1826_Hauff_034 Topic 1

Wilhelm Hauff

Mitteilungen aus den

Memoiren des Satan

Erster Teil

Einleitung

Marte, e'rassembra te, qualor dal quinto

Cielo, di ferro scendi e d'orror cinto.

Tasso. Jerus. librt. V. 44

Erstes Kapitel

Der Herausgeber macht eine interessante

Bekanntschaft

Wer wie der Herausgeber und Ubersetzer vorliegender merkwurdiger Aktenstucke in den letzten Tagen des Septembers 1822 in Mainz war und in dem schonen Gasthof Zu den drei Reichskronen logierte, wird gewiss diese Tage nicht unter die verlorenen seines Lebens rechnen. Es vereinigte sich damals alles, um das Gasthofleben, sonst nicht gerade das angenehmste, das man fuhren kann, angenehm zu machen. Feine Weine, gute Tafel, schone Zimmer, hatte man auch sonst wohl dort gefunden, seltener, gewiss sehr selten so ausgesuchte Gesellschaft. Ich erinnere mich nicht, jemals in meinem Leben, weder vor- noch nachher, einen meiner damaligen Tisch- und Hausgenossen gesehen zu Tagen ein so zartes enges Band der Geselligkeit um uns, wie ich es unter Fremden, deren keiner den andern kannte, oder seine naheren Verhaltnisse zu wissen wunschte, nie fur moglich gehalten hatte.

Der schone Herbst von 1822, mit seiner erfreulichen Aussicht, dieser Herbst am Rhein genossen, mag allerdings zu dieser ruhigen Heiterkeit des Gemuts, zu diesem Hingeben jedes einzelnen, fur die Gesellschaft beigetragen haben, aber nicht mit Unrecht glaube ich diese Erscheinung einem sonderbaren, mir nachher hochst merkwurdigen Mann zuschreiben zu mussen.

Ich war schon beinahe 11/2 Tage in den Drei Reichskronen vor Anker gelegen; hatte mich nicht ein Freund, den ich seit langen Jahren nicht gesehen hatte, auf den 25. oder 30. bestellt, ich ware nicht mehr langer geblieben, denn die schrecklichste Langeweile peinigte mich. Die Gesellschaft im Hause war anstandig, freundlich sogar, aber kalt; man liess einander an der Seite liegen, wenig bekummert um das Wohl oder das Weh des Nachbars; wie man einander die schonen geschmorten Fische, den feinen Braten, oder die Saladiere darzubieten habe, wusste jeder, "aber das Genie, ich meine den Geist", wies sich nicht gehorig an der Tafel, noch weniger nachher aus.

Ich sah eines Nachmittags aus meinem Fenster auf den freien Platz vor dem Hotel herab, und dachte nach uber meine Forderungen an die Menschen uberhaupt und an die Gasthofmenschen (worunter ich nicht Wirt und Kellner allein verstand), insbesondere; da rasselte ein Reisewagen uber das Steinpflaster der engen Seitenstrasse, und hielt gerade unter meinem Fenster.

Der geschmackvolle Bau des Wagens liess auf eine elegante Herrschaft schliessen, sonderbar war es ubrigens, dass weder auf dem Bock, noch hinten im Cabriolet ein Diener sass, was doch eigentlich zu den vier Postpferden, mit welchen der Wagen bespannt war, notwendig gepasst hatte.

"Vielleicht ein kranker Herr, den sie aus dem Wagen tragen mussen", dachte ich, und richtete die Lorgnette genau auf die Hand des grossen, stattlichen Oberkellners, der den Schlag offnete.

"Zimmer vakant?" rief eine tiefe, wohltonende Mannerstimme.

"So viele Euer Gnaden befehlen," war die Antwort des Giganten.

Eine grosse, schlanke Gestalt schlupfte schnell aus dem Wagen und trat in die Halle.

"Nro. 12 und 13", rief die gebietende Stimme des Oberkellners, und Jean und George flogen im Wettlauf die Treppe hinan.

Die Wagenture war offen geblieben, aber noch immer wollte kein zweiter heraussteigen.

Der Oberkellner stand verwundert am Wagen, zweimal hatte er hineingesehen, und immer dabei mit dem Kopf geschuttelt.

"Bst, Herr Oberkellner, auf ein Wort", rief ich hinab, "wer war denn "

"Werde gleich die Ehre haben", antwortete der Gefallige, und trat bald darauf in mein Zimmer.

"Eine sonderbare Erscheinung", sagte ich zu ihm; "ein schwerer Wagen mit vier Pferden und nur ein einzelner Herr, ohne alle Bedienung."

"Gegen alle Regel und Erfahrung", versicherte jener, "ganz sonderbar, ganz sonderbar; jedoch der Postillon versicherte, es sei ein Guter, denn er gab immer zwei Taler schon seit acht Stationen. Vielleicht ein Englander von Profession, die haben alle etwas Apartes."

"Wissen Sie den Namen nicht?" fragte ich neugieriger, als es sich schickte.

"Wird erst beim Souper auf die Schiefertafel geschrieben", antwortete jener; "haben der Herr Doktor sonst noch etwas?"

Ich wusste zu meinem Verdruss im Augenblicke nichts; er ging und liess mich mit meinen Konjekturen uber den Einsamen im achtsitzigen Wagen allein.

Als ich abends zur Tafel hinabging, schlupfte der Kellner an mir voruber, eine ungeheure Schiefertafel in der Hand. Er wurde mich kaum gewahr, als er in einer Hand ein Licht, in der andern die Tafel, vor mich hintrat, mir solche prasentierend.

"v. Natas, Particulier", stand aufgeschrieben. "Hat er noch keine Bedienung?" fragte ich.

"Nein", war die Antwort, "er hat zwei Lohnlakaien angenommen, die ihn aber weder aus noch ankleiden durfen."

Als ich in den Speisesaal trat, hatte sich die Gesellschaft schon niedergelassen, ich eilte still an meinen Stuhl, gegenuber sass der Herr v. Natas.

Hatte dieser Mann schon vorher meine Neugierde erregt, so wurde er mir jetzt um so interessanter, da ich ihn in der Nahe sah.

Das Gesicht war schon, aber bleich, Haar, Auge und der volle Bart von glanzendem Schwarz, die weissen Zahne, von den feingespaltenen Lippen oft enthullt, wetteiferten mit dem Schnee der blendend weissen Wasche. War er alt? war er jung? man konnte es nicht bestimmen; denn bald schien sein Gesicht mit seinem pikanten Lacheln, das ganz leise in dem Mundwinkel anfangt und wie ein Wolkchen um die feingebogene Nase zu dem mutwilligen Auge hinaufzieht, fruh gereifte und unter dem Sturm der Leidenschaften verbluhte Jugend zu verraten; bald glaubte man einen Mann von schon vorgeruckten Jahren vor sich zu haben, der durch eifriges Studium einer reichen Toilette sich zu konservieren weiss.

Es gibt Kopfe, Gesichter, die nur zu einer Korperform passen und sonst zu keiner andern. Man werfe mir nicht vor, dass es Sinnentauschung seie, dass das Auge sich schon zu sehr an diese Form, wie sie die Natur gegeben, gewohnt habe, als dass es sich eine andere Mischung denken konnte. Dieser Kopf konnte nie auf einem untersetzten, wohlbeleibten Korper sitzen, er durfte nur die Krone einer hohen, schlanken, zartgebauten Gestalt sein. So war es auch, und die gedankenschnelle Bewegung der Gesichtsmuskeln, wie sie in leichtem Spott um den Mund, im tiefen Ernst um die hohe Stirne spielen, druckte sich auch in dem Korper durch die wurdige, aber bequeme Haltung, durch die schnelle, runde, beinahe zierliche Bewegung der Arme, uberhaupt in dem leichten, koniglichen Anstande des Mannes aus.

So war Herr von Natas, der mir gegenuber an der Abendtafel sass. Ich hatte wahrend der ersten Gange Musse genug, diese Bemerkungen zu machen, ohne dem interessanten Vis-a-vis durch neugieriges Anstarren beschwerlich zu fallen. Der neue Gast schien ubrigens noch mehrere Beobachtungen zu veranlassen, denn von dem obern Ende der Tafel waren diesen Abend die Brillen mehrerer Damen in immerwahrender Bewegung, mich und meine Nachbarn hatten sie uber dem Mittagessen hochstens mit blossem Auge gemustert.

Das Dessert wurde aufgetragen, der Direktor der vorzuglichen Tafelmusik ging umher, seinen wohlverdienten Lohn einzusammeln. Er kam an den Fremden. Dieser warf einen Taler unter die kleine Munzensammlung, und flusterte dem uberraschten Sammler etwas ins Ohr. Mit drei tiefen Bucklingen schien dieser zu bejahen und zu versprechen, und schritt eilig zu seiner Kapelle zuruck. Die Instrumente wurden aufs neue gestimmt.

Ich war gespannt, was jener wohl gewahlt haben konnte; der Direktor gab das Zeichen, und gleich in den ersten Takten erkannte ich die herrliche Polonaise von Osinsky. Der Fremde lehnte sich nachlassig in seinen Stuhl zuruck, er schien nur der Musik zu gehoren; aber bald bemerkte ich, dass das dunkle Auge unter den langen schwarzen Wimpern rastlos umherlief es war offenbar, er musterte die Gesichter der Anwesenden, und den Eindruck, den die herrliche Polonaise auf sie machte.

Wahrlich! dieser Zug schien mir einen geubten Menschenkenner zu verraten. Zwar ware der Schluss unrichtig, den man sich aus der warmern oder kaltern Teilnahme an dem Reich der Tone auf die grossere oder geringere Empfanglichkeit des Gemuts fur das Schone und Edle ziehen wollte; heult ja doch auch selbst der Hund bei den sanften Tonen der Flote, das Pferd dagegen spitzt die Ohren bei dem mutigen Schmettern der Trompeten, stolzer hebt es den Nakken und sein Tritt ist fester und straffer.

Aber dennoch konnte man nichts Unterhaltenderes sehen, als die Gesichter der verschiedenen Personen bei den schonsten Stellen des Stuckes; ich machte dem Fremden mein Kompliment uber die gluckliche Wahl dieser Musik, und schnell hatte sich zwischen uns ein Gesprach uber die Wirkung der Musik auf diese oder jene Charaktere entsponnen.

Die ubrigen Gaste hatten sich indessen verlaufen, nur einige, die in der Ferne auf unser Gesprach gelauscht hatten, ruckten nach und nach naher. Mitternacht war herangekommen, ohne dass ich wusste, wie, denn der Fremde hatte uns so tief in alle Verhaltnisse der Menschen, in alle ihre Neigungen und Triebe hineinblicken lassen, dass wir uns stille gestehen mussten, nirgends so tiefgedachte, so uberraschende Schlusse gehort oder gelesen zu haben.

Von diesem Abend an ging uns ein neues Leben in den Drei Reichskronen auf. Es war, als habe die Freude selbst ihren Einzug bei uns gehalten, und feiere jetzt ihre heiligsten Festtage; Gaste, die sich nie hatten einfallen lassen, langer als eine Nacht hierzubleiben, schlossen sich an den immer grosser werdenden Zirkel an, und vergassen, dass sie unter Menschen sich befinden, die der Zufall aus allen Weltgegenden zusammengeschneit hatte. Und Natas, dieses seltsame Wesen, war die Seele des Ganzen. Er war es, der sich, sobald er sich nur erst mit seinen nachsten Tischnachbarn bekannt gemacht hatte, zum Maitre de plaisir hergab. Er veranstaltete Feste, Ausfluge in die herrliche Gegend und erwarb sich den innigen Dank eines jeden. Hatte er aber schon durch die sinnreiche Auswahl des Vergnugens sich alle Herzen gewonnen, so war dies noch mehr der Fall, wenn er die Konversation fuhrte.

Jenes ergotzliche Marchen von dem Hornchen des Oberon schien ins Leben getreten zu sein; denn Natas durfte nur die Lippen offnen, so fuhlte jeder zuerst die lieblichsten Saiten seines Herzens angeschlagen, auf leichten Schwingen schwirrte dann das Gesprach um die Tafel, mutwilliger wurden die Scherze, kuhner die Blicke der Manner, schalkhafter das Kichern der Damen, und endlich rauschte die Rede in so fessellosen Stromen, dass man nachher wenig mehr davon wusste, als dass man sich "gottlich" amusiert habe.

Und dennoch war der Zauberer, der diese Lust heraufbeschwor, weit entfernt, je ins Rohe, Gemeine hinuberzuspielen. Er griff irgendeinen Gegenstand, eine Tagesneuigkeit auf, erzahlte Anekdoten, spielte das Gesprach geschickt weiter, wusste jedem seine tiefste Eigentumlichkeit zu entlocken und ergotzte durch seinen lebhaften Witz, durch seine warme Darstellung, die durch alle Schattierungen von dem tiefsten Gefuhl der Wehmut, bis hinauf an jene Ausbruche der Laune streifte, welche in dem sinnlichsten, reizendsten Kostum auf der feinen Grenze des Anstandes gaukeln.

Manchmal schien es zwar, es mochte weniger gefahrlich gewesen sein, wenn er dem Heiligen, das er antastete, geradezu Hohn gesprochen, das Zarte, das er benagte, geradezu zerrissen hatte; jener zarte, geheimnisvolle Schleier, mit welchem er dies oder jenes verhullte, reizte nur zu dem lusternen Gedanken, tiefer zu blicken, und das uppige Spiel der Phantasie gewann in manchem Kopfchen unsrer schonen Damen nur noch mehr Raum; aber man konnte ihm nicht zurnen, nicht widersprechen; seine glanzenden Eigenschaften rissen unwiderstehlich hin, sie umhullten die Vernunft mit sussem Zauber, und seine kuhnen Hypothesen schlichen sich als Wahrheit in das unbewachte Herz.

Zweites Kapitel

Der schauerliche Abend

So hatte der geniale Fremdling mich und noch zwolf bis funfzehn Herren und Damen in einen tollen Strudel der Freude gerissen. Beinahe alle waren ohne Zweck in diesem Haus, und doch wagte keiner, den Gedanken an die Abreise sich auch nur entfernt vorzustellen. Im Gegenteil, wenn wir morgens lange ausgeschlafen, mittags lange getafelt, abends lange gespielt und nachts lange getrunken, geschwatzt und gelacht hatten, schien der Zauber, der uns an dies Haus band, nur eine neue Kette um den Fuss geschlungen zu haben.

Doch es sollte anders werden, vielleicht zu unserem Heil. An dem sechsten Tage unseres Freudenreiches, einem Sonntag, war unser Herr v. Natas im ganzen Gasthof nicht zu finden. Die Kellner entschuldigten ihn mit einer kleinen Reise; er werde vor Sonnenuntergang nicht kommen, aber zum Tee, zur Nachttafel unfehlbar da sein.

Wir waren schon so an den Unentbehrlichen gewohnt, dass uns diese Nachricht ganz betreten machte, es war uns, als wurden uns die Flugel zusammengebunden und man befehle uns zu fliegen.

Das Gesprach kam, wie naturlich, auf den Abwesenden und auf seine auffallende, glanzende Erscheinung. Sonderbar war es, dass es mir nicht aus dem Sinne kommen wollte, ich habe ihn, nur unter einer andern Gestalt, schon fruher einmal auf meinem Lebenswege begegnet; so abgeschmackt auch der Gedanke war, so unwiderstehlich drangte er sich mir immer wieder auf. Aus fruheren Jahren her erinnerte ich mich namlich eines Mannes, der in seinem Wesen, in seinem Blick hauptsachlich, grosse Ahnlichkeit mit ihm hatte. Jener war ein fremder Arzt, besuchte nur hie und da meine Vaterstadt, und lebte dort immer von Anfang sehr still, hatte aber bald einen Kreis von Anbetern um sich versammelt. Die Erinnerung an jenen Menschen war mir ubrigens fatal, denn man behauptete, dass, sooft er uns besucht habe, immer ein bedeutendes Ungluck erfolgt sei, aber dennoch konnte ich den Gedanken nicht loswerden, Natas habe die grosste Ahnlichkeit mit ihm, ja es sei eine und dieselbe Person.

Ich erzahlte meinen Tischnachbarn den unablassig mich verfolgenden Gedanken und die unangenehme Vergleichung eines mir so grausenhaften Wesens, wie der Fremde in meiner Vaterstadt war, mit unserm Freunde, der so ganz meine Achtung und Liebe sich erworben hatte; aber noch unglaublicher klingt es vielleicht, wenn ich versichere, dass meine Nachbarn ganz den namlichen Gedanken hatten; auch sie glaubten unter einer ganz andern Gestalt unsern geistreichen Gesellschafter gesehen zu haben.

"Sie konnten einem ganz bange machen", sagte die Baronin von Thingen, die nicht weit von mir sass. "Sie wollen unsern guten Natas am Ende zum Ewigen Juden oder Gott weiss, zu was sonst noch machen!"

Ein kleiner altlicher Herr, Professor in T., der seit einigen Tagen sich auch an unsere Gesellschaft angeschlossen, und immer stillvergnugt, hie und da etwas weinselig, mitlebte, hatte wahrend unserer "vergleichenden Anatomie", wie er es nannte, still vor sich hin gelachelt und mit kunstfertiger Schnelligkeit seine ovale Dose zwischen den Fingern umgedreht, dass sie wie ein Rad anzusehen war.

"Ich kann mit meiner Bemerkung nicht mehr langer hinter dem Berge halten", brach er endlich los, "wenn Sie erlauben, Gnadigste, so halte ich ihn nicht gerade fur den Ewigen Juden, aber doch fur einen ganz absonderlichen Menschen. Solange er zugegen war, wollte wohl hie und da der Gedanke in mir aufblitzen, 'Den hast du schon gesehen, wo war es doch?' aber wie durch Zauber krochen diese Erinnerungen zuruck, wenn er mich mit dem schwarzen umherspringenden Auge erfasste."

"So war es mir gerade auch, mir auch, mir auch", riefen wir alle verwundert.

"Hm! he, hm!" lachte der Professor. "Jetzt fallt es mir aber von den Augen wie Schuppen, dass es niemand ist als der, den ich schon vor zwolf Jahren in Stuttgart gesehen habe."

"Wie, Sie haben ihn gesehen und in welchen Verhaltnissen?" fragte Frau v. Thingen eifrig, und errotete bald uber den allzu grossen Eifer, den sie verraten hatte.

Der Professor nahm eine Prise, klopfte den Jabot aus und begann: "Es mogen nun ungefahr zwolf Jahre sein, als ich wegen eines Prozesses einige Monate in Stuttgart zubrachte. Ich wohnte in einem der ersten Gasthofe und speiste auch dort gewohnlich in grosser Gesellschaft an der Wirtstafel. Einmal kam ich nach einigen Tagen, in welchen ich das Zimmer hatte huten mussen, zum erstenmal wieder zu Tisch. Man sprach sehr eifrig uber einen gewissen Herrn Barighi, der seit einiger Zeit die Mittagsgaste durch seinen lebhaften Witz, durch seine Gewandtheit in allen Sprachen entzucke; in seinem Lob waren alle einstimmig, nur uber seinen Charakter war man nicht recht einig, denn die einen machten ihn zum Diplomaten, die andern zu einem Sprachmeister, die dritten zu einem hohen Verbannten, wieder andere zu einem Spion. Die Ture ging auf, man war still, beinahe verlegen, den Streit so laut gefuhrt zu haben; ich merkte, dass der Besprochene sich eingefunden habe und sah "

"Nun? ich bitte Sie! denselben, der uns" "denselben, der uns seit einigen Tagen so trefflich unterhalt. Dies ware ubrigens gerade nichts Ubernaturliches, aber horen Sie weiter: zwei Tage schon hatte uns Herr Barighi, so nannte sich der Fremde, durch seine geistreiche Unterhaltung die Tafel gewurzt, als uns einmal der Wirt des Gasthofs unterbrach: 'Meine Herren', sagte der Hofliche, 'bereiten Sie sich auf eine kostliche Unterhaltung, die Ihnen morgen zuteil werden wird, vor; der Herr Oberjustizrat Hasentreffer zog heute aus, und zieht morgen ein.'

Wir fragten, was dies zu bedeuten habe, und ein alter grauer Hauptmann, der schon seit vielen Jahren den obersten Platz in diesem Gasthof behauptete, teilte uns den Schwank mit: 'Gerade dem Speisesaal gegenuber wohnt ein alter Junggeselle, einsam in einem grossen oden Haus; er ist Oberjustizrat ausser Dienst, lebt von einer anstandigen Pension, und soll uberdies ein enormes Vermogen besitzen.'

Derselbe ist aber ein kompletter Narr und hat ganz eigene Gewohnheiten, wie z.B. dass er sich selbst oft grosse Gesellschaft gibt, wobei es immer flott hergeht. Er lasst zwolf Couverts aus dem Wirtshaus kommen, feine Weine hat er im Keller, und einer oder der andere unsrer Marqueurs hat die Ehre zu servieren. Man denkt vielleicht, er hat allerlei hungrige oder durstige Menschen bei sich? Mitnichten! alte, gelbe Stammbuchblatter, auf jedem ein grosses Kreuz, liegen auf den Stuhlen, dem alten Kauz ist aber so wohl, als wenn er unter den lustigsten Kameraden ware; er spricht und lacht mit ihnen, und das Ding soll so greulich anzusehen sein, dass man immer die neuen Kellner dazu braucht, denn wer einmal bei einem solchen Souper war, geht nicht mehr in das ode Haus.

Vorgestern war wieder ein Souper, und unser neuer Franz dort schwort Himmel und Erde, ihn bringe keine Seele mehr hinuber. Den andern Tag nach dem Gastmahl kommt dann die zweite Sonderbarkeit des Oberjustizrats. Er fahrt morgens fruh aus der Stadt, und kehrt erst den andern Morgen zuruck; nicht aber in sein Haus, das um diese Zeit fest verriegelt und verschlossen ist, sondern hierher ins Wirtshaus.

Da tut er dann ganz fremd gegen Leute, welche er das ganze Jahr taglich sieht, speist zu Mittag, und stellt sich nachher an ein Fenster, und betrachtet sein Haus gegenuber von oben bis unten.

'Wem gehort das Haus da druben?' fragt er dann den Wirt.

Pflichtmassig buckt sich dieser jedesmal und antwortet: 'Dem Herrn Oberjustizrat Hasentreffer, Ew. Exzellenz aufzuwarten'". "Aber Herr Professor, wie hangt denn Ihr toller Hasentreffer mit unserem Natas zusammen?" fragte ich.

"Belieben Sie sich doch zu gedulden, Herr Doktor", antwortete jener, "es wird Ihnen gleich wie ein Licht aufgehen. Der Hasentreffer beschaut also das Haus und erfahrt, dass es dem Hasentreffer gehore. 'Ach! derselbe, der in Tubingen zu meiner Zeit studierte?' fragt er dann, reisst das Fenster auf, streckt den gepuderten Kopf hinaus, und schreit 'Ha-a-asentreffer Ha-a-asentreffer.'

Naturlich antwortet niemand, er aber sagt dann, 'Der Alte wurde es mir nie vergessen, wenn ich nicht bei ihm einkehrte', nimmt Hut und Stock, schliesst sein eigenes Haus auf, und so geht es nach wie vor.

Wir alle", fuhr der Professor in seiner Erzahlung fort, "waren sehr erstaunt uber diese sonderbare Erscheinung, und freuten uns koniglich auf den morgenden Spass. Herr Barighi aber nahm uns das Versprechen ab, ihn nicht verraten zu wollen, indem er einen kostlichen Scherz mit dem Oberjustizrat vorhabe.

Fruher als gewohnlich versammelten wir uns an der Wirtstafel und belagerten die Fenster. Eine alte baufallige Chaise wurde von zwei alten Kleppern die Strasse herangeschleppt, sie hielt vor dem Wirtshaus; 'Das ist der Hasentreffer, der Hasentreffer', tonte es von aller Mund, und eine ganz besondere Frohlichkeit bemachtigte sich unser, als wir das Mannlein, zierlich gepudert, mit einem stahlgrauen Rocklein angetan, ein machtiges Meerrohr in der Hand, aussteigen sahen. Ein Schwanz von wenigstens zehn Kellnern schloss sich ihm an; so gelangte er ins Speisezimmer.

Man schritt sogleich zur Tafel; ich habe selten so viel gelacht, als damals, denn mit der grossten Kaltblutigkeit behauptete der Alte, geraden Weges aus Kassel zu kommen, und vor sechs Tagen in Frankfurt im 'Schwanen' recht gut logiert zu haben. Schon vor dem Dessert musste Barighi verschwunden sein, denn als der Oberjustizrat aufstand, und sich auch die ubrigen Gaste erwartungsvoll erhoben, war er nirgends mehr zu sehen.

Der Oberjustizrat stellte sich ans Fenster, wir alle folgten seinem Beispiele und beobachteten ihn. Das Haus gegenuber schien ode und unbewohnt; auf der Turschwelle sprosste Gras, die Jalousien waren geschlossen, zwischen einigen schienen sich Vogel eingebaut zu haben.

'Ein hubsches Haus da druben', begann der Alte zu dem Wirt, der immer in der dritten Stellung hinter ihm stand. 'Wem gehort es?' 'Dem Oberjustizrat Hasentreffer, Eurer Exzellenz aufzuwarten.'

'Ei, das ist wohl der namliche, der mit mir studiert hat?' rief er aus; 'der wurde mir es nie verzeihen, wenn ich ihm nicht meine Anwesenheit kundtate.' Er riss das Fenster auf, 'Hasentreffer Hasentreffer', schrie er mit heiserer Stimme hinaus Aber wer beschreibt unseren Schrecken, als gegenuber in dem oden Haus, das wir wohl verschlossen und verriegelt wussten, ein Fensterladen langsam sich offnete; ein Fenster tat sich auf, und heraus schaute der Oberjustizrat Hasentreffer im zitzenen Schlafrock und der weissen Mutze, unter welcher wenige graue Lockchen hervorquollen; so, gerade so pflegte er sich zu Haus zu tragen. Bis auf das kleinste Faltchen des bleichen Gesichtes, war der gegenuber der namliche wie der, der bei uns stand. Aber Entsetzen ergriff uns, als der im Schlafrock mit derselben heiseren Stimme uber die Strasse heruberrief: 'Was will man, wem ruft man? he!'

'Sind Sie der Herr Oberjustizrat Hasentreffer?' rief der auf unserer Seite, bleich wie der Tod, mit zitternder Stimme, indem er sich bebend am Fenster hielt.

'Der bin ich', kreischte jener, und nickte freundlich grinsend mit dem Kopfe; 'steht etwas zu Befehl?'

'Ich bin er ja auch', rief der auf unserer Seite wehmutig, 'wie ist denn dies moglich?'

'Sie irren sich, Wertester', schrie jener heruber, 'Sie sind der dreizehnte; kommen Sie nur ein wenig heruber in meine Behausung, dass ich Ihnen den Hals umdrehe; es tut nicht weh.'

'Kellner, Stock und Hut!' rief der Oberjustizrat, matt bis zum Tod, und die Stimme schlich ihm in klaglichen Tonen aus der hohlen Brust herauf. 'In meinem Haus ist der Satan, und will meine Seele; vergnugten Abend meine Herrn'; setzte er hinzu, indem er sich mit einem freundlichen Buckling zu uns wandte, und dann den Saal verliess.

'Was war das?' fragten wir uns, 'sind wir alle wahnsinnig?'

Der im Schlafrock schaute noch immer ganz ruhig zum Fenster hinaus, wahrend unser gutes altes Narrchen in steifen Schritten uber die Strasse stieg. An der Hausture zog er einen grossen Schlusselbund aus der Tasche, riegelte der im Schlafrock sah ihm ganz gleichgultig zu , riegelte die schwere, knarrende Hausture auf, und trat ein.

Jetzt zog sich auch der andere vom Fenster zuruck, man sah wie er dem unsrigen an die Zimmerture entgegenging.

Unser Wirt, die zehn Kellner waren alle bleich von Entsetzen und zitterten: 'Meine Herren', sagte jener, 'Gott sei dem armen Hasentreffer gnadig, denn einer von beiden war der Leibhaftige.'

Wir lachten den Wirt aus, und wollten uns selbst bereden, dass es ein Scherz von Barighi sei, aber der Wirt versicherte, es habe niemand in das Haus gehen konnen, ausser mit den uberaus kunstlichen Schlusseln des Rats, Barighi sei 10 Minuten, ehe das Grassliche geschehen, noch an der Tafel gesessen, wie hatte er denn in so kurzer Zeit die tauschende Maske anziehen konnen, vorausgesetzt, auch er hatte sich das fremde Haus zu offnen gewusst. Die beiden seien aber einander so greulich ahnlich gewesen, dass er, ein zwanzigjahriger Nachbar, den echten nicht hatte unterscheiden konnen. 'Aber um Gottes willen, meine Herrn, horen Sie nicht das grassliche Geschrei da druben?'

Wir sprangen ans Fenster, schreckliche trauervolle Stimmen tonten aus dem oden Hause heruber, einigemal war es uns, als sahen wir unsern alten Oberjustizrat, verfolgt von seinem Ebenbild im Schlafrock am Fenster vorbeijagen. Plotzlich aber war alles still.

Wir sahen einander an; der Beherzteste machte den Vorschlag, hinuberzugehen; alle stimmten uberein. Man zog uber die Strasse, die grosse Hausglocke an des Alten Haus tonte dreimal, aber es wollte sich niemand horen lassen: da fing uns an zu grauen; wir schickten nach der Polizei und dem Schlosser, man brach die Ture auf, der ganze Strom der Neugierigen zog die breite, stille Treppe hinauf, alle Turen waren verschlossen; eine ging endlich auf, in einem prachtvollen Zimmer lag der Oberjustizrat im zerrissenen stahlfarbigen Rocklein, die zierliche Frisur schrecklich verzaust, tot, erwurgt auf dem Sofa.

Von Barighi hat man weder in Stuttgart, noch sonst irgendwo jemals eine Spur gesehen."

Drittes Kapitel

Der schauervolle Abend

(Fortsetzung)

Der Professor hatte seine Erzahlung geendet, wir sassen eine gute Weile still und nachdenkend. Das lange Schweigen ward mir endlich peinlich, ich wollte das Gesprach wieder anfachen, aber auf eine andere Bahn bringen, als mir ein Herr von mittleren Jahren in reicher Jagduniform, wenn ich nicht irre, ein Oberforstmeister aus dem Nassauischen, zuvorkam.

"Es ist wohl jedem von uns schon begegnet, dass er unzahlige Male fur einen andern gehalten wurde, oder auch Fremde fur ganz Bekannte anredete, und sonderbar ist es, ich habe diese Bemerkung oft in meinem Leben bestatigt gefunden, dass die Verwechslung weniger bei jenen platten, alltaglichen, nichtssagenden Gesichtern, als bei auffallenden, eigentlich interessanten vorkommt."

Wir wollten ihm seine Behauptung als ganz unwahrscheinlich verwerfen, aber er berief sich auf die wirklich interessante Erscheinung unseres Natas; "Jeder von uns gesteht", sagte er, "dass er dem Gedanken Raum gegeben, unsern Freund, nur unter anderer Gestalt, hier oder dort gesehen zu haben, und doch sind seine scharfen Formen, sein gebietender Blick, sein gewinnendes Lacheln ganz dazu gemacht, auf ewig sich ins Gedachtnis zu pragen."

"Sie mogen so unrecht nicht haben", entgegnete Flasshof, ein preussischer Hauptmann, der auf die Strafe des Arrestes hin, schon zwei Tage bei uns gezaudert hatte, nach Koblenz in seine Garnison zuruckzukehren, "Sie mogen recht haben; ich erinnere mich einer Stelle aus den launigen Memoiren des italienischen Grafen Gozzi, die ganz fur Ihre Behauptung spricht: 'Jedermann', sagt er, 'hat den Michele d'Agata gekannt und weiss, dass er einen Fuss kleiner und wenigstens um zwei dicker war, als ich, und auch sonst nicht die geringste Ahnlichkeit in Kleidung und Physiognomie mit mir gehabt hat.

Aber lange Jahre hatte ich alle Tage den Verdruss, von Sangern, Tanzern, Geigern und Lichtputzern als Herr Michele d'Agata angeredet zu sein und lange Klagen uber schlechte Bezahlung, Forderungen usw. anhoren zu mussen. Selten gingen sie uberzeugt von mir weg, dass ich nicht Michele d'Agata sei.

Einst besuchte ich in Verona eine Dame; das Kammermadchen meldet mich an, 'Herr Agata'. Ich trat hinein und ward als Michele d'Agata begrusst und unterhalten, ich ging weg und begegnete einem Arzt, den ich wohl kannte; 'Guten Abend, Herr Agata', war sein Gruss, indem er voruberging. Ich glaubte am Ende beinahe selbst, ich sei der Michele d'Agata.'"

Ich wusste dem guten Hauptmann Dank, dass er uns aus den angstigenden Phantasien, welche die Erzahlung des Professors in uns aufgeregt hatte, erloste. Das Gesprach floss ruhiger fort, man stritt sich um das Vorrecht ganzer Nationen, einen interessanten Gesichterschnitt zu haben, uber den Einfluss des Geistes auf die Gesichtszuge uberhaupt und auf das Auge insbesondere, man kam endlich auf Lavater und Konsorten; Materien, die ich hundertmal besprochen, mochte ich nicht mehr wiederkauen, ich zog mich in ein Fenster zuruck. Bald folgte mir der Professor dahin nach, um gleich mir die Gesichter der Streitenden zu betrachten.

"Welch ein leichtsinniges Volk", seufzte er, "ich habe sie jetzt soeben gewarnt und die Holle ihnen recht heiss gemacht, ja sie wagten in keine Ecke mehr zu sehen, aus Furcht, der Leibhaftige mochte daraus hervorgucken, und jetzt lachen sie wieder und machen tolle Streiche, als ob der Versucher nicht immer umherschliche?"

Ich musste lachen uber die Amtsmiene, die sich der Professor gab; "Noch nie habe ich das schone Talent eines Vesperpredigers an Ihnen bemerkt", sagte ich, "aber Sie setzen mich in Erstaunen durch Ihre kuhnen Angriffe auf die bose Welt und auf den Argen selbst. Bilden Sie sich denn wirklich ein, dieser harmlose Natas..."

"Harmlos nennen Sie ihn?" unterbrach mich der Professor, heftig meine Brust anfassend, "harmlos? Haben Sie denn nicht bemerkt", flusterte er leiser, "dass alles bei diesem feinen.... Herrn berechneter Plan ist. Oh, ich kenne meine Leute!"

"Sie setzen mich in Erstaunen, wie meinen Sie denn?"

"Haben Sie nicht bemerkt", fuhr er eifrig fort, "dass der gebildete Herr Oberforstmeister dort mit Leib und Seele sein ist, weil er ihm funf Nachte hindurch alles Geld abjagte, und den Ausgebeutelten gestern nacht funfzehnhundert Dukaten gewinnen liess? Er nennt den abgefeimten Spieler einen Mann von den nobelsten Sentiments und schwort auf Ehre, er musse uber die Halfte wieder an den Fremden verlieren, sonst habe er keine Ruhe. Haben Sie ferner nicht bemerkt, wie er den Okonomierat gekornt hat?"

"Ich habe wohl gesehen", antwortete ich, "dass der Okonomierat, sonst so moros und misanthrop, jetzt ein wenig aufgewacht ist, aber ich habe es dem allgemeinen Einfluss der Gesellschaft zugeschrieben."

"Behute. Er lauft schon seit zwanzig Jahren in den Gesellschaften umher und wacht doch nicht auf; auf dem Weg ist er ein Bruder Luderlich zu werden; der Esel reist krank im Lande umher, behauptet einen grossen Wurm im Leib zu haben und macht allen Leuten das Leben sauer mit seinen exorbitanten Behauptungen, und jetzt? jetzt hat ihn dieser Wundermann erwischt, gibt ihm ein Pulverlein, und rat ihm, nicht wie ein anderer vernunftiger Arzt, Diat und Massigkeit, sondern er soll seine Jugend, wie er die funfzig Jahre des alten Wurms nennt, geniessen, viel Wein trinken etc., und das et cetera und den Wein benutzt er seit vier Tagen arger als der verlorne Sohn."

"Und daruber konnen Sie sich argern, Herr Professor? der Mann ist sich und dem Leben wiedergeschenkt "

"Nicht davon spreche ich", entgegnete der Eifrige, "der alte Sunder konnte meinetwegen heute noch abfahren; sondern dass er sich dem nachsten besten Charlatan anvertraut und sich also ruinieren muss, ich habe ihn vor acht Jahren in der Kur gehabt, und es besserte sich schon zusehends."

Der Eifer des guten Professors war mir nun einigermassen erklarlich, der liebe Brotneid schaute nicht undeutlich heraus.

"Und unsere Damen?" fuhr er fort, "die sind nun rein toll. Mich dauert nur der arme Trubenau, ich kenne ihn zwar nicht, aber ubermorgen soll er hier ankommen, und wie findet er die gnadige Frau? Hat man je gehort, dass eine junge gebildete Frau in den ersten Jahren einer glucklichen Ehe sich in ein solches Verhaltnis mit einem ganz fremden Menschen einlasst, und zwar innerhalb funf Tagen!"

"Wie, die schone, bleiche Frau dort?" rief ich aus.

"Die namliche bleiche", antwortete er, "vor vier Tagen war sie noch schon rot, wie eine Zentifolie, da begegnet ihr der Interessante auf der Strasse, fragt, wohin sie gehe, hort kaum, dass sie rouge fin kaufen wolle (denn solche Toilettengeheimnisse auszuplaudern, heisst bon ton), so bittet und fleht er, sie solle doch kein Rot auflegen, sie habe ein so interessantes je-ne-sais-quoi, das zu einem blassen Teint viel besser stehe. Was tut sie? wahrhaftig, sie geht in den nachsten Galanterieladen und sucht weisse Schminke; ich war gerade dort, um ein Pfeifenrohr zu erstehen, da hore ich sie mit ihrer sussen Stimme den rauhharigen Baren von einem Ladendiener fragen, ob man das Weiss nicht noch etwas 'atherischer' habe? Hol mich der T....! hat man je so was gehort?"

Ich bedauerte den Professor aufrichtig, denn wenn ich nicht irrte, so suchte er von Anfang die Aufmerksamkeit der schonen Frau auf den schon etwas verschossenen "Einband seiner gelehrten Seele" zu ziehen. Dass es aber mit Natas und der Trubenau nicht ganz richtig war, sah ich selbst; von der Schminkgeschichte, die jenen so sehr erboste, wusste ich zwar nichts, aber wer sich auf die Exegese der Augen verstand, hatte keinen weitern Kommentar notig, um die gegenseitige Annaherung daraus zu erlautern.

Der Professor hatte, in tiefe Gedanken versunken, eine Zeitlang geschwiegen; er erhob jetzt sein Auge durch die Brille an die Decke des Zimmers, wo allerlei Engelein in Gips aufgetragen waren; "Himmel", seufzte er, "und die Thingen hat er auch; Sie glauben nicht, welcher Reiz in diesem ewig heitern Auge, in diesen Grubchen auf den bluhenden Wangen, in dem Schmelz ihrer Zahne, in diesen frischen, zum Kuss geoffneten Lippen, in diesen weichen Armen, in diesen runden vollen Formen der schwellenden "

"Herr Professor!" rief ich, erschrocken uber seine Ekstase, und schuttelte ihn am Arm ins Leben zuruck. "Sie geraten ausser sich, Wertester, belieben Sie nicht eine Prise Spaniol?"

"Er hat sie auch", fuhr er zahneknirschend fort, "haben Sie nicht bemerkt, mit welcher Hast sie vorhin nach seinen Verhaltnissen fragte? wie sie rot ward? Jung, schon, wohlhabend, Witwe sie hat alles, um eine angenehme Partie zu machen; geistreiche Manner von Ruf in der literarischen Welt, buhlen um ihre Gunst, sie wirft sie an einen Landstreicher hin; ach, wenn Sie wussten, bester Doktor, was mir neulich der Oberkellner aber mit der grossten Diskretion; dass man ihn vorgestern nachts aus ihrem Zimmer..."

"Ich bitte, verschonen Sie mich", fiel ich ein, "gestehen Sie mir lieber, ob der Wundermensch Sie selbst noch nicht unter den Pantoffel gebracht hat."

"Das ist es eben", antwortete der Befragte verlegen lachelnd, "das ist es, was mir Kummer macht. Sie wissen, ich lese uber Chemie; er brachte einmal das Gesprach darauf, und entwickelte so tiefe Kenntnisse, deckte so neue und kuhne Ideen auf, dass mir der Kopf schwindelte; ich mochte ihm um den Hals fallen und um seine Hefte und Notizen bitten, es zieht mich mit unwiderstehlicher Geisterkraft in seine Nahe, und doch konnte ich ihm mit Freuden Gift beibringen."

Wie komisch war die Wut dieses Mannes, er ballte die Faust und fuhr damit hin und her, seine grunen Brillenglaser funkelten wie Katzenaugen, sein kurzes schwarzes Haar schien sich in die Hohe zu richten.

Ich suchte ihn zu besanftigen; ich stellte ihm vor, dass er ja nicht arger losziehen konnte, wenn der Fremde der Teufel selbst ware; aber er liess mich nicht zum Worte kommen.

"Er ist es, der Satan selbst logiert hier in den Drei Reichskronen", rief er, "um unsere Seelen zu angeln. Ja, du bist ein guter Fischer, und hast eine feine Nase, aber ein ....r Professor, wie ich, der sogar in demagogischen Untersuchungen die Lunte gleich gerochen, und eigens deswegen hieher nach Mainz gereist ist, ein solcher hat noch eine feinere als du."

Ein heiseres Lachen, das gerade hinter meinem Rucken zu entstehen schien, zog meine Aufmerksamkeit auf sich; ich wandte mich um, und glaubte Natas hohnisch durch die Scheiben hereingrinsen zu sehen. Ich ergriff den Professor am Arm, um ihm die sonderbare Erscheinung zu zeigen, denn das Zimmer lag einen Stock hoch; dieser aber hatte weder das Lachen gehort, noch konnte er meine Erscheinung sehen; denn als er sich umwandte, sah nur die bleiche Scheibe des Mondes durch die Fenster dort, wo ich vorhin das greulich verzerrte Gesicht des geheimnisvollen Fremdlings zu sehen geglaubt hatte.

Ehe ich noch recht mit mir einig war, ob das, was ich gesehen, Betrug der Sinne, Ausgeburt einer aufgeregten Phantasie oder Wirklichkeit war, ward die Ture aufgerissen, und Herr von Natas trat stolzen Schrittes in das Zimmer. Mit sonderbarem Lacheln mass er die Gesellschaft, als wisse er ganz gut, was von ihm gesprochen worden sei, und ich glaubte zu bemerken, dass keiner der Anwesenden seinen forschenden Blick auszuhalten vermochte.

Mit der ihm so eigenen Leichtigkeit hatte er der Trubenau gegenuber, neben der Frau von Thingen Platz genommen, und die Leitung der Konversation an sich gerissen. Das bose Gewissen liess den Professor nicht an den Tisch sitzen, mich selbst fesselte das Verlangen, diesen Menschen einmal aus der Ferne zu beobachten, an meinem Platz im Fenster. Da bemerkten wir denn das Augenspiel zwischen Frau v. Trubenau und dem gewandtesten der Liebhaber, der, indem er der Tochter des Okonomierats so viel Verbindliches zu sagen wusste, dass sie einmal uber das andere bis unter die breiten Brussler Spitzen ihrer Busenkrause errotete, das feingeformte Fusschen der Frau von Thingen auf seinem blankgewichsten Stiefel tanzen liess.

"Drei Mucken auf einen Schlag, das heisse ich doch meiner Seel, aller Ehre wert", brummte der zorngluhende Professor, dem jetzt auch seine letzte Ressource, die okonomische Schone, so was man sagt, vor dem Mund weggeschnappt werden sollte. Mit tonenden Schritten ging er an den Tisch, nahm sich einen Stuhl und setzte sich, breit wie eine Mauer, neben seine Schone. Doch diese schien nur Ohren fur Natas zu haben, denn sie antwortete auf seine Frage, ob sie sich wohl befinde, "ubermorgen", und als er voll Gram die Anmerkung hinwarf, sie scheine sehr zerstreut, meinte sie "I fl. 30 kr. die Elle".

Ich sah jetzt einem unangenehmen Auftritt entgegen. Der Professor, der nicht daran dachte, dass er durch ein Sonett oder Triolett alles wieder gut machen, ja durch ein paar ottave rime sich sogar bei der Trubenau wieder insinuieren konnte, widersprach jetzt geradezu jeder Behauptung, die Natas vorbrachte; und ach! nicht zu seinem Vorteil; denn dieser, in der Dialektik dem guten Kathedermann bei weitem uberlegen, fuhrte ihn so aufs Eis, dass die leichte Decke seiner Logik zu reissen und er in ein Chaos von Widerspruchen hinabzusturzen drohte.

Eine lieblich duftende Bowle Punsch unterbrach einige Zeit den Streit der Zunge, gab aber dafur Anlass zu desto feindseligeren Blicken zwischen Frau von Trubenau und Frau von Thingen. Diese hatte, ihrer schonen runden Arme sich bewusst, den gewaltigen silbernen Loffel ergriffen, um beim Eingiessen die ganze Grazie ihrer Haltung zu entwickeln; jene aber kredenzte die gefullten Becher mit solcher Anmut, mit so liebevollen Blicken, dass das Bestreben, sich gegenseitig soviel als moglich Abbruch zu tun, unverkennbar war.

Als aber der sehr starke Punsch die leisen Schauer des Herbstabends verdrangt hatte, als er anfing, die Wangen unserer Damen hoher zu farben, und aus den Augen der Manner zu leuchten, da schien es mir mit einem Mal, als sei man, ich weiss nicht wie, aus den Grenzen des Anstands herausgetreten; allerlei dumme Gedanken stiegen in mir auf und nieder, das Gesprach schnurrte und summte wie ein Muhlrad, man lachte und jauchzte und wusste nicht uber was? man kicherte und neckte sich, und der Oberforstmeister brachte sogar ein Pfanderspiel mit Kussen in Vorschlag. Plotzlich horte ich jenes heisere Lachen wieder, das ich vorhin vor dem Fenster zu horen glaubte; wirklich, es war Natas, der dem Professor zuhorte, und trotz dem Eifer und Ernst, mit welchem dieser alles vorbrachte, alle Augenblicke in sein heiseres Gelachter ausbrach.

"Nicht wahr, meine Herren und Damen", schrie der Punsch aus dem Professor heraus, "Sie haben vorhin selbst bemerkt, dass unser verehrter Freund dort jedem von Ihnen, nur in anderer Gestalt, schon begegnet ist? Sie schweigen? Ist das auch Rason, einen so im Sand sitzen zu lassen? Herr Oberforstmeister! Frau von Thingen, gnadige Frau! sagen Sie selbst; namentlich Sie, Herr Doktor!"

Wir befanden uns durch die Indiskretion des Professors in grosser Verlegenheit; "ich erinnere mich", gab ich zur Antwort, als alles schwieg, "von interessanten Gesichtern und ihren Verwechslungen gesprochen zu haben, und wenn ich nicht irre, wurde auch Herr von Natas aufgefuhrt."

Der Benannte verbeugte sich, und meinte, es sei gar zuviel Ehre, ihn unter die Interessanten zu zahlen; aber der Professor verdarb wieder alles.

"Was da! ich nehme kein Blatt vor den Mund!" sagte er, "ich behauptete, dass mir ganz unheimlich in Dero Nahe sei, und erzahlte, wie Sie in Stuttgart den armen Hasentreffer erwurgt haben; wissen Sie noch, gnadiger Herr?"

Dieser aber stand auf, lief mit schrillendem Gelachter im Zimmer umher und plotzlich glaubte ich den ungluckbringenden Doktor meiner Vaterstadt vor mir zu haben; es war nicht mehr Natas, es war ein alterer, unheimlicher Mensch.

"Da hat man's ja deutlich", rief der Professor, "dort lauft er als Barighi umher."

"Barighi?" entgegnete Frau von Trubenau, "bleiben Sie doch mit Ihrem Barighi zu Hause, es ist ja unser lieber Privatsekretar Gruber, der da hereingekommen ist."

"Ich mochte doch um Verzeihung bitten, gnadige Frau", unterbrach sie der Oberforstmeister, "es ist der Spieler Maletti, mit dem ich in Wiesbaden letzten Sommer assosiert war."

"Ha! Ha! wie man sich doch tauschen kann", sprach Frau von Thingen, den auf und ab Gehenden durch die perlmutterne Brille beschauend, "es ist ja niemand anders, als der Kapellmeister Schmalz, der mir die Gitarre beibringt."

"Warum nicht gar", brummte der alte Okonomierat, "es ist der lustige Kommissar, der mir die gute Brotlieferung an das Spital in D n verschaffte."

"Ach! Papa", kicherte sein Tochterlein, "jener war ja schwarz und dieser ist blond! Kennen Sie denn den jungen Landwirt nicht mehr, der sich bei uns ins Praktische einschiessen wollte?"

"Hol mich der Kuckuck und alle Wetter", schrie der preussische Hauptmann, "das ist der verfluchte Ladenprinz und Ellenreiter, der mir mein Lorchen wegfischte! Auf Pistolen fordere ich den Hund, gleich morgen, gleich jetzt." Er sprang auf und wollte auf den immer ruhig auf und ab Gehenden lossturzen; der Professor aber packte ihn am Arm: "Bleiben Sie weg, Wertester!" schrie er, "ich hab's gefunden, ich hab's gefunden, kehrt seinen Namen um, es ist der Satan!"

Viertes Kapitel

Das Manuskript

So viel als ich hier niedergeschrieben habe, lebt von diesem Abend noch in meiner Erinnerung; doch kostete es geraume Zeit, bis ich mich auf alles wieder besinnen konnte; ich muss in einem langen, tiefen Schlaf gewesen sein, denn als ich erwachte, stand Jean vor mir und fragte, indem er die Gardine fur die Morgensonne offnete, ob jetzt der Kaffee gefallig sei?

Es war eilf Uhr; wo war denn die Zeit zwischen gestern und heute hingegangen? Meine erste Frage war, wie ich denn zu Bett gekommen sei?

Der Kellner staunte mich an und meinte mit sonderbarem Lacheln, das musse ich besser wissen, als er.

"Ah! ich erinnere mich", sagte ich leichthin, um meine Unwissenheit zu verbergen, "nach der Abendtafel...."

"Verzeihen der Herr Doktor", unterbrach mich der Geschwatzige; "Sie haben nicht soupiert; Sie waren ja alle zu Tee und Punsch auf Nr. 15."

"Richtig, auf Nr. 15, wollte ich sagen; ist der Herr Professor schon auf?"

"Wissen Sie denn nicht, dass sie schon abgereist sind?" fragte der Kellner.

"Kein Wort!" versicherte ich staunend.

"Er lasst sich Ihnen noch vielmal empfehlen, und Sie mochten doch in T. bei ihm einsprechen; auch lasst er Sie bitten, seiner und des gestrigen Abends recht oft zu gedenken, er habe es ja gleich gesagt."

"Aha, ich weiss schon", sagte ich, denn mit einem Mal fiel mir ein Teil des gestern Erlebten ein; "wann ist er denn abgereist?"

"Gleich in der Fruhe", antwortete jener, "noch vor dem Okonomierat und dem Herrn Oberforstmeister."

"Wie? so sind auch diese weggereist?"

"Ei ja!" rief der staunende Kellner, "so wissen Sie auch das nicht? auch nicht, dass Frau von Thingen und die gnadige Frau von Trubenau "

"Sie sind auch nicht mehr hier?"

"Kaum vor einer halben Stunde sind die gnadige Frau weggefahren", versicherte jener. Ich rieb mir die Augen, um zu sehen, ob ich nicht traume, aber es war und blieb so; Jean stand nach wie vor an meinem Bette und hielt das Kaffeebrett in der Hand.

"Und Herr von Natas?" fragte ich kleinlaut.

"Ist noch hier; ach das ist ein goldener Herr, wenn der nicht gewesen ware, wir waren heute nacht in die grosste Verlegenheit gekommen."

"Wieso?"

"Nun bei der Fatalitat mit der Frau von Trubenau; wer hatte aber auch dem gnadigen Herrn zugetraut, dass er so gut zur Ader zu lassen verstande?"

"Zur Ader lassen? Herr von Natas?"

"Ich sehe, der Herr Doktor sind sehr fruhzeitig zu Bette gegangen, und haben eine ruhigere Nacht gehabt, als wir"; Jean belehrte mich in leichtfertigem Ton: "es mochte kaum eilf Uhr gewesen sein, die Geschichte mit der Polizei war schon vorbei "

"Was fur eine Geschichte mit der Polizei?"

"Nun, Nr. 15 ist vorn heraus, und weil, mit Permiss zu sagen, dort ein ganz hollischer Larm war, so kam die Runde ins Haus und wollte abbieten; Herr von Natas aber, der ein guter Bekannter des Herrn Polizeilieutenants sein muss, beruhigte sie, dass sie wieder weitergingen. Also gleich nachher kam das Kammermadchen der Frau von Trubenau herabgesturzt, ihre gnadige Frau wolle sterben. Sie konnen sich denken, wie unangenehm so etwas in einem Gasthof nachts zwischen eilf und zwolf Uhr ist. Wir wie der Wind hinauf, auf der Treppe begegnet uns Herr von Natas, fragt, was das Rennen und Laufen zu bedeuten habe, hort kaum wo es fehlt, so lauft er in sein Zimmer, holt sein Etui, und ehe funf Minuten vergehen, hat er der gnadigen Frau am Arm mit der Lanzette eine Ader geoffnet, dass das Blut in einem Bogen aufsprang; sie schlug die Augen wieder auf und es war ihr bald wohl, doch versprach Herr von Natas, bei ihr zu wachen."

"Ei! was Sie sagen, Jean!" rief ich voll Verwunderung.

"Ja warten Sie nur! kaum ist eine Stunde vorbei, so ging der Tanz von neuem los; auf Nr. 18 lautete es, dass wir meinten, es brenne druben in Kassel; des Herrn Okonomierats Rosalie hatte ihre histrionischen Anfalle bekommen; der Alte mochte ein Glas uber Durst haben, denn er sprach vom Teufel, der ihn und sein Kind holen wolle; wir wussten nichts anderes, als wieder unsere Zuflucht zu Herrn von Natas zu nehmen; er hatte versprochen, bei Frau von Trubenau mit dem Kammermadchen zu wachen; aber lieber Gott! geschlafen muss er haben wie ein Dachs, denn wir pochten drei-, viermal, bis er uns Antwort gab, und die Kammerkatze war nun gar nicht zu erwecken."

"Nun, und liess er der schonen Rosalie zur Ader?"

"Nein, er hat ihr, wie mir Lieschen sagte, Senfteig zwei Handbreit aufs Herz gelegt, darauf soll es sich bald gegeben haben."

Armer Professor! dachte ich, dein hubsches Roschen mit ihren sechzehn Jahrchen, und dieser Natas in traulicher Stille der Nacht, ein Pflaster auf das pochende Herz pappend.

"Der Herr Papa Okonomierat war wohl sehr angegriffen durch die Geschichte?" fragte ich, um uber die Sache ins klare zu kommen.

"Es schien nicht, denn er schlief schon, ehe noch Lieschen mit dem Hirschhorngeist aus der Apotheke zuruckkam. Aber es lautet im zweiten Stock und das gilt mir." Er sprach's und flog pfeilschnell davon.

So war also mit einem Male die lustige Gesellschaft zerstoben; und doch wusste ich nicht, wie dies alles so plotzlich kommen konnte. Ich entsann mich zwar, dass gestern bei dem Punsch etwas Sonderbares vorgefallen war; was es aber gewesen sein mochte, konnte ich mich nicht erinnern.

Sollte Natas mir Aufschluss geben konnen? Doch, wenn ich recht nachsann, mit Natas war etwas vorgefallen; der Professor schwankte in meiner Erinnerung umher am besten deuchte mir, zu Natas zu gehen und ihn um die Ursache des schnellen Aufbruchs zu befragen.

Ich warf mich in die Kleider, und ehe ich noch ganz mit der kurzen Toilette fertig war, brachte mir ein Lohnlakai folgendes Billet: "Ew. Wohlgeboren wurden mich unendlich verbinden, wenn Sie vor meiner Abreise von hier, die auf den Mittag festgesetzt ist, mich noch einmal besuchen wollten.

v. Natas."

Neugierig folgte ich diesem Ruf und traf den Freund reisefertig zwischen Koffern und Kastchen stehen. Er kam mir mit seiner gewinnenden Freundlichkeit entgegen, doch genierte mich ein unverkennbarer Zug von Ironie, der heute um seinen Mund spielte, und den ich sonst nie an ihm bemerkt hatte.

Er lachte mich aus, dass ich mich vor den Damen als schwachen Trinker ausgewiesen und einen Haarbeutel mir umgeschnallt habe, erzahlte mir, dass ich selig entschlafen sei, und fragte mit einem lauernden Blick, was ich noch von gestern nacht wisse.

Ich teilte ihm meine verworrenen Erinnerungen mit, er belachte sie herzlich, und nannte sie Ausgeburten einer kranken Phantasie.

Die Abreise der ganzen Gesellschaft gab er einer grossen Herbstfeierlichkeit schuld, welche in Worms gehalten werde; sie seien alle, sogar der morose Okonomierat dorthin gereist; ihn selbst aber rufen seine Geschafte den Rhein hinab.

Die Zufalle der Trubenau und der schonen Rosalie mass er dem starken Punsch bei, und freute sich, durch Liebhaberei gerade so viele medizinische Kenntnisse zu besitzen, um bei solchen kleinen Zufallen helfen zu konnen.

Wir horten den Wagen vorfahren, der Kellner meldete dies und brachte von dem dankbaren Hotel eine Flasche des altesten Rheinweins. Natas hatte sie verdient, denn wahrlich nur er hatte uns so lange hier gefesselt.

"Sie sind Schriftsteller, lieber Doktor?" fragte er mich, wahrend wir den narkotisch duftenden Abschiedstrunk ausschlurften.

"Wer pfuscht nicht heutzutage etwas in die Literatur?" antwortete ich ihm; "ich habe mich fruher als Dichter versucht, aber ich sah bald genug ein, dass ich nicht fur die Unsterblichkeit singe. Ich griff daher einige Tone tiefer und ubersetzte unsterbliche Werke fremder Nationen furs liebe deutsche Publikum."

Er lobte meine bescheidene Resignation, wie er es nannte, und fragte mich, ob ich mich entschliessen konnte, die Memoiren eines beruhmten Mannes, die bis jetzt nur im Manuskript vorhanden seien, zu ubersetzen? "Vorausgesetzt, dass Sie dechiffrieren konnen, ist es eine leichte Arbeit fur Sie, da ich Ihnen den Schlussel dazu geben wurde, und das Manuskript im Hochdeutschen abgefasst ist."

Ich zeigte mich, wie naturlich, sehr bereitwillig dazu, dechiffrieren verstand ich fruher und hoffte es mit wenig Ubung vollkommen zu lernen. Er schloss ein schones Kastchen von rotem Saffian auf, und uberreichte mir ein vielfach zusammengebundenes Manuskript. Die Zeichen krochen mir vor dem Auge umher wie Ameisen in ihren aufgestorten Hugelchen, aber er gab mir den Schlussel seiner Geheimschrift und die Arbeit schien mir noch einmal so leicht.

Wir umarmten uns und sagten uns Lebewohl; unter warmem Dank fur seine Gute, die er noch zuletzt fur mich gehabt, fur die schonen Tage, die er uns bereitet habe, begleitete ich ihn an den Wagen; die Wagenture schloss sich, der Postillion hieb auf seine vier Rosse, sie zogen an und die interessante Erscheinung flog von hinnen; aber aus dem Innern des Wagens glaubte ich jenes heisere Lachen zu vernehmen, das ich von gestern her unter den Bruchstucken meiner Erinnerung bewahrte.

Als ich die Treppe hinanstieg, handigte mir der Oberkellner einen Brief ein. Der Professor habe ihm solchen zu meinen eigenen Handen zu ubergeben befohlen; ich riss ihn auf

"Verehrter, Wertgeschatzter!

Ich bin im Begriff, mein Ross zu besteigen und aus dieser Hohle des brullenden Lowen zu entfliehen. Ich sage Ihnen schriftlich Lebewohl, weil Sie aus der todahnlichen Betaubung, die Sie harter als uns alle befallen hat, nicht zu wecken sind. Dass unser frohliches Zusammenleben so schauerlich endigen musste! Nicht wahr, lieber Zweifler, jetzt haben Sie es ja klar, dass dieser Natas nichts anderes als der leibhaftige Satan war!

Er schaut mir vielleicht in diesem Augenblick uber die Schulter und liest, was ich sage, aber dennoch schweige ich nicht. Den armen Okonomierat und sein Tochterlein, die blasse Trubenau, meine schone Thingen, den Hauptmann und den Oberforstmeister hat er in seinem Netz. Gott gebe, dass er Sie nicht auch gekodert hat. Mich hat er halb und halb, denn ich habe allzu tief eingebissen, in seine mit chemischen Ideen bespickte Angel. Ich reisse mich los und mache, dass ich fortkomme.

Adieu Bester! Montag den 7. Oktober, fruh 6 Uhr."

Jetzt kehrten meine Erinnerungen in Scharen zuruck. Ja, es war der Teufel, der sein Spiel mit uns gespielt hatte; es war der Teufel dem es gestern Spass gemacht hatte, uns zu angstigen; es mussten des Teufels Memoiren sein, die ich in der Hand hielt.

Wer stand mir aber dafur, dass diese Schriftzuge mir nicht durch die Augen ins Hirn hinaufkrochen und mich wahnsinnig machten; und konnte ich mich nicht gerade dadurch, dass ich den Dechiffreur und Dekopisten des Satans machte, unbewusst in seine Leibeigenschaft hineinschreiben?

Ich packte die Handschrift in meinen Koffer und reiste dem Professor nach, um ihn um Rat zu fragen. Aber in Worms traf ich keine Spur von irgendeinem der lustigen Gesellschaft in den Drei Reichskronen. Entweder hat sie der Satan eingeholt, und in seinem achtsitzigen Wagen in sein ewiges Reich gehaudert, oder hatte er mich in den April geschickt. Das letztere schien mir wahrscheinlicher.

In Worms aber traf ich einen frommen Geistlichen, der an der Domkirche angestellt war. Ich trug ihm meinen Fall vor, und erhielt den Bescheid, ich solle so viele Messen daruber lesen lassen, als das Manuskript Bogen enthalte. Der Rat schien mir nicht ubel. Ich reiste in meine Heimat und schickte am nachsten Sonntag den ersten Satans-Bogen in die Kirche. Probatum est; am Montag fing ich an, zu dechiffrieren, und habe noch nicht das geringste Spukhafte weder an dem Papier noch an mir bemerkt.

Von meinen Genossen in Mainz habe ich indessen wenig mehr gehort. Der Professor fahrt fort, durch seine Entdeckungen in der Chemie zu glanzen, und ich furchte, er ist auf dem Wege, dem Satan Gehor zu geben, der ihn zu einem Berzelius machen will. Der Hauptmann soll sich erschossen haben, Frau von Thingen aber, die schone Witwe, hat, nach einer Anzeige im "Hamburger Correspondenten", vor nicht gar langer Zeit wieder geheiratet.

I

Die Studien des Satan

auf der beruhmten Universitat ....en

Betrogene Betruger!

Eure Ringe sind alle drei nicht echt;

der echte Ring vermutlich ging verloren.

Lessing, Nathan. III. 7

Funftes Kapitel

Einleitende Bemerkungen

Alle Welt schreibt oder liest in dieser Zeit Memoiren; in den Salons der grossen und kleinen Residenzen, in den Ressourcen und Kasinos der Mittelstadte, in den Tabagien und Kneipen der kleien spricht man von Memoiren, urteilt nach Memoiren und erzahlt nach Memoiren, ja es konnte scheinen, es sei seit zwolf Jahren nichts Merkwurdiges mehr auf der Erde, als ihre Memoiren. Manner und Frauen ergreifen die Feder, um den Menschen schriftlich darzutun, dass auch sie in einer merkwurdigen Zeit gelebt, dass auch sie sich einst in einer Sonnennahe bewegt haben, die bus von Bedeutsamkeit verliehen.

Gekronte Haupter, nicht zufrieden, sich aus ihrer fruhern Grandezza, wo sie, wie in der Bilderbibel, mit der Krone auf dem Haupt zu Bette gingen, erhoben zu haben; nicht zufrieden damit, dass sie auf Kurierreisen Europa von einem Ende bis zum andern durchfliegen, um sich gegenseitig von ihrer Freundschaft versichern, schreiben Memoiren fur ihre Volker, erzahlen ihnen ihre Schicksale, ihre Reisen. Die Mitwelt ist zur Nachwelt gemacht worden, man hat ihr einen neuen Massstab, wornach sie die Handlungen richte, in die Hande gegeben es sind die Memoiren.

Grosse Generale, beruhmte Marschalle, weit entfernt, das Beispiel jenes Romers nachzuahmen, der in der Musse des Friedens die Taten der Legionen unter seiner Fuhrung der Nachwelt wurdig zu uberliefern glaubte, wenn er von sich nur immer in der dritten Person sprache, haben den bescheideneren Weg eingeschlagen, sprechen von sich, wie es Mannern von solchem Gewichte ziemt als ich, bauen aus ihren Memoiren ein Odeon in verjungtem Massstabe, und treten herzhaft vorne auf der Buhne auf. Mit Schlachtstukken im grossen Stil dekorieren sie die Kulissen, Staatsmanner und beruhmte Damen, die grosse Armee und ihre lorbeerbekranzten Adler, die ganze Mitwelt stellen sie im Hintergrund als Figuranten auf, sie selbst aber spielen ihre Sulla oder Brutus wurdig des unsterblichen Talma.

Mundus vult decipi, d.i. die Leute lesen Memoiren; was halt mich ab, denselben auch ein solches Gericht "Gerngesehen" vorzusetzen?

Man wendet vielleicht ein, "der Schuster bleibe bei seinem Leisten, der Satan hat sich nicht mit Memoirenschreiben abzugeben". Ei! wirklich? Und wenn nun dieser Satan doch einen Beruf hatte, Memoiren in die Welt zu streuen, wenn er doch so viel oder noch mehr gesehen hatte, als jene kriegerischen Diplomaten oder diplomatischen Krieger, welche die Welt mit ihrem literarischen Ruhme anfullen, nachdem die Bulletins ihrer Siege zu erwahnen aufgehort haben; wenn nun dieser arme Teufel einen Drang in sich fuhlte, auch fur einen homo literatus zu gelten?

Ja, ich gestehe es mit Erroten, je langer ich mich in meinem lieben Deutschland umhertreibe, desto unwiderstehlicher reisst es mich hin, zu schriftstellern; und wenn es den Damen erlaubt ist, die Finger mit Dinte zu beschmutzen, so wird es doch dem Teufel auch noch erlaubt sein?

Und da komme ich auf einen zweiten Punkt; man sagt vielleicht gegen meine schriftstellerischen Versuche, ich sei kein Literatus, kein Mann vom Gewerbe etc. Aber furs erste habe ich soeben die Damen, welche, wenn sie noch so gelehrt, doch keine Gelehrte von Profession sind, anzufuhren die Ehre gehabt; sodann berufe ich mich auf jene Sohne des Lagers, die unter Gefahren gross geworden, unter Strapazen ergraut, keine Zeit hatten, Humaniora zu studieren, und dennoch so glanzende Memoiren schreiben; ich behaupte drittens, dass das Vorurteil, ich sei ein unstudierter Teufel, ganz falsch ist, denn ich bin in optima forma Doktor der Philosophie geworden, wie aus meinen Memoiren zu ersehen, und kann das Diplom schwarz auf weiss aufweisen.

Der Erzengel Gabriel, als ich ihn mit dem Plan meine Memoiren auszuarbeiten bekannt machte, warnte mich mit bedenklicher Miene vor den sogenannten Rezensenten. Er gab mir zu verstehen, dass ich ubel wegkommen konnte, indem solche niemand schonen, ja sogar neuerdings selbst Doktoren der Theologie in Berlin, Halle und Leipzig hart mitgenommen haben. Ich erwiderte ihm nicht ohne Gelehrsamkeit, dass das Sprichwort "clericus clericum non decimat" fuglich auch auf mein Verhaltnis zu den Rezensenten angewandt werden konne; werde ich ja doch schon im Alten Testament satan adversarius, das ist Widersacher genannt, was ganz auch auf jene passe; den schlagendsten Beweis nehme ich aber aus dem Neuen Testament; dort werde ich oder Verleumder genannt, da nun soviel sei als acerbe recensere, so musse er, wenn er nur ein wenig Logik habe, den Schluss von selbst ziehen konnen.

Der Erzengel bekam, wie naturlich, nicht wenig Respekt vor meiner Gelehrsamkeit in Sprachen, und meinte selbst, dass es mir auf diese Art nicht fehlen konne.

Man wird bei Durchlesung dieser Mitteilungen aus meinen Memoiren vielleicht nicht jenes systematische, ruhige Fortschreiten der Rede finden, das den Werken tiefdenkender Geister so eigen zu sein pflegt. Man wird kurzere und langere Bruchstucke aus meinem Walten und Treiben auf der Erde finden, und den innern Zusammenhang vermissen.

Man tadle mich nicht deswegen; es war ja meine Absicht nicht, ein Gemalde dieser Zeit zu entwerfen, man trifft deren genug in allen soliden Buchhandlungen Deutschlands.

Der Memoirenschreiber hat seinen Zweck erreicht, wenn er sich und seine Stellung zu der Zeit, welcher er angehort, darstellt und daruber reflektiert, wenn er Begebenheiten entwickelt, die entweder auf ihn oder die Mitwelt nahere oder entferntere Beziehungen haben, wenn er beruhmte Zeitgenossen und seine Verhaltnisse zu ihnen dem Auge vorfuhrt. Und diese Forderungen glaube ich in meinen Memoiren erfullt zu haben, sie sind es wenigstens, die mich bei meiner Arbeit leiteten, die meine Kuhnheit vor mir rechtfertigen, vor einem gelehrten Publikum als Schriftsteller aufzutreten.1

Uber Personlichkeit, uber beruhmte Abstammung oder glanzende Verhaltnisse hat der Teufel nichts zu sagen. Was etwa daruber zu sagen sein konnte, habe ich in dem Abschnitt "Besuch bei Goethe" ausgesprochen, und verweise daher den Leser dahin.

Fleissige Leser, d.i. solche, die Bogen fur Bogen in einer Viertelstunde durchfliegen, mogen daher doch diesen Abschnitt nicht uberschlagen, da er sehr zu besserem Verstandnis der ubrigen eingerichtet ist; sittsamen und ordentlichen Lesern habe ich hieruber nichts zu sagen, als sie sollen das Buch weglegen, wenn sie sich langweilen. Ehe sein Diener mit dem zweiten Bogen aus der Messe zuruckkommt, hat der Unterzeichnete noch Zeit, einige Bemerkungen einzuflicken. Es scheint ihm namlich, der Satan besitze eine ziemliche Dosis Eitelkeit; man bemerke nur, wie wichtig er von jenem Abschnitt spricht, worin er uber sich einige Bemerkungen macht; es ware genug gewesen, wenn er nur angedeutet hatte, dass dies oder jenes darin zu finden sei, aber dem Leser zu empfehlen, er mochte doch den Abschnitt, in welchem jene enthalten sind, nicht uberschlagen, ist sehr anmassend.

Sodann die Unordnung, in welcher er alles vorbringt! Ein anderer, wie z.B. der Herausgeber hatte doch, wenn auch nicht mit dem Taufschein, was nun freilich beim Teufel nicht wohl moglich ist, doch wenigstens mit der Begebenheit angefangen, die der Chronologie nach die erste ist. Ich habe das Manuskript fluchtig durchblattert (zu lesen, ehe jeder Bogen hinlanglich geweiht, nehme ich mich wohl in acht), und fand, dass er mit Ereignissen anfangt, die der ganz neuen Zeit angehoren, und nachher in buntem Gemische Menschen und ihre Taten von zehn, zwanzig Jahren her auftreten lasst; man sieht wohl, dass er keine gute Schule gehabt haben muss.

Zu grosserer Deutlichkeit, und dass der geneigte Leser trotz dem Teufel wahlen kann was er will, habe ich den Inhalt jedem einzelnen Kapitel vorangesetzt.

Der Herausgeber

Sechstes Kapitel

Wie der Satan die Universitat bezieht, und welche

Bekanntschaften er dort machte

Deutschland hat mir von jeher besonders wohl gefallen, und ich gestehe es, es liegt diesem Gestandnis ein kleiner Egoismus zugrunde; man glaubt namlich dort an mich wie an das Evangelium; jenen kuhnen philosophischen Waghalsen, die auf die Gefahr hin, dass ich sie zu mir nehme, meine Existenz geleugnet und mich zu einem lacherlichen Phantom gemacht haben, ist es noch nicht gelungen, den glucklichen Kindersinn dieses Volkes zu zerstoren, in dessen ungetrubter Phantasie ich noch immer schwarz wie ein Mohr, mit Hornern und Klauen, mit Bocksfussen und Schweif fortlebe, wie ihre Ahnen mich gekannt haben.

Wenn andere Nationen durch die sogenannte Aufklarung so weit hinaufgeschraubt sind, dass sie, ich schweige von einem Gott, sogar an keinen Teufel mehr glauben, so sorgen hier unter diesem Volke sogar meine Erbfeinde, die Theologen, dafur, dass ich im Ansehen bleibe. Hand in Hand mit dem Glauben an die Gottheit schreitet bei ihnen der Glaube an mich, und wie oft habe ich das mir so susse Wort aus ihrem Munde gehort: "Anathema sit, er glaubt an keinen Teufel."

Ich kann mich daher recht argern; dass ich nicht schon fruher auf den vernunftigen Gedanken gekommen bin, meine freie Zeit auf einer Universitat zu verleben, um dort zu sehen, wie man mich von Semester zu Semester systematisch traktiert.

Ich konnte nebenbei noch manches profitieren. Alle Welt ist jetzt zivilisiert, fein, gesittet, belesen, gelehrt. Schon oft, wenn ich einen guten Schnitt zu machen gedachte, fand es sich, dass mir ein guter Schulsack, etwas Philosophie, alte Literatur, ja sogar etwas Medizin fehle; zwar, als das Magnetisieren aufkam, habe ich auch einen Kursus bei Messmer genommen, und nachher manche gluckliche Kur gemacht. Aber damit ist es heutzutage nicht getan; daher die elenden Sprichworter, die in Deutschland kursieren: ein dummer Teufel, ein armer Teufel, ein unwissender Teufel, was offenbar auf meine vernachlassigte wissenschaftliche Bildung hindeuten soll.

Es ist noch kein Gelehrter vom Himmel gefallen, und ich bin vom Himmel gefallen, aber nicht als gelehrt; darum entschloss ich mich, zu studieren, und womoglich es in der Philosophie so weit zu bringen, dass ich ein ganz neues System erfande, wovon ich mir keinen geringen Erfolg versprach. Ich wahlte ....en, und zog im Herbst des Jahres 1819 daselbst auf.

Ich hatte, wie man sich denken kann, nicht versaumt, mich meinem neuen Stande gemass zu kostumieren. Mein Name war von Barbe, meine Verhaltnisse glanzend, das heisst, ich brachte einen grossen Wechsel mit, hatte viel bar Geld, gute Garderobe, und hutete mich wohl, als Neuling, oder wie man sagt, als Fuchs aufzutreten; sondern ich hatte schon allenthalben studiert, mich in der Welt umgesehen.

Kein Wunder, dass ich schon den ersten Abend hofliche Gesellschafter, den nachsten Morgen vertraute Freunde, und am zweiten Abend Bruder auf Leben und Tod am Arm hatte. Man denkt vielleicht, ich ubertreibe? ware ich Kavalier, so wurde ich auf Ehre versichern und Holmichderteufel als Verstarkungspartikel dazusetzen (denn auf Ehre und Holmichderteufel verhalten sich zueinander wie der Spiritus lenis zum Spiritus asper), in meiner Lage kann ich bloss meine Parole als Satan geben.

Es waren gute Jungen, die ich da fand. Es begab sich dies aber folgendermassen: man kann sich denken, dass ich nicht unvorbereitet kam; wer die deutschen Universitaten nur entfernt kennt, weiss, dass ein an Sprache, Sitte, Kleidung und Denkungsart von der ubrigen Welt ganz verschiedenes Volk dort wohnt. Ich las des unsterblichen Herrn von Schmalz Werke uber die Universitaten, Sands Aktenstucke, Haupt uber Burschenschaften und Landsmannschaften etc., ward aber noch nicht recht klug daraus, und merkte, dass mir noch manches abging. Der Zufall half mir aus der Not. Ich nahm in F. einen Platz in einer Retourchaise; mein Gesellschafter war ein alter Student, der seit acht Jahren sich auf die Medizin legte. Er hatte das savoir vivre eines alten Burschen, und ich befliss mich in den sechs Stunden, die ich mit ihm der Musenstadt zufuhr, an ihm meine Rolle zu studieren.

Er war ein grosser wohlgewachsener Mann von 24 25 Jahren, sein Haar war dunkel und mochte fruher nach heutiger Mode zugeschnitten sein, hing aber, weil der Studiosus die Kosten scheute, es scheren zu lassen, unordentlich um den Kopf, doch bemuhte er sich, solches oft mit funf Fingern aus der Stirne zu frisieren. Sein Gesicht war schon, besonders Nase und Mund edel und fein geformt, das Auge hatte viel Ausdruck, aber welch sonderbaren Eindruck machte es; das Gesicht war von der Sonne rotbraun angelaufen; ein grosser Bart wucherte von den Schlafen bis zum Kinn herab, und um die feinen Lippen hing ein vom Bier geroteter Henri quatre.

Sein Mienenspiel war schrecklich und lacherlich zugleich, die Augbrauen waren zusammengezogen und bildeten dustere Falten; das Auge blickte streng und stolz um sich her, und mass jeden Gegenstand mit einer Hoheit, einer Wurde, die eines Konigsohnes wurdig gewesen ware.

Uber die unteren Partien des Gesichtes, namentlich uber das Kinn konnte ich nicht recht klug werden, denn sie staken tief in der Krawatte. Diesem Kleidungsstuck schien der junge Mann bei weitem mehr Sorgfalt gewidmet zu haben, als dem ubrigen Anzug; diese beilaufig einen halben Schuh Hohe messende Binde von schwarzer Seide zog sich, ohne ein Faltchen zu werfen, von dem Kinn inklusive bis auf das Brustbein exklusive, und bildete auf diese Art ein feines Mauerwerk, auf welchem der Kopf ruhte; seine Kleidung bestand in einem weissgelben Rock, den er "Flaus", in zartlichen Augenblicken wohl auch "Gottfried" nannte, und welchem er von Speisen und Getranken mitteilte; dieser Gottfried Flaus reichte bis eine Spanne uber das Knie und schloss sich eng um den ganzen Leib; auf der Brust war er offen und zeigte, soviel die Krawatte sehen liess, dass der Herr Studiosus mit Wasche nicht gut versehen sein musse.

Weite, wellenschlagende Beinkleider von schwarzem Samt schlossen sich an das Oberkleid an; die Stiefel waren zierlich geformt und dienten ungeheuern Sporen von poliertem Eisen zur Folie.

Auf dem Kopfe hatte der Studiosus ein Stuckchen rotes Tuch in Form eines umgekehrten Blumenscherben gehangt, das er mit vieler Kunst gegen den Wind zu balancieren wusste; es sah komisch aus, fast wie wenn man mit einem kleinen Trinkglas ein grosses Kohlhaupt bedecken wollte.

Ich hatte Zacharias unsterblichen Renommisten zu gut studiert, um nicht zu wissen, dass, sobald ich mir eine Blosse gegen den Herrn Bruder gebe, sein Respekt vor mir auf ewig verloren sei; ich merkte ihm daher seine Augenbrauenfalten, sein ernstes, abmessendes Auge, soviel es ging, ab, und hatte die Freude, dass er mich gleich nach der ersten Stunde auffallend vor dem "Philister und dem Florbesen", auf deutsch einem alten Professor und seiner Tochter, welche unsere ubrige Reisegesellschaft ausmachten, auszeichnete. In der zweiten Stunde hatte ich ihm schon gestanden, dass ich in Kiel studiert und mich schon einigemal mit Gluck geschlagen habe, und ehe wir nach .....gen einfuhren, hatte er mir versprochen, eine "fixe Kneipe" das heisst eine anstandige Wohnung auszumitteln, wie auch mich unter die Leute zu bringen.

Der Herr Studiosus Wurger, so hiess mein Gesellschafter, liess an einem Wirtshaus vor der Stadt anhalten, und lud mich ein, seinem Beispiele zu folgen, und hier auf die Beschwerden der Reise ein Glas zu trinken. Die ganze Fensterreihe des Wirtshauses war mit roten und schwarzen Mutzen bedeckt, es war namlich eine gute Anzahl der Herren Studiosi hier versammelt, um die neuen Ankommlinge, die gewohnlich am Anfang des Semesters einzutreffen pflegen, nach gewohnter Weise zu empfangen. Wurger, der alte "langst bemooste" Bursche, hatte sich schon unterwegs mit dem Gedanken gekitzelt, dass seine Kameraden uns fur "Fuchse" halten werden, und wirklich traf seine Vermutung ein.

Ein Chorus von wenigstens 30 Bassen scholl von den Fenstern herab, sie sangen ein beruhmtes Lied, das anfangt:

"Was kommt dort von der Hoh!"

Wahrend des Gesanges entstieg mein Gefahrte majestatisch der Chaise, und kaum hatte er den Boden beruhrt, so erhob er sein furchtbares Haupt, und schrie zu den Fenstern empor:

"Was schlagt ihr fur einen Randal auf, Kamele! Seht ihr nicht, dass zwei alte Hauser aus diesem Philisterkarren gestiegen kommen?" (auf deutsch: larmt doch nicht so sehr, meine Herren, Sie sehen ja, dass zwei alte Studenten aus dem Wagen steigen.)

Der allgemeine Jubel unterbrach den erhitzten Redner: "Wurger! du altes fideles Haus!" schrien die Musensohne, und sturzten die Treppen herab in seine Arme; die Raucher vergassen, ihre langen Pfeifen wegzulegen, die Billardspieler hielten noch ihre Queues in der Hand. Sie bildeten eine Leibwache von sonderbarer Bewaffnung um den Angekommenen.

Doch der Edelmutige vergass in seiner Glorie auch meiner nicht, der ich bescheiden auf der Seite stand, er stellte mich den altesten und angesehensten Mannern der Gesellschaft vor, und ich wurde mit herzlichem Handschlag von ihnen begrusst. Man fuhrte uns in wildem Tumult die Treppe hinan, man setzte mich zwischen zwei bemooste Hauser an den Ehrenplatz, gab mir ein grosses Passglas voll Bier und ein Fuchs musste dem neuen Ankommling seine Pfeife abtreten.

So war ich denn in .....en als Student eingefuhrt, und ich gestehe, es gefiel mir so ubel nicht unter diesem Volkchen. Es herrschte ein offener, zutraulicher Ton, man brauchte sich nicht in den Fesseln der Konvenienz, die gewiss dem Teufel am lastigsten sind, umherzuschleppen, man sprach und dachte, wie es einem gerade gefiel. Wenn man bedenkt, dass ich gerade im Herbst 1819 dorthin kam, so wird man sich nicht wundern, dass ich mich von Anfang gar nicht recht in die Konversation zu finden wusste. Denn einmal machten mir jene Kunstworter (termini technici) von welchen ich oben schon eine kleine Probe gegeben habe, viel zu schaffen; ich verwechselte oft "Sau," das Gluck, mit "Pech", was Ungluck bedeutet, wie auch "holzen", mit einem Stock schlagen, mit "pauken", mit andern Waffen sich schlagen.

Aber auch etwas anderes fiel mir schwer; wenn namlich nicht von Hunden, Paukereien, Besen oder dergleichen gesprochen wurde, so fiel man hinter dem Bierglas in ungemein transzendentale Untersuchungen, von welchen ich anfangs wenig oder gar nichts verstand, ich merkte mir aber die Hauptworte, welche vorkamen, und wenn ich auch in die Konversation gezogen wurde, so antwortete ich mit ernster Miene "Freiheit, Vaterland, Deutschtum, Volkstumlichkeit."

Da ich nun uberdies ein grosser Turner war, und eigentlich "teufelmassige" Sprunge machen konnte, da ich mir uberdies nach und nach ein langes Haar wachsen liess, solches fein scheitelte und kammte, einen zierlich ausgeschnittenen Kragen uber den deutschen Rock herauslegte, mich auch auf die Klinge nicht ubel verstand, so war es kein Wunder, dass ich bald in grosses Ansehen unter diesem Volke kam. Ich benutzte diesen Einfluss soviel als moglich, um die Leute nach meinen Ansichten zu leiten und zu erziehen, und sie "fur die Welt zu gewinnen".

Es hatte sich namlich unter einem grossen Teil meiner Kommilitonen ein gewisser frommelnder Ton eingeschlichen, der mir nun gar nicht behagte und nach meiner Meinung sich auch nicht fur junge Leute schickte. Wenn ich an die jungen Herrn in London und Paris, in Berlin, Wien, Frankfurt etc. dachte, an die vergnugten Stunden, die ich in ihrem Kreise zubrachte, wenn ich diese Leute dagegenhielt, die ich ihren schonen hohen Wuchs, ihre kraftigen Arme, ihren gesunden Verstand, ihre nicht geringen Kenntnisse nur auf dem Turnplatz, nicht im Tanzsaal, nur zu uberschwenglichen Ideen und Idealen, nicht zu lebhaftem Witz, zu feinem Spott, der das Leben wurzt und aufregt, anwenden sah, wenn ich sie, statt schonen Madchen nachzufliegen, in die Kirche schleichen sah, um einen ihrer orthodoxen Professoren anzuhoren, so konnte ich ein widriges Gefuhl in mir nicht unterdrucken.

Sobald ich daher festen Fuss gefasst hatte, zog ich einige lustige Bruder an mich, lehrte sie neue Kartenspiele, sang ihnen ergotzliche Lieder vor, wusste sie durch Witz und dergleichen so zu unterhalten, dass sich bald mehrere anschlossen. Jetzt machte ich kuhnere Angriffe. Ich stellte mich sonntags mit meinen Gesellen vor die Kirchture, musterte mit geubtem Auge die vorubergehenden Damen, zog dann, wenn die Schaflein innen waren, und der Kuster den Stall zumachte, mit den Meinigen in ein Wirtshaus der Kirche gegenuber, und bot alles auf, die Gaste besser zu unterhalten, als der Dr. N. oder der Professor N. in der Kirche seine Zuhorer.

Ehe drei Wochen vergingen, hatte ich die grossere Partie auf meiner Seite. Die Frommeren schrieen von Anfang uber den rohen Geist, der einreisse; gaben zu bemerken, dass wir christliche Bursche seien; aber es half nichts, meine Persiflagen hatten so gute Wirkung getan, dass sie sich am Ende selbst schamten, in der Kirche gesehen zu werden, und es gehorte zum guten Ton, jeden Sonntag vor der Kirchtur zu sein, aber bis hieher und nicht weiter. Die Wirtshauser waren gefullter als je, es wurde viel getrunken, ja es riss die Sitte ein, Wettkampfe im Trinken zu halten und, man wird es kaum glauben, es gab sogar eigentliche Kunsttrinker!

Es predigte zwar mancher gegen das einreissende Verderben, aber die Altdeutschen trosteten sich damit, dass ihre "Altvordern" auch durch Trinken exzelliert haben; die Frommsten liessen sich grosse Humpen verfertigen und zwangen und muhten sich so lange, bis sie wie Gotz von Berlichingen, oder gar wie Hermann der Cherusker schlucken konnten. Den Feineren, Gebildeteren war es naturlich vom Anfang auch ein Greuel, ich verwies sie aber auf eine Stelle bei Jean Paul. Er sagt namlich in seinem unubertrefflichen "Quintus Fixlein":

"Jerusalem bemerkt schon, dass die Barbarei, die oft hart hinter dem schonsten, buntesten Flor der Wissenschaften aufsteigt, eine Art von starkendem Schlammbad sei, um die Uberfeinerung abzuwenden, mit der jener Flor bedrohe; ich glaube, dass einer, der erwagt, wie weit die Wissenschaften bei einem Studierenden steigen, dem Musensohne ein gewisses barbarisches Mittelalter das sogenannte Burschenleben gonnen werde, das ihn wieder so stahlt, dass die Verfeinerung nicht uber die Grenze geht."

Wenn ein Meister, wie Jean Paul, dem ich hiemit fur diese Stelle meinen herzlichen Dank offentlich sage, also sich ausspricht, was konnten die Kleinmeister und Junger dagegen? Sie setzten sich auch in die schwarzgerauchte Kneipe, "verschlammten" sich recht tuchtig in dem "barbarischen Mittelalter", und hatten kraft ihres inwohnenden Genies meine alteren Zoglinge bald uberholt.

Siebentes Kapitel

Satan besucht die Kollegien, was er darin lernte

Indessen ich auf die beschriebene Weise praktisch lebte und leben machte, vergass ich auch das "dic cur hic" nicht, und legte mich mit Ernst aufs Theoretische. Ich horte die Philosophen und Theologen, und hospitierte nicht unfleissig bei den Juristen und Medizinern. Ich hatte, um zuerst uber die Philosophen zu reden, von einem der hellsten Lichter jener Universitat, wenn in der Ferne von ihm die Rede war, oft sagen horen, der Kerl hat den Teufel im Leib. Eine solche geheimnisvolle Tiefe, wollte man behaupten, solche uberschwengliche Gedanken, solche Gedrungenheit des Stils, eine so hinreissende Beredsamkeit sei noch nicht gefunden worden in Israel. Ich habe ihn gehort und verwahre mich feierlich vor jenem Urteil, als ob ich in ihm gesessen ware. Ich habe schon viel ausgestanden in der Welt, ich bin sogar Ev. Matthai am VIII. 31 u. 32 in die Saue gefahren, aber in einen solchen Philosophen? Nein, da wollte ich mich doch bedankt haben.

Was der gute Mann in seinem schlafrigen unangenehmen Ton vorbrachte, war fur seine Zuhorer so gut als Franzosisch fur einen Eskimo. Man musste alles gehorig ins Deutsche ubersetzen, ehe man daruber ins klare kam, dass er ebensowenig fliegen konne, wie ein anderer Mensch auch. Er aber machte sich gross, weil er aus seinen Schlussen sich eine himmelhohe Jakobsleiter gezimmert und solche mit mystischem Firnis angepinselt hatte; auf dieser kletterte er nun zum blauen Ather hinan, versprach aus seiner Sonnenhohe herabzurufen, was er geschaut habe, er stieg und stieg, bis er den Kopf durch die Wolken stiess, blickte hinein in das reine Blau des Himmels, das sich auf dem grunen Grasboden noch viel hubscher ausnimmt, als oben, und sah wie Sancho Pansa, als er auf dem holzernen Pferd zur Sonne ritt, unter sich die Erde so gross wie ein Senfkorn und die Menschen wie Mucken, uber sich nichts.

Sie kommen mir vor, die guten Leute dieser Art wie die Manner von Babel, die einen grossen Leuchtturm bauen wollten fur alles Volk, damit sich keines verlaufe in der Wuste, und siehe da, der Herr verwirrte ihre Sprache, dass weder Meister noch Gesellen einander mehr verstanden.

Da lobe ich mir einen andern der dortigen Philosophen; er las uber die Logik und deduzierte jahrein jahraus, dass zweimal zwei vier sei, und die Herren Studiosi schrieben ganze Stosse von Heften, dass zweimal zwei vier sei. Dieser Mann blieb doch ordentlich im Blachfeld und wanderte seinem Ziele mit grosserer Gelassenheit zu, als seine illustren Kollegen, die, wenn ein anderer ihr Gewasche nicht Evangelium nannte, Antikritiken und Metakritiken der Antikritiken in alle Welt aussandten.

Ich gestehe redlich, der Teufel amusiert sich schlecht bei so bewandten Dingen. Ich schlug den Weg zu einem andern Horsaal ein, wo man uber die Seele des Menschen dozierte. Gerechter Himmel! wenn ich so viel Umstande machen musste, um eine luderliche Seele in mein Fegefeuer zu deduzieren! Der Mensch auf dem Katheder malte die Seele auf eine grosse schwarze Tafel, und sagte, "so ist sie, meine Herren", damit war er aber nicht zufrieden, er behauptete, sie sitze oben in der Zirbeldruse.

Ich quittierte die Philosophen und besuchte die Theologen. Um meine Leute naher kennenzulernen, beschloss ich, an einem Sonntag nach der Kirche einem oder dem andern meine Visite abzustatten. Ich kleidete mich ganz schwarz, dass ich ein ziemlich theologisches Air hatte, und trat meinen Marsch an; man hatte mir vorhergesagt, ich sollte keinen zu voreiligen Schluss auf den reinen und frommen Charakter dieser Manner machen; sie seien etwas nach dem alttestamentarischen Kostum, vernachlassigen aussere Bildung, und fallen dadurch leicht ins Linkische.

Mein Herz mit Geduld gewaffnet, trat ich in das Zimmer des ersten Theologen. Aus einer blaulichen Rauchwolke erhob sich ein dicker altlicher Mann in einem grossgeblumten Schlafrock, eine ganz schwarze Meerschaumpfeife in der Hand. Er machte einen kurzen Knicks mit dem Kopf und sah mich dann ungeduldig und fragend an. Ich setzte ihm auseinander, wie mich die Philosophie gar nicht befriedige, und dass ich gesonnen sei, einige theologische Kollegien zu besuchen. Er murmelte einige unverstandliche, aber wie es schien, gelehrte Bemerkungen, verzog beifallig lachelnd den Mund und schritt im Zimmer auf und ab.

Ich setzte die Einladung, ihn auf seinem Spaziergang zu begleiten, voraus, und schritt in ebenso gravitatischen Schritten neben ihm her, indem ich aufmerksam lauschte, was sein gelehrter Mund weiter vorbringen werde. Vergebens! Er grinzte hie und da noch etwas weniges, sprach aber kein Wort weiter, wenigstens verstand ich nichts als die Worte: "Pfeife rauchen?" ich merkte, dass er mir hoflich eine Pfeife anbiete, konnte aber keinen Gebrauch davon machen, denn er rauchte wahrhaftig eine gar zu schlechte Nummer.

Ich habe mir schon lange abgewohnt, uber irgend etwas in Verlegenheit zu geraten, sonst hatte dieses absurde Schweigen des Professors mich ganzlich ausser Fassung gebracht. So aber ging ich gemachlich neben ihm her, kehrte um, wenn er umkehrte, und zahlte die Schritte, die sein Zimmer in der Lange mass. Nachdem ich das alte Ameublement, die verschiedenen Kleider- und Wascherudera, die auf den Stuhlen umherlagen, das wunderliche Chaos seines Arbeitstisches gemustert hatte wagte ich meine prufenden Blicke an den Professor selbst. Sein Aussehen war hochst sonderbar. Die Haare hingen ihm dunn und lang um die Glatze, die gestrickte Schlafmutze hielt er unter dem Arm. Der Schlafrock war an den Ellbogen zerrissen, und hatte verschiedene Locher, die durch Unvorsichtigkeit hineingebrannt schienen. Das eine Bein war mit einem schwarzseidenen Strumpf und der Fuss mit einem Schnallenschuh bekleidet, der andere stak in einem weiten, abgelaufenen Filzpantoffel, und um das halbentblosste Bein hing ein gelblicher Sokken. Ehe ich noch wahrend dem unbegreiflichen Stillschweigen des Theologen meine Bemerkungen weiter fortsetzen konnte, wurde die Ture aufgerissen, eine grosse durre Frau mit der Rote des Zornes auf den schmalen Wangen, sturzte herein.

"Nein, das ist doch zu arg, Blasius!" schrie sie, "der Kuster ist da und sucht dich zum Abendmahl; der Dekan steht schon vor dem Altar und du steckst noch im Schlafrock?"

"Weiss Gott, meine Liebe", antwortete der Doktor gelassen, "das habe ich hasslich vergessen! doch sieh, einen Fuss hatte ich schon zum Dienste des Herrn gerustet, als mir ein Gedanke einfiel, der den Doktor Paulus weidlich schlagen muss."

Ohne darauf zu achten, dass er sich beinahe der letzten Hulle beraube, wollte er eilfertig den Schlafrock herunterreissen, um auch seinen ubrigen Kadaver zum Dienst des Herrn zu schmucken; sein Eheweib aber stellte sich mit einer schnellen Wendung vor ihn hin, und zog die weiten Falten ihrer Kleider auseinander, dass vom Professor nichts mehr sichtbar war.

"Sie verzeihen Herr Kandidat", sprach sie, ihre Wut kaum unterdruckend; "er ist so im Amtseifer, dass Sie ihn entschuldigen werden. Schenken Sie uns ein andermal das Vergnugen. Er muss jetzt in die Kirche."

Ich ging schweigend nach meinem Hut, und liess den Ehemann unter den Handen seiner liebenswurdigen Xanthippe. "Ein schoner Anfang in der Theologie!" dachte ich, und die Lust, die ubrigen geistlichen Manner zu besuchen, war mir ganzlich vergangen; doch beschloss ich, einige Vorlesungen mit anzuhoren, was ich auch den Tag nachher ausfuhrte.

Man denke sich einen weiten, niedrigen Saal, vollgepfropft mit jungen Leuten in den abenteuerlichsten Gestalten; Mutzen von allen Farben und Formen, lange herabwallende, kurze emporsteigende Haare, Barte, an welchen sich ein Sappeur der alten Garde nicht hatte schamen durfen, und kleine zierliche Stutzbartchen, galante Fracks und hohe Krawatten, neben deutschen Rocken und ellenbreiten Hemdkragen; so sassen die jungen geistlichen Herren im Kollegium; vor sich hatte jeder seine Mappe, einen Stoss Papier, Dinte und Feder, um die Worte der Weisheit gleich ad notam zu nehmen. O Platon und Sokrates, dachte ich, hatten eure Studiosen und Akademiker nachgeschrieben, wie manches Wort tiefer, heiliger Weisheit ware nicht umsonst verrauscht; wie majestatisch mussten sich die Folianten von Socratis opera in mancher Bibliothek ausnehmen!

Jetzt wurden alle Haupter entblosst. Eine kurze, dicke Gestalt drangte sich durch die Reihen der jungen Herren dem Katheder zu, es war der Doktor Schnatterer, den ich gestern besucht hatte; mit Wonnegefuhl schien er die Versammlung zu uberschauen, hustete dann etwas weniges und begann:

"Hochachtbare, hochansehnliche!" (damit meinte er die, welche sechs Taler Honorar zahlten).

"Wertgeschatzte!" (die welche das gewohnliche Honorar zahlten).

"Meine Herren!" (das waren die, welche nur die Halfte oder aus Armut gar nichts entrichteten), und nun hob er seinen Sermon an, die Federn rasselten, das Papier knirschte, er aber schaute herab wie der Mond aus Regenwolken.

Ich hatte zu keiner gelegeneren Zeit diese Vorlesungen besuchen konnen, denn der Doktor behandelte gerade den Abschnitt "De angelis malis", worin ich vorzuglich traktiert zu werden hoffen durfte. Wahrhaftig, er liess mich nicht lange warten: "Der Teufel", sagte er, "uberredete die ersten Menschen zur Sunde, und ist noch immer gegen das ganze Menschengeschlecht feindlich gesinnt." Nach diesem Satz hoffte ich nun eine philosophische Wurdigung dieses Teufelsglaubens zu horen; aber weit gefehlt. Er blieb bei dem ersten Wort Teufel stehen, und dass mich die Juden Beelzebub geheissen hatten. Mit einem Aufwand von Gelehrsamkeit, wie ich sie hinter dem armen Schlafrock nicht gesucht hatte, warf er nun das Wort Beelzebub dreiviertel Stunden lang hin und her. Er behauptete, die einen erklaren, es bedeute einen "Fliegenmeister", der die Mucken aus dem Lande treiben solle, andere nehmen das "sephub" nicht von den Mucken, sondern als "Anklage" wie die Chaldaer und Syrier. Andere erklaren "sephul" als Grab, sepulcrum; die Federn schwirrten und flogen, so tiefe Gelehrsamkeit hort man nicht alle Tage. Zu jenen paar Erklarungen hatte er aber volle dreiviertel Stunden verwendet, denn die Zitaten aus heiligen und profanen Skribenten nahmen kein Ende. Von Anfang hatte es mir vielen Spass gemacht, die Dogmatik auf solche Weise getrieben und namentlich den Satan so grundlich anatomiert zu sehen; aber endlich machte es mir doch Langeweile und ich wollte schon meinen Platz verlassen, um dem unendlichen Gewasch zu entfliehen, da ruhte der Doktor einen Augenblick aus, die Schnupftucher wurden gebraucht, die Fusse wurden in eine andere Lage gebracht, die Federn ausgespritzt und neu beschnitten alles deutete darauf hin, dass jetzt ein Hauptschlag geschehen werde.

Und es war so; der grosse Theologe, nachdem er die Meinungen anderer aufgefuhrt und gehorig gewurdigt hatte, begann jetzt mit Salbung und Wurde seine eigene Meinung zu entwickeln.

Er sagte, dass alle diese Erklarungen nichts taugen, indem sie keinen passenden Sinn geben; er wisse eine ganz andere, und glaube sich in diesem Stuck noch uber Michaelis und Doderlein stellen zu durfen. Er lese namlich saephael und das bedeute Kot, Mist und dergleichen. Der Teufel oder Beelzebub wurde also hier der "Herr im Dreck", "der Unreinliche", , "der Stinker" genannt, wie denn auch im Volksglauben mit den Erscheinungen des Satans ein gewisser unanstandiger Geruch verbunden sei.

Ich traute meinen Ohren kaum; eine solche Sottise war mir noch nie vorgekommen; ich war im Begriff, den orthodoxen Exegeten mit dem namlichen Mittel zu bedienen, das einst Doktor Luther, welcher gar keinen Spass verstand, an mir probierte, ihm namlich das nachste beste Dintenfass an den Kopf zu werfen; aber es fiel mir bei, wie ich mich noch besser an ihm rachen konnte, ich bezahmte meinen Zorn und schob meine Rache auf.

Der Doktor aber schlug im Bewusstsein seiner Wurde das Heft zu, stand auf, buckte sich nach allen Seiten und schritt nach der Ture; die tiefe Stille, welche im Saal geherrscht hatte, loste sich in ein dumpfes Gemurmel des Beifalls auf.

"Welch ein gelehrter Mann, welch tiefer Denker, welche Fulle der tiefsten Gelehrsamkeit!" murmelten die Schuler des grossen Exegeten. Emsig verglichen sie untereinander ihre Hefte, ob ihnen auch kein Wortchen von seinen schlagenden Beweisen, von seinen kuhnen Behauptungen entgangen sei; und wie glucklich waren sie, wenn auch kein Jota fehlte, wenn sie hoffen durften, ein dickes, reinliches, vollstandiges Heft zu bekommen.

Sobald sie aber die teuren Blatter in den Mappen hatten, waren sie die alten wieder; man stopfte sich die ellenlangen Pfeifen, man setzte die Mutze kuhn auf das Ohr, zog singend oder den grossen Hunden pfeifend ab, und wer hatte den Junglingen, die im Sturmschritt dem nachsten Bierhaus zuzogen, angesehen, dass sie die Stammhalter der Orthodoxie seien, und recta via von der kuhnsten Konjektur des grossen Dogmatikers herkommen?

So schloss sich mein erster theologischer Unterricht, ich war, wenn nicht an Weisheit und Einsicht, doch um einen Begriff meiner selbst, an den ich nie gedacht hatte, reicher geworden.

Ich schwor mir selbst mit den heiligsten Schwuren, keinen Theologen dieser finstern Schule mehr zu horen. Denn, wenn der oberste unter ihnen solche grasse Begriffe zu Markt brachte, was durfte ich von den ubrigen hoffen? Aber der orthodoxen saephael oder Dr-ck-Seele hatte ich Rache geschworen, und ich war Manns genug dazu, sie auszufuhren.

Achtes Kapitel

Der Satan bekommt Handel und schlagt sich;

Folgen davon

Indessen ereignete sich etwas anderes, das ich hier nicht ubergehen darf, weil es als ein Kommentar zu den Sitten des wunderlichen Volkes, unter welchem ich lebte, dienen kann. Ich hatte schon seit einiger Zeit fleissig die Anatomie besucht, um auch die Arzte kennenzulernen, da geschah es eines Tages, dass ich mit mehreren Freunden um einen Kadaver beschaftigt war, indem ich ihnen durch Zergliederung der Organe des Hirns, des Herzens etc. die Nichtigkeit des Glaubens an Unsterblichkeit darzutun suchte.

Auf einmal hore ich hinter mir eine Stimme, "Pfui Teufel! wie riecht's hier!"

Ich wandte mich rasch um und erblickte einen jungen Theologen, der mich schon in jener dogmatischen Vorlesung durch den Eifer und das Wohlbehagen, mit welchem er die unsinnige Konjektur des Professors niederschrieb, gegen sich aufgebracht hatte. Als ich nun diese Ausserung "pfui Teufel, wie riecht's hier!" die ich in jenem Augenblick aus des Theologen Munde nur auf mich, als den "Herrn im Kot" bezog, horte, sagte ich ihm ziemlich stark, dass ich mir solche Gemeinheiten und Anzuglichkeiten verbitte.

Nach dem uralten heiligen Gesetzbuche der "Burschen", das man Komment heisst, war dies eine Beschimpfung, die nur mit Blut abgewaschen werden konnte. Der Theologe, ein tuchtiger Raufer, liess mich daher am andern Tage sogleich fordern. Ein solcher Spass war mir erwunscht, denn wer sein Ansehen unter seinen Kommilitonen behaupten wollte, musste sich damals geschlagen haben, obgleich das Duell an sich von meinen Freunden als etwas Unvernunftiges, Unnaturliches angesehen wurde. Ich hatte meinen Gegner bestimmen lassen, die Sache in einem Vergnugungsort, eine Stunde vor der Stadt, auszumachen, und beide Partien erschienen zur bestimmten Zeit an Ort und Stelle.

Feierlich wurde jeder einzelne in ein Zimmer gefuhrt, der Oberrock ihm ausgezogen, und der "Paukwichs", das heisst, die Rustung, in welcher das Duell vor sich gehen sollte, angelegt. Diese Rustung oder der Paukwichs bestand in einem Hut mit breiter Krempe, die dem Gesicht hinlanglichen Schutz verlieh, einer ungeheuern, fussbreiten Binde, die uber den Bauch geschnallt wurde; sie war von Leder, gepolstert und mit der Farbe der Verbindung, zu welcher man gehorte, ausgeschmuckt; eine ungeheure Krawatte, wogegen Herrn Studiosus Wurgers ein Groschenstrick war, stand steif um die Gegend des Halses und schutzte Kinn, Kehle, einen Teil der Schultern und den obern Teil der Brust. Den Arm, vom Ellbogen bis zur Hand, bedeckte ein, aus alten seidenen Strumpfen verfertigtes Rustzeug, Handschuh genannt. Ich gestehe, die Figur, in diese sonderbare Rustung gepresst, nahm sich komisch genug aus; doch gewahrte sie grosse Sicherheit, denn nur ein Teil des Gesichtes, der Oberarm und ein Teil der Brust war fur die Klinge des Gegners zuganglich. Ich konnte mich daher des Lachens nicht enthalten, wenn ich im Spiegel meinen sonderbaren Habit betrachtete; der Satan in einem solchen Aufzuge und im Begriff, sich wegen des schlechten Geruchs auf der Anatomie zu schlagen!

Meine Genossen aber nahmen dieses Lachen fur einen Ausbruch der Kuhnheit und des Muts, gedachten, es sei jetzt der rechte Augenblick gekommen, und fuhrten mich in einen grossen Saal, wo man mit Kreide die gegenseitige feindliche Stellung auf dem Boden markiert hatte. Ein Fuchs rechnete es sich zur hohen Ehre, mir den "Schlager" vorantragen zu durfen, wie man den alten Kaisern Schwert und Szepter vorantrug. Jener war eine aus poliertem Stahl schon gearbeitete Waffe mit grossem, schutzendem Korb und scharf geschliffen wie ein Schermesser.

Wir standen endlich einander gegenuber; der Theologe machte ein grimmiges Gesicht und blickte mit einem Hohn auf mich, der mich nur noch mehr in dem Vorsatz bestarkte, ihn tuchtig zu zeichnen.

Wir legten uns nach alter Fechterweise aus, die Klingen waren gebunden, die Sekundanten schrien "los", und unsere Schlager schwirrten in der Luft und fielen rasselnd auf die Korbe. Ich verhielt mich meistens parierend gegen die wirklich schonen und mit grosser Kunst ausgefuhrten Angriffe des Gegners, denn mein Ruhm war grosser, wenn ich mich von Anfang nur verteidigte, und erst im vierten, funften Gang ihm eine Schlappe gab.

Allgemeine Bewunderung folgte jedem Gang; man haue noch nie so kuhn und schnell angreifen, noch nie mit so vieler Ruhe und Kaltblutigkeit sich verteidigen sehen. Meine Fechtkunst wurde von den altesten "Hausern" bis in den Himmel erhoben und man war nun gespannt und begierig, bis ich selbst angreifen wurde; doch wagte es keiner, mich dazu aufzumuntern. Vier Gange waren voruber, ohne dass irgendwo ein Hieb blutig gewesen ware. Ehe ich zum funften aufmarschierte, zeigte ich meinen Kameraden die Stelle auf der rechten Wange, wohin ich meinen Theologen treffen wolle. Dieser mochte es mir ansehen, dass ich jetzt selbst angreifen werde, er legte sich so gedeckt als moglich aus und hutete sich, selbst einen Angriff zu machen. Ich begann mit einer herrlichen Finte, der ein allgemeines Ah! folgte, schlug dann einige regelmassige Hiebe, und klapp! sass ihm mein Schlager in der Wange.

Der gute Theologe wusste nicht, wie ihm geschah, mein Sekundant und Zeuge sprangen mit einem Zollstab hinzu, massen die Wunde und sagten mit feierlicher Stimme: "Es ist mehr als ein Zoll, klafft und blutet, also Ansch-ss"; das hiess soviel als: weil ich dem guten Jungen ein zollanges Loch ins Fleisch gemacht hatte, war seiner Ehre genug geschehen.

Jetzt sturzten meine Freunde herzu, die altesten fassten meine Hande, die jungeren betrachteten ehrfurchtsvoll die Waffe, mit welcher die in der Geschichte einzige und unerhorte Tat geschehen war; denn wer, seit des grossen Renommisten Zeiten durfte sich ruhmen, vorher die Stelle, die er treffen wollte, angezeigt und mit so vieler Genauigkeit getroffen zu haben?

Ernsten Blickes trat der Sekundant meines Gegners herein und bot mir in dessen Namen Versohnung an. Ich ging zu dem Verwundeten, dem man gerade mit Nadel und Faden seine Wunde zunahte und versohnte mich mit ihm.

"Ich bin Ihnen Dank schuldig", sagte er zu mir, "dass Sie mich so gezeichnet haben. Ich wurde, ganz gegen meinen Willen, gezwungen, Theologie zu studieren; mein Vater ist Landpfarrer, meine Mutter eine fromme Frau, die ihren Sohn gerne einmal im Chorrock sehen mochte. Sie haben mit einem Mal entschieden, denn mit einer Schmarre vom Ohr bis zum Mund, darf ich keine Kanzel mehr besteigen."

Die Burschen sahen teilnehmend auf den wackern Theologen, der wohl mit geheimer Wehmut an den Schmerz des alten Pastors, an den Jammer der frommen Mama denken mochte, wenn die Nachricht von diesem Unfall anlangte; ich aber hielt es fur das grosste Gluck des Junglings, durch eine so kurze Operation der Welt wieder geschenkt zu sein. Ich fragte ihn, was er jetzt anzufangen gedenke, und er gestand offen, dass der Stand eines Kavalleristen oder eines Schauspielers ihn von jeher am meisten angezogen hatte.

Ich hatte ihm um den Hals fallen mogen fur diesen vernunftigen Gedanken, denn gerade unter diesen beiden Standen zahle ich die meisten Freunde und Anhanger; ich riet ihm daher aufs ernstlichste, dem Trieb der Natur zu folgen, indem ich ihm die besten Empfehlungsbriefe an bedeutende Generale und an die vorzuglichsten Buhnen versprach.

Dem ganzen Personale aber, das dem merkwurdigen Duell angewohnt hatte, gab ich einen trefflichen Schmaus, wobei auch mein Gegner und seine Gesellen nicht vergessen wurden. Dem ehemaligen Theologen zahlte ich nachher in der Stille seine Schulden, und versah ihn, als er genesen war, mit Geld und Briefen, die ihm eine frohliche, glanzende Laufbahn eroffneten.

Meine geheime Wohltatigkeit war so wenig, als der glanzende Ausgang meiner Affaire ein Geheimnis geblieben. Man sah mich von jetzt wie ein hoheres Wesen an, und ich kannte manche junge Dame, die sogar uber meine grossmutigen Sentiments Tranen vergoss.

Die Mediziner aber liessen mir durch eine Deputation einen prachtvollen Schlager uberreichen, weil ich mich, wie sie sich ausdruckten, "fur den guten Geruch ihrer Anatomie geschlagen habe".

Die Welt bleibt unter allen Gestalten die namliche, die sie von Anfang war. Dem Bosen, selbst dem Unvernunftigen huldigt sie gerne, wenn es sich nur in einem glanzenden Gewande zeigt; die gute, ehrliche Tugend mit ihren rauhen Manieren und ihrem ungeschliffenen, rohen Aussehen wird hochstens Achtung, niemals Beifall erlangen.

Neuntes Kapitel

Satans Rache am Dr. Schnatterer

Als ich sah, wie weit die Philosophie und Theologie in .....en hinter meinen Vorstellungen, die ich mir zuvor gemacht hatte, zuruckbleibe, legte ich mich mit Eifer auf Asthetik, Rhetorik, namentlich aber auf die schone Literatur. Man wende mir nicht ein, ich habe auf diese Art meine Zeit unnutz angewendet. Ich besuchte ja jene beruhmte Schule nicht, um ein Brotstudium zu treiben, das einmal einen Mann mit Weib und Kind ernahren konnte, sondern das "dic-cur-hic" das ich recht oft in meine Seele zuruckrief, sagte mir immer, ich solle suchen, von jeder Wissenschaft einen kleinen Hieb zu bekommen, mich aber so sehr als moglich in jenen Kunsten zu vervollkommnen, die heutzutage einem Mann von Bildung unentbehrlich sind.

Bei Gelegenheit eine Stelle aus einem Dichter zu zitieren, uber die Schonheit eines Gemaldes kunstgerecht mitzusprechen, eine Statue nach allen Regeln fur erbarmlich zu erklaren, fur die Manner einige theologische Literatur, einige juridische Phrasen, einige neue medizinische Entdeckungen, einige exorbitante philosophische Behauptungen in petto zu haben, hielt ich fur unumganglich notwendig, um mich mit Anstand in der modernen Welt bewegen zu konnen, und ohne mir selbst ein Kompliment machen zu wollen, darf ich sagen, ich habe in den paar Monaten in .....en hinlanglich gelernt.

Ich habe mir nach dem Beispiel meiner grossen Vorbilder im Memoirenschreiben vorgenommen, auch die geringfugigsten Ereignisse aufzufuhren, wenn sie lehrreich oder merkwurdig sind, wenn sie Stoff zum Nachdenken oder zum Lachen enthalten. Ich darf daher nicht versaumen, meine Rache am Doktor Schnatterer zu erzahlen.

Besagter Doktor hatte die lobliche Gewohnheit, Sonntag nachmittags mit noch mehreren andern Professoren in ein Wirtshaus ein halbes Stundchen vor der Stadt zu spazieren. Dort pflegte man, um die steifgesessenen Glieder wieder auszurenken, Kegel zu schieben und allerlei sonstigen Kurzweil zu treiben, wie es sich fur ehrbare Manner geziemt; man spielte wohl auch bei verschlossenen Turen ein Whistchen oder Piquet, und trank manchmal ein Glaschen uber Durst, was wenigstens die bose Welt daraus ersehen wollte, dass sich die Herren abends in der Chaise des Wirtes zur Stadt bringen liessen.

Der ehrwurdige Theologe aber pflegte immer lang vor Sonnenuntergang heimzukehren, man sagt, weil die Frau Doktorin ihm keine langere Frist erlaubt hatte; er ging dann bedachtlichen Schrittes seinen Weg, vermied aber die breite Chaussee und schlug den Wiesenpfad ein, der dreissig Schritte seitwarts neben jener hinlief; der Grund war, weil der breite Weg am schonen Sonntagabend mit Fussgangern besaet war, der Doktor aber die hohere Rote seines Gesichtes und den etwas unsichern Gang nicht den Augen der Welt zeigen wollte.

So erklarten sich die Bosen den einsamen Gang Schnatterers; die Frommen aber blieben stehen, schauten ihm nach und sprachen: "Siehe, er geht nicht auf dem breiten Weg der Gottlosen, der fromme Herr Doktor, sondern den schmalen Pfad, welcher zum Leben fuhrt."

Auf diese Gewohnheit des Doktors hatte ich meinen Racheplan gebaut. Ich passte ihm an einem schonen Sonntagabend, der alle Welt ins Freie gelockt hatte, auf, und er trat noch bei guter Tageszeit aus dem Wirtshaus. Mit demutigem Buckling nahte ich mich ihm, und fragte, ob ich ihn auf seinem Heimweg begleiten durfe, der Abend scheine mir in seiner gelehrten Nahe noch einmal so schon.

Der Herr Doktor schien einen kordialen Hieb zu haben; er legte zutraulich meinen Arm in den seinigen, und begann mit mir uber die Tiefen der Wissenschaften zu perorieren. Aber ich schlug sein Auge mit Blindheit, und indem ich als ehrbarer Studiosus neben ihm zu gehen schien, verwandelte ich meine Gestalt und erschien den verwunderten Blicken der Spazierganger als die "schone Luisel", die beruchtigste Dirne der Stadt. Ach! dass Hogarth an jenem Abend unter den spazierengehenden Christen auf dem breiten Wege gewandelt ware! Welch herrliche Originale fur frommen Unwillen, starres Erstaunen, hamische Schadenfreude hatte er in sein Skizzenbuch niederlegen konnen.

Die Vordersten blieben stehen, als sie das seltsame Paar auf dem Wiesenpfad wandeln sahen, sie kehrten um, uns zu folgen, und rissen die Nachkommenden mit. Wie ein ungeheurer Strom walzte sich uns die erstaunte Menge nach, wie ein Lauffeuer flog das unglaubliche Gerucht: "Der Doktor Schnatterer mit der schonen Luisel!" von Mund zu Mund der Stadt zu.

"Wehe dem, durch den Argernis kommet!" riefen die Frommen; "hat man das je erlebt von einem christlichen Prediger?"

"Ei, ei, wer hatte das hinter dem Ehrsamen gesucht?" sprachen mit Achselzucken die Halbfrommen, "wenn der Skandal nur nicht auf offentlicher Promenade !"

"Der Herr Doktor machen sich's bequem!" lachten die Weltkinder, "er predigt gegen das Unrecht, und geht mit der Sunde spazieren."

So hallte es vom Felde bis in die Stadt, Burger und Studenten, Magde und Strassenjungen erzahlten es in Kneipen, am Brunnen und an allen Ecken; und "Doktor Schnatterer" und "schon Luisel" war das Feldgeschrei und die Parole fur diesen Abend und manchen folgenden Tag.

An einer Krummung des Wegs machte ich mich unbemerkt aus dem Staube, und schloss mich als Studiosus meinen Kameraden an, die mir die Neuigkeit ganz warm auftischten. Der gute Doktor aber zog ruhig seines Weges, bemerkte, in seine tiefen Meditationen versenkt, nicht das Drangen der Menge, die sich um seinen Anblick schlug, nicht das wiehernde Gelachter, das seinen Schritten folgte. Es war zu erwarten, dass einige fromme Weiber seiner zartlichen Ehehalfte die Geschichte beigebracht hatten, ehe noch der Theologe an der Hausglocke zog; denn auf der Strasse horte man deutlich die furchterliche Stimme des Gerichtsengels, der ihn in Empfang nahm, und das Klatschen, welches man hie und da vernahm, war viel zu volltonend, als dass man hatte denken konnen, die Frau Doktorin habe die Wangen ihres Gemahls mit dem Munde beruhrt.

Wie ich mir aber dachte, so geschah es. Nach einer halben Stunde schickte die Frau Doktorin zu mir, und liess mich holen. Ich traf den Doktor mit hoch aufgelaufenen Wangen, niedergeschlagen in einem Lehnstuhl sitzend. Die Frau schritt auf mich zu und schrie, indem sie die Augen auf den Doktor hinuberblitzen liess: "Dieser Mensch dort behauptet, heute abend mit Ihnen vom Wirtshaus hereingegangen zu sein; sagen Sie, ob es wahr ist, sagen Sie!"

Ich buckte mich geziemend und versicherte, dass ich mir habe nie traumen lassen, die Ehre zu geniessen; ich sei den ganzen Abend zu Haus gewesen.

Wie vom Donner geruhrt, sprang der Doktor auf, der Schrecken schien seine Zunge gelahmt zu haben: "Zu Haus gewesen?" lallte er, "nicht mit mir gegangen, o mit wem soll ich denn gegangen sein, als mit Ihnen, Wertester?"

"Was weiss ich, mit wem der Herr Doktor gegangen sind?" gab ich lachelnd zur Antwort. "Mit mir auf keinen Fall!"

"Ach, Sie sind nur zu nobel, Herr Studiosus", heulte die wutende Frau, "was sollten Sie nicht wissen, was die ganze Stadt weiss; der alte Sunder, der Schandenmensch! man weiss seine Schliche wohl; mit der schonen Luisel hat er scharmuziert!"

"Das hat mir der bose Feind angetan", raste der Doktor und rannte im Zimmer umher; "der Bose, der Beelzebub, nach meiner Konjektur der Stinker."

"Der Rausch hat dir's angetan, du Lump", schrie die Zartliche, riss ihren breitgetretenen Pantoffel ab und rannte ihm nach; ich aber schlich mich die Treppe hinab und zum Haus hinaus und dachte bei mir, dem Doktor ist ganz recht geschehen, man soll den Teufel nicht an die Wand malen, sonst kommt er.

Der Doktor Schnatterer wurde von da an in seinen Kollegien ausgepocht, und konnte, selbst mit den kuhnsten Konjekturen, den Eifer nicht mehr erwekken, der vor seiner Fatalitat unter der studierenden Jugend geherrscht hatte. Die Kollegiengelder erreichten nicht mehr jene Summe, welche die Frau Professorin als allgemeinen Massstab angenommen hatte, und der Professor lebte daher in ewigem Hader mit der Unversohnlichen. Diesem hatte, sozusagen, der Teufel ein Ei in die Wirtschaft gelegt.

Zehntes Kapitel

Satan wird wegen Umtrieben eingezogen

und verhort; er verlasst die Universitat

Um diese Zeit horte man in Deutschland viel von Demagogen, Umtrieben, Verhaftungen und Untersuchungen. Man lachte daruber, weil es schien, man betrachte alles durch das Vergrosserungsglas, welches Angst und boses Gewissen vorhielten. Ubrigens mochte es an manchen Orten doch nicht ganz geheuer gewesen sein; selbst in dem sonst so ruhigen .....en spukte es in manchen Kopfen seltsam.

Ich will einen kurzen Umriss von dem Stand der Dinge geben. Wenn man unbefangen unter den "Burschen" umherwandelte und ihren Gelagen beiwohnte, so drangte sich von selbst die Bemerkung auf, dass viele unter ihnen von etwas anderem angeregt seien, als gerade von dem nachsten Zweck ihres Brotstudiums; wie einige grosses Interesse daran fanden, sich morgens mit ihren Glaubigern und deren Noten (Philister mit Pumpregistern) herumzuzanken, nachher den Hund zu baden und ihn schone Kunste zu lehren, sodann Fensterparade vor ihren Schonen zu machen usw., so hatten sich andere, und zwar kein geringer Teil auf Idealeres geworfen. Ich hatte zwar dadurch, dass ich sie zum Studium des Trinkens anhielt, dafur gesorgt, dass die Herren sich nicht gar zu sehr der Welt entziehen mochten; aber es blieb doch immer ein geheimnisvolles Walten, aus welchem ich nicht recht klug werden konnte.

Besonders aber ausserte sich dies, wenn die Kopfe erleuchtet waren; da sprach man viel von Volksbildung, von frommer deutscher Art, manche sprudelten auch uber und schrien von der Not des Vaterlandes, von . Doch das ist jetzt gleichgultig, von was gesprochen wurde, es genugt zu sagen, dass es schien, als hatte eine grosse Idee viele Herzen ergriffen, sie zu einem Streben vereinigt. Mir behagte die Sache an sich nicht ubel; sollte es auf etwas Unruhiges ausgehen, so war ich gleich dabei, denn Revolutionen waren von jeher mein Element; nur sollte nach meiner Meinung das Ganze einen eleganteren, leichteren Anstrich haben.

Es gab zwar Leute unter ihnen, die mit der Gewandtheit eines Staatsmannes die Menge zu leiten wussten, die sich eine Eleganz des Stils, eine Leichtigkeit des Umgangs angeeignet hatten, wie sie in den diplomatischen Salons mit Muhe erlernt und kaum mit so viel Anstand ausgefuhrt wird; aber die meisten waren in ein phantastisches Dunkel geraten, munkelten viel von dem Dreiklang in der Einheit, von der Idee, die ihnen aufgegangen sei, und hatten Vergangenheit und Zukunft, Mittelalter und das Chaos der jetzigen Zeit so ineinandergeknetet, dass kein Theseus sich aus diesen Labyrinthen herausgefunden hatte.

Ich merkte oft, dass einer oder der andere der Koryphaen in einer traulichen Stunde mir gerne etwas anvertraut hatte; ich zeigte Verstand, Weltbildung, Geld und grosse Konnexionen, Eigenschaften, die nicht zu verachten sind, und die man immer ins Mittel zu ziehen sucht. Aber immer, wenn sie im Begriff waren, die dunkle Pforte des Geheimnisses vor meinen Augen aufzuschliessen, schien sie, ich weiss nicht was, zuruckzuhalten; sie behaupteten, ich habe kein Gemut, denn dieses edle Seelenvermogen schienen sie als Probierstein zu gebrauchen.

Mochte ich aber aussehen, wie ein verkappter Jakobiner, mochte ich durch meinen Einfluss auf die Menge Verdacht erregt haben? Eines Morgens trat der Pedell mit einigen Schnurren in mein Zimmer und nahm mich im Namen Seiner Magnifizenz gefangen. Der Universitatssekretar folgte, um meine Papiere zu ordnen und zu versiegeln, und gab mir zu verstehen, dass ich als Demagoge verhaftet sei.

Man gab mir ein anstandiges Zimmer im Universitatsgebaude, sorgte eifrig fur jede Bequemlichkeit, und als der Hohe Rat beisammen war, wurde ich in den Saal gefuhrt, um uber meine politischen Verbrechen vernommen zu werden.

Die Dekane der vier Fakultaten, der Rector Magnificus, ein Mediziner, und der Universitatssekretar sassen um einen grunbehangten Tisch in feierlichem Ornat; die tiefe Stille, welche in dem Saal herrschte, die steife Haltung der gelehrten Richter, ihre wichtigen Mienen notigten mir unwillkurlich ein Lacheln ab.

Magnificus zeigte auf einen Stuhl ihm gegenuber am Ende der Tafel, Delinquent setzte sich, Magnificus winkte wieder und der Pedell trat ab.

Noch immer tiefe Stille; der Sekretar legt das Papier zum Protokoll zurecht, und schneidet Federn; ein alter Professor lasst seine ungeheure Dose herumgehen. Jeder der Herren nimmt eine Prise bedachtlich und mit Beugung des Hauptes, Doktor Saper, mein nachster Nachbar, schnupft und prasentiert mir die Dose, lasst aber das teure Magazin, von einem abwehrenden Blick Magnifici erschreckt, mit polterndem Gerausch zu Boden fallen.

"Alle Hagel, Herr Doktor", schrie der alte Professor, alle Achtung beiseite setzend.

"O Jerum", achzte der Sekretar und warf das Federmesser weg, denn er hatte sich aus Schrecken in den Finger geschnitten.

"Bitte untertanigst!" stammelte der erschrockene Doktor Saper.

Diese alle sprachen auf einmal durcheinander und der letztere kniete auf den Boden nieder und wollte mit der Papierschere, die er in der Eile ergriffen hatte, den verschutteten Tabak aufschaufeln.

Magnificus aber ergriff die grosse Glocke und schellte dreimal; der Pedell trat eilig und besturzt herein, und fragte, was zu Befehl sei, und Magnificus mit einem verbindlichen Lacheln zu Doktor Saper hinuber sprach: "Lassen Sie es gut sein, Lieber, er taugt doch nichts mehr; da wir aber in dieser Sitzung einiges Tabaks benotigt sein werden, glaube ich dafur stimmen zu mussen, dass frischer ad locum gebracht werde."

Doktor Saper zog schnell sein Beutelein, reichte dem Pedell einige Groschen, und befahl ihm, eilends drei Lot Schnupftabak zu bringen. Dieser enteilte dem Saal; vor dem Haus fand er, wie ich nachher erfuhr, die halbe Universitat versammelt, denn meine Verhaftung war schnell bekannt geworden, und alles drangte sich zu, um das Nahere zu erfahren. Man kann sich daher die Spannung der Gemuter denken, als man den Pedell aus der Ture sturzen sah; die vordersten hielten ihn fest und fragten und drangten ihn, wohin er so eilig versendet werde, und kaum konnte man sich in seine Beteurung finden, dass er eilends drei Lot Schnupftabak holen musse.

Aber im Saal war nach der Entfernung des Gotterboten die vorige, anstandige Stille eingetreten. Magnificus fasste mich mit einem Blick voll Hoheit, und begann:

"Es ist uns von einer hochstpreuslichen ZentralUntersuchungskommission der Auftrag zugekommen, auf gewisse geheime Umtriebe und Verbindungen, so sich auf unserer Universitat seit einiger Zeit entsponnen haben sollen, unser Augenmerk zu richten. Wir sind nun nach reiflicher Prufung der Umstande vollkommen daruber einverstanden, dass Sie, Herr von Barbe, sich hochst verdachtig gemacht haben, solche Verhaltnisse unter unserer akademischen Jugend dahier herbeigefuhrt und angesponnen zu haben. Hm! Was sagen Sie dazu, Herr von Barbe?"

"Was ich dazu sage? Bis jetzt noch nichts, ich erwarte geziemend die Beweise, die mein Leben und Betragen einer solchen Beschuldigung verdachtig machen."

"Die Beweise?" antwortete erstaunt der Rektor, "Sie verlangen Beweise? ist das der Respekt vor einem akademischen Senate? Man fuhre selbst den Beweis, dass man nicht im straflichen Verdacht der Demagogie ist."

"Mit gutiger Erlaubnis, Euer Magnifizenz", entgegnete der Dekan der Juristen, "Inquisit kann, wenn er eines Verdachtes angeklagt ist, in alle Wege verlangen, dass ihm die Grunde des Verdachtes genannt werden."

Dem medizinischen Rektor stand der Angstschweiss auf der Stirne; man sah ihm an, dass er mit Muhe die Beweisgrunde in seinem Haupte hin- und herwalze. Wie ein Bote vom Himmel erschien ihm daher der Pedell mit der Dose und berichtete zugleich mit angstlicher Stimme, "dass die Studierenden in grosser Anzahl sich vor dem Universitatsgebaude zusammengerottet haben und ein verdachtiges Gemurmel durch die Reihen laufe, das mit einem Pereat oder Scheibeneinwerfen zu bedrohen scheine."

Kaum hatte er ausgesprochen, so sturzte eine Magd herein, und richtete von der Frau Magnificussin an den Herrn Magnificus ein Kompliment aus, und er mochte doch sich nach Haus salvieren, weil die Studenten allerhand verdachtige Bewegungen machen.

"Ist das nicht der klarste Beweis gegen Ihre geheimen Umtriebe, lieber Herr von Barbe?" sprach die Magnifizenz in klaglichem Tone. "Aber der Aufruhr steigt, videant Consules ne quid detrimenti man nehme seine Massregeln; dass auch der Teufel gerade in meine Amtsfuhrung alle fatalen Handel bringen muss! Domine Collega, Herr Doktor Pfeffer, was stimmen Sie?"

"Es ist eigentlich noch kein Votum zur Abstimmung vorgebracht und zur Reife gediehen, ich rate aber, Herrn von Barbe bis auf weiteres zu entlassen, und ihm "

"Richtig, gut", rief der Rektor, "Sie konnen abtreten, wertgeschatzter junger Freund, beruhigen Sie Ihre Kameraden, Sie sehen selbst, wie glimpflich wir mit Ihnen verfahren sind, und zu einer gelegeneren Stunde werden wir uns wieder die Ehre ausbitten; damit aber die Sache kein solches Aufsehen mehr erregt weiss Gott, der Aufruhr steigt, ich hore 'pereat'- so kommen Sie morgen abend alle zum Tee zu mir, Sie auch, lieber Barbe, da denn die Sachen weiter besprochen werden konnen."

Ich konnte mich kaum enthalten, den angstlichen Herren ins Gesicht zu lachen. Sie sassen da, wie von Gott verlassen, und wunschten sich in Abrahams Schoss, das heisst in den ruhigen Hafen ihres weiten Lehnstuhls.

"Was steht nicht von einer erhitzten Jugend zu erwarten?" klagten sie; "seitdem etzliche Lehrer von den Kathedern gestiegen sind, und sich unter diese himmelsturmende Zyklopen gemischt haben, ist keine Ehrfurcht, kein Respekt mehr da. Man muss befurchten, wie schlechte Schauspieler ausgepfiffen oder am hellen Tage insultiert zu werden."

"Vom Erstechen will ich gar nicht reden", sagte ein anderer, "es sollte eigentlich jeder Literatus, der nicht allewege ein gut Gewissen hat, einen Brustharnisch unter dem Kamisol tragen."

Indessen die Philister also klagten, dankte ich meinen Kommilitonen fur ihre Aufmerksamkeit fur mich, sagte ihnen, dass sie nachts viel bessere Gelegenheit zum Fenstereinwerfen haben, und bewog sie durch Bitten und Vorstellungen, dass sie abzogen. Sie marschierten in geschlossenen Reihen durch das erschreckte Stadtchen, und sangen ihr "ca ira, ca ira", namlich: "Die Burschenfreiheit lebe" und das erhabene "Rautsch, rautsch, rautschitschi, Revolution!"

Ich ging wieder in den Saal zuruck und sagte den noch versammelten Herren, dass sie gar nichts zu befurchten haben, weil ich die Herren Studiosen vermocht habe, nach Hause zu gehen. Beschamung und Zorn rotete jetzt die bleichen Gesichter, und mein bisschen Psychologie musste mich ganz getauscht haben, wenn mich die Herren nicht ihre Angst entgelten liessen. Und gewiss! meine Ahnung hatte mich nicht betrogen. Magnificus ging ans Fenster, um sich selbst zu uberzeugen, dass die Aufruhrer abgezogen seien; dann wendete er sich mit erhabener Miene zu mir, und er, der noch vor einer Viertelstunde "mein wertgeschatzter Freund" zu mir sagte, herrschte mir jetzt zu: "Wir konnen das Verhor weiter fortfuhren, Delinquent mag sich setzen!"

So sind die Menschen; nichts vergisst der Hohere so leicht, als dass der Niedere ihm in der Stunde der Not zu Hulfe eilte, nichts sucht er sogar eifriger zu vergessen, als jene Not, wenn er sich dabei eine Blosse gegeben, deren er sich zu schamen hat.

Nach der Miene des Magnificus richteten sich auch die seiner Kollegen. Sie behandelten mich grob und murrisch. Der Rektor entwickelte mit grosser Gelehrsamkeit den ersten Anklagepunkt.

"Demagog kommt her von und . Das eine heisst Volk, das andere fuhren oder verfuhren. Wer ist nach diesem Begriff mehr Demagog, als Sie? Haben wir nicht in Erfahrung gebracht, dass Sie die jungen Leute zum Trinken verleiteten? Dass Sie neue Lieder und Kartenspiele hieher verpflanzten? Auch von andern Orten werden diese Sachen als die sichersten Symptome der Demagogie angefuhrt; folglich sind Sie ein Demagog."

Mit triumphierendem Lacheln wandte er sich zu seinen Kollegen; "Habe ich nicht recht, Doktor Pfeffer? Nicht recht, Herr Professor Saper?" "Vollkommen, Euer Magnifizenz", versicherten jene und schnupften.

"Zweitens, jetzt kommt der andere Punkt", fuhr der Mediziner fort; "das Turnen ist eine Erfindung des Teufels und der Demagogen, es ist, um mich so auszudrucken, eine vaterlandsverraterische Ausbildung der korperlichen Krafte. Da nun die Turnplatze eigentlich die Tierparks und Salzlecken des demagogischen Wildes, Sie aber, wie wir in Erfahrung gebracht haben, einer der eminentesten Turner sind: so haben Sie sich durch Ihre Saltus mortales und Ihre ubrigen Kunste als einen kleinen Jahn, einen offenbaren Demagogen gezeigt. Habe ich nicht recht, Herr Doktor Bruttler? sage ich nicht die Wahrheit, Herr Doktor Schrag?"

"Vollkommen, Euer Magnifizenz!" versicherten diese und schnupften.

"Demagogen", fuhr er fort, "Demagogen schleichen sich ohne bestimmten aussern Zweck ins Land, und suchen da Feuer einzulegen; sie sind unstete Leute, denen man ihre Verdachtigkeit gleich ansieht; der Herr Studiosus von Barbe ist ohne bestimmten Zweck hier, denn er lauft in allen Kollegien und Wissenschaften umher, ohne sie fur immer zu frequentieren oder gar nachzuschreiben; was folgt? Er hat sich der Demagogie sehr verdachtig gemacht; ich fuge gleich den vierten Grund bei: man hat bemerkt, dass Demagogen, vielleicht von geheimen Bunden ausgerustet, viel Geld zeigen und die Leute an sich locken; wer hat sich in diesem Punkt der Anklage wurdiger gemacht, als Delinquent? Habe ich nicht recht, meine Herren?"

"Sehr scharfsinnig, vollkommen!" antworteten die Aufgerufenen unisono und liessen die Dose herumgehen.

Mit Majestat richtete sich Magnificus auf: "Wir glauben hinlanglich bewiesen zu haben, dass Sie, Herr Studiosus Friedrich von Barbe, in dem Verdacht geheimer Umtriebe stecken; wir sind aber weit entfernt, ohne den Beklagten anzuhoren, ein Urteil zu fallen, darum verteidigen Sie sich. Aber mein Gott! wie die Zeit herumgeht, da lautet es schon zu Mittag; ich denke, der Herr kann seine Verteidigung im Karzer schriftlich abfassen; somit ware die Sitzung aufgehoben; wunsche gesegnete Mahlzeit, meine Herren."

So schloss sich mein merkwurdiges Verhor. Im Karzer entwarf ich eine Verteidigung, die den Herren einleuchten mochte. Wahrscheinlicher aber ist mir, dass sie sich scheuten, einen jungen Mann, der so viel Geld ausgab, aus ihrer guten Stadt zu verbannen. Sie gaben mir daher den Bescheid, dass man mich aus besonderer Rucksicht diesmal noch mit dem Concilium verschonen wolle, und setzten mich wieder auf freien Fuss.

Als Demagog eingekerkert zu sein, als Martyrer der guten Sache gelitten zu haben, zog einen neuen Nimbus um meinen Scheitel, und im Triumph wurde ich aus dem Karzer nach Haus begleitet; aber die Freude sollte nicht lange dauern. Ich hatte jetzt so ziemlich meinen Zweck, der mich in jene Stadt gefuhrt hatte, erreicht, und gedachte weiterzugehen. Ich hatte mir aber vorgenommen, vorher noch den Titel eines Doktors der Philosophie auf gerechtem Wege zu erringen. Ich schrieb daher eine gelehrte Dissertation, und zwar uber ein Thema, das mir am nachsten lag, de rebus diabolicis, liess sie drucken und verteidigte sie offentlich; wie ich meine Gegner und Opponenten tuchtig zusammengehauen, erzahle ich nicht aus Bescheidenheit; einen Auszug aus meiner Dissertation habe ich ubrigens dem geneigten Leser beigelegt.2

Post exantlata oder nachdem ich den Doktorhut errungen hatte, gab ich einen ungeheuern Schmaus, wobei manche Seele auf ewig mein wurde. Solange noch die guten Jungen meinen Champagner und Burgunder mit schwerer Zunge pruften, liess ich meine Rappen vorfuhren, und sagte der lieben Musenstadt Valet. Die Rechnung des Doktorschmauses aber uberbrachte der Wirt am Morgen den erstaunten Gasten, und manches Pochen des ungestummen Glaubigers, das sie aus den sussen Morgentraumen weckte, mancher bedeutende Abzug am Wechsel erinnerte sie auch in spatern Zeiten an den beruhmten Doktorschmaus und an ihren guten Freund, den Satan.

II

Unterhaltungen des Satan

und des ewigen Juden in Berlin

Die heutigen dummen Gesichter sind nur das

buf a la mode der fruheren dummen Gesichter.

Welt und Zeit

Eilftes Kapitel

Wen der Teufel im Tiergarten traf

Ich sass, es mogen bald drei Jahre sein, an einem schonen Sommerabend im Tiergarten zu Berlin, nicht weit vom Weberischen Zelt; ich betrachtete mir die bunte Welt um mich her und hatte grosses Wohlgefallen an ihr; war es doch schon wieder ganz anders geworden als zu der frommen Zeit Anno dreizehn und funfzehn, wo alles so ehrbar, und, wie sie es nannten, altdeutsch zuging, dass es mich nicht wenig ennuyierte. Besonders uber die schonen Berlinerinnen konnte ich mich damals recht argern, sonst ging es sonntags nachmittags mit Saus und Braus nach Charlottenburg oder mit Jubel und Lachen die Linden entlang nach es auch wieder hoch her. Das Alte war dem Neuen gewichen, Lust und Leben wie fruher zog durch die grunen Baume, und der Teufel galt wieder was, wie vor Zeiten, und war ein geschatzter, angesehener Mann.

Ich konnte mich nicht enthalten, einen Gang durch die buntgemischte Gesellschaft zu machen. Die glanzenden Militars von allen Chargen mit ihren ebenso verschieden chargierten Schonen, die zierlichen Elegants und Elegantinnen, die Mutter, die ihre geputzten Tochter zu Markt brachten, die wohlgenahrten Rate mit einem guten Griff der Kassengelder in der Tasche, und Grafen, Baronen, Burger, Studenten und Handwerksbursche, anstandige und unanstandige Gesellschaft sie alle um mich her, sie alle auf dem vernunftigsten Wege, mein zu werden! In frohlicher Stimmung ging ich weiter und weiter, ich wurde immer zufriedener und heiterer.

Da sah ich, mitten unter dem wogenden Gewuhl der Menge ein paar Manner an einem kleinen Tischchen sitzen, welche gar nicht recht zu meiner frohlichen Gesellschaft taugen wollten. Den einen konnte ich nur vom Rucken sehen, es war ein kleiner beweglicher Mann, schien viel an seinen Nachbar hin zu sprechen, gestikulierte oft mit den Armen, und nahm nach jedem grosseren Satz, den er gesprochen, ein erkleckliches Schluckchen dunkelroten Franzweins zu sich.

Der andere mochte schon weit vorgeruckt in Jahren sein, er war armlich aber sauber gekleidet, beugte den Kopf auf die eine Hand, wahrend die andere mit einem langen Wanderstab wunderliche Figuren in den Sand beschrieb, er horte mit trubem Lacheln dem Sprechenden zu und schien ihm wenig, oder ganz kurz zu antworten.

Beide Figuren hatten etwas mir so Bekanntes, und doch konnte ich mich im Augenblick nicht entsinnen, wer sie waren. Der kleine Lebhafte sprang endlich auf, druckte dem Alten die Hand, lief mit kurzen schnellen Schritten, heiser vor sich hinlachend, hinweg, und verlor sich bald ins Gedrange. Der Alte schaute ihm wehmutig nach und legte dann die tiefgefurchte Stirne wieder in die Hand.

Ich besann mich auf alle meine Bekannten, keiner passte zu dieser Figur; eine Ahnung durchflog mich, sollte es doch was braucht der Teufel viel Komplimente zu machen? Ich trat naher, setzte mich auf den Stuhl, welchen der andere verlassen hatte, und bot dem Alten einen guten Abend.

Langsam erhob er sein Haupt und schlug das Auge auf, ja er war es, es war der Ewige Jude.

"Bon soir, Bruderchen!" sagte ich zu ihm, "es ist doch schnackisch, dass wir einander zu Berlin im Tiergarten wiederfinden, es wird wohl so achtzig Jahrchen sein, dass ich nicht mehr das Vergnugen hatte?"

Er sah mich fragend an; "So, du bist's?" presste er endlich heraus; "hebe dich weg, mit dir habe ich nichts zu schaffen!"

"Nur nicht gleich so grob, Ewiger", gab ich ihm zur Antwort; "wir haben manche Mitternacht miteinander vertollt, als du noch munter warst auf der Erde, und so recht systematisch luderlich lebtest, um dich selbst bald unter den Boden zu bringen. Aber jetzt bist du, glaube ich, ein Pietist geworden."

Der Jude antwortete nicht, aber ein hamisches Lacheln, das uber seine verwitterten Zuge flog, wie ein Blitz durch die Ruine, zeigte mir, dass er mit der Kirche noch immer nicht recht einig sei.

"Wer ging da soeben von dir hinweg?" fragte ich, als er noch immer auf seinem Schweigen beharrte.

"Das war der Kammergerichtsrat Hoffmann", erwiderte er.

"So der? ich kenne ihn recht wohl, obgleich er mir immer ausweicht wie ein Aal; war ich ihm doch zu mancher seiner nachtlichen Phantasien behulflich, dass es ihm selbst oft angst und bange wurde, und habe ich ihm nicht als sein eigener Doppelganger uber die Schultern geschaut, als er an seinem Kreisler schrieb? als er sich umwandte und den Spuk anschaute, rief er seiner Frau, dass sie sich zu ihm setze, denn es war Mitternacht und seine Lampe brannte trub. So, so, der war's? und was wollte er von dir, Ewiger?"

"Dass du verkrummest mit deinem Spott; bist du nicht gleich ewig wie ich, und druckt dich die Zeit nicht auch auf den Rucken? Nenne den Namen nicht mehr, den ich hasse! Was aber den Herrn Kammergerichtsrat Hoffmann betrifft", fuhr er ruhiger fort, "so geht er umher, um sich die Leute zu betrachten; und wenn er einen findet, der etwas Apartes an sich hat, etwa einen Hieb aus dem Narrenhaus, oder einen Stich aus dem Geisterreich, so freut er sich bass und zeichnet ihn mit Worten oder mit dem Griffel. Und weil er an mir etwas Absonderliches verspurt haben mag, so setzte er sich zu mir, besprach sich mit mir und lud mich ein, ihn in seinem Haus auf dem Gendarmenmarkt zu besuchen."

"So, so? und wo kommst du denn eigentlich her? wenn man fragen darf?"

"Recta aus China", antwortete Ahasverus, "ein langweiliges Nest, es sieht gerade aus, wie vor funfzehnhundert Jahren, als ich zum erstenmal dort war."

"In China warst du?" fragte ich lachend, "wie kommst du denn zu dem langweiligen Volk, das selbst fur den Teufel zu wenig amusant ist?"

"Lass das", entgegnete jener, "du weisst ja, wie mich die Unruhe durch die Lander treibt; ich habe mir, als die Morgensonne des neuen Jahrhunderts hinter den mongolischen Bergen aufging, den Kopf an die lange Mauer von China gerannt, aber es wollte noch nicht mit mir zu Ende gehen, und ich hatte eher ein Loch durch jene Gartenmauer des himmlischen Reiches gestossen, wie ein alter Aries, als dass der dort oben mir ein Harchen hatte krummen lassen."

Tranen rollten dem alten Menschen aus den Augen; die muden Augenlider wollten sich schliessen, aber der Schwur des Ewigen halt sie offen, bis er schlafen darf, wenn die andern auferstehen. Er hatte lange geschwiegen, und wahrlich, ich konnte den Armen nicht ohne eine Regung von Mitleid ansehen. Er richtete sich wieder auf. "Satan", fragte er mit zitternder Stimme, "wieviel Uhr ist's in der Ewigkeit?"

"Es will Abend werden", gab ich ihm zur Antwort.

"O Mitternacht!" stohnte er, "wann endlich kommen deine kuhlen Schatten und senken sich auf mein brennendes Auge? Wann nahest du, Stunde, wo die Graber sich offnen, und Raum wird fur den Einen, der dann ruhen darf?"

"Pfui Kuckuck, alter Heuler!" brach ich los, erbost uber die weinerlichen Manieren des ewigen Wanderers; "wie magst du nur solch ein poetisches Lamento aufschlagen? glaube mir, du darfst dir gratulieren, dass du noch etwas Apartes hast; manche lustige Seele hat es an einem gewissen Ort viel schlimmer, als du hier auf der Erde; man hat doch hier oben immer noch seinen Spass, denn die Menschen sorgen dafur, dass die tollen Streiche nicht ausgehen. Wenn ich so viele freie Zeit hatte, wie du, ich wollte das Leben anders geniessen. Ma foi, Bruderchen, warum gehst du nicht nach England, wo man jetzt uber die galanten Abenteuer einer Konigin offentlich zertiert? Warum nicht nach Spanien, wo es jetzt nachstens losbricht? Warum nicht nach Frankreich, um dein Gaudium daran zu haben, wie man die Wande des Kaisertums uberpinselt, und mit alten Gobelins von Louis des Vierzehnten Zeiten, die sie aus dem Exil mitgebracht haben, behangt. Ich kann dich versichern, es sieht gar narrisch aus, denn die Tapete ist uberall zu kurz und durch die Risse guckt immer noch ernst und drohend das Kaisertum, wie das Blut des Ermordeten, das man mit keinem Gips ausloschen kann, und das, sooft man es weiss anstreicht, immer noch mit der alten bunten Farbe durchschlagt!"

Der alte Mensch hatte mir aufmerksam zugehort, sein Gesicht war immer heiterer geworden, und er lachte jetzt aus vollem Herzen: "Du bist, wie ich sehe, immer noch der alte", sagte er, und schuttelte mir die Hand, "weisst jedem etwas aufzuhangen, und wenn er gerade aus Abrahams Schoss kame!"

"Warum", fuhr ich fort, "warum haltst du dich nicht langer und ofter hier in dem guten ehrlichen Deutschland auf? Kann man etwas Possierlicheres sehen, als diese Duodezlander? Das ist alles so doch stille, da geht einer von der geheimen Polizei umher; man konnte leicht etwas aufschnappen, und den Ewigen Juden und den Teufel als unruhige Kopfe nach Spandau schicken; aber um auf etwas anderes zu kommen, warum bist du denn hier in Berlin?"

"Das hat seine eigene Bewandtnis", antwortete der Jude; "ich bin hier, um einen Dichter zu besuchen."

"Du einen Dichter?!" rief ich verwundert; "wie kommst du auf diesen Einfall?"

"Ich habe vor einiger Zeit ein Ding gelesen, man heisst es Novelle, worin ich die Hauptrolle spielte; es fuhrte zwar den dummen Titel 'Der Ewige Jude', im ubrigen ist es aber eine schone Dichtung, die mir wunderbaren Trost brachte! Nun mochte ich den Mann sehen und sprechen, der das wunderliche Ding gemacht hat."

"Und der soll hier wohnen, in Berlin?" fragte ich neugierig, "und wie heisst er denn?"

"Er soll hier wohnen, und heisst F. H. Man hat mir auch die Strasse genannt, aber mein Gedachtnis ist wie ein Sieb, durch das man Mondschein giesst!"

Ich war nicht wenig begierig, wie sich der Ewige Jude bei einem Dichter produzieren wurde, und beschloss, ihn zu begleiten. "Hore Alter", sagte ich zu ihm, "wir sind von jeher auf gutem Fuss miteinander gestanden, und ich hoffe nicht, dass du deine Gesinnungen gegen mich andern wirst; sonst "

"Zu drohen ist gerade nicht notig, Herr Satan", antwortete er, "denn du weisst, ich mache mir wenig aus dir, und kenne deine Schliche hinlanglich, aber deswegen bist du mir doch als alter Bekannter ganz angenehm und recht; warum fragst du denn?"

"Nun, du konntest mir die Gefalligkeit erweisen, mich zu dem Dichter, der dich in einer Novelle abkonterfeite, mitzunehmen; willst du nicht?"

"Ich sehe zwar nicht ein, was fur Interesse du dabei haben kannst", antwortete der Alte, und sah mich misstrauisch an; "du konntest irgendeinen Spuk im Sinne haben, und dir vielleicht gar mit bosen Absichten auf des braven Mannes Seele schmeicheln; dies schlage dir ubrigens nur aus dem Sinn; denn der schreibt so fromme Novellen, dass der Teufel selbst ihm nichts anhaben kann; doch meinetwegen kannst du mitgehen."

"Das denke ich auch; was diese Seele betrifft, so kummere ich mich wenig um Dichter und dergleichen, das ist leichte Ware, welcher der Teufel wenig nachfragt. Es ist bei mir nur Interesse an dem Manne selbst, was mich zu ihm zieht. Ubrigens in diesem Kostum kannst du hier in Berlin keine Visiten machen, Alter!"

Der Ewige Jude beschaute mit Wohlgefallen sein abgeschabtes braunes Rocklein mit grossen Perlmutterknopfen, seine lange Weste mit breiten Schossen, seine kurzen, zeisiggrunen Beinkleider, die auf den Knien ins Braunliche spielten; er setzte das schwarzrote dreieckige Hutchen aufs Ohr, nahm den langen Wanderstab kraftiger in die Hand, stellte sich vor mich hin und fragte:

"Bin ich nicht angekleidet stattlich wie Konig Salomo und zierlich wie der Sohn Isais? Was hast du nur an mir auszusetzen? Freilich trage ich keinen falschen Bart wie du, keine Brille sitzt mir auf der Nase, meine Haare stehen nicht in die Hohe a la Wahnsinn; ich habe meinen Leib in keinen wattierten Rock gepresst, und um meine Beine schlottern keine ellenweite Beinkleider, wozu freilich Herr Bocksfuss Ursache haben mag ."

"Solche Anzuglichkeiten gehoren nicht hieher", antwortete ich dem alten Juden; "wisse, man muss heutzutage nach der Mode gekleidet sein, wenn man sein Gluck machen will, und selbst der Teufel macht davon keine Ausnahme. Aber hore meinen Vorschlag. Ich versehe dich mit einem anstandigen Anzug und du stellst dafur meinen Hofmeister vor; auf diese Art konnen wir leicht Zutritt in Hausern bekommen und wie wollte ich dir's vergelten, wenn uns dein Dichter in einen asthetischen Tee einfuhrte."

"Asthetischer Tee, was ist denn das? in China habe ich manches Mass Tee geschluckt, Blumentee, Kaisertee, Mandarinentee, sogar Kamillentee, aber asthetischer Tee war nie dabei."

"O sancta simplicitas! Jude, wie weit bist du zuruck in der Kultur; weisst du denn nicht, dass dies Gesellschaften sind, wo man uber Teeblatter und einige schone Ideen genugsam warmes Wasser giesst und den Leuten damit aufwartet? Zucker und Rum tut jeder nach Belieben dazu und man amusiert sich dort trefflich."

"Habe ich je so etwas gehort, so will ich Hans heissen", versicherte der Jude, "und was kostet es, wenn man's sehen darf?"

"Kosten? nichts kostet es, als dass man der Frau vom Haus die Hand kusst, und wenn ihre Tochter singen oder mimische Vorstellungen geben, hie und da ein 'wundervoll' oder 'gottlich' schlupfen lasst."

"Das ist ein wunderliches Volk geworden in den letzten achtzig Jahren. Zu Friedrichs des Grossen Zeiten wusste man noch nichts von diesen Dingen. Doch des Spasses wegen kann man hingehen; denn ich verspure in dieser Sandwuste gewaltig Langeweile."

Der Besuch war also auf den nachsten Tag festgesetzt; wir besprachen uns noch uber die Rolle, die ich als Eleve von zwei- bis dreiundzwanzig Jahren, er als Hofmeister zu spielen hatte, und schieden.

Ich versprach mir treffliche Unterhaltung von dem morgenden Tage. Der Ewige Jude hatte so alte, unbehulfliche Manieren, wusste sich so gar nicht in die heutige Welt zu schicken, dass man ihn im Gewand eines Hofmeisters zum wenigsten fur einen ausgemachten Pedanten halten musste. Ich nahm mir vor, mir selbst so viel Eleganz, als dem Teufel nur immer moglich ist, anzulegen und den Alten dadurch recht in Verlegenheit zu bringen. Zerstreuung war ihm uberdies hochst notig, denn er hatte in der letzten Zeit auf seinen einsamen Wanderungen einen solchen Ansatz zur Frommelei bekommen, dass er ein Pietist zu werden drohte.

Der Dichter, zu welchem mich der Ewige Jude fuhrte, ein Mann in mittleren Jahren, nahm uns sehr artig auf. Der Jude hiess sich Doktor Mucker, und stellte in mir seinen Eleven, den jungen Baron von Stobelberg vor. Ich richtete meine aussere Aufmerksamkeit bald auf die schonen Kupferstiche an der Wand, auf die Titel der vielen Bucher, die umherstanden, um desto ungeteilter mein Ohr, und wenn es unbemerkt moglich war, auch mein Auge an der Unterhaltung teilnehmen zu lassen.

Der alte Mensch begann mit einem Lob uber die Novelle vom Ewigen Juden; der Dichter aber, viel zu fein und gebildet, als dass er seinen Gast hatte auf diesem Lob stehenlassen, wandte das Gesprach auf die Sage vom Ewigen Juden uberhaupt, und dass sie in ihm auf jene Weise aufgegangen sei. Der Ewige schnitt, zur Verwunderung des Dichters, grimmige Gesichter, als dieser unter anderm behauptete: es liege in der Sage vom Ewigen Juden eine tiefe Moral, denn der Verworfenste unter den Menschen sei offenbar immer der, welcher seinen Schmerz uber getauschte Hoffnung gerade an dem auslasse, der diese Hoffnungen erregt habe; besonders verworfen erscheine er, wenn zugleich der, welcher die Hoffnung erregte, noch unglucklicher erscheine, als der, welcher sich tauschte.

Es fehlte wenig, so hatte der Herr Doktor Mucker sein Inkognito abgelegt, und ware dem wirklich genialen Dichter als Ewiger Jude zu Leib gegangen. Noch verwirrter wurde aber mein alter Hofmeister, als jener das Gesprach auf die neuere Literatur brachte. Hier ging ihm die Stimme vollig aus, und er sah die nachste beste Gelegenheit ab, sich zu empfehlen.

Der brave Mann lud uns ein, ihn noch oft zu besuchen, und kaum hatte er gehort, wir seien vollig fremd in Berlin, und wissen noch nicht, wie wir den Abend zubringen sollen, so bat er uns, ihn in ein Haus zu begleiten, wo alle Montag ausgesuchte Gesellschaft von Freunden der schonen Literatur bei Tee versammelt sei; wir sagten dankbar zu und schieden.

Zwolftes Kapitel

Satan besucht mit dem Ewigen Juden einen

asthetischen Tee

Ahasverus war den ganzen Tag uber verstimmt; gerade das, dass er in seinem Innern dem Dichter recht geben musste, genierte ihn so sehr. Er brummte einmal uber das andere uber die "naseweise Jugend" (obgleich der Dichter jener Novelle schon bei Jahren war), und den Verfall der Zeiten und Sitten. Trotz dem Respekt, den ich gegen ihn als meinen Hofmeister hatte haben sollen, sagte ich ihm tuchtig die Meinung, und brachte den alten Baren dadurch wenigstens so weit, dass er hoflich gegen den Mann sein wollte, der so artig war, uns in den asthetischen Tee zu fuhren.

Die siebente Stunde schlug; in einem modischen Frack, wohlparfumiert, in die feinste, zierlichst gefaltelte Leinwand gekleidet, die Beinkleider von Paris, die durchbrochenen Seidenstrumpfe von Lyon, die Schuhe von Strassburg, die Lorgnette so fein und gefallig gearbeitet, wie sie nur immer aus der Fabrik der Herren Lood in Werenthead hervorgeht, so stellte ich mich den erstaunten Blicken des Juden dar; dieser war mit seiner modischen Toilette noch nicht halb fertig und hatte alles hochst sonderbar angezogen, wie er z.B. die elegante, hohe Krawatte, ein Berliner Meisterwerk, als Gurt um den Leib gebunden hatte, und fest darauf bestand, dies sei die neueste Tracht auf Morea.

Nachdem ich ihn mit vieler Muhe geputzt hatte, brachen wir auf. Im Wagen, den ich, um brillanter aufzutreten, fur diesen Abend gemietet hatte, wiederholte ich alle Lehren uber den gesellschaftlichen Anstand.

"Du darfst," sagte ich ihm, "in einem asthetischen Tee eher zerstreut und tiefdenkend als vorlaut erscheinen; du darfst nichts ganz unbedingt loben, sondern sehe immer so aus, als habest du sonst noch etwas in petto, das viel zu weise fur ein sterbliches Ohr ware. Das Beifallacheln hochweiser Befriedigung ist schwer, und kann erst nach langer Ubung vor dem Spiegel vollig erlernt werden; man hat aber Surrogate dafur, mit welchen man etwas sehr loben und bitter tadeln kann, ohne es entfernt gelesen zu haben. Du horst z.B. von einem Roman reden, der jetzt sehr viel Aufsehen machen soll; man setzt als ganz naturlich voraus, dass du ihn schon gelesen haben mussest, und fragt dich um dein Urteil. Willst du dich nun lacherlich machen und antworten, ich habe ihn nicht gelesen? Nein! du antwortest frisch drauf zu: 'Er gefallt mir im ganzen nicht ubel, obgleich er meinen Forderungen an Romane noch nicht entspricht; er hat manches Tiefe und Originelle, die Entwickelung ist artig erfunden, doch scheint mir hie und da in der Form etwas gefehlt und einige der Charaktere verzeichnet zu sein.'

Sprichst du so, und hast du Mund und Stirne in kritische Falten gelegt, so wird dir niemand tiefes und gewandtes Urteil absprechen."

"Dein Gewasch behalte der Teufel", entgegnete der Alte murrisch; "meinst du, ich werde wegen dieser Menschlein, oder gar um dir Spass zu machen, asthetische Gesichter schneiden? Da betrugst du dich sehr, Satan, Tee will ich meinetwegen saufen, soviel du willst, aber "

"Da sieht man es wieder", wandte ich ein, "wer wird denn in einer honetten Gesellschaft 'saufen'? wieviel fehlt dir noch, um heutzutage als gebildet zu erscheinen! nippen, schlurfen, hochstens trinken aber da halt schon der Wagen bei dem Dichter, nimm dich zusammen, dass wir nicht Spott erleben,. Ahasvere!"

Der Dichter setzte sich zu uns, und der Wagen rollte weiter. Ich sah es dem Alten wohl an, dass ihm, je naher wir dem Ziele unserer Fahrt kamen, desto banger zumut war. Obgleich er schon seit achtzehn Jahrhunderten uber die Erde wandelte, so konnte er sich doch so wenig in die Menschen und ihre Verhaltnisse finden, dass er alle Augenblicke anstiess. So fragte er z.B. den Dichter unterwegs, ob die Versammlung, in welche wir fahren, aus lauter Christen bestehe, zu welcher Frage jener naturlich grosse Augen machte, und nicht recht wissen mochte, wie sie hieher komme.

Mit wenigen, aber treffenden Zugen entwarf uns der Dichter den Zirkel, der uns aufnehmen sollte. Die milde und sinnige Frommigkeit, die in dem zarten Charakter der gnadigen Frau vorwalten sollte; der feierliche Ernst, die stille Grosse des altern Frauleins, die, wenngleich Protestantin, doch ganz das Air jener wehmutig heiligen Klosterfrauen habe, die, nachdem sie mit gebrochenen Herzen der Welt Ade gesagt, jetzt ihr ganzes Leben hindurch an einem grossartigen, interessanten Schmerz zehren.3 Das jungere Fraulein, frisch, rund, bluhend, heiter, naiv, sei verliebt in einen Gardelieutenant, der aber, weil er der altern nicht sinnig genug sei, nicht zu dem asthetischen Tee komme. Sie habe die schonsten Stellen in Goethe, Schiller, Tieck usw., welche ihr die Mutter zuvor angestrichen, auswendig gelernt und gabe sie hie und da mit allerliebster Prazision preis. Sie singt, was nicht anders zu erwarten ist, auf Verlangen italienische Arietten mit kunstlichen Rouladen; ihre Hauptforce besteht aber im Walzerspielen.

Die ubrige Gesellschaft, einige schone Geister, einige Kritiker, sentimentale und naive, junge und altere Damen, freie und andere Fraulein4 werden wir selbst naher kennenlernen.

Der Wagen hielt, der Bediente riss den Schlag auf und half meinem bangen Mentor heraus; schweigend zogen wir die erleuchtete Treppe hinan; ein lieblicher Ambraduft wallte uns aus dem Vorzimmer entgegen; Gerausch vieler Stimmen und das Gerassel der Teeloffel tonte aus der halbgeoffneten Ture des Salons, auch diese flog auf, und umstrahlt von dem Sonnenglanz der schwebenden Lusters, sass im Kreise die Gesellschaft.

Der Dichter fuhrte uns vor den Sitz der gnadigen Frau und stellte den Doktor Mucker und seinen Eleven, den jungen Baron von Stobelberg, vor. Huldreich neigte sich die Matrone, und reichte uns die schone zarte Hand, indem sie uns freundlich willkommen hiess; mit jener zierlichen Leichtigkeit, die ich einem Wiener Incroyable abgelauscht hatte, fasste ich diese zarte Hand, und hauchte ein leises Kusschen der Ehrfurcht daruber hin. Die artige Sitte des Fremdlings schien ihr zu gefallen, und gern gewahrte sie dem Mentor des wohlgezogenen Zoglings die namliche Gunst; aber o Schrecken! indem er sich niederbuckte, gewahrte ich, dass sein grauer, stechender Judenbart nicht glatt vom Kinn wegrasiert sei, sondern wie eine Kratzburste hervorstehe; die gnadige Frau verzog das Gesicht grimmig bei dem Stechkuss, aber der Anstand liess sie nicht mehr, als ein leises Gejammer hervorstohnen; wehmutig betrachtete sie die schone weisse Hand, die rot aufzulaufen begann, und sie sah sich genotigt im Nebenzimmer Hulfe zu suchen; ich sah, wie dort ihre Zofe aus der silbernen Toilette Kolnisches Wasser nahm und die wunde Stelle damit rieb; sodann wurden schone glacierte Handschuhe geholt, die Kappchen davon abgeschnitten, so dass doch die zarten Fingerspitzen hervorsehen konnten, und die gnadige Hand damit bekleidet.

Indessen hatten sich die jungen Damen unsere Namen zugeflustert, die Herren traten uns naher und befragten uns uber Gleichgultiges, worauf wir wieder Gleichgultiges antworteten, bis die Seele des Hauses wieder hereintrat. Die Edle wusste ihren Kummer um die aufgelaufene Hand so gut zu verbergen, dass sie nur einem hauslichen Geschaft nachgegangen zu sein schien, und sogar der "alte Sunder" selbst nichts von dem Unheil ahnete, das er bewirkt hatte.

Die einzige Strafe war, dass sie ihm einen stechenden Blick fur seinen stechenden Handkuss zuwarf, und mich den ganzen Abend hindurch auffallend vor ihm auszeichnete.

Die Leser werden gesehen haben, dass es ein ganz eleganter Tee war, zu welchem uns der Dichter gefuhrt hatte; die massive silberne Teemaschine, an welcher die jungere Tochter Tee bereitete, die prachtvollen Lusters und Spiegel, die brennenden Farben der Teppiche und Tapeten, die kunstlichen Blumen in den zierlichsten Vasen, endlich die Gesellschaft selbst, die in vollem Kostum, schwarz und weiss gemischt war, liessen auf den Stand und guten Ton der Hausfrau schliessen.

Der Tee wies sich aber auch als asthetisch aus; gnadige Frau bedauerte, dass wir nicht fruher gekommen seien; der junge Dichter Fruhauf habe einige Dutzend Stanzen aus einem Heldengedicht vorgelesen, so innig, so schwebend, mit so viel Musik in den Schlussreimen, dass man in langer Zeit nichts Erfreulicheres gehort habe; es stehe zu erwarten, dass es allgemein Furore in Deutschland machen werde.

Wir beklagten den Verlust unendlich, der bescheidene, lorbeerbekranzte junge Mann versicherte uns aber unter der Hand, er wolle uns morgen in unserm Hotel besuchen, und wir sollten nicht nur die paar Stanzen, die er hier preisgegeben, sondern einige vollstandige Gesange zu horen bekommen.

Das Gesprach bekam jetzt aber eine andere Wendung; eine altliche Dame liess sich ihre Arbeitstasche reichen, deren geschmackvolle und neue Stickerei die Augen der Damen auf sich zog; sie nahm ein Buch daraus hervor und sagte mit freundlichem Lispeln: "Voyez-la das neueste Produkt meiner genialen Freundin Johanna; sie hat es mir frisch von der Presse weg zugeschickt, und ich bin so glucklich, die erste zu sein, die es hier besitzt; ich habe es nur ein wenig durchblattert, aber diese herrlichen Situationen, diese Szenen, so ganz aus dem Leben gegriffen, die Wahrheit der Charaktere, dieser glanzende Stil "

"Sie machen mich neugierig, Frau von Wollau", unterbrach sie die Dame des Hauses, "darf ich bitten ? ah, 'Gabriele', von Johanna von Schopenhauer; mit dieser sind Sie liiert, meine Liebe? da wunsche ich Gluck."

"Wir lernten uns in Karlsbad kennen", antwortete Frau von Wollau, "unsere Gemuter erkannten sich in gleichem Streben nach veredeltem Ziel der Menschheit5, sie zogen sich an, wir liebten uns; und da hat sie mir jetzt ihre 'Gabriele' geschickt."

"Das ist ja eine ganz interessante Bekanntschaft", sagte Fraulein Natalie, die altere Tochter des Hauses; "ach! wer doch auch so glucklich ware! es geht doch nichts uber eine geniale Dame; aber sagen Sie, wo haben Sie das wunderschone Stickmuster her, ich kann ihre Tasche nicht genug bewundern."

"Schon, wunderschon! und die Farben! und die Girlanden! und die elegante Form!" hallte es von den Lippen der schonen Teetrinkerinnen und die arme "Gabriele" ware vielleicht uber dem Kunstwerk ganz vergessen worden, wenn nicht unser Dichter sich das Buch zur Einsicht erbeten hatte. "Ich habe die interessantesten Szenen bezeichnet", rief die Wollau, "wer von den Herren ist so gefallig, uns, wenn es anders der Gesellschaft angenehm ist, daraus vorzulesen?"

"Herrlich schon ein vortrefflicher Einfall " ertonte es wieder, und unser Fuhrer, der in diesem Augenblicke das Buch in der Hand hatte, wurde durch Akklamation zum Vorleser erwahlt; man goss die Tassen wieder voll und reichte die zierlichen Brotchen umher, um doch auch dem Korper Nahrung zu geben, wahrend der Geist mit einem neuen Roman gespeist wurde, und als alle versehen waren, gab die Hausfrau das Zeichen, und die Vorlesung begann.

Beinahe eine Stunde lang las der Dichter mit wohltonender Stimme aus dem Buche vor; ich weiss wenig mehr davon, als dass es, wenn ich nicht irre, die Beschreibung von Tableaux enthielt, die von einigen Damen der grossen Welt aufgefuhrt wurden; mein Ohr war nur halb oder gar nicht bei der Vorlesung; denn ich belauschte die Herzensergiessungen zweier Frauleins, die, scheinbar aufmerksam auf den Vorleser, einander allerlei Wichtiges in die Ohren flusterten. Zum Gluck sass ich weit genug von ihnen, um nicht in den Verdacht des Lauschens zu geraten, und doch war die Entfernung gerade so gross, dass ein Paar gute Ohren alles horen konnten; die eine der beiden war die jungere Tochter des Hauses, die, wie ich horte, an einen Gardelieutenant ihr Herz verloren hatte.

"Und denke dir", flusterte sie ihrer Nachbarin zu, "heute in aller Fruhe ist er mit seiner Schwadron vorbeigeritten, und unter meinem Fenster haben die Trompeter den Galoppwalzer von letzthin anfangen mussen."

"Du Gluckliche!" antwortete das andere Fraulein, "und hat Mama nichts gemerkt?"

"So wenig als letzthin, wo er mich im Kotillon funfmal aufzog; was ich damals in Verlegenheit kam, kannst du gar nicht glauben. Ich war mit dem...schen Attache engagiert und du weisst, wie unertraglich mich dieser durre Mensch verfolgt; er hatte schon wieder von den italienischen Gegenden Suddeutschlands angefangen und mir nicht undeutlich zu verstehen gegeben, dass sie noch schoner waren, wenn ich mit ihm dorthin zoge, da erloste mich der liebe Fladorp aus dieser Pein; doch kaum hatte er mich wieder zuruckgebracht, als der Unertragliche sein altes Lied von neuen anstimmte, aber Eduard holte mich noch viermal aus seinen glanzendsten Phrasen heraus, so dass jener vor Wut ganz stumm war, als ich das letztemal zuruckkam; er ausserte gegen Mama seine Unzufriedenheit, sie schien ihn aber nicht zu verstehen."

"Ach, wie glucklich du bist", entgegnete wehmutig die Nachbarin, "aber ich! weisst du schon, dass mein Dagobert nach Halle versetzt ist? Wie wird es mir ergehen!"

"Ich weiss es und bedaure dich von Herzen, aber sage mir doch, wie dies so schnell kam?"

"Ach!" antwortete das Fraulein und zerdruckte heimlich eine Trane im Auge; "ach, du hast keine Vorstellung von den Kabalen, die es im Leben gibt. Du weisst, wie eifrig Dagobert immer fur das Wohl des Vaterlandes war; da hatte er nun einen neuen Zapfenstreich erfunden, er hat ihn mir auf der Fensterscheibe vorgespielt, er ist allerliebst; seinem Obersten gefiel er auch recht wohl, aber dieser wollte haben, er solle ihm die Ehre der Erfindung lassen; naturlich konnte Dagobert dies nicht tun und, daruber aufgebracht, ruhte der Oberst nicht eher, bis der Arme nach Halle versetzt worden ist. Ach, du kannst dir gar nicht denken, wie wehmutig mir ums Herz ist, wenn der Zapfenstreich an meinem Fenster vorbeikommt, sie spielen ihn alle Abend nach der neuen Erfindung, und der, welcher ihn machte, kann ihn nicht horen!"

"Ich bedaure dich recht; aber weisst du auch schon etwas ganz Neues? dass sie bei der Garde andere Uniform bekommen?"

"Ist's moglich? o sage, wie denn? woher weisst du es?"

"Hore, aber im engsten Vertrauen: denn es ist noch tiefes, tiefes Geheimnis. Eduard hat es von seinem Obersten und gestand mir es neulich, aber unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit: sieh, die Knopfe werden auf der Brust weiter auseinandergesetzt und laufen weiter unten enger zu, auf diese Art wird die Taille noch viel schlanker, dann sollen sie auch goldene Achselschnure bekommen, das weiss aber der Oberst, und ich glaube selbst der General noch nicht ganz gewiss; Eduard muss aussehen wie ein Engel siehe bisher..."

Sie flusterten jetzt leiser, so dass ich uber den Schnitt der Gardeuniform nicht recht ins klare kommen konnte. Nur so viel sah ich, dass schone Augen bei platonischen Empfindungen ein recht schones Feuer haben, dass sie aber viel reizender leuchten, bei weitem glanzendere Strahlen werfen, wenn sich sinnliche Liebe in ihnen spiegelt.

Dreizehntes Kapitel

Angststunden des Ewigen Juden

Der Vorleser war bis an einen Abschnitt gekommen und legte das Buch nieder. Allgemeiner Applaus erfolgte, und die gewohnlichen Ausrufungen, die schon dem Stickmuster gegolten hatten, wurden auch der "Gabriele" zuteil. Ich konnte die Geistesgegenwart und die schnelle Fassungskraft der beiden Fraulein nicht genug bewundern, obgleich sie nicht den kleinsten Teil des Gelesenen gehort haben konnten, so waren sie doch schon so gut geschult, dass sie voll Bewunderung schienen; die eine lief sogar hin zu Frau von Wollau, fasste ihre Hand und druckte sie an das Herz, indem sie ihr innig dankte fur den Genuss, den sie allen bereitet habe.

Diese Dame sass aber da, voll Glanz und Glorie, wie wenn sie die "Gabriele" selbst zur Welt gebracht hatte. Sie dankte nach allen Seiten hin fur das Lob, das ihrer Freundin zuteil geworden, und gab nicht undeutlich zu verstehen, dass sie selbst vielleicht einigen Einfluss auf das neue Buch gehabt habe; denn sie finde hin und wieder leise Anklange an ihre eigenen Empfindungen, an ihre eigenen Ideen uber inneres Leben und uber die Stellung der Frauen in der Gesellschaft, die sie in traulichen Stunden ihrer Freundin aufgeschlossen.

Man war naturlich so artig, ihr deswegen einige Komplimente zu machen, obgleich man allgemein uberzeugt war, dass die "geniale Freundin" nichts aus dem innern Wollauschen Leben gespickt haben werde.

Der Ewige Jude hatte indes bei diesen Vorgangen eine ganz sonderbare Figur gespielt. Verwunderungsvoll schaute er in diese Welt hinein, als traue er seinen Augen und Ohren nicht; doch war das Bemuhen, nach meiner Vorschrift asthetisch oder kritisch auszusehen, nicht zu verkennen. Aber weil ihm die Ubung darin abging, so schnitt er so greuliche Grimassen, dass er einigemal wahrend des Vorlesens die Aufmerksamkeit des ganzen Zirkels auf sich zog, und die Dame des Hauses mich teilnehmend fragte, ob mein Hofmeister nicht wohl sei.

Ich entschuldigte ihn mit Zahnschmerzen, die ihn zuweilen befallen, und glaubte alles wiedergutgemacht zu haben. Als aber Frau von Wollau, die ihm gegenuber sass, ihren Einfluss auf die Dichterin mitteilte, musste das preziose geschraubte Wesen derselben dem alten Menschen so komisch vorkommen, dass er laut auflachte.

Wer jemals das Gluck gehabt hat, einem eleganten Tee in hochst feiner Gesellschaft beizuwohnen, der kann sich leicht denken, wie betreten alle waren, als dieser rohe Ausbruch des Hohns erscholl. Eine unangenehme, totenstille Pause erfolgte, in welcher man bald den Doktor Mucker, bald die beleidigte Dame ansah; die Frau des Hauses, eingedenk des stechenden Kusses, wollte schon den unartigen Fremden, der den Anstand ihres Hauses so groblich verletzte, ohne Ruckhalt zurechtweisen, als dieser, mit mehr Gewandtheit und List, als ich ihm zugetraut hatte, sich aus der Affaire zu ziehen wusste:

"Ich hoffe, gnadige Frau", sagte er, "Sie werden mein allerdings unzeitiges Lachen nicht missverstehen, und mir erlauben, mich zu rechtfertigen. Es ist Ihnen allen gewiss auch schon begegnet, dass eine Ideenassoziation Sie vollig ausser Contenance brachte, ist doch schon manchem, mitten unter den heiligsten Dingen ein lacherlicher Gedanke aufgestossen, der ihn im Mund kitzelte, und je mehr er bemuht war, ihn zu verhalten und zuruckzudrangen, desto unaufhaltsamer brach er auf einmal hervor, so geschah es mir in diesem Augenblick. Sie wurden mich unendlich verbinden, gnadige Frau, wenn Sie mir erlaubten, durch offenherzige Erzahlung mich bei Frau von Wollau zu entschuldigen."

Gnadige Frau, hochlich erfreut, dass der Anstand doch nicht verletzt sei, gewahrte ihm freundlich seine Bitte und der Ewige Jude begann: "Frau von Wollau hat uns ihr interessantes Verhaltnis zu einer beruhmten Dichterin mitgeteilt, sie hat uns erzahlt, wie sie in manchen Stunden uber ihre schriftstellerischen Arbeiten sich mit ihr besprochen, und dies erinnerte mich lebhaft an eine Anekdote aus meinem eigenen Leben.

Auf einer Reise durch Suddeutschland verlebte ich einige Zeit in S. Meine Abendspaziergange richteten sich meistens nach dem koniglichen Garten, der jedem Stand zu allen Tageszeiten offenstand; die schone Welt liess sich dort, zu Fuss und zu Wagen, jeden Abend sehen; ich wahlte die einsameren Partien des Gartens, wo ich, von dichten Gebuschen gegen die Sonne und storende Besuche verschlossen, auf weichen Moosbanken mir und meinen Gedanken lebte.

Eines Abends, als ich schon langere Zeit auf meinem Lieblingsplatzchen geruht hatte, kamen zwei gutgekleidete, altliche Frauen und setzten sich auf eine Bank, die nur durch eine schmale, aber dichtbelaubte Hecke von der meinigen getrennt war. Ich hielt nicht fur notig, ihnen meine Nahe, die sie nicht zu ahnen schienen, zu erkennen zu geben; Neugierde war es ubrigens nicht, was mich abhielt, denn ich kannte keine Seele in jener Stadt, also konnten mir ihre Reden hochst gleichgultig sein. Aber stellen Sie sich mein Erstaunen vor, Verehrteste, als ich folgendes Gesprach vernahm:

'Nun? und darf man Ihnen Gluck wunschen, Liebe? haben Sie endlich die hartnackige Elise aus der Welt geschafft?'

'Ja', antwortete die andere Dame, 'heute fruh nach dem Kaffee habe ich sie umgebracht.'

Schrecken durchrieselte meine Glieder, als ich so deutlich und gleichgultig von einem Mord sprechen horte, so leise als moglich naherte ich mich vollends der Hecke, die mich von jenen trennte, scharfte mein Ohr wie ein Wachtelhund, dass mir ja nichts entgehen sollte, und horte weiter:

'Und wie haben Sie ihr den Tod beigebracht; wie gewohnlich durch Gift? oder haben Sie die Ungluckliche, wie Othello seine Desdemona, mit der Bettdecke erstickt?'

'Keines von beiden', entgegnete jene, 'aber recht hart ward mir dieser Mord; denken Sie sich, drei Tage lang hatte ich sie schon zwischen Leben und Sterben, und immer wusste ich nicht, was ich mit ihr anfangen sollte; da fiel mir endlich ein gewagtes Mittel ein: ich liess sie, wie durch Zufall, von einem Steg ohne Gelander in den tiefen Strom hinabgleiten, die Wellen schlugen uber ihr zusammen, man hat von Elisen nichts mehr gesehen.'

'Das haben Sie gut gemacht, und die wievielte war diese, die Sie auf die eine oder die andere Art umbringen?'

'Nun das wird bald abgezahlt sein, Pauline Dupuis, Marie usw., aber die erstere trug mir am meisten Ruhm ein; es waren dies noch die guten Zeiten von 1802, wo noch wenige mit mir konkurrierten.'

Die Haare standen mir zu Berg; also funf unschuldige Geschopfe hatte diese Frau schon aus der Welt geschafft. War es nicht ein gutes Werk an der menschlichen Gesellschaft, wenn ich einen solchen Greuel aufdeckte und die Morderin zur Rechenschaft zog?

Die Damen waren nach einigen gleichgultigen Gesprachen aufgestanden und hatten sich der Stadt zugewendet; leise stand ich auf und schlich mich ihnen nach, wie ein Schatten ihren Fersen folgend; sie gingen durch die Promenade, ich folgte; sie kehrten um und gingen durchs Tor, ich folgte; sie schienen endlich meine Beobachtungen zu bemerken, denn die eine sah sich einigemal nach mir um, ihr boses Gewissen schien mir erwacht, sie mochte ahnen, dass ich den Mord wisse, sie will mich durch die verschiedene Richtung der Strassen, die sie einschlagt, tauschen, aber ich folge. Endlich stehen sie an einem Hause still; sie ziehen die Glocke, man schliesst auf, sie treten ein. Kaum sind sie in der Ture, so gehe ich schnell heran, merke mir die Nummer des Hauses und eile, getrieben von jenem Eifer, den die Entdeckung eines so schauerlichen Geheimnisses in jedem aufregen muss, auf die Direktion der Polizei.

Ich bitte den Direktor um geheimes Gehor; ich lege ihm die ganze Sache, alles was ich gehort hatte, auseinander; weiss aber leider von den Gemordeten keine mit ihrem wahren Namen anzugeben, als eine gewisse Pauline Dupuis, die im Jahre 1801 unter der morderischen Hand jener Frau starb. Doch dies war dem, unter solchen Fallen ergrauten Polizeimann genug; er dankt mir fur meinen Eifer, schickt sogleich Patrouillen in die Strasse, die ich ihm bezeichnete, und fordert mich auf, ihn, wenn die Nacht vollends herangebrochen sein werde, in jenes Haus zu begleiten, die Nacht wahle er lieber dazu, da er bei solchen Auftritten den Zudrang der Menschen und das Aufsehen wo moglich vermeide.

Die Nacht brach an, wir gingen; die Polizeisoldaten, die das Haus umstellt hatten, versicherten, dass noch kein Mensch dasselbe verlassen habe. Der Vogel war also gefangen. Wir liessen uns das Haus offnen und fingen im ersten Stock unsere Untersuchung an. Gleich vor der Ture des ersten Zimmers horte ich die Stimmen jener beiden Frauen; ohne Umstande offne ich und deute dem Polizeidirektor die kleinere, altliche Dame als die Verbrecherin an.

Verwundert stand diese auf, trat uns entgegen und fragte nach unserem Begehr; in ihrem Auge, in ihrem ganzen Wesen hatte diese Dame etwas, das mir imponierte; ich verlor auf einen Augenblick die Fassung und deutete nur auf den Direktor, um sie wegen ihrer Frage an jenen zu weisen. Doch dieser liess sich nicht so leicht verbluffen; mit der ernsten Amtsmiene eines Kriminalrichters fragte er sie uber ihren heutigen Spaziergang aus; sie gestand ihn zu, wie auch die Bank, wo sie gesessen; ihre Aussagen stimmten ganz zu den meinigen, der Mann sah sie schon als uberwiesen an; die Frau fing an, angstlich zu werden, sie fragte, was man denn von ihr wolle, warum man ihr Haus, ihr Zimmer mit Bewaffneten besetze, warum man sie mit solchen Fragen besturme?

Der Mann der Polizei sah in diesem angstlichen Fragen nur den Ausbruch eines schuldbeladenen Gewissens; er schien es fur das beste zu halten, durch eine verfangliche Frage ihr vollends das Verbrechen zu entlocken: 'Madame, was haben Sie Anno 1801 mit Pauline Dupuis angefangen? leugnen Sie nicht langer, wir wissen alles, sie starb durch Ihre Hand, wie heute fruh die ungluckliche Elise!'

'Ja, mein Herr! ich habe die eine wie die andere sterben lassen', antwortete diese Frau mit einer Seelenruhe, die sogar in ein boshaftes Lacheln uberzugehen schien.

'Und diesen Mord gestehen Sie mit so viel Gleichmut, als hatten Sie zwei Tauben abgetan?' fragte der erstaunte Polizeidirektor, dem in praxi eine solche Morderin noch nicht vorgekommen sein mochte; 'wissen Sie, dass Sie verloren sind, dass es Ihnen den Kopf kosten kann?'

'Nicht doch!' entgegnete die Dame, 'die Geschichte ist ja weltbekannt'. -'Weltbekannt?' rief jener, 'bin ich nicht schon seit zweiundvierzig Jahren Polizeidirektor, meinen Sie, dergleichen konne mir entgehen?'

'Und dennoch werde ich recht haben, erlauben Sie, dass ich Ihnen die Belege herbeibringe?'

'Nicht von der Stelle ohne gehorige Bewachung; Wache! zwei Mann auf jeder Seite von Madame; bei dem ersten Versuch zur Flucht zugestossen!'

Vier Polizeidiener, mit blanken Seitengewehren begleiteten die Ungluckliche, die mir den Verstand verloren zu haben schien. Bald jedoch erschien sie wieder, ein kleines Buch in der Hand.

'Hier, meine Herren, werden Sie die Belege zu dem Mord finden', sagte sie, indem sie uns lachelnd das Buch uberreichte.

'Taschenbuch fur 1802'', murmelte der Direktor, indem er das Buch aufschlug und durchblatterte, 'was Teufel, gedruckt und zu lesen steht hier: 'Pauline Dupuis von '. Mein Gott, Sie sind die Witwe des Herrn von , und wenn ich nicht irre, selbst Schriftstellerin?'

'So ist es', antwortete die Dame, und brach in ein lustiges Lachen aus, in welches auch der Direktor einstimmte, indem er, vor Lachen sprachlos, auf mich deutete.

'Und Elise, wie ist es mit diesem armen Kind?' fragte ich, den Zusammenhang der Sache und die Frohlichkeit der Morderin und des Polizeimannes noch immer nicht verstehend.

'Die liegt ermordet auf meinem Schreibtisch', sagte die Lachende, 'und soll morgen durch die Druckerei zum ewigen Leben eingehen. '

Was brauche ich noch dazuzusetzen? meine Herren und Damen! ich war der Narr im Spiel und jene Frau war die ruhmlichst bekannte, interessante Th. v. H. Die Erzahlung 'Pauline Dupuis' ist noch heute zu lesen; ob die geniale Frau ihr 'Elise', die sie am Morgen jenes Tages nach dem Kaffee vollendet hatte, herausgegeben, weiss ich nicht. Ich musste aus S. entfliehen, um nicht zum Gespotte der Stadt zu werden. Vorher aber schickte mir der Polizeidirektor noch eine grosse Diatenrechnung uber Zeitversaumnis, weil ich durch jene lustige Mordgeschichte den Durstigen von seinem gewohnlichen Abendbesuch in einem Klub abgehalten hatte."

Der Ewige Jude hatte mit einer verbindlichen Wendung an Frau von Wollau geendet; allgemeiner Beifall ward ihm zuteil, und ein gnadiges Lacheln der Hausfrau sagte ihm, wie glucklich er sich gerechtfertigt hatte; und, wie die finstern Blicke dieser Dame vorher die Manner aus seiner unglucklichen Nahe entfernt hatten, ebenso schnell nahten sie sich ihm wieder, als ihn die Gnadensonne wieder beschien. Man zog ihn ofter ins Gesprach, man befragte ihn uber seine Reisen, namentlich uber jene in Suddeutschland; denn wie Schottland und seine Bewohner fur London und Alt-England uberhaupt, so ist Schwaben fur die Berliner, welche nie an den Rebenhugeln des Neckars, und an den frohlich grunenden Gestaden der obern Donau eines jener sinnigen herzlichen Lieder aus dem Munde eines "luschtiga Buebles" oder eines rustigen hochaufgeschurzten "Madles" belauschten, ein Gegenstand hoher Neugierde.

Welch sonderbare Meinungen uber jenes Land, selbst in gebildeten Zirkeln, wie dieser elegante Tee, im Umlauf seien, horte ich diesen Abend zu meinem grossen Erstaunen. In einem Zaubergarten, von sanften Hugeln, von klaren blauen Stromen, von bluhenden, duftenden Obstwaldern, von prangenden Weingarten durchschnitten, wohne, meinten sie, ein Volkchen, das noch so ziemlich auf der ersten Stufe der Kultur stehe; immense Gelehrte, die sich nicht auszudrucken verstunden, phantasiereiche Schriftsteller, die kein Wort gutes Deutsch sprechen. Ihre Madchen haben keine Bildung, ihre Frauen keinen Anstand; ihre Manner werden vor dem vierzigsten Jahre nicht klug, und im ganzen Land werden alle Tage viele Tausende jener Torheiten begangen, die allgemein unter dem Namen "Schwabenstreiche" bekannt seien.

Mir kam dieses Urteil lacherlich vor; ich war manches Jahr in Schwaben gewesen, und hatte mich unter den guten Leutchen ganz wohl befunden; hatte ich nicht befurchten mussen, aus der Rolle eines Zoglings zu fallen, ich hatte sogleich darauf geantwortet, wie ich es wusste; so aber ersparte mir mein Mentor die Muhe, welcher, unglucklich genug, die gute Meinung, die er auf einige Augenblicke gewonnen hatte, nur zu schnell wieder verlieren sollte!

"Ob die Berliner", sagte er, "mehr innere Bildung, mehr Eleganz der aussern Formen besitzen, als die Schwaben, ob man hier im Brandenburgischen mit mehr Feinheit ausgerustet auf die Erde, oder vielmehr auf Sand kommt, als in Schwaben, wage ich nicht zu untersuchen, aber so viel habe ich mit eigenen Augen gesehen, dass man dort im Durchschnitt unter den Madchen eine weit grossere Menge hubscher, sogar schoner Gesichter findet, als selbst in Sachsen, welches doch wegen dieses Artikels beruhmt ist."

"Quelle Sottise", horte ich Frau von Wollau schnauben, "welche abgeschmackte Behauptungen dieser gemeine Mensch "

Umsonst winkte ich dem Ewigen mit den Augen, umsonst gab ihm der Dichter einen freundschaftlichen Rippenstoss, ihn zu erinnern, dass er sich unter Damen befinde, die auch auf Schonheit Anspruch machten, ruhig, als ob er den erzurnten Schonen das grosste Kompliment gesagt hatte, fuhr er fort:

"Sie konnen gar nicht glauben, wie reizend dieser verschriene Dialekt von schonen Lippen tont; wie alles so naiv, so lieblich klingt; wie unendlich hubsch sind diese bluhenden Gesichtchen, wenn man ihnen sagt, dass sie schon seien, dass man sie liebe; wie schelmisch schlagen sie die Augen nieder, wie unschuldig erroten sie, welcher Zauber liegt dann in ihrem Trotz, wenn sie sich verschamt wegwenden und flustern: 'Ach ganget Se mer weg, moinet Se denn, i glaub's?'6 Hier in Norddeutschland gibt es meist nur Teegesichter, die einen Trost darin finden, asthetisch oder atherisch auszusehen; sie mussen den Atem erst lange anhalten, wenn sie es je der Muhe wert halten, uber dergleichen zu erroten."

O Jude, welchen Bock hattest du geschossen. Kaum hast du das zornblickende Auge einer Dame versohnt, so begehst du den grossen Fehler, vor zwolf Damen die schonen Gesichtchen zweier Lander zu loben, und nicht nur sie nicht mit aufzuzahlen, sondern sogar ihren atherischen Teint, ihre interessante Mondscheinblasse fur Teegesichter zu verschreien!

Die jungen Damen sahen erstaunt, als trauten sie ihren Ohren nicht, die altern an; diese warfen schreckliche Blicke auf den Frevler und auf die ubrigen Herren, die, ebenso erstaunt, noch keine Worte zu einer Replik finden konnten. Die Teetassen, die goldenen Loffelchen klirrten laut in den vor Wut zitternden Handen der Mutter, die seit zehn Jahren mit vieler Muhe es dahin gebracht hatten, dass ihre Tochter nobel und edel aussehen mochten wozu heutzutage ausser dem Gefuhl der Wurde etwas Leidendes, beinahe Krankliches gehort welche die immer wieder anschwellende Fulle ihrer Tochter, die immer wiederkehrende Rote der Wangen doch endlich zu besiegen gewusst hatten.

Und jetzt sollte dieser fremde, abenteuerliche gemeine Mensch sie und ihre Freude, ihre Kunst zuschanden machen; er sollte es wagen, die Damen dieses deutschen Paris mit jenen schwerfalligen Bewohnerinnen des unkultivierten Schwabens auch nur in Parallele zu bringen, und ihnen den ersten Rang zu versagen?! Und dies sollten sie dulden?

Jamais!! Gnadige Frau nahm das Wort mit einem Blick, der uber das eiskalte Gesicht des stillen Zornes wie ein Nordschein uber Schneegefilde herabglanzte: "Ich muss Sie nur herzlich bedauern, Herr Doktor Mucker, dass Sie das schone Schwaben und seine naive Bauerdirnen so treulos verlassen haben; und ich bitte Sie, Lieber", fuhr sie fort, indem sie sich zu dem Dichter, der uns eingefuhrt hatte, wandte, "ich bitte Sie, muten Sie diesem Herrn da nicht mehr zu, meine Zirkel zu besuchen. Jotte doch, er konnte bei unsern Damen seine robusten Naturen und jene Naivitat vermissen, die er sich so janz zu eigen jemacht hat."

Triumphierend richteten sich die Gebeugten auf, die Mutter spendeten Blicke des Dankes, die Fraulein kicherten hinter vorgehaltenen Sacktuchern, die jungen Herren hatten auch wieder die Sprache gefunden und machten sich lustig uber meinen armen Hofmeister. Doch der feine Takt der gnadigen Frau liess diesem Ausbruch der Nationalrache nur so lange Raum, bis sie den Doktor Mucker hinlanglich bestraft glaubte. Beleidigt durfte dieser Mann in ihrem Salon nie werden, wenn er gleich durch seine rucksichtslose Ausserung ihren Unwillen verdient hatte; sie beugte also schnell mit jener Gewandtheit, die feingebildeten Frauen so eigentumlich ist, allen weitern Bemerkungen vor, indem sie ihren Neffen aufforderte, sein Versprechen zu halten, und der Gesellschaft die langst versprochene Novelle preiszugeben.

Dieser junge Mann hatte schon wahrend des ganzen Abends meine Aufmerksamkeit beschaftigt. Er unterschied sich von den ubrigen jungen Herren, die leer in den Tag hinein plauderten, sehr vorteilhaft durch Ernst und wurdige Haltung, durch gewahlten Ausdruck und kurzes, richtiges Urteil. Er war gross und schlank gebaut, mannlich schon, nur vielleicht fur manche etwas zu mager. Sein Auge war glanzend und hatte jenen Ausdruck stillen Beobachtens, der einen Menschenkenner oder wenigstens einen Mann verriet, der das Leben und Treiben der grossen und kleinen Welt in vielerlei Formen gesehen und daruber gedacht hatte.

Er hatte, was mich sehr gunstig fur ihn stimmte, an dem Gesprach des Ewigen Juden und an seiner Persiflage mit keinem Wort, ich mochte sagen, mit keiner Miene teilgenommen. Zum erstenmal an diesem ganzen Abend entlockte ihm die Frage seiner Tante ein Lacheln, das sein Gesicht, besonders den Mund noch viel angenehmer machte; wahrlich, in diesen Mann hatte ich mich, wenn ich eines der anwesenden Fraulein gewesen ware, unbedingt verlieben mussen; aber freilich, junge Damen haben hieruber ganz andere Ansichten als der Teufel, und das einfache schwarze Gewand des jungen Mannes konnte naturlich die glanzende Gardeuniform und ihren kuhnen, die drallen Formen zeigenden Schnitt nicht aufwiegen.

Vierzehntes Kapitel

Der Fluch

Novelle

"Ich habe mich vergebens abgemuht, gnadige Tante", sprach der junge Mann mit voller, wohltonender Stimme, "eine artige Novelle oder eine leichte, frohliche Erzahlung fur diesen Abend zu ersinnen. Doch um nicht wortbruchig zu erscheinen, muss ich schon den Fehler einigermassen gutzumachen suchen. Wenn Sie erlauben, will ich etwas aus meinem eigenen Leben erzahlen, das, wenn es nicht ganz den romantischen Reiz und den anziehenden Gang einer Novelle, doch immer den Wert der Wahrheit fur sich hat."

Die Tante bemerkte ihm gutig, dass die einfache Wahrheit oft grossern Reiz habe, als die erfundene Spannung einer Novelle, ja sie gestand ihm, dass sie etwas sehr Interessantes erwarte, denn er sehe seit der Zuruckkunft von seinen Reisen so geheimnisvoll aus, dass man auf seine Begebnisse recht gespannt sein durfe.

Die alteren Damen lorgnettierten ihn aufmerksam, und gaben dieser Bemerkung vollkommen Beifall; der junge Mann aber hub an zu erzahlen:

"Als ich vor funf Jahren in diesem Saal von einer grossen Gesellschaft, welche die Gute meiner Tante noch einmal um den Scheidenden versammelt hatte, Abschied nahm, warnten mich einige Damen wenn ich nicht irre, war Frau von Wollau mit davon vor den schonen Romerinnen, vor ihren feurigen, die Herzen entzundenden Blicken. Ich nahm ihre Warnung dankbar an, noch kraftigeren Schutz aber versprach ich mir von jenen holden blauen Augen, von jenen freundlichen vaterlandischen Gesichtchen, von all den lieblichen Bildern, die ich in feinem und treuem Herzen aufbewahrt, mit uber die Alpen nahm.

Und sie schutzten mich, diese Bilder, gegen jene dunkeln Feuerblicke der Romerinnen, wie sie aber vor sanften blauen Augen, welche ich dort sah, sich unverantwortlich zuruckzogen, wie sie mein armes, unbewahrtes Herz ohne Bedeckung liessen, will ich als bittere Anklage erzahlen.

Der s.... sche Gesandte am papstlichen Hofe hatte mir in der Karwoche eine Karte zu den Lamentationen in der Sixtinischen Kapelle geschickt; mehr, um den alten Herrn, der mir schon manche Gefalligkeit erwiesen hatte, nicht zu beleidigen, als aus Neugierde, entschloss ich mich, hinzugehen. Ich war nicht in der besten Laune, als es Abend wurde, statt einer lustigen Partie, wozu mich deutsche Maler geladen, sollte ich einen Klaggesang mit anhoren, der mir schon an und fur sich hochst lacherlich vorkam.

Nie hatte ich mich namlich von der Heiligkeit solcher Ritualien uberzeugen konnen, selbst in dem ehrwurdigen Kolner Dom, wo die hohen Gewolbe und Bogen, das Dunkel des gebrochenen Lichtes, die machtigen vollen Tone der Orgel manchen andern ernster stimmen mogen, konnte ich nur uber die Macht der Tauschung staunen.

Meine Stimmung wurde nicht heiliger als ich an das Portal der Sixtinischen Kapelle kam. Die papstliche Wache, alte, ausgediente schneiderhafte Gestalten, hielten hier Wache mit so meisterlicher Grandezza, als nur die Cherubim an der Himmelsture. Der Glanz der Kerzen blendete mich, da ich eintrat, und stach wunderbar ab gegen den dunklen Chor, in das die Finsternis zuruckgeworfen schien. Nur der Hochaltar war dort von dreizehn hohen Kerzen erleuchtet.

Ich hatte Musse genug, die Gesichter der Gesellschaft um mich her zu mustern. Ich bemerkte nur sehr wenige Romer, dagegen fast alles, was Rom an Fremden beherbergte.

Einige franzosische Marquis, beruchtigte Spieler, einige junge Englander von meiner Bekanntschaft, standen ganz in meiner Nahe. Sie zogen mich auf, dass auch ich mich habe verfuhren lassen, dem Spectacle, wie sie es nannten, beizuwohnen; Lord Parter aber meinte, es seie dies wohl der Schonen zu Gefallen geschehen, die ich mitgebracht habe. Er deutete dabei auf eine junge Dame, die neben mir stand. Er fragte nach ihrem Namen und ihrer Strasse, und schien sehr unglaubig, als ich ihm damit nicht dienen zu konnen behauptete.

Ich betrachtete meine Nachbarin naher; es war eine schlanke hohe Gestalt, dem Wuchs nach keine Romerin; ein schwarzer Schleier bedeckte das Gesicht und beinahe die ganze Gestalt, und liess nur einen Teil eines Nackens sehen, so rein und weiss, wie ich ihn selten in Italien, beinahe nie in Rom gesehen hatte.

Schon pries ich im Herzen meine Hoflichkeit gegen den alten Diplomaten, hoffend, eine interessante Bekanntschaft zu machen; wollte eben da begann der Klaggesang und meine Schone schien so eifrig darauf zu horen, dass ich nicht mehr wagte, sie anzureden. Unmutig lehnte ich mich an eine Saule zuruck, Gott und die Welt, den Papst und seine Lamentationen verwunschend.

Unertraglich war mir der monotone Gesang. Denken Sie sich, sechzig der tiefsten Stimmen, die unisono, im tiefsten Grundton der menschlichen Brust, Busspsalmen murmeln. Der erste Psalm war zu Ende, eine Kerze auf dem Altar verloschte. Getrostet, die Farce werde ein Ende haben, wollte ich eben den jungen Lord anreden, als von neuem der Gesang anhub.

Jener belehrte mich zu meinem grossen Jammer, dass noch alle zwolf ubrigen Kerzen verloschen mussen, bis ich ans Ende denken konne. Die Kirche war geschlossen und bewacht, an ein Entfliehen war nicht zu denken. Ich empfahl mich allen Gottern, und gedachte einen gesunden Schlaf zu tun. Aber wie war es moglich? Wie Strahlen einer Mittagssonne stromten die tiefen Klange auf mich zu. Zwei bis drei Kerzen verloschten, meine Unruhe ward immer grosser.

Endlich aber, als die Tone noch immer fortwogten, drangen sie mir bis ins innerste Mark. Das Erz meiner Brust schmolz vor den dichten Strahlen, Wehmut ergriff mich, Gedanken aus den Tagen meiner Jugend stiegen wie Schatten vor meiner Seele auf, unwillkurliche Ruhrung bemachtigte sich meiner, und Tranen entsturzten seit Jahren zum erstenmal meinem Auge.

Beschamt schaute ich mich um, ob doch keiner meine Tranen gesehen. Aber die Spieler, wunderbarer Anblick! lagen zerknirscht auf ihren Knieen, der Lord und seine Freunde weinten bitterlich. Zwolf Kerzen waren verloscht. Noch einmal erhoben sich die tiefen, herzdurchbohrenden Tone, zogen klagend durch die Halle, immer dumpfer, immer leiser verschwebend. Da verloschte die letzte Kerze, und zugleich mit das Feuermeer der Kirche, und bange Schatten, tiefe Finsternis drang aus dem Chor, und lagerte sich uber die Gemeine. Mir war, als war ich aus der Gemeinschaft der Seligen hinausgestossen in eine furchterliche Nacht.

Da tonten aus des Chores hintersten Raumen, susse klagende Stimmen. Was jenes tiefe, schauerliche Unisono unerweicht gelassen, zerschmolz vor diesem hohen Dolce der Wehmut. Rings um mich das Schluchzen der Weinenden, vom Chor heruber Tone, wie von gerichteten Engeln gesungen, glaubte ich nicht anders, als in einer zernichteten Welt mit unterzugehen und zu horen, der Glaube an Unsterblichkeit sei Wahn gewesen.

Der Gesang war verklungen, Fackeln erhellten die Szene, die Menge ergoss sich durch die Pforten und auch ich gedachte mich zum Aufbruch zu rusten, da gewahrte ich erst, dass meine schone Nachbarin noch immer auf den Knien niedergesunken lag. Ich fasste mir ein Herz.

'Signora', sprach ich, 'die Tore werden geschlossen, wir sind die letzten in der Kapelle.'

Keine Antwort. Ich fasste ihre Rechte, die auf der Seite niederhing, sie war kalt und ohne Leben. Sie lag in Ohnmacht.

Ich befand mich in sonderbarer Lage. Die Nacht war schon weit vorgeruckt; nur noch einige Flambeaux zogen durch die Kirche, ich musste alle Augenblicke befurchten, vergessen zu werden. Ich besann mich nicht lange, rief einen der Fackeltrager herbei, um mit seiner Hulfe die Dame aufzurichten.

Wie ward mir, als ich den Schleier aufschlug. Der dustere Schein der halbverloschten Fackel fiel auf ein Gesicht, wie ich es auch auf den herrlichsten Kartons von Raffael nie gesehen! glanzendbraune Locken hatten sich aufgelost und fielen herab bis in den verhullten Busen und umzogen das liebliche Oval ihres Angesichtes, auf dem sich eine durchsichtige Blasse gelagert hatte. Die schonen Bogen der Brauen versprachen ein ernstes, vielleicht etwas schelmisches Auge, und den halbgeoffneten Mund, umkleidet mit den weissesten Perlen, konnte Gram, konnte Scherz so gezogen haben.

Als wir sie aufrichten wollten, schlug sie das herrliche, blaue Auge auf, dessen eigener, schwarmerischer Glanz mich so uberraschte, dass ich einige Zeit mich zu sammeln notig hatte. Sie richtete sich plotzlich auf, stand nun in ihrer ganzen Schone mir gegenuber. Welch zarte Formen bei so vielem Anstand, bei so ungewohnlicher Hohe des Wuchses. Sie schaute verwundert in der Kirche umher, liess dann ihre Blicke auf mich herubergleiten:

'Und Sie hier, Otto?' sprach sie, nicht italienisch, nein, in reinem, wohlklingendem Deutsch.

Wie war mir doch so wunderbar! sie sprach so bekannt zu mir, ja sogar meinen Namen hatte sie genannt; woher konnte sie ihn wissen? Sie schien verwundert uber mein Schweigen.

'Nicht bei Laune, Freund? und doch haben Sie mich so freundlich unterstutzt? Doch! lassen Sie uns gehen, es wird spat.'

Sie hatte recht. Die Fackel drohte zu verloschen. Ich gab ihr den Arm. Sie druckte zartlich meine Hand.

Was sollte ich denken, was sollte ich machen? Betrug von ihr war nicht moglich das Madchen konnte keine Dirne sein. Verwechslung war offenbar. Aber sie wusste mich bei meinem Namen zu nennen, sie war so ohne Arg. Ich wagte es ich ubernahm die Rolle eines verstimmten Verehrers, und schritt schweigend mit ihr durch die Hallen.

Am Portal geht mein Jammer von neuem an. Welche Strasse sollt ich wahlen, um nicht sogleich meine wahre Unbekanntschaft zu verraten? Ich nahm allen meinen Mut zusammen, und schritt auf die mittlere Strasse zu.

'Mein Gott', rief sie aus, und zog meinen Arm sanft seitwarts, 'Otto, wo sind Sie nur heute, hier waren wir ja an die Tiber gekommen.'

Oh! wie horte ich so gerne diese Stimme! Wie lieblich klingt unsere Sprache in einem schonen Munde. Schon oft hatte ich die Romerinnen beneidet, um den Wohllaut ihrer Tone; hier war weit mehr, als ich je in Rom gehort; es musste offenbar ein deutsches Madchen sein, ich sah es aus allem, und doch so reine, runde Klange ihrer Sprache! Als ich noch immer schwieg, brach sie in ein leises Weinen aus. Ihr tranendes Auge sah mich wehmutig an, ihre Lippen wolbten sich, wie wenn sie einen Kuss erwarteten.

'Bist du mir nicht mehr gut, mein Otto? Ach konntest du mir zurnen, dass ich die Lamentationen horte? Oh! zurne mir nicht. Doch du hast recht, ware ich lieber nicht hingegangen. Ich glaubte Trost zu finden, und fand keinen Trost, keine Hoffnung. Alle meine Lieben schienen dem Grab entstiegen, schienen uber die Alpen zu wehen, und mit Tonen der Klage mich zu sich zu rufen. Wie bin ich so allein auf der Erde', weinte sie, indem ihr blaues Auge in das nachtliche Blau des Himmels tauchte, 'wie bin ich so allein und wenn ich dich nicht hatte, mein Otto.'

Meine Lage grenzte an Verzweiflung, das schonste, lieblichste Kind im Arme, und doch nicht sagen konnen, wie ich sie liebte! Als ihre Tranen noch nicht aufhoren wollten, flusterte ich endlich leise: 'Wie konnte ich dir zurnen?'

Sie schaute freudig dankbar auf 'Du bist wieder gut? und oh! wie siehst du heute doch gar nicht so finster aus, auch deine Stimme klingt heute so weich! Sei auch morgen so, und lass nicht wieder einen ganzen langen Tag auf dich warten.'

Sie naherte sich einem Haus und blieb davor stehen, indem sie die Glocke zog. 'Und nun gute Nacht, mein Herz', sagte sie, 'wie gerne sass ich noch zu dir auf die Bank, aber die Signora wartet wohl schon zu lange.' Ich wusste nicht wie mir geschah, ich fuhlte einen heissen Kuss auf meinen Lippen und weg war sie.

Ich merkte mir die Nummer des Hauses, aber die Strasse konnte ich nicht erkennen. Nur einen Brunnen, und gegenuber von ihrem Haus eine Madonna in Stein gehauen, konnte ich als Zeichen fur die Zukunft anmerken. Ich wand mich mit unsaglicher Muhe durch das Gewirre der Strassen und war doch nicht froh, als ich endlich mein Haus erreichte. Bis an den lichten Morgen kein Schlaf. Zuerst liess mich der Mond nicht schlafen, der mich durchs Fenster herein angrinste, und als ich die Gardine vorzog, schien gar der Engelkopf des Madchens hereinzublicken; mitunter zogen auch die Lamentationen durch meinen wirren Kopf, und ich verwunschte endlich ein Abenteuer, das mich eine schlaflose Nacht kostete.

Sehr fruhe am andern Morgen traten Lord Parter und einer seiner Freunde bei mir ein. Sie wollten mir begegnet sein, als ich meine ratselhafte Schone zu Haus brachte, und schalten mich neckend, dass ich sie gestern ganzlich verleugnet habe. Als ich ihnen mein Abenteuer, dem grossern Teil nach, erzahlte, wurden sie noch ungestumer und behaupteten, mich deutlich schon mehreremal mit derselben Dame gesehen zu haben. Immer klarer ward mir, dass irgendein Damon sich in meine Gestalt gehullt habe, da ja auch das Madchen mich so genau zu kennen schien, und ich war nicht minder begierig, das liebe Madchen, als das leibhafte Konterfei meiner Gestalt zu Gesicht zu bekommen. Die beiden Englander mussten mir Stillschweigen geloben, indem ich mich vor dem Spott meiner Bekannten furchtete, zugleich versprachen sie auch, mir suchen zu helfen.

Nach langem Umherirren, wobei wir tausend Lugen ersinnen mussten, um die erwachende Neugierde unserer Freunde zu tauschen, fanden wir endlich in dem entlegensten Winkel der Stadt jene Merkzeichen, die Madonna und den Brunnen. Ich sah das Haus der Holden, ich sah die Bank an der Ture, auf welcher ich hatte selig werden sollen, aber hier ging auch unser Weg zu Ende. Als Fremde hatten wir zu viel gewagt, so weit entfernt von den uns bekannten Strassen, unter einer Menschenklasse, die besonders den Englandern so gram ist, uns in ein fremdes Haus einzudrangen. Wir zogen mehreremal durch die Strasse, immer war die Ture verschlossen, immer die Fenster neidisch verhangt. Wir verteilten uns, bewachten tagelang die Promenaden, weder meine Schone noch mein Ebenbild liessen sich sehen.

Geschafte riefen mich in dieser Zeit nach Neapel. So angenehm mir sonst diese Reise gewesen ware, so war sie mir in meiner gegenwartigen Spannung hochst fatal. Unaufhorlich verfolgte mich das Bild des Madchens, im Traum wie im Wachen horte ich die liebliche Stimme flustern. Hatten mich die Gesange in der Kapelle so weich gestimmt, hatte das fluchtige Bild der Schonen vermocht, was der Geist und die Schonheit so mancher andern nicht uber mich vermochte?

Unruhig reiste ich ab. Die Reise, so viele abwechselnde Gegenstande, die ernsten Geschafte, der Reiz der Gesellschaft, nichts gab mir meine Ruhe wieder.

Es war die Zeit des Karnevals, als ich nach Rom zuruckkehrte. Durfte ich hoffen, im Gewuhle der Menge den Gegenstand meiner Sehnsucht herauszufinden? Meine englischen Freunde waren abgereist, ich hatte niemand mehr dem ich mich vertrauen mochte. Ohne Hoffnung hatte ich mehrere Tage verstreichen lassen, ich war nicht zu bewegen, mich unter die Freuden des Karnevals zu mischen.

Wie erstaunte ich aber, als mich am Morgen des vierten Tages der Karnevalswoche der Gesandte fragte, wie ich mich gestern 'amusiert' habe. Ich sagte ihm, ich sei nicht im Korso gewesen. Er erstaunte, behauptete, mich von seinem Wagen aus mit einer Dame am Arm gesehen und begrusst zu haben. Er schwieg etwas beleidigt, als ich es wieder verneinte. Aber plotzlich kam mir der Gedanke, wie wenn es die Gesuchten waren? Man war in allen Zirkeln sehr gespannt auf diesen Abend. Ein prachtvoller Maskenzug, worin Damen aus den edelsten romischen Hausern eine Rolle ubernommen hatten, sollte das Karneval verherrlichen. Ich gab dem Drangen meiner Bekannten nach und ging mit in den Korso.

Erwarten Sie von mir keine Beschreibung dieses Schauspiels. Zu jeder andern Zeit wurde ich ihm alle meine Aufmerksamkeit geschenkt haben, nicht nur weil es mir als Volksbelustigung sehr interessant gewesen ware, sondern weil sich der Charakter der Romer gerade hier am meisten aufdeckt. Aber wenn ich sage, dass von dem ganzen Abend, von allen Herrlichkeiten des Korso nur noch ein Schatten in meiner Erinnerung geblieben und nur ein heller Stern aus dieser Nacht auftaucht, so werden Sie vergeben, wenn ich uber das interessante Schauspiel Ihre Neugierde nicht zur Genuge befriedige.

Die lange, enge Strasse war schon gefullt, als wir durch die Porta del popolo hereintraten; unabsehbar wogten die Wellen der Menge durcheinander; und das Auge gleitete unbefriedigt daruber hinweg, weil es unter der Mischung der grellsten Farben keinen Punkt fand, der es festhielt. Die Erwartung war gespannt. Uberall horte man von dem Maskenzug reden, der sich nun bald nahen musse. Ein rauschendes Beifallrufen drang jetzt von dem Obelisken auf der Piazza heruber und verkundete die Auffahrt der Masken. Alle Blicke richteten sich dorthin. Von den Balkons und Gerusten herab wehten ihnen Tucher und winkten schone Hande entgegen, indem die Equipagen sich in die Seiten drangten, um den Wagen des Zuges Platz zu machen. Er nahte. Gewiss ein herrlicher Anblick. Die Gotter der alten Roma schienen wieder in die alten Mauern eingezogen zu sein, um ihren Triumph zu feiern. Liebliche, majestatische Gruppen! Welch herrliche Umrisse in den Gestalten des Apoll und Mars, wie lieblich Venus und Juno, und man konnte es nicht fur Unbescheidenheit halten, sondern musste gerade hierin den schonsten Triumph finden, wenn das Volk mit Ungestum den Gottinnen zurief, die Masken abzunehmen. Unendlich wurde aber der Beifall, als die Grafin Parvi, die edlen Formen des Gesichtes unverhullt, als Psyche sich nahte! Wahrlich, dieser liebliche Ernst, diese sanfte Grosse hatten einen Zeuxis und Praxiteles begeistern konnen.

Der Abend nahte heran, man rustete sich, die Geruste zu besteigen, weil das Pferderennen beginnen sollte. Ich stand ziemlich verlassen auf der Strasse, musternd mit sehnsuchtigen Blicken die Galerien und Balkone, ob meine Schone nicht darauf zu treffen sei. Plotzlich fuhlte ich einen leisen Schlag auf die Schulter. 'So einsam?' tonte in der lieben Muttersprache eine susse Stimme in mein Ohr. Ich sah mich um. Eine reizende Maske, in der Kleidung einer Tirolerin, stand hinter mir. Durch die Hohlen der Maske blitzten jene blauen Augen, die mich damals so sehr uberraschten. Sie ist's es ist kein Zweifel. Ich bot ihr schweigend die Hand, sie druckte sie leise. 'Du boser Otto', flusterte sie, 'den ganzen Abend habe ich dich vergebens gesucht. Wie musste ich schwatzen, um die Signora loszuwerden!'

Die Wache ruckte die Strasse herab. Es war hohe Zeit, die Galerien zu suchen. Ich deute hinauf, sie gab mir ihren Arm, sie folgte. Ein heimliches Platzchen hinter einer Saule bot sich dar, sie wahlte es von selbst. Karneval, Pferderennen, alle Schonheiten Roms waren fur mich verloren, als mein stiller Himmel sich offnete, als sie die Maske abnahm. Noch lieblicher, noch unendlich schoner war sie als an jenem Abend. Die zarte Blasse, die sie damals aus der Kapelle brachte, war einer feinen, durchsichtigen Rote gewichen; das Auge strahlte noch von hoherem Glanz als damals, und der tiefe, beinahe wehmutige Ernst der Zuge, wie sie sich mir damals zeigte, war durch ein Lacheln gemildert, das fein und fluchtig um die zarten Lippen wehte.

Sie heftete wieder einige Minuten schweigend ihr Auge auf mein Gesicht, strich mir spielend die Haare aus der Stirne, und rief dann plotzlich: 'Jetzt bist du's wieder ganz! ganz wie an jenem Abend in der Kapelle, den du mir so hartnackig leugnest! Gestehst du ihn deiner Luise noch nicht?'

Welche Pein! was sollte ich sagen? da fiel plotzlich das Signal, die Pferde rannten durch den Korso. Meine Schone bog den Kopf abwarts, und ich, meiner Sinne kaum machtig, fluchtete hinter die nachste Saule, um nicht im Augenblick vor dem arglosen Madchen als ein Tor, oder noch etwas Schlimmeres zu erscheinen. Und was war ich auch anders, wenn ich mich selbst recht ernstlich fragte? Was wollte ich von dem Madchen, was konnte ich von ihr wollen? Und war nicht eine so weit getriebene Neugierde Frevel?

Wahrend ich noch so mit mir selbst kampfte, ob es nicht ehrlicher sei, ein Abenteuer aufzugeben, dessen Ende nur ein torichtes sein konnte, bemerkte ich, dass meine Stelle schon wieder besetzt sei. Ich schlich naher herzu, um wenigstens zu horen, wer der Gluckliche sei, da ich ihn, ohne meine unbescheidene Nahe zu verraten, nicht sehen konnte.

'Wie magst du nur so zerstreut fragen', sagte Luise, 'du selbst hast mich ja heraufgefuhrt.'

'Ich hatte dich gefuhrt, der ich diesen Augenblick erst zu dir trete? Gestehe, du betrugst mich: wer hat dich hergeleitet?'

Mit befangener Stimme, dem Weinen nahe, beharrte sie auf dem, was sie vorhin sagte. 'Du bist auch wie unser Wetter uber den Alpen, soeben noch so freundlich, und jetzt so kalt, so finster.'

Jener stand schnell auf: 'Ich bin nicht gestimmt, meine Gnadige, das Ziel Ihrer Scherze zu sein', sagte er, 'und wenn Sie sich in Ratsel vertiefen, wird meine Gesellschaft Ihnen lastig werden.' Er brach auf und wollte gehen. Ich konnte die Leiden der Armen nicht mehr verlangern, trat hervor hinter der Saule, um mich als Auflosung des Ratsels zu zeigen. Aber wie ward mir! Meine eigene Gestalt, mein eigenes Gesicht glaubte ich mir gegenuber zu sehen. Die uberraschende Ahnlichkeit "

Funfzehntes Kapitel

Das Intermezzo Die Trinker

Ein schrecklicher Angstschrei, ein Gerassel, wie Blitz und Donner einander folgend, unterbrach den Erzahler. Welcher Anblick! Der Jude lag ausgestreckt auf dem Boden des Saales, uberschuttet mit Tee, Trummer seines Stuhles und der feinen Meissner Tasse, die er im Sturz zerschmettert, um ihn her. Der Arger uber eine solche Unterbrechung war auf allen Gesichtern zu lesen; zurnend wandten die Damen ihr Auge von diesem Schauspiel, von den Herren machte keiner Miene, ihm beizustehen. Er selbst aber blieb sekundenlang liegen, ohne sich zu ruhren und schaute verwundert herauf.

Ich sprang auf, ihm beizustehen, ich hob ihn auf und sah mich nach einem andern Stuhl um, auf welchen ich ihn setzen konnte. Aber ein Verwandter des Hauses raunte mir in die Ohren, ich mochte machen, dass wir fortkommen, mein Hofmeister scheine sich nicht in dieser Gesellschaft zu gefallen.

Wir folgten dem Wink und nahmen unsere Hute. Als ich mich von der gnadigen Frau beurlaubte, sagte sie mir viel Schones und lud mich ein, sie recht oft zu sehen; meinen armen Hofmeister wurdigte sie keines Blickes. Sie neigte sich so kalt als moglich, und liess ihn abziehen. Gelachter schallte uns nach, als wir den Saal verliessen, und ich hatte mit meiner Inkarnation so viel menschliche Eitelkeit angezogen, dass mich dieses Lachen ungemein argerte.

Wie gern hatte ich die Erzahlung jenes interessanten jungen Mannes zu Ende gehort7, wieviel Wichtiges und Psychologisches hatte ich noch von dem "Gardeuniform-liebenden" Fraulein erlauschen konnen; und war ich selbst nicht ganz dazu gemacht, junge Herzen an jenem Abend zu erobern? Ein junger, reicher, ich darf sagen, hubscher Mann auf Reisen, findet, wo er hinkommt, freundliche Augen, durch welche er so leicht in die Herzen einzieht und dies alles hatte mir das ungeschliffene Wesen des alten Menschen verdorben. Ich hatte ihn wurgen mogen, als wir im Wagen sassen.

"War es nicht genug", sagte ich, "dass du mit deinem scharfen Judenbart die zarte Hand der Gnadigen empfindlich burstetest? musstest du auch noch die Frau von Wollau durch dein unzeitiges Gelachter beleidigen? und kaum hast du es wieder gut gemacht, so bringst du aufs neue alles gegen dich auf? was gingen dich denn die Schwabenmadel an, dass du ihre Schonheit an den Teetischen Berlins predigest? darfst du denn sogar in China einer Schonen sagen, sie habe ein Teegesicht? Und jetzt, nachdem du die spitzigen Worte der ungnadigen Frau eingesteckt hattest, jetzt als alles auf das erste vernunftige Thema, das diesen Abend abgehandelt wurde, lauschte, jetzt fallst du, wie der selige Hohepriester Eli im zweiten Kapitel Samuelis, rucklings in den Saal, und zerschmetterst nicht den eigenen hohlen Schadel, wie jener wurdige judische Papst nein! einen zierlich geschnitzten Fauteuil und eine Tasse von Meissner Porzellan; sage, sprich, schlechter Kamerade, wie fingst du es nur an?"

"In Eurer Stelle, Herr Satan, ware ich nicht so arrogant gegen unsereinen", antwortete er verdriesslich, "Ihr wisst, dass Euch keine Gewalt uber meine Seele zusteht, denn seit anderthalb tausend Jahren kenne ich Eure Schliche und Ranke wohl. Was aber die ElisGeschichte betrifft, so will ich Euch reinen Wein einschenken, vorausgesetzt, Ihr begleitet mich in eine Auberge, denn der lapperichte Tee hier, mit dem man in China kaum die Tassen ausspulen wurde, mit dem noch schlechtern Arrak, haben mir ganz miserabel gemacht."

Ich liess vor einem Restaurateur halten und fuhrte den verungluckten Doktor Mucker hinein. Es war schon ziemlich tief in der Nacht, und nur noch wenige, aber echte Trinker in dem Wirtszimmer. Wir setzten uns an einen Tisch zu vier oder funf solcher nachtlichen Gesellen; ich liess fur den alten Menschen Burgunder auftragen, und in gelaufigem Malabarisch, wovon die Trinker gewiss nichts verstanden, forderte ich ihn auf, zu erzahlen.

Nachdem der Ewige Jude durch etliche Schlucke sich erholt hatte, begann er:

"Ich glaube, es ist ein Teil des Fluches, der auf mir ruht, dass ich, sobald ich mich in hohere Spharen der Gesellschaft wage, lacherlich werde; ein paar Beispiele mogen dir genugen:

Du weisst, dass ich, um mir die Langeweile des Erdenlebens zu vertreiben, zuweilen einen Liebeshandel suche nun verziehe dein Gesicht nur nicht so spottisch, ich bin eine Stereotypausgabe von einem kraftigen Funfz'ger, und ein solcher darf sich schon noch aufs Eis wagen ; nun hatte ich einmal in einem kleinen sachsischen Stadtchen eine Schone auf dem Korn. Ich hatte schon seit einigen Tagen Zutritt in das elterliche Haus und die kleine Kokette schien mir gar nicht abgeneigt. Ich kleidete mich sorgfaltiger, um ihr zu gefallen, ich scherwenzelte um sie her, wenn sie spazierenging, kurz, ich war ein so ausgemachter Geck, als je einer uber das Pflaster von Leipzig ging. In dem Stadtchen gehorte es zum guten Ton, morgens um neun Uhr an dem Haus seiner Schonen vorbeizugehen; schaute sie heraus, so wurde mit Grace der Hut gezogen, und etwas weniges geseufzt.

Dies hatte ich mir bald abgemerkt, und zog nun pflichtgemass, wenn die Glocke neun Uhr summte, an jenem Haus voruber, und ich hatte die Freude, zu sehen, wie mein Engel jedesmal zum Fenster herausschaute und huldreich lachelte. Eines Morgens war es sehr kotig auf der Strasse; ich ging also, um die weissseidenen Strumpfe zu schonen, auf den Zehenspitzen und machte Schritte wie ein Hahn. Aber vor dem Haus meiner Schonen war der Schmutz reinlich in grosse Haufen zusammengekehrt, denn der Papa war eine Art von Polizeiinspektor und musste den Einwohnern ein gutes Beispiel geben; wie freute sich mein Herz uber diese Reinlichkeit! ich konnte dort fester auftreten, ich konnte mit dem rechten Bein, wenn ich mein Kompliment machte, zierlich ausschweifen, ohne mich zu beschmutzen. Mein Engel schaute huldreich herab, freudig ziehe ich den Hut von dem schonfrisierten Toupet, schwenke ihn in einem kuhnen Bogen und o Ungluck er entwischt meiner Hand, er fahrt wie ein Pfeil in den aufgeschichteten Unrat, dass nur noch die Spitze hervorsieht.

Wie schon sagt Schiller:

'Einen Blick

nach dem Grabe

seiner Habe

sendet noch der Mensch zuruck.'

So stand ich wie niedergedonnert an dem Unrat. Sollte ich in zierlicher Stellung mit den Fingerspitzen den Hut herausziehen? aber dann war zu befurchten, dass er ganz ruiniert sei; sollte ich vollig chapeau bas weiterziehen, wie einer, der ohne Hut dem Galgen oder dem Tollhaus entsprungen?

Wie ein silbernes Feuerglockchen schlagt jetzt das lustige Lachen meiner Dulcinea an mein Ohr; brummend wie die schweren Totenglocken, das Grabgelaute meiner Hoffnung, antworten zehn Basse aus dem gegenuber stehenden Kaffeehaus, Husarenlieutenants, Schreiber, Kaufleute brullen aus den aufgerissenen Fenstern, und 'Hussa, Sultan, such verloren!' tont die Stimme meines furchtbarsten Rivalen, des Grafen Lobau. Eine englische Dogge von Menschenlange sturzt hervor, packt den verlornen Hut mit geubter Schnauze, rennt auf mich zu, stellt sich auf die Hinterbeine, tappt mit seinen Pfoten auf meine Schultern und prasentiert mir das triefende corpus delicti.

Was ich dir hier mit vielen Worten erzahle, mein Bester, war das Werk eines Augenblicks; wie angefroren war ich dagestanden, und erst die Zudringlichkeit des hoflichen Hundes gab mir meine Fassung wieder. Wieherndes, jauchzendes Gelachter scholl aus dem Cafe, und auch bei ihr waren alle Fenster mit Lachern angefullt; und als ich einen zartlichen Blick, den letzten, hinauflaufen liess, sah ich, wie sie das battistene Schnupftuch in den Mund schob, um nicht vor Lachen zu bersten; da verlor ich von neuem die Fassung. Wutend ergriff ich den Hut und schlug ihn der Dogge ins Gesicht; aber die Bestie verstand keinen Spass, sie packte mich an der zierlichen Busenstreife, ich liess ihr diese Spolien und machte mich eilends davon, durch dick und dunn galoppierend, aber die Bestie folgte, und andere Hunde und Gassenjungen sturzten nach und die schreckliche Jagd nahm erst ein Ende, als ich atemlos in das Portal meines Gasthofes sturzte.

Dass es mit meiner Liebe aus war, kannst du denken, besonders da ich nachher erfuhr, die Kokette habe alle ihre Anbeter um diese Stunde in das Kaffeehaus bestellt, um taglich meine Fensterparade zu bewundern!"

Ich bedauerte den Armen von Herzen, er aber griff ruhig nach seinem Glas, trank und fuhr dann fort:

"Kann dich versichern, so hundsfottisch ging es mir von jeher, besonders aber in der neuern aufgeklarten Zeit, wo man so ungemein viel auf das Schickliche halt und verzweifeln mochte, wenn der vortreffliche Reifrock der Etikette ein wenig unsanft beruhrt wird. Darum ist es mir bei einem Gastmahl immer hollenangst. Wird fette Sauce umhergegeben, so sehe ich schon im Geiste, dass ich damit zittern und sie verschutten werde; kommt dann der Bettel an mich, so bricht mir der Angstschweiss aus, die Sauciere klappert in meiner zitternden Hand furchterlich, sie schwankt, ich fahre mit der andern Hand darnach und richtig meine freundliche Nachbarin hat die ganze Bescherung auf dem neuen drap d'or, oder genuesischen Samtkleid, dass alles im schonsten Fett schwimmt. Habe ich aber endlich eine solche Fegefeuertour durchgemacht, ohne Sauce zu verschutten, ohne ein Glas umzuwerfen, ohne einen Loffel fallen zu lassen, ohne den Schosshund auf den Schwanz zu treten, ohne der Tochter des Hauses die grossten Sottisen zu sagen, wenn ich hoflich und pikant sein will, so fasst mich irgendein Unheil noch zum Schluss, dass ich mit Schande abziehe wie heute."

"Nun", fragte ich, "und was warf dich denn heute mitten ins Zimmer?"

"Als der langweilige Mensch seine Erzahlung anhub, wie er ein paar Pfaffen habe singen horen, und wie er einem hubschen Madchen nachgelaufen sei was man uberall tun kann, ohne gerade in Rom zu sein da ubermannte mich die Langeweile, die eines meiner Hauptubel ist, und so setzte ich, um mich zu unterhalten, meinen Stuhl ruckwarts in Bewegung und schaukelte mich ganz angenehm, auf einmal, ehe ich mich dessen versah, schlug der Stuhl mit mir ruckwarts uber und ich lag "

"Das habe ich leider gesehen, wie du lagst", sagte ich, "aber wie kann man nur in honetter Gesellschaft so ganz alle gute Sitte vergessen und mit dem Stuhl schaukeln."

"Sei jetzt ruhig und bringe mich nicht auf mit der verdammten Geschichte, ich habe heute abend kein Gluck gemacht, das ist alles. Bibamus diabole!" sagte der alte Mensch, indem er selbst mit tuchtigem Beispiel voranging und dann schmunzelnd auf das dunkelrote Glas wies: "Der ist koscher, Herr Bruder, guter Burgunder, echter Chambertin und wenigstens zwanzig Jahre alt. Du magst mich jetzt auslachen oder nicht, aber ein gutes altes Weinchen vom Sudstamme ist noch immer meine Leidenschaft, und ich behaupte, die Welt sieht jetzt nur darum so schlecht aus, weil so viel Tee, Branntwein und Bier, aber desto weniger Wein getrunken wird."

"Du konntest recht haben, Jude!"

"Wie stattlich", fuhr er im Eifer fort, "wie stattlich nahmen sich sonst die Wirtshauser aus; breite, gedrungene, kraftige Gestalten, den dreispitzigen Hut ein wenig auf die Seite gesetzt, rote Gesichter, feurige Augen, ins Blauliche spielende Nasen, honette Bauche so traten sie, das hohe mit Gold beschlagene Meerrohr in der Faust, feierlich grussend ins Zimmer; wenn der Hut am Nagel hing, der Stock in die Ecke gestellt war, schritt der Gast dem wohlbekannten Platzchen zu, das er seit Jahren sich zu eigen gemacht hatte, und das oft nach ihm getauft war; der Wirt stellte mit einem 'Wohl bekomm's' die Weinkanne vor den ehrsamen Trinker, die gewohnlichen BecherNachbarn fanden sich zur bestimmten Stunde ein, man trank viel, man schwatzte wenig und zog zur bestimmten Stunde wieder heim; so war es in den guten alten Zeiten, wie die Menschen sagen, die nach Jahren rechnen, so war es, und nur der Tod machte darin eine Anderung. Jetzt hangen sie alles an den Putz, machen Staat wie die Fursten, und sitzen den Wirten um zwei Groschen die Banke ab. Luftiges unstetes Gesindel fahrt in den Wirtshausern umher, man weiss nie mehr, neben wen man zu sitzen kommt, und das heissen die Leute Kosmopolitismus. Hochstens trifft man ein paar alte weingrune Gesichter von der echten Sorte, aber dies Geschlecht ist beinahe ausgestorben!"

"Schau nur dorthin", fiel ich ihm ein, "du Prediger in der Wuste, dort sitzen ein paar echte; sieh nur das kleine Mannlein dort in dem braunen Rockchen, wie es so feurig die roten Augen uber die Flasche hinrollen lasst; er scheint mir ein rechter Kenner, denn er trinkt den Nierensteiner Kirchhofwein, den er vor sich hat, in ganz kleinen Zugen, und zerdruckt ihn ordentlich auf der Zunge, ehe er schluckt. Und dort der grosse dicke Mann mit der roten Nase, ist er nicht eine Figur aus der alten Zeit? Nimmt er nicht das Glas in die ganze Faust, statt wie die Heutigen den kleinen und den Goldfinger zierlich auszustrecken? Ist er nicht schon an der vierten Flasche, seit wir hier sind, und hast du nicht bemerkt, wie er immer die Pfropfen in die Tasche steckt, um nachher zu zahlen, wie viele Flaschen er getrunken?"

"Wahrhaftig, diese sind echt!" rief der begeisterte Jude. "Ich bin jung gewesen und alt geworden, aber solcher gibt es nicht viele; lass uns zu ihnen uns setzen, mi fratercule!"

Wir hatten nicht fehl geraten; jene Trinker waren von der echten Sorte, denn schon seit zwanzig Jahren kommen sie alle Abende in das namliche Wirtshaus. Man kann sich denken, wie gerne wir uns an sie anschlossen; ich, weil ich solche Kauze liebe und aufsuche, der Ewige Jude aber, weil der Kontrast zwischen dem eleganten Tee und diesen Trinkern in seinen Augen sehr zugunsten der letzteren ausfiel; er wurde so kordial, dass er zu vergessen schien, dass er mit ihren Urvatern schon getrunken habe, dass er vielleicht mit ihren spaten Enkeln wieder trinken werde.

Die alten Gesellen mochten jetzt ihre Ladung haben, denn sie wurden freundlich, und fingen an zuerst leise vor sich hin zu brummen, dann gestaltete sich dieses Brummen zu einer Melodie, und endlich sangen sie mit heiserer Weinkehle ihre gewohnten Lieder. Auch den "alten Menschen" fasste diese Lust. Er dudelte die Melodien mit, und als sie geendet hatten, fing auch er sein Lied an. Er sang:

"Des Ewigen Juden Trinklied

Wer seines Leibes Alter zahlet

Nach Nachten, die er froh durchwacht,

Wer, ob ihm auch der Taler fehlet,

Sich um den Groschen lustig macht,

Der findet in uns seine Leute,

Der sei uns bruderlich gegrusst,

Weil ihn, wie uns der Gott der Freude

In seine sanften Arme schliesst.

Wenn von dem Tanze sanft gewieget,

Von Flotentonen suss berauscht,

Fein Liebchen sich im Arme schmieget,

Und Blick um Liebesblick sich tauscht;

Da haben wir im Flug genossen

Und schnell den Augenblick erhascht,

Und Herz am Herzen festgeschlossen

Der Lippen sussen Gruss genascht.

Den Wein kannst du mit Gold bezahlen,

Doch ist sein Feuer bald verraucht,

Wenn nicht der Gott in seine Strahlen,

In seine Geisterglut dich taucht;

Uns, die wir seine Hymnen singen,

Uns leuchtet seine Flamme vor,

Und auf der Tone freien Schwingen

Steigt unser Geist zum Geist empor.

Drum, die ihr frohe Freundesworte

Zum wurdigen Gesang erhebt.

Euch gruss ich, wogende Akkorde,

Dass ihr zu uns herniederschwebt!

Sie tauchen auf sie schweben nieder,

Im Vollton rauschet der Gesang,

Und lieblich hallt in unsre Lieder

Der vollen Glaser Feierklang.

So haben's immer wir gehalten

Und bleiben furder auch dabei,

Und mag die Welt um uns veralten,

Wir bleiben ewig jung und neu.

Denn, wird einmal der Geist uns trube,

Wir baden ihn im alten Wein.

Und ziehen mit Gesang und Liebe

In unsern Freudenhimmel ein."

Ob dies des Ewigen Juden eigene Poesie war, kann ich nicht bestimmt sagen, doch liess er mich zuzeiten merken, dass er auch etwas Poet sei; die zwei alten Weingeister aber waren ganz erfullt und erbaut davon; sie druckten dem alten Menschen die Hand, und gebardeten sich, als hatte er ihnen die ewige Seligkeit verkundigt.

Es schlug auf den Uhren drei Viertel vor zwolf Uhr. Der Ewige Jude sah mich an und brach auf, ich folgte. Ruhrend war der Abschied zwischen uns und den Trinkern, und noch auf der Strasse horten wir ihre heiseren Stimmen in wunderlichen Tonen singen:

"Und wird einmal der Geist uns trube.

Wir baden ihn im alten Wein.

Und ziehen mit Gesang und Liebe

In unsern Freudenhimmel ein."

III

Satans Besuch bei Herrn von Goethe

Nebst einigen einleitenden Bemerkungen

uber das Diabolische in der deutschen Literatur

Von Zeit zu Zeit seh ich den Alten gern

Und hute mich, mit ihm zu brechen,

Es ist gar hubsch von einem grossen Herrn

So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen.

Goethe

Sechzehntes Kapitel

Bemerkungen uber das Diabolische

in der deutschen Literatur

"Die Idee eines Teufels ist so alt als die Welt und nicht erst durch die Bibel unter die Menschen gekommen. Jede Religion hat ihre Damonen und bosen Geister naturlich weil die Menschen selbst von Anfang an gesundigt haben und nach ihrem gewohnlichen Anthropomorphismus das Bose, das sie sahen, einem Geiste zuschrieben, dessen Geschaft es sei, uberall wenn ich es bis zum Professor der Philosophie gebracht hatte, und nun uber die "Idee eines Teufels" mich breitmachen musste.

In meiner Stellung aber lache ich uber solche Demonstrationen, die gewohnlich darauf auslaufen, dass man mich mit zehnerlei Grunden hinwegzudisputieren sucht; ich lache daruber und behaupte, die Menschen, so dumm sie hie und da sein mogen, merken doch bald, wenn es nicht ganz geheuer um sie her ist, und mogen sie mich nun Ariman oder das bose Prinzip, Satan oder Herrn Urian nennen, sie kennen mich in allen Volkern und Sprachen. Es ist doch eine schone Sache um das dicier hic est, darum behagt mir auch die deutsche Literatur so sehr. Haben sich nicht die grossten Geister dieser Nation bemuht, mich zu verherrlichen, und, wenn ich's nicht schon ware, mich ewig zu machen?

In meiner Dissertatio de rebus diabolicis sage ich unter anderm hieruber folgendes: " 8. Die Idee, das moralische Verderben in einer Person darzustellen, musste sich daher den Dichtern bald aufdrangen; diese waren, wie es in Deutschland meistens der Fall war, philosophisch gebildet, doch war ihre Philosophie wie ihre Moral von jener breiten, dicken Sorte, die nicht mit Leichtigkeit uber Gegenstande hinzugleiten weiss, daher kam es, dass auch die Gebilde ihrer Phantasie jenes philosophische Blei an den Fussen trugen, das sie nicht mit Gewandtheit auftreten liess; sie stolperten auf die Buhne und von der Buhne, machten sich breit in Philosophemen, die der Zehendste nicht sogleich verstand, und drehten und wandten sich, als sollten sie auf einer engen Brucke ohne Gelander in Reifrocken einander ausweichen.

Daher kam es, dass auch die Teufel dieser Poeten ganzlich verzeichnet waren. Betrachten wir z.B. Klingers Satan. Wie vielen Bombast hat dieser arme Teufel zuerst in der Holle und dann auf der Erde herzuleiern!

Klingemanns Teufel! glaubt man nicht, er habe ihn nur geschwind aus dem Puppenspiel von der Strasse geholt, ihm die Glieder ausgereckt, bis er die rechte Grosse hatte, und ihn dann in die Szene gesetzt? man begreift nicht, wie ein Mensch sich von einem solchen Ungetum sollte verfuhren lassen!"

Es gibt noch mehrere solcher literarischen Ungetume, die hier aufzufuhren der Raum nicht erlaubt. Sie alle haben mir von jeher viel Spass gemacht, und ich kam mir oft vor, wie der Polichinello des italienischen Lustspiels; ich war bei diesen Leuten eine stehende Figur, die, wenn auch etwas anders aufgeputzt, doch immer wieder die Horner herausstreckte, und unter welche man zu besserer Kenntnis ein "Ecce homo", sehet, das ist der Teufel, schrieb.

Doch auch dem Teufel muss man Gerechtigkeit widerfahren lassen, sagt ein Sprichwort, folglich muss der Teufel zur Revanche auch wieder gerecht sein. "Ein jeder gibt, wie er's kann", fuhr ich in der Dissertation fort, "und wie sich in jenen Poeten das moralische Verderben bei jedem wieder in andern Reflexen abspiegelte, so gaben sie auch ihre Teufel. Daher kommt es, dass Herr Urian bei Klopstock wieder bei weitem anders aussieht.

Jener Abadonna ist ein gefallener Engel, dem das hollische Feuer die Flugel versengte, der sich aber auch jetzt noch nobel und wurdig ausnehmen soll. Aber leider ist dieser Zweck doch ein wenig verfehlt, mir wenigstens kommt dieser Klopstockische Gottseibeiuns vor, wie ein Elegant, der wegen Unarten aus den Salons verwiesen, sich in den Tabagien und spiessburgerlichen Klubs nicht recht zu finden weiss und darum unanstandig jammert."

So ungefahr sprach ich mich in jener gelehrten Dissertation aus, und ich gebe noch heute zu, dass die Auffassung wie jeder Idee, so auch der des Teufels sich nach den individuellen Ansichten des Dichters uber das Bose richten muss; dies alles aber entschuldiget keineswegs jenen beruhmten Mann, der, kraft seines umfassenden Genies, nicht den engen Grenzen seines Vaterlandes oder der Spanne Zeit, in welcher er lebt, sondern der Erde und kunftigen Jahrhunderten angehoren konnte, es entschuldigt ihn nicht darin, dass er einen so schlechten Teufel zur Welt gebracht hat.

Der Goethische Mephistopheles ist eigentlich nichts anders, als jener gehornte und geschwanzte Popanz des Volkes. Den Schweif hat er aufgerollt und in die Hosen gesteckt, fur die Bocksfusse hat er elegante Stiefel angezogen, die Horner hat er unter dem Baret verborgen siehe da den Teufel des grossen Dichters! Man wird mir einwenden, das gerade ist ja die grosse Kunst des Mannes, dass er tausend Faden zu spinnen weiss, durch die er seine kuhnen Gedanken, seine hohen uberschwenglichen Ideen an das Volksleben, an die Volkspoesie knupft. Halt Freund! ist es eines Mannes, der, wie sie sagen, so hoch uber seinem Gegenstand steht, und sich nie von ihm beherrschen lasst, ist es eines solchen Dichters wurdig, dass er sich in diese Fesseln der Popularitat schmiegt; sollte nicht der konigliche Adler dieses Volk bei seinem popularen Schopf fassen und mit sich in seine Sonnenhohe tragen?

Verzeihe, Wertester, erhalte ich zur Antwort, du vergissest, dass unter diesem Volke mancher eine Perucke tragt, wurde ein solcher nicht in Gefahr sein, dass ihm der Zopf breche und er aus halber Hohe wieder zur Erde sturzte? Siehe! der Meister hat dies besser bedacht; er hat aus jenen tausend Faden, von welchen ich dir sagte, eine Strickleiter geflochten, auf welcher seine Junger sauberlich und ohne Gefahr zu ihm hinaufklimmen. Der Meister aber setzet sie zu sich in seine Arche, gleich Noah schwebt er mit ihnen uber der Sundflut jetziger Zeit und schaut ruhig wie ein Gott in den Regen hinaus, der aus den Federn der kleinen Poeten stromt.

Ein wasseriges Bild! entgegne ich, und zugleich eine Sottise; befand sich denn in jener Arche nicht mehr Vieh als Menschen? und will der Meister warten, bis die Flut sich verlaufe und dann seine Stierlein und Eselein, seine Pfauen und Kamele, Paar und Paar auf die Erde spazieren lassen?

Will er vielleicht wie jener Patriarch die Erfindung des Weines sich zuschreiben, sich ein Patent daruber ausstellen lassen und uber seine Schenke schreiben, hier allein ist Echter zu haben, wie Maria Farina auf sein Kolnisches Wasser, so fur alle Schaden gut ist?

Aber, um wieder auf Mephistopheles zu kommen; gerade dadurch, dass er einen so uberaus popularen und gemeinen Teufel gab, hat Goethe offenbar nichts fur die Wurde seines schonsten Gedichtes gewonnen. Er wird zwar viele Leser herbeiziehen, dieser Mephisto, viele Tausende werden ausrufen: "Wie herrlich! das ist der Teufel wie er leibt und lebt." Um die ubrigen Schonheiten des Gedichtes bekummern sie sich wenig, sie sind vergnugt, dass es endlich einmal eine Figur in der Literatur gibt, die ihrer Sphare angemessen ist.

"Aber erkennst du denn nicht", wird man mir sagen "erkennst du nicht die herrliche, tiefe Ironie, die gerade in diesem Mephistopheles liegt?"

Ironie? und welche? ich sehe nichts in diesem meinem Konterfei, als den gemeinen "Ritter von dem Pferdefuss", wie er in jeder Spinnstube beschrieben wird. Man erlaube mir, dieses Bild noch naher zu beleuchten. Ich werde namlich vorgestellt als ein Geist, der beschworen werden kann, der sich nach magischen Gesetzen richten muss:

"Gesteh ich's nur, dass ich hinausspaziere,

verbietet mir ein kleines Hindernis

der Drudenfuss auf Eurer Schwelle";

und dieser Schwelle Zauber zu zerspalten

"Bedarf ich eines Rattenzahns",

daher befiehlt:

"der Herr der Ratten und der Mause,

der Fliegen, Frosche, Wanzen, Lause"

in einer Zauberformel seinem dienstbaren Ungeziefer die Kante, welche ihn bannte, zu benagen. Auch kann ich nicht in das Studierzimmer treten, ohne dass der Doktor Faust dreimal "Herein!" ruft. In andere Zimmer, wie z.B. bei Frau Martha und in Gretchens Stubchen trete ich ohne diese Erlaubnis. Doch den Schlussel zu diesen sonderbaren Zumutungen finden wir vielleicht in dem Vers:

"Gewohnlich glaubt der Mensch, wenn er nur

Worte hort,

Es musse sich dabei auch etwas denken lassen!"

Doch weiter. Ich stehe auf einem ganz besondern Fuss mit den Hexen. Die in der Hexenkuche hatte mich gewiss liebevoller empfangen, aber sie sah keinen Pferdefuss, und um mich bei ihr durch mein Wappen zu legitimieren, mache ich eine unanstandige Gebarde.

"Mein Freund, das lerne wohl verstehen,

Das ist die Art, mit Hexen umzugehen."

Auf dem Brocken in der Walpurgisnacht bin ich noch viel besser bekannt. Das Gehen behagt mir nicht, ich sage daher zum Doktor:

"Verlangst du nicht nach einem Besenstiele?

Ich wunschte mir den allerderbsten Bock."

Auch hier

"Zeichnet mich kein Knieband aus,

Doch ist der Pferdefuss hier ehrenvoll zu Haus."

Um unter diesem gemeinen Gelichter mich recht zu zeigen, tanze ich mit einer alten Hexe und unterhalte mich mit ihr in Zoten, die man nur durch Gedankenstriche

"Der hatt ein

So es war, gefiel mir's doch"

anzudeuten wagt. Ich bin, selbst in Fausts Augen, ein widerwartiger, hamischer Geselle, der

" kalt und frech

Ihn vor sich selbst erniedrigt "

Ich bin ohne Zweifel von hasslicher, unangenehmer Gestalt und Gesicht, zuruckstossend, was man, mit mildem Ausdruck markiert, intrikant und im gemeinen Leben einen abgefeimten Spitzbuben zu nennen pflegt.

Daher sagt Gretchen von mir:

"Der Mensch, den du da bei dir hast,

Ist mir in tiefer innrer Seele verhasst.

Es hat mir in meinem Leben

So nichts einen Stich ins Herz gegeben

Als des Menschen widrig Gesicht.

Seine Gegenwart bewegt mir das Blut,

Ich hab vor dem Menschen ein heimlich

Grauen.

Kommt er einmal zur Tur herein

Sieht er immer so spottisch drein

Und halb ergrimmt.

Es steht ihm an der Stirn geschrieben,

Dass er nicht mag eine Seele lieben" etc.

Daher sage ich auch nachher:

"Und die Physiognomie versteht sie meisterlich,

In meiner Gegenwart wird ihr, sie weiss nicht wie,

Mein Maskchen da weissagt verborgnen Sinn,

Sie fuhlt, dass ich ganz sicher ein Genie,

Vielleicht wohl gar der Teufel bin."

Soll dies bei Gretchen Ahnung sein? Ist sie befangen in der Nahe eines Wesens, das, wie man sagt, ihren Gott verleugnet? Ist es etwa ein unangenehmer Geruch, eine schwule Luft, die ihr meine Nahe angstlich macht? Ist es kindlicher Sinn, der den Teufel fruher ahnet, als der schon gefallene Mensch, wie Hunde und Pferde vor nachtlichem Spuk scheuen, wenn sie ihn auch nicht sehen? Nein es ist nur allein mein Gesicht, mein Maskchen, mein lauernder Blick, mein hohnisches Lacheln, das sie angstlich macht, so angstlich, dass sie sagt:

" Wo er nur mag zu uns treten,

mein ich sogar, ich liebte dich nicht mehr "

Wozu nun dies? warum soll der Teufel ein Gesicht schneiden, das jedermann Misstrauen einflosst, das zuruckschreckt, statt dass die Sunde, nach den gewohnlichsten Begriffen, sich lockend, reizend sehen lasst?

Wer hat nicht die herrlichen Umrisse uber Goethes Faust von dem genialen Retsch gesehen! Gewiss, selbst der Teufel muss an einem solchen Kunstwerk Freude haben. Ein paar Striche, ein paar Punktchen bilden das liebliche, sinnige Gesicht des kindlichen, keuschen Gretchens, Faust in der vollendeten Blute des Mannes steht neben ihr, welche Wurde noch in dem gefallenen Gottersohn!

Aber der Maler folgt der Idee des Dichters, und siehe, ein Scheusal in Menschengestalt steht neben jenen lieblichen Bildern. Die unangenehmen Formen des durren Korpers, das ausgedorrte Gesicht, die hassliche Nase, die tiefliegenden Augen, die verzerrten Mundwinkel hinweg von diesem Bild, das mich schon so oft geargert hat.8

Und warum diese hassliche Gestalt? frage ich noch einmal. Darum, antworte ich, weil Goethe, der so hoch uber seinem Werk schwebende Dichter, seinen Satan anthropomorphisiert; um den gefallenen Engel wurdig genug darzustellen, kleidet er ihn in die Gestalt eines tief gefallenen Menschen. Die Sunde hat seinen Korper hasslich, mager, unangenehm gemacht. In seinem Gesicht haben alle Leidenschaften gewuhlt und es zur Fratze entstellt, aus dem hohlen Auge spruht die grunliche Flamme des Neides, der Gier; der Mund ist widrig, hamisch wie der eines Elenden, der alles Schone der Erde schon gekostet hat und jetzt aus Ubersattigung den Mund daruber rumpft; der Unschuld ist es nicht wohl in seiner befleckenden Nahe, weil ihr vor diesen Zugen schaudert.

So hat der Dichter, weil er einen schlechten Menschen vor Augen hatte, einen schlechten Teufel gemalt.

Oder steht etwa in der Mythologie des Herrn von Goethe, der Teufel konne nun einmal nicht anders aussehen, er konne sein Gesicht, seine Gestalt nicht verwandeln? Nein, man lese:

"Auch die Kultur, die alle Welt beleckt,

Hat auf den Teufel sich erstreckt;

Das nordische Phantom ist nun nicht mehr zu

schauen,

Wo siehst du Horner, Schweif und Klauen?

Du nennst mich Herr Baron, so ist die Sache gut,

Ich bin ein Kavalier, wie andre Kavaliere;"

Und an einem andern Ort lasst er mich mein Gesicht ein "Maskchen" nennen; folglich kann er sich eine Maske geben, kann sich verwandeln; aber wie gesagt, der Dichter hat sich begnugt, das nordische Phantom dennoch beizubehalten, nur dass er mich von "Hornern, Schweif und Klauen" dispensiert.

Dies ist das Bild des Mephistopheles, dies ist Goethes Teufel, jenes nordische Phantom soll mich vorstellen; darf nun ein vom Dichter so hoch gestellter Mensch durch eine so niedrige Kreatur, die sich schon durch ihre Maske verdachtig macht, ins Verderben gefuhrt werden? darf jener grosse Geist, der noch in seinem Falle die ubrigen hoch uberragt, darf er durch einen gewohnlichen "Bruder Luderlich", als welchen sich Mephisto ausweist, herabgezogen werden? Und muss nicht diese Maske der Wurde jener Tragodie Eintrag tun?

Doch ich schweige; an geschehenen Dingen ist nichts zu andern, und meine verehrte Grossmutter wurde uber diesen Gegenstand zu mir sagen:

"Sohnchen! Diabole! Bedenke, dass ein grosser Dichter ein grosses Publikum haben, und um ein grosses Publikum zu bekommen, so popular als moglich sein muss."

Siebzehntes Kapitel

Der Besuch

Bei diesem allem bleibt "Faust" ein erhabenes Gedicht, und Goethe einer der ersten Geister seiner Zeit, und man darf sich daher nicht wundern, dass ich ein grosses Verlangen in mir fuhlte, diesen Mann einmal zu sehen. Ich hatte ihm einen unerwarteten Besuch machen konnen, ja wenn ich oft recht argerlich uber mein Zerrbild war, stand ich auf dem Sprung, ihm einmal im Kostum des Mephistopheles nachtlicherweile zu erscheinen, und ihm einigen Schrecken in die Glieder zu jagen; aber eine gewisse Gutmutigkeit, die man zuweilen an mir gefunden hat, hielt mich immer wieder ab, dem alten Mann eine schlaflose Nacht zu machen.

Ich entschloss mich daher, als Doctor legens, ein ehrsamer Titel auf Reisen, ihn zu besuchen, und als solcher kam ich in Weimar an. Es ist mit beruhmten Leuten wie mit einem fremden Tiere; kommt ein ehrlicher Pachter mit seiner Familie in die Stadt auf den Jahrmarkt, so ist sein erstes, dass er in der Schenke den Hausknecht fragt: "Wann kann man den Lowen sehen, Bursche?" "Mein Herr", antwortet der Gefragte, "die Affen und der Seehund sind den ganzen Tag zu haben, der Lowe aber ist am besten aufgelegt, wenn er das Futter im Leib hat, daher rate ich, um jene Zeit hinzugehen."

Geradeso erging es mir in Weimar; ich fuhr von Jena aus mit einem jungen Amerikaner hinuber. Auch in sein Vaterland war des Dichters Ruhm schon langst gedrungen, und er machte auf der grossen Tour durch Europa dem beruhmten Mann zu Ehren schon einen Umweg von zwanzig Meilen. In dem Gasthof, wo wir abgestiegen waren, fragten wir sogleich, um welche Zeit wir bei Herrn von Goethe vorkommen konnten? Wir waren in Reisekleidern, die besonders bei meinem Gefahrten etwas unscheinbar geworden waren; der Wirt musterte uns daher mit misstrauischen Blicken und fragte, ehe er noch unsere Frage beantwortete, ob wir auch Fracks bei uns hatten?

Wir waren glucklicherweise beide damit versehen, und unser Wirt versprach, uns sogleich anmelden zu lassen. "Sie werden wahrscheinlich nach dem Diner, um funf Uhr angenommen werden, um diese Zeit sind Seine Exzellenz am besten zu sprechen. Zweifle auch gar nicht, dass Sie angenommen werden, denn wenn man, wie der Herr hier, eigens deswegen aus Amerika nach Weimar kommt, ware es doch unbarmherzig, einen ungesehen wieder fortzuschicken."

Dieser Patriotismus ging doch wahrhaftig sehr weit; doch wir liessen den guten Mann auf dem Glauben, der junge Philadelphier komme recta nach Weimar, und gehe von da wieder heim; ubrigens hatte er richtig prophezeit: Doctor legens Supfer, wie ich mich nannte, und Forthill aus Amerika, waren auf funf Uhr bestellt.

Endlich schlug die Stunde, wir machten uns auf den Weg. Der Dichter wohnt sehr schon. Eine sanfte, geschmackvolle, mit Statuen dekorierte Treppe fuhrt zu ihm; eine tiefe, geheimnisvolle Stille lag auf dem Hausgang, den wir betraten; schweigend fuhrte uns der Diener in das Besuchzimmer. Behagliche Eleganz, Zierlichkeit und Feinheit, verbunden mit Wurde, zeichneten dieses Zimmer aus. Mein junger Gefahrte betrachtete staunend diese Wande, diese Bilder, diese Meubles. So hatte er sich wohl das "Stubchen des Dichters" nicht vorgestellt. Mit der Bewunderung dieser Umgebungen schien auch die Angst vor der Grosse des Erwarteten zu steigen. Alle Nuancen von Rot wechselten auf seinem angenehmen Gesicht; sein Herz pochte horbar, sein Auge war starr an die Ture geheftet, durch welche der Gefeierte eintreten musste.

Ich hatte indes Musse genug, uber den grossen Mann nachzudenken. Wieviel weiter, sagte ich mir, wie unendlich weiter helfen dem Sterblichen Gaben des Geistes als der zufallige Glanz der Geburt.

Der Sohn eines unscheinbaren Burgers von Frankfurt hat hier die hochste Stufe erreicht, die dem Menschen, nach dem gewohnlichen Lauf der Dinge, offensteht. Es hat schon mancher diese Stufe erstiegen. Geschaftsmanner vom Fach haben vom bescheidenen Platzchen an der Ture alle Sitze ihrer Kollegien durchlaufen, bis endlich der Stuhl, der zunachst am Throne steht, sie in seine Arme aufnahm. Mancher hat sich auf dem Schlachtfeld das Portefeuille erkampft. Goethe hat sich seine eigene Bahn gebrochen, auf welcher ihm noch keiner voranging, noch keiner gefolgt ist; er hat bewiesen, dass der Mensch kann, was er will; denn man sage mir nichts von einem das All umfassenden Genie, von einem Geist, der sein Zeitalter gebildet, es stufenweise zu dem Hoheren gefuhrt habe das Zeitalter hat ihn gebildet.

Ich kann mir noch wohl denken, welch heilloses Leben "Werther" in das liebe Deutschland machte. Die Lotten schienen wie durch einen Zauberschlag aus dem Boden zu wachsen; die Zahl der Werther war Legion. Aber was war hierin Goethes Verdienst? Hatte es wirklich nur daran gefehlt, dass er das Hornchen an den Mund setzte, und bei dem ersten Ton, den er angab, musste Pfaffe und Laie, Nonnchen und Damchen in wunderlichen Kapriolen ihren SanktVeits-Tanz beginnen? Wie heisst dieses grosse schopferische Geheimnis? Alles zu rechter Zeit. Der "Siegwart" hatte die harten Herzen aufgetaut und sie fur allen moglichen Jammer, fur Mondschein und Graber empfanglich gemacht, da kommt Goethe.

Die Ture ging auf er kam.

Dreimal buckten wir uns tief, und wagten es dann an ihm hinauf zu blinzeln. Ein schoner, stattlicher Greis! Augen so klar und helle, wie die eines Junglings, die Stirne voll Hoheit, der Mund voll Wurde und Anmut; er war angetan mit einem feinen schwarzen Kleid, und auf seiner Brust glanzte ein schoner Stern. Doch er liess uns nicht lange Zeit zu solchen Betrachtungen; mit der feinen Wendung eines Weltmannes, der taglich so viele Bewunderer bei sich sieht, lud er uns zum Sitzen ein.

Was war ich doch fur ein Esel gewesen, in dieser so gewohnlichen Maske zu ihm zu gehen. Doctores legentes mochte er schon viele Hunderte gesehen haben. Amerikaner, die, wie unser Wirt meinte, ihm zulieb auf die See gingen, gewiss wenige; daher kam es auch, dass er sich meist mit meinem Gefahrten unterhielt. Hatte ich mich doch fur einen gelehrten Irokesen oder einen schonen Geist vom Mississippi ausgegeben. Hatte ich ihm nicht Wunderdinge erzahlen konnen, wie sein Ruhm bis jenseits des Ohio gedrungen, wie man in den Kapanen von Louisiana uber ihn und seinen "Wilhelm Meister" sich unterhalte? So wurden mir einige unbedeutende Floskeln zuteil, und mein glucklicherer Gefahrte durfte den grossen Mann unterhalten.

Wie falsch sind aber oft die Begriffe, die man sich von der Unterhaltung mit einem grossen Manne macht! Ist er als witziger Kopf bekannt, so wahnt man, wenn man ihn zum erstenmal besucht, einer Art von Elektrisiermaschine zu nahen. Man schmeichelt ihm, man glaubt, er musse dann Witzfunken von sich strahlen, wie die schwarzen Katzen, wenn man ihnen bei Nacht den Rucken streichelt; ist er ein Romandichter, so spitzt man sich auf eine interessante Novelle, die der Beruhmte zur Unterhaltung nur geschwind aus dem Armel schutteln werde; ist er gar ein Dramatiker, so teilt er uns vielleicht freundschaftlich den Plan zu einem neuen Trauerspiel mit, den wir dann ganz warm unseren Bekannten wieder vorsetzen konnen. Ist er nun gar ein umfassender Kopf wie Goethe, einer der, sozusagen, in allen Satteln gerecht ist wie interessant, wie belehrend muss die Unterhaltung werden; wie sehr muss man sich aber auch zusammennehmen, um ihm zu genugen.

Der Amerikaner dachte auch so, ehe er neben Goethe sass; sein Ich fuhr, wie das des guten Walt, als er zum Flitte kam9, angstlich oben in allen vier Gehirnkammern, und darauf unten in beiden Herzkammern wie eine Maus umher, um darin ein schmackhaftes Ideenkornchen aufzutreiben, das er ihm zutragen, und vorlegen konnte zum Imbiss. Er blickte angstvoll auf die Lippen des Dichters, damit ihm kein Wortchen entfalle, wie der Kanditat auf den strengen Examinator, er knickte seinen Hut zusammen, und zerpfluckte einen glacierten Handschuh in kleine Stucke. Aber welcher Zentnerstein mochte ihm vom Herz fallen, als der Dichter aus seinen Hohen zu ihm herabstieg, und mit ihm sprach, wie Hans und Kunz in der Kneipe. Er sprach namlich mit ihm vom guten Wetter in Amerika, und indem er uber das Verhaltnis der Winde zu der Luft, der Dunste des wasserreichen Amerika zu denen in unserem alten Europa sich verbreitete, zeigte er uns, dass das All der Wissenschaft in ihm aufgegangen sei, denn er war nicht nur lyrischer und epischer Dichter, Romanist und Novellist, Lustspiel- und Trauerspieldichter, Biograph (sein eigener) und Ubersetzer nein, er war auch sogar Meteorolog!

Wer darf sich ruhmen, so tief in das geheimnisvolle Reich des Wissens eingedrungen zu sein? Wer kann von sich sagen, dass er mit jedem seine Sprache, d.h. nicht seinen vaterlandischen Dialekt, sondern das, was ihm gerade gelaufig und wert sein mochte, sprechen konne. Ich glaube, wenn ich mich als reisender Koch bei ihm aufgefuhrt hatte, er hatte sich mit mir in gelehrte Diskussionen uber die geheimnisvolle Komposition einer Ganseleberpastete eingelassen, oder nach einer Sekundenuhr berechnet, wie lange man ein Beefsteak auf jeder Seite schmoren musse.

Also uber das schone Wetter in Amerika sprachen wir, und siehe das Armesundergesicht des Amerikaners hellte sich auf, die Schleusen seiner Beredsamkeit offneten sich er beschrieb den feinen weichen Regen von Kanada, er liess die Fruhlingssturme von New York brausen, und pries die Regenschirmfabrik in der Franklinstrasse zu Philadelphia. Es war mir am Ende, als ware ich gar nicht bei Goethe, sondern in einem Wirtshaus unter guten alten Gesellen, und es wurde bei einer Flasche Bier uber das Wetter gesprochen, so menschlich, so kordial war unser Diskurs; aber das ist ja gerade das grosse Geheimnis der Konversation, dass man sich angewohnt nicht gut zu sprechen, sondern gut zu horen. Wenn man dem weniger Gebildeten Zeit und Raum gibt zu sprechen, wenn man dabei ein Gesicht macht, als lausche man aufmerksam auf seine Honigworte, so wird er nachher mit Enthusiasmus verkunden, dass man sich bei dem und dem kostlich unterhalte.

Dies wusste der vielerfahrene Dichter, und statt uns von seinem Reichtum ein Scherflein abzugeben, zog er es vor, mit uns Witterungsbeobachtungen anzustellen.

Nachdem wir ihn hinlanglich ennuyiert haben mochten, gab er das Zeichen zum Aufstehen, die Stuhle wurden geruckt, die Hute genommen, und wir schickten uns an, unsere Abschiedskomplimente zu machen. Der gute Mann ahnete nicht, dass er den Teufel zitiere, als er grossmutig wunschte, mich auch ferner bei sich zu sehen, ich sagte ihm zu, und werde es zu seiner Zeit schon noch halten, denn wahrhaftig, ich habe seinen Mephistopheles noch nicht hinuntergeschluckt. Noch einen zwei Bucklinge, wir gingen.

Stumm und noch ganz stupid vor Bewunderung folgte mir der Amerikaner nach dem Gasthof; die Rote des lebhaften Diskurses lag noch auf seiner Wange, zuweilen schlich ein beifalliges Lacheln um seinen Mund, er schien hochst zufrieden mit dem Besuch.

Auf unserem Zimmer angekommen warf er sich heroisch auf einen Stuhl, und liess zwei Flaschen Champagner auftragen. Der Kork fuhr mit einem Freudenschuss an die Decke, der Amerikaner fullte zwei Glaser, bot mir das eine, und stiess an auf das Wohlsein jenes grossen Dichters.

"Ist es nicht etwas Erfreuliches", sagte er, "zu finden, so hoch erhabene Manner seien wie unsereiner? War mir doch angst und bange vor einem Genie, das dreissig Bande geschrieben; ich darf gestehen, bei dem Sturm, der uns auf offener See erfasste, war mir nicht so bange, und wie herablassend war er, wie vernunftig hat er mit uns diskurriert, welche Freude hatte er an mir, wie ich aus dem neuen Lande kam!" Er schenkte sich dabei fleissig ein, und trank auf seine und des Dichters Gesundheit, und von der erlebten Gnade und vom Schaumwein benebelt, sank er endlich mit dem Entschluss, Amerikas Goethe zu werden, dem Schlaf in die Arme.

Ich aber setzte mich zu dem Rest der Bouteillen. Dieser Wein ist von allen Getranken der Erde der, welcher mir am meisten behagt, sein leichter fluchtiger Geist, der so wenig irdische Schwere mit sich fuhrt, macht ihn wurdig, von Geistern, wenn sie in menschlichen Korpern die Erde besuchen, gekostet zu werden.

Ich musste lacheln, wenn ich auf den seligen Schlafer blickte; wie leicht ist es doch fur einen grossen Menschen, die andern Menschen glucklich zu machen; er darf sich nur stellen, als waren sie ihm so ziemlich gleich, und sie kommen beinahe vom Verstand.

Dies war mein Besuch bei Goethe, und wahrhaftig, ich bereute nicht, bei ihm gewesen zu sein, denn:

"Von Zeit zu Zeit seh ich den Alten gern,

Und hute mich mit ihm zu brechen,

Es ist gar hubsch von einem grossen Herrn,

So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen."

IV

Der Festtag im Fegefeuer

Eine Skizze

Das grosste Gluck der Geschichtsschreiber ist,

dass die Toten nicht gegen ihre Ansichten prote

stieren konnen.

Welt und Zeit. I

Achtzehntes Kapitel

Beschreibung des Festes.

Satan lernt drei merkwurdige Subjekte kennen

Ich teile hier einen Abschnitt aus meinen Memoiren mit, welcher zwar nicht mich selbst betrifft, den ich mir aber aufzeichnete, weil er mir sehr interessant war, und vielleicht auch anderen nicht ohne einiges Interesse sein mochte. Er fuhrt die Aufschrift "Der Festtag im Fegefeuer," und kam durch folgende Veranlassung zu diesem Titel. Es ist auf der Erde bei allen grossen Herrn und Potentaten Sitte, ihre Freude und ihre Trauer recht laut und deutlich zu begehen. dem Staube wiedergegeben wird, haben die Kuster im Land schwere Arbeit, denn man lautet viele Tage lang alle Glocken. Wird eine Prinzess oder gar ein Stammhalter geboren, so verkundet schrecklicher Kanonendonner diese Nachricht. Landesvaterliche oder landesmutterliche Geburtstage werden mit allem moglichen Glanz begangen; die Burgermilizen rucken aus, die Honoratioren halten einen Schmaus, abends ist Ball, oder doch wenigstens in den Landstadtchen biere dansante; kurz, alles lebt in dulci jubilo an solchen Tagen.

Um nun meiner guten Grossmutter eine Ehre zu erweisen, hielt ich es auch schon seit mehreren Jahrhunderten so. Im Fegefeuer, wo sie sich gewohnlich aufhalt, ist immer an diesem Tage allgemeine Seelenfreiheit. Die Seelen bekommen diesen Tag uber den Korper, den sie auf der Oberflache hatten, ihre Kleider, ihre Gewohnheiten, ihre Sitten. Was von Adel da ist, muss Deputationen zum Handkuss der Alten schicken (in pleno konnen sie nicht vorgelassen werden, weil sonst die Prozession einige Tage lang dauerte). Ehemalige Hofmarschalle, Kammerherren usw. haben den grossen Dienst, und schatzen es sich zur Ehre, die Honneurs zu machen, die Festlichkeiten zu leiten, die Touren bei den Ballen, welche abends gegeben werden, zu arrangieren usw.

Ich erfulle durch diese Festlichkeiten einen doppelten Zweck; einmal fuhlt sich chere Grande-Mama ungemein geschmeichelt durch diese Aufmerksamkeit, zweitens gelte ich unter den Seelen fur einen honetten Mann, der ihnen auch ein Vergnugen gonnt, drittens macht dieser einzige Tag, in Freude und alten Gewohnheiten zugebracht, dass die Seelen sich nachher um so unglucklicher fuhlen; was ganz zu dem Zweck einer solchen Anstalt, wie das Fegefeuer ist, passt.

An einem solchen Festtag gehe ich dann verkleidet durch die Menge; manchmal erkennt man mich zwar, ein tausendstimmiges: "Vivat der Herr Teufel! vive le diable!" erfreut dann mein landesvaterliches Herz, doch weiss ich wohl, dass es nicht weniger erzwungen ist, als ein Hurra auf der Oberwelt, denn sie glauben, ich drucke sie noch mehr, wenn sie nicht schreien.

In meinem Inkognito besuche ich dann die verschiedenen Gruppen; tout comme chez vous, meine Herren, nur etwas grotesker, Kaffeegesellschaften, Tee von allen Sorten, diplomatische, militarische, theologische, staatswirtschaftliche, medizinische Klubs finden sich wie durch naturlichen Instinkt zusammen, machen sich einen guten Tag und fuhren ergotzliche Gesprache, die, wenn ich sie mitteilen wollte, auf manches Ereignis neuerer und alterer Zeit ein hubsches Licht werfen wurden.

Einst trat ich in einen Saal des Cafe de Londres (denn, nebenbei gesagt, es ist an diesem Tag alles auf grossem Fuss und hochst elegant eingerichtet) ich traf dort nur drei junge Manner, die aber durch ihr Ausseres gleich meine Neugierde erweckten und mir, wenn sie ins Gesprach miteinander kommen sollten, nicht wenig Unterhaltung zu versprechen schienen. Ich verwandelte daher meinen Anzug in das Kostum eines flinken Kellners und stellte mich in den Saal, um die Herrschaften zu bedienen.

Zwei dieser jungen Leute beschaftigten sich mit einer Partie Billard; ich markierte ihnen und betrachtete mir indes den dritten. Er war nachlassig in einen geraumigen Fauteuil zuruckgelehnt, seine Beine ruhten auf einem vor ihm stehenden kleineren Stuhl, seine linke Hand spielte nachlassig mit einer Reitgerte, sein rechter Arm unterstutzte das Kinn. Ein schoner Kopf! das Gesicht langlich und sehr bleich; die Stirne hoch und frei, von hellbraunen, wohlfrisierten Haaren umgeben, die Nase gebogen und spitzig wie aus weissem Wachs geformt, die Lippen dunn und angenehm gezogen, das Auge blau und hell, aber gewohnlich kalt und ohne alles Interesse langsam uber die Gegenstande hingleitend; dies alles und ein feiner Hut enger oben als unten, nachlassig auf ein Ohr gedruckt, liessen mich einen Englander vermuten. Sein sehr feines blendend weisses Linnenzeug, die gewahlte, uberaus einfache Kleidung konnte nur einem Gentleman, und zwar aus den hochsten Standen gehoren. Ich sah in meiner Liste nach, und fand, es sei Lord Robert Fotherhill. Er winkte, indem ich ihn so betrachtete, mit den Augen, weil es ihm wahrscheinlich zu unbequem war, zu rufen, ich eilte zu ihm, und stellte auf seinen Befehl ein grosses Glas Rum, eine Havannazigarre und eine brennende Wachskerze vor ihn hin.

Die beiden andern Herren hatten indes ihr Spiel geendigt und nahten sich dem Tische, an welchem der Englander sass; ich warf schnell einen Blick in meine Liste und erfuhr, der eine sei ein junger Franzose, Marquis de Lasulot, der andere ein Baron von Garnmacher, ein Deutscher.

Der Franzose war ein kleines untersetztes, gewandtes Mannchen. Sein schwarzes Haar und der dichtgelockte schwarze Backenbart standen sehr hubsch zu einem etwas verbrannten Teint, hochroten Wangen und beweglichen, freundlichen schwarzen Augen; um die vollen roten Lippen und das wohlgenahrte Kinn zog sich jenes schone unnachahmliche Blau, welches den Damen so wohl gefallen soll, und in England und Deutschland bei weitem seltener, als in sudlichern Landern gefunden wird, weil hier der Bartwuchs dunkler, dichter und auch fruher zu sein pflegt, als dort.

Offenbar ein Incroyable von der Chaussee d'Antin! Das elegante Neglige, wie es bis auf die geringste Kleinigkeit hinaus der eigensinnige Geschmack der Pariser vor vier Monaten (so lange mochte der junge Herr bereits verstorben sein) haben wollte. Von dem, mit zierlicher Nachlassigkeit umgebundenen ostindischen Halstuch, dem kleinen blassroten Shawl mit einer Nadel a la Duc de Berry zusammengehalten, bis herab auf die Kamaschen, die man damals seit drei Tagen nach innen zuknopfte, bis auf die Schuhe, die, um als modisch zu gelten, an den Spitzen nach dem grossen Zehen sich hinneigen, und ganz ohne Absatz sein mussten, ich sage bis auf jene Kleinigkeiten, die einem Ungeweihten, geringfugig und miserabel, einem, der in die Mysterien hinlanglich eingefuhrt ist, wichtig und unumganglich notwendig erscheinen, war er gewissenhaft nach dem neuesten "Geschmack fur den Morgen" angezogen.

Er schien soeben erst seinem Jean die Zugel seines Cabriolets in die Hand gedruckt, die Peitsche von geglattetem Fischbein kaum in die Ecke des Wagens gelehnt zu haben und jetzt in meinen Kaffee hereingeflogen zu sein, um mehr gesehen zu werden, als zu sehen, mehr zu schwatzen, als zu horen.

Er lorgnettierte fluchtig den Gentleman im Fauteuil, schien sich an dem ungemeinen Rumglas und dem Rauchapparat, den jener vor sich hatte, ein wenig zu entsetzen, schmiegte sich aber nichtsdestoweniger an die Seite Seiner Lordschaft und fing an zu sprechen:

"Werden Sie heute abend den Ball besuchen, mein Herr, den uns Monseigneur le diable gibt? Werden viel Damen dort sein, mein Herr? ich frage, ich bitte Sie, weil ich wenig Bekanntschaft hier habe.

Mein Herr, darf ich Ihnen vielleicht meinen Wagen anbieten, um uns beide hinzufuhren; es ist ein ganz honettes Ding, dieser Wagen, habe ich die Ehre, Sie zu versichern, mein Herr; er hat mich bei Latonnier vor vier Monaten achtzehnhundert Franken gekostet. Mein Herr, Sie brauchen keinen Bedienten mitzunehmen, wenn ich die Ehre haben sollte, Sie zu begleiten, mein Jean ist ein Wunderkerl von einem Bedienten."

So ging es im Galopp uber die Zunge des Incroyable. Seine Lordschaft schien sich ubrigens nicht sehr daran zu erbauen. Er sah bei den ersten Worten den Franzosen starr an, richtete dann den Kopf ein wenig auf, um seine rechte Hand frei zu machen, ergriff mit dieser die erste Bewegung seit einer halben Stunde das Kelchglas, nippte einige Zuge Rum, rauchte behaglich seine Zigarre an, legte den Kopf wieder auf die rechte Hand, und schien dem Franzosen mehr mit dem Auge als mit dem Ohr zuzuhoren und auch auf diese Art antworten zu wollen, denn er erwiderte auch nicht eine Silbe auf die Einladung des redseligen Franzosen und schien, wie sein Landsmann Shakespeare sagt:

"der Zahne doppelt Gatter"

vor seine Sprachorgane gelegt zu haben.

Der Deutsche hatte sich wahrend dieses Gespraches dem Tische genahert, eine hofliche Verbeugung gemacht und einen Stuhl dem Lord gegenuber genommen. Man erlaube mir, auch ihn ein wenig zu betrachten. Er war, was man in Deutschland einen gewichsten jungen Mann zu nennen pflegt, ein Stutzer; er hatte blonde, in die Hohe strebende Haare, an die etwas niedere Stirne schloss sich ein "allerliebstes Stumpfnaschen", uber dem Mund hing ein Stutzbartchen, dessen Enden hinaufgewirbelt waren, seine Miene war gutmutig, das Auge hatte einen Ausdruck von Klugheit, der wie gut angebrachtes Licht auf einem grobschattierten Holzschnitt keinen ublen Effekt hervorbrachte.

Seine Kleidung, wie seine Sitten schien er von verschiedenen Nationen entlehnt zu haben. Sein Rock mit vielen Knopfen und Schnuren war polnischen Ursprungs; er war auf russische Weise auf der Brust vier Zoll hoch wattiert, schloss sich spannend uber den Huften an, und formierte die Taille so schlank, als die einer hubschen Altenburgerin; er hatte ferner enge Reithosen an, weil er aber nicht selbst ritt, so waren solche nur aus dunnem Nanking verfertigt, aus ebendiesem Grund mochten auch die Sporen mehr zur Zierde und zu einem wohltonenden, Aufmerksamkeit erregenden Gang, als zum Antreiben eines Pferdes dienen. Ein feiner italienischer Strohhut vollendete das gewahlte Kostum.

Ich sehe es einem gleich bei der Art, wie er den Stuhl nimmt und sich niedersetzt, an, ob er viel in Zirkeln lebte, wo auch die kleinste Bewegung von den Gesetzen des Anstandes und der feinen Sitte geleitet wird; der Stutzer setzte sich passabel, doch bei weitem nicht mit jener feinen Leichtigkeit, wie der Franzose, und der Englander zeigte selbst in seiner nachlassigen, halb sitzenden, halb liegenden Stellung mehr Wurde als jener, der sich so gut aufrecht hielt, als es nur immer ein Tanzmeister lehren kann.

Diese Bemerkungen, zu welchen ich vielleicht bei weitem mehr Worte verwendet habe, als es dem Leser dieser Memoiren notig scheinen mochte, machte ich in einem Augenblick, denn man denke sich nicht, dass der junge Deutsche mir so lange gesessen sei, bis ich ihn gehorig abkonterfeit hatte.

Der Marquis wandte sich sogleich an seinen neuen Nachbar. "Mein Gott, Herr von Garnmacker", sagte er, "ich mochte verzweifeln; der englische Herr da scheint mich nicht zu verstehen und ich bin seiner Sprache zu wenig machtig, um die Konversation mit gehoriger Lebhaftigkeit zu fuhren; denn ich bitte Sie, mein Herr, gibt es etwas Langweiligeres, als wenn drei schone junge Leute beieinander sitzen, und keiner den andern versteht?"

"Auf Ehre, Sie haben recht", antwortete der Stutzer in besserem Franzosisch, als ich ihm zugetraut hatte; "man kann sich zur Not denken, dass ein Turke mit einem Spanier Billard spielt, aber ich sehe nicht ab, wie wir unter diesen Umstanden mit dem Herrn plaudern konnen."

"J'ai bien compris, Messieurs", sagte der Lord ganz ruhig neben seiner Zigarre vorbei, und nahm wieder einigen Rum zu sich.

"Ist's moglich, Mylord?" rief der Franzose vergnugt, "das ist sehr gut, dass wir uns verstehen konnen! Marqueur, bringen Sie mir Zuckerwasser! O das ist vortrefflich, dass wir uns verstehen, welch schone Sache ist es doch um die Mitteilung, selbst an einem Ort, wie dieser hier."

"Wahrhaftig, Sie haben recht, Bester!" gab der Deutsche zu; "aber wollen wir nicht zusammen ein wenig umherschlendern, um die schone Welt zu mustern? Ich nenne Ihnen schone Damen von Berlin, Wien, von allen moglichen Stadten meines Vaterlandes, die ich bereist habe; ich hatte oben grosse Bekanntschaften und Konnexionen, und darf hoffen, an diesem verfl... Ort manche zu treffen, die ich zu kennen das Gluck hatte; Mylord nennt uns die Schonen von London, und Sie, teuerster Marquis, konnen uns hier Paris im kleinen zeigen."

"Gott soll mich behuten!" entgegnete eifrig der Franzose, indem er nach der Uhr sah, "jetzt, um diese fruhe Stunde wollen Sie die schone Welt mustern?"

"Meinen Sie, mein Herr, ich habe in diesem detestable purgatoire so sehr allen guten Ton verlernt, dass ich jetzt auf die Promenade gehen sollte?"

"Nun, nun", antwortete der Stutzer, "ich meine nur, im Fall wir nichts Besseres zu tun wussten. Sind wir denn nicht hier wie die drei Manner im Feuerofen? Sollen wir wohl ein Loblied singen wie jene? Doch wenn es Ihnen gefallig ist, mein Herr, uns einen Zeitvertreib vorzuschlagen, so bleibe ich gerne hier."

"Mein Gott", entgegnete der Incroyable, "ist dies nicht ein so anstandiger Kaffee, als Sie in ganz Deutschland keinen haben? Und fehlt es uns an Unterhaltung? Konnen wir nicht plaudern, soviel wir wollen? Sagen Sie selbst, Mylord, ist es nicht ein gutes Haus, kann man diesen Salon besser wunschen, nein! Monsieur le diable hat Geschmack in solchen Dingen, das muss man ihm lassen."

"Une confortable maison!" murmelte Mylord, und winkte dem Franzosen Beifall zu. "Et ce salon confortable."

"Gute Tafel, mein Herr?" fragte der Marquis, "nun die wird auch da sein, ich denke mir, man speist wohl nach der Charte? Aber meine Herren, was sagen Sie dazu, wenn wir uns zur Unterhaltung gegenseitig etwas aus unserem Leben erzahlen wollten? Ich hore so gerne interessante Abenteuer, und Baron Garnmakker hat deren wohl so viele erlebt als Mylord?"

"God damn! das war ein vernunftiger Einfall, mein Herr", sagte der Englander, indem er mit der Reitgerte auf den Tisch schlug, die Fusse von dem Stuhl herabzog, und sich mit vieler Wurde in dem Fauteuil zurechtsetzte; "noch ein Glas Rum, Marqueur!"

"Ich stimme bei", rief der Deutsche, "und mache Ihnen uber Ihren glucklichen Gedanken mein Kompliment, Herr von Lasulot. Eine Flasche Rheinwein, Kellner! Wer soll beginnen, zu erzahlen?"

"Ich denke, wir lassen dies das Los entscheiden", antwortete Lord Fotherhill, "und ich wette funf Pfund, der Marquis muss beginnen."

"Angenommen, mein Herr", sagte mit angenehmem Lacheln der Franzose; "machen Sie die Lose, Herr Baron, und lassen Sie uns ziehen, Nummer zwei soll beginnen."

Baron Garnmacher stand auf und machte die Lose zurecht liess, ziehen und die zweite Nummer fiel auf ihn selbst.

Ich sah den Franzosen dem Lord einen bedeutenden Wink zuwerfen, indem er das linke Auge zugedruckt, mit dem rechten auf den Deutschen hinuberdeutete; ich ubersetzte mir diesen Wink so: "Geben Sie einmal acht, Mylord, was wohl unser ehrlicher Deutscher vorbringen mag. Denn wir beide sind schon durch den Rang unserer Nationen weit uber ihn erhaben."

Baron von Garnmacher schien aber den Wink nicht zu beachten; mit grosser Selbstgefalligkeit trank er ein Glas seines Rheinweins, wischte in der Eile den Stutzbart mit dem Rockarmel ab und begann:

Neunzehntes Kapitel

Geschichte des deutschen Stutzers

"Als mein Grossvater, der kaiserlich-koniglich "

"Ich bitte Sie, mein Herr", unterbrach ihn der Incroyable, "schenken Sie uns den Grosspapa, und fangen Sie gleich bei Ihrem Vater an; was war er?"

"Nun ja, wenn es Ihnen so lieber ist, aber ich hatte mich gerne bei dem Glanz unserer Familie langer verweilt; mein Vater lebte in Dresden auf einem ziemlich grossen Fuss "

"Was war er denn, der Herr Papa? Sie verzeihen, wenn ich etwas zu neugierig erscheine, aber zu einer Geschichte gehort Genauigkeit."

"Mein Vater", fuhr der Stutzer etwas missmutig fort, "war Kleiderfabrikant en gros "

"Wie", fragte der Lord, "was ist Kleiderfabrikant? Kann man in Deutschland Kleider in Fabriken machen?"

"Hol mich der Teufel, wie er schon getan!" rief der Stutzer unwillig, und stiess das Glas auf den Tisch; "das ist nicht die Art, wie man seine Biographie erzahlen kann, wenn man alle Augenblicke von kritischen Untersuchungen unterbrochen wird; mein Vater hatte ein Haus am Alt-Markt, darin hatte er ein Atelier und hielt Arbeiter, welche Kleider fur die Leute machten!"

"Mon dieu, also war es, was wir tailleur nennen? ein Schneider?"

"Nun in Gottes Namen! nennen Sie es, wie Sie wollen, kurz, er hatte die Welt gesehen, machte ein Haus, und wenn er auch nicht den Adel und die ersten Burger in seinen Soirees sah, so war doch ein gewisser guter Ton, ein gewisser Anstand, ein gewisses, ich weiss nicht was, kurz es war ein ganz anstandiger Mann, mein Papa."

Mich selbst erfasste der Lachkitzel, als ich den garcon tailleur so perorieren horte, doch fasste ich mich, um den Marqueur nicht aus der Rolle fallen zu lassen. Der Marquis aber hatte sich zuruckgelehnt und wollte sich ausschutten vor Lachen, der Englander sah den Stutzer forschend an, unterdruckte ein Lacheln, das seiner Wurde schaden konnte und trank Rum; der deutsche Baron aber fuhr fort:

"Sie hatten mich, meine Herren, auf der Oberwelt in Daumenschrauben pressen konnen und ich hatte meine Maske nicht vor Ihnen abgenommen. Hier ist es ein ganz anderes Ding; wer kummert sich an diesem schlechten Ort um den ehemaligen Baron von Garnmacher? Darum verletzt mich auch Ihr Lachen nicht im geringsten, im Gegenteil, es macht mir Vergnugen, Sie zu unterhalten!"

"Ah! ce noble trait!" rief der Incroyable und wischte sich die Tranen aus dem Auge, "reichen Sie mir die Hand, und lassen Sie uns Freunde bleiben. Was geht es mich an, ob Ihr Vater duc oder tailleur war. Erzahlen Sie immer weiter, Sie machen es gar zu hubsch."

"Ich genoss eine gute Erziehung, denn meine Mutter wollte mich durchaus zum Theologen machen, und weil dieser Stand in meinem Vaterland der eigentlich privilegierte Gelehrtenstand ist, so wurde mir in meinem siebenten Jahre mensa, in meinem achten amo, in meinem zehnten , in meinem zwolften pacat eingebleut. Sie konnen sich denken, dass ich bei dieser ungemeinen Gelehrsamkeit keine gar angenehmen Tage hatte; ich hatte, was man einen harten Kopf nennt; das heisst, ich ging lieber aufs Feld, horte die Vogel singen, oder sah die Fische den Fluss hinabgleiten; sprang lieber mit meinen Kameraden, als dass ich mich oben in der Dachkammer, die man zum Musensitz des kunftigen Pastors eingerichtet hatte, mit meinem Broder, Buttmann, Schroder, und wie die Schrecklichen alle heissen, die den Knaben mit harten Kopfen wie bose Geister erscheinen, abmarterte."

"Ich hatte uberdies noch einen andern Gang, der mir viele Zeit raubte; es war die von fruher Jugend an mit mir aufwachsende Neigung zu schonen Madchen. Sommers war es in meiner Dachkammer so gluhend heiss, wie unter den Bleidachern des Palastes Sankt Marco in Venedig; wenn ich dann das kleine Schiebfenster offnete, um den Kopf ein wenig in die frische Luft zu stecken, so fielen unwillkurlich meine Augen auf den schonen Garten unseres Nachbars, eines reichen Kaufmanns; dort unter den schonen Achazien auf der weichen Moosbank sass Amalie, sein Tochterlein und ihre Gespielinnen und Vertraute. Unwiderstehliche Sehnsucht riss mich hin; ich fuhr schnell in meinen Sonntagsrock, frisierte das Haar mit den Fingern zurecht und war im Flug durch die Zaunlucke bei der Konigin meines Herzens.

Denn diese Charge begleitete sie in meinem Herzen im vollsten Sinne des Wortes. Ich hatte in meinem eilften Jahre den grossten Teil der Ritter- und Rauberromane meines Vaterlandes gelesen, Werke, von deren Vortrefflichkeit man in andern Landern keinen Begriff hat, denn die erhabenen Namen Cramer und Spiess sind nie uber den Rhein oder gar den Kanal gedrungen. Und doch, wieviel hoher stehen diese Bucher alle, als jene Ritter- und Rauberhistorien des Verfassers von 'Waverley', der kein anderes Verdienst hat, als auf Kosten seiner Leser recht breit zu sein. Hat der grosse Unbekannte solche vortreffliche Stellen wie die, welche mir noch aus den Tagen meiner Kindheit im Ohr liegen: 'Mitternacht, dumpfes Grausen der Natur, Rudengebell, Ritter Urian tritt auf.'

Wem pocht nicht das Herz, wem straubt sich nicht das Haar empor, wenn er nachts auf einer oden, verlassenen Dachkammer dieses liest; wie fuhlte ich da das 'Grausen der Natur!' und wenn der Hofhund sein Rudengebell heulte, so war die Tauschung so vollkommen, dass sich meine Blicke angstlich an die schlecht verriegelte Ture hefteten, denn ich glaubte nicht anders, als 'Ritter Urian trete auf'.

Was war naturlicher, als dass bei so lebhafter Einbildungskraft, auch mein Herz Feuer fing? Jede Berta, die ihren Ritter die Feldbinde umhing, jede Ida, die sich auf den Soller begab, um dem, den Schlossberg hinabdonnernden Liebsten noch einmal mit dem Schleier zuzuwedeln, jede Agnes, Hulda usw. verwandelte sich unwillkurlich in Amalien.

Doch auch sie war diesem Tribut der Sterblichkeit unterworfen. Aus ihrer Sparbuchse namlich wurden die Romane angeschafft. Wenn einer gelesen war, so empfing ich ihn, las ihn auch, trug ihn dann wieder in die Leihbibliothek, und suchte dort immer die Bucher heraus, welche entweder keinen Rucken mehr hatten, oder vom Lesen so fett geworden waren, dass sie mich ordentlich anglanzten. Das sind so die echten nach unserem Geschmack, dachte ich, und sicher war es ein 'Rinaldo Rinaldini' ein 'Domschutz', ein alter 'Uberall und Nirgends', oder sonst einer unserer Lieblinge.

Zu Hause band ich ihn dann in alte lateinische Schriften ein, denn Amalie war sehr reinlich erzogen, und hatte, wenn auch das Innere des Romans nicht immer sehr rein war, doch nie mit blossen Fingern den fetten Glanz ihrer Lieblinge betastet. Ehrerbietig trug ich ihn dann in den Garten hinuber, und uberreichte ihn; und nie empfing ich ihn zuruck, ohne dass mir Amalie die schonsten Stellen mit Strickgarn oder einer Stecknadel bezeichnet hatte. So lasen und liebten wir; unsere Liebe richtete sich nach dem Vorbild, das wir gerade lasen; bald war sie zartlich und verschamt, bald feurig und sturmisch, ja wenn Eifersuchten vorkamen, so gaben wir uns alle mogliche Muhe, einen Gegenstand, eine Ursache fur unser namenloses Ungluck zu ersinnen.

Mein gewohnliches Verhaltnis zu der reichen Kaufmannstochter war ubrigens das eines Edelknaben von dunkler Geburt, der an dem Hof eines grossen Grafen oder Fursten lebt, eine ungluckliche Leidenschaft zu der schonen Tochter des Hauses bekommt, und endlich von ihr heimliche, aber innige Gegenliebe empfangt. Und wie lebhaft wusste Amalie ihre Rolle zu geben; wie gutig, wie herablassend war sie gegen mich! wie liebte sie den schonen, ritterlichen Edelknaben, dem kein Hindernis zu schwer war, zu ihr zu gelangen, der den breiten Burggraben (die Entenpfutze in unserm Hof) durchwadet, der die Zinnen des Walles (den Gartenzaun) erstiegen, um in ihr Gartengemach (die Moosbank unter den Achazien) sich zu schleichen. Tausend Dolche (die Nagel auf dem Zaun, die meinen Beinkleidern sehr gefahrlich waren) tausend Dolche lauern auf ihn, aber die Liebe fuhrt ihn unbeschadigt zu den Fussen seiner Herrin.

Das einzige Ungluck bei unserer Liebe war, dass wir eigentlich gar kein Ungluck hatten. Zwar gab es hie und da Grenzstreitigkeiten zwischen dem armen Ritter, meinem Vater, und dem reichen Fursten (dem Kaufmann), wenn namlich eines unserer Huhner in seinen Garten hinubergeflogen war, und auf seinen Mistbeeten spazierenging; oder es kam sogar zu wirklicher Fehde, wenn der Furst einen Herold (seinen Ladendiener) zu uns heruberschickte und um den Tribut mahnen liess (weil mein Vater eine sehr grosse Rechnung in dem Kontobuch des Fursten hatte). Aber dies alles war leider kein notigendes Ungluck fur unsere Liebe, und diente nicht dazu, unsere Situationen noch romantischer zu machen.

Die einzige Folge, die aus meinem Lesen und meiner Liebe entstand, war mein hartes Ungluck, immer unter den letzten meiner Klasse zu sein, und von dem alten Rektor tuchtig Schlage zu bekommen; doch auch daruber belehrte und trostete mich meine 'Herrin'. Sie entdeckte mir namlich, dass des Herzogs (des Rektors) altester Prinz um ihre Liebe gebuhlt und sie aus Liebe zu mir den Jungling abgewiesen habe; er aber habe gewiss unsere Liebe und den Grund seiner Abweisung entdeckt und sie dem alten Vater, dem Rektor, beigebracht, der sich dafur auf eine so unwurdige Art an mir rache. Ich liess die Gute auf ihrem Glauben, wusste aber wohl, woher die Schlage kamen; der alte Herzog wusste, dass ich die unregelmassigen, griechischen Verba nicht lernte, und dafur bekam ich Schlage.

So war ich funfzehn, und meine Dame vierzehn Jahre alt geworden, ungetrubt war bis jetzt der Himmel unserer Liebe gewesen, da ereigneten sich mit einem Mal zwei Unglucksfalle, wovon schon eines fur sich hinreichend gewesen ware, mich aus meinen Hohen herabzuschmettern.

Es war die Zeit, wo nach dem Frieden von Paris die Fouqeschen Romane anfingen, in meinem Vaterlande Mode zu werden...."

"Was ist das, Fouquesche Romane?" fragte der Lord.

"Das sind lichtbraune, fromme Geschichten; doch durch diese Definition werden Sie nicht mehr wissen als vorher. Herr von Fouque ist ein frommer Rittersmann, der, weil es nicht mehr an der Zeit ist, mit Schwert und Lanze zu turnieren, mit der Feder in die Schranken reitet, und kampft, wie der gewaltigen Wahringer einer. Er hat das ein wenig rohe und gemeine Mittelalter modernisiert, oder vielmehr unsere heutige modische Welt in einigen frommen Mystizismus einbalsamiert, und um funfhundert Jahre zuruckgeschoben. Da schmeckt nun alles ganz susslich und sieht recht anmutig, lichtdunkel aus; die Ritter, von denen man vorher nichts anders wusste, als sie seien derbe Landjunker gewesen, die sich aus Religion und feiner Sitte so wenig machten, als der Grossturke aus dem sechsten Gebot, treten hier mit einer bezaubernden Courtoisie auf, sprechen in feinen Redensarten, sind hauptsachlich fromm und kreuzglaubig.

Die Damen sind moderne Schwarmerinnen, nur keuscher, reiner, mit steifen Kragen angetan, und uberhaupt etwas ritterlich aufgeputzt. Selbst die edlen Rosse sind glanzender als heutzutage und haben ordentlich Verstand, wie auch die Wolfshunde und andere solche Getiere."

"Mon dieu! solchen Unsinn liest man in Deutschland?" rief der Franzose und schlug vor Verwunderung die Hande zusammen.

"O ja, meine Herren, man liest und bewundert; es gab eine Zeit bei uns, wo wir davon zuruckgekommen waren, alles an fremden Nationen zu bewundern; da wir nun, auf unsere eigenen Herrlichkeiten beschrankt, nichts an uns fanden, das wir bewundern konnten, als die tempi passati so warfen wir uns mit unserem gewohnlichen Nachahmungseifer auf diese und wurden allesamt altdeutsch.

Mancher hatte aber nicht Phantasie genug, um sich ganz in jene herrliche vergangene Zeiten hineinzudenken, man fuhlte allgemein das Bedurfnis von Handbuchern, die, wie Modejournale neuerer Zeit, uber Sitten und Gebrauche bei unseren Vorfahren uns belehrt hatten, da trat jener fromme Ritter auf, ein zweiter Orpheus, griff er in die Saiten und es entstand ein neu Geschlecht; die Madchen, die bei den franzosischen Garnisonen etwas frivol geworden waren, wurden sittige, keusche, fromme Fraulein, die jungen Herren zogen die modischen Fracks aus, liessen Haar und Bart wachsen, an die Hemder eine halbe Elle Leinwand setzen, und 'Kleider machen Leute' sagt ein Sprichwort, probatum est, auch sie waren tugendlich, tapfer und fromm."

"God damn! Sie haben recht, ich habe solche Figuren gesehen", unterbrach ihn der Englander, "vor acht Jahren machte ich die grosse Tour und kam auch nach der Schweiz. Am Vierwaldstatter See liess ich mir den Ort zeigen, wo die Schweizer ihre Republiken gestiftet haben. Ich traf auf der Wiese eine Gesellschaft, die wunderlich, halb modern, halb aus den Garderoben fruherer Jahrhunderte sich gekleidet zu haben schien. Funf bis sechs junge Manner sassen und standen auf der Wiese und blickten mit glanzenden Augen uber den See hin. Sie hatten wunderbare Mutzen auf dem Kopf, die fast anzusehen waren wie Pfannkuchen. Lange wallende Haare fielen in malerischer Unordnung auf den Rucken und die Schultern; den Hals trugen sie frei und hatten breite, zierlich gestickte Kragen, wie heutzutage die Damen tragen, herausgelegt.

Ein Rock, der offenbar von einem heutigen Meister, aber nach antiker Form gemacht war, kleidete sie nicht ubel; er schloss sich eng um den Leib und zeigte uberall den schonen Wuchs der jungen Manner. In sonderbarem Kontrast damit standen weite Pluderhosen von grober Leinwand. Aus ihren Rocken sahen drohende Dolchgriffe hervor, und in der Hand trugen sie Beilstocke, ungefahr wie die romischen Liktoren. Gar nicht recht wollte aber zu diesem Kostum passen, dass sie Brillen auf der Nase hatten und gewaltig Tabak rauchten.

Ich fragte meinen Fuhrer, was das fur eine sonderbare Armatur und Uniform ware, und ob sie vielleicht eine Besatzung der Grutli-Wiese vorstellen sollten? Er aber belehrte mich, dass es fahrende Schuler aus Deutschland waren. Unwillkurlich drangte sich mir der Gedanke an den fahrenden Ritter Don Quijote auf, ich stieg lachend in meinen Kahn und pries mein Gluck, auf einem Platz, der durch die erhabenen Erinnerungen, die er erweckt, nur zu leicht zu traumerischen Vergleichungen fuhrt, eine so groteske Erscheinung aus dem Leben gehabt zu haben. Die jungen Deutschen sohnten mich aber wieder mit sich aus, denn als mein Kahn uber den See hingleitete, erhoben sie einen vierstimmigen Gesang in so erhabener Melodie, mit so wurdigen, ergreifenden Wendungen, dass ich ihnen in Gedanken das Vorurteil abbat, welches ihr Kostum in mir erweckt hatte."

"Nun ja, da haben wir's", fuhr der Baron von Garnmacher fort, "so sah es damals unter alt und jung in Deutschland aus; auch ich hatte Fouquesche Romane gelesen, wurde ein frommer Knab, trug mich wie alle meine Kameraden altdeutsch und war meiner Herrin, der 'wunnigen Maid' mit einer keuschen, inniglichen Minne zugetan. Auf Amalien machte ubrigens der 'Zauberring', die 'Fahrten Thiodolfs' etc. nicht den gewunschten Eindruck; sie verlachte die sittigen, lichtbraunen, blauaugigen Damen, besonders die Bertha von Lichtenrieth, und pries mir Lafontaine und Langbein, schlupfrige Geschichten, welche ihr eine ihrer Freundinnen zugesteckt hatte.

Ich war zu erfullt von dem deutschen Wesen, das in mir aufging, als dass ich ihr Gehor gegeben hatte, aber der lusterne Brennstoff jener Romane brannte fort in dem Madchen, das sich, weil sie fur ihr Alter schon ziemlich gross war, fur eine angehende Jungfrau hielt, und kurz es gab eine Josephsszene zwischen uns; ich hullte mich in meinen altdeutschen Rock und meine Fouquesche Tugend ein und floh vor den Lokkungen der Sirene; wie mein Held Thiodolf vor der herrlichen Zoe.

Die Folge davon war, dass sie mich als einen Unwurdigen verachtete, und dem Prinzen, des Rektors Sohn, ihre Liebe schenkte. Ob er mit ihr Lafontaine und Langbein studierte, weiss ich nicht zu sagen, nur so viel ist mir bekannt, dass ihn der Furst, Amaliens Vater, einige Wochen nachher eigenhandig aus dem Garten gepeitscht hat.

Ich sass jetzt wieder auf meinem Dachkammerlein, hatte die hebraische Bibel und die griechischen Unregelmassigen vor mir liegen und auf ihnen meine Romane. An manchem Abend habe ich dort heisse Tranen geweint und durch die Jalousien in den Garten hinabgeschaut, denn die zuchtlose Jungfrau sollte meinen Jammer nicht erschauen, sie sollte den Kampf zwischen Hass und Liebe nicht auf meinem Antlitz lesen. Ich war fest uberzeugt, dass so unglucklich wie ich, kein Mensch mehr sein konne und hochstens der ungluckliche Otto von Trautwangen, als er in Frankreich mit seinem vernunftigen lichtbraunen Rosslein eine Hohle bewohnte, konnte vielleicht so kummervoll gewesen sein wie ich.

Aber das Mass meiner Leiden war nicht voll; horen Sie, wie 'aus entwolkter Hohe', mich ein zweiter Donner traf.

Der alte Rektor hatte seinen Schulern ein Thema zu einem Aufsatz gegeben, worin wir die Frage beantworten sollten, wen wir fur den grossten Mann Deutschlands halten? Es sollte sein Wert geschichtlich nachgewiesen, Grunde fur und wider angegeben und uberhaupt alles recht gelehrt abgemacht werden. Ich hatte, wie ich Ihnen schon bemerkt habe, meine Herren, immer einen harten Kopf, und Aufsatze mit Grunden waren mir von jeher zuwider gewesen, ich hatte also auch immer mittelmassige oder schlechte Arbeit geliefert. Aber fur diese Arbeit war ich ganz begeistert, ich fuhlte eine hohe Freude in mir, meine Gedanken uber die grossen Manner meines Vaterlandes zu sagen und meine Ideale (und wer hat in diesen Jahren nicht solche) in gehoriges Licht setzen zu konnen.

Geschichtlich sollte das Ding abgefasst werden? was war leichter fur mich als dies; jetzt erst fuhlte ich den Nutzen meines eifrigen Lesens; wo war einer, der so viele Geschichten gelesen hatte als ich? Und wer, der irgendeinmal diese Bucher der Geschichten in die Hand nahm, wer konnte in Zweifel sein, wer die grossten Manner meines Vaterlandes seien? Zwar war ich noch nicht ganz mit mir selbst im reinen, wem ich die Krone zuerkennen sollte; Hasper a Spada? es ist wahr, es war ein Tapferer, der Schrecken seiner Feinde, die Liebe seiner Freunde; aber, wie die Geschichte sagt, war er sehr stark dem Trinken ergeben und dies war doch schon eine Schlacke in seinem furtrefflichen Charakter; Adolph der Kuhne, Raugraf von Dassel? Er hat schon etwas mehr von einem grossen Mann; wie schrecklich zuchtigt er die Pfaffen! Wenn er nur nicht in der Historie nach Rom wandeln und Busse tun musste, aber dies schwacht doch sein majestatisches Bild. Es ist wahr, Otto von Trautwangen glanzt als ein Stern erster Grosse in der deutschen Geschichte, dachte ich weiter, aber auch er scheint doch nicht der grosste gewesen zu sein, wiewohl seine Frommigkeit, die sehr in Anschlag zu bringen ist, jeden Zauber uberwand.

Island gehorte wohl auch zum deutschen Reich, wahrhaftig unter allen deutschen Helden ist doch keiner, der dem Thiodolf das Wasser reicht. Stark wie Simson, ohne Falsch wie eine Taube, fromm wie ein Lamm, im Zorn ein Berserker, es kann nicht fehlen, er ist der grosste Deutsche.

Ich setzte mich hin und schrieb voll Begeisterung diese Rangordnung nieder; wohl zehnmal sprang ich auf, meine Brust war zu voll, ich konnte nicht alles sagen, die Feder, die Worte versagten mir, wohl zehnmal las ich mir mit lauter Stimme die gelungensten Stellen vor; wie erhaben lautete es, wenn ich von der Starke des Islanders sprach, wie er einen Wolf zahmte, wie er in Konstantinopel ein Pferd nur ein wenig auf die Stirne klopfte, dass es auf der Stelle tot war, wie grossmutig verschmaht er alle Belohnung, ja er schlagt einen Kaiserthron aus, um seiner Liebe treu zu bleiben, wie kindlich fromm ist er, obgleich er die christliche Religion nicht recht kannte, wie schon beschrieb ich das alles; ja! es musste das harte Herz des alten Rektors ruhren!

Ich konnte mir denken, wie er meine Arbeit mit steigendem Beifall lesen, wie er morgens in die Klasse kommen wurde, um unsere Aufsatze zu zensieren; dann sendet er gewiss einen milden, freundlichen Blick nach dem letzten Platze, wohin er sonst nur wie ein brullender Lowe schaute, dann liest er meine Arbeit laut vor und spricht: 'Kann man etwas Gelungeneres lesen als dies, und ratet, wer es gemacht hat? Die Letzten sollen die Ersten werden; der Stein, den die Bauleute verworfen haben, soll zum Eckstein werden; tritt hervor, mein Sohn, Garnmachere! Ich habe immer gesagt, du seiest ein bete, konnte ich ahnen, dass du mit so vielem Eifer Geschichten studierst? Nimm hin den Preis, der dir gebuhrt.'

So musste er sagen, er konnte nicht anders, ohne das schreiendste Unrecht zu tun. Eifrig schrieb ich jetzt meinen Aufsatz ins reine, und um zu zeigen, dass ich auch in den neueren Geschichten nicht unbewandert sei, sagte ich am Schluss, dass ich nach Erfindung des Pulvers den deutschen Alcibiades, und nachst ihm Hermann von Nordenschild fur die grossten Manner halte. Man konne ihnen den Ritter Euros, welcher nachher als Domschutz mit seinen Gesellen10 so grosses Aufsehen gemacht habe, was die Tapferkeit betreffe, vielleicht an die Seite stellen, doch stehen jene beiden auf einem viel hoheren Standpunkt.

Ich brachte dem Rektor triumphierend den Aufsatz und musste ihm beinahe ins Gesicht lachen, als er murrisch sagte: 'Er wird wieder ein schones Geschmier haben, Garnmacher!'

'Lesen Sie, und dann richten Sie', gab ich ihm stolz zur Antwort und verliess ihn.

Wenn in Ihrem Vaterlande, Mylord, eine Preisfrage gestellt wurde, uber den wurdigsten englischen Theologen, und es wurden in einer gelehrten, mit Phrasen wohldurchspickten Antwort die Vorzuge des 'Vicar of Wakefield' dargetan, wer wurde da nicht lachen? Wenn Sie, werter Marquis, nach der wurdigsten Dame zu den Zeiten Louis XIV. gefragt wurden und Sie priesen die 'Neue Heloise', wurde man Sie nicht fur einen Rasenden halten? Horen Sie, welche Torheit ich begangen hatte!

Der Samstag, an welchem man unsere Arbeiten gewohnlich zensierte, erschien endlich. Sooft dieser Tag sonst erschienen war, war er mir immer ein Tag des Unglucks gewesen; gewohnlich schlich ich da mit Herzklopfen zur Schule, denn ich durfte gewiss sein, wegen schlechter Arbeit getadelt, offentlich geschmaht zu werden. Aber wieviel stolzer trat ich heute auf, ich hatte meinen besten Rock angezogen, den schonsten, feingestickten Hemdkragen angelegt, mein wallendes Haar war zierlich gescheitelt und gelockt, ich sah stattlich aus und gestand mir, ich sei auch im Ausseren des Preises nicht unwurdig, welcher mir heute zuteil werden sollte.

Der Rektor fing an, die Aufsatze zu zensieren; wie armliche, obskure Helden hatten sich meine Mitschuler gewahlt: Hermann, Karl der Grosse, Kaiser Heinrich, Luther und dergleichen er ging viele durch, immer kam er noch nicht an meine Arbeit; ja es war offenbar, meine Helden hatte er auf die Letzt aufgespart als die besten!

Endlich ruhte er einige Augenblicke, rausperte sich und nahm ein Heft mit rosenfarber Uberdecke, das meinige, zur Hand; mein Herz pochte laut vor Freude, ich fuhlte, wie sich mein Mund zu einem triumphierenden Lacheln verziehen wollte, aber ich gab mir Muhe, bescheiden bei dem Lob auszusehen; der Rektor begann:

'Und nun komme ich an eine Arbeit, welche ihresgleichen nicht hat auf der Erde (earth) ich will einige Stellen daraus vorlesen:' er deklamierte mit ungemeinem Pathos gerade jene Kraftstellen, welche ich mit so grosser Begeisterung niedergeschrieben hatte; ein schallendes Gelachter aus mehr als vierzig Kehlen unterbrach jeden Satz, und als er endlich an den Schluss gelangte, wo ich mit einer kuhnen Wendung dem furchtbaren Domschutzen noch einige Blumchen gestreut hatte, erscholl Bravo! Ancora! und die Tische krachten unter den beifalltrommelnden Fausten meiner Mitschuler. Der Rektor winkte Stille und fuhr fort: 'Es ware dies eine gelungene Satire auf die Herren Spiess und Konsorten, wenn nicht der Verfasser selbst eine Satire auf die Menschheit ware. Es ist unser lieber Garnmacher. Tritt hervor du dedecus naturae, hieher zu mir!'

Zitternd folgte ich dem furchterlichen Wink. Das erste war, als ich vor ihm stand, dass er mir das rosenfarbene Heft einmal rechts und einmal links um die Ohren schlug; und jetzt donnerte eine Strafpredigt uber mich herab, von der ich nur so viel verstand, dass ich ein bete war, und nicht wusste, was Geschichte sei.

Es begegnet zuweilen, dass man im Traum von einer schonen, blumigen Sonnenhohe in einen tiefen Abgrund herabfallt; man schwindelt, indem man die unermesslichen Hohen herabfliegt, man fuhlt die unsanfte Erschutterung, wenn man am Boden zu liegen glaubt, man erwacht und sieht sich mit Staunen auf dem alten Boden wieder; die Hohe, von der man herabsturzte, ist mit all ihren Blutengarten verschwunden, ach, sie war ja nur ein Traum!

So war mir damals, als mich der Rektor aus meinem Schlummer aufschuttelte, ein tiefer Seufzer war die einzige Antwort, die ich ihm geben konnte, ich war arm wie jener Krosus, als er vor seinem Sieger Cyrus stand, auch ich hatte ja alle meine Reiche verloren!!

Ich sollte bekennen, woher ich die Romane bekommen, wer mir das Geld dazu gegeben habe; konnte, durfte ich sie, die ich einst liebte, verraten? Ich leugnete, ich hielt den ganzen Sturm des alten Mannes auf, ich stand wie Mucius Scaevola.

Der langen Rede kurzer Sinn war ubrigens der, dass ich von meinem Vater ein Attestat daruber bringen musse, dass ich das Geld zu solchen Allotriis von ihm habe, und uberdies habe ich am nachsten Montag vier Tage Karzer anzutreten. Verhohnt von meinen Mitschulern, die mir Thiodolf, deutscher Alcibiades und dergleichen nachriefen; in dumpfer Verzweiflung ging ich nach Hause. Es war gar kein Zweifel, dass mich mein Vater, wenn er diese Geschichte erfuhr, entweder sogleich totschlagen, oder wenigstens zum Schneidersjungen machen wurde. Vor beidem war mir gleich bange; ich besann mich also nicht lange, band etwas Weisszeug und einige seltene Dukaten und andere Munzen, welche mir meine Paten geschenkt hatten, in ein Tuch, warf noch einen Kuss, und den letzten Blick nach des Nachbars Garten, sagte meinem Dachstubchen Lebewohl, und eine Viertelstunde nachher wanderte ich schon auf der Strasse nach Berlin, wo mir ein Oheim lebte, an welchen ich mich vors erste zu wenden gedachte.

In meinem Herzen war es ode und leer, als ich so meine Strasse zog; meine Ideale waren zerronnen. Sie hatten also nicht gelebt, diese tapferen, frommen, liebevollen, biederen Manner, sie hatten nicht geatmet jene lieblichen Bilder holder Frauen; jene bunte Welt voll Putz und Glanz, alle jene Stimmen, die aus fernen Jahrhunderten zu mir herubertonten, die mutigen Tone der Trompete, Rudengebell, Waffengeklirr, Sporenklang, susse Akkorde der Laute alles, alles dahin, alles nichts als eine loschpapierene Geschichte, im Hirn eines Poeten gehegt, in einer schmutzigen Druckpresse zur Welt gebracht!

Ich sah mich noch einmal nach der Gegend um, die ich verlassen hatte; die Sonne war gesunken, die Nebel der Elbe verhullten das liebe Dresden, nur die Spitzen der Turme ragten vergoldet vom Abendrot uber dem Dunstmeer.

So lag auch mein Traumen, mein Hoffen, Vergangenheit und Zukunft in Nebel gehullt, nur einzelne hohe Gestalten standen hell beleuchtet wie jene Turme vor meiner Seele; wohlan! sprach ich bei mir selbst:

O fortes, pejoraque passi

Mecum saepe viri, nunc cantu pellite curas

Cras ingens iterabimus aequor.

Noch einmal breitete ich die Arme nach der Vaterstadt aus, da fuhlte ich einen leichten Schlag auf die Schulter und wandte mich um." Der Herausgeber ist in der grossten Verlegenheit; er hat bis auf den Tag, an welchem er dies schreibt, dem Verleger das Manuskript zum ersten Teil versprochen, und doch fehlt noch ein grosser Teil des letzten Abschnittes; er ist noch nicht geweiht, die Messe ist schon voruber und eine eigene uber die paar Bogen lesen zu lassen, findet sich weder ein gehoriger Vorwand, noch wurde das Werkchen diese bedeutende Ausgabe wert sein. Wir versparen daher die Fortsetzung des Festtages in der Holle auf den zweiten Teil.

Zweiter Teil

Vorspiel

Worin von Prozessen, Justizraten die Rede,

nebst einer stillschweigenden Abhandlung

"was von Traumen zu halten sei?"

Dieser zweite Teil der Mitteilungen aus den Memoiren des Satan erscheint um ein volliges Halbjahr zu spat. Angenehm ist es dem Herausgeber, wenn die Leser des ersten sich daruber gewundert, am angenehmsten, wenn sie sich daruber geargert haben; es zeigt dies eine gewisse Vorliebe fur die schriftstellerischen Versuche des Satan, die nicht nur ihm, sondern auch seinem Ubersetzer und Herausgeber erwunscht sein muss.

Die Schuld dieser Verspatung liegt aber weder in der zu heissen Temperatur des letzten Spatsommers, noch in der strengen Kalte des Winters, weder im Mangel an Zeit oder Stoff, noch in politischen Hindernissen; die einzige Ursache ist ein sonderbarer Prozess, in welchen der Herausgeber verwickelt wurde, und vor dessen Beendigung er diesen zweiten Teil nicht folgen lassen wollte.

Kaum war namlich der erste Teil dieser Memoiren in die Welt versandt und mit einigen Posaunenstossen in den verschiedenen Zeitungen begleitet worden, als plotzlich in allen diesen Blattern zu lesen war eine

Warnung vor Betrug

"Die bei Fr. Franckh in Stuttgart herausgekommenen 'Memoiren des Satan' sind nicht von dem im Alten und Neuen Testament bekannten und durch seine Schriften: 'Elixiere des Teufels', 'Bekenntnisse des Teufels', als Schriftsteller beruhmten Teufel, sondern ganzlich falsch und unrecht; was hiemit dem Publikum zur Kenntnis gebracht wird."

Ich gestehe, ich argerte mich nicht wenig uber diese Zeilen, die von niemand unterschrieben waren. Ich war meiner Sache so gewiss, hatte das Manuskript von niemand anders als dem Satan selbst erhalten, und nun, nach vielen Muhen und Sorgen, nachdem ich mich an den infernalischen Chiffern beinahe blind gelesen, soll ein solcher anonymer Totschlager uber mich herfallen, meine literarische Ehre aus der Ferne totschlagen und besagte Memoiren fur unecht erklaren?

Wahrend ich noch mit mir zu Rate ging, was wohl auf eine solche Beschuldigung des Betruges zu antworten sei, werde ich vor die Gerichte zitiert und mir angezeigt, dass ich einer Namensfalschung, eines literarischen Diebstahls angeklagt sei und zwar vom Teufel selbst, der gegenwartig als Geheimer Hofrat in persischen Diensten lebe. Er behaupte namlich, ich habe seinen Namen Satan missbraucht, um ihm eine miserable Scharteke, die er nie geschrieben, unterzuschieben; ich habe seinen literarischen Ruhm benutzt, um diesem schlechten Buchlein einen schnellen und eintraglichen Abgang zu verschaffen; kurz, er verlange nicht nur, dass ich zur Strafe gezogen, sondern auch dass ich angehalten werde, ihm Schadenersatz zu geben, "dieweil ihm ein Vorteil durch diesen Kniff entzogen worden".

Ich verstehe so wenig von juridischen Streitigkeiten, dass mir fruher schon der Name Klage oder Prozess Herzklopfen verursachte; man kann sich also wohl denken, wie mir bei diesen schrecklichen Worten zumute ward. Ich ging niedergedonnert heim und schloss mich in mein Kammerlein, um uber diesen Vorfall nachzudenken. Es war mir kein Zweifel, dass es hier drei Falle geben konne: entweder hatte mir der Teufel selbst das Manuskript gegeben, um mich nachher als Klager recht zu angstigen und auf meine Kosten zu lachen; oder irgendein boser Mensch hatte mir die Komodie in Mainz vorgespielt, um das Manuskript in meine Hande zu bringen, und der Teufel selbst trat jetzt als erbitterter Klager auf; oder drittens, das Manuskript kam wirklich vom Teufel, und ein mussiger Kopf wollte jetzt den Satan spielen und mich in seinem Namen verklagen.

Ich ging zu einem beruhmten Rechtsgelehrten und trug ihm den Fall vor. Er meinte, es sei allerdings ein fataler Handel, besonders weil ich keine Beweise beibringen konne, dass das Manuskript von dem echten Teufel abstamme, doch er wolle das Seinige tun und aus der bedeutenden Anzahl Bucher, die seit Justinians Corpus juris bis auf das neue birmanische Strafgesetzbuch uber solche Falle geschrieben worden seien, einiges nachlesen.

Das juridische Stiergefecht nahm jetzt formlich seinen Anfang. Es wurde, wie es bei solchen Fallen herkommlich ist, so viel daruber geschrieben, dass auf jeden Bogen der Memoiren des Satan ein Ries Akten kam, und nachdem die Sache ein Vierteljahr anhangig war, wurde sogar auf Unrechtskosten eine eigene Aktenkammer fur diesen Prozess eingeraumt; uber der Ture stand mit grossen Buchstaben: "Acta in Sachen des persischen G. H. R. Teufels gegen Dr. H-f, betreffend die Memoiren des Satan."

Ein sehr gunstiger Umstand fur mich war der, dass ich auf dem Titel nicht "Memoiren des Teufels", sondern "des Satan" gesagt hatte. Die Juristen waren mit sich ganz einig, dass der Name Teufel in Deutschland sein Familienname sei, ich habe also wenigstens diesen nicht zur Falschung gebraucht; Satan hingegen sei nur ein angenommener, willkurlicher, denn niemand im Staate sei berechtigt, zwei Namen zu fuhren. Ich fing an, aus diesem Umstand gunstigere Hoffnungen zu schopfen, aber nur zu bald sollte ich die bittere Erfahrung machen, was es heisse, den Gerichten anheimzufallen. Das Referat in Sachen des et cetera war namlich dem beruhmten Justizrat Wackerbart in die Hande gefallen, einem Mann, der schon bei Dampfung einiger grossen Revolutionen ungemeine Talente bewiesen hatte, und neuerdings sogar dazu verwendet wurde, bedeutende Unruhen in einem Gymnasium zu schlichten. Stand nicht zu erwarten, dass ein solcher beruhmter Jurist meine Sache nur als eine cause celebre ansehen, und sie also handhaben werde, dass sie, gleichviel, wem von beiden Recht, ihm am meisten Ruhm einbrachte? Hiezu kam noch der Titel und Rang meines Gegners; Wackerbart hatte seit einiger Zeit angefangen, sich an hohere Zirkel anzuschliessen, musste ihm da ein so wichtiger Mann, wie ein persischer geheimer Hofmann, nicht mehr gelten als ich Armer?

Es ging wie ich vorausgesehen hatte. Ich verlor meine Sache gegen den Teufel. Strafe, Schadenersatz, aller mogliche Unsinn wurde auf mich gewalzt, ich wunderte mich, dass man mich nicht einige Wochen ins Gefangnis sperrte oder gar hangte. Man hatte hauptsachlich folgendes gegen mich in Anwendung gebracht:

"Entscheidungs-Grunde

zu dem

vor dem Kriminalgericht Klein-Justheim

unter dem 4. Dezbr. 1825, gefallten

Erkenntnis

in der Untersuchungssache

gegen

den Dr ....f wegen Betrugs.

1. Es ist durch das Zugestandnis des Angeklagten erhoben, dass er keine Beweise beizubringen weiss, dass die von ihm herausgegebenen 'Memoiren des Satan' wirklich von dem bekannten, echten Teufel, so gegenwartig als Geheimer Hofrat in persischen Diensten lebt, herruhren. Ferner hat der Angeschuldigte ....f zugegeben, dass die in den offentlichen Blattern daruber enthaltene Ankundigung mit seinem Wissen gegeben sei.

2. Die letztgedachte Ankundigung ist also abgefasst, dass hieraus die Absicht des Verfassers, die Lesewelt glauben zu machen, dass 'Die Memoiren des Satan' von dem wahren, im Alten und Neuen Testament bekannten und neuerdings als Schriftsteller beliebten Teufel geschrieben sei, nur allzu deutlich hervorleuchten tut.

3. Durch diese Verfahrungsart hat sich der Angeklagte ....f eines Betruges, alldieweilen solcher im allgemeinen in jedweder auf inpermissen Commodum fur sich oder Schaden anderer gerichteten unrechtlichen Tauschung anderer, entweder indem man falsche Tatsachen mitteilt oder wahre dito nicht angibt besteht; oder um uns naher auszudrucken, da hier die Sprache von einer Ware und gedrucktem Buch ist einer Falschung schuldig gemacht: Denn, durch den Titel 'Memoiren des Satan' und die Anpreisung des Buches wurde der Lesewelt falschlich vorgespiegelt, dass das Buch ausdrucklich von dem unter dem Namen Satan bekannten, k. persischen Geheimen Hofrat Teufel verfasst sei, was beim Verkauf des Werkes verursachte, dass es schneller und in grosserer Quantitat abging, als wenn das Buchlein unter dem Namen des Herrn ....f, so dem Publico noch gar nicht bekannt ist, erschienen ware, und wodurch die, so es kauften, in ihrer schonen Erwartung, ein echtes Werk des Teufels in Handen zu haben, schnode betrogen wurden.

4. Wenn der Herr Dr ....f, um sich zu entschuldigen, dagegen einwendet, dass der Name Satan in Deutschland nur ein angenommener sei, worauf der Teufel, wie man ihn gewohnlich nennt, keinen Anspruch zu machen habe, so bemerken wir Kriminalleute von Klein-Justheim sehr richtig, dass sich ....f auf den Gebrauch jenes angenommenen, ubrigens bekanntermassen den Teufel sehr wohl bezeichnenden Namen nicht beschrankt, sondern in dem Werke selbst uberall durchblicken lasst, namentlich in der Einleitung, dass der Verfasser derjenige Teufel oder Satan sei, welcher dem Publico, besonders dem Frauenzimmer, wie auch denen Gelehrten durch fruhere Opera, z.B. die 'Elixiere des Teufels' et cetera ruhmlichst bekannt ist, wodurch wohl ebenfalls niemand anders gemeint ist, als der Geheime Hofrat Teufel.

5. Man muss lachen uber die Behauptung des Inkulpaten, dass das in Frage stehende Opusculum, wie auch nicht destoweniger seine Anzeige, eigentlich eine Satire auf den Teufel und jegliche Teufelei jetziger Zeit sei! Denn diese Entschuldigung wird durch den Inhalt der Schrift selbst widerlegt; ja, jeder Leser von Vernunft muss das auch wohl eher fur eine etwas geringe Nachaffung der Teufeleien, als fur eine Satire auf dieselben erkennen. Ware aber auch, was wir Juristen nicht einzusehen vermogen, das Werk dennoch eine Satire, so ist durchaus kein gunstiger Umstand fur ....f zu ziehen, weil derjenige Kaufer, der etwas Echtes, vom Teufel Verfasstes kaufen wollte, erst nach dem Kauf entdecken konnte, dass er betrogen sei.

6. Ausser der vollig rechtswidrigen Tauschung der Lesewelt, Leihbibliotheken et cetera, ist in der vorliegenden Defraudation auch ein Verbrechen gegen den begangen, dessen Name oder Firma missbraucht worden; namlich, und specialiter gegen den Geheimen Hofrat Teufel, welcher sowohl als Gelehrter und Schriftsteller, als von wegen des Honorars seiner ubrigen Schriften, sehr dabei interessiert ist, dass nicht das Geschreibsel anderer als von ihm niedergeschrieben, wie auch erdacht, angezeigt und verkauft werde.

7. Wenn endlich der Angeklagte behauptet, dass er das Buch arglos herausgegeben, ohne das Klein-Justheimer Recht hieruber zu kennen, dass ihn auch bei der Falschung durchaus keine gewinnsuchtigen Absichten geleitet hatten, so ist uns dies gleichgultig, und haben nicht darauf Rucksicht zu nehmen, denn Falschung ist Falschung, sei es, ob man englische Teppiche nachahmt und als echt verkauft, oder Bucher schreibt unter falschem Namen; ist alles nur verkaufliche Ware und kann den Begriff des Vergehens nicht andern, weil immer noch die Tauschung und Anschmierung der Kaufer restiert und zwar ebenfalls nichts destominder auch alsdann, wenn die 'Memoiren des Satan' gleichen Wert mit den ubrigen Buchern des Teufels hatten (was wir Klein-Justheimer ubrigens bezweifeln, da jener Geheimer Hofrat ist), weil dem Ebengedachten schon durch das Unterschieben eines fremden Machwerkes unter seinem Namen ein Schaden in juridischem Sinne sein tut.

Es ist daher, wie man getan hat, erkannt worden usw. usw.

Gez. Prasident und Rate des

Kriminalgerichtes zu Klein-Justheim."

Hast du, geneigter Leser, nie die beruhmten Nurnberger Gliedermanner gesehen, so, kunstreich aus Holz geschnitzelt, ihre Gliedlein nach jedem Druck bewegen? Hast du wohl selbst in deiner Jugend mit solchen Mannern gespielt und allerlei Kurzweil mit ihnen getrieben, und probiert, ob es nicht schoner ware, wenn er z.B. das Gesicht im Nacken truge und den Rucken hinunterschaue, oder ob es nicht vernunftiger ware, wenn ihm die Beine ein wenig umgedreht wurden, dass er vor- und ruckwarts spaziere, wie man es haben wolle. Das hast du wohl versucht in den Tagen deiner Kindheit und es war ein unschuldiges Spiel, denn dem Gliedermann war es gleichgultig, ob ihm die Beine uber die Schulter heruberkamen oder nicht, ob er den Rucken herabschaute oder vorwarts, er lachelte so dumm wie zuvor, denn er hatte ja kein Gefuhl, und es tat ihm nicht weh im Herzen, denn auch dieses war ja aus Holz geschnitzelt, und wahrscheinlich aus Lindenholz.

Aber selbst ein solcher Gliedermann sein zu mussen in den tappischen Handen der Klein-Justheimer Kriminalen! Sie renkten und drehten mir die Glieder, setzten mir den Kopf so oder so, wie es ihnen gefallig, oder auch nach Vorschrift des Justinian, drehten und wendeten mein Recht, bis das Kadaver vor ihnen lag auf dem grunen Sessionstisch, wie sie es haben wollten, mit verrenkten Gliedern, und sie nun anatomisch aufnotieren konnten, was fur Fehler und Kuriosa an ihm zu bemerken, namlich, dass er das Gesicht im Nacken, die Fusse einwarts, die Arme verschrankt et cetera trage, ganz gegen alle Ordnung und Recht.

Ware, Ware! nannten sie deine Memoiren, o Satan, Ware! als wurde dergleichen nach der Elle aus dem Gehirn hervorgehaspelt, wie es jener Schwarzkunstler und Eskamoteur getan, der Bander verschluckte und sie herauszog Elle um Elle aus dem Rachen. Warenfalschung, Einschwarzen, Defraudation, o welch herrliche Begriffe, um zu definieren was man will. Und rechtswidrige Tauschung des Publikums, wer hat denn daruber geklagt? wer ist aufgestanden unter den Tausenden und hat Zeter geschrien, weil er gefunden, dass das Buchlein nicht von dem Schwarzen selbst herruhre, dass er den Missetater bestraft wissen wolle fur diese rechtswidrige Tauschung? O Klein-Justheim, wie weit bist du noch zuruck hinter England und Frankreich, dass du nicht einmal einsehen kannst, Werke des Geistes seien kein nachgemachter Rum oder Arrak, und gehoren durchaus nicht vor deine Schranken.

Traurig musterte ich das Manuskript des zweiten Teiles, der nun fur mich und das Publikum verloren war; ich dachte nach uber das Hohngelachter der Welt, wenn der erste nur ein Torso, ein schlechtes abgerissenes Stuck, verachtet auf den Schranken der Leihbibliotheken sitze, trubselig auf die hohe Versammlung der Romane und Novellen aller Art herabschaue, und ihnen ihre abgenutzten Gewander beneide, die den grossen Furor, welchen sie in der Welt machen, beurkunden, wie er seine andere Halfte, seinen Nebenmann, den zweiten herbeiwunsche, um verbunden mit ihm schone Damen und Herren zu besuchen, was ihm jetzt als einem Invaliden beinahe unmoglich war. Da wurde mir eines Morgens ein Brief uberbracht, dessen Aufschrift mir bekannte Zuge verriet. Ich riss ihn auf, ich las: "Wohlgeborner, sehr verehrter Herr! Durch den Oberjustizrat Hammel, der vor einigen Tagen das Zeitliche gesegnet, und an mein Hoflager kam, erfuhr ich zu meinem grossen Arger die miserabeln Machinationen, die gegen Euch gemacht werden. Bildet Euch nicht ein, dass sie von mir herruhren. Mit grossem Vergnugen denke ich noch immer an unser Zusammentreffen in den Drei Reichskronen zu Mainz, und in meiner jetzigen Zuruckgezogenheit und bei meinen vielen Geschaften im Norden komme ich selten dazu, eine deutsche Literaturzeitung zu lesen, aber einige Rezensenten, welche ich sprach, versichern mich, mit welchem Eifer Ihr meine Memoiren herausgegeben habt, und dass das Publikum meine Bemuhungen zu schatzen wisse. Der Prozess, den man Euch an den Hals warf, kam mir daher um so unerwarteter. Glaubet mir, es ist nichts als ein schlechter Kunstgriff, um mich nicht als Schriftsteller aufkommen zu lassen, weil ich ein wenig uber ihre Universitaten schimpfte, und die asthetischen Tees, und Euch wollen sie nebenbei auch drucken. Lasset Euch dies nicht kummern, Wertester; gebet immer den zweiten Teil heraus, im Notfall konnet Ihr gegenwartiges Schreiben jedermann lesen lassen, namentlich den Wackerbart, saget ihm, wenn er meine Handschrift nicht kenne, so kenne ich um so besser die seinige.

Ich kenne diese Leutchen, sie sind Raubritter und Korsaren, die jeden beruhmten Prozess, der ihnen in die Hande fallt, fur gute Prise erklaren, und wenn sie ihn fest haben in den Krallen, so lange deuteln und drehen, bis sie ihn dahin entscheiden konnen, wo er ihnen am meisten Ruhm nebst etzlichem Golde eintragt. Was war bei Euch von beiden zu erheben? Ihr, ein armseliger Doktor der Philosophie und Magister der brotlosen Kunste, was seid Ihr gegen einen persischen Geheimen Hofrat? Denket also, die Sache sei ganz naturlich zugegangen, und gramet Euch nicht daruber. Was den persischen Geheimen Hofrat betrifft, der meine Rolle ubernommen hat, so will ich bei Gelegenheit ein Wort mit ihm sprechen.

Hier lege ich Euch noch ein kleines Manuskriptchen bei, ich habe es in den letzten Pfingstfeiertagen in Frankfurt aufgeschrieben, es ist im ganzen ein Scherz und hat nicht viel zu bedeuten; doch schaltet Ihr es im zweiten Teile ein, es gibt vielleicht doch Leute, die sich dabei freundschaftlich meiner erinnern.

Gehabt Euch wohl; in der Hoffnung Eure personliche Bekanntschaft bald zu erneuern, bin ich

Euer wohlaffektionierter Freund

Der Satan."

Man kann sich leicht denken, wie sehr mich dieser Brief freute. Ich lief sogleich damit zu dem wackern Mann, der meine Sache gefuhrt hatte, ich zeigte ihm den Brief, ich erklarte ihm, appellieren zu wollen, an ein hoheres Gericht, und den Originalbrief beizulegen.

Er zuckte die Achseln und sprach: "Lieber, sie wohnen zusammen in einer Hausmiete, die Kriminalen; ob Ihr um eine Treppe hoher steigen wollet, aus dem Entresol in die Beletage zu den Vornehmeren, das ist einerlei, Ihr fallet nur um so tiefer, wenn sie Euch durchfallen lassen. Doch an mir soll es nicht fehlen."

So sprach er und focht fur mich mit erneuerten Kraften; doch was half es; sie stimmten ab, erklarten den persischen fur den echten, alleinigen Teufel, der allein das Recht habe, Teufeleien zu schreiben, und der Prozess ging auch in der Beletage verloren.

Da fasste mich ein gluhender Grimm; ich beschloss,

und wenn es mich den Kopf kosten sollte, doch den zweiten Teil herauszugeben, ich nahm das Manuskript unter den Arm, raffte mich auf und erwachte.

Freundlich strahlte die Fruhlingssonne in mein

enges Stubchen, die Lerchen sangen vor dem Fenster und die Blutenzweige winkten herein mich aufzumachen, und den Morgen zu begrussen.

Verschwunden war der bose Traum von Prozessen,

Justizraten, Klein-Justheim und alles was mir Gram und Arger bereitete, verschwunden, spurlos verschwunden.

Ich sprang auf von meinem Lager, ich erinnerte

mich, den Abend zuvor bei einigen Glasern guten Weins uber einen ahnlichen Prozess mit Freunden gesprochen zu haben; da war mir nun im Traume alles so erschienen, als hatte ich selbst den Prozess gehabt, als ware ich selbst verurteilt worden von Kriminalrichtern und Klein-Justheimer Schoppen.

Ich lachelte uber mich selbst! wie pries ich mich

glucklich, in einem Lande zu wohnen, wo dergleichen juridische Exzesse gar nicht vorkamen; wo die Justiz sich nicht in Dinge mischt, die ihr fremd sind, wo es keine Wackerbarte gibt, die einen solchen Fund fur gute Prise erklaren, das Recht zum Gliedermann machen und drauflos hantieren und drehen, ob es biege oder breche; wo man Erzeugnisse des Geistes nicht als Ware handhabt, und Satire versteht und zu wurdigen weiss, wo man weder auf den Titel eines persischen Geheimen Hofrats noch auf irgend dergleichen Rucksicht nimmt.

So dachte ich, pries mich glucklich und verlachte meinen komischen Prozesstraum.

Doch wie staunte ich, als ich hintrat zu meinem Arbeitstisch! Nein, es war keine Tauschung, da lag er ja, der Brief des Satans, wie ich ihn im Traum gelesen, da lag das Manuskript, das er mir im Briefe verheissen. Ich traute meinen Sinnen kaum, ich las, ich las wieder, und immer wurde mir der Zusammenhang unbegreiflicher.

Doch ich konnte ja nicht anders, ich musste seinen Wink befolgen, und seinen "Besuch in Frankfurt" dem zweiten Teile einverleiben.

Ich gestehe, ich tat es ungern. Ich hatte schon zu diesem Teile alles geordnet, es fand sich darin eine Skizze, die nicht ohne Interesse zu lesen war, ich meine jene Szene, wie er mit Napoleon eine Nacht in einer Hutte von Malojaroslawez zubrachte, und wie von jenen Augenblicken an, so vieles auf geheimnisvolle Weise sich gestaltet im Leben jenes Mannes, dem selbst der Teufel Achtung zollen musste, vielleicht weil er ihm nicht beikommen konnte, doch vielleicht ist es moglich, dieses merkwurdige Aktenstuck dem Publikum an einem anderen Orte mitzuteilen.

Noch war ich mit Durchsicht und Ordnen der Papiere beschaftigt, da wurde die Ture aufgerissen, und mein Freund Moritz sturzte ins Zimmer.

"Weisst du schon?" rief er. "Er hat ihn verloren."

"Wer? was hat man verloren?"

"Nun, von was wir gestern sprachen, den Prozess gegen Clauren meine ich, wegen des Mannes im Monde!"

"Wie? ist es moglich!" entgegnete ich, an meinen Traum denkend; "unser Freund, der Kandidatus Bemperlein? den Prozess?"

"Du kannst dich drauf verlassen, soeben komme ich vom Museum, der Verleger sagte es mir, soeben wurde ihm das Urteil publiziert."

"Aber wie konnte dies doch geschehen! Moritz! war er etwa auch in Klein-Justheim anhangig?"

"Klein-Justheim? Du fabelst, Freund!" erwiderte der Freund, indem er besorgt meine Hand ergriff; "was willst du nur mit Klein-Justheim, wo gibt es denn einen solchen Ort?"

"Ach", sagte ich beschamt, "du hast recht; ich dachte an meinen Traum."

Der Fluch

Novelle

(Fortsetzung)

Man kann sich denken, dass ich in Rom immer viele Geschafte habe. Die heilige Stadt hatte immer einen Uberfluss von Leuten, die in der ersten, zweiten oder dritten Abstufung mein waren.

Man wird sich wundern, dass ich eine Klassifikation der guten Leute (von anderen Sunder genannt) mache; aber, wer je mit der Erde zu tun hatte, hat den Menschen bald abgelernt, dass nur das Systematische mit Nutzen bei ihnen betrieben werden konne. Es ist dies besonders in Stadten wie Rom, unumganglich notwendig; wo so vielerlei Nuanzen guter Leute vom roten Hut bis auf die Kapuze, vom Fursten, der die Macht hat, Orden zu verleihen, bis auf den Armen, dem solche um dreissig Taler angeboten werden, sich vorfinden, da muss man Klassen haben. Ich werde in der Bibel und von den heutigen Philosophen als das negierende Prinzip vorgestellt, daher teilte ich meine guten Leute ein, in: I. Klasse, mit dem Pradikat "recht gut", solche, die geradehin verneinen; als da sind: Freigeister, Gottesleugner, etc. 2. Klasse, "gut". Sie sagen mit einigem Umschweif nein; gelten unter sich fur Heiden, bei Vernunftigen fur liberale Manner, bei der Menge fur fromme Menschen. In dieser Klasse befinden sich viele Turken und Pfaffen. Die dritte Klasse mit dem Pradikat "mittelmassig", sind jene, die ihr "Nein" nur durch ein Kopfschutteln andeuten. Es sind jene, die sich selbst fur eine Art von Gott halten, mogen sie nun Ablass verkaufen, oder als evangelischmystisch-pietistische Seelen einen Seperatfrieden mit dem Himmel abschliessen; der letzteren gibt es ubrigens in Rom wenige.

Es lasst sich annehmen, dass das Innere dieses Systems, die verschiedenen Ubergange der Klassen beinahe mit jedem Jahr sich andern. Geld, Sitten, der Zeitgeist uben hier einen grossen Einfluss aus, und machen beinahe alle zwei Jahre eine Reise an Ort und Stelle notwendig.

Als ich vor einiger Zeit auf einer solchen Visitationsreise in Rom verweilte, war ich Zeuge folgender Szenen, die ich aufzuzeichnen nicht unterlassen will, weil sie vielleicht fur manchen Leser meiner Memoiren von Interesse sein mochten.

Ich ging eines Morgens unter den Saulengangen der Peterskirche spazieren, dachte nach uber mein System und die Veranderungen, die ihm durch die Missionare in Frankreich, und das Uberhandnehmen der Jesuiten drohte, da stiess mir ein Gesicht auf, das schon in irgendeiner interessanten Beziehung zu mir gestanden sein musste. Ich stand stille, ich betrachtete ihn von der Seite. Es war ein schlanker, schoner, junger Mann; seine Zuge trugen die Spuren von stillem Gram; dem Auge, der Form des Gesichtes nach, war er kein Italiener ein Deutscher, und jetzt fiel mir mit einem Male bei, dass ich ihn vor wenigen Monaten in Berlin, im Salon jener Dame gesehen hatte, die mir und dem Ewigen Juden einen asthetischen Tee zu trinken gegeben hatte. Es war jener junge Mann, dessen anziehende Unterhaltung, dessen angenehme Personlichkeit mir damals ein so grosses Interesse eingeflosst hatten. Er war es, der uns damals eine Avanture aus seinem Leben erzahlt hatte, die ich fur wurdig fand, bei der Beschreibung jenes Abends mit aufzuzeichnen.

Ob ihn wohl die Liebe zu jener jungen Dame noch einmal in die heilige Stadt gezogen hatte? Ob ihm, wie mir, der dustere Himmel seines Landes und die susse Langeweile der asthetischen Tees im Hause seiner Tante so druckend wurde, dass er sich unter eine sudlichere Zone fluchtete? Ich beschloss seine Bekanntschaft zu erneuen, um uber jenes interessante Begegnis, dessen Erzahlung der Jude unterbrochen, um uber ihn selbst, uber seine Schicksale, etwas Naheres zu vernehmen. Er stand an einer Saule des Portals, den Blick fest auf die Ture gerichtet; fromme fatal. Unaufhorlich verfolgte mich das Bild des Madchens, im Traum wie im Wachen horte ich die liebliche Stimme flustern. Hatten mich die Gesange in der Kapelle so weich gestimmt, hatte das fluchtige Bild der Schonen vermocht, was der Geist und die Schonheit so mancher andern nicht uber mich vermochte?

Unruhig reiste ich ab. Die Reise, so viele abwechselnde Gegenstande, die ernsten Geschafte, der Reiz der Gesellschaft, nichts gab mir meine Ruhe wieder.

Es war die Zeit des Karnevals, als ich nach Rom zuruckkehrte. Durfte ich hoffen, im Gewuhle der Menge den Gegenstand meiner Sehnsucht herauszufinden? Meine englischen Freunde waren abgereist, ich hatte niemand mehr dem ich mich vertrauen mochte. Ohne Hoffnung hatte ich mehrere Tage verstreichen lassen, ich war nicht zu bewegen, mich unter die Freuden des Karnevals zu mischen.

Wie erstaunte ich aber, als mich am Morgen des vierten Tages der Karnevalswoche der Gesandte fragte, wie ich mich gestern 'amusiert' habe. Ich sagte ihm, ich sei nicht im Korso gewesen. Er erstaunte, behauptete, mich von seinem Wagen aus mit einer Dame am Arm gesehen und begrusst zu haben. Er schwieg etwas beleidigt, als ich es wieder verneinte. Aber plotzlich kam mir der Gedanke, wie wenn es die Gesuchten waren? Man war in allen Zirkeln sehr gespannt auf diesen Abend. Ein prachtvoller Maskenzug, worin Damen aus den edelsten romischen Hausern eine Rolle ubernommen hatten, sollte das Karneval verherrlichen. Ich gab dem Drangen meiner Bekannten nach und ging mit in den Korso.

Erwarten Sie von mir keine Beschreibung dieses Schauspiels. Zu jeder andern Zeit wurde ich ihm alle meine Aufmerksamkeit geschenkt haben, nicht nur weil es mir als Volksbelustigung sehr interessant gewesen ware, sondern weil sich der Charakter der Romer gerade hier am meisten aufdeckt. Aber wenn ich sage, dass von dem ganzen Abend, von allen Herrlichkeiten des Korso nur noch ein Schatten in meiner Erinnerung geblieben und nur ein heller Stern aus dieser Nacht auftaucht, so werden Sie vergeben, wenn ich uber das interessante Schauspiel Ihre Neugierde nicht zur Genuge befriedige.

Die lange, enge Strasse war schon gefullt, als wir durch die Porta del popolo hereintraten; unabsehbar wogten die Wellen der Menge durcheinander; und das Auge gleitete unbefriedigt daruber hinweg, weil es unter der Mischung der grellsten Farben keinen Punkt fand, der es festhielt. Die Erwartung war gespannt. Uberall horte man von dem Maskenzug reden, der sich nun bald nahen musse. Ein rauschendes Beifallrufen drang jetzt von dem Obelisken auf der Piazza heruber und verkundete die Auffahrt der Masken. Alle Blicke richteten sich dorthin. Von den Balkons und Gerusten herab wehten ihnen Tucher und winkten schone Hande entgegen, indem die Equipagen sich in die Seiten drangten, um den Wagen des Zuges Platz zu machen. Er nahte. Gewiss ein herrlicher Anblick. Die Gotter der alten Roma schienen wieder in die alten Mauern eingezogen zu sein, um ihren Triumph zu feiern. Liebliche, majestatische Gruppen! Welch herrliche Umrisse in den Gestalten des Apoll und Mars, wie lieblich Venus und Juno, und man konnte es nicht fur Unbescheidenheit halten, sondern musste gerade hierin den schonsten Triumph finden, wenn das Volk mit Ungestum den Gottinnen zurief, die Masken abzunehmen. Unendlich wurde aber der Beifall, als die Grafin Parvi, die edlen Formen des Gesichtes unverhullt, als Psyche sich nahte! Wahrlich, dieser liebliche Ernst, diese sanfte Grosse hatten einen Zeuxis und Praxiteles begeistern konnen.

Der Abend nahte heran, man rustete sich, die Geruste zu besteigen, weil das Pferderennen beginnen sollte. Ich stand ziemlich verlassen auf der Strasse, musternd mit sehnsuchtigen Blicken die Galerien und Balkone, ob meine Schone nicht darauf zu treffen sei. Plotzlich fuhlte ich einen leisen Schlag auf die Schulter. 'So einsam?' tonte in der lieben Muttersprache eine susse Stimme in mein Ohr. Ich sah mich um. Eine reizende Maske, in der Kleidung einer Tirolerin, stand hinter mir. Durch die Hohlen der Maske blitzten jene blauen Augen, die mich damals so sehr uberraschten. Sie ist's es ist kein Zweifel. Ich bot ihr schweigend die Hand, sie druckte sie leise. 'Du boser Otto', flusterte sie, 'den ganzen Abend habe ich dich vergebens gesucht. Wie musste ich schwatzen, um die Signora loszuwerden!'

Die Wache ruckte die Strasse herab. Es war hohe Zeit, die Galerien zu suchen. Ich deute hinauf, sie gab mir ihren Arm, sie folgte. Ein heimliches Platzchen hinter einer Saule bot sich dar, sie wahlte es von selbst. Karneval, Pferderennen, alle Schonheiten Roms waren fur mich verloren, als mein stiller Himmel sich offnete, als sie die Maske abnahm. Noch lieblicher, noch unendlich schoner war sie als an jenem Abend. Die zarte Blasse, die sie damals aus der Kapelle brachte, war einer feinen, durchsichtigen Rote gewichen; das Auge strahlte noch von hoherem Glanz als damals, und der tiefe, beinahe wehmutige Ernst der Zuge, wie sie sich mir damals zeigte, war durch ein Lacheln gemildert, das fein und fluchtig um die zarten Lippen wehte.

Sie heftete wieder einige Minuten schweigend ihr Auge auf mein Gesicht, strich mir spielend die Haare aus der Stirne, und rief dann plotzlich: 'Jetzt bist du's wieder ganz! ganz wie an jenem Abend in der Kapelle, den du mir so hartnackig leugnest! Gestehst du ihn deiner Luise noch nicht?'

Welche Pein! was sollte ich sagen? da fiel plotzlich das Signal, die Pferde rannten durch den Korso. Meine Schone bog den Kopf abwarts, und ich, meiner Sinne kaum machtig, fluchtete hinter die nachste Saule, um nicht im Augenblick vor dem arglosen Madchen als ein Tor, oder noch etwas Schlimmeres zu erscheinen. Und was war ich auch anders, wenn ich mich selbst recht ernstlich fragte? Was wollte ich von dem Madchen, was konnte ich von ihr wollen? Und war nicht eine so weit getriebene Neugierde Frevel?

Wahrend ich noch so mit mir selbst kampfte, ob es nicht ehrlicher sei, ein Abenteuer aufzugeben, dessen Ende nur ein torichtes sein konnte, bemerkte ich, dass meine Stelle schon wieder besetzt sei. Ich schlich naher herzu, um wenigstens zu horen, wer der Gluckliche sei, da ich ihn, ohne meine unbescheidene Nahe zu verraten, nicht sehen konnte.

'Wie magst du nur so zerstreut fragen', sagte Luise, 'du selbst hast mich ja heraufgefuhrt.'

'Ich hatte dich gefuhrt, der ich diesen Augenblick erst zu dir trete? Gestehe, du betrugst mich: wer hat dich hergeleitet?'

Mit befangener Stimme, dem Weinen nahe, beharrte sie auf dem, was sie vorhin sagte. 'Du bist auch wie unser Wetter uber den Alpen, soeben noch so freundlich, und jetzt so kalt, so finster.'

Jener stand schnell auf: 'Ich bin nicht gestimmt, meine Gnadige, das Ziel Ihrer Scherze zu sein', sagte er, 'und wenn Sie sich in Ratsel vertiefen, wird meine Gesellschaft Ihnen lastig werden.' Er brach auf und wollte gehen. Ich konnte die Leiden der Armen nicht mehr verlangern, trat hervor hinter der Saule, um mich als Auflosung des Ratsels zu zeigen. Aber wie ward mir! Meine eigene Gestalt, mein eigenes Gesicht glaubte ich mir gegenuber zu sehen. Die uberraschende Ahnlichkeit "

Funfzehntes Kapitel

Das Intermezzo Die Trinker

Ein schrecklicher Angstschrei, ein Gerassel, wie Blitz und Donner einander folgend, unterbrach den Erzahler. Welcher Anblick! Der Jude lag ausgestreckt auf dem Boden des Saales, uberschuttet mit Tee, Trummer seines Stuhles und der feinen Meissner Tasse, die er im Sturz zerschmettert, um ihn her. Der Arger uber eine solche Unterbrechung war auf allen Gesichtern zu lesen; zurnend wandten die Damen ihr Auge von diesem Schauspiel, von den Herren machte keiner Miene, ihm beizustehen. Er selbst aber blieb sekundenlang liegen, ohne sich zu ruhren und schaute verwundert herauf.

Ich sprang auf, ihm beizustehen, ich hob ihn auf und sah mich nach einem andern Stuhl um, auf welchen ich ihn setzen konnte. Aber ein Verwandter des Hauses raunte mir in die Ohren, ich mochte machen, dass wir fortkommen, mein Hofmeister scheine sich nicht in dieser Gesellschaft zu gefallen.

Wir folgten dem Wink und nahmen unsere Hute. Als ich mich von der gnadigen Frau beurlaubte, sagte sie mir viel Schones und lud mich ein, sie recht oft zu sehen; meinen armen Hofmeister wurdigte sie keines Blickes. Sie neigte sich so kalt als moglich, und liess ihn abziehen. Gelachter schallte uns nach, als wir den Saal verliessen, und ich hatte mit meiner Inkarnation so viel menschliche Eitelkeit angezogen, dass mich dieses Lachen ungemein argerte.

Wie gern hatte ich die Erzahlung jenes interessanten jungen Mannes zu Ende gehort7, wieviel Wichtiges und Psychologisches hatte ich noch von dem "Gardeuniform-liebenden" Fraulein erlauschen konnen; und war ich selbst nicht ganz dazu gemacht, junge Herzen an jenem Abend zu erobern? Ein junger, reicher, ich darf sagen, hubscher Mann auf Reisen, findet, wo er hinkommt, freundliche Augen, durch welche er so leicht in die Herzen einzieht und dies alles hatte mir das ungeschliffene Wesen des alten Menschen verdorben. Ich hatte ihn wurgen mogen, als wir im Wagen sassen.

"War es nicht genug", sagte ich, "dass du mit deinem scharfen Judenbart die zarte Hand der Gnadigen empfindlich burstetest? musstest du auch noch die Frau von Wollau durch dein unzeitiges Gelachter beleidigen? und kaum hast du es wieder gut gemacht, so bringst du aufs neue alles gegen dich auf? was gingen dich denn die Schwabenmadel an, dass du ihre Schonheit an den Teetischen Berlins predigest? darfst du denn sogar in China einer Schonen sagen, sie habe ein Teegesicht? Und jetzt, nachdem du die spitzigen Worte der ungnadigen Frau eingesteckt hattest, jetzt als alles auf das erste vernunftige Thema, das diesen Abend abgehandelt wurde, lauschte, jetzt fallst du, wie der selige Hohepriester Eli im zweiten Kapitel Samuelis, rucklings in den Saal, und zerschmetterst nicht den eigenen hohlen Schadel, wie jener wurdige judische Papst nein! einen zierlich geschnitzten Fauteuil und eine Tasse von Meissner Porzellan; sage, sprich, schlechter Kamerade, wie fingst du es nur an?"

"In Eurer Stelle, Herr Satan, ware ich nicht so arrogant gegen unsereinen", antwortete er verdriesslich, "Ihr wisst, dass Euch keine Gewalt uber meine Seele zusteht, denn seit anderthalb tausend Jahren kenne ich Eure Schliche und Ranke wohl. Was aber die ElisGeschichte betrifft, so will ich Euch reinen Wein einschenken, vorausgesetzt, Ihr begleitet mich in eine Auberge, denn der lapperichte Tee hier, mit dem man in China kaum die Tassen ausspulen wurde, mit dem noch schlechtern Arrak, haben mir ganz miserabel gemacht."

Ich liess vor einem Restaurateur halten und fuhrte den verungluckten Doktor Mucker hinein. Es war schon ziemlich tief in der Nacht, und nur noch wenige, aber echte Trinker in dem Wirtszimmer. Wir setzten uns an einen Tisch zu vier oder funf solcher nachtlichen Gesellen; ich liess fur den alten Menschen Burgunder auftragen, und in gelaufigem Malabarisch, wovon die Trinker gewiss nichts verstanden, forderte ich ihn auf, zu erzahlen.

Nachdem der Ewige Jude durch etliche Schlucke sich erholt hatte, begann er:

"Ich glaube, es ist ein Teil des Fluches, der auf mir ruht, dass ich, sobald ich mich in hohere Spharen der Gesellschaft wage, lacherlich werde; ein paar Beispiele mogen dir genugen:

Du weisst, dass ich, um mir die Langeweile des Erdenlebens zu vertreiben, zuweilen einen Liebeshandel suche nun verziehe dein Gesicht nur nicht so spottisch, ich bin eine Stereotypausgabe von einem kraftigen Funfz'ger, und ein solcher darf sich schon noch aufs Eis wagen ; nun hatte ich einmal in einem kleinen sachsischen Stadtchen eine Schone auf dem Korn. Ich hatte schon seit einigen Tagen Zutritt in das elterliche Haus und die kleine Kokette schien mir gar nicht abgeneigt. Ich kleidete mich sorgfaltiger, um ihr zu gefallen, ich scherwenzelte um sie her, wenn sie spazierenging, kurz, ich war ein so ausgemachter Geck, als je einer uber das Pflaster von Leipzig ging. In dem Stadtchen gehorte es zum guten Ton, morgens um neun Uhr an dem Haus seiner Schonen vorbeizugehen; schaute sie heraus, so wurde mit Grace der Hut gezogen, und etwas weniges geseufzt.

Dies hatte ich mir bald abgemerkt, und zog nun pflichtgemass, wenn die Glocke neun Uhr summte, an jenem Haus voruber, und ich hatte die Freude, zu sehen, wie mein Engel jedesmal zum Fenster herausschaute und huldreich lachelte. Eines Morgens war es sehr kotig auf der Strasse; ich ging also, um die weissseidenen Strumpfe zu schonen, auf den Zehenspitzen und machte Schritte wie ein Hahn. Aber vor dem Haus meiner Schonen war der Schmutz reinlich in grosse Haufen zusammengekehrt, denn der Papa war eine Art von Polizeiinspektor und musste den Einwohnern ein gutes Beispiel geben; wie freute sich mein Herz uber diese Reinlichkeit! ich konnte dort fester auftreten, ich konnte mit dem rechten Bein, wenn ich mein Kompliment machte, zierlich ausschweifen, ohne mich zu beschmutzen. Mein Engel schaute huldreich herab, freudig ziehe ich den Hut von dem schonfrisierten Toupet, schwenke ihn in einem kuhnen Bogen und o Ungluck er entwischt meiner Hand, er fahrt wie ein Pfeil in den aufgeschichteten Unrat, dass nur noch die Spitze hervorsieht.

Wie schon sagt Schiller:

'Einen Blick

nach dem Grabe

seiner Habe

sendet noch der Mensch zuruck.'

So stand ich wie niedergedonnert an dem Unrat. Sollte ich in zierlicher Stellung mit den Fingerspitzen den Hut herausziehen? aber dann war zu befurchten, dass er ganz ruiniert sei; sollte ich vollig chapeau bas weiterziehen, wie einer, der ohne Hut dem Galgen oder dem Tollhaus entsprungen?

Wie ein silbernes Feuerglockchen schlagt jetzt das lustige Lachen meiner Dulcinea an mein Ohr; brummend wie die schweren Totenglocken, das Grabgelaute meiner Hoffnung, antworten zehn Basse aus dem gegenuber stehenden Kaffeehaus, Husarenlieutenants, Schreiber, Kaufleute brullen aus den aufgerissenen Fenstern, und 'Hussa, Sultan, such verloren!' tont die Stimme meines furchtbarsten Rivalen, des Grafen Lobau. Eine englische Dogge von Menschenlange sturzt hervor, packt den verlornen Hut mit geubter Schnauze, rennt auf mich zu, stellt sich auf die Hinterbeine, tappt mit seinen Pfoten auf meine Schultern und prasentiert mir das triefende corpus delicti.

Was ich dir hier mit vielen Worten erzahle, mein Bester, war das Werk eines Augenblicks; wie angefroren war ich dagestanden, und erst die Zudringlichkeit des hoflichen Hundes gab mir meine Fassung wieder. Wieherndes, jauchzendes Gelachter scholl aus dem Cafe, und auch bei ihr waren alle Fenster mit Lachern angefullt; und als ich einen zartlichen Blick, den letzten, hinauflaufen liess, sah ich, wie sie das battistene Schnupftuch in den Mund schob, um nicht vor Lachen zu bersten; da verlor ich von neuem die Fassung. Wutend ergriff ich den Hut und schlug ihn der Dogge ins Gesicht; aber die Bestie verstand keinen Spass, sie packte mich an der zierlichen Busenstreife, ich liess ihr diese Spolien und machte mich eilends davon, durch dick und dunn galoppierend, aber die Bestie folgte, und andere Hunde und Gassenjungen sturzten nach und die schreckliche Jagd nahm erst ein Ende, als ich atemlos in das Portal meines Gasthofes sturzte.

Dass es mit meiner Liebe aus war, kannst du denken, besonders da ich nachher erfuhr, die Kokette habe alle ihre Anbeter um diese Stunde in das Kaffeehaus bestellt, um taglich meine Fensterparade zu bewundern!"

Ich bedauerte den Armen von Herzen, er aber griff ruhig nach seinem Glas, trank und fuhr dann fort:

"Kann dich versichern, so hundsfottisch ging es mir von jeher, besonders aber in der neuern aufgeklarten Zeit, wo man so ungemein viel auf das Schickliche halt und verzweifeln mochte, wenn der vortreffliche Reifrock der Etikette ein wenig unsanft beruhrt wird. Darum ist es mir bei einem Gastmahl immer hollenangst. Wird fette Sauce umhergegeben, so sehe ich schon im Geiste, dass ich damit zittern und sie verschutten werde; kommt dann der Bettel an mich, so bricht mir der Angstschweiss aus, die Sauciere klappert in meiner zitternden Hand furchterlich, sie schwankt, ich fahre mit der andern Hand darnach und richtig meine freundliche Nachbarin hat die ganze Bescherung auf dem neuen drap d'or, oder genuesischen Samtkleid, dass alles im schonsten Fett schwimmt. Habe ich aber endlich eine solche Fegefeuertour durchgemacht, ohne Sauce zu verschutten, ohne ein Glas umzuwerfen, ohne einen Loffel fallen zu lassen, ohne den Schosshund auf den Schwanz zu treten, ohne der Tochter des Hauses die grossten Sottisen zu sagen, wenn ich hoflich und pikant sein will, so fasst mich irgendein Unheil noch zum Schluss, dass ich mit Schande abziehe wie heute."

"Nun", fragte ich, "und was warf dich denn heute mitten ins Zimmer?"

"Als der langweilige Mensch seine Erzahlung anhub, wie er ein paar Pfaffen habe singen horen, und wie er einem hubschen Madchen nachgelaufen sei was man uberall tun kann, ohne gerade in Rom zu sein da ubermannte mich die Langeweile, die eines meiner Hauptubel ist, und so setzte ich, um mich zu unterhalten, meinen Stuhl ruckwarts in Bewegung und schaukelte mich ganz angenehm, auf einmal, ehe ich mich dessen versah, schlug der Stuhl mit mir ruckwarts uber und ich lag "

"Das habe ich leider gesehen, wie du lagst", sagte ich, "aber wie kann man nur in honetter Gesellschaft so ganz alle gute Sitte vergessen und mit dem Stuhl schaukeln."

"Sei jetzt ruhig und bringe mich nicht auf mit der verdammten Geschichte, ich habe heute abend kein Gluck gemacht, das ist alles. Bibamus diabole!" sagte der alte Mensch, indem er selbst mit tuchtigem Beispiel voranging und dann schmunzelnd auf das dunkelrote Glas wies: "Der ist koscher, Herr Bruder, guter Burgunder, echter Chambertin und wenigstens zwanzig Jahre alt. Du magst mich jetzt auslachen oder nicht, aber ein gutes altes Weinchen vom Sudstamme ist noch immer meine Leidenschaft, und ich behaupte, die Welt sieht jetzt nur darum so schlecht aus, weil so viel Tee, Branntwein und Bier, aber desto weniger Wein getrunken wird."

"Du konntest recht haben, Jude!"

"Wie stattlich", fuhr er im Eifer fort, "wie stattlich nahmen sich sonst die Wirtshauser aus; breite, gedrungene, kraftige Gestalten, den dreispitzigen Hut ein wenig auf die Seite gesetzt, rote Gesichter, feurige Augen, ins Blauliche spielende Nasen, honette Bauche so traten sie, das hohe mit Gold beschlagene Meerrohr in der Faust, feierlich grussend ins Zimmer; wenn der Hut am Nagel hing, der Stock in die Ecke gestellt war, schritt der Gast dem wohlbekannten Platzchen zu, das er seit Jahren sich zu eigen gemacht hatte, und das oft nach ihm getauft war; der Wirt stellte mit einem 'Wohl bekomm's' die Weinkanne vor den ehrsamen Trinker, die gewohnlichen BecherNachbarn fanden sich zur bestimmten Stunde ein, man trank viel, man schwatzte wenig und zog zur bestimmten Stunde wieder heim; so war es in den guten alten Zeiten, wie die Menschen sagen, die nach Jahren rechnen, so war es, und nur der Tod machte darin eine Anderung. Jetzt hangen sie alles an den Putz, machen Staat wie die Fursten, und sitzen den Wirten um zwei Groschen die Banke ab. Luftiges unstetes Gesindel fahrt in den Wirtshausern umher, man weiss nie mehr, neben wen man zu sitzen kommt, und das heissen die Leute Kosmopolitismus. Hochstens trifft man ein paar alte weingrune Gesichter von der echten Sorte, aber dies Geschlecht ist beinahe ausgestorben!"

"Schau nur dorthin", fiel ich ihm ein, "du Prediger in der Wuste, dort sitzen ein paar echte; sieh nur das kleine Mannlein dort in dem braunen Rockchen, wie es so feurig die roten Augen uber die Flasche hinrollen lasst; er scheint mir ein rechter Kenner, denn er trinkt den Nierensteiner Kirchhofwein, den er vor sich hat, in ganz kleinen Zugen, und zerdruckt ihn ordentlich auf der Zunge, ehe er schluckt. Und dort der grosse dicke Mann mit der roten Nase, ist er nicht eine Figur aus der alten Zeit? Nimmt er nicht das Glas in die ganze Faust, statt wie die Heutigen den kleinen und den Goldfinger zierlich auszustrecken? Ist er nicht schon an der vierten Flasche, seit wir hier sind, und hast du nicht bemerkt, wie er immer die Pfropfen in die Tasche steckt, um nachher zu zahlen, wie viele Flaschen er getrunken?"

"Wahrhaftig, diese sind echt!" rief der begeisterte Jude. "Ich bin jung gewesen und alt geworden, aber solcher gibt es nicht viele; lass uns zu ihnen uns setzen, mi fratercule!"

Wir hatten nicht fehl geraten; jene Trinker waren von der echten Sorte, denn schon seit zwanzig Jahren kommen sie alle Abende in das namliche Wirtshaus. Man kann sich denken, wie gerne wir uns an sie anschlossen; ich, weil ich solche Kauze liebe und aufsuche, der Ewige Jude aber, weil der Kontrast zwischen dem eleganten Tee und diesen Trinkern in seinen Augen sehr zugunsten der letzteren ausfiel; er wurde so kordial, dass er zu vergessen schien, dass er mit ihren Urvatern schon getrunken habe, dass er vielleicht mit ihren spaten Enkeln wieder trinken werde.

Die alten Gesellen mochten jetzt ihre Ladung haben, denn sie wurden freundlich, und fingen an zuerst leise vor sich hin zu brummen, dann gestaltete sich dieses Brummen zu einer Melodie, und endlich sangen sie mit heiserer Weinkehle ihre gewohnten Lieder. Auch den "alten Menschen" fasste diese Lust. Er dudelte die Melodien mit, und als sie geendet hatten, fing auch er sein Lied an. Er sang:

"Des Ewigen Juden Trinklied

Wer seines Leibes Alter zahlet

Nach Nachten, die er froh durchwacht,

Wer, ob ihm auch der Taler fehlet,

Sich um den Groschen lustig macht,

Der findet in uns seine Leute,

Der sei uns bruderlich gegrusst,

Weil ihn, wie uns der Gott der Freude

In seine sanften Arme schliesst.

Wenn von dem Tanze sanft gewieget,

Von Flotentonen suss berauscht,

Fein Liebchen sich im Arme schmieget,

Und Blick um Liebesblick sich tauscht;

Da haben wir im Flug genossen

Und schnell den Augenblick erhascht,

Und Herz am Herzen festgeschlossen

Der Lippen sussen Gruss genascht.

Den Wein kannst du mit Gold bezahlen,

Doch ist sein Feuer bald verraucht,

Wenn nicht der Gott in seine Strahlen,

In seine Geisterglut dich taucht;

Uns, die wir seine Hymnen singen,

Uns leuchtet seine Flamme vor,

Und auf der Tone freien Schwingen

Steigt unser Geist zum Geist empor.

Drum, die ihr frohe Freundesworte

Zum wurdigen Gesang erhebt.

Euch gruss ich, wogende Akkorde,

Dass ihr zu uns herniederschwebt!

Sie tauchen auf sie schweben nieder,

Im Vollton rauschet der Gesang,

Und lieblich hallt in unsre Lieder

Der vollen Glaser Feierklang.

So haben's immer wir gehalten

Und bleiben furder auch dabei,

Und mag die Welt um uns veralten,

Wir bleiben ewig jung und neu.

Denn, wird einmal der Geist uns trube,

Wir baden ihn im alten Wein.

Und ziehen mit Gesang und Liebe

In unsern Freudenhimmel ein."

Ob dies des Ewigen Juden eigene Poesie war, kann ich nicht bestimmt sagen, doch liess er mich zuzeiten merken, dass er auch etwas Poet sei; die zwei alten Weingeister aber waren ganz erfullt und erbaut davon; sie druckten dem alten Menschen die Hand, und gebardeten sich, als hatte er ihnen die ewige Seligkeit verkundigt.

Es schlug auf den Uhren drei Viertel vor zwolf Uhr. Der Ewige Jude sah mich an und brach auf, ich folgte. Ruhrend war der Abschied zwischen uns und den Trinkern, und noch auf der Strasse horten wir ihre heiseren Stimmen in wunderlichen Tonen singen:

"Und wird einmal der Geist uns trube.

Wir baden ihn im alten Wein.

Und ziehen mit Gesang und Liebe

In unsern Freudenhimmel ein."

III

Satans Besuch bei Herrn von Goethe

Nebst einigen einleitenden Bemerkungen

uber das Diabolische in der deutschen Literatur

Von Zeit zu Zeit seh ich den Alten gern

Und hute mich, mit ihm zu brechen,

Es ist gar hubsch von einem grossen Herrn

So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen.

Goethe

Sechzehntes Kapitel

Bemerkungen uber das Diabolische

in der deutschen Literatur

"Die Idee eines Teufels ist so alt als die Welt und nicht erst durch die Bibel unter die Menschen gekommen. Jede Religion hat ihre Damonen und bosen Geister naturlich weil die Menschen selbst von Anfang an gesundigt haben und nach ihrem gewohnlichen Anthropomorphismus das Bose, das sie sahen, einem Geiste zuschrieben, dessen Geschaft es sei, uberall wenn ich es bis zum Professor der Philosophie gebracht hatte, und nun uber die "Idee eines Teufels" mich breitmachen musste.

In meiner Stellung aber lache ich uber solche Demonstrationen, die gewohnlich darauf auslaufen, dass man mich mit zehnerlei Grunden hinwegzudisputieren sucht; ich lache daruber und behaupte, die Menschen, so dumm sie hie und da sein mogen, merken doch bald, wenn es nicht ganz geheuer um sie her ist, und mogen sie mich nun Ariman oder das bose Prinzip, Satan oder Herrn Urian nennen, sie kennen mich in allen Volkern und Sprachen. Es ist doch eine schone Sache um das dicier hic est, darum behagt mir auch die deutsche Literatur so sehr. Haben sich nicht die grossten Geister dieser Nation bemuht, mich zu verherrlichen, und, wenn ich's nicht schon ware, mich ewig zu machen?

In meiner Dissertatio de rebus diabolicis sage ich unter anderm hieruber folgendes: " 8. Die Idee, das moralische Verderben in einer Person darzustellen, musste sich daher den Dichtern bald aufdrangen; diese waren, wie es in Deutschland meistens der Fall war, philosophisch gebildet, doch war ihre Philosophie wie ihre Moral von jener breiten, dicken Sorte, die nicht mit Leichtigkeit uber Gegenstande hinzugleiten weiss, daher kam es, dass auch die Gebilde ihrer Phantasie jenes philosophische Blei an den Fussen trugen, das sie nicht mit Gewandtheit auftreten liess; sie stolperten auf die Buhne und von der Buhne, machten sich breit in Philosophemen, die der Zehendste nicht sogleich verstand, und drehten und wandten sich, als sollten sie auf einer engen Brucke ohne Gelander in Reifrocken einander ausweichen.

Daher kam es, dass auch die Teufel dieser Poeten ganzlich verzeichnet waren. Betrachten wir z.B. Klingers Satan. Wie vielen Bombast hat dieser arme Teufel zuerst in der Holle und dann auf der Erde herzuleiern!

Klingemanns Teufel! glaubt man nicht, er habe ihn nur geschwind aus dem Puppenspiel von der Strasse geholt, ihm die Glieder ausgereckt, bis er die rechte Grosse hatte, und ihn dann in die Szene gesetzt? man begreift nicht, wie ein Mensch sich von einem solchen Ungetum sollte verfuhren lassen!"

Es gibt noch mehrere solcher literarischen Ungetume, die hier aufzufuhren der Raum nicht erlaubt. Sie alle haben mir von jeher viel Spass gemacht, und ich kam mir oft vor, wie der Polichinello des italienischen Lustspiels; ich war bei diesen Leuten eine stehende Figur, die, wenn auch etwas anders aufgeputzt, doch immer wieder die Horner herausstreckte, und unter welche man zu besserer Kenntnis ein "Ecce homo", sehet, das ist der Teufel, schrieb.

Doch auch dem Teufel muss man Gerechtigkeit widerfahren lassen, sagt ein Sprichwort, folglich muss der Teufel zur Revanche auch wieder gerecht sein. "Ein jeder gibt, wie er's kann", fuhr ich in der Dissertation fort, "und wie sich in jenen Poeten das moralische Verderben bei jedem wieder in andern Reflexen abspiegelte, so gaben sie auch ihre Teufel. Daher kommt es, dass Herr Urian bei Klopstock wieder bei weitem anders aussieht.

Jener Abadonna ist ein gefallener Engel, dem das hollische Feuer die Flugel versengte, der sich aber auch jetzt noch nobel und wurdig ausnehmen soll. Aber leider ist dieser Zweck doch ein wenig verfehlt, mir wenigstens kommt dieser Klopstockische Gottseibeiuns vor, wie ein Elegant, der wegen Unarten aus den Salons verwiesen, sich in den Tabagien und spiessburgerlichen Klubs nicht recht zu finden weiss und darum unanstandig jammert."

So ungefahr sprach ich mich in jener gelehrten Dissertation aus, und ich gebe noch heute zu, dass die Auffassung wie jeder Idee, so auch der des Teufels sich nach den individuellen Ansichten des Dichters uber das Bose richten muss; dies alles aber entschuldiget keineswegs jenen beruhmten Mann, der, kraft seines umfassenden Genies, nicht den engen Grenzen seines Vaterlandes oder der Spanne Zeit, in welcher er lebt, sondern der Erde und kunftigen Jahrhunderten angehoren konnte, es entschuldigt ihn nicht darin, dass er einen so schlechten Teufel zur Welt gebracht hat.

Der Goethische Mephistopheles ist eigentlich nichts anders, als jener gehornte und geschwanzte Popanz des Volkes. Den Schweif hat er aufgerollt und in die Hosen gesteckt, fur die Bocksfusse hat er elegante Stiefel angezogen, die Horner hat er unter dem Baret verborgen siehe da den Teufel des grossen Dichters! Man wird mir einwenden, das gerade ist ja die grosse Kunst des Mannes, dass er tausend Faden zu spinnen weiss, durch die er seine kuhnen Gedanken, seine hohen uberschwenglichen Ideen an das Volksleben, an die Volkspoesie knupft. Halt Freund! ist es eines Mannes, der, wie sie sagen, so hoch uber seinem Gegenstand steht, und sich nie von ihm beherrschen lasst, ist es eines solchen Dichters wurdig, dass er sich in diese Fesseln der Popularitat schmiegt; sollte nicht der konigliche Adler dieses Volk bei seinem popularen Schopf fassen und mit sich in seine Sonnenhohe tragen?

Verzeihe, Wertester, erhalte ich zur Antwort, du vergissest, dass unter diesem Volke mancher eine Perucke tragt, wurde ein solcher nicht in Gefahr sein, dass ihm der Zopf breche und er aus halber Hohe wieder zur Erde sturzte? Siehe! der Meister hat dies besser bedacht; er hat aus jenen tausend Faden, von welchen ich dir sagte, eine Strickleiter geflochten, auf welcher seine Junger sauberlich und ohne Gefahr zu ihm hinaufklimmen. Der Meister aber setzet sie zu sich in seine Arche, gleich Noah schwebt er mit ihnen uber der Sundflut jetziger Zeit und schaut ruhig wie ein Gott in den Regen hinaus, der aus den Federn der kleinen Poeten stromt.

Ein wasseriges Bild! entgegne ich, und zugleich eine Sottise; befand sich denn in jener Arche nicht mehr Vieh als Menschen? und will der Meister warten, bis die Flut sich verlaufe und dann seine Stierlein und Eselein, seine Pfauen und Kamele, Paar und Paar auf die Erde spazieren lassen?

Will er vielleicht wie jener Patriarch die Erfindung des Weines sich zuschreiben, sich ein Patent daruber ausstellen lassen und uber seine Schenke schreiben, hier allein ist Echter zu haben, wie Maria Farina auf sein Kolnisches Wasser, so fur alle Schaden gut ist?

Aber, um wieder auf Mephistopheles zu kommen; gerade dadurch, dass er einen so uberaus popularen und gemeinen Teufel gab, hat Goethe offenbar nichts fur die Wurde seines schonsten Gedichtes gewonnen. Er wird zwar viele Leser herbeiziehen, dieser Mephisto, viele Tausende werden ausrufen: "Wie herrlich! das ist der Teufel wie er leibt und lebt." Um die ubrigen Schonheiten des Gedichtes bekummern sie sich wenig, sie sind vergnugt, dass es endlich einmal eine Figur in der Literatur gibt, die ihrer Sphare angemessen ist.

"Aber erkennst du denn nicht", wird man mir sagen "erkennst du nicht die herrliche, tiefe Ironie, die gerade in diesem Mephistopheles liegt?"

Ironie? und welche? ich sehe nichts in diesem meinem Konterfei, als den gemeinen "Ritter von dem Pferdefuss", wie er in jeder Spinnstube beschrieben wird. Man erlaube mir, dieses Bild noch naher zu beleuchten. Ich werde namlich vorgestellt als ein Geist, der beschworen werden kann, der sich nach magischen Gesetzen richten muss:

"Gesteh ich's nur, dass ich hinausspaziere,

verbietet mir ein kleines Hindernis

der Drudenfuss auf Eurer Schwelle";

und dieser Schwelle Zauber zu zerspalten

"Bedarf ich eines Rattenzahns",

daher befiehlt:

"der Herr der Ratten und der Mause,

der Fliegen, Frosche, Wanzen, Lause"

in einer Zauberformel seinem dienstbaren Ungeziefer die Kante, welche ihn bannte, zu benagen. Auch kann ich nicht in das Studierzimmer treten, ohne dass der Doktor Faust dreimal "Herein!" ruft. In andere Zimmer, wie z.B. bei Frau Martha und in Gretchens Stubchen trete ich ohne diese Erlaubnis. Doch den Schlussel zu diesen sonderbaren Zumutungen finden wir vielleicht in dem Vers:

"Gewohnlich glaubt der Mensch, wenn er nur

Worte hort,

Es musse sich dabei auch etwas denken lassen!"

Doch weiter. Ich stehe auf einem ganz besondern Fuss mit den Hexen. Die in der Hexenkuche hatte mich gewiss liebevoller empfangen, aber sie sah keinen Pferdefuss, und um mich bei ihr durch mein Wappen zu legitimieren, mache ich eine unanstandige Gebarde.

"Mein Freund, das lerne wohl verstehen,

Das ist die Art, mit Hexen umzugehen."

Auf dem Brocken in der Walpurgisnacht bin ich noch viel besser bekannt. Das Gehen behagt mir nicht, ich sage daher zum Doktor:

"Verlangst du nicht nach einem Besenstiele?

Ich wunschte mir den allerderbsten Bock."

Auch hier

"Zeichnet mich kein Knieband aus,

Doch ist der Pferdefuss hier ehrenvoll zu Haus."

Um unter diesem gemeinen Gelichter mich recht zu zeigen, tanze ich mit einer alten Hexe und unterhalte mich mit ihr in Zoten, die man nur durch Gedankenstriche

"Der hatt ein

So es war, gefiel mir's doch"

anzudeuten wagt. Ich bin, selbst in Fausts Augen, ein widerwartiger, hamischer Geselle, der

" kalt und frech

Ihn vor sich selbst erniedrigt "

Ich bin ohne Zweifel von hasslicher, unangenehmer Gestalt und Gesicht, zuruckstossend, was man, mit mildem Ausdruck markiert, intrikant und im gemeinen Leben einen abgefeimten Spitzbuben zu nennen pflegt.

Daher sagt Gretchen von mir:

"Der Mensch, den du da bei dir hast,

Ist mir in tiefer innrer Seele verhasst.

Es hat mir in meinem Leben

So nichts einen Stich ins Herz gegeben

Als des Menschen widrig Gesicht.

Seine Gegenwart bewegt mir das Blut,

Ich hab vor dem Menschen ein heimlich

Grauen.

Kommt er einmal zur Tur herein

Sieht er immer so spottisch drein

Und halb ergrimmt.

Es steht ihm an der Stirn geschrieben,

Dass er nicht mag eine Seele lieben" etc.

Daher sage ich auch nachher:

"Und die Physiognomie versteht sie meisterlich,

In meiner Gegenwart wird ihr, sie weiss nicht wie,

Mein Maskchen da weissagt verborgnen Sinn,

Sie fuhlt, dass ich ganz sicher ein Genie,

Vielleicht wohl gar der Teufel bin."

Soll dies bei Gretchen Ahnung sein? Ist sie befangen in der Nahe eines Wesens, das, wie man sagt, ihren Gott verleugnet? Ist es etwa ein unangenehmer Geruch, eine schwule Luft, die ihr meine Nahe angstlich macht? Ist es kindlicher Sinn, der den Teufel fruher ahnet, als der schon gefallene Mensch, wie Hunde und Pferde vor nachtlichem Spuk scheuen, wenn sie ihn auch nicht sehen? Nein es ist nur allein mein Gesicht, mein Maskchen, mein lauernder Blick, mein hohnisches Lacheln, das sie angstlich macht, so angstlich, dass sie sagt:

" Wo er nur mag zu uns treten,

mein ich sogar, ich liebte dich nicht mehr "

Wozu nun dies? warum soll der Teufel ein Gesicht schneiden, das jedermann Misstrauen einflosst, das zuruckschreckt, statt dass die Sunde, nach den gewohnlichsten Begriffen, sich lockend, reizend sehen lasst?

Wer hat nicht die herrlichen Umrisse uber Goethes Faust von dem genialen Retsch gesehen! Gewiss, selbst der Teufel muss an einem solchen Kunstwerk Freude haben. Ein paar Striche, ein paar Punktchen bilden das liebliche, sinnige Gesicht des kindlichen, keuschen Gretchens, Faust in der vollendeten Blute des Mannes steht neben ihr, welche Wurde noch in dem gefallenen Gottersohn!

Aber der Maler folgt der Idee des Dichters, und siehe, ein Scheusal in Menschengestalt steht neben jenen lieblichen Bildern. Die unangenehmen Formen des durren Korpers, das ausgedorrte Gesicht, die hassliche Nase, die tiefliegenden Augen, die verzerrten Mundwinkel hinweg von diesem Bild, das mich schon so oft geargert hat.8

Und warum diese hassliche Gestalt? frage ich noch einmal. Darum, antworte ich, weil Goethe, der so hoch uber seinem Werk schwebende Dichter, seinen Satan anthropomorphisiert; um den gefallenen Engel wurdig genug darzustellen, kleidet er ihn in die Gestalt eines tief gefallenen Menschen. Die Sunde hat seinen Korper hasslich, mager, unangenehm gemacht. In seinem Gesicht haben alle Leidenschaften gewuhlt und es zur Fratze entstellt, aus dem hohlen Auge spruht die grunliche Flamme des Neides, der Gier; der Mund ist widrig, hamisch wie der eines Elenden, der alles Schone der Erde schon gekostet hat und jetzt aus Ubersattigung den Mund daruber rumpft; der Unschuld ist es nicht wohl in seiner befleckenden Nahe, weil ihr vor diesen Zugen schaudert.

So hat der Dichter, weil er einen schlechten Menschen vor Augen hatte, einen schlechten Teufel gemalt.

Oder steht etwa in der Mythologie des Herrn von Goethe, der Teufel konne nun einmal nicht anders aussehen, er konne sein Gesicht, seine Gestalt nicht verwandeln? Nein, man lese:

"Auch die Kultur, die alle Welt beleckt,

Hat auf den Teufel sich erstreckt;

Das nordische Phantom ist nun nicht mehr zu

schauen,

Wo siehst du Horner, Schweif und Klauen?

Du nennst mich Herr Baron, so ist die Sache gut,

Ich bin ein Kavalier, wie andre Kavaliere;"

Und an einem andern Ort lasst er mich mein Gesicht ein "Maskchen" nennen; folglich kann er sich eine Maske geben, kann sich verwandeln; aber wie gesagt, der Dichter hat sich begnugt, das nordische Phantom dennoch beizubehalten, nur dass er mich von "Hornern, Schweif und Klauen" dispensiert.

Dies ist das Bild des Mephistopheles, dies ist Goethes Teufel, jenes nordische Phantom soll mich vorstellen; darf nun ein vom Dichter so hoch gestellter Mensch durch eine so niedrige Kreatur, die sich schon durch ihre Maske verdachtig macht, ins Verderben gefuhrt werden? darf jener grosse Geist, der noch in seinem Falle die ubrigen hoch uberragt, darf er durch einen gewohnlichen "Bruder Luderlich", als welchen sich Mephisto ausweist, herabgezogen werden? Und muss nicht diese Maske der Wurde jener Tragodie Eintrag tun?

Doch ich schweige; an geschehenen Dingen ist nichts zu andern, und meine verehrte Grossmutter wurde uber diesen Gegenstand zu mir sagen:

"Sohnchen! Diabole! Bedenke, dass ein grosser Dichter ein grosses Publikum haben, und um ein grosses Publikum zu bekommen, so popular als moglich sein muss."

Siebzehntes Kapitel

Der Besuch

Bei diesem allem bleibt "Faust" ein erhabenes Gedicht, und Goethe einer der ersten Geister seiner Zeit, und man darf sich daher nicht wundern, dass ich ein grosses Verlangen in mir fuhlte, diesen Mann einmal zu sehen. Ich hatte ihm einen unerwarteten Besuch machen konnen, ja wenn ich oft recht argerlich uber mein Zerrbild war, stand ich auf dem Sprung, ihm einmal im Kostum des Mephistopheles nachtlicherweile zu erscheinen, und ihm einigen Schrecken in die Glieder zu jagen; aber eine gewisse Gutmutigkeit, die man zuweilen an mir gefunden hat, hielt mich immer wieder ab, dem alten Mann eine schlaflose Nacht zu machen.

Ich entschloss mich daher, als Doctor legens, ein ehrsamer Titel auf Reisen, ihn zu besuchen, und als solcher kam ich in Weimar an. Es ist mit beruhmten Leuten wie mit einem fremden Tiere; kommt ein ehrlicher Pachter mit seiner Familie in die Stadt auf den Jahrmarkt, so ist sein erstes, dass er in der Schenke den Hausknecht fragt: "Wann kann man den Lowen sehen, Bursche?" "Mein Herr", antwortet der Gefragte, "die Affen und der Seehund sind den ganzen Tag zu haben, der Lowe aber ist am besten aufgelegt, wenn er das Futter im Leib hat, daher rate ich, um jene Zeit hinzugehen."

Geradeso erging es mir in Weimar; ich fuhr von Jena aus mit einem jungen Amerikaner hinuber. Auch in sein Vaterland war des Dichters Ruhm schon langst gedrungen, und er machte auf der grossen Tour durch Europa dem beruhmten Mann zu Ehren schon einen Umweg von zwanzig Meilen. In dem Gasthof, wo wir abgestiegen waren, fragten wir sogleich, um welche Zeit wir bei Herrn von Goethe vorkommen konnten? Wir waren in Reisekleidern, die besonders bei meinem Gefahrten etwas unscheinbar geworden waren; der Wirt musterte uns daher mit misstrauischen Blicken und fragte, ehe er noch unsere Frage beantwortete, ob wir auch Fracks bei uns hatten?

Wir waren glucklicherweise beide damit versehen, und unser Wirt versprach, uns sogleich anmelden zu lassen. "Sie werden wahrscheinlich nach dem Diner, um funf Uhr angenommen werden, um diese Zeit sind Seine Exzellenz am besten zu sprechen. Zweifle auch gar nicht, dass Sie angenommen werden, denn wenn man, wie der Herr hier, eigens deswegen aus Amerika nach Weimar kommt, ware es doch unbarmherzig, einen ungesehen wieder fortzuschicken."

Dieser Patriotismus ging doch wahrhaftig sehr weit; doch wir liessen den guten Mann auf dem Glauben, der junge Philadelphier komme recta nach Weimar, und gehe von da wieder heim; ubrigens hatte er richtig prophezeit: Doctor legens Supfer, wie ich mich nannte, und Forthill aus Amerika, waren auf funf Uhr bestellt.

Endlich schlug die Stunde, wir machten uns auf den Weg. Der Dichter wohnt sehr schon. Eine sanfte, geschmackvolle, mit Statuen dekorierte Treppe fuhrt zu ihm; eine tiefe, geheimnisvolle Stille lag auf dem Hausgang, den wir betraten; schweigend fuhrte uns der Diener in das Besuchzimmer. Behagliche Eleganz, Zierlichkeit und Feinheit, verbunden mit Wurde, zeichneten dieses Zimmer aus. Mein junger Gefahrte betrachtete staunend diese Wande, diese Bilder, diese Meubles. So hatte er sich wohl das "Stubchen des Dichters" nicht vorgestellt. Mit der Bewunderung dieser Umgebungen schien auch die Angst vor der Grosse des Erwarteten zu steigen. Alle Nuancen von Rot wechselten auf seinem angenehmen Gesicht; sein Herz pochte horbar, sein Auge war starr an die Ture geheftet, durch welche der Gefeierte eintreten musste.

Ich hatte indes Musse genug, uber den grossen Mann nachzudenken. Wieviel weiter, sagte ich mir, wie unendlich weiter helfen dem Sterblichen Gaben des Geistes als der zufallige Glanz der Geburt.

Der Sohn eines unscheinbaren Burgers von Frankfurt hat hier die hochste Stufe erreicht, die dem Menschen, nach dem gewohnlichen Lauf der Dinge, offensteht. Es hat schon mancher diese Stufe erstiegen. Geschaftsmanner vom Fach haben vom bescheidenen Platzchen an der Ture alle Sitze ihrer Kollegien durchlaufen, bis endlich der Stuhl, der zunachst am Throne steht, sie in seine Arme aufnahm. Mancher hat sich auf dem Schlachtfeld das Portefeuille erkampft. Goethe hat sich seine eigene Bahn gebrochen, auf welcher ihm noch keiner voranging, noch keiner gefolgt ist; er hat bewiesen, dass der Mensch kann, was er will; denn man sage mir nichts von einem das All umfassenden Genie, von einem Geist, der sein Zeitalter gebildet, es stufenweise zu dem Hoheren gefuhrt habe das Zeitalter hat ihn gebildet.

Ich kann mir noch wohl denken, welch heilloses Leben "Werther" in das liebe Deutschland machte. Die Lotten schienen wie durch einen Zauberschlag aus dem Boden zu wachsen; die Zahl der Werther war Legion. Aber was war hierin Goethes Verdienst? Hatte es wirklich nur daran gefehlt, dass er das Hornchen an den Mund setzte, und bei dem ersten Ton, den er angab, musste Pfaffe und Laie, Nonnchen und Damchen in wunderlichen Kapriolen ihren SanktVeits-Tanz beginnen? Wie heisst dieses grosse schopferische Geheimnis? Alles zu rechter Zeit. Der "Siegwart" hatte die harten Herzen aufgetaut und sie fur allen moglichen Jammer, fur Mondschein und Graber empfanglich gemacht, da kommt Goethe.

Die Ture ging auf er kam.

Dreimal buckten wir uns tief, und wagten es dann an ihm hinauf zu blinzeln. Ein schoner, stattlicher Greis! Augen so klar und helle, wie die eines Junglings, die Stirne voll Hoheit, der Mund voll Wurde und Anmut; er war angetan mit einem feinen schwarzen Kleid, und auf seiner Brust glanzte ein schoner Stern. Doch er liess uns nicht lange Zeit zu solchen Betrachtungen; mit der feinen Wendung eines Weltmannes, der taglich so viele Bewunderer bei sich sieht, lud er uns zum Sitzen ein.

Was war ich doch fur ein Esel gewesen, in dieser so gewohnlichen Maske zu ihm zu gehen. Doctores legentes mochte er schon viele Hunderte gesehen haben. Amerikaner, die, wie unser Wirt meinte, ihm zulieb auf die See gingen, gewiss wenige; daher kam es auch, dass er sich meist mit meinem Gefahrten unterhielt. Hatte ich mich doch fur einen gelehrten Irokesen oder einen schonen Geist vom Mississippi ausgegeben. Hatte ich ihm nicht Wunderdinge erzahlen konnen, wie sein Ruhm bis jenseits des Ohio gedrungen, wie man in den Kapanen von Louisiana uber ihn und seinen "Wilhelm Meister" sich unterhalte? So wurden mir einige unbedeutende Floskeln zuteil, und mein glucklicherer Gefahrte durfte den grossen Mann unterhalten.

Wie falsch sind aber oft die Begriffe, die man sich von der Unterhaltung mit einem grossen Manne macht! Ist er als witziger Kopf bekannt, so wahnt man, wenn man ihn zum erstenmal besucht, einer Art von Elektrisiermaschine zu nahen. Man schmeichelt ihm, man glaubt, er musse dann Witzfunken von sich strahlen, wie die schwarzen Katzen, wenn man ihnen bei Nacht den Rucken streichelt; ist er ein Romandichter, so spitzt man sich auf eine interessante Novelle, die der Beruhmte zur Unterhaltung nur geschwind aus dem Armel schutteln werde; ist er gar ein Dramatiker, so teilt er uns vielleicht freundschaftlich den Plan zu einem neuen Trauerspiel mit, den wir dann ganz warm unseren Bekannten wieder vorsetzen konnen. Ist er nun gar ein umfassender Kopf wie Goethe, einer der, sozusagen, in allen Satteln gerecht ist wie interessant, wie belehrend muss die Unterhaltung werden; wie sehr muss man sich aber auch zusammennehmen, um ihm zu genugen.

Der Amerikaner dachte auch so, ehe er neben Goethe sass; sein Ich fuhr, wie das des guten Walt, als er zum Flitte kam9, angstlich oben in allen vier Gehirnkammern, und darauf unten in beiden Herzkammern wie eine Maus umher, um darin ein schmackhaftes Ideenkornchen aufzutreiben, das er ihm zutragen, und vorlegen konnte zum Imbiss. Er blickte angstvoll auf die Lippen des Dichters, damit ihm kein Wortchen entfalle, wie der Kanditat auf den strengen Examinator, er knickte seinen Hut zusammen, und zerpfluckte einen glacierten Handschuh in kleine Stucke. Aber welcher Zentnerstein mochte ihm vom Herz fallen, als der Dichter aus seinen Hohen zu ihm herabstieg, und mit ihm sprach, wie Hans und Kunz in der Kneipe. Er sprach namlich mit ihm vom guten Wetter in Amerika, und indem er uber das Verhaltnis der Winde zu der Luft, der Dunste des wasserreichen Amerika zu denen in unserem alten Europa sich verbreitete, zeigte er uns, dass das All der Wissenschaft in ihm aufgegangen sei, denn er war nicht nur lyrischer und epischer Dichter, Romanist und Novellist, Lustspiel- und Trauerspieldichter, Biograph (sein eigener) und Ubersetzer nein, er war auch sogar Meteorolog!

Wer darf sich ruhmen, so tief in das geheimnisvolle Reich des Wissens eingedrungen zu sein? Wer kann von sich sagen, dass er mit jedem seine Sprache, d.h. nicht seinen vaterlandischen Dialekt, sondern das, was ihm gerade gelaufig und wert sein mochte, sprechen konne. Ich glaube, wenn ich mich als reisender Koch bei ihm aufgefuhrt hatte, er hatte sich mit mir in gelehrte Diskussionen uber die geheimnisvolle Komposition einer Ganseleberpastete eingelassen, oder nach einer Sekundenuhr berechnet, wie lange man ein Beefsteak auf jeder Seite schmoren musse.

Also uber das schone Wetter in Amerika sprachen wir, und siehe das Armesundergesicht des Amerikaners hellte sich auf, die Schleusen seiner Beredsamkeit offneten sich er beschrieb den feinen weichen Regen von Kanada, er liess die Fruhlingssturme von New York brausen, und pries die Regenschirmfabrik in der Franklinstrasse zu Philadelphia. Es war mir am Ende, als ware ich gar nicht bei Goethe, sondern in einem Wirtshaus unter guten alten Gesellen, und es wurde bei einer Flasche Bier uber das Wetter gesprochen, so menschlich, so kordial war unser Diskurs; aber das ist ja gerade das grosse Geheimnis der Konversation, dass man sich angewohnt nicht gut zu sprechen, sondern gut zu horen. Wenn man dem weniger Gebildeten Zeit und Raum gibt zu sprechen, wenn man dabei ein Gesicht macht, als lausche man aufmerksam auf seine Honigworte, so wird er nachher mit Enthusiasmus verkunden, dass man sich bei dem und dem kostlich unterhalte.

Dies wusste der vielerfahrene Dichter, und statt uns von seinem Reichtum ein Scherflein abzugeben, zog er es vor, mit uns Witterungsbeobachtungen anzustellen.

Nachdem wir ihn hinlanglich ennuyiert haben mochten, gab er das Zeichen zum Aufstehen, die Stuhle wurden geruckt, die Hute genommen, und wir schickten uns an, unsere Abschiedskomplimente zu machen. Der gute Mann ahnete nicht, dass er den Teufel zitiere, als er grossmutig wunschte, mich auch ferner bei sich zu sehen, ich sagte ihm zu, und werde es zu seiner Zeit schon noch halten, denn wahrhaftig, ich habe seinen Mephistopheles noch nicht hinuntergeschluckt. Noch einen zwei Bucklinge, wir gingen.

Stumm und noch ganz stupid vor Bewunderung folgte mir der Amerikaner nach dem Gasthof; die Rote des lebhaften Diskurses lag noch auf seiner Wange, zuweilen schlich ein beifalliges Lacheln um seinen Mund, er schien hochst zufrieden mit dem Besuch.

Auf unserem Zimmer angekommen warf er sich heroisch auf einen Stuhl, und liess zwei Flaschen Champagner auftragen. Der Kork fuhr mit einem Freudenschuss an die Decke, der Amerikaner fullte zwei Glaser, bot mir das eine, und stiess an auf das Wohlsein jenes grossen Dichters.

"Ist es nicht etwas Erfreuliches", sagte er, "zu finden, so hoch erhabene Manner seien wie unsereiner? War mir doch angst und bange vor einem Genie, das dreissig Bande geschrieben; ich darf gestehen, bei dem Sturm, der uns auf offener See erfasste, war mir nicht so bange, und wie herablassend war er, wie vernunftig hat er mit uns diskurriert, welche Freude hatte er an mir, wie ich aus dem neuen Lande kam!" Er schenkte sich dabei fleissig ein, und trank auf seine und des Dichters Gesundheit, und von der erlebten Gnade und vom Schaumwein benebelt, sank er endlich mit dem Entschluss, Amerikas Goethe zu werden, dem Schlaf in die Arme.

Ich aber setzte mich zu dem Rest der Bouteillen. Dieser Wein ist von allen Getranken der Erde der, welcher mir am meisten behagt, sein leichter fluchtiger Geist, der so wenig irdische Schwere mit sich fuhrt, macht ihn wurdig, von Geistern, wenn sie in menschlichen Korpern die Erde besuchen, gekostet zu werden.

Ich musste lacheln, wenn ich auf den seligen Schlafer blickte; wie leicht ist es doch fur einen grossen Menschen, die andern Menschen glucklich zu machen; er darf sich nur stellen, als waren sie ihm so ziemlich gleich, und sie kommen beinahe vom Verstand.

Dies war mein Besuch bei Goethe, und wahrhaftig, ich bereute nicht, bei ihm gewesen zu sein, denn:

"Von Zeit zu Zeit seh ich den Alten gern,

Und hute mich mit ihm zu brechen,

Es ist gar hubsch von einem grossen Herrn,

So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen."

IV

Der Festtag im Fegefeuer

Eine Skizze

Das grosste Gluck der Geschichtsschreiber ist,

dass die Toten nicht gegen ihre Ansichten prote

stieren konnen.

Welt und Zeit. I

Achtzehntes Kapitel

Beschreibung des Festes.

Satan lernt drei merkwurdige Subjekte kennen

Ich teile hier einen Abschnitt aus meinen Memoiren mit, welcher zwar nicht mich selbst betrifft, den ich mir aber aufzeichnete, weil er mir sehr interessant war, und vielleicht auch anderen nicht ohne einiges Interesse sein mochte. Er fuhrt die Aufschrift "Der Festtag im Fegefeuer," und kam durch folgende Veranlassung zu diesem Titel. Es ist auf der Erde bei allen grossen Herrn und Potentaten Sitte, ihre Freude und ihre Trauer recht laut und deutlich zu begehen. dem Staube wiedergegeben wird, haben die Kuster im Land schwere Arbeit, denn man lautet viele Tage lang alle Glocken. Wird eine Prinzess oder gar ein Stammhalter geboren, so verkundet schrecklicher Kanonendonner diese Nachricht. Landesvaterliche oder landesmutterliche Geburtstage werden mit allem moglichen Glanz begangen; die Burgermilizen rucken aus, die Honoratioren halten einen Schmaus, abends ist Ball, oder doch wenigstens in den Landstadtchen biere dansante; kurz, alles lebt in dulci jubilo an solchen Tagen.

Um nun meiner guten Grossmutter eine Ehre zu erweisen, hielt ich es auch schon seit mehreren Jahrhunderten so. Im Fegefeuer, wo sie sich gewohnlich aufhalt, ist immer an diesem Tage allgemeine Seelenfreiheit. Die Seelen bekommen diesen Tag uber den Korper, den sie auf der Oberflache hatten, ihre Kleider, ihre Gewohnheiten, ihre Sitten. Was von Adel da ist, muss Deputationen zum Handkuss der Alten schicken (in pleno konnen sie nicht vorgelassen werden, weil sonst die Prozession einige Tage lang dauerte). Ehemalige Hofmarschalle, Kammerherren usw. haben den grossen Dienst, und schatzen es sich zur Ehre, die Honneurs zu machen, die Festlichkeiten zu leiten, die Touren bei den Ballen, welche abends gegeben werden, zu arrangieren usw.

Ich erfulle durch diese Festlichkeiten einen doppelten Zweck; einmal fuhlt sich chere Grande-Mama ungemein geschmeichelt durch diese Aufmerksamkeit, zweitens gelte ich unter den Seelen fur einen honetten Mann, der ihnen auch ein Vergnugen gonnt, drittens macht dieser einzige Tag, in Freude und alten Gewohnheiten zugebracht, dass die Seelen sich nachher um so unglucklicher fuhlen; was ganz zu dem Zweck einer solchen Anstalt, wie das Fegefeuer ist, passt.

An einem solchen Festtag gehe ich dann verkleidet durch die Menge; manchmal erkennt man mich zwar, ein tausendstimmiges: "Vivat der Herr Teufel! vive le diable!" erfreut dann mein landesvaterliches Herz, doch weiss ich wohl, dass es nicht weniger erzwungen ist, als ein Hurra auf der Oberwelt, denn sie glauben, ich drucke sie noch mehr, wenn sie nicht schreien.

In meinem Inkognito besuche ich dann die verschiedenen Gruppen; tout comme chez vous, meine Herren, nur etwas grotesker, Kaffeegesellschaften, Tee von allen Sorten, diplomatische, militarische, theologische, staatswirtschaftliche, medizinische Klubs finden sich wie durch naturlichen Instinkt zusammen, machen sich einen guten Tag und fuhren ergotzliche Gesprache, die, wenn ich sie mitteilen wollte, auf manches Ereignis neuerer und alterer Zeit ein hubsches Licht werfen wurden.

Einst trat ich in einen Saal des Cafe de Londres (denn, nebenbei gesagt, es ist an diesem Tag alles auf grossem Fuss und hochst elegant eingerichtet) ich traf dort nur drei junge Manner, die aber durch ihr Ausseres gleich meine Neugierde erweckten und mir, wenn sie ins Gesprach miteinander kommen sollten, nicht wenig Unterhaltung zu versprechen schienen. Ich verwandelte daher meinen Anzug in das Kostum eines flinken Kellners und stellte mich in den Saal, um die Herrschaften zu bedienen.

Zwei dieser jungen Leute beschaftigten sich mit einer Partie Billard; ich markierte ihnen und betrachtete mir indes den dritten. Er war nachlassig in einen geraumigen Fauteuil zuruckgelehnt, seine Beine ruhten auf einem vor ihm stehenden kleineren Stuhl, seine linke Hand spielte nachlassig mit einer Reitgerte, sein rechter Arm unterstutzte das Kinn. Ein schoner Kopf! das Gesicht langlich und sehr bleich; die Stirne hoch und frei, von hellbraunen, wohlfrisierten Haaren umgeben, die Nase gebogen und spitzig wie aus weissem Wachs geformt, die Lippen dunn und angenehm gezogen, das Auge blau und hell, aber gewohnlich kalt und ohne alles Interesse langsam uber die Gegenstande hingleitend; dies alles und ein feiner Hut enger oben als unten, nachlassig auf ein Ohr gedruckt, liessen mich einen Englander vermuten. Sein sehr feines blendend weisses Linnenzeug, die gewahlte, uberaus einfache Kleidung konnte nur einem Gentleman, und zwar aus den hochsten Standen gehoren. Ich sah in meiner Liste nach, und fand, es sei Lord Robert Fotherhill. Er winkte, indem ich ihn so betrachtete, mit den Augen, weil es ihm wahrscheinlich zu unbequem war, zu rufen, ich eilte zu ihm, und stellte auf seinen Befehl ein grosses Glas Rum, eine Havannazigarre und eine brennende Wachskerze vor ihn hin.

Die beiden andern Herren hatten indes ihr Spiel geendigt und nahten sich dem Tische, an welchem der Englander sass; ich warf schnell einen Blick in meine Liste und erfuhr, der eine sei ein junger Franzose, Marquis de Lasulot, der andere ein Baron von Garnmacher, ein Deutscher.

Der Franzose war ein kleines untersetztes, gewandtes Mannchen. Sein schwarzes Haar und der dichtgelockte schwarze Backenbart standen sehr hubsch zu einem etwas verbrannten Teint, hochroten Wangen und beweglichen, freundlichen schwarzen Augen; um die vollen roten Lippen und das wohlgenahrte Kinn zog sich jenes schone unnachahmliche Blau, welches den Damen so wohl gefallen soll, und in England und Deutschland bei weitem seltener, als in sudlichern Landern gefunden wird, weil hier der Bartwuchs dunkler, dichter und auch fruher zu sein pflegt, als dort.

Offenbar ein Incroyable von der Chaussee d'Antin! Das elegante Neglige, wie es bis auf die geringste Kleinigkeit hinaus der eigensinnige Geschmack der Pariser vor vier Monaten (so lange mochte der junge Herr bereits verstorben sein) haben wollte. Von dem, mit zierlicher Nachlassigkeit umgebundenen ostindischen Halstuch, dem kleinen blassroten Shawl mit einer Nadel a la Duc de Berry zusammengehalten, bis herab auf die Kamaschen, die man damals seit drei Tagen nach innen zuknopfte, bis auf die Schuhe, die, um als modisch zu gelten, an den Spitzen nach dem grossen Zehen sich hinneigen, und ganz ohne Absatz sein mussten, ich sage bis auf jene Kleinigkeiten, die einem Ungeweihten, geringfugig und miserabel, einem, der in die Mysterien hinlanglich eingefuhrt ist, wichtig und unumganglich notwendig erscheinen, war er gewissenhaft nach dem neuesten "Geschmack fur den Morgen" angezogen.

Er schien soeben erst seinem Jean die Zugel seines Cabriolets in die Hand gedruckt, die Peitsche von geglattetem Fischbein kaum in die Ecke des Wagens gelehnt zu haben und jetzt in meinen Kaffee hereingeflogen zu sein, um mehr gesehen zu werden, als zu sehen, mehr zu schwatzen, als zu horen.

Er lorgnettierte fluchtig den Gentleman im Fauteuil, schien sich an dem ungemeinen Rumglas und dem Rauchapparat, den jener vor sich hatte, ein wenig zu entsetzen, schmiegte sich aber nichtsdestoweniger an die Seite Seiner Lordschaft und fing an zu sprechen:

"Werden Sie heute abend den Ball besuchen, mein Herr, den uns Monseigneur le diable gibt? Werden viel Damen dort sein, mein Herr? ich frage, ich bitte Sie, weil ich wenig Bekanntschaft hier habe.

Mein Herr, darf ich Ihnen vielleicht meinen Wagen anbieten, um uns beide hinzufuhren; es ist ein ganz honettes Ding, dieser Wagen, habe ich die Ehre, Sie zu versichern, mein Herr; er hat mich bei Latonnier vor vier Monaten achtzehnhundert Franken gekostet. Mein Herr, Sie brauchen keinen Bedienten mitzunehmen, wenn ich die Ehre haben sollte, Sie zu begleiten, mein Jean ist ein Wunderkerl von einem Bedienten."

So ging es im Galopp uber die Zunge des Incroyable. Seine Lordschaft schien sich ubrigens nicht sehr daran zu erbauen. Er sah bei den ersten Worten den Franzosen starr an, richtete dann den Kopf ein wenig auf, um seine rechte Hand frei zu machen, ergriff mit dieser die erste Bewegung seit einer halben Stunde das Kelchglas, nippte einige Zuge Rum, rauchte behaglich seine Zigarre an, legte den Kopf wieder auf die rechte Hand, und schien dem Franzosen mehr mit dem Auge als mit dem Ohr zuzuhoren und auch auf diese Art antworten zu wollen, denn er erwiderte auch nicht eine Silbe auf die Einladung des redseligen Franzosen und schien, wie sein Landsmann Shakespeare sagt:

"der Zahne doppelt Gatter"

vor seine Sprachorgane gelegt zu haben.

Der Deutsche hatte sich wahrend dieses Gespraches dem Tische genahert, eine hofliche Verbeugung gemacht und einen Stuhl dem Lord gegenuber genommen. Man erlaube mir, auch ihn ein wenig zu betrachten. Er war, was man in Deutschland einen gewichsten jungen Mann zu nennen pflegt, ein Stutzer; er hatte blonde, in die Hohe strebende Haare, an die etwas niedere Stirne schloss sich ein "allerliebstes Stumpfnaschen", uber dem Mund hing ein Stutzbartchen, dessen Enden hinaufgewirbelt waren, seine Miene war gutmutig, das Auge hatte einen Ausdruck von Klugheit, der wie gut angebrachtes Licht auf einem grobschattierten Holzschnitt keinen ublen Effekt hervorbrachte.

Seine Kleidung, wie seine Sitten schien er von verschiedenen Nationen entlehnt zu haben. Sein Rock mit vielen Knopfen und Schnuren war polnischen Ursprungs; er war auf russische Weise auf der Brust vier Zoll hoch wattiert, schloss sich spannend uber den Huften an, und formierte die Taille so schlank, als die einer hubschen Altenburgerin; er hatte ferner enge Reithosen an, weil er aber nicht selbst ritt, so waren solche nur aus dunnem Nanking verfertigt, aus ebendiesem Grund mochten auch die Sporen mehr zur Zierde und zu einem wohltonenden, Aufmerksamkeit erregenden Gang, als zum Antreiben eines Pferdes dienen. Ein feiner italienischer Strohhut vollendete das gewahlte Kostum.

Ich sehe es einem gleich bei der Art, wie er den Stuhl nimmt und sich niedersetzt, an, ob er viel in Zirkeln lebte, wo auch die kleinste Bewegung von den Gesetzen des Anstandes und der feinen Sitte geleitet wird; der Stutzer setzte sich passabel, doch bei weitem nicht mit jener feinen Leichtigkeit, wie der Franzose, und der Englander zeigte selbst in seiner nachlassigen, halb sitzenden, halb liegenden Stellung mehr Wurde als jener, der sich so gut aufrecht hielt, als es nur immer ein Tanzmeister lehren kann.

Diese Bemerkungen, zu welchen ich vielleicht bei weitem mehr Worte verwendet habe, als es dem Leser dieser Memoiren notig scheinen mochte, machte ich in einem Augenblick, denn man denke sich nicht, dass der junge Deutsche mir so lange gesessen sei, bis ich ihn gehorig abkonterfeit hatte.

Der Marquis wandte sich sogleich an seinen neuen Nachbar. "Mein Gott, Herr von Garnmacker", sagte er, "ich mochte verzweifeln; der englische Herr da scheint mich nicht zu verstehen und ich bin seiner Sprache zu wenig machtig, um die Konversation mit gehoriger Lebhaftigkeit zu fuhren; denn ich bitte Sie, mein Herr, gibt es etwas Langweiligeres, als wenn drei schone junge Leute beieinander sitzen, und keiner den andern versteht?"

"Auf Ehre, Sie haben recht", antwortete der Stutzer in besserem Franzosisch, als ich ihm zugetraut hatte; "man kann sich zur Not denken, dass ein Turke mit einem Spanier Billard spielt, aber ich sehe nicht ab, wie wir unter diesen Umstanden mit dem Herrn plaudern konnen."

"J'ai bien compris, Messieurs", sagte der Lord ganz ruhig neben seiner Zigarre vorbei, und nahm wieder einigen Rum zu sich.

"Ist's moglich, Mylord?" rief der Franzose vergnugt, "das ist sehr gut, dass wir uns verstehen konnen! Marqueur, bringen Sie mir Zuckerwasser! O das ist vortrefflich, dass wir uns verstehen, welch schone Sache ist es doch um die Mitteilung, selbst an einem Ort, wie dieser hier."

"Wahrhaftig, Sie haben recht, Bester!" gab der Deutsche zu; "aber wollen wir nicht zusammen ein wenig umherschlendern, um die schone Welt zu mustern? Ich nenne Ihnen schone Damen von Berlin, Wien, von allen moglichen Stadten meines Vaterlandes, die ich bereist habe; ich hatte oben grosse Bekanntschaften und Konnexionen, und darf hoffen, an diesem verfl... Ort manche zu treffen, die ich zu kennen das Gluck hatte; Mylord nennt uns die Schonen von London, und Sie, teuerster Marquis, konnen uns hier Paris im kleinen zeigen."

"Gott soll mich behuten!" entgegnete eifrig der Franzose, indem er nach der Uhr sah, "jetzt, um diese fruhe Stunde wollen Sie die schone Welt mustern?"

"Meinen Sie, mein Herr, ich habe in diesem detestable purgatoire so sehr allen guten Ton verlernt, dass ich jetzt auf die Promenade gehen sollte?"

"Nun, nun", antwortete der Stutzer, "ich meine nur, im Fall wir nichts Besseres zu tun wussten. Sind wir denn nicht hier wie die drei Manner im Feuerofen? Sollen wir wohl ein Loblied singen wie jene? Doch wenn es Ihnen gefallig ist, mein Herr, uns einen Zeitvertreib vorzuschlagen, so bleibe ich gerne hier."

"Mein Gott", entgegnete der Incroyable, "ist dies nicht ein so anstandiger Kaffee, als Sie in ganz Deutschland keinen haben? Und fehlt es uns an Unterhaltung? Konnen wir nicht plaudern, soviel wir wollen? Sagen Sie selbst, Mylord, ist es nicht ein gutes Haus, kann man diesen Salon besser wunschen, nein! Monsieur le diable hat Geschmack in solchen Dingen, das muss man ihm lassen."

"Une confortable maison!" murmelte Mylord, und winkte dem Franzosen Beifall zu. "Et ce salon confortable."

"Gute Tafel, mein Herr?" fragte der Marquis, "nun die wird auch da sein, ich denke mir, man speist wohl nach der Charte? Aber meine Herren, was sagen Sie dazu, wenn wir uns zur Unterhaltung gegenseitig etwas aus unserem Leben erzahlen wollten? Ich hore so gerne interessante Abenteuer, und Baron Garnmakker hat deren wohl so viele erlebt als Mylord?"

"God damn! das war ein vernunftiger Einfall, mein Herr", sagte der Englander, indem er mit der Reitgerte auf den Tisch schlug, die Fusse von dem Stuhl herabzog, und sich mit vieler Wurde in dem Fauteuil zurechtsetzte; "noch ein Glas Rum, Marqueur!"

"Ich stimme bei", rief der Deutsche, "und mache Ihnen uber Ihren glucklichen Gedanken mein Kompliment, Herr von Lasulot. Eine Flasche Rheinwein, Kellner! Wer soll beginnen, zu erzahlen?"

"Ich denke, wir lassen dies das Los entscheiden", antwortete Lord Fotherhill, "und ich wette funf Pfund, der Marquis muss beginnen."

"Angenommen, mein Herr", sagte mit angenehmem Lacheln der Franzose; "machen Sie die Lose, Herr Baron, und lassen Sie uns ziehen, Nummer zwei soll beginnen."

Baron Garnmacher stand auf und machte die Lose zurecht liess, ziehen und die zweite Nummer fiel auf ihn selbst.

Ich sah den Franzosen dem Lord einen bedeutenden Wink zuwerfen, indem er das linke Auge zugedruckt, mit dem rechten auf den Deutschen hinuberdeutete; ich ubersetzte mir diesen Wink so: "Geben Sie einmal acht, Mylord, was wohl unser ehrlicher Deutscher vorbringen mag. Denn wir beide sind schon durch den Rang unserer Nationen weit uber ihn erhaben."

Baron von Garnmacher schien aber den Wink nicht zu beachten; mit grosser Selbstgefalligkeit trank er ein Glas seines Rheinweins, wischte in der Eile den Stutzbart mit dem Rockarmel ab und begann:

Neunzehntes Kapitel

Geschichte des deutschen Stutzers

"Als mein Grossvater, der kaiserlich-koniglich "

"Ich bitte Sie, mein Herr", unterbrach ihn der Incroyable, "schenken Sie uns den Grosspapa, und fangen Sie gleich bei Ihrem Vater an; was war er?"

"Nun ja, wenn es Ihnen so lieber ist, aber ich hatte mich gerne bei dem Glanz unserer Familie langer verweilt; mein Vater lebte in Dresden auf einem ziemlich grossen Fuss "

"Was war er denn, der Herr Papa? Sie verzeihen, wenn ich etwas zu neugierig erscheine, aber zu einer Geschichte gehort Genauigkeit."

"Mein Vater", fuhr der Stutzer etwas missmutig fort, "war Kleiderfabrikant en gros "

"Wie", fragte der Lord, "was ist Kleiderfabrikant? Kann man in Deutschland Kleider in Fabriken machen?"

"Hol mich der Teufel, wie er schon getan!" rief der Stutzer unwillig, und stiess das Glas auf den Tisch; "das ist nicht die Art, wie man seine Biographie erzahlen kann, wenn man alle Augenblicke von kritischen Untersuchungen unterbrochen wird; mein Vater hatte ein Haus am Alt-Markt, darin hatte er ein Atelier und hielt Arbeiter, welche Kleider fur die Leute machten!"

"Mon dieu, also war es, was wir tailleur nennen? ein Schneider?"

"Nun in Gottes Namen! nennen Sie es, wie Sie wollen, kurz, er hatte die Welt gesehen, machte ein Haus, und wenn er auch nicht den Adel und die ersten Burger in seinen Soirees sah, so war doch ein gewisser guter Ton, ein gewisser Anstand, ein gewisses, ich weiss nicht was, kurz es war ein ganz anstandiger Mann, mein Papa."

Mich selbst erfasste der Lachkitzel, als ich den garcon tailleur so perorieren horte, doch fasste ich mich, um den Marqueur nicht aus der Rolle fallen zu lassen. Der Marquis aber hatte sich zuruckgelehnt und wollte sich ausschutten vor Lachen, der Englander sah den Stutzer forschend an, unterdruckte ein Lacheln, das seiner Wurde schaden konnte und trank Rum; der deutsche Baron aber fuhr fort:

"Sie hatten mich, meine Herren, auf der Oberwelt in Daumenschrauben pressen konnen und ich hatte meine Maske nicht vor Ihnen abgenommen. Hier ist es ein ganz anderes Ding; wer kummert sich an diesem schlechten Ort um den ehemaligen Baron von Garnmacher? Darum verletzt mich auch Ihr Lachen nicht im geringsten, im Gegenteil, es macht mir Vergnugen, Sie zu unterhalten!"

"Ah! ce noble trait!" rief der Incroyable und wischte sich die Tranen aus dem Auge, "reichen Sie mir die Hand, und lassen Sie uns Freunde bleiben. Was geht es mich an, ob Ihr Vater duc oder tailleur war. Erzahlen Sie immer weiter, Sie machen es gar zu hubsch."

"Ich genoss eine gute Erziehung, denn meine Mutter wollte mich durchaus zum Theologen machen, und weil dieser Stand in meinem Vaterland der eigentlich privilegierte Gelehrtenstand ist, so wurde mir in meinem siebenten Jahre mensa, in meinem achten amo, in meinem zehnten , in meinem zwolften pacat eingebleut. Sie konnen sich denken, dass ich bei dieser ungemeinen Gelehrsamkeit keine gar angenehmen Tage hatte; ich hatte, was man einen harten Kopf nennt; das heisst, ich ging lieber aufs Feld, horte die Vogel singen, oder sah die Fische den Fluss hinabgleiten; sprang lieber mit meinen Kameraden, als dass ich mich oben in der Dachkammer, die man zum Musensitz des kunftigen Pastors eingerichtet hatte, mit meinem Broder, Buttmann, Schroder, und wie die Schrecklichen alle heissen, die den Knaben mit harten Kopfen wie bose Geister erscheinen, abmarterte."

"Ich hatte uberdies noch einen andern Gang, der mir viele Zeit raubte; es war die von fruher Jugend an mit mir aufwachsende Neigung zu schonen Madchen. Sommers war es in meiner Dachkammer so gluhend heiss, wie unter den Bleidachern des Palastes Sankt Marco in Venedig; wenn ich dann das kleine Schiebfenster offnete, um den Kopf ein wenig in die frische Luft zu stecken, so fielen unwillkurlich meine Augen auf den schonen Garten unseres Nachbars, eines reichen Kaufmanns; dort unter den schonen Achazien auf der weichen Moosbank sass Amalie, sein Tochterlein und ihre Gespielinnen und Vertraute. Unwiderstehliche Sehnsucht riss mich hin; ich fuhr schnell in meinen Sonntagsrock, frisierte das Haar mit den Fingern zurecht und war im Flug durch die Zaunlucke bei der Konigin meines Herzens.

Denn diese Charge begleitete sie in meinem Herzen im vollsten Sinne des Wortes. Ich hatte in meinem eilften Jahre den grossten Teil der Ritter- und Rauberromane meines Vaterlandes gelesen, Werke, von deren Vortrefflichkeit man in andern Landern keinen Begriff hat, denn die erhabenen Namen Cramer und Spiess sind nie uber den Rhein oder gar den Kanal gedrungen. Und doch, wieviel hoher stehen diese Bucher alle, als jene Ritter- und Rauberhistorien des Verfassers von 'Waverley', der kein anderes Verdienst hat, als auf Kosten seiner Leser recht breit zu sein. Hat der grosse Unbekannte solche vortreffliche Stellen wie die, welche mir noch aus den Tagen meiner Kindheit im Ohr liegen: 'Mitternacht, dumpfes Grausen der Natur, Rudengebell, Ritter Urian tritt auf.'

Wem pocht nicht das Herz, wem straubt sich nicht das Haar empor, wenn er nachts auf einer oden, verlassenen Dachkammer dieses liest; wie fuhlte ich da das 'Grausen der Natur!' und wenn der Hofhund sein Rudengebell heulte, so war die Tauschung so vollkommen, dass sich meine Blicke angstlich an die schlecht verriegelte Ture hefteten, denn ich glaubte nicht anders, als 'Ritter Urian trete auf'.

Was war naturlicher, als dass bei so lebhafter Einbildungskraft, auch mein Herz Feuer fing? Jede Berta, die ihren Ritter die Feldbinde umhing, jede Ida, die sich auf den Soller begab, um dem, den Schlossberg hinabdonnernden Liebsten noch einmal mit dem Schleier zuzuwedeln, jede Agnes, Hulda usw. verwandelte sich unwillkurlich in Amalien.

Doch auch sie war diesem Tribut der Sterblichkeit unterworfen. Aus ihrer Sparbuchse namlich wurden die Romane angeschafft. Wenn einer gelesen war, so empfing ich ihn, las ihn auch, trug ihn dann wieder in die Leihbibliothek, und suchte dort immer die Bucher heraus, welche entweder keinen Rucken mehr hatten, oder vom Lesen so fett geworden waren, dass sie mich ordentlich anglanzten. Das sind so die echten nach unserem Geschmack, dachte ich, und sicher war es ein 'Rinaldo Rinaldini' ein 'Domschutz', ein alter 'Uberall und Nirgends', oder sonst einer unserer Lieblinge.

Zu Hause band ich ihn dann in alte lateinische Schriften ein, denn Amalie war sehr reinlich erzogen, und hatte, wenn auch das Innere des Romans nicht immer sehr rein war, doch nie mit blossen Fingern den fetten Glanz ihrer Lieblinge betastet. Ehrerbietig trug ich ihn dann in den Garten hinuber, und uberreichte ihn; und nie empfing ich ihn zuruck, ohne dass mir Amalie die schonsten Stellen mit Strickgarn oder einer Stecknadel bezeichnet hatte. So lasen und liebten wir; unsere Liebe richtete sich nach dem Vorbild, das wir gerade lasen; bald war sie zartlich und verschamt, bald feurig und sturmisch, ja wenn Eifersuchten vorkamen, so gaben wir uns alle mogliche Muhe, einen Gegenstand, eine Ursache fur unser namenloses Ungluck zu ersinnen.

Mein gewohnliches Verhaltnis zu der reichen Kaufmannstochter war ubrigens das eines Edelknaben von dunkler Geburt, der an dem Hof eines grossen Grafen oder Fursten lebt, eine ungluckliche Leidenschaft zu der schonen Tochter des Hauses bekommt, und endlich von ihr heimliche, aber innige Gegenliebe empfangt. Und wie lebhaft wusste Amalie ihre Rolle zu geben; wie gutig, wie herablassend war sie gegen mich! wie liebte sie den schonen, ritterlichen Edelknaben, dem kein Hindernis zu schwer war, zu ihr zu gelangen, der den breiten Burggraben (die Entenpfutze in unserm Hof) durchwadet, der die Zinnen des Walles (den Gartenzaun) erstiegen, um in ihr Gartengemach (die Moosbank unter den Achazien) sich zu schleichen. Tausend Dolche (die Nagel auf dem Zaun, die meinen Beinkleidern sehr gefahrlich waren) tausend Dolche lauern auf ihn, aber die Liebe fuhrt ihn unbeschadigt zu den Fussen seiner Herrin.

Das einzige Ungluck bei unserer Liebe war, dass wir eigentlich gar kein Ungluck hatten. Zwar gab es hie und da Grenzstreitigkeiten zwischen dem armen Ritter, meinem Vater, und dem reichen Fursten (dem Kaufmann), wenn namlich eines unserer Huhner in seinen Garten hinubergeflogen war, und auf seinen Mistbeeten spazierenging; oder es kam sogar zu wirklicher Fehde, wenn der Furst einen Herold (seinen Ladendiener) zu uns heruberschickte und um den Tribut mahnen liess (weil mein Vater eine sehr grosse Rechnung in dem Kontobuch des Fursten hatte). Aber dies alles war leider kein notigendes Ungluck fur unsere Liebe, und diente nicht dazu, unsere Situationen noch romantischer zu machen.

Die einzige Folge, die aus meinem Lesen und meiner Liebe entstand, war mein hartes Ungluck, immer unter den letzten meiner Klasse zu sein, und von dem alten Rektor tuchtig Schlage zu bekommen; doch auch daruber belehrte und trostete mich meine 'Herrin'. Sie entdeckte mir namlich, dass des Herzogs (des Rektors) altester Prinz um ihre Liebe gebuhlt und sie aus Liebe zu mir den Jungling abgewiesen habe; er aber habe gewiss unsere Liebe und den Grund seiner Abweisung entdeckt und sie dem alten Vater, dem Rektor, beigebracht, der sich dafur auf eine so unwurdige Art an mir rache. Ich liess die Gute auf ihrem Glauben, wusste aber wohl, woher die Schlage kamen; der alte Herzog wusste, dass ich die unregelmassigen, griechischen Verba nicht lernte, und dafur bekam ich Schlage.

So war ich funfzehn, und meine Dame vierzehn Jahre alt geworden, ungetrubt war bis jetzt der Himmel unserer Liebe gewesen, da ereigneten sich mit einem Mal zwei Unglucksfalle, wovon schon eines fur sich hinreichend gewesen ware, mich aus meinen Hohen herabzuschmettern.

Es war die Zeit, wo nach dem Frieden von Paris die Fouqeschen Romane anfingen, in meinem Vaterlande Mode zu werden...."

"Was ist das, Fouquesche Romane?" fragte der Lord.

"Das sind lichtbraune, fromme Geschichten; doch durch diese Definition werden Sie nicht mehr wissen als vorher. Herr von Fouque ist ein frommer Rittersmann, der, weil es nicht mehr an der Zeit ist, mit Schwert und Lanze zu turnieren, mit der Feder in die Schranken reitet, und kampft, wie der gewaltigen Wahringer einer. Er hat das ein wenig rohe und gemeine Mittelalter modernisiert, oder vielmehr unsere heutige modische Welt in einigen frommen Mystizismus einbalsamiert, und um funfhundert Jahre zuruckgeschoben. Da schmeckt nun alles ganz susslich und sieht recht anmutig, lichtdunkel aus; die Ritter, von denen man vorher nichts anders wusste, als sie seien derbe Landjunker gewesen, die sich aus Religion und feiner Sitte so wenig machten, als der Grossturke aus dem sechsten Gebot, treten hier mit einer bezaubernden Courtoisie auf, sprechen in feinen Redensarten, sind hauptsachlich fromm und kreuzglaubig.

Die Damen sind moderne Schwarmerinnen, nur keuscher, reiner, mit steifen Kragen angetan, und uberhaupt etwas ritterlich aufgeputzt. Selbst die edlen Rosse sind glanzender als heutzutage und haben ordentlich Verstand, wie auch die Wolfshunde und andere solche Getiere."

"Mon dieu! solchen Unsinn liest man in Deutschland?" rief der Franzose und schlug vor Verwunderung die Hande zusammen.

"O ja, meine Herren, man liest und bewundert; es gab eine Zeit bei uns, wo wir davon zuruckgekommen waren, alles an fremden Nationen zu bewundern; da wir nun, auf unsere eigenen Herrlichkeiten beschrankt, nichts an uns fanden, das wir bewundern konnten, als die tempi passati so warfen wir uns mit unserem gewohnlichen Nachahmungseifer auf diese und wurden allesamt altdeutsch.

Mancher hatte aber nicht Phantasie genug, um sich ganz in jene herrliche vergangene Zeiten hineinzudenken, man fuhlte allgemein das Bedurfnis von Handbuchern, die, wie Modejournale neuerer Zeit, uber Sitten und Gebrauche bei unseren Vorfahren uns belehrt hatten, da trat jener fromme Ritter auf, ein zweiter Orpheus, griff er in die Saiten und es entstand ein neu Geschlecht; die Madchen, die bei den franzosischen Garnisonen etwas frivol geworden waren, wurden sittige, keusche, fromme Fraulein, die jungen Herren zogen die modischen Fracks aus, liessen Haar und Bart wachsen, an die Hemder eine halbe Elle Leinwand setzen, und 'Kleider machen Leute' sagt ein Sprichwort, probatum est, auch sie waren tugendlich, tapfer und fromm."

"God damn! Sie haben recht, ich habe solche Figuren gesehen", unterbrach ihn der Englander, "vor acht Jahren machte ich die grosse Tour und kam auch nach der Schweiz. Am Vierwaldstatter See liess ich mir den Ort zeigen, wo die Schweizer ihre Republiken gestiftet haben. Ich traf auf der Wiese eine Gesellschaft, die wunderlich, halb modern, halb aus den Garderoben fruherer Jahrhunderte sich gekleidet zu haben schien. Funf bis sechs junge Manner sassen und standen auf der Wiese und blickten mit glanzenden Augen uber den See hin. Sie hatten wunderbare Mutzen auf dem Kopf, die fast anzusehen waren wie Pfannkuchen. Lange wallende Haare fielen in malerischer Unordnung auf den Rucken und die Schultern; den Hals trugen sie frei und hatten breite, zierlich gestickte Kragen, wie heutzutage die Damen tragen, herausgelegt.

Ein Rock, der offenbar von einem heutigen Meister, aber nach antiker Form gemacht war, kleidete sie nicht ubel; er schloss sich eng um den Leib und zeigte uberall den schonen Wuchs der jungen Manner. In sonderbarem Kontrast damit standen weite Pluderhosen von grober Leinwand. Aus ihren Rocken sahen drohende Dolchgriffe hervor, und in der Hand trugen sie Beilstocke, ungefahr wie die romischen Liktoren. Gar nicht recht wollte aber zu diesem Kostum passen, dass sie Brillen auf der Nase hatten und gewaltig Tabak rauchten.

Ich fragte meinen Fuhrer, was das fur eine sonderbare Armatur und Uniform ware, und ob sie vielleicht eine Besatzung der Grutli-Wiese vorstellen sollten? Er aber belehrte mich, dass es fahrende Schuler aus Deutschland waren. Unwillkurlich drangte sich mir der Gedanke an den fahrenden Ritter Don Quijote auf, ich stieg lachend in meinen Kahn und pries mein Gluck, auf einem Platz, der durch die erhabenen Erinnerungen, die er erweckt, nur zu leicht zu traumerischen Vergleichungen fuhrt, eine so groteske Erscheinung aus dem Leben gehabt zu haben. Die jungen Deutschen sohnten mich aber wieder mit sich aus, denn als mein Kahn uber den See hingleitete, erhoben sie einen vierstimmigen Gesang in so erhabener Melodie, mit so wurdigen, ergreifenden Wendungen, dass ich ihnen in Gedanken das Vorurteil abbat, welches ihr Kostum in mir erweckt hatte."

"Nun ja, da haben wir's", fuhr der Baron von Garnmacher fort, "so sah es damals unter alt und jung in Deutschland aus; auch ich hatte Fouquesche Romane gelesen, wurde ein frommer Knab, trug mich wie alle meine Kameraden altdeutsch und war meiner Herrin, der 'wunnigen Maid' mit einer keuschen, inniglichen Minne zugetan. Auf Amalien machte ubrigens der 'Zauberring', die 'Fahrten Thiodolfs' etc. nicht den gewunschten Eindruck; sie verlachte die sittigen, lichtbraunen, blauaugigen Damen, besonders die Bertha von Lichtenrieth, und pries mir Lafontaine und Langbein, schlupfrige Geschichten, welche ihr eine ihrer Freundinnen zugesteckt hatte.

Ich war zu erfullt von dem deutschen Wesen, das in mir aufging, als dass ich ihr Gehor gegeben hatte, aber der lusterne Brennstoff jener Romane brannte fort in dem Madchen, das sich, weil sie fur ihr Alter schon ziemlich gross war, fur eine angehende Jungfrau hielt, und kurz es gab eine Josephsszene zwischen uns; ich hullte mich in meinen altdeutschen Rock und meine Fouquesche Tugend ein und floh vor den Lokkungen der Sirene; wie mein Held Thiodolf vor der herrlichen Zoe.

Die Folge davon war, dass sie mich als einen Unwurdigen verachtete, und dem Prinzen, des Rektors Sohn, ihre Liebe schenkte. Ob er mit ihr Lafontaine und Langbein studierte, weiss ich nicht zu sagen, nur so viel ist mir bekannt, dass ihn der Furst, Amaliens Vater, einige Wochen nachher eigenhandig aus dem Garten gepeitscht hat.

Ich sass jetzt wieder auf meinem Dachkammerlein, hatte die hebraische Bibel und die griechischen Unregelmassigen vor mir liegen und auf ihnen meine Romane. An manchem Abend habe ich dort heisse Tranen geweint und durch die Jalousien in den Garten hinabgeschaut, denn die zuchtlose Jungfrau sollte meinen Jammer nicht erschauen, sie sollte den Kampf zwischen Hass und Liebe nicht auf meinem Antlitz lesen. Ich war fest uberzeugt, dass so unglucklich wie ich, kein Mensch mehr sein konne und hochstens der ungluckliche Otto von Trautwangen, als er in Frankreich mit seinem vernunftigen lichtbraunen Rosslein eine Hohle bewohnte, konnte vielleicht so kummervoll gewesen sein wie ich.

Aber das Mass meiner Leiden war nicht voll; horen Sie, wie 'aus entwolkter Hohe', mich ein zweiter Donner traf.

Der alte Rektor hatte seinen Schulern ein Thema zu einem Aufsatz gegeben, worin wir die Frage beantworten sollten, wen wir fur den grossten Mann Deutschlands halten? Es sollte sein Wert geschichtlich nachgewiesen, Grunde fur und wider angegeben und uberhaupt alles recht gelehrt abgemacht werden. Ich hatte, wie ich Ihnen schon bemerkt habe, meine Herren, immer einen harten Kopf, und Aufsatze mit Grunden waren mir von jeher zuwider gewesen, ich hatte also auch immer mittelmassige oder schlechte Arbeit geliefert. Aber fur diese Arbeit war ich ganz begeistert, ich fuhlte eine hohe Freude in mir, meine Gedanken uber die grossen Manner meines Vaterlandes zu sagen und meine Ideale (und wer hat in diesen Jahren nicht solche) in gehoriges Licht setzen zu konnen.

Geschichtlich sollte das Ding abgefasst werden? was war leichter fur mich als dies; jetzt erst fuhlte ich den Nutzen meines eifrigen Lesens; wo war einer, der so viele Geschichten gelesen hatte als ich? Und wer, der irgendeinmal diese Bucher der Geschichten in die Hand nahm, wer konnte in Zweifel sein, wer die grossten Manner meines Vaterlandes seien? Zwar war ich noch nicht ganz mit mir selbst im reinen, wem ich die Krone zuerkennen sollte; Hasper a Spada? es ist wahr, es war ein Tapferer, der Schrecken seiner Feinde, die Liebe seiner Freunde; aber, wie die Geschichte sagt, war er sehr stark dem Trinken ergeben und dies war doch schon eine Schlacke in seinem furtrefflichen Charakter; Adolph der Kuhne, Raugraf von Dassel? Er hat schon etwas mehr von einem grossen Mann; wie schrecklich zuchtigt er die Pfaffen! Wenn er nur nicht in der Historie nach Rom wandeln und Busse tun musste, aber dies schwacht doch sein majestatisches Bild. Es ist wahr, Otto von Trautwangen glanzt als ein Stern erster Grosse in der deutschen Geschichte, dachte ich weiter, aber auch er scheint doch nicht der grosste gewesen zu sein, wiewohl seine Frommigkeit, die sehr in Anschlag zu bringen ist, jeden Zauber uberwand.

Island gehorte wohl auch zum deutschen Reich, wahrhaftig unter allen deutschen Helden ist doch keiner, der dem Thiodolf das Wasser reicht. Stark wie Simson, ohne Falsch wie eine Taube, fromm wie ein Lamm, im Zorn ein Berserker, es kann nicht fehlen, er ist der grosste Deutsche.

Ich setzte mich hin und schrieb voll Begeisterung diese Rangordnung nieder; wohl zehnmal sprang ich auf, meine Brust war zu voll, ich konnte nicht alles sagen, die Feder, die Worte versagten mir, wohl zehnmal las ich mir mit lauter Stimme die gelungensten Stellen vor; wie erhaben lautete es, wenn ich von der Starke des Islanders sprach, wie er einen Wolf zahmte, wie er in Konstantinopel ein Pferd nur ein wenig auf die Stirne klopfte, dass es auf der Stelle tot war, wie grossmutig verschmaht er alle Belohnung, ja er schlagt einen Kaiserthron aus, um seiner Liebe treu zu bleiben, wie kindlich fromm ist er, obgleich er die christliche Religion nicht recht kannte, wie schon beschrieb ich das alles; ja! es musste das harte Herz des alten Rektors ruhren!

Ich konnte mir denken, wie er meine Arbeit mit steigendem Beifall lesen, wie er morgens in die Klasse kommen wurde, um unsere Aufsatze zu zensieren; dann sendet er gewiss einen milden, freundlichen Blick nach dem letzten Platze, wohin er sonst nur wie ein brullender Lowe schaute, dann liest er meine Arbeit laut vor und spricht: 'Kann man etwas Gelungeneres lesen als dies, und ratet, wer es gemacht hat? Die Letzten sollen die Ersten werden; der Stein, den die Bauleute verworfen haben, soll zum Eckstein werden; tritt hervor, mein Sohn, Garnmachere! Ich habe immer gesagt, du seiest ein bete, konnte ich ahnen, dass du mit so vielem Eifer Geschichten studierst? Nimm hin den Preis, der dir gebuhrt.'

So musste er sagen, er konnte nicht anders, ohne das schreiendste Unrecht zu tun. Eifrig schrieb ich jetzt meinen Aufsatz ins reine, und um zu zeigen, dass ich auch in den neueren Geschichten nicht unbewandert sei, sagte ich am Schluss, dass ich nach Erfindung des Pulvers den deutschen Alcibiades, und nachst ihm Hermann von Nordenschild fur die grossten Manner halte. Man konne ihnen den Ritter Euros, welcher nachher als Domschutz mit seinen Gesellen10 so grosses Aufsehen gemacht habe, was die Tapferkeit betreffe, vielleicht an die Seite stellen, doch stehen jene beiden auf einem viel hoheren Standpunkt.

Ich brachte dem Rektor triumphierend den Aufsatz und musste ihm beinahe ins Gesicht lachen, als er murrisch sagte: 'Er wird wieder ein schones Geschmier haben, Garnmacher!'

'Lesen Sie, und dann richten Sie', gab ich ihm stolz zur Antwort und verliess ihn.

Wenn in Ihrem Vaterlande, Mylord, eine Preisfrage gestellt wurde, uber den wurdigsten englischen Theologen, und es wurden in einer gelehrten, mit Phrasen wohldurchspickten Antwort die Vorzuge des 'Vicar of Wakefield' dargetan, wer wurde da nicht lachen? Wenn Sie, werter Marquis, nach der wurdigsten Dame zu den Zeiten Louis XIV. gefragt wurden und Sie priesen die 'Neue Heloise', wurde man Sie nicht fur einen Rasenden halten? Horen Sie, welche Torheit ich begangen hatte!

Der Samstag, an welchem man unsere Arbeiten gewohnlich zensierte, erschien endlich. Sooft dieser Tag sonst erschienen war, war er mir immer ein Tag des Unglucks gewesen; gewohnlich schlich ich da mit Herzklopfen zur Schule, denn ich durfte gewiss sein, wegen schlechter Arbeit getadelt, offentlich geschmaht zu werden. Aber wieviel stolzer trat ich heute auf, ich hatte meinen besten Rock angezogen, den schonsten, feingestickten Hemdkragen angelegt, mein wallendes Haar war zierlich gescheitelt und gelockt, ich sah stattlich aus und gestand mir, ich sei auch im Ausseren des Preises nicht unwurdig, welcher mir heute zuteil werden sollte.

Der Rektor fing an, die Aufsatze zu zensieren; wie armliche, obskure Helden hatten sich meine Mitschuler gewahlt: Hermann, Karl der Grosse, Kaiser Heinrich, Luther und dergleichen er ging viele durch, immer kam er noch nicht an meine Arbeit; ja es war offenbar, meine Helden hatte er auf die Letzt aufgespart als die besten!

Endlich ruhte er einige Augenblicke, rausperte sich und nahm ein Heft mit rosenfarber Uberdecke, das meinige, zur Hand; mein Herz pochte laut vor Freude, ich fuhlte, wie sich mein Mund zu einem triumphierenden Lacheln verziehen wollte, aber ich gab mir Muhe, bescheiden bei dem Lob auszusehen; der Rektor begann:

'Und nun komme ich an eine Arbeit, welche ihresgleichen nicht hat auf der Erde (earth) ich will einige Stellen daraus vorlesen:' er deklamierte mit ungemeinem Pathos gerade jene Kraftstellen, welche ich mit so grosser Begeisterung niedergeschrieben hatte; ein schallendes Gelachter aus mehr als vierzig Kehlen unterbrach jeden Satz, und als er endlich an den Schluss gelangte, wo ich mit einer kuhnen Wendung dem furchtbaren Domschutzen noch einige Blumchen gestreut hatte, erscholl Bravo! Ancora! und die Tische krachten unter den beifalltrommelnden Fausten meiner Mitschuler. Der Rektor winkte Stille und fuhr fort: 'Es ware dies eine gelungene Satire auf die Herren Spiess und Konsorten, wenn nicht der Verfasser selbst eine Satire auf die Menschheit ware. Es ist unser lieber Garnmacher. Tritt hervor du dedecus naturae, hieher zu mir!'

Zitternd folgte ich dem furchterlichen Wink. Das erste war, als ich vor ihm stand, dass er mir das rosenfarbene Heft einmal rechts und einmal links um die Ohren schlug; und jetzt donnerte eine Strafpredigt uber mich herab, von der ich nur so viel verstand, dass ich ein bete war, und nicht wusste, was Geschichte sei.

Es begegnet zuweilen, dass man im Traum von einer schonen, blumigen Sonnenhohe in einen tiefen Abgrund herabfallt; man schwindelt, indem man die unermesslichen Hohen herabfliegt, man fuhlt die unsanfte Erschutterung, wenn man am Boden zu liegen glaubt, man erwacht und sieht sich mit Staunen auf dem alten Boden wieder; die Hohe, von der man herabsturzte, ist mit all ihren Blutengarten verschwunden, ach, sie war ja nur ein Traum!

So war mir damals, als mich der Rektor aus meinem Schlummer aufschuttelte, ein tiefer Seufzer war die einzige Antwort, die ich ihm geben konnte, ich war arm wie jener Krosus, als er vor seinem Sieger Cyrus stand, auch ich hatte ja alle meine Reiche verloren!!

Ich sollte bekennen, woher ich die Romane bekommen, wer mir das Geld dazu gegeben habe; konnte, durfte ich sie, die ich einst liebte, verraten? Ich leugnete, ich hielt den ganzen Sturm des alten Mannes auf, ich stand wie Mucius Scaevola.

Der langen Rede kurzer Sinn war ubrigens der, dass ich von meinem Vater ein Attestat daruber bringen musse, dass ich das Geld zu solchen Allotriis von ihm habe, und uberdies habe ich am nachsten Montag vier Tage Karzer anzutreten. Verhohnt von meinen Mitschulern, die mir Thiodolf, deutscher Alcibiades und dergleichen nachriefen; in dumpfer Verzweiflung ging ich nach Hause. Es war gar kein Zweifel, dass mich mein Vater, wenn er diese Geschichte erfuhr, entweder sogleich totschlagen, oder wenigstens zum Schneidersjungen machen wurde. Vor beidem war mir gleich bange; ich besann mich also nicht lange, band etwas Weisszeug und einige seltene Dukaten und andere Munzen, welche mir meine Paten geschenkt hatten, in ein Tuch, warf noch einen Kuss, und den letzten Blick nach des Nachbars Garten, sagte meinem Dachstubchen Lebewohl, und eine Viertelstunde nachher wanderte ich schon auf der Strasse nach Berlin, wo mir ein Oheim lebte, an welchen ich mich vors erste zu wenden gedachte.

In meinem Herzen war es ode und leer, als ich so meine Strasse zog; meine Ideale waren zerronnen. Sie hatten also nicht gelebt, diese tapferen, frommen, liebevollen, biederen Manner, sie hatten nicht geatmet jene lieblichen Bilder holder Frauen; jene bunte Welt voll Putz und Glanz, alle jene Stimmen, die aus fernen Jahrhunderten zu mir herubertonten, die mutigen Tone der Trompete, Rudengebell, Waffengeklirr, Sporenklang, susse Akkorde der Laute alles, alles dahin, alles nichts als eine loschpapierene Geschichte, im Hirn eines Poeten gehegt, in einer schmutzigen Druckpresse zur Welt gebracht!

Ich sah mich noch einmal nach der Gegend um, die ich verlassen hatte; die Sonne war gesunken, die Nebel der Elbe verhullten das liebe Dresden, nur die Spitzen der Turme ragten vergoldet vom Abendrot uber dem Dunstmeer.

So lag auch mein Traumen, mein Hoffen, Vergangenheit und Zukunft in Nebel gehullt, nur einzelne hohe Gestalten standen hell beleuchtet wie jene Turme vor meiner Seele; wohlan! sprach ich bei mir selbst:

O fortes, pejoraque passi

Mecum saepe viri, nunc cantu pellite curas

Cras ingens iterabimus aequor.

Noch einmal breitete ich die Arme nach der Vaterstadt aus, da fuhlte ich einen leichten Schlag auf die Schulter und wandte mich um." Der Herausgeber ist in der grossten Verlegenheit; er hat bis auf den Tag, an welchem er dies schreibt, dem Verleger das Manuskript zum ersten Teil versprochen, und doch fehlt noch ein grosser Teil des letzten Abschnittes; er ist noch nicht geweiht, die Messe ist schon voruber und eine eigene uber die paar Bogen lesen zu lassen, findet sich weder ein gehoriger Vorwand, noch wurde das Werkchen diese bedeutende Ausgabe wert sein. Wir versparen daher die Fortsetzung des Festtages in der Holle auf den zweiten Teil.

Zweiter Teil

Vorspiel

Worin von Prozessen, Justizraten die Rede,

nebst einer stillschweigenden Abhandlung

"was von Traumen zu halten sei?"

Dieser zweite Teil der Mitteilungen aus den Memoiren des Satan erscheint um ein volliges Halbjahr zu spat. Angenehm ist es dem Herausgeber, wenn die Leser des ersten sich daruber gewundert, am angenehmsten, wenn sie sich daruber geargert haben; es zeigt dies eine gewisse Vorliebe fur die schriftstellerischen Versuche des Satan, die nicht nur ihm, sondern auch seinem Ubersetzer und Herausgeber erwunscht sein muss.

Die Schuld dieser Verspatung liegt aber weder in der zu heissen Temperatur des letzten Spatsommers, noch in der strengen Kalte des Winters, weder im Mangel an Zeit oder Stoff, noch in politischen Hindernissen; die einzige Ursache ist ein sonderbarer Prozess, in welchen der Herausgeber verwickelt wurde, und vor dessen Beendigung er diesen zweiten Teil nicht folgen lassen wollte.

Kaum war namlich der erste Teil dieser Memoiren in die Welt versandt und mit einigen Posaunenstossen in den verschiedenen Zeitungen begleitet worden, als plotzlich in allen diesen Blattern zu lesen war eine

Warnung vor Betrug

"Die bei Fr. Franckh in Stuttgart herausgekommenen 'Memoiren des Satan' sind nicht von dem im Alten und Neuen Testament bekannten und durch seine Schriften: 'Elixiere des Teufels', 'Bekenntnisse des Teufels', als Schriftsteller beruhmten Teufel, sondern ganzlich falsch und unrecht; was hiemit dem Publikum zur Kenntnis gebracht wird."

Ich gestehe, ich argerte mich nicht wenig uber diese Zeilen, die von niemand unterschrieben waren. Ich war meiner Sache so gewiss, hatte das Manuskript von niemand anders als dem Satan selbst erhalten, und nun, nach vielen Muhen und Sorgen, nachdem ich mich an den infernalischen Chiffern beinahe blind gelesen, soll ein solcher anonymer Totschlager uber mich herfallen, meine literarische Ehre aus der Ferne totschlagen und besagte Memoiren fur unecht erklaren?

Wahrend ich noch mit mir zu Rate ging, was wohl auf eine solche Beschuldigung des Betruges zu antworten sei, werde ich vor die Gerichte zitiert und mir angezeigt, dass ich einer Namensfalschung, eines literarischen Diebstahls angeklagt sei und zwar vom Teufel selbst, der gegenwartig als Geheimer Hofrat in persischen Diensten lebe. Er behaupte namlich, ich habe seinen Namen Satan missbraucht, um ihm eine miserable Scharteke, die er nie geschrieben, unterzuschieben; ich habe seinen literarischen Ruhm benutzt, um diesem schlechten Buchlein einen schnellen und eintraglichen Abgang zu verschaffen; kurz, er verlange nicht nur, dass ich zur Strafe gezogen, sondern auch dass ich angehalten werde, ihm Schadenersatz zu geben, "dieweil ihm ein Vorteil durch diesen Kniff entzogen worden".

Ich verstehe so wenig von juridischen Streitigkeiten, dass mir fruher schon der Name Klage oder Prozess Herzklopfen verursachte; man kann sich also wohl denken, wie mir bei diesen schrecklichen Worten zumute ward. Ich ging niedergedonnert heim und schloss mich in mein Kammerlein, um uber diesen Vorfall nachzudenken. Es war mir kein Zweifel, dass es hier drei Falle geben konne: entweder hatte mir der Teufel selbst das Manuskript gegeben, um mich nachher als Klager recht zu angstigen und auf meine Kosten zu lachen; oder irgendein boser Mensch hatte mir die Komodie in Mainz vorgespielt, um das Manuskript in meine Hande zu bringen, und der Teufel selbst trat jetzt als erbitterter Klager auf; oder drittens, das Manuskript kam wirklich vom Teufel, und ein mussiger Kopf wollte jetzt den Satan spielen und mich in seinem Namen verklagen.

Ich ging zu einem beruhmten Rechtsgelehrten und trug ihm den Fall vor. Er meinte, es sei allerdings ein fataler Handel, besonders weil ich keine Beweise beibringen konne, dass das Manuskript von dem echten Teufel abstamme, doch er wolle das Seinige tun und aus der bedeutenden Anzahl Bucher, die seit Justinians Corpus juris bis auf das neue birmanische Strafgesetzbuch uber solche Falle geschrieben worden seien, einiges nachlesen.

Das juridische Stiergefecht nahm jetzt formlich seinen Anfang. Es wurde, wie es bei solchen Fallen herkommlich ist, so viel daruber geschrieben, dass auf jeden Bogen der Memoiren des Satan ein Ries Akten kam, und nachdem die Sache ein Vierteljahr anhangig war, wurde sogar auf Unrechtskosten eine eigene Aktenkammer fur diesen Prozess eingeraumt; uber der Ture stand mit grossen Buchstaben: "Acta in Sachen des persischen G. H. R. Teufels gegen Dr. H-f, betreffend die Memoiren des Satan."

Ein sehr gunstiger Umstand fur mich war der, dass ich auf dem Titel nicht "Memoiren des Teufels", sondern "des Satan" gesagt hatte. Die Juristen waren mit sich ganz einig, dass der Name Teufel in Deutschland sein Familienname sei, ich habe also wenigstens diesen nicht zur Falschung gebraucht; Satan hingegen sei nur ein angenommener, willkurlicher, denn niemand im Staate sei berechtigt, zwei Namen zu fuhren. Ich fing an, aus diesem Umstand gunstigere Hoffnungen zu schopfen, aber nur zu bald sollte ich die bittere Erfahrung machen, was es heisse, den Gerichten anheimzufallen. Das Referat in Sachen des et cetera war namlich dem beruhmten Justizrat Wackerbart in die Hande gefallen, einem Mann, der schon bei Dampfung einiger grossen Revolutionen ungemeine Talente bewiesen hatte, und neuerdings sogar dazu verwendet wurde, bedeutende Unruhen in einem Gymnasium zu schlichten. Stand nicht zu erwarten, dass ein solcher beruhmter Jurist meine Sache nur als eine cause celebre ansehen, und sie also handhaben werde, dass sie, gleichviel, wem von beiden Recht, ihm am meisten Ruhm einbrachte? Hiezu kam noch der Titel und Rang meines Gegners; Wackerbart hatte seit einiger Zeit angefangen, sich an hohere Zirkel anzuschliessen, musste ihm da ein so wichtiger Mann, wie ein persischer geheimer Hofmann, nicht mehr gelten als ich Armer?

Es ging wie ich vorausgesehen hatte. Ich verlor meine Sache gegen den Teufel. Strafe, Schadenersatz, aller mogliche Unsinn wurde auf mich gewalzt, ich wunderte mich, dass man mich nicht einige Wochen ins Gefangnis sperrte oder gar hangte. Man hatte hauptsachlich folgendes gegen mich in Anwendung gebracht:

"Entscheidungs-Grunde

zu dem

vor dem Kriminalgericht Klein-Justheim

unter dem 4. Dezbr. 1825, gefallten

Erkenntnis

in der Untersuchungssache

gegen

den Dr ....f wegen Betrugs.

1. Es ist durch das Zugestandnis des Angeklagten erhoben, dass er keine Beweise beizubringen weiss, dass die von ihm herausgegebenen 'Memoiren des Satan' wirklich von dem bekannten, echten Teufel, so gegenwartig als Geheimer Hofrat in persischen Diensten lebt, herruhren. Ferner hat der Angeschuldigte ....f zugegeben, dass die in den offentlichen Blattern daruber enthaltene Ankundigung mit seinem Wissen gegeben sei.

2. Die letztgedachte Ankundigung ist also abgefasst, dass hieraus die Absicht des Verfassers, die Lesewelt glauben zu machen, dass 'Die Memoiren des Satan' von dem wahren, im Alten und Neuen Testament bekannten und neuerdings als Schriftsteller beliebten Teufel geschrieben sei, nur allzu deutlich hervorleuchten tut.

3. Durch diese Verfahrungsart hat sich der Angeklagte ....f eines Betruges, alldieweilen solcher im allgemeinen in jedweder auf inpermissen Commodum fur sich oder Schaden anderer gerichteten unrechtlichen Tauschung anderer, entweder indem man falsche Tatsachen mitteilt oder wahre dito nicht angibt besteht; oder um uns naher auszudrucken, da hier die Sprache von einer Ware und gedrucktem Buch ist einer Falschung schuldig gemacht: Denn, durch den Titel 'Memoiren des Satan' und die Anpreisung des Buches wurde der Lesewelt falschlich vorgespiegelt, dass das Buch ausdrucklich von dem unter dem Namen Satan bekannten, k. persischen Geheimen Hofrat Teufel verfasst sei, was beim Verkauf des Werkes verursachte, dass es schneller und in grosserer Quantitat abging, als wenn das Buchlein unter dem Namen des Herrn ....f, so dem Publico noch gar nicht bekannt ist, erschienen ware, und wodurch die, so es kauften, in ihrer schonen Erwartung, ein echtes Werk des Teufels in Handen zu haben, schnode betrogen wurden.

4. Wenn der Herr Dr ....f, um sich zu entschuldigen, dagegen einwendet, dass der Name Satan in Deutschland nur ein angenommener sei, worauf der Teufel, wie man ihn gewohnlich nennt, keinen Anspruch zu machen habe, so bemerken wir Kriminalleute von Klein-Justheim sehr richtig, dass sich ....f auf den Gebrauch jenes angenommenen, ubrigens bekanntermassen den Teufel sehr wohl bezeichnenden Namen nicht beschrankt, sondern in dem Werke selbst uberall durchblicken lasst, namentlich in der Einleitung, dass der Verfasser derjenige Teufel oder Satan sei, welcher dem Publico, besonders dem Frauenzimmer, wie auch denen Gelehrten durch fruhere Opera, z.B. die 'Elixiere des Teufels' et cetera ruhmlichst bekannt ist, wodurch wohl ebenfalls niemand anders gemeint ist, als der Geheime Hofrat Teufel.

5. Man muss lachen uber die Behauptung des Inkulpaten, dass das in Frage stehende Opusculum, wie auch nicht destoweniger seine Anzeige, eigentlich eine Satire auf den Teufel und jegliche Teufelei jetziger Zeit sei! Denn diese Entschuldigung wird durch den Inhalt der Schrift selbst widerlegt; ja, jeder Leser von Vernunft muss das auch wohl eher fur eine etwas geringe Nachaffung der Teufeleien, als fur eine Satire auf dieselben erkennen. Ware aber auch, was wir Juristen nicht einzusehen vermogen, das Werk dennoch eine Satire, so ist durchaus kein gunstiger Umstand fur ....f zu ziehen, weil derjenige Kaufer, der etwas Echtes, vom Teufel Verfasstes kaufen wollte, erst nach dem Kauf entdecken konnte, dass er betrogen sei.

6. Ausser der vollig rechtswidrigen Tauschung der Lesewelt, Leihbibliotheken et cetera, ist in der vorliegenden Defraudation auch ein Verbrechen gegen den begangen, dessen Name oder Firma missbraucht worden; namlich, und specialiter gegen den Geheimen Hofrat Teufel, welcher sowohl als Gelehrter und Schriftsteller, als von wegen des Honorars seiner ubrigen Schriften, sehr dabei interessiert ist, dass nicht das Geschreibsel anderer als von ihm niedergeschrieben, wie auch erdacht, angezeigt und verkauft werde.

7. Wenn endlich der Angeklagte behauptet, dass er das Buch arglos herausgegeben, ohne das Klein-Justheimer Recht hieruber zu kennen, dass ihn auch bei der Falschung durchaus keine gewinnsuchtigen Absichten geleitet hatten, so ist uns dies gleichgultig, und haben nicht darauf Rucksicht zu nehmen, denn Falschung ist Falschung, sei es, ob man englische Teppiche nachahmt und als echt verkauft, oder Bucher schreibt unter falschem Namen; ist alles nur verkaufliche Ware und kann den Begriff des Vergehens nicht andern, weil immer noch die Tauschung und Anschmierung der Kaufer restiert und zwar ebenfalls nichts destominder auch alsdann, wenn die 'Memoiren des Satan' gleichen Wert mit den ubrigen Buchern des Teufels hatten (was wir Klein-Justheimer ubrigens bezweifeln, da jener Geheimer Hofrat ist), weil dem Ebengedachten schon durch das Unterschieben eines fremden Machwerkes unter seinem Namen ein Schaden in juridischem Sinne sein tut.

Es ist daher, wie man getan hat, erkannt worden usw. usw.

Gez. Prasident und Rate des

Kriminalgerichtes zu Klein-Justheim."

Hast du, geneigter Leser, nie die beruhmten Nurnberger Gliedermanner gesehen, so, kunstreich aus Holz geschnitzelt, ihre Gliedlein nach jedem Druck bewegen? Hast du wohl selbst in deiner Jugend mit solchen Mannern gespielt und allerlei Kurzweil mit ihnen getrieben, und probiert, ob es nicht schoner ware, wenn er z.B. das Gesicht im Nacken truge und den Rucken hinunterschaue, oder ob es nicht vernunftiger ware, wenn ihm die Beine ein wenig umgedreht wurden, dass er vor- und ruckwarts spaziere, wie man es haben wolle. Das hast du wohl versucht in den Tagen deiner Kindheit und es war ein unschuldiges Spiel, denn dem Gliedermann war es gleichgultig, ob ihm die Beine uber die Schulter heruberkamen oder nicht, ob er den Rucken herabschaute oder vorwarts, er lachelte so dumm wie zuvor, denn er hatte ja kein Gefuhl, und es tat ihm nicht weh im Herzen, denn auch dieses war ja aus Holz geschnitzelt, und wahrscheinlich aus Lindenholz.

Aber selbst ein solcher Gliedermann sein zu mussen in den tappischen Handen der Klein-Justheimer Kriminalen! Sie renkten und drehten mir die Glieder, setzten mir den Kopf so oder so, wie es ihnen gefallig, oder auch nach Vorschrift des Justinian, drehten und wendeten mein Recht, bis das Kadaver vor ihnen lag auf dem grunen Sessionstisch, wie sie es haben wollten, mit verrenkten Gliedern, und sie nun anatomisch aufnotieren konnten, was fur Fehler und Kuriosa an ihm zu bemerken, namlich, dass er das Gesicht im Nacken, die Fusse einwarts, die Arme verschrankt et cetera trage, ganz gegen alle Ordnung und Recht.

Ware, Ware! nannten sie deine Memoiren, o Satan, Ware! als wurde dergleichen nach der Elle aus dem Gehirn hervorgehaspelt, wie es jener Schwarzkunstler und Eskamoteur getan, der Bander verschluckte und sie herauszog Elle um Elle aus dem Rachen. Warenfalschung, Einschwarzen, Defraudation, o welch herrliche Begriffe, um zu definieren was man will. Und rechtswidrige Tauschung des Publikums, wer hat denn daruber geklagt? wer ist aufgestanden unter den Tausenden und hat Zeter geschrien, weil er gefunden, dass das Buchlein nicht von dem Schwarzen selbst herruhre, dass er den Missetater bestraft wissen wolle fur diese rechtswidrige Tauschung? O Klein-Justheim, wie weit bist du noch zuruck hinter England und Frankreich, dass du nicht einmal einsehen kannst, Werke des Geistes seien kein nachgemachter Rum oder Arrak, und gehoren durchaus nicht vor deine Schranken.

Traurig musterte ich das Manuskript des zweiten Teiles, der nun fur mich und das Publikum verloren war; ich dachte nach uber das Hohngelachter der Welt, wenn der erste nur ein Torso, ein schlechtes abgerissenes Stuck, verachtet auf den Schranken der Leihbibliotheken sitze, trubselig auf die hohe Versammlung der Romane und Novellen aller Art herabschaue, und ihnen ihre abgenutzten Gewander beneide, die den grossen Furor, welchen sie in der Welt machen, beurkunden, wie er seine andere Halfte, seinen Nebenmann, den zweiten herbeiwunsche, um verbunden mit ihm schone Damen und Herren zu besuchen, was ihm jetzt als einem Invaliden beinahe unmoglich war. Da wurde mir eines Morgens ein Brief uberbracht, dessen Aufschrift mir bekannte Zuge verriet. Ich riss ihn auf, ich las: "Wohlgeborner, sehr verehrter Herr! Durch den Oberjustizrat Hammel, der vor einigen Tagen das Zeitliche gesegnet, und an mein Hoflager kam, erfuhr ich zu meinem grossen Arger die miserabeln Machinationen, die gegen Euch gemacht werden. Bildet Euch nicht ein, dass sie von mir herruhren. Mit grossem Vergnugen denke ich noch immer an unser Zusammentreffen in den Drei Reichskronen zu Mainz, und in meiner jetzigen Zuruckgezogenheit und bei meinen vielen Geschaften im Norden komme ich selten dazu, eine deutsche Literaturzeitung zu lesen, aber einige Rezensenten, welche ich sprach, versichern mich, mit welchem Eifer Ihr meine Memoiren herausgegeben habt, und dass das Publikum meine Bemuhungen zu schatzen wisse. Der Prozess, den man Euch an den Hals warf, kam mir daher um so unerwarteter. Glaubet mir, es ist nichts als ein schlechter Kunstgriff, um mich nicht als Schriftsteller aufkommen zu lassen, weil ich ein wenig uber ihre Universitaten schimpfte, und die asthetischen Tees, und Euch wollen sie nebenbei auch drucken. Lasset Euch dies nicht kummern, Wertester; gebet immer den zweiten Teil heraus, im Notfall konnet Ihr gegenwartiges Schreiben jedermann lesen lassen, namentlich den Wackerbart, saget ihm, wenn er meine Handschrift nicht kenne, so kenne ich um so besser die seinige.

Ich kenne diese Leutchen, sie sind Raubritter und Korsaren, die jeden beruhmten Prozess, der ihnen in die Hande fallt, fur gute Prise erklaren, und wenn sie ihn fest haben in den Krallen, so lange deuteln und drehen, bis sie ihn dahin entscheiden konnen, wo er ihnen am meisten Ruhm nebst etzlichem Golde eintragt. Was war bei Euch von beiden zu erheben? Ihr, ein armseliger Doktor der Philosophie und Magister der brotlosen Kunste, was seid Ihr gegen einen persischen Geheimen Hofrat? Denket also, die Sache sei ganz naturlich zugegangen, und gramet Euch nicht daruber. Was den persischen Geheimen Hofrat betrifft, der meine Rolle ubernommen hat, so will ich bei Gelegenheit ein Wort mit ihm sprechen.

Hier lege ich Euch noch ein kleines Manuskriptchen bei, ich habe es in den letzten Pfingstfeiertagen in Frankfurt aufgeschrieben, es ist im ganzen ein Scherz und hat nicht viel zu bedeuten; doch schaltet Ihr es im zweiten Teile ein, es gibt vielleicht doch Leute, die sich dabei freundschaftlich meiner erinnern.

Gehabt Euch wohl; in der Hoffnung Eure personliche Bekanntschaft bald zu erneuern, bin ich

Euer wohlaffektionierter Freund

Der Satan."

Man kann sich leicht denken, wie sehr mich dieser Brief freute. Ich lief sogleich damit zu dem wackern Mann, der meine Sache gefuhrt hatte, ich zeigte ihm den Brief, ich erklarte ihm, appellieren zu wollen, an ein hoheres Gericht, und den Originalbrief beizulegen.

Er zuckte die Achseln und sprach: "Lieber, sie wohnen zusammen in einer Hausmiete, die Kriminalen; ob Ihr um eine Treppe hoher steigen wollet, aus dem Entresol in die Beletage zu den Vornehmeren, das ist einerlei, Ihr fallet nur um so tiefer, wenn sie Euch durchfallen lassen. Doch an mir soll es nicht fehlen."

So sprach er und focht fur mich mit erneuerten Kraften; doch was half es; sie stimmten ab, erklarten den persischen fur den echten, alleinigen Teufel, der allein das Recht habe, Teufeleien zu schreiben, und der Prozess ging auch in der Beletage verloren.

Da fasste mich ein gluhender Grimm; ich beschloss,

und wenn es mich den Kopf kosten sollte, doch den zweiten Teil herauszugeben, ich nahm das Manuskript unter den Arm, raffte mich auf und erwachte.

Freundlich strahlte die Fruhlingssonne in mein

enges Stubchen, die Lerchen sangen vor dem Fenster und die Blutenzweige winkten herein mich aufzumachen, und den Morgen zu begrussen.

Verschwunden war der bose Traum von Prozessen,

Justizraten, Klein-Justheim und alles was mir Gram und Arger bereitete, verschwunden, spurlos verschwunden.

Ich sprang auf von meinem Lager, ich erinnerte

mich, den Abend zuvor bei einigen Glasern guten Weins uber einen ahnlichen Prozess mit Freunden gesprochen zu haben; da war mir nun im Traume alles so erschienen, als hatte ich selbst den Prozess gehabt, als ware ich selbst verurteilt worden von Kriminalrichtern und Klein-Justheimer Schoppen.

Ich lachelte uber mich selbst! wie pries ich mich

glucklich, in einem Lande zu wohnen, wo dergleichen juridische Exzesse gar nicht vorkamen; wo die Justiz sich nicht in Dinge mischt, die ihr fremd sind, wo es keine Wackerbarte gibt, die einen solchen Fund fur gute Prise erklaren, das Recht zum Gliedermann machen und drauflos hantieren und drehen, ob es biege oder breche; wo man Erzeugnisse des Geistes nicht als Ware handhabt, und Satire versteht und zu wurdigen weiss, wo man weder auf den Titel eines persischen Geheimen Hofrats noch auf irgend dergleichen Rucksicht nimmt.

So dachte ich, pries mich glucklich und verlachte meinen komischen Prozesstraum.

Doch wie staunte ich, als ich hintrat zu meinem Arbeitstisch! Nein, es war keine Tauschung, da lag er ja, der Brief des Satans, wie ich ihn im Traum gelesen, da lag das Manuskript, das er mir im Briefe verheissen. Ich traute meinen Sinnen kaum, ich las, ich las wieder, und immer wurde mir der Zusammenhang unbegreiflicher.

Doch ich konnte ja nicht anders, ich musste seinen Wink befolgen, und seinen "Besuch in Frankfurt" dem zweiten Teile einverleiben.

Ich gestehe, ich tat es ungern. Ich hatte schon zu diesem Teile alles geordnet, es fand sich darin eine Skizze, die nicht ohne Interesse zu lesen war, ich meine jene Szene, wie er mit Napoleon eine Nacht in einer Hutte von Malojaroslawez zubrachte, und wie von jenen Augenblicken an, so vieles auf geheimnisvolle Weise sich gestaltet im Leben jenes Mannes, dem selbst der Teufel Achtung zollen musste, vielleicht weil er ihm nicht beikommen konnte, doch vielleicht ist es moglich, dieses merkwurdige Aktenstuck dem Publikum an einem anderen Orte mitzuteilen.

Noch war ich mit Durchsicht und Ordnen der Papiere beschaftigt, da wurde die Ture aufgerissen, und mein Freund Moritz sturzte ins Zimmer.

"Weisst du schon?" rief er. "Er hat ihn verloren."

"Wer? was hat man verloren?"

"Nun, von was wir gestern sprachen, den Prozess gegen Clauren meine ich, wegen des Mannes im Monde!"

"Wie? ist es moglich!" entgegnete ich, an meinen Traum denkend; "unser Freund, der Kandidatus Bemperlein? den Prozess?"

"Du kannst dich drauf verlassen, soeben komme ich vom Museum, der Verleger sagte es mir, soeben wurde ihm das Urteil publiziert."

"Aber wie konnte dies doch geschehen! Moritz! war er etwa auch in Klein-Justheim anhangig?"

"Klein-Justheim? Du fabelst, Freund!" erwiderte der Freund, indem er besorgt meine Hand ergriff; "was willst du nur mit Klein-Justheim, wo gibt es denn einen solchen Ort?"

"Ach", sagte ich beschamt, "du hast recht; ich dachte an meinen Traum."

Der Fluch

Novelle

(Fortsetzung)

Man kann sich denken, dass ich in Rom immer viele Geschafte habe. Die heilige Stadt hatte immer einen Uberfluss von Leuten, die in der ersten, zweiten oder dritten Abstufung mein waren.

Man wird sich wundern, dass ich eine Klassifikation der guten Leute (von anderen Sunder genannt) mache; aber, wer je mit der Erde zu tun hatte, hat den Menschen bald abgelernt, dass nur das Systematische mit Nutzen bei ihnen betrieben werden konne. Es ist dies besonders in Stadten wie Rom, unumganglich notwendig; wo so vielerlei Nuanzen guter Leute vom roten Hut bis auf die Kapuze, vom Fursten, der die Macht hat, Orden zu verleihen, bis auf den Armen, dem solche um dreissig Taler angeboten werden, sich vorfinden, da muss man Klassen haben. Ich werde in der Bibel und von den heutigen Philosophen als das negierende Prinzip vorgestellt, daher teilte ich meine guten Leute ein, in: I. Klasse, mit dem Pradikat "recht gut", solche, die geradehin verneinen; als da sind: Freigeister, Gottesleugner, etc. 2. Klasse, "gut". Sie sagen mit einigem Umschweif nein; gelten unter sich fur Heiden, bei Vernunftigen fur liberale Manner, bei der Menge fur fromme Menschen. In dieser Klasse befinden sich viele Turken und Pfaffen. Die dritte Klasse mit dem Pradikat "mittelmassig", sind jene, die ihr "Nein" nur durch ein Kopfschutteln andeuten. Es sind jene, die sich selbst fur eine Art von Gott halten, mogen sie nun Ablass verkaufen, oder als evangelischmystisch-pietistische Seelen einen Seperatfrieden mit dem Himmel abschliessen; der letzteren gibt es ubrigens in Rom wenige.

Es lasst sich annehmen, dass das Innere dieses Systems, die verschiedenen Ubergange der Klassen beinahe mit jedem Jahr sich andern. Geld, Sitten, der Zeitgeist uben hier einen grossen Einfluss aus, und machen beinahe alle zwei Jahre eine Reise an Ort und Stelle notwendig.

Als ich vor einiger Zeit auf einer solchen Visitationsreise in Rom verweilte, war ich Zeuge folgender Szenen, die ich aufzuzeichnen nicht unterlassen will, weil sie vielleicht fur manchen Leser meiner Memoiren von Interesse sein mochten.

Ich ging eines Morgens unter den Saulengangen der Peterskirche spazieren, dachte nach uber mein System und die Veranderungen, die ihm durch die Missionare in Frankreich, und das Uberhandnehmen der Jesuiten drohte, da stiess mir ein Gesicht auf, das schon in irgendeiner interessanten Beziehung zu mir gestanden sein musste. Ich stand stille, ich betrachtete ihn von der Seite. Es war ein schlanker, schoner, junger Mann; seine Zuge trugen die Spuren von stillem Gram; dem Auge, der Form des Gesichtes nach, war er kein Italiener ein Deutscher, und jetzt fiel mir mit einem Male bei, dass ich ihn vor wenigen Monaten in Berlin, im Salon jener Dame gesehen hatte, die mir und dem Ewigen Juden einen asthetischen Tee zu trinken gegeben hatte. Es war jener junge Mann, dessen anziehende Unterhaltung, dessen angenehme Personlichkeit mir damals ein so grosses Interesse eingeflosst hatten. Er war es, der uns damals eine Avanture aus seinem Leben erzahlt hatte, die ich fur wurdig fand, bei der Beschreibung jenes Abends mit aufzuzeichnen.

Ob ihn wohl die Liebe zu jener jungen Dame noch einmal in die heilige Stadt gezogen hatte? Ob ihm, wie mir, der dustere Himmel seines Landes und die susse Langeweile der asthetischen Tees im Hause seiner Tante so druckend wurde, dass er sich unter eine sudlichere Zone fluchtete? Ich beschloss seine Bekanntschaft zu erneuen, um uber jenes interessante Begegnis, dessen Erzahlung der Jude unterbrochen, um uber ihn selbst, uber seine Schicksale, etwas Naheres zu vernehmen. Er stand an einer Saule des Portals, den Blick fest auf die Ture gerichtet; fromme Seelen, schone Frauen, junge Madchen stromten aus und ein, ich sah, er blieb gleichgultig, wenigstens schien ihn keine dieser Gestalten zu interessieren. Endlich erscheint ein kleiner Florentiner Strohhut in der Ture; war es die Form dieses Hutes, waren es die weissen wallenden Federn, war es die einfache Rose, aus welcher dieser Busch hervorwallte, was dem jungen Mann so reizend, so bekannt dunkte? Noch konnte man weder Gestalt noch Gesicht der Dame sehen, aber seine Augen glanzten, ein Lacheln der erfullten Hoffnung flog um seinen Mund, seine Wangen roteten sich, er richtete sich hoher auf, und schaute unverwandt den Saulengang hin. Noch verdeckten zwei Pfaffen mit ihren Kapuzen die Nahende, jetzt bogen sie rechts ein, und ich sah ein holdes, susses Wesen heranschweben.

Wer, wie ich, erhaben uber jede Leidenschaft, die den Sterblichen auf der Erde qualt, die Dinge betrachtet wie sie sind, nicht wie sie euch Liebe oder Hass, oder eure tausend befangenen Vorurteile schildern, dem ist eine solche seltene Erscheinung ein Fest, denn es ist etwas Neues, Originelles. Ich gedachte unwillkurlich jener Worte des jungen Mannes, wie er uns den Eindruck beschrieb, den der Anblick jener Dame zum erstenmal auf ihn machte, mit welchem Entzukken er uns ihr Auge beschrieb; ich war keinen Augenblick im Zweifel, dass diese liebliche Erscheinung, die auf uns zukam, und jene ratselhafte Dame eine und dieselbe sei.

Ein gluhendes Rot hatte die Zuge des Junglings ubergossen. Er hatte den Hut gezogen, es war, als schwebte ihm ein Morgengruss, oder eine freundliche Rede auf den Lippen, und uberrascht von der stillen Grosse des Madchens sei er verstummt. Auch sie errotete, sie schlug die Augen auf, als er sich verbeugte, sie warf einen fragenden Blick auf ihn, hielt einen kurzen Moment ihre Schritte an, als erwarte sie, von ihm angeredet zu werden; er schwieg, sie eilte bewegt weiter.

Der junge Mann sah ihr mit truben Blicken nach, dann folgte er langsamen Schrittes; oft blieb er, wie in Gedanken verloren, stehen. Ich ging ihm einige Strassen nach, er trat endlich in ein Kaffeehaus, wo sich die deutschen Kunstler zu versammeln pflegen. Hatte schon fruher dieser Mensch und seine Erzahlung meine Teilnahme erregt, so war ich jetzt, da ich Zeuge eines fluchtigen, aber so bedeutungsvollen Zusammentreffens gewesen war, um so neugieriger, zu erfahren, in welchem Verhaltnis der Berliner zu dieser Dame stehe; dass es kein gluckliches Verhaltnis, kein gewohnliches Liebesverstandnis war, glaubte ich in ihren Mienen, in ihrem sonderbaren Benehmen gelesen zu haben.

Man wird sich erinnern, dass ich als hoffnungsvoller Zogling des Ewigen Juden, als Herr von Stobelberg die Bekanntschaft dieses Mannes machte. Daher trat ich in dieser Rolle in das Cafe. Der junge Herr sass in einem Fenster, und las in einem Brief. Ich wartete eine Weile, ob er wohl bald ausgelesen haben werde, um ihn dann anzureden, aber er las immer. Ich trat von der Seite hinter ihn, um nach dem Schluss dieses riesengrossen Briefes zu blicken es waren wenige Zeilen von einer Frauenhand, die er, wie es schien, gedankenlos anstarrte.

"Habe ich die Ehre, Herrn von S. vor mir zu sehen?" fragte ich in deutscher Sprache, indem ich vor ihn trat.

"Der bin ich", antwortete er, indem er den dusteren Blick von dem Brief auf mich schlug, und mein Kompliment durch ein leichtes Neigen des Hauptes erwiderte.

"Sie scheinen mich nicht mehr zu kennen; und doch war ich so glucklich, einmal einen Abend im Hause Ihrer Tante in Berlin zu geniessen, den vorzuglich Ihre Unterhaltung, Ihre interessanten Mitteilungen mir unvergesslich machen."

"Im Hause meiner Tante?" fragte er, aufmerksamer werdend. "Wie, war es nicht ein hochst ennuyanter Tee? Waren nicht einige mannliche Weiber und einige zartweibliche Herren zugegen? Ich erinnere mich, ich musste etwas erzahlen. Doch Ihr Name, mein Lieber, ist mir leider entfallen."

"Baron von Stobelberg; ich reiste damals mit "

"Ah mit einem ganz sonderbaren Kauz von Hofmeister, jetzt erinnere ich mich ganz, er war so unglucklich, allen Damen, ohne es zu wollen, Sottisen zu sagen und uberschnappte endlich, namlich mit dem Stuhl?"

"So ist's; wollten Sie erlauben, meinen Kaffee hier zu trinken? Ich bin noch so fremd hier, ich kenne keine Seele. Sie sind wohl schon lange hier bekannt?"

Ein melancholisches Lacheln zog um seinen Mund. "O ja, bin schon lange hier bekannt", antwortete er duster. "Ich war fruher in Geschaften hier, jetzt zu zu meiner Erholung."

"Sie erinnern mich da auf einmal wieder an den Abend bei Ihrer Tante, mein Hofmeister brachte mich damals um einen kostlichen Genuss. Sie erzahlten uns ein kleines Abenteuer, das Sie mit einer Deutschen in Rom gehabt. Ihre Erzahlung war auf dem Punkte, eine Wendung zu nehmen, die uns uber vieles, namentlich uber Ihre sonderbare Verwechslung mit einem Ebenbilde aufgeklart hatte, da zerstorte mein Mentor durch seinen Fall meine schone Hoffnung, ich war genotigt, mit ihm den Salon zu verlassen und plage mich seitdem mit allerlei Moglichkeiten, Wahrscheinlichkeiten, wie es Ihnen mochte ergangen sein? Ob Sie sich mit Ihrem Ebenbilde geschlagen haben? Ob Sie auch ferner der schonen Luise sich nahen konnten, ob nicht endlich ein Liebesverhaltnis zwischen Ihnen entstanden? Kurz, ich kann Sie versichern, es peinigte mich tagelang, die tollsten Konjekturen erfand ich, aber nie wollten sie passen."

Der junge Mann war wahrend meiner Reden nachdenklich geworden; es schien etwas darin zu liegen, das ihm nicht ganz recht war; vielleicht ahnete er meine unbezwingliche Neugierde nach seiner Avanture, er blickte mich scharf an, aber er wich in seiner Antwort aus.

"Ich erinnere mich", sagte er, "dass wir damals alle bedauerten, Ihre Gesellschaft entbehren zu mussen. Sie waren uns allen wert geworden, und die Damen behaupteten, Sie haben etwas Eigenes, Anziehendes, das man nicht recht bezeichnen konne, Sie haben einen hochst pikanten Charakter. Nun, Sie werden in der Zeit diese Damen entschadigt haben; wann waren Sie das letzte Mal bei meiner Tante?"

Ich sah ihn staunend an; "Ich hatte nie die Ehre, bei Ihrer Tante gesehen zu werden, als an jenem Abend."

Er entgegnete hierauf nichts, sprach vom Papst und dergleichen, kam aber immer wieder darauf zuruck, mich durch eine Zwischenfrage nach Berlin, ins Haus seiner Tante zu verlocken. "Was wollen Sie nur immer wieder mit Berlin?" fragte ich endlich, "ich war seit jenem Abend nicht mehr dort, und reiste in dieser Zeit in Frankreich und England. Sehen Sie einmal in meinem Pass, welch ungeheure Tour ich in dieser Zeit gemacht habe!"

Er warf einen fluchtigen Blick hinein und errotete; "Verzeihen Sie, Baron!" rief er, indem er meine Hand ungestum druckte; "vergeben Sie, ich hielt Sie fur einen Spion meiner Tante. "

"Ihrer Tante? fur einen Spion, den man Ihnen bis Rom nachschickt?"

"Ach, die Menschen sind zu keiner Torheit zu gut. Ich halte mich etwa seit zwei Monaten wieder hier auf. Meine Verwandten toben, weil ich meinen Posten im Bureau des Ministers plotzlich und ohne Urlaub verlassen habe; sie besturmten mich mit Briefen, ich kam nicht; sie wandten sich an die preussische Gesandtschaft hier; sie fand aber nichts Verdachtiges an mir, und liess mich ungestort meinen Weg gehen. Vor einigen Tagen schrieb mir ein Freund, ich solle auf meiner Hut sein, man werde einen Spion in meine Nahe senden, um alle meine Schritte zu bewachen."

"Ist's moglich? und warum denn dies alles?"

"Ach, es ist eine dumme Geschichte, eine Anordnung meines verstorbenen Vaters legt mir Pflichten auf, die ein andermal davon die ich nicht erfullen kann. Und Sie, lieber Stobelberg, hielt ich fur den Spion. Vergeben Sie mir doch?"

"Unter zwei Bedingungen", erwiderte ich ihm. "Einmal, dass Sie mir erlauben, Sie recht oft zu begleiten, um der Spion Ihres Spion zu sein. Halten Sie mich nicht fur indiskret, es ist wahre Teilnahme fur Sie, und der Wunsch, Ihnen nutzlich zu werden. Sodann teilen Sie mir, wenn es Ihnen anders moglich ist, den Schluss Ihres Abenteuers mit."

"Den Schluss?" rief er und lachte bitter, "den Schluss? ich wunschte, es schlosse sich, konnte es auch nur mit meinem Leben schliessen. Doch kommen Sie, wir wollen unter jene Arkaden gehen. Die Kunstler kommen um diese Zeit hieher, wir konnten nicht ungestort reden: wer weiss, ob man nicht einen von ihnen zu meinem Wachter ersehen hat."

Ich folgte Otto von S.... so hiess der junge Mann unter die Arkaden. Er legte seinen Arm in den meinigen, wir gingen eine Weile schweigend auf und ab; er schien mehr nachdenklich als zerstreut.

"Es ist etwas, was mir Vertrauen zu Ihnen einflosst", hub er lachelnd an; "ich habe uber den Ausspruch jener Damen in Berlin nachgedacht und finde ihn, so komisch er mir damals vorkam, dennoch bestatigt. Es ist mir, in den paar Viertelstunden, die wir beisammen sind, als seien Sie ein Wesen, das ich langst kannte, als seien Sie schon jahrelang mein Freund. Und doch haben Sie nicht jenes Gutmutige, Ehrliche, was an den Deutschen sogleich auffallt, was bewirkt, dass man Ihnen gerne vertraut; Sie haben fur Ihre Jahre viel Beobachtungsgeist in Ihrem Auge, und um Ihren Mund in gewissen Augenblicken einen Zug, der nicht immer das bestatigt, was Sie sagen wollten. Und dennoch fuhle ich, dass mir der Zufall viel geschenkt hat, der Sie in jenes Haus fuhrte, ich fuhle auch, dass man Ihnen trauen kann, mein Lieber."

"Ich halte nichts auf Gesichter, und habe durch Erfahrung gelernt, dass sie nicht immer der Spiegel der Seele sind. Es freut mich ubrigens, wenn etwas an mir ist, das Ihnen Vertrauen einflosst. Es ist vielleicht der rege Wunsch, Ihnen dienen zu konnen, was Ihnen einiges Vertrauen gibt?"

"Moglich; doch ich bin Ihnen einige Aufschlusse uber mich und mein Abenteuer hier in Rom schuldig. Ich erzahlte Ihnen wie ich mit Luise von Palden bekannt wurde "

"Erlauben Sie, nein! diesen Namen hore ich zum erstenmal. Sie erzahlten uns, dass Sie eine junge Dame in den Lamentationen der Sixtinischen Kapelle kennenlernten, die Ihre ganze Aufmerksamkeit erregte. Sie wurden von ihr mit einem andern verwechselt, Sie gefielen sich in diesem Quiproquo, und versetzten sich unwillkurlich so in die Stelle des Liebhabers, dass Sie das Madchen sogar liebten "

"Und wie liebe ich sie!" rief er bewegt.

"Sie suchten die Dame lange vergeblich in Rom, der Zufall fuhrte endlich das schone Kind im Karneval als Maske an Ihre Seite. Es ist schon dunkel, sie glaubt in Ihnen den Freund zu finden; Sie, lieber Freund, benutzen die Gelegenheit noch einmal, diesen Scherz, der Ihnen so angenehm ist, fortzufuhren. Sie bringen die Dame auf eine Loge, um das Pferderennen anzusehen. Da erscheint auf einmal der rechte Liebhaber, und Sie erblicken sich. Bis hieher horte ich damals. Sie konnen sich denken, wie begierig ich bin, zu horen, wie es Ihnen erging."

"Ich gestehe", fuhr Herr v. S. fort, "mir selbst fiel die Ahnlichkeit dieses Mannes mit meinen Zugen, meiner Gestalt, selbst meiner Kleidung uberraschend auf. Das letztere hatte wohl die Mode verschuldet, die damals alle junge Welt zwang, sich schwarz zu kleiden. Doch auch fur die grosse Ahnlichkeit unserer Zuge, so auffallend sie ist, hat man Beispiele. Sie erinnern sich vielleicht des Falles, der in Frankreich vorkam. Zwei Franzosen trafen in Amerika zusammen. Ihre Ahnlichkeit war so gross, dass man sie gewohnlich miteinander verwechselte, der eine starb, der andere, ein armer Teufel, wusste sich seine Papiere zu verschaffen, reiste nach Frankreich zuruck und lebte mit der Frau des Verstorbenen noch lange Jahre, bis der Betrug an den Tag kam.11

Der Herr und die Dame schienen nicht weniger uberrascht als ich; die letztere errotete, sie gedachte vielleicht jenes Kusses, und es wurde ihr wohl mit einemmal klar, dass es schon an jenem Abend nicht ihr Otto gewesen sei, gegen den sie sich so zartlich bewiesen. Der Herr mit meinen Gesichtszugen fragte mich in etwas barschem Ton in schlechtem Franzosisch, wie ich dazu komme, diese Komodie zu spielen. Ich nahm, nicht aus Furcht vor seinem rollenden Auge, sondern im Gefuhl, ein Unrecht, vielleicht eine Unschicklichkeit wieder gut machen zu mussen, alle Artigkeit, die ich in der Welt gelernt hatte, zusammen, und bat die Dame, mir 'einen Scherz zu vergeben, zu dem sie mich selbst verleitet habe'. 'Sie selbst?' rief bei diesen Worten jener Mann, und seine Zuge verzogen sich immer mehr zum Zorn, 'sie selbst? Es ist ein abgekartetes Spiel, ich sehe schon, ich bin der betrogene Teil. Doch ich will nicht storen'- Er sagte dies vor Wut zitternd, indem er sich von seinem Platz entfernen wollte. Luise o ich habe sie nie so suss, so wundervoll gesehen, wie in jenem Augenblicke; sie schien mit aller Hingebung der Zartlichkeit an diesem Manne zu hangen; sie ergriff bebend seine Hand, sie rief ihn mit den liebevollsten Tonen; sie beteuerte, sich unschuldig zu wissen, sie rief mich zurnend zum Zeugen auf. Ich war hingerissen von diesem Zauber der Liebe, der sich mir hier zum erstenmal in seiner ganzen Schonheit darstellte. Es ist etwas Schones um ein Madchen, das in sanfter, stiller Liebe ist, es ist etwas Heiliges, mochte ich sagen. Aber der Schmerz inniger Liebe, das Zittern zartlicher Angst, und diese Tranen in den blauen Augen, dieses Flustern der sussesten Namen von den feinen Lippen, und diese Rote der Angst und der Beschamung auf den zarten Wangen, es ist ein Bild, irdischer zwar als jenes, aber von einer hinreissenden Gewalt."

"Ich kenne das", unterbrach ich diese rednerischen Schilderungen des verliebten Berliners, dem die Dame seines Herzens in jeder neuen Form wieder lieblicher schien, "ich kenne das, so was Heiliges, so was Weinendes, Madonnenartiges, Grazienhaftes, Susses, Bitterschmerzliches, kurz so was Klagendes, Anziehendes, ich kenne das; aber wie war es denn mit dem zornigen Patron, der Euer Wohlgeboren so ahnlich?"

"Er glaubte ihren Versicherungen nicht, war es Eifersucht, war es sein leidenschaftlicher Zorn, den er nicht bemeistern konnte, er stiess sie zuruck, er drohte, sie nie mehr zu sehen. Das Madchen setzte sich weinend auf ihren Stuhl. Die tobende Freude der Romer an dem Pferderennen, ihr Jauchzen, ihr Rufen stand in schneidendem Kontrast mit dem stillen Schmerz dieses Engels. Ich fuhlte inniges Mitleid mit ihr, ich fuhlte mich tief verletzt, dass ein Mann, eine Dame, ein Liebender, die Geliebte so schnode beleidigen konne. 'Mein Herr', sagte ich, 'das Wort eines Mannes von Ehre kann Sie vielleicht uberzeugen, dass die Schuld dieser Szene allein auf mir ruht.' 'Eines Mannes von Ehre?' rief er hohnisch lachend; 'so kann sich jeder Tropf nennen.' Jetzt glaubte ich die Formen der gesellschaftlichen Hoflichkeit nicht weiter beobachten zu mussen. Ich gab ihm ein wohlbekanntes Zeichen, flusterte ihm meinen Namen, die Nummer meines Hauses und die Strasse zu, in welcher ich wohnte, und verliess ihn.

Es waren widerstreitende Gefuhle, die in meiner Brust erwachten, als ich zu Haus uber diesen Vorfall nachdachte. Ich musste mir gestehen, dass ich unbesonnen, toricht gehandelt hatte, die Rolle eines andern bei diesem Madchen zu ubernehmen. Es ist wahr, der Zufall war so uberraschend, die Gelegenheit so lokkend, ihre Erscheinung so reizend, so anziehend, dass wohl keiner der Versuchung widerstanden hatte. Aber musste mich nicht schon der Gedanke zuruckschrecken, dass es ihr bei dem Geliebten schaden konnte, traf er uns beide zusammen? in welch ungunstigem Lichte musste ich, musste auch sie ihm erscheinen!

Und doch wo ist der Mensch, der nicht in einem solchen Falle sich vor sich selbst zu entschuldigen wusste; ich fuhlte, dass ich dieses unbekannte, reizende Wesen liebe, und wie leicht entschuldigt Liebe! und weil ich sie liebte, hasste ich den begunstigten Mann. Er war ein Barbar in meinen Augen; wie konnte er die Geliebte so grausam behandeln; wie durfte er, wenn er sie wahrhaft liebte, an ihrer Tugend zweifeln, und wer, der jemals in dieses treue, seelenvolle Auge gesehen, wer konnte an der Reinheit dieses Engels zweifeln?

Am Morgen nach dieser Begebenheit bekam ich einen italienischen, schlechtgeschriebenen Brief, er enthielt die Bitte einer Signora Maria Campoco dem Uberbringer des Briefes in ihr Haus zu folgen, wo sie mir etwas Wichtiges zu sagen habe. Ich kannte keine Dame dieses Namens, ich fragte den Diener nach der Strasse, er nannte mir eine, von welcher ich nie gehort hatte. Eine Ahnung sagte mir ubrigens, dieser Brief konnte mit meinem Abenteuer von gestern zusammenhangen; ich entschloss mich zu folgen. Der Diener fuhrte mich durch viele Strassen in eine Gegend der Stadt, die mir vollig unbekannt war. Er beugte endlich in eine kleine Seitenstrasse, ein Brunnen, eine Madonna von Stein fiel mir ins Auge, es war kein Zweifel, ich befand mich an dem Haus, wohin ich Luisen aus den Lamentationen begleitet hatte.

Es war ein kleines unscheinbares Haus, dessen Ture der Diener aufschloss; uber einen finstern Gang, eine noch dunklere Treppe, brachte er mich in ein Zimmer, dessen Eleganz nicht mit dem ubrigen Ansehen des Hauses ubereinstimmte. Nachdem ich eine Weile gewartet hatte, erscholl das Klaffen vieler Hunde, die Ture offnete sich aber nicht meine Schone, sondern eine kleine, wohlbeleibte, altliche Frau trat, umgeben von einer Schar kleiner Hunde, ins Zimmer.

Es dauerte ziemlich lange, bis Tasso, Ariosto, Dante, Alfieri und wie die Klaffer alle hiessen, uber den Anblick eines fremden Mannes beruhigt waren, und die kleine Dame endlich zum Wort kommen konnte. Sie sagte mir sehr hoflich, sie habe mich rufen lassen, um wegen einer Angelegenheit ihrer Nichte, Luise von Palden mit mir zu sprechen. Das Verlangen, das schone Kind wiederzusehen, mich bei ihr selbst zu entschuldigen, gab mir eine Notluge ein: ich fragte sie in so miserablem Italienisch, als mir nur moglich war, ob sie Franzosisch oder Deutsch verstehe? Sie verneinte es, ich zuckte die Achsel und gab ihr mehr durch Zeichen als Worte zu verstehen, dass ich der italienischen Sprache durchaus nicht machtig sei. Sie besann sich eine Weile, sagte dann, ich konne in ihrer Gegenwart mit ihrer Nichte sprechen, und entfernte sich.

Wie schlug mein Herz von Erwartung, von Liebe bewegt! Wie beschamt fuhlte ich mich, in ihren Augen als ein Nichtswurdiger zu scheinen, der ihren Irrtum auf so indiskrete Art benutzte! die hundische Leibwache der Signora verkundete, dass sie nahe. Ich fuhlte seit langer Zeit zum erstenmal eine Verlegenheit, ein Beben; ich fuhlte, wie ich errotete, jene Sicherheit des Benehmens, das mich jahrelang begleitet hatte, wollte mich in diesem Augenblicke verlassen.

Sie kam, sie dunkte mir in dem einfachen, reizenden Neglige lieblicher als je, und ihre Verwirrung, als sie mich sah, der Unmut, den ich in ihrem Auge zu lesen glaubte, vermochte ihre Anmut nicht zu schwachen. 'Mein Herr! es ist eine sehr sonderbare Begebenheit, die Sie in dieses Haus fuhrt', sprach sie mit jenen klangvollen Tonen, die ich so gerne horte; 'Sie mussen selbst gestehen', setzte sie hinzu, aber sei es, dass die Erinnerung an jenen Abend sie zu unangenehm beruhrte, sei es, dass sie einem meiner Blicke begegnete, die vielleicht mehr als Ehrfurcht ausdruckten, sie schlug die Augen nieder, errotete aufs neue und schwieg.

Ich fasste mich, ich suchte mich zu entschuldigen so gut es ging; ich erzahlte ihr, wie ich sie hilflos und in Ohnmacht in der Kirche gefunden, wie ich ihren Irrtum nicht habe berichtigen konnen, aus Furcht, sie mochte meine Begleitung ablehnen, die ihr in ihrem damaligen Zustande so notwendig war. Meine zweite Unbesonnenheit schob ich auf die Maskenfreiheit des Karnevals, ich suchte einen Scherz daraus zu machen, ich behauptete, es sei an diesem Abend erlaubt, jede Maske vorzunehmen, und so habe ich die ihres Freundes vorgenommen. Ich glaubte, sagte ich, in diesen Scherz um so eher eingehen zu durfen, da wir Landsleute sind, und die Deutschen in Rom als Kinder einer Heimat, nur eine grosse Familie sein sollten."

"Eine gefahrliche Verwandtschaft!" erwiderte ich dem jungen Berliner, indem ich mich im stillen uber seine jesuitische Logik freute; "wie? brachte die Dame nicht das Corpus juris und den - gegen Sie in Anwendung? In Schwaben mochte zur Not ein solches Verwandtschaftssystem gelten, oder bei den Juden, welche Herren und Knechte, Norden und Suden 'unsere Leute' nennen; aber Deutschland? bedenken Sie, dass es in zweiunddreissig Staaten geteilt ist, wo ist da ein Verwandtschaftsband moglich? Wenn Sie sich im Himmel oder in der Holle treffen, so heissen sie nur Osterreicher, Preussen, Hechinger und furstlich Reussische Landeskinder!"

"Luise mochte auch so denken", fuhr er fort. "Doch notigte ihr meine Deduktion ein Lacheln ab; es schien ihr angenehm, uber diese Punkte so leicht weggehen zu konnen. Sie klagte sich selbst an, diesen Irrtum veranlasst zu haben, sie vergab, sie erlaubte mir, ihre schone Hand zu kussen. Doch ihre Blicke wurden wieder duster. Sie sagte, wie sie nur zu deutlich bemerkt habe, dass ich tiefbeleidigt weggegangen sei, dass dieser Streit noch eine gefahrliche Folge haben konne. Ihr Auge fullte sich mit Tranen, als sie dies sagte. Sie beschwor mich, ihrem Freund zu vergeben, sie suchte ihn zu entschuldigen, ihn, der sie selbst so tief beleidigt hatte, sie sprach mit so zartlicher Warme fur den Mann, der so ganz vergessen hatte, dass die wahre Liebe glauben und vertrauen musse, der so niedrig war, dieser reinen Seele gegenuber gemeine Eifersucht zu zeigen. Ich ware glucklich, selig gewesen, hatte dieses Madchen so von mir gesprochen!

Ich fragte sie, ob sie in seinem Auftrag mir dieses sage? Sie war betreten, sie antwortete, dass sie gewiss wisse, dass es ihm leid sei, mir jene Worte gesagt zu haben; ich versprach, wenn er mir dies selbst sagen werde, nicht mehr an die Sache zu denken. Wie heiter war sie jetzt, sie scherzte uber ihren Irrtum, sie verglich meine Zuge mit denen ihres Freundes, sie glaubte grosse Ahnlichkeit zu finden, und doch schien es ihr unbegreiflich, wie sie nicht an meinen Augen, meiner Stimme, an meinem ganzen Wesen ihren Missgriff erkannt habe. Sie rief ihrer Tante zu, dass sie ihren Zweck vollkommen erreicht habe.

Signora Campoco, die wahrend der ganzen Szene am Fenster gesessen, und bald die Leute auf der Strasse, bald ihre Hundchen, bald uns betrachtet hatte, kam freundlich zu mir, dankte fur meine Gefalligkeit, ihr Haus besucht zu haben, und bemerkte: sie hatte nie geglaubt, dass unsere barbarische Sprache so wohltonend gesprochen werden konne. Sie sehen, ich hatte jetzt nichts mehr in diesem Hause zu tun; so gerne ich noch ein Stundchen mit Fraulein von Palden geplaudert hatte, so neugierig ich war, ihre Verhaltnisse in Deutschland und ihre Lage in Rom zu erfahren der Anstand forderte, dass ich Abschied nahm, mit dem unglucklichen Gefuhle Abschied nahm, diese Schwelle nie mehr betreten zu konnen. Signora, sie hatte sich vielleicht gekreuzt, hatte sie gewusst, dass ein Ketzer vor ihr stehe, Signora empfahl mich der Gnade der Heil. Jungfrau, und Luise reichte mir traulich die Hand zum Scheiden. Ich fragte sie noch, wie der Herr heisse, mit welchem ich das Gluck gehabt habe, verwechselt zu werden. Sie errotete und sagte: 'Er will zwar hier nicht bekannt sein und so zuruckgezogen als moglich leben, doch warum sollte ich Ihnen seinen Namen verhehlen? Ich mochte so gerne, dass Sie Freunde wurden. Er heisst und wohnt '"

So, "etwas breit nach Art der lieben Jugend" hatte mir der junge Mann den weiteren Verlauf seines Abenteuers erzahlt, ich horte ihm gerne zu, obgleich nichts peinlicher fur mich ist, als eine lamentable Liebesgeschichte recht lang und gehorig breit erzahlen zu horen; aber interessant war mir dabei die Art, wie er mir erzahlte. Sein ausdrucksvolles Auge schien die Glut seiner Gefuhle widerzustrahlen, seine Zuge nahmen den Charakter dusterer Wehmut an, wenn er sich unglucklich fuhlte, und ein angenehmes Lacheln erheiterte sie, wenn er mir die Reize der jungen Dame zu beschreiben suchte. Plotzlich, als er mir eben erzahlte, wie er das Haus der Signora verlassen habe, druckte er meinen Arm fester und brach in einen kleinen Fluch aus. "So muss der Teufel diesen Pfaffen doch uberall haben", rief er und wandte sich unmutig um. Ich war erstaunt, welchen Pfaffen sollte ich denn uberall haben? Ich fragte ihn, was ihn so aufbringen konne.

"Sehen Sie nicht hin, sonst mussen wir grussen", gab er mir zur Antwort, "ich kann ihn nicht ansehen, den Jesuiten."

Ich stellte mich, als befolge ich treulich seinen Befehl, doch konnte ich nicht umhin, einen Seitenblick in die Strasse zu werfen, und sah wirklich ein hochst ergotzliches Schauspiel. Die Strasse herauf kam ein hoher Pralat der Kirche, der Kardinal Rocco, ein Mann, der schon langst als einer der zweiten Klasse mit dem Pradikat "gut" auf meinen Tafeln verzeichnet ist. Eine grosse majestatische Gestalt voll stolzer Wurde; sein weisses Haar, von einem einfachen roten Kappchen bedeckt, stach sonderbar ab gegen ein Gesicht, das man eigentlich reich nennen konnte. Gewolbte Brauen, grosse Augen, eine Adlernase, die Unterlippe etwas ubermutig gezogen, das Kinn und die Wangen voll und kraftig. Uber das rollende Untergewand trug er einen Talar, dessen eines Ende er in malerischen Falten uber den Arm gelegt hatte; das andere Ende hielt in einiger Entfernung hinter ihm herschleichend sein Diener, ebenfalls ein Monch, ein durres bleiches Geschopf, dessen tuckische Augen nach allen Seiten spahten, ob seine Eminenz von den Glaubigen ehrfurchtsvoll, wie es sich gebuhrt, begrusst werden.

Der Gang des Kardinals war der Gang eines Siegers, und eine solche Erscheinung in diesen Strassen erinnerte nur zu leicht an die Senatoren der "Ewigen Stadt."

"Sehen Sie, wie er hingeht, dieser Pharisaer", flusterte der junge Mann mit den Zahnen knirschend. "Sehen Sie, wie der Pobel sich zum Handkuss drangt, mit welcher Wurde, mit welcher Grazie er seinen Segen erteilt.

Theaterpossen! wenn diese Leute wussten, was ich von ihm weiss, sie wurden diesem Pharisaer, diesem Verfalscher des Gesetzes die Insignien seiner Wurde vom Leibe reissen, oder sie waren wert, von einem Turken beherrscht zu werden."

"Was bringt Sie so auf! verehrter Freund? Wer ist dieser Ehrenmann? was hat er Ihnen zuleid getan? hangt er mit Ihren Abenteuern zusammen?" Ich musste lange fragen, bis er mich horte, denn er schaute mit durchbohrenden Blicken der Eminenz nach, und murmelte Verwunschungen wie ein Zauberer.

"Ob ich ihn kenne? ob er mir etwas zuleide getan? Oh! dieser Mensch hat ein Leben vergiftet, ein Herz zu Boden getreten, das doch Sie werden mehr von ihm horen; es ist der Kardinal Rocco, der Satan ist nicht schwarzer als er; mit seinem roten Hut deckt er alle Sunden zu, aber trotzdem, dass er geweiht ist, wird ihn dennoch der Teufel holen!"

Da hat es gute Wege, dachte ich; Nro. 2, gute Sorte! doch was konnte dieser Berliner gegen Rocco haben; unmoglich konnte ich glauben, dass sein Protestantismus so tief gehe, dass er jeden, der violette Strumpfe trug, in die Holle wunschen musste. Er hatte sich wieder gesammelt: "Vergeben Sie diese Hitze, Sie werden mir einst recht geben, so zu urteilen, wenn ich Sie erst mit dem Treiben dieser Menschen bekannt mache. Doch jetzt noch einiges zum Verstandnis meines Abenteuers. Die Geschichte mit war bald abgetan. Er schickte einen Franzosen zu mir, der mir erklarte, dass jener sich in mir geirrt habe und um Verzeihung bitte. Durch ihn erfuhr ich auch, dass Luisens Geliebter fruher Offizier, und zwar in ....schen Diensten gewesen sei.

Um diese Zeit kam die Schwester des sachsischen Gesandten nach Rom, sich einige Zeit mit ihrer Familie bei ihrem Bruder aufzuhalten. Ich war am ersten Abend ihres Aufenthaltes zufallig zugegen, und stellen Sie sich einmal mein Erstaunen vor, als ich horte, wie sie eine andere Dame fragte, ob nicht ein Fraulein von Palden hier lebe? Ich wandte mich unwillkurlich ab, um nicht dem ganzen Kreise mein Erroten, mein Entzucken zu zeigen; es war mir etwas so Neues, so Schones, Luisens Namen aus einem fremden Munde zu horen. Jedoch keine der anwesenden Damen wollte von ihr wissen, und ich fuhlte mich nicht berufen, unaufgefordert mein Geheimnis mitzuteilen.

Deutsche, besonders Frauen pflegen immer grossen Anteil an Landsleuten zu nehmen; es konnte daher nicht anders sein, als dass man seine Verwunderung laut daruber aussprach, dass ein deutsches Fraulein in Rom lebe, die auch keinem von allen bekannt sein sollte? 'Wer ist sie? ist sie schon? wie kommt sie nach Rom?' fragte man einstimmig, und wie lauschte ich, wie pochte mein Herz, endlich uber das interessante Wesen etwas zu horen.

Sie erzahlte, wie sie in ...th Luisen kennengelernt, die damals durch ihr schones Aussere, durch ihre Liebenswurdigkeit, ihren Verstand die ganze Stadt beschaftigt, ihre naheren Bekannten bezaubert habe. Um so auffallender sei auf einmal ein Liebeshandel gewesen, der sich zwischen einem Offizier, einem burgerlichen Subjekt, und der Tochter des Geheimen Rats Palden entspann. Dieser Mensch habe ausser seiner schonen Figur und einem bluhenden Gesicht keine Vorzuge, nicht einmal gute Sitten gehabt. Dem Vater sei diese Geschichte zu ernstlich geworden, er habe den Offizier zu einem Regiment zu versetzen gewusst, das mit einem Teil der franzosischen Armee nach Spanien bestimmt war. Man habe sich in ....th allgemein gefreut uber die Art, wie sich Fraulein Palden in diese Wendung fugte; doch bald erfuhr man, dass die Verbindung mit dem Offizier nichts weniger als abgebrochen sei, sondern durch Armeekuriere und dergleichen, Briefe gewechselt werden. Es vergingen so beinahe zwei Jahre. Die Armee kehrte zuruck, doch nicht mit ihr jener Offizier. Man sagte in Gesellschaften und in Luisens Nahe, er sei wegen einer Ehrensache aus dem Dienst getreten. Seine Kameraden schwiegen hartnackig hieruber, doch gab es einige Stimmen im Publikum, die von einer vorteilhaften Heirat, andere, die von einer Entfuhrung oder von beiden sprachen, kurz man bemerkte, dass Herr v...., so hiess der Offizier, seiner Dame ungetreu geworden sei. Um diese Zeit starb der alte Herr von Palden. Seine erste Frau war eine Romerin, das Fraulein entschloss sich auf einmal, zu grosser Verwunderung der Stadt ....th zu ihren Verwandten nach Rom zu ziehen.

So viel wusste die Schwester des Gesandten von Luisen. Es war mir genug, um ihr Verhaltnis zu ..... ganz in der Ordnung zu finden, nur war es mir unbegreiflich, was ihn bewogen haben konnte, nach Rom zu gehen? oder kam er erst nach ihr hieher? und warum heiraten sie sich nicht, da doch ihre Hand jetzt frei und von niemand abhangig ist?

Ich qualte mich mit diesen Gedanken. Ich hatte so gerne mehr und immer mehr von dem holden Kind erfahren; ich fuhlte lebhaft den Wunsch, sie wiederzusehen, zu sprechen; ich wollte ja nicht geliebt werden, nur sehen, nur lieben wollte ich sie. Da fiel mir bei, wie ich dies so leicht moglich machen konnte. Ich durfte ja nur der Schwester des Gesandten sagen, wo sich Luise aufhalte, und dann konnte ich gewiss sein, sie schon in den nachsten Tagen im Hotel des Gesandten zu sehen. Ich tat dies, und mein Wunsch wurde erfullt."

Ein Bekannter des Herrn von S. gesellte sich hier zu uns und unterbrach zu meinem grossen Arger die Erzahlung. Ich machte noch einige Gange mit ihnen unter den Arkaden; als ich aber sah, dass der Bekannte sich nicht entfernen wolle, fragte ich den Berliner nach seiner Wohnung, und ging, mit dem Vorsatz, ihn am nachsten Morgen zu besuchen. Ich muss gestehen, ich fing an, die Geschichte des jungen Mannes weniger anziehend zu finden, weil sie mir in eine gewohnliche Liebesgeschichte auszuarten schien. Doch zwei Umstande waren es, die mir von neuem wieder Interesse einflossten, und mich bestimmten seine Abenteuer zu horen. Ich erinnerte mich namlich, wie uberraschend sein Anblick, sein ganzes Wesen in Berlin auf mich gewirkt hatten. Es war nicht der gewohnliche Kummer der Liebe, wie er sich bei jedem Amoroso vom Muhlendamm ausspricht, es war ein Gram, ein tieferes Leiden, das mir um so anziehender dunkte, als es nur ganz unmerklich und leise durch jene Hulle schimmerte, womit die gesellschaftlichen Formen die weinende Seele umgeben. Er schien ein Ungluck zu kennen, zu teilen, das ihn unausgesetzt beschaftigte, zu welchem ihn die Erinnerung sogar mitten in einem asthetischen Tee rettungsvoll zuruckfuhrte.

Das zweite, was mich zu dem jungen Mann und seinem Abenteuer zog, war die Szene, die ich morgens vor der Peterskirche beobachtet hatte. Ich hatte dort bemerkt, dass er sie mit Sehnsucht erwarte; sie war gekommen, aber es schien kein frohliches Zusammentreffen. Sie schien ihn etwas mit ihren Blicken zu fragen, das er nicht beantworten, sie schien etwas zu verlangen, das er nicht erfullen konnte; wie schwer musste es ihm werden, in der Ferne zu stehen, und dem holden Madchen durch keine Silbe zu antworten, er liess sie gehen wie sie gekommen: aber dann sandte er ihr Blicke voll zartlicher Liebe nach. Warum sagte er ihr nicht auf der Stelle, wie er sie liebe? Welche Gewalt musste sie uber ihn ausuben, um ihn in diese engen Schranken einer beinahe bloden Bescheidenheit zuruckzuweisen? Wieviel es sie koste, sah ich an ihrem Auge, in welchem eine Trane perlte, als sie weiterging.

Diese Fragen drangten sich mir auf, als ich uber den jungen Mann und die ratselhafte Dame nachdachte. Wo nicht ein blindes Fatum waltet, und ein Uhrwerk die Gedanken der Sterblichen treibt, da lernt keiner aus, sei er Gott oder Teufel, wohl sagt der Mensch, der kleinlich nur auf die Resultate seiner Geschichte sieht: "Es wiederholt sich alles im Leben." Aber wie es sich wiederhole, wie der endliche Geist in seiner kurzen Spanne Zeit wachst und ringt und strebt, und gegen die alte Notwendigkeit ankampft, das ist ein Schauspiel, das sich taglich mit ewig neuem Reize wiederholt; und das Auge, das von Weltintrigen gesattigt, vom Anschauen der Kampfe grosser Massen ermudet ist, senkt sich gerne abwarts zum kleineren Treiben des einzelnen. Drum moge es keinem jener verehrlichen Leute, fur die ich meine Memoiren niederschreibe, kleinlich dunken, dass ich in Rom, wo so unendlich viel Stoff zur Intrige, ein so grosser Raum zu einem diabolischen Festtagsspiel ist, mit einer Liebeshistorie mich befasse . . . . . . . . . . . .......................................... .......................................... ....................!

Am Abend dieses Tages fuhr ich mit einigen griechischen Kaufleuten auf der Tiber. Wir hatten eine der grosseren Barken bestiegen, und die freien Sitze des Vorderteils eingenommen, weil das Zelt in der Mitte, wie uns die Schiffer sagten, schon besetzt war. Der Abend war schwul und wirkte selbst mitten im Fluss so druckend und ermattend auf diese Menschen, dass unser Gesprach nach und nach verstummte. Ich vernahm jetzt ein halblautes Reden und Streiten im Innern des Zeltes, ich setzte mich ganz nahe hin und lauschte. Es waren zwei Manner und eine Frau, soviel ich aus ihren Stimmen schliessen konnte. Sie sprachen aber etwas verwirrt und gebrochen; der eine hatte gutes, wohltonendes Italienisch, er sprach langsam und mit vieler Salbung, die Dame mischte unter sechs italienische Worte immer zwei spanische und ein franzosisches; der andere Mann, der wenig, aber schnell und mit Leidenschaft sprach, hatte jene murmelnde, undeutliche Aussprache, an welcher man in Italien sogleich den Deutschen oder Englander erkennt.

Ein kleiner Riss in der Gardine des Zeltes liess mich die kleine Gesellschaft uberschauen; und o Wunder! jene salbungsvolle Rede entstromte dem Kardinal Rocco! Ihm gegenuber sass eine Dame, schon uber die erste Blute hinaus, aber noch immer schon zu nennen. Ihre beweglichen schwarzen Augen, ihre vollen roten Lippen, ihr etwas nachlassiges Kostum, dessen Schuld der schwule Abend tragen musste, zeigten, dass sie mit den ersten Dreissig die Lust zum Leben noch nicht verloren habe. An ihrer Seite glaubte ich auf den ersten, fluchtigen Anblick Otto von S. zu erkennen. Doch die Zuge des Mannes im Zelte waren dusterer, sein Auge blickte nicht so offen und frei, wie das des Berliners ich war keinen Augenblick im Zweifel, es musste sein verkorperter Doppelganger, .... sein. Aber wie! Die Dame war nicht Luise von Palden; durfte dieser Mann so traulich neben einer andern sitzen, ohne dieselbe Schuld wirklich zu tragen, die er der Geliebten aufburden wollte?

"Gilt dir denn meine Liebe, meine Zartlichkeit gar nichts?" horte ich die Dame sagen; "nichts meine Aufopferung, nichts meine Leiden, nichts meine Schande, der ich mich um deinetwillen aussetzte? Ein Wort, ein einziges Wort kann uns glucklich machen. Du sagst immer morgen, morgen! Es ist jetzt Abend, warum willst du morgen doch wieder nicht?"

"Mein Sohn!" sprach der Kardinal; "ich will nichts davon sagen, dass Euer langes Zogern, Eure fortwahrende Weigerung, fur unsere heilige Kirche Beleidigung ist. Ich weiss zwar wohl, nicht Ihr seid es, der diese Zogerungen verschuldet; der Teufel, der leibhaftige Satan spricht aus Euch; es ist das letzte Zucken Eurer ketzerischen Irrtumer, was Euch die Wahrheit nicht sehen lasst; aber beim heiligen Kreuz, den Nageln und der heiligen Erde beschwore ich Euch, folget mir; lasset Euch aufnehmen in den heiligen Schoss der Kirche, zur Verherrlichung Gottes."

Ha! dachte ich, den haben sie gerade recht in den Krallen. Ein schones Weib, ein Kardinal Rocco, und ein paar Gewissensbisse, wie der Herr im Zelte zu haben schien. Da kann es nicht fehlen! Er seufzte, er blickte bald die Dame, bald den Priester mit unmutigen Blicken an. "Ich will ja alles tun, ins Teufels Namen, alles tun", sagte er, "mein Leben ist ohnedies schon verschuldet und vergiftet, aber wozu diese sonderbare Prozedur? Warum soll ich vor der Welt zum Narren werden, um die Ehre von Donna Ines wiederherzustellen?"

"Mein Sohn, mein Sohn! wie frevelt Ihr! zum Narren werden, sagt Ihr? oh! Ihr verstockter Ketzer, ihr alle seid von eurer Taufe an, wo der Satan zu Gevatter steht, Renegaten, Abtrunnige! Es ist also nur eine Ruckkehr; kein Ubertritt, keine Ableugnung eines fruheren Glaubens. Ihr hattet ja vorher keinen Glauben; Ihr werdet doch nicht die Ketzerei so nennen wollen, die der Erzketzer in Wittenberg aus den Fetzen, die er dem Heiligtum gestohlen, zusammenstuckelte?"

"Lasset mich, Eminenz! es ist einmal gegen meine Uberzeugung; ich musste mich ja vor ganz Deutschland schamen."

"O verstockter Ketzer! Schamen, sagt Ihr? hat sich der liebe Mann, der Herr von Haller, auch geschamt? Schamen! wie ein Heiliger wurdet Ihr dastehen, braucht sich ein Heiliger zu schamen? Hat sich der treffliche Hohenlohe geschamt, umgeben von Ketzern, seine Wunder zu verrichten? Es sei gegen Eure Uberzeugung, saget Ihr? da sieht man wieder den Deutschen, nicht wahr Donna Ines, den ehrlichen Deutschen! Zu was denn immer Uberzeugung? Das ist ja gerade das Wunderbare am Glauben, dass er von selbst wirkt ohne Uberzeugung. Gesetzt Ihr waret krank, mein lieber Freund; man schickt Euch den ersten Arzt der Christenheit; Ihr seid nicht uberzeugt, dass er der alleinige, wahre Arzt ist, aber Ihr lasst Euch gefallen, seine Arzneien einzunehmen, und siehe, sie wirken auf Euren Korper ohne Uberzeugung, gerade wie unser Glaube auf die Seele."

"Otto!" sprach Dame Ines mit schmelzenden Tonen, "teurer Otto! Siehe, wenn mich der heilige Mann hier nicht absolviert und beruhigt hatte, ich musste ja schon langst verzweifelt sein, einen Ketzer so innig zu lieben! Wie leicht wird es dir gemacht, einer der Unsrigen zu sein, und dann ein Weib auf ewig glucklich zu machen, das dir alles opferte! Und bedenke die schone Villa an der Tiber, und das kostliche Haus neben dem Palast Seiner Eminenz; dies alles will uns der Heilige Vater zur Ausstattung schenken; bist du nicht geruhrt von so vieler Liebe?"

"Nicht verhehlen kann ich es Euch, mein Sohn", fuhr der beredte Mann mit dem roten Hute fort, "nicht verhehlen kann ich es Euch, dass man im Lateran noch heute von Euch sprach, dass es sogar Seiner Heiligkeit selbst auffallt, dass Ihr so lange zogert. Bis uber acht Tage naht ein grosses Fest heran, welch herrliche Gelegenheit, etwas zu Gottes Ehre zu tun bietet sich Euch dar!"

"Wozu doch diese Offentlichkeit?" fragte .... , "ich hasse dieses Ruhmen und Ausschreien in alle Welt. Lasset mich still in einer Kapelle die Zeremonie verrichten; was nutzt es Euch, ob ich laut und offen das Opfer bringe. O Luise, Luise. Es totet sie, wenn sie es hort!"

"Elender!" rief die Dame, indem sie in Tranen ausbrach; "sind das deine Schwure? Du falsches Herz; ich habe dir alles, alles geopfert, und so kannst du vergelten? O Barbar! gehe hin zu ihr, lege dich nieder in ihre Fesseln, aber wisse, dass ich mich in die Tiber sturze, uber meine armen Wurmer, meine unglucklichen Kinder mag sich Gott erbarmen!"

"Kinder, Kinder! Meine fromme Tochter, mein lieber, aber verblendeter Sohn; wozu dieser Skandal, diese Szene auf dem Schiffe; stillet Eure Tranen, schone Frau; es wird noch alles gut werden; kommet, ich will einen vaterlichen Kuss auf Eure Augen drukken, so. Und Ihr, wisset Ihr nicht, dass Ihr Euch versundiget gegen Donna Ines? Was wollet Ihr nur immer wieder mit der Ketzerin, die einst Eure Sinnen zu bestricken wusste? Haben wir Euch nicht Beweise genug gegeben, dass sie in einem strafwurdigen Verhaltnis zu dem Teufel ist, der Eure Gestalt und Sprache angenommen hat?"

"Welch einfaltiges Marchen!" rief der junge Mann; "was wollet Ihr auch den Teufel ins Spiel ziehen, ein ehrlicher Berliner ist er, ein Tropf, dem ich das Madchen nicht gonnen mag, wenn sie mich auch zehnmal betrog?"

"Mein Sohn, die Heilige Jungfrau schutze uns, aber der Satan selbst ist es; hat es nicht letzthin meinem dienenden Frater Piccolo getraumt, der Teufel gehe hier in der heiligen Stadt spazieren? Alle seine Traume sind noch eingetroffen; der deutsche Baron ist der hollische Geist selbst. Wer es aber auch sei; sie hat Euch betrogen. Hat nicht die fromme Frau Maria Campoco Euch selbst dieses Gestandnis uber ihre Nichte gemacht? was wollet Ihr nur auf die treulose Ketzerin Rucksicht nehmen! Und schaut, was ich Euch hier mitgebracht habe", fuhr Seine Eminenz fort, indem sie ein grosses Papier entfaltete; "sehet wie ich Wort halte; ich habe Euch versprochen, die Liste aller derer mitzubringen, welche in Eurem Deutschland offentliche Ketzer, im geheim aber gute Christen der wahren Kirche sind; da, leset!"

Der junge Mann las und staunte; er sah den Kardinal fragend an, ob er denn wirklich dieser Schrift trauen durfe? Donna Ines, welche bemerkte, welch gunstigen Eindruck diese Liste mache, zog die Hand des heiligen Mannes an den Mund, und bedeckte sie mit feurigen Kussen der Andacht.

"Nicht wahr", fuhr Rocco fort, "da stehen wohlklingende Namen? Professoren, Grafen, Fursten sogar, freilich diese Leute konnen nicht so offentlich sich erklaren, Freundchen, die Politik, die Rucksicht auf ihre ketzerischen Untertanen erlaubt das nicht; aber im Herzen, im Herzen sind sie unser; da, dieser Nr. 8, ich kann Eure barbarischen Namen nicht aussprechen, der wird sich sogar offentlich erklaren und seine Irrtumer abschworen. Der da oben wird auch einen wichtigen Schritt vorwarts tun. Oh! und bedenket, was erst in Frankreich, selbst in England fur uns getan wird, bald, vielleicht erlebe ich es noch, bald werdet ihr allesamt und sonders zu uns zuruckgekehrt sein. Wie herrlich muss dann ein Name wie der Eurige leuchten, der nicht mit der Menge, sondern lang zuvor auf unsere heiligen Tafeln verzeichnet wurde!"

"Aber o Himmel, Kardinal! ich bin ja schlechter als die ganze Liste dieser Heimlichen. Ihr selbst wisset, dass, wenn ich zu Eurer Kirche abfalle, es nur geschieht, um den ewigen Klagen der Donna Ines zu entgehen. Diese Heimlichen haben keinen Vorteil bei ihrer Heimlichkeit. Sie gelten von aussen als echte Lutheraner, und was haben sie davon, dass sie von innen romisch sind?"

"O Einfalt! es ist gut, dass Ihr nicht die ketzerische Theologie studiert habt; Ihr waret durch das Examen gefallen! Was ist denn das Schone an unserer Kirche? he? Nicht nur dass sie die Alleinseligmachende, dass sie gleichsam eine Brandversicherungsanstalt gegen die Holle, eine Seelenassekuranz gegen den Tod ist! denn schon aus physischen Grunden kann man annehmen, dass keine Seele von den Unsrigen lange im Fegfeuer oder gar in der Holle verweilt, wenn sie auch ohne Beichte abfahrt. Antonio Montani hat berechnet, dass im Durchschnitt hundertundzwanzig Millionen Menschen in der Holle und ebenso viele im Fegfeuer sind. Nun kann man annehmen, dass seit Eurer verfluchten Reformation neunzig Millionen Ketzer, zwanzig Millionen Turken und zehn Millionen Juden hinabgefahren sind; das macht zusammen hundertundzwanzig."

"O wie gut haben wir es, hochwurdiger Herr!" sagte Ines mit zauberischem Lacheln. "Ach Otto! dich soll ich an jenem Ort wissen, in der Gesellschaft des Teufels und seiner Grossmutter? O Gott! es ist nicht moglich!"

"Sodann weiter", fuhr der Salbungsvolle fort, "euer Erzketzer in Berlin, der Schleiermacher, nimmt selbst an, dass alle Menschen pradestiniert sind, und zwar so beilaufig die Halfte zum Bosen. Diese mussen nun eine Art von Seelenwanderung in verschiedenen Stationen des Elends machen, bis sie selig werden, und fangen mit der Holle an; der Mann hat vernunftige Gedanken, und ware wert einst nur ins Fegfeuer zu kommen; aber das weiss er doch nicht recht; wenn einer auch zehenmal pradestiniert, zur Holle plombiert, zum Teufel rekommandiert ist, wir konnen ihn doch absolvieren und recta in den Himmel schicken. Nun, und wenn man annimmt, dass das Fegfeuer hundertundzwanzig Millionen fasst, und darunter hundert Millionen Turken, und zwanzig Millionen Ketzer, so ist, weiss Gott, auch dort wenig Raum fur eine etwas luderliche Seele."

"Ihr wisset, Eminenz, was ich von solchen Berechnungen halte, machet mir doch Eure Sache nicht noch lacherlicher. Eure Seelenassekuranz kann mich nicht locken; doch ist sie gut furs Volk, und ich begreife nicht, warum Ihr nicht schon lange ganze Regimenter, Divisionen, ja Armeen, Kavallerie, Infanterie, Artillerie, samt dem Generalstab offentlich verassekuriert habt. Das ware eine Anstalt a la Mahomed, die Kerls wurden sich schlagen wie der Teufel, denn sie wussten, wenn sie heute erschossen werden, wachen sie morgen im Paradiese auf. Lasset mich lieber noch einen Blick in die Liste werfen, sie ist mir trostlicher, denn es stehen ganz vernunftige Manner dort."

"O dass Ihr nur ein Jahr auf einer deutschen Universitat zugebracht hattet! unsere Agenten geben uns herrliche Berichte, die ketzerische Jugend soll gegenwartig ganz absonderlich fromm, heilig und mystisch sein; das Mittelalter, das gute, liebe Mittelalter versetzt sie in diesen liebenswurdigen Schwindel. Sie neigen sich schon ganz zu uns, und lasset nur erst die Jesuiten recht in Deutschland uberhandnehmen, dann sollt Ihr erst Wunder sehen! Auch einige brave Manner, Professoren nehmen sich unserer Sache an: seht dieser da Nro. 172 Signor Crusado, der umhullt sie mit einem so tiefen symbolischen Dunkel, dass sie bald unser sind. Wahrlich, der Hofmechanikus Seiner Heiligkeit, der beruhmte Sgn. Carlo Fiorini hat vollkommen recht. Er hat berechnet, wenn Deutschland einige Grade sudlicher lage, wenn ihr eine schonere Natur, ein wenig mehr Sinnlichkeit und Phantasie hattet die Ketzerei hatte nie aufkommen konnen, oder ihr waret wenigstens schon lange wieder zuruckgekehrt."

Die Barke stiess bei diesen Worten ans Land; wie gerne hatte ich diesem trefflichen Pfaffen noch langer zugehort, wie er diese deutsche Seele bearbeitete, es war ein schweres Stuck Arbeit, ich gestehe es. Ein Mensch ohne Phantasie, der in den Zeremonien nur Zeremonien sieht, der die Tendenz dieser Romer durchschaut, der durch keinen weltlichen Vorteil zu blenden ist, wahrlich ein solcher ist schwer zu gewinnen. Doch fur diesen war mir nicht bange. Ein Kardinal Rocco und ein schones Weib haben schon andere geangelt als diesen.

Der heilige Mann stieg aus; mit Ehrfurcht empfingen die Schiffer seinen Segen, den er mit einer Wurde, einem Anstand, wurdig eines Fursten der Kirche, erteilte. Donna Ines folgte. Ich bewunderte, wahrend sie uber das Brett ging, ihren feinen, zierlichen Wuchs, die Harmonien in ihren Bewegungen und die Glut, die aus ihren Augen strahlte, und den Abend schwul zu machen schien. Sie reichte dem geliebten Ketzer ihre schone Hand mit so besorgter Zartlichkeit, mit einem so bedeutungsvollen Lacheln, dass ich im Zweifel war, ob ich mehr seine transmontanische Kalte belacheln, oder den Mut bewundern sollte, mit welchem er den geistlichen Lockungen dieser in Liebe aufgelosten Circe widerstand. Am Ufer hielt ein schoner Wagen; der dienende Bruder Piccolo, welchem ich im Traum, in Rom spazierengehend, erschienen war, stand am Schlag und erwartete Seine Eminenz. Es kostete einige Zeit, bis dieser sein Gewand zu gehoriger Wirkung drapiert hatte, dann erst folgte der Frater Piccolo; der Ketzer und seine Dame schlugen einen Fusspfad ein, und gingen der Stadt zu.

"Wer sind diese?" fragte ich den Schiffer.

"Kennt Ihr den heiligen Mann, den Kardinal Rocco nicht; o es ist einer der besten Fusse des Heiligen Stuhles! Alle Abende fahrt er in meiner Barke auf dem Fluss."

"Und die Dame?"

"Ha! das ist eine gute Christin", antwortete er mit Feuer. "Sie fahrt beinahe immer mit dem Kardinal, zuweilen allein mit ihm, zuweilen mit dem Mann, den Ihr gesehen. Dem traue ich nicht ganz, es ist entweder ein Deutscher oder ein Englander, und die sind doch Kinder des Teufels."

"So? da sagt Ihr mir etwas Neues, und dieser Mann, ist er ihr Gemahl?"

"Bewahre uns die Heilige Jungfrau! Ihr Gemahl! wo denkt Ihr hin? da wurde er nicht so zartlich mit ihr spazierenfahren. Ich denke es ist ihr Geliebter."

"So ist es", sagte einer der griechischen Kaufleute, "die Dame wohnt nicht weit von mir. Sie lebt allein mit ihren Kindern. Sie sieht niemand bei sich, als einige fromme Geistliche und diesen jungen Mann; es ist ihr Geliebter. Aber sie fuhren ein Hundeleben zusammen. Man hort sie oft beide weinen und zanken und schreien. Der junge Mann flucht und donnert und jammert mit schrecklicher Stimme, und die Donna weint und klagt, und die Kinder erheben ein Zetergeschrei, dass die Nachbarn zusammenlaufen. Dann sturzt oft der junge Mann verzweifelnd aus dem Haus und will fliehen, aber die Donna setzt ihm mit fliegenden Haaren nach, und die Kinder laufen heulend hintendrein; sie fasst ihn unter der Ture am Gewand, sie achtet nicht auf die Menschen, die umherstehen; sie zieht ihn zuruck ins Haus und besanftigt ihn, und dann ist es oft auf viele Tage stille, bis das Wetter von neuem losbricht."

"Heilige Jungfrau", rief der Schiffer, "und hat er sie noch nie totgestochen im Zorn?"

"Wie Ihr sehet, nein!" erwiderte der Grieche; "aber krank ist sie schon oft geworden, wenn er so greulich raste; dann lief er schnell zu drei, vier Doktoren, um sie wieder ins Leben zuruckzurufen. Es sind doch gute Seelen, diese Deutschen!"

So sprachen diese Manner, und ich ging von ihnen in tiefen Gedanken, uber das was ich gehort und gesehen hatte. Jenes Wort des jungen Berliners fiel mir wieder bei, der den Kardinal Rocco beschuldigte, ein schones, gutes Herz gebrochen zu haben. Welches andere Herz konnte dies sein, als Luisens? Ich glaubte deutlich zu sehen, dass der Priester den Kapitan der Geliebten entzogen, indem er sie verleumdet, dass er ihn in die Fesseln dieser Donna Ines geschmiedet habe, um ihn fur die Kirche zu gewinnen. Aber wie war alles dies geschehen? Wie hatte er diesen Mann aus den Armen seines Madchens ziehen, von einem Herzen hinwegreissen konnen, das ihn mit so heisser Glut umfing; sollten jene Beschuldigungen von Untreue wahr sein, die der Kardinal dem Kapitan einflusterte, hatte sie wirklich den jungen Mann, der ihm so ahnlich sah, vorgezogen? Doch ich wusste ja, wo ich mir Gewissheit verschaffen konnte; ich beschloss bei guter Zeit am nachsten Morgen den Berliner wieder aufzusuchen. Herr von S..... schien mich liebgewonnen zu haben, denn er empfing mich mit Herzlichkeit und einem Wohlwollen, das selbst den Teufel erfreut, wenn er auch schon an dergleichen gewohnt ist. Ich hatte mir vorgenommen, von meiner gestrigen Fahrt und den Wunderdingen, die ich gehort hatte, noch nichts zu erwahnen, um den Verlauf seiner Geschichte zuvor desto ungestorter zu vernehmen.

"Von allem Ungluck, das die Erde tragt", fuhr er zu erzahlen fort, "scheint mir keines grosser, schmerzlicher und ruhrender als jener stille, tiefe Gram eines Madchens, das unglucklich liebt, oder dessen zartes, gluhendes Herz von einem Elenden zur Liebe hingerissen und dann betrogen wird. Der Mann hat Kraft, seinen Gram zu unterdrucken, den Verrat seiner Liebe zu rachen, die gepresste Brust dem Freunde zu offnen; das Leben bietet ihm tausend Wege, in Muhe und Arbeit, in weiter Ferne Vergessenheit zu erringen. Aber das Weib? Der hausliche Kreis ist so enge, so leer. Jene taglich wiederkehrende Ordnung, jene stille Beschaftigung mit tausend kleinen Dingen, der sie sich in der Zeit glucklicher Liebe frohlich, beinahe unbewusst hingab, wie druckend wird sie, wenn sich an jeden Gegenstand die Erinnerung an ein verlorenes Gluck heftet. Wie trage schleicht der Kreislauf der Stunden, wenn nicht mehr die sussen Traume der Zukunft, nicht der Zauber der Hoffnung, nicht die Seligkeit der Erwartung den Minuten Flugel gibt, wenn nicht mehr das von glucklicher Liebe pochende Herz den Schlag der Glocke ubertont!

Doch, wozu Sie auf ein Ungluck vorbereiten, das Sie nur zu bald erfahren werden? horen Sie weiter: Mein Wunsch, Luise von Palden im Hause des Gesandten zu sehen, gelang. Schon nach einigen Tagen wurde sie durch seine Schwester dort eingefuhrt. Sie errotete, als sie mich zum erstenmal dort sah, doch sie schien mich wie einen alten Bekannten dort zu nehmen, es schien sie zu freuen, unter so vielen fremden Mannern einen zu wissen, der ihr naherstand. Denn so war es; sei es, dass die Erinnerung an unser sonderbares Abenteuer, mich aus einem Fremden zum Bekannten machte, sei es, dass sie gerne zu mir sprach, weil ich die Zuge ihres Freundes trug, sie unterschied mich auffallend von allen ubrigen Mannern, die dieser seltenen Erscheinung huldigten. Sie lacheln, Freund? Ich errate Ihre Gedanken "

"Ich finde, Sie sind zu bescheiden; konnte es nicht auch Ihre eigene Personlichkeit gewesen sein, was das Fraulein anzog?"

"Nein, denken Sie nicht so von diesem himmlischen Geschopf; ich gestehe, ich war ein Tor, ich machte mir Hoffnung, sie fur mich gewinnen zu konnen; ja Freund, ich sagte ihr sogar, was ich furchte "

"Und Sie wurden nicht erhort? Das treue, ehrliche Kind! und ihr Kapitan lag vielleicht gerade in den Armen einer andern!"

Der Berliner stutzte; "Wie? was wissen Sie?" fragte er betroffen; "wer hat Ihnen gesagt, dass West noch eine andere liebe?"

"Nun, Sie selbst haben mich genug darauf vorbereitet", erwiderte ich; "sagten Sie nicht, dass jener das Madchen betrog?"

"Sie haben recht; nun, ich wurde lachelnd abgewiesen, abgewiesen, auf eine Art, die mich dennoch glucklich, unaussprechlich glucklich machte. Sie war keinen Augenblick ungehalten, sie gestand mir, dass ich ihr als Freund willkommen sei, dass ihr Herz keinem andern mehr gehoren konne. Sie sagte mir auch manches von ihren Verhaltnissen, was ganz mit dem ubereinstimmt, was uns die Schwester des Gesandten erzahlte, sie gestand, dass sie nur darum nach Rom gezogen sei, weil den Kapitan seine Verhaltnisse hieher riefen; sie gestand, dass er einen Rechtsstreit wegen einer Erbschaft hier habe, dass er, sobald die Sache entschieden sei, vielleicht schon in wenigen Wochen, sie zum Altar fuhren werde.

Etwa eine Woche nach diesem aufrichtigen Ge

standnis, rief mich eines Abends der Gesandte aus dem Salon, in welchem die Gesellschaft versammelt war, zu sich. Es war nichts Seltenes, dass er sich mir in Geschaftssachen mitteilte, weil ich sein Vertrauen auf eine ehrenvolle Art besass; doch die Zeit war mir auffallend, und es musste etwas von Wichtigkeit sein, weswegen er mich aus dem Kreis der Damen aufstorte.

'Kennen Sie einen gewissen Kapitan West?' fragte

er, indem er mich mit forschenden Blicken ansah.

'Ich habe einen Kapitan West fluchtig kennenge

lernt', gab ich ihm zur Antwort.

Nun, so fluchtig musse es doch nicht sein, entgeg

nete er mir, da ich ein Duell mit ihm gehabt.

Ich sagte ihm, dass ich Streit mit ihm gehabt, wegen

einer ziemlich gleichgultigen Sache, es sei aber alles gutlich beigelegt worden. Dennoch war es mir auffallend, woher der Gesandte diesen Streit erfahren hatte, den ich so geheim als moglich hielt, und von welchem Luise in seinem Hause gewiss nichts erwahnt hatte.

'Wegen einer Dame haben Sie Streit gehabt', sagte

er; 'doch mochte ich Ihnen raten, solche Handel wegen einer so zweideutigen Person zu vermeiden. Sie wissen selbst, wenn man einmal einen offentlichen, besonders einen diplomatischen Charakter hat, ist dergleichen in einem fremden Lande wegen der Folgen fur beide Teile fatal.'

Der Ton, worin dies gesagt wurde, fiel mir auf. Er war sehr ernst, sehr warnend; noch schmerzlicher beruhrte mich, was er uber jene Dame sagte, 'zweideutige Person!' Und doch sass gerade diese Person als Krone der Gesellschaft in seinem Salon, er selbst, ich hatte es deutlich gesehen, er selbst hatte noch vor einer halben Stunde mit ihr auf eine Art gesprochen, die mich in dem alten Herrn einen aufrichtigen Bewunderer ihrer Reize und ihres glanzenden Verstandes sehen liess. Ich konnte eine Bemerkung hieruber nicht unterdrucken, ich bat ihn hoflich, aber so fest als moglich, in meiner Gegenwart nicht mehr so von einer Dame zu sprechen, die ich achte, und die einen so entschiedenen Rang in der Gesellschaft einnehme. Ich wolle davon gar nicht reden, dass er selbst sein Haus beschimpfe, wenn er in solchen Ausdrukken von seinen Gasten spreche.

Er sah mich verwundert an; er sagte mir, er konne meine Reden nicht begreifen, denn weder behaupte die Dame einen Rang in der Gesellschaft, die er sehe, noch habe sie je einen Fuss uber seine Schwelle gesetzt. Die Reihe zu erstaunen war jetzt an mir; ich sah, dass hier ein Irrtum vorwalte, und belehrte ihn, dass Fraulein von Palden die Dame sei, um die wir uns schlagen wollten. 'Verzeihen Sie', rief er, 'man sagt mir, Sie haben sich wegen der Geliebten dieses Kapitan West geschlagen, daher glaubte ich Ihnen dies sagen zu mussen.'

'Und wenn dies nun dennoch ware?' fragte ich; 'kennen Sie denn die Geliebte des Kapitan?'

'Gott soll mich bewahren', entgegnete er. 'Nein, ich glaube er hat schon selbst genug an seiner Portugiesin.'

Ich staunte von neuem; 'Von einer Portugiesin sprechen Sie? wie kommen Sie nur darauf? Ich weiss bestimmt, dass der Kapitan eine deutsche Dame liebt.'

'Um so schlimmer fur das arme Kind in Deutschland', war seine Antwort; 'wie die Sachen stehen, scheint man im Lateran ernstlich daran zu denken, den goldenen Quadrupeln der schonen Donna Gehor zu geben, und ihre fruhere Ehe, weil sie nicht ganz gultig vollzogen war, fur nichtig zu erklaren. Der Kapitan macht eine gute Partie, aber jeder Mann von Ehre wird diesen Schritt missbilligen.'

Ich stand wie vom Donner geruhrt vor dem alten Mann; entweder lag hier eine Verwechslung der Namen und Personen zugrunde, oder es war ein schreckliches Geheimnis, und der Kapitan ein Betruger, der Luisens Gluck vielleicht auf ewig zerstort hatte.

Ich sagte dem Gesandten geradezu, dass er mit mir uber Dinge spreche, die mir vollig unbekannt seien. Er staunte, doch glaubte er, da er schon so viel gesagt hatte, mir die weitere Erklarung dieser Ratsel schuldig zu sein. 'Dieser Kapitan West ist ein Sachse', erzahlte er; 'er diente fruher im Generalstab, und wurde dann zu einer diplomatischen Sendung nach Spanien verwandt; er soll ein Mann von vielen Talenten, aber etwas zweideutigem Charakter sein. Warum die Wahl gerade auf ihn fiel, da noch altere Leute und aus guten Hausern im Departement waren, ist mir unbekannt; nur so viel erfuhr ich zufallig, dass man ihn damals von Dresden habe entfernen wollen. Man erzahlt sich, er habe in Madrid in einem Verhaltnis zu einer schonen, jungen Frau gelebt; sie war eine Spanierin, aber an einen alten Englander verheiratet, der sie vielleicht nicht so strenge unter Schloss und Riegel hielt, wie man sonst in Spanien zu tun pflegt.

Als aber endlich dieses Verhaltnis zu den Ohren des Englanders kam, bewirkte dieser, dass der Kapitan von seinem Posten abgerufen und sogar aus dem Dienst entlassen wurde. Doch sagen andere, er selbst habe aus Arger uber seine schnelle Abrufung quittiert. Doch das Beste kommt noch; einige Wochen nach seiner Abreise war die Frau des Englanders mit ihren beiden Kindern plotzlich verschwunden, man kann sagen, spurlos verschwunden, denn so viele Muhe sich ihr Gatte gab, ihrer habhaft zu werden, alles war vergeblich. Vielleicht scheiterten auch seine Bemuhungen an den Unruhen, die gerade in jener Zeit ausbrachen und die Kommunikation mit Frankreich sehr erschwerten.

Der Verdacht dieses Englanders fiel, wie naturlich, vor allem auf den Kapitan West. Er wusste es zu machen, dass dieser in Paris angehalten und verhort wurde. Man sagt, er solle sehr betreten gewesen sein, als er die Nachricht von der Flucht dieser Dame horte; er wies sich aber aus, dass er die Reise bis nach Paris allein gemacht habe, und bekraftigte mit einem Eid, dass er von diesem Schritt der Donna nichts wisse.

Etwa ein Vierteljahr nachher kam er nach Rom, und lebt seitdem hier sehr still und eingezogen, besucht keine Gesellschaft, hat keinen Freund, keinen Bekannten, vorzuglich vermeidet er es, mit Deutschen zusammenzutreffen.'

Um diese Zeit, fuhr der Gesandte fort, sei von seinem Hofe die Anfrage an ihn ergangen, ob dieser West sich in Rom befinde; wie er lebe, und ob er nicht in Verhaltnis mit einer Spanierin sei, die sich ebenfalls hier aufhalten musse. Man habe ihm dabei die Geschichte dieses Kapitan West mitgeteilt und bemerkt, dass der Englander von neuem Spuren von seiner Frau entdeckt habe, die beinahe mit Gewissheit annehmen lassen, dass sie in Rom sich aufhalte. Man habe deswegen von Spanien aus sich an die papstliche Kurie gewandt, es scheine aber, man wolle sich hier der Dame annehmen, denn die Antwort sei sehr zweifelhaft und unbefriedigend ausgefallen. Der Gesandte machte die notigen Schritte und erfuhr wenigstens so viel, dass jener Verdacht bestatigt schien. Er wandte sich nun auch an Consalvi, um zu erfahren, ob der romische Hof in der Tat die Dame in seinen Schutz nehme und erhielt die, in eine sehr bestimmte Bitte gefasste, Antwort, man mochte diese Sachen beruhen lassen, da die Ehe der Donna Ines mit dem Englander wahrscheinlich fur ungultig erklart werde.

Dies erzahlte mir der Gesandte; er sagte noch hinzu, dass er aus besonderem Interesse an diesem Fall dem Kapitan immer nachgespurt habe, und so sei ihm auch der Streit zu Ohren gekommen, den ich im Karneval mit jenem 'wegen einer Dame' gehabt habe.

Sie konnen sich denken, Freund, welche Qualen ich schon wahrend seiner Erzahlung empfand; und als ich das ganze Ungluck erfahren hatte, stand ich wie vernichtet. Der Gesandte verliess mich, um zu der Gesellschaft zuruckzukehren; ich hatte kaum noch so viel Fassung, ihn zu bitten, er mochte niemand etwas von diesen Verhaltnissen wissen lassen, das Warum? versprach ich ihm auf ein andermal.

Ich konnte von dem Zimmer, wohin der Gesandte mich gerufen, den Salon ubersehen, ich konnte Luisen sehen, und wie schmerzlich war mir ihr Anblick. Sie schien so ruhig, so glucklich. Der Friede ihrer schonen Seele lag wie der junge Tag freundlich auf ihrer Stirne; ihr sanftes blaues Auge glanzte, vielleicht von der Erwartung einer schonen Abendstunde, und das Lacheln, das ihren Mund umschwebte, schien der Nachklang einer freudigen Erinnerung hervorgelockt zu haben. Nein, es war mir nicht moglich, diesen Anblick langer zu ertragen, ich eilte ins Freie, um dieses Bild durch neue Bilder zu verdrangen; aber wie war es moglich? der Gedanke an sie kehrte schmerzlicher als je zuruck, denn der Friede der Natur, der zauberische Schmelz der Landschaft, die susse Ruhe, die diese Fluren atmeten, erinnerten sie mich nicht immer wieder an jenes holde Wesen? und die Wolken, die sich am fernen Horizont schwarzlich aufturmten, und ein nachtliches Gewitter verkundeten, hingen sie nicht uber der friedlichen Landschaft wie das Ungluck, das Luisen drohte?

Ich ging nach Hause; ich dachte nach, ob nicht Rettung moglich sei, ob ich sie nicht losmachen konne von dieser schrecklichen Verbindung. Doch, war nicht zu befurchten, dass sie mir misstrauen werde? Sie wusste, ich liebe sie, kannte sie mich hinlanglich, um nicht an der Reinheit meiner Absichten zu zweifeln? Ich konnte es nicht uber mich gewinnen, ihr selbst ihr Ungluck zu verkunden. Nur einen Ausweg glaubte ich offen zu sehen; ich wollte ihn selbst zur Rede stellen, den Elenden, ich wollte ihn bewegen, einen entscheidenden Schritt auf die eine oder die andere Seite zu tun. Ja, darin glaubte ich einen glucklichen Weg gefunden zu haben; er selbst musste ihr sagen, dass er nicht mehr verdiene von ihr geliebt zu werden; und dann, dachte ich, dann wird sie zwar unglucklich sein, aber ich will versuchen, sie glucklich zu machen, durch ein langes Leben voll Treue und Liebe will ich ihr Ungluck zu mildern suchen."

"Aber wie konnten Sie glauben", rief ich, uber diese romantischen Ideen unwillkurlich lachelnd, "wie konnten Sie glauben, Freund, dass ein Kapitan West zu diesem sonderbaren Gestandnisse sich hergeben werde? In Romanen mag dies der Fall sein, aber Herr! in der Wirklichkeit? Haben Sie je einen Narren der Art gekannt?"

"Ach, ich dachte zu gut von den Menschen", antwortete er. "Ich dachte, wie ich muss jeder fuhlen Ich ging in die Wohnung des Kapitan West. Er wohnte schlecht, beinahe armlich. Ich traf ihn wie er einen schonen Knaben von acht Jahren auf den Knien hatte, welchen er lesen lehrte. Errotend setzte er den Knaben nieder, und stand auf, mich zu begrussen. 'Ei Papa!' rief der Kleine, 'wie sieht dir dieser Herr so ahnlich.'

Der Kapitan geriet in Verlegenheit und fuhrte den Knaben aus dem Zimmer. 'Wie', sagte ich zu ihm; 'Sie haben schon einen Knaben von diesem Alter? waren Sie fruher verheiratet?'

Er suchte zu lachen, und die Sache in einen Scherz zu drehen; er behauptete, der Knabe gehore in die Nachbarschaft, besuche ihn zuweilen und nenne ihn Papa, weil er sich seiner annehme.

'Er gehort wohl der Donna Ines?' fragte ich, indem ich ihn scharf ansah. Noch nie zuvor hatte ich gesehen, wie schrecklich das bose Gewissen sich kundtut; er erblasste; seine Augen glanzten wie die einer Schlange, ich glaubte er wolle mich durchbohren. Noch ehe er sich hinlanglich gesammelt hatte, um mir zu antworten, sagte ich ihm gerade ins Gesicht, was ich von ihm wisse und was ich von ihm verlange, um das Fraulein nicht vollig unglucklich zu machen.

Er lief in Wut im Zimmer umher, er schimpfte auf Zwischentrager und Zudringliche; er behauptete, ich habe die ganze Geschichte aufgedeckt, um Luisen von ihm zu entfernen. Ich liess ihn ausreden; dann sagte ich ihm mit kurzen Worten, wie ich sein Verhaltnis zu der Spanierin erfahren habe, und bat ihn noch einmal mit den herzlichsten Tonen unserer Sprache, das Fraulein so schonend als moglich von sich zu entfernen.

Es gelang mir ihn zu ruhren; aber nun hatte ich eine andere unangenehme Szene durchzukampfen; er klagte sich an, er weinte, er verfluchte sich, das holde Geschopf so schandlich betrogen zu haben; er schwor sich von der Spanierin zu trennen; er flehte mich an, ihn zu retten; er gestand mir, dass er sich von einem Nerz umstrickt sehe, das er nicht gewaltsam durchbrechen konne, weil einige hohe Geistliche der Kirche kompromittiert wurden. Er ging so weit, mich zu zwingen, seine Geschichte anzuhoren, um vielleicht milder uber ihn urteilen zu konnen. Es war die Geschichte eines Leichtsinnigen. Dieses Wort moge entschuldigen, was vielleicht schlecht genannt werden konnte. Es lag in dem Wesen dieses Mannes ein Etwas, das ihn bei den Frauen sehr glucklich machen musste. Es war der aussere Anschein von Kraft und Entschlossenheit, die ihm ubrigens sein ganzes Leben hindurch gemangelt zu haben schienen. Er musste eine fur seinen Stand ausgezeichnete Bildung gehabt haben, denn er sprach sehr gut, seine Ausdrucke waren gewahlt, seine Bilder oft wahrhaft poetisch, er konnte hinreissen, so dass ich oft glaubte, er spreche mit Eifer von einem Dritten, wahrend er mir seinen eigenen beklagenswerten Zustand schilderte. Ich habe dies oft an Menschen bemerkt, die sonst ihrem Triebe folgen, in den Tag hinein leben, ohne sich selbst zu prufen, und erst in dem Moment der Erzahlung uber sich selbst fluchtig nachdenken. Sie werden dann durch die Sprache selbst zu einem eigentumlichen Feuer gesteigert, sie sprechen mit Umsicht von sich selbst, doch eben weil diese ihnen sonst abging, ist man versucht zu glauben, sie sprechen von einem Dritten.

Es war Luise, die ihn zuerst liebte; er erkannte ihre Neigung; Eitelkeit, die herrliche aufbluhende Schonheit, die Tochter eines der ersten Hauser der Stadt fur sich gewonnen zu haben, riss ihn zu einem Gefuhl hin, das er fur Liebe hielt. Der Vater sah dies Verhaltnis ungerne. Ich konnte mir denken, dass es vielleicht weniger Stolz auf seine Ahnen, als die Furcht vor dem schwankenden Charakter des Kapitans war, was ihn zu einer Harte stimmte, die die Liebe eines Madchens wie Luise immer mehr anfachen musste. Er soll ihr, was ich jetzt erst erfuhr, auf seinem Sterbebette den Fluch gegeben haben, wenn sie je mit dem Kapitan sich verbinde.

West suchte die Geschichte mit der Frau des Englanders auf Verfuhrung zu schieben. Ich habe eine solche bei einem Mann, der das Bild der Geliebten fest im Herzen tragt, nie fur moglich gehalten. Doch die Strafe ereilte ihn bald. Er gestand mir, dass er froh gewesen sei, als er, vielleicht durch Vermittlung des Englanders, von seinem Posten zuruckberufen wurde. Donna Ines habe ihm allerlei sonderbare Vorschlage zur Flucht gemacht, in die er nicht eingehen konnen; er sei, ohne Abschied von ihr zu nehmen, abgereist. Was ihn eigentlich bestimmte, nach Rom zu gehen, sah ich nicht recht ein, und er suchte auch uber diesen Punkt so schnell als moglich hinwegzukommen. Er erzahlte ferner, wie er durch Luisens Ankunft erfreut worden sei, wie er sich vorgenommen, nur ihr, ihr allein zu leben. Doch da sei plotzlich Donna Ines in Rom erschienen, sie habe sich mit zwei Kindern gefluchtet, sei ihm nachgereist, und habe jetzt verlangt, er solle sie heiraten.

Es entging mir nicht, dass der Kapitan mich hier belog. Ich hatte von dem Gesandten bestimmt erfahren, dass jener schon in Paris angehalten und uber die Flucht der Donna zur Rede gestellt worden sei; er konnte sich also denken, dass sie ihm nachreisen werde, und dennoch knupfte er die Liebe zu Luisen von neuem an. Ferner, wie hatte es Ines wagen konnen, ihm zu folgen, wenn er ihr nicht versprochen hatte, sie zu heiraten, wenn er sie nicht durch tausend Vorspiegelungen aus ihrem ruhigen Leben herausgelockt und zur Abenteurerin gemacht hatte?

Er schilderte mir nun ein Gewebe von unglucklichen Verhaltnissen, in welche ihn diese Frau, die mit allen Kardinalen, namentlich mit Pater Rocco, schnell bekannt geworden, gefuhrt habe. Es wurde ernstlich an der Auflosung ihrer fruheren Ehe gearbeitet, und es war als bekannt angenommen worden, dass er die Geschiedene heiraten werde.

'Sie sagten mir hier nichts Neues', antwortete ich ihm; 'dies alles beinahe wusste ich vorher. Aber ich hoffe, dass Sie als Mann von Ehre einsehen werden, dass das Verhaltnis zu Fraulein von Palden nicht fortdauern kann, oder Sie mussen sich von der Spanierin lossagen.'

Das letztere konne er nicht, sagte er, er habe von ihr und dem Kardinal Rocco Vorschusse empfangen, die sein Vermogen ubersteigen, er konne also wenigstens im Augenblick keinen entscheidenden Schritt tun.

'Im Augenblick heisst hier nie', erwiderte ich ihm. 'Sie werden sich aus diesen Banden, wenn sie so beschaffen sind, nie mit Anstand losmachen konnen. Ich halte es also fur Ihre heiligste Pflicht, Luisen nicht noch unglucklicher zu machen; denn was kann endlich das Ziel Ihrer Bestrebungen sein?'

Er errotete und meinte, ich halte ihn fur schlechter als er sei. Doch er fuhle selbst, dass man einen Schritt tun musse. Er glaube aber, es sei dies meine Sache. Er trete mir Luisen ab, ich solle mir auf jede Art ihre Gunst zu erwerben suchen und sie glucklich machen. Er hatte Tranen in den Augen, als er dies sagte, und ich sah mit beinahe zu mitleidigen Augen, wie weit ein Mensch durch Leichtsinn kommen konne.

Ich ging um nichts weiser geworden, ohne dass ein wirklicher Entschluss gefasst worden war, von dem Kapitan; mein Gefuhl war eine Mischung von Verachtung und Bedauern. Auf der Treppe begegnete mir wieder der schone Knabe und fragte, ob er wohl jetzt zu Papa kommen durfte."

"Ha! und jetzt setzten Sie wohl alle Segel auf, Freundchen", fragte ich; "jetzt machten Sie wohl Jagd auf die schone Galeere Luise?"

"Ja und nein", antwortete er trube; "sie schien meine Liebe zu ubersehen, nicht zu achten, aber bald bemerkte ich, dass sie angstlicher wurde in meiner Nahe, es schmerzte sie, dass mir ihre Freundschaft nicht genugen wolle. Und jener Elende, sei es aus Bosheit oder Leichtsinn, zog sich nicht von ihr zuruck, ich vermute es sogar, er hat sie vor mir gewarnt. So standen die Sachen, als die Zeit, die ich in Rom zubringen sollte, bald zu Ende ging. Im Kabinett des Gesandten arbeitete man schon an Memoiren, die man mir nach Berlin mitgeben wollte, man wunderte sich, dass ich noch keine Abschiedsbesuche mache und ich, ich lebte in dumpfem Hinbruten, ich sah nicht ein, wie ich dieser Reise entfliehen konnte, und dennoch hielt ich es nicht fur moglich, Luisen zu verlassen, jetzt da ihr vielleicht bald der schrecklichste Schlag bevorstand. Oft war ich auf dem Punkt, ihr alles, alles zu entdecken, aber wie war es mir moglich, ihre himmlische Ruhe zu zerstoren, das Herz zu brechen, das ich so gerne glucklich gewusst hatte?

Da sturzte eines Morgens der Kapitan West in mein Zimmer; er war bleich, verstort, es dauerte eine lange Zeit, bis er sich fassen und sprechen konnte. 'Jetzt ist alles aus', rief er, 'sie stirbt, sie muss sterben, dieser Kummer wird sie zerschmettern!' Er gestand, dass Donna Ines oder der Kardinal Rocco seine Liebe zu Luisen entdeckt hatten, ihr schrieben sie sein Zogern, sein Schwanken zu, und der Kardinal hatte geschworen, er wolle an diesem Tage zu dem deutschen Fraulein gehen, und sie zur Rede stellen, wie sie es wagen konne, einen Mann, der schon so gut als verehelicht sei, von seinen Pflichten zuruckzuhalten.

Ich kannte diesen Priester und seine tuckische Arglist; ich erkannte, dass die Geliebte verloren sei. Ich weiss Ihnen von dieser Stunde, von diesem Tag wenig mehr zu erzahlen. Ich weiss nur, dass ich den Kapitan in kalter Wut zur Ture hinausschob, mich schnell in die Kleider warf, und wie ein gejagtes Wild durch die Strassen dem Hause der Signora Campoco zulief. Als ich unten an dieser Strasse anlangte, sah ich einen Kardinal sich demselben Hause nahern. Er schritt stolz einher, Frater Piccolo trug ihm den Mantel, es war kein Zweifel, es war Rocco. Ich setzte meine letzten Krafte daran, ich rannte wie ein Wahnsinniger auf ihn zu, doch ich kam eben an, als mir Piccolo mit teuflischem Lacheln die Ture vor der Nase zuwarf.

Eine Art von Instinkt trieb mich, all diesem Jammer zu entfliehen. Ich ging wie ich war zu dem Gesandten und sagte ihm, dass ich noch in dieser Stunde abreisen werde. Er war es zufrieden, gab mir seine Auftrage, und bald hatte ich die heilige ungluckselige Stadt im Rucken. Erst als ich nach langer Fahrt zu mir selbst kam, als meine Vorstellungen sich wieder ordneten und deutlicher wurden, erst dann tadelte ich meine Feigheit, die mich zu dieser ubereilten Flucht verfuhrte. Ich tadelte meine ganze Handlungsweise, ich klagte mich an, die Ungluckliche auf diesen Schlag nicht vorbereitet zu haben; doch es war zu spat, und wenn ich mir meine Gefuhle, meine ganze Lage zuruckrief, ach, da schien es so verzeihlich, die Geliebte verschont zu haben! So kam ich nach Berlin, in dieser Stimmung trafen Sie mich dort, und ein Teil dieser Geschichte war es, den ich damals im Hause meiner Tante erzahlt habe."

Der junge Mann hatte geendet; seine Zuge hatten nach und nach jene Trauer, jene Wehmut angenommen, die ich in seinem Wesen, als ich ihn in Berlin sah, zu bemerken glaubte; er war ganz derselbe, der er an jenem Abend war, und die Worte seiner Tante, er sehe seit seiner Zuruckkunft so geheimnisvoll aus, kamen mir wieder in den Sinn, und liessen mich den richtigen Blick dieser Dame bewundern. An seiner ganzen Historie schienen mir ubrigens nur zwei Dinge auffallend. Ungluckliche Madchen wie das Fraulein, abenteuernde Damen wie Ines, intrigante Priester wie Kardinal Rocco hatte ich auf der Welt schon viele gesehen. Aber die beiden Manner waren mir, als Menschenkenner, etwas ratselhaft.

Der Kapitan hatte allerdings schon einen bedeutenden Grad in meinem Reglement erlangt, aber unbegreiflich war es mir, wie sich dieser Mann so lange auf einer Stufe halten konnte, da doch nach moralischen wie nach physischen Kraften, ein Korper, welcher abwarts gleitet, immer schneller fallt. Er war falsch, denn er spielte zwei Rollen, er war leichtsinnig, denn er vergass sich alle Augenblicke, er war eifersuchtig, obgleich er es selbst mit zwei Frauen hielt, er war schnell zum Zorn reizbar, als deutscher Kapitan liebte er wahrscheinlich auch das Est, Est, Est, Eigenschaften, die nicht lange auf einer Stufe lassen. Ein anderer an seiner Stelle ware vielleicht aus Eifersucht und Zorn schon langst ein Totschlager geworden, ein zweiter ware, leichtsinnig wie er, all diesem Jammer entflohen, hatte die Donna Ines hier, und Fraulein Luise dort, sitzenlassen, und vielleicht an einem andern Ort eine andere gefreit; ein dritter hatte vielleicht der Donna Gift beigebracht, um die schone Sachsin zu besitzen, oder aus Verzweiflung die letztere erdolcht.

Aber wie langweilig dunkte es mir, dass das Fraulein noch in demselben Zustande war, dass die beiden Anbeter noch nicht in Streit geraten waren, dass das Ende von diesen Geschichten ein Ubertritt zur romischen Kirche, eine Hochzeit der Donna Ines und vielleicht eine zweite, Luisens mit dem Berliner werden sollte?

Denn eben dieser ehrliche Berliner! er stand zwar in etwas entfernten Verhaltnissen zu mir, doch wusste ich, wenn ich ihm das Ziel seines heimlichen Strebens, das Fraulein, recht lockend, recht reizend vorstellte, wenn ich ihren Besitz ihm von ferne moglich zeige, so machte er Riesenschritte abwarts, denn seine Anlagen waren gut. Ich beschloss daher, mir ein kleines Vergnugen zu machen, und die Leutchen zu hetzen.

Wahrend diese Gedanken fluchtig in mir aufstiegen, wurde dem Herrn von S. ein Brief gebracht. Er sah die Aufschrift an und errotete, er riss das Siegel auf, er las, und sein Auge wurde immer glanzender, seine Stimme heiterer. "Der Engel!" rief er aus, "sie will mich dennoch sehen! wie glucklich macht sie mich! Lesen Sie, Freund", sagte er, indem er mir den Brief reichte; "mussen solche Zeilen nicht beglukken?"

Ich las: "Mein treuer Freund! Mein Herz verlangt darnach, Sie zu sprechen. Ich wollte Sie nicht mehr sehen, nicht mehr sprechen, bis sind es eigentlich, der diesen Bann aussprach. Doch heben Sie ihn auf, Sie wissen, wie trostlich es mir ist, mit Ihnen sprechen zu konnen. Der Fromme ist wieder hier; er verspricht sich das Beste von West. Ach! dass er ihn zuruckbrachte von seinem Abwege, nicht zu mir, meine Augen durfen ihn nicht mehr sehen, nur zuruck von dieser Schmach, die ich nicht ertragen kann.

L. v. P

N. S. Wissen Sie in Rom keinen Deutschen, der in Mecklenburg bekannt ware? West hat dort Verwandte, die vielleicht in der Sache etwas tun konnten." "Ich kann mir denken, dass dieses schone Vertrauen Sie erfreuen muss", sagte ich, "doch einiges ist mir nicht recht klar, in diesem Brief, das Sie mir ubrigens aufklaren werden. Wegen der Verwandten in Mecklenburg kann sich ubrigens das Fraulein an niemand besser wenden, als an mich, denn ich war mehrere Jahre dort, und bin beinahe in allen Familien genau bekannt."

Der junge Mann war entzuckt, dem Fraulein so schnell dienen zu konnen. "Das ist trefflich!" rief er, "und Sie begleiten mich wohl jetzt eben zu ihr? Ich erzahle Ihnen unterwegs noch einiges, was Ihnen die Verhaltnisse klarer machen wird."

Ich sagte mit Freuden zu, wir gingen.

"In Berlin", erzahlte er, "hielt ich es nur zwei Monate aus; ich hatte niemand hier in Rom, der mir uber das ungluckliche Geschopf hatte Nachricht geben konnen, und so lebte ich in einem Zustand, der beinahe an Verzweiflung grenzt; nur einmal schrieb mir der sachsische Gesandte: Der Papst habe sich jetzt offentlich fur den Kapitan West erklart, man spreche davon, dass der Preis dieser Gnade, der Ubertritt des Kapitans zur romischen Kirche sein solle. In demselben Brief erwahnte er mit Bedauern, dass die junge Dame, die uns alle so sehr angezogen habe, die mich immer besonders auszuzeichnen geschienen, sehr gefahrlich krank sei, die Arzte zweifeln an ihrer Rettung.

Wer konnte dies anders sein, als die arme Luise. Diese letzte Nachricht entschied uber mich. Zwar hatte ich mir denken konnen, dass das, was ihr der Kardinal mitteilte, Krankheit, vielleicht den Tod zur Folge haben werde, aber jetzt erst, als ich diese Nachricht gewiss wusste, jetzt erst kam sie mir schrecklich vor; ich reiste nach Rom zuruck, und meine Bekannten hier haben sich nicht weniger daruber gewundert, mich so unverhofft zu sehen, als meine Verwandten in Berlin, mich so plotzlich wieder entlassen zu mussen. Besonders die Tante konnte es mir nicht verzeihen, denn sie hatte schon den Plan gemacht, mich mit einer der Fraulein, die Sie beim Tee versammelt fanden, zu verheiraten.

Erlassen Sie es mir, zu beschreiben, wie ich das Fraulein wiederfand! Nur eins schien diese schone Seele zu betruben, der Gedanke, dass West zu seiner grossen Schuld noch einen Abfall von der Kirche fugen wolle. Ich lebe seitdem ein Leben voll Kummer. Ich sehe ihre Krafte, ihre Jugend dahinschwinden, ich sehe, wie sie ein Herz voll Jammer unter einer lachelnden Miene verbirgt. Um mich zu noch tatigerem Eifer, ihr zu dienen, zu zwingen, gelobte ich, sie nicht mehr zu sprechen, bis ich von dem Kapitan erlangt hatte, dass er nicht zum Apostaten werde, oder bis sie mich selbst rufen lasse. Das letztere ist heute geschehen. Es scheint, sie hat Hoffnung, ich habe keine; denn er ist zu allem fahig, und Rocco hat ihn so im Netze, dass an kein Entrinnen zu denken ist."

"Aber der Fromme", fragte ich; "soll wohl der seine Bekehrung ubernehmen?"

"Auf diesen Menschen scheint sie ihre Hoffnung zu grunden. Es ist ein deutscher Kaufmann, ein sogenannter Pietist, er zieht umher, um zu bekehren; doch leider muss er jedem Vernunftigen zu lacherlich erscheinen, als dass ich glauben konnte, er sei zur Bekehrung des Kapitans berufen. Eher setze ich einige Hoffnungen auf Sie, mein Freund, wenn Sie durch die Verwandten etwas bewirken konnten; doch auch dies kommt zu spat! Wie sie sich nur um diesen Elenden noch kummern mag!"

Viel versprach ich mir von diesem Besuch bei dem Fraulein von Palden. Was ich von ihr gesehen, von ihr gehort, hatte mir ein Interesse eingeflosst, das diese Stunde befriedigen musste. Ich hatte mir schon lange zuvor, ehe ich sie sah, ein Bild von ihr entworfen, ich fand es, als sie mir damals im Portikus erschien, beinahe verwirklicht; nur eines schien noch zu fehlen, und auch das hatte sich jetzt bestatigt; ich dachte mir sie namlich etwas fromm, etwas schwarmerisch, und sie musste dies sein, wie konnte sie sonst einem deutschen Pietisten die Heilung des Kapitan West zutrauen?

Wir wurden von der Signora Campoco und ihren Hunden freundlich empfangen; den Berliner fuhrte sie zu ihrer Nichte, mich bat sie in ein Zimmer zu treten, wo ich einen Landsmann finden werde. Ich trat ein. Am Fenster stand ein kleiner hagerer Mann, von kaltem, finsterem Aussehen. Er heftete seine Augen immer zu Boden, und wenn er sie einmal aufschlug, so gluhten sie von einem truben, unsicheren Feuer. Ich machte ihm mein Kompliment, er erwiderte es mit einem leichten Neigen des Hauptes und antwortete: "Gegrusset seist du mit dem Grusse des Friedens!"

Ha! dachte ich, das ist niemand anders als der Pietist! Solche Leute sind eine wahre Augenweide fur den Teufel, er weiss wie es in ihrem Innern aussieht, und, diese herrliche Charaktermaske, lacherlicher als Polischinello, komischer als Passaglio, pathetischer als Truffaldin, und wahrer als sie alle, trifft man besonders in Deutschland, und seit neuerer Zeit in Amerika, wohin sie die Deutschen verpflanzt haben. Diese Protestanten glauben im echten Sinne des Wortes zu handeln, wenn sie gegen alles protestieren. Der Glaube der katholischen Kirche ist ihnen ein Greuel; der Papst ist der Antichrist, gegen ihn und die Turken beten sie alle Tage ein absonderliches Gebet. Nicht zufrieden mit diesem, protestieren sie gegen ihren eigenen Staat, gegen ihre eigene Kirche. Alles ist ihnen nicht orthodox, nicht fromm genug. Man glaubt vielleicht, sie selbst sind um so frommer? O ja, wie man will. Sie gehen gesenkten Hauptes, wagen den Blick nicht zu erheben, wagen kein Weltkind anzuschauen. Ihre Rede ist "Ja, ja, nein, nein." Auf weitere Schwure und dergleichen lassen sie sich nicht ein. Sie sind die Stillen im Lande, denn sie leben einfach und ohne Larm fur sich; doch diese selige Ruhe in dem Herrn verhindert sie nicht, ihre Mitmenschen zu verleumden, zu bestehlen, zu betrugen. Daher kommt es, dass sie einander selbst nicht trauen. Sie vermeiden es, sich offentlich zu vergnugen, und wer am Sonntag tanzt, ist in ihren Augen ein Ruchloser. Unter sich selbst aber feiern sie Orgien, von denen jeder andere sein Auge beschamt wegwenden wurde.

Drum lacht mir das Herz, wenn ich einen Mystiker dieser Art sehe. Sie gehen still durchs Leben und wollen die Welt glauben machen, sie seien von Anbeginn der Welt als extrafeine Sorte erschaffen und plombiert worden, und der heilige Petrus, mein lieber Cousin, werde ihnen einen naheren Weg, ein Seitenpfortchen in den Himmel aufschliessen. Aber alle kommen zu mir; Separatisten, Pietisten, Mystiker, wie sie sich heissen mogen, seien sie Kathedermanner oder Schuhmacher, alle sind Nr. 1 und 2, sie verneinen, wenn auch nicht im Aussern, denn sie sind Heuchler in ihrem Herzen von Anbeginn.

Ein solcher war nun der fromme Mann am Fenster. "Ihr seid ein Landsmann von mir", fragte ich nach seinem Gruss, "Ihr seid ein Deutscher?"

"Alle Menschen sind Bruder und gleich vor Gott", antwortete er; "aber die Frommen sind ihm ein angenehmer Geruch."

"Da habt Ihr recht", erwiderte ich, "besonders wenn sie in einer engen Stube Betstunde halten. Seid Ihr schon lange hier in dieser gotteslasterlichen Stadt?"

Er warf einen scheuen Blick auf mich und seufzte: "O welche Freude hat mir der Herr gegeben, dass er einen Erweckten zu mir sandte; du bist der erste, der mir hier saget, dass dies die Stadt der Babylonischen H-, der Sitz des Antichrists ist. Da sprechen sie in ihrem weltlichen Sinne von dem Altertum der Heiden, laufen umher in diesen grossen Gotzentempeln, und nennen alles 'Heiliges Land', selbst wenn sie Protestanten sind; aber diese sind oft die Argsten."

"Wie freut es mich, Bruder, dich gefunden zu haben. Sind noch mehrere Bruder und Schwestern hier? Doch hier kann es nicht fehlen; in einer Gemeinde, die der Apostel Paulus selbst gestiftet hat, mussen fromme Seelen sein."

"Bruder, geh mir weg mit dem Apostel Paulus, dem traue ich nur halb; man weiss allerlei von seinem fruheren Leben, und nachher, da hat er so etwas Gelehrtes wie unsere Professoren und Pfarrer; ich glaube, durch ihn ist dieses Ubel in die Welt gekommen. Zu was denn diese Gelehrtheit, diese Untersuchungen; sie fuhren zum Unglauben. Die Erleuchtung macht's, und wenn einer nicht zum Durchbruch gekommen ist, bleibt er ein Sunder. Ein altes Weib, wenn sie erleuchtet ist, kann so gut predigen und lehren in Israel als der gelehrteste Doktor."

"Du hast recht, Bruder", erwiderte ich ihm; "und ich war in meinem Leben in der Seele nicht vergnugter, nie so heiter gestimmt als wenn ich einen Bruder Schuster, oder eine Schwester Spitalerin das Wort verkundigen horte. War es auch lauterer Unsinn was sie sprach, so hatte ihr es doch der Geist eingegeben, und wir alle waren zerknirscht. Doch sage mir, wie kommst du ins Haus dieser Gottlosen?"

"Bruder, in der Stadt Dresden im Sachsenland, wo es mehr Erleuchtete gibt als irgendwo, da wohnte ich neben ihrem Haus. Damals war sie ein Weltkind, und lachte, wenn die Frommen am Sonntagabend in mein Haus wandelten, um eine Stunde bei mir zu halten. Als ich nun hieher kam in dieses Sodom und Gomorra, da gab mir der Geist ein, meine Nachbarin aufzusuchen.

Ich fand sie von einem Ungluck niedergedruckt. Es ist ihr ganz recht geschehen, denn so straft der Herr den Wandel der Sunder. Aber mich erbarmte doch ihre junge Seele, dass sie so sicherlich abfahren soll, dorthin wo Heulen und Zahnklappern. Ich sprach ihr zu und sie ging ein in meine Lehren, und ich hoffe, es wird bei ihr bald zum Durchbruch kommen. Und da erzahlte sie mir von einem Mann, den der Satan und der Antichrist in ihren Schlingen gefangen haben, und bat mich, ob ich nicht losen konne diese Bande krass des Geistes, der in mir wohnet. Und darum bin ich hier."

Wahrend der fromme Mann die letzten Worte sprach, kam der Berliner mit dem Fraulein. Jener stellte mich vor, und sie fragte errotend, ob ich mit der Familie des Kapitans West in Mecklenburg bekannt sei. Ich bejahte es; ich hatte mit mehreren dieser Leute zu tun gehabt und gab ihr einige Details an, die sie zu befriedigen schienen.

"Der Kapitan ist auf dem Sprung, einen sehr torichten Schritt zu tun, der ihn gewiss nicht glucklich machen kann, S. hat Ihnen wohl schon davon gesagt, und es kommt jetzt darauf an, ihm das Missliche eines solchen Schrittes auch von seiten seiner Familie darzutun."

"Mit Vergnugen; dieser fromme Mann wird uns begleiten; er ist in geistlichen Kampfen erfahrner als ich; ich hoffe, er wird sehr nutzlich sein konnen."

"Es ist mein Beruf", antwortete der Pietist, die Augen greulich verdrehend, "es ist mein Beruf, zu kampfen, solange es Tag ist. Ich will setzen meinen Fuss auf den Kopf der Schlange, und will ihr den Kopf zertreten wie einer Krote; soeben ist der Geist in mich gefahren. Ich fuhle mich wacker wie ein gewappneter Streiter, lieben Bruder, lasset uns nicht lange zaudern, denn die Stunde ist gekommen; Sela!"

"Gehen wir!" sagte der Berliner; "sein Sie versichert, Luise, dass Freund Stobelberg und ich alles tun werden, was zu Ihrer Beruhigung dienen kann. Fassen Sie sich, sehen Sie mutig, heiter in die Zukunft, die Zeit bringt Rosen."

Das schone, bleiche Madchen antwortete durch ein Lacheln, das sie einem wunden Herzen muhsam abgezwungen hatte. Wir gingen, und als ich mich in der Ture umwandte, sah ich sie heftig weinen.

Wir drei gingen ziemlich einsilbig uber die Strasse, der Pietist, vom Geiste befallen, murmelte unverstandliche Worte vor sich hin, und verzog sein Gesicht, rollte seine Augen wie ein Hierophant. Der Berliner schien an dem guten Erfolg unseres Beginnens zu zweifeln und ging sinnend neben mir her, ich selbst war von dem Anblick der stillen Trauer jenes Madchens, ich mochte sagen, beinahe geruhrt; ich dachte nach, wie man es moglich machen konnte, sie der Schwarmerei zu entreissen, sie dem Leben, der Freude wiederzugeben, denn so gerne ich ihr den Himmel und alles Gute wunschte, so schien sie mir doch zu jung und schon, als dass sie jetzt schon auf eine etwas langweilige Seligkeit spekulieren sollte. Durch den Berliner schien ich dies am besten erreichen zu konnen; besser vielleicht noch durch Kapitan West, der mir ohnedies verfallen war, doch zweifelte ich, ob man ihn noch von der Spanierin werde losmachen konnen.

Auf der Hausflur des Kapitans liess uns der Pietist vorangehen, weil er hier beten und unsern Ein- und Ausgang segnen wolle. Doch, o Wunder! als wir uns umsahen, nahm er nach jedem Stossseufzer einen Schluck aus einem Flaschchen, das seiner Farbe nach einen guten italienischen Likor enthalten musste. Ha! jetzt muss der Geist erst recht uber ihn kommen, dachte ich, jetzt kann es nicht fehlen, er muss mit grosser Begeisterung sprechen.

Der Kapitan empfing uns mit einer etwas finsteren Stirne. Der Berliner stellte uns ihm vor, und sogleich begann der Pietist vom Geist getrieben, seinen Sermon.

Er stellte sich vor den Kapitan hin, schlug die Augen zum Himmel und sprach: "Bruder! was haben meine Ohren von dir vernommen? So ganz hat dich der Teufel in seinen Klauen, dass du dich dem Antichrist ergeben willst? Dass du absagen willst der heiligen, christlichen Kirche, der Gemeinschaft der Heiligen? Sela. Aber da sieht man es deutlich. Wie heisst es Sirach am 9. im dritten Vers? He? 'Fliehe die Buhlerin, dass du nicht in ihre Stricke fallest.' "

"Zu was soll diese Komodie dienen, Herr von S.", sprach der Kapitan gereizt. "Ich hoffe, Sie sind nicht gekommen, mir in meinem Zimmer Sottisen zu sagen."

"Ich wollte Sie mit Herrn von Stobelberg, der Ihre Familie kennt, besuchen, da liess sich dieser fromme Mann, der gehort hat, dass Sie ubertreten wollen, nicht abhalten, uns zu begleiten."

"Grosse Ehre fur mich, geben Sie sich aber weiter keine Muhe, denn "

"Horet, horet wie er den Herrn lastert, in dessen Namen ich komme", schrie der Pietist; "der Antichrist krummet sich in ihm wie ein Wurm, und der Teufel sitzt ihm auf der Zunge. O warum habt Ihr Euch blenden lassen von Weltehre? Was sagt derselbe Sirach? 'Lass dich nicht bewegen von dem Gottlosen in seinen grossen Ehren; denn du weisst nicht, wie es ein Ende nehmen wird. Wisse, dass du unter den Stricken wandelst, und gehest auf eitel hohen Spitzen!'"

"Sie kennen meine Familie, Herr von Stobelberg? Sind Sie vielleicht selbst ein Landsmann aus Mecklenburg?"

"Nein, aber ich kam viel in Beruhrung mit Ihrer Familie, und bin mit einigen Gliedern derselben sehr nahe liiert. So zum Beispiel mit Ihrem Oncle F., mit Ihrer Tante W., mit Ihrem Schwager Z."

"Wie? Der Satan hat ihm die Ohren zugeleimt", rief der fromme Protestant, als sein abtrunniger Bruder ihn vollig ignorierte. "Auf, ihr Bruder, ihr Streiter des Herrn, lasset uns ein geistliches Lied singen, vielleicht hilft es." Er druckte die Augen zu und fing an, mit naselnder, zitternder Stimme zu singen:

"Herr, schutz uns vor dem Antichrist,

Und lass uns doch nicht fallen;

Es streckt der Papst mit Hinterlist

Nach uns die langen Krallen;

Und lass dich erbitten,

Vor den Jesuiten

Und den argen Missionaren

Wollest gnadig uns bewahren.

Sie sind des Teufels Knechte all,

Nur wir sind fromme Seelen;

Wir kommen in des Himmels Stall,

Uns kann es gar nicht fehlen;

Denn nach kurzem Schlafe

Ziehn wir frommen Schafe

In den Pferch fur uns bereitet,

Wo der Hirt die Schaflein weidet.

Dort scheidet er die Bocke aus "

Man kann eben nicht sagen, dass der Fromme wie eine Nachtigall sang, aber komisch genug war es anzusehen, wie er vom Geist getrieben, dazu agierte; auf den Wangen des Kapitans wechselte Scham und Zorn, und man war ungewiss, ob er mehr uber die Unverschamtheit dieses Proselytenmachers staunte, oder mehr uber den Inhalt der frommen Hymne erbost sei. Als der Pietist nach einem tiefen Seufzer den dritten Vers anhub, ging die Ture auf, und die hohe, majestatische Gestalt des Kardinals Rocco trat ein. Er war angetan mit einem weissen, faltenreichen Gewand, und der Purpur, der uber seine Schultern herabfloss, gab ihm etwas Erhabenes, Furstliches. Er ubersah uns mit gebietendem Blick, und die Rechte, die er ausstreckte, mochte vielleicht den ehrwurdigen Kuss eines Glaubigen erwarten.

Der Kapitan war in sichtbarer Verlegenheit; er fuhlte, dass der Kardinal uns den Protestantismus sogleich anriechen, dass es ihn erzurnen werde, seinen Katechumenen in so schlechter Gesellschaft zu sehen. Er nannte der Eminenz unsere Namen, doch als er Herrn v. S. erblickte, trat er erschrocken einen Schritt zuruck und flusterte dem Frater Piccolo in der violetten Kutte zu: "Das ist wohl der Teufel, den du im Traume gesehen?"

Piccolo antwortete mit drei Kreuzen, die er angstlich auf seinen Leib zeichnete, und der Kardinal fing an, leise einige Stellen aus dem Exorzismus zu beten. Wahrend dieser Szene hatte sich der fromme Kaufmann, dem das Wort auf der Lippe stehengeblieben war, wieder erholt; er betrachtete die imponierende Gestalt dieses Kirchenfursten, doch schien sie ihm nicht mehr zu imponieren, nachdem er bei sich zu dem Resultat gelangt war, dass nur ein frommer protestantisch-mystischer Christ zur Seligkeit gelangen konne. Er hub im heulenden Predigerton auf italienisch an: "Siehe da, ein Sohn der Babylonischen, ein Nepote des Antichrists. Er hat sich angetan mit Seide und Purpur, um eure armen Seelen zu verlocken. Hebe dich weg, Satanas!"

"Ist der Mensch ein Narr?" fragte der Kardinal, indem er naher trat und den Prediger ruhig und gross anschaute. "Piccolo, merke dir diesen Menschen, wir wollen ihn im Spital versorgen."

Der Pietist geriet in Wut: "Baalspfaffe, Gotzendiener, Antichrist!" schrie er, "du willst mich ins Spital tun? Ha, jetzt kommt der Geist erst recht uber mich. Ich will barmherzig sein mit dir, Sodomiter! ich will dich lehren die Hauptstucke der Religion, dass du deine ketzerischen Irrtumer einsehest. Aber zuvor ziehe sogleich den Purpur ab, zu was soll dieser Flitter dienen? Meinst du, du gefallest dem Herrn besser, wenn du violette Strumpfe anhast? O du Tor! das sind die eiteln Lehren des Antichrist, des Drachen, der auf dem Stuhle sitzt, in Sack und Asche musst du Busse tun."

Jetzt gluhte Roccos Auge vor Wut, seine Stirne zog sich zusammen, seine Wangen gluhten: "Jetzt sehe ich, Kapitan!" rief er, "was Euch so lange zogern macht; Ihr haltet Zusammenkunfte mit diesen wahnsinnigen Ketzern, die Euch in Eurem Aberglauben bestarken. Ha! bei der heiligen Erde, Ihr habt uns tief gekrankt."

"Herr Kardinal!" fiel ihm Herr von S. in die Rede, "ich bitte uns nicht alle in eine Klasse zu werfen; wenn jener Mann dort den Trieb in sich fuhlt, alle Welt zu bekehren, so konnen wir ihn nicht daran verhindern; doch meine ich, man habe sich nicht daruber zu beklagen, denn Ew. Eminenz wissen, dass es gleichsam nur Repressalien fur die Missionen und die Jesuiterei sind, mit welcher man gegenwartig alle Welt uberschwemmt."

Jetzt war der rechte Zeitpunkt, die Leutchen zu hetzen; jetzt galt es, sie zu verwickeln, um sie nachher desto langer trauern zu lassen. "Herr von S.", sagte ich, "der Herr Kapitan will, denke ich, durch sein Schweigen beweisen, dass er Seiner Eminenz recht gebe. Zwar schliesst mich mein Bewusstsein von den 'wahnsinnigen Ketzern' aus, ich mache keine Proselyten, ich unterrichte niemand in der Religion; aber Ihrer werten Familie in Mecklenburg werde ich bei meiner Ruckkehr sagen konnen "

"Stille!" rief der Pietist mit feierlicher Stimme; "Bruder, Mann Gottes, willst du dich so versundigen, mit dem Baalspfaffen zu rechten? Er geht einher wie ein Pharisaer, aber es ware ihm besser, ein Muhlstein hange an seinem Hals, und er wurde ertranket wo es am tiefsten ist."

"Hute dich, einen Pfaffen zu beleidigen", ist ein altes Spruchwort, und der Kapitan mochte auch so denken; ich sah, dass Beschamung vor uns, von Rocco wie ein Schulknabe behandelt zu werden, und die Furcht, ihn zu beleidigen, in seinem Gesicht kampfte.

"Ich muss Ihren Irrtum berichtigen, Eminenz", entgegnete er; "diesen Mann hier kenne ich nicht, und er kann sich auch entfernen wann er will, denn seine schwarmerischen Reden sind mir zum Ekel, aber uber diese Herren hier haben Sie eine ganz falsche Ansicht. Herr von Stobelberg bringt mir Nachrichten von meiner Familie, Herr von S. besucht mich. Ich weiss nicht, welche bosliche Absicht Sie darein legen wollen."

Weit entfernt, den Kardinal durch diese Worte zu besanftigen, brachte er ihn nur noch mehr auf, doch bezahmte er laute Ausbruche desselben, und seine stille Wut wurde nur in kaltem Spott sichtbar; "Ja, ich habe mich freilich hochlich geirrt", sagte er lachelnd, "und bitte um Verzeihung, meine Herren. Ich dachte, Ihr Besuch betreffe religiose Gegenstande, doch nun merke ich, dass es friedlichere Absichten sind, was Sie herfuhrt. Herr von S. wird wahrscheinlich den Herrn Kapitan wieder in die sussen Fesseln des deutschen Frauleins legen wollen? Trefflich! ob auch eine andere Dame daruber sterben wird, es ist ihm gleichgultig; ich bewundere nebenbei auch Ihre Gutmutigkeit, Capitano! dass Sie sich von demselben Mann zuruckfuhren lassen, der Sie so geschickt aus dem Sattel hob!"

Zu welch sonderbaren Sprungen steigert doch den Sterblichen die Beschamung. Gefuhl des Unrechts, wirkliche Beleidigung, Zorn, alle Leidenschaften seiner Seele hatten den Kapitan wohl nicht so ausser sich gebracht, als das Gefuhl der Scham, vor deutschten Mannern von einem romischen Priester so verhohnt zu werden. "Die Achtung, Signor Rocco", sagte er, "die Achtung, die ich vor Ihrem Gewand habe, schutzt mich, Ihnen zu erwidern, was Sie mir in meinem Zimmer uber mich gesagt haben. Ich kenne jetzt Ihre Ansichten uber mich hinlanglich, und wundere mich, wie Sie sich um meine arme Seele so viele Muhe geben wollten. Diesem Herrn, der, wie Sie sagten, mich aus dem Sattel hob, werde ich folgen; doch wissen Sie, dass, was er getan hat, mit meiner Zustimmung geschah: ich werde ihm folgen, obgleich es zuvor gar nicht in meiner Absicht lag; nur um Ihnen zu zeigen, dass weder Ihr Spott, noch Ihre Drohungen auf mich Eindruck machen; und wenn Sie ein andermal wieder einen Mann meiner Art unter der Arbeit haben, so rate ich Ihnen, Ihren Spott oder Ihren Zorn zuruckzuhalten, bis er im Schosse der Kirche ist."

Das reiche, rosige Antlitz Roccos war so weiss geworden, als sein seidenes Gewand. "Geben Sie sich keine Muhe", entgegnete er, "mir zu beweisen, wie wenig man an einem seichten Kopf Ihrer Art verliert. Glauben Sie mir, die Kirche hat hohere Zwecke, als einen Kapitan West zu bekehren "

"Wir kennen diese schonen Zwecke", rief der Berliner mit sehr uberflussigem Protestantismus; "Ihre Plane sind freilich nicht auf einen einzelnen gerichtet, sie gehen auf uns arme Seelen alle. Sie mochten gar zu gerne unser ganzes Vaterland und England und alles was noch zum Evangelium halt, unter den heiligen Pantoffel bringen. Aber Sie kommen hundert Jahre zu spat, oder zu fruh; noch gibt es, Gott sei Dank, Manner genug in meinem Vaterlande, die lieber des Teufels sein wollen, als den Heiligen Stuhl anbeten."

"Bringe mir meinen Hut, Piccolo!" sagte der Priester sehr gelassen, "Ihnen, mein Herr von S., danke ich fur diese Belehrung; doch lag uns an den dummen Deutschen wenig. Es liegt ein sicheres Mittel in der Erbarmlichkeit Ihrer Nation und in ihrer Nachahmungssucht. Ich kann Sie versichern, wenn man in Frankreich recht fromm wird, wenn England uber kurz oder lang zur alleinseligmachenden Kirche zuruckkehrt, dann werden auch die ehrlichen Deutschen nicht mehr lange protestieren. Drum leben Sie wohl, mein Herr, auf Wiedersehen." Die Zuge des Kardinals hatten etwas Hohes, Gebietendes, das mir beinahe nie so sichtbar wurde, als in diesem Moment. Ich musste gestehen, er hatte sich gut aus der Sache gezogen und verliess als Sieger die Walstatt. Frater Piccolo setzte ihm den roten Hut auf, ergriff die Schleppe seines Talars, und mit Anstand und Wurde grussend schritt der Kardinal aus dem Zimmer.

Der Berliner fuhlte sich beschamt und sprach kein Wort; der Pietist murmelte Stossgebetlein, und war augenscheinlich dupiert, denn der Streit ging uber seinen Horizont, an welchem nur die Ideen "von dem Antichrist, dem Drachen auf dem Stuhl des Lammes, dem Baalspfaffen, der babylonischen Dame, dem ewigen Hollenpfuhl und dem Paradiesgartlein" in lieblichem Unsinn verschlungen, schwebten.

Dem Kapitan schien ubrigens nicht gar zu wohl bei der Sache zu sein. Ich erinnerte mich, gehort zu haben, dass er von Donna Ines und diesem Priester bedeutende Vorschusse empfangen habe, die er nicht zahlen konnte; es war zu erwarten, dass sie ihn von dieser Seite bald qualen wurden, und ich freute mich schon vorher, zu sehen, was er dann in der Verzweiflung beginnen werde. Auch zu diesem Auftritt hatte ihn sein Leichtsinn verleitet, denn hatte er bedacht, was fur Folgen fur ihn daraus entstehen konnen er hatte sich von falscher Scham nicht so blindlings hinreissen lassen. Der Berliner fuhr ubrigens bei dieser Partie ebenso schlimm. Ich wusste wohl, dass er die Hoffnung auf Luisens Besitz nicht aufgegeben hatte, dass er sie machtiger als je nahrte, da sie ihn heute hatte rufen lassen; ich wusste auch, dass sie den Kapitan nicht gerade zu sich zuruckwunschte, sondern ihn nur nicht katholisch wissen wollte, ich wusste, dass sie dem Berliner vielleicht bald geneigt worden ware, weil sie sah, mit welchem Eifer er sich um sie bemuhe; und jetzt hatte der Kapitan vor uns allen ausgesprochen, dass er das Fraulein wiedersehen wolle; und so war es.

"Es ist mein voller Ernst, Herr von S.", sagte er, "ich sehe ein, dass ich mich diesen unwurdigen Verbindungen entreissen muss. Konnen Sie mir Gelegenheit geben, das Fraulein wiederzusehen, und ihre Verzeihung zu erbitten?"

"Ich weiss nicht, wie Fraulein von Palden daruber denkt", antwortete der junge Mann etwas verstimmt und finster; "ich glaube nicht, dass nach diesen Vorgangen "

"Oh! Ich habe die beste Hoffnung", rief jener, "ich kenne Luisens gutes Herz, und kann nicht glauben, dass sie aufgehort habe, mich zu lieben. Horen Sie einen Vorschlag. Signora Campoco hat einen Garten an der Tiber; bitten Sie das Fraulein, mit ihrer Tante heute abend dorthin zu kommen. Ich will sie ja nicht allein sehen, Sie alle konnen zugegen sein; ich will ja nichts, als Vergebung lesen in ihren Augen, ein Wort von ihr soll mir genug sein, um mich mit mir selbst und mit dem Himmel zu versohnen. Ach, wie schmerzlich fuhle ich meine Verirrungen!"

"Gut, ich will es sagen", erwiderte der Berliner, indem er mit Muhe nach Fassung rang. "Soll ich Ihnen Antwort bringen?"

"Ist nicht notig; wenn Sie keine Antwort bringen, bin ich um sechs Uhr als reuiger Sunder in dem Garten an der Tiber." "Ich gestehe, der Berliner hatte ein sonderbares Geschick. Das Verhangnis zog ihn in diese Verhaltnisse, seine Gestalt, sein Gesicht, zufallig dem Kapitan West sehr ahnlich, bringt ihm Gluck und Ungluck; es zieht ihn in die Nahe des Madchens, er lernt ihr Schicksal kennen, er sieht sie leiden, er leidet mit ihr; die Zeit, die alle Wunden heilt, bewirkt endlich, dass sie den Kapitan vielleicht nicht mehr so sehnlich zuruckwunscht; sie will nur, dass er jenen Schritt nicht tue, den sie fur einen torichten halt, sich selbst unbewusst, gibt sie dem armen S. Hoffnungen; er glaubt sie errungen zu haben durch die vielen Bemuhungen um ihre Wahl, und jetzt muss er den gefahrlichen Nebenbuhler, einen Mann, den er verachtet, zu ihr zuruckfuhren!" Ich war begierig auf diesen Abend; der Berliner hatte mir gesagt, dass sie einwillige, ihn, von Signora Campoco begleitet, zu sehen. Sie hatte ihn eingeladen, zugegen zu sein, und er bat mich, ihn zu begleiten, weil er diese Szene allein nicht mit ansehen konne. Als ich seiner Wohnung zuging, trat mir auf einmal Frater Piccolo in den Weg, mit der Frage, wo er wohl den Kapitan finden konnte?

Ich forschte ihn aus, zu welchem Zweck er wohl den Kapitan suche, und er sagte mir ohne Umschweife, dass er ihm von dem Kardinal einen Schuldschein auf funftausend Scudi zu uberreichen habe, die jener zwolf Stunden nach Sicht bezahlen musse. "Wertester Frater Piccolo", erwiderte ich ihm, "das sicherste ist, Ihr bemuhet Euch nach sechs Uhr in den Garten der Signora Campoco, welcher an der Tiber gelegen; dort werdet Ihr ihn finden, dafur stehe ich Euch." Er dankte und ging weiter. Dass er diese Nachricht dem Kardinal, vielleicht auch Donna Ines mitteilen werde, glaubte ich voraussetzen zu durfen. "Funftausend Scudi, zwolf Stunden nach Sicht!" sagte ich zu mir, "ich will doch sehen, wie er sich heraushilft!"

Den armen Berliner traf ich sehr niedergeschlagen. Er schien zu fuhlen, dass seine Hoffnungen auf ewig zerstort seien; doch nicht nur dies Gefuhl war es, was ihn unglucklich machte; er furchtete, Luise werde nicht auf Dauer glucklich werden; "Dieser West!" rief er; "ist es nicht immer wieder Leichtsinn, was ihn zu uns, zu ihr zuruckfuhrt! Wie leicht ist es moglich, wenn einmal die Reue uber ihn kommt, die Spanierin so unglucklich gemacht zu haben, wie leicht ist es moglich, dass er auch Luisen wieder verlasst."

Ja, dachte ich, und wenn erst das Wechselchen anlangt und er nicht zahlen kann, und wenn ihn Donna Ines mit den funkelnden Augen sucht und bei der Fremden findet, und wenn erst der Kardinal seine Kunste anwendet. Die Schule der Verzweiflung hat er noch nicht ganz durchgemacht. Aber auch das Fraulein, hoffe ich, wird jetzt auftauen, und ihre Hilfe zu kleinen Teufeleien und Hollenkunsten nehmen, und der gute Berliner soll wohl auch bekannter mit mir werden mussen!

Wir gingen hinaus an die Tiber zum verhangnisvollen Garten der Signora Campoco. Unterwegs sagte mir der junge Mann, das Fraulein sei ihm unbegreiflich. Als er ihr die Nachricht gebracht, wie sich im Hause des Kapitans auf einmal alles so sonderbar, wie durch eine hohere Leitung gefugt habe, wie West nicht nur zur protestantischen Kirche zurucktreten, sondern auch als reuiger Sunder zu ihr zuruckkehren wolle, da sei, so sehr sie ihn zuvor angeklagt, ein seliges Lacheln auf ihren schonen Zugen aufgegangen. Sie habe geweint vor Freude, sie habe mit tausend Tranen ihre Tante dazu vermocht, uns in ihrem Garten zu empfangen. Und dennoch sei sie jetzt nicht mehr recht heiter; eine sonderbare Befangenheit, ein Zittern banger Erwartung habe sie befallen, sie habe ihm gestanden, dass sie der Gedanke an den Flach ihres Vaters, wenn sie je die Gattin des Kapitans werde, immer verfolge. Es sei als liege eine schwarze Ahnung vor ihrer sonst so kindlich frohen Seele, als furchte sie, trotz der Ruckkehr des Geliebten, dennoch nicht glucklich zu werden.

Unter den Klagen des Berliners, unter seinen Beschuldigungen gegen das ganze weibliche Geschlecht, hatten wir uns endlich dem Garten genahert. Er lag, von Baumen umgeben, wie ein Versteck der Liebe. Signora Campoco empfing uns mit ihren Hundlein aufs freundlichste; sie erzahlte, dass sie das deutsche Geplauder der Versohnten nicht mehr langer habe horen konnen, und zeigte uns eine Laube, wo wir sie finden wurden. Errotend, mit glanzenden Augen, Verwirrung und Freude auf dem schonen Gesicht, trat uns das Fraulein entgegen. Der Kapitan aber schien mir ernster, ja es war mir, als musste ich in seinen scheuen Blicken eine neue Schuld lesen, die er zu den alten gefugt.

Dem Berliner war wohl das schmerzlichste der feurige Dank, den ihm das schone Madchen fur seine eifrigen Bemuhungen ausdruckte. Sie umfing ihn, sie nannte ihn ihren treuesten Freund, sie bot ihm ihre Lippen, und er hat wohl nie so tief als in jenem Augenblick gefuhlt, wie die hochste Lust mit Schmerz sich paaren konne. Mir, ich gestehe es, war diese Szene etwas langweilig; ich werde daher die nahere Beschreibung davon nicht in diese Memoiren eintragen, sondern als Surrogat eine Stelle aus Jean Pauls "Flegeljahren" einschieben, die den Leser weniger langweilen durfte: "Selige Stunden, welche auf die Versohnung der Menschen folgen! Die Liebe ist wieder blode und jungfraulich, der Geliebte neu und verklart, das Herz feiert seinen Mai, und die Auferstandenen vom Schlachtfelde begreifen den vorigen, vergessenen Krieg nicht." So sagt dieser grosse Mensch, und er kann recht haben, aus Erfahrung; ich habe, seit sich der Himmel hinter mir geschlossen, nicht mehr geliebt, und mit der Versohnung will es nicht recht gehen.

Bei jener ganzen Szene ergotzte ich mich mehr an der Erwartung als an der Gegenwart. Wenn jetzt mit einemmal, dachte ich mir, Frater Piccolo durch die Baume herbeikame, um seinen Wechsel honorieren zu lassen welche Angst, welcher Kummer bei dem Kapitan, welches Staunen, welcher Missmut bei dem Fraulein! Ich dachte mir allerlei dergleichen Moglichkeiten, wahrend die andern in sussem Geplauder mit vielen Worten nichts sagten da horte ich auf einmal das Platschern von Rudern in der Tiber. Es war nach sechs Uhr, es war die Stunde, um welche ich Frater Piccolo hieher bestellt hatte; wenn er es ware! Die Ruderschlage wurden vernehmlicher, kamen naher, weder die Liebenden noch der Berliner schienen es zu horen. Jetzt horte man nur noch das Rauschen des Flusses, die Barke musste sich in der Nahe ans Land gelegt haben. Die Hunde der Signora schlugen an, man horte Stimmen in der Ferne, es rauschte in den Baumen, Schritte knisterten auf dem Sandweg des Gartens, ich sah mich um Donna Ines und der Kardinal Rocco standen vor uns.

Luise starrte einen Augenblick diese Menschen an, als sehe sie ein Gebild der Phantasie. Aber sie mochte sich des Kardinals aus einem schrecklichen Augenblick erinnern, sie schien den Zusammenhang zu begreifen, schien zu ahnen, wer Ines sei, und sank lautlos zuruck, indem sie die schonen Augen und das erbleichende Gesicht in den Handen verbarg. Der Kapitan hatte den Kommenden den Rucken zugekehrt, und sah also nicht sogleich die Ursache von Luisens Schrecken. Er drehte sich um, er begegnete zornspruhenden Blicken der Donna, die diese Gruppe musterte, er suchte vergeblich nach Worten; das Gefuhl seiner Schande, die Angst, die Verwirrung schnurten ihm die Kehle zu.

"Schandlich!" hub Ines an, "so muss ich dich treffen? Bei deiner deutschen Buhlerin verweilst du, und vergisst, was du deinem Weibe schuldig bist? Ehrvergessener! statt meine Ehre, die du mir gestohlen, durch Treue zu ersetzen, statt mich zu entschadigen fur so grossen Jammer, dem ich mich um deinetwillen ausgesetzt habe, schwelgst du in den Armen einer andern?"

"Folget uns, Kapitan West!" sagte der Kardinal sehr strenge; "es ist Euch nicht erlaubt, noch einen Augenblick hier zu verweilen. Die Barke wartet. Gebt der Donna Euren Arm und verlasset diese ketzerische Gesellschaft."

"Du bleibst!" rief Luise, indem sie ihre schonen Finger um seinen Arm schlang und sich gefasst und stolz aufrichtete; "schicke diese Leute fort. Du hast ja noch soeben diese Abenteuerin verschworen. Du zauderst? Monsignor, ich weiss nicht, wer Ihnen das Recht gibt, in diesen Garten zu dringen; haben Sie die Gute, sich mit dieser Dame zu entfernen."

"Wer mir das Recht gibt, junge Ketzerin?" entgegnete Rocco, "diese ehrwurdige Frau Campoco; ich denke ihr gehort der Garten, und es wird sie nicht belastigen, wenn wir hier verweilen."

"Ich bitte um Euren Segen, Eminenz", sagte sich tief verneigend Signora Campoco; "wie moget Ihr doch so sprechen? Meinem geringen Garten ist heute Heil widerfahren, denn heilige Gebeine wandeln darin umher!"

"Nicht gezaudert, Kapitan!" rief der Kardinal; "werfet den Satan zuruck, der Euch wieder in den Klauen hat; folget uns, wohin die Pflicht Euch ruft. Ha! Ihr zaudert noch immer, Verrater? soll ich", fuhr er mit hohnischem Lacheln fort: "soll ich Euch etwa dies Papier vorzeigen? Kennet Ihr diese Unterschrift? Wie steht es mit den funftausend Scudi, verehrter Herr? soll ich Euch durch die Wache abholen lassen?"

"Funftausend Scudi?" unterbrach ihn der Berliner, "ich leiste Burgschaft, Herr Kardinal, sichere Burgschaft."

"Mitnichten!" antwortete er mit grosser Ruhe, "Ihr seid ein Ketzer; haeretico non servanda fides; Ihr konntet leicht ebenso denken und mit der Burgschaft in die Weite gehen. Nein Piccolo! Sende einen der Schiffer in die Stadt; man solle die Wache holen."

"Um Gottes willen, Otto! was ist das?" rief Luise, indem ihr Tranen entsturzten. "Du wirst dich doch nicht diesen Menschen so ganz ubergeben haben? O Herr! nur eine Stunde gestattet Aufschub, mein ganzes Vermogen soll Euer sein; mehr, viel mehr will ich Euch geben als Ihr fordert "

"Meinst du, schlechtes Geschopf!" fiel ihr die Spanierin in die Rede, "meinst du, es handle sich hier um Gold? Mir, mir hat er seine Seele verpfandet; er hat mich gelockt aus den Talern meiner Heimat, er hat mir ein langes seliges Leben in seinen Armen vorgespiegelt, er hat mich betrogen um diese Seligkeit; du du hast mich betrogen, deutsche Dirne, aber sehe zu, wie du es einst vor den Heiligen verantworten kannst, dass du dem Weib den Gatten raubst, den Kindern, den armen Wurmern, den Vater!"

"Ja, das ist dein Fluch, alter Vater!" sagte Luise, von tiefer Wehmut bewegt; "das ist dein Fluch, wenn ich je die Seine wurde; er nahte schnell! Ich hatte dir ihn entrissen, ungluckliches Weib? Nein, so tief mochte ich nicht einmal dich verachten. Er kannte mich langst, ehe er dich nur sah, und die Treue, die er dir schwur, hat er mir gebrochen!"

"Von dieser Sunde werden wir ihn absolvieren", sprach der Kardinal; "sie ist um so weniger druckend fur ihn, als Ihr selbst, Signora, mit einem anderen, der hier neben sitzt, in Verhaltnissen waret. Zaudere nicht mehr, folge uns; bei den Gebeinen aller Heiligen, wenn du jetzt nicht folgst, wirst du sehen, was es heisse, den Heiligen Vater zu verhohnen!"

Der Kapitan war ein miserabler Sunder. So wenig Kraft, so wenig Entschluss! Ich hatte ihn in den Fluss werfen mogen; doch es musste zu einem Resultate kommen, drum schob ich schnell ein paar Worte ein: "Wie? was ist dies fur ein Geschrei von Kindern", rief ich erstaunt; "es wird doch kein Ungluck in der Nahe geben?"

"Ha! meine Kinder", weinte die Spanierin, "o weinet nur, ihr armen Kleinen; der, der Euch Vater sein sollte, hat Erz in seiner Brust. Ich gehe, ich werfe sie in die Tiber, und mich mit ihnen; so ende ich ein Leben, das du, Verfluchter! vergiftetest!"

Sie rief es und wollte nach der Tiber eilen; doch das Fraulein fasste ihr Gewand; bleich zum Tod, mit halbgeschlossenen Augen, fuhrte sie Donna Ines zu dem Kapitan, und sturzte dann aus der Laube. Ich selbst war einige Augenblicke im Zweifel, ob sie nicht denselben Entschluss ausfuhren wollte, den die Donna fur sich gefasst; doch der Weg, den sie einschlug, fuhrte tiefer in den Garten, und sie wollte wohl nur diesem Jammer entgehen. Der Berliner aber lief ihr angstlich nach, und als sich auch der Kapitan losriss, ihr zu folgen, sturzte die ganze Gesellschaft, der Kardinal, ich und Signora Campoco in den Garten.

Wir kamen zu ihnen, als eben Luise erschopft und der Ohnmacht nahe zusammensank. S. fing sie in seine Arme auf, und trug die teure Last nach einer Bank. Dort wollte ihn der Kapitan verdrangen, er wollte vielleicht seinen Entschluss zeigen, nur ihr anzugehoren, er glaubte heiligere Rechte an sie zu haben, und entfernte den Arm des jungen Mannes um den seinigen unterzuschieben.

Doch dieser, ergriffen von Liebe und Schmerz, aufgeregt von der Szene, die wir gesehen, stiess den Kapitan zuruck. "Fort mit dir", rief er: "gehe zu Pfaffen und Ehebrechern, zu Schurken deines Gelichters. Du hast deine Rolle kunstlich gespielt; um diese Blume zu pflucken, musstest du dich den Armen jenes hergelaufenen Weibes noch einmal entreissen. Hinweg mit dir, du Ehrloser!"

"Was sprechen Sie da?" schrie der Kapitan schaumend, es mochte in der Rede des jungen Mannes etwas liegen, was als Wahrheit um so beissender war. "Welche Absichten legen Sie mir unter? was hatte ich getan? erklaren Sie sich deutlicher!"

"Jetzt hast du Worte, Schurke, aber als dieser Engel zu dir flehte, da hatte deinen Mund die Schande verschlossen. Ruhre sie nicht an, oder ich schlage dich nieder."

"Das kann dir geschehen", entgegnete jener, und einem Blitze gleich fuhr er mit etwas Glanzendem aus der Tasche nach der Brust des jungen Mannes. In Spanien lernt man gut stossen. Der Berliner hatte einen Messerstich in der Brust, und sank, ohne das Haupt der Geliebten zu lassen, in die Knie.

"Jetzt wird der tapfere Hauptmann gewiss katholisch!" war mein Gedanke, als das Herzblut des jungen Mannes hervorstromte; "jetzt wird er sich bergen im Schosse der Kirche!" Und es schien so zu kommen. Denn willenlos liess sich der Kapitan von Ines und dem Kardinal wegfuhren, und die Barke stiess vom Lande. Wenige Tage nach diesem Vorfall erschien jener glorreiche Tag, an welchem der Papst vor dem versammelten Volk mir, dem Teufel, alle Seelen der Ketzer ubermacht; ich habe zwar durch diese Anweisung noch nie eine erhalten, und weiss nicht, ob Seine Heiligkeit falliert haben und nun auf der Himmelsborse keine Geschafte mehr machen, also wenig Einfluss auf das Steigen und Fallen der Seelen haben, oder ob vielleicht diese Verwunschung nur zur Vermehrung der Ruhrung dient, um den Wirten und Gewerbsleuten in Rom auf versteckte Weise zu verstehen zu geben, dass sie sich kein Gewissen daraus machen sollen, den Beutel der Englander, Schweden und Deutschen, zu schropfen, da ihre Seelen doch einmal verloren seien.

An einem solchen Tage pflegt ganz Rom zusammenzustromen, besonders die Weiber kommen gerne, um die Ketzer im Geiste abfahren zu sehen. Man drangt und schlagt sich auf dem grossen Platz, man hascht nach dem Anblick des Heiligen Vaters, und wenn er den heiligen Bannstrahl herabschleudert, durchzuckt ein machtiges Gefuhl jedes Herz, und alle schlagen an die Brust und sprechen: "Wohl mir, dass ich nicht bin wie dieser einer." An diesem Tage aber hatte das Fest noch eine ganz besondere Bedeutung; man sprach namlich in allen Zirkeln, in allen Kaffeehausern, auf allen Strassen davon, dass ein beruhmter, tapferer, ketzerischer Offizier an diesem Tage sich taufen lassen wolle. Dieser Offizier machte seine Grade erstaunlich schnell durch. Am Montag hiess es, er sei Kapitan, am Dienstag er sei Major, am Mittwoch war er Obrist, und wenn man am Donnerstag fruhe ein schones Kind auf der Strasse anhielt, um zu fragen, wohin es so schnell laufe, konnte man auf die Antwort rechnen: "Ei, wisset Ihr nicht, dass zur Ehre Gottes ein General der Ketzer sich taufen lasst, und ein guter Christ wird, wie ich und Ihr?"

Wer der beruhmte Taufling war, werden die Leser meiner Memoiren leicht erraten. Endlich, endlich war er abgefallen! Sie hatten ihn wohl nach der Szene in Signoras Garten so lange und heftig mit Vorwurfen, Bitten, Drohungen, Versprechungen und Tranen besturmt, dass er einwilligte, besonders da er durch den Ubertritt nicht nur Absolution fur seine Seele, was ihm ubrigens wenig helfen wird, sondern auch Schutz fur die Justiz bekam, die ihm schon nachzuspuren anfing, da der Berliner einige Tage zwischen Leben und Tod schwebte, und sein Gesandter auf strenge Ahndung des Mordes angetragen hatte.

Ich stellte mich auf dem Platze so, dass der Zug mit dem Taufling an mir voruberkommen musste. Und sie nahten! Ein langer Zug von Monchen, Priestern, Nonnen, andachtigen Mannern und Frauen kam heran, ihre halblaut gesprochenen Gebete rollten wie Orgelton durch die Lufte. Sie zogen im Kreis um den ungeheuren Platz, und jetzt wurden die Romer um mich her aufmerksamer. "Ecco, ecco lo", flusterte es von allen Seiten; ich sah hin in einem grauen Gewand, das Haupt mit Asche bestreut, ein Kruzifix in den gefalteten Handen, nahte mit unsicheren Schritten der Kapitan. Zwei Bischofe in ihren violetten Talaren gingen vor ihm, und Chorknaben aller Art und Grosse folgten seinen Schritten.

"Ein schoner Ketzer, bei St. Peter! ein schmucker Mann!" horte ich die Weiber um mich her sagen. "Welch ein frommer Soldat!"

"Wie freut man sich, wenn man sieht, wie dem Teufel eine Seele entrissen wird!"

"Werden sie ihn vorher taufen oder nachher?"

"Vorher", antwortete ein schones, schwarzlockiges Madchen, "vorher, denn nachher verflucht der Heilige Vater alle Ketzer, und da wurde er ihn ja auf ewig verdammen, und nachher segnen und taufen."

"Ach das verstehst du nicht", sagte ihr Vater, "der Papst kann alles was er will, so oder so."

"Nein, er kann nicht alles", erwiderte sie schelmisch lachelnd; "nicht alles!"

"Was kann er denn nicht?" fragten die Umstehenden. "Er kann alles; was sollte er denn nicht konnen?"

"Er kann nicht heiraten!" lachte sie; doch nicht so schnell folgt der Donner dem Blitz, als die schwere Hand des Vaters auf ihre Wange fiel.

"Was? Du versundigst dich, Madchen", schrie er; "welche unheiligen Gedanken gibt dir der Teufel ein? Was geht es dich an, ob der Papst heiratet oder nicht? Dich nimmt er auf keinen Fall."

Das Volk begann indes in die Peterskirche zu stromen; und auch ich folgte dorthin. Es ist eine lacherlich materielle Idee, wenn die Menschen sich vorstellen, ich konne in keine christliche Kirche kommen. So schreiben viele Leute C. M. B. (Caspar, Melchior, Balthasar) uber ihre Turen und glauben, die drei Konige aus Morgenland werden sich bemuhen, ihre schlechte Hutte gegen die Hexen zu schutzen.

Ich drangte mich so weit als moglich vor, um die Zeremonien dieser Taufe recht zu sehen. Der tapfere Kapitan hatte jetzt sein graues Gewand mit einem glanzend weissen vertauscht, und kniete unweit des Hochaltars. Kardinale, Erzbischofe, Bischofe standen umher, der ungewisse Schein des Tages, vermischt mit dem Flackern der Lichter der Kerzen, welche die Chorknaben hielten, umgab sie mit einem ehrwurdigen Heiligenschein, der jedoch bei manchem wie Scheinheiligkeit aussah. Auf der andern Seite kniete unter vielen schonen Frauen Donna Ines mit ihren Kindern. Sie war lockender und reizender als je, und wer Luisen und ihr sanftes blaues Auge nicht gesehen hatte, konnte dem Taufling verzeihen, dass er sich durch dieses schone Weib und einen listigen Priester unter den Pantoffel Skt. Petri bringen liess.

Neben mir stand eine schwarzverschleierte Dame. Sie stutzte sich mit einer Hand an eine Saule, und ich glaube, sie ware ohne diese Hulfe auf den Marmorboden gesunken, denn sie zitterte beinahe krampfhaft. Der Schleier war zu dicht, als dass ich ihre Zuge erkennen konnte. Doch sagte mir eine Ahnung, wer es sein konnte. Jetzt erhoben die Priester den Gesang, er zog mit den blauen Wolkchen des arabischen Weihrauchs hinauf durch die Gewolbe, und berauschte die Sinne der Sterblichen, ubertaubte ihre Seelen, und riss sie hin zu einer Andacht, die sie zwar uber das Irdische, aber auch uber die ewigen Gesetze ihrer Vernunft hinwegfuhrt.

Die Priester sangen. Jetzt fing er an sein Glaubensbekenntnis zu sprechen.

"Er hat mich nie geliebt", seufzte die Dame an meiner Seite, "er hat auch dich nie geliebt, o Gott, verzeihe ihm diese Sunde!"

Er sprach weiter, er verfluchte den Glauben, in welchem er bisher gelebt.

"Gib Frieden seiner Seele", flusterte sie; "wir alle irren, solange wir sterblich sind; vielleicht hat er den wahren Trost gefunden! lass ihn Friede finden, o Herr!"

Da fingen die Priester wieder an zu singen. Ihre tiefen Tone drangen schneidend in das Herz der Dame. Jetzt wurde das Sakrament an ihm vollzogen, der Kardinal Rocco, im vollen Ornat seiner Wurde segnete ihn ein, und Donna Ines warf dem Getauften frohlokkende Grusse zu.

"Vater, lass ihm mein Bild nie erscheinen", betete die Dame an meiner Seite, "dass nie der Stachel der Reue ihn quale! Lass ihn glucklich werden!"

Und mit dem Pomp des heiligen Triumphes schloss die Taufe, und der Kapitan stand auf, zwar als ein so grosser Sunder wie zuvor, doch als ein rechtglaubiger katholischer Christ. Das Volk drangte sich herzu und druckte seine Hande, und Donna Ines fuhrte ihm mit holdem Lacheln ihre Kinder zu. Aber noch war die Szene nicht zu Ende. Kardinal Luighi fuhrte den Getauften an die Stufen des Altars, stieg die heiligen Stufen hinan und las die Messe.

Die Dame im schwarzen Schleier zitterte heftiger, als sie dies alles sah; ihre Knie fingen an zu wanken. "Wer Ihr auch seid, mein Herr!" flusterte sie mir plotzlich zu, "seid so barmherzig und fuhrt mich aus der Kirche, ich fuhle mich sehr unwohl." Ich gab ihr meinen Arm, und die frommste Seele in Sankt Peters weiten Hallen ging hinweg, begleitet vom Teufel.

Auf dem Platze vor der Peterskirche deutete sie schweigend auf eine Equipage, die unfern hielt. Ich fuhrte sie dorthin, ich offnete ihr den Schlag, und bot ihr die Hand zum Einsteigen. Sie schlug den dunkeln Schleier zuruck, es war, wie ich mir gesagt hatte, es waren die bleichen, schonen Zuge Luisens. "Ich danke Euch, Herr!" sagte sie, "Ihr habt mir einen grossen Dienst erwiesen." Noch zitterte ihre Hand in der meinigen, ihre schonen Augen wandten sich noch einmal nach Sankt Peter und fullten sich dann mit einer Trane. Aber schnell schlug sie den Schleier nieder und schlupfte in den Wagen; die Pferde zogen an, ich habe sie nie wieder gesehen.

Eine wichtige Angelegenheit, die wankende Sache der Hohen Pforte, welcher ich immer besondere Aufmerksamkeit geschenkt habe, rief mich an diesem Tag nach ...., wo ich mit einem beruhmten Staatsmann eine Konferenz halten musste. Man kennt die Zuneigung dieses erlauchten Veziers eines christlichen Potentaten zum Halbmond; und ich hatte nicht erst notig, ihn zu uberzeugen, dass die Turken seine naturlichen Alliierten seien. Von .... eilte ich zuruck nach Rom. Ich gestehe, ich war begierig, wie sich jene Verhaltnisse losen wurden, in welche ich verflochten war, und die mir durch einige Situationen so interessant geworden waren.

Der erste, den ich unter der Porta del Popolo traf, war der deutsche Kaufmann. Er sass in einem schonen Wagen, und hatte, wie es schien, Streit mit einigen papstlichen Polizeisoldaten. Ich trat als Stobelberg zu ihm. "Lieber Bruder", sagte ich, "es scheint, du willst Sodom verlassen gleich dem frommen Lot?"

"Ja, fliehen will ich aus dieser Statte des Satan", war seine Antwort; "und hier lasst mich der Drache auf dem Stuhl des Lammes noch einmal anhalten, aus Zorn weil ich einen seiner Baalspfaffen im Christentume unterweisen wollte."

Ich sah hin und merkte jetzt erst die Ursache des Streites. Die Polizei hatte, ich weiss nicht aus welchem Grunde, den Wagen noch einmal untersucht. Da war man auf ein Kistchen gestossen und hatte den Pietisten gefragt, was es enthalte. "Geistliche Bucher", antwortete er. Man glaubte aber nicht, schloss auf, und siehe da, es war ein gutes Flaschenfutter, und die Polizeimanner wollten wegen seines Betruges einige Scudi von ihm nehmen.

"Aber, Bruder!" sagte ich ihm; "eine fromme Seele sollte nach nichts dursten als nach dem Tau des Himmels, nach nichts hungern als nach dem Manna des Wortes, und doch fuhrst du ein Dutzend Flaschen mit dir, und hier liegt ein ganzer Pack Salamiwurste? Pfui, Bruder, heisst es nicht, 'was werden wir essen, was werden wir trinken, nach dem allem fragen die Heiden'?"

"Bruder", erwiderte jener, und drehte die Augen gen Himmel; "Bruder, bei dir muss es noch nicht vollig zum Durchbruch gekommen sein, dass du einen Mann von so felsenfestem Glauben, dass du mir solche Fragen vorlegst. Gerade, dass ich nicht zu seufzen brauche: 'Was werden wir essen, was werden wir trinken, womit uns kleiden?' gerade deswegen habe ich mir den neuen Rock hier gekauft, habe meinen Flaschenkeller gefullt, und diese aus Eselsfleisch bereiteten Wurste gekauft; es geschah also aus reinem Glaubensdrang, und der Geist hat es mir eingegeben. Da, ihr lumpigten Sohne von Astaroth, ihr Brut des Basilisken, so auf dem Stuhl des Lammes sitzt und an seinen Klauen Pantoffeln fuhrt, da nehmet diesen hollandischen Dukaten und lasset mir meine geistlichen Bucher in Ruhe! So, nun lebe wohl, Bruder! der Geist komme uber dich und starke deinen Glauben!"

Da fuhr er hin, und wieder wurde ich in dem Glauben bestarkt, dass diese christlichen Pharisaer schlimmer sind als die Kinder der Welt. Ich ging weiter, den Korso hinab. Am unteren Ende der Strassen begegnete mir der Kardinal Rocco und Piccolo, sein Diener. Der Kardinal schien sehr krank zu sein, denn ganz gegen die Etiquette trug ihm Piccolo nicht die Schleppe nach, sondern fuhrte ihn unter dem Arm, und dennoch wankte Rocco zuweilen hin und her. Sein Gesicht war rot und gluhend, seine Augen halb geschlossen, und der rote Hut sass ihm etwas schief auf dem Ohr.

"Siehe da, ein bekanntes Gesicht!" rief er, als er mich sah, und blieb stehen. "Komm hieher, mein Sohn, und empfange den Segen. Haben wir uns nicht schon irgendwo gesehen?"

"O ja, und ich hoffe, noch ofters das Vergnugen zu haben; ich hatte die Ehre Ew. Eminenz im Garten der Frau Campoco zu sehen."

"Ja, ja! ich erinnere mich, Ihr seid ein junger Ketzer; wisset Ihr, woher ich komme? geraden Wegs von dem Hochzeitschmause des lieben Paares!"

Jetzt konnte ich mir die Krankheit des alten Herrn erklaren; die spanischen Weine der Donna Ines waren ihm wohl zu stark gewesen, und Piccolo musste ihn jetzt fuhren. "Ihr waret wohl recht vergnugt?" fragte ich ihn; "es ist doch Euer Werk, dass die Donna den Kapitan endlich doch noch uberwunden hat?"

"Das ist es, lieber Ketzer!" sagte er stolz lachelnd, "mein Werk ist es, kommet, gehen wir noch ein paar hundert Schritte zusammen! Was wollte ich sagen? ja mein Werk ist es, denn ohne mich hatte die Donna gar keine Kunde von ihm bekommen; ich schrieb ihr, dass er in Rom sich befinde; ohne mich ware ihre fruhere Ehe nicht fur ungultig erklart worden; ohne mich ware der Kapitan nicht rechtglaubig geworden, was zur Glorie unserer Kirche notwendig war; ohne mich ware er nicht von seiner Ketzerin losgekommen kurz ohne mich ja ohne mich stunde alles noch wie zuvor."

"Es ist erstaunlich!"

"Horet, Ihr gefallt mir, lieber Ketzer. Hort einmal, werdet auch rechtglaubig; brauchet Ihr Geld? konnet haben soviel Ihr wollt, gegen ein Reverschen zahlbar gleich nach Sicht; oh! damit kann man einen kostlich in Verlegenheit bringen. Brauchet Ihr eine schone, frische, reiche Frau? Ich habe eine Nichte, Ihr sollt sie haben. Brauchet Ihr Ehren und Wurden? Ich will Euch pro primo den goldenen Sporenorden verschaffen; es kann ihn zwar jeder Narr um einige Scudi kaufen aber Ihr sollet ihn umsonst haben. Wollet Ihr in Eurer barbarischen Heimat grosse Ehrenstellen? durfet nur befehlen; wir haben dort grossen Einfluss, geheim und offentlich; na! was sagt Ihr dazu?"

"Der Vorschlag ist nicht ubel", erwiderte ich; "Ihr seid nobel in Euren Versprechungen, ich glaube, Ihr konntet den Teufel selbst katholisch machen?"

"Anathema sit! anathema sit! Es ware uns ubrigens nicht schwer", antwortete der Kardinal. "Wir konnen ihn von seinen zweitausendjahrigen Sunden absolvieren, und dann taufen. Uberdies ist er ein dummer Kerl, der Teufel, und hat sich von der Kirche noch immer uberlisten lassen!"

"Wisset Ihr das so gewiss?"

"Das will ich meinen; zum Beispiel, kennet Ihr die Geschichte die er mit einem Franziskaner gehabt?"

"Nein, ich bitte Euch, erzahlet!"

"Ein Franziskaner zankte sich einmal mit ihm wegen einer armen Seele. Der Teufel wollte sie durchaus haben, und hatte allerdings nach dem Mass ihrer Sunden das Recht dazu. Der Monch aber wollte sie in majorem dei gloriam fur den Himmel zustutzen. Da schlug endlich der Satan vor, sie wollen wurfeln, wer die meisten Augen mit drei Wurfeln werfe, solle die Seele haben. Der Teufel warf zuerst, und, wie er ein falscher Spieler ist, warf er achtzehn, er lachte den Franziskaner aus. Doch dieser liess sich nicht irremachen; er nahm die Wurfel und warf neunzehn; und die Seele war sein."

"Herr! das ist erlogen", rief ich, "wie kann er mit drei Wurfeln neunzehn werfen?"

"Ei, wer fragt nach der Moglichkeit? Genug, er hat's getan, es war ein Wunder. Nun, kommet morgen in mein Haus, lieber Sohn, wir wollen dann den Unterricht beginnen."

Er gab mir den Segen und wankte weiter. Nein, Freund Rocco! dachte ich, eher bekomme ich dich, als du mich, von dir lasst sich der Satan nicht uberlisten. Es trieb mich jetzt, nach dem Hause des Berliners zu gehen, den ich schwer verwundet verlassen hatte. Zu meiner grossen Verwunderung sagte man mir, er sei ausgegangen und werde wohl vor Nacht nicht zuruckkehren. So musste ich den Gedanken aufgeben, heute noch zu erfahren, wie es ihm ergangen sei, wie das Fraulein sich befinde, ob er wohl Hoffnung habe, jetzt, da der Kapitan auf immer fur sie verloren sei, sie fur sich zu gewinnen; es blieb mir keine Zeit, ihn heute noch zu sehen, denn den Abend uber wusste ich ihn nicht zu finden, und auf die kommende Nacht hatte ich eine Zusammenkunft mit jenen kleineren Geistern verabredet, die als meine Diener die Welt durchstreifen.

Ich trat zu diesem Zweck, als die Nacht einbrach, ins Coliseum, denn dies war der Ort, wohin ich sie beschieden hatte. Noch war die Stunde nicht da, aber ich liebe es, in der Stille der Nacht auf den Trummern einer grossen Vorzeit meinen Gedanken uber das Geschlecht der Sterblichen nachzuhangen. Wie erhaben sind diese majestatischen Trummer in einer schonen Mondnacht! Ich stieg hinab in den mittleren Raum. Aus dem blauen, unbewolkten Himmel blickte der Mond durch die gebrochenen Wolbungen der Bogen herein, und die hohen uberwachsenen Mauern der Ruine warfen lange Schatten uber die Arena. Dunkle Gestalten schienen durch die verfallenen Gange zu schweben, wenn ein leiser Wind die Gestrauche bewegte, und ihre Schatten hin und wider zogen. Wo sie schwebten, diese Schatten, da sah man einst ein frohliches Volk, schone Frauen, tapfere Manner, und die ernste, feierliche Pracht der kriegerischen Kaiser. Geschlecht um Geschlecht ist hinunter, diese Mauern allein uberdauerten ihre Zeit, um durch ihre erhabenen Formen diese Sterblichen zu erinnern, wie unendlich grosser der Sinn jenes Volkes war, das einst ein Jahrtausend vor ihnen um diese Statte lebte. Die ernste Wurde der Konsuln und des Senates, der kriegerische Prunk der Casaren und dieser romische Hof und diese Romer!

Der Mond war, wahrend ich zu mir sprach, heraufgekommen und stand jetzt gerade uber dem Zirkus. Ich sah mich um, da gewahrte ich, dass ich nicht allein in den Ruinen sei. Eine dunkle Gestalt sass seitwarts auf dem gebrochenen Schaft einer Saule; ich trat naher hin es war Otto von S.... Ich war freudig erstaunt, ihn zu sehen, ich warf mich schnell in den Herrn von Stobelberg, um mit ihm zu sprechen. Ich redete ihn an und wunschte ihm Gluck, ihn so gesund zu sehen. Er richtete sich auf; der Mond beschien ein sehr bleiches Gesicht, weinende Augen blickten mich wehmutig an, schweigend sank er an meine Brust.

"Sie scheinen noch nicht ganz geheilt, Lieber!" sagte ich; "Sie sind noch sehr bleich, die Nachtluft wird Ihnen schaden!"

Er verneinte es mit dem Haupt, ohne zu sprechen. Was war doch dem armen Jungen geschehen, hatte er wohl von neuem einen Korb bekommen? "Nun, ein Mittel gibt es wohl, Sie ganzlich zu heilen", fuhr ich fort; "jetzt steht Ihnen ja nichts mehr im Wege, jetzt wird sie hoffentlich so sprode nicht mehr sein. Ich will den Brautwerber machen; Sie mussen Mut fassen, Luise wird Sie erhoren, und dann ziehen Sie mit ihr aus dieser unglucklichen Stadt, fuhren sie nach Berlin, zu der Tante; wie werden sich die asthetischen Damen wundern, wenn Sie Ihre Novelle auf diese Art schliessen, und die holde Erscheinung aus den Lamentationen personlich einfuhren!"

Er schwieg, er weinte stille.

"Oder wie! haben Sie etwa den Versuch schon gemacht? Sollten Sie abgewiesen worden sein? Will sie die Rolle der Sproden fortspielen?"

"Sie ist tot!" antwortete der junge Mann.

"Ist's moglich! hore ich recht? So plotzlich ist sie gestorben?"

"Der Gram hat ihr Herz gebrochen; heute hat man sie begraben."

Er sagte es, druckte mir die Hand, und einsam weinend ging er durch die Ruinen des Coliseums.

Mein Besuch in Frankfurt

1. Wen der Satan an der Table d'hote im Weissen

Schwanen sah

Kommt man um die Zeit des Pfingstfestes nach Frankfurt, so sollte man meinen, es gebe keine heiligere Stadt in der Christenheit; denn sie feiern daselbst nicht wie z.B. in Bayern 1 1/2, oder, wie im Kalender vorgeschrieben, 2 Festtage, sondern sie rechnen vier Feiertage; die Juden haben deren sogar funf, denn sie fangen in Bornheim ihre heiligen Ubungen schon am Samstag an, und der Bundestag hat sogar acht bis zehen.

Diese Festtage gelten aber in dieser Stadt weniger den wunderbaren Sprachkunsten der Apostel, als mir. Was die beruhmtesten Mystiker am Pfingstfeste morgens den guten Leutchen ans Herz gelegt, was die immensesten Rationalisten mit moralischer Salbung verkundet hatten, das war so gut als in den Wind gesprochen. Die Fragen: ob man am Montag oder am Dienstag, am zweiten oder dritten Feiertag ins Waldchen gehen, ob es nicht anstandiger ware, ins Wilhelmsbad zu fahren, ob man am vierten Feiertag nach Bornheim oder ins Vauxhall gehen solle, oder beides, diese Fragen schienen bei weitem wichtiger, als jene, die doch fur andachtige Feiertagsleute viel naherlag, ob die Apostel damals auch Englisch und Plattdeutsch verstanden haben?

Muss ein so aufgeweckter Sinn den Teufel nicht erfreuen, der an solchen Tagen mehr Seelen fur sich gewinnt, als das ganze Judenquartier in einer guten Borsestunde Gulden? Auch diesmal wieder kam ich zu Pfingsten nach Frankfurt. Leuten, die von einem beruhmten Belletristen verwohnt, alles bis aufs kleinste Detail wissen wollen, diene zur Nachricht, dass ich im Weissen Schwanen auf Nr. 45 recht gut wohnte, an der grossen Table d'hote in angenehmer Gesellschaft trefflich speiste, den Kuchenzettel mogen sie sich ubrigens von dem Oberkellner ausbitten.

Schon in der ersten Stunde bemerkte ich ein Seufzen und Stohnen, das aus dem Zimmer nebenan zu dringen schien. Ich trat naher, ich horte deutlich, wie man auf gut deutsch fluchte und tobte, dann Rechnungen und Bilanzen, die sich in viele Tausende beliefen, nachzahlte, und dann wieder wimmerte und weinte, wie ein Kind, das seiner Aufgabe fur die Schule nicht machtig ist.

Teilnehmend, wie ich bin, schellte ich nach dem Kellner und fragte ihn, wer der Herr sei, der nebenan so uberaus klaglich sich gebarde?

"Nun", antwortete er, "das ist der stille Herr."

"Der stille Herr? lieber Freund, das gibt mir noch wenig Aufschluss, wer ist er denn?"

"Wir nennen ihn hier im Schwanen den stillen Herrn, oder auch den Seufzer, er ist ein Kaufmann aus Dessau, nennt sich sonst Zwerner, und wohnt schon seit vierzehn Tagen hier."

"Was tut er denn hier? ist ihm ein Ungluck zugestossen, dass er so gar klaglich winselt?"

"Ja! das weiss ich nicht", erwiderte er, "aber seit dem zweiten Tag, dass er hier ist, ist sein einziges Geschaft, dass er zwischen zwolf und ein Uhr in der neuen Judenstrasse auf und ab geht, und dann kommt er zu Tisch, spricht nichts, isst nichts, und den ganzen Tag uber jammert er ganz stille und trinkt Kapwein."

"Nun das ist keine schlimme Eigenschaft", sagte ich, "setzen Sie mich doch heute mittag in seine Nahe." Der Kellner versprach es, und ich lauschte wieder auf meinen Nachbar.

"Den 12. Mai" horte ich ihn stohnen, "Metalliques 84 3/4. Osterreichische Staatsobligationen 87 3/8. Rothschildsche Lotterielose, der Teufel hat sie erfunden und gemacht! 132. Preussische Staatsschuldscheine. 81! o Rebekka! Rebekka! wo will das hinaus! 81! Die Preussen! ist denn gar keine Barmherzigkeit im Himmel?"

So ging es eine Zeitlang fort; bald horte ich ihn ein Glas Kapwein zu sich nehmen, und ganz behaglich mit der Zunge dazu schnalzen, bald jammerte er wieder in den klaglichsten Tonen und mischte die Konsols, die Rothschildschen Unverzinslichen, und seine Rebekka auf herzbrechende Weise untereinander. Endlich wurde er ruhiger. Ich horte ihn sein Zimmer verlassen und den Gang hinabgehen, es war wohl die Stunde, in welcher er durch die neue Judenstrasse promenierte.

Der Kellner hatte Wort gehalten. Er wies, als ich in den Speisesaal trat, auf einen Stuhl: "Setzen sich der Herr Doktor nur dorthin", flusterte er, "zu Ihrer Rechten sitzt der Seufzer." Ich setzte mich, ich betrachtete ihn von der Seite; wie man sich tauschen kann! Ich hatte einen jungen Mann von melancholischem, gespenstigem Aussehen erwartet, wie man sie heutzutage in grossen Stadten und Romanen trifft, etwa bleichschmachtend und fein wie Eduard, von der Verfasserin der "Ourika", oder von schwachlichem, beinahe luderlichem Anblick, wie einige Schopenhauersche oder Pichlersche Helden. Aber gerade das Gegenteil; ich fand einen untersetzten, runden jungen Mann mit frischen, wohlgenahrten Wangen und roten Lippen, der aber die truben Augen beinahe immer niederschlug, und um den hubschen Mund einen weinerlichen Zug hatte, welcher zu diesem frischen Gesicht nicht recht passte.

Ich versuchte, wahrend ich ihm allerlei treffliche Speisen anbot, einige Male mit ihm ins Gesprach zu kommen, aber immer vergeblich; er antwortete nur durch eine Verbeugung, begleitet von einem halbunterdruckten Seufzer. In solchen Augenblicken schlug er dann wohl die Augen auf, doch nicht, um auf mich zu blicken; er warf nur einen scheuen, finstern Blick geradeaus, und sah dann wieder seufzend auf seinen Teller.

Ich folgte einem dieser Blicke, und glaubte zu bemerken, dass sie einem Herrn gelten mussten, der uns gegenuber sass und schon zuvor meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte.

Er war gerade das Gegenteil von meinem Nachbar rechts. Seine schon etwas kahle, gefurchte Stirne, sein braunlichtes, eingeschnurrtes Gesicht, seine schmalen Wangen, seine spitze, weit hervortretende Nase deuteten darauf hin, dass er die funfundvierzig Jahrchen, die er haben mochte, etwas schnell verlebt habe. Den auffallendsten Kontrast mit diesen verwitterten, von Leidenschaften durchwuhlten Zugen, bildete ein ruhiges sussliches Lacheln, das immer um seinen Mund schwebte, die zierliche Bewegung seiner Arme und seines Korperchens, wie auch seine sehr jugendliche und modische Kleidung.

Es sassen etwa funf oder sechs junge Damen an der Tafel, und nach den zartlichen Blicken, die er jeder zusandte, dem sussen Lacheln, womit er seine Blicke begleitete, zu urteilen, musste er mit allen in genauen Verhaltnissen stehen. Dieser Herr hatte, wenn er mit der abgestorbenen, knochernen Hand einen Spargel zum Munde fuhrte und susslich dazu lachelte, die grosste Ahnlichkeit mit einem rasierten Kaninchen, wahrend mein Nachbar rechts wie ein melancholischer Frosch anzusehen war.

Warum ubrigens der Seufzer das Kaninchen mit so finsteren Augen mass, konnte ich nicht erraten. Endlich, als die Blicke meines Nachbars dusterer und langer als gewohnlich auf jenem ruhten, fing das Kaninchen an, die Schultern und Arme grazios hin und her zu drehen, den Rucken auf kunstliche Art auszudehnen, und das spitzige Kopfchen nach uns heruber zu drehen; mit sussem Lacheln fragte er: "Noch immer so duster, mein lieber Monsieur Zwerner? etwa gar eifersuchtig auf meine Wenigkeit!"

An dem zarten Lispeln, an der kunstlichen Art das "r" wie "gr" auszusprechen, glaubte ich in ihm einen jener adeligen Salonsmenschen zu erkennen, die von einer feinen, leisen Sprache Profession machen. Und so war es, denn mein Nachbar antwortete: "Eifersuchtig, Herr Graf? auf Sie in keinem Fall."

Graf Rebs, so horte ich ihn spater nennen faltete sein Maulchen zu einem feinen Lacheln, druckte die Augen halb zu, bog die Spitznase auf komische Weise seitwarts, strich mit der Hand uber sein langes knochernes Kinn, und kicherte.

"Das ist schon von Ihnen, lieber Monsieur Zwerner; also gar nicht eifersuchtig? und doch habe ich die schone Rebekka erst gestern abend noch in ihrer Loge gesprochen. Ha, ha! Sie standen im Parterre und schauten mit melancholischen Blicken herauf. Darf ich Sie um jenes Ragout bitten, mein Herr?"

"Ich war allerdings im Theater, habe aber nur vorwarts aufs Theater, und nicht ruckwarts gesehen, am wenigsten mit melancholischen Blicken."

"Herr Oberkellner", lispelte der Graf, "Sie haben die Truffeln gespart; aber nein! Monsieur Zwerner, wie man sich tauschen kann! Ich hatte auf Ehre geglaubt, Sie schauen herauf in die Loge mit melancholischen Blicken. Auch Rebekka mochte es bemerken und Fraulein v. Rothschild, denn als ich auf Sie hinabwies Kellner, ich trinke heute lieber roten Engelheimer, ein Flaschchen ja, wollte ich sagen das ist mir nun wahrend des Engelheimers ganzlich entfallen, so geht es, wenn man so viel zu denken hat."

Meinem Nachbar mochte das unverzeihlich schlechte Gedachtnis des Grafen nicht behagen; obgleich er vorhin das Kaninchen ziemlich barsch abgewiesen hatte, so schien ihm doch dieser Punkt zu interessant, als dass er nicht weiter geforscht hatte. "Nun, auch Fraulein von Rothschild hat bemerkt, dass ich melancholisch hinaufsahe", fragte er, indem er seine bitteren Zuge durch eine Zutat von Lacheln zu versussen suchte; "freilich, diese hat ein scharfes Gesicht durch die Lorgnette "

"Richtig, das war es", erwiderte Rebs, "das war es; ja, als ich auf Sie hinabwies und Rebekkchen Ihre Leiden anschaulich machte, schlug sie mich mit ihrem Jockofacher auf die Hand, und nannte mich einen Schalk."

Mein Nachbar wurde wieder finster, seine roten Wangen roteten sich noch mehr, und die ansehnliche Breite seines Gesichtes erweiterte sich noch durch wilden Trotz, der in ihm wutete. Er zog den Kopf tief in die Schultern, und blitzte das Kaninchen hin und wieder mit einem grimmigen Blick an. Er hatte nie so grosse Ahnlichkeit mit einem angenehmen Froschjungling, der an einem warmen Juniabend trauernd auf dem Teichel sitzt, als in diesem Augenblicke.

Graf Rebs bemerkte dies. Mit angenehmer Herablassung, wobei er das r noch mehr schnurren liess, als zuvor, sprach er: "Werter Monsieur Zwerner. Sie durfen aus dem Schlag mit dem Jockofacher keine argen Folgerungen ziehen. Es ist nur eine Facon de parler unter Leuten von gutem Ton. Wegen meiner durfen Sie ruhig sein. Zwar solange man jung ist", fuhr er fort, indem er den Halskragen hoher heraufzog und schalkhaft daraus hervorsah, wie das Kaninchen aus dem Busch, "zwar solange man jung ist, macht man sich hie und da ein Spasschen. Aber ein ganz anderer Gegenstand fesselt mich jetzt, Liebster! Haben Sie schon die Nichte des englischen Botschafters gesehen, die seit drei Tagen hier in Frankfurt ist?"

"Nein", antwortete mein Nachbar, leichter atmend.

"Oh, ein delizioses Kind! Augenbraunen wie, wie wie mein Rock hier, einen Mund zum Kussen und in dem schonen Gesicht so etwas Pikantes, ich mochte sagen so viel englische Race. Nun, wir sind hier unter uns, ich kann Sie versichern, es ist auffallend aber wahr, ich sollte es nicht sagen, es beschamt mich, aber auf Ehre, Sie konnen sich drauf verlassen, obgleich es ein ganz komischer Fall ist, ubrigens hoffe ich mich auf Ihre Diskretion verlassen zu konnen; nein, es ist wirklich auffallend, in drei Tagen..."

"Nun so bitte ich Sie doch um Gottes willen, Herr Graf, was wollen Sie denn sagen?"

Es war ein eigener Genuss, das Kaninchen in diesem Augenblick anzusehen. Ein Gedanke schien ihn zu kitzeln, denn er kniff die Auglein zu, sein Kinn verlangerte sich, seine Nase bog sich abwarts nach den Lippen, und sein Mund war nur noch eine dunne, zarte Linie; dazu arbeitete er mit dem zierlich gekrummten Rucken und den Schulterblattern, als wolle er anfangen zu fliegen, und mit den abgelebten Knochlein seiner Finger fuhr er auf dem Tisch umher. Noch einmal musste der Seufzer ihn ermuntern, sein Geheimnis preiszugeben, bis er endlich hervorbrachte: "Sie ist in mich verliebt. Sie staunen; ich kann es Ihnen nicht ubelnehmen, auch mir wollte es anfangs sonderbar bedunken, in so kurzer Zeit; aber ich habe meine sicheren Kennzeichen, und auch andere haben es bemerkt."

"Sie Glucklicher!" rief der Seufzer nicht ohne Ironie, "wo Sie nur hintippen, schlagen Ihnen Herzen entgegen; ubrigens rate ich, diese Englanderin ernstlicher zu verfolgen, bedenken Sie, eine so solide Partie "

"Merke schon, merke schon", entgegnete Rebs mit schlauem Lacheln, "es ist Ihnen um Rebekka, Sie wollen, ich solle dort ganzlich aus dem Felde ziehen. Solide Partie! Sie werden doch nicht meinen, dass ich schon heiraten will? Gott bewahre mich! aber wegen Rebekkchen durfen Sie ruhig sein; ich ziehe mich ganzlich zuruck. Und sollte vielleicht eine vorubergehende Neigung in dem Madchen Sie verstehen mich schon , das wird sich bald geben, ich glaube nicht, dass sie mich ernstlich geliebt hat."

"Ich glaube auch nicht", entgegnete der Seufzer mit einem Ton, in welchen sich bittere Ironie mit Grimm mischte. Die Gesellschaft stand auf, wir folgten. Graf Rebs tanzelte lachelnd zu den Damen, welchen er wahrend der Tafel so zartliche Blicke zugeworfen; ich aber folgte dem unglucklichen Seufzer.

2. Trost fur Liebende

"Was war doch dies fur ein sonderbarer Herr?" fragte ich meinen Nachbar, indem ich mich dicht an ihn anschloss. "Findet er wirklich bei den Damen so sehr Beifall, oder ist er ein wenig verruckt?"

"Ein Geck ist er, ein Narr!" rief der Seufzende, indem er mit dem Kopf aus den Schultern herausfuhr, und die Arme umherwarf; "ein alter Junggeselle von funfundvierzig, und spielt noch den ersten Liebhaber. Eitel, toricht, glaubt, jede Dame, die er aus seinen kleinen Auglein anblinzelt, ist in ihn verliebt, drangt sich uberall an und ein "

"Nun da spielt dieser Graf Rebs eine lacherliche Rolle in der Gesellschaft, da wird er wohl uberall verhohnt und abgewiesen?"

"Ja, wenn die Damen dachten wie Sie, wertgeschatzter Herr! aber so lacherlich dieser Gnome ist, so toricht er sich uberall gebardet, so o Rebekka! der Teufel hat die Weiberherzen gemacht."

"Ei, ei!" sagte ich, indem ich schnell Nro. 45 aufschloss und den Verzweifelnden hineinschob, "ei! lieber Herr Zwerner, wer wird so arge Beschuldigungen ausstossen. Und auf Fraulein Rebekka, setzen Sie sich doch gefalligst aufs Sofa, auf das Fraulein sollte er auch Eindruck gemacht haben, dieser Gliedermann?"

"Ach, nicht er, nicht er; sie sieht, dass er lacherlich ist und geckenhaft, und doch kokettiert sie mit ihm; nicht mit ihm, sondern mit seinem Titel. Es schmeichelt ihr, einen Grafen in ihrer Loge zu sehen, oder auf der Promenade von ihm begrusst zu werden, vielleicht wenn sie eine Christin ware, hatte sie einen solidern Geschmack."

"Wie, das Fraulein ist eine Judin?"

"Ja, es ist ein Judenfraulein; ihr Vater ist der reiche Simon in der neuen Judenstrasse, das grosse gelbe Haus neben dem Herrn von Rothschild, und eine Million hat er, das ist ausgemacht."

"Sie haben einen soliden Geschmack, und wie ich aus dem Gesprach des Grafen bemerkt habe, konnen Sie sich einige Hoffnung machen?"

"Ja", erwiderte er argerlich, "wenn nicht der Satan das Papierwesen erfunden hatte. So stehe ich immer zwischen Ture und Angel. Glaube ich heute einen festen Preis, ein sicheres Vermogen zu haben, um vor Herrn Simon treten, und sagen zu konnen: 'Herr! wir wollen ein kleines Geschaft machen miteinander, ich bin das Haus Zwerner und Comp. aus Dessau, stehe so und so, wollen Sie mir Ihre Tochter geben?' Glaube ich nun so sprechen zu konnen, so lasst auf einmal der Teufel die Metalliques um zwei, drei Prozent steigen, ich verliere, und meinem Schwiegerpapa, der daran gewinnt, steigt der Kamm um so viele Prozente hoher, und an eine Verbindung ist dann nicht mehr zu denken."

"Aber kann denn nicht der Fall eintreten, dass Sie gewinnen?"

"Ja, und dann bin ich so schlecht beraten wie zuvor. Herr Simon ist von der Gegenpartei. Gewinne ich nun durch das Sinken dieser oder jener Papiere, so verliert er ebensoviel, und dann ist nichts mit ihm anzufangen, denn er ist ein ausgemachter Narr und reif fur das Tollhaus, wenn er verliert. Ach, und aus Rebekkchen, so gut sie sonst ist, guckt auf allen Seiten der judische Geldteufel heraus."

"Wie, sollte es moglich sein, eine junge Dame sollte so sehr nach Geld sehen?"

"Da kennen Sie die Madchen, wie sie heutzutage sind, schlecht", erwiderte er seufzend. "Titel oder Geld, Geld oder Titel, das ist es, was sie wollen. Konnen Sie sich durch einen Lieutenant zur 'Gnadigen Frau' machen lassen, so ist er ihnen eben recht, hat ein Mann wie ich Geld, so wiegt dies den Adel zur Not auf, weil derselbe gewohnlich keines hat."

"Nun, ich denke aber, das Haus Zwerner und Comp. in Dessau hat Geld, woher also Ihr Zweifel an der Liebe des Frauleins?"

"Ja, ja!" sagte er etwas freundlicher, "wir haben Geld, und so viel, um immer mit Anstand um eine Tochter des Herrn Simon zu freien; aber Sie kennen die Frankfurter Madchen nicht, werter Herr! Ist von einem angenehmen, liebenswurdigen jungen Mann die Rede, so fragen sie, 'Wie steht er?' Steht er nun nicht nach allen Borsenregeln solid, so ist er in ihren Augen ein Subjekt, an das man nicht denken muss."

"Und Rebekka denkt auch so?"

"Wie soll sie andere Empfindungen kennenlernen in der neuen Judenstrasse? Ach! Ihre Neigung zu mir wechselt nach dem Kurs der Borsenhalle! Man weiss hier, dass ich mich verfuhren liess, viele Metalliques und preussische Staatsschuldscheine zu kaufen. Mein Interesse geht mit dem der hohen Machte und mit dem Wohl Griechenlands Hand in Hand. Verliert die Pforte, so gewinne ich und werde ein reicher Mann; gewinnt der Grossturke und sein Reis-Effendi, so bin ich um zwanzigtausend Kaisergulden armer, und nicht mehr wurdig, um sie zu freien. Das weiss nun das liebenswurdige Geschopf gar wohl, und ihr Herz ist geteilt zwischen mir und dem Vater. Bald mochte sie gerne, dass die Pforte das Ultimatum annehme, um mein Gluck zu fordern; bald denkt sie wieder, wieviel ihr Vater durch diese Spekulation des Herrn von Metternich verlieren konnte, und wunscht dem Effendi so viel Verstand als moglich. Ich Unglucklicher!"

"Aber, lieben Sie denn wirklich dieses edle Geschopf?" fragte ich.

Tranen traten ihm in die Augen, ein tiefer Seufzer stahl sich aus seiner Brust. "Wie sollte ich sie nicht lieben", antwortete er, "bedenken Sie, funfzigtausend Taler Mitgift, und nach des Vaters Tod eine halbe Million, und wenn Gott den Israelchen zu sich nimmt, eine ganze. Und dabei ist sie vernunftig und liebenswurdig, hat so was Feines, Zartes, Orientalisches; ein schwarzes Auge voll Glut, eine kuhn geschwungene Nase, frische Lippen, der Teint, wie ich ihn liebe, etwas dunkel und dennoch rotlich. Ha! und eine Figur! Herr! wie sollte man ein solches Geschopf nicht lieben!"

"Und haben Sie keinen Rival als den Gnomen, den Grafen Rebs?"

"Oh, einige Judenjunglinge, bedeutende Hauser, buhlen um sie, aber ihr Sinn steht nach einem soliden Christen; sie weiss, dass bei uns alles nobler und freier geht als bei ihrem Volk, und schamt sich, in guter Gesellschaft fur eine Judin zu gelten. Daher hat sie sich auch den Frankfurter Dialekt ganz abgewohnt und spricht Preussisch; Sie sollten horen, wie schon es klingt, wenn sie sagt, 'isssst es mochlich?' oder: 'Es jienge wohl, aber es jeht nich.'"

Der Seufzer gefiel mir; es ist ein eigenes, sonderbares Volk, diese jungen Herren vom Handelsstand. Sie bilden sich hinter ihrem Ladentisch eine eigene Welt von Ideen, die sie aus den trefflichsten Romanen der Leihbibliotheken sammeln; sie sehen die Menschen, die Gesellschaft nie, es sei denn wenn sie abends durch die Promenade gehen oder sonntags, gekleidet wie Herren comme il faut, auf Kirchweihen oder sonstigen Ballen sich amusieren. Reisen sie hernach, so dreht sich ihr Ideengang um ihre Musterkarte und die schone Wirtin der nachsten Station, welche ihnen von einem Kameraden und Vorganger empfohlen ist; oder um die Kellnerin des letzten Nachtlagers, die, wie sie glauben, noch lange um den "schonen, wohlgewachsenen, jungen Mann" weinen wird. Sie haben irgendwo gelesen oder gehort, dass der Handelsstand gegenwartig viel zu bedeuten habe; drum sprechen sie mit Ehrfurcht von sich und ihrem Wesen, und nie habe ich gefunden, dass einer von sich sagte: Kaufmann oder Banderkramer, sondern: "Ich reise in Geschaften des Hauses Bauerlein oder Zwierlein", und fragte man in welchen Artikeln, so kann man unter zehn auf neun rechnen, sie ganz bescheiden antworten horen: Knopfe, Haften und Haken, Tabak, Schnupfund Rauch-, und dergleichen bedeutende Artikel. Haben sie nun gar im Stadtchen ihrer Heimat ein "Schatzchen" zuruckgelassen, so darf man darauf rechnen, sie werden, wenn von Liebe die Rede ist, "ihre sehr interessante Geschichte" erzahlen, wie sie Fraulein Jettchen beim Mondschein kennengelernt haben, sie werden die Brieftasche offnen und unter hundert Empfehlungsbriefen Annoncen von Gasthofen etc., ein Seidenpapier hervorziehen, das ein "Probchen Haar von der Stirne der Geliebten" enthalt.

Gluckliche Nomaden! Ihr allein seid noch heutzutage die fahrenden Ritter der Christenheit; und wenn es euch auch nicht zukommt, mit eingelegter Lanze a la Don Quijote eurer Jungfrauen Schonheit zu verteidigen, so richtet ihr doch in jeder Kneipe nicht weniger Verwustung an, wie jener mannhafte Ritter, und seid uberdies meist euer eigener Sancho Pansa an der Tafel.

Eine solche liebenswurdige Erziehung, aus Comptoir-Spekulationen, Romanen, Mondscheinliebe und Handelsreisen zusammengesetzt, schien nun auch mein Nachbar Seufzer genossen zu haben. Nur etwas fehlte ihm, er war zu ehrlich. Wie leicht ware es fur einen Mann von Zweimalhunderttausend gewesen, Kuriere nicht von Hochst, oder von Langen, sondern von Wien, sogar mit authentischen Nachrichten kommen zu lassen, um seinem Glucke aufzuhelfen. Ist denn auf der Erde nicht alles um Geld feil? und wenn Rothschild mit Geld etwas machen kann, warum sollte es ein anderer nicht auch konnen, wenn sein Geld ebensogut ist, als das des grossen Makkabaers?

Zwar ein solcher Sperling macht keinen Sommer; eine solche Handelsseele mehr oder weniger mein, kann mir nicht nutzen; doch die Nuanzen ergotzen mich, jenes bunte Farbenspiel, bis ein solcher Hecht ins Netz geht, und darum beschloss ich ihm zu nutzen, ihn zu fangen.

"Ich bin", sagte ich zu ihm, "ich bin selbst einigermassen Papierspekulant, daher werden Sie mir vergeben, wenn ich Ihre bisherige Verfahrungsart etwas sonderbar finde."

"Wie meinen Sie das?" fragte er verwundert. "Als ich in Dessau war, liess ich mir nicht jeden Posttag den Kurszettel schicken? und hier, gehe ich nicht jeden Tag in die Borsenhalle? gehe ich nicht jeden Tag in die neue Judenstrasse, um das Neueste zu erfragen?"

"Das ist es nicht was ich meine, ein Genie wie Sie, Herr Zwerner (er verbeugte sich lachelnd), das heisst, ein Mann mit diesen Mitteln, der etwas wagen will, muss selbst eingreifen in den Lauf der Zeiten."

"Aber mein Gott", rief er verwunderungsvoll, "das kann ja jetzt niemand als der Rothschild, der Reis-Effendi und der Herr von Metternich; wie meinen Sie denn?"

"Uber Ihr Gluck, Sie geben es selbst zu, kann ein einziger Tag, eine einzige Stunde entscheiden; zum Beispiel, wenn die Pforte das Ultimatum verwirft, die Nachricht schnell hieher kommt, kann eine Krisis sich bilden, die Sie sturzt. Ebenso im Gegenteil, konnen Sie durch eine solche Nachricht sehr gewinnen, weil dann Ihre Papiere steigen?"

"Gewiss, gewiss", seufzete er; "aber ich sehe nur noch nicht recht ein "

"Nur Geduld; wer gibt nun diese Nachricht, wer bekommt sie? Das Ministerium in Wien, oder ein guter Freund, der sehr nahe hingehorcht und dem grossen Portier ein Stuck Geld in die Hand gedruckt hat, lasst noch in der Nacht einen Kurier aufsitzen; der reitet und fahrt und fliegt nach Frankfurt, und bringt die Depesche, wem?"

"Ach, dem Glucklichsten, dem Vornehmsten!"

"Nein, dem, der am besten zahlt. Einen solchen Kurier kann ich Ihnen um Geld auch verschaffen, ich habe Konnexionen in Wien. Man kann dort mancherlei erfahren, ohne gerade der osterreichische Beobachter zu sein; kurz, wir lassen einen Brief mit der Nachricht einer wichtigen Krisis, eines bedeutenden Vorfalls, kommen "

"Etwa, der Sultan habe einen Schlag bekommen, oder der Kaiser von Russland sei plotzlich "

"Nichts davon, das ist zu wahrscheinlich, als dass es die Leute glauben; Unwahrscheinliches, Uberraschendes, muss auf der Borse wirken "

"Also etwa der Furst von M. sei ein Turke geworden; habe dem Islam geschworen?"

"Ich sage Ihnen ja, nichts Wahrscheinliches; nein, geradezu, die Pforte habe das Ultimatum angenommen. Bekommen Sie nun diese Nachricht mit allem moglichen geheimnisvollen Wesen, lassen Sie den Kurier sogleich ein paar Stationen weiterreisen, lassen Sie den Brief einige Geheimniskramer lesen, gehen kurze Zeit darauf in die Borsenhalle, so kann es nicht fehlen, Sie sind ein wichtiger Mann und setzen Ihre Papiere mit Gewinn ab."

"Aber, lieber Herr", erwiderte der Kaufmann von Dessau klaglich, "das ware ja denn doch erlogen, wie man zu sagen pflegt, eine Sunde fur einen rechtlichen Mann, bedenken Sie, ein Kaufmann muss im Geruch von Ehrlichkeit stehen, will er Kredit haben."

"Ehrlichkeit, Possen! Geld, Geld, das ist es, wornach er riechen muss, und nicht nach Ehrlichkeit. Und was nennen Sie am Ende Ehrlichkeit? ob Sie Ihre Kunden bei einem Pfunde Kaffee betrugen, ob Sie einem alten Weib ihr Lot Schnupftabak zu leicht wiegen, oder ob Sie dasselbe Experiment im grossen vornehmen, das ist am Ende dasselbe."

"Ei, verzeihen Sie, da muss ich denn doch bitten; an der Prise, die das Weib zu wenig bekommt, stirbt sie nicht, wie man zu sagen pflegt, aber wenn ich einen solchen Kurier kommen lasse, so kann er durch seine falsche Nachricht ein Nachrichter der ganzen Borse werden; viele Hauser konnen fallieren, andere wanken und im Kredit verlieren, und das ware dann meine Schuld!"

"So, mein Herr?" sagte ich mit mitleidigem Lacheln zu der schwachen Seele, "so, Sie schamen sich nicht, die Moral, das Herrlichste was man auf Erden hat, so zu verhunzen? also wegen der Folgen wollen Sie nicht? nicht vor dem Beginnen an sich, als einem unmoralischen, beben Sie zuruck? Wer den Anfang einer Tat nicht scheut, darf auch ihr Ende nicht scheuen, ohne fur eine kleine Seele zu gelten. Oder glauben Sie, eine Rebekka konne man dadurch verdienen, dass man im Weissen Schwanen wohnt und seufzt, dass man zur Tafel geht und mit dem Kaninchen, dem Grafen Rebs, grollt?"

"Aber, mein Herr", rief der Seufzer etwas pikiert, "ich weiss gar nicht, was Sie mir, als einem ganz Fremden fur eine Teilnahme erzeigen; ich weiss gar nicht, wie ich das nehmen soll?"

"Mein Herr, das haben Sie sich selbst zuzuschreiben; Sie haben mir Ihre Lage entdeckt und mich gleichsam um Rat gefragt, daher meine Antwort. Ubrigens bin ich ein Mann, der reist, um uberall das Treffliche und Erhabene kennenzulernen. In Ihnen glaubte ich gleich auf den ersten Anblick solches gefunden zu haben; "

"Bitte recht sehr, eine so ganz gewohnliche Physiognomie wie die meine "

"Das konnen Sie nicht so beurteilen, wie ein anderer; auf Ihrer Stirne thront etwas Freies, Mutiges, um Ihren Mund weht ein anziehender Geist "

"Finden Sie das wirklich", rief er, indem er lachelnd meine Hand fasste und verstohlen nach dem Spiegel blickte; "es ist wahr, man hat mir schon dergleichen gesagt, und, in Stuttgart hat man mich sogar versichert, ich sei dem beruhmten Dannecker auf der Strasse aufgefallen, und er sei eigens deswegen einigemal in den Konig von England gekommen, um von mir etwas fur seinen Johannes abzusehen."

"Nun sehen Sie, wie muss es nun einen Mann, wie ich bin, uberraschen, so wenig Mut, so wenig Entschluss hinter dieser freien Stirne, diesem mutigen Auge zu finden!"

"Ach, Sie nehmen es auch zu strenge; ich habe ja Ihren Vorschlag durchaus nicht verworfen, nur einiges Bedenken, einige kleine Zweifel stiegen in mir auf, und nun Sie haben wahrlich nicht unrecht, ich fuhle einen gewissen Mut, eine gewisse Freiheit in mir, es ist ein gewisses Etwas, ja so gut es ein anderer tun kann, will ich es auch versuchen. Es sei, wie Sie sagten, ich will es daranrucken und einen Kurier kommen lassen; wir wollen die Metalliques steigern!"

3. Ein Schabbes in Bornheim

Der einzige Zweifel, der den seufzenden Dessauer noch qualte, war die Furcht, den Vater seiner Geliebten in bedeutenden Verlust zu sturzen, wenn er seine Operation nach meinem Plane einrichte. Doch auch dafur wusste ich ein gutes, sehr einfaches Mittel. Er musste den Herrn Simon in der neuen Judenstrasse auf seine Seite bringen, musste ihm bedeutende Winke von der nahenden Krisis geben; entweder nahm dann der Jude an dem ganzen Unternehmen unbewusst teil und gewann zugleich mit dem Dessauer, oder, er war wenigstens gewarnt und musste einige Achtung vor einem Mann bekommen, der so genau die politischen Wendungen zu berechnen wusste, der seine Kombinationen so geschickt zu machen verstand.

Dem Kaufmann leuchtete dies ein. Er kam von selbst auf den Gedanken, noch an diesem Tage mit dem alten Simon zu sprechen, und lud mich ein, mit ihm nach Bornheim zu fahren, wo der Schabbes heute die noble Welt des alten Judenquartiers, der neuen Judenstrasse, uberhaupt alle Stamme Israels versammelt habe.

Wir fuhren hinaus; der Seufzer schien ein ganz anderer Mensch geworden zu sein. Sein trubseliges Gesicht leuchtete freundlich vom Glanze der Hoffnung, sein Auge hob sich freier, um seine Stirne, seinen Mund war jede Melancholie verschwunden, sein grosser runder Kopf steht nicht mehr zwischen den Schultern, er tragt ihn freier, erhabener, als wollte er sagen: "Seht ihr Frankfurter und Bornheimer, ich bin es, das Haus Zwerner und Comp. aus Dessau, nachstens eine bedeutende Person an der Borse, und wenn es gut geht, Brautigam der schonen Rebekka Simon in der neuen Judenstrasse!"

Aus dem Garten des Goldenen Lowen in Bornheim tonten uns die zitternden Klange von Harfen und Gitarren, und das Geigen verstimmter Violinen entgegen; das Volk Gottes liess sich vormusizieren im Freien, wie einst ihr Konig Saul, wenn er ubler Laune war. Wir traten ein; da sassen sie, die Sohne und Tochter Abrahams, Isaaks und Jakobs, mit funkelnden Augen, kuhn gebogenen Nasen, fein geschnittenen Gesichtern, wie aus einer Form gepragt, da sassen sie vergnugt und frohlich plaudernd, und tranken Champagner aus saurem Wein, Zucker und Mineralwasser zubereitet, da sassen sie in malerischen Gruppen unter den Baumen, und der Garten war anzuschauen, als ware er das gelobte Land Kanaan, das der Prophet vom Berge gesehen, und seinem Volk verheissen hatte. Wie sich doch die Zeiten andern durch die Aufklarung und das Geld!

Es waren dies dieselben Menschen, die noch vor dreissig Jahren keinen Fuss auf den breiten Weg der Promenade setzen durften, sondern bescheiden den Nebenweg gingen; dieselben, die den Hut abziehen mussten, wenn man ihnen zurief: "Jude, sei artig, mach dein Kompliment!" Dieselben, die von dem Burgermeister und dem Hohen Rat der freien Stadt Frankfurt jede Nacht eingepfercht wurden in ihr schmutziges Quartier. Und wie so ganz anders waren sie jetzt anzuschauen. Uberladen mit Putz und kostlichen Steinen sassen die Frauen und Judenfraulein; die Manner, konnten sie auch nicht die spitzigen Ellbogen und die vorgebogenen Knie ihres Volkes verleugnen, suchten sie auch umsonst den ruhigen, soliden Anstand eines Kaufherrn von der Zeile oder der Million zu kopieren, die Manner hatten sich sonntaglich und schon angetan, liessen schwere goldene Ketten uber die Brust und den Magen herabhangen, streckten alle zehn Finger, mit blitzenden Solitairs besteckt, von sich, als wollten sie zu verstehen geben: "Ist das nicht was ganz Solides? Sind wir nicht das auserwahlte Volk? Wer hat denn alles Geld, gemunzt und in Barren, als wir? Wem ist Gott und Welt, Kaiser und Konig schuldig, wem anders als uns?"

"Dort sitzt sie, die Taube von Juda, dort sitzt sie, die Gazelle des Morgens", rief der Seufzer in poetischer Ekstase, und zerrte mich am Arm; "schauen Sie dort, unter dem Zelt von holzernem Gitterwerk. Der mit dem runden Leib, der langen Nase und den grauen Lockchen am Ohr, ist der Vater, Herr Simon aus der neuen Judenstrasse, die dicke Frau rechts mit den schwarzseidenen Locken und dem rotbraunen Gesicht ist die Tante; eine fatale Verwandtschaft, aber man weiss sich in Zukunft zu separieren nach und nach."

"Aber wo ist denn die Gazelle, die Taube, ich sehe sie noch nicht "

"Geduld, noch bedeckt die neidische Wolke, die Tante, das Gestirn des Aufgangs; fassen wir ein Herz, treten wir naher. Doch eben fallt mir bei, ich muss Sie vorstellen; wie nenne ich Sie, mein lieber Freund und Ratgeber?"

"Ich bin der k. k. Legationsrat Schmalzchen aus Wien", gab ich ihm zur Antwort, "reise in Geschaften meines Hofes nach Mainz."

"Ah", rief er, nachdem er schon bei dem kaiserlichkoniglich an den Hut gegriffen hatte, "Le-Legationsrat, wirklicher, und nicht bloss Titular ums liebe Geld? Das freut mich, Dero werte Bekanntschaft zu machen. Hatte es mir gleich vorstellen konnen, Sie haben einen gar tiefen Blick in die Staatsaffaren. Wahrhaftig, hatte es Ihnen gleich ansehen konnen; haben so etwas Diplomatisches, Kabinettsmassiges in Dero Visage."

"Bitte, bitte, keine Komplimente. Gehen wir zum Juden, ich hoffe Ihnen nutzlich sein zu konnen."

Wir traten zu dem Zelt aus holzernem Gitterwerk. Mein Begleiter errotete tiefer, je naher er trat; seine Wangen liefen vom Hellroten ins Dunkelrote, von da ins blaulich Schattierte an, und als wir vor dem Herrn Simon standen, war er anzusehen wie eine schone dunkelrote Herzkirsche. Die Tante, "das neidische Gewolk", erhob sich, und nun ward auch das Gestirn des Morgens sichtbar. Das Schickselchen, die Kalle, ich meine Rebekka des Juden Tochter, war nicht ubel. Sie hatte, um mich wie Graf Rebs auszudrukken, viel Race und ihre Augen konnten den Seufzer wohl bis aufs Herz durchbrennen, obgleich er zur Vorsicht und aus Eleganz drei Westen angetan hatte.

Nachdem mich mein Freund, der als solides Haus aus Dessau bei der Familie wohlgelitten schien, vorgestellt hatte, machte er sich an die Taube von Juda, und uberliess es mir, den alten Simon zu unterhalten. Mein Titel schien ihm einigen Respekt eingeflosst zu haben. "Haben da ein schones Fach erwahlt, Herr von Schmalzlein", bemerkte er wohlgefallig lachelnd; "habe immer eine Inklination fur die Diplomatik gehabt, aber die Verhaltnisse wollten es nicht, dass ich ein Gesandter oder dergleichen wurde. Man weiss da gleich alles aus der ersten Hand; man kann viel komplizieren und dergleichen; was liessen sich da fur Geschafte machen!"

"Sie haben recht, mein Herr! Man lernt da die verwickeltsten Verhaltnisse kennen. Allein aber schauen S', das Ding hat auch seinen Haken. Man weiss oft eigentlich zu viel, es geht einem wie ein Rad im Kopf umher."

Der Jude ruckte naher. Mit einem Wiener Diplomaten, mochte er denken, nehme ich es auch noch auf. "Zeviel?" sagte er; "ich fur meinen Teil kann nie zeviel wissen. Was die Papiere betrifft, da kann ein Fingerzeig, ein halber, ein Viertelsgedanke oft mehr tun, als eine lange Rede im Frankfurter Museum. Nu, Sie stehen solide in Wien. Ihr Staat ist ein gemachtes Haus trotz einem; was der Herr von M. auf dem Flageolett vorpfeift, das singen die Staren nach."

"Die Staren vielleicht, aber nicht die Zaren!"

"Gut, tres bien bon! gut gegeben, hi! hi! hi! apropos, wissen Sie Neues aus daher?" Er ruckte mir schon naher und wurde verfanglicher.

"Herr Simon", sagte ich mit Artigkeit ausweichend, "Sie wissen, es gibt Falle "

"Wie!" rief er erschrocken, "Gotts Wunder! Neue Fallissements, waas! ist nicht die Krisis vom letzten Winter schon ein Strafgericht des Herrn gewesen? Waas?"

"Um Jottes willen, Papa!" schrie Rebekka, indem sie den Arm des zartlichen Seufzers zuruckstiess und aufsprang, "doch kein Ungluck? Mein Jott! doch nich hier in Frankfort?"

"Beruhigen Sie sich doch, gnadiges Fraulein, ich sprach mit Ihrem Herrn Papa uber Politik, und rechnete einige Falle auf; und er hat mich holter nicht recht verstanden."

Sie presste mit einem zartlichen, hinsterbenden Blick auf den erschrockenen Dessauer, ihre Hand auf das Herz und atmete tief. "Nee! was ich erschrocken bin jeworden, da machen Sie sich keenen Bejriff von!" lispelte sie. "Mein Herz pocht schrecklich! Na, erzahlen Sie man weiter; was sachte der Graf? Sie hatten ins Parterre jestanden und waren melancholisch jewesen?"

Das Gefluster der Liebenden wurde leiser und leiser: die Blicke des Seufzers wurden feuriger, er zog als "das Gewolke" ein wenig im Garten auf und ab ging, die niedliche Hand der Judin an die Lippen und gestand ihr, wenn ich anders recht gehort habe, dass nachstens die Metalliques und die ...... um drei Prozente steigen werden.

"Herr von Schmalzlein!" sagte der Alte, nachdem er einigen koscheren Wein zu sich genommen, "Sie haben mir da einen Schreck in den Leib gejagt, den ich nie vergesse. Fallen, Falle, wie kann man auch nur dies Wort in Gesellschaft aussprechen!! Nun, Sie wollten sagen?"

"Es gibt Affaren", fuhr ich fort, "wo der Diplomat schweigen muss. Uber das Nahere meiner Sendung z.B. werden Sie selbst mich nicht befragen wollen; nur so viel kann ich Ihnen aber, mein Herr Simon, im engsten Vertrauen! "

"Der Gott meiner Vater tue mir dies und das!" rief er feierlich; "so ich nur meinem Nachbar oder seinem Weib, oder seinem Sohn, oder seiner Tochter das Geringste "

"Schon gut! ich traue auf Ihre Diskretion, kurz, so viel kann ich Ihnen sagen, dass nachstens eine bedeutende Krisis eintreten wird; ganz zu allernachst. Fur oder gegen wen darf ich nicht sagen; doch Herr von Zwerner "

"Von Zwerner?"

"Nun, ich nenne ihn so, man weiss ja nicht, was geschieht; an ihn war ich besonders empfohlen vom Fursten, und ich glaube, wenn ich anders richtig schliesse, er muss in den nachsten Tagen Kuriere aus Wien bekommen."

"Der Zwerner?! ei, ei! wer hatte das gedacht! Zwar ich sagte immer, hinter dem steckt etwas; geht so tiefsinnig, kalkulierend umher, hat wahrscheinlich nicht umsonst so unsinnig viele Metalliques gekauft; ei, sehe doch einer! Halt sich Kuriere mit Wien! Und, wenn man fragen darf, es handelt sich wohl um das Ultimatum mit der Pforte?"

"Ja."

"Ei, darf man fragen? wie ist es ausgefallen? Hat er eingewilligt, der Effendi? Hat er?"

"Mein Herr Simon, ich bitte "

"O ich verstehe, ich verstehe, Sie wollen es nicht sagen, aus Politik, aus Politik, aber er hat, er hat?"

"Trauen Sie auf nichts, ich warne Sie, auf keine Nachricht trauen Sie, als auf authentische. Der Herr dort weiss vielleicht mancherlei, und hat nicht das druckende Stillschweigen eines Diplomaten zu beobachten."

"Ei, hatte ich das in meinem Leben gedacht, Kuriere von Wien, und der Zwerner aus Dessau; zwar er ist ein solides Haus, das ist keine Frage, aber denn doch nicht so ausserordentlich. Ob sich wohl was mit ihm machen liesse?" setzte er tiefer nachsinnend hinzu, indem er seine Nase herunter gegen den Mund bog, und das lange Kinn aufwarts druckte, dass sich diese beiden reichen Glieder begegneten und kussten. Dies war der Moment, wo er anbeissen musste, denn er nagte schon am Koder. Ich gab dem Seufzer aus Dessau einen Wink, sich dem Papa zu nahern, und nahm seinen Platz bei der Gazelle des Morgenlandes ein.

4. Das gebildete Judenfraulein

Wie war sie grazios, das heisst geziert, wie war sie artig, namlich kokett, wie war sie naiv, andere hatten es lustern genannt.

"Ich liebe die Tiplomattiker", sagte sie unter anderem mit feinem Lacheln und vielsagendem Blick; "es is so etwas Feines, Jewandtes in ihren Manieren; man sieht ihnen den Mann von jutem Jeschmack schon von die Ferne an, und wie angenehm riechen sie nach Eau de Portugal!"

"O gewiss, auch nach Fleur d'Orange und dergleichen. Wie nehmen sich denn die hiesigen Diplomaten? kommen sie viel unter die Leute?"

"Nun, sehen Sie, wie das nun jeht, die alteren Herren haben sechs bis sieben Monate Ferien und reisen umher. Die jungeren aber, die indessen hierbleiben und die Geschafte treiben, sie mussen Passe visieren, sie mussen Zeitungen lesen, ob nichts Verfangliches drein is, sie mussen das Papier ordentlich zusammenlegen fur die Sitzungen; nun, was nun solche junge Herren Tiblomen sind, das sein janz scharmante Leute, wohnen in die Chambres garnies, essen an die Tables d'hote, jehen auf die Promenade schon ausstaffiert comme il faut, haben zwar jewohnlich kein Jeld nich, aber desto mehr Ansehen."

"Da haben Sie einen herrlichen Shawl umgelegt, mein Fraulein, ist er wohl echt?"

"Ah, jehen Sie doch! meinen Sie, ich werde etwas anderes anziehen, als was nicht janz echt ist? Der Shawl hat mir jekostet achthundert Gulden, die ich in die Rothschildischen Los gewunnen. Und sehen Sie, dieses Kollier hier kostet sechzehnhundert Gulden, und dieser Ring zweitausend; ja, man jeht sehr echt in Frankfort, das heisst, Leute von den jutem Ton wie unsereine."

"Ach, was haben Sie doch fur eine schone, gebildete Sprache, mein Fraulein! wurden Sie etwa in Berlin erzogen?"

"Finden Sie das och?" erwiderte sie anmutig lachelnd, "ja, man hat mir schon oft das Kompliment vorjemacht. Nee, in Berlin drein war ich nie, ich bin hier erzogen worden; aber es macht, ich lese viel und bilde auf diese Art meinen Jeist und mein Orkan aus."

"Was lesen Sie? wenn man fragen darf."

"Nu, Bellettres, Bucher von die schone Jeister; ich bin abbonniert bei Herrn Doring in der Sandjasse, nachst der Weissen Schlange, und der verproviantiert mich mit Almanachs und Romancher."

"Lesen Sie Goethe, Schiller, Tieck und dergleichen?"

"Nee, das tu ich nicht. Diese Herren machen schlechte Jeschafte in Frankfort; es will sie keen Mensch, sie sind zu studiert, nich naturlich jenug. Nee, den Jothe lese ich nie wieder! das is was Langweiliges. Und seine Wohlverwandtschaften! Ich werde rot, wenn ich nur daran denke; wissen Sie, die Szene in der Nacht, wo der Baron zu die Baronin ach man kann's jar nicht sagen, und jedes stellt sich vor "

"Ich erinnere mich, ich erinnere mich; aber es liegt gerade in diesem Gedanken eine erstaunliche Tiefe ein Chaos von Moglichkeiten "

"Nu, kurz den mag ich nich; aber wer mein Liebling ist, das is der Clauren. Nee, dieses Leben, diese Farben, dieses Studium des Herzens und namentlich des weiblichen Jemuts, ach, es is etwas Herrliches. Und dabei so naturlich! Wenn mir die andern alle vorkommen, wie schwere vierhandige Sonaten mit tiefen Basspartien, mit zierlichen Solos, mit Trillern, die kein Mensch nicht verstehen und spielen kann, so wie der Mozart, der Haydn, so kommt mir der Clauren akkurat so vor, wie ein anjenehmer Walzer, wie ein Hopswalzer oder Galopp. Ach, das Tanzen kommt einem in die Beene, wenn man ihn liest; es ist etwas Herrliches!"

"Fahren Sie fort, wie gerne hore ich Ihnen zu. Auch ich liebe diesen Schriftsteller uber alles. Diese andern, besonders ein Schiller, wie wenig hat er fur das Vergnugen der Menschheit getan. Man sollte meinen, er wolle moralische Vorlesungen halten; er ist, um mich eines anderen Gleichnisses zu bedienen, schwerer, dicker Burgunder, der mehr melancholisch als heiter macht. Aber dieser Clauren! er kommt mir vor wie Champagner, und zwar wie unechter, den man aus Birnen zubereitet; der echte verdunstet gleich, aber dieser unechte, setzt er auch im Grunde viele Hefen an, so 'brusselt' er doch mit allerliebsten tanzenden Blaschen auf und ab eine Stunde lang, er berauscht, er macht die Sinne rege, er ist der wahre Lebenswein."

"O sehen Sie, da kann ich Ihnen ja gleich unseren Clauren vormachen mit Bornheimer Champagner. Man nimmt fremden Wein, so etwa die Halfte, jiesst Mineralwasser dazu, und nun jeben Sie acht; ich werfe Zucker in das Janze, und unser Clauren ist fertig. Sehen Sie, wie es siedet, wie es sprudelt und brusselt, wie anjenehm schmeckt es nicht, und ist ein wohlfeiles Jetranke. Nee, ich muss sagen, er ist mein Liebling. Und das Anjenehmste is das, man kann ihn so lesen ohne viel dabei zu denken, man erlebt es eigentlich, es is, meine ich, mehr der Korper, der ins Buch schaut, als der Jeist. Und wie angenehm lasst es sich dabei einschlafen!"

"Ich glaube gar, ihr seid in einem gelehrten Gesprach begriffen", rief lachend der alte Jude, indem er, den Desaster an der Hand, zu uns trat; "nicht wahr, Herr Legationsrat, ich habe da ein gelehrtes Ding zur Tochter? Sie spricht auch wie ein Buch und liest den ganzen Tag."

"Nun, und Sie, Papa, und Herr Zwerner, haben wohl tiefe Handelsjeheimnisse abjemacht? Darf man auch davon horen, wie werden sie in der nachsten Woche stehen, die Metalliques? recht hoch? hab ich es erraten?"

"Stille Kind, stille! kein Wort davon! muss alles geheimgehalten werden! Muss einen grossen Schlag geben. Ist ein Goldmannchen der Herr von Zwerner. Setzen Sie sich zu ihr hin und klaren ihr alles auf. Sie ist auf diesem Punkt ein verstandiges Kind und weiss zu rechnen, die Rebekkchen."

Was schlich denn jetzt durch das Gras? was hupfte auf zierlichen Beinchen heran? was lachelte schon von weitem so freundlich nach der Kalle des Herrn Simon? war es nicht das Grafchen Rebs, das alte, freundliche Kaninchen, das in alle Damen, verliebt ist, und alle bezaubert? Er war es, er kam herangeschwanzelt.

Er schnaufte und achzte als er heran war, und doch konnte er auch in dem Zustand hochster Erschopfung, in welchem er zu sein schien, sein liebliches, susses Lacheln nicht unterdrucken. Er warf sich ermattet neben Rebekka in einen Sessel, streckte die dunnen Beinchen, so mit zierlichen Spornchen zum Spazierengehen beschlagen, heftete den matten, sterbenden Blick auf die schone Judin und sprach: "Habe die Ehre, vergnugten Abend zu wunschen; ich sterbe, mit mir geht's aus!"

"Mein Jott! Herr Israels! Graf Rebs was haben Sie doch? Ihre Wangen sind janz einjeschnurrt, Ihre Augen bleiben stehen; er antwortet nicht! Herr Tipplomat, Eau de Cologne! haben Sie keines bei sich in die Tasche?"

So rief das schone Judenkind und beschaftigte sich um den Ohnmachtigen mit zarter Sorgfalt. Da ich kein Eau de Cologne bei mir trug, so begann sie etwas weniges verzweifeln zu wollen, und verlangte von dem Dessauer, er solle ihm Tabaksrauch in die Nase blasen. Doch der Vater wusste besseren Rat: "Da geht einer", rief er freudig, "da geht ein charmanter junger Herr, ist in Kondition nicht weit von uns, der tragt bestandig etzliches Kolnerwasser in seiner Rocktasche!"

Wie ein Pfeil schoss er auf den jungen Mann zu und war, als er ihm mit schrecklichen Gebarden das Eaude-Cologne-Flaschchen abforderte, anzusehen wie Sir John Falstaff, als er die Kramer beraubt. Maria Farinas Lebenstropfen brachten das arme Kaninchen bald wieder zu sich; er schlug die Augen auf, seufzete tief und lachelte, "mich gehorsamst zu bedanken", lispelte er mit zitternder Stimme, "fur die gutigst geleistete Hilfe. War mir aber recht elend zumut; fast als hatte ich mehr Bier getrunken als dienlich."

"Sind Sie oft solchen Zufallen unterworfen?" fragte Rebekka, ihn etwas missfallig betrachtend.

"Mitnichten und im Gegenteil", erwiderte er, indem er den Rucken zierlich wendete und drehte, mit den Schultern uber die Brust herausfuhr, und mannhaft mit den Spornchen klirrte; "mitnichten, habe sonsten eine uberaus starke Konstitution. Aber der dicke Pfarrer, der dicke Pfarrer..."

Die Juden schwiegen, und Rebekka schlug die Augen nieder, wie immer wenn von christlichen Pfarrern oder Zeremonien, oder auch von Schweinfleisch in ihrer Nahe gesprochen wurde. Der Seufzer aber, dem die Erscheinung des Grafen etwas lastig schien, fragte ihn ziemlich boshaft, ob er etwa im Goldenen Brunnen gewesen, sich allda etwas betrunken, und nachher mit dem ehrsamen Pastor Munster Streit und kirchlichen Skandal angefangen, nach seiner Gewohnheit?

"Nach meiner Gewohnheit!" rief das Kaninchen erschrocken, "ich ein Unruhstifter oder Saufer, ich in dem Goldenen Brunnen, ich, der ich nur die allernobelsten Hotels, den Pariser und den Englischen Hof, den Weidenbusch, in welchem ich logiere, und den Weissen Schwanen mit meinem Besuch beehre? Nein! er ist mir begegnet der Pfarrer, und als er an mir vorbeiging, sah er mich mit schrecklichen Augen an und sagte: 'Das ist auch so ein Stein des Anstosses, auch so ein Mystiker.' 'Herr Pfarrer', sagte ich, 'guten Abend, aber ein Mystiker bin ich nicht und will auch fur keinen gelten, am wenigsten offentlich, auf der Chaussee nach Bornheim.' 'So, Sie wollen keiner sein?' antwortete er, indem er naher auf mich zutrat, so dass sein Bauch und das Cachet seiner Uhr mir gerade auf die Brust zu sitzen kamen und mich heftig druckten; 'wollen keiner sein? Warum kommen Sie denn nicht mehr ins Museum? Warum haben Sie an offentlichen Wirtstafeln, im Pariser, Weiden und anderen Hofen geschimpft uber mich, dass ich ein gewisses Gedicht von Langbein in besagter Gesellschaft vorgelesen?' Es ist wahr, ich hatte mich ziemlich stark daruber ausgeprochen, aber nicht aus Mystizismus, sondern weil ich glaubte, es konne zarte Damenohren und weiche Gemuter unangenehm beruhren, jenes Gedicht. Aber er nahm keine Entschuldigung an; ich schlupfte ihm unter dem Bauch weg und wollte schnell weitergehen, aber er setzte mir mit weiten Schritten nach, ging neben mir her und beschuldigte mich, seinem Gegenpart, dem mystischen Pfarrer, zu einer reichen Frau verholfen zu haben, er behauptete auch, dass ich mich jeden Morgen, statt des Fruhstucks, magnetisieren lasse, und dergleichen; und erst hier an der Gartenture liess er mit einer murrischen Reverenz von mir ab."

"Aber was hat denn dies alles zu bedeuten?" fragte ich; "halten denn die Pfarrer hier auf der Landstrasse Kirche, wie es Sitte war zur Zeit der Apostel?"

"In Frankfurt", belehrte mich der Kaufmann aus Dessau, "in Frankfurt ist gegenwartig ein grosser Krieg zwischen den Pfarrern, und ihre Partien befehden sich ebenfalls. Mystiker und Rationalisten schelten sie sich hin und her, der eine wirft dem andern vor, er predige nur Moral, der andere entgegnet, sein Gegner rede tiefen Unsinn. Nicht nur in den Kirchen, auf den Kanzeln, sondern auch in den Weinhausern und Trinkstuben, auf Chausseen und Kasinos, wird gekampft, und so konnte es leicht geschehen, dass der Herr Graf einem Eiferer der Vernunft in die Hande fiel. Doch wie? Herr Graf, wenn ich nicht irre so fahrt dort der Lord und seine Nichte; nicht so? und sie halten vor dem Garten, sie steigen aus?"

"Ah, sie hat mich bemerkt", rief das Kaninchen sehr freundlich, "sie schaut schon heruber und wedelt, wenn ich nicht irre, mit dem Taschentuch mir zu. Verzeihen allerseits, dass ich mich entferne; Miss Mary hat ein Auge auf mich geworfen, und Sie wissen selbst, bei solchen Affaren "

Er schlupfte unter diesen Worten aus dem Zelt und eilte mit zierlichen Sprunglein zu der Gartenpforte, wo er in dem Drang seines Herzens die junge Dame auf den glacierten Handschuh kusste. Es mochte ihr ubrigens dieses Zeichen seiner Verehrung uberaus komisch vorkommen, denn ihr Lachen drang bis zu uns heruber, und mit tiefem Bass begleitete sie der Lord, indem er dem Kaninchen das Pfotchen schuttelte.

Das Gewolk, die Tante Simon, kam jetzt zuruck und beklagte sich, dass es schon etwas kuhl werde. Der Jude liess daher seinen schonen Wagen vorfahren und verliess mit den Seinigen den Garten. Der Seufzer hatte das Gluck, Rebekkchen in den Wagen heben zu durfen, und kam mit ganz verklartem Gesicht zuruck. Sie hatte ihm unter der Ture noch die Hand gedruckt und gestanden, dass sie sich diesen Nachmittag "janz furtrefflich amusiert habe", und der Alte hatte ihn eingeladen, morgen und alle Tage den Abend in seinem Hause zuzubringen.

5. Der Kurier aus Wien kommt an

Ich konnte dir, geneigter Leser meiner Memoiren, vieles Ergotzliche und Interessante erzahlen, was ich in der freien Stadt Frankfurt erlebt; nicht von fruheren Zeiten her, wo ich oft hinter den Stuhlen der Kurfursten stand, und den Kaiser wahlen half, wo ich so oft unter guten Freunden im Romer und beim Romer sass, wenn das neue Haupt des vielgliedrigen Leibes, Deutsches Reich genannt, mit der Krone geschmuckt worden war, nein von den heutigen Tagen konnte ich dir viel erzahlen, von dem tiefen, geheimnisvollen Wesen der Diplomatie, von dem herrlichen Junitag, in welchem es niemals Abend oder Nacht wird, ich meine den deutschen Bundestag, von dem herrlichen Treiben und Bluhen des Mystizismus, und wie ich das Feuer anschurte zwischen seinen Anhangern und den Rationalisten, und wie es im Wirtshaus zum Goldenen Brunnen einigemal zu bedeutenden Raufereien kam zwischen beiden Partien, dass heisst nur mit schneidenden Zungen und stechenden Blicken; ich konnte dir erzahlen, wie ich in einem Institut, woselbst man junge Fraulein fur die Welt zustutzt, nutzlichen Unterricht gab im Gitarrespielen und anderen Kleinigkeiten, so eine junge Dame kennen muss, wenn sie in die Welt tritt. Ich konnte dir erzahlen von jener Strasse, Million genannt, wo meine speziellsten Freunde wohnen, deren der Geringste uber Millionen gebietet.

Doch ich schweige von diesem allem, weil ich mir vorgenommen, dir einen kleinen Abriss zu geben von der Art, wie ich den ehrlichen seufzenden Sohn Merkurs aus Dessau zu einem Teufelskind machte. Der erste Schritt vom ehrlichen Mann zum schlechten oder Betruger ist an sich klein, und dennoch bedeutend, weil man leicht, sozusagen, in Schuss kommt und unaufhaltsam bergab, bergab geht, anfangs im Trott, nachher im Galopp. Mein guter Seufzer hatte sein bedeutendes Vermogen mit einem ehrlichen Gemut geerbt. Er ging in seinen Geschaften den geraden, ehrlichen Weg, nicht weil er ihm angenehmer war, sondern weil er es unbequem finden mochte, Winkelzuge und Umwege zu machen.

Es ist dies die Ehrbarkeit, die Tugend, die nie auf der Probe war und daher ein negativer Begriff, ein Nichts, auf jeden Fall keine Tugend ist.

Nicht der Geldgewinn, er ist ziemlich zufrieden mit seinem Los, sondern die Liebe zu der schonen Kalle des alten Simon macht ihn straucheln, oder vielmehr, wie Gelegenheit Diebe macht, die susse Art, wie ich es ihm eingab; jetzt ist er, um das Kind beim rechten Namen zu nennen, aus dem ehrlichen Mann ein Betruger geworden; er wird, weil es ihm diesmal leicht wird, zu betrugen, das nachste Mal Ahnliches versuchen; das Gewissen, die Ehrlichkeit, die Ruhe, die Selbstzufriedenheit ist ja doch schon zum Teufel, warum soll er sich also genieren? Der grosse Gewinn fur mich liegt aber darin, dass die ersten Versuche des ehrlichen Mannes, ein Betruger zu werden, gewohnlich gut ausfallen, und zur Wiederholung locken; denn wer mit mir Geschafte macht, kann, solange es tunlich ist, darauf rechnen, sie mit Gluck zu machen, und ungluckliche Spekulanten, von denen die Sage geht, dass sie sich erhangt oder ersauft haben, hatten durch Reue und Selbstanklage den Kopf verloren, hatten mir zu wenig vertraut und nicht ich war es, der sie verliess, sie hatten sich selbst verlassen.

Doch wo gerate ich hin? habe ich mich von dem dicken Pfarrer anstecken lassen, zu moralisieren? Ist es denn mein Zweck, mit psychologischen Abhandlungen meinen Leser zu ermuden, oder sogar abzuschrecken? oder wie, liess ich mich etwa von den Winken einiger gelehrten Leute verfuhren, die behaupteten, es liege zu wenig psychologische Teufelei oder teuflische Psychologie in meinen Memoiren? ich sei fur einen deutschen Schriftsteller, als welchen ich mich im Leipziger Messekatalogus einregistrieren lassen, nicht grundlich genug?

Der Teufel soll es holen! mochte ich mir selbst zurufen; sobald man vom Wege abgeht, gerat man immer mehr auf Abwege, so auch im Niederschreiben von Memoiren. Ich werde kurz sein.

Ich hatte durch meine dienenden Kleinen erfahren, welche Gedanken der Reis-Effendi in einer Privatunterredung mit Herrn von Minciaky uber das russische Ultimatum geaussert; ja, um redlich zu sein, ich hatte selbst grossen Anteil an jener Wendung der Dinge, weil mir dadurch das sogenannte Gleichgewicht etwas auf die Spitze geruckt zu werden schien, und mehr Leben in das schlummernde Europa kommen konnte, das von Revolutionen und anderen lustigen Artikeln nur traumt, und im Schlafe spricht. Ich hatte diese Nachricht fruher vernommen als sie selbst nur nach Petersburg kommen konnte, und in meiner Hand lag es, die Papiere steigen oder fallen zu machen. Der Vater der schonen Rebekka hatte in den letzten Tagen auf meinen Rat und seine eigene Einsicht hin seine Papiere so umgesetzt, dass er beim geringsten Steigen der auf grossen Gewinn zahlen konnte. Grosse Spannung herrschte in dem Hause des Herrn Simon in der neuen Judenstrasse. Der Alte versicherte, seine Gebeine erzittern, sooft er ansetze, einen wichtigen Brief zu schreiben; die Tante, das neidische Gewolk, mochte ahnen, was vorging, und schlich trube und achzend im Haus umher; die Kalle war die mutigste von allen. Zwar war auch sie in einiger Bewegung, denn sie las nicht mehr, weder in Clauren noch in verschiedenen Almanachs, sogar das Modejournal wollte sie nicht ansehen, sie spielte auch nicht mehr auf der Harfe, aber doch trug sie das Kopfchen noch so hoch wie zuvor, und ermutigte durch manche Rede die zagenden Bundestruppen.

Der Seufzer war ganzlich vom Verstand gekommen. Bald war er tiefsinnig und zweifelte an seinem Gluck, besonders in der Nahe der schonen Judin, wenn er sich die Hohe seiner Seligkeit, den Besitz der lieblichen Kalle dachte; dann war er wieder ausgelassen frohlich, und sprach allerlei verwirrtes Zeug, wie er ein Millionar zu werden gedenke, wie und wo er sich ein Haus bauen wolle, und was dergleichen uberschwengliche Gedanken mehr waren, der Kalle aber flusterte er ins Ohr, dass er sich wolle adeln lassen, und sie zur gnadigen Frau Baronesse von Zwerner zu Zwernersheim machen, welcher Ort noch auf der Landkarte auszumitteln ware.

Endlich, es war am dritten Frankfurter Pfingstfeiertag, und die Madchen und Frauen spazierten schon scharenweise hinaus an den Main, um sich ubersetzen zu lassen nach dem Waldchen, und die Manner riefen ihnen nach, nur einstweilen alles zuzurusten daselbst, weil sie nur noch auf die Borse gingen und bald nachkamen, indem heute nichts Bedeutendes vorkomme, und auch die alte Baubo, die schnode Hexe, zog hinaus, doch diesmal nicht auf dem Mutterschwein, sondern in einem eleganten Wagen; sie hatte ihre schonen Stieftochter bei sich und nickte mir freundlich zu, als wollte sie sagen, "Dich kenne ich wohl, Satan, obgleich du jetzt in schwarzem Frack und seidenen Strumpfen einherzuwandeln beliebst, und meiner Elise dem allerliebsten Kind, praktische Gitarrestunden gibst, dich kenne ich wohl, komm aber nur hinaus ins Waldchen, da sprechen wir wohl wieder ein Wort zusammen." Da fuhr sie hin, die gute Alte, eine der ersten Palastdamen meiner Grossmutter, und sehr angesehen in Frankfurt und auf dem Brocken in Walpurgisnacht, da fuhr sie hin und viele tausend und wieder tausend fromme Frankfurter Seelen ihr nach, die alle das Gebot in feinem Herzen trugen: "Du sollst den Feiertag heiligen, und an Pfingsten auch den dritten und vierten."

Jetzt war es Zeit zu operieren. Den Tag zuvor hatte man sich allgemein mit dem Gerucht getragen, dass die Pforte das Ultimatum nicht annehmen werde, und man erwartete von heute nichts Besonders. Da jagte um eilf Uhr ein Kurier durch das Tor, ganz mit Schweiss und Staub bedeckt, er sprengte, graulich auf dem Posthorn blasend, durch die Strasse, Million genannt, und in einem Umweg durchs neue Judenquartier, die Leute rissen die Fenster auf und fuhren mit den Kopfen heraus, um zu schauen nach dem schrecklichen Trompeten- und Strassenlarm; "Wo kummt Er har? Wo will Er hun?" riefen sie. "In Weissen Schwanen", schrie er, "ich habe den Weg verfehlt, wo geht's in Weissen Schwanen?" "Der Herr is wohl Korrier?" "Freilich, nur schnell", rief er, und zog einen Brief mit grossem Sigill aus der Tasche, "das kommt von Wien, und ist an den Herrn Zwerner aus Dessau im Weissen Schwanen." "Da an der Ecke geht's rechts, dann die Strasse links, dann kommt Er auf die Zeile, da reitet Er bis an die Hauptwache, und von dort ist's nimmer weit." So riefen sie, schauten ihm nach, wie er mit der Peitsche knallend davonjagte und besprachen sich dann uber die Strasse hinuber, was wohl die Depesche aus Wien enthalten mochte. Der Kurier war aber niemand anders als einer meiner dienstbaren Geister in die Uniform eines hessischen Postillons gekleidet.

6. Der Reis-Effendi und der Teufel in der

Borsenhalle

Im Briefe stand mit durren Worten, dass der Reis-Effendi dem Herrn von Minciaky die vertrauliche, jedoch halb offizielle Mitteilung gemacht habe, "dass die Pforte das Ultimatum, soweit es Russland betreffe, annehmen werde".

Der Seufzer bekam nun die notige Instruktion, was er zu tun hatte; er fuhr mit dem Brief sogleich zu Papa Simon und mit diesem zu Herrn von R........ , dem Papst der Borse, dem sichtbaren Oberhaupt der unsichtbaren papierenen Kirche. Dieser prufte die Depesche genau; er selbst hatte schon zu oft ahnliche Mittel angewendet, Pariser Kuriere aus Mainz, und Wiener aus Aschaffenburg kommen lassen, als dass er so leicht konnte hintergangen werden. Er liess daher ein Licht bringen und prufte zuerst Geruch und Flussigkeit des Siegellacks. "Gotts Wunder!" sprach er bedachtlich riechend. "Gotts Wunder! das ist echtes Kaisersiegellack, wie es nur in Wien selbst zubereitet wird, und was Eingeweihte zu solchen Depeschen zu verwenden pflegen." Dann betrachtete er genau das Couvert des Briefes und fand darauf die gedruckten Zeichen jeder Poststation von Wien bis Frankfurt, und keines fehlte. Er verglich sodann diese Zeichen mit der Liste der Postzeichen, die er zur Hand hatte, und sie waren richtig.

Hatte er zuvor den Herrn Zwerner, Handelsmann aus Dessau, als ein kleines PaarmalhunderttausendGulden-Mannchen so obenhin behandelt, wie der Lowe das Hundchen; so wuchs jetzt seine Achtung mit unglaublicher Schnelle. Er hatte zwar am liebsten selbst den Kurier bekommen, samt der inhaltschweren Depesche, doch, da dies nicht mehr zu andern war, machte er gute Miene zum bosen Spiel, dankte, dass man ihn sogleich von der wichtigen Nachricht avertiert habe und berechnete dabei, welche Summen dem Dessauer diese Nachricht gekostet haben konnte, indem er annahm, dieser Kaufmann musse die Preise, die er in Wien fur solche Winke bezahlte, uberboten haben. Es war Borsenzeit, er selbst fuhr mit auf die Borsenhalle.

Borsenhalle! unter diesem Namen stellt sich wohl der Fremde, der diese Einrichtung noch nie gesehen, ein weitlaufiges Gebaude vor, wie es der Stadt Frankfurt wurdig ware, mit weiten Salen, Seitengangen, schonen Portalen und dergleichen. Wie wundert er sich aber und lachelt, wenn er in diese Borsenhalle tritt! Man stelle sich einen ziemlich kleinen, gepflasterten Hof, von unansehnlichen Gebauden eingeschlossen, vor, wo man mit Bequemlichkeit Pferde striegeln, Wagen reinigen, waschen, Huhner und Ganse futtern, und dergleichen solide hausliche Hantierungen verrichten konnte. Statt des ehrwurdigen Truthahns, statt der geschwatzigen Huhner und Ganse, statt des Stallknechts mit dem Besen in der Faust, statt der Kuchendame, die hier ihren Salat wascht sieht man hier zwischen zwolf und ein Uhr mittags ein buntes Gedrange; Manner mit dunkelgefarbten, markierten Gesichtern, mit schwarzen Barten und lauernden Augen, mit kuhn gebogenen Nasen und breiten Maulern, mit schmutzigen Hemden und unsauberer Kleidung schleichen mit gebogenen, schlotternden Knien und spitzigen Ellbogen, den Hut tief in den Nacken zuruckgedruckt umher, und fragen einander, "Nu, wie stehen sie heute?" Du wandelst staunend durch dieses Gewuhl und fuhlst einen kleinen unbehaglichen Schauer, wenn dich eine der unsauberen Gestalten im Vorubergehen anstreift. Du begreifst zwar, dass du dich unter den Kindern Israels befindest, aber zu welchem Zweck treiben sie sich hier unter freiem Himmel in einem Huhnerhof umher? Endlich wirst du eine Tafel, etwa wie ein Wirtshausschild anzusehen, gewahr; drauf steht mit goldenen Buchstaben deutlich zu lesen: "Borsenhalle". Also in der Borsenhalle der freien Stadt Frankfurt befindest du dich; du horst heute ein sonderbares Gemunkel und Gefluster; die Leute gehen staunend umher, mehr mit Blicken als mit Worten fragend: "A Korrier es Wien? Gotts Wunder. Wer hat'n gekriecht?" "A Fremder, der Zwerner von Dessau." "Wie? kaner von unsere Lait? Nicht der Rothschild, der grausse Baron, nicht der Bethmann? Auch nicht der Mezler? Waas."

"Was hat'r gebracht, der Korrier! Abraham, wie stehen se?"

"Wie werden se stehen! Wer kann's wissen, solange der Zwerner aus Dessau nicht ist auf der Borsenhalle!"

"Levi! hat er's Oltemat'm angenommen, der ReisEffendi? hat er oder hat er nicht? Wie werden se stehen?"

"Ich hab's genug, 'sis a Vertel auf eins, und noch will keiner verkaufen, aus Schrecka vor die Korrier. War nur der Zwerner aus Dessau da! Auch der Rothschild bleibt so lang aus und der Simon von die neue Strasse. Wirst sehen, 's wird geben a grausse Operation! Der Herr wird verstockt haben das Herz des Effendi, ass er hat nicht angenomme das Oltematum von dem Moskeviter?"

"Bethmannische Obligationen, will man nicht kaufen, sind gefallen um Vertelpurzent!"

"Wie steht's mit die Metalliques? Wie verkauft sie der Mezler? Wie stehen se, Abraham? tu mer de Gefallen und sag, die Metalliques, wie stehen se?"

"Ass ich der sag, ich weiss nicht, wo mer steht der Kopf, weiss heut keiner, wer iss Koch oder Keller? ass ich nicht kann riechen wie se stehen, die Metalliques!"

Plotzlich entsteht ein Gerausch, ein Gedrange nach der Ture zu. Ein Wagen ist vorgefahren, die Leute stehen auf die Zehen, machen lange Halse, um die Mienen der Kommenden zu sehen. Drei Manner arbeiteten sich durch die Menge und stellen sich ernst und gravitatisch an ihrem Platz zur Seite, wie es wohlloblicherweise auf anderen Borsen der Brauch ist, wo nur die Mackler umherlaufen und sich drangen. Es war der grosse Baron, der an der Seite stand, zu seiner Rechten das Gestirn des Tages, der Kaufmann Zwerner aus Dessau, jetzt nicht mehr Seufzer zu nennen, denn sein Herz schien zu jubilieren und allerlei verliebte Streiche ausfuhren zu wollen, wahrend er doch die Sinne bedachtlich und gesetzt beisammen behalten musste, um sich nicht zu verrechnen. Zur Linken stand der Jude Simon, angetan mit seinem Sabbater-Rock und einer schneeweissen Halsbinde, mit feierlicher, hochzeitlicher Miene, so dass sein Volk gleich sah, es musse was ganz Ausserordentliches sich zugetragen haben.

Jetzt nahten die Kaufer und Verkaufer, und fragten nach den Preisen. Sie wurden bleich, sie sanken in die Knie und schlichen zitternd umher; sie lamentierten schrecklich mit den Armen, sie steckten die Finger in den Mund, sie fluchten ebraisch und syrisch auf den Christen, der sich einen Kurier kommen lassen, auf den Vater, der den Kurier gezeugt, auf das Pferd, welches das Pferd des Kuriers zur Welt gebracht, auf seinen Kopf, auf seine vier Fusse, kurz auf alles, selbst auf Sonne, Mond und Sterne, und auf Frankfurt und die Borsenhalle. Jetzt merkte man, warum der schlaue Simon seine Papiere in den letzten Tagen umgesetzt habe; jetzt konnte man sich den Tiefsinn des Kaufmanns aus Dessau erklaren ! "Das Ultimatum ist angenommen", scholl es durch den Hof, "der Reis-Effendi hat zugesagt", hallte es durch die Ecken; und obgleich die drei wichtigen Manner nur entfernt auf ihren Brief anspielten, nur einige nahere Umstande angaben, nichts Bestimmtes aussprachen, so stiegen doch die ostreichischen, die Rothschildschen und wenige andere Papiere, von welchen durch Zwerners und des alten Simons Sorge gerade nicht sehr viele auf dem Platz waren, in Zeit von einer halben Stunde um vier und einen halben Prozent. Mehrere Hauser, die sich nicht vorgesehen hatten, fingen an zu wanken, eines lag schon halb und halb, und hatte es nur seiner nahen Seitenverwandtschaft mit dem regierenden (Borsen-)Hause zu verdanken, dass ihm noch einige Stutzen untergeschoben wurden.

Als man um ein Uhr auseinanderging, lautete der Kurszettel der Frankfurter Borsenhalle:

Metalliques 87 5/8.

Bethmannische 75 1/2.

Rothschildsche Lose 132.

Preussische Staatsschuldenscheine 84.

In den ubrigen war nichts geandert worden.

7. Die Verlobung

Dieses kleine Borsengemetzel entschied uber das Schicksal des Seufzers aus Dessau. In den zwei nachsten Tagen wirkte er durch die grosse Menge Metalliques, die er in Handen hatte, machtig auf den Gang der Geschafte, und als einige Tage nachher Herr von Rothschild Privatmitteilungen aus Wien erhielt, wodurch seine Nachrichten vollkommen bestatigt wurden, da drangte sich alles um den hoffnungsvollen, spekulativen Jungling, um den genialen Kopf, der auf unglaubliche Weise die Umstande habe berechnen konnen.

Seine Zuruckgezogenheit zuvor galt nun fur tiefes Studium der Politik, seine Schuchternheit, sein gekkenhaftes Stohnen und Seufzen fur Tiefsinn, und jedes Haus hatte ihm freudig eine Tochter gegeben, um mit diesem sublimen Kopf sich naher zu verbinden. Da aber die Polygamie in Frankfurt derzeit noch nicht formlich sanktioniert ist, und das Herz des Dessauers an Rebekka hing, so schlug er mit grosser Tapferkeit alle Sturme ab, die aus den Verschanzungen in der Zeile, aus den Trancheen der Million, selbst aus den Salons der neuen Mainzerstrasse mit gluhenden Liebesblicken und Stuckseufzern auf ihn gemacht wurden.

Der alte Herr Simon, konnte sich auch der Dessauer in Hinsicht auf Geld und Glucksguter ihm nicht gleichstellen, rechnete es sich dennoch zur besonderen Ehre, einen so erleuchteten Schwiegersohn zu bekommen. Ja, er sah es als eine gluckliche Spekulation an, ihn durch Rebekka gefangen zu haben. Er sah ihn als eine prophetische Spekulationsmaschine an, die ihn in kurzer Zeit zum reichsten Mann Europas machen musste; denn, wenn er immer mit seinem Schwiegersohn zugleich kaufte oder verkaufte, glaubte er nie fehlen zu konnen.

Fraulein Rebekka ging ohne vieles Strauben in die Bedingungen ein, die ihr der Zartliche auferlegte; da er eine gewisse Abneigung verspurte, ein Jude zu werden, so hielt er es fur notwendig, dass sie sich taufen lasse. Sie nahm schon folgenden Tages insgeheim Unterricht bei dem Herrn Pastor Stein, und gab dafur auf einige Zeit ihre Klavierstunden auf, wobei, wie sie behauptete, noch etwas Erkleckliches profitiert wurde, da sie dem Klaviermeister einen Taler fur die Stunde hatte bezahlen mussen. Sie selbst legte dafur dem Dessauer die Bedingung auf, dass er sich fur einige hundert Gulden in den Adelsstand erheben lassen, und in dem "jottlichen Frankfort" leben musse.

Er ging es freudig ein, und uberliess mir dieses diplomatische Geschaft. Um nun auch von mir zu reden, so traf punktlich ein was ich vorausgesehen hatte. Der Seufzer beschwichtigte furs erste sein Gewissen, das ihm allerlei vorwerfen mochte, z.B. dass das ganze Geschaft unehrlich und nicht ohne Hulfe des Teufels habe zustande kommen konnen. Sobald er mit dieser Beschwichtigung fertig war, war auch seine Dankbarkeit verschwunden. Weil ihn alles als den sublimsten Kopf, den scharfsinnigen Denker pries, glaubte er ohne Zaudern selbst daran, wurde aufgeblasen, sah mich uber die Achsel an, und erinnerte sich meiner, sehr gutig, als eines Menschen, mit welchem er im Weissen Schwanen einigemal zu Mittag gespeist habe.

Was mich ubrigens am meisten freute, war, dass er die Strafe seines Undanks in sich und seinen Verhaltnissen trug. Es war vorauszusehen, dass seine prophetische Kraft, sein spekulativer Geist sich nicht lange halten konnten. Missgluckten nur erst einige Spekulationen, die er, auf sein blindes Gluck und seinen noch blinderen Verstand trauend, unternahm, verlor er erst einmal funfzig oder hunderttausend, und zog seinen Schwiegerpapa in gleiche Verluste, so fing die Holle fur ihn schon auf Erden an.

Rebekkchen, das liebe Kind, sah auch nicht aus, als wollte sie mit dem neuen Glauben auch einen neuen Menschen anziehen. War sie erst "Gnadige Frau von Zwerner", so war zu erwarten, dass die Liebesintrigen sich haufen werden; junge wohlriechende Diplomaten, alte Sunder wie Graf Rebs, fremde Majors mit glanzenden Uniformen, waren dann willkommen in ihrer Loge und zu Hause, und der Dessauer hatte das Vergnugen, zuzuschauen. Und wie wird dieser sanfte Engel, Rebekka, sich gestalten zur Furie, wenn die spekulative Kraft ihres Eheherrn nachlasst, und damit zugleich sein Vermogen, wenn man das glanzende Hotel in der Zeile, die Loge im ersten Rang, die Equipage und die hungernden Liebhaber samt der kostlichen Tafel aufgeben, wenn man nach Dessau ziehen muss, in den alten Laden des Hauses Zwerner und Comp.; wenn die gnadige Frau herabsinkt aus ihrem geadelten Himmel und zur ehrlichen Kaufmannsfrau wird, wenn man den Gemahl statt mit Papieren, wie es nobel ist und gross, mit Ellenwaren und Bandern, ganz klein und unnobel handeln sieht! Welche Perspektive!!

Doch, am vierten Pfingstfeiertag 1826, dachte man noch nicht an dergleichen im Hause des Herrn Simon in der neuen Judenstrasse. Da war ein Hin- und Herrennen, ein Laufen, ein Kochen und Backen; es wurde ungemein viel Ganseschmalz verbraucht, um koscheres Backwerk zu verfertigen; ein Hammel wurde "geschacht", um kostliche Ragouts zu bereiten.

Der geneigte Leser errat wohl, was vorging in dem gesegneten Hause? Namlich nichts Geringeres als die Verlobung des trefflichen Paares. Die halbe Stadt war geladen und kam. Hatte denn der alte Simon nicht treffliche alte Weine? Speiste man bei ihm, das Gansefett abgerechnet, nicht trefflich? Hatte er nicht die schonsten judischen und christlichen Fraulein zusammengebeten, um die Gesellschaft zu unterhalten durch geistreiche Spiele und herrlichen Gesang?

Auch Graf Rebs, das treffliche Kaninchen, war geladen, und nur das brachte ihn einigermassen in Verlegenheit, dass nicht weniger als zwanzig Frauen und Fraulein zugegen waren, mit denen er schon in zartlichen Verhaltnissen gestanden hatte. Er half sich durch ausdrucksvolle Liebesblicke, die er allenthalben umherwarf, wie auch durch die eigene Behendigkeit seiner Beinchen, auf welchen er uberall umherhupfte und jeder Dame zuflusterte: sie allein sei es eigentlich, die sein zartes Herz gefesselt. Die ubergrosse Anstrengung, zwanzig auf einmal zu lieben, da er es sonst nur auf funf gebracht hatte, richtete ihn aber dergestalt zugrunde, dass er endlich elendiglich zusammensank, und in seinem Wagen nach Hause gebracht werden musste.

Die Gesellschaft unterhielt sich ganz angenehm, und bewies sich nach Herrn Simons Begriffen sehr gesittet und anstandig, denn als er am Abend, nachdem alle sich entfernt hatten, mit seiner Tochter Rebekka, das Silber ordnete und zahlte, riefen sie einmutig und vergnugt:

"Gotts Wunder! Gotts Wunder! was war das fur noble Gesellschaft, fur gesittete Leute! Es fehlt auch nicht ein Kaffeeloffelchen, kein Dessertmesserchen oder Zuckerklammchen ist uns abhanden gekommen! Gotts Wunder!"

Der Festtag im Fegefeuer

Fortsetzung

Am Horizont in diesem Jahr

Ist es geblieben, wie es war.

M. Claudius

1. Der junge Garnmacher fahrt fort, seine

Geschichte zu erzahlen

Das Manuskript, aus welchem wir diese infernalischen Memoiren dechiffrieren und ausziehen, fahrt bei jener Stelle, die wir im ersten Teile notgedrungen abbrachen, fort, die Geschichte des jungen deutschen Schneider-Baron zu geben. Er ist aus seiner Vaterstadt Dresden entflohen, er will in die weite Welt, furs erste aber nach Berlin gehen, und erzahlt was ihm unterwegs begegnete.

"Meine Herren", fuhr der edle junge Mann fort, "als ich mich umsah, stand ein Mann hinter mir, gekleidet wie ein ehrlicher, rechtlicher Burger; er fragte mich, wohin meine Reise gehe und behauptete, sein Weg sei beinahe ganz der meinige, ich solle mit ihm reisen. Ich verstand so viel von der Welt, dass ich eineinen halberwachsenen Jungen mit einem alteren Mann gehen sieht, als allein. Der Mann entlockte mir bald die Ursache meiner Reise, meine Schicksale, meine Hoffnungen. Er schien sich sehr zu verwundern, als ich ihm von meinem Oncle, dem Herrn von Garnmacher in der Dorotheenstrasse in Berlin erzahlte. 'Euer Oncle ist ja schon seit zwei Monaten tot!' erwiderte er, 'o du armer Junge, seit zwei Monaten tot; es war ein braver Mann, und ich wohnte nicht weit von ihm, und kannte ihn gut. Jetzt nagen ihn die Wurmer!'

Sie konnen sich leicht meinen Schrecken uber diese Trauerpost denken, ich weinte lange und hielt mich fur unglucklicher als alle Helden; nach und nach aber wusste mich mein Begleiter zu trosten: 'Erinnerst du dich gar nicht, mich gesehen zu haben?' fragte er; ich sah ihn an, besann mich, verneinte. 'Ei, man hat mich doch in Dresden so viel gesehen', fuhr er fort; 'alle Alten und besonders die Jugend stromte zu mir und meinem jungen Griechen.'

Jetzt fiel mir mit einemmal bei, dass ich ihn schon gesehen hatte. Vor wenigen Wochen war nach Dresden ein Mann mit einem jungen unglucklichen Griechen gekommen; er wohnte in einem Gasthof und liess den jungen Athener fur Geld sehen, das Geld war zur Erhaltung des Griechen und der Uberschuss fur einen Griechenverein bestimmt. Alles stromte hin, auch mir gab der Vater ein paar Groschen, um den unglucklichen Knaben sehen zu konnen. Ich bezeugte dem Mann meine Verwunderung, dass er nicht mehr mit dem Griechen reise.

'Er ist mir entlaufen, der Schlingel, und hat mir die Halfte meiner Kasse und meinen besten Rock gestohlen, er wusste wohl, dass ich ihm nicht nachsetzen konnte; aber wie ware es, Sohnchen, wenn du mein Grieche wurdest?' Ich staunte, ich hielt es nicht fur moglich; aber er gestand mir, dass der andere ein ehrlicher Munchner gewesen sei, den er abgerichtet und kostumiert habe, weil nun einmal die Leute die griechische Sucht hatten."

"Wie?" unterbrach ihn der Englander, "selbst in Deutschland nahm man Anteil an den Schicksalen dieses Volkes? und doch ist es eigentlich ein deutscher Minister, der es mit der Pforte halt und die Griechen untergehen lasst."

"Wie es nun so geht in meinem lieben Vaterland", antwortete Baron von Garnmacher, des Schneiders Sohn, "was einmal in einem anderen Lande Mode geworden, muss auch zu uns kommen. Das weiss man gar nicht anders. Wie nun vor kurzem die Parganioten ausgetrieben wurden und bald nachher die griechische Nation ihr Joch abschuttelte, da fanden wir dies erstaunlich hubsch, schrieben auf der Stelle viele und dicke Bucher daruber und stifteten Hilfsvereine mit sparsamen Kassen. Sogar Philhellenen gab es bei uns und man sah diese Leute mit grossen Barten, einen Sabel an der Seite, Pistolen im Gurtel, rauchend durch Deutschland ziehen. Wenn man sie fragte, wohin? so antworteten sie: 'In den heiligen Krieg, nach Hellas gegen die Osmanen!' Bat sich nun etwa eine Frau, oder ein Mann, der in der alten Geographie nicht sehr erfahren, eine nahere Erklarung aus, so erfuhr man, dass es nach Griechenland gegen die Turken gehe. Da kreuzigten sich die Leute, wunschten dem Philhellenen einen guten Morgen und flusterten, wenn er mit drohnenden Schritten einen Fusspfad nach Hellas einschlug, 'Der muss wenig taugen, dass er im Reich keine Anstellung bekommt und bis nach Griechenland laufen muss.'"

"Ist's moglich?" rief der Marquis, "so teilnahmelos sprachen die Deutschen von diesen Mannern?"

"Gewiss; es ging mancher hin mit einem schonen Gefuhl, einer unterdruckten Sache beizustehen; mancher um sich Kriegsruhm zu erkampfen, der nun einmal auf den Billards in den Garnisonen nicht zu erlangen ist; aber alle barbierte man uber einen Loffel, wie mein Vater zu sagen pflegte, und schalt sie Landlaufer."

"Mylord", sagte der Franzose; "es sind doch dumme Leute, diese Deutschen!"

"O ja", entgegnete jener mit grosser Ruhe, indem er sein Rumglas gegen das Licht hielt. "Zuweilen; aber dennoch sind die Franzosen unertraglicher, weil sie allen Witz allein haben wollen."

Der Marquis lachte und schwieg. Der Baron aber fuhrt fort: "Auf diese Sitte der Deutschen hatte jener Mann seinen Plan gebaut, und noch oft muss ich mich wundern, wie richtig sein Kalkul war. Die Deutschen, dachte er, kommen nicht dazu, etwas fur einen weit aussehenden Plan, fur ein fernes Land und dergleichen zu tun; entweder sagen sie: 'Es war ja vorher auch so, lasset der Sache ihren Lauf, wer wird da etwas Neues machen wollen.' Oder sie sagen: 'Gut, wir wollen erst einmal sehen, wie die Sache geht, vielleicht lasst sich hernach etwas tun.' Fallt aber etwas in ihrer Nahe vor, konnen sie selbst etwas Seltenes mit eigenen Augen sehen, so lassen sie es sich 'etwas kosten'.

Man war dem Griechen fruher oft in mancher kleinen Stadt sehr dankbar, dass er doch wieder eine Materie zum Sprechen herbeigefuhrt habe, eine Seltenheit, welche die Weiber beim Kaffee, die Manner beim Bier traktieren konnten.

Was fur Aussichten blieben mir ubrig? mein Oncle war tot, ich hatte nichts gelernt, so schlug ich ein, Grieche zu werden. Jetzt fing ein Unterricht an, bei welchem wir bald so vertraut miteinander wurden, dass mir mein Fuhrer sogar Schlage beibrachte. Er lehrte mich alle Gegenstande auf neugriechisch nennen, bleute mir einige Floskeln in dieser Sprache ein, und nachdem ich hinlanglich instruiert war, schwarzte er mir Haar und Augbraunen mit einer Salbe, farbte mein Gesicht gelblich, und ich war ein Grieche. Mein Kostum, besonders das fur vornehme Prasentationen war sehr glanzend, manches sogar von Seide. So zogen wir im Land umher, und gewannen viel Geld."

"Aber mein Gott", unterbrach ihn der Franzose, "sagen Sie doch, in Deutschland soll es so viele gelehrte Manner geben, die sogar Griechisch schreiben. Diese mussen doch auch sprechen konnen; wie haben Sie sich vor diesen durchbringen konnen?"

"Nichts leichter als dies, und gerade bei diesen hatte ich meinen grossten Spass; diese Leute schreiben und lesen das Griechische so gut, dass sie vor zweitausend Jahren mit Thukydides hatten korrespondieren konnen, aber mit dem Sprechen will es nicht recht gehen; sie mussten zu Haus immer die Phrasen im Lexikon aufschlagen, wenn sie sprechen wollten; da hatte ich nun, um aus aller Verlegenheit zu kommen, eine herrliche Floskel bereit: 'Mein Herr! das ist nicht griechisch.' Mein Fuhrer unterliess nicht, sogleich, was ich gesagt, dem Publikum ins Deutsche zu ubersetzen, und jene Kathedermanner kamen gewohnlich uber das Lacheln der Menschen dergestalt ausser Fassung, dass sie es nie wieder wagten, Griechisch zu sprechen.

So zogen wir langere Zeit umher, bis endlich in Karlsbad die ganze Komodie auf einmal aufhorte. Wir kamen dorthin zur Zeit der Saison und hatten viele Besuche. Unter andern fiel mir besonders ein Herr mit einem Band im Knopfloch auf, der mir grosse Ahnlichkeit mit meinem Vater zu haben schien. Er besuchte uns einigemal und endlich, denken Sie sich mein Erstaunen, hore ich, wie man ihn Herrn von Garnmacher tituliert. Ich sturzte zu ihm hin, fragte ihn mit zartlichen Worten, ob er mein verehrter Herr Oncle sei, und entdeckte ihm auf der Stelle wie ich eigentlich nicht auf klassischem Boden in Athen, sondern als kongl. sachsisches Landeskind in Dresden geboren sei. Es war eine ruhrende Erkennungsszene. Das Staunen des Publikums, als der Grieche auf einmal gutes Deutsch sprach, die Verlegenheit meines Oheims, der mit vornehmer Gesellschaft zugegen war, und nicht gerne an meinen Vater den marchand tailleur erinnert sein wollte, die Wut meines Fuhrers, alles dies kam mir trotz meiner tiefen Ruhrung hochst komisch vor.

Der Fuhrer wurde verhaftet, mein Oncle nahm sich meiner an, liess mir Kleider machen und fuhrte mich nach Berlin. Und dort begann fur mich eine neue Katastrophe."

2. Der Baron wird ein Rezensent

"Mein Oncle war ein nicht sehr beruhmter Schriftsteller, aber ein beruchtigter, anonymer Kritiker. Er arbeitete an zehn Journalen, und ich wurde anfanglich dazu verwendet, seine Hahnenfusse ins reine zu schreiben. Schon hier lernte ich nach und nach in meines Oncles Geist denken, fasste die gewohnlichen Wendungen und Ausdrucke auf und bildete mich so zum Rezensenten. Bald kam ich weiter; der herrliche Mann brachte mir die verschiedenen Klassen und Formen der Kritik bei, uber welche ich ubrigens hinweggehen kann, da sie einen Fremden nicht interessieren."

"Nein, nein!" rief der Lord; "ich habe schon ofters von dieser kritischen Wut Ihrer Landsleute gehort. Zwar haben auch wir, z.B. Edinburg und London einige Anstalten dieser Art, aber sie werden, hore ich, in einem ganz anderen Geiste besorgt als die Ihrigen."

"Allerdings sind diese Blatter in meinem Vaterlande, eine sonderbare, aber eigentumliche Erscheinung. Wie in unserer ganzen Literatur immer noch etwas Engbrustiges, Eingezwangtes zu verspuren ist, wie nicht das, was leicht und gesellig, sondern was mit einem recht schwerfalligen gelehrten Anstrich geschrieben ist, fur einzig gut und schon gilt, so haben wir auch eigene Ansichten uber Beurteilung der Literatur. Es traut sich namlich nicht leicht ein Mann oder eine Dame in der Gesellschaft ein Urteil uber ein neues Buch zu, das sich nicht an ein offentlich ausgesprochenes anlehnen konnte; man glaubt darin zu viel zu wagen. Daher gibt es viele offentliche Stimmen, die um Geld und gute Worte ein kritisches Solo vortragen, in welches dann das Tutti oder der Chorus des Publikums einfallt."

"Aber wie mogen Sie uber diese Institute spotten, mein Herr Baron?" unterbrach ihn der Lord; "ich finde das recht hubsch. Man braucht selbst kein Buch als diese offentlichen Blatter zu lesen, und kann dann dennoch in der Gesellschaft mitstimmen."

"Sie hatten recht, wenn der Geist dieser Institute anders ware. So aber ergreift der, welcher sich nach diesen Blattern richtet, unbewusst irgend eine Partie, und kann, ohne dass er sich dessen versieht, in der Gesellschaft fur einen Goethianer, Mullnerianer; Vossiden oder Creuzerianer, Schellingianer oder Hegelianer, kurz fur einen Y-aner gelten. Denn das eine Blatt gehort dieser Partie an, und haut und sticht mehr oder minder auf jede andere, ein anderes gehort diesem oder jenem gossen Buchhandler. Da mussen nun furs erste alle seine Verlagsartikel gehorig gelobt, dann die seiner Feinde grimmig angefallen werden, oft muss man auch ganz diplomatisch zu Werk gehen, es mit keinem ganz verderben, auf beiden Achseln (Dichter-) Wasser tragen und indem man einem freundlich ein Kompliment macht, hinterrucks heimlich ihm ein Bein unterschlagen."

"Aber schamen sich denn Ihre Gelehrten nicht, auf diese Art die Kritik und Literatur zu handhaben?" fragte der Marquis; "ich muss gestehen, in Frankreich wurde man ein solches Wesen verachten."

"Ihre politischen Blatter, mein Herr, machen es nicht besser. Ubrigens sind es nicht gerade die Gelehrten, die dieses Handwerk treiben. Die eigentlichen Gelehrten werden nur zu Kernschussen und langsamen, grundlichen Operationen verwandt, und mit vier Groschen bezahlt. Leichter, behender sind die Halbgelehrten, die eigentlichen Voltigeurs der Literatur. Sie plankeln mit dem Feind, ohne ihn gerade grundlich und mit Nachdruck anzugreifen; sie richten Schaden in seiner Linie an, sie umschwarmen ihn, sie suchen ihn aus seiner Position zu locken. Auch durfen sie sich gerade nicht schamen, denn sie rezensieren anonym, und nur einer unterschreibt seine kritischen Bluturteile mit so kaltem Blute, als wollte er seinen Bruder freundlich zu Gevatter bitten."

"Das muss ja ein eigentlicher Matador sein!" rief der Lord lachelnd.

"Ein Matador in jedem Sinne des Worts. Auf spanisch ein Totschlager, denn er hat schon manchen niedergedonnert; und wahrhaftig, er ist der hochste Triumph dieser Matador, und zahlt fur zehen, wenn er Pacat ultimo macht. Und bei den literarischen Stiergefechten ist er Matador! denn er, der Hauptkampfer ist es, der dem armen gehetzten und gejagten Stier den Todesstoss gibt."

"Gestehen Sie, Sie ubertreiben; Sie haben gewiss einmal den unglucklichen Gedanken gehabt, etwas zu schreiben, das recht tuchtig vorgenommen wurde, und jetzt zurnen Sie der Kritik?"

Der junge Deutsche errotete. "Es ist wahr, ich habe etwas geschrieben, doch war es nur eine Novelle, und leider nicht so bedeutend, dass es ware rezensiert worden; aber nein; ich selbst habe einige Zeit unter meines Oncles Protektion den kritischen kleinen Krieg mitgemacht, und kenne diese Affaren genau. Nun, mein Oncle brachte mir also die verschiedenen Formen und Klassen bei. Die erste war die sanftlobende Rezension. Sie gab nur einige Auszuge aus dem Werk, lobte es als brav und gelungen, und ermahnte auf der betretenen Bahn fortzuschreiten. In diese Klasse fielen junge Schriftsteller, die dem Interesse des Blattes entfernter standen, die man aber fur sich gewinnen wollte. Hauptsachlich aber war diese Klasse fur junge schriftstellerische Damen."

"Wie?" erwiderte der Lord, "haben Sie derer so viele, dass man eine eigene Klasse fur sie macht?"

"Man zahlte, als ich noch auf der Oberwelt war, sechsundvierzig jungere und altere; Sie sehen, dass man fur sie schon eine eigene Klasse machen kann, und zwar eine 'gelinde', weil diese Damen mehr Anbeter und Freunde haben, als ein junger Schriftsteller. Die zweite Klasse ist die lobposaunende. Hier werden entweder die Verlagsartikel des Buchhandlers, der das Blatt bezahlt, oder die Parteimanner gelobt. Man preist ihre Namen, man ist geruhrt, man ist glucklich, dass die Nation einen solchen Mann aufweisen kann. Die dritte Klasse ist dann die neutrale. Hier werden die Feinde, mit denen man nicht in Streit geraten mag, etwas kuhl und diplomatisch behandelt. Man spricht mehr uber das Genus ihrer Schrift und uber ihre Tendenz, als uber sie selbst, und gibt sich Muhe, in recht vielen Worten nichts zu sagen, ungefahr wie in den Salons, wenn man uber politische Verhaltnisse spricht, und sich doch mit keinem Wort verraten will.

Die vierte Klasse ist die lobhudelnde. Man sucht entweder einen, indem man ihn scheinbar und mit einem Anstrich von Gerechtigkeit ein wenig tadelt, zu loben, oder umgekehrt, man lobt ihn mit vielem Anstand und bringt ihm einige Stiche bei; die ihn entweder tief verwunden oder doch lacherlich machen. Die funfte Klasse ist die grobe, ernste; man nimmt eine vornehme Miene an, setzt sich hoch zu Ross und schaut hernieder auf die kleinen Bemuhungen und geringen Fortschritte des Gegners. Man warnt sogar vor ihm und sucht etwas Verstecktes in seinen Schriften zu finden, was zu gefahrlich ist, als dass man offentlich davon sprechen mochte. Diese Klasse macht stillen, aber tiefen Eindruck aufs Publikum. Es ist etwas Mystisches in dieser Art der Kritik, was die Menschen mit Scheu und Beben erfullt. Die sechste Klasse ist die Totschlager-Klasse. Sie ist eine Art von Schlachtbank, denn hier werden die Opfer des Zornes, der Rache, niedergemetzelt ohne Gnade und Barmherzigkeit, sie ist eine Sage- und Stampfmuhle, denn der Muller schuttet die Unglucklichen, die ihm uberantwortet werden, hinein, und zerfetzt, zersagt, zermalmt sie."

"Aber, wer tragt denn die Schuld von diesem unsinnigen Vertilgungssystem?" fragte Lasulot.

"Nun, das Publikum selbst! Wie man fruher an Turnieren und Tierhetzen die Freude hatte, so amusiert man sich jetzt am kritischen Kriege; es freut die Leute, wenn man die Schriftsteller mit eingelegten Lanzen aufeinander anrennen sieht, und wenn die Rippen krachen, wenn einer sinkt, klatscht man dem Sieger Beifall zu. Landlich, sittlich! 'Ein Stier, ein Stier, ruft's dort und hier!' In Spanien treibt man das in der Wirklichkeit, in Deutschland metaphorisch, und wenn ein paar tuchtige Fleischerhunde einen alten Stier anfallen, und sich zu Helden an ihm beissen, wenn der Matador von der Galerie hinab in den Zirkus springt,

'und zieht den Degen

und fallt verwegen

zur Seite den wutenden Ochsen an '

da freut sich das liebe Publikum, und von 'Bravo!' schallt die Gegend wider!"

"Das ist kostlich!" rief der Englander, doch war man ungewiss, ob sein Beifall der deutschen Kritik oder dem Rum gelte, den er zu sich nahm; "und ein solcher Klassen-Kritikus wurden Sie, Master Garnmacher?"

"Mein Oncle war, wie ich Ihnen sagte, fur mehrere Journale verpachtet; wunderbar war es ubrigens, welches heterogene Interesse er dabei befolgen musste. Er hatte es so weit gebracht, dass er an einem Vormittag ein Buch las, und sechs Rezensionen daruber schrieb, und oft traf es sich, dass er alle sechs Klassen uber einen Gegenstand erschopfte. Er zundete dann zuerst dem Schlachtopfer ein kleines gelindes Lobfeuer aus Zimtholz an; dann warf er kritischen Weihrauch dazu, dass es grosse Wolken gab, die dem Publikum die Sinne umnebelten und die Augen beizten. Dann dampfte er diese niedlichen Opferflammen zu einer dusteren Glut, blies sie dann mit dem kalten Hauch der vierten Klasse frischer an, warf in der funften einen so grossen Holzstoss zu, als die Sancta simplicitas in Konstanz dem Huss, und fing dann zum sechsten an, den Unglucklichen an dieser machtigen Lohe des Zornes zu braten und zu rosten bis er ganz schwarz war."

"Wie konnte er aber nur mit gutem Gewissen sechserlei so verschiedene Meinungen uber einen Gegenstand haben? Das ist ja schandlich!"

"Wie man will. Ich erinnere Sie ubrigens an die liberalen und an die ministeriellen Blatter Ihres Landes; wenn heute einer Ihrer Publizisten eine Ode an die Freiheit auf der Posaune geblasen hat, und ihm morgen der Herr von ... einige Sous mehr bietet, so halt er einen Panegyrikus gegen die linke Seite, als hatte er von je in einem ministeriellen Vorzimmer gelebt."

"Aber dann geht er formlich uber", bemerkte der Marquis; "aber Ihr Oncle, der Schuft, hatte zu gleicher Zeit sechs Zungen und zwolf Augen, die Halfte mehr als der Hollenhund."

"Die Deutschen haben es von jeher in allen mechanischen Kunsten und Handarbeiten weit gebracht", erwiderte mit grosser Ruhe der junge Mann. "So auch in der Kritik. Als mich nun mein Oncle so weit gebracht hatte, dass ich nicht nur ein Buch von dreissig Bogen in zwei Stunden durchlesen, sondern auch den Inhalt einer unaufgeschnittenen Schrift auf ein Haar erraten konnte, wenn ich wusste, von welcher Partei sie war; so gebrauchte er mich zur Kritik. 'Ich will dir', sagte er, 'die erste, zweite, funfte und sechste Klasse geben. Die Jugend, wie sie nun einmal heutzutag ist, kann nichts mit Mass tun. Sie lobt entweder uber alle Grenzen, oder sie schimpft und tadelt unverschamt. Solche Leute, besonders wenn sie ein recht scharfes Gebiss haben, sind ubrigens oft nicht mit Gold zu bezahlen. Man legt sie an die Kette bis man sie braucht, und hetzt sie dann mit unglaublichem Erfolg, denn sie sind auf den Mann dressiert, trotz der besten Dogge. Zu den Mittelklassen, zu dem Neutralitatssystem, zu dem verdeckten Tadel, zu dem ruhigen, aber sicheren Hinterhalt gehort schon mehr kaltes Blut.'

So sprach mein Oncle und ubergab mir die Kranze der Gnade und das Schwert der Rache. Alle Tage musste ich von fruhe acht bis ein Uhr rezensieren. Der Oncle schickte mir ein neues Buch, ich musste es schnell durchlesen und die Hauptstellen bezeichnen. Dann wurden Kritiken von Nr. 1 und 2 entworfen und dem Alten zuruckgeschickt. Nun schrieb er selbst 3 und 4, und war dann noch ein Hauptgericht zu exequieren, so liess er mir sagen: 'Mein lieber Neffe; nur immer Nr. 5 und 6 draufgesetzt; es kann nicht schaden, nimm ihn ins Teufels Namen tuchtig durch'; und den ich noch vor einer Stunde mit wahrer Ruhrung bis zum Himmel erhoben, denselben verdammte ich jetzt bis in die Holle. Vor Tisch wurden dann die kritischen Arbeiten verglichen, der Oncle tat, wie er zu sagen pflegte, Salz hinzu, um das Gebrau pikanter zu machen; dann packte ich alles ein und verschickte die heil- und unheilschweren Blatter an die verschiedenen Journale."

"God damn! habe ich in meinem Leben dergleichen gehort?" rief der Lord mit wahrem Grauen; "aber wenn Sie alle Tage nur ein Buch renzensierten, das macht ja im Jahr 365! Gibt es denn in Ihrem Vaterland jahrlich selbst nur ein Dritteil dieser Summe?"

"Ha! da kennen Sie unsere gesegnete Literatur schlecht, wenn Sie dies fragen. So viele gibt es in einer Messe, und wir haben jahrlich zwei. Alle Jahre kann man achtzig Romane, zwanzig gute und vierzig schlechte Lust- und Trauerspiele, hundert schone und miserable Erzahlungen, Novellen, Historien, Phantasien etc., dreissig Almanachs, funfzig Bande lyrischer Gedichte, einige erhabene Heldengedichte in Stanzen oder Hexametern, vierhundert Ubersetzungen, achtzig Kriegsbucher rechnen, und die Schul-, Lehr-, Katheder-, Professions-, Konfessionsbucher, die Anweisungen zum frommen Leben, zu Bereitung guten Champagners aus Obst, zu Verlangerung der Gesundheit, die Betrachtungen uber die Ewigkeit, und wie man auch ohne Arzt sterben konne, usw. sind nicht zu zahlen; kurz man kann in meinem Vaterland annehmen, dass unter funfzig Menschen immer einer Bucher schreibt; ist einer einmal im Messkatalog gestanden, so gibt er das Handwerk vor dem sechzigsten Jahr nicht auf. Sie konnen also leicht berechnen, meine Herren, wieviel bei uns gedruckt wird. Welcher Reichtum der Literatur, welches weite Feld fur die Kritik!"

Der junge Deutsche hatte diese letzten Worte mit einer Ehrfurcht, mit einer Andacht gesprochen, die sogar mir hochst komisch vorkam; der Lord und der Marquis aber brachen in lautes Lachen aus, und je verwunderter der junge Herr sie ansah, desto mehr schien ihr Lachreiz gesteigert zu werden.

"Monsieur de Garnmackre! nehmen Sie es nicht ubel, dass ich mich von Ihrer Erzahlung bis zum Lachen hinreissen liess", sagte der Marquis, "aber Ihre Nation, Ihre Literatur, Ihre kritische Manufaktur kam mir unwillkurlich so komisch vor, dass ich mich nicht enthalten konnte, zu lachen. Ihr seid sublime Leute! das muss man euch lassen."

"Und der Herr hier hat recht", bemerkte Mylord mit feinem Lacheln. "Alles schreibt in diesem gottlichen Lande, und was das schonste ist, nicht jeder uber sein Fach, sondern lieber uber ein anderes. So fuhr ich einmal auf meiner grand tour in einem deutschen Landchen. Der Weg war schlecht, die Pferde womoglich noch schlechter. Ich liess endlich durch meinen Reisebegleiter, der deutsch reden konnte, den Postillon fragen, was denn sein Herr, der Postmeister, denke, dass er uns so miserable Pferde vorspanne? Der Postillon antwortete: 'Was das Post- und das Stallwesen anbelangt, so denkt mein Herr nichts.'

Wir waren verwundert uber diese Antwort, und mein Begleiter, dem das Gesprach Spass machte, fragte, was sein Herr denn anderes zu denken habe? 'Er schreibt!' war die kurze Antwort des Kerls. 'Wie? Briefverzeichnisse, Postkarten?' 'Ei, behute', sagt er, 'Bucher, gelehrte Bucher.' 'Uber das Postwesen?' fragten wir weiter. 'Nein', meinte er; 'Verse macht mein Herr, Verse, oft so breit als meine funf Finger und so lang als mein Arm!' und klatsch! klatsch! hieb er auf die mageren Bruder des Pegasus und trabte mit uns auf dem stossenden Steinweg, dass es uns in der Seele wehe tat. 'God damn!' sagte mein Begleiter, 'wenn der Herr Postmeister so schlecht auf dem Hippogryphen sitzt wie sein Schwager auf diesen Kleppern, so wird er holperigte Verse zutage fordern!' Und auf Ehre, meine Herren, ich habe mich auf der nachsten Station erkundigt, dieser Postmeister ist ein Dichter, und wie Sie, Mr. Garnmacher, ein grosser Kritiker."

"Ich weiss, wen Sie meinen", erwiderte der Deutsche mit etwas unmutiger Miene, "und Ihre Erzahlung soll wohl ein Stich auf mich sein, weil ich eigentlich auch nicht fur dieses Gebiet der Literatur erzogen worden. Ubrigens muss ich Ihnen sagen, Mylord, in Ihrem kalten, systematischen, nach Gesetzen angstlich zugeschnittenen Land, mochte etwas dergleichen auffallen, aber bei uns zulande ist das was anderes. Da kann jeder in die Literatur hineinpfuschen, wann und wie er will, und es gibt kein Gesetz, dass einem verbote, etwas Miserables drucken zu lassen, wenn er nur einen Verleger findet. Bei den Kritikern und Poeten meines Vaterlandes ist nicht nur in Hinsicht auf die Phantasie, die schone romantische Zeit des Mittelalters, nein, wir sind, und ich rechne mich ohne Scheu dazu, samt und sonders edle Rauhritter, die einander die Blumen der Poesie abjagen und in unsere Verliese schleppen, wir uben das Faustrecht auf heldenmutige Weise, und halten literarische Wegelagerungen gegen den reich beladenen Kramer und Juden. Die Poesie ist bei uns eine Gemeindewiese, auf welcher jedes Vieh umherspazieren, und Blumen und Gras fressen kann nach Belieben."

"Herr von Garnmacker", unterbrach ihn der Marquis de Lasulot; "ich wurde Ihre Geschichte erstaunlich hubsch und anziehend finden, wenn sie nur nicht so langweilig ware. Wenn Sie so fortmachen, so erzahlen Sie uns achtundvierzig Stunden in einem fort. Ich schlage daher vor, wir verschieben den Rest und unsere eigenen Lebenslaufe auf ein andermal, und gehen jetzt auf die Hollenpromenade, um die schone Welt zu sehen!"

"Sie haben recht", sagte der Lord, indem er aufstand und mir ein Sixpencestuck zuwarf, "der Herr von Garnmacher weiss auf unterhaltende Weise einzuschlafern. Brechen wir auf; ich bin neugierig, ob wohl viele Bekannte aus der Stadt hier sind?"

"Wie?" rief der junge Deutsche nicht ohne Uberraschung, "Sie wollen also nicht horen, wie ich mich in Berlin bei den Herren vom Muhlendamm zu einem Elegant perfektionierte? Sie wollen nicht horen, wie ich einen Liebeshandel mit einer Prinzessin hatte, und auf welche elendigliche Weise ich endlich verstorben bin? Oh, meine Herren, meine Geschichte fangt jetzt erst an, interessant zu werden."

"Sie konnen recht haben", erwiderte ihm der Lord mit vornehmem Lacheln, "aber wir finden, dass uns die Abwechslung mehr Freude macht. Begleiten Sie uns; vielleicht sehen wir einige Figuren aus Ihrem Vaterland, die Sie uns zeigen konnen."

"Nein, wirklich! ich bin gespannt auf Ihre Geschichte", sagte der Marquis lachend, "aber nur jetzt nicht. Es ist jetzt die Zeit, wo die Welt promeniert, und um keinen Preis, selbst nicht um Ihre interessante Erzahlung mochte ich diese Stunde versaumen. Gehen wir."

"Gut", antwortete der deutsche Stutzer, resigniert und ohne beleidigt zu scheinen. "Ich begleite Sie; auch so ist mir Ihre werte Gesellschaft sehr angenehm, denn es ist fur einen Deutschen immer eine grosse Ehre, sich an einen Franzosen oder gar an einen Englander anschliessen zu konnen."

Lachend gingen die beiden voran, der Baron folgte, und ich veranderte schnell mein Kostum, um diese merkwurdigen Subjekte auf ihren Wanderungen zu verfolgen, denn ich hatte gerade nichts Besseres zu tun.

Die Menschen bleiben sich unter jeder Zone gleich es ist moglich, dass Klima und Sitten eines anderen Landes eine kleine Veranderung in manchem hervorbringe; aber lasset nur eine Stunde lang Landsleute zusammen sprechen, der Nationalcharakter wird sich nicht verleugnen, wird mehr und mehr sich wieder hervorheben und deutlicher werden. So kommt es, dass dieser Geburtstag meiner lieben Grossmutter mir Stoff zu tausend Reflexionen gibt, denn selbst im Fegfeuer, wenn diesen Leutchen nur ein Tag vergonnt ist, findet sich Gleiches zu Gleichem, und es spricht und lacht, und geht und liebt wie im Prater, wie auf der Chaussee d'Antin oder im Palais Royal, wie Unter den Linden, oder wie in .........

Welchen Anblick gewahrte diese hollische Promenade! Die Stutzer aller Jahrhunderte, die Kurtisanen und Merveilleuses aller Zeiten; Theologen aller Konfessionen, Juristen aller Staaten, Financiers von Paris bis Konstantinopel, von Wien bis London; und sie alle in Streit uber ihre Angelegenheiten, und sie alle mit dem ewigen Refrain: "Zu unserer Zeit, ja! zu unserer Zeit war es doch anders!" Aber ach, meine Stutzer kamen zu spat auf die Promenade, kaum dass noch Baron von Garnmacher einen jungen Dresdner Dichter umarmen, und einer Berliner Sangerin sein Vergnugen ausdrucken konnte, ihre Bekanntschaft hier zu erneuern! Der edle junge Herr hatte durch seine Erzahlung die Promenadezeit verkummert, und die grosse Welt stromte schon zum Theater.

3. Das Theater im Fegefeuer

Man wundert sich vielleicht uber ein Theater im Fegefeuer? Freilich ist es weder Opera buffa noch seria, weder Trauer- noch Lustspiel; ich habe zwar Schauspieldichter, Sanger, Akteurs und Aktricen, Tanzer und Tanzerinnen genug; aber wie konnte man ein so gemischtes Publikum mit einem dieser Stucke unterhalten? Liesse ich von Zacharias Werner eine schauerlich tragi komisch historisch romantisch heroische Komodie auffuhren wie wurden sich Franzosen und Italiener langweilen, um von den Russen, die mehr das Trauerspiel und Mordszenen lieben, gar nicht zu sprechen. Wollte ich mir von Kotzebue ein Lustspiel schreiben lassen, etwa "Die Kleinstadter in der Holle", wie wurde man uber verdorbenen Geschmack schimpfen! Daher habe ich eine andere Einrichtung gestroffen.

Mein Theater spielt grosse pantomimische Stucke; welche wunderbarerweise nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft zum Gegenstand haben; aber mit Recht. Die Vergangenheit, ihr ganzes Leben liegt abgeschlossen hinter diesen armen Seelen. Selten bekommt eine einen Erlaubnisschein als revenant die Erde um Mitternacht besuchen zu durfen. Denn was nutzt es mir, was frommt es dem irren Geist einer eifersuchtigen Frau, zum Lager ihres Mannes zuruckzukehren? was nutzt es dem Mann, der sich schon um eine zweite umgetan, wenn durch die Gardine dringt

"Eine kalte weisse Hand,

wen erblickt er? seine Wilhelmine,

die im Sterbekleide vor ihm stand?"

Was kann es dem Teufel, was einer ausgeleerten herzoglichen Kasse helfen, wenn der Finanzminister, der sich aus Verzweiflung mit dem Federmesser die Kehle abschnitt, allnachtlich ins Departement schleicht, angetan mit demselben Schlafrock, in welchem er zu arbeiten pflegte, schlurfend auf alten Pantoffeln und die Feder hinter dem Ohr; zu was dient es, wenn er seufzend vor die Akten sitzt, und mit gluhendem Auge seinen Rest immer noch einmal wieder berechnet?

Was kann es dem furstlichen Keller helfen, wenn der Schlosskufer, den ich in einer bosen Stunde abgeholt, durch einen Kellerhals herniederfahrt, und mit krampfhaft gekrummtem Finger an den Fassern anpocht, die er bestohlen? Zu welchem Zweck soll ich den General entlassen, wenn oben der Zapfenstreich ertont und die Horner zur Ruhe blasen? zu was den Stutzer, um zu sehen, ob sein bezahltes Liebchen auf frische Rechnung liebt? Zwar sie alle, ich gestehe es, sie alle wurden sich unglucklicher fuhlen, konnten sie sehen, wie schnell man sie vergessen hat, es ware eine Scharfung der Strafe, wie etwa ein Konig, als ihm ein Urteil zu lebenslanglicher Zuchthausstrafe vorgelegt wurde, "noch sechs Jahre langer" unterschrieb, weil er den Mann hasste. Aber sie wurden mir auf der andern Seite so viel verwirrtes Zeug mit herabbringen, wurden mir manchen fromm zu machen suchen, wie der reiche Mann im Evangelium, der zu Lebzeiten so viel getrunken, dass er in der Holle Wasser trinken wollte ich habe darin zu viele Erfahrungen gemacht, und kann es in neuern Zeiten, wo ohnedies die Missionarien und andere Mystiker, genug tun, nicht mehr erlauben. Daher kommt es, dass es in diesen Tagen wenig mehr in den Hausern, desto mehr aber in den Kopfen spukt.

Um nun den Seelen im Fegefeuer dennoch Nachrichten uber die Zukunft zu geben, lasse ich an Festtagen einige erhebliche Stucke von meiner hollischen Bande auffuhren. Auf dem heutigen Zettel war angezeigt:

Mit allerhochster Bewilligung.

Heute als am Geburtsfeste

Der Grossmutter, diabolischen Hoheit.

"Einige Szenen aus dem Jahr 1826."

Pantomimische Vorstellung

mit Begleitung des Orchesters.

Die Musik ist aus Mozarts, Haydns, Glucks

und anderen Meisterwerken zusammengesucht

von Rossini.

(Bemerkungen an das Publikum.) Da gegenwartig sehr viele allerhochste Personen und hoher Adel hier sind, so wird gebeten, die ersten Ranglogen den Hoheiten, Durchlauchten und Ministern bis zum Grafen abwarts inklusive, die zweite Galerie der Ritterschaft samt Frauen bis zum Lieutenant abwarts zu uberlassen. Die Direktion des infernal. Hof- und Nationaltheaters. Das Publikum drangte sich mit Ungestum nach dem Haus. Ich bot mich den drei jungen Herren als Cicerone an, und fuhrte sie glucklich durch das Gedrange ins Parkett; obgleich der Lord ohne Anstand auf die erste, der Marquis und der deutsche Baron auf die zweite Loge hatten eintreten durfen. Diese drei Subjekte fanden es aber amusanter, von ihrem niederen Standpunkt aus Logen und Parterre zu lorgnettieren. Wie mancher Ausruf des freudigen Staunens entschlupfte ihnen, wenn sie wieder auf ein bekanntes Gesicht trafen. Besonders Garnmacher schien vor Erstaunen nicht zu sich selbst kommen zu konnen. "Nein, ist es moglich!" rief er wiederholt aus; "ist es moglich? Sehen Sie, Marquis; jener Herr dort oben in der zweiten Galerie rechts, mit den roten Augen, er spricht mit einer bleichen jungen Dam; dieser starb in Berlin im Geruch der Heiligkeit, und soll auch hier sein an diesem unheiligen Ort? und jene Dame, mit welcher er spricht, wie oft habe ich sie gesehen und gesprochen! Sie war eine liebenswurdige fromme Schwarmerin, ging lieber in die Dreifaltigkeitskirche als auf den Ball sie starb, und wir alle glaubten, sie werde sogleich in den dritten Himmel schweben, und jetzt sitzt sie hier im Fegefeuer! Zwar wollte man behaupten, sie sei in Toplitz an einem heimlichen Wochenbett verschieden, aber wer ihren frommen Lebenslauf gesehen, wer konnte das glauben?"

"Ha! die Nase von Frankreich!" rief auf einmal der Baron mit Ekstase. "Heiliger Ludwig, auch Ihr, auch Ihr unter Euren verlorenen Kindern? Ha! und ihr, ihr verdammten Kutten, die ihr mein schones Vaterland in die Kapuze stecken wollet. Sehen Sie, Mylord, jene hasslichen, kriechenden Menschen? Sehen Sie dort das sind beruhmte Missionare, die uns glauben machen wollten, sie seien frommer als wir. Dem Teufel sei es gedankt, dass er diese Schweine auch zu sich versammelt hat."

"Oh, mein Herr", sagte ich, "das hatten Sie nicht notig gehabt bis ins Theater sich zu bemuhen, um diese Leutchen zu sehen. Sie zeigen sich zwar nicht gerne auf den Promenaden, weil selbst in der Holle nichts Erbarmlicheres zu sein pflegt, als ein entlarvter Heuchler; aber im Cafe de Congregation wimmelt es von diesen Herren. Vom Kardinal bis zum schlechten Pater; Sie konnen manche heilige Bekanntschaft dort machen."

"Mein Herr, Sie scheinen bekannt hier", erwiderte Mylord; "sagen Sie doch, wer sind diese ernsten Manner in Uniform nebenan? Sie unterhalten sich lebhaft, und doch sehe ich sie nicht lacheln. Sind es Englander?"

"Verzeihen Sie", antwortete ich, "es sind Soldaten und Offiziers von der alten Garde, die sich mit einigen Preussen uber den letzten Feldzug besprechen."

Alle drei schienen erstaunt uber dieses Zusammentreffen, und wollten mehr fragen, aber der Kapellmeister hob den Stab, und die Trompeten und Pauken der Rossinischen Ouverture schmetterten in das volle Haus. Es war die herrliche Ouverture aus "Il maestro ladro", die Rossini auf sich selbst gedichtet hat, und das Publikum war entzuckt uber die schonen Anklange aus der Musik aller Lander und Zeiten, und jedes fand seinen Lieblingsmeister, seine Lieblingsarie in dem herrlich komponierten Stuck. Ich halte auch ausser der Gazza ladra den Maestro ladro fur sein Bestes, weil er darin seine Tendenz und seine kunstlerische Gewandtheit im Komponieren ganz ausgesprochen hat. Die Ouverture endete mit dem ergreifenden Schluss von Mozarts "Don Juan", dem man zur Vermehrung der Ruhrung, einen Nachsatz von Pauken, Trommeln und Trompeten angehangt hatte und der Vorhang flog auf.

Man sah einen Saal der Borsenhalle von London. Angstlich drangten sich Juden und Christen durcheinander; in malerischen Gruppen standen Geldmakler, grosse und kleine Kaufleute, und steigerten die Papiere. Nachdem diese Introduktion einige Zeitlang gedauert hatte, kamen in sonderbaren Sprungen und Kapriolen zwei Kuriere hereingetanzt. Allgemeine Spannung; die Depeschen werden in einem Pas de deux entsiegelt, die Nachrichten mitgeteilt. In diesem Augenblick erscheint mein erster Solotanzer, das Haus Goldsmith vorstellend, in der Szene. Seine Mienen, seine Haltung drucken Verzweiflung aus; man sieht, seine Fonds sind erschopft, sein Beutel leer, er muss seine Zahlungen einstellen. Ein Chor von Juden und Christen dringen auf ihn ein, um sich bezahlt zu machen. Er fleht, er bittet, seine Gebardensprache ist bezaubernd es hilft nichts. Da raffte er sich verzweiflungsvoll auf; er tanzte ein Solo voll Ernst und Majestat; wie ein gefallener Konig ist er noch im Ungluck gross, seine Sprunge reichen zu einer immensen Hohe und mit einem prachtvollen Fusstriller fallt das Haus Goldsmith in London. Komisch war es nun anzusehen, wie das Chor der englischen, deutschen und franzosischen Hauser vorgestellt von den Herren vom Corps de Ballet diesen Fall weiter fortsetzten. Sie wankten kunstlich und fielen noch kunstlicher, besonders exzellierten hiebei einige Berliner Borsekunstler, die durch ihre ungemeine Kunst einen wahrhaft tragischen Effekt hervorbrachten, und allgemeine Sensation im Parterre erregten.

Plotzlich ging die lamentable Borsenmusik in einen Triumphmarsch uber; die herrliche Passage aus der "Italienerin in Algier": "Heil dem grossen Kaimakan" ertonte; ein glanzender Zug von Christensklaven, Goldbarren und Schusseln mit gemunztem Gold tragend, tanzten aufs Theater. Es war wie wenn in der Hungersnot ein Wagen mit Brot in eine ausgehungerte Stadt kommt. Man denkt nicht daran, dass der spekulative Kopf, der das Brot herbeischaffte, nichts als ein gemeiner Wucherer ist, der den Hunger benutzt und sein Brot zu ungeheuren Preisen losschlagt; man denkt nicht daran, man verehrt ihn als den Retter, als den schutzenden Schild in der Not. So auch hier. Die gefallenen Hauser richteten sich mit Grazie empor, sie schienen Hoffnung zu schopfen, sie schienen den Messias der Borse zu erwarten. Er kam. Acht Finanzminister beruhmter Konige und Kaiser trugen auf ihren Schultern eine Art von Triumphwagen, der die transparente Inschrift: "Seid umschlungen Millionen" trug. Ein Herr mit einer pikanten, morgenlandischen Physiognomie, wohlbeleibt, und von etwas schwammigem Ansehen, sass in dem Wagen, und stellte den Triumphator vor.

Mit ungemeinem Applaus wurde er begrusst, als er von den Schultern der Minister herab auf den Boden stieg. "Das ist Rothschild! es lebe Rothschild!" schrie man in den ersten Ranglogen und klatschte und rief Bravo, dass das Haus zitterte. Es war mein erster Grotesktanzer, der diese schwierige Rolle meisterhaft durchfuhrte; besonders als er mit dem englischen, osterreichischen, preussischen und franzosischen Ministerium einen Cosaque tanzte, ubertraf er sich selbst. Rothschild gab in einer komischen Solopartie seinem Reich, der Borse, den Frieden, und der erste Akt der grossen Pantomime endigte sich mit einem brillanten Schlusschor, in welchem er formlich gekront und zu einem allerhochsten cher Cousin gemacht wurde.

Als der Vorhang gefallen war, liess sich Mylord ziemlich ungnadig uber diese Szene aus. "Es war zu erwarten", sagte er, "dass diese Menschen bedeutenden Einfluss auf die Kurse bekommen werden, aber dass auf der Borse von London ein solcher Skandal vorfallen werde, im Jahr I826, das ist unglaublich!"

"Mein Herr!" erwiderte der Marquis lachend, "unglaublich finde ich es nicht. Bei den Menschen ist alles moglich, und warum sollte nicht einer, wenn er auch im Judenquartier zu Frankfurt das Licht der Welt erblickte, durch Kombination so weit kommen, dass er Kaiser und Konige in seinen Sack stecken kann?"

"Aber England, Alt-England! ich bitte Sie", rief der Lord schmerzlich. "Ihr Frankreich, Ihr Deutschland hat von jeher nach jeder Pfeife tanzen mussen! Aber God damn! das englische Ministerium mit diesem Hephep einen Cosaque tanzen zu sehen; oh! es ist schmerzlich!"

"Ja, ja!" sprach Baron von Garnmacher, des Schneiders Sohn, sehr ruhig; "es wird und muss so kommen. Freilich, ein bedeutender Unterschied zwischen 1826 und der Zeit des Konigs David."

"Das finde ich nicht", antwortete der Marquis, "im Gegenteil, Sie sehen ja, welch grossen Einfluss die Juden auf die Zeit gewinnen!"

"Und dennoch finde ich einen bedeutenden Unterschied", erwiderte der Deutsche. "Damals, mein Herr, hatten alle Juden nur einen Konig, jetzt aber haben alle Konige nur einen Juden."

"Wenn Sie so wollen, ja. Aber neugierig bin ich doch, was fur eine Szene uns der Teufel jetzt geben wird. Ich wollte wetten, Frankreich oder Italien kommt ans Brett."

"Ich denke, Deutschland", erwiderte Garnmacher; "ich wenigstens mochte wohl wissen, wie es im Jahr 1826 oder 1830 in Deutschland sein wird. Als ich die Erde verliess, war die Konstellation sonderbar. Es roch in meinem Vaterland wie in einer Pulverkammer, bevor sie in die Luft fliegt. Die Lunte gluhte, und man roch sie allerorten. Die feinsten diplomatischen Nasen machten sich weit und lang, um diesen geheimnisvollen Duft einzuziehen und zu erraten, woher der Wind komme. Meinen Sie nicht auch, es musse bedeutende Veranderungen geben?"

"Es wird heissen 'auch in diesem Jahr, ist es geblieben wie es war'", antwortete ich dem guten Deutschen. "Um eine Lunte auszuloschen, bedarf es keine grosse Kunste. Man wird bleiben wie man war, man wird hochstens um einige Prozente weiser vom Rathaus kommen. Sie wollen Ihr Vaterland in die Szene gesetzt sehen, um zu erfahren, wie es Anno 1826 dort aussieht? Armer Herr! da musste ich ja zuvor noch fragen, was fur ein Landsmann Sie sind."

"Wie verstehen Sie das?" fragte der Baron unmutig.

"Nun? was konnte man Ihnen denn Allgemeines und Nationelles vorspielen, da Sie keine Nation sind? Sind Sie ein Bayer, so musste man Ihnen zeigen, wie man dort noch immer das alte ehrliche Bier, nur nach neuen Rezepten braut; sind Sie Wurttemberger, so konnten Sie erfahren, wie man die Landstande wahlte. Sind sie ein Rheinpreusse und druckt Sie der Schuh, so lassen Sie sich den eigenen Fuss operieren, denn an dem Normalschuh darf nichts geandert werden. Sind Sie ein Hesse, so trinken Sie ganz ruhig ihren Doppelkummel zum Butterbrot, aber denken Sie nichts, nicht einmal ob es in der letzten Woche schon war und in der nachsten regnen wird; sind Sie ein Brandenburger, so machen Sie, dass Ihnen die Haare zu Berg stehen, und hungern Sie, bis Sie eine schone Taille bekommen "

"Herr, Sie sind des Teufels!" fuhr der Baron auf; "wollen Sie uns alles Nationalgefuhl absprechen? Wollen sie "

"Stille! Sie sehen, der Vorhang geht wieder in die Hohe!" rief der Marquis; "wie, was sehe ich? das ist ja das Portal von Notre Dame! das finde ich sonderbar. Wenn man von Frankreich etwas in die Szene setzen will, warum gibt man uns kein Vaudeville, warum nicht den Kampf der Kammer."

Die Glocken von Notre Dame ertonten in feierlichen Klangen. Chorgesang und das Murmeln kirchlicher Gebete naherte sich, und eine lange Prozession, angefuhrt von den Missionaren, betrat die Buhne. Da sah man konigliche Hoheiten und Fursten mit den Mienen zerknirschter Sunder, den Rosenkranz in der Hand, einherschleichen; da sah man Damen des ersten Ranges, die schonen Augen gen Himmel gerichtet, die a la Madonna gekammten Haare mit wohlriechender Asche bestreut, die niedlichen Fusschen bloss und bar in dem Staube wandelnd. Das Publikum staunte; man schien seinen Augen nicht zu trauen, wenn man die Herzogin D-s, die Comtesse de M-u, die Furstin T-d im Kostum einer Bussenden zur Kirche wandeln sah. Doch, als Offiziere der alten Armee, nicht mit Adlern, sondern mit heiligen Fahnen in der Hand, hereinwankten, als sogar ein Mann in der reichen Uniform der Marschalle, den Degen an der Seite, die Kerze in der Hand und Gebetbucher unter dem Arm, uber die Szene ging, da wandte sich der Marquis ab, die Soldaten der alten Garde an unserer Seite, ballten die Fauste und riefen Verwunschungen aus, und wer weiss, was meinen Acteurs geschehen ware, hatte man faule Apfel oder Steine in der Nahe gehabt. Das hohe Portal von Notre Dame hatte endlich die Prozession aufgenommen, und nur der Schluss ging noch uber die Szene. Es war ein Affe, der eine Kerze in der Hand, und unter dem Arm eine Vulgata trug; man hatte ihm einen ungeheuren Rosenkranz als Zaum um den Hals gelegt, an welchem ihn zwei Missionare wie ein Kalb fuhrten. Sooft er aus dem ruhigen Prozessionsschritt in wunderliche Seitensprunge fallen wollte, wurde er mit einer Kapuzinergeissel gezuchtigt, und schrie dann, um seine Zuchtmeister zu versohnen: "Vive le bon Dieu! vive la croix!" So brachten sie ihn endlich mit grosser Muhe zur Kirche, Orgel und Chorgesang erscholl, und der Vorhang fiel.

"Haben Sie nun Genugtuung?" sagte der Marquis zu dem Lord; "was ist Ihr Skandal auf der Borse gegen diesen kirchlichen Unfug? o mein Frankreich, mein armes Frankreich!"

"Es ist wahr", antwortete Mylord sehr ernst, indem er dem Franzosen die Hand druckte; "Sie sind zu beklagen. Aber ich glaube nicht an diese tollen Possen; Frankreich kann nicht so tief sinken, um sich so unter den Pantoffel zu begeben. Frankreich, das Land des guten Geschmacks, der frohlichen Sitten, der feinen Lebensart, Frankreich sollte schon im Jahr 1826 vergessen haben, dass es einst der gesunden Vernunft Tempel erbaute, und den Jesuiten die Kutte ausklopfte? Nicht moglich, es ist ein Blendwerk der Holle!"

"Das mochte doch nicht so sicher sein", sagte ich. "Das Vaterland des Herrn Marquis gefiel sich von jeher in Kontrasten; wenn einmal der Jesuitismus dort zur Mode wird, mochte ich fur nichts stehen."

"Aber was wollten sie nur mit dem Affen in Notre Dame?" fragte der Baron, "was hat denn dieses Tier zu bedeuten."

"Das ist, wie ich von der Theaterdirektion vernahm, der Affe Jocko, der sonst diese Leute im Theater belustigte. Jetzt ist er wohl auch von den Missionaren bekehrt worden, und wenn er, wie man aus seinen Seitensprungen schliessen konnte, ein Protestant ist, so werden sie ihn wohl in der Kirche taufen."

"God damn! was Sie sagen; doch Sie scheinen mit der Theaterdirektion bekannt; sagen Sie uns, was noch aufgefuhrt wird; wenn es nichts Interessantes ist, so denke ich, gehen wir weiter, denn ich finde diese Pantomimen etwas langweilig."

"Es kommt nur noch ein Akt, der mehr allgemeines Interesse hat", antwortete ich; "es wird namlich ein diplomatisches Diner aufgefuhrt, das der Reis-Effendi den Gesandten hoher Machte gibt. Das Siegesfest der Festung Missolunghi vorstellend. Es werden dabei Ragouts aus Griechenohren, Pastetchen von Philhellenennasen aufgetischt. Das Hauptstuck der Tafel macht ein Rostbeuf von dem griechischen Patriarchen, den sie lebendig gerostet haben, und zum Beschluss wird ein kleiner Ball gegeben, den ein besternter Staatsmann, so alt er sein mag, mit der schonsten Griechensklavin aus dem Harem seiner muhamedanischen Majestat eroffnet."

"Ei!" rief der Marquis; "was, wollen wir diese Schande der Menschheit sehen. Ihre Londner Borse war lacherlich, die Prozession gemein und dumm, aber diese ekelhafte Erbarmlichkeit, ich kann sie nicht ansehen! Kommet, meine Freunde; wir wollen lieber noch die Geschichte des Herrn von Garnmacher horen, so langweilig sie ist, als dieses diplomatische Diner betrachten!"

Der Lord und der deutsche Baron willigten ein. Sie standen auf, und verliessen mein Theater, und der Lord sah, als er heraustrat, mit einem derben Fluche zuruck, und rief:

"Wahrlich, es steht schlimm mit der Zukunft von 1826!"

Ende des zweiten Teils

Fussnoten

1 Was der Satan hier ernsthaft und gelehrt spricht, er gebardet sich beinahe wie ein junger Kandidat der Theologie, der seine erste Predigt drucken lasst! Anm.

d. Herausgebers.

2 Diesen Auszug habe ich nicht finden konnen, es musste denn die Einleitung zum Besuch bei Goethe sein. 3 Ganz in der Eile nimmt sich der Herausgeber die Freiheit, den Aufriss des Boudoirs dieser protestantischen Nonne, wie er sich ihn denkt, hier beizufugen; im Fenster stehen Blumen, in der Ecke ein Betpult mit einem gusseisernen Kruzifix; eine Gitarre ist notwendiges Requisit, wenn auch die Eigentumerin hochstens "O Sanctissima" darauf spielen kann; ein Heiligenbild uber dem Sofa, ein mit Flor verhangtes Bild des Verstorbenen oder Ungetreuen von etzlichem sinnigem Efeu umrankt; sie selbst in weissem oder aschgrauem Kostum, an der Wand ein Spiegel. 4 Satan scheint hier zwischen Freifraulein und anderen Fraulein zu unterscheiden, unter jenen versteht er die von gutem Adel, unter letzteren die, welche man den Unterschied auf diese Art zu bezeichnen, sehr unpassend; denn man wird mir zugeben, dass die burgerlichen Fraulein oft ebenso frei in ihren Sitten und Betragen sind, als die echten. 5 Frau von Wollau will wahrscheinlich sagen, "nach dem Ziel der Veredlung" Der Herausgeber 6 Gehen Sie doch! meinen Sie denn, ich glaube daran? 7 Die Fortsetzung dieser Novelle findet sich im zweiten Teile. Der Herausgeber 8 Man erlaube mir hier eine kleine Anmerkung: Wenn ich nicht irre, so ertappt man hier den Satan auf einer grossern Eitelkeit, als man ihm fast zutrauen sollte; gewiss hat ihn nichts anderes gegen jenen verehrten Dichter aufgebracht, als dass er ihn mit etwas lebhaften Farben als hasslich darstellt; diese Bemerkung wird um so wahrscheinlicher, wenn man sich erinnert, dass er oben in dem zweiten Abschnitt selbst gesteht, dass durch seine Inkarnation einige Eitelkeit in ihn gefahren sein; Meister Urian gibt sich ubrigens durch den ubertriebenen Eifer, mit welchem er seine Missgestalt rugt, eine Blosse, die ihm nicht hatte beigehen sollen. 9 Jean Paul. "Flegeljahre". 10 Romane von Cramer. (Der Herausgeber) 11 Die Moglichkeit einer solchen Verwechslung beweist ein Fall, der sich vor einigen Monaten in Ravensburg im Wurttembergischen zutrug. Zwei Zwillingsbruder sahen sich tauschend ahnlich. Der eine totete einen Mann und floh. Er wusste, dass sein Bruder, der in Bregenz in einem osterreichischen Regiment diente, desertiert war. Der Morder wandte sich dorthin, zeigte sich in der Gegend, liess sich als Deserteur gefangen nehmen und viermal Spiessruten jagen. Er diente einige Zeit in der Stelle seines Bruders, bis der Betrug durch einen Zufall entdeckt wurde.

Wilhelm Hauff

Erzahlungen

Phantasien im Bremer Ratskeller

Erstdruck: Stuttgart (Franckh) 1827.

Jud Suss

Erstdruck: 1827 im "Morgenblatt".

Die Bettlerin vom Pont des Arts

Erstdruck: 1827 im "Morgenblatt".

Das Bild des Kaisers

Erstdruck: Dresden 1827 im "Taschenbuch fur

Damen".