der Wut umher. Ubrigens habt Ihr recht, wenn man schon einen andern so tief im Herzen hat, darf man keine solche Gunst mehr ausspenden. Aber feurige Kohlen will ich auf Euer Haupt sammeln, ich will dennoch den Fursprecher machen. Und an Eurem Hochzeittag will ich bei Eurem Liebsten um einen Kuss anhalten, dann wollen wir sehen, wer recht behalt."

"Das konnet Ihr!" sagte Marie, indem sie ihm lachelnd ihre Hand entzog, und mit dem Licht voranging; "aber machet Euch immer auf eine abschlagige Antwort gefasst, denn uber diesen Punkt spasst er nicht gerne."

"Ja er ist verdammt eifersuchtig", entgegnete der Ritter im Weiterschreiten; "ich konnte Euch davon eine Geschichte erzahlen, die mir selbst mit ihm begegnet ist; aber ich habe versprochen zu schweigen. "

Ihre Stimmen entfernten sich immer mehr und wurden undeutlicher. Georg schopfte wieder freien Atem. Er lauschte und harrte noch in seiner Nische, bis er niemand mehr auf den Treppen und Gangen horte. Dann verliess er seinen Platz und schlich nach seiner Kammer zuruck. Die letzten Worte Mariens und des Geachteten lagen noch in seinen Ohren. Er schamte sich seiner Eifersucht, die ihn auch in dieser Nacht wieder unwillkurlich hingerissen hatte. Wenn er bedachte, in welch unwurdigem Verdacht er die Geliebte gehabt, und wie rein sie in diesem Augenblick vor ihm gestanden sei! er verbarg sein errotendes Gesicht tief in den Kissen, und erst spat entfuhrte ihn der Schlummer diesen qualenden Gedanken.

Als er am andern Morgen in die Herrenstube hinabging, wo sich um sieben Uhr gewohnlich die Familie zum Fruhstuck versammelte, kam ihm Marie mit verweinten Augen entgegen. Sie fuhrte ihn auf die Seite und flusterte ihm zu, "Tritt leise ein, Georg! der Ritter aus der Hohle ist im Zimmer; er ist vor einer Stunde ein wenig eingeschlummert; wir wollen ihm diese Ruhe gonnen!"

"Der Geachtete!" fragte Georg staunend, "wie kann er es wagen noch bei Tag hier zu sein? ist er krank geworden?"

"Nein!" antwortete Marie, indem von neuem Tranen in ihren Wimpern hingen; "nein! es muss in dieser Stunde noch ein Bote von Tubingen anlangen, und diesen will er erwarten. Wir haben ihn gebeten, beschworen, er mochte doch vor Tag hinabgehen, er hat nicht darauf gehort; hier will er ihn erwarten."

"Aber konnte denn der Bote nicht auch in die Hohle hinabkommen?" warf Georg ein, "er setzt sich ja umsonst dieser Gefahr aus."

"Ach, du kennst ihn nicht, das ist sein Trotz, wenn er sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, so geht er nicht mehr davon ab; und nur zu leicht wird er misstrauisch; deswegen konnten wir ihm nicht sehr zureden, wegzugehen; er hatte glauben konnen, wir tun es nur wegen uns. Sein Hauptgrund zu bleiben ist, dass er sich gleich mit dem Vater beraten will, sobald er Nachricht bekommt."

Sie waren wahrend dieser Reden an die Ture der Herrenstube gekommen, Marie schloss so leise als moglich auf, und trat mit Georg ein.

Die Herrenstube unterschied sich von dem grossen Gemach im oberen Stock nur dadurch, dass sie kleiner war. Auch sie hatte die Aussicht nach drei Seiten, durch Fenster mit kleinen runden Scheiben, durch welche sich die Morgensonne in vielfarbigen Strahlen brach. Decke und Wande umzog ein Getafer von schwarzbraunem Holz mit farbigen Holzern kunstreich ausgelegt. Einige Ahnenbilder der Lichtensteiner schmuckten die Wand, welche kein Fenster hatte, und Tische und Geratschaften zeigten, dass der Ritter von Lichtenstein ein Freund alter Sitten und Zeiten sei, und seinen Hausrat, wie er ihn vom Grossvater empfangen hatte, auch auf die Tochter vererben wolle. Vor einem grossen Tisch in der Mitte des Zimmers sass der Herr des Schlosses. Er hatte sein Kinn und den langen Bart auf die Hand gestutzt, und schaute finster und regungslos in einen Becher, der vor ihm stand. Die Weinkannen und Deckelkruge auf dem Tisch, der Becher vor dem alten Herrn machte, dass man ungewiss war, ob er die Nacht beim Becher zugebracht habe, oder er so fruhe am Tage sich durch einen guten Trunk Krafte sammeln wolle.

Er grusste seinen jungen Gast, als dieser an den Tisch zu ihm getreten war, durch ein leichtes Neigen des Hauptes, indem ein kaum bemerkliches Lacheln um seinen Mund zog. Er wies auf einen Becher und an einen Stuhl zu seiner Seite; Marie verstand den Wink, schenkte einen Becher voll und kredenzte ihn dem Geliebten mit jener holden Anmut, die allem was sie tat, einen eigentumlichen Stempel aufdruckte. Georg setzte sich an die Seite des Alten und trank.

Dieser ruckte ihm naher und flusterte ihm mit heiserer Stimme zu: "Ich furchte, es steht schlimm!"

"Habt Ihr Nachricht?" fragte Georg ebenso heimlich.

"Ein Bauer sagte mir heute fruhe, gestern abend haben die Tubinger mit dem Bunde gehandelt."

"Gott im Himmel!" rief Georg unwillkurlich aus.

"Seid still und weckt ihn nicht! er wird es nur zu fruhe erfahren"; entgegnete ihm jener, indem er auf die andere Seite der Stube deutete.

Georg sah dorthin. An einem Fenster der Seite, die gegen den jahen Abgrund liegt, sass der geachtete Mann. Er hatte den Arm auf den Sims gestutzt, die sorgenvolle Stirne, das von Wachen mude Auge lag in der tapferen Hand er schlummerte. Sein grauer Mantel war uber die Schulter herabgefallen, und liess ein abgetragenes, unscheinbares Lederkoller sehen, in das die kraftige Gestalt gehullt war. Sein krauses Haar fiel nachlassig um die Schlafe, und einige Busche des gerollten Bartes quollen unter der Hand hervor.

Zu seinen Fussen lag sein grosser Hund; er hatte seinen Kopf auf den Fuss seines Herrn gelegt, seine treuen Augen hingen teilnehmend an dem Haupt des Geachteten.

"Er schlaft", sagte der Alte, und zerdruckte eine Trane in den Augen; "die Natur fordert die Schuld an den Korper, und umhullt die Seele mit einem wohltatigen Schleier. Er atmet leicht; o dass es beruhigende Traume waren, die ihm vorschweben; die Wirklichkeit ist so traurig, wer sollte ihm nicht wunschen, dass er sie im Traume vergisst!"

"Es ist ein hartes Schicksal!" erwiderte Georg, indem er wehmutig auf den Schlafenden blickte. "Vertrieben von Haus und Hof, geachtet, in die Wuste hinausgejagt! sein Leben jedem Buben preisgegeben, der in der Ferne seinen Bolz auf ihn anlegt bei Tag unter der Erde, bei Nacht wie ein Dieb umherschleichen zu mussen; wahrlich es ist hart! Und dies alles, weil er seinem Herrn treu war, und jene Bundler nach seinen Gutern gelusteten."

"Der Mann dort hat manches verfehlt in seinem Leben", sprach der Ritter von Lichtenstein mit tiefem Ernst; "ich habe ihn beobachtet seit den Tagen seiner Kindheit bis zu dieser Stunde; ich kann ihm das Zeugnis geben, er hat das Gute und Rechte gewollt. Zuweilen waren die Mittel falsch, die er anwandte, zuweilen verstand man ihn nicht, zuweilen liess er sich von der Hitze der Leidenschaft hinreissen aber wo lebt der Mensch, von dem man dies nicht sagen konnte. Und wahrlich, er hat es grausam gebusst!" Er hielt inne, als hatte er schon mehr gesagt, als er sagen wollte, und umsonst suchte Georg uber den Vertriebenen mehr zu erfahren. Der Alte versank in Stillschweigen und tiefes Sinnen.

Die Sonne war uber die Berge heraufgekommen, die Nebel fielen, Georg trat ans Fenster, die herrliche Aussicht zu geniessen. Unter dem Felsen von Lichtenstein wohl dreihundert Klafter tief, breitet sich ein liebliches Tal aus, begrenzt von waldigen Hohen, durchschnitten von einem eilenden Waldbach, drei Dorfer liegen freundlich in der Tiefe; dem Auge, das in dieses Tal hinabsieht, ist es, als schaue es aus dem Himmel auf die Erde. Steigt das Auge vom tiefen Tale aufwarts an den waldigen Hohen, so begegnet es malerisch gruppierten Felsen und den Bergen der Alb, hinter dem Bergrucken steigt die Burg Achalm hervor, und begrenzt die Aussicht in der Nahe. Aber vorbei an den Mauern von Achalm, dringt rechts und links das Auge tiefer ins Land. Der Lichtenstein liegt den Wolken so nahe, dass er Wurttemberg uberragt. Bis hinab ins tiefste Unterland konnen frei und ungehindert die Blicke streifen. Entzuckend ist der Anblick, wenn die Morgensonne ihre schragen Strahlen uber Wurttemberg sendet. Da breiten sich diese herrlichen Gefilde wie ein bunter Teppich vor dem Auge aus; in dunklem Grun, in kraftigem Braun der Berge beginnt es, alle Farben und Schattierungen sind in diesem wundervollen Gewebe, das in lichtem Blau sich endlich mit der Morgenrote verschmilzt. Welche Ferne von Lichtenstein bis Asperg, und welches Land dazwischen! Es ist kein Flachland, keine Ebene; viele Stromungen von Hugeln und Bergen ziehen sich hinauf und herunter, und von Hugeln zu Hugeln, welche breite Taler und Strome in ihrem Schosse bergen, hupft das Auge zu dem fernen Horizont.

Georg betrachtete bewundernd; er strengte seine Augen mehr und mehr an, er suchte in die Weite zu dringen, und jedes Schloss jedes Dorf auf der weiten Aussicht zu unterscheiden. Marie stand neben ihm; sie teilte seine Bewunderung, obgleich sie seit ihrer fruhesten Kindheit dieses Schauspiel genossen. Sie zeigte ihm flusternd jeden Fleck, sie wusste ihm jede Turmspitze zu nennen. "Wo ist eine Stelle in teutschen Landen", sprach Georg in diesen Anblick versunken, "die sich mit dieser messen konnte! Ich habe Ebenen gesehen und Hohen erstiegen, von wo das Auge noch weiter dringt, aber diese lieblichen Gefilde zeigen sie nicht. So reiche Saaten, Walder von Obst, und dort unten, wo die Hugel blaulicher werden, ein Garten von Wein! Ich habe noch keinen Fursten beneidet, aber hier stehen zu konnen, hinauszublicken von dieser Hohe und sagen zu konnen, diese Gefilde sind mein!"

Ein tiefer Seufzer in ihrer Nahe schreckte Marien und Georg aus ihren Betrachtungen auf. Sie sahen sich um, wenige Schritte von ihnen stand im Fenster der Geachtete, und blickte mit trunkenen, glanzenden Blicken uber das Land hin, und Georg war ungewiss, ob jene Worte oder das Andenken an sein Ungluck die Brust dieses Mannes bewegt hatten.

Er begrusste Georg und reichte ihm die Hand. Dann wandte er sich zu dem Herrn des Schlosses und fragte, ob noch immer keine Botschaft da sei? "Der von Schweinsberg ist noch nicht zuruck", antwortete dieser.

Der Geachtete trat schweigend an das Fenster zuruck und schaute in die Ferne. Marie fullte ihm einen Becher. "Seid getrosten Mutes, Herr", sagte sie, "schauet nicht mit so finsteren Blicken auf das Land. Trinket von diesem Wein, er ist gut wurttembergisch und wachst dort unten an jenen blauen Bergen."

"Wie kann man traurig bleiben", antwortete er, indem er sich wehmutig lachelnd zu Georg wandte, "wenn uber Wurttemberg die Sonne so schon aufgeht, und aus den Augen einer Wurttembergerin ein so milder blauer Himmel lacht. Nicht wahr, Junker, was sind diese Berge und Taler, wenn uns solche Augen, solche treue Herzen bleiben? Nehmt Euren Becher und lasst uns darauf trinken! Solange wir Land besitzen in den Herzen, ist nichts verloren: Hie gut Wurttemberg allezeit."34

"Hie gut Wurttemberg allezeit", erwiderte Georg und stiess an. Der Geachtete wollte noch etwas hinzusetzen, als der alte Burgwart mit wichtiger Miene hereintrat. "Es sind zwei Kramer vor der Burg", meldete er, "und begehren Einlass."

"Sie sind's, sie sind's", riefen in einem Augenblick der Geachtete und Lichtenstein. "Fuhr sie herauf."

Der alte Diener entfernte sich; eine bange Minute folgte dieser Meldung; alle schwiegen, der Ritter von Lichtenstein schien mit seinen feurigen Augen die Ture durchbohren, der Geachtete seine Unruhe verbergen zu wollen, aber die schnelle Rote und Blasse, die auf seinen ausdrucksvollen Zugen wechselte, zeigten, wie die Erwartung dessen, was er horen werde, sein ganzes Wesen in Aufruhr brachte. Endlich vernahm man Schritte auf der Treppe, sie naherten sich dem Gemach; der gewaltige Mann zitterte, dass er sich am Tisch halten musste, seine Brust war vorgebeugt, sein Auge hing starr an der Ture, als wolle er in den Mienen des Kommenden sogleich Gluck oder Ungluck lesen jetzt ging die Ture auf.

XI

Wie du nun so ganz

Verlassen dastehst und so ganz entblosst,

Und wie nun ich, dein einz'ger Lehensmann,

Der einz'ge bin, der dich noch Herzog nennt,

Und wie nun mir allein die Ehre bleibt,

Dir Dienst zu leisten bis zum letzten Hauch.

L. Uhland

Auch Georg hatte erwartungsvoll hingesehen. Er musterte mit schnellem Blick die Eintretenden; in dem einen erkannte er sogleich den Pfeifer von Hardt, der andere war jener Kramer, den er in der Herberge von Pfullingen gesehen hatte. Der letztere warf seinen Pack, den er auf dem Rucken getragen, ab, riss das Pflaster weg, womit er ein Auge bedeckt hatte, richtete sich aus seiner gebuckten Stellung auf, und stand nun als ein untersetzter, starkgebauter Mann, mit offenen, kraftigen Zugen vor ihnen.

"Marx Stumpf!" rief der Geachtete mit dumpfer Stimme, "wozu diese finstere Stirne? Du bringst uns gute Botschaft! nicht wahr, sie wollen uns das Pfortchen offnen, sie wollen mit uns aushalten bis auf den letzten Mann?"

Marx Stumpf von Schweinsberg warf einen bekummerten Blick auf ihn. "Machet Euch auf Schlimmes gefasst, Herr!" sagte er. "Die Botschaft ist nicht gut, die ich bringe."

"Wie", entgegnete jener, indem die Rote des Zornes uber seine Wangen flog, und die Ader auch seiner Stirne sich zu heben begann; "wie, du sagst, sie zaudern, sie schwanken? Es ist nicht moglich; sieh dich wohl vor, dass du nichts Ubereiltes sagst; es ist der Adel des Landes, von dem du sprichst."

"Und dennoch sage ich es", antwortete Schweinsberg, indem er einen Schritt weiter vortrat; "im Angesicht vor Kaiser und Reich will ich es sagen, sie sind Verrater."

"Du lugst!" schrie der Vertriebene mit schrecklicher Stimme. "Verrater, sagst du? Du lugst. Wie wagst du es, vierzig Ritter ihrer Ehre zu berauben? Ha! gestehe, du lugst."

"Wollte Gott, ich allein ware ein Ritter ohne Ehre, ein Hund, der seinen Herrn verlasst. Aber alle vierzig haben ihren Eid gebrochen, Ihr habt Euer Land verloren, Herr Herzog! Tubingen ist uber."

Der Mann, dem diese Rede galt, sank auf einen Stuhl am Fenster; er bedeckte sein Gesicht mit den Handen, seine Brust hob und senkte sich, als suche sie vergeblich nach Atem und seine Arme zitterten.

Die Blicke aller hingen geruhrt und schmerzlich an ihm. Vor allen Georgs, denn wie ein Blitz hatte der Name des Herzogs das Dunkel erhellt, in welchem ihm bisher dieser Mann erschienen war. Er war es selbst, es war Ulerich von Wurttemberg! In einem schnellen Fluge zog es an seiner Seele voruber, wie er diesen Gewaltigen zuerst getroffen, wie er ihn tief in der Erde Schoss besuchte, welche Worte jener zu ihm gesprochen, wie sein ganzes Wesen ihn schon damals uberrascht und angezogen hatte; es war ihm unbegreiflich, dass er nicht langst schon von selbst auf diese Entdeckung gekommen war.

Eine geraume Weile wagte niemand das Schweigen zu brechen. Man horte nur die tiefen Atemzuge des Herzogs und das Winseln seines treuen Hundes, der sein Ungluck zu kennen und zu teilen schien. Endlich winkte Lichtenstein dem Ritter von Schweinsberg, sie traten zu Ulerich, sie fassten sein Gewand und Schienen ihn erwecken zu wollen; er blieb unbeweglich und stumm. Marie hatte weinend in der Ferne gestanden, sie nahte sich jetzt mit unsicheren zagenden Schritten, sie legte ihre schone Hand auf seine Schulter, sie blickte ihn bange an, sie fasste sich endlich ein Herz und flusterte: "Herr Herzog! hie ist noch gut Wurttemberg alleweg!"

Ein tiefer Seufzer loste sich aus seiner gepressten Brust, aber seine Hande druckten sich fester auf die Augen, er sah nicht auf. Jetzt nahte auch Georg. Unwillkurlich kam ihm der heldenmutige Ausdruck dieses Mannes in die Seele, jene gebietende Erhabenheit, die er ihm, als er ihn zum erstenmal gesehen, gezeigt hatte; jedes Wort, das er damals gesprochen, kehrte wieder, und der junge Mann wagte es, zu ihm zu sprechen: "Warum so kleinmutig, Mann ohne Namen? Si fractus illabatur orbis, impavidum ferient ruinae!"

Wie ein Zauber wirkten diese Worte auf Ulerich von Wurttemberg. Sei es dieser sein Wahlspruch, sei es jene Mischung von Seelengrosse, Trotz und wahrer Erhabenheit uber das Ungluck, was ihm bei seinen Zeitgenossen den Namen des "Unerschrockenen" erwarb er zeigte sich von diesem Augenblick an, seines Namens wurdig.

"Das war das rechte Wort, mein junger Freund", sprach er zur Verwunderung aller mit fester Stimme, indem er seine Hande sinken liess, sein Haupt stolzer aufrichtete, und das alte, kriegerische Feuer aus seinen Augen loderte, "das war das rechte Wort. Ich danke dir, dass du mir es zugerufen. Tretet vor, Marx Stumpf, Ritter von Schweinsberg, und berichtet mir uber Eure Sendung. Doch reiche mir zuvor einen Becher, Marie!"

"Es war letzten Donnerstag, dass ich Euch verliess", hob der Ritter an; "Hans steckte mich in diese Kleidung und zeigte mir, wie ich mich zu benehmen habe. In Pfullingen kehrte ich ein, um zu probieren, ob man mich nicht kenne, aber die Wirtin gab mir so gleichgultig einen Schoppen, als habe sie den Ritter Stumpf in ihrem Leben nicht gesehen, und ein Ratsherr, den ich noch vor acht Tagen tuchtig ausgescholten hatte, trank mit mir, als hatte ich zeitlebens den Kram auf dem Rucken getragen. Der junge Herr dort war auch in der Schenke."

Der Herzog schien sich an dieser Erzahlung zu zerstreuen munterer als man bei so grossem Ungluck hatte denken sollen, fragte er: "Nun Georg, du hast ihn gesehen; sah er so recht aus wie ein schabiger, filziger Kramer? Wie?"

"Ich denke er hat seine Rolle gut gespielt", antwortete der junge Mann lachelnd.

"Von Pfullingen zog ich abends noch furbass bis nach Reutlingen. Dort war in der Weinstube ein ganzer Trieb Bundischer: Augsburger, Nurnberger, Ulmer, alle mogliche Stadtler, und jubelierten mit den Reutlingern, dass man die Hirschgeweihe wieder von ihrem Wappen genommen, die Ihr ihnen aufgesetzt habt.35 Sie schimpften und sangen Spottlieder uber Euch, die bewiesen, wie sehr sie Euch noch immer furchten. Am Karfreitag fruh ging ich nach Tubingen. Das Herz pochte mir, als ich das Burgholz herunterkam und das schone Neckartal vor meinen Blicken lag, und die festen Turme und Zinnen von Tubingen vom Berg heruberragten."

Der Herzog presste die Lippen zusammen, wandte sich ab und sah hinaus ins Weite. Der von Schweinsberg hielt inne und blickte teilnehmend auf seinen Herrn, doch jener winkte ihm, fortzufahren.

"Ich stieg hinab ins Tal und wandelte weiter nach Tubingen. Die Stadt war schon seit vielen Tagen von den Bundischen besetzt, und nur wenige Truppen standen mehr im Lager, das sie uber dem Ammertal auf dem Berge geschlagen hatten. Ich beschloss, mich in die Stadt zu schleichen und hinzuhorchen, wie es mit dem Schloss stehe, ehe denn ich auf dem geheimen Wege zur Besatzung ginge. Ihr kennet die Herberge in der oberen Stadt, nicht weit von Sankt-GeorgenKirche, dort trat ich ein und setzte mich zum Weine. Die bundischen Ritter, so erfuhr ich unterweges, kehrten oft dort ein, daher schien mir dies der beste Platz zu meinem Zweck."

"Ihr wagtet viel", unterbrach ihn Herr von Lichtenstein; "wie leicht konnten Leute da sein, die Euch abkaufen wollten, und da ware der Kramer bald entdeckt gewesen!"

"Ihr vergesst, dass es Festtag war", entgegnete jener; "ich hatte also guten Grund mein Bundel nicht aufzupacken und anzupreisen nach Kramersitte. Doch so leicht ware ich wohl nicht entdeckt worden, habe ich doch an Georg von Frondsberg ein Buchslein mit Wundbalsam verkauft! Weiss Gott ich hatte lieber mit ihm gestritten, dass er es gleich hatte brauchen konnen. Es war noch das Hochamt in der Kirche, daher war niemand in der Herberge; vom Wirt aber erfuhr ich, dass die Ritter im Schloss einen Waffenstillstand bis Ostermontag fruh gemacht haben. Als die Kirche aus war, kamen richtig wie ich mir gedacht hatte, viele Ritter und Herren in die Herberge zum Fruhtrunk. Ich setzte mich in einen Winkel auf die Ofenbank, wie es armen Leuten geziemt in Gegenwart so grosser Herren."

"Wen sahst du dort?" fragte der Herzog.

"Ich kannte einige, andere erriet ich aus dem Gesprach, das sie fuhrten. Es war Frondsberg, Alban von Closen, die Huttischen, Sickingen und noch viele; bald trat auch der Truchsess von Waldburg ein. Ich zog die Kappe tiefer ins Gesicht als ich ihn sah denn er wird noch nicht vergessen haben, wie ich ihn vor funfzehn Jahren im Lanzenstechen zu Nurnberg von der Mahre warf."

"Saht Ihr nicht auch den Hauptmann Hans von Breitenstein?" unterbrach ihn Georg.

"Breitenstein? dass ich nicht wusste, doch ja, so hiess wohl jener, der den Hammelschlegel auf einem Sitz verzehrte! Jetzt fingen sie an von der Belagerung zu reden und vom Waffenstillstand. Sie sprachen hin und her, oft flusterten sie auch untereinander, doch ich habe gute Ohren und vernahm was mir nicht lieb war. Der Truchsess namlich erzahlte, dass er einen Pfeil in die Burg habe schiessen lassen, mit einem Brieflein an Ludwig von Stadion. Es muss dies schon mehrere Mal geschehen sein, denn die Ritter verwunderten sich nicht als er weiter fortfuhr und sagte, wie er auf demselben Weg eine Antwort erhalten habe."

Des Herzogs Stirne verfinsterte sich. "Ludwig von Stadion!" rief er schmerzlich. "Ich hatte Hauser auf ihn gebaut! Er war mir so lieb, ich tat ihm alles, was ich ihm an den Augen ansehen konnte er hat mich zuerst verraten?!"

"Im Brieflein stand, dass er, der Stadion und noch zwolf andere der Fehde mude seien, auch schon halb und halb willens gewesen, sich zu ergeben; Georg von Hewen aber habe ihnen abgeraten."

"Um den hab ich's nicht verdient", sagte Ulerich; "ich war ihm gram, weil er mich oft getadelt hat, wenn ich nicht nach seinem Sinne tat. Wie man sich irren kann in den Menschen. Hatte man mich gefragt, wer mich verraten wurde und wer dagegen spreche, ich hatte dort den Stadion, hier vielleicht Georg von Hewen genannt!"

"Im Brieflein stand auch noch weiter, dass Euer Durchlaucht vielleicht Entsatz bringen oder, wenn dies nicht moglich, auf geheimen Wegen in die Burg sich begeben wollen. Die Bundischen sprachen mancherlei hieruber. Sie waren aber darin einig, dass man die Besatzung zu einem Vergleich bringen musse, ehe Ihr heranrucket oder gar ins Schloss kamet. Denn dann, meinten sie, konnen sie noch lange belagern mussen. Wie ich nun dies alles horte, schien es mir nicht geraten, durch den geheimen Weg geradezu in die Burg zu gehen und mich zu entdecken, denn wie leicht konnte Stadion schon die Oberhand gewonnen haben, und dann war ich verraten. Ich beschloss den Tag noch zu warten; horte ich bis Samstag fruh nichts Schlimmeres uber die Besatzung, so wollte ich ins Schloss dringen und Euer Durchlaucht Schreiben ubergeben. Ich streifte im Lager und in der Stadt umher, und niemand hielt mich an; auch suchte ich mich immer in der Nahe der Obersten zu halten; so kam der Nachmittag."

"Das war noch freitags, an dem Fest?" fragte Lichtenstein.

"Am heiligen Freitag war's. Nachmittags um drei Uhr ritt Georg von Frondsberg mit etlichen andern Hauptleuten vor die Stadtpforte an dem Schloss, und schrie hinauf, ob sie im Schlosse bauen? Ich stand nicht weit davon, und sah wie Stadion auf den Wall kam und antwortete: 'Nein; denn es ware wider den Pakt des Stillstandes; aber ich sehe, dass Ihr im Feld bauet.' Georg von Frondsberg rief: 'So es geschehen, ist es ohne meinen Befehl geschehen; wer bist du?' Da antwortete der im Schloss: 'Ich bin Ludwig von Stadion.' Drauf lachelte der Bundische und strich sich den Bart. 'Ist's also wie du sagst', rief er, 'so will ich's wenden', ritt zu ein paar Schanzkorben und warf sie um. Dann rief er dem Stadion zu, mit einigen Rittern herabzukommen, und miteinander einen Trunk zu tun."

"Und sie kamen?" rief der Herzog; "die Ehrvergessenen kamen?"

"Auf dem Schlossberg vor dem aussersten Graben ist ein Platz, dort sieht man weit ins Land; hinab ins Neckartal, hinauf die Steinlach, hinuber an die Alb und Zollern, und viele Burgen schmucken die Aussicht. Dorthin liessen sie einen Tisch bringen und Banke, und die Bundesobersten setzten sich zum Wein. Dann ging das Tor von Hohen-Tubingen auf, die Brucke fiel uber den Graben, und Ludwig von Stadion mit noch sechs andern kamen uber die Brukke; sie brachten Eure silbernen Deckelkruge, sie brachten Eure goldenen Becher und Euren alten Wein, sie grussten die Feinde mit Gruss und Handschlag und setzten sich, besprachen sich mit ihnen beim kuhlen Wein."

"Der Teufel gesegne es ihnen allen36!" unterbrach ihn der Ritter vom Lichtenstein, und schuttete seinen Becher aus. Der Herzog aber lachelte schmerzlich und gab Marx Stumpf einen Wink, fortzufahren.

"So taten sie sich gutlich bis in die Nacht und zechten bis sie rote Kopfe bekamen und taumelten; ich stand nicht ferne und keine ihrer verraterischen Reden entging mir. Als sie aufbrachen, nahm der Truchsess den Stadion bei der Hand; 'Herr Bruder', sagte er, 'in Eurem Keller ist ein guter Wein, lasset uns bald ein, dass wir ihn trinken.' Jener aber lachte daruber, schuttelte ihm die Hand und sagte: 'Kommt Zeit, kommt Rat.' Wie ich nun sah, dass die Sachen also stehen, beschloss ich mit Gott mein Leben dranzusetzen, und in die Burg zu den Verratern zu gehen. Ich ging hinaus bis in die Grafenhalde, wo der kleinere, unterirdische Gang beginnt. Ungesehen stieg ich hinab und drang bis in die Mitte. Dort hatten sie das Fallgatter herabgelassen und einen Knecht hingestellt; er legte an auf mich, als er mich durch die Finsternis kommen horte, und fragte nach der Losung. Ich sprach, wie Ihr befohlen, das Losungswort Eures tapfern Ahnherrn Eberhards im Bart 'Atempto'; der Kerl machte grosse Augen, zog aber das Gatter auf und liess mich durch. Jetzt ging ich schnellen Schrittes weiter vor, und kam heraus im Keller. Ich schopfte einige Augenblicke Luft, denn der Atem war mir schier ausgeblieben in dem engen Gang."

"Armer Marx! geh trinke einen Becher, das Reden wird dir schwer", sagte Ulerich; willig befolgte jener das gutige Geheiss seines Fursten, und sprach dann mit frischer Stimme weiter:

"Im Keller horte ich viele Stimmen, und es war mir als zanke man sich. Ich ging den Stimmen nach, und sah eine ganze Schar der Besatzung vor dem grossen Fass sitzen und trinken. Es waren einige von Stadions Partei und Hewen und mehrere der Seinigen. Sie hatten Lampen aufgestellt und grosse Humpen vor sich; es sah schauerlich aus, fast wie das Femgericht. Ich barg mich in ihrer Nahe hinter ein Fass und horte was sie sprachen. Georg von Hewen sprach mit ruhrenden Worten zu ihnen, und stellte ihnen ihre Untreue vor; er sagte, wie sie ja gar nicht notig haben, sich zu ergeben, wie sie auf lange mit Vorraten versehen seien, wie Euer Durchlaucht ein Heer sammeln werden, Tubingen zu entsetzen, wie eher die Belagerer in Not kommen, als sie."

"Ha! wackerer Hewen! und was gaben sie zur Antwort?"

"Sie lachten und tranken; 'Da hat es gute Weile, bis der ein Heer sammelt! wo das Geld hernehmen und nicht stehlen?' sagte einer. Hewen aber fuhr fort und sagte, wenn es auch nicht so bald moglich sei, so mussen sie sich doch halten bis auf den letzten Mann, wie sie Euch zugeschworen, sonst handeln sie als Verrater an ihrem Herrn. Da lachten sie wieder und tranken und sagten: 'Wer will auftreten und uns Verrater nennen?' Da rief ich hinter meinem Fass hervor: 'Ich, ihr Buben, ihr seid Verrater am Herzog und am Land!' Alle waren erschrocken, der Stadion liess seinen Becher fallen, ich aber trat hervor, nahm meine Kappe ab und den falschen Bart, stellte mich hin und zog Euren Brief aus dem Wams. 'Hier ist ein Brief von eurem Herzog', sagte ich; 'er will ihr sollet euch nicht ubergeben, sondern zu ihm halten; er selbst will kommen, und mit euch siegen oder in diesen Mauern sterben.'"

"O Tubingen", sagte der Herzog mit Seufzen, "wie toricht war ich, dass ich dich verliess! zwei Finger meiner Linken gebe ich um dich, was sage ich zwei Finger; die Rechte liess ich mir abhauen, konnte ich dich damit erkaufen, und mit der Linken wollte ich dem Bund den Weg zeigen! Und gaben sie nichts, gar nichts auf meine Worte?"

"Die Falschen sahen mich finster an, und schienen nicht recht zu wissen was sie tun sollten. Hewen aber vermahnte sie nochmals. Da sagte Ludwig von Stadion: 'Ich komme schon zu spat. Achtundzwanzig der Ritterschaft wollen sich der Fehde mit dem Bunde begeben, und den Herzog solche allein ausmachen lassen. Komme er wieder mit Heeresmacht ins Land, so wollen sie getreulich zu ihm stehen, aber aufs Ungewisse wollen sie den Krieg nicht fortfuhren, denn ihre Burgen und Guter werden so lange beschadigt und gebrandschatzt, bis sie nicht mehr gegen den Bund dienen.' Ich verlangte nun, sie sollen mich hinauffuhren in den Rittersaal, ich wolle versuchen, ob nicht Manner da seien, das Schloss zu halten, ich zahlte auf, wen ich noch fur treu halte die Nippenburg, die Gultlingen, die Ow, die beiden Berlichingen, die Westerstetten, die Eltershofen, Schilling, Reischach, Welwart, Kaltenthal der von Hewen aber schuttelte den Kopf und sagte, ich habe mich in manchem geirrt!"

"Und Stammheim, Thierberg, Westerstetten, meine Getreuen hast du sie nicht gesehen?"

"O ja, sie sassen im Keller beim Stadion, und tranken Euren Wein. Hinauf wollten sie mich aber nicht lassen. Selbst Hewen, selbst Freiberg und Heideck, die mit ihm waren, rieten ab, sie sagten, die zwei Parteien seien ohnedies schon schwierig gegeneinander, der Stadion habe die Mehrzahl fur sich und auch den grossten Teil der Knechte. Wenn ich hinaufgehe, komme es im Schlosshof und im Rittersaal zum Kampfe, und es bleibe ihnen als den Geringeren nichts ubrig, als zu sterben. So gerne sie nun auch fur Euch den letzten Blutstropfen aufwenden, so wollen sie doch lieber in der Feldschlacht gegen den Feind fallen, als von ihren Landsleuten und Waffenbrudern totgeschlagen werden Da blieb mir nichts ubrig als sie zu bitten, sie mochten sich des Prinzen Christoph und Eures zarten Tochterleins annehmen, und ihnen das Schloss bei der Ubergabe erhalten. Einige sagten zu, andere schwiegen und zuckten die Achsel, ich aber gab den Verratern meinen Fluch als Christ und Ritter, sagte funf von ihnen auf, und lud sie zum Kampf auf Leben und Tod, wenn der Krieg zu Ende sei; dann wandte ich mich und ging auf demselben Wege aus der Burg, wie ich gekommen war."

"Herr Gott im Himmel! hatte ich dies fur moglich gehalten", rief Lichtenstein. "Zweiundvierzig Ritter, zweihundert Knechte, eine feste Burg, und sie doch verraten! Unser guter Name ist beschimpft; noch in spaten Zeiten wird man von unserem Adel sprechen, und wie sie ihr Furstenhaus im Stich gelassen; das Sprichwort 'Treu und ehrlich wie ein Wurttemberger' ist zum Hohn geworden!"

"Wohl konnte man einst sagen, treu wie ein Wurttemberger", sprach Herzog Ulerich, und eine Trane fiel in seinen Bart. "Als mein Ahnherr Eberhard einst hinabritt gen Worms, und mit den Kurfursten, Grafen und Herren zu Tische sass, da sprachen und ruhmten sie viel vom Vorzug ihrer Lander. Der eine ruhmte seinen Wein, der andere sprach von seiner Frucht, der dritte gar von seinem Wild, der vierte grub Eisen in seinen Bergen. Da kam es auch an Eberhard im Bart. 'Von euren Schatzen weiss ich nichts aufzuweisen', sagte er, 'doch gehe ich abends durch den dunkelsten Wald, und komm ich nachts durch die Berge und bin mud und matt, so ist ein treuer Wurttemberger bald zur Hand, ich grusse ihn und leg mich in seinen Schoss und schlafe ruhig ein.' Des wunderten sich alle und staunten und riefen: 'Graf Eberhard hat recht!' und liessen treue Wurttemberger leben. Geht jetzt der Herzog durch den Wald, so kommen sie und schlagen ihn tot, und leg ich meine Treuen in die Burgen, kaum wende ich den Rucken, so handeln sie mit dem Feind. Die Treue soll der Kuckuck holen doch fahre fort; gib mir den Kelch bis auf die Hefe, ich bin der Mann dazu ohne Furcht den Grund zu sehen."

"Nun, dass ich's kurz sage, ich hielt mich noch in Tubingen auf, bis ich Gewissheit bekame, wegen der Ubergabe. Gestern am Ostermontag sind sie zusammengekommen, sie haben die Pakten schriftlich aufgesetzt, und nachher durch den Herold auf den Strassen ausrufen lassen, um funf Uhr abends haben sie das Schloss ubergeben. Ihr seid der Regierung formlich entsetzt. Prinz Christoph, Euer Sohnlein behalt Schloss und Amt Tubingen, doch zu des Bundes Dienst und unter seiner Obervormundschaft, und in das ubrige heisst es, werden sich die Herren teilen. Ich habe viel Jammer erfahren in meinem Leben, ich habe einen Freund im Lanzenstechen umgebracht, ein liebes Kind ist mir gestorben und mein Haus abgebrannt, aber so wahr mir Gott gnadig sei und seine Heiligen, mein Schmerz war nie so gross als in jener Stunde, wo ich des Bundes Farben neben Euer Durchlaucht Panieren aufpflanzen, als ich ihr rotes Kreuz Wurttembergs Geweihe und den Helm mit dem Jagdhorn bedecken sah!"

So sprach Marx Stumpf von Schweinsberg. Die Sonne war wahrend seiner Erzahlung vollig heraufgekommen, auch an den aussersten Bergen war der Nebel gefallen, und was um die fernen Hohen von Asperg zog, war ein Duft, der wie ein zarter Schleier vom Horizont herabhing, und die Gegenden, uber welche er sich breitete, nur in noch reizenderem Lichte durchschimmern liess. Angetan mit dem sanften Grun der Saaten, mit den dunkleren Farben der Walder, geschmuckt mit freundlichen Dorfern, mit glanzenden Burgen und Stadten lag Wurttemberg in seiner Morgenpracht. Sein unglucklicher Furst uberschaute es mit truben Blicken. Die Natur hatte ihm einen festen Mut und ein Herz gegeben, das Kummer und Elend nicht zu brechen vermochte; nicht zu jeder Stunde, nicht jedem teilte er seine Empfindungen mit, und wenn ein grosses Ungluck uber ihn kam, pflegte er zu schweigen und zu handeln.

Auch in diesen schrecklichen Momenten, wo mit der letzten, festen Burg seine letzte Hoffnung gefallen war, verschloss er einen grossen Schmerz in einer tapfern Brust. Wer stand je an dem Sarg einer Mutter, und fuhlte nicht, wenn er den letzten Blick auf die teuren, bleichen Zuge, auf den verstummten Mund warf, bittere Empfindungen in sich aufsteigen? Es ist die Reue, was in solchen Augenblicken den Menschen ubermannt. Man erinnert sich, wie unendlich viel sie fur uns getan, wie sie uns als Kind so liebreich hegte, wie ihr kein Opfer zu schwer ward, das sie dem Jungling nicht gebracht hatte. Und wie haben wir vergolten? wir waren gleichgultig gegen so viele ruhrende Liebe, wir glaubten, es musse nun einmal so sein, wir waren sogar undankbar und murrten, wenn nicht alle unsere Wunsche schnell erfullt wurden, wir verprassten ihr Gut, und achteten nicht auf ihre stillen Tranen.

Jetzt wo dieses liebevolle Auge uns nicht mehr sieht, wo dieses Ohr auf immer verschlossen ist, das nur auf unsere Wunsche lauschte, wo diese Hande unsern letzten Druck nicht mehr fuhlen, diese Hande, die uns muhsam nahrten: jetzt besturmen alle jene Gefuhle von Reue, Dankbarkeit, Liebe unsere Brust, deren eines hingereicht hatte in den vorigen Tagen, sie glucklich zu machen!

Ein ahnliches Gefuhl der Reue war es, was drukkend auf der Brust Ulerichs von Wurttemberg lag, als er auf sein Land hinabschaute, das auf ewig fur ihn verloren schien. Seine edlere Natur, die er oft im Gewuhle eines prachtigen Hofes, und betaubt von den Einflusterungen falscher Freunde verleugnet hatte, trauerte mit ihm, und es war nicht sein Ungluck allein was ihn beschaftigte, sondern auch der Jammer des okkupierten Landes.

Als er sich daher nach geraumer Zeit von dem Anblick in die Ferne zu seinen Freunden wandte, staunten sie uber den Ausdruck seiner Zuge. Sie hatten erwartet, Zorn und Grimm uber den Verrat seiner Edlen auf seiner Stirne, in seinen Augen zu lesen, aber es war eine tiefe Ruhrung, ein stiller, grosser Schmerz, was seinen Mienen einen Ausdruck von Milde gab, den sie nie an ihm gekannt hatten.

"Marx! wie verfahren sie gegen das Landvolk?" fragte er.

"Wie Rauber", antwortete dieser; "sie verwusten ohne Not die Weinberge, sie hauen die Obstbaume nieder und verbrennen sie am Wachtfeuer, Sickingens Reiter traben durch das Saatfeld, und treten nieder was die Pferde nicht fressen. Sie misshandeln die Weiber und pressen den Mannern das Geld ab. Schon jetzt murrt das Volk allerorten, und lasset erst den Sommer kommen und den Herbst! Wenn aus den zerstampften Fluren kein Korn aufgeht, wenn auf den verwusteten Bergen keine Weinbeere wachst, wenn sie erst noch die ungeheure Kriegssteuer, die der Bundesrat umlegen wird, bezahlen mussen da wird das Elend erst recht angehen."

"Die Buben!" rief der Herzog, und ein edler Zorn spruhte aus seinen Augen; "sie ruhmten sich mit grossen Worten, sie kamen um Wurttemberg von seinem Tyrannen zu befreien, es zu entheben aller Not. Und sie hausen im Lande wie im Turkenkrieg. Aber ich schwore es, so mir Gott eine frohliche Urstand gebe, und seine Heiligen gnadig sein wollen meiner Seele, wenn keine Saat aufgeht in den verwusteten Talern des Neckars und auf seinen Hohen keine Traube reift, ich will kommen und mahen und Garben schneiden in ihren Gliedern, ich will kommen mit schrecklichen Winzern, will sie treten und keltern und ihr Blut verzapfen. Ich will rachen was sie an mir und meinem Land getan, so mir der Herr helfe."

"Amen!" sprach der Ritter vom Lichtenstein. "Aber ehe Ihr hereinkommt, musst Ihr auf gute Art hinaus sein aus dem Land.

Es ist keine Zeit zu verlieren, wenn Ihr ungefahrdet entkommen wollet."

Der Herzog sann eine Weile nach, und antwortete dann: "Ihr habt recht, ich will nach Mompelgard; von dort aus will ich sehen ob ich so viele Mannschaft an mich ziehen kann, um einen Einfall in das Land zu wagen. Komm her du treuer Hund, du wirst mir folgen ins Elend der Verbannung. Du weisst nicht was es heisst, die Treue brechen und den Eid vergessen."

"Hier steht noch einer, der dies auch nicht kennt", sagte Schweinsberg, und trat naher zu dem Herzog. "Ich will mit Euch ziehen nach Mompelgard, wenn Ihr meine Begleitung nicht verschmahet."

Aus den Augen des alten Lichtenstein blitzte ein kriegerisches Feuer: "Nehmt auch mich mit Euch, Herr!" sagte er. "Meine Knochen taugen freilich nicht mehr viel, aber meine Stimme ist noch vernehmlich im Rat."

Marie sah mit leuchtenden Blicken auf den Geliebten, uber die Wangen Georgs von Sturmfeder zog ein gluhendes Rot, sein Auge leuchtete vom Mut der Begeisterung. "Herr Herzog!" sagte er. "Ich habe Euch meinen Beistand angetragen in jener Hohle, als ich nicht wusste, wer Ihr waret, Ihr habt ihn nicht verschmaht. Meine Stimme gilt nicht viel im Rat, aber konnet Ihr ein Herz brauchen das recht treu fur Euch schlagt, ein Auge das fur Euch wacht, wenn Ihr schlafet, und einen Arm, der die Feinde von Euch abwehrt, so nehmt mich auf, und lasset mich mit Euch ziehen!"

Alle jene Empfindungen, die ihn zu dem Mann ohne Namen gezogen hatten, loderten in dem Jungling auf, sein Ungluck und die erhabene Art, wie er es trug, vielleicht auch jener aufmunternde Blick der Geliebten, erhohten diese Flammen zur Begeisterung, und zogen ihn zu den Fussen des Herzogs ohne Land.

Der alte Herr von Lichtenstein blickte mit stolzer Freude auf seinen jungen Gast, geruhrt sah ihn der Herzog an und bot ihm seine Hand, hob ihn auf von den Knieen, und kusste ihn auf die Stirne.

"Wo solche Herzen fur uns schlagen", sagte er, "da haben wir noch feste Burgen und Walle, und sind noch nicht arm zu nennen. Du bist mir lieb und wert, Georg von Sturmfeder, du wirst mich begleiten, mit Freuden nehme ich deine treuen Dienste an. Marx Stumpf von Schweinsberg, dich brauche ich zu wichtigerem Geschaft als meinen Leib zu decken. Ich werde dir Auftrage geben nach Hohentwiel und der Schweiz; Eure Begleitung, guter Lichtenstein, kann ich nicht annehmen. Ich ehre Euch wie einen Vater, Ihr habt getreu an mir gehandelt, Ihr habt mir allnachtlich Eure Burg geoffnet; ich will's vergelten. Wenn ich mit Gottes Hulfe wieder ins Land komme, soll Eure Stimme die erste sein in meinem Rat."

Sein Auge fiel auf den Pfeifer von Hardt, der demutig in der Ferne stand: "Komm her, du getreuer Mann!" rief er ihm zu, und reichte ihm seine Rechte, "du hast dich einst schwer an Uns verschuldet, aber du hast treu abgebusst, was du gefehlt."

"Ein Leben ist nicht so schnell vergolten", sagte der Bauer, indem er duster zum Boden blickte, "noch bin ich in Eurer Schuld, aber ich will sie zahlen."

"Gehe heim in deine Hutte, so ist mein Wille; treibe deine Geschafte wie zuvor, vielleicht kannst du Uns treue Manner sammeln, wenn Wir wieder ins Land kommen. Und Ihr, Fraulein! wie kann ich Eure Dienste lohnen? Seit vielen Nachten habt Ihr den Schlaf geflohen, um mir die Ture zu offnen und mich zu sichern vor Verrat! Errotet nicht so, als hattet Ihr eine grosse Schuld zu gestehen; jetzt ist es Zeit zu handeln. Alter Herr", wandte er sich zu Mariens Vater; "ich erscheine als Brautwerber vor Euch, Ihr werdet den Eidam nicht verschmahen, den ich Euch zufuhre?"

"Wie soll ich Eure Reden verstehen, gnadigster Herr", sagte der Ritter, indem er verwundert auf seine Tochter sah.

Der Herzog ergriff Georgs Hand und fuhrte ihn zu jenem. "Dieser liebt Eure Tochter und das Fraulein ist ihm nicht abhold, wie ware es alter Herr, wenn Ihr ein Parlein aus ihnen machtet? Zieht nicht die Stirne so finster zusammen, es ist ein ebenburtiger Herr, ein tapferer Kampe, dessen Arm ich selbst versuchte, und jetzt mein treuer Geselle in der Not."

Marie schlug die Augen nieder, auf ihren Wangen wechselte hohe Rote mit Blasse, sie zitterte vor dem Ausspruch des Vaters. Dieser sah sehr ernst auf den jungen Mann: "Georg", sagte er, "ich habe Freude an Euch gehabt seit der ersten Stunde, dass ich Euch sah; sie mochte ubrigens nicht so gross gewesen sein, hatte ich gewusst, was Euch in mein Haus fuhrte."

Georg wollte sich entschuldigen, der Herzog aber fiel ihm in die Rede: "Ihr vergesset, dass ich es war, der ihn zu Euch schickte mit Brief und Siegel, er kam ja nicht von selbst zu Euch; doch was besinnet Ihr Euch so lange? Ich will ihn ausstatten wie meinen Sohn, ich will ihn belohnen mit Gutern, dass Ihr stolz sein sollet auf einen solchen Schwiegersohn."

"Gebt Euch keine Muhe weiter, Herr Herzog", sagte der junge Mann, gereizt, als der Alte noch immer unschlussig schien. "Es soll nicht von mir heissen, ich habe mir ein Weib erbettelt und ihrem Vater mich aufdrangen wollen, dazu ist mein Name zu gut." Er wollte im Unmut das Zimmer verlassen, der Ritter von Lichtenstein aber fasste seine Hand, "Trotzkopf!" rief er, "wer wird denn gleich so aufbrausen, da, nimm sie, sie sei dein, aber denke nicht daran, sie heimzufuhren, solange ein fremdes Banner auf den Turmen von Stuttgart weht. Sei dem Herrn Herzog treu, hilf ihm wieder ins Land zu kommen, und wenn du treulich aushaltst: am Tag wo ihr in Stuttgarts Tore einzieht, wo Wurttemberg seine Fahnen wieder aufpflanzt und seine Farben von den Zinnen wehen, will ich dir mein Tochterlein bringen, und du sollst mir ein lieber Sohn sein!"

"Und an jenem Tag", sprach der Herzog, "wird das Brautchen noch viel schoner erroten, wenn die Glokken tonen von dem Turme und die Hochzeit in die Kirche ziehet! Dann werde ich zum Brautigam treten, und zum Lohn fordern was mir gebuhrt. Da guter Junge! gib ihr den Brautkuss, es ist zu vermuten, dass es nicht der erste ist, herze sie noch einmal, und dann gehorst du mein, bis an den frohlichen Tag wo wir in Stuttgart einziehen. Lasset uns trinken, ihr Herren, auf die Gesundheit des Brautpaars."

Auf Mariens holden Zugen stieg ein Lacheln auf, und kampfte mit den Tranen, die noch immer aus den schonen Augen perlten. Sie goss die Becher voll, und kredenzte den ersten dem Herzog mit so dankbaren Blicken, mit so lieblicher Anmut, dass er Georg glucklich pries, und sich gestehen musste, manch anderer machte um solchen Preis selbst sein Leben wagen.

Die Manner ergriffen ihre Becher und erwarteten, dass ihnen der Herzog einen guten Spruch dazu sagen werde nach seiner Weise. Aber Ulerich von Wurttemberg warf einen langen Abschiedsblick auf das schone Land, von dem er scheiden musste, einen Augenblick wollte sich eine Trane in seinem Auge bilden, er wandte sich kraftig ab. "Ich habe hinter mich geworfen", sagte er, "was mir einst teuer war, ich werde es wiedersehen in besseren Tagen. Doch hier in diesen Herzen besitze ich noch Lander. Beklaget mich nicht, sondern seid getrosten Mutes, wo der Herzog ist und seine Treuen, hie gut Wurttemberg allewege!"

Dritter Teil

I

In Schwaben, wo dein Vater Herzog war,

Wo ihn und dich ein biederes Volk geliebt,

Wo mancher jetzt auf seiner Feste haust,

Der unter deinem Banner einst gekampft,

Dort muss von dir noch ein Gedachtnis sein,

Dorthin sei unser irrer Pfad gelenkt,

Des Schwarzwalds dichter Schatten nehm uns auf.

L. Uhland

Wohl nie so schwul hat ein Sommer uber Wurttemberg gelegen, als der des Jahres 1519. Das ganze Land hatte dem Bunde gehuldiget, und meinte es werde jetzt Ruhe haben. Aber jetzt erst zeigten die Bundesglieder deutlich, dass es nicht die Wiedereinnahme von Reutlingen gewesen sei, was sie zusammenfuhrte. Sie wollten bezahlt sein, sie wollten Entschadigung haben fur ihre Muhe. Die einen wollten, man solle Wurttemberg unter sie teilen, die andern, man solle es an Ostreich verkaufen, die dritten wollten es Ulerichs Kindern erhalten aber unter des Bundes Obervormundschaft. Sie stritten sich um den Besitz des Landes, auf das weder der eine noch der andere gerechte Anspruche machen konnte. Das Land selbst war in Spaltung und Parteien. Es sollte die Kriegskosten decken, und doch war niemand da, der zahlen wollte. Die Ritterschaft hielt es fur eine erwunschte Gelegenheit, sich ganz vom Lande loszusagen, und sich fur unabhangig zu erklaren. Die Burger und Bauern waren ausgesogen, ihre Felder waren verwustet und zertreten, sie sahen nirgends eine Aussicht sich zu erholen; die Geistlichkeit wollte auch nicht allein bezahlen, und so war alles in Hader und Streit. Es ging auch vielen tief zu Herzen, dass ihr angeborner Furst so schnode behandelt worden war; manchen kam jetzt, da der Herzog fern von dem Lande seiner Vater in Verbannung hauste, Reue und Sehnsucht an. Sie verglichen sein Regiment mit dem jetzigen; es war nicht besser, wohl aber schlimmer geworden. Aber sie lebten unter zu hartem Zwang, als dass sie ihre Schmerzen hatten offenbaren konnen.

Der Regentschaft des Bundes entging diese Unzufriedenheit des Volkes nicht; sie musste, wie sich in alten Berichten findet, "manche seltsame und bose Rede" horen. Sie suchten durch gescharfte Strenge sich Anhanglichkeit zu erwerben; sie streuten Lugen uber den Herzog aus.37 Man gebot den Priestern gegen ihn zu predigen, wer von ihm Gutes rede, soll gefangen werden, wer ihn heimlich unterstutze, soll der Augen beraubt, sogar enthauptet werden.

Aber Ulerich hatte noch treue Leute unter dem Landvolk, die ihm auf geheimen Wegen Kunde brachten, wie es in Wurttemberg stehe. Er sass in seiner Grafschaft Mompelgard, und harrte dort mit den Mannern, die ihm ins Ungluck gefolgt waren, auf gunstige Gelegenheit in sein Land zu kommen. Er schrieb an viele Fursten, er beschwor sie ihm zu Hulfe zu kommen; aber keiner nahm sich seiner sehr tatig an. Er schrieb an die zur neuen Kaiserwahl versammelten Kurfursten, sie halfen nicht; das einzige was sie taten, war, dem neuen Kaiser in seiner Kapitulation eine Klausel anzuhangen, die Wurttemberg und den Herzog betraf er hat sie nicht geachtet. Als sich der Herzog von aller Welt also verlassen sah, wankte er dennoch nicht, sondern setzte alles daran, sein Land mit eigener Macht wiederzuerobern. Es waren einige Umstande, die fur ihn sehr gunstig schienen. Der Bund hatte namlich, als er Kunde bekam, dass sich niemand des Vertriebenen annehmen wolle, seine Volker entlassen. Die meisten Stadte und Burgen behielten nur sehr schwache Besatzungen, und selbst in Stuttgart waren nur wenige Fahnlein Knechte gelassen worden.

Durch diese Massregel aber hatte sich der Bund einen Feind erworben, den man geringschatzte, der aber viel zur Anderung der Dinge beitrug es waren dies die Landsknechte. Diese Menschen aus allen Enden und Orten des Reiches zusammengelaufen, boten gewohnlich dem ihre Hulfe an, der sie am besten zahlte; fur was und gegen wen sie kampften war ihnen gleichgultig. Um sie zu halten musste man ihnen vieles nachsehen, und Raub, Mord, Plunderung, Brandschatzen, fuhrten sie auf ihre eigene Faust aus, um sich zu entschadigen, wenn sie den Sold nicht richtig bekamen. Georg von Frondsberg war der erste gewesen, der sie durch sein Ansehen im Heere, durch tagliche Ubungen und unerbittliche Strenge, einigermassen im Zaum hielt; er hatte sie in regelmassige Rotten und Fahnlein eingeteilt, er hatte ihnen bestimmte Hauptleute gegeben, er hatte sie gelehrt, geordnet in Reihen und Gliedern zu fechten. Sie zeigten aber jetzt, dass sie aus einer guten Schule kamen; denn als sie vom Bunde entlassen waren, liefen sie nicht wie fruher, zerstreut durch das Land, um Dienste zu suchen, sondern rotteten sich zusammen, richteten zwolf Fahnlein auf, erwahlten aus ihrer Mitte Hauptleute38, und selbst einen Obersten in der Person des langen Peters. Sie waren schwurig auf den Bund, nahrten sich von Raub und Brandschatzen im Land, und fuhrten Krieg auf eigene Rechnung. Die Anarchie war in Wurttemberg so gross, dass ihnen niemand die Spitze bot. Der Bund hatte sich an Streitkraften entblosst, und war zu sehr mit seinen eigenen Angelegenheiten beschaftigt, als dass er das arme Land von dieser Bande befreit hatte; die Ritterschaft war uneinig, sie sassen auf den Schlossern und sahen ruhig diesem Treiben zu; die Besatzung der Stadte war zu gering, um ihnen mit Kraft Einhalt zu tun, und Burger und Bauern sahen sogar diesen Haufen gerne, wenn seine Forderungen nur nicht allzu gross waren, denn die Landsknechte schimpften weidlich auf den Bund, dem niemand hold war; ja es ging sogar die Sage, diese Kriegsmanner seien nicht abgeneigt, dem Herzog wieder zu seinem Land zu verhelfen.

Es war ein schoner Morgen in der Mitte Augusts, als sich diese Leute in einem Wiesentale gelagert hatten, das der Grenze von Baden zunachst gelegen war. Die riesigen, schwarzen Tannen und Fohren, die das Tal auf drei Seiten einschlossen, gehorten noch dem Schwarzwald an, und das Flusschen, das durch das Tal eilte, war die Wurm. Halb uberschattet vom Wald, halb in den Weidenbuschen des Tales versteckt, lag das kleine Heer in wunderlichen Gruppen und pflegte der Ruhe. In der Entfernung von zweihundert Schritten sah man Posten aufgestellt, deren blitzende Lanzen oder rotgluhende Lunden schon von weitem Furcht einjagten. In der Mitte des Tales im Schatten einer Eiche sassen funf Manner um einen ausgespannten Mantel, den sie als Tisch gebrauchten, um ein Spiel auf ihm zu spielen, das heute noch den Namen Landsknecht fuhrt. Diese Manner zeichneten sich vor ihren ubrigen Genossen durch breite, rote Binden aus, die sie uber die Schulter und Brust herabhangen hatten, sonst aber hatte ihre Bekleidung auch das zerrissene und morsche Aussehen, wie das der ubrigen Soldateska. Einige hatten Sturmhauben auf, andere grosse Filzhute mit eisernen Bandern beschlagen, dazu Lederkoller, welche von Regen, Staub und Biwaks alle mogliche Schattierungen erhalten hatten.

Bei naherem Blick erkannte man ubrigens noch zwei Dinge, durch welche sie sich von ihren Kameraden unterschieden. Sie fuhrten namlich keine Donnerbuchsen oder Spiesse, wie sie die Landsknechte gewohnlich trugen, sondern Raufdegen von ungemeiner Lange und Breite. Auch hatten sie, wie es damals die Edelleute und Anfuhrer trugen, auf ihren Huten und Sturmhauben, bunte, wallende Federbusche aus Hahnenschwanzen, um sich ein ritterliches Ansehen zu geben.

Die funf Manner schienen grosse Geschicklichkeit im Spiel zu besitzen, vorzuglich aber einer, der sich mit dem Rucken an die Eiche lehnte. Es war dies ein langer wohlbeleibter Mann. Er hatte einen Hut auf, dessen Rand sich wie ein bedeutender Muhlstein um den Kopf zog; der Hut war mit einer Goldtresse besetzt, auf der Stirnseite war er mit dem goldenen Bild des heiligen Petrus geschmuckt, aus welchem zwei ungeheure rote Hahnenfedern hervorragten. Dieser Mann musste weit in der Welt herumgekommen sein, denn er konnte auf franzosisch, italienisch, ungarisch fluchen, seinen Bart aber trug er ungarisch, er hatte ihn namlich mit Pech so zusammengedreht, dass er wie zwei eiserne Stacheln auf beiden Seiten der Nase eine Spanne in die Luft hinausstarrte.

"Canto cacramento!" rief dieser grosse Mann mit einem drohnenden Bass, "der kleine Wenzel ist mein; drauf! ich stech ihn mit dem Eichelkonig."

"Mein ist er, mit Verlaub", rief sein Nebenmann, "und der Konig dazu; da liegt die Eichelsau!"

"Mord de ma Vich, zagt der Franzoz; Hauptmann Loffler, Ihr wollt Eurem Oberst diesen Stich abjagen? Schamt Euch, schamt Euch; daz ist ein Rebeller, der daz tut; Gott straf mein Zeel, Ihr wollt mich vom Regiment absetzen?" Der grosse Mann funkelte zu diesen Worten grasslich mit den Augen, schob seinen grossen Hut auf das Ohr, dass seine uberhangenden Augenbrau'n und eine machtige rote Narbe auf der Stirne sichtbar wurden, die ihm ein ungemein kriegerisches Ansehen gaben.

"Beim Spiel, Herr Oberst Peter, gilt keine Kriegsordnung", antwortete der andere Spieler. "Ihr konnet uns Hauptleuten befehlen, ein Stadtchen zu blockieren und zu brandschatzen, aber beim Spiel ist jeder Landsknecht so gut wie wir."

"Ihr zeid ein Meuter, ein Rebeller gegen die Obrigkeit, Gott straf mein Zeel, und ware es nicht gegen meine Wurde, ich wollt Euch in Kochstucke mazakerieren; aber spielt weiter."

"Da liegt ein Daus" "drauf der Quater" "den stech ich mit dem Zinken", "Schellenwenzel, wer sticht den? "

"Ich", sprach der Grosse, "da liegt der Schellenkonig, Mordblei! der Stich ist mein."

"Wie bringst du den Schellenkonig rauf?" rief ein kleines, durres Mannchen mit spitzigem Gesicht und kleinen, giftigen Auglein und heiserer Stimme, "hab ich nicht gesehen als du ausgabst, dass er unten liegt? Er hat betrogen, der lange Peter hat schandlich betrogen."

"Muckerle, Hauptmann vom achten Fahnlein! ich rat Euch, haltet Euer Maul", sagte der Oberst, "Bassa manelka, ich versteh keinen Spass; die Mauz zoll den Lowen nicht erzurnen."

"Und ich sag's noch einmal; wo hattest du sonst den Konig her? Vor dem Papst und dem Konig von Frankreich will ich's beweisen; du falscher Spieler!"

"Muckerle", erwiderte der Oberst, und zog kaltblutig seinen Degen aus der Scheide, "bete noch ein Ave Maria und ein Gratias, denn ich schlage dich tot, zo wie daz Spiel auz ist"

Die ubrigen drei Manner wurden durch diese Streitigkeiten aus ihrer Ruhe aufgeschreckt. Sie erklarten sich fur den kleinen Hauptmann, und gaben nicht undeutlich zu verstehen, dass man dem Obersten wohl dergleichen zutrauen konnte; dieser aber vermass sich hoch und teuer, er habe nicht betrogen. "Wenn der heilige Petruz, mein gnadiger Herr Patron, den ich auf dem Hut trage, sprechen konnte, der wurde mir, zo wahr er ein christlicher Landsknecht war, bezeugen, dass ich nicht betrogen!"

"Er hat nicht betrogen", sagte eine tiefe Stimme, die aus dem Baum zu kommen schien. Die Manner erschraken und schlugen Kreuze wie vor einem bosen Spuk, selbst der tapfere Oberst erbleichte und liess die Karte fallen, aber hinter dem Baum hervor trat ein Bauersmann, der mit einem Dolch bewaffnet war, und eine Zither an einem ledernen Riemen auf der Schulter hangen hatte. Er sah die Manner mit unerschrockenen Blicken an und sagte: "Es ist wie ich sagte, dieser Herr da hat nicht betrogen, er bekam schon beim Ausgeben, Schellen und Eichelkonig, Funfe und Vier von Laub und den Schippenunter in die Hand."

"Ha! du bist ein wackerer Kerl", rief der Oberst vergnugt, "zo wahr ich ein ehrlicher Landsknecht will zagen Oberst bin, ez ist all wahr waz du gezagt hast."

"Was ist denn das?" rief der kleine Hauptmann Muckerle mit giftigen Blicken, "wie hat sich der Bauer daher eingeschlichen, ohne dass unsere Wachen ihn meldeten? Das ist ein Spion, man muss ihn hangen!"

"Zei nicht wunderlich, Muckerle; daz ist kein Spioner; komm, zez dich zu mir. Bist ein Spielmann, dass du die Cittarra umhangst, wie ein Spanier, wenn er zu zeinem Schatzerl geht?"

"Ja Herr! ich bin ein armer Spielmann; Eure Wachen haben mich nicht angehalten, als ich aus dem Wald kam. Ich sah Euch spielen, und wagte es den Herren zuzusehen."

Die Hauptleute dieses Freikorps waren nicht gewohnt so hoflich mit sich sprechen zu horen, daher fassten sie Zuneigung zu dem Spielmann, und luden ihn sehr herablassend ein, sich zu ihnen zu setzen, denn sie hatten in fremden Kriegsdiensten gelernt, dass grosse Konige und Feldherren sehr vertraulich mit den Meistern des Gesanges umgehen.

Der Oberste tat einen Trunk aus einer zinnernen Flasche, bot sie dem kleinen Hauptmann und sprach mit heiterer Miene: "Muckerle, daz zoll mein Tod zein, waz ich getrunken, wenn ich nicht allez vergesse; Hader und Zank haben ein Ende; wir wollen nicht weiterspielen, ihr Herren; ich liebe Gezang und Lautenspiel, wie ware ez, wenn wir uns aufspielen liessen?"

Die Manner willigten ein, und warfen die Karten zusammen; der Spielmann stimmte seine Zither, und fragte was er singen solle?

"Sing ein Lied vom Spiel!" rief einer; "weil wir gerade dran sind."

Der Spielmann sann ein wenig nach und hub an:

"Von dem Zinken, Quater und As

Kommt mancher in des Teufels Gass,

Von Quater, Zinken und von Dreien

Muss mancher Waffengo schreien,

Von As, Sess und Daus

Hat mancher gar ein odes Haus,

Von Quater Drei und Zinken

Muss mancher lauter Wasser trinken.

Von Zinken, Drei und Quater

Weinen oft Mutter, Kind und Vater,

Von Zinken, Quater und Sess

Muss Jungfrau, Metz und Agnes,

Oft gar lang unberaten bleiben

Will er die Lang das Spiel betreiben."39

Der Oberst Peter und die Hauptleute lobten das Lied und reichten dem Spielmann zum Dank die Flasche; "Gott gesegne es euch", sagte dieser, indem er die Flasche zuruckgab; "viel Gluck zu eurem Zuge; ihr seid wohl Obersten und Hauptleute des Bundes und ziehet wieder zu Feld? darf man fragen gegen wen?"

Die Manner sahen sich an und lachelten, der Oberst aber antwortete ihm: "Ganz unrecht habt Ihr nicht, wir haben fruher dem Bund gedient, jetzt aber dienen wir niemand alz unz zelbst, und wer Leute braucht wie wir zind."

"Die Schweizer werden heuer ein gutes Jahr haben, man sagt ja, der Herzog wolle wieder ins Land?"

"Aller Hund Krummen komme auf die Schweizer", rief der Oberst; "wie ubel zind zie an ihm gefahren; der gute Herzog hat all zeine Hoffnung auf zie gesetzt, und diavolo maledetto wie haben zie ihn im Stich gelassen bei Blaubeuren!!"

"Sie haben ihn schandlich gelassen", sagte der Hauptmann Muckerle mit heiserer Stimme; "aber doch so man's beim Licht b'sieht, so g'schieht ihm wohl halb recht, dann er sollt sie je wohl kennt haben; es leit doch am Tag, dass sie kein dick's Brittlein bohren. Der Tufell hol sie all"

"Ja, der Herzog hat halt nichts Besseres haben konnen", entgegnete der Spielmann; "freilich wenn er solche Herren gehabt hatte, wie ihr und eure tapfere Fahnlein, da ware der Bund noch bei Ulm."

"Du hast da ein wahrez Wort gesprochen, guter Gezell! Landsknecht' hatte er zollen haben und keine Schwyzer. Und halt er zich jetzt wieder zu ihnen, zo weiss ich waz ich von ihm halte. Landsknecht' hatt er zollen haben, ich zag's noch einmal. Nicht wahr, Magdeburger?"

"Dat well ich man och meenen", antwortete der Magdeburger. "Landsknechte oder keener konnen den Heertog wieder eup den Stuhl setzen. Die Schweizer konnen man gar nichts als mit den Hellebarden in die Glieder stechen; dat ist all ihre Kunst. Aber Ihr solltet man sehen, wie wir die Donnerbuchsen laden, uf die Gabel legen un mit dem Lunden drauf, dat dich dat Wetter; dat Manafer macht uns keener nich nach; Gott straf mir keener. Sie brauchen ein halve Stunde, um ihre Kugeln loszuschiessen, und wir Landsknecht eene halbe Vertelstund."

"Ja, alle Achtung vor den Herren Landsknechten", sagte der Spielmann, und luftete ehrerbietig die Mutze; "freilich euch Herren sollt er haben. Aber der Bund wird euch so gut belohnt haben, dass ihr dem armen Herzog nicht zu Hulfe ziehen moget."

"Gelohnt, socht er?" rief der funfte Hauptmann und lachte; "jo wenn er 's Geld von Blech schlagen konnt. Der schwabisch' Hund! bei denen gilt's Sprichwort:

'Dien wohl und fordre keinen Sold,

So werden dir die Herren hold.'

Ich sog schlecht hot er uns bezohlt; und wenn Seine Durchlaucht der Herr Herzog mi hoben will, i steh 'nem z'Dienst wie jedem."

"Staberl, du hast recht", sagte der Oberst, und wichste den ungarischen Bart. "Mordblei, die Kaz ist gern, wo man sie strahlet; wenn der Herr Ulerich gut zahlt, zo wird, Gott straf mein Zeel, unsere ganze Mannschaft mit ihm ziehen."

"Nun, das werdet Ihr bald sehen konnen", entgegnete der Bauer listig lachelnd, "habt Ihr noch keine Antwort vom Herzog auf Eure Botschaft?"

Der Oberst Peter ward feuerrot bis in die Stirne. "Mordelement! wer bist denn du, Menschenkind, daz du mein Geheimnuz weisst? wer hat dir gezagt, daz ich zum Herzog schickte."

"Zum Herzog hob Er g'schickt, Peter? Wos hobt er denn fur G'heimnis mitenonder, doss wir's nit wissen dorften? Sog es nur gleich!"

"Nun, ich hab gedacht, ich musse wieder einmal fur euch alle denken wie immer und hab einen Mann zum Herzog geschickt, ihm in unzerm Namen einen schonen Gruz entboten und fragen lassen, ob er unz brauchen konnt. Dez Monats fur den Mann einen halben Dicktaler, uns Obersten und Hauptleut aber ein Goldgulden und taglich vier Maaz alten Wein."

"Dat is keen bitterer Vorschlach, der Teiwel! eenen Goldgulden monatlich? ich bin dabei und es wird keener wat dagegen haben. Hast du Antwort von den Heertog?"

"Bis jetzt noch keine; aber Bassa manelka! wie kamst du zu meinem Geheimnuz, Bauer? Ich hau dir ein Ohr ab, Gott straf mein Zeel, zo tu ich, wie mein Patron der heilige Petruz, war auch ein Landsknecht, dem Malchuz, der war von den judischen Schwyzern, ein Hellebardierer. Zag schnell oder ich hau."

"Langer Peter!" rief der kleine Hauptmann Mukkerle, mit angstlicher Stimme, "lass um Gotts willen den gehen; der ist fest und kann hexen; ich weiss noch wie heut, dass wir ihn in Ulm fangen sollten und in Herrn von Krafts des Ratschreibers Stall kamen, wo er sich aufhielt, denn er war ein Kundschafter, so machte er sich klein und immer kleiner, bis er ein Spatz wurde und uber uns 'naus flog."

"Waz?" schrie der tapfere Oberst und ruckte von dem Spielmann hinweg, "der ist's? Wo dann der Magistrat auzrufen liess, man zolle alle Spatzen totschiessen, weil zich ein wurttemberger Spioner in einen verwandelt habe? Man heisst zie glaub ich, jetzt noch die Ulmer Spatzen!"

"Der ist's", flusterte Muckerle; "es ist der Pfeifer von Hardt, ich hab ihn gleich erkannt."

Der Oberst und die Hauptleute hatten sich von ihrem Erstaunen noch nicht ganz erholt. Sie sahen den Mann, von welchem der Ruf so wunderbare Dinge erzahlte, halb angstlich, halb neugierig an. Er selbst hatte ein zu wohlgeubtes Ohr, als dass er nicht verstanden hatte, was diese Leute unter sich flusterten; aber er tat, als bemerke er ihr Staunen und Verstummen nicht; er beschaftigte sich ruhig mit seiner Zither. Endlich fasste sich der lange Peter, wohlbestallter Oberst dieses Heeres ein Herz, zwirbelte den Bart einigemal, zog dann den ungeheuern Hut vom Kopf und sprach: "Verzeihet doch, lieber Gezelle, wertgeschatzter Pfeifer, dass wir zo ohne alle Umstande mit Euch verfahren zind; konnten wir denn wissen, wen wir da neben unz haben? Zeit vielmal gegrusset, hab schon oft, Gott straf mein Zeel, gedacht, mochte nur einmal den furtrefflichen Kerl zehen, den Pfeifer von Hardt, der in Ulm am hellen Tag alz Spatz auzgeflogen."

"Ist schon gut", unterbrach ihn der Spielmann unmutig; "lasset die alten Geschichten ruhen. Nun, von wegen des Herzogs kam mir die Nachricht zu, ich soll euch Herren auf den heutigen Tag aufsuchen, und wenn ihr noch geneigt waret, mit ihm zu ziehen, so wolle er gerne zahlen, was ihr ihm vorgeschlagen."

"Canto cacramento! daz ist ein frommer Herr! ein Goldgulden dez Monats und taglich vier Maaz Wein! Er zoll leben!"

"Und wann wird er kommen?" fragte der Hauptmann Loffler; "wo werden wir zu ihm stossen?"

"Wenn kein Ungluck geschehen ist, heute noch. Heute ist er auf Heimsheim losgebrochen, die Besatzung ist schwach, wenn er sie uberwaltigt hat, ruckt er heute noch weiter."

"Schaut! reitet dort unten nicht ein Geharnischter? Sieht aus wie ein Ritter!" Die Manner sahen aufmerksam nach dem Ende des Tales; dort sah man einen Helm und Harnisch in der Sonne blinken, auch ein Pferd wurde hie und da sichtbar. Der Pfeifer von Hardt sprang auf und klimmte auf die Eiche hinan; von diesem hohen Standpunkt konnte er das Tal besser ubersehen; noch war der Reiter zu fern, als dass er seine Zuge hatte unterscheiden konnen, aber er glaubte seine Feldbinde zu erkennen, er glaubte den Mann zu erkennen, den er in dieser Stunde erwartete.

"Was siehst du?" riefen die Hauptleute, "ist es einer, der zufallig durchs Tal reitet, oder glaubst du, er kommt vom Herzog?"

"Richtig, weiss und blau ist die Scharpe", sprach der Pfeifer; "das ist sein langes Haar, so sitzt er zu Pferd, ei du Goldjunge, willkommen in Wurttemberg! Jetzt sieht er eure Wachen, jetzt reitet er auf sie zu, schau wie die Bursche ihre Lanzen vorstrecken und die Beine ausspreizen!"

"Ja, was Landsknechte sind, die verstehen den Kriegsbrauch; darf keiner vorbei, wo die Hauptleute liegen, ohne dass er Rede steht."

"Halt! jetzt rufen sie ihn an; er spricht mit ihnen, sie deuten hieher; er kommt!" Der Pfeifer von Hardt stieg mit freudegluhendem Gesicht vom Baum herab.

"Diavolo maledetto! bassa marendete! Zie werden ihn doch nicht allein reiten lassen? ez wird doch einer zein Ross am Zugel fuhren nach Kriegesbrauch! Wie? ist ez ein Ritter, der kommt?"

"Ein Edelmann so gut wie einer im Reich", antwortete der Pfeifer; "und der Herzog ist ihm sehr gewogen." Bei dieser Nachricht standen die Hauptleute auf, denn, ob sie sich gleich nicht wenig einbildeten, Hauptleute zu heissen, so wussten sie doch, dass sie eigentlich nur Landsknechte und dem Ritter jedes Zeichen von Ehrerbietung schuldig seien. Der Oberst aber setzte sich gravitatisch am Fuss der Eiche nieder, strich den Bart, dass er hell glanzte, setzte den grossen Hut mit der Hahnenfeder zurecht, stutzte sich auf seinen grossen Hieber und erwartete so den Ritter.

II

Der Herzog ist gekommen,

Er liegt nicht weit im Feld;

Er hat's dem Feind genommen,

Er bringt 'nen Sack mit Geld.

G. Schwab

Dem Platze, wo die Hauptleute und der lange Peter, ihr Oberst, versammelt waren, nahte sich jetzt ein geharnischter Reiter, dessen Pferd von zwei Landsknechten gefuhrt wurde. Der Ritter hatte das Visier seines blanken Helmes herabgeschlagen, die breiten Schultern und die kraftigen Lenden und Beine waren mit Platten und Schienen von Stahl verhullt, aber die wallenden Federn seines Helmbusches und die wohlbekannten Farben einer Scharpe, die uber den Panzer herablief, die Haltung und das edle, kraftige Wesen des Nahenden hatten dem Pfeifer von Hardt langst gesagt, wen er zu erwarten habe. Und er betrog sich nicht, denn einer der Knechte trat jetzt vor den Oberst und berichtete, dass der "Edle von Sturmfeder" mit den Anfuhrern der gesamten Landsknechte etwas zu sprechen habe.

Der lange Peter antwortete im Namen der ubrigen: "Zag ihm, er ist willkommen, Peter Hunzinger der Balthasar Loffler und der tapfere Muckerle, wohlbestallte Hauptleute erwarten ihn zum Gesprach. Gott straf mein Zeel, er hat einen schonen Harnisch und einen Helm wie der Konig Franz; aber zein Gaul durfte besser zein, Mordblei! er ist an allen vieren steif!"

"Dos ist holt, sog ich, weil er den gonzen Sommer g'stonden ist in Mompelgard beim Herzog."

Die Manner belachelten den Witz des Wieners, doch huteten sie sich, ihre Freude laut werden zu lassen, denn der Ritter hielt nicht allzu ferne. Noch immer machte er aber keine Miene, abzusteigen und sich ihnen zu nahen; er sprach mit dem Knecht, schlug dann das Visier auf und zeigte ein schones freundliches Gesicht. "Steht dort nicht Hanns der Spielmann?" rief er mir lauter Stimme. "Erlaubet, dass er ein wenig zu mir trete."

Der Oberst nickte dem Pfeifer zu, er ging und der Junker schwang sich vom Pferde. "Willkommen in Wurttemberg, edler Herr", rief der Mann von Hardt, indem er den Handschlag des Junkers treuherzig erwiderte. "Bringt Ihr gute Botschaft? ich seh's Euch an den Augen an, es steht gut mit dem Herzog."

"Komm! tritt hier ein wenig auf die Seite", sagte Georg von Sturmfeder mit freudiger Hast. "Wie steht es auf Lichtenstein? denkt sie an mich? hast du einen Brief, ein paar Zeilen? o gib schnell! was lasst sie mir sagen, guter Hanns?"

Der Pfeifer lachelte schlau uber die Ungeduld des liebenden Junglings "Einen Brief hab ich nicht; keine Zeile. Sie ist gesund und der alte Herr auch; das ist alles was ich weiss."

"Wie!" unterbrach ihn Georg; "keinen Gruss? keine Botschaft? So hat sie dich gewiss nicht ziehen lassen!"

"Als ich vorgestern Abschied nahm, sagte das Fraulein: 'Sag ihm, er soll sich sputen, dass er einziehet in Stuttgart,' sie wurde geradeso rot wie Ihr jetzt, als sie dies sprach."

Der junge Mann errotete voll freudiger Gefuhle, sein Auge glanzte und ein freundliches Lacheln zeigte, dass er den Sinn dieser Worte verstanden habe.

"Bald, bald werden wir einziehen, so Gott will", sagte er. "Aber wie lebten sie diesen langen Sommer; nur dreimal kam uns Botschaft von ihnen zu! Warst du oft auf Lichtenstein, Hanns? War sie traurig? was sprach sie?"

"Lieber Herr", antwortete der Mann von Hardt, "geduldet Euch noch, auf dem Marsch will ich Euch ein langes und breites erzahlen, fur jetzt nur so viel: sobald der Alte hort, dass Ihr auf Stuttgart ziehet, will er von Lichtenstein aufbrechen und Euch die Braut zufuhren. Denn er zweifelt nicht, dass Ihr die Stadt uberwaltiget. Habt Ihr Heimsheim?"

"Wir haben es; ich jagte mit zwolf Reitern in die Tore, ehe sie sich's versahen. Die Besatzung war zwar etwas starker, als wir, aber mutlos und unzufrieden. Ich handelte mit ihnen in des Herzogs Namen, da glaubten sie, er liege mit vielen Truppen noch im Hinterhalt und ergaben sich. So weit waren wir nun in Wurttemberg, aber wie ist der Weg weiterhin?"

"Offen, bis ins Herz offen. Ich bringe Euch wichtige Nachricht vom Ritter von Lichtenstein, dass die gewaltigen Herren aus dem Lande sind, wisset Ihr "

"Sie halten einen Bundestag in Nordlingen40, ist's nicht so? freilich wissen wir's, denn auf diese Nachricht, brach der Herzog aus Baden auf."

"Nun, und wenn die Katzen fort sind, tanzen die Mause auf dem Tisch! Die Besatzungen sind uberall unbesorgt; an den Herzog denkt kein Bundler mehr, sie sind nur aufmerksam auf den Bundestag, welchen Herrn wir bekommen werden; den Osterreicher, den Bayer, den Prinzen Christophel oder ob uns der Stadtebund, Augsburg und Aalen, Nurnberg und Bopfingen regieren werde."

"Welche Augen sie machen werden", rief Georg lachelnd, "wenn der Stuhl schon besetzt ist, um welchen sie streiten!

'Der Frosch hupft wieder in sein Pfuhl,

Wenn er auch sass auf einem goldnen Stuhl',

sagt's Sprichwort; sie werden ihre Buchsen auf die Schulter nehmen und 's Regieren sein lassen."

"Und die Wurttemberger? wie denken sie jetzt vom Herzog? glaubst du, er wird viel Anhang finden? Werden sie uns zu Hulfe ziehen?"

"Was Burger und Bauern sind, ja. Von der Ritterschaft weiss ich's nicht und der alte Herr zuckte die Achsel, wenn ich ihn fragte und murmelte ein paar Fluche. Ich furchte, es steht hier nicht alles, wie es soll. Aber Burger und Bauern, die sind fur den Herzog. Es sind allerlei sonderbare Zeichen geschehen, die das Volk aufmuntern. So ist neulich im Remstal ein Stein vom Himmel gefallen, drauf war ein Hirschgeweih eingegraben und die Worte: 'Hie gut Wurttemberg allweg' und auf der andern Seite soll man auf lateinisch gelesen haben: 'Herzog Ulerich soll leben!' "41

"Vom Himmel gefallen, sagst du?"

"So sagt man. Die Bauern hatten grosse Freude dran, aber die bundischen Herren wurden zornig, nahmen die Schulzen gefangen und wollten ihnen abpressen, woher der Stein des Anstosses komme. Und als man bei hoher Strafe verbot, vom Herzog zu sprechen, da lachten die Manner und sagten, jetzt traumen wir von ihm. Alles wunscht ihn zuruck, denn sie wollen sich lieber von ihrem anerkannten Herrn drucken als von Fremden die Haut abziehen lassen."

"Gut; der Herzog und seine Reiter konnen in wenigen Stunden hier sein. Sein Plan ist, sich gerade durchs Land nach Stuttgart zu schlagen. Ist die Hauptstadt unser, so fallt uns auch das Land zu. Und wie ist es mit den Landsknechten dort? wollen sie mitziehen?"

"Fast hatte ich die vergessen", sagte Hanns; "sie werden ungeduldig werden, wenn wir sie zu lange warten lassen. Gehet doch recht klug mit ihnen um, es sind stolze Gesellen und lassen sich Hauptleute schelten; aber haben wir die funfe gewonnen, so sind zwolf Fahnlein des Herzogs. Besonders mit dem Oberst, dem langen Peter, musst Ihr gar hoflich sein."

"Welcher ist der lange Peter?"

"Der dicke Mann, der unter der Eiche sitzt. Er hat einen steifen Schnauzbart und einen vornehmen Hut auf dem Kopf. Der ist der Hochste unter ihnen."

"Ich will mit ihm reden, wie du sagst", antwortete der junge Mann und ging mit dem Pfeifer zu den Landsknechten. Die lange Unterredung der beiden hatte sie schon etwas unmutig gemacht und der kleine Muckerle schoss stechende Blicke auf den Gesandten des Herzogs. Als dieser aber mit edlem Anstand und freiem, siegendem Blick unter sie trat, wurden sie schuchtern und verlegen, und als er sie endlich mit hoflichen, schmeichelhaften Worten anredete, wurden ihre tapfere Herzen von der Anmut Georgs von Sturmfeder fur des Herzogs Sache gewonnen.

"Wohlerfahrner Oberst", sprach er, "tapfere Hauptleute der versammelten Landsknechte, der Herzog von Wurttemberg hat sich den Grenzen seines Landes genaht, hat die Stadt Heimsheim erobert und ist willens, auf gleiche Weise sein ganzes Herzogtum wieder an sich zu bringen "

"Gott straf mein Zeel, er hat recht; tat'z auch zo machen "

"Er hat den tapfern Arm und die furtreffliche Kriegskunst der Landsknechte erprobt, als sie noch gegen ihn standen, er versieht sich zu ihnen, dass sie ihm mit gleichem Mute jetzt beistehen werden, und verspricht ihnen mit seinem furstlichen Wort, die Bedingungen zu halten, die sie ihm angeboten haben."

"Ein frommer Herr", murmelten sie untereinander mit beifalligem Nicken, "ein Goldgulden des Monats und Mordblei taglich vier Mass Wein fur die Hauptleut!"

Der Oberst stand auf, entblosste sein kahles Haupt zum Gruss und sprach, von manchem Rauspern der Verlegenheit unterbrochen. "Wir danken Euch, hochedler Herr, wollen'z tun, wollen mitziehen wir wollen dem Schwabischen Bund heimgeben, waz er unz getan, zo wollen wir. Die allerbesten und tapfersten, wie auch furtrefflichsten Leute haben zie fortgeschickt, als brauchten zie keine Landsknechte mehr. Da steht zum Beispiel der Hauptmann Loffler. Wenn'z einen tapferern Landsknecht gibt in der Christenheit, zo lass ich mir die Haut vom Leib schalen, und lass mich braten wie eine Zau. Da steht der Staberl von Wien; zo einen hat die Zonne noch nie beschienen und der Mond. Da ist dann der Magdeburger, wie der, ficht keiner in der Turkei und der Mukkerle da, man zollt ihm'z nicht anzehen; aber daz ist der beste Schutz mit der Donnerbuchs und trifft auf vierzig Gang inz Schwarze. Von mir mag ich nicht reden, Eigenlob stinkt; aber Bassa manelka in Spanien und Holland hab ich gedient und Canto cacramento in Italia und Teutschland, Mordblei! in jedem Heere kennt man den langen Peter. Gott straf mein Zeel, wenn ich und die andern hinter den schwabischen Hund, wollt zagen Bund, komme, diavolo maledetto! da werden zie daz Haazenpanier ergreifen und mit den Absatzen hinter sich hauen!"

Es war dies die langste Rede, die der lange Peter in seinem Leben gehalten hat und noch in spaten Jahren, als er langst bei Pavia den Ruhm der deutschen Landsknechte mit dem Tod besiegelt hatte, fuhrten seine Genossen, wenn sie den jungern Kameraden vom langen Peter erzahlten, diesen Moment als einen der erhabensten seines Lebens auf. Wie er dagestanden sei auf das lange Schwert gestutzt, den grossen Hut mit der Hahnenfeder kuhn auf das Ohr geruckt, die rechte Hand in die Seite gestemmt und die Beine ausgespreizt, da habe ihm nichts gefehlt als ein besseres Wams und eine Gnadenkette, um ihn fur einen echten Oberst und wahrhaften Feldherrn zu halten.

Die Hauptleute luden jetzt den Junker von Sturmfeder ein, eine Musterung uber das neugeworbene Heer zu halten. Der dumpfe Schall der ungeheuern Trommeln, tonte durchs Tal und weckte die Schlafer aus ihrer Ruhe. Noch schien Frondsbergs kriegerischer Geist und sein strenger Ordnungssinn uber ihnen zu schweben, denn in wenigen Augenblicken hatten sie sich zu drei grossen Kreisen gebildet, die je aus vier Fahnlein bestanden. Einem Auge, das an die schnelle, taktmassige Bewegung, die schone Haltung und die gleiche Farbe der Regimenter unserer Zeit gewohnt ist, mochte wohl jener Anblick uberraschend, ja lacherlich erschienen sein. Die Landsknechte waren nach ihrem Geschmack gekleidet, doch hatte die Mode der Zeit im Schnitt ein wenig Gleichformigkeit in ihren Anzug gebracht. Sie trugen gewohnlich enge Wamser von Leder, oder auch Lederwesten mit Armeln von grobem Tuch. Die Lenden staken in ungeheuer weiten Pluderhosen, die am Knie zugebunden, durch ihre Litzenschwere noch etwas tiefer herunterhingen. Die vollen Waden umgaben grobe Strumpfe von hellen Farben und die Fusse waren mit groben Bundschuhen von ungefarbtem Leder bekleidet. Ein Hut, eine Tuch- oder Ledermutze, eine erbeutete oder fur eigene Rechnung gekaufte Blechhaube bedeckte den Kopf und die bartigen Gesichter dieser Manner, die oft zwanzig Jahre unter allen Heeren und Himmelsstrichen Europas dienten, hatten einen kuhnen, martialischen Ausdruck. Ihre Bewaffnung bestand in einem langen Dolch und einer Hellebarde, ein Teil war auch mit Donnerbuchsen bewaffnet, die man mit Lunden losbrannte.

So standen sie mit ausgespreizten Beinen, Fuss an Fuss geschlossen, wie ein festes Bollwerk und Georgs kriegerischen Sinn erfreute der Anblick dieser kampfgeubten Manner, die wohl zu wissen schienen, dass sie vereinzelt nichts, aber in Massen verbunden auch einer zahlreichen Schar von Feinden, furchtbar seien.

Die Hauptleute hatten den Kriegesbrauch und das Kommandowort ihrer fruheren Anfuhrer wohl im Gedachtnis behalten; sie traten daher mit dem jungen Ritter in einen dieser Kreise und der tiefe, weit tonende Bass des langen Peters befahl: "Gebt acht ihr Leut! kehrt euch um!"

Schnell hatten sich die Kreise nach innen gekehrt, und vernahmen nun die Reden ihrer Hauptleute, die ihnen jene Aufforderung des Herzogs von Wurttemberg auseinandersetzten. Ein freudiges Gemurmel zeigte, dass sie mit diesen Bedingungen zufrieden seien und Ulerich von Wurttemberg so eifrig dienen wollten, als sie vorher gegen ihn gedient hatten. Die Hauptleute liessen jetzt auch einige Ubungen machen und Georg bewunderte die Geschicklichkeit der Landsknechte und glaubte fest man werde es in der Kriegskunst auf Erden schwerlich noch viel weiter bringen. Er tauschte sich! Doch sein Irrtum ist so verzeihlich, als jener unserer Grossvater, welche die Heroen des grossen Friederich fur unubertrefflich hielten und den gottlosen Spott ihrer Enkel uber Zopf- und Kamaschendienst nicht ahneten. Und wird nicht eine Zeit kommen, wo man auch uber die guten alten Zeiten von 1829 lacheln wird? Freilich, so schlanke Taillen wie heutzutage sah man bei den Landsknechten und ihren Hauptleuten Anno 1519 nicht. Doch hatten jene martialischen Figuren einem ganzen heutigen Heere mit Normalbarten aushelfen konnen.

Etwa nach einer Stunde meldeten die Vorposten, dass man unten im Tale von der Gegend von Heimsheim her, Waffen blinken sehe, und wenn man das Ohr auf die Erde lege, seien die Tritte vieler Rosse deutlich zu vernehmen.

"Das ist der Herzog", rief Georg, "fuhrt mein Pferd vor, ich will ihm entgegenreiten."

Der junge Mann galoppierte durch das Tal hin und die Hauptleute und ihre Gesellen blickten ihm nach und bewunderten die Kraft und Gewandtheit, mit welcher er in der schweren Rustung aufs Pferd gesprungen war, lobten seinen Anstand und seine Haltung, solange sie ihn noch sehen konnten. Bald mischte sich sein Helmbusch mit den Buschen und Lanzenspitzen, die man unten im Tal bemerkte. Sie kamen naher, jetzt sah man Helme blinken, jetzt wurden die Reiter bis um die Brust sichtbar, jetzt erschienen sie auf einmal auf einer kleinen Anhohe und man konnte die ganze Schar ubersehen. Der Pfeifer von Hardt schaute mit blitzenden Augen in die Ferne. Seine Brust hob und senkte sich, die Freude schien ihn des Atems zu berauben, sprachlos nahm er den Obersten an der Hand und deutete auf die Reiterschar.

"Welcher ist der Herzog", fragte dieser, "ist'z der auf dem Mohrenschimmel?"

"Nein, das ist der edle Herr von Hewen; seht Ihr das Banner von Wurttemberg, wie, seh ich recht? bei Gott, der Junker von Sturmfeder darf es tragen!"

"Daz ist eine grosse Ehr! Mordblei, ist erst funfundzwanzig und darf die Fahne tragen! in Frankreich darf das nur der Connetabel tun, der erste Mann nach dem Konig Franz. Dort heisst man'z Ohrenflamme und ist aus lauter Gold. Aber welcher ist der Herzog Ulerich?"

"Seht Ihr den im grunen Mantel mit den schwarz und roten Federn auf dem Helm? er reitet neben dem Banner und spricht mit dem Junker, er reitet einen Rappen und zeigt gerade mit dem Finger auf uns seht, das ist der Herzog."

Die Reiterschar mochte ungefahr vierzig Pferde betragen, sie bestand meist aus Edelleuten und ihren Dienern, die dem Herzog in seine Verbannung nachgezogen waren, oder von seinem Einfall benachrichtigt, an der Grenze seines Landes sich an ihn angeschlossen hatten. Sie waren alle wohlberitten und bewaffnet. Georg von Sturmfeder trug Wurttembergs Panier, neben ihm ritt ganz geharnischt der Herzog. Als dieser Zug jetzt den Landsknechten etwa auf zweihundert Schritte nahe war, erhob der lange Peter seine Stimme und sprach: "Gebt acht, ihr Leut. Wann Zeine Durchlaucht nahe ist, und ich meinen Hut vom Scheitel reisse, zo schreiet: 'Vivat Ulericus!' schwenket die Fahnlein in der Luft; und ihr Trommler, rasselt auf euren Fellen, dass euch das Donnerwetter! schlagt den Wirbel wie beim Sturm auf eine Festung, Bassa manelka, haut drauf und wenn der Schlegel bricht zo begrussen die tapfern Landsknecht einen Fursten."

Diese kurze Anrede tat ihre vollkommene Wirkung; die kriegerische Schar murmelte das Lob des Herzogs, sie schuttelten ihre Hellebarden, stampften ihre Buchsen klirrend auf den Boden und die Trommler fassten ihre Schlegel krampfhaft in die Hand und als jetzt Georg von Sturmfeder, der Bannertrager von Wurttemberg, ansprengte und hinter ihm hoch zu Ross, erhaben wie in den Tagen seiner Herrschaft, mit kuhnen, gebietenden Blicken Herzog Ulerich von Wurttemberg sich zeigte, da entblosste der lange Peter ehrfurchtsvoll sein Haupt, die Trommeln rasselten wie zum Sturm einer Feste, die Fahnlein neigten sich zum Gruss, und die Landsknechte riefen ein tausendstimmiges "Vivat Ulericus!"

Der Bauersmann von Hardt war still in der Ferne gestanden, hatte nicht auf diese kriegerischen Grusse gehort, seine ganze Seele schien nur in seinem Auge zu liegen, das trunken an seinem Herrn hing. Der Herzog hielt den Rappen an, blickte um sich und es war tiefe Stille unter den vielen Menschen. Da trat der Bauer vor, kniete nieder, hielt ihm den Bugel zum Absteigen und sprach: "Hie gut Wurttemberg alleweg!"

"Ha! bist du es, Hanns, mein Geselle im Ungluck, der mir den ersten Gruss von Wurttemberg bringt? Meine Edeln habe ich hier erwartet, dass sie mich begrussen bei meinem ersten Schritt auf wurttembergischem Grund, meinen Kanzler und meine Rate, wo sind die Hunde? Die Stande meiner Landschaft, wo blieben sie, will man mich nicht wiedersehen in der Heimat? Ist keiner von allen da, mir den Bugel zu halten, als der Bauer?"

Seine Begleiter drangten sich staunend um den Herzog her, als sie ihn also sprechen horten. Sie wussten nicht, war es Ernst oder bitterer Scherz uber sein Ungluck; sein Mund schien zu lacheln, aber sein Auge blitzte mutig und seine Stimme klang ernst und befehlend. Sie sahen einander wegen dieser dustern Laune zweifelhaft an, aber der Pfeifer von Hardt erwiderte seinem Fursten:

"Diesmal ist's nur der Bauer, der Euch auf Wurttembergs Boden hilft, aber verachtet nicht ein treues Herz und eine feste Hand. Die andern werden schon auch kommen, wenn sie horen, dass der Herr Herzog wieder im Lande sei."

"Meinst du?" sprach Ulerich bitter lachend, indem er sich vom Pferde schwang. "Sie werden auch kommen. Bis jetzt haben wir wenig Kunde davon; aber ich will anklopfen an ihren Turen, dass sie merken sollen, es ist der alte Herr, der in sein Haus will!"

"Sind dies die Landsknecht, die mir dienen wollen?" fuhr er fort, indem er aufmerksam das kleine Heer betrachtete; "sie sind nicht ubel bewaffnet und sehen mannlich aus. Wieviel sind es?"

"Zwolf Fahnlein, Euer Durchlaucht", antwortete der Oberst Peter, der noch immer mit gezogenem Hut vor ihm stand und hie und da verlegen den ungarischen Bart zwirbelte. "Lauter geubte Leut, Gott straf mein Zeel, tut mir leid, wenn ich geflucht hab, der Konig in Frankreich hat sie nicht besser."

"Wer bist denn du?" fragte ihn der Herzog, der die grosse dicke Figur mit dem langen Hieber und dem roten Gesicht verwundert anschaute.

"Ich bin eigentlich ein Landsknecht meines Zeichenz, man nennt mich den langen Peter, jetzt aber wohlbestallter Oberst verzammelter "

"Was, Oberst! diese Narrheit muss aufhoren. Ihr mogt mir wohl ein tapferer Mann sein, aber zum Hauptmann seid Ihr nicht gemacht. Ich selbst will Euer Oberst sein und zu Hauptleuten werde ich einige meiner Ritter machen."

"Bassa manelk tut mir leid, wenn ich geflucht hab, aber erlaubt, Herr Herzog einem alten Kerl ein Wort, daz ist gegen unzern Pakt mit dem Goldgulden monatlich und den vier Maaz Wein tagtaglich. Da steht zum Beispiel der Staberl aus Wien, 'z gibt keinen Tapferern unter dem Mond "

"Schon gut, Alter, schon gut! auf die Goldgulden und den Wein soll mir's nicht ankommen. Wer bisher Hauptmann war, soll es richtig bekommen; nur den Befehl musst Ihr abgeben. Habt Ihr Pulver und Kugeln?"

"Das will ich meenen!" sagte der Magdeburger, "wir haben noch von Euer Durchlaucht eigenem Pulver und Blei, was wir in Tubingen mitgenommen. Wir haben Munition auf achtzig Schuss fur den Mann."

"Gut; Georg von Hewen und Philipp von Rechberg, ihr teilt euch in die Knechte, jeder nimmt sechs Fahnlein. Ihr da, die ihr euch Hauptleute nennet, konnet bei den einzelnen Fahnlein bleiben und den beiden Herren an die Hand gehen. Ludwig von Gemmingen seid so gut, und nehmet den Oberbefehl uber das Fussvolk. Jetzt geraden Wegs auf Leonberg. Freu dich, mein treuer Bannertrager", sagte Ulerich, als er sich aufs Pferd schwang, "so Gott will, ziehen wir morgen in Stuttgart ein."

Die Reiterschar, den Herzog an der Spitze, zog furder. Der lange Peter stand noch immer unverruckt auf dem Platz, den Hut mit der stolzen Hahnenfeder in der Hand und schaute den Reitern nach.

"Daz ist einmal ein Furst!" sprach er zu den Hauptleuten, die neben ihm standen. "Waz der fur eine gewaltige Stimme hat und wie er greulich mit den Augen funkelt, daz ez einem angst und bange wird. Hu, ich meine, er woll mich mit Haut und Haar verschlucken, alz er mich fragte: 'Wer bist denn du?'"

"Mir wor's grod, wie wenn einer siedend Wasser uber mein Leib schutten tat. In Wien ist doch auch 'n Kaiser, aber der tut nit so gwaltig wie der do!"

"Also Hauptleut sind wer gwesen", sprach der Hauptmann Muckerle, "die Herrlichkeit hat nit lang dauert."

"Narr! daz ist mir recht. 'Wurde bringt Burde', zagt ein Sprichwort. Die anderen haben oft nicht recht gehorcht, wenn wir befohlen haben, Diavolo, hat doch erst heute einer mich ausgelacht. Hat allez einen besseren Schick, wenn'z die Herren anfuhren; den Goldgulden und die vier Maaz haben wir ja doch, und daz bleibt die Hauptzache."

"Dat meen ich ooch! und dat haben wer dem langen Peter tu verdanken. Er soll leben!"

"Dank' schon! aber daz zag ich, der Herr wird dem Bund aufzunden, Mordblei! wenn der erst ein Schwert in die Hand nimmt, der jagt die Stadtler allein auz dem Land! Und zeine Rate und Kanzler und die Landschaft! Habt ihr gehort, wie greulich er uber die geflucht hat? Ich mocht in keinez Haut stecken."

Das Wirbeln der Trommeln unterbrach das Gesprach dieser tapferen Krieger; diese Tone erschollen nicht mehr auf ihren Befehl, aber der lange Peter war in seinen vielen Feldzugen so sehr an den Wechsel von Gluck und Ungluck, von Hoheit und Niedrigkeit gewohnt worden, dass er uber den Sturz seines Regiments nicht trauerte. Gelassen nahm er die Hahnenfeder von dem grossen Hut, legte die rote Scharpe und den langen Hieber, die Zeichen seiner Wurde ab und ergriff eine Hellebarde. "Gott straf mein Zeel, ez ist schwer fur einen Kerl wie ich, zwolf Fahnlein zu regieren", sagte er, als er sich wieder als guter Landsknecht in die Reihen seiner Kameraden stellte. "Aber bei Sankt Petruz, dem trefflichen Landsknecht er muss jetzt auch Oberst zein in den himmlischen Heerscharen Kyrie Eleyzon! der Mensch muss allez probieren auf Erden." Die Landsknechte schuttelten ihm die Hand und bestatigten es; es tat seinem tapferen Herzen wohl, zu horen, er habe sein Kommando trefflich verwaltet. Die drei Ritter, ihre Anfuhrer, sassen auf und stellten sich zu ihren Fahnlein, die Landsknechte richteten sich in gewohnter Ordnung zum Marsch und Ludwig von Gemmingen liess die Trommeln ruhren zum Aufbruch.

III

Erstiegen ist der Wall, wir sind im Lager!

Jetzt werft die Hulle der verschwiegnen Nacht

Von euch, die euren stillen Zug verhehlte,

Und macht dem Feinde eure Schreckensnahe

Durch lauten Schlachtruf kund

Schiller

Es war in der Nacht vor Maria Himmelfahrt, als Herzog Ulerich vor dem Rotenbildtor in Stuttgart anlangte. Er hatte auf seinem Zuge schnell das Stadtchen Leonberg erobert und war dann unaufhaltsam immer weiter gedrungen. Vieles Volk lief zu, denn wie ein Lauffeuer hatte sich die Nachricht verbreitet, dass der Herzog wieder im Lande sei. Jetzt erst zeigte es sich, wie wenig Freunde der Bund sich erworben hatte; denn uberall wurde die Freude laut, dass das gehassige Regiment des Bundes ein Ende habe, dass das angestammte Furstenhaus wieder in seine alten Rechte sich einsetze.

Auch nach Stuttgart war bald diese Nachricht vorgedrungen und hatte die verschiedensten Empfindungen dort erregt. Der Adel, der sich in der Stadt befand, wusste nicht, was er sich vom Herzog zu versehen hatte; die Ubergabe von Tubingen war noch in zu frischem Gedachtnis, als dass er ganz unbesorgt gewesen ware. Aber die Erinnerung an den glanzenden Hof Ulerichs von Wurttemberg, an die frohlichen Tage, die sie dort verlebt hatten, die Vergleichung dieser Zeit mit dem freudenlosen Leben der Bundesrate mochte sie gunstig fur den Herzog stimmen, wenn auch mancher Ursache hatte, seine Wiederkehr nicht gerade herbeizuwunschen. Die Burgerschaft konnte ihre Freude uber diese Nachrichten kaum verbergen; sie verliessen ihre Hauser, traten haufenweise auf den Strassen zusammen und besprachen sich uber die Dinge, die ihrer warteten. Sie schimpften leise aber weidlich auf den Bund, ballten grimmig ihre Fauste in der Tasche, und waren uberaus patriotisch gesinnt. Sie erinnerten sich der erlauchten Ahnen des vertriebenen Fursten, es war sein Name Wurttemberg, den auch sie trugen, sie zahlten so manchen wackeren Herrn aus der Familie auf, unter welchem sie und ihre Vater glucklich gelebt, der Wurttembergs Namen beruhmt gemacht hatte. Auch der Gedanke tat ihnen wohl, dass von ihrer Entscheidung fur den einen oder den andern Teil so viel abhange, weil man im ganzen Lande auf die Stuttgarter sehe. Sie waren zwar weit entfernt gegen die bundische Besatzung auf ihre eigene Faust einen Aufruhr zu unternehmen, aber sie sprachen zueinander: "Gevatter, wart nur, bis es Nacht wird; da wollen wir den Reichsstadtlern zeigen, wo sie her sind, wir Stuttgarter."

Dem bundischen Statthalter, Christoph von Schwarzenburg entging diese Bewegung unter den Burgern nicht. Zu spat sah er ein, wie toricht man getan habe, das Heer zu entlassen. Er wandte sich an die Bundesstande, die noch zu Nordlingen versammelt waren und begehrte Hulfe, aber er selbst gab die Hoffnung auf, Stuttgart so lange halten zu konnen, bis ein neues Heer im Feld erschienen sei. Er traf zwar einige Anstalten zur Gegenwehr, aber die Blitzesschnelle, mit welcher der Herzog erschien, vereitelte alle seine Bemuhungen. Als er sah, dass er den Burgern nicht trauen konne, dass ihm der Adel nicht beistehe, dass die Besatzung nicht einmal zur Sicherung der Tore hinreiche entwich er bei Nacht und Nebel mit den Bundesraten nach Esslingen. Ihre Flucht war so eilig und geheim, dass sie sogar ihre Familien zuruckliessen und niemand in der Stadt ahnte, dass der Statthalter und die Rate nicht mehr in den Mauern seien. Daher waren die Anhanger des Bundes noch immer getrosten Mutes, und glaubten nicht an die Geruchte von der schnellen Annaherung des Herzogs.

Der Marktplatz war damals noch das Herz der Stadt Stuttgart; zwar hatten sich schon zwei grosse Vorstadte, die Sankt Leonhards- und die Turnierakker-Vorstadt um sie gelagert, welche mit Graben, Mauern und starken Toren versehen, das Ansehen eigener Stadte bekommen hatten; aber noch standen die Ringmauern und Tore der Altstadt, und ihre Burger sahen nicht ohne Stolz herab auf die Vorstadtler. Der Marktplatz war es, wo nach alter Sitte bei jeder besondern Gelegenheit die Burger sich versammelten; auch an dem wichtigen Abend vor Maria Himmelfahrt stromten sie dorthin zusammen. Zur Zeit, wo der Burger noch mit der Wehre an der Seite auftreten durfte, hatte sein offentlich gesprochenes Wort auch mehr zu bedeuten als in spateren Tagen, wo Tinte, Feder und Papier die Oberhand gewannen. Und wahrlich, die Burger von Stuttgart waren bei Nacht und in Massen versammelt ganz andere Leute als morgens. Mancher, der, hatte man ihn vormittags um seine Meinung wegen des Herzogs gefragt, antwortete: "Was geht es mich an, bin ein friedlicher Burgersmann", erhob jetzt seine Stimme und schrie: "Wir wollen dem Herzog die Tore offnen, fort mit den Bundischen wer ist ein guter Wurttemberger?"

Der Mond schien hell auf die versammelte Menge herab, die unruhig hin und her wogte. Ein verworrenes Gemurmel drang von ihnen in die Lufte; noch schienen sie unschlussig, vielleicht weil keiner kuhn genug war, sich an die Spitze zu stellen. Aus den hohen Giebelhausern, die den Platz einschlossen, schauten viele hundert Kopfe auf den Markt hernieder; es waren die Weiber und Tochter der Versammelten, die angstlich und gespannt auf das Gemurmel lauschten. Denn die Stuttgarter Madchen waren damals ein neugieriges Volkchen und hielten es im Herzen aus Mitleiden mit dem Herzog.

Schon wurde das Murmeln der Menge immer lauter und verstandlicher; der Ruf: "Wir wollen die Knechte vom Tor wegjagen und die Stadt dem Herzog auftun", immer deutlicher, da sah man einen langen, hageren Mann auf eine Bank am Brunnen springen, wo er die ganze Menge uberragte. Er focht mit ungeheuer langen Armen in der Luft umher, tat einen weiten Mund auf und schrie mit heiserer Stimme um Gehor. Es wurde nach und nach stiller auf dem Platz, man vernahm einzelne Worte aus seiner Rede: "Was? die ehrsamen Burger von Stuttgart wollen ihren Eid brechen habt ihr nicht dem Bunde geschworen? Wem wollet ihr die Tore offnen? Dem Herzog? Er kommt mit ganz geringer Mannschaft, denn er hat ja kein Geld, um Leute zu bezahlen und da musset dann ihr wieder den Beutel auftun und blechen! Da wird's heissen, Stuttgart zahlt zehntausend Gulden, weil es von uns abgefallen ist. Hort ihr? zehntausend Gulden sollt ihr zahlen!"

"Wer ist denn der lange Kerl?" fragten sich die Manner. "Er hat nicht unrecht werden tuchtig zahlen mussen. Ist er ein Burger, der da oben? Wer seid Ihr", rief einer der Kuhnsten; "woher wollt Ihr wissen, was wir zahlen mussen?"

"Ich bin der beruhmte Doktor Calmus", sprach der Redner mit feierlicher Stimme, "und weiss das ganz genau. Und wen wollt ihr vertreiben? Den Kaiser, das Reich, den Bund; so viele reiche Herren wollt ihr vor den Kopf stossen? und warum? wegen dem Utz, der euch das Fell uber die Ohren zieht; denkt nur an das geringere Gewicht, an die harten Jagdfrevel. Jetzt hat er gar kein Geld mehr; er ist ein Lump, hat alles verspielt in Mompelgard "

"Halt Er sein Maul", schrieen die Burger, "was geht das Ihn an, Er ist kein hiesiger Burger, fort mit dem Kahlmauser schlagt ihn tot werft ihn als Fisch in den Brunnen der Herzog soll leben!"

Doktor Calmus erhob noch einmal seine Stimme, aber die Burger uberschrieen ihn. In diesem Augenblick kam ein neuer Trupp Burger aus der obern Vorstadt herabgesprungen. "Der Herzog ist vor dem Rotenbildtor", riefen sie, "mit Reiter- und Fussvolk. Wo ist der Statthalter? wo sind die Bundesrate? Er will in die Stadt schiessen, wenn man nicht aufmacht! Fort mit den Bundischen wer ist gut wurttembergisch?"

Der Tumult wuchs von Sekunde zu Sekunde. Die Burger schienen noch unschlussig, da bestieg ein neuer Redner die Bank; es war ein feiner Herr, der durch sein schmuckes Aussere einen Augenblick den Burgern imponierte: "Bedenket ihr Manner", rief er mit feiner Stimme, "was wird der durchlauchtige Bundesrat dazu sagen, wenn ihr "

"Was scheren wir uns um den Durchlauchtigen!" uberschrie man ihn, "fort! reisst ihn herab mit dem rosenfarbenen Mantelein und dem glatten Haar das ist ein Ulmer! fort mit ihm auf ihn, er ist von Ulm!"

Aber ehe sie noch diesen Entschluss ausfuhrten, trat ein kraftiger Mann hinauf, warf mit einem Schlag den Doktor rechts und den Ulmer mit dem rosenfarbenen Mantelein links von der Bank, und winkte mit der Mutze in die Luft. "Still! das ist der Hartmann", flusterten die Burger, "der versteht's, hort was er spricht."

"Horet mich!" sprach dieser; "der Statthalter und die Bundesrate sind nirgends zu finden, sie sind entflohen und haben uns im Stich gelassen, drum greifet diese beiden da, wir wollen sie als Geiseln behalten. Und jetzt hinauf ans Rotenbildtor. Dort steht unser rechter Herzog, 's ist besser wir machen selbst auf, als dass er mit Gewalt eindringt, wer ein guter Wurttemberger ist, folgt mir nach."

Er stieg herab von der Bank, und jubelnd umgab ihn die Menge; die beiden Fursprecher des Bundes wurden, ehe sie sich dessen versahen, gebunden und fortgefuhrt. Jetzt ergoss sich der Strom der Burger vom Marktplatz zum obern Tor, hinaus uber den breiten Graben der alten Stadt in die Turnieracker-Vorstadt, am Bollwerk vorbei zum Rotenbildtor. Die bundischen Knechte, die das Tor besetzt hielten, wurden schnell ubermannt, das Tor ging auf, die Zugbrucke fiel herab und legte sich uber den Stadtgraben.

Dort hatten indessen die Anfuhrer des Fussvolkes ihre besten Truppen aufgestellt, denn man wusste nicht genau, wie die Bundischen sich bei der Annaherung des Herzogs benehmen werden. Ulerich selbst hatte die Posten beritten. Vergeblich suchte Georg von Sturmfeder ihn zu uberzeugen, dass die Besatzung von Stuttgart so schwach sei, dass sie ihnen nicht die Spitze bieten konne, vergeblich stellte er ihm vor, dass die Burger ihn zurucksehnen, und willig ihre Tore offnen werden; der Herzog schaute finster in die Nacht hinaus, presste die Lippen zusammen und knirschte mit den Zahnen.

"Das verstehst du nicht", murmelte er dem Jungling zu; "du kennst die Menschen nicht; sie sind alle falsch, traue niemand als dir selbst. Sie drehen den Mantel nach jedem Wind! Aber diesmal will ich sie fassen; meinst du, ich habe mein Land umsonst mit dem Rucken angesehen?"

Georg konnte diese Stimmung des Herzogs nicht begreifen. Im Ungluck war er fest, sogar mild und sanft gewesen, hatte von manchem schonen Brauch gesprochen, den er einfuhren wolle, wenn er wieder ins Land komme, hatte selten Zorn uber seine Feinde, beinahe nie Unmut uber die Untertanen gezeigt, die von ihm abgefallen waren; aber sei es, dass mit dem Anblick der vaterlandischen Gegenden auch das Gefuhl der Krankung starker als zuvor in ihm erwachte, sei es, dass es ihm unangenehm auffiel, dass der Adel und die Stande noch nichts hatten von sich horen lassen, er war, seit er die Grenzen Wurttembergs uberschritten, nicht freudig, gehoben, erwartungsvoll, sondern ein stolzer Trotz blitzte aus seinen Augen, seine Stirne war finster, und eine gewisse Strenge und Harte im Urteil, fiel seinen Umgebungen, besonders Georg von Sturmfeder auf, der sich in diese neue Seite von Ulerichs Charakter nicht gleich zu finden wusste.

Die Aufforderung an die Stadt mochte wohl schon seit einer halben Stunde ergangen sein; bald war die Frist abgelaufen, die er ihnen gegeben hatte, und noch immer war keine Antwort da; man horte nur ein angstliches Hin- und Herrennen in der Stadt, aus welchem man weder gute noch bose Zeichen deuten konnte.

Der Herzog ritt zu den Landsknechten vor, die erwartungsvoll auf ihren Hellebarden und Donnerbuchsen lehnten. Die drei Ritter, welche sie fuhrten, standen am Graben, und hielten durch ihre Anwesenheit die Knechte in Ruhe und Ordnung. Beim Schein des Mondes betrachtete Georg angstlich Ulerichs Zuge. Die Ader auf seiner Stirne war aufgelaufen, eine tiefe Rote lag auf seinen Wangen, und seine Augen brannten in dusterer Glut.

"Hewen! lass Leitern anschleppen", sagte er mit dumpfer Stimme. "Der Donner und das Wetter! es ist mein eigen Haus, vor dem ich stehe, und die Hunde wollen mich nicht einlassen. Ich lass noch einmal blasen, machen sie dann nicht sogleich auf, so schmeiss ich Feuer in die Stadt, dass ihre Kafigte zusammenbrennen."

"Bassa manelka, waz mich daz freut!" sagte der lange Peter, der in der ersten Rotte neben dem Herzog stand, leise zu seinen Kameraden. "Jetzt werden Leitern beigeschleppt, wie die Katzen wir hinauf, mit den Hellebarden uber die Mauer gestochen, daz die Kerl herunter mussen, mit den Buchsen drein gepfeffert, Canto cacramento!"

"Dat will ik meenen!" flusterte der Magdeburger, "und dann hinunter in die Stadt, angezundet an den Ecken, geplundert geburstet! da will ik man och bei sin."

"Um Gottes willen, Herr Herzog", rief Georg von Sturmfeder, welcher die Reden des Herzogs und die greuliche Freude der Landsknechte wohl vernommen hatte; "wartet nur noch ein kleines Viertelstundchen, es ist ja Eure eigene Residenzstadt. Sie beraten sich vielleicht noch. "

"Was haben sie sich lange zu beraten?" entgegnete Ulerich unwillig; "ihr Herr ist hier aussen vor dem Tor und fordert Einlass. Ich habe schon zu lange Geduld gehabt. Georg' breite mein Panier aus im Mondschein, lass die Trompeter blasen, fordere die Stadt zum letztenmal auf! Und wenn ich dreissig zahle nach deinem letzten Wort, und sie haben noch nicht aufgemacht, beim heiligen Hubertus, so sturmen wir. Spute dich, Georg!"

"O Herr! bedenket eine Stadt, Eure beste Stadt! wie lange habt Ihr in diesen Mauern gelebt, wollt Ihr Euch ein solches Brandmal aufrichten? Gebt noch Frist."

"Ha!" lachte der Herzog grimmig, und schlug mit dem Stahlhandschuh auf den Brustharnisch, dass es weithin tonte durch die Nacht; "ich sehe, dich gelustet nicht sehr in Stuttgart einzuziehen und dein Weib zu verdienen. Aber bei meiner Ungnade, jetzt kein Wort mehr, Georg von Sturmfeder. Schnell ans Werk. Ich sag, roll mein Panier auf, blast Trompeter, blast, schmettert sie auf aus dem Schlaf, dass sie merken, ein Wurttemberger ist vor dem Tor, und will trotz Kaiser und Reich in sein Haus. Ich sag, fordere sie auf, Sturmfeder."

Georg folgte schweigend dem Befehl; er ritt bis dicht vor den Graben, und rollte das Panier von Wurttemberg auf. Die Strahlen des Mondes schienen es freundlich zu begrussen, sie beleuchteten es deutlich und zeigten seine Felder und Bilder. Auf eine grosse Fahne von roter Seide war Wurttembergs Wappen eingewoben. Der Schild zeigte vier Felder. Im ersten waren die wurttembergischen Hirschhorner angebracht, im zweiten die Wurfel von Teck, im dritten die Reichssturmfahne, die dem Herzog als Reichsbannertrager zukam, und im vierten die Fische von Mompelgard, der Helm aber trug die Krone und das Uracher Jagerhorn. Der junge Mann schwenkte das schwere Panier in der starken Hand, drei Trompeter ritten neben ihm auf und schmetterten ihre wilden Fanfaren gegen die verschlossene Pforte.

Im Tore offnete sich ein Fenster; man fragte nach dem Begehr. Georg von Sturmfeder erhob seine Stimme und rief: "Ulerich, von Gottes Gnaden Herzog zu Wurttemberg und Teck, Graf zu Urach und Mompelgard, fordert zum zweiten- und letztenmal seine Stadt Stuttgart auf, ihm willig und sogleich die Tore zu offnen. Widrigenfalls wird er die Mauer sturmen und die Stadt als feindlich ansehen."

Noch wahrend Georg dieses ausrief, horte man das verworrene Gerausch vieler Tritte und Stimmen in der Stadt, es kam naher und naher, und wurde zum Tumult und Geschrei.

"Gott straf mein Zeel, zie machen einen Auzfall!" sagte der lange Peter, laut genug, um vom Herzog verstanden zu werden.

"Du konntest recht haben", erwiderte dieser, indem er sich plotzlich zu dem erschrockenen Landsknecht wandte. "Schliesst dichter an, streckt die Piken vor und haltet die Lunden bereit; wir wollen sie empfangen nach Verdienst."

Die ganze Linie zog sich vom Graben zuruck, nur die drei ersten Fahnlein stellten sich da, wo die Zugbrucke sich ans Land legen musste, auf. Ein Wall von Piken starrte jedem Angriff entgegen und die Schutzen hatten die Donnerbuchsen aufgelegt und hielten die Lunden uber dem Zundloch; tiefe Stille der Erwartung war auf dieser Seite, desto brausender drang der Larm aus der Stadt heruber. Die Brucke fiel herab, aber keine Feinde waren es, die zu einem Ausfall heruberdrangen, sondern drei alte graue Manner kamen aus dem Tor; sie trugen das Wappen der Stadt und die Schlussel.

Als der Herzog dies sah, ritt er etwas freundlicher hinzu. Georg folgte ihm und betrachtete diese Ubergabe. Zwei dieser Manner schienen Ratsherren oder Burgermeister zu sein; sie beugten das Knie vor dem Herrn und uberreichten ihm die Zeichen ihrer Unterwerfung. Er gab sie seinen Dienern und sagte zu den Burgern: "Ihr habt Uns etwas lange warten lassen vor der Ture; wahrhaftig, wir waren bald uber die Mauer gestiegen und hatten eigenhandig eure Stadt zu unserem Empfang beleuchtet, dass euch der Rauch die Augen hatte beizen sollen. Der Teufel! warum liesset ihr so lange warten?"

"O Herr!" sagte einer der Burger; "was die Burgerschaft betrifft, die war gleich bereit, Euch aufzutun, wir haben auch etliche vornehme Herren vom Bunde hier, die hielten lange und gefahrliche Reden an das Volk, um es gegen Euch aufzuwiegeln. Das hat so lange verzogert."

"Ha! wer sind diese Herren? Ich hoffe nicht, dass ihr sie habt entkommen lassen! mich gelustet ein Wort mit ihnen zu sprechen."

"Bewahre, Euer Durchlaucht! wir wissen, was wir unserm Herrn schuldig sind. Wir haben sie sogleich gefangen und gebunden. Befehlt Ihr, dass wir sie bringen?"

"Morgen fruh ins Schloss! will sie selbst verhoren, schicket auch den Scharfrichter; werde sie vielleicht kopfen lassen."

"Schnelle Justiz, aber ganz nach Verdienst!" sprach hinter den beiden Burgern eine heisere, krachzende Stimme.

"Wer spricht da mir ins Wort?" fragte der Herzog und schaute sich um; zwischen den beiden Burgern heraus trat eine sonderbare Gestalt. Es war ein kleiner Mann, der den Hocker, womit ihn die Natur geziert hatte, unter einem schwarzen seidenen Mantel schlecht verbarg; ein kleines spitziges Hutlein sass auf seinen grauen, schlichten Haaren, tuckische Auglein funkelten unter buschigen, grauen Augenbrauen und der dunne Bart, der ihm unter der hervorspringenden Adlernase hing, gab ihm das Ansehen eines sehr grossen Katers. Eine widerliche Freundlichkeit lag auf seinen eingeschrumpften Zugen, als er vor dem Herzog das Haupt zum Gruss entblosste, und Georg von Sturmfeder fasste einen unerklarlichen Abscheu und ein sonderbares Grauen vor diesem Mann gleich beim ersten Anblick.

Der Herzog sah den kleinen Mann an und rief freudig: "Ha! Ambrosius Volland unser Kanzler! Bist du auch noch am Leben? Hattest zwar fruher schon kommen konnen, denn du wusstest, dass Wir wieder ins Land dringen aber sei Uns deswegen dennoch willkommen."

"Allerdurchlauchtigster Herr!" antwortete der Kanzler Ambrosius Volland, "bin wieder so hart vom Zipperlein befallen worden, dass ich beinahe nicht aus meiner Behausung kommen konnte; verzeihen daher, Euer "

"Schon gut, schon gut!" rief der Herzog lachend, "will dich schon kurieren vom Zipperlein. Komm morgen fruh ins Schloss, jetzt aber gelustet uns, Stuttgart wiederzusehen. Heran mein treuer Bannertrager!" wandte er sich mit huldreicher Miene zu Georg; "du hast treulich Wort gehalten, bis an die Tore von Stuttgart; ich will's vergelten. Bei Sankt Hubertus, jetzt ist die Braut dein nach Recht und Billigkeit. Trag mir meine Fahne vor, wir wollen sie aufpflanzen auf meinem Schloss und jenes bundische Banner in den Staub treten! Gemmingen und Hewen, ihr seid heute nacht noch meine Gaste; wir wollen sehen, ob uns die Herren vom Schwabenbund noch ein Restchen Wein ubriggelassen haben!"

So ritt Herzog Ulerich, umgeben von den Rittern, die seinem Zuge gefolgt waren, wieder in die Tore seiner Residenz. Die Burger schrieen Vivat und die schonen Madchen verneigten sich freundlich an den Fenstern zum grossen Argernis ihrer Mutter und Liebhaber, denn alle dachten, diese Grusse gelten dem schonen jungen Ritter, der des Herzogs Banner trug und beleuchtet vom Fackelschein wie Sankt Georg der Lindwurmtoter aussah.

IV

O Burg, von Geistern tapfrer Ahnen

Die tatenfreudig hier gelebt,

Und wackrer Fursten Ruhm umschwebt,

Oh, deren Bild mit frommem Mahnen

Sich in des Nahen Bilder webt.

Ph. Conz

Das alte Schloss zu Stuttgart hatte damals, als es Georg von Sturmfeder am Morgen nach des Herzogs Einzug beschaute, nicht ganz die Gestalt, wie es noch in unsern Tagen zu sehen ist, denn dieses Gebaude wurde erst von Ulerichs Sohn, Herzog Christoph aufgefuhrt. Das Schloss der alten Herzoge von Wurttemberg stand ubrigens an derselben Stelle und war in Plan und Ausfuhrung nicht sehr verschieden von Christophs Werk, nur dass es zum grossten Teil aus Holz gebaut war. Es war umgeben von breiten und tiefen Graben, uber welche gegen Mitternacht eine Brucke in die Stadt fuhrte. Ein grosser, schoner Vorplatz diente in fruheren Zeiten dem frohlichen Hofe Ulerichs zum Tummelplatz fur ritterliche Spiele und mancher Reiter wurde von des Herzogs eigener gewaltiger Hand in den Sand geworfen. Die Zeichen dieses ritterlichen Sinnes sprachen sich auch in andern Teilen des Gebaudes aus. Die Halle im unteren Teil des Schlosses war hoch und gewolbt wie eine Kirche, dass die Ritter in dieser "Tyrnitz" bei Regentagen fechten und Speere werfen und sogar die ungeheuren Lanzen ungehindert darin handhaben konnten. Von der Grosse dieser furstlichen Halle zeugt die Aussage der Chronisten, dass man bei feierlichen Gelegenheiten dort oft zwei- bis dreihundert Tische gedeckt habe. Von da fuhrte eine steinerne Treppe aufwarts so breit, dass zwei Reiter nebeneinander hinaufreiten konnten. Dieser grossartigen Einrichtung des Schlosses entsprach die Pracht der Zimmer, der Glanz des Rittersaales und die reichen, breiten Galerien, die zum Tanz und Spiele eingerichtet waren.

Georg mass mit staunendem Auge diese verschwenderische Pracht der Hofburg. Er verglich den kleinen Sitz seiner Ahnen mit diesen Hallen, diesen Hofen, diesen Salen, wie klein und gering kam es ihm vor! Er erinnerte sich der Sage von der glanzenden Hofhaltung Ulerichs, von seiner prachtvollen Hochzeit, wo er in diesem Schloss siebentausend Gaste aus allen Teilen des deutschen Reiches speiste und trankte, wo in dem hohen Gewolbe der Tyrnitz und in dem weiten Schlosshofe einen ganzen Monat lang Ritterspiel und Gelage gehalten wurden, und wenn der Abend einbrach, hundert Grafen, Ritter und Edelleute mit Hunderten der schonsten Damen in jenen Salen und Galerien tanzten! Er blickte hinab in den herrlichen Schlossgarten, das Paradies genannt. Seine Phantasie bevolkerte diese Lustgehege und Gange mit jenem frohlichen Gewimmel des frohlichen Hofes mit den Heldengestalten der Ritter, mit den festlich geputzten Fraulein, mit allem Jubel und Sang, der einst hier erscholl. Aber wie ode und leer deuchten ihm diese Mauern und Garten, wenn er die Gegenwart mit den Bildern seiner Phantasie verglich. Die Gaste der Hochzeit, der glanzende, lustige Hof ist verschwunden, sprach er zu sich, die furstliche Gemahlin ist entflohen, der glanzende Frauenkreis, der sie einst umgab, hat sich zerstreut, die Ritter und Grafen, die einst hier schmausten und ein reiches Leben voll Spiel und Tanz verlebten, sind von dem Fursten abgefallen, die zarten Sprossen seiner Ehe sind in fernen Landen er selbst sitzt einsam in dieser herrlichen Burg, brutet Rache an seinen Feinden und weiss nicht wie lange er nur in dem Hause seiner Vater bleiben wird; ob nicht aufs neue seine Feinde noch machtiger heranziehen, ob er nicht noch unglucklicher wird als je zuvor.

Vergebens strebte der Jungling diese truben Gedanken, welche der Widerspruch der Pracht seiner Umgebungen mit dem Ungluck des Herzogs in ihm erweckt hatten, zu unterdrucken. Vergebens rief er das Bild jenes holden Wesens herauf, das er jetzt bald auf ewig sein nennen durfte, vergebens malte er sich sein hausliches Gluck an ihrer Seite mit den lockendsten, reizendsten Farben aus, jene truben Bilder kehrten immer wieder. Sei es, dass jener Mann durch die Erhabenheit, die er im Ungluck gezeigt hatte, einen so grossen Raum in der Brust des Junglings gewonnen hatte, sei es, dass ihn die Natur in einzelnen Augenblicken mit einem unwillkurlichen Gefuhl der Ahnung begabte, er blieb sinnend und ernst und es war ihm, als sei der Herzog nichts weniger als glucklich, als musse er ihn vor irgendeinem drohenden Ungluck warnen.

"So uberaus ernst, junger Herr?" fragte eine heisere Stimme hinter ihm und weckte ihn aus seinen Gedanken. "Ich dachte doch, Georg von Sturmfeder hatte alle Ursache, heiter und guter Dinge zu sein!"

Der junge Mann wandte sich verwundert um und schaute herab auf den Kanzler Ambrosius Volland. War ihm dieser Mann schon gestern durch seine widrige Freundlichkeit, durch sein katerhaftes, schleichendes Wesen unangenehm aufgefallen, so war dies heute noch mehr der Fall, da der Kanzler durch uberladenen Putz seine Missgestalt noch mehr herausgehoben hatte. Sein dunkelgelbes verwittertes Antlitz, mit dem ewigen stehenden Lacheln, die grunen Auglein unter den langen, grauen Wimpern, die roten, entzundeten Rander der Augenlider, der dunne Katzenbart stachen grell ab gegen ein rotes Barett von Samt und gegen einen Mantel von hellgelber Seide, der uber den Hocker des kleinen Mannes hinabfloss. Unter diesem trug er einen grasgrunen Anzug, rosenrot ausgeschlitzt und rosenrote Knieebander mit ungeheuren Maschen. Sein Kopf stak in den Schultern und das rote Barett stiess hinten sogleich auf den Hocker auf. Der Scharfrichter von Stuttgart pflegte daher zu sagen, unter allen Menschen, die er kenne, sei niemand schwerer zu kopfen als der Kanzler Ambrosius Volland.

Dieser Mann war es, der an Georg von Sturmfeder mit sussem Lacheln hinaufsah, und da ihn dieser noch immer anstarrte, zu sprechen fortfuhr: "Ihr kennet mich vielleicht nicht, wertgeschatzter junger Freund, ich bin aber Ambrosius Volland, Seiner Durchlaucht Kanzler. Ich komme, um Euch einen guten Morgen zu wunschen."

"Ich danke Euch, Herr Kanzler; viele Ehre fur mich, wenn Ihr Euch deswegen herbemuhtet."

"Ehre, wem Ehre gebuhret! Ihr seid ja der Ausbund und die Krone unserer jungen Ritterschaft! Ja! wer meinem Herrn so treu beigestanden ist in aller Not und Fahrlichkeit, der hat Anspruch auf meinen innigsten Dank und meine absonderliche Verehrung!"

"Ihr hattet das wohlfeiler haben konnen, wenn Ihr mitgezogen waret nach Mompelgard", erwiderte Georg, den die Lobspruche dieses Mannes beleidigten. "Treue muss man nie loben, eher Untreue schelten."

Einen Augenblick blitzte ein Strahl des Zornes aus den grunen Augen des Kanzlers, aber er fasste sich schnell wieder zur alten Freundlichkeit. "Ja wohl, das mein ich auch! Was mich betrifft, so lag ich am Zipperlein hart darnieder und konnte also nicht wohl nach Mompelgard reisen; werde aber jetzt mit meinem kleinen Licht, das mir der Himmel verliehen, dem Herrn desto tatlicher zur Hand gehen."

Er hielt einen Augenblick inne und schien Antwort zu erwarten; aber der Jungling schwieg und mass ihn nur hin und wieder mit einem Blick, den er nicht recht ertragen konnte. "Nun, Euch wird die Freude erst recht angehen. Der Herzog halt erstaunlich viel auf Euch! Naturlich, Ihr verdient es auch im hochsten Grad und der Herzog hat seinen Liebling gut gewahlt. Wollet doch erlauben, dass Ambrosius Volland Euch auch eine kleine Erkenntlichkeit zeige. Seid Ihr Freund von schonen Waffen? Kommet in meine Behausung auf dem Markt, wahlet Euch aus meiner Armatur was Euch beliebt. Vielleicht dienen Euch schone Bucher, habe einen ganzen Kasten voll; wahlet Euch aus, was Ihr wollet, wie es unter Freunden gebrauchlich. Esset auch zuweilen bei mir zu Mittag, meine Base, ein feines Kind von siebzehn Jahren halt mir haus; sehet ihr nur, hi, hi, hi sehet ihr nur nicht zu tief in die Augen."

"Seid ohne Sorgen, bin schon versehen."

"So? ei das ist recht christlich gedacht; das muss ich loben; man trifft solchen wackern Sinn nicht immer unter unserer heutigen Jugend. Ich sagte es ja gleich; der Sturmfeder, das ist ein Ausbund von Tugenden. Nun, was ich noch sagen wollte, wir sind bis jetzt so zusammen die einzigen von des Herzogs Hofstaat, stehen wir zusammen, so werden nur Leute aufgenommen, die wir wollen. Verstehet mich schon, hi, hi, eine Hand wascht die andere. Daruber lasst sich noch sprechen; Ihr beehret mich doch zuweilen mit einem Besuche?"

"Wenn es meine Zeit erlauben wird, Herr Kanzler."

"Wurde mich gerne noch langer bei Euch aufhalten, denn in Eurer Gegenwart ist mir ganz wohl ums Herz; muss aber jetzt zum Herrn. Er will heute fruh Gericht halten uber die zwei Gefangenen, die gestern nacht das Volk aufwiegeln wollten. Wird was geben, der Beltle ist schon bestellt."

"Der Beltle?" fragte Georg, "wer ist er?"

"Das ist der Scharfrichter, wertgeschatzter, junger Freund."

"Ich bitte Euch! der Herzog wird doch nicht den ersten Tag seiner neuen Regierung mit Blut beflecken wollen!"

Der Kanzler lachelte greulich und antwortete: "Was das wieder Eurem furtrefflichen Herzen Ehre macht, aber zum Blutrichter taugt Ihr nicht. Man muss ein Exempel statuieren. Der eine", fuhr er mit zarter Stimme fort, "der eine wird gekopft, weil er von Adel ist, der andere wird gehangt. Behut Euch Gott, Lieber!"

So sprach der Kanzler Ambrosius Volland und ging mit leisen Schritten die Galerie entlang den Gemachern des Herzogs zu. Georg sah ihm mit dusteren Blicken nach. Er hatte gehort, dass dieser Mann fruher durch seine Klugheit, vielleicht auch durch unerlaubte Kunste grossen Einfluss auf Ulerich gewonnen hatte; er hatte den Herzog selbst oft mit grosser Achtung von der Staatsklugheit dieses Mannes sprechen gehort; aber er wusste nicht warum, er furchtete fur den Herzog, wenn er sich dem Kanzler vertraue, er glaubte Tucke und Falschheit in seinen Augen gelesen zu haben.

Er sah gerade den Hocker und den wehenden gelben Mantel um die Ecke schweben, als eine Stimme neben ihm flusterte: "Trauet dem Gelben nicht!" Es war der Pfeifer von Hardt, der sich unbemerkt an seine Seite gestellt hatte.

"Wie? bist du es, Hanns?" rief Georg und bot ihm freundlich die Hand. "Kommst du ins Schloss, uns zu besuchen? Das ist schon von dir, bist mir wahrhaftig lieber als der mit dem Hocker; aber was wolltest du mit dem Gelben, dem ich nicht trauen solle?"

"Das ist eben der mit dem Hocker, der Kanzler, der ist ein falscher Mann; ich habe auch den Herzog verwarnt, er soll nicht alles tun, was er ihm rat, aber er wurde zornig und es mag wahr sein, was er sagte."

"Was sagte er denn? hast du ihn heute schon gesprochen?"

"Ich kam, um mich zu verabschieden, denn ich gehe wieder heim nach Hardt zu Weib und Kind; der Herr war erst geruhrt und erinnerte sich an die Tage seiner Flucht und sagte, ich soll mir eine Gnade ausbitten. Ich aber habe keine verdient, denn was ich getan, ist eine alte Schuld, die ich abgetragen. Da sagte ich, weil ich nichts anders wusste, er soll mich meinen Fuchs frei schiessen lassen, und nicht strafen als Jagdfrevel. Des lachte er und sprach: das konne ich tun, das sei aber keine Gnade, ich solle weiter bitten. Da fasste ich ein Herz und antwortete: 'Nun, so bitt ich, Ihr moget dem schlauen Kanzler nicht allzuviel trauen und folgen. Denn ich meine, wenn ich ihn sehe, er meint es falsch '"

"So geht es mir gerade auch", rief Georg, "es ist, als wolle er mir die Seele ausspionieren mit den grunen Augen und ich wette, er meint es falsch; aber was gab dir der Herzog zur Antwort?"

"'Das verstehst du nicht', sagte er, und wurde bose; 'in Kluften und Hohlen magst du wohl bewandert sein, aber im Regiment kennt der Kanzler die Schliche besser als du.' Kann sein, ich habe unrecht und es soll mir lieb sein, um den Herzog! Nun lebet wohl, Junker! Gott sei mit Euch; amen."

"Und wolltest du also gehen; wolltest nicht noch zu meiner Hochzeit bleiben? Ich erwarte den Vater und das Fraulein heute. Bleibe noch ein paar Tage; du warst so oft der Liebesbote und darfst uns nicht fehlen!"

"Was soll so ein geringer Mann, wie ich, bei der Hochzeit eines Ritters? Zwar konnte ich mich hinaufsetzen zu den Spielleuten und auch eines aufspielen zum Ehrentanz, aber das tun andere so gut als ich, und mein Haus verlangt nach mir."

"Nun, so lebe wohl; grusse mir dein Weib und Barbele, dein schmuckes Tochterlein und besuche uns fleissig auf Lichtenstein; Gott sei mit dir."

Dem Jungling hing eine Trane im Auge, als er dem Bauer die Hand zum Abschied bot, denn er hatte in ihm einen kraftigen, biedern Mann, einen treuen Diener seines Fursten, einen mutigen Genossen in Gefahren und einen heitern Gesellen im Ungluck erkannt. Wohl schwebte ihm noch manche Frage uber das geheimnisvolle Walten dieses Mannes, uber seine wunderbare Anhanglichkeit an den Herzog auf den Lippen, aber er unterdruckte sie, uberwaltigt von jener unerklarlichen Macht, von jener naturlichen Grosse und Wurde, welche den Pfeifer von Hardt auch im unscheinbaren Gewand des Bauers umgab.

"Noch eins!" rief Hanns, als er eben nach dem letzten Handedruck des Junkers scheiden wollte, "wisset Ihr auch, dass Euer ehemaliger Gastfreund und zukunftiger Vetter, Herr von Kraft hier ist?"

"Der Ratsschreiber? wie sollt der hieher kommen? Er ist ja bundisch!"

"Er ist hier, und nicht gerade im anmutigsten Klosett, denn er sitzt gefangen. Gestern abend, als das Volk zusammenlief wegen des Herzogs, soll er fur den Bund offentlich gesprochen haben."

"Gott im Himmel! das war Dieterich Kraft, der Ratsschreiber? Da muss ich schnell zum Herzog, er richtet schon uber ihn und der Kanzler will ihn kopfen lassen! Gehab dich wohl!"

Mit diesen Worten eilte der Jungling den Korridor entlang zu den Gemachern des Herzogs. Er war in Mompelgard zu allen Tageszeiten zum Herzog gegangen, daher machten ihm auch jetzt die Turhuter ehrerbietig Platz. Er trat hastig in das Gemach; der Herzog sah ihn verwundert und etwas unwillig an, der Kanzler aber hatte das ewige susse Lacheln wie eine Larve vorgehangt.

"Guten Morgen, Sturmfeder!" rief der Herzog, der in einem grunen, goldgestickten Kleide, den grunen Jagdhut auf dem Kopf am Tisch sass, "hast du gut geschlafen in meinem Schlosse? was fuhrt dich schon so fruh zu uns? wir sind beschaftigt."

Die Augen des jungen Mannes hatten indessen unruhig im Zimmer umhergestreift und den Schreiber des Ulmer Rats in einer Ecke gefunden. Er war blass wie der Tod, sein sonst so zierliches Haar hing in Verwirrung herab und ein rosenfarbenes Mantelein, das er uber ein schwarzes Kleid trug, war in Fetzen zerrissen. Er warf einen ruhrenden Blick auf den Junker Georg und sah dann auf zum Himmel, als wollte er sagen, "Mit mir ist's aus!" Neben ihm standen noch einige Manner und auch ein langer, hagerer Mann, den er schon gesehen zu haben sich erinnerte. Die Gefangenen wurden von Petrus, dem tapfern Magdeburger und dem Kasperl aus Wien bewacht. Sie standen mit ausgespreizten Beinen, die Hellebarden auf den Boden gestemmt, kerzengerade auf ihrem Posten.

"Ich sag, wir haben zu tun", fuhr der Herzog fort; "was schaust du nur immer nach dem rosenfarbenen Menschenkind; das ist ein verstockter Sunder; das Schwert wird schon fur ihn gewetzt."

"Euer Durchlaucht erlauben mir nur ein Wort", entgegnete Georg. "Ich kenne jenen Mann und wollte mich mit Hab und Gut fur ihn verburgen, dass er ein friedlicher Mann ist und gewiss kein Verbrecher, der den Tod verdiente."

"Bei Sankt Hubertus, das ist kuhn! Die Natur hat sich geandert. Mein Kanzler, der treffliche Jurist, hat sich aufgeputzt wie ein junger Krieger und mein junger Krieger dort will den Advokaten machen! Was sagt Ihr dazu, Ambrosius Volland?"

"Hi, hi! ich habe Euer Durchlaucht durch meine Person Spass machen wollen; weiss aus fruherer Zeit, dass Ihr einen kleinen Scherz liebet; nun, der liebe, gute Sturmfeder will die Lustbarkeit vermehren und den Juristen spielen. Hi, hi, hi! wird ihm aber nichts helfen, dem Rosenfarbenen. Majestatsverbrechen! wird halt doch gekopft, der im Mantelein."

"Herr Kanzler!" rief der Jungling vor Unmut gluhend. "Der Herr Herzog wird mir bezeugen konnen, dass ich mich nie zum Schalksnarren hergegeben habe. Diese Rolle mache ich andern nicht streitig. Und mit Menschenleben spiele und scherze ich nie!

Es ist mein wahrer Ernst, ich verburge mich mit meinem Leben fur gegenwartigen Edlen von Kraft, Ratsschreiber in Ulm. Ich hoffe, meine Burgschaft kann angenommen werden."

"Wie?" sagte Ulerich, "das ist wohl der zierliche Herr, dein Gastfreund, von dem du mir so oft erzahltest? Tut mir leid um ihn, aber er wurde in einem Aufruhr unter sehr gefahrlichen Umstanden gefangen!"

"Freilich!" krachzte Ambrosius, "ein crimen laesae majestatis!"

"Erlaubet Herr! ich habe die Rechte lange genug studiert, um zu wissen, dass hier durchaus nicht von einem solchen Verbrechen die Rede sein kann. Gestern nacht waren die Bundesrate und der Statthalter noch hier; folglich war Stuttgart noch in Gewalt des Bundes, und der Ratsschreiber, der durchaus kein Untertan Seiner Durchlaucht ist, hat nicht anders gehandelt, als jeder bundische Soldat, der auf Befehl seines Oberen gegen uns zu Felde zog."

"Ei, die Jugend, die Jugend! wie Ihr alles uberhaspelt, junger, sehr wertgeschatzter Freund! Sobald der Herzog die Stadt aufgefordert hatte, und den animum possidendi hatte, war auch alles, was in den Mauern sich befand, sein. Folglich wer eine Verschworung gegen ihn anzettelte, ist ein Majestatsverbrecher. Besagter Herr von Kraft aber hat schrecklich gefahrliche Reden an das Volk gehalten."

"Nicht moglich; es ware ganz gegen seine Art und Weise! Herr Herzog! das kann nicht sein!"

"Georg!" sagte dieser ernst, "wir haben lange Geduld gehabt, dich anzuhoren. Es hilft deinem Freunde doch nichts. Hier liegt das Protokoll; der Kanzler hat, ehe ich kam, ein Zeugenverhor angestellt, worin alles sonnenklar bewiesen ist. Wir mussen ein Exempel statuieren! Wir mussen unsere Feinde recht ins Herz hinein verwunden, der Kanzler hat ganz recht, darum kann ich keine Gnade geben."

"So erlaubt mir nur noch eine Frage an ihn und die Zeugen, nur ein paar Worte."

"Ist gegen alle Form Rechtens", fiel der Kanzler ein; "ich muss dagegen protestieren, Lieber; es ist ein Eingriff in mein Amt."

"Lass ihn, Ambrosius; mag er meinetwegen noch ein paar Fragen an den armen Sunder tun, er ist doch verloren."

"Dieterich von Kraft", fragte Georg, "wie kommt Ihr hieher?"

Der arme Ratsschreiber, den der Tod schon an der Kehle gefasst hatte, verdrehte die Augen und seine Zahne schlugen aneinander; endlich konnte er einige Worte herausstossen: "Bin hieher geschickt worden vom Rat, wurde Schreiber beim Statthalter "

"Wie kamet Ihr gestern nacht zu den Burgern von Stuttgart?"

"Der Statthalter befahl mir abends, wenn etwa die Burger sich aufruhrerisch zeigten, sie anzureden und zu ihrer Pflicht und Eid zu verweisen."

"Ihr sehet, er kam also auf hoheren Befehl dorthin; wer nahm Euch gefangen?" fuhr Georg zu fragen fort.

"Der Mann, der neben Euch steht."

"Ihr habt diesen Herrn gefangen? also musst Ihr auch gehort haben, was er sprach? was sagte er denn?"

"Ja, was wird er gesagt haben", antwortete der Burger, "er hat keine sechs Worte gesprochen, so warf ihn der Burgermeister Hartmann von der Bank herunter; ich weiss noch, er hat gesagt: 'Aber bedenket, ihr Leute, was wird der durchlauchtigste Bundesrat dazu sagen!' Das war alles, da nahm ihn der Hartmann beim Kragen und warf ihn herunter. Aber dort der Doktor Calmus, der hielt eine langere Rede."

Der Herzog lachte, dass das Gemach drohnte und sah bald Georg, bald den Kanzler an, der ganz bleich und verstort sich umsonst bemuhte, sein Lacheln beizubehalten. "Das war also die gefahrliche Rede, das Majestatsverbrechen? 'Was wird der Bundesrat dazu sagen!' Armer Kraft! wegen dieses kraftvollen Spruchleins verfielst du beinahe dem Scharfrichter. Nun, das haben selbst unsere Freunde oft gesagt: 'Was werden die Herren sagen, wenn sie horen, der Herzog ist im Land.' Deswegen soll er nicht bestraft werden. Was sagst du dazu, Sturmfeder!"

"Ich weiss nicht, was Ihr fur Grunde habt, Herr Kanzler", sagte der Jungling, indem sein Auge noch immer von Unmut strahlte, "die Sachen so auf die Spitze zu stellen, und dem Herrn Herzog zu Massregeln zu raten, die ihn uberall ja ich sage es, die ihn uberall als einen Tyrannen ausschreien mussen. Wenn es nur Diensteifer ist, so habt Ihr diesmal schlecht gedient."

Der Kanzler schwieg, und warf nur einen grimmigen, stechenden Blick aus den grunen Auglein auf den jungen Mann. Der Herzog aber stund auf und sprach: "Lass mir mein Kanzlerlein gehen, diesmal freilich war er zu strenge. Da nimm deinen rosenroten Freund mit dir; gib ihm zu trinken auf die Todesangst, und dann mag er laufen wohin er will. Und du Hund von einem Doktor, der du zu schlecht zu einem Hundedoktor bist, fur dich ist ein wurttembergischer Galgen noch zu gut. Gehangt wirst du doch noch einmal, ich will mir die Muhe nicht geben. Langer Peter! nimm diesen Burschen, binde ihn ruckwarts auf einen Esel und fuhre ihn durch die Stadt; und dann soll man ihn nach Esslingen fuhren zu den hochweisen Raten, wo er und sein Tier hingehore. Fort mit ihm."

Die Zuge des Doktor Kahlmauser, in welchen schon der Tod gesessen war, heiterten sich auf; er holte freier Atem und verbeugte sich tief. Peter, Kasperle und der Magdeburger fielen mit grimmiger Freude uber ihn her, luden ihn auf ihre breiten Schultern und trugen ihn weg.

Der Ratsschreiber von Ulm vergoss Tranen der Ruhrung und Freude; er wollte dem Herzog den Mantel kussen, doch dieser wandte sich ab und winkte Georg, den Geruhrten zu entfernen.

V

O tu es nicht! Tu's nicht!

Sieh deine reinen edlen Zuge wissen

Noch nichts von dieser unglucksel'gen Tat:

Bloss deine Einbildungskraft befleckt sie;

Die Unschuld will sich nicht vertreiben lassen

Aus deiner hoheitblickenden Gestalt.

Schiller

Der Schreiber des grossen Rates schien noch nicht Fassung genug erlangt zu haben, um auf dem Weg durch die Gange und Galerien des Schlosses die vielen Fragen seines Erretters zu beantworten. Er zitterte noch an allen Gliedern, seine Kniee wankten, und oft drehte er sich um und schaute mit verwirrten Blicken hinter sich, als furchte er, den Herzog mochte seine Gnade gereuen, und der greuliche Kanzler im gelben Mantel mochte ihm nachschleichen, und ihn plotzlich am Genick packen. Auf Georgs Zimmer angekommen, sank er erschopft auf einen Stuhl, und es verging noch eine gute Weile, ehe er geordnet zu denken und zu antworten vermochte.

"Eure Politika, Vetter! hat Euch einen schlimmen Streich gespielt," sagte Georg; "was fallt Euch aber auch ein, in Stuttgart als Volksredner auftreten zu wollen? Wie konntet Ihr uberhaupt nur Eure bequeme Haushaltung, die sorgsame Pflege der Amme und die Nahe der holden Berta fliehen, um hier dem Statthalter zu dienen?"

"Ach! sie ist es ja gerade, die mich in den Tod geschickt hat. Berta ist an allem schuld; ach, dass ich nie mein Ulm verlassen hatte! Mit dem ersten Schritte uber unsere Markung fing mein Jammer an."

"Berta hat Euch fortgeschickt?" fragte Georg; "wie, seid Ihr nicht zum Ziele Eurer Bemuhungen gelangt? Sie hat Euch abgewiesen, und aus Verzweiflung seid Ihr "

"Gott behut; Berta ist so gut als meine Braut. Ach, das ist gerade der Jammer! Wie Ihr von Ulm abgezogen waret, bekam ich Handel mit Frau Sabina, der Amme; da entschloss ich mich, und hielt bei meinem Oheim um das Baschen an. Nun habt Ihr aber dem Madchen durch Euer kriegerisches Wesen ganzlich den Kopf verruckt. Sie wollte, ich solle vorher zu Feld ziehen und ein Mann werden wie Ihr. Dann wolle sie mich heiraten. Ach, du gerechter Gott!"

"Und da seid Ihr formlich zu Feld gezogen gegen Wurttemberg? Welche kuhne Gedanken das Madchen hat!"

"Bin zu Feld gezogen; die Strapazen vergesse ich in meinem Leben nicht! Mein alter Johann und ich ruckten mit dem Bundesheer aus. Das war ein Jammer! Mussten oft taglich acht Stunden reiten. Die Kleider kamen in Unordnung, alles wurde bestaubt und unsauber, der Panzer druckte mich wund; ich hielt es nicht mehr aus, und Johann lief heim nach Ulm, da bat ich um eine Stelle bei der Feldschreiberei, mietete mir eine Sanfte und zwei tuchtige Saumrosse dazu, und so ging es doch ertraglicher."

"Da wurdet Ihr also zu Feld getragen, wie der Hund zum Jagen. Habt Ihr auch einem Treffen beigewohnt?"

"O ja; bei Tubingen kam ich hart ins Gedrange. Keine zwanzig Schritte von mir wurde einer maustot geschossen. Ich vergesse den Schrecken nicht, und wenn ich achtzig Jahr alt werde! Als wir dann das Land vollig besiegt hatten, bekam ich die ehrenvolle Stelle beim Statthalter. Wir lebten ruhig und in Frieden; da kommt auf einmal wieder der unruhige Herr ins Land; ach, dass ich meinem Kopf gefolgt, und mit den Bundesobersten nach Nordlingen auf den Bundestag gezogen ware; aber ich scheute die beschwerliche Reise."

"Warum seid Ihr aber nicht mit dem Statthalter davongegangen, als wir kamen. Der sitzt jetzt im trockenen in Esslingen, bis wir ihn weiterjagen."

"Er hat uns im Stiche gelassen und meinem Kopf alles anvertraut; und beinahe hatte ich mit dem Kopf dafur bussen mussen. Ich dachte nicht, dass die Gefahr so gross sei, liess mich von Doktor Calmus verfuhren, eine Rede ans Volk zu halten und Wurttemberg dem Bunde zu retten. Das hatte gewiss Aufsehen gemacht, und Berta ware noch eins so freundlich gewesen. Aber die Leute da unten in Wurttemberg sind Barbaren, und ohne alle Lebensart; sie liessen mich nicht einmal zum Wort kommen, warfen mich herab, und behandelten mich ganz gemein und roh. Seht nur meinen Mantel an, wie sie ihn zerrissen haben! Es ist schade dafur, er hat mich vier Goldgulden gekostet, und Berta behauptete immer, dass mir rosenfarb so gut zu Gesicht stehe."

Georg wusste nicht, ob er uber die Torheit des Schreibers lachen, oder es als hohen stoischen Gleichmut bewundern sollte, dass er, kaum dem Tode entgangen, sein zerrissenes Mantelein bedauern konnte. Er wollte ihn noch weiter uber seine Schicksale befragen, als ihn ein Gerausch vom Vorplatz des Schlosses her ans Fenster lockte; er sah hinaus und winkte schnell Herrn Dieterich herbei, um ihm das Schauspiel gefallener irdischer Grosse zu zeigen.

Der Doktor Calmus hielt seinen Umzug durch die Stadt. Er sass verkehrt auf einem Esel; die Landsknechte hatten ihn wunderlich ausgeschmuckt, sie hatten ihm eine spitzige Mutze von Leder aufgesetzt, an deren Spitze eine Hahnenfeder angebracht war. Vor ihm gingen zwei Trommler, zu seinen Seiten sah man in gravitatischen Schritten den Magdeburger und den Wiener, den ehemaligen Hauptmann Muckerle und seinen tapfern Oberst gehen, die hin und wieder mit den Enden ihrer Hellebarden den Esel zu kuhnen Sprungen antrieben. Ein ungeheurer Volkshaufe umschwarmte ihn und warf ihn mit Eiern und Erde.

Der Ratsschreiber schaute trubselig auf seinen Gefahrten hinab und seufzte: "'s ist hart, auf dem Esel reiten zu mussen", sagte er, "aber doch immer noch besser als gehangt werden." Er wandte sich ab von dem Schauspiel und blickte nach einer andern Seite des Schlossplatzes. "Wer kommt denn hier?" fragte er den jungen Ritter. "Schaut, in einem solchen Kasten zog ich zu Felde."

Georg wandte sich um. Er sah einen Zug von Reisigen, die eine Sanfte in ihrer Mitte fuhrten. Ein alter Herr zu Pferd folgte dem Zug, der jetzt aufs Schloss einbeugte; Georg sah scharfer hinab, "Sie sind's", rief er, "wahrhaftig, es ist der Vater und in der Sanfte wird sie sitzen!" In einem Sprung war er zur Ture hinaus, und der Ratsschreiber sah ihm staunend nach. "Wer soll es sein, welcher Vater?" fragte er; er schaute noch einmal durchs Fenster, die Sanfte hielt vor der Zugbrucke des Schlosses, und in demselben Augenblicke sturzte Georg aus dem Tor. Herr Dieterich sah ihn die Ture der Sanfte ungestum aufreissen, eine verschleierte Dame stieg aus, sie schlug den Schleier zuruck und wunderbar! es war das Baschen Marie von Lichtenstein. "Ei! sehe doch einer; er kusst sie auf offentlicher Strasse", sprach der Ratsschreiber kopfschuttelnd vor sich hin, "was das eine Freude ist. Aber wehe, jetzt kommt der Alte um die Sanfte herum, der wird Augen machen! Der wird schimpfen! doch wie! er nickt dem Junker freundlich zu, er steigt ab; er umarmt ihn. Nein! das geht nicht mit rechten Dingen zu."

Und dennoch schien es durchaus mit rechten Dingen zuzugehen; denn als der Schreiber des Grossen Rates aus dem Zimmer auf die Galerie trat, um sich zu uberzeugen, dass ihn seine Augen getauscht haben mussen, kam sein Oheim der alte Herr von Lichtenstein die Treppe herauf. An der rechten Hand fuhrte er Georg von Sturmfeder, an der linken Baschen Marie. Welche Veranderung war mit jenen holden Zugen vorgegangen, die sich so tief in sein Herz, in sein Gedachtnis gepragt hatten.

In Ulm war sie ihm zum erstenmal wie ein Bote aus einem unbekannten Lande erschienen, so erhaben war der Blick ihrer schonen blauen Augen, so majestatisch ihre Stirne, so sinnig jenes kleine Fleckchen zwischen den schonen dunkeln Bogen der Brau'n. Er hatte oft und viel daruber nachgedacht, in was denn der Zauber bestehe, der ihn so unwiderstehlich fessle? Die Ulmer Madchen hatten frischere Wangen, lebhaftere Augen, ein schalkhafteres Lacheln und den frohlichen frischen Glanz einer heitern Jugend. Und dennoch war Marie unter ihnen gestanden, still und gross wie eine Konigin. War es vielleicht der dunkle Schleier ihrer Wimpern, der sich oft mit unnennbarem Reiz uber das Auge herabsenkte, um das Geheimnis einer stillen Trane zu verhullen? Waren es die feinen geschlossenen Lippen, von susser Wehmut umlagert? War es der zarte Wechsel der Farben auf ihren Zugen, die bald nur gebietende Hoheit auszustrahlen, bald das reizende Geheimnis leidender Liebe zu verraten schienen? Bertas Heiterkeit, Bertas frohliche neckende Gunst hatte dieses ernstere Bild langst aus seinem Herzen verdrangt, und doch fuhlte der arme Herr Dieterich die alte Wunde wieder bluten, als das Fraulein von Lichtenstein sich nahte. Aber welcher unbekannten Macht sollte er es zuschreiben, dass Mariens Zuge einen ganz anderen Ausdruck gewonnen hatten? Wohl lag noch eine hohe Wurde in ihrer Haltung, auf ihrer Stirne, aber in ihren Augen gluhte eine stille Freude, ihr Mund lachelte und scherzte, auf ihren Wangen waren die schonsten Rosen aufgebluht. Sprachlos hatte Dieterich von Kraft diese Erscheinung angestarrt, und jetzt erst wurde auch er von dem alten Ritter bemerkt. "Seh ich recht", rief dieser, "Dieterich Kraft, mein Neffe! was fuhrt denn dich nach Stuttgart, kommst du etwa zur Hochzeit meiner Tochter mit Georg von Sturmfeder? Aber wie siehst du aus? Was fehlt dir doch? Du bist so bleich und elend, und deine Kleider hangen dir in Fetzen vom Leibe!"

Der Ratsschreiber sah herab auf das rosenfarbene Mantelein und errotete: "Weiss Gott", rief er, "ich kann mich vor keinem ehrlichen Menschen sehen lassen! Diese verdammten Wurttemberger, diese Weingartner und Schustersjungen haben mich so zerfetzt. Aber wahrhaftig! der ganze durchlauchtige Bund ist in meiner Person angegriffen und beleidigt!"

"Ihr durft froh sein, Vetter! dass Ihr so davongekommen seid", sagte Georg, indem er die Angekommenen in sein Gemach einfuhrte; "bedenket Herr Vater, gestern nacht, als wir vor den Toren standen, hielt er Reden an die Burger, um sie aufzuwiegeln gegen uns; da hat ihn heute fruhe der Kanzler wollen kopfen lassen; mit grosser Muhe bat ich ihn los, und jetzt klagt er die Wurttemberger wegen seines zerfetzten Manteleins an."

"Mit gnadiger Erlaubnis", sagte Frau Rosel, und verbeugte sich dreimal vor dem Ratsschreiber, "wenn Ihr meine Hulfe annehmen wollet, so will ich den Mantel flicken, dass es eine Lust ist. Da geht's wie im Spruchwort: 'Hat der Junge den Rock zerrissen, hat der Alt' ihn flicken mussen.'"

Herrn Dieterich war diese Hulfe sehr angenehm; er bequemte sich zu der Frau Rosel ans Fenster zu sitzen, um sich seine Gewander zurechtrichten zu lassen. Sie zog aus ihrer grossen Ledertasche Zwirn von allen Farben und machte sich an die Wunden, die ihm die Wurttemberger geschlagen hatten. Sie unterhielt ihn dabei mit ergotzlichen Reden von der Haushaltung und der Zubereitung verschiedener Speisen, die in Frau Sabinas Kochregister nicht vorgekommen waren. Entfernt von diesem Paar um die ganze Breite des Zimmers, sassen Georg und Marie im traulichen Flustern der Liebe. Weder der gelehrte Johannes Tethingerus, noch ein Johannes Bezius, weder Gabelkofer noch Crusius, so wichtige Kunden wir ihnen uber diese Zeiten verdanken, melden uns, was diese beiden an jenem Morgen zusammen flusterten, nur so viel konnen wir berichten, dass eine susse Ruhe auf Mariens Zugen lag, dass sie die schonen Augen bald freudig aufschlug, bald verschamt wieder senkte, dass sie bald lachelte, bald tief errotete, und manche Frage des Geliebten mit Kussen zuruckdrangte.

Der Leser wird es uns Dank wissen, wenn wir ihn von einer Szene, die so wenig historischen Grund und Boden, also nach neueren Begriffen auch keinen Wert hat, hinwegfuhren, und den Schritten des Ritters von Lichtenstein folgen. Er hatte seine Tochter unter der Pflege Georgs, seinen Neffen unter der kunstreichen Hand der Frau Rosalia gelassen, und schritt nun den Gemachern des Herzogs zu. Seine Zuge, welchen Alter und Erfahrung einen sinnenden Ernst eingedruckt hatten, erschienen in dieser Stunde noch ernster beinahe traurig. Dieser Mann hatte von seinen Vatern die Liebe zum Hause Wurttemberg geerbt, Gewohnheit und Neigung hatten ihn an die Regenten gefesselt, die wahrend seines langen Lebens uber Wurttemberg geherrscht hatten, und das Ungluck und die Verleumdung, welche auf Ulerich unablassig hereinsturmten, hatten das Herz des alten Herrn nicht von diesem Herzog losreissen konnen sie fesselten ihn nur mit noch starkeren Banden. Mit der Freude eines Brautigams, der zur Hochzeit zieht, mit der Kraft eines Junglings hatte er den weiten und beschwerlichen Weg von seinem Schloss nach Stuttgart zuruckgelegt, als man ihm gemeldet hatte, dass der Herzog Leonberg erobert habe und auf Stuttgart zu ziehe. Keinen Augenblick zweifelte er an dem Siege des Herzogs und so traf es sich, dass er schon am andern Morgen der neuen Herrschaft Ulerichs nach Stuttgart kam.

Nicht so frohlicher Art waren die Nachrichten, die ihm Georg mitteilte, als er mit ihm und Marien die Treppe heraufstieg. "Der Herzog", hatte ihm jener zugeflustert, "der Herzog ist nicht so wie er sollte; Gott weiss was er mit seinem Lande machen will, er hat unterweges sonderbare Reden fallen lassen, und ich furchte er ist nicht in den besten Handen. Der Kanzler Ambrosius Volland " Dieser einzige Name reichte hin, in dem Ritter von Lichtenstein grosse Besorgnisse aufzuregen. Er kannte diesen Volland, er wusste, dass er zwar gelehrt, in allen Regierungsgeschaften uberaus wohlerfahren, zu jedem, auch dem schwersten Dienst bereit, aber dabei ein Mann sei, der zum wenigsten schon ofter ein gewagtes, wo nicht falsches Spiel gespielt habe.

"Wenn der Herzog diesem sein Vertrauen schenkt, wenn er nur seine Ratschlage befolgt, dann sei Gott gnadig. Dem Ambrosius ist das Land ein Stuck Leder, das man nach Willkur handhaben kann, er wird es zurechtschneiden wollen zu einem Koller fur den Herzog und die Abschnipfel fur sich behalten. Aber wie Frau Rosel zu sagen pflegt: 'Zerschneiden kann jeder Narr, aber wie zusammennahen?' " So sprach der alte Herr von Lichtenstein zu sich, als er durch die Galerien ging; er streichelte unmutig seinen langen weissen Bart, und seine Augen gluhten vom Eifer fur die gute Sache Wurttembergs.

Er wurde sogleich vorgelassen, und traf den Herzog in grosser Beratung mit Ambrosio. Der letztere hatte eine ungeheure Schwanenfeder in der einen Hand, in der andern hielt er ein Pergament, das mit schwarzer, roter und blauer Dinte in vielen zierlichen Schnorkeln beschrieben war. Der Herzog spielte mit einem grossen Sigill, das er in der Hand hielt, er schien mit sich zu kampfen, er sah bald seinen Kanzler durchdringend an, bald heftete sich sein Blick wieder auf das Sigill. Sie waren beide so vertieft, dass Lichtenstein einige Minuten im Zimmer stand, ohne von ihnen bemerkt zu werden; er betrachtete mit grosser Teilnahme die edlen Zuge Ulerichs von Wurttemberg. Er sah, wie auf seiner Stirne, in seinen sprechenden Augen, so verschiedene Empfindungen wechselten. Bald runzelte sich seine Stirne, seine Augenbrau'n zuckten, sein Auge rollte, dann glatteten sich diese Falten, aus seinen Blicken strahlte nur ein tiefer Ernst, der in Nachdenken uberging, und oft schien ein Anflug von Gute den strengen Ausdruck seiner Zuge zu mildern. Aber der im gelben Mantelein, mit der Schwanenfeder in der Hand, stand wie der Versucher vor ihm; er wandt' und drehte sich vor ihm, wie die Schlange im Paradies, und das ewig stehende Lacheln, der Ausdruck von Ehrlichkeit, den er seinen grunen Auglein zu geben wusste, wenn ihn sein Herr scharf ansah, sollten einladen den Apfel anzubeissen.

"Ich kann nicht begreifen", sprach er mit heiserer feiner Stimme, "warum Ihr es nicht tun moget. Hat wohl Casar so lange gezaudert, als er uber den Rubikon ging? Ein grosser Mann hat grosse Mittel notig, und die Mitwelt und die Nachwelt wird Euch preisen, dass Ihr diese Fesseln von Euch geworfen."

"Weisst du dies so gewiss, Ambrosius Volland?" entgegnete der Herzog, indem er ihn duster anblickte. "Man wird sagen: Herzog Ulerich war ein Tyrann. Er hat die alte Ordnung umgestossen, die seinen Vatern heilig war, er hat den Vertrag, den er selbst aufgerichtet, gebrochen, er hat sein Land wie ein fremdes behandelt, er hat die Gesetze nicht gehalten, die "

"Erlaubet", unterbrach ihn jener, "es kommt nur allein auf die Frage an: 'Wer ist Herr? der Herzog oder das Land?' Wenn das Land Herr ist, dann ist's was anderes. Dann freilich sind allerlei Pakten, Vertrage, Klauseln und dergleichen notig. Die Ritterschaft, die Pralaten und die Landschaft sind dann Meister, und Euer Durchlaucht nun, sind dann der, welcher den Namen dazu hergibt. Seid Ihr aber, was man so eigentlich Herr nennt, dann seid Ihr es auch, der Gesetze gibt. Jetzt habt Ihr das Heft in der Hand; jetzt noch seid Ihr Herr und Meister. Drum fort mit dem alten Recht, hier ist ein neues da, nehmt in Gottes Namen die Feder, unterzeichnet."

Der Herzog stand noch eine Weile unschlussig, seine Wangen gluhten, seine ganze Gestalt richtete sich hoher auf, aber sein Auge haftete noch am Boden. Jetzt schlug er es auf, und es blitzte vom Gefuhl seiner Wurde. "Ich heisse Wurttemberg", sagte er; "ich bin das Land und das Gesetz ich unterschreibe." Er streckte die Rechte aus, die Schwanenfeder aus der Hand seines Kanzlers zu empfangen, aber mit sanfter Gewalt wurde sein Arm von einer fremden Hand ergriffen und weggezogen. Erstaunt sah er sich um, und blickte in die ruhigen aber ernsten Zuge des Ritters von Lichtenstein.

"Ha! willkommen", rief er, "mein getreuer Lichtenstein; sogleich steh ich Euch Rede, lasset mich nur zuvor dies Pergament unterzeichnen."

"Erlauben Euer Durchlaucht", sagte der alte Mann, "Ihr habt mir eine Stimme zugesagt in Eurem Rat, darf ich nicht auch wissen um die erste Verordnung, die Ihr an Euer Land ergehen lasset."

"Mit Euer hochedeln Erlaubnis", fiel Ambrosius Volland hastig ein, "das Ding hat Eile; die Burgerschaft von Stuttgart versammelt sich schon auf der Wiese; diese Schrift muss ihr vorgelesen werden; es hat wahrhaftig Eile."

"Nun, Ambrosius!" sagte der Herzog, "So gar eilig ist es nicht, dass wir unserem alten Freund die Sache nicht mitteilen sollten. Wir haben namlich beschlossen, uns huldigen zu lassen, und zwar nach neuen Vertragen und Gesetzen. Die alten sind null und nichtig."

"Das habt Ihr beschlossen? um Gottes willen, habt Ihr auch bedacht, zu was dies fuhrt? Habt Ihr nicht erst vor wenigen Tagen den Tubinger Vertrag beschworen?"

"Tubingen!" rief der Herzog mit schrecklicher Stimme, indem seine Augen von Zorn gluhten. "Tubingen! nenne dies Wort nicht mehr. Dort hatte ich all meine Hoffnung, dort war mein Land, meine Kinder, ha, und dort haben sie mich verraten und verkauft. Ich bat, ich flehte, sie sollen zu mir halten, ich wolle Gut und Blut mit ihnen teilen nichts! man wollte von Ulerich nichts mehr; das neue Regiment gefiel ihnen besser, im Elend haben sie mich schmachten lassen, haben zugegeben, dass ihr Herzog in Verbannung war, haben geduldet, dass der Name Wurttemberg ein Hohngelachter wurde in allen Reichen jetzt bin ich wieder Herr und Meister, habe das Heft in der Hand, und will mir's nicht wieder aus der Hand wenden lassen. Haben sie ihren Eid vergessen, bei Sankt Hubertus, so ist mein Gedachtnis auch nicht langer. Tubinger Vertrag? Ich sag, der Teufel soll alles holen, was mit diesem Namen sich verknupft!"

"Aber bedenken Euer Durchlaucht!" sprach Lichtenstein, von diesem Ausbruch der Leidenschaft erschuttert, "bedenket doch, welchen Eindruck ein solcher Schritt auf das Land machen muss. Noch habt Ihr nichts als Stuttgart und die Gegend; noch liegen in Urach, Asperg, Tubingen, Goppingen, uberall noch bundische Besatzungen. Wird die Landschaft Euch beistehen, den Bund zu verjagen, wenn sie hort, auf welche neue Ordnung sie huldigen solle?"

"Ich sag: ist mir die Landschaft beigestanden, als ich Wurttemberg mit dem Rucken ansehen musste? Sie haben mich laufen lassen und dem Bund gehuldigt!"

"Vergebt mir, Herr Herzog", entgegnete der Alte mit bewegter Stimme; "dem ist nicht also. Ich weiss noch wohl den Tag bei Blaubeuren. Wer hielt da zu Euch, als die Schweizer abzogen? Wer bat Euch nicht vom Land zu lassen, wer wollte Euch sein Leben opfern? Das waren achttausend Wurttemberger. Habt Ihr den Tag vergessen?"

"Ei, ei, Wertester!" sagte der Kanzler, dem es nicht entging, welchen machtigen Eindruck diese Worte auf Ulerich machten. "Ei! Ihr sprechet doch auch etwas zu kuhnlich. Ist ubrigens jetzt auch gar nicht die Rede von damals, sondern von jetzt. Die Landschaft ist von der alten Huldigung ganzlich abgekommen, hat dem Bunde eine andere Huldigung getan; Seine Durchlaucht ist jetzt als ein neuangekommener Herr anzusehen; er hat dies Land mit Gewalt erobere; hat sich nun der Bund auf besondere Vertrage huldigen lassen, so kann es der Herzog ebenso halten. Neuer Herr, neu Gesetz. Man kann sich in allewege nach eigenem Gutdunken huldigen lassen. Soll ich die Feder eintauchen, gnadiger Herr?"

"Herr Kanzler!" sagte Lichtenstein mit fester Stimme, "habe alle mogliche Ehrfurcht vor Eurer Gelahrtheit und Einsicht, aber was Ihr da sagt, ist grundfalsch und kein guter Rat. Jetzt gilt es zu wissen, wen das Volk liebt. Der Bund hat durch sein Walten im Land alles gegen sich aufgebracht, es war die rechte Zeit, dass Seine Durchlaucht wiederkam, jetzt fliegen ihm alle Herzen zu ; wird er sie nicht gewaltsam von sich stossen, wenn er alles Alte umreisse und nach eigener neuerer Satzung schaltet und waltet! Oh, bedenkt, bedenkt, die Liebe eines Volkes ist eine machtige Stutze!"

Der Herzog stand mit untergeschlagenen Armen da, duster vor sich hinblickend, er antwortete nicht. Desto eifriger tat dies der Kanzler im gelben Mantelein. "Hi, hi, hi! wo habt Ihr die schonen Spruchlein her? Liebwerter, Hochgeschatzter! Liebe des Volkes, sagt Ihr? Schon die Romer wussten was davon zu halten sei. Seifenblasen, Seifenblasen! hatt Euch fur gescheiter gehalten. Wer ist denn das Land? hier, hier steht es in persona, das ist Wurttemberg; dem gehort's; hat's geerbt und jetzt noch dazu erobert. Volksliebe! Aprillenwetter! ware ihre Liebe so stark gewesen, so hatten sie nicht dem Bunde gehuldigt."

"Der Kanzler hat recht!" rief Ulerich aus seinen Gedanken erwachend. "Du magst es gut meinen, Lichtenstein. Aber er hat diesmal recht. Meine Langmut hat mich zum Land hinaufgetrieben; Jetzt bin ich wieder da; und sie sollen fuhlen, dass ich Herr bin. Die Feder her, Kanzler, ich sag so will ich's; so wollen wir uns huldigen lassen!"

"O Herr! tut nichts in der ersten Hitze! wartet bis Euer Blut sich abkuhlt. Rufet die Landschaft zusammen; machet Anderungen nach Eurem Sinne, nur jetzt nicht, nur nicht solange der Bund noch Land besitzt in Wurttemberg; es konnte Euch schaden bei den ubrigen. Gestattet nur noch eine kurze Frist. "

"So?" unterbrach ihn der Kanzler, "dass man dann alsgemach wieder in das alte Wesen hineinkommt. Gebt acht, wenn die Landschaft erst beisammen ist, wenn sie sich erst zusammen beraten, meinet Ihr, da werden sie so gutwillig nachgeben. Hi! hi! da wird man Gewalt anwenden mussen, und das macht erst verhasst. Schmiedet das Eisen, solange es warm ist. Oder gelustet Euer Durchlaucht wieder ganz gehorsamlich unter das alte Joch zu stehen, und den Karren zu ziehen?"

Der Herzog antwortete nicht. Er riss mit einer hastigen Bewegung Feder und Pergament dem Kanzler aus der Hand, warf einen schnellen durchdringenden Blick auf ihn und den Ritter, und ehe noch dieser es verhindern konnte, hatte Ulerich seinen Namen unterzeichnet. Der Ritter stand in stummer Besturzung; er senkte bekummert das Haupt auf die Brust herab. Der Kanzler blickte triumphierend auf den Ritter und den Herzog. Doch dieser ergriff eine silberne Glocke, die auf dem Tisch stund, und klingelte. Ein Diener erschien und fragte nach seinem Befehl.

"Ist die Burgerschaft versammelt?" fragte er.

"Ja, Euer Durchlaucht! auf den Wiesen gegen Cannstatt sind sie versammelt. Amt und Stadt; die Landsknechte rucken soeben aus; sechs Fahnlein."

"Die Landsknechte? wer gab die Erlaubnis?"

Der Kanzler zitterte vor dem Ton dieser Frage. "Es ist nur wegen der Ordnung", sagte er, "ich habe gedacht, weil es bei solchen Fallen gebrauchlich sei, dass bewaffnete Mannschaft "

Der Herzog winkte ihm zu schweigen; er begegnete einem truben, fragenden Blick des alten Lichtenstein, der ihn erroten machte. "Mit meinem Befehl geschah es nicht", sprach er, "doch es mochte auffallen, wenn wir sie zuruckriefen. Es ist ja gleichgultig. Man bringe mir den roten Mantel und den Hut; schnell!"

Der Herzog trat ans Fenster, und sah schweigend hinaus; der Kanzler schien nicht recht zu wissen, ob sein Herr erzurnt sei oder nicht, er wagte nicht zu sprechen, und der Ritter von Lichtenstein verstarrte in seinem truben Schweigen. So standen sie geraume Zeit, bis sie von den Dienern unterbrochen wurden. Es traten vier Edelknaben ins Gemach, der erste trug den Mantel, der zweite den Hut, der dritte eine Kette von Gold und der vierte des Herzogs Schlachtschwert. Sie bekleideten den Herzog mit dem Furstenmantel von purpurrotem Samt mit Hermelin verbramt. Sie reichten ihm den Hut, der die rot und gelbe Farbe des Hauses Wurttemberg in reichen wehenden Federn zeigte, diese wurden zusammengehalten von einer Agraffe aus Gold und Edelsteinen, die eine Grafschaft wert war. Der Herzog bedeckte sein Haupt mit diesem Hut. Seine kraftige Gestalt schien in diesem furstlichen Schmuck noch erhabener als zuvor, und die freie, majestatische Stirne, das glanzende Auge sahe gebietend unter den wallenden Federn hervor. Er liess sich die Kette umhangen, steckte das Schlachtschwert an, und winkte seinem Kanzler aufzubrechen.

Noch immer sprach der Ritter von Lichtenstein kein Wort; mit bekummerter Miene hatte er diesen Anstalten zugesehen, und sich dann abgewendet. Der Herzog schritt mit leichtem Neigen des Hauptes, an dem alten Ritter voruber zur Ture, und die wunderliche Figur des Kanzlers Ambrosius Volland folgte ihm mit majestatischen Schritten. Hatte der Herr den Alten nicht gegrusst, glaubte auch der Kanzler ihm dies nicht schuldig zu sein, er warf nur einen tuckischen Blick nach dem Platz hinuber wo jener noch immer stand, und sein grosser, zahnloser Mund verzog sich zu einem hohnischen Lacheln. In der Ture stand der Herzog stille, er sah ruckwarts, seine bessere Natur schien uber ihn zu siegen, er kehrte zur Verwunderung des Kanzlers zuruck und trat zu Lichtenstein.

"Alter Mann!" sagte er, indem er vergeblich strebte, seine tiefe Bewegung zu unterdrucken, "du warst mein einziger Freund in der Not, und in hundert Proben habe ich deine Treue bewahrt gefunden, du kannst es mit Wurttemberg nicht schlimm meinen; ich fuhle, es ist einer der wichtigsten Schritte meines Lebens, und ich gehe vielleicht einen gewagten Gang; aber wo es das Hochste gilt, muss man alles wagen. "

Der Ritter von Lichtenstein richtete sein greises Haupt auf in den weissen Wimpern hingen Tranen; er ergriff Ulerichs Hand: "Bleibet", rief er, "nur diesmal, diesmal folget meiner Stimme; mein Haar ist grau; ich habe lange gelebt, Ihr erst drei Jahrzehnte. " Indem ertonten die Trommeln der Landsknechte in dem Hof. Das ungeduldige Stampfen der Rosse drang herauf, und die Herolde stiessen zur Huldigung rufend, in die Trompeten.

"'Jacta alea esto!' war der Wahlspruch Casars", sagte der Herzog mit mutiger Miene; "jetzt gehe ich uber meinen Rubikon. Aber dein Segen mochte mir frommen, alter Mann, zum Rat ist es zu spat!"

Der Ritter blickte schmerzlich aufwarts; die Stimme versagte ihm, er druckte segnend seines Herzogs Rechte an die Brust. Noch zogerte Ulerich bei ihm, da streckte der Kanzler den langen durren Arm unter dem gelben Mantelein hervor, winkte ihm mit der Pergamentrolle; er war anzuschauen wie der Versucher, dem es gelingt, eine arme Seele mit sich hinabzuziehen. Ulerich von Wurttemberg riss sich los und ging, um sich von seiner Hauptstadt huldigen zu lassen.

VI

Kein Feuer, keine Kohle

Kann gluhen so heiss,

Als eine stille Liebe,

Von der niemand nichts weiss.

Altes Sprichwort

Die Besorgnisse des alten Herrn schienen nicht so ungegrundet gewesen zu sein, als Ambrosius Volland sie dargestellt hatte. Ein sehr grosser Teil des Landes fiel zwar dem Herzog zu, weil die Vorliebe fur den angestammten Regenten, der Druck des Bundes und die anfangs so siegreichen Waffen Ulerichs, viele bewogen, die Huldigung, die sie gezwungenerweise dem Bunde getan, zu vergessen und sich fur Wurttemberg zu erklaren.

Aber die neue Huldigung, die alle fruhern Vertrage umstiess, das Gerucht, dass manche Stadt durch Gewalt zu diesen Formen gezwungen worden sei, bewirkte wenigstens, dass der Herzog keine Popularitat gewann, ein Mangel, der in so zweifelhafter Lage oft nur zu bald fuhlbar wird. Noch beharrten Urach, Goppingen und Tubingen auf ihren, dem Bund geleisteten Pflichten, denn ihre bundisch gesinnten Obervogte zwangen sie mit Gewalt dazu; zu Urach hauste te in wenigen Tagen so viel Mannschaft auf, dass er nicht nur sein ganzes Amt im Zaume hielt, sondern auch Einfalle in die Landereien machte, die dem Herzog wieder zugefallen waren. Es ging auch das Gerucht, die Bundesstande seien schnell von Nordlingen aufgebrochen, jeder in seine Heimat geeilt, um frische Heere aufzubieten und Ulerich zum zweitenmal auf Leben und Tod zu bekampfen.

Ulerich selbst schien weder der einen noch der andern dieser Besorgnisse Raum zu geben. Er pflog bei verschlossenen Turen mit Ambrosius Volland Rat; man sah viele Eilboten kommen und abgehen, aber niemand erfuhr, was sie brachten. In Stuttgart aber glaubte man fest, der Herzog musse in der frohlichsten Stimmung sein, denn wenn er mit seinem glanzenden Gefolge durch die Strassen ritt, alle schonen Jungfrauen grusste und mit den Herren zu seiner Seite scherzte und lachte, da sagten sie: "Herr Ulerich ist wieder so lustig, wie vor dem Armen Konrad." Er hatte seinen Hofstaat wieder glanzend eingerichtet. Zwar war es nicht mehr wie fruher der Sammelplatz der bayerischen, schwabischen und frankischen Grafen und Herren, zwar fehlte die Furstin, die sonst einen schonen Kranz bluhender Fraulein um sich versammelt hatte, aber dennoch fehlte es nicht an schonen Frauen und schmucken Edeln seinen Hof zu verherrlichen, und die Luft dieser Stadt schien schon damals der Schonheit so gunstig zu sein, dass die bunten Reihen in den Salen und Hallen des Schlosses nicht einer gewohnlichen Versammlung, sondern einer Auswahl aus den schonen Frauen des Landes glich.

Tanze und Ritterspiele waren in ihre alten Rechte eingesetzt worden, Fest drangte sich an Fest und Ulerich schien eifrig nachholen zu wollen, was er in der Zeit seines Unglucks versaumt hatte. Keines der geringsten dieser Feste war die Hochzeit Georgs von Sturmfeder mit der Erbin von Lichtenstein.

Der alte Herr hatte sich lange nicht entschliessen konnen, sein Wort zu halten; nicht dass er die Wahl seiner Tochter missbilligt hatte, denn er liebte seinen Eidam vaterlich, er sah in ihm seine eigene Jugend wieder aufbluhen, er schlug ihm seine freiwillige Verbannung mit dem Herzog hoch an; aber wie der Horizont von Ulerichs Gluck, so war auch die Stirne des alten Mannes noch immer umwolkt, denn er ahnte, dass es nicht so bleiben werde, wie es jetzt war, und tief schmerzte es ihn, dass der Herzog in so mancher wichtigen Angelegenheit von seinem Rat nicht Gebrauch machte, sondern alles heimlich mit seinem Kanzler abhandelte. So hatte er unschlussig und betrubt diesen Tag der Freude immer hinausgeschoben, aber die schonen Augen seiner Tochter, in welchen er oft einen leisen Vorwurf zu lesen glaubte, Georgs Bitten notigten ihm endlich einen bestimmten Termin ab. Der Herzog liess es sich nicht nehmen, die Hochzeit auszurichten Er mochte sich jener Nachte erinnern, wo der Vater nicht mude ward, ihm seine Anhanglichkeit zu bezeugen; wo die zarte Tochter keinen Sturm, keine Kalte scheute, um ihn am Burgtor zu empfangen, um ihn mit warmen Speisen zu laben. Er mochte sich noch aus der jungsten Vergangenheit der Opfer erinnern, die ihm der Brautigam gebracht hatte, er zeigte auf glanzende Art, wie er Treue, Aufopferung und Liebe, die sich ihm so selten bewahrt hatten, zu vergelten wisse. Der Ritter und seine Tochter waren bisher noch immer seine Gaste im Schloss zu Stuttgart gewesen, jetzt liess er ein schones Haus nachst der Kollegiaten-Kirche mit neuem Hausgerate versehen und ubergab am Vorabend der Hochzeit den Schlussel dem Fraulein von Lichtenstein, mit dem Wunsche, sie mochte es, sooft sie in Stuttgart sei, bewohnen.

Und jetzt endlich war der Tag gekommen, welchen Georg oft in ungewisser Ferne aber immer mit gleicher Sehnsucht geschaut hatte. Er rief sich am Morgen dieses Tages das ganze Leben seiner Liebe zuruck; er wunderte sich, wie alles so ganz anders gekommen war, als er sich gedacht hatte. Wie hatte er, als er damals durch den Schonbuch nach der Heimat zog, denken konnen, dass das Gluck, die Geliebte ganz zu besitzen, nicht mehr so ferne liegen werde, als er furchtete. Wie hatte er, als er sich an das Bundesheer anschloss, ahnen konnen, dass der Herzog, welchen er zu bekriegen kam, sein Gluck grunden werde. Mit welch heiterer Ruhe dachte er jetzt an die Sturme jener Tage zuruck, wo es ihm zuerst wieder moglich geworden war, der Geliebten ein Wortchen der Liebe zuzuflustern, wo er die Schreckenskunde vernahm, dass ihr Vater ein Feind des Bundes, sie mit sich hinwegfuhren werde; wo er in Bertas Garten die unglucklichste Stunde seines Lebens im schmerzlichen Abschied von der Geliebten hinbrachte, wo er auf lange, vielleicht auf ewig verloren glaubte, was heute auf ewig sein werden sollte. Jedes Wort der Geliebten kehrte wieder in seiner Erinnerung, und er musste aufs neue ihre hohe Zuversicht, ihren schonen Glauben an ein gutiges Geschick bewundern, den sie auch damals, wo die Zukunft mit einem dusteren Schleier verhullt, und keine Aussicht, keine Hoffnung mehr war, nicht verlor, den sie mit dem letzten Abschiedskusse auch ihm mitzuteilen wusste.

"Er hat uns nicht gelogen, dieser Glaube", sprach der junge Mann, von der Erinnerung bewegt, zu sich, "es lebt eine heilige, ahnungsvolle Stimme in ihrer reinen Seele, und ihr klares Auge das in dem meinigen die Gewissheit meiner Liebe las, tauchte auch damals tief in die Zukunft und verkundete Gluck, es wird sie auch jetzt nicht tauschen, wenn es ein susses, ungestortes Gluck in unserer Verbindung liest."

Ein bescheidenes Pochen an der Ture unterbrach die lange Gedankenreihe, die sich an den heutigen Tag knupfen, und in die ferne Zukunft hinausziehen wollte. Es war Herr Dieterich von Kraft, der stattlich geschmuckt zu ihm eintrat.

"Wie?" rief dieser Schreiber des Grossen Rates zu Ulm, und schlug voll Verwunderung die Hande zusammen. "Wie? in diesem Wams wollet Ihr Euch doch hoffentlich nicht trauen lassen? Es ist schon neun Uhr, die Gange und Treppen des Schlosses wimmeln von Hochzeitgasten, die von Samt und Seide glanzen, und Ihr, die Hauptperson im Stuck, schauet ruhig zum Fenster hinaus, statt Euren Anzug zu besorgen?"

"Dort liegt der ganze Staat", erwiderte Georg lachelnd; "Barett und Federn, Mantel und Wams, alles aufs schonste zubereitet, aber Gott weiss, ich habe noch nicht daran gedacht, dass ich dieses Flitterwerk an mich hangen solle. Dies Wams ist mir lieber als jedes schone neue. Ich habe es in schweren, aber dennoch glucklichen Tagen getragen."

"Ja, ja! ich kenne es wohl; das habt Ihr bei mir in Ulm getragen, und es ist mir noch wohl erinnerlich, wie Euch Berta in diesem blauen Kleid abschilderte, dass ich recht eifersuchtig ward. Aber Flitterwerk nennt Ihr die Kleider da? Ei, der Tausend! Hatte ich nur mein Leben lang solche Flitter. Ha, das weisse Gewand mit Gold gestickt, und der blaue Mantel von Samt! Kann man was Schoneres sehen? Wahrlich Ihr habt mit Umsicht ausgewahlt, das mag trefflich stehen zu Euren braunen Haaren."

"Der Herzog hat mir es zugeschickt", antwortete Georg, indem er sich ankleidete, "mir ware alles zu kostbar gewesen."

"Ist doch ein prachtiger Herr, der Herzog, und jetzt erst, seit ich einige Zeit hier bin, sehe ich ein, dass man ihm bei uns in Ulm zuviel getan hat. An einem solchen Hofe ist es doch was anderes als in den Stadten; und Herzog von Wurttemberg klingt auch schoner als Burgermeister von Ulm. Und doch mocht ich nicht in seiner Haut stecken; Ihr werdet sehen, Vetter, es geht noch einmal bergab mit ihm."

"Das ist Euer altes Lied, Herr Dieterich; erinnert Ihr Euch noch, wie Ihr damals in Ulm grosstatet mit Eurer Politika und wie Ihr regieren wolltet in Wurttemberg? Wie ist es denn jetzt?"

"Ist nicht alles eingetroffen", erwiderte der Ratsschreiber mit weiser Miene; "weiss noch wie heute, dass ich prophezeite die Schweizer ziehen heim, die Landschaft werden wir fur uns gewinnen, und die Burgen werden wir einnehmen."

"Ja, ja! Ihr habt sie erobern helfen", lachte Georg, "seid ja in einer Sanfte zu Feld getragen worden; aber damals sagtet Ihr auch, der Herzog werde nie zuruckkehren, und jetzt sitzt er ganz warm und ruhig hier."

"Nicht so ruhig als Ihr glaubt. Zwar ich wollte ihm und Euch wunschen, er behielte sein Land; uns hat es doch nichts genutzt, die grossen Herren nehmen alles fur sich, an unsereinen kam nichts als etwa die Ehre fur den Bund gekopft zu werden; mochte es ihm wohl gonnen; aber glaubet mir, es sieht nicht so ruhig aus, als man hier meint. Die vertriebenen Rate haben von Esslingen aus an den Kaiser und das Reich geschrieben und geklagt, der Bund ist wieder auf den Beinen; bei Ulm steht schon wieder ein neues Heer."

"Gerede, nichts weiter; ich weiss gewiss, dass der Herzog sich mit Bayern versohnen wird."

"Ja will, aber nicht versohnen wird. Das hat noch manchen Haken. Aber was sehe ich; Ihr werdet doch nicht den alten Fetzen von einer Feldbinde zu dem stattlichen Hochzeitschmuck anlegen wollen? Pfui, das passt nicht zusammen, lieber Vetter."

Der Brautigam betrachtete die Scharpe mit inniger Liebe. "Das verstehet Ihr nicht", sagte er, "wie gut sich dies zum Hochzeitgewande schickt. Es ist ihr erstes Geschenk; sie flocht sie heimlich bei Nacht auf ihrem Kammerlein, als ihr die Kunde kam, dass sie bald scheiden musse. Sie hat manche Trane hineingewoben, hat das Gewebe oft an die Lippen gedruckt, drum ward es mir eine Zauberbinde, und meinen Augen ein Trost, wenn ich im Ungluck auf die Brust herniedersah. Sie darf nicht fehlen diese Binde, hat sie die Not mit mir getragen, so sei sie mir ein heiliger Schmuck am Tage des Gluckes."

"Nun, wie Ihr wollt, hangt sie in Gottes Namen um, jetzt noch das Barett aufgesetzt und schnell den Mantel umgehangt, sie lauten schon das erste druben in der Kirche. Sputet Euch, lasset das Brautlein nicht so lange warten!"

Der Ratsschreiber stellte sich noch einmal vor den jungen Mann, und musterte mit strengen Kenneraugen seinen Anzug. Er zog dort eine Spange scharfer an, er verwischte dort eine Falte, steckte hier eine Feder hoher, und immer zufriedener wurden seine Blicke. Er gestand sich, dass der grosse, schlanke junge Mann, sein schoner Kopf, die klaren mutigen Augen ganz des lieblichen Baschens wurdig sei. "Weiss Gott", sagte er, "Ihr sehet aus, Vetter, als waret Ihr von unserem Herrgott gerade zum Hochzeiter erschaffen worden. Es ist mir lieb, dass Euch heute Berta nicht sehen kann, es mochte ihr wieder auf acht Tage schwindelnd werden, dem armen Kind! Kommt, kommt; ich fuhle mich stolz, Euer Geselle zu sein; wenn ich auch vierzehn Tage zu spat nach Ulm zuruckkehre."

Georgs Wangen roteten sich, sein Herz pochte, als er sein Gemach verliess. Die Freude, die Erwartung, die Erfullung jahrelanger Wunsche besturmten seine Sinne, und wie trunken ging er neben Herrn Dieterich durch die Galerien. Die Ture ging auf, und Marie im Glanze ihrer Schonheit stand umgeben von vielen Frauen und Fraulein, die vom Herzog eingeladen, heute ihre Begleitung bilden sollten. Marie errotete, als sie den Geliebten sah, sie betrachtete ihn staunend, als seien seine Zuge heute mit einem neuen Glanze ubergossen, sie schlug die Augen nieder, als sie seinen freudetrunkenen Blicken begegnete. Was hatte Georg dafur gegeben, die Geliebte an sein Herz ziehen, den Morgengruss der Liebe auf ihre Lippen drucken zu durfen, aber die strenge Sitte der Zeit trennte an diesem Tage durch eine weite Kluft, was sich sonst schon langst gefunden hatte. Dem Brautigam war es nicht erlaubt, die Hand der Braut zu beruhren, ehe sie der Priester in die seinige legte, und der Braut wurde es ubel aufgenommen, wenn sie den Brautigam gar zuviel und gar zu lange ansah. Zuchtig, ehrbar, die Augen auf den Boden geheftet, die Hande unter der Brust gefaltet, musste sie stehen so wollt es die Sitte.

Bei mancher andern mochte diese Stellung erzwungen und steif erschienen sein, doch, wie die Natur uber ihre lieblichsten Tochter in jeder Lage, in Trauer und Freude, den Zauber der Schonheit ausgiesst, so war auch diese unnaturliche Haltung der Braut, bei Marien zum gelungensten Bild geworden; die zarte Rote, die alle Augenblicke auf ihren Wangen wechselte, der susse Mund, in dessen Winkeln ein Lacheln aufzukeimen schien, der feine weiche Vorhang der gesenkten Lider, die zarten Fransen der dunkeln Wimpern, durch welche die blauen glanzenden Augen wie eine aufgehende Sonne kaum sichtbar durchschimmerten, sie gaben ein Bild holder verschamter Liebe, die dem Geliebten die Arme offnen, die seinen Namen mit den sussesten Tonen aussprechen, die die Augen aufschlagen mochte, um ihm durch einen Blick ihre Wunsche zu verkunden; doch die machtigere Natur, das verwirrende Gefuhl der Beschamung windet ihr die Hande nur noch fester zusammen, schlagt die zarte Hulle der Wimpern vor das gluhende Auge herab, und verschliesst den Mund, dass er nur heimlich und stille lachelt, aber das Geheimnis der Liebenden nicht ausspricht.

Verschwunden war die erhabene Haltung Mariens, verschwunden die Majestat ihrer Stirne und jener gebietende ernste Blick, der auch den Kuhnsten gefesselt hatte; aber man war versucht, jene erhabeneren Schonheiten nicht zuruckzuwunschen; lag doch in diesem verschamten Bekenntnis, durch einen Blick des Geliebten uberwunden zu sein, ein hoherer Reiz, als wenn das stolze Auge frei um sich geblickt, und dieser geschlossene Mund das Gestandnis der Liebe laut und offen ausgesprochen hatte. So hatte die Natur Marien an diesem Tage einen neuen Zauber verliehen, der so machtig wirkte, dass Georg einige Momente seine Braut verwunderungsvoll betrachtete und sein Herz sich stolzer hob, im Gefuhle dieses liebliche Kind sein nennen zu durfen.

Jetzt kam auch der Herzog, der den Ritter von Lichtenstein an der Hand fuhrte. Er musterte mit schnellen Blicken den reichen Kreis der Damen, und auch er schien sich zu gestehen, dass Marie die schonste sei. "Sturmfeder!" sagte er, indem er den Glucklichen auf die Seite fuhrte, "dies ist der Tag, der dich fur vieles belohnt. Gedenkst du noch der Nacht, wo du mich in der Hohle besuchtest und nicht erkanntest? Damals brachte Hanns, der Pfeifer, einen guten Trinkspruch aus: 'Dem Fraulein von Lichtenstein! moge sie bluhen fur Euch.' Jetzt ist sie dein, und was nicht minder schon ist, auch dein Trinkspruch ist erfullt; Wir sind wieder eingezogen in die Burg Unserer Vater."

"Mogen Euer Durchlaucht dieses Gluck so lange geniessen, als ich an Mariens Seite glucklich zu sein hoffe. Aber Eurer Huld und Gnade habe ich diesen schonen Tag zu verdanken, ohne Euch ware vielleicht der Vater "

"Ehre um Ehre, du hast Uns treulich beigestanden, als Wir Unser Land wiedererobern wollten, drum gebuhrte es sich, dass auch Wir dir beistanden, um sie zu besitzen. Wir stellen heute deinen Vater vor, und als solchem wirst du Uns schon erlauben, nach der Kirche deine schone Frau auf die Stirne zu kussen."

Georg gedachte jener Nacht, als der Herzog unter dem Tor von Lichtenstein sich auf diesen Tag vertrostete, unwillkurlich musste er lacheln, wenn er der Wurde und Hoheit gedachte, mit welcher die Geliebte den Mann der Hohle damals zuruckgewiesen hatte. "Immerhin, Herr Herzog, auch auf den Mund; Ihr habt es langst verdient durch Eure grossmutige Fursprache; ich denke, auch Marie wird sich nicht wieder strauben, wie damals unter der Halle."

"Wie?" rief Ulerich errotend; "hat dir das Fraulein etwas gesagt?"

"Kein Wort, Herr! aber ich stand hinter der Ture und sah zu, wie Ihr so herablassend gegen des Ritters Tochterlein waret."

"Bei Sankt Hubertus", entgegnete der Herzog lachend, "du bist ein eifersuchtiger Kauz. Das musst du dir abgewohnen, sonst hast du keine ruhige Stunde."

"Freilich, wenn Euer Durchlaucht mir dies raten, so werde ich nie mehr eifersuchtig werden."

Der Ton dieser Antwort, der einen leisen Spott zu verraten schien, erinnerte den Herzog, dass auch er einst diese Empfindung gehegt, dass sie ihn zu einer blutigen Rache angetrieben habe; er brach schnell ab, denn er liebte solche Erinnerungen nicht. "Lass es gut sein", sagte er, "es ist Zeit in die Kirche zu gehen. Wer sind deine Gesellen, die dich zum Altar geleiten?"

"Marx Stumpf und der Ulmer Ratsschreiber, ein Vetter von Lichtenstein."

"Wie, das feine Mannlein, den mein Kanzler kopfen lassen wollte? Da hast du links den zierlichsten, und rechts den tapfersten Mann des Schwabenlandes. Gluck zu junger Herr, doch will ich dir raten, mehr rechts zu halten als links, dann kann es dir nie fehlen auf Erden, und warst du so eifersuchtig als ein Turke. Sieh, sieh, da kommt ja der Rechte; sieh, wie seine breite kurze Gestalt sich wunderlich ausnimmt unter den Frauenzimmern. Und wie er sich stattlich angetan hat! Den verschossenen grunen Mantel trug er schon Anno eilf, auf Unserer Hochzeit mit Frau Sabina Lobesan."

"Kann mich nicht viel mit dem Anzug befassen", erwiderte der tapfere Ritter von Schweinsberg, der die letzten Worte noch gehort hatte; "auch mit dem Tanzen will es nicht recht gehen, Ihr werdet mich entschuldigen; will aber heute abend im Ritterspiel der neue Eheherr eine Lanze mit mir brechen, so "

"So willst du ihm aus lauter Zartlichkeit und Hoflichkeit ein paar Rippen einstossen!" lachte der Herzog; "das heisse ich einen Brautigamsgesellen von echter Art. Nein, da rate ich dir, Georg, dich lieber links zu halten, der Ulmer wird dir nicht wehe tun"

Die Flugelturen offneten sich jetzt, und man sah auf der breiten Galerie das Hofgesinde des Herzogs in Ordnung aufgestellt. An diese schlossen sich die Edelknaben an, welche brennende Kerzen trugen; dann folgte der glanzende Zug der Fraulein und Edelfrauen, die sich zu diesem Feste eingefunden hatten. Sie waren in reiche, mit Gold und Silber durchwirkte Stoffe gekleidet, und jede hatte einen Blumenstrauss und eine Zitrone in der Hand. Die Braut wurde von Georg von Hewen und Reinhardt von Gemmingen gefuhrt. Viele Ritter und Edelleute schlossen sich an diese an, in ihrer Mitte ging Georg von Sturmfeder; Marx Stumpf zu seiner Rechten, der Ratsschreiber Dieterich Kraft zu seiner Linken. Sein ganzes Wesen schien von einer wurdigen Freude gehoben, seine Augen blinkten freudig, sein Gang war der Gang eines Siegers. Er ragte mit dem wallenden Haar, mit den wehenden Federn des Baretts weit uber seine Gesellen hervor. Die Leute betrachteten ihn staunend, die Manner lobten laut seine hohe, mannliche Gestalt, seine edle Haltung, aber die Madchen flusterten leise und priesen seine schonen Zuge und das freie, glanzende Auge.

So ging der Zug aus dem Tore des Schlosses nach der Kirche, die nur durch einen breiten Platz von ihm getrennt war. Kopf an Kopf standen die schonen Madchen und die redseligen Frauen, sie musterten die Anzuge der Fraulein, strengten die Blicke an, als die schone Braut vorbeiging, und waren voll Lobes uber den Brautigam.

Unter den zahlreichen Zuschauern sah man auch eine rustige, runde Bauersfrau mit ihrem Tochterlein stehen. Diese Frau verneigte sich immerwahrend zu grosser Belustigung der Stadtler umher, die nur der Braut und dem Herzog diese Aufmerksamkeit bewiesen. Sie unterhielt sich dabei eifrig mit ihrer Tochter. Das schone Kind an ihrer Seite schien aber wenig auf ihre Reden zu achten; sie ubersah den glanzenden Zug der Fraulein, ihre hellen Augen waren nur immer auf die nahende Braut gerichtet. Je naher diese kam, desto roter farbten sich die Wangen des Madchens, das rote Mieder hob und senkte sich ungestum, und das pochende Herz schien die silbernen Ketten, womit es eingeschnurt war, zersprengen zu wollen. Sie sah Marien fest und durchdringend an, die hohe Schonheit der jungen Braut schien sie zu uberraschen, ein wehmutiges Lacheln zuckte um ihren kleinen Mund: "Sie ist's!" rief sie unwillkurlich aus, und verbarg dann schnell ihr Gesicht hinter dem Rucken ihrer Mutter, denn die Umstehenden sahen verwundert nach ihr hin.

"Jo, dia ist's, Barbele! dia ist grausig scho!" flusterte die runde Frau, und neigte sich tief. "Jetzt wellet mer uf da Junker bassa."

Das Madchen schien diesen Rat nicht erst zu bedurfen, denn sie blickte langst hinuber nach jener Seite, woher er kommen musste. "Er kommt, er kommt", horte sie ihre Nachbarn flustern, "der ist's in dem weissen Kleid, mit dem blauen Mantel, er geht gerade vor dem Herzog." Sie sah ihn, nur einen Blick warf sie nach ihm hin, und wagte dann nicht mehr aufzublicken; die tiefe Rote ihrer Wangen verschwand, als er voruberging, sie zitterte, eine Trane fiel herab auf das rote Mieder; jetzt war er voruber, jetzt hob sie das Kopfchen wieder ein wenig auf, und sandte ihm einen Blick nach, der mehr auszudrucken schien, als die reine Bewunderung oder das Staunen der Neugierde.

Als der Zug voruber war, drangten sich die Zuschauer mit Ungestum zu den Kirchturen, und in einem Augenblick war der Platz, der noch kurz zuvor den Anblick einer bunten wogenden Menge dargeboten hatte, wie ausgestorben. Die runde Frau blickte noch immer staunend den schonen geputzten Stadtjungfern nach, welche mit ihren brokatenen Hauben und goldgestickten Miedern, mit ihren feinen langen Rocken, an welchen man nur um Hals und Busen den Zeug allzusehr gespart zu haben schien, in der Bauersfrau machtige Sehnsucht nach solcher Pracht und Herrlichkeit erweckt hatten.

Als sie sich umwandte, erschrak sie nicht wenig, denn ihr holdes Kind hatte das bluhende Gesichtchen in die Hande verborgen und weinte. Sie konnte nicht begreifen was dem Madchen begegnet sein konne, sie fasste ihre Hand, zog sie herab von den Augen sie weinte bitterlich. "Was hoscht denn, Barbele", fragte sie halb unmutig, doch nicht ohne Teilnahme, "was heulscht denn? Hoscht's denn et gseha? Gang, 's ist jo a Schand! wenn's jo ebber sieht; so sag no worum da heulscht?"

"I wois et, Muater!" flusterte sie, indem sie vergeblich ihre Tranen zu bezwingen suchte; "es ist mer so weh im Herz drin, i woiss et worum."

"Lass jetzt bleiba, sag e! Komm, sonst kommemer z'spot in d'Kirch. Hairsch, wie se musizieret und singet? komm, sonst seha mer nix mai!" Die Frau zog bei diesen Worten das Madchen nach der Kirche. Barbele folgte, sie bedeckte die Augen mit der weissen Schurze, um nicht den Stadtleuten zum Gespott zu werden, aber die tiefen Seufzer, die sich aus ihrer Brust heraufstahlen, liessen ahnen, dass sie einen tiefen Schmerz vergeblich zu unterdrucken suche. Die Orgel schwieg, der Chorgesang verstummte, als sie an der Kirchture anlangten; die Einsegnung des schonen Paares musste in diesem Augenblick beginnen. Aber vergebens suchte die runde Frau durch die dichten Reihen zu dringen, welche die Ture fullten, sie wurde, sooft sie sich in einen freien Raum zu schieben suchte, unwillig und mit Scheltworten zuruckgestossen.

"Komm, Muater!" sprach das Madchen, "mer wellet hoim; mer sent arme Leut, uns lasset se et in d'Kirch; komm hoim."

"Was? d'Kircha sind fur alle Leut erschaffa; au fur d'arme. Wia, ihr Herra, lent es e bisle do nei. Mer sehet jo gar nix."

"Waz!" sprach der Mann, an den sie sich gewendet hatte, und kehrte ihr ein rotbraunes Gesicht mit schrecklichem Bart zu. "Waz? packt Euch fort, wir lassen niemand durch; wir zind die allergnadigsten herzoglichen Landsknechte wir, und nach dem Zanktus, hat der Hauptmann befohlen, darf keine Zeele mehr durch; Mordblei! tut mir leid, wenn ich in der Kirche fluche, aber ich zag, weg da!"

"Die Olte muss weg, sogen wer, ober das Dienderl dorf rein; komm Schatzerl! Do konnst's recht gut sehen! schaut's, jetzt stecht ihr der Probst den Ring on, jetzt legt er ihne die Hand zusommen gib mir en Schmatzerl, dann darfst sehn." Der Kasperle von Wien streckte bei diesen Worten seine tapfere Hand nach dem Madchen aus, doch diese schrie laut auf, und entfloh weinend; die runde Frau aber verwunschte die Stadtleute, die Stadtkirchen und die unanstandigen Landsknechte, und folgte ihrer Tochter.

VII

So hab ich endlich dich gerettet

Mir aus der Menge wilden Reihn

Du bist in meinen Arm gekettet,

Du bist nun mein, nun einzig mein.

Es schlummert alles diese Stunde,

Nur wir noch leben auf der Welt;

Wie in der Wasser stillem Grunde

Der Meergott seine Gottin halt.

L. Uhland

Herzog Ulerich von Wurttemberg liebte eine gute Tafel, und wenn in guter Gesellschaft die Becher kreisten, pflegte er nicht so bald das Zeichen zum Aufbruch zu geben. Auch am Hochzeitfeste Mariens von Lichtenstein blieb er seiner Gewohnheit treu.

Man war, als die heilige Handlung in der Kirche voruber war, in den Lustgarten am Schloss gezogen; dort hatten sich in den Laubgangen und kunstlich verschlungenen Wegen die Hochzeitgaste ergangen, oder an den zahmen Hirschen und Rehen im Gehege, oder an den Baren die in einem der Graben des Schlosses umherwandelten, sich ergotzt. Um zwolf Uhr hatten die Trompeten zur Tafel gerufen. Sie wurde in der Tyrnitz gehalten, einer weiten hohen Halle, die viele hundert Gaste fasste. Diese Halle war die Zierde des Schlosses zu Stuttgart. Sie mass wohl hundert Schritte in der Lange; die eine Seite, die gegen den Garten des Schlosses lag, war von vielen breiten Fenstern unterbrochen, und der freundliche Tag ergoss sich durch die vielfarbigen Scheiben, und erhellte uberall das ungeheure Gemach, das mit seinen Wolbungen und Saulen mehr einer Kirche als einem Tummelplatz der Freude glich. Um die drei ubrigen Seiten liefen Galerien mit Teppichen reich behangt, sie waren fur die Geiger und Trompeter und fur die Zuschauer bei einem furstlichen Mahle bestimmt, oft aber dienten sie den Damen und Kampfrichtern zu Tribunen, wenn nicht der Klang der Becher, sondern Schwerthiebe, das Krachen der Lanzen, das Sausen der Speere, und das Gelachter und Geschrei der Kampfer beim freien Waffenspiel in der Halle erscholl.

Aber heute sah man hier einen gemischten Kreis schoner Frauen und frohlicher Manner um reichbesetzte Tafeln sitzen. Auf den Galerien schwangen die Geiger lustig ihre Fiedelbogen, die Zinkenisten bliesen ihre Backen auf, die Trommler schlugen kraftig auf die Felle, und mit Jauchzen und Hallo! stimmte die Volksmenge, die man auf den ubrigen Teilen der Galerien zugelassen hatte, ein, wenn die Herren unten einen Trinkspruch ausgebracht hatten. Am oberen Ende der Halle, sass unter einem Thronhimmel der Herzog. Er hatte seinen Hut weit aus der Stirne geruckt, schaute frohlich um sich, und sprach dem Becher fleissig zu. Zu seiner Rechten, an der Seite des Tisches, sass Marie; jetzt wollte die Sitte nicht mehr, dass sie die Augen niederschlug, und sechs Schritte von dem Geliebten entfernt bleibe. Ein frohliches Leben war in ihre Augen, um ihren Mund eingezogen; sie blickte oft nach ihrem neuen Gemahl, der ihr gegenuber sass, es war ihr oft, als musse sie sich uberzeugen, dass dies alles kein Traum, dass sie wirklich eine Hausfrau sei, und den Namen, den sie achtzehn Jahre getragen, gegen den Namen Sturmfeder vertauscht habe; sie lachelte, sooft sie ihn ansah, denn es kam ihr vor, als gebe er sich, seit er aus der Kirche kam, eine gewisse Wurde. "Er ist mein Haupt", sagte sie lachelnd zu sich; "mein Herr, mein Gebieter, o der gute Herr! das liebe Haupt!"

Und es war so wie Marie zu bemerken glaubte; Georg fuhlte sich gehobener, mit einer neuen Wurde umgeben; es schien ihm, als zeigen ihm die Junker mehr Ehrfurcht, als ziehen ihn die alteren Ritter freundlicher zu sich heran, seit er nicht mehr allein in der Welt stand, sondern wie sie, ein Hausvater, vielleicht der Stifter eines glanzenden Geschlechtes geworden war. Denn in den guten alten Zeiten waren die Begriffe noch anders als heutzutag, und man dachte sich den Edelmann und den Burger nicht anders, als mit Weib und Kindern und uberliess das Zolibat den Monchen.

In die Nahe des Herzogs war der Ritter von Lichtenstein, Marx Stumpf von Schweinsberg und der Kanzler gezogen worden, und auch der Ratsschreiber von Ulm sass nicht ferne, weil er heute als Geselle des Brautigams diesen Ehrenplatz sich erworben hatte. Der Wein begann schon den Mannern aus den Augen zu leuchten und den Frauen die Wangen hoher zu farben, als der Herzog seinem Kuchenmeister ein Zeichen gab. Die Speisen wurden weggenommen, und im Schlosshof unter die Armen verteilt; auf die Tafel kamen jetzt Kuchen und schone Fruchte, und die Weinkannen wurden fur die Manner mit besseren Sorten gefullt; den Frauen brachte man kleine silberne Becher mit spanischem, sussem Weine. Sie behaupteten zwar keinen Tropfen mehr trinken zu konnen, doch nippten und nippten sie von dem sussen Nektar immer wieder, bis man die Nagelprobe hatte machen konnen. Jetzt war der Augenblick gekommen, wo nach der Sitte der Zeit dem neuen Ehepaar Geschenke uberbracht wurden. Man stellte Korbe neben Marien auf, und als die Geiger und Pfeifer von neuem gestimmt hatten und aufzuspielen anfingen, bewegte sich ein langer glanzender Zug in die Halle. Voran gingen die Edelknaben des furstlichen Hofes, sie trugen goldene Deckelkruge, Schaumunzen, Schmuck von edlen Steinen als ein Geschenk des Herzogs.

"Mogen euch diese Becher, wenn sie bei den Hochzeiten eurer Kinder, bei den Taufen eurer Enkel kreisen, mogen sie euch an einen Mann erinnern, dem ihr beide im Ungluck Liebe und Treue bewiesen, an einen Fursten, der im Gluck euch immer gewogen und zugetan ist."

Georg war uberrascht von dem Reichtum der Geschenke; "Euer Durchlaucht beschamen uns", rief er, "wollet Ihr Liebe und Treue belohnen, so wird sie nur zu bald um Lohn feil sein."

"Ich habe sie selten rein gefunden", erwiderte Ulerich, indem er einen unmutigen Blick uber die lange Tafel hinschickte, und dem jungen Mann die Hand druckte, "noch seltener, Freund Sturmfeder, hat sie mir Probe gehalten, drum ist es billig, dass wir die reine Treue mit reinem Golde, und edle Liebe mit edlen Steinen zu belohnen suchen. Doch wie, Eure schone Frau vergiesst Tranen? Ich weiss die Quelle dieses klaren Taues, es ist die Erinnerung an unser bitteres Geschick, die wir selbst heraufbeschworen haben. Hinweg mit diesen Tranen, schone Frau. Am Hochzeittag ist es kein gutes Zeichen. Doch mit Verlaub Eures Eheherrn will ich jetzt eine alte Schuld einziehen, Ihr wisst noch welche?"

Marie errotete, und warf einen forschenden Blick nach Georg hinuber, als furchte sie, jenes alte Ubel, das sie oft kaum zu beschworen vermochte, mochte wiederkehren. Georg wusste recht wohl, was der Herzog meine, denn jene Szene, die er hinter der Ture belauschte, war ihm noch immer im Gedachtnis; doch er fand Gefallen daran, den Herzog und Marien zu nekken, und antwortete als diese noch immer schwieg: "Herr Herzog, wir sind jetzt zusammen ein Leib und eine Seele, wenn also meine Frau in fruheren Zeiten Schulden gemacht hat, so steht es mir zu sie zu bezahlen."

"Ihr seid zwar ein hubscher Junge", entgegnete Ulerich mit Laune, "und manche unserer Frauleins hier am Tische mochte vielleicht gerne einen solchen Schuldbrief an Euren schonen Mund einzufordern haben; mir aber kann dies nicht frommen, denn meine Urkunde lautet auf die roten Lippen Eurer Frau."

Der Herzog stand bei diesen Worten auf und naherte sich Marien, die bald errotend bald erbleichend angstlich auf Georg herubersah; "Herr Herzog", flusterte sie, indem sie den schonen Nacken zuruckbog, "es war nur Scherz; ich bitte Euch." Doch Ulerich liess sich nicht irremachen, sondern zog die Schuld samt Zinsen von ihren schonen Lippen ein.

Der alte Herr von Lichtenstein sah bei dieser Szene finster bald auf den Herzog, bald auf seine Tochter, vielleicht mochte ihm Ulerich von Hutten beifallen, denn seine Blicke streiften auch angstlich auf seinen Schwiegersohn. Der Kanzler Ambrosius Volland aber schaute mit hohnischer Schadenfreude aus den grunen Auglein auf den jungen Mann; "Hi, hi", rief er ihm zu; "ich leere meinen Becher auf gutes Wohlsein. Eine schone Frau ist eine gute Bittschrift in aller Not; wunsche Gluck, liebster, wertgeschatzter Herr; hi! hi! 's ist ja auch was Unschuldiges, solange es vor den Augen des Ehemanns geschieht."

"Allerdings, Herr Kanzler!" erwiderte Georg mit grosser Ruhe, "um so unschuldiger als ich selbst dabei war, wie meine Frau Seiner Durchlaucht diesen Dank zusagte. Der Herr Herzog versprach beim Vater fur uns zu bitten, dass er mich zu seinem Eidam annehme, und bedung sich dafur diesen Lohn an unserem Hochzeittage."

Der Herzog sah den jungen Mann mit Staunen an, Marie errotete von neuem, denn sie mochte sich jene ganze Szene ins Gedachtnis zuruckrufen, aber keines von beiden widersprach ihm, sei es, weil sie es fur unschicklich hielten, ihn Lugen zu strafen, sei es, weil sie ahneten er konne sie belauscht haben. Aber Ulerich konnte doch nicht unterlassen, ihn heimlich um die naheren Umstande zu befragen, er teilte sie ihm in wenigen Worten mit.

"Du bist ein sonderbarer Kauz!" flusterte der Herzog lachend, "was hattest du denn gemacht, wenn Wir damals ein Kusschen erobert hatten?"

"Ich kannte Euch noch nicht", flusterte Georg ebenso leise, "drum hatte ich Euch auf der Stelle niedergestochen und an die nachste Eiche aufgehangt."

Der Herzog biss sich in die Lippen und sah ihn verwundert an; dann aber druckte er ihm freundlich die Hand und sagte: "Da hattest du alles Recht dazu gehabt, und Wir waren in Unseren Sunden abgefahren. Doch siehe, da bringen sie wieder Spenden fur die Braut."

Es erschienen jetzt die Diener der Ritter und Edeln, die zur Hochzeit geladen waren, die trugen allerlei seltenes Hausgerate, Waffen, Stoff zu Kleidern und dergleichen; man wusste zu Stuttgart, dass es der Liebling des Herzogs sei, dem dieses Fest gelte, drum hatte sich auch eine Gesandtschaft der Burger eingestellt, ehrsame angesehene Manner in schwarzen Kleidern; kurze Schwerter an der Seite; mit kurzen Haaren und langen Barten. Der eine trug eine aus Silber getriebene Weinkanne, der andere einen Humpen aus demselben Metall, mit eingesetzten Schaumunzen geschmuckt. Sie nahten sich ehrerbietig zuerst dem Herzog, verbeugten sich vor ihm, und traten dann zu Georg von Sturmfeder.

Sie verbeugten sich lachelnd auch vor ihm, und der mit dem Humpen hub an:

"Gegrusset sei das Ehepaar

Und leb zusamt noch manches Jahr;

Um euch zu fristen langes Leben

Will Stuttgart euch ein Tranklein geben.

Des Lebens Tranklein ist der Wein,

Komm guter Geselle schenk mir ein."

Der andere Burger goss aus der Flasche den Humpen voll, und sprach wahrend der erste trank:

"Von diesem Tranklein steht ein Fass

Vor eurer Wohnung auf der Gass.

Es ist vom besten, den wir haben,

Er soll euch Leib und Seele laben;

Er geb euch Mut, Gesundheit, Kraft,

Das wunscht euch Stuttgarts Burgerschaft."

Der erstere hatte indessen ausgetrunken und fullte den Becher von neuem, und sprach, indem er ihn dem jungen Mann kredenzte:

"Und wenn ihr trinkt von diesem Wein

Soll euer erster Trinkspruch sein:

'Es leb der Herzog und sein Haus!'

Ihr trinkt bis auf den Boden aus;

Dann schenkt ihr wieder frischen ein:

'Hoch leb Sturmfeder und Lichtenstein.'

Und lustet euch noch eins zu trinken,

Mogt ihr an Stuttgarts Burger denken."

Georg von Sturmfeder reichte beiden die Hand, und dankte ihnen fur ihr schones Geschenk; Marie liess ihre Weiber und Madchen grussen, und auch der Herzog bezeugte sich ihnen gnadig und freundlich. Sie legten den silbernen Becher und die Kanne in den Korb zu den ubrigen Geschenken, und entfernten sich ehrbaren und festen Schrittes aus der Tyrnitz. Doch die Burger waren nicht die letzten gewesen, welche Geschenke gebracht hatten; denn kaum hatten sie die Halle verlassen, so entstand ein Gerausch an der Ture, wo die Landsknechte Wache hielten, das selbst die Aufmerksamkeit des Herzogs auf sich zog. Man horte tiefe Mannerstimmen fluchen und befehlen, dazwischen ertonten hohe Weiberstimmen, von denen besonders eine, die am heftigsten haderte, der Gesellschaft am obersten Ende der Tafel sehr bekannt schien.

"Das ist wahrhaftig die Stimme der Frau Rosel!" flusterte Lichtenstein seinem Schwiegersohn zu, "Gott weiss, was sie wieder fur Geschichten hat."

Der Herzog schickte einen Edelknaben hin, um zu erfahren was das Larmen zu bedeuten habe; er erhielt zur Antwort, einige Bauernweiber wollen durchaus in die Halle, um den Neuvermahlten Geschenke zu bringen; da es aber nur gemeines Volk sei, so wollen sie die Knechte nicht einlassen. Ulerich gab Befehl sie vorzubringen, denn die Spruchlein der Burger hatten ihm gefallen, und auch von den Bauersleuten versprach er sich Kurzweil. Die Knechte gaben Raum, und Georg erblickte zu seinem Erstaunen die runde Frau des Pfeifers von Hardt mit ihrem schonen Tochterlein, gefuhrt von der Frau Rosel ihrer Base.

Schon auf dem Wege in die Kirche hatte er die holden Zuge des Madchens von Hardt, die er nicht aus seinem Gedachtnis verloren, zu bemerken geglaubt; aber wichtigere Gedanken und die Heiligkeit des Sakraments, die seine ganze Seele fullten, hatten diese fluchtige Erscheinung verdrangt. Er belehrte die Gesellschaft, wer die Nahenden seien, und mit grossem Interesse blickten sie alle auf das Kind jenes Mannes, dessen wunderbares Eingreifen in das Schicksal des Herzogs ihnen oft so unbegreiflich gewesen war, dessen Treue ihnen so erhaben, dessen Hulfe in der Not so willkommen erschienen war. Das Madchen hatte die blonden Haare, die offene Stirne, die Zuge ihres Vaters; nur die List, die aus seinen Augen, die Kuhnheit und Kraft, die aus seinem Wesen sprach, war bei ihr, wenn sie nicht schuchtern und blode war, in eine neckende Freundlichkeit und in rustiges behendes Wesen ubergegangen. So hatte sie Georg erkannt, als er im Hause des Pfeifers wohnte, doch heute schien sie vor den vielen vornehmen Leuten etwas schuchtern, ja es wollte ihm sogar scheinen, als sei ein neuer Zug in ihr Gesicht gekommen, den er fruher nicht an ihr bemerkt hatte, eine gewisse Wehmut und Trauer, die sich um ihren Mund und in ihren Augen aussprach.

Die Pfeifersfrau wusste was Lebensart sei, sie verbeugte sich daher von der Ture der Tyrnitz in einem fort, bis sie zum Stuhl des Herzogs kam. Frau Rosel hatte noch die Rote des Zornes auf ihren magern Wangen, denn die Landsknechte, namentlich der Magdeburger und Kaspar Staberl, hatten sie hochlich beleidigt, und sie eine durre Stange geheissen. Ehe sie noch sich sammeln und den Herrschaften geziemend die Familie ihres Bruders vorstellen konnte, hatte die runde Frau schon einen Zipfel von des Herzogs Mantel gefasst und ihn an die Lippen gedruckt: "Guetan Obed, Herr Herzich", sprach sie dazu mit tiefen Knicksen; "wie got Ich's, seit Er wieder in Schtuagerdt send; mei Ma losst Ich scho gruassa; mer komme aber et zum Herr Herzich, noi, zu dem Herra dort drube welle mer. Mer hent a Hochzeitschenke fur sei Frau. Do sieztt se jo, gang Barbele, lang's aus em Krattle."

"Ach! du lieber Gott", fiel Frau Rosel ihrer Schwagerin ins Wort; "bitt' untertanigst um Verzeihung, Euer Durchlaucht, dass ich die Leut reingebracht habe; 's ist Frau und Kind vom Pfeifer von Hardt; ach! du Herr Gott, nehmet doch nichts ubel, Herr Herzog; die Frau meint's gwiss gut."

Der Herzog lachte mehr uber diese Entschuldigung der Frau Rosel, als uber die Reden ihrer Schwagerin: "Was macht denn dein Mann, der Pfeifer? Wird er uns bald besuchen? Warum kam er nicht mit euch?"

"Sell hot sein Grund, Herr!" erwiderte die runde Frau; "wenn's Krieg geit, bleibt er gwiss et aus; do ka mer'n brauche; aber im Frieda? Noi, do denkt er, mit grausse Herra ist's et guet Kirscha fressa."

Frau Rosel wollte beinahe verzweifeln uber die Naivetat der runden Frau, sie zog sie am Rock und am langen Zopfhand, es half nichts, die Frau des Pfeifers sprach zu grosser Ergotzung des Herzogs und seiner Gaste immer weiter, und das unausloschliche Gelachter, das ihre Antworten erregten, schien ihr Freude zu machen. Barbele hatte indessen mit dem Deckel des Korbchens gespielt, sie hatte einigemal gewagt, ihre Blicke zu erheben, um jenes Gesicht wiederzusehen, das im Fieber der Krankheit so oft an ihrem Busen geruht, und in ihren treuen Armen Ruhe und Schlummer gefunden hatte, jenen Mund wiederzusehen, den sie so oft heimlicherweise mit ihren Lippen beruhrt hatte, und jene Augen, deren klarer, freundlicher Strahl ewig in ihrem Gedachtnis fortgluhte. Sie erhob ihre Blicke immer wieder von neuem doch, wenn sie bis an seinen Mund gekommen war, schlug sie sie wieder aus Furcht, seinem Auge zu begegnen herab.

"Siehe, Marie", horte sie ihn sagen, "das ist das gute Kind, das mich pflegte als ich krank in ihres Vaters Hutte lag; das mir den Weg nach Lichtenstein zeigte."

Marie wandte sich um und ergriff gutig ihre Hand; das Madchen zitterte, und ihre Wangen farbte ein dunkles Rot; sie offnete ihr Korbchen und uberreichte ein Stuck schoner Leinwand und einige Bundel Flachs, so fein und zart wie Seide. Sie versuchte zu sprechen, aber umsonst, sie kusste die Hand der jungen Frau, und eine Trane fiel herab auf ihren Ehering.

"Ei, Barbele", schalt Frau Rosel, "sei doch nicht so schuchtern und angstlich; gnadige Fraulein wollte sagen, gnadige Frau, habt Nachsicht, sie kommt selten zu vornehmen Leuten. 'Es ist niemand so gut, er hat zweierlei Mut' , heisst es im Spruchwort: das Madchen kann sonst so frohlich sein wie eine Schwalbe im Fruhling "

"Ich danke dir, Barbele!" sagte Marie, "wie schon deine Leinewand ist! Die hast du wohl selbst gesponnen?"

Das Madchen lachelte durch Tranen; sie nickte ein Ja! zu sprechen schien ihr in diesem Augenblick unmoglich zu sein. Der Herzog befreite sie von dieser Verlegenheit, um sie noch in eine grossere zu ziehen. "Wahrhaftig, ein schones Kind hat Hanns der Spielmann", rief er aus, und winkte ihr naher zu treten; "hoch gewachsen und lieblich anzuschauen! schaut nur, Herr Kanzler, was ihr das rote Mieder und das kurze Rockchen gut ansteht; wie? Ambrosius Volland, meinst du nicht, wir konnten durch ein allgemeines Edikt diese niedliche Tracht auch bei unseren Schonen in Stuttgart einfuhren?"

Der Kanzler verzog sein Gesicht zu einem greulichen Lacheln; er beschaute das errotende Madchen mit seinen Auglein vom Kopf bis zu den Fussen. "Man konnte zum Grund angeben", sagte er, "dass dadurch eine Elle in der Lange erspart wurde; so gut Euer Durchlaucht vor einigen Jahren das Mass und Gewicht hat kleiner machen lassen, habt Ihr nach allen Regeln der Logika auch das Recht dem Frauenzimmer die Rocklein zu verkurzen. Ware aber damit nichts gewonnen, denn hi, hi, hi! schaut nur, was dort wegfiele, mussten dann die hiesigen Schonen oben wieder ansetzen. Und wer weiss, ob sie sich gerne dazu verstunden? Sie gehoren zum Geschlecht der Pfauen, und Ihr wisst schon, dass diese nicht gerne auf ihre Beine sehen."

"Hast recht! Ambrosius", lachte der Herzog; "es geht doch nichts uber einen gelehrten Herrn! Aber sag einmal, Kind, hast du auch schon einen Schatz? einen Liebsten?"

"Ei was, Euer Durchlaucht!" unterbrach ihn die runde Frau, "wer wird so ebbes von so ema Kind denka! Se ist a ehrlichs Madle, Herr Herzich!"

Der Herzog schien nicht auf diese Bemerkung zu horen; er betrachtete lachelnd die Verlegenheit, die sich auf den reinen Zugen des Madchens abspiegelte; sie seufzte leise, sie spielte mit den bunten Bandern ihrer Zopfe, sie sandte unwillkurlich einen Blick, aber einen Blick voll Liebe auf Georg von Sturmfeder, und schlug dann errotend wieder die Augen nieder. Der Herzog, dem dies alles nicht entging, brach in lautes Lachen aus, in das die ubrigen Manner einstimmten. "Junge Frau!" sagte er zu Marien, "jetzt konnt Ihr billig die Eifersucht Eures Herrn teilen, wenn Ihr gesehen hattet was ich sah, konntet Ihr allerlei deuteln und vermuten."

Marie lachelte und blickte teilnehmend auf das schone Madchen; sie fuhlte, wie wehe ihr der Spott der Manner tun musse. Sie flusterte der Frau Rosel zu, sie und die runde Frau zu entfernen. Auch dieses bemerkte Ulerichs scharfer Blick und seine heitere Laune schrieb es der schnell erwachten Eifersucht zu. Marie aber band ein schones, aus Gold und roten Steinen gearbeitetes Kreuzchen ab, das sie an einer Schnur um den Hals getragen, und reichte es dem uberraschten Madchen. "Ich danke dir", sagte sie ihr dazu; "grusse deinen Vater und besuche uns recht oft hier und in Lichtenstein! Wie ware es, wenn du mir dientest als Zofe? Du sollst es gut haben, und hast ja auch deine Muhme, Frau Rosel, bei uns."

Das Madchen erschrak sichtbar; sie schien mit sich zu kampfen, oft schien ein freundliches Lacheln "ja" sagen zu wollen, aber ebensooft drangte ein schmerzlicher Zug um den Mund diesen Entschluss zuruck: "I dank scho; gnadige Frau!" antwortete sie, indem sie Mariens schone Hand kusste; "aber i muess daheim bleibe; d'Mueter wird alt und braucht me, b'hut Ich Gott der Herr, alle Heilige walten uber Ich, und die heilige Jungfrau sei Ich gnadig. Lebet gsund und froh mit Euerem Herra, es ist a gueter, lieber Herr!" Noch einmal beugte sich Barbele herab auf Mariens Hand, und entfernte sich dann mit ihrer Mutter und der Base.

"Hor einmal", rief ihr der Herzog nach, "wenn deine Mutter einmal zugibt, dass du einen Liebsten bekommst, so bring ihn mir; ich will dich ausstatten, du hubsches Pfeiferskind!"

Unter diesen Szenen war es vier Uhr geworden, und der Herzog hob die Tafel auf. Dies war das Zeichen, dass sich jetzt das Volk von den Galerien entfernen musse, die sogleich mit Polstern und Teppichen belegt, und zum Empfang der Damen eingerichtet wurden. In dem Parterre der Tyrnitz wurden schnell die Tafeln weggeraumt, Lanzen, Schwerter, Schilde, Helme und der ganze Apparat zu Ritterspielen herbeigeschleppt, und in einem Augenblicke war diese grosse Halle, die noch soeben der Sitz der Tafelfreuden gewesen war, zum Waffensaal eingerichtet. Wie die Damen in unseren Tagen gerne lauschen, wenn die Manner sich in gelehrte Diskussionen und politische Streitigkeiten einlassen, wie jede wunscht den Geliebten oder Gemahl am scharfsinnigsten urteilen, am schnellzungigsten disputieren zu horen, so war es in den guten alten Zeiten den Frauen Freude, selbst blutige Kampfe ihrer Manner zu beobachten, und aus manchem schonen Auge blitzte das Hochgefuhl, einem Tapfern anzugehoren, manche holde Wange schmuckte ein hoheres Rot, nicht wenn der Geliebte in Gefahr, sondern wenn er sich zuruckzuziehen schien, oder seine Hiebe nicht so kraftig waren wie die seines Gegners.

Es wurden an diesem Abend sogar Pferde in die Halle gefuhrt, und Marie hatte die Freude, ihrem Geliebten den zweiten Dank im Rennen uberreichen zu konnen, denn er machte den Herrn von Hewen zweimal im Sattel wanken. Der tapferste Kampfer war Herzog Ulerich von Wurttemberg, eine Zierde der Ritterschaft seiner Zeit. Meldet ja doch die Sage von ihm, dass er an seinem eigenen Hochzeittag, acht der starksten Ritter des Schwaben- und Frankenlandes in den Sand warf. Nachdem die Ritterspiele einige Stunden gedauert hatten, zog man zum Tanz in den Rittersaal, und den Siegern im Kampfe wurden die Vortanze eingeraumt. Der frohliche Reigen ertonte bis in die Nacht; der Herzog schien alle Sorgen vor der bangen Zukunft auf den Hocker seines Kanzlers geschoben zu haben, der wie die bose Zeit in einem Fenster sass, und mit bitterem Lacheln einem Vergnugen zuschaute, von welchem ihn seine eigene Missgestalt ausschloss.

Zum letzten Tanz vor dem Abendtrunk wollte Ulerich die Krone des Festes, die junge, schone Frau Marie aufrufen, doch im ganzen Saal suchte er und Georg sie vergebens auf, und die lachelnden Frauen gestanden, dass sechs der schonsten Fraulein sie entfuhrt, und in ihre neue Wohnung begleitet haben, um ihr dort, wie es die Sitte wolle, die mysteriosen Dienste einer Zofe zu erzeigen.

"Sic transit gloria mundi!" sagte der Herzog lachelnd; "und siehe, Georg, da nahen sie schon mit den Fackeln, deine Gesellen und zwolf Junker, sie wollen dir 'heimzunden' Doch zuvor leere noch einen Becher mit Uns Geh Mundschenk! bring vom Besten."

Marx Stumpf von Schweinsberg und Dieterich von Kraft naheten sich mit Fackeln, und boten sich an, Georg nach Hause zu geleiten. An sie schlossen sich zwolf Junker, ebenfalls mit Fackeln an, um dem jungen Mann diese Ehre zu erweisen; denn so wollte es die Sitte der guten alten Zeit. Der Mundschenk goss die Becher voll, und kredenzte sie seinem Herzog und Georg von Sturmfeder.

Ulerich sah ihn lange und nicht ohne Ruhrung an; er druckte seine Hand und sagte:

"Du hast Probe gehalten. Als ich verlassen und elend unter der Erde lag, hast du dich zu mir bekannt; als jene vierzig meine Burg ubergaben und kein Stuckchen Wurttemberg mehr mein war, bist du mir aus dem Land gefolgt, hast mich oft getrostet und auch auf diesen Tag verwiesen. Bleibe mein Freund, wer weiss was die nachsten Tage bringen. Jetzt kann ich wieder Hunderten gebieten, und sie schreie: 'Hoch!' auf das Wohl meines Hauses, und doch war mir dein Trinkspruch mehr wert, den du in der Hohle ausbrachtest, und den das Echo beantwortete. Ich erwidere es jetzt und gebe es dir zuruck: Sei glucklich mit deinem Weibe, moge dein Geschlecht auf ewige Zeiten grunen und bluhen; moge es Wurttemberg nie an Mannern fehlen, so mutig im Gluck, so treu im Ungluck wie du!"

Der Herzog trank und eine Trane fiel in seinen Becher. Die Gaste stimmten jubelnd in seinen Ruf, die Fackeltrager ordneten sich, und seine Gesellen fuhrten Georg von Sturmfeder aus dem Schloss der Herzoge von Wurttemberg.

VIII

Auch aus entwolkter Hohe

Kann der zundende Donner schlagen,

Darum in deinen glucklichen Tagen

Furchte des Unglucks tuckische Nahe.

Schiller

Der Weg, den die beruhmtesten Novellisten unserer Tage bei ihren Erzahlungen aus alter oder neuer Zeit einschlagen, ist ohne Wegsaule zu finden, und hat ein unverrucktes, bestimmtes Ziel. Es ist die Reise des Helden zur Hochzeit. Mag sein Weg sich noch so oft krummen, wagt er es sogar Abstecher zu machen, und in Wirtshausern und Burgen ungebuhrlich lange zu verweilen, er eilt nachher um so rascheren Schrittes seinem Ziele zu, und wenn er endlich nach so vielen Leiden mit gehoriger Wurde in die Brautkammer geschoben ist, pflegt der Autor dem Leser die Ture vor der Nase zuzuwerfen und das Buch zu schliessen. Auch wir hatten mit dem herrlichen Reigen im Schlosse zu Stuttgart schliessen, oder den Leser mit dem Fackelzug des Brautigams aus dem Buche hinausbegleiten konnen, aber die hohere Pflicht der Wahrheit und jenes Interesse, das wir an einigen Personen dieser Historie nehmen, notigt uns den geneigSchritte zu begleiten, und den Wendepunkt eines Schicksals zu betrachten, das in seinem Anfang unglucklich, in seinem Fortgang gunstiger, durch seine eigene Notwendigkeit sich wieder in die Nacht des Elends verhullen musste.

Das Motto, womit wir diesen Abschnitt bezeichneten, ist eine Geisterstimme, die warnend durch die Weltgeschichte tont, die von vielen vernommen, von den meisten uberhort, von wenigen befolgt wurde; zu allen Zeiten ging ein finsterer Geist durch das Haus der Erde, man vernahm oft sein Rauschen, man suchte es durch die Tone der Freude zu ubertauben. Ulerich von Wurttemberg hatte jene Stimme in mancher Nacht vernommen, die er sorgenvoll auf seinem Lager durchwachte. Er glaubte das Gerausch vieler Gewappneter, und die drohnenden Tritte eines Heeres zu vernehmen, er glaubte sie naher und naher um ihn sich lagern zu horen, und wenn er sich auch uberzeugte, dass es nur die Nachtluft war, die um die Turme seines Schlosses brauste, so blieb doch eine finstere Ahnung in ihm zuruck, dass sein Schicksal noch einmal sich wenden konnte. Jene Warnung des alten Ritters von Lichtenstein tonte oft in seiner Seele wider, und vergeblich strengte er sich an, die kunstlichen Folgerungen seines Kanzlers sich zu wiederholen, um ein Verfahren bei sich zu entschuldigen, das ihm jetzt zum wenigsten nicht genug uberdacht schien. Denn seine alten Feinde rusteten sich mit Macht. Der Bund hatte ein neues Heer geworben und drang herab ins Land, naher und naher an das Herz von Wurttemberg. Die Reichsstadt Esslingen bot fur diese Unternehmungen einen nur zu gunstigen Stutzpunkt. Sie liegt nur wenige Stunden von der Hauptstadt, beinahe mitten im Lande, und war, sobald das Heer des Bundes die Kommunikation mit ihr hergestellt hatte, eine furchtbare Schanze, um Ausfalle nach Wurttemberg zu begunstigen und zu decken. Das Landvolk nahm an vielen Orten den Bund gunstig auf, denn der Herzog hatte sie durch die neue Art, wie er sich huldigen liess, angstlich gemacht. Der Wurttemberger liebt von jeher das Alte und Hergebrachte. Altes Recht, alte Ordnung, sind ihm goldene Worte, wenn er auch oft nicht weiss, was sie bedeuten, und ob das Neue nicht besser ist. Seine Ruhe, die er bei anderen Zufallen des Lebens zeigt, verlasst ihn, wenn man von Neuerungen spricht, und ein Eigensinn, der sogar Trotz wird, lasst ihn das Alte mit einer Glut, mit einer naturlichen Begeisterung umfassen, die ihm sonst fremd ist, und ganzlich ausser seinem Wesen, der ruhigen, biederen Geschaftigkeit, liegt.

Diese Liebe zum Alten hatte der Herzog an seinem Volk erfahren, als er einige Jahre zuvor seinen Raten folgte, und zur Verbesserung seiner Finanzen ein neues Mass und Gewicht einfuhrte. Der "Arme Konrad", ein formlicher Aufstand armer Leute hatten ihn nachdenklich gemacht und den Tubinger Vertrag eingeleitet. Diese Liebe zum Alten hatte sich auf eine ruhrende Weise an ihm gezeigt, als der Bund ins Land fiel, und das Haupt des alten Furstenstammes verjagen wollte. Ihre Vater und Grossvater hatten unter den Herzogen und Grafen von Wurttemberg gelebt, darum war ihnen jeder verhasst, der diese verdrangen wollte; wie wenig sie das Neue lieben, hatten sie dem Bunde und seinen Statthaltern oft genug bewiesen.

Der alte angestammte Herzog, ein Wurttemberger, kam wieder ins Land; sie zogen ihm freudig zu; sie glaubten jetzt werde es wieder hergehen wie "vor alters"; sie hatten recht gerne Steuern bezahlt, Zehnten gegeben, Gulten aller Art entrichtet und Fronen geleistet; sie hatten uber Schwereres nicht gemurrt, wenn es nur nach hergebrachter Art geschehen ware. So gut ward es ihnen aber nicht; die alten Formeln waren aus dem Huldigungseid verschwunden, die Steuern wurden nicht mehr nach hergebrachter Sitte eingezogen, es war alles anders als fruher, kein Wunder wenn sie den Herzog als einen neuen Herren ansahen, und murrend nach dem alten Recht verlangten. Sie hatten zu Ulerich kein Zutrauen mehr, nicht weil seine Hand schwerer auf ihnen ruhte als vorher, nicht weil er bedeutend mehr von ihnen wollte als fruher, sondern weil sie die neuen Formen mit argwohnischen Augen ansahen.

Ein Herzog, besonders wenn er einem Ambrosius Volland sein Ohr leiht, erfahrt selten genau wie man uber ihn denkt, und ob die Massregeln klug berechnet waren, die ihm seine Rate an die Hand geben. Und dennoch entging Ulerichs hellem Auge die Unzufriedenheit seines Volkes nicht ganz. Er merkte, dass er im schlimmen Falle sich nicht auf sie werde verlassen konnen, so wenig als auf die Ritterschaft des Landes, die, seit er wieder im Land war, sich sehr neutral verhalten hatte.42

Seine Unruhe uber diese Bemerkungen suchte er jedem Auge zu verbergen. Er beschwor die wildesten Tone der Freude herauf, und oft gelang es ihm sogar selbst zu vergessen, vor welchem Abgrund er stehe. Er versuchte, um seinem Volk und dem Heer, das er in und um Stuttgart versammelt hatte, Vertrauen und Mut einzuflossen, einige Einfalle, welche die Bundischen von Esslingen aus in sein Land gemacht hatten, verdoppelt heimzugeben. Er schlug sie zwar und verwustete ihr Gebiet, aber er verhehlte sich nicht, wenn er nach einem solchen Siege in seine Stellungen zuruckging, dass das Kriegsgluck ihn vielleicht verlassen konnte, wenn der Bund einmal mit dem grossen Heere im Feld erscheinen werde.

Und er erschien fruhe genug fur Ulerichs zweifelhaftes Geschick. Noch wusste man in Stuttgart wenig oder nichts von dem Aufgebot des Bundes, noch lebte man am Hof und in der Stadt in Ruhe und in Freude, als auf einmal am zwolften Oktober die Landsknechte, welche der Herzog ein Lager bei Cannstatt hatte beziehen lassen, fluchtig nach Stuttgart kamen, und von einem grossen bundischen Heer erzahlten, das sie zuruckgeworfen habe. Jetzt merkten die Bewohner Stuttgarts, dass eine wichtige Entscheidung nahe, jetzt sahen sie ein, dass der Herzog langst um diesen drohenden Einfall gewusst haben musse, denn er liess an diesem Tage die Amter aufbieten, liess die Truppen sich versammeln, die auf das Land umher verlegt gewesen waren, und hielt noch am Abend dieses Tages eine Musterung uber zehntausend Mann.43

Noch in der Nacht zog er mit einem grossen Teil der Mannschaft aus, um die Stellungen, die ein Teil der Landsknechte zwischen Cannstatt und Esslingen genommen hatte, zu verstarken.

In jener Nacht wurde in Stuttgart manche Trane von schonen Augen geweint, denn Manner und Junglinge, was die Waffen fuhren konnte, zog mit dem Herzog in die Schlacht. Doch das Rauschen des abziehenden Heeres ubertonte die Klagen der Madchen und Frauen, sie verhallten wie das Wimmern eines Kindes im Kampf der Elemente. Mariens Schmerz war stumm, aber gross, als sie den Gatten unter die Ture herabgeleitete, wo die Knechte mit den Rossen fur ihn und den Vater hielten. Sie hatten still und einsam, nur mit ihrem Gluck beschaftigt, die ersten Tage ihrer Ehe verlebt. Sie dachten wenig an die Zukunft, sie glaubten im Hafen zu sein, und indem sie nur sich selbst lebten, uberhorten sie das Flustern, die geheimnisvolle Unruhe, die einem nahenden Sturm vorangeht. Sie waren gewohnt, den Vater ernst und duster zu sehen, es fiel ihnen nicht auf, wie sein Auge immer truber, seine Stirne finsterer, seine Mienen beinahe traurig wurden. Er sah ihr susses Gluck, er fuhlte mit ihnen, er verbarg, um sie nicht zu fruhe aufzustoren, was ihm eine bange Ahnung oft genug sagte. Aber endlich nahte der entscheidende Schlag. Der Herzog von Bayern war bis in die Mitte des Landes vorgedrungen, und der Ruf zu den Waffen schreckte Georg aus den Armen seines geliebten Weibes.

Die Natur hatte ihr eine starke Seele und jene entschiedene Erhabenheit uber jedes irdische Verhangnis gegeben, die nur in einer reinen Seele und in der mutigen Zuversicht auf einen hohern Beistand bestehen kann. Sie wusste, was Georg der Ehre seines Namens, und seinem Verhaltnis zum Herzog schuldig sei, darum erstickte sie jeden lauten Jammer, und brachte ihrer schwacheren Natur nur jenes Opfer schmerzlicher Tranen, die dem Auge, das den Geliebten tausend Gefahren preisgegeben sieht, unwillkurlich entstromen.

"Siehe, ich kann nicht glauben, dass du auf immer von mir gehst", sagte sie, indem sie ihre schonen Zuge zu einem Lacheln zwang; "wir haben jetzt erst zu leben begonnen, der Himmel kann nicht wollen, dass wir schon Aufhoren sollen. Drum kann ich dich ruhig ziehen lassen, ich weiss ja zuversichtlich, dass du mir wiederkehrst."

Georg kusste die schonen, weinenden Augen, die ihn so mild und voll Trost anblickten. Er dachte in diesem Augenblick nicht an die Gefahr, der er entgegengehe, nicht an die Moglichkeit, dass vielleicht schon das nachste Morgenrot seine Leiche bescheinen werde; er dachte nur daran, wie gross fur das teure Wesen, das er in den Armen hielt, der Schmerz sein musste, wenn er nicht mehr zuruckkehrte: wie sie dann ein langes Leben einsam, nur in der Erinnerung an die wenigen Tage des Gluckes, fortleben konnte. Er presste sie heftiger in die Arme, als wolle er dadurch diese schwarzen Gedanken verscheuchen, seine Blicke tauchten tiefer in ihre Augen herab, um dort Vergessenheit zu suchen, und es gelang ihm, wenigstens trug er ein schones Bild der Hoffnung und der Zuversicht mit sich hinweg.

Die Ritter stiessen vor dem Tor gegen Cannstatt zu dem Herzog. Es war dunkle Nacht, das erste Viertel des Mondes und das Heer der Sterne warfen einen matten Schein herab; Georg glaubte zu bemerken, dass der Herzog finster und in sich gekehrt sei, denn seine Augen waren niedergeschlagen, seine Stirne kraus, und er ritt stumm seinen Weg weiter, nachdem er sie fluchtig mit der Hand gegrusst hatte.

Ein nachtlicher Marsch hat immer etwas Geheimnisvolles, Bedeutendes an sich. Die Sonne, heitere Gegenden, der Anblick vieler Kameraden, der Wechsel der Aussichten locken bei Tag den Soldaten zum Gesprach, wohl auch zum Gesang. Weil die Eindrukke von aussen starker sind, denkt man weniger nach uber das Ziel des Marsches, uber das Ungewisse des Krieges, uber die Zukunft, die niemand dunkler verhangt ist, als dem Kriegsmann im Felde. Ganz anders auf dem Marsch in der Nacht. Man hort nur das Gedrohn des Zuges, den taktartigen Hufschlag der Rosse, ihr Schnauben, das Klirren der Waffen; und die Seele, die durch das Auge keine Bilder mehr empfangt, wird durch dieses eintonige Gemurmel ernster; Scherz und Gelachter sind verstummt, das laute Gesprach sinkt zum Gefluster herab, und auch dieses gilt nicht mehr gleichgultigen Gegenstanden, sondern der Entscheidung, welcher man entgegenzieht.

So war auch der Zug in jener Nacht, ernst und von keinem Laut der Freude unterbrochen. Georg ritt neben dem alten Herrn von Lichtenstein, und warf hie und da angstliche Blicke auf diesen, denn er hing wie von Kummer gebuckt im Sattel, und schien ernster als je zu sein. Er hatte beinahe ohne Leben geschienen, wenn nicht hin und wieder ein Seufzer aus seiner Brust heraufgestiegen ware, und seine glanzenden Augen nach den Wolkchen schauten, die um die bleiche Sichel des Mondes zogen.

"Glaubt Ihr, es werde morgen zum Gefecht kommen, Vater?" flusterte Georg nach einer Weile.

"Zum Gefecht? zur Schlacht."

"Wie? Ihr glaubt also, das Bundesheer sei so stark, dass es uns jetzt schon werde die Spitze bieten konnen? Es ist nicht moglich. Herzog Wilhelm musste Flugel haben, wenn er seine Bayern herabgefuhrt hatte, und Frondsberg ist in seinen Entschlussen bedachtig. Ich glaube nicht, dass sie viel uber sechstausend stark sind."

"Zwanzigtausend", antwortete der Alte mit dumpfer Stimme.

"Bei Gott, das hab ich nicht gedacht", entgegnete der junge Mann mit Staunen. "Freilich, da werden sie uns hart zusetzen. Doch wir haben geubtes Volk, und des Herzogs Augen sind scharfer als irgendeines im Bundesheere, selbst als Frondsbergs. Glaubt Ihr nicht auch, dass wir sie schlagen werden?"

"Nein."

"Nun, ich gebe die Hoffnung nicht auf. Ein grosser Vorteil fur uns liegt schon darin, dass wir fur das Land fechten, die Bundischen aber dagegen; das macht unseren Truppen Mut; die Wurttemberger kampfen fur ihr Vaterland."

"Gerade darauf traue ich nicht", sprach Lichtenstein; "ja wenn der Herzog sich anders hatte huldigen lassen, so aber hat er das Landvolk nicht fur sich; sie streiten, weil sie mussen und ich furchte, sie halten nicht lange aus."

"Das ware freilich schlimm", erwiderte Georg; "doch die Schwaben sind ein biederes, ehrliches Volk, sie werden den Herzog nicht in der Not verlassen! Wo glaubt Ihr, dass wir dem Feind begegnen? wo werden wir uns stellen?"

"Zwischen Esslingen und Cannstatt, bei Unterturkheim haben die Landsknechte einige Schanzen aufgeworfen, und stehen dort zu dritthalbtausend Mann; wir werden uns noch in dieser Nacht an sie anschliessen."

Der Alte schwieg und sie ritten wieder eine geraume Zeit stille nebeneinander hin. "Hore Georg!" hub er nach einer Weile an; "ich habe schon oft dem Tod Aug in Auge gesehen, und bin alt genug mich nicht vor ihm zu furchten; es kann jedem etwas Menschliches begegnen troste dann mein liebes Kind, Marie."

"Vater!" rief Georg, und reichte ihm die Hand hinuber, "denket nicht solches! Ihr werdet noch lange und glucklich mit uns leben."

"Vielleicht", entgegnete der alte Mann mit fester Stimme, "vielleicht auch nicht. Es ware toricht von mir, dich aufzufordern, du sollst dich im Gefecht schonen. Du wurdest es doch nicht tun. Doch bitte ich, denk an dein junges Weib, und begib dich nicht blindlings und unuberlegt in Gefahr. Versprich mir dies."

"Gut, hier habt Ihr meine Hand; was ich tun muss, werde ich nicht ablehnen; leichtsinnig will ich mich nicht aussetzen; aber auch Ihr, Vater, konntet dies geloben."

"Schon gut, lass das jetzt; wenn ich etwa morgen totgeschossen werden sollte, so gilt mein letzter Wille, den ich beim Herzog niedergelegt habe; Lichtenstein geht auf dich uber, du wirst damit belehnt werden. Mein Name stirbt hierzuland mit mir, moge der deinige desto langer tonen."

Der junge Mann war von diesen Reden schmerzlich bewegt; er wollte antworten, als eine bekannte Stimme seinen Namen rief. Es war der Herzog, der nach ihm verlangte. Er druckte Mariens Vater die Hand und ritt dann schnell zu Ulerich von Wurttemberg.

"Guten Morgen, Sturmfeder!" sprach dieser, indem seine Stirne sich etwas aufheiterte; "ich sag guten Morgen, denn die Hahne krahen dort unten in dem Dorf. Was macht dein Weib? hat sie gejammert als du wegrittst?"

"Sie hat geweint", antwortete Georg; "aber sie hat nicht mit einem Wort geklagt."

"Das sieht ihr gleich; bei Sankt Hubertus, Wir haben selten eine mutigere Frau gesehen. Wenn nur die Nacht nicht so finster ware, dass ich recht in deine Augen sehen konnte, ob du zum Kampf gestimmt bist und Lust hast, mit den Bundlern anzubinden?"

"Sprecht, wohin ich reiten soll; mitten drauf soll es gehen im Galopp. Glauben Euer Durchlaucht, ich habe in meinem kurzen Ehestand so ganz vergessen, was ich von Euch erlernte, dass man in Gluck und Ungluck den Mut nicht sinken lassen durfe?"

"Hast recht; impavidum ferient ruinae; Wir haben es auch gar nicht anders von Unserem getreuen Bannertrager erwartet. Heute tragt meine Fahne ein anderer, denn dich habe ich zu etwas Wichtigerem bestimmt. Du nimmst diese hundertundsechzig Reiter, die hier zunachst ziehen, lasst dir von einem den Weg zeigen, und reitest Trab gerade auf Unterturkheim zu. Es ist moglich, dass der Weg nicht ganz frei ist, dass vielleicht die von Esslingen schon herabgezogen sind, uns den Pass zu versperren; was willst du tun, wenn es sich so verhalt?"

"Nun, ich werfe mich in Gottes Namen mit meinen hundertundsechzig Pferden auf sie und hau mich durch, wenn es kein Heer ist. Sind sie zu stark, so decke ich den Weg bis Ihr mit dem Zug heran seid."

"Recht gut gesagt, gesprochen wie ein tapferer Degen, und haust du so gut auf sie wie auf mich bei Lichtenstein, so schlagst du dich durch sechshundert Bundler durch. Die Leute, die ich dir gebe, sind gut. Es sind die Fleischer, Sattler und Waffenschmiede von Stuttgart und den anderen Stadten. Ich kenne sie aus manchem Kampf, sie sind wacker, und hauen einen Schadel bis aufs Brustbein durch. Das Schwert in der Faust, reiten sie dir in die Holle, wenn sie dir einmal zugetan sind, und wen sie einmal ans Hirn getroffen haben, der braucht keinen Arzt mehr auf dieser Welt. Das sind die echten Schwabenstreiche."

"Und bei Unterturkheim soll ich mich aufstellen?"

"Dort triffst du auf einer Anhohe die Landsknechte unter Georg von Hewen und Schweinsberg. Die Losung is 'Ulericus fur immer'. Den beiden Herren sagst du, sie sollen sich halten bis funf Uhr, ehe der Tag aufgeht, sei ich mit sechstausend Mann bei ihnen, und dann wollen wir den Bund erwarten. Gehab dich wohl, Georg."

Der junge Mann erwiderte den Gruss, indem er sich ehrerbietig neigte; er ritt an der Spitze der tapfern Reiter, und trabte mit ihnen das Tal hinauf. Es waren kraftige Gestalten, mit breiten Schultern und starken Armen, unter den Sturmhauben hervor blickten ihn mutige Augen und breite ehrliche Gesichter freundlich an; er fuhlte sich ehrenvoll ausgezeichnet eine solche Schar zu fuhren. Bald ging jetzt der Weg bergan, man naherte sich dem Fuss des Rothenberges, auf dessen Gipfel das Stammschloss von Wurttemberg weit uber das schone Neckartal hinsah. Es war vom Sternenschimmer matt erhellt, und Georg konnte seine Formen nicht deutlich unterscheiden, aber dennoch blickte er immer wieder nach diesen Turmen und Mauern hinauf; er erinnerte sich jener Nacht, wo Ulerich in der Hohle mit Wehmut von der Burg seiner Vater sprach, von welcher er sonst auf ein schones Land voll Obst, Wein und Frucht hinabgeschaut, und dies alles sein genannt hatte. Er versank in Gedanken uber das ungluckliche Schicksal dieses Fursten, das ihm aufs neue den Besitz des schonen Landes streitig zu machen schien; er dachte nach uber die sonderbare Mischung seines Charakters, wie hier wahrhafte Grosse oft durch Zorn, Trotz und unbeugsamen Stolz entweiht sei.

"Was Ihr dort unten unterscheiden konnet zwischen den beiden Baumen", unterbrach ihn der Reiter, welcher ihm den Weg zeigte, "ist die Turmspitze von Unterturkheim. Es geht jetzt wieder etwas ebener, und wenn wir Trab reiten, konnen wir bald dort sein."

Der junge Mann trieb sein Pferd an, der ganze Zug folgte seinem Beispiel, und bald waren sie im Angesicht dieses Dorfes. Hier war eine doppelte Linie von Landsknechten aufgestellt, welche ihnen drohend die Hellebarden entgegenstreckten. An vielen Punkten sah man den rotlichen Schimmer gluhender Lunden, die wie Scheinwurmchen durch die Nacht funkelten.

"Halt, wer da?" rief eine tiefe Stimme aus ihren Reihen. "Gebt die Losung!"

"Ulericus fur immer", rief Georg von Sturmfeder. "Wer seid Ihr?"

"Gut Freund!" rief Marx Stumpf von Schweinsberg, indem er aus den Reihen der Landsknechte heraus, und auf den jungen Mann zuritt. "Guten Morgen, Georg; Ihr habt lange auf Euch warten lassen, schon die ganze Nacht sind wir auf den Beinen, und harren sehnlich auf Verstarkung, denn dort druben im Wald sieht es nicht geheuer aus, und wenn Frondsberg den Vorteil verstanden hatte, waren wir schon langst ubermannt."

"Der Herzog zieht mit sechstausend Mann heran", erwiderte Sturmfeder. "Langstens in zwei Stunden muss er da sein."

"Sechstausend, sagst du? bei Sankt Nepomuk, das ist nicht genug; wir sind zu dritthalbtausend, das macht zusammen gegen neuntausend; weisst du, dass sie uber zwanzigtausend stark sind, die Bundischen? Wie viel Geschutz bringt er mit?"

"Ich weiss nicht; es wurde erst nachgefuhrt als wir ausritten."

"Komm, lass die Reiter absitzen und ruhen", sagte Marx Stumpf; "sie werden heute Arbeit genug bekommen."

Die Reiten sassen ab und lagerten sich; auch die Landsknechte losten ihre Reihen auf und stellten nur starke Posten auf den Anhohen und am Neckar auf. Marx Stumpf besichtigte alle Anstalten, und Georg legte sich in seinen Mantel gehullt, nieder, um noch einige Stunden zu ruhen. Die Stille der Nacht, nur durch den eintonigen Ruf der Wachen unterbrochen, senkte ihn bald in einen Schlummer, der seine Seele weit hinweg uber Krieg und Schlachten, in die Arme seines Weibes entfuhrte.

IX

In schwarzen Pulverdampfen

Verbirgt sich Mann und Ross;

Ihr schlagt euch immer kecker

Bergunter alle zumal;

Jetzt sprengt ihr durch den Necker,

Jetzt fechtet ihr im Tal.

G. Schwab

Georg erwachte am Wirbeln der Trommeln, die das kleine Heer unter die Waden riefen. Ein schmaler Saum war am Horizont helle, der Morgen kam, die Truppen des Herzogs sah man in der Ferne daherziehen. Der junge Mann setzte den Helm auf, liess sich den Brustharnisch wieder anlegen und stieg zu Pferd, den Herzog an der Spitze seiner Mannschaft zu empfangen. Aus Ulerichs Zugen war zwar nicht der Ernst, wohl aber alle Dusterkeit verschwunden. Sein Auge spruhte von einem kriegerischen Feuer, und aus seinen Mienen sprach Mut und Entschlossenheit. Er war ganz in Stahl gekleidet, und trug uber seinem schweren Eisenkleid einen grunen Mantel mit Gold verbramt. Die Farben seines Hauses wehten in seinem grossen wallenden Helmbusch. Sonst unterschied er sich in nichts von den ubrigen Rittern und Edeln, die ebenfalls in blankes Eisen "bis an die Zahne" gekleidet, den Herzog in einem grossen Kreis umgaben. Er begrusste freundlich Hewen, Schweinsberg und Georg von Sturmfeder, und liess sich von ihnen uber die Stellung des Feindes berichten.44

Noch war von diesem nichts zu sehen; nur an dem Saum des Waldes gegen Esslingen hin, sah man hin und wieder seine Posten stehen. Der Herzog beschloss den Hugel, den die Landsknechte besetzt gehalten hatten, zu verlassen, und sich in die Ebene hinabzuziehen. Er hatte wenig Reiterei, der Bund aber, so berichteten Uberlaufer, zahlte dreitausend Pferde. Im Tal hatte er auf einer Seite den Neckar, auf der andern einen Wald, und so war er wenigstens auf den Flanken vor einem Reiterangriff sicher.

Lichtenstein und mehrere andere widerrieten zwar diese Stellung im Tal, weil man vom Hugel zu nahe beschossen werden konne; doch Ulerich folgte seinem Sinn und liess das Heer hinabsteigen. Er stellte zunachst vor Turkheim die Schlachtordnung auf und erwartete seinen Feind. Georg von Sturmfeder wurde beordert, in seiner Nahe mit den Reitern, die er ihm anvertraut hatte, zu halten; sie sollten gleichsam seine Leibwache bilden; zu diesen berittenen Burgern gesellten sich noch Lichtenstein und vierundzwanzig andere Ritter, um bei einem Reiterangriff den Stoss zu verstarken. In jenen Tagen war ein Treffen oft in viele kleine Zweikampfe zerstreut, die Ritter, die einem Heere folgten, fochten selten in geschlossenen Massen, sondern suchten mit schnellem Blicke einen Gegner unter den Reihen des Feindes, den sie dann mit Schwert und Lanze bekampften. Eine solche Schar war es, die bei Georgs Reiterhaufen stand, und den Herzog selbst gelustete es, seine ungeheure Kraft, seine weitberuhmte Fertigkeit in einem solchen Zweikampf zu erproben, und nur die instandigen Bitten der Ritter hielten ihn ab, diese romantische Idee auszufuhren. Neben dem Herzog hielt eine sonderbare Figur, beinahe wie eine Schildkrote, die zu Pferd sitzt, anzusehen. Ein Helm mit grossen Federn sass auf einem kleinen Korper, der auf dem Rucken mit einem gewolbten Panzer versehen war; der kleine Reiter hatte die Kniee weit heraufgezogen, und hielt sich fest am Sattelknopf. Das herabgeschlagene Visier verhinderte Georg zu erkennen, wer dieser lacherliche Kampfer sei; er ritt daher naher an den Herzog heran und sagte:

"Wahrhaftig, Euer Durchlaucht haben sich da einen uberaus machtigen Kampen zum Begleiter ausersehen. Sehet nur die durren Beine, die zitternden Arme, den machtigen Helm zwischen den kleinen Schultern wer ist denn dieser Riese?"

"Kennst du den Hocker so schlecht?" fragte der Herzog lachend. "Sieh nur, er hat einen ganz absonderlichen Panzer an, der wie eine grosse Nussschale anzusehen, um seinen teuren Rucken zu verwahren, wenn es etwa zur Flucht kame. Es ist mein getreuer Kanzler, Ambrosius Volland!"

"Bei der heiligen Jungfrau! dem habe ich bitter unrecht getan", entgegnete Georg; "ich dachte er werde nie ein Schwert ziehen und ein Ross besteigen, und da sitzt er auf einem Tier so hoch wie ein Elefant, und tragt ein Schwert so gross als er selbst ist. Diesen kriegerischen Geist hatte ich ihm nimmer zugetraut."

"Meinst du, er reite aus eigenem Entschluss zu Felde? Nein ich habe ihn mit Gewalt dazu genotigt. Er hat mir zu manchem geraten, was mir nicht frommte, und ich furchte er hat mich mit boslicher Absicht aufs Eis gefuhrt; drum mag er auch die Suppe mit verzehren, die er eingebrockt hat. Er hat geweint, wie ich ihn dazu zwang; er sprach viel vom Zipperlein und von seiner Natur, die nicht kriegerisch sei; aber ich liess ihn in seinen Harnisch schnuren und zu Pferd heben, er reitet den feurigsten Renner aus meinem Stall!"

Wahrend dies der Herzog sprach, schlug der Ritter vom Hocker das Visier auf, und zeigte ein bleiches, kummervolles Gesicht. Das ewig stehende Lacheln war verschwunden, seine stechenden Auglein waren gross und starr geworden, und drehten sich langsam und schuchtern nach der Seite; der Angstschweiss stand ihm auf der Stirne und seine Stimme war zum zitternden Flustern geworden: "Um Gottes Barmherzigkeit willen, wertgeschatzter Herr von Sturmfeder, viellieber Freund und Gonner, leget ein gutes Wort ein, beim gestrengen Herrn, dass er mich aus diesem Fastnachtsspiel entlasst. Es ist des allerhochsten Scherzes jetzt genug. Der Ritt in den schweren Waffen hat mich grausam angegriffen, der Helm druckt mich aufs Hirn, dass meine Gedanken im Kreise tanzen, und meine Kniee sind vom Zipperlein gekrummt; bitte, bitte! leget ein gutes Wort ein, fur Euren demutigen Knecht, Ambrosius Volland; will's gewisslich vergelten."

Der junge Mann wandte sich mit Abscheu von dem grauen feigen Sunder. "Herr Herzog", sagte er, indem ein edler Zorn seine Wangen rotete; "vergonnt ihm, dass er sich entferne. Die Ritter haben ihre Schwerter geluftet und die Helme fester in die Stirne geruckt, das Volk schuttelt die Speere und erwartet mutig das Zeichen zum Angriff, warum soll ein Feigling in den Reihen von Mannern streiten?"

"Er bleibt, sag ich", entgegnete der Herzog mit fester Stimme "bei dem ersten Schritt ruckwarts hau ich ihn selbst vom Gaul herunter. Der Teufel sass auf deinen blauen Lippen, Ambrosius Volland, als du Uns geraten, Unser Volk zu verachten und das Alte umzustossen. Heute, wenn die Kugeln sausen und die Schwerter rasseln, magst du schauen, ob dein Rat Uns frommte."

Des Kanzlers Augen gluhten vor Wut, seine Lippen zitterten, und seine Mienen verzerrten sich greulich. "Ich habe Euch nur geraten; warum habt Ihr es getan?" sagte er, "Ihr seid Herzog, Ihr habt befohlen und Euch huldigen lassen; was kann denn ich dafur?"

Der Herzog riss sein Pferd so schnell um, dass der Kanzler bis auf die Mahnen seines Elefanten niedertauchte, als erwarte er den Todesstreich. "Bei Unserer furstlichen Ehre", rief er mit schrecklicher Stimme, indem seine Augen blitzten, "Wir bewundern Unsere eigene Langmut. Du hast Unsern ersten Zorn benutzt, du hast dich in Unser Vertrauen einzuschwatzen gewusst; hatten Wir dir nicht gefolgt, du Schlange, so stunden heute zwanzigtausend Wurttemberger hier, und ihre Herzen waren eine feste Mauer fur ihren Fursten. Oh, mein Wurttemberg! mein Wurttemberg! dass ich deinem Rat gefolgt ware, alter Freund; ja, es heisst was, von seinem Volk geliebt zu sein!"

"Entfernet diese Gedanken vor einer Schlacht", sagte der alte Herr von Lichtenstein, "noch ist es Zeit, das Versaumte einzuholen. Noch stehen sechstausend Wurttemberger um Euch, und bei Gott, sie werden mit Euch siegen, wenn Ihr mit Vertrauen sie in den Feind fuhret. O Herr! hier sind lauter Freunde, vergebet Euren Feinden, entlasst den Kanzler, der nicht fechten kann!"

"Nein! her zu mir, Schildkrote! an meine Seite her, Hund von einem Schreiber! wie er zu Rosse sitzt, als hatte ihn unser Herrgott hinaufgeschneit, den Schneemann! Du hast mein Volk verachtet in deiner Kanzlei, und ihnen Gesetze gegeben mit deiner Schwanenfeder, jetzt sollst du sehen wie sie streiten; jetzt sollst du sehen wie Wurttemberg siegt oder untergeht. Ha! seht ihr sie dort auf dem Hugel? seht ihr die Fahnen mit dem roten Kreuz? seht ihr das Banner von Bayern? wie ihre Waffen blitzen im Morgenrot, wie ihre Glieder von tausend Lanzen starren, wie der Wind in ihren Helmbuschen spielt. Guten Tag ihr Herren vom Schwabenbund! jetzt geht mir das Herz auf; das ist ein Anblick fur einen Wurttemberg."

"Schaut! sie richten schon die Geschutze", unterbrach ihn Lichtenstein; "zuruck von diesem Platz, Herr! hier ist Euer Leben in augenscheinlicher Gefahr; zuruck, zuruck, wir halten hier; schickt uns Eure Befehle von dort zu, wo Ihr sicher seid."

Der Herzog sah ihn gross an: "Wo hast du gehort", sagte er, "dass ein Wurttemberg gewichen sei, wenn der Feind zum Angriff blasen liess? meine Ahnen kannten keine Furcht, und meine Enkel werden noch aushalten wie sie, furchtlos und treu! Sieh wie der Berg sich dunkler und dunkler fullt von ihren Scharen. Siehst du jene weissen Wolken am Berg, Schildkrote? horst du sie krachen? das ist der Donner der Geschutze, der in unsere Reihen schlagt; jetzt wenn du ein gutes Gewissen hast, wirst du leichter Atem holen, denn um dein Leben gibt dir keiner einen Pfennig."

"Lasset uns beten", sagte Marx von Schweinsberg, "und dann drauf in Gottes Namen."

Der Herzog faltete andachtig die Hande, seine Begleiter folgten seinem Beispiel und beteten zum Anfang der Schlacht, wie es Sitte war in den alten Tagen. Der Donner der feindlichen Geschutze tonte schauerlich in diese tiefe Stille, in welcher man jeden Atemzug, jedes leise Flustern der Betenden horte. Auch der Kanzler faltete die Hande, aber seine Augen richteten sich nicht glaubig auf zum Himmel, sie irrten zagend an den Bergen umher, und das Beben seines Korpers, sooft Blitz und Rauch aus den Feldstucken des Feindes fuhr, zeigte, dass seine Seele nicht zu dem sich aufzuschwingen vermoge, der aus den Strahlen seiner Morgensonne uber Freunde und Feinde herabblickte.

Ulerich von Wurttemberg hatte gebetet, und zog sein Schwert aus der Scheide; die Ritter und Reisigen folgten ihm, und in einem Augenblick blitzten tausend Schwerter um ihn her. "Die Landsknechte sind schon im Gefecht", sagte er, indem sein Adlerauge schnell das Tal uberschaute; "Georg von Hewen! Ihr ruckt ihnen mit tausend zu Fuss nach. Schweinsberg lehne sich mit achthundert an den Wald, und warte bis auf weiteres. Reinhardt von Gemmingen! wollet mit den Eurigen geradeaus ziehen, und den mittleren Raum zwischen dem Wald und dem Neckar einnehmen. Sturmfeder, du bleibst mit deiner Abteilung Reitern; doch bist du jeden Augenblick bereit, vorzubrechen. Gott befohlen, ihr Herren; sollten wir uns hier unten nicht wiedersehen, so grussen wir uns desto freudiger oben." Er grusste sie, indem er sein grosses Schwert gegen sie neigte. Die Ritter erwiderten den Gruss und zogen mit ihren Scharen dem Feinde zu, und ein tausendstimmiges "Ulerich fur immer!" ertonte aus ihren Reihen.

Das bundische Heer, das auf dem Hugel, den die Herzoglichen fruher besetzt gehalten hatten, angekommen war, begrusste seinen Feind aus vielen Feldschlangen und Kartaunen; dann zogen sie sich allmahlich herab ins Tal; sie schienen durch ihre ungeheure Anzahl das kleine Heer des Herzogs erdrucken zu wollen. In dem Augenblick, als die letzten Glieder den Hugel verlassen wollten, wandte sich der Herzog zu Georg von Sturmfeder. "Siehst du ihre Feldstucke auf dem Hugel?" fragte er.

"Wohl; sie sind nur durch wenige Mannschaft bedeckt."

"Frondsberg glaubt, weil wir nicht uber ihn wegfliegen konnen, sei es unmoglich sein Geschutz zu nehmen. Aber dort am Wald biegt ein Weg links ein, und fuhrt in ein Feld. Das Feld stosst an jenen Hugel. Kannst du mit deinen Reitern ungehindert bis in jenes Feld vordringen, so bist du beinahe schon im Rucken der Bundischen. Dort lasst du die Pferde verschnauben, legst dann an, und im Galopp den Hugel hinauf, die Geschutze mussen unser sein!"

Georg verbeugte sich zum Abschied, aber der Herzog bot ihm die Hand. "Lebe wohl, lieber Junge!" sagte er; "es ist hart von Uns einen jungen Ehemann auf so gefahrliche Reise zu schicken, aber Wir wussten keinen Rascheren und Besseren als dich."

Die Wangen des jungen Mannes gluhten, als er diese Worte horte, und seine Augen blinkten mutig. "Ich danke Euch, Herr, fur diesen neuen Beweis Eurer Gnade", rief er, "Ihr belohnt mich schoner, als wenn Ihr mir die schonste Burg geschenkt hattet. Lebet wohl, Vater, und grusst mein Weibchen."

"So ist's nicht gemeint!" entgegnete lachelnd der alte Lichtenstein; "ich reite mit dir unter deiner Fuhrung "

"Nein, Ihr bleibet bei mir, alter Freund", bat der Herzog, "soll mir denn der Kanzler hier im Felde raten? Da konnte ich so ubel fahren wie mit seinen anderen Ratschlussen. Bleibet mir zur Seite; machet den Abschied kurz, Alter! Euer Sohn muss weiter."

Der Alte druckte Georgs Hand; lachelnd und mit freudigem Mute erwiderte dieser den Abschiedsgruss, schwenkte mit seinen Reitern ab, und "Ulerich fur immer!" riefen die Stuttgarter Burger zu Pferd, welche er in dieser entscheidenden Stunde gegen den Feind fuhrte. Georg betrachtete, als er an dem Waldsaum hinritt, sinnend die Schlacht. Die Wurttemberger hatten eine gute Stellung, denn der Wald und der Neckar deckte sie, und ihre Flugel und das Zentrum waren stark genug, um auch einen machtigen Stoss von Reiterei auszuhalten. Er konnte sich aber nicht verhehlen, dass wenn sie sich aus dieser Stellung herauslocken lassen, mussen sie alle diese Vorteile verlieren, weil sie dann entweder zwischen dem Wald und dem linken Flugel einen bedeutenden Zwischenraum lassen, oder um diesen auszufullen, ihre Schlachtlinie so weit ausdehnen mussten, dass sie an innerer Starke verlieren wurden und leichter durchbrochen werden konnten. Ein grosser Nachteil fur die Wurttemberger war auch ihre geringe Anzahl, denn der Feind zahlte zwei Dritteile mehr. Er konnte zwar in dem engen Tal seine Streitkrafte nicht entwickeln, und nur wenige Mannschaft auf einmal ins Treffen fuhren, doch war dies immer genug, um die Herzoglichen unausgesetzt zu beschaftigen, der Feind behielt dadurch immer frische Leute, und es war zu befurchten, dass die sechstausend Wurttemberger, wenn sie auch noch so tapfer standhalten sollten, endlich aus Ermattung werden unterliegen mussen.

Der Wald nahm jetzt Georg und seine Schar auf; sie ruckten still und vorsichtig weiter, denn Georg wusste wohl, wie schwierig es fur einen Reiterzug sei, im Wald von Fussvolk angegriffen zu werden. Doch ungefahrdet kamen sie bis auf das Feld heraus, das ihnen der Herzog bezeichnet hatte. Rechts uber dem Wald hin wutete die Schlacht. Das Geschrei der Angreifenden, das Schiessen aus Donnerbuchsen und Feldstucken, das Wirbeln der Trommeln hallte schrecklich heruber.

Vor ihnen lag der Hugel, von dessen Gipfel eine gute Anzahl Kartaunen in die Reihen der Wurttemberger spielte; dieser Hugel erhob sich von der Seite des Waldchens allmahlich, und Georg bewunderte den schnellen Blick des Herzogs, der diese Seite sogleich erspaht hatte, denn von jeder andern Seite ware, wenigstens fur Reiter, der Angriff unmoglich gewesen. Das Geschutz wurde, soviel man von unten sehen konnte, nur durch eine schwache Mannschaft bedeckt, und als daher die Pferde ein wenig geruht hatten, ordnete Georg seine Schar, und brach im Galopp an der Spitze der Reiter vor. In einem Augenblick waren sie auf dem Gipfel des Hugels angekommen, und Georg rief den bundischen Soldaten zu, sich zu ergeben.

Sie zauderten, und die Fleischer, Sattler und Waffenschmiede von Stuttgart ersparten ihnen die Muhe, denn mit gewaltigen Streichen hieben sie Helme und Kopfe durch, dass von der Bedeckung bald wenige mehr ubrig waren. Georg warf einen frohlockenden Blick auf die Ebene hinab seinem Herzog zu, er horte das Freudengeschrei der Wurttemberger aus vielen tausend Kehlen aufsteigen, er sah wie sie frischer vordrangen, denn ihre Hauptfeinde, die Feldstucke auf dem Hugel waren jetzt zum Schweigen gebracht.

Aber in diesem Augenblick der Siegesfreude gewahrte er auch, dass jetzt der zweite und schwerere Teil seiner schnellen Operation der Ruckzug gekommen sei; denn auch die Bundischen hatten bemerkt, wie ihr Geschutz plotzlich verstummt sei, und ihre Obersten hatten alsobald eine Reiterschar gegen den Hugel aufbrechen lassen. Es war keine Zeit mehr, die schweren, erbeuteten Feldstucke hinwegzufuhren; darum befahl Georg mit Erde und Steinen ihre Mundungen zu verstopfen, und sie auf diese Weise unbrauchbar zu machen. Dann warf er einen Blick auf den Ruckweg; zwischen ihm und den Seinigen lag der Wald auf der einen, das feindliche Heer auf der andern Seite. Wurde er nur von Reiterei angegriffen, so war der Ruckweg durch den Wald moglich, weil dann der Feind dieselben Schwierigkeiten zu uberwinden hatte, wie er. Aber seinem scharfen Auge entging nicht, dass ein grosser Haufe bundischen Fussvolkes in den Wald ziehe, um ihm den Ruckzug abzuschneiden, und so sah er sich von dem Walde ausgeschlossen. Das grosse Heer des Bundes zu durchbrechen, sich mit hundertundsechzig Pferden durch zwanzigtausend durchzuschlagen, ware Tollkuhnheit gewesen. Es blieb nur ein Weg, und auch auf diesem war der Tod gewisser als die Rettung. Zur Linken des feindlichen Heeres floss der Neckar. Am anderen Ufer war kein Mann von bundischer Seite; konnte er dieses Ufer gewinnen, so war es moglich sich zum Herzog zu schlagen. Schon waren die Reiter des Bundes wohl funfhundert stark am Fuss des Hugels angelangt, er glaubte an ihrer Spitze den Truchsess von Waldburg zu erblicken, jedem andern, selbst dem Tod wollte er sich lieber ergeben als diesem.

Drum winkte er den tapfern Wurttembergern nach der steilern Seite des Hugels hin, die zum Neckar fuhrte. Sie stutzten; es war zu erwarten, dass unter zehn immer acht sturzen wurden, so jahe war diese Seite, und unten stand zwischen dem Hugel und dem Fluss ein Haufen Fussvolk, das sie zu erwarten schien. Aber ihr junger, ritterlicher Fuhrer schlug das Visier auf, und zeigte ihnen sein schones Antlitz, aus welchem der Mut der Begeisterung sie anwehte; sie hatten ihn ja noch vor wenigen Wochen eine holde Jungfrau zur Kirche fuhren sehen, durften sie an Weib und Kinder denken, da er diese Gedanken weit hinter sich geworfen hatte?

"Drauf, wir wollen sie schlachten", riefen die Fleischer, "drauf, wir wollen sie hammern", riefen die Schmiede, "immer drauf, wir wollen sie lederweich klopfen", riefen ihnen die Sattler nach, "drauf, mit Gott, Ulerich fur immer!" rief der hochherzige Jungling, druckte seinem Ross die Sporen ein, und flog ihnen voran den steilen Hugel hinab. Die feindlichen Reiter trauten ihren Augen nicht, als sie den Hugel heraufkamen, die verwegene Schar gefangenzunehmen, und sie schon unten, mitten unter dem Fussvolk erblickten. Wohl hatte mancher den kuhnen Ritt mit dem Leben bezahlt, mancher war mit dem Ross gesturzt und in Feindeshand gefallen, aber die meisten sah man unten tapfer auf das Fussvolk einhauen, und der Helmbusch ihres Anfuhrers wehte hoch und mitten im Gedrang. Jetzt waren die Reihen des Fussvolkes gebrochen, jetzt drangten sich die Reiter nach dem Neckar jetzt setzte ihr Fuhrer an, und war der erste im Fluss. Sein Pferd war stark, und doch vermochte es nicht mit der Last seines gewappneten Reiters gegen die Gewalt des vom Regen angeschwellten Stromes anzukampfen, es sank, und Georg von Sturmfeder rief den Mannern zu, nicht auf ihn zu achten, sondern sich zum Herzog zu schlagen und ihm seinen letzten Gruss zu bringen. Aber in demselben Augenblick hatten zwei Waffenschmiede sich von ihren Rossen in den Fluss geworfen; der eine fasste den jungen Ritter am Arm, der andere ergriff die Zugel seines Pferdes, und so brachten sie ihn glucklich ans Land heraus.

Die Bundischen hatten ihnen manche Kugel nachgesandt, aber keine hatte Schaden getan, und im Angesicht beider Heere, durch den Fluss von ihnen getrennt, setzte die kuhne Schar ihren Weg zum Herzog fort. Es war unweit seiner Stellung eine Furt, wo sie ohne Gefahr ubersetzen konnten, und mit Jubel und Freudengeschrei wurden sie wieder von den Ihrigen empfangen.

Ein Teil des feindlichen Geschutzes war zwar durch diesen ebenso schnellen als verwegenen Zug Georgs von Sturmfeder zum Schweigen gebracht worden, aber das Verhangnis Ulerichs von Wurttemberg wollte, dass ihn diese kuhne Waffentat zu nichts mehr nutzen sollte; die Krafte seiner Volker waren durch die immer erneuerten Angriffe, des an Zahl weit uberlegenen Feindes endlich vollig erschopft worden; die Landsknechte hielten zwar mit ihrem gewohnlichen kriegerischen Feuer aus, aber ihre Anfuhrer hatten sich schon genotigt gesehen, sie in Kreise zu stellen, um den Andrang der feindlichen Kavallerie abzuwehren; dadurch war die Linie hin und wieder unterbrochen, und das Landvolk, das man durch eilige Bewaffnung nicht zu Kriegern hatte machen konnen, fullte nur schlecht diese Lucken aus. In diesem Augenblick wurde dem Herzog gemeldet, dass der Herzog von Bayern Stuttgart plotzlich uberfallen und eingenommen habe, dass ein neues feindliches Heer in seinem Rucken am Fluss heraufziehe, und kaum noch eine Viertelstunde entfernt sei. Da merkte er, dass er an diesem Tage sein Reich zum zweitenmal verloren habe, dass ihm nichts mehr ubrigbleibe, als Flucht oder Tod, um nicht in die Hande seiner Feinde zu fallen. Seine Begleiter rieten ihm, sich in sein Stammschloss Wurttemberg zu werfen, und sich dort zu halten, bis er Gelegenheit fande heimlich zu entrinnen; er schaute hinauf nach dieser Burg, die von dem Glanz des Tages bestrahlt, ernst auf jenes Tal herabblickte, wo der Enkel ihrer Erbauer den letzten verzweifelten Kampf um sein Herzogtum kampfte. Aber er erbleichte und deutete sprachlos hinauf, denn auf den Turmen und Mauern dieser Burg erschienen rote, glanzende Fahnlein, die im Morgenwind spielten: die Ritter blickten scharfer hin, sie sahen wie die Fahnlein wuchsen und grosser wurden, und ein schwarzlicher Rauch, der jetzt an vielen Stellen aufstieg, zeigte ihnen, dass es die Flamme sei, welche ihre gluhende Paniere siegend auf den Zinnen aufgesteckt hatte. Wurttemberg brannte an allen Ecken, und sein unglucklicher Herr sah mit dem greulichen Lachen der Verzweiflung diesem Schauspiel zu. Jetzt bemerkten auch die Heere die brennende Burg. Die Bundischen begrussten diese Flammen mit einem Freudengeschrei, den Wurttembergern entsank der Mut, es war ihnen, als sei dies ein Zeichen, dass das Gluck ihres Herzogs ein Ende habe.

Schon tonten die Trommeln des im Rucken heranziehenden Heeres vernehmlicher, schon wich an vielen Orten das Landvolk, da sprach Ulerich: "Wer es noch redlich mit Uns meint, folge nach, Wir wollen Uns durchschlagen durch ihre Tausende oder zugrund gehen. Nimm mein Banner in die Hand, tapferer Sturmfeder, und reite mutig mit uns in den Feind!" Georg ergriff das Panier von Wurttemberg, der Herzog stellte sich neben ihn, die Ritter und die Burger zu Pferd umgaben sie, und waren bereit, ihrem Herzog Bahn zu brechen. Der Herzog deutete auf eine Stelle, wo die Feinde dunner standen, dort musse man durchkommen oder alles sei verloren. Noch fehlte es an einem Anfuhrer, und Georg wollte sich an die Spitze stellen, da winkte ihm der Ritter von Lichtenstein seinen Platz an der Seite des Herzogs nicht zu verlassen, und stellte sich vor die Reiter; noch einmal wandte er die ehrwurdigen Zuge dem Herzog und seinem Sohne zu, dann schloss er das Visier und rief: "Vorwarts, hie gut Wurttemberg alleweg!"

Dieser Reiterzug war wohl zweihundert Pferde stark, und bewegte sich in Form einer Keile im Trab vorwarts. Der Kanzler Ambrosius Volland sah sie mit leichtem Herzen abziehen, denn der Herzog schien ihn ganz vergessen zu haben, und er hielt jetzt mit sich Rat, wie er ohne Gefahr von seinem hochbeinigen Tier herabkommen sollte. Doch der edle Renner des Herzogs hatte mit klugen Augen den Reitern nachgeschaut; solange sie sich im Trab fortbewegten, stand er stille und regungslos, jetzt aber ertonten die Trompeten zum Angriff, man sah das Panier von Wurttemberg hoch in den Luften wehen, und die tapfere Reiterschar im Galopp, auf den Feind ansprengen. Auf diesen Moment schien der Renner gewartet zu haben; mit der Schnelligkeit eines Vogels strich er jetzt uber die Ebene hin, den Reitern nach; dem Kanzler vergingen die Sinne, er hielt sich krampfhaft am Sattelknopf, er wollte schreien, aber die Blitzesschnelle, womit sein Ross die Luft teilte, unterdruckte seine Stimme; in einem Augenblick hatte er den Zug eingeholt, so schnell sie ihre Rosse auslaufen liessen, er uberholte sie, und so hatte es der Kanzler in kurzer Zeit bis zum Anfuhrer der Reiter gebracht. Der Feind stutzte uber die sonderbare Gestalt, die mehr einem geharnischten Affen als einem Krieger glich, noch ehe sie sich recht besinnen konnten, war der furchterliche Mann mitten in ihren Reihen, die Wurttemberger brachen, trotz des entscheidenden Augenblickes, in ein lustiges Gelachter aus, und auch dieses mochte beitragen, die tapfern Truppen von Ulm, Gmund, Aalen, Nurnberg und noch zehn andern Reichsstadten, welche dieser unerwartete Angriff traf, zu verwirren; sie zerstiebten vor der ungeheuren Wucht der zweihundert Pferde, und die ganze Schar war im Rucken des Feindes. Sie setzte eilig ihren Marsch fort, und ehe noch die bundische Reiterei zum Nachsetzen herbeigerufen werden konnte, hatte der Herzog mit wenigen Begleitern sich zur Seite geschlagen; er gewann einen grossen Vorsprung, denn die Reiterei des Bundes erreichte die berittene Schar der Burger erst vor den Toren von Stuttgart, und es fand sich unter ihnen weder der Herzog, noch einer seiner wichtigeren Anhanger, ausser dem Kanzler Ambrosius Volland, den man halbtot vom Pferde hob. Die bundischen Kriegsleute behandelten ihn, nachdem man ihm die gewolbte Rustung vom Leib geschalt hatte, sehr ubel, denn nur seiner furchterlichen, alle Begriffe ubersteigenden Tapferkeit, schrieben sie es zu, dass ihnen der Herzog und mit ihm eine Belohnung von tausend Goldgulden entgangen war. So geschah es, dass dieser tapfere Kanzler, nicht wie sein Herzog in der Schlacht, sondern nach der Schlacht geschlagen wurde.

X

Wohl wieget eines viele Taten auf

Sie achten drauf

Das ist um deines Vaterlandes Not

Der Heldentod.

Sieh hin, die Feinde fliehen, blick hinan,

Der Himmel glanzt, dahin ist unsre Bahn.

L. Uhland

Die Nacht, welche diesem entscheidenden Tag folgte, brachten Herzog Ulerich und seine Begleiter in einer engen Waldschlucht zu, die durch Felsen und Gestrauche einen sicheren Versteck gewahrte, und noch heute bei dem Landvolk die "Ulerichshohle" genannt wird. Es war der Pfeifer von Hardt, der ihnen auf ihrer Flucht als ein Retter in der Not erschienen war, und sie in diese Bucht fuhrte, die nur den Bauern und Hirten der Gegend bekannt war. Der Herzog hatte beschlossen, hier zu rasten, um dann, sobald der Tag graute, seine Flucht nach der Schweiz fortzusetzen. Wohl ware ihm hiezu die Nacht gunstiger gewesen, denn die Bundestruppen hatten schon das Land besetzt, und es war wenig Wahrscheinlichkeit vorhanden, dass er sie tauschen und ungehindert entkommen werde; aber die Pferde waren von dem heissen Schlachttag ermudet, und es war unmoglich, den Herzog und seine notwendige Begleitung von neuem beritten zu machen, ohne die Nachforschung des Feindes nach diesem Schlupfwinkel zu leiten.

Die Manner hatten sich um ein sparliches Feuer gelagert. Der Herzog war langst dem Schlummer in die Arme gesunken, und vergass vielleicht in seinen Traumen, dass er ein Herzogtum verloren habe; auch der alte Herr von Lichtenstein schlief, und Marx Stumpf von Schweinsberg hatte seine machtigen Arme auf die Kniee gestutzt, sein Gesicht in die Hande verborgen, und man war ungewiss, ob er schlafe oder in Kummer versunken, uber das Schicksal des Herzogs nachdachte, das sich mit einem Schlag so furchtbar gewendet hatte. Georg von Sturmfeder besiegte die Macht des Schlummers, der sich immer wieder uber ihn lagern wollte; er war der jungste unter allen, und hatte freiwillig in dieser Nacht die Wache ubernommen. Neben ihm sass Hanns, der Pfeifer von Hardt; er sah unverwandt ins Feuer, und seine Gedanken schienen sich in einem Liedchen zu sammeln, dessen melancholische Weisen er mit leiser unterdruckter Stimme vor sich hin sang. Wenn das Feuer heller aufflackerte, schaute er mit einem truben Blick nach dem Herzog, und wenn er sah, dass jener noch immer schlafe, versank er wieder in den flusternden, traurigen Gesang.

"Du singst eine traurige Weise, Hanns!" unterbrach ihn Georg, den die melancholischen Tone dieses Liedes unheimlich anregten; "es tont wie Totengesang und Sterblieder, ich kann es nicht ohne Schaudern horen."

"Wir konnen alle Tage sterben", sagte der Spielmann, indem er duster in die Flamme blickte; "drum sing ich gerne ein solches Lied, es ist mir, als konnte ich mit solchen Gedanken wurdiger sterben."

"Wie kommst du auf einmal zu diesen Todesgedanken Hanns? Du warst doch sonst ein frohlicher Bursche zur Herbstzeit, und deine Zither tonte auf mancher Kirchweih. Da hast du gewiss keine Totenlieder gesungen."

"Meine Freude ist aus", erwiderte er und wies auf den Herzog; "all meine Muhe, all meine Sorge war vergebens; es ist aus mit dem Herrn und ich ich bin sein Schatten; auch mit mir ist's aus; hatte ich nicht Frau und Kind, ich mochte heute nacht noch sterben."

"Wohl warst du immer sein getreuer Schatten", sagte der junge Mann geruhrt, "und oft habe ich deine Treue bewundert; hore Hanns! wir sehen uns vielleicht lange nicht mehr. Jetzt haben wir Zeit zu schwatzen, erzahle mir was dich so ausschliesslich und enge an den Herzog knupft; wenn es etwas ist, das du erzahlen kannst."

Er schwieg einige Augenblicke und schurte das Feuer zurecht ein unruhiges Feuer blitzte in seinen Augen, und Georg war ungewiss ob es die Flamme oder eine innere Bewegung sei, was seine ausdrucksvollen Zuge mit wechselnder Rote ubergoss. "Das hat seine eigene Bewandtnis", sagte er endlich, "und ich spreche nicht gerne davon. Doch Ihr habt recht, Herr, auch mir ist es als werden wir uns lange nicht mehr sehen, so will ich Euch denn erzahlen. Habt Ihr nie von dem 'Armen Konrad' gehort?"

"O ja", erwiderte Georg, "das Gerucht davon kam noch weiter als bis zu uns nach Franken; war es nicht ein Aufstand der Bauern? wollte man nicht sogar dem Herzog ans Leben?"

"Ihr habt ganz recht, der Arme Konrad war ein boses Ding. Es mogen nun 7 Jahre sein. Da gab es unter uns Bauern viele Manner, die mit der Herrschaft unzufrieden waren; es waren Fehljahre gewesen, den Reicheren ging das Geld aus, die Armen hatten schon lange keines mehr, und doch sollten wir zahlen ohne Ende, denn der Herzog brauchte gar viel Geld fur seinen Hof, wo es alle Tage zuging wie im Paradies."

"Gaben denn eure Landstande nach, wenn der Herr so viel Geld verlangte?" fragte Georg.

"Sie wagten eben auch nicht immer nein zu sagen, des Herzogs Beutel hatte aber gar ein grosses Loch, das wir Bauern mit unserem Schweiss nicht zuleimen konnten. Da gab es nun viele die liessen die Arbeit liegen, weil das Korn das sie pflanzten, nicht zu ihrem Brot wuchs, und der Wein den sie kelterten, nicht fur sie in die Fasser floss. Diese, als sie dachten, dass man ihnen nichts mehr nehmen konne als das arme Leben, lebten lustig und in Freuden, nannten sich Grafen zu Nirgendsheim, sprachen viel von ihren Schlossern auf dem Hungerberge und von ihren bedeutenden Besitzungen in der Fehlhalde und am Bettelrain; und diese Gesellschaft war der Arme Konrad."

Der Pfeifer legte sinnend seine Stirne in die Hand und schwieg.

"Von dir wolltest du ja erzahlen, Hanns!" sagte Georg, "von dir und dem Herzog."

"Das hatte ich beinahe vergessen", antwortete dieser. "Nun", fuhr er fort, "es kam endlich dahin, dass man Mass und Gewicht geringer machte, und dem Herzog gab, was damit gewonnen wurde. Da ward aus dem Scherz bitterer Ernst. Es mochte mancher nicht ertragen, dass ringsumher volles Mass und Gewicht, und nur bei uns kein Recht sei. Im Remstal trug der Arme Konrad das neue Gewicht hinaus und machte die Wasserprobe."

"Was ist das", fragte der junge Mann.

"Ha!" lachte der Bauer, "das ist eine leichte Probe. Man trug den Pfundstein mit Trommeln und Pfeifen an die Rems und sagte: 'Schwimmt's oben, hat der Herzog recht; sinkt's unter, hat der Bauer recht.'

Der Stein sank unter und jetzt zog der Arme Konrad Waffen an. Im Remstal und im Neckartal bis hinauf gegen Tubingen und hinuber an die Alb standen die Bauern auf und verlangten das alte Recht. Es wurde gelandtagt und gesprochen, aber es half doch nichts. Die Bauern gingen nicht auseinander."

"Aber du, von dir sprichst du ja gar nicht?"

"Dass ich's kurz sage, ich war einer der Argsten", antwortete Hanns, "ich war kuhn und trotzig, mochte nicht gerne arbeiten und wurde wegen Jagdfrevel unmenschlich abgestraft, da trat ich in den Armen Konrad, und bald war ich so arg als der Gaispeter und der Bregenzer. Der Herzog aber, als er sah, dass der Aufruhr gefahrlich werden konne, ritt selbst nach Schorndorf. Man hatte uns zur Huldigung zusammenberufen, wir erschienen zu vielen Hunderten aber bewaffnet. Der Herzog sprach selbst zu uns, aber man horte ihn nicht an. Da stand der Reichsmarschall auf, erhob seinen goldenen Stab und sprach: 'Wer es mit dem Herzog Ulerich von Wurttemberg halt, trete auf seine Seite'; der Gaispeter aber trat auf einen hohen Stein und rief: 'Wer es mit dem Armen Konrad vom Hungerberg halt, trete hieher.' Siehe, da stand der Herzog verlassen unter seinen Dienern. Wir andern hielten zu dem Bettler."

"Oh, schandlicher Aufruhr", rief Georg vom Gefuhl des Unrechts ergriffen, "schandlich vor allen die, welche es so weit kommen liessen! Da war gewiss Ambrosius Volland der Kanzler, an vielem schuld?"

"Ihr konnet recht haben", erwiderte der Spielmann; "doch horet weiter; der Herzog als er sah, dass seine Sache verloren sei, schwang sich auf sein Ross, wir aber drangten uns um ihn her, doch noch wagte es keiner, den Fursten anzutasten, denn er sah gar zu gebietend aus seinen grossen Augen auf uns herab. 'Was wollt ihr, Lumpen!' schrie er und gab seinem Hengst die Sporn, dass er sich hoch aufbaumte und drei Manner niederriss. Da erwachte unser Grimm, sie fielen seinem Ross in die Zugel, sie stachen nach ihm mit Spiessen, und ich, ich vergass mich so, dass ich ihn am Mantel packte und rief: 'Schiesst den Schelmen tot.'"

"Das warst du, Hanns?" rief Georg, und sah ihn mit scheuen Blicken an.

"Das war ich," sagte dieser langsam und ernst; "aber es ward mir dafur was mir gebuhrte. Der Herzog entkam uns damals und sammelte ein Heer; wir konnten nicht lange aushalten und ergaben uns auf Gnad und Ungnad. Es wurden zwolf Anfuhrer des Aufruhrs nach Schorndorf gefuhrt und dort gerichtet, ich war auch unter diesen. Aber als ich so im Kerker lag und mein Unrecht und den nahen Tod uberdachte, da graute mir vor mir selbst, und ich schamte mich, mit so elenden Gesellen wie die eilf anderen waren, gerichtet zu werden."

"Und wie wurdest du gerettet?" fragte Georg teilnehmend.

"Wie ich Euch schon in Ulm sagte, durch ein Wunder. Wir zwolf wurden auf den Markt gefuhrt, es sollte uns dort der Kopf abgehauen werden. Der Herzog sass vor dem Rathaus und liess uns noch einmal vor sich fuhren. Jene eilfe sturzten nieder, dass ihre Ketten furchterlich rasselten, und schrieen mit jammernder Stimme um Gnade. Er sah sie lange an und betrachtete dann mich. 'Warum bittest du nicht auch?' fragte er. 'Herr', antwortete ich, 'ich weiss was ich verdient habe, Gott sei meiner Seele gnadig.' Noch einmal sah er auf uns, dann aber winkte er dem Scharfrichter. Sie wurden nach dem Alter gestellt, ich, als der jungste, war der letzte. Ich weiss wenig mehr von jenen schrecklichen Augenblicken; aber nie vergesse ich den greulichen Ton, wenn die Halsknorpel krachten "

"Um Gottes willen hor auf", bat Georg, "oder ubergehe das Grassliche!"

"Neun Kopfe meiner Gesellen staken auf den Spiessen, da rief der Herzog: 'Zehn sollen bluten, zwei frei sein. Bringt Wurfel her, und lasst die drei dort wurfeln!' Man brachte Wurfel, der Herzog bot sie mir zuerst; ich aber sagte: 'Ich habe mein Leben verwirkt und wurfle nicht mehr daruber!' Da sprach der Herzog: 'Nun so wurfle ich fur dich.' Er bot den zwei andern die Wurfel hin. Zitternd schuttelten sie in den kalten Handen die Wurfel, zitternd zahlten sie die Augen; der eine warf neun, der andere vierzehn; da nahm der Herzog die Wurfel und schuttelte sie. Er fasste mich scharf ins Auge, ich weiss, dass ich nicht gezittert habe. Er warf und deckte schnell die Hand darauf. 'Bitte um Gnade' , sagte er, 'noch ist es Zeit'. 'Ich bitte, dass Ihr mir verzeihen moget, was ich Euch Leids getan' , antwortete ich, 'um Gnade aber bitt ich nicht, ich habe sie nicht verdient und will sterben.' Da deckte er die Hand auf, und siehe er hatte achtzehn geworfen. Es war mir sonderbar zumut, es kam mir vor als habe er gerichtet an Gottes Statt. Ich sturzte auf meine Kniee nieder und gelobte fortan in seinem Dienst zu leben und zu sterben. Der zehnte ward gekopft, wir beide waren frei."

Mit immer hoher steigender Teilnahme hatte Georg der Erzahlung des Pfeifers von Hardt zugehort; aber als er schloss, als sich das sonst so kuhn und listig blickende Auge mit Tranen fullte, da konnte er sich nicht enthalten seine Hand zu fassen, sie fest und herzlich zu drucken. "Es ist wahr", sagte der junge Mann, "du hast Schweres an deinem Landesherrn verschuldet, aber du hast auch schrecklich gebusst, denn du hast den Tod dennoch erlitten; jenes schnelle Zukken des Schwertes ist nichts mehr gegen das Gefuhl, so viele bekannte Menschen hinrichten, und sich den Tod immer naher kommen zu sehen! Und hast du nicht durch ein Leben voll Treue, durch Aufopferung und Wagnis aller Art den Fursten versohnt, an den du deine Hand legtest? Wie oft hast du ihm Freiheit, vielleicht das Leben gerettet; wahrlich, deine Schuld ist reichlich abgetragen."

Der arme Mann hatte, nachdem er seine Erzahlung geschlossen, wieder mit dusterem Sinnen ins Feuer geschaut. Er hatte ganz teilnahmslos geschienen, wenn nicht unter den Worten Georgs nach und nach ein trubes Lacheln auf seinen Zugen erschienen ware. "Meint Ihr", sagte er, "ich hatte gebusst und meine Schuld abgetragen? Nein, solche Schulden tilgen sich nicht so bald, und ein geschenktes Leben muss fur den aufgesetzt werden, der es uns fristete. Das Umherschleichen in den Bergen, Kundschaft bringen aus Feindes Lager, Hohlen zeigen wo man sich verbergen kann, das ist keine schwere Sache, Herr, und das allein tut's nicht. Ich weiss, ich werde noch einmal fur ihn sterben mussen und dann, Herr, nehmt Euch meines Weibes und meiner Tochter an."

Eine Trane fiel in seinen Bart, doch als schame er sich so weich zu sein, verbarg er sein Gesicht in der Hand und fuhr fort: "Doch dazu bin ich noch gut genug; wie jeder Kriegsmann, wie jeder im Volk, darf ich fur ihn sterben, o konnte ich durch meinen Tod seine Huldigung abandern, und ihm das Land wieder verschaffen, noch in dieser Stunde wollte ich sterben!"

Der Herzog erwachte; er richtete sich auf, er sah mit verwunderten Blicken um sich her, als sei er durch einen Zauber in diese Erdschlucht versetzt, und sehe jetzt erst diese Felsen und Baume, das sparliche Feuer und die von den Flammen beschienenen Manner, seine Begleiter; er bedeckte seine Augen mit der Hand, doch er sah wieder auf als prufe er, ob diese Erscheinungen bleiben; sie blieben, und schmerzlich sah er bald den einen, bald den andern an. "Ich habe heute ein Land verloren", sprach er, "es hat mich nicht so geschmerzt als dieses Erwachen, denn ich habe es im Traume wieder und noch viel schoner besessen."

"Seid nicht ungerecht, Herr", sagte Marx Stumpf von Schweinsberg, indem er sich aus seiner gebuckten Stellung aufrichtete; "seid nicht ungerecht gegen diese Wohltat der Natur. Wie unglucklich waret Ihr, wenn Ihr auch im Schlummer, der Eure Krafte fur das schwere Ungluck starken soll, Euren Verlust noch fuhltet, auch da noch so duster daruber gebrutet hattet. Ihr seid finster und verschlossen eingeschlummert, jetzt sind Eure Zuge freundlicher und milder, verdanken wir dies nicht auch Eurem Traum?"

"So hatte ich mogen nie erwachen; oh, dass ich Jahrhunderte fortgetraumt hatte, und dann erwacht ware; es war so schon, so trostlich was ich traumte!"

Er stutzte die Stirne in die Hand und schien schmerzlich bewegt. Der alte Herr von Lichtenstein war von den Stimmen der Sprechenden erweckt worden; er kannte Ulerich und wusste, dass man ihn nicht uber seinen schmerzlichen Verlust bruten lassen durfe; er ruckte ihm daher naher und sprach:

"Nun, und wollt Ihr uns nicht auch sagen, was Ihr getraumt habt? vielleicht liegt auch fur uns ein Trost darin, denn wisset, ich glaube an Traume, wenn sie in einer wichtigen, verhangnisvollen Stunde in unsere Seele einziehen, und ich glaube sie kommen von oben, um uns zu trosten."

Der Herzog schwieg noch eine Weile, er schien uber die Worte des Ritters nachzusinnen; dann fing er an zu erzahlen: "Mein Schwager, Wilhelm von Bayern, hat mir heute zur Probe seiner Freundschaft die Burg meiner Ahnen niedergebrannt. Dort hausten seit undenklichen Zeiten die Wurttemberger und das Land, das wir besitzen, tragt von diesem Schloss den Namen. Es scheint als habe er damit uns eine Todesfackel anzunden, und mit diesen Flammen unser Wappen und Gedachtnis, und selbst den Namen Wurttemberg vertilgen wollen. Und fast konnte er recht haben; denn mein einziges Sohnlein, Christoph, ist in fernen Landen, mein Bruder Georg, hat noch keine Kinder, und ich bin geschlagen, verjagt, sie haben wiederum mein Land besetzt, und wo ist Hoffnung, dass ich es wieder einmal erlange?! Wie ich nun so ganz verlassen und elend hier am Feuer sass, wie ich nachdachte uber mein kurzes Gluck, und wie ich vielleicht mein Ungluck selbst verschuldet habe; wie ich bedachte auf welch schwachen Stutzen meine Hoffnung beruhe, und wie selbst der Name Wurttemberg ausloschen konne, gleich den letzten Funken in der Asche meiner Stammburg, da ubermannte mich der Jammer, und bitterer als je fuhlte ich die Schlage meines Schicksals. Unter diesen Gedanken entschlief ich. Doch wie im Wachen meine Seele mit Sehnsucht und Trauer auf den Hohen des Rotenberges, und um die rauchenden Trummer von Wurttemberg schwebte, so erging sich mein Geist auch im Traume dort."

Ulerich hielt inne; es war als fulle ein Bild seine Seele, das zu schon, zu gross sei, um es mit sterblichen Lippen zu beschreiben; ein milder Friede lag auf den Zugen des unglucklichsten Fursten, und ein wunderbarer Glanz drang aus seinen aufwarts gerichteten Augen. Die Manner umher blickten ihn staunend an; sie hingen an seinen Lippen und lauschten auf seine Rede, die ihnen so Wichtiges zu verkunden schien.

"Horet weiter", fuhr er fort; "ich sah herab auf das schone Neckartal. Der Fluss zog wie sonst in schonen blauen Bogen hin, aber das Tal und die Berge schienen mir lieblicher, glanzender, die Walder auf den Hohen waren verschwunden, die Wiesen waren nicht mehr, sondern von Berg zu Berg zog sich ein grosser Garten voll gruner Reben, und im Tal sah man Obstbaume und schone bluhende Garten ohne Zahl. Ich stand entzuckt und schaute und schaute immer wieder hin, denn die Sonne erschien freundlicher, der Himmel blauer und reiner, das Grun der Reben und Baume glanzender als jetzt. Und als ich mein trunkenes Auge erhob und hinuberschaute uber den Neckar, da gewahrte ich auf einem Hugel am Fluss ein freundliches Schloss, das im Glanz der Morgensonne sich spiegelte; es lag so friedlich da, dass sein Anblick meiner Seele wohltat, denn keine Graben und hohe Mauern, keine Turme und Zinnen, kein Fallgatter, keine Zugbrucke erinnerte an den Zwist der Volker, und an das unsichere, wechselnde Geschick der Sterblichen.

Und als ich verwundert uber den tiefen Frieden des Tales und jenes unbewachten Schlosses mich umsah, waren auch die Mauern meiner Burg verschwunden; doch hier wenigstens log mir der Traum nicht, denn ich sah ja gestern die Zinnen sturzen und den Wartturm sinken, von welchem sonst mein Panier in den Luften wehte. Kein Stein von Wurttemberg war mehr zu sehen, aber ein Tempel stand dort mit Saulen und Kuppel, wie man sie in Rom und Griechenland findet. Ich dachte nach, wie dies alles auf einmal so habe kommen konnen, da gewahrte ich Manner in fremder Kleidung, die nicht weit von mir standen und auf das Land hinabschauten.

Der eine dieser Manner zog vor den ubrigen meine Aufmerksamkeit auf sich; er hatte einen schonen Knaben an der Hand, dem er das Tal zu seinen Fussen, und die Berge umher, und den Fluss und die Stadte und Dorfer in der Nahe und Ferne, zeigte. Ich betrachtete den Mann, er trug die Zuge meines Bruders Georg45, und es war mir als musse er zum Stamm meiner Ahnen gehoren und ein Wurttemberg sein; er stieg mit dem Knaben den Berg hinab ins Tal, und die andern Manner folgten ihm in ehrerbietiger Entfernung; den letzten hielt ich auf und fragte ihn: wer jener gewesen sei, der dem Knaben das Land gezeigt habe? 'Das war der Konig' , sagte er, und stieg den Berg hinab."

Der Herzog schwieg und sah die Ritter forschend an, als wollte er ihre Meinung horen; sie schwiegen lange, endlich nahm der Ritter von Lichtenstein das Wort und sprach: "Ich bin funfundsechzig Jahre alt, und habe vieles gesehen und gehort auf Erden, und manches, woruber der menschliche Geist erstaunte, und wo ein frommer Sinn den Finger der Gottheit sah. Glaubet mir, auch die Traume kommen von Gott, denn nichts geschieht auf Erden ohne Ursache. Es hat in alten Zeiten Seher und Propheten gegeben, warum sollte nicht auch in unseren Tagen der Herr seiner Heiligen einen herabsenden, dass er einem Unglucklichen im Traume die dunkeln Pforten der Zukunft offnen, und ihn einen Blick in kunftige, schonere Tage tun lasse? Drum seid getrosten Mutes, Herr! Eure Feste hat der Feind verbrannt, Ihr habt an einem Tage ein Herzogtum verloren, aber dennoch wird Euer Name nicht verloschen, und Euer Gedachtnis wird nicht verloren sein in Wurttemberg."

"Ein Konig " sprach der Herzog sinnend, "ist es nicht vermessen, jetzt wo ich hinaus muss ins Elend, jetzt an einen Konig meines Stammes zu denken? Kann nicht auch die Holle solche Traume vorspiegeln um uns nachher desto bitterer zu tauschen?"

"Was zweifelt Ihr an der Zukunft?" sagte Schweinsberg lachelnd. "Hatte einer Eurer ritterlichen Ahnen, die auf Wurttemberg hausten, hatte einer wissen konnen, dass seine Enkel Herzoge sein, dass das weite, schone Land ihren Namen Wurttemberg tragen werde? Nehmet Euren Traum als den Wink des Schicksals hin, dass Euer Name in ferner, ferner Zeit auf diesem Lande bleiben, dass die spatern Fursten Wurttembergs die Zuge Eures Stammes tragen werden."

"Wohlan, so will ich hoffen", erwiderte Ulerich von Wurttemberg; "will hoffen, dass Uns das Land verbleibe, wie dunkel auch jetzt Unsere Lose seien. Mogen Unsere Enkel nie so harte Zeiten sehen wie Wir; moge man auch von ihnen sagen, sie sind furchtlos!"

"Und treu!" sprach der Bauer mit Nachdruck, und stand auf. "Doch es ist Zeit, Herr Herzog, dass Ihr aufbrechet. Das Morgenrot ist nicht mehr fern, und uber den Neckar wenigstens mussen wir kommen, solange es noch dunkel ist."

Sie standen auf und waffneten sich; die Pferde wurden herbeigefuhrt, sie sassen auf, und der Pfeifer ging voran den Weg aus der Schlucht zu zeigen. Die Reise des Herzogs zum Land hinaus war mit grosser Gefahr verbunden, denn der Bund suchte seiner mit aller Muhe habhaft zu werden. Um auf einen Weg zu gelangen, wo er sicher seinen Feinden entgehen konnte, war der Herzog genotigt, noch einmal uber den Nekkar zu gehen. Dieser Ubergang war nicht ohne Gefahr; ein starker Gewitterregen hatte den Fluss angeschwellt, so dass es nicht moglich schien, ihn mit den Pferden zu durchschwimmen; die Brucken aber waren zum grossten Teil von dem Bunde besetzt worden; doch auch hier wusste Hanns guten Rat, denn er hatte durch treue Leute ausgespaht, dass die Brucke von Kongen noch frei sei; man hatte sich wohl nicht die Muhe genommen, sie zu besetzen, weil sie Esslingen und dem feindlichen Lager allzu nahe war, als dass man hatte glauben konnen, der Herzog werde dort voruberkommen. Dieser Weg schien wegen seiner grossen Gefahr, die meiste Sicherheit zu gewahren; ihn wahlte Ulerich, und so zogen sie stille und vorsichtig dem Neckar zu.

Als sie aus dem Wald ins Feld herauskamen, saumte schon das Morgenrot den Horizont. Sie ritten jetzt auf besserem Wege scharfer zu, und bald sahen sie den Neckar schimmern, und die hochgewolbte Brucke lag nicht ferne mehr von ihnen. In diesem Augenblick sah sich Georg um, und gewahrte eine bedeutende Anzahl Reiter, die von der Seite her, hinter ihnen, zogen; er machte seine Begleiter darauf aufmerksam; sie sahen sich besorgt um und musterten den Zug, der wohl funfundzwanzig Pferde betragen mochte. Es schien bundische Reiterei zu sein, denn des Herzogs Volker waren gesprengt, und zogen nicht mehr in so geordneten Scharen wie diese.

Noch zogen jene ruhig ihren Weg, und schienen die kleine Gesellschaft nicht zu bemerken, aber dennoch schien es ratsam, die Brucke zu gewinnen, wo sich drei Wege schieden, ehe man von ihnen angerufen und befragt wurde. Der Pfeifer lief voran so schnell er konnte, der Herzog und die Ritter folgten ihm in gestrecktem Trab, und je weiter sie sich von den Bundischen entfernten, desto leichter wurde ihnen ums Herz, denn alle bangten nicht fur ihr eigenes Leben, wohl aber fur die Freiheit Ulerichs.

Sie hatten die Brucke erreicht, sie zogen hinauf, aber in demselben Augenblick, wo sie oben auf der Mitte der hohen Wolbung angekommen waren, sprangen zwolf Manner mit Spiessen, Schwertern und Buchsen bewaffnet, hinter der Brucke hervor und besetzten den Ausgang; der Herzog sah, dass er entdeckt war, und winkte seinen Begleitern ruckwarts; Lichtenstein und Schweinsberg, die letzten, wandten ihre Rosse, aber schon war es zu spat, denn die bundischen Reiter, die ihnen im Rucken nachgezogen waren, hatten sich in Galopp gesetzt, und den Eingang der Brucke in diesem Augenblick erreicht und besetzt.

Noch war es zu dunkel, als dass man den Feind genau hatte unterscheiden konnen, doch nur zu bald zeigten sich seine feindlichen Absichten. "Ergebt Euch, Herzog von Wurttemberg", rief eine Stimme, die den Rittern nicht unbekannt schien; "Ihr sehet, es ist kein Ausweg da zur Flucht!"

"Wer bist du, dass Wurttemberg sich dir ergeben soll?" antwortete Ulerich mit grimmigem Lachen, indem er sein Schwert zog; "du sitzt ja nicht einmal zu Ross; bist du ein Ritter?"

"Ich bin der Doktor Calmus", entgegnete jener, "und bin bereit, die vielen Liebesdienste zu vergelten, die Ihr mir erwiesen habt. Ein Ritter bin ich, denn Ihr habt mich ja zum Ritter vom Esel gemacht; aber ich will Euch dafur zum Ritter ohne Ross machen. Abgestiegen, sag ich, im Namen des durchlauchtigsten Bundes."

"Gib Raum, Hanns", flusterte der Herzog mit unterdruckter Stimme dem Spielmann zu, der mit gehobener Axt zwischen ihm und dem Doktor stand, "geh, tritt auf die Seite; ihr Freunde schliesst euch an, wir wollen plotzlich auf sie einfallen, vielleicht gelingt es durchzubrechen!" Doch nur Georg vernahm diesen Befehl des Herzogs, denn die andern Ritter hielten wohl zehn Schritte hinter ihnen den Eingang besetzt, und waren schon mit den bundischen Reitern im Gefecht, die umsonst dieses ritterliche Paar zu durchbrechen, und zu dem Herzog durchzudringen versuchten. Georg schloss sich an Ulerich an, und wollte mit ihm auf den Doktor und die Knechte einsprengen, aber diesem war das Flustern des Herzogs nicht entgangen. "Drauf ihr Manner, der im grunen Mantel ist's; lebendig oder tot!" rief er, drang mit seinen Knechten vor und griff zuerst an. Sein langer Arm fuhrte einen funf Ellen langen Spiess; er zuckte ihn nach Ulerich, und es ware vielleicht um ihn geschehen gewesen, da er ihn in der Dunkelheit nicht gleich bemerkte, doch Hanns kam ihm zuvor, und indem der beruhmte Doktor Kahlmauser nach der Brust seines Herrn stiess, war ihm die Axt des Pfeifers tief in die Stirne gedrungen; er fiel, so lang er war, mit Gebrull auf die Knechte zuruck. Sie stutzten, der Bauersmann schien ein schrecklicher Kampfer, denn seine Axt schwirrte immer noch in den Luften, er bewegte sie wie eine Feder hin und her; sie zogen sich sogar einige Schritte zuruck. Diesen Augenblick benutzte Georg, riss dem Herzog den grunen Mantel ab, hing ihn sich selbst um, und flusterte ihm zu, sein Pferd zu spornen, und sich uber die Brustung der Brucke hinabzusturzen. Der Herzog warf einen Blick auf die hochgehenden Wellen des Neckars und hinauf zum Himmel; es schien keine andere Rettung moglich, und er wollte lieber auf Leben und Tod den Sprung wagen, als seinen Feinden in die Hande fallen; doch der Anblick, der sich ihm in diesem schrecklichen Moment darbot, zog ihn noch einmal zuruck.

Die Knechte hatten die Speere vorgestreckt und drangen vor; der Pfeifer stand noch immer, obgleich aus mehreren Wunden blutend, und schlug mit der Axt ihre Speere nieder. Seine Augen blitzten, seine kuhnen Zuge trugen den Ausdruck von freudiger Begeisterung, und das Lacheln, das um seinen Mund zog, war nicht das der Verzweiflung, nein, seine mutige Seele erbebte nicht vor dem nahenden Tod, er blickte ihm mit stolzer Freude entgegen, als sei er der Kampfpreis, um den er so viele Sorgen und Gefahren auf sich genommen habe. Noch einen schlug er mit seiner starken Rechten zu Boden, da stiess ihm einer der Knechte von der Seite her die Hellebarde in die Brust, in diese treue Brust, die noch im Tod ein Schild fur den unglucklichen Fursten war, dem nie ein treueres Herz geschlagen hatte. Er wankte, er sank zusammen, er heftete das brechende Auge auf seinen Herrn: "Herr Herzog, wir sind quitt!" rief er freudig aus, und senkte sein Haupt zum Sterben.

An ihm voruber ging der Weg der Knechte, die mit Freudengeschrei naher zudrangen da warf sich Georg von Sturmfeder in die Mitte; seine Klinge schwirrte in der Luft, und sooft sie niederfiel, zuckte einer der Feinde am Boden. Es war der letzte Schild Herzog Ulerichs von Wurttemberg; sank dieser noch, so war Gefangenschaft oder Tod unvermeidlich. Drum wandte er sich zum letzten Mittel; er warf noch einen tranenschweren Blick auf die Leiche jenes Mannes, der seine Treue mit dem Tod besiegelt hatte; dann riss er sein machtiges Streitross zur Seite, spornte es, dass es sich hoch aufbaumte, wandte es mit einem starken Druck rechts, und in einem majestatischen Sprung, setzte es uber die Brustung der Brucke, und trug seinen furstlichen Reiter hinab in die Wogen des Neckars.

Georg hielt inne zu fechten; er sah dem Herzog nach; Ross und Reiter waren niedergetaucht, doch das machtige Tier kampfte mit den Wirbeln, schwamm, arbeitete sich herauf, und wie die beste Barke schwamm es mit dem Herzog den Strom hinab. Dies alles war das Werk weniger Augenblicke, einige der Knechte wollten hinabspringen ans Ufer, um sich des kuhnen Ritters zu bemachtigen, doch einer, der Georg am nachsten war, rief ihnen zu: "Lasst ihn schwimmen, an dem ist nichts gelegen, das hier ist der grune Vogel, das ist der grune Mantel; den lasst uns fassen." Georg blickte dankbar auf zum Himmel; er liess sein Schwert sinken und ergab sich den Bundischen. Sie schlossen einen Kreis um ihn, und liessen es willig geschehen, dass er abstieg und zu der Leiche jenes Mannes trat, der ihnen so schrecklich erschienen war. Georg fasste die Hand, welche noch immer die blutige Axt festhielt. Sie war kalt. Er suchte, ob das treue Herz noch schlage, aber der todliche Stoss der Lanze hatte es nur zu gut getroffen. Das Auge, das einst so kuhn und mutig blickte, war gebrochen, geschlossen der Mund, der auch in den trubsten Stunden einen ungebeugten, frohen Sinn verkundete; seine Zuge waren erstarrt, aber noch schwebte um seine Lippen jenes Lacheln, das den letzten Gruss, den er seinem Herrn entbot, begleitet hatte. Georgs Tranen fielen auf ihn herab; er druckte noch einmal die Hand des Pfeifers, schloss ihm die Augen zu und schwang sich auf, um den Knechten in ihr Lager zu folgen.

XI

O schoner Tag, wann endlich der Soldat

Ins Leben heimkehrt, in die Menschlichkeit

Oh! glucklich wem dann auch sich eine Tur,

Sich zarte Arme sanft umschlingend offnen.

Schiller

Nach einem Marsch von beinahe drei Stunden naherte sich der Trupp der bundischen Knechte, den Gefangenen in ihrer Mitte, dem Lager. Sie hatten nicht gewagt sich laut zu unterreden, aber ihre Mienen verkundeten grossen Triumph, und Georgs scharfem Ohr entging es nicht, wie sie flusternd den Gewinn berechneten, den sie aus dem Herzog im grunen Mantel ziehen werden. Ein freudiges Gefuhl bewegte seine Brust, er glaubte hoffen zu durfen, dass der ungluckliche Furst durch seine kuhne Aufopferung Zeit gewonnen habe, sich zu retten. Nur der Gedanke an Marie trubte auf Augenblicke seine Freude. Wie gross musste ihr Kummer schon gewesen sein, als sie die Nachricht von dem Ausgang der Schlacht bekam; er hatte ihr zwar durch treue Manner die Nachricht gesandt, dass er unverletzt aus dem Streit gegangen sei; aber wusste er nicht, dass die traurige Entscheidung von Wurttembergs Schicksal ihre Seele tief betruben, dass ihre Blicke angstlich werden, dass ihre Sehnsucht zu jeder Stunde seinen Namen nenne und ihn zuruckrufe?

Und durfte er hoffen, vom Bunde zum zweitenmal so leicht entlassen zu werden, wie damals in Ulm? Gefangen mit den Waffen in der Hand, bekannt als eifriger Freund des Herzogs musste er nicht furchten, einer langen Gefangenschaft, einer grausamen Behandlung entgegenzugehen? Die Ankunft an dem ausseren Posten des Lagers unterbrach diese dusteren Gedanken. Die Knechte schickten einen aus ihrer Mitte ab, um die Bundesobersten von ihrem Fang zu benachrichtigen und Befehle einzuholen, wohin man ihn fuhren solle. Es war dies eine peinliche Viertelstunde fur Georg; er wunschte wo moglich mit Frondsberg zusammenzutreffen, er glaubte hoffen zu durfen, dass dieser edle Freund seines Vaters ihm seine gutigen Gesinnungen erhalten haben mochte, dass er ihn zum wenigsten billiger beurteilen werde als Waldburg-Truchsess und so mancher andere, der ihm fruher nicht gunstig war.

Der Knecht kam zuruck; der Gefangene sollte so still als moglich und ohne Aufsehen in das grosse Zelt gefuhrt werden, wo die Obersten gewohnlich Kriegsrat hielten. Man schlug zu diesem Gang einen Seitenweg ein, und die Knechte baten Georg, seinen Helm zu schliessen, dass man ihn nicht erkenne, ehe er vor den Rat gefuhrt wurde. Gerne befolgte er diese Bitte, denn es war ihm in einem solchen Falle nichts unertraglicher, als sich den Blicken neugieriger oder schadenfroher Menschen aussetzen zu mussen. Sie gelangten endlich an das grosse Zelt. Diener aller Art waren hier versammelt, und die verschiedenen Farben und Binden, mit welchen sie geschmuckt waren, liessen auf eine zahlreiche Versammlung edler Herren und Ritter im Innern des Zeltes schliessen.

Schon mochte die Nachricht unter sie gekommen sein, dass einige Knechte einen Mann von Bedeutung gefangen haben, denn sie drangten sich nahe herbei, als Georg sich aus dem Sattel schwang, und ihre neugierigen Blicke schienen durch die Offnungen des Visieres dringen zu wollen, um die Zuge des Gefangenen zu schauen. Ein Edelknabe suchte Raum zu machen, und er musste seine Zuflucht zu dem "Namen der Bundesobersten" nehmen, um diese dichte Masse zu durchbrechen, und dem gefangenen Ritter einen Weg in das Innere des Zeltes zu bahnen. Drei jener Knechte, die ihn begleitet hatten, durften folgen; sie gluhten vor Freude, und glaubten nicht anders als jene Goldgulden sogleich in Empfang nehmen zu konnen, die auf die Person des Herzogs von Wurttemberg gesetzt waren.

Der letzte Vorhang tat sich auf, und Georg trat mutig und festen Schrittes ein, und uberschaute die Manner, die uber sein Schicksal entscheiden sollten. Es waren wohlbekannte Gesichter, die ihn so fragend und durchdringend anschauten. Noch waren die dusteren Blicke und die feindliche Stirne des Truchsess von Waldburg seinem Gedachtnis nicht entfallen, und der spottische, beinahe hohnische Ausdruck in den Mienen dieses Mannes weissagte ihm nichts Gutes. Sikkingen, Alban von Closen, Hutten sie alle sassen wie damals vor ihm, als er dem Bund auf ewig Lebewohl sagte, aber wie vieles hatte sich verandert. Und eine Trane fullte sein Auge, als es auf jene teure Gestalt, auf jene ehrwurdigen Zuge fiel, die sich tief in sein dankbares Herz gegraben hatten. Es war nicht Hohn, nicht Schadenfreude, was man in Georg von Frondsbergs Mienen las, nein, er sah den Nahenden mit jenem Ausdruck von wurdigem Ernst, von Wehmut an, womit ein edler Mann den tapferen, aber besiegten Feind begrusst.

Als Georg diesen Mannern gegenuberstand, hub der Truchsess von Waldburg an: "So hat doch endlich der Schwabische Bund einmal die Ehre, den erlauchten Herzog von Wurttemberg vor sich zu sehen, freilich war die Einladung zu uns nicht allzu hoflich, doch "

"Ihr irrt Euch!" rief Georg von Sturmfeder, und schlug das Visier seines Helmes auf. Als sahen sie Minervas Schild und sein Medusenhaupt, so bebten die Bundesrate vor dem Anblick der schonen Zuge des jungen Ritters. "Ha! Verrater! ehrlose Buben! ihr Hunde!" rief Truchsess den drei Knechten zu; "was bringt ihr uns diesen Laffen, dessen Anblick meine Galle aufregt, statt des Herzogs? Geschwind, wo ist er? sprecht!"

Die Knechte erbleichten. "Ist's nicht dieser?" fragten sie angstlich. "Er hat doch den grunen Mantel an."

Der Truchsess zitterte vor Wut und seine Augen spruhten Verderben; er wollte auf die Knechte hinsturzen, er sprach davon sie zu erwurgen, aber die Ritter hielten ihn zuruck, und Hutten, zornbleich, aber gefasster als jener, fragte: "Wo ist der Doktor Calmus, lasst ihn hereinkommen, er soll Rechenschaft ablegen, er hat den Zug ubernommen."

"Ach Herr", sagte einer der Knechte, "der legt Euch keine Rechenschaft mehr ab; er liegt erschlagen auf der Brucke bei Kongen!"

"Erschlagen?" rief Sickingen, "und der Herzog ist entkommen? erzahlte ihr Schurken."

"Wir legten uns, wie uns der Doktor befahl, bei der Brucke in Hinterhalt. Es war beinahe noch dunkel, als wir den Hufschlag von vier Rossen horten, die sich der Brucke naherten, zugleich vernahmen wir das Zeichen, das uns die Reiter uber dem Fluss geben sollten, wenn die Herzoglichen aus dem Wald kamen. 'Jetzt ist's Zeit', sagte der Kahlmauser. Wir standen schnell auf und besetzten den Ausgang der Brucke. Es waren, soviel wir im Halbdunkel unterscheiden konnten, vier Reiter und ein Bauersmann; die zwei hintersten wandten sich um und fochten mit unseren Reitern, die zwei vorderen und der Bauer machten sich an uns. Doch wir streckten ihnen die Lanzen entgegen, und der Doktor rief ihnen zu, sich zu ergeben. Da drangen sie wutend auf uns ein; der Doktor sagte uns, der im grunen Mantel sei der Rechte; und wir hatten ihn bald gehabt, aber der Bauer wenn es nicht der Teufel selbst war, schlug den Doktor und noch zwei von uns nieder. Jetzt stach ihm einer die Hellebarde in den Leib, dass er fiel und dann ging es auf die Reiter. Wir packten allesamt den im grunen Mantel, wie uns der Kahlmauser geheissen, der andere aber sturzte sich mit seinem Ross uber die Brucke hinab in den Neckar und schwamm davon. Wir aber liessen ihn ziehen, weil wir den Grunen hatten, und brachten diesen hieher."

"Das war Ulerich und kein anderer", rief Alban von Closen "ha! uber die Brucke hinab in den Nekkar! das tut ihm keiner nach."

"Man muss ihm nachjagen", fuhr der Truchsess auf; "die ganze Reiterei muss aufsitzen und hinab am Nekkar streifen, ich selbst will hinaus "

"O Herr", entgegnete einer der Knechte. "Da kommt Ihr zu spat; es ist drei Stunden jetzt, dass wir von der Brucke abzogen, der hat einen guten Vorsprung, und kennt das Land wohl besser als alle Reiter!"

"Kerl! willst du mich noch hohnen? ihr habt ihn entkommen lassen, an euch halte ich mich, man rufe die Wache; ich lass euch aufhangen."

"Massigt Euch", sagte Frondsberg, "die armen Bursche trifft der Fehler nicht; sie hatten sich gerne das Gold verdient, das auf den Herzog gesetzt war. Der Doktor hat gefehlt und Ihr hort, dass er es mit dem Leben zahlte."

"Also Ihr habt heute den Herzog vorgestellt?" wandte sich Waldburg zu Georg, der stille dieser Szene zugesehen hatte; "musst Ihr mir uberall in den Weg laufen, mit Eurem Milchgesicht? Uberall hat Euch der Teufel, wo man Euch nicht braucht. Es ist nicht das erste Mal, dass Ihr meine Plane durchkreuzet "

"Wenn Ihr es gewesen seid, Herr Truchsess", antwortete Georg, "der bei Neuffen den Herzog meuchlings uberfallen lassen wollte, so bin ich Euch leider in den Weg gekommen, denn Eure Knechte haben mich niedergeworfen."

Die Ritter erstaunten uber diese Rede, und sahen den Truchsess fragend an. Er errotete, man wusste nicht aus Zorn oder Beschamung, und entgegnete: "Was schwatzt Ihr da von Neuffen; ich weiss von nichts; doch wenn man Euch dort niedergeworfen hat, so wunsche ich, Ihr waret nimmer aufgestanden, um mir heute vor Augen zu kommen. Doch es ist auch so gut, Ihr habt Euch als einen erbitterten Feind des Bundes bewiesen, habt heimlich und offen fur den geachteten Herzog gehandelt, teilet also seine Schuld gegen den Bund und das ganze Reich, seid uberdies heute mit den Waffen in der Hand gefangen worden Euch trifft die Strafe des Hochverrats an dem allerdurchlauchtigsten Bund des Schwaben- und Frankenlandes."

"Dies dunkt mir eine lacherliche Beschuldigung", erwiderte Georg mit mutigem Ton; "Ihr wisset wohl, wann und wo ich mich von dem Bunde losgesagt habe; Ihr habt mich auf vierzehn Tage Urfehde schworen lassen; so wahr Gott uber mir ist, ich habe sie gehalten. Was ich nachher getan, davon habt Ihr nicht Rechenschafe zu fordern, weil ich Euch nicht mehr verpflichtet war, und was meine Gefangennehmung mit den Waffen in der Hand betrifft, so frage ich euch, edle Herren, welcher Ritter wird, wenn er von sechs oder acht angegriffen wird, sich nicht seines Lebens wehren? Ich verlange von euch ritterliche Haft, und erbiete mich Urfehde zu schworen auf sechs Wochen; mehr konnet ihr nicht von mir verlangen."

"Wollt Ihr uns Gesetze vorschreiben? Ihr habt gut gelernt bei dem ubermutigen Herzog; ich hore ihn aus Euch sprechen; doch keinen Schritt sollt Ihr zu Eurer Sippschaft tun, bis Ihr gesteht, wo der alte Fuchs, Euer Schwiegervater, sich aufhalt, und welchen Weg der Herzog genommen hat."

"Der Ritter von Lichtenstein wurde von Euren Reitern gefangengenommen, welchen Weg der Herzog nahm, weiss ich nicht, und kann es mit meinem Wort bekraftigen."

"Ritterliche Haft?" rief der Truchsess bitter lachend. "Da irrt Ihr Euch gewaltig; zeiget vorher, wo Ihr die goldenen Sporen verdient habt! Nein, solches Gelichter wird bei uns ins tiefste Verlies geworfen, und mit Euch will ich den Anfang machen."

"Ich denke dies ist unnotig", fiel ihm Frondsberg ins Wort; "ich weiss, dass Georg von Sturmfeder zum Ritter geschlagen wurde; uberdies hat er einem bundischen Edlen das Leben gerettet, Ihr werdet Euch wohl an die Aussage des Dieterich von Kraft erinnern. Auf Verwenden dieses Ritters wurde er von einem schmahlichen Tod befreit, und sogar in Freiheit gesetzt. Er kann dieselbe Behandlung von uns verlangen."

"Ich weiss, dass Ihr ihm immer das Wort geredet; dass er Euer Schosskind war, aber diesmal hilft es ihm nicht, er muss nach Esslingen in den Turm, und jetzt den Augenblick "

"Ich leiste Burgschaft fur ihn", rief Frondsberg, "und habe hier so gut mitzusprechen wie Ihr. Wir wollen abstimmen uber den Gefangenen, man fuhre ihn einstweilen in mein Zelt."

Einen Blick des Dankes warf Georg auf die ehrwurdigen Zuge des Mannes, der ihn auch jetzt wieder aus der drohenden Gefahr rettete. Der Truchsess aber winkte murrisch den Knechten, dem Befehl des Oberfeldhauptmanns zu folgen; und Georg folgte ihnen durch die Strassen des Lagers nach Frondsbergs Zelt.

Nicht lange nachher stand der Mann vor ihm, dem er so unendlich viel zu danken hatte. Er wollte ihm danken, er wusste nicht wie er ihm seine Ehrfurcht bezeugen sollte; doch Frondsberg sah ihn lachelnd an und zog ihn in seine Arme. "Keinen Dank, keine Entschuldigung!" sprach er, "sah ich doch alles dies voraus, als ich in Ulm von dir Abschied nahm, doch du wolltest es nicht glauben, wolltest dich vergraben in die Burg deiner Vater. Ich kann dich nicht schelten; glaube mir, das Feldlager und die Sturme so vieler Kriege haben mein Herz nicht so verhartet, dass ich vergessen konnte wie machtig die Liebe zieht!"

"Mein Freund, mein Vater!" rief Georg, indem er freudig errotete.

"Ja, das bin ich; der Freund deines Vaters, dein Vater; drum war ich oft stolz auf dich, wenn du auch in den feindlichen Reihen standest; dein Name wurde so jung du bist, mit Ehrfurcht genannt, denn Treue und Mut ehrt ein Mann, auch an dem Feinde. Und glaube mir, es kam den meisten von uns erwunscht, dass der Herzog entkam; was konnten wir mit ihm beginnen; der Truchsess hatte vielleicht einen ubereilten Streich gemacht, den wir alle zu bussen gehabt hatten."

"Und was wird mein Schicksal sein?" fragte Georg. "Werde ich lange in Haft gehalten werden? wo ist der Ritter von Lichtenstein? O mein Weib! darf sie mich nicht besuchen?"

Frondsberg lachelte geheimnisvoll. "Das wird schwer halten", sagte er, "du wirst unter sicherer Bedeckung auf eine Feste gefuhrt, und einem Wachter ubergeben werden, der dich streng bewachen und nicht so bald entlassen wird! Doch sei nicht angstlich, der Ritter von Lichtenstein wird mit dir dorthin abgefuhrt werden, und ihr beide musset auf ein Jahr Urfehde schworen."

Frondsberg wurde hier durch drei Manner unterbrochen, die in das Zelt sturmten; es war der Feldhauptmann von Breitenstein und Dieterich von Kraft, die den Ritter von Lichtenstein in ihrer Mitte fuhrten.

"Hab ich dich wieder, wackerer Junge", rief Breitenstein, indem er Georgs Hand druckte. "Du machst mir schone Streiche; dein alter Oheim hat dich mir auf die Seele gebunden, ich solle einen tuchtigen Kampen aus dir ziehen, der dem Bunde Ehre mache, und nun laufst du zu dem Feind, und haust und stichst auf uns, und hattest gestern beinahe die Schlacht gewonnen, durch dein tollkuhnes Stuckchen auf unsere Geschutze."

"Jeder nach seiner Art", entgegnete Frondsberg, "er hat uns aber auch in Feindes Reihen Ehre gemacht."

Der Ritter von Lichtenstein umarmte seinen Sohn. "Er ist in Sicherheit", flusterte er ihm zu, und beider Augen glanzten von Freude, zu der Rettung des unglucklichen Fursten beigetragen zu haben. Da fielen die Blicke des alten Ritters auf den grunen Mantel, der noch immer um Georgs Schultern hing; er erstaunte, er sah ihn naher an. "Ha! jetzt erst verstehe ich ganz, wie alles so kommen konnte", sprach er bewegt, und eine Trane der Freude hing in seinen grauen Wimpern; "sie nahmen dich fur ihn; was ware aus ihm geworden, wenn dich der Mut nur einen Augenblick verlassen hatte? Du hast mehr getan als wir alle, du hast gesiegt, wenn wir jetzt auch Besiegte heissen; komm an mein Herz, du wurdiger Sohn."

"Und Marx Stumpf von Schweinsberg?" fragte Georg; "auch er gefangen?"

"Er hat sich durchgehauen, wer vermochte auch seinen Hieben zu widerstehen; meine alten Knochen sind murbe, an mir liegt nichts mehr, aber er ist dem Herzog nachgezogen, und wird ihm eine bessere Hulfe sein als funzig Reiter. Doch den Pfeifer sah ich nicht; sage, wie ist er entkommen aus dem Streit?"

"Als ein Held", erwiderte der junge Mann, von der Wehmut der Erinnerung bewegt; "er liegt erstochen an der Brucke."

"Tot?" rief Lichtenstein, und seine Stimme zitterte; "die treue Seele! doch wohl ihm, er hat getan wie ein Edler, und ist gestorben, treu wie es Mannern ziemt!"

Frondsberg naherte sich ihnen und unterbrach ihre Reden. "Ihr scheint mir so niedergeschlagen", sagte er; "seid mutig und getrost, alter Herr! das Kriegsgluck ist wandelbar, und Euer Herzog wird wohl auch wieder zu seinem Lande kommen, wer weiss ob es nicht besser ist, dass wir ihn noch auf einige Zeit in die Fremde schickten. Leget Helm und Panzer ab; das Gefecht zum Fruhstuck wird Euch die Lust zum Mittagessen nicht verdorben haben. Setzet Euch zu uns. Ich erwarte gegen Mittag den Wachter, unter dessen Obhut Ihr auf eine Burg gebracht werden sollet. Bis dahin lasset uns noch zusammen frohlich sein!"

"Das ist ein Vorschlag der sich horen lasst", rief Breitenstein. "Zu Tisch ihr Herren; wahrlich Georg, mit dir habe ich nicht mehr gespeist, seit dem Imbiss im Ulmer Rathaussaal. Komm, wir wollen redlich nachholen was wir versaumten."

Hans von Breitenstein zog Georg zu sich nieder, die anderen folgten seinem Beispiel; die Knechte trugen auf, und der edle Wein machte den Ritter von Lichtenstein und seinen Sohn vergessen, dass sie in misslichen Verhaltnissen, im feindlichen Lager seien, dass sie vielleicht einem ungewissen Geschick, und wenn sie die Reden Frondsbergs recht deuteten, einer langen Gefangenschaft entgegengehen. Gegen das Ende der Tafel wurde Frondsberg hinausgerufen; bald kam er zuruck und sprach mit ernster Miene: "So gerne ich noch langer eure Gesellschaft genossen hatte, liebe Freunde, so tut es jetzt not aufzubrechen. Der Wachter ist da, dem ich euch ubergeben muss, und ihr musst euch sputen, wollet ihr heute noch die Feste erreichen."

"Ist er ein Ritter, dieser Wachter?" fragte Lichtenstein, indem sich seine Stirne in finstere Falten zog; "ich hoffe man wird auf unseren Stand Rucksicht genommen haben, und uns ein anstandiges Geleite geben?"

"Ein Ritter ist er nicht", antwortete Frondsberg lachelnd, "doch ist er ein anstandiges Geleite; ihr werdet euch selbst davon uberzeugen." Er luftete bei diesen Worten den Vorhang des Zeltes, und es erschienen die holden Zuge Mariens; mit dem Weinen der Freude sturzte sie an die Brust ihres Gatten, und der alte Vater stand stumm von Uberraschung und Ruhrung, kusste sein Kind auf die schone Stirne, und druckte die Hand des biedern Frondsberg.

"Das ist euer Wachter", sprach dieser, "und der Lichtenstein die Feste wo sie euch gefangenhalten soll. Ich sehe es ihren Augen an, sie wird den jungen Herrn nicht zu strenge halten, und der alte wird sich nicht uber sie beklagen konnen; doch rate ich Euch, Tochterchen, habet ein wachsames Auge auf die Gefangenen, lasset sie nicht wieder von der Burg, gestattet nicht, dass sie wieder Verbindungen mit gewissen Leuten anknupfen, Ihr haftet mit Eurem Kopf dafur!"

"Aber lieber Herr", entgegnete Marie, indem sie den Geliebten inniger an sich druckte und lachelnd zu dem strengen Herrn aufblickte; "bedenket, er ist ja mein Haupt, wie kann ich ihm etwas befehlen?"

"Eben deswegen hutet Euch, dass Ihr dieses Haupt nicht wieder verlieret; bindet ihn mit einem Liebesknoten recht fest, dass er Euch nicht entlaufe, er andert nur gar zu leicht die Farbe; wir haben Beispiele!"

"Ich trug nur eine Farbe, mein vaterlicher Freund!" entgegnete der junge Mann, indem er in die Augen seiner schonen Frau und auf die Feldbinde niedersah, die seine Brust umzog; "nur eine, und dieser blieb ich treu "

"Wohlan! so halte ferner nur zu ihr," sagte Frondsberg, und reichte ihm die Hand zum Abschied. "Lebe wohl! Die Pferde harren vor dem Zelt; bringet Eure Gefangenen sicher auf die Feste, schone Frau, und gedenket huldreich des alten Frondsberg."

Marie schied von diesem Edeln mit Tranen in den Augen, auch die Manner nahmen bewegt seine Hand, denn sie wussten wohl, dass ohne seine Hulfe ihr Geschick sich nicht so freundlich gewendet hatte. Noch lange sah ihnen Georg von Frondsberg nach, bis sie an der aussersten Zeltgasse um die Ecke bogen. "Er ist in guten Handen", sagte er dann, indem er sich zu Breitenstein wandte, "wahrlich, der Segen seines Vaters ruht auf ihm. Ein gutes schones Weib und ein Erbe, wie wenige sind im Schwabenland."

"Ja, ja!" erwiderte Hans von Breitenstein, "seiner Klugheit und Vorsicht hat er es nicht zu danken; doch wer das Gluck hat fuhrt die Braut heim; ich bin funfzig alt geworden, und gehe noch auf Freiersfussen; Ihr auch, Herr Dieterich von Kraft, nicht wahr?"

"Mitnichten und im Gegenteil", sagte dieser wie aus einem Traum erwachend; "wenn man ein solches Paar sieht, weiss man was man zu tun hat. In dieser Stunde noch setze ich mich in meine Sanfte, reise nach Ulm und fuhre meine Base heim; lebt wohl ihr Herren!" Als der Schwabische Bund Wurttemberg wiedererobert hatte, richtete er seine Regierung wieder ein und beherrschte das Land wieder wie im Sommer 1519. Die Anhanger des vertriebenen Herzogs mussten Urfehde schworen und wurden auf ihre Burgen verwiesen. Georg von Sturmfeder und seine Lieben, die dieses Schicksal mit betraf, lebten zuruckgezogen auf Lichtenstein, und Marien und ihrem Gatten ging in ihrem stillen hauslichen Gluck ein neues Leben auf.

Noch oft wenn sie am Fenster des Schlosses standen, und hinabschauten auf Wurttembergs schone Fluren, gedachten sie des unglucklichen Fursten, der einst hier mit ihnen auf sein Land hinabgeblickt hatte; und dann dachten sie nach uber die Verkettung seiner Schicksale, und wie durch eine sonderbare Fugung auch ihr eigenes Geschick mit dem seinigen verbunden war; und wenn sie sich auch gestanden, dass ihr Gluck vielleicht nicht so fruhe, nicht so schon aufgebluht ware ohne diese Verknupfung, so wurde doch ihre Freude durch den Gedanken getrubt, dass der Stifter ihres Gluckes noch immer ferne von seinem Lande, im Elend der Verbannung lebe. Erst viele Jahre nachher gelang es dem Herzog, Wurttemberg wieder zu erobern. Doch als er gelautert durch Ungluck als ein weiser Furst zuruckkehrte, als er die alten Rechte ehrte und die Herzen seiner Burger fur sich gewann, als er jene heiligen Lehren, die er in fernem Lande gehort, die so oft sein Trost in einem langen Ungluck geworden waren, seinem Volke predigen liess, und einen gelauterteren Glauben mit den Grundgesetzen seines Reiches verband, da erkannten Georg und Marie den Finger einer gutigen Gottheit in den Schicksalen Ulerichs von Wurttemberg, und sie segneten den, der dem Auge des Sterblichen die Zukunft verhullt, und auch hier wie immer durch Nacht zum Lichte fuhrte.

Der Name der Lichtenstein im Wurttemberger Land, ging mit dem alten Ritter zu Grabe; doch erlebte er noch in hohem Alter die Freude, seine bluhenden Enkel waffenfahig zu sehen. So geht Geschlecht um Geschlecht uber die Erde hin; das Neue verdrangt das Alte, und nach dem kurzen Zeitraum von funfzig oder hundert Jahren sind biedere Manner, treue Herzen vergessen; ihr Gedachtnis ubertont der rauschende Strom der Zeiten, und nur wenige glanzende Namen tauchen auf, aus diesen Fluten des Lethe, und spielen in ihrem ungewissen Schimmer auf den Wellen. Doch wohl dem, dessen Taten jene stille Grosse in sich tragen, die den Lohn in sich selbst findet, und ohne Dank bei der Mitwelt, ohne Anspruche auf die Nachwelt entsteht, ins Leben tritt- verschwindet. So ist auch der Name des Spielmanns von Hardt verklungen, und nur leise Nachklange von seinem Wirken wehen uns an, wenn die Hirten der Gegend die Ulerichshohle zeigen und von dem Mann sprechen, der seinen unglucklichen Herzog hier verbarg; so sind selbst jene romantischen Zuge aus Ulerichs Leben zur Fabel geworden, der Geschichtschreiber verschmaht sie als unwesentliche Aussendinge, und sie erscheinen uns nur, wenn man auf den Hohen von Lichtenstein von dem Herzog erzahlt, der allnachtlich vor das Schloss kam, und wenn man uns auf der Brucke von Kongen die Stelle zeigt, wo jener "Unerschrockene" den Sprung auf Leben und Tod in die Tiefe wagte.

Und sie erscheinen uns da, diese Sagen, wie ungewisse Schatten, die eine grosse Gestalt vom Berge in die Nebel des Tales wirft, und der kaltere Beobachter lachelt, wenn man ihnen wirkliches Leben und jene Farben verleihen will, die ihr unsicheres Grau zu einem Bild des Lebens umwandeln. Auch Lichtensteins alte Feste ist langst zerfallen, und auf den Grundmauern der Burg erhebt sich ein freundliches Jagerhaus, fast so luftig und leicht wie jene spanischen Schlosser, die man in unseren Tagen auf die Grundpfeiler des Altertums erbaut. Noch immer breiten sich Wurttembergs Gefilde so reich und bluhend wie damals vor dem entzuckten Auge aus, als Marie an des Geliebten Seite hinabsah, und der unglucklichste seiner Herzoge den letzten Scheideblick von Lichtensteins Fenstern auf sein Land warf. Noch prangen jene unterirdischen Gemacher, die den Geachteten aufnahmen, in ihrer alten Pracht und Herrlichkeit, und die murmelnden Wasser, die sich in eine geheimnisvolle Tiefe sturzen, scheinen langst verklungene Sagen noch einmal wiedererzahlen zu wollen.

Es ist eine schone Sitte, dass die Bewohner dieses Landes auch aus entfernteren Gegenden, um die Zeit des Pfingstfestes sich aufmachen, um Lichtenstein und die Hohle zu besuchen. Viele hundert schone Schwabenkinder und holde Frauen, begleitet von Junglingen und Mannern ziehen herauf in diese Berge; sie steigen nieder in den Schoss der Erde, der an seinen kristallenen Wanden den Schein der Lichter tausendfach wiedergibt, sie fullen die Hohle mit Gesang, und lauschen auf ihr Echo, welches die murmelnden Bache der Tiefe melodisch begleiten, sie bewundern die Werke der Natur, die sich auch ohne das milde Licht der Sonne, ohne das frohliche Grun der Felder, so herrlich zeigt. Dann steigen sie herauf zum Lichte, und die Erde will ihnen noch schoner bedunken als zuvor; ihr Weg fuhrt immer aufwarts zu den Hohen von Lichtenstein, und wenn dort die Manner im Kreise schoner Frauen, die Becher in der Hand, auf die weiten Fluren hinabschauen, wie sie bestrahlt von einer milden Sonne im lieblichsten Schmelz der Farben sich ausbreiten, dann preisen sie diese lichten Hohen, dann preisen sie ihr gesegnetes Vaterland.

Dann kehrt, wie in den alten Tagen, Gesang und Jubel, und der frohliche Klang der Pokale auf den Lichtenstein zuruck, und weckt das Echo seiner Felsen, und weckt mit ihm die Geister dieser Burg, dass sie die frohlichen Gaste umschweben, und mit ihnen hinabschauen auf das alte Wurttemberg. Ob auch das holde Fraulein vom Lichtenstein, ob Georg und der alte Ritter mit ihnen heraufschwebt, ob jener treue Spielmann in den Tagen des Fruhlings seinem Grab entsteigt, und wie er im Leben zu tun pflegte, hinaufzieht nach der Burg, das Fest mit Gesang und Spiel zu schmucken ? Wir wissen es nicht; doch wenn wir im Abendscheine auf den Felsen gelagert, die Landschaft uberschauten, wenn wir von den alten guten Zeiten und ihren Sagen sprachen, wenn sich die Sonne allmahlich senkte, und nur das Schlosschen noch selig und freundlich in seiner Einsamkeit, von den letzten Strahlen mit einem rotlichen Schein umgossen, auf seinem Felsen ruhte da glaubten wir im Wehen der Nachtluft, im Rauschen der Baume, im Sauseln der Blatter bekannte Stimmen zu vernehmen, es war uns, als flustern sie uns ihre Grusse zu, als erzahlen sie uns alte Sagen von ihrem Leben und Treiben. Manches haben wir an solchen Abenden erfahren, manches Bild stieg in uns auf, und schien sich vor unseren Blicken zu verwirklichen, und die es uns woben und malten, die uns ihre romantischen Sagen zuflusterten, wir glauben es waren die "Geister von Lichtenstein."

Fussnoten

1 Ulrich von Wurttemberg, geb. 1487, wurde 1498 in seinem eilften Jahre als Herzog belehnt mit einer Mitregentschaft, welche in seinem sechszehnten Jahr aufgehoben wurde und Ulerich von 1503 an allein regierte. Er starb im Jahr 1550. 2 Es ist hier Eberhard im Bart gemeint, der, geb. 1445, gest. 1496, sehr weise regierte. Er war der erste Herzog von Wurttemberg. Christoph, geb. 1515, gest. 1568, ein Furst, dessen Andenken nicht nur in Wurttemberg, sondern in ganz Teutschland gesegnet wird. Er ist der Stifter der wurttembergischen Konstitution. 3 Christ. Tubingii Chron. Blabur ad annum 1516: Maximilianus Caesar ex suggestione Ducis Bavariae et sororis uxoris Udalrici aliorumque non multum Udalrico deinceps favere cepit. 4 Das Nahere uber diese Einnahme ist in der trefflichen Geschichte Wurttembergs von C. Pfaff I. 291, und Sattler, Geschichte der Herzoge von Wurttemberg. II 5, hauptsachlich aber bei Pedius Tethinger in comment. de reb. Wurtemb. sub Ulrico Lib. I. in fine und ap. Schradii script. rerum germ. Tom. II. pag. 885 zu lesen. 5 Der Herzog hatte mit Landgraf Philipp von Hessen ein Bundnis errichtet auf zweihundert Reiter und sechshundert zu Fuss, ebenso mit Markgraf Ernst von Baden, aber sie entschuldigen sich beide, dass sie selbst mit einem Einfall bedroht seien. 6 Georg von Frondsberg, geb. 1475, gest. 1528, einer der beruhmtesten Feldherren seiner Zeit, der in Teutschland, Frankreich, Italien, den Niederlanden sich mit Ruhm bedeckte. Er ist derselbe, der 1521 zu Luther, der auf den Reichstag zu Worms geladen war, jene denkwurdigen Worte sagte: "Munchlein, Munchlein, du gehst jetzt einen gefahrlichen Gang usw." 7 So nennt ihn Sattler, Geschichte der Herzoge II. 8. 8 Ulerich von Hutten, geb. 1488, starb 1523 in Ufnau am Zurchersee. Er ist beruhmt durch eine grosse Anzahl Schriften und als kuhner Beforderer der Reformation. Er griff Ulerich von Wurttemberg in Gedichten, Briefen und Reden an, die der gelehrte Nicolaus Barbatus zu Marburg in sehr gelaufigem Latein mit triftigen Grunden widerlegt. Vergl. Schradius II. 385. Bekannt ist sein Wahlspruch: "Jacta alea esto." 9 Franz von Sickingen, ein beruhmter Zeitgenosse des letzteren; er wird in diesem Krieg von Sattler als osterreichischer Rat aufgefuhrt. 10 Gotz von Berlichingen erzahlt in seinem Leben (Ausgabe von Franck von Steigerwald, Nurnberg 1731) weitlauftig wie es sich zugetragen, dass er zum Herzog Ulerich gehalten habe. Seite 142 fahrt er fort: "Da zog der Herzog vor Reutlingen und gewann es auch, darum sich auch Ihre furstliche Gnaden und mein Ungluck anheben tat, dass Ihre furstliche Gnaden verjagt worden, und ich darob zu scheitern ging." Denn der Schwabische Bund nahm nicht Rucksicht darauf, dass Gotz kurz vorher dem Herzog seine Dienste aufgesagt hatte, sondern belagerte ihn in Mockmuhl und nahm ihn gefangen. 11 Die Herren von Spat waren der Herzogin auf ihrer Flucht aus dem Lande behulflich gewesen. Der Herzog hatte bittere Rache an ihren Gutern genommen. 12 Siehe C. Pfaffs Geschichte. I. 278. 13 Es sind dies Frondsbergs eigene Worte, die er zu Gotz von Berlichingen sprach, und die dieser in seiner Geschichte, Seite 83, anfuhrt. 14 Die Eidgenossen verboten zuerst nur die Werbungen des Herzogs in ihren Landen, wie aus Sattler, Beilage Nr. 8 zum zweiten Teil der Herzoge erhellt. Nachher riefen sie ihre Leute ganz zuruck, und zwar auf die Vorstellungen des Schwabischen Bundes. 15 Ein gedrucktes Schreiben "des Bundes zu Schwaben an gemeine Landschaft zu Wurttemberg" dieses Inhaltes vom 24. Mart. 1519 findet sich in der Beilage Nr. 12 bei Sattler. 16 Sie zogen den 17. Marz ab. Der Herzog reiste sogleich nach Kirchheim um sie aufzuhalten, allein hier kam eine zweite Ordre unter Bedrohung des Verlustes ihrer Guter und der Leib- und Lebensstrafe nach Haus zu eilen. Sattler II. . 6. Tethinger pag. 66. Interim cum Helvetiorum primoribus agunt foederati, missis in urbes eorum legatis, ne Ducis Huldrichi negotio belloque se nunc immisceant suos abscedere jubeant. 17 Sattler . 6. Ausfuhrlich fuhrt diese Rede an: Tethinger comment. de reb. Wurtemb. p. 66. 18 Diese Ergebenheit und Treue der Wurttemberger beschreibt am angefuhrten Ort Tethinger. Als einen sehr wichtigen Grund gegen die Angriffe Huttens fuhrt sie auch Nicolaus Barbatus in seiner zu Marburg gehaltenen Rede auf. Vergl. Schradius II. 386. Wir machen auf diesen Umstand besonders aufmerksam, weil man gewohnlich annimmt, es sei den Wurttembergern recht gewesen, dass man Ulerich verjagte; Tethingers Worte sind: "Als dies die Wurttemberger horten, beklagten sie ihr Schicksal heftig, das ihnen nicht vergonne zu fechten. Magno fremitu fortunam Nicolai Barbati; er sucht die Beschuldigungen Ulerichs von Hutten zu widerlegen: "Welcher Tyrann war den Seinigen wert? Ulerich lieben die Seinigen. Welcher Tyrann wird, wenn er verjagt ist, von seinen Untergebenen zuruckgewunscht? Mit Bitten und Gebet wunschen sich seine Untergebenen den Herzog zuruck und bitten die Gotter, sie mochten ihnen den Herrn zuruckgeben usw." 19 Ulerich beklagt sich mehreremal uber die Nachstellungen seiner Feinde. Im Jahr I534 soll ein fur ihn von Dieterich Spat gedungener Meuchelmorder gefangen worden sein. Sattler, Gesch. d. Herzoge, 3, Seite 47. Im Jahr I536 wurde im Amt Dornstatten ein Zigeuner verhaftet, welcher aussagte, von Herzog Wilhelm in Bayern fur Ermordung des Herzogs drei Gulden bekommen zu haben. C. Pfaff, Geschichte I. 288. Ein Beweis, dass solche Versuche vorkamen. 20 Diese Sage erzahlt G. Schwab, der treue, freundliche Wegweiser uber die Schwabische Alb. Er hat sie in einer Romanze: "Der Bau des Reissensteins" der Nachwelt aufbehalten. 21 Ausfuhrlicher beschreibt diese Operationen des Bundes Sattler in seiner Gesch. d. Herz. v. W. II. . 6 usw. Man vergleiche hieruber auch die Geschichte des Herrn von Frondsberg. 2. Buch und Friedrich Stumjagung des Herzogs Ulerich. 1534. und Spener, Histor. Germ. univers. L. III. C. 4. 23. 22 Dieser Verrat von Teck fand wirklich also statt. Vergl. z.B. Sattler II. . 7. 23 Lebensbeschreibung Gotzens von Berlichingen. (von ihm selbst geschrieben), edit. Pistorius. Nurnberg. 1731. 24 Sattler II. . 9. Hieruber ist vorzuglich zu vergleichen Fried. Stumphardt, Chron. . III. Die Geschichte der Herren v. Frondsberg. Frankfurt a. M. 2. Buch, und Tethinger, Commentarius de Wurt. reb. gest. Lib. II. 25 Bei dieser Belagerung wurde Georg von Frondsberg das Barett vom Kopf geschossen. So erzahlen Sattler, Stumphardt, Tethinger u.a. 26 Diese Griechen sind eine sonderbare Erscheinung bei der Belagerung von Tubingen: man hiess sie Stratioten; ihr Hauptmann war Georg Samaras aus Corona in Albanien. Er ist in der Stiftskirche in Tubingen begraben. Ausfuhrlich beschreibt sie Tethinger, Comment. de Wurt. gest. 931. Crusius nennt sie vorzuglich beruhmt im Lanzenschwingen. 27 Man vergleiche uber diesen Volkswitz des Freiherrn von Aretin Beitrage zur Geschichte und Literatur 1805. 5. Stuck, Seite 438. 28 In der Chronik des Georg Stumphardt uber die gewaltsame Verjagung des Herzogs Ulerich, findet sich als eigener Artikel ein: "gereimter Spruch also lautend", wo in einer grossen Menge Knittelversen das Ungluck des Herzogs und des Landes beschrieben ist. Aus diesem Gedicht sind jene Verse im Text entlehnt. 29 Drei Hirschgeweihe, wovon die zwei obersten vier, das untere aber drei Eulen hat, sind das alte Wappen von Wurttemberg. 30 Diese merkwurdige Hohle haben wir nach der Natur zu zeichnen versucht. Es bleibt noch ubrig hier einige Notizen uber ihre inneren Verhaltnisse zu geben. Die Vorhohle betragt etwas uber 150 Fuss im Umfange, von hier aus laufen zwei Gange nach verschiedenen Richtungen, die aber nach einer Lange von beinahe 200 Fuss, wieder zusammentreffen. Auf diesen Wegen trifft man zwei Felsensale, den einen von 100, den andern von 82 Fuss Lange. Wo diese Gange sich vereinigen, bilden sie wieder eine Grotte; von hier aus rechts gegen Norden, mehr in der Hohe, liegt wieder eine kleinere Kammer, es ist die, in welche wir den Leser zu dem vertriebenen Mann gefuhrt haben. Die weiteste Entfernung vom Eingang der gleiche hieruber die so interessante als getreue Beschreibung der Schwab. Alb von G. Schwab. (Metzler. Buchhdlg. 1823) 31 Crusius beschreibt in seiner Chronik das Schlosschen Lichtenstein, wie wir es hier nacherzahlen. Er sah es zu Ende des sechzehnten Jahrhunderts, also etwa siebzig Jahre nach dem Jahr 1519. Dort findet sich auch die hieher gehorige Stelle: "Im oberen Stockwerk ist ein uberaus schoner Saal, ringsum mit Fenstern, aus welchen man bis an den Asperg sehen kann: darin hat der vertriebene Furst Ulerich, v. Wurttemberg ofter gewohnt, der des Nachts vor das Schloss kam und nur sagte: 'Der Mann ist da!' so wurde er eingelassen." Wo aber wohnte er den Tag uber? wo hielt sich der Vertriebene auf? Die Frage lag sehr nahe. Jetzt ist in die Ruinen des alten Schlosses ein Jagerhaus erbaut, das noch immer den Namen des "Lichtensteiner Schlossleins" tragt, und am frohlichen Pfingstfest einer lebensfrohen Menge zum Tummelplatz dient. 32 Er schickte einen tapfern Ritter, Marx Stumpf von Schweinsberg an sie mit einem beweglichen Schreiben, das Schloss nicht zu ubergeben sondern, wo sie solches auch tun wollten, ihm wieder Gelegenheit zu machen, in dasselbe zu kommen; weil er in selbigem zu sterben bereit sei, wenn es Gott uber ihn verhange. Sattler, Gesch. der Herz. v. Wurtemb. II. 15. 33 Diesen merkwurdigen Hund beschreibt Tethinger als einen Liebling Ulerichs ausfuhrlich. A. a. O. S. 1, 58. 34 "Hie gut Wurttemberg alleweg." Findet sich oft als Wahlspruch dieser Partei. Vergl. Pfaffs Geschichte Wurttembergs I. S. 306, in d. Anmerkung. 35 Drei Hirschgeweihe, wovon die zwei obersten vier, das untere aber drei Eulen hat, sind das alte Wappen von Wurttemberg. 36 "Der Tufell gsegen in allen", sind die Worte des Chronisten Stumphardt, die ihm unwillkurlich entschlupfen, indem er die Unterhandlung der Ritter "beim kielen Wein" beschreibt. 37 Herzog Ulerich beklagt sich wiederholt, namentlich in diesem Zeitpunkt, dass seine Gegner so viele Lugen gegen ihn ausstreuen. Er verteidigt sich daruber, besonders in seinen Briefen an die schweizerische Eidgenossenschaft. So streuten seine Feinde im Jahr 1519 aus, er habe einen Edelknaben, Wilhelm von Janowiz entzweigehauen. Doch Janowiz lebte noch im Jahr 1562, und war Anno 1550 Kommandant der Feste Asperg. Aber jene Luge machte damals grosses Aufsehen, daher kam es, dass ein Schweizer, dem des Herzogs von ihm ausgestreut haben, antwortete: "Er muss nochten ein guter Barbier gsyn syn, der den Knaben so suber gehailt hat." (Sattler II. . 24.) 38 Sattler erzahlt dies folgendermassen: Der Schwabische Bund hatte einen grossen Teil seiner Kriegsknechte abgedankt, diese wurden daruber schwurig, sie rottierten sich zusammen, richteten zwolf Fahnlein auf, erwahlten ihre Hauptleute und machten unter sich nach damaligem Gebrauch eine Regimentsordnung, es ist sehr wahrscheinlich, dass der Herzog diese Leute an sich gezogen. Geschichte der Herzoge v. Wurt. II. S. 16. Landsknechte schreiben wir, nicht Lanzknechte wie man in neuerer Zeit getan, und berufen uns auf die "Historia der Herren von Frondsberg" etc. 39 Dieses Lied fuhrte auch Lessing in der Sammlung auf, die den Namen tragt: "Altdeutscher Witz und Verstand." 40 Der Schwaben- und Frankenbund hielt in diesem Sommer einen Bundestag in Nordlingen. Auch die Herzogin Sabina und der Herzog von Bayern fanden sich dort ein, um hauptsachlich uber Wurttemberg zu entscheiden. Sattler II. . 15. 41 Die Regentschaft musste zu jener Zeit viel seltsamer, leichtfertiger und boser Reden horen. Der Keller in Goppingen berichtete einmal, man habe auf der Strasse zwischen Grunbach und Heppach einen Kieselstein gefunden, auf dessen einer Seite ein Hirschgeweih mit der Unterschrift: "Hie gut Wurttemberg alleweg", auf der andern Seite ein Jagdhorn mit den Worten: "Vive Dux Ulrice" zu sehen waren. Vergleiche Pfaffs Gesch. v. W. I. 306. 42 Uber dieses neutrale Verhalten des Adels ist zu vergleichen Sattler II. . 19. 43 "Der Herzog zog sich mit ungefahr 6000 Landvolk nach Stuttgart, und die angeworbenen Knechte legte er nach Cannstatt." Sattler II. 21. "Der Herzog, als er erfuhr, dass der Feind so nahe sei, rief die Seinigen schnell aus Stadten und Dorfern herbei, die auch sogleich erschienen." Tethingeri Commentarius etc. lib. III. 44 Wir benutzen zur Beschreibung dieser Schlacht hauptsachlich: Joh. Betzii hist. Ulrici Ducis Wurt. und Tethinger, der besonders bei dem Angriff der Reiterei auf den mit Geschutz besetzten Hugel sehr ins einzelne geht. 45 Graf Georg von Wurttemberg und Mompelgard, der Bruder Ulerichs, ist der Stammvater des jetzigen Regentenhauses von Wurttemberg. Sein Sohn war Friedrich, VI. reg. Herzog, der das Herzogtum erhielt, weil Ludwig, Christophs Sohn, ohne mannliche Deszendenz starb. A1 Wir setzen fur Leser, welche dieses Idiom nicht verstehen, hier eine getreue Ubersetzung bei: "Was fallt dir aber um Gottes willen ein, dass du am Werktag den neuen roten Roch zum Spinnen anziehst? Auch das neue Mieder hat sie an und eine silberne Kette. Und einen frischen Schurz und frische Strumpfe ungefragt aus dem Kasten reissen! wer wird solchen Hochmut treiben? Dummes Kind, weisst du nicht dass wir arme Leute sind, dass du die Tochter eines unglucklichen Mannes bist?" A2 "Lasset Euch doch berichten! was schadet es denn diesem Rock, wenn ich ihn einmal an einem christlichen Werktag anhabe; an der silbernen Kette wird auch nichts verdorben, und den Schurz kann man wieder waschen!" A3 "So? als hatte man nicht genug zu waschen? Sag mir nur, was ist denn in dich gefahren, dass du dich so aufputzt und schon machst?" A4 "Ach! wisst Ihr denn nicht, dass heute der achte Tag ist? hat nicht der Vater gesagt, der Junker werde am heutigen Morgen erwachen, wenn sein Trank gute Wirkung hat, da dachte ich nun " A5 "Ist's um diese Zeit? wahrlich du hast recht! wenn nicht gut und konnte beim Vater Verdruss geben. Ich sehe aus wie ein Drache. Gehe, bringe mir mein schwarzes Wams, mein rotes Mieder und einen frischen Schurz." A6 "Aber Mutter, Ihr werdet Euch doch nicht hier ankleiden wollen? wenn der Junker gerade jetzt erwachte! gehet hinauf, kleidet Euch oben an; ich bleibe bei ihm." A7 "Du hast nicht unrecht." A8 "Seid Ihr wieder ganz bei Euch? Ach Herr Jesus! wer hatte das gedacht! Ihr schauet doch auch wieder vernunftig aus den Augen, und nicht so verwirre, dass man Bange bekam!" A9 "Wie schwatzet Ihr doch! Ein paar Stunden? heute nacht wird es neun Tage, dass man Euch gebracht hat." A10 "Ihr musst nicht weinen! Euer Gnaden sind ja jetzt wieder gesund und konnen jetzt wieder weiterreiten." A11 "Gefangen? nein gefangen seid Ihr nicht, zwar es hatte ein paarmal sein konnen, wie die vom Schwabischen Bund vorbeigezogen sind doch wir haben Euch immer gut versteckt, der Vater hat gesagt, wir sollen den Junker keinen Menschen sehen lassen." A12 "Er hort es nicht gerne; freilich ist er seinem Gewerbe nach ein Spielmann, aber er hort es am gernsten wenn man Hans zu ihm sagt." A13 "Schon seit zwei Tagen sollte er hier sein, wenn ihm nur nichts geschehen ist; die Leut sagen, die bundischen Reiter passen ihm auf." A14 "Es ist ein Herr wie ein Prinz, welch ein Wams er anhat, die Herren in Stuttgart konnen es Nicht schoner haben, was tut er nur mit dem Fleckchen, das er in der Hand hat? er sieht es ja beinahe auseinander. Vielleicht kam ein wenig Blut dorthin, und er ist daruber erzurnt." A15 "Nein, das ist es Nicht! aber wisst Ihr was ich denke? er macht so feurige Augen darauf hin, es ist gewiss etwas von seinem Madchen." A16 "Was weisst du von einem Schatz; ein Kind wie du soll nichts dergleichen denken. Gehe jetzt weg vom Fenster, reiche mir das Topfchen dort. Der Herr wird vornehm zu essen gewohnt sein, ich muss ihm ein wenig viel Schmalz in den Brei tun." A17 "Seid Ihr denn frohlich? ich meinte doch es sei vorhin etwas aus Euren Augen gerollt, was jene Binde genetzt hat. Das habt Ihr gewiss von Eurem Liebchen, und jetzt tut es Euch weh, dass Ihr nicht bei ihr seid?" A18 "Ach ich mag es dem gnadigen Fraulein wohl gonnen, dass sie einmal wieder eine Freude hat. Man sagte mir, sie habe gejammert, wie Ihr so krank gewesen." A19 "Der Vater hat kein Wortchen zu mir gesagt, und ich wusste auch nicht, dass es ein Fraulein von Lichtenstein gibt, wenn nicht meine Muhme ihre Amme ware. Ihr musst es mir nicht ubelnehmen, dass ich ein wenig horchte; sehet die Sache ging so:" A20 "Allein konnt Ihr den Weg nicht finden. Ihr seid kein Wurttemberger, man merkt es an der Sprache, Ihr konnet leicht verirren, doch ich, laufe meinem Vater entgegen und bewirke, dass er schneller kommt." A21 "Und ware es so Nacht, dass man den Weg mit den Handen greifen musste, ich laufe bis Lichtenstein, ich wollte es gerne tun. Ihr kommet dann balder zu " A22 "Es wird ja schon in einer Stunde Nacht!" A23 "Ich wohl, aber Euch ist es gewiss nicht gesund, da Ihr kaum genesen seid, in einer kuhlen Nacht den Weg von sechs Stunden zu machen." A24 "Lasset es doch! es schickt sich nicht, dass wir zusammen in der Nacht fortgehen; die Leute in Hardt wenn ich " A25 "Hier muss ich Scheiden; so gerne ich noch weiter mitginge. Die Mutter will es so. Dort in dem Dorf am Berge habe ich eine Muhme. Bei ihr bleibe ich heute nacht. Behut Euch Gott. Grusst mir den Vater und jenes Fraulein, das Ihr liebt!"