1822_Waiblinger_103 Topic 1

Wilhelm Waiblinger

Phaethon

Wilhelm Waiblinger, der mit funfundzwanzig Jahren dahingegangene, an der Pyramide des Cestius schlafende schwabische Romantiker, ist ein Vergessener. Kaum erwahnen ihn die Literaturgeschichten, diese literarischen Friedhofe, in denen so wenig Unterschied zwischen wirklich erstorbener und weiterlebender Dichtung gemacht zu werden pflegt. Was Waiblinger geschrieben, ist keineswegs alles tote Literatur. Aber kein deutscher Verleger unsrer so drukklustigen Tage wagt es, seine unveroffentlichten Briefe und Tagebucher zu retten, geschweige denn eine wurdige Gesamtausgabe seiner Werke zu bringen.

Das vorliegende Jugendwerk des Dichters, 1823 in wenigen hundert, heute bis auf zwei oder drei verschollenen Stucken gedruckt, fehlt in den 1839, neun Jahre nach Waiblingers Tode, von H.v. Canitz veranstalteten "Gesammelten Werken".

Vielleicht ist es dem Herausgeber vergonnt, dem "Phaethon" eine vollstandige Ausgabe der zum Teil noch ungedruckten Gedichte Waiblingers, die selbst neben denen Holderlins ihren seltsamen Silberglanz nicht verlieren, folgen zu lassen.

Dresden, am Silvesterabend 1919,

Dr. Arthur Schurig

[Das Motto des Titelblattes:]

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[Von uraltersher gilt gottlicher Wahnsinn fur

edler denn menschliche Verstandigkeit.

Platon, Phadros, 244 D.]

Friedrich von Matthisson

zugeeignet

Erster Teil

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So schmettre herab zweizackig auf mich

der geschlangelte Blitz, und es zittre die Luft

von des Donners Getos und der zuckenden Wut

des emporten Orkans, [und der Erd' Abgrund

mit den Wurzeln zugleich durchschuttre der Sturm!

Und das wogende Meer, hoch schlag' es empor

in tobendem Schwall,] wo die himmlischen Stern'

hinwandeln die Bahn; in die finstere Kluft,

in den Tartaros, sturze hinab mein Leib,

von des Schicksals wirbelndem Strudel entrafft:

doch mich wird er nimmer vernichten!

Aschylos [Prometheus V. 1043 ff.]

Phaethon an Theodor

Dein Bruder ist jetzt abgereist. Mir ward der Abschied schwer von dem Guten, der wie mein Schatten mir durchs sonnige Italien folgte. Ewigunvergesslich wie meiner Kindheit Tage ist mir der Abend, wo wir zum erstenmal die Alpenfirnen wie Trummer einer Urwelt glanzen sahn, und gleich gebandigten Titanen die Nebelwolken unten lagen im Tale, und oben die milchweissen Stirnen vom Purpur der Abendsonne gluhten wie bescheidene Madchenwangen, und die Riesenlawinen donnernd von jahen furchterlichen Hohn herab sich walzten, wir uns im Arme lagen und bei Tells und Arnolds Vaterland uns ewige Freundschaft schwuren!

Und als wir gingen auf den sieben Hugeln und wandelten zwischen den schaurigen Gestalten der hohen Vorwelt und sahn, wie um die alten dustern Mauern sich der jugendliche Efeu rankte; als wir sassen an den Ufern der blonden Tiber und ihrem Wellenschlage lauschten, und es aus den Wassern erklang zu uns, den Spatgebornen, wie eine ernste mahnende Stimme, als wir wandelten durch die langen Hallen, wo schweigend unsre alten Gotter standen, und wir uns anblickten und uns in die Arme sanken, ach, da wo jeder graue moosbewachsne Trummer, wo jedes Saulenstuck, wo jeder Grashalm an den finstern Mauerrissen, wo alles, alles zu uns sprach: da fuhlten wir schwellen unsern Busen. Die Ahnung floh, und es ward klar vor uns. Unser Auge schwamm in Licht und Fulle, und wie eine gottliche Erscheinung sahn wir niederquellen den Geist der Schonheit. Wir fuhlten unsern Beruf und den Drang in unserem Innern und knieten nieder und riefen: Dir, heilige Kunst, dir weihn wir unser Leben!

Ach, und nun bin ich langst wieder ferne von dem Lande und bin so ganz allein! Niemanden hab ich, den ich an meinen Busen schliessen konnte, warm und innig, wie ich's mochte, keine Seele! Theodor, das ist viel!

Und weisst Du, was es ist, das mich allein noch trostet? Es ist der Geist der Natur, die in ihrer ruhigen Fulle vor mir liegt wie meine alte glucklichere Welt!

Ich sollte sehen, wie sich alles draussen regt und tausend lebensvolle Keime schwellen, und Eins sich liebend an das Andre drangt, und sollte dennoch klagen?

Ach, die Kinder! Die schweben durch ihr Leben wie goldne Wolkchen durch das Morgenrot. So heiter ist noch ihr Blick und so unbewolkt wie der blaue Himmel, und ihre Seele rein wie die Luft. Ein Kind zu sein, das ist ein Gluck! Wissen die Kinder etwas vom Himmel? Und doch ist der Himmel nur in ihnen. Ein Kind ist sich selbst genug in seiner Fulle. Warum bin ich denn das nicht?

Phaethon an Theodor

Ich habe nun eine neue Wohnung gemietet. Ein kleines Hauschen bewohn' ich ganz allein. Hat Dir eine so angenehme Lage draussen vor dem Dorf am Abhang eines kleinen Rebenhugels! Man hat eine weite Aussicht durch die engen Fensterscheiben. Zu einer Seite liegt das freundliche Dorf und druber hin auf dem grunen Wiesengrund ein paar andre; dann zur andern Seite liegt das Waldgebirge, und unter ihm auf jaher Felswand glanzt im Abendlicht die Burg.

All den vielen Kram hab ich weggeschafft, und es steht jetzt nur noch mein Amor und mein Klavier in dem grossern Zimmer, worin ich arbeite. Daneben ist ein anderes, worin ich schlafe.

Meinen Homeroskopf hab ich ans Fenster gestellt zur Morgenseite. Der erste Strahl der alten heiligen Sonne verklart das Angesicht des grauen Sangers. Mir ist's oft, als ob er lebte, wenn ich erwache und der Alte gluhet!

Und solltest sehen, wie schon! Draussen um die Wande krummen sich Traubenranken, und die schonen grossen Blatter breiten sich geschlangelt bis ans Fenster! So nah hab ich die Natur!

Mir ist auch wohl dabei wie dem Saugling am vollen Mutterbusen.

Innen sieht's freilich nicht so schon aus! Da liegen die paar Bucher, die ich noch habe, zerstreut umher wie die Gedanken in meinem Kopfe. Du lachelst und sagst vielleicht: War ja von jeher alles untereinander! Du hast Recht. Es ist mir auch nichts so zuwider als ubertriebene Regelmassigkeit.

Phaethon an Theodor

Mit meinem Amor bin ich bald zu Ende. Er lachelt mich an wie eine bessere Zeit. Ich gehe nicht balder zur Grafin hinuber, bis ich ihn fertig habe.

Es wird mir schwer werden zu scheiden von ihm. Meine Arbeit ist mir uber den Kopf gewachsen. Mit jedem Meisselschlag ist sie weniger mein. Sie ist mein Schopfer, nicht ich der ihre.

Mir wird's oft wunderbar. Ich weiss nicht, woher ich sie habe, diese quellenden trunkenen Augen, diese sanftgeblasenen Formen an der weichlich uppigen Gestalt. Als hatt' es mir ein Gott eingegeben.

Des Abends wandl' ich den Hugel hinan. Wie ein Riese steht droben eine alte lange Eiche und streckt wie starke Arme die breiten Aste auseinander. Mir ist's als ob mich zarte liebe Geister umwehten, wann der Abendwind durch die Blatter sauselt. Da hab ich meine schonsten Stunden. Ich lese meinen Homer oder auch einen Chor aus den alten Tragikern. Ach, und wenns dann still wird umher und immer stiller, und durch die dunkle Eiche der letzte Strahl der warmen heiligen Sonne meine gluhenden Wangen kusst wie der Mund eines Madchens, wenn die grauen Wolkchen im goldnen Meer der Abendrote schwimmen wie zarte verfliessende Bilder der Vergangenheit, und das linde Wehn der kuhlen Lufte so zartlich liebend in meinen Locken spielt, und wenn dann allmahlich im blassen Duft auch die fernen Berge zusammenschwimmen mit dem Himmel wie eine Seele mit der andern, und der Nebelflor auch uber dem Tale wallet, und die Abendglocken so voll wie mein schwellend Herz aus der Ferne klingen, ach, da wein' ich wie ein Kind und drucke den lieben Homer an meine Brust und benetz' ihn mit meinen Tranen, und die Natur, die ewige, die liebende, lachelt mich an wie eine Mutter. Dann fullt sich mein Inneres an mit einer unendlichen Wonne, und ich fuhle jeden Pulsschlag der lebendigen Natur und wandle dann wieder so hinunter.

Phaethon an Theodor

Welches ist das Land, Theodor, wo der Segen der Gotter in Fulle herabtraufelte und die Natur sich entfaltete in den reichsten vollsten Gestalten, wo die Menschen schon waren wie ihre Gotter und heiter und frohlich wie ihr Himmel, wo Weisheit und Schonheit sich wie Schwestern mit bluhenden Armen umschlangen, und der Geist sich regte so klar, so hell? Es gab nur e i n Griechenland.

Sieh, ich mochte mich an eine Brust werfen und meinen Schmerz ausweinen in blutigen Tranen. Denn ach, es gibt kein Griechenland mehr! Verloren, ewig verloren wie die Tage der Unschuld!

Warum bin ich nicht zwei Jahrtausende fruher geboren? Glaubst Du nicht, um ein einziges Jahr gab' ich dann all die vielen Jahre dahin, die ich verlebt habe?

Wie sich die Welt abspiegelt in diesen ewigjungen Geistern, rein und heiter wie die Gewasser, die ihres Landes lachende Ufer umrauschen!

Was ist heiliger als die Natur, und wo war sie gefeierter als in Griechenland?

Da kannte man nicht jene lacherliche Verachtung des Lebensgenusses, mit dem sich bei uns die Manner brusten, die rauh sind wie der Boden, der sie tragt, und finster wie die Eichenwalder, um die sie hausen.

Selbst der trotzige Aias nimmt noch Abschied vom lieben Licht der Sonne und von den Quellen und Flussen und Bergen, eh er das Schwert sich in den Busen stosst. Er findet die Erde noch schon und will doch zu den Schatten.

Hat den ersten Deutschen in Hyrkaniens Waldgekluften nicht ein Bar gesaugt? Merkt man's doch den Romern an, dass ihr Stifter nicht die Milch aus einer Menschenbrust gesogen!

Was kann auch werden bei uns? Unser Land ist ein Gewachstum aller Nationen. Gab's nicht in Griechenland auch viele Volker? Es gab Athener und Bootier und Korinther und Spartaner; aber wenn sie zu Elis sich versammelten, war alles e i n Volk, alles e i n e Seele!

Mir wird's oft bange unter diesen Menschen, wo eine solche Kluft den einen von dem andern trennt.

Und was sind das fur Begriffe von Schicklichkeit! Theodor, ich mochte mich zu Tod argern, wenn ich sehe, wie's Menschen gibt, die lieber die Welt durch ein umflortes Glas ansehn und andre verdammen wollen, die der lieben Sonne ins Angesicht schauen. Solche niedre Seelen, die nie aus dem Gleichgewichte kamen, weil jeder Schwung fur sie zu kuhn war, die sich leicht beherrschen konnen, weil sie nicht viel zu beherrschen haben, die jedes warme schmerzliche Gefuhl verbannen, weil sie's an ihrer kalten Arbeit stort, die wollen ein leidend Gemut, das ringend auf dem sturmbewegten Meere treibt, vom Hafen aus verlachen? Ach, das ist leicht!

Und wo offenbart sich tiefer das Gemut, als wenn es leidet? Und muss es nicht leiden?

Phaethon an Theodor

Unser Himmel ist nicht fur die Kunst. Uns glanzt die Freiheit wie der Dioskuren Liebe nur als ein matter Stern am Himmel. Wo sind die Hirten der Volker?

Die unbeschrankteste Freiheit fuhrte dem gottlichen Aristophanes wie ein launiger Genius den kuhnen Griffel.

Die Griechen kannten nicht, was wir Gelehrsamkeit nennen. Der junge frische Geist ward nicht durch Formen ausgetrocknet. Das heitere Gemut erschwoll am Busen der alliebenden Natur. Darum lernten sie auch fruher denken.

So wuchsen sie auf, schon und voll wie die Rosen, ein erhabenes Geschlecht, wurdig, abzustammen von den Gottern.

Und ist nicht alles bei ihnen der Abglanz ihrer Schone? Ihre Werke sind schon wie sie selbst.

Die Religion spiegelte ihre Schonheit wie ein silberklarer Quell zuruck. In ihr beschauten sie ihr gottlich Bild. Aus ihr schopften sie diese Fulle herrlicher Gestalten und fullten ihren Himmel an mit Gottern, schon wie sie.

Die Religion ist's ja, die der Kunst das Auge trocknet, wenn sie weinet uber die ersehnte Urschonheit in ihrem hochsten Glanze.

Die Religion reicht der Kunst mit dem warmen aber keuschen Kuss ihrer Lippen die Weihe, der Menschheit das Gottliche darzustellen im schonen Bilde. Sie sind die innigsten Freundinnen und drukken sich ewig an den Busen.

Das ist's, wenn Sokrates, der Gottbegeisterte, den Kunstler nur fur weise halt, und der tiefe Pindaros den Sangergeist nur Weisheit nennt!

Die Natur, die ewige, die wandellose, war der Gott der Griechen, und Gott ist's, der aus allem, was sie schufen, spricht.

Wir Griechen, sagte der ernste Thukydides, streben nach der Schonheit, ohne viel Anstrengung, und nach der Weisheit, ohne dass wir weichlich werden. Das sagt Thukydides, und klarer hat das Wesen des menschlichsten und gottlichsten der Volker niemand ausgesprochen!

Die Griechen sind Kinder, hochstens Junglinge.

O herrlich gottlich Land, wo Weisheit, Starke, Schonheit wie drei Gotter wohnten, wo aus dem zarten weichen Knaben der schone Jungling wie ein junger Gott emporwuchs, und aus dem Jungling des Mannes hoher Bau wie aus der vollen Knospe der Stamm sich entwickelt; der Mann mit seinen starken Gliedern, mit der hohen Brust, in der die gottlichen Entwurfe reiften, wo das Geschlecht, das ewigkraftige, gewandt sich auf der heiligen Rennbahn trieb, den schonen Olzweig sich um seine Schlafe wand und ewigrege wie des Springquells Saule sich jene volle Heldenkraft erwarb, mit der es den Barbaren niederkampfte!

Phaethon an Theodor

Ich wandelte gestern durchs Gebirge. Es ist ein hohes mannliches Gefuhl, zu schreiten durch diese alten Rieseneichen. Es scheint, als ob die Natur diese gewaltigen Stamme zum Beispiel fur den Menschen schuf. Strecken sie sich nicht in die Lufte wie Titanen, und wandelt der Mensch nicht wie ein Zwerg unter diesen kuhnen ragenden Gewachsen? Aber ach, auch die Eichen stehn nicht fest. Ich stand an einem tiefen Gekluft. Durch ubereinander geworfnes starrendes Gestein und hohes Waldgebusch schob tosend in dem Abgrund sich ein Giessbach fort, rasch, unaufhaltsam wie das Leben des Menschen; und aus den Wurzeln vom Sturm gerissene Eichenstamme lagen in wilder Zerstorung uber die Schlucht hin. Eine dunkle Masse schattender Tannen hob sich in dustern Gruppen an dem Abgrund, und eine gewaltige Felswand ragte druber hinaus wie die finstre Stirn eines alten Gottes. Da dacht' ich mir den Titanen Prometheus an die graue ungeheure Felsenwand geschmiedet, und grausend ging ich meinen Weg voruber. Und wie ich nun auf einem einsam steilen Bergpfad eine Stelle fand, wo furchterlich jah der Fels hinabschoss, und schlankstammige Eichen uber mir sich wolbten, und ich durch das wildverschlungene Gezweig ins tiefe Tal hinabsah wie in einen Kessel; und druben die waldbewachsenen dunkeln Bergesrucken, das Rauschen der nahen Wasserleitung und das einsame Flustern des Windes in den geschuttelten Asten, und aus dem tiefen Forst den schallenden Hammer der Steinbrecher, durch die Finsternis hin das verwitterte Ruingestein der zerfallenen Beste! Theodor, mir fuhr ein Schauer durch die Brust, wie ich so klein mich sah unter diesen riesigen Gestalten!

Ach, und das Traurigste folgt noch! Die Sonne brannte gluhendrot durch die vergoldeten Eichenwipfel, und ich wandelte wie im Schwindel meinen Pfad dahin.

Da hort' ich eine Stimme. Mir fuhr's durch Mark und Bein, und wie ich schnell mich umsah, erhob sich ein alter Mann von einem Trummer und wankte langsam wie ein schuchterner Geist auf mich zu. Seine Locken waren weiss wie der frische Schnee und seine Stimme wie eines Abgeschiedenen. Da fasste mich ein noch tieferes Graun. Der Alte bettelte. Theodor, er war achtzig Jahre alt! Ich stand vor ihm wie ein Gerichteter. Was suchst du noch auf der Welt, dacht' ich und warf ihm schaudernd etwas in den Hut. Ich rannte weiter. O Lieber, das hat mich furchtbar gestimmt! Wenn's nur einst hinuberginge von der Fulle ins Nichts wie eine lohe Feuersaule! Aber so! Nur stufenweise! Weiter und immer weiter! Theodor, wie mir der Mann seinen Segen mit Freudentranen nachwinselte und rief, bis ich ihn nimmer horen konnte! Der Alte dem Jungen! Gott! Wie war mir's? O, was ist all unser Leben?

Phaethon an Theodor

Ich hab einen Menschen kennen gelernt, der mir sehr gefallt. Schon lange her ist's, dass ich ihn taglich vorbeigehen seh' an meinem Hause. Er grusste mich immer freundlich. Er hat ein wahrhaft griechisches Profil, ein paar runde lebendige Augen, einen sanften, fast schmerzlichen Mund und einen schonen edlen Gang. Heut rief ich ihn, wie er wieder vorbeikam. Er ware auch lange schon gern mit mir bekannt gewesen und fasste doch nie den Mut, mich anzureden. Mein Amor macht' ihm gar viel Freude. Er erzahlte mir allerlei von der Grafin Cacilie und von ihrer Tochter. Das mussen herrliche Menschen sein. Man kennt sie aber nicht viel in der Gegend. Letzthin sah ich ihr Haus auf meiner Wanderung durchs Gebirge.

Es ist ein wunderbar Gefuhl, das mich uberwallt, wenn ich diesen schonen Jungling ansehe. Ich hange mit einer schwarmerischen Neigung an diesem seltsamen Menschen.

Phaethon an Theodor

Ich begreife, Theodor, wie die Griechen schone Knaben und Junglinge lieben konnten.

Denk' an die susse Trunkenheit, womit das Vollgefuhl der unendlichen Lebensglut ewigkeimender Natur im Morgenglanz ihrer jugendlichen Schonheit ein zartempfindendes Gemut uberschuttet! Und gibt's in unserm rauhen Norden Geister, die so vom Gefuhl der heiligen Naturschone uberwaltigt werden? Wie allmachtig war diese Empfindung unter dem sonnigen Himmel jenes glucklichsten der Volker, dessen Einheit mit dem Naturgeist, dessen zartempfanglichen Sinn fur jede Beruhrung der stummlebendigen Welt jene Orgien, jene Orakel, jener geheimnisvolle Demeter-Dienst und jene tausend Mysterien bezeugen, von denen uns kaum noch eine matte Ahnung in dustern und unheimlichen Phanomenen zuruckblieb. Diese schopferische Herrlichkeit und Blutenfulle der beseelten Natur war es, was die Griechen aus der Schonheit mannlicher Jugend mit unwiderstehlicher Gewalt ansprach. Es war eine wunderbare anbetende Liebe.

Und ist die mannliche Jugendschonheit im Glanze der Tatkraft und der Freiheit nicht mehr als die Pflanzennatur des Weibes, die grosstenteils doch nur das Bedurfnis mit ihren Reizen uberkleidet?

Sieh den Dionysos an, den jugendlichen Gott der schaffenden Natur! Wie eine Jungfrau senkt er schmachtend die uppigvollen Augen nieder; die zarten Glieder schwellen wie die Trauben, die seine reichen Locken kranzen, und rein und bluhend ist die Schonheit uber all sein Wesen wie ein einziger linder Hauch gegossen.

Das Leben der griechischen Junglinge war wie ein ewiger Kuss. Begreifst Du, wie man einen Kuss von Chamoleos um zwei Talente bezahlte?

Mich dunkt, der Hippolytos des Euripides klare daruber auch die dunnsten Kopfe auf. In diesem heiligen Gemut spiegelt sich der Ather ab, der reine wolkenlose. Er ist schon wie der Mond und keusch wie seine Gottin. Ihr ist sein Busen nur geheiligt, und der Madchen liebeschmachtendes Auge ubersehend zieht er mit Genossen und Hunden jagend durch die Walder. Er ist eine mannliche Artemis.

Ist ja der Mann der Sohn der Sonne, aber das Weib die Tochter des Mondes.

Theodor, so etwas versteht man nicht mehr. Denn die Welt altert.

Phaethon an Theodor

Nicht wahr, nur in Griechenland war's moglich, dass eine Phryne vor den Augen aller Griechen ins Bad stieg und wie die susse Gottin der Wollust und der Liebe aus den Wellen tauchte? Wo feiert ein Volk noch Wettspiele in der Schonheit?

Die jungfraulichen Leiber, die auf den Hohn des Eryx sich dem Dienst der Aphrodite weihten, hiessen heilig.

Und was gilt korperliche Starke noch bei uns? Welcher Geist war gottlicher als der Geist des Platon? Und Platon rang in den heiligen Spielen des wellenumrauschten Isthmos.

Aus der Gymnastik entsprang die erhabene Todesverachtung eines Harmodios und Aristogeiton, und Freiheit und Freundschaft erhoben sich aus ihr wie Bluten aus dem gesunden kraftigen Stamme. Wie ein Schleier umhullte der gewandte schone Korper den ewigjungen Geist. Weisheit und Tapferkeit waren wie Blumen, die aus e i n e m Stengel bluhen. Wir fuhlen nur halb des Lebens Kraft und Schone; denn seine andere Halfte, der Korper, ist fur uns verloren. Wir staunen die Werke des Altertums an wie unglaubliche Riesenschopfungen, aber die Quelle, woraus der Geist der Alten floss, bemerken wir nicht.

Der Geist des gottlichen Pindaros ruht wie eine unermessliche Eiche uber den griechischen Kampfern, in deren Schatten sie den Schweiss sich trocknen von der freien Heldenstirn. In seinen feuertrunknen Gesangen liegt das Geheimnis griechischer Erziehung. Kein Grieche spricht den Geist seines Volkes mehr aus in seiner Kraft und Fulle wie er. Alle Strahlen griechischer Vollkommenheiten sind in ihm gesammelt und wie zu e i n e r grossen Sonne geworden.

Meine seligsten Stunden bracht' ich im Antikensaale zu. Schon als ein kleiner Knabe, wo mich die Zukunft wie ein zarter Geist umsauselte, wo ich mit kindlichheiterm Sinn nur nach dem Nachsten griff, ach, wo mich all das, was ich jetzt erkannt, wie eine dunkle Ahnung noch umspielte, vergass ich lachelnd Gegenwart und Zukunft und kniete staunend in dem heiligen Raume. Da hing an den weissen Gestalten der hohen Vorwelt mein trunknes Auge selig und begeistert. Der alte grosse Gottervater, dess majestatischhohe Stirne die Wellen des wildaufwallenden Gelocks umfliessen, in all seiner Herrschergrosse aus dem tiefen Auge blickend und doch so liebendvaterlich, so wurdigmild wie der Geist, der ernste alldurchblickende! Und wie das Gemut ihm gegenuber der Liebe schmachtend susse Gottin in ihrer uppigbescheidnen Schone, mit ihrem holdlachelnden Auge, mit ihrem vollen gewolbten Nacken, mit ihren weichen schwellenden Gliedern, wie ins Morgenrot getaucht! Hier wie die aufquellende Kraft, des erhabenen Vaters ahnlichster Sohn, der jugendlichstarke Apollon, in stammender Anmut seines Zornes, und neben ihm seine Schwester, die schone keusche Jagerin, leichtschwebend wie ein schlankes Reh, den Boden kaum mit ihrem Fuss betretend! Hier die kolossale Gestalt der hoheren Athene, das tiefe Bild der ernsten Massigung, mit jungfraulichem Ernst die grossen Augen auf die Erde kehrend, und neben ihr wie Ungestum bei Weisheit der junge trotzig wilde Gott des Krieges, mit kuhnem Selbstgefuhl die hochgewolbte Brust geschwellt! Theodor, ach da schwanden mir die Sinne, dem knieenden Knaben, und alles graute mir vor meinem Blick, und grosse heilige Tranen schwammen mir im Auge, und schauernd fuhlt' ich ihn wehen durch die stillen Gestalten, den Geist der Fulle, Massigung und Schone.

Phaethon an Theodor

Des Morgens bin ich gern im Freien. Da schliesst sich mein Busen wieder auf wie die Blumenglocken auf der Wiese. Mein ganzes Wesen ist so frisch wie das taubesprengte Gras. Ich lieg' oft stundenlang unter meiner Eiche auf dem Hugel und hor' all das geschaftig rege Treiben umher mit einer wunderbaren Wonne. Ach, und Du weisst nicht, was sich da fur Gedanken regen, wenn ich hinuberseh' auf die vielen stillen Dorfer. Ich mein', ich musse dort etwas suchen, und weiss doch nicht was. Dann ergreift mich ein nie gefuhltes Sehnen. Hinuberdrangt's mich, hinuber! Und ich strecke meine Arme aus, als wollt' ich eine Braut umfangen, und weine hinuber in die blauen dammernden Fernen. Ach, sie lacheln mich so lieblich unschuldig an wie die Wangen eines Kindes.

Oft uberrascht mich mein Johannes so heisst jener schone Jungling, von dem ich Dir geschrieben und setzt sich zu mir und trauert mit mir. Ich sah's ein paarmal schon, dass sein Auge blinkte wie der Tau auf der Blume, und er sich zur Seite wandte und die Tranen sich abwischte. Er muss auch einen Kummer auf seinem Herzen haben.

Ach, wozu fuhrt mich noch all das unbegreifliche, unaussprechliche Sehnen? Ein Etwas blickt mich oft an wie die bescheidenen Stahlen der Morgensonne und umweht mich wie der buhlende Wind. Da ist's mir, als ahnt' ich etwas Grosses, Heiliges, das da kommen wird. Theodor, denke Dir, was Du willst!

Phaethon an Theodor

Oft wenn ich erwache bei Nacht, da seh' ich meinen Amor vom Mondlicht wie von einem zarten innigen Leben gluhend, und es ist mir dann, als ob das stumme Bild mehr als toter Marmor ware.

Warum will die Jugend immer nur das Grosse? In ungeheuren Schopfungen will sie sich offenbaren; und was ist mehr, die Riesengestalten Agyptens oder die stille gemassigte naturliche Schone der Griechen?

Die Kunst der Griechen ist wie das wellenlose spiegelklare Meer. Sie ist immer heiter. Der schone Himmel Griechenlands ist uberall abgespiegelt. Aus allem lachelt das Leben, wie bei uns aus allem der Tod. Denn was ist es anders, das uns anhaucht in dunkeln Schauern aus den unendlich verzierten und verschnorkelten Strebepfeilern, Gewolben und Bogen, den hohen bemalten Fensterscheiben, den unzahligen Nischen und Spitzgebaudchen, den Kruzifixen, Blumen und Heiligenbildern des gotischen Domes als der Tod? Ich will es nicht tadeln; aber ist das heitere Spiel des Lebens und der Schonheit nicht mehr als der schaurige, ewig aus den gespensterartigen Formen hervortretende Geist des Grabes?

In allen Werken der Alten ist Ruhe, die Schwester der Grosse. Das Kolosseum wie die Siegesgesange des Pindaros sind riesengross; aber ein ruhig stiller Geist spricht aus dem Bau der Steine wie der Strophen.

Mass in Fulle, und Fulle in Mass, das ist das Wesen der Griechen wie uberhaupt das Wesen der Kunst.

Auf der Stirne des Zeus strauben sich die Locken wie die Mahne eines Lowen und strudeln uber die Schlafe hinunter; aber die Miene des Weltgebieters ist mild. Und schuttelt er nur die Locken, so zittert Himmel und Erde.

Ich kann Dirs nicht verbergen: auch mich ergreift noch das Gigantische, das Mass Uberschreitende. Der verlassene, auf der Heide mit den emporten Elementen kampfende Lear war' ein Vorwurf fur mich. Aber lass nur die Wogen sich baumen! Dann besanftigt sich das Meer schon wieder.

Das ist eben das Grosste, dass bei den Griechen alle Werke e i n Geist beseelt.

Stelle Dich vor den Laokoon und erkenn' in ihm den tiefen Geist der Ruhe des Sophokles. Er hat den Knoten der Begebenheiten wie der Schlangen geschlungen.

Wie der gewaltige Pheidias nur das Riesenmassige liebte, so geht auch Aschylos uber das Gewohnliche hinaus, und sein hoher machtiger Geist regt sich wie im alten Reiche die Urgotter. Die Gestalten des Sophokles haben die Rundung des vatikanischen Apoll; aber sie sind noch keusch wie die Tochter Latonas. Im Euripides schweifen sie ins Weichliche, Uppige hinuber wie in den rundlich schwellenden Formen des Dionysos. Wenn der Blick an den ubermassigen Formen des Pheidias und Aschylos aufgehalten wurde, so gleitet er ruhig und selig uber die liebliche Fulle des Sophokles und des Antinoos hin.

Es ist alles Einheit und Harmonie bei den Griechen.

Phaethon an Theodor

Ach Theodor, warum bin ich so allein?

Sieh, ich weiss oft nicht, wo's noch hinaus will mit mir, wenn ichs denke. Da klopft, da gluht mein Herz, und mein Klavier ist dann mein einziger, mein schmerzlich susser Trost. O, es ist etwas Grosses, Gottliches, sein Inneres so ganz wiederklingen zu horen, wie's kaum von einer harmonischen Seele klingt.

Diese Fulle in meinem Busen und all das Sehnen! O Theodor, mein Herz blutet!

Ware nur erst die Kunst meine Braut und die Welt die Rosenlaube, worin ich sie umarme! Aber ach, ich fuhle mich noch so gering, und viele, die mich kennen, verstehen mich nicht.

Nach Taten durst' ich wie nach dem starkenden Labequell der erhitzte Wanderer.

Und was soll ich auch tun? Das Land, wo ich am liebsten wandeln mochte, steht da wie eine verlassene Welt.

Kein Ahorn umschattet mehr am Ilyssos die heiligen Bilder der Nymphen und des Acheloos, und keinen schonen Jungling bezaubert Sokrates, der gottliche, mehr an den grunen Ufern durch seine erhabenen Lehren. Artemis, die Keusche, spielt nimmer mit den Nymphen am lorbeerumwehten Eurotas. Wo sind die Tauben in Dodonas uralten Eichenwaldern und ihre wunderbaren Saulen? Die Gotter flohen, und halbzerbrochne Saulenschafte, verwitterte Marmorblocke unterm Schatten der Platanen deuten allein noch schaurig auf die alten Tempel.

O, hinanrennen hatt' ich mogen das Olympische Stadion und siegen, Theodor, dass der Olzweig meine Stirne kranzte wie ein Abendwolkchen die goldnen Bergesscheitel.

Warum erinnert mich auch alles daran, dass ich allein bin auf der Welt?

Vor einigen Tagen kam Johannes zu mir. Seine Miene war ungewohnlich heiter; seine Gebarden hastig und munter. Mir fiel es auf. Es war ein schoner Morgen, und wir gingen ins Freie. Johannes ward immer reger und fast wild. Wir setzten uns endlich auf einem Hugel nieder. Lange waren wir still, und jeder erwartete, dass der Andere zuerst sprechen werde. Johannes, was ist Dir? sagt' ich leise. Er schwieg. Da ward ich noch stiller. Ich fuhlte mich beleidigt. Der Unmut schwebte wie ein finstres Gewolke uber meine Seele. Theodor, Du weisst ja, wie ich bin! Ich kenne kein Mass, und weil mein Herz so unbegrenzt liebt, so fordr' ich es auch von andern. Ich stand auf und sah den Hugel hinunter.

Da fuhlt' ich ihn an meinem Hals und seinen Arm wutend um mich geschlungen. Ich sah ihn an. Die ganze Fulle seiner Seele schwamm in hellen Tropfen durch sein Auge. Phaethon! schluchzt' er, ich lieb' ein Madchen, und sie liebt mich wieder! Ich sah ihm durch alle Winkel seiner Seele und presst' ihn an meine Brust und rief: Vergib mir, guter biederer Johannes, vergib mir!

Wir setzten uns. Er erzahlte mir, wie sie einander lieben und wie so ganz eins sie seien und zusammenschlugen gleich zwei gluhenden Flammen. In seinen Augen, voll von Tranen und vom sonnigen Lacheln der Liebe, glanzt' ihm wie ein Regenbogen die trunkene Begeisterung. Ich musse sie sehen, rief er immer nur, wie schon, wie liebenswurdig sie sei.

Und wie ich heut etwas spat nach Hause kam und durchs Dorf wandelte, und alles schon still war, und ich an die grosse Linde kam, da tritt er mir entgegen und hat sein Madchen an der Hand. Das ist sie, Phaethon! lispelt' er leise wie der Abendwind, der durch die Blatter der Linde sauselte. Die schone kleine Blondine blickte verschamt zur Erde und wollte seine Hand fahren lassen; aber er hielt sie fest, und sie blickt' ihn jetzt so wunderbar an. O Theodor, ich habe noch nie die Liebe so in einem Auge gesehen! Ich gab dem Madchen die Hand. Sie nahm sie schuchtern, und ich sah, wie sie die Hand des Geliebten angstlicher und starker druckte. Wir blieben noch fast eine Stunde unter der Linde sitzen. Lieber, o was ist all unser Treiben gegen eine solche Begeisterung! Du hattest sie sehen sollen, wie sie da sassen, die Liebenden, Arm in Arm, und eins dem andern in das nasse Auge blickte! Theodor, ich habe die halbe Nacht durchweint.

Phaethon an Theodor

Ich musste einen Menschen kennen lernen, der auf sein Wissen sich gewaltig viel zu gut tut. O, wie sich die Menschen nur einbilden konnen, sie wussten etwas. Das ist der Fluch unsrer Zeit, dass sie ewig nur belehren will mit geschichtlichem Wissen! Es ist sundhaft, so elend sein Leben zu verschleudern. Wo die Vernunft, der uberirdische Funken, sonst frei aus ihrer Tiefe wie aus Apolls Priesterin Orakel sprach, da soll der tote Buchstabe ersetzen ihr Licht und ihre Kraft? Sie erkuhnen sich auszumessen den Umfang der Sonne und vergessen druber, wie die Heilige alliebend uns wie eine Mutter an ihrem Busen voll Warme halt. Die Armen! Weil sie an der Flamme sich die Hand verbrennen, so fassen sie die Asche mit den Handen!

Und gleichen solche Menschen nicht dem Knaben, der Licht will, am Herd, auf dem das heilge Feuer brennt, vorubergeht, und die Lampe ins kalte Wasser taucht, worin gleich einem Traum das Feuerbild des Mondes schwebt?

Was die Hand erschafft, wird nur durch sie bewegt. Ohne ihre Kraft ist es tot. Solche Menschen lieben das tote Werk mehr als die lebendige schaffende Hand.

Wenn's nur etwas zu scheiden, zu zerschneiden, abzuteilen gibt! Selbst das Unermessliche messen sie. Wo etwas Ganzes, wo e i n e Fulle waltet, da kommen sie mit Fachern, Teilen, Geschlechtern, Arten und Gattungen. Ihr Toren! Warum zerspaltet Ihr den Korper? Wisst Ihr denn nicht, dass der Geist, das unsichtbare gestaltlose Wesen, Euch unter den Handen entwischt? Was wollt Ihr machen mit dem seelenlosen Korper, wenn Ihr ihn getrennt? Ihr hebt ihn auf als eine Mumie; denn das Tote liebt Ihr ja!

Das ist, wie sie's heissen, ein systematischer Weg. Aber wer fasst den Grundsatz aller Philosophie, den Einzigen und Ewigen, in Worte? Im Leben sucht ihn und nicht in Buchstaben, Zeichen und Zahlen! O, dieses verfluchte Wissen! Unselige Gesichte, Fratzen und Blendwerke lasst es dem Getauschten wie Bankos Konigsstamm voruberschweben.

Die Wissenschaft ist gar nichts anders als ein toter Korper. Bringst Du den Geist, bringst Du Dich selbst nicht hinein, so hast Du ewig nur ein totes Maschinenwerk.

Was soll auch das ewige Lesen und Schreiben? O konnt' ich nur wirken, Theodor, und handeln auf eine schickliche Weise! Und glaubst Du mir nicht, eine sehende Begeisterung, eine gluckliche Ahnung ist am Ende doch das Hochste?

Jene ewige rege Spannkraft des ungeschwachten Geistes, die sich der Grieche aus seinen Gymnasien erwarb und aus der innigen Gemeinschaft mit der Natur, jene Harmonie des Korpers und des Geistes ist's, was uns soweit zurucksetzt gegen die Alten.

Freund, mit Einem alle meine Bruder zu umarmen, und Bruder sind wir alle! die Menschen sind, alle zu schliessen an diese gluhende Brust, und e i n s zu sein mit allen in einem Kuss, das ist mein gottlichster, mein menschlichster Gedanke!

O, die Harten, die auf dem Markte wandeln mit der Laterne und sagen, sie suchten Menschen und fanden keine! S i e sind keine Menschen; denn sie fuhlen nicht menschlich. Das ist der torichte Ubermut eines eingebildeten Narren, sich selbst allein fur einen Menschen zu halten unter so vielen. Und das war moglich in Griechenland?

Der brave Mann, der seine Felder baut mit demselben starken Arm, mit dem er Weib und Kinder treu ernahrt, sein angebetet Vaterland verteidigt, er ist als Mensch so viel wert als der bleiche Sohn des Wissens, und mag der Tor in seinem Wahn den frischen Sohn des Lebens auch verachten.

Phaethon an Theodor

Es gibt eine gewisse Saite in meinem Innern. Wer sie zu stimmen weiss, hat mich gewonnen. Wer sie aber anruhrt mit tappischen Handen, der lasst einen ewigen Missklang zuruck. Katon hat sie getroffen, der Verwalter der Grafin. Gestern Nachmittag stand ich vor meinem Amor und glattete mit der feinsten Feile noch manche Harte. Der Geist meines Bildes schwebte mir in seiner Vollendung vor Augen. Da klopft' es an die Tur, und wie ich sie offnete, stand ein Mann vor mir, gross, mit breiten Schultern, einer vollen Brust. Zwischen einem starken Bart lachelten ein Paar zarte Lippen hervor; aber das Auge spruhte dumpfe Funken unter den starken Brauen. Es war der Verwalter Caciliens. Ich bot dem schonen stolzen Mann einen Stuhl.

Katon stand vor meinem Bild. Ich hatte meinen Arm gelehnt ans Fenster. Lange sah er stumm die Figur an. Ich wagte kein Wort zu sprechen.

Es wuchsen die Flammen in seinem Auge, und eine dustre Ahnung schwebte wie eine Wolke um seinen Mund.

Ihr Bild gefallt mir! sprach Katon endlich. Ich errotete.

Wie bildeten Sie diese jugendlichen Formen? Haben Sie bei uns solche Natur gefunden? erwidert' er.

Nirgends! seufzt' ich, und ein unwillkurliches Ach! entfloh meinen Lippen. Er fasste mich fester ins Auge.

Nur unter Griechenlands gemassigtem Himmel wandelten solche Naturen. Diese reiche Fulle gedeiht im Norden nicht, sagte Katon.

Griechenland! schluchzt' ich und sucht' umsonst eine Trane zu verbergen.

Junger Mann, versetzte Katon, lieben Sie die Griechen so sehr? Es war ein schones Volk. Sie wussten zu leben. Auch ich stand unter den gottlichen Propylaen und war zu Misitra und sah des alten Sparta finstre Trummer.

Diese Worte klangen mir wie Donner, und mein unmachtiger Schmerz ward zur zuckenden Begeisterung. Mein Auge muss es ihm gesagt haben, wie mir war. Katon ergriff meine Hand und druckte sie und sagte: Ihr Wesen gefallt mir! Der Geist des gottlichen Volkes weht in Ihrem Bilde. Ich war von Sinnen.

Katon setzte sich. Wir sprachen uber die Griechen. Er lachelte uber mein leidenschaftliches Wesen. Ich sah ihn an wie einen, der aus dem Grabe steigt, den Sterblichen die hohe Vorwelt zu verkunden.

O Theodor, diese Ruhe, diese antike Grosse, die aus diesem Manne sprach! Wie so ganz verschieden von meinem wilden unstaten Charakter!

Er sagte, die Grafin konne nicht langer mehr warten, das Bild zu sehen. Sie werde in einigen Tagen mit ihrer Tochter ins Dorf fahren.

Er lud mich dringend ein, hinuber zu kommen ins Schloss. Es ist wahr. Warum hab ich's auch bisher immer unterlassen?

Die Gestalt dieses Mannes verlasst mich heut den ganzen Tag nicht. Ich mochte mich oft erzurnen, dass ich so allem Einfluss blossgestellt bin.

Phaethon an Theodor

Theodor, wir sind unsterblich! O, das ist ein grosser Gedanke!

Mag auch der Himmel sich in Wolken hullen, in ihrem Schoss des Blitzes Flammen kochen und niedersenden die Donner, seine Bruder, dass die Erd' erzittert, mag er die schwarzen hochgewachsenen Stamme mit Riesenkraft aus ihren Wurzeln reissen, mag auch sein Feuer den Leib, der sterblich ist, verzehren: er kann mich doch nicht toten!

Ich bin ein Funken der Flamme, die sich Gott nennt. Ich bin aus ihr entsprossen und kehr' einst wieder zuruck zu ihr.

Darum ist mir auch das Winseln und Achzen und Kriechen vor Gott so zuwider, das manchem Menschen fur Frommigkeit gilt. Warum sollt' ich mich auch meiner Schwachen und Menschlichkeiten schamen? Und tu ich eine Sunde, wenn ich menschlich bin? Ich kann nicht mit ewigem Zagen und Zittern, mit ewiger Furcht und Reue, dass ich ein Sunder sei, vor Gott treten. Mein Gott ist kein Gott der Zerknirschten. Er ist ein Gott der Lebendigen.

Die Religion soll beseligen, nicht schrecken; uns zu Gott fuhren und nicht von ihm hinweg; in den Himmel und nicht auf die Erde. Sie ist das namenlose Gefuhl der Entzuckung, wenn wir in einer Stunde des Lichts die Gottheit kussen. Die Religion ist wie eine keusche sonnenweisse Jungfrau, die sehnend ihre Arme zum Himmel hebt. In ihrem Auge schauert die Trane einer ungestillten Sehnsucht. Um ihre Lippen spielt die Unschuld wie der West um eine nieberuhrte Rose. Ihr ganzes Wesen aber ist ein Geheimnis, und wehe dem Frechen, der's auszusprechen wagt!

Die wahre Religion und die hochste Poesie liegt in der Astronomie.

Ich bin nie entstanden und nie werd' ich untergehen. Wie kann etwas entstehn auf der Welt? Gott hat sie nicht aus nichts geschaffen. Alles, was ist, ist vom Anfang.1

Das ist Knabensinn, zu glauben, die Erde gehe sobald wieder unter, da sie erst die wenigen Jahrtausende gewesen. Unsere Welt bleibt noch mehr als Millionen Jahre in ihrer Gestalt. Es ware sonst zu kleinlich fur den Riesenschopfer.

Es gab eine Zeit, wo mir die Erde zu gross war fur den Gedanken. Jetzt ist sie mir zu klein.

Oft wenn ich hinausblicke bei Nacht und brennen seh' am Bogen des dunkeln Himmels all die flammenden Welten und sehe, wie die eine wieder verloscht und die andere funkelnd hervortritt, wenn ich schaue jenes bleiche Meer von Korpern, das aus der Fulle der schaffenden Gottheit stromt wie aus den Brusten einer Mutter, und erkenne den grossen erhabenen Geist der Ordnung und Weisheit, der diese gewaltigen Riesenschopfungen zusammenhalt, wenn ich mir die Erde denke, wie auch sie, von jenen Sternen aus ein schwachglimmendes Punktchen, im Ozean der Unendlichkeit schwimmt, und ich mir vorstelle, wie ich selbst gegen diese kleine Erde nur bin, was sie gegen die ungemessene Schar der sichtbaren Welten, ach, da mocht' ich mich zernichten, weil ich nur so ein kleiner Teil bin vom unendlichen All.

Und doch schwingt sich mein beflugelter Geist empor und schwarmt durch die Raume der Unendlichkeit wie Bienen durch die Blumen.

Und doch bin ich unsterblich und werd' einst mit allen meinen Brudern, diesen unendlich kleinen Teilen der Weltseele, zusammenfliessen in Eins mit ihr.

Es gab ja Menschen, die eine Welt aus sich gebaren, Urbilder der Menschheit, zusammenfliessend mit Gott. Die neuere Zeit kennt nur drei solche Geister: Raffael, Shakespeare und Mozart.

O, denke Dir den Prometheus in der grossten aller Tragodien an der himmelragenden Stirne des Kaukasus hangen wie eine kleine Welt im Raume der Unendlichkeit. Und wenn auch diese ewige Urkraft gefesselt ist an die starre Notwendigkeit, es lebt in ihr eine Fulle, die allen andringenden Gewalten ihren Busen voll Unsterblichkeit entgegenstemmt, mit der Titanenkraft des Willens selbst dem Ewigen trotzt und, wann zuletzt die allverzehrende Flammenlocke herabgeschleudert wird, wann sich die Erde losreisst, aus der Wurzeln Fugen von der Windsbraut Hauch geruttelt, da kann sie untersinken samt dem Felsen unterm wirbelnden Zusammenstromen aller Elemente, aber sterben kann sie nicht.

Fussnoten

1

, . Aristoteles.

Phaethon an Theodor

Sieh, das ist doch nicht recht, Theodor, dass ich so absterbe fur jede unschuldige Freude und immer weniger Kind werde!

Es ist ein Fest heut im Dorf. Alles freut sich. Alles e i n e Seele! Die muntern Leute tanzen um die Linde. Uberall klingen Floten und Schallmeien. Ich sass wieder unter meiner Eiche. Der offene Platz um die Linde lag frei vor mir. Auch mein Johannes war unter der Masse. Nur ein paarmal sah ich ihn, wie er, seinen Arm um das schlanke Madchen geschlungen, den frohlichen Reigen tanzte. Alles, alles e i n Jubel! Theodor, und ich nahm keinen Teil daran! Was sollt' ich auch unter ihnen tun? Mich liebt ja niemand! Es hatt' ihnen ihre Freude nur gestort, hatten sie den trauernden Jungling gesehen. Und lass mich's Dir nur gestehn: ich sah ihre Freude mit Neid, wollte mich zwingen, traurig zu sein, und ware doch so gerne frohlich gewesen.

Ach, glucklicher Johannes! seufzt' ich, hattest Du ein Konigreich zu Deinem liebenden Madchen und liessest mir die Wahl, was ich mochte: ich nahme das liebe zarte Geschopf.

Und ich ward wieder still. Ja, ja, rief ich dann wieder aus, ich will mir's nur recht oft vorsagen: ich bin ungeliebt, ungeliebt! Ich war wie aufgelost, konnte mich nimmer halten. Ich Armer weinte laut. O Theodor, aus der Welt hatt' ich mogen gehen!

Phaethon an Theodor

In ein paar Tagen bin ich fertig mit meinem Werke. Ich habe die Idee, nun die Polyxena zu bilden.

Der ganze Geist der Griechen weht durch diese Dichtung. Der Peleione liebt die schone zarte Phrygerin. Am Brauttag muss er niedersteigen in des Hades Reich. Priams Veste fallt, und ihre schwarzen Trummer starren wie schaurige Geister aus der Asche. Da steigt der Aakide wieder aus dem Grab, vom Gold der Rustung seine Felsenbrust umschimmert, und zurnend will der grosse Geist zum Opfer die Geliebte. Die heldenmutige Schone kniet, enthullt dem Mordstahl ihren reinen Busen und sinkt fur Hellas Wohl wie die Abendsonn' ins goldene Gebirg in voller Jugendanmut in ihr Grab.

Welch liebes Herz, welch ruhrende Gemutskraft liegt in dieser stillen Ergebung!

Sie musste knien mit einem Fuss. Ein leicht Gewand umhullte sie in sanften Falten. Der obere Teil nur war' entblosst. Eine Hand zeigte auf den nackten jugendlichen Busen, die andre musste sich bedeutsam senken. Vom rundgewolbten Nacken aus erhube sich der zarte Hals, und das kleine von langem Gelock umflossene Haupt richtete sich vorwarts mit einer ruhrenden Bewegung. Am meisten macht mir Sorge, ob ich irgend ein Modell bekomme.

Phaethon an Theodor

Ach, das fuhl' ich wohl: ich gedeihe nicht unter diesem Himmel. Hinuber mocht' ich, wo der schone Lorbeer wie eine heilige Priesterbinde die besonnten Hugel deckt, hinuber, wo der Mandelbaum die Silberbluten wie Flocken Schnees zum blauen Ather sendet, wo sich die Tranenweide traurig an den Ufern in spiegelklare Wasser senkt wie das nasse Aug' in die Tiefen der Vergangenheit, hinuber, wo die volle Frucht der Trauben so schwellend an der Sonne Liebesfulle gluht, wo die Natur in ihrem stillen Geist aus tausend Blumen, tausend Quellen hold wie der Saugling aus der Wiege lachelt, hinuber, wo die Menschen um die warme Erde sich wie Pflanzen schlingen, wo die Natur gleich schon ist, wenn sie durch die sanften Grunde den Bach wie holde Silberstreifen zieht, wie wenn sie aus den hohen Riesenfelsen, wo nur des Adlers kuhner Fittich rauscht, die dunkeln Schauer ihres Geistes weht, wie wenn sie hohe schneeumhullte Gipfel der alten Berge mit dem Rot der Abendsonne wie eines Greisen Haupt mit Rosen uberwebt, O hinuber, hinuber! All mein Sehnen, all mein Schmerz wurde enden.

Phaethon an Theodor

Mein Amor ist fertig. Wie ich die Feile aus der Hand gelegt, ach, Theodor, es war ein wunderbar Gefuhl! O jene schlaflosen Nachte, wo mir der ewig wiederkehrende Gedanke die Wonne eines sussen Schlummers raubte! Sie sind belohnt, belohnt durch den einzigen Augenblick, wo das Werk, wie durch sich selbst erschaffen, vor meinen Augen stand.

Phaethon an Theodor

Alles, alles, Theodor, alles ist anders! Meine ganze Seele ist voll von Einem.

Gestern wollt' ich Dir schreiben. Ich konnte nicht.

Was war all mein Wesen bisher? Ein elend unbedeutend Stumperwerk! Wem zulieb hab ich gearbeitet? Hab ich eine Empfindung gehabt, eine, so lang ich lebe, gegen die, die jetzt wie der Ather, der ewige unveranderliche, mich umweht? Alles, alles war nichts!

War mir das Leben bisher mehr als der Diamant, der leuchtet, aber nicht erwarmt? Ach ganz, ganz hat meine Ahnung sich enthullt! So musst' es kommen.

Ich traumte wohl schon von solcher Seligkeit, aber das Erwachen war mein grosster Schmerz. Und das ist wirklich, wahrhaft!

Sahst Du die Natur, wenn vom heiligen Himmel die dustern Regenwolken wie finstre Traume flohn, und durch das hellzerrissene Gewolke die Sonne wieder brach, die alte ewigschone, und von den Blattern die Tropfen traufelten wie milde Tranen, und alles, alles ubergossen war vom Leben e i n e r Schone? So denke Dir mein Wesen!

O Gott, Gott! Noch sind meine Augen wie geblendet von all dem, was ich gesehn, was mich umgeben.

Und kann ich's Dir sagen? Ach, kann ich denn dem Augenlosen beschreiben das Bild der Morgensonne, wenn sie sich erhebt uber die umschleierten Berge wie eine Braut? Soll ich nicht schweigen wie sie?

Ich will sprechen, Theodor. Ich will sprechen!

Gestern Mittag sass ich vor meinem Bild und sah es an wie die Mutter ihr Kind. Ich hatt' es umkranzt mit frischen Rosen, die mir Johannes gebracht. Ein stiller Geist umwehte mich. Ich schaukelte meine Seele in sussen Traumen auf und ab und dachte mich zuruck in die schonen Zeiten der Griechen. Da hort' ich einen Wagen in der Nahe. Ich sprang ans Fenster. Er kam und hielt vor meinem Huttchen. Ich wusst' es, wer es war. Ich sprang hinaus zur Ture. Meine Seele war umnebelt von einer niegefuhlten Ahnung wie die grauen Berge, wann die letzten Schatten der Nacht um ihre Stirne schweben.

Ich stand am Wagen. Ach Theodor, soll ich da nicht eine Lucke lassen? Nur mein Auge konnt' es Dir sagen, wenn Du bei mir warest.

Eine Frau schwang sich heraus von schlankem hohem Wuchs wie eine Juno. Ein langer weisser Schleier floss wie zarte Luft von ihrem Haupt herunter. Ihr erster Anblick forderte Verehrung. Ihr folgte eine weisse Gestalt. Die Zarte zitterte, und Katon hob sie schuchtern herab.

Gott! Mich uberlief's!

Theodor, ich kann's nicht schildern. Erlass mir alle Worte! Ich kann's nicht schildern. Die hochste Schonheit lasst sich nicht beschreiben; die hochste Schonheit fuhlt man nur.

Wer nie noch die Natur gesehen im Morgenglanz ihrer himmlischen Schone und nun zumal in ihrer hochsten Fulle sie vor sich sieht, die seelenvolle, die alliebende, und trunken in den Ather schaut, den unergrundbar tiefen: so, so war mir's, wie ich sie sah vor mir stehn.

Wie der selige Geist aus dem dunkeln Grabe zum Himmel sich hebt, so quoll ihr schwarzes Auge schauernd aus den Wimpern.

Vergleich' ich sie mit der zarten aufschwellenden Rose, die keine Beruhrung leidet, die ihre gluhenden Blatter offnet wie weiche Madchenwangen? Ihr ganzes Wesen war wie ein einziger Kuss der Liebe.

Ich stand da, besinnungslos, wie der finsterliebliche Mann die Bebende herabliess; und wie ferne verklingende Akkorde tonten endlich seine Worte: Grafin Cacilie und Atalanta, ihre Tochter!

Theodor, diese Schonheit! Dieses holde keusche Lacheln einer unschuldsvollen Wange! Dieses grosse schwarze Atherauge in dem reinen blendendweissen Angesicht! Diese weiche Zartheit in der schlanken Gestalt! Es ist alles, alles umsonst. Ich kann's nicht schildern.

Ich weiss nicht, was ich sprach. Mein Blick war starr zur Erde geheftet. Katon schuttelte meine Hand. Ach, und warum musst' er das tun? Meine Verwirrung ward nur grosser. Die Frauen traten in das Huttchen. Katon folgte mit mir.

Noch hatte sie nichts gesprochen; aber ihre ganze Seele schwamm im Auge wie das Bild des reinen Himmels im klaren Wasser. Sie standen vor dem Bilde. Mein Blick hing feuertrunken an ihr, wie sie da stand vor dem schonen aufquellenden Jungling, der seine Augen niedersenkte wie uberrascht von solcher Schonheit.

Katon sass am Fenster und schien sich zu freuen. Die schone Cacilie schwieg lange. Dann sprach sie. Ach, in einem einzigen seelenvollen Blick war all meine Muhe belohnt.

Atalanta schwieg immer noch. Sie hatte ihren Arm gelehnt auf die Schultern Caciliens, und ihre Locken, dunkel wie ihr Auge, flossen uber den weissen Hals. Ihr Kopfchen lag am Busen der hoheren Mutter, und ihr Auge ruhte fest auf dem jungen Gotte.

Und einmal blickt' ich sie an, und Fieberhitze brannte durch mein gluhendes Auge. Da trifft sie mich. Ich fuhlte die ganze unendliche Schonheit ihrer Seele, und eine flammende Rote goss sich uber ihre schuchternen Wangen. Lieber, mir wankten die Knie!

Mein Blick fiel auf Katon. Sein Auge irrte unruhig umher und ruhte zuletzt auf dem Madchen, und ich sah, wie er mich anblickte. Was sollte das bedeuten?

Ich ubergeh' alles Folgende. Und wie sollt' ich das Entzucken schildern, das mich uberwallte, wie ihre Lippen sich bewegten und sie sprach, und jedes Wort wie ein Lichtstrahl durch die Nacht in meine Seele fiel?

Nur das noch! Wie sie aufstand und vor meinen Homer hintrat, und ich das junge bluhende Gesicht neben den saftgrunen Traubenblattern am offenen Fenster sah und neben dem ernsten heiligen Alten, und ihre vollen weichen Madchenwangen wie zwei Kusse gluhten an den bartigen Wangen des Sangers, und ich fuhlte, wie's ihr war in diesem Augenblick, ach, da hatt' ich ihr mogen zu Fussen sinken und meine Seele stromen in die ihre.

Und wie sie endlich mich fragte: Warum kronen Sie ihn nicht auch, den lieben Guten? und ich die Rosen nahm vom Haupte des Eros und sie flocht um die weissen Locken des ruhigen Homeros, wie ich sie dann anblickte und fragte: Ist's recht so? und sie lachelte und dem Alten den Kranz noch tiefer in die Stirne druckt' und wieder schwieg, da, da verstand ich sie ganz, und ihr Blick war wie warme gluhende Maiensonne.

Und hore nur! Griechische Worte klangen von ihren Lippen! Die Sprache Homers, herausgewogt aus lachelnden Madchenwangen!

Katon war in sich gekehrt und ergriff endlich meine Hand und fragte: Wollen wir nicht ins Freie? Mir fiel der Hugel ein an meiner Hutte. Wir stiegen hinauf. Auf dem grunen Rasen droben setzten wir uns unter meiner Eiche. Ich erzahlte, wie ich diesen Baum lieb habe, wie er so alt ist und doch noch jeden Fruhling wie ein Jungling bluht, und was ich da geniesse und empfinde, wie ich so oft daliege, wenn die Sonne untertaucht, und mein strebender Geist ihr dann folgt und wie in einem Bad im Abendrot sich kuhlt.

Cacilie stand auf und mit ihr Atalanta. Das Madchen schlang die Arme um die schone Mutter wie junge Blumenranken um eine schlanke Saule, und liebend sahn sie einander ins Auge und dann wieder hinuber in die Ferne, unendlich wie ihre Liebe.

Sie setzten sich nieder. Katon ward immer stiller. Ein schwarmerisches Feuer gluht' in seinem Auge. O Theodor, wie wir da sassen im Schatten der ehrwurdigen Eiche, die Tochter wie ein liebend Kind an ihre Mutter geschmiegt, und der finstere bartige Katon, das umlockte Haupt auf seine Arme stutzend, und ich zu seiner Seite, vergehend im Anschaun dieser wunderbaren Wesen!

Da sagte Katon: Schon ist's hier auf diesem Hugel, liebe Kinder. Doch ach, es ist noch nicht das Schonste. Er schwieg. Dann seufzt' er: Griechenland!

Ich sah ihm starr ins Auge. Er fuhr fort:

Ja, Griechenland, wo Myrte, Lorbeer und Zypresse wie Schwestern nebeneinander grunen, wo der schonen Flora Kinder um warme volle Hugel sich wie um den Busen eines Madchens schlingen, wo an den Blumenufern, die die Lilie sanft umbluht, der heitere Fischer ins Gewasser blickt, wo zwischen grauen Saulenkapitalen und altem moosbewachsnem Gestein wie ein trauernder Geist die Wehmut wohnt und die stille Betrachtung, wo um hohe Felsenadern sich der Efeu rankt und die kahlen Gipfel wie ein Eichenblatt der bunte Schmetterling umflattert, wo tausend lodernde Kaskaden wie blaue Bander uber Felsen sprudeln. O Kinder, noch ist mir's, als ob ich stunde auf Akrokorinth, und das ganze schone Land lage vor meinem Auge wie ein entschleiertes Geheimnis, des hohen Argos Gebirge, Achaia, Sikyon, die Haupter des Riesen Taygetos, im milchweissen Schimmer der Sonne glanzend, der Titane Parthenios, die dunkeln Kusten des waldigen Lakoniens, das kampfberuhmte Salamis, Megara und das priesterliche Eleusis, die gewaltigen Scheitel des wilden Kitharon, in dessen Schluchten einst der Labdakide weinte, Athens beruhmter Peiraeus, der Epidauros und Kalaurea!

O Theodor, alle meine Nerven waren angespannt, und ich sank weinend in den Schoss des Glucklichen, und alles schwand vor meinen Sinnen, was um mich war. Da legt' er seine Hande auf mein Haupt und sagte: Junger lebhafter Schwarmer, auch Du musst einst nach Griechenland wandeln! Ich fuhlte ganz, ganz diese Sehnsucht in seinem Busen, und wie von Berg zu Berg erklang's von seiner Seele zu der meinen.

Da blickt' ich wieder auf. Das schone Madchen hatte die zarten Arme auf der Mutter Schoss gestutzt, und das Haupt ruhte auf den kleinen Handen, und ich sah sie gluhen vom Purpur der Abendsonne wie eine Aurora und mich anlacheln. Theodor, da war mir's, als ware sie's, was ich geahnt, gewunscht; als hatt' ich nach ihr so oft geweint und mich vergeblich nachtelang gesehnt. Da war aller Missklang weg aus meiner Seele, und in meinem tiefsten Innern klang's: Nur sie, nur sie!

O, auch sie musst' es fuhlen, wie mir's war in dieser Stunde. Denn sie blickte holderrotend nieder, so oft mein fieberschauernd Auge sie traf.

Die Sonne war hinunter, und Atalanta fragte: Gehn wir nicht nach Hause? Cacilie lachelte und stand auf. Sie schwebten den Hugel hinunter. Wir Manner folgten.

Nun sprach man erst vom Amor. Cacilie will ihn haben sobald als moglich, und auch Atalanta blickte mich lieblich bittend an. Morgen lasst sie ihn abholen, und ich gehe mit hinuber.

Erst wie die Grafin Abschied nahm, fasst' ich sie fester ins Gesicht und sah ihr gluhend schwarmerisches Auge. Wie liebt sie ihr zartes Kind, diese lebhaft ahnungsvolle Seele! Sie gingen auf den Wagen zu. Mein Busen klopfte. Ich glaubte, Atalanta kehre sich nimmer um; aber ich durfte sie noch einmal sehen, und mein Auge flog wie ein Pfeil zu ihr hinuber. Ach, wie mir war, als Katon ihr die Hand gab und die Liebliche in den Wagen schwang! Die andern folgten, und der Wagen rollte fort. Ich kehrte schwindelnd zu meiner Hutte.

Phaethon an Theodor

O Theodor, ich musste sie sehen, wenn ich nicht zu Grunde gehen sollte. Es schlief in meinem Innern wie im Stein die Flamme, wie der unsichtbare Keim in der Erde, der warmen allnahrenden Mutter. Heut hab ich einen wunderbaren Tag. Meinen Johannes sah ich nicht seit einigen Tagen. Ich rannte durch die Felder und wusste nichts von all dem, was mich umgab. Dann formt' ich wieder am Ton zu meiner Polyxena. Dann kusst' ich die Rosen an der Stirne Homers, die sie beruhrt mit ihren Fingern, und lesen mocht ich gar nicht. Ach, und morgen, morgen!

Phaethon an Theodor

Der Schlaf floh mein Auge. Ich durchwachte die halbe Nacht. Ihre zarte Seele schwebte uber mir, lachelte mich an, bebte durch mein ganzes Wesen wie mit einem Kusse. Erst gegen Morgen sank ein leichter Schlummer auf mich herab wie ein zartes Taugewolk. Als ich meine Augen offnete, war's lichter Tag. Ich hatte mich in seligen Traumen gewiegt.

Schon gestern Abend ward mein Amor hinubergetragen. Ich machte mich nun auch auf den Weg. In einer halben Stunde kam ich an einen waldigen Abhang. Der allein verdeckt das Schloss der Grafin. Ich sah' es sonst von meinen Fenstern aus. Dort lebt sie, dort, die Zarte, Sinnige. Dieser Gedanke bebte zukkend durch mein Tiefinnerstes. Lange sass ich auf einem abgebrochenen Felsenstuck und schaute stumm hinuber, und Gott weiss, was ich mir dachte.

Ich stand vor dem Schloss und wusste nicht, wie ich hinkam. Mir war's, als stund' ich mitten in der Welt der Griechen. Zwei Gebaude traten mir ins Auge. Zwischen dem Hellgrun schlanker Akazien und wilden hohen Rosengebuschen ragte wie eine Ruine ein altscheinendes Hauschen empor mit roten Steinen, und ringsum trugen graue Saulen des Daches niedre Wolbung. Alte moosumwachsne Marmorblocke, zerbrochne Architrave lagen unter dem jungen frischen Baumgezweig, und am Eingang vornen stand zu jeder Seite die Statue eines griechischen Weisen. Ihm gegenuber war ein Haus von heitrem schonem Geist; von allen Seiten war es frei, und eine edle ruhrende Einfalt schien jeden Stein an den andern gefugt zu haben.

Ich fuhlte die ganze Bedeutung des wunderbaren Gegensatzes. Das Alter ruhte freundlich neben der Jugend, und die Vergangenheit lag hold der Gegenwart am Busen. Ich ging an der Statue vorbei mit einem geheimen ehrfurchtsvollen Schauer und offnete eine Tur. Katon stand vor mir.

Gruss Dich Gott! rief er. Wie gefallt es Dir bei uns? Ich wusst' ihm nichts zu antworten und deutete nur mit einem schmerzlich wehmutigen Blick auf die Arabesken, die oben an dem grauen dunkeln Getafer in seltsamen Gestalten hingen. Da schlangen sich geflugelte Liebesgotter um die Blumen wie Bruder. Hier lag ein schoner Knabe und las die schwellenden Fruchte auf, die ein noch schonerer aus einem Fullhorn goss. Da schlang einer ein Band um die Mahne eines Lowen. Und dort schuttelt' ein anderer mit schalkhaftem Lacheln einen Kocher. Wo bin ich, seufzt' ich leise. Katon antwortete: Lieber, Du bist bei uns!

Ach, wie mir's war in dieser Umgebung! Das Licht brach nur in matten Strahlen durch das Akazienlaub am Fenster und warf einen ungewissen halbdunkeln Schein auf die antiken Bilder und die griechischen Inschriften an den dunkeln Wanden. Da schien jeder Hauch mir heilig zu sein, und die Brust schwoll ahnend in Betrachtung all der Fulle von Einfalt und stiller Grosse.

Bald ergriff mich Katon an der Hand, fuhrte mich schweigend wieder hinaus und ging mit mir auf das schone freundliche Gebaude zu. Da wohnt Cacilie, sagt' er, und Atalanta! Mir war's, als sollt' ich in das Heiligtum der Ordnung und der Schonheit treten. Den Eingang zierten ein Paar schlanke Saulen. Ein verwelkter Kranz lag an der Vase der einen. Mit jedem Tritte ward ich feierlicher gestimmt.

Da standen wir vor einer weissen Ture. Katon offnete sie, und mir raubte das Entzucken alle Sinne Atalanten sah mein Auge.

Geist und Gemut wie entzuckte liebende sich umarmende Kinder wirbelten hinan, kussten sich, verloren sich wie blaue fromme himmeltrunkene Augen in unermesslichen Fernen.

Sie sass am Fenster. Ihr Kopfchen lag auf den nackten Armen. Ihre Locken flossen wie Wellen uber den Nacken. Ein weisses Gewand umschwebte wie eine dunne Wolke die schonen jungen Glieder. Zu ihren Fussen stand ein Korb mit frischen Blumen und Fruchten. Sie sah sich um und erblickte mich. Theodor, dieses Engelsauge, das lieblich uberrascht auf den jungen Busen sich senkte, und die sanften Worte, die wie Lautenklange sich schmeichelnd in meine Sinne drangten, und das schuchterne Erroten der Jungfrau auf den vollen Jugendwangen! Und ich sah das und hielt's aus?

Die Mutter will ich rufen, sagte sie verschamt und eilte schnell und leicht wie Artemis durch eine Ture.

Cacilie kam und brachte die Tochter wieder mit. Katon bot mir einen Sitz.

Sass ich nicht wie unter den Uranionen? Durch die hohen Bogenfenster lag das weite Tal vor uns mit seinen Dorfern und den hellen Grunden und den niedern Hugeln, und der trunkne Blick drang wie uber die Schranken der Gegenwart uber die fernen Berge hinuber. Ach, und wenn ich so hinausstarrte und dann wieder zurucksah auf die schonen Wesen, die mich umgaben wie unsterbliche Gotter, und ich Atalanten ins Auge blickte, und sie lachelnd den Korb mit Fruchten mir reichte, und ich einige nahm davon, frisch und jugendlich wie ihre Wangen, und sie zum Munde fuhrte, da fuhlt' ich, wie ich ewig, ewig sie im Busen trage musse.

Katon schlug vor, in den Garten zu gehen. Atalanta band die langen Locken auf dem Nacken zusammen mit einer blassroten Schleife und nahm die Mutter an der Hand und sagte: Ja, Mutter, wir wollen gehen! Es ist schon im Garten jetzt!

Wir gingen an Katons wunderbarem Saulenhause voruber. Ich musste ruckwarts blicken, und das jugendliche Schlosschen mit den grossen Bogenfenstern gegenuber von dem alten, so ehrwurdig aus den Trummern sich erhebenden Gebaude kam mir vor wie die schuchterne bluhende Tochter vor dem grauen alten Vater.

Plotzlich stand ich wie in einer Welt voll Wunder. Eine kleine Wiese mit weissen Lilien hatten wir noch vorbei zu wandeln. Dann umfing uns ein wildes Rosengebusch; aus dessen Mitte ragten wie graue Geister drei schlanke Saulen, die eine niedrer als die andre, und auf dem grunen Boden lagen Architrave mit ihren Staben und Platten, von grunem Efeu umschlungen. Katons Mausoleum so nannt' er mir sein Haus lag tief versteckt von hohen Maulbeerbaumen.

Jetzt ergriff der wunderbare Mann mich an der Hand. Wir gingen auf eine grune Anhohe zu. Ein kleines Waldchen von Orangen wolbte sich vor uns. Atalanta flog hinauf. Die schonen braunen Locken flatterten in den Luften. Ein Meer von Wohlgeruchen stromt' auf uns. Da erblickt' ich einen kleinen Tempel auf der Hohe. Mein Aug' erkannte zwei Gestalten droben. Da klopfte, da schlug mein Busen! Atalanta war's, die Liebliche, und die andre war mein Amor.

Katon! stammelt' ich und weiter nichts. Er lachelte mich an. Drei Marmortreppen fuhrten zu der Statue. Das niedre Tempeldach war nur getragen von sechs Saulen, und am Portale stand geschrieben: Der Liebe!

Mit Staunen blieb ich stehn vor meinem Bild. Ein Kranz von frischen grunen Akazien, Veilchen und Rosen wand sich um seine Schlafe. Er sah gegen Morgen.

Wir sassen auf dem Rasen. Drunten lag ein spiegelklarer See, von dunkeln Trauerweiden, Tannen und von kleinen weissen Bildern umgeben. An seinen Ufern schaukelten die Winde einen angebundnen Kahn in den Silberwellen. Druber hinein lag das Waldgebirg und die Burg.

Und lange schwiegen alle. Atalanta sah auf die Blumen zu ihren Fussen. Ihr weisser Hals war zart gebogen wie ein schlanker Zweig. Die Weste spielten mit ihren losgewundenen Locken.

Da blickte Cacilie die gekronte Statue an und dann mich mit ihrem lichten Feuerauge und sagte: Warum kronen wir immer die Gotter und nicht auch die Menschen? Ich fuhlt' es, was sie wollte. Meine gluhende Rote verriet mich. Doch schnell wie ein junger Baumspross war ich aufrecht und nahm den Kranz vom Haupt des Gottes und druckt' ihn zitternd Atalanten in die Locken.

Ach, wie sie sich straubte, die Bescheidene! Und wie, feuriger gluhend als die Rosen auf ihrem Haupte, ein Hochrot ihr im schonen Antlitz brannte, und das grosse keusche Auge unter den grunen Zweigen dunkelschauernd sich bewegte und das meinige traf, und sichtbar das blaue Band erbebte vom Drang, der ihren zarten Busen schwellte, und meine zitternde Hand zum erstenmal ihr Haupt beruhrte Lieber! und von der Beruhrung alle meine Nerven in einem Wirbel bebten! Ach, warum bin ich ihr da nicht in den Schoss gesunken? Warum hab ich da nicht meine flammenden Lippen auf die ihrigen gedruckt und ausgeweint mein unendlich Gefuhl an ihrem Busen?

Katons und Caciliens Auge ruhte mit Wonne auf dem schonen Madchen, und wie sie sich auch weigerte, sie musste den Kranz auf dem Haupte dulden.

Ach, Theodor, es war ein goldner Tag! Auch Katon speiste diesmal im Schlosse. Der Sonderling isst sonst allein in seinem Mausoleum. Und sie! Welch eine Seele! Welch eine Fulle! Welch eine Unendlichkeit ihrer Gemutskraft! O, es wandeln noch Abbilder der hochsten Schonheit auf der Erde. Ich Armer glaubte, der alte Weise hab' ubers Morgenrot hinausgeblickt.

Am Abend gingen wir allein im Garten auf und ab, ich und Atalanta. Es war schon, unendlich schon! Die Natur lachelt' uns an wie eine Mutter ihre lieben Kinder. Aus jedem Blattchen, jeder Blume, jedem Quell, aus jedem Grashalm sprach's: Die Welt ist schon! Mein ganzes Wesen war erfrischt wie die Wiese nach einem warmen Regen. Sie ging neben mir, die Schone, Heilige, und offnete keine Lippe, als wollte sie kein leises Sauseln in den Blumen uberhoren. Ihr Angesicht war wie ein sichtbar gewordener, gestalteter, Herz und Geist durchschauernder Klang. Ihr Busen schwoll der Natur entgegen wie eine Schwester der andern, und auf ihren Wangen wehte die Vorwonne eines grossen heiligen Kusses. O dieser Augenblick! Keine Aonen wiegen ihn auf!

Alles, alles sprach zu unsern Herzen. Wie ein Sauseln des alliebenden Vaters klang jeder verwehende Windhauch. Ich hatte keinen Sinn mehr fur alles. Ich dachte nur, was sie fuhlte.

O Natur! sprach sie endlich, du Mutter mit deinen Blumen und Kindern! Allheilige! Welch ein Bewegen und Schwellen! Welch ein Sauseln und Rauschen! Welch ein Wogen und Wiegen um und um! Liebe aus Allem! Liebe aus allen Kindern fur sie, die Mutter! Liebe im Wasser! Liebe im Licht, wenn sie wallend sich kussen! Liebe aller Blumen und Krauter, alles Lebendigen! Und Eins doch Alles! Er, der wandellose, alles durchquillende Geist! Alles in ihm! Und er in Allem! Gott!

Ich weinte, hatte keine Worte, sah ihr ins Auge.

Ein klares Gewasser sprang aus moosbewachsnem Tuffgestein und sprudelte wie eine dunne Saule ubers wankende Gestrauch und wallte dann durch Ranunkel dahin. Die Kiesel, die er mit sanftem Quillen uberhupfte, blickten durch die Wasser wie Atalantas Seele durch ihr klares Auge.

Setzen wir uns nicht da nieder? sprach ich unwillkurlich und erschrak, wie mir's einfiel, ich habe die heilige Stille unterbrochen. Sie lispelte: Ja! und senkte nieder sich aufs Gras und stutzte ihr niedlich Fusschen auf einen Stein, der aus den Wassern sich erhob.

Wie oft sass ich als Knabe so an den Ufern eines Baches! sprach ich und schaute zu, wie eine Welle nur die andre schiebt, wie alle, alle fort und immer fort sich drangen und endlich gar verschwinden und nie, nie mehr zuruckkehren. O, da stampft' ich den Boden in meiner kindischen Wut und weinte bittre Tranen, wenn ich rief, sie sollen stehen bleiben, und die Wellen mir nicht gehorchten. Es ist schrecklich, dass die Stunden unsers Gluckes eilen wie diese Wassertropfen!

Atalanta blickte mich an. Mir schien's, als taut' ihr eine Tran' im Auge. Sie brach eine Rose und warf sie hinunter in den Bach. Schwimme hinunter! rief sie. Du Blume, Bild der Jugend!

Da warf auch ich eine Rose hinein und rief: So schwimmt miteinander hinunter, ihr Blumen, Bilder der Jugend! O, es ist suss, unendlich suss, wenn Eines mit dem Andern fuhlt, und das Leiden an zwei Herzen schlagt wie an zwei Ufer die Welle!

Atalanta ward rot und blickte zur Seite. Ist Phaethon nicht glucklich? seufzte sie endlich und blickte mich dabei an mit einem solchen Auge voll Schmerz und Liebe, dass ich glaubt', ich sah' in einen offenen Himmel.

Er ist es nicht, Atalanta! rief ich und blickt' in den Bach. Phaethon ist nicht glucklich!

Sollt' es moglich sein? sagte sie. Die Welt ist so schon!

Ach, aber allein darin zu sein?

Allein, Phaethon? fragte sie und sah mich mit grossen Augen an. Allein? Ist's nicht Undank? Wie lebt's und webt's in diesem Augenblick um uns! Das klare rege Wasser, die lieben Blumen, die wachsen und vergehn wie wir und lieben wie wir. Die Blatter auf den Baumen, sie leben, und die Keime schwellen daraus und entfalten uns die lieblichen Fruchte. Die Vogel in den Luften, auf den Zweigen, die Fische im Wasser, selbst die Mucken, die uns umsummen, und die Grillen, die neben uns singen, und die Winde, die uns schmeichelnd die brennenden Lippen kuhlen! Und aus all dem jene ewige Liebe, jenes ewige Leben und Gluhen, jenes Werden und Sein, jene Fulle von Licht, wie ausgesprochen sein Name, der Name des Hochsten, Unerschaffenen, der Geist des Lebens und der Liebe! Phaethon, wir sollten allein sein?

O Theodor, ich fuhlt' es, wie sie recht habe, wie mich hingerissen mein namenloser Schmerz; ergriff ihre Hand, benetzte sie mit meinen Tranen und rief: Vergib mir, Atalanta! Mich hat mein Sehnen ubermannt. Ich glaubte mich ungeliebt!

Das ist kein Mensch! sagte sie und zog ihre Hand sanft aus der meinen und stand auf. Ich folgt' ihr stumm.

Seitdem ist sie mir noch heiliger. Meine Worte mess' ich ab vor ihr wie vor einem gottlichen Wesen, zu dem man betet.

Was will noch werden aus all dem?

Phaethon an Theodor

Alles, was ich tue, Theodor, das bezieh' ich nur auf sie, und ohne sie kann ich nichts denken.

Sonst hab ich Wald und Tal und Berg und Wiese durchwandert und mir weiter nichts dabei gedacht. Jetzt rauscht's in jedem Blattchen: Atalanta! In jeder Quelle: Sie!

Ich rase nicht, mein Lieber! Nicht wild und krampfhaft ist mein Gefuhl. Ach, es umspielt mich leise, zartlich liebend, und kuhlt mir wie eine frische Quelle meinen brennenden Busen.

Ich weiss es, ich fuhl' es: die Theorien der weisen Diotima im Symposion des gottlichen Platon sind das beseligendste Geheimnis.

Zwischen drei Welten schaukl' ich mich herum. Mit allen Bildern, zarten wie herben, schwebt mir die Vergangenheit am innern Gesicht voruber. In der Gegenwart treib' ich mich so fort, und ahnungsvoll dammern mir der Zukunft Bilder wie ferner Berge Nebelgestalten im magischen Spiele des Mondlichts.

Mein letzter Gedanke, meine letzte Empfindung, die durch meine Seele schwebt, eh Geist und Korper wie ein Wiegenlied der Schlummer einlullt, knupft sich an die Erscheinung lieblich bedeutsamer Traume, und diese wieder an die erste Regung, die beim Erwachen wie der Morgenstrahl durchs Fenster durch die Seele zittert.

Phaethon an Theodor

Fast jeden Abend bin ich druben. Ich bin schon halb zu Haus im Garten und im Schlosschen; nur in Katons Mausoleum nicht. Wenn ich einmal nicht hinubergehe des Abends, dann sitz' ich stundenlang in meinem Zimmer, lege mein Gesicht auf meinen Arm und hore meinem Pulse zu, und jeder seiner Schlage wallt fur sie. Oder ich geh' auch auf den Hugel und setze mich an die Stelle, wo sie einst sass, und sehe die Sonne hinunter wandeln und strecke meine Arme aus nach ihr, als wollt' ich sie umfassen.

Und des Nachts traum' ich von ihr. Da halten wir uns in Armen wie unschuldige Kinder und sitzen auf einer Wiese unter schattigen Baumen. Wir pflucken uns Blumen, und ich steck' ihr eine Rose an den Busen und druck' ihr dann einen Kuss auf den keuschen lieblichen Mund, und wir lacheln uns dann wieder an und liegen einander wieder an der Brust. Ach, und wenn ich dann erwach' und glaube, ich habe sie in meinen Armen: und es war nur ein Traum!

Phaethon an Theodor

Du mahnst mich an, auch zu arbeiten. Lieber, das tu' ich. Ich gehe ja erst des Abends hinuber, und das nicht einmal jeden Tag.

Meine Polyxena ist langst skizziert. Ich habe sie schon vor einigen Tagen angefangen, in Ton zu arbeiten. Da sie kniet, wird ihre Hohe nicht betrachtlich.

Mit einer Hand hebt sie das Gewand unterm Busen. Der Faltenwurf und uberhaupt die Stellung macht mir Muhe. Am meisten aber noch macht mich das Haupt verlegen. Die Skizze schon hat Ahnlichkeit mit Atalanta.

Ach, Theodor, ich kann mir sie nicht anders denken! Atalanta wird erroten, und sollt' ich's nicht noch mehr?

Phaethon an Theodor

O, im Freien ist mir so schmerzlich wohl. Und ist's nicht naturlich? Du reine heilige Luft, du umsauselst mich ja, ewige, endlose! In deinen Armen ruhet die Erde wie der Saugling im Schoss der Mutter! Du kussest die jahen Riesenstirnen einer Felswand wie das bescheidene Blumchen, das um eine Quelle wankt. Du bist's, die tausendjahrige Eichenstamme mit starkem Arm an ihrer Krone fasst und aus der Wurzel die gewaltigen wirbelt; du bist es, die in kindisch-heiterm Spiel um eines Madchens Locken wie um eine volle Rose weht! Mutter, alliebende, du kuhlst mir wie das Flustern einer fernen Ahnung oft die heisse Stirne und legst dich schmeichelnd an meinen gluhenden Busen. Nach dir dursten alle Wesen, du Allernahrende! Ach, und sie hast du liebend schon umfangen, als sie, ein harmlos lachelnd Kind, an ihrer Mutter Brusten lag und in der Wiege mit farbigen Blumen spielte. Und jetzt noch kussest du die vollen Wangen der Jungfrau, und sie errotet nicht, denn deine Lippen sind keusch. Du Reine, du bist ja die erste, die den Menschen mit freundlichen Armen umfasst, wenn er eintritt in die Welt, und du bist's, die den letzten verklingenden Seufzer von seinen Lippen nimmt, Gottliche, Anbetungswurdige!

Phaethon an Theodor

Was sind das fur wunderbare Menschen! Unbegreiflicher werden sie mir jeden Tag. Ich komme mir so klein vor unter diesen dreien. Und doch ist Katon der Ratselhafteste. Er schweigt schon lange von seinem Griechenland und nannte nicht einmal den Namen. O, es ist eine Wonne, zu stehen vor dieser erhabenen Gestalt! Diese dunkeln vergluhenden Augen und der verbissene Schmerz darin, diese ernsten Falten in der gewolbten umlockten Stirne, dieser finstere Bart, aus dem die schonen Lippen lacheln wie der Mond durch ein krauses Wolkchen, dieser stolze Hals auf den breiten Mannesschultern! Und sein seltsam unerklarbares Betragen gegen Atalanta! Ich sah's schon, wie er vor ihr stand, und die Schone, Liebliche an ihm hinaufblickte. Da gluhte sein Auge und drehte sich schmerzlich in den grossen umbuschten Bogen. Dann legt' er seine Hand auf die Stirn und kehrte sich um.

Schon etlichemal wollt' ich spat abends noch zu ihm und fand ihn nicht. Cacilie schuttelte geheimnisvoll das Haupt, wie ich sie fragte, wo ich ihn finden konne. Ich weiss nicht, was das ist. Aber gewiss ist's: diese Mannerbrust tragt einen furchterlichen Schmerz.

Und warum hab' ich ihn nicht schon gebeten, mir alles, was er trage, zu gestehen? Ach, Theodor, ein einziger Blick des Hohen weist mich zuruck.

Phaethon an Theodor

O wenn ich ihr so nahe ware, so nahe, dass ich ihr um den Hals fallen konnte!

Ach, was ist's mit all unsern Wunschen? Wir wunschen nur, dass uns das bisschen, das wir haben, auch entleide. Und warum bin ich denn nicht zufrieden, so um sie zu sein, wie ich bin? Ist denn das nicht genug? Was fordert dieses Herz noch?

Wie gelautert ist mein ganzes Wesen in ihrer Nahe. Und wenn ich sie einmal von ungefahr beruhre, da zuckt es wie ein Blitz durchs Innre, und ich fahre zusammen und blicke sie an, als wollt' ich um Vergebung flehen.

Ich mag gehn, wohin ich will, sie wandelt mir zur Seite wie mein Genius. Lieber, ich konnt' ihr nimmer vors Auge treten, hatt' ich etwas Schandliches begangen. Ihre Augen konnen aus mir machen, was sie wollen.

O Theodor, wie viele meiner Bruder gehn verloren durch schwelgerischen Sinnengenuss! Die Wollust weht durch ihre Seele wie der Hauch versengender Winde und verzehrt die edle Kraft. Bruder, der Inbegriff Kunst, fullt er nicht Euer Innerstes an mit seiner Heiligkeit Fulle? Und Euer Auge, das befleckte, glaubt Ihr, es werd' anschauen durfen die Schonheit, wenn sie herabsteigt vom Himmel in ihrer Klarheit in den Stunden der Ahnung, und die Fulle des Gesichts wie ein Lichtmeer den heilig-bebenden umwallt? In Eurem Busen schlagt die Stimme Gottes, wie sie schlagt im Busen eines Kunstlers? Ihr wollt mit unheiligen Handen den Schleier luften vom Bilde der Isis und schaun die Urbilder, wie sie weben in Gott in wandelloser Schone? Ihr Unreinen wolltet Priester sein der heiligen Kunst, die eine Verkundigerin ist der gottlichen Vollkommenheit? Nicht der geubte Meissel macht den Kunstler. Der Drang von innen, der erklingt wie eine Stimme von Gott, die heilig schaffende Kraft im vollen Busen, die brunstige Liebe des Ewigen und die geheimnisvolle Anschauung der Gottheit in ihrer Reinheit und Grosse! Wisst Ihr nichts von dem, so ist Eure Kunst nur ein Handwerk. Umsonst ist's dann, wenn ein Abbild Euch erscheint der unendlichen vollendeten Schonheit. Entheiligt ist Euer Auge; erloschen seine Kraft, und Ihr konnt das Gottliche nimmer erkennen im Menschlichen.

Und ich kann das, Theodor! Ich sag' es Dir in heissen Tranen: Ich kann das! Mein Busen ist keusch! Das Gottliche flieht mich nicht.

Atalanta, Du Schone, Du reines unschuldiges keusches Kind, welch ein namenloses Etwas quillt mir aus Deinem Anschaun!

Kraft mit Kraft, Auge mit Auge, Liebe mit Liebe, Geist mit Geist, hinuberschwimmend, verloren in lauter Tiefe, in lauter Seele, lauter Himmel, zuckend und zitternd in Einem wie Kuss und Kuss, in einander lodernd wie Feuer und Feuer ... Bruder!

Phaethon an Theodor

Ich habe die Sakontala mit ihr gelesen. Theodor, zu sehen, wie die Tochter Kauschikas und der himmlischen Nymphe Menaka gleich einem jungen Blatte, das noch keine Hand beruhrte, gleich einem Diamanten, der ungefeilt in seinem Urlicht schimmert, die Liebliche, unter ihren Blumen wandelt, den zarten Schwestern ihrer Jugend, und unter den Gespielen, mit ihr zu Lieb und Blumenpflege verbunden, wann der blasse Mond noch uber den weissen duftigen Bergen schwebt, die Morgenwolken wie junge Madchenlippen im Osten dammern, die Blumen der Nacht sich schliessen und der Pfau ins Tal herunterflattert von den dunkeln felsenhohen Gestrauchen; wie der Nachkomme Purus, der feurige Duschmanka, das Madchen mit dem Gazellenauge schaut und gluht in Lieb' und Verlangen, und auch sie, die Zarte, dem schonen Drang des Herzens folgt; zu sehen, wie die holde Kranke, den balsamischen Ustra auf dem Busen und das Band von den Fasern der Wasserlilienstengel an den Armen, den Schwestern schuchtern ihr Gefuhl gesteht, und die Liebenden zusammenfliessen in einer Umarmung, und die Hand des Madchens wieder bluht wie ein junger Kamalatasprosse; wie die Schwangere nun da steht mit ihrer Morgengabe, und um sie die gluckwunschende Schar der heiligen Frauen mit Korben geweihten Kornes, und sie unter Kannas Segen zum Palast des Brautigams wandelt; ach, wie nun so plotzlich der Baum ihrer Hoffnung bricht, weil sie den Ring verlor im Teich, und der Fluch Durwasas waltet uber dem Konigshaus, und ihr Herr sich nimmer erinnert der jugendlichen Geliebten; wie's ihm nun klar wird zumal, seine Seele sich fullt mit Verzweiflung, und auf die Mauerhohe, wo kaum blauhalsige Tauben flattern, der Fuhrer tritt von Indras Wagen, und der Konig uber regenschwere Wolken fahrt, und helle Tropfen umher der Umkreis stiebt der Rader; wie auf dem Gebirge der Knabe den Lowen schleppt, seine Mahne zerzausend, und Duschmanka den unbandigen Knaben liebt; ach, und wie die trauernde Sakontala naht und wieder findet, die Junge, den Sohn ihres Herrn, der sie noch liebt, und das verbundene Paar sich umarmt vor dem Throne Kasyapas und Aditis! Tausendmal stockte mir die Stimme, wie ich's las. Ich blickte Atalanten an, druckt' ihre Hand ...

Ihr Auge voll Geist und Seele weinte wie die liebende Sakontala, die zarte Blume des Ostens.

O, so ganz ein Gluthauch der Liebe, dieses Lied! Eine Anmut, ein Lacheln und Weinen wie in e i n e m Auge, so selig und traurig, so voll von Gottheit, so ganz ein Kuss ist dieses Lied!

Zart ist die Seele des Madchens und tief wie die Seele ihrer Blumen! Ach, und es scheint, als ob sie ihre Keime nur zur farbigen Blut' entfalte, um zu duften und zu sterben unter den Schauern der Winde.

Du holde weiche Seele, Du Busenkind Deiner Natur, Du stirbst ja nur, um zu leben, und aus dem Tode quillt Dir ein edler Dasein wie aus der Blute die Fulle reifer Fruchte!

Phaethon an Theodor

Bruder, ich bin glucklich, uberschwanglich glucklich! Rettung, Rettung! ruft der Gott in meinem Innern.

O, die Worte fliessen mir zusammen, die ich schreibe, vor meinen nassen Augen. Was ist all mein Leiden gegen dieses Gluck?

Ich ging heut Abend hinuber. Es war, als triebe mich eine Ahnung dessen, was mir begegnen werde. Meine Seele war voll Licht, und das letzte schmerzliche Gefuhl entschwebte wie die Wolke uber die sonnige Wiese.

Katon lag auf einem alten grauen Stein vor seinem Mausoleum und spielte mit einem frischgebrochnen Zweig in seinen Handen. Lange bemerkt' er mich nicht. Da buckt' ich mich uber ihn hinein und sagte: Guten Abend!

Bist Du's? rief er heiter und zog mich auf den Marmor.

Und wie wir so eine Zeitlang gegeneinander sassen, da fasst' er mich ins Gesicht und sagte: Phaethon, ziehe zu uns heruber!

Katon! stammelt' ich betroffen.

Du hast noch Platz im Hause der Grafin! fuhr er fort. Wir richten Dir ein Zimmer ein, dem Dorfe gegenuber, und Du vollendest hier Deine Polyxena.

Ich konnte nichts hervorbringen. Schweigend druckt' ich ihm die Hand.

Cacilie wunscht, versetzt' er, dass Du fur sie Deine Polyxena bildest und Atalanta ...

Ich bebte.

Und Atalantas Zuge seh' ich ja doch in Deiner Phrygerin. Du mochtest wohl, dass sie Dir stehe?

Katon! Katon! rief ich schluchzend und lag ihm weinend an der Brust.

Er aber sah mich an mit ernster Miene und sprach: Nicht diese Leidenschaft, wilder Jungling! Dein inneres Treiben ist mir nicht verborgen. Auch ich war einst jung; aber ich ward gebrochen in meiner Jugend wie der Zweig in meinen Handen. Mochtest Du glucklicher sein!

Und hier seufzt' er, als ob die Brust ihm hatte zerspringen wollen. Auch er, dacht' ich, auch er, der starke feste Mann? Freund, sahst Du schon Felsen zittern, die, in die Erde tief gewurzelt, das kuhne Riesenhaupt zum Himmel strecken?

Und willst Du? fragt' er endlich. O Gott, ich will! Ich will! war das Einzige, was ich sagen konnte. So wollen wir zu Cacilie gehen! sagt' er freundlich. Wir gingen. Mein Herz klopfte. Ich wagte kein Wort zu sprechen. Katon rief: Er will! Er zieht zu uns!

O Himmel! Und wie nun die Mutter mich bat, gleich in den nachsten Tagen zu kommen, und Katon sagte: Atalanta, Du musst ihm die Zuge leihen zu seiner Polyxena! und die Holde verschamt zur Erde blickte und schwieg!

Mein Gluck ist vollendet. Ich habe mein Ziel gefunden und wandle unter Gestalten, wie kaum ein kuhner Traum sie mir gezeigt. Gott! Gott! Den ganzen Abend jauchz' ich.

Dein Freund ist glucklich, wie die Gotter es sind! Wie geflugelt ist meine Seele! Und ich glaube, der Sonnengott sei mein Vater, und ich tauche selig meine Finger in sein Morgenrot.

Phaethon an Theodor

Ich hab' alles schon zusammengeraumt. Johannes half mir. Es tut mir weh, zu scheiden von diesem Menschen. Aber es ist umsonst. Kann der Gluckliche langer verweilen bei den Armen, die um ihn weinen, wenn er hinuber schon blickt in das Leben, wo man glucklich ist, ganz glucklich! Ach, er druckt den Zuruckbleibenden die Hand und kusst ihre Lippen und scheidet. Ich komme nicht zur Besinnung diese Tage. Katon war gestern hier und drang darauf, dass ich morgen schon hinuberkomme. Es geschieht.

Phaethon an Theodor

Ich hab Abschied genommen von der lieben Hutte, die mich geborgen, und nicht einmal die Trauben darf ich geniessen, die um mein Fenster bluhten! Hinuber! Hinuber! O Gott, dieses hinuber!

Mein ganzer Haushalt ist fortgebracht. Ich blieb bis zum Abend im Dorf und schied mit Tranen. Meinen Johannes bat ich, recht oft mich zu besuchen.

Und nun bin ich unter den wunderbaren Dreien. Meine Werkstatt ist geraumig. Der Eingang ist gerade Katons Mausoleum gegenuber. Das Licht kommt von oben, und das ist ja dem Kunstler notig.

All das ist so schnell erfolgt aufeinander, dass ich's kaum zu erfassen vermag mit e i n e m Gedanken.

Phaethon an Theodor

Theodor, ach tausend kleine Wonnen knupfen sich wie Blumen zu einem Kranze zusammen zu e i n e r grossen allbeseligenden Wonne! Und kann ich sagen, meine Brust ist reif, zu tragen diese Fulle wie der Baum die Fruchte? Mein Leben ist ein gottlicher Genuss.

Lasst mich nur schwelgen! Ich kann, ich mag kein Mass halten. Ganz, ganz will ich glucklich sein, bis auf den Grund hinunterstrudeln den schaumenden Becher, und wenn ich dann taumle und mich verliere, und mein Dasein mir zum Traume wird, ach, dann, dann wird mir einmal wohl werden. Aber das begreift Ihr nicht!

Phaethon an Theodor

Ich lebe wie unter den alten Griechen. Denke Dir, schildre Dir mein Entzucken! Atalanta ist mir zum ersten Male gestanden.

Ich wartete lang auf sie. Der Busen schlug mir heftig, und meine Hand zitterte. Vor dem Bilde war ein roter Teppich ausgebreitet. Jetzt ging die Tur auf, Cacilie trat mit Atalanta herein. Da ist sie! sagte die Mutter und liess die Hand der Tochter fallen. Die Holde ward rot.

Durch ihre braunen Locken flochten sich ein paar gluhende Rosen; ein blendendweiss Gewand umhullte die schlanke Gestalt und umschwebte mit dunnem Flor den jugendlichen Busen wie Wolkchen den rundlich vollen Mond.

O Lieber, wie sie da stand und auf den Boden blickt' und dann wieder auf zum Himmel, die Schone, Gottliche! Wie sie endlich niederkniete auf den Teppich, und das Gewand in langen reichen Falten uber das gebogene Knie hinunterwallte! Wie sie die schone zitternde Hand auf den Busen legte und mich anschaute so lieblich schmerzlich, als wollte sie sagen: Warum forderst Du das von mir? O wandle von Stern zu Stern, und Du findest doch nichts, das erhabener ware!

Ich verlor mich besinnungslos in die Schone des knieenden Madchens, und wie sie dann die Augen aufhob und sah meine Verwirrung und dass ich sie nur anblickte, ohne zu arbeiten, da flog ein gluhend Rosenlicht uber ihre Wangen, und ihr Auge sah so wunderbar trunken empor, als fuhlte sie selbst, wie schon sie sei.

Eine unendlich susse Begeisterung schwebte zuletzt wie befruchtender Tau in meine Seele, und ich arbeitete trunken, wie in einem Schwindel, fort und fort.

Und hundertmal fragt' ich: Ist Atalanta mude? Dann antwortete sie lachelnd: Nein!

Grosser Peleione, wenn deine Phrygerin so schon wie Atalanta war, begreif' ich, wie Du wieder aus dem Grabe steigen mochtest.

Und wie ich sie endlich wieder fragte, lispelten ihre Lippen: Ein wenig! Und ich flog auf sie zu und hob sie zitternd vom Teppich auf.

Phaethon an Theodor

Jeden Abend geh' ich zu Bette mit dem Vorsatz, ihr morgen um den Hals zu fallen. Und wenn ich dann am folgenden Tag vor ihr stehe, und wir allein sind, und mich's mit unwiderstehlichem Drang an ihre Brust zieht, da verschuchtert mich ein einziger Blick aus dem schwarzen Auge, und ein unbekanntes Etwas halt mich zuruck.

Und kann ich denn keine Blume bluhen sehen in ihrer Unschuld an der warmen Erde? Muss ich sie denn brechen? Anbeten sollst du das Heilige! Beruhren darfst du es nicht!

Und heilig ist die Jungfrau, die reine, die keusche, weich und zart wie ungekusste Blumen, nach Leib und Seele, o Gott, das schone Bild Deines keuschen Geistes, Deiner klaren milchweissen Sonnen: ein Licht, eine Seele, eine lachelnde Unschuld, geweiht und umwallt von zarter Scham wie von einem unerklarbaren Geiste!

Wandelte nicht nachtlich der liebe Mond uber meinem Haupt und kusst mir liebend meine Lippen mit seinem bescheidenen Lichte, und ist mir's je eingefallen, zu langen nach ihm?

So denk' ich im Augenblick; aber nachher reut mich's doch wieder.

Phaethon an Theodor

Oft an heiterm Vormittage drangt mich's, mein Zimmer zu verlassen, und ich wandle dann hinaus ins Freie. Ach welch ein Gefuhl, zu irren durch die stillen Wiesen und Grunde, wenn alles so still ist umher, und nur selten ein Mensch geschaftig seinen Weg voruberwandelt! Da leg' ich mich dann am Fuss eines kleinen Abhangs nieder mit einem Buche. Theodor, wenn ich dann aufschau' und hinuberblick' uber die schweigenden Dorfer, und die liebe Sonne bald ins Gewolke sich hullt, bald in all ihrem Lichte wieder heraustritt, und zu meinen Fussen eine Quelle mit tiefbescheidenem Rieseln durch die Graser sprudelt; wenn's dann immer stiller wird und feierlicher, nur hie und da ein reifer Apfel vom beladnen Aste tonend auf den Boden fallt, oder ferne Stimmen erklingen und wechselnd sich antworten; wenn dann mein ganzer Busen sich fullt, und ich fuhle das geheime gluhende Leben; wenn Hugel und Berge, Quellen und Wiesen, Baume, Blumen und Graser bis ins Tiefste wie von e i n e m Geiste der Fulle und Ruhe beseelt sind; wenn dann die Erinnerungen aus den Tagen meiner Kindheit wie blasse Wolkenbilder in heiligem Schweigen heranschweben, mich linder und susser umwallen, und alle jene Wunsche meines Innern sich erneuern, jene Traume von Gluck und seliger Zufriedenheit; wenn die Welt wieder vor mir steht, wie ich sie damals mir geschaffen, und meine Brust anschwillt, und es klingt wie eine Ahnung: Du wirst noch glucklich werden! Bruder, wenn dann mein Buch mir aus der Hand fallt, und mein Auge verschwimmt in den grundlosen Ather: Heilige, heilige Natur! Mutter! Allbeseelte! Deine ewige Warme fuhl' ich, Deine Ruhe, und ich komme mir vor, wenn ich unter den Grasern und Blumen sitze, als sei auch ich Dein Kind und Dein liebstes Kind!

Phaethon an Theodor

Ich schwimme wie ein Stern im Ather in einem ungemessenen Meer von Wonne. Wir sind Eins. Ich und Atalanta sind Eins.

Ich stieg heut Abend mit Atalanta den kleinen Hugel hinan zum Tempel des Eros. Ich war voll von Platons Ideen. Wie ein Lichtquell von oben bebte das Geheimnis seiner Schonheit durch meine Seele. Seine Worte waren mir wie Gesichte geworden. Ich empfand anbetend die Fulle ihrer Gottlichkeit, aber nur ahnen konnt' ich sie und empfinden. Unter den Orangen setzten wir uns nieder. Die vollen goldnen Fruchte blickten wie Haupter junger Liebesgotter aus dem dunkeln Laub, und balsamische Dufte quollen wie Weihrauch aus tausend Blumen und Krautern.

Da sass sie nun neben mir, die Liebliche, wie die junge Gottin der Liebe unter ihren Blumen, und die bluhenden schlangen sich liebend um ihr Gewand und kussten ihre Fusse. Ihr Angesicht war wie ein einziges Lied voll Wehmut und Empfindung. O, meine Brust schwoll von Ahnung der gottlichen Schonheit.

Ja, Atalanta, rief ich endlich begeistert aus, die Liebe, diese wunderbare Tochter der Armut und der Fulle, ist die Vermittlerin zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und Mensch. Sie schwillt im Busen des Betenden, und der Gott, dem das Opfer brennt, steigt liebend zu den Menschen herunter.

Und wer kann's entratseln, sagte Atalanta, das Wesen der Liebe?

O, ich fuhl' es, fuhl' es ganz, Atalanta: die Liebe ist Liebe der Schonheit und der Weisheit. Die Liebe ist irdisch und himmlisch in Einem. Die Harmonie der Schopfung beseelt der Geist der Venus Urania, und die hohe mutterlose Tochter des Himmels schwebt wie eine ewige Morgenrote uber der himmlischen Welt. Aus ihrem Auge traufelt wie eine grosse Trane die Liebe zu Gott und zum Guten und die gottliche Begeisterung, wenn der Mensch wie Berg und Luft in der Ferne zusammenschwimmt alliebend in den Stunden der Erleuchtung mit Gott; ihr Haupt umschweben wie ein Flammenkranz die leuchtenden Sterne, denn sie leitet mit ihrer Weisheit die unermessliche Zahl der wandelnden Welten in ihrer Bahn; in ihren Armen halt sie wie Blumen und schwellende Fruchte das Fullhorn der Sittlichkeit und der hoheren Schonheit; um ihre Lippen schwebt wie ein Kuss das unerklarbare Verlangen aller Wesen nach jenem uberschwanglichen Genuss ihres Daseins, und aus ihrem keuschen Busen quillt wie zarte Muttermilch die unendliche Fulle von Harmonie, die mit ihrer schaffenden Urkraft aus dem gestaltlosen Chaos durch Liebe die Elemente zog und die Weltkorper regelnd nach ihrer Triebkraft aneinander stellte.

Phaethons Auge gluht! lispelte Atalanta und gluhte noch starker. Meine Seele irrt wie ein goldnes Wolkchen durch den Ather in diesen endlosen Fernen der Gedanken.

Die Liebe, Atalanta, schwellt befruchtend die Seele an und erfullt sie mit dem Keime, dem ewig wachsenden und gottlichen, woraus die Weisheit und die Tugend gleich Rosen sich entwickeln. Da wandeln sie dann umher, und immer voller und grosser wird der unsterbliche Keim; und ein unnennbar tiefes Leben stromt wie Saft im Baume durch ihr Wesen. Und starker, immer und starker treibt's, und vollendet ist die Frucht des Gottlichen in ihrem Schosse. Mit namenlosem Drang fuhlt nun der Mensch den Busen sich erfullt und eilt und schaut nach dem Schonen, die heilige reife Frucht darein zu legen. Die Schonheit sieht er, Atalanta. Da sprudelt der Drang wie ein Springquell aus seinem Busen auf die Lippen, und sein Mund traufelt von den Worten der Begeisterung wie vom Honig des Hymettos. In seinem Auge gluht das Feuer der gluhendsten Sehnsucht, und seine Arme streckt er besinnungslos aus, das gefundene Schone zu schliessen an seine Brust voll Liebe.

Ich verstehe, Phaethon, sagte Atalanta, und wenn er nun zusammengeflossen mit ihm, innig und ewig wie Quelle mit Quelle, da entwickelt sich die unsterbliche Frucht, und e i n Sehnen, e i n Verlangen, e i n e Liebe gluht mit ewig treibender Kraft durch seine Brust.

Atalanta, rief ich mit rasendem Entzucken, und wenn er dann sich aufschwingt von der Betrachtung der einzelnen Schonheit des Geliebten zur allgemeinen, wenn er allmahlich die Schonheit der Seele versteht wie die Schonheit des Korpers, und diese ihm wird wie eine bald erloschende Flamme, und jene wie die grosse ewige Sonne, und er aufsteigt von der Stufe der sinnlichen Schonheit zur Stufe der allumfassenden des Geistigen, wenn der Himmelstrunkene dann der hochsten Stufe sich nahert, und urplotzlich der Schleier des gottlichsten der Geheimnisse verschwindet wie die Wolke vor dem blendend wallenden Licht der heiligen Sonne, und der Selige anschaut die ewige, weder Anfang und Wachsen, noch Abnehmen und Vergehen kennende, in allen Teilen vollkommene, von aller Hulle befreite, reine und lautere, sich gleichbleibende Urschonheit, und alle blossen Abbilder wie matte blauliche Funken vor seinem Geiste zusammenschweben mit dem Urlicht, und er unsterblich sich sieht und der Gottheit befreundet ...

Atalanta! Geliebte! Engel! Du bist's, die mich hinanhebt auf den Sprossen der geheimnisvollen Leiter der Schonheit! Du bist's! rief ich wie wahnsinnig und umfasste die Weinende mit meinen Armen. Ihr weicher Busen schlug an den meinen. Ihr Mund bebte auf dem meinen. Ihre Arme lagen um meinen Nacken geschlungen, und Kuss auf Kuss strudelten unsere Seelen zusammen.

Phaethon! Phaethon! rief sie schluchzend. Ich hatte keine Besinnung mehr. Mein Haupt lag auf ihrer Brust und erdruckte die langen Locken. Phaethon! rief sie wieder und wand sich los aus meinen Armen, blickte mich noch einmal an mit einem Auge voll uberschwanglicher Liebe und flog den Hugel hinunter.

Gott! Gott! Noch tauml' ich von all der Wonne; noch fuhl' ich ihre weichen Lippen und das Feuer ihres Auges und die Warme ihres Busens.

Theodor, was hab ich getan? Ich kann nicht denken mehr in diesem Augenblick. Meine Kraft ist zu schwach fur diese Fulle. Lass mich, lass mich! Die Mitternacht ist langst vorbei. Auch Katons trube Lampe ist erloschen. Ich will mich aufs Bett werfen.

Phaethon an Theodor

Freund, was hab' ich gesehn? Was werd' ich noch erfahren? Was ist der Mensch? Die fernsten Ratsel strebt er zu entwirren, und er sebst in seinem Ratsel ist das tiefste Ratsel.

Ich schlummert' ein paar Stunden. Bald wacht' ich wieder auf. Der Tag dammert' uber den schwarzen Bergen in blassgelben Streifen. Ich offnete meine Tur und trat hinaus. Alles war noch still in der Natur. Kein Blatt regte sich; kein Vogel schlug.

Auch sie, auch Atalanta schlummert noch, so dacht' ich, und vielleicht, vielleicht traumt sie von mir.

Ich stand vor Katons Mausoleum, das heller mit seinen roten Steinen aus dem dunkeln Laube blickte. Lange blieb ich stehn, und wunderbare Gedanken erweckten sich in meiner Seele.

Da bemerkt' ich, dass das dichte Rosenlaub auseinandergeschoben war und eine kleine Offnung sich zeigte durch das geteilte Gezweig. Ich weiss nicht, wie's mir einfiel, durchzuschlupfen, und wunderbar! ich stand an einer Treppe, die sich in die Tiefe hinuntersenkte.

Ich stieg auf ihr hinab. Da stand ich plotzlich vor einer Sphinx, aus dunkelm Basalt gehauen. Ein tiefer Schauer uberlief mich, und eine innre Stimme rief mir zu: Furchte, furchte das Geheimnis, Junger!

Und wieder blieb ich stehn und bedachte mich, ob ich die Treppe wollte hinabsteigen.

Da gewahrt' ich eine Tur. Ein junger Genius war auf ihr gebildet, der mit der einen Hand eine Fackel senkte und mit der andern eine Tafel hielt, worauf die Worte standen mit der Schrift des Griechen: Vaterland und Liebe. Und wie ich leis an die Ture stiess, da ging sie auf mit einem dumpfen Drohnen.

Ein wundersamer Geruch von Weihrauch wallte mir entgegen. Es ward Grabesnacht vor meinen Augen.

Lange blieb ich wieder stehen, bis ich an einer Wand den schwachen blassen Schein einer Lampe bemerkte. Ich trat einige Schritte vorwarts. Das Licht ward heller und beweglich. Der Geruch verstarkte sich.

Plotzlich stand ich vor einer Maueroffnung, durch die der Lichtstrahl brach. Ich blickte durch und traute meinen Augen nicht.

Denn eine Geistererscheinung glaubt' ich zu erblikken. Ich sah in ein zirkelrundes Gewolbe. Die alten dunnen Saulen, die schlank hervortraten aus den schwarzen Wanden, verbanden welke Rosenkranze. An ihren Fussen lagen Schilde, Helme, alte zerbrochne Vasen und Reliefe; an einer der Saulen hing die Maske eines Jupiterkopfes.

Mitten im Gewolbe stand ein schwarzer Sarkophag mit wunderbaren Zeichen. Auf ihm schlug aus einem alten blumenumwundenen Gefass hellodernd eine blaue Flamme. Zu beiden Seiten glanzten weisse Bilder in zwei Nischen. Oben brannten schwache Lichter auf drei langen mit Flor behangenen Kandelabern, und an seinem Fusse sass ein Mann mit langem Bart in einem weissen Gewand, das Haupt auf die Arme gestutzt und das Angesicht verdeckend mit der Hand.

Lange starrt' ich ihn an; aber er war unbeweglich wie der Sarkophag.

Ist es sein Geist? dacht' ich schaudernd. Ist er's selbst? Denn ich hielt ihn fur Katon.

Gott! Was soll dies furchterliche Spiel? Was plagt den grossen Mann? Ist's das Bewusstsein einer Schuld? So dacht' ich und glaubt' es nicht.

Da rauscht' es in der Nahe. Es war wie der dumpfe ferne Glockenklang einer Uhr. Es schlug viermal.

Mir graute!

Die Gestalt bewegte sich. Die Hand senkte sich langsam vom Haupt, und ich sah das ernste mannliche Angesicht des unerklarbaren Freundes.

Es war die hochste Zeit. Ich flog von der Maueroffnung weg, rannte durch die Tur und drangte mich wieder durch das Rosengezweig.

Es war lichter Tag geworden.

Mein ganzes Innere war angefullt mit dem Geheimnis. Ich arbeitete an meinem Bilde. Nach ein paar Stunden trat Katon mit Atalanta herein. Ich weiss nicht, welches von beiden mich mehr verwirrte. Katon war wie sonst. Das zarte Madchen brachte mir frische Blumen. Ich dankt' ihr mit dem gluhendsten Blicke der Liebe. Sie lachelte mich an wie der junge Tag im Osten.

Wir gingen ins Freie. Den ganzen Tag begleitete mich das Bild des geheimnisvollen Gewolbes.

Phaethon an Theodor

Meine Homerosbuste ruht nun bei den drei Saulen im Garten auf einem hohen marmornen Gestelle mit drei Stufen. Wenn Atalanta auf der dritten steht, kann sie das Haupt umfassen mit den Handen.

Ich spreche nun auch neugriechisch. Atalanta lehrt es mich! Und wie sie das Altgriechische ausspricht!

Mit welcher Lust ich arbeite an meiner Polyxena! Sie ist's ganz, meine Atalanta. Die grossen runden Augen; die vollen lachelnden Lippen; das Kindliche, Schuchterne um den kleinen Mund; das langliche Oval. Und doch, es ist noch Etwas in ihrem Angesicht, das ich nicht in mein Bild bringen kann! Unaussprechliche Unschuld? Seele? Liebe? Leben? Geist?

Phaethon an Theodor

Krankheit sei die Liebe? Lasst mir, lasst mir diese Krankheit! Wie aus einem Heilquell schopf' ich Gesundheit aus ihr und ewige himmlische Gesundheit.

Nichts Schoneres gibt es auf der Erde, nichts Schoneres im Himmel als diese Gesundheit. Sie kraftigt die Seele und fullt sie an mit Warme. Sie bereitet die Geister vor, die Urschonheit zu schauen in ihrer reinen Gottlichkeit, in ihrer ewigen unveranderlichen Fulle. Sie deckt endlich auf den Riesenschleier des grossten der Geheimnisse.

Gott selbst erfreut sich ihrer. Durch sie ist er Gott. Ewige nieverbluhende Jugend ist ihre Tochter. In ihrem frischen Wasser zu baden, ist die Wonne der Unsterblichen.

Sie ist voll und uppig wie die Rose. Aus ihrem Kelche saugen die Menschen wie Bienen ewiges Gedeihn. Ihre Farbe ist weiss wie Milch, denn sie ist voll Unschuld. Ihre Stimme ist wie der Klang einer Glokke; denn alles staunt ob ihrer Fulle. Aber auch sanft ist sie oft wie verhallende Harmonikalaute, und in der Ferne der Erinnerung klingt sie wie leises Wellengemurmel.

Ein Kuss ist das grosste Geheimnis dieser Liebe. Die Liebe zur ganzen Menschheit ist eins mit ihr.

Weissagend ist diese Liebe, lauter Wahrheit; nur der Begeisterte fuhlt ihre Kraft, ihren Segen. Alles bringt sie dem Menschen; denn die Gesandte, die Priesterin Gottes ist sie. Ohne sie ist nichts Edles auf Erden, nichts Gutes und Grosses. Ohne sie ist kein Leben. Ihr warmes Licht aber, das klare keusche, fallt nur in zarte Seelen, durchdringt sie ganz, macht sie unendlich durchsichtig, lautert und reinigt sie uberschwanglich.

Voll Glauben ist sie; sie lasst uns erkennen Gott in unserm Innern und zeigt uns, wie alles, was ist, durch ihn, durch sie ist, und erfullt von ihm allein Natur, Schopfung und unsern eignen Busen.

Uneigennutzig ist sie. Siehe, wie sie lachelt, die Unsterbliche, aus dem Auge der Mutter, wenn sie den Saugling an den Brusten trankt! Geben und Nehmen, das wird ihr zu Einem.

Ich lernte lieben, lieben aus ihrem Auge, ihrem Kusse, lieben aus ihrer Seele, ihrem Geiste.

Ihn lernt' ich erkennen, fassen, lieben, den alten ewigen Geist, den wandellosen, der alles Dasein schafft und gibt, den Vater des Masses, das Mass selbst, den Urheber alles Lichts, das Licht selbst, die Urkraft und das Urleben, der die Weisheit erfand, ihn, den Alleinigen, Unerschaffenen, ihn, die Liebe, die Wahrheit.

O, richtet nicht!

Ich weiss ja wohl, es ist nichts leichter als urteilen und verdammen. Tausendmal wird gerichtet, bis einmal der Richter versteht, was er zu richten wagt. Er braucht, um vieles zu erkennen, eine Kraft, ein angeborenes Etwas, das man nicht lernen, nicht erwerben kann.

Menschen, die keine Leidenschaften haben, weil sie ohne Herz, ohne Kraft sind, predigen der Jugend, mit ihren Wunschen, ihren Trieben der Vernunft nicht zu entlaufen!

Ich sagt' es Dir schon hundertmal: solch eine Ruhe will nichts heissen. Der sich mit seiner Kuhnheit brustet und keinen Feind noch sah, der ist kein Held. Aber der ist ein Mann, der sich bewegt durchs wildeste Gedrange.

Wunden! Wunden! Lass sie bluten! Eine Brust ist stark. Du bist doch ein Mann. So zu bluten, das ist gross!

Mich lasst nur irren! O, ich bin glucklicher als Ihr auf Eurer rechten Bahn. Nicht bedauern durft Ihr mich, weil ich irre, Ihr Kluglinge, Ihr Selbstgefallige! Beneiden musst Ihr mich! Ach, solch ein Irren ist mehr als all Euer Fortschlendern!

Phaethon an Theodor

Du kannst Dir mein Wesen nicht vorstellen. Und all das sollte nur ein Traum sein? Der arme Mensch, wenn er einmal glucklich ist, da soll er traumen? Und war's auch ein Traum, warum wollt Ihr mich erwekken? Ein solcher Traum ist mehr als Euer Wachen. Ich gestehe ja, mein Geist ist berauscht. Aber ich sage Dir, Eure Nuchternheit ist der schimpflichste Zustand des Menschen!

Phaethon an Theodor

Natur und Kunst sind wie zwei Schwestern, die sinnig schweigend mit ihren Armen sich umschlingen. Sie halten einen ewigfrischen Kranz mit vollen Blumen in den Handen. Der bedeutet die Liebe.

Phaethon an Theodor

Heut war eine schone Mondnacht. Ich wandelte mit Atalanta durch den Garten. Ich hatte meinen Arm um sie geschlungen und sah mit Entzucken, wie unsere langen Schatten auf der Erde sich vermahlten. Von ungefahr standen wir am See; der Kahn schaukelte sich vor uns am dunkeln Ufer.

Besteigen wir den Kahn nicht, Atalanta? sagt' ich. Sie lachelte. Ja! Ich sprang hinein, loste die Seile und gab ihr die Hand. Die Schuchterne hupfte in den Kahn.

Ich nahm das Ruder zur Hand und platscherte damit in den Wellen. Ein kuhler Abendwind trieb uns bald aus den Uferschatten.

Theodor, was war das fur eine Stunde! Wie Traume umschwebten zartgehauchte silberne Wolkchen den Vollmond, der in seiner lieblichen Fulle wie das Angesicht eines keuschen Madchens herabquoll auf die zitternden Gewasser. Die Tannen am Ufer druben schienen sich mit ihren Riesenschatten in der kuhlen Flut zu baden. Wie ein dunngewobener Schleier von Duft umwallte die Gegend umher ein blaues Licht, und die Berge schwebten wie die verklungenen Wunsche unserer Kindheit aus ihren Fernen heruber. Der Garten mit seinen dichten Ufergebuschen ward wie eine dunkle Wolke; nur die drei Saulen ragten in schwachem Licht aus dem Dunkel wie geheimnisvolle Trummer einer entschwundenen Urzeit.

Die Geliebte lag an meiner Brust und hatte zartlich ihren Arm um meine Schultern geschlungen. Ihr blasses Antlitz blickt' aus den Locken wie der weisse Mond aus dem dunkeln Ather. Wir schwiegen. Nur manchmal druckt' ich die Liebende warmer an meine Brust und kusste die milchweissen Wangen.

Kein Laut aus der Ferne; nur das melodische Platschern des Wassers beim Schlage des Ruders. Da begann ich endlich:

Atalanta, fuhlst Du den stillen Geist, der uber der ruhenden Gegend schwebt?

Sie druckte meine Hand und blickte mich an mit dem Auge voll namenloser Liebe und lispelte seufzend: Ich fuhle! Und dann schwiegen wir wieder, und manchmal nur bebten unsere Lippen: O Gott! Unsere Seelen wurden wie das klare reine Gewasser, unser Leben wie ein einziger Hauch der Liebe.

Ja, Atalanta, sprach ich wieder, wie die Mondnacht ist unser Leben, wenn es am schonsten ist. Ist nicht die Gegend wie ein Traum? Wir schweben umher. Der Wind kuhlt unsere heissen Wangen und lindert das brennende Sehnen unserer Brust. Die Pfade sind eben und glatt wie die Wasser. Ferne liegt die Wirklichkeit wie das Ufer mit ihren finstern Gestalten. Und wenn sie nicht so ferne lagen, ach, da war' unser Leben auch nicht so schon.

Kannst Du, sagte Atalanta, kannst Du ein Ende denken dieser Wonne? Bricht endlich nicht die Morgenrote von Osten her und beleuchtet jene Gestalten, die so schon sind aus der Ferne?

Unendlich, ewig, Atalanta, ist die Liebe wie Deine Seele. Tod ware das Ende der Liebe, und die Seele stirbt nicht. Die Liebe ist ewig jung und wandelt ewig unter Blumen.

Ach, aber die Blumen welken, Phaethon! seufzte Atalanta mit einem unaussprechlichen Schmerz im Auge.

Ewige Jugend, Du zarter Engel! Die Liebe kennt kein Alter wie der warme Sonnenstrahl, der auch um graue Mauertrummer quillt. Und einst, wie die jungen Geister sich losen aus der alten ehrwurdigen Hulle und frei sind und dahin schweben konnen durch den Ather und zum erstenmal als Geister sich kussen Atalanta, ein Kuss der Geister! und wenn sie nichts mehr hindert, ineinander zu fliessen, und eine Umarmung wird die Ewigkeit ...

Atalanta blickte in das Wasser und dann hinauf zum Mond, als wollte sie ihn bitten, den lieben, sanften, sie hinaufzunehmen zu seinem reinen Licht. Dann sagte sie: Phaethon, ach, hier ist's schon, doch dort ... Die ewige Vollendung glanzte in ihrem feuchten Auge; ihre Brust hob sich unter dem Gewande. Mir war, als weinte sie nun die letzte Trane, als sei dieser sehnende Blick der letzte, den sie dem Sterblichen zuwerfe, und sie schwebe aus meinen Armen, ein gottlich Wesen, in der schonen Mondnacht zum Himmel, dem ewigen Ziel ihrer heissen brunstigen Sehnsucht. Mein Mund verstummte. Ich schloss sie heftiger an die Brust; ihr Auge wandte sich auf mich, und unsere Lippen waren gluhend aneinandergeschlossen.

Da horten wir aus der Ferne eine Flote. Wie zarte liebende Geister klangen die schwebenden empfindungsreichen Tone zu uns heruber. Unsere Seelen selbst waren wie zusammenschwimmende Akkorde, voll unendlicher Harmonie, voll schwellender Empfindung. Sie losten sich auf in ein stilles aber uberschwanglich seliges Anschaun unseres Innern und verschwammen endlich hinuber wie die blauen Bilder der Berge. Nur: Dein! Dein! seufzten unsere Lippen. Hier und dort!

Am Ufer stand eine lange schwarze Gestalt, unbeweglich wie die Tannen um sie her. Es war Katon. Unser Nachen fuhr ans Land. Katon trat uns entgegen und hob Atalanten aus dem Nachen. Die tiefsinnigen Zuge des schonen Mannes gluhten wunderbar im Mondlicht. Er druckte dem Madchen die Hand mit Feuer, und wir wandelten langsam wieder dem Schlosse zu.

Phaethon an Theodor

Noch ist Starke, Schonheit, Tugend nicht gewichen von der Erde. O, ich fuhl' es, fuhl' es wie mein Ich, was wurdig ist des Menschen. Rein ist der Mensch von seinem Ursprung an; denn von der Gottheit stammt er. In seinem Busen quillt der ewig treibende Keim des Guten wie eine klare, den Himmel abspiegelnde Quelle. Unglucklich ist er, wenn sie getrubt wird; aber verloren ist er, wenn sie versiegt. Das Grosste, was Gott erschaffen auf der Erde, ist der Mann. Er ist's, der Starke, der Mut hat und Kraft und unveranderlichen Willen. Ruhig steht er da in seiner erhabenen Wurde wie eine hundertjahrige Eiche, deren Riesenwipfel vergeblich Wind und Sturme schutteln. Die Sonne spiegelt in seinen Zweigen schmeichelnd, und niedere Kreaturen der Erde kriechen um seine machtigen Wurzeln. Und ist er auch geschmiedet, der Mann, an eine Felsenstirn, und kann er seine Arme nicht bewegen.: in seinem Busen lebt die angestammte unerschutterliche Kraft, selbst dem Unendlichen zu trotzen. Aber rein ist der Mann; denn er ist das Abbild Gottes. So denke Dir meinen Katon! Seine Brust gleicht dem Diamanten, der unzerbrechlich fest doch in sich fasst das warme Licht der Sonne.

Um ihn schlingen wie zarte weiche Blumen um die Eiche das Weib sich und das Madchen. Die sanften wurden verwelken, wenn sie der kraftige edle Stamm nicht am Busen hielte. Denn weich ist das Madchen, deren Mund der Hauch der Jugend wie ein gluhend Morgenrot beseelt, wie die Mutter, wenn sie ihr lachelnd Kind am warmen milcherfullten Busen saugt. Aber die echte Jungfrau ist noch Kind, und die echte Mutter ist noch Jungfrau.

Ein tiefes Geheimnis ist die keusche Jungfrau. Ihre Jungfrauschaft hort auf, wenn sie kein Geheimnis mehr ist. Sie ist das vollkommenste ruhrendste Sinnbild der Entwicklung und der Fruchtbarkeit, das Sinnbild der Natur. Darum ist ihre Nahe heilig, und das Unheilige flieht vor ihrer Gegenwart wie vor dem Tempel der Gottheit.

Des Mannes Tugend gleicht dem Riesenfelsen, der weit die Schatten auf die Taler wirft. Des Weibes Tugend ist ein sanfter ewigfliessender Bach, der stillbescheiden sich durch die Blumen windet und liebend an den Ufern die zarten kusst und trankt. So denke Dir Cacilie und Atalanta!

Caciliens Haus ist den Grazien geweiht, aber nicht den niedern, die das blosse Bedurfnis verschonern und heben, sondern jenen allwaltenden weisen und keuschen Forderinnen alles Schonen und Guten, von denen der weise Pindaros singt: Ihr an Kephissos Gewassern wohnend, dort am Sitze der schonen Rosse weilend, Huldinnen, Koniginnen holden Gesangs im lieblichen Orchomenos, der alten Minyer Wachterinnen, Horet den Fleheruf! Denn von Euch kommt ja das Liebliche, kommt ja in Fulle das Susse der Welt, bluhst Du an Weisheit und Schonheit oder an Adel. Denn die Gotter ordnen ohne die heiligen Huldinnen nie ein Gelag, keinen Reigen; sondern allwaltend im Himmel haben sie bei Pytho Apoll, dem der Bogen von Gold schimmert, sich aufgestellt den Thron, ewig verehrend des olympischen Vaters Herrschergrosse.1 Diese, Theodor, die heitern Kinder des Weisen, lacheln aus allem. Sie sind nichts anders als das Mass.

Fussnoten

1 Pindar, Olympische Siegesgesange XIV.

Phaethon an Theodor

Atalanta wusste nichts, wie ich sie fragte, von Katons unterirdischem Gewolbe. Sie wusst' auch nicht, aus welchem Land er stamme. Nur: ferne, sagte die Mutter, ferne sei er hergekommen. Auch ihren eignen Vater kennt sie nicht. Sie hab ihn schon verloren als zartes Kind.

Das Neugriechische war die Sprache ihrer Kindheit. Sie stammelte griechisch. Die Sprache unsers Vaterlandes lernte sie erst spater.

Wie Katon heute vor mir stand und wir allein waren, fasst' ich mir Mut und sagte: Katon, verdien' ich diese Kalte?

Er aber sagte etwas dumpf: Was ist Dir, Phaethon?

O, verdien' ich dieses Schweigen? erwidert' ich heftiger, und eine Trane rollte mir aus dem Auge.

Es verschwebten an seiner Stirne die Runzeln, und er sagte, halb finster halb wehmutig, mit einem unerklarbaren Blick: Auch ich trag' etwas auf der Brust; aber frage mich nicht! Er ward ernster. Ich darf nicht weiter davon sprechen.

Er warf mir einen Blick zu, der mir auf ewig die Zunge lahmte. Dann sagt' er noch einmal: Frage nie mehr! und ging fort.

Und auch Cacilie kann ich nicht entratseln. Sie ist geheimnisvoll wie die stille Nachtviole. Nur Atalanta ist wie eine offne Rose, der man bis in des Kelches Tiefe schaut.

Ich trat gestern Abend die Treppen herauf. Es war schon dunkel. Atalanta flog durch eine Tur. Ich kannte ihren Tritt. Schnell folgt' ich ihr. Ich erreichte sie, sank ihr wild um den Hals und rief wie rasend: Ewig, ewig Dein!

Phaethon, rief sie angstlich, nicht dies Ungestum! und wand sich los aus meinen Armen. Ich wollte sie halten, blickte hinter mich, da stand Cacilie vor mir. Atalanta flog mit einem Schrei zur Tur hinaus. Mir bebten die Knie. Ich sank ihr zu Fussen: Cacilie! rief ich mit wankender Stimme. Kann Cacilie vergeben? Lange blieb sie stumm. Ich hatte ihre Hand ergriffen; weinte meine Tranen auf sie. Und wie ich hinaufblickt' und ihr Auge traf und das Wohlwollen herabquellen fuhlt' auf mich wie linden Tau, und sie ihre Hand aus der meinigen zog, mir noch einen liebevollen Blick zuwarf und dann verschwand ... O Gott, ich blieb in heiligem Entzucken auf den Knien, als ob sie noch vor mir stunde, und stromte meine Seele aus in einem brunstigen Gebete.

Phaethon an Theodor

Ich lebe wie zu den Zeiten Homers. Die Wirklichkeit beruhrt mich kaum wie die Flut den Fuss des Gebirges, dessen wolkenumwobene Scheitel weiter reichen, als das Auge tragt.

Ich sass vor dem Bilde Homers auf der untersten Stufe. Atalanta sass neben mir. Sie spielte mit den Efeublattern, die um ein altes Architrav sich schlangen.

Die Sonne war nah am Untergehn. Durch die wilden Rosengebusche blickte der blaue See mit seinen grunen Ufern. Da zog ich den Homer heraus. Atalanta sah mich an und lispelte, die Hand mir druckend: Lesen wir? Ich sagte: Ja. Wie feiern wir schoner den Abend? Und welche Rhapsodie schlag ich auf, Atalanta? Da hast Du das Buch! Nausikaa! klang's von ihren Lippen.

Sie las. Theodor, wie die griechischen Worte wogten von den zarten Lippen, die Worte des Maoniden! Jeder Laut war wie aus tiefster innigster Seele.

Das Saftgrun der Blatter und die Glut der Rosen und der Abendsonne; die grauen alten Saulen; die Trummer um uns her; und druber hinein das Himmelblau; und das Madchen, vom quillenden Strahl der Sonne gekusst, mit ihrem Engelauge, mit ihren Rosen in den dunkeln Locken, mit ihrem Homer in den Handen!

Da rief ich endlich aus:

Atalanta, denke Dir den Sanger, wie er stand auf dem grauen Felsen von Chios, wann die warme Morgensonne seine weissen Locken umwallte wie das Haupt eines Heiligen, und um ihn her sassen im Kreise die Schuler auf den steinernen Banken! Wie der alte Lehrer hinuberblickte uber die lachenden Fluren des Eilands von der jahen Klippe, und sein Auge von den grunenden Buchten und dem frischen Gestade hinuberdrang wie ein Lichtstrahl in die grenzenlose Weite des Meeres und endlich verschwamm in der Flamme des aufsteigenden Sonnengottes! Wie nun seine Brust sich hob, und eine Trane bebte im Auge des Alten, Ehrlichen; wie er da lehrte, und seine Lippen uberquollen von der Fulle seines Herzens wie von Strahlen der ewige Lichtquell der Sonne, er, der Sohn des Himmels, auf dem Felsen, und um ihn der endlose im Morgenrot wallende Ather, rein wie seine Dichterseele!

Atalanta war mir an die Brust gesunken. Ich blickte hinab auf das jugendliche Haupt und fuhlte mein ganzes Wesen uberwallen, wie ich sie so nah mir sah, diese unaussprechliche Schonheit. Ihr dunkles Auge voll ewigen Friedens weinte verklart zum blauen Himmel hinauf, und ich druckte, von der Seligkeit der Gotter durchschauert, einen heissen Kuss auf ihre keuschen unentweihten Wangen.

Ja, Atalanta, rief ich endlich, mich erholend aus der betaubenden Wonne, blick' ihn an mit Deinem Auge voll Liebe! Er ist's! Seine Seele ist unergrundlich wie das Meer, aber durchsichtig wie der unermessliche Ather. An seinen Busen voll warmem Jugendfeuer druckt er die Natur wie eine Braut, und seine Gesange sind die ewig jugendlichen Kinder seiner Liebe. Wie holde Blumen in einem Kranze schlangen Weisheit, Schonheit, Massigung und Ruhe sich in ihm zusammen. Sein Lied ist wie das spiegelhelle unbewegte Meer, wenn es die Farbe des Himmels tragt. Er ist ein gewaltiges Gebirge, das, tiefgewurzelt in die gute mutterliche Erde, das weisse Haupt in Atherfernen streckt.

Es rauscht' im Gebusch, und Katon trat herein. Er lachelt' und setzte sich auf einen Saulenstumpf. Die Sonne war hinunter. Es ward schon dunkel um uns. Katon sagte: Griechenlands Sanger sind die grossten. Wie Kinder spielten unter Blumen in dem schonen Lande die Sohne des Himmels. Aber grosser sind Griechenlands Helden. Wo ist eine Brust wie die freiheitstrunkene Seele des Leonidas? Wo ist die ernste Tatkraft eines Epameinondas? Wo sind unsre Timoleone? Ich verstand nicht, was er wollte damit sagen. Wir gingen ins Schloss.

Aber der Geist Homers wich nicht von meiner Seele. Ich kehrte spat zuruck zu den drei Saulen. Einsam sass ich an ihrem Fuss unter dem Bilde Homers. Seine Helden stiegen in meinem Geist empor aus den Trummern um mich her und schwebten an mir voruber in langen dunkeln Gestalten. Kein Mond war am Himmel. Eine Nachtigall schlug in der Nahe in vollen schwellenden Akkorden. Ich schlummert' ein.

Hore meinen Traum!

Ich trat in ein elysisch schones Land. Durch fette Wiesengrunde walzten sich Bache. An ihren Ufern stiegen im Schatten des Lorbeers und der Myrte Saulentempel in die Lufte. Unendlich klar war das Blau des Himmels. Der linde warme Hauch eines ewigen Mai war uber Wiesen, Walder, Hugel und Himmel gegossen.

Da hort' ich ein unterirdisch Drohnen, als ob die Erde wollte Riesen hervorstrudeln aus ihrer Tiefe. Die Baume wankten und die Felsen bebten. War es so, als aus dem gestaltlosen Chaos mit Brausen und Donnern die Elemente sich schieden, aus dem kochenden Wirbel der Urkrafte; wie das gestaltete Eisen aus der Flamme, die Welten sich losten, und die alten Riesengotter im Kampfe lagen mit den neuen; wie der gewaltig genialische Geist in seiner schrankenlosen Erhabenheit, in seiner uberschwellenden Grosse, in seiner unermesslichen Pracht, wenn die Kunst ihn zwingen will in gerundete Formen, in vollendete harmonische Bildung, ins Ebenmass?

Ein Mann stieg aus der Erde. Sein Auge spruhte Begeisterung wie Funken die Sonne. Die wilden langen Locken umwallten in regellosem Wirbel die hohe gefaltete Stirne und den unbeugsam mannlichen Nakken. Er ergriff die alten Eichen und wuchtete die Ungeheuer mit Stamm und Kron' und Wurzel aus der Erde, dass sie lautdrohnend mit entsetzlichem Gekrache wie vom Himmel geschleuderte Giganten niedersturzten. Dann riss er Felsen aus dem Boden und warf wie leichte Steine sie empor und turmte einen auf des andern Gipfel. Dann schwang er sich hinauf und stand auf dem himmelragenden Geklipp, dass seine Haare, von den Winden gewirbelt, wie Schlangen in den Luften flogen.

Darauf stieg er nieder, und eine Flamme zundet' er an auf einem Altar am Fuss des Felsgekluftes und betete an die wechsellose Riesenmacht des allgebietenden Geschicks und die Grundkrafte der lebendigen Natur, die alten Urgotter, und flehte, Gerechtigkeit walten zu lassen auf Erden und Heil und Fulle zu verleihen dem heissgeliebten gottlichen Vaterland. Es war Aschylos.

Nicht weit von ihm quoll nieder eine Flamme, dass Tempel umher und Myrten und Blumen vom Lichte glanzten. Es war die ewigheilige Flamme der Religion. Aus ihr trat wie gelautert hervor ein Mann in himmelblauem Gewande. In seinem Antlitz kussten sich wie Brautigam und Braut der Ernst und die Sanftmut, die Wurde und das Gefuhl, die Hoheit und die Liebe, die Kraft und die Anmut, und wie Lilien bluhte darin der Geist der Reinheit und die Ahnung der Gottheit in ihrer hochsten Fulle. Sein ganzes Wesen war Harmonie und Ruhe. Er war ein Greis, aber jugendliche Schone schwebte noch in den edeln wurdig milden Zugen. Er trat vor einen Altar und kniete nieder und betet' an die alten Gesetze, die ewigen athergeborenen, in denen der Gottheit nie alterndes Wesen wohnt, und blickte mit einem Antlitz voll anbetender Liebe, voll frommen seligen Vertrauens empor zu dem Geiste der Welt. Es war Sophokles.

Nahe bei ihm war ein Myrtengebusch. Ein Duft von Salben, Blumen, Rauchereien stromte mir entgegen. Zugleich vernahm ich den Klang einer Flote und ein laut frohlockend Rufen, ein bakchantisch Getummel. Es teilte sich der Myrtenbusch. Ein Mann lag auf einem grunen Rasen in den Armen einer Flotenspielerin. Ein Kranz von Efeu und Violen und festlich schmucke Binden waren ihm ums Haupt gewunden. Uppige Weinreben, das Bild der Freude, wuchsen empor aus der Erde, und wie volle Kinderwangen lachelten schwellende Trauben aus dem dunkeln Laub. In seinem Feuerauge blinkte die susse Begeisterung des Dionysos; um seinen Mund schwebte ein spottisch froher Zug; aber aus seiner Stirne sprach ein strenger tiefer Ernst, eine unaussprechliche Weisheit, eine unglaubliche Starke, eine unbeugsame Kuhnheit. Sein ganzes Wesen war ein Ratsel. Denn wahrend er ohne Zucht und Scheu, mit wilder Lust, mit kecker Derbheit, alles, was um ihn war, Gotter und Menschen, zu hohnen schien, strahlte doch aus ihm die Anmut und jede Gabe der Huldinnen in unerschopflicher Fulle. Sie schienen von ihm abhangig; nicht er von ihnen. Man musst' ihn anstaunen und doch lieben, den Wilden, Zugellosen. Mit der einen Hand schwang er bald mit lautem Jubel einen vollen Weinbecher, bald eine klingende Handpauke und bald die Maske der Thalia, wahrend er mit der andern den Hals des Madchens umschlang und mit dem Verlangen der Liebe ihren blendend weissen Busen kusste. Dann sprangen beide auf mit wildem Gelachter und opferten den Charitinnen und der Aphrodite. Es war Aristophanes.

Die Flamme des Aschylos schlug gewaltsam auf vom Felsenaltar in lodernder dunkelroter Saule; die Flamme des Sophokles schwebte in milchweisser Klarheit empor wie ein ausgehauchtes Sehnen unserer Brust; die Flamme des Aristophanes flatterte knatternd in die Lufte und duftete von susser Geruchsfulle.

Und plotzlich sah ich uber den dreien einen Wagen schweben auf einer Wolke. Amaranten, die Blumen der Unsterblichkeit, hingen in schwellenden Kranzen um ihn. Unendliche Fulle des erhabenen Gesichts! Anbetend sank ich nieder. Ein wunderbarer Mann stand auf dem Wagen wie ein Lichtgeist, dessen Korper zart gewebt war wie Ather, und um und um eine Hulle trug von unzahligen Flugeln. Um sein Haupt bewegten sich dreimal drei Sterne; aber der reinste klarste, der Stern der Weisheit und der Schonheit, brannte wie eine Sonne uber seiner Stirne. Zwei Rosse lenkte der beflugelte Mann an seinem Wagen. Weiss war das eine wie frischer Schnee im Glanz der Sonne, mit schwarzen Augen. Sein schlanker Hals war gebogen wie der eines Schwanen, zart und voll zuchtiger Scham, und strebte nach oben. Aber neben ihm flog ein schwarzes Ross von hasslicher Missgestalt, mit kurzem steifem Hals. Seine Nase schwoll von Wut und Ungestum. Sein blutig Auge walzte sich wild im Kreise. Unaufhorlich blickte der Beflugelte nach oben. Sein Auge war trunken wie das Auge des Seligen, der die Schonheit schaut in ihrem reinsten Lichtglanz; und immer heftiger regten sich die Federkeime um seinen Korper und schwollen und strebten hinan. Wie von heiliger Scheu war das eine Ross durchdrungen; das schwarze aber schuttelte die wogende Mahne mit wildem Schnauben und baumte sich wiehernd empor und keucht' an dem zuruckgezogenen Zugel. Da riss der ergrimmte Fuhrer am Gebiss, dass Blutstropfen traufelten vom Munde des Rosses und lautdrohnend mit entsetzlichem Geschnaube das Ungebandigte zu Boden sturzte. Da schossen gewaltig die Flugel aus dem unendlich verherrlichten Korper des Wagenlenkers. Sein Auge ward wie Morgenrot. Er ward verklart zu lauter Seele, lauter Geist. Platon war der Wagenlenker.

Es ward stille. Da hort' ich die fernen Tone klingender Saiten. Und immer naher kam der wunderbare Klang von oben. Ein milchweisses Wolkchen bemerkt' ich niederschweben aus der blauen Luft, und heller immer ward's und grosser und blieb am Ende stehn uber dem Haupte des gottlichen Wagenlenkers. Jetzt verklangen die Laute. Es teilte sich die Wolke, und ein Greis trat hervor in blendendweissem Lichtgewand, mit langsamfeierlichen Tritt, eine Harfe in der Hand. Um ihn walzte sich in undurchdringlichen Stromen das reinste Licht. Ein hellgruner Kranz wand sich mit frischem Laub um seine grauen Locken. Ruhe taute sein ernstes Auge und vollendete Harmonie, und in reicher unermesslicher Fulle quollen die Strahlen wie melodische Quellen herab aus seiner Wolke unter die Betenden unter ihm. Die Flammen ihrer Altare wurden gewaltiger vom Lichtregen, und der aufwallende Rauch sammelte sich zu einer dichten Wolke unter den Fussen des Greises. Wer war es anders als Homer?

Und auf einmal ward's noch klarer um uns, so dass die Tempel umher der Gotter erglanzten und die Baume im Hellgrun. Der Greis verschwamm fast in das wogende lautere Licht. Da hort' ich eine Stimme. Sie kam von ihm: Schauet empor, Ihr Reinen, dass Ihr die Schonheit, nach der Ihr verlanget auf Erden, schauet in ihrer wahren Gottlichkeit, ohne Farbe und ohne Gestalt, ohne Anfang und ohn' Ende, die Schonheit in Gott, in der ich wohne! Sie schauten empor. Auch ich wollte mein Auge hinanheben.

Da erwacht' ich.

Ich fuhlt' einen Kuss auf meinen Lippen. Atalanta kniete neben mir in ihrer Schonheit, zart wie die junge Erdbeerblute. Frische Morgenrosen flochten sich durch ihre dunkeln Locken, und auch mir hatte sie einen Kranz gewunden. Atalanta! rief ich. Ich hab ihn gesehn, unsern Homeros! Im Traum hab ich ihn gesehn, und nahe war ich, die hochste Schonheit zu schaun mit den grossten Geistern. Ach, und war das Licht um den Sanger reiner und weisser als Dein Angesicht, Gottliche, unendlich Geliebte? War die Erscheinung beseligender als Dein Auge voll Frieden und Liebe?

Phaethon! rief sie schauernd in Entzucken. Ich presste sie heftig an meinen Busen.

Dann erzahlt' ich ihr meinen Traum. Wir blieben lange noch stehen vor dem Bilde Homers, Arm in Arm wie zwei Kinder. Die Sonne war langst aufgestiegen. Wir wandelten ins Schloss hinuber.

Phaethon an Theodor

Auch ich war einst von Wissensdrang geplagt. Aber ach, mein ewig Weinen und Sehnen ward da nicht gestillt, und was das innigste geliebteste Heiligtum meines Herzens war, das fuhlt' ich ungeregt. O Theodor, bei allem Suchen und Streben hab' ich nichts wahr gefunden als den Schmerz.

Einen wahren beseligenden Genuss verschafft mir noch die Welt der Dichter. Hier darf ich ja nicht fragen: Wozu? Woher? Warum? Das befriedigte Streben, das gestillte Sehnen meines Geistes ist die Antwort.

Von den Alten les' ich Homer und von den Neuen Shakespeare und Calderon. Wenn andere Dichter eines Volkes sind, so ist Shakespeare Dichter des Erdballs. Du lacheltest oft schon uber meine grenzenlose Anbetung dieses erdgeborenen himmelsturmenden Riesen; aber lachle nur! Er ist doch nach Homer der erste aller Dichter.

Und ist wirklich seine Welt mir fast zu real ich schweb' im Ather so lieb' ich im Calderon das Zerflossene, das Unbegrenzte, das Blumige. Calderons Welt ist wie ein unendlicher Garten, wo auf lachend jungen Grunden unter gluhend sudlichem Himmel die uppigste Fulle von farbigen Blumen sich wiegt und aus tausend Kelchen und Glocken das lachelnde Kinderhaupt geflugelter Liebesgotter blickt. Seine Gestalten schieben sich in reizender Unordnung wie Arabesken durcheinander, und alles ist mit den holdesten Blumengewinden wie von gottlicher Hand durcheinander geschlungen.

Phaethon an Theodor

Lieber, wenn ich an meinem Klavier sitze, und Atalanta sitzt neben mir, wenn die Tone bald schmelzend und tiefschmerzlich wie mein Inneres klingen und in sanften verschwebenden Akkorden, in linden unendlich empfindungsreichen Akzenten eine namenlose Sehnsucht hauchen wie das Auge der Geliebten, und unsere Herzen erbeben und zerschmelzen und weinend ein unerklarbares Verlangen fuhlen; bald wie aus der Tiefe wie ein unterirdisches Donnern zittern, als verkundigten sie das Aufsteigen der schauervollen Geisterwelt, und immer weiter anwachsen und schwellen, und unsere Seelen wie in einem Sturm unaufhaltsam fortgewirbelt werden, und alles um uns und uber uns zittert und wankt: da ergreif' ich oft ihre Hand. Ihr Auge wird wie die durchsichtige aber unergrundbare Luft, wie das endlose unermessliche Meer, und ich finde keinen Grund und kein Ende und glaube zu vergehen im Anschaun dieser uberschwanglichen Schone.

Ich ahne jene Sagen der Vorwelt, geheimnisvoll wie die Vorwelt selbst, wo die Macht der Tone sogar das Leblose mit Leben und Warme fullte, jenen gottlichen Musenruf des diskaischen Schwanes:

Strophe I

Goldne Leier, Dir, Apoll, und Euch mit dem dunkeln Gelock, Musen, gleichrechtmassiges Gut, der aufhorcht der harrende Fuss zu des Festes Anfang, Deinem Zeichen lauscht der Sangerchor, wann Du die Gesange, die reigenfuhrenden, tief vom Schlag erzitternd, zum Vorspiel erklingst. Auch des Blitzstrahls ewig gluhenden Flammenkeil loschest Du aus. Auf des Zeus Szepter schlaft der Adler, der Fittiche hurtig schwebend Gefieder in Ruh niedersenkend.

Antistrophe I

Er ist der Vogel Furst. Du gossest Nachtgrau des Schlummergewolks ihm ums runde gebogene Haupt, sanft das Augenlid ihm zu schliessen. Tief im Schlafe schwillt von Deinem Wollustklange sein weichwallender Rucken. Und Ares selbst, wild in Tatkraft, lasst ja ferne des mordenden Speers scharfen Stahl und labt des Herzens Drang in des Schlafes Genuss. Es besanftigt ja Gotterherzen selber der Zauber, bei Phoibos Lied und der Musen, die tiefbusigen Schwestern.

Epode

Aber so viele nicht Zeus liebt, die erschrecken, horen sie klingende Musengesange, auf dem Land wie auf dem unendlichen Meer. Auch der hunderthauptige Typhos, der, den Himmlischen verhasst, im Bette des Tartaros liegt, den einst des Kiliker weitbuchtige Hohle geschutzt. Nun aber druckt ihm das meerumwogte Gestade von Kyma, Sikela auch, dem Ungeheuer, die zottige Brust. Auch halt ihn fest die himmelanwirbelnde Saule, die beschneite Atna, des schneidenden Gestobers ewige Amme.

S t r o p h e II

Ihres Abgrunds Klufte spein unnahbaren Flammenlichts lauteren Quell empor. Bei Tag strudelt auf grauqualmende Strome von Rauch die

Flut;

aber durchs Nachtdunkel wirft blutrotwirbelnde Flamm' in die tiefe Meeresflur dumpf hintosende Trummer von Felsen hinab. Jenes Graueltier stromt des Hephaistos allfurchtbare Wirbel herauf, Wunderzeichen, so zum Erstaunen im Anschaun wie zum Erstaunen der Wandrer zu horen.

Zweiter Teil

What a piece of work is a man! How noble in

reason! How infinite in faculties! In form and

moving, how express and admirable! In action

how like an angel! In apprehension, how like a

god! The beauty of the world! The paragon of

animals! And yet, to me, what is this quintessence

of dust!

Shakespeare

Welch ein Meisterstuck ist der Mensch! Wie

edel durch seine Vernunft! Wie unbegrenzt in

seinen Fahigkeiten! In Gestalt und Gang wie

ausdrucksvoll und wunderwurdig! In seinem

Tun einem Engel ahnlich! Im Denken einem

Gotte! Die Zierde der Welt! Ein Muster jedem

lebenden Geschopf! Und doch, was ist mir diese

Quintessenz des Staubes?

S h a k e s p e a r e , Hamlet II, 2

Phaethon an Theodor

O Theodor, meine Wonne ist aus! Verklungen wie Harfenlaute ist meine Seligkeit. Ich bin aus dem Himmel gestossen, und auf der Erde soll ich mich nun finden?

Ach, jetzt fuhl' ich: mein Gluck war einst kein Traum, denn auch mein Ungluck ist keiner.

Mein Leben ist wie ein reissend wilder Strom, der unterm Wirbeldrang des Sturmes brausend die Wogen an die Felsenufer schlagt und schaumend sie zu uberspringen droht.

Ich bin wie das Reh, das, verwundet vom gierigen Jager, durch Wald und Felsgekluft sich drangt und immer und immer schwacher sich fuhlt und atemlos zuletzt sich verblutet.

Ich bin angegriffen im Tiefinnersten. Das Heiligste, was ich hatte, das Geliebteste, ist mir entheiligt und geraubt.

Jetzt erst seh' ich ein, wie grenzenlos ich liebe. O ich Armer!

War das Dein Schmerz, Katon, den auf der Brust Du trugst? Und nun ist er weg? So ist es denn also gewiss: kein Mensch tragt ewig einen Schmerz.

Du Guter, Treuer, wenn Du mich liebst, so weine mit mir! Ich schlage krampfhaft meine Hande auf die Brust und wende wie verzweifelt meine Augen umher. Aber das ist kein Trost fur mein verwundet Gemut! Weine! Weine! Mit Tranen will ich auswaschen die blutende Wunde. Ich bin ja unglucklich.

Hore! Schon einige Tage ist's, als ware zwischen mich und Atalanta ein neidischer Damon getreten. Es lag schwer auf mir. Ich konnte nicht ruhen des Nachts.

Da wandelt' ich gestern Abend durch den Garten, von meinem Schmerz gequalt. Der Himmel war umhullt von nachtlichen Regenwolken, finster wie meine Seele.

Ich dachte bei mir selbst: Welche Verwegenheit macht Dich so unglucklich? Ein Abbild der hochsten Schonheit hast Du erkannt in ihr, und Du denkst an irdischen Besitz?

Da erinnert' ich mich an alle jene Stunden, wo ihr Herz sich mir geoffnet, wo sie mein war, ganz sich mir gab, in mich verschwamm, mich kusste.

Und dies heisse Herz in meinem Busen, dieses Verlangen und doch dies Versagen, diese Sehnsucht und doch diese Treue, o alles, alles webte zusammen. Ein unendlich tiefes Selbstvertrauen starkte meine Seele.

Jetzt hort' ich ferne den Klang einer Laute; und leise verhallende Stimmen klangen durch die Wellen der Lufte.

Auf die drei Saulen ging ich zu. Stille schob ich die Rosengebusche voneinander und Atalanta sass auf einem Trummer, die Laute in der Hand; ihr gegenuber Katon, die Arme stutzend auf das Knie.

Der Saulen eine barg mich ihrem Auge. Es herrschte eine furchterliche Stille. Da liefen ihre Finger wieder durch die Saiten.

Sie sang:

Wo weilst Du, Vater?

Badet mein weinend Auge

voll Sehnsucht sich im Purpurlicht

der gluhenden Abendrote,

so denk ich Dein! Ach, schwimmst Du

druben in den warmen Wellen?

Schau ich himmelan,

wann im nachtlichen Ather

die goldnen Sterne schweben

wie im dunkeln Laube

die schwellenden Zitronen,

so wein' ich hinauf und rufe:

Bist Du dort, Vater,

Vater, den noch nie mein Auge sah?

O schau auf Deine Tochter,

die um Dich weint!

Schau nieder auf die Liebende!

Nahst Du?

Ist das leise warme Wehen,

das die Wangen mir kusst,

ist es Dein Geist,

ist es Vaterkuss?

Kommst Du zu losen dies Herz,

zu stillen dies Sehnen,

das mich drangt hinuber,

hinuber zu Dir?

Und ich verlasse die Blumen,

meiner Jugend Gespielen,

um zu pflucken in Unschuld

die Blumen der Wahrheit

und seliger trunkener Liebe,

wo sie bluhn um den Quell,

der aus der Gottheit Fulle quillt

wie Milch aus der Brust der Mutter?

Oder sind es Tranen Deines Auges,

die Tautropfen auf den Blattern,

die Du geweint,

weil Dein Kind Du nicht bei Dir hast?

Trockne sie, liebender Vater!

Ach, trockne sie!

Dein Kind wird zu Dir kommen,

weil rein es ist wie das Licht,

in dessen Fulle Du wohnst.

Dein Kind wird Dich sehen!

Sie schwiegen. Katon zitterte. Zittern sah ich ihn noch nie. Er hob die Arme zum Himmel und rief: O Vaterland und Liebe! Dann schlang er brunstig seine Arme um Atalanta und presste das bebende Madchen an seine Brust und kusste ihre Lippen. Ich kann nicht mehr! war das einzige, was er noch ausrief. Nun stand er auf und sagte mit einer Stimme, die nie noch so klang aus seinem Munde: Atalanta, komm!

Sie gab ihm die Hand, und beide verschwanden im Dunkel.

Katon! Katon! Das hatt' ich nicht gedacht!

War dies das furchterliche Geheimnis, das Du ausgebrutet im Gewolbe beim magisch geisterhaften Schein der Kandelaber? Finsterer Sohn der ratselhaften Nacht, du ewiges Geheimnis! Ich wahnte, Du denkst am alten schwarzen Sarkophag an die abgeschiedenen Bruder und nicht an eine unverbluhte Jugend. Ich wahnte, in Deiner Brust wehen die Schauer des Todes, und sie gluhet fur zarte Madchenwangen. Der Sarkophag sei bestimmt fur die Verstorbenen und nicht fur die Lebendigen. Fur mich! O Theodor, mir graust! Lange stand ich unbeweglich an der Saule. Dann sank ich auf die Trummer, wo die Beiden sich umarmt, und kuhlte meine brennenden Lippen an dem kalten Stein und benetzt' ihn mit meinen Tranen. Dann rannt' ich davon.

Ich hatte sollen schlafen? Theodor, schlafen?

Ich lief durch die finstern Wiesen. Mein Inneres war nachtlich wie Nebelhaiden Ossians, wann durch die Wolken weht der Geist des schaudrigen Loda, und der Nachtsohn daher fahrt auf Orkanen, den grauenvollen Wolkenschild schuttelnd.

Auf einem Berge legt' ich mich nieder. Die Winde rauschten durch die Eichen und schuttelten die Aste wie Nachtgedanken meine arme Brust. Allein sass ich auf dem Berge. Ich fuhlte nimmer die Mutterliebe der allbeseelten Natur, nicht mehr das heilige lebendige Gluhen um mich her. Es standen die Eichen vor mir wie erstarrte Riesen, und das finstre Tal am Fuss des Berges wie schaurigode Reste einer zertrummerten Welt voll Licht und Leben. Tot, tot war es um mich wie in meinem Innern.

O, da fand ich's: Wer den Frieden nicht im Busen tragt, der findet ihn nirgends.

Ach, ein einziger Stern am Himmel hatte mich noch glucklich gemacht. Ich hatte ja Licht gesehen.

Ich lief wieder hinab dem Schlosse zu. Keine Seele begegnete mir unterwegs. Alles, alles schwieg und ruhte, Menschen und Tiere, Baume, Blumen und Graser. Ich allein ruhte nicht. Am Ufer des Sees setzt' ich mich nieder. Seine Wellen klangen durch die Stille. Das einzige Bewegliche in der entschlummerten Welt! Aber ach, mir schien's, als klangen die Wellen nur, die Minuten des Todes zu zahlen.

Gegen Morgen ging ich nach Hause.

Phaethon an Theodor

Die Sonne stieg blutrot am Osten empor und erhellte die Welt, die so furchterlich mir war in dieser Nacht. Die schwarzen Berge gluhen in Morgenrot, aber durch meine Seele ist noch kein Licht gebrochen.

Mein Busen brennt wie die glutrote Feuerlilie.

Wo sollt' ich Trost finden? O dieser Schmerz! Er ist eine Wollust, dieser Schmerz! Eure stoische Apathie ist der Greuel hochster! Bruder, wenige waren glucklich wie ich. Warum sollt' ich nicht auch unglucklicher sein als andre? Aber warum musst' ich glucklich sein, eh' ich unglucklich wurde?

Was hilft mir nun all mein Wissen? Meinst Du, es lindre diese kampfende Brust?

Die Sonne lachelt wieder freundlich draussen; aber ich mag nicht in die Natur. Glaubst Du, ich wolle allein durch Wies' und Aue streifen wie eine gewitterschwangere Wolke durch die heitere Luft und allein mich unglucklich fuhlen unter den Kindern der Natur?

Ich hatte uberlegt. Mir ist das Leben wie ein Schlaf ohne sie. Der Schlaf ist des Todes Bruder. Schlafen und Gestorbensein unterscheidet sich ja nur durchs blosse Traumen; und ob ich vollends entschlummere und nicht mehr traume, gilt mir gleich.

Lebe wohl!

Phaethon an Theodor

Deinen Brief hab ich erhalten. Aber ich konnte Dir nicht antworten. Lieber Bruder, diesmal konnt' ich Dir nicht antworten. Es war weit mit mir. Hore!

Die Welt war mir verhasst an jenem Morgen. Zertrummert war mein Alles; gelost die ganze Spannkraft meines Geistes. Ich dachte nicht an sie; nur Katon stand vor meiner Seele. Um Mittag klopft' es an meiner Ture. Sie war geschlossen. Ich offnete; blieb stehen wie erstarrt. Atalanta stand vor mir.

Ihr Auge war ruhig und voll Frieden. Sie ahnte ja nicht, wie mir war. O Gott, warum war das so?

In meinem Innern regte sich's wie in der Erde, wenn sie die tiefgeheimen Krafte allzerstorend zum furchtbaren Ausbruch rustet, und wild in garenden Wirbeln die emporten Elemente gegeneinander toben.

Lange sass sie mir gegenuber. Endlich sagte sie angstlich: Phaethon! Deine Augen sind verstort und gluhen matt wie halberloschne Flammen. War Dein Schlummer nicht sanft diese Nacht?

Schlummer? murmelt' ich finster. Werd' ich schlummern, wenn meine Welt mir in Trummer sinkt? Ich konnte fast nimmer! Seufzte: Ach, sie sank so bald!

Was ist Dir, Phaethon? rief Atalanta weinend.

Nicht wohl! war meine Antwort. Ich stand auf und wandelte mit raschen grossen Schritten in meinem Zimmer auf und ab. Mein Inneres ward dusterer und immer dusterer.

Ich blieb stehen vor ihr; sah sie starr und bewegungslos an. Sie spielte mit Blumen in ihrem Schoss und fragte mich endlich mit einem unaussprechlich traurigen Blicke: Phaethon, was ist Dir? Du bist schrecklich.

Umsonst. Es ward nur immer nachtlicher in mir. Wer halt den Strom in seinem Laufe, wenn er von himmelhohen Felsenklippen die Flut lautdonnernd in die Tiefe sturzt?

Ich schritt wieder durchs Zimmer. Ein weinend Ach! vernahm ich noch von ihren Lippen. Dann sah ich nichts mehr, horte ich nichts mehr.

Auf einem Tische lag ein Messer. Ich ergriff's und dreht' es in den Handen. Phaethon, was hast Du? rief sie erschrocken. Ich sprach kein Wort, sondern stiess das Messer gegen meine Brust.

Das Blut floss. Mir ward schwindlig. Ich musste mich niedersetzen.

Gott! rief Atalanta mit einem entsetzlichen Schrei und rannte durch die Ture.

Die Besinnung schwand mir. Wie ich erwachte, lag ich auf dem Bette. Der Arzt stand neben mir und verband mich.

Das Fieber ruttelte mich furchterlich. Cacilie war um mich geschaftig. Sie weinte.

Ich war allein mit Atalanta. Ich sah sie an mit brechendem Auge; ergriff ihre Hand; stammelte: Atalanta! Einen Kuss! O Phaethon! rief sie weinend mit einem namenlosen Ausdruck und sank uber mich her. Ihr Mund gluhte flammend auf dem meinen. Ihre Haare losten sich auf und wallten uber mich hinunter. Ich kusste die Tranen von ihrem Auge.

Jedes Wort war Schmerz. Gestern Abend! Katon! Das war das Einzige, was ich konnte lispeln.

Sie verstand mich. Ich bin nicht schuldig! rief sie, heftiger weinend, immer noch matt an meiner Brust liegend.

Wo ist Katon? sagt' ich. Sie wusste, was ich wollte, riss sich los und flog durch die Ture.

Einen Augenblick war ich allein. Ich schauderte vor dem Grabe.

Atalanta kam wieder und sagte: Katon will nicht kommen.

Weiss er's?

Er weiss es! schluchzte sie.

Das gramte mich. Furchterliche Bilder umgaukelten mich den Abend. Das Wundfieber verliess mich die ganze Nacht nicht. Gegen Morgen entschlummert' ich. Wie ich erwachte, standen Katon und Atalanta vor meinem Bette.

Wir sahen uns lange starr an. Dann sagt' er dumpf: Du bist ein schlechter Freund! Ein Blick von Atalanta milderte seinen Ernst. Er ging fort und liess uns allein.

Aber zurn' ihm nicht!

Theodor, Du wirst staunen! Katon hat den Schleier abgeworfen, und seine Seele steht in ihrer ganzen Grosse vor mir da.

Gegen Abend trat Cacilie mit Atalanta in mein Zimmer. Katon folgte. Er war wie ein anderer Mensch; wie verjungt. Sein Bart war geschoren; seine Miene geheimnisvollfreundlich. Er trat zwischen mich und Atalanta und sagte: Ich hab Euch entzweit. Ich will Euch wieder einen. Atalanta! (O, dies sprach er mit einem unbeschreiblichen Schmerze.) Atalanta, ich bin Dein Vater! Cacilie ist nicht Deine Mutter!

Die Welt verschwamm vor meinen Augen. Erwarte nicht, dass ich die Szene Dir beschreibe! In solchen Augenblicken handelt der Mensch, ohne es zu wissen. Cacilie verhullt' ihr Angesicht. Atalanta lag vor Katon und stammelte weinend: Vater!

O, wie der schone hohe Mann, vom Abendlicht der Sonne verklart, da stand, und zu seinen Fussen die Jungfrau, meine Geliebte! Wie er die Arme nach ihr ausstreckte und sie ans Herz druckte! Wie sie nun sich losriss und vor Cacilie kniete und rief: O Mutter, Mutter! und es wieder stille ward, und sie endlich wieder schluchzte: Warum musst' ich den Vater bekommen, da ich die Mutter verloren?

Es ward wieder ruhig. Vater und Tochter blickten sich an wie freundliche Sterne. Auch Katon weinte.

Ich ergriff seine Hand; sah ihn an mit tranendem Auge. Er lachelt' und erwiderte: Ein andermal!

Dann fasst' er Atalantas Hand und sagte: Noch etwas, meine Tochter! Du bist eine Griechin!

Griechin! rief ich ausser mir. Ihr Auge war, als wollt' es zerfliessen in Wasser. So sanft, so schmerzlichmild, so ganz Gefuhl und Seele! O, und nur ich verstand sie!

Katon war unbeweglich stehen geblieben. Dann setzt' er noch hinzu: Doch fragt mich nicht mehr, bis ich selbst Euch das Geheimnis lose! und ging dann fort.

Die halbe Nacht wiegt' ich mich in der Betrachtung der wunderbaren Entschleierung; aber noch konnt' ich das unterirdische Gewolbe nicht entratseln, und weiter fragen durfen wir ihn ja nicht.

Man verband mich taglich. Die Wunde war nicht gefahrlich. Ich ward ruhiger.

Oft las mir meine Griechin vor. Sie sass dann neben meinem Bette.

Wenn ich sie so ansah, wie sie da sass in ihrer unbegreiflichen Schonheit, und die grossen seelenvollen Augen auf dem Buche gluhten und dann mich wieder unendlich liebend ansahen; wenn die holden Lippen so melodisch die Worte sprachen, und sie mir erschien, dem Kranken, Verletzten, wie die ewige Jugend, wie die unverwelkliche Gesundheit; wie ich endlich ihre Hand ergriff, und sie schwieg, ihr Haupt uber mich herein senkte und einen gluhendheissen Kuss auf meine Wange druckte ... Da fuhlt' ich, dass wieder Gesundheit schwellte durch mein Innerstes wie der Lebenssaft durch die getrankte Blume. Mein kalter Busen erwarmte sich an dem ihrigen und sog Leben und Fulle aus ihrem Munde wie die Biene Honig aus der Rose.

Jeden Abend kamen Cacilie und Katon zu mir. Aber er schwieg immer. Nur einmal sagt' er beim Hinweggehn: Bald wird sich's losen!

Meine Wunde horte auf mich zu schmerzen. Der Schlaf erquickte mich wieder, und ich fuhlte mich an einem warmen Nachmittag gestarkt genug, an Atalantas Arm durch den Garten zu wandeln. Ich grusste jede Blume, jede Quelle, jeden Berg. Ich fuhlte mich wieder ganz als den Liebling der Mutter Natur.

O, so musst' es dem sein, der aus dem Reich der Toten wieder ans Licht der allerwarmenden Sonne trate!

Phaethon an Theodor

Nun, lieber Theodor, ist alles anders. Katon hat sich uns entdeckt. Atalanta ist mein. Aber nur Dir darf ich das Geheimnis anvertrauen.

Gestern Abend trat Katon zu uns herein und hatte die geliebte Tochter an der Hand. Er gab mir seine andere. Ich folgte schweigend. Ich ahnte, was er wollte. Er ging mit uns auf sein Mausoleum zu. Wir schlupften durch die Rosenhecken und standen vor der Sphinx. Er schloss die Tur auf. Atalanta bebte und schmiegte sich furchtsam an den Vater. Nacht umgab uns. Wir stiegen eine enge Wendeltreppe hinab und gelangten auf den ebenen Boden. Lichter brannten wieder auf den drei Kandelabern. Der schwarze Sarkophag war mit weissen Rosen umkranzt. Mir schlug das Herz; doch wagt' ich nicht es zu gestehen, dass ich schon einmal hier war.

Mein Schicksal will ich Euch enthullen, Kinder! sagte Katon freundlichernst und setzte sich oben an das Haupt des Sarkophages. Zu beiden Seiten sassen wir auf schwarzen blumenuberhangenen Stuhlen. Hort, sprach er endlich, aber unterbrecht mich nie!

Darauf begann er:

Ich bin ein Nachkomme der alten Spartaner und ward geboren in einem der Taler des Taygetos. Mein Vater war ein wilder Maniate. Die Freiheit liebt' er wie die andern rauhen Manner in den Schluchten des Gebirges und verteidigte sie kuhn im Kampfe mit dem Pascha.

Von Jugend auf ward ich gewohnt, die Waffen zu fuhren. Schon als Knabe kniet' ich mit den grossen Hunden an den lohen Feuern, wenn sie brannten durch die schwarze Nacht, den Muselmann von unserm Dorf zu schrecken. Meine Mutter war mir fruh gestorben, und bald fiel auch mein Vater im Gefecht. So war ich allein auf der Welt.

Ich kam nach Misitra. Hier ward mein Geist genahrt mit den Riesenbildern des alten Sparta. Die Vorwelt stieg wie ein Schatten aus den Grabern. Ich ward mit ihr befreundet und fuhlte meinen Busen anschwellen von grossen erhabenen Entwurfen.

Mein Mausoleum ist ein Bild des Hauses, worin ich wohnte. Es hob sich dunkel aus Platanen und Orangen wie ein alter schauriger Geist aus der jungen blumenvollen Erde. Doch mir war es immer zu eng im Hause. Hinaus trieb's mich mit ungestumer Kraft, wo ich die grosse Natur in ihrer Fulle sah und die mutterliche Erde, und weinend dankt' ich oft meinem Gotte, dass er mich werden liess in Griechenland.

Die Spiele meiner Kindheit waren die Spiele der alten griechischen Jugend. Um die Zeit, als der erste Flaum noch um mein Kinn bluhte, war ich immer Sieger im Wettlauf und beneidete die Alteren, die schon den Diskos werfen oder den Gegner im Ringen zu Boden werfen konnten. Auf meinen wilden Sinn wirkte bei den Tanzen wenig die Hymne, wenn die Leier erklang am Fest und die baskische Trommel; aber da gluhte meine Brust, wenn im pyrrichischen Tanz die Manner wie starke Lowen mit den Waffen einander entgegenschritten.

Oft sass ich bei Nacht, wann der Mond am Himmel schwebte, allein unter den Trummern der persischen Saule oder am dunkeln Gemauer des alten Tempels der Venus Armata oder auf den steinernen Sitzen des Dromos und dachte an die Zeit, wo die Vater noch wandelten in diesen Raumen und der ernste eiserne Sinn sich bildete, der mich in dustern Schauern anwehte aus den finstern nachtlichen Gestalten.

Die Gegenwart verschwand vorm Heldenglanze der Vergangenheit. Ich wiegte mich in Traumen wie die Biene in Blumenkelchen und war gesund an Geist und Korper.

Da sprach aus meinem Innern eine Stimme. Sie hiess mich mein Vaterland durchwandeln. Allein musst' ich gehen. Meine Geliebten waren ja tot. Ich nahm Abschied von meinen angebeteten Trummern, von den Lorbeerufern des Basilipotamo und wandelte von Misitra. Damals war ich siebzehn Jahre alt.

Ich kannte den Menschen noch nicht. Ich liebte bloss den Griechen und hasste den Turken.

Meinen Weg wandt' ich auf Arkadien zu. Bald umfingen mich die Taler des schonen Hirtenlandes. Ich streifte tagelang durch die rauhen waldbewachsenen Gebirge, wo ungeheure Felsenklufte wechseln mit wild emporstarrendem Geklipp, und um die kahlen Riesenstirnen nur einsam Moos und Farnkraut sich rankt. Dann stieg ich wieder hinab in die grunen lachenden Tale.

Da setzt' ich mich dann auf ein altes Saulenstuck am Abend, wenn zarte volle Wolkchen sich im gluhendreinen Gold des Himmels badeten, und sah, wie die Bienen um duftende Blumen, um Lorbeer und Myrte schwebten, und die raschen mutigen Rosse an den lachenden Ufern des klaren Flusses sprangen. Dann flog mein trunkener Blick hinweg uber die fetten Grunde mit ihren Platanen und Maulbeerbaumen und irrte um dunkelgrune Hugel, wo die weissen Schafe hupften und ihren Quendel und Thymian suchten. Und weiter hinaus schweifte mein Auge, wo auf den breiten Hohen Tannen, Fichten und Therebinthen ihre unermesslichen Walder bildeten, und uberhundertjahrige Eichenstamme die Felsen ihre grauen Haupter turmten, und blieb endlich stehn auf dem hohen Pholoe, der uber den grunen Talern mit seinem ehrwurdigen, in den schneegewobenen Schleier gehullten Haupte dastand wie auf der jungen beblumten Wiese der Priester des Sonnengottes.

Dann dacht' ich an die schonen Zeiten, wo der fromme dankbare Mensch alles, was um ihn war, Walder und Fluren, Quellen und Flusse, Taler und Berge mit dem Geist einer Gottheit belebte, wo die Nymphen, die heitern Tochter der Natur, durch Blumen und Fluren irrten, in jedem Baume eine Dryas webte, uber dem klaren spiegelnden Wasser der volle Busen einer Gottin schwoll, und der muntere Pan Gebirg und Wald mit seinem Flotenklang erfullte. Da schwebte das ganze Gewimmel der alten Gotter an mir voruber, und ich sah sie um mich wirken und lacheln als die Krafte der heiligen wirkenden Natur.

Ich wandelte durch die Ebene Mantineias und suchte das Grab des Epameinondas. Nie vergess' ich diesen Morgen. Die Sonne war eben aufgestiegen und schien in ihrem wandellosen Licht herab auf die Erde. Das ewige Spiel der Zerstorung und Umwandlung! Ich wand mich durch das Rosmaringestrauch, das um die Graber meiner Vater sich wob wie der Blumenkranz um das Haupt eines abgeschiedenen Greisen, und irrte trauernd durch die Ruinen und las die Inschriften auf dem alten Gestein. Dann setzt' ich mich nieder. Frisch blinkte der Tau auf den Blattern im Glanze der Sonne, die durch Lorbeer und Oliven ihre zitternden Strahlen auf mich warf und mit warmem Kusse mir um die Wangen spielte. Uber den Rebenhugeln lag vor mir der Manale mit seinen Fichten, der Artemisios und der waldige Parthenios standen zur Seite, und in weiter Ferne dammerten wie ein Traum, im rotlichen Morgenduft verschwimmend, die weissen schneeumwobenen Riesenstirnen des Taygetos. Da kniet' ich nieder auf die geweihte Erde und betete die Sonne an und schwur in Tranen bei den Geistern meiner Ahnen, wurdig zu werden ihrer erhabenen Heldengrosse und zu sterben, wenn die Zeit kommt, fur mein unterdrucktes Vaterland.

Nun ging ich durch die Haide von Tegea, wo traurig um die ungeheuren Trummer der gelbe Grashalm wankt, und bald lag das verarmte Korinth vor mir, dem hohen, von zwei Meeren bespulten Geranion die Fusse kussend.

Umsonst suchte mein Auge die Tempel der Freude, wo einst die schone Jugend der Macht der Aphrodite ihre Opfer brachte, und die Hetaren, mild wie ihr sanfter Himmel, im Arm der Wollust in tausend schwelgenden Genussen die Triebe freier Manner wiegten. Einst war's der Sitz der Schonheit, Kunst und Freude. Der Reichtum warf seine Fulle wie Apfelbluten uber diese jugendliche Stadt. Jetzt hatte die Armut die gefallenen Bruder gebleicht wie zu Schatten und Gespenstern. Alles, was die Menschen gebaut und geordnet, ist verschwunden. Wie ein Fremdling klimmt der spate Nachkomme um die Trummer seiner Vater; und doch lachelt der Himmel noch so rein wie vordem, und das Meer rauscht ewig in seinen Ufern, und die Berge schauen ewig jung uber die verwandelte Erde.

Von Korinth schifft' ich nach Athen. Dort sass ich tagelang auf der Hohe der Akropolis und sah durch die grauen Saulen und die jungen Lorbeere hinuber zum bienenreichen Hymettos. Ich wandelt' an den verlassenen Ufern des Ilyssos und des getrockneten Kephissos und durfte mir nicht sagen: Auch du bist ein Grieche!

Nun kam ich durch das alte Bootien, durchwandelte die Walder und Haiden des durren Atoliens, weinte uber die Raubhorden der Schluchten von Manina und goss meine Tranen in den alten weissen Acheloos. Wie eine Furie trieb mich der Geist des alten Hellas durch die Lander. Eine wilde Unruhe jagte mich uber die Berge, und mein Volk stand in seiner ganzen Niedrigkeit vor meiner Seele. Ich schifft' ab von Oniada, stieg zu Dyma ans Land und wandelt' ins schone Elis. Kinder, da ward vollendet das Bild! Wildverwobenes Gestrauch, Saulenstumpfe, Mauerstucke, zerbrochne Basreliefs, Schilder, Trophaen bedeckten das Tal von Olympia. Der Alpheios walzte sich wie eine blaue Schlange mit kuhner Windung durch die Ebene, wo nur der Tod und die Zerstorung wehten, die Wolfe des Pholoe und des Erymanthos in der Wildnis hausen, und nur hie und da ein einsamer Mann in der schweigenden Gegend grabt, dem Boden seine Schatze abzugewinnen.

Mein Leben war e i n Schmerz geworden. Ich versank in Schwermut wie der Mond in Wolken, und die Freiheit war mir zu einem fernen verschwebenden Luftbild geworden.

Die Donner, die wilden Vorboten des Winters, erschollen am Himmel, und ich war wieder in Arkadien.

Die Blumen der Tale waren gestorben wie meine seligen Traume. Ich suchte sie vergebens. Der Schnee umhullte die Erde wie die Silberlocken das Haupt eines Greises, und die hochstammigen breitastigen Eichen standen da wie die Geister ihrer Fruhlingsbluten. Das Pentedaktylon glanzte mit seinen Schneehauptern wie eine milchweisse Wolke im blauen Ather.

Da half ich nun den armen Brudern die unbandigen Wolfe verscheuchen von den Dorfern, wenn sie herunterkamen in heulenden Scharen von den Waldgekluften des Lykeios, und des Abends sass ich am Herde, warmte mich an der Flamme und horchte traumend den Marchen von Sylphen zu, die der Aberglaube von Mund zu Mund geleitet.

Der Fruhling kehrte wieder. Das Veilchen blickte wie der bescheidene Wunsch unsers Innern aus dem Schnee. Die Fluren wurden frei, und die Storche kamen wieder von Libyens Gestaden und bauten ihre Nester auf alte Mauern, auf hohe Saulenkapitale. Es grunten und bluhten Platanen, Feigen und Maulbeerbaume. In meine Seele kehrte kein Fruhling.

Da wandelt' ich wieder am koniglichen Eurotas und sah die Schwane ziehen in seinem blauen Gewasser im Schatten des Lorbeers. Die Burg von Sparta lag vor meinem Auge. Von den weissen Hohen des Taygetos rollten donnernd die Schneelawinen in die Taler.

Ein alter Mann mit langem Barte sass am Ufer unter einer jahen Felswand. Er schien in tiefe Gedanken versunken.

Ich wunscht' ihm einen guten Abend. Er schaute auf. Ich sah aus langen grauen Locken ein altes ehrwurdiges Gesicht mit hoher freier Stirne, mit feurigem Auge, voll edler Wurde blicken. Ein tiefer Gram schwebte wie der Schatten einer Wolke um seinen Mund.

Er schaute mich lange unbeweglich an und schien sich zu erfreuen an meinem Wesen. Dann fragt' er mich: Wer bist Du?

Ich antwortete mit kuhnem Stolz: Ein Grieche!

Der Alte stutzte. Woher kommst Du?

Von den Ruinen meiner Vater!

Was suchst Du hier?

Einen Spartaner!

Wo bist du geboren?

Zu Sparta!

Das Antlitz des Greises verklarte sich wie die grauen Bergesscheitel, wann die Wolken uber sie hinwegwandeln und die Sonne sie heiter beleuchtet.

Dann sagt' er: Und wenn Du einen Spartaner findest, Jungling mit dem Feuerauge?

O, dann will ich an die Brust ihn pressen und den Bruderkuss ihm auf die Lippen drucken und mit ihm beweinen mein Vaterland!

Das Antlitz des Alten trubte sich. Er sagte: Beweinen nur?

Nein! rief ich mit Leidenschaft. Leben und kampfen fur mein Vaterland, dass es emporsteigt aus den Trummern wie die Morgensonne und noch einmal wie sie die Riesenbahn durchwandelt! Aber ach, ich werde keinen finden. Die Spartaner liegen im Grabe.

Jungling, Du hast einen gefunden, rief der Greis mit Entzucken und sprang empor und schloss mich in die Arme.

Ehrwurdiger Vater, erwidert' ich, aus seinen Armen mich befreiend, Deine Haare sind grau. Bald wirst Du ins Grab steigen wie Deine Vater. Es braucht Jugend und Kraft, die Ketten zu losen von unsern Brudern.

Fahre Du fort, wo ich begonnen, rief er aus, und pflege Du, was ich gepflanzt! Du wirst Dich um mich schlingen wie der junge Efeu um den alten Eichenstamm, und wir wollen Arm in Arm dahinschweben uber die Lande wie Engel des Weltgerichts, dass die Volker sich emporheben wie frische Akazien uber den Grabern und die Heldenbrust schwellen fuhlen vom Donnerworte: Freiheit!

Ich staunte ob der Begeisterung des Alten. Ich glaubte, es sei ein Geist, der wieder heraufgestiegen, die Nachwelt zu erwecken, zu befeuern.

Sein Auge blickte sinnend hinuber auf die Inseln und ihre Rosen und Myrten im Gewasser des Eurotas und wandelte dann uber das Pentedaktylon und den waldigen Tornika.

Ich wusste nicht, was er wollte mit diesem Blick, als er sagte: Ist ja doch das Land noch schon wie vor drei Jahrtausenden, als an den lorbeerbeschatteten Ufern man die Blumen pfluckte zum Brautkranz fur die schone Helena und auf dem Taygetos die Opferflammen brannten dem gefeierten Gotte!

Dann ward er wieder ein wenig still und sagte endlich: Folge mir in meine Wohnung! Ich folgte schweigend.

Unterwegs erzahlt' ich mein fruheres Leben. Der Alte ward immer heiterer, fiel mir wieder in die Arme und rief: Du musst bei mir bleiben!

Wir wandelten so unsern Weg. Unvermerkt stand ich unter hohen Felswanden, die ein finstrer Geist in regellosem Wurf gestaltet zu haben schien. Aus verwobenem Myrtengestrauch sprudelt' ein frischer Quell und wandelte mit melodischem Murmeln durch die Felsen.

Im Schatten hoher Zypressen und Lorbeerbaume stand ein freundlich Hauschen, auf dem der beruhigte Blick sich erholte von den wilden Gestalten der Felsklippen.

Es ist mein Haus! sagte der Alte. Es ist auch das Deine.

Wir traten hinein. Ein gewolbtes Zimmer umgab mich. Ich musste mich niedersetzen. Der Alte sass mir gegenuber.

Wir sprachen noch eine Zeitlang, als er rief: Theone!

Bald ging die Tur auf, und ein Madchen trat herein, weiss wie die Schwane des Eurotas, mit langen braunen Locken und einem Auge voll Unschuld und Frieden. Lachelnd und unbefangen grusste sie mich und den Alten. Ihr Anblick machte einen wunderbaren Eindruck auf mein Herz. Ich fuhlte etwas quillen in meinem Innern, das ich noch nie gefuhlt.

Bring' uns das Abendbrot, Theone! rief freundlich der Greis, und das Madchen flog wieder durch die Ture.

Es ist meine Tochter, sagt' er zu mir, wie sie draussen war.

Bald war sie wieder da und stellte einen Korb voll frischer Fruchte und einen grossen steinernen Krug voll Wein auf den Tisch. Dann entfernte sie sich wieder.

Wir sprachen noch einige Stunden. Dann wies mir der Greis ein Zimmer an, druckte mir herzlich die Hand und schied. Ich setzte mich ans Fenster. Der Mond blickt' in seinem blassen Licht zwischen zwei Felsen, die ihre Riesenschatten weit uber die Flache warfen. Unerklarbare Schauer zogen durch meine Brust. Der wunderbare Greis mit seinem Feuer und das Gefuhl meiner Bestimmung lag feierlich vor meiner Seele wie die schlummernde Natur. Das Bild des zarten Madchens umschwebte mich wie eine stille lindernde Ahnung und spielte mir heiter wie das Mondlicht um die gekuhlten Wangen. So schlummert' ich ein.

Kaum war die Sonne aufgegangen, da stand Hilarion so hiess der Alte an meinem Lager und sagte: Wir wollen nach Sparta wandeln!

Wir gingen. Unterwegs sagte Hilarion: Aus dem Kampfspiel holten unsre Vater ihre Starke. Aus ihm entsprang jene Vollkraft, jene erhabene Gesinnung, jene Grosse und Fulle des Lebens, jene Harmonie des Geistes und Korpers. Da galt kein Stand, kein Rang; die angeborene Starke siegte. Da waren sie Menschen im vollen Sinne, Kinder der allbeseelten Natur, frei wie der Vogel in den Luften und lebenskraftig wie die frischbetaute Blume. Da entstand jener Gemeingeist, der alle beseelte. Das ist der Fehler unserer Zeit, dass der Einzelne sich trennt vom Einzelnen und darum nie ein Ganzes waltet. Wurde jeder sich selbst vergessen und alle zusammenwirken zu e i n e m Zwecke, da wurde ein Volk entstehen, gross wie das untergegangene und stark genug, den Erbfeind zu vernichten. Darum sollen sich unsere Junglinge uben in jenen Spielen, die Geist und Korper starken; und das wird der Keim sein, aus dem der ewigkraftige Heldensinn entsprosst, jenes Zusammenweben aller fur Eines.

Unterdessen waren wir nach Misitra gelangt. Lasst uns vorher zu meiner Tochter gehen! sagte Hilarion, indem er auf ein Haus deutete, das nahe vor uns stand. Sie lebt hier bei einem Verwandten. Es ist die Altere.

Hier lernt' ich Cacilien kennen, die Du fur Deine Mutter hieltest, Atalanta!

Darauf gingen wir zu vielen wackern Mannern und sprachen uber unsern Plan.

In wenigen Tagen waren unsere Wiesen voll von Knaben, Junglingen und Mannern. Jetzt ist es Deine Sache, sprach Hilarion, zu ihnen zu reden!

Die Brust schwoll mir von Begeisterung. Auf einem Rasen redet' ich zu den Spartanern.

Meine Worte waren wie der Giessbach, der von Felsenhohen in die Taler strudelt, die Eichen aus den Wurzeln reisst und alles fasst und wogend mit sich fortreisst. Die Ungestumen rissen Zweige von den Lorbeerbaumen und warfen sie mit lautem Ruf uber mich. Hilarion druckte mir schweigend die Hand.

Von nun an kamen sie taglich zusammen zum Ringen, Laufen und Werfen. Und wenn ich schweissbedeckt am Abend nach Hause kam, trat mir Theone entgegen und gab mir mein Abendbrot. Da ruhte die wilde Kampfeslust und der tobende Sinn. Aus ihrem milden Auge quoll ein sanfter Friede und wehte kuhlend und besanftigend durch meine Seele.

Ich fuhlte mir ein neues Leben entstehen. Meine Seele war gestillt, erweitert, angefullt, war frisch wie das Tal, wann die Morgensonne uberm Hugel schwebt.

Oft druckten wir uns die Hande, wenn wir allein waren und kussten uns die Lippen; und wenn der Vater kam, wand sie sich errotend von meiner Brust.

Der Vater lachelte.

Oft auch sassen wir am Ufer des Eurotas, wo uber uns sich Lorbeer und Platanen wolbten und die Trauerweiden in die klare Flut sich tauchten.

Die Schwane spielten um Myrten- und Rosengestrauch zu unsern Fussen, und der Seidenbaum wurzte die Luft mit balsamischem Geruche.

Veilchen waren durch Theonens dunkle Locken geflochten, die herabwallten uber den jugendlichen Busen. Sie war zart und mild wie das freundliche Schneeglockchen.

Ewige Gesundheit sog ich aus ihrem keuschen Munde. Ich sah in ihr das Bild der ewigen Jugend. Das Leben fuhlt' ich in seiner hochsten Fulle, im Vollgenuss meiner Kraft und Starke.

Unser Gefuhl war rein wie das weisse Licht der Sonne. Die ganze Schone des griechischen Himmels hatte sich abgedruckt in Theonens Korper und Seele.

Und wenn dann der Mond hervortrat und die beschneiten Gipfel des Taygetos im blassen dammernden Lichte glanzten wie zartgehauchte Wolkenbilder, da schwiegen wir und lauschten der Nachtigall, die ihre Lieder in den Akazien aus der melodischen Kehle wogte, und wandelten Hand in Hand wieder unsern Felsen zu.

Einstmals nahm Hilarion mich an der Hand und fuhrte mich zu Theone. Dann ging er schweigend mit uns aus dem Hause. Die Sonne stand am Mittagshimmel. Der Alte blickte die junge Tochter an und dann mich und sagte: Liebe Kinder, Ihr liebt Euch! Das Madchen errotete; mein Auge gluhte. Ich warf mich zu des Vaters Fussen; auch das Madchen sank auf ihre Knie. Hilarion legte unsre Hande ineinander, gab uns seinen Segen und ging ins Haus. Dann sahen wir einander an auf den Knien, und unsere Lippen kussten sich zum ewigen Bunde.

Zu Sparta wurden wir getraut. Meine Bruder kamen zusammen auf der Wiese und feierten unser Fest. Die mannliche Jugend strebte im Wettkampf nach den Preisen, die wir ausgesetzt; und nach dem Mahle begannen Tanze und Spiele, wo sich die frohen, von Wein und Gesprach trunkenen Junglinge mit den blumengeschmuckten Madchen bis zum Morgen unterhielten. Theone sank mir weinend an die Brust. Sie war mein, ganz mein.

Selig verlebten wir den Sommer. Auch den Winter hindurch dauerten unsre Spiele. Ich war im Ringen und im Laufen der Erste. Die Greise sorgten fur die Ordnung und bestimmten die Preise. Hilarion ward wieder jung.

So kehrte der Fruhling wieder, und meine Theone fuhlte sich Mutter. Von nun an ward sie mir heilig, das Kind und Abbild der erzeugenden Natur. Da gebar sie, und Du, liebe Atalanta, betratest die Welt.

Uberschwanglich war Deines Vaters Wonne. Die Worte starben ihm auf den Lippen. Er druckte mit stummem Entzucken die geschwachte blasse Mutter und dann Dich an seine Brust. Mein hauslich Gluck war nun vollendet.

Da ward auf einmal Hilarion geheimnisvoll. Ich drangte mich an sein Herz und er sagte mir, vom Norden segle eine Macht herbei, den Muselmann auf seinem Boden anzugreifen. Ich staunte; ich ward entzuckt. Gott! rief ich begeistert. Der Tag ist gekommen, auf den wir gewartet!

Ich sturzte auf die Wiese, verkundet' es den Brudern. Alles eilte voneinander.

In einigen Tagen war Misitra unter den Waffen. Die Nachricht erscholl durch die Taler des Taygetos. Die Volker standen auf.

Vor meinen Sinnen war nichts als das Geschnaube, das morddrohende Gerassel anrennender Kriegsrosse; das Feld und Stadt durchhallende drohnende Waffengetos der geharnischten Bruder; das einherwogende Gebrull vom Atem des Ares geschwellter Manner; der furchtbar vom Widerhall zuruckgetriebne Donner der Geschutze; die stohnenden Seufzer und Gebete hulfeflehender, das Bild der Panagia umfassender Jungfrauen; himmelanwirbelndes Staubgewolke; die Flamme des allzerstorenden mannerzermalmenden Schlachtgewuhls; Mordende und Gemordete; Weinende; den furchtbaren Gesang des Hades und der Erinnyen Singende.

Ich feuerte meine Genossen an. Sie rasten in Kampflust. Der Bey von Misitra ward gemordet.

Kinder, ich nahe nun dem unglucklichsten Teile meines Lebens. Lasst mich kurz sein in meiner Erzahlung! O, sie schmerzt mich!

Achaia, Arkadien und Argos hatten die Fesseln abgeworfen. Orlow war mit sechs Schiffen erschienen. Wir Mainotten wollten nach dem Isthmos ziehen.

Noch wusste meine Theone nichts.

Den Tag vor dem Abzug trat ich vor sie hin. Die junge schone Mutter sass auf einem Stuhl und saugte ihr Kind am weissen Busen und blickte so schmerzlichsuss auf das Kleine herab, als wenn sein Trinken sie verletzte. Dann druckte sie mir die Hand und lachelte.

Ich fiel ihr um den Hals. Theone, rief ich, wir mussen scheiden! Das Vaterland ruft. Bald werd' ich wieder in Deine Arme eilen und frei die Freie an den Busen drucken.

Sie war heftig erschrocken. Ihr Auge war uberfullt mit Tranen. Sie lag halb ohnmachtig an meiner Brust. Der Alte trostete sie. Aber ihr schones Auge blieb nass noch den ganzen Abend.

O, Katon! rief sie einmal, wie zerfliessend, matt an meinen Lippen bebend. Ich verstand sie; weinte mit ihr.

Mein innerer Kampf war furchterlich.

Aber der Geist der Freiheit stieg vor meinem trunkenen Auge wie ein Riese aus der Erde. Ich hatte uberwunden, presste die Geliebte noch einmal an meine Brust, druckte den letzten Kuss auf ihre nassen Wangen und eilte durch die Felsen.

Hilarion konnte nicht folgen. Die Nacht hindurch versammelten wir uns. Mit Anbruch des Tages nahm ich Abschied von Hilarion und eilte mit meinen Scharen gegen den Isthmos.

Uberall hatten die Griechen sich erhoben und ergriffen wutend die Waffen.

Am Isthmos standen wir den Turken gegenuber.

Ich lag auf meinen Knien, wie die Sonne emporstieg, und flehte zum allbarmherzigen Gott, Richter zu sein des entscheidungsvollen Kampfes.

Wir sturzten in die Schlacht und wurden geschlagen.

Ich weinte blutige Tranen; aber noch verzweifelt' ich nicht. Der Seraskier war bis nach Messenien gedrungen. Ich eilte durch den Peloponnes. Neue Scharen kampflustiger Mainotten stromten zusammen.

Wir kampften wie Rasende.

Umsonst. Die geschlagenen Bruder flohen auseinander und verloren sich in den Gebirgen des Pentedaktylon.

Da stand ich allein wieder auf der Erde, allein in meinem Vaterlande wie einst, als ich den Peloponnes durchwandelte!

Uberall hort' ich vom Rauben und Morden der zugellosen Griechen. Ich eilt' auf ein Schiff; landete am Vorgebirge Tanaros. Mit Grauen sah ich die schwarzen schaurigen Felsen, auf deren jahen Gipfeln wie Adlernester die Dorfer der Kakovouniotten schweben. Die Ungeheuer, sagten die Schiffer, haben furchterlich gehaust. Die Albanier haben in Misitra gewutet.

Mich fasste Schrecken. Ich eilte der Heimat zu; erreichte die Ufer des Basilipotamo, und der Alte sass auf derselben Stelle unter dem Lorbeer an der Felswand, wie ich ihn einst getroffen. Ich flog auf ihn zu. Er starrte mich an. Sein Angesicht war blass; das Feuer seiner Augen erloschen.

Er fragte dumpf: Jungling, was suchst Du hier?

Trost! rief ich. Trost am Busen meines Weibes!

Er stand auf und fuhrte mich zu den Felsen. Kein Wort kam uber seine Lippen. Eine schreckliche Ahnung fuhr mir eiskalt durch die Seele.

Ein Grabhugel war vor der Hutte. Rosen, Akazien und Myrten schlangen sich um ihn.

Wo ist Theone? fragt' ich zitternd.

Der Alte sah mich an und sagte dumpf: Ihr Leib liegt unter diesem Hugel; ihre Seele ist bei Gott.

Ich sturzte besinnungslos uber den Hugel. Der Alte hob mich auf und sprach finster: Du kommst vom Grabe Deines Vaterlandes und verzweifelst am Grabe Deines Weibes?

Ich verstand ihn; aber umsonst. Vaterland und Weib war mir Eines geworden.

Wo ist mein Kind? rief ich jetzt von neuem schaudernd. Es lebt, erwiderte Hilarion. Cacilie trat aus dem Hause; brachte mir mein Kind.

Ach, erlasst mir, zu erzahlen, wie meine Theone starb! Albanier mordeten sie. Ich darf, ich kann nichts weiter sagen.

Den andern Morgen fand ich den Alten nicht im Bett. Ich eilt' ans Fenster. Er sass auf Theonens Grabhugel. Ich sturzt' auf ihn zu. Er hatte nur noch wenige Krafte; sein Leben war wie die balderloschende Lampe.

Ich sank zu seinen Fussen. Er sprach: Mein Leben ist zu Ende. Meiner Traume schonster war, frei zu sehen mein Vaterland. Aber wo nicht Einigkeit herrscht, wo sich nicht alle opfern fur Eines, da wird nichts Grosses werden. Die Acht verfolgt Dich, mein Sohn. Flieh' aus Griechenland. Lebe garnicht darin, wenn Du nicht frei darin leben kannst! Wandre nach Deutschland!

Cacilie eilt' aus dem Haus. Er ergriff ihre Hand. Auch sie sank weinend zu seinen Fussen. Katon, sprach der Greis, sei Du meiner Tochter Schutz! Nimm sie mit Dir nach Deutschland! In einem Gewolb unter dem Hause findet Ihr Reichtumer genug, bis ans Ende des Lebens zu gelangen. Gebt Euch die Hand!

Dann brach er noch Rosen und Akazien von dem Grab und sagte, zum blauen Himmel hinaufblickend, mit einer Trane: Das Leben ist schon in Griechenland. Dank Dir, Gott, dass ich in ihm ward; in ihm sterbe! Dann blickt' er uns noch einmal liebend an und verschied.

Wir begruben ihn den andern Tag. Ich offnete das Grab und den Sarg meiner Theone. Ich sah noch einmal ihren schonen Korper. Dann schloss ich ihn auf ewig. Des Nachts brachten wir unsere Schatze samt dem Sarg auf einen Wagen. Zu Kalamata schifften wir uns ein.

Mit heissen Tranen sah ich die schonen Ufer im

Meere verschwimmen, trostete Cacilien und hatte fur mich keinen Trost.

Unsere Reise war glucklich. Wir wahlten uns die

sen Platz und bauten unsere Hauser.

O Kinder, ich konnte nicht leben ohne Begeiste

rung und hatte doch nichts mehr, das mich begeisterte.

Mein Schmerz war unermesslich.

Caciliens zarte Seele versteht ihn. Eine wunder

same Freundschaft schliesst unsere Herzen zusammen, seit wir unser Griechenland verliessen. In diesem Gewolbe betrauert' ich mein Vaterland und meine Theone. Ihre Hulle ruht im Sarkophag.

Du wuchsest auf, liebe Atalanta, und wusstest nicht,

dass ich Dein Vater bin und Griechenland Deine Heimat. Ich wollte Dir den Schmerz ersparen und lieber eine Mutter Dir geben als einen Vater. Du solltest, durftest es nicht wissen. Frage mich nicht!

Ich wollte Dir ein Abbild schaffen des schonen

Landes in unserm Garten.

Nun weisst Du ja, Du Liebe: Du bist meine Toch

ter, bist eine Griechin!

Katon schwieg. Wir sahn uns an und sanken ihm zu Fussen. Er neigte sein Haupt zu uns herab; hob uns sanft auf, ergriff unsere Hande und legte sie auf den Sarkophag. Dann blickte sein Auge geruhrt hinan, und er sagte: Ihr liebt Euch, Kinder. Nehmt meinen Segen!

Wir sanken einander in die Arme, weinten vor Entzucken.

Spat stiegen wir wieder aus dem Gewolbe.

Phaethon an Theodor

Gestern waren wir auf der Burg. Atalanta und ich gingen voraus. Katon und Cacilie folgten. Es war ein heiterer Herbsttag.

Wir wandelten den Waldpfad hinauf und hatten bald den schlanken Berg erstiegen. Wir irrten durchs verwitterte Burggemauer, durchs zerbrockelte moosbewachsene Ruinengestein, das innig wie Geist und Gemut mit jungem traurig einsamem Buschwerk sich verwob.

Durch halbzerfallene Mauerbogen und Fensteroffnungen blickten der blaue Himmel und die versilberten Fernen, und der Blick suchte oft vergebens die aussersten Berge von der gleichfarbigen Luft zu trennen.

Das weisse rosenbekranzte Madchen lag an meiner Brust. Ich sah mit stummer Wonne auf sie herab und war entzuckt, wie eine solche Schonheit, eine solche Jugend mir am Herzen ruhte.

Katon kam mit Cacilien.

Wir setzten uns nieder unter einem schlanken, von Efeuranken umschlungenen Turm.

Katon war ungewohnlich heiter und sagte endlich: Liebe Kinder, wir wollen uber Unsterblichkeit sprechen. Auf dieser Hohe, wo wir nichts mehr uber uns sehen als den blauen Himmel, in dem die ungeheuren Welten des Schopfers schwimmen, fuhlen wir uns freier und voller, und es ist, als ob der luftiggewobene Schleier um unsere Seele sich hinanhobe in weiten fliessenden Falten.

Atalanta soll bestimmen, wer sprechen soll!

Sie sass zu meiner Seite und blickte mich liebevoll an. Katon rief: Ja, Phaethon soll uns von der Unsterblichkeit sprechen!

Nun denn, wenn Ihr so wollt, so erfull' ich Euern Wunsch! erwidert' ich. Aber Ihr musst mir vergeben, wenn ich meinen Worten zuweilen einen hohern Schwung leihe, wenn ich in Bildern spreche. Denn ich glaube, so will es der Gegenstand.

Das steht zu Dir! versetzte Katon.

Ich hielt ungefahr folgende Rede:

Die Seele, meine Lieben, ist unsterblich. Jede Kraft, die durch sich selbst wirkt und ohne eine fremde regelnde Kraft sich selbst bewegt, ist unsterblich. Denn sie bewegt sich ewig und wird nie von sich selbst verlassen. Dagegen jeder Korper sterblich ist, der nur durch eine fremde Kraft, von aussen, Bewegung und eine Art von Leben erhalt, weil jene fremde Kraft ja aufhoren kann, auf den Korper zu wirken.

So lehrt uns der gottliche Platon.

Vernichtung ist Auflosung eines zusammengesetzten Korpers in so viele Teile, dass die Sinne sie nicht mehr bemerken konnen. Die vollige Vernichtung aber eines Korpers ist nicht denkbar. Die Teile bleiben, wenn sie auch nicht mehr bemerkbar sind, ewig im Raume. Die Seele aber ist eine reine einfache geistige Kraft, die durch sich selbst Bewegung und Leben erhalt. Sie hat keine Teile; ist ein unzertrennbares Ganzes. Wie konnte sie also aufgelost, zernichtet werden? Wer trennt die reine lodernde Flamme und zerlegt sie in Teile?

Weil die Seele eine zusammengesetzte, durch sich selbst bewegte Kraft ist, so hat sie auch keinen Anfang, wie sie kein Ende hat. Lasst mich sie begleiten auf ihrem Stufengange!

In der ganzen Natur ist eine mit unmerklichen Sprossen aufsteigende Leiter zu bemerken. Nichts bleibt einen Augenblick in derselben Gestalt, auf derselben Stelle. Zwar scheint die Flut, die sich vom jahen Felsgeklipp ins Tal sturzt, eine einzige bewegungslose Wassersaule, aber es sind nur neue Tropfen, die andern schnell die Stelle raumen. Die Flamme scheint ein unveranderlicher Feuerstrom, aber es sind nur einzelne Funken, die entspruhen, wenn die andern verloschen. Diese Stufenleiter geht durchs Reich der Pflanzen, Steine, durch alle Korper.

Auch im Tier ist eine einfache treibende Kraft, die selbstandig einen Korper bewegt und warmt. Durch ein Dreifaches wird der Mensch zum Menschen. Er ist Pflanze, Leben, Seele oder Geist. Das Tier hat wohl das Leben aber nicht den Geist. Unsterblich ist der Geist; aber auch das Leben ist es. Darum kann auch das Tier nicht sterblich sein. Und war' es nicht ebenso ungerecht von der Gottheit, das Tier im Verhaltnis zu uns in ewiger Niedrigkeit zu halten, als es ungerecht ware, unser Sehnen nach Gottahnlichkeit nicht zu stillen? Das Leben bildet sich allmahlich zum Geist herauf; das Tier zum Menschen, der Mensch zur Einigung mit Gott, dem Geiste, der alle Geister in sich aufnimmt.

Die Seele entsteht durchaus nicht erst, wenn der Korper entsteht. Im Mutterschoss kann zwar wieder etwas Korperliches, Organisches entstehen, aber nichts Geistiges, Einfaches sich bilden. Denn wie konnte das Geistige aus dem Korperlichen entspringen? Und uberhaupt kann ja das Geistige nicht entstehen, weil es die Bewegung nicht von aussen erhalt.

Die Seele stammt von Gott. Aus einem uns unbekannten Grunde, vielleicht zur Strafe, bekam sie die Hulle des Korpers. Darum sehnt sie sich ewig wieder nach der Gottheit. Ihr hochstes Streben ist, zusammenzuschwimmen mit ihr.

Gott selbst aber ist so wenig zu beschreiben als die Schonheit. Jeder Begriff von ihm ist ein Unding. Er ist das in sich Wahre, Schone und Gute, alles Daseins Schopfer, alles Lebens, aller Liebe Vater, der Geist der Geister, der Alleinige selbst, das Hen auto des Platon!

Das ganze Weben und Wirken der Seele auf dieser Welt bezieht sich auf jene ewige Sehnsucht. Je lebhafter diese ist, desto mehr befreit sich die Seele von der Herrschaft des Korpers; desto besser ist sie; desto naher der Gottheit. Ohne diese Sehnsucht ware das Weltall ein Traum.

Der Korper schliesst den Geist in seine Hulle wie der Blumentopf die wachsende keimende Wurzel. Immer reicher, saftiger und voller wird der Keim und drangt sich am Ende siegend aus dem Topfe.

Der Korper ist wie ein Spiegel, durch den die Seele alles beschauen und erkennen kann, aber nicht unmittelbar, nicht rein und ganz. Einst wird sie, wenn sie frei ist, die Dinge schauen, wie sie sind, ohne Hulle, nicht nur an der Oberflache, durch und durch.

Auch in der Bildung des Korpers offenbart sich der schaffende gottliche Verstand. Er ist das schonste vollendetste Werk des Schopfers; denn die Seele ist ja kein Werk, sondern entflossen aus Gott, ewig, einfach.

Auch die Auflosung des Korpers geschieht nicht plotzlich, sondern nur allmahlich. Wenn er endlich stirbt, so losen die edelsten geistigen Safte sich von ihm ab und bilden einen fur uns unbegreiflichen feinern und zartgewebten Lichtkorper. Denn nicht mehr das rauhe Element der Erde bildet die Hulle, sondern das zartere des Lichts.

Aber nicht auf einmal kann die befreite Seele nun der Gottheit nahe kommen. Der Abstand ist zu gross. Darum schwebt sie auf eine andere Welt, wo sie vollkommnerer Wirksamkeit sich erfreut. Da aber alle Seelen, die in unserer Welt waren, einen gleichorganisierten Korper hatten, so muss auch bei allen dieselbe Korperauflosung, dieselbe Bildung einer neuen Hulle stattfinden. Aus eben diesem Grunde kommen sie auch in die gleiche Welt. Denn die Abstufungen von Vervollkommnung unter uns sind zu gering gegen das Riesenmassige des Unendlichen1. So wandeln wir von einer Welt zur andern wie Bienen von Blume zu Blume. Denn unser Sein auf dieser Erde ist so wenig ein Leben als ein Atom eine Welt.

Wir werden immer reiner und vollkommner, je naher wir der Gottheit kommen, aus der wir entstanden sind.

Alles, was ist im Weltall, ist schon und gut, von den Millionen im Ather schwimmenden Welten bis zum Blumenblattchen, das auf einer Spiegelwelle schwimmt; von der Riesensonne, die ihre Lichtwogen durch den unermesslichen Raum auf unsere wandelnde Erde sendet, bis zum einsamleuchtenden Weben des Gluhkafers auf der dammernden Nebelhaide. Er ist ja gebildet vom Geiste des Schonen und Guten. Das ganz zu fuhlen, das allein zu fuhlen, das ist das Streben, mit dem wir wandeln von Sonne zu Sonne, von einer Milchstrasse zur andern, uns vollendend und annahernd dem Hochsten, in ewiger ununterbrochner Stufenleiter. Unser Dasein entfaltet sich immer grosser und freier; unsere Krafte schwellen gewaltig an und wirken mit immer grosserer Starke, schaffen und weben mit immer reicherer Fulle. Noch brauchen wir einen Korper, dass unser Geist nicht erblinde vom allreinen Licht, von der heiligen alldurchdringlichen Schone Gottes. Immer reiner aber wird der ewige, zur Reife schwellende Geist; immer mehr Festigkeit erhalt er durch die in immer grossern Erscheinungen geoffenbarte Gottheit; immer riesenmassiger werden die Flugel, je mehr sie getrankt werden von der zarten wallenden Morgenschone des unendlichen Vaters. Unsere Korper werden immer feiner, atherischer, farbloser, reiner, bis wir endlich gar keine Hulle mehr brauchen, Geist und Geist mit der Gottheit zusammenfliessen und in ihr, im Anschaun unserer Vollkommenheit, in alle Ewigkeit fortleben.

Ich schwieg.

Schon! rief Katon. Du hast Dich gezeigt, wie ich's erwartete. Schwarmerisch!

Aber beseligend! lispelte Atalanta und druckte mir die Hand mit einem Blicke, der mir ihre tiefe schone Seele in ihrer unendlichen Durchsichtigkeit zeigte.

Cacilie weinte und sagte endlich, zum blauen Himmel blickend, mit tranenvollem Auge: Ich werde Euch wiedersehen, Vater und Schwester! Katon sah sie schmerzlich an. Wir standen auf. Atalanta hupfte an meiner Hand den waldigen Bergpfad hinunter. Wir waren wie Kinder.

Fussnoten

1 .

Anaxagoras

Phaethon an Theodor

Sieh, wenn sie vor mir steht, und so ein unerklarbar liebes Wesen um Auge und Lippen lachelt, wenn sie mich ansieht, so ganz voll Unschuld, Liebe, voll grenzenloser Hingebung, das keusche Madchen, Bruder! und ich mir denke, wie ein frischer schoner Knabe lachelt in ihren Armen, ihr Ebenbild, nur kuhner gewaltiger wilder als die ewig sanfte lachelnde junge Mutter, und der Kleine die Armchen nach mir ausstreckt und sie selbst, die Liebliche, mit ihrer Mutterliebe blickt auf den wilden Knaben an ihrem Busen und dann auf mich, wenn ich dann nimmer kann und der Guten, Zarten die Lippen kusse, der Mutter, der Keuschen, die mein ist, auf ewig mein: denke Dir, was Du willst: da stehen mir die Sinne still!

Phaethon an Theodor

Die plastische Vollkommenheit der Formen ist nur dann Schonheit, wenn eine Idee sie beseelt.

Wie der Geist den Korper, so muss eine Seele die Form beleben.

Die Schonheit muss rein und klar das Geistige gleichsam verkorpert zeigen wie Wasser den Himmel.

Die wahre Schonheit kann nicht sein ohne diese Einigung des Geistigen und Sinnlichen. Das Geistige muss auf der Form beruhen wie befruchtender Tau auf der Blume.

Die Schonheit der Form ohne den beseelenden Hauch des Geistes kann zwar dem Auge, das nicht eingeweiht ist, die wahre Schonheit zu erkennen, als eine wahre erscheinen; aber sie ist es nicht.

Wenn sich aber beides eint wie mit einem weichen Kuss der Liebe, dann entzuckt es sowohl die Sinne wie den Geist. Er offnet sich dann in seiner Fulle wie die aufgehende Morgenrose.

Die hochste Eigenschaft dieser Schonheit ist Reinheit. Sie ist wie eine weisse gestaltete Lichtflamme. Auch ist sie massig bei aller Fulle. Ihr Auge ist die unergrundbare Tiefe der Seele, das innigste warmste Leben des Gemuts, das Empfindung aus sich sendet wie Lichtstrahlen die Sonne. Der Mund ist das Geheimnis der Einung durch den Kuss, und die Strahlen, die durch das Auge flossen, quillen aus ihm in dem Augenblick, wo die Sehnsucht gestillt wird. Aus dieser Einung aber wird ein drittes erzeugt, und der schwellende Busen ist die Fulle der Fruchtbarkeit.

Das helle Sonnenlicht drang durch die Fenster. Atalanta stand vor mir. Ich folgte der Natur in der Bildung ihrer Schonheit und ahmte sie nach in ihren fliessenden Formen, in ihren Wellenlinien, in ihren zartgehauchten Rundungen, in ihren wallenden Wolbungen. Wie der Schleier vom seligsten tiefsten Geheimnis war die letzte Hulle gefallen, und ihr Busen quoll wie zarte Milch aus dem dunkeln Gewande. Ihn deckte halb die Hand, und das Auge ruhte jungfraulich verschamt auf ihm.

Mein Auge zitterte wie das Auge des Jungers, wenn der Schleier sich luftet vom Allergeheimsten und er mit heiliger Scheu sich angereiht sieht an die Eingeweihten.

Phaethon an Theodor

Heute kommt ein Brief. Ich erbrech' ihn. Er ist von meinem Fursten. Er ruft mich zuruck. Ich soll die Buste seiner Gemahlin ausarbeiten. Ich soll ... O, ich muss, muss fort!

Am Anfang konnt' ich's nicht uberdenken. Es war wie ein betaubender Schlag, wo die Besinnung schwindet und die Seele sich bewusstlos in ein dumpfes Starren verliert.

Dann wacht' ich auf, sturzte zu Atalanta, fiel ihr weinend um den Hals.

Sie erschrak. Ich gab ihr den Brief. Ihr grosses Auge fullte sich mit Tranen. Schmerzlichliebend sah sie mich an, ergriff meine Hand, stammelte: Phaethon!

Ich sah's, wie sie sich halten, wie sie mir ihren Schmerz verbergen wollte. Durch ihr Auge sprach's in zartlichen wunderbaren Schauern. O, die Meine, die Gute!

Bruder! Sie sank mir mit lautem Weinen an mein Herz.

Wir konnten nichts sprechen. Ein dunkel gewobener Schleier dehnte sich um unser klares Bewusstsein.

Katon und Cacilie traten herein. Sie lasen den Brief. Cacilie druckte Atalanten an die Brust, trostete sie; aber das Madchen weint' immer heftiger.

Katon sah mich traurig an, druckte dann meine Hand und sagte: Lieber Freund, wir haben uns lieb. Du wirst wiederkehren. Sie bleibt ja die Deine.

Phaethon an Theodor

Noch bin ich wie von Sinnen. Es kam zu unerwartet. Ich sass die halbe Nacht hindurch bei den drei Saulen. Furchterliche Ahnungen stiegen aus den Schatten.

Sie zu verlassen, Gott, das ist zuviel fur mich! Wenn ich des Morgens aufstehe, lacheln mir ihre Wangen zum Kusse wie die frische Morgenrote; eh ich des Abends zu Bette gehe, druck' ich sie noch einmal an meine Brust und blicke mit ihr zu den Sternen und danke dem Schopfer fur unser Gluck, fur unsere Wonne. O, ich war wieder zum Kind geworden, zum liebenden geliebten Kinde, das sein gottliches Dasein kaum fuhlte vor seiner Trunkenheit, seiner lautern innigen Begeisterung!

Und das alles nun voruber! Ich werde unter fremden Menschen wandeln, die mich nicht lieben, die ich nicht lieben kann. Kein Blick aus ihrem Auge starkt mich mehr. Kein Handedruck, kein Kuss.

O Theodor, nicht beten, nicht weinen mehr mit ihr!

Bruder, die Blatter fallen schon vom Baume. Der Wanderer tritt uber sie. Auch mein Herbst ist da, aber ich ernte keine Fruchte; ich sehe nur dem Winter ins bleiche verglommene Auge.

Ich will nicht weiterschreiben. Du fassest doch nicht, wie mir ist.

Phaethon an Theodor

Ubermorgen ist meine Abreise bestimmt. Mir ist furchterlich bange darauf.

Atalanta ist wie ein andres Wesen. Ihr Angesicht ist blass wie der Mond. Sie weint fast immer und spricht wenig. Aber in ihrem Auge schwimmt der ganze Schmerz der Seele. Sie scheint ihn mit Gewalt zu unterdrucken. Nur manchmal bricht er hervor in heissen Tranen, wenn ich zu wild bin und die Bebende ans Herz presse. Katon ist wenig um mich.

Alles zu verlassen! Das alte Mausoleum, das Schlosschen, die drei Saulen, den Tempel des Eros, den heitern See, meine Polyxena, Katon, Cacilie und sie, sie! Ach, Theodor, das kann ich nicht denken! Auch sie, mein Leben, meinen Himmel!

Menschen, die mich nicht kennen, nicht lieben, nicht verstehen! O, da steh' ich stille!

Das Wortchen T o d war fur mich Unsinn! Aber nun? O!

Reisse mich los von Gott wie von ihr, dann bin ich tot!

Phaethon an Theodor

Die Sonne ging auf. Heut ist der Abschiedstag. Morgen vor Tagesanbruch reit' ich vom Schlosse weg. O Theodor, bete fur mich!

Den Abend sassen wir noch beisammen und sprachen von all den Freuden, die wir genossen in der Zeit. Naher und immer naher kam die Stunde des Abschieds. Ich ergriff Atalantas Hand und zog sie mit mir hinaus ins Freie.

Der Himmel war mit Sternen ubersat. Mein Inneres war ubervoll von der Empfindung der Stunde. Mein Auge irrte wild umher auf den Gestalten der Nacht. Zwischen den drei Saulen blinkte der Abendstern in mattem schwankendem Licht. Alles schwieg; nur der leise Windhauch spielte mit den Blattern des Rosengebusches und erklang wie die Erinnerung geschwundener Abende vor meinen trunkenen Sinnen. Atalanta ging mir zur Seite.

Auch wir schwiegen lange. Nur manchmal bebten unsere Lippen: Gedenke mein! Und dann zerflossen die Worte wieder in die Tranen unsers Schmerzes.

Da begann ich endlich: O blicke hinauf, Geliebte! Hinauf zum gestirnten Himmel! Da wandelt der Schopfer unter den Sternen wie der Gartner unter seinen Blumen. Er ist die ewige Liebe. Gott ist die ewige Liebe. Atalanta, denke diesen erhabenen Gedanken! Er ist das ewige unerklarbare Wesen, das jene schweren Riesenwelten durch die Unendlichkeit gestreut hat wie leichten zarten Samen, das sie aus dem Elemente rief, werden liess und gestaltete. Wenn die Morgensonne mit ihrem Hochrot uber den gluhenden Hugeln schwebt und durch die Eichenwipfel quillend unsere Haupter bescheint, wenn das alles stille wird, ein hohes feierliches Gefuhl unsern Busen schwellt, und wir zu vernehmen glauben, ein dunkles Etwas wehe mit seinem beseligenden Geiste daher uber Wiesen und Grunde, Walder und Berge, und alles gluhe, lebe und offne sich bei seinem allbelebenden Hauche. Er ist's! Der Gott der Liebe ist's! Wir wandeln auf seiner Erde, die Abbilder seiner Schonheit und Fulle, und liebend druckt er uns taglich an seinen Busen. Er kusst uns, der unsichtbare himmlische Vater, mit dem Strahle des Mondes und der Sonne die Wangen wie seinen geliebten Kindern. Er spricht aus jeder Blume zu unserm Herzen im Geiste seiner Massigung und Grosse.

Ja, sagte Atalanta, wir wollen nicht mehr weinen! Er ist ja unser Vater; wir sind seine Kinder. Wer ist es, Phaethon, der unsere Herzen fullte mit diesem uberschwanglichen Gefuhl, mit dieser heilig gelauterten Flamme? Ist es nicht Gott, der sich regt in uns, wenn unsere Seelen beben vom Hauche der trunkenen Ahnung und streben nach einem unerklarbar seligen Etwas und dann ineinander schwimmen wie quillende Lichter? Ist es nicht Gott?

Gott! stammelt' ich weinend und durchschauert von ihrer Heiligkeit.

Wenn zwei Herzen sich einen, Phaethon, fuhr sie fort, dann steigen sie auf wie Weihrauchsaulen zu Gott. Wir sind nur in Gott; wir lieben nur in Gott. Wir sind eins mit ihm, wenn unser Auge sich trifft und unser Verlangen sich stillt. Dann ahnen wir ihn nicht mehr; wir sehn ihn in seinem innigsten gluhendsten Weben. Er ist's, wenn unsere Lippen im Kuss aneinanderbeben. Er ist der Kuss selbst. Er ist die Trane, die in unserm Auge zittert, wenn wir fuhlen, wie wir uns lieben.

Wir mussen uns trennen, Geliebter! Aber wir lieben uns ja in Gott. Wir finden uns auch wieder in ihm. Darum ist unsere Trennung nur scheinbar. Wir sind ewig ineinander, ewig Eines; wir sind eins in Gott! Wenn Du des Nachts durch die schweigenden Fluren wandelst und den Mond am Himmel blinken siehst, und die heilige Stille Dich umwaltet, dann denk': Auch ihr Auge blickt ja empor voll Tranen; auch um ihre Lippen spielt sein bescheidenes Licht wie um die Deinigen! Dann wirst Du mich finden im Lichte des Mondes. Wir werden eins sein in ihm. Unser Sehnen wird sich kuhlen und stillen in ihm, und Du wirst Deine Liebe erkennen im Geiste der Natur, die um Dich liegt, zu der ich gehore wie Du; und Du wirst dann stille werden und die Tranen trocknen und glauben, ich lag' an Deinem Busen.

O Atalanta, Geliebte! rief ich halb wahnsinnig und sturzte mich ihr zu Fussen. Vergib mir, Heilige, den Schmerz meiner Seele!

Da sank auch sie auf ihre Knie und betete mit gefalteten Handen: Du Gott, unser liebender Vater, wir fuhlen Deine Nahe!

Dann blickte sie mich an die ganze Fulle des Himmels quoll aus ihrem Auge und sprach: Mein Herz ist rein und keusch, o Gott, wie das Blau Deines Himmels, wie die Blumen auf Deiner Erde! Jungling, bleibe auch Du rein; dann finden wir uns wieder in Gott!

Sie konnte nicht mehr; sank an meine Brust. Wir lagen stumm aneinander in einem gluhenden Kusse; tranken unsterbliche Wonne aus unsern Lippen. Unsere Seelen stiegen aus der Hulle wie der reine korperlose Duft aus der Blume. Wir sahen nichts mehr, horten nichts mehr; die Sinne schwanden uns. Unsere Entzuckung war zu gross.

Wir erwachten aus der Betaubung; hoben uns auf. Wir wandelten zuruck. Mein Auge wandte sich nicht vom Himmel. Ich traumte, wir wandelten so, Arm in Arm, von Stern zu Stern durch die weite unermessliche Schopfung Gottes.

Nun standen wir vor dem Hause. Da fuhlte ich ganz, ganz den Schmerz der Trennung. Sie schwieg. Aber ich wusste doch, wie es in ihrem Herzen schwoll.

Wie wir uns trennten, Theodor, ich weiss es nicht! Nur das weiss ich, dass wir uns noch einmal am Busen lagen. O Lieber, wie sie weinte! Wie sie weinte!

Kaum war ich wieder auf meinem Zimmer, da traten Katon und Cacilie herein. Der Vater meiner Atalanta druckte mich warm aber gefasst an seine Brust, zog mich ans Fenster und sagte voll wunderbarer Innigkeit: Freund, schone sie! Solch ein uberschwangliches Gefuhl wie das ihre zu Dir begreift in seiner Unaussprechlichkeit nicht ein Mensch auf Erden. Es ist nicht Liebe, was sie fuhlt, wenn sie mit Geist, Seele, Gemut in Dich verschwimmt. Nenne es, wie Du willst! Du findest keinen Namen. Ein Hinaufschauern zu Gott mit Dir ist all ihr Wesen. Dass ob dem Geiste nur der junge schone Korper nicht leide! O, schone sie!

Ich verstand ihn. Sie war vor mir in ihrer ganzen Heiligkeit, in ihrer ganzen unendlich durchsichtigen Seele. Alles, alles Seele! Die Worte schwanden mir. Meine Tranen sprachen!

Nun sitz' ich allein beim Schein der Lampe an meinem Tische. Meine Seele ist zu voll. O, schone sie! Lebe wohl, Theodor! Mir ahnet, als ob ich Dir nie mehr schriebe von hier.

Phaethon an Theodor!

Von einem Dorf aus schreib' ich Dir, mein Lieber, das zwei Tagereisen entfernt ist von Caciliens Schlosse.

O ihr Traume, ihr seligen Traume von ewiger Wonne, die ihr mich umquollet wie der Kuss des Mondlichts, warum seid ihr entflohn wie wesenlose Dunstgebilde? Ach, warum so bald entflohn?

Man weckte mich. Ich kleidete mich an. O Gott, mit welcher Empfindung! Dann blickt' ich noch einmal die dunkeln Hauser an, wo die Geliebte schlummerte.

Es war so schaurig still umher. Jedes verwehende Ach! ware horbar gewesen.

Lebe wohl, Geliebte, lebe wohl! rief ich noch einmal in heissen Tranen, schwang mich aufs Pferd und flog zum Hoftor hinaus.

Nach und nach ward der Osten von dammerndem Blassgelb umsaumt. Die Nacht war nicht mehr so grausig still. Ein Vogel sang hie und da sein Morgenlied auf einem Zweige.

Mit jedem Schritte ward's mir schwerer ums Herz. Eine namenlose Gewalt zog mich zuruck. Vielleicht, dacht' ich, schlagt sie nun die Augen auf und weint!

Die Morgenglocken vom Dorfe klangen heruber mit ihren wohlbekannten Tonen durch die Stille.

Da ging die Sonne auf und schwebte wie ein glutroter Flammenball in ihrer ganzen unermesslichen Grosse hinter grauem am Horizont gelagertem Dufte. Der trube dunngewobene Schleier des hullenden Morgennebels verbarg die ferne Landschaft dem Blick.

Ich war auf einem Hugel, wo auf dem einsam verlassenen Boden alte breitastige Eichen und einzelnstehende Tannen dunkelschattend in grossartigen Gruppen dem Aug' entgegentraten.

Die dichten, mit Gezweig vermahlten Baume breiteten einen ernsten hellgrauen Schatten umher, und die Sonne goss durch die Aste zitternd mit mondahnlicher Beleuchtung einen ungewissen Lichtton uber die saftgrunen Wiesengrunde.

Durch die Eichenblatter flusterte der wallende Windhauch wie Kusse der Liebe.

Ich stieg ab, blieb lange sitzen auf einem Stein und weinte wie ein Kind. Wohin ich komme, wusste ich nicht, aber woher, ach, das fuhlte ich nur zu lebhaft!

Bruder, ich kann Dir dieses Gefuhl nicht schildern. Die Welt war mir anders; ich hatte mich selbst verloren.

Der Morgennebel verschwand nach und nach, und die Sonne versilberte den verklarten Himmel mit milchweissen Feuerstrahlen. Es war, als ob der Herr durch das Silbermeer in edler stiller Majestat nach geoffneten Himmelstoren sich enthullte und mitteilte, und um ihn selige Geister und Engel schwebten wie ausfliessende Lichtstrahlen seiner grenzenlosen Herrlichkeit. Mein Schmerz aber blieb in meiner Brust.

O, wenn ich in die Zukunft blicke, da klingt's mir wie eine Ahnung. Das werd' ich nicht uberleben! Mein heisses Herz wird sich verbluten.

Phaethon an Theodor

Schon seit einigen Tagen bin ich in der Stadt. Die Furstin ist mir gestern gesessen. Es ist eine Frau von vieler Bildung aber wenig Innigkeit und warmem Gefuhl.

Man zieht mich in vielfache Zerstreuungen. Aber es ist doch umsonst. Die Welle schlagt an den starren kalten Felsen, aber sie wogt ihn nicht dahin; ihr Andrang macht nur ein grausig Getose.

Viele Menschen sind um mich, aber wenige, denen ich mich nahern mag. Da ist niemand, der mich verstunde, meinem Herzen in seinem Erguss entgegenkame, von dem es wieder zuruckklange in mein Inneres.

Und doch hatt' ich so notig, mir Trost zu saugen von eines Freundes Lippen! O, ich hatt' es so notig!

Es erkrankt so nach und nach mein Herz und schwindet dahin in seiner eigenen Fulle.

Phaethon an Theodor

Es ist schrecklich, wie wenig die Menschen teilnehmen aneinander! Gluckliche und Ungluckliche, Lachende und Weinende. Nirgends ein Blick aus reinem uneigennutzigem Herzen. Keine Tugend geliebt um ihrer selbst willen. Alles nur Eitelkeit und Selbstliebe. Jeder geht nur seinen eignen Weg, und nach dem Schmerz des Bruders fragt er wenig.

Und jene allwirkende Verbindung von Verstand und Gemut, wie ist sie so selten! Das Herz, das warme jugendliche, muss sich um den Geist schlingen wie Rosen um die ernste Stirn eines Greisen, wie zarte junge Akazienblatter um graue unerschutterliche Mauern.

Der Verstand ohne Herzenswarme macht unertragliche Pedanten; das Herz ohne den ernsten Blick des Verstandes wird zur Schwachheit.

Mich halten sie fur einen Schwarmer und Sonderling. Der eine lachelt; der andere spottelt; und wieder einer rumpft bedachtlich die Nase.

Und ich mochte doch alle umfassen, alle lieben!

Ich stand gestern so vor einem Menschen, der redlich und brav vom Morgen zum Abend arbeitet und sich erstaunlich viel zu machen weiss aus dem bisschen Gelehrsamkeit, das er mit Muhe zusammenscharrt. Ich wusste von ihm, er habe noch nie geliebt, und lachle nur! ich sah den Menschen an mit einer seltsamen Bewegung. Ich wunderte mich, dass der Arme nur stehen konne ohne Liebe; und er glaubte gar, er sei vergnugt.

Das lerne ich einsehn: es kann keine Allgemeinheit mehr geben in unserer Zeit; jeder Versuch ist vergebens. Darum ist es das Klugste, den Schmerz in die Brust zu pressen und zu wirken fur sich und andere so viel als moglich.

Lieber, es gibt Dinge, die das innigste Heiligtum unserer Seele sind und Wert und Gehalt verlieren, wenn man sie ausspricht. Drum lass mich schweigen! Nur das!

Langer kann's doch nicht mehr so dauern. Ich glaube, unsere Zeit ringt mit einer schweren grossen Geburt. Es werden unsere Umstande sich umgestalten und neue Bahnen einer angemessenern Wirksamkeit eroffnen den Vielen, die jetzt nicht wissen, wo ein noch aus.

Phaethon an Theodor

Sieh, das Sehnen, das unaussprechliche Sehnen in meiner Brust kannst Du nicht begreifen! Auf dem Gipfel eines hohen Berges lieg' ich halbe Tage lang. Unter mir die Erde mit ihren Waldern, Wegen, Bergen und Dorfern, so rein, so keusch, die ewig junge liebende! Der blaue Himmel uber mir. Die fernen Berge so wunderzart in blassen Duft gehaucht. Die Vergangenheit wie ein weinender Engel, mit ihrem lieben Munde mir die Wangen kussend. All ihre Bilder und Farben! Die Zukunft im Spiegel meiner Ahnung wie ein Regenbogen in den sonnenhellen Tranen meiner Wehmut glanzend ...

Da lieg' ich, nur so ein kleines Mannchen, und doch meine Wunsche, meinen wundgeweinten Blick von den ragenden Hohen hinuberstreckend in die ungeheuern Fernen, wo sie lebt, die Liebe, Gute! Ahnend, durchschauert von Schmerz und Wonne, mich fuhlend als das wunderbare Kind der Natur, so ganz zerfliessend in Eins, in ein Sehnen nach ihr ...

O Theodor, Theodor, ich gehe zu Grunde!

Phaethon an Theodor

Ich bin so empfindlich, so verletzbar! Das macht mich unglucklich unter den Menschen. Wohin ich mich bewege, stoss' ich an, und das schmerzt und wird nach und nach zu einer grossen, vielleicht unheilbaren Wunde.

Ich weiss nicht, ist's meine Schuld oder der Menschen? Jeder nimmt mich nur teilweise, nimmt mich nicht ganz. Darum bin ich jedem ein anderer und keinem der wahre, der ganze.

Ich wurde verzweifeln in dieser Zeit; aber ein unendlich seltsames Etwas fuhl' ich quillen aus dem Tiefinnersten, aus dem Geiste selbst, aus dem Mittelpunkte meines Wesens, und grunden und bilden aus all der Fulle eine selige Einheit, schaffen und ordnen darin und erzeugen ein volles jugendlichstrebendes Bewusstsein.

Ich blicke dann in mich selbst zuruck, verschwimme trunken in meiner eigenen Tiefe, fuhl' aus der ersten Quelle mein Ich, mein Sein; fuhl' es im Anschaun einer selbstgeschaffenen Welt im Busen. Das, Bruder, das ist so etwas Riesenhaftes, dieses in sich Schauen, dieses in sich Verschwimmen. Das muss die Wonne der Gottheit sein!

Ich kann's nicht leugnen, ich bin stolz. Ich fuhle lebhaft in mir etwas Ursprungliches, Ungeschaffenes, Unzerstorbares, etwas Unabhangiges, das sich genug ist in seiner eigenen Fulle, waltet und herrscht, etwas, das ewig anstrebt, voll Kraft und innerer Starke, etwas Gottliches.

Das fuhlen alle die Vielen nicht, die sich wegwerfen und krummen, sei es vor Gott oder Menschen.

Ich lass' alle Krafte meines Innern wogen und walten, sich anstrengen und erneuern. Aber ich gesteh' es mir selbst, ich halte sie nicht in Zucht, im Gleichmass.

Meine Seele hat Freiheit, kann wahlen nach Gefallen und richten, unmittelbar, aus eigner Quelle uber Sein und Nichtsein. Das ist das Gottliche in mir, der unveranderliche Wille zu wahlen zwischen Gutem und Bosem. Das ist die hohe ewig lebendige Liebe. Ich fuhle: ich bin, bin Mensch!

Uberall ist Leben und Warme. Ich gebe Leben und nehme Leben. Wie unendlich viel Schones und Gutes um mich; wie viel tausend zum Genuss einladende Dinge! Und ich kann es doch nicht mehr recht geniessen. Einst hab' ich alles gewagt, alles gepflegt und genossen; ich hab' auch geduldet, o uberschwanglich viel geduldet. Nun ist es aus! Aus, Bruder! Durch alle meine Nerven, meine Muskeln klang es einst: Lebe! Geniesse! Die Stimme schweigt. Ich harre vergebens auf sie. Ich sehne mich nach ihr, weine nach ihr; aber sie schweigt.

Die Blumen meiner Kindheit sind wohl noch; bluhen immer noch; aber ich kann, ich darf sie nicht pflucken. Ich sog einst meinen Mut, Glauben und Vertrauen aus ihren Kelchen. Mir fehlt nun der Sinn fur ihren Geruch.

O sieh, nicht das Untergehen furcht' ich, aber jenes Dahinschwinden, jene allmahliche Auflosung, jenes Verdorren und Vertrocknen. So mit einemmal aus den Wurzeln gerissen zu werden, mit einemmal, das mocht' ich lieber!

Die Menschen sind mir viel zu altklug; haben viel zu wenig Kindersinn. Das Frische, Jugendliche, die Einfalt ist doch mehr als all das verdriessliche Fortschlendern, das Ineinandergreifen von tausend verwobenen Sitten und Gebrauchen.

Das ist die hochste, die allein wahre Tugend, die unmittelbar aus dem Innern quillt, ohne Gesetz und Vorschrift, ohne Buchstaben und Wort, mitten aus dem Geiste, durch seine eigentumliche Kraft, durch die Stimme des Gottlichen in ihm. So geradezu handeln, wie's einem der Geist eingibt, dem innern Drange zu folgen und dem unverdorbnen Sinn und Herzen, das gefallt mir, und das tun die Kinder.

Ich hab' auch so einen Knaben um mich. Du solltest den Jungen sehen mit seiner vollen Traubenwange, seinem Feuerauge, seinen langen blonden Locken.

Oft wandl' ich an seiner Hand durch stille grune Wiesen. Der Kleine vergnugt mich mit tausend sonderbaren Fragen, die ich oft nicht zu beantworten weiss. O, dieses Schaffen und Treiben, dieses Hinansteigen von der Folge zum Grund, ist dem Menschen so eigen! Und wenn dann das blaue Gebirge vor uns dammert, woruber ich herkam, Theodor, da wird alles, jeder Pulsschlag wird zum Schmerz, zu einer unuberwindlichen Sehnsucht, die mich hinuberzieht uber alle Fernen zu ihr. Ich blicke dann hinaus mit blutendem Herzen und presse den Knaben an mich und seufze: Warst Du mein! Ware sie Deine Mutter!

O, ich vergehe uber dem Gedanken!

Phaethon an Atalanta

Nach Dir verlangt es mich, Himmlische! Wenn ich die Augen offne des Morgens, fuhl' ich Deine warmen Lippen im rosigen weichwallenden Morgenrot, und wenn die Nacht kommt, sehe ich Dein Bild durch das Dunkel wie ein lichtvolles Wesen heranschweben zu mir, mich anlacheln. Ich glaube Deinen Kuss zu fuhlen und den Druck Deiner Hande und schlummere dann so hinuber! Dann erscheinst Du mir im Traume, ganz wie Du warst, wie Du bist, mit Deinem Angesicht voll Engelsliebe, voll Glauben und Hoffnung. Du streust Blumen auf mich herab, zarte jugendliche Blumen aus Deinem Schosse. Dann blickst Du zum Himmel und gehst wieder von mir.

Du Angebetete, warum bin ich ferne von Dir? Gerade jetzt ferne von Dir? Warum kann ich mein Herz nicht an Deinen Busen legen, Du Zarte, Liebende?

Ein Schmerz fullt meine Seele, und doch lebe ich nur in diesem Schmerz.

Ich kann's nicht nennen mit e i n e m Namen, das Gefuhl, mit dem Du meinen Busen fullst. Wo ich fallen will, da glanzt es mir wie ein Licht durch die Finsternis, reinigt mich, lautert mich, gibt mir das vollste erhabenste Bewusstsein meines Selbst, vergeistigt mich, hebt mich auf zum Urbild der Menschheit, zu Gott! Ist es Ehrfurcht, Liebe, Freundschaft, anbetende Neigung?

Dich sehen, Dich lieben war eins. Ich lebte nicht vordem. Ich war nicht. Ich traumte nur zu sein.

Alles ist mir anders in der Natur geworden. Ich bin nicht mehr ihr Kind. Ich bin im Kampfe mit ihr.

Oft wenn ich die Sonne hinabgehen sehe, und alles gluht der Scheidenden und wallt in ihrem unsterblichen Licht, da sturzen mir die Tranen aus den Augen, und ich rufe: Hinab! Hinab! Und wenn des Nachts der Mond am Himmel ist, dann wandl' ich hinaus allein ins Freie. Das magische Licht und die riesigen Schatten, das Zusammenschwimmen der Bilder und Gestalten im Duft, die zitternden funkelnden Wellen im Lichtregen, das geheime tiefe Rauschen und Wogen durch Blatter und Aste, der Mond uber den alten Eichenkronen schwebend, der hohe feierliche Geist uber der Gegend wallend, die Ruh und Bewegung, die Kinder seines Hauches, das Licht im Wasser, und das Leben und Regen in den Pflanzen ...

Und dann die Welten, wie sie wandeln in ihrem Riesengange, zusammenschwimmen wie bleiche Milch, wie unaussprechliche zerfliessende Regungen unserer Sehnsucht! Ein blasser Nebel die unendlichen Korper der Schopfung, dammernd wie Traume von Blumen, in ewigem unveranderlichem Schwung, alle, alle! Schneller als Gedanken, geworfen und geschleudert aus der Hand des ordnenden allwaltenden Geistes, Kinder der Unermesslichen, diese Fulle, diese Grosse und doch diese Ordnung!

Atalanta, da weiss ich mich nicht zu fassen. Ich verliere mich selbst. Ich kann die Ordnung der Welten nicht begreifen. Sie wirbeln untereinander, Millionen und wieder Millionen Sonnen. Ich hore das Sausen und Drohnen ihres Schwunges, das Donnern ihres Zusammenstossens. Alle wanken und zittern, erloschen, zertrummern sich. Alles, alles im Wirbel. Alles aus Schranken und Fugen. Die ganze Schopfung ein Klang, ein Krachen, ein Knattern, uber mir, unter mir!

Wo bin ich, Atalanta, Du Uberschwangliche? Ich bin nicht mehr. Ich fuhle nicht mehr. Aus, aus! Die Schopfung, das Dasein aus! Das All ein Nichts!

Atalanta an Phaethon

Warum dies furchterliche Gluhen? Dies verwirrte innerliche Beben? Dieser Abfall von der Natur?

O Du, den ich liebe, mit Dir ist es weit gekommen! Phaethon, mein Auge fullt sich mit Tranen, mit Tranen fur Deine Seele!

Warum hast Du den Weg verloren? O Phaethon, dachtest Du denn nicht an mich?

Ich sah Dich und bebte. Wie eine Erinnerung aus den Tagen eines schoneren Lebens, wie die Erfullung einer seligen Ahnung war der Blick Deines Auges.

Da schwammen wir zusammen, Seele mit Seele, Geist mit Geist, schauernd in Wonne! Du fuhltest, Du lebtest in mir, und ich in Dir! Unser Dasein war verschmolzen, uber und uber getaucht in uberschwangliches Entzucken wie zusammengeflossene Wolkchen ins gluhende wallende Meer der Abendrote.

Du fuhrtest mich mit Dir fort, die Bebende, wie der kuhne Adler die zarte Taube. Ich folgte Dir, und mir schwindelte nicht.

Mein Inneres entfaltete sich wie der lebensreiche geschlossene Blumenkeim an Deinem Busen, Geliebter, an Deinem Munde! Du dachtest, und ich fuhlte; Du dachtest, und ich ahnte. Du warst der schaffende kraftige Sinn; ich war, voll erwiedernder Liebe, voll Willen und Neigung, die Uberlegung; und aus uns entsprossen wie heitere lachelnde Kinder die Weisheit und Tugend.

Ich hing an Dir mit einem Busen voll Liebe wie Immergrun um sonnige Felsen, und wir schwarmten wie jugendliche Sommervogel um alles Gute und Schone und sogen jene Fulle daraus, jene allbeseelte Innigkeit, die so lebendig macht, so offen fur jede Stimme der Gottheit in uns und ausser uns.

Unser ganzes Wesen war Andacht. Wenn wir wandelten in der Natur, unser Inneres so wogte und doch so tiefbeseligt war, aus Baumen und Blattern, Blumen und Grasern, aus Wellen und Wolken nur Eines uns uberquoll, der Geist der Gottheit in seiner stillen ruhigen Grosse, um uns, in uns alles so innig war, so warm und so voll, so vieles und das Viele nur Eines ... Diese Fulle und doch dieser selige Gleichklang! Ewiger Fruhling, ewige Jugend! O, das war schon!

Ordnung uberall und Ubereinstimmung! Und Du hast das geheimnisvolle Band aus dem inneren Auge verloren, das diese Mannigfaltigkeit zur Einheit bringt? Uberall Leben und Liebe! Du allein bist ohne Glauben, Hoffnung und Zuversicht?

Hab' ich die Kraft verloren, Dich glucklich zu machen?

O warum diese verzehrende Glut, dieses betaubende Sehnen? Du bist so unruhig geworden, so wild in der Ferne; und meine Seele liebt Dich doch mit so viel Frieden, so viel Ruhe und so viel Starke.

Die hochste Liebe ist wie das Schweigen der allbeseelten stummlebendigen Natur, tief und ruhig wie das klare unermessliche Meer! Ewig, unergrundlich, unaussprechlich!

Ahnst Du das nicht in stillen Nachten, wenn Du allein bist und doch so warm Dich geliebt fuhlst, so innig gedruckt an den Mutterbusen der Natur?

Die Schopfung ist wie ein ungeheurer Baum, der ewig sich gleich bleibt. Auf ihm bluhen, wachsen und welken die Welten; sie gluhen im dunkeln Raume wie freundliche goldene Fruchte im dunkel schwellenden Laub. Unter ihm wandelt Gott. Sein Geist durchsauselt den Baum und starkt und erhalt mit Liebe die Fruchte. Sagen Dir das nicht die Sterne des Himmels?

Lieber, o wie machst Du mir bange? Wie mochte ich um Dich sein, Dich zu schutzen, in Liebe zu erhalten. Gedenkst Du der Nacht, wo wir uns gelobten, uns zu suchen im Mond, dem keuschen Bilde der ruhigen unveranderlichen Gottheit? O geliebter Jungling, warum vergassest Du denn den heiligen Schwur?

Die drei Saulen sind verlassen. Einsam steht der geliebte Homeroskopf, wo jene Fulle der Gesichte wie zartbewegtes Laub um uns spielte. Nur im Tempel des Eros sitze ich oft einsam und lange und weine, weine um Dich! Da schweben zu mir heran die Geister geschwundener Stunden. Die Vergangenheit naht an der Hand der Erinnerung wie ein weinendes Kind am Arme der Mutter, und Dein Bild, Dein Wesen begegnet mir wie das Wehen zarter Lindenblute.

Oft bin ich heiter. Mein Schmerz ist so suss. Natur, Gott, Unsterblichkeit, Liebe, alles wird mir eins. Ein uberstromendes Gefuhl! Ein tiefer, sich selbst starkender Sinn!

Katon ist wieder still geworden, aber ohne Schmerz. Nur manchmal wird er offner und verklarter, wenn wir des Abends von Griechenland sprechen. Dann blickt er oft lange stumm in Caciliens Auge, seufzt und schweigt. Oft mahnen sie sich auch an die Tage, wo sie am Eurotas lebten. Ich werde dann still und immer stiller und weiss nicht warum? Er ist so ernst, so gross. Sein Schweigen ist so tief.

Lebe wohl, Phaethon! Lege meine Worte in Deinen Busen!

Ruhe kehre Dir von oben, Friede von Gott! O, kein Madchen hat inniger, heisser geweint um den Geliebten als das Deine um Dich.

Gedenke meiner, Phaethon, gedenke jener Nacht, wo wir uns trennten!

Phaethon an Theodor

O Theodor, Freund meiner Jugend, es ist weit mit mir gekommen!

Ach, ihre Seele ist so rein, so lauter, und die meine, wie wust, wie verworren!

O wie sie mich liebt! Mich! Mich!

Das ist das erhabenste, was ich denke: Sie liebt mich, diese Seele voll Gottheit! Sie liebt mich! Und diese Liebe, die ich fuhle, die meinen ganzen Geist durchschauert Unsterblichkeit! Gott! das fliesst zusammen mit ihr, innig, gluhend, beseligend!

Und Vorsehung, Bruder, Vorsehung! Welch ein Gedanke! Ein Geist ruht auf uns, voll Liebe voll Wahrheit! Und doch, ich kann mir das nicht mehr so denken wie sonst!

Ich kenne die Ruhe nicht mehr, jenes gottliche Schweigen der Seele, jenes befriedigte Anschaun der inneren Welt.

So lang ich hier bin, hab' ich noch nie in meinem Homer gelesen. Ich bin ja geschieden von dieser Welt voll Ruhe, voll Licht, voll Einheit.

Ich lese nichts mehr als die griechischen Briefe, die sie mir schreibt. Da glaub' ich oft ihre Seele in einem Wort zu finden; schau starr hin; kusse das Wort, bis ich es nimmer sehe vor meinen Tranen!

Bei Nacht auf einsamen Wegen durch ode verlassene Felder, da hab ich meine Lust.

Ich sitz' auf einem Berge. Da bin ich dann allein. Kalte dunkle Schauer wehen um mich; meine Seele antwortet in dumpfen verklingenden Tonen. Das Weltgebaude betracht' ich dann.

Wenn ich ruhig bin und in mir beseligt durch den Geist der Gottheit, der in meiner Seele webt, dann glaub' ich die Musik der Welten zu vernehmen; ich glaube zu horen, wie sie sich schwingen und klingen in der ungemessenen Bahn!

Theodor, am Sternenhimmel bluht meine einzige Wonne. Die Gottheit steht nie so gross, so klar, so uberschwanglich da in ihrer Fulle vor mir, als wenn ich zum nachtlichen Himmel aufblicke.

Manchmal fass' ich wieder diese Ordnung und Einheit.

Ewig bewegen die Welten sich, ewig! Und doch nach einem Gesetze! Im Riesenschwunge, den unsere Sinne nicht fassen, und doch nach Regel und Ordnung!

Uberall Sein und Werden! Im ganzen unermesslichen All! Welten dammern wie blasse Nebelflecken, wie milchweisse verschwimmende Streifen, werdend, sich gestaltend, in allmahlich reifendem Entfalten, sich sammelnd aus dem unendlichen Stoff in die riesigen Formen. Welten sind geworden, wurden gebildet aus dem gewaltigen Element wie volle bluhende Blumen aus dem Keime; schwimmen im ewigen Ather in Jugend und Vollendung. Welten schwinden zusammen, vertrocknend, erstarrend, alternd, sich losend vom Wasser, dem nahrenden, trankenden. Abgespiegelt der Mensch mit seinem Werden, Wachsen und Welken in den Gestalten der Schopfung! An- und zuruckstrebend, sich nahernd und entfernend, liebend und hassend, die Korper gegeneinander im uferlosen Raume! Und wie Kinder der Liebe, wie unwillkurliche Regungen unsers Innern, geschweifte Riesenkometen mit gewaltigem Gange, wandelnd durch die bewegten Welten, glanzend im unerforschten Laufe bald uber unserm Weltenkranze, bald schreitend zwischen Mond und Erde! Und all das Wechselwirken, getrieben, geschwungen vom Allmachtigen! Alles im ewigen Gange, durch e i n e n Hauch seines Odems, durch e i n e Bewegung seiner Hand!

Phaethon an Theodor

Sieh, Theodor, immer geht es weiter! Kein Stillstand! Ewiger Stufengang! Das ist so der Natur gemass.

O lachle nicht! Weine! Weine!

Ruhe, Stille, Frieden, Demut, Zuversicht und Mut! Davon weiss ich nichts mehr.

O mein Name! Der Sohn eines Himmlischen ist kein Himmlischer selbst! Ein Mann, gemischt aus irdischem und uberirdischem Stoff, vermass sich den Sonnenwagen zu fuhren durchs All, mit kuhnem Selbstvertrauen, verblendet vom Ubermut, verlassen von oben! Die Rosse des Wagens schnaubten. O Bruder, der Arme konnte die Ungebandigten nicht leiten. Sie rannten aus der Bahn, verbrannten die Erde! Der Ubermutige, mit seiner endlichen Kraft sich brustend, ward niedergeschmettert vom Blitze des Olympiers!

Ach, diese irdische Kraft, die sich selbst die Schranken nicht setzt, wirft der zurnende Gott zuruck.

Auf dem Kirchhofe sitz' ich nachtelang. Diese Stille, dieses Schweigen umher! Tot, verstorben, verlassen alles, alles! Uber mir, unter mir, in mir nur ein mattes verwehendes Beben im geruttelten Zweige, im flusternden Blatte! Die Geister der Verschiedenen im einsamen Zittern des Grashalms, im grauen traurigen Leichenstein, im dammernden herabwallenden Mondlicht webend! Noch so eine dumpfe Ruckerinnerung von all der Fulle, von all dem uberschwanglichen Sein, dem ewigen Wogen und Fliessen, und nun dies Nichts! Dies Dahinschwinden! Auf all dies Gerege solche Totenstille! Solch ein stummes Verzweifeln in mir selbst!

Und dann auf einmal ist's wie ein geschwungenes Rad in meinem Gehirn. Ich kann nichts mehr denken, nichts mehr fuhlen. O Bruder, Bruder, wie wird das werden?

Phaethon an Theodor

Der Wirbel wird nicht lange mehr dauern!

Hore!

Nur Gott weiss es, der Alliebende, aber auch der Allgerechte! Meine Unschuld ist befleckt! Ich bin nicht mehr rein! O schaudre! Schaudre!

Und sie! O Theodor, mein Theodor, ich sehe keine Rettung mehr!

Nur einmal meine Hand zu tauchen in die Feuerwogen des Morgenrots und erwarmt zu werden von seiner unsterblichen Fulle uber und uber! Nur einmal Gott zu schauen, wie er ist, ohne Hulle, Bild, Gestalt und Farbe. Ihn! Die ewige wandellose Liebe! Dann gabe es kein Nichts mehr fur mich! Meine Brust ware voll von den Wellen seines unversiegbaren Lichtquells! Leben wieder in mir! Frieden und Ruhe der Gottheit!

Unsterbliche Liebe! Eins ist Alles, und Alles ist Eins. Das fuhlt' ich einst! Und nun?

Meine Seele hing einst an der Natur wie der Saugling an den Brusten der Mutter. Ich fuhlte mich so gross, so ewig, so geliebt!

Gluhend, zerfliessend weinte meine Seele vor Wonne! Ein Lied des Dankes, e i n e Freudentrane war mein Leben.

O, sie hatte mich glucklich gemacht! Bruder, wenn ich vor ihr stand, und mein Blick sich verlor im Seelenmeer ihres Auges, und ihr Mund lachelte, als ob er mich bate, ihn zu kussen, so innig, ganz Liebe, so ganz Hingebung, und sie nichts wusste, nichts kannte als mich; ich ihr alles, alles war, und sie so ganz befriedigt; all ihr Sehnen und Wunschen gestillt schien in meinen Armen!

Ihr Auge befruchtete die Keime meiner Seele. Sie schossen alle auf und standen alle in Blute. Ihre Tranen waren der linde trankende Tau. Ihre Seele floss von ihrem Busen, von ihrem Auge in das meine, unbegrenzt, endlos, ewig!

Nun ist auch sie allein! Es wandeln ja schwere ungeheure Sonnen durch die Raume des Alls ohne Erde.

Es schwimmen ja grenzenlose ungestaltete Flecken im Unermesslichen, die noch nicht gereift sind, die sich erst in Jahrtausenden zu Riesenwelten bilden.

Sie und das ganze All des unendlichen Gottes ist mir Eines. Es drucken beide mich nieder.

Phaethon an Theodor

Schicksal? O, das macht mich wahnsinnig: zu stehen am Abgrund, hinunter zu starren in seine Tiefen! Bruder, nur ein Sprung! Die Felsenrippen gahnen! Und die Stimme aus dem Innern donnernd: Hinunter! Nachhallend durch meine tiefste Seele: Hinunter! Du musst! Magst du wollen oder nicht! Dich lenkt ein Gott! Nur Tauschung ist dein Wille! Hinunter!

O Fluch dem Gedanken!

Phaethon an Theodor

Mass zu halten bei solcher Fulle, das war sonst mein Hochstes. Ich kann's nicht mehr!

Auch jene susse Bewegung des Herzens kenn' ich nicht mehr, wo es, so einig mit sich selbst, sich regt und wallt, wie die gluhenden Feuerwellen des Meeres am Abend, so zart, so verschmolzen und doch so liebendeinig!

Ein kalter schauriger Frost durchwirbelt meine Seele, und wenn er einmal weicht, so ist's keine freundliche begeisternde Freude, die an seine Stelle tritt; es ist eine zuckende Wonne, ein verzehrendes Sehnen, das durch mein Inneres fahrt und schnell verrauscht und der alten Nacht die Stelle wieder raumt.

Und beten? Warum kann ich nicht mehr beten? Sieh, da hatt' ich gestern meinen Knaben vor mir stehen, fasst ihn, hob ihn auf, druckt' ihn weinend an meinen Busen, kusste seine vollen unschuldigen Wangen und stammelte: Bete! Ach, und er betete, so klar, so innig, so harmlos, als kennt' er zu dem ihn, er betete; als fuhlt' er seine Nahe! Und mich! Wie er mich ansah! Ich liess ihn sinken, als durft' ich ihn nicht anhauchen, das reine gottbefreundete Wesen.

Theodor, war' ich einmal frei, und hielte mich die Erde nicht an sich, die Erde, die ich nicht lieben kann, dann sturzt' ich in den leeren Raum, der sich ausdehnt zwischen den wandelnden Welten des Schopfers; dann sturzt' ich ewig von einem Weltsystem ins andre, voruber an allen Millionen Sonnen und Monden; begegnete den Kometen, die sich vor Jahrtausenden unsrer Erde naherten, die in Jahrtausenden noch kommen werden! Bruder, ewig, ewig wurd' ich taumeln und fallen und kein Ufer, keinen Grund, keine Grenze finden. Immer tiefer und immer weiter und doch kein Ende! Jahrtausende sturzen durch das All, und doch kein Ende!

Phaethon an Atalanta

Atalanta, Du Liebe, Gute, lass mich zuruckgehn in die Tage der Wonne!

Die Seelen aller Menschen haben einst das Heilige, das Wahre, das Wesentliche gesehen in seiner Gottlichkeit.

Auch wir schwebten einst mit der Gottheit in der Hohe; wir waren in ihr, eins mit ihr, lenkten mit ihr das unermessliche All.

Aber es schwanden uns die Flugel. Wir sanken tiefer und immer tiefer durch die Schopfung, und fielen auf unsere Erde. Da wand sich der Korper um uns, die unsterblichen Seelen; eine kurze, bald welkende Hulle schloss sich um unser unvergangliches Wesen.

Atalanta, wir liebten einst das Schone, das Gute, ganz wie es ist, gottlich und ubermenschlich. Wie ein belebender Saft quoll es starkend und kraftigend durch unser Innerstes und trankte die wachsenden Flugelkeime. Aber wir liebten das Bose und fielen!

Ach, das eine Ross, das meine Seele lenkt an ihrem Wagen, will wohl hinan, will uber den Kreis des Himmels, will zur Anschauung der Gottheit; aber das andere halt mich schnaubend an der Erde. Ich ringe, kampfe; aber die Schwungkraft meiner Flugel ist gelahmt.

Einst schwammen, webten und wirkten wir in Gott und sahen die Schonheit wie trunkne Eingeweihte, im Wogen und Wallen ihres lauteren Lichtes. Nun wandeln wir, in einen Korper gehullt, wir gottlichen Wesen, getrennt von unserer Mutter, der Gottheit, ewig uns sehnend nach ihr, auf einem Wandersterne, den wir einst kaum kannten als bleichdammerndes Lichtbild. So klein war er uns im Anschaun der Gottheit!

So kamen wir auf die Erde. Du wardst in Griechenland in einen Korper gehullt, und ich im rauhern Norden. Wir kannten uns nicht, wenn wir schon einst zusammenwebten in Gott.

Wir sahen uns; wir kussten uns wie zwei bebende gluhende Strahlen, entflossen aus einem Urlicht der Sonne.

Wir fuhlten uns leichter und freier in unserer Korperhulle. Machtiger und gewaltiger wuchsen die Federn aus ihren Wurzeln.

Wir sahen uns, strebten, gluhten, uns zu einen, ganz ineinander zu fliessen. Dein Angesicht, Du Gottliche, war mir der reine seelenvolle Abdruck der korperlosen Schone.

Gestillt war unser Schmachten, unser Sehnen. Wir liebten; wir hatten gefunden, was wir bewusstlos suchten. Die Urschonheit bebte wie klares quillendes Mondlicht durchs Nebeldunkel unsers Innern. Wie das verschwebende Sauseln der Linde klang die alte liebende Stimme der Erinnerung.

Wir brachten einander naher der Gottheit durch Liebe, durch unaussprechliche Liebe.

O Atalanta, was taten wir nicht fureinander!

Atalanta an Phaethon

Jungling, hast Du kein Gefuhl fur mein Weinen um Dich?

Nicht so, Geliebter, kannst Du mich lieben! Nicht das ist die wahre innige Liebe. Du bist eine wilde lodernde Flamme, die prasselnd aufschlagt und schnell erloschend sich selbst wie das Dasein Anderer verzehrt. Du nanntest mich Dein Madchen, das Du liebst, und Du liebst mich so wenig, dass Du mich totest?

Einst war unser Gefuhl susse innige keusche Blumenliebe. Gluhende Wonne flocht sich in ewiger Jugend durch unsere Tage wie Rosen durch unser Haar.

Wenn Du vor mir standest und Dein blaues Auge gluhte, voll Geist, voll gestillter Sehnsucht, voll seliger Liebe, voll heiliger keuscher Neigung, so treu, so voll Glauben und Gott: Jungling, wenn Du so vor mir standest und Deine dunkeln Locken von Deinen Schlafen wogten wie um das Haupt eines jugendlichen Gottes, da weinten Aug' und Seele in mir, und allmachtig, in einem Wirbel, schlug mein Inneres wie eine wogende Weihrauchsaule nach oben! Nicht Madchen, nicht Kind mehr, mit Gott mich vereinend in einem Kusse der Liebe, wie auferstanden als reiner gelauterter Geist aus dem Grabe, schwebend uber der Erdenhulle wie die ewigjunge Morgensonne in ihrer wallenden Lichtfulle uber der alten Erde!

Ich sah ja Gott in Dir. Er sprach aus Deinem Auge, wenn Du weintest oder mich anlacheltest, aus Deinen Lippen, wenn sie Worte der Liebe stammelten, wenn sie im Kuss an den meinigen brannten. Aus Deinem ganzen Wesen sprach der ewige liebende Gott!

Da fasste ich ihn wieder und drang durch sein keusches lauteres Himmelblau und erkannte ihn mit dem verklarten Auge meines Geistes. Und das quoll wieder zu Dir, hinuber und heruber, ewig erwiedert!

Du hattest mich gesehen! Das weisse Ross, das Du lenktest am Wagen, ward erfullt mit tiefer Liebe. Das schwarze toste und schaumte schnaubend an den Zugeln und zog voll wilder Brunst den Wagen tobend mit sich fort. Ich war Dein Liebling geworden; aber vor Deinem Geiste schwebte die Erinnerung der echten Schone und fullte Deinen Busen an mit keuscher heiliger Scheu. Denn die wahre Schonheit ist rein wie das weisse Silberlicht der Sonne und unberuhrbar wie die Unschuld der Jungfrau.

Du zogst die Zugel, und die Rosse sturzten.

Ich bebte.

Wir kamen uns nahe und immer naher. Die Liebe quoll wie ein Strom von Deinen Augen in die meinen, von meinen in die Deinen. Unsere Geister waren erfullt von ihr.

Und nun?

Phaethon, warum hast Du Deinem wutenden Rosse die Zugel gelassen, dass es schnaubt und wiehert und die wallende Mahne schuttelt? Kennst Du nimmer den alldurchdringlichen Strahl der heiligen Liebe, die von Seele zu Seele zittert wie der Echoklang von Berg zu Berg? Ist die heilige Scheu, der ruhige, sich immer verstarkende Sinn, das heitere zuchtige Gefuhl gewichen aus Deinem Busen?

Jungling, lenke Deine Rosse! Deine Arme sind stark. Der Strahl der Gottheit in Deinem Innern ist warm und gross. Lenke Deine Rosse! Das Madchen Deiner Liebe weint um Dich! O schone die Weiche, die erbebt vor dem Geschnaube Deiner zugellosen Rosse! Schone sie! Sie sinkt auf die Knie vor Dir und bittet Dich weinend: Liebender, schone die Arme, die Dich liebt! Phaethons Zustand war schrecklich. Er rang und kampfte sich wund.

Den Tag uber arbeitete er. Man horte ihn oft die halbe Nacht hindurch laut weinen. Keine Seele war um ihn, die ihn hatte trosten, seinen Schmerz hatte lindern konnen. Wenn er ein Buch zur Hand nahm, so warf er es gleich wieder auf die Seite.

Vor den Leuten presste er seinen Schmerz in die Brust; aber er sprach laut genug aus dem wilden Gluhen der Augen, dem blassen eingefallenen Gesichte.

Er schwelgte, sturzte sich in Genusse aller Art. Seine Seele ward immer finstrer, wilder, verdorbener; immer schwerer wurde die Rettung.

Viele, die ihn kannten, wollte er nicht mehr kennen. In seinen Reden verlor er immer den Faden wieder, machte die wunderbarsten Kombinationen und schien oft das Vergangene vom Gegenwartigen nicht mehr unterscheiden zu konnen. Immer aber sprach er von Reinheit. Er hatte lauter fixe Ideen, die ihm niemand beruhren durfte.

Am liebsten lief er durch Walder oder uber Berge. Er glaubte seinem Schmerz zu entgehen; und wenn es nicht moglich war, so knirschte er in Anfallen von Verzweiflung.

An Theodor schrieb er nur abgebrochene Satze wie folgende.

Phaethon an Theodor

Mit Gott zu kampfen, war das nicht von jeher misslich? Die Riesen, die Gebirge turmten aufeinander und mit gewaltiger Kraft die wandellose Macht des Vaters der Gotter und der Menschen sturzen wollten, die eichenstarken Manner, warf ewig unerschuttert, den Donner von der Hohe schmetternd, allmachtig der erzurnte Gott zu Boden.

Wie mir einst alles Leben war, ist mir alles nun Tod, wohin ich blicke.

Die Millionen Welten, die werden, sind und vergehen wie der Mensch, die aus dem Elemente sprangen wie Blasen und wachsen! Ich bin so garnichts gegen das unermessliche All!

Ewiges Sein! Ewiges Nichts! Wie furchterliche Feinde sich gegenuberliegend, einander zerstorend und aufreibend, beide mir gleich verhasst! Mir wirbelt's!

Denke Dir das Nichts! Bruder! Das Nichts! Mensch!

Was ist auf Erden der Mensch? Was der Blumenstaub auf dem Blatte. Sie verwehen.

Als ich mich noch so ewig fuhlte, o da war ich wie ein Gott!

Auf das ewige Sehnen und Kampfen, das Ringen und Treiben muss doch Ermattung folgen, und auf Ermattung?

Tod?

Eine Trane im Auge meines Madchens, ein Blick in ihre Seele, ein Kuss auf ihre reinen Wangen, ein stummer Druck ihrer Hand, machte mich das nicht unsterblich?

Das Leben ist ein ungeheures Meer, in dem wir schwimmen, bis seine Wogen uns verschlingen.

Es ist Gott wohl ein liebender Gott; aber ich fuhle doch, wenn er mich an seinen Busen druckt, dass ich so klein bin gegen ihn.

O, sich ihm zu nahern und nicht zu Nichts zu werden! Vor ihm bleiben zu konnen, dazu muss man rein sein wie sie, wie sie!

Wir Menschen sind nur Wolken, die voruberwandeln am Himmel und manchmal durchgluht werden von seinem Hochrot; aber sie verwehen wie Traume. Alles, was er noch in dieser Zeit zeichnete, trug den Stempel seiner Geistesverwirrung: himmelsturmende zuruckgeschleuderte Riesen; Eichenstamme, samt den Wurzeln aus dem Boden gewirbelt und uber wildes jahes Felsgeklippe taumelnd; engelschone Madchen, die Hande betend zu Gott hebend; abgezehrte, die Hande ringende, zu Boden liegende Junglinge; Kirchhofe, worin beim Mondlicht die Geister uber den Grabern schweben und einsame Menschen um ihre verstorbenen Geliebten trauern. Dann zeichnete er wieder Atalanta mit dunnem fliessendem Gewande, mit aufstrebenden Flugeln, auf Wolken schwebend, in den langen fliessenden Locken junge Blumen, mit zartem offenem Busen, die gott-trunknen Augen zu einem grossen Auge hebend, das uber ihr aus wallendem Lichte quoll, womit er das Auge Gottes bezeichnen wollte. Das wiederholte er hundertmal und fugte zuletzt immer seltsamere Bilder und Zeichen hinzu. Er verschloss alles sorgfaltig, was er gebildet.

Wenn er einen schonen weissen Knaben sah, druckte er ihn an den Busen, weinte, nannte ihn ein Kind der Sonne.

Gegen Erwachsene war er verschlossen und geheimnisvoll. Die Worte G o t t und N a t u r kamen nie auf seine Lippen.

Um diese Zeit erhielt er einen Brief von Atalanta, der sich schloss auf folgende Weise:

Atalanta an Phaethon

Ich stand am See. Der Mond schien ebenso hell auf die stille dammernde Gegend wie einst, als wir miteinander in den Kahn traten. Blasses Gewolk kusste die verschwimmenden Bilder der Berge. Der Wind spielte wie ein liebender Geist in den Blattern. Uberall war ein sanftes inniges Wogen der Natur, in den silbernen zitternden Wellen, im wankenden Laub, in den Bildern der Baume auf dem Wasserspiegel, in den Wolken des lautern Athers. Selbst der dunkle Himmel schien zu quillen und zu wogen wie ein seelenvolles lieberfulltes Auge. Und doch war's so eine heilige Stille, so ein uberschwanglichsusses Schweigen.

Ich schaukelte mich allein im Kahne. Mein Auge hob sich zum Mond und weinte seine Tranen hinauf und trank Ruhe, Demut und Frieden aus seinem Lichte. Immer stiller und stiller ward mein Gemut und immer lauterer, voller. Ein unbegreiflich seliges Sehnen schwang mich fort. Dann verlor sich mein nasses Auge in Himmel und Wasser, drang tiefer und immer tiefer, bis es schwamm in Licht und Dunkel.

Ich schlummerte ein im Kahne. Mir traumte, es ware auch Mondnacht und ich triebe in der namlichen Gegend auf dem See. An Dich dacht' ich. Vom Ufer heruber aus dem Laube schwebten unendlich zarte Tone, drangen durch mein Tiefinnerstes, voll Liebe, voll Innigkeit, voll reiner Seele. Mit einemmal hob sich der Kahn im Gewasser. Ich erschrak. Ein weisser zarter Knabe mit blonden Locken und duftenden Rosenkranzen lenkte mit rosenroten Banden ein paar blendendweisse Schwane durch die Luft. Seine Nahe war wunderbar beseligend. Er schwebte zu mir in den Kahn und legte seine Handchen um meinen Hals und blickte mich so liebend an mit seinem blauen Auge und kusste meine Lippen. Dann zogen die Schwane den Kahn durch die Luftwellen weiter und immer weiter. Es schwand das Dunkel. Mich umwogte das glanzendste reinste Licht. Da wachte ich auf. Der Kahn war wieder ans Ufer getrieben. Ich stieg aus; aber den Traum sagte ich weder dem Vater noch Cacilien.

Die Guten sagen, ich sei blass geworden. Diese Tage fuhlte ich korperliche Schmerzen. Vielleicht schwebe ich bald hinuber! Eine Ahnung sagt es mir.

Erschrick nicht, Du bange zerruttete Seele! Ich bringe zu Gott einen Busen voll unsterblicher Liebe. Mit starrem Entsetzen legte Phaethon den Brief aus der Hand. Von nun an war alle Ruhe fur ihn dahin. Er rang mit dem Wahnsinn.

Alles Mass verlor er in Genussen. Der Furst erfuhr davon und verwies es ihm nachdrucklich. Phaethon wurde trotzig, stolz und ubermutig. Es war umsonst, dass ihn Freunde warnten. Er hielt sie fur keine Freunde.

Eine Krankheit warf ihn nieder; aber seine Natur war stark und hielt die Sturme aus.

Um diese Zeit kam unvermutet sein Theodor an, den er noch immer warm und treu liebte. Er erschrak uber Phaethons Aussehen.

Er gab sich alle Muhe, die Gemutskrankheit des Freundes zu lindern oder gar zu heilen. Er hatte ihm eine Reise zu Atalanta vorgeschlagen, aber er kannte den Unglucklichen und wusste wohl, wie dann seine entflammten Lebensgeister vollends rasten, alles Mass verloren.

Phaethon war oft murrisch, immer empfindlich, leicht zu beleidigen; und wenn er es war, so tobte er bald; bald weinte er wieder. Theodor gab ihm nach, fugte sich ihm ganz. Er duldete alle seine Launen und Stimmungen; kam ihm uberall entgegen mit Liebe. Phaethon fuhlte es wohl.

Halbe Tage lang sprach er von Griechenland, aber immer unzusammenhangend. Er versicherte, dass er dahin gehe, sobald es der Furst erlaube.

Auf seinem Klavier spielte er wilde grelle Phantasien; und wenn er etwas ruhiger wurde, hauchte er ein brennendes Gefuhl in unendlich traurigen Elegien aus.

Theodor erfuhr seine Ausschweifungen. Er war entsetzt. Fast gab er den Armen verloren.

Er war immer um ihn; bat ihn oft mit Tranen, an seinem Halse liegend, sich zu bessern. Phaethon ward dann rasend. Seine Augen rollten wutend im Kreise; Zuckungen wandelten den Unglucklichen an. Er weinte laut; raufte sich die Haare.

Theodor schwieg endlich.

Einst kam er des Morgens auf sein Zimmer. Vor Schreck blieb er stehen. Phaethon kniete an der Wand. Sein Kopf lag auf einem Stuhle. Theodor lief auf ihn zu. Der Arme regte sich nicht. Er schuttelte ihn voll Entsetzen. Endlich bewegte er sich, drehte den Kopf zuruck und sah den Freund mit einem furchterlich irren vergluhenden Blick an, voll verbissenem Schmerz, voll Wahnsinn. Die Haare hingen ihm wild uber das Gesicht. Plotzlich sprang er auf und ergriff den Freund am Halse mit einem wutenden Schrei. Dieser hielt ihm mit Muhe die Arme. Phaethon sturzte stumm zu Boden.

Ein Brief lag auf dem Tische. Mit Zittern ergriff ihn Theodor. Er war von Atalanta.

Atalanta an Phaethon

Empfange die letzten Worte Deiner Atalanta und weine mit ihr, aber heilige selige Tranen, wie sie einst in Deinem Auge schwammen, als wir noch, bluhend und gesund, wie befreundete Quellen ineinanderflossen.

Deine Geliebte gehort der Erde nicht mehr an. Ihr einziges, ihr uberschwanglich brunstiges Sehnen ging nach dem Himmel. Er lachelt mich an, o Phaethon, so unschuldig, so suss wie die Mutter ihr wiedergefundenes Kind.

Meine Hulle wird erstarren; aber meinen Geist erfullt die Warme der Gottheit, meine Seele die Fulle des Himmels. Ein tiefes seliges Wogen durchbebt mein Tiefinnerstes. Wie sonst nur mein Auge in den Ather verschwimme ich nun ganz in sein ewiges Blau wie eine Trane!

Meine Hulle wird sinken; aber mein unsterblicher Geist steigt aus dem welkenden Korper wie ewiger Duft aus dem Kelche der sterblichen Blume.

Ich werde sterben!

Zittere nicht! Bebe nicht! Nur weinen darfst Du, weinen mit einem Auge voll Glauben und Himmel.

O Phaethon, Gott starke Deinen Mut! Die Du liebst, wirst Du verlieren!

Ach freilich bin ich noch jung. Ich hatte noch lange, lange leben konnen in Deinen Armen! Aber das wollte mein liebender Vater nicht.

Ich stand noch da wie die aufgehende Rose. Das Morgenrot sandte seine Lichtwogen auf mich und spielte mit seinem unsterblichen Strahl um meine kindlichen Wangen. Alles gluhte, webte, regte sich am Busen der warmen Sonne! Alles war eins! Ein unendlicher Schauer der Wonne!

Schoner Jungling, Du warst mein Gluck! Du fandest mich in meinem innersten geheimsten Heiligtum, in meiner tiefsten Seele, wohin nur Gott dringt. Du drangst hinein, umfasstest mein Ich in einem Kusse! Alles Ewigkeit! Unermessliches Leben!

Selig, selig war die Ahnung der geoffenbarten Gottheit, die in unserm endlosen entzuckten Geiste quoll wie die Trane der Feuerwonne in einem frommen Auge.

Auch auf dieser Erde schon sollte uns ein ewiges Gluck werden.

Es ward nicht.

Dein Madchen weint. Es sollte Dein Weib, sollte Mutter werden. Jungling, wenn Du keusch bist wie Dein Madchen, so fuhle mein weinend Herz. Ein lachelndes Kind an meinem reinen Busen, Dich, mich, eine ewige alldurchgluhende Liebe darin zu fuhlen! Unser schonstes heiterstes Dasein in dem jungen blumigen Wesen zu finden! Die Liebe des Vaters und der Mutter wie gestaltet! O Jungling, was die Gottheit ihr selbst, ist die reine keusche Mutter dem Kinde. Wie sie das zarte weiche Geschopf, das verloren ware ohne ihre Liebe, mit der Milch des Busens nahrt, so nahrt die Gottheit sie selbst mit ihrer ewigen lauteren Fulle. Ich durfte nicht Mutter werden! Ich sterbe noch so jung.

Mein Gott wollte es. Ich habe mich ihm ganz ergeben. Kennst Du diese entzuckendste der Wonnen, dieses grenzenlos selige Gefuhl noch? Zu leben, zu sein in ihm, dem Geiste der Liebe? Zu gluhn in ihm wie in einem warmen allesdurchquillenden Lichte? Zu schauen in die endlose Tiefe seines Wesens wie ein Auge in den klaren und doch unergrundbaren Ather!

Und ist der Tod denn schrecklich? Ist das Morgenrot nicht schon nach der kurzen Nacht? Ist der Tod nicht die erhabenste Wiedergeburt des unsterblichen Geistes? Nicht der Triumph der Seele uber den Korper? O, aus dem Grabe bluht wie eine ewigjunge Blume neues gluhenderes Leben, volleres schoneres Dasein Rosen und Myrten, die Blumen der Liebe, sind die Sinnbilder des Todes.

Es ist das seligste Hochzeitsfest, das Fest der ewigen und innigen Verbindung mit Gott! Jungling, die Deine Braut auf Erden war, feiert es nun mit Gott fur die Ewigkeit!

Siehe, Du Lieber, wenn Du in stillen Nachten hinaufblickst in den Ather, dann irrt Dein Auge voll gestillter Sehnsucht durch die Sterne, aber voll Licht, voll Liebe. Denn auf einem der Sterne wandelt Dein Madchen, wandeln die Geister all Deiner Geliebten! Auch sie blickt dann mit einem hoheren Auge nieder auf die kleine unendlich ferne Erde, wo Du wandelst, und denket Dein.

Die letzte Scheidewand fallt! O lass uns noch einmal miteinander beten, beten wie unsterbliche Geister, wie Kinder des alliebenden Gottes:

Heilig, Gott, ist Deine Welt, das Werk Deiner

Allmacht! Licht der Lichter, Kraft der Krafte, Du

Geist der Reinheit, Dein Wesen ist wie eine lautere

Flamme! Nur die Reinen kommen zu Dir! Nimm

uns auf, Deine Kinder! Nimm uns auf an Deinen

Busen!

Phaethon, Phaethon, wir sehen uns druben! Meine Seele fullen unendliche Gesichte.

Wir werden schweben in Deinem Morgenrot, o Gott, und uns baden in seinen wallenden Wogen wie milchweisse Schwane, auf- und untertauchen in den gluhenden Wellen voll Licht und Warme, dahinfliegen durchs All, Arm in Arm, zwei selige Geister! Unsere Haupter umwallt die ewige Schone Gottes. Auf unserer Stirne schwebt der grosse Gedanke der unsterblichen Schopfung. Unser Auge ist die gottliche Kraft des hellen befreiten Geistes, der das Wesen durchdringt seines liebenden Gottes! Auf unsern Wangen bebt die Liebe des Allerhalters, die er kundtut dem Menschen in allen Sonnen und Monden, Erden und Milchstrassen, in jedem saftigen Kraut, jedem flusternden Blatte, jedem freundlichen Sonnenblick. Unsere Brust schwellt die Wonne der Unsterblichkeit, unsers freien gottlichen Wirkens und Webens in Gott. In ihr drangt sich zusammen die ganze uberschwangliche Fulle des Guten und Schonen, das im Weltall keimt und reift!

Schon fuhl' ich mich freier; schaue die Bahn, auf der ich wandle zum Schopfer, wandle so schnell wie der Gedanke entgegen der ewigen Wonne, dem ewigen reineren Sein, entgegen der heranwallenden Schone Gottes.

Phaethon, willst Du Deine Braut auf Erden noch an Deine Brust drucken, so eile, so eile! Ein Bote war gekommen und hatte den Brief gebracht. Zugleich erzahlte er auch das Nahere von Atalantas Krankheit.

Theodor wusste sich kaum zu fassen. Er war entschlossen, Phaethon dahin zu begleiten.

Er weckte ihn aus seiner Betaubung, wollte sprechen und konnte es nicht vor Weinen. Phaethon bekam von neuem Zuckungen. Theodor musste ihm mit Gewalt die Arme halten. Der Ungluckliche sprach nichts. Nur einmal stiess er mit einem furchterlichen Seufzer die Worte aus: Nur die Reinen kommen zu Gott!

Theodor bestellte den Augenblick ein paar Reitpferde und hielt selbst beim Fursten an. Er bekam die Erlaubnis.

Sie ritten ab. Tag und Nacht brausten sie fort.

In dritthalb Tagen ritten sie zum Schlosstor hinein. Ein Brief von Theodor, den er an einen seiner Freunde schrieb, meldet folgendes:

Theodor an Mor[ike]

Es ist entschieden mit unserm Freunde! Es ist furchterlich entschieden!

Der Phaethon, der einst jene grosse Welt im Busen trug, der einst das geliebteste Kind der liebenden Natur war, der einst so kuhn unter uns allen stand wie ein gewaltiger in die Wolken gestreckter Riesenberg unter niedern Hugeln, der Phaethon ist wahnsinnig!

Weine mit mir! Beweine den Armen! O, was hab ich gelitten in diesen Tagen!

Noch bin ich wie betaubt, zittre, schaudre in allen Nerven.

Wir ritten Tag und Nacht. Am andern Morgen wechselten wir die Pferde.

Phaethon sprach kein Wort. Mit fliegenden, vom Wind gewirbelten Haaren rannte er besinnungslos die Strasse dahin.

Zwei Nachte durch schliefen wir nicht.

Am dritten Tag waren wir in der Nahe des Schlosses. Phaethon sprang vom Pferde, sturzte mir wutend um den Hals und presste mich riesenmassig an seine

Da stand ich einst! rief er furchterlich weinend. Gott! Gott! Verlass mich nicht! Seine Lippen schaumten. Es war das letzte vernunftige Wort, das ich von ihm horte.

Wir sturmten durchs Schlosstor hinein. Es war ein heiterer schoner Abend. Der Westen brannte von wallendem Golde.

Ein Diener lief uns entgegen. Seid Ihr da? rief er schluchzend. Sie stirbt, sie stirbt!

Wir rannten die Treppen hinauf. Phaethon riss eine Tur auf. O Gott! Ich muss aufhoren; die Worte schwimmen vor meinen Augen.

Freund, ich sah sie, die mir Phaethon einst mit solch trunkenen Worten geschildert! Ich sah sie in ihren letzten Augenblicken.

Hore und bete!

Ein hochgewolbtes Zimmer umfing uns, wo oben auf blauem Grunde die lieblichsten Engelsgestalten in tausendfachen Stellungen schwebten. Auf einem mit Purpur uberwallten Bette lag sie:

Ein sterbender Engel!

Ihr blasses Haupt ruhte matt auf einem Kissen. Ihre dunkeln Locken lagen in langen Wallungen um sie her. Hellgrune Akazien, gluhende Rosen waren im Kranz um ihr Haupt geschlungen. Ein paar grosse dunkle Augen voll Himmel und Frieden blickten traurig und doch selig die Umstehenden an. So lag die Blasse, die Schone.

An ihrem Bette kniete seine Cacilie, wie in einen unaussprechlichen Korper hingegossen, ohne Seufzer, ohne Sprache. Ein hoher Mann stand am Haupte der Sterbenden, der die Stirn mit seiner Hand verdeckte. Katon war's, ihr Vater.

Das Wort fasst dieses Bild nicht!

Phaethon lag vor ihr, bedeckte ihr bleiches Angesicht mit seinen wilden Locken, kusste sie wutend.

Er sprach kein verstandliches Wort. Nur furchterliche Seufzer stohnte er aus.

Sie wand sich los mit schwachen Kraften und erhob sich etwas und neigte sich gegen den Knienden.

Gott, Du hast Menschen, die Dir gleichen!

Dieses Auge, ach dieses uberschwangliche Auge, mit dem sie ihn ansah! So unendlichwunderbar schauernd! So voll Trauer; voll Milde! Halb verletzt und doch voll unaussprechlicher gottlicher Liebe.

Er aber gluhte; sein Blick rollte wild. Aber er fuhlte doch die Seele in dem Auge, die Fulle, die Liebe!

Der grosse Mann ging ans Fenster. Es war, als ob er's nicht mehr aushalten konnte.

Atalanta ergriff halb zitternd Phaethons Hand. Eine Trane glanzte in ihrem Auge. Der junge zarte Busen hob sich, voll Liebe anschwellend, unter den Tuchern. Sie sagte mit einem tiefen Seufzer: Ach, warum bist Du so gefallen?

O, das sagte sie so unendlich traurig, so zerflossen in Wehmut und doch so ganz voll Liebe!

Er aber raste. Mit einem grasslichen Oh! sturzte er von neuem uber sie. Seine Lippen brannten auf den ihren.

Wir horten sie weinen. Sie konnte sich nicht losmachen. Wir richteten den Wahnsinnigen auf.

Wie sie sich wieder frei sah, weinte sie noch starker. Dann lispelte sie wieder wie betend: Ach, warum muss ich ihn so wiedersehen!

Sie schien sich zu sammeln. Wieder ergriff sie seine Hand und sagte: Ach, so bist Du noch mein!

Dann verschwamm ihr Blick in den Wogen des Abendrots durch die hohen offenen Bogenfenster.

Sie ward verklart.

Dahinein! sagte sie mit einer Engelsstimme. Dahinein werd' ich tauchen, ein unsterblicher Geist, mich baden im ewigen Licht! Auch Du ... ihr Auge blickte schmerzlichliebend auf den Unglucklichen, auch Du wirst einst wieder im Licht wallen, wenn Deine Seele zu Gott schwebt!

Sie sank in seine Arme, die Liebende! Blumen und Locken ruhten auf ihm.

Noch einmal blickte sie auf und sah den Vater an und die weinende Cacilie! Dann sank sie wieder an Phaethons Brust, seufzte nur noch in einem namenlosen Tone: Rein!

Lange blieben sie aneinander.

Er hielt sie, kusste sie. Ihr Auge war geschlossen. Ihre Wangen fuhlten seine Kusse nicht mehr. Ihren Busen fullte nicht mehr das warme jugendliche Leben.

Wir alle schluchzten laut. Phaethon hielt kniend die tote Braut an Mund und Brust.

Wir wollten ihn losmachen. Er blickte uns rasend an, mit funkelndem Auge. Wir liessen ihn. Erstarrt blieben wir stehen.

Er legte sie wieder auf das Kissen, so sanft, so zartlich, und kniete neben sie hin.

Ich trat der Abgeschiedenen nahe. Mich uberwallte die unaussprechliche Schone. Wie Milch war ihr ganzes Angesicht. Und diese Lippen! Wie noch warm von den Kussen, die Phaethon auf die weichen gedruckt hatte.

Katon schien gefasst. Cacilie war untrostlich. Atalantas Tod, Phaethons Wahnsinn hatten zu sehr auf sie gewirkt. Man musste sie ohnmachtig wegtragen.

Phaethon wollte das Zimmer durchaus nicht verlassen. Er sprach kein vernunftiges Wort mehr.

Die ganze Nacht soll er im Zimmer auf und abgegangen sein, ohne ein Wort zu sprechen.

Am nachsten Morgen dankte mir Katon freundlich fur meine Begleitung. Wir gingen in das Zimmer, wo die Tote lag. Phaethon war nicht da. Wir erschraken.

Aber bald tat sich die Tur auf, und Phaethon trat herein mit allerlei Blumen, Jasminen, Lavendel, Ringelblumen, Tulpen, Rosen, Lilien, Narzissen, Nelken, Tremsen, Akazienzweigen und roten und blauen Kornblumen. Er hatte ein langes rotes Tuch umgeworfen, in dem er die Blumen zum Teile trug. Uns schien er gar nicht zu bemerken.

Er trat auf das Bett zu, legte seine Hulle zuruck, kusste die bleichen schonen Wangen der Geliebten und bedeckte sie ganz mit Blumen. Dann kniete er wieder vor sie hin, schlang seine Arme um sie und regte sich nicht mehr.

Wir wagten ihn nicht zu storen. Heilung schien unmoglich. Die Diener, die die Nacht durch wachen mussten, sagten, er habe nur wenig geschlummert, viel im Schlafe gesprochen; sie hatten dem Bette durchaus nicht nahekommen durfen.

Den ganzen Tag nahm er nichts zu sich. Mit uns sprach er kein Wort. Die Nacht hindurch blieb er wieder neben ihrem Bette sitzen.

Am andern Morgen sollte sie begraben werden. Man wollte ihn mit Gewalt aus dem Zimmer bringen. Er wehrte sich verzweifelt, schlug einen der Manner zu Boden. Dann verhielt er sich ruhiger.

Man brachte den Sarg herein. Da riss er sich wieder los. Kein Arm war nun stark genug, den Rasenden zu halten. Seine Kraft war riesenmassig.

Er kniete vor dem Madchen, weinte laut, kusste sie auf Mund und Stirne, loste ihre Locken auf, fasste sie dann um den Leib, legte ihr wankendes Haupt an seinen Busen und trug sie zum Sarg. Keine fremde Hand durfte sie anruhren. Er legte sie selbst hinein. Bei all dem sprach er nichts.

Katon fuhrte Cacilie herein. Sie war entkraftet und lehnte sich an Katons Brust. Sie zerfloss in Tranen, wie sie das junge geliebte Madchen im Sarge sah und die vielen Blumen auf ihr und den wahnsinnigen Jungling daneben kniend. Auch Katons mannliches Auge war voll Tranen.

Auf einmal schlug Phaethon den Sargdeckel zu. Cacilie sank mit einem lauten Schrei zu Boden. Man brachte sie weg. Phaethon lachelte.

Der Sarg ward in ein Gewolbe des Mausoleums getragen. Phaethon folgte. Gegen Abend brachte ihn Katon wieder herauf. Nun erst nahm er wieder etwas zu sich.

Am vierten Morgen nahm ich Abschied. Phaethon wollte durchaus nicht mit mir. Er schien mich kaum zu kennen. Wie ich ihm um den Hals fiel, weinte er auch und sprach lauter seltsame Worte. Was ich denn von ihm wolle? Er sei ja unsichtbar. Er habe langst schon keinen Korper mehr. Ich solle nur ruhig sein. Er wolle mir schon auch blaue Tremsen bringen. Gott liebe ja seine Menschen. Ob ich's denn nicht gesehen, wie der Mond sein Auge zugedruckt habe. Er sei sehr gern im Himmel; werde sich nachstens auch einen Regenbogen machen, und fur das Ubrige werde er schon sorgen.

Mit blutendem Herzen empfahl ich Katon noch einmal die Sorge fur den Armen, nahm Abschied von der kranken Cacilie und schied.

Ach, Freund, das Viele, das mir begegnet, drangt sich so eng und machtig vor meinen Sinnen zusammen, dass ich mich nicht mehr zu fassen weiss.

Du kanntest ihn ja, wie er war. Du wurdest schaudern, wenn Du sahest, wie er ist.

Alles, alles hat er verloren, was er hatte, was ihn so gross machte, was ihn zu Gott hinanhob. Er hat alles verloren, sich selbst, die Welt und Gott.

Mensch, was bist Du in Deinem Stolze?

Ich will nichts weiter sagen. Es ist furchterlich. Meine Sinne verwirren sich schon ob dem Gedanken.

Lebe wohl! Phaethons Raserei ging in einen stillen Wahnsinn uber. Katon tat alles, was er konnte. Es half nichts.

Von allen seinen Freunden und Bekannten, von seinem ganzen vorigen Leben, selbst von Atalanta sprach er nie ein Wort. Alles, was er uber die Lippen brachte, waren Worte, aus einer Menge fremder Sprachen untereinander gemischt, und tausend sonderbare Satze voll Unsinn und Halbsinn.

Nur einmal lief er davon und ging in das Dorf, wo er einst gewohnt. Er wusste noch Johannes Haus; offnete die Ture. Der Gute sass am Fenster, sah die schreckliche Gestalt zur Tur hereinkommen; kannte sie nicht, erschrak. Phaethon legte sich uber einen Tisch herein, blickte ihm starr ins Gesicht, sagte mit furchterlicher Stimme, durch den Bart murmelnd: Phaethon! und lief wieder zur Ture hinaus. Er ging dann wieder dem Schlosse zu. Von da an besuchte ihn Johannes fast alle Tage. Der Wahnsinnige schien sich aber an nichts zu erinnern.

Wenn er Katon oder Cacilie beleidigt hatte, kam er immer wieder zu ihnen, bat sie in lauter Worten ohne Sinn um Vergebung.

Er spielte viel auf dem Klavier, aber lauter verwirrte Phantasien. Schrecklich war's, den Wahnsinnigen spielen zu horen!

Des Nachts stand er meistens auf und wandelte durch den Garten oder durch die Gange des Schlosses. Wenn er ein Kind sah, winkte er ihm freundlich, wollte es zu sich locken; aber die Kinder flohen ihn.

Alles, was er bekommen konnte von Papier, uberschrieb er in dieser Zeit. Hier sind einige Blatter aus seinen Papieren, die zugleich einen tiefen Blick in den schrecklichen Zustand seines verwirrten Gemutes geben. In der Urschrift sind sie abgeteilt wie Verse nach pindarischer Weise.

Phaethons letzte Aufzeichnungen

In lieblicher Blaue bluht mit dem metallnen Dache der Kirchturm. Den umschwebt Geschrei der Schwalben; den umgibt die ruhrendste Blaue. Die Sonne geht hoch daruber und farbt das Blech im Winde; aber oben stille kraht die Fahne. Wenn einer unter der Glocke dann herabgeht, jene Treppen; ein stilles Leben ist es, weil, wenn abgesondert so sehr die Gestalt ist, die Bildsamkeit herauskommt dann des Menschen. Die Fenster, daraus die Glocken tonen, sind wie Tore an Schonheit. Namlich, weil noch der Natur nach sind die Tore, haben diese die Ahnlichkeit von Baumen des Waldes. Reinheit aber ist auch Schonheit. Innen aus Verschiedenem entsteht ein ernster Geist. So sehr einfaltig aber die Bilder, so sehr heilig sind die, dass man wirklich oft furchtet, die zu beschreiben. Die Himmlischen aber, die immer gut sind, alles zumal wie Reiche, haben diese Tugend und Freude. Der Mensch darf das nachahmen. Darf, wenn lauter Muhe das Leben, ein Mensch aufschauen und sagen: So will ich auch sein? Ja. So lange die Freundlichkeit noch am Herzen, die reine, dauert, misst nicht unglucklich der Mensch sich mit der Gottheit. Ist unbekannt Gott? Ist er offenbar wie der Himmel? Dieses glaub' ich eher. Des Menschen Mass ist's. Voll Verdienst, doch dichterisch, wohnt der Mensch auf dieser Erde. Doch reiner ist nicht der Schatten der Nacht mit den Sternen, wenn ich so sagen konnte, als der Mensch; der heisst ein Bild der Gottheit. Gibt es auf Erden ein Mass? Es gibt keines. Namlich es hemmen den Donnergang nie die Welten des Schopfers. Auch eine Blume ist schon, weil sie bluht unter der Sonne. Es findet das Auge oft im Leben Wesen, die viel schoner noch zu nennen waren als die Blumen. O, ich weiss das wohl! Denn zu bluten an Gestalt und Herz und ganz nicht mehr zu sein, gefallt das Gott? Die Seele aber, wie ich glaube, muss rein bleiben; sonst reicht an das Machtige auf Fittichen der Adler mit lobendem Gesange und der Stimme so vieler Vogel. Es ist die Wesenheit, die Gestalt ist's! Du schones Bachlein, du scheinst ruhrend, indem du rollst so klar wie das Auge der Gottheit durch die Milchstrasse. Ich kenne dich wohl; aber Tranen quillen aus dem Auge. Ein heiteres Leben seh ich in den Gestalten mich umbluhen der Schopfung, weil ich es nicht unbillig vergleiche den einsamen Tauben auf dem Kirchhofe. Das Lachen aber scheint mich zu gramen der Menschen; namlich ich hab ein Herz. Mocht ich ein Komet sein? Ich glaube. Denn sie haben die Schnelligkeit der Vogel; sie bluhen am Feuer und sind wie Kinder an Reinheit. Grosseres zu wunschen, kann nicht des Menschen Natur sich vermessen. Der Tugend Heiterkeit verdient auch gelobt zu werden vom ernsten Geiste, der zwischen den drei Saulen wehet des Gartens. Eine schone Jungfrau muss das Haupt umkranzen mit Myrtenblumen, weil sie einfach ist ihrem Wesen nach und ihrem Gefuhl. Myrten aber gibt es in Griechenland. Wenn einer in den Spiegel sieht, ein Mann, und sieht darin sein Bild wie abgemalt; es gleicht dem Manne. Augen hat des Menschen Bild; hingegen Licht der Mond. Der Konig Odipus hat ein Auge zu viel vielleicht. Die Leiden dieses Mannes, sie scheinen unbeschreiblich, unaussprechlich, unausdrucklich. Wenn das Schauspiel ein solches darstellt, kommt's daher. Wie ist mir's aber, gedenk ich Deiner jetzt? Wie Bache reisst das Ende von Etwas mich dahin, das sich wie Asien ausdehnt. Naturlich dieses Leiden, das hat Odipus. Naturlich ist's darum. Hat auch Herkules gelitten? Wohl. Die Dioskuren in ihrer Freundschaft, haben die nicht Leiden auch getragen? Namlich wie Herkules mit Gott zu streiten, das ist Leiden! Und die Unsterblichkeit im Neide dieses Lebens, diese zu teilen, ist ein Leiden auch. Doch das ist auch ein Leiden, wenn mit Sonnenflecken bedeckt ein Mensch, mit manchen Flecken ganz uberdeckt zu sein! Das tut die schone Sonne; namlich die zieht alles auf. Die Junglinge fuhrt die Bahn sie mit Reizen ihrer Strahlen wie mit Rosen. Die Leiden scheinen so, die Odipus getragen, als wie ein armer Mann klagt, dass ihm etwas fehle. Sohn Laios, armer Fremdling in Griechenland! Leben ist Tod, und Tod ist auch ein Leben. Solche Papiere verwahrte er sorgfaltig. Wenn er zeichnete, waren es lauter Figuren, die keinen Sinn hatten.

Plotzlich starb Cacilie. Von Atalantas Tod an war sie nicht mehr gesund. Katons Schmerz war unermesslich. Der wahnsinnige Phaethon schmuckte ihren Leichnam auch mit Blumen.

Noch ein Jahr blieb Katon auf dem Schlosse. Dann gab er den unglucklichen Freund einem wackern Tischler in sein Haus, der im Dorfe wohnte.

Katon verschwand an einem Morgen vom Schlosse. Die drei Sarge seiner Geliebten hatte er mit sich genommen. Er hatte das Schloss verkauft. Man glaubte, er sei nach Griechenland gegangen.

Phaethons Zustand ward immer elender. Er spielte nicht mehr Klavier; schrieb kein Wort mehr. Den ganzen Tag lief er in seinem Zimmer auf und ab.

Im Sommer klagte er immer uber Unruhe und Beklemmung. Er wandelte dann gewohnlich bei Nacht im Hause umher.

Der Tischler nahm ihn oft mit sich aufs Feld. Er musste ihn aber huten. Ein alter Freund Phaethons schrieb nach vielen Jahren einmal an einen andern Freund:

Ich kam durchs Dorf T *** Hier besuchte ich den wahnsinnigen Phaethon, der in der ganzen Umgegend bekannt ist.

Wir waren einst Jugendfreunde. Sein hoher strebender Geist, sein edler kraftiger Sinn, sein heisses Herz, selbst seine korperliche Schonheit machte ihm alle Herzen gewogen. Geliebt, geachtet ward er, wohin er kam.

Uns allen war er ein Ratsel. Er galt fur einen Schwarmer. Immer klagte er uber tausenderlei Dinge, wollte alles in grosserem Masse, als wir begreifen, als wir geben konnten. Mit unserer Freundschaft war er nie zufrieden. Das wolle nichts heissen. Wir sollten ihn viel gluhender lieben.

O, denke Dir den schonen wunderbaren Jungling mit den blauen Augen, dem blassen lieben Angesicht, den langen braunen Locken! Denke ihn Dir zuruck!

Seine Geschichte ist Dir bekannt. Lass Dir erzahlen und schaudere, wie ich ihn traf.

Ich stieg eine enge steinerne Treppe hinab, die von einem kleinen Bergabhang zu einem einsamen Tischlerhause fuhrte. Da sollte er wohnen. Ich ging eine schmale Stiege hinauf. Ein freundliches junges Madchen trat mir entgegen. Ich fragte das hubsche Kind nach Phaethon. Sie offnete eine Ture!

In einem kleinen engen Stubchen stand ein Mann mit langem wildem Barte, nur halb angekleidet, mit grossen unbeschnittenen Nageln, die Hande auf dem Rucken zusammenschliessend, sich unaufhorlich gegen mich verneigend. Er ist's, sagte das Madchen. Ich stand da wie ein Gerichteter. Die Worte starben mir auf der Zunge. Das Madchen sprach mir Mut ein. Ich ging endlich auf ihn zu und gab mich ihm zu erkennen. Er verneigte sich noch tiefer, schuttelte den Kopf und lispelte: Eure konigliche Majestat kenne ich nicht! Nein, nein! Kenne ich nicht! Nein!

Ich schauderte.

Er stand an der Ture, die Hand auf einen Stuhl gestutzt und die Fusse ubereinanderlegend. Unaufhorlich sprach er mit sich selbst in einer Mischung fremder Sprachen und selbsterfundener Worte. Ich sah ihn starr an. Nur noch matte Spuren seiner alten Schonheit hatte die furchtbare Krankheit zuruckgelassen. In seinem grossen Auge allein war noch Geist; ein unaussprechlich sonderbarer Blick, der mir durch Mark und Bein schauerte.

Ich fragte ihn noch Einiges. Er antwortete aber auf alles mit unverstandlichen Worten und versicherte mir, das konne, das durfe er nicht beantworten.

Auf einmal verneigte er sich wieder und noch tiefer als vorher. Ich glaubte, er wolle, dass ich ihn verlasse, und trat hinaus. Aussen blieb ich noch eine Zeit lang stehen und sah, wie er im Zimmer auf und abging. Ich dachte an die wilden Tiere, die so in ihrem Kafig wandeln, und rannte schaudernd die Treppen hinunter. Wird der verwegen aus den Schranken getretene, sich mit Gott zu messen erkuhnende, in seinem Riesenschmerz in und durch sich selbst zermalmte Geist anderswo Licht, Mass und Wahrheit finden und wie? Reizt ihn nicht, den hochsten Geist! Lernt ihn erkennen durch Ruhe! Dann liebet! Dann betet an! Nur wer bei Fulle Mass halt, ist ihm ahnlich, dem Masse selbst.