Therese Huber
Ellen Percy
oder Erziehung durch Schicksale
Vorwort
Mein Verleger furchtet vielleicht, dass er in dieser Erzahlung kein Product fur die Leihbibliotheken, kein Buchelchen fur Toiletten und Theetische herausgibt. Die Mittel, jene zum Ankauf zu ermuthigen, kenne ich nicht; sind es Recensionen, so brauche ich nur zu wunschen, dass Ellen Percy von den edelsten unsrer Recensenten beurtheilt werde und so viel Selbstuberwindung es uns Recensirten kosten mag, mussen wir doch gestehen, dass es deren gibt und geben kann um auch diesen, trotz seinem ernsten Titel, empfohlen zu werden. Was aber den Theil meiner Landsmanninnen betrifft, die beim Putz- und Theetisch lesen, so versichre ich Herrn Brockhaus zuversichtlich, fur sie ist meine Ellen Percy gemacht. Ich weiss, dass eine grosse Zahl, ja die Mehrzahl meines Geschlechts in der glanzenden Welt (gaudy World nennt sie der ernste Young), sich nach ernsten Gedanken, trostenden Ansichten, erhabnen Hoffnungen sehnt; ich habe vielfach erfahren, wie die anscheinend Leichtgesinnte, im einzelnen Gesprach festgehalten, erfreut, erweckt ward, wenn ich zufallig einen geistigen Funken in ihr entzundet hatte, wie mir manches Gesichtchen unter seinem Blumenkranz, manche altere Frau im Assembleeputz freundlicher zuwinkte, wenn ich Tags zuvor ein wahres, oft ernstes Wort zu ihr gesagt hatte. Diesem Theil meiner Landsmanninnen habe ich Ellen Percy vorzuglich bestimmt. Ich stelle ihnen ein gedankenlos eitles, unbesonnen selbstsuchtiges, vom Gluck verzognes Geschopf dar, das, ohne alle Widerstandskraft im Ungluck, ohne alle Fertigkeit zum Erwerb, in Armuth verfallt, aber durch Ungluck und Armuth zur Entwicklung seiner moralischen und korperlichen Anlagen gefuhrt, zu innerm Frieden und gesellschaftlichem Wohlstand gelangt. Ihr Leichtsinn verletzt nie die Schaam, der Schmerz um ihre Thorheit wird nie winselnde Reue, ihre Frommigkeit bleibt von Kopfhangerei fern, ihre Armuth ist nie ein unthatiges Versinken in widrige Hulflosigkeit. Ellen ist eine edle Natur, die durch harte Schicksale gebildet wird und Andre lehrt, wie sie Schicksale benutzen sollen.
Meinen Stoff nahm ich aus einem altern englischen Roman in drei ansehnlichen Banden. Ich musste sie nicht nur verkurzen, sondern ich fasste ihren Inhalt in mein Gemuth auf und erzahlte ihn, meist ohne das Original vor Augen zu haben, in der Empfindungsweise eines deutschen Gemuths. So hoffe ich manchem lieben weiblichen Wesen Freude gemacht zu haben, und wunschte nur, dass es mir gelungen seyn mochte, meiner Erzahlung auch die Vollendung im Styl und in der Sprache zu geben, die zu einem guten Buche so nothwendig ist.
Therese Huber.
Erster Theil
Selbstschilderung kann sich nie einer absoluten Wahrheit ruhmen. Nicht die Gegenstande, wie sie waren, sondern wie sie mir erschienen und auf mich wirkten, stelle ich dar. Aber diese Wahrheit reicht auch hin, da die Folge der Vorstellungen im Gemuthe und ihr Einfluss auf die Handlungen den Werth einer Selbstschilderung und ihren Nutzen fur Andere bestimmt. Ermuntere ich eine und die andre meiner Schwestern bei der Selbsterziehung, die sie sich, bei der Erziehung, die sie ihren Kindern geben soll, die Klippen zu meiden zwischen denen mein Lebensschiff kaum dem Untergang entging, so ist es einerlei, ob diese Klippen in Wahrheit diese oder jene Linien bezeichneten, wenn ich nur mit redlichem Geist sie darstelle, wie sie mir vorkamen. Mit diesem redlichen Geiste erzahle ich, wie mich Thorheit ins Ungluck sturtzte, und die auch in der Thorheit nie verlorne Reinheit des Willens durch bessre Erkenntniss aus Ungluck mich gerettet hat.
Mein Grossvater gehorte zu der alten, geschichtlich verehrten Familie der Percy's; als jungrer Sohn eines jungern Zweigs derselben war er noch glucklich, nach seiner Heirath mit einem Madchen ohne allen Namen, die ihm den Hass seiner vornehmen Verwandten zuzog, durch eine kleine Pfarre vor ganzlichem Mangel geschutzt zu seyn. Doch dieser armliche Schutz rettete nach seinem fruhen Tode seine Wittwe und Waisen nicht vor druckender Armuth, und die Percy's mogten nicht ungern sehen, dass ein nicht ebenburtiger Zweig ihres erhabnen Stammes in Vergessenheit untergehe; denn sie liessen meiner Grossmutter keine Unterstutzung angedeihen. Diese Umstande legten wohl den Grund zu meines Vaters Verachtung gegen Geburtsvorrechte, die seinen Vater so unbillig druckten, und zu hoher Schatzung eigner Kraft, durch welche er sich, beim Anfang meiner Geschichte, zu einem der Directoren der ostindischen Compagnie emporgearbeitet hatte. Er ist daher auch der Einzige seines Geschlechts, mit dem ich je in Verhaltnissen gestanden, und Keiner desselben ward mir bekannt, der mich bewogen hatte, ihn zum Wohlthater, zum Vorbild, oder zum Freunde zu erwerben. Mein Vater war ein stark gebauter, braunlicher Mann, mit lebendigem Auge, scharf gezeichneten Runzeln im Augenwinkel und buschichen Braunen. Sein Mund hatte einen arglistigen Zug, der wahrscheinlich schuld daran war, dass ihn das Lacheln misskleidete; allein da er dieses sehr selten that, war das nicht storend, um so mehr, da ich ihn nur in einem Alter kannte, dem ein gewisser Ernst zukommt, das er aber mit Rustigkeit trug. Meine Mutter war ganz andrer Natur: ein zartes, gefuhlvolles Wesen, deren wehmuthiges Lacheln bewies, dass ihre Krafte zum Wohlthun dem liebevollen, glanzenden Blick ihrer Augen nie genugten. Ach! noch sehe ich sie, wenn sie ihre Hand segnend auf mein Haupt legte und mehr flehend wie vertrauend emporblickte! Sie war sich bewusst, dass alle ihre Hingebung nicht ausreichte, mich zu erziehen, und fand doch zuletzt immer wieder ihren Trost in der Ueberzeugung vor Gott, sich ganzlich hingegeben zu haben. Ich weiss nicht, ob ich die Unbandigkeit meines Charakters von fruhster Kindheit an einer naturlichen Anlage, oder fruh begangnen Fehlern in der Behandlung meiner Warterin zuschreiben soll? Genug, dass Heftigkeit, Eigenwille, Stolz meine Erziehung vom ersten Augenblick an erschwerten. Die milde Stimmung meiner Mutter verleitete sie zu dem irrigen Schluss, dass Vermeidung jedes Widerspruchs mich der Widersetzlichkeit entheben wurde, bis die reifende Vernunft, meinen Willen regelnd, ihm Herrschaft uber meine Leidenschaften verliehe. Ohne einen Verstandesschluss lehrte mich nun die Erfahrung das Mittel, jeden meiner fantastischen Einfalle durchzusetzen. Ich weinte bei dem ersten Hinderniss und weinte fort, bis ich das Gewunschte erhielt. Nach meiner Mutter verderblichem Grundsatz, konnte nur die Unmoglichkeit sich mir in den Weg stellen, und wo diese eintrat, kaufte sie durch uberwiegenden Ersatz meine Verzeihung fur ihr Gesetz; glucklich, wenn mein Eigensinn meiner Fantasie nur erlaubte, in einen solchen Handel zu willigen. Eine Tugend entwickelte diese vollige Abwesenheit des Widerspruchs: eine unverbruchliche Wahrhaftigkeit meiner Gesinnungen und Gefuhle; sie ward mir Bedurfniss gegen mich selbst und gedieh bei reifendem Verstande zu dem Grundsatz, dem ich zuerst die Entwickelung alles Guten zu verdanken hatte.
Ungezugelt in meinen kindischen Wunschen, stets angehort bei meinen kindischen Reden, konnte es nicht fehlen, dass mir hier und da Worte entschlupften, welche die Vorliebe meiner Mutter und die Schmeichelei meiner Warterin zu witzigen Einfallen stempelten. Sie wurden den Gasten meiner Mutter wiedererzahlt, ihre unbedachtsame Bewunderung steigerte den Begriff, den ich von meiner eignen Wichtigkeit hatte, und reizte mich ganz unvermeidlich, das Talent schneller und witziger Antworten, welches in unserm Geschlecht sich so leicht der Bewunderung zu erfreuen hat, zu entwickeln. Meine Mutter konnte sich nicht enthalten, auch meinen Vater mit meinen Witzfunken bekannt zu machen. Sein ernstes Gesicht erheiterte sich bei solchen Erzahlungen, und, abgespannt von seinen Rechnungsubersichten, konnte er wohl bei seiner Ruckkehr am Abend sagen: "Fanny, lass mir einen recht guten Bissen zum Abendessen reichen und erhalte Ellen guter Laune, so will ich heute nicht in Club gehen." Seine Absicht wurde aber nicht immer erreicht. Meine Mutter that zwar ihr Bestes; mir ging es aber wie vielen ausgebildeten Leuten, denen sich ihr Witz versagt, wenn sie zur Unterhaltung aufgefordert werden: ich machte ihm Langeweile und ward weinend zu Bett geschickt. Gefiel ihm aber mein Geschwatz, so sagte er etwa: Was hilft ihr das? Ja, ware sie ein Knabe, so sollte sie mir Parlamentsglied werden; aber was hilft ihr als Madchen der Verstand? Ich hoffe, sagte meine Mutter schuchtern, er soll sie glucklicher machen. Pah, rief mein Vater, mit zweimalhunderttausend Pfund braucht sie kein anderes Gluck, als sich von fruh bis Abend die Zeit zu vertreiben. Ich horte diese und manche ahnliche Rede mit an, und es bildete sich in meinem Kopfe eine feste Verbindung zwischen den Begriffen von Zeitvertreib und Gluck, zwischen Beschaftigung und Elend, die den Grund zu tausend Irrthumern legte.
Also der Mittelpunct der Bemuhung und Sorge eines ganzen Hauses, war meine Zufriedenheit je langer je mehr getrubt. In dem Maasse, wie die Zahl meiner Begriffe zunahm, stieg die Zahl meiner Wunsche, die Beharrlichkeit meines Willens und die Unmoglichkeit der Gewahrung. Die Mannichfaltigkeit meiner Genusse gebar schon in Kinderjahren hie und da die Empfindung der Leere, welche den Satten verfolgt; die Untruglichkeit, welche ich meinen Ausspruchen beimass, die Herrschsucht, die ich ubte, vereinzelte mich unter meinen Gespielinnen. Von meinem uberlegnen Werth uberzeugt, schien mir ihre Abneigung eine Rebellion gegen das Recht und die Gerechtigkeit, die ich ihren guten Eigenschaften, meiner Wahrheitsliebe gemass, widerfahren liess, und indem ich mir diese auch zur Tugend anrechnete, vermehrte sie meinen Stolz. Nach und nach empfand mein Vater das Nachtheilige in meiner Entwicklung, und er widersetzte sich irgend einem meiner Einfalle mit einer Entschiedenheit als galte es einen Krieg auf Tod und Leben. Allein nach einer Stunde, einem Tag, ja einer Woche, durch die ich Bitten, Weinen, Schmollen fortgesetzt hatte, gewahrte er in einem Anfall von Zorn, was er bis dahin standhaft verweigert hatte; der Sieg war mein, und sein Schwache versprach mir, dass ein jeder anderer auf eben dem Wege zu erkampfen sey. Meine gute Mutter, der jeder Misston in der Aussenwelt die Seele zerriss, suchte jeder solchen Widersetzlichkeit von Seiten meines Vaters zuvorzukommen; hatte sie einmal begonnen, so trieb ihre Schuchternheit sie an, durch verdoppelte Milde gegen mich meinen Eigensinn zu entwaffnen, und war die Krisis herbeigekommen, so befriedigte sie schnell meine Wunsche, um deren Gegenstand nicht eine neue Wichtigkeit zu verleihen. Sie mogte oft die endlichen Folgen meiner Verkehrtheiten ahnen; sie bemuhte sich oft mein junges Herz zu Gott zu erheben, allein auch bei diesem heiligsten Mittel der Bildung verfehlte sie den Weg. Sie lehrte mich nur immer Gott danken fur die Vorzuge, die er mir verliehen, aber machte mich nicht aufmerksam auf die, welche so viele meiner armern Mitgeschopfe vor mir voraushatten, und durch deren Erwerbung ich allein zu Gotteskinde werden konnte.
Endlich war der Augenblick gekommen, wo mein Eigensinn mir eine herbe Strafe bereiten sollte. Ich hatte eben mein neuntes Jahr vollendet, als eine Bekannte meiner Mutter mir eine Einladung sandte, das Schauspiel in ihrer Loge zu besuchen. Eine Erkaltung mit Halsweh verbunden hatte mich seit einigen Tagen ins Zimmer gebannt, und dieser Umstand bewog meine Mutter, mich zu Hause zu behalten; unglucklicherweise war die Botschaft in meiner Gegenwart ausgerichtet, und das bestimmteste Verlangen ins Schauspiel zu gehen war die Folge. Meine Mutter wendete vernunftige Vorstellungen an, ich beantwortete sie mit ungestumen Bitten, sie wies sie mit entschadigenden Versprechen ab, ich setzte ihnen lautes Weinen entgegen. Sorge um meine Gesundheit gab diesesmal meiner Mutter Muth zu beharren, sie befahl meiner Warterin, mich zu entfernen. Nun brach meine Unbandigkeit los; ich wehrte mich und erhitzte mich bis zur convulsivischen Heftigkeit, als mein Vater, der dazu kam, die Geduld verlor und zu meiner Mutter sagte: "Das Schreien kann ihrem Hals gefahrlicher werden, wie funfzig Schauspiele." So wuthend ich war, bemerkte ich doch, dass meiner Mutter diese Aeusserung missfiel. Mein Vater, der sein Unrecht fuhlen mogte, half sich damit, sie anzuklagen, dass ihre Behandlung an meiner Unart schuld sey; sie erwiederte seufzend, dass ich zu meinem eignen Wohl gebandigt werden musste, worauf er nachlassig sagte: "Pah! bei einem Weibe ist ein Bischen Widerspruchsgeist recht nutzlich", ein Spruch, durch den mancher rohe Ehemann die milde Gute seiner Gattin belohnt. Dieses Gesprach war fur mich nicht verloren; ich schrie noch ausgelassener, wie vorher, bis mein Vater, aus aller Fassung gebracht, mir zurief: "Nun du unbandiges, ausgelassen unartiges Ding, so thu, was du willst, und hor auf zu larmen." Jetzt hatte ich, was ich wollte, liess mich schnell anziehen und ging ins Theater.
Doch die Folgen waren schrecklich. Kaum war ich wieder nach Haus gekommen, so verfiel ich in ein heftiges Fieber; lange bedrohte mich der Tod. Meine Mutter, meine geliebte, engelgute Mutter, die allein die Empfindung der Liebe in mir erweckte, deren Milde bei aller meiner Unbandigkeit den Begriff von Tugend in mir wach erhielt, deren unaussprechliche Gute doch eine Ahnung von Gewissen in mir begrundete, wich nicht von meinem Lager. Sie opferte ihre Gesundheit auf, um mein Leben zu erhalten. Ich genass; aber nach einigen Monaten war die Abnahme ihrer Krafte unverkennbar, nur ich allein verstand deren drohende Bedeutung nicht; und doch wenn ich sie von meinem endlosen Geschwatz, meinen larmenden Spielen ganzlich erschopft sah, konnte mich der Anblick so ergreifen, dass ich unbewusst meine jauchzende Stimme zu sanften Tonen herabstimmte und auf den Zehen um ihren Sopha einherschlich. Auch das langste Menschenleben kann nicht das Andenken der himmlischen Freundlichkeit schwachen, mit der sie diese kleinen Beweise meiner Achtsamkeit aufnahm. Bald wurde mein bestandiger Aufenthalt in ihrem Zimmer taglich auf wenige Stunden eingeschrankt, dann brachte man mich nur noch fruh zu ihr, wo ihre Krafte in einiger Spannung waren, und Abends, um ihren Segen zu empfangen, und endlich verflossen drei Tage, in denen mir ihr Anblick ganzlich entzogen blieb. Ungeduldig hatte ich sie zu sehen begehrt, leichtsinnig hatte ich mich durch nichtige Kurzweil davon abwenden lassen, als mir der Befehl gemeldet ward, zu ihr zu kommen. Mit kindischer Frohlichkeit sprang ich in ihr Zimmer. Doch wie schnell verstummte meine Freude, da mich meine Mutter mit laut ausbrechendem Weinen in ihre schwachen Arme schloss, mehrmals versuchte sie zu sprechen, aber ihre Wehmuth verhinderte sie. Da trat ein fremder, ernsthafter Mann, der aufmerksam auf sie blickend am Bette stand, herzu und wollte mich, mit der Bemerkung: "die Kranke schade sich" von ihr wegnehmen. Die Furcht, mich fortfuhren zu sehen, belebte meiner Mutter schwindende Krafte, sie sagte mit gebrochner, schwacher Stimme: "Komm, meine Ellen, komm, falte deine kleinen Hande und bitte Gott, dass wir uns wiedersehen mogen!" Ich verstand den Sinn ihrer Worte nicht, aber wie ich sonst, wenn sie mich beten liess, zu thun gewohnt war, kniete ich nieder, legte meine gefalteten Hande auf ihre Knie und betete: Guter Gott, lass mich meine Mutter wiedersehen! Zweimal liess sie mich diese Worte wiederholen, legte dann ihre gefalteten Hande auf mein Haupt und gab mir mit innigen, heissen Gebeten, in leisem Gefluster ihren letzten Segen. Nur eine der Bitten, die sie in diesem Augenblick zu Gott sprach, ist in meinem Gedachtniss geblieben; anfangs aus Verwundrung, weil ihr Sinn mir unbegreiflich war, spaterhin ward sie durch die Umstande mit unwiderstehlichem Nachdruck in mir aufgefrischt: "Sey, o mein Gott! betete sie, gutiger, wie ihre irdischen Verwandten, sey ihr ein Vater, wenn du gleich durch Zuchtigung dich also erweisest!" Noch Manches sagte sie, das mein Leichtsinn bald vergass, bis ihr erneutes Schluchzen den fremden Mann wieder herbeizog, um mich zu entfernen, welches ich mir denn auch, von der Traurigkeit des Auftritts ermudet, ziemlich gern gefallen liess. Noch einmal druckte sie mich an ihr Herz; wie die Thure hinter mir sich zuschloss, horte ich noch einmal den leisen Schrei ihres Schmerzens, und auf ewig war fur mich ihre Stimme verhallt.
Den folgenden Tag bat ich umsonst, meine Mutter zu sehen. Noch einen, und die Leute eilten traurig und geschaftig um mich her, die Dienstboten sahen mich verstort und mitleidig an, ein und der andre weilte mit einem Ausruf des Bedauerns bei meinen kindischen Spielen. Ein Augenblick von langer Weile brachte mich darauf, meinen Willen, zu meiner Mutter gebracht zu werden, bestimmt durchzusetzen. Meine Warterin suchte mich abzuweisen, mit Zogern entdeckte sie mir die traurige Wahrheit; allein gewohnt, durch Tauschung jeder Art beschwichtigt zu werden, wollte ich ihr gar nicht glauben, bis ihr betrubtes Gesicht mich aufmerksam machte, worauf ich ihrer Obhut entsprang und ungestum zu dem Zimmer meiner Mutter entfloh.
Ihre Thur, die sonst bei meinem ersten Zuruf aufsprang, blieb verschlossen, allein der Schlussel stack im Schloss, und auf meinen Versuch liess sie sich offnen. Alles hatte sich hier seit meiner letzten Anwesenheit sonderbar verandert: still, leer, aufgeraumt, unheimlich kam es mir vor. Ihre Bettvorhange waren zuruckgebunden, ihr Lager sorgfaltig geordnet, und doch schien sie unter dem leichten Tuche zu ruhen. Ich zog es hastig hinweg, ihr blasses Antlitz bot sich mir dar. Mutter, Mutter, wach auf! rief ich, erschrocken, dass ihr Lacheln mich nicht empfing; ich legte meine Hand an das liebe Gesicht, das ihrem Schmeicheln noch nie widerstanden, es war kalt, wie Marmor; aber noch immer den Tod nicht erkennend stieg ich auf das Bett und schloss das fuhllose Todtenbild in meine Arme. Da scheuchte ein Schreckensgeschrei mich empor es war meine Warterin, die mir nachgefolgt war, und der Abscheu, mit dem sie mich am starren Busen der Mutter erblickte, belehrte mich endlich von meinem Ungluck. Mein Schmerz kannte keine Grenzen; der Eigensinn, der mich auf jedem meiner Einfalle beharren machte, wies auch jetzt jeden Versuch ab, mich von der Todten zu entfernen. Mein Geschrei versammelte die ganze Familie, es zog zuletzt auch meinen Vater herbei, der mich mit Gewalt in mein Zimmer zu tragen gebot.
Die Natur forderte endlich Erholung von einem so ausgelassenen Schmerz, und ein tiefer Schlaf gewahrte sie ihr bald. Am nachsten Morgen erregte zwar die erwachende Erinnerung aufs neue mein Klaggeschrei, allein es ward schwacher und schwacher. Der Anblick der Trauerkleidung zerstreute mich auch, und bald kehrte meine Traurigkeit nur anfallsweise zuruck. Die Stellen, wo ich sonst meine gute Mutter zu sehen gewohnt war, konnten wohl noch oft schmerzvoll ihr Andenken erneuern; nur mit Widerwillen liess ich mich in das Gesellschaftszimmer fuhren, wo nun Niemand mehr fur meinen Zeitvertreib sorgte; und zog meine ungefallige Laune mir Vorwurfe zu, so lehnte ich mein Gesicht mit lauten Klagen auf das Polster, wo sie ehemals ihren Sitz hatte. Mein Vater fand diese Schmerzausbruche bei der Erholungszeit, die er sich der tiefen Trauer wegen Anstands halber im Ostindischen Hause auf vierzehn Tage verschafft hatte, sehr storend. Da mit meiner guten Mutter Tod der einzige Einfluss, der meine Halsstarrigkeit zu beugen vermogte, dahin war, ward er taglich mit Klagen uber meinen Uebermuth belastigt. Anfangs versuchte er sein Ansehn bei mir geltend zu machen, allein da ihm dieses ganzlich misslang, beschloss er mich in eine der vornehmsten Erziehungsanstalten zu thun. Da er gar nicht darauf Anspruch machte, in das Geheimniss der feinsten Erziehung eingeweiht zu seyn, uberliess er diesen Gegenstand unumschrankt dem Walten der Madame Dupre, der Directorin des Instituts; seine einzige Erinnerung war nur die, keine Kosten dabei zu sparen. Und diese hat man redlich beobachtet. Ich verliess das jetzt mir so traurige Vaterhaus ohne grosse Betrubniss; die Aussicht, fortan mit Gespielinnen meines Alters zu leben, uberwog die angstliche Erwartung, in Zukunft unter fremder Aufsicht zu stehen.
Mein Empfang in dem Institute war schmeichelhaft; kaum den Aufseherinnen vorgestellt, horte ich die eine derselben zu der andern sagen: welche reizende Gespielin sie fur Lady Marie du Bourgh seyn wird! Gewiss! antwortete die andre, ein paar liebenswurdige Kinder! Die erste sah mich prufend an und erwiederte Etwas, wovon ich nur die Worte: "nicht zu vergleichen" verstand. Das Gesprach ward fortgesetzt, ich horte aber nur die, welche ich schon fur meine Widersacherin hielt, emphatisch die Ausdrucke sagen: "ein vornehmes Ansehen Zartheit adeliches Wesen"; und das wahrte so fort, bis nach kurzer Zeit Lady Marie ins Zimmer trat. Ich konnte uber die Zusammenstellung, die man von uns beiden gemacht hatte, nur geschmeichelt seyn, denn sie war das liebreizendste Kind, das ich jemals gesehen. Die Damen riefen sie herbei, uns mit einander bekannt zu machen sie verweigerte anfangs, unter dem Vorwand, sich von dem Schneider einen Ueberrock anpassen zu lassen, zu gehorchen, nur nach einem strengen Befehl von meiner Vertheidigerin trat sie mit schmollendem Munde herzu. Die Aufseherin schien absichtlich ihre Ungeduld auf's ausserste zu steigern, indem sie es ihr lange unmoglich machte, das Zimmer zu verlassen. Wir mussten gegenseitig unser Alter aufsagen. Lady Marie war zwei Jahre alter, wie ich; wir mussten uns gegeneinander messen ich war etwas grosser, wie sie. Mit Groll verliess sie endlich das Zimmer. Ich sah sie erst in der Schule wieder, wo wir in derselben Classe dieselben Aufgaben hatten. Mein Bestreben uber sie zu siegen war aufgeregt, die uble Laune zerstreute sie, so ward am Ende der Lehrstunden meine Arbeit gelobt, die ihre getadelt; und was als edler Wettstreit zu unsrer Bildung hatte benutzt werden sollen, streute in unsere Herzen den Samen unwurdiger Empfindungen aus.
Nachdem die Lehrstunden geschlossen waren, uberliess man uns einiger Erholung, wo ich dann aus Stolz und Schuchternheit ganz vereinzelt von meinem Sitz aus die sich willkurlich bildenden frohlichen Haufen meiner Gespielinnen betrachtete. Lady Marie flusterte eine Zeit lang mit ein paar ihrer Vertrautern, dann ging sie, wie von ungefahr, nahe an mir vorbei und fragte hochmuthig: Ich bitte, Miss Percy, gehoren Sie zu des Herzogs von Northumberland Familie? Nein, antwortete ich. Zu welchen Percy's gehoren Sie denn? Mein Vater ist ein reicher ostindischer Kaufmann in Bloomberry square, erwiederte ich, uberzeugt, dass ich mich durch diese Nachricht sehr wichtig machen wurde; allein ganz im Gegentheil fragte Lady Marie weiter: Nun wer war denn Ihr Grossvater? denn einen Grossvater mussen Sie doch gehabt haben? Dabei sah sie, fur ihren Einfall Lob arntend, um sich her. Ich war aber wirklich in dem Fall, von meinem Grossvater gar nichts zu wissen; aus Verdruss und Einfalt sagte ich: Ich weiss nicht, wer er war, doch ein Herzog kann er nicht gewesen seyn, denn ich horte meinen Vater oft sagen, er habe bei seinem Eintritt in die Welt nicht funf Schillinge gehabt. Die kleinen Madchen hielten noch einige lose Reden, die mich ziemlich aufbrachten, bis Lady Marie mir endlich noch ins Gesicht sah und ein unmassiges Gelachter begann. Jetzt war meine Fassung zu Ende. Mit viel mehr Muth als Zierlichkeit versetzte ich ihr die derbste Ohrfeige, uber welche meine Gegnerin in ein unmassiges Geschrei ausbrach, indess ihre Gespielinnen starr von Erstaunen und Schrecken umherstanden. Man kann sich denken, was fur ein Auflauf entstand! Lady Mariens Unart ward zwar getadelt, allein fur meine rauhe Selbstvertheidigung sollte ich um Verzeihung bitten; das verweigerte ich hartnackig, und nach den heftigsten Auftritten wurde ich zum Einsperren abgefuhrt. Drei Tage lang beharrte ich in meinem Entschluss; am vierten trieb mich Langeweile und Einsamkeit, der Aufseherin, die sich gleich bei meinem Eintritt in das Haus zu meinen Gunsten erklart hatte, einen Vergleich anzubieten. Ich forderte, Lady Marie solle sich fur ihre Unverschamtheit entschuldigen, so wolle ich mein Unrecht wegen der ertheilten Ohrfeige bekennen. Allein die Reihe, eigensinnig zu seyn, war jetzt an Lady Marie. So ging der funfte Tag hin, nach welchem man mir, die Haft als Strafe anrechnend, mich ohne alle Bedingung in Freiheit setzte. Von der Zeit an war die entschiedenste Abneigung zwischen Lady Marie und mir ausgesprochen; nach und nach theilte sie die ganze Pension; alle unsre Gespielinnen mussten es mit einer oder der andern von uns beiden halten, eine Trennung, wie die der Whigs und Torys fand statt.
Die letzte meiner Gefahrtinnen, die sich fur meine Partei erklarte, war Miss Julie Arnold, die Tochter eines kurzlich verstorbnen Seeassecuranz-Maklers. Da der gute Mann sich selbst nicht im Stande sah, seiner Familie Glanz zu geben, grundete er seine Hoffnung auf die Zukunft seines einzigen Sohnes. Um es diesem zu erleichtern, vermachte er ihm, zum Nachtheil seiner Tochter, fast sein ganzliches, ziemlich ansehnliches Vermogen. Der junge Arnold, welchem die Sorge fur seine Schwester dennoch oblag, hielt es furs beste, ihr durch eine glanzende Erziehung Anspruche an eine gute Versorgung zu verschaffen, und in dieser Absicht kam sie in unsre Pension. Die Natur hatte diesem Madchen alle Eigenschaften zugetheilt, die zum Emporkommen durch Abhangigkeit erforderlich sind: Biegsamkeit des Charakters, Leichtigkeit im Umgang, ein Talent sich unbefangen anzustellen, keck zu schmeicheln, ein ungezwungnes Betragen, ein kaltes Herz und dabei nur gerade so viel aussre Annehmlichkeit, wie dazu gehort, nirgend zu missfallen und doch nie Eifersucht auf sich zu ziehen; das waren die Bestandtheile ihres Wesens. Schon als Kind drangte sie sich unter die vornehmeren Gespielinnen, man liebte sie nicht allgemein, wollte sie aber einer Einzelnen gefallen, so gelang es ihr gewiss. Diese Julie schwankte lange zwischen mir und Lady Marie; ja wie es gegen die Vacanz zuging, und diese sie einlud, sie auf das Landgut ihres Vaters, des Herzogs von C., zu begleiten, sprach sie sich eine Zeit lang ganzlich zu ihren Gunsten aus; allein wenige Tage vor der bestimmten Abreise liess Laune Lady Marie plotzlich eine Begleiterin ihres Standes wahlen, und von nun an war Miss Julie mein treuer Bundesgenoss. Von meinem ersten Denken an gewohnt, Alles mit Heftigkeit zu erfassen, ward meine Liebe zu ihr bald ausschliessend. Wir halfen uns gegenseitig in allen Vorfallen: ich trug ihr Neuigkeiten zu, und sie mir Confect, ich machte ihre Aufsatze, und sie half mir bei meinem Putz; doch der grossere Vortheil blieb auf meiner Seite; meine ungezahmte Offenherzigkeit, auf die fruhe Gewohnheit, Alles sagen zu durfen und fur nichts gestraft zu werden gegrundet, zog mir bei den kunstlichen Verhaltnissen der Pensionswelt bestandige Unannehmlichkeiten zu; kam es dann zur Anklage und ich stand auf dem Puncte, mich geduldig der Strafe zu unterwerfen, so wusste Julie durch einen unerwarteten Flug ihrer Einbildungskraft den Sachbestand in ein andres Licht zu stellen, so dass ich der Strafe entging. Hatte sie ihre List fur eine Andere verwandt, so wurde ich sie vielleicht richtig zu beurtheilen gewusst haben, allein fur mich geubt, erregte sie anfangs meine Dankbarkeit und endlich meine Bewunderung.
Sieben Jahre meines Lebens gingen darauf hin, alle die schimmernden Talente zu erlernen, welche die glanzende Gesellschaft als einzige Vorzuge erkennt. Fur keines bezeigte ich so viel Anlage, wie fur die Tonkunst; keines entwickelte ich auch mit so vielem Fleiss, wozu mir der Wunsch, Lady Marie zu ubertreffen, Beharrlichkeit gab. Sieben Stunden des Tages, die ich unausgesetzt darauf verwendete, brachten mich dahin, im Spiel auf dem Flugel und im Gesang so vollkommen zu werden, wie Tonkunstler, die von der Gunst des Publicums abhangen, zu seyn sich bestreben. Sieben Stunden des Tages hatte ich der Musik gewidmet, indess nicht einmal der Gedanke in mir aufgestiegen war, dass es Seelenkrafte gabe, deren Entwicklung mein Wohl fur Zeit und Ewigkeit begrundete. Nach und nach erwachte das Verlangen in mir, in eine Welt zu treten, in der ich mir bei meinen Vorzugen so vielen Beifall versprach. Dass ich reich war, wusste ich, dass ich hubsch war, vermuthete ich ungeduldig erwartete ich den Augenblick, den Scepter der Schonheit, fur den ich mich bestimmt hielt, zu schwingen. In dem Sommer, wo ich mein sechzehntes Jahr beschloss, verliess Lady Marie unser Institut, um ihre Mutter, die Herzogin von C., nach einigen Badeorten zu begleiten. Die Nachrichten, welche sie ihren Vertrauten von der Herrlichkeit ihrer neuen Lebensweise gab, vermehrten den Eifer, mit dem ich in meinen Vater drang, mich zu sich zu nehmen, solchergestalt, dass der nachste Winter zu meiner Entlassung aus der Pension festgesetzt ward.
Mein Vater nahm bei meiner Ruckkehr in sein Haus eine ganzliche Aenderung seiner Lebensweise vor. Seit zwanzig Jahren hatte er, die kurze Ruhezeit nach meiner Mutter Tode ausgenommen, seine Tage auf der Borse oder in dem ostindischen Hause zugebracht. Der Freitag und Samstag, die er auf seiner Villa in Richmond verlebte, unterbrachen allein seine Geschafte; nun er mich aber an die Spitze seines Haushalts stellte, ubergab er den grossten Theil seiner Handelsgeschafte, sich einen ansehnlichen Theil des Gewinnstes vorbehaltend, einem jungen Kaufmann, und den Besitz der Musse mit dem Genuss derselben verwechselnd, nahm er sich vor, fortan sein Leben zu geniessen. In den Weihnachtsfeiertagen verliess ich meine Pension, von Miss Julie Arnold, die ich mir auf einige Wochen zur Gesellschafterin ausgebeten hatte, begleitet. Ihre Pensionszeit war mit der meinigen zugleich geschlossen, und diese Einladung ihr, bei der Unsicherheit ihrer Verhaltnisse, sehr gelegen. Mein Vater empfing mich in Richmond, wo wir den eigentlichen Eintritt der Wintervergnugungen abwarten sollten. Zu meiner Ueberraschung fand ich eine zweite Gesellschafterin vor, deren Personlichkeit mit meinen Planen von glanzender Zukunft nicht so gut ubereinzustimmen schien, wie die meiner jungen Gefahrtin. Dieses war Miss Elisabeth Mortimer, eine vertraute Jugendfreundin meiner theuern Mutter, die durch rauhe Schicksale belehrt, ihren Geist zu einer Reinheit, ihr Herz zu einer Frommigkeit gebildet hatte, die ich damals gar nicht zu begreifen im Stande war. Eines Versprechens eingedenk, das sie meiner Mutter einst gegeben: den Ruf, mir nutzlich zu seyn, wenn mein Vater ihn einst an sie ergehen lassen wurde, nicht auszuschlagen, verliess sie ihre ruhige Hutte in der Nahe von Greenwich, in der sie fromm und wohlthatig lebte, glucklich bei dem Gedanken, ihre Sorge fur mich sey ein Band, das sie mit der geliebten Todten jenseit des Grabes vereinte. Noch jetzt gluht meine Wange vor Schaam bei dem Gestandniss, dass ich ihre Liebe mit unwurdigem Muthwillen erwiederte. Ihre einfachen Sitten waren der Gegenstand unsers heimlichen Gespottes, ihre Frommigkeit nannten wir Methodisterei, ihre wurdige Matronenkleidung schien uns allen Begriffen des feinen Tons zu widerstreben, und wie wir horten, dass sie in ihrer stillen Heimath jeden Abend im Gebet mit ihrer treuen Dienstmagd der sie jetzt auch ihren kleinen Haushalt ubergeben hatte beschloss, nahmen wir uns fest vor, uns der Einfuhrung einer solchen "aberglaubischen Sitte", im Fall sie diese versuchen mochte, zu widersetzen. Doch dazu zeigte sie nicht die geringste Neigung, uberhaupt legte sie uns in keiner Hinsicht Zwang auf; es schien, als sey sie von der siegenden Wahrheit ihrer Denkart so uberzeugt, dass sie einzig die Wirkung der Zeit auf unsern Verstand, und ihres milden Beispiels auf unsre Gewohnheiten abzuwarten gedachte. Ihr angenehmes Betragen wandelte bald unser Missbehagen an ihrem Beruf in minder gehassige Empfindungen um; allein weit entfernt, Miss Mortimers Werth schatzen zu konnen, machten wir sie zum Gegenstand unsrer kindischen Possen. Da wir ihr leicht anzuregendes Mitleid wahrgenommen hatten, erfanden wir Unglucksfalle, durch deren Erzahlung sie augenblicklich zu Hulfleistungen aufgefordert, Meilen weit durch den Schnee ging, um den Leidenden Linderung zu bringen; wir versteckten ihre Andachtsbucher, entwendeten ihr Kinderkleidung und Wasche, welche sie fur Arme bereit hielt, und klebten Karikaturen in ihren Kirchstuhl. Ich weiss nicht, ob sie je errieth, dass wir es waren, denen sie diese unwurdigen Scherze zuzuschreiben hatte; nie wenigstens richtete sie einen Vorwurf an uns; sie ertrug sie mit sanfter Wurde, ein mitleidiges Lacheln war alles, was sie sich erlaubte; und ward sie einmal durch einen unsrer ubermuthigen Streiche in wirkliche Verlegenheit gesetzt, so war sie die Erste, herzlich uber ihre eigne Lage zu lachen. Dieser verachtliche Leichtsinn kurzweilte uns lange Zeit, bis ein sehr ernster Vorfall mich so erschutterte, dass ich, ohne Miss Juliens festere Beharrlichkeit, wahrscheinlich meinen unwurdigen Muthwillen auf immer eingestellt hatte.
Wir wurden eines Tages zu einem benachbarten Gutsbesitzer gebeten, einem Wittwer mit ein paar ausgelassnen Sohnen und leichtsinnigen Tochtern, Miss Arnolds vorgezognen Bekannten. Mein Vater war anderweitig versagt und bat Miss Mortimer, uns zu begleiten; das war aber uns nicht gelegen, wir hatten eine larmende Abendlustbarkeit vor, bei der uns dieser wurdigen Frau Gegenwart storte, und versuchten alle Mittel, ihr den Besuch zu verleiden. Wir gossen ihr eine Tasse Thee auf ihr bestes Seidenkleid sie bemerkte sanftmuthig, dass ein schlechteres ihr dieselben Dienste leisten wurde; wir drangen in sie, Confituren zu geniessen, in Hoffnung, dass sie ihr ein so heftiges Zahnweh erregen sollten, dass es sie am Mitgehen verhindern musste sie versagte sich dieselben. Wir erzahlten eine grassliche Raubergeschichte, die auf dem vorhabenden Wege gestern geschehen seyn sollte; sie meinte: um so weniger wurden die Rauber sich heute auf demselben Wege betreten lassen. Nun ergriff ich ein andres Mittel ich beredete den Kutscher, vorzugeben, dass die Berline einer Ausbesserung bedurfe, allein mein Vater entschied kurz und gut, dass wir mit Miss Mortimer oder gar nicht gehen sollten. Es ward also beschlossen, ich musste sie im Curricle fahren, und Miss Arnold nebst einem jungen Herrn von denen, die sich schon um die reiche Miss Percy zu versammeln anfingen, sollten uns zu Pferde begleiten. Jetzt glaubte ich die schonste Gelegenheit zu haben, meinen Muthwillen zu uben. Ich kannte die Furchtsamkeit der wackern Miss Mortimer; sobald wir daher meinem Vater, der uns vom Fenster nachsah, aus den Augen waren, gab ich unsern Begleitern zu Pferd ein Zeichen, und hin ging es in fliegendem Galopp. Schadenfroh sah ich Miss Mortimer erbleichen und angstlich auf den Weg sehen; wie sie aber mit der sanftesten Anmuth sagte: "Liebe Miss Ellen, war's nicht besser, etwas vorsichtiger zu seyn?" konnte ich ihr nicht widerstehen, ich wollte die Pferde anhalten; in diesem Augenblick ritt uns aber unser junger Begleiter vor und gab meinen Pferden im Vorbeisprengen einen Peitschenhieb. Nun trotzten die aufgereizten Thiere meiner Anstrengung sie zu halten, sie sprengten davon, und nach wenigen Secunden rannten sie eine anstandig gekleidete Frau, die nicht schnell genug uber den Weg eilen konnte, zu Boden. Von der Schuld des Mordes rettete mich ein Fremder, der aus der Nahe herbeieilte und mit starkem Arme die Zugel ergriff. Die Pferde ruckten das leichte Fuhrwerk widerstrebend zuruck und warfen es um. Erschrocken eilte uns der Fremde zu Hulfe, indess unsre Begleiter, in tollem Muthe voransprengend, gar nichts von dieser Begebenheit bemerkten. Wir waren beide nicht verletzt, und Miss Mortimer, sobald sie wieder aufrecht stand, eilte mit dem Fremden zu der ohne Besinnung im Wege liegenden Frau. Ich stand bewegungslos, meinen Blick auf ihre Bemuhungen, sie zum Leben zu bringen, geheftet endlich schlug sie die Augen auf eine Zentnerlast fiel mir vom Herzen. Ich brach in Thranen aus, allein mein Stolz bewog mich, sie zu verbergen und mit dem Schein stolzer Fassung meine Befehle bei dem Aufrichten unsers verungluckten Fahrzeugs zu geben. Nach wenigen Minuten war die misshandelte Frau im Stande, sich, von Miss Mortimer und dem Fremden unterstutzt, in ihre nur funfzig Schritt entfernte Hutte zu begeben. Sie war nicht wesentlich verwundet; die Pferde waren, ohne sie zu beruhren, uber sie hinweggesetzt; nur der Schrecken und der Fall hatte die Arme des Bewusstseyns beraubt. Wie Miss Mortimer nach einer sehr kleinen Weile zuruckkam, schlug sie mir vor, unsre Lustpartie auf zugeben und zuruckzukehren. Die Furcht, den Tag mit ihr allein zubringen zu mussen, bewog mich, auf die Fortsetzung unsers Weges zu dringen; indem sie dem Fremden uns zu begleiten erlaubte, willigte sie ein zu Fusse weiter zu gehen. Schmollend ging ich neben ihnen her und hatte alle Musse, unsern Begleiter, den mir Miss Mortimer als ihren alten Bekannten, Herrn Maitland, vorstellte, zu beobachten. Er besass eine athletisch grosse Gestalt, wenig Anmuth, ziemlich regelmassige Zuge und das glanzvollste Auge, das ich je sah. Hubsch zu seyn, verhinderte ihn eine gewisse gutgebildete Breitschultrigkeit, die wir Englander unsern schottischen Nachbarn gern Schuld geben. Sein Lacheln war hochst anmuthig und zeigte die schonsten Zahne, allein der Ernst schien ihm gewohnlicher; seine Stimme war voll, mannlich und sanft; an seiner Sprache doch er sprach nicht viel wurde ich, wenn sie gleich etwas Fremdes hatte, nicht den Schottlander erkannt haben, und diese Sprache war edel, kraftig, zuweilen zierlich, sie borgte aber von seinen Bewegungen keinen Beistand, denn diese blieben ruhig und kalt. Vielleicht war es aus gewohnter Abneigung, mit Fremden zu sprechen, vielleicht entfernte ihn auch das nachtheilige Licht von mir, in dem ich mich gezeigt hatte; genug, dass er, einzig Miss Mortimer unterhaltend, sich mit mir nicht mehr beschaftigte, als die strengste Hoflichkeit ihm gebot, und dadurch mir, die ich darauf rechnete, die Huldigung jedes Mannes zu gewinnen, auf's hochste missfiel.
Bei unserm Eintritt in Herrn Vancouvers Hause umringten uns die jungen Leute mit lautem Jauchzen, vor allen Miss Julie, die mich triumphirend um den Preis der mit ihr eingegangenen Wette, wer zuerst ankommen wurde, erinnerte. Ich warf ihr verdriesslich und mit einem harten Vorwurf uber unsern Unfall, den ich ihrem Voraneilen zuschrieb, meinen Geldbeutel hin, sie beschuldigte ihren Begleiter, Beide stritten zusammen uber ihren Antheil an dem Vorfall, und der Tag ging in solcher Verstimmung hin, dass ich froh war, die Stunde der Abreise eintreten zu sehen. Mein Herz war viel zu ungebildet, um Unrecht einzugestehen, und die Langmuth, mit der Miss Mortimer mir jeden Vorwurf ersparte, erwarmte es nicht. Doch am Abend, wie ich dem ehrwurdigen Madchen gute Nacht wunschte, entwischten mir die Worte: "Gott sey Dank, dass der Tag voruber ist!" Sie ergriff mit einer Warme, die sie mir noch nie gezeigt hatte, meine Hand und sagte: "Schenken Sie mir morgen eine Stunde, liebe Ellen, ich will sorgen, dass sie Ihnen angenehmer verfliesse." Ich wusste ihr fur ihre Nachsicht keinen Dank, denn ich hatte mirs mit Hulfe der Miss Arnold nun einmal in den Kopf gesetzt, dass sie kein Recht habe, mich zu meistern; allein ihr Wesen war bei dieser Bitte so mild, so einnehmend, dass ich hoflich ihrer Einladung zu folgen versprach. Nach dem Fruhstuck, als Miss Arnold, einige Kaufladen zu besuchen, in die Stadt fuhr, forderte mich Miss Mortimer zu einem Spaziergang auf. Nach der Richtung des Wegs, den sie einschlug, errieth ich sogleich, dass sie mich zu der Hutte der Frau fuhrte, welche meine Thorheit gestern in so augenscheinliche Lebensgefahr gebracht hatte; nur die Schaam hielt mich ab, auf der Stelle umzukehren, und mit einer bittern Empfindung, mich von einer Tugendlehre bedroht zu sehen, trat ich in das Haus. Ich fand es nicht armlich noch trostbedurftig; einige Bucher, reinliches Gerath, die grosste Sauberkeit zeugten von einem geordneten hinreichenden Hausstand. Meine Begleiterin unterhielt sich mit der Matrone, die am Feuerheerd mit Spinnen beschaftigt war; und um meine Verlegenheit zu verbergen, nahm ich die Liebkosungen eines Windspiels an, das bequem auf einem gepolsterten Stuhl der Hausfrau gegenuber gelegen, bald nach unserm Eintritt herabgesprungen war und sich mir genaht hatte. Anfangs beschnupperte es mich nachdenklich, blickte mich an, wedelte mit dem Schwanz, dann setzte es seine Vorderfusse auf meine Knie und gab seine herzliche Freude zu verstehen. Mir selbst schien das Thier auch nicht unbekannt, ich freute mich seiner Freundlichkeit, die auch von den beiden Frauen bemerkt ward. "Ich habe Ihnen Miss Percy mitgebracht", sprach jetzt Miss Mortimer, zu der Alten gewendet. Diese rief aber mit freudigem Erstaunen: Miss Percy? O da hat das treue Thier die Tochter seiner Herrin besser wiedererkannt, wie ich! Guter Fidele, du sahst sie doch auch nicht mehr seit ... Hier verstummte ihre Stimme in Thranen, und bei dem Namen meiner Mutter zu warmern Gefuhlen erwacht, fragte ich nun mit Theilnahme nach der Bewandniss, die es mit diesem Hunde hatte, dessen ich mich von der letzten Lebenszeit meiner Mutter her jetzt wieder entsann. Frau Wells, die Bewohnerin dieser Hutte, war einst von der geliebten Verklarten, die ihre wohlthatigen Handlungen mit reiner evangelischer Demuth der Welt entzog, aus der bittersten Armuth gerettet worden. Sie hatte ihr Arbeit verschafft, sie hatte wochentlich mehreremale einige Stunden in ihrer Hutte zugebracht, um ihren Tochtern Kleider machen und Tamburstickerei zu lehren; und so hatten diese drei Menschen es ihr zu danken, dass ihnen der Segen des Fleisses ein hinreichendes Auskommen verschaffte. Fidele war von meiner Mutter in ihrem letzten Lebensjahr als ein besonders schones ganz junges Thierchen angenommen worden; ich erinnerte mich, wie er, vielleicht durch Einwirkung der Stille ihres Krankenzimmers und ihrer steten sanften Gegenwart, schon damals wegen seiner leisen Sprunge und milden Lustigkeit bewundert ward. Dennoch setzte ich mirs in den Kopf, mich vor dem beweglichen Geschopf zu furchten, was meinem Vater, dem mein Geschrei bei seinem Anblick verhasst war, nach meiner Mutter Tod bewog, ihn zu entfernen. In der Ueberzeugung, ihn am besten bei der Frau Wells zu versorgen, deren Anhanglichkeit an die Verewigte ihm bekannt war, ward Fidele ihr ubergeben, und die Liebe, mit der sie ihn gepflegt hatte, bewies, wie theuer meiner Mutter Andenken ihr war. Ich horte mit Beschamung ihrer Erzahlung zu. Wie erschien ich dieser Frau neben dem, was meine Mutter fur sie gethan hatte! Mir ward das Herz nicht leichter, wie wir bald darauf den Heimweg antraten, sondern mein Gefuhl trieb mich, unter dem Vorwand, mein Taschentuch vergessen zu haben, zuruckzugehen und Frau Wells, indem ich ihr meinen Geldbeutel anbot, schuchtern um die Ruckgabe des Hundes zu bitten. Sie gestand mir ein Recht auf Fidele, als ehemaliges Eigenthum meiner Mutter, zu und versprach ihn mir durch ihre Tochter zu senden, allein mein Geld wies sie zu meiner grossen Beschamung zuruck.
Wie ich wieder zu Miss Mortimer zuruckkam, machte sie einige Bemerkungen uber die Verdienste meiner Mutter, die ich fuhllos genug gewesen ware, in einem andern Augenblick als einen stillschweigenden Vorwurf meines Unwerths ubelzunehmen, in diesem Moment war aber die schlimme Rinde meines Herzens gespalten, ich horte sie mit Seufzen an, bat sie aber nach wenigen Minuten, mich heute nicht weiter mit diesen Gegenstanden zu unterhalten, weil sie mich schon ganz trubsinnig gemacht hatten. Vielleicht wurde der wehmuthig verwundernde Blick meiner wurdigen Begleiterin noch langer auf meinem Antlitz geruht haben, hatte nicht Herr Maitland, der eben an dem Gartenhag abstieg, unsre Unterredung unterbrochen. Er wollte sich auch nach dem Befinden der Frau Wells erkundigen; wie er aber horte, dass ihr Unfall ohne alle Folgen geblieben sey, gab er sein Pferd seinem Reitknecht und begleitete uns, oder vielmehr Miss Mortimer denn mit mir sprach er nur grade so viel, wie die Hoflichkeit aufs strengste fordern kann nach Hause. Mein Vater stand an der Thure des Parks; so wie Herr Maitland sich nahte, kam er ihm einige Schritte entgegen, reichte ihm die Hand und bewillkommte ihn mit einer Achtung, die ich ihn noch gegen Niemand bezeigen sah. Noch erstaunter, wie uber diese Begrussung, horte ich, dass er ihn zum Mittagessen einlud, welches Herr Maitland auch nach einiger Weigerung annahm. Ich kann mich wirklich nicht erinnern, ob ich wahrend der Mahlzeit auf seine Gesprache im geringsten gemerkt habe. Nach Tisch, wahrend er sich mit meinem Vater und Miss Mortimer unterhielt, fuhrte ich am andern Ende des Zimmers, recht wie die ungezogne Jugend es sich herausnimmt, mit Miss Arnold und dem jungen Vancouvers ein Gesprach, das eben so laut wie gehaltlos, mehr wie einmal, obgleich vergebens, meines Vaters Ermahnungen auf sich zog. Miss Mortimer suchte unsern Verein zu storen, indem sie mehrmals die Rede an mich richtete; allein ich antwortete ihr so kurz, theilnahmelos und zerstreut, dass ihre Absicht nicht erreicht ward.
Nachdem sich unsre Gaste entfernt hatten, stellte sich mein Vater mit sehr ernstem Gesicht vor das Caminfeuer und sprach, seinen strengen Blick auf mich, die in einem fernen Fenster stand, gerichtet: "Miss Percy, Ihr heutiges Betragen hat mir missfallen. Ich habe Ihnen die Wirthin eines reichen Hauses zu machen aufgetragen und wunsche, dass Sie es fur Ihre Pflicht halten, meine Gaste gut zu behandeln alle meine Gaste." Eine allgemeine Stille herrschte, und mein Vater verliess das Zimmer. Nun brachen meine Klagen aus. Miss Julie unterstutzte mich und wagte es, meines Vaters Forderung lacherlich zu finden. Miss Mortimer sprach in ganz verschiedenem Tone; sie bewies mir alles Ernstes, dass er ein Recht zu ihr habe, besonders aber, wenn es einen Mann von Herrn Maitlands Werth betrafe, sey sie hochst billig. Ich lachte eben so hohnisch wie ubermuthig auf. Von Herrn Maitlands Werth? Mein Vater und Miss Mortimer wunschen wohl gar, dass es mir gelingen mochte, des Gliedermannes Eroberung zu machen! rief ich aus. Miss Julie bewunderte meinen Einfall mit lautem Gelachter. "Herrn Maitlands Eroberung?" wiederholte Miss Mortimer und sah mir mit ruhigem Ernst ins Gesicht; nein, wahrlich, liebes Kind, so weit versteigen sich meine Erwartungen nicht; Herrn Maitland! rief sie nochmals, indem sie, wie im Selbstgesprach, auf ihr Strickzeug sah, nein, das war' ein abgeschmackter Einfall.
Bei diesen Worten fuhlte sich meine Eitelkeit gekrankt. Ich bildete mir ein, Herr Maitland wurde doch nicht der erste Hagestolz seyn, der eine siebzehnjahrige Erbin unterjochte, und es entstand die Lust in mir, meine Macht zu versuchen. Bei Herrn Maitlands nachstem Besuch bemuhte ich mich ihn in ein Gesprach zu ziehen; es gelang mir sehr gut; allein ich nahm nach einer halben Stunde wahr, dass ich in dieser ganzen Zeit weder Unsinn gesagt, noch dessen gehort hatte. Ein zweiter Versuch lief eben so ab; um seine Aufmerksamkeit zu fesseln, musste ich vernunftig seyn. Nach einem dritten, der nicht besser gelang, gab ich meine Bemuhungen auf, uberzeugt, dass Herr Maitland gar keiner Anerkennung von Liebenswurdigkeit, noch einiges Einflusses derselben auf sein Herz fahig sey. Dessen ungeachtet schritt unsre Bekanntschaft fort; wenn es mir an andern Gesellschaftern gebrach, konnte ich eine halbe Stunde ganz angenehm mit ihm verplaudern. Er war gelehrt, es fehlte ihm nie an Gegenstanden seiner stets ernsten Unterhaltung; sein Ausdruck war oft spruchreich und ward durch seine leise, ruhige Stimme noch anziehender. Seine Steifheit, mit der er zu viel Hoflichkeit verband, als dass sie wie Stolz hatte aussehen konnen, und zu viel festes Wesen, um durch sie schuchtern zu scheinen, nahm den Charakter nationeller Zuruckhaltung an, und seine Bekannten waren ihr nicht mehr abgeneigt, wenn sie ihn vermocht hatten, sie gegen Einen von ihnen abzulegen. Mich schmeichelte es nicht wenig, da ich bemerkte, dass sie sich gegen mich verlor, indess er sie gegen Miss Arnold fortsetzte, um so mehr, da sein ganzes Wesen mir den Begriff strenger Redlichkeit, die von keinem aussern Vorzug gebeugt wurde, einflosste. Diese mir ertheilte Auszeichnung ward hingegen von dem Vorzug, den er fortwahrend Miss Mortimer erzeigte, vollig aufgewogen, ja mein Bewundrungshunger war so gross, dass ich mich durch diesen Vorzug, obschon Herr Maitland uber dreissig Jahr alt schien, zu Zeiten wirklich gequalt fand.
Seine Besuche wurden gegen das Ende unsers Aufenthalts in Sedly Park haufiger; allein weder seine Gesellschaft, noch die mehrerer anderer, mir viel wohlgefalligerer Manner, konnte meine Ungeduld, in die Stadt einzuziehen, vermindern. Endlich horte ich, dass Lady Maria de Burgh schon jetzt als die herrschende Schonheit des Winters anerkannt sey. Ich stand bei Anhorung dieser Nachricht eben vor einem grossen Spiegel; mit einem zuversichtlichen Blick auf meine Gestalt gedachte ich der Miniaturreize meiner Nebenbuhlerin und flog zu meinem Vater, ihn um die Beschleunigung seiner Abreise zu bitten. Er hatte sie aber schon auf den vierzehnten Jenner angesetzt, und bis dahin musste ich meine Ungeduld zahmen.
Ein glanzender Ball bei der Grafin *** sollte mich endlich in die grosse Welt einfuhren. Nach einer lang besprochenen Wahl, ob mein Putz an diesem wichtigen Abend reich oder einfach, leicht oder prachtig seyn sollte, bestimmten mich die kostbaren Diamanten meiner Mutter, die mein Vater, mit manchen neuen vervollstandigt, aufs glanzendste hatte fassen lassen, und die gunstige Meinung, die ich von der Hohe meines Wuchses besass, das Letztere zu wahlen. Strahlend von Juwelen, Jugend und Erwartung, trat ich zur Stunde des Balls in das Besuchzimmer, wo nebst mehrern Herrn, die sich an mein Gefolg zu reihen gedachten, Herr Maitland mich als mein Begleiter erwartete. Allgemeiner Beifall empfing mich; allein er gnugte mir nicht, bis ich Herrn Maitland, den Miss Julie auf die Schonheit meiner Juwelen aufmerksam machte, sagen horte: "wer Miss Percy erblickt, wird ihre Juwelen nicht mehr bemerken." Ich war unfein und keck genug, diese gar nicht an mich gerichteten Worte aufzufassen, und rief: Sehr verbunden, Herr Maitland! Eine Schmeichelei von Ihnen ist etwas so Seltnes, wie ein Konigin Annens Pence, der, ohne mehr werth zu seyn, als ein andrer, einzig ist, weil sie nur Einmal pragen liess. "Der Pence war nicht zum Umlauf bestimmt, antwortete er trocken, er fiel aber einem Kind in die Hand, das ihn nicht fur sich zu behalten verstand." Das Wort "Kind" musste mich heute, wo ich zum ersten Mal als erwachsenes Madchen in die grosse Welt zu treten im Begriff war, ganz besonders kranken. Thranen traten mir in die Augen, und mit sehr herabgestimmtem Muth stieg ich mit Miss Arnold und meinem strengen Mahner in den Wagen. Mit dem Ausruf der Bewunderung, der mir beim Eintritt in die gedrangtvollen Sale entgegentonte, kehrte mein Leichtsinn zuruck, ich verliess auf das unverbindlichste Herrn Maitlands Arm, um mich von einem meiner gefalligern Bekannten zu einem Stuhle fuhren zu lassen, und vermied, nach Jenem, der finster und nachdenkend neben mir Platz genommen hatte, mich umzusehen. Nach einigen Minuten, in denen mich der Glanz und die Frohlichkeit des Schauspiels um mich her vollig zerstreut hatten, theilte sich das Gedrange, und ich erblickte Lady Marie, die mit Sylphen-Leichtigkeit die Reihen durchflog. Nie hatte sich ihre zarte Gestalt so vortheilhaft gezeigt, wie in der leichten, weissen, schon drappirten Hulle, die sie umgab; ihr goldnes Haar, schmucklos in Locken und Flechten geordnet, bildete die schonste Kopfform. Ich ward zweifelhaft, ob meine Juwelen der vortheilhafteste Putz seyn, den ich hatte wahlen konnen. Nach beendigtem Tanz schritt die Lady auf einen Stuhl zu, den in demselben Augenblick ein sehr schoner junger Mann mit zierlicher Grobheit einnahm und, nachlassig ihre Rede anhorend, sein schones Bein betrachtete, seine Finger ein paarmal durch sein, mit anmuthiger Nachlassigkeit gelocktes Haar zog und sich dann, in eine bequeme Stellung zurechtgeruckt, umhersah. Jetzt fielen seine Augen auf mich; lebhaft sagte er seiner Nachbarin einige Worte, die sie mit einem verachtlichen Aufwerfen des Kopfes beantwortete, er sprang auf, schien in einem augenblicklichen Wortwechsel mit ihr, und sie liess sich dann, halb wider Willen, von ihm auf mich zufuhren. Nach einigen sehr kalten Worten von Wiedererkennen sagte sie, mir ihren Begleiter vorstellend: Mein Bruder, Lord Friedrich de Burgh, und wendete uns, ohne Miss Juliens demuthige Begrussung mit einem Blick zu beehren, den Rucken. Diese krankende Vernachlassigung war mir ein Ruf, die Beschutzerin zu spielen. Ich fasste sogleich Miss Juliens Arm und ging, von Lord Friedrich begleitet, im Saal umher.
Unter seinen modigen Mitgesellen konnte Lord Friedrich noch fur kurzweilig und musste fur einen der hubschesten angesehen werden. Ich nahm an Lady Mariens Blicken wahr, dass seine Aufmerksamkeit auf mich ihr im hochsten Grade missfiel, und machte mir ein Fest daraus, durch die kleinen Kunste, die Eitelkeit uns lehrt, ihn neben mir festzuhalten. Nach einiger Zeit forderte er mich zu einem Walzer auf; dieser Tanz ward dazumal noch fur eine kaum gebuhrliche Dreistigkeit gehalten; ich weigerte mich lange, allein ein hohnisch missbilligender Blick, den Lady Marie eben auf ihren lebhaft in mich dringenden Bruder warf, bethorte mich, und ohne es eigentlich beschlossen zu haben, stand ich mit ihm mitten im Saale. Alles wich zuruck, ich sah Aller Augen auf mich gerichtet, ein lahmendes Gefuhl von Schaam ergoss sich durch meine Sinne, allein es war zu spat; in unseeligem Wirbel flog ich dahin, das oft unfein ausgedruckte Lob der Manner betaubte meine schmerzhafte Verwirrung, ich drang mir selbst die Ueberzeugung auf, der Tanz sey fur mich schuldlos, und zwang mich, einen freien Blick auf die Umstehenden zu werfen. Da trafen meine Augen auf Herrn Maitland, dessen Blick mit Missfallen und unendlicher Wehmuth mich betrachtete. O ich sah nie ein Auge, das so stechendes Missfallen auszudrucken im Stande war! Ich ward bis zur Ohnmacht von ihm getroffen und eilte, mich durch den Haufen drangend, in den fernsten Winkel des Saals. Ein Kreis von Beileidbezeugenden denn man hielt meine plotzliche Beendigung des Tanzes fur eine Unpasslichkeit versammelte sich um mich; Herr Maitland nahte sich gesetzt und fragte: ob ich mich nach Haus zu begeben gesonnen sey? Aufgebracht uber die Storung, mit der er meine Thorheit erschreckt, beleidigt uber die Gleichgultigkeit, mit welcher er der Umstehenden Sorge gar nicht zu theilen wurdigte, antwortete ich nachlassig: daran war' in den nachsten Paar Stunden gar nicht zu denken, und schlenderte an Lord Friedrichs Arm den Saal hinab. Endlich um funf Uhr, erschopft von der Anstrengung, frohlich zu scheinen, indess Heiterkeit fern von mir war, von Larm und von Thorheit ubersattigt, verliess ich den Ball. Herr Maitland fuhrte mich bis an den Wagen, wo er ernst und kalt seinen Abschied nahm. Oede in Kopf und Herzen, so mude, dass ich meinem schlaftrunknen Kammermadchen kaum, mich auszukleiden, Zeit liess, ohne einen Gedanken an den Allwaltenden, dem ich von jedem meiner Tage Rechenschaft zu geben bereit seyn sollte, eilte ich in mein Bett.
Von da an war mein Leben ein fortwahrender Kreislauf von Gesellschaft und Putz. Gedankenlos eilte ich von Kaufladen zu Morgenbesuchen, dann zu Ausstellungen, Versteigerungen, Assemblees, Schauspielen und Ballen, ohne dass Herrn Maitlands ernste Winke, seine bangen mitleidsvollen Blicke, oder Miss Mortimers bestimmtere Bemuhungen mich storten. Anfangs suchte diese weise Freundin mich durch angenehme Zirkel und geistvolle Gesellschaft, die sie bei sich versammelte, von dem larmenden Gedrange abzuhalten; allein ich hatte den Becher der Thorheit getrunken, der sanfterer Heiterkeit schien mir schaal. Sie machte mir Vorstellungen, sie redete zu meiner Vernunft, zu meinem Herzen sie waren beide betaubt. Ich hatte die Keckheit, ihr zu sagen, dass, wenn nach sechs Wochen etwa alle meine Einladungen zu Ende waren, ich einmal an einem regnigen Sonntag ihre Lectionen anzuhoren bereit sey. Noch jetzt erstaune ich uber ihre Langmuth bei meiner Unverschamtheit allein sie sah meine Thorheit aus dem Standpunct eines hohern Wesens an die Aussicht auf die Strafe, die ihr drohte, schmolz allen Zorn in Mitleid dahin. Wie sie einsah, dass sie nichts uber mich vermochte, suchte sie den Beistand meines Vaters zu gewinnen; allein dieser war selbst uber meine glanzvolle Erscheinung in der grossen Welt etwas geschmeichelt. Er theilte die Menschen in zwei Classen: die eine, welche Reichthum erwirbt, die andere, die ihn geniesst. Ich gehorte zu der letztern, und er glaubte nicht, mich darin hindern zu mussen. Es schmeichelte ihn, wenn der Morning Chronicle den Glanz meiner Diamanten auf dem Ball der Grafin nur dem meiner Augen nachsetzte; er lachelte behaglich, wenn ein andrer Paragraph von der Bewerbung des jungen Herzogs von D. um meine Hand sprach. Wirklich begunstigte er mehrere Bewerber aus den vornehmsten Hausern, bis sie ihm ernstliche Antrage machen liessen; dann schlug er sie, mit der Forderung eines unerschwinglichen Wittwenbedings nieder und wiederholte ofters, dass er gar nicht gesonnen sey, einem Burschen sein Vermogen zuzuwenden, der sich am Ende unterstehen konnte seinen Schwiegervater zu missachten. Ich blieb bei diesen Verhandlungen ganz ungeruhrt. Meine Aussichten schienen mir so glanzend, und mein Hang zum Vergnugen war so gross, dass ich an keine Heirath dachte. Fiel es mir hier und da einmal auf, dass mein Vater sehr annehmliche Vorschlage zuruckwies, so regte sich wohl der Gedanke in mir, er konne sich Herrn Maitland, den er mit der ausgezeichnetsten Achtung zu behandeln fortfuhr, zu seinem Schwiegersohn ausersehen haben. Leichtsinnig lachte ich dann bei der Vorstellung des Triumphs, diesen unbesiegbaren Starrkopf ausschlagen zu konnen.
Ohne dass einer meiner Freiwerber mich anzog, oder einer meiner noch viel zahlreicheren Bewundrer mir Neigung einflosste, fand Lord Friedrich Mittel, mich am mehrsten mit sich zu beschaftigen. Er war der modigste Mann, ich strebte darnach, die Schonheit des Tages zu seyn; aber noch mehr freute es mich, Lady Marie durch seine Beflissenheit, allenthalben an meiner Seite zu erscheinen, Galle zu erregen. In erster Rucksicht schmeichelte es meiner Eitelkeit, von manchem eifersuchtigen Gecken, von manchem neidischen Madchen uber meine verabredete Verbindung mit ihm mit heuchlerischer Theilnahme oder bitterm Spott sprechen zu horen, und die fruh entkeimte, in jedem Verhaltniss angewachsne Feindseligkeit zwischen Lady Marie und mir vermochte mich, keinen Schritt zu thun, um unser Verhaltniss zu storen. Dieses war indessen einzig auf Eitelkeit gegrundet; er ausserte keine ernstere Absicht, und es ware mir leid gewesen, hatte er es gethan, denn so sehr er Modeheld war, so wenig hatte er einen Eindruck auf mein Herz gemacht.
Allein mit einer Heirath ists, wie mit der Sunde: wenn man sich oft daran zu denken erlaubt, stumpft sich der Schrecken davor ab. Am mehrsten trug Miss Juliens Bemuhung bei, mich nach und nach an den Gedanken, dass es mit Lord Friedrich einst dahin kommen konnte, zu gewohnen. Da sie nun einmal den Platz meiner Gesellschafterin eingenommen hatte und meinen Charakter sehr richtig beurtheilen mochte, musste sie es auch fur sich fur einen gunstigen Umstand halten, wenn ich einen glanzenden Rang in der Gesellschaft erhielt. Sie suchte mir in vielfach wiederholten Gesprachen bald die Ernstlichkeit von Lord Friedrichs Neigung zu beweisen, bald durch Aufregung meiner Eitelkeit oder meiner Feindseligkeit gegen Lady Marie mich zu Fortsetzung meiner Koketterie gegen ihn zu bewegen. Miss Mortimer, welche uns selten in Gesellschaft begleitete, in dieser selbst durch die jetzt so ubliche Trennung der Jugend von Personen reifen Alters meinen Leichtsinn nicht beobachten konnte, blieb uber mein Verhaltniss zu Lord Friedrich in volliger Unwissenheit. Wirklich edle Menschen, selbst wenn die gesellschaftlichen Verhaltnisse sie unvermeidlich mit der Gemeinheit zusammenbringen, bleiben von ihr unberuhrt, denn sie sucht sich selbst, instinctartig, von ihnen zu entfernen. Es gehort ein Grad Dummheit oder eine bestimmte bose Absicht dazu, solche edle Menschen mit bosartigem Geschwatz zu belastigen. Eine solche Dummheit vermochte endlich ein ziemlich untergeordnetes Mitglied meiner glanzenden Cirkel denn Reichthum, Jugendglanz und die Auszeichnungen meiner vornehmen Anbeter hatten mich in Gesellschaften eingefuhrt, in die meines Vaters Stand mir in gewohnlichen Verhaltnissen keinen Zutritt gesichert haben wurde eine solche Dummheit vermochte eine altliche Wittwe, mit aller Heuchelei von Theilnahme und Entschuldigungen, bei einem Besuch, den sie Miss Mortimer machte, diese von Lord Friedrichs geflissentlicher Beschaftigung mit mir und den Vermuthungen, die man darauf grundete, zu unterrichten. Ich uberraschte sie am Schluss ihrer Mittheilung und nahm, nach ihrer bald darauf erfolgten Entfernung, die schmerzliche Gemuthsbewegung wahr, in welche ihre Nachricht Miss Mortimer versetzt hatte. Der milde, unendlich theilnehmende Ausdruck ihres Gesichts uberraschte mein Gefuhl, ich fragte mit Warme nach der Ursach ihrer Bekummerniss; allein da ich an ihrer Antwort wahrnahm, dass es sich um eine Ermahnung handle, fand ich Mittel, ihrem Gesprach, unter einem geringfugigen Vorwand, sogleich zu entschlupfen. Die nachstfolgenden Tage vermied ich sehr geschickt, ihr Gelegenheit zum Wiederaufnehmen des Gegenstandes zu lassen; allein eine kleine Unpasslichkeit, die mir das Zimmer zu huten gebot, gab mich bald darauf in ihre Hand.
Ein zufalliger Blick in den Spiegel zeigte mir zu meinem unaussprechlichen Schrecken, wie auffallend drei Tage leichten Fiebers mich entstellt hatten. Ich ausserte meine Empfindungen in leichtsinnig verdriesslichem Ton, und, ehe ich mirs versah, zog Rede und Antwort eine Unterredung herbei, in welcher Miss Mortimer mich eben so weise wie gefuhlvoll auf die Gefahr aufmerksam machte, zu der mein Leichtsinn mich hinriss. Ich glaubte sie so wie mich mit der Versicherung, dass ich an gar keine Heirath dachte, zu beruhigen. Sie warnte mich darauf mit dem Beispiel so manchen Madchens, die durch die Sorglosigkeit, mit der sie eines Mannes Bewerbung gestattete, sich endlich gefesselt gefunden hatte. Mit unwurdiger Gemuthlosigkeit wagte ichs nun, zu behaupten, es sey ja am Ende auch ganz gleichgultig, ob ich Lord Friedrich heirathe oder einen Andern; und da er Geld, ich aber einen Rang brauchte, ware ja dieser Plan gar nicht so schlimm. Ohne von dem Uebermuth, mit dem ich ihrer sanften Weisheit mein gehaltloses Geschwatz entgegensetzte, entrustet zu werden, stellte sie mir mit zunehmender Warme, mit einer Innigkeit, die eine selbst mir auffallende Jugendbluthe uber ihre blassen Wangen verbreitete, die Unhaltbarkeit meiner Lebensansichten fur spatere Jahre, ihre Gefahr fur die einst nachfolgende Ewigkeit vor. Erschuttert von ihrer Rede und jeder ernsten Ruhrung abgeneigt, eilte ich der vortrefflichen Freundin unbedingt zu versprechen, nie Lord Friedrich meine Hand zu geben. Sie dankte mir und hatte noch mehr gesagt; allein Miss Julie sturmte eben ins Zimmer herein und brachte mir ein Packchen, das im Vorzimmer gelegen, und dessen Inhalt sie mich mit Neugier entwickeln sah. Was ists? rief sie dringend. Ein Billet von Lord Friedrich, und zwar Karten zu Lady St. Edwards Maskenball am funften Mai. Miss Arnold sprang voll Freude im Zimmer umher: o das ist herrlich! das ist gottlich! und wir sind diesen Tag noch nicht versagt. Ich blickte verlegen und missmuthig auf die Karten, das eben statt gehabte Gesprach dampfte meine Freude. Miss Mortimer drehte angstlich ihre Naharbeit in den Handen und fragte mich endlich schuchtern, ob ich die Karten anzunehmen gedachte. Nun, das versteht sich! rief Miss Julie vorlaut. Warum sollte ich nicht? fragte ich. Miss Mortimer, ohne sich je an Miss Arnold zu richten, so ungeziemend diese sich auch in das Gesprach einmischte, suchte nun mit schuchterner Sanftheit und unerschutterlicher Geduld mir begreiflich zu machen, dass die Gattung dieser Lustbarkeit, so wenig wie die Art des Zutritts, den wir dazu erhalten, von vernunftigen Leuten gut geheissen werden konnte. Nachdem ich meine Antworten denn Gegengrunde konnte ich sie nicht nennen erschopft, endete ich, wie alle ungezogene Menschen, mit einer Unverschamtheit, indem ich sie trotzig fragte: wer ihr das Recht gabe, mich zu meistern und zu drangen? Helle Thranen brachen aus ihren Augen. "Ihre Mutter gab es mir, Ellen", rief sie mit vom Schmerz erstickter Stimme, "Ihre Mutter, die von unsrer langjahrigen, erprobten Freundschaft der heiligen Erfullung meines ihr gegebenen Versprechens entgegensah. So lange Sie vor meinen Augen leben, Ellen, muss ich Sie vor unwurdigen Thorheiten huten, oder Ihrer Mutter Andenken wurde mich wie ein boses Gewissen verfolgen."
Ueberwaltigt durch diesen Ernst, drangen auch mir Thranen in die Augen, schnell raffte ich die Einladungskarten zusammen, schloss ein entschuldigendes Wort an Lord Friedrich bei und bat Julien, die mir mit der grossten Besturzung zusah, ohne den Muth meiner bestimmten Bewegungen zu hindern, dem Bedienten zu klingeln. "Geben Sie mir den Brief, sagte sie gleichgultig, ich gehe doch die Treppe hinab und kann ihm den Weg ersparen", nahm mir ihn ab und verliess das Zimmer.
Miss Mortimer, deren Thranen noch flossen, ergriff meine Hand, druckte sie mit ihren beiden und sah mich mit einem Blick an, der die Wildheit selbst menschlich gemacht hatte. Ich fuhlte mich erleichtert durch die Entsagung, die ich geubt; aber mein elender Stolz erstarrte mich vor dem Gefuhl der Liebe, ich hatte die Harte, meine Hand zuruckzuziehen und kalt und hochmuthig das Zimmer zu verlassen.
Doch, was thue ich? Wird mich denn nicht die Welt verachten, der ich diese Gestandnisse mache? Werden meine Leser nicht diese Blatter mit Abscheu von sich werfen? Mogen sie! Ich kann dennoch einem von ihnen ein Beispiel zur Besserung seyn und dann vergesse doch keiner, dass Abscheu vor dem Bosen noch nicht Tugend ist, und gedenke auch, dass ich nur dann ganz verloren gewesen ware, wenn ich schon eine klare Erkenntniss des Bessern gehabt hatte mein Verstand war wirklich noch in der Dunkelheit des Irrthums befangen.
Die Selbstuberwindung eines so lieblosen Herzens war nicht geeignet, den Geist zu bekraftigen. Sobald ich mich mit Miss Arnold allein befand, ward es ihr unschwer, meine Einbildungskraft mit den lebhaftesten Bildern des Vergnugens, dem ich entsagt hatte, anzufullen. Sie stachelte meinen Stolz, indem sie meine Nachgiebigkeit gegen Miss Mortimer als die schuchterne Unterwerfung eines Schulkindes schilderte, und brachte mich bald dahin, die Zurucksendung der Einladungskarten aufs bitterste zu bereuen. Wenn wir sie nun aber wieder haben konnten? fragte Julie mit schalkhaftem Lacheln. Unmoglich! rief ich, nie wurde ich Lord Friedrich darum bitten. Wenn ich sie aber gar nicht fortgeschickt hatte, theure Ellen, sondern in der Ueberzeugung, dass so ein abgeschmacktes Beginnen Sie gereuen musse, Ihnen das Packchen abnahm, um es sie nahm es aus ihrem Arbeitskastchen hier zu verwahren?
Ich war wie vernichtet. Ein achtjahriger Umgang mit Miss Arnold hatte mich noch nicht verleitet, meine gewohnte Wahrhaftigkeit, die eigentlich nur furchtloser Trotz war, meine Handlungen nicht zu verbergen abgelegt zu haben. Der Schritt, den Miss Julie gethan hatte, schien meine innre Freiheit unleidlich zu verletzen, ich erstarrte vor der Demuthigung, die mir fremde Schuld zuziehen konnte. Julie bemerkte die Unruhe meiner Gedanken, obschon deren Gegenstand ihr fremd seyn mochte; mit der einnehmendsten Schmeichelei stellte sie mir vor, wie sie nur um meinetwillen gehandelt habe, wie sie gern allen Tadel auf sich nehmen wolle, um mir ein meinen Anspruchen so angemessenes, so unschuldiges Vergnugen zu verschaffen allein jetzt ward der zutrauenvolle, dankbar glanzende Blick, mit dem Miss Mortimer fur das Hinwegsenden der Einladungskarten meine Hand druckte, mein Schutzgeist, ich konnte ihr Lob meiner Wahrhaftigkeit, das sie mir noch vor so kurzem gegeben, nicht zu Schanden machen und gewann noch einmal den Sieg uber mich, die Karten mit eigner Hand dem Bedienten zum Forttragen zu ubergeben.
Nun war mein Herz wirklich leicht, wirklich stolz. Ich vergab Miss Mortimer meine Fehlschlagung, dem Maskenball beizuwohnen; mein Abend, obschon einsamer, wie gewohnlich, weil ich mich noch als Kranke behandeln musste, verfloss in der heitersten Laune, und mein Schlaf ward von freundlichen Traumen umgaukelt. Mich wandelte wohl im Verlauf des Tags die Lust an, Miss Mortimer meinen zweiten, da er nicht durch Trotz herbeigefuhrt ward, viel reinern Triumph uber eine Maskeradesehnsucht mitzutheilen; allein ich konnte es nicht thun, ohne meine Freundin, die nur um meinetwillen sich dem Tadel ausgesetzt hatte, bloszustellen, und gebot mir Schweigen.
Schon wahrend meines Streites mit Miss Arnold hatte mir der Gedanke an Herrn Maitlands Meinung uber diesen Maskenball vorgeschwebt und vielleicht, mir unbewusst, meinen Entschluss befordert. Jetzt wunschte ich, dass er kommen mochte, und befahl dem Bedienten, von allen Besuchen ihm allein Zutritt zu gestatten, ich machte mir selbst glauben, nur weil mein Krankenanzug und meine Blasse seinem stoischen Muth ohnehin gleichgultig seyn mussten, ingeheim wunschte ich aber seinen Beifall fur meine Selbstverleugnung zu arnten. Doch erwartete ich ihn diesen Abend vergeblich; erst den folgenden stellte er sich ein, und kaum hatte er Platz genommen, so ruhmte ihm Miss Mortimer mit der zartesten Vorliebe der Freundschaft meine Entsagung. Ich blickte verstohlen ihn an. Sobald er, wovon die Rede sey, vernommen, verbreitete sich ein Freudeschimmer uber sein Gesicht: "Mir daucht, sagte er, dafur sind wir Miss Percy keinen Dank schuldig, sie hat gewiss mehr Freude empfunden, Ihrer Bitte zu willfahren, als zwanzig Maskenballe ihr gegeben hatten." Nicht eben das! rief ich, mir wurde eine Maskerade die grosste Freude von der Welt machen. Sie wollen also durchaus einiges Verdienst bei diesem Opfer haben? fragte Herr Maitland mit leichtem Scherz, setzte sich mit anmuthiger Vertraulichkeit neben mich auf den Sopha und erorterte mit einem Witz, der stets an die Empfindung anstreifte, den Werth meiner Entsagung. Im Verlauf des Gesprachs gebrauchte ich auch den Ausdruck von "geziemendem Stolz." Er fragte mich darauf, was ich unter dieser schonen Redensart verstehe. Nachdem ich vergeblich versucht hatte sie zu erklaren, sagte ich muthwillig: geziemender Stolz sey das Gefuhl, welches mich abgeneigt mache, je als eine geduldige Magd mich vor der Herrschsucht des Mannes zu beugen; ein Gefuhl, welches mir stets den Muth eines unabhangigen Geistes erhalten solle, ohne welchen das Daseyn mir nichts werth sey. "Fern sey es von mir, Ihnen diesen zu rauben", sprach Herr Maitland, anfangs mit Lacheln, das aber, noch wahrend er redete, einer ernsten Theilnahme Platz machte. "Allein, welchen Werth konnte nicht dann dieses Daseyn gewinnen, wenn Miss Percy die reichen Gaben, mit denen die Natur sie uberschuttete, und die doch nur ein Darlehn sind, aufs beste anzuwenden bedacht ware? Was wurde sie dann erst seyn? Alles, was Ihre warmsten Freunde von Ihnen wunschen konnten. Sie wurden vielleicht dann nicht mehr die Bewunderung aller Gecken begehren, sie vielleicht erlangen; allein die innigste Hingabe derer, die weiter blicken, als auf ein schones Gesicht, die war' Ihren gewiss." Die Warme, mit der Herr Maitland sprach, war seiner Gewohnheit so entgegen, sein Blick, ohnehin so durchdringend, strahlte mit so ausserordentlichem Glanz, dass sich mein Auge vor ihm senkte, und gluhende Rothe meine Wange umzog. Gewiss nur diesem Manne konnte es gelingen, meinen Uebermuth zu beugen; allein ich war so befremdet uber meine Unterwurfigkeit, dass die Widerrede mir versagte, und der unerwartete Eintritt meines Vaters mir als eine wahre Erleichterung erschien.
Sein Gesicht kundigte mir an, dass ein besondrer Gegenstand ihn mehr lebhaft als wohlthatig beschaftige. Er schritt rasch ein paarmal im Zimmer hin und her, stellte sich dann vor das Camin und rief mir zu: "Endlich werde ich des Ueberlaufs um Ihretwillen mude, Miss Percy." Um meinetwillen, lieber Vater? was will man von mir? "Von Ihnen ziemlich wenig, aber von mir bei dergleichen Gelegenheit mein Geld. Verzeihen Sie, Herr Maitland, sagte er, sich gegen ihn wendend, dass ich Sie mit Familiensachen unterhalte." Wer will gelegentlich meiner mein Geld? fragte ich sorglos. "Lord Friedrich de Burgh, der zweite Sohn des Herzogs von C. Seine Gnaden waren heute fruh bei mir und haben mir die bestimmtesten Vorschlage gemacht." Herr Maitland hatte im Ernst seiner letzten Worte meine Hand ergriffen und sie, meinem Vater zuhorend, in einer Art Zerstreuung noch immer gehalten; bei dem Namen Lord Friedrichs liess er sie mit einem unsanften Druck los, ich blickte auf, um den Ausdruck seines Gesichts zu sehen, allein er hatte sich abgewendet und schien sorglos in einem Buch, das auf dem Nahtisch lag, zu blattern. Mein Vater erzahlte nun weitlaufig, wie der Herzog bei seiner Bewerbung die Ehre einer Verbindung mit seinem Hause, die Aussicht auf die Herzogskrone, welche die hinfallige Gesundheit seines altesten Sohns Lord Friedrich versprache, nicht habe anzudeuten vergessen, wie es aber so ziemlich am Tage lage, dass mein Heirathsgut ein grosser Bewegungsgrund bei seiner Einwilligung in seines Sohnes Wunsche gewesen sey. Hier hielt mein Vater inne und blickte mich fragend an, als erwarte er, dass ich doch einige Neugier nach der Entscheidung, die er in der Sache gegeben, bezeigen sollte. Ich spielte aber sorglos mit meinem Armband und liess mich auf nichts ein. Herr Percy nahm also wieder das Wort und erzahlte mit Triumph, wie unbedenklich er den Herzog abgewiesen habe. Zweitausend Pfund Witthum habe er geboten "eine schone Herrlichkeit fur ein Madchen, das Hunderttausende Mitgift hat und noch doppelt so viel zu erwarten! Und dafur, schloss er, soll ich einen Schnapphahn in mein Haus aufnehmen, den ich herausfuttern, dem ich alles, bis auf den Rock, mit dem er den Gecken spielt, anschaffen musste, damit er und seine bankerotte Familie mich und mein Madchen uber die Schulter ansehe? Nein wahrlich, dafur hat kein wackrer Mann in England sein Vermogen gesammelt. Wie, Maitland?" Wahrlich nein, nicht nach Ihrer noch nach meiner Ansicht, antwortete Herr Maitland gezwungen. "Aber der grosse Mann ist auch in einen Zorn gerathen, er schamt sich seiner Vorschlage und wunscht sie geheimgehalten. Gewisslich, ich werde sie nicht verkunden! Alle Welt weiss, dass ich viel vortheilhaftere Vorschlage fur meine Tochter verwarf."
Also er will, die Sache soll verschwiegen bleiben? fragte ich hastig; da konnten sie ja seine Tochter vielleicht nicht einmal erfahren. "Sie sehen sie demnach als ganzlich beendigt an?" sagte mein Vater zu mir, ohne auf meine Worte zu achten. Gewiss! rief ich; wusste ich nur, wie ich machte, dass sie Lady Maria erfuhre. Vertrauen Sie sie einer recht innigen Freundin, sagte Herr Maitland sehr trocken; sagen Sie mir aber nur, warum es Ihnen so am Herzen liegt, dass Lady Maria sie erfahrt? "Weil sie sich ganz grenzenlos daruber argern wird; die Tochter eines blossen Kaufmanns, welche dem Enkel des hundert und funfzigsten de Burgh einen Korb gibt! das wird ihr alle Kanten und Schonheitsmittel verleiden!" Ich war von diesem Gedanken so entzuckt, dass ich erst nach einer Weile bemerkte, wie Herr Maitland bis ans Ende des Sophas von mir gewichen war und ganz erblasst in finsterm Nachdenken den Kopf auf die Hand stutzte. Gleich darauf nahm er von Miss Mortimer Abschied, doch in dem Augenblick, wo er zur Thur schritt, kam die Kammerfrau dieser und meldete ihr, Frau Wells wunsche sie einen Augenblick zu sehen. Miss Mortimer bat ihn, seine Schutzbefohlne noch zu begrussen; er willigte ein, aber mein Vater begab sich mit der Bemerkung hinweg: Wenn die Frau Geld will, Miss Mortimer, so lassen Sie's mir sagen, ich habe den Leuten immer das Ihrige geschickt und bin ihnen nichts schuldig.
Anfangs war die gute Frau besturzt, ihre Wohlthaterin nicht allein zu finden, sie schien sich nicht zum Reden ermuthigen zu konnen. Doch Herr Maitland, dem es nun einmal gegeben war, sich alle Herzen zu erschliessen, that ihr einige Fragen, die ihre Zuversicht zuruckriefen. Geld wollte diese wackre Frau nun eben nicht, aber Etwas, das der Arme eben so oft braucht, aber seltner fordert: guten Rath wunschte sie von Miss Mortimer zu horen wegen einer Liebschaft ihrer Tochter Sally. Sie ward von einem jungen Handwerksmann zur Ehe begehrt; sein Gewerb und Sally's Nadel konnten des jungen Ehepaars taglichen Unterhalt sichern; allein zur Hauseinrichtung war nichts da, sie musste mit Schulden angefangen werden, und das, meinte Frau Wells, setzte sie auf immer zuruck. Nun habe sie den Liebenden gerathen, ein paar Jahrchen zu warten, recht fleissig zu seyn und recht zu sparen, bis sie das Nothige zusammengebracht hatten. "Die jungen Leute denken aber, wenn man sich liebe, brauche man wenig, sagte sie, zu mir gewendet ach, sie haben das Armseyn vergessen, seit Ihre verehrte Mutter mir zu sicherm Erwerbe verhalf! Das weiss Niemand, was Armseyn ist, als der es erfahren hat, wie ich. Manches Leiden kann man sich auf Augenblicke aus dem Sinne schlagen, aber harte Schuldner, frierende, hungrige Kinder ach, die lassen uns die Armuth keinen Augenblick vergessen! Meine Bitte ist nun, dass Miss Mortimer meiner Sally zureden mochte, meinem Rathe zu folgen und nach ein paar Jahren, in denen sie gewiss vierzig oder funfzig Pfund zusammensparen konnten, mit meinem Segen ihre Ehe anzutreten." Wie? rief ich, den Schluss ihrer Rede gar nicht anhorend, mit vierzig oder funfzig Pfund ist die Sache abgethan? Die kann ich ihr ja sogleich von meinem Monatsgelde geben, denn gewiss habe ich so viel ubrig. Ellen, was fallt Ihnen ein? rief Miss Arnold, die seit einer Weile ins Zimmer getreten war, Sie wollen doch nicht funfzig Pfund auf einmal hingeben? Warum nicht? Ich brauche das Geld nicht, und sollte ich, so gibt mir Papa einen Vorschuss. Anfangs bot ich mein Geld in gutmuthiger Ueberraschung an, erst Miss Arnolds Widerspruch liess mich ein Verdienst in meiner Handlung entdecken, und dafur den Lohn in Herrn Maitlands Blicken zu finden, suchte ich ihn nun auf. Aber sein Auge schenkte meiner Freigebigkeit keinen Beifall, die nicht aus Grundsatzen entsprang, die kein Opfer auflegte, keine Entsagung gebot. Mit ruhigem Mitleid blickte er mich an, als wolle er sagen: Du armes Geschopf, selbst dein Gutes hat keinen moralischen Halt! Frau Wells grubelte nicht uber die Quelle meiner Grossmuth, sie dankte mit inniger Ruhrung, nahm sie aber nicht an, weil Sally und Robert ihres Eheglucks sichrer waren, wenn sie ein paar Jahr gearbeitet und gespart hatten, um es zu erlangen, und weil die Gewohnheit von Geduld und Fleiss ihnen mehr frommen wurde, wie mein Gold. Der belohnende Blick, den ich in Maitlands Auge gesucht hatte, bestrahlte jetzt Frau Wells; er verhiess ihr Segen fur diese Denkart, allein drei Jahre, meinte er, sey eine zu lange Prufung; sie solle die Liebenden ein Jahr lang nach ihrem Ziele hinarbeiten lassen, und was an dessen Schluss noch an der nothigen Summe fehle, lege er dann hinzu. Frau Wells dankte innig, aber ohne Erniedrigung; ich konnte, sagte sie darauf sich zu mir wendend, Sally am wirksamsten bei ihrer Absicht unterstutzen: das junge Madchen arbeite gut, es fehle ihr nur an neuen Mustern und Kunden unter vornehmen Leuten; wenn ich mich aber herablassen wollte, sie fur mich arbeiten zu lassen, so wurden bald die elegantesten Damen ihr zu thun geben. So wie ich der wackern Frau Meinung verstand, gerieth ich in die peinlichste Verlegenheit. Wie konnte ich mich entschliessen, ein Kleid anzulegen, das nicht die erste Modeschneiderin der Hauptstadt gemacht hatte? Aber Frau Wells bat so schuchtern, so ernst! Wie sollt ich's ihr abschlagen? Miss Arnold liess mir Zeit, mich zu sammeln, denn noch ehe die wackre Frau ganz ausgesprochen, rief sie: "Behute uns Gott, ehrliche Frau, Miss Percy soll doch kein Ding anziehen, wie Ihre Tochter sie zusammenflickt? Ehe die ein Muster fande, zoge es ja alles Lumpengesindel durch die Hande!" Ich wollte nicht zudringlich seyn, nahm Frau Wells hocherrothend das Wort; ich meinte, wenn Miss Percy die Gute hatte, Sally anzuweisen. O liebe Frau Wells, sagte ich besanftigend, dessen ware ich nicht fahig, ich verstehe nichts davon; aber ich will Sally empfehlen, uberall wo ich Arbeit fur sie hoffen kann. Liebe Miss Mortimer, Sie geben ihr zuerst welche! Das kann sie, sagte Herr Maitland trocken, sie kann den Zauber eines modigen Rockschnittes entbehren.
Mistriss Mortimer erfuhr spaterhin, dass Herr Maitland in den nachsten Tagen die Summe, welche Sally bei ihrer Hochzeit ausgezahlt werden sollte, gerichtlich niedergelegt hatte. Das junge Madchen liess sich von meiner ehrwurdigen Freundin zur freudigen Nachgiebigkeit in der Mutter Rath bewegen, und das Gluck dieser Menschen war gesichert. Ich vergass schnell meine werthlose Grossmuth; sie glich dem unstaten Schimmer des wogenden Meeres, indess Miss Mortimers und Maitlands Menschenliebe belebend, thatig, allverbreitet, wie der Sonnenstrahl, wirkte.
Sobald meine Unpasslichkeit voruber war, begann ich meinen Kreislauf von Lustbarkeiten von neuem. Mein erster Ausgang war ein Konzert und Souper, das Lady G. einem kleinen Freundeskreis von vier und funfzig Personen gab. Gleich bei meinem Eintritt erblickte ich Lord Friedrich, der neben seiner Schwester, Lady Auguste und Lord Glendowr stand. Lady Marie machte ihn mit spottischem Gelachter meine Anwesenheit bemerken; er wendete den Kopf nicht einmal zu mir; ich durchblickte Lady Mariens Absicht und setzte alle kleine Mittel der Gefallkunst in Thatigkeit, um ihr Lord Friedrich zu entreissen doch alles umsonst, bis die Frau vom Hause mich zu einer Bravour-Arie aufforderte, zu der ich mich meiner Fahigkeit bewusst war; nach ihren ersten Tonen, welche die Gesellschaft in die tiefste Stille gezaubert hatten, nahte sich Lord Friedrich der Lady G., die bewundernd neben mir stand. Mein Herz schlug horbar uber meinen Triumph, meine Stimme schien von der Begeisterung getragen da horte ich, wie er sich bei der Wirthin, nothiger Geschafte wegen, entschuldigte, und sah, wie er aus der Gesellschaft verschwand. Meine Fassung reichte kaum aus, die Arie zu beenden; unter dem Gerausche des Beifalls gewann ich Zeit, meine Lage zu ubersehen, und da ich, wie alle eitle Weiber, lieber Anmassung abwehrte, als Vernachlassigung ertrug, beschloss ich meine Empfindlichkeit zu verbergen. Bald war mein Plan entworfen; durch eine geschickte Wendung bewog ich Lord Glendowr, Lady Maria's erklarten Bewunderer, mir einen Augenblick Aufmerksamkeit zu verleihen, und fesselte ihn dann so vollstandig, dass er den ganzen Abend nicht mehr meine Seite verliess. Wahrlich, der armselige Triumph war theuer erkauft; er verdammte mich, drei todtlich langweilige Stunden mit anscheinender Lebhaftigkeit dem Geschwatz des einfaltigsten Sterblichen zuzuhoren. Eine Anstrengung, von der ich mude und von innerm Zwiespalte erschopft endlich nach Haus eilte.
Das nothwendige Geschaft, das Lord Friedrich aus der Gesellschaft gerufen, war eine Spielpartie, in welcher er zweitausend Pfund verloren hatte. Miss Arnold sprach mit dem zartlichsten Mitleid von ihm und gebrauchte ihren Einfluss uber meine Schwache so wohl, dass sie mich endlich beredete: die Verzweiflung, sein Gesuch bei meinem Vater ganzlich fehlschlagen zu sehen, habe ihn zu dieser Thorheit gebracht. In gewissem Sinne hatte sie recht. Geld musste er sich verschaffen; wie es ihm durch Eroberung meiner Mitgift nicht gelungen war, versuchte er es mit den Karten allein diese Entdeckung zu machen, war ich viel zu sehr in Selbstbetruge befangen. Es schmeichelte meiner Eitelkeit, eines Mannes Leidenschaft also aufgeregt zu haben, und mein Zorn uber seine Vernachlassigung war, wie ich ihn den folgenden Abend bei Mistriss Clermont fand, beinahe verraucht.
Die Zimmer waren so voll, dass ich mich gleich beim Eintritt von Miss Arnold getrennt sah und erst nach einigen Minuten sie, im ernsten Gesprach mit Lord Friedrich begriffen, wiederfand. Befremdet trat ich ihnen naher und horte ihn sagen: "Da wurde ich eine sehr einfaltige Figur machen." "Die Sache ist unmoglich, antwortete Miss Arnold, er hat auf der Welt keinen Verwandten, als ..." hier erblickte sie mich, schwieg und errothete. Doch ich hatte keine Zeit, Bemerkungen zu machen, denn Lord Friedrich ergriff meine Hand und ausserte seinen Unmuth uber seine von meinem Vater erlittene Fehlschlagung in einem Ton, dem "mein Selbstgefuhl", welches ich gegen Herrn Maitland als Richtschnur meines Betragens aufgestellt, kalte Verachtung hatte entgegensetzen sollen. Doch Lady Marie, die ihren Bruder bewachte, naherte sich schnell, um ihn zu einem Zeitvertreib abzurufen, den er durch Kartenkunste Lady Auguste zu verschaffen, versprochen hatte; das war genug, mich uber meine weibliche Wurde zu verblenden, ich setzte mein Gesprach mit Lord Friedrich fort, liess mich auf einen nebenanstehenden Stuhl nieder, er nahm seinen Platz neben mir und schlug seiner Schwester ab, sie an Lady Augustens Spieltisch zu begleiten. In der Unterhaltung, welche nun folgte, wurden die zuruckgesendeten Einladungskarten nicht vergessen. Er scherzte uber meine Weigerung und drang darauf, die eigentliche Ursache derselben zu wissen; aus Verlegenheit sagte ich ihm, dass ich Anstand nahme, mich in die Gesellschaft einer Dame zu drangen, der ich nicht vorgestellt sey. Bei diesen Worten sprang er auf, um mir Lady St. Edmond, welche sich auch in der Gesellschaft befand und, wie er sagte, seit langer Zeit mich kennen zu lernen wunsche, zuzufuhren. Sogleich kehrte er mit einer Dame zuruck, deren glanzende Erscheinung und liebenswurdige Gestalt, wenn sie gleich uber die Jugendjahre hinaus war, den angenehmsten Eindruck machte. Ihre gemuthvolle Hoflichkeit, ihr ungezwungnes Betragen, ihre Schmeichelreden bezauberten mich, ich blieb den ganzen Abend ihre Gefahrtin und nahm das Versprechen ihres Besuchs auf den folgenden Morgen mit der grossten Freudigkeit an.
Sie erfullte dieses Versprechen und war im vertraulichen Geschwatz am Camin noch hinreissender, wie im Gerausch des Salons, obgleich ihre Reize beim Tageslicht weniger vortheilhaft erschienen. Im Verlauf des Gesprachs warf sie mir auf die schmeichelhafteste Weise meine Weigerung vor, ihren Ball wie sie sich ausdruckte durch meine Gegenwart glanzender zu machen. Ich war redlich gesonnen bei meinem Entschluss, nicht dabei zu erscheinen, zu beharren, allein Miss Arnold wusste meine Grunde bald zu entkraften, bald, indem sie meine Nachgiebigkeit gegen Miss Mortimers Wunsch als kindische Folgsamkeit darstellte, meine Eitelkeit zu reizen, so dass ich das Anerbieten der Lady St. Edmond, uns nochmals Karten zu senden, nicht abzulehnen den Muth hatte.
Kaum hatte sie mich mit den einnehmendsten Liebkosungen verlassen, so trat Miss Mortimer ein und musste den ersten sturmischen Erguss der Freude uber meine neue Bekanntschaft vernehmen. Sie that es mit bedachtiger Ruhe und der gleichgultigen Bemerkung: "sie habe gehort, dass Lady St. Edmond sehr liebenswurdig sey." Noch mehr durch ihre Fassung, die ich fur Abneigung gegen meinen neuen Gotzen hielt, erhitzt, haufte ich Lobspruche auf Lobspruche und fugte den Wunsch, mit so einer Freundin meine Tage zu verleben, hinzu. Miss Mortimer erinnerte mich an die Nothwendigkeit, neue Verbindungen nur allmahlig zu knupfen. Ich nannte das Kaltherzigkeit. Sie deutete darauf, dass Lady St. Edmonds Ruf von der Art sey, diese Behutsamkeit einem jungen Madchen sehr nothig zu machen. Nun war mein Stolz emport; ich wollte mich den Regeln allgemeiner Klugheit nicht unterwerfen; ubermuthig erklarte ich alles, was die Welt uber meine neue Freundin urtheilen mochte, fur Verleumdung, und einer solchen Verleumdung Gehor zu geben, fur die elendste Schwache. Mit Engelmilde setzte mir darauf Miss Mortimer den Unterschied auseinander, der darin lage, ein altes FreundesVerhaltniss wegen Beschuldigungen des offentlichen Rufes aufzulosen, oder neue solche Verhaltnisse mit einer Person von beflecktem Rufe zu knupfen. Das Erstere konnte Ehre und Menschlichkeit in manchen Fallen verbieten, das Andere sey gewagt und fur eine Person meines Alters und Geschlechtes vollig zu verwerfen. Diese Ansicht war so einleuchtend, dass ich mit all meinem Uebermuth nicht sogleich eine Widerlegung bereit hatte. Miss Mortimer, viel zu edel, um sich der Bestatigung meiner Niederlage in meinem Stillschweigen zu erfreuen, verliess ungesaumt das Gemach.
Der Gedanke an den verfuhrerischen Maskenball zerstreute mich bald von dem unangenehmen Eindruck, den diese Unterredung zuruckliess. Fest entschlossen, ihm zu entsagen, erlaubte ich mir um so unbedachter, mich an der Vorstellung seines Glanzes zu weiden. Ich dachte mir die Pracht meiner turkischen Maske, die Anmuth, die sie meiner Gestalt verleihen musste, die Bewunderung, die ich erregen, die witzigen Antworten, die ich ertheilen wurde doch vor allem beschaftigte sich meine Einbildungskraft mit dem Vergnugen, den ganzen Abend an Lady St. Edmonds Seite zu seyn. Zu gewohnt, meine Interessen mit Miss Arnold zu theilen, wurden meine eiteln Traume Gegenstand unsers nachsten Gesprachs, und es ward ihr leicht, da durch Lady St. Edmonds personliche Einladung der Hauptgrund der Weigerung, der in Lord Friedrichs Dazwischenkunft bestanden hatte, gehoben war, mich zu bereden, dass es meinem Vater allein zukomme, uber das Annehmen oder Ausschlagen der Einladung zu entscheiden. Der Ausweg war meinem Gewissen willkommen, allein es war noch zu schuchtern; den Vorschlag meinem Vater selbst zu thun, fehlte es mir an Muth. Miss Arnold bot sich ungebeten zu der Unterhandlung an, diese gluckte ohne die geringste Schwierigkeit; mein Vater, durch seine Unkunde der feinern Gesetze des weiblichen Anstandes, da meine gute Mutter nie in der grossen Welt gelebt hatte, und durch seine Eitelkeit, die an den vornehmen Bekanntschaften seiner Tochter Gefallen fand, irre geleitet, tadelte Miss Mortimers Ansicht und befahl mir ohne weitres Nachdenken, der Einladung Lady St. Edmonds zu folgen. Nun war der Pflicht genug gethan; aber die Umstande erheischten es doch, Miss Mortimer die Veranderung meines Entschlusses mitzutheilen, und das schien mir noch schwieriger, als das Gesuch an meinen Vater. Miss Arnold versuchte mir deutlich zu machen, dass zu Vermeidung aller Unannehmlichkeiten fur beide Theile nichts leichter sey, als dem wurdigen Madchen unsern Besuch des Maskenballs ganzlich zu verschweigen. Sie kenne unsre Einladungen nicht, es sey sehr leicht, an dem Ballabend eine andere Gesellschaft zu besuchen, dann spater unsern Anzug zu andern, um noch immer fruh genug, bei Lady St. Edmond zu erscheinen. Meine ganze Seele emporte sich gegen diesen furchtsamen Betrug; fast hatte mich dieser Vorschlag uber Juliens gefahrlichen Einfluss aufmerksam gemacht, allein sie wusste bei der ersten Aeusserung meines Missfallens mich mit Thranen und Liebkosungen zu uberzeugen, dass nur der innige Wunsch, mir den Genuss dieses Ballabends zu verschaffen, sie leite. Sie bot mir an, ihre Karte Miss Mortimer abzutreten, so alle Hindernisse zu heben und mir den sichersten Beweis ihrer uneigennutzigen Freundschaft zu geben. Mein schwaches Herz, der Liebe bedurftig und der Schmeichelei gewohnt, liess sich leicht beschwichtigen, und als Ersatz fur das meiner Freundin gethane Unrecht, gab ich ihr sogar bis dahin nach, dass wir, um Miss Mortimers Missbilligung so viel wie moglich zu entgehen, sie erst am Ballabend selbst, im Augenblick unsrer Abfahrt, mit meinem veranderten Entschluss bekannt machen wollten.
Miss Mortimers Ermahnungen zum Trotz, setzte ich meine Bekanntschaft mit Lady St. Edmond fort. Ich zog zwar einige Erkundigung uber sie ein; ihr Erfolg stellte meinen neuen Liebling als eine Frau dar, die sich mit grossem Gluck und Vortheil dem Hazardspiel ergabe und uber einen Punct ihres Betragens solcher Fehltritte wegen verdachtig werde, die es besser sey nicht zu erwahnen. Die Heftigkeit, mit der ich Lady St. Edmond unschuldig zu finden wunschte, bewog mich, die offentliche Meinung als eine Despotin zu betrachten, der zu widerstehen, mich meine Eitelkeit aufreizte; meine Zuneigung fur sie gewann durch meine Absicht, ihr dadurch nutzlich zu seyn, neue Starke, so wie auch meine Bewunderung ihrer liebenswurdigen Eigenschaften dadurch anwuchs. Wirklich war aber ihr Betragen gegen mich so anziehend, ja so bezaubernd durch Geist und gemuthvolles Wesen, dass ich noch jetzt, nach Verfluss manches Jahres und mancher gemachten Erfahrung, uberzeugt bin, ihr Wohlgefallen an mir war nicht ganz erlogen. Ich habe selten ein so verhartetes Herz gefunden, dass es nicht, wenigstens vorubergehend, durch die redliche Gefuhlswarme der Jugend geruhrt worden ware. Ich vermochte auch gar keine Ursache zu entdecken, die sie, mir zu heucheln bewegen konnte; auch fur die Beschuldigung ihrer Liebe zum Spiel fand ich, in ihrem Verhaltniss zu mir, keinen Beweis; sie veranlasste mich nur ein einzigesmal die Karten zu nehmen, und da war ich im Gewinnen. Miss Mortimer fuhr indess fort mich zu warnen und auf ihrer ubeln Meinung von dem Gegenstand meiner Vorliebe zu beharren, so dass ich den Ausdruck meiner Bewunderung aus Widerspruchsgeist noch erhohte. Ein prophetischer Ausspruch meiner Warnerin pragte sich meinem Gedachtniss besonders ein, weil er mit einer Strenge abgefasst war, wie ich sie bei keiner andern Gelegenheit aus Miss Mortimers sanftem Munde vernahm. Ich hatte Lady St. Edmond "meine Zauberin" genannt; diesen Ausdruck fasste sie auf und sagte: "Zauberin? ja das ist sie, denn sie zieht Sie in einen Kreis, den nichts Gutes oder Heiliges betritt; wollen Sie ihr dahin folgen, so bieten Sie allen guten Engeln Lebewohl. Die Guten werden Sie einer nach dem andern verlassen, und Ihnen kein Gefahrte bleiben als der Ihre Irrthumer benutzen will, oder Ihren Untergang befordern."
Es ist sehr sonderbar, dass Wesen, die so wie wir, alles von der Zukunft erwarten, sie oft da sorglos ubersehen, wo sie uns so sichern Rath gewahren konnte. Wird man es glauben konnen, dass ich von derselben Unterredung weg, in welcher Miss Mortimer jene ernsten Worte zu mir sprach, in einer Versteigerung, wo die ganze Londner Welt sich einfand, an der Seite Lady St. Edmond erschien? Man verkaufte den Nachlass einer hochst modigen Frau, unter dem sich alles kleine Gerath, Zimmer-Aufputz und LuxusSpielwerke befanden, die das Bedurfniss des Kunstlers erfindet, um die Uebersattigung des Reichen zu neuer Besitzes-Begier zu reizen. Jedes Mitglied der Modewelt ward von der Begierde sein Geld und seine Zeit zu vergeuden, oder doch seine Neugierde zu weiden, dahin gefuhrt. Lord Friedrich, seiner schonen Cousine bestandiger Begleiter, war uns zur Seite, so wie er uberhaupt, seit mein Vater seine Bewerbung zuruckgewiesen, mir seine Aufmerksamkeit noch viel eifriger bezeugte wie vorher. Miss Arnold glaubte es aus dem Grund zu erklaren, dass er seine Beflissenheit gegen mich, nun sie gar keine Absicht mehr haben konnte, auch gar nicht mehr zu verbergen brauche, indem unser Verhaltniss beiderseitig eine unschadliche Koketterie bleiben musste. Diese Erklarung beruhigte mich nicht, weil sie aber meiner Eitelkeit freies Feld bot, liess ich sie als hinreichend gelten. Es waren schon eine Menge kostbarer Spielwerke verkauft, wahrend das Gesicht mancher gegenwartigen Dame, durch Begehrlichkeit, Neid, Fehlschlagung, mehr oder weniger entstellt, mich fast so sehr als der Anblick der glanzenden Gerathschaften beschaftigte. Endlich fiel mir der missgunstige Ausdruck einer betagten, hagern Frau, die ihre Augen auf eine runde, bluhende Gestalt richtete, welche ein eben erstandnes sehr schones Porzellangefass wohlgefallig betrachtete, so lebhaft auf, dass ich meinen Bleistift hervorzog, um sie als Karrikatur zu entwerfen. Noch war ich damit beschaftigt, als ein allgemeiner Ausruf der Bewunderung meine Blicke auf ein Toilettenkastchen von Schildpatte mit goldnen Verzierungen zog, das eben zum Verkauf ausgeboten wurde. Dieses Kastchen war ein Meisterstuck an Vollendung der Arbeit, an Reichthum und Zierlichkeit der Verzierungen. In einem Moment ward ich vom Zuschauer bei dieser Scene der Thorheit, eine handelnde Person, ich fand in der Versicherung des Ausrufers: dass die funfzig Pfund fur die es angeschlagen sey, nicht ein Drittel seines Werthes betrugen, eine Rechtfertigung meiner unwiderstehlichen Lust es zu besitzen, und that ein Gebot. Die Besitzeslust welche mich ergriffen, wirkte auch auf Andere, man steigerte den Preis bis zu siebenzig Pfund. Nun stockte der Wetteifer einen Augenblick; dieser schien mir gunstig, ich bot noch einmal allein ich hatte mich geirrt; jetzt trat eine altliche, widrige Dame mit mir in Wettstreit, mit spottender, fast geringschatzender Kalte trieb sie mich hinauf, bis fur hundert und funfzig Pfund sie mir das Spielwerk uberliess. Ich hielt meinen neuen Besitz in den Handen, ich genoss die Gluckwunsche, die neidischen Blicke, die bewundernden Ausrufungen der Umstehenden, als mir die Nothwendigkeit, meinen Kauf zu bezahlen aufs Herz fiel. Den Versteigerungs-Gesetzen gemass, musste dieses baar geschehen, und ich hatte aufs hochste zwanzig Guineen in meinem Beutel. Mit einer Verlegenheit, die alles was ich bisher in dieser Art erfuhr, ubertraf, wendete ich mich, kaum horbar an Lady St. Edmond mit der Bitte um ein Darlehn, das ich gewiss war ihr gleich nach meiner Nachhausekunft erstatten zu konnen. Ich meinte sicher noch einen grossen Theil meines Monatgeldes in meinem Schreibtisch zu haben; reichte dieses nicht hin, so rechnete ich auf einen Vorschuss von meinem Vater, und war auch uberzeugt bei Miss Arnold Unterstutzung zu finden, denn vor kurzer Zeit sah ich, dass sie Gold in Handen hatte, und theilte auch meine letzte monatliche Rente mit ihr. Lady St. Edmond horte meine Bitte mit der grossten Gefalligkeit, bezeigte mir aber das innigste Bedauern, auch nicht einen Schilling in ihrem Beutel zu haben, da sie gar nicht einzukaufen gesonnen gewesen sey. Zugleich rief sie Lord Friedrich herbei, um mir den nothigen Vorschuss zu machen. So leichtsinnig ich war, so sehr Irrthum und Thorheit mich umfing, schauderte ich doch vor dem Gedanken Lord Friedrichs Schuldnerin zu werden. Ich weigerte mich daruber mit ihm einzugehen und blickte umher, um mich an eine andre Bekannte zu wenden. Ein reiches junges Frauenzimmer, die ich oft sah, schien mir die geschickteste, mich aus meiner Verlegenheit zu reissen; ich stellte sie ihr vor, sie wies mich aber mit der Versicherung zuruck, dass ihr nur eine Guinee, sie in Versteigerungen zu verwenden, zu Gebot stehe. Aber Sie boten ja auch auf das Kastchen, rief ich verwundert. "O das that ich zum Zeitvertreib. Was sollte ich mit diesem kostbaren Dinge machen? Das kaufen nur Leute, die alle Taschen voll Geld haben." Lady St. Edmond verlachte mich ohne Schonung uber meine Ziererei gegen Lord Friedrichs Anerbieten; die Nothwendigkeit zu bezahlen drang sich mir auf, und ehe ich mirs versah war Lord Friedrichs Gold in meinen Handen. Doch stellte er mirs auf so eine bescheidne, anstandige Art zu, die es bewies, dass ein Modeheld bei Gelegenheit dennoch hoflich zu seyn im Stande ist. Sobald ich seine Banknote angenommen, fragte ich ihn scherzend: welche Sicherheit er von mir fur die Ruckzahlung verlange? Er fasste meine Hand und zog mir tandelnd einen Ring von wenigem Werth mit den Worten vom Finger: "Das ist mein Pfand. Glauben Sie aber nicht, dass ich es fur ein paar armseelige Guineen zuruckzugeben gedenke! Sie konnen es sobald Sie wollen bei einer schicklichen Gelegenheit eintauschen." Der Scherz missfiel mir, aber um ihm keine Wichtigkeit zu geben, und seine Bedeutsamkeit nicht uberlegend, liess ich ihn im Besitze des Rings.
Wie ich mit meinem, durch so bittre Verlegenheit erworbenen, Schatz nach Hause kam, untersuchte ich meinen Geldvorrath, und fand zu meinem Erstaunen, dass neun bis zehn Pfund alles sey, was er enthielt. Mir war es rathselhaft, wohin mein Geld gekommen seyn konnte; aber da ich ein ahnliches Erstaunen bei meinem Vater voraussetzen musste, wenn ich ihn um Vorschuss ersuchte, wendete ich mich zuvorderst mit meinem Gesuch an meine Freundin Miss Julie. Mit einem Erguss von Bedauerniss und Selbst-Anklage, erklarte sie mir, kaum einige Guineen zu besitzen; sie habe zwar baar Geld in Handen gehabt, allein bei ihrem letzten Besuch bei ihrem Bruder habe sie ihn in einer Verlegenheit gefunden, "und gut, wie ich bin", waren ihre Worte, "half ich ihm aus, indem ich mir eine Freude daraus machte, ihm diesen Beweis von der Grossmuth meiner edlen, hochherzigen Freundin gegen ihre Julie geben zu konnen. Am Ende des Monats zahlt er mirs zuruck, und dass Lord Friedrich so lange warte, ist ja das Gleichgultigste von der Welt." Der Meinung war ich nicht; meine nachste Absicht ging ernstlich dahin, mich an meinen Vater zu wenden, allein Miss Arnold machte mich aufmerksam, dass ich dieses nicht konnte, ohne ihm mein gesellschaftliches Verhaltniss zu Lord Friedrich zu verrathen, sie stellte mir die Unannehmlichkeiten, die ein Verbot von seiner Seite mir zuziehen konnte, so fuhlbar vor, sie bewies mir so klar, dass der Schritt bei der Sicherheit, in wenig Tagen zahlen zu konnen, so unnothig sey, ja dass mir meines Vaters Aushulfe im aussersten Fall immer zu Gebot stande so dass ich, zwar angstlich und ungewiss, ihm die Sache zu verhehlen, einwilligte. Moge doch hier jeder meiner Leser, der noch am Eingang seiner Lebensbahn steht, meinen warnenden Zuruf horen: jede seiner Handlungen, die er vor seinem naturlichen Verstand, wer er seyn mag, zu verhehlen sucht, mit scharfem Blick zu untersuchen! Ist diese Handlung wichtig, so verlasse er sich nicht auf sein eignes Urtheil uber sie; ist sie geringfugig, so hute er sich, dass Verhehlen sie nicht zu druckender Wichtigkeit anwachsen mache! Ein schuchternes Gemuth verliert, indem es sich durch diese heimlichen Pfade durchwindet, die sichre Haltung des reinen Bewusstseyns; ein kuhnes, stolzes, wie das meinige war, dem die Anerkennung von Irrthum, von Bedurfniss nach Beistand so schwer wird, erfasst mit einer Eigenmacht, die in ihrer Kraft noch nicht wie etwas Schlechtes aussieht, diesen Ausweg, Vorwurf zu vermeiden, und der frohe Muth der Wahrheit ist fur dasselbe dahin.
Fur dieses Mal war Miss Arnold mit ihrem Sieg uber meinen besten Willen zufrieden. Wie ein guter Feldherr, begnugte sie sich, den eroberten Posten zu sichern. Erst am folgenden Morgen fragte sie mich nachlassig: ob ich an Lord Friedrich einige Worte zur Entschuldigung geschrieben. Ich verneinte es und setzte hinzu: dass es mir ungeschickt schiene. Wenn Sie nicht schrieben, meinen Sie? fragte Julie, gewiss ware das ungeschickt. Ausserdem sollten Sie gar keine Gelegenheit zu schreiben aus den Handen lassen; denn es besitzt Niemand in dem Grade, wie Sie, die Grazie des Styls, der Wendung in einem Billet. Der dunkle Begriff von Unziemlichkeit, ein solches Billet zu schreiben, der mich bis dahin beschaftigt hatte, verschwand vor dieser Schmeichelei; ich schrieb, ich erhielt eine Antwort, die mich in die Nothwendigkeit versetzte, meinem Liebhaber denn Lord Friedrich als solchen zu betrachten, hatte ich nun stillschweigend eingewilligt nicht ohne einige Zeilen zu lassen; Briefe, Sonette, Episteln in Versen flogen hin und her und nahmen bald den Gang eines geregelten Briefwechsels an. Miss Mortimer durfte von diesem allen nichts ahnen, und das Unrecht nimmt so schnell von unsrer Seele Besitz, dass mich die Geschicklichkeit, mit der wir unsere geheime Kurzweil verbargen, mir bald zu einem eignen Vergnugen gereichte.
Der Maskenball ruckte indessen naher, mein Sultaninnenputz beschaftigte mich so lebhaft, dass ich wenig auf die gewohnlichen Umgebungen Achtung gab; nur auf Miss Mortimer wendete sich, durch Gewissensunruhe angetrieben, zuweilen mein Blick. Ich bemerkte, dass sie leidend aussah; zwar war ihre Gesundheit immer sehr zart, allein in dieser Zeit fielen mir ihre krankhafte Farbe, ihre tief liegenden Augen und ein schmerzlicher Zug ihrer bleichen Lippen um so angstlicher auf, als ihr Blick, der oft traurig auf mir ruhte, mein Unrecht zu errathen schien. Sie befreite mich selbst von dieser Sorge, indem sie mir freundlich klagte, dass mein Vater ihr abschlage, eine kleine Gesellschaft fur den funften Mai zu veranstalten, wie sie mir am Abend des Maskenballs ertraglicher die Zeit zu verkurzen gewunscht hatte. O Ellen, unterbrach sie sich selbst, wie ahnlich sehen Sie Ihrer guten Mutter, wenn Sie errothen! Da mochte ich immer errothen, antwortete ich, denn ich mochte Niemandem lieber ahnlich sehen, wie ihr. Nun, liebe Ellen, wenn Sie nicht eitel seyn wollen, so will ich Ihnen sagen, dass Sie eine noch wesentlichere Aehnlichkeit mit ihr haben. Sie sind, gleich ihr, fahig, Ihre liebsten Wunsche Ihren Freunden zum Opfer zu bringen. Diese Worte uberwaltigten mich, von meinem bosen Gewissen uberrascht rief ich: Sie mir ahnlich! O ein Engel des Lichts konnte eben so gut einem schwarzen, brutenden ... hier fuhlte ich, dass ich mich verrieth, und hielt inne. Miss Mortimer blickte mich mit einem so sanften, zutrauenvollen Lacheln an, bei dessen Erinnerung ich jedesmal mich selbst verabscheue; "liebe Ellen, sagte sie dabei, wenn ich Ihr Beichtiger seyn soll, so mussen Sie mir Ihre Sunden auch hubsch vertrauen, sonst besitze ich ja, wie Herr Maitland es nennt, eine Sinecure." Ja wahrlich, das sollte ich! erwiederte ich ruhiger, sollte nie wieder etwas Unrechtes thun, ohne es Jemand anzuvertrauen. Aber die Leute haben keine gute Art, mir meine Fehler vorzuhalten, sie machen mich zornig. Miss Julie halt mir oft meine Fehler vor, aber sie macht mich nie bos. "Nun, liebe Ellen, versuchen Sie es einmal mit mir, ich will Ihnen absichtlich gewiss nichts Verletzendes sagen. An Geschicklichkeit will ich mich zwar nicht ruhmen mit Miss Arnold zu wetteifern, aber an herzlicher Zuneigung gewiss. Sie haben ein Recht zu meiner Nachsicht, das kein Irrthum von Ihrer Seite Ihnen raubt, um so mehr, da ich uberzeugt bin, dass Sie sich nie zu Hinterlist und Schlechtigkeit herablassen werden." Ein Herz, das sich von den Worten gemissbrauchten Vertrauens nicht getroffen fuhlte, musste ganzlich verhartet seyn. Ich flog zu Miss Arnold, um ihr meinen festen Entschluss anzukundigen, Miss Mortimer sogleich unser Maskeradengeheimniss mitzutheilen; allein der Schneider mit einer Menge Schachteln, Paketen und meinem Maskenanzug erwartete mich in meinem Zimmer, eine Stunde, die uber dem Anpassen desselben hinging, kuhlte meinen reuigen Eifer dergestalt ab, dass es Miss Julie leicht gelang, mir zu beweisen, wie es in jeder Rucksicht besser sey, bei unsrer ersten Abrede zu bleiben.
Wie oft, ja wie fast immerdar, sind meine schonsten Gefuhle, ehe sie noch zu Handlungen wurden, dahin geschwunden! Gefuhle mussen ja ihrer Natur nach verganglich seyn! Nur lange Uebung gibt unsrer Vernunft die Herrschaft, sie nicht als den Beweggrund unsrer Handlungen zuzulassen, sondern nur als den milden Vermittler zwischen der Strenge des allgemeinen Gesetzes und seiner Anwendung auf Andre.
Endlich kam der lang ersehnte funfte Mai. Die Putzmacherin hatte mir mein Maskenkleid schon am fruhen Morgen versprochen, doch sie hielt nicht Wort; meine Ungeduld ward den ganzen Vormittag auf die Probe gestellt, und erst um zwei Uhr erhielt ich diesen Schatz. Voll Begierde, die Wirkung meines Putzes auf meine Gestalt zu beobachten, eilte ich in mein Cabinet; vor Miss Mortimers Ueberfall war ich sicher, sie hatte sich zu einer Berathung mit ihrem Arzt eingeschlossen; aber auch Miss Juliens Gegenwart war mir bei dem Probespiel meiner Eitelkeit zur Last, ich verriegelte meine Thur, und meine glanzende Verwandlung ward ohne alle Zeugen begonnen. Schon stand ich eine lange Weile vor dem Spiegel und versuchte jede Stellung, welche meine Gestalt oder meinen Putz am vortheilhaftesten herausheben konnte, als ich eine Unruhe auf der Treppe vernahm, ein angstliches Gefluster, dessen Ursach zu erfahren, ich unbesonnen meine Thur offnete. Mein erster Blick fiel auf Miss Mortimer, die dem Anschein nach leblos von einigen Bedienten die Treppe herauf in ihr Zimmer getragen ward. Ich eilte ihr nach. Meine unzusammenhangenden Fragen belehrten mich, dass meine ehrwurdige Freundin sich nach dem Abschied ihres Arztes plotzlich nicht wohl befunden und in dem Moment, wo sein Wagen fortrollte, leblos zu Boden gesunken war. Ich hatte mich des Gedankens an Andrer Weh, des Anblicks fremder Leiden so entwohnt, dass ich, von Schrecken erstarrt, gar keines klaren Gedankens, noch weniger der geringsten Hulfleistung fahig war. Eine Dienstbotin, ein Miethling, brachte durch ihre Sorgfalt die Freundin meiner Mutter, meine einzige wahre Freundin, zum Leben zuruck. So wie sie ihre Augen offnete, erinnerte ich mich meiner thorichten, von allem um die Ohnmachtige versammelten Hausgesinde schon lange angestaunten Kleidung. Ich zog mich schnell hinter die breite Gestalt der Haushalterin zuruck, und sobald ich der Kranken liebe Stimme gehort hatte, die herzlich dankend fur die geleistete Hulfe nun allein zu seyn wunschte, eilte ich in mein Cabinet, mich meines Flitterstaates zu entkleiden. Nachdem ich mich in meinen gewohnlichen Anzug geworfen hatte, schlich ich leise an Miss Mortimers Thur; ich horchte; alles war still; ein wilder Schrecken ergriff mich, ich furchtete das Entsetzlichste; aber das menschliche Gefuhl obsiegte, ich trat ein und erblickte die Leidende auf ihren Knien, ihr Antlitz von Thranen benetzt, ihre Hande betend zum Himmel erhoben. Diese Stellung war mir nicht fremd meine Mutter hatte mich vor Gott die Knie zu beugen gelehrt, ja ich hatte die Gewohnheit, am Abend und Morgen gedankenlos eine Gebetformel zu plappern, beibehalten; allein der Aufflug der Seele zum Thron der Gnade, der aus Miss Mortimers Antlitz sprach, die Erhebung zum Ueberirdischen in der hinfalligen, dem Tod geweihten Erdenform ergriff mich mit unnennbarem Entsetzen, ich zog die Betende in meinen Armen empor und beschwor sie, mir zu sagen, welches Ungluck ihr widerfahren sey. "Kein Ungluck, meine Ellen, sprach sie, sanft meine Liebkosung erwiedernd. Ich bin ein armes schwaches Geschopf, dem es noch nicht gelungen ist, sich Gottes Willen mit Aufopferung seines irdischen Seyns zu unterwerfen. Ich habe mich seiner Vaterhand in mancher grossen Angelegenheit gebeugt, und nun emport sich mein schwacher Geist bei der Furcht vor korperlichen Leiden." Ich erfuhr nun, dass ein lang empfundnes, lang verschwiegnes Uebel sich endlich so furchtbar entwickelt habe, dass sie nicht hoffen durfe, ihr Leben anders, als vermoge einer sehr schmerzhaften, gewagten Operation zu erhalten. Die Erwartung des peinigenden Schmerzes erschutterte ihren zarten Korper, sie rang mit Ernst, ihrer Vernunft den Sieg uber die widerspenstige Natur zu verschaffen. Anfangs ergriff mich der hohe Flug ihrer frommen Begeisterung, aber bald empfand ich dabei die Unbehaglichkeit, welche uns bei warmen Empfindungen, die wir nicht zu theilen fahig sind, befallt. Unter dem Vorwand, dass sie Ruhe bedurfe, beredete ich sie, sich niederzulegen, und verliess ihr Zimmer.
Noch vor vier Monaten wurde ich nicht fahig gewesen seyn, eine Nacht auf dem Ball zuzubringen, in welcher der letzte von meines Vaters Dienern gefahrlich krank gewesen ware, und jetzt stand ich an, mich bei dem bedenklichen Zustand der Freundin meiner Mutter und meiner Freundin einem solchen Zeitvertreibe zu entsagen. Gewohnt, Miss Arnold in jeder Angelegenheit zu meiner Vertrauten zu machen, theilte ich ihr meine Zweifel mit. Sie bewies mir, dass mein Opfer Miss Mortimer von gar keinem Nutzen sey, dass sie gar keines Beistandes bedurfe, und in diesem Fall der meine ihr nicht so nutzlich sey, wie die Sorgfalt ihres Dienstmadchens; ja sie machte es sogar zu einer Finanzsache, so eine ungeheure Summe, wie mein Anzug gekostet hatte, nicht vergeblich ausgegeben zu haben. Meine Thorheit war ihre Bundsgenossin, also ward ihr der Sieg leicht, und es blieb nur der drohende Augenblick noch zu uberstehen, der Kranken unsre Absicht, rucksichtlich des Maskenballs, bei unserm Weggehen zu erklaren. Wir gestanden uns gegenseitig nicht, dass wir hofften, Miss Mortimer wurde ihrer Unpasslichkeit wegen ihr Schlafzimmer gar nicht verlassen, und dann jede Erklarung unnothig seyn. Wie unser Putz angelegt war, begaben wir uns in das Besuchzimmer, den Wagen zu erwarten. In meiner Seele befand sich keine Spur der Sorglosigkeit, welche ein Fest, wie das, welchem wir entgegengingen, anziehend machen kann. Ich ausserte gegen Miss Arnold noch einmal meinen Wunsch, lieber Miss Mortimer in ihrem Schlafzimmer aufzusuchen, als ohne ihr Wissen das Haus zu verlassen. Wir stritten uns noch uber diesen Gegenstand, als meine wurdige Freundin unerwartet eintrat. Sie sah blass und hinfallig aus, kam aber mit ihrem gewohnlichen leisen, raschen Schritte auf uns zu. Bei ihrem ersten Anblick zog ich mich unwillkurlich hinter Miss Arnold zuruck. Die Sunde macht uns jetzt noch so einfaltig, wie unser erster Vater im Paradiese, als er schuldig wurde, es war. Auf diese Weise fiel ihr nur Miss Arnold ins Auge, und sie rief freundlich: "Sie sind ja wie zum Siege gerustet! Nie sah ich etwas so anmuthig Fantastisches, wie diesen Anzug." Jetzt erblickte sie aber mich, und die Wahrheit ward ihr plotzlich klar, denn sie fuhr zuruck und wechselte die Farbe. Eine Todtenstille erfolgte; ich blickte stumm zu Boden. Julie fand zuerst die Sprache wieder, sie sagte nachlassig: "Herr Percy hat uns eine Stunde auszugehen erlaubt." "Ja, setzte ich zogernd hinzu, der Vater erlaubte es uns, und wir bleiben nur eine kleine Weile." Schuchtern blickte ich sie an und fand sie so blass, wie den Tod. "Miss Mortimer, rief ich, auf sie zueilend, zurnen Sie nicht zu sehr!" "Miss Percy", sagte sie mit leiser, muhseeliger Stimme, "ich masste mir eine Herrschaft uber Sie an, diese Gelegenheit nothigte Sie um so weniger, mich zu ...." Sie hielt das wohlverdiente Wort zuruck, aber mein Gewissen ersetzte es. Ich versicherte sie nun, ich rief Miss Arnold zum Zeugen, dass es nie meine Absicht gewesen sey, ohne ihr Wissen auf den Ball zu gehen. Miss Mortimer antwortete sanft, gutig, aber mit unverkennbar tiefem Schmerz: "Am wenigsten heute, an dem letzten Tage" so sagte sie, und ihre Gemuthsbewegung benahm ihr die Stimme. Ich sah nur diese, der Sinn ihrer Worte entging mir in der Heftigkeit streitender Empfindungen, und wenn gleich die bessern in diesem Augenblick aufgeregt waren, behielt doch der Leichtsinn den Sieg, und wir fuhren zum Ball.
Bei der Stimmung in der ich mich befand, ward ich beim Eintritt in den Saal wirklich betaubt; ich hielt muhselig den Gedanken fest, mich Lady St. Edmond, die als Wirthin keine Maske trug, zu entdecken und nicht mehr von ihrer Seite zu gehen. Doch wie ich mich ihr nahen wollte, trat eine Sultans-Maske auf mich zu und sprach mich als eine Fremde an. Auf den ersten Blick erkannte ich Lord Friedrich; da ich die Wahl seiner Kleidung, in Verbindung mit der meinen, unmoglich fur Zufall halten konnte, erschreckte mich der Gedanke, mein Geheimniss, das niemand wie Miss Arnold bekannt gewesen war, verrathen zu sehen. Die Eitelkeit in einem angenommenen Charakter zu sprechen, bewog mich aber doch dem Sultan gleichfalls als Fremde zu antworten. In wenigen Momenten hatten wir uns in ein nichtsbedeutendes Gesprach verwickelt, und wie ich mich umsah, war Lady St. Edmond von ihrem Platze verschwunden. Hastig begann ich sie zu suchen, der Sultan blieb mir zur Seite, hielt meine Schritte auf und lenkte mich durch seine Bemerkungen uber manchen meiner Bekannten, den er mich unter der Maske entdecken liess, wobei er sich wirklich sehr kurzweiliger Wendungen bediente, von meinem Zweck ab. Unser thorichtes Gesprach war bald so ungezwungen geworden, dass wir uns gegenseitig, einander nicht fremd zu seyn, gestanden. Ich fand den Ton, in welchem mir Lord Friedrich dieses Gestandniss machte, nicht sehr ehrerbietig; anstatt ihn aber durch Kalte abzuwehren, begegnete ich ihm durch eine witzige Antwort. In dem Augenblick, wo ich sie gesagt, horte ich nahe bei meinem Ohr eine leise Stimme, die zu mir sprach: "Seyn Sie vorsichtig; Sie bedurfen es." Besturtzt sah ich mich um, erblickte aber nur gleichgultige schwarze Domino's in gleichgultiger Stellung, so dass ich die gehorten Worte fur eine Tauschung meiner gereizten Fantasie hielt; doch aber sehr froh war, in diesem Augenblick Lady St. Edmond zu finden. Sie schien meinen Unmuth, sie nicht fruher erreicht zu haben, nicht sehr zu theilen, uberhaufte mich aber dermassen mit Schmeicheleien, dass meine gute Laune zuruckkehrte, und ich anfing das bunte Gewirre um mich her mit Heiterkeit zu betrachten. Der Raum, wo getanzt ward, war einen Augenblick leer, und sogleich schlug mir Lord Friedrich vor, einen Tanz aufzufuhren, der von der Nationalitat der Turken nichts wie den Ausdruck sinnlicher Leidenschaft hatte, der ihn der Modewelt auf unsern Theatern empfahl. Ich erinnerte mich an den unseligen Walzer, der mir am Tag meines Eintritts in die grosse Welt so bittre Empfindungen erregt hatte, lehnte den Vorschlag bestimmt ab, bot mich aber an, ihm zu jedem andern Tanze meine Hand zu geben. Lady St. Edmond machte mir begreiflich, dass es in einer Charaktermaske hochst geschmacklos seyn wurde, in einem andern als mit ihr ubereinstimmendem Tanz aufzutreten, dass ich also den Tanz des Serails auffuhren, oder gar nicht tanzen musste. Und ich tanzte so schon! und ich war so gewohnt Beifall fur mein Tanzen zu arnten! Ich hatte vor meinem Spiegel so sicher auf Beifall gerechnet! Lord Friedrich bestarkte Lady St. Edmonds Schlussbemerkung: wie ich doch nicht glauben konnte, dass sie mich in ihrem Hause, vor ihren Augen, zu etwas Unziemlichem auffordern wurde, mit den ausgelassensten Schmeicheleien, und so befand ich mich mit ihm, von einem dichten Kreis von Zuschauern umgeben, ehe ich meinen Entschluss eigentlich geandert hatte, mitten im Saal stehen. Mein Herz zitterte vor der Thorheit, die ich beging. Heil, o Heil des allen Volkern, sobald sie die erste Stufe der Bildung gewonnen haben, allgemeinen Gesetzes, welches unser Geschlecht der Meinung unterwirft! Schamlosigkeit kann sie verachten, hohere Pflichten konnen uns berechtigen sie zu beseitigen, allein fur die Mehrzahl der Weiber, die bei einem wenig umfassenden Beruf gern das Aussergewohnliche mit Lebhaftigkeit ergreifen, ist die Meinung wie der Vorposten der Tugend; sie gibt dem Nachdenken Zeit, sich gegen den Feind zu bewaffnen. Dieser Vorposten fehlte mir jetzt. Unverlarvt hatte ich es nie gewagt, mich den Blicken der mir unbekannten Menge auszusetzen, in meinem Flitterstaat, meinen schamgluhenden Wangen von der Larve bedeckt, hartete ich mich bald gegen das Unziemliche meines Auftretens ab, und die Schuchternheit, die meine Bewegungen dennoch beibehielten, mochte dem Charakter des Tanzes fur die Zuschauer einen besondern Reiz geben, bei dessen Namen sich heute mein Bewusstseyn emport.
Nach Beendigung des Tanzes, eilte ich unter dem Beifallsruf der Menge zu Lady St. Edmond zuruck; allein sie hatte ihren Platz verlassen; Miss Arnold erwartete mich, im Gesprach mit einem Bekannten begriffen. Sogleich begannen wir die Hausfrau zu suchen. Im Vorbeigehen bei einem Tisch, mit Erfrischungen besetzt, griff ich, vom Tanz, von der Larve und von dem Gedrange erhitzt, nach einem Glas Eis; Lord Friedrich entzog es heftig meiner Hand, erinnerte mich an die Folgen einer so gefahrlichen Erquikkung und reichte mir einen Becher schaumenden Champagner. "Trink wenig; der Becher enthalt Gift"! horte ich die vorige Stimme mir zuflustern. Herrn Maitlands Bild gesellte sich zu dem Schrecken, der mich bei diesen Worten uberlief. Ich blickte um mich; unter einem Haufen schwarzer Domino's stand mir einer derselben nahe, allein mit der gleichgultigsten Haltung ergriff er eben ein Glas Punsch, und seine kleine, unansehnliche Gestalt liess auch keinen Gedanken an jenes Mannes hohen kraftigen Wuchs aufkommen. Da es mir gar nicht einfiel, den Worten der Maske eine sinnbildliche Deutung zu geben, hielt ich sie fur einen unzeitigen Scherz und leerte mit nachlassigem Lacheln das Glas. Die Wirkung des Weins war bei der schon bestehenden Aufregung meiner Lebensgeister augenblicklich; meine Lustigkeit stieg bis zur Spannung, ich wanderte lachend, schwatzend, Miss Julie und ihren Begleiter ohne Unterschied mit in das Gesprach ziehend, immer in der Absicht, Lady St. Edmond aufzusuchen, von einem Zimmer zu dem andern. Ehe ich mir es versah, gelangten wir ganz am Ende der Gesellschaftszimmer in ein Gemach, das, wie ich mir nachmals zu erinnern glaubte, Lord Friedrich erst offnete; es war so glanzend wie die ubrigen erleuchtet und mit einem wohlbesetzten Trinktisch verziert, doch die wohlthatige Kuhle der Luft bewies, dass der Haufen es noch nicht angefullt hatte. Mein Begleiter fuhrte mich zu einem Sopha, wir setzten unser Gesprach fort; durch die offne Thur sah ich die Bewegung der Gaste, und, obschon getrennt von der Menge, fiel mir die unmittelbare Nothwendigkeit, diesen angenehmen Ort zu verlassen, nicht auf. Lord Friedrichs Gesprach ward zartlicher und dringender, endlich hatte er die Keckheit, mir mit klaren Worten eine Reise nach Schottland vorzuschlagen. Ich nenne es Keckheit; bedarf die ein Mann gegen ein armes Madchen, das durch den Leichtsinn, mit dem es alle Schutzwachen des Zartgefuhls, eine nach der andern, entliess, dessen Achtung erstickte und ihm die Zuversicht, wagen zu durfen, aufdrang? Ich beantwortete seinen thorichten Antrag mit erkunstelter Heiterkeit und blickte auf, um Miss Julie wieder an unserm Gesprache Theil nehmen zu lassen, als ich zu meinem Schrecken wahrnahm, dass sie und ihr Begleiter sich nicht mehr im Zimmer befanden. Bei meinem lebhaften Aufblicken umschlang mich Lord Friedrich mit schmeichelnden Worten, als die, wahrscheinlich von Miss Julie bei ihrem Weggehen angelehnte Thur des Gesellschaftszimmers aufgestossen ward, und Lady Maria du Burgh mit einer andern Dame, denen mein warnender Domino auf dem Fusse folgte, herein trat. Mit einem Lacheln, in dem Hass und Verachtung wetteiferten, rief Lady Maria: "Wir storen ein Rendezvous" und wendete sich, auf mich deutend, zu den Umstehenden. Ich glaubte die Vernichtung ergiff mich und druckte mich in den Sopha zuruck; Lord Friedrich aber sprang auf und sagte mit einem heftigen Fluch zu seiner Schwester: "hatte eine von euch den tausendsten Theil von Miss Percy's Reizen, so konnte sich ein Mann auch bei euch vergessen; aber dafur seyd ihr sicher. Verzeihen Sie mir, Miss Percy, rief er dann zu mir gewendet, verzeihen Sie mir, oder ich bin der unglucklichste Mensch!" In diesem Augenblick versohnte mich keine Schmeichelei, selbst nicht wenn sie auf Lady Maria's Kosten gemacht wurde; ich versuchte es, einige beissende Worte zu erwiedern; aber meine peinliche Empfindungen uberwaltigten mich dergestalt, dass Thranen sie erstickten. Ich trocknete sie schnell und eilte, von Lord Friedrich wie von meinem Schatten verfolgt, in den Tanzsaal zuruck, wo es mir auch gar nicht schwer ward, Lady St. Edmond zu finden. Mit einiger Lebhaftigkeit warf ich ihr vor, meine Hoffnung, den Abend an ihrer Seite hinbringen zu durfen, durch ihr Verschwinden vereitelt zu haben, und drang darauf, den Ball jetzt zu verlassen. Sie bewies mir mit den anmuthigsten Schmeicheleien, dass ihre Pflicht als Wirthin sie genothigt hatte ihren Platz mehrmals zu verandern, widersetzte sich aber meinem Begehren, mich nach Hause zu begeben, nicht beharrlich, sondern erlaubte Lord Friedrich nach meinem Wagen zu senden. Ueber das angenehme Gesprach, mit welchem diese geschickte Frau mich nun zu fesseln wusste, bemerkte ich kaum, dass Lord Friedrich eine ganz ungeziemend lange Zeit, um meinen Wagen herbei rufen zu lassen, ausblieb. Ich sah mich endlich nach ihm um, als mein unbekannter Warner sich nochmals zu mir herabbeugte und eindringend sagte: "Verblendetes Madchen! wohin willst du gehen?" "Nach Hause, wo ich schon langst gerne ware." "Du wirst nicht nach Hause kommen, der Wagen, den du erwartest, fuhrt dich nach Schottland." Ich fuhr erschrocken empor, die Uebereinstimmung dieser Warnung mit Lord Friedrichs verwegner Zumuthung schien mir mehr wie ein Ungefahr, aber in eben diesem Augenblick trat Miss Arnold mit dem Lord herbei, und der Letzte meldete mir auf die ungezwungenste Weise, dass mich mein Wagen erwartete. Ein augenblickliches Nachdenken hatte mir indessen das Abenteuerliche von meines Warners Verdacht deutlich gemacht. Ich sah die Unmoglichkeit ein, von meines Vaters Kutscher und Bedienten nach Schottland gefuhrt zu werden, nahm Lord Friedrichs Arm und eilte aus der Gesellschaft. Schon stand ich mit dem Fuss auf dem Kutschentritt, als ich bemerkte, dass ich nicht meines Vaters Wagen vor mir hatte. Erschrokken trat ich zuruck und liess mich auch von Lord Friedrichs Bedeuten: dass mein Wagen des ungeheuern Gedrangs wegen in einer Stunde noch nicht vorfahren konnte, er deshalb mir den seinen anbote, nicht beruhigen, sondern begab mich wieder in das Vorhaus. Noch einmal stand mein Warner neben mir und erbot sich, mich sicher zu meinem Wagen zu geleiten, oder ihn, wenn ich einen Augenblick verweilen wollte, heranfahren zu lassen. Lord Friedrich versuchte einen hohen Ton anzunehmen; der Domino antwortete sehr kuhl, aber auf eine Art, die des Lords boses Gewissen zu seinem Bundsgenossen machte. Ich zog vor, den Wagen zu erwarten, die Maske befahl einem sehr sauber gekleideten Bedienten ohne Livree, ihn zu suchen, dieser hatte ihn auch nach wenig Minuten gefunden; ich stieg mit Miss Arnold ein und erlaubte dem Domino gern mich bis an meines Vaters Haus zu begleiten. Unterwegs versuchte ich zu erfahren, wer mein Beschutzer sey; er wies jede Frage zuruck, sagte aber mit einfacher Offenheit: er habe von Jemand, dem mein Wohl am Herzen liege, den Auftrag gehabt, mich an diesem Abend vor Schaden zu huten. Auf keine andre Erklarung liess er sich ein, sondern beharrte in einem einsylbigen Ernst, der mir von dem Zeugen meiner Thorheit hochst demuthigend war. Unsre Ankunft zu Haus beendete dieses peinliche Beisammenseyn. Der Unbekannte hatte seinen Wagen nachfahren lassen, und sobald mir die Hausthur geoffnet ward, fuhr er davon.
Miss Arnold schien geneigt, sich wortreich uber die Vorfalle dieses Abends zu verbreiten; dem widersetzten sich aber meine peinigenden Empfindungen. Ich wollte ihr eben eine gute Nacht wunschen, als der Diener hereintrat, um mir ein, in Briefform zusammengelegtes Papier, welches er auf dem Boden des Wagens gefunden hatte, zu ubergeben. Neugierig drangte sich Miss Arnold herbei, sicher in ihm Aufschluss uber unsern Unbekannten zu finden; aber ich behielt es gefaltet in der Hand und ging in mein Schlafzimmer.
Das war also das Fest, von dem ich mir das hochste Vergnugen versprochen, dem ich einige der besten Gefuhle meines Busens geopfert, fur das ich Pflichten verletzt, und das mir, ohne die Dazwischenkunft meines Unbekannten vielleicht die Ruhe meines Lebens gekostet hatte! Tief betrubt hielt ich jenes Blatt in meiner Hand. Dass mich das Verlangen spornte, zu entdecken, wer sich meiner angenommen, war verzeihlich, aber dass dieses nach und nach in eine so leichtsinnige Neugier uberging, die mich fahig machte, endlich dieses offenbar nicht mir bestimmte Billet zu lesen, bedeckt noch heute meine Wange mit Scham. Es war mit Herrn Maitlands Namen unterschrieben und enthielt in sehr einfachen Ausdrucken die Bitte an einen Freund, dem Maskenball der Lady St. Edmond beizuwohnen, und mich auf ihm nicht aus den Augen zu lassen, weil er Verdacht habe, dass meine Unerfahrenheit mich schlechten Menschen in die Hande geben mochte. "Die wichtige Angelegenheit, schrieb er, die am morgenden Tage mich unter die Vertreter unsers Volkes ruft, erfordert diese Nacht mein Nachdenken und meinen Fleiss. Ich zeigte Ihnen Miss Percy in einer Gesellschaft; sollte die Larve sie Ihnen unkenntlich machen, so merken Sie nur auf Stellung und Gang. Niemand hat sie so edel wie sie; oder geben Sie auf ihren Arm Achtung, der mir noch vor wenigen Tagen, da sie ihn um ihres Vaters Schultern legte, von unvergleicher Schonheit schien. Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, dass mich dieses junge Frauenzimmer um Miss Mortimers willen Theilnahme einflosst, doch in wie hohem Grade dieses der Fall ist, beweist der Freundschaftsdienst, den ich von Ihnen fordere."
Verschwunden war meine Demuthigung, meine Zerknirschung; ich jauchzte innerlich fur Freude, diesem kalten, stolzen, uberweisen Mann Unruhe gemacht zu haben, ich glaubte mich fur alle meine Fehlschlagungen entschadigt, da ich erfuhr, dass er meine Reize anzuerkennen gezwungen sey. Einen Gecken zu unterjochen, welch ein geringer Sieg! Allein, den Mann, der bisher allein mir Scheu eingeflosst, in meinen Ketten zu sehen, erschien mir als ein unendlicher Triumph! Ich wollte ihn verfolgen, ich wollte ihn mir sichern und mein thoriges Herz schlug bei dem Gedanken, Herrn Maitland elend in seiner Knechtschaft zu erblicken.
Doch so widersprechende Empfindungen hatten meine Krafte erschopft. Die peinliche Mattigkeit, die mich befiel, fuhrte weniger angenehme Bilder vor meine Fantasie zuruck, und ich sehnte mich, diesen unwurdigen Tag mit dem gedankenlosen Zustand des Schlafes zu vertauschen.
Wie ich am folgenden Morgen in das Fruhstuckszimmer trat, war Miss Mortimer, in Reisekleidern, der erste Gegenstand, dem meine Blicke begegneten. Unerachtet unsers letzten so herzlichen Gesprachs, schien mir ihre Abreise in diesem Augenblick doch ein Vorwurf meines Betragens, der meine Eigenliebe beleidigte. Ich that, als wenn ich diesen Umstand gar nicht bemerkte, und setzte mich in murrischem Stillschweigen an den Theetisch. Keins sprach ein Wort, das Fruhstuck ward in der widrigsten Stimmung genossen. Ich suchte mich zu uberreden, dass Miss Mortimers Empfindlichkeit sehr ungereimt sey; mein Vater zog seine Stirn in immer furchtbarere Falten, Miss Arnold ruckte unruhig auf ihrem Sessel und Miss Mortimer beugte sich uber ihre unberuhrte Chocolatentasse, verstohlen die Thranen abtrocknend, die ihren Augen entrollten. "Es bleibt doch Unrecht, dass Sie darauf bestehen fortzugehen, ehe ich jemand anders fur Ellen gefunden habe", sagte endlich mein Vater mit ausbrechendem Verdruss. Diese Worte, wohl noch mehr die Art, wie er sie vorbrachte, reizten Miss Mortimer zu einer ungewohnlichen Bestimmtheit in dem Ton ihrer Antwort: "So lange ich Miss Percy nutzlich seyn zu konnen hoffen durfte, zweifelte ich gern an der Nothwendigkeit sie zu verlassen, seit man aber Verheimlichung gegen mich braucht, ist diese Hoffnung dahin. Auch kenne ich nun den Zustand meiner Gesundheit. Ausserdem erklart der Arzt, dass jeder Aufschub die Hoffnung der Heilung vermindert." "Nun! ein jeder weiss am besten, was er thut! erwiederte mein Vater; allein um ihrer Gesundheit willen sollten Sie nicht nothig finden mein Haus zu verlassen. Mein Hauswundarzt wurde Sie behandelt, die Cur Ihnen nichts gekostet haben, und Sie hatten doch bei mir mehr Bequemlichkeit als in Ihrer engen Wohnung gefunden." "Ich zweifle nicht an Ihrer Grossmuth, sagte Miss Mortimer kopfschuttelnd, allein schon der Name: Heimath, wiegt manchen Mangel auf, besonders fur den Kranken und Sterbenden." Diese Worte und die Ankunft ihres Reisewagens trieb mich an ein Fenster, aus dem ich eifrig hinausschaute, als sey ich mir der Gegenstande vor meinen Augen bewusst. Nachdem Miss Mortimer von meinem Vater Abschied genommen, trat sie zu mir, ergriff meine Hand und sagte mit milder, herzlicher Stimme: "Ellen, sollen wir nicht als Freunde scheiden?" Ich hatte die Welt hingegeben, ware es mir in diesem Augenblick moglich gewesen einen gleichgultigen Ton aus meiner Kehle zu bringen! es wollte nicht gelingen, Thranen erstickten mich, aber mein gottloser Stolz trieb mich an sie zu verbergen; ich lehnte mich, ohne zu antworten, aus dem Fenster. "Vielleicht sehen wir uns noch wieder, Ellen, nahm Miss Mortimer nach einer Pause, noch immer meine Hand haltend, mit gebrochner Stimme von neuem das Wort, jetzt, ich weiss es, nutzt es nichts, wenn ich Ihnen sage, dass Sie sich 'auf ein gebrochnes Rohr stutzen'; doch wenn es Ihnen einst 'das Herz verwundet hat'1, dann, Ellen, vergessen Sie nicht, dass ich stets bereit bin mit Ihnen zu weinen, Sie zu trosten. Ihrer Mutter Andenken macht es mir ewig zur geliebten Pflicht." Ich konnte nicht antworten! nicht, in meines Vaters, in Miss Arnolds Gegenwart, die bittern Empfindungen, die mich zerrissen, offenbaren. Ja ich war elend genug, meine Hand aus der ihren loszureissen, und entfloh in ein einsames Zimmer. Doch welchen Ort hatte ich gewahlt! Es war meiner Mutter Schlafcabinet bis zu meiner Ruckkehr aus der Pension war es in seinem unveranderten Zustand geblieben, hatte es auf meine dringende Bitte keine Veranderung erfahren, jetzt trieb der Anblick der, ihr Andenken zuruckrufenden, Umgebungen meinen Schmerz aufs hochste. Hier stand noch ihr Lehnstuhl, wo ich so oft, vor ihr kniend, ihren Abendsegen empfing, dort ihr Nahkastchen, aus dem ich die farbigen Seiden zum Spiel herausnahm, das Tischchen, auf dem sie mir Blumen malte der Fussschemel, auf dem ich an ihrem Bett hinaufstieg, wie ich zum letztenmal ihre Leiche umarmte. O Mutter, Mutter! rief ich, an diesem Bett auf meine Knie sinkend, du wardst mir entrissen, und die Freundin, die Rathgeberin, die du mir liessest, treibt meine hartherzige Thorheit krank und sterbend aus dem Hause! Eine Weile schluchzte ich, den Kopf auf die Polster gelehnt, als Fidel leise an mich hinaufsprang und mit seinen Liebkosungen mich zu trosten bemuht schien. Ein plotzlicher Gedanke riss mich auf: ich bin nicht wurdig, dachte ich, dieses Thier zu pflegen, dessen Treue die meine zum Errothen zwingt; Miss Mortimer gebuhrt sein Besitz, an mir ist ja doch alle Liebe verloren. Ich nahm den Hund auf den Arm und eilte nach der Thur, ihn zu Miss Mortimer in den Wagen zu bringen, als ich Miss Arnolds nichtssagende Stimme vernahm, welche der Abreisenden, die eben die Treppe herabstieg, eine gleichgultige Abschiedsformel zurief. Vor dieser konnte ich mich jetzt nicht sehen lassen ich schellte hastig und befahl dem eintretenden Bedienten, Fidel in Miss Mortimers Wagen zu setzen, mit der Bitte ihn zu verpflegen, da er mir hochst lastig zu werden anfinge. So konnte ich mich, sogar bei dieser Handlung der Selbstbestrafung, nicht entschliessen, meine wahren Empfindungen zu zeigen.
Doch der Schmerz, mit dem ich jetzt kampfte, war uberhaupt nicht "der gottliche Schmerz, der niemand gereut;" er war das peinigende Gefuhl uber die Folgen meiner Thorheiten, nicht die Einsicht in ihre strafbare Grosse. Nicht Entschluss zur Besserung folgte ihm, sondern sehr bald die Bemuhung ihn abzuschutteln, mich zu zerstreuen, und zu diesem Zweck forderte ich meinen Wagen, um den gewohnlichen Kreislauf meiner Morgenbesuche zu beginnen. An Miss Arnolds Begleitung gewohnt, suchte ich sie auch diesesmal, ehe ich in den Wagen stieg, und wunderte mich, sie ohne mein Vorwissen ausgegangen zu finden; weil nun der vornehmste Gegenstand, der in meiner Einbildungskraft arbeitete, die Furcht vor dem Missbrauch war, den Lady Marie von der Wahrnehmung meiner Thorheit in der vergangenen Nacht machen wurde, befahl ich, zur Lady St. Edmond zu fahren, da ich von dieser zuerst Aufklarung und Beruhigung uber diesen beangstigenden Gegenstand erwarten konnte. Wie ich zu ihrer Thur kam, schien mich der Bediente am Aussteigen verhindern zu wollen; doch da ich im Anfahren bemerkte, dass eine Miethkutsche, die schon vor der Thur hielt, meinem Wagen hatte Platz machen mussen, war ich uberzeugt, sie zu Hause zu finden, und trat in das Haus. Zu meinem Befremden ward ich aber in ein Hinterzimmer gefuhrt, wo mich Lady St. Edmond erst nach einigen Minuten aufsuchte, dann aber mit ganz besondrer Herzlichkeit sich entschuldigte, dass ein Geschaftsmann sie, mich zu vernachlassigen, genothigt habe. Wir gingen nun in ihr Cabinet, und sie schmeichelte bald jede Sorge uber die Vorgange der gestrigen Nacht aus meinem Gemuth. Bei der Frage, wie nur der unbekannte Domino auf den Verdacht einer Entfuhrung hatte kommen konnen? rief sie nach einigem Nachdenken mit der Lebhaftigkeit einer Person, die eine erwunschte Auflosung findet: "Ach gewiss liess Lord Friedrich den Wagen, in welchem er heute fruh nach Lincoln abreisen wollte, gleich vor meine Thur kommen, um vom Balle dahin abzufahren. Davon wollen wir uns sogleich Gewissheit verschaffen." Mit diesen Worten eilte sie aus dem Zimmer, um einen ihrer Leute abzusenden, dass er sich, ob der Lord wirklich abgegangen sey, erkundige. Ohne an den Gegenstand, den ich in die Hand nahm, zu denken, ubersah ich einen Haufen Visitenkarten, die vor mir auf dem Tisch lagen, bis mir eine mit Miss Arnolds Namen auffiel; sehr fluchtig mit Bleistift geschrieben, standen die Worte auf ihr: "Ich bitte nur um funf Minuten Gehor, ich habe etwas ganz besonderes zu sagen." Sehr befremdet uber den dringenden Ton einer Bitte, deren Wichtigkeit ich mir gar nicht erklaren konnte, hielt ich Lady St. Edmond bei ihrer Ruckkehr die Karte hin und fragte: was hatte denn Miss Julie fur ein wichtiges Geschaft? Die Dame gerieth in sichtbare Verlegenheit, behauptete aber, sich der Sache gar nicht mehr zu erinnern es sey wegen eines Huts, eines Federbuschs gewesen. Halb uberzeugte sie mich, halb wusste sie mich von dem Gegenstand zu entfernen, und in der Zwischenzeit kam der Bediente mit der Nachricht zuruck: man habe Lord Friedrich diese Nacht gar nicht zu Hause gesehen, indem er von dem Ball nach Lincoln abgereist sey. Nun konnte ich billigerweise keinen Verdacht mehr nahren und nahm ziemlich erheitert von der Lady Abschied. In einer der Strassen, durch welche mich mein weiterer Weg fuhrte, war ein schwerer Kohlenwagen umgefallen, der die mir entgegen kommenden Fuhrwerke, eines nach dem andern, behutsam vorbeizufahren nothigte, indess das meine abwarten musste, bis ein leerer Raum ihm fortzufahren gestatte. Aus derselben Nothwendigkeit hielt jetzt eine Miethkutsche neben mir, die ich sogleich fur dieselbe erkannte, welche mir vor Lady St. Edmonds Thur Platz gemacht hatte. Es war ein ehemaliger Herrschaftswagen, an dem man das mir bekannte Wappen noch nicht ubermalt hatte. Ich blickte in den Wagen und erkannte Miss Arnold darin, die sich anfangs zu verbergen suchte, dann aber, freundlich winkend, mich sie in mein Fuhrwerk aufzunehmen bat. Ich that das sogleich; allein meine Empfindung war in so hohem Grad aufgeweckt, dass unser Gesprach sich sehr bald in eine Erorterung uber meine Anklagpuncte verwandelte. Dergleichen Erklarungen zwischen einem offnen, zutrauenden, und einem kalten, berechnenden Charakter konnen nicht zur Ergrundung der Wahrheit ausschlagen. Miss Arnold gab dem Gesprach bald eine Wendung, die mich gegen sie in Nachtheil setzte, sie bewies mir die Grundlosigkeit meines Verdachts, und einmal von meinem Unrecht gegen sie uberzeugt, riss mich mein heftiges Wesen hin, durch den vollen Erguss meines Vertrauens mein Vergehen gegen die Freundschaft zu bussen.
Einen Auftritt heftiger Empfindung, einen Erguss schoner Gefuhle hatte ich nun gehabt; aber ach, der liess keinen Frieden in meiner Seele zuruck! Der leere Platz, wo Miss Mortimer beim Mittagessen gesessen, qualte mich mit Vorwurfen, und ich eilte in die Oper, in drei Gesellschaften, um mich von allem Nachdenken zu zerstreuen. Endlich war der Abend voruber, beim Eintritt in mein Schlafzimmer uberbrachte man mir einen Brief von Miss Mortimer, denn sie hatte befohlen mir erst am Abend, wenn ich mich fur die Nacht zuruckgezogen hatte, ihn zu ubergeben. Mit einer hochst schmerzlichen Empfindung nahm ich ihn in die Hand, ich war ermattet von dem freudenlosen Schwindel des Tages und wusste zuverlassig, dass alles, was dieser Brief enthielt, mir den Schluss desselben nur noch peinlicher machen konnte. Ich hatte mich geirrt! Mit aller Milde ihres liebevollen Herzens, aber mit dem Ernst einer Christin, die in der Erfullung ihrer Pflicht keine Schuchternheit kennt, ging sie mein Betragen durch, legte mir nochmals alle ihre Grunde vor, mich vor Lady St. Edmonds Umgang zu warnen, und gestand mir, dass sie meinem Vater angerathen habe, Miss Arnold nicht weiter um die Verlangerung ihres Aufenthalts zu bitten, weil sie ihre Gegenwart meinem Wohl fur sehr nachtheilig halte. Die Beweggrunde, die sie mir darlegte, um mich zu einer Veranderung meiner Ansicht des Lebens zu bewegen, erschutterten meinen Leichtsinn; sie zeigte mir, was ich oft, was ich heute so tief fuhlte: dass all' mein Flitterstaat, dass alle Befriedigung meiner Eitelkeit mir kein wahres Gluck gewahre. Ich weinte laut bei der innigen Bitte meiner beleidigten Freundin: Gott zu suchen, so lang es noch Zeit sey, durch Massigkeit, Rechtschaffenheit und ein frommes Gemuth.
Schlaflos verging mir die Nacht; und obschon ich die folgenden Tage meine gewohnte Lebensweise nicht unterbrach, war mein Gemuth doch an jedem Abend denn keine andere Einsamkeit liess mir meine zerstreute Lebensweise zu mit dem Inhalt von Miss Mortimers Briefe beschaftigt. Ich fuhlte die Nothwendigkeit, etwas an mir zu bessern, doch womit ich anfangen sollte, wurde mir nicht klar. Rechtschaffenheit schien mir gar keine Tugend meines Standes; sie schien mir nur fur arme Leute gemacht. Der, ohne Andern etwas zu entziehen, seine Wunsche zu befriedigen im Stande ist, konnte meiner Meinung nach nicht in den Fall kommen, gegen die Rechtschaffenheit zu fehlen. Einst fromm zu werden, war ich sehr fest entschlossen; doch jetzt hielt ich die Uebungen und Entsagungen, aus welchen ich die Frommigkeit bestehend glaubte, meinem Alter nicht fur angemessen. Massigkeit schien mir die Tugend, mit der ich anzufangen beschloss. Ich malte mir die Einschrankungen aus, die ich in meinem Putz zu machen gedachte, ich nahm mir vor, weniger Vergnugungsorte zu besuchen und ausser der Genugthuung, die diese Lebensbesserung Miss Mortimer geben sollte, musste sie, das wusste ich, auch Herrn Maitland gefallen. Diese Rucksicht schien mir das Verdienst meines Entschlusses gar nicht zu schmalern; denn der enthusiastische Beifall, welchen die ganze Nation seit dieses Mannes offentlichem Auftreten ihm zollte, hatte meiner Eitelkeit seine Meinung so wichtig gemacht, dass ich mit Entzucken daran dachte, sie zu gewinnen.
Herr Maitland, der bisher in unbekannter Zuruckgezogenheit alle Pflichten eines guten Burgers erfullte, hatte auf Wegen, wo sein Gewinn zahlreichen Armen die Wohlthat des reichlichen Erwerbs gab, sein Vermogen vergrossert und dieses Vermogen angewendet, Talente zu unterstutzen, arme Schuldner zu befreien, nutzliche Unternehmungen zu befordern. Aber unbekannt, woher die Wohlthaten kamen, konnten die Unterstutzten, die Geretteten, nicht einmal in ihrem Dankgebet seinen Namen vor Gott stammeln. Doch jetzt ward die grosse Frage uber die Sklaverei der Neger in dem Parlamente erortert, und nun brach Maitland die Stille, in der er so manches Jahr lang gewirkt, und obschon selbst ein Theilnehmer an dem westindischen Handel, also bei der Aufrechthaltung des Sklavenhandels betheiligt, stand er dawider auf und sprach mit einer Beredsamkeit gegen dieses Schandmaal christlicher Cultur, welche auch die Kaltesten erwarmte, die Gleichgultigsten zur Aufmerksamkeit hinriss. Britannien wunschte sich Gluck zu dem Burger, der die Zierde seines Volkssenats genannt ward, das Ausland beneidete das Volk, in welchem eines einzelnen Mannes Tugend Raum fand so machtig zu wirken, und seine Bekanntschaft wurde von den Edelsten und Grossten der Hauptstadt gesucht. Und diesen Mann gedachte ich durch die kleinen Kunste der Eitelkeit unter mein Joch zu beugen, ihn, dessen Ueberlegenheit uber alle Manner ich so lebhaft erkannte, wollte ich den mich umflatternden Gecken gleich sehn! Statt, wie ich bei Miss Mortimers Abreise besorgt hatte, sich aus unserm Hause zuruckzuziehen, waren seine Besuche haufiger, als zuvor; er kam gewohnlich, ehe er ins Parlament fuhr, bei uns zum Fruhstuck, und wenn die Abendsitzungen der Kammer ausgesetzt wurden, verlebte er diese Stunden mit uns. Ich setzte jetzt alle Mittel, seine gunstige Meinung von mir zu erhohen, in Bewegung, aber sein Betragen blieb sich ohne Abweichung gleich; er beschaftigte sich selten ausschliessend mit mir, und wenn es geschah, so war es mit einem Ernst, der an Strenge zu grenzen schien; sein Blick ruhte wohl oft auf mir, aber ich nahm nichts von dem Beifall darin wahr, der mir Gelingen versprochen hatte, im Gegentheil lag eine Wehmuth, eine Trauer in seinen glanzenden Augen, die ein bangliches Gefuhl von Selbsttadel in mir aufriefen. Doch da mein Leben keinen wurdigen Zweck hatte, konnten dunkle Gefuhle seine Anwendung nicht veredeln. Von Miss Arnold in den zahlreichen Stunden unsers mussigen Geschwatzes stets aufs neue angespornt, mein Geschlecht, wie sie es nannte, an diesem stolzen Mann zu rachen, versuchte ich es, seine Empfindung durch dieselben Vorzuge zu ruhren, die er in jenem, von mir auf eine so unredliche Weise gelesenen Brief, an mir geruhmt hatte. Ich fuhrte mit der unwurdigen Kunst der Gefallsucht Gelegenheiten herbei, meinen Gang, meine Haltung vor seinen Augen zur Schau zu stellen; ich suchte ihm meinen Arm unter den gunstigsten Umstanden zu zeigen, ich brachte in jedem Gesprach "meine kunstlose Einfalt, meine kraftige Originalitat" an das waren alles Zuge, mit denen er mich gegen meinen unbekannten Warner vom Maskenball geschildert hatte. Allein das Fremdartige, was diese Absichtlichkeit in mein Betragen brachte, arbeitete meinem Zwecke ganzlich entgegen. Anfangs sah er mir mit Befremden zu, bald aber bezeigte er mir durch den Ueberdruss, mit dem er sich von mir ab zu dem gleichgultigsten Mitglied der Gesellschaft wendete, wie peinlich meine Kunste auf ihn wirkten. Miss Arnold, die in alle meine Thorheiten mit gewohnter Theilnahme einzugehen fortfuhr, brachte mich endlich auf den Gedanken, dass nur noch eine Probe, seine Gesinnung zu ergrunden, ubrig bliebe: ich musse versuchen ihn zur Eifersucht zu reizen, und nach mancher Ueberlegung schien uns Lord Friedrich zu dieser Probe am besten geschickt.
Mylord hatte zwar, seit der misslungenen Unterhandlung seines Vaters seine Besuche bei mir eingestellt und meiner Weigrung, sie wieder zu erlauben, gehorcht; allein ich wusste sehr wohl, dass es nur eines Winkes bedurfte, um ihn zuruckzurufen; diesen erhielt er, und es konnte nicht fehlen, dass er zu gleicher Zeit mit Herrn Maitland, wiewohl durch meine Veranstaltung nicht in den Stunden, wo mein Vater gegenwartig war, bei mir zusammentreffen musste. Nun begann ich augenblicklich die elendsten Kunstgriffe eitler Qualsucht in Bewegung zu setzen. Ich zeichnete Lord Friedrich durch jede Zuvorkommung aus, flusterte mit ihm, ohne ihm etwas Geheimes zu sagen, lachte, ohne einen Gegenstand dazu, machte Anspielungen auf nichtswurdige Kleinigkeiten, denen ich nie Werth beigelegt hatte. Obgleich Miss Arnold beauftragt war, die Wirkung dieser unedlen Posse auf Herrn Maitland zu beobachten, unterliess ich nicht einige Seitenblicke auf ihn zu werfen ich glaubte ihn erblassen zu sehen, allein meinen Triumph zu vergewissern, gonnte er mir keine Zeit, denn ohne meiner Thorheit mit einem Worte Einhalt zu thun, nahm er nach einer Viertelstunde einen sehr frostigen Abschied. Miss Arnold versicherte mich, dass sie bei diesem ganzen Auftritt auch nicht die mindeste Regung von Eifersucht auf seinem Gesicht wahrgenommen hatte, allein dass ein jeder Empfanglichkeit fur feinere Gefuhle so fahiger Mann, wie er, wahrscheinlich mehr wie einmal dem Feuer dieser peinlichen Leidenschaft ausgesetzt werden musste, bevor sie ihm ans Herz drange und so versaumte ich kein Zusammentreffen der beiden Manner, ohne mein unedles Spiel zu wiederholen. Alle meine Muhe war vergebens; Herrn Maitlands Gleichmuth blieb unerschuttert, nur seine Heiterkeit schien sich zu truben, und der Ernst seines Auges stand zu meiner Qual wie ein Zauberspiegel vor mir, der mir meine eigne Gestalt als Verzerrung zuruckwarf. Mein Vater machte dieser unwurdigen Komodie ein Ende, indem er mir eines Morgens in der Stellung, mit dem Ton, in dem er seine bedeutendsten Ermahnungen zu geben pflegte, den Befehl ertheilte, Lord Friedrichs Besuche fortan nicht mehr zu gestatten. "Herr Maitland", setzte er hinzu, "versichert mich zwar, dass dein Herz an dieser Bekanntschaft keinen Theil nimmt, welches ein solcher Geck auch wenig verdiente ich finde es aber nach dem, was zwischen mir und seinem Vater vorfiel, nicht dem Anstand gemass, ihn in meinem Hause zu empfangen."
Also nicht einmal den Verdacht, dass ich Lord Friedrich einen Vorzug gewahrte, gelang mir in Herrn Maitland zu erwecken. Nun gab ich meinen Plan und meine Hoffnungen auf, und um den innern Schmerz dabei zu betauben, machte ich mir selbst weiss, und Miss Arnold bemuhte sich mich darin zu bestarken, dass ein gefuhlloser Mensch wie Herr Maitland meiner Bemuhung nicht werth sey.
Seit ich Miss Mortimers Brief las, hatte ich oftmals den Vorsatz gefasst, sie in ihrer Einsamkeit zu besuchen. Jeden Tag wurde ich durch eine langst verabredete, oder nicht abzulehnende Einladung daran verhindert. Jetzt fuhlte ich eine Leere in meinem Herzen, die mir sogar Trauer und Schmerz wunschenswerth machte. Der nachste Tag nach dem, an welchem ich meines Vaters Zeugniss uber Herrn Maitlands scharfen Blick in mein Herz erhalten hatte, war ein Sonntag, und ich beschloss ihn, dem strengsten Gesetze gemass, zu einem guten Werke einem Besuch bei Miss Mortimer zu verwenden.
Es war ein schoner sonnenheller Morgen, an dem ich mich auf den Weg machte. Die Natur hatte den ganzen Reichthum des Sommers enthullt und besass nur noch die Frische des Fruhlings. Der Schatten der Baume malte sich dunkel auf dem uppigen Rasen, die Fluthen der Themse trugen zahllose Fahrzeuge, die zum Theil vor Anker liegend, sich in ihrem elastischen Elemente wiegten, zum Theil vom sanften Lufthauch getrieben, ihre schneeweissen Segel, von dem blendenden Licht bestrahlt, majestatisch dahinglitten. Miss Mortimers Wohnung lag nur eine kleine Stunde von der Stadt entfernt; in meiner Kindheit hatte ich sie oft mit meiner Mutter besucht, und noch bestand der Eindruck, der durch die punctliche Ordnung in ihrem Garten, den Ueberfluss der schonsten Blumen, die sorgfaltig gepflegten Gelander an ihren Fenstern sich mir damals einpragte. Die Veranderung in den Umgebungen ihres kleinen Hauschens fiel mir jetzt auf. Die Blumenbeete waren verwildert, der ehedem so sorgfaltig gereinigte Weg von dem Hag zur Hausthur, bis auf einen schmalen Pfad mit Gras uberwachsen, und die Rankengewachse, welche sich ehedem wohlgeordnet uber der Pforte und den Fenstern gewolbt, hingen verworren herab, wie Thranenweiden von einem Grabmal. Eine ehrbare Person in reinlicher landlicher Kleidung offnete mir die Thur, geleitete mich die Treppe hinauf und trat, mich anzumelden, vor mir in das Zimmer.
O willkommen, tausendmal willkommen! horte ich Miss Mortimer rufen, und ich eilte dem Dienstmadchen nach. Ach, ich rechnete wohl, sie verandert zu sehen, aber so, wie ich sie fand, hatte ich mir sie nicht gedacht. Eine schwache Rothe flog uber ihr Gesicht, um dem Ansehen einer verklarten Unkorperlichkeit Platz zu machen. Ihr Auge, das sonst so mild schimmerte, strahlte in krankem Feuer, ihre Hand, die sie nach der meinigen ausstreckte, gluhte und war so weiss und so abgezehrt, dass das Licht wie durch Alabaster sie zu durchstromen schien, indess jede kleine Ader sich in mattem Blau auf ihr hinschlangelte. Und dennoch druckten diese verstorten Zuge nur Heiterkeit und Gute aus, dennoch tonte in dieser matten Stimme der Wohlklang der Liebe. Auf meine Frage nach ihrer Gesundheit sagte sie mit wehmuthigem Lacheln: "Ich glaube, ich werde noch eine Weile der Erde zur Last seyn mussen. Die Aerzte sagen, die augenblickliche Gefahr sey voruber", und wie ich dafur innig Gott dankte, setzte sie hinzu: "Gottes Wille geschehe! Ich hoffte eine Zeitlang dem Himmel so nahe zu seyn, vermeinte nicht auf das sturmische Meer zuruck geworfen zu werden. Doch wie es Gott gefallt." Die Rinde der Eitelkeit und Selbstsucht meines Herzens war durch ihren Anblick, durch ihre Worte gesprengt, ich sprach von meiner Hoffnung, sie bald in meines Vaters Landgut zu Richmont ihre ganzliche Wiederherstellung abwarten zu sehen. Sie wies diese Aussicht nicht ab, sprach aber mit Entzucken von einer andern, einer uberirdischen Genesung. Es ist gut, dachte ich, dass die, so keine Freude mehr in diesem Leben haben, sich an der Aussicht auf ein andres erfreuen. Damals dachte ich nicht, wie bald ich selbst erfahren sollte, dass sich uns diese Aussicht beim Verlust aller irdischen Freuden nicht so unfehlbar darbietet, dass unser Blick im Genuss dieser Freuden schon auf sie gerichtet gewesen seyn muss, um nach ihrer Flucht in ihr Ersatz zu finden. Ich hatte zwei Stunden mit meiner wurdigen Freundin zugebracht, in denen sie sich zu Zeiten einer liebenswurdigen Munterkeit uberliess. In so einem Moment wagte ich es Herrn Maitland zu nennen; ich ausserte meine Verwunderung, dass er nach ihrem Austritt aus unserm Hause dennoch fortfuhre, es fleissig zu besuchen. So wie mein durch Miss Mortimers Anblick aufgeregtes Gefuhl sich beruhigte, nahm meine gewohnliche Gedankenreihe ihren Gang, und ich hoffte durch Miss Mortimer einige Aufklarung uber Herrn Maitlands Gesinnungen zu erhalten. Ihr Lacheln bei meiner Frage schien von Bedeutung, aber Barbara verhinderte sie zu sprechen, indem sie sehr schone Fruchte und feinen Wein auftrug, mit dem, wie meine Freundin mir sagte, sie reichlich versehen wurde von einer Hand, die sie wohl errathen konnte, die den Dank aber ablehne. Ein sanftes Klopfen an der Hausthur lenkte Miss Mortimer zu meinem grossen Verdruss abermals von der Beantwortung meiner Frage ab. Barbara kam ehrerbietig herein, Herrn Maitland zu melden, der schon zum dritten Mal eingesprochen hatte, ohne Zutritt zu erhalten. Ihre Gnaden sollten ihn doch nicht wieder abweisen, sagte die treue Dienerin, sich tief verneigend, der ehrenwerthe Herr hat sein Pferd schon an den Zaun gebunden und hofft sicher, vorgelassen zu werden. "Gut, weil Sie bei mir sind, meinen guten Ruf zu verburgen, mag es drum seyn", sagte Miss Mortimer mit sanftem Lacheln, "fuhr' ihn herein." Sie wollte zu seinem Empfang aufstehen, war aber sichtlich zu schwach, dass ich sie in meinen Armen aufrecht halten musste. Wie Herr Maitland mich erblickte, leuchtete die freudigste Ueberraschung aus seinen Augen. "Miss Percy"! war alles, was er sagte, aber ich hatte diese Worte und den Blick, mit dem er sie begleitete, nicht gegen die Schmeichelei der ganzen Welt vertauscht. In diesem Augenblick war mein gefallsuchtiger Sinn von der Nahe der einfachen Liebe und Frommigkeit gefesselt. Miss Mortimer bot ihm von den aufgetragenen Fruchten an, wobei sie einen Wink fallen liess, der ihre Vermuthung, dass er der Geber derselben seyn mochte, andeutete. Eine fluchtige Rothe zeigte, dass er verrathen war; er nahm sie aber mit der Bemerkung an, dass sie nach einem langen Fussweg in der Sonnenhitze eine willkommene Erquickung gewahrten. "Sie beharren darauf, an einem Sonntag Ihre Pferde nicht zu gebrauchen?" fragte Miss Mortimer. "Meine Geschafte fordern es selten, und das Vergnugen Miss Mortimer zu besuchen, ist mit einem Spaziergang um einen sehr wohlthatigen Preis erkauft", antwortete er mit einfachem Ernst. In dieser Stimmung verflog eine Stunde, ohne dass von der Welt Thun und Treiben die Rede war. Nur einmal klagte Herr Maitland, dass seine Hoffnung, das Loos der Sklaven zu mildern, vergeblich gewesen sey. "Ich furchte aber, setzte er hinzu, ich bedurfte dieser Belehrung. Warum lassen wir Menschen uns beikommen, unserm obersten Herrn allein vorschreiben zu wollen, zu welchen Diensten er uns brauchen soll?" O diese Lehre bedarf Niemand so sehr, wie ich! rief Miss Mortimer; wie oft fuhle ich mich zum Murren versucht, bei der Aussicht, vielleicht noch Jahre lang in diesem ganz nutzlosen Zustand hinzuleben! "Nennen Sie ihn nicht nutzlos", sagte Maitland, und der Glanz seiner Augen wurde von einer Thrane gedampft, "nennen Sie einen Zustand nicht nutzlos, in welchem Sie durch Muth und Milde Andern den Weg zum Himmel zeigen, indem Sie ihn gehen! Bedenken Sie, dass Gottes Gute wohl herrlich erscheint, wenn er seine Menschen begluckt; aber ungleich machtiger noch, wenn sein Geist, indem er ihnen alle Glucksguter entzogen hat, ihren Geist freudig erhalt." Wie konnte ich unempfindlich bleiben bei einer Ansicht der Dinge, die Maitlands starke Seele durchdrang, und die schwache Leidende, deren hinwelkende Gestalt ich umfasste, uber Leben und Welt emporhob. Ich fuhlte in diesem Augenblick eine unaussprechliche Sehnsucht, ihren Seelen nachzustreben in ihrem erhabnen Flug, und im Gefuhl meiner Unfahigkeit sagte ich leise unter Thranen, mein Antlitz an Miss Mortimers Schulter gelehnt: "Beten Sie fur mich! beten Sie, dass, wenn ich einst krank und sterbend bin, Ihr Gott mich segnen moge, wie er nun Sie segnet!" Ich weiss nicht, was meine Freundin mir antwortete, meine ganze Aufmerksamkeit war auf Maitlands Handlung gerichtet. Er legte seine Hand auf mein Haupt, blickte auf mich, dann zum Himmel, mit einem Ausdruck, der alle grosse, erhabne Empfindungen vereinigend, ihm etwas wahrhaft Ueberirdisches gab er sprach nicht, aber welche Beredtsamkeit hatte je diese Stille ersetzt?
Was hatte denn geschehen mussen, um den Eindruck dieser heiligen Stunde in meinem Herzen fruchtbringend zu machen? Ach, so schlecht bereitet war der Boden, dass Miss Mortimer selbst das Gedeihen des zarten Keimes verdarb. Beim Abschied sagte sie mir, gewiss mit der Hoffnung meines kunftigen Glucks beschaftigt, in zartlicher Zuversicht ins Ohr: "Nun weiss ich, warum Herr Maitland so oft nach Bloomsbury square kommt", und mit diesen Worten war mein eingeschlaferter Leichtsinn erweckt! Die einfachste Hoflichkeit forderte mich auf, Herrn Maitland zur Ruckkehr in die Stadt meinen Wagen anzubieten; er nahm ihn an, und wie ich mich plotzlich ihm gegenuber sitzen sah, nahm ein thoriges Bild nach dem andern von meinem wankelmuthigen Sinne Besitz. Eine Zeit lang horte ich meinem freundlichen Gefahrten sogar theilnehmend zu, der nur von Miss Mortimer sprach, bald gab ich aber der Unterhaltung eine so herausfordernde Wendung, dass er, um seine Selbstbeherrschung zu behaupten, ganz naturlich dazu kam, mich als weiserer Freund wegen meines Verhaltnisses zu Lord Friedrich zu warnen. Ich wies seine Vorstellung mit erkunstelter Heiterkeit zuruck; mit gut gelauntem Scherz wollte er tiefer in den Gegenstand eingehen, als mich meine absichtliche und naturliche Lebhaftigkeit hinriss, ihm, meine Hand auf den Mund legend, das Sprechen zu verbieten. Maitland ergriff sie und druckte sie an seine Lippen, liess sie dann schnell los, und nun sassen wir beide, besturzt und verwirrt einander gegenuber. Nach einer peinlichen Stille rief Maitland, mehr im Selbstgesprach als an mich gerichtet: "Sie mochte mich trotz meiner selbst dahin bringen, den Gecken zu spielen", und dann blieb er, den Kopf auf die Hand gestutzt aus dem Wagen blickend, in finsterm Stillschweigen vor mir sitzen. Meines Triumphs uber Maitlands Gleichgultigkeit war ich nun gewiss, allein dass ich seinen stolzen Geist deshalb nicht unterjocht hatte, war sichtbar. Ohne einen klaren Begriff von der Wurde des Mannes zu haben, ahnete ich, dass sie meinem Plane im Wege stehe, und ohne mir erklaren zu konnen, welche Gefahr mich bedrohe, fand ich keinen Muth in mir unser Stillschweigen hinwegzuscherzen.
Sobald wir London erreicht, bat Herr Mattland um Erlaubniss, aussteigen zu durfen und nahm kalt und kurz seinen Abschied. Die Gewissheit von Maitlands Neigung war mir nun geworden. Mit ubermuthigem Stolz trachtete ich jetzt darnach, von diesem Mann, den ich noch keiner Thorheit erliegen sah, das Gestandniss seiner Schwache zu horen und zwischen Hoffnung und Furcht die Qualen leiden zu sehen, welche ich thoriger Weise fur die schmeichelhafteste Huldigung meiner Reize ansah. Miss Arnold reizte meine Beharrlichkeit, meinen stoischen Liebhaber bis dahin zu treiben, durch stets ruckkehrende Zweifel: ob seinem Betragen auch wirklich der Sinn, den ich ihm gab, beigelegt werden konnte? und bei der Begier, mit der ich sie uberzeugen und meinen Triumph vervollstandigen wollte, gelang es ihrer List, meine Einwilligung in alle ihre Vorschlage zu erhalten. Sie beharrte bei der Behauptung, dass nur die drohendste Furcht mich zu verlieren, einen Mann, der so eifersuchtig sey, sich selbst zu beherrschen, wie Herr Maitland, zu einem bestimmten Schritt mich zu gewinnen vermogen konnte. In ihm die Besorgniss zu erregen, dass ich in Gefahr stehe, Lord Friedrichs Vorschlagen Gehor zu geben, schien ihr dazu am besten geschickt. Ich war selbst durch die Fehler meiner Erziehung zur Aufrichtigkeit gewohnt worden, und so oft ich seit einiger Zeit durch Umwege zu meinen Zwecken zu gelangen suchte, hatte der Gegenstand meiner Begierde mich hingerissen, aber mein Gefuhl nie gegen ihre Strafbarkeit verhartet. Auch jetzt emporte sich dieses Gefuhl gegen den Gedanken, Herrn Maitland glauben zu machen, dass Lord Friedrich meine Liebe gewonnen habe, und heftig weigerte ich mich, diesen Plan ins Werk zu stellen. Miss Julie bewies mir sogleich, dass dieses nicht ihre Absicht sey, im Gegentheil wurde sie, wenn ich's ihr uberliess, Herrn Maitland einen Wink zu geben, das Verhaltniss so darstellen, als habe meine Unbefangenheit mich in Verlegenheiten verwickelt, bei denen ich durch edle Aufopferung meiner selbst zu bussen entschlossen sey und, weit entfernt Sie zu tadeln, schloss Miss Julie, wird er Ihre Denkart bewundern mussen. Bewundern! Herr Maitland wurde mich bewundern mussen! An diesem Gedanken scheiterte der letzte Rest meiner Gewissenhaftigkeit. Doch gestand ich mit Angst zu, dass meine dienstfertige Freundin Herrn Maitland bei seinem nachsten Besuch empfangen und ihre Hinterlist ins Werk setzen sollte.
Herr Maitland liess mir Zeit, bessere Entschlusse zu fassen; es verliefen acht Tage, ohne dass er in unserm Hause erschien. Allein Miss Arnold sorgte dafur, dass meine Begierde, diesen stolzen Mann das Bekenntniss seiner Schwache ablegen zu sehen, nicht erkaltete, und indem sie meinen Sieg ausmalte, schwebten leichte, undeutliche Gestalten einer edlern Art im Hintergrund meiner Fantasie, Gestalten, denen sie, nur an Eitelkeit gewohnt, keine bestimmte Umrisse zu geben vermochte, ich darf aber hoffen, sie deuteten auf die Sehnsucht, in der Neigung, die ich, sobald ich ihr Gestandniss empfangen, zu verhohnen gesonnen war, eine Zuflucht gegen mich selbst zu finden.
Nachdem dieser Gegenstand taglich unser Gesprach beschaftigt hatte, uberraschte uns endlich Herrn Maitlands Besuch, wie wir uns abermals uber diesen Gegenstand unterhielten. Miss Arnold sah ihn an der Anfahrt absteigen und bewog mich durch die dringendsten Grunde, ihr seinen Empfang zu uberlassen. Mit einer Vorempfindung unendlichen Wehs erwartete ich den Ausgang dieses Gesprachs, mehr wie einmal stellte mir meine Eitelkeit unsern Plan als gelungen, Maitland als gefesselten Sklaven zu meinen Fussen vor, aber schnell wich dieses thorige Gaukelspiel, und eine gestaltlose Furcht liess mich auf die undeutlichen Tone angstlich horchen, die von dem Besuchzimmer heraufschallten. Jetzt horte ich die Thur offnen und sah Herrn Maitland mit raschen Schritten, ohne einen Blick zuruckzuwerfen, uber die Anfahrt gehen und zwischen den Hecken verschwinden. Was haben Sie bewirkt? rief ich, athemlos in das Besuchzimmer tretend, wo die Unterredung Statt gefunden hatte. Miss Arnold fuhr bei meinem Eintritt auf, sie schien in unangenehm zerstreuter Stimmung, doch fasste sie sich sogleich und begann einen weitlauftigen Bericht uber ihre Unterhaltung mit Herrn Maitland, aus dem sichtlich hervorging, wie widerwillig er sich mit ihr, gegen die er seine Abneigung nie verhehlt hatte, in ein Gesprach uber mich eingelassen hatte, wie heftig er anfangs durch ihre Aeusserung, dass ich meine Freiheit fur verwirkt halte, erschuttert gewesen sey, aber bald mit Stolz behauptet habe, wie er eine solche Nachricht von meinen eignen Lippen erwarte und dann meinen Entschluss gut heissen musste. "Gereizt durch seinen Unglauben, durch seine stolze Zuversicht", fuhr Miss Arnold fort, "ergriff ich nun das letzte Mittel ihn zu uberzeugen: ich entdeckte ihm" Was? um Gottes willen, was? rief ich ungeduldig und angstlich, da ich Miss Julie errothen und stottern sah. "Nun ich entdeckte ihm, dass ein kleines Darlehn, welches Sie Lord Friedrich abzutragen hatten, Sie in die Nothwendigkeit setzte, seine Antrage zu begunstigen." Ich horte den Schluss ihrer Rede nicht mehr an. In der schrecklichsten Emporung meiner Gefuhle warf ich meiner unvorsichtigen Freundin ein Gestandniss vor, das mir nothwendig Maitlands Achtung entreissen musste. Julie erschrack uber meinen heftigen Schmerz, sie entschuldigte sich mit Thranen, im Eifer, mir zu dienen, dieses unselige Gestandniss abgelegt zu haben, "und dennoch bedurfte es dessen um auf seinen Starrsinn zu wirken, sagte sie weiter; hatten Sie ihn gesehen wie er bleich, zitternd, um Athem kampfend im Zimmer umherschritt, Sie wurden eingestanden haben, dass er nur also zu uberwaltigen sey." Ich kannte diesen festen Mann zu gut, um diese Darstellung nicht fur ubertrieben zu halten, allein dass er peinlich leiden musste bei dieser Entdekkung meiner Thorheit, dessen war ich gewiss. Und was sagte er? fragte ich endlich vor Angst. Er wollte sogleich zu Ihnen, wollte Sie sprechen ... Nun? warum ging er denn fort? Ich musste diese Frage mehrmals wiederholen, ehe Miss Arnold sie verstand. "Er besann sich, wollte sich erst fassen, und wird in einer Stunde zuruckkehren" war endlich ihre Antwort.
Ehe diese Stunde verflossen war, hatte sich mein Unwille uber Miss Julie zum Theil durch ihre Liebkosungen, zum Theil von einer neuen mich beschaftigenden Furcht, gelegt. Ich besorgte, Herr Maitland mochte es fur Pflicht der Freundschaft halten, meinen Vater mit meiner Schuld an Lord Friedrich bekannt zu machen, ich wunschte angstlich, dieses zu verhindern; aber Maitland um Verschwiegenheit zu bitten, verbot mir mein Stolz. Wie er zu mir eintrat, war meine Verlegenheit nicht geringer wie die seine, obwohl ein unbefangener Beobachter in mir den Kampf ohnmachtigen Stolzes, in ihm den Streit des tiefsten Schmerzes mit dem festen Sinn des Rechtschaffnen gelesen haben wurde.
Bei seinen ersten Worten waren seine Empfindungen noch zu sturmisch, um ihnen gewohnte Deutlichkeit zu geben, doch, in Selbstbeherrschung geubt, ging er nach wenigen Momenten mit Zartheit und Gute in die Erorterung des Gegenstandes ein, der ihn zu mir gefuhrt hatte. Da er meine Abneigung, mich meinem Vater zu entdecken, vernahm, bat er mich auf das ehrerbietigste, mir die Summe, welche ich Lord Friedrich schuldig war, vorstrecken zu durfen. Auf meine bestimmte Weigerung schlug er Miss Mortimer als Mittelsperson vor; aber auch dieses lehnte ich ab, und durch die innige Ruhrung in seinem Ausdruck meines Sieges uber sein Herz, durch die Ehrerbietung seines Betragens meiner Herrschaft uber seinen Willen immer sichrer, gewann mein Leichtsinn immer mehr die Oberhand uber die mich bisher folternden peinlichen Gefuhle, und mit rucksichtslosen Kunstgriffen war ich bemuht, das Gesprach auf den Punct zu bringen, wo Herr Maitland einer Erklarung nicht wurde entgehen konnen. Der nachste Gegenstand unserer Unterredung machte mir das leicht. Sie betraf Lord Friedrichs Bewerbung; ich ausserte mit emporendem Leichtsinn, dass jede Wahl gleichgultig sey, da bei der meinen die Liebe noch immer ausgeschlossen seyn wurde. Er hoffe, das solle nicht der Fall seyn, bemerkte Herr Maitland mit erzwungener Fassung. "Er wird es, fuhr ich Leichtsinn nachaffend fort, denn wem kann meine Hand endlich zufallen? Von den Mannern die sich um mich drangen, will der eine Theil ein Spielwerk, an das er sein Geld hange, der andre Theil, mein Geld, um es an seine Spielwerke zu hangen. Wie ware der eine und der andere im Stand, mein Herz zu schatzen? Ja, hatte ich einen Mann gefunden, fahig der Freund meiner Jugend zu seyn, das wenige Gute in mir zu entwickeln, meine Fehler zu ertragen und zu bessern, einen Mann den ich geliebt hatte, weil er meine Achtung gewonnen, so wurde ich ihm vielleicht meine lebhafte, herzliche Freundschaft geschenkt haben." Diese ganze Rede war eine eingelernte Rolle, allein in ihr lag der Kern meines bessern Sinnes, und gegen das Ende zu nahm die wahrste Ruhrung in meiner Seele Platz. Maitland sass mir gegenuber, den Arm auf ein zwischen uns stehendes Tischchen gelehnt; wahrend ich sprach, hatte ich nicht den Muth ihn anzusehen, jetzt nahm ich aber wahr, dass der starke Mann zusammenzuckte, und der leichte Tisch von dem Zittern seines Arms bebte. Plotzlich fiel mir die Schilderung ein, die mir Miss Arnold von seinem Zustand, bei ihrer Entdeckung meiner Schuld an Lord Friedrich, gemacht; ich sah mich meines Siegs uber Maitlands Herz gewiss, meine guten Regungen verflogen, und ich blickte auf, um seine Fassung zu erspahen.
Sein Auge schien mit seinen scharfen Blicken bis ins Innerste meiner Seele zu forschen; seine Wangen gluhten, doch nur einen Moment. Todtenblasse verdrangte dieses Roth, er fasste zitternd meine Hand, kampfte einen Augenblick nach der Kraft zu sprechen und sagte endlich, meine Hand gleichsam von sich werfend, im Ton des ernstesten Vorwurfs: "Ellen, wie konnen Sie, da Sie Ihre Gewalt uber mich wahrnehmen, wie konnen Sie! ... Andere mochten meine Schwache verachten, ich selbst verachte sie aber Ihnen, Ihnen hatte sie heilig seyn sollen."
Wie soll ich mir selbst den Vorgang in meinem Innern erklaren? Nun hatte ich also meinen Zweck erreicht, ich hatte Maitland das Gestandniss seiner Niederlage entrissen; allein weit entfernt mich meines Sieges zu erfreuen, fuhlte ich mich durch den Vorwurf, den seine Worte enthielten, aufs tiefste verwundet. Sein Missfallen ubte die Kraft des bosen Gewissens uber mich, und ich war so erschuttert, dass ich, unfahig meine Fassung zu finden, mein Haupt nicht aufzuheben vermochte. Herr Maitland stand einige Augenblicke gedankenvoll und schweigend; dann sagte er mit halb erstickter Stimme: "Nein, nicht jetzt ... schenken Sie mir morgen einige Momente; es werden die letzten seyn." Und ehe es mir moglich war, ein Wort uber die Lippen zu bringen, hatte er sich entfernt.
Wie eine Verbrecherin, schlich ich in mein Zimmer, wo Selbstvorwurfe, Zorn gegen Miss Arnold und eine unklare Furcht vor den Folgen von Herrn Maitlands Unwillen mich peinlich beschaftigten. Mein Triumph uber den Sieg meiner Reize gewann nur nach und nach Raum in meinen Betrachtungen, ja ich musste das Andenken an alle meine Bemuhungen, diesen Sieg zu erreichen, zuruckrufen, um den Entschluss, mich nie vor einem stolzen Liebhaber zu demuthigen, zu erneuern. "Mag er seine Fesseln brechen, wenn er kann", rief ich endlich mit neu erwachtem Uebermuth denn noch war mein Leichtsinn nicht fahig, den Verlust Herrn Maitlands als Freund zu ermessen, er hatte ihn nur als Sklav zu sehen gestrebt.
Herr Maitland liess sich am folgenden Morgen nicht erwarten, aber seine Fassung war von der des vorigen Abends ganzlich verschieden. Sie druckte Ruhe, Selbstherrschaft, Wurde aus. Er begann ohne Verlegenheit, sich fur schuldig zu erkennen, indem er sich ein paar Mal von seinem Gefuhl hatte hinreissen lassen, und glaubte mir Erklarung daruber geben zu mussen. Gekrankt durch seine Selbstbeherrschung, gab ich ihm einige leichtsinnige Antworten und nahm dann, wie er auf seinem Ernst beharrte, mit nachlassigem Wesen meine Naharbeit in die Hand, als suche ich durch sie das mangelnde Interesse seiner Unterhaltung zu ersetzen. "Flosst es Ihnen gar keine Neugier ein, Ellen", nahm Herr Maitland das Wort, "zu erfahren, wie Sie ein Herz, das Sie mit treuer Neigung zu umfassen wohl geschickt gewesen ware, gewonnen, und wie Sie es verloren haben? Ist es auch nicht um meinetwillen, so konnte es Ihnen doch vielleicht einst nutzen, wenn von einem Mann, fur den auch Sie empfinden, die Rede ist." "Ich hoffe, so schlimm wird mir es ja nicht gehen, die Liebeslaune irgend eines Mannes je zu beklagen." "Hier war von keiner Liebeslaune die Rede", nahm Herr Maitland von neuem mit Ernst das Wort. "Sie waren meine erste Liebe, und Ihre Wohlfahrt wird mir zartlichen, innigen Antheil einflossen, noch lange nachdem meine gegenwartigen schmerzlichen Empfindungen erloschen sind. Allein ich muss fliehen, ehe ich die Kraft verliere, dem zu entsagen, dessen Besitz mich unendlich elend gemacht hatte." "Sicher, mein Herr, dieses Elend wurde ich Ihnen ersparen", sagte ich mit schwellendem Stolz, denn auf diese Sprache hatte ich von Seiten eines Liebhabers nicht gerechnet. "Ellen, das ist kindisch. Zurnen Sie, weil ich Ihnen die Langeweile vergeblicher Bewerbung erspare? Wenn ich Sie mit Schmerz verlassen sollte, mussten Sie die Vorzuge wieder besitzen, die mich zuerst an Ihnen bezauberten; denn nicht Ihre Schonheit gewann Ihnen mein Herz. Ich hatte Sie oft gesehen und war kalt geblieben. Es war Ihre kindliche Einfalt, Ihre ganzliche Absichtslosigkeit, Ihr vollig durchsichtiges Gemuth, wie ich es nennen muss, um die Leichtigkeit auszudrucken, mit der ich Ihre Empfindungen errieth, die mich gewannen. Wenn ich ermattet von Arbeit war, krank von der Herzlosigkeit der Menschen, so kam ich zu Ihnen und dachte ... Nun ists ja Eins, was." Herr Maitland hielt inne; mein bessres Gefuhl siegte, ich begriff, dass ich seine Achtung verloren hatte, und Thranen fullten mein Auge. Allein die Furcht, er mochte meinen, dass ich den Verlust seiner stoischen Liebe bedaure, zwangen sie in mein stolzes Herz zuruck. Er fuhr fort: "Ich nahm aber bald wahr, dass unsre Wunsche, unsre Bestrebungen nicht ubereinstimmten, dass sie das hausliche Gluck storen mussten. Nach dem dreissigsten Jahr sieht ein Mann wohl ein, dass nach dem Entzucken des Liebhabers der Gatte eine lange Reihe von Jahren vor sich hat, wo er entweder seine Sorgen und Freuden mit seinem Weibe theilen, oder die Unterwerfung der Abhangigkeit von ihr fordern muss. Das Letztere konnte ich nie. Ihre Wunsche hatten mich jeden Augenblick verletzt, und seine Stimmung ward immer feierlicher wie konnte der, welcher einen Freund sucht, den erwahlen, der seine Beschaftigung fur lastig halt, seine Freuden fur Hirngespinnste, seine Hoffnungen fur einen Traum? Nein, Ellen, die Gattin eines Christen muss mehr seyn, als das Spielwerk seiner mussigen Stunden, sie muss sein Mitgenoss seyn bei der Arbeit, beim Gebet." Mein Stolz emporte sich immer mehr. "Genug, mein Herr", sagte ich, "ich bin hinlanglich von meiner Unfahigkeit, eine Wurde, nach der ich nie Verlangen trug, zu bekleiden, uberzeugt." "Das glaube ich Ihnen, Miss Percy, und das sohnt mich mit meinem Opfer aus. Vermindern Sie es also nicht durch diese Verachtung! Es bedarf ihrer nicht, um mich zu uberzeugen, dass Sie nicht ohne eifrige Bewerbung gewonnen werden konnen ich versuchte diese, versuchte sie, bis mich meine Schwache uberraschte und nun ist es gerade noch Zeit, zu entfliehen; deshalb reise ich in vierzehn Tagen nach Westindien ab."
Mir war es, als versanke die Erde unter meinen Fussen. Dass Herr Maitland unsern Familienkreis meiden wurde, darauf war ich gefasst; aber Westindien! "Nach Westindien?" wiederholte ich kaum horbar. "Ja. Ich habe dort Geschafte. Doch schon zu lange sprach ich von mir selbst. Da der Fall eintritt, wo es recht ist, dass die rechte Hand die linke abhaue, so ists besser, der Streich sey geschehen. Nur, noch eine Bitte liegt mir am Herzen ..." Er zogerte; ich hatte nicht die Kraft, zu fragen, was ich zu vernehmen so begierig war. Maitland fasste meine Hand. "Ellen", sagte er mit Innigkeit, "ewig theure Ellen, mancher trube Gedanke wird, wenn wir weit getrennt sind, Sie belasten; ich bitte, vertrauen Sie diese Miss Mortimer und ubergeben ihr dann dieses Packchen!" Ich begriff, dass es die Mittel enthielt, die Schuld an Lord Friedrich zu tilgen, ich lehnte das Anerbieten ab, versicherte, dass diese Schuld keine Eile habe, dass sie kein Geheimniss sey, dass ich sie wegen eines Spielwerks eingegangen ware ... doch, meine heftige Bewegung wahrnehmend, beherrschte ich mich schnell und bat ihn mit neu erwachendem Stolz, Miss Mortimer bei ihrer Kranklichkeit nicht mit dieser Kleinigkeit zu belastigen. Er suchte mich zu widerlegen; da er aber meine Beharrlichkeit bemerkte, rief er: "So ists Zeit, zu enden. Leben Sie wohl, Ellen! Aller Segen ..." Hier versagte ihm seine Stimme; er warf einen Blick auf mich. O nie, nie verschwand dieser Blick vor meinem Gedachtniss, und uber den Schmerz, der um seinen Mund zuckte, glitt ein Lacheln, wie ein Sonnenblick uber die sturmgeschlagne Flur. Ich wendete mich ab, und er verschwand.
Ich erlebte, wie alle Welt mich verliess, ich wanderte heimlos in fremden Strassen, ich sah mich mit den Unseligsten des Menschengeschlechts in dem Ort des Grausens eingesperrt, aber den Schmerz fuhlte ich niemals wieder, der mich ergriff, da ich wieder in das Zimmer hinblickte und Maitland nicht mehr fand. Miss Mortimers Worte tonten in mein Ohr: "Die Guten und Weisen werden Sie verlassen." O sie haben mich verlassen, und ich bin freundlos, allein! rief ich zur Erde sinkend und verbarg mein Haupt auf dem Platz, auf dem Maitland gesessen hatte.
Nach diesen Aeusserungen wird man nun glauben, dass mein Herz wirklich einen tiefen Eindruck empfangen hatte. Das war aber keineswegs der Fall. Herr Maitland hatte meine Eitelkeit gereizt, er hatte meine Neugier erregt, sein Gesprach hatte mich angezogen, ich fand in der Unterhaltung mit ihm den Genuss, geistige Fahigkeiten in mir zu entdecken, die in dem flachen Geschwatz meiner andern Bekannten nicht angeregt wurden, ich besass eine Art kindlichen Vertrauens in seine Gute, sein Charakter flosste mir eine tiefe Achtung ein was mich bei seiner Abreise so heftig schmerzte, war die Gewissheit, seine Achtung verloren zu haben, von ihm durchschaut worden zu seyn, es war die Bekummerniss, des Ruckhalts seiner Gute, der Ueberzeugung von seinem Schutz, die unklar aber fest in meiner Seele ruhte, beraubt zu seyn. Leider blieb dieser Eindruck so wenig wirksam, dass ich schon nach einigen Stunden mit gewohntem Leichtsinn mit Lord Friedrich liebaugelte, und nach wenigen Tagen, wahrend der ich das Andenken an Maitlands Abschied als etwas Schmerzliches vermieden hatte, seiner kaum mehr gedachte.
Der Befehl meines Vaters rucksichtlich der Besuche des Lords in seinem Hause, war keineswegs befolgt worden; er stellte sich taglich daselbst ein, ich begegnete ihm in dem grossten Theil meiner Gesellschaften, am haufigsten traf ich ihn bei Lady St. Edmond, deren Umgang ich, weil er mir mehr, als jeder andre schmeichelte, noch immer am haufigsten aufsuchte. Meine angenehmsten Stunden brachte ich bei ihr in einem kleinen Zimmerchen zu, in welchem Kunst, Luxus und Geschmack erschopft waren, um den eigensinnigsten Forderungen eine Genuge zu leisten. Die mildesten und frohesten Farben verschmolzen sich an den Wand- und Fensterbekleidungen, einige uppige Landschaften, von Meisterhand gemalt, die schonsten Vasen, die zierlichsten Divans machten diesen kleinen Raum zu einem Feenaufenthalt, den Abends Alabasterlampen mit Mondlicht erhellten, zu dem aber ein grosses Fenster das Tageslicht nur durch die Verzweigung der schonsten, duftenden Bluthenpflanzen zuliess. Ein herrliches Pianoforte, eine eben so vortreffliche Harfe, eine kleine Sammlung Dichter vollendeten den Aufputz dieses Cabinets. Nie ward es von einem Bedienten betreten; der wenige Dienst, den man darin verlangte, ward von einer leichtfussigen, rosenwangigen Zofe besorgt. Hier war Lord Friedrich meistens der Dritte in unserer Gesellschaft, Lady St. Edmond behandelte mich wie eine vertraute Freundin, ich empfand nicht die mindeste Scheu gegen sie, und so blieb es seiner Klugheit uberlassen, diese unbedachten Zusammenkunfte zu benutzen. Ohne dass er meinem Herzen lieber geworden ware, als im Anfang unserer Bekanntschaft, wusste er sich durch die Sprache der verliebten Schmeichelei meiner Aufmerksamkeit je mehr und mehr zu bemachtigen; ich hatte mich an das eitle Spiel kleiner Gefallkunste, Zwiste, Nachgeben, Gebieten, Beherrschen gewohnt, und wenn ich hier und da durch irgend einen Zug in Lord Friedrichs Betragen gewarnt, aufmerksam wurde, beruhigte ich mich selbst mit der Ueberzeugung, dass zwischen mir und einem Mann, dessen Bewerbung mein Vater unbedingt abgewiesen, nicht die Rede von einem nahern Verhaltnisse seyn konnte. Eines Morgens, den ich, wie so oft geschah, bei Lady St. Edmond in obenerwahntem Cabinette in Gesellschaft Lord Friedrichs zubrachte, ward sie eines Geschaftes wegen abgerufen, und der Lord benutzte unser Alleinseyn, um mit unerwartetem Ernst mir seine Leidenschaft zu erklaren. Ich suchte, wie schon fruher bei weniger dringendem Geschwatz dieser Art, durch witzige Einfalle abzuwehren; allein er veranderte seinen Angriff und stellte mir sehr ernstlich das Recht vor, welches mein Betragen ihm gegeben hatte, Hoffnungen zu hegen. Dieser Vorwurf erschreckte mich auf eine sonderbare Weise, er gab mir augenblicklich ein Bewusstseyn meiner Schuld, aber zugleich eine entschiedne Abneigung gegen den Mann, der Rechte an mich geltend machen wollte. In der grossten Angst, aber mit eben so grosser Wahrhaftigkeit gestand ich ihm, dass, seit mein Vater sich bestimmt gegen seine Bewerbung erklart, ich ihn von allen Mannern fur den gehalten hatte, mit dem es am gleichgultigsten ware, sich zu unterhalten, und, in ihm eine ahnliche Ansicht voraussetzend, ware mir es nie eingefallen, in seinen Reden einen ernsthaften Sinn zu suchen. Mit Heftigkeit klagte er mich jetzt an, ihm in den Augen der Welt Hoffnungen gegeben zu haben, die nun seine Ehre in Gefahr brachten, in unsern nahern Verhaltnissen Vorschlage nicht unwiederruflich verworfen zu haben, die nur die Liebe genehmigt. Diese Vorwurfe riefen mir jenen unseligen Maskenball zuruck, wo der Leichtsinn meines Betragens den Lord damals zu dem Vorschlag einer Entfuhrung nach Schottland veranlassen konnte; zugleich hatte mir aber Herrn Maitlands Charakter die Gewohnheit erhalten, dem Wort "Ehre", in dem Munde eines Mannes einen hohern Werth beizulegen, als der Gebrauch der Modewelt ihm ertheilt. Ich schauderte vor dem Gedanken, Lord Friedrichs Ehre durch meine gefallsuchtige Laune Anfallen ausgesetzt zu haben, und fand deshalb nicht den Muth in mir, seine flehenden Bitten, ihm noch jetzt nach Schottland zu folgen, so wie ich hatte thun sollen, abzuschlagen. Ich liess mich auf Grunde meiner Weigerung ein: meines Vaters bestimmte Abneigung gegen eine Verbindung mit dem Lord war der erste, und wenn meine Denkart klar und mein Sinn edel gewesen ware, hatten die abgedroschnen und herzlosen Grunde, mit denen er das vaterliche Ansehen zu schwachen suchte, mir den Unwerth des Mannes und die Gefahr, mich ihm anzuvertrauen, ins hellste Licht stellen mussen. Aber er bewies mir, dass meine personlichen Vorzuge allein mich emancipirten, dass meines Vaters Weigerung meine Rechte schmalerten, dass allgemeine Regeln einen hohern Geist nicht banden, und mein Vater nach dem ersten Aufbrausen seines Unwillens einer Verbindung, die in jeder Rucksicht angemessen sey, seinen Beifall nicht versagen wurde. Diese Schmeichelreden beschwichtigten meine Unruhe, aber dennoch empfand ich eine grosse Erleichterung, als Lady St. Edmonds Ruckkehr dem Gesprach ein Ende machte.
Ohne eine entschiedene Neigung fur den Mann,
dem ich die tagliche Gelegenheit, meine Schwache zu benutzen, zugestanden hatte, ohne einen klaren moralischen Sinn, welcher mir einen deutlichen Begriff von den Bedingungen zu meinem wahren Gluck geben konnte, theilte ich Miss Arnold meine Verlegenheit mit und bat Lady Edmond um Rath. Die Erstere schien blos Theilnahme, Mitgefuhl zu zeigen, und bewies mir doch, dass, bei dem nachtheiligen Eindruck, den Lady Maria's Darstellung meiner Thorheit am Ballabend gegen mich erregt, eine Heirath mit Lord Friedrich der sicherste und fur mich der schmeichelhafteste Weg sey, meine Unruhe zu beendigen. Lady St. Edmond fand Mittel, mir in einer Wolke von Weihrauch uber meine Vorzuge, meine Empfindungsart, meinen Geist zu beweisen, dass ich mich in den Fall gesetzt hatte, wo nur meine Heirath mit Lord Friedrich mein Betragen zu rechtfertigen im Stande sey.
Wahrend es mir so von allen Seiten an einer weisen Einwirkung gebrach, da mein thoricht eitles Herz sich vor der einzig rettenden, der meiner verehrten Miss Mortimer, furchtete, weil es sich bewusst war, dort keine Schmeicheleien, keinen in Lob gehullten Tadel, sondern strenge Mahnung an die Pflicht zu horen, versaumte Lord Friedrich nicht, bei jeder Gelegenheit die Sprache der Leidenschaft gegen mich zu fuhren. Eines Tags fand ihn mein Vater zu meinen Fussen, in einer feurigen Rede begriffen. Im Gefuhl seines verletzten Hausrechts, da er sich seine Besuche verbeten, mit der Erbitterung, die ihm Einer aus der verhassten Kaste erregen musste, der in dem zarten Punct der vaterlichen Gewalt seinen Absichten zu widerstreben suchte, verabschiedete er ihn mit mehr Bestimmtheit, wie gutem Ton. Der Auftritt war emporend fur mich, weil mein Vater, indess vier starke Lakaien an der Saalthur standen, sein Hausrecht gegen den einzelnen Mann ubertrieb; er war hochst erschutternd, weil ich den ernsten Mann noch nie so von Zorn ubermannt gesehen hatte. Wie Lord Friedrich das Zimmer verliess, stiess mein Vater die Thur mit einem gewaltigen Fusstritt zu, nahte sich mir heftig, fasste gewaltsam meine Hand und rief: "Hattet Ihr vergessen, Ellen Percy, dass diesem Glucksjager mein Haus verschlossen seyn sollte? Fortan geschehe das nicht wieder! Ich kann Euch dreimalhunderttausend Pfund hinterlassen und arbeite an einem Project, die Summe zu verdoppeln; aber Euer altester Sohn soll John Percy heissen, und eben so seines Sohnes Sohn, und Ihr sollt keinen unverschamten aristokratischen Bettler heirathen, der sich unterstehen mochte, den Mann, dem er sein Daseyn zu verdanken hatte, uber die Schultern anzusehen. Gott verdamme mich, wenn ich das je zugebe! Versteht Ihr mich, Ellen Percy?" Bei diesen Worten schuttelte er meine Hand und schleuderte sie so gewaltsam von sich, dass ich wankend mich an einem Stuhl halten musste, indess er zorngluhend das Zimmer verliess.
In der Jugendzeit, wo Mangel an erduldeten Leiden uns Muth gibt, und die Einfachheit unsrer Verhaltnisse unsre Urtheilskraft noch gar nicht gepruft hat, kann ein besser geordnetes Gemuth, wie das meine, durch Heftigkeit zum Widerstand gereizt werden. Mir erschien meines Vaters Betragen so despotisch, dass es mich aufforderte, alle Rechte der Natur fur mich geltend zu machen. Ungewohnt, mein Betragen tadeln, noch weniger, meiner Neigung Verbote auflegen zu sehen, suchte ich zu meines Vaters Widerwillen gegen eine Heirath mit Lord Friedrich nun eine besondre Ursache und fand sie durch die Bedingung erklart, unter welcher er meine Hand zu vergeben gedachte. Einem Mann ohne Namen wollte er mich geben, einem untergeordneten, nuchternen, anspruchbaren Geschopf, dem sein Geld erst zu einem Daseyn verhelfen sollte und in dem Masse, wie ich mir sein Bild ausmalte, befestigte sich der Entschluss, gegen diese Gefahr mich zu schutzen. Bis dahin hatte ich die Weise, wie ich dieses thun wollte, nicht beschlossen, ja nicht uberlegt; ein nichtsbedeutender Zufall musste sie bestimmen.
Wahrend der Mahlzeit erwahnte Miss Arnold eines glanzenden Fruhstucks, zu dem uns Lady B. auf den folgenden Morgen eingeladen habe. Mein Vater erklarte, dass ich weder bei diesem Fruhstuck, noch in irgend einer andern Gesellschaft erscheinen solle, bevor ich ihm nicht feierlich angelobt, mit Lord Friedrich keine Art von Verkehr mehr fortzusetzen. "So muss ich zu Hause bleiben", sagte ich mit trotziger Entschlossenheit, "denn nach dem Fruhstuck ist ein Ball, und ich habe mit Lord Friedrich zu tanzen versprochen." "Nun so geniessen Sie Ihr Fruhstuck zu Haus, Miss Percy; ich hoffe, es soll so gut wie Lady B. ihres seyn." Mein Verdruss bei diesem Ausspruch meines Vaters war nicht gering; denn ein gestickter Morgenanzug, um den Lady Maria in Handel gestanden, und den ich durch einen ubermassigen Preis ihr entzogen hatte, sollte heute ihren Neid erregen. Aber mein Widerwille, meinen Vater durch eine Bitte zu besanftigen, war viel grosser, wie dieser Verdruss. Miss Arnold half dem Einen und dem Andern ab. Ihr Einfluss bei meinem Vater hatte seit Miss Mortimers Entfernung so zugenommen, dass es ihr auch bei dieser Gelegenheit nicht schwer fiel, seine Erlaubniss rucksichtlich des Fruhstucks zu erhalten; allein ein bestimmter Befehl, fortan jedem Verkehr mit Lord Friedrich unbedingt zu entsagen, verhinderte mich, Freude daruber zu empfinden.
Den folgenden Morgen beim Familienfruhstuck denn meine Einladung bei Lady B. verhinderte diese Familienmahlzeit nicht erhielt mein Vater einen Brief, den er mit sichtlicher Besturzung las und, seine Theetasse unberuhrt hinstellend, augenblicklich das Zimmer und gleich darauf das Haus verliess. Sein Benehmen angstigte mich, auch Miss Arnold schien es mit Unruhe zu bemerken, allein die Stunde des Ankleidens war da, und so uberliess ich mich, ohne des Vorgangs wieder zu gedenken, dem Wirbel des Tags. Das Fruhstucksfest verlief wie alle solche Feste: mit der Larve der Freude, mit leeren Kopfen, mit Herzen, die oft von Neid und Bitterkeit erfullt, also schlimmer, wie leer sind. Es war seit jenem Abend des Maskenballs das erste Mal, dass ich Lady Maria begegnete; der Anblick meines, ihrer Eitelkeit entzogenen Kleides konnte nicht dazu beitragen, ihr das Andenken jenes Abends in einem mildern Lichte erscheinen zu lassen, und so war ihr jede Gelegenheit mich zu demuthigen willkommen. Sie fand sie bei Veranlassung eines Tanzes, in welchem sie mich von meinem Platze verdrangte. Lord Friedrich, der mein Partner war, suchte die Sache beizulegen, allein die Umstehenden waren wenig geneigt, ihm behulflich zu seyn, so dass ich tief gekrankt den Reigen verliess. Lord Friedrich fuhrte mich auf meinen Platz zuruck, er nahm den Augenblick wahr, mir den Vortheil zu zeigen, den ein einziges Wort mir uber Lady Maria geben konnte; und was seine leidenschaftlichen Bitten nicht vermocht hatten, bewirkte der gekrankte Stolz ich willigte ein, mit Lord Friedrich nach Schottland zu fliehen.
Um allen Verdacht zu vermeiden, ward verabredet, dass wir Lady St. Edmond ins Vertrauen ziehen wollten; sie solle mich am folgenden Morgen in ihrem Wagen bis Barnet fuhren, wo mich mein kunftiger Ehemann in Empfang nehmen wurde; Miss Arnold gedachte ich den Plan zu verschweigen, denn sie hatte mich vor wenigen Tagen mit weisem Kopfschutteln gebeten: im Fall ich je in eine Entfuhrung willigte, mochte ich sie mit dem Geheimniss verschonen, da sie es fur ihre Pflicht halten konnte, meinen Vater davon zu unterrichten. Von dem Augenblick an, wo ich das unselige Versprechen gegeben hatte, schien mir die Gesellschaft um mich her, der Saal, die Musik wie in einem undeutlichen Nebel zu schwimmen. Mein Gemuth war so erschuttert, dass ich mir wie aus mir selbst herausgetreten vorkam; Lord Friedrichs anscheinendes Entzucken hatte keinen Sinn fur mich, ich sah die Dinge sich um mich drehen, ohne ihre Absicht und Bedeutung fassen zu konnen, so wie im Sonnenschein die Mucken vor unsern Augen schweben, ohne dass wir ihre Gestalten zu unterscheiden vermogen. Vergeblich warf ich mich in das Gerausch der Gesellschaft, suchte Gesprach, versammelte die Manner durch mein Geschwatz, entfernte die Weiber durch Jener Beifall das gegebne Versprechen stand zwischen mir und der Aussenwelt, es trieb mich nach Hause, und vor dem Gedanken schaudernd, dass mir dann erst jenes Schreckbild recht nahe treten wurde, war ich doch die Letzte unter denen, die in spater Nacht die leer gewordenen Sale verliessen.
Nach einer schlaflosen, der peinlichsten Unentschlossenheit dahingegebenen Nacht fand ich erst gegen Morgen einige Augenblicke unruhigen Schlummers; dennoch stand ich sehr fruh auf, machte die nothigsten Vorbereitungen zu meiner vorhabenden Reise und versuchte ein paar Zeilen an meinen Vater zu schreiben. Sie sollten ihn meiner kindlichen Liebe versichern, ohne mein Vorhaben zu verrathen. Aber wie unfahig war ich zu diesem Geschaft! Zehnmal setzte ich einige Zeilen zusammen, die mir nicht genugten, zerriss das Geschriebne und beschloss endlich, diese Absicht erst dann, wenn mein Vorhaben ausgefuhrt sey, zu erfullen. Sobald die Fruhstucksstunde geschlagen hatte, begab ich mich aus meinem Zimmer, eifrig die letzte Gelegenheit, meinen Vater zu sehen, ergreifend und zitternd, ihm mit diesem Bewusstseyn unter die Augen treten zu sollen. An der Thur des Fruhstuckszimmers verliess mich fast der Muth; ich horchte auf seine Stimme, und wie alles stille war, furchtete ich mich vor seinem Schweigen, seinem mir begegnenden Blick. Die Aufmerksamkeit eines Bedienten, den mein Zogern zu befremden schien, bestimmte mich endlich, die Thure zu offnen; schuchtern blickte ich nach meines Vaters gewohnlichem Sitz er war leer. Eine Last fiel mir vom Herzen. "Wo ist mein Vater?" fragte ich den Diener. "Er ging aus und hat hinterlassen, dass er nicht zum Fruhstuck zuruckkehren werde", war die Antwort. Das war mir eine ungewohnte Erscheinung! Das Fruhstuck war die Vereinigungsstunde der Familie, die meinen Vater immer herbeigezogen hatte; sollte er sie heute versaumen, so musste ich ohne einen Blick des Segens hinwegscheiden, heute besonders, nachdem ich bei unserm letzten Zusammenseyn seinen Unwillen erregt hatte. Das konnte ich nicht ertragen, und der Vorsatz, mein Vorhaben aufzugeben, keimte in meinem Herzen. Ehe er aber zu einem festen Entschluss gereift war, hielt Lady St. Edmonds Wagen vor dem Hause. Ich eilte sie zu empfangen, fuhrte sie bei Seite und beschwor sie, wenigstens heute, den einzigen Tag, meine Reise zu verschieben; meines Vaters Abwesenheit mache es mir unmoglich, das Haus zu verlassen. Sie schalt meine Schwache, sie bewies mir, dass grade diese Abwesenheit mir die Gefahr mich zu verrathen erspare, und wie bald ich ihn, da sie an seiner schnellen Versohnung gar nicht zweifle, wieder sehen wurde; sie stellte mir das Unrecht vor, das ich an Lord Friedrich begehe, die Gefahr, einen so leidenschaftlichen Liebhaber aufs Aeusserste zu treiben. Durch ihre Beredsamkeit gewonnen, zeigte sich mir mein Vorhaben von einer andern Seite, als die, welche mich bisher beschaftigt hatte, und mein Schwanken benutzend, riss mich Lady St. Edmond mit sich fort. Noch eilte ich vorher zu der Freundin meiner Jugend, um ihr, da sie keinen Theil an meinem Geheimniss nehmen durfte, ein zweideutiges Lebewohl zu sagen. "Julie"! rief ich, ihre Hand druckend, "ich entferne mich auf kurze Zeit. Vermisst mich mein Vater, so ersetzen Sie mich bei ihm. O Julie, wenn Sie mich je geliebt, so bezeigen Sie ihm die kindliche Ehrfurcht, die ich ihm schuldig gewesen ware!" Meine zitternde Stimme, mein bewegtes Gemuth hatten mich Miss Arnold verrathen mussen; allein sie war entschlossen, ein Geheimniss nicht zu entdecken, das ihr zu wissen nachtheilig werden konnte. Nachlassig sagte sie mir Lebewohl, und kein Lacheln des Wohlwollens war im Augenblick des Scheidens von ihrer Jugendfreundin auf ihrem Antlitz sichtbar.
In einer volligen Betaubung aller meiner Gefuhle fuhr ich vom Hause ab; wie ich meiner wieder deutlich bewusst ward, befand ich mich schon in ganz fremden Umgebungen, die ich nicht mit meiner Vergangenheit reimen konnte, die mir meine Zukunft nicht errathen liessen. Lady St. Edmond verwendete ihr freundlichstes Geschwatz, um meine Aufmerksamkeit auf angenehme Gegenstande zu lenken; sie drang mir das Versprechen ab, gleich nach erhaltner kirchlicher Einsegnung meiner Ehe in ihrem Hause eine Zuflucht zu suchen, schilderte mir die Annehmlichkeit meiner kunftigen Verhaltnisse, wenn ich, wie es mir gar nicht fehlen konnte, die verschiednen Glieder der Familie du Burgh fur mich gewonnen, und wie die Versohnung mit meinem Vater, die ebenso wenig Schwierigkeit haben wurde, dann meine Beruhigung vollenden musse. Es gelang ihr, mein Gemuth zu beruhigen, so dass ich bei unsrer Ankunft in Barnet meine gewohnliche Geistesheiterkeit grosstentheils wieder gewonnen hatte. Wie der Wagen anhielt, und ich den Mann, dem ich mein ganzes Lebensheil zu ubergeben gesonnen war, zu meinem Empfang bereit zu erblicken erwartete, druckte ich mich mit unwillkurlichem Grausen in den Winkel des Wagens zuruck und liess meine Begleiterin vor mir aussteigen. Da ich nur ihre Stimme horte, die mich nachzukommen bat, raffte ich mich auf, ich folgte ihr in ein Zimmer, ich horte, wie sie ihrem Bedienten auftrug, nach Lord Friedrich zu fragen; doch seine Antwort: er sey noch nicht angekommen, veranderte nur meine Lage, sie verbesserte sie nicht. Ich beantwortete Lady St. Edmonds zuversichtliche Bemerkung: dass er unverzuglich, dass er in funf Minuten eintreffen werde, mit einem spottenden Lachen. Die funf Minuten gingen hin, auch zehn und langere Zeit. In grosster Unruhe sass meine Begleiterin am Fenster, blickte der Strasse entlang und hoffte bei jedem Hufschlag, bei jedem Rollen eines Wagens, es musse der Erwartete seyn; ich schien gleichgultig den grossen Ochsen von Durham und Godolphins Araberpferd, deren Abbildungen an der Wand hingen, zu betrachten, indess meine Begleiterin mit zunehmender Unruhe alles aufbot, um Entschuldigungen wegen ihres Neffen Verweilen zu ersinnen. Eine Stunde mochte in dieser Spannung verflossen seyn, als ich auf eine ihrer Aeusserungen erwiederte: "Suchen Sie doch weiter keine Ursache, Mylady, Mylord hat unsere Verabredung vergessen, und somit verhindert uns nichts, nach der Stadt zuruckzukehren, welches ich Sie dringend bitte unverzuglich zu thun." Sie widerstand mir zwar, bat mich, noch eine kleine Weile zu warten, weil sie gewiss sey, nur die unseligsten Ursachen konnten Lord Friedrich zuruckhalten; doch forderte sie einige Erfrischungen und befahl, ihre Pferde zum Einspannen zu bereiten. Ueber diesen Anstalten ging abermals gegen eine Stunde dahin; ich erklarte nun, wenn Mylady nicht sogleich abfuhre, so wurde ich Post nehmen und unverzuglich allein zuruckkehren. Dieses bewog sie, anspannen zu lassen, aber ehe es geschehen war, sprengte ein Reiter vor das Haus, ich horte ihn nach Lady St. Edmond fragen, und bevor diese die Thur des Zimmers erreicht hatte, trat ein Reitknecht Lord Friedrichs herein, gab ihr einen Brief und begab sich schweigend hinweg. "Endlich werden wir erfahren!" rief Mylady, indem sie den Brief erbrach. Doch bei den ersten Worten fuhr sie betroffen zusammen, und wie ich mit erzwungner Gleichgultigkeit und kalter Verachtung fragte, was die Ursache von meines Liebhabers Abtrunnigkeit sey, stammelte sie unzusammenhangende Entschuldigungen uber das unangenehme Geschaft, ein Unglucksbote seyn zu mussen. Dieses auf Lord Friedrichs Untreue deutend, bat ich sie mit bitterm Gelachter, sich daruber zu trosten, indem diese wohl das geringste Ungluck meines Lebens seyn wurde ... Nein, Miss Percy, nicht diese, nahm sie etwas beleidigt das Wort, aber Ihr Vater hat ... fassen Sie sich! es ist Ihrem Vater ... Mehr erlaubte ihr meine Besturzung und Ungeduld nicht zu sagen. Mit dem Ausruf: "was hat mein Vater?" zog ich ihr hastig den Brief aus der Hand und las Folgendes von seinem Inhalt denn diesen Brief hat der Zufall, gleichsam wie ein Denkmal vom Wendepunct meines Schicksals, mich aufbewahren lassen:
"Theure St. Edmond! Mit dem Percy hat der Teufel sein Spiel gehabt. Er speculirte wie ein Narr und verlor nah an eine Million. Durch den glucklichsten Zufall von der Welt erfuhr ich es in dem Augenblick, wo ich nach Barnet abfahren wollte; ich musste der Sache erst gewiss seyn, ehe ich Sie benachrichtigte, und so wurde der Bote verspatet. Ich gehe nun unverzuglich darauf aus, die Darnel zu beschwatzen. Das ist ein verdammter Tausch, denn die Percy ist das hubscheste Madchen in London; aber wie's nun steht, hatte ich mir das Gehirn eingeschossen, ware ich mit ihr bis Schottland gelangt. Suchen Sie das Madchen zu beruhigen, wie es gehen will! Gut ist sie mir doch, und wenn ich das hassliche Shapchen heirathe, habe ich auf Trost zu denken. Ich muss eilen mir die Darnel zu sichern, und sobald das in Richtigkeit ist, soll es Ihnen an den funftausend Pfunden nicht fehlen."
Das Erstaunen, mit dem ich diesen Brief las, ward von der Furcht uber meines Vaters Unfall zuruckgedrangt. Ich hatte nie einen Gedanken an die Moglichkeit des Verlustes unsers Wohlstandes gehegt; bei der Sicherheit, mit der ich meinen Vater seine Geschafte behandeln sah, schien mir eine ungluckliche Speculation ganz unmoglich; seine erst vorgestern geausserte Zuversicht, sein Vermogen in kurzem verdoppelt zu sehen, galt mir fur eine untrugliche Zusage ich hoffte, dass irgend ein falsches Gerucht Lord Friedrichs Habsucht irre gefuhrt habe. Doch der weitere Inhalt dieses Schreibens emporte mein Innerstes; wohl war das ein glucklicher Zufall, der mich vor dem Elende, einem solchen Verworfnen zu gehoren, befreit hat! rief ich laut und verweigerte Lady St. Edmond das Blatt, nach welchem sie ihre Hand ausstreckte. "Nein, dieses Blatt bewahre ich auf als Zeugniss der niedrigsten Verfuhrung, deren sich je ein Mann zum Verderben eines thorichten Madchens bediente. Jetzt, Mylady, werden Sie doch durch nichts mehr zur Stadt zuruckzukehren verhindert?" Lady St. Edmond schien sehr herabgestimmt, ohne Einwurf folgte sie mir an den Wagen, und stumm traten wir unsern Ruckweg an. Der Inhalt des Briefs ward mir immer klarer, ich verstand nun, welchen schandlichen Antheil meine Begleiterin an dem ganzen Vorgang genommen, ich uberhaufte sie mit Vorwurfen, ich fuhlte tief den Schmerz verrathner Freundschaft, missbrauchten Vertrauens. Nach und nach wendete sich aber meine Aufmerksamkeit auf meines Vaters Lage; ich erinnerte mich jetzt des Briefs, welchen er, wie ich ihn das letzte Mal sah, mit so offenbarer Besturzung gelesen, andre Umstande stellten sich mir gleichfalls in einem bedeutenden Lichte dar und vermehrten meine Angst. Sie nahm mit jedem Augenblick zu, der Anblick der Strasse, wo sein Haus lag, benahm mir den Athem, und wie der Wagen hielt, vernahm ich kaum Lady St. Edmonds Entschuldigung, mich nicht hinein zu begleiten. Kaum vermochte ich aus dem Wagen zu steigen, und mit zitternden Knieen trat ich in die langsam auf mein Klopfen sich offnende Thur. "Hat mein Vater nach mir gefragt?" rief ich dem Diener entgegen. "Nein, Ihre Gnaden." "Ist er zu Hause?" "Er ist er ist zu Hause, aber ..." Der Mensch schwieg, furchtbares Entsetzen in seinem Gesicht. Eine ungeheure, gestaltlose Furcht ergriff mich, meine Seele erstarrte vor ihr, mein Verstand vermochte nicht ihr eine Form zu geben, einen Gedanken mit ihr zu verbinden ich sank besinnungslos zu Boden.
O soll ich denn diese Bilder des Schreckens vor meinem Gedachtniss wieder aufrufen? soll ich die Wunden wieder offnen, die keine Zeit je geheilt? Muss ich den furchtbaren Weg Schritt vor Schritt verfolgen, der mich endlich bis zur Grenze des Wahnsinns gefuhrt?. Ich muss; denn mein Schicksal soll Andere vor dergleichen Schicksal behuten. Zwar wird Wenigen ein so hartes, herbes aufbewahrt seyn, aber wenn ihr Kopf leichtsinnig ist, wie der meine, ihr Herz eigennutzig, wie das meine, ihre Fantasie mit Nichtigkeiten angefullt, wie die meine gewesen ist, so wird ihre Kraft auch einem geringern Ungluck nicht widerstehen. Deshalb fahre ich in meinen furchtbaren Erinnerungen fort.
Eine lange Sinnlosigkeit hielt mich umfangen, nur von einzelnen Schreckbildern meiner Vergangenheit in deutlichen Umrissen unterbrochen. Endlich erwachte ich aus diesem Zustand, ich befand mich allein in meinem Zimmer; meine Flucht, meine demuthigende Ruckkehr, der Verrath an meiner Freundschaft, die Aussicht auf ganzliches Verderben stieg plotzlich vor meinem Bewusstseyn auf. Alles, alles hat mich verlassen, rief es in meinem Innern, nur bei ihm, der mich zu lieben nie aufhorte, nur bei meinem Vater werde ich Theilnahme, Verzeihung, Liebe finden und sey es in Armuth ... weiter ging meine Vorstellungskraft nicht; ich sprang vom Bett herab, ich eilte durch die halb dunkelnden Gange in meines Vaters Vorzimmer. Wo sonst bei fruhem Kerzenschein mehr wie ein Diener mir die Thuren eroffnete, war alles einsam und still; hastig trete ich in sein Cabinet, ein dustrer Abendstrahl leitet meine Blicke zum Sopha da liegt eine Gestalt, die ich fur die meines Vaters erkannte; sein Gesicht verhullt, Blut Blut befleckte seine Kleider. O das zu erzahlen vermag ich nicht!
Aus einer langen todahnlichen Ohnmacht erwachte ich zu einem Zustand, der von Raserei nicht weit entfernt war. Kein Gedanke ward mir klar, keiner rief mich zu einer Pflicht, zu einer That auf, meine ganze Seelenkraft vermochte sich nur mit dem Bilde meines Elends zu beschaftigen. Wie eine undeutliche Stimme unter Sturmesgeheul in einzelnen Tonen schallt, wiederholten sich einzelne Worte meiner vernachlassigten Freundin, meiner theuren Miss Mortimer, in meinem truben Gedachtniss, aber das Sturmesgeheul war mir lieber, und mit einer Art Bitterkeit, als habe ihre Prophezeiung mein Schicksal herbeigezogen, liess ich diese schwachen Tone sich nicht zu einem verstandlichen Sinne sammeln. Juliette die Freundin meiner Kindheit, die Theilnehmerin all meines Glanzes, meiner Freuden, sie, glaubte ich, sey es, die mir jetzt Trost geben konnte, und mit der Ahnung, dass es doch eine Abwechslung im Gefuhl meines Elends gabe, sah ich mich, da mein Bewusstseyn wieder einige Klarheit erhielt, in ihren Armen. Die ersten Thranen erleichterten mein gespanntes Gehirn, ich horchte auf ihre Stimme, die mir freundliche Worte sagte, und litt es endlich, dass sie mich, unter dem Vorwand, fur meine Angelegenheiten zu sorgen, um bald wiederzukehren, verliess. Ich verband keinen bestimmten Sinn mit ihren Worten, und ihr lag es nur daran, mir zu verhehlen, dass kalter Eigennutz allein sie zu mir gefuhrt, um noch, so lange es ihr die Umstande gestatteten, ihr Eigenthum, welches sie durch meines Vaters Gute gesammelt, aus seiner jammererfullten Behausung zu schaffen.
Von neuem meiner trostlosen Einsamkeit uberlassen, fuhlte ich mich durch Juliens Besuch nur elender, weil er meinen Geisteskraften wieder eine gewisse Thatigkeit gegeben hatte. Ich nahm wahr, wie in den wenigen Stunden, die seit dem Umsturz meines Glucks verflossen, alle Verhaltnisse um mich her zerfallen waren. Unsere Dienerschaft ward ohne Rucksicht auf ihren personlichen Charakter, wegen ihrer Geschicklichkeit, ihrer Gestalt, hochstens auf Empfehlung gewahlt; die Bemuhung, sie in ihrem Dienst zu bessern Menschen zu machen, fiel uns nie ein, in den Kreis unsrer Obliegenheiten aufzunehmen; von ihrer Herrschaft hatten sie nur das Beispiel unbegrenzter Bedurfnisse, gedankenloser Zerstreuung gehabt. Was konnte sie an mich binden, da mir die Mittel, ein ungebundnes Leben fortzusetzen, geraubt waren? Zwei Tage hatten sie zu eigenmachtigen Herren ihrer Zeit gemacht, so dass ich nur muhselig die wenigen Dienste von ihnen erhielt, die mein hulfloser Zustand erheischte. Noch war keine Stunde nach Juliens Abschied verflossen, so trat, ohne einen Bedienten im Vorzimmer gefunden zu haben, ein unbekannter Mann ins Zimmer, der mir andeutete, dass es nothig sey, meine Schranke zu versiegeln, indem man erfahren, dass einige Juwelen von Werth in meinem Besitz seyen; ich mochte aber vorher die mir nothigen Kleidungs- und Waschvorrathe herausnehmen. Gewohnt, nur mit der schonendsten Ehrerbietung behandelt zu werden, mein Zimmer nie von Jemand betreten zu sehen, als der den Zutritt wie die schmeichelhafteste Gunst zu erkennen verstand, fuhlte ich mich durch den unerwarteten Eintritt dieses Mannes tief verwundet, noch mehr aber durch sein Geschaft, das mir den beleidigendsten Verdacht anzudeuten schien, auf das heftigste emport. Hatten alle Juwelen Indiens zu meinen Fussen gelegen, ich wurde sie ihm unberuhrt, wie alle meine Schlussel, ubergeben haben, und durch diesen traurigen Stolz brachte ich mich um eine Menge kostbarer Kleinigkeiten, die mir eine geringe Hulfe fur meine nachste Zukunft gewahrt haben konnten. Aber nach diesem Vorgang war mein Entschluss gefasst, ich sah die Nothwendigkeit ein, meines Vaters Haus zu verlassen, und schrieb Miss Julie einige Zeilen, in denen ich sie bat, mich sogleich zu sich abzuholen, um ihren jetzigen Aufenthalt zu theilen. Sie hatte mir hinreichende Grunde anzugeben gewusst, warum sie, gleich nach der schrecklichen Entscheidung von meines Vaters Schicksal, den Befehlen ihres Bruders, ihres Vormunds, gehorchen und sich in sein Haus begeben mussen. Jetzt schien mir dieses ein glucklicher Umstand, und die einzige Bedingung, die ich ihr machte, war die Freiheit, die ich mir vorbehielt, nur sie allein zu sehen, nie zu irgend einem Umgang, auch nicht dem mit ihres Bruders Familie, gezwungen zu seyn. Kaum hatte ich das Billet abgeschickt, so sehnte ich mich angstlich nach einer Antwort. Der Bediente kam mit dem. Bescheide zuruck: Miss Arnold sey nicht zu Hause. Bisher das verzogne Schooskind des Glucks, war Warten, Aufopfern, Entsagen mir fremd, und diese erste kleine Fehlschlagung fuhlte ich als ein Unrecht, einen Mangel an Warme der Freundin, von der ich nicht vermuthet hatte, dass sie in diesem Augenblick nicht zu Hause sey. Wohin mochte sie gehen, indess ich dem Elend, der Verzweiflung zum Raube ward? Was konnte sie anziehen, wenn ich sie bedurfte? Wurde ich je sie verlassen haben, wenn ungleich geringere Uebel ihr meine Gegenwart wunschenswerth gemacht hatten?
Mit solchen und viel traurigern Betrachtungen brachte ich die Zeit hin; bei jedem Gerausch hoffte ich eine Botschaft von ihr, nach jeder Viertelstunde hielt ich es fur unmoglicher, dass sie die nachste noch ausbleiben konnte. Aber die nachste ging hin und wieder die nachste und der ganze Abend, ohne dass eine Botschaft kam, und die tiefe Nacht, welche meine Hoffnung abschnitt, vermehrte nur meinen Gram und ward nur durch kurzen angstlichen Schlummer verkurzt. Der Tag brach an, ich stand fruh auf, um bei Juliens Ankunft gleich bereit zu seyn, ihr zu folgen. Aber sie kam noch immer nicht; einsam genoss ich mein Fruhstuck, ich horchte mit verhulltem Gesicht auf die Ankunft ihres Wagens. Wohin sollte ich blicken, wo nicht Geister verlornen Glucks mir begegneten? Dort der Platz, wo Maitland zum letzten Male stand, hier das Fenster, aus dem ich, um Miss Mortimers Abschiedsgruss zu entgehen, halsstarrig blickte, und neben mir der Platz, wo stets mein Vater gesessen! Jetzt horte ich einen Wagen vor das Haus fahren, ich eilte ihm entgegen, zu sehen. Es war der Leichenwagen, der meines Vaters Sarg zu Grabe fahren sollte.
Nachdem der Anfall wilden Schmerzes, den dieser Anblick in mir erregt hatte, voruber war, kehrte die Erwartung von Miss Arnolds Antwort mit peinigender Ungeduld zuruck. Endlich blieb mir nur die Vermuthung, dass der Zettel ihr nicht ubergeben worden sey, und ich bereitete mich, einen zweiten zu schreiben, als anstatt ihrer selbst eine schriftliche Antwort anlangte. Betroffen uber die Nothwendigkeit, ohne ihren freundlichen Beistand das Haus zu verlassen, gebot ich mir, auch dazu Muth zu behalten, und eilte die Grunde ihres Verfahrens zu lesen. Sie schrieb sehr wortreich und nicht ohne einigen Ausdruck von Liebe: "wie es ihr sehr weh thate, mir sagen zu mussen, dass ihr Bruder sich einem nahen Verhaltniss zwischen ihr und mir widersetze. Freilich musse sie ihm recht geben, dass ein Madchen, dessen einziges Gut, so wie bei ihr der Fall sey, in einem unbescholtnen Ruf bestehe, ihre Freundinnen behutsam wahlen solle; leider sey aber meine Entfuhrung bekannt worden und so musse sie um ihres Bruders willen meiner Gesellschaft entsagen. Wenn sie nun gleich fur die Zukunft alle aussere Beweise von Anhanglichkeit sich verbitten musste, wurde sie nicht weniger meine dankbar ergebne Dienerin bleiben."
Starr, wie ein Todter, blieb ich, nachdem ich diesen Zettel gelesen, bewegungslos sitzen. Der Schlag hatte meine Seele gelahmt, er hatte mein Bewusstseyn vertilgt. Ich weiss nicht, was den allmaligen Uebergang dieses Zustandes in grenzenlose Verzweiflung in mir bewirkte vielleicht nur die Ruckkehr physischen Lebens und Leben musste bei solchen Umstanden Verzweiflung seyn. Ich warf mich an den Boden, forderte mit wildem Geschrei den Tod heraus, mich vor einer Welt zu retten, wo Verrath, fuhllose Harte und Eigennutz mich jeder Moglichkeit zu leben beraubt hatte. Wohl erinnerte ich mich, wie ich dies allgemeine Verdammungsurtheil uber die Menschen aussprach, dass noch ein Geschopf in meiner Nahe lebe, welches mir einst sagte: "Wenn ich je Freundestrost brauche ..." Aber meine Seele war erbittert, ich hasste die Menschheit und die Tugendhaften mit ihr und warf der von aller Welt abgeschiednen, durch Krankheit an ihre Wohnung gefesselten Miss Mortimer vor, mich noch nicht in den Tagen des Jammers aufgesucht zu haben, da ich sie doch in den Tagen des Glanzes hartherzig zuruckstiess.
Noch lag ich also in tiefem Schmerz auf den Boden hingestreckt, als derselbe Mann, der gestern meine Schranke versiegelte, abermals eintrat. Ich raffte mich auf; die Stellung, in der er mich fand, der Blick, mit dem ich ihn empfing, mussten ihm Mitleid einflossen, denn er brachte sein Gesuch mit dem Ton schonender Theilnahme, achtungsvoller Behutsamkeit vor. Die Glaubiger meines Vaters wollten zur Aufzeichnung seiner Verlassenschaft schreiten, das Haus sammt allem Gerath und aller Habseligkeit sollte verkauft werden, und man liess mich bitten, einen andern Aufenthalt zu wahlen. Also ausgetrieben aus dem Hause, wo meine Mutter gelebt, wo meine Kindheit gepflegt, wo ich meinen Vater als Herrn herrschen gesehen, wo er mir der beste, gutigste Vater gewesen war ausgetrieben, ohne eine Zuflucht auf Erden! und um die Zuflucht jenseits zu suchen, hatte ich ein verhartetes Herz. Ich stiess einige bittere Worte gegen die Menschen aus, die meinen Vater ins Ungluck gerissen, die nun wie Rauber in sein Eigenthum zu theilen sich beeilten. Der Fremde wies mich sanft zurecht, er bat mich, nicht der Feindseligkeit zuzuschreiben, was einfacher Gesetzesgang sey, und legte einige Banknoten vor mich hin, welche die Glaubiger mir einhandigten, um meine nachste Einrichtung zu bestreiten. Zugleich bat er mich, einen Freund herbeizurufen, der meine Sache vertrate, der mir Rath gabe in einer Lage, welche mich der Fassung, fur mich selbst zu sorgen, offenbar beraubt hatte. "Einen Freund!" rief ich mit bitterm Hohne, "o meine Freunde habe ich gepruft und habe sie so treu befunden, dass der durre Buchstabe des Gesetzes, der mir dieses Almosen zutheilt ich nahm das Packchen mit Banknoten in die Hand menschlicher mit mir verfahrt, wie sie." Der Schmerz erstickte meine Worte, ich warf dem Unbekannten die Banknoten hin. "Da, nehmen Sie dieses zuruck, ich werde nicht diese und keine andere Unterstutzung gebrauchen." Der Mann verliess mich mit Erbarmen im Blick, und so vergiftet war mein Gemuth, dass ich diesen Blick aus meinem Gedachtniss verdrangte ich bedurfte die ganze Tiefe des Jammers, um darin zu versinken.
Ich befahl, unverzuglich einen Miethwagen herbeizuholen, und ohne weiter ein Wort zu sprechen, ohne einen Auftrag zu hinterlassen, ohne eine andere Regung, als ein convulsivisches Schaudern, wie ich an meines Vaters offnem, verodetem Zimmer vorbeiging, verliess ich das Haus und befahl, in eine enge, schmuzige, abgelegne Strasse zu fahren, durch die mich einst mein Kutscher wegen eines aufgerissnen Steinpflasters fuhren musste. Die Dunkelheit, das unheimliche Ansehn der Hauser hatte ein Bild in meiner Fantasie zuruckgelassen, das sich zu meinem trostlosen Vorhaben eignete. Dort angekommen, befahl ich dem Miethkutscher, an dem ersten Hause, wo Zimmer zu vermiethen angeboten wurden, zu halten. Nach mehreren vergeblichen Nachfragen fand sich ein kleiner schmuziger Laden, aus dem mir eine anstandig aussehende altliche Frau entgegentrat, die mir auf meine Frage versicherte, das einzige Zimmer, das sie vermiethen konne, stehe mir zu Dienst. Wie sie mich naher ins Auge fasste, ward sie bei meinem Anblick besturzt. Freilich konnte sie mein Verlangen, ihr Zimmer zu bewohnen, nicht mit meinem Ansehen reimen. Meine Trauerkleidung war mir von meiner Kammerfrau angelegt worden, sie war so kostbar, wie diese Tracht es zulasst. Dieser Umstand und die Verzweiflung in meinen Zugen machte die Frau stutzen, sie bot mir einen Stuhl an und ging hinaus, mit dem Kutscher zu sprechen. Ich bemerkte das; es war mir ganz gleichgultig, eben so die Entschuldigungen der Frau, die mich bei ihrer Ruckkehr versicherte, keinen nachtheiligen Verdacht gehegt zu haben. Bis zum Tod ermudet, gab ich ihr meinen Beutel in die Hand, er enthielt den letzten Rest des Ueberflusses, den ich nie zu berechnen Beruf gefunden hatte; es war eine armselige Summe fur den, der im Schoose der Ueppigkeit gelebt, aber uberzeugt, dass sie langer wie mein sinkendes Leben dauern wurde, gab ich sie sorglos dahin und forderte nur, augenblicklich in das mir versprochne Zimmer gefuhrt zu werden. Muhselig schleppte ich mich eine steile, finstre Treppe hinauf und trat in ein dunkles, enges, dumpfes Gemach; an einer Seite stand in einer Vertiefung hinter einem geflickten, verblichnen Vorhang ein Bett, dessen mich zu bedienen, noch vor vier Tagen der hochste Grad von Mudigkeit mich nicht vermocht hatte; jetzt sehnte ich mich, mein brennendes Haupt auf diese elenden Pfuhle zu legen, und hoffte mit Zuversicht, es werde nur kurze Zeit darauf ruhen.
Endlich war ich allein. Ich empfand eine furchtbare Freude, jetzt alle Banden, die mich an die Menschen knupften, abgelost zu haben und sicher darauf rechnen zu konnen, dass dieses verlorne Geschopf, sobald es aus dem Winkel, in den es sich gefluchtet, auf den Kirchhof getragen ware, in dem Andenken der Menschen schnell und ganzlich vergessen seyn wurde. Ein heftiges, mich vollig betaubendes Fieber uberwaltigte mich, ich rasete nicht, sondern lag in dumpfer Betaubung, welche die gutmeinende, aber rohe Sorgfalt meiner Wirthin und ihrer Tochter, eines kranklichen, missgestalteten, widrigen Geschopfs, oft zu storen versuchte. Ich erwachte dann, wies ihren Trost, ihre dargebotnen Erquickungen und eben so die sich vor meine Erinnerung drangenden Bilder der Vergangenheit von mir und sank in neue Dumpfheit zuruck. Meine korperlichen Empfindungen schmeichelten mir mit nahem Tode; die Gluth, die mich verzehrte, lahmte meine Krafte bis zur aussersten Hulflosigkeit, der bewusstlose Dumpfsinn, in dem es mir gelang, mich zu erhalten, schien mir Vorbote ewigen Schlafs.
Konnte ich denn aber wirklich in dieser Verhartung des Herzens, dieser Gedankenlosigkeit uber das Diesseits und Jenseits aus der Welt gehen wollen? fiel denn kein Strahl der himmlischen Liebe in meine Seele? Nein! Die, welche schmeckten, wie gutig der Herr ist, wenden sich im Ungluck mit doppeltem Eifer zu seiner Gute; ich hatte ihn aber in meinen guten Tagen nie gesucht, darum konnte ich jetzt den Weg zu ihm nicht finden. So lange mir noch Krafte blieben, schien mir das Loos, das mich getroffen, ein grausames Unrecht, denn ich hatte nie die Forderung an mich gemacht, besser zu seyn, wie ich war, hatte also keinen Begriff davon, weniger Gluck zu verdienen, wie bisher das Leben mir geboten. Seit aber die Krankheit meine Krafte gebrochen hatte, war dieser Trotz dahin doch die Ruhe, die ihm folgte, glich der lebenverderbenden Erstarrung des todten Meers. Tage und Nachte gingen daruber hin, deren Wechsel mir beim unwillkurlichen Erwachen aus meiner Dumpfheit nur durch das tiefere und mindere Dunkel meines Zimmers merkbar ward. Endlich liess sich meine Wirthin nicht mehr durch meine strenge Weigerung zu sprechen, zu horen, Nahrung zu nehmen, abweisen; sie sah meinem Tod entgegen und furchtete die Unannehmlichkeiten, die es ihr zuziehen konnte, eine Unbekannte ohne fremden Beistand gelassen zu haben, noch mehr, die Kosten ihrer Beerdigung tragen zu mussen. Wie sie wieder einmal vergeblich versucht hatte, ihrem Zureden Eingang zu verschaffen, sagte sie mir ohne Umschweife, dass mein ihr bei meiner Ankunft ubergebner Geldvorrath erschopft sey, und ich mir neue Mittel des Unterhalts verschaffen oder mich nach einer andern Wohnung umsehen musse. Vor acht Tagen noch hatte diese Behandlung meinen Stolz aufs heftigste emport, jetzt empfand ich sie blos wie eine schnellere Beforderung zum Grabe und sagte gleichgultig: sobald ich ihre Muhe nicht mehr bezahlen konnte, wollte ich sie davon freisprechen. Damit war diese Frau aber nicht befriedigt; sie schlug mir, wie sie schon oft gethan hatte, vor, meine Freunde von meinem Zustand zu benachrichtigen. Aber da beruhrte sie die eiternde Wunde meines Herzens ich druckte mein Gesicht in das Kissen und antwortete nicht mehr. Nun fragte die Wittwe, ob ich denn gar keinen Gegenstand zum Verkaufen besasse, und deutete auf einen Ring, den ich nie von dem Finger gelegt. Es war das einzige Andenken von meiner Mutter, das ich erhalten. Bis jetzt war mir der Werth desselben nicht deutlich geworden, ich hatte ihn, seit ich hier schmachtete, noch niemals bemerkt, doch nun besann ich mich plotzlich, woher er mir kam, und mit Harte befahl ich der Frau, zu schweigen, mir zu sagen, wenn der letzte Schilling meines Geldes ausgegeben sey, wo ich denn lieber auf der Thurschwelle sterben, als ihr einen Augenblick zur Last fallen wolle. Beleidigt verliess sie mich und unterbrach den ganzen Tag uber meine Einsamkeit nicht mehr.
Erst dieser Vorgang erinnerte mich an das, was mir bisher als das geringere Uebel entgangen war, an die ganzliche Armuth, die mich bedrohte. Allein, meine Lebensgeister zu einiger Thatigkeit zu spannen vermochte der Gedanke nicht, im Gegentheil diente er als neuer Beweis, dass ich dem Tode verfallen sey, und davon uberzeugte mich die leidenvolle Unruhe in meinem Innern, der nagende Schmerz in allen Gebeinen, der sich meiner bemachtigte, die ich beide fur die sichern Vorboten der Auflosung hielt. Kaum nahm ich wahr, dass die Nacht dem qualvollen Tag gefolgt war; gluhende Funken kreuzten vor meinen Augen umher, die Dumpfheit meines Jammers ging in ganzliche Vergessenheit uber, und die Krisis, die ich fur den Tod gehalten, loste sich auf in einen heilbringenden Schlaf. Meine ungeschwachte Jugend hatte gesiegt; die Dumpfheit selbst, welche meine Verzweiflung ubertaubte, war vielleicht wohlthatig fur meine Nerven gewesen, die ganzliche Entausserung von Speise hatte den Gang der Natur ohne Storung gelassen genug, ich erwachte mit hellem Bewusstseyn meines Unglucks, aber auch meiner Rettung vor dem sehnlich gewunschten Tod. Der Gedanke, Gott zu danken, erwachte nicht mit dem ruckkehrenden Leben, bittere Angst um die Zukunft nahm von meinem Gemuthe Besitz, und mein noch schwacher Kopf arbeitete angestrengt, einen Weg zu ersinnen, der mich in einer Welt, die ich so feindselig hatte kennen lernen, zu einer Freistatte fuhrte. Bei diesem Nachsinnen hatte ich gar nicht die Augen geoffnet, um zu sehen, wer so leise in meine Thur trat und sich meinem Bett naherte, ein lauter Ausruf schmerzlichen Erstaunens schreckte mich auf. "Miss Mortimer!" rief ich, und der Anblick dieser gutigen, verkannten Freundin weckte Erinnerungen in mir auf, die mein verstocktes Herz mit Fuhllosigkeit umeisten. Sie vermochte nicht zu sprechen, schluchzend hielt sie mich in ihren Armen.
"Miss Mortimer, was wollen Sie hier?" fragte ich kalt und machte mich von ihr los. "Was ich will, Ellen? das ist sehr ungutig, zu fragen, was ich will! Konnte ich erfahren, dass Sie litten, ohne zu Ihnen zu eilen? Kann ich Sie nicht trosten, oder doch trauern mit Ihnen?" "Ich traure nicht und bedarf keinen Trost. Lassen Sie mich!" "Nicht so, mein theures Kind! Es ist Ihnen nicht auferlegt, fuhllos zu seyn. Wir wollen weinen uber die harte Schule, in die Sie Gott gefuhrt, aber nicht an seiner Barmherzigkeit zweifeln." "Barmherzigkeit? die zeigt er mir nicht. Er hat mich ohne Mitleid zur Erde getreten, und ich will liegen bleiben, bis diese Erde mich verschliesst." Der Schmerz uber meine trostlose Seelenstimmung benahm Miss Mortimer lange die Fahigkeit zu sprechen; dann bat sie mich liebevoll, mehr Milde zu zeigen, und bei meinem Starrsinn rief sie mit aufgehobnen Handen gen Himmel: "O du Gott des Friedens, senke doch Sanftheit in dieses Herz, das du gewiss zu deinem Tempel geschaffen hast! Ich vermag hier nichts." Sie hatte sich halb abgewandt, wie sie dieses Gebet sprach, aber ich sah ihre weissen, abgezehrten Hande, die sie emporhielt, und horte ihre Seufzer, ich erinnerte mich des hinfalligen Zustandes, in dem ich sie das letzte Mal getroffen, ich vermuthete, dass sie ihr Krankenzimmer nur verlassen, um mich aufzusuchen, um mir Hulfe zu bringen. Zu solchen Bemuhungen konnte nur Wohlwollen antreiben; ganzlich verlassen, dem ganzen Menschengeschlecht unwerth war ich also doch nicht, ich fing an Gute fur moglich zu halten, aber, noch ohnmachtig gegen das Gift in meiner Seele kampfend, wies ich ihr Anerbieten, mich zu sich zu nehmen, oder mich in diesem elenden Schlupfwinkel zu pflegen, halsstarrig zuruck. Miss Mortimer ward innig betrubt, allein ihr wahrhaft christliches Gemuth hatte nicht, um Dankbarkeit zu arnten, sich zum Liebesdienst erboten; meine Harte schreckte sie deshalb nicht ab. Wie ich im Schimmer des Glucks glanzend ihre Liebe abwies, glaubte sie ihr Leben hoher schatzen zu mussen, als die Verpflichtung, ohnmachtiger Zeuge meiner Thorheit zu seyn; nun vom Blitz des Unheils mein stolzes Haupt gebeugt war, ertrug sie den Ausbruch meines feindseligen Geistes mit unerschopflicher Geduld. Da sie sah, dass ihre Bitten, ihr in ihre Wohnung zu folgen, so wie die, ihre Pflege unter meinem traurigen Obdach anzunehmen, vergeblich seyn, liess sie ab und entfernte sich, ohne mir ein bestimmtes Lebewohl zu sagen. Sie hatte meinen starren Sinn nicht beugen konnen; allein die Eisrinde meines Herzens war erschuttert, so dass ich ihr, wie sie mit schwankendem Schritte mein Zimmer verliess, sehnsuchtsvoll nachsah.
Indem sie die Thur offnete, schlupfte der arme Fidel zu mir herein, er sprang an mein Bett herauf und druckte mir seine Freude, mich wiederzusehen, mit eben der stillen Innigkeit aus, die ihn einst meiner Mutter so lieb gemacht hatte. Wird es der Seelenforscher begreifen, wird der Moralist mir verzeihen, dass die Liebkosungen dieses treuen Thieres endlich vermochten, was die Stimme der Freundschaft, die Vorstellungen frommer Vernunft nicht bewerkstelligen konnten? Mein starrer Sinn brach bei den Bildern meiner Kindheit, die Fidel mir herbeirief, die Bitterkeit meines Herzens ward hinweggeschwemmt von den Thranen, die ich uber dieses Thier vergoss.
Miss Mortimer blieb nicht lange von mir entfernt, sie brachte mir nach kurzer Abwesenheit einige Erfrischungen, die meinen Gewohnheiten und dem Bedurfniss meiner jetzigen Schwache angemessner waren, wie die ekeln Gemengsel, die mir meine wohlwollende Wirthin in den ersten Tagen meiner Krankheit angeboten hatte. Wie sie eintrat, verbarg ich meine Thranen, aber ihrer erneuerten Bitte, sie in ihre friedliche Hutte zu begleiten, konnte ich nicht mehr widerstehen. Mit einem erschutternden Gefuhl ruckkehrenden Seelenlebens denn ich glaube, dass der Herzensschmerz, welchen ich fuhlte, wirklich daher entstand, dass die Lebensgeister die im Jammer vertrockneten Canale wieder zu durchstromen begannen horte ich ihre sanften Worte an. Sie wolle sich nicht zu meinem Schmerze drangen, sagte sie, sie wolle mich nicht einmal einladen, um der Mahlzeit willen mein kleines Zimmer zu verlassen, es wurde ihr genugen, zu wissen, dass ich in ihrer Nahe sey, dass ich sie finden konnte, sobald ich ihrer bedurfe. Das Gestandniss meines Unrechts drangte sich auf meine Lippen, allein dieses Gestandniss, das in meinen glucklichen Tagen als Selbstuberwindung Werth gehabt hatte, konnte im Munde der Zerschlagnen, Wohlthaten Bedurftigen, wie demuthiges Werben um Versohnung aussehen ich versagte mir die Seligkeit der Reue und rief, Miss Mortimers Hande an meine Brust druckend: "Meine einzige, meine beste Freundin!" Und sie, die ganz Liebe, ganz Grossmuth war, liess sich mit diesen Worten genugen.
Nach wenigen Tagen, in denen mich Miss Mortimer mit der zartlichsten Sorgfalt pflegte, fuhlte ich meine Krafte so weit hergestellt, dass sie es wagte, mich in ihre Wohnung uberzufuhren. Es war ein eben so schoner Morgen, als an dem Tag, wo ich ihr meinen ersten Besuch gemacht hatte: eben so glanzend stromte das Sonnenlicht uber das uppige Grun der Wiesen, eben so schwebten die Schiffe, deren blendend weisse Segel die erquickendsten Lufte schwellten, auf dem silbernen Strom, nur das dunklere Laub der Baume und die Farbung ihrer Fruchte verrieth die Hohe des Sommers. Meine Freundin versuchte es, mich auf dieses frohliche, lebendige Schauspiel aufmerksam zu machen, aber es erheiterte mich nicht kalt wendete ich mein Auge von ihm ab und dachte, wozu einer Welt, wo Unrecht, Gram und Leiden ihre Herrschaft verbreitet hatten, dieser reizende Schmuck gegeben seyn mochte. Von allen Siegen der Ergebung in eine hohere Leitung, eines kraftigen Verstandes uber das schwache Gemuth ist keiner lohnender, als wenn wir in jeder Lage fahig sind, das Gute, das uns der Augenblick bietet, zu geniessen. Fur mich, die ich noch immer mit Gott haderte uber den Weg, den es ihm gefiel mich zu fuhren, prangte die Natur umsonst in ihrer schonsten Pracht, ich stiess die Freude von mir, die sie dem ergebnen Herzen meiner Freundin zu geniessen gab. Bei unsrer Ankunft in Miss Mortimers Wohnung begrusste sie mich mit der innigsten Zartlichkeit als Mitglied ihres Haushalts, sie fuhrte mich sogleich in das mir bestimmte Gemach, das angenehmste dieses bescheidnen Hauses. Sehr niedliches, wenn gleich hochst einfaches Gerath bot mir jede Bequemlichkeit dar. Grune Wande, schneeweisse Vorhange, ausgesuchte Reinlichkeit verbreiteten Heiterkeit, und der Anblick der umliegenden Garten durch ein grosses mit Jasmin umranktes Fenster wiegte die Seele zur Ruhe ein. Ich fand eine kleine Zahl wohlausgewahlter Bucher, und in den Schiebfachern eines Schrankes einen grossen Theil meiner Wasche und nutzlichsten Kleidungsstucke, welche Miss Mortimers Bemuhung, von den mit meines Vaters Verlassenschaft beschaftigten Personen zuruckzuerhalten, gegluckt war. Wie viel ich ihr zu danken hatte, fuhlte ich wohl, aber dadurch ward mir meine Bedurftigkeit nur fuhlbarer, und seufzend folgte ich meiner grossmuthigen Freundin Ermahnung, der Ruhe zu pflegen. Ich bedurfte ihrer sehr, fur meinen geschwachten Zustand war die Ueberfahrt nach der Nahe von Greenwich und der erste Versuch, dem Leben wieder anzugehoren, eine schwere Ermudung. Matt sank ich auf das Reinlichkeit duftende Bett, das nach jenem jammerlichen Lager, auf dem mich mein Siechthum festgehalten, als die grosste Wohlthat hatte erscheinen sollen, und uberliess mich dem Schlaf.
Der Abend sank, als ich bei den Tonen einer sanften Harmonie erwachte, die anfanglich wie ein Engelchor in der Luft zu verfliessen schienen, bis ich, vollig vom Schlaf ermuntert, Miss Mortimers fromme Stimme erkannte, die ihr Abendlied sang. Keine andre Stimme hatte die kindliche Dankbarkeit, die siegreiche Freudigkeit ihrer Seele so ausdrucken konnen, wie die ihre, und so wenig ich seit dem Umsturz meines Glucks fahig war, Dinge ausser mir zu beobachten, zog doch diese Stimme, wie sie, auf der mildesten Abendluft getragen, zu mir herauftonte, meine Aufmerksamkeit an. Welchen Schatz besitzt sie denn, dachte ich bei mir selbst, der sie vor Andern so froh macht? Heute fruh horte ich sie ihren Morgen mit einem Lobgesang beginnen, und nach einem fur Andrer Wohl in Muhe verlebten Tag geht sie unter Dankgebet der Nacht entgegen. Gewiss, ihr ist diese gluckliche Stimmung angeboren, und ausserdem sie kannte ja nie eine bessre Lage, sie verlor nichts. Wohl ihr, dass Armuth und Beschrankung sie vor dem Betrug und der Harte der Menschen bewahrte! Der Gesang war beendet, die Stille um mich her uberliess mich von neuem meinen qualenden Betrachtungen, und um ihnen zu entgehen, griff ich nach einem Buche, das neben mir auf dem Tische lag. Es war meiner Mutter Bibel. Vornan stand ihr Name, von ihrer eignen Hand geschrieben, dann der Tag meiner Geburt, endlich wurde mein Tauftag mit folgenden Worten erwahnt: "Diesen 11. Jenner 1775 habe ich Gott mein theures Kind gewidmet. Moge er dieses Opfer annehmen und reinigen, wenn es auch mit Feuer seyn musste!" Diese Worte erinnerten mich an die nie ganz vergessnen von meiner Mutter letztem Segen, und ich rief mit innigem Schmerz: "O Mutter, hattest du vorausgesehen, wie verzehrend das Feuer seyn sollte, das du zu meiner Reinigung herabbetetest, du hattest nicht so geschrieben, denn dein Herz war mild gegen einen Jeden, es hatte sich ja meiner erbarmt." Nun schlug ich eine andre Seite des Buchs auf, welche, wie das Blatt zeigte, oft umgewendet seyn musste; mein Auge erblickte die unterstrichne Stelle: "Konnte wohl eine Mutter ihren Saugling, den Sohn ihres Schooses vergessen? Ja sie kann es; doch nie vergesse ich deiner." Ich erinnerte mich dunkel, diese Worte von meiner Mutter im Gebet oft gehort zu haben; damals verband ich keinen Sinn mit ihnen, jetzt fielen sie mir auf, ich dachte nach, ob denn wohl ein so trostvoller Gedanke, den so viele Tausende der Millionen fur wahr annahmen, der meiner Mutter Aufrichtung und Freudigkeit gegeben, ganz ohne Grund seyn konnte. Wenn er aber gegrundet ware, so wurde ich ja nicht verlassen seyn; warum denn musste ich erfahren, was nur den Verlassensten bestimmt seyn konnte? Diese Betrachtungen beschaftigten mich durch die ganze schlaflose Nacht. Nach und nach erzeugten sie aber die Frage in mir: warum, wenn eine vaterliche Macht unser Schicksal ordnet, auch wenn es uns mit Ungluck niederdruckt, dennoch ordnet, warum habe ich nicht gesucht mich dieser Macht gefallig zu machen? warum gedachte ich ihrer nie, da doch mein ganzes Wohl in ihren Handen ruhte? Sobald der Tag anbrach, griff ich wieder nach dem Buch, das meine Mutter getrostet, und suchte eine Antwort auf meine Frage und eine Entschuldigung meines Thuns. Die erste fand ich, je mehr ich las. Ich gewahrte, dass mein Leben den Bedingungen, unter welchen Gottes Friede verheissen wird, ganz entgegen gewesen sey; dieses Buch gebot Entsagung fur sich und Bemuhung fur Andre; ich hatte einzig nach Genussen gestrebt und fur Andre nie das Geringste gethan. Mein leichtsinniger Verstand fragte ein paar Mal: was verburgt dir denn, ob diese Vorschriften wirklich den Frieden Gottes versichern? dass Gott wirklich dein Vater seyn wird, wenn du sein Kind bist? Aber da sprach eine laute Stimme in mir und deutete auf die Schriftstellen, die meine Mutter getrostet, und auf die Freudigkeit, mit der meine fromme Retterin uber Armuth, Schmerz und Ansicht des nahen Todes siegte. Sie sagte, dass der jetzige Zustand meiner Seele in seinem unermesslichen Jammer mir Ahnungen hoheren Gluckes gewahre, als ich im Rausche meiner ehemaligen Freuden niemals gekannt hatte. Ich las fort und dachte nach und befragte Miss Mortimer, die, ohne mich in dem Gang meiner Seelen-Entwicklung zu storen, nur antwortete, nie den nothwendig erfolgenden Fortschritten meines Nachdenkens vorgriff. Doch Ruhe fand ich noch nicht. Mein Verstand war zu ungeubt, und die Erinnerungen an mein vergangnes Leben zu demuthigend, um mich ohne Kampf zu einer klaren Ansicht meiner selbst kommen zu lassen. Wie ich die Thorheit meines bisherigen Lebens zuerst einsehen lernte, wollte ich meine Selbstvorwurfe durch Scheingrunde entkraften; deren Ohnmacht im Innern empfindend, leitete ich oft Gesprache mit Miss Mortimer ein, welche einzelne Puncte meiner Zweifel erhellen sollten; sie horte mit unbeschrankter Geduld meine seichten und aus Widerstreben gegen eine bessere Ueberzeugung oft wiederholten Einwurfe an und achtete nicht auf die Unvernunft einer trostlosen Behauptung, mit der ich jeden Streit, in dem ich mir den Sieg nicht zuschreiben durfte, beschloss. Mein Dunkel musste endlich unbedingt eingestehen, dass ich bisher ein unwurdiges, gedankenloses Daseyn gefuhrt hatte, und dass es wohl Gottes Vaterliebe sey, die mir das Leben erhielt, um mir Zeit zu besserer Erkenntniss zu geben, und mir durch meine Freundin Mittel und Beispiel zu ihrer Erlangung zusendete. Dem trotzigen Untersuchen folgte angstliche Anerkennung ich wusste, dass ich den Weg des Rechten verfehlt hatte, ich sah das Ziel vor mir, aber die Mittel, mich auf der rechten Bahn dahin zu erhalten, waren mir noch unklar. Kleinliche Gebetsubungen, Bussen, Entsagungen, qualten mich eine Zeit lang, konnten aber im Beisammenleben mit meiner ehrwurdigen Freundin, deren Frommigkeit diesen Zwangsmitteln so fremd war, nicht lange bestehen.
Miss Mortimer blieb ihrem ersten Versprechen, meinem Aufenthalt bei ihr gar keinen Zwang aufzulegen, getreu; sie forderte mich nie auf, mein Zimmer zu verlassen, aber das Zusammenseyn mit ihr ward mir lieber in dem Maas, wie meine Begriffe uber Leben und Bestimmung sich lauterten. Ich fing an ihren Krankenbesuchen und ihren Andachtsubungen beizuwohnen, ich arbeitete mit ihr an Kleidungsstucken fur die Armen aber wie verschieden war noch der Sinn, in dem sie dieses alles that, von dem meinen! Sie erfullte mit kindlichem Herzen ihren Beruf, so weit es ihre Krafte erlaubten, das Beste des grossen Haushalts ihres himmlischen Vaters zu befordern, ich strebte banglich den gerechten Unwillen dieses Vaters zu versohnen; sie sprach Dankgebete aus, ich verehrte den beleidigten Herrn. Die nahere Bekanntschaft, die ich bei den Krankenbesuchen mit den Armen machte, trug nicht dazu bei, meinen Empfindungen Milde zu geben. Ich hatte bisher ihren Zustand nur aus Schauspielen und Romanen gekannt, Almosen gab ich nur von meinem Ueberfluss dem Bettelnden, der mein Auge beleidigt, mein Ohr ermudet hatte, und mit dessen traurigem Anblick ich keinen Begriff, als den des schnell vergessnen Ekels, verband. Nun fand ich unter dieser Menschenclasse Laster, Schuld, halsstarriges Unrecht, Undankbarkeit, wie unter dem ubrigen Menschengeschlecht. Mein Mitleid verlor den Sinn der Liebe, es bedurfte einer Zeit, um mich zu belehren, dass Almosen nicht gegeben werden, um Tugend zu lohnen, sondern oft um das Laster, welches Folge des aussersten Bedurfnisses ist, zu entfernen; dass wir aber nie vernachlassigen sollen, mit gleichem Eifer einen guten Gedanken in dem Armen zu erwecken, als einem seiner physischen Bedurfnisse zu steuern. Wie sich mir nach und nach die Ueberzeugung aufdrangte, dass so mancher der Unglucklichen, die meine Freundin, indem sie sich manche Bequemlichkeit versagte, dem Untergang entriss, durch den Leichtsinn, die Unbilligkeit Reicher, wie ich noch vor kurzem war, in physisches und moralisches Elend gesturzt wurden, fing ich an mit Schmerz auf die Zeit zu blicken, wo ich Mittel hatte, so vielen zu helfen, und theilnahmelos vor den Hulfsbedurftigen voruberging.
Eines Tages fuhrte mich Miss Mortimer in ihr Gartchen hinaus, die warme Herbstsonne zu geniessen; da bemerkte sie ein magres, barfussiges kleines Madchen, das seine braune Hand durch den Gartenzaun steckte und in echt bergschottischer Sprache ein Almosen erbat. Meine Freundin fragte nach den Umstanden des Kindes, dessen Antworten aber durch seine fremde Mundart und grosse Schuchternheit ganz unverstandlich wurden. Miss Mortimer nahm mein Anerbieten, lieber selbst die Wohnung des kleinen Madchens zu besuchen, um sie in Stand zu setzen, von der Anwendung ihrer Gabe zu urtheilen, dankbar an, und so folgte ich diesem bis zu einem elenden Hauschen, das in einer der entlegensten Strassen von Greenwich lag. Wie mein Auge in der mich empfangenden Finsterniss die Gegenstande zu unterscheiden begann, erblickte ich auf einem elenden Lager eine abgemagerte Gestalt, deren Todtenblasse bei dem Anfall eines furchtbaren Hustens einer dunkeln Rothe wich, wobei sein glanzendes Auge und unruhiger Blick ein verzehrendes Fieber verkundigte. Ganz in den mephitischen Dunstkreis des niedern Zimmers gehullt, sass eine Frau an dem niedern Heerd und bemuhte sich das rauhe, matte Geschrei eines kleinen Kindes zu beschwichtigen. Bei meinem Anblick sprang sie auf, mir ihren Schemel den einzigen Sitz in dieser Wohnung, anzubieten, und der Kranke versuchte mit schottischer Hoflichkeit, sich im Bette zu erheben, um mich zu begrussen. Unfahig zu dieser Anstrengung, forderte er die Hulfe seiner Frau, die nach dem kleinen Madchen, meiner Fuhrerin, rief, ihr den Saugling abzunehmen, damit sie freie Hande bekame, ihren Gatten zu unterstutzen. Der Gedanke, dem schwachen Madchen das Kind anvertraut zu sehen, erschreckte mich; unbedacht bot ich die Arme dar, es selbst zu ubernehmen, und freudig uberrascht reichte die Mutter mir es hin, als ich voll Entsetzen seinen Zustand erblickte. Es war von Kinderblattern wie mit einer Eiterkruste uberdeckt, seine Augen, seine Nase waren verschwunden, sein Mund nur an den rauhen Klagetonen kenntlich, in denen er stohnte ein pestartiger Geruch umgab das elende Wesen die arme Mutter hatte ihm, den Vorurtheilen ihres Landes gemass, um, wie sie sagte, das Gift vom Herzen zu treiben, so viele Warme wie moglich verschafft, sie sich selbst die nothwendigste Nahrung entzogen, um durch geistige Mittel den Ausbruch der Blattern zu befordern. Der Abscheu, den ich gegen das Kind bezeigte, krankte sie bitter, sie mahnte mich an die fluchtige Dauer der Schonheit, denn auch ihr Knabe sey vor wenigen Tagen noch lieblich gewesen, und zeigte einen so anstandigen, vom Elend ungedemuthigten Geist, dass ich beschamt dastand, Kummer in der Hutte verbreitet zu haben, wohin Trost zu bringen, meine Absicht gewesen. Es gelang mir, sie zu begutigen. Nach mancher Verstandigung erfuhr ich endlich, dass der wackre Mann ein Schotte sey, der in seinem Vaterlande ganz ertraglich als Gartner gelebt hatte; die Hoffnung, in England sein Gluck zu machen, wo schottische Gartner gesucht werden, lockte ihn an. Da es ihm nicht gleich gelang, Arbeit zu finden, gerieth er in grosse Bedrangniss, bis er es wagte, einen edeln Landsmann anzusprechen, Herrn Maitland, durch dessen Vorwort Herr Percy ihn auf seinem Gute zu Richmond als Gartner anstellte. Bei diesem Namen fuhr ich zusammen; aber schon zur Vorsicht gewohnt, verrieth ich mich nicht, sondern fragte, ob sie Miss Percy gekannt hatten. Das nicht, sagte die Frau, denn sie waren den Tag in Dienst getreten, als die Herrschaft in die Stadt zog, und wenn Miss Percy zu kurzen Besuchen hinausgekommen sey, habe sie so viele bunte und frohliche Leute um sich gehabt, dass ihr keine Zeit geblieben sey, auf armes Gesinde zu blicken. Aber an ihrem Ungluck sey sie doch schuld, denn gegen das Fruhjahr habe sie darauf bestanden, einige schone auslandische Pflanzen unerlasslich an einem gewissen Tage, zur Zierde bei einem grossen Fest, zur Bluthe gebracht zu sehen. Campell, der den Auftrag erhielt, besorgte sie Tag und Nacht in dem stark geheizten Warmehaus; sie hatte mehr wie einmal gesagt, wenn er schweisstriefend von da in Hemdarmeln durch Schnee und kalten Nebel zum Essen gekommen sey: "das bringt dir den Tod, du stirbst mit den Blumen, die gegen alle Natur getrieben werden." So war's gekommen. Sein Athem ward ihm schwer und schwerer, seine Krafte nahmen ab, aber gearbeitet musste werden; in dem feuchten Fruhling stand er und grub an den nassen Morgen und in den kalten Abenden, und wie mein Vater ihn nicht mehr lohnen konnte, ward er abgedankt, und nun lag er auf dem langsamen Todbette, auf dem es seiner selbstsuchtigen Herrschaft jetzt an Mitteln gebrach, ihm Erleichterung zu geben.
Meine Seele litt im furchtbaren Bewusstseyn veranlassten unwiederruflichen Unglucks. Ich fragte, ob Campell einen Arzt habe. Kopflose Frage! Einen Arzt, wo es an Mitteln fehlte, sich Nahrung zu verschaffen! "Ach", rief Campell, "hatte ich nur Mittel, nach Schottland zuruckzukehren! dort wurde ich bald wieder gesund. Die Luft ist dort so rein, man athmet so leicht!" Dahin sollt ihr gelangen, rief ich lebhaft und reichte ihm meinen Beutel, ohne zu bedenken, dass es nicht mein Eigenthum sey, was ich gab, dass ich dieses wenige Geld, wie alles, was ich genoss, meiner Freundin verdanke, die es ihrem Bedurfnisse entzog. Meine nachste Sorge war um einen Arzt. In einem nahen Kramladen bezeichnete man mir die Wohnung eines Herrn Sidney, zu der ich eilte; ich fand einen wohlgebildeten, anstandigen jungen Mann, der mich hoflich, aber mit sichtbarer Befremdung uber meine Erscheinung anhorte. Obgleich ich durch die Erzahlung von Campells Schicksal schmerzlicher, wie je, an meine vergangne Thorheit erinnert war, entging mir der gunstige Eindruck nicht, den meine Gestalt auf ihn machte, ich empfand eine Genugthuung, die ich mir den nachsten Augenblick als eine Sunde vorwarf und, meine Kappe tief ins Gesicht ziehend, ihn auf den Weg zu Campells Wohnung begleitete. Der Arzt untersuchte den Zustand des Kranken, und mit der bittersten Seelenpein horte ich seine mir mit wenigen leisen Worten gegebne Erklarung, dass fur ihn keine Heilung mehr moglich sey. Ich musste an die offne Thur treten, um nicht niederzusinken unter der Last meines Bewusstseyns. "Wer ist dieser Engel?" horte ich Herrn Sidney fragen. Engel! das leichtsinnige Geschopf, das zur Morderin ward! Ich wollte hinzutreten und durch Nennung meines Namens allen den Abscheu auf mich ziehen, den ich verdiente, aber der Muth fehlte mir, und die Worte starben auf meinen Lippen. Der Zustand des Kindes war weniger hoffnungslos; zweckmassigere Behandlung half der Natur die Heftigkeit des Uebels ertragen, seine Augen offneten sich wieder dem Lichte, und Leben und Gesundheit wurden ihm wieder geschenkt. Die Tage seines Vaters waren aber gezahlt. Wie ich nach kurzer Zeit eines Abends ihm einige Labung darreichte, sank er zuruck und hauchte ohne Todeskampf seinen Geist aus. Jetzt machten mir die kleinen Kunstfertigkeiten, mit denen ich ehemals wenige mussige Augenblicke ausgefullt hatte, wirkliche Freude. Ich verfertigte mancherlei Kleinigkeiten, deren Verkauf mir die Mittel verschafften, die Ruckreise von Campells Hinterlassnen nach Schottland zu bewerkstelligen.
So schmerzvoll dieser Vorfall war, trug er doch dazu bei, mich einen trostvolleren Blick in meine Zukunft werfen zu lassen. Ich hatte die Folgen meines selbstsuchtigen Lebens gesehen, hatte aber auch das Gluck genossen, einen kleinen Theil davon wieder gut zu machen. Der Werth meiner Zeit ward mir anschaulicher. Die Entwicklung meiner geringen Geschicklichkeiten wurden mir wichtig, jedes kleine Gelingen gab mir Momente von Freude, die wie jede reine Freude je mehr und mehr den Sinn des Dankes zu Gott anzunehmen begann.
Seit mir Herr Sidney an des armen Campells Krankenbett bekannt geworden war, hatte er sich die Erlaubniss verschafft, Miss Mortimer zu besuchen, und sein angenehmes Betragen machte ihn zum willkommnen Gaste. Bei wiederholten Gesprachen zeigte sich eine Denkungsart bei ihm, welche mir bewies, dass seine Grundsatze bei aller ihrer Rechtlichkeit nicht aus den religiosen Begriffen entsprossten, in welchen ich meine Beruhigungen suchte, in denen sie aber noch nicht fest genug begrundet waren, um sie ohne Bekehrungseifer behaupten zu konnen. Ich liess mich in Streitigkeiten mit ihm ein, bei denen ich nicht immer der siegende, aber nie der nachgebende Theil war; Sidney blieb immer Herr seines Gleichmuths und brachte mich am meisten um den meinen durch die Herzlichkeit, mit der er mich versicherte, es sey ihm an der Form des Denkens wenig gelegen, und er wurde immer ruhiger uber die Moglichkeit, die seine einst fur meine hinzugeben, wenn er Menschen, wie Miss Mortimer und mich von ihr ihre Tugenden ableiten sahe. Ich hielt dieses fur strafliche Gleichgultigkeit gegen religiose Ansichten und machte Miss Mortimer Vorwurfe, dass sie, welche doch gewiss die gute Sache viel besser zu vertheidigen vermochte, an unserm Wortwechsel niemals Theil nahm. "Ich furchte, mein kaltes Blut zu verlieren und ihr dadurch zu schaden", antwortete sie lachelnd. "So wunschten Sie, dass ich Ansichten, von deren Falschheit ich uberzeugt bin, scheinbar gut heissen soll?" "Gar nicht, liebe Ellen, aber sie nicht bestreiten. Uns Weibern steht es uberhaupt besser an, das Christenthum durch Beispiel, als durch Wortstreit zu lehren, und einem Mann, der wie Herr Sidney als ein Christ lebt, wird Gott gewiss auch die Gnade geben, wie ein Christ zu denken das Wie und Wenn mussen wir nicht vorwitzig erzwingen wollen." Wie ich etwas kuhler geworden war, sah ich wohl ein, dass Miss Mortimer recht hatte, und legte mir das Gesetz auf, die Wortkriege mit Herrn Sidney zu vermeiden und diese Nachgiebigkeit bestimmte vielleicht den wackern Mann, mir ernsthafte Antrage zu machen. Eine kurze Zeit lang liessen sie mich unentschlossen. Es war ein Ausdruck einfacher Wahrheit in ihnen, die sie mir, welche den Unwerth feuriger Versicherung vor kurzem auf eine so traurige Weise erfahren hatte, empfehlen musste. Seine Personlichkeit, seine Sitten, sein Ruf litten keine Einwendung; ich konnte mir nicht verhehlen, dass Miss Mortimers hinfallige Gesundheit mich mit dem Verlust meiner einzigen irdischen Stutze bedrohe, und Herrn Sidneys Hand mich dann allen den Leiden entziehen wurde, die ich auf mich eindringen sah; aber ich liebte nicht, und wenn diese Heirath mich vor grossen Uebeln schutzte, so legte sie mir auch Pflichten auf, die es mir, ohne Liebe, sehr schwer schien zu erfullen. Meine Vernunft schalt mich, eine als fluchtig geschilderte Empfindung zur Bedingung des dauerndsten Lebensverhaltnisses zu machen; allein sie trat auf die Seite meines Gefuhls, wie sie sich uberzeugte, dass dieses nicht eitle Vorzuge, sondern eine Ueberlegenheit des Geistes und des Charakters von einem Gatten fordere, um ihm, ohne Demuthigung meiner eignen Vernunft, gehorchen zu konnen. So lautete wirklich das Resultat meiner ernstlichen Erwagung von Herrn Sidneys Antrag; allein ich war mir damals bewusst und sage es jetzt ohne Hehl, dass ein Brief Herrn Maitlands, den ich gerade wahrend meiner Ueberlegung empfing, mir das eigentliche Bedurfniss meines Herzens klar machte, zugleich aber auch meine Ueberzeugung, Herrn Maitlands Herz verloren zu haben, aufs neue bestatigte. Sein Brief enthielt kein Wort, welches sein ehemaliges Gestandniss beruhrt hatte, aber wohl mannlich herzliche Theilnahme an meinem Ungluck, zartliche Sorge fur meine Wohlfahrt. Er suchte mir, mit einem Vertrauen in meine Kraft, das diese Kraft hob, die Pflichten und den Gewinn meiner neuen Lage darzulegen, und erinnerte mich, dass Unabhangigkeit des Einzelnen nur durch den Gebrauch eigner Krafte auf einem sichern Grund gewonnen werden konnte.
Ich machte Miss Mortimer mit meinem Entschluss, Herrn Sidneys Hand auszuschlagen, bekannt und erhielt erst nach manchem Einwurf ihren Beifall, mit dem Zusatz, dass sie zuversichtlich hoffe, Gott werde mir einen andern Beschutzer fur die Zeit der Gefahr senden. "Der muss ich selbst seyn, meine verehrte Freundin", sagte ich, mich muthiger zeigend, wie ich war. "Herr Maitland deutet mir in seinem Brief an, was die Basis meiner Unabhangigkeit seyn soll." "O meine gute Ellen", rief Miss Mortimer, indem sie mich sorgenvoll anblickte, "die Sicherheit des Lebens-Unterhalts ist es ja nicht allein, die ein weibliches Wesen bedarf! Rath und Zuspruch" ... "Verzeihen Sie mir, theure Freundin", unterbrach ich sie, "diese kann mir Herr Maitland so gut geben, wie ein Gatte, er bleibt ja nicht ewig jenseit des Meers." Miss Mortimer seufzte. "Ja wenn die Frau, die er wahlt, Ihre Beschutzerin wurde!" "Eine Frau? Liebste Miss Mortimer, warum soll er denn eine Frau wahlen? Sie haben einen sonderbaren Geschmack, Heirathen zu stiften!" "Das ist eine Muhe, die ich mir seit einigen zwanzig Jahren, freilich nur fur andre, gegeben habe", erwiederte sie mit einem gutmuthig spottenden Lacheln und veranlasste mich dadurch zum ersten Mal, um die Erzahlung ihrer fruhern Lebensverhaltnisse zu bitten. Meiner geliebten Freundin Andenken ist mit dem Gebet derer, denen sie wohl that, von der Erde verschwunden, es lebt nur noch in meinem Herzen, aber ihr anspruchloses Leben ist mit Herrn Maitlands Jugendgeschichte verbunden, und um dieser willen weihe ich ihr dieses Blatt.
Miss Mortimer und meine Mutter hatten die Freundschaft, die sie verband, von ihren Eltern ererbt. Ihre Vater fochten einer an des andern Seite und fanden auf demselben Schlachtfelde ihren Tod. Beide Wittwen zogen sich in die Einsamkeit zuruck und widmeten sich ganz den ihnen obliegenden Pflichten. Mistriss Mortimers Loos war das leichtere, denn ein kleines vaterliches Erbe sicherte ihre einzige Tochter vor Abhangigkeit; dagegen Mistriss Warburton die schwere Aufgabe geworden war, einen Knaben von hohem Geist und reichen Anlagen mit der Armuth zu versohnen, und ein zartes, schones Madchen durch eine zweckmassige Erziehung gegen die rohen Anspruche einer freudelosen Welt zu bewahren. Des jungen Warburtons Fortschritte in den Wissenschaften waren der Stolz seiner Lehrer, die Freude seiner Eltern, als seines Vaters Tod ihn aller Mittel, auf diesem Wege seine Ausbildung fortzusetzen, beraubte. Mit bitterm Schmerz musste der Jungling eine Beschaftigung suchen, wo die Arbeit des heutigen Tages den Unterhalt des morgenden sicherte. Tief gebeugt verbarg er dennoch sein Leid, um den Kummer seiner Mutter nicht zu vergrossern; Miss Mortimer, die Gespielin seiner Kindheit, blieb seine einzige Vertraute, sie theilte seinen Schmerz. Er beweinte eine Zukunft, die er mit ihr zu theilen gehofft hatte, und sie verhehlte ihm nicht, dass mit seinem Gelingen auch ihr Gluck gesichert gewesen ware. In dem ostindischen Hause, wo er sein freudloses Tagwerk abspann, fand er jedoch einen Freund, Herrn Maitland, der, obwohl sieben Jahr junger wie er, anfangs seine Achtung und dann seine Liebe gewann.
Maitland war damals fast noch ein Knabe, aber ein grosser, kraftiger, kecker Bergschotte; seine Nerven waren durch harte Leibesubungen und rauhe Witterung gestahlt, seine starke Seele hatte Kraft erworben bei einer Erziehung, welche keine andre Erholung, als Wechsel der Beschaftigung zuliess. Er hatte sein Vaterland auf den Befehl seiner Eltern verlassen, um sich dem Eigensinn eines Oheims zu fugen, der ihm nur unter dieser Bedingung ein reiches Erbe versprach. Das Andenken seiner Heimath war ihm unendlich theuer, allein von seinem Vaterhause sprach er selten; schweigend und zuruckhaltend, entging er dem gemeinen Spott, der sich so gern uber die Anerkennung armer Verwandten auslasst. Er hatte erfahren, wie wenig der stumpfe Sinn der Menge den Eindruck begreifen kann, den ein Lied voll Einfalt, eine alte Sage von dem Ruhm der Ahnherrn hervorbringt, nicht wie der arme Bergschotte alle Schatze der Kunst gern hingegeben hatte, um nur noch ein Mal in den Abgrund zu blicken, den kein Fuss vor dem seinen zu erklimmen gewagt, noch einmal die Kuhle des Thales zu athmen, wo er nach seinem ersten Jagdabenteuer geruht hatte. Genuss und Arbeit hindert die Neugier; niemand aus der geschaftigen Menge, die den Handelslehrling umgab, fragte nach dessen Jugend-Geschichte, Warburton allein wusste, dass er ein Opfer gebracht, dessen Grosse gleichgultigen Menschen nicht bekannt gemacht werden durfte. Maitlands Oheim, der eine sorgfaltige Erziehung hochschatzte, bestand darauf, dass sein Neffe sich streng wissenschaftlich ausbildete, und war willens, ihn im gehorigen Alter die Universitat besuchen zu lassen; bis dahin machte ers ihm aber zur Pflicht, taglich einige Stunden der Erlernung seines kunftigen Berufs, des Handels, zu widmen. Trotz Maitlands Jugend fand Warburton doch in ihm den Gefahrten, der ihn vollig verstand; in classischen Sprachen war er fast so geschickt, wie jener; besass er mehr Einbildungskraft, so hatte Maitland mehr Scharfe des Geistes und Auffassungsgabe und ertrug mit stiller Verachtung den Spott seiner Schulgenossen uber seine befremdliche Aussprache. Warburton, dessen milde Sitten den seinen ahnlicher waren, gewann seine Zuneigung, ihr Geschmack stimmte zusammen, die wenigen Stunden, die er in dem Zahlamt zubringen musste, unterbrachen auf eine wohlthatige Weise Warburtons druckend einformiges Tagewerk, er horchte mit Entzucken auf Maitlands Beschreibungen seines an Naturschonheiten so reichen Vaterlandes sie wurden Freunde, und Warburton vertraute ihm endlich die Zerstorung seiner Hoffnungen und das harte Loos, seine erworbnen Kenntnisse unvervollkommnet lassen zu mussen. Maitlands starkere Seele schlug ein Mittel gegen dieses Uebel vor: er wies seinen Freund an, wie er durch anhaltendere Arbeit und strengere Sparsamkeit eine Summe sammeln konnte, die ihm das Besuchen einer Universitat moglich machen wurde. Von diesem Augenblick an gab er selbst ihm das Beispiel von Arbeitsamkeit und Ersparen, die er ihm anempfohlen hatte. Er brach seinem Schlaf ab, er entsagte seinen Erholungen, um fur einen Buchhandler Uebersetzungen zu liefern, er scharrte alles, was er von seinem Taschengelde erubrigen konnte, wie ein Geizhals zusammen, die Einladungen seiner Gefahrten lehnte er ab, ihre Anschuldigungen der Knauserei beantwortete er mit nachlassigem Lacheln; allein wie sie ihn naher kannten, waren wenige von ihnen so schlecht, uber ihn scherzen, und keiner so kuhn, seine Verachtung zu zeigen. Denn schon damals flosste Maitlands ernstes, rechtliches, offnes Wesen Achtung ein. Nach einer zweijahrigen Beharrlichkeit zu gleichem Zwecke stellte er seinem Freund die Frucht seiner Selbstverleugnung zu und fuhlte sich mehr wie belohnt, als sich Warburton nun im Stand sah, ihn nach Oxford zu begleiten.
Wenige Monate vor Warburtons Abreise nach der hohen Schule ward Herr Percy, schon damals ein sehr reicher Mann, eines Regenschauers wegen genothigt, in einer Pfarrkirche, wo eben Morgengottesdienst gehalten wurde, Obdach zu suchen. Francis Warburton war unter den Betenden und zog durch ihre Andacht, Sittsamkeit und zarte Schonheit seine Aufmerksamkeit auf sich; er liess sich bei ihrer Mutter einfuhren und machte ohne Zogerung seine Antrage. Francis erschrack vor einem Liebhaber, bei dem die dreissig Jahre, die er mehr zahlte, wie sie, nicht den grossten Einwurf begrundeten; aber er bot die grossmuthigsten Bedingungen an; die Mutter befahl nicht, uberredete nicht, sie sprach nur einmal von ihres Sohnes Eduard Bedrangniss: "hatte er einen Freund, der ihn unterstutzte", sagte sie, "so wurde er noch der Stolz meiner alten Tage!" "Er soll ihn haben, diesen Freund!" rief Francis mit Thranen und versprach Herrn Percy ihre Hand. Ihr Opfer sollte vergeblich seyn. Warburton sollte nicht der Unterstutzung bedurfen, die Reichthum zu geben vermag, noch der Beforderung, die Reichthum erkauft: seine Gesundheit, durch die angestrengte Arbeit in dem Zahlamt geschwacht, war seinem jetzt freiwilligen Streben nicht mehr gewachsen, aber unempfindlich gegen die Gefahr, verfolgte er seinen anlockenden Weg, er verwarf die Warnung der Freundschaft, die ihm die traurigen Folgen voraussagte, und eines Morgens ward er todt an seinem Schreibtisch gefunden. Ein Aufsatz, durch welchen er sich die Bahn literarischen Ruhms, burgerlichen Glucks zu offnen gehofft hatte, lag soeben vollendet vor ihm auf dem Tisch.
Miss Mortimer und ihre Freundin weinten zusammen, meine Mutter fand bald durch meine Geburt einen Gegenstand der Liebe, welcher die Leere, die ihres Bruders Tod in ihrem Herzen gelassen hatte, ausfullte. Miss Mortimer erhob ihren Blick in eine bessre Welt; sie suchte hier auf Erden nie wieder ihr Gluck.
Maitland, durch feste Grundsatze gesichert, brachte seine Zeit, einzig mit dem Zweck seines Aufenthalts beschaftigt, unangefochten von den Thorheiten seiner Gefahrten, in Oxford zu. Nachmals besuchte er, um seine Handelskenntnisse zu vervollkommnen, die grossten Handelsplatze des festen Landes, machte die personliche Bekanntschaft der gebildetsten Manner daselbst und umfasste in seinem Bestreben alle Zweige der Wissenschaft, welche zu dem Handelsverkehr der Volker benutzt werden konnen. Im funf und zwanzigsten Jahre kam er zuruck, um einen Hauptantheil an einem der grossten Handelshauser in Grossbritannien zu nehmen; ehe er dreissig Jahre erreicht hatte, verhalf ihm der Tod seines Oheims zu einer ehrenwerthen Unabhangigkeit, und seine Handelsgeschafte versprachen ihm ein Vermogen, das jeden Traum von Reichthum uberstieg. Aber Reichthum war nicht Maitlands Leidenschaft, der geringste Theil seines Einkommens genugte einem Mann von so einfachem Geschmack, der sich an Massigkeit gewohnt hatte und seine Freuden in der Hauslichkeit suchte. Der grosste Theil desselben verlief sich in vielfachen Canalen, gleich unsichtbaren Quellen, deren Daseyn sich nur durch das uppigere Grun des Bodens verrath. Wie er der Negerhandel anzugreifen beschloss, ward er einzig von der Ueberzeugung der Wahrheit und des Rechts angetrieben. Da er selbst grosse Besitzungen in Westindien hatte, wurde ihn Eigennutz zu den Gegnern dieser Unglucklichen gezogen haben. Bei seinem wissenschaftlichen Nachdenken uber menschliche und StaatenVerhaltnisse hatte er diesen Menschenhandel als das schmuzigste Schandmaal des Culturzustandes, als den schnodesten Spott des Eigennutzes gegen die Grundwahrheiten des Christenthums erkannt. Wie seine Bemuhungen, dem Elend einer ganzen Classe seiner Mitbruder im Allgemeinen ein Ende zu machen, fehlschlug, begab er sich auf seine westindischen Besitzungen, um den Zustand der geringen Zahl, die er selbst besass, zu verbessern und sich die Kenntnisse uber ihre Verhaltnisse zu verschaffen, die ihm, bei erneutem Kampf fur ihre Rechte, Waffen in die Hand geben konnten.
So war Maitland. Gern weilte ich bei seinem Bilde; vielleicht nicht ganz ohne weibliche Eitelkeit, gewiss mit schmerzlicher Erinnerung, dass ich einst fahig seyn konnte, das Herz dieses edelsten Mannes zum Spielwerk meines Uebermuths machen zu wollen, und mit noch mehr Schmerz, dass dieser Uebermuth mich seiner Achtung beraubt hatte. Obschon ich ihm auf seinen obenerwahnten Brief antwortete, zeigte er kein Verlangen, den Briefwechsel fortzusetzen, erwahnte meiner gegen Miss Mortimer nur als einer gemeinschaftlichen Freundin und sprach von seiner Ruckkehr nach England als von einem noch manches Jahr hinausgeschobnen Entschluss.
Die Erfahrungen, welche meine Thorheiten mich so schnell arnten liessen, hatten mich so weise gemacht, dass ich meine Pflicht fuhlte, Herrn Sidneys Heirathsantrag, da ich ihn nicht annehmen wollte, bald und unumwunden zuruckzuweisen, so dass kein Zweifel uber seine Zukunft ihm blieb. Ohne einigen Streit in meinem Innern ging es nicht ab. Herr Sidney bot sich mir als ein angenehmer Gesellschafter dar, an dem meine Einsamkeit keinen Ueberfluss besass. Die Gewohnheit, einen Mann um mich zu haben, den wohl nicht mehr meine Laune, aber doch meine Wunsche regierten, ward mir schwer. Doch ich fing an, Pflichterfullung zur ersten Bedingung meines Friedens zu machen, und stand also nicht an, dem wackern Mann meinen Entschluss, jetzt noch nicht zu heirathen, zu erklaren. Sidney war ein Mann von gesundem Verstand und festem Sinn; nach einigem Kampf mit seiner Einsicht und seiner Redlichkeit ward er, da ich ihn ernstlich uberzeugte, dass er mir nicht mehr seyn konnte, mein Freund, solchergestalt, dass unser Verkehr durch die Beseitigung seiner Anspruche nicht einmal eine Veranderung erlitt.
Das Gegentheil in Herrn Sidneys Betragen ware mir doppelt empfindlich gewesen, weil seine arztlichen Besuche je mehr und mehr durch Miss Mortimers zunehmende Leiden zur Nothwendigkeit wurden. Der Zufall fuhrte mich darauf, ihm einst, in Betreff eines Linderungsmittels, welches er ihr verschrieb, einige die Scheidekunst betreffende Fragen vorzulegen. Er gab mir einen Aufschluss, der meine Wissbegierde reizte; in einem gleichformig einsamen Leben ergreift man gern jedes Mittel, die Interessen zu vermehren, ohne die Gewohnheit zu storen; und so kam es, dass ich sein Anerbieten, mir etwas Chemie zu lehren, freudig annahm. Miss Mortimer horte ihm mit Antheil zu, wenn er neben ihrem Krankenstuhl mir die Geheimnisse der Verwandlung der Substanzen, so weit der Mensch sie der Natur abgelauscht hat, erklarte, und lachelte freundlich, wenn ich von meinen kleinen Versuchen mit verbrannten Fingern oder gefarbten Nageln zuruckkam. Mein Lehrmeister konnte mir sehr wenig Zeit widmen, er wies mich mehr an, allein nach Fortschritten zu streben, und so gering deren endlicher Erfolg war, lehrte mich dieses Bestreden doch zum ersten Mal, dass der Erwerb von Kenntnissen noch andern Genuss gewahren kann, als den, damit vor Andern zu glanzen.
Mein aussres Leben verfloss bei Miss Mortimer in solcher einformigen Ruhe, dass ein Jahr und druber dahinging, ohne dass ich eine Begebenheit aufzuzeichnen wusste. Mein innres Leben war nicht ohne Wandel zwischen straubender und ergebner Trauer, je nachdem ich die Vergangenheit empfand, oder die Zukunft berechnete. Oft uberwog das Ermessen von der Grosse meines ehemaligen Leichtsinns und den Folgen, die er gehabt, die Hoffnung, durch regen Eifer furs Gute den versaumten Weg zu dem erhabnen Ziel, das ich nun ins Auge gefasst, einzuholen. Oft unterdruckte auf eine Zeit lang die Aussicht in die ode, freudlose Zukunft, die vor mir lag, in das lange Leben, an dessen Anfang erst meine fruhe Jugend stand, mein Vertrauen zu meinem himmlischen Vater. Wie sich aber auch mein Sinn je zuweilen trubte, so waren es dennoch nur Sommerwolken, die vor der Sonne voruberschweben und sich endlich in milden Thranenregen auflosen nie mehr umhullte mich der lichtlose, lebenlose Dunstkreis der herzlosen Thorheit, noch der furchtbar finstere Sturm, aus dessen Wuthen mich meine fromme Freundin gerettet.
Doch eben von ihr sollte die nachste Fluth des Schmerzens uber mich einbrechen. So unerfahren ich in der Krankenpflege war, konnte es mir doch nicht entgehen, dass Miss Mortimers Gesundheitszustand sich verschlimmerte, und zugleich stieg der Verdacht in mir auf, dass sie durch Geldbedurfniss zu einer zunehmenden Sparsamkeit verbunden sey. Ich bemerkte, dass sie sich, unter dem Vorwand, kein Gefallen daran zu finden, manche Erquickung, die der Arzt ihr vorschlug, versagte, und bald uberzeugte mich ein Zufall von der Wahrheit meines traurigen Verdachts. An einem Tage, wo sie besonders leidend war, kam ihr Anwalt, um mit ihr zu sprechen; unfahig, seinen Besuch anzunehmen, bat sie mich, ihn zu verabschieden, und er hatte die Unvorsichtigkeit, mir, die er unterrichtet von ihren Angelegenheiten glaubte, einen Auftrag an sie zu geben, der mir verrieth, dass ihr ganzes kleines Vermogen durch meines Vaters Untergang verschlungen worden war. Bei dieser Nachricht glaubte ich vor Schmerz zu erliegen. In dem Zeitpunct, wo sie sich der Mittel ihres Lebens-Unterhalts durch meinen Vater beraubt sah, hatte sie ihre wenige Baarschaft aufgewendet, um mich in meinem Elende aufzusuchen, hatte meine Zuruckweisung ertragen, hatte mich gerettet und nun uber ein Jahr vor mir ihre Armuth verborgen, hatte sich das Nothige entzogen, um mir einen Theil meiner verweichlichten Bedurfnisse zu verschaffen. Fur meine Empfindung gibt es keine Worte, so wie damals es keinen Zugel fur sie gab. Mit einer verzehrenden Gluth des Schmerzens in meiner Brust wirklich dem korperlichen Gefuhl nach verzehrend eilte ich zu meiner Freundin; und wie sehr ich die Nothwendigkeit einsah, ihr keine Heftigkeit zu zeigen, so bat ich sie doch mit einem Strom von Thranen, mir einen Weg suchen zu helfen, auf dem mein Unterhalt ihr nicht mehr zur Last fiel. Mit Fassung und Engelmilde verweigerte sie meine Bitte: "Ich kann Sie nicht entbehren, meine gutige Ellen", sagte sie, "man verbirgt mir nicht, dass ich Ihnen in wenigen Monaten Ihre Freiheit zuruckgeben muss, aber bis dahin, Ellen, bis dahin verlassen Sie mich nicht! Lassen Sie mich nicht allein sterben!" Das war das erste Mal, dass der schreckliche Zeitpunct, den ich mir wohl zuweilen als endlich erfolgend gedacht hatte, mir so nahe, so unausweichbar gewiss vor das Auge geruckt wurde. Mit Muhe konnte ich der Verzweiflung widerstehen. In mein Zimmer verschlossen, betete ich nicht, ach, ich bat nur um die Kraft, beten zu konnen, um die Weisheit, nicht in Aufruhr gegen Gottes Rathschluss zu gerathen; und nur allmahlig besanftigte sich mein Gefuhl so weit, dass der feste Wille, Gott zu vertrauen, wieder die Oberhand erhielt. Ich fuhlte die Nothwendigkeit, durch irgend einen Erwerb Miss Mortimer aller Ausgaben fur mich zu entheben, auf das qualendste, aber bei dem besten Willen standen mir uberall meine fehlerhaften Gewohnheiten im Wege. Ich hatte mancherlei Modearbeiten gelernt, allein solche Bestrebungen hatten mehr das Vorzeigen im Gesellschaftskreis als ihre Vollendung zum Zweck. Eine Geschicktere, wie ich, liess sich bezahlen, um mir eine Stickerei, eine Nadelarbeit anderer Art in Gang zu bringen, ich setzte sie mit einem glucklichen, mir angebornen Geschick fort, und nach wenigen Tagen musste jene, wenn deren Gebrauch eine Bestimmung hatte, sie vollenden, oder sie ward in ein Schubfach gesteckt und nie wieder beruhrt. Die Muhseligkeit des Anfangs, die Anstrengung der Fortsetzung, die Beharrlichkeit zur Vollendung waren mir sehr ungewohnt; ich arbeitete mit gluhendem Gesicht, ich erweckte mich durch den Gedanken an meine leidende Freundin zehnmal aus einer Traumerei, wahrend der meine Nadel ruhte, oder scheuchte mich durch diese Erinnerung vom Fenster zuruck, wohin eine Blumenranke, ein Schmetterling mich gelockt und meines Fleisses vergessen gemacht hatte. Und wenn es mir gelungen war, eine kleine Summe zu erwerben, so verschlang sie das, was ich fur mein personliches Bedurfniss hielt. Ach, der in Ueppigkeit Erzogne hat den Maasstab fur das Nothwendige verloren! Ich besass mehr, wie die mehrsten meiner Schwestern, und glaubte, weil ich allem Schmuck, aller Verzierung entsagt hatte, meine Bedurfnisse aufs strengste vereinfacht zu haben. War nun meine Kleidung bestritten, so blieb mir kaum eine Kleinigkeit, um sie fur meine geliebte Kranke zu verwenden. Bei dem innigen Wunsche, mehr fur sie thun zu konnen, hielt ich meine Augen mehr wie einmal auf den lieben Ring, das einzige Andenken meiner Mutter, geheftet. Wenn ich diesen verkaufte, dachte ich dabei, konnte ich lange, lange kleine Zuschusse in Miss Mortimers Haushalt geben, denn ich glaubte ihn von ansehnlichem Werth; allein jedes Mal widersetzte sich mein Herz, ich sagte mir selbst, so ein theures Andenken musste nur der dringendsten Nothwendigkeit aufgeopfert werden, und diese fuhrte endlich ein nichtsbedeutender Umstand herbei. Eines Tages, wie meine Freundin matt am offnen Fenster sass, trat eine Frau mit einem Korb des schonsten Obstes davor, den sie von der Strasse herein darbot. Miss Mortimer, welcher der Arzt dessen Genuss vorgeschrieben hatte, schien mit einiger Sehnsucht nach den einladenden Fruchten zu sehen, verweigerte aber davon zu kaufen. Schnell eilte ich zu der Obsthandlerin, suchte die schonsten Fruchte aus ihrem Korb, verwendete den ganzen Erwerb daran, der mir fur einen gemalten Lichtschirm geworden, und haufte meinen Schatz mit kindischer Freude vor der theuren Freundin auf. Meine Thranen flossen vor Freude, einzeln rollten ein paar Tropfen uber Miss Mortimers bleiche Wangen, mit einem unbeschreiblichen, liebevollen, wehmuthigen Lacheln, das mir deutlich verkundete, sie wolle mir nicht meine Freude verderben, nahm sie einen Pfirsich, und wie ihre lieben, schwachen Hande ihn hielten, sagte ihr gen Himmel gerichteter Blick, dass sie Gott danke, der seinen Menschen solche Labsale geschaffen. In diesem Vorfall schien mir die dringende Nothwendigkeit, welche den Verkauf meines Ringes bestimmen sollte, erschienen; ich eilte in der nachsten Stunde nach London, um mein Kleinod einem Juwelenhandler zu uberlassen.
Zweiter Theil
Ungewohnt, in einem offentlichen Fuhrwerk zu reisen, war ich anfangs, wie ich mich mit ein paar fremden Menschen in dem Wagen eingeschlossen sah, uber meine Keckheit erschrocken. Ich zog meinen Hut in's Gesicht, druckte mich, als wurde mich das ihrem Blicke entziehen, in die Kutschenecke hinein und wagte kaum zu athmen. Bald gewahrte ich, dass sie mich gar nicht beachteten; der kleine Weg ward ohne Storung fortgesetzt, so dass ich nicht mehr die Ueberfahrt, aber die Ankunft in London furchtete. Die erstere hatte Miss Mortimers Barbara bei meinem Einsteigen bezahlt, indess ich, gedankenlos fur alles ausser dem Zweck meiner Reise, mich so wenig mit Gelde versehen hatte, dass es mir beim Aussteigen an Mitteln fehlte, einen Miethwagen zu nehmen. Die Noth zwang mich, den Laden des Kaufmanns, mit dem ich meinen Handel machen wollte, zu Fusse aufzusuchen; und jetzt in einer der volkreichsten Strassen von London war ich nun wirklich den neugierigen Blicken, den kecken Anreden einiger Manner ausgesetzt und gerieth daruber so ausser mir, dass ich, wie ich den Laden erreichte, gar nicht wahrnahm wie ein Wagen mit der du Burgh'schen Livree vor ihm hielt. Er war voll geputzter vornehmer Leute, aber nur Eine Gestalt zog meine Augen an meine herzlose Freundin. Ich wollte fliehen, mir war's, als sahe ich eine Schlange, im Begriff, nach meinem Herzen zu schiessen, aber meine Krafte versagten mir, ich ward so sichtlich ergriffen, dass ein Ladenmadchen mir schleunig einen Stuhl bot. Julie erblickte mich gleichfalls, ihr Gesicht gluhte, sie wendete es ab da erwachte mein Stolz, ich gebot meinen zitternden Knieen und trat zu dem Kaufmann, um meinen Handel zu schliessen. Zu meinem schmerzlichen Erstaunen erfuhr ich von ihm, wie kindisch ich meinen Ring nach dem Werth, den mein Herz ihm beilegte, geschatzt hatte. Er bot mir funfundzwanzig Pfund, indess ich auf die vierfache Summe gerechnet hatte; wohl versuchte ich einige Einwendungen, aber ich wusste aus meinen ehemaligen Besuchen in solchen Laden, dass darin kein Feilschen stattfindet; kummervoll wartete ich auf meine Kaufsumme, als ich auch Lady Marie wahrnahm, die mit Miss Arnold, welche noch immer ihr Gesicht von mir abwendete, gesprochen hatte und sich jetzt, unter dem Vorwand, den Kaufmann zu sprechen, mit kalter Neugier zu mir herandrangte. Ihr Benehmen war so gefuhllos, dass es ihr einen Anstrich von Gemeinheit gab, die mir meine sittliche Ueberlegenheit plotzlich fuhlbar machte; ich trat zuruck und sagte verachtlich zu dem Kaufmann: "Thun Sie die Geschafte der Dame ab, wenn sie deren wirklich hat, ich will warten." Lady Maria, die meine scharfe Zunge noch von der Pension her kannte, zog sich mit einem hochmuthigen Kopfaufwerfen zuruck, ich erhielt nach langem Warten meine Auszahlung und wollte forteilen, als Miss Arnold die Unverschamtheit hatte, zu mir zu treten. Leider war die Zornesgluth, die mich, nun der Schmerz uberwunden war, ubermannte, nicht die Gemuthsstimmung, welche mir meine letzte Vergangenheit hatte lehren sollen. In den ruhigen Tagen des Lebens gelingt es uns leicht, unser Selbstbewusstseyn rein zu erhalten, aber nicht weil wir stark, sondern weil die Versuchung schwach ist. Ich erfuhr jetzt, wie viel mir noch fehlte, um das Gebot "segnet eure Feinde" erfullen zu konnen. Ich beantwortete Miss Arnolds ungeschickte Entschuldigung, "dass sie mich nicht gleich erkannt habe", mit kaum erhaltner Fassung, und auf ihre Anerbietung, mich nach Haus zu begleiten, wo sie mir Vielerlei erzahlen konne, indess Lady Maria und Lord Glendower ihren Hochzeitputz einkauften, mit schneidender Kalte, wobei ich ihr andeutete: ich wohne bei Miss Mortimer, wo sie und Lady Marie, wenn es ihrem guten Rufe nicht Schaden brachte, eine Entlaufene zu besuchen, mich auffinden konnten. Hiemit wendete ich ihr den Rucken zu, eilte aus dem Laden und liess mich von dem ersten Miethwagen, den ich erblickte, nach Hause bringen.
Unzufrieden mit mir selbst und schuchtern uber den Werth meiner Fortschritte im Guten brachte ich die nachsten Tage zu. Fast hatte ich gewunscht, den beiden Damen, die eine so beschamende Herrschaft uber meinen bessern Willen geubt hatten, recht bald wieder zu begegnen, um mich wurdiger zu betragen. Diese Gelegenheit zeigte sich mir nicht, denn von dieser Zeit an blieb mir keine Freiheit mehr, Miss Mortimers Krankenbett zu verlassen. Vier Monate lang kampfte sie mit der Ergebung einer Heiligen gegen die schmerzlichste Zerstorung. Wie oft, unfahig, ohne fremde Hulfe ihrem Haupt eine andre Lage zu geben, dankte sie Gott mit leuchtenden Augen fur das Gluck, von mir, von ihrer Ellen, diesen Dienst zu empfangen! Wie oft, wenn ich ihr den Angstschweiss von der Stirn trocknete, flog ein sanftes Lacheln uber ihre blassen Lippen, die sie, jeden Laut des Schmerzens sich versagend, krampfhaft verschlossen hielt! Schuchtern und schwach, wie die Natur sie bildete, war diese Standhaftigkeit nicht die Folge von leichtem Ertragen des Uebels, sondern des frommen Zutrauens, dass Gott ihr helfen werde, wo ihr Kraft gebrache; und in diesem Zutrauen bleibt unsre Kraft auch unerschopflich. Sie sah den Tod als Siegerin, nicht als Besiegte herannahen, und die Heiterkeit, die wahrend ihres Lebens liebenswurdig war, machte sie im Sterben erhaben.
Endlich kam der grosse Augenblick ihrer Befreiung herbei. Ihre Erziehung fur ein hoheres Daseyn war vollendet, die Ruckkehr in das Haus ihres Vaters ward ihr eroffnet. Eines Morgens, nachdem ich nach mancher ganz durchwachten Nacht einige Stunden geschlafen hatte, eilte ich zu ihr und fand sie von Schmerzen befreit. Unwissend uber den Ausgang ihres Uebels, glaubte ich thorichterweise, dass die Krisis ihrer Krankheit nun uberstanden sey, blickte vorwarts in Jahre einer heitern Zukunft und theilte ihr meine kindischen Hoffnungen mit. Sie war nicht gegen ihre Lage verblendet: "Theures Kind", sagte sie, "warum willst Du mir ein Leben wunschen, das mir nur Schmerz bietet? Bete doch vielmehr, dass mein Tod Dir zum Vortheil gereiche! Betest Du nicht jeden Morgen: der heutige Tag moge Dir gesegnet seyn?" Ich hatte mir wohl die Unvermeidlichkeit der mir jetzt so nahen, unvermeidlichen Trennung gedacht; aber heute, an dem nun eingetretnen Tage, zwischen dem kein Raum, kein Aufschub mehr war! Der Schmerz uberwaltigte mich, ich warf mich in unaussprechlichem Jammer an der Sterbenden Lager auf meine Kniee. "Ellen, mein Kind", nahm sie wieder sanft trostend das Wort, und ihre matte Hand suchte mein Haupt aus seiner Verhullung aufzurichten, "halte meinen fesselentbundnen Geist nicht durch Deine Klagen an der Erde zuruck! Konnte mein leidenvolles Daseyn Dir helfen, so hatte ich meinen Gott um dessen Verlangerung gebeten; aber Du brauchst mich nicht mehr. Ich habe es wahrgenommen, meine Ellen, Du hast das Eine, das Noth thut, gefunden, nun bedarfst Du meiner gebrechlichen Stutze nicht mehr. Wenn ein ganzer Himmel voll Glanzes Dir aufgeht, willst Du verzweifeln, wenn ein schwacher, dunkler Strahl Dir verschwindet?"
Der Arzt, den ich schnell berufen liess, kam nur, um ihre Erwartung zu bekraftigen. Sie sollte die Sonne nicht wieder aufgehen sehen. Sie bot Jedem, der mit ihrer Pflege beschaftigt gewesen war, ein heitres, liebevolles Lebewohl, gab Jedem ein Andenken und schickte Alle von sich fort, nur ich und ihre alte Barbara blieben bei ihr. "Ich habe sie auf meinen Armen gehalten, da sie an's Licht trat", sagte diese gottergebne Greisin, "ich war Zeuge ihres Lebens vor dem Herrn; es ist hart, dass ich ihr Grab erblicken muss und dann allein sterben aber Sein Wille geschehe!"
Der Pfarrer des Kirchspiels, wohin ihre Hutte gehorte, kam auf ihre Bitte, mit ihr zu beten. "Sehen Sie, meine Ellen", sagte sie, wie der wurdige Mann sich eine Zeit lang entfernte, "das ist das Gottliche unsrer Religion sie gibt, wie die Sonne jeder Pflanze die Warme, die sie ihrer Natur nach gebraucht, so jedem Menschen, der es treu mit ihr meint, die Art Trost, die er nach seiner Eigenthumlichkeit bedarf. Der starke Geist im gesunden Korper betet, wie es ihm Noth thut, und der schwache, wie es ihn trostet, ich endlich, deren Leben halb schon entflohen ist ich sammle meine schwindenden Gedanken in den frommen Worten dieses ehrwurdigen Mannes. Ellen, es ist, wie wenn ich mich eines schones Liedes leichter erinnerte, wenn Ihre liebe Hand die Melodie auf der Harfe spielte." O du Engelmilde, die auch im Tod noch bedacht war, die erhabne Frommigkeit ihrer Seele, um meiner Schwache willen, menschlich zu schildern!
Nachdem sie gegen den Abend lange in Mattigkeit gelegen, bat sie mich, ihr Popens Sterbelied eines Christen herzusagen. Ich kniete an ihrem Bett und that es. Sie schien die Worte im Innern nachzusprechen, ich blickte sie noch einmal an, ihr Auge glanzte wie eines Ueberwinders Blick, meine Stimme brach, und wie eine Trostlose schluchzte ich: O Tod, wo ist dein Sieg! und verhullte mein Gesicht auf ihrem Deckbett. Sie legte ihre Hand auf mein Haupt, die Hand ward schwerer und schwerer, sie sank herab auf meine Schulter, ich blickte auf, und sie lag wie eine Schlafende denn des Gerechten Tod gleicht dem Schlafe.
Kein Mann, auch der zartfuhlendste nicht, kann den Schmerz ermessen, der mich niederdruckte, wie ich meiner einzigen Freundin, meiner einzigen irdischen Stutze den letzten Dienst erwiesen, und ich nun den geliebten Leichnam von Miethlingshanden in den Sarg einsperren sah, wie ich endlich von der Grabstatte zuruckkehrte und gezwungen war, die Leute aus dem Zimmer, wo sie lebte, die letzten Spuren ihres Daseyns fortraumen, fortputzen, vertilgen zu sehen. Manner mogen unendlich tief den Schmerz fuhlen, aber sie verlieren in ihrem Liebsten nie ihre Sicherheit, ihre Stutze ja sich selbst sie konnen hinaussturzen in die ode Welt und im Gedrange des Lebens, der Gefahr ihrem Daseyn einen Werth beilegen das Weib muss hulflos an dem Platz stehen bleiben, wo ihr Lebensgluck von ihr schied, muss in dem Moment, wo sie die Natur den Schrei des Schmerzens auszustossen treibt, durch die Formen des Anstands sich von einer kalten Aussenwelt die Vergunstigung, leise weinen zu durfen, gewinnen.
Wenige Tage nach Miss Mortimers Hinscheiden langte ihr naturlicher Erbe an und eilte durch Eroffnung ihres letzten Willens den Bestand ihrer Hinterlassenschaft zu erfahren. Sie befriedigte ihn sehr wenig, und diese Fehlschlagung erbitterte ihn vielleicht dergestalt, dass er der Verewigten spater eigenhandig hinzugefugtem, aber nicht gerichtlich besiegeltem Befehl: der alten Barbara und mir den Genuss ihrer Wohnung, so lange es uns gut dunkte, zu gewahren, keine Folge leistete. Er erklarte mir ohne Ruckhalt, dass er keine Verbindlichkeit hatte, diese Clausel zu achten, weshalb ich ihm einen Miethzins zu entrichten oder mir eine andre Wohnung zu suchen habe. Nach dieser Erklarung brannte mir der Boden unter den Fussen allein wohin sollte ich gehen? Die Verwandten meines Vaters waren mir stets fremd geblieben, die meiner Mutter waren mir wahrend meines Pensionsaufenthalts fremd geworden, und spaterhin hatte ich sie mit leichtsinnigem Hochmuth von mir entfernt; in dem glanzenden Zirkel, in welchem ich mich im Taumel der Eitelkeit bewegt hatte, war Keiner, nicht Einer, der, wie des Unglucks Wogen mich verschlangen, nach mir gefragt hatte, und Keiner, dem ich jetzt zutraute, dass er mir Rath und Beistand schenken wurde. Wie armlich der Ertrag weiblicher Arbeiten sey, hatte ich schon erfahren; der einzige Weg, mir ein Unterkommen zu schaffen, schien mir eine Stelle als Erzieherin zu seyn. An den Kenntnissen, die ein reiches Madchen braucht, fehlte es mir nicht: einige Sprachfertigkeit, zierliche Arbeiten des Luxus und der Fantasie, Musik, grundlicher und ausgebildeter, als man sie gewohnlich antrifft, das waren meine Mittel des Unterrichts; aber welches waren die der Erziehung? Ich wollte erziehen, die kaum den naturlichen Jahren der Kindheit entwachsen, nur eben Zeit gehabt hatte, zu erfahren, dass es mir selbst an Erziehung gefehlt habe? Allein diese Erfahrung war ja vielleicht ein Mittel, Andre erziehen zu konnen, und Gebet und fester Wille sollten das Uebrige ersetzen. Nur nicht in London, nicht auf dem Schauplatz meines schnell verschwundnen Glanzes wollte ich in so verschiedner Gestalt auftreten; mir diese Prufung ohne die dringendste Noth aufzulegen, schien sogar einer geziemenden Wurde im Ungluck nicht angemessen, und mein inneres Gefuhl hiess diesen Widerwillen gut. Sobald mein Entschluss gefasst war, eroffnete ich dem Geistlichen, welcher mit meiner sterbenden Freundin gebetet hatte, die Bedrangniss meiner Lage und meinen Wunsch, sie auf dem erwahnten Weg zu verbessern. Er ging mit warmer Theilnahme in meine Verhaltnisse ein, erbot sich sogleich, an eine seiner verheiratheten Schwestern im fernen Norden des Reichs zu schreiben, und lud mich ein, bis ich ein anstandiges Unterkommen gefunden, in dem Schoos seiner Familie zu verweilen.
Ein sehr unerwarteter Vorfall sicherte mich, bei meiner ganzlichen Verarmung, in diesem Zeitpunct vor volliger Entblosung von Geld. Unter den Papieren meiner verewigten Freundin fand sich ein an mich uberschriebner versiegelter Brief, er enthielt eine Banknote von dreihundert Pfund und im Umschlag folgende Worte:
"Meine theure Ellen, brauchen Sie die beiliegende Summe ohne Bedenken und ohne Nachfrage! Sie gehort Ihnen, ich hatte nie Anspruche darauf, sie kam in einer sehr traurigen Stunde in meine Hand, aber aus Furcht, Sie mochten an die Sterbende nutzlos verschwenden, was der Ueberlebenden einst Noth thun konnte, richtete ich es so ein, dass sie Ihnen erst, wenn alles voruber ist, ubergeben werden kann. Elisabeth Mortimer."
Ich muthmasste sogleich, dass diese Summe von Herrn Maitland herkommen musste, und fast uberzeugt, dass er jetzt gar keinen andern Antheil mehr an mir nehme, als den Mitleid mit einer Unglucklichen einflosst, konnte mir diese Gabe nur als eine Wohlthat erscheinen. Es war mir zu schwer, so unweigerlich Almosen zu empfangen, wenn gleich mein bessrer Sinn meinem Stolze sagen wollte, dass solche aus der geehrtesten Hand am wenigsten verwunden sollten. In der Hoffnung, dass sich unter Miss Mortimers Papieren eins finden mochte, das mir uber Herrn Maitlands Denkart in Absicht auf mich irgend eine Spur geben konnte, bat ich den Erben der Verewigten, mir diese durchsehen zu lassen. Er vergonnte es mir gern, aber meine Hoffnung ward betrogen. Eine Menge Briefe von Herrn Maitland erwahnten meiner nie anders, als im Ton gewohnlicher Hoflichkeit, nur in dem Fragment von einem, zur Halfte abgerissnen, der wahrscheinlich durch ein Versehen von meiner Freundin nicht ganz vertilgt worden war, fand ich folgende Zeilen:
"Ich will mich durch Ihre Beschreibung von Ihrer jungen Freundin Vervollkommnung nicht blenden lassen. Indem Sie ihre vortheilhafte Entwicklung schildern, haben Sie sie vor Augen in den Reizen geistigen Ausdrucks, in den schonsten Gesichtszugen. Ich weiss wohl, wie das kindliche Lacheln ihres Mundes, der helle Blick unter ihren seidnen Wimpern heraus das Herz besticht. Dass ich mich dessen noch erinnre, nachdem meine Vernunft ihre Herrschaft wiedergewann, beweist ja die machtige Wirkung dieser holdseligen Gestalt. Ellen hat warme Leidenschaften, eine lebhafte Einbildungskraft, ihr Ungluck hat sie heftig erschuttern mussen; aber das bringt noch keine Gemuthsveranderung hervor. Was unserm ganzen Leben zur Richtschnur dienen soll, muss nicht auf Kraften beruhen, welche aussre Begebenheiten steigern und mindern konnen. Ellens guter Verstand muss mit ihrem tiefen Gefuhl ubereinstimmend erkannt haben, dass ihr ganzes irdisches Daseyn zu einem himmlischen fuhre, und daher kein Moment desselben bedeutungslos, keine Handlung gleichgultig sey. Nur dann ist sie sicher nach menschlichen Kraften im Wirken fur Andre ihre Bestimmung und ihr wahres Leben zu finden. Denn das, verehrte Freundin, ist doch Religion? die Religion, die in jeder aussern Form unsere Wohlfahrt sichert. Doch das darf ich Ihnen nicht erst sagen, und gibt es eine Lage, welche Ihrer jungen Freundin zu dieser wahren Religion zu verhelfen vermag, so ist es das Beisammenseyn mit Ihnen, Ihr Beispiel, das Zeugniss, das Ihr Leben von der Wahrheit Ihrer Frommigkeit ablegt. Sie sehen wohl, dass ich sehr fest entschlossen bin, weise zu bleiben, da ich mich trotz dem Zauber der Liebenswurdigkeit, der Ihre Freundin umstrahlt, uber ihre Mangel selbst durch Ihre Lobreden nicht verblenden lasse.
Die Ausfuhrung meiner gegenwartigen Plane wird mich noch Jahre lang von Grossbritannien fern halten; sonst konnte ich hoffen, ganz von dem Joche befreit, welches Miss Percy fast gelungen ware mir aufzulegen, fur ihr Gluck wachen, zu ihrer Entwicklung beitragen zu konnen ich hatte einigen Einfluss auf sie. Ware es einem vernunftigen Wesen geziemend, sich mit Traumen zu beschaftigen, ich konnte traumen ..."
Hier war das Blatt abgerissen, und meine Einbildungskraft konnte sich von der moglichen Vollendung dieses Redesatzes nicht losreissen. Dieses Bruchstuck uberzeugte mich nur von dem, was ich zu meiner schmerzlichen Beschamung je langer je mehr einsah: dass ich Maitlands ganze Liebe besessen und durch meine Thorheit beharrlich an ihrer Zerstorung gearbeitet hatte, und dass sie endlich an dem todtlichsten Gifte von Schaamrothe gluhend, konnte ich es nicht ausdenken an Verachtung meiner Handlungsweise erstorben war. Tief betrubt hatte mich dieser Brief wohl gemacht, aber den Muth benahm mir meine Betrubniss nicht. Ein schwacher Strahl des Lichts, welches Maitland allein Religion nennen wollte, war in meiner Seele entglommen, und es gab Augenblicke, wo das Andenken an ihn sich mit dem an meine verklarte Freundin solchergestalt verschmolz, dass mein Schmerz um ihn, aller Thorheit entwunden, nicht mehr ein irdischer Schmerz war.
Woher die Banknote kam, blieb mir also ein Geheimniss, und wie sicher es mir schien, dass ich sie Herrn Maitlands Fursorge verdankte, verbot mir doch meine weibliche Wurde, sie ihm zuruckzusenden, da ich, ohne allen Beweis fur meine Voraussetzung, hatte aussehen konnen, als suche ich ein Verhaltniss, das er offenbar nicht aufrecht erhalten wollte, wieder anzuknupfen. Ich sah deshalb diese Summe als mein Eigenthum an, und der erste Gebrauch, den ich von ihr machte, befreite mich von einer Schuld, die, ware mir auch das gunstigste Schicksal zu Theil geworden, zuerst getilgt werden musste, um mir Seelenruhe zu geben. Jener beschamende Vorschuss, den mir Lord Friedrich in den Tagen meiner Thorheit gemacht, und den zu tilgen, ich bisher kein Mittel vor mir gesehen hatte, wurde unverzuglich zuruckgezahlt; was mir ubrig blieb, musste ich mit der treuen alten Barbara theilen, die durch die Harte von Miss Mortimers Erben nach einem Leben, das sie ganz dem Dienst ihrer Herrschaft geweiht, sich ohne Unterstutzung befand. Nachdem ich das kleine Denkmal bezahlt hatte, mit dem ich Miss Mortimers Ruhestatte bezeichnen liess, und mir noch einige nothwendige Kleidungsstucke gekauft, verliess ich mit dreissig Guineen, als einziger Habe, die geliebte Hutte, wo ich aus dem Abgrund der Verzweiflung zum Vertrauen auf einen himmlischen Vater wiedergeboren ward, dessen Leitung auf dem finstern Pfade, den ich vor mir sah, ich mich, wenn nicht mit immer gleicher Heiterkeit, doch mit festem Vertrauen ubergab.
Es war ein sturmischer Winterabend, an dem ich meinen stillen Schutzort verliess; ich hatte jeden Platz des Hauses, der mir meiner Freundin Gegenwart zuruckrief, noch einmal besucht, hatte den Lehnsessel, wo sie, wenn ihre Krankheit sie in dem Zimmer festhielt, vom Fenster aus die Gegend und die untergehende Sonne betrachtete, gegenuber gesessen und mir die Worte voll frommen Sinns, die sie dann sagte, wiederholt; ich hatte vor ihrem Sterbelager kniend gebetet, und die Fulle der Wehmuth hatte mich zu einer Ergebung gestimmt, die mich bei dem Abschied von der gastfreundlichen Hutte aufrecht erhielt. Bei dem Vorubergehen vor dem Gottesacker kehrte ich daselbst ein, um den einfachen Stein zu besehen, der seit meinem letzten Besuche daselbst auf meiner Verewigten Grabhugel aufgestellt ward. Ich fand ihn, wie ich gewunscht, einzig bestimmt, mir und spatern Verehrern ihres Andenkens nach mir den Rasen anzuzeigen, der sie deckte. Diese letzte Liebespflicht schien mir das Siegel der Unwiederruflichkeit auf ihren Verlust zu drucken, so dass ich, wie sich die Kirchhofsthur hinter mir schloss, noch einmal und bittrer den Schmerz empfand, der bei dem Getose der ersten Erdschollen, die auf Miss Mortimers Sarg herabrollten, mich zerrissen hatte. Es war schon ziemlich dunkel, wie ich den Pfarrhof erreichte. Mein schuchternes Klopfen ward nicht gleich gehort, dennoch erwartete man mich in dieser Stunde, und der Gedemuthigte ist sich so lebendig bewusst, wie ihm neue Verletzung erspart werden konnte. Mein Entschluss, bei dem Eintritt in meine neue Freistatte den ersten Eindruck nicht uber mich entscheiden zu lassen, wurde wankend, und statt mein Klopfen zu wiederholen, lehnte ich meinen Kopf weinend an diese Thur, die einzige auf Erden, die mir Aufnahme versprochen, und an die ich nun vergeblich geklopft hatte. Die Ankunft des Geistlichen endigte dieses schwachliche Hingegebenseyn in die Nebenumstande eines harten Looses, welches ich, im Ganzen, muthig ubernommen hatte. Er klopfte heftig an, indem er mich um Verzeihung bat, durch unerlassliche Amtsverrichtungen, mich personlich in sein Haus abzuholen, verhindert gewesen zu seyn. Auch auf sein Klopfen ward die Thur nicht sogleich geoffnet, doch man sah Lichter durch die Zimmer tragen, horte Thuren schlagen, Treppen auf- und ablaufen, endlich ging die Thur auf, und eine Magd, athemlos vor Eile, leuchtete uns die Treppe hinauf. "Ich hoffe, liebe Miss", sagte der Geistliche im Hinaufsteigen, "Sie sollen sich, sobald meine gute Frau ihre Geschafte alle abgethan hat, einheimisch bei uns fuhlen." Diese Bedingung schreckte mich auf; "es wurde mir sehr leid thun, wenn Frau *** durch meine Gegenwart belastigt wurde", erwiederte ich besturzt. "Wenn das nur moglich seyn konnte, dann ware sie recht in ihrem Element!" rief mein neuer Wirth mit etwas erzwungner Heiterkeit und offnete die Thur des Vorzimmers. Ich nahm in dem Augenblicke wahr, wie die Hausfrau von einem Stuhl herabstieg, von dem aus sie eine von der Decke herabhangende Lampe angezundet hatte, sie band schnell eine farbige Schurze ab, warf sie in einen Winkel und kam mit einem Schwall von Worten, die mich zu bewillkommnen gemeint waren, auf mich zu. Man hatte einmal in meiner Gegenwart gesagt, die Pfarrerin sey eine gebildete Frau, und diese Eigenschaft hatte vorzuglich meinen Widerwillen, die Wohlthat ihres Gatten anzunehmen, vermindert. Unsre Eitelkeit sucht sich bei der vollstandigsten Ergebung doch noch eine Befriedigung vorzubehalten; indem ich willig den Vorzugen entsagte, die mir das Schicksal entrissen, glaubte ich bei einer Frau von Bildung Anklange gleicher Empfindungen mit den meinen hoffen zu konnen. Dieser Empfang schien meinen Hoffnungen wenig zu entsprechen. Mich mit lauter Entschuldigungen uber die Einfachheit ihrer Bewirthung und Voraussetzung der Fulle, welche ich so eben verlassen habe, demuthigend, geleitete sie mich in das Gesellschaftszimmer und druckte mich durch die Unfeinheit, mit der sie ihren Mann, mir den ersten Platz anzuweisen, erinnerte, zu Boden. Ich hielt es fur meine Pflicht, ein Gesprach mit ihr zu beginnen, allein ihre gespannte Aufmerksamkeit auf jedes Gerausch, das aus der nahen Kuche zu uns hertonte, machte sie dazu ganz unfahig, sie wendete den Kopf mit dem Ausdruck der grossten Ungeduld auf die Seite der Thur, ruckte auf ihrem Stuhl hin und her, bis ein Scherbengeklingel von zerbrochnem Porzelan ihr die Fassung entriss, und sie, die Hande uber dem Kopf zusammenschlagend, aus dem Zimmer lief. Der Pfarrer war diese Auftritte wahrscheinlich gewohnt, oder wollte durch seine Ruhe das durch seine Frau gestorte Gleichgewicht wieder herstellen; er ruckte, ohne sich storen zu lassen, seinen Stuhl naher zu mir und begann von einer neuen Flugschrift zu sprechen. Doch da war's eine Kunst, den Faden des Gesprachs festzuhalten, indess in der anstossenden Kuche Zank, Scheltworte und Befehle abwechselten; endlich aber griff ein unverkennbarer Ton und das darauf entstehende Geheul des Hundes des guten Pfarrers Herz an seiner empfindlichen Stelle an, er ward feuerroth, sprang auf, machte drei rasche Schritte und kehrte dann mit dem fragmentarischen Selbstgesprach: ein Gluck, dass die Kinder alle zu Bett sind! sein Gesprach wieder anzuknupfen, auf seinen Sessel zuruck.
Endlich wurden wir zum Abendessen gerufen. Meine Wirthin suchte mich mit freundlichen Blicken zu empfangen, aber ihre zuckenden Mundmuskeln verriethen ihre innere Stimmung, und diese obsiegte auch, indem sie mich bitterlich beklagte, von alter, zersprungner Fayence essen zu mussen, weil die Dirne da sie deutete auf das junge Dienstmadchen, das sichtbar verschuchtert uns aufwartete ihr so eben drei Dutzend feine Porzelanteller auf Einer Tracht zerbrochen hatte. "Das ist ein grosses Gluck, mein liebes Weib, bemerkte der Pfarrer, damit hat sie dir drei Dutzend Zorne erspart, und diesen einen wollen wir nun beseitigen." Das war aber nicht in der Gewalt dieses geplagten Ehemanns, sondern der Unmuth seiner Frau ergoss sich in bittere Anschuldigungen der ungeschickten Magd und Klagen uber die uberwaltigenden Muhen einer Hausfrau, der es mit ihren Geschaften ein Ernst sey. "Der Eifer, sie zu besorgen, ist ruhmlich, meine Liebe", bemerkte der Gemahl mit behutsamem Ton, "doch beurtheile selbst, ob du nicht fur die wichtigern Erfordernisse mehr Krafte erubrigtest, wenn Du kleine Verwaltungszweige, wie Fursten zu thun pflegen, deinen Ministern uberliessest!" "Dann mochte es in meinem Hause aussehen wie in jener Staaten, und davor behute mich der Himmel! Sagen Sie selbst, Miss Percy, haben Sie wahrend Miss Mortimers langer Krankheit nicht die Folgen davon erfahren, wenn die Herrin nicht uberall selbst gegenwartig ist?" "Verzeihen Sie", erwiederte ich, unwillig uber die gleichgultige Veranlassung, durch die sie sich an meiner Freundin Tod erinnern liess, "in Miss Mortimers Hause war so viel Ordnung, so wenig Anspruche, ein so mildes Regiment, dass ich in dieser Rucksicht ihren traurigen Gesundheitszustand nie angesehn habe." Sobald ich ausgesprochen hatte, bereute ich den versteckten Tadel, den meine Worte enthielten; allein der war an meiner Wirthin verloren, sie sagte, nur zerstreut von dem Ungeschick, mit welchem das Dienstmadchen eine Schussel aufhob: "So? also wird Miss Mortimer wohl nicht so gar genau haben haushalten mussen ..." Ich fand einen Sinn in dieser Bemerkung, der mich verletzte, hatte aber Klugheit genug, mir die Antwort zu ersparen und diesem peinlichen Abend durch die Bitte, mir mein Zimmer anzuweisen, ein Ende zu machen.
Ach es war nicht das einfache Gemach eines Familienmitglieds, wohin man mich fuhrte, es war ein Putzzimmer, in dem nichts bequemen Gebrauch versprach, sondern alles nur sorgsames Schonen aufdrang. Doch mude von dem Kummer des Tags und der Disharmonie des Abends, legte ich mich mit der Hoffnung nieder, dass nun die Anstrengung des Empfangs von Seiten meiner Wirthin uberstanden sey, die folgenden Tage gerauschlos in einfacher, hauslicher Beschaftigung hingehen wurden; denn so befremdlich mir die Art der Theilnahme an den Geschaften war, begriff ich wohl, dass es einer Pfarrfrau sehr zur Ehre gereichen konnte, sie selbstthatig zu besorgen. Allein meine Rechnung war falsch. So sanft mein Schlaf war, so fruh und unsanft ward er unterbrochen. Fegen, Scheuern, Keifen, Befehlen, Thurenschlagen, Kindergeschrei, durch horbare Acte der vollziehenden Gewalt auf kurze Zeit beschwichtigt, bewiesen mir, dass meine arme Hausfrau, bei dem Aufwand aller ihrer Krafte, keine Ordnung, und bei steter Autokratie, keinen Gehorsam einzufuhren vermochte. Die widerstandslose Ergebung des Pfarrers ware mir verhasst geworden, hatte ich sie der Fuhllosigkeit zuschreiben mussen; allein ich sah bald, dass sie die einzige seiner Individualitat mogliche Art war, Aergerniss zu vermeiden. Sein altestes Kind war in einer Pension; in den Tagen, wo ich sein Gast war, brachte er das zweite aus dem Hause und gab mir zu verstehen, dass er die armen Kleinen auf diese Art dem Einfluss einer traurigen Hauslichkeit zu entziehen gedenke. Um diese Ausgaben bestreiten zu konnen, arbeitete er angestrengt fur Buchhandler. Ich bedauerte und achtete den Mann, der tagliches Martyrerthum zu erleiden, die Kraft besass, die ihm wahrscheinlich im Anfang seiner Ehe gefehlt hatte, um seiner Gattin fehlerhafte Neigungen zu zugeln.
Allein der Aufenthalt in diesem Hause war mir so druckend, dass ich mich uberzeugte, die harteste Dienstbarkeit konnte nicht qualender, als die Gastfreundschaft von Mistriss *** seyn. Die Antwort auf den Brief, den der Pfarrer an seine Schwester geschrieben, ward daher mit der grossten Ungeduld von mir erwartet und war mir, wie sie eintraf, tausendfach willkommener, da sie meinem Beschutzer meldete, dass sie selbst mich in ihrem Hause aufzunehmen wunschte, um die Erziehung ihrer einzigen Tochter zu vollenden. Meine musikalischen Talente hatten mir bei ihr zu besonderer Empfehlung gedient. Mistriss Murray wunschte meine Bedingungen zu erfahren, von denen sie furchtete, sie mochten ihre Mittel ubersteigen, aber sehr geneigt ware, das Aeusserste zu thun. Der Schwager des Pfarrers war Marineofficier und in diesem Augenblick zur See. Seine Gattin mit ihren Kindern, einem Sohn und einer Tochter, lebte in Edinburg, ein Umstand, der zu meiner Befriedigung beitrug, denn so sehr der wackre Herr Sidney mir zuredete, einen sehr vertheilhaften Platz, den er in London fur mich gefunden hatte, anzunehmen, beharrte ich auf meinem Abscheu vor der Gefahr, dort meinen ehemaligen Bekannten zu begegnen. Herr Sidney sowohl wie der Pfarrer redeten mir zu, meine Abreise nicht auf eine so schwankende Aussicht hin bei einer so ungunstigen Jahreszeit zu unternehmen, sie stellten mir vor, dass mein Eintritt bei Mistriss Murray nur gewinnen konnte, wenn meine Verhaltnisse in ihrem Hause vorher naher bestimmt wurden. Ueber diesen Umstand war ich ganz gleichgultig. Die Ungeduld, meine jetzige Lage zu verandern, machte mich blind gegen alle Unannehmlichkeiten, die eine andre, ganz unbekannte mir aufdringen konnte, und somit ward meine Abreise beschlossen.
Der Landweg nach Edinburg war fur meine Mittel zu kostbar, und wie sehr sich auch meine beiden Rathgeber widersetzten, verdingte ich mich doch auf ein Handelsschiff und ging, nach einem vierzehntagigen Aufenthalte in dem Pfarrhause, zur See. Die gewaltsame Steigerung meiner Geistesstarke, mit der ich meine Abreise betrieben, war in Gefahr, ganzlich zu sinken, wie der Pfarrer und Herr Sidney, nachdem sie mich an Bord begleitet, in ihrer Barke wieder ans Land ruderten. In einem feuchten Winternebel sah ich sie von meinem Schiff abstossen, zuerst wurden mir ihre Zuge, dann ihre Gestalten unkenntlich, bald sah ich nur noch ihre weissen Tucher in grauem Nebel wehen, und endlich war der dunkle Punct, den ihr Nachen auf den Wogen bildete, vor meinen thranentruben Augen verschwunden. Nun fuhlte ich mich allein! nun ware ich gern zuruckgekehrt in das Haus, das bei aller seiner unheimlichen Sitte mir jetzt eine Freistatte schien. Regen und Wind trieben mich vom Verdeck in ein dumpfes Behaltniss, wo vierzig Mitreisende, von der ungestumen Bewegung des segelnden Schiffes mehr oder weniger angegriffen, umher lagen. Auch mich trieb diese unleidliche Beschwerde, mein Lager zu suchen. Ich hatte kein zierlicheres erwartet, gab also meinem Ekel vor dem, was ich fand, nicht nach, sondern strengte alle meine Krafte an, die auf mich eindringenden unangenehmen Empfindungen zu ertragen. Die Gesellschaft meiner Gefahrten in ihren bedrangten Umstanden, das Schwanken des Schiffs, das Geschrei der Seeleute, das Klappern des Tauwerks, das donnernde Anprallen der Wellen an die Schiffswande und endlich, wie der Wind wirklich zum Sturm anwuchs, das Geschrei und Arbeiten an der Pumpe, die ein entstandenes Loch unaufhorlich in Bewegung zu halten erforderte das alles waren Umstande, deren Zusammentreffen eine geubtere Reisende wie mich hatte angreifen konnen. Die Reisenden, mit der Seefahrt unbekannt, hielten das massige Unwetter fur einen weltzertrummernden Orkan und druckten ihre Todesfurcht mit mehr oder weniger Heftigkeit aus; ich konnte unsere Gefahr nicht beurtheilen, empfand aber mein korperliches Leiden so schwer, hatte im Leben so wenig Vortheil zu hoffen, dass mir der Tod wahrscheinlich und willkommen schien. Ich suchte nur meinen Geist zu bekraftigen, damit der entscheidende Moment mich gerustet finden mochte. Doch der Sturm legte sich, an Schiffsuntergang war nicht zu denken, aber unser Fahrzeug war so stark beschadigt, dass wir die hollandische Kuste, wohin uns der widrige Wind getrieben hatte, willkommen heissen mussten und, des Hafens froh, in Rotterdam ans Land gingen.
Ganzlich unbekannt mit den Mitteln wie mit der Nothwendigkeit hauszuhalten, nahm ich ein Zimmer in einem anstandigen Wirthshaus, wo ich sehr eingezogen und mit sehr ernsten Betrachtungen beschaftigt die acht Tage zubrachte, welche unser Fahrzeug zu seiner Ausbesserung bedurfte. Wie es zur Abreise kam, war ich hochlich betroffen, durch die Bezahlung meiner Rechnung die ganze mir ubrige Baarschaft bis auf zehn Guineen vermindert zu sehen. Dennoch fasste ich Muth. Meine Reise bis Edinburg forderte wenig Kosten mehr, und dort konnte ich mich in Mistriss Murray's Haus bis zum Ablauf des ersten Quartals aller Ausgaben enthalten. Der erste Theil dieser Aussicht ging in Erfullung. Unsre Ueberfahrt von der hollandischen Kuste nach Edinburg war angenehm und so schnell, dass ich schon nach vierzehn Tagen in dem Hafen einen Miethwagen bestieg, der mich nach Edinburg fuhrte.
Ich war uber den nun zunachst mir bevorstehenden Augenblick in einer solchen Spannung, dass ich die romantische Lage der Stadt, die Schonheit ihrer Strassen gar nicht bemerkte, sondern zwischen dem innigsten Gebet zu Gott, den Antritt meines neuen Berufs zu segnen, und den Bildern, welche sich meine Einbildungskraft von meiner bevorstehenden Lage machte, getheilt war. Ich malte mir Mistriss Murray's Bild bis auf ihre Kleidung, ihre erste Verbeugung aus. O mochte sie nur in ferner Aehnlichkeit, nur im letzten Nachklang Miss Mortimer gleichen! seufzte ich aus beklommner Brust. Aber Herr Maitland hatte mir oft seine Landsmanninnen als gross, kraftig, rasch gemalt das Bild glich Miss Mortimer nicht, und mir schien es recht furchterlich, eine solche hohe, strenge, knochenstarke Frau zu erblicken. Indess rollte mein Wagen durch die bei spater Tageszeit stillen, menschenleeren Strassen, mir ward immer banger, bis er endlich an einem schonen, aber ganz unerleuchteten Hause stille hielt. Ich schellte, und athemlos wartete ich, bis die Thure sich offnete, so dass ich den Diener kaum verstandlich fragte: ob Miss Murray zu Hause sey. Nein, Ihre Gnaden, sie ist seit vierzehn Tagen verreist. Grosser Gott! verreist? wohin? Nach Portsmouth. Sobald die Nachricht kam, dass der Capitain verwundet dort ans Land gestiegen sey, reiste Mistriss Murray mit ihrer Tochter dahin ab. Und liess sie keine Briefe fur mich zuruck? Des Bedienten Antwort uberzeugte mich, dass kein Mensch meine Ankunft erwartet hatte, ich ubersah nun die Folgen meiner ubereilten Abreise und sank halb ohnmachtig vor Schrecken in den Wagen zuruck. Steigen Sie hier aus, Ihre Gnaden? fragte jetzt der Kutscher. Nein, rief ich, ohne zu wissen, was nun weiter zu thun moglich sey. Wohin soll ich Sie denn fuhren? fragte Jener wieder. Ich antwortete mit einem Thranenstrom, denn ich wusste keine Thur, die sich mir offnen, wo Jugend und Armuth Schutz finden konnte. Der Bediente schien von meiner Betrubniss geruhrt; vielleicht, sagte er, hat Mistriss Murray meinem jungen Herrn Auftrage an Sie zuruckgelassen. Ist der Sohn des Capitains zuruckgeblieben? Ja, Ihre Gnaden, er blieb, um seine Collegien auszuhoren. Er ist jetzt nicht zu Hause, muss aber sogleich heimkommen. Belieben Sie einzutreten und sich auszuruhen!
Mir schien es am besten, diese Einladung anzunehmen, ich zahlte den Kutscher aus und folgte dem Diener ins Haus. Er fuhrte mich in einen artigen Salon, wo ein erfreuliches Steinkohlenfeuer Helle genug gab, um den Aufputz des Zimmers zu erkennen. Zierliches Gerath, Bucher auf allen Tischen, eine schone Harfe, Mappen mit Zeichnungen bewiesen mir das Streben nach Bildung in dessen Bewohnern. Mein zerschlagner Muth hob sich von neuem, ich untersuchte die Bucher es waren meistens juristische Werke, daneben ein sehr zerlesenes Exemplar der neuen Heloise, ein Tibull jetzt fiel mir ein grosser Stricksack, der am Sopha hing, in die Augen, er mochte wohl ein halbes Dutzend paar Strumpfe enthalten, sie guckten obenheraus, und mit ihnen ein Gebetbuch. Die Mappen verriethen die beginnende Kunstfertigkeit der jungen Miss ungeheure Blumenstrausse in winzigen Korben, Landschaften mit Schweizerhutten und uberm Kamin ihr Gemalde, in der Stellung, den Horopipe zu tanzen. Ich betrachtete das alles mit sehr getheilter Aufmerksamkeit, weil ich von einem Augenblick zum andern den Eintritt Herrn Henry's erwartete. Endlich horte ich einen raschen Schritt unter den Fenstern vorbeigehen; ein Liedchen ward getrallert, und ein nachdruckliches Pochen verkundigte den Herrn vom Hause. Die Angst scharfte mein Gehor; ich vernahm, oder glaubte zu vernehmen, dass der Bediente meine Ankunft meldete, einige schnell auf einander folgende Fragen schienen mir Neugier ohne Verlegenheit zu beweisen, und darauf eilte der Fragende auf den Salon zu. Bei seinem Eintritt ins Haus war ich aufgesprungen, dann war mirs eingefallen, dass ich linkisch aussehen musste, liess ich mich stehend finden, also setzte ich mich wieder, mein Herz schlug horbar, und es bedurfte der mir erst so spat erworbenen Herrschaft uber meine aussern Bewegungen, um bei Herrn Henry's Eintritt mit Fassung zu erscheinen. Wahrscheinlich hatte die Abenteuerlichkeit meiner Ankunft im Hause, welche der Bediente dem jungen Menschen berichtet haben mochte, ihm eine kurzweilige Bekanntschaft versprochen, sein Eintritt hatte wenigstens etwas Unachtsames, das bei meiner Annaherung einem Ausdruck von Erstaunen und ehrerbietiger Hoflichkeit Platz machte. Er bestatigte die Aussage des Bedienten: Mistriss Murray hatte gar nicht daran gedacht, dass ich mich, bevor eine nahere Verabredung stattgefunden, auf den Weg machen konnte, und hatte deshalb nicht die geringsten Anstalten zu meinem Empfange getroffen. Der junge Mann, der bei ziemlich regelmassigen Zugen schone, grosse, schwarmerische Augen besass und keineswegs, wie ich ihn mir vorgestellt, ein tolpischer Schulknabe, sondern ein schlanker, zierlicher Jungling von achtzehn bis neunzehn Jahren war, suchte mich zu uberzeugen, dass nichts naturlicher sey, als seiner Mutter Ruckkehr in ihrem Hause ruhig abzuwarten. So ehrerbietig die Art war, mit welcher er mir diesen Vorschlag that, lehnte ich ihn dennoch bestimmt ab, bat um die Adresse seiner Mutter, um ihr meine Ankunft zu melden und um ihre Befehle zu bitten, und forderte einen Miethwagen, um noch heute Abend ein anstandiges Unterkommen zu suchen. Rucksichtlich des Erstern sagte er mir, dass die Post in dieser halben Stunde noch abgehe; einen langen Brief zu schreiben, sey daher unmoglich, er wolle dem seinen, der zum Siegeln bereit liege, die Nachricht von meiner Ankunft und meiner Verlegenheit noch hinzusetzen. Was aber meine Absicht, heute Abend noch ein Unterkommen zu suchen, betrafe, so ware sie grausam gegen mich, gegen seine Mutter und gegen ihn selbst. "Wodurch", sagte er mit dringend bittendem Ton, "hat meine Mutter verschuldet, dass Sie eine rucksichtslose Unfreundlichkeit in ihr voraussetzen? Wodurch zog ich mir die Weigerung zu, einen Abend nur meine Gesellschaft zu dulden? Und endlich und vor allem: wie konnen Sie wagen in spater Nacht (es hatte wirklich zehn Uhr geschlagen) in einer unbekannten grossen Stadt auf Geradewohl ein Unterkommen zu suchen?" Wahrlich dieser Erinnerung bedurfte es nicht, um mir meine grausame Lage fuhlbar zu machen! Ich hatte mit ausserster Anstrengung bei dieser Erorterung einen gefassten Ton zu erhalten gesucht; bei Herrn Henry's letzter Frage wollten meine Thranen gewaltsam hervorbrechen, als der Ton seiner Stimme mir ein so bewegtes Gemuth von seiner Seite verrieth, dass ich, aufmerksam auf die Nothwendigkeit, hier meine Selbstherrschaft zu behalten, meinen Schmerz niederkampfte und durch meine Einwilligung, diese Nacht die mir angebotne Gastfreundschaft anzunehmen, dem Streit ein Ende machte. Herr Henry befahl sogleich und mit einer Freude, die mir deutlich bewies, welchen Werth er auf meine Einwilligung legte, das Schlafcabinet seiner Mutter zu meinem Empfang zu bereiten, und der ubrige Abend verging in lebhaftem Gesprach uber allgemeine Interessen. Noch nie hatte ich Gott so herzlich fur ein sanftes Lager gedankt, wie diesen Abend, an dem ich doch nicht wusste, wo ich am folgenden Morgen einen Schutzort finden wurde. Gott hatte mir heute eine Ruhestatte gegeben, alle meine Verstandeskrafte konnten die morgende nicht aussinnen; deshalb empfahl ich mich seiner Obhut und uberliess mich der Erholung des Schlafs.
Herrn Henry's Empfang beim Fruhstuck war voll Ehrerbietung, aber nicht so gleichgultig, wie meine Verhaltnisse es nothig machten. Wie ich seinen Morgengruss mit der Bitte beantwortete, mir sogleich durch seinen Diener eine Person anweisen zu lassen, die mir eine Wohnung verschaffen konnte, antwortete er mit Bekummerniss: wenn ich hartnackig die naturlichste Handlungsweise, die nahe Ruckkehr seiner Mutter, oder ihre wahrscheinliche Bitte, sie in Portsmouth aufzusuchen, in ihrem Hause abzuwarten verweigerte, so schluge er mir vor, eine ihrer in Edinburg verheiratheten Schwestern um Rath oder Beistand zu bitten. Das war ein Lichtstrahl in dem Dunkel, das sich vor meine Aussicht gelagert; ich widerlegte alle seine wiederholten Bitten um Abanderung meines Beschlusses und trieb ihn an, gleich nach dem Fruhstuck diese Tante fur mich um ihren Schutz zu ersuchen. Er blieb lange aus; ich hatte Zeit, mich dem angstlichsten Nachdenken zu uberlassen, und wie er zuruckkehrte, versicherte er mich, Mistriss St. Claire nicht zu Hause gefunden zu haben. Ich musste mit seinem Versprechen, gegen den Abend noch einmal zu ihr zu gehen, mich begnugen und suchte meine Unruhe durch Gesprach und Harfenspiel zu zerstreuen. Mein Spiel entzuckte den jungen Mann, er ausserte die bitterste Klage uber seiner Mutter Vergesslichkeit, fur den moglichen Fall meiner Ankunft keine Befehle gegeben zu haben. "Dann durften Sie unser Haus nicht verlassen, Miss Percy, dieselben grausamen Ursachen, die Sie jetzt von mir treiben, gaben dem Bruder Ihres Zoglings dann ein Recht, Sie zu schutzen." Ich wusste nun aus Erfahrung, wie nachtheilig es fur unser Geschlecht werden konnte, Dinge als Scherz aufzunehmen, die einer ernsthaften Deutung fahig sind: ohne auf diese durch die Art des Vortrags noch bedeutenderen Worte zu antworten, begab ich mich, um das Gesprach abzubrechen, in mein Zimmer. Wie ich nach einer Weile wieder in den Saal gehen wollte, horte ich eine fremde Stimme, die nach Herrn Henry fragte; dieser trat aber sogleich aus dem Sprechzimmer heraus und rief lebhaft dem Eintretenden zu: "So eben wollte ich zu Dir schicken. Du musst mit mir zu Mittag essen, ich will Dir die Bekanntschaft eines Engels verschaffen." "Ein Engel? hier im Hause?" "Hier im Hause, meiner Schwester Erzieherin." "Mit der haltst Du indess Haus? Das wird Deine Mutter ungemein erbaulich finden. Hat die's so bestellt?" "Gott, nein! sie weiss nichts von ihr ..." Darauf sprach er leise, ihn von der Treppe hinwegfuhrend. Ich wusste nun genug, um meine Unentschlossenheit zu beenden. Gedemuthigt, der Gegenstand der Bewunderung von ein paar Collegienschulern zu seyn, beschloss ich sogleich, ihre Aussicht auf das Mittagsmahl zu hintergehen. Auf meine Bitte und durch das Geschenk einer halben Guinee in mein Interesse gezogen, ging die Hausmagd sogleich, mir bei rechtlichen Leuten eine kleinen Wohnung zu suchen und einen Miethkutscher zu holen, der mich und mein Gepack augenblicklich dahin abfuhre. Sobald beides erlangt war, begab ich mich in das Besuchzimmer von Herrn Henry, um Abschied zu nehmen. Er war ausserst besturzt, aber sein junges Gemuth hatte noch die schatzbare Zartheit, die dem Betragen bei halb bewusster Schuld die Sicherheit raubt. Der Besuch seines Freundes, die Einladung an ihn hatte ihm die Zuversicht, mit der er noch heute fruh mich in seiner Mutter Hause zuruckhalten wollte, vermindert, er bat mich niedergeschlagen, nur so lange zu verziehen, bis er noch einmal Mistriss St. Claire aufgesucht habe. Ich versicherte ihm meine Absicht, ihr selbst meinen Besuch machen zu wollen, liess mir ihre Adresse geben und fuhr nach meiner neuen Wohnung ab.
Mir war wohl, wie ich von meinem kleinen Zimmer, das Wohn- und Schlafstatte zugleich war, Besitz genommen hatte. Ich fuhlte neuen Muth gegen die Aussenwelt, nun ich mir in meinem Innern das Zeugniss, recht gethan zu haben, ablegen konnte. Der einsame Abend ward angewendet, um beim Schein meiner einzigen dunnen Kerze an Mistriss Murray zu schreiben. Lange stritt ich mit mir selbst, was die Redlichkeit mir gebote, ihr zu sagen. Die Verlegenheit, in die mich ihre Abwesenheit gesetzt hatte, war meine Schuld, denn sie hatte mich nicht abzureisen eingeladen, ich hatte also gar keine Anspruche an sie, musste mich ihr gleichsam von neuem nur anbieten. Dieser Schritt war aber wegen ihres Sohnes schnell gefassten Wohlgefallens an mir reiflich zu uberlegen. Herrn Henry's Vergaffung war unzweifelhaft, dass aber diese bei einem zwanzigjahrigen Rechtscandidaten nicht als eine dauernde Leidenschaft zu behandeln sey, sagte mir meine Vernunft, dass aber Vorsicht und Anstand verboten, durch meinen Eintritt in seiner Mutter Haus diese Vergaffung zu unterhalten, ihn von seinen Studien zu zerstreuen, seinen Eltern Unruhe zu bereiten, sagte mir mein Gewissen und mein Zartgefuhl. Was war da zu thun? Der Mutter selbst zu melden, dass ihr Sohn meine Schonheit bewundre, ware eine Albernheit; die Aussicht, in ihre Familie aufgenommen zu werden die einzige, die mir in meiner verlassenen Lage vergonnt war von mir zu weisen, ware ein Verrath an mir selbst gewesen und hatte Herrn Henry's Gefuhlen zu viel Wichtigkeit beigelegt. Ich half mir mit einem Mittel, das mir jetzt ein bischen jesuitisch scheint, damals aber Entschluss eines reinen Willens war und mir deshalb auch keine Reue gekostet hat. Ich beschloss, mich zu Mistriss St. Claire zu begeben und ihren Rath zu erbitten; gewiss wurde sie ihrer Schwester ein Wort uber meine Gestalt schreiben, wenn ihr dieses keine Unruhe uber die Sicherheit von ihres Sohnes Herzen einflosste. So glaubte ich bei der redlichen Absicht, jedes nahere Verhaltniss mit ihm zu meiden, die Freistatte, welche mir Miss Murray's Haus versprechen konnte, annehmen zu durfen. In diesen Gesinnungen verfasste ich meinen Brief; ich meldete auch meinem gutigen Pfarrer meine Ankunft in Edinburg und die Unannehmlichkeit, die mich daselbst betroffen; und so war die Stunde herbeigekommen, die mich jetzt ein Bedurfniss trieb im Gebet zu Gott und mit Prufung meines eignen Herzens zuzubringen. Sie gab mir den Seelenfrieden, in dem man vertrauensvoll sich der Erquickung des Schlafes uberlasst.
Fruh am folgenden Morgen kam Herr Murray, und drei Stunden verflogen in lebhaftem Gesprach, wodurch mir aber das Unziemliche meiner Verhaltnisse gegen diesen Jungling nur auffallender wurde. Sobald er mich verlassen hatte, suchte ich Mistriss St. Claire auf. Ich fand eine hagere, lange, altliche Dame in einem ziemlich engen, hochlehnigen Armstuhl mit dem Ausnahen eines grossblumigten Musters in Linon beschaftigt. Sie liess mich ziemlich weit im Zimmer vortreten, stand dann auf, wodurch sie sich nothwendig einen Schritt vorwarts bewegen musste, und wie sie ihre ganze Hohe erreicht hatte, horte ich den dikken, steifen Troguet ihres dunkelbraunen Kleides etwas rascheln, woraus ich schloss, dass sie eine Art von Verbeugung gemacht haben musste sichtbar war sie mir nicht. "Herr Murray hat, wenn ich recht verstanden habe, die Gute gehabt, mich zu melden", sagte ich schuchtern. Die Dame blickte nach einem Stuhl, ich hielt das fur eine Einladung, mich zu setzen, ruckte ihn herbei und nahm Platz. "Es ist sehr unglucklich fur mich, Mistriss Murray nicht zu Hause zu finden", nahm ich, da keine Antwort erfolgte, von neuem das Wort. "Hum ..." tonte es ganz dumpf, und die Stille blieb ununterbrochen. "Sie verliess Schottland sehr unerwartet." "Sehr unerwartet." Wieder eine Pause. "Ich hatte meine Herreise unglucklicherweise schon angetreten, ehe ich es erfuhr." "Das war schlimm." "Sie wird doch nicht lange abwesend bleiben?" "Davon weiss man nichts." "Vielleicht wunscht sie nicht, dass ich ihre Ruckkehr erwarte?" "Das weiss ich nicht." Bis diesen Tag hatte ich kalte Abwehr jeder Theilnahme noch nicht kennen lernen. Ich hatte gewaltsame Unglucksfalle erlebt, war in hochst angstlichen Verlegenheiten gewesen, aber die druckenden Verletzungen des Gemuths in gemein ruhigen Verhaltnissen des Lebens waren mir noch unbekannt. Mein Gemuth hatte sich zu Gott gewendet, aber mein Verkehr mit ihm dass dieser triviale Ausdruck mir vergonnt sey! war ein Feiertagsdienst; ich hatte seine Hulfe in so wichtigen Momenten erfleht, dass es mir Entweihung seiner Grosse schien, diese Hulfe bei den Dingen des gewohnlichen Verkehrs zu verlangen. Das war Folge der noch mangelhaften Erkenntniss von dem wahren Werth des Lebens in mir, indem jeder Augenblick Fortschritt auf derselben Bahn zur Ewigkeit ist. Jetzt kampfte in meiner Brust mein uber so unerhorte Theilnahmelosigkeit emportes Gefuhl mit dem Urtheil meines Verstandes, ihr nur Gleichgultigkeit entgegensetzen zu sollen. Der Verstand siegte, ich athmete tief und fragte Mistriss St. Claire: ob sie mich nicht, im Fall Mistriss Murray meiner Dienste nicht bedurfe, in eine andere Familie als Erzieherin empfehlen wurde. "Das wird schwer seyn. Die Leute nehmen keine Fremde." "Die Empfehlung, welche Mistriss Murray's Wahl lenkte, wurde auch hier gelten." Doch wozu dieses Gesprach wiederholen? Ich schied von dieser Frau ohne die mindeste Hoffnung, durch sie Hulfe zu erlangen. Wie oft, indem ich meinen Weg einsam nach meiner Wohnung zuruck nahm, glaubte ich in den Gesichtern, die an mir vorbeigingen, bekannte Zuge zu entdecken! Ein paar Mal stockte mein Herz vor Entzucken bei dem raschen Schritt, den eine bekanntere Gestalt auf mich zu zu nehmen schien. Konnte mir denn Gott nicht einen Retter senden wollen? fragte ich mich, wenn meine Vernunft meine thorichte Hoffnung zurechtweisen wollte. Aber fremd und ohne Theilnahme eilten die Menschen an mir voruber, und ich kehrte einsam in mein einsames Zimmer zuruck. O wer in dem verlassensten Winkel des Erdbodens nur ein Wesen hat, zu dem er sagen kann: die Einsamkeit ist suss! der weiss es nicht, wie freudenlos eine Wohnung ist, in der wir nicht hoffen durfen, dass auch nur eine einzige theilnehmende Seele anklopfen werde.
Ich wusste also nun, dass die Beantwortung meines Briefs an Mistriss Murray meine letzte Hoffnung entschied, aber auch dass jede Rucksicht erfordre, den Besuchen ihres Sohnes fortan zu entsagen. Man meine doch nicht, dass es bei dem rationellen Standpunct, wohin ich gelangt zu seyn wahnte, unmoglich ein so grosses Opfer hatte seyn konnen, auf die Besuche eines vergafften Studentchens Verzicht zu thun. Nicht weil er das war, aber weil er das letzte gebildete Wesen war, durch das ich mit einer Welt, fur die ich gebildet und erzogen wurde, zusammenhing, kostete es mir ein ernstes Opfer, seine Besuche nicht mehr zu gestatten. Von nun an brachte ich eine lange Woche in volliger Einsamkeit zu. Der Gang in die nahe Kirche war die einzige Gelegenheit, bei welcher ich die Gasse betrat. Meine Hauswirthin stellte mir den Nachtheil dieser Lebensweise fur meine Gesundheit vor und bewog mich endlich, meiner Sehnsucht nach Bewegung und Luft nachgebend, sie eines Tags bei einem Ausgang zu begleiten. Es that mir unendlich wohl, die freie Luft zu athmen, in grosserm Umfang, wie in den engen Gassen, den Himmel uber mir, die erleuchteten Berge um die Stadt her zu erblicken. Wie wir nach Haus zurucklenkten, erblickte meine Hausfrau an der Thur eines Hauses ein scharlachrothes Fahnchen, auf dem mit grossen Buchstaben die Worte standen: "Hier wird ausgepfandet." Sie sagte mir, das verkundige einen Verkauf von Hausgerath, da konne man oft wunderwohlfeile Sachen bekommen, ich mochte doch ein bischen mit ihr hineintreten. Mir graute vor dem dunkeln Eingang, allein meine Lage erlaubte mir, nicht sehr schwierig zu seyn, deshalb folgte ich ihr nach durch einen finstern, schmuzigen Gang eine hohe, steile Treppe hinauf, auf einen langen Gang, dessen kleine Fenster auf einer Seite schwarze spitze Giebel erblicken liessen, auf der andern Seite aber mehrere Thuren in Zimmer fuhrten, die in eine Menge Wohnungen sehr armer Leute eingetheilt zu seyn schienen. Das erste Zimmer einer dieser Abtheilung war so von Leuten angepfropft, dass sie auch den Gang vor den Thuren besetzt hielten und es mir unmoglich machten, meiner Hausfrau zu folgen. Indem ich wartete, um durch den Haufen dringen zu konnen, gewahrte ich ein kleines Kind auf den Armen einer hochst armlich gekleideten Frau, das mit Wangen, auf denen die schonste Gesundheitsrothe prangte, aus seinen glanzenden Augen einen schuchternen Blick auf mich warf, dann sein Kopfchen von der Mutter Schultern aufhebend, lachelnd auf mich hinsah. Seine Mutter aber lehnte, wie es schien, in Kummer versunken, ihren Kopf an das Fenster. Ich hatte sie gern angeredet, aber ihr Schmerz gebot mir Zuruckhaltung, denn ich war ja meiner Mittel, ihr zu helfen, nicht gewiss. Indem kam ein eben so armlich gekleidetes Weib, wie sie selbst, schlug sie gutmuthig plump auf die Schulter und sagte: "Seyd doch gefasst! es ist schon manch einer ausgepfandet worden." Meine arme Frau, die bei dem derben Gruss der Nachbarin ihre Thranen getrocknet und sich freundlich aufgerichtet hatte, verhullte von neuem schluchzend das Gesicht in ihre Schurze. Ich wendete mich nun an die Nachbarin, um mehr von der Weinenden zu erfahren, und horte, dass Cecile Graham, so hiess die Trauernde, die Frau eines Soldaten sey, der aus der von jeher den Bergschotten fest eingewurzelten Liebe fur ihr Stammoberhaupt, sein Heimathsthal verlassen hatte, um der Fahne seines Hauptlings zu folgen. Ungern blieb seine Gattin zuruck und nahrte sich seitdem in der Hauptstadt hinreichend mit ihrem redlichen Fleiss. Endlich den Tag vor dem Miethsziel, wo sie alle ihre ersparten Pfennige schon zusammengelegt hatte, um sie den nachsten Morgen dem Hausherrn zu bringen, brach ein Dieb ihren Kasten auf und raubte ihr die muhselig gesammelte Summe. Unfahig, sich auf eine andre Weise bezahlt zu machen, gebrauchte der Hausherr sein Recht, ihre Habseligkeiten zu seiner Abzahlung zu verkaufen. "Und will er dieses arme junge Geschopf freundlos in die Welt hinausstossen?" rief ich mit inniger Theilnahme. "Gott verzeihe ihm das!" "Mir mangelts nicht an Freunden, Ihre Gnaden", sagte die Weinende in echt schottischer Mundart, aber viel weniger rohem Ton, wie ihre Nachbarin, "alles Gewasser des Brearde kann mein Blut nicht von des Lords Verwandtschaft waschen." "Welches Lords?" fragte ich, uber den emphatischen Ausdruck lachelnd. "Erdines selbst, Lady, sein Grossvater und meine Urgrossmutter waren Geschwisterkinder." "Thut denn der Lord nichts fur seine Verwandten?" "Das wurde er, und er ist nicht der Mann, der den Bittenden ohne Hulfe lasst." "Warum wendet Ihr euch denn nicht an ihn?" "Wahrlich, Lady, ich will den Lord nicht belastigen; er konnte denken, ich meine, er musse mich futtern, weil Jemmy mit Herrn Kenneth fortgezogen ist das begreifen Sie." "Was wollt Ihr aber thun? wollt Ihr euch alles nehmen lassen?" "Konnte ich nach den Hochlanden zuruck, so wurde alles andre schon gehen. Ueberfluss sind wir nicht gewohnt ich hatte auch alles hergeben wollen, nur nicht das Stuckchen Tuch, das ich, uns hinein zu wikkeln, mit eignen Handen gesponnen." "Wie Euch hinein wickeln? was soll das bedeuten?" fragte ich, weit entfernt, den Sinn ihrer Worte zu fassen. "Nun ja! Jemmy und mich einwickeln, mit Erlaub, wenn man uns zur Ruhe tragt. Und ein hubscher Stuckchen Flachsen konnte man nicht sehen. Ihre Gnaden selbst hatten drin ruhen konnen, ja Miss Graham in eigner Person." Anfangs glaubte ich wirklich, die gute Frau rede irre, aber bald schamte ich mich meiner Unfahigkeit, in das Gefuhl eines Armen einzugehen. Wie sich die menschlichen Wunsche auf ein gutes Bahrtuch beschranken konnten, begriff ich nicht gleich, aber das Ansehn der Frau sprach fur ihren gesunden Verstand. Ihre klare breite Stirn und nahe uber die Augen gezognen Braunen, von blitzend lebhaften Augen begleitet, verriethen kuhle Klugheit, ihre festen scharfen Zuge, ob sie gleich von der nationalen Bakkenbreite entstellt wurden, zeichneten sie unter den gemeinen Gesichtern der umstehenden Weiber aus. Ich fragte sie darauf, wie weit ihre Heimath entfernt sey. "Horten Sie je von einem Ort, der Glen Enradine heisst? Er mag etwa hundert Meilen und ein Eckchen weiter von hier nach Norden und Westen hin liegen." "Und so weit wolltet ihr in dieser Jahrszeit reisen?" "Wenn es Gottes Wille ware. Hier und da musste ich, mit Erlaub, wohl guter Menschen Beistand erbitten. Viel mitzunehmen habe ich nicht. Da das Kind an meiner Brust und ein Packchen Tabak, den ich fur meine Mutter gesammelt; mein Knabe ist derb, Gott segne ihn! der liefe denn auch manchmal ein Stuckchen neben her." Ich argerte mich anfangs an dem Almosenbitten, spaterhin habe ich's bei diesem Bergvolk ganz anders ansehn lernen. Unter wahrhaft einfachen Menschen ist das Hulfebitten des Reisenden ein letzter schoner Nachhall alter Vater-Sitte, der zufolge des Gastes Einkehr ein Segen des Herrn war. Cecile erkannte es nicht fur das, aber sie trat unbedenklich in die einfachen Menschenrechte zuruck, da wo einfache menschliche Bedurftigkeit sie uberwaltigte. "Warum wendet ihr euch nicht an's Kirchspiel?" fragte ich weiter. "An das Kirchspiel? an die Armenbuchse? Gott wird mich ja davor behuten! Kirchspiel! Nein, nein! wie gross unsre Noth ist, dahin wird sie uns nicht treiben." Thranen drangen aus ihren Augen, sie herzte ihr Kind und rief: "Du gutes liebes Thierchen2! eher soll es dir und deiner Mutter an Dach und Fach fehlen, ehe sie dir diese Schmach bereite, indess dein Vater so weit weg ist." Es kostete mir Muhe, die gute Frau zu uberzeugen, dass ich sie nicht beleidigen gewollt, da nach den englischen Sitten die Unterstutzung des Kirchspiels gar nichts Entehrendes hat. Jetzt kam aber eine Nachbarin und meldete ihr, dass so eben ihr Stuckchen Tuch in Aufstrich gebracht werden sollte. "Nun in Gottes Namen!" rief sie und brach auf's neue in Thranen aus, "so mogen sie mich denn in die blose Erde legen! Die Pfund-Note will ich nicht anbrechen." "Ihr habt also noch Geld?" fragte die Nachbarin. "Ein Pfund, das Jemmy seiner Mutter bestimmte, und das ich ihr noch nicht habe schicken konnen." Ich war zu lang an Reichthum gewohnt gewesen, um Almosen weise zu verwenden, allein die heldenmuthige Entsagung, mit der diese Frau fremdes Eigenthum ehrte, riss mich hin, ich drangte mich in die Versteigerungsstube, kaufte das Stuckchen Leinwand, brachte es Cecilen zuruck und erinnerte mich erst jetzt, dass ich, ohne ihr einen wesentlichen Dienst geleistet zu haben, ein fur mich hochst empfindliches Opfer gebracht hatte. Die Zeit, wo ich Beifall gab, wenn eine schone Empfindung meine Seele erhoben hatte, war voruber, daher legte ich meinem Eifer, Cecilens Wunsch zu befriedigen, keinen Werth bei; ich hatte mit eben dem Gelde ihre Lage wirklich erleichtern konnen; und sollte ich das nun versaumen? Diese Mutter mit ihrem Saugling auf den Armen, so fern von ihrer Heimath, schien mir so viel armer, als ich, dass es mir grausam bedunkt hatte, ihr nicht zu helfen. Ich kaufte ihr nothwendigstes Hausgerath fur sie zuruck, verschaffte ihr ein Unterkommen, in dem sie eine mildere Jahreszeit abwarten konnte, und kam nun so arm nach Hause, dass mir nur karglich noch fur eine Woche Lebensunterhalt ubrig blieb.
Ich habe bemerkt, dass es nicht die Erinnerung an gute Handlungen ist, die uns in truben Tagen Muth gibt. Denn wenn wir in ruhigen Stunden unsre besten Handlungen genau uberlegen, so bleibt wohl keine ubrig, die aus vollig reinen Beweggrunden geschehen ware, wenn auch im Augenblick selbst ein schoner Enthusiasmus uns erhoben hatte. Wenn unsre Weisheit, oder was einerlei ist, unsre Kraft wankt, so ist ein bedingungsloses Vertrauen in das hochste Wesen, mit dem Bewusstseyn, das Gute gewollt, wenn auch nicht erreicht zu haben, unsre sicherste Stutze. Das erfuhr ich jetzt in den Tagen, die noch bis zur Ankunft von Mistriss Murray's Antwort auf meinen Brief vergingen, und noch mehr, wie diese mir sagte, dass sie, durch des Capitains wankende Gesundheit gezwungen, ihm mit ihrer Tochter in ein warmeres Klima zu folgen, meiner Dienste gar nicht mehr bedurfe. Sie beklagte meine vergebliche Reise und verwies mich zu weiterer Beforderung an ihre Schwester, Mistriss St. Claire. Anfangs verwarf ich diese Schutzempfehlung auf das unwilligste; das Andenken des herzlosen Empfangs dieser Frau war mir noch zu neu; aber was sollte ich thun? Freund- und geldlos, wie ich war, musste ich meinen Widerwillen bekampfen und sie nochmals aufsuchen. Wahrlich, sie hatte sich nicht geandert, und der ausserste Grad der Hulflosigkeit hatte mich wohl zu grosserer Nachgiebigkeit entschlossen, aber nicht fuhllos gemacht. Mit eben der unerschutterlichen Theilnahmlosigkeit, wie das vorige Mal, erklarte sie mir ihre Abneigung, sich meiner anzunehmen, eben so die Unwahrscheinlichkeit, dass es mir gelingen konnte, ein Unterkommen zu finden, und schloss damit, dass, zu meinen Freunden zuruckzukehren, fur mich wohl das Beste seyn wurde. "Wenn das moglich ware", sagte ich, indem mir die Thranen in die Augen stiegen, "so wurde ich Sie wohl nie mit meinem Besuche beschwert haben." "Hm! so fehlt es Ihnen wohl an Reisegeld?" Gern hatte ich diese ubermuthige Frage mit aufwallendem Stolze beantwortet, aber ich war von der Heftigkeit meiner Empfindungen der Stimme beraubt. "Ich mag fremden Leuten zwar nichts vorschiessen, da aber meine Schwester in die Sache verwickelt ist, so gebe ich Ihnen hier funf Pfund, mit denen Sie Ihre Reise bis London bestreiten konnen."
So lange uber ein Jahr hatte ich nun gearbeitet, meinen Stolz zu beherrschen, und jedes Mal, dass er angegriffen ward, hatte er noch meiner Vernunft die Herrschaft erschwert. So wie sonst die Zuversicht auf meine eingebildeten Vorzuge mich in meinem thorichten Wahn auf eine hohere Wesenstufe gestellt hatte, so fuhlte ich jetzt dieser fuhllosen Frau gegenuber mich in der Wurde meines Unglucks gekrankt; der Sturm meiner Empfindung brachte mein Blut in so eine heftige Wallung, dass ein heftiges Nasebluten mir vielleicht ein gefahrlicheres Uebel ersparte. Unfahig zu jeder Ueberlegung, eilte ich aus Mistriss St. Clairens Zimmer und kam erst in der freien Luft wieder zur Besinnung zuruck. Die gutmuthige Neugier des Edinburger Volks setzte mich in eine neue Verwirrung: Manner und Weiber versammelten sich zahlreich um mich, boten mir Hulfe an und thaten Fragen uber die vermuthliche Ursache meines Zufalls. Ich fluchtete in den einzigen sich in der Nahe befindlichen Laden und eilte, sobald sich die Menge verlaufen hatte, nach Hause. Es bedurfte nur des gleichern Schlags meines geangsteten Herzens, um mir die Unziemlichkeit, ja das Unrecht meines Betragens einsehen zu lassen. Ich behandelte mich selbst wie ein krankes Kind, dem man die Veranlassung, sich zu schaden, ganz aus dem Weg raumt; ich drangte alle meine personlichen Empfindungen jetzt zuruck und fragte mich ganz einfach, ob, die Widrigkeit ihrer aussern Erscheinung abgerechnet, Mistriss St. Claire meine Vorwurfe denn wirklich verdiene. Sie, die ich fur eine fuhllose Frau hielt, hatte die gemeine Pflicht der Menschlichkeit gegen mich erfullt, ich aber, die nach einer hohern Bildung strebte, hatte das Beispiel unsers erhabensten Lehrers sehr schlecht gegen sie beobachtet. Gedemuthigt in meinen Augen durch meine Schuld, nicht durch Mistriss St. Clairens Misshandlung, eilte ich den Schritt zu thun, den Menschenliebe und Klugheit gebot; ich entschuldigte in einigen Zeilen an Mistriss Murray's Schwester mein storrisches Betragen, begrundete aber die verweigerte Annahme ihres Geschenks auf eine Art, die nicht ganz von dem Gefuhl frei war, das meinen Busen in ihrer Gegenwart geschwellt hatte doch das rachsuchtig bittre Gefuhl, das mich in jenem Augenblick emporte, war aus meiner Seele gewichen. Ist nun einer und der andre unter meinen Lesern, der in diesem Wechsel der Empfindung noch keine Selbstherrschaft in meinem Urtheil uber Mistriss St. Claire, keine evangelische Milde erkennen will, den warne ich, dass er durch uberlegnere Siege uber sein individuelles Gefuhl nicht in geistigen Hochmuth, durch vorgebliche Feindesliebe nicht zu heuchlerischer Bemantelung seiner innern Gehassigkeit hingerissen werde.
Da es nun durchaus nothwendig geworden war, Mittel zu meinem Lebensunterhalt zu suchen, so beschaftigte ich mich mit der Verfertigung einiger artigen Kleinigkeiten, wie ich sie wahrend meines Aufenthalts bei Miss Mortimer, zwar mit wenig Vortheil, aber doch mit einigem Erwerb verkauft hatte; allein leider war damals in Edinburg noch keine Verkaufsanstalt fur weibliche Betriebsamkeit eroffnet. Jetzt verliess mich mein froher Muth. Ich zweifelte keinen Augenblick an Gottes Fursorge, ich rief mir die Gelegenheiten zuruck, wo sie mich aus drohenden Uebeln errettet hatte, aber mein Kopf schmerzte mir von vergeblichem Sinnen, auf welchem Wege Auskunft aus meinem Elend zu finden sey, bis Thranenstrome seine Spannung erleichterten. In einem solchen Augenblick horte ich eines Morgens Herrn Murray bei meinen Hausleuten nach mir fragen. Es waren nun Wochen vergangen, ohne dass der Anblick eines theilnehmenden Wesens mich erinnert hatte, mein Wohl oder Wehe konne noch irgend Jemandes Aufmerksamkeit erregen; eben so lange hatte ich den Austausch vernunftiger Gedanken, ja den Laut gebildeter Stimmen entbehrt. Mit klopfendem Herzen zwang ich mich demnach, das meiner Hausfrau gegebne Gebot, diesen jungen Mann abzuweisen, erfullen zu lassen; aber freilich empfand ich dabei einen Kummer, den der Gegenstand an und fur sich selbst nicht hervorrief und nicht verdiente. Indem ich, meine Gedanken zu zerstreuen, trostlos in meinem kleinen Zimmer umherschaute, erblickte ich mein eignes Bild in dem kleinen Glase, das uber meiner einzigen Waschcommode hing: es zeigte mir eine so zerschlagne Geistergestalt, dass ich froh war, nicht so vor meines Bewunderers Augen erschienen zu seyn. Jedes junge Geschopf, das, einst bluhend und bewundert, durch fruhes Ungluck sich vor der Zeit verbluhen sah, kann wohl nicht dem bittersten Schmerz entgehen; aber mir, die ehemals in dieser Bewundrung ihr ganzes Gluck gefunden, mir, deren Gefuhle, so lange in eiteln Bestrebungen unangeregt geblieben, jetzt erst sich zur edlern Thatigkeit entwickelten, mir war's vielleicht zu verzeihen, wenn ich meine erloschnen Augen, meine erblassten Wangen fur einen grausamen Raub ansah, den das Schicksal an mir beging.
Das einzige menschliche Wesen, das ich jetzt zuweilen aufsuchte, war Cecile Graham mit ihren bluhenden Kindern. Wie ich den Ekel vor der Unordnung und dem Schmuz ihrer Wohnung uberwunden hatte, fand ich bei ihr so viel Zeitvertreib, wie in den meisten zierlichen Gesellschaften. Ich studirte den Menschen in ihr. Sie war ein Gemisch von gesunder Vernunft und Aberglauben, augenblicklichem Geize und herzlicher Freigebigkeit, scharfsinnigem Beobachtungsgeist und romantischer Fantasie. Alles, was sie sah und horte, erinnerte sie an eine alte Begebenheit irgend eines tapfern Grahams, oder an die Einwirkung eines Gespenstes oder einer Elfe. Das Andenken an Maitland, dem mancher meiner Augenblicke geweiht war, brachte mich auf den Gedanken, von Cecile die Gaelische Mundart zu erlernen. Mich selbst verspottend, dachte ich mir seine Ueberraschung, wenn ich ihn einst wiedersahe und ihn in seiner Landessprache von der ich freilich nicht wusste, ob er sie noch verstehe begrussen konnte. Indess Cecile an ihrem Spinnrade sass, liess ich mir alle moglichen Gegenstande von ihr benennen und schrieb mit einem ungeheuern Aufwand von Selbstlautern die Aussprache auf. Cecile, welche keinen Begriff hatte, dass eine Arbeit ihren Lohn in sich selbst haben konnte, war sehr neugierig, meine Absicht bei dieser Anstrengung zu erfahren; doch fragte sie mich nicht unmittelbar darum, sondern suchte mich durch Umschweife auszufragen. "Sie wollen wohl selbst in's Hochland gehen?" fragte sie mich einst mit ihrem hellen durchdringenden Blick. Ich versicherte sie, das falle mir nicht ein. "Sie konnten einen braven Mann nehmen, der Sie dahin brachte", sagte Cecile weiter und setzte mit einer Andacht, als habe sie mir die hochste irdische Gluckseligkeit gewunscht, hinzu: "und das gebe Gott!" "Ich danke, Cecile, ich habe aber keine Aussicht dazu." "Das konnen Sie nicht sagen. War doch Lady Eredine selbst mit Erlaub nichts Bessers, als eine Sudlanderin." Ich musste lachen, denn Cecile sagte ihr "Erlaub" nur, wenn sie etwas Unanstandiges zu entschuldigen zu haben glaubte. "Wie kam der Lord zu so einer Frau?" fragte ich. "Es war des Himmels Wille: er konnte, sie nicht lassen, und Herrn Kenneth ist's, wenn er leben bleibt, wie's Gott gefallen moge! auch vorbehalten, eine Landsmannin von Ihnen zu freien." "Habt Ihr Ahnungen, Cecile, dass Ihr wisst, was Herrn Kenneth bevorsteht?" "Nein, Lady, ich sah nie etwas Ungewohnliches; aber wir haben in unsrer Gegend einen Spruch, der sagt: 'Eine Rehkuh, die aus der Fremde kam, das beste Lager in Glen Eredine nahm', und der weiseste Mann in Killifoildich, und das ist Donald Macjan, sagte mir, die schonste Sachsen-Blume wurde in der Halle von Castell Eredine grunen und bluhen." "Das ist eine hubsche Weissagung. Da sollte ich lieber gleich nach Eredine gehen, mein Gluck zu versuchen." "Daruber ist gar nicht zu lachen", fuhr Cecile ernsthaft fort. "Niemand weiss, wo ihm sein Gluck bluhen wird. Herr Henry selbst konnte Sie wahlen, wenn er wusste, welche gute Dame Sie sind." Dieser Herr Heinrich aber war Cecilens Held; sie raumte zwar Herrn Kenneth, als dem altesten Sohn, die erste Stelle in ihrer Ehrerbietung ein, allein ihre herzliche Liebe war Heinrich geweiht. Sie hatte mir so viel von ihm, seiner frohlichen Kindheit, seinem Muth, seiner Abhartung auf Jagd, bei Seesturmen und allen Gefahren erzahlt, dass er mir wie ein alter Bekannter vorkam, und ich, auf Cecilens Wort, alles Gute und Grosse von ihm erwartete. Allein dieser ihr Abgott besuchte seine Heimath nur zufallig und verstohlen. Die Ursache, warum ein Bergschotte, dem das Feuer seines eignen Heerdes flammte, dem ein betagter Vater jedesmal mit Sehnsucht entgegen sah, in der Fremde lebte, wollte mir Cecile anfangs nicht deutlich erzahlen; wie sie aber meine Theilnahme an ihrem jungen Laird gehorig erprobt zu haben glaubte, gab sie mir folgenden Bericht.
"In der Michaelsmesse mag es gegen zwanzig Jahr seyn", erzahlte sie, "als Leute vom Clan Alpine, der, mit Erlaub, nicht viel taugte, die Kuhe von Glen Eredine hinwegtrieben, alle, sogar Lady Eredines eigne Kuh, die nach der Lady selbst Lady Eredine hiess. Sie konnen denken, ob die Erediner das ruhig mit ansahen. Herr Kenneth hielt sich des Studirens wegen in der Stadt auf, deshalb war's nicht seine Schuld, dass er nicht fur uns focht, aber Herr Henry, er sollte eben auch dahin abgehen, der bat so lange und so dringend, dass ihm der Lord endlich seinen Willen liess. Donald Macjan stand beim Abschied zunachst an des Lairds Lehnstuhl: 'Knabe', sagte er und legte seine Hand auf Henry's Kopf, 'du wirst Glen Eredine keine Schande machen und nicht mit leeren Handen heimkehren.' Dabei wandte er Donald einen Blick zu, als wollte er sagen: 'Du bleibst ihm zur Seite'; und Donald sagte mir, ihm habe sein Herz hoch geschlagen, und er habe gedacht: zu kleinen Stuckchen sollen sie mich hacken, ehe ich einen Zoll von ihm weiche. Da zogen sie aus: Donald und noch drei, weil Herr Henry sagte, er wolle nur, was er brauche, denn so klug war er, wenn gleich fast noch ein Kind. Er zog nun der Spur des Viehes nach, durch Moor und Haide, wie ein gemachter Mann nur gekonnt hatte. Augen hatte er, wie ein Adler, und machte den ganzen Tag keine Rast, auch nur, um einen Bissen Brod in den Mund zu stecken, obschon seine Zahne damals langer waren, wie sein Bart; Nachts wickelte er sich in seinen Plaid und legte sich mit den Andern auf den Boden, wie es mancher wackre Laird that, als die Gasthofe und Kutschen und dergleichen Hatscheleien noch nicht Sitte waren.
Gut; fruh war er vor den Rehen schon wach, und wie er beim Morgendammern von Bouoghrin herabsteigt, sind die Erediner Kuhe, Lady Eredine an ihrer Spitze, das Erste, was er sieht. Neil Roy, Calum Dubh und ein paar Andre, die, mit Erlaub, eben so wenig nutz waren, huteten sie, und mancher Andre mochte etwa in den Buschen versteckt seyn. Damals waren's uble Zeiten. Die rothen Soldaten waren kurz vorher eingebrochen und hatten unsern Mannern ihre Wehren genommen, so dass der, welcher geboren war, Schwerter, Schilde und Dolche zu besitzen, genug, um den ganzen Glen Eredine zu bewaffnen, keine Waffe in seiner Hand hielt, als den Haselstock, den er von seiner Hecke geschnitten. Aber ein Graham, Lady, packt seinen Feind, wenn ihm der Tod auch schon die Finger lahmt. Herr Heinrich stand, wie's ihm zukam, vornan und gebot Neil Roy, das Vieh friedlich wieder herauszugeben. Aber dieser Schelm, mit Erlaub, war so frech, des Lairds Sohn zu antworten, 'was er genommen hatte, wolle er behalten.' 'Wenn Du's im Stande bist!' sagte Herr Heinrich, und Neil schlug vor, es sollten die funf Erediner sich funf seiner Leute aussuchen und mit ihnen kampfen. 'Topp!' rief Herr Heinrich, 'ich wahle Dich, und Schmach dem Erediner, der nicht den starksten Feind wahlt!' O Lady, wenn Sie horten, was Donald von diesem Kampf sagt, das Blut wurde in Ihren Adern erstarren! Herr Heinrich hielt sich so tapfer, dass Neil, ungeduldig, dem Ding gar kein Ende zu sehen, seinen Dolch zog, um ihn in unsers lieben Lammes gutes Herz zu stossen; doch er fuhr ihm nur ganz leicht in den Arm. Wie aber Donald ihn bluten sah, liess er seinen Gegner, sprang dem Neil an die Kehle und wurgte ihn mit beiden Handen, bis er den Dolch fallen liess, wobei Calum Dubh immer auf ihn losschlug, wie auf eine Korngarbe; allein daran kehrte Donald sich nicht, bis Herr Heinrich aus Edelmuth ihm befahl, ihn loszulassen, wobei er ihm mit eigner Hand vom Boden aufhalf und den Dolch so weit fort in die Haide hineinwarf, dass ihn niemand mehr fand. Die beiden andern Alpiner lagen am Boden, die Erediner hatten also gewonnen und eilten zu dem Vieh. Der eine rief: Lady Eredine! der andre: Duh Voiach (schwarze Schone), und die guten Thiere erkannten ihre Stimmen und sprangen ihnen nach. Aber Herr Henry suchte zuerst Janet Donalachs Kuh heraus, weil sie einer Wittwe gehorte und vier Kinderchen von ihr ernahrt wurden, aber alle andre kamen auch nach Haus, Huf und Horn, wie Herr Heinrich zugesagt hatte, und keiner der Alpiner durfte sich ruhren, denn Neil hatte versprochen, nur funf gegen funf sollten kampfen."
"Aber, Cecile, was hat denn das mit Herrn Heinrichs Verbannung aus der Heimath zu thun?" "Das? ei nun! die Sudlands-Sherifs, die sich in alles mischen zu mussen glauben, so dass sie den Distelflocken nachspuren, wohin sie der Wind tragt, meinten, dass es auch zu ihrem Amt gehore, zu fragen, warum die Alpiner mit Glen Eredine gefochten. Da mussten die rothen Soldaten Neil Roy und Calum Dubh beim Kopf nehmen, und die wurden auf Stirling Castle gebracht, und nun hiess es, man wurde Herrn Heinrich auch abholen. Lady Eredine hatte aber immer gewunscht, dieser solle fremde Lander bereisen; da lag sie dem Lord so lange an, bis er es erlaubte. Um nun nicht schworen zu mussen und damit Menschenleben zu wagen, verliess Herr Heinrich lieber Freunde und Mitgeborne und Alle, die gern den Boden gekusst hatten, wo sein Fuss geschritten. O wehe mir! entweder erinnre ich mich noch des Tags, oder ich habe mir's so lange erzahlen lassen, bis mir zu Sinn geworden ist, als hatte ich's gesehen: denn mir ist's, als wusste ich's noch, wie meine Mutter mich auf ihre Arme nahm und das Thal hinab ihn begleitete; Jung und Alt ging mit ihm, und der Pfeifer voraus spielte das Klaglied. Keiner konnte sprechen, meine Mutter konnte ihm kein Lebewohl sagen, sie ging und ging, bis sie nicht mehr fortkonnte, und dann sah sie ihm nach und segnete ihn und weinte. Und die Sauglinge, die diesen Tag auf den Armen getragen wurden, waren, wie er das erste Mal wieder nach Glen Eredine zuruckkehrte, schon auf den Beinen und liefen ihm auf eben dem Wege mit Freuderuf entgegen." "Was ward denn mit den beiden Gefangenen?" "Loslassen mussten sie die. Meinen Sie, ein echter Schotte wurde schworen, damit ein Sudlander-Sherif sein Muthchen kuhlen moge? Zwei Erediner versteckten sich lange, um dem Zeugniss zu entgehen, Donald und Duncan Bane antworteten so listig, dass der Sudlander nichts daraus machen konnte. Da ward Neil frei, und in derselben Nacht was aber, wie Donald sagte, kein wackrer Erediner gutheissen konnte, trieb er vier von des Sherifs eignen Kuhen in Glen Eredines Triften, um Herrn Heinrich damit zu ehren, aber der alte Laird schickte sie zuruck, als haben sie sich allein dahin verlaufen."
Diese Erzahlung und zwanzig andre, in welchen Herr Henry immer als Held auftrat, vermehrten meine Theilnahme an einem Volksstamm, dessen Charakter durch zwanzigjahrige Unterdruckung seine Hauptzuge noch beibehalten hatte. Man entriss ihm seine Volkstracht, man nahm ihm seine Waffen, die ihm als Schmuck und Wehr gleich theuer waren, ist es zu verwundern, wenn diese beeintrachtigten Menschen ihre Sicherheit in der Flucht, ihre Starke im Betrug suchten?
Doch der sorgenvolle Arme ist selten sehr neugierig, und wie theilnehmend ich auch Cecilens Geschichte anhorte, war mein Geist doch noch lebhafter mit der mir drohenden Noth beschaftigt. Ich hatte schon eine, fur meine ganzlich erschopfte Baarschaft, sehr ansehnliche Summe daran gewendet, in offentlichen Blattern meine Dienste als Lehrerin der Jugend anzubieten. Wahrscheinlich schenkten die Edinburger einer unbekannten Fremden kein Vertrauen. Mein Versuch blieb ohne Erfolg; nun entschloss ich mich zu dem schwersten Schritt, zu dem bis jetzt die Noth mich genothigt, ich sammelte mir aus den Zeitungen die Anzeige der verschiednen weiblichen Lehranstalten der Stadt und ging eines Morgens im kalten Winterfroste aus, von Haus zu Haus meine Dienste anzubieten. In dem einen waren die Lehrerinnen schon uberzahlig, in einem andern bestellte man mich auf ein ander Mal, in einem dritten nahm man keine so jungen Lehrerinnen an, und so kam ich nach einer langen Wanderung hungrig und erfroren in mein odes Zimmer zuruck, wo ich bei der Gluth meiner letzten Kohlen und einem armlichen Mahl Gott anflehte, mir den Dank fur die Wohlthat zu lehren, dass ich heute noch nicht ohne Feuerung, nicht ohne Nahrung sey. O das ist ein gewaltsamer Zustand, der von wahrer Ergebung noch fern ist! Aber das junge Leben, das noch auf tausend Wegen zum Gluck gelangen zu konnen sich bewusst ist, kampft mit allen Kraften gegen den Gedanken, nur zur Entsagung bestimmt zu seyn. Im Alter ist das leichter, da verlieren sich die Wege einer nach dem andern, und der einzige letzte, den wir noch wallen mussen, fuhrt sicher zum Ziele. Schon hatte ich durch Cecilens Beihulfe in der grossten Heimlichkeit einige meiner aus London mitgebrachten Kleidungsstucke verkaufen lassen, um meiner Hausfrau ihre Miethe zu bezahlen, und berechnete angstlich die Zeit der abnehmenden Winterkalte, um dann irgendwo in einem Landstadtchen bei einer ehrbaren Familie die hauslichen Dienste zu ubernehmen; eine Aufgabe, zu der ich in der rauhen Jahreszeit bei meinen bisherigen Gewohnheiten die physische Moglichkeit nicht einsah. Unter diesen Umstanden kam eines Morgens meine Hausfrau zu mir herein, setzte sich ohne Rucksichten, denn zu diesen hielt sie sich gegen ihre arme Hausgenossin nicht verpflichtet, recht breit auf einen Sessel und erklarte mir, "sie habe gehort, dass ich eigentlich in der Absicht ins Land gekommen sey, in einem reichen Hause Erzieherin zu werden; nun habe sie eine Schwester, die als Stubenmadchen bei Mistriss Boswell diene, einer so reichen Dame, wie nur eine; der habe sie meine artige Person und sittsames Wesen geruhmt und die saubern Arbeiten, die sie mich machen gesehen, und die habe mich ihrer Herrschaft vorgeschlagen, um Miss Jessy, ihr elfjahriges Tochterchen, zu erziehen. Mistriss Boswell sey auch nicht ganz abgeneigt, und so sollte ich doch ja unverzuglich nach George Square gehen, mein Gluck zu versuchen." Also einer solchen Empfehlung sollte ich meine Versorgung endlich zu verdanken haben? dachte ich mit schmerzlichem Lacheln. Das ist der Lohn des stolzen Sinnes, der sich lieber in die unfreundliche Fremde begab, als Gefahr laufen wollte, in seiner Heimath vor den Augen seiner Bekannten dienstbar zu werden! Doch diesen Betrachtungen nachzuhangen, hatte ich nicht Zeit; ich sah die Nothwendigkeit, die sich mir darbietende Aussicht zu verfolgen, und machte mich unverzuglich nach George Square auf den Weg.
Es war noch bei guter Zeit, ich hatte mein armliches Fruhstuck eben erst genossen, meine eigne Einsicht hatte mich belehren sollen, dass die reiche Frau noch im Bette seyn wurde. Dennoch kehrte ich bei dem Bescheid, um ein Uhr wiederzukommen, mit gesunknem Muth nach Hause zuruck. Um ein Uhr erhielt ich denn wirklich Zutritt. Man fuhrte mich in ein artig aufgeputztes Zimmer, wo mich Mistriss Boswell, halb sitzend halb liegend, auf einem zierlichen Sopha empfing. Ein mageres, eckiges Gesicht, mit einer aufgestulpten Nase und schwarzen Augen, machte, dass sie auf den ersten Blick gescheidt aussah, allein ihr gerade eingeschnittner Mund, ihre borstigen Augenbraunen, ihre niedrige, gedruckte Stirn zeigten beim zweiten den Irrthum. Sie vertrieb sich mit ihrer Tochter, einem schonen lockigen Kinde, die Zeit vor einem grossen Schmuckkastchen, aus dem sie Armbander, Halsketten, Ringe hervornahm und sich und die Kleine so damit behing, dass sie wie Sudseeinsel- Prinzessinnen aussahen. An der Wohlgefalligkeit, mit der sie sich in dem seitwarts hangenden Spiegel beschaute, war es sichtbar, dass diese Beschaftigung zu ihrer sowohl wie zu Jessy's Kurzweil gereichte. Ich stellte mich ihr bescheiden als die Person vor, welche ihr als Erzieherin ihrer Tochter empfohlen sey. Sie stand nicht auf, beantwortete auch meine Rede nur mit einer Verziehung des Mundes, die sie fur ein Lacheln hielt, wovon jene aber auch nicht die fernste Aehnlichkeit hatte: es war eine Verlangerung der Mundwinkel, von welcher Herz und Auge keine Notiz nahmen. Nach einer ziemlichen Pause sagte sie zu dem Kinde: "Jessy, meine Liebe, geh zur Campel und sage ihr, sie soll mir mein Riechflaschchen suchen, und hilf ihr dabei." "Nein, nicht ich", rief die Kleine in heulendem Ton, "ich weiss wohl, dass Du dein Riechflaschchen nicht brauchst, Du willst mich nur fortschicken, um wegen der garstigen Hofmeisterin zu sprechen." "Nicht doch, Herzchen! geh nur! ich nehme Dich auch mit mir in der Kutsche spazieren, und wir kaufen eine neue Puppe, eine grosse grosse mit blauen Augen." "Du hast mir schon einmal eine versprochen, wenn ich das O schriebe und hast sie mir doch nicht gegeben. Jetzt wirst Du's eben so wenig thun." Da ist mir gut in die Hande gearbeitet, dachte ich. Mutter und Kind stritten sich fort, bis Letzteres seinen Willen behielt und die Mutter mir, nun in Jessy's Gegenwart, meine Geschicklichkeit abfragte. Das Pianoforte, Singen, alle Wissenschaften zusammen sollten gelehrt werden; mir ward aber, ehe der Katalog zu Ende war, die Antwort erspart, denn Jessy, die mich von allen Seiten betrachtet hatte, fragte: "Sie sind doch nicht selbst die Hofmeisterin? oder ja?" "Ich hoffe es zu werden, liebes Kind." "Ich dachte, Sie waren ein hassliches, gramliches, altes Ding. Sind Sie gramlich? Sie?" "Nein, ich hoffe nicht." "Ei, ich glaube, Sie sind lustig und freundlich." Mistriss Boswell warf mir einen listigen Blick zu, der ihre Zufriedenheit ausdrucken sollte. "Nun, Liebchen, von der hubschen Lady mochtest Du doch Musik und allerhand Dinge lernen?" sagte sie zur Tochter. "Ich will nichts lernen, gar nichts; aber spielen soll sie mit mir und mich mit dem garstigen Buchstabirbuch nicht qualen." "Nun, sie soll Dich nicht qualen. Miss Percy, wie viel Jahrgeld erwarten Sie?" "Das bleibe Ihnen und Herrn Boswell uberlassen! Achtungswurdiger Schutz ist fur mich die erste Rucksicht." "Gewiss, Schutz ist eine wichtige Sache", bemerkte die Dame und schien sich dann lange von dieser Verstandesanstrengung erholen zu mussen. Ich hatte wahrend dem das Gluck, Jessy's Gunst durch meine Unterhaltung so sehr zu gewinnen, dass sie bei ihrer Mutter nachster Frage: wenn ich meinen neuen Beruf antreten wurde, durchaus von keinem Aufschub horen wollte, sondern so lange weinte und trotzte, bis ich denselben Abend noch wiederzukommen versprach.
Durch ein ungluckliches Schicksal nehmen meistens gerade diejenigen Ehemanner die Zugel des Hausregiments, welche am wenigsten sie zu fuhren geschickt sind. Eine Frau von Grundsatzen weist dieses Vorrecht von sich, eine vernunftige Frau sucht sich die Nothwendigkeit, das Regiment zu fuhren, selbst zu verhehlen. Die innige Liebe des Weibes ist viel begluckter durch Unterwurfigkeit, als durch Herrschaft; und gegen den uberlegnen Geist der Frauen ist die mannliche Eifersucht schon hinlanglich bewaffnet. Mistriss Boswell ward durch keine dieser Ursachen verhindert, ihren Mann am Leitseil zu halten. Das wunderte mich nicht weiter, aber ich konnte lange nicht begreifen, warum sich's der Gatte gefallen liess, denn er war kein einfaltiger Mann. Ich erklarte mir's endlich als die Folge seines langen Aufenthalts in den Kolonien, wo er, von aller gebildeten Gesellschaft entfernt, bei wenigen Geschaften, gar keinen literarischen Hulfsquellen, einzig auf den Umgang seiner Frau beschrankt gewesen war. Sie hatte dagegen ein Herrschermittel, das im hauslichen Leben, obgleich ganz negativ, so machtig ist, dass ihm, meines Bedunkens, noch kein Ehemann widerstanden hat. Er flieht, oder unterwirft sich. Sie schmollte mit einer von mir bis dahin nicht fur moglich gehaltnen Hartnackigkeit, die allen Bitten, allem Nachgeben widerstand. Ausserdem war sie in ihrer ersten Jugend wahrscheinlich hubsch gewesen das ist freilich ein vorubergehendes Mittel der Gewalt, allein ein sehr wenig ruhriger Mann macht sich aus der einmal gefassten Bewunderung seiner Frau eine Gewohnheit, die es ihm bequem ist nicht zu andern. Wo aber die Herrschaft fehlschlagen konnte, bediente sich Mistriss Boswell der List: ihr war jedes Mittel willkommen, Kind, Gesinde, ein Jeder, der sich wollte brauchen lassen, ward gebraucht. Dagegen wendete Kind, Gesinde und wer sich diese Muhe geben wollte, gegen sie die einzigen Waffen, an denen sie zuganglich war: Verleumdung und Schmeichelei, und hatte sie nicht eben die Laune, Festigkeit zeigen zu wollen, so widerstand sie diesen selten. Schon am ersten Abend, den ich in ihrem Hause verlebte, lernte ich ihre Eigenheiten kennen. "Wollen Sie morgen Jessy ihre erste franzosische Stunde geben?" fragte sie mich mit dem verbindlichsten Lacheln, das sie aufbringen konnte. "Ich sollte denken, meine Theure", sagte Herr Boswell, nicht im Ton eines Oberherrn, "wenn es Dir gefallig ware, mochte es vielleicht besser seyn, das Kind lernte erst seine Muttersprache." "Die kann sie immer noch lernen" antwortete die Dame, indem ihr Lacheln verschwand. "Meinst Du aber nicht, sie sollte lieber mit dem beginnen, was am nothwendigsten ist?" "Wir konnen Miss Percy ihre Zeit nicht mit Englisch lehren verlieren lassen", sagte sie, ohne den Gatten eines Blickes zu wurdigen. Dieser bedurfte einige Secunden, seinen Muth zu sammeln, dann fing er mit sanftem Ton an: "Ich glaube, Miss Percy wird nie ihre Zeit fur verloren halten, wenn sie unserm Kinde irgend etwas, das Du ihm nutzlich glaubst, lehrt." Mistriss Boswell drehte alle Ringe an ihren Fingern herum und sagte nach einer langen Pause, ohne eine Muskel ihres Gesichts zu bewegen: "Man braucht das Kind nur lesen zu horen." "Doch Miss Percy's Sprache und Ausdrucke sind so unvergleichlich gebildet ..." Hier unterbrach er sich, von Anzeichen, die mir noch unbekannt waren, in Zaum gehalten, und die Dame sprach kein Wort mehr, hob ihre Augen nicht mehr auf. Endlich, wie ich mich zur Schlafenszeit hinwegbegeben wollte, sagte ich, im innern Gefuhl, dass es dem Vater zustehe, uber den Unterricht seines Kindes zu entscheiden, zu Herrn Boswell: "Soll ich morgen mit Miss Jessy die englische Sprachlehre anfangen?" "Wie Sie's fur's Beste halten ... wie es Ihnen gefallt", antwortete er zogernd und warf seiner Frau einen schuchternen, fragenden Blick zu, auf den sie aber keineswegs zu achten wurdigte. Nun begleitete ich sie bis an ihr Schlafzimmer, wo sie mich zu meiner Befremdung hineinzog und schnell hinter sich zuschloss, so dass Herr Boswell auf dem Vorplatz zuruckblieb. Sie setzte sich bequem nieder und erzahlte mir von Negersclaven, Goldstaub und Elephantenzahnen. Nach einer Weile bat der Gemahl sehr freundlich um Einlass; sie that gar nicht, als wenn sie ihn horte. Bei einem zweiten Gesuch von seiner Seite sagte ich, ihr gute Nacht wunschend: "Ich furchte, Herrn Boswell im Wege zu seyn." "O seyn Sie ruhig!" rief sie, den Kopf schuttelnd mit einem listig seyn sollenden Blick. Da sie den Thurschlussel in ihre Tasche gesteckt hatte, hing ich von ihrer Willkur ab, und sie schwatzte unbefangen fort, bis der arme Herr Boswell, seiner vergeblichen Bitten mude, von seinem eignen Schlafzimmer fortging, um in irgend einem andern Gemach eine Schlafstatte zu suchen. Sobald sie seines endlichen Ruckzuges gewiss war, schloss sie mir die Thur auf und wunschte mir eine gute Nacht. Wahrend vier Tagen gelang es Herrn Boswell auf keine Weise, weder Blick noch Wort von ihr zu erlangen. Er willigte in ihren Unterrichtsplan fur das Kind ihr Sinn war nicht zu wenden. Endlich am funften Morgen gab sie ihm die erste noch sehr murrische Antwort auf eine seiner Fragen, und ehe ich mich's versah, war die Versohnung vollendet, deren Beweggrund von ihrer Seite, wie ich spater erfuhr, Geldbedurfniss war. Sie machte mich sehr bald bekannt mit vielen ihrer kleinen Kunste, den Fehlern ihres Gatten, den Familienzwistigkeiten, den Mitteln, Miss Jessy zu gangeln, ihren Mann zu hintergehen, das Gesinde zu belauschen. Ich konnte die Nothwendigkeit dieser elenden Listen nie begreifen; allein es liegt in jeder Verstandesubung eine Art von Genuss, diese Kniffe aber waren die einzige Art, wie Mistriss Boswell den ihrigen zu uben vermochte. Dieser Charakter flosste mir peinlichen Ekel ein, in einem Grade, den ich kaum zu unterdrucken im Stande war. Ich glaube, es ist leichter, Beleidigungen zu vergeben, als fortwahrend Milde gegen einen Menschen zu uben, der unsern Verstand so wie unser moralisches Gefuhl verletzt, und diese Milde ist dennoch nicht weniger eine heilige Pflicht der besonnenen Menschlichkeit, wie jene. Am wehesten that mir Mistriss Boswells Bosartigkeit dann, wenn sie auf meinen Zogling Einfluss uben musste. Aus Eifersucht uber des Kindes Neigung zu mir, oder vielleicht aus bloser Gewohnheit, krumme Wege zu gehen, fuhrte sie die Kleine zu Heimlichkeiten an, die der Mutter Thorheit oder des Kindes Einfalt mir immer verriethen. Bald waren es Vergunstigungen irgend einer Art, die ihr streng verboten wurden, der Hofmeisterin wissen zu lassen, oder sie liess eine vernachlassigte Aufgabe heimlich von Jemand anders an des Kindesstelle verrichten; war die Kleine uber einen von mir erhaltnen Verweis betrubt, so gab sie ihr Zuckerbrod und befahl, ehe sie mir nahe kame, den Mund wohl auszuspulen, damit ich es nicht wahrnahme. Nur die harte Nothwendigkeit, unter der ich seufzte, konnte mich vermogen, in diesem Hause zu bleiben. Mein Gefuhl emporte sich um so heftiger gegen diese elenden Kunstgriffe, weil mir mein Zogling sehr lieb ward. Die Tochter so einer Mutter musste mussig, verschlagen, selbstwillig seyn, allein dabei war Jessy anmuthig, gescheidt und von einer kindlichen Innigkeit, die allen Verkehrtheiten ihrer Erziehung widerstanden hatte. Dieser letzten Eigenschaft ist nie zu widerstehen, am wenigsten konnte ich's, die ausser diesem Kinde keinen Menschen hatte, der mir Liebe erwies. Ohne Jessy ware dieses Haus eine Einode fur mich gewesen. Mit Mistriss Boswell war kein Gesprach zu fuhren, sie las nicht, sie beschaftigte sich nicht, also fand keine gemeinschaftliche Zeitanwendung zwischen uns statt; sie dachte nicht, also konnten wir keine Ideen auswechseln; sie war einzig mit sich beschaftigt, es fand also keine Sympathie zwischen uns statt. Ihre Unart und Laune hatte Freunde und Bekannte von ihrem Tische gescheucht, nur ein paar arme alte Verwandtinnen, die fur ihre Unterthanigkeit zum Essen bleiben durften, kamen in's Haus. Herrn Boswells Aufmerksamkeit auch nur im geringsten Maasse auf sich zu ziehen, war, wie ich bald erfuhr, eine unverzeihliche Unthat auf diese Weise blieb ich in diesem Hause so fremd, wie ich den Tag meines Eintritts gewesen war. Welche strenge Schule musste ich durchwandern! Das einzige Geschopf, an das ich ein vernunftiges Wort richten konnte, das einzige, fur das ich Liebe empfinden konnte, war ein Kind, das man nicht meiner Einwirkung uberliess; mein Unterhalt hing von einem vollig verachtlichen Wesen ab aber ich war jetzt so weit zur Selbsterkenntniss gekommen, dass ich fuhlte, wie ich gerade durch diese schweren Obliegenheiten am besten zur Beherrschung meines noch immer aufstrebenden Stolzes gelangen konnte, und ich wiederholte mir taglich das Versprechen, geduldig abzuwarten, bis die Vorsehung mir eine trostlichere Aussicht eroffnete.
Der einzige Genuss, den ich in meiner armlichen Einsamkeit gehabt hatte, meine Besuche bei Cecile Graham, waren mir in meiner neuen Lage unmoglich. Jessy konnte ich nicht mit dahin nehmen, und so lange allein auszugehen, war mir nicht vergonnt; so ward denn auch mein Erlernen der Gaelischen Sprache aufgegeben, und ich musste, mit niedergeschlagenem Herzen, dennoch lacheln, dass mir darum die Moglichkeit, Herrn Maitland wiederzusehen, entfernter schien, weil ich dieses Band zwischen ihm und mir zerreissen musste. Endlich einmal an einem Tag, wo Mistriss Boswell Jessy mit sich genommen hatte, um ihr Spielzeug zu kaufen, nahm ich die Zeit wahr, zu Cecilen zu gehen. Ich fand sie beschaftigt, auf dem einzigen holzernen Stuhl, den sie besass, Haferkuchen zu kneten, denn ihr Tisch lag so voll von den verschiedensten Dingen, dass sie darauf keinen Platz hatte. Bei meinem Eintritt warf sie den Teig bei Seite, zog einen zerrissnen Strumpf von einem quer uber die Stube gezognen Strick, staubte damit den Stuhl ab und bat mich, zu sitzen. Ich entschuldigte mich, dass ich sie storte. "O das thut gar nichts!" rief sie, "ich bin gewiss, Sie bringen immer Gluck, und ich dachte schon, ich wurde Sie nie wiedersehen." "Warum besuchtet Ihr mich nicht?" fragte ich. "Ja, Lady, ich war an Ihrer Thur eines Tags, wo man sagte, Sie waren ausgegangen; ich kam dann zwei oder dreimal wieder hin und setzte mich mit den Kindern auf die Stufen und meinte immer, Sie sollten aus der Thur treten aber es ward mir nicht so gut." "Warum liesst Ihr mich nicht rufen?" "Liebe Lady", sagte Cecile mit einem Lacheln stolzer Demuth, "die Leute hatten Wunder denken konnen, warum ich Sie sprechen wollte. Aber viel habe ich an Sie gedacht. Man sagt: 'des Fremdlings Odem ist kalt'; aber gewiss, Sie konnen mir glauben, mein Herz ist fur Sie warm gewesen, seit ich Sie zuerst sah." "Ich glaube es, Cecile; es gibt nicht viele Herzen, wie das Eure." "Das letzte Mal, wie ich Euch sah, Lady, wart Ihr bleich wie ein Schneeglockchen, so dass ich meinte, es konne Euch ein boser Blick getroffen haben." "Verdirbt ein boser Blick andrer Haut, als dessen, der ihn haben mag?" fragte ich unglaubig. "Ein boser Blick kann einen Stein spalten, sagt man in Glen Eredine", antwortete mit ernstem Kopfschutteln Cecile. "Wenn Sie es aber annehmen wollten, so hatte ich wohl etwas, das Sie gegen alles Unheil schutzen konnte." Sie suchte nun lange in ihrem Bettstroh und fand endlich etwas, das ungefahr wie ein Feuerstein aussah. "Wenn Sie dieses in Ihren Unterrocksbund nahen wollen", sagte sie mir ihn darreichend, "kann Niemand Ihnen mehr schaden." "Dank, liebe Cecile! aber wenn ich Euch den Schatz nehme, kann er Euch ja fehlen." "O mein Herzblattchen!" (Kalb meines Herzens, ist der Gaelische Ausdruck) rief Cecile innig, "es ist meine Pflicht, alles fur Euch zu thun, und gewahrt mir Gott erst, wieder nach Glen Eredine zu kommen, so werde ich vielleicht mehr konnen." Ich musste innerlich lachen uber den Stellvertreter der Vorsehung, mit dem mich diese gute Seele beschenkt hatte, dachte aber doch, dass er immer so wirksam, wie jede andre menschliche Weisheit, zu wirken vermochte; da aber ein Versuch, Cecilens Aberglauben zu bestreiten, ihr Vertrauen zu mir hatte erschuttern konnen, nahm ich ihren "Elfen-Pfeil", wie sie den Stein nannte, dankbar auf, und fragte sie dagegen, wenn sie nach ihrer Heimath abzureisen gedachte. "Ich weiss nicht", antwortete sie seufzend, "das Wetter ist klar und schon, und ich sehne mich nach Haus; aber ... sehen Sie ... ich furchte, es mochte Jemmy nicht lieb seyn, wenn er mich in Eredine wusste." "Wie ware das moglich?" "Ich weiss nicht", antwortete sie halb lachelnd und blickte vor sich hin, dann tief seufzend und an ihrem Schurzenband drehend, "sehen Sie, Lady, ich habe einen Freund in Glen Eredine, ich ... ich ..." "Um so besser, Cecile, das kann Euch nicht vom Nachhausegehen abhalten." "Ja, ich will sagen ... einen Junggesellen, ... den ich hatte freien sollen, wenn es also beschlossen gewesen ware." Nun seufzte sie wieder. "Sollte Euch Euer Mann nicht trauen, Cecile?" Augenblicklich war ihre Verlegenheit verschwunden, sie sah mir fest in's Gesicht und sagte: "Nein, Lady, so schlecht werde ich nimmermehr von ihm denken, so verkehrt ist er nicht. Aber er konnte meinen, dort wurde mir das Herz schwer seyn, so lange er so weit weg ist denn leider ist der arme Junge nie mehr recht bei sich, seitdem der Vater mich dem Jemmy zur Frau gab ach er will sich nicht abwehren lassen, immer nach mir zu sehen und mit dem kleinen Kenneth da (ihrem Knaben) zu spielen und unsre Kuhe Abends nach Hause zu treiben, und seit der Vater starb, lasst er sich nicht hindern, meiner Mutter den Torf zu stechen, obgleich ich nie mehr ein Wort zu ihm sprach, weder Gutes noch Boses, seit dem Tag ..." Hier fuhr sie mit ihrem Aermel uber ihre Augen und setzte dann leise hinzu: "Nun, es war Gottes Wille, und der fuhrt alles zum Besten." "Aber wart Ihr denn nicht ein bischen hartherzig, dass Ihr so einen treuen Liebhaber verliesst?" "O Gott, Lady, was konnte ich thun? Ich sah wohl, dass er nicht fur mich passe. Seine Eltern sind nur Fremde, mit Erlaub, und ich, wenn ich's gleich selbst sage, bin mit den besten Familien im Lande verwandt. Da begreifen Sie ja, dass es mein Vater nie zugeben konnte." "Und Ihr gehorchtet Euerm Vater, gute Cecile?" sagte ich, tief beschamt uber das pflichtgemasse Betragen dieser ungebildeten Frau, in Vergleich mit meinem eignen Benehmen. "Ach, Lady, ich war ja sein Kind", antwortete Cecile, "ausserdem wusste ich, Robert war mir nicht bestimmt; das wusste ich wohl wusste ich das." Sie wiederholte diesen Satz auf alle Weise, indess ich uber meinen unseligen Ungehorsam nachsann, denn Cecile hatte lieber zehnmal dasselbe gesagt, als dann, wenn sie die Unterhaltung ubernommen, eine Lucke im Gesprach entstehen zu lassen. "Wie erfuhrt Ihr denn, dass Robert Euch nicht zum Gatten bestimmt sey?" "Das will ich Ihnen sagen", antwortete Cecile mit leiserer Stimme, "wir haben in Glen Eredine einen Seher, der war sehr besturtzt, wie er mich im Geiste ganz deutlich an Jemmy's linker Seite stehen sah. Zuerst fruh, dann immer weiter im Tag hinein da hatte er keine Ruhe, bis er es mir gesagt hatte. Wie ich's aber erfuhr, fiel ich vor Schrecken nieder, als trafe mich ein Blitzstrahl, denn ich verstand wohl, was das bedeute. Aber wir konnen keiner unserm Loose entgehen. Nicht dass ich klagen wollte, denn Jemmy ist ein guter Gatte, und ich habe es gut bei ihm gehabt." "Das verdientet Ihr, Cecile. Eine gehorsame Tochter wird stets ein wackres Weib." "Grade das sagte Miss Graham, wie sie mir das erste Mal das Tuch um den Kopf band (das Abzeichen der Ehefrauen, welches sie den Morgen nach dem Hochzeittag anlegen). Sie that es mit eigner Hand; ja wirklich! und wie sie mich schluchzen sah, als stiesse es mir das Herz ab, legte sie mir ihren Arm um den Hals und sagte, als sey ich ihres Gleichen gewesen: Liebe Cecile! sagte sie. Ach diese zwei Worte waren mir lieber, als aller Hausrath, den sie mir so reichlich schenkte. Aber anfangs ging's mir doch hart, und es mochte nie eine betrubtere Hochzeit in Glen Eredine gefeiert worden seyn, obschon Herr Heinrich selbst Brautfuhrer war; denn, sehen Sie, er ist Jemmy's Milchbruder." Sie erzahlte mir nun weiter: Herr Heinrich, den Robert unendlich gedauert, habe ihm, sobald Jemmy's Werbung genehmigt worden, auf ein entferntes Gut geschickt und durch Auftrage dort festgehalten; allein in der Unruhe seines Gemuths verliess der arme Bursche seinen angewiesnen Aufenthalt, irrte im Lande umher und kam gerade an Cecilens Hochzeittag nach Glen Eredine zuruck. Cecile war so bewegt bei dieser Erinnrung, dass ich nur durch viele Fragen den Gang der Begebenheit erfuhr. An jenem Hochzeitmorgen bewirthete die Braut ihre Verwandten mit einem Fruhstuck, bei welchem der Laird selbst gegenwartig war. Das Mahl war reichlich und, nach meiner guten Bergschottin Meinung, sehr ausgesucht schmackhaft; auf ihn folgte der Tanz, und Cecile sagte: "ich tanzte mit den Uebrigen, wenn mir gleich, mit Erlaub, das Herz sehr weh that, und ich manchmal dachte: o galte der Tanz doch meinem Leichenfest"3! Darauf kamen die Freunde des Brautigams, ein Haufe frohlicher Bursche und Madchen; Cecile begrusste sie, bot ihnen Erfrischungen und wendete sich dann jammervoll ab, "wie ein Gefangner, der mit Festigkeit sein Todesurtheil empfangen hat." Endlich verkundigten Flintenschusse die Ankunft des Brautigams, und die Braut musste ihm entgegen gehen. "Der Wind hatte mich fortwehen konnen wie durres Laub", sagte Cecile, "ich war so kraftlos; aber Miss Graham unterstutzte mich mit ihrem eignen Arm, Jemmy und ich konnten doch glucklich seyn, sagte sie mit tiefem Seufzer, aber gewiss, der Ort, wo wir zusammenkamen, war ein Unglucksort. Gerade wo der Weg nach Dorchthalla hinabfuhrt, da wo Kenneth Roy, des Lairds Grossvater, etwas sah, dem er zu seinem Ungluck nachging; denn es fuhrte ihn uber Felsen hin zu einem furchtbaren Abgrund, wo er zerschmettert werden musste, und ware er von Eisen gewesen. Nie scheint die Sonne dahin, wo er niedersturzte, und das Wasser ist schwarz. Nun da, an der Stelle bekam uns Jemmy zu Gesicht; da eilte er nun, wie es unsre Sitte mit sich bringt, auf uns zu, mich zu begrussen. O den Gruss vergesse ich nie!" Cecile schauderte mit Entsetzen im Blick, dann sprach sie weiter: "Er nahm seine Mutze ab, um, mit Erlaub, von meinem Munde zu nehmen, was ihm vorher noch nie gestattet ward, als, o, ich werde es nie vergessen! eine Stimme, ganz wie wenn es keines Menschen Stimme war', aus der Hohe herabschallte: Cecile, Cecile! Und wie ich aufblickte, stand Robert da, wo der Adler sein Nest baut, und setzte den Fuss fest, als wolle er eben herabspringen." "Rettetet Ihr ihn?" rief ich ergriffen. "O Lady, ich hatte ihn nicht retten konnen, und war' er vor meine Fusse niedergesprungen. Ich konnte nur meine Augen bedecken, und meine Hande falteten sich so fest, dass die Nagel mich blutig rissen." "Gott im Himmel"! rief ich, "hatte ihn keiner retten konnen?" "Keiner hatte Macht, etwas zu thun, ausser Herr Heinrich, der stets bereit ist, das Gute zu thun. Der rief mit einer Stimme, vor der die Felsen erzitterten, und die ihn ansahen, bemerkten, wie aus seinen Augen, mit denen er nach Robert aufblickte, das wirkliche Feuer strahlte und er Robert zuruckwinkte. Und der arme Bursche war nicht so fuhllos, dass er seinen Befehl misskannt hatte, denn der ist noch nicht geboren, der ihm widersteht. Und da flog Herr Heinrich um den Berg hinum und kletterte den Fels hinauf wie ein Reh und beredete Robert, mit ihm in das Schloss zu kommen, und da behielt er ihn, weil er zur Arbeit nicht mehr zu brauchen war. Nicht dass er widerspanstig ware, ausser wenn es ihn gerade befallt. Da ist ein Thalchen, wo wir als Kinder Blumenkranze zu binden pflegten; in dem darf kein Kind keine Blumen mehr brechen, und seit der Wetterstrahl dort die grosse Eiche zersplitterte, sitzt er manchmal an Sommertagen darunter und nennt sie den armen Robert."
Cecilens Erzahlung hatte mich so lange aufgehalten, dass ich von meiner Wanderung etwas spater, wie Mistriss Boswell von ihrer Ausfahrt zuruckkam, weshalb diese mich mit einer Menge verfanglicher Fragen wegen meines langen Aussenbleibens heimsuchte. Ich machte sie sehr unbefangen damit bekannt, fand aber bei ihr keinen rechten Glauben, wie denn Personen, die selbst immer mit kleinen Mitteln zu ihren kleinen Zwecken umgehen, nicht begreifen konnen, dass Andre weder Vertraute noch Geheimniss bedurfen. Wie ich an ihrem bedeutenden Lacheln wahrnahm, dass sie meinen einfachen Worten nicht traute, brach ich mit Unmuth ab und erregte schon damit einigermassen ihre uble Laune doch hatten sich diese Wolken vielleicht noch verzogen, aber eine ernstere Veranlassung zum Unwillen fuhrte Jessy durch eine kindische Spielerei herbei. Indem sie in Gegenwart ihrer beiden Eltern mich liebkoste und mit mir spielte, fiel es ihr ein, meinen breiten Haarkamm herauszuziehen, wodurch mein damals recht schones Haar in reichen Locken und Flechten herabrollte. Vielleicht nur, um die Unart des kleinen Madchens zu entschuldigen, druckte Herr Boswell durch einen lauten Ausruf seine Bewunderung uber diese Lockenfulle aus und beging damit wirklich eine Unfeinheit, da seine Frau gerade in diesem Stuck von der Natur besonders vernachlassigt war. Mistriss Boswell erbleichte vor Zorn und rachte sich durch die Bemerkung, dass es mir auch Muhe genug kosten mochte, sie so schon zu erhalten. Leider gelang es ihr einigermassen; denn dieser Vorwurf, an meinem Haar zu kunsteln, brachte mich so weit auf, dass ich lachend versicherte: das sey etwa das einzig Hubsche an meinem Haar, dass es mir gar keine Arbeit koste. Wie ich das Wort ausgesprochen, fiel mir erst ein, dass sie jeden Abend ihrer armen Kammerfrau uber das Haarwickeln eine bose Stunde machte, und ich wunderte mich nicht, wie sie, in drohendem Stillschweigen eine ganze Stunde vor sich hinblickend, ihr Taschentuch zusammendrehte. Zu meiner Befremdung ging aber dieser Anfall voruber, und sie war den Abend uber gesprachig und freundlich. Am folgenden Morgen, wie ich nach den Lectionen Jessy um mich her spielen liess, bemachtigte sich die Kleine einer Scheere und fuhr damit, indem sie meine in's Gesicht hangenden Locken abschneiden zu wollen schien, so nahe an meinen Augen hin, dass ich sie in meinem gewohnlichen herzlichen Ton bat, dieses gefahrliche Spiel zu unterlassen. Sie sah mich eine Weile mit sonderbarem Ausdruck an, legte dann ihre Arme um meinen Nacken und fragte leise: "wurde es Ihnen denn wirklich leid thun, wenn ich Ihnen die niedlichen Lockchen abschnitte?" "Das denke ich!" sagte ich lachelnd und setzte in halber Selbstbetrachtung hinzu, "vielleicht mehr, wie die Sache verdient." "Nun so will ich's auch nicht thun, und wurde mir's zehnmal geheissen." "Jessy, um Gottes willen, wer konnte Ihnen das heissen?" rief ich, uberrascht von der Moglichkeit, die ich im Hintergrunde erblickte. "Das sage ich nicht, wenn Sie mir nicht versprechen ..." "Nein, liebe Jessy", unterbrach ich sie, "sagen Sie's mir nicht, wenn Sie Ihr Wort gaben, zu schweigen, allein versprechen Sie mir, nie wieder so hinterlistig Schaden zu thun." Ich war von der Gottlosigkeit dieser Behandlung von einer Mutter gegen ihr eignes Kind so erschuttert, dass ich mit Thranen und inniger Herzlichkeit, ohne mich bei diesem Anlass aufzuhalten, die Kleine uber die Strafbarkeit der Schadenfreude unterrichtete. Da mein Zogling mich noch niemals in diesem Grade bewegt gesehen hatte, wirkte Mistriss Boswells Anschlag ihrer Absicht ganz entgegen. Statt das Kind von mir abzuwenden, fasste ein lebhaftes Gefuhl von Reue in ihr Platz, und es liebte mich von der Stunde an mit doppelter Herzlichkeit. Ohne den moralischen Abscheu, der mich antrieb, zuerst die Gefahr des Unrechts von meinem Zogling zu entfernen, hatte mich vielleicht meine Heftigkeit hingerissen, so dass ich unverzuglich zu Mistriss Boswell geeilt ware, ihr das gefahrliche Beispiel, das sie ihrem Kinde gabe, vorzuwerfen und meinen Abschied zu fordern; allein die guten Lehren, die ich Jessy gab, verhalfen mir zu der gehorigen Ruhe, um meinen nachsten Schritt zu bedenken. Ich sah wohl ein, dass mich nicht die Hoffnung, diese Frau zu bessern, ihr Vorwurfe zu machen, antreiben konnte; einzig das Gefuhl von Rechtlichkeit in meinen Obliegenheiten gegen ihr Kind verband mich, ihr zu sagen: "Euer Thun fuhrt euer Kind zum Bosen." Andrerseits war ich mir mit Betrubniss bewusst, dass ich nicht in der Lage sey, ohne die ausserste Nothwendigkeit meine Verhaltnisse aufzugeben. Ich hatte keine andre Zuflucht, als dieses unfreundliche Haus. Mistriss Boswell sah keine Gesellschaft, ich hatte keine Bekanntschaft gemacht, jenseits ihrer Hausthur war ich heute so verlassen, wie am Tage meiner Ankunft im Lande. Diese Betrachtungen gaben mir die Fassung, meine Vorstellungen an Mistriss Boswell sehr hoflich, wenn gleich sehr ernst einzukleiden. Ihre Wirkung war, wie ich sie vermuthet hatte. Die moralische Seite der Sache entging ihr ganz, und wie ich ihr bemerklich machte, dass Jessy die Hinterlisten, die sie ihr lehrte, einst gegen sie selbst gebrauchen konnte, sagte sie sorglos: "An meinen Haaren ware mir wenig gelegen; sind ja ohnehin jetzt Perucken in der Mode." Sobald sich Eigensinn mit Dummheit paart, muss Bosheit daraus hervorgehen, und, diese Ursach und Wirkung ubersehend, suchte ich das Gesprach zu beenden, entschlossen, Jessy, so viel es mein vereinzelter Einfluss erlaubte, sorgfaltig zu bilden und ihre Mutter ihrer eignen Verkehrtheit zu uberlassen.
Vielleicht ware es mir nicht gelungen, diese unangenehme Unterredung so bald zu beendigen, hatte nicht Herrn Boswells Eintritt der Leidenschaftlichkeit der Dame eine andre Wendung gegeben. Er schien von einem ungewohnlich lebhaften Interesse bewegt, setzte sich neben seine Gattin auf den Sopha, uberhaufte sie mit Schmeicheleien und, wie er glaubte einen gunstigen Eingang gefunden zu haben, erzahlte er, dass er heute einen alten Schulkameraden, den er seit zwanzig Jahren nicht gesehen, wiedergefunden und rechte Lust hatte, mit ihm zu Mittag zu essen. Mistriss Boswell sagte nichts, sah aber verneinend aus; ihr Mann schwieg eine Weile, dann fing er seine Kriegslisten wieder an, und dieses Mal gluckte es ihm besser, denn er fiel darauf, ihr Morgenhaubchen, in dem sie sehr hubsch zu seyn glaubte, zu bewundern. Sie begluckte ihn mit einem beifalligen Lacheln. Nun hielt er den Zeitpunct fur gunstig und sagte: "Ich mochte recht gern mit dem armen Tom Hamilton zu Mittag essen!" "Lirum, larum. Das stunde mir an!" antwortete sie im Ton einer schnippischen Magd. "Wozu braucht es doch wohl das?" "Nun, Liebe! Wir haben uns ja in zwanzig Jahren nicht gesehen und mochten gern von vergangnen Zeiten sprechen ich hab's ihm halb und halb schon zugesagt." "Thorheit!" rief die Lady mit gebietendem Ton. Der arme Eheherr ruckte seufzend seinen Stuhl an's Camin und zeichnete nachdenkend Figuren in die Asche. Ob diese Beschaftigung seinen Muth starkte, weiss ich nicht, genug, er sagte nach einer Weile halb leise zu mir: "Wenn Sie meiner Frau Gesellschaft leisten wollen, habe ich rechte Lust mit meinem Freund zu speisen." "Das thun Sie doch ja! der Herr fuhrt ja den Hausschlussel, wie das alte Sprichwort sagt" und dabei verfuhr ich freilich nicht mit der Vorsicht, die ich dem Hausfrieden und meinen Verhaltnissen schuldig war; der Unwille uber die unwurdige Unterwurfigkeit des Eheherrn riss mich hin. Herr Boswell schien den Muth des Augenblicks benutzen zu wollen, er eilte zum Zimmer hinaus, doch schon draussen steckte. er den Kopf noch einmal in die Thur und rief mit erkunstelter Heiterkeit: "Auf Wiedersehen, Liebste! ich speise mit Hamilton." "Herr Boswell!" rief die Dame mit erblassenden Lippen; aber er war fort, und sie verfiel in ihr Schmollen, das einige Stunden lang und wahrend des Mittagsessens durch nichts unterbrochen werden konnte. Anfangs hatte ich mich mehrmals bemuht, sie durch Gesprach zu zerstreuen, da ich aber weder Antwort noch Gegenrede von ihr erhielt, fand ich es bald fur angemessner, sie sich selbst zu uberlassen und setzte meine Beschaftigungen allein und mit dem Kinde, gerade als sey sie nicht gegenwartig, fort. Sie glaubte mich durch allerlei Storung argern zu konnen, stiess mir das Tintefass um, trat dem armen Fidel auf die Pfote, klapperte, wahrend ich den Flugel spielte, mit Schubladen und Schlusseln. Statt mich empfindlich zu zeigen, bewies ich ihr, mit aufbringend guter Laune, dass mir dieses Alles keinen Abbruch thue, und brachte es vielleicht durch diesen Muthwillen dahin, dass sie ihren Racheplan anderte, oder fur's erste ihren Gatten allein zu dessen Gegenstand ersah. Der arme Mann kam ziemlich spat, und offenbar, durch andre Mittel noch, als des Schulkameraden Gesellschaft, aufgeregten Lebensgeistern, nach Hause. Er sagte seiner Frau einen treuherzigen guten Abend; wie sie ihn aber mit einer sehr unanstandigen, auf sein Aussehen gegrundeten Bemerkung zuruck wies, setzte er sich neben mich, meine Freundlichkeit auf eine Weise preisend, die Mistriss Boswell nothwendig erbittern musste. Ich sah das voraus und eilte aus dem Zimmer. Aus der wuthenden Heftigkeit, mit welcher ich sie aber beim Herausgehen ihre Schelle anziehen und gleich darauf Herrn Boswell fluchend von seinem Bedienten in sein Zimmer fuhren horte, musste ich vermuthen, dass der Auftritt zwischen den beiden Eheleuten ein sehr unangenehmens Ende genommen hatte.
Mehrere Tage setzte Mistriss Boswell ihr Schmollen nun ganz systematisch fort. Sie blickte nicht auf, nahm an keinem Gesprach Antheil und fugte noch ein paar andre ungewohnlichere Kunstgriffe hinzu: Sie hielt ihr Taschentuch fleissig vor die Augen, als suche sie Thranen zu stillen, und verweigerte jede Speise mit einem Ausdruck von Ekel, der uns armen gesunden Leuten unsre Esslust, als die roheste Befriedigung eines schlechten Bedurfnisses, vorwarf. Was an ihren Thranen sey, erfuhr ich sehr bald; denn da sie bald wahrnahm, dass mich ihr Spiel nicht tauschte, ersparte sie sich die Muhe, es in meiner Gegenwart fortzusetzen und nahm es nur bei Herrn Boswells Eintritt wieder vor. Ob aber der Zorn nicht wirklich ihre Esslust verdorben, blieb mir eine Zeitlang zweifelhaft. Nach einigen Tagen, in denen der beangstigte Ehemann jedes Mittel, ihr Rede abzugewinnen und durch die niedlichsten, ihr heimlich zubereiteten Leckerbissen ihre Esslust zu reizen vergeblich versucht hatte, kam er auf den Einfall, bei einem Zuckerbacker in eigner Person eine Auswahl der zierlichsten Waaren zu kaufen. Er kannte seiner Gattin Vorliebe fur solche Naschereien, suchte sie deshalb, schwer bepackt, mit einigem Selbstvertrauen in ihrem Ankleidezimmer auf, und neben ihm schlupfte Fidel, weil er mich darin witterte, herein. Mit der schmeichelhaftesten Einladung haufte der gutmuthige Gatte uberzuckerte Pomeranzenschalen, Quittenschnitze und Zuckerbrotchen vor seiner Herrin aus. Ich war auf dem Punct, uber die grossen Kinder, die sich durch Bonbon versohnen wollten, zu lachen, als Fidel unter einem Tischumhang ein tuchtiges Stuck Rinderbraten hervorzog, den die Dame wahrscheinlich bei meinem Eintritt dahin gefluchtet gehabt hatte. Nun vermochte ich nicht mehr das Lachen zu unterdrucken. Doch die Bosheit des einen, die Schwache des andern Theils war mir zu verachtlich, um meinen Zogling davon Zeuge seyn zu lassen; ich nahm Jessy bei der Hand, um sie aus dem Zimmer zu fuhren, als ich Mistriss Boswell den Feuerhaken ergreifen sah, um den armen Fidel, der seine Beute auf meinen Befehl sogleich hatte fahren lassen, damit zu verfolgen. Hier verliess mich meine Fassung. Ich ergriff ihren Arm und sagte strenge: Mistriss Boswell, erniedrigen Sie sich nicht selbst! So wuthend sie war, wirkte doch meine entschlossene Bewegung; sie senkte den Arm und liess den Hund unverletzt mit mir das Zimmer verlassen. Von diesem Augenblick an war aber das arme Thier der Gegenstand ihrer Verfolgung; sie verjagte ihn, wo er ihr begegnen mochte, und gab mir durch die Herzlosigkeit, mit der sie ihn aus dem Zimmer stiess, manchen Stich ins Herz. In meinen Verhaltnissen ward mir die Nothwendigkeit klar, diesen Gegenstand des Aergernisses zu entfernen; aber mein Stolz widersetzte sich so gut wie mein Gefuhl, ich fand eine knechtische Nachgiebigkeit darin, meinen treuen Kindheitsgefahrten einer unbilligen Leidenschaft zu opfern. Doch bald zog der arme Fidel selbst sein Schicksal herbei Eines Tags unterstand er sich, vor der Thur des Esszimmers zu liegen und seine ehrlichen Vorderpfoten der daher schreitenden Mistriss Boswell recht eigentlich zum Opfer zu bieten. Sie benutzte seine Stellung, trat ihm unbarmherzig auf dieselben, und Fidel biss sie sehr unsanft ins Bein. Ihr Geschrei ubertraf ihren Schmerz und die Wichtigkeit der Wunde; aber von nun an war ihr Ansuchen, den Hund aus dem Hause zu schaffen, gerecht, und ich dachte mit widerspenstig schwerem Herzen darauf, mich darein zu fugen. Ich wusste keine Zuflucht fur ihn, wie Cecilens arme Behausung; von ihr allein konnte ich einige Gute fur meinen alten Gespielen hoffen, wenigstens bis zu ihrer Abreise ins Hochland war er bei ihr versorgt, und weiter, wie auf die nachste Zukunft, wagte ich nicht mehr zu denken. Wollte meine jugendliche Fantasie ihren Flug weiter wagen, so stieg die Erinnerung aller meiner zertrummerten Aussichten vor mir auf, und statt zu Planen und Hoffnungen, schwang sich mein Geist auf ihren Fittigen im Gebet zu dem einzigen Beschutzer, von dem ich Hulfe zu erwarten hatte, empor. Ich schickte mich den nachsten Morgen an, meinen armen Liebling zu Cecile Graham zu fuhren. Jessy, welche meine Absicht auszugehen bemerkte, bat, mich begleiten zu durfen, und da ihr wiederholtes Verlangen nicht bei mir fruchtete, gerieth sie, was ihr jetzt selten und gegen mich seit langer Zeit gar nicht mehr geschehen war, in einen der Anfalle von lautem Weinen, das ihr die Gewahrung ihrer Bitten, von Seiten ihrer Mutter, zu verschaffen pflegte. Auch dieses Mal erreichte sie ihren Zweck; denn obgleich ich Mistriss Boswell einige Gegenvorstellungen machte, ertheilte ihr diese doch die Erlaubniss, mit mir zu gehen. Der Mutter stand es zu, uber ihr Kind zu verfugen, ich war daher im Begriff, mich mit Jessy auf den Weg zu machen, als mir Fidel, die Veranlassung dieser ganzen Begebenheit, fehlte. Seine Abwesenheit war so etwas seltnes, dass Bediente und Kochin mit mir suchten und riefen; um aber Jessy's Ungeduld zu vermeiden, beschloss ich fur's erste Cecilen ihren neuen Kostganger anzukundigen, worauf sie ihn selbst abholen konnte, und liess ihn zuruck. Bei meiner Ankunft an der Thur meiner guten Hochlanderin ward ich schmerzlich uberrascht, diese offen und die ganze armliche Wohnung leer und verodet zu finden. Mir schien es unbegreiflich, wie sie hatte, ohne Abschied von mir zu nehmen, die Stadt verlassen konnen; es musste mir als einen Beweis ihrer geringen Anhanglichkeit an mich gelten, weshalb ich mit thranenden Augen in den beraucherten engen Mauern umhersah, von denen ich mir, wie ich nun glaubte, falschlich eingebildet hatte, dass sie ein, mir ergebnes Wesen bewohnt hatte. Um doch einige Nachricht von Cecilens Schicksal zu erhalten, klopfte ich an die nachste, auf demselben Gange gelegne Thur. Man antwortete mir nicht; ich offnete sie, ward aber von einem so furchtbaren Qualm unreiner Dunste angefallen, dass ich Jessy befahl, auf dem Gange zu warten, bis ich meine Nachfrage gemacht. Ich trat darauf ins Zimmer; das wenige Licht, welches das mit Lumpen verhangne Fenster gewahrte, liess mich erst spat ein Bett in einem Winkel erblicken, an dessen Inhaber, ein junges Weib, ich meine Frage um die Zeit von ihrer Nachbarin Abreise richtete. Da ich nur ein undeutliches Stohnen zur Antwort erhielt, bewog mich ein unbedachtes Mitleid naher zu treten, und mit Schrecken bemerkte ich in der Kranken die irren Blicke, die angstliche Gesichtsrothe des heftigsten Fiebers. Ich erinnerte mich, Herrn Boswells Hausarzt von ansteckenden Nervenfiebern, die unter der armern Classe haufig waren, sprechen gehort zu haben, wendete mich also schnell ab doch jetzt erblickte ich Jessy, die, meinem Gebot ungehorsam, mir ins Zimmer nachgefolgt war und mit kindischer Neugier sich neben mich hindrangte, um die Kranke recht genau ins Auge zu fassen. Ich zog sie schnell hinweg und rief eine jetzt eintretende Verwandte oder Warterin auf den Gang hinaus, um mir uber Cecile Grahams Abreise einige Nachweisung zu geben. Eigne Noth, wenn sie recht dringend ist, stumpft ungebildete Menschen fur fremdes Interesse ab. Die Frau wusste mir gar nichts von ihrer Nachbarin zu sagen, als dass sie, kurz ehe ihre Base das Fieber bekommen, abgereist sey. Mit inniger Wehmuth uber Cecilens leichtsinnige Trennung von mir und bange Sorgen uber die Folgen, welche dieser unvorsichtige Krankenbesuch auf meinen Zogling haben konnte, eilte ich nach Hause und eroffnete sogleich Mistriss Boswell den Vorfall mit der dringenden Bitte, ihren Hausarzt um Vorkehrungsmittel fur die Kleine zu ersuchen. Ich dachte so wenig an meine eigne Gefahr, dass ich bereit war, den Unwillen der Mutter uber die Gefahr ihres Kindes unbedingt uber mich ergehen zu lassen; allein zu meinem erstaunen beschaftigte diese sie gar nicht, sondern, nur fur ihre personliche Sicherheit sorgend, sprang sie, sobald sie meine Erzahlung vernommen hatte, mich abwehrend zuruck, rief ihrer Kammerfrau, um ihr Essig zum Waschen und Rauchern zu bringen und bat mich um Gotteswillen, nebst Jessy ihr doch ja nicht zu nahe zu kommen. Eine so heidnische Aengstlichkeit emporte mein Gefuhl; ich verhiess ihr, den Rest des Tags mit ihrer Tochter nicht mehr von meinem Zimmer zu kommen und eilte dahin. Vor meiner Tuhr lag Fidele lang ausgestreckt, in sonderbar starrer Stellung. Verwundert, ihn nicht bei meiner Ankunft frohlocken zu sehen, rief ich seinen Namen. Er suchte den Kopf aufzuheben, offnete noch einmal seine geschwollnen Augen, wedelte mit dem Schwanz und verschied. Seine Stellung, seine vor dem Tod erstarrten Glieder, die Umstande, unter denen dieser Vorfall statt fand verriethen mir dessen Ursach und Urheber. Dennoch suchte ich meine Fassung zu behalten; ich rief den Kutscher herbei, der beim ersten Anblick des Leichnams ihm das Vergiftetseyn ansah; ich befragte ihn und die ubrigen Dienstleute auf ihr Gewissen, ob ihnen etwas von Fideles Schicksal bekannt sey? Sie versicherten alle missbilligend, dass der Hund Keinem im Wege gewesen und sein Tod wohl mehr gemeint sey, mich zu kranken, als das arme Thier bei Seite zu schaffen. Diese allgemeine Meinung vermehrte meine Ueberzeugung von Mistriss Boswells rachsuchtiger That. Mit der moralischen Ueberzeugung, dass es ein Verrath am Guten sey, eine solche feige Grausamkeit stillschweigend zu dulden, und dass die Abhangigkeit von einer Frau, die verachtlich genug dachte, ihrer Rache ein unschuldiges Thier zu opfern, schwerer sey wie jedes Loos, das mich treffen konnte, begab ich mich in Mistriss Boswells Zimmer, um ihr meine Denkart uber diese Handelsweise zu erklaren. Es ist eine peinliche Aufgabe, den Seelenzustand eines schlechten Menschen zu beobachten. Mich dauerte diese Frau wegen des Schreckens, der sie bei meiner unbestimmten Anklage uber die Todesart meines Hundes ergriff. Die Furcht vor der Ruge des Unrechts, selbst wenn sie mit gar keiner Strafe verbunden werden kann, ist wohl die letzte Stimme des Rechts in des Schuldigen Busen. Ihr Erbleichen, ihre Versicherung, dass es niemanden einfallen konnte, ein unschadliches Thier, das eines Andern Eigenthum sey, zu todten, hatte mich fast in die Nothwendigkeit gesetzt, meine Sache unausgemacht zu lassen, als ich beobachtete, dass Mistriss Boswell mit einer gewissen Vorsatzlichkeit ihr Taschentuch auf ein vor ihr am Boden liegendes Papier fallen liess und dann es aufzuheben bemuht war. Ich kam ihr zuvor, griff aber zugleich nach dem Papier und las auf den ersten Blick die nach Apothekerart geschriebne Ueberschrift, "Arsenik." Dieser Beweis einer That, fur die mirs bisher ganz an materiellen Beweisen gefehlt hatte, benahm mir alle Klugheit, ich warf ihr mit dem Ausdruck der tiefsten Verachtung den elenden Tod meines Hundes vor und setzte hinzu, dass ich, uberzeugt durch mein angestrengtestes Bemuhen, ihrem schlechten Beispiel bei ihrer Tochter nicht entgegen wirken zu konnen, sie bate, dieselbe wieder aus meinen Handen zu nehmen und mich zu entlassen. Mit diesen Worten eilte ich von ihr hinweg.
Es bedurfte nur weniger Minuten, um mir den Umfang des Opfers, das ich meinem Gefuhl fur Recht gebracht hatte, zu ermessen. Ich besass weder Geld, noch Freunde, noch die Tuchtigkeit harte Dienstarbeit zu verrichten, und das schwere Loos, was mich erwartete, war nicht Gottes heilige Fuhrung, es war die Folge meines leidenschaftlichen Willens. Meine Ungeduld, Andrer Unart zu tragen, schloss mich jetzt aus dem letzten Verkehr, das mir noch mit Menschen ubrig geblieben war, aus; und indem ich selbst so wenig Duldsamkeit erwiesen hatte, konnte mein Vertrauen in die meiner Bruder nicht gross seyn. So demuthigend meine Selbsterkenntniss und so trostlos meine Aussicht war, hielt mich mein stolzer Sinn dennoch aufrecht. Meine einzige Unterstutzung war das erste Quartal meines Jahrgehalts von Seiten Mistriss Boswell; es war jetzt vollig verflossen und ich konnte an dessen Auszahlung, so gering die Summe auch seyn mochte, nicht zweifeln. Seit ich es bei meinem ersten Besuch in diesem Hause Mistriss Boswell uberlassen hatte, den Lohn meiner Bemuhungen zu bestimmen, war dieser Punct nie mehr erwahnt worden; Schuchternheit, Stolz, Nachlassigkeit und Ekel, durch einen Handlohn meine Knechtschaft zu beurkunden, hatten mich eines um das andre einen Schritt zu thun verhindert. Jetzt drang die Noth, und ich bat Mistriss Boswell noch an demselben Tag, mit mir zu rechnen. Sie antwortete mit anscheinendem Befremden: dass sie dieses nie fur nothig gehalten, dass sie bei meinem Eintritt in ihr Haus verstanden habe, es sey mir nur um einen anstandigen Schutz zu thun, und keineswegs gesonnen sey von dieser Ansicht zu weichen. Meine Fehlschlagung bei dieser Aeusserung war so schmerzlich, mein Unwille so bitter, dass ich das Gesprach fallen liess und den Entschluss fasste, Herrn Boswell als Vater und Hausherr mit meinen Anspruchen bekannt zu machen. Sobald ich ihn zu Hause wusste, begab ich mich in sein Zimmer. Sein Schrecken bei meiner Eroffnung war unbeschreiblich; er sprach von meiner Absicht, seiner Tochter Erziehung aufzugeben, wie von dem bittersten Ungluck, das ihn treffen konnte, und wendete die dringendsten Bitten an, meinen Entschluss zu andern. Mit einer Schonung, die aus seiner angewohnten Furcht vor seiner Gattin entstand, gestand er die Nothwendigkeit fur Jessy's kunftiges Wohl ein, ihr andre Lehren, ein andres Beispiel, wie das seiner Mutter, vor Augen zu stellen, und, sagte er, nachdem mich neben meinem ubrigen harten Loos die Sorge um das Wohl meines Kindes nicht mehr druckte, athmete ich seit ihrer Geburt zum erstenmal leichter auf, weil ich sie in Handen sah, die alle meine Wunsche ubertrafen. Ich kann daher um keinen Preis in Ihr Begehren willigen; ich kann es fur Sie selbst nicht recht heissen, darauf zu bestehen." Ich bestand aber doch darauf. Die zahme Anerkennung seiner elenden Schwache gegen ein boses Weib emporte mich und bewies mir, wie ich, auf vaterliches Ansehen mich berufen konnend, in keinem Falle hoffen durfte, durch meine Sorgfalt allein Jessy gegen ihrer Mutter Einfluss zu bewahren. Mit grosser Betrubniss stand er endlich von seinen Bitten um mein Bleiben ab und versprach meiner anerkannt gerechten Geldforderung, sobald es ihm moglich sey, uber eine solche Summe, ohne Zwiespalt mit seiner Frau, zu verfugen, aufs vollstandigste zu genugen. Doch zu diesem Zweck beschwor er mich, noch einige Tage in seinem Hause zu verweilen, wobei ich zugleich Mittel finden wurde, selbst mit mehr Besonnenheit uber meine Zukunft zu verfugen.
Ach zu diesem so dringenden Geschaft blieb mir keine Zeit! nachdem ich die ersten vier und zwanzig Stunden nach jenem unglucklichen Besuch in Cecilens verlassner Wohnung in erfolglosem Nachsinnen uber meine Lage zugebracht hatte, klagte Jessy uber Kopfweh und Schmerz in allen Gliedern; gegen den Abend brannte ihr Kopfchen in trockner Gluth, und noch einmal vier und zwanzig Stunden, so hatte sich das gefahrlichste Nervenfieber, als Folge der Anstekkung an dem Bette des armen Weibes erklart. Mistriss Boswell gerieth in eine Angst, die an Verrucktheit grenzte. Sie berief alles, was sie von Aerzten erfragen konnte, liess Wahrsagerinnen kommen, um den Ausgang der Krankheit zu erspahen, Segensprecherinnen, um ihr Zimmer, die Treppe, die Wege im Haus, welche sie taglich gehen musste, zu besprechen, allein ihr Kind sah sie nicht wieder; dieses wurde mit mir und seiner Warterin in das entlegenste Zimmer gebannt, niemand, der mit uns verkehrte, durfte ihr nahen, und ihr Gatte erhielt das strengste Verbot unser Zimmer je zu betreten. Doch das Vatergefuhl war in ihm zu machtig, um sich solcher herzlosen Vorsicht zu fugen; da es ihm Tags uber nicht vergonnt war, sich unbemerkt fortzustehlen, brachte er die Halfte der Nacht an dem Krankenbett seines Kindes zu und theilte meine Sorgfalt fur sie mit einer Beharrlichkeit, der ich diesen charakterlosen Mann nicht fahig gehalten hatte. Doch meine kleine Kranke war gleich fuhllos gegen seine Zartlichkeit, wie gegen seine Sorge; ihre Liebe fur mich schien ihr einzig noch ubriges Gefuhl; auch fur sie war ihr kein willkurlicher Ausdruck geblieben, doch meine Nahe war es, die sie ruhig erhielt, meine Stimme, die den dichten Nebel, der ihr Bewusstseyn umfangen hielt, hinlanglich zerstreute, um dann und wann auf ihren Ruf ihr trubes Auge zu offnen und ausdruckslos auf mich hinzustarren. Unter diesen Umstanden war es nicht mehr moglich dieses Haus zu verlassen. Ich kam nicht mehr von ihrer Seite, und wenn ich, vom Wachen erschopft, einen Augenblick der Ermattung erlag, ruhte mein Haupt auf demselben Kissen, wie das der halb entseelten Kranken. Meine Sorgfalt gewann Herrn Boswells Dankbarkeit in einem Grade, den der traurige Vergleich zwischen der Hingabe einer Fremden und der selbstsuchtigen Vorsicht einer Mutter wohl erhohen musste. In einer der Nachte, wo das Uebel auf dem hochsten Punct schwebte, bewog ich ihn, sich gegen den Morgen zur Ruh zu begeben; wie er vor der Thur des Zimmers, bis wohin ich unter der Versicherung, ihm am Morgen sogleich Nachricht von der Kranken zu geben, ihn begleitet hatte, Abschied nahm, ergriff den sonst schwerfalligen Mann das Gefuhl der Verpflichtung, die er mir zu haben glaubte, er fasste meine beiden Hande und, sie festhaltend, druckte er mit dem Ausruf: "Gott lohne Dir frommen Madchen deine Liebe!" seine Lippen auf meine Stirn. In demselben Augenblick gewahrte ich Mistriss Boswell, die ihres Gatten nachtliche Abwesenheit aus seinem Schlafzimmer musste wahrgenommen haben und jetzt im nachlassigsten Nachtkleide an der Thur des Vorzimmers uns belauschte. Erstarrt von Schrecken und Erwartung der kommenden Dinge, blieb ich stehen; sie aber fuhr wie eine Furie auf uns zu und rief mit bebenden Lippen: "Schon! o schon! nun habe ich genug gesehen! aber ich werde nicht so thorig seyn dergleichen zu leiden. Nein, das werde ich nicht." Bei diesen schimpflichen Worten sah ich mich um Schutz nach Herrn Boswell um, allein sein unmannlich furchtsamer Ausdruck ergrimmte mich so, dass meine Fassung zuruckkehrte. Mit Stolz und Verachtung rief ich ihr zu: "Was wollen Sie nicht dulden, gnadige Frau? Ihre eignen thorigen Traume? Das wurde ich Ihnen rathen." Feig und ungeschickt wie sie war, erlosch ihre Heftigkeit vor meiner festen Rede, allein ihr Gift stromte fort, mit wankender Stimme sagte sie: "Ich gedenke mit Ihnen keine Worte zu wechseln, allein ich bitte Sie, Miss Percy, mein Haus friedlich zu verlassen und nicht durch Ihr Bleiben andrer Leute Ehemanner ..." Hier verliess mich selbst der Wunsch, gefasst zu erscheinen, ich rief mit erstickter Stimme: "Wenn ich nicht furchtete mehr zu sagen, wie einer Christin geziemt, so wurde ich Ihnen antworten" und mit diesen Worten eilte ich in das Krankenzimmer zuruck, wohin sie, wie ich wusste, mir nicht folgen wurde.
Hier blieb ich in das schmerzlichste Nachdenken vertieft. Mein Gefuhl weigerte sich, eine Stunde langer in diesem Hause zu bleiben, alles was mich jenseits desselben erwarten konnte, war mir in Vergleich des Unrechts, was mich hier getroffen hatte, ertraglich; ich trotzte jedem fernern Geschick, Gott vertrauend, aber nicht als meinem leitenden Vater, sondern als Bundsgenossen meines Zorns. Die Gegenwart der Krankenwarterin, die mit hohnischem Spott die Wuth der leidenschaftlichen Frau belachte, traf wie Pfeile mein Herz, denn ich begriff, dass eine Andre ihres Gleichen eben so uber meine Rolle bei diesem Vorfall zu lachen sich erfrechen konnte. Die Stelle brannte unter meinen Fussen aber sollte ich die bleiche Kranke, die vor mir da lag, ein Bild des nahen Todes, verlassen? Ihr erloschnes Auge fesselte mich, ihr kurzes Athmen hielt mich zuruck. Ich drangte alle meine personlichen Empfindungen in mein schwellendes Herz zuruck und beschloss, bis zur Entscheidung von Jessys Schicksal meinen Platz in ihrem Krankenzimmer nicht zu verlassen. War es denn reine Liebe zu Jessy, die mich bewog? Nein! diese Liebe war da, und rein, und mehr wie sie: Liebe fur meine bei ihr ubernommene Pflicht. Allein der Trieb, durch meine heldenmuthige Aufopferung Mistriss Boswell noch mehr ins Unrecht zu setzen, wirkte auch, und so hat das Evangelium recht, wenn es zu beten lehrt: Ich bin ein unnutzer Knecht und mangle des Ruhms, den ich haben sollte.
Der Arzt verkundigte mir noch denselben Tag, dass mein Beruf an dem Krankenbett bald entschieden werden wurde. Er verhiess nach den vorhandnen Anzeichen eine sicher eintretende Krisis, die uber Tod und Leben entscheidend seyn musste. Ich bat ihn, den Eltern der Kranken diese angstliche Erwartung zu ersparen, und versprach ihm, bis diese wichtige Stunde voruber sey, mich keinen Augenblick von dem Bette des Kindes zu entfernen. Der Tag verging in banger Stille. Mistriss Boswell liess nichts von sich horen, sie musste Mittel gefunden haben ihren Gatten zu entfernen, denn auch er liess sich nicht im Krankenzimmer sehen. Ich war froh, auf diese Weise alles Widerspruchs und aller Heftigkeit uberhoben zu seyn; die verdorbne Luft, welche ich nun so lange Zeit athmete, hatte mein Blut entzundet, meine Glieder waren matt und schwer, meine Augen wurden vom Licht schmerzlich angegriffen, ich war unruhig und hatte doch mich zu bewegen keine Kraft. Stundlich nahm mein Uebelbefinden zu. Der Arzt, wie er seinen Abendbesuch machte, erschrak uber meine wilden Blicke und rieth mir augenblicklich zur Ruhe zu gehen, allein ich hatte beschlossen erst Jessy's Schicksal entschieden zu sehen, was dann geschehen wurde, schwebte vor meiner gluhenden Stirn wie ein Bild des ruhigen Grabes.
Endlich stellte sich die schicksalsvolle Stunde ein. Ein tiefer Schlaf sank auf die Kranke herab, allmahlig erschlafften die gespannten Zuge in zwanglose Schlaffheit, die Haut, welche die Hitze gedorrt hatte, schien sich auszufullen, ihre Schmutzfarbe wandelte sich in krankes Weiss das aber wieder Leben verrieth, denn grosse Schweisstropfen sammelten sich auf dem Antlitz, das keiner Todtenlarve mehr glich. Kaum athmend, sass ich neben dem Bett und starrte betend dieses Wunder an. Betend ohne Sinn, denn mein Kopf, schon von der Krankheit eingenommen, hatte nur fur die eine Vorstellung: Jessy's Genesung, noch Raum. Jetzt schlug sie die Augen auf. Matt aber mit liebevollem Ausdruck richtete sich ihr Blick auf mich, und mein Name, leise gelispelt, war das Pfand ihres zuruckgekehrten Bewusstseyns. Kaum nahm ich mir die Zeit, das Kind zu beruhigen, die Warterin an ihr Bett zu setzen, dann flog ich zu Herrn Boswell, ihm die begluckende Nachricht zu bringen. Er war in seinem Ankleidezimmer, ich trat ein und erzahlte ich weiss nicht wie. Gott sey Dank! rief er, und vermochte nicht mehr, sondern brach in Thranen aus; dann segnete er mich dafur, dass ich sein Kind gerettet, wie er meinte, und dann eilte er mit mir aus dem Zimmer, die Genesende zu sehen. Bei unserm Austritt aus seiner Thur begegneten wir Mistriss Boswell, die, bleich vor Wuth, sich nicht entblodete, meinen Besuch in ihres Gatten Zimmer auf das pobelhafteste zu erklaren. Ich rief, nicht zornig, aber erstarrt vor dem Misston zwischen des Vaters Dankgebet und der Mutter Lasterung: "Weib, ich meldete Deinem Gatten, dass Gott Euer Kind errettet hat." Was sie aber antwortete, vernahm ich nicht, ich verstand nur, dass sie mir augenblicklich ihr Haus zu verlassen gebot. Hier verliess Herrn Boswell die angewohnte Schlaffheit seines Betragens, um einem Anfall von unwurdiger Heftigkeit Platz zu machen; er fasste seiner Gattin Arm, rief einige donnernde Worte, die ich mir nicht erinnre, warf sie zur Seite und eilte in der Kranken Gemach. Die Frau erregte mein inniges Mitleid, aber meine Krafte sanken so schnell, dass ich nicht, was ich gern wollte, ihr zu sagen im Stande war. Ich gehe, ich gehe, gleich gehe ich, sprach ich stammelnd, wankte nach meinem Zimmer und sank ohne Besinnung zu Boden.
Eine sonderbare Betaubung bemachtigte sich nun meiner. Schwarze Schatten, von blutrothen Lichtstreifen durchkreuzt, schwammen vor meinem Blick, abscheuliche Gespenster wimmelten um mich her, und eines von ihnen, das scheusslichste, legte seine gluhende Hand an meine Stirn. Dann folgte eine dunkle Hoffnung, dass alles nur ein schrecklicher Traum sey, aus dem ich bald erwachen wurde, ich strebte mich aufzurichten, diesen Traum abzuschutteln doch plotzlich sah ich mich am Rand eines Abgrunds liegen und musste froh seyn, mich fest an die gluhenden Felsen schmiegen, jede Bewegung, bei deren geringster ich nothwendig herabsturzen musste, zu vermeiden. Doch noch einmal war ich mir bewusst, dass diese Schrecken nur in Tauschung bestanden. Ich glaubte mein Zimmer zu erkennen, ich war mir bewusst, dass es bestimmte Gegenstande gabe, an die ich denken sollte; doch, anstatt sie zu finden, drangten Larven und Tone sich um mich, und der Gedanke, den Verstand verloren zu haben, schnitt furchtbar durch mein Gehirn. Nach einer Zeit, die ich nicht ermessen konnte, glaubte ich eine Gestalt sich mir nahen zu sehen, die ich fur meine Mutter oder Miss Mortimer hielt. Ich rief sie, sie nahte sich mir, ergriff mich aber unsanft, hullte mich in ein rauhes dunkles Gewand, das ich fur mein Leichentuch hielt, und ubergab mich zwei finstern Gespenstern, die mich auf ein Rad legten, das sich im Wirbel umherdrehte, bis ich alles Gefuhl und Bewusstseyn des Schmerzes selbst verlierend, dem Elend dahingegeben war.
Der erste Eindruck, von dem ich mir wieder Rechenschaft zu geben vermochte, war der Ton rauher, missklingender Stimmen, die mich aus einem tiefen, schweren Schlummer zu wecken schienen. Ich offnete meine Augen und befand mich in dichter Finsterniss. Muhselig hob ich mein Haupt empor und empfand eine scharfe Nachtluft, die in ein kleines Fenster zu meinen Fussen, doch hoch an der Wand, hereinstromte. Die Nacht war dunkel, doch unterschied ich endlich, dass es mit eisernen Gittern verwahrt sey. "Bin ich denn in einem Gefangniss?" fragte ich mich besturzt? aber Schwache senkte mein Haupt wieder nieder und ich dachte: "mag es auch ein Gefangniss seyn! fur die wenigen Momente, die ich noch zu leben habe, ist das einerlei. "Ich schloss meine Augen und meine noch immer truben Gedanken erhoben sich sehnsuchtsvoll zu der Welt, die mir in glucklichen Tagen so fremd war und mit der mich auch die Prufung des Unglucks noch wenig vertraut gemacht hatte. Nicht lange so vernahm ich eine weibliche Stimme, die im Ton der sanftesten Klage zu singen begann; dann lebhafter fortfahrend, ungluckliche Liebe besang, bis sie von einer ersterbenden Cadenz zum Gesprachston ubergehend, in unzusammenhangenden Reden die Verwirrung ihrer Begriffe offenbarte, und sich selbst in die wildeste Heftigkeit hinein schwatzend, in die stille Nacht hinein rief. Endlich schien der Ton einer fernen Glocke ihre wandernden Gedanken in einen bestimmten Jammer zusammen zu fassen; denn sie rief angstlich: sie lauten, sie lauten! und verstummte in herzbrechendem Schluchzen. In einem Tollhaus! sagte ich mit selbst und mein Blut erstarrte vor Schrecken; aber er dauerte nur einen Moment. Und wenn auch? jenseits der Pforte an der ich stehe, ist der Verruckte und der tiefste Philosoph seiner Fesseln entledigt. O war ich ihr wirklich so nahe gewesen dieser Pforte, welche beschamende Rechenschaft hatte ich dem Hausherrn von dem Geschaft, das er mir ubertragen, geben mussen! Heil, dass seine Welt so gross ist, um jedem Schuler Hoffnung zu geben, dass er in ihr irgendwo Raum zur Belehrung, zur Besserung finden werde! Doch in diesem Augenblick wurden mir diese Betrachtungen nicht klar; mein Geist war mit meinem Korper so geschwacht, dass meine Todeserwartung sehr bald in tiefen, aber dieses Mal in einen naturlichen Schlaf uberging.
Bei meinem auf ihn folgenden Erwachen, war es heller Tag. Ich konnte nun meinen Aufenthalt ubersehen. Ich befand mich in einer Art von Zelle, eben nur lang genug fur mein niedriges Bett, die nackten Wande waren mit zahllosen albernen Spruchen beschrieben, aber durch sie hin hatte eine meiner unglucklichen Vorgangerinnen einen Namen, der vielleicht die Veranlassung ihres Elendes war, in jeder Richtung mit den zartlichsten Beinamen geschrieben. Nie kann ich diesen Namen vergessen, so unbekannt mir der blieb, der ihn trug, der ihn schrieb; denn wenn ich in der erdruckenden Unthatigkeit meiner Einkerkerung alle diese Spruche hundert Mal gelesen hatte, kehrte meine Aufmerksamkeit auf ihn zuruck. Indem ich noch meine Umgebungen betrachtete, horte ich einen festen Schritt meiner Thur nahen, den Schlussel im Schloss sich umwenden, und ein Mann mit einem strengen dunkelgefarbten Gesicht trat herein. Er bot mir einige Speise der armlichsten Art. Mein krankhafter Ekel bewog mich, sie schnell von mir zu wehren; darauf reichte er mir einen Trank von Milch und Wasser, den ich mit Begierde verschluckte und soweit es meine Schwache gestattete, dafur dankte. Des Mannes strenger Blick milderte sich ein wenig. "Ihr seyd heute fruh etwas besser?" fragte er. "Ich werde es bald seyn", erwiederte ich mit schwachem Lacheln. Er wendete sich um fortzugehen, als mich der Gedanke ergriff, dass ich nach meiner Auflosung, die ich fur unfehlbar sich nahend ansah, diesem Manne, vielleicht seinen noch roheren Gehulfen, uberlassen seyn konnte; ich bot alle meine Krafte auf, rief ihn zuruck und bat: "wenn es mit mir aus ist, so bittet doch aus Barmherzigkeit! bittet irgend ein frmmes Frauenzimmer, dass sie fur meinen Leichnam sorge! Ich war von gutem Stande und bin keiner Unanstandigkeit gewohnt." Der Mann versprach ohne Schwierigkeit mir zu genugen und ermunterte mich dadurch noch mehr zu bitten. "Ich habe einen Freund, dem mochtet Ihr doch auch schreiben!" "Warum nicht, wie heisst er?" fragte er eifrig. Herr Maitland, der reiche indische Kaufmann. Schreibt ihm Ellen Percy sey hier gestorben und habe seiner mit Achtung und Dankbarkeit gedacht." Der Warter sah mich einen Augenblick mit Erstaunen an, dann lachelte er unglaubig und ging mit den sorglos ausgesprochnen Worten: "ja, ja, ich werde es besorgen" aus der Zelle.
Meine zitternde Hoffnung, meine freudige Zuversicht eines heran nahenden Todes, ward diesen ganzen Tag von nichts als dem Eintritt des Warters, der mir zu bestimmten Stunden Nahrung brachte, unterbrochen. Eine ruhige Nacht starkte meine Krafte so merklich, dass den folgenden Tag, mit der Moglichkeit zu leben, auch die Freude am Leben zuruckkehrte. Mit dieser Freude ward aber auch das schreckliche Bewusstseyn meiner Lage in mir klar. Ich begriff, dass Irrthum oder Bosheit die Bewusstlosigkeit meines, von Jessy geerbten Fiebers fur einen Zustand angesehen hatte, der mich in die Classe der Unglucklichen, welche diese Anstalt bewohnten, beigesellen musste. Welche helfende Hand wurde sich aber, wenn Bosheit mich hier festhielt, meiner erbarmen? Kein lebendes Wesen entbehrte mich von allen, die mich jemals gekannt; Niemand fand eine Lucke, da wo ich meinen Platz in der Gesellschaft besessen; wer sollte nach mir forschen? wer an mir, an der aus den Lebenden ausgestrichnen, Barmherzigkeit uben wollen? Meine Unerfahrenheit gab mir keine Moglichkeit an, mir einen Ausgang aus diesem furchtbaren Aufenthalt zu verschaffen. Monate lang hier zu bleiben, Jahre lang vielleicht, war ein Gedanke, vor dem ich meinen schwachen Kopf huten musste, denn er drohte mich den Unglucklichen gleich zu stellen, deren herzzerreissende Stimmen die Stille der Nacht mir hie und da zutrug. Sobald mein Warter am zweiten Tage zu mir eintrat, empfing ich ihn mit der Frage: warum ich mich in dieser Anstalt, zu der mein Zustand mich keineswegs eigne, befinde? "Herr und Mistriss Boswell", sagte ich, "wissen beide, dass mich das Fieber bei der Krankenpflege ihrer Tochter befiel." "Ja, ja, das wissen sie," antwortete er besanftigend. "Warum haben sie mich denn hierher geschickt?" "Ja, fur was halten Sie denn dieses Haus"? sagte der Mann nach einigem Nachsinnen. "Denken Sie denn es sey ein Irrenhaus? Es ist eine Krankenanstalt fur Kranke Ihrer Art." Jetzt nahm ich wahr, dass er mich glaubte als eine Verruckte beruhigen zu mussen. Ich bat ihn dringend, er solle sich auf alle Weise von den sehr gesunden Zustand meines Gehirns uberzeugen und mich aus dem Hause entlassen. Er versprach mir, dass dieses, sobald es mein Zustand erlaubte, geschehen sollte. Um meine Krafte bald herzustellen, sey es aber nothwendig, mich ruhig zu halten, und mir die unnutzen Gedanken aus dem Sinn zu schlagen. So schaudervoll dieser unbestimmte Aufschub meiner Wunsche war, musste ich dem Mann doch rucksichtlich der Nothwendigkeit durch Ruhe Genesung zu erstreben, recht geben. Ich erbat sie innig von Gott, und wendete mein Gemuth mit unendlicher Anstrengung von der Hoffnung der Befreiung aus diesem furchterlichen Aufenthalt, die meine nachste Zukunft beglucken sollte, zu der Vergangenheit hin, die durch Thorheit, Eigensinn und Ungluck mich in diese schreckliche Lage gebracht hatte. Das Nachdenken wahrend der nun folgenden Tage reifte meinen Geist mehr, wie Jahre des Gluckes hatten thun konnen. Mein letztes Ungluck hatte meinen stolzen Sinn vollig gebrochen; ich hatte die Verganglichkeit jedes Erdengutes erfahren, mein letzter Gotze war der Vorzug, den mir mein Verstand uber Mistriss Boswell gegeben und der Uebergang weniger Minuten von Gesundheit zu Krankheit, hatte diesen Verstand in eine Verfassung gesetzt, die mich den Bewohnern eines Irrenhauses gleichstellte. Wenn ich, statt des Unwillens, mit dem ich der dummen Leidenschaftlichkeit dieser Frau trotzte, mit wahrer Ueberlegenheit des Geistes und Milde des Gemuths sie behandelt hatte, wurde der ganze Gang der Begebenheit verschieden gewesen, Jessy's Krankheit vielleicht vermieden, und ich nie in dieses furchterliche Gewahrsam gekommen seyn. Mit allen diesen Betrachtungen kehrte wirkliche Ergebung in mein Gemuth zuruck und durch sie starkten sich meine Krafte. Ich war wieder fahig das Bett zu verlassen und den engen Raum meines Kammerchens zu durchschreiten und lag meinem Warter taglich dringender an, mir meine Freiheit zu geben. Er verwies mich immer kaltblutig auf das unleugbare Bewusstseyn meiner Schwache, berief sich aber endlich auf den nachsten Besuch des Arztes dieser Anstalt, der uber meinen Aufenthalt entscheiden wurde. Von nun an sah ich taglich diesem Besuch, als meiner Rettungsstunde, entgegen. Wahrend die Zeit mit bleiernem Schritte dahin schlich, hatte ich einen Gegenstand ausfindig gemacht, der mir einen Wechsel der Beobachtung, in dem Fortschritt seines Zustandes, darbot. Dieses war ein Schwalbennest, welches seine Bewohner in dem Mauerwinkel meines Zellenfensters erbaut hatten. Ich ward mit dem Thun und Lassen derselben aufs innigste vertraut, sah sie aus- und einfliegen, ihren Jungen Futter bringen, und frohlich im Sonnenschein die Mauern umkreisen. Wahrend die Alten, Nahrung zu suchen aussen waren, kamen die Jungen einer nach dem andern an die Oeffnung des Nestes und riefen in mein Gefangniss hinein, ich sprach zu ihnen hinauf und sie antworteten mir wieder. Ich sah sie wachsen und gedeihen und mir schien es oft, als war unser Schicksal verwandt, und die Vogelchen wurden von ihren Eltern zu ihrem ersten Fluge zu eben der Zeit gefuhrt werden, wenn mein Kerker sich offnen wurde. Eines Morgens verkundigte mir mein Warter den lang ersehnten Besuch des Arztes, und beantwortete meine zuversichtliche Hoffnung, auf sein unfehlbares Zeugniss sogleich in Freiheit gesetzt zu werden, mit gefalligem Zustimmen. Meine schwachen Nerven geriethen bei dieser Aussicht in ungeregelte Spannung. Mit Muhe hielt ich mich zuruck dem Mann freudetrunken die Hande zu kussen, aber auf meine Knie sank ich und stromte, noch in seinem Beiseyn, mein Dankgefuhl zu Gott aus. Der Mann sah mich aufmerksam an und verliess kopfschuttelnd das Gemach. Ich ahnte, dass meine Heftigkeit seiner Meinung von der Gesundheit meines Kopfes nicht sehr gunstig gewesen war, und suchte mich durch die Beobachtung meiner kleinen gefiederten Freunde zu zerstreuen. Jetzt bemerkte ich, dass ein heftiges Sturmwetter heranzog. Bald sauste der Wind an den Mauern her und der Regen schlug an das Fenster. Die Eltern der jungen Brut steckten die Kopfchen aus dem Nest, gleichsam um das Wetter zu beobachten; ein paar Mal schlupften sie heraus, versuchten die Flugel zu luften, aber der Luftstrom trieb sie zuruck; sie setzten sich mit gestraubtem Gefieder aufs Gitter, schuttelten den Regen von den Fittichen und krochen wieder in ihr Nest. Um die gewohnliche Zeit trat der Wachter wieder bei mir ein. "Wenn kommt der Arzt?" fragte ich angstlich. "Bei dem Sturm doch nicht?" erwiederte jener verdriesslich, "er reisst ja die Ziegel vom Dach." In diesem Augenblick rollten wirklich Ziegel herab; ich blickte zum Fenster und rief: "Ach! das Nest reisst los! o helft, helft mir es retten!" mit diesen Worten deutete ich an das Fenster hin, und auf mein Bett steigend, bemuhte ich mich mit meiner Hand an das Fenster zu reichen, um den leichten Anbau zu sichern. Es war zu spat; ein neuer Windstoss ergriff ihn und schleuderte ihn herab, indem die Alten, dem unsichern Schlupfwinkel entfliehend, vom Sturm niedergetrieben, mit angstlichem Geschrei gegen den Boden flatterten. Meine Schwache verrieth sich freilich durch den Eindruck, den dieser nichtsbedeutende Zufall auf mich machte. Ach, dem Unglucklichen, der von der Theilnahme seiner Mitgeschopfe keinen Trost erhalt, wird die theilnahmlose Natur zum Propheten und Wahrsager. Dieser Sturm an dem Tage meines ersehntesten Gluckes hatte mich schon gequalt, das Verderben dieser kleinen Geschopfe, deren ersten Flug meine, jedes fremden Gegenstandes beraubte Einbildungskraft, so lange als Symbol meiner Befreiung angesehen hatte, brachte mich zur Verzweiflung. Ich rang die Hande und brach in ein convulsivisches Weinen aus. "Nun, da seht Ihr, dass Ihr nicht fahig seyd das Haus zu verlassen", sagte mein Warter, der mir bedenklich zugesehen hatte, mit rechthaberischem Ton, "wie wurde es Euch gehen wenn Ihr Euch bei andern Leuten auch so thoricht wolltet anstellen", und hiermit verliess er das Zimmer. Die Einsicht der furchtbaren Folgen schnell ubersehend, welche dieses Mannes Bericht an den Arzt, uber meinen Mangel an Fassung, hervorbringen konnte, gab mir Selbstbeherrschung zuruck; ich warf mir die Verirrung meiner Fantasie vor, die mit einer Art von Aberglauben in den unzusammenhangendsten Dingen, Beweisgrunde fur die Leitung meines Schicksals aufgesucht, da es mein besserer Sinn so oft schon glaubig in die Hande eines gutigen Vaters im Himmel gelegt hatte. Mit vielem Kampfe gelang es mir, bei dem Eintritt des Arztes in einer ruhigen Stimmung zu seyn. Er befragte mich sehr sorgfaltig um meine Gesundheit, dann sagte er zu dem Warter: "Herr Schmid, ich wiederhole Ihnen was ich bei dem Eintritt dieses Frauenzimmers gesagt: ihr Uebel eignet sich keineswegs fur die Behandlung dieses Hauses." "O was das anbetrifft", antwortete der Warter mit zuversichtlichem Wesen, "so hatten Sie noch heute Morgen sehen sollen, welchen Auftritt ich wegen eines albernen Schwalbennestes mit ihr hatte." "Den will ich dem Herrn erzahlen", nahm ich das Wort, "bitte Sie aber um Entschuldigung, Sie mit meiner kranklichen Empfindlichkeit belastigt zu haben." Statt der Geschichte des zertrummerten Nestes erzahlte ich aber dem Arzt mit so bundigem Zusammenhang, wie mir immer moglich war, die Veranlassung meiner Krankheit und die Umstande, denen ich mein Einsperren zuschrieb. Der Arzt horte mich aufmerksam an, that dann viele Fragen, um sich des Zusammenhangs meiner Begriffe zu versichern, und fragte endlich: ob ich ihm gestattete, bei Herrn Boswell meinetwegen Erkundigungen anzustellen. "Von Herzen gern, wenn Sie keinen andern Weg kennen, sich von meinen gerechten Anspruchen an meine Freilassung zu uberzeugen. Ausserdem wunschte ich Herrn Boswells hausliches Ungluck nicht durch die Kenntniss von seiner Frau Verbrechen zu vermehren." Der wackre Mann blieb noch lange bei mir, unterhielt mich von mancherlei Gegenstanden, um meine Geistesfassung zu beobachten, widerlegte durch die Bemerkungen, welche ich selbst uber des Warters Anschuldigung von Ueberspannung machte, die falschen Ansichten, die der Mann von meinem Zustand hatte, und am Schluss der Unterredung o Entzucken, das keine Ausdrukke beschreiben! unterzeichnete er das Zeugniss meiner Entlassung aus dem Institute.
Ich wusste nicht, wo ich nun ein Obdach finden sollte, ich musste furchten, dass meine wiedergeschenkte Freiheit mich der Dienstbarkeit, dem Hunger, dem Elend entgegenfuhren wurde aber ich war frei! und so wie der Gedanke an Gottes Schutz in meinem Kerker mein einziger Trost gewesen war, so dunkte mir, draussen in der Freiheit sey mir sein Schutz noch gewisser. Ach, ist es dem, der nach langem Sehnen den Gegenstand seiner innigen Wunsche erhalt, wohl zu verdenken, wenn er ihn mit der hochsten Schone herausschmuckt? Seine Bruder, seine Mitgenossen des wandelbaren Erdenlooses, durfen ihn darum wenigstens nicht verwerfen.
Die Ordnung des Hauses wollte, dass Mistriss Boswell, auf deren Antrag ich eingesperrt worden war, von meiner Freilassung, von meiner Wiederherstellung unterrichtet seyn sollte. Der Arzt nahm das Misstrauen wahr, mit dem ich diese Nachricht empfing, sendete daher sogleich einen Boten zu ihr ab und erwartete seine Ruckkehr in meiner Zelle. Dieser brachte die Nachricht, dass Herrn Boswells Haus unbewohnt und verschlossen sey, indem die ganze Familie sich aufs Land begeben habe. "Gut", sagte der menschenfreundliche Mann, "das halt Sie nicht auf. Mistriss Boswell empfange die Anzeige nach ihrer Ruckkehr. Die Furcht, ihre Unthat bekannt machen zu sehen, wird sie den Mangel an Formlichkeit wohl ubersehen machen." Ich nahm daraus ab, dass diese Frau durch die Furcht einer Entdeckung aus der Stadt getrieben worden; ihre Abneigung gegen das Landleben war mir bekannt, sie hatte, um unter keinem Vorwand dazu beredet werden zu konnen, Herrn Boswells Vorschlage zu Verbesserungen seines Landhauses stets abgelehnt. Doch meines Schweigens uber ihren an mir begangnen unmenschlichen Verrath konnte sie gewiss seyn. Ich traute meinem eignen Gefuhl noch zu wenig, um entscheiden zu konnen, ob Gerechtigkeit oder Rache mich leiten wurde, indem ich mich uber jenen beklagte, nahm deshalb den Entschluss, furs erste die Begebenheit dieser letzten Wochen gegen niemand zu erwahnen. Man handigte mir bei meinem Austritt aus dem Hause einige Bundel mit allem dem Wasch- und Kleidervorrath aus, die ich in Mistriss Boswells Hause besessen hatte, sie waren bei meiner Ueberkunft in das Irrenhaus abgegeben und mir treulich aufbewahrt worden. Es war so wenig, was dieser Vorrath enthielt, aber der Erbe der reichsten Verlassenschaft kann nicht froher auf seine Schatze blicken, als ich auf diese geringen Habseligkeiten, die mir fur die nachste Zeit Reinlichkeit und ehrbaren Anstand zusicherten.
Wie ich endlich das Haus verliess und dessen Thore hinter mir zufielen, wie der Trager, der mein kleines Gepack trug, mich fragte, wohin ich zu gehen gedachte, schien mir das alles ein Traum. Diese Frage, die mir meinen verlassnen Zustand aufdringen musste, wie er sie zum ersten Mal that, fullte mich mit Entzucken; im nachsten Augenblick machte sie mich stutzig; wie der Mann sie aber wiederholte, hatte ich meinen Entschluss gefasst und wies ihn wohlgemuth an, mich zu meiner ehemaligen Hauswirthin, Frau Millner, zu fuhren. Sie empfing mich sehr kalt, sie antwortete kaum auf meine Frage: ob mein ehemaliges Zimmer offen sey, und auf meine Bitte, wenn sie mir dieses nicht geben konnte, doch eine andre anstandige Wohnung fur mich aufzufinden, brach ihre Beredtsamkeit los. Ich musste horen, wie sie ihre Schwester, indem sie mich an Mistriss Boswell empfohlen, in die Gefahr, verabschiedet zu werden, gebracht, und dass es kein Mensch Mistriss Boswell hatte verdenken konnen, mich aus dem Hause zu schaffen, nachdem ich so ein Ungluck, wie Mistriss Jessys und ihres Vaters Krankheit, in die Familie gebracht hatte. "Also ward Herr Boswell auch angesteckt?" rief ich besturzt. "Gewiss! und das ganze Haus ware krank geworden, hatte man Sie nicht entfernt." Bei dem Anblick meiner aufrichtigen Theilnahme milderte sich meiner Hausfrau Betragen. Ich war zu glucklich gestimmt, um mich durch die erste Unannehmlichkeit niederschlagen zu lassen; und da es ihr auch ganz angenehm war, ihr Zimmer wieder zu vermiethen, so ward unser Vertrag bald erneut, und ich befand mich wieder im Besitz meiner ehemaligen Wohnung.
Wie ich sie das erste Mal bezog, schien sie mir so durftig, so klein; und jetzt musste ich mir doch eingestehen, dass die wenigen Schillinge, die ich in meinem Gepack, als letzten Rest meiner kleinen Baarschaft, gefunden, nicht hinreichten, diese Wohnung lange zu bezahlen. Mein rechtlicher Anspruch an den mir von Herrn Boswell versprochnen Quartal-Gehalt war die einzige mir offenstehende Aussicht, eine kleine Summe zur Deckung meiner nachsten Bedurfnisse zu erhalten. Der Schritt ward mir unendlich schwer, aber ich lernte je mehr und mehr mich der Nothwendigkeit beugen und schrieb Jessys Vater, ohne der letzten Vergangenheit zu erwahnen, mein Gesuch, wobei ich ihn von dem Ort, wohin er das Geld zu senden habe, unterrichtete. Ich hoffte wenig, und doch waren die Tage, die ohne Antwort verflossen, sehr lang, und die allmalig eintretende Ueberzeugung, dass man meinen Brief verhindert hatte, in Herrn Boswells Hande zu kommen, sehr bitter. Indessen machte ich jeden Versuch, mir Arbeit und Erwerb zu verschaffen. Ich erkundigte mich nach Mistriss Murray sie war noch immer im Auslande, und ihr Sohn war ihr dahin gefolgt; ihre unliebenswurdige Schwester befand sich, so wie der grosste Theil der wohlhabenden Bewohner Edinburgs, auf dem Lande; denn in der schonen Jahrszeit ist das, was von London nur als Redensart gilt, in Edinburg im eigentlichen Sinne wahr: die Stadt ist dann leer. Dieser Umstand mochte meinem Nachsuchen ebenso ungunstig seyn, wie mein ganzlicher Mangel an Bekanntschaft und Empfehlung. In vornehmern Hausern fehlte mir diese, und in Burgerhausern mochte meine wieder aufbluhende Jugend und mein Ansehen, das mich auch in meiner bescheidnen Kleidung vor der Volksclasse auszeichnete. Misstrauen erregen.
Eines Tags sah ich hinter dem Fenster eines Kaufladens einige kleine Handarbeiten, wie ich sie in meinen bessern Tagen verfertigt. Ich trat hinein und bot dem Kaufmann an, ihm ahnliche zu liefern. Er schien sehr wenig Vertrauen in meine Geschicklichkeit zu setzen, versprach mir aber doch, wenn ich selbst das Material dazu hergeben wollte und sie ihm gefielen, dieselben zu kaufen. So gering diese Gefalligkeit war, konnte ich doch meine erste Hoffnung an sie knupfen und ging freudig nach Hause. Meine Lage forderte dringend eine gunstigere Wendung; ich hatte nur eine Woche von meinen wenigen Schillingen gelebt, und bei der strengsten Sparsamkeit gingen sie zu Ende. Meine Miethe sollte heute auch bezahlt werden, und es blieb mir kein Mittel, als ein Stuck meines kleinen Kleidervorraths zu verkaufen. Lange sann ich nach, wie ich dieses schwere Opfer zu meinem grossten Vortheil bringen konnte. Wenn ich fur den Erloss meiner Habseligkeit Material zu den Arbeiten anschaffte, die mir der Kaufmann abzunehmen versprochen hatte, so konnte ich mich in den Stand setzen, nicht allein Frau Millner zu bezahlen, sondern auch fur meinen kunftigen Unterhalt zu sorgen. Allein hatte ich, so lange ich ihr meinen Miethzins schuldig war, das Recht, uber einen Theil meines Besitzes auf eine andre Weise zu verfugen? Sollte ich die Nachsicht einer Person in Anspruch nehmen, die ich nur mit Muhe nothigte, mich mit Achtung zu behandeln? Nach langem schmerzlichen Bedenken uberwand ich meinen aufgahrenden Stolz, bat Frau Millner, in mein Zimmer zu kommen, und legte ihr meine Lage vor. "Ich kann Ihnen den Miethzins noch diese Woche bezahlen, aber dann nicht mehr, wenn Sie mir nicht auf einige Tage Credit geben", schloss ich meinen Vortrag. Sie sah mich verwundert an, denn nie vorher hatte ich mit ihr von meiner Lage oder meinen Verhaltnissen gesprochen. Nach einigen Fragen, durch die sie sich uber meine Plane noch mehr verstandigen wollte, und die ich nicht zuruckweisen durfte, sagte sie: "Nein, ich will Ihnen nicht weh thun. Bezahlen Sie mir die Halfte der Miethe und versuchen Sie mit der andern Ihr Gluck." Dieser Punct war also gewonnen; jetzt kam es darauf an, das Geld herbeizuschaffen, und zu diesem Ende nahm ich mein kleines Packchen, um es dahin zu tragen, wohin die Noth mir schon fruher den Weg gezeigt hatte. Der elende Winkel, in welchem der Trodler und Pfandverleiher seinen Laden aufgeschlagen hatte, erfullte mich mit Ekel. Es war ein truber, regniger Tag; vielleicht war dieser Umstand daran schuld, dass mir dieser Ort heute so schauerlich vorkam; vielleicht hatte mein Fieber mich reizbarer gemacht, meine durftige Nahrung mich geschwacht, genug, dass ich mit Zittern und Zagen mein Geschaft begann. Einige schmuzige, zerlumpte Weiber, anscheinend aus der niedrigsten Volksclasse, standen vor dem Zahltisch, der mit Kleidungsstucken und Wasche von sehr schlechtem Ansehen bedeckt war; in rauhen, rohen Tonen feilschten sie, schrieen, bettelten, und Noth, Ungeduld oder Arglist verzog ihre garstigen Gesichter. Ich schloss schleunig meinen Handel und wollte wieder hinwegeilen, als ich beim Heraustreten eine Stimme vernahm, die, weniger misstonend wie die andern, traurig und halb leise dem Trodler ein dringendes Gesuch vorzutragen schien. Sie sprach meine Landessprache, und dieser Ton traf wie Freundes Stimme mein Ohr. Das Gesicht der Sprechenden war von mir abgewendet, auch zum Theil mit einem Mantel verhullt, an dem noch einige Fetzen eines ehemaligen Besatzes zu sehen waren; mit dem einen Arm, der so abgezehrt war, dass die farblose Haut jeden Knochen bezeichnete, hielt oder schleppte sie vielmehr ein krankliches Kind. Sie begann noch einmal zu bitten: "O Herr, wenn es nur einige Schillinge seyn konnten!" "Nicht einen. Ihr habt schon viel mehr erhalten, wie das Kleid werth ist," sagte der Mann mit unbarmherzigem Ton. "Nun so helfe mir Gott! so muss ich verhungern!" rief die Frau und schritt neben mir aus der Thur. Jetzt konnte ich ihre Zuge unterscheiden, und wie verandert sie auch waren, erkannte ich Julie Arnold. Ich rief ihren Namen, und mit ihm trat ihre ehemalige Lieblosigkeit vor mein Gedachtniss. Starr vor Entsetzen sah ich sie einige Augenblicke an ein Bild des Jammers! Krankheit, Mangel, Gram war in ihre Zuge eingegraben! Ich erinnerte mich ihrer Bluthe, unsrer Kinderjahre und schlang meine Arme um ihren Hals. Lange konnten wir beide nicht sprechen; sie vermochte es zuerst: "Ellen," sagte sie mit hohler, tonloser Stimme, "Sie sind schrecklich geracht!" Jetzt erinnerte ich mich der Verwunschung, die ich damals, wie sie mich verleugnete, in der Tiefe meiner Noth gegen sie ausgestossen, und nun ich sie so viel elender sah, als ich jemals gewesen, schien ich mir durch ihren Zustand gestraft. Wie ich meine Augen zu ihr aufhob, blickte sie mit Schaamrothe auf mich hin und sagte: "Nicht wahr, mit mir ist, seit Sie mich nicht sahen, eine traurige Veranderung vorgegangen?" "Lassen Sie uns nur hier fortgehen, liebe Julie, dort sollen Sie mir erzahlen, was Ihnen widerfuhr", antwortete ich, indem ich ihr meinen Arm bot. Sie nahm ihn mit einem Blick der Verwunderung; "gewiss, Ellen", sagte sie, "Sie mussen sich schamen, mit mir in meinem gegenwartigen Aufzug durch die Strasse zu gehen." "O Julie, kann ich in diesem Moment an Ihren Aufzug denken?" rief ich, im Herzen gekrankt uber ihre kleinliche Bemerkung, und fuhrte sie schweigend mit mir fort. Meine Wohnung war weit weg, ihre Krafte reichten kaum zu dem Weg hin, sie blieb mehrmals stehen, um Athem zu schopfen. Da mir jetzt beifiel, dass ich ihr das Kind abnehmen musste, streckte ich meine Arme nach ihm aus, konnte mich aber von dem Verdacht, der mich in diesem Augenblick ergriff, nicht einer Bewegung erwehren, die ihr nicht entging. Eine noch tiefere Rothe uberzog ihre schwindsuchtig gefarbte Wange, und sie sagte mit einem festen Blick in mein Auge: "Nein, Miss Percy, nein! es ist kein Kind der Sunde." Mein Herz war nun um vieles erleichtert, ich umfasste das Kind, und wir setzten unsern Weg fort. Endlich erreichten wir das Haus. Meine Wirthsleute warfen ubelwollende Blicke auf den Gast, den ich zu mir einfuhrte. Ich beachtete sie nicht, brachte Miss Arnold in mein Zimmer und theilte alles mit ihr, was sich von Nahrungsmitteln vorfand. Sie ass wie eine Hungrige, aber kaum gesattigt, begann sie ihrem Gesprach die kleinliche Wendung zu geben, die es mir in alten Zeiten so gefahrlich gemacht hatte. Sie bemerkte, dass die Zeit, in welcher sie mich nicht gesehen wenn sie mich verandert meiner Schonheit nur Zuwachs gegeben, besonders durch die zartere Farbe, welche mein Fieber mir zuruckgelassen hatte. "Doch, Julie, werden Sie mich in einem Punct verandert finden. Ich habe alle Freude an Schmeicheleien verloren aber von denen soll auch gar nicht mehr die Rede seyn. Jetzt erzahlen Sie mir, warum ich Sie so weit von der Heimath entfernt finde, so ... erzahlen Sie mir alles, was Sie druckt!"
Julie schien dazu gar nicht abgeneigt. Sie sagte: ihre vertraute Bekanntschaft mit Lady St. Edmond hatte sie nothwendig Lady Maria de Burgh nahern mussen, "denn diese Dame", sagte die Arme, indem ein wohlgefalliges Lacheln um ihren blassen Mund spielte, "verlor, nachdem wir kaum ein paar Mal zusammen gekommen waren, ihr Vorurtheil gegen mich. Dazu gehort nun wenig, denn sie ist eine solche Thorin, dass sie nie recht weiss, was sie will." Ich erinnerte mich mit Schaamrothe der Zeit, wo Julie mit einer solchen Bemerkung mir Wohlgefallen erregen konnte, schwieg aber und liess sie forterzahlen, wie Lady Marie sich dergestalt an ihren Umgang gewohnt habe, dass sie in sie gedrungen, als Gesellschafterin bei ihr zu leben. "Damals bewarb sich Lord Glendower um Lady Maria oder vielmehr", sagte Miss Arnold, "die Dame hoffte angstlich, dass er sich bewerben wurde. Ich sah aber bald sehr deutlich, dass er, bei gleichen Umstanden, mich bei weitem vorgezogen hatte". Hier hielt sie inne, als habe sie einen Einwurf von mir erwartet; wie ich schwieg, fuhr sie fort: "Sie wissen wohl, Ellen, dass ich nicht in der Lage war, eine glanzende Versorgung von mir weisen zu konnen, ich hatte auch keine Art von Verbindlichkeit gegen Lady Marie, die mich, ihr mein Gluck aufzuopfern, hatte vermogen konnen." "Gluck?" rief ich, mich des unwurdigen Charakters dieses Mannes erinnernd. "Nun, nennen Sie es, wie Sie wollen", erwiederte Miss Arnold, "in Vergleich der Abhangigkeit, in der ich leben musste, sey es von meinem Bruder, sey es von Fremden, war es ein Gluck; und ... nach mancherlei Vorgangen, die mir klar bewiesen, dass mir gar nichts Bessres zu thun ubrig blieb, entfloh ich mit Lord Glendower nach Schottland." "O Julie! Lord Glendower war ja sein eigner Herr, er konnte ja heirathen, wen er wollte." "Je nun, er wunschte es also. Und Sie wissen wohl, Ellen, wenn man liebt ..." "Nein, Julie, das weiss ich nicht; allein ich habe durch meine eigne Thorheit das Recht verloren, Ihnen uber diesen Gegenstand Bemerkungen zu machen. Fahren Sie fort!" "Wie wir hierher kamen, nahm ich leider wahr, dass er mich in der Gesellschaft nicht einfuhren wollte, und dass ich vor ihren Augen straffallig erschien. Ich durchschaute bald Mylords abscheulichen Plan. Zeugen konnte ich nicht gegen ihn aufstellen, aber ich hatte mich nach den schottischen Gesetzen uber die Ehe erkundigt, und da weigerte ich mich, mit Lord Glendower die geringste Gemeinschaft zu haben, bis er nicht wenigstens die Leute, in deren Hause wir wohnten, beredet hatte, dass ich seine rechtmassige Frau sey; nachher brachte ich es auch dahin, dass er mir ein Billet sendete, an Lady Glendower uberschrieben; dessen Inhalt hatte gar keinen Werth, mir reichte aber die Ueberschrift aus. Ich war nun bemuht, die Leute um uns her aufmersam zu machen, dass er mich wie seine Gattin behandelte, und in Schottland ist das mehr werth, als zehn Trauscheine. Ein solcher will ja auch gar nichts sagen: was ein Paar unzertrennlich verbindet, ist eine Ehe vor Gott und Menschen. Nicht wahr, Ellen?" "Wohl, arme Julie!" sagte ich, zwischen Mitleid und Widerwillen getheilt, "dazu gehort aber, dass beide Theile fest entschlossen sind, sich unwiderruflich zu verbinden." Miss Arnold schlug einen Augenblick die Augen nieder, dann fuhr sie mit Zuversicht fort: "Nun ich diesen Punct gewonnen hatte, weigerte ich mich nicht, ihm nach einem Landhaus, das er in den Hochlanden gemiethet hatte, zu folgen. Dort verweilten wir einige Monate und langweilten uns von ganzem Herzen. Im Winter kamen wir wieder hierher, und Glendower sprach davon, nach London zu gehen. Ich konnte ihn nicht begleiten und mochte es auch wirklich nicht. Der Mensch hatte sich dem Trunk in hohem Grade ergeben. Er liess mich also zuruck, mit dem Versprechen, nach meiner Entbindung wiederzukommen. Aber er war nicht zwei Monate fort, so las ich in den Zeitungen, dass er sich mit Lady Maria vermahlt habe. Die Nachricht traf mich wie ein Donnerschlag. Aus Schrecken kam ich zu fruh nieder und war gefahrlich krank. Dennoch dictirte ich Briefe an Glendower und Lady Maria, in denen ich mein Recht darthat und erklarte, im Fall man es nicht beachtete, die Gesetze zu Hulfe rufen zu wollen. Ich schrieb oft, ehe ich eine Antwort erlangen konnte; endlich hatte Glendower die Frechheit, alle meine Anspruche an ihn abzuleugnen; er war sogar so grausam, zu behaupten: die Zeit, wo mein armer kleiner Knabe geboren ward, widerlege zum Theil meine Anklage." Bis dahin hatte Julie mit einem emporend gleichgultigen Ton erzahlt, jetzt brach sie aber in Thranen aus, druckte das Kind an ihre Brust und rief recht innig: "Und so wahr mir Gott helfe, der Knabe ist Glendowers Sohn und, wie ich ernstlich glaube, sein einziger rechtmassiger Erbe. Konnte ich ihn in seine Rechte eingesetzt sehen, so forderte ich weiter nichts." Sie bemeisterte bald ihre Ruhrung und erzahlte weiter. Lord Glendower, uber die Misshelligkeiten aufgebracht, die ihre Forderung zwischen ihm und seiner Gemahlin erregt hatte, versagte ihr Unterstutzung; sie wendete sich an ihren Bruder, der ihr sehr zornig antwortete: dass er genug fur sie gethan habe, da er ihr eine Erziehung geben liess, die sie in Stand gesetzt hatte, sich mit Ehren durchzuhelfen, nun aber weiter keine Verbindlichkeiten gegen sie zu haben glaubte. Zugleich schickte er ihr dreissig Pfund, die sie zu irgend einem kleinen Handel anlegen sollte. Dieses Geld reichte eben nur hin, sie aus dem Schuldgefangniss zu befreien. Sie behielt nichts ubrig, verkaufte ihre Habseligkeiten, eine nach der andern, und war nun zu der ganzlichsten Entblossung herunter gebracht. Dazu kam noch ihre wankende Gesundheit "dieser erschopfende Husten", sagte sie, "und diese Schwache, obgleich ich weiss, dass sie von gar keiner Bedeutung sind." Bei diesen Worten konnte ich mich eines Schauders nicht enthalten. Abzehrung blickte aus ihren tief liegenden Augen, sprach aus der dunklen, abgeschnittenen Rothe ihrer hohlen Wangen. "Warum sehen Sie mich so erschrocken an, Ellen?" rief sie unwillig, "ich bin nicht so krank, wie ich aussehe." "Gewiss nicht, gute Julie!" sagte ich und versuchte zu lacheln.
Es war jetzt fast dunkel geworden; der Ort, wo Julie in der letzten Zeit Unterkunft gefunden hatte, war weit entlegen, ich dachte darauf, sie diese Nacht bei mir zu behalten, als Frau Millner den Kopf in die Thure steckte und mich ziemlich unverbindlich aus dem Zimmer rief, um mit mir zu sprechen. Da es mir ahnte, wovon die Rede seyn wurde, suchte ich die Unterhandlung vor dem Ohr meines unglucklichen Gastes zu verbergen. Meine Hausfrau warf mir mit pobelhaftem Unwillen vor, eine Landstreicherin in ihr Haus eingefuhrt zu haben, die sie nicht darin zu dulden gedachte. Ich stellte ihr mit Fassung vor, dass diese Wohnung, so lange ich sie gemiethet habe, mein sey, und es von mir abhinge, ein ungluckliches Frauenzimmer, die keineswegs von niedrigem Stande sey, bei mir zu beherbergen. Mit diesen Worten wendete ich ihr den Rucken und kehrte in mein Zimmer zuruck. Zornig eilte die Frau hinter mir drein; "wenn das Ihre Zuversicht ist", rief sie ubermuthig, "so ist die Sache bald geendigt: Sie zahlen mir sogleich den ruckstandigen Zins, oder raumen das Haus augenblicklich, ohne durch dergleichen Gesindel dessen guten Ruf zu beflecken." Da ich, unfahig, meine Fassung aufrecht zu erhalten, nicht sogleich antwortete, wendete sich Frau Millner an Miss Arnold und befahl ihr, das Haus zu verlassen. Diese mochte wohl leider schon oft der Harte solcher Menschen nur Flehen entgegen zu setzen gehabt haben, denn sie bat wimmernd: "Erbarmt euch doch! ich habe ja nicht Krafte, um nach Hause zu gehen." Mir schnitt diese Erniedrigung ins Herz; ich rief ihr zu, sich nicht wegzuwerfen, sondern in meiner Begleitung sich sogleich auf den Weg nach ihrer Wohnung zu machen. Bei diesen Worten zog ich meinen Beutel heraus, zahlte nochmals die kleine Summe, welche ich aus meinem Kleide gelost hatte, und warf Frau Millner ihren Miethzins auf den Tisch. Zu meinem Erstaunen fuhr Miss Arnold wahrend dessen fort, mit Frau Millner um die Erlaubniss, bei mir bleiben zu durfen, mit einer Beharrlichkeit zu bitten, die mich emporte und mir erst im Verfolg erklarlich ward. Ohne auf die Hausfrau zu horen, die bei dem Anblick meines Geldes sehr besanftigt ward und mir versicherte, ihre Wohnung sey mir nicht verweigert, wenn die Hausordnung ihr gleich auferlegte, sie Fremden zu verschliessen, ergriff ich Miss Arnolds Arm und zog sie mit mir fort. Sie folgte mir widerwillig und erschwerte sich selbst den Weg durch vergebliche Klagen uber ihre Unfahigkeit, dessen Ziel zu erreichen. Es war Abend, ich zitterte vor der Aussicht, diesen langen Weg im Dunkeln allein zuruckkehren zu mussen, ich zitterte, in der Gesellschaft meiner unglucklichen Gefahrtin der Rohheit der Vorubergehenden ausgesetzt zu seyn. Jedes Mal, dass sie, nach Athem ringend, stehen blieb, war mir bang, die Aufmerksamkeit der Vorubergehenden auf uns zu ziehen; ich sprach ihr Muth ein und erlag fast selbst beim Fortschreiten unter ihrer Last, da sie sich kraftlos auf mich lehnte, und der des armen Kindes, das wimmernd auf meiner Schulter lag.
Endlich hatten wir Miss Arnolds Wohnung erreicht. Sie befand sich in den Mansarden eines Hauses, dessen verschiedne Stockwerke jedes fur zwei Familien eingerichtet schien, also insofern viel besser, als Cecilens Wohnung, gewesen war, die mit einer ganzen Kolonie auf demselben Boden gewohnt hatte. Julie klopfte zogernd, ein schmuziges, armseliges Weib offnete behutsam, und ihr stellte mich Miss Arnold vor als ein Frauenzimmer, das ... Ich verstand, dass sie mich ihr als Miethsfrau vorschlagen wollte; allein das Weib horte sie gar nicht an, sondern uberschuttete sie mit Schimpfreden, aus denen mir klar ward, dass die Ungluckliche schon lange bei ihr Schulden gemacht, und dann schloss sie die Thur mit erschutterndem Larm vor uns zu. Starr von Schrecken, wendete ich mich zu meiner Begleiterin, die von Jammer uberwaltigt, auf die Stufen der Treppe gesunken war und kaum vernehmlich mir zurief: "O Ellen, bitten Sie fur mich, bitten Sie! denn ich kann mich nicht weiter fortschleppen." Ich klopfte von neuem an die Thur, entschlossen, mich der ganzen Harte der Hausfrau auszusetzen, um nur ein Obdach fur meine ungluckliche Gefahrtin zu erhalten; allein es war vergeblich, sie offnete sich nicht.
Es blieb mir nun nichts mehr ubrig, als Julie zu ermuthigen, dass sie noch einmal den Weg zu Frau Millner zuruck machen mochte, uberzeugt, dass diese Frau, nun sie bezahlt war, mir nicht versagen wurde, diese eine Nacht eine Ungluckliche zu beherbergen; allein die Erschopfung des Korpers hatte sich auch der Seele mitgetheilt, Julie war keines Entschlusses fahig, sondern wimmerte hulflos: "ich kann nicht weiter; gehen Sie, verlassen Sie mich! ich verliess Sie ja, wie das Ungluck uber Sie einbrach, thun Sie, was ich an Ihnen verdient habe!" Diese schrecklichen Worte gaben mir einen ubernaturlichen Muth. Uebernaturlich; denn Gott senkte ihn in der Gestalt des Glaubens in mein Herz. Ich wusste keinen Ausweg aus dem Abgrund der Hulflosigkeit, in dem ich mich versunken sah, weder fur das zerschlagne Geschopf, das sich vor mir am Boden krummte, noch fur das weinende Kind, das vor Hunger oder Furcht auf meinen Armen bebte. Aber mit einer Zuversicht, als horte ich den Fuss des Retters sich nahen, rief ich: "Nein, Julie, ich verlasse Sie nicht, und hulflos, wie wir sind, wollen wir nicht verzweifeln, sondern zu Gott beten, dass er sich unser erbarme." Die Arme war dieses Aufflugs des Geistes nicht fahig, sie antwortete mir nur durch dumpfe Klagtone, aber das Kind fester in meine Arme schliessend, wendete ich mich ab und bat Gott mit unaussprechlicher Inbrunst, uns eine Hulfe zu senden.
Der Schall eines die Treppe heraufsteigenden schwerfalligen Schrittes schreckte mich jetzt auf. Ich beschwor Miss Arnold mit leiser Stimme, ihren Jammer zu massigen, damit man uns nicht des letzten Obdachs, welches dieser Treppengang uns vielleicht fur diese Nacht gewahren konnte, beraubte. Doch umsonst, sie fuhr fort zu stohnen; doch ward ich, uber die herannahende Person ruhiger, da ich unerachtet der Dunkelheit, sie fur ein Frauenzimmer erkannte. Sie ging uber den Vorplatz und klopfte an die jener, von wo man Miss Arnold so unbarmherzig abgewiesen hatte, anstossende Thur, dann kehrte sie zu meiner Gefahrtin zuruck und fragte, was ihr fehle. "Sie ist fremd, sie ist krank", sagte ich, mich ihr nahernd, "und der einzige Ort, wo sie diese Nacht Obdach finden konnte, ist zu weit, als dass sie ihn zu erreichen im Stande ware." Jetzt offnete sich die Thur, ein junges Madchen trat mit einer Lampe heraus, mehrere freundliche Gesichter begrussten die heimkehrende Mutter, ich erblickte durch die offne Thur die gewohnliche Helle eines Caminfeuers in einer reinlichen, wenn gleich sehr beschrankten Wohnung. Ach, wie beneidenswerth kam mir diese Frau vor! Ich betrachtete sie, die Lamve beleuchtete sie, ihre Zuge schienen mir bekannt sie war die Wittwe des armen Gartners, der in Greenwich in meinem Beiseyn starb. Sie sprach mitleidig mit Miss Arnold, da zog sie das kleine Madchen beim Aermel und sagte leise: "Mutter, die sieht der guten englischen Dame ahnlich." Die Frau richtete ihre Blicke auf mich, konnte ihren Augen nicht trauen und rief: "Nein, das ist gar nicht moglich." "Es ist nur zu moglich, liebe Frau Campell", sagte ich, "das wandelbare Schicksal hat mich nun zum Fremdling im Lande gemacht." "So sind Sie es wirklich?" rief die Wittwe mit frohlichem Lacheln. "Gott segne Sie! Sie werden mir nie ein Fremdling seyn; treten Sie ein und ruhen Sie aus! und wenn Sie fur die arme kranke Person kein Unterkommen wissen, so sagen Sie ihr, dass sie auch herein komme!"
Nur der einsame Wandrer, der, in Feindes Land gerathen, unerwartet eine gastfreie Hutte sich eroffnen sieht, kann begreifen, mit welcher Freude ich diese Einladung annahm. Ich hob Julien vom Boden auf, fuhrte sie in Frau Campells Zimmer und dankte Gott fur die Zuflucht, die er uns so unverhofft bereitet hatte. Wir befanden uns in einem Gemach, das zugleich als Kuche und Wohnzimmer diente; unsre Wirthin ruckte einen grossen gepolsterten Armstuhl an das Feuer und lud mich ein, darin Platz zu nehmen. Julie, die vor Mattigkeit ganz zusammensinkend neben mir stand, zog zuerst meine Aufmerksamkeit auf sich. "Der Platz gebuhrt meiner kranken Freundin, liebe Frau Campell"4, sagte ich, die Arme zu ihm leitend, Lady Glendower ist vielleicht einstens im Stand, Ihre Gastfreundschaft zu erkennen." Ich wollte meiner armen Gefahrtin durch diese Anerkennung ihrer Verhaltnisse wohlthun, wollte aber auch meine eigne Lage, die mich in einer so traurigen Gesellschaft aufgefuhrt hatte, in ein bessres Licht setzen. Mein Verstand hatte recht, meine Jugend und Vereinzelung bedurfte Beweggrunde, um so ein Verhaltniss begreiflich zu machen, allein meine Eitelkeit mochte doch dabei nicht ohne alle Theilnahme seyn. Sobald ich Julie unter diesem Namen eingefuhrt hatte, ward es mir leichter, bei Frau Campell anzufragen, ob sie dieselbe nicht aufnehmen konnte. Die gute Frau war sehr froh, mir dienen zu konnen, und das kleine Madchen, dessen Schuchternheit allen meinen Versuchen, die Bekanntschaft mit ihr zu erneuern, widerstanden hatte, bot nun ihrer Mutter leise an, ihr Bett der Fremden zu uberlassen. Das war aber gar nicht nothig. Seit Frau Campell durch meine Beihulfe in ihre Heimath zuruckgekehrt war, hatte es ihr, da sie eine geschickte Wascherin war, nie an Erwerb gefehlt. Seit kurzem hatte ihr Bruder, ein wandernder Kramer, der Wittwer geworden war, sie gebeten, jetzt ihm hauszuhalten, und da dieser, auf mehrere Wochen abwesend war, bot sie Julien den Gebrauch seines Zimmers an.
Nun fur meine Gefahrtin gesorgt war, fing ich an wegen meines eignen Unterkommens bange zu werden. Mitternacht war beinahe herangekommen; ich war fast eine Stunde von Frau Millners Wohnung entfernt; und ob ich gleich diese rohe Frau jetzt bezahlt hatte, so konnte ich doch nicht ganz sicher rechnen, von ihr aufgenommen zu werden. Doch mir blieb keine Wahl. Die Bitte, auch bei meiner guten Wittwe zu ubernachten, schien mir zu anmassend; ich furchtete damit ihre Gutwilligkeit gegen die arme Julie zu schwachen. Doch mich in dieser Nachtzeit allein auf die Strasse zu wagen, schien mir unmoglich, und so bat ich Frau Campell, mich bis zu meiner Wohnung zu begleiten. Sobald Julie meine Absicht fortzugehen wahrnahm, uberfiel sie der unbillige Gedanke, dass ich sie mochte verlassen und nicht wiederkehren wollen. Anfangs suchte sie durch die angstlichsten Bitten, wie ich diesen aber vernunftige Vorstellungen entgegensetzte, durch das ungestumste Flehen mich davon zuruckzuhalten. Die Nacht ruckte unter diesem Streite fort, ich furchtete, dass die Heftigkeit der Unglucklichen in meiner Abwesenheit ihre neue Hausfrau ermuden konnte, und erbot mich endlich, den Rest der Nacht an ihrem Bette zu wachen. Unsre gute Wirthin uberliess alles meiner Willkur und fuhrte uns sogleich unter den wiederholtesten Entschuldigungen, uns nicht besser bedienen zu konnen, in das uns bestimmte Zimmer ein. Ach sie wusste nicht, dass es bei weitem das zierlichste war, welches ich mir aus eignen Mitteln zu verschaffen je fahig gewesen! Es war freilich niedrig, mit dunkeln, wollnen Tapeten behangen, aber mit gutem Hausrath und einem Bette versehen, dessen reine Wasche dem ekelsten Geschmack genugt hatte. Julie liess mich ohne Widerstand fur ihr armes Kind sorgen, das vielleicht seit mehrern Tagen nicht so vollstandig, wie heute, gesattigt, reinlich gewaschen, und in einen reinen Bettuberzug, den ich von Frau Campell entlehnt, warm eingewickelt, zu den Fussen seiner Mutter ruhig fortschlief.
Wahrend sich meine arme Gefahrtin einem unruhigen, doch dem Anscheine nach tiefen Schlaf ununterbrochen uberliess, uberdachte ich meine Lage. Sie war durch die Verhaltnisse, in welche ich nun mit Julie gerathen war, furchtbar verschlimmert worden; doch die Verbindlichkeit, diese Ungluckliche der Verwilderung und dem Elende zu entreissen, war mir so heilig, dass mir kein Gedanke aufstieg, so lange sie so hulflos sey, mich von ihr zu trennen. Ich war gesund, ich hatte Thatigkeit und ein unbeflecktes Gewissen. Mit demuthvoller Dankbarkeit zu Gott erkannte ich diese Vorzuge als Aufforderung und Mittel, fur meine hulflose Kranke zu sorgen. Dieser Mittel waren sehr wenig: furs Erste zeigte sich der Erwerb, uber welchen ich mich gestern mit dem Kaufmann verabredet hatte, und diesen wollte ich Julien vorschlagen mit mir zu theilen. Ich erinnerte mich, dass ihre bewegliche Fantasie ehemals eine besondre Leichtigkeit gehabt hatte, zierliche Spielwerke zu erfinden, und hoffte sogar, dass diese Gattung von Arbeit, indem sie ihrem Geschmack angemessen ware, zu ihrer Ermunterung beitragen sollte. Die Gegenwart des armen Kindes, das sie mir zubrachte, bekummerte mich nicht sehr; die herzliche Freundlichkeit, mit der Frau Campells Bruderskinder mit ihm gespielt hatten, und die Hoffnung, welche mir sein gesunder Schlaf gab, es bei hinreichender Nahrung und Pflege bald erstarken zu sehen, halfen mir ein ganz leidliches Bild von unserm Leben entwerfen, wenn ich Frau Campell, mich gleichfalls in ihr Zimmer aufzunehmen, bewegen konnte. Eine andre Weise, Julien zu unterstutzen, konnte ich nicht ersinnen. Was ich ihr allmalig von meinem Erwerb mittheilen konnte, wurde nicht hingereicht haben, sie zu unterhalten, und meinen ernsten Zweck, ihr Kind wohl verpflegt zu sehen, konnte ich damit gar nicht erreichen; denn nach allem, was ich von der Unglucklichen vernahm, ward es mir klar, dass ihre Mutterliebe nicht von der Art war, ihre Thatigkeit, selbst da, wo ihre Krafte hinreichten, fur ihr Kind zu verwenden.
Sobald ich es in der Kuche meiner guten Wittwe laut werden horte, begab ich mich zu ihr und trug ihr mein Anliegen vor. Da sie den lebhaften Wunsch hatte, mich zu verbinden, und ihr Bruder noch geraume Zeit abwesend bleiben sollte, wurden wir sehr bald des Handels einig. Meine nachste Sorge war nun, meine wenigen Habseligkeiten von Frau Millner abzuholen. Julie hatte nichts dagegen, doch entging mir eine gewisse Unruhe nicht, die sie bei meinem Weggehen befiel, und wie ich schon das Zimmer verlassen hatte, rief sie mich zuruck und reichte mir ihr Kind, mit der Bitte, es mitzunehmen, weil sie heute nicht im Stande sey es in die freie Luft zu bringen. Ich durchschaute sie sogleich. Sie wollte mir das arme Geschopf als ein unvermeidliches Hinderniss, von ihr entfernt zu bleiben, aufdringen. Dieses Misstrauen nach dem, was ich gestern fur sie gethan, in dem Augenblick, wo sie Zeugin meiner Abrede fur alles, was zu ihrem Besten gethan werden konnte, gewesen war, erfullte mich mit Abneigung. Ich war im Begriff, sie lebhaft zuruckzuweisen, aber ein Blick auf ihr entstelltes Gesicht, ihre hinfallige Gestalt entwaffnete mich: ich stellte ihr die Unbilligkeit ihres Verdachts vor, suchte sie von dem Bedurfniss zu uberzeugen, das mich antrieb, Gottes Gebot gemass gegen sie meine Pflichten zu erfullen, und eilte meinem Geschafte nach. Sobald ich mein kleines Gepack von Frau Millner fortgeschafft hatte, kaufte ich von dem wenigen mir ubrigen Gelde zuerst die unentbehrlichen Bedurfnisse fur den gegenwartigen Tag und dann Stoffe zur Verfertigung der Kastchen, Beutelchen und Nadelkistchen, die ich bei dem Kaufmann anzubringen hoffte. Sobald mein kleiner Haushalt besorgt war, machte ich mich an die Arbeit. Ach es ist unendlich peinlich, mit recht schwerem Herzen eine Beschaftigung zu treiben, die uns wohl einstens zum Spiel der Fantasie, zur Ausfullung mussiger Augenblicke gedient hat! Indem ich die bunten Fleckchen zusammensetzte, die fantastischen Figurchen malte, beneidete ich manchmal Frau Campells kleine Marthe, die an ein paar groben Soldaten-Socken strickte, und noch mehr den Kohlentrager, der, seines taglichen Gewinnes sicher, unter seiner Last schweigen, oder ein lustiges Stuckchen pfeifen konnte, je nachdem es ihm gefiel. Allein die Noth musste hier der begeisternde Genius seyn, und das fromme Bewusstseyn, unter Gottes Segen zu arbeiten, machte es mir alle Tage leichter. Juliens Hulfe war sehr nichtsbedeutend bei meinem Geschaft. Das Ungluck hatte in ihr keine Krafte entwickelt, und korperliche Schwache wurde ihr jetzt die Ausfuhrung mit festem Willen sehr erschwert haben. Sie fing manche Arbeit an, unterbrach sie hundertmal und warf sie endlich mit Ekel bei Seite. Ich musste froh seyn, wenn ich Mittel fand, eine und die andre Unternehmung zu beenden; oft sah ich mit Bekummerniss die eingekauften Stoffe vergeudet, ohne irgend einen Vortheil daraus ziehen zu konnen. Da ich vor meinem Gewissen die Pflicht ubernommen hatte, fur diese Ungluckliche zu sorgen, erlaubte ich mir nicht die kleinste Ermahnung, ihre ublen Gewohnheiten zu uberwinden; allein die Unzufriedenheit, welche Mussiggang und Beschrankung nach sich ziehen, blieb bei ihr nicht aus und ward durch die ihrer Krankheit eigenthumliche bose Laune vermehrt. Gegen mich liess sie dieselbe nicht aus, aber das war ein bittrer Zwang, den sie sich auflegte; denn so zart ich sie behandelte, hielt sie sich doch oft fur verletzt und konnte sich der Ueberzeugung dann nie erwehren, dass ich sie fur ihr fruheres Verfahren gegen mich bussen lassen wolle. Bald gesellte sich zu dieser ubeln Laune eine traurige Unzufriedenheit mit der einfachen Kost, welche mein geringer Verdienst anzuschaffen hinreichte. Ihre kranke Esslust sehnte sich taglich nach einer andern Nahrung, von der sie jedes Mal Erleichterung, wenn nicht gar Heilung hoffte. Ich entzog mir das Nothwendige, um ihr das Mogliche von diesen ertraumten Leckerbissen zu verschaffen, allein ihr blosser Anblick flosste ihr meistens schon wieder Ekel ein.
Ich hatte sie oft an die Nothwendigkeit erinnert, die Rechte ihres kleinen Knabens durch eine gesetzliche Aussage vor einem Advocaten zu sichern. Da sie dieser Schritt an die Feierlichkeit eines Testaments erinnerte, weigerte sie sich bestandig ihn zu thun, versichernd, dass es, sobald sie ganz hergestellt ware, ihr erstes Geschaft seyn sollte. Nun war sie schon seit einer geraumen Zeit nicht mehr fahig, das Zimmer zu verlassen. Ich nahm wohl wahr, dass sie sehr gern einen Miethwagen zu einer Spazierfahrt hatte haben mogen, allein meine Mittel litten das nicht; und so weh es mir that, beharrte ich ihre Winke nicht zu verstehen. List und Langeweile gaben ihr endlich ein, die Schritte, die sie zum Besten ihres Kindes thun sollte, zur Befriedigung ihrer Sehnsucht nach einer Spazierfahrt zu benutzen. Sie kundigte mir an, dass sie einen Wagen haben musse, um endlich ihre Geschafte bei einem Advocaten zu besorgen. Es war ein nasskuhler Tag nach einem heftigen Gewitter; ich stellte ihr die ubeln Folgen vor, die es fur ihre Gesundheit haben konnte, wenn sie, die der Luft jetzt entwohnt sey, grade heute sich ihr aussetzte. Ihre Antwort legte mir durch die dienstbare Demuth, mit der sie oft, um meinen Widerspruch zu entkraften, "meiner Wohlthaten" erwahnte, Stillschweigen auf; ich wendete also den Erwerb zweier eifrig in Arbeit hingebrachten Abende darauf, ihr einen Miethwagen herbeizuschaffen, und war doch herzlich froh, wie sie mit der schriftlichen Begutachtung des Rechtsgelehrten zuruckkam, dass ihre Beweisgrunde sie sehr wohl in Stand setzten, eine Klage gegen Lord Glendower zum Besten ihres Sohnes zu fuhren. Doch diese Ausfahrt zog alle die Uebel nach sich, welche ich fur die arme Kranke gefurchtet hatte. Ihr Husten und ihr Fieber nahmen in einem furchtbaren Grade zu, und zugleich ihre fantastisch umherschweifende Esslust, die bei ihrem zunehmenden Leiden in der Befriedigung eines jeden neuen Einfalls ein Labsal erwartete. Zu allen diesen Bedrangnissen gesellte sich jetzt noch die Erklarung des Kaufmanns, der mir bisher meine Arbeiten bezahlt hatte: dass ich sie wohlfeiler geben musse, als bisher, weil sich zu wenige Kaufer dafur fanden. Wohlfeiler, wie bisher, wo ihr Lohn kaum meine dringendsten Bedurfnisse gedeckt hatte! Das war, ohne zum Hungerleiden gebracht zu werden, nicht moglich. Wie unmoglich es sey, einen andern Erwerb zu finden, hatte ich aus eigner Erfahrung gelernt; wenn dieser mir gebrach, war ich dem Verderben dahingegeben. Bei den Obliegenheiten, die ich gegen Julie ubernommen, war es mir sogar unmoglich geworden, einen Dienst als Stubenmagd zu suchen; denn wer sollte sie pflegen? wer ihren armen Knaben, an den das innigste Wohlwollen mich band? Unentschlossen und trostlos wandelte ich nach Hause. Der Abend brach ein, ich fand Julie eingeschlafen und blieb, ihren kleinen Sohn durch leisen Gesang still erhaltend, an dem Fenster sitzen. Der Mond spiegelte sich mit mattem Strahl in den grossen blauen Augen des blassen, sanften Kindes, es sah so vertrauend und doch so wehmuthig zu diesem Nachtgestirn auf, das so oft meine Thranen beleuchtet hatte. Auch jetzt flossen sie langsam und einzeln uber meine angstgluhenden Wangen. Ach in solchen Stunden "gehen die Geister unsrer Sunden vor uns voruber!" Ich hatte nun zu viel gelernt, um mich gegen meinen himmlischen Vater zu emporen, und die Erinnerung meiner fruhern Thorheiten verwies mich auf das dringende Bedurfniss der strengen Schicksalsschule, in der ich mich befunden. Das war ein trauriger, muthloser Abend! Doch er ging voruber und die Stunde kam, wo es dem mit Gott befreundeten Gemuth taglich durch den Gang der Natur, so nahe, so uberzeugend nahe gelegt wird, dass sein Schicksal in einer hohern Hand ruht. Sollten wir ohne diesen Gedanken uns je der sussen Hulflosigkeit des Schlafes hingeben durfen? Erneut er uns nicht jeden Abend den Beweis, dass wir durch die Natur unsers Daseyns genothigt sind, einen so grossen Theil unsers Daseyns hindurch ihm widerstandslos zu vertrauen, und sollte nicht jeden Morgen mit unserm Bewusstseyn der Gedanke erwachen, dass eine hohere Hand uns geschutzt hat? Hulflos und rathlos warf ich mich diesen Abend mit unbedingter Zuversicht an Gottes Vaterherz und erwachte am Morgen mit gestarktem Muth und dem heiligen Vorsatz, heute jeden, auch den bittersten Schritt zu thun, um mich aus meiner Noth zu erheben.
Das einzige Mittel, das ich zum vortheilhaftern Verkauf meiner Arbeiten und vielleicht zu sicheren Bestellungen hatte ersinnen konnen, war, die Gefalligkeit unsrer Hausfrau anzusprechen, dass sie solche in den Hausern, wo sie ihr Beruf hinfuhrte, anbieten mochte. Dieser Entschluss kostete mir unaussprechlich viel. Frau Campell war bisher keineswegs von meiner Lage unterrichtet; nicht dass ich mich schamte, arm zu seyn, oder um des Unterhalts willen zu arbeiten ich hatte mich fur glucklich gehalten, hatte ich, so wie diese wackre Frau, auf Wochen hinaus gewusst, wer mir meine redliche Anstrengung bezahlen wollte; aber dieses Anbieten bunten Spielwerks, das der vernunftige Tagelohner ohnehin mit Geringschatzung als ein Bedurfniss des mussigen Reichen ansehen muss, schien mir dem Betteln so ahnlich zu seyn, dass ich furchtete, Frau Campells Meinung von mir wurde dadurch leiden. Schwer liess sich mein widerspenstiges Herz beschwichtigen, und mit einem Herzklopfen, das mir den Athem benahm, bat ich meine gutige Wittwe, den Auftrag zu ubernehmen. Sie war herzlich geneigt dazu, that mir eine Menge Fragen uber den Gebrauch, den Preis der Waare, die mehr ihren guten Willen, als ihre Fassungskraft bewiesen und mich an Cecile Graham erinnerten, deren naturlicher Scharfsinn mir gewiss diese peinlichen Einzelnheiten erspart hatte. Schliesslich band ich ihr aufs dringendste ein, in ihrem Ausbieten der Waaren nicht zudringlich zu seyn und meinen Namen streng zu verschweigen.
Den ersten Tag brachte sie meine armen Kunsteleien, ohne ein Stuck verkauft zu haben, zuruck, und ich musste sie, um fur den heutigen Tag leben zu konnen, um einen sehr herabgesetzten Preis meinem ehemaligen Kaufmann uberlassen. Den zweiten Tag gluckte es besser: sie verkaufte ein kleines gemaltes Korbchen theurer, als ich es angeschlagen hatte, ja sie uberbrachte mir zugleich von Seiten der Kauferin die Bestellung, ein ganzes Dutzend Caminfacher zu verfertigen. Man wunschte sie so niedlich wie moglich, ohne mir einen Preis vorzuschreiben; die Dame machte mir nur die einzige Bedingung, dass ich selbst zu ihr kommen mochte, um die Arbeit mit ihr zu verabreden. Diese war mir sehr peinlich; in der Lage, wo ich mich befand, konnte ich sie aber nicht abschlagen. Die arme Julie war uber unser gutes Gluck kindisch entzuckt. "O nun bekomme ich das Glas Burgunder, um das ich Sie schon zwei Tage lang vergeblich gebeten!" Seit zwei Tagen weigerte sie sich hartnackig, unsre einfache, doch leichte Nahrung zu geniessen, und klagte Tag und Nacht, dass sie vergeblich nach dem einzigen Labsal lechze, welches ihrem kranken Korper Krafte zu geben vermochte. Bei dem Fieber, das sie verzehrte, bei dem Husten, der ihr ganzes Wesen erschutterte, konnte Burgunder kein angemessner Genuss fur sie seyn; mein weniges Geld reichte auch nicht hin, ihn zu kaufen, und wenn ich diese Ausgabe erzwungen hatte, war ich gewohnt, dass kranker Ekel ihr jede noch so ersehnte Befriedigung, sobald sie ihr gewahrt wurde, widrig machte. Nothgedrungen und aus Ueberlegung hatte ich ihrem Verlangen nach diesem Glas Burgunder widerstanden und sagte auch jetzt: "Liebe Julie, wir mussen auf etwas Anderes zu Ihrer Labung denken. Alles Geld, das wir besitzen, reicht, wenn wir die morgen an Frau Campell zu bezahlende Miethe abziehen, nicht hin, Burgunder zu kaufen." "Frau Campell kann warten; die braucht das Geld nicht so dringend." "Liebe Freundin, wenn man jeden Tag nur fur den Tag erwirbt, kann man nicht Schulden machen; man hat kein Recht dazu, weil der Tag, wo man bezahlen konnte, vielleicht nie herbeikommt." "O so eine kleine Schuld! aber ich weiss wohl, ich habe nicht das Recht, solche Opfer von Ihnen zu verlangen. Ich habe es nicht um Sie verdient; aber um meines armen Kindes willen, das ohnehin bald eine Waise werden muss ..." Hier unterbrach sie sich selbst und weinte fort. Mir zersprang fast das Herz vor Wehmuth und Unwillen. Der letzte, weil ich aus hundertfacher Beobachtung wusste, dass sie nie an den Tod dachte, und der traurige Schluss ihrer Rede nur mich erweichen sollte. Fest entschlossen, auf meiner wohlbegrundeten Weigerung zu bestehen, begab ich mich, ohne ihr zu antworten, hinweg. Nachdem ich ein paar Stunden, an Frau Campells Kuchenfenster sitzend, gearbeitet hatte, kehrte ich in mein Zimmer zuruck, wo ich zu meinem Befremden Julie an der Thur begegnete, die mir entgegen rief: "Ach, ich dachte, Sie kamen nie wieder! Wo ist der Wein?" "Liebe Julie", antwortete ich, untrostlich uber ihre Beharrlichkeit, "ich kann Ihrer Forderung nicht genugen."
Sie hatte sich eingebildet, mich uberredet zu haben; die Fehlschlagung brachte sie jetzt dergestalt auf, dass sie durch das Weinen in einen Anfall von Husten gerieth, der endlich einen Brustkrampf erregte, wodurch ihr Leben augenscheinlich zu erloschen bedroht war. Frau Campell, die glucklicher Weise zu Hause war, holte einen Apothekergesellen herbei, dem es gelang, durch einige Opiate den Krampf zu stillen; eine todtliche Schwache folgte ihm, die nach kurzer Zeit jedoch in einen ruhigen Schlaf uberging. Wahrend ich die Nacht an ihrem Bette verwachte, dachte ich mit Schauder an die Vorwurfe, die ich mir wurde gemacht haben, wenn Julie in diesem durch meine Schuld veranlassten Anfall den Tod gefunden hatte. Mein Verfahren konnte ich nicht tadeln, es war die Frucht eines schweren Siegs der Vernunft uber meine Weichheit; allein die schnelle Hulfe, welche "des Doctors", wie ihn meine Wittwe nannte, einfache Arznei gewahrt hatte, machte mir die Nothwendigkeit einleuchtend, arztliche Hulfe fur die arme Kranke zu suchen. Bisher hatte ich geglaubt, meine geringe Einsicht in ihr Uebel konne mich hinlanglich bei dessen Behandlung leiten; allein jetzt war mir die Moglichkeit ihres Todes, bevor sie ihre Gefahr eingestehe, bevor sie ihre Gedanken zu der grossen Verwandlung gesammelt, nahe getreten, und ich dankte Gott fur die Aussicht, durch die mir aufgetragne Arbeit einen hinlanglichen Erwerb hoffen zu durfen, um sogleich einen Arzt fur Julie zu bestellen. Diese Betrachtungen hatten meine Abneigung gegen den mir bevorstehenden Besuch ganzlich vertilgt, so dass ich mich, zwar sehr schuchtern, aber freudiges Muthes auf den Weg gemacht hatte, ware mir nicht eine neue qualende Nothwendigkeit klar geworden. Die aufgetragne Arbeit sollte mir einen reichern Gewinn geben, allein sie erforderte auch langere Zeit, und mein Bedurfniss verlangte einen taglichen Zuschuss; ich sah mich also nothgedrungen, von meiner neuen Wohlthaterin einen Theil der Bezahlung imvoraus zu erbitten, um so mehr, da ich Stoff zu dieser Arbeit einkaufen musste eine unerschwingliche Ausgabe in meinem Verhaltniss. Doch da mir meine Vernunft sagte, dass ein grosser Theil Arbeiterinnen in diesem Fall seyn durften, und eine solche Forderung mit Almosenheischen nichts gemein hatte, uberwand ich meine Scheu und trat ziemlich gefasst in das Haus. Man wies mich zu einer altlichen Frau von sehr angenehmem Aeussern; der angemessne Ernst in ihrer Kleidung, ihre Haltung forderten die ihrem Alter gebuhrende Ehrerbietung, wobei doch die Gute und Heiterkeit ihres Wesens die Jugend anziehen musste. Sie empfing mich mehr wie hoflich und begann sogleich ein Gesprach mit mir, dem sie eine so leichte Wendung zu geben wusste, dass ich alle Verlegenheit ablegte. Bald nahm ich wahr, dass der gunstige Eindruck gegenseitig sey, was mich nicht weiter wunderte, da die Dame mir einen Wink gab, dass die gute Wittwe Campell ihr in der Dankbarkeit ihres redlichen Herzens von mir erzahlt hatte. Erst nach einem langen Gesprach kam sie auf die schonendste Weise auf meine Arbeit zu sprechen, verabredete die Darstellungen, welche ich auf den Fachern anbringen sollte, mit so viel Geist wie Geschmack, und gab mir sehr verbindlich zu verstehen, dass ich den Preis ganz nach meiner Muhe ansetzen sollte. Jetzt war nun der Augenblick gekommen, wo ich mein Gesuch anbringen sollte; aber eben darum, weil mich diese Frau nach so langer, langer Zeit wieder auf den Platz gesetzt hatte, fur den meine ehemalige Bildung mich bestimmte, fand ichs um so schwerer, auch sogleich wieder zu der Rolle der Geldbedurftigen herabzusinken. Der Muth verliess mich, ich ward stumm und zerstreut, meine Zunge versagte mir ihren Dienst aber dann fiel mir Juliens elender Zustand ein, die Nothwendigkeit, mir selbst Mittel zur Arbeit zu verschaffen, und ich stammelte: "ich hatte wohl um eine Gunst zu bitten ..." aber mehr hervorzubringen, war mir unmoglich. Die edle Frau sah mir fragend ins Gesicht, fasste meine Hand und sagte: "Ich wunschte, Sie sahen mich als eine alte Bekannte an; mir ists wirklich zu Sinn, als habe ich Sie schon in der Wiege gekannt." Vor so viel Gute schwand meine Widerspenstigkeit; "ja", rief ich mit hervordringenden Thranen, "Sie sind gutig, ich sehe, Sie sind es; und ich sollte nicht diese Zuruckhaltung fuhlen ... ich sollte gestehen, dass mich die ausserste Nothwendigkeit antreibt ..." Hier schwieg ich wieder; aber die Dame hatte ihren Geldbeutel schon in der Hand: "Ich sollte Ihnen schmalen", rief sie freundlich, "denn Sie flossen mir den Verdacht ein, zu denen zu gehoren, die Gottes Gute nur dann erkennen wollen, wenn er sie unmittelbar in ihre eignen Hande legt." Der Vorwurf that mir weh. Ich fand die Sprache wieder und sagte ihr, worin eigentlich meine Forderung bestanden hatte; aber im Sprechen erkannte ich, dass ihr Vorwurf doch einigen Grund hatte, und setzte hinzu: "Doch schmalen Sie nur, ich habe es einigermassen verdient, denn mir fehlt immer noch die Demuth, mit der jede Gabe Gottes von einem armen Geschopf, das sie so oft nicht verdient hat, angenommen werden sollte." Die Dame schien meine Art und Weise ganz zu verstehen: sie gab mir nun so viel und auf die Bedingungen, wie ich es wollte, ohne mir mehr aufzudringen. Bei meinem Abschied fragte sie nach meinem Namen, den ihr Frau Campell, meinem Verbot zufolge, nicht genannt hatte. Ich errothete uber meine immer wieder auftauchende Eitelkeit und sagte: "Es war wieder eine Schwache von mir, ihn zu verschweigen. Ich weiss, Ellen Percy ist dadurch nicht beschimpft, dass sie durch ihre Arbeit ihren Unterhalt erwirbt." "Percy!" rief die Dame, als wenn sie sich plotzlich an etwas erinnerte. "Aber Frau Campell sagte, Sie hatten in Schottland gar keine Bekanntschaften. Kaum die allerentfernteste." "So konnen Sie es doch nicht seyn, von der sie sprachen" sagte sie wie im Selbstgesprach, indem sie sich zu ihrem Schreibtisch wendete, wo offne Briefe lagen, gleichsam als deute sie auf den Inhalt. Gern hatte ich um eine Erklarung gebeten; allein da die Dame nichts hinzusetzte, war ich zu schuchtern und begab mich, sehr neugierig, hinweg. Hatte ich Zeit gehabt, so mochte ich mich wohl mit Errathen und Luftschlossern beschaftigt haben; von diesem Zeitvertreib hatte mich aber die ernste Wirklichkeit ziemlich geheilt, und jetzt forderte mich Juliens Zustand auf, mich mit ganz andern Dingen zu beschaftigen. Da ich einen Arzt fur sie zu Rathe zu ziehen gedachte, fiel mir der Mann ein, der in meinem furchterlichen Verwahrsam sich meiner so thatig angenommen, und, durch sein Betragen gegen mich von seiner Menschlichkeit uberzeugt, liess ich ihn um einen Besuch bitten. Er kam ungesaumt, freute sich ohne viele Worte uber meine bluhende Gesundheit und ging sogleich auf den Zweck seiner Einladung los. Wahrend er Julie befragte, beobachtete ich ihn wohl und nahm wahr, dass er ihren Zustand fur hoffnungslos hielt; indess sie mit dem traurigsten Selbstbetrug ihm die Beobachtungen, die er selbst machte, abstritt. Er verliess sie, ohne eine Verordnung zu machen. Ich folgte ihm aus der Thur und fragte, ihn aufhaltend: "Haben Sie mir gar keine Anweisung fur die Kranke zu geben?" "Gar keine, als sie treiben zu lassen, was sie noch freut. In weniger wie einer Woche ist es mit ihr voruber." Kaum hatte er diese furchterlichen Worte ausgesprochen, so horte ich einen schweren Fall, und wie ich in das Zimmer zuruckflog, lag Julie besinnungslos am Boden. Sie hatte aus des Doctors Betragen und meinem Eifer, ihn zu begleiten, Verdacht geschopft, hatte die Thur leise geoffnet und unser Gesprach leise behorcht. Das uber ihr Leben ausgesprochne Urtheil hatte sie der Besinnung beraubt; muhselig brachten wir sie ins Leben zuruck. Ach, sie begrusste es mit dem wehklagenden Geschrei: ich soll sterben, ich soll sterben! und alles Zureden, allen Trost von sich weisend, wiederholte sie, deren armer Kopf nun weiter keinen Gedanken zu fassen fahig war, unaufhorlich diese Worte, bis die erliegende Natur ihr in einem unruhigen Schlummer Stillschweigen gebot.
Auch mir war heute der Schlaf eine willkommene Wohlthat, so dass mein letzter Gedanke, ehe er mich in susse Vergessenheit hullte, ein herzlicher Dank war, dass der kleine Knabe heute nicht, wie es wohl oft der Fall war, durch sein Weinen meine wenigen Ruhestunden verkurzte. Bei meinem Erwachen fand ich Julie so still, und sie lag so unbeweglich, dass ich mich mit Aengstlichkeit ihrer Athemzuge versicherte. Zu meinem Erstaunen schien sie, ohne mich zu rufen, schon eine Weile gewacht zu haben. Sobald sie mich aber erblickte, fragte sie mit einer Art Gleichgultigkeit: "Hat denn der Doctor *** den Ruf eines geschickten Mannes? Er schien von meiner Krankheit gar nichts wahrzunehmen, als was ich ihm selbst sagte, und das missverstand er dennoch ganz und gar." Die Beharrlichkeit, mit der sie auf ihrer Selbsttauschung bestand, war mir unendlich schmerzlich; ich wiederholte meine gute Meinung von des Arztes Geschicklichkeit und setzte hinzu, dass sein Urtheil eigentlich aber gar nichts bestimme. Wenn sie das, was ihr vor ihrem Ende zu thun ubrig bliebe, gewissenhaft vollbringe, sey es ja ziemlich gleichgultig, ob er dieses fern oder nahe hielt. Sie schwieg eine Weile, dann sagte sie mit einem tiefen Seufzer: "Sie haben recht. Kommen Sie neben mein Bett, ich will Ihnen einen Brief an meinen Bruder dictiren." Ich willfahrte ihr, sobald es mein kleiner Haushalt vergonnte, und darauf sagte sie mir einen Brief in die Feder, uber dessen Klarheit und Zweckmassigkeit ich erstaunte. Sie nannte und bezeichnete die Personen, welche in ihrer Sache zu ihren Gunsten Zeugniss geben konnten, und nahm Herrn Arnolds herrschende Leidenschaft hochst geschickt in Anspruch, indem sie ihm begreiflich machte, dass er, sobald die Legitimitat von seinem Neffen erwiesen sey, als Oheim und naturlicher Vormund, nach Lord Glendowers Tode mit der Verwaltung des ganzlichen Vermogens von funfundzwanzig tausend Pfund Einkunften beauftragt werden musse. Mit unruhigem Ruckblick auf mich selbst sah ich hier ein neues Beispiel, wie klar wir Andrer Fehler einsehen, indess wir uber die unsern in steter Tauschung verbleiben. Ich hoffte, dass sie die Krafte, welche ihr ein erquickender Schlaf schien gegeben zu haben, nun auch zu einem noch viel ernstern Geschaft, als die zeitliche Wohlfahrt ihres Kindes zu begrunden, anwenden wurde; ich hoffte, sie wurde ihrem Bruder uber dessen Erziehung etwas sagen, wurde einen kraftigern Zuspruch, wie den meinen, uber ihre nachste grosse Zukunft verlangen; aber die fluchtige Helle ihres Geistes war schon voruber; ehe der Brief noch geschlossen ward, schweiften ihre Gedanken ab, und ein halb traumender Zustand machte sie zu jedem Nachdenken unfahig.
Meine nachste Beschaftigung war nun, die Zeichnungen zu meiner mir aufgetragnen Arbeit zu entwerfen. Leider war Frau Campells Tochterchen heute durch Hausarbeit verhindert, mit dem kleinen Glendower zu spielen, es blieb mir daher nichts ubrig, als ihn mit der einen Hand auf meinen Knien zu halten, ein Korbchen mit den bunten Abschnitzeln meiner Arbeit vor ihm, in welcher er unruhig umherwuhlte, indess ich mit der andern Hand den ersten Entwurf zu meinen Zeichnungen versuchte. In diesem Augenblick offnete sich leise die Thur, und die Dame, bei der ich mich gestern vorgestellt hatte, trat mit einer jungern ein, die auf den ersten Anblick meine Aufmerksamkeit fesselte. Sie hatte eine majestatische, im schonsten Ebenmass gebildete Gestalt; ihre Haut, wenn gleich von der Farbe, die sich zu braunem Haar paart, war durchsichtig, und wenn gleich fur die krankelnde Zartheit einer londner Schonen zu hoch gefarbt, gewann sie durch das Roth der Gesundheit ihrer Wangen. Ihre schwarzen, etwas grade gezeichneten Augenbraunen lagen nahe uber so dunkeln, leuchtenden Augen, dass ihre eigentliche Farbe nicht zu unterscheiden war, und fur die Weisse ihrer Zahne war das alte poetische Bild orientalischer Perlen zu matt. Die Lieblichkeit ihres Lachelns ware eben so schwer zu schildern. Wahr ist es, sie konnte neben einer zartgebauten Nymphe etwas zu breitschultrig aussehen, aber ihre Formen waren hochst weiblich, ihre Bewegungen mild und behende. Sobald sie ihre Begleiterin als Charlotte Graham eingefuhrt hatte, erinnerten mich ihre Zuge an meine gute Cecile; sie glichen sich, wie der rohe Entwurf einer Buste zu ihrer ausgefuhrten Vollendung; auch im Ausdruck fand dieser auffallende Unterschied statt. Cecilens ihrer war ernst, durchdringend und, fur eine so junge Frau, fast streng; Miss Grahams Gesicht war heiter, offen, lebendig, beide aber druckten die Art Scharfsinn aus, welche die Worte dessen, der da redet, bis zu ihrer Quelle verfolgt.
Miss Grahams tiefe Trauerkleider und eine trube Wolke, die zuweilen uber ihr frohliches Gesicht zog, bedeuteten mich, dass irgend ein Todesfall die Familie betroffen haben musste. Ihr Betragen benahm aber auch den Schuchternsten alle Verlegenheit. Es war gebildet, aber nicht modig; hoflich, doch nicht gekunstelt; gutig, ohne den mindesten Anschein von Herablassung; allein in ihrer Haltung, ihren Bewegungen, vor allem in ihrem Gang druckte sich eine Hoheit aus, die es bewiess, dass sie sich nie von der Gegenwart eines Obern gedruckt fuhlte und wohl zu gewahren, aber nicht zu bitten gewohnt war. Diese Eindrucke machte mir die erste Viertelstunde von Miss Grahams Bekanntschaft. Was mir Cecile von ihr gesagt hatte, war ganz geeignet gewesen, ihr meine Bewunderung zu erwerben; allein die unaussprechliche Melodie ihrer Stimme erwarb ihr mit den ersten Worten, die sie mit einer etwas fremden, ihr Vaterland hochst angenehm bezeichnenden Aussprache zu mir sagte, mein Herz. "Wenn Sie uns entschuldigen, im Fall wir Ihnen lastig sind", sprach sie, "so ist mein Gewissen beruhigt; denn ich bin uberzeugt, Sie sind es mit der ich mein Geschaft abthun soll; denn zwei Personen konnen meiner Beschreibung nicht ahnlich sehen." "Sie werden sich erinnern", sagte ihre Begleiterin, indem sie uber meine erstaunten, fragenden Blicke lachelte, "dass ich gestern einer Freundin gegen Sie erwahnte, die ein Frauenzimmer Ihres Namens aufgesucht hatte. Wir durfen nun hoffen, solches in Ihnen gefunden zu haben, und damit muss manche zudringliche Frage entschuldigt werden." "Ich bedarf nur eine beantwortet zu erhalten", sagte Miss Graham. "Sagen Sie mir nur, wer Ihre Eltern waren?" Dieses sagte ich ohne den geringsten Ruckhalt. "Gut", nahm Miss Graham wieder das Wort, "in diesem Fall habe ich die Freude, Ihnen eine angenehme kleine Nachricht zu bringen. Mein Bruder war so glucklich, eine Ihrem Vater schuldige Summe einzutreiben; der Schuldner zahlte sie nur unter der Bedingung aus, dass die Halfte davon in Ihre Hande gegeben, und nur die Halfte der Masse zugewendet werden sollte. Die Sache ist nun gerichtlich abgethan, und Sir William Sorbes wird Ihnen funfzehn hundert Pfund auszahlen." Kaum wird man mir glauben, dass diese Nachricht mir anfangs keine grosse Freude machte. Ach, das kommt nun zu spat! dachte ich, meine Blicke auf die arme Julie heftend, die aus dem Hintergrund des Zimmers diesen Vorgang mit dumpfer Gleichgultigkeit zusah. Doch mein zweiter Gedanke belehrte mich, dass ich undankbar gegen Gott und meine Wohlthater sey, und ich druckte Miss Graham meine Erkenntlichkeit aus. Sie versicherte mich dagegen auf die liebenswurdigste Weise, dass meine Bekanntschaft sie schon weit uber den Werth des kleinen geleisteten Dienstes belohnt habe, und kam meinen weitern Danksagungen durch die Fortsetzung ihres Gesprachs zuvor. "Mein Bruder", sagte sie, "konnte Ihre Spur nur bis zu Miss Mortimer und von da nach Edinburg verfolgen, hier verlor er sie, und da er zu entfernt war, Nachforschungen anzustellen, trug er sie mir auf, und mir war in meinem Geschaft eine Ihrer und meiner sehr dankbaren Schutzlinge, die gute Cecile Graham, behulflich. Sie wies mich an die Boswells; die wollten aber nichts von Ihnen wissen. Mittlerweile kam ich vor wenigen Tagen in die Stadt, ohne zu wissen, welche Wege ich einschlagen sollte, aber fest entschlossen, nicht, ehe ich Sie gefunden, Glen Eredine wiederzusehen" "Ware es moglich, dass ich solch eine grossmuthige Theilnahme bei Fremden erregt haben sollte?" "Nennen Sie mich Fremde, wenn Sie wollen, wenn mir der Name nur einen freundlichen Empfang bei Ihnen verschafft. Doch mein Bruder muss Sie personlich gekannt haben, wenigstens mit Ihrem Vater in sehr genauen Verhaltnissen gewesen seyn, denn er beschrieb mir Ihre Person." "Ja, ja", nahm die altere Dame mit gutmuthigem Scherze das Wort, "die schwarzen Wimpern und das Grubchen in den Wangen." "Das Lacheln hatte Sie mir doch noch leichter verrathen", unterbrach sie Miss Graham. "Wenn ich die Ehre haben sollte, Herrn Kenneth, den ich jedoch nur aus Cecilens Erzahlung gekannt zu haben glaube, wiederzusehen, kann er Ihnen selbst sagen, ob ich seinem Gemalde gleiche", antwortete ich, ebenso verlegen wie geschmeichelt. Miss Grahams Heiterkeit erlosch, und eine Thrane fullte ihr Auge. Ich suchte mir diese sonderbare Erscheinung zu erklaren und dachte, dass Herr Kenneth selbst der Schuldner gewesen und seitdem verstorben sey, weshalb meine Hoffnung, ihn wiederzusehen, der liebenden Schwester so weh thue. Diese fasste sich aber bald wieder und fragte: "Sie erinnern sich also nicht, einen Bruder von mir zu Ihres Vaters Lebzeiten gesehen zu haben?" Ich war beschamt. War Herr Kenneth ein Geschaftsmann gewesen, der meiner Eitelkeit nicht besonders gehuldigt, so konnte er sich sehr wohl unter den vielen Gasten meines Vaters befunden haben, ohne dass ich ihn je bemerkt hatte. "Gut", rief Miss Graham, da sie meine Verlegenheit bemerkte, "ich will dafur sorgen, dass Sie mich nicht also vergessen"; und jetzt wendete sie das Gesprach auf Cecile, ihre Landsleute und den Unterschied zwischen den Hochlandern und den Einwohnern der Ebene. Wenn gleich ihre Unterhaltung uber diesen, wie uber jeden andern Gegenstand, keine besondere Geistesbildung bewies, so verrieth sie doch einen naturlichen Scharfsinn, eine so schnelle und scharfe Beobachtungsgabe, wie ich sie sehr selten angetroffen habe. Ihr Besuch nahm ein Ende, ohne dass ich begreifen konnte, wie er zwei Stunden gedauert habe. Die langentbehrte Wohlthat eines freundschaftlichen Austausches von Gedanken und Gefuhlen hatte mich so entzuckt, dass das unerwartete Gluck, welches sie mir verkundet, mich, so lange sie gegenwartig war, wenig beschaftigte.
Doch die Gelegenheit, es anzuerkennen, stand mir nahe genug. Juliens Zustand war jetzt so hulflos geworden, dass ihre Pflege und die Aufsicht auf ihr armes Kind, obgleich ich nun in. der altesten Campell eine Art Warterin fur dasselbe bezahlte, mir sehr wenige Zeit zu arbeiten liess. Die Kranke war so abgemagert, dass Bewegung und Stilleliegen ihr gleich schmerzhaft bedunkten; meine angstliche Unruhe war das einzige Gefuhl, das der Tod noch nicht in ihr vertilgt hatte; so wie ein kindisches Bewusstseyn ihrer Abhangigkeit von mir die letzte ihrer menschlichen Empfindungen zu seyn schien. Die Furcht vor dem Tode war in stumpfer Unterwurfigkeit unter die Nothwendigkeit untergegangen, und so sah ich sie gleich unbedurftig und unfahig, die grosse Stunde, der sie entgegen ging, wurdig zu bestehen, vor meinen Augen verschmachten. Mit tiefer Wehmuth und unaussprechlichem Danke zu Gott sass ich Tage und Nachte an diesem jammervollen Todbette. Ich war mit dieser Sterbenden jung und thoricht gewesen, mich hatte eine Vaterhand aus dem Strom des Verderbens gerettet, auf den Wogen des Unglucks getragen, und ich fuhlte tief in meinem Herzen: weinen konnte ich noch viel, fehlen noch oft, aber so sterben, so trost- und hoffnungleer sterben wurde ich nie. Dann sann ich nach, was denn mein Verdienst sey, dass ich nicht von jenem Tage an, wo mich meine Verkehrtheit in Lord Friedrichs Hande ubergab, gesunken und zu Grunde gegangen sey, wie meine ungluckliche Gespielin, und gedachte der Demuthigung, die mich damals traf, und des Jammers, der ihr folgte, mit tiefem, innigem Dank. Denn wahrscheinlich hatten sie mich gerettet. Diese Tage lehrten mich, welchen Schatz ich an Charlotte Graham gewonnen hatte. Durch mein Schicksal verschuchtert, wehrte ich mich anfangs vor der Anziehungskraft ihres Wesens und sagte mir oft: um eine wahre Freundin zu seyn, bedarf es mehr, wie dieses liebenswurdige Aeussere. Aber nun, da sie taglich Gesellschaften, in denen Beifall und Freude sie erwarteten, hintansetzte, um die Abende in meiner armlichen Wohnung die Pflege einer Sterbenden zu theilen, ward mir ihre Milde, ihre Geduld, ihre Frommigkeit klar, und wir knupften eine Freundschaft, die gewiss nur der Tod zu scheiden vermag. Sie fuhlte viel zu zart, um mich, so lange Julie meiner bedurfte, zu einer Veranderung meiner Lage zu bewegen; allein mein Besuch in Glen Eredine ward als eine so ausgemachte Sache angenommen, dass sie mich schon wie eine Bewohnerin von ihres Vaters Hause ansah. Sie machte die Eintheilung unsrer Zeit fur jede Stunde des Tags; unsre wissenschaftlichen Uebungen, unsre Lustwanderungen wurden verabredet; alles, was sie beschaftigte, fuhrte sie auf Glen Eredine zuruck; sie beschrieb mir die Naturscenen, die ich zeichnen sollte, den Felsen, wo der Widerhall meiner Harfe sollte antworten; und wenn sie selbst sich auf ihren unablasslichen Traumereien uber ihr Heimathsthal uberraschte, rief sie mit einem glanzenden Blick zum Himmel: "ach, es ist ja auch nirgend so schon"! und legte die gefalteten Hande auf die Brust.
Bei diesem nur ihren edeln Landsleuten eigenen Enthusiasmus fur ihr Land, bei der innigen Ehrfurcht, mit der Miss Graham von ihrem Vater sprach, der, wie sie gestand, durch ihre Abwesenheit eine peinliche Leere empfande, konnte ich nicht begreifen, was sie in Edinburg festhielt. Geschafte schienen es nicht zu seyn, denn nie horte ich solche von ihr erwahnen, und Lustbarkeiten fesselten sie nicht, denn sie brachte ihre meiste Zeit in meiner kummervollen Wohnung zu. Endlich aber war unsre traurige Aufgabe gelost. Mit kaum merklicher Stufenfolge sank Julie aus einem matten Schlummer in die Arme des Todes. Ich fuhlte ihren unterbrochnen Puls, bewachte ihre seltneren Athemzuge; allein ihr Leben schwand so leise, dass mir der Augenblick seiner Flucht nicht bemerklich ward. Ich erfullte die letzte Pflicht der Freundschaft an ihr, ich bereitete sie mit frommen Handen und mancher Thrane der Wehmuth zu ihrem Uebergang ins Grab, ins unbeweinte Grab denn meine Thranen galten ihrem Leben, nicht ihrem Tode und ihr armer Knabe sah neugierig zu, wie die Manner den ungeschmuckten Sarg aus dem Zimmer entfernten.
Zwei Tage nach ihrem Tode empfing ich von ihrem Bruder die Versicherung, die Rechte von Lord Glendowers Erben vertheidigen zu wollen, zugleich auch die Anweisung, das Kind nach dem Tode seiner Mutter zu ihm nach London zu senden. Die Trennung von ihm ward mir unendlich schwer, ja ohne Miss Grahams klare Ansicht der Dinge, hatte ich mich vielleicht von meinem weichen Herzen bewegen lassen, ihn seinem naturlichen Beschutzer zu entziehen. Sie bewies mir aber, dass des Knaben Wohl und meine weibliche Wurde mir nicht erlaube, ihn in meinen Handen zu behalten, dass sein Oheim eben das fur ihn thun wurde, was mir zu thun moglich sey: er wurde ihn in eine gute Pension thun. Sie hatte recht, aber mir schien meine Liebe ein Gewicht, das kein Vernunftgrund aufwiegen konnte. Dennoch erkannte ich die ihrigen an, ich beredete meine gute Frau Campell, gegen eine angemessene Belohnung meinen armen kleinen Liebling selbst nach London zu bringen. Seine Rechte wurden anerkannt; und da Lord Glendower von Lady Maria nie Kinder erhielt, wurden Juliens Sohn alle die Vortheile des Glucks eingeraumt, die seine arme Mutter vergeblich um den Preis ihres Lebens hatte zu erlangen gestrebt.
Nun mich keine unerlassliche Obliegenheit mehr fesselte, gab ich Miss Grahams Bitten nach und ward ihre tagliche Gefahrtin. Edinburg mit seinen historischen Merkwurdigkeiten und seinen Umgebungen, voll der erhabensten Schonheiten der Natur, beschaftigte mich nun auf die anziehendste Weise, unsre Morgen waren den mannichfaltigsten Wanderungen geweiht, und die Abende in Gesellschaften zugebracht, in denen ich, ohne ausserordentliche Vorzuge, alle Annehmlichkeiten vereint fand. Viel feine Sitten, also keine Sonderbarkeiten; allgemeine Bildung, also keine Pedanterei; viel guten Geschmack, also keine auffallenden Einzelnheiten. Von Miss Graham eingefuhrt, fand ich uberall den schmeichelhaftesten Empfang, und die arme Fremde, der es nicht gelingen wollte, Arbeit zu ihrem taglichen Unterhalt zu finden, ward nun, da sie ihren Beitrag zur Kurzweil mussiger Stunden gab, von allen Seiten aufgesucht und bewundert. Nun sah ich mich wieder in der Lage, meinen alten Fehlern Raum zu vergonnen. Wohl nirgends hat weibliche Schonheit so grosse Geltung wie in der Hauptstadt von Schottland. Miss Grahams hohe Gestalt und meine Schlankheit, traten als neue Erscheinungen auf und fanden warme Bewunderer, doch mein Geschmack an diesen Huldigungen war voruber; mir war bei dieser meiner Ruckkehr in die Gesellschaft eine Schuchternheit vor meiner eignen Schwache geblieben, die mir Wachsamkeit gegen mich selbst gebot. Ein genugthuenderes Vergnugen, wie der Beifall der Manner, gab mir Charlottens edle Uneigennutzigkeit in der getheilten Bewunderung der Menge; sie erfreute sich des kleinen Gewichtes, das meine Waagschaale niederdruckte es entstand aus den sieben Jahren frischerer Jugend, die ich vor ihr voraus hatte. Es gingen andre sieben Jahre voruber, und dann gebuhrte ihr der Kranz der Schonheit, denn ihre Zuge, von dem Zauber nie alternden Geistes beseelt, trotzten dem Einfluss der Zeit.
Seit Juliens Tod war es zwischen uns ausgemacht worden, dass ich Miss Charlotte nach Glen Eredine begleiten wurde; mein Aufenthalt in Edinburg gefiel mir aber so wohl, dass ich nicht sehr ungeduldig auf unsere Abreise drang, um so weniger, da meine Freundin, so sehnsuchtsvoll ihre Blicke nach ihren Bergen gerichtet waren, sie doch taglich verschob. Eines Abends, wie wir die Sonne von einer der romantischen Felshohen um Edinburg untergehen sahen, blickte sie begeistert nach Westen und rief: "Ach, sie sinkt hinter Benarde hinab!" "Man sollte glauben, Charlotte", sagte ich lachelnd, "Sie hatten nicht weit von Benarde Jemand bestellt, der mit Ihnen diese letzten Strahlen zugleich begrussen sollte." "Das ist ein empfindsamer Einfall", rief sie lachend, "den konnten Sie gar nicht haben, hatten Sie nicht selbst schon solche fantastische Rendezvous gehabt. Gestehen Sie, Ellen, Sie haben geliebt!" "Ich? nein, ich habe nicht." "Kind, sehen Sie nicht so unschuldig aus! Warten Sie nur, bis Sie Bruder Heinrich kennen lernen! Dann wollen wir sehen, wie es um die Unverletzbarkeit Ihres Herzens aussehen wird." "Grade wie jetzt. Hatte die gefahrdet werden konnen, so ware es schon vorlangst geschehen." "Das ware? Was, liebe Ellen, hat Sie denn so unverletzbar gemacht?" "Die Neigung eines der edelsten und weisesten der Menschen, meine Freundin. Ich hatte einst das Schicksal, die Aufmerksamkeit Ihres Landsmanns, des grossmuthigen, beredten Maitland auf mich zu ziehen." Miss Graham schreckte auf, antwortete aber nicht. "Kannten Sie ihn?" fragte ich, sie ansehend. Hohe Rothe deckte ihr Gesicht; "ja, ja, ich kannte ihn", sagte sie zogernd und schien in tiefe Gedanken zu sinken. Wir schwiegen eine Weile. Charlottens Fassung schien mir ein Geheimniss zu verrathen, in das mein Schicksal verflochten war. Es konnte mich nicht befremden, dass Maitland mit Miss Graham zusammengetroffen, und dass er in ihr alle die Vorzuge gefunden, die sein mannlicher Geist suchte und einst gutevoll sich bemuhen wollte, in mir zu entwickeln. Es kostete mir einen schweren, aber nur kurzen Kampf, meinen unausgebildeten, aber im lebendigen Keim stets noch in meinem Busen schlummernden Hoffnungen zu entsagen. Aber die Vernunft gebot es; die Entsagung gelang, doch dem Schmerz um sie gebot ich nur augenblickliches Schweigen; er sollte mir jetzt die Selbstherrschaft nicht rauben. Jetzt bedurfte ich es, den freimuthigen Verkehr zwischen mir und Charlotten wiederherzustellen; es war mir unleidlich peinigend, neben der Freundin, die mich mit beispielloser Grossmuth behandelt hatte, in diesem Augenblick so abgeschieden zu stehen. Den Uebergang zu finden, ward mir schwer, denn trotz der Freimuthigkeit in Charlottens Betragen, hatte meine Vertraulichkeit mit ihr Grenzen; wenn sie einmal einen Punct angedeutet hatte, den sie nicht beruhrt haben wollte, so getraute ich mich nie mehr ihm zu nahen. Wir wanderten noch stumm neben einander, als sie sagte: "Ellen, Sie sind beleidigt, denn ich that Ihnen eine Frage, die sich selbst die vertrauteste Freundin versagen soll." "Nicht doch, liebste Charlotte, Sie durfen alles fragen; ich will Ihnen gern ..." "Nein, nein! solche Fragen sollen nicht gethan und nicht beantwortet werden. Ist eine Liebe glucklich, so gesteht sie der Liebende gern; ist sie unglucklich, so ist ihr Gestandniss eine Herabwurdigung, die kein Mensch von dem andern fordern darf." Gott! sollte das dein Loos seyn, dachte ich, so soll dein edles Herz wenigstens durch mich nicht leiden, du sollst wissen, dass ich dir nicht im Wege bin. Mit gluhenden Wangen und klopfendem Herzen nahm ich wieder das Wort: "Charlotte", sagte ich, "Sie mussen meine Beichte anhoren, sie ist sehr demuthigend, wenn gleich nicht in der Art, die Sie bezeichnen. Ich muss Herrn Maitland die Gerechtigkeit widerfahren lassen, dass er mich nie in den Fall setzte, ihn ausschlagen zu konnen. Er sah ein, dass ich zu seiner Gattin nicht geschickt war, und in demselben Augenblick, wo er seine Schwachheit eingestand, entsagte er ihr auf immer. Sehen Sie nicht unglaubig aus, Charlotte! Weder ein hubsches Gesicht, noch ein grosses Vermogen, wie ich damals besass, konnten Herrn Maitland verleiten, seine Hand einem herz- und gedankenlosen ... Doch seitdem habe ich mich verandert, sehr verandert. Aber wahrlich, Charlotte, ich stehe Niemandem im Wege, der Maitland so glucklich machen moge, wie ich ...." Ich musste innehalten, und Miss Graham ersparte mir das Ende meiner Rede, indem sie meine Hand liebevoll druckte und sich dann mit einem eben vorbeigehenden Bekannten unterhielt.
Von dieser Zeit an sprach sie, so offen sie sich uber alle Gegenstande ausliess, nie mehr von Maitland, und sie gewann dadurch an Achtung bei mir; denn sie bewies damit, nach meiner Ansicht, sowohl ihre Herrschaft uber ihre eigne Empfindung, als ihre Schonung fur Andere. Jedesmal, wenn ich Charlotte beobachtete, ward es mir rathselhafter, wie Maitland nicht mit ihr sympathetisch empfinden musste. Alle Anlagen, die sich in ihm zu dem Mann ausgebildet hatten, den sein Vaterland ehrte, der seine Freunde begluckte, hatten sich in Charlotten als weibliche Tugenden entwickelt, die sie zur Fuhrung des Hauswesens, zum erfreuenden Mittelpunct des gesellschaftlichen Kreises geschickt machten. Ein Gegenstand, der ihr Gesprach um so haufiger betraf, war ihr Bruder Heinrich, der mit ihr in dem innigsten Verhaltniss zu stehen schien. Da mir aus Cecilens abenteuerlicher Erzahlung ein Zweifel aufgestiegen war, ob die Veranlassung seiner fruhern Auswanderung nicht nachtheiliger fur ihn und seine Angehorigen gewesen seyn mochte, wie der Familienstolz der Hochlanderin eingestehen konnte, war ich zu schuchtern, uber seinen Aufenthalt im Auslande, seine Schicksale, nachzufragen; da ich in Glen Eredine alle diese Umstande zu erfahren hoffte, begnugte ich mich auch immer mit dem, was mir Charlotte zu sagen fur gut fand; und wenn ich Herrn Heinrich hatte schildern sollen, so ware er als funfzehnjahriger Knabe dagestanden, wie er in Plaid gewickelt und den Knotenstock in der Hand, von Bouoghrin herabsteigend, die Kuhe von Glen Eredine wiedergewann. Dass dieses Bild nicht mehr zu dem Heinrich, aus dessen Briefen mir Charlotte oft vorlas, passte, bekummerte mich wenig. Er schrieb ihr wie ein Freund dem Freunde, und doch mit der Zartheit, welche die Verschiedenheit des Geschlechts dem Mann von Gefuhl zur Pflicht macht. Sie war seine Almosenpflegerin, und so wenig er seit langen Jahren in seinem Thale gelebt hatte, kannte er jeden Clansmann und bestimmte ihm die Gabe, die ihm nutzen konnte. Das Ansehen, der Ton, in dem er sie behandelte, hatten etwas Patriarchalisches, und oft, das gestehe ich, konnte ich seine Befehle nicht mit den englischen Begriffen von personlicher Unabhangigkeit vereinigen. Was er gebot, athmete Uneigennutzigkeit und gerechtes Urtheil, er sprach, wie ein unumschrankter Furst, und handelte, wie ein gutiger Vater. Da Charlotte durch seine Auftrage in den Angelegenheiten des Clans in die verschiedensten Verhaltnisse verwickelt ward, und dabei das Schloss ihres Vaters durch die herzlichste Gastfreundlichkeit einer Menge Besucher stets offen stand, schien mir der Aufenthalt daselbst die entgegengesetztesten Beschaftigungen zu vereinigen, und sehr begierig, dieses alles mit eignen Augen zu sehen, horte ich es sehr gern, wie mir Charlotte endlich den Tag unserer Abreise verkundete.
An einem schonen Septembermorgen machten wir uns auf den Weg. Obgleich ich mich an der Seite des Wesens befand, das mir auf Erden das geliebteste war, konnte ich Edinburg doch nicht ohne eine dankbare Thrane verlassen. Ich hatte dort die furchtbarsten Bedrangnisse erlebt, mein Geist war dort gereift, mein Herz gereinigt, und in der letzten Zeit hatte ich dort zum ersten Mal die Freuden der guten Gesellschaft, ohne den thorichten Flitter der grossen Welt, genossen.
Wahrend dem ersten Tag unsrer Reise kamen wir durch ein so reiches, ebnes Land, dass ich, hatte nicht ein dunkel gefarbter Streif den westlichen Horizont bezeichnet, wurde geglaubt haben, in England zu seyn. Ich bewunderte diese Gegend nach meinem englischen Massstab von einem schonen Lande. "O wenn Sie erst mein Thal werden sehen und meine felsigen Hugel!" rief Charlotte und sah auf den dunkelnden Wolkenstreif hin, der alle die Herrlichkeit deckte. Gegen den Abend fing sich dieser Streif an in Hugelformen zu vertheilen, wo graue Felsen die Hohen, und tiefe Schatten die Thaler ahnen liessen. Am folgenden Morgen waren alle Umgebungen verandert; Kornfelder und Laubbaume hatten einformigen Haiden Platz gemacht, hier und da von Schaaftriften unterbrochen, oder da, wo ein Bach durch sie hinfloss, durch das Grun, welches an seinen Ufern entspross. Nur selten erblickte man kleine Birkenhaufchen, gewohnlich drei und drei, deren bebendes Laub in der stillen Oede flusterte. Wenn wir langsam die steilen Hohen hinangefahren waren, bot uns die Aussicht eben so eine Haide, wie wir sie unten verlassen hatten, und stiegen wir in eine kleine Senkung hinab, so war es, um sogleich noch viel hoher zu klimmen. Endlich in einem engen Thal, das uns reich und einladend empfing, zeigten sich menschliche Wohnungen; die Kleidung der Einwohner bedeutete uns, dass wir die Hochlande erreicht hatten. "Mein nie erobertes Land"! nannte es Charlotte. "Wie der Romer die kleinen Menschen in Staub getreten hatte, trieb ihn die Tapferkeit unsrer Vater hinter seine Mauern zuruck. Willkommen, meine Ellen, in dem Hochland, wo nie ein Freund einen Verrather, und nie ein Feind einen Feigling fand!" setzte sie, meine Hand schuttelnd, hinzu, indess ich, noch ungewohnt an diese rauhe Natur, etwas verwundert ihr hochherziges Entzucken mit den uns umgebenden Naturschonheiten zusammenstellte.
Allein noch waren wir fast eine Tagereise von Charlottens Heimathsthal entfernt. Die Berge wurden steiler, die Thaler bekleideten sich mit reicherem Grun, als Charlotte auf einige Gebaude zeigte, den Ort, wo wir sollten zu Mittag speisen und unsern Reisewagen mit einem andern Fuhrwerk vertauschen, weil jener auf den uns nun bevorstehenden Wegen nicht weiter fortzukommen vermochte. Dieser Gasthof war noch einer der besten; die aus Steinen und Rasen zusammengefugten Mauern waren so niedrig, dass ich von dem auf ihnen ruhenden Dach ohne Muhe die schonsten Glockenblumen pfluckte; uberhaupt bot dieses, mit Moos und Schlingpflanzen bedeckt, von Herbstblumen einzeln durchwebt, einen hochst malerischen Anblick dar. Der Schornstein bestand aus einem alten Fass, dessen abgesprungene Reifen mit dicken, aus Haidegras gedrehten Bandern ersetzt waren. Dennoch zeichnete sich dieser Gasthof vor den ihn umgebenden Hutten durch ein Glasfenster an der einen Seite der Thur und ein Schild an der andern aus. Auf diesem war eine Flasche nebst einem Glas gemalt, und mit grossen, erst kurzlich erneuten gelben Buchstaben auf schwarzem Grunde, las man:
Jeder Pilger ist willkommen,
Mag er kommen oder gehn.
Will er in dies Wirthshaus gehn,
Wird er freundlich aufgenommen.
Kaum hatten wir die Hausthur erreicht, so fuhr ein solcher Schwarm von Kindern heraus, dass es mir rathselhaft war, wie sie darin hatten herbergen konnen. Dass sie alle barfuss waren, wunderte mich, da ich von dieser Landessitte schon unterrichtet war, nicht mehr besonders, und ihr ubriger Anzug war mehr abgeschmackt, als armlich. Selbst der kleinste Knabe trug schon die kriegerische Mutze der Bergschotten, ihr Tartan oder kurzer Rock war an einem scharlachrothen oder blauen Kittel befestigt und auf dem Rukken zugeschnurt, als wollte man diesen Naturkindern die Versuchung ersparen, sich dessen eigenmachtig zu entledigen; den Madchen zeigte die Sitte in diesem Stuck mehr Vertrauen, denn ihr Oberkleid, das in einer weiten Jacke, oder einem Stuck farbigen, um die Schulter geworfenen Tuch bestand, war unter dem Kinn, vermittelst einer grossen metallnen Nadel oder holzernem Pflock zugehalten. Dieser abgeschmackte Anblick ward durch den unpassenden Ernst ihres Benehmens noch erhoht. Sie sahen vielmehr ehrbaren alten Familiengemalden, wie lebend jugendlichen Geschopfen ahnlich. Schweigend und sich neigend sahen uns die Madchen vorubergehen, und die Knaben, ihre Mutze in der Hand haltend, blickten uns ehrenvest nach. Die Hutte war in zwei Theile geschieden, deren einer, wie ich bald durch den Rauch unterschied, mit Bauern, die um einen Haufen gluhender Kohlen, auf dem Fussboden gelagert, angefullt war; Miss Graham und ich begaben uns in den andern, als Staatszimmer geachteten, Theil. Man mochte, um ihn uns einzuraumen, erst so eben die Gaste herausgeschickt haben, denn auf dem gestampften Lehmboden und auf dem eichnen Tische lagen noch die Kaserinden, Gerstenkuchen und angeschnittnen Zwiebeln, um kleine Landseen von Whisky gestreut. Die gute Wirthin hob aber diesen kleinen Uebelstand zu ihrer volligen Beruhigung, indem sie mit dem Zipfel ihrer Schurze uber den Tisch hinfuhr und mit sichtbarer Freude wahrnahm, wie sogleich der Haushund und ein paar Huhner den Boden von den nahrhaften Resten sauberten. Wahrend dem begann sie mit Miss Graham ein Gesprach, in welchem sie alle mogliche Fragen anbrachte, nur nicht die, welche ich bei meinem Eintritt in jeden Gasthof von jeher zuerst gehort hatte: was wir zum Mittagsessen verlangten. Allein das ware auch eine zwecklose Frage gewesen, denn auf unser Nachforschen erfuhren wir, dass alle Moglichkeiten auf eine alte Henne beschrankt waren. Alsobald erschien eine rustige Bauerin mit rothen, bis an die Knie nackten Beinen und blossem Kopf, dessen Haar nur mit einem blauen Zwirnband aufgeknupft war; sie legte Reisig in den Camin denn mit diesem war das Gemach versehen kniete am Boden, fasste ihr kurzes Rockchen mit beiden Handen und fachte aufs geschickteste die Flamme an. Jetzt trat auch unser Wirth in seiner eigenthumlichen Landestracht ein. Zu meinem Erstaunen reichte er Miss Graham seine Hand zum freundschaftlichen Gruss, setzte sich ohne Umstande zwischen uns nieder und begann ein politisches Gesprach Eben so emport uber seine Unverschamtheit als uber die Hoflichkeit, mit welcher Miss Graham sie duldete, suchte ich jener durch meine Bitte um ein Glas Wasser ein Ende zu machen. Ohne sich zu ruhren, trug er der Magd mein Verlangen auf und setzte seine Unterredung fort. Sobald ich dazu kommen konnte, warf ich Charlotten ihre nachsichtige Gutmuthigkeit vor; sie sah mich aber verwundert an und sagte: "Nun? was sollte ich denn thun? Es ist ein vernunftiger Mann und ein Gentleman dazu." "Gentleman!" rief ich spottend. "Und warum das nicht? Er ist meines Vaters Vetter im dritten Glied und mit der besten Familie in Perthshire verwandt." Es war offenbar, dass Miss Graham und ich mit dem Worte Gentleman einen verschiedenen Sinn verbanden. Vermoge seiner Vorfahren musste ich aber dennoch diesem Gentleman Platz an unserm Esstisch gestatten. Unsre ungluckliche Henne hatte ein grosses Stuck frischen Lachs zur Begleitung, von welchem Miss Graham mich bat, um unsrer Wirthin willen zu kosten. Gegen das Ende der Mahlzeit schob die Wirthin eine grosse holzerne Bettstatt von der Wand, offnete einen Mauerschrank und nahm einen grossen Kase nebst einem Topf gesalzner Butter heraus, welches beides sie vor uns auf den Tisch stellte; dazu brachte sie uns frische Haferkuchen, die auf der wollnen Decke des besagten Betts zum Abkuhlen ausgebreitet gewesen waren. Ich mochte meinen Ekel nicht sorgfaltig genug verbergen, denn die junge Bauerin sagte sogleich: "Es ist einzig, um sie reinlich zu erhalten; denn man ist nirgend sicher, dass nicht Russtropfen herabfallen, als unter dem Betthimmel das Bett hatte oben eine Bretterdecke, die vor Alters Betthimmel hiess.
Unerachtet dieser Entschuldigung hatte mich ein solcher Widerwille ergriffen, dass ich sehr froh war, unsre Pferde ankommen zu horen, und mit Verlangen an die Thur lief, um die uns vom Schloss Eredine entgegengeschickte Begleitung zu sehen. Sie bestand in drei kleinen Pferden, zwei fur Miss Graham und mich, und das dritte zum Fortbringen unsers Gepacks. Das letzte war, ungefahr wie ein Zigeuneresel, auf jeder Seite mit einem Korbe versehen, die beide mittels ein paar Stricken uber seinen Rucken gehangt waren. Ein Packknecht stopfte Miss Grahams Mantelsack in den einen, und wie er wahrnahm, dass der meine fur den gegenuberhangenden zu leicht sey, fullte er den ubrigen Raum mit einigen Torfklosen aus, um das Gleichgewicht zu erzwecken. Ausser diesem Packknecht waren wir eine jede mit einer Art Laufer versehen, der neben den Pferden herlief und die Obliegenheit hatte, sie bei beschwerlichen Stellen zu fuhren; endlich erblickte ich noch ein halbes Dutzend derbe Hochlander, die ohne eine andre Verbindlichkeit, als die Liebe zu ihrem Hauptling, diese vierzehn Meilen zu Fuss hergekommen waren, seine Tochter ins Vaterhaus zuruck zu geleiten.
Also gerustet, zogen wir aus. Unsre Begleiter schienen ohne alle Anstrengung Schritt mit den Pferden zu halten, und mit ihnen allen unterhielt sich gelegentlich Miss Graham in ihrer Landessprache, sie antworteten ihr bereitwillig und ohne alle Scheu, doch keiner sprach sie unaufgefordert an, noch willigte je einer von ihnen ein, so lange sie mit ihm sprach, sein Haupt zu bedecken. Heinrichs Name ward so oft in allen diesen Gesprachen genannt, dass ich sehr neugierig wurde, deren Gegenstand zu erfahren. Obschon ich mit Charlottens Hulfe mein Erlernen des Gaelischen fortgesetzt hatte, war es mir doch zu wenig gelaufig, um diese Landleute zu verstehen, und Charlotte fing an uber meine Fragen um ihren Bruder so listig zu lachen, dass ich sie um einen Aufschluss zu bitten Bedenken trug. Endlich konnte ichs aber doch nicht lassen; ich sah so unbefangen wie moglich aus und fragte: "Charlotte, von was spricht der Knecht mit solchem Eifer?" "Mein Freund Kenneth", antwortete sie mit Nachdruck, "erinnert mich daran, wie Heinrich einst seiner Amme Schaafe aus dem Schnee rettete. Fragen Sie ihn selbst, er spricht englisch. Kenneth! die arme Miss Percy kann kein Gaelisch; erzahlt ihr die Geschichte auf Englisch! Fur euern Freund Heinrich sprecht ihr ja gern ein gutes Wort." Der Mann grusste ehrerbietig, doch ohne den Rucken zu beugen, und sagte: "wenn er hier ware, bedurfte er keines Andern, um einer jungen Dame ein gut Wort fur sich zu sagen." Darauf erzahlte er sehr umstandlich, wie Heinrich und er die felsige Seite des Benarde hinangestiegen seyen, um beim tiefsten Schnee von einem Felsen, mitten in einem rundum eingeschlossnen Abgrund, die Schaafe eines Huttenbewohners nach Hause zu holen. "Ist euch denn in den Hochlanden das Leben um einige wenige Schaafe feil?" fragte ich. "Meint Ihr nicht, Lady, dass ich das Recht hatte, fur meiner Mutter kleine Heerde das Leben zu wagen? Und das wisst Ihr wohl, dass es mir nicht zukam, dem jungen Herrn es zu verbieten. Sein Leben! Alle Schaafe in Argyll waren nicht kostbar genug, um ein Haar seines Hauptes zu erkaufen. Darauf wendete er sich zu meinem eigentlichen Begleiter und sagte mit grossem Ausdruck eine gaelische Phrase, die ich ihn bat mir zu ubersetzen, sie besagte: "Ein Mann kann seinen Freund lieben, aber sein Pflegbruder ist ein Theil seines Herzens." "Meine Mutter", nahm Kenneth wieder das Wort, "wurde an jenem Tage, hatte Herr Heinrich mich nicht begleitet, das liebste Lamm ihrer Heerde verloren haben. Die Kalte packte mich, ich wollte mit Gewalt einen Augenblick schlummern, das litt er nicht; aber furder zu gehen, war ich zu betaubt; da zog er mich, er trug, er schleppte mich ich weiss nicht, wie er mich grossen Kerl die Felsen hinan mit sich fortbrachte; wie ich aber meine Augen wieder offnete, sah ich meine Mutter vor mir, die rief: ""Er hat mir die Stutze meines Alters gerettet."" Nun, Gott segne es ihm um ihretwillen! ohne seine Hulfe hatte eine fremde Hand ihr Grab mit Rasen bedeckt." Kenneth hatte seiner Lady Befehl erfullt, jetzt zog er sich wieder bescheiden zuruck, als gebuhre es ihm nicht, die Aufmerksamkeit zu fesseln.
Wahrlich, Charlotte, rief ich bewegt, Sie sind die glucklichste Schwester in der Welt! Wie innig wird dieser Ihr Bruder geliebt! Aber wie glucklich ist auch eine Lebensweise, bei welcher der Mensch noch dem Menschen so nahe steht! So eine treue Anhanglichkeit hatte ich bisher nur in Romanen gekannt." Charlotte sah mich mit ausdrucksvollem Erstaunen an; sie mochte eben so wenig mich beschuldigen wollen, dass ich nie verstanden hatte, wahre Anhanglichkeit aufzuspuren, noch meine Landsleute, dass sie nicht fahig seyen, dergleichen fur einander zu empfinden. "Wie sollten denn Heinrich und seine Freunde einander vergessen konnen?" sagte sie nach einer Pause, in der ihr Blick einen nachsinnenden Ausdruck annahm, als suche sie sich meine Unwissenheit in der Sache der bessern Menschheit zu erklaren. "Unsre herzliche Lebensweise mag wohl dazu beitragen, diese Gefuhle zu erhalten, und in Heinrichs Seele, wo alles Schone doppelt kraftig ist, gluhten sie auch wohl vorzuglich lebendig. Ich erinnre mich unter andern, dass er in einem Zeitpunct seines Lebens, wo Fehlschlagung und Arbeit ihn sehr schwer belasteten, mir auftrug, seiner alten Amme ein neues Bett verfertigen zu lassen. Er mochte in seinen schlaflosen Nachten sich erinnert haben, dass das Lager der Alten nicht zum bessten seyn moge." Das Letzte setzte sie, seine Wohlthatigkeit sich selbst erklarend, lachelnd hinzu. "Wie konnte aber Ihr Bruder, wie konnten Ihre Eltern zugeben, dass ein bloses Vorurtheil ihn vom Vaterland entfernte? Er konnte doch unmoglich im Ernste sich ein Gewissen daraus machen, gegen einen wirklichen Rauber, einen Taugenichts, der sein Leben sogar angriff, zu zeugen." "Doch wohl! Neil Roy war ein Gentleman und in mancher Rucksicht ein wackrer Mann. Ausserdem, wenn die Bestrafung mit dem Vergehen in gar keinem Verhaltniss steht, ist es widrig, zu ihr beizutragen. Dennoch ist es nicht diese Begebenheit allein, die Heinrich in die Fremde trieb. Cecile hat Sie nicht ganz gut unterrichtet. Sie wissen, meine Mutter war eine Fremde, und obschon eine der allerwurdigsten Frauen, war es doch naturlich, dass sie ein gunstiges Vorurtheil fur ihr Vaterland behielt; mein Vater wollte Heinrich eine Pachtung geben. oder ihn zum Geistlichen machen, welches meiner Mutter aber ebenso schrecklich vorkam, als wolle man ihn lebendig begraben. Allein ohne die Geschichte mit Neil Roy wurde sie es doch haben uber sich ergehen lassen mussen; diese gab ihr aber Mittel, den Vater zu bereden, dass er ihn fortschickte. Heinrich ward demnach ein Friedensopfer fur meiner Mutter Verwandten, die seit ihrer Heirath mit einem hochlander Rebellen, wie sie meinen edeln Vater zu nennen beliebten, keinen Verkehr mehr mit ihr hatten gestatten wollen. O Ellen, oft druckt es mir schwer das Herz, dass Heinrich diesen Menschen, die meinen Vater von oben herab anzusehen wagten, die geringste Verbindlichkeit gehabt haben soll! Doch was auch geschehen mag, Heinrich kann nimmer seinen Gehorsam gegen seine Eltern bereuen."
Miss Graham sprach so unbesorgt, als sassen wir im verschlossnen Zimmer; denn sobald unser Gefolge wahrnahm, dass wir, unsre Pferde nebeneinander haltend, ein Gesprach begonnen hatten, hielt es sich in einer so ehrerbietigen Entfernung, dass keiner uns vernehmen konnte. Jetzt nahten sich aber unsre Stallmeister, fassten unsre Pferde am Zugel, und, indem die andern Manner, vor uns hergehend, die grossen Steine aus dem Wege raumten, fuhrten sie uns um den Vorsprung eines sehr steilen Hugels herum. Unwillkurlich hefteten sich meine Augen auf die tiefe Schlucht im Grunde des Thales neben dem Wege. Ich sah, dass ein falscher Schritt meines Pferdes mich einige Hundert Fuss in sie hinabschleudern musste. Die goldnen Wolken, die im Westen schwammen, erhellten unsern Pfad, die Schlucht aber lag in tiefes Dunkel gehullt. Die Hochlandswege waren mir noch fremd, und dieser angstigte mich so sehr, dass ich gegen meinen Fuhrer den Wunsch abzusteigen ausserte. In diesem Augenblick rief Charlotte mit einer Stimme des Entzuckens, als habe sie eine langst ersehnte Erscheinung begrusst: "Benarde!" Ich blickte erschrocken auf und sah zwischen mir und dem gluhenden Sonnenuntergang sich ein hohes Felsenhaupt erheben, indess blauliche Dunste von seinen Abhangen in das Thal herabflossen.
Jetzt wand sich unser Weg rund um den Berg abwarts. Reich in allen Farben des Herbstes, von dem Abendschimmer gemildert, zeigte sich Glen Eredine unserm Blick. Charlotte sprach kein Wort, wie eine Betende und sie mochte wohl beten kreuzte sie ihre Hande uber die Brust und blickte begeistert zum Himmel. Ergriffen von dem Schauspiel um mich her, mochte ich nicht diese Stille unterbrechen. Zu unsern Fussen lag ein See, unbeweglich, als hatte nie ein Luftchen seine Gewasser gekrauselt, alles war still, wie die Erde, bevor Lebendiges sie bewohnte, nur ein grosser Adler schwebte majestatisch in gleichem Fluge entlang dem Thal; der Osten war noch immer vom Abendwiederschein erhellt, aber der Benarde zeichnete dunkel seiner Felsen Gipfel auf dem ruhigen See; an dessen einer Seite schimmerten die weisslichen Mauern des alten Castells, und hinter ihnen in einem geschutzten Thal schwebte der blauliche Rauch aus den Hutten des Dorfs, deren bewachsne Dacher in der allgemeinen Schattirung der Landschaft versanken.
Unser Weg ging bergab, und der Wald entzog uns die Aussicht. Anfangs erstanden Birken zwischen den durren Felsenritzen, dann streckten Kruppeleichen ihre starken Wurzeln aus dem jugendlich grunen Moos, allmalig liess sich der Ahorn und die Buche erblicken, die, sich endlich in schattige Gange ordnend, den Weg zum Schloss, aber auch in Nebenalleen zu niederern Wohnungen zeigten. Zu beiden Seiten kamen wir an mehreren derselben vorbei; ihre Bewohner eilten heraus, Charlotten zu bewillkommnen. Kein Geschrei, kein zudringliches Grussen storte die Stille der Umgebung; selbst die Kinder buckten ihre gluhenden Gesichtchen nieder und blickten nur seitwarts, ob ihre Lady sie nicht ubersahe. Eine Art naturliche Brucke, eine Landzunge vielmehr, fuhrte endlich zu dem Felsen, auf welchem das Schloss Eredine lag. Ich gestehe, dass Cecilens Erzahlungen und das Entzukken, mit dem Charlotte von diesem Sitz ihrer Vorfahren sprach, mir ein andres Bild von diesem Ort hatte auffassen lassen, als ich in der Wirklichkeit fand. Ein viereckiger Thurm mit einem gewolbten Eingang war alles, was von der ehemaligen Veste noch vorhanden war; ihm schlossen sich eine Reihe neuerer Gebaude an mit steilen Dachern und Fenstern, die durch die Beleuchtung im Innern ihre gemeinen Formen sichtbar machten und von der Einrichtung der Wohnung kein gunstiges Vorurtheil erweckten. Raum musste aber darin seyn, denn wie wir anlangten, stromten wenigstens dreissig Menschen, verschiedenen Alters und Geschlechts, uns entgegen. Der ihnen allen voranschritt, hatte meine Aufmerksamkeit erregt, hatte ich ihn auch nicht an Charlottens Freudenruf fur ihren Vater erkannt. Das Alter hatte weder auf seinen festen Schritt noch die erhabne Haltung seines kraftigen Korpers gewirkt, sein Auge glanzte noch, seine Wangen gluhten von Leben, nur die Silberlocken, welche unter seiner Mutze herabhingen, verriethen, dass er weit uber die Jahre der Jugend hinausgeruckt sey. Seine Kleidung zeichnete sich nur durch die Lange und Schonheit der Federn seiner Kopfbedeckung aus, ubrigens trug er den scharlachrothen und blauen Tartan seines Clans. Er begrusste mich mit einem Kuss, erst auf die eine, dann auf die andre Wange, zum Willkommen in Eredine, eben so ungezwungen und fast so herzlich, wie er seinen Liebling Charlotte begrusst hatte; dann gab er einer jeden von uns einen Arm und fuhrte uns in seine Behausung ein. Das Zimmer, wo wir eintraten, war ein grosses getafeltes Gemach, mit tiefen Fensterplatzen und mit Wandschranken versehen; ein Camin, so gross, dass er ein kleines Zimmerchen hatte vorstellen konnen, verbreitete jedoch durch sein flammendes Holzfeuer in diesen dunkeln Wanden eine frohliche Helle; noch mehr aber, wie dieses, luden die heitern, wohlwollenden Gesichter aller seiner Bewohner zu dem vertraulichsten Wohlbehagen ein. Meine Gegenwart legte so wenigen Zwang auf, ich war in Eredine so willkommen, Charlotte und alle Hausgenossen weihten mich so schnell in die freundlichen Sitten dieses Hauses ein, dass ich, bevor acht Tage vergingen, so heimisch daselbst war, als ware ich von Kindheit an gar nichts anders gewohnt.
Charlotte, die bestandig bemuht war, das Gefuhl, schwesterliche Rechte mit ihr gemeinsam zu haben, in mir zu erregen, bat mich, ihr Gemach, unter dem Vorwand, dass es das modigste sey, mit ihr zu theilen. "Da ich Sie in unsre Berge entfuhrte, ists wohl billig", sagte sie, "dass ich Sie vor Ihnen schutze; Heinrich hat mir aber meine Zimmer so veranglisirt, dass kein wahrhaft hochlandisches Gespenst den Fuss hineinsetzen mag". Es war wirklich eine hochst angenehme Wohnung; sie enthielt alles Gerath, zu dem uns damals der Luxus gewohnt hatte, was aber noch besser war, eine Sammlung vortrefflicher Bucher, einen vollstandigen Apparat zum Zeichnen und Malen, und einen reichen Vorrath der schonsten Wollen- und Seiden-Garne zu Stickarbeiten jeder Art. Neben unserm gemeinschaftlichen Wohn- und Schlafzimmer befand sich ein drittes kleineres Gemach, wo eigentlich die Bucher aufgestellt waren, mit einem Schreibtisch an einem Fenster, dessen Aussicht uber den See reichte dieses wies mir meine gutige Freundin als mein besondres Eigenthum an.
Wie wir uns zur Nachtruhe auf unser Zimmer begaben, umfasste mich Charlotte und sagte: "Liebe Ellen, ich muss Sie um eine Vorsicht bitten, ja um eine Gunst, die mir vielen Werth hat." Ich antwortete, wie mein von Dankbarkeit fast zu uberfulltes Herz mir gebot. "Nun, liebe Ellen, vermeiden Sie sorgfaltig, in meines Vaters Gegenwart je den Namen eines Mannes zu nennen ... eines Mannes, den wir beide kennen ..." "Herrn Maitlands Name?" half ich ihr ein. "Ihn; nennen Sie ihn nie vor meinem Vater!" "Gewiss, nie. Meine Charlotte muss triftige Grunde haben, um gegen ihren Vater solche Vorsicht zu gebrauchen." "Ja sie sind triftig", antwortete Charlotte nachdenkend. "Vielleicht werden Sie selbst sie einst dafur erkennen. Ich mochte gern kein Geheimniss vor Ihnen haben, meine Ellen, von diesem hangt aber jetzt mein ganzes Lebensgluck ab." "Genug, Charlotte! Ich brauche weiter nichts zu wissen. Nur das lassen Sie mich nochmals wiederholen: Herr Maitland ist mir gar nichts, gar nichts, als der beste der Menschen, der uneigennutzigste Freund, ein Freund, der von aller meiner Unwurdigkeit sich nicht abschrecken liess ... O Charlotte, wenn Ihr Vater seinen Werth kennte ..." Ich hielt inne, denn ich fuhlte, wie die Lebhaftigkeit meiner Gefuhle mich hinriss. Ein sanftes Lacheln spielte um Charlottens schonen Mund, als wenn eine schmeichelhafte Hoffnung sich in ihr Herz stahle; allein meine Hand druckend, wendete sie sich, ohne die Unterredung fortzusetzen, von mir ab.
In den Tagen des Elends, wenn mein Nachsinnen fur den Unterhalt des folgenden Tags keine Auskunft hatte finden konnen, neben dem beklommnen Aechzen von Juliens Krankenbett, von dem Weinen ihres unruhigen Knabens unterbrochen, hatte der Schlaf mein Auge geschlossen, sobald mein Haupt ein, oft recht hartes, Kissen gefunden. Jetzt ruhte ich nun unter dem Dache des Frommen, in dem Schutz der Freundschaft, morgen einen frohlichen Tag, heitre Umgebungen erwartend, und der Schlummer wollte sich lange mir nicht nahen. Es war der Hoffnungslosen leichter geworden, bei dem dichtesten Dunkel ihres Schicksals, sich am Abend eines ermudenden, sorgenvollen Tages blindlings in ihres Vaters Arme zu verbergen, als der jetzt dem Sturm Entronnenen, die neuen Bilder, die dammernden Aussichten, die moglichen Glucksfalle zu ordnen, die ihre Einbildungskraft ihr vorgaukelte. Endlich verflossen die sich kreuzenden Gedanken in dem einzig klaren Bewusstseyn von Dank gegen Gott und der flehenden Bitte, mir den rechten Pfad zu zeigen in Glen Eredinens gastfreiem Thale, wie er mich ihn in dem freundlosen Edinburg, wohl auf verwundend rauhem Wege, gefuhrt hatte.
Das Fruhstuck des nachsten Tages verwirklichte mir das Bild dieses Mahls, wie es Reisende in Schottland oft beschrieben haben. Eine Menge nahrhafter Speisen, mit Sauberkeit und Ordnung aufgestellt, deckten den Tisch. Eredine, so ward hier, wie ich wahrnahm, Charlottens Vater genannt, wies mir meinen Platz neben sich in einem grossen, mit hoher Rucklehne versehenen Armsessel an und belud meinen Teller mit den verschiedensten Speisen. Meine beschamte Bitte, meiner Unfahigkeit zu schonen, schien ihm doch endlich zu Herzen zu gehen, er blickte auf mich herab, als auf das wahre Bild von "den Sohnen kleiner Menschen", und sagte lachelnd: "wenn Ihnen das ein Ueberfluss scheint, was hatten Sie dann zu einem Fruhstuck zu der Zeit meiner Jugend gedacht!" Sobald das Mahl beendigt war, ubernahm Charlotte wieder die Fuhrung des Haushalts, mit dem in ihrer Abwesenheit eine von ihren zahlreichen Cousinen beauftragt gewesen war. Um mir das Gefuhl des Daheimseyns recht einzupragen, ubertrug sie mir einen bestimmten Antheil an ihrem Geschaft, und obschon die Zahl der eigentlichen Hausgenossen seit Menschen-Gedenken nicht kleiner gewesen war, wie jetzt, hatten wir dennoch genug zu thun. Die alten Lehnsgebrauche, wo ein grosser Theil der Verwandten unter den Augen ihres Stammhauptes lebte, waren abgeschafft; Eredine hatte drei altere Schwestern uberlebt, die fast ein Jahrhundert lang das Haus, wo sie geboren wurden, bewohnt hatten; nachdem zwei seiner jungern Bruder durch eine dreissigjahrige Landesverweisung ihre Anhanglichkeit an ihren erblichen Fursten gebusst hatten, kamen sie zuruck, um ihren Staub zu dem Staub ihrer Vater zu fugen; sein altester Sohn war vor wenigen Monaten, ein Raub des ungesunden Himmelsstrichs, in Westindien gestorben, und der jungste lebte, wie ich gesagt habe, seit vielen Jahren im Bann. Jetzt bestand nun die Familie einzig aus Eredine, seiner Tochter und mir, vier mannlichen und sieben weiblichen Bedienten, Charlottens Amme, einem blinden Weibe, das, weil es sonst nichts zu arbeiten vermochte, die Strumpfstrickerin fur das ganze Haus war und daneben durch ihr seltnes Gedachtniss und pathetisches Erzahlen alter Familiengeschichten noch die Stelle des ehemaligen Barden ersetzte. Ausserdem waren noch zwei kleine Madchen, eine gebrechliche und eine krankliche, und drei Knaben, von denen zwei, weil sie Waisen waren, der dritte als Enkel von des Lairds altestem Diener, unterhalten wurden. Endlich muss ich noch Robert Goraich, Cecilens armen wahnsinnigen Liebhaber, erwahnen; dieser zaumte, wenn es seine Laune gerade mit sich brachte, Herrn Heinrichs alten Schimmel auf, wanderte in allen Kirchen der Grafschaft umher, oder sass stumm betrachtend unter der vom Blitzstrahl zerschmetterten Eiche.
Doch das waren nicht die einzigen Gaste an Eredines wirthlichem Tisch: mehrere greise Alten beiderlei Geschlechts, denen er in dieser Absicht in der nachsten Umgebung des Schlosses hatte Hutten bauen lassen, Laufbuben, Schaaf-, Kuh-, Ganse- Hirten, Bettler und Wanderer, alles fand Aufnahme und Nahrung und zahlte mit Ehrerbietung und Segen. Und das alles bestritt der Laird mit einem Einkommen von nicht viel mehr als tausend Pfunden des Jahrs.
In der ersten Zeit nach unserer Ankunft kamen zahlreiche Bekannte und Nachbarinnen, Miss Graham zu besuchen, und eine der ersten war die wackre Cecile, die, mich mit Freudenthranen begrussend, ausrief: "Ich sagte Euch wohl, dass Ihr nicht wusstet, wo Euch ein Stern aufgehen konnte; und nun sehet, nun seyd Ihr nach Schloss Eredine gekommen. Ich habe es prophezeit und ich prophezeie noch mehr; aber nicht eher, bevor es Zeit ist." Auf meine Frage nach ihrem Gatten erzahlte sie mir, dass er krank und dienstunfahig verabschiedet worden sey; doch angstige sie das nicht, sie habe ihm einen Krug Wasser aus der heiligen Quelle von Breadalbane geholt, das ihm gewiss helfen werde. Nur das thue ihm weh, dass er nicht im Stande sey des Lairds Sichelfest beizuwohnen, wovon sie jedoch Miss Graham nichts sagen mochte; denn, sehet Ihr, er verlor seine Gesundheit, indem er Herrn Kenneth auch in seiner Krankheit nicht verliess."
In den nachsten Tagen fand das Herbstfest, dessen Cecile erwahnt hatte, statt. Bei Tages Anbruch weckte mich ein gellender Dudelsack unter unserm Fenster, und wie ich aus dem Bett sprang, um seine Absicht zu erforschen, sah ich einen Haufen von mehr wie hundert Mannern und Weibern vor dem Hause versammelt. Es waren die Pachter von Eredine, die zur Frohnde heute des Lairds Korn schneiden sollten. Doch nie sah ich bei einem Freudenfest so viel wahre Frohlichkeit, wie bei dieser lohnlosen Arbeit. Das Mahen dauerte den ganzen Tag, nach dem Tact der sich ablosenden Dudelsackpfeifer, aber weder die Arbeit noch die Pfeife that dem Scherzen der Jungern, dem Erzahlen der Alten einigen Eintrag; Eredine kam oft, um sich unter die Arbeiter zu mischen, mit den Alten zu schwatzen, mit den Jungen zu scherzen, und wo er erschien, fugte sich Ehrerbietung in die freudenvolle Aufnahme des Lairds. Alles, was Krafte hatte, war zur Arbeit geschickt; Charlotte und ich, von der alten Amme und der blinden Strickerin unterstutzt, mussten die Kuche fur alle diese Gaste besorgen und das war keine kleine Arbeit, so einfach die Kost auch seyn mochte, die ihre gesunde Esslust befriedigte.
Da es, wie mir Charlotte gesagt hatte, Sitte war, solche Feste mit Tanz zu beschliessen, begab ich mich in der Zeit, wo die Tanzer versammelt seyn konnten, an den Platz, der, wie ich glaubte, zu der Lustbarkeit bestimmt war. Ein mit grossen Baumen umgebner Rasenplatz im Hintergrund des Kuchengartens war mir als solcher genannt; allein zu meiner Verwunderung war er ganz einsam, nur ein kranklicher, abgezehrter Mann, der uber seinem Tartan einen verblichnen Soldatenrock trug, stand traurig, an den Stamm eines Baumes gelehnt. Da ich glaubte, mich in dem Orte geirrt zu haben, fragte ich diesen Mann, wo heute getanzt wurde. "Glaubt Ihr denn, Lady", antwortete er halb unwillig, "dass heute hier getanzt werden soll? Ich hoffe, so roh ist kein Erediner, dass er hier tanzen wolle, so lange Eredines bestes Blut noch nicht im Grabe erkaltet ist." Er deutete, wie mir klar war, auf Herrn Kenneths vor kurzem erfolgten Tod, und ich bewunderte dieses zarte Anstandsgefuhl, diese innige Anhanglichkeit in Leuten, die wir fur Wilde zu halten so geneigt sind. Schon wollte ich mich mit dem Mann in ein Gesprach einlassen, als Charlotte sich nahte. Theilnehmend erzahlte ich ihr, was mir eben begegnet sey. Sie war nicht verwundert, aber geruhrt; "das erwartete ich", sagte sie, "armer Jamie! es hatte ihm das Herz gebrochen, hatte man heute auf diesem Rasen getanzt. Hier war vor funfundzwanzig Jahren sein und meiner Bruder Spielplatz; und er schleicht alle Abende, wenn die Sonne ihn bescheint, hierher und lebt eine Stunde in seiner frohesten Erinnerung. O, der Mann hat viel fur meinen Bruder gethan! Wie er horte, dass Kenneth ins Ausland beordert sey, verliess er Weib und Kind und wanderte zu Fuss quer durch Irland bis zum Hafen, wo sein Regiment sich einschiffte. Er liess sich anwerben und folgte ihm nach Westindien nach, und wie meinen Bruder die schreckliche Krankheit befiel, bei welcher kein Warter ausdauern mag, verliess er sein Bett weder bei Tag noch bei Nacht; schon selbst von ihr ergriffen, folgte er ihm zur Gruft, und wie die Grabbegleiter von der gifthauchenden Stelle forteilten, blieb er dort liegen und weinte auf dem Hugel, der das Haupt des Edelsten barg. Ach es ruht in fremder Erde und unsre Thranen netzten sie nie!"
So oft ich mit Charlotten von ihrem Bruder gesprochen hatte, war dieses die erste Klage, die ich von ihr horte. Ihr erschien das Andenken an ihre Todten vielmehr wie ein heiteres Bild. Sie sprach mit personlicher Theilnahme von Lady Eredines Freude beim Empfang ihres Sohnes und beschaftigte sich mit ihnen, ganz wie mit lebenden Personen, deren Empfindung man in der weitesten Entfernung dennoch mit Innigkeit theilt.
In kurzer Zeit war ich in Eredine so eingewohnt, als gehorte ich schon langst zu der Familie. Meine gutige Charlotte fand bald Mittel, es mich als meinen gegenwartigen Wohnort ansehen zu machen; sie fuhlte in meiner Seele, dass ich mich nutzlich mache, sey zu meiner Befriedigung durchaus nothwendig; wahrscheinlich vielmehr in der Absicht, mir dieses zu gewahren, als weil es ihr sehr darum zu thun war, Musik zu lernen, verwendete sie sich alles Ernstes auf die Erlernung der Harfe. Bisher hatte sie es in der Tonkunst nicht weiter gebracht, als einige schottische Liederchen auf einem alten Clavier, das sich im Schlosse vorfand, zu klimpern; jetzt langte aber eine herrliche Harfe an, die Herrn Heinrichs unermudete Theilnahme an seiner Schwester Wunschen, sobald er ihre neue Kunstanstrengung erfahren, in London hatte kaufen lassen. Nun ward recht ernstlich gelernt, und Charlotte lohnte meinen Unterricht mit der beharrlichsten Muhe, mich in Besitz der gaelischen Sprache zu setzen. Es gluckte mir so sehr, dass ich den Beifall aller Schlossbewohner arntete, und die Landleute mich bald eben so freundlich begrussten, als gehorte ich in ihr Thal. Am mehrsten freute sich aber der alte Laird meiner sprachkundigen Fortschritte; besonders wenn ich gaelische Liederchen sang, rief er entzuckt: "sie singt fast so gut, wie meine liebe selige Mutter. ""Moge es weiss um ihre Seele her seyn!""5 "Nur sollte sie statt des ungeschickten grossen Dinges (der Harfe), die leichte, weiblich niedliche Clarsaeh (eine Art Mandoline) im Arm halten, aber die verdammten Hannoveraner haben sie, wie sie Glen Eredine plunderten, verbrannt!"
Die Musik, so lieb sie mir war, nahm aber doch jetzt einen ganz andern Platz in der Anwendung meiner Zeit ein, als ehemals, wo sie die einzige Beschaftigung war, die mir Putz und Gesellschaft ersetzte. Es hatte sich jetzt in meiner Seele die Ueberzeugung entwickelt, dass jeder Moment unsers Lebens in Arbeit und Lust, ein vernunftiges, wohlthatiges oder frommes Andenken zurucklassen musse. Bald nahm ich wahr, dass diese Ansicht, welche ich anfangs mit etwas Aengstlichkeit befolgte, keine heitere Benutzung der Lebenszeit storte; denn Heiterkeit entsprosste nur auf dem Wege der Pflicht, und diese fuhrte mich Hand in Hand mit dem Gluck derer, die neben mir schritten. Ich begriff immer mehr, dass die Bluthen des geistigen Lebens jedem Genuss entspriessen, der unsrer Menschennatur zugetheilt ist, wenn wir ihn als geistige Wesen, nicht nur mit der rohern Halfte unsrer Krafte geniessen. Kaum kann es je einen glucklichern, vielleicht keinen frohlichern Kreis gegeben haben, als der das Caminfeuer von Eredine umgab.
Ich hatte manche Woche in diesem glucklichen Kreis verlebt, als Charlotte eines Tags athemlos vor Entzucken zu mir hereinsturzte und mir zurief: "Er kommt, theure Ellen, er kommt! Er will alles aufgeben, seine Gewohnheiten, seine Plane, er gibt ihnen ihren Tand zuruck und kehrt zu seinen Vatern heim heim zu uns allen!" "Wer? Heinrich? Heinrich kommt zuruck? Wenn?" "Jetzt, bald, in einer Woche. Ach, wenn diese Woche voruber ware!" Sie konnte nicht an einem Orte bleiben, die Freude trieb sie fort, und ich eilte ihr nach zu ihrem Vater. Der Greis schloss uns beide in seine Arme: "Gott lasse mich", rief er, "nur noch diese Woche uberleben, und dann, dann ...!" Er zogerte, halb beschamt uber seine Ruhrung. "Ich sorge zuweilen", fing er wieder an, als sprache er nun von etwas anderm, "ich sorge, meine Augen sind angegriffen, ich will sie in der Luft starken." Und damit ging er auf den Weg nach Edinburg aus, als konne er schon heute hoffen, seinem Sohn zu begegnen, und von heut an kehrte er unzahlige Mal auf diesen Weg zuruck. Zunachst bemuhte er sich nun jeden Ruhepunct seiner Reise zu berechnen, er glaubte die Stunde seiner Ankunft bestimmen zu konnen, und machte eine endlose Menge Zubereitungen zu seinem Empfang. Hatte er sich dann recht mude gewirthschaftet, so setzte er sich auf seinen grossen eichnen Armsessel, kreuzte die Arme, sann nach, und ein seliges Lacheln spielte uber sein Gesicht. "Er hat doch von jeher die Sudleute nicht gehasst", rief er einst im Selbstgesprach aus, "obschon in ihm selbst kein sudlandischer Blutstropfen war. Hat er den krauspfotigen Hund seiner Mutter doch auch immer gern gehabt, und ich selbst mochte doch die Sachsen nicht leiden." Ich war im Begriff, an meinem Stickrahmen laut aufzulachen, als mir eine Ahnung uber die Bedeutung seines Ideengangs einfiel, die mich mit Beschamung zuruckhielt.
Heinrichs Ankunft konnte mir in keiner Rucksicht gleichgultig seyn. Seit ich erfahren hatte, dass ich ihm, nicht Kenneth, die Ruckzahlung der meinem verewigten Vater gehorigen Summe schuldig war, hatte ich ein Gefuhl personlicher Dankbarkeit gegen den Mann, in dem ich den Mittelpunct der Liebe und Achtung dieses ganzen Thales kennen lernen sollte. Aber seit Cecilens prophetischer Wink von dem Gluck, was meiner in Glen Eredine warten konnte, so schon in Erfullung gegangen war, dass ich mich auf das unerwartetste als Tochter eines Hauses aufgenommen sah, dessen Name mir vor einem Jahre noch ganz fremd war seitdem machte Heinrichs Name einen tiefen Eindruck auf mich. Ich mochte mir ihn nicht erklaren und rechtfertigte ihn doch mit meinem traurigen Schicksal. Arm und freundlos, wie ich war, konnte ich das Wohl meiner Zukunft einzig durch Gottes mir unbekannte Fugung erwarten. Da nun Liebe, Gluck durch Liebe, ein Bundniss aus Liebe dieser versagt schien, war es mein angstlicher Wunsch, einem Mann vertraut zu werden, gegen den Achtung und Gehorsam jede zartlichere Neigung meines Herzens ersetzte. Lieben sollte dieses Herz nie. Nachdem es Maitlands Neigung verscherzt hatte, waren Ergebenheit und Pflicht die fortan ihm geziemenden Schranken.
Schuchtern, aber von Herzen, theilte ich die allgemeine Freude und half bei der allgemeinen Thatigkeit, die Heinrichs Ankunft im Schlosse verbreitete. Jede Hausmagd wollte sein Zimmer putzen, die Spinnerinnen besangen bei dem Schnurren ihrer Spindeln in selbst erfundnen Liedern seine Ruckkehr. Die Knechte schossen Rehbocke, Rothwild und Auerhahne genug, um eine hungrige Einquartierung zu speisen. Charlottens Amme erzahlte mir zahllose Zuge aus Heinrichs Kindheit, die blinde Strickerin ruhmte mit Salbung, wie er sie die Wiese entlang zu dem Tanzplatz gefuhrt nur Robert Goraich, Cecile's unglucklicher Liebhaber, war der Einzige, dessen Freude sich nicht in frohlichem Taumel verkundigte. Bei einer einsamen Wanderung, wie ich sie so gern in der Nahe des Hauses machte, setzte ich mich einst auf einen meiner Lieblingsplatze, einen Felsen, der uber dem See hing, und traumte von einem fantastischen Freundschaftsbund, der noch einst zwischen Charlotte, Maitland, Heinrich und mir bestehen konnte; da sah ich den armen Robert daherkommen, dem Heinrichs alter Klepper so vertraulich wie ein Hund folgte. Er blieb mir gegenuber stehen, sah mir mit ernster Freundlichkeit ins Gesicht und sagte leise: "Sie sagen, Ihr waret ihm bestimmt; so moge Gott Euer Antlitz erfreuen! nehmt ihn in Frieden!" Robert war nicht der Erste in Glen Eredine, der mir diese Zukunft prophezeite. Aber heute traf mich diese Rede so tief, dass ich, besonders gegen diesen armen Mann, mein Gefuhl unter einem Scherz zu verbergen suchte. "Wohl gut, lieber Robert"; rief ich, "aber um des Anstandes willen kann ich mich doch nicht so schnell dazu entschliessen." "O doch! entschliesset Euch schnell, denn der Mensch weiss nicht, was morgen geschieht!" sagte er ernst und legte seine Hand bittend auf meinen Arm. "Wie wurde es ihm seyn, wenn er Euch musste die Wiese entlang und durch den Wald hin gehen sehen, eines andern Mannes Sohn auf dem Arm!" Dabei zeigte er auf den Weg hin zu Cecile's Hutte. Dann fuhr er, sich ganz vergessend, in seiner Landessprache fort: "Da wurde ihm alles gleichgultig werden, seine schone goldne Uhr und die Parks und die Stadte von Eredine. Alles ware ihm nichts mehr gegen die blosse Luft, die ihm von ihr heruber weht." "Doch, Robert", unterbrach ich sein jammervolles Selbstgesprach, "wurdet Ihrs denn leiden mogen, wenn eine sachsische Lady auf dem Schlosse hauste?" "Wenn es also beschlossen ware, wie konnte man da murren? Und es konnte ja sehr gut seyn. Vergesst Ihr nur, dass Ihr eine Stiefmutter seyd, wir wollen gewiss nicht daran denken."
Wie ich nach Hause kam, sagte man mir, dass Cecile im Schlosse gewesen, um Arznei fur ihren sterbenskranken Gatten zu erbitten. Sobald sie horte, welche frohe Veranlassung den Schlossbewohnern Arbeit gabe, hatte sie sich enthalten, Miss Graham zu sprechen, um ihre Freude durch ihr trauriges Anliegen nicht zu truben, und war unverrichteter Sache wieder fortgegangen. Sobald aber Charlotte von ihrem Besuche horte, willigte sie in meinen Vorschlag, ihr am Abend, was sie bedurfen konnte, selbst zu uberbringen.
Cecile empfing uns an der Hausthur und fuhrte uns unter tausend Gluckwunschen in ihr Prunkzimmer denn in Glen Eredine konnte es dafur gelten. Es hatte Fenster und Sessel und einen Tisch, ein Wandbret mit buntgemalten Steinkrugen und Tellern, auf denen fromme und lose Spruchelchen zu lesen waren; wir verlangten aber Jemmy in seiner Krankenstube zu sehen, worin uns sein gutes Weib nach den hoflichsten Entschuldigungen willfahrte. Dieses bescheidnere Gemach war von dem vorigen durch eine Breterwand getrennt, das Bett stand in einer Art von Verschlag, der ubrige Raum hatte das Dach zur Decke, ein Loch in diesem zum Rauchfang und ein Fenster von vier kleinen Scheiben, um es zu erhellen. Der Feuerplatz in der Mitte des Gemachs unter der Oeffnung des Daches war allein gepflastert, der Zimmerboden selbst bestand aus gestampfter Erde. Auf ihm lag Torf, Kuchengerath und Wasserzober umher. Cecile's altester Knabe, ein vierjahriger, mit Tartane und Helmmutze bekleideter Caledonier, wenn es je einen gab, sass neben einem jungen Hammel, mit dem er friedlich einen Haferkuchen theilte, der jungste, viel sorgloser bekleidet, stritt sich mit dem Hahn um die Reste eines Mehlbreis in einem schwarzen eisernen Topf. Cecile riss sie beide vom Boden auf und befahl ihnen, die feinen Frauen zu grussen, und schalt sie aus, dass sie sitzen blieben, wenn die "Edeln im Lande sie besuchten." Diesen Grundsatz lehrte sie durch Beispiel, denn nichts konnte sie bewegen, sich in unsrer Gegenwart zu setzen. Miss Graham fragte den blassen, stillen Kranken freundlich, wie es ihm ginge. "O Sie sind gut, also zu fragen", antwortete Cecile statt seiner; "er kann nicht besser werden, und kaum schlechter, als er schon ist." Die Fassung, mit welcher diese Frau in des Kranken Gegenwart uber seinen hoffnungslosen Zustand sprach, emporte mich. Ich zitterte vor dem Eindruck, den diese Herzlosigkeit auf den armen Kranken machen musste. Dieser sagte aber mit heitrer Stimme: "Das Uebel will seine Zeit haben; aber wir durfen hoffen, dass es nicht mehr lange dauern kann." Dieser fromme Muth nothigte mich, den trostenden Zuspruch, zu dem ich mich gerustet hatte, in Beifall zu verandern. "Ja ich hoffe, ich bin bereit zu scheiden", antwortete Jemmy; "zuweilen habe ich mich wohl davor gefurchtet, zu andern Zeiten bin ich aber auch recht gefasst." Jetzt uberstromten seiner Gattin Augen. "Wahrlich, Lady", rief sie, "er braucht sich auch nicht zu furchten; denn er war lebelang ein guter Christ, wie nur einer, und ein guter Ehemann war er auch; und er braucht nicht zu sorgen, dass ihm nicht so eine feierliche Leichenbestattung werden sollte, wie irgend einem, fur den man ein Grab grub und das haben wir grosstentheils Ihnen zu danken, Miss Percy, und dafur segne Sie Gott und gebe Ihnen einst ebenfalls einen friedenvollen Tod! Ja, Jemmy, und wir mussen Gott danken, dass du nicht nackt eingescharrt wirst, unter Fremden und Heiden und allem Abschaum der Erde." "Nein, James", nahm jetzt Miss Graham das Wort, "unter Fremden sollt Ihr nicht liegen. Ihr sollt den Platz haben, der Euerm Pflegbruder bestimmt war, und Euer Grabstein soll sein Denkmal seyn und dessen, was Ihr fur ihn gethan." Ein Freudenstrahl leuchtete uber des Sterbenden Gesicht. Er wollte ihr danken, aber von Schwache und Wehmuth verstummt, bewegte er nur seine Lippen; Cecile aber weinte laut und lachelte auch und verneigte sich fur diese trostliche Zusage. Charlotte aber fuhr fort: "Und wenn Ihr meinen Bruder wiederseht, James, so grusst ihn und sagt, dass es mein einziger Kummer ist, seinem Staube gar keine Ehre zu erweisen, ihn so weit, weit entfernt begraben zu sehen!"
In diesem Augenblick liess eine zufallige Veranderung meiner Stellung mich durch das Fenster einen Menschen erblicken, der sich halb hinter eine alte Esche ganz nah an dem Fenster verbarg. Jetzt kam er einen Schritt naher, und ich erkannte, dass es Robert Goraich war; er lehnte sich an den Baumstamm und blickte aufmerksam auf das Fenster, seine Arme hingen leblos herab, seine ganze Gestalt bewies die ganzliche Abwesenheit seiner Gedanken. Ich war im Begriff, Charlotte auf diese Erscheinung aufmerksam zu machen, als ein lauter Schrei des jungsten Kindes, das Cecile so eben auf die Arme genommen hatte, unser sonderbares Gesprach unterbrach. Cecile entschuldigte seine Unart und suchte, ihn auf den Armen wiegend, durch den summenden Gesang zu beschwichtigen, mit dem Warterinnen die Kinder einzuschlafern pflegen. Dazwischen trostete sie das Kind gaelisch und entschuldigte sich bei uns auf englisch; zugleich bemerkte ich, dass sie in ihrem Gesang und ihrer Zusprache oft die Worte: "geh, geh zur Ruh"! aussprach, wobei sie das Kind weit von sich weghielt, als wollte sie es von sich legen. Nach und nach ging ihr Gesumm und ihr Gesang in wirkliche Worte uber, die bald so deutlich wurden, dass ich sie, trotz meiner wenigen Kenntniss des Gaelischen, vollig verstand. Dieser Gesang hatte etwas unaussprechlich Ergreifendes, es war eine Leidensklage, wenn es je eine gab. Da ich sogleich nach meiner Nachhausekunft den Sinn der Worte aufschrieb, setze ich sie hier her.
Geh zur Ruh, gehe nun!
Schmerzlich sind mir deine Klagen,
Und des Vaters Zorn, Geliebter, weckest du;
Geh zur Ruh!
Meine Liebe schenkt' ich dir,
Doch nun nehm' ich dich vom Busen
Dass mein Leiden ende, geh in Frieden du;
Geh zur Ruh!
Klage nicht mehr, lass mir Frieden!
Bis nach langer Nacht am Morgen
Freudig wir uns wiedersehn, geh du,
Geh zur Ruh!
Mir konnte der doppelte Sinn dieses Gesanges, da ich Robert Goraich vor Augen hatte, nicht entgehen, und weder der arme James, noch Miss Graham konnten Verdacht daraus schopfen; allein die Kunst in dieser Frau Benehmen erregten einen so lebhaften Unwillen in mir, dass ich, sobald wir die Hutte verlassen hatten, ihn meiner Freundin zu verstehen gab. Anstatt ihn zu theilen, antwortete sie sehr ruhig: "Ich weiss, dass Cecile sehr viel Klugheit und Geistesgegenwart besitzt." Ich behauptete, die Geschicklichkeit, durch welche es dieser Frau gelungen sey, vor unsern und ihres sterbenden Ehemanns Augen mit ihrem Liebhaber zu verkehren, verdiene den Namen von Rankeschmiederei. Charlotte sah mich erschrocken und hochst missbilligend an. Der Verdacht, dass eine Gattin fahig seyn konnte, unter diesen Umstanden aus pflichtwidrigen Bewegungsgrunden zu handeln, erfullte sie mit Abscheu. "Wie?" rief sie, "Sie konnten muthmassen? Sie konnten voraussetzen, dass ein Weib alle Schaam also zu vergessen vermochte, dass sie ihre Kinder konnte zu Landstreichern machen wollen? ihren Namen mit der Schmach bedecken wollen, die Erste in Glen Eredine zu seyn, die ihren Stamm je befleckt? O nein, nein! lieber wurde Cecile sich unterm Benarde begraben! O nein! eher stiege Robert, so verruckt er ist, selbst in die Gruft! Nein, Miss Percy, was Ihnen auch die ubrige Welt fur Beispiele aufgestellt hat, in Glen Eredine werden Sie solche Abscheulichkeit nicht finden." Ich schwieg beschamt denn selbst wenn sich Charlotte uber die Tugenden der Erediner geirrt hatte, so ware so ein Irrthum schon der Hochachtung werth.
Jetzt schlich Robert eine Weile schweigend hinter uns her, endlich sagte er bittend zu Miss Graham: "Wollt Ihr nicht so gut seyn, ihr zu sagen: sie soll mich nur drei Garben fur sie dreschen lassen? Ich verspreche, so wahr ich lebe, ihrer Huttenthur nicht zu nahen; ich will in der Scheune bleiben und sie keineswegs plagen." "Es ware ja thoricht, Robert, Euch also fur eine Frau zu muhen, die Euch gar nicht ansieht." "Ich weiss wohl, dass ich thoricht bin", antwortete der arme Mensch mit einem wehmuthigen Lacheln. Nach einigem Stillschweigen, indem er ehrerbietig hinter uns herging, wiederholte er seine Bitte, und noch einmal, und noch einmal, weil er die Abwehr immer vergessen zu haben schien. Nur andre Ursachen setzte er zu seiner Dienstleistung hinzu: "damit die Frau kann ihren Kleinen pflegen", sagte er einmal, "und damit sie nicht in der Nacht zu dreschen braucht ach, Schlafen thut so gut!" "Nun, so schlaft Ihr, guter Robert"! entgegnete Charlotte. Er blickte mit irrem Lacheln vor sich hin: "Ich schlafe nicht mehr," rief er leise und geduldig. "O Charlotte", sagte ich und ergriff bittend meiner Freundin Hand, "ich habe Robert und Ihr Thal beurtheilt, wie die elende Welt, in der ich aufwuchs. Verzeiht ihr beide! nur ein tugendhaftes Weib kann so eine bescheidne Liebe einflossen." "So ist's, meine Ellen. Schlaffe Moral und ungeordnete Sinne sind nie der Boden, aus dem eine ernste, dauernde Leidenschaft erwachst." Schweigend und ernst ging sie nun neben mir her.
Endlich erschien der Tag, der so sehnsuchtsvolle Hoffnungen erfullen sollte. Alle Stunden waren gezahlt worden; den Abend, wo Heinrich das erste Nachtlager auf schottischem Boden halten sollte, ging sein greiser Vater mit einer Art Feierlichkeit in sein Schlafzimmer sein Sohn betrat diesen Boden heute auch; und endlich sprach er, Charlotten und mich beim Schlafengehn umarmend: "morgen um diese Zeit!" und sein Blick suchte den Himmel, als das Einzige, was er noch Hoheres, wie Heinrich, erkenne. Ausserdem aber war seine Freude seit ihrem ersten Ausbruch still; doch sah man, dass er mit keinem andern Gegenstand beschaftigt war; auch an alles, was er aus der Vergangenheit erwahnte, hing er eine Bemerkung, die ihn betraf: "damals war Heinrich noch ein Kind", oder: "Heinrich hatte eben sein erstes Hochwild geschossen"; und so waren Heinrichs Lebensstufen sein Kalender. Dazwischen druckte er von Zeit zu Zeit Charlottens und meine Hande mit glanzend gluckwunschendem Blick. Bis Aberfoyl ihm entgegen zu reiten, war sein herzlicher Wunsch, er hatte nur einigen Zweifel, ob sich das mit seiner vaterlichen Wurde vertrage; doch "Heinrich ist ja nie ein verzogner Knabe gewesen", bemerkte er, und sonach entschloss er sich zu dem Ritt.
An dem grossen Tage war die ganze Familie schon beim Morgengrauen munter. Wen ich zuerst erblickte, war Eredine, in voller National-Kleidung, mit jugendlichem Schritt im Hof umherschreitend. "Charlotte, heute gilt's ein derbes Fruhstuck", rief er, an den Tisch sich setzend, der geschaftigen Tochter zu, "wer zehn Stunden reiten will, darf nicht nuchtern bleiben"; und mit diesen Worten langte er frohlich zum Glase. Der Laird hatte beschlossen, ohne andre Begleitung mit seinem Hausgesinde allein fortzureiten, allein der alte Sackpfeifer wusste sich auf andre Weise zu entschadigen. Er zog, den "Grahams Aufruf" pfeifend, durch das ganze Thal, aus allen Hutten schlossen sich alle mannliche Bewohner ihm an, und mit diesem zahlreichen Zug ruckten sie gegen Aberfoyl vor. Die Weiber des ganzen Clans blieben in der Bezeigung ihrer Theilnahme nicht zuruck: von fruh an kamen die Hausmutter, still und ehrbar brachten sie, was ihr Vorrath an Schinken, Eiern, Geflugel ihnen darbot, "zum freundlichen Gruss" und kehrten ruhig in ihre Wohnung zuruck. Der Tag schien uns von endloser Lange. Charlotte war stumm und ruhelos; sie wollte nahen es gelang nicht; sie nahm ein Buch es war vergebens; sie ging wieder und immer wieder in ihres Bruders Zimmer um sich zu uberzeugen, dass dort nichts fehle aber eigentlich nur, um von dort aus dem Fenster zu schauen, da der ausserste Punct der Aberfoyl-Strasse dort zu sehen war. Endlich fing sie an zu sorgen, ob er auch heute ankommen moge, und zurnte mir fast, wie ich die Moglichkeit des Gegentheils zugeben musste. Gegen den Abend stellte sie sich an das Fenster und blickte, zuweilen ihre Augen trocknend, bewegungslos in die dunkelnde Ferne. Der Abend sank und verkundete eine frostige Nacht. Charlotte zog mich mit sich vor das Schlossthor; alles war still; endlich bellte fern im Thale ein Hund; "ich hore die Pfeife!" rief Charlotte und fasste meinen Arm. Ich horchte; leise schwirrte der Ton, erstarb und tonte wieder, nach und nach ward er bis zur Deutlichkeit stark. Grahams Kriegslied, der Hufschlag der Rosse, der Fusstritt der Menge, die Stimmen der Menschen wurden deutlich. Charlotte flog den Weg hinab, kehrte um und rief: "Nein, vor dieser Menge kann ich ihn nicht empfangen!" und eilte zuruck in das Haus.
Ich erblickte durch das Dunkel die zwei stattlichen Gestalten der Hauptlinge, die am Thor von ihren Pferden gestiegen waren und sich jetzt zu Fuss dem Schlosse naherten, und begab mich in das Zimmer, besorgt, dieses erste Wiedersehen zu storen; aber bald eilten die Schritte herbei, ich horte meinen Namen, die Thur flog auf, und Maitland stand vor mir
Wie ich am Schluss eines glucklichen, von dem Vater und Charlotten in stillem Rausch der Freude, die zum Gebet wird, hingebrachten Abends endlich mit meiner Freundin allein war, machte ich ihr Vorwurfe, meinen Irrthum uber Heinrich und Maitland vorsatzlich genahrt und mich dadurch zu Gestandnissen verleitet zu haben, die mich jetzt in ihre Hand gaben. Wohl erkannte ich das Gluck an, von diesem verehrten Mann im Schoose seiner Familie, als dem Liebling seiner Geliebtesten, wiedergefunden zu werden, nachdem er mich einst im Wirbel der Thorheit zuruckliess. Ich war deshalb weit entfernt, mir madchenhafte Ziererei zu erlauben; aber ich suchte meiner Freundin zu beweisen, dass sie mein Vertrauen durch die falsche Rolle, die sie dem vorgeblichen Maissand aufgetragen hatte, gemissbraucht zu haben schien. Anfangs lachte die in ihr Gluck verlorne Charlotte, bald legte sie mir aber die Grunde, durch die sie ihr Betragen gerechtfertigt hielt, vor Augen. "Nach dem, was ich von Ihnen wusste", sagte sie, "konnte ich nicht hoffen, dass sie sich wurden von meinem Bruder Ihr Geld zuruckzahlen lassen; sobald ich Sie aber gesehen und liebgewonnen hatte, begriff ich meines Bruders Schicksal und verstand seine Theilnahme an Ihnen. Auch dass Sie Maitlands Schwester nie Ihr Vertrauen wurden geschenkt haben, wurde mir klar; und Sie zu mir zu ziehen und an mich zu fesseln, war doch mein Wunsch es war mein Wunsch, Sie unter meines Vaters Augen zu bringen, und es ist alles gelungen, wie ich gewollt habe, und nun werde ich fur meinen Bruder keinen Schritt weiter thun." Es war so viel Edelmuth in den Bewegungsgrunden ihrer Handlungsweise, es war eine so kuhne Offenheit in diesem Bekenntniss lang fortgesetzter Heimlichkeit, dass mein Unwille verstummte; mein naturlicher Abscheu vor Hinterlist und Larve hielt mich aber von einer ganzlichen Versohnung zuruck. Ich sprach von der Unvorsichtigkeit einer Intrigue, die einzig durch den Umstand gesichert war, dass Maitlands Name nicht im Schlosse genannt wurde. "O nein!" rief Charlotte; "dieser gemeine Kramername ist im Schlosse kaum bekannt. Mein sudlander Oheim machte es den Graham zur Bedingung, ihn zu tragen und wahrlich! Eredine konnte den Namen seines Schwagers nicht verachten; aber nie ward Heinrich so genannt, mein Vater uberschrieb nie seine Briefe mit ihm und Gott sey Dank! er hat ihn nicht in sein Vaterland zuruckgebracht, er ist Heinrich Graham, wie seine Mutter ihn geboren. Nicht, Ellen, als wenn ich den Handelsstand verachtete davor bewahrt mich mein Bruder, der zwanzig Jahr ihn durch seine Betriebsamkeit ehrte jeder Erwerb verdient Achtung, aber mir daucht, ein Edelmann sollte ihn denen uberlassen, die Geld bedurfen, um sich Auszeichnung zu verschaffen." Nun musste ich lacheln uber die hochgeborne Schottin, die dem handelfuhrenden Sudlander Hohn sprach und eines handelfuhrenden Sudlanders Tochter aus dem Abgrund der Armuth gerettet hatte, um sie in die Heimath der Grahams zu verpflanzen. Und wahrend meines Lachelns und Nachdenkens hatte sich der Schlaf auf Charlottens Augen gesenkt.
Ich stand fruh auf, und es war mir lieb, dass Charlotte noch fruher an ihre Geschafte gegangen war. Mein Gemuth war sehr bewegt. Meine alte Schwachheit war aber nicht ganzlich unterjocht, denn, mit den ernstesten Betrachtungen im Kopf, mit uberwaltigenden Gefuhlen im Herzen, blickte ich mehr wie einmal in den Spiegel und war mir bewusst, dass Ellen Percy in der schmucklosen Hauskleidung Maitlands Augen nicht minder gefallen durfe, wie Ellen in der ersten Jugendbluthe und im Flitterstaate des Luxus und der Mode. Wie ich in das Zimmer trat, war die Familie schon beim Fruhstuck versammelt. Maitland fuhrte mich an einen Stuhl und setzte sich mit den Worten: "ich muss zwischen meinen beiden Schwestern sitzen," zwischen mir und Charlotte. Die Gute seines Betragens farbte meine Wangen bei der Erinnerung, wie unverzeihlich ich ihn bei unsrer ehemaligen Trennung behandelt, mit hoher Schaamrothe; aber er behandelte mich so achtungsvoll, der Kreis dieser Menschen war so einfach und liebend, dass ich in ihrer Freundschaft das Pfand meiner Veredlung las und mich bald so unbefangen in Maitlands Gegenwart bewegte, als hatte er mir nichts zu verzeihen. Der Tag verfloss, ohne dass ein bittres Andenken ihn verdunkelte; dieser und mancher andre nach ihm. Fortschreitende Arbeiten war ihr Beruf, vereintes Lesen und Gesprache ihre Erholung, vollendete Arbeiten ihre Feste. Eredine brachte trotz seines hohen Alters, wie ein wahrer Nordlandsheld, mit seinem edeln Sohn die Vormittage auf der Jagd hin. Charlotte und ich hatten genug zu thun, um nach unsrer Hausarbeit in allen Familien von Glen Eredine unsern Beruf als Kinderlehrerinnen, Rathgeberinnen und Krankenpflegerinnen zu erfullen. Welche zahl- und endlose Familiengeschichten musste ich anhoren! Da war keine Hutte im Thal, deren Ahnherrn und gegenwartiger Mitglieder Schicksal mir nicht mit den geringsten Umstanden anvertraut, und in vielen Fallen noch ein prophetischer Blick in ihre Zukunft vergonnt wurde. Unsre Abende waren entzuckend. Wenn der alte Vater sich aus seinem beeisten Plaid gewickelt, Maitland die Windspiele in ihre Hutte geschmeichelt hatte, und wir alle um das Caminfeuer sassen der rustige Jager wind nun der feine Gesellschafter der dankbaren Schwestern, er las, erzahlte, liess sich abstreiten, belehrte, und der verehrte Alte horte zu oder nickte bei dem Gluck seiner Kinder mit seligem Lacheln ein und wachte unter ihrem lebendigen Geschwatz mit noch seligerm wieder auf. Wie oft, in dieser glucklichen Zeit, war ich erstaunt, Maitland je fur kalt und formlich gehalten zu haben! Sein ernster und nach Wirksamkeit strebender Geist fuhlte sich freilich bei zweckmassiger Zeitanwendung am wohlsten, aber in einem gelauterten Herzen, wie das seine, wird die Freude zum Gottesdienst, und also versagt es sich derselben nie. Wir scherzten, wie gluckliche Kinder, und im Kreis jugendlicher Nachbarn konnte der reife Mann oft noch wie ein frohlicher Jungling erscheinen.
Der Fruhling brach an, und nie, seit der Fruhling Edens ergluhte, konnte diese Jahrszeit zauberischer seyn. Seine Farben waren so mild, seine Lufte so balsamisch, so rein, sein Mondlicht so friedlich! Nie werde ich die kostliche Kuhlung vergessen, die eines Tags in einem leichten Regenschauer herabthaute und den ruhigen See mit zitternden Lichtpuncten bedeckte. Ich stand mit Graham denn mit diesem Namen, den sein Land segnet und die Freunde des Rechts und der Wahrheit verehren, muss ich doch endlich den unlieben Namen Maitland vertauschen; ich stand mit Charlotte und Graham schutzsuchend unter einer Fichte, kein Laut ward gehort, als das Rieseln der Tropfen im See und dann und wann der Ruf eines fernen Wasservogels. "Wie oft, wachend und schlafend, habe ich hiervon getraumt"! sagte Graham leise, als wollte er die Stille nicht storen, "und noch jetzt ist mir, was mich umgibt, wie ein Traum. Diese tiefe Ruhe! Jeder Schatten liegt noch auf eben der Bucht, auf eben dem Abhange, wie damals, wenn ich so oft dastand und erstaunte, wie die unermessliche Tiefe des Wassers die grenzenlose Hohe des Himmels also abbilden konne. Und nun nach meiner langen Verbannung so vereint zu seyn mit allem, was mir am theuersten ist, seine Nahe zu empfinden " Ich fuhlte mich plotzlich unendlich beklommen. Ich glaubte seit einiger Zeit hoffen zu durfen, das Schicksal habe meine Erziehung durch Ungluck beendigt und wolle sie nun durch friedliches Gluck, so weit es Menschen vergonnt ist, vollenden. Dass ich mir nur in Vereinigung mit den Geliebten, die jetzt mich umgaben, Gluck denken konnte, leugnete ich mir nicht; aber dieses Gluck von Gott zu erbitten, hatte ich mir in jungfraulicher Zucht und kindlicher Ergebung immer versagt. Heinrichs Worte sagten deutlicher, wie je, was mich nicht mehr uberraschen konnte; denn das freudenreiche Beisammenseyn eines ganzen Winters hatte mir bewiesen, was ich jetzt in einem bestimmtern Sinn, mit der Ueberraschung der ersten Liebe vernahm. Unwillkurlich trat ich einen Schritt von Graham zuruck, und sein ernst auf mich gehefteter Blick konnte mir meine Unbefangenheit nicht wiedergeben.
Den folgenden Tag kam ich von einem Gang in das Dorf zuruck und wollte eben in das gemeinschaftliche Zimmer treten, als ich durch die angelehnte Thur Grahams Stimme in dem festen, bestimmten Ton horte, wie er ihn nur bei Dingen, die seinem Herzen sehr nahe waren, zu gebrauchen pflegte. "Ist es so", verstand ich jetzt deutlich, "so geh' ich morgen fort, und hier muss sich alles verandern." Fort? morgen fort? und ohne einen Gedanken an mich? oder dieses "verandern" druckte den vernichtendsten Gedanken aus. Halb entseelt wankte ich auf mein Zimmer zu; Charlotte begegnete mir auf der Treppe "heil'ger Gott, was ist Ihnen geschehen?" rief sie bei meinem Anblick. Ich eilte neben ihr vorbei und verschloss mich in mein Zimmer. Ich war nicht mehr das ungestume, seine Wunsche ertrotzende Geschopf, ich wollte aufrichtig, was Gott wolle, ertragen; aber in diesem Augenblick vermochte ich nichts, als mir zu gebieten: "ruhig, armes Herz!" und nichts zu beschliessen, so lange es das nicht war. Doch Charlotten, die so flehend um Einlass bat, musste ich die Thur offnen, ich musste zum Thee herabgehen, und wie sie alle so zutraulich mir anriethen, zur Erleichterung des von mir vorgeschutzten Kopfschmerzens ins Freie zu gehen, musste ich Graham und Charlotte an das Seeufer begleiten. Heinrich bot mir seinen Arm, ich musste ihn wohl annehmen, aber fern von ihm ging ich und stutzte mich nicht. Er fragte so theilnehmend nach meinem Befinden, er sprach so zartlich, achtungsvoll mit mir, dass meine Angst mehr, als meine Zuruckhaltung wich, und ich zwar mit Herzklopfen, aber ohne thorichte Heftigkeit vernahm, dass Charlotte uns anwies, unsern Weg allein fortzusetzen, weil sie in einer benachbarten Hutte einen Krankenbesuch abzulegen gedenke. Er fuhrte mich auf ein kleines schattiges Thal zu; ich versuchte anfangs mit Lebhaftigkeit zu schwatzen, aber es gelang mir nicht; halb beschamt, dass ich versucht hatte unwahr zu seyn, versank ich in ein Stillschweigen, das Graham nicht storte; nur hie und da theilten wir uns eine Bemerkung mit, die gleichgultige Vorgange betraf. In einem Augenblick, wo ich mich zufallig umsah, fiel mir die Schonheit der Aussicht auf, die uns jetzt am Ausgang des kleinen Thals durch ein paar Felsabhange den See im Sonnenglanz zeigte. "O, weilen wir hier und blicken zuruck!" rief ich, meinen Begleiter aufhaltend. "Ja", antwortete Graham mit einem leichten Lacheln, "weilen wir hier und blicken einen Augenblick ruckwarts! vielleicht fur lange, lange Zeit zum letzten Mal! Kommen Sie, Miss Percy, lassen Sie mir den lieben Arm! lehnen Sie sich auf mich, wie sonst! lassen Sie mich glucklich seyn, so lange ich darf!" Er schwieg, aber mein Mund war verstummt; ich hatte kein Wort uber meine Lippen bringen konnen. Graham begann von neuem: "Dieser Abend, diese Stunde vielleicht kann diese reiche, herrliche Natur fur mich in ewige Trauer kleiden, oder ihre Schonheit uber allen Wechsel erheben. Ehe wir heute scheiden, Ellen, muss ich endlich erfahren, ob es meinem Leben nie verliehen seyn soll, Pflicht und Gluckseligkeit zu verbinden. Sie wissen, Ellen, wie lange Sie begreifen aber nicht, wie zartlich ich Sie geliebt habe. Der Mann wird Herr seiner Gefuhle, aber diese Herrschaft kostet ihm dennoch sein Gluck. Wenn ich Sie nun so innig liebte, wie Irrthum Sie entstellte, wie Gleichgultigkeit und Uebermuth mich von Ihnen zuruckwies, was muss ich jetzt empfinden, da Sie alles in sich vereinen, was den Mann im Weibe entzucken muss! Mich jetzt von Ihnen trennen jetzt, Ellen, da hier jeder Gegenstand Sie mir zuruckruft! O Ellen, dazu verurtheilen Sie mich nicht! Kann meine Liebe dich gewinnen, kann meine Bestandigkeit dir Zutrauen geben, kann dein unschuldiges Herz sich mit dem Gluck befriedigen, das ich dir hier biete, kann eines greisen Vaters Segen Der starke Mann wollte vor der Geliebten nicht in Thranen ausbrechen, darum schwieg er mit zitternden Lippen. Ich fand aber jetzt Kraft, wahr zu seyn, und Worte, es zu aussern; "Heinrich", sprach ich, "sagen Sie mir, was Sie wunschen! deuten Sie mir an, was Sie glucklich macht! ich darf es Ihnen versprechen." Das sprach ich, glaub' ich, wenigstens verstand er mich recht. Er verstand, dass ich nicht mehr das thoricht herzlose Geschopf war, das der Beifall eines Gecken uber die Verdienste eines edeln Mannes verblendete, nicht das gedankenlose Wesen, dessen Wunsche und Bestrebungen sich um die fluchtigsten Tauschungen des Augenblicks drangten. Er erkannte das kindlich dankbare Herz, das vom Schicksal erzogen, ertragen, lieben und geniessen gelernt hatte. Ellen war nun wurdig, an seiner Hand in ein bessres Daseyn zu pilgern, war fahig, die Blumen des Weges zu pflucken, dessen Sturme zu bestehen.
Ich bin nun schon manches Jahr ein gluckliches Weib; und nie seit dieser Zeit habe ich Schloss Eredine verlassen, noch es zu verlassen gewunscht. Graham ist noch immer gewissermassen mein Liebhaber, und wenn mir gleich von Ellen Percys Muthwillen immer noch ein kleiner Anstrich blieb, gestehe ich doch mit stolzklopfendem Herzen, dass er mir theurer ist, wie je, und ich stolzer, wie je, auf den Mann blikke, den Alle verehren, und der mich als die geliebte Mutter seiner Kinder begrusst.
Noch immer leben wir unter den Augen unsers ehrwurdigen Vaters, noch immer theilt unsre Charlotte seine Liebe und unser Gluck Wir sehen Wechsel in diesem seligen Leben voraus, allein wir kennen ein noch seligeres und diesem gehen wir mit der Zuversicht entgegen, wie wir im Schimmer der Abendrothe, der Sonne nachblickend, freudig denken: bis morgen! und ihres schoneren Aufgehens gewiss sind.
Fussnoten
1 Aus Youngs Nachtgedanken. 2 Der Gaelische Ausdruck heisst: Du lieber Hund. 3 Noch vor wenigen Jahren wurden die Begrabnissfeierlichkeiten in den Hochlanden mit Tanzen beschlossen. 4 Ellen Percy hatte fur Juliens Lage eine Ansicht, die wir, unsrer Ansicht der Ehe gemass, nicht theilen konnen. Sie hielt Julie fur Glendowers gesetzliche Gattin und das Kind fur seinen rechtmassigen Erben, wie spaterhin die Gesetze dasselbe auch zu seyn erklarten. 5 Schottische Redensart.