E. T. A. Hoffmann
Lebensansichten des Katers Murr
nebst fragmentarischer Biographie
des Kapellmeisters Johannes Kreisler
in zufalligen Makulaturblattern
Erster Band
Vorwort des Herausgebers1
Keinem Buche ist ein Vorwort notiger, als gegenwartigem, da es, wird nicht erklart, auf welche wunderliche Weise es sich zusammengefugt hat, als ein zusammengewurfeltes Durcheinander erscheinen durfte.
Daher bittet der Herausgeber den gunstigen Leser, wirklich zu lesen, namlich dies Vorwort.
Besagter Herausgeber hat einen Freund, mit dem er ein Herz und eine Seele ist, den er ebenso gut kennt, als sich selbst. Dieser Freund sprach eines Tages zu ihm ungefahr also: "Da du, mein Guter, schon manches Buch hast drucken lassen und dich auf Verleger verstehst, wird es dir ein leichtes sein, irgendeinen von diesen wackern Herren aufzufinden, der auf deine Empfehlung etwas druckt, was ein junger Autor von dem glanzendsten Talent, von den vortrefflichsten Gaben vorher aufschrieb. Nimm dich des Mannes an, er verdient es."
Der Herausgeber versprach, sein Bestes zu tun fur den schriftstellerischen Kollegen. Etwas verwunderlich wollt' es ihm nun wohl bedunken, als sein Freund ihm gestand, dass das Manuskript von einem Kater, Murr geheissen, herruhre und dessen Lebensansichten enthalte; das Wort war jedoch gegeben, und da der Eingang der Historie ihm ziemlich gut stilisiert schien, so lief er sofort, mit dem Manuskript in der Tasche, zu dem Herrn Dummler Unter den Linden und proponierte ihm den Verlag des Katerbuchs.
Herr Dummler meinte, bis jetzt habe er zwar nicht unter seinen Autoren einen Kater gehabt, wisse auch nicht, dass irgendeiner seiner werten Kollegen mit einem Mann des Schlages bis jetzt sich eingelassen, indessen wolle er den Versuch wohl machen.
Der Druck begann, und dem Herausgeber kamen die ersten Aushangebogen zu Gesicht. Wie erschrak er aber, als er gewahrte, dass Murrs Geschichte hin und wieder abbricht und dann fremde Einschiebsel vorkommen, die einem andern Buch, die Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler enthaltend, angehoren.
Nach sorgfaltiger Nachforschung und Erkundigung erfuhr der Herausgeber endlich folgendes. Als der Kater Murr seine Lebensansichten schrieb, zerriss er ohne Umstande ein gedrucktes Buch, das er bei seinem Herrn vorfand, und verbrauchte die Blatter harmlos teils zur Unterlage, teils zum Loschen. Diese Blatter blieben im Manuskript und wurden, als zu demselben gehorig, aus Versehen mit abgedruckt!
De- und wehmutig muss nun der Herausgeber gestehen, dass das verworrene Gemisch fremdartiger Stoffe durcheinander lediglich durch seinen Leichtsinn veranlasst, da er das Manuskript des Katers hatte genau durchgehen sollen, ehe er es zum Druck beforderte, indessen ist noch einiger Trost fur ihn vorhanden.
Furs erste wird der geneigte Leser sich leicht aus der Sache finden konnen, wenn er die eingeklammerten Bemerkungen, Mak. Bl. (Makulatur-Blatt) und M. f. f. (Murr fahrt fort) gutigst beachten will, dann ist aber das zerrissene Buch hochst wahrscheinlich gar nicht in den Buchhandel gekommen, da niemand auch nur das mindeste davon weiss. Den Freunden des Kapellmeisters wenigstens wird es daher angenehm sein, dass sie durch den literarischen Vandalismus des Katers zu einigen Nachrichten uber die sehr seltsamen Lebensumstande jenes in seiner Art nicht unmerkwurdigen Mannes kommen.
Der Herausgeber hofft auf gutige Verzeihung.
Wahr ist es endlich, dass Autoren ihre kuhnsten Gedanken, die ausserordentlichsten Wendungen oft ihren gutigen Setzern verdanken, die dem Aufschwunge der Ideen nachhelfen durch sogenannte Druckfehler. So sprach z.B. der Herausgeber im zweiten Teile seiner "Nachtstucke" Pag. 326 von geraumigen Bosketts, die in einem Garten befindlich. Das war dem Setzer nicht genial genug, er setzte daher das Wortlein Bosketts um in das Wortlein Kasketts. So lasst in der Erzahlung "das Fraulein Scuderi2" der Setzer pfiffigerweise besagtes Fraulein statt in einer schwarzen Robe, in einer schwarzen Farbe von schwerem Seidenzeug erscheinen u.s.w.
Jedem jedoch das Seine! Weder der Kater Murr, noch der unbekannte Biograph des Kapellmeisters Kreisler soll sich mit fremden Federn schmucken, und der Herausgeber bittet daher den gunstigen Leser dringend, bevor er das Werklein liest, nachfolgende Anderungen zu veranstalten, damit er von beiden Autoren nicht besser oder schlechter denke, als sie es verdienen.
Ubrigens werden nur die Haupterrata bemerkt, geringere dagegen der Diskretion des gutigen Lesers uberlassen.
(Es folgt die Angabe einer Reihe von Druckfehlern.)
Schliesslich darf der Herausgeber versichern, dass er den Kater Murr personlich kennen gelernt und in ihm einen Mann von angenehmen milden Sitten gefunden hat. Er ist auf dem Umschlage dieses Buchs frappant getroffen. Berlin, im November 1819
E. T. A. Hoffmann
Vorrede des Autors
Schuchtern mit bebender Brust, ubergebe ich der Welt einige Blatter des Lebens, des Leidens, der Hoffnung, der Sehnsucht, die in sussen Stunden der Musse, der dichterischen Begeisterung meinem innersten Wesen entstromten.
Werde, kann ich bestehen vor dem strengen Richterstuhl der Kritik? Doch ihr seid es, ihr fuhlenden Seelen, ihr rein kindlichen Gemuter, ihr mir verwandten treuen Herzen, ja, ihr seid es, fur die ich schrieb, und eine einzige schone Trane in eurem Auge wird mich trosten, wird die Wunde heilen, die der kalte Tadel unempfindlicher Rezensenten mir schlug! Berlin, im Mai (18 )
Murr
(Etudiant en belles lettres)
Vorwort
Unterdrucktes des Autors
Mit der Sicherheit und Ruhe, die dem wahren Genie angeboren, ubergebe ich der Welt meine Biographie, damit sie lerne, wie man sich zum grossen Kater bildet, meine Vortrefflichkeit im ganzen Umfange erkenne, mich liebe, schatze, ehre, bewundere und ein wenig anbete.
Sollte jemand verwegen genug sein, gegen den gediegenen Wert des ausserordentlichen Buchs einige Zweifel erheben zu wollen, so mag er bedenken, dass er es mit einem Kater zu tun hat, der Geist, Verstand besitzt und scharfe Krallen. Berlin, im Mai (18-)
Murr
(Homme de lettres tres renomme)
N. S. Das ist zu arg! Auch das Vorwort des Autors, welches unterdruckt werden sollte, ist abgedruckt! Es bleibt nichts ubrig, als den gunstigen Leser zu bitten, dass er dem schriftstellerischen Kater den etwas stolzen Ton dieses Vorworts nicht zu hoch anrechnen und bedenken moge, dass, wenn manche wehmutige Vorrede irgendeines andern empfindsamen Autors in die wahre Sprache der innigen Herzensmeinung ubersetzt werden sollte, es nicht viel anders herauskommen wurde.
d.H.
Erster Abschnitt
Gefuhle des Daseins
Die Monate der Jugend
Es ist doch etwas Schones, Herrliches, Erhabenes um das Leben! "O du susse Gewohnheit des Daseins!" ruft jener niederlandische Held in der Tragodie aus. So auch ich, aber nicht wie der Held in dem schmerzlichen Augenblick, als er sich davon trennen soll nein! in dem Moment, da mich eben die volle Lust des Gedankens durchdringt, dass ich in jene susse Gewohnheit nun ganz und gar hineingekommen und durchaus nicht willens bin, jemals wieder hinauszukommen. Ich meine namlich, die geistige Kraft, die unbekannte Macht, oder wie man sonst das uber uns waltende Prinzip nennen mag, welches mir besagte Gewohnheit ohne meine Zustimmung gewissermassen aufgedrungen hat, kann unmoglich schlechtere Gesinnungen haben als der freundliche Mann, bei dem ich Kondition gegangen, und der mir das Gericht Fische, das er mir vorgesetzt, niemals vor der Nase wegzieht, wenn es mir eben recht wohlschmeckt.
O Natur, heilige hehre Natur! wie durchstromt all deine Wonne, all dein Entzucken meine bewegte Brust, wie umweht mich dein geheimnisvoll sauselnder Atem! Die Nacht ist etwas frisch, und ich wollte doch jeder, der dies lieset oder nicht lieset, begreift nicht meine hohe Begeisterung, denn er kennt nicht den hohen Standpunkt, zu dem ich mich hinaufgeschwungen! Hinaufgeklettert ware richtiger, aber kein Dichter spricht von seinen Fussen, hatte er auch deren viere so wie ich, sondern nur von seinen Schwingen, sind sie ihm auch nicht angewachsen, sondern nur Vorrichtung eines geschickten Mechanikers. Uber mir wolbt sich der weite Sternenhimmel, der Vollmond wirft seine funkelnden Strahlen herab, und in feurigem Silberglanz stehen Dacher und Turme um mich her! Mehr und mehr verbraust das larmende Gewuhl unter mir in den Strassen, stiller und stiller wird die Nacht die Wolken ziehen eine einsame Taube flattert in bangen Liebesklagen girrend um den Kirchturm! Wie! wenn die liebe Kleine sich mir nahern wollte? Ich fuhle wunderbar es sich in mir regen, ein gewisser schwarmerischer Appetit reisst mich hin mit unwiderstehlicher Gewalt! O, kame sie, die susse Huldin, an mein liebekrankes Herz wollt' ich sie drucken, sie nimmer von mir lassen ha, dort flattert sie hinein in den Taubenschlag, die Falsche, und lasst mich hoffnungslos sitzen auf dem Dache! Wie selten ist doch in dieser durftigen, verstockten, liebeleeren Zeit wahre Sympathie der Seelen.
Ist denn das auf zwei Fussen aufrecht Einhergehen etwas so Grosses, dass das Geschlecht, welches sich Mensch nennt, sich die Herrschaft uber uns alle, die wir mit sichererem Gleichgewicht auf vieren daherwandeln, anmassen darf? Aber ich weiss es, sie bilden sich was Grosses ein auf etwas, was in ihrem Kopfe sitzen soll, und das sie die Vernunft nennen. Ich weiss mir keine rechte Vorstellung zu machen, was sie darunter verstehen, aber so viel ist gewiss, dass, wenn, wie ich es aus gewissen Reden meines Herrn und Gonners schliessen darf, Vernunft nichts anders heisst, als die Fahigkeit, mit Bewusstsein zu handeln und keine dumme Streiche zu machen, ich mit keinem Menschen tausche. Ich glaube uberhaupt, dass man sich das Bewusstsein nur angewohnt; durch das Leben und zum Leben kommt man doch, man weiss selbst nicht wie. Wenigstens ist es mir so gegangen, und wie ich vernehme, weiss auch kein einziger Mensch auf Erden das Wie und Wo seiner Geburt aus eigner Erfahrung, sondern nur durch Tradition, die noch dazu ofters sehr unsicher ist. Stadte streiten sich um die Geburt eines beruhmten Mannes, und so wird es, da ich selbst nichts Entscheidendes daruber weiss, immerdar ungewiss bleiben, ob ich in dem Keller, auf dem Boden oder in dem Holzstall das Licht der Welt erblickte oder vielmehr nicht erblickte, sondern nur in der Welt erblickt wurde von der teuren Mama. Denn wie es unserm Geschlecht eigen, waren meine Augen verschleiert. Ganz dunkel erinnere ich mich gewisser knurrender, prustender Tone, die um mich her erklangen, und die ich beinahe wider meinen Willen hervorbringe, wenn mich der Zorn uberwaltigt. Deutlicher und beinahe mit vollem Bewusstsein finde ich mich in einem sehr engen Behaltnis mit weichen Wanden eingeschlossen, kaum fahig, Atem zu schopfen, und in Not und Angst ein klagliches Jammergeschrei erhebend. Ich fuhlte, dass etwas in das Behaltnis hinabgriff und mich sehr unsanft beim Leibe packte, und dies gab mir Gelegenheit, die erste wunderbare Kraft, womit mich die Natur begabt, zu fuhlen und zu uben. Aus meinen reich uberpelzten Vorderpfoten schnellte ich spitze gelenkige Krallen hervor und grub sie ein in das Ding, das mich gepackt, und das, wie ich spater gelernt, nichts anders sein konnte, als eine menschliche Hand. Diese Hand zog mich aber heraus aus dem Behaltnis und warf mich hin, und gleich darauf fuhlte ich zwei heftige Schlage auf den beiden Seiten des Gesichts, uber die jetzt ein, wie ich wohl sagen mag, stattlicher Bart heruberragt. Die Hand teilte mir, wie ich jetzt beurteilen kann, von jenem Muskelspiel der Pfoten verletzt, ein paar Ohrfeigen zu, ich machte die erste Erfahrung von moralischer Ursache und Wirkung, und eben ein moralischer Instinkt trieb mich an, die Krallen ebenso schnell wieder einzuziehen, als ich sie hervorgeschleudert. Spater hat man dieses Einziehen der Krallen mit Recht als einen Akt der hochsten Bonhomie und Liebenswurdigkeit anerkannt und mit dem Namen "Samtpfotchen" bezeichnet.
Wie gesagt, die Hand warf mich wieder zur Erde. Bald darauf erfasste sie mich aber aufs neue beim Kopf und druckte ihn nieder, so dass ich mit dem Maulchen in eine Flussigkeit geriet, die ich, selbst weiss ich nicht, wie ich darauf verfiel, es musste daher physischer Instinkt sein, aufzulecken begann, welches mir eine seltsame innere Behaglichkeit erregte. Es war, wie ich jetzt weiss, susse Milch, die ich genoss, mich hatte gehungert, und ich wurde satt, indem ich trank. So trat, nachdem die moralische begonnen, die physische Ausbildung ein.
Aufs neue, aber sanfter als vorher, fassten mich zwei Hande und legten mich auf ein warmes weiches Lager. Immer besser und besser wurde mir zumute, und ich begann mein inneres Wohlbehagen zu aussern, indem ich jene seltsame, meinem Geschlecht allein eigene Tone von mir gab, die die Menschen durch den nicht unebenen Ausdruck: spinnen bezeichnen. So ging ich mit Riesenschritten vorwarts in der Bildung fur die Welt. Welch ein Vorzug, welch ein kostliches Geschenk des Himmels, inneres physisches Wohlbehagen ausdrucken zu konnen durch Ton und Gebarde! Erst knurrte ich, dann kam mir jenes unnachahmliche Talent, den Schweif in den zierlichsten Kreisen zu schlangeln, dann die wunderbare Gabe, durch das einzige Wortlein "Miau" Freude, Schmerz, Wonne und Entzucken, Angst und Verzweiflung, kurz, alle Empfindungen und Leidenschaften in ihren mannigfaltigsten Abstufungen auszudrucken. Was ist die Sprache der Menschen gegen dieses einfachste aller einfachen Mittel, sich verstandlich zu machen! Doch weiter in der denkwurdigen, lehrreichen Geschichte meiner ereignisreichen Jugend!
Ich erwachte aus tiefem Schlaf, ein blendender Glanz umfloss mich, vor dem ich erschrak, fort waren die Schleier von meinen Augen, ich sah!
Ehe ich mich an das Licht, vorzuglich aber an das buntscheckige Allerlei, das sich meinen Augen darbot, gewohnen konnte, musste ich mehrmals hintereinander entsetzlich niesen, bald ging es indessen mit dem Sehen ganz vortrefflich, als habe ich es schon mehrere Zeit hintereinander getrieben.
O das Sehen! es ist eine wunderbare herrliche Gewohnheit, eine Gewohnheit, ohne die es sehr schwer werden wurde, uberhaupt in der Welt zu bestehen! Glucklich diejenigen Hochbegabten, denen es so leicht wird als mir, sich das Sehen anzueignen.
Leugnen kann ich nicht, dass ich doch in einige Angst geriet und dasselbe Jammergeschrei erhob, wie damals in dem engen Behaltnis. Sogleich erschien ein kleiner, hagerer alter Mann, der mir unvergesslich bleiben wird, da ich, meiner ausgebreiteten Bekanntschaft unerachtet, keine Gestalt, die ihm gleich oder auch nur ahnlich zu nennen, jemals wieder erblickt habe. Es trifft sich haufig bei meinem Geschlecht, dass dieser, jener Mann einen weiss und schwarz gefleckten Pelz tragt, selten findet man aber wohl einen Menschen, der schneeweisses Haupthaar haben sollte und dazu rabenschwarze Augenbraunen, dies war aber der Fall bei meinem Erzieher. Der Mann trug im Hause einen kurzen hochgelben Schlafrock, vor dem ich mich entsetzte und daher, so gut es bei meiner damaligen Unbehilflichkeit gehen wollte, von dem weichen Kissen herab zur Seite kroch. Der Mann buckte sich herab zu mir mit einer Gebarde, die mir freundlich schien und mir Zutrauen einflosste. Er fasste mich, ich hutete mich wohl vor dem Muskelspiel der Krallen, die Ideen Kratzen und Schlage verbanden sich von selbst, und in der Tat, der Mann meinte es gut mit mir, denn er setzte mich nieder vor einer Schussel susser Milch, die ich begierig auflutschte, woruber er sich nicht wenig zu freuen schien. Er sprach vieles mit mir, welches ich aber nicht verstand, da mir damals als einem jungen unerfahrnen Kiekindiewelt von Katerchen das Verstehen der menschlichen Sprache noch nicht eigen. Uberhaupt weiss ich von meinem Gonner nur wenig zu sagen. So viel ist aber gewiss, dass er in vielen Dingen geschickt in Wissenschaften und Kunsten hocherfahren sein musste, denn alle, die zu ihm kamen (ich bemerkte Leute darunter, die gerade da, wo mir die Natur einen gelblichen Fleck im Pelze beschert hat, d.h. auf der Brust, einen Stern oder ein Kreuz trugen), behandelten ihn ausnehmend artig, ja zuweilen mit einer gewissen scheuen Ehrfurcht, wie ich spaterhin den Pudel Skaramuz, und nannten ihn nicht anders, als mein hochverehrtester, mein teurer, mein geschatzter Meister Abraham! Nur zwei Personen nannten ihn schlechtweg "Mein Lieber!" Ein grosser durrer Mann in papageigrunen Hosen und weissseidenen Strumpfen und eine kleine, sehr dicke Frau mit schwarzem Haar und einer Menge Ringe an allen Fingern. Jener Herr soll aber ein Furst, die Frau hingegen eine judische Dame gewesen sein.
Dieser vornehmen Besucher unerachtet, wohnte Meister Abraham doch in einem kleinen hochgelegenen Stubchen, so dass ich meine ersten Promenaden sehr bequem durchs Fenster aufs Dach und auf den Hausboden machen konnte.
Ja! es ist nicht anders, auf einem Boden muss ich geboren sein! Was Keller, was Holzstall ich entscheide mich fur den Boden! Klima, Vaterland, Sitten, Gebrauche, wie unausloschlich ist ihr Eindruck, ja, wie sind sie es nur, die des Weltburgers aussere und innere Gestaltung bewirken! Woher kommt in mein Inneres dieser Hohesinn, dieser unwiderstehliche Trieb zum Erhabenen? Woher diese wunderbar seltene Fertigkeit im Klettern, diese beneidenswerte Kunst der gewagtesten genialsten Sprunge? Ha! es erfullt eine susse Wehmut meine Brust! Die Sehnsucht nach dem heimatlichen Boden regt sich machtig! Dir weihe ich diese Zahren, o schones Vaterland, dir dies wehmutig jauchzende Miau! Dich ehren diese Sprunge, diese Satze, es ist Tugend darin und patriotischer Mut! Du, o Boden, spendest mir in freigebiger Fulle manch Mauslein, und nebenher kann man manche Wurst, manche Speckseite aus dem Schornstein erwischen, ja wohl manchen Sperling haschen und sogar hin und wieder ein Taublein erlauben. "Gewaltig ist die Liebe zu dir, o Vaterland!"
Doch ich muss rucksichte meiner
(Mak. Bl.) "' und erinnern Sie sich, gnadigster Herr, denn nicht des grossen Sturms, der dem Advokaten, als er zur Nachtzeit uber den Pontneuf wandelte, den Hut vom Kopfe herunter in die Seine warf?' Ahnliches steht im Rabelais, doch war es eigentlich nicht der Sturm, der dem Advokaten den Hut raubte, den er, indem er den Mantel dem Spiel der Lufte preisgab, mit der Hand fest auf den Kopf gedruckt hielt, sondern ein Grenadier riss mit dem lauten Ausruf: 'Es weht ein grosser Wind, mein Herr', voruberlaufend, schnell den feinen Kastor dem Advokaten unter der Hand von der Perucke, und nicht dieser Kastor war es, der in die Wellen der Seine hinabgeschleudert wurde, sondern des Soldaten eignen schnoden Filz fuhrte wirklich der Sturmwind in den feuchten Tod. Sie wissen nun, gnadigster Herr, dass in dem Augenblick, als der Advokat ganz verblufft dastand, ein zweiter Soldat mit demselben Ausruf: 'Es weht ein grosser Wind, mein Herr!' voruberrennend, den Mantel des Advokaten beim Kragen packte und ihn ihm herabriss von den Schultern, und dass gleich darauf ein dritter Soldat mit demselben Ausruf: 'Es weht ein grosser Wind, mein Herr!' vorbeilaufend, ihm das spanische Rohr mit dem goldnen Knopf aus den Handen wand. Der Advokat schrie aus allen Kraften, warf dem letzten Spitzbuben die Perucke nach und ging dann barhauptig ohne Mantel und Stock hin, um das merkwurdigste aller Testamente aufzunehmen, um das seltsamste aller Abenteuer zu erfahren. 'Sie wissen das alles, gnadigster Herr!'
'Ich weiss,' erwiderte der Furst, als ich dies gesprochen, 'ich weiss gar nichts und begreife uberhaupt nicht, wie Ihr, Meister Abraham, mir solches wirres Zeug vorschwatzen konnt. Den Pontneuf kenne ich allerdings, er befindet sich zu Paris, und bin ich zwar niemals daruber zu Fusse gegangen, wohl aber oft daruber gefahren, wie es meinem Stande geziemt. Den Advokaten Rabelais habe ich niemals gesehen und um Soldatenstreiche in meinem ganzen Leben mich nicht bekummert. Als ich in jungern Jahren noch meine Armee kommandierte, liess ich wochentlich einmal samtliche Junkers durchfuchteln fur die Dummheiten, die sie begangen oder kunftig noch begehen mochten, das Prugeln der gemeinen Leute war aber die Sache der Leutenants, die damit meinem Beispiel gemass auch allwochentlich verfuhren, und zwar Sonnabends, so dass Sonntags es keinen Junker, keinen gemeinen Kerl in der ganzen Armee gab, der nicht seine gehorige Tracht Schlage erhalten, wodurch die Truppen, nachst der eingeprugelten Moralitat, auch ans Geschlagenwerden uberhaupt gewohnt wurden, ohne jemals vor dem Feinde gewesen zu sein, und in diesem Fall nichts anders tun konnten als schlagen. Das leuchtet Euch ein, Meister Abraham, und nun sagt mir um tausend Gottes willen, was wollt Ihr mit Eurem Sturm, mit Eurem auf dem Pontneuf beraubten Advokaten Rabelais, wo bleibt Eure Entschuldigung, dass das Fest sich aufloste in wilder Verwirrung, dass mir eine Leuchtkugel ins Toupet fuhr, dass mein teurer Sohn in das Bassin geriet und von verraterischen Delphinen bespritzt wurde uber und uber, dass die Prinzessin entschleiert mit aufgeschurztem Rock wie Atalanta durch den Park fliehen musste, dass dass wer zahlt die Unglucksfalle der verhangnisvollen Nacht! Nun, Meister Abraham, was sagt Ihr?'
'Gnadigster Herr,' erwiderte ich, mich demutsvoll verbeugend, 'was war an allem Unheil schuld, als der Sturm das grassliche Unwetter, welches einbrach, als alles im schonsten Gange. Kann ich den Elementen gebieten? Hab' ich denn nicht selbst dabei schlimmes Malheur erlitten, habe ich nicht wie jener Advokat, den ich untertanigst bitte, nicht mit dem beruhmten franzosischen Schriftsteller Rabelais zu verwechseln, Hut, Rock und Mantel verloren? Habe ich nicht '"
"Hore," unterbrach hier den Meister Abraham Johannes Kreisler, "hore, Freund, noch jetzt, unerachtet es schon ziemlich lange her ist, spricht man von dem Geburtstage der Furstin, dessen Feier du angeordnet hast, wie von einem dunklen Geheimnis, und gewiss hast du nach deiner gewohnlichen Art und Weise viel Abenteuerliches begonnen. Hielt das Volk dich schon immer fur eine Art von Hexenmeister, so scheint dieser Glaube durch jenes Fest noch um vieles starker geworden zu sein. Sage mir nur geradezu, wie sich alles begeben. Du weisst, ich war damals nicht hier "
"Eben das," fiel Meister Abraham dem Freunde ins Wort, "geben das, dass du nicht hier, dass du, der Himmel weiss, von welchen Furien der Holle getrieben, fortgerannt warst wie ein Wahnsinniger, eben das machte mich toll und wild, eben deshalb beschwor ich die Elemente herauf, ein Fest zu storen, das meine Brust zerschnitt, da du, der eigentliche Held des Stucks, fehltest, ein Fest, das nur erst durftig und muhsam daherschlich, dann aber uber geliebte Personen nichts brachte als die Qual beangstigender Traume Schmerz Entsetzen! Erfahre es jetzt, Johannes, ich habe tief in dein Inneres geschaut und das gefahrliche bedrohliche Geheimnis erkannt, das darin ruht, ein garender Vulkan, in jedem Augenblick vermogend loszubrechen in verderblichen Flammen, rucksichtslos alles um sich her verzehrend! Es gibt Dinge in unserm Innern, die sich so gestalten, dass die vertrautesten Freunde daruber nicht reden durfen. Darum verhehlte ich dir sorglich, was ich in dir erschaut, aber mit jenem Fest, dessen tieferer Sinn nicht die Furstin, sondern eine andere geliebte Person und dich selbst traf, wollte ich dein ganzes Ich gewaltsam erfassen. Die verborgensten Qualen sollten lebendig werden in dir und wie aus dem Schlaf erwachte Furien mit verdoppelter Kraft deine Brust zerfleischen. Wie einem zum Tode Siechen sollte Arzenei, dem Orkus selbst entnommen, die im starksten Paroxysmus kein weiser Arzt scheuen darf, dir den Tod bereiten oder Genesung! Wisse Johannes, dass der Furstin Namenstag zusammentrifft mit dem Namenstage Julias, die auch, wie sie, Maria geheissen."
"Ha!" rief Kreisler, indem er, zehrendes Feuer im Blick, aufsprang, "Ha! Meister! ist dir die Macht gegeben, mit mir freches hohnendes Spiel zu treiben? Bist du das Verhangnis selbst, dass du mein Inneres erfassen magst?"
"Wilder unbesonnener Mensch," erwiderte Meister Abraham ruhig, "wann wird endlich der verwustende Brand in deiner Brust zur reinen Naphthaflamme werden, genahrt von dem tiefsten Sinn fur die Kunst, fur alles Herrliche und Schone, der in dir wohnt! Du verlangtest von mir die Beschreibung jenes verhangnisvollen Festes; so hore mich denn ruhig an, oder ist deine Kraft gebrochen ganz und gar, dass du das nicht vermagst, so will ich dich verlassen."
"Erzahle," sprach Kreisler mit halberstickter Stimme, indem er, beide Hande vors Gesicht, sich wieder hinsetzte. "Ich will," sprach Meister Abraham, plotzlich einen heitern Ton annehmend, "ich will dich, lieber Johannes, gar nicht ermuden mit der Beschreibung aller der sinnreichen Anordnungen, die grosstenteils dem erfindungsreichen Geiste des Fursten selbst ihren Ursprung verdankten. Da das Fest am spaten Abend begann, so versteht es sich von selbst, dass der ganze schone Park, der das Lustschloss umgibt, erleuchtet war. Ich hatte mich bemuht, in dieser Erleuchtung ungewohnliche Effekte hervorzubringen, das gelang aber nur zum Teil, da auf des Fursten ausdrucklichen Befehl in allen Gangen, mittelst auf grossen schwarzen Tafeln angebrachter buntfarbiger Lampen, der Namenszug der Furstin brennen musste, nebst der furstlichen Krone daruber. Da die Tafeln an hohen Pfahlen angenagelt, so glichen sie beinahe illuminierten Warnungsanzeigen, dass man nicht Tabak rauchen oder die Maut nicht umfahren solle. Der Hauptpunkt des Festes war das durch Gebusch und kunstliche Ruinen gebildete Theater in der Mitte des Parks, welches du kennst. Auf diesem Theater sollten die Schauspieler aus der Stadt etwas Allegorisches agieren, welches lappisch genug war, um ganz ausserordentlich zu gefallen, hatte es auch nicht der Furst selbst verfasst, und ware es daher auch nicht, um mich des geistreichen Ausdrucks jenes Schauspieldirektors, der ein furstliches Stuck auffuhrte, zu bedienen, aus einer durchlauchtigen Feder geflossen. Der Weg vom Schloss bis zum Theater war ziemlich weit. Nach der poetischen Idee des Fursten sollte der wandelnden Familie ein in den Luften schwebender Genius mit zwei Fackeln vorleuchten, sonst aber kein Licht brennen, sondern erst, nachdem die Familie und das Gefolge Platz genommen, das Theater plotzlich erleuchtet werden. Deshalb blieb besagter Weg finster. Vergebens stellte ich die Schwierigkeit dieser Maschinerie vor, welche die Lange des Wegs herbeifuhrte, der Furst hatte in den 'Fetes de Versailles' etwas Ahnliches gelesen, und da er hinterher den poetischen Gedanken selbst gefunden, bestand er auf dessen Ausfuhrung. Um jedem unverdienten Vorwurf zu entgehen, uberliess ich den Genius samt den Fackeln dem Theater-Maschinisten aus der Stadt. Sowie nun das furstliche Paar, hinter ihm das Gefolge, aus der Ture des Salons trat, wurde ein kleines pausbackiges Mannlein, in die Hausfarben des Fursten gekleidet, mit zwei brennenden Fackeln in den Handchen, vom Dache des Lustschlosses herabgezogen. Die Puppe war aber zu schwer, und es begab sich, dass kaum zwanzig Schritt davon die Maschine stockte, so dass der leuchtende Schutzgeist des furstlichen Hauses hangen blieb und, da die Arbeiter starker anzogen, sich uber kugelte. Nun schleuderten die brennenden abwarts gekehrten Wachskerzen gluhende Tropfen zur Erde. Der erste dieser Tropfen traf den Fursten selbst, der indessen mit stoischem Gleichmut den Schmerz verbiss, wiewohl er in der Gravitat des Schrittes nachliess und schneller vorwarts eilte. Der Genius schwebte jetzt fort uber der Gruppe, die der Hofmarschall mit den Kammerjunkern nebst andern Hofchargen bildete, Fusse oben, Kopf unten, so dass der Glutregen aus den Fackeln bald diesen, bald jenen auf den Kopf und auf die Nase traf. Den Schmerz zu aussern und so das frohe Fest zu storen, hatte den Respekt verletzt, es war daher hubsch anzusehen, wie die Unglucklichen, eine ganze Kohorte stoischer Scavolas, mit grasslich verzerrten Gesichtern und doch mit Gewalt die Qual niederkampfend, ja wohl gar ein Lacheln erzwingend, das dem Orkus anzugehoren schien, daherschritten, lautlos, kaum bangen Seufzern Raum gebend. Dazu wirbelten die Pauken, schmetterten die Trompeten, riefen hundert Stimmen: 'Vivat, vivat die gnadigste Frau Furstin! Vivat der gnadigste Herr Furst!' so dass der durch den wunderlichen Kontrast jener Laokoontischen Gesichter mit dem lustigen Jubel erzeugte tragische Pathos der ganzen Szene eine Majestat gab, wie kaum zu denken.
Der alte dicke Hofmarschall konnte es endlich nicht mehr ertragen; als ihn ein gluhender Tropfen gerade auf die Backe traf, sprang er in grimmer Wut der Verzweiflung seitwarts, verwickelte sich aber in die Strikke, die, zur Flugmaschine gehorend, gerade an der Seite hart uber dem Boden fortliefen, und sturzte mit dem lauten Ausruf: 'Alle Teufel!' nieder zur Erde. In demselben Moment hatte auch der luftige Page seine Rolle ausgespielt. Der gewichtige Hofmarschall zog ihn mit Zentnerschwere nieder, er sturzte herab mitten unter das Gefolge, das, laut aufschreiend, auseinanderprallte. Die Fackeln verloschten, man befand sich in der dicksten Finsternis. Dies alles geschah dicht vor dem Theater. Ich hutete mich wohl, den Zunder anzustecken, der alle Lampen, alle Feuerbecken des Platzes auf einmal in Brand setzen musste, sondern wartete damit ein paar Minuten, um der Gesellschaft Zeit zu lassen, sich in Baum und Gebusch gehorig zu verwirren. 'Licht Licht' rief der Furst wie der Konig im 'Hamlet', 'Licht Licht' eine Menge heisere Stimmen durcheinander. Als der Platz erleuchtet, glich der auseinandergesprengte Haufe einem geschlagenen Heer, das sich muhsam zusammenfindet. Der Oberkammerherr bewies sich als ein Mann von Gegenwart des Geistes, als der geschickteste Taktiker seiner Zeit; denn in wenigen Minuten war vermoge seiner Bemuhungen die Ordnung wiederhergestellt. Der Furst trat mit der nachsten Umgebung auf eine Art von erhohten Blumenthron, der in der Mitte des Zuschauer-Platzes errichtet. Sowie das furstliche Paar sich niederliess, fielen vermoge einer sehr pfiffigen Vorrichtung jenes Maschinisten eine Menge Blumen auf dasselbe herab. Nun wollte es aber das dunkle Verhangnis, dass eine grosse Feuerlilie dem Fursten gerade auf die Nase fiel und sein ganzes Gesicht glutrot uberstaubte, wodurch er ein ungemein majestatisches, der Feierlichkeit des Festes wurdiges Ansehen gewann."
"Das ist zu arg das ist zu arg," rief Kreisler, indem er eine rasende Lache aufschlug, dass die Wande drohnten.
"Lache nicht so konvulsivisch," sprach Meister Abraham, "auch ich lachte in jener Nacht unmassiger als jemals, ich fuhlte mich eben zu allerlei tollem Mutwillen aufgelegt und hatte wie der Spukgeist Droll selbst gern alles noch mehr durcheinanderjagen, noch mehr verwirren mogen, aber desto tiefer drangen dann die Pfeile, die ich gegen andere gerichtet, ein in meine eigene Brust. Nun! ich will es nur sagen! Den Moment des lappischen Blumenbewerfens hatte ich gewahlt, um den unsichtbaren Faden festzuknupfen, der sich nun durch das ganze Fest ziehen und, wie ein elektrischer Leiter, das Innerste der Personen durchbeben sollte, die ich mit meinem geheimnisvollen geistigen Apparat, in den sich der Faden verlor, mir in Rapport gesetzt denken musste. Unterbrich mich nicht, Johannes hore mich ruhig an. Julia sass mit der Prinzessin hinter der Furstin seitwarts, ich hatte beide im Auge. Sowie Pauken und Trompeten schwiegen, fiel Julien eine unter duftenden Nachtviolen versteckte aufbrechende Rosenknospe in den Schoss, und wie stromender Hauch des Nachtwindes schwammen die Tone deines tief ins Herz dringenden Liedes heruber: 'Mi lagnero tacendo della mia sorte amara.' Julie war erschrocken, als aber das Lied, das ich, ich sag' es, damit du uber die Art des Vortrags etwa nicht in bange Zweifel geratst, von unsern vier vortrefflichen Bassetthornisten ganz in der Ferne spielen liess begann, entfloh ein leichtes Ach ihren Lippen, sie druckte den Strauss an die Brust, und ich horte deutlich, dass sie zur Prinzessin sprach: 'Er ist gewiss wieder da!' Die Prinzessin umarmte Julien mit Heftigkeit und rief so laut: 'Nein nein ach, niemals,' dass der Furst sein feuriges Antlitz umdrehte und ihr ein zorniges Silence! zuwarf. Der Herr mochte auch wohl eben nicht gerade auf das liebe Kind sehr bose sein, aber ich will es hier bemerken, dass die wunderbare Schminke, ein Tiranno ingrato in der Oper hatte sich nicht zweckmassiger anmalen konnen, ihm wirklich das Ansehen eines fortwahrenden unvertilgbaren Zorns gab, so dass die ruhrendsten Reden, die zartesten Situationen, welche hausliches Gluck auf dem Throne allegorisch darstellten, rein verloren schienen; Schauspieler und Zuschauer gerieten daruber in nicht geringe Verlegenheit. Ja selbst, wenn der Furst bei den Stellen, die er sich zu dem Behuf in dem Exemplar, das er in der Hand hielt, rot angestrichen, der Furstin die Hand kusste und mit dem Tuch eine Trane von dem Auge wegdruckte, schien es in verbissenem Ingrimm zu geschehen; so dass die Kammerherrn, die diensttuend ihm zur Seite standen, sich zuflusterten: 'O Jesus, was ist unserm gnadigsten Herrn!' Ich will dir nur sagen, Johannes, dass, wahrend die Schauspieler das alberne Zeug vorne auf dem Theater hertragierten, ich mittelst magischer Spiegel und anderer Vorrichtungen hinterwarts in den Luften ein Geisterschauspiel darstellte zur Verherrlichung des Himmelskindes, der holden Julia, dass eine Melodie nach der andern, die du in hoher Begeisterung geschaffen, ertonte, ja dass oft ferner, oft naher, wie banger ahnungsvoller Geisterruf, der Name: Julia erklang. Aber du fehltest du fehltest, mein Johannes! Und wenn ich auch, nachdem das Schauspiel geendet, meinen Ariel ruhmen, wie Shakespeares Prospero den seinigen, wenn ich auch sagen musste, dass er alles trefflich vollfuhrt, so fand ich doch das, was ich mit tiefem Sinn angeordnet zu haben glaubte, schal und matt. Die Julia hatte alles mit feinem Takt verstanden. Doch schien sie nur angeregt wie von einem lieblichen Traum, dem man ubrigens keine sonderliche Einwirkung ins wache Leben verstattet. Die Prinzessin war dagegen tief in sich gekehrt. Arm in Arm lustwandelte sie mit Julien in den erleuchteten Gangen des Parks, wahrend der Hof in einem Pavillon Erfrischungen zu sich nahm. Ich hatte den Hauptschlag in diesem Moment vorbereitet, aber du fehltest du fehltest, mein Johannes. Voller Unmut und Zorn rannte ich umher, ich sah zu, ob alle Anstalten zu dem grossen Feuerwerk, womit das Fest schliessen sollte, gehorig geordnet. Da gewahrte ich, aufschauend zum Himmel, uber dem fernen Geierstein, im Schimmer der Nacht, die kleine rotliche Wolke, die jedesmal ein Wetter bedeutet, das still heraufzieht und dann hier uber uns mit einer furchterlichen Explosion losbricht. Zu welcher Zeit diese Explosion geschehen muss, berechne ich, wie du weisst, nach dem Stand der Wolke, auf die Sekunde. Keine Stunde konnte es mehr dauern, ich beschloss daher, mit dem Feuerwerk zu eilen. In dem Augenblick vernahm ich, dass mein Ariel mit jener Phantasmagorie begonnen, die alles, alles entscheiden sollte, denn ich horte am Ende des Parks in der kleinen Marienkapelle den Chor dein 'Ave maris stella' singen. Ich eilte schnell hin. Julia und die Prinzessin knieten in dem Betstuhl, der vor der Kapelle im Freien angebracht. Kaum war ich an Ort und Stelle, als aber du fehltest du fehltest, mein Johannes! Lass mich daruber schweigen, was sich jetzt begab Ach! wirkungslos blieb das, was ich fur ein Meisterstuck meiner Kunst gehalten, und ich erfuhr, was ich bloder Tor nicht geahnt."
"Heraus mit der Sprache," rief Kreisler, "alles, alles sage, Meister! wie es sich begeben."
"Mitnichten," erwiderte Meister Abraham, "es nutzt dir nichts, Johannes, und mir zerschneidet es die Brust, wenn ich noch sagen soll, wie meine eignen Geister mir Graus einjagten und Entsetzen! Die Wolke! glucklicher Gedanke! 'So soll', rief ich wild aus, 'denn alles in toller Verwirrung enden', und rannte fort nach dem Platz des Feuerwerks. Der Furst liess mir sagen, wenn alles fertig sei, sollte ich das Zeichen geben. Das Auge nicht abwendend von der Wolke, die vom Geierstein weg hoher und hoher heraufzog, liess ich, als sie mir hoch genug schien, die Boller losen. Bald war der Hof, die ganze Gesellschaft an Ort und Stelle. Nach dem gewohnlichen Spiel mit Feuerradern, Raketen, Leuchtkugeln und anderm gemeinen Zeuge ging endlich der Namenszug der Furstin in chinesischem Brillantfeuer auf, doch hoch uber ihm in Luften schwamm und verschwamm in milchweissem Licht der Name Julia. Nun war es Zeit. Ich zundete die Girandola an, und wie zischend und prasselnd die Raketen in die Hohe fuhren, brach das Wetter los mit glutroten Blitzen, mit krachenden Donnern, von denen Wald und Gebirge erdrohnten. Und der Orkan brauste hinein in den Park und storte auf den tausendstimmig heulenden Jammer im tiefsten Gebusch. Ich riss einem fliehenden Trompeter das Instrument aus der Hand und blies lustig jauchzend darein, wahrend die Artilleriesalven der Feuertopfe, der Kanonenschlage, der Boller wacker dem rollenden Donner entgegenknallten."
Wahrend Meister Abraham also erzahlte, sprang Kreisler auf, schritt heftig im Zimmer auf und ab, focht mit den Armen um sich und rief endlich ganz begeistert: "Das ist schon, das ist herrlich, daran erkenne ich meinen Meister Abraham, mit dem ich ein Herz bin und eine Seele!"
"O," sprach Meister Abraham, "ich weiss es ja, das Wildeste, Schauerlichste ist dir eben recht, und doch habe ich das vergessen, was dich ganz und gar den unheimlichen Machten der Geisterwelt preisgegeben hatte. Ich hatte die Wetterharfe, die, wie du weisst, sich uber das grosse Bassin hinzieht, anspannen lassen, auf der der Sturm als ein tuchtiger Harmoniker gar wacker spielte. In dem Geheul, in dem Gebraus des Orkans, in dem Krachen des Donners erklangen furchtbar die Akkorde der Riesenorgel. Schneller und schneller schlugen die gewaltigen Tone los, und man mochte wohl ein Furienballett vernehmen, dessen Stil ungemein gross zu nennen, wie man es beinahe zwischen den leinewandnen Wanden des Theaters nicht zu horen bekommt! Nun! in einer halben Stunde war alles voruber. Der Mond trat hinter den Wolken hervor. Der Nachtwind sauselte trostend durch den erschrockenen Wald und trocknete die Tranen weg von den dunklen Buschen. Dazwischen ertonte noch dann und wann die Wetterharfe wie dumpfes, fernes Glokkengelaute. Mir war wunderbarlieb zumute. Du, mein Johannes, erfulltest mein Inneres so ganz und gar, dass ich glaubte, du wurdest gleich vor mir aufsteigen aus dem Grabhugel verlorner Hoffnungen, unerfullter Traume und an meine Brust sinken. Nun in der Stille der Nacht kam der Gedanke, was fur ein Spiel ich unternommen, wie ich gewaltsam den Knoten, den das dunkle Verhangnis geschlungen, zerreissen wollen, aus meinem Innern herausgetreten, fremdartig, in anderer Gestaltung, auf mich los, und indem mich kalte Schauer durchbebten, war ich es selbst, vor dem ich mich entsetzen musste. Eine Menge Irrlichter tanzten und hupften im ganzen Park umher, aber es waren die Bedienten mit Laternen, welche die auf der schnellen Flucht verlernen Hute, Perucken, Haarbeutel, Degen, Schuhe, Shawls zusammensuchten. Ich machte mich davon. Mitten auf der grossen Brucke vor unserer Stadt blieb ich stehen und schaute noch einmal zuruck nach dem Park, der vom magischen Schimmer des Mondes umflossen dastand wie ein Zaubergarten, in dem das lustige Spiel flinker Elfen begonnen. Da fiel mir ein feines Piepen in die Ohren, ein Quaken, das beinahe dem eines neugebornen Kindes glich. Ich vermutete eine Untat, buckte mich tief uber das Gelander und entdeckte im hellen Mondschein ein Katzchen, das sich muhsam an den Pfosten angeklammert, um dem Tod zu entgehen. Wahrscheinlich hatte man eine Katzenbrut ersaufen wollen, und das Tierchen war wieder hinaufgekrochen. Nun, dacht' ich, ist's auch kein Kind, so ist es doch ein armes Tier, das dich um Rettung anquakt, und das du retten musst."
"O du empfindsamer Just," rief Kreisler lachend, "sage, wo ist dein Tellheim?"
"Erlaube," fuhr Meister Abraham fort, "erlaube, mein Johannes, mit dem Just magst du mich kaum vergleichen. Ich habe den Just uberjustet. Er rettete einen Pudel, ein Tier, das jeder gern um sich duldet, von dem sogar angenehme Dienstleistungen zu erwarten mittelst Apportieren, Handschuhe-, Tabaksbeutelund Pfeife-Nachtragen u.s.w., aber ich rettete einen Kater, ein Tier, vor dem sich viele entsetzen, das allgemein als perfid, keiner sanften, wohlwollenden Gesinnung, keiner offenherzigen Freundschaft fahig ausgeschrieen wird, das niemals ganz und gar die feindliche Stellung gegen den Menschen aufgibt, ja, einen Kater rettete ich aus purer uneigennutziger Menschenliebe. Ich kletterte uber das Gelander, griff nicht ohne Gefahr herab, fasste das wimmernde Katzchen, zog es hinauf und steckte es in die Tasche. Nach Hause gekommen, zog ich mich schnell aus und warf mich, ermudet und erschopft wie ich war, aufs Bett. Kaum war ich aber eingeschlafen, als mich ein klagliches Piepen und Winseln weckte, das aus meinem Kleiderschrank herzukommen schien. Ich hatte das Katzchen vergessen und es in der Rocktasche gelassen. Ich befreite das Tier aus dem Gefangnis, wofur es mich dermassen kratzte, dass mir alle funf Finger bluteten. Schon war ich im Begriff, den Kater durchs Fenster zu werfen, ich besann mich aber und schamte mich meiner kleinlichen Torheit, meiner Rachsucht, die nicht einmal bei Menschen angebracht ist, viel weniger bei der unvernunftigen Kreatur. Genug, ich zog mit aller Muhe und Sorgfalt den Kater gross. Es ist das gescheiteste, artigste, ja witzigste Tier der Art, das man sehen kann, dem es nur noch an der hohern Bildung fehlt, die du, mein lieber Johannes, ihm mit leichter Muhe beibringen wirst, weshalb ich denn gesonnen bin, dir den Kater Murr, so habe ich ihn benannt, fernerhin zu uberlassen. Obschon Murr zurzeit, wie die Juristen sich ausdrucken, noch kein homo sui juris ist, so habe ich ihn doch um seine Einwilligung gefragt, ob er in deine Dienste treten wolle. Er ist durchaus damit zufrieden."
"Du faselst," sprach Kreisler, "du faselst, Meister Abraham! du weisst, dass ich Katzen nicht sonderlich leiden mag, dass ich dem Geschlecht der Hunde bei weitem den Vorzug gebe."
"Ich bitte," erwiderte Meister Abraham, "ich bitte dich, lieber Johannes, recht von Herzen, nimm meinen hoffnungsvollen Kater Murr wenigstens so lange zu dir, bis ich heimkehre von meiner Reise. Ich habe ihn schon deshalb mitgebracht, er ist draussen und wartet auf gutigen Bescheid. Sieh ihn wenigstens an."
Damit offnete Meister Abraham die Ture, und auf der Strohmatte zusammengekrummt, schlafend, lag ein Kater, der wirklich in seiner Art ein Wunder von Schonheit zu nennen. Die grauen und schwarzen Streifen des Ruckens liefen zusammen auf dem Scheitel zwischen den Ohren und bildeten auf der Stirne die zierlichste Hieroglyphenschrift. Ebenso gestreift und von ganz ungewohnlicher Lange und Starke war der stattliche Schweif. Dabei glanzte des Katers buntes Kleid und schimmerte, von der Sonne Geleuchtet, so dass man zwischen dem Schwarz und Grau noch schmale goldgelbe Streifen wahrnahm. "Murr! Murr!" rief Meister Abraham, "krrr krrr," erwiderte der Kater sehr vernehmlich, dehnte erhob sich, machte den ausserordentlichsten Katzenbuckel und offnete ein Paar grasgrune Augen, aus denen Geist und Verstand in funkelndem Feuer hervorblitzten. Das behauptete wenigstens Meister Abraham, und auch Kreisler musste so viel einraumen, dass der Kater etwas Besonderes, Ungewohnliches im Antlitz trage, dass sein Kopf hinlanglich dick, um die Wissenschaften zu fassen, sein Bart aber schon jetzt in der Jugend weiss und lang genug sei, um dem Kater gelegentlich die Autoritat eines griechischen Weltweisen zu verschaffen.
"Wie kann man aber auch uberall gleich schlafen," sprach Meister Abraham zum Kater, "du verlierst alle Heiterkeit daruber und wirst vor der Zeit ein gramliches Tier. Putz' dich fein, Murr!"
Sogleich setzte sich der Kater auf die Hinterfusse, fuhr mit den Samtpfotchen sich zierlich uber Stirn und Wangen und stiess dann ein klares freudiges Miau aus.
"Dies ist," fuhr Meister Abraham fort, "dies ist der Herr Kapellmeister Johannes Kreisler, bei dem du in Dienste treten wirst." Der Kater glotzte den Kapellmeister mit seinen grossen funkelnden Augen an, begann zu knurren, sprang auf den Tisch, der neben Kreislern stand, und von da ohne weiteres auf seine Schulter, als wolle er ihm etwas ins Ohr sagen. Dann setzte er wieder herab zur Erde und umkreiste schwanzelnd und knurrend den neuen Herrn, als wolle er recht Bekanntschaft mit ihm machen.
"Gott verzeih mir," rief Kreisler, "ich glaube gar, der kleine graue Kerl hat Verstand und stammt aus der illustren Familie des gestiefelten Katers her!"
"So viel ist gewiss," erwiderte Meister Abraham, "dass der Kater Murr das possierlichste Tier von der Welt ist, ein wahrer Pulcinell, und dabei artig und sittsam, nicht zudringlich und unbescheiden, wie zuweilen Hunde, die uns mit ungeschickten Liebkosungen beschwerlich fallen."
"Indem ich", sprach Kreisler, "diesen klugen Kater betrachte, fallt es mir wieder schwer aufs Herz, in welchen engen Kreis unsere Erkenntnis gebannt ist. Wer kann es sagen, wer nur ahnen, wie weit das Geistesvermogen der Tiere geht! Wenn uns etwas oder vielmehr alles in der Natur unerforschlich bleibt, so sind wir gleich mit Namen bei der Hand und brusten uns mit unserer albernen Schulweisheit, die eben nicht viel weiter reicht als unsere Nase. So haben wir denn auch das ganze geistige Vermogen der Tiere, das sich oft auf die wunderbarste Art aussert, mit der Bezeichnung Instinkt abgefertigt. Ich mochte aber nur die einzige Frage beantwortet haben, ob mit der Idee des Instinkts, des blinden willkurlosen Triebes, die Fahigkeit zu traumen vereinbar sei. Dass aber z.B. Hunde mit der grossten Lebhaftigkeit traumen, weiss jeder, der einen schlafenden Jagdhund beobachtet hat, dem im Traum die ganze Jagd aufgegangen. Er sucht, er schnuppert, er bewegt die Fusse, als sei er im vollen Rennen, er keucht, er schwitzt. Von traumenden Katern weiss ich zurzeit nichts."
"Der Kater Murr", unterbrach Meister Abraham den Freund, "traumt nicht allein sehr lebendig, sondern er gerat auch, wie deutlich zu bemerken, haufig in jene sanfte Reverien, in das traumerische Hinbruten, in das somnambule Delirieren, kurz, in jenen seltsamen Zustand zwischen Schlafen und Wachen, der poetischen Gemutern fur die Zeit des eigentlichen Empfanges genialer Gedanken gilt. In diesem Zustande stohnt und achzt er seit kurzer Zeit ganz ungemein, so, dass ich glauben muss, dass er entweder in Liebe ist oder an einer Tragodie arbeitet."
Kreisler lachte hell auf, indem er rief: "Nun so komm denn, du kluger, artiger, witziger, poetischer Kater Murr, lass uns "
(M. f. f.) ersten Erziehung, meiner Jugendmonate uberhaupt noch vieles anfuhren.
Es ist namlich wohl hochst merkwurdig und lehrreich, wenn ein grosser Geist in einer Autobiographie uber alles, was sich mit ihm in seiner Jugend begab, sollte es auch noch so unbedeutend scheinen, recht umstandlich sich auslasst. Kann aber auch wohl einem hohen Genius jemals Unbedeutendes begegnen? Alles, was er in seiner Knabenzeit unternahm oder nicht unternahm, ist von der hochsten Wichtigkeit und verbreitet helles Licht uber den tiefern Sinn, uber die eigentliche Tendenz seiner unsterblichen Werke. Herrlicher Mut geht auf in der Brust des strebenden Junglings, den bange Zweifel qualen, ob die innere Kraft auch wohl genuge, wenn er lieset, dass der grosse Mann als Knabe auch Soldat spielte, sich in Naschwerk ubernahm und zuweilen was weniges Schlage erhielt, weil er faul war, ungezogen und tolpisch. "Gerade wie ich, gerade wie ich," ruft der Jungling begeistert aus und zweifelt nicht langer, dass auch er ein hoher Genius ist trotz seinem angebeteten Idol.
Mancher las den Plutarch oder auch wohl nur den Cornelius Nepos und wurde ein grosser Held, mancher die Tragodiendichter der Alten in der Ubersetzung und nebenher den Calderon und Shakespeare, den Goethe und Schiller und wurde, wo nicht ein grosser Dichter, doch ein kleiner allerliebster Versmacher, wie ihn die Leute ebenso gern haben. So werden meine Werke auch gewiss in der Brust manches jungen geist- und gemutreichen Katers das hohere Leben der Poesie entzunden, und nimmt denn der edle Katerjungling meine biographischen Belustigungen auf dem Dache vor, geht er ganz ein in die hohen Ideen des Buchs, das ich soeben unter den Klauen habe, dann wird er im Entzucken der Begeisterung ausrufen: "Murr, gottlicher Murr, grosster deines Geschlechts, dir, dir allein verdanke ich alles, nur dein Beispiel macht mich gross."
Es ist zu ruhmen, dass Meister Abraham bei meiner Erziehung sich weder an den vergessenen Basedow hielt, noch die Pestalozzische Methode befolgte, sondern mir unbeschrankte Freiheit liess, mich selbst zu erziehen, insofern ich mich nur in gewisse Normalprinzipien fugte, die Meister Abraham sich als unbedingt notwendig fur die Gesellschaft, die die herrschende Macht auf dieser Erde versammelt, dachte, da sonst alles blind und toll durcheinanderrennen und es uberall vertrakte Rippenstosse und garstige Beulen setzen, eine Gesellschaft uberhaupt nicht denkbar sein wurde. Den Inbegriff dieser Prinzipien nannte der Meister die naturliche Artigkeit im Gegensatz der konventionellen, der gemass man sprechen muss: "Ich bitte ganz gehorsamst um gutige Verzeihung," wenn man von einem Lummel angerannt oder auf den Fuss getreten worden. Mag es sein, dass jene Artigkeit den Menschen notig ist, so kann ich doch nicht begreifen, wie sich ihr auch mein freigebornes Geschlecht fugen soll, und war nun das Hauptregens, mittelst dessen der Meister mir jene Normalprinzipien beibrachte, ein gewisses sehr fatales Birkenreis, so kann ich mich wohl mit Recht uber Harte meines Erziehers beklagen. Davongelaufen ware ich, hatte mich nicht der mir angeborne Hang zur hohern Kultur an den Meister festgebunden. Je mehr Kultur, desto weniger Freiheit, das ist ein wahres Wort. Mit der Kultur steigen die Bedurfnisse, mit den Bedurfnissen Nun, eben die augenblickliche Befriedigung mancher naturlichen Bedurfnisse ohne Rucksicht auf Ort und Zeit, das war das erste, was mir der Meister mittelst des verhangnisvollen Birkenreises total abgewohnte. Dann kam es an die Geluste, die, wie ich mich spater uberzeugt habe, lediglich aus einer gewissen abnormen Stimmung des Gemuts entstehen! Ebendiese seltsame Stimmung, die vielleicht von meinem psychischen Organismus selbst erzeugt wurde, trieb mich an, die Milch, ja selbst den Braten, den der Meister fur mich hingestellt, stehen zu lassen, auf den Tisch zu springen und das wegzunaschen, was er selbst geniessen wollte. Ich empfand die Kraft des Birkenreises und liess es bleiben. Ich sehe es ein, dass der Meister recht hatte, meinen Sinn von dergleichen abzulenken, da ich weiss, dass mehrere meiner guten Mitbruder, weniger kultiviert, weniger gut erzogen als ich, dadurch in die abscheulichsten Verdriesslichkeiten, ja in die traurigste Lage auf ihre Lebenszeit geraten sind. Ist es mir doch bekannt worden, dass ein hoffnungsvoller Katerjungling den Mangel an innerer geistiger Kraft, seinem Gelust zu widerstehen, einen Topf Milch auszunaschen, mit dem Verlust seines Schweifs bussen und, verhohnt, verspottet, sich in die Einsamkeit zuruckziehen musste. Also der Meister hatte recht, mir dergleichen abzugewohnen; dass er aber meinem Drange nach den Wissenschaften und Kunsten Widerstand leistete, das kann ich ihm nicht verzeihen.
Nichts zog mich in des Meisters Zimmer mehr an, als der mit Buchern, Schriften und allerlei seltsamen Instrumenten bepackte Schreibtisch. Ich kann sagen, dass dieser Tisch ein Zauberkreis war, in den ich mich gebannt fuhlte, und doch empfand ich eine gewisse heilige Scheu, die mich abhielt, meinem Triebe ganz mich hinzugeben. Endlich eines Tages, als eben der Meister abwesend war, uberwand ich meine Furcht und sprang herauf auf den Tisch. Welche Wollust, als ich nun mitten unter den Schriften und Buchern sass und darin wuhlte. Nicht Mutwille, nein, nur Begier, wissenschaftlicher Heisshunger war es, dass ich mit den Pfoten ein Manuskript erfasste und so lange hin und her zauste, bis es, in kleine Stucke zerrissen, vor mir lag. Der Meister trat hinein, sah, was geschehen, sturzte mit dem krankenden Ausruf: "Bestie, vermaledeite!" auf mich los und prugelte mich mit dem Birkenreis so derb ab, dass ich mich, winselnd vor Schmerz, unter den Ofen verkroch und den ganzen Tag uber durch kein freundliches Wort wieder hervorzulocken war. Wen hatte dies Ereignis nicht abgeschreckt auf immer, selbst die Bahn zu verfolgen, die ihm die Natur vorgezeichnet! Aber kaum hatte ich mich ganz erholt von meinen Schmerzen, als ich, meinem unwiderstehlichen Drange folgend, wieder auf den Schreibtisch sprang. Freilich war ein einziger Ruf meines Meisters, ein abgebrochner Satz wie z.B. "Will er!" hinlanglich, mich wieder herab zu jagen, so dass es nicht zum Studieren kam; indessen wartete ich ruhig auf einen gunstigen Moment, meine Studien anzufangen, und dieser trat denn auch bald ein. Der Meister rustete sich eines Tages zum Ausgehen, alsbald versteckte ich mich so gut im Zimmer, dass er mich nicht fand, als er, eingedenk des zerrissenen Manuskripts, mich herausjagen wollte. Kaum war der Meister fort, so sprang ich mit einem Satz auf den Schreibtisch und legte mich mitten hinein in die Schriften, welches mir ein unbeschreibliches Wohlgefallen verursachte. Geschickt schlug ich mit der Pfote ein ziemlich dickes Buch auf, welches vor mir lag, und versuchte, ob es mir nicht moglich sein wurde, die Schriftzeichen darin zu verstehen. Das gelang mir zwar anfangs ganz und gar nicht, ich liess aber gar nicht ab, sondern starrte hinein in das Buch, erwartend, dass ein ganz besonderer Geist uber mich kommen und mir das Lesen lehren werde. So vertieft, uberraschte mich der Meister. Mit einem lauten: "Seht die verfluchte Bestie!" sprang er auf mich zu. Es war zu spat, mich zu retten, ich kniff die Ohren an, ich duckte mich nieder, so gut es gehen wollte, ich fuhlte schon die Rute auf meinem Rucken. Aber die Hand schon aufgehoben, hielt der Meister plotzlich inne, schlug eine helle Lache auf und rief: "Kater Kater, du liesest? ja, das kann, das will ich dir nicht verwehren. Nun sieh sieh! was fur ein Bildungstrieb dir inwohnt." Er zog mir das Buch unter den Pfoten weg, schaute hinein und lachte noch unmassiger als vorher. "Das muss ich sagen," sprach er dann, "ich glaube gar, du hast dir eine kleine Handbibliothek angeschafft, denn ich wusste sonst gar nicht, wie das Buch auf meinen Schreibtisch kommen sollte? Nun, lies nur studiere fleissig, mein Kater, allenfalls magst du auch die wichtigen Stellen im Buche durch sanfte Einrisse bezeichnen, ich stelle dir das frei!" Damit schob er mir das Buch aufgeschlagen wieder hin. Es war, wie ich spater erfuhr, Knigge, "uber den Umgang mit Menschen", und ich habe aus diesem herrlichen Buch viel Lebensweisheit geschopft. Es ist so recht aus meiner Seele geschrieben und passt uberhaupt fur Kater, die in der menschlichen Gesellschaft etwas gelten wollen, ganz ungemein. Diese Tendenz des Buchs ist, soviel ich weiss, bisher ubersehen und daher zuweilen das falsche Urteil gefallt worden, dass der Mensch, der sich ganz genau an die im Buch aufgestellten Regeln halten wollte, notwendig uberall als ein steifer herzloser Pedant auftreten musse.
Seit dieser Zeit litt mich der Meister nicht allein auf dem Schreibtisch, sondern er sah es sogar gern, wenn ich, arbeitete er selbst, heraufsprang und mich vor ihm unter die Schriften hinlagerte.
Meister Abraham hatte die Gewohnheit, oftmals viel hintereinander laut zu lesen. Ich unterliess dann nicht, mich so zu postieren, dass ich ihm ins Buch sehen konnte, welches bei den scharfblickenden Augen, die mir die Natur verliehen, moglich war, ohne ihm beschwerlich zu fallen. Dadurch, dass ich die Schriftzeichen mit den Worten verglich, die er aussprach, lernte ich in kurzer Zeit lesen, und wem dies etwa unglaublich vorkommen mochte, hat keinen Begriff von dem ganz besonderen Ingenium, womit mich die Natur ausgestattet. Genies, die mich verstehen und mich wurdigen, werden keinen Zweifel hegen rucksichts einer Art Ausbildung, die vielleicht der ihrigen gleich ist. Dabei darf ich auch nicht unterlassen, die merkwurdige Beobachtung mitzuteilen, die ich rucksichts des vollkommenen Verstehens der menschlichen Sprache gemacht. Ich habe namlich mit vollem Bewusstsein beobachtet, dass ich gar nicht weiss, wie ich zu diesem Verstehen gekommen bin. Bei den Menschen soll dies auch der Fall sein, das nimmt mich aber gar nicht wunder, da dies Geschlecht in den Jahren der Kindheit betrachtlich dummer und unbeholfener ist als wir. Als ein ganz kleines Katerchen ist es mir niemals geschehen, dass ich mir selbst in die Augen gegriffen, ins Feuer oder ins Licht gefasst oder Stiefelwichse statt Kirschmus gefressen, wie das wohl bei kleinen Kindern zu geschehen pflegt.
Wie ich nun fertig las und ich mich taglich mehr mit fremden Gedanken vollstopfte, fuhlte ich den unwiderstehlichsten Drang, auch meine eignen Gedanken, wie sie der mir inwohnende Genius gebar, der Vergessenheit zu entreissen, und dazu gehorte nun allerdings die freilich sehr schwere Kunst des Schreibens. So aufmerksam ich auch meines Meisters Hand, wenn er schrieb, beobachten mochte, durchaus wollte es mir doch nicht gelingen, ihm die eigentliche Mechanik abzulauren. Ich studierte den alten Hilmar Curas, das einzige Schreibevorschriftsbuch, welches mein Meister besass, und ware beinahe auf den Gedanken geraten, dass die ratselhafte Schwierigkeit des Schreibens nur durch die grosse Manschette gehoben werden konne, welche die darin abgebildete schreibende Hand tragt, und dass es nur besonders erlangte Fertigkeit sei, wenn mein Meister ohne Manschette schriebe, sowie der geubte Seiltanzer zuletzt nicht mehr der Balancierstange bedarf. Ich trachtete begierig nach Manschetten und war im Begriff, die Dormeuse der alten Haushalterin fur meine rechte Pfote zuzureissen und zu aptieren, als mir plotzlich in einem Moment der Begeisterung, wie es bei Genies zu geschehen pflegt, der geniale Gedanke einkam, der alles loste. Ich vermutete namlich, dass die Unmoglichkeit, die Feder, den Stift so zu halten wie mein Meister, wohl in dem verschiedenen Bau unserer Hande liegen konne, und diese Vermutung traf ein. Ich musste eine andere, dem Bau meines rechten Pfotchens angemessene Schreibart erfinden und erfand sie wirklich, wie man wohl denken mag. So entstehen aus der besonderen Organisation des Individuums neue Systeme.
Eine zweite bose Schwierigkeit fand ich in dem Eintunken der Feder in das Tintenfass. Nicht glucken wollt' es mir namlich, bei dem Eintunken das Pfotchen zu schonen, immer kam es mit hinein in die Tinte, und so konnte es nicht fehlen, dass die ersten Schriftzuge, mehr mit der Pfote als mit der Feder gezeichnet, etwas gross und breit gerieten. Unverstandige mochten daher meine ersten Manuskripte beinahe nur fur mit Tinte beflecktes Papier ansehen. Genies werden den genialen Kater in seinen ersten Werken leicht erraten und uber die Tiefe, uber die Fulle des Geistes, wie er zuerst aus unversiegbarer Quelle aussprudelte, erstaunen, ja ganz ausser sich geraten. Damit die Welt sich dereinst nicht zanke uber die Zeitfolge meiner unsterblichen Werke, will ich hier sagen, dass ich zuerst den philosophisch sentimental didaktischen Roman schrieb: "Gedanke und Ahnung oder Kater und Hund". Schon dieses Werk hatte ungeheures Aufsehen machen konnen. Dann, in allen Satteln gerecht, schrieb ich ein politisches Werk unter dem Titel: "Uber Mausefallen und deren Einfluss auf Gesinnung und Tatkraft der Katzheit"; hierauf fuhlt' ich mich begeistert zu der Tragodie: "Rattenkonig Kawdallor". Auch diese Tragodie hatte auf allen nur erdenklichen Theatern unzahligemal mit dem larmendsten Beifall gegeben werden konnen. Den Reihen meiner samtlichen Werke sollen diese Erzeugnisse meines hoch emporstrebenden Geistes eroffnen, uber den Anlass, sie zu schreiben, werde ich mich gehorigen Orts auslassen konnen.
Als ich die Feder besser zu halten gelernt, als das Pfotchen rein blieb von Tinte, wurde auch freilich mein Stil anmutiger, lieblicher, heller, ich legte mich ganz vorzuglich auf Musenalmanache, schrieb verschiedene freundliche Schriften und wurde ubrigens sehr bald der liebenswurdige gemutliche Mann, der ich noch heute bin. Beinahe hatte ich schon damals ein Heldengedicht gemacht in vierundzwanzig Gesangen, doch als ich fertig, war es etwas anderes worden, wofur Tasso und Ariost noch im Grabe dem Himmel danken konnen. Sprang wirklich ein Heldengedicht unter meinen Klauen hervor, beide hatte kein Mensch mehr gelesen.
Ich komme jetzt auf die
(Mak. Bl.) zum bessern Verstandnis doch notig sein, dir, geneigter Leser, das ganze Verhaltnis der Dinge klar und deutlich auseinander zu setzen.
Jeder, der nur ein einziges Mal im Gasthofe des anmutigen Landstadtchens Sieghartsweiler abgestiegen ist, hat sogleich von dem Fursten Irenaus reden gehort. Bestellte er namlich bei dem Wirt nur ein Gericht Forellen, die in der Gegend vorzuglich, so erwiderte derselbe gewiss: "Sie haben recht, mein Herr! unser gnadigster Furst essen auch dergleichen ungemein gern, und ich vermag die angenehmen Fische gerade so zu bereiten, wie es bei Hofe ublich." Aus den neuesten Geographien, Landkarten, statistischen Nachrichten wusste der unterrichtete Reisende aber nichts anders, als dass das Stadtchen Sieghartsweiler samt dem Geierstein und der ganzen Umgebung langst dem Grossherzogtum, das er soeben durchreiset, einverleibet worden; nicht wenig musste es ihn daher verwundern, hier einen gnadigsten Herrn Fursten und einen Hof zu finden. Die Sache hatte aber folgenden Zusammenhang. Furst Irenaus regierte sonst wirklich ein artiges Landchen nicht fern von Sieghartsweiler, und da er mittelst eines guten Dollonds von dem Belvedere seines Schlosses im Residenzmarktflecken seine samtlichen Staaten zu ubersehen vermochte, so konnt' es nicht fehlen, dass er das Wohl und Weh seines Landes, das Gluck der geliebten Untertanen stets im Auge behielt. Er konnte in jeder Minute wissen, wie Peters Weizen in dem entferntesten Bereich des Landes stand, und ebensogut beobachten, ob Hans und Kunz ihre Weinberge gut und fleissig besorgten. Man sagt, Furst Irenaus habe sein Landchen auf einem Spaziergange uber die Grenze aus der Tasche verloren, so viel ist aber gewiss, dass in einer neuen, mit mehrern Zusatzen versehenen Ausgabe jenes Grossherzogtums das Landchen des Fursten Irenaus einfoliiert und einregistriert war. Man uberhob ihn der Muhe des Regierens, indem man ihm aus den Revenuen des Landes, das er besessen, eine ziemlich reichliche Apanage aussetzte, die er eben in dem anmutigen Sieghartsweiler verzehren sollte.
Ausser jenem Landchen besass Furst Irenaus noch ein ansehnliches bares Vermogen, das ihm unverkurzt blieb, und so sah er sich aus dem Stande eines kleinen Regenten plotzlich versetzt in den Stand eines ansehnlichen Privatmannes, der zwanglos nach freier Willkur sich das Leben gestalten konnte, wie er wollte.
Furst Irenaus hatte den Ruf eines feingebildeten Herrn, der empfanglich fur Wissenschaft und Kunst. Kam nun noch hinzu, dass er oft die lastige Burde der Regentschaft schmerzlich gefuhlt, ja, ging auch schon einmal von ihm die Rede, dass er den romanhaften Wunsch, in einem kleinen Hause, an einem murmelnden Bach, mit einigem Hausvieh ein einsames idyllisches Leben procul negotiis zu fuhren, in anmutige Verse gebracht, so hatte man denken sollen, dass er nun, den regierenden Herrn vergessend, sich einrichten werde mit dem gemutlichen Hausbedarf, wie es in der Macht steht des reichen unabhangigen Privatmannes. Dem war aber ganz und gar nicht so!
Es mag wohl sein, dass die Liebe der grossen Herren zur Kunst und Wissenschaft nur als ein integrierender Teil des eigentlichen Hoflebens anzusehen ist. Der Anstand erfordert es, Gemalde zu besitzen und Musik zu horen, und ubel wurde es sein, wenn der Hofbuchbinder feiern und nicht die neueste Literatur fortwahrend in Gold und Leder kleiden sollte. Ist aber jene Liebe ein integrierender Teil des Hoflebens selbst, so muss sie mit diesem zugleich untergehen und kann nicht als etwas fur sich Fortbestehendes Trost gewahren fur den verlornen Thron oder das kleine Regentenstuhlchen, auf dem man zu sitzen gewohnt.
Furst Irenaus erhielt sich beides, das Hofleben und die Liebe fur die Kunste und Wissenschaften, indem er einen sussen Traum ins Leben treten liess, in dem er selbst mit seiner Umgebung sowie ganz Sieghartsweiler figurierte.
Er tat namlich so, als sei er regierender Herr, behielt die ganze Hofhaltung, seinen Kanzler des Reichs, sein Finanzkollegium etc. etc. bei, erteilte seinen Hausorden, gab Cour, Hofballe, die meistenteils aus zwolf bis funfzehn Personen bestanden, da auf die eigentliche Courfahigkeit strenger geachtet wurde als an den grossten Hofen, und die Stadt war gutmutig genug, den falschen Glanz dieses traumerischen Hofes fur etwas zu halten, das ihr Ehre und Ansehen bringe. So nannten die guten Sieghartsweiler den Fursten Irenaus ihren gnadigsten Herrn, illuminierten die Stadt an seinem Namensfeste und an den Namenstagen seines Hauses und opferten sich uberhaupt gern auf fur das Vergnugen des Hofes wie die atheniensischen Burgersleute in Shakespeares "Sommernachtstraum".
Es war nicht zu leugnen, dass der Furst seine Rolle mit dem wirkungsvollsten Pathos durchfuhrte und diesen Pathos seiner ganzen Umgebung mitzuteilen wusste. So erscheint ein furstlicher Finanzrat in dem Klub zu Sieghartsweiler finster, in sich gekehrt, wortkarg! Wolken ruhen auf seiner Stirne, er versinkt oft in ein tiefes Nachdenken, fahrt dann auf, wie plotzlich erwachend! Kaum wagt man es, laut zu sprechen, hart aufzutreten in seiner Nahe. Es schlagt neun Uhr, da springt er auf, nimmt seinen Hut, vergebens sind alle Bemuhungen, ihn festzuhalten, er versichert mit stolzem tiefbedeutendem Lacheln, dass ihn Aktenstosse erwarteten, dass er die Nacht wurde opfern mussen, um sich zu der morgenden, hochst wichtigen, letzten Quartalsitzung des Kollegiums vorzubereiten; eilt hinweg und hinterlasst die Gesellschaft in ehrfurchtsvoller Erstarrung uber die enorme Wichtigkeit und Schwierigkeit seines Amts. Und der wichtige Vortrag, auf den sich der geplagte Mann die Nacht uber vorbereiten muss? Je nun, die Waschzettel aus samtlichen Departements, der Kuche, der Tafel, der Garderobe etc. furs verflossene Vierteljahr sind eingegangen, und er ist es, der in allen Waschangelegenheiten den Vortrag hat. So bemitleidet die Stadt den armen furstlichen Wagenmeister, spricht jedoch, von dem sublimen Pathos des furstlichen Kollegiums ergriffen: "Strenge, aber gerecht!" Der Mann hat namlich erhaltener Instruktion gemass einen Halbwagen, der unbrauchbar geworden, verkauft, das Finanz-Kollegium ihm aber bei Strafe augenblicklicher Kassation aufgegeben, binnen drei Tagen nachzuweisen, wo er die andere Halfte gelassen, die vielleicht noch brauchbar gewesen.
Ein besonderer Stern, der am Hofe des Fursten Irenaus leuchtete, war die Ratin Benzon, Witwe in der Mitte der dreissiger Jahre, sonst eine gebietende Schonheit, noch jetzt nicht ohne Liebreiz, die einzige, deren Adel zweifelhaft, und die der Furst dennoch ein fur allemal als courfahig angenommen. Der Ratin heller durchdringender Verstand, ihr lebhafter Geist, ihre Weltklugheit, vorzuglich aber eine gewisse Kalte des Charakters, die dem Talent zu herrschen unerlasslich, ubten ihre Macht in voller Starke, so dass sie es eigentlich war, die die Faden des Puppenspiels an diesem Miniaturhofe zog. Ihre Tochter, Julia geheissen, war mit der Prinzessin Hedwiga aufgewachsen, und auch auf die Geistesbildung dieser hatte die Ratin so gewirkt, dass sie in dem Kreise der furstlichen Familie wie eine Fremde erschien und sonderbar abstach gegen den Bruder. Prinz Ignaz war namlich zu ewiger Kindheit verdammt, beinahe blodsinnig zu nennen.
Der Benzon gegenuber, ebenso einflussreich, ebenso eingreifend in die engsten Verhaltnisse des furstlichen Hauses, wiewohl auf ganz andere Weise als sie, stand der seltsame Mann, den du, geneigter Leser, bereits kennst als Maitre de Plaisir des Irenausschen Hofes und ironischen Schwarzkunstler.
Merkwurdig genug ist es, wie Meister Abraham in die furstliche Familie geriet.
Des Fursten Irenaus hochseliger Herr Papa war ein Mann von einfachen milden Sitten. Er sah es ein, dass irgendeine Kraftausserung das kleine schwache Raderwerk der Staatsmaschine zerbrechen musse, statt ihm einen besseren Schwung zu geben. Er liess es daher in seinem Landlein fortgehen, wie es zuvor gegangen, und fehlt' es ihm dabei an Gelegenheit, einen glanzenden Verstand oder andere besondere Gaben des Himmels zu zeigen, so begnugte er sich damit, dass in seinem Furstentum jedermann sich wohl befand, und dass, rucksichts des Auslandes, es ihm so ging wie den Weibern, die dann am tadelfreisten sind, wenn man gar nicht von ihnen spricht. War das Fursten kleiner Hof steif, zeremonios, altfrankisch, konnte der Furst gar nicht eingehen in manche loyale Ideen, wie sie die neuere Zeit erzeugt, so lag das an der Unwandelbarkeit des holzernen Gestelles, das Oberhofmeister, Hofmarschalle, Kammerherrn in seinem Innern muhsam zusammengerichtet. In diesem Gestelle arbeitete aber ein Triebrad, das kein Hofmeister, kein Marschall jemals hatte zum Stillstehen bringen konnen. Dies war namlich ein dem Fursten angeborner Hang zum Abenteuerlichen, Seltsamen, Geheimnisvollen. Er pflegte zuweilen, nach dem Beispiel des wurdigen Kalifen Harun Al Raschid, verkleidet Stadt und Land zu durchstreichen, um jenen Hang, der mit seiner ubrigen Lebenstendenz in dem sonderbarsten Widerspiel stand, zu befriedigen oder wenigstens Nahrung dafur zu suchen. Dann setzte er einen runden Hut auf und zog einen grauen Oberrock an, so dass jedermann auf den ersten Blick wusste, dass der Furst nun nicht zu erkennen.
Es begab sich, dass der Furst also verkleidet und unerkennbar die Alleen durchschritt, die von dem Schloss aus nach einer entfernten Gegend fuhrten, in der einzeln ein kleines Hauschen stand, von der Witwe eines furstlichen Mundkochs bewohnt. Gerade vor diesem Hauschen angekommen, gewahrte der Furst zwei in Mantel gehullte Manner, die zur Hausture hinausschlichen. Er trat zur Seite, und der Historiograph des Irenausschen Hauses, dem ich dies nachschreibe, behauptet, der Furst sei selbst dann nicht bemerkt und erkannt worden, wenn er statt des grauen Oberrocks das glanzendste Staatskleid angehabt mit dem funkelnden Ordensstern darauf, aus dem Grunde, weil es stockfinsterer Abend gewesen. Als die beiden verhullten Manner dicht vor dem Fursten langsam vorubergingen, vernahm dieser ganz deutlich folgendes Gesprach. Der eine: "Bruder Exzellenz, ich bitte dich, nimm dich zusammen, sei nur dieses Mal kein Esel! Der Mensch muss fort, ehe der Furst etwas von ihm erfahrt, denn sonst behalten wir den verfluchten Hexenmeister auf dem Halse, der uns mit seinen Satanskunsten alle ins Verderben sturzt." Der andere: "Mon cher frere, ereifere dich doch nur nicht so, du kennst meine Sagazitat, mein savoir faire. Morgen werf' ich dem gefahrlichen Menschen ein paar Karolin an den Hals, und da mag er seine Kunststuckchen den Leuten vormachen, wo er will. Hier darf er nicht bleiben. Der Furst ist uberdies ein "
Die Stimmen verhallten, der Furst erfuhr daher nicht, wofur ihn sein Hofmarschall hielt, denn kein anderer als dieser und sein Bruder, der Oberjagermeister, waren die Personen, welche aus dem Hause schlichen und das verfangliche Gesprach fuhrten. Der Furst hatte beide sehr genau an der Sprache erkannt.
Man kann denken, dass der Furst nichts Angelegentlicheres zu tun hatte, als jenen Menschen, jenen gefahrlichen Hexenmeister aufzusuchen, dessen Bekanntschaft ihm entzogen werden sollte. Er klopfte an das Hauschen, die Witwe trat mit einem Licht in der Hand heraus und fragte, da sie den runden Hut und den grauen Oberrock des Fursten gewahrte, mit kalter Hoflichkeit: "Was steht zu Ihren Diensten, Monsieur?" Monsieur wurde namlich der Furst angeredet, wenn er verkleidet war und unkenntlich. Der Furst erkundigte sich nach dem Fremden, der bei der Witwe eingekehrt sein sollte, und erfuhr, dass der Fremde kein anderer sei als ein sehr geschickter, beruhmter, mit vielen Attestaten, Konzessionen und Privilegien versehener Taschenspieler, der hier seine Kunste zu produzieren gedenke. Soeben, erzahlte die Witwe, waren zwei Herrn vom Hofe bei ihm gewesen, die er vermoge der ganz unerklarlichen Sachen, welche er ihnen vorgemacht, dermassen in Erstaunen gesetzt, dass sie ganz blass, verstort, ja ganz ausser sich das Haus verlassen hatten.
Ohne weiteres liess sich der Furst hinauffuhren. Meister Abraham (niemand anders war der beruhmte Taschenspieler) empfing ihn wie einen, den er langst erwartet, und verschloss die Ture.
Niemand weiss, was nun Meister Abraham begonnen gewiss ist es aber, dass der Furst die ganze Nacht uber bei ihm blieb, und dass am andern Morgen Zimmer eingerichtet wurden auf dem Schlosse, die Meister Abraham bezog, und zu denen der Furst aus seinem Studierzimmer mittelst eines geheimen Ganges unbemerkt gelangen konnte. Gewiss ist es ferner, dass der Furst den Hofmarschall nicht mehr: "mon cher ami" nannte und sich von dem Oberjagermeister niemals mehr die wunderbare Jagdgeschichte von dem weissen gehornten Hasen, den er (der Oberjagermeister) bei seinem ersten jagerischen Ausflug in den Wald nicht schiessen konnen, erzahlen liess, welches die Gebruder in Gram und Verzweiflung sturzte, so, dass beide sehr bald den Hof verliessen. Gewiss endlich, dass Meister Abraham nicht allein durch seine Phantasmagorien, sondern auch durch das Ansehen, das er sich immer mehr und mehr bei dem Fursten zu erwerben wusste, Hof, Stadt und Land in Erstaunen setzte.
Von den Kunststucken, die Meister Abraham vollfuhrte, erzahlt oben bemeldeter Historiograph des Irenausschen Hauses so viel ganz Unglaubliches, dass man es nicht nachschreiben kann, ohne alles Zutrauen des geneigten Lesers aufs Spiel zu setzen. Dasjenige Kunststuck, welches aber der Historiograph fur das Wunderbarste von allen halt, ja, von dem er behauptet, dass es hinlanglich beweise, wie Meister Abraham offenbar mit fremden unheimlichen Machten in bedrohlichem Bunde stehe, ist indes nichts anders als jenes akustische Zauberspiel, das spater unter der Benennung des unsichtbaren Madchens so viel Aufsehen gemacht, und das Meister Abraham schon damals sinnreicher, phantastischer, das Gemut ergreifender aufzustellen wusste, als es nachher jemals geschehen.
Nebenher wollte man auch wissen, dass der Furst selbst mit dem Meister Abraham gewisse magische Operationen unternehme, uber deren Zweck unter den Hofdamen, Kammerherrn und andern Leuten vom Hofe ein angenehmer Wettstreit alberner, sinnloser Vermutungen entstand. Darin waren alle einig, dass Meister Abraham dem Fursten das Goldmachen beibringe, wie aus dem Rauch, der aus dem Laboratorio bisweilen dringe, zu schliessen, und dass er ihn eingefuhrt in allerlei nutzliche Geisterkonferenzen. Alle waren ferner davon uberzeugt, dass der Furst das Patent fur den neuen Burgermeister im Marktflecken nicht vollziehe, ja, dem furstlichen Ofenheizer keine Zulage bewillige, ohne den Agathodamon, den Spiritum familiarem oder die Gestirne zu befragen.
Als der alte Furst starb und Irenaus ihm in der Regierung folgte, verliess Meister Abraham das Land. Der junge Furst, der von des Vaters Neigung zum Abenteuerlichen, Wunderbaren durchaus nichts ererbt, liess ihn zwar ziehen, fand aber bald, dass Meister Abrahams magische Kraft vorzuglich sich darin bewahre, einen gewissen bosen Geist zu beschworen, der sich an kleinen Hofen nur gar zu gern einnistet, namlich den Hollengeist der Langenweile. Dann hatte auch das Ansehen, in dem Meister Abraham bei dem Vater stand, tiefe Wurzel gefasst in dem Gemut des jungen Fursten. Es gab Augenblicke, in denen dem Fursten Irenaus zumute wurde, als sei Meister Abraham ein uberirdisches Wesen, uber alles, was menschlich, erhaben, stehe es auch noch so hoch. Man sagt, dass diese ganz besondere Empfindung von einem kritischen unvergesslichen Moment in der Jugendgeschichte des Fursten herruhre. Als Knabe war er einst mit kindischer uberlastiger Neugier in Meister Abrahams Zimmer eingedrungen und hatte lappisch eine kleine Maschine, die der Meister eben mit vieler Muhe und Kunst vollendet, zerbrochen, der Meister aber in vollem Zorn uber den verderblichen Ungeschick dem kleinen furstlichen Bengel eine fuhlbare Ohrfeige zugeteilt und ihn dann mit einiger nicht ganz sanfter Schnelligkeit hinausgefuhrt aus der Stube auf den Korridor. Unter hervorquellenden Tranen konnte der junge Herr nur mit Muhe die Worte hervorstammeln: "Abraham soufflet" so dass der besturzte Oberhofmeister es fur eine gefahrvolle Wagnis hielt, tiefer einzudringen in das furchterliche Geheimnis, das zu ahnen er sich unterstehen musste.
Der Furst fuhlte lebhaft das Bedurfnis, den Meister
Abraham als das belebende Prinzip der Hofmaschine bei sich zu behalten; vergebens waren aber alle seine Bemuhungen, ihn zuruckzubringen. Erst nach jenem verhangnisvollen Spaziergange, als Furst Irenaus sein Landchen verloren, als er die chimarische Hofhaltung zu Sieghartsweiler eingerichtet, fand sich auch Meister Abraham wieder ein, und in der Tat, zu gelegenerer Zeit hatte er gar nicht kommen konnen. Denn ausserdem dass
(M. f. f.) merkwurdige Begebenheit, die, um mich
des gewohnlichen Ausdrucks geistreicher Biographen zu bedienen, einen Abschnitt in meinem Leben machte.
Leser! Junglinge, Manner, Frauen, unter deren
Pelz ein fuhlend Herz schlagt, die ihr Sinn habt fur Tugend die ihr die sussen Bande erkennet, womit uns die Natur umschlingt, ihr werdet mich verstehen und mich lieben!
Der Tag war heiss gewesen, ich hatte ihn unter dem Ofen verschlafen. Nun brach die Abenddammerung ein, und kuhle Winde sausten durch meines Meisters geoffnetes Fenster. Ich erwachte aus dem Schlaf, meine Brust erweiterte sich, durchstromt von dem unnennbaren Gefuhl, das, Schmerz und Lust zugleich, die sussesten Ahnungen entzundet. Von diesen Ahnungen uberwaltigt, erhob ich mich hoch in jener ausdrucksvollen Bewegung, die der kalte Mensch Katzenbuckel benennet! Hinaus hinaus trieb es mich in die freie Natur, ich begab mich daher aufs Dach und lustwandelte in den Strahlen der sinkenden Sonne. Da vernahm ich Tone von dem Boden aufsteigen, so sanft, so heimlich, so bekannt, so anlockend, ein unbekanntes Etwas zog mich hinab mit unwiderstehlicher Gewalt. Ich verliess die schone Natur und kroch durch eine kleine Dachluke hinein in den Hausboden. Hinabgesprungen, gewahrte ich alsbald eine grosse, schone, weiss und schwarz gefleckte Katze, die, auf den Hinterfussen sitzend in bequemer Stellung, eben jene anlockenden Tone von sich gab und mich nun mit forschenden Blicken durchblitzte. Augenblicklich setzte ich mich ihr gegenuber und versuchte, dem innern Trieb nachgebend, in das Lied einzustimmen, das die weiss und schwarz Gefleckte angestimmt. Das gelang mir, ich muss es selbst sagen, uber die Massen wohl, und von diesem Augenblick an datiert sich, wie ich fur die Psychologen, die mich und mein Leben studieren, hier bemerke, mein Glaube an mein inneres musikalisches Talent und, wie zu erachten, mit diesem Glauben auch das Talent selbst. Die Gefleckte blickte mich an scharfer und emsiger, schwieg plotzlich, sprang mit einem gewaltigen Satz auf mich los! Ich, nichts Gutes erwartend, zeigte meine Krallen, doch in dem Augenblick schrie die Gefleckte, indem ihr die hellen Tranen aus den Augen sturzten: "Sohn o Sohn! komm! eile in meine Pfoten!" Und dann, mich umhalsend, mich mit Inbrunst an die Brust druckend: "Ja, du bist es, du bist mein Sohn, mein guter Sohn, den ich ohne sonderliche Schmerzen geboren!"
Ich fuhlte mich tief im Innersten bewegt, und schon dies Gefuhl musste mich uberzeugen, dass die Gefleckte wirklich meine Mutter war, demunerachtet fragte ich doch, ob sie auch dessen ganz gewiss sei.
"Ha, diese Ahnlichkeit," sprach die Gefleckte, "diese Ahnlichkeit, diese Augen, diese Gesichtszuge, dieser Bart, dieser Pelz, alles erinnert mich nur zu lebhaft an den Treulosen, Undankbaren, der mich verliess. Du bist ganz das getreue Ebenbild deines Vaters, lieber Murr (denn so wirst du ja geheissen), ich hoffe jedoch, dass du mit der Schonheit des Vaters zugleich die sanftere Denkungsart, die milden Sitten deiner Mutter Mina erworben haben wirst. Dein Vater hatte einen sehr vornehmen Anstand, auf seiner Stirne lag eine imponierende Wurde, voller Verstand funkelten die grunen Augen, und um Bart und Wangen spielte oft ein anmutiges Lacheln. Diese korperlichen Vorzuge so wie sein aufgeweckter Geist und eine gewisse liebenswurdige Leichtigkeit, mit der er Mause fing, liessen ihn mein Herz gewinnen. Aber bald zeigte sich ein hartes tyrannisches Gemut, das er so lange geschickt zu verbergen gewusst. Mit Entsetzen sag' ich es! Kaum warst du geboren, als dein Vater den unseligen Appetit bekam, dich nebst deinen Geschwistern zu verspeisen."
"Beste Mutter," fiel ich der Gefleckten ins Wort, "beste Mutter, verdammen Sie nicht ganz jene Neigung. Das gebildetste Volk der Erde legte den sonderbaren Appetit des Kinderfressens dem Geschlecht der Gotter bei, aber gerettet wurde ein Jupiter, und so auch ich!"
"Ich verstehe dich nicht, mein Sohn," erwidert Mina, "aber es kommt mir vor, als sprachest du albernes Zeug, oder als wolltest du gar deinen Vater verteidigen. Sei nicht undankbar, du warest ganz gewiss erwurgt und gefressen worden von dem blutdurstigen Tyrannen, hatte ich dich nicht so tapfer verteidigt mit diesen scharfen Krallen, hatte ich nicht, bald hier, bald dort hinfliehend in Keller, Boden, Stalle, dich den Verfolgungen des unnaturlichen Barbaren entzogen. Er verliess mich endlich; nie habe ich ihn wiedergesehen! Und doch schlagt noch mein Herz fur ihn! Er war ein schoner Kater! Viele hielten ihn seines Anstandes, seiner feinen Sitten wegen fur einen reisenden Grafen. Ich glaubte nun, im kleinen hauslichen Zirkel meine Mutterpflichten ubend, ein stilles ruhiges Leben fuhren zu konnen, doch der entsetzlichste Schlag sollte mich noch treffen. Als ich von einen kleinen Spaziergange einst heimkehrte, weg warst du samt deinem Geschwister! Ein altes Weib hatte mich Tages zuvor in meinem Schlupfwinkel entdeckt und allerlei verfangliche Worte von ins Wasser werfen und dergleichen gesprochen! Nun! ein Gluck, dass du, mein Sohn, gerettet, komm nochmals an meine Brust, Geliebter!"
Die gefleckte Mama liebkoste mich mit aller Herzlichkeit und fragte mich dann nach den nahern Umstanden meines Lebens. Ich erzahlte ihr alles und vergass nicht, meiner hohen Ausbildung zu erwahnen, und wie ich dazu gekommen.
Mina schien weniger geruhrt von den seltenen Vorzugen des Sohnes, als man hatte denken sollen. Ja! sie gab mir nicht undeutlich zu verstehen, dass ich mitsamt meinem ausserordentlichen Geiste, mit meiner tiefen Wissenschaft auf Abwege geraten, die mir verderblich werden konnten. Vorzuglich warnte sie mich aber, dem Meister Abraham ja nicht meine erworbenen Kenntnisse zu entdecken, da dieser sie nur nutzen wurde, mich in der druckendsten Knechtschaft zu erhalten.
"Ich kann mich", sprach Mina, "zwar gar nicht deiner Ausbildung ruhmen, indessen fehlt es mir doch durchaus nicht an naturlichen Fahigkeiten und angenehmen, mir von der Natur eingeimpften Talenten. Darunter rechne ich z.B. die Macht, knisternde Funken aus meinem Pelz hervorstrahlen zu lassen, wenn man mich streichelt. Und was fur Unannehmlichkeiten hat mir nicht schon dieses einzige Talent bereitet! Kinder und Erwachsene haben unaufhorlich auf meinen Rucken herumhantiert jenes Feuerwerks halber, mir zur Qual, und wenn ich unmutig wegsprang oder die Krallen zeigte, musste ich mich ein scheues wildes Tier schelten, ja wohl gar prugeln lassen.
Sowie Meister Abraham erfahrt, dass du schreiben kannst, lieber Murr, macht er dich zu seinem Kopisten, und als Schuldigkeit wird von dir gefordert, was du jetzt nur aus eigenem Antriebe zu deiner Lust tust."
Mina sprach noch mehreres uber mein Verhaltnis zum Meister Abraham und uber meine Bildung. Erst spater habe ich eingesehen, dass das, was ich fur Abscheu gegen die Wissenschaften hielt, wirkliche Lebensweisheit war, die die Gefleckte in sich trug.
Ich erfuhr, dass Mina bei der alten Nachbarsfrau in ziemlich durftigen Umstanden lebe, und dass es ihr oft schwer falle, ihren Hunger zu stillen. Dies ruhrte mich tief, die kindliche Liebe erwachte in voller Starke in meinem Busen, ich besann mich auf den schonen Heringskopf, den ich vom gestrigen Mahle erubrigt, ich beschloss, ihn darzubringen der guten Mutter, die ich so unerwartet wiedergefunden.
Wer ermisst die Wandelbarkeit der Herzen derer, die da wandeln unter dem Mondschein! Warum verschloss das Schicksal nicht unsere Brust dem wilden Spiel unseliger Leidenschaften! Warum mussen wir, ein dunnes schwankendes Rohr, uns beugen vor dem Sturm des Lebens? Feindliches Verhangnis! O Appetit, dein Name ist Kater! Den Heringskopf im Maule, kletterte ich, ein pius Aeneas, aufs Dach ich wollte hinein ins Bodenfenster! Da geriet ich in einen Zustand, der, auf seltsame Weise mein Ich meinem Ich entfremdend, doch mein eigentliches Ich schien. Ich glaube mich verstandlich und scharf ausgedruckt zu haben, so dass in dieser Schilderung meines seltsamen Zustandes jeder den die geistige Tiefe durchschauenden Psychologen erkennen wird. Ich fahre fort!
Das sonderbare Gefuhl, gewebt aus Lust und Unlust, betaubte meine Sinne uberwaltigte mich kein Widerstand moglich, ich frass den Heringskopf!
Angstlich horte ich Mina miauen, angstlich sie meinen Namen rufen Ich fuhlte mich von Reue, von Scham durchdrungen, ich sprang zuruck in meines Meisters Zimmer, ich verkroch mich unter den Ofen. Da qualten mich die angstlichsten Vorstellungen. Ich sah Mina, die wiedergefundene gefleckte Mutter, trostlos, verlassen, lechzend nach der Speise, die ich versprochen, der Ohnmacht nahe Ha! der durch den Rauchfang sausende Wind rief den Namen Mina Mina Mina rauschte es in den Papieren meines Meisters, knarrte es in den gebrechlichen Rohrstuhlen, Mina Mina lamentierte die Ofenture O! es war ein bitteres herzzerschneidendes Gefuhl, das mich durchbohrte! Ich beschloss, die Arme womoglich einzuladen zur Fruhstucksmilch. Wie kuhlender wohltuender Schatten kam bei diesem Gedanken ein seliger Frieden uber mich! Ich kniff die Ohren an und schlief ein!
Ihr fuhlenden Seelen, die ihr mich ganz versteht, ihr werdet es, seid ihr sonst keine Esel, sondern wahrhaftige honette Kater, ihr werdet es, sage ich, einsehen, dass dieser Sturm in meiner Brust meinen Jugendhimmel aufheitern musste wie ein wohltatiger Orkan, der die finstern Wolken zerstaubt und die reinste Aussicht schafft. O! so schwer anfangs der Heringskopf auf meiner Seele lastete, doch lernte ich einsehen, was Appetit heisst, und dass es Frevel ist, der Mutter Natur zu widerstreben. Jeder suche sich seine Heringskopfe und greife nicht vor der Sagazitat der andern, die, vom richtigen Appetit geleitet, schon die ihrigen finden werden.
So schliesse ich diese Episode meines Lebens, die
(Mak. Bl.) nichts verdriesslicher fur einen Historiographen oder Biographen, als wenn er, wie auf einem wilden Fullen reitend, hin und her sprengen muss uber Stock und Stein, uber Acker und Wiesen, immer nach gebahnten Wegen trachtend, niemals sie erreichend. So geht es dem, der es unternommen, fur dich, geliebter Leser, das aufzuschreiben, was er von dem wunderlichen Leben des Kapellmeisters Johannes Kreisler erfahren. Gern hatte er angefangen: In dem kleinen Stadtchen N. oder B. oder K., und zwar am Pfingstmontage oder zu Ostern des und des Jahres, erblickte Johannes Kreisler das Licht der Welt! Aber solche schone chronologische Ordnung kann gar nicht aufkommen, da dem unglucklichen Erzahler nur mundlich, brockenweis mitgeteilte Nachrichten zu Gebote stehen, die er, um nicht das Ganze aus dem Gedachtnisse zu verlieren, sogleich verarbeiten muss. Wie es eigentlich mit der Mitteilung dieser Nachrichten herging, sollst du, sehr lieber Leser, noch vor dem Schlusse des Buchs erfahren, und dann wirst du vielleicht das rhapsodische Wesen des Ganzen entschuldigen, vielleicht aber auch meinen, dass trotz des Anscheins der Abgerissenheit doch ein fester durchlaufender Faden alle Teile zusammenhalte.
Eben in diesem Augenblick ist nichts anders zu erzahlen, als dass nicht lange nachher, als Furst Irenaus in Sieghartsweiler sich niedergelassen, an einem schonen Sommerabend Prinzessin Hedwiga und Julia in dem anmutigen Park zu Sieghartshof lustwandelten. Wie ein goldner Schleier lag der Schein der sinkenden Sonne ausgebreitet uber dem Walde. Kein Blattlein ruhrte sich. In ahnungsvollem Schweigen harrten Baum und Gebusch, dass der Abendwind komme und mit ihnen kose. Nur das Getose des Waldbachs, der uber weisse Kiesel fortbrauste, unterbrach die tiefe Stille. Arm in Arm verschlungen, schweigend wandelten die Madchen fort durch die schmalen Blumengange, uber die Brucken, die uber die verschiedenen Schlingungen des Bachs fuhrten, bis sie an das Ende des Parks, an den grossen See kamen, in dem sich der ferne Geierstein mit seinen malerischen Ruinen abspiegelte.
"Es ist doch schon!" rief Julia recht aus voller Seele. "Lass uns", sprach Hedwiga, "in die Fischerhutte treten. Die Abendsonne brennt entsetzlich, und drin ist die Aussicht nach dem Geierstein aus dem mittlern Fenster noch schoner als hier, da die Gegend dort nicht Panorama, sondern in gruppierter Ansicht, wahrhaftes Bild erscheint."
Julia folgte der Prinzessin, die, kaum hineingetreten und zum Fenster hinausschauend, sich nach Crayon und Papier sehnte, um die Aussicht in der Beleuchtung zu zeichnen, welche sie ungemein pikant nannte.
"Ich mochte," sprach Julia, "ich mochte dich beinahe um deine Kunstfertigkeit beneiden, Baume und Gebusche, Berge, Seen so ganz nach der Natur zeichnen zu konnen. Aber ich weiss es schon, konnte ich auch so hubsch zeichnen als du, doch wird es mir niemals gelingen, eine Landschaft nach der Natur aufzunehmen, und zwar um desto weniger, je herrlicher der Anblick. Vor lauter Freude und Entzucken des Schauens wurd' ich gar nicht zur Arbeit kommen." Der Prinzessin Antlitz uberflog bei diesen Worten Julias ein gewisses Lacheln, das bei einem sechzehnjahrigen Madchen bedenklich genannt werden durfte. Meister Abraham, der im Ausdruck zuweilen etwas seltsam, meinte, solch Muskelspiel im Gesicht sei dem Wirbel zu vergleichen auf der Oberflache des Wassers, wenn sich in der Tiefe etwas Bedrohliches ruhrt. Genug, Prinzessin Hedwiga lachelte; indem sie aber die Rosenlippen offnete, um der sanften unkunstlerischen Julia etwas zu entgegnen, liessen sich ganz in der Nahe Akkorde horen, die so stark und wild angeschlagen wurden, dass das Instrument kaum eine gewohnliche Guitarre zu sein schien.
Die Prinzessin verstummte, und beide, sie und Julia, eilten vor das Fischerhaus.
Nun vernahmen sie eine Weise nach der andern, verbunden durch die seltsamsten Ubergange, durch die fremdartigste Akkordenfolge. Dazwischen liess sich eine sonore mannliche Stimme horen, die bald alle Sussigkeit des italienischen Gesanges erschopfte, bald, plotzlich abbrechend, in ernste dustere Melodien fiel, bald rezitativisch, bald mit starken, kraftig akzentuierten Worten dreinsprach.
Die Guitarre wurde gestimmt dann wieder Akkorde dann wieder abgebrochen und gestimmt dann heftige, wie im Zorn ausgesprochene Worte dann Melodien dann aufs neue gestimmt.
Neugierig auf den seltsamen Virtuosen, schlichen Hedwiga und Julia naher und naher heran, bis sie einen Mann in schwarzer Kleidung gewahrten, der, den Rucken ihnen zugewendet, auf einem Felsstuck dicht an dem See sass und das wunderliche Spiel trieb mit Singen und Sprechen.
Eben hatte er die Guitarre ganz und gar umgestimmt auf ungewohnliche Weise und versuchte nun einige Akkorde, dazwischen rufend: "Wieder verfehlt keine Reinheit bald ein Komma zu tief, bald ein Komma zu hoch!"
Dann fasste er das Instrument, das er von dem blauen Bande, an dem es ihm um die Schultern hing, losgenestelt, mit beiden Handen, hielt es vor sich hin und begann: "Sage mir, du kleines eigensinniges Ding, wo ruht eigentlich dein Wohllaut, in welchem Winkel deines Innersten hat sich die reine Skala verkrochen? Oder willst du dich vielleicht auflehnen gegen deinen Meister und behaupten, sein Ohr sei totgehammert worden in der Schmiede der gleichschwebenden Temperatur und seine Enharmonik nur ein kindisches Vexierspiel? Du verhohnst mich, glaub' ich, unerachtet ich den Bart viel besser geschoren trage als Meister Stefano Pacini, detto il Venetiano, der die Gabe des Wohllauts in dein Innerstes legte, die mir ein unerschliessbares Geheimnis bleibt. Und, liebes Ding, dass du es nur weisst, willst du den unisonierenden Dualismus von Gis und As oder Cis und Des oder vielmehr samtlicher Tone durchaus nicht verstatten, so schicke ich dir neun tuchtige teutsche Meister auf den Hals, die sollen dich ausschelten, dich kirre machen mit enharmonischen Worten. Und du magst dich nicht deinem Stefano Pacini in die Arme werfen, du magst nicht wie ein keifendes Weib das letzte Wort behalten wollen. Oder bist du vielleicht gar dreist und stolz genug, zu meinen, dass alle schmucke Geister, die in dir wohnen, nur dem gewaltigen Zauber folgen der Magier, die langst von der Erde gegangen, und dass in den Handen eines Hasenfusses "
Bei dem letzten Worte hielt der Mann plotzlich inne, sprang auf und schaute, wie in tiefen Gedanken versunken, in den See hinein. Die Madchen, gespannt durch des Mannes seltsames Beginnen, standen wie eingewurzelt hinter dem Gebusch; sie wagten kaum zu atmen.
"Die Guitarre", brach der Mann endlich los, "ist doch das miserabelste, unvollkommenste Instrument von allen Instrumenten, nur wert, von girrenden liebeskrankenden Schafern in die Hand genommen zu werden, die das Embouchoir zur Schalmei verloren haben, da sie sonst es vorziehen wurden, erklecklich zu blasen, das Echo zu wecken mit den Kuhreigen der sussesten Sehnsucht und klagliche Melodien entgegenzusenden den Emmelinen in den weiten Bergen, die das liebe Vieh zusammentreiben mit dem lustigen Geknalle empfindsamer Hetzpeitschen! O Gott! Schafer, die 'wie ein Ofen seufzen mit Jammerlied auf ihrer Liebsten Brau'n' lehrt ihnen, dass der Dreiklang aus nichts anderm bestehe als aus drei Klangen und niedergestossen werde durch den Dolchstich der Septime, und gebt ihnen die Guitarre in die Hande! Aber ernsten Mannern von leidlicher Bildung, von vorzuglicher Erudition, die sich abgegeben mit griechischer Weltweisheit und wohl wissen, wie es am Hofe zu Peking oder Nanking zugeht, aber den Teufel was verstehen von Schaferei und Schafzucht, was soll denen das Achzen und Klimpern? Hasenfuss, was beginnst du? Denke an den seligen Hippel, welcher versichert, dass, sah' er einen Mann Unterricht erteilen im Klavierschlagen, es ihm zumute werde, als sotte besagter Lehrherr weiche Eier und nun Guitarre klimpern Hasenfuss! Pfui Teufel!" Damit schleuderte der Mann das Instrument weit von sich ins Gebusch und entfernte sich raschen Schrittes, ohne die Madchen zu bemerken.
"Nun," rief Julia nach einer Weile, lachend, "nun, Hedwiga, was sagst du zu dieser verwunderlichen Erscheinung? Wo mag der seltsame Mann her sein, der erst so hubsch mit seinem Instrument zu sprechen weiss und es dann verachtlich von sich wirft wie eine zerbrochene Schachtel?"
"Es ist unrecht," sprach Hedwiga wie im plotzlich aufwallenden Zorn, indem ihre verbleichten Wangen sich blutrot farbten, "es ist unrecht, dass der Park nicht verschlossen ist, dass jeder Fremde hinein kann."
"Wie," erwiderte Julia, "der Furst sollte, meinst du, engherzig den Sieghartsweilern nein, nicht diesen allein, jedem, der des Weges wandelt, gerade den unmutigsten Fleck der ganzen Gegend verschliessen! das ist unmoglich deine ernste Meinung!" "Du bedenkst," fuhr die Prinzessin noch bewegter fort, "du bedenkst die Gefahr nicht, die fur uns daraus entsteht. Wie oft wandeln wir so wie heute allein, entfernt von aller Dienerschaft, in den entlegensten Gangen des Waldes umher! Wie, wenn einmal irgendein Bosewicht "
"Ei," unterbrach Julia die Prinzessin, "ich glaube gar, du furchtest, aus diesem, jenem Gebusch konnte irgendein ungeschlachter marchenhafter Riese oder ein fabelhafter Raubritter hervorspringen und uns entfuhren auf seine Burg! Nun, das wollte der Himmel verhuten! Aber sonst muss ich dir gestehen, dass mir irgendein kleines Abenteuer hier in dem einsamen romantischen Walde recht hubsch, recht anmutig bedunken mochte. Ich denke eben an Shakespeare 'Wie es euch gefallt', das uns die Mutter so lange nicht in die Hande geben wollte, und das uns endlich Lothario vorgelesen. Was gilt es, du wurdest auch gern ein bisschen Celia spielen, und ich wollte deine treue Rosalinde sein. Was machen wir aus unserm unbekannten Virtuosen?"
"O," erwiderte die Prinzessin, "eben dieser unbekannte Mensch Glaubst du wohl, Julia, dass mir seine Gestalt, seine wunderlichen Reden ein inneres Grauen erregten, das mir unerklarlich ist? Noch jetzt durchbeben mich Schauer, ich erliege beinahe einem Gefuhl, das, seltsam und entsetzlich zugleich, alle meine Sinne gefangen nimmt. In dem tiefsten dunkelsten Gemut regt sich eine Erinnerung auf und ringt vergebens, sich deutlich zu gestalten. Ich sah diesen Menschen schon in irgendeine furchterliche Begebenheit verflochten, die mein Herz zerfleischte vielleicht war es nur ein spukhafter Traum, dessen Andenken mir geblieben Genug der Mensch mit seinem seltsamen Beginnen, mit seinen wirren Reden deuchte mir ein bedrohliches gespenstisches Wesen, das uns vielleicht verlocken wollte in verderbliche Zauberkreise."
"Welche Einbildungen," rief Julia, "ich fur mein Teil verwandle das schwarze Gespenst mit der Guitarre in den Monsieur Jacques oder gar in den ehrlichen Probstein, dessen Philosophie beinahe so lautet, wie die wunderlichen Reden des Fremden. Doch hauptsachlich ist es nun notig, die arme Kleine zu retten, die der Barbar so feindselig in das Gebusch geschleudert hat."
"Julia was beginnst du um des Himmels willen," rief die Prinzessin; doch ohne auf sie zu achten, schlupfte Julia hinein in das Dickicht und kam nach wenigen Augenblicken triumphierend, die Guitarre, die der Fremde weggeworfen, in der Hand, zuruck.
Die Prinzessin uberwand ihre Scheu und betrachtete sehr aufmerksam das Instrument, dessen seltsame Form schon von hohem Alter zeigte, hatte das auch nicht die Jahrzahl und der Namen des Meisters bestatigt, den man durch die Schalloffnung auf dem Boden deutlich wahrnahm. Schwarz eingeatzt waren namlich die Worte: "Stefano Pacini fec. Venet. 1532."
Julia konnte es nicht unterlassen, sie schlug einen Akkord auf dem zierlichen Instrument an und erschrak beinahe uber den machtigen vollen Klang, der aus dem kleinen Dinge heraustonte. "O herrlich herrlich," rief sie aus und spielte weiter. Da sie aber gewohnt, nur ihren Gesang mit der Guitarre zu begleiten, so konnte es nicht fehlen, dass sie bald unwillkurlich zu singen begann, indem sie weiter fortwandelte. Die Prinzessin folgte ihr schweigend. Julia hielt inne; da sprach Hedwiga: "Singe, spiele auf dem zauberischen Instrumente, vielleicht gelingt es dir, die bosen, feindlichen Geister, die Macht haben wollten uber mich, hinabzubeschworen in den Orkus."
"Was willst du", erwiderte Julia, "mit deinen bosen Geistern, die sollen uns beiden fremd sein und bleiben, aber singen will ich und spielen, denn ich wusste nicht, dass jemals mir ein Instrument so zur Hand gewesen, mir uberhaupt so zugesagt hatte, als eben dieses. Mir scheint auch, als wenn meine Stimme viel besser dazu laute als sonst." Sie begann eine bekannte italienische Kanzonetta und verlor sich in allerlei zierliche Melismen, gewagte Laufe und Capriccios, Raum gebend dem vollen Reichtum der Tone, der in ihrer Brust ruhte.
War die Prinzessin erschrocken uber den Anblick des Unbekannten, so erstarrte Julia zur Bildsaule, als er, da sie eben in einen andern Gang einbiegen wollte, plotzlich vor ihr stand.
Der Fremde, wohl an dreissig Jahre alt, war nach dem Zuschnitt der letzten Mode schwarz gekleidet. In seinem ganzen Anzuge fand sich durchaus nichts Sonderbares, Ungewohnliches, und doch hatte sein Ansehen etwas Seltsames, Fremdartiges. Trotz der Sauberkeit seiner Kleidung war eine gewisse Nachlassigkeit sichtbar, die weniger von Mangel an Sorgfalt als davon herzuruhren schien, dass der Fremde gezwungen worden, einen Weg zu machen, auf den er nicht gerechnet, und zu dem sein Anzug nicht passte. Mit aufgerissener Weste, das Halstuch nur leicht umschlungen, die Schuhe dick bestaubt, auf denen die goldnen Schnallchen kaum sichtbar, stand er da, und narrisch genug sah es aus, dass er an dem kleinen dreieckigen Hutchen, das nur bestimmt, unter den Armen getragen zu werden, die hintere Krempe herabgeschlagen hatte, um sich gegen die Sonne zu schutzen. Er hatte sich durchgedrangt durch das tiefste Dickicht des Parks, denn sein wirres schwarzes Haar hing voller Tannadeln. Fluchtig schaute er die Prinzessin an und liess dann den seelenvollen leuchtenden Blick seiner grossen dunklen Augen auf Julia ruhen, deren Verlegenheit noch dadurch erhoht wurde, so dass ihr, wie es in dergleichen Fallen ihr zu geschehen pflegte, die Tranen in die Augen traten.
"Und diese Himmelstone," begann der Fremde endlich mit weicher sanfter Stimme, "und diese Himmelstone schweigen vor meinem Anblick und zerfliessen in Tranen?"
Die Prinzessin, den ersten Eindruck, den der Fremde auf sie gemacht, mit Gewalt niederkampfend, blickte ihn stolz an und sprach dann mit beinahe schneidendem Ton: "Allerdings uberrascht uns Ihre plotzliche Erscheinung, mein Herr! man erwartet um diese Zeit keine Fremden mehr im furstlichen Park. Ich bin die Prinzessin Hedwiga."
Der Fremde hatte sich, sowie die Prinzessin zu sprechen begann, rasch zu ihr gewendet und schaute ihr jetzt in die Augen, aber sein ganzes Antlitz schien ein andres worden. Vertilgt war der Ausdruck schwermutiger Sehnsucht, vertilgt jede Spur des tief im Innersten aufgeregten Gemuts, ein toll verzerrtes Lacheln steigerte den Ausdruck bitterer Ironie bis zum Possierlichen, bis zum Skurrilen. Die Prinzessin blieb, als trafe sie ein elektrischer Schlag, mitten in der Rede stecken und schlug, blutrot im ganzen Gesicht, die Augen nieder.
Es schien, als wollte der Fremde etwas sagen, in dem Augenblick begann indessen Julia: "Bin ich nicht ein dummes torichtes Ding, dass ich erschrecke, dass ich weine wie ein kindisches Kind, das man ertappt uber dem Naschen! Ja, mein Herr, ich habe genascht, hier die trefflichsten Tone weggenascht von Ihrer Guitarre die Guitarre ist an allem schuld und unsere Neugier! Wir haben Sie belauscht, wie Sie mit dem kleinen Dinge so hubsch zu sprechen wussten, und wie Sie dann im Zorne die Arme wegschleuderten in das Gebusch, dass sie im lauten Klageton ausseufzte, auch das haben wir gesehen. Und das ging mir so recht tief ins Herz, ich musste hinein in das Dickicht und das schone liebliche Instrument aufheben. Nun, Sie wissen wohl, wie Madchen sind, ich klimpere etwas auf der Guitarre, und da fuhr es mir in die Finger ich konnt' es nicht lassen. Verzeihen Sie mir, mein Herr, und empfangen Sie Ihr Instrument zuruck."
Julia reichte die Guitarre dem Fremden hin.
"Es ist", sprach der Fremde, "ein sehr seltnes klangvolles Instrument, noch aus alter guter Zeit her, das nur in meinen ungeschickten Handen doch was Hande was Hande! Der wunderbare Geist des Wohllauts, der diesem kleinen seltsamen Dinge befreundet, wohnt auch in meiner Brust, aber eingepuppt, keiner freien Bewegung machtig; doch aus Ihrem Innern, mein Fraulein, schwingt er sich auf zu den lichten Himmelsraumen, in tausend schimmernden Farben, wie das glanzende Pfauenauge. Ha, mein Fraulein! als Sie sangen, aller sehnsuchtige Schmerz der Liebe, alles Entzucken susser Traume, die Hoffnung, das Verlangen wogte durch den Wald und fiel nieder wie erquickender Tau in die duftenden Blumenkelche, in die Brust horchenden Nachtigallen! Behalten Sie das Instrument, nur Sie gebieten uber den Zauber, der in ihm verschlossen!"
"Sie warfen das Instrument fort," erwiderte Julia hoch errotend.
"Es ist wahr," sprach der Fremde, indem er mit Heftigkeit die Guitarre ergriff und an seine Brust druckte, "es ist wahr, ich warf es fort und empfange es geheiligt zuruck; nie kommt es mehr aus meinen Handen!"
Plotzlich verwandelte sich nun das Antlitz des Fremden wieder in jene skurrile Larve, und er sprach mit hohem schneidenden Ton: "Eigentlich hat mir das Schicksal oder mein Kakodamon einen sehr bosen Streich gespielt, dass ich hier so ganz ex abrupto, wie die Lateiner und noch andere ehrliche Leute sagen, vor Ihnen erscheinen muss, meine hochverehrtesten Damen! O Gott, gnadigste Prinzessin, riskieren Sie es, mich anzuschauen von Kopf bis zu Fuss. Sie werden denn aus meinem Ajustement zu entnehmen geruhen, dass ich mich auf einer grossen Visitenfahrt befinde. Ha! ich gedachte eben bei Sieghartsweiler vorzufahren und der guten Stadt, wo nicht meine Person, doch wenigstens eine Visitenkarte abzugeben. O Gott! fehlt es mir denn an Konnexionen, meine gnadigste Prinzessin? War nicht sonst der Hofmarschall Dero Herrn Vaters mein Intimus? Ich weiss es, sah er mich hier, so druckte er mich an seine Atlasbrust und sagte geruhrt, indem er mir eine Prise darbot: 'Hier sind wir unter uns, mein Lieber, hier kann ich meinem Herzen und den angenehmsten Gesinnungen freien Lauf lassen'. Audienz hatte ich erhalten bei dem gnadigsten Herrn Fursten Irenaus und ware auch Ihnen vorgestellt worden, o Prinzessin! Vorgestellt worden auf eine Weise, dass ich mein bestes Gespann von Septime-Akkorden gegen eine Ohrfeige setze, ich hatte Ihre Huld erworben! Aber nun! hier im Garten am unschicklichsten Orte, zwischen Ententeich und Froschgraben, muss ich mich selbst prasentieren, mir zum ewigen Malheur! O Gott, konnt' ich nur was weniges hexen, konnt' ich nur subito diese edle Zahnstocherbuchse (er zog eine aus der Westentasche hervor) verwandeln in den Schmuckesten Kammerherrn des Irenausschen Hofes, welcher mich beim Fittig nahme und sprache: 'Gnadigste Prinzessin, hier ist der und der!' Aber nun! che far, che dir! Gnade Gnade, o Prinzessin, o Damen! o Herren!"
Damit warf sich der Fremde vor der Prinzessin nieder und sang mit kreischender Stimme: "Ah pieta, pieta Signora!"
Die Prinzessin fasste Julien und rannte mit ihr unter dem lauten Ausruf: "Es ist ein Wahnsinniger, ein Wahnsinniger, der dem Tollhause entsprungen!" so schnell von dannen, als sie es nur vermochte.
Dicht vor dem Lustschlosse kam die Ratin Benzon den Madchen entgegen, die atemlos ihr beinahe zu Fussen sanken. "Was ist geschehen, um des Himmels willen, was ist euch geschehen, was bedeutet die ubereilte Flucht?" So fragte sie. Die Prinzessin vermochte, ausser sich, verstort wie sie war, nur in abgebrochenen Reden etwas von einem Wahnsinnigen herzustammeln, der sie uberfallen. Julia erzahlte ruhig und besonnen, wie sich alles begeben, und schloss damit, dass sie den Fremden durchaus nicht fur wahnsinnig, sondern nur fur einen ironischen Schalk, wirklich fur eine Art von Monsieur Jacques halte, der zur Komodie im Ardenner Walde passe.
Die Ratin Benzon liess sich alles nochmals wiederholen, sie fragte nach dem kleinsten Umstande, sie liess sich den Fremden beschreiben in Gang, Stellung, Gebarde, Ton der Sprache u.s.w. "Ja", rief sie dann, "ja, es ist nur zu gewiss, er ist es, er ist es selbst, kein anderer kann darf es sein."
"Wer wer ist es?" fragte die Prinzessin ungeduldig.
"Ruhig, liebe Hedwiga," erwiderte die Benzon, "Sie haben Ihren Atem umsonst verkeucht, kein Wahnsinniger ist dieser Fremde, der Ihnen so bedrohlich erschien. Welchen bittern unziemlichen Scherz er sich auch seiner barocken Manier gemass erlaubte, so glaube ich doch, dass Sie sich mit ihm aussohnen werden."
"Nimmermehr," rief die Prinzessin, "nimmermehr sehe ich ihn wieder, den unbequemen Narren."
"Ei, Hedwiga," sprach die Benzon lachend, "welcher Geist gab Ihnen das Wort unbequem ein, das nach dem, was vorgegangen, viel besser passt, als Sie vielleicht selbst glauben und ahnen mogen."
"Ich weiss auch gar nicht," begann Julia, "wie du auf den Fremden so zurnen magst, liebe Hedwiga! Selbst in seinem narrischen Tun, in seinen wirren Reden lag etwas, das auf seltsame und gar nicht unangenehme Weise mein Innerstes anregte." "Wohl dir," erwiderte die Prinzessin, indem ihr die Tranen in die Augen traten, "wohl dir, dass du so ruhig sein kannst und unbefangen, aber mir zerschneidet der Hohn des entsetzlichen Menschen das Herz! Benzon! wer ist es, wer ist der Wahnsinnige?" "Mit zwei Worten", sprach die Benzon, "erklare ich alles. Als ich mich vor funf Jahren in "
(M. f. f.) mich uberzeugte, dass in einem echten, tiefen Dichtergemut auch kindliche Tugend wohnt und Mitleid mit dem Bedrangnis der Genossen.
Eine gewisse Schwermut, wie sie oft junge Romantiker befallt, wenn sie den Entwicklungskampf der grossen erhabenen Gedanken in ihrem Innern bestehen, trieb mich in die Einsamkeit. Unbesucht blieben mehrere Zeit hindurch Dach, Keller und Boden. Ich empfand mit jenem Dichter die sussen idyllischen Freuden im kleinen Hauschen am Ufer eines murmelnden Bachs, umschattet von duster belaubten Hangebirken und Trauerweiden, und blieb, mich meinen Traumen hingebend, unter dem Ofen. So kam es aber, dass ich Mina, die susse schongefleckte Mutter, nicht wiedersah. In den Wissenschaften fand ich Trost und Beruhigung. O, es ist etwas Herrliches um die Wissenschaften! Dank, gluhender Dank dem edlen Mann, der sie erfunden. Wie viel herrlicher, wie viel nutzlicher ist diese Erfindung als jene des entsetzlichen Monchs, der zuerst es unternahm, Pulver zu fabrizieren, ein Ding, das mir, seiner Natur und Wirkung nach, in den Tod zuwider. Die richtende Nachwelt hat auch den Barbaren, den hollischen Barthold, gestraft mit hohnender Verachtung, indem man noch heutigen Tages, um einen scharfsinnigen Gelehrten, einen umschauenden Statistiker, kurz, jeden Mann von exquisiter Bildung recht hoch zu stellen, sprichwortlich sagt: "Er hat das Pulver nicht erfunden!"
Zu Belehrung der hoffnungsvollen Katerjugend kann ich nicht unbemerkt lassen, dass ich, wollte ich studieren, mit zugedruckten Augen in die Bibliothek meines Meisters sprang und dann das Buch, was ich angekrallt, herauszupfte und durchlas, mochte es einen Inhalt haben, wie es wollte. Durch diese Art zu studieren gewann mein Geist diejenige Biegsamkeit und Mannigfaltigkeit, mein Wissen den bunten glanzenden Reichtum, den die Nachwelt an mir bewundern wird. Der Bucher, die ich in dieser Periode des dichterischen Schwermuts hintereinander las, will ich hier nicht erwahnen, teils weil sich dazu eine schicklichere Stelle vielleicht finden wird, teils weil ich auch die Titel davon vergessen, und dies wieder gewissermassen darum, weil ich die Titel meistenteils nicht gelesen und also nie gewusst habe. Jedermann wird mit dieser Erklarung zufrieden sein und mich nicht biographischen Leichtsinnes anklagen.
Mir standen neue Erfahrungen bevor.
Eines Tages, als mein Meister eben in einen grossen Folianten vertieft war, den er vor sich aufgeschlagen, und ich, dicht bei ihm unter dem Schreibtisch, auf einem Bogen des schonsten Royalpapiers liegend, mich in griechischer Schrift versuchte, die mir vorzuglich in der Pfote zu liegen schien, trat rasch ein junger Mann hinein, den ich schon mehrmals bei dem Meister gesehen, und der mich mit freundlicher Hochachtung, ja mit der wohltuenden Verehrung behandelte, die dem ausgezeichneten Talent, dem entschiedenen Genie gebuhrt. Denn nicht allein dass er jedesmal, nachdem er den Meister begrusst, zu mir sprach: "Guten Morgen, Kater!" so kraule er mir auch jedesmal mit leichter Hand hinter den Ohren und streichelte mir sanft den Rucken, so dass ich in diesem Betragen wahre Aufmunterung fand, meine innern Gaben leuchten zu lassen vor der Welt.
Heute sollte sich alles anders gestalten!
Wie sonst niemals, sprang namlich heute dem jungen Mann ein schwarzes zottiges Ungeheuer mit gluhenden Augen nach, zur Ture hinein und, als es mich erblickte, gerade auf mich zu. Mich uberfiel eine unbeschreibliche Angst, mit einem Satz war ich auf dem Schreibtisch meines Meisters und stiess Tone des Entsetzens und der Verzweiflung aus, als das Ungeheuer hoch hinaufsprang nach dem Tisch und dazu einen morderlichen Larm machte. Mein guter Meister, dem um mich bange, nahm mich auf den Arm und steckte mich unter den Schlafrock. Doch der junge Mann sprach: "Seid doch nur ganz unbesorgt, lieber Meister Abraham. Mein Pudel tut keiner Katze was, er will nur spielen. Setzt den Kater nur hin, sollt Euch freuen, wie die Leutchen miteinander Bekanntschaft machen werden, mein Pudel und Euer Kater."
Mein Meister wollte mich wirklich niedersetzen, ich klammerte mich aber fest an und begann klaglich zu lamentieren, wodurch ich es denn wenigstens dahin brachte, dass der Meister mich, als er sich niederliess, dicht neben sich auf dem Stuhle litt.
Ermutigt durch meines Meisters Schutz, nahm ich, auf den Hinterpfoten sitzend, den Schweif umschlangen, eine Stellung an, deren Wurde, deren edler Stolz meinem vermeintlichen schwarzen Gegner imponieren musste. Der Pudel setzte sich vor mir hin auf die Erde, schaute mir unverwandt ins Auge und sprach zu mir in abgebrochnen Worten, die mir freilich unverstandlich blieben. Meine Angst verlor sich nach und nach, ganz und gar und ruhig geworden im Gemut, vermochte ich zu bemerken, dass in dem Blick des Pudels nichts zu entdecken als Gutmutigkeit und biederer Sinn. Unwillkurlich fing ich an, meine zum Vertrauen geneigte Seelenstimmung durch sanftes Hin- und Herbewegen des Schweifes an den Tag zu legen, und sogleich begann auch der Pudel mit dem kurzen Schweiflein zu wedeln auf die unmutigste Weise.
O! mein Inneres hatte ihn angesprochen, nicht zu zweifeln war an dem Anklang unserer Gemuter! "Wie," sprach ich zu mir selbst, "wie konnte dich das ungewohnte Betragen dieses Fremden so in Furcht und Schrecken setzen? Was bewies dieses Springen, dieses Klaffen, dieses Toben, dieses Rennen, dieses Heulen anders, als den in Liebe und Lust, in der freudigen Freiheit des Lebens heftig und machtig bewegten Jungling? O, es wohnt Tugend, edle Pudeltumlichkeit in jener schwarz bepelzten Brust!" Durch diese Gedanken erkraftigt, beschloss ich den ersten Schritt zu tun zu naherer, engerer Einigung unserer Seelen und herabzusteigen von dem Stuhl des Meisters.
Sowie ich mich erhob und dehnte, sprang der Pudel auf und in der Stube umher mit lautem Klaffen! Ausserungen eines herrlichen lebenskraftigen Gemuts! Es war nichts mehr zu befurchten, ich stieg sogleich herab und naherte mich behutsam leisen Schrittes dem neuen Freunde. Wir begannen jenen Akt, der in bedeutender Symbolik die nahere Erkenntnis verwandter Seelen, den Abschluss des aus dem inneren Gemut heraus bedingten Bundnisses ausdruckt, und den der kurzsichtige frevelige Mensch mit dem gemeinen unedlen Ausdruck "Beschnuffeln" bezeichnet. Mein schwarzer Freund bezeigte Lust, etwas von den Huhnerknochen zu geniessen, die in meiner Speiseschussel lagen. So gut ich es vermochte, gab ich ihm zu verstehen, dass es der Weltbildung, der Hoflichkeit gemass sei, ihn als meinen Gast zu bewirten. Er frass mit erstaunlichem Appetit, wahrend ich von weitem zusah. Gut war es doch, dass ich den Bratfisch beiseite gebracht und einmagaziniert unter mein Lager. Nach der Tafel begannen wir die unmutigsten Spiele, bis wir uns zuletzt, ganz ein Herz und eine Seele, umhalsten und, fest aneinandergeklammert, uns ein Mal uber das andere uberkugelnd, uns innige Treue und Freundschaft zuschworen.
Ich weiss nicht, was dieses Zusammentreffen schoner Seelen, dieses Einandererkennen herziger Junglingsgemuter Lacherliches in sich tragen konnte; so viel ist aber gewiss dass beide, mein Meister und der fremde junge Mann, unaufhorlich aus vollem Halse lachten, zu meinem nicht geringen Verdruss.
Auf mich hatte die neue Bekanntschaft einen tiefen Eindruck gemacht, so dass ich in der Sonne und im Schatten, auf dem Dach und unter dem Ofen nichts dachte, nichts sann, nichts traumte, nichts empfand als Pudel Pudel Pudel! Dadurch ging mir das Innerste Wesen des Pudeltums machtig auf mit glanzenden Farben, und durch diese Erkenntnis wurde das tiefsinnige Werk geboren, dessen ich schon erwahnte, namlich: "Gedanke und Ahnung oder Kater und Hund." Sitten, Gebrauche, Sprache beider Geschlechter entwickelte ich als tief bedingt durch ihr eigentumlichstes Wesen und bewies, wie beide nur diverse Strahlen, aus einem Prisma geworfen. Vorzuglich fasste ich den Charakter der Sprache auf und bewies, dass, da Sprache uberhaupt nur symbolische Darstellung des Naturprinzips in der Gestaltung des Lauts sei, mithin es nur eine Sprache geben konne, auch das Katzische und Hundische in der besondern Formung des Pudelischen, Zweige eines Baums waren, von hoherem Geist inspirierte Kater und Pudel sich daher verstunden. Um meinen Satz ganz ins klare zu stellen, fuhrte ich mehrere Beispiele aus beiden Sprachen an und machte auf die gleichen Stammwurzeln aufmerksam, von: Bau Bau Mau Miau Blaf blaf Auvau Korr Kurr Ptsi Pschrzi u.s.w.
Nachdem das Buch vollendet, fuhlte ich die unwiderstehlichste Lust, das Pudelische wirklich zu erlernen, welches mir vermoge meines neu erworbenen Freundes, des Pudels Ponto, wiewohl nicht ohne Muhe, gelang, da das Pudelische fur uns Kater wirklich eine schwere Sprache. Genies finden sich indes in alles, und ebendiese Genialitat ist es, die ein beruhmter menschlicher Schriftsteller verkennt, wenn er behauptet, dass, um eine fremde Sprache, mit allen Eigentumlichkeiten des Volks, dem Volke nachzusprechen, man durchaus was weniges ein Narr sein musse. Mein Meister hatte freilich dieselbe Meinung und mochte eigentlich nur die gelehrte Kenntnis der fremden Sprache statuieren, welche Kenntnis er dem Parlieren entgegensetzte, worunter er die Fertigkeit verstand, in einer fremden Sprache uber nichts und um nichts reden zu konnen. Er ging so weit, dass er das Franzosischsprechen unserer Herren und Damen vom Hofe fur eine Art von Krankheit hielt, die, wie kataleptische Zufalle, mit schrecklichen Symptomen eintrete, und horte ich ihn diese absurde Behauptung gegen den Hofmarschall des Fursten selbst ausfuhren.
"Erzeigen Sie," sprach Meister Abraham, "erzeigen Sie mir die Gute, beste Exzellenz, und beobachten Sie sich selbst. Hat Ihnen der Himmel nicht ein schones volltonendes Stimmorgan verliehen, und wenn Ihnen das Franzosische ankommt, da beginnen Sie plotzlich zu zischen, zu lispeln, zu schnarren, und dabei verzerren sich Dero angenehme Gesichtszuge ganz erschrecklich, und selbst der hubsche, feste, ernste Anstand, dessen Dieselben sonst machtig, wird verstort durch allerlei seltsame Konvulsionen. Was kann dies alles anders bedeuten als emportes Treiben irgendeines fatalen Krankheitskobolds im Innern!" Der Hofmarschall lachte sehr, und zum Lachen war auch wirklich Meister Abrahams Hypothese von der Krankheit fremder Sprachen.
Ein sinnreicher Gelehrter gibt in irgendeinem Buche den Rat, dass man sich bemuhen moge, in der fremden Sprache, die man rasch erlernen will, zu denken. Der Rat ist vortrefflich, seine Ausfuhrung aber nicht ohne Gefahr. Es gelang mir namlich sehr bald, pudelisch zu denken, ich vertiefte mich aber in diese pudelische Gedanken so sehr, dass meine eigentliche Sprachfertigkeit zuruckblieb und ich selbst nicht verstand, was ich dachte. Diese nicht verstandenen Gedanken brachte ich meistenteils zu Papier, und ich erstaune uber die Tiefe dieser Sprache, die ich unter dem Titel "Akanthusblatter" gesammelt, und die ich noch nicht verstehe.
Ich glaube, dass diese kurzen Andeutungen uber die Geschichte meiner Jugendmonate hinreichen durften, dem Leser ein deutliches Bild davon zu geben, was ich bin, und wie ich es wurde.
Unmoglich kann ich mich aber von der Blutezeit meines merkwurdigen ereignisreichen Lebens trennen, ohne noch eines Vorfalls zu erwahnen, der gewissermassen meinen Ubertritt in die Jahre der reifern Bildung bezeichnet. Die Katerjugend wird daraus lernen, dass keine Rose ohne Dornen ist, und dass dem machtig emporstrebenden Geiste manches Hindernis gelegt, mancher Stein des Anstosses in den Weg geworfen wird, an dem er sich die Pfoten wundstossen muss. Und der Schmerz solcher Wunden ist empfindlich, sehr empfindlich!
Gewiss hast du mich, geliebter Leser, beinahe beneidet um meine gluckliche Jugendzeit, um den gunstigen Stern, der uber mich wachte! In Durftigkeit von vornehmen, aber armen Eltern geboren, dem schmachvollen Tode nahe, komme ich plotzlich in den Schoss des Uberflusses, in den Peruschacht der Literatur! Nichts verstort meine Bildung, nichts widerstrebt meinen Neigungen, mit Riesenschritten gehe ich der Vollkommenheit entgegen, die mich hoch erhebt uber meine Zeit. Da halt mich plotzlich ein Zollverwalter an und fordert den Tribut, dem alles hienieden unterworfen!
Wer hatte denken sollen, dass unter den Blumen der sussesten, innigsten Freundschaft die Dornen verborgen, die mich ritzen, verwunden, blutig verwunden mussten!
Jeder, der ein gefuhlvolles Herz im Busen tragt, wie ich, wird aus dem, was ich uber mein Verhaltnis mit dem Pudel Ponto gesagt, sehr leicht entnehmen konnen, was der Teure mir war, und doch musste er es sein, der den ersten Anlass gab zu der Katastrophe, die mich ganzlich verderben konnte, hatte der Geist meines grossen Ahnherrn nicht uber mich gewacht. Ja, mein Leser, ich hatte einen Ahnherrn, einen Ahnherrn, ohne den ich gewissermassen gar nicht existieren wurde einen grossen vortrefflichen Ahnherrn, einen Mann von Stande, Ansehen, Vermogen, ausgebreiteter Wissenschaft, mit einer ganz vortrefflichen Sorte Tugend, mit der feinsten Menschenliebe begabt, einen Mann von Eleganz und Geschmack, nach dem neuesten Geschmack einen Mann, der doch dies alles jetzt nur beilaufig gesagt, kunftig mehr von dem Wurdigen, der niemand anders war als der weltberuhmte Premierminister Hinz von Hinzenfeldt, der der Welt so teuer, so uber alles wert worden unter dem Namen des gestiefelten Katers.
Wie gesagt, kunftig mehr von dem edelsten der Kater!
Konnt' es anders sein; musst' ich, als ich mich im Pudelischen leicht und zierlich auszudrucken vermochte, mit meinem Freunde Ponto nicht davon reden, was mir das Hochste im Leben war, namlich von mir selbst und von meinen Werken? So kam es, dass er mit meinen besondern Geistesgaben, mit meiner Genialitat, mit meinem Talent bekannt wurde, und hier entdeckte ich zu meinem nicht geringen Leid, dass ein unuberwindlicher Leichtsinn, ja ein gewisser Ubermut es dem jungen Ponto unmoglich machte, in den Kunsten und Wissenschaften etwas zu tun. Statt in Erstaunen zu geraten uber meine Kenntnis, versicherte er, dass es gar nicht zu begreifen, wie ich darauf fallen konnen, mich mit derlei Dingen abzugeben, und dass er seinerseits, was Kunste betreffe, sich lediglich darauf beschranke, uber den Stock zu springen und seines Herrn Mutze aus dem Wasser zu apportieren, die Wissenschaften anlangend, er aber der Meinung sei, dass Leute wie ich und er sich nur den Magen dabei verdurben und allen Appetit ganzlich verloren.
Bei einem solchen Gesprach, in dem ich mich muhte, meinen jungen leichtsinnigen Freund eines Bessern zu belehren, geschah das Entsetzliche. Denn ehe ich mir's versah, sprang
(Mak. Bl.) "Und immer werden Sie", erwiderte die Benzon, "mit dieser phantastischen Uberspanntheit, mit dieser herzzerschneidenden Ironie nichts anstiften als Unruhe Verwirrung vollige Dissonanz aller konventionellen Verhaltnisse, wie sie nun einmal bestehen."
"O wundervoller Kapellmeister," rief Johannes Kreisler lachend, "der solcher Dissonanzen machtig!"
"Sei'n Sie ernst," fuhr die Ratin fort, "sei'n Sie ernst, Sie entkommen mir nicht durch bittern Scherz! Ich halte Sie fest, lieber Johannes! Ja, so will ich Sie nennen, mit dem sanften Namen Johannes, damit ich wenigstens hoffen darf, dass hinter der Satyrmaske am Ende ein sanftes weiches Gemut verborgen. Und dann! nimmermehr werde ich mich davon uberzeugen, dass der bizarre Name Kreisler nicht eingeschwarzt, nicht einem ganz andern Familiennamen untergeschoben sein sollte!"
"Ratin," sprach Kreisler, indem sein ganzes Gesicht in einem seltsamen Muskelspiel an tausend Falten und Furchen vibrierte, "teuerste Ratin, was haben Sie gegen meinen ehrlichen Namen? Vielleicht fuhrte ich sonst einen andern, aber das ist lange her, und mir geht es so wie dem Ratgeber in Tiecks 'Blaubart', der da sagt: 'Ich hatte sonst einmal einen ganz vortrefflichen Namen, durch die Lange der Zeit hab' ich ihn fast vergessen, ich kann mich nur noch dunkel daran erinnern.'"
"Besinnen Sie sich, Johannes!" rief die Ratin, ihn mit leuchtenden Blicken durchbohrend, "der halbvergessene Name kommt Ihnen gewiss wieder in den Gedanken."
"Durchaus nicht, Teuerste," erwiderte Kreisler, "es ist unmoglich, und ich vermute beinahe, dass die dunkle Erinnerung, wie ich sonst, was eben meine aussere Gestalt rucksichte des Namens als Lebenspasseport betrifft, anders gestaltet, aus der angenehmen Zeit herruhrt, da ich eigentlich noch gar nicht geboren. Erzeigen Sie mir die Gute, Verehrungswurdigste, betrachten Sie meinen schlichten Namen im gehorigen Licht, und Sie werden ihn, was Zeichnung, Kolorit und Physiognomie betrifft, allerliebst finden! Noch mehr! stulpen Sie ihn um, sezieren Sie ihn mit dem grammatischen Anatomiermesser, immer herrlicher wird sich sein innerer Gehalt zeigen. Es ist ganz unmoglich, Vortreffliche, dass Sie meines Namens Abstammung in dem Worte Kraus finden und mich, nach der Analogie des Wortes Haarkrausler, fur einen Tonkrausler oder gar fur einen Krausler uberhaupt halten konnen, da ich mich alsdann eben Krausler schreiben musste. Sie konnen nicht wegkommen von dem Worte Kreis, und der Himmel gebe, dass Sie denn gleich an die wunderbaren Kreise denken mogen, in denen sich unser ganzes Sein bewegt, und aus denen wir nicht herauskommen konnen, wir mogen es anstellen, wie wir wollen. In diesen Kreisen kreiselt sich der Kreisler, und wohl mag es sein, dass er oft, ermudet von den Sprungen des St.-Veits-Tanzes, zu dem er gezwungen, rechtend mit der dunklen unerforschlichen Macht, die jene Kreise umschrieb, sich mehr als es einem Magen, der ohnedies nur schwachlicher Konstitution, zusagt, hinaussehnt ins Freie. Und der tiefe Schmerz dieser Sehnsucht mag nun wieder eben jene Ironie sein, die Sie, Verehrte, so bitter tadeln, nicht beachtend, dass die kraftige Mutter einen Sohn gebar, der in das Leben eintritt wie ein gebietender Konig. Ich meine den Humor, der nichts gemein hat mit seinem ungeratenen Stiefbruder, dem Spott!" "Ja," sprach die Ratin, "eben dieser Humor, dieser Wechselbalg einer ausschweifenden grillenhaften Phantasie, ohne Gestalt, ohne Farbe, von dem ihr harten Mannerseelen selbst nicht wisst, fur wen ihr ihn ausgeben sollt nach Stand und Wurden, ebendieser ist es, den ihr uns gern als etwas Grosses, Herrliches unterschieben mochtet, wenn ihr alles, was uns lieb und wert, in bitterm Hohn zu vernichten trachtet. Wissen Sie wohl, Kreisler, dass Prinzessin Hedwiga noch jetzt ganz ausser sich ist uber Ihre Erscheinung, uber Ihr Betragen im Park? Reizbar wie sie ist, verwundet sie jeder Scherz, in dem sie nur die leiseste Verspottung ihrer Personlichkeit findet, uberdies aber beliebten Sie, lieber Johannes, sich ihr als ein vollkommen Wahnsinniger darzustellen und ihr so ein Entsetzen zu erregen, das sie hatte auf das Krankenlager werfen konnen. Ist das zu entschuldigen?"
"Ebensowenig," erwiderte Kreisler, "als wenn ein Prinzesslein es unternimmt, in dem offnen Park ihres Herrn Papas einem Fremden von honettem Ansehen, der ihr zufallig begegnet, durch ihre kleine Person imponieren zu wollen."
"Dem sei, wie ihm wolle," fuhr die Ratin fort, "genug, Ihre abenteuerliche Erscheinung in unserm Park hatte bose Folgen haben konnen. Dass sie abgewandt, dass die Prinzessin wenigstens sich an den Gedanken gewohnt, Sie wiederzusehen, alles das haben wir meiner Julia zu verdanken. Sie allein nimmt Sie in Schutz, indem sie in allem, was Sie begonnen, was Sie gesprochen, nur den Erguss einer uberspannten Laune findet, wie sie oft einem tief verletzten oder zu reizbaren Gemut eigen. Mit einem Wort, Julia, die erst vor kurzer Zeit Shakespeares: 'Wie es euch gefallt', kennen gelernt, hat Sie gerade mit dem melancholischen Monsieur Jacques verglichen."
"O du ahnendes Himmelskind," rief Kreisler, indem ihm die Tranen in die Augen traten.
"Uberdies", sprach die Benzon weiter, "hat meine Julia in Ihnen, als Sie auf der Guitarre phantasierten und, wie sie erzahlt, dazwischen sangen und sprachen, den sublimen Musiker und Komponisten erkannt. Sie meint, in dem Augenblick sei ihr ein ganz besonderer Geist der Musik aufgegangen, sie habe, wie von unsichtbarer Macht dazu gezwungen, singen und spielen mussen, und das sei ihr gar anders gegluckt, als sonst jemals. Erfahren Sie es nur, Julia konnte sich gar nicht darin finden, dass sie den seltsamen Mann nicht wiedersehen, dass er ihr nur wie ein anmutig wunderlicher, musikalischer Spuk erschienen sein solle; wogegen die Prinzessin mit aller ihr eignen Heftigkeit behauptete, dass ein zweiter Besuch des gespenstischen Wahnsinnigen ihr den Tod geben wurde. Da die Madchen sonst ein Herz und eine Seele, und niemals eine Entzweiung unter ihnen stattgefunden, so konnt' ich mit vollem Recht behaupten, dass sich jene Szene aus fruher Kindheit umgekehrt wiederhole, als Julia einen etwas bizarren Skaramuz, der ihr einbeschert worden, durchaus in den Kamin werfen wollte, die Prinzessin hingegen ihn in Schutz nahm und fur ihren Liebling erklarte."
"Ich lasse mich," fiel Kreisler der Benzon laut lachend in die Rede, "ich lasse mich, ein zweiter Skaramuz, von der Prinzessin in den Kamin werfen und vertraue der sussen Huld der holden Julia." "Sie mussen", fuhr die Benzon fort, "die Erinnerung an den Skaramuz fur einen humoristischen Einfall halten, und diesen konnen Sie Ihrer eignen Theorie gemass nicht ubel deuten. Ubrigens mogen Sie es sich wohl vorstellen, dass ich in der Schilderung, die die Madchen mir von Ihrer Erscheinung, von dem ganzen Vorfall im Park machten, Sie augenblicklich wiedererkannte, und dass es Juliens Sehnsucht, Sie wiederzusehen, gar nicht bedurfte; ohnedies hatte ich in dem nachsten Augenblick alle Leute, die mir zu Gebote standen, in Bewegung gesetzt, den ganzen Park, ganz Sieghartsweiler durchsuchen lassen, um Sie, der mir bei kurzer Bekanntschaft so wert geworden, wiederzufinden. Alle Nachforschungen blieben vergebens, ich glaubte Sie verloren, um so mehr musste ich erstaunen, als Sie heute morgen bei mir eintraten. Julia ist bei der Prinzessin, welch ein Zwiespalt der verschiedensten Empfindungen wurde sich erheben, wenn die Madchen in diesem Augenblick Ihre Ankunft erfuhren. Was Sie, den ich als wohlbestallten Kapellmeister an dem Hofe des Grossherzogs glaubte, so plotzlich herbringt, daruber verlange ich nur dann Aufschluss, wenn es Ihnen recht und gemutlich sein wird, mir daruber etwas zu sagen."
Kreisler war, als die Ratin dies alles sprach, in tiefes Nachdenken versunken. Er starrte zur Erde nieder und fingerte an der Stirne wie einer, der sich auf etwas Vergessenes zu besinnen trachtet.
"Ach," begann er, als die Ratin schwieg, "ach, das ist eine sehr alberne Geschichte, kaum des Erzahlens wert. Doch so viel ist gewiss, dass das, was die kleine Prinzessin fur die wirren Reden eines Wahnwitzigen zu halten geruht hat, in der Wahrheit begrundet ist. In der Tat befand ich mich damals, als ich das Ungluck hatte, die kleine Reizbare im Park zu erschrecken, auf einer Visitenfahrt, denn ich kam eben von einer Visite, die ich niemanden anders abstattete als dem Durchlauchtigsten Grossherzoge selbst, und hier in Sieghartsweiler wollte ich nun ja eben mit den ausserordentlichsten, angenehmsten Visiten kontinuieren."
"O Kreisler," rief die Ratin, ein wenig lachelnd, niemals lachte sie stark und laut, "o Kreisler, das ist gewiss wieder irgendein bizarrer Einfall, dem Sie freien Lauf gestattet. Irre ich nicht, so liegt die Residenz wenigstens dreissig Stunden entfernt von Sieghartsweiler?"
"So ist es," erwiderte Kreisler, "aber man wandelt in einem Garten, der mir in solch grossem Stil angelegt scheint, dass selbst ein Le Notre daruber erstaunen musste. Statuieren Sie nun, Verehrte, nicht meine Visitenfahrt, so mogen Sie bedenken, dass ein empfindsamer Kapellmeister, Stimme in Kehle und Brust, Guitarre in der Hand, lustwandelnd durch duftende Walder, uber frisch grunende Wiesen, uber wild geturmtes Steingekluft, uber schmale Stege, unter denen die Waldbache schaumend fortbrausen, ja, dass ein solcher Kapellmeister, als Solosanger einstimmend in die Chore, die uberall ihn umtonen, sehr leicht hineingeraten kann in einzelne Partien des Gartens, absichtslos, ohne es zu wollen. So mag ich hineingeraten sein in den furstlichen Park zu Sieghartshof, der nichts ist als eine etwas kleinliche Partie in dem grossen Park, den die Natur anlegte. Doch nein, es ist dem nicht so! Als Sie vorhin davon sprachen, wie ein ganzes lustiges Jagervolk aufgeboten worden, mich einzufangen als jagdbares Wild, das sich verlaufen, gewann ich erst die innere feste Uberzeugung von der Notwendigkeit meines Hierseins. Eine Notwendigkeit, die mich, hatte ich auch meinen irren Lauf fortsetzen wollen, ins Garn treiben musste. Sie erwahnten gutig, dass meine Bekanntschaft Ihnen wert geworden, mussten mir dabei nicht jene verhangnisvollen Tage der Verwirrung, der allgemeinen Not einfallen, in denen uns das Schicksal zusammenfuhrte? Sie fanden mich damals hin und her schwankend, unfahig, einen Entschluss zu fassen, zerrissen im innersten Gemut. Sie nahmen mich auf mit freundlicher Gesinnung, und indem Sie, mir den klaren wolkenlosen Himmel einer ruhigen, in sich abgeschlossenen Weiblichkeit auftuend, mich zu trosten gedachten, tadelten und verziehen Sie zugleich die tolle Ausgelassenheit meines Treibens, welches Sie durch den Drang der Umstande herbeigefuhrter trostloser Verzweiflung zuschrieben. Sie entzogen mich einer Umgebung, die ich selbst fur zweideutig anerkennen musste, Ihr Haus wurde das friedliche freundliche Asyl, in dem ich, Ihren stillen Schmerz ehrend, den meinigen vergass. Ihre Gesprache voll Heiterkeit und Milde wirkten als wohltuende Arznei, ohne dass Sie meine Krankheit kannten. Nicht die bedrohlichen Ereignisse, die meine Stellung im Leben vernichten konnten, waren es, die so feindlich auf mich wirkten. Langst hatte ich gewunscht, Verhaltnisse aufzugeben, die mich druckten und angstigten, und nicht zurnen konnte ich auf das Schicksal, welches das bewirkte, was auszufuhren ich selbst so lange nicht Mut und Kraft genug gehabt hatte. Nein! Als ich mich frei fuhlte, da erfasste mich jene unbeschreibliche Unruhe, die, seit meinen fruhen Jugendjahren, so oft mich mit mir selbst entzweit hat. Nicht die Sehnsucht ist es, die, wie jener tiefe Dichter so herrlich sagt, aus dem hoheren Leben entsprungen, ewig wahrt, weil sie ewig nicht erfullt wird, weder getauscht noch hintergangen, sondern nur nicht erfullt, damit sie nicht sterbe; nein ein wustes wahnsinniges Verlangen bricht oft hervor nach einem Etwas, das ich in rastlosem Treiben ausser mir selbst suche, da es doch in meinem eignen Innern verborgen, ein dunkles Geheimnis, ein wirrer ratselhafter Traum von einem Paradies der hochsten Befriedigung, das selbst der Traum nicht zu nennen, nur zu ahnen vermag, und diese Ahnung angstigt mich mit den Qualen des Tantalus. Dies Gefuhl bemeisterte sich schon, als ich noch ein Kind, meiner oft so plotzlich, dass ich mitten aus dem frohsten Spiel mit meinen Kameraden davonlief in den Wald, auf den Berg, dort mich niederwarf auf die Erde und trostlos weinte und schluchzte, unerachtet ich eben der tollste, ausgelassenste von allen gewesen. Spater lernte ich mich selbst mehr bekampfen, aber nicht auszusprechen vermag ich die Marter meines Zustandes, wenn in der heitersten Umgebung gemutlicher wohlwollender Freunde, bei irgendeinem Kunstgenuss, ja selbst in den Momenten, wenn meine Eitelkeit in Anspruch genommen wurde auf diese, jene Weise, ja! wenn mir dann plotzlich alles elend, nichtig, farblos, tot erschien und ich mich versetzt fuhlte in eine trostlose Einode. Nur einen Engel des Lichts gibt es, der Macht hat uber den bosen Damon. Es ist der Geist der Tonkunst, der oft aus mir selbst sich siegreich erhebt, und vor dessen machtiger Stimme alle Schmerzen irdischer Bedrangnis verstummen."
"Immer," nahm die Ratin das Wort, "immer habe ich geglaubt, dass die Musik auf Sie zu stark, mithin verderblich wirke; denn indem bei der Auffuhrung irgendeines vortrefflichen Werks Ihr ganzes Wesen durchdrungen schien, veranderten sich alle Zuge Ihres Gesichts. Sie erblassten, Sie waren keines Wortes machtig, Sie hatten nur Seufzer und Tranen und fielen dann her mit dem bittersten Spott, mit tief verletzendem Hohn uber jeden, der auch nur ein Wort uber das Werk des Meisters sagen wollte. Ja wenn "
"O beste Ratin," fiel Kreisler der Benzon ins Wort, indem er, so ernst und tiefbewegt er zuvor gesprochen, plotzlich den besondern Ton der Ironie wieder aufnahm, der ihm eigen, "o beste Ratin, das ist nun alles anders geworden. Sie glauben gar nicht, Verehrte, was ich an dem grossherzoglichen Hofe artig und gescheit geworden bin. Ich kann mit der grossten Seelenruhe und Gemutlichkeit zum 'Don Juan' und zur 'Armida' den Takt schlagen, ich kann der ersten Sangerin freundlich zuwinken, wenn sie in der merkwurdigsten Kadenz auf den Sprossen der Tonleiter herumhopst, ich kann, wenn der Hofmarschall nach Haydns 'Jahreszeiten' mir zuflustert: 'C'etoit bien ennuyant, man cher maitre de chapelle', lachelnd mit dem Kopfe nicken und eine bedeutungsvolle Prise nehmen, ja, ich kann es geduldig anhoren, wenn der kunstverstandige Kammer- und Spektakelherr mir weitlauftig demonstriert, dass Mozart und Beethoven den Teufel was von Gesang verstunden, und dass Rossini, Pucitta und wie die Mannerchen alle heissen mogen, sich a la hauteur aller Opernmusik geschwungen. Ja, Verehrte, Sie glauben nicht, was ich wahrend meiner Kapellmeisterschaft profitiert, vorzuglich aber die schone Uberzeugung, wie gut es ist, wenn Kunstler formlich in Dienst treten, der Teufel und seine Grossmutter konnte es sonst mit dem stolzen ubermutigen Volke aushalten. Lasst den braven Komponisten Kapellmeister oder Musikdirektor werden, den Dichter Hofpoet, den Maler Hofportratisten, den Bildhauer Hofportratmeissler, und Ihr habt bald keine unnutze Phantasten mehr im Lande, vielmehr lauter nutzliche Burger von guter Erziehung und milden Sitten!"
"Still still," rief die Ratin unmutig, "halten Sie ein, Kreisler, Ihr Steckenpferd fangt wieder an sich zu baumen nach gewohnlicher Art und Weise. Ubrigens merke ich Unrat und wunsche jetzt in der Tat recht sehnlich zu wissen, welch ein schlimmes Ereignis Sie zur schnellen ubereilten Flucht aus der Residenz notigte. Denn auf eine solche Flucht deuten alle Umstande Ihrer Erscheinung im Park."
"Und ich," sprach Kreisler ruhig, indem er seinen Blick fest auf die Ratin heftete, "und ich kann versichern, dass das schlimme Ereignis, welches mich forttrieb aus der Residenz, unabhangig von allen aussern Dingen, nur in mir selbst lag.
Eben jene Unruhe, von der ich vorhin vielleicht mehr und ernster sprach, als gerade notig, uberfiel mich mit starkerer Macht als jemals, es war meines Bleibens nicht langer. Sie wissen, wie ich mich auf meine Kapellmeisterschaft bei dem Grossherzog freute. Torichterweise glaubte ich, dass, in der Kunst lebend, meine Stellung eben mich ganz beschwichtigen, dass der Damon in meinem Innern besiegt werden wurde. Aus dem wenigen, was ich erst uber meine Bildung am grossherzoglichen Hofe angebracht, werden Sie, Verehrte, aber entnehmen, wie sehr ich mich tauschte. Erlassen Sie mir die Schilderung, wie ich durch fade Spielerei mit der heiligen Kunst, zu der ich notgedrungen die Hand bieten musste, durch die Albernheiten seelenloser Kunstpfuscher, abgeschmackter Dilettanten, durch das ganze tolle Treiben einer Welt voll Kunst Gliederpuppen immer mehr und mehr dahin gebracht wurde, die erbarmliche Nichtswurdigkeit meiner Existenz einzusehen. An einem Morgen musst' ich zum Grossherzog, um meine Einwirkung bei den Festlichkeiten, die in den nachsten Tagen stattfinden sollten, zu erfahren. Der Spektakelherr war, wie naturlich, zugegen und sturmte auf mich ein mit allerlei sinn- und geschmacklosen Anordnungen, denen ich mich fugen sollte. Vorzuglich war es ein von ihm selbst verfasster Prolog, den er, als hochste Spitze der Theaterfeste, von mir komponiert verlangte. Da diesmal, so sprach er zum Fursten, einen stechenden Seitenblick auf mich werfend, nicht von gelehrter teutscher Musik, sondern von geschmackvollem italienischen Gesange die Rede sein solle, so habe er selbst einige zarte Melodien aufgesetzt, die ich gehorig anzubringen. Der Grossherzog genehmigte nicht nur alles, sondern nahm auch Gelegenheit, mir uberhaupt anzudeuten, dass er meine fernere Ausbildung durch eifriges Studium der neuern Italiener hoffe und erwarte. Wie ich so erbarmlich dastand! ich verachtete mich selbst tief alle Demutigungen erschienen mir gerechte Strafe fur meinen kindischen aberwitzigen Langmut! Ich verliess das Schloss, um nie wieder zuruckzukehren. Noch denselben Abend wollte ich meine Entlassung fordern, aber selbst dieser Entschluss konnte mich nicht uber mich selbst beruhigen, da ich mich schon durch einen geheimen Ostrazismus verbannt sah. Die Guitarre, die ich zu anderm Behuf mitgenommen, nahm ich aus dem Wagen, den ich, vors Tor gekommen, fortschickte, und lief hinaus ins Freie, unaufhaltsam fort, immer weiter fort! Schon sank die Sonne, immer breiter und schwarzer wurden die Schatten der Berge, des Waldes. Unertraglich, ja vernichtend, war mir der Gedanke, zuruckzukehren nach der Residenz 'Welche Macht zwingt mich zum Ruckweg?' so rief ich laut. Ich wusste, dass ich mich auf dem Wege nach Sieghartsweiler befand, ich gedachte meines alten Meisters Abraham, von dem ich Tages zuvor einen Brief erhalten, worin er, meine Lage in der Residenz ahnend, mich wegwunschte von dort, mich zu sich einlud."
"Wie," unterbrach die Ratin den Kapellmeister, "wie, Sie kennen den wunderlichen Alten?"
"Meister Abraham", fuhr Kreisler fort, "war der innigste Freund meines Vaters, mein Lehrer, zum Teil mein Erzieher! Nun, Verehrte, wissen Sie ausfuhrlich, wie ich in den Park des wackern Fursten Irenaus kam, und werden nicht mehr daran zweifeln, dass ich, kommt es darauf an, imstande bin, ruhig, mit erforderlicher historischer Genauigkeit und so angenehm zu erzahlen, dass mir selbst davor graut. Uberhaupt kommt mir die ganze Geschichte meiner Flucht aus der Residenz, wie gesagt, so albern vor und von solch allen Geist zerstorender Nuchternheit, dass man selbst nicht davon sprechen kann, ohne in erkleckliche Schwachheit zu verfallen. Mochten Sie, Teure, aber die seichte Begebenheit als krampfstillendes Wasser der erschrockenen Prinzessin beibringen, damit sie sich beruhige, und daran denken, dass ein ehrlicher deutscher Musikus, den, als er gerade seidene Strumpfe angezogen und sich in einem saubern Kutschkasten vornehm gebardete, Rossini und Pucitta und Pavesi und Fioravanti und Gott weiss, welche andere inis und ittas in die Flucht schlugen, sich unmoglich sehr gescheit betragen kann. Verzeihung ist zu hoffen, will ich hoffen! Als poetischen Nachklang des langweiligen Abenteuers vernehmen Sie aber, beste Ratin, dass in dem Augenblick, da ich, gepeitscht von meinem Damon, fortrennen wollte, mich der susseste Zauber festbannte. Schadenfroh trachtete der Damon eben das tiefste Geheimnis meiner Brust zuschanden zu machen, da ruhrte der machtige Geist der Tonkunst die Schwingen, und vor dem melodischen Rauschen erwachte der Trost, die Hoffnung, ja selbst die Sehnsucht, die die unvergangliche Liebe selbst ist und das Entzucken ewiger Jugend. Julia sang!"
Kreisler schwieg. Die Benzon horchte auf, gespannt auf das, was nun nachfolgen wurde. Da der Kapellmeister sich in stumme Gedanken zu verlieren schien, fragte sie mit kalter Freundlichkeit: "Sie finden den Gesang meiner Tochter in der Tat angenehm, lieber Johannes?"
Kreisler fuhr heftig auf, das, was er sagen wollte, erstickte aber ein Seufzer aus der tiefsten Brust.
"Nun," fuhr die Ratin fort, "das ist mir recht lieb. Julia kann von Ihnen, lieber Kreisler, was den wahren Gesang betrifft, recht viel lernen, denn dass Sie hier bleiben, sehe ich nun als eine ausgemachte Sache an."
"Verehrteste," begann Kreisler, aber in dem Augenblick offnete sich die Ture, und Julia trat hinein.
Als sie den Kapellmeister gewahrte, verklarte ihr holdes Antlitz ein susses Lacheln, und ein leises: Ach! hauchte von ihren Lippen.
Die Benzon stand auf, nahm den Kapellmeister bei der Hand und fuhrte ihn Julien entgegen, indem sie sprach: "Nun mein Kind, da ist der seltsame "
(M. f. f.) der junge Ponto los auf mein neuestes Manuskript, das neben mir lag, fasste es, ehe ich's verhindern konnte, zwischen die Zahne und rannte damit spornstreichs auf und davon. Er stiess dabei ein schadenfrohes Gelachter aus, und schon dies hatte mich vermuten lassen sollen, dass nicht blosser jugendlicher Mutwille ihn zur bosen Tat spornte, sondern dass noch etwas mehr im Spiele war. Bald wurde ich daruber aufgeklart.
Nach ein paar Tagen trat der Mann, bei dem der junge Ponto in Diensten, hinein zu meinem Meister. Es war, wie ich nachher erfahren, Herr Lothario, Professor der Asthetik am Gymnasio zu Sieghartsweiler. Nach gewohnlicher Begrussung schaute der Professor im Zimmer umher und sprach, als er mich erblickte: "Wolltet Ihr nicht, lieber Meister, den Kleinen dort aus der Stube entfernen?" "Warum," fragte der Meister, "warum? Ihr konntet doch sonst die Katzen leiden, Professor, und vorzuglich meinen Liebling, den zierlichen, gescheiten Kater Murr!" "Ja," sprach der Professor, indem er hohnisch lachte, "ja zierlich und gescheit, das ist wahr! Aber tut mir den Gefallen, Meister, und entfernt Euern Liebling, denn ich habe Dinge mit Euch zu reden, die er durchaus nicht horen darf." "Wer?" rief Meister Abraham, indem er den Professor anstarrte. "Nun," fuhr dieser fort, "Euer Kater. Ich bitte Euch, fragt nicht weiter, sondern tut, warum ich Euch bitte." "Das ist doch seltsam," sprach der Meister, indem er die Ture des Kabinetts offnete und mich hineinrief. Ich folgte seinem Ruf, ohne dass er es gewahrte, schlupfte ich aber wieder hinein und verbarg mich im untersten Fach des Bucherschranks, so dass ich unbemerkt das Zimmer ubersehen und jedes Wort, was gesprochen wurde, vernehmen konnte.
"Nun mochte ich," sprach Meister Abraham, indem er sich dem Professor gegenuber in seinen Lehnstuhl setzte, "nun mochte ich doch in aller Welt wissen, welch ein Geheimnis Ihr mir zu entdecken habt, das meinem ehrlichen Kater Murr verschwiegen bleiben soll."
"Sagt mir," begann der Professor sehr ernst und nachdenklich, "sagt mir zuvorderst, lieber Meister, was haltet Ihr von dem Grundsatz, dass, nur korperliche Gesundheit vorausgesetzt, sonst ohne Rucksicht auf angeborne geistige Fahigkeit, auf Talent, auf Genie, vermoge einer besonders geregelten Erziehung aus jedem Kinde in kurzer Zeit, mithin noch in den Knabenjahren, ein Heros in Wissenschaft und Kunst geschaffen werden kann?"
"Ei," erwiderte der Meister, "was kann ich von diesem Grundsatz anders halten, als dass er albern und abgeschmackt ist? Moglich, ja sogar leicht mag es sein, dass man einem Kinde, das die Auffassungsgabe, wie sie ungefahr bei den Affen anzutreffen, und ein gutes Gedachtnis besitzt, eine Menge Dinge systematisch eintrichtern kann, die es dann vor den Leuten auskramt; nur muss es diesem Kinde durchaus an allem naturlichen Ingenium fehlen, da sonst der innere bessere Geist der heillosen Prozedur widerstrebt. Wer wird aber jemals solch einen einfaltigen, mit allerlei verschluckbaren Brocken des Wissens dick gemasteten Jungen einen Gelehrten im echten Sinne des Worts nennen?"
"Die Welt," rief der Professor heftig, "die ganze Welt! O, es ist entsetzlich! Aller Glaube an die innere, hohere, angeborne Geisteskraft, die allein nur den Gelehrten, den Kunstler schafft, geht ja uber jenen heillosen, tollen Grundsatz zum Teufel!"
"Ereifert Euch nicht," sprach der Meister lachelnd, "soviel wie ich weiss, ist bis jetzt in unserm guten Teutschland nur ein einziges Produkt jener Erziehungsmethode aufgestellt worden, von dem die Welt eine Zeitlang sprach und zu sprechen aufhorte, als sie einsah, dass das Produkt eben nicht sonderlich geraten. Zudem fiel die Blutezeit jenes Praparats in die Periode, als gerade die Wunderkinder in die Mode gekommen, die, wie sonst muhsam abgerichtete Hunde und Affen, gegen ein billiges Entree ihre Kunste zeigten."
"So sprecht Ihr nun," nahm der Professor das Wort, "so sprecht Ihr nun, Meister Abraham, und man wurde Euch glauben, kennte man nicht den verborgenen Schalk in Euch, wusste man nicht, dass Euer ganzes Leben eine Reihe der wunderlichsten Experimente darbietet. Gesteht es nur, Meister Abraham, gesteht es nur, Ihr habt ganz im stillen, im geheimsten Geheim, experimentiert nach jenem Grundsatz, aber uberbieten wolltet Ihr den Mann, den Verfertiger jenes Praparats, von dem wir sprachen. Ihr wolltet, wart Ihr ganz fertig, hervortreten mit Eurem Zogling und alle Professoren in der ganzen Welt in Erstaunen versetzen und Verzweiflung, Ihr wolltet den schonen Grundsatz: 'non ex quovis ligno fit Mercurius' ganz und gar zuschanden machen! Nun! kurz, der quovis ist da, aber kein Mercurius, sondern ein Kater!" "Was sagt Ihr," rief der Meister, indem er laut auflachte, "was sagt Ihr, ein Kater?"
"Leugnet es nur nicht," fuhr der Professor fort, "leugnet es nur nicht, an dem Kleinen dort in der Kammer habt Ihr jene abstrakte Erziehungsmethode versucht, Ihr habt ihn lesen, schreiben gelehrt, Ihr habt ihm die Wissenschaften beigebracht, so dass er sich schon jetzt unterfangt, den Autor zu spielen, ja sogar Verse zu machen."
"Nun," sprach der Meister, "das ist doch in der Tat das Tollste, was mir jemals vorgekommen! Ich meinen Kater erziehen, ich ihm die Wissenschaften beibringen! Sagt, was fur Traume rumoren in Eurem Sinn, Professor? Ich versichere Euch, dass ich von meines Katers Bildung nicht das mindeste weiss, dieselbe auch fur ganz unmoglich halte."
"So?" fragte der Professor mit gedehntem Ton, zog ein Heft aus der Tasche, das ich augenblicklich fur das mir von dem jungen Ponto geraubte Manuskript erkannte, und las:
"Sehnsucht nach dem Hoheren
Ha, welch Gefuhl, das meine Brust beweget?
Was sagt dies unruh- ahnungsvolle Beben,
Will sich zum kuhnen Sprung der Geist erheben,
Vom Sporn des macht'gen Genius erreget?
Was ist es, was der Sinn im Sinne traget,
Was will dem liebesdrangerfullten Leben
Dies rastlos brennend feurig-susse Streben,
Was ist es, das im bangen Herzen schlaget?
Entruckt werd' ich nach fernen Zauberlanden,
Kein Wort, kein Laut, die Zunge ist gebunden,
Ein sehnlich Hoffen weht mit Fruhlingsfrische,
Befreit mich bald von druckend schweren Banden.
Ertraumt, erspurt, im grunsten Laub gefunden!
Hinauf mein Herz! beim Fittich ihn erwische!"
Ich hoffe, dass jeder meiner gutigen Leser die Musterhaftigkeit dieses herrlichen Sonetts, das aus der tiefsten Tiefe meines Gemuts hervorfloss, einsehen und mich um so mehr bewundern wird, wenn ich versichere, dass es zu den ersten gehort, die ich uberhaupt verfertigt habe. Der Professor las es aber in seiner Bosheit so ohne allen Nachdruck, so abscheulich vor, dass ich mich kaum selbst erkannte, und dass ich, von plotzlichem Jahzorn, wie er jungen Dichtern wohl eigen, ubermannt, im Begriff war, aus meinem Schlupfwinkel hervor dem Professor ins Gesicht zu springen und ihn die Scharfe meiner Krallen fuhlen zu lassen. Der kluge Gedanke, dass ich doch, wenn beide, der Meister und der Professor, sich uber mich hermachten, notwendig den kurzern ziehen musse, liess mich meinen Zorn mit Gewalt niederkampfen, jedoch entfuhr mir unwillkurlich ein knurrendes Miau, das mich unfehlbar verraten haben wurde, hatte der Meister nicht, da der Professor mit dem Sonett fertig, aufs neue eine drohnende Lache aufgeschlagen, die mich beinahe noch mehr krankte als des Professors Ungeschick.
"Hoho," rief der Meister, "wahrhaftig, das Sonett ist eines Katers vollkommen wurdig, aber noch immer verstehe ich nicht Euern Spass, Professor, sagt mir nur lieber geradezu, wo Ihr hinauswollt."
Der Professor, ohne dem Meister zu antworten, blatterte im Manuskript und las weiter:
"Glosse
Liebe schwarmt auf allen Wegen,
Freundschaft bleibt fur sich allein,
Liebe kommt uns rasch entgegen,
Aufgesucht will Freundschaft sein.
Schmachtend wehe, bange Klagen
Hor' ich uberall ertonen,
Ob den Sinn zum Schmerz gewohnen,
Ob zur Lust, ich kann's nicht sagen,
Mochte oft mich selber fragen,
Ob ich traume, ob ich wache.
Diesem Fuhlen, diesem Regen,
Leih ihm, Herz, die rechte Sprache;
Ja, im Keller, auf dem Dache,
Liebe schwarmt auf allen Wegen!
Doch es heilen alle Wunden,
Die der Liebesschmerz geschlagen,
Und in einsam stillen Tagen
Mag, von aller Qual entbunden,
Geist und Herz wohl bald gesunden;
Art'ger Katzchen los Gehudel,
Darf es auf die Dauer sein?
Nein! fort aus dem bosen Strudel,
Unterm Ofen mit dem Pudel,
Freundschaft bleibt fur sich allein!
Wohl ich weiss es "
"Nein," unterbrach hier der Meister den lesenden Professor, "nein, mein Freund, Ihr macht mich in der Tat ungeduldig, Ihr oder ein anderer Schalk hat sich den Spass gemacht, im Geist eines Katers, der nun gerade mein guter Murr sein soll, Verse zu machen, und nun foppt Ihr mich den ganzen Morgen damit herum. Der Spass ist ubrigens nicht ubel und wird vorzuglich dem Kreisler sehr wohl gefallen, der wohl nicht unterlassen durfte, damit eine kleine Parforcejagd anzustellen, in der Ihr am Ende selbst ein gehetztes Wild sein konntet. Aber nun lasst Eure sinnreiche Einkleidung fahren und sagt mir ganz ehrlich und trocken, was es mit Eurem seltsamen Spass eigentlich fur eine Bewandtnis hat."
Der Professor schlug das Manuskript zusammen, sah dem Meister ernst ins Auge und sprach dann: "Diese Blatter brachte mir vor einigen Tagen mein Pudel Ponto, der, wie Euch bekannt sein wird, mit Eurem Kater Murr in freundschaftlichen Verhaltnissen lebt. Zwar trug er das Manuskript zwischen den Zahnen, wie er nun einmal alles zu tragen gewohnt ist, indessen legte er es mir doch ganz unversehrt in den Schoss und gab mir dabei deutlich zu verstehen, dass er es von keinem andern habe, als von seinem Freunde Murr. Als ich nun einen Blick hineinwarf, fiel mir gleich die ganz besondere, eigentumliche Handschrift auf, als ich aber einiges gelesen, stieg in mir, selbst weiss ich nicht, auf welche unbegreifliche Art, der seltsame Gedanke auf, Murr konnte das alles selbst gemacht haben. So sehr mir die Vernunft, ja, eine gewisse Lebenserfahrung, der wir alle nicht entgehen konnen, und die am Ende nun wieder weiter nichts ist als die Vernunft, so sehr mir also eben diese Vernunft sagt, dass jener Gedanke unsinnig, da Kater weder zu schreiben noch Verse zu machen imstande, so konnte ich ihn doch durchaus nicht los werden. Ich beschloss, Euern Kater zu beobachten, und stieg, da ich von meinem Ponto wusste, dass Murr viel auf Eurem Boden hausiere, auf meinen Boden, nahm einige Dachziegel herab, so dass ich mir die freie Aussicht in Eure Dachluken verschaffte. Was gewahrte ich! Hort es und erstaunt! In dem einsamsten Winkel des Bodens sitzt Euer Kater! sitzt aufgerichtet vor einem kleinen Tisch, auf dem Schreibzeug und Papier befindlich, sitzt und reibt sich bald mit der Pfote Stirn und Nacken, fahrt sich ubers Gesicht, tunkt bald die Feder ein, schreibt, hort wieder auf, schreibt von neuem, uberliest das Geschriebene, knurrt (ich konnte es horen), knurrt und spinnt vor lauter Wohlbehagen. Und um ihn her liegen verschiedene Bucher, die, nach ihrem Einband, aus Eurer Bibliothek entnommen."
"Das ware ja der Teufel," rief der Meister, "nun so will ich dann gleich nachsehen, ob mir Bucher fehlen."
Damit stand er auf und trat an den Bucherschrank. Sowie er mich erblickte, prallte er drei Schritte zuruck und blickte mich an voll Erstaunen. Aber der Professor rief: "Seht Ihr wohl, Meister! Ihr denkt, der Kleine sitzt harmlos in der Kammer, in die Ihr ihn eingesperrt, und er hat sich hineingeschlichen in den Bucherschrank, um zu studieren, oder noch wahrscheinlicher, um uns zu belauschen. Nun hat er alles gehort, was wir gesprochen, und kann seine Massregeln darnach nehmen." "Kater," begann der Meister, indem er fortwahrend den Blick voll Erstaunen auf mich ruhen liess, "Kater, wenn ich wusste, dass du, deine ehrliche naturliche Natur ganz und gar verleugnend, dich wirklich darauf verlegtest, solche vertrackte Verse zu machen, wie sie der Professor vorgelesen, wenn ich glauben konnte, dass du wirklich den Wissenschaften nachstelltest, statt den Mausen, ich glaube, ich konnte dir die Ohren wund zwicken, oder gar "
Mich uberfiel eine schreckliche Angst, ich kniff die Augen zu und tat, als schliefe ich fest.
"Aber nein, nein," fuhr der Meister fort, "schaut nur einmal her, Professor, wie mein ehrlicher Kater so sorglos schlaft, und sagt selbst, ob er in seinem gutmutigen Antlitz etwas tragt, das auf solche geheime wunderbare Schelmereien, wie Ihr sie ihm schuld gebt, gedeutet werden konnte Murr! Murr! "
So rief der Meister mich an, und ich unterliess nicht wie gewohnlich mit meinem Krr Krr zu antworten, die Augen aufzuschlagen, mich zu erheben und einen hohen, sehr anmutigen Katzenbuckel zu machen.
Der Professor warf mir voller Zorn mein Manuskript an den Kopf, ich tat aber, (die mir angeborne Schlauheit gab es mir ein) als wollte er mit mir spielen, und zerrte, springend und tanzelnd, die Papiere hin und her, so dass die Stucke umherflogen.
"Nun," sprach der Meister, "nun ist es ausgemacht, dass Ihr ganz unrecht habt, Professor, und dass Euch Ponto etwas vorlog. Seht nur hin, wie Murr die Gedichte bearbeitet, welcher Dichter wurde sein Manuskript handhaben auf die Weise?"
"Ich habe Euch gewarnt, Meister, tut nun, was Ihr wollt," erwiderte der Professor und verliess das Zimmer.
Nun glaubte ich, der Sturm sei voruber, wie sehr war ich im Irrtum! Meister Abraham hatte sich, mir zum grossen Verdruss, gegen meine wissenschaftliche Bildung erklart, und demunerachtet er so getan, als glaube er den Worten des Professors gar nicht, so wurde ich doch bald gewahr, dass er mir auf allen Gangen nachspurte, mir den Gebrauch seiner Bibliothek dadurch abschnitt, dass er den Schrank sorgfaltig verschloss, und es durchaus nicht mehr leiden wollte, dass ich mich, wie sonst, auf seinen Schreibtisch unter die Papiere legte.
So kam Leid und Kummernis uber meine keimende Jugend! Was kann einem Genie mehr Schmerz verursachen, als sich verkannt, ja verspottet zu sehen, was kann einen grossen Geist mehr erbittern, als da auf Hindernisse zu stossen, wo er nur allen moglichen Vorschub erwartete! Doch, je starker der Druck, desto gewaltiger die Kraft der Entlastung, je straffer der Bogen gespannt, desto scharfer der Schuss! War mir die Lekture versperrt, so arbeitete desto freier mein eigner Geist und schuf aus sich selbst.
Unmutig, wie ich war, brachte ich in dieser Periode manche Nachte, manche Tage in den Kellern des Hauses zu, wo mehrere Mausefallen aufgestellt waren und sich uberdem viele Kater verschiedenen Alters und Standes versammelten.
Einem tapfern philosophischen Kopf entgehen uberall nicht die geheimsten Beziehungen des Lebens im Leben, und er erkennt, wie sich eben aus denselben das Leben gestaltet in Gesinnung und Tat. So gingen mir auch in den Kellern die Verhaltnisse der Mausefallen und der Katzen in ihrer Wechselwirkung auf. Es wurde mir, als einem Kater von edlem echten Sinn, warm ums Herz, wenn ich gewahren musste, wie jene tote Maschinen in ihrem punktlichen Treiben eine grosse Schlaffheit in den Katerjunglingen hervorbrachten. Ich ergriff die Feder und schrieb das unsterbliche Werk, dessen ich schon vorhin gedachte, namlich: "Uber Mausefallen und deren Einfluss auf Gesinnung und Tatkraft der Katzheit". In diesem Buchlein hielt ich den verweichlichten Katerjunglingen einen Spiegel vor die Augen, in dem sie sich selbst erblicken mussten, aller eignen Kraft entsagend, indolent, trage, ruhig es ertragend, dass die schnoden Mause nach dem Speck liefen! Ich ruttelte sie aus dem Schlafe mit donnernden Worten. Nachst dem Nutzen, den das Werklein schaffen musste, hatte das Schreiben desselben auch noch den Vorteil fur mich, dass ich selbst indessen keine Mause fangen durfte, und auch nachher, da ich so kraftig gesprochen, es wohl keinem einfallen konnte, von mir zu verlangen, dass ich selbst ein Beispiel des von mir ausgesprochenen Heroismus im Handeln geben solle.
Damit konnte ich nun meine erste Lebensperiode schliessen und zu meinen eigentlichen Junglingsmonaten, die an das mannliche Alter streifen, ubergehen; unmoglich kann ich aber den gunstigen Lesern die beiden letzten Strophen der herrlichen Glosse vorenthalten, die mein Meister nicht horen wollte. Hier sind sie:
"Wohl, ich weiss es, widerstehen
Mag man nicht dem sussen Kosen,
Wenn aus Buschen duft'ger Rosen
Susse Liebeslaute wehen.
Will das trunkne Aug' dann sehen,
Wie die Holde kommt gesprungen,
Die da lauscht an Blumenwegen,
Kaum ist Sehnsuchts-Ruf erklungen,
Hat sich schnell hinangeschwungen.
Liebe kommt uns rasch entgegen.
Dieses Sehnen, dieses Schmachten
Kann wohl oft den Sinn berucken,
Doch wie lange kann's beglucken,
Dieses Springen, Rennen, Trachten!
Holder Freundschaft Trieb' erwachten,
Strahlten auf bei Hespers Scheine.
Und den Edlen brav und rein,
Ihn zu finden, den ich meine,
Klettr' ich uber Maur und Zaune,
Aufgesucht will Freundschaft sein."
(Mak. Bl.) gerade den Abend in solch heitrer gemutlicher Stimmung, wie man sie an ihm nicht verspurt hatte seit gar geraumer Zeit. Und diese Stimmung war es, die das Unerhorte geschehen liess. Denn ohne wild aufzufahren und davonzurennen, wie er sonst in gleichem Fall wohl zu tun pflegte, horte er ruhig und sogar mit gutmutigem Lacheln den langen und noch langweiligern ersten Akt eines entsetzlichen Trauerspiels an, den ein junger hoffnungsvoller Leutenant mit roten Wangen und wohlgekrauseltem Haupthaar verfasst hatte und mit aller Pratension des glucklichsten Dichters vortrug. Ja, als besagter Leutenant, da er geendet, ihn heftig fragte, was er von der Dichtung halte, begnugte er sich, mit dem mildesten Ausdruck des innern Ergotzens im ganzen Gesicht dem jungen Kriegs- und Vershelden zu versichern, dass der Aushangeakt, das gierigen asthetischen Lekkermaulern dargebotene Koststuck, in der Tat herrliche Gedanken enthalte, fur deren originelle Genialitat schon der Umstand sprache, dass auch anerkannt grosse Dichter wie z.B. Calderon, Shakespeare und der moderne Schiller darauf gefallen. Der Leutenant umarmte ihn sehr und verriet mit geheimnisvoller Miene, dass er gedenke, noch denselben Abend eine ganze Gesellschaft der auserlesensten Frauleins, unter denen sogar eine Grafin befindlich, die spanisch lese und in Ol male, mit dem vortrefflichsten aller ersten Akte zu beglucken. Auf die Versicherung, dass er daran ungemein wohl tun werde, lief er voller Enthusiasmus von dannen.
"Ich begreife," sprach jetzt der kleine Geheime Rat, "ich begreife dich heute gar nicht, lieber Johannes, mit deiner unbeschreiblichen Sanftmut! Wie war es dir moglich, das durchaus abgeschmackte Zeug so ruhig, so aufmerksam anzuhoren! Angst und bange wurde mir, als der Leutenant uns, die wir, unbewacht, keine Gefahr ahnten, uberfiel und uns rettungslos eingarnte in die tausendfaltigen Schlingen seiner endlosen Verse! Ich dachte, jeden Augenblick wurdest du dazwischen fahren, wie du es sonst wohl tust bei geringerem Anlass; aber du bleibst ruhig, ja, dein Blick spricht Wohlgefallen aus, und am Ende, nachdem ich fur meine Person ganz schwach und elend worden, fertigst du den Ungluckseligen ab mit einer Ironie, die er nicht einmal zu fassen imstande, und sagst ihm wenigstens nicht zur Warnung fur kunftige Falle, dass das Ding viel zu lang sei und merklich amputiert werden musse."
"Ach," erwiderte Kreisler, "ach, was hatte ich denn ausgerichtet mit diesem klaglichen Rat! Kann denn ein pragnanter Dichter wie unser liebe Leutenant wohl mit Nutzen irgendeine Amputation an seinen Versen vornehmen, wachsen sie ihm nicht nach unter der Hand? Und weisst du denn nicht, dass uberhaupt die Verse unserer jungen Dichter die Reproduktionskraft der Eidechsen besitzen, denen die Schwanze munter wiederum hervorschiessen, hat man sie auch an der Wurzel weggeschnitten! Wenn du aber meinst, dass ich des Leutenants Leserei ruhig angehort, so bist du in grossem Irrtum! Der Sturm war voruber, alle Graser und Blumen im kleinen Garten erhoben ihre gebeugten Haupter und schlurften begierig den Himmelsnektar ein, der aus den Wolkenschleiern in einzelnen Tropfen herabfiel. Ich stellte mich unter den grossen bluhenden Apfelbaum und horchte auf die verhallende Stimme des Donners in den fernen Bergen, die wie eine Weissagung von unaussprechlichen Dingen in meiner Seele widerklang, und schaute auf zu dem Blau des Himmels, das wie mit leuchtenden Augen dort und dort durch die fliehenden Wolken blickte! Aber dazwischen rief der Onkel, ich solle fein ins Zimmer und mir den neuen geblumten Schlafrock nicht verderben durch ungeziemliche Nasse und mir nicht den Schnupfen holen im feuchten Grase. Und dann war es wieder nicht der Onkel, welcher sprach, sondern irgendein Filou von Papagei oder Starmatz hinterm Busch oder im Busch oder Gott weiss wo sonst machte sich den unnutzen Spass, mich damit zu necken, dass er mir allerlei kostliche Gedanken aus dem Shakespeare zurief nach seiner Manier. Und das war nun wieder der Leutenant und sein Trauerspiel! Geheimer Rat, gib dir die Muhe zu merken, dass es eine Erinnerung an meine Knabenzeit war, die mich dir und dem Leutenant entfuhrte. Ich stand wirklich, ein Junge von hochstens zwolf Jahren, in des Onkels kleinem Garten und hatte den schonsten Zitz als Schlafrock an, den jemals eine Kattundruckerseele ersonnen, und vergebens hast du, o Geheimer Rat, heute dein Konigsraucherpulver verschwendet, denn ich habe nichts verspurt als das Aroma meines bluhenden Apfelbaums, nicht einmal das Haarol des Versifikanten, der sein Haupt salbt, ohne es jemals schutzen zu konnen gegen Wind und Wetter durch eine Krone, vielmehr nichts aufstulpen darf, als Filz und Leder, durch das Reglement ausgepragt zu einem Tschako! Genug, Bester, du warst von uns dreien das einzige Opferlamm, das sich dem infernalischen Trauerspielmesser des dichterischen Helden darbot. Denn wahrend ich mich, alle Extremitaten sorglich einziehend, in das kleine Schlafrockchen eingepuppt hatte und mit zwolfjahriger, zwolflotiger Leichtigkeit hineingesprungen war in mehrbesagten Garten, verbrauchte Meister Abraham, wie du siehst, drei bis vier Bogen des schonsten Notenpapiers, um allerlei ergotzliche Phantasmata zuzuschneiden. Auch er ist also dem Leutenant entwischt!"
Kreisler hatte recht, Meister Abraham verstand sich darauf, Kartonblatter so zuzuschneiden, dass, fand man auch aus dem Gewirre durchschnittner Flecke nicht das mindeste deutlich heraus, doch, hielt man ein Licht hinter das Blatt, in den auf die Wand geworfenen Schatten sich die seltsamsten Gestalten in allerlei Gruppen bildeten. Hatte nun Meister Abraham schon an und fur sich selbst einen naturlichen Abscheu gegen alles Vorlesen, war ihm noch besonders des Leutenants Verselei im Grunde des Herzens zuwider, so konnt' es nicht fehlen, dass er, kaum hatte der Leutenant begonnen, begierig nach dem steifen Notenpapier griff, das zufallig auf dem Tische des Geheimen Rats lag, eine kleine Schere aus der Tasche langte und eine Beschaftigung begann, die ihn dem Attentat des Leutenants ganzlich entzog.
"Hore," begann nun der Geheime Rat, "hore, Kreisler, also eine Erinnerung an deine Knabenzeit war es, die in deine Seele kam, und dieser Erinnerung mag ich es wohl zuschreiben, dass du heute so mild bist, so gemutlich, hore, mein innigstgeliebter Freund! es wurmt mir, wie allen, die dich ehren und lieben, dass ich von deinem fruhern Leben so ganz und gar nichts weiss, dass du der leisesten Frage daruber so unfreundlich ausweichst, ja, dass du absichtlich Schleier uber die Vergangenheit wirfst, die doch zuweilen zu durchsichtig sind, um nicht durch allerlei in seltsamer Verzerrung durchschimmernde Bilder die Neugierde zu reizen. Sei offen gegen die, denen du doch schon dein Vertrauen schenktest."
Kreisler blickte den Geheimen Rat an mit grossen Augen voll Verwunderung, wie einer, der, aus dem tiefen Schlafe erwachend, eine fremde unbekannte Gestalt vor sich erblickt, und fing dann sehr ernsthaft an:
"Am Tage Johannis Chrysostomi, das heisst am vierundzwanzigsten Januar des Jahres Eintausendsiebenhundert und etzliche dazu, um die Mittagsstunde, wurde einer geboren, der hatte ein Gesicht und Hande und Fusse. Der Vater ass eben Erbsensuppe und goss sich vor Freuden einen ganzen Loffel voll uber den Bart, woruber die Wochnerin, unerachtet sie es nicht gesehen, dermassen lachte, dass von der Erschutterung dem Lautenisten, der dem Saugling seinen neuesten Murki vorspielte, alle Saiten sprangen und er bei der atlasnen Nachthaube seiner Grossmutter schwor, was Musik betreffe, wurde der kleine Hans Hase ein elender Stumper bleiben ewiglich und immerdar. Darauf wischte sich aber der Vater das Kinn rein und sprach pathetisch: 'Johannes soll er zwar heissen, jedoch kein Hase sein'. Der Lautenist "
"Ich bitte dich," unterbrach der kleine Geheime Rat den Kapellmeister, "ich bitte dich, Kreisler, verfalle nicht in die verdammte Sorte von Humor, die mir, ich mag's wohl sagen, den Atem versetzt. Verlange ich denn, dass du mir eine pragmatische Selbstbiographie geben, will ich denn mehr, als dass du mir vergonnen sollst, einige Blicke in dein fruheres Leben zu tun, ehe ich dich kannte? In der Tat magst du eine Neugierde nicht verargen, die keine andere Quelle hat als die innigste Zuneigung recht aus dem tiefsten Herzen. Und nebenher musst du es dir, da du nun einmal seltsam genug auftrittst, gefallen lassen, dass jeder glaubt, nur das bunteste Leben, eine Reihe der fabelhaftesten Ereignisse konne die psychische Form so auskneten und bilden, wie es bei dir geschehen." "O des groben Irrtums," sprach Kreisler, indem er tief seufzte, "o des groben Irrtums, meine Jugendzeit gleicht einer durren Heide ohne Bluten und Blumen, Geist und Gemut erschlaffend im trostlosen Einerlei! "
"Nein nein," rief der Geheime Rat, "dem ist nicht so, denn ich weiss wenigstens, dass in dieser Heide ein hubscher kleiner Garten steht, mit einem bluhenden Apfelbaum, der mein feinstes Konigspulver uberduftet. Nun! ich meine, Johannes, du ruckst hervor mit der Erinnerung aus deiner fruhern Jugendzeit, die heute, wie du erst sagtest, deine ganze Seele befangt."
"Ich dachte," sprach Meister Abraham, indem er dem eben fertig gewordenen Kapuziner die Tonsur einschnitt, "ich dachte auch, Kreisler, dass Ihr in Eurer heutigen passablen Stimmung nichts Besseres tun konntet, als Euer Herz oder Euer Gemut, oder wie Ihr sonst gerade Euer inneres Schatzkastlein nennen moget, aufschliessen und dies, jenes daraus hervorlangen. Das heisst, da Ihr nun einmal verraten, dass Ihr wider den Willen des besorgten Oheims im Regen hinausliefet und aberglaubischer Weise auf die Weissagungen des sterbenden Donners horchtet, so moget Ihr immer noch mehr erzahlen, wie sich damals alles begab. Aber lugt nicht, Johannes, denn Ihr wisst, dass Ihr, was wenigstens die Zeit betrifft, als Ihr die ersten Hosen truget und dann der erste Haarzopf Euch eingeflochten wurde, unter meiner Kontrolle stehet."
Kreisler wollte etwas erwidern, aber Meister Abraham wandte sich schnell zum kleinen Geheimen Rat und sprach: "Sie glauben gar nicht, Vortrefflichster, wie unser Johannes sich dem bosen Geist des Lugens ganz und gar hingibt, wenn er, wie es jedoch gar selten geschieht, von seiner fruhesten Jugendzeit erzahlt. Gerade, wenn die Kinder noch sagen: 'Pa Pa und Ma Ma!' und mit den Fingern ins Licht fahren, gerade zu der Zeit will er schon alles beachtet und tiefe Blicke getan haben ins menschliche Herz."
"Ihr tut mir unrecht," sprach Kreisler, mild lachelnd, mit sanfter Stimme, "Ihr tut mir grosses Unrecht, Meister! Sollt' es mir denn moglich sein, Euch was weismachen zu wollen von fruhreifem Geistesvermogen, wie es wohl eitle Gecken tun? Und ich frage dich, Geheimer Rat, ob es dir auch nicht widerfahrt, dass oft Momente lichtvoll vor deine Seele treten aus einer Zeit, die manche erstaunlich kluge Leute ein blosses Vegetieren nennen und nichts statuieren wollen als blossen Instinkt, dessen hohere Vortrefflichkeit wir den Tieren einraumen mussen? Ich meine, dass es damit eine eigene Bewandtnis hat! Ewig unerforschlich bleibt uns das erste Erwachen zum klaren Bewusstsein! Ware es moglich, dass dies mit einem Ruck geschehen konnte, ich glaube, der Schreck daruber musste uns toten. Wer hat nicht schon die Angst der ersten Momente im Erwachen aus tiefem Traum, bewusstlosem Schlaf empfunden, wenn er, sich selbst fuhlend, sich auf sich selbst besinnen musste? Doch, um mich nicht zu weit zu verlieren, ich meine, jeder starke psychische Eindruck in jener Entwicklungszeit lasst wohl ein Samenkorn zuruck, das eben mit dem Emporsprossen des geistigen Vermogens fortgedeiht, und so lebt aller Schmerz, alle Lust jener Stunden der Morgendammerung in uns fort, und es sind wirklich die sussen wehmutsvollen Stimmen der Lieben, die wir, als sie uns aus dem Schlafe weckten, nur im Traum zu horen glaubten, und die noch in uns forthallen! Ich weiss aber, worauf der Meister anspielt. Auf nichts anders als auf die Geschichte von der verstorbenen Tante, die er mir wegstreiten will, und die ich, um ihn erklecklich zu argern, nur gerade dir, Geheimer Rat, erzahlen werde, wenn du mir versprichst, mir was weniges empfindelnde Kinderei zugute zu halten. Was ich dir von der Erbssuppe und dem Lautenisten " "O," unterbrach der Geheime Rat den Kapellmeister, "o still, still, nun merk' ich wohl, du willst mich foppen, und das ist denn doch wider alle Sitte und Ordnung."
"Keinesweges," fuhr Kreisler fort, "keinesweges, mein Herz! Aber von dem Lautenisten muss ich anfangen, denn er bildet den naturlichsten Ubergang zur Laute, deren Himmelstone das Kind in susse Traume wiegten. Die jungere Schwester meiner Mutter war Virtuosin auf diesem zurzeit in die musikalische Polterkammer verwiesenen Instrument. Gesetzte Manner, die schreiben und rechnen konnen und wohl noch mehr als das, haben in meiner Gegenwart Tranen vergossen, wenn sie bloss dachten an das Lautenspiel der seligen Mamsell Sophie, mir ist es deshalb gar nicht zu verdenken, wenn ich, ein durstig Kind, meiner selbst nicht machtig, noch ohne in Wort und Rede aufgekeimtes Bewusstsein, alle Wehmut des wunderbaren Tonzaubers, den die Lautenistin aus ihrem Innersten stromen liess, in begierigen Zugen einschlurfte. Jener Lautenist an der Wiege war aber der Lehrer der Verstorbenen, klein von Person, mit hinlanglich krummen Beinen, hiess Monsieur Turtel und trug eine sehr saubere weisse Perucke mit einem breiten Haarbeutel, sowie einen roten Mantel. Ich sage das nur, um zu beweisen, wie deutlich mir die Gestalten aus jener Zeit aufgehen, und dass weder Meister Abraham noch sonst jemand daran zweifeln darf, wenn ich behaupte, dass ich, ein Kind von noch nicht drei Jahren, mich finde auf dem Schoss eines Madchens, deren mildblickende Augen mir recht in die Seele leuchteten, dass ich noch die susse Stimme hore, die zu mir sprach, zu mir sang, dass ich es noch recht gut weiss, wie ich der anmutigen Person all meine Liebe, all meine Zartlichkeit zuwandte. Dies war aber eben Tante Sophie, die in seltsamer Verkurzung 'Fusschen' gerufen wurde. Eines Tages lamentierte ich sehr, weil ich Tante Fusschen nicht gesehen hatte. Die Warterin brachte mich in ein Zimmer, wo Tante Fusschen im Bette lag, aber ein alter Mann, der neben ihr gesessen, sprang schnell auf und fuhrte, heftig scheltend, die Warterin, die mich auf dem Arm hatte, hinaus. Bald darauf kleidete man mich an, hullte man mich ein in dicke Tucher, brachte man mich ganz und gar in ein anderes Haus zu andern Personen, die samtlich Onkel und Tanten von mir sein wollten und versicherten, dass Tante Fusschen sehr krank sei und ich, ware ich bei ihr geblieben, ebenso krank geworden sein wurde. Nach einigen Wochen brachte man mich zuruck nach meinem vorigen Aufenthalt. Ich weinte, ich schrie, ich wollte zu Tante Fusschen. Sowie ich in jenes Zimmer gekommen, trippelte ich hin an das Bette, in dem Tante Fusschen gelegen, und zog die Gardinen auseinander. Das Bette war leer, und eine Person, die nun wieder eine Tante von mir war, sprach, indem ihr die Tranen aus den Augen sturzten: 'Du findest sie nicht mehr, Johannes, sie ist gestorben und liegt unter der Erde.'
Ich weiss wohl, dass ich den Sinn dieser Worte nicht verstehen konnte, aber noch jetzt, jenes Augenblicks gedenkend, erbebe ich in dem namenlosen Gefuhl, das mich damals erfasste. Der Tod selbst presste mich hinein in seinen Eispanzer, seine Schauer drangen in mein Innerstes, und vor ihnen erstarrte alle Lust der ersten Knabenjahre. Was ich begann, weiss ich nicht mehr, wusste es vielleicht niemals, aber erzahlt hat man mir oft genug, dass ich langsam die Gardinen fahren liess, ganz ernst und still einige Augenblicke stehen blieb, dann aber, wie tief in mich gekehrt und daruber nachsinnend, was man mir eben gesagt, mich auf ein kleines Rohrstuhlchen setzte, das mir eben zur Hand. Man fugte hinzu, dass diese stille Trauer des sonst zu den lebhaftesten Ausbruchen geneigten Kindes etwas unbeschreiblich Ruhrendes gehabt, und dass man selbst einen nachteiligen psychischen Einfluss gefurchtet, da ich mehrere Wochen in demselben Zustande geblieben, nicht weinend, nicht lachend, zu keinem Spiel aufgelegt, kein freundlich Wort erwidernd, nichts um mich her beachtend."
In diesem Augenblick nahm Meister Abraham ein in Kreuz- und Querzugen wunderlich durchschnittenes Blatt zur Hand, hielt es vor die brennenden Kerzen, und auf der Wand reflektierte sich ein ganzer Chor von Nonnen, die auf seltsamen Instrumenten spielten.
"Hoho!" rief Kreisler, indem er die ganz artig geordnete Gruppe der Schwestern erblickte, "hoho, Meister, ich weiss wohl, woran Ihr mich erinnern wollt! Und noch jetzt behaupte ich keck, dass Ihr unrecht tatet, mich auszuschelten, mich einen storrigen, unverstandigen Burschen zu nennen, der durch die dissonierende Stimme seiner Torheit einen ganzen singenden und spielenden Konvent aus Ton und Takt bringen konne. Hatte ich nicht zu der Zeit, als Ihr mich, zwanzig oder dreissig Meilen weit von meiner Vaterstadt, in das Clarissenkloster fuhrtet, um die erste wahrhaft katholische Kirchenmusik zu horen; hatte ich, sag' ich, damals nicht den gerechtesten Anspruch auf die brillanteste Lummelhaftigkeit, da ich gerade mitten in den Lummeljahren stand? War es nicht desto schoner, dass demunerachtet der langst verwundene Schmerz des dreijahrigen Knaben erwachte mit neuer Kraft und einen Wahn gebar, der meine Brust mit allem totenden Entzucken der herzzerschneidendsten Wehmut erfullte? Musste ich nicht behaupten und alles Einredens unerachtet dabei bleiben, dass niemand anders das wunderliche Instrument, die Trompette marine geheissen, spiele als Tante Fusschen, unerachtet sie langst verstorben? Warum hieltet Ihr mich ab, einzudringen in den Chor, wo ich sie wiedergefunden hatte in ihrem grunen Kleide mit rosfarbnen Schleifen!"
Nun starrte Kreisler hin nach der Wand und sprach mit bewegter, zitternder Stimme: "Wahrhaftig! Tante Fusschen ragt hervor unter den Nonnen! Sie ist auf eine Fussbank getreten, um das schwierige Instrument besser handhaben zu konnen." Doch der Geheime Rat trat vor ihn hin, so dass er ihm den Anblick des Schattenbildes entzog, fasste ihn bei beiden Schultern und begann: "In der Tat, Johannes, es ware gescheiter, du uberliessest dich nicht deinen seltsamen Traumereien und sprachest nicht von Instrumenten, die gar nicht existieren, denn in meinem Leben habe ich nichts gehort von einer Trompette marine!"
"O," rief Meister Abraham lachend, indem er, das Blatt unter den Tisch werfend, den ganzen Nonnenkonvent samt der chimarischen Tante Fusschen mit ihrer Trompette marine schnell verschwinden liess, "o mein wurdigster Geheimer Rat, der Herr Kapellmeister ist auch jetzt, wie immer, ein vernunftiger, ruhiger Mann und kein Phantast oder Haselant, wofur ihn gern viele ausgeben mochten. Ist es nicht moglich, dass die Lautenistin, nachdem sie Todes verblichen, sich mit Effekt auf das wunderbare Instrument verlegte, welches Sie vielleicht noch jetzt hin und wieder in Nonnenklostern wahrnehmen und daruber in Erstaunen geraten konnen? Wie! die Trompette marine soll nicht existieren? Schlagen Sie doch nur diesen Artikel gefalligst in Kochs "musikalischem Lexikon" nach, das Sie ja selbst besitzen."
Der Geheime Rat tat es auf der Stelle und las laut:
"Dieses alte, ganz einfache Bogeninstrument bestehet aus drei dunnen, sieben Schuh langen Brettern, die unten, wo das Instrument auf dem Fussboden aufstehet, sechs bis sieben Zoll, oben aber kaum zwei Zoll breit und in der Form eines Triangels zusammengeleimt sind, so dass das Korpus, welches oben eine Art von Wirbelkasten hat, von unten bis oben verjungt zulauft. Eins von diesen drei Brettern macht den Sangboden aus, der mit einigen Schalllochern versehen und mit einer einzigen, etwas starken Darmsaite bezogen ist. Bei dem Spielen stellt man das Instrument schief vor sich hin und stemmt den obern Teil desselben gegen die Brust. Mit dem Daumen der linken Hand beruhrt der Spieler die Saite da, wo die zu greifenden Tone liegen, ganz gelinde und ungefahr ebenso wie bei dem Flautino oder Flageolet auf der Geige, wahrend mit der rechten Hand die Saite mit dem Bogen angestrichen wird. Der eigentumliche Ton dieses Instruments, der dem Tone einer gedampften Trompete gleicht, wird durch den besondern Steg hervorgebracht, auf welchem die Saite unten auf dem Resonanzboden ruhet. Dieser Steg hat beinahe die Gestalt eines kleinen Schuhes, der vorn ganz niedrig und dunne, hinten hingegen hoher und starker ist. Auf dem hintern Teile desselben liegt die Saite auf und verursacht, wenn sie angestrichen wird, durch ihre Schwingungen, dass sich der vordere und leichte Teil des Steges auf dem Sangboden auf und nieder bewegt, wodurch der schnarrende und der gedampften Trompete ahnliche Ton hervorgebracht wird!"
"Baut mir ein solches Instrument," rief der Geheime Rat mit glanzenden Augen, "baut mir ein solches Instrument, Meister Abraham, ich werfe meine Nagelgeige in den Winkel, Beruhre nicht mehr den Euphon, sondern setze Hof und Stadt in Erstaunen, auf der Trompette marine die wunderbarsten Lieder spielend!"
"Ich tue das", erwiderte Meister Abraham, "und moge, bester Geheimer Rat, der Geist von Tante Fusschen im gruntaftnen Kleide uber Sie kommen und Sie eben als Geist begeistern!"
Der Geheime Rat umarmte entzuckt den Meister, aber Kreisler trat zwischen beide, indem er beinahe argerlich sprach: "Ei! seid Ihr nicht argere Haselanten, als ich jemals einer gewesen bin, und dabei unbarmherzig gegen den, den Ihr zu lieben vorgebt! Begnugt Euch doch damit, dass Ihr mit jener Beschreibung eines Instruments, dessen Ton mein Innerstes durchbebte, mir Eiswasser uber die heisse Stirn gegossen, und schweigt von der Lautenistin! Nun! Du wolltest ja, Geheimer Rat, ich sollte von meiner Jugend sprechen, und schnitt der Meister dazu Schattenbilder, die zu Momenten aus jener Zeit passten, so konntest du mit der schonen, mit Kupferstichen verzierten Ausgabe meiner biographischen Skizzen zufrieden sein. Als du aber den Artikel aus dem Koch lasest, fiel mir sein lexikalischer Kollege Gerber ein, und ich erblickte mich, ein Leichnam, ausgestreckt auf der Tafel liegend, bereit zur biographischen Sektion. Der Prosektor konnte sagen: 'Es ist gar nicht zu verwundern, dass in dem Innern dieses jungen Mannes durch tausend Adern und Aderchen lauter musikalisches Blut lauft, denn das war der Fall bei vielen seiner Blutsverwandten, deren Blutsverwandter er eben deshalb ist.' Ich will namlich sagen, dass die mehrsten von meinen Tanten und Onkels, deren es, wie der Meister weiss und du eben erst erfahren hast, eine nicht geringe Anzahl gab, Musik trieben und noch dazu meistenteils Instrumente spielten, die schon damals sehr selten waren, jetzt aber zum Teil verschwunden sind, so dass ich nur noch im Traum die ganz wunderbar klingenden Konzerte vernehme, die ich ungefahr bis zu meinem zehnten, eilften Jahr horte. Mag es sein, dass deshalb mein musikalisches Talent schon im ersten Aufkeimen die Richtung genommen hat, die in meiner Art zu instrumentieren sich kundtun soll, und die man als zu phantastisch verwirft. Kannst du dich, Geheimer Rat, der Tranen enthalten, wenn du recht schon auf dem uralten Instrument, auf der Viola d'Amore, spielen horst, so danke dem Schopfer fur deine robuste Konstitution; ich fur mein Teil flennte betrachtlich, als der Ritter Esser sich darauf horen liess, fruher aber noch mehr, wenn ein grosser ansehnlicher Mann, dem die geistliche Kleidung ungemein gut stand, und der nun wieder mein Onkel war, mir darauf vorspielte. So war auch eines andern Verwandten Spiel auf der Viola di Gamba gar angenehm und verlockend, wiewohl derjenige Onkel, der mich erzog oder vielmehr nicht erzog, und der das Spinett mit barbarischer Virtuositat zu hantieren wusste, ihm mit Recht Mangel an Takt vorwarf. Der Arme geriet auch bei der ganzen Familie in nicht geringe Verachtung, als man erfahren, dass er in aller Frohlichkeit nach der Musik einer Sarabande eine Menuett a la Pompadour getanzt. Ich konnte Euch uberhaupt viel erzahlen von den musikalischen Belustigungen meiner Familie, die oft einzig in ihrer Art sein mochten, aber es wurde manches Groteske mit unterlaufen, woruber Ihr lachen musstet, und meine werten Verwandten Eurem Gelachter preiszugeben, das verbietet der Respectus Parentelae."
"Johannes," begann der Geheime Rat, "Johannes! Du wirst es mir in deiner Gemutlichkeit nicht verargen, wenn ich eine Saite in deinem Innern anschlage, deren Beruhrung dich vielleicht schmerzt. Immer sprichst du von Onkeln, von Tanten, nicht gedenkst du deines Vaters, deiner Mutter!"
"O mein Freund," erwiderte Kreisler mit dem Ausdruck der tiefsten Bewegung, "o mein Freund, eben heute gedachte ich, doch nein, nichts mehr von Erinnerungen, von Traumen, nichts von dem Augenblick, der heute alles nur gefuhlte, nicht verstandene Weh meiner fruhen Knabenzeit weckte, aber eine Ruhe kam dann in mein Gemut, die der ahnungsvollen Stille des Waldes gleicht, wenn der Gewittersturm voruber! Ja, Meister, Ihr habt recht, ich stand unter dem Apfelbaum und horchte auf die weissagende Stimme des hinsterbenden Donners! Du kannst dir deutlicher die dumpfe Betaubung denken, in der ich wohl ein paar Jahre fortleben mochte, als ich Tante Fusschen verloren, wenn ich dir sage, dass der Tod meiner Mutter, der in diese Zeit fallt, keinen sonderlichen Eindruck auf mich machte. Weshalb aber mein Vater mich ganz dem Bruder meiner Mutter uberliess oder uberlassen musste, darf ich dir nicht sagen, da du Ahnliches in manchem verbrauchten Familienroman oder in irgendeiner Ifflandschen Hauskreuzkomodie nachlesen kannst. Es genugt, dir zu sagen, dass, wenn ich meine Knaben-, ja einen guten Teil meiner Junglingsjahre im trostlosen Einerlei verlebte, dies wohl eben dem Umstande zuzuschreiben, dass ich elternlos war. Der schlechte Vater ist noch immer viel besser als jeder gute Erzieher, mein' ich, und mir schauert die Haut, wenn Eltern in lieblosem Unverstande ihre Kinder von sich lassen und verweisen in diese, jene Erziehungsanstalt, wo die Armen ohne Rucksicht auf ihre Individualitat, die ja niemanden anders als eben den Eltern recht klar aufgehen kann, nach bestimmter Norm zugeschnitten und appretiert werden. Was nun eben die Erziehung betrifft, so darf sich kein Mensch auf Erden daruber verwundern, dass ich ungezogen bin, denn der Oheim zog oder erzog mich ganz und gar nicht, sondern uberliess mich der Willkur der Lehrer, die ins Haus kamen, da ich keine Schule besuchen und auch durch irgendeine Bekanntschaft mit einem Knaben meines Alters die Einsamkeit des Hauses, das der unverheiratete Oheim mit einem alten trubsinnigen Bedienten allein bewohnte, nicht storen durfte. Ich besinne mich nur auf drei verschiedene Falle, in denen der beinahe bis zum Stumpfsinn gleichgultige, ruhige Oheim einen kurzen Akt der Erziehung vornahm, indem er mir eine Ohrfeige zuteilte, so dass ich wirklich wahrend meiner Knabenzeit drei Ohrfeigen empfangen. Ich konnte dir, mein Geheimer Rat, da ich eben zum Schwatzen so aufgelegt, die Geschichte von den drei Ohrfeigen als ein romantisches Kleeblatt auftischen, doch hebe ich nur die mittelste heraus, da ich weiss, dass du auf nichts so erpicht bist als auf meine musikalischen Studien und es dir nicht gleichgultig sein kann, zu erfahren, wie ich zum erstenmal komponierte. Der Oheim hatte eine ziemlich starke Bibliothek, in der ich nach Gefallen stobern und lesen durfte, was ich wollte; mir fielen Rousseaus 'Bekenntnisse' in der deutschen Ubersetzung in die Hande. Ich verschlang das Buch, das eben nicht fur einen zwolfjahrigen Knaben geschrieben, und das den Samen manches Unheils in mein Inneres hatte streuen konnen. Aber nur ein einziger Moment aus allen, zum Teil sehr verfanglichen Begebenheiten erfullte mein Gemut so ganz und gar, dass ich alles ubrige daruber vergass. Gleich elektrischen Schlagen traf mich namlich die Erzahlung, wie der Knabe Rousseau, von dem machtigen Geist seiner innern Musik getrieben, sonst aber ohne alle Kenntnis der Harmonik, des Kontrapunkts, aller praktischen Hilfsmittel, sich entschliesst, eine Oper zu komponieren, wie er die Vorhange des Zimmers herablasst, wie er sich aufs Bette wirft, um sich ganz der Inspiration seiner Einbildungskraft hinzugeben, wie ihm nun sein Werk aufgeht, gleich einem herrlichen Traum! Tag und Nacht verliess mich nicht der Gedanke an diesen Moment, mit dem mir die hochste Seligkeit uber den Knaben Rousseau gekommen zu sein schien! Oft war es mir, als sei ich auch schon dieser Seligkeit teilhaftig geworden, und dann, nur von meinem festen Entschluss hinge es ab, mich auch in dies Paradies hinaufzuschwingen, da der Geist der Musik in mir ebenso machtig beschwingt. Genug, ich kam dahin, es meinem Vorbilde nachmachen zu wollen. Als namlich an einem sturmischen Herbstabend der Oheim wider seine Gewohnheit das Haus verlassen, liess ich sofort die Vorhange herab und warf mich auf des Oheims Bette, um, wie Rousseau, eine Oper im Geiste zu empfangen. So vortrefflich aber die Anstalten waren, so sehr ich mich abmuhte, den dichterischen Geist hinanzulocken, doch blieb er in storrischem Eigensinn davon! Durchaus summte mir, statt aller herrlichen Gedanken, die mir aufgehen sollten, ein altes erbarmliches Lied vor den Ohren, dessen weinerlicher Text begann: 'Ich liebte nur Ismenen, Ismene liebt' nur mich,' und liess, so sehr ich mich dagegen straubte, nicht nach. 'Jetzt kommt der erhabene Priesterchor: Hoch von Olympos' Hohn',' rief ich mir zu, aber: 'Ich liebte nur Ismenen,' summte die Melodie fort und unaufhorlich fort, bis ich zuletzt fest einschlief. Mich weckten laute Stimmen, indem ein unertraglicher Geruch mir in die Nase fuhr und den Atem versetzte! Das ganze Zimmer war von dickem Rauch erfullt, und in dem Gewolk stand der Oheim und trat die Reste der flammenden Gardine, die den Kleiderschrank verbarg, nieder und rief: 'Wasser her Wasser her!' bis der alte Diener Wasser in reichlicher Fulle herbeibrachte, uber den Boden ausgoss und so das Feuer loschte. Der Rauch zog langsam durch die Fenster. 'Wo ist nur der Unglucksvogel?' fragte der Oheim, indem er im Zimmer umherleuchtete. Ich wusste wohl, welchen Vogel er meinte, und blieb mauschenstill im Bette, bis der Oheim hinantrat und mir mit einem zornigen: 'Will Er wohl gleich heraus!' auf die Beine half. 'Steckt mir der Bosewicht das Haus uber dem Kopfe an!' fuhr der Onkel fort. Ich versicherte auf weiteres Befragen ganz ruhig, dass ich auf dieselbe Weise wie der Knabe Rousseau nach dem Inhalt seiner 'Bekenntnisse' es getan, eine Opera seria im Bett komponiert hatte, und dass ich durchaus gar nicht wisse, wie der Brand entstanden. 'Rousseau? Komponiert? Opera seria? Pinsel!' So stotterte der Oheim vor Zorn und teilte mir die kraftige Ohrfeige zu, die ich als die zweite empfing, so dass ich, vor Schreck erstarrt, sprachlos stehen blieb, und in dem Augenblick horte ich wie einen Nachklang des Schlages ganz deutlich: 'Ich liebte nur Ismenen etc. etc.'. Sowohl gegen dieses Lied als gegen die Begeisterung des Komponierens uberhaupt empfand ich von diesem Augenblick an einen lebhaften Widerwillen."
"Aber wie war nur das Feuer entstanden?" fragte der Geheime Rat.
"Noch," erwiderte Kreisler, "noch in diesem Augenblick ist es mir unbegreiflich, durch welchen Zufall die Gardine in Brand geriet und einen schonen Schlafrock des Oheims sowie drei oder vier schon frisierte Toupets, die der Oheim als partielle Peruckenstudien aus einer Gesamtfrisur aufzusetzen pflegte, mit in ihr Verderben riss. Mir ist es auch immer so vorgekommen, als habe ich nicht des unverschuldeten Feuers, sondern nur der unternommenen Komposition halber die Ohrfeige erhalten. Seltsam genug war es die Musik allein, die zu treiben mich der Oheim mit Strenge anhielt, unerachtet der Lehrer, getauscht von dem nur momentanen Widerwillen, den ich dagegen ausserte, mich fur ein durchaus unmusikalisches Prinzip hielt. Was ich ubrigens lernen oder nicht lernen mochte, das war dem Oheim vollig gleich. Ausserte er manchmal lebhaften Unwillen, dass es so schwer hielt, mich zur Musik anzuhalten, so hatte man denken sollen, dass er von Freude hatte durchdrungen sein mussen, als nach ein paar Jahren der musikalische Geist sich so machtig in mir regte, dass er alles ubrige uberflugelte; das war aber nun wieder ganz und gar nicht der Fall. Der Oheim lachelte bloss ein wenig, wenn er bemerkte, dass ich bald mehrere Instrumente mit einiger Virtuositat spielte, ja, dass ich manches kleine Stuck aufsetzte zur Zufriedenheit der Meister und Kenner. Ja, er lachelte bloss ein wenig und sprach, wenn man ihn mit Lobeserhebungen anfuhr, mit schlauer Miene: 'Ja, der kleine Neveu ist narrisch genug'."
"So ist," nahm der Geheime Rat das Wort, "so ist es mir aber ganz unbegreiflich, dass der Oheim deiner Neigung nicht Freiheit liess, sondern dich hineinzwang in eine andere Laufhahn. Soviel ich namlich weiss, ist deine Kapellmeisterschaft eben nicht von lange her."
"Und auch nicht weit her," rief Meister Abraham lachend und fuhr, indem er das Bildnis eines kleinen, wunderlich gebauten Mannes an die Wand warf, weiter fort: "Aber nun muss ich mich des wackern Oheims, den mancher verruchte Neffe den O-wehOnkel nannte, weil er sich mit Vornamen Ottfried Wenzel schrieb, ja, nun muss ich mich seiner annehmen und der Welt versichern, dass, wenn der Kapellmeister Johannes Kreisler es sich einfallen liess, Legationsrat zu sein und sich abzuqualen mit seiner innersten Natur ganz widrigen Dingen, niemand weniger daran schuld ist als eben der O-weh-Onkel." "O still," sprach Kreisler, "o still davon, Meister, und nehmt mir dort den Oheim von der Wand, denn macht' er auch wirklich lacherlich genug aussehen, so mag ich doch eben heute uber den Alten, der lange im Grabe ruht, nicht lachen!"
"Ihr ubernehmt Euch heute ja ganz in geziemlicher Empfindsamkeit," erwiderte der Meister; Kreisler achtete aber nicht darauf, sondern sprach, sich zum kleinen Geheimen Rat wendend: "Du wirst es bedauern, mich zum Schwatzen gebracht zu haben, da ich dir, der vielleicht das Ausserordentliche erwartete, nur Gemeines, wie es sich tausendmal im Leben wiederholt, auftischen kann. So ist es auch gewiss, dass es nicht Erziehungszwang, nicht besonderer Eigensinn des Schicksals, nein, dass es der gewohnlichste Lauf der Dinge war, der mich fortschob, so dass ich unwillkurlich dort hinkam, wo ich eben nicht hin wollte. Hast du nicht bemerkt, dass es in jeder Familie einen gibt, der sich, sei es durch besonderes Genie oder durch das gluckliche Zusammentreffen gunstiger Ereignisse, zu einer gewissen Hohe hinaufschwang, und der nun, ein Heros, in der Mitte des Kreises steht, zu dem die lieben Verwandten demutig hinaufblicken, dessen gebietende Stimme vernommen wird in entscheidenden Spruchen, von denen keine Appellation moglich? So ging es mit dem jungern Bruder meines Oheims, der dem musikalischen Familiennest entflohen war und in der Residenz als Geheimer Legationsrat in der Nahe des Fursten eine ziemlich wichtige Person vorstellte. Sein Emporsteigen hatte die Familie in eine staunende Bewunderung gesetzt, die nicht nachliess. Man nannte den Legationsrat mit feierlichem Ernst, und wenn es hiess: 'Der Geheime Legationsrat hat geschrieben, der Geheime Legationsrat hat das und das geaussert', so horchte alles in stummer Ehrfurcht auf. Dadurch schon seit meiner fruhesten Kindheit daran gewohnt, den Oheim in der Residenz als einen Mann anzusehen, der das hochste Ziel alles menschlichen Strebens erreicht, musste ich es naturlich finden, dass ich gar nichts anders tun konnte, als in seine Fusstapfen treten. Das Bildnis des vornehmen Oheims hing in dem Prunkzimmer, und keinen grossern Wunsch hegte ich, als so frisiert, so gekleidet umherzugehen wie der Oheim auf dem Bilde. Diesen Wunsch gewahrte mein Erzieher, und ich muss wirklich als zehnjahriger Knabe anmutig genug ausgesehen haben, im himmelhoch frisierten Toupet und kleinen zirkelrunden Haarbeutel, im zeisiggrunen Rock mit schmaler silberner Stickerei, seidenen Strumpfen und kleinem Degen. Dies kindische Streben ging tiefer ein, als ich alter worden, da, um mir Lust zur trokkensten Wissenschaft einzuflossen, es genugte, mir zu sagen, dies Studium sei mir notig, damit ich, dem Oheim gleich, dereinst Legationsrat werden konne. Dass die Kunst, welche mein Inneres erfullte, mein eigentliches Streben, die wahre einzige Tendenz meines Lebens sein durfe, fiel mir um so weniger ein, als ich gewohnt war, von Musik, Malerei, Poesie nicht anders reden zu horen als von ganz angenehmen Dingen, die zur Erheiterung und Belustigung dienen konnten. Die Schnelle, mit der ich, ohne dass sich jemals auch nur ein einziges Hindernis offenbart hatte, durch mein erlangtes Wissen und durch den Vorschub des Oheims in der Residenz, in der Laufbahn, die ich gewissermassen selbst gewahlt, vorwarts schritt, liess mir keinen Moment ubrig, mich umzuschauen und die schiefe Richtung des Weges, den ich genommen, wahrzunehmen. Das Ziel war erreicht, umzukehren nicht mehr moglich, als in einem nicht geahnten Moment die Kunst sich rachte, der ich abtrunnig worden, als der Gedanke eines ganzen verlornen Lebens mich mit trostlosem Weh erfasste, als ich mich in Ketten geschlagen sah, die mir unzerbrechlich dunkten!"
"Gluckselig," rief der Geheime Rat, "gluckselig, heilbringend also die Katastrophe, die dich aus den Fesseln befreite!"
"Sage das nicht," erwiderte Kreisler, "zu spat trat die Befreiung ein. Mir geht es wie jenem Gefangenen, der, als er endlich befreit wurde, dem Getummel der Welt, ja dem Licht des Tages so entwohnt war, dass er nicht vermogend, der goldnen Freiheit zu geniessen, und sich wieder zurucksehnte in den Kerker."
"Das ist," nahm Meister Abraham das Wort, "das ist nun eine von Euern konfusen Ideen, Johannes, mit denen Ihr Euch und andere plagt! Geht! geht! Immer hat es das Schicksal mit Euch gut gemeint, aber dass Ihr nun einmal nicht im gewohnlichen Trott bleiben konnt, dass Ihr rechts, links herausspringt aus dem Wege, daran ist niemand schuld als Ihr selbst. Recht habt Ihr indessen wohl, dass, was Eure Knabenjahre betrifft, Euer Stern besonders waltete, und "
Zweiter Abschnitt
Lebenserfahrungen des Junglings
Auch ich war in Arkadien
(M. f. f.) "Narrisch genug und zugleich ungemein merkwurdig war' es doch," sprach eines Tages mein Meister zu sich selbst, "wenn der kleine graue Mann dort unter dem Ofen wirklich die Eigenschaften besitzen sollte, die der Professor ihm andichten will! Hm! ich dachte, er konnte mich dann reich machen, mehr als mein unsichtbares Madchen es getan. Ich sperrt' ihn ein in einen Kaficht, er musste seine Kunste machen vor der Welt, die reichlichen Tribut dafur gern zahlen wurde. Ein wissenschaftlich gebildeter Kater will doch immer mehr sagen als ein fruhreifer Junge, dem man die Exerzitia eingetrichtert. Uberdem erspart' ich mir einen Schreiber! Ich muss dem Dinge naher auf die Spur kommen!"
Ich gedachte, als ich des Meisters verfangliche Worte vernahm, der Warnung meiner unvergesslichen Mutter Mina, und wohl mich hutend, auch nur durch das geringste Zeichen zu verraten, dass ich den Meister verstanden, nahm ich mir fest vor, auf das sorgfaltigste meine Bildung zu verbergen. Ich las und schrieb daher nur das Nachts und erkannte auch dabei mit Dank die Gute der Vorsehung, die meinem verachteten Geschlecht manchen Vorzug vor den zweibeinichten Geschopfen, die sich, Gott weiss warum, die Herren der Schopfung nennen, gegeben hat. Versichern kann ich namlich, dass ich bei meinen Studien weder des Lichtziehers noch des Olfabrikanten bedurfte, da der Phosphor meiner Augen hell leuchtet in der finstersten Nacht. Gewiss ist es daher auch, dass meine Werke erhaben sind uber den Vorwurf, der irgendeinem Schriftsteller aus der alten Welt gemacht wurde, dass namlich die Erzeugnisse seines Geistes nach der Lampe rochen.
Doch innig uberzeugt von der hohen Vortrefflichkeit, mit der mich die Natur begabt hat, muss ich doch gestehen, dass alles hienieden gewisse Unvollkommenheiten in sich tragt, die wieder ein gewisses abhangiges Verhaltnis verraten. Von den leiblichen Dingen, die die Arzte nicht naturlich nennen, unerachtet sie mir eben recht naturlich dunken, will ich gar nicht reden, sondern nur rucksichts unsers psychischen Organismus bemerken, dass sich auch darin jene Abhangigkeit recht deutlich offenbaret. Ist es nicht ewig wahr, dass unsern Flug oft Bleigewichte hemmen, von denen wir nicht wissen, was sie sind, woher sie kommen, wer sie uns angehangt?
Doch besser und richtiger ist es wohl, wenn ich behaupte, dass alles Ubel vom bosen Beispiel herruhrt, und dass die Schwache unserer Natur lediglich darin liegt, dass wir dem bosen Beispiel zu folgen gezwungen sind. Uberzeugt bin ich auch, dass das menschliche Geschlecht recht eigentlich dazu bestimmt ist, dies bose Beispiel zu geben.
Bist du, geliebter Katerjungling, der du dieses liesest, nicht einmal in deinem Leben in einen Zustand geraten, der dir selbst unerklarlich, dir uberall die bittersten Vorwurfe und vielleicht auch einige tuchtige Bisse deiner Kumpane zuzog? Du warst trage, zankisch, ungebardig, gefrassig, fandest an nichts Gefallen, warst immer da, wo du nicht sein solltest, fielst allen zur Last, kurz, warst ein ganz unausstehlicher Bursche! Troste dich, o Kater! Nicht aus deinem eigentlichen, tiefern Innern formte sich diese heillose Periode deines Lebens, nein, es war der Zoll, den du dem uber uns waltenden Prinzip dadurch darbrachtest, dass auch du dem bosen Beispiel der Menschen, die diesen vorubergehenden Zustand eingefuhrt haben, folgtest. Troste dich, o Kater! denn auch mir ist es nicht besser ergangen!
Mitten in meinen Lukubrationen uberfiel mich eine Unlust eine Unlust gleichsam der Ubersattigung von unverdaulichen Dingen, so dass ich ohne weiteres auf demselben Buch, worin ich gelesen, auf demselben Manuskript, woran ich geschrieben, mich zusammenkrummte und einschlief. Immer mehr und mehr nahm diese Tragheit zu, so dass ich zuletzt nicht mehr schreiben, nicht mehr lesen, nicht mehr springen, nicht mehr laufen, nicht mehr mit meinen Freunden im Keller, auf dem Dache mich unterhalten mochte. Statt dessen fuhlte ich einen unwiderstehlichen Trieb, alles das zu tun, was dem Meister, was den Freunden nie angenehm sein, womit ich ihnen beschwerlich fallen musste. Was den Meister anlangt, so begnugte er lange Zeit hindurch sich damit, mich fortzujagen, wenn ich zu meiner Lagerstatte immer Platze erkor, wo er mich durchaus nicht leiden konnte, bis er endlich genotigt wurde, mich etwas zu prugeln. Immer wieder auf des Meisters Schreibtisch gesprungen, hatt' ich namlich so lange hin und her geschwanzelt, bis die Spitze meines Schweifs in das grosse Tintenfass geraten, mit der ich nun auf Boden und Kanapee die schonsten Malereien ausfuhrte. Das brachte den Meister, der keinen Sinn fur dieses Genre der Kunst zu haben schien, in Harnisch. Ich fluchtete auf den Hof, aber beinah' noch schlimmer ging es mir dort. Ein grosser Kater von Ehrfurcht gebietendem Ansehen hatte langst sein Missfallen uber mein Betragen geaussert; jetzt, da ich, freilich tolpischerweise, einen guten Bissen, den er zu verzehren eben im Begriff, vor dem Maule wegschnappen wollte, gab er mir ohne Umstande eine solche Menge Ohrfeigen von beiden Seiten, dass ich ganz betaubt wurde und mir beide Ohren bluteten. Irre ich nicht, so war der wurdige Herr mein Oheim, denn Minas Zuge strahlten aus seinem Antlitz, und die Familienahnlichkeit des Barts unleugbar. Kurz, ich gestehe, dass ich mich in dieser Zeit in Unarten erschopfte, so dass der Meister sprach: "Ich weiss gar nicht, was dir ist, Murr, ich glaube am Ende, du bist jetzt in die Lummeljahre getreten!" Der Meister hatte recht, es war meine verhangnisvolle Lummelzeit, die ich uberstehen musste, nach dem bosen Beispiel der Menschen, die, wie gesagt, diesen heillosen Zustand, als durch ihre tiefste Natur bedingt, eingefuhrt haben. Lummeljahre nennen sie diese Periode, unerachtet mancher zeit seines Lebens nicht herauskommt, unsereins kann nur von Lummelwochen reden, und ich meinerseits kam nun auf einmal heraus mittelst eines starken Rucks, der mir ein Bein oder ein paar Rippen hatte kosten konnen. Eigentlich sprang ich heraus aus den Lummelwochen auf vehemente Weise.
Ich muss sagen, wie das sich begab:
Auf dem Hofe der Wohnung meines Meisters stand eine inwendig reich ausgepolsterte Maschine auf vier Radern, wie ich nachher einsehen lernte, ein englischer Halbwagen. Nichts war in meiner damaligen Stimmung naturlicher, als dass mir die Lust ankam, mit Muhe hinaufzuklettern und hineinzukriechen in diese Maschine. Ich fand die darin befindlichen Kissen so angenehm, so anlockend, dass ich nun die mehrste Zeit in den Plostern des Wagens verschlief, vertraumte.
Ein heftiger Stoss, dem ein Knattern, Klirren, Brausen, wirres Larmen folgte, weckte mich, als eben susse Bilder von Hasenbraten und dergleichen vor meiner Seele vorubergingen. Wer schildert meinen jahen Schreck, als ich wahrnahm, dass die ganze Maschine sich mit ohrbetaubendem Getose fortbewegte, mich hin und her schleudernd auf meinen Polstern. Die immer steigende und steigende Angst wurde Verzweiflung, ich wagte den entsetzlichen Sprung heraus aus der Maschine, ich horte das wiehernde Hohngelachter hollischer Damonen, ich horte ihre barbarischen Stimmen: "Katz Katz, huz huz!" hinter mir her kreischen, sinnlos rannte ich in voller Furie von dannen, Steine flogen mir nach, bis ich endlich hineingeriet in ein finstres Gewolbe und ohnmachtig niedersank.
Endlich war es mir, als hore ich hin und her gehen uber meinem Haupte, und schloss aus dem Schall der Tritte, da ich wohl schon Ahnliches erfahren, dass ich mich unter einer Treppe befinden musse. Es war dem so!
Als ich nun aber herausschlich, Himmel! da dehnten sich uberall unabsehbare Strassen vor mir aus, und eine Menge Menschen, von denen ich nicht einen einzigen kannte, wogte voruber. Kam noch hinzu, dass Wagen rasselten, Hunde laut bellten, ja, dass zuletzt eine ganze Schar, deren Waffen in der Sonne blitzten, die Strasse einengte; dass dicht bei mir einer urplotzlich so ganz erschrecklich auf eine grosse Trommel schlug, dass ich unwillkurlich drei Ellen hoch aufsprang, ja, so konnte es nicht fehlen, dass eine seltsame Angst meine Brust erfullte! Ich merkte nun wohl, dass ich mich in der Welt befand in der Welt, die ich aus der Ferne von meinem Dache erblickt, oft nicht ohne Sehnsucht, ohne Neugierde, ja, mitten in dieser Welt stand ich nun, ein unerfahrner Fremdling. Behutsam spazierte ich dicht an den Hausern die Strasse entlang und begegnete endlich ein paar Junglingen meines Geschlechts. Ich blieb stehen, ich versuchte ein Gesprach mit ihnen anzuknupfen, aber sie begnugten sich, mich mit funkelnden Augen anzuglotzen, und sprangen dann weiter. "Leichtsinnige Jugend," dacht' ich, "du weisst nicht, wer es war, der dir in den Weg trat! so gehen grosse Geister durch die Welt, unerkannt, unbeachtet. Das ist das Los sterblicher Weisheit!" Ich rechnete auf grossere Teilnahme bei den Menschen, sprang auf einen hervorragenden Kellerhals und stiess manches frohliche, wie ich glaubte, anlockende Miau aus, aber kalt, ohne Teilnahme, kaum sich nach mir umblickend, gingen alle voruber. Endlich gewahrte ich einen hubschen blondgelockten Knaben, der mich freundlich ansah und endlich, mit den Fingern schnalzend, rief: "Mies Mies!"
"Schone Seele, du verstehst mich," dacht' ich, sprang herab und nahte mich ihm, freundlich schnurrend. Er fing mich an zu streicheln, aber indem ich glaubte, mich dem freundlichen Gemut ganz hingeben zu konnen, kniff er mich dermassen in den Schwanz, dass ich vor rasendem Schmerz aufschrie. Das eben schien dem tuckischen Bosewicht rechte Freude zu machen, denn er lachte laut, hielt mich fest und versuchte das hollische Manover zu wiederholen. Da fasste mich der tiefste Ingrimm, von dem Gedanken der Rache durchflammt, grub ich meine Krallen tief in seine Hande, in sein Gesicht, so dass er aufkreischend mich fahren liess. Aber in dem Augenblick horte ich auch rufen: " Tyras Kartusch hez, hez!" Und laut blaffend setzten zwei Hunde hinter mir her. Ich rannte, bis mir der Atem verging, sie waren mir auf den Fersen keine Rettung. Blind vor Angst fuhr ich hinein in das Fenster eines Erdgeschosses, dass die Scheiben zusammenklirrten und ein paar Blumentopfe, die auf der Fensterbank gestanden, krachend hineinfielen in das Stubchen. Erschrocken fuhr eine Frau, die an einem Tisch sitzend arbeitete, in die Hohe, rief dann: "Seht die abscheuliche Bestie," ergriff einen Stock und ging auf mich los. Aber meine zorngluhenden Augen, meine ausgestreckten Krallen, das Geheul der Verzweiflung, das ich ausstiess, hielten sie zuruck, so dass, wie es in jenem Trauerspiel heisst, der zum Schlagen aufgehobene Stock in der Luft gehemmt schien und sie dastand, ein gemalter Wutrich, parteilos zwischen Kraft und Willen! In dem Augenblick ging die Ture auf, schnellen Entschluss fassend, schlupfte ich dem eintretenden Mann zwischen den Beinen durch und war so glucklich, mich aus dem Hause herauszufinden auf die Strasse.
Ganz erschopft, ganz entkraftet, gelangte ich endlich zu einem einsamen Platzchen, wo ich mich ein wenig niederlassen konnte. Da fing aber der wutendste Hunger an, mich zu peinigen, und ich gedachte nun erst mit tiefem Schmerz des guten Meisters Abraham, von dem mich ein hartes Schicksal getrennt. Aber wie ihn wiederfinden! Ich blickte wehmutig umher, und als ich keine Moglichkeit sah, den Weg zur Ruckkehr zu erforschen, traten mir die blanken Tranen in die Augen.
Doch neue Hoffnung ging mir auf, als ich an der Ecke der Strasse ein junges freundliches Madchen wahrnahm, die vor einem kleinen Tische sass, auf dem die appetitlichsten Brote und Wurste lagen. Ich naherte mich langsam, sie lachelte mich an, und um mich ihr gleich als einen Jungling von guter Erziehung, von galanten Sitten darzustellen, machte ich einen hoheren, schoneren Katzenbuckel als jemals. Ihr Lacheln wurde lautes Lachen. "Endlich eine schone Seele, ein teilnehmendes Herz gefunden! O Himmel, wie tut das wohl der wunden Brust!" So dachte ich und langte mir eine von den Wursten herab, aber in demselben Nu schrie auch das Madchen laut auf, und hatte mich der Schlag, den sie mit einem derben Stuck Holz nach mir fuhrte, getroffen, in der Tat, weder die Wurst, die ich mir im Vertrauen auf die Loyalitat, auf die menschenfreundliche Tugend des Madchens herabgelangt, noch irgendeine andere hatte ich jemals mehr genossen. Meine letzte Kraft setzte ich daran, der Unholdin, die mich verfolgte, zu entrinnen. Das gelang mir, und ich erreichte endlich einen Platz, wo ich die Wurst in Ruhe verzehren konnte.
Nach dem frugalen Mahle kam viel Heiterkeit in mein Gemut, und da eben die Sonne mir warm auf den Pelz schien, so fuhlte ich lebhaft, dass es doch schon sei auf dieser Erde. Als aber dann die kalte feuchte Nacht einbrach, als ich kein weiches Lager fand wie bei meinem guten Meister, als ich, vor Frost starrend, vom Hunger aufs neue gepeinigt, am andern Morgen erwachte, da uberfiel mich eine Trostlosigkeit, die an Verzweiflung grenzte. "Das ist" (so brach ich aus in laute Klagen), "das ist also die Welt, in die du dich hineinsehntest von dem heimatlichen Dache? Die Welt, wo du Tugend zu finden hofftest und Weisheit und die Sittlichkeit der hohern Ausbildung! O diese herzlosen Barbaren! Worin besteht ihre Kraft als im Prugeln? Worin ihr Verstand als in hohnlachender Verspottung? Worin ihr ganzes Treiben als in scheelsuchtiger Verfolgung tieffuhlender Gemuter? O, fort fort aus dieser Welt voll Gleissnerei und Trug! Nimm mich auf in deine kuhlen Schatten, susser heimatlicher Keller! O Boden! Ofen o Einsamkeit, die mich erfreut, nach dir mein Herz sich sehnt mit Schmerz!"
Der Gedanke meines Elends, meines hoffnungslosen Zustandes ubermannte mich. Ich kniff die Augen zu und weinte sehr.
Bekannte Tone schlugen an mein Ohr. "Murr Murr! geliebter Freund, wo kommst du her? Was ist mit dir geschehen?"
Ich schlug die Augen auf, der junge Ponto stand vor mir!
So sehr mich Ponto auch gekrankt hatte, doch war mir seine unverhoffte Erscheinung trostlich. Ich vergass die Unbill, die er mir angetan, erzahlte ihm, wie sich alles mit mir begeben, stellte ihm unter vielen Tranen meine traurige, hilflose Lage vor, schloss damit, ihm zu klagen, dass mich ein totender Hunger quale.
Statt mir, wie ich geglaubt, seine Teilnahme zu bezeugen, brach der junge Ponto in ein schallendes Gelachter aus. "Bist du," sprach er dann, "bist du nicht ein ausgemachter torichter Geck, lieber Murr? Erst setzt sich der Hase in eine Halbchaise hinein, wo er nicht hingehort, schlaft ein, erschrickt, als er weggefahren wird, springt hinaus in die Welt, wundert sich gar machtig, dass ihn, der kaum vor die Ture seines Hauses geguckt, niemand kennt, dass er mit seinen dummen Streichen uberall schlecht ankommt, und ist dann so einfaltig, nicht einmal den Ruckweg finden zu konnen zu seinem Herrn. Sieh, Freund Murr, immer hast du geprahlt mit deiner Wissenschaft, mit deiner Bildung, immer hast du vornehm getan gegen mich, und nun sitzest du da, verlassen, trostlos, und all die grossen Eigenschaften deines Geistes reichen nicht hin, dich zu belehren, wie du es anfangen musst, deinen Hunger zu stillen und nach Hause zuruckzufinden zu deinem Meister! Und wenn sich nun der, den du tief unter dir glaubtest, nicht deiner annimmt, so stirbst du zuletzt eines elendiglichen Todes, und keine sterbliche Seele fragt was nach deinem Wissen, nach deinem Talent, und keiner von den Dichtern, denen du dich befreundet glaubtest, setzt ein freundliches: Hic jacet! an die Stelle, wo du aus lauter Kurzsichtigkeit verschmachtetest! Siehst du, dass ich wohl auch durch die Schulen gelaufen bin und lateinische Brocken einmischen kann, trotz einem? Aber du hungerst, armer Kater, und diesem Bedurfnis muss zuerst abgeholfen werden, komm nur mit mir."
Der junge Ponto hupfte frohlich vorauf, ich folgte niedergeschlagen, ganz zerknirscht uber seine Reden, die mir in meiner hungrigen Stimmung viel Wahres zu enthalten schienen. Doch wie erschrak ich, als
(Mak. Bl.) fur den Herausgeber dieser Blatter das angenehmste Ereignis von der Welt, dass er das ganze merkwurdige Gesprach Kreislers mit dem kleinen Geheimen Rat bruhwarm wieder erfuhr. Dadurch wurde er in den Stand gesetzt, dir, geliebter Leser, wenigstens ein paar Bilder aus der fruhern Jugendzeit des seltnen Mannes, dessen Biographie er aufzuschreiben gewissermassen genotigt, vor die Augen zu bringen, und er vermeint, dass, was Zeichnung und Kolorit betrifft, diese Bilder wohl fur charakteristisch und bedeutsam genug gelten konnen. Wenigstens mag man nach dem, was Kreisler von Tante Fusschen und ihrer Laute erzahlt, nicht daran zweifeln, dass die Musik mit all ihrer wunderbaren Wehmut, mit all ihrem Himmelsentzucken recht in die Brust des Knaben mit tausend Adern verwuchs, und nicht zum Verwundern mag's darum auch sein, dass eben dieser Brust, wird sie nur leise verwundet, gleich heisses Herzblut entquillt. Auf zwei Momente aus dem Leben des geliebten Kapellmeisters war bemeldeter Herausgeber besonders begierig, ja, wie man zu sagen pflegt, ganz versessen. Namlich, auf welche Weise Meister Abraham in die Familie geriet und einwirkte auf den kleinen Johannes, und welche Katastrophe den ehrlichen Kreisler aus der Residenz warf und umstempelte zum Kapellmeister, welches er hatte von Haus aus sein sollen, wiewohl man der ewigen Macht trauen darf, die jeden zu rechter Zeit an die rechte Stelle setzt. Manches ist daruber ausgemittelt worden, welches du, o Leser, sogleich erfahren sollst.
Furs erste ist gar nicht daran zu zweifeln, dass zu Gonionesmuhl, wo Johannes Kreisler geboren und erzogen wurde, es einen Mann gab, der in seinem ganzen Wesen, in allem, was er unternahm, seltsam und eigentumlich erschien. Uberhaupt ist das Stadtlein Gonionesmuhl seit jeher das wahre Paradies aller Sonderlinge gewesen, und Kreisler wuchs auf, umgeben von den seltsamsten Figuren, die einen desto starkern Eindruck auf ihn machen mussten, als er wenigstens wahrend der Knabenzeit mit seinesgleichen keinen Umgang pflegte. Jener Mann trug aber mit einem bekannten Humoristen gleichen Namen, denn er hiess Abraham Liscov und war ein Orgelbauer, welches Metier er bisweilen tief verachtete, zu anderer Zeit aber hoch in den Himmel erhob, so dass man nicht recht wusste, was er eigentlich wollte.
So wie Kreisler erzahlt, wurde in der Familie von dem Herrn Liscov immer mit hoher Bewunderung gesprochen. Man nannte ihn den geschicktesten Kunstler, den es geben konne, und bedauerte nur, dass seine tollen Grillen, seine ausgelassenen Einfalle ihn von jedermann entfernt hielten. Als einen besondern Glucksfall ruhmte dieser, jener, dass Herr Liscov wirklich dagewesen und seinen Flugel neu befiedert und gestimmt habe. Eben von Liscovs phantastischen Streichen wurde dann auch manches erzahlt, welches auf den kleinen Johannes ganz besonders wirkte, so dass er sich von dem Mann, ohne ihn zu kennen, ein ganz bestimmtes Bild entwarf, sich nach ihm sehnte und, als der Oheim versicherte, Herr Liscov wurde vielleicht kommen und den schadhaften Flugel reparieren, jeden Morgen fragte, ob Herr Liscov denn nicht endlich erscheinen werde. Dieses Interesse des Knaben fur den unbekannten Herrn Liscov steigerte sich aber bis zur hochsten unstaunenden Ehrfurcht, als er in der Hauptkirche, die der Oheim in der Regel nicht zu besuchen pflegte, zum erstenmal die machtigen Tone der grossen schonen Orgel vernahm, und als der Oheim ihm sagte, niemand anders als eben Herr Abraham Liscov habe dies herrliche Werk verfertigt. Von diesem Augenblick an verschwand auch das Bild, das Johannes sich von Herrn Liscov entworfen, und ein ganz anderes trat an seine Stelle. Herr Liscov musste nach des Knaben Meinung ein grosser schoner Mann sein, von stattlichem Ansehen, hell und stark sprechen und vor allen Dingen einen pflaumfarbnen Rock tragen mit breiten goldnen Tressen wie der Pate Kommerzienrat, der so gekleidet ging, und vor dessen reicher Tracht der kleine Johannes den tiefsten Respekt hegte.
Als eines Tages der Oheim mit Johannes am offnen Fenster stand, kam ein kleiner hagerer Mann die Strasse herab geschossen, in einem Roquelaur von hellgrunem Berkan, dessen offne Armelklappen seltsam im Winde auf und nieder flatterten. Dazu hatte er ein kleines dreieckiges Hutchen martialisch auf die weissgepuderte Frisur gedruckt, und ein zu langer Haarzopf schlangelte sich herab uber den Rucken. Er trat hart auf, dass das Strassenpflaster drohnte, und stiess auch bei jedem zweiten Schritt mit dem langen spanischen Rohr, das er in der Hand trug, heftig auf den Boden. Als der Mann vor dem Fenster vorbeikam, warf er aus seinen funkelnden pechschwarzen Augen dem Oheim einen stechenden Blick zu, ohne seinen Gruss zu erwidern. Dem kleinen Johannes bebte es eiskalt durch alle Glieder, und zugleich war es ihm zumute, als musse er uber den Mann entsetzlich lachen und konne nur nicht dazu kommen, weil ihm die Brust so beengt. "Das war der Herr Liscov," sprach der Oheim. "Das wusste ich ja," erwiderte Johannes, und er mochte recht haben. Weder ein grosser stattlicher Mann war Herr Liscov, noch trug er einen pflaumfarbnen Rock mit goldnen Tressen, wie der Pate Kommerzienrat, seltsam, ja wunderbar genug begab es sich aber, dass Herr Liscov ganz genau so aussah, wie der Knabe sich ihn fruher gedacht hatte, ehe er das Orgelwerk vernommen. Noch hatte sich Johannes nicht von seinem Gefuhl erholt, das dem eines jahen Schrecks zu vergleichen, als Herr Liscov plotzlich stillstand, sich umdrehte, die Strasse entlang hinanpolterte, bis vor das Fenster, dem Oheim eine tiefe Verbeugung machte, davonrannte unter lautem Gelachter.
"Ist das," sprach der Oheim, "ist das wohl ein Betragen fur einen gesetzten Mann, der in den Studiis nicht unerfahren, der als privilegierter Orgelbauer zu den Kunstlern zu rechnen, und dem die Gesetze des Landes verstatten, einen Degen zu tragen? Sollte man nicht vermeinen, er habe schon am lieben fruhen Morgen zu tief ins Glas geguckt oder sei dem Tollhause entsprungen? Aber ich weiss es, nun wird er herkommen und den Flugel in Ordnung bringen."
Der Oheim hatte recht. Schon andern Tages war Herr Liscov da, aber statt die Reparatur des Flugels vorzunehmen, verlangte er, der kleine Johannes sollte ihm vorspielen. Dieser wurde auf den mit Buchern bepackten Stuhl gesetzt, Herr Liscov ihm gegenuber am schmalen Ende des Flugels stutzte beide Arme auf das Instrument und sah dem Kleinen starr ins Antlitz, welches ihn dermassen ausser Fassung brachte, dass die Menuetts, die Arien, die er aus dem alten Notenbuche abspielte, holpricht genug gingen. Herr Liscov blieb ernst, aber plotzlich rutschte der Knabe herab und versank unter des Flugels Gestell, woruber der Orgelbauer, der ihm mit einem Ruck die Fussbank unter den Fussen weggezogen, eine unmassige Lache aufschlug. Beschamt rappelte sich der Knabe hervor, doch in dem Augenblick sass Herr Liscov auch schon vor dem Flugel, hatte einen Hammer hervorgezogen und hammerte auf das arme Instrument so unbarmherzig los, als wolle er alles in tausend Stucken schlagen. "Herr Liscov, sind Sie von Sinnen!" schrie der Onkel, aber der kleine Johannes, ganz entrustet, ganz ausser sich uber des Orgelbauers Beginnen, stemmte sich mit aller Gewalt gegen den Deckel des Instruments, so, dass er mit lautem Krachen zuschlug, und Herr Liscov schnell den Kopf zuruckziehen musste, um nicht getroffen zu werden. Dann rief er: "Ei, lieber Onkel, das ist nicht der geschickte Kunstler, der die schone Orgel gebaut hat, er kann es nicht sein, denn dieser hier ist ja ein alberner Mensch, der sich betragt wie ein ungezogner Bube!"
Der Oheim verwunderte sich uber die Dreistigkeit des Knaben; aber Herr Liscov sah ihn lange starr an, sprach: "Er ist wohl ein kurioser Monsieur!" offnete leise und behutsam den Flugel, zog Instrumente hervor, begann seine Arbeit, die er in ein paar Stunden beendete, ohne ein einziges Wort zu sprechen.
Seit diesem Augenblick zeigte sich des Orgelbauers entschiedene Vorliebe fur den Knaben. Beinahe taglich kam er ins Haus und wusste den Knaben bald fur sich zu gewinnen, indem er ihm eine ganz neue bunte Welt erschloss, in der sich sein reger Geist mutiger und freier bewegen konnte. Eben nicht loblich war es, dass Liscov, vorzuglich als Johannes schon in Jahren mehr vorgeruckt, den Knaben anregte zu den seltsamsten Foppereien, die oft gegen den Oheim selbst gerichtet waren, der freilich, beschrankten Verstandes und voll der lacherlichsten Eigenheiten, dazu reichen Anlass bot. Gewiss ist es aber, dass, wenn Kreisler uber die trostlose Verlassenheit in seinen Knabenjahren klagt, wenn er das zerrissene Wesen, das ihn oft in seiner innersten Natur verstort, jener Zeit zuschreibt, wohl das Verhaltnis mit dem Oheim in Anschlag zu bringen ist. Er konnte den Mann, der Vaterstelle zu vertreten berufen, und der ihm mit seinem ganzen Tun und Wesen lacherlich erscheinen musste, nicht achten.
Liscov wollte den Johannes ganz an sich reissen, und es ware ihm gelungen, hatte sich nicht des Knaben edlere Natur dagegen gestraubt. Ein durchdringender Verstand, ein tiefes Gemut, eine ungewohnliche Erregbarkeit des Geistes, alles das waren anerkannte Vorzuge des Orgelbauers. Was man aber Humor zu nennen beliebte, war nicht jene seltne wunderbare Stimmung des Gemuts, die aus der tieferen Anschauung des Lebens in all seinen Bedingnissen, aus dem Kampf der feindlichsten Prinzipe sich erzeugt, sondern nur das entschiedene Gefuhl des Ungehorigen, gepaart mit dem Talent, es ins Leben zu schaffen, und der Notwendigkeit der eignen bizarren Erscheinung. Dies war die Grundlage des verhohnenden Spottes, den Liscov uberall ausstromen liess, der Schadenfreude, mit der er alles als ungehorig Erkannte rastlos verfolgte bis in die geheimsten Winkel. Eben diese schadenfrohe Verspottung verwundete des Knaben zartes Gemut und stand dem innigsten Verhaltnis, wie es der in wahrhafter innerer Gesinnung vaterliche Freund herbeigefuhrt haben wurde, entgegen. Zu leugnen ist aber auch nicht, dass der wunderliche Orgelbauer recht dazu geeignet war, den Keim des tiefem Humors, der in des Knaben Innern lag, zu hegen und zu pflegen, der denn auch sattsam gedeihte und emporwuchs.
Herr Liscov pflegte viel von Johannes' Vater zu erzahlen, dessen vertrautester Freund er in seinen Junglingsjahren gewesen, zum Nachteil des erziehenden Oheims, der merklich in den Schatten trat, wenn der Bruder in hellem Sonnenlicht erschien. So ruhmte auch eines Tages der Orgelbauer den tiefen musikalischen Sinn des Vaters und verspottete die verkehrte Art, wie der Oheim dem Knaben die ersten Elemente der Musik beigebracht. Johannes, dessen ganze Seele durchdrungen war von dem Gedanken an den, der ihm der Nachste gewesen, und den er nie gekannt, wollte immer noch mehr horen. Da verstummte aber Liscov plotzlich und sah wie einer, dem irgendein das Leben erfassender Gedanke vor die Seele tritt, starr zum Boden nieder.
"Was ist Euch, Meister," fragte Johannes, "was bewegt Euch so?"
Liscov fuhr auf wie aus einem Traum und sprach lachelnd: "Weisst du noch, Johannes, wie ich dir die Fussbank wegzog unter den Beinen und du hinabschobst unter den Flugel, da du mir des Oheims abscheuliche Murkis und Menuetten vorspielen musstest?"
"Ach," erwiderte Johannes, "wie ich Euch zum ersten Male sah, daran mag ich gar nicht denken. Es machte Euch gerade Spass, ein Kind zu betruben."
"Und das Kind," nahm Liscov das Wort, "war dafur tuchtig grob. Doch nimmermehr hatt' ich damals geglaubt, dass in Euch ein solch tuchtiger Musiker verborgen, und darum, Sohnlein, tu mir den Gefallen und spiele mir einen ordentlichen Choral vor auf dem papiernen Positiv. Ich will den Balg treten."
Es ist hier nachzuholen, dass Liscov grossen Geschmack fand an allerlei wunderlichen Spielereien und den Johannes damit sehr ergotzte. Schon als Johannes noch ein Kind, pflegte Liscov bei jedem Besuch ihm irgend etwas Seltsames mitzubringen.
Empfing das Kind bald einen Apfel, der in hundert Stucke zerfiel, wenn er abgeschalt wurde, oder irgendein seltsam geformtes Backwerk, so wurde der erwachsene Knabe bald mit diesem, bald mit jenem uberraschenden Kunststuck aus der naturlichen Magie erfreut, so half der Jungling optische Maschinen bauen, sympathetische Tinten kochen u.s.w. An der Spitze der mechanischen Kunsteleien, die der Orgelbauer fur den Johannes verfertigte, stand aber ein Positiv mit achtfussigem Gedackt, dessen Pfeifen von Papier geformt, das mithin jenem Kunstwerk des alten Orgelbauers aus dem siebzehnten Jahrhundert, Eugenius Casparini geheissen, glich, welches in der kaiserlichen Kunstkammer in Wien zu sehen. Liscovs seltsames Instrument hatte einen Ton, dessen Starke und Anmut unwiderstehlich hinriss, und Johannes versichert noch, dass er niemals darauf spielen konnen, ohne in die tiefste Bewegung zu geraten, und dass ihm dabei manche wahrhaft fromme Kirchenmelodie hell aufgegangen.
Auf diesem Positiv musste Johannes nun dem Orgelbauer vorspielen. Nachdem er, wie Liscov verlangt, ein paar Chorale gespielt, fiel er in den Hymnus: "Misericordias domini cantabo," den er vor wenigen Tagen gesetzt. Da Johannes geendet, so sprang Liscov auf, druckte ihn sturmisch an die Brust, rief laut lachend: "Hasenfuss, was foppst du mich mit deiner lamentablen Kantilena? War' ich nicht immer und ewig dein Kalkant gewesen, nichts Vernunftiges hattest du jemals herausgebracht. Aber nun renne ich fort und lasse dich im Stich ganz und gar, und du magst dir in der Welt einen andern Kalkanten suchen, der es mit dir so gut meint als ich!" Dabei standen ihm die hellen Tranen in den Augen. Er sprang zur Ture heraus, die er sehr heftig zuschlug. Dann steckte er aber nochmals den Kopf hinein und sprach sehr weich: "Es kann nun einmal nicht anders sein. Adieu, Johannes! Wenn der Oheim seine rotgeblumte Gros-de-Tourweste vermisst, so sage nur, ich hatte sie gestohlen und liesse mir daraus einen Turban machen, um dem Grosssultan vorgestellt zu werden! Adieu, Johannes!" Kein Mensch konnte begreifen, warum Herr Liscov so plotzlich die angenehme Stadt Gonionesmuhl verlassen, warum er niemanden entdeckt, wohin er sich zu wenden entschlossen.
Der Oheim sprach: "Langst hab' ich vermutet, dass der unruhige Geist sich auf und davon machen wurde, denn er halt es, unerachtet er schone Orgeln verfertigt, doch nicht mit dem Spruch: Bleibe im Lande und nahre dich redlich! Es ist nur gut, dass unser Flugel imstande; nach dem uberspannten Menschen selbst frag' ich nicht viel!" Anders dachte wohl Johannes, dem Liscov uberall fehlte, und dem nun ganz Gonionesmuhl ein totes dustres Gefangnis dunkte.
So kam es, dass er den Rat des Orgelbauers befolgen und sich, in der Welt einen andern Kalkanten suchen wollte. Der Oheim meinte, da er seine Studien vollendet, konne er in der Residenz sich unter den Fittich des Geheimen Legationsrates begeben und vollends ausbruten lassen. Es geschah so!
In diesem Augenblick argert sich gegenwartiger Biograph uber alle Massen, denn indem er an den zweiten Moment aus Kreislers Leben kommt, von dem er dir, geliebter Leser, zu erzahlen versprochen, namlich wie Johannes Kreisler den wohlerworbnen Posten eines Legationsrates verlor und gewissermassen aus der Residenz verwiesen wurde, wird er gewahr, dass alle Nachrichten, die ihm daruber zu Gebote stehen, armlich, durftig, seicht, unzusammenhangend sind.
Es genugt indessen am Ende wohl, zu sagen, dass bald, nachdem Kreisler in die Stelle seines verstorbenen Oheims getreten und Legationsrat geworden, ehe man sich's versah, ein gewaltiger gekronter Koloss den Fursten in der Residenz heimsuchte und ihn als seinen besten Freund so innig und herzlich in seine eiserne Arme schloss, dass der Furst daruber den besten Teil seines Lebensatems verlor. Der Gewaltige hatte in seinem Tun und Wesen etwas ganz Unwiderstehliches, und so kam es, dass seine Wunsche befriedigt werden mussten, sollte auch, wie es wirklich geschah, daruber alles in Not und Verwirrung geraten. Manche fanden die Freundschaft des Gewaltigen etwas verfanglich, wollten sich wohl gar dagegen auflehnen, gerieten aber selbst daruber in das verfangliche Dilemma, entweder die Vortrefflichkeit jener Freundschaft anzuerkennen oder ausserhalb Landes einen andern Standpunkt zu suchen, um vielleicht den Gewaltigen im richtigeren Licht zu erblicken.
Kreisler befand sich unter diesen.
Trotz seines diplomatischen Charakters hatte Kreisler geziemliche Unschuld konserviert, und ebendeshalb gab es Augenblicke, in denen er nicht wusste, wozu sich entschliessen. Eben in einem solchen Augenblick erkundigte er sich bei einer hubschen Frau in tiefer Trauer, was sie uberhaupt von Legationsraten halte. Sie erwiderte vieles in zierlichen artigen Worten, am Ende kam aber so viel heraus, dass sie von einem Legationsrat gar nicht viel halten konne, sobald er sich auf enthusiastische Weise mit der Kunst beschaftige, ohne sich ihr ganz zuzuwenden.
"Vortrefflichste der Witwen," sprach darauf Kreisler, "ich reisse aus!"
Als er bereits Reisestiefeln angezogen und mit dem Hut in der Hand sich empfehlen wollte, nicht ohne Ruhrung und gehorigen Abschiedsschmerz, steckte ihm die Witwe den Ruf zur Kapellmeisterstelle bei dem Grossherzog, der das Landchen des Fursten Irenaus verspeist, in die Tasche.
Kaum ist es notig, hinzuzufugen, dass die Dame in Trauer niemand anders war, als die Ratin Benzon, die eben des Rates verlustig geworden, da der Gemahl verstorben.
Merkwurdigerweise trug es sich zu, dass die Benzon eben zu der Zeit, als
(M. f. f.) Ponto gerade zu auf das Brot und Wurste feilhaltende Madchen loshupfte, die mich, da ich freundlich bei ihr zulangte, beinahe totgeschlagen. "Mein Pudel Ponto, mein Pudel Ponto, was tust du, nimm dich in acht, hute dich vor der herzlosen Barbarin, vor dem rachedurstenden Wurstprinzip!" So rief ich hinter Ponto her, ohne auf mich zu achten, setzte er aber seinen Weg fort, und ich folgte in der Ferne, um, sollte er in Gefahr geraten, mich gleich aus dem Staube machen zu konnen. Vor dem Tisch angekommen, richtete sich Ponto auf den Hinterfussen in die Hohe und tanzelte in den zierlichsten Sprungen um das Madchen her, die sich daruber gar sehr erfreute. Sie rief ihn an sich, er kam, legte den Kopf in ihren Schoss, sprang wieder auf, bellte lustig, hupfte wieder um den Tisch, schnupperte bescheiden und sah dem Madchen freundlich in die Augen.
"Willst du ein Wurstchen, artiger Pudel?" So fragte das Madchen, und als nun Ponto, anmutig schwanzelnd, laut aufjauchzte, nahm sie zu meinem nicht geringen Erstaunen eine der schonsten grossten Wurste und reichte sie dem Ponto dar. Dieser tanzte wie zur Danksagung noch ein kurzes Ballett und eilte dann zu mir mit der Wurst, die er mit den freundlichen Worten hinlegte: "Da iss, erquicke dich, Bester!" Nachdem ich die Wurst verzehrt, lud mich Ponto ein, ihm zu folgen, er wolle mich zuruckfuhren zum Meister Abraham.
Wir gingen langsam nebeneinander her, so dass es uns nicht schwer fiel, wandelnd vernunftige Gesprache zu fuhren.
"Ich seh' es wohl ein," (so begann ich die Unterredung) "dass du, geliebter Ponto, es viel besser verstehst, in der Welt fortzukommen, als ich. Nimmermehr wurd' es mir gelungen sein, das Herz jener Barbarin zu ruhren, welches dir so ungemein leicht wurde. Doch verzeih! In deinem ganzen Benehmen gegen die Wurstverkauferin lag doch etwas, wogegen mein innerer mir angeborner Sinn sich auflehnt. Eine gewisse unterwurfige Schmeichelei, ein Verleugnen des Selbstgefuhls, der edleren Natur nein! guter Pudel, nicht entschliessen konnte ich mich, so freundlich zu tun, so mich ausser Atem zu setzen mit angreifenden Manoeuvres, so recht demutig zu betteln, wie du es tatest. Bei dem starksten Hunger, oder wenn mich ein Appetit nach etwas Besonderem anwandelt, begnuge ich mich, hinter dem Meister auf den Stuhl zu springen und meine Wunsche durch ein sanftes Knurren anzudeuten. Und selbst dies ist mehr Erinnerung an die ubernommene Pflicht, fur meine Bedurfnisse zu sorgen, als Bitte um eine Wohltat."
Ponto lachte laut auf, als ich dies gesprochen, und begann denn: "O Murr, mein guter Kater, du magst ein tuchtiger Literatus sein und dich wacker auf Dinge verstehen, von denen ich gar keine Ahnung habe, aber von dem eigentlichen Leben weisst du gar nichts und wurdest verderben, da dir alle Weltklugheit ganzlich abgeht. Furs erste wurdest du vielleicht anders geurteilt haben, ehe du die Wurst genossen, denn hungrige Leute sind viel artiger und fugsamer als satte, dann aber bist du rucksichts meiner sogenannten Unterwurfigkeit in grossem Irrtum. Du weisst ja, dass das Tanzen und Springen mir grosses Vergnugen macht, so dass ich es oft auf meine eigene Hand unternehme. Treibe ich nun, eigentlich nur zu meiner Motion, meine Kunste vor den Menschen, so macht es mir ungemeinen Spass, dass die Toren glauben, ich tate es aus besonderen Wohlgefallen an ihrer Person und nur, ihnen Lust und Freude zu erregen. Ja, sie glauben das, sollte auch eine andere Absicht ganz klar sein. Du hast, Geliebter, das lebendige Beispiel davon soeben erfahren. Musste das Madchen nicht gleich einsehen, dass es mir nur um eine Wurst zu tun war, und doch geriet sie in volle Freude, dass ich ihr, der Unbekannten, meine Kunste vormachte, als einer Person, die dergleichen zu schatzen vermogend, und eben in dieser Freude tat sie das, was ich bezweckte. Der Lebenskluge muss es verstehen, allem, was er bloss seinetwegen tut, den Anschein zu geben, als tate er es um anderer willen, die sich dann hoch verpflichtet glauben und willig sind zu allem, was man bezweckte. Mancher erscheint gefallig, dienstfertig, bescheiden, nur den Wunschen anderer lebend und hat nichts im Auge als sein liebes Ich, dem die andern dienstbar sind, ohne es zu wissen. Das, was du also unterwurfige Schmeichelei zu nennen beliebst, ist nichts als weltkluges Benehmen, das in der Erkenntnis und der foppenden Benutzung der Torheit anderer seine eigentlichste Basis findet."
"O Ponto," erwiderte ich, "du bist ein Weltmann, das ist gewiss, und ich wiederhole, dass du dich auf das Leben besser verstehst als ich, aber demunerachtet kann ich kaum glauben, dass deine seltsamen Kunste dir selbst Vergnugen machen sollten. Wenigstens ist mir das entsetzliche Kunststuck durch Mark und Bein gegangen, als du in meiner Gegenwart deinem Herrn ein schones Stuck Braten apportiertest, es sauber zwischen den Zahnen haltend, und nicht eher einen Bissen davon genossest, bis dein Herr dir die Erlaubnis zuwinkte."
"Sage mir doch," fragte Ponto, "sage mir doch, guter Murr, was sich nachher begab!"
"Beide," erwiderte ich, "dein Herr und Meister Abraham, lobten dich uber alle Massen und setzten dir einen ganzen Teller mit Braten hin, den du mit erstaunlichem Appetit verzehrtest."
"Nun," fuhr Ponto fort, "nun also, bester Kater, glaubst du wohl, dass, hatt' ich apportierend das kleine Stuck Braten gefressen, dass ich dann eine solch reichliche Portion und uberhaupt Braten erhalten? Lerne, o unerfahrner Jungling, dass man kleine Opfer nicht scheuen darf, um Grosses zu erreichen. Mich wundert's, dass bei deiner starken Lekture dir nicht bekannt worden, was es heisst, die Wurst nach der Speckseite werfen. Pfote aufs Herz, muss ich dir gestehen, dass, traf' ich einsam im Winkel einen ganzen schonen Braten an, ich ihn ganz gewiss verzehren wurde, ohne auf die Erlaubnis meines Herrn zu warten, konnt' ich das nur unbelauscht vollbringen. Es liegt nun einmal in der Natur, dass man im Winkel ganz anders handelt als auf offner Strasse. Ubrigens ist es auch ein aus tiefer Weltkenntnis geschopfter Grundsatz, dass es ratsam ist, in Kleinigkeiten ehrlich zu sein."
Ich schwieg einige Augenblicke, uber Pontos geausserte Grundsatze nachdenkend, mir fiel ein, irgendwo gelesen zu haben, ein jeder musse so handeln, dass seine Handlungsweise als allgemeines Prinzip gelten konne, oder wie er wunsche, dass alle rucksichts seiner handeln mochten, und bemuhte mich vergebens, dies Prinzip mit Pontos Weltklugheit in Ubereinstimmung zu bringen. Mir kam in den Sinn, dass alle Freundschaft, die mir Ponto in dem Augenblick erzeigte, wohl auch gar zu meinem Schaden, nur seinen eignen Vorteil bezwecken konne, und ich ausserte dies unverhohlen.
"Kleiner Schaker," rief Ponto lachend, "von dir ist gar nicht die Rede! Du kannst mir keinen Vorteil gewahren, keinen Schaden verursachen. Um deine toten Wissenschaften beneide ich dich nicht, dein Treiben ist nicht das meinige, und solltest du dir es etwa beikommen lassen, feindliche Gesinnungen gegen mich zu aussern, so bin ich dir an Starke und Gewandtheit uberlegen. Ein Sprung, ein tuchtiger Biss meiner scharfen Zahne wurde dir auf der Stelle den Garaus machen."
Mich wandelte eine grosse Furcht an vor meinem eignen Freunde, die sich vermehrte, als ein grosser schwarzer Pudel ihn freundlich nach gewohnlicher Art begrusste und beide, mich mit gluhenden Augen anblickend, leise miteinander sprachen.
Die Ohren angekniffen, druckte ich mich an die Seite, doch bald sprang Ponto, den der Schwarze verlassen, wieder auf mich zu und rief: "Komm nur, mein Guter!"
"Ach Himmel," fragte ich in der Besturzung, "wer war denn der ernste Mann, der vielleicht ebenso weltklug als du?"
"Ich glaube gar," erwiderte Ponto, "du furchtest dich vor meinem guten Oheim, dem Pudel Skaramuz? Ein Kater bist du schon und willst nun gar ein Hase werden. "
"Aber", sprach ich, "warum warf der Oheim mir solche gluhende Blicke zu, und was flustertet ihr so heimlich, so verdachtig miteinander? " "Nicht verhehlen," erwiderte Ponto, "nicht verhehlen will ich's dir, mein guter Murr, dass mein alter Oheim etwas murrisch ist und, wie es denn nun bei alten Leuten gewohnlich der Fall, an verjahrten Vorurteilen hangt. Er wunderte sich uber unser Beisammensein, da die Ungleichheit unsers Standes jede Annaherung verbieten musse. Ich versicherte, dass du ein junger Mann von vieler Bildung und angenehmem Wesen warst, der mich bisweilen sehr belustige. Da meinte er, denn konne ich mich wohl dann und wann einsam mit dir unterhalten, nur solle ich's mir nicht etwa einfallen lassen, dich mitzubringen in eine Pudelassemblee, da du nun und nimmermehr assembleefahig werden konntest, schon deiner kleinen Ohren halber, die nur zu sehr deine niedere Abkunft verrieten und von tuchtigen grossgeohrten Pudeln durchaus fur unanstandig geachtet wurden. Ich versprach das."
Hatt' ich schon damals etwas gewusst von meinem grossen Ahnherrn, dem gestiefelten Kater, der Amter und Wurden erlangte, dem Busenfreunde Konig Gottliebs, ich wurde dem Freunde Ponto sehr leicht bewiesen haben, dass jede Pudelassemblee sich geehrt fuhlen musse durch die Gegenwart eines Abkommlings aus der illustersten Familie, so musste ich, aus der Obskuritat noch nicht hervorgetreten, es aber leiden, dass beide, Skaramuz und Ponto, sich uber mich erhaben dunkten. Wir schritten weiter fort. Dicht vor uns wandelte ein junger Mann, der trat mit einem lauten Ausruf der Freude so schnell zuruck, dass er mich, sprang ich nicht schnell zur Seite, schwer verletzt haben wurde. Ebenso laut schrie ein anderer junger Mann, der, die Strasse herab, jenem entgegenkam. Und nun sturzten sich beide in die Arme, wie Freunde, die sich lange nicht gesehen, und wandelten dann eine Strecke vor uns her, Hand in Hand, bis sie stillstanden und, ebenso zartlich voneinander Abschied nehmend, sich trennten. Der, der vor uns hergeschritten, sah dem Freunde lange nach und schlupfte dann schnell in ein Haus hinein. Ponto stand still, ich desgleichen. Da wurde im zweiten Stock des Hauses, in das der junge Mann getreten, ein Fenster geoffnet, ein bildhubsches Madchen schaute heraus, hinter ihr stand der junge Mann, und beide lachten sehr, dem Freunde nachschauend, von dem sich der junge Mann soeben getrennt. Ponto sah herauf und murmelte etwas zwischen den Zahnen, welches ich nicht verstand.
"Warum weilst du hier, lieber Ponto, wollen wir nicht weiter gehen?" So fragte ich, Ponto liess sich aber nicht storen, bis er nach einigen Augenblicken heftig den Kopf schuttelte und dann schweigend den Weg fortsetzte.
"Lass uns," sprach er, als wir auf einen mit Baumen umgebenen, mit Statuen verzierten, anmutigen Platz gelangten, "lass uns hier ein wenig verweilen, guter Murr. Mir kommen jene beiden jungen Manner, die sich so herzlich auf der Strasse umarmten, nicht aus dem Sinn. Es sind Freunde wie Damon und Pylades."
"Damon und Pythias," verbesserte ich, "Pylades war der Freund des Orestes, den er jedesmal getreulich im Schlafrock zu Bette brachte und mit Kamillentee bediente, wenn die Furien und Damonen dem armen Mann zu hart zugesetzt. Man merkt, guter Ponto, dass du in der Geschichte nicht sonderlich bewandert."
"Gleichviel," fuhr der Pudel fort, "gleichviel, aber die Geschichte von den beiden Freunden weiss ich sehr genau und will sie dir erzahlen mit allen Umstanden, so wie ich sie zwanzigmal von meinem Herrn erzahlen horte. Vielleicht wirst du neben Damon und Pythias, Orestes und Pylades als drittes Paar Walter und Formosus nennen. Formosus ist namlich derselbe junge Mann, der dich beinahe zu Boden getreten, in der Freude, seinen geliebten Walter wiederzusehen. Dort in dem schonen Hause mit den hellen Spiegelfenstern wohnt der alte steinreiche Prasident, bei dem sich Formosus durch seinen leuchtenden Verstand, durch seine Gewandtheit, durch sein glanzendes Wissen so einzuschmeicheln wusste, dass er dem Alten bald war wie der eigne Sohn. Es begab sich, dass Formosus plotzlich all seine Heiterkeit verlor, dass er blass aussah und kranklich, dass er in einer Viertelstunde zehnmal aus tiefer Brust aufseufzte, als wolle er sein Leben aushauchen, dass er, ganz in sich gekehrt, ganz in sich verloren, fur nichts in der Welt mehr seine Sinne aufschliessen zu konnen schien. Lange Zeit hindurch drang der Alte vergebens in den Jungling, dass er ihm die Ursache seines geheimen Kummers entdecken moge; endlich kam es heraus, dass er bis zum Tode verliebt war in des Prasidenten einzige Tochter. Anfangs erschrak der Alte, der mit seinem Tochterlein ganz andere Dinge im Sinne haben mochte, als sie an den rang- und amtlosen Formosus zu verheiraten, als er aber den armen Jungling immer mehr und mehr hinwelken sah, ermannte er sich und fragte Ulriken, wie ihr der junge Formosus gefalle, und ob er ihr schon etwas von seiner Liebe gesagt. Ulrike schlug die Augen nieder und meinte, erklart habe sich der junge Formosus zwar gar nicht gegen sie, aus lauter Zuruckhaltung und Bescheidenheit, aber gemerkt habe sie wohl langst, dass er sie liebe, denn so was sei wohl zu bemerken. Ubrigens gefalle ihr der junge Formosus recht wohl, und wenn sonst dem nichts im Wege stande, und wenn der Herzenspapa nichts dagegen habe, und kurz, Ulrike sagte alles, was Madchen bei derlei Gelegenheit zu sagen pflegen, die nicht mehr in der ersten, vollsten Blute stehen und fleissig denken: 'Wer wird der sein, der dich heimfuhrt?' Darauf sprach der Prasident zum Formosus: 'Richte dein Haupt auf, mein junge! Sei froh und glucklich, du sollst sie haben, meine Ulrike!' und so wurde Ulrike die Braut des jungen Herrn Formosus. Alle Welt gonnte dem hubschen bescheidenen Jungling sein Gluck, nur einer geriet daruber in Gram und Verzweiflung, und das war Walter, mit dem Formosus ein Herz und eine Seele aufgewachsen. Walter hatte Ulriken einigemal gesehen, auch wohl gesprochen und sich in sie verliebt, vielleicht noch viel arger als Formosus! Doch ich rede immer von Liebe und verliebt sein und weiss nicht, ob du, mein Kater, schon jemals in Liebe gewesen bist und also dies Gefuhl kennst?" "Was mich betrifft," erwiderte ich, "was mich betrifft, lieber Ponto, glaube ich nicht, dass ich schon geliebt habe oder liebe, da ich mir bewusst bin, noch nicht in den Zustand geraten zu sein, wie ihn mehrere Dichter beschreiben. Den Dichtern ist nicht allemal ganz zu trauen, nach dem, was ich aber sonst daruber weiss und gelesen habe, muss die Liebe eigentlich nichts anders sein als ein psychischer Krankheitszustand, der sich bei dem menschlichen Geschlecht als partieller Wahnsinn darin offenbart, dass man irgendeinen Gegenstand fur etwas ganz anders halt, als was er eigentlich ist, z.B. ein kleines dickes Ding von Madchen, welche Strumpfe stopft, fur eine Gottin. Doch fahre nur fort, geliebter Pudel, in deiner Erzahlung von den beiden Freunden Formosus und Walter."
"Walter" (so sprach Ponto weiter) "sturzte dem Formosus an den Hals und sprach unter vielen Tranen: 'Du raubst mir das Gluck meines Lebens, aber dass du es bist, dass du glucklich wirst, das ist mein Trost, lebe wohl, mein Geliebter, lebe wohl auf ewig!' Darauf lief Walter in den Busch, wo er am dicksten war, und wollte sich totschiessen. Es unterblieb aber, weil er in der Verzweiflung vergessen hatte, das Pistol zu laden, er begnugte sich daher mit einigen Ausbruchen des Wahnsinnes, die jeden Tag wiederkehrten. Eines Tages trat Formosus, den er in vielen Wochen nicht gesehen, ganz unvermutet zu ihm hinein, als er eben vor Ulrikens Pastellgemalde, das unter Glas und Rahmen an der Wand hing, auf den Knieen lag und grasslich lamentierte: 'Nein', rief Formosus, indem er den Walter an seine Brust druckte: 'nein, ich konnte deinen Schmerz, deine Verzweiflung nicht ertragen, dir opfere ich gern mein Gluck. Ich habe Ulriken entsagt, ich habe den alten Vater dahin gebracht, dass er dich zum Eidam annimmt! Ulrike liebt dich, vielleicht ohne es selbst zu wissen. Bewirb dich um sie, ich scheide! lebe wohl!' Er wollte fort, Walter hielt ihn fest. Es war diesem, als lage er im Traum, er glaubte an alles nicht fruher, als bis Formosus ein eigenhandiges Billett des alten Prasidenten hervorzog, worin es ungefahr hiess: 'Edler Jungling! du hast gesiegt, ungern lasse ich dich, aber ich ehre deine Freundschaft, die dem Heroismus gleicht, von welchem man in den alten Skribenten lieset. Mag Herr Walter, der ein Mann ist von loblichen Eigenschaften und ein schones eintragliches Amt hat, sich um meine Tochter Ulrike bewerben, will sie ihn ehelichen, so habe ich meinerseits nichts dagegen.' Formosus verreiste wirklich, Walter bewarb sich um Ulriken, Ulrike wurde wirklich Walters Frau. Der alte Prasident schrieb nun nochmals an Formosus, uberhaufte ihn mit Lobspruchen und fragte, ob es ihm vielleicht Vergnugen machen wurde, nicht etwa als Entschadigung, denn er wisse wohl, dass es in solchem Fall keine gebe, sondern nur als ein geringes Zeichen seiner innigen Zuneigung dreitausend Taler anzunehmen. Formosus antwortete, der Alte kenne die Geringfugigkeit seiner Bedurfnisse, Geld mache, konne ihn nicht glucklich machen und nur die Zeit ihn trosten uber einen Verlust, an dem niemand schuld sei, als das Schicksal, welches in der Brust des teuren Freundes die Liebe zu Ulriken entzundet, und nur dem Schicksal sei er gewichen, von irgendeiner edlen Tat daher gar nicht die Rede. Ubrigens nehme er das Geschenk an unter der Bedingung, dass der Alte es einer armen Witwe, die da und da mit einer tugendhaften Tochter in trostlosem Elende lebe, zuwende. Die Witwe wurde ausfindig gemacht und erhielt die dem Formosus zugedachten dreitausend Reichstaler. Bald darauf schrieb Walter dem Formosus: 'Ich kann nicht mehr leben ohne dich, kehre zuruck in meine Arme!' Formosus tat es und erfuhr, als er gekommen, dass Walter seinen schonen eintraglichen Posten aufgegeben, unter der Bedingung, dass Formosus, der sich langst einen ahnlichen gewunscht, ihn erhalte. Formosus erhielt den Posten wirklich und geriet, rechnete man die getauschte Hoffnung rucksichts der Heirat mit Ulriken ab, in die behaglichste Lage. Stadt und Land erstaunte uber den Wettstreit des Edelmuts beider Freunde, ihre Tat wurde als Nachklang aus einer langst vergangenen schonern Zeit vernommen, als Beispiel aufgestellt eines Heroismus, dessen nur hohe Geister fahig."
"In der Tat," begann ich, als Ponto schwieg, "in der Tat, nach allem, was ich gelesen, mussen Walter und Formosus edle kraftige Menschen sein, die in treuer Aufopferung fureinander nichts von deiner geruhmten Weltklugheit wissen."
"Hm," erwiderte Ponto hamisch lachelnd, "es kommt darauf an! Ein paar Umstande, von denen die Stadt keine Notiz genommen, und die ich zum Teil von meinem Herrn erfahren, teils selbst belauscht habe, sind noch nachzuholen. Mit der Liebe des Herrn Formosus zu der reichen Prasidententochter muss es doch nicht so arg gewesen sein, wie der Alte glaubte, denn im hochsten Stadium dieser totenden Leidenschaft unterliess der junge Mann nicht, nachdem er den Tag uber verzweifelt, jeden Abend eine hubsche niedliche Putzmacherin zu besuchen. Als Ulrike nun aber seine Braut worden, fand er bald, dass das engelsmilde Fraulein das eigne Talent besass, sich bei schicklicher Gelegenheit plotzlich in einen kleinen Satan zu verwandeln. Ausserdem kam ihm aus sichrer Quelle die verdriessliche Nachricht zu, dass Fraulein Ulrike in der Residenz, was Liebe und Liebesgluck betrifft, ganz besondere Erfahrungen gemacht, und nun ergriff ihn plotzlich ein unwiderstehlicher Edelmut, vermoge dessen er die reiche Braut dem Freunde abtrat. Walter hatte sich in seltsamer Verwirrung in Ulriken, die er an offentlichen Orten im hochsten Glanz aller Toilettenkunste gesehen, wirklich verliebt, und Ulriken ihrerseits war es ziemlich einerlei, wer von beiden sich ihr als Gemahl anheftete, Formosus oder Walter. Dieser hatte auch wirklich ein schones eintragliches Amt, bei dessen Verwaltung aber solche krause Streiche gemacht, dass er der Entsetzung binnen weniger Zeit entgegensehen musste. Er zog es vor, fruher zugunsten seines Freundes den Abschied zu nehmen und so durch einen Akt, der alle Kennzeichen der edelsten Gesinnung trug, seine Ehre zu retten. Die dreitausend Taler wurden in guten Papieren einer alten, sehr anstandigen Frau eingehandigt, die zuweilen die Mutter, zuweilen die Muhme, zuweilen die Aufwarterin jener hubschen Putzmacherin vorstellte. Bei diesem Geschaft erschien sie in doppelter Gestalt. Erst bei dem Empfang des Geldes als Mutter, dann, als sie das Geld uberbrachte und einen guten Tragelohn empfing, als Aufwarterin des Madchens, die du kennst, lieber Murr, da sie eben erst mit dem Herrn Formosus zum Fenster hinausschaute. Ubrigens wissen beide, Formosus und Walter, langst, auf welche Weise sie sich in edelmutiger Gesinnung uberboten, sie haben sich, um wechselseitigen Lobeserhebungen auszuweichen, lange vermieden, und deshalb waren ihre heutigen Begrussungen, als der Zufall sie auf der Strasse zusammenfuhrte, so herzlich."
In dem Augenblick entstand ein furchterlicher Larm. Die Menschen liefen durcheinander, schrien: "Feuer! Feuer!" Reuter sprengten durch die Strassen Wagen rasselten. Aus den Fenstern eines Hauses, unfern uns, stromten Rauchwolken und Flammen. Ponto sprang schnell vorwarts, ich aber in der Angst kletterte eine hohe Leiter hinauf, die an ein Haus gelehnt, und befand mich bald auf dem Dache in voller Sicherheit. Plotzlich kam mir
(Mak. Bl.) " ganz unvermutet uber den Hals," sprach Furst Irenaus, "ohne Anfrage des Hofmarschalls, ohne Vorwort des diensttuenden Kammerherrn, beinahe ich sag' Euch das unter uns, Meister Abraham, bringt es nicht etwa unter die Leute beinahe unangemeldet keine Liverei in den Vorzimmern. Die Esel spielten Brausebart im Vestibule. Spielen ist ein grosses Laster. Schon in die Ture getreten, erwischte ihn der Tafeldecker, der zum Gluck gerade durchging, beim Rockschoss und fragte, wer der Herr sei, und wie er ihn dem Fursten servieren solle. Aber er hat mir wohl gefallen, es ist ein ganz artiger Mensch. Sagtet Ihr nicht, dass er sonst nichts weniger gewesen ware als ein purer simpler Musikant? sogar von einigem Stande?"
Meister Abraham versicherte, dass Kreisler allerdings sonst in ganz anderen Verhaltnissen gelebt, die es ihm sogar vergonnt, an der furstlichen Tafel zu speisen, und dass nur der verwustende Sturm der Zeit ihn aus diesen Verhaltnissen vertrieben. Ubrigens wunsche er aber, dass der Schleier, den er uber die Vergangenheit geworfen, unverruckt liegen bleiben moge.
"Also," nahm der Furst das Wort, "also von Adel, vielleicht Baron Graf vielleicht gar Nun, man muss nicht zu weit gehen in traumerischer Hoffnung! Ich habe ein Faible fur dergleichen Mysterien! Es war eine schone Zeit nach der franzosischen Revolution, als Marquis Siegellack fabrizierten und Comtes Nachtmutzen strickten von Filet und nichts sein wollten als simple Monsieurs, und man sich erlustigte auf dem grossen Maskenball. Ja, was den Herrn von Kreisler betrifft! Die Benzon versteht sich auf so etwas, sie ruhmte ihn, sie empfahl mir ihn, sie hat recht. An der Manier, den Hut unter dem Arm zu halten, erkannte ich gleich den Mann von Bildung, von feinem gelautertem Ton."
Der Furst setzte noch einiges Lob uber Kreislers aussere Erscheinung hinzu, so dass Meister Abraham uberzeugt war, sein Plan musse gelingen. Er hatte namlich im Sinn, den Herzensfreund dem eingebildeten Hofstaat einzuschieben als Kapellmeister und ihn so in Sieghartsweiler festzuhalten. Als er nun aber aufs neue davon sprach, erwiderte der Furst ganz entschieden, dass daraus ganz und gar nichts werden konne.
"Sagt selbst," fuhr er dann fort, "sagt selbst, Meister Abraham, ob es moglich sein wurde, den angenehmen Mann in meinen engeren Familienkreis zu ziehen, wenn ich ihn zum Kapellmeister und so zu meinem Offizianten mache? Ich konnte ihm eine Hofcharge verleihen und ihn zum Maitre de Plaisir oder des Spectacles machen, aber der Mann versteht die Musik aus dem Grunde und ist auch, wie Ihr sagt, im Theaterwesen wohl erfahren. Nun weiche ich aber nicht ab von dem Grundsatz meines hochstseligen, in Gott ruhenden Herrn Vaters, der immer behauptete, besagter Maitre musse um des Himmels willen sich auf die Sachen, deren Maitre er reprasentiere, nicht verstehen, da er sich sonst gar zu sehr darum bekummere und sich viel zu sehr fur die Menschen, die dabei beschaftigt, als da sind Schauspieler, Musikanten u.s.w., interessiere Also dafur behalte Herr von Kreisler die Maske des fremden Kapellmeisters und schreite damit hinein in die inneren Gemacher des furstlichen Hauses nach dem Beispiel eines hinlanglich vornehmen Mannes, der vor einiger Zeit in der freilich verwerflichen Maske eines schnoden Histrionen die auserlesensten Zirkel mit den unmutigsten Faxen amusierte."
"Und," rief der Furst dem Meister Abraham, der sich fortbegeben wollte, zu, "und da Ihr gewissermassen den Charge d'Affaires des Herrn von Kreisler zu machen scheinet, so will ich es Euch nicht verhehlen, dass nur zwei Dinge mir nicht recht an ihm gefallen wollen, die vielleicht mehr Gewohnheiten sind als wirkliche Dinge. Ihr versteht schon, wie ich das meine. Furs erste starrt er mir, wenn ich mit ihm spreche, geradezu ins Antlitz. Ich habe doch konsiderable Augen, kann furchterlich daraus blitzen, wie weiland Friedrich der Grosse, kein Kammerjunker, kein Page wagt es aufzuschauen, wenn ich, den entsetzlichen Blick auf ihn schiessend, frage, ob das mauvais sujet schon wieder Schulden gemacht oder den Marzipan aufgefressen, aber der Herr von Kreisler, den mag ich anblitzen, wie ich will, er macht sich gar nichts daraus, sondern lachelt mich an auf eine Weise, dass ich selbst die Augen niederschlagen muss. Dann hat der Mann eine solche besondere Art zu sprechen, zu antworten, das Gesprach fortzufuhren, dass man zuweilen ordentlich glaubt, das, was man selbst gesagt, sei eben nicht sonderlich gewesen, man ware gewissermassen eine Be Beim St. Januar, Meister, das ist ganz unausstehlich, und Ihr musst dafur sorgen, dass Herr von Kreisler sich diese Dinge oder Gewohnheiten abgewohne."
Meister Abraham versprach zu tun, was Furst Irenaus von ihm verlangte, und wollte aufs neue davon, da erwahnte der Furst noch des besondern Widerwillens, den Prinzessin Hedwiga gegen den Kreisler geaussert, und meinte, dass das Kind seit einiger Zeit von seltsamen Traumen und Einbildungen geplagt werde, weshalb der Leibarzt die Molkenkur zum nachsten Fruhjahr angeraten. Hedwiga sei namlich jetzt auf den sonderbaren Gedanken geraten, dass Kreisler dem Tollhause entsprungen und allerlei Unheil anrichten werde bei nachster Gelegenheit.
"Sagt," sprach der Furst, "sagt, Meister Abraham, ob der vernunftige Mann wohl nur die mindeste Spur der Geisteszerruttung an sich tragt?" Abraham erwiderte, dass Kreisler zwar ebensowenig verruckt sei als er selbst, jedoch sich zuweilen etwas seltsam gebarde und in einen Zustand gerate, der beinahe dem des Prinzen Hamlet zu vergleichen, dadurch aber nur um so interessanter werde. "Soviel wie ich weiss," nahm der Furst das Wort, "war der junge Hamlet ein vortrefflicher Prinz aus einem alten angesehenen Regentenhause, der sich nur zuzeiten mit der sonderbaren Idee herumtrug, dass samtliche Hofleute sich auf das Flotenblasen verstehen sollten. Hohen Personen steht es wohl an, auf Seltsames zu verfallen, es vermehrt den Respekt. Was bei dem Mann ohne Rang und Stand eine Absurditat zu nennen, ist bei ihnen bloss die angenehme Kapriole eines ungemeinen Geistes, welche Staunen erregen muss und Bewunderung. Herr von Kreisler sollte fein im geraden Wege bleiben, will er aber durchaus den Prinzen Hamlet imitieren, so ist das ein schones Streben nach dem Hoheren, vielleicht veranlasst durch seine uberwiegende Neigung zu den musikalischen Studien. Man mag es ihm verzeihen, wenn er bisweilen sich wunderlich betragen will."
Es schien, als wenn Meister Abraham heute nun einmal nicht aus dem Zimmer des Fursten kommen sollte; denn wiederum rief der Furst ihn zuruck, als er schon die Ture geoffnet, und verlangte zu wissen, woher der seltsame Widerwille der Prinzessin Hedwiga gegen den Kreisler wohl ruhren moge. Meister Abraham erzahlte die Art, wie Kreisler der Prinzessin und Julien zum erstenmal im Park zu Sieghartshof erschienen, und meinte, dass die aufgeregte Stimmung, in der der Kapellmeister damals gewesen, auf eine Dame von zarten Nerven wohl habe feindlich wirken mussen.
Der Furst gab mit einiger Heftigkeit zu erkennen, wie er hoffe, dass Herr von Kreisler nicht wirklich zu Fusse nach Sieghartshof gekommen, sondern dass der Wagen hier oder dort im breiten Fahrwege des Parks gehalten, da nur gemeine Abenteurer zu Fusse zu reisen pflegten.
Meister Abraham meinte, dass man zwar das Beispiel eines tapfern Offiziers vor Augen habe, der von Leipzig nach Syrakus gelaufen, ohne sich ein einziges Mal die Stiefeln versohlen zu lassen, was aber den Kreisler betreffe, so sei er uberzeugt, dass ein Wagen wirklich im Park gehalten. Der Furst war zufrieden.
Wahrend sich dies im Gemach des Fursten begab, sass Johannes bei der Ratin Benzon vor dem schonsten Flugel, den jemals die kunstreiche Nannette Streicher gebaut, und begleitete Julien das grosse leidenschaftliche Rezitativ der Klytamnestra aus Glucks "Iphigenia in Aulis".
Gegenwartiger Biograph ist leider genotigt, seinen Helden, soll das Portrat richtig sein, als einen extravaganten Menschen darzustellen, der, vorzuglich was die musikalische Begeisterung betrifft, oft dem ruhigen Beobachter beinahe wie ein Wahnsinniger erscheint. Er hat ihm schon die ausschweifende Redensart nachschreiben mussen, dass "als Julia sang, aller sehnsuchtige Schmerz der Liebe, alles Entzucken susser Traume, die Hoffnung, das Verlangen durch den Wald wogte und niederfiel wie erquickender Tau in die duftenden Blumenkelche, in die Brust horchender Nachtigallen." Kreislers Urteil uber Julias Gesang scheint hiernach eben nicht von sonderlichem Wert. Versichern kann aber bemeldeter Biograph bei dieser Gelegenheit dem gunstigen Leser, dass Julias Gesang, den er, dem Himmel sei's geklagt, niemals selbst horte, etwas Geheimnisvolles, etwas ganz Wunderbares in sich getragen haben muss. Ungemein solide Leute, die sich erst seit kurzer Zeit den Zopf wegschneiden lassen, die, nachdem sie einen tuchtigen Rechtsfall, eine malitios merkwurdige Krankheit oder einen jungen Ankommling von Strassburger Pastete gehorig erprobt, der Umgang mit Gluck, Mozart, Beethoven, Spontini im Theater nicht im mindesten aus der schicklichen Seelenruhe brachte, ja, solche Leute haben oft versichert, dass, sange das Fraulein Julia Benzon, ihnen ganz absonderlich zumute wurde, sie konnten gar nicht sagen, wie. Eine gewisse Beklommenheit, die ihnen denn doch ein unbeschreibliches Wohlbehagen errege, bemachtige sich ihrer ganz und gar, und oft kamen sie auf den Punkt, Narrenstreiche zu machen und sich zu gebarden wie junge Phantasten und Versmacher. Anzufuhren ist auch ferner, dass einmal, als Julia bei Hofe sang, Furst Irenaus vernehmlich achzte, und als der Gesang geendet, geradezu losschritt auf Julien, ihre Hand an den Mund druckte und dabei sehr weinerlich sprach: "Bestes Fraulein!" Der Hofmarschall wagte zu behaupten, Furst Irenaus habe der kleinen Julia wirklich die Hand gekusst, und dabei waren ihm ein paar Tranen aus den Augen getropfelt. Auf Anlass der Oberhofmeisterin wurde aber diese Behauptung als ungeziemend und dem Wohl des Hofes zuwider unterdruckt.
Julia, einer vollen metallreichen, glockenreinen Stimme machtig, sang mit dem Gefuhl, mit der Begeisterung, die aus dem im Innersten bewegten Gemut hervorstromt, und darin mochte wohl der wunderbare unwiderstehliche Zauber liegen, den sie auch heute ubte. Der Atem jedes Zuhorers stockte, als sie sang, jeder fuhlte seine Brust beengt von sussem namenlosen Weh, erst ein paar Augenblicke nachher, als sie geendet, brach das Entzucken los im sturmischen ungemessensten Beifall. Nur Kreisler sass da, stumm und starr, zuruckgelehnt in den Sessel; dann stand er leise und langsam auf, Julia wandte sich zu ihm mit einem Blick, der deutlich fragte: "War es denn auch wohl so recht?" Errotend schlug sie aber die Augen nieder, als Kreisler, die Hand aufs Herz legend, mit zitternder Stimme lispelte: "Julia!" und dann mit gebucktem Haupte mehr schlich als ging hinter den Kreis, den die Damen geschlossen.
Mit Muhe hatte die Ratin Benzon Prinzessin Hedwiga dahin vermocht, in der Abendgesellschaft zu erscheinen, wo sie den Kapellmeister Kreisler antreffen musste. Sie gab nur nach, als die Ratin ihr sehr ernsthaft vorstellte, wie kindisch es sein wurde, einen Mann zu meiden, bloss weil er nicht zu den auf eine Art und Weise wie Scheidemunze ausgepragten zu rechnen, sondern sich in freilich hin und wieder bizarrer Eigentumlichkeit darstelle. Zudem habe Kreisler auch Eingang gefunden bei dem Fursten, und unmoglich wurd' es daher sein, den seltsamen Eigensinn durchzufuhren.
Prinzessin Hedwiga wusste sich den ganzen Abend uber so geschickt zu drehen und zu wenden, dass Kreisler, dem es, harmlos und gefugig, wie er war, wirklich galt, die Prinzessin zu versohnen, alles Muhens unerachtet sich nicht ihr nahern konnte. Den geschicktesten Manoeuvres wusste sie zu begegnen mit schlauer Taktik. Desto mehr musste der Benzon, die das alles bemerkt, es auffallen, als die Prinzessin jetzt plotzlich den Kreis der Damen durchbrach und geradezu losschritt auf den Kapellmeister. So tief in sich versunken stand Kreisler da, dass erst die Anrede der Prinzessin, ob er allein denn keine Zeichen, keine Worte habe fur den Beifall, den Julia errungen, ihn aus dem Traume weckte.
"Gnadigste," erwiderte Kreisler mit einem Ton, der die innere Bewegung verriet, "Gnadigste, nach der bewahrten Meinung beruhmter Schriftsteller haben die Seligen statt des Worts nur Gedanken und Blick. Ich war, glaub' ich, im Himmel!"
"So ist", erwiderte die Prinzessin lachelnd, "unsere Julia ein Engel des Lichts, da sie vermochte, Ihnen das Paradies zu erschliessen. Jetzt bitte ich Sie aber, auf einige Augenblicke den Himmel zu verlassen und einem armen Erdenkinde, wie ich es nun einmal bin, Gehor zu geben."
Die Prinzessin hielt inne, als erwarte sie, dass Kreisler etwas sage. Da dieser sie aber schweigend anschaute mit leuchtendem Blick, schlug sie die Augen nieder und wandte sich rasch um, so dass der leicht umgeworfene Shawl von den Schultern hinabwallte. Kreisler fasste ihn im Fallen. Die Prinzessin blieb stehen. "Lassen Sie uns," sprach sie dann mit unsicherm schwankendem Ton, als ringe sie mit irgendeinem Entschluss, als wurd' es ihr schwer, es herauszusagen, was sie im Innern beschlossen "lassen Sie uns von poetischen Dingen ganz prosaisch reden. Ich weiss, Sie geben Julien Unterricht im Gesange, und ich muss gestehen, dass sie seit der Zeit in Stimme und Vortrag unendlich gewann. Das gibt mir die Hoffnung, dass Sie imstande waren, selbst ein mittelmassiges Talent, wie das meinige, zu heben. Ich meine, dass "
Die Prinzessin stockte hocherrotend, die Benzon trat hinzu und versicherte, dass die Prinzessin sich selbst grosses Unrecht tue, wenn sie ihr musikalisches Talent mittelmassig nenne, da sie das Pianoforte vorzuglich spiele und recht ausdrucksvoll singe. Kreisler, dem die Prinzessin in ihrer Verlegenheit auf einmal uber alle Massen liebenswurdig erschien, ergoss sich in einen Strom freundlicher Redensarten und schloss damit, dass ihm nichts Glucklicheres begegnen konne, als wenn die Prinzessin es vergonne, ihr beizustehen im Studium der Musik mit Rat und Tat.
Die Prinzessin horte den Kapellmeister an mit sichtlichem Wohlgefallen, und als er geendet und der Benzon Blick ihr die seltsame Scheu vor dem artigen Mann vorwarf, da sprach sie halb leise: "Ja, ja, Benzon, Sie haben recht, ich bin wohl oft ein kindisches Kind! " In demselben Augenblick fasste sie, ohne hinzublicken, nach dem Shawl, den Kreisler noch immer in den Handen hielt, und den er ihr nun hinreichte. Selbst wusste er nicht, wie es sich begab, dass er dabei der Prinzessin Hand beruhrte. Aber ein heftiger Pulsschlag drohnte ihm durch alle Nerven, und es war, als wollten ihm die Sinne vergehen.
Wie einen Lichtstrahl, der durch finstere Wolken bricht, vernahm Kreisler Juliens Stimme. "Ich soll," sprach sie, "ich soll noch mehr singen, lieber Kreisler, man lasst mir keine Ruhe. Wohl mochte ich das schone Duett versuchen, das Sie mir letzthin gebracht." "Sie durfen das," nahm die Benzon das Wort, "Sie durfen das meiner Julie nicht abschlagen, lieber Kapellmeister fort an den Flugel!"
Kreisler, keines Wortes machtig, sass am Flugel, schlug die ersten Akkorde des Duetts an, wie von einem seltsamen Rausch betort und befangen. Julia begann: "Ah che mi manca l'anima in si fatal momento" Es ist notig zu sagen, dass die Worte dieses Duetts nach gewohnlicher italischer Weise ganz einfach die Trennung eines liebenden Paars aussprachen, dass auf momento naturlicherweise sento und tormento gereimt war, und dass es, wie in hundert andern Duetten ahnlicher Art, auch nicht an dem Abbi pietade o cielo und an der pena di morir fehlte. Kreisler hatte indessen diese Worte in der hochsten Aufregung des Gemuts mit einer Inbrunst komponiert, die beim Vortrage jeden, dem der Himmel nur passable Ohren gegeben, unwiderstehlich hinreissen musste. Das Duett war den leidenschaftlichsten dieser Art an die Seite zu stellen und, da Kreisler nur nach dem hochsten Ausdruck des Moments und nicht darnach strebte, was eben ganz ruhig und bequem von der Sangerin aufzufassen, in der Intonation ziemlich schwer geraten. So kam es, dass Julia schuchtern, mit beinahe ungewisser Stimme begann, und dass Kreisler eben nicht viel besser eintrat. Bald erhoben sich aber beide Stimmen auf den Wellen des Gesanges wie schimmernde Schwane und wollten bald mit rauschendem Flugelschlag emporsteigen zu dem goldnen strahlenden Gewolk, bald in susser Liebesumarmung sterbend untergehen in dem brausenden Strom der Akkorde, bis tief aufatmende Seufzer den nahen Tod verkundeten und das letzte Addio in dem Schrei des wilden Schmerzes wie ein blutiger Springquell heraussturzte aus der zerrissenen Brust.
Niemand befand sich in dem Kreise, den das Duett nicht tief ergriffen, vielen standen die hellen Tranen in den Augen, selbst die Benzon gestand, dass sie selbst im Theater bei irgendeiner gut dargestellten Abschiedsszene Ahnliches noch nicht empfunden. Man uberhaufte Julien und den Kapellmeister mit Lobspruchen, man sprach von der wahren Begeisterung, die beide beseelt, und stellte die Komposition vielleicht noch hoher, als sie es verdiente.
Der Prinzessin Hedwiga hatte man wahrend des Gesanges die innere Bewegung wohl angemerkt, unerachtet sie bemuht war, ruhig zu scheinen, ja durchaus jede Teilnahme zu verbergen. Neben ihr sass ein junges Ding von Hofdame mit roten Wangen, zum Weinen und Lachen gleich aufgelegt, der raunte sie allerlei in die Ohren, ohne dass es ihr gelang, irgend andere Antwort zu erhalten als einzelne Worter, in der Angst der hofischen Konvenienz ausgestossen. Auch der Benzon, die an der andern Seite sass, flusterte sie gleichgultige Dinge zu, als hore sie gar nicht auf das Duett; die nach ihrer strengen Manier bat aber die Gnadigste, die Unterhaltung aufzusparen bis nach geendetem Duett. Jetzt aber sprach die Prinzessin, im ganzen Gesicht gluhend, mit blitzenden Augen so laut, dass sie die Lobspruche der ganzen Gesellschaft ubertonte: "Es wird mir nun wohl erlaubt sein, auch meine Meinung zu sagen. Ich gebe zu, dass das Duett als Komposition seinen Wert haben mag, dass meine Julie vortrefflich gesungen hat, aber ist es recht, ist es billig, dass man im gemutlichen Zirkel, wo freundliche Unterhaltung obenanstehen soll, wo wechselseitige Anregungen Rede, Gesang forttreiben sollen wie einen zwischen Blumenbeeten sanft murmelnden Bach, dass man da extravagante Sachen auftischt, die das Innere zerschneiden, deren gewaltsamen zerstorenden Eindruck man nicht verwinden kann? Ich habe mich bemuht, mein Ohr, meine Brust zu verschliessen dem wilden Schmerz des Orkus, den Kreisler mit unser leicht verletzliches Inneres verhohnender Kunst in Tonen aufgefasst hat, aber niemand war so gutig, sich meiner anzunehmen. Gern will ich meine Schwache Ihrer Ironie preisgeben, Kapellmeister, gern will ich gestehen, dass der uble Eindruck Ihres Duetts mich ganz krank gemacht hat. Gibt es denn keinen Cimarosa, keinen Paesiello, deren Kompositionen recht fur die Gesellschaft geschrieben sind?"
"O Gott," rief Kreisler, indem sein Gesicht in dem mannigfaltigsten Muskelspiel vibrierte, wie es allemal zu geschehen pflegte, wenn der Humor aufstieg in dem Innern, "o Gott, gnadigste Prinzessin! wie ganz bin ich armster Kapellmeister Ihrer gutigen gnadigen Meinung! Ist es nicht gegen alle Sitte und Kleiderordnung, die Brust mit all der Wehmut, mit all dem Schmerz, mit all dem Entzucken, das darin verschlossen, anders in die Gesellschaft zu tragen, als dick verhullt mit dem Fichu vortrefflicher Artigkeit und Konvenienz? Taugen denn alle Loschanstalten, die der gute Ton uberall bereitet, taugen sie wohl was, sind sie wohl hinlanglich, um das Naphthafeuer zu dampfen, das hie und da hervorlodern will? Spult man noch so viel Tee, noch so viel Zuckerwasser, noch so viel honettes Gesprach, ja noch so viel angenehmes Dudeldumdei hinunter, doch gelingt es diesem, jenem freveligen Mordbrenner, eine Congrevische Rakete ins Innere zu werfen, und die Flamme leuchtet empor, leuchtet und brennt sogar, welches dem puren Mondschein niemals geschieht! Ja! gnadigste Prinzessin! ja, ich! aller Kapellmeister hienieden unseligster, ich habe schandlich gefrevelt mit dem entsetzlichen Duett, das wie ein hollisches Feuerwerk mit allerlei Leuchtkugeln, Schwanzraketen, Schwarmern und Kanonenschlagen durch die ganze Gesellschaft gefahren ist und, leider merk' ich's, fast uberall gezundet hat! Ha! Feuer Feuer Mordio! es brennt Spritzenhaus auf Wasser Wasser- Hilfe, rettet!"
Kreisler sturzte zu auf den Notenkasten, zog ihn hervor unter dem Flugel, offnete ihn warf die Noten umher, riss eine Partitur heraus, es war Paesiellos "Molinara", setzte sich an das Instrument, begann das Ritornell der bekannten hubschen Ariette: "La Rachelina molinarina", mit der die Mullerin auftritt
"Aber lieber Kreisler!" sprach Julie ganz schuchtern und erschrocken.
Doch Kreisler warf sich vor Julien nieder auf beide Knie und flehte: "Teuerste, holdseligste Julia! Erbarmen Sie sich der hochverehrten Gesellschaft, giessen Sie Trost in die hoffnungslosen Gemuter, singen Sie die Rachelina!
Tun Sie es nicht, so bleibt mir nichts ubrig, als mich hier vor Ihren sichtlichen Augen hinabzusturzen in die Verzweiflung, an deren Rand ich mich bereits befinde, und Sie halten den verlornen Maitre de la Chapelle vergebens am Rockschoss, denn indem Sie gutmutig rufen: 'Bleibe bei uns, o Johannes!' so ist er schon hinabgefahren zum Acheron und wagt im damonischen Shawltanz die allerzierlichsten Sprunge: darum singen Sie, Werte!"
Julia tat, wiewohl, so schien es, mit einigem Widerwillen, warum Kreisler sie gebeten.
Sowie die Ariette geendet, begann Kreisler sofort das bekannte komische Duett des Notars mit der Mullerin.
Julias Gesang in Stimme und Methode neigte sich ganz zum Ernsten, Pathetischen, demungeachtet stand ihr eine Laune zu Gebote, wenn sie komische Sachen vortrug, die die reizendste Liebenswurdigkeit selbst war. Kreisler hatte sich den seltsamen, aber unwiderstehlich hinreissenden Vortrag der italienischen Buffi zu eigen gemacht, das ging heute aber beinahe bis zur Ubertreibung, denn indem Kreislers Stimme nicht dieselbe schien, da sie dem hochsten dramatischen Ausdruck in tausend Nuancen sich fugte, so schnitt er dabei auch solche absonderliche Gesichter, die einen Cato zum Lachen gebracht hatten.
Es konnte nicht fehlen, dass alle laut aufjauchzten, losbrachen in schallendem Gelachter.
Kreisler kusste Julien entzuckt die Hand, die sie ihm ganz unmutig schnell wegzog. "Ach," sprach Julie, "ach, Kapellmeister, ich kann mich nun einmal in Ihre seltsame Launen abenteuerliche mocht' ich sie nennen, ich kann mich nun einmal gar nicht darin finden! Dieser Todessprung von einem Extrem zum andern zerschneidet nur die Brust! Ich bitte Sie, lieber Kreisler, verlangen Sie nicht mehr, dass ich mit tief bewegtem Gemut, wenn noch die Tone der tiefsten Wehmut widerklingen in meinem Innern, dass ich dann Komisches singe, sei es auch noch so artig und hubsch. Ich weiss es ich vermag es, ich setze es durch, aber es macht mich ganz matt und krank. Verlangen Sie es nicht mehr! Nicht wahr, Sie versprechen mir das, lieber Kreisler?"
Der Kapellmeister wollte antworten, in dem Augenblick umarmte aber die Prinzessin Julien, starker, ausgelassener lachend, als es irgendeine Oberhofmeisterin fur schicklich halten oder verantworten kann.
"Komm an meine Brust," rief sie, "du aller Mullerinnen holdeste, stimmreichste, launigste! Du mystifizierst alle Barone, Amtsverweser, Notare in der ganzen Welt, und wohl noch gar " Das ubrige, was sie noch sagen wollte, ging unter in der drohnenden Lache, die sie von neuem aufschlug.
Und dann sich rasch zum Kapellmeister wendend: "Sie haben mich ganz mit sich ausgesohnt, lieber Kreisler! O, jetzt verstehe ich Ihren springenden Humor. Er ist kostlich, in der Tat kostlich! Nur in dem Zwiespalt der verschiedensten Empfindungen, der feindlichsten Gefuhle geht das hohere Leben auf! Haben Sie Dank, herzlichen Dank da! ich erlaube Ihnen, mir die Hand zu kussen!"
Kreisler fasste die ihm dargebotene Hand, und wiederum, wiewohl nicht so heftig als zuvor, durchdrohnte ihn der Pulsschlag, so dass er einen Moment zu zogern genotigt, ehe er nun die zarten enthandschuhten Finger an den Mund druckte, sich mit solchem Anstand verbeugend, als sei er noch Legationsrat. Selbst wusste er nun nicht, wie es kam, dass ihm diese physische Empfindung bei dem Beruhren der furstlichen Hand ungemein lacherlich bedunken wollte. "Am Ende," sprach er zu sich selbst, als die Prinzessin ihn verlassen, "am Ende ist die Gnadigste eine Art von Leydner Flasche und walkt honette Leute durch mit elektrischen Schlagen nach furstlichem Belieben!"
Die Prinzessin hupfte, tanzelte im Saal umher, lachte, trallerte dazwischen: "La Rachelina molinarina" und herzte und kusste bald diese, bald jene Dame versicherte, nie in ihrem Leben sei sie froher gewesen, und das habe sie dem wackern Kapellmeister zu verdanken. Der ernsten Benzon war das alles im hochsten Grade zuwider, sie konnte es nicht lassen, die Prinzessin endlich beiseite zu ziehen und ihr ins Ohr zu flustern: "Hedwiga, ich bitte Sie, welch ein Betragen!"
"Ich dachte," erwiderte die Prinzessin mit funkelnden Augen, "ich dachte, liebe Benzon, wir liessen heute das Hofmeistern und gingen alle zu Bette! Ja! zu Bette zu Bette!" Und damit rief sie nach ihrem Wagen.
Schweifte die Prinzessin aus in krampfhafter Lustigkeit, so war Julia indessen still und trube geworden. Den Kopf auf die Hand gestutzt, sass sie am Flugel, und ihr sichtliches Verbleichen, das umflorte Auge bewies, dass ihr Unmut bis zum physischen Weh sich gesteigert.
Auch Kreislern war das Brillantfeuer des Humors verloscht. Jedem Gesprach ausweichend, tappte er mit leisen Schritten nach der Ture. Die Benzon trat ihm in den Weg. "Ich weiss nicht," sprach sie, "welche sonderbare Verstimmung heute mir "
(M. f. f.) alles so bekannt, so heimisch vor, ein susses Aroma, selbst wusst' ich nicht, von welchen vortrefflichen Braten, wallte in blaulichen Wolken uber die Dacher daher, und wie aus weiter weiter Ferne, im Sauseln des Abendwindes, lispelten holde Stimmen: "Murr, mein Geliebter, wo weiltest du so lange?"
"Was ist's, das die beengte Brust
Mit Wonneschauer so durchbebt,
Den Geist zum Himmel hoch erhebt,
Ist's Ahnung hoher Gotterlust?
Ja springe auf, du armes Herz,
Ermut'ge dich zu kuhnen Taten,
Umwandelt ist in Lust und Scherz
Der trostlos bittre Todesschmerz,
Die Hoffnung lebt ich rieche Braten!"
So sang ich und verlor mich, des entsetzlichen Feuerlarms nicht achtend, in die angenehmsten Traume! Doch auch hier auf dem Dache sollten mich noch die schreckhaften Erscheinungen des grotesken Weltlebens, in das ich hineingesprungen, verfolgen. Denn ehe ich mir's versah, stieg aus dem Rauchfange eines jener seltsamen Ungetume empor, die die Menschen Schornsteinfeger nennen. Kaum mich gewahrend, rief der schwarze Schlingel: "Husch Katz!" und warf den Besen nach mir. Dem Wurfe ausweichend, sprang ich uber das nachste Dach hinweg und hinunter in die Dachrinne. Doch wer schildert mein frohes Erstaunen, ja, meinen freudigen Schreck, als ich wahrnahm, dass ich mich auf dem Hause meines wackern Herrn befand. Behende kletterte ich von Dachluke zu Dachluke, doch alle waren verschlossen. Ich erhob meine Stimme, jedoch umsonst, niemand horte mich. Indessen wirbelten die Rauchwolken von dem brennenden Hause hoch auf, Wasserstrahlen zischten dazwischen, tausend Stimmen schrieen durcheinander, das Feuer schien bedrohlicher zu werden. Da offnete sich die Dachluke, und Meister Abraham schaute heraus in seinem gelben Schlafrock. "Murr, mein guter Kater Murr, da bist du ja Komm hinein, komm hinein, kleiner Graupelz!" So rief der Meister freudig, als er mich erblickte. Ich unterliess nicht, ihm durch alle Zeichen, die mir zu Gebote standen, auch meine Freude zu erkennen zu geben: es war ein schoner herrlicher Moment des Wiedersehens, den wir feierten. Der Meister streichelte mich, als ich zu ihm hinein in den Dachboden gesprungen, so dass ich vor Wohlbehagen in jenes sanfte, susse Knurren ausbrach, das die Menschen in hohnender Verspottung mit dem Worte "spinnen" bezeichnen. "Ha, ha," sprach der Meister lachend, "ha ha, mein Junge, dir ist wohl, da du vielleicht von weiter Wanderung zuruckgekehrt bist in die Heimat, du erkennst nicht die Gefahr, in der wir schweben. Beinahe mochte ich wie du ein glucklicher harmloser Kater sein, der sich den Teufel was schert um Feuer und Spritzenmeister, und dem kein Mobiliare verbrennen kann, da das einzige Mobile, dessen sein unsterblicher Geist machtig, er selbst ist."
Damit nahm mich der Meister auf den Arm und stieg herab in sein Zimmer.
Kaum waren wir hineingetreten, als Professor Lothario uns nachsturzte, dem noch zwei Manner folgten.
"Ich bitte Euch," rief der Professor, "ich bitte Euch um des Himmels willen, Meister! Ihr seid in der dringendsten Gefahr, das Feuer schlagt schon uber Euer Dach. Erlaubt, dass wir Eure Sachen wegtragen."
Der Meister erklarte sehr trocken, dass in solcher Gefahr der jahe Eifer der Freunde viel verderblicher sich gestalte, als die Gefahr selbst, da das, was vor dem Feuer geborgen, gewohnlich zum Teufel ginge, wiewohl auf schonere Art. Er selbst habe in fruherer Zeit einem Freunde, der von Feuer bedroht, in dem wohlwollendsten Enthusiasmus betrachtliches chinesisches Porzellan durchs Fenster geworfen, damit es nur ja nicht verbrenne. Wollten sie aber fein ruhig drei Nachtmutzen, ein paar graue Rocke und andere Kleidungsstucke, worunter eine seidne Hose vorzuglich zu beachten, nebst einiger Wasche in einen Koffer, Bucher und Manuskripte in ein paar Korbe pakken, seine Maschinen aber nicht mit einem Finger anruhren, so werde es ihm lieb sein. Stehe dann das Dach in Flammen, so wolle er samt dem Mobiliar sich von dannen machen.
"Erst aber," (so schloss er) "erst aber erlaubt, dass ich meinen Hausgenossen und Stubenkameraden, der soeben von weiten Reisen mude, ermattet zuruckgekommen, mit Speis' und Trank erquicke, nachher moget ihr wirtschaften!"
Alle lachten sehr, da sie gewahrten, dass der Meister niemanden anders gemeint als mich.
Es schmeckte mir herrlich, und die schone Hoffnung, die ich auf dem Dach in sehnsuchtsvollen sussen Tonen ausgesprochen, wurde ganz erfullt.
Als ich mich erquickt, setzte mich der Meister in einen Korb; neben mir, es war dazu Platz, stellte er eine kleine Schussel mit Milch hin und deckte den Korb sorgfaltig zu.
"Wart's ruhig ab," sprach der Meister, "wart's ruhig ab, mein Kater, in dunkler Behausung, was aus uns noch werden wird, nippe zum Zeitvertreib von deinem Lieblingstrank, denn springst oder trottierst du hier im Zimmer umher, so treten sie dir den Schwanz, die Beine entzwei im Tumult des Rettens. Kommt es zur Flucht, so trage ich dich selbst mit mir fort, damit du dich nicht wieder verlaufst, wie es schon geschehen. Sie glauben nicht," wandte sich nun der Meister zu den andern, "Sie glauben nicht, verehrteste Herren und Helfer in der Not, was der kleine graue Mann im Korbe, was das fur ein herrlicher grundgescheiter Kater ist. Naturhistorische Galls behaupten, dass sonst mit den vortrefflichsten Organen, als da sind Mordlust, Diebessinn, Schelmerei u.s.w., ausgerusteten Katern von leidlicher Edukation doch der Ortsinn ganzlich mangele, dass sie, einmal sich verlaufen, die Heimat nie wiederfanden, aber mein guter Murr macht davon eine glanzende Ausnahme. Seit ein paar Tagen vermisste ich ihn und betrauerte recht herzlich seinen Verlust, heut, soeben ist er zuruckgekehrt und hat, wie ich mit Recht vermuten darf, noch dazu die Dacher benutzt als angenehme Kunststrasse. Die gute Seele hat nicht allein Klugheit bewiesen und Verstand, sondern auch die treueste Anhanglichkeit an seinen Herrn, weshalb ich ihn nun noch viel mehr liebe als vorher." Mich erfreute des Meisters Lob ganz ungemein, mit innerm Wohlbehagen fuhlte ich meine Uberlegenheit uber mein ganzes Geschlecht, uber ein ganzes Heer verirrter Kater ohne Ortsinn und wunderte mich, dass ich selbst das ganz Ungemeine meines Verstandes nicht hinlanglich eingesehen. Zwar dacht' ich daran, dass eigentlich der junge Ponto mich auf den rechten Weg und der Wurf des Schornsteinfegers auf das rechte Dach gebracht, indessen glaubte ich doch nicht im mindesten an meiner Sagazitat und an der Wahrheit des Lobes, das mir der Meister erteilte, zweifeln zu durfen. Wie gesagt, ich fuhlte meine innere Kraft, und dies Gefuhl burgte mir fur jene Wahrheit. Dass unverdientes Lob viel mehr erfreue und den Gelobten viel mehr aufblahe als verdientes, wie ich einmal las oder jemanden behaupten horte, das gilt wohl nur von den Menschen, gescheite Kater sind frei von solcher Torheit, und ich glaube bestimmt, dass ich vielleicht ohne Ponto und Schornsteinfeger den Ruckweg nach Hause gefunden hatte, und dass beide sogar nur den richtigen Ideengang im Innern verwirrten. Das bisschen Weltklugheit, womit der junge Ponto so prahlte, ware mir auch wohl zugekommen auf andere Weise, wenngleich die mancherlei Begebenheiten, die ich mit dem liebenswurdigen Pudel mit dem aimable roue erlebte, mir guten Stoff gaben zu den freundschaftlichen Briefen, in welche ich meine Reisebeschreibung einkleidete. In allen Morgen- und Abendzeitungen, in allen eleganten und freimutigen Blattern konnten diese Briefe mit Effekt abgedruckt stehen, da mit Geist und Verstand darin die glanzendsten Seiten meines Ichs hervorgehoben sind, was doch jedem Leser am interessantesten sein muss. Aber ich weiss es schon, die Herren Redakteurs und Verleger fragen: "Wer ist dieser Murr?" und erfahren sie denn, dass ich ein Kater bin, wiewohl der vortrefflichste auf Erden, so sprechen sie verachtlich: "Ein Kater und will schreiben!" Und hatt' ich Lichtenbergs Humor und Hamanns Tiefe von beiden habe ich viel Gutes vernommen, sie sollen fur Menschen nicht ubel geschrieben haben, sind aber Todes verblichen, welches fur jeden Schriftsteller und Dichter, der leben will, eine durchaus riskante Sache ist und, sag' ich noch einmal, hatt' ich Lichtenbergs Humor und Hamanns Tiefe, doch erhielte ich das Manuskript zuruck, bloss weil man mir vielleicht meiner Krallen halber keine amusante Schreibart zutraut. So was chagriniert! O Vorurteil, himmelschreiendes Vorurteil, wie befangst du doch die Menschen und vorzuglich diejenigen, die da heissen Verleger!
Der Professor und die, die mit ihm gekommen, machten nun einen grimmigen Spektakel um mich her, der meines Bedunkens wenigstens bei dem Verpacken der Nachtmutzen und der grauen Rocke nicht notig gewesen ware.
Auf einmal rief draussen eine hohle Stimme: "Das Haus brennt!" "Hoho," sprach der Meister Abraham, "da muss ich auch dabei sein, bleibt nur ruhig, ihr Herren! Wenn die Gefahr da ist, bin ich wieder hier, und wir packen an!"
Und damit verliess er eilig das Zimmer.
Mir wurde in meinem Korbe wirklich bange. Das wilde Getose der Rauch, der nun in das Zimmer zu dringen begann, alles mehrte meine Angst! Allerlei schwarze Gedanken stiegen in mir auf! Wie wenn der Meister mich vergasse, wenn ich schmachvoll umkommen musste in den Flammen! Ich fuhlte, die furchtbare Angst mochte es verschulden, ein besonderes hassliches Kneifen im Leibe. "Ha!" dacht' ich, "wenn im Herzen falsch, wenn neidisch ob meiner Wissenschaft, mich los zu werden, enthoben jeder Sorg' zu sein, nun mich der Meister noch in diesen Korb gespunden. Wie wenn selbst dieser unschuldsweisse Trank wie, war' es Gift, das er mit schlauer Kunst hier zubereitet, mir den Tod zu geben?" Herrlicher Murr, selbst in der Todesangst denkst du in Jamben, lasst nicht aus der Acht, was du im Shakespeare-Schlegel einst gelesen!
Meister Abraham steckte jetzt den Kopf zur Ture hinein und sprach: "Die Gefahr ist voruber, ihr Herren! Setzt euch nur ruhig hin an jenen Tisch und trinkt die paar Flaschen Wein aus, die ihr in dem Wandschrank gefunden, ich meinesteils begebe mich noch ein wenig aufs Dach und will erklecklich spritzen. Doch halt, erst muss ich nachsehen, was mein guter Kater macht."
Der Meister trat vollends hinein, nahm den Deckel von dem Korbe, in dem ich sass, sprach mir zu mit freundlichen Worten, erkundigte sich nach meinem Wohlbefinden, fragte, ob ich vielleicht noch einen gebratenen Vogel verspeisen wolle, welches alles ich mit mehrmaligem sussen Miau erwiderte und mich recht bequem ausstreckte, welches mein Meister mit Recht fur das beredte Zeichen nahm, dass ich satt sei, noch im Korbe zu bleiben wunsche, und stulpte den Deckel wieder auf.
Wie wurde ich nun von der guten freundlichen Gesinnung uberzeugt, die Meister Abraham fur mich hegte. Ich hatte mich meines schnoden Misstrauens schamen mussen, wenn es uberhaupt fur einen Mann von Verstande schicklich ware, sich zu schamen. "Am Ende", dacht' ich, "war auch die furchterliche Angst, das ganze Unheil ahnende Misstrauen weiter nichts als poetische Schwarmerei, wie sie jungen genialen Enthusiasten eigen, die dergleichen oft formlich brauchen als berauschendes Opium." Das beruhigte mich ganz und gar.
Kaum hatte der Meister die Stube verlassen, als der Professor, ich konnt' es durch eine kleine Ritze des Korbes bemerken, sich mit misstrauischen Blicken nach dem Korbe umschaute und dann den andern zuwinkte, als habe er ihnen irgend Wichtiges zu entdekken. Dann sprach er mit so leiser Stimme, dass ich kein Wortlein verstanden, hatte der Himmel nicht in meine spitze Ohren mir unglaublich scharfes Gehor gelegt: "Wisst ihr wohl, wozu ich eben jetzt Lust hatte? Wisst ihr wohl, dass ich hingehen zu jenem Korbe, ihn offnen und dem verfluchten Kater, der drinnen sitzt, und der uns jetzt vielleicht alle mit seinem ubermutigen Selbstgenugsein verhohnt, dies spitze Messer in die Kehle stossen mochte?"
"Was fallt Euch ein," rief ein anderer, "was fallt Euch ein, Lothario, den hubschen Kater, den Liebling unseres wackern Meisters, wolltet Ihr umbringen? Und warum sprecht Ihr denn so leise?"
Der Professor, ebenso mit gedampfter Stimme wie vorher weiter sprechend, erklarte, dass ich alles verstehe, dass ich lesen und schreiben konne, dass mir Meister Abraham auf eine, freilich geheimnisvolle, unerklarliche Weise die Wissenschaften beigebracht, so dass ich schon jetzt, wie ihm der Pudel Ponto verraten, schriftstellere und dichte, und dass das alles dem schelmischen Meister zu nichts anderm dienen werde als zur Verspottung der vortrefflichsten Gelehrten und Dichter.
"O," sprach Lothario mit unterdruckter Wut, "o, ich seh' es kommen, dass Meister Abraham, der ohnedem das Vertrauen des Grossherzogs in vollem Masse besitzt, dass er mit dem ungluckseligen Kater alles durchsetzt, was er nur will. Die Bestie wird Magister legens werden, die Doktorwurde erhalten, zuletzt als Professor der Asthetik Collegia lesen uber den Aeschylos Corneille Shakespeare! ich komme von Sinnen! der Kater wird in meinen Eingeweiden wuhlen und hat ganz infame Krallen!"
Alle gerieten bei diesen Reden Lotharios, des Professors der Asthetik, in das tiefste Erstaunen. Einer meinte, es sei ganz unmoglich, dass ein Kater lesen und schreiben lernen konne, da diese Elemente aller Wissenschaft nachst der Geschicklichkeit, der nur der Mensch fahig, eine gewisse Uberlegung, man mochte sagen, Verstand erforderten, der sogar nicht allemal bei dem Menschen, dem Meisterstuck der Schopfung, anzutreffen, viel weniger bei gemeinem Vieh!
"Bester," nahm ein anderer, wie mir's in meinem Korbe schien, sehr ernsthafter Mann das Wort, "Bester, was nennen Sie gemeines Vieh? Es gibt gar kein gemeines Vieh. Oft in stille Selbstbetrachtung versunken, empfinde ich den tiefsten Respekt vor Eseln und andern nutzlichen Tieren. Ich begreife nicht, warum einer angenehmen Hausbestie von glucklichen naturlichen Anlagen nicht sollte das Lesen und Schreiben beigebracht werden, ja, warum sich ein solches Tierlein nicht sollte erheben konnen zum Gelehrten und Dichter? Ist denn das so etwas Beispielloses? An Tausendundeine Nacht, als der besten historischen Quelle voll pragmatischer Authentizitat, mag ich gar nicht denken, sondern Sie, mein Allerliebster, nur an den gestiefelten Kater erinnern, einen Kater, der voll Edelmut, durchdringendem Verstande war und tiefer Wissenschaft."
Voll Freude uber dieses Lob eines Katers, der, wie mir eine deutliche Stimme im Innern sagte, mein wurdiger Ahnherr sein musste, konnt' ich mir nicht enthalten, zwei-, dreimal ziemlich stark zu niesen. Der Redner hielt inne, und alle schauten sich ganz verschuchtert um nach meinem Korbe.
"Contentement mon cher," rief endlich der ernsthafte Mann, der eben gesprochen, und fuhr dann weiter fort: "Irre ich nicht, so erwahnten Sie, teurer Asthetiker, vorhin eines Pudels Ponto, der Ihnen des Katers dichterisches und wissenschaftliches Treiben verraten. Dies bringt mich denn auf Cervantes hochst vorzugliche 'Berganza', von dessen neuesten Schicksalen in einem gewissen neuen, hochst abenteuerlichen Buche Nachricht gegeben wird. Auch dieser Hund gibt ein entscheidendes Beispiel uber das Naturell und uber die Bildungsfahigkeit der Tiere." "Aber," nahm der andere das Wort, "aber mein teurer, liebster Freund, welche Beispiele fuhren Sie denn da an? Von dem Hunde Berganza spricht ja Cervantes, der bekanntlich ein Romanschreiber war, und die Geschichte vom gestiefelten Kater ist ja ein Kindermarchen, welches Herr Tieck freilich mit solcher Lebendigkeit uns vor Augen gebracht hat, dass man beinahe die Torheit begehen konnte, wirklich daran zu glauben. Also zwei Dichter allegieren Sie, als waren es ernste Naturhistoriker und Psychologen, nun sind aber Dichter nichts weniger als das, sondern ausgemachte Phantasten, die lauter eingebildetes Zeug ausbruten und vorbringen. Sagen Sie, wie mag denn aber ein verstandiger Mann wie Sie sich auf Dichter berufen, um das zu bewahrheiten, was wider Sinn und Verstand lauft? Lothario ist Professor der Asthetik, und es ist billig, dass er als solcher bisweilen etwas weniges uber die Schnur haue, aber Sie "
"Halt," sprach der Ernste, "halt, mein Liebster, ereifern Sie sich nicht. Bedenken Sie fein, dass, wenn vom Wunderbaren, Unglaublichen die Rede, man fuglich Dichter allegieren darf, denn simple Historiker verstehen den Teufel was davon. Ja, wenn das Wunderbare in Schick und Form gebracht und als reine Wissenschaft vorgetragen werden soll, wird der Beweis irgendeines Erfahrungssatzes am besten aus beruhmten Dichtern entnommen, auf deren Wort man bauen darf. Ich fuhre Ihnen, und damit werden Sie, selbst ein gelehrter Arzt, zufrieden sein ja! sage ich, ich fuhre Ihnen das Beispiel eines beruhmten Arztes an, der in seiner wissenschaftlichen Darstellung des animalischen Magnetismus, um unsern Rapport mit dem Weltgeiste, um das Dasein eines wunderbaren Ahnungsvermogens unleugbar ins Licht zu stellen, sich auf Schiller und dessen Wallenstein bezieht, welcher sagt: 'Es gibt im Menschenleben Augenblicke' und 'Dergleichen Stimmen gibt's es ist kein Zweifel' und wie es denn weiter heisst. Sie konnen das Weitere selbst nachlesen in der Tragodie." "Ho ho!" erwiderte der Doktor, "Sie springen ab Sie geraten in den Magnetismus und sind imstande, zuletzt zu behaupten, dass nachst allen Wundern, die dem Magnetiseur zu Gebote stehen, er auch den Schulmeister fur empfangliche Kater abgeben konnte."
"Nun," sprach der Ernste, "wer weiss, wie der Magnetismus auf Tiere wirkt. Kater, die schon das elektrische Fluidum in sich tragen, wie Sie sich gleich uberzeugen konnen "
Plotzlich an Mina denkend, die uber dergleichen Versuche, die mit ihr angestellt worden, so bitter klagte, erschrak ich so heftig, dass ich ein lautes Miau ausstiess!
"Bei dem Orkus," rief der Professor erschrocken, "bei dem Orkus und all seinem Entsetzen, der hollische Kater hort uns, versteht uns Herz gefasst mit diesen Handen erwurg' ich ihn."
"Ihr seid nicht klug," sprach der Ernste "Ihr seid wahrhaftig nicht klug, Professor. Nimmermehr leide ich, dass Ihr dem Kater, den ich schon jetzt herzlich liebgewonnen, ohne das Gluck seiner nahern Bekanntschaft zu geniessen, dass Ihr ihm nur das geringste Leid zufugt. Am Ende muss ich glauben, dass Ihr eifersuchtig seid auf ihn, weil er Verse macht? Professor der Asthetik kann ja der kleine graue Mann niemals werden, daruber beruhigen Sie sich nur ganz. Steht es denn nicht deutlich in den uralten akademischen Statuten, dass uberhandgenommenen Missbrauchs halber keine Esel mehr zur Professur gelangen sollen, und ist diese Verordnung nicht auch auf Tiere auszudehnen von jeder Art und Gattung, mithin auch auf Kater?"
"Mag es sein," sprach der Professor unmutig, "mag es sein, dass der Kater niemals weder Magister legens, noch Professor der Asthetik werden wird, als Schriftsteller tritt er doch auf uber kurz oder lang, findet der Neuheit wegen Verleger und Leser, schnappt uns gute Honorare weg "
"Ich finde," erwiderte der Ernste, "ich finde durchaus keine Ursache, warum dem guten Kater, dem aimablen Liebling unsers Meisters, es verwehrt sein solle, eine Bahn zu betreten, auf der sich so viele ohne Rucksicht auf Kraft und Haltung umhertummeln. Die einzige Massregel, die dabei zu beobachten, ware, dass man ihn notigte, sich die spitzen Krallen verschneiden zu lassen, und das ware vielleicht das einzige, was wir jetzt gleich tun konnten, um sicher zu sein, dass er uns nie verwunde, wenn er ein Autor worden."
Alle standen auf. Der Asthetiker griff nach der Schere.
Man kann sich meine Lage denken, ich beschloss, mit Lowenmut anzukampfen gegen die Verunglimpfung, die man mir zugedacht, den ersten, der sich mir nahen wurde, zu zeichnen auf ewige Zeiten; ich rustete mich zum Sprunge, sowie der Korb geoffnet werden wurde.
In dem Augenblick trat Meister Abraham hinein, und voruber war meine Angst, die schon sich steigern wollte zur Verzweiflung. Er offnete den Korb, und noch ganz ausser mir, sprang ich mit einem Satz hinaus und schoss dem Meister wild vorbei unter den Ofen.
"Was ist dem Tiere widerfahren?" rief der Meister, die andern misstrauisch anblickend, welche dastanden ganz verlegen und, vom bosen Gewissen geplagt, gar nicht zu antworten vermochten.
So bedrohlich auch meine Lage im Gefangnis war, doch empfand ich inniges Wohlbehagen daruber, was der Professor von meiner mutmasslichen Laufbahn sagte, sowie sein deutlich ausgesprochner Neid mich hochlich erfreute. Ich fuhlte schon das Doktorhutlein auf meiner Stirne, ich sah mich schon auf dem Katheder! Sollten meine Vorlesungen denn nicht am haufigsten besucht werden von der wissbegierigen Jugend? Sollte wohl ein einziger Jungling von milden Sitten es ubel deuten konnen, wenn der Professor bate, keine Hunde ins Kollegium zu bringen? Nicht alle Pudel hegen solch freundlichen Sinn wie mein Ponto, und dem Jagervolk mit langen hangenden Ohren ist nun vollends gar nicht zu trauen, da sie uberall mit den gebildetsten Leuten meines Geschlechts unnutze Handel anfangen und sie mit Gewalt notigen zu den unartigsten Ausserungen des Zorns, als da ist Pruhsten Kratzen Beissen etc. etc.
Wie hochst fatal musst' es
(Mak. Bl.) nur der kleinen rotwangigen Hofdame gelten, die Kreisler bei der Benzon gesehen. "Tun Sie mir," sprach die Prinzessin, "tun Sie mir den Gefallen, Nannette, gehen Sie selbst herab und sorgen Sie, dass man die Nelkenstocke in meinen Pavillon trage, die Leute sind saumselig genug, um nichts auszurichten." Das Fraulein sprang auf, verbeugte sich sehr zeremonios, flog dann aber schnell zum Zimmer heraus, wie ein Vogel, dem man den Kafig geoffnet.
"Ich kann," wandte sich die Prinzessin zum Kreisler, "ich kann nun einmal nichts herausbringen, wenn ich nicht mit dem Lehrer allein bin, der den Beichtvater vorstellt, dem man ohne Scheu alle Sunden vertrauen kann. Uberhaupt werden Sie, lieber Kreisler, die steife Etikette bei uns seltsam, werden es lastig finden, dass ich uberall von Hofdamen umgeben, gehutet werde wie die Konigin von Spanien. Wenigstens sollte man hier in dem schonen Sieghartshof mehr Freiheit geniessen. Ware der Furst im Schlosse, ich hatte Nannette nicht fortschicken durfen, die sich selbst bei unseren musikalischen Studien ebensosehr langeweilt, als sie mich geniert. Fangen wir noch einmal an, jetzt wird es besser gehen." Kreisler, bei dem Unterricht die Geduld selbst, begann das Gesangstuck, welches die Prinzessin einzustudieren unternommen, von neuem, aber so sichtlich Hedwiga sich auch muhte, soviel Kreisler auch einhelfen mochte, sie verirrte sich in Takt und Ton, sie machte Fehler uber Fehler, bis sie, glutrot im ganzen Gesicht, aufsprang, an das Fenster lief und hinausschaute in den Park. Kreisler glaubte zu bemerken, dass die Prinzessin heftig weine, und fand seinen ersten Unterricht, den ganzen Auftritt etwas peinlich. Was konnte er Bessers tun als versuchen, ob der feindliche unmusikalische Geist, der die Prinzessin zu verstoren schiene, sich nicht bannen lasse eben durch Musik. Er liess daher allerlei angenehme Melodien fortstromen, variierte die bekanntesten Lieblingslieder in kontrapunktischen Wendungen und melismatischen Schnorkeln, so dass er zuletzt sich selbst daruber wunderte, wie er so scharmant den Flugel zu spielen verstehe, und die Prinzessin vergass samt ihrer Arie und ihrer rucksichtslosen Ungeduld.
"Wie herrlich doch der Geierstein in der leuchtenden Abendsonne steht," sprach die Prinzessin, ohne sich umzuwenden.
Kreisler war eben in einer Dissonanz begriffen, naturlicherweise musste er diese auflosen und konnte daher nicht mit der Prinzessin den Geierstein und die Abendsonne bewundern. "Gibt's wohl einen reizendern Aufenthalt weit und breit als unser Sieghartshof," sprach Hedwiga lauter und starker als vorher. Nun musste Kreisler wohl, nachdem er einen tuchtigen Schlussakkord angeschlagen, zu der Prinzessin an das Fenster treten, der Aufforderung zum Gesprach hoflich genugend.
"In der Tat," sprach der Kapellmeister, "in der Tat, gnadigste Prinzessin, der Park ist herrlich, und ganz besonders ist es mir lieb, dass samtliche Baume grunes Laub tragen, welches ich uberhaupt an allen Baumen, Strauchern und Grasern sehr bewundere und verehre, und jeden Fruhling dem Allmachtigen danke, dass es wieder grun worden und nicht rot, welches in jeder Landschaft zu tadeln, und bei den besten Landschaften, wie z.B. Claude Lorrain, oder Berghem, ja selbst bei Hackert, der bloss seine Wiesengrunde was weniges pudert, nirgends zu finden."
Kreisler wollte weiter reden, als er aber in dem kleinen Spiegel, der zur Seite des Fensters angebracht, der Prinzessin todbleiches, seltsam verstortes Antlitz erblickte, verstummte er vor dem Schauer, der sein Inneres durcheiste.
Die Prinzessin unterbrach endlich das Schweigen, indem sie, ohne sich umzuwenden, immerfort hinausschauend, mit dem ruhrenden Ton der tiefsten Wehmut sprach: "Kreisler, das Schicksal will es nun einmal, dass ich Ihnen uberall wie von seltsamen Einbildungen geplagt aufgeregt, ich mochte sagen, albern erscheine, dass ich Ihnen Stoff darbieten soll, Ihren schneidenden Humor an mir zu uben. Es ist Zeit, Ihnen zu erklaren, dass und warum Sie es sind, dessen Anblick mich in einen Zustand versetzt, der dem nervenerschutternden Anfall eines heftigen Fiebers zu vergleichen. Erfahren Sie alles. Ein offnes Gestandnis wird meine Brust erleichtern und mir die Moglichkeit verschaffen, Ihren Anblick, Ihre Gegenwart zu ertragen. Als ich Sie zum erstenmal dort im Park antraf, da erfullten Sie, da erfullte Ihr ganzes Betragen mich mit dem tiefsten Entsetzen, selbst wusste ich nicht warum! aber es war eine Erinnerung aus meinen fruhsten Kinderjahren, die plotzlich mit all ihrem Schrecken in mir aufstieg, und die sich erst spater in einem seltsamen Traume deutlich gestaltete. An unserm Hofe befand sich ein Maler, Ettlinger geheissen, den Furst und Furstin sehr hoch hielten, da sein Talent wunderbar zu nennen. Sie finden auf der Galerie vortreffliche Gemalde von seiner Hand, auf allen erblicken Sie die Furstin in dieser, jener Gestalt in der historischen Gruppe angebracht. Das schonste Gemalde, das die hochste Bewunderung aller Kenner erregt, hangt aber in dem Kabinett des Fursten. Es ist das Portrat der Furstin, die er, als sie in der hochsten Blute der Jugend stand, ohne dass sie ihm jemals gesessen, so ahnlich malte, als habe er das Bild aus dem Spiegel gestohlen. Leonhard, so wurde der Maler mit seinem Vornamen am Hofe genannt, muss ein milder guter Mensch gewesen sein. Alle Liebe, deren meine kindische Brust fahig, ich mochte kaum drei Jahre alt sein, hatte ich ihm zugewandt, ich wollte, er sollte mich nie verlassen. Aber unermudlich spielte er auch mit mir, malte mir kleine bunte Bilder, schnitt mir allerlei Figuren aus. Plotzlich, es mochte ein Jahr vergangen sein, blieb er aus. Die Frau, der meine erste Erziehung anvertraut, sagte mir mit Tranen in den Augen, Herr Leonhard sei gestorben. Ich war untrostlich, ich mochte nicht mehr in dem Zimmer bleiben, wo Leonhard mit mir gespielt. Sowie ich nur konnte, entschlupfte ich meiner Erzieherin, den Kammerfrauen, lief im Schlosse umher, rief laut den Namen: Leonhard! Denn immer glaubt' ich, es sei nicht wahr, dass er gestorben, und er sei irgendwo im Schlosse versteckt. So begab es sich, dass ich auch an einem Abend, als die Erzieherin sich nur auf einen Augenblick entfernt, mich aus dem Zimmer schlich, um die Furstin aufzusuchen. Die sollte mir sagen, wo Herr Leonhard sei, und mir ihn wiederschaffen. Die Turen des Korridors standen offen, und so gelangte ich wirklich zur Haupttreppe, die ich hinauf lief und oben, auf gut Gluck, in das erste geoffnete Zimmer trat. Als ich mich nun umschaute, wurde die Ture, die, wie ich meinte, in die Gemacher der Furstin fuhren musste, und an die ich zu pochen im Begriff stand, heftig aufgestossen, und hinein sturzte ein Mensch in zerrissenen Kleidern, mit verwildertem Haar. Es war Leonhard, der mich mit furchterlich funkelnden Augen anstarrte. Totenbleich, eingefallen, kaum wiederzuerkennen war sein Antlitz. 'Ach, Herr Leonhard', rief ich, 'wie siehst du aus, warum bist du so blass, warum hast du solche gluhende Augen, warum starrst du mich so an? Ich furchte mich vor dir! O sei doch gut wie sonst male mir wieder hubsche bunte Bilder!' Da sprang Leonhard mit einem wilden wiehernden Gelachter auf mich los, eine Kette, die um den Leib befestigt schien, klirrte ihm nach kauerte nieder auf den Boden, sprach mit heiserer Stimme: 'Ha ha, kleine Prinzess bunte Bilder? Ja, nun kann ich erst recht malen, malen nun will ich dir ein Bild malen und deine schone Mutter! nicht wahr, du hast eine schone Mutter? Aber bitte sie, dass sie mich nicht wieder verwandelt ich will nicht der elende Mensch Leonhard Ettlinger sein der ist langst gestorben. Ich bin der rote Geier und kann malen, wenn ich Farbenstrahlen gespeist! Ja, malen kann ich, wenn ich heisses Herzblut habe zum Firnis, und dein Herzblut brauche ich, kleine Prinzess!' Und damit fasste er mich, riss mich an sich, entblosste mir den Hals, mir war's, als sahe ich ein kleines Messer in seiner Hand blinken. Auf das durchdringende Angstgeschrei, das ich ausstiess, sturzten Diener hinein und warfen sich her uber den Wahnsinnigen. Der schlug sie aber mit Riesenkraft zu Boden. In demselben Augenblicke polterte und klirrte es aber die Treppe herauf, ein grosser, starker Mann sprang hinein mit dem lauten Ausruf: 'Jesus, er ist mir entsprungen! Jesus, das Ungluck! Warte, warte, Hollenkerl!' So wie der Wahnsinnige diesen Mann gewahrte, schienen ihn plotzlich alle Krafte zu verlassen, heulend sturzte er zu Boden. Man legte ihm die Ketten an, die der Mann mitgebracht, man fuhrte ihn fort, indem er entsetzliche Tone ausstiess wie ein gefesseltes wildes Tier.
Sie mogen sich es denken, mit welcher verstorenden Gewalt dieser entsetzliche Auftritt das vierjahrige Kind erfassen musste. Man versuchte mich zu trosten, mir begreiflich zu machen, was wahnsinnig sei. Ohne dies ganz zu verstehen, ging doch ein tiefes namenloses Grausen durch mein Inneres, das noch jetzt wiederkehrt, wenn ich einen Wahnsinnigen erblicke, ja, wenn ich nur an den furchterlichen Zustand denke, der einer fortgesetzten, ununterbrochenen Todesqual zu vergleichen. Jenem Unglucklichen sehen Sie ahnlich, Kreisler, als waren Sie sein Bruder. Vorzuglich erinnert mich Ihr Blick, den ich oft seltsam nennen mochte, nur zu lebhaft an Leonhard, und dies ist es, was mich, als ich Sie zum erstenmal erblickte, ausser Fassung brachte, was mich noch jetzt in Ihrer Gegenwart beunruhigt beangstigt!"
Kreisler stand da, tief erschuttert, keines Wortes machtig. Von jeher hatte er die fixe Idee, dass der Wahnsinn auf ihn lauere, wie ein nach Beute lechzendes Raubtier, und ihn einmal plotzlich zerfleischen werde; er erbebte nun in demselben Grausen, das die Prinzessin bei seinem Anblick erfasst, vor sich selbst, rang mit dem schauerlichen Gedanken, dass er es gewesen, der die Prinzessin in der Raserei ermorden wollen.
Nach einigen Augenblicken des Schweigens fuhr die Prinzessin fort: "Der ungluckliche Leonhard liebte insgeheim meine Mutter, und diese Liebe, schon selbst Wahnsinn, brach zuletzt aus in Wut und Raserei."
"So," sprach Kreisler sehr weich und mild, wie er pflegte, wenn ein Sturm im Innern vorubergegangen, "so war in Leonhards Brust nicht die Liebe des Kunstlers aufgegangen."
"Was wollen Sie damit sagen, Kreisler?" fragte die Prinzessin, indem sie sich rasch umwandte.
"Als," erwiderte Kreisler sanft lachelnd, "als ich einst in einem hinlanglich toll lustigen Schauspiel einen Witzbold von Diener die Spielleute mit der sussen Anrede beehren horte: 'Ihr guten Leute und schlechten Musikanten', teilte ich, wie der Weltenrichter, flugs alles Menschenvolk in zwei verschiedene Haufen, einer davon bestand aber aus den guten Leuten, die schlechte oder vielmehr gar keine Musikanten sind, der andere aber aus den eigentlichen Musikanten. Doch niemand sollte verdammt, sondern alle sollten selig werden, wiewohl auf verschiedene Weise. Die guten Leute verlieben sich leichtlich in ein paar schone Augen, strecken beide Arme aus nach der angenehmen Person, aus deren Antlitz besagte Augen strahlen, schliessen die Holde ein in Kreise, die, immer enger und enger werdend, zuletzt zusammenschrumpfen zum Trauring, den sie der Geliebten an den Finger stecken als pars pro toto Sie verstehen einiges Latein, gnadigste Prinzess als pars pro toto sag' ich, als Glied der Kette, an der sie die in Liebeshaft Genommene heimfuhren in das Ehestandegefangnis. Dabei schreien sie denn ungemein: 'O Gott' oder 'o Himmel!' oder, sind sie der Astronomie ergeben, 'o ihr Sterne!' oder haben sie Inklination zum Heidentum, 'o all ihr Gotter, sie ist mein, die Schonste, all mein sehnend Hoffen erfullt!' Also larmend, gedenken die guten Leute es nachzumachen den Musikanten, jedoch vergebens, da es mit der Liebe dieser durchaus sich anders verhalt. Es begibt sich wohl, dass besagten Musikanten unsichtbare Hande urplotzlich den Flor wegziehen, der ihre Augen verhullte, und sie erschauen, auf Erden wandelnd, das Engelsbild, das, ein susses unerforschtes Geheimnis, schweigend ruhte in ihrer Brust. Und nun lodert auf in reinem Himmelsfeuer, das nur leuchtet und warmt, ohne mit verderblichen Flammen zu vernichten, alles Entzucken, alle namenlose Wonne des hoheren, aus dem Innersten emporkeimenden Lebens, und tausend Fuhlhorner streckt der Geist aus in brunstigem Verlangen und umnetzt die, die er geschaut, und hat sie und hat sie nie, da die Sehnsucht ewig durstend fortlebt! Und sie, sie selbst ist es, die Herrliche, die, zum Leben gestaltete Ahnung, aus der Seele des Kunstlers hervorleuchtet als Gesang Bild Gedicht! Ach, Gnadigste, glauben Sie mir, sei'n Sie uberzeugt, dass wahre Musikanten, die mit ihren leiblichen Armen und den darangewachsenen Handen nichts tun als passabel musizieren, sei es nun mit der Feder, mit dem Pinsel oder sonst, in der Tat nach der wahrhaften Geliebten nichts ausstrecken als geistige Fuhlhorner, an denen weder Hand noch Finger befindlich, die mit konvenabler Zierlichkeit einen Trauring erfassen und anstecken konnten an den kleinen Finger der Angebeteten; schnode Mesalliancen sind daher durchaus nicht zu befurchten, und scheint ziemlich gleichgultig, ob die Geliebte, die in dem Innern des Kunstlers lebt, eine Furstin ist oder eine Backerstochter, insofern letztere nur keine Eule. Besagte Musikanten schaffen, und sie in Liebe gekommen, mit der Begeisterung des Himmels herrliche Werke und sterben weder elendiglich dahin an der Schwindsucht, noch werden sie wahnsinnig. Sehr verdenke ich es daher dem Herrn Leonhard Ettlinger, dass er in einige Raserei verfiel, er hatte, nach der Art echter Musikanten, die durchlauchtige Frau Furstin ohne allen Nachteil lieben konnen, wie er nur wollte!"
Die humoristischen Tone, die der Kapellmeister anschlug, gingen bei dem Ohr der Prinzessin voruber, unvernommen oder ubertont von dem Nachhall der Saite, die er beruhrt, und die in der weiblichen Brust, scharfer gespannt, starker vibrieren musste als alle Ubrigen.
"Die Liebe des Kunstlers," sprach sie, indem sie niedersank in den Lehnstuhl und wie im Nachsinnen den Kopf auf die Hand stutzte, "die Liebe des Kunstlers! so geliebt zu werden! o, es ist ein schoner herrlicher Traum des Himmels nur ein Traum, ein leerer Traum. "
"Sie scheinen," nahm Kreisler das Wort, "Sie scheinen, Gnadigste, fur Traume eben nicht sehr portiert, und doch sind es lediglich die Traume, in denen uns recht die Schmetterlingsflugel wachsen, so dass wir, dem engsten festesten Kerker zu entfliehen, uns bunt und glanzend in die hohen, in die hochsten Lufte zu erheben vermogen. Jeder Mensch hat doch am Ende einen angebornen Hang zum Fliegen, und ich habe ernste honette Leute gekannt, die am spaten Abend sich bloss mit Champagner, als einem dienlichen Gas, fullten, um in der Nacht, Luftballon und Passagier zugleich, aufsteigen zu konnen."
"Sich so geliebt zu wissen," wiederholte die Prinzessin noch bewegter als zuvor.
"Und," sprach, als die Prinzessin schwieg, Kreisler weiter, "und was die Liebe des Kunstlers betrifft, wie ich sie zu schildern mich bemuht, so haben Sie, Gnadigste, freilich das bose Beispiel des Herrn Leonhard Ettlinger vor Augen, der Musikant war und lieben wollte, wie die guten Leute, woruber sein schoner Verstand freilich etwas wacklicht werden konnte, aber ebendeshalb, mein' ich, war Herr Leonhard kein echter Musikant. Diese tragen die erkorne Dame im Herzen und wollen nichts als ihr zu Ehren singen, dichten, malen und sind in der vorzuglichsten Courtoisie den galanten Rittern zu vergleichen, ja, was unschuldsvolle Gesinnung betrifft, ihnen vorzuziehen, da sie nicht verfahren wie sonst diese, die blutdurstiger Weise, waren nicht gleich Riesen, Drachen bei der Hand, die schatzbarsten Leute niederstreckten in den Staub, um der Herzensdame zu huldigen!"
"Nein," rief die Prinzessin, wie erwachend aus einem Traum, "nein, es ist unmoglich, dass in der Brust des Mannes ein solch reines Vestas Feuer sich entzunden sollte! Was ist die Liebe des Mannes anders als die verraterische Waffe, die er gebraucht, einen Sieg zu feiern, der das Weib verdirbt, ohne ihn zu beglucken."
Kreisler wollte sich eben uber solche absonderliche Gesinnungen einer siebzehn-, achtzehnjahrigen Prinzessin hochlich verwundern, als die Ture aufging und Prinz Ignatius hineintrat.
Der Kapellmeister war froh, ein Gesprach zu enden, das er sehr gut mit einem wohleingerichteten Duett verglich, in dem jede Stimme ihrem eigentumlichen Charakter getreu bleiben muss. Wahrend die Prinzessin, so behauptete er, im wehmutigen Adagio beharrt und nur hie und da einen Mordent, einen Pralltriller angebracht, sei er als ein vorzuglicher Buffo und erzkomischer Chanteur mit einer ganzen Legion kurzer Noten parlando dazwischengefahren, so dass er, da das Ganze ein wahres Meisterstuck der Komposition und der Ausfuhrung zu nennen, nichts weiter gewunscht, als der Prinzessin und sich selbst zuhoren zu konnen aus irgendeiner Loge oder einem schicklichen Sperrsitz.
Also Prinz Ignatius trat hinein mit einer zerbrochenen Tasse in der Hand, schluchzend und weinend.
Es ist notig, zu sagen, dass der Prinz, unerachtet hoch in die zwanzig, doch sich noch immer nicht von den Lieblingsspielen der Kinderjahre trennen konnte. Ganz vorzuglich liebte er schone Tassen, mit denen er stundenlang in der Art spielen konnte, dass er sie in Reihen vor sich hinstellte auf den Tisch und diese Reihen immer anders und anders ordnete, so dass bald die gelbe Tasse neben der roten, dann die grune bei der roten u.s.w. stehen musste. Dabei freute er sich so innig, so herzlich wie ein frohes zufriedenes Kind.
Das Ungluck, woruber er jetzt lamentierte, bestand darin, dass ihm der kleine Mops unversehens auf den Tisch gesprungen war und die schonste der Tassen herabgeworfen hatte.
Die Prinzessin versprach, dafur zu sorgen, dass er eine Mundtasse im neuesten Geschmack aus Paris erhalten solle. Da gab er sich zufrieden und lachelte mit dem ganzen Gesicht. Jetzt erst schien er den Kapellmeister zu bemerken. Er wandte sich zu ihm mit der Frage, ob er auch viele schone Tassen besitze. Kreisler wusste schon, von Meister Abraham hatte er es erfahren, was man darauf zu antworten. Er versicherte namlich, dass er keinesweges solche schone Tassen besitze wie der gnadigste Herr, und dass es ihm auch ganz unmoglich sei, so viel Geld darauf zu verwenden, als der gnadigste Herr es tue.
"Sehn Sie wohl," erwiderte Ignaz sehr vergnugt, "sehen Sie wohl, ich bin ein Prinz und kann deshalb schone Tassen haben, wie ich nur mag, aber das konnen Sie nicht, weil Sie kein Prinz sind, denn weil ich nun einmal ganz gewiss ein Prinz bin, so sind schone Tassen " Tassen und Prinzen und Prinzen und Tassen gingen nun durcheinander in immer mehr verwirrter Rede, und dabei lachte und hupfte Ignatius und klopfte in die Hande vor seligem Vergnugen! Hedwiga schlug errotend die Augen nieder, sie schamte sich des imbezillen Bruders, sie furchtete mit Unrecht Kreislers Spott, dem, nach seiner innersten Gemutsstimmung, des Prinzen Albernheit als ein Zustand des wirklichen Wahnsinnes nur ein Mitleid erregte, das eben nicht wohltun konnte, vielmehr die Spannung des Augenblicks vermehren musste. Um den Armen nur abzubringen von den unseligen Tassen, bat die Prinzessin ihn, die kleine Handbibliothek in Ordnung zu bringen, die in einem zierlichen Wandschrank aufgestellt stand. Ganz vergnugt, unter frohlichem Gelachter begann der Prinz sogleich die sauber gebundenen Bucher herauszunehmen und, sie, nach dem Format sorglich ordnend, so hinzustellen, dass die goldnen Schnitte, nach aussen stehend, eine blanke Reihe formten, woruber er sich uber alle Massen freute.
Fraulein Nannette sturzte hinein und rief laut: "Der Furst, der Furst mit dem Prinzen!" "O mein Gott," sprach die Prinzessin, "meine Toilette, in der Tat, Kreisler, wir haben die Stunden verplaudert, ohne daran zu denken. Ich habe mich ganz vergessen! Mich und den Fursten und den Prinzen." Sie verschwand mit Nannetten in das Nebengemach. Prinz Ignaz liess sich in seinem Geschaft gar nicht storen.
Schon rollte der Staatswagen des Fursten heran; als Kreisler sich unten an der Haupttreppe befand, stiegen eben die beiden Laufer in Staatslivree aus der Wurst. Das muss naher erklart werden.
Furst Irenaus liess nicht ab von dem alten Brauch, und so hatte er zur selben Zeit, als kein schnellfussiger Hanswurst in bunter Jacke vor den Pferden herzulaufen genotigt wie ein gehetztes Tier, in der zahlreichen Dienerschaft von allen Waffen auch noch zwei Laufer, artige hubsche Leute von gesetzten Jahren, wohlgefuttert und nur zuweilen von Unterleibsbeschwerden geplagt wegen der sitzenden Lebensweise. Viel zu menschenfreundlich war namlich der Furst gesinnt, um irgendeinem Diener zuzumuten, dass er sich zuzeiten umsetze in ein Windspiel oder einen andern vergnugten Koter, um indessen doch die gehorige Etikette im Ansehen zu erhalten, mussten die beiden Laufer, fuhr der Furst in Gala aus, vorauffahren auf einer passablen Wurst und an schicklichen Stellen, wo z.B. einige Gaffer sich versammelt, etwas die Beine ruhren, als Andeutung des wirklichen Laufs. Es war hubsch anzusehen.
Also die Laufer waren eben ausgestiegen, die Kammerherrn traten ins Portal, und ihnen folgte Furst Irenaus, an dessen Seite ein junger Mann von stattlichem Ansehen daherschritt, in reicher Uniform der neapolitanischen Garde, Sterne und Kreuze auf der Brust. "Je vous salue, Monsieur de Krosel," sprach der Furst, als er Kreisler erblickte. Krosel pflegte er zu sagen statt Kreisler, wenn er bei festlichen, feierlichen Gelegenheiten Franzosisch sprach und sich auf keinen deutschen Namen recht besinnen konnte. Der fremde Prinz denn den jungen stattlichen Mann hatte doch wohl die Fraulein Nannette gemeint, als sie rief, dass der Furst komme mit dem Prinzen nickte Kreislern im Vorbeigehen fluchtig zu mit dem Kopfe, eine Art der Begrussung, die Kreislern selbst von den vornehmsten Personen ganz unausstehlich war. Er buckte sich daher bis tief an die Erde auf solch burleske Weise, dass der dicke Hofmarschall, der uberhaupt Kreislern fur einen ausgemachten Spassmacher und alles fur Spass hielt, was er tat und sprach, nicht umhin konnte, etwas zu kichern. Der junge Furst warf aus seinen dunkeln Augen Kreislern einen gluhenden Blick zu, murmelte zwischen den Zahnen: "Hasenfuss" und schritt dann schnell dem Fursten nach, der sich mit milder Gravitat nach ihm umschaute. "Fur einen italienischen Gardisten", rief Kreisler laut lachend dem Hofmarschall zu, "spricht der durchlauchtige Herr ein passables Deutsch, sagen Sie ihm, beste Exzellenz, dass ich ihm dafur dienen mit dem auserlesensten Neapolitanisch und dabei kein artiges Romanisch, am wenigsten aber als Gozzische Maske schnodes Venetianisch einschwarzen, kurz kein X vor ein U machen will. Sagen Sie ihm, beste Exzellenz " Aber die Exzellenz stieg schon, die Schultern hoch heraufgezogen als Bollwerk und Schutzschanze der Ohren, die Treppe herauf.
Der furstliche Wagen, mit dem Kreisler gewohnlich nach Sieghartshof zu fahren pflegte, hielt, der alte Jager offnete den Schlag und fragte, ob's gefallig ware. In dem Augenblick rannte aber ein Kuchenjunge vorbei, heulend und schreiend: "Ach, das Ungluck ach, das Malheur!" "Was ist geschehen?" rief ihm Kreisler nach. "Ach, das Ungluck," erwiderte der Kuchenjunge, noch heftiger weinend, "da drinnen liegen der Herr Oberkuchenmeister in der Verzweiflung, in purer Raserei und wollen sich durchaus das Ragoutmesser in den Leib stossen, weil der gnadigste Herr plotzlich befohlen hat zu soupieren und es ihm an Muscheln fehlt zum italienischen Salat. Er will selbst nach der Stadt, und der Herr Oberstallmeister weigern sich anspannen zu lassen, da es an einer Order des gnadigsten Herrn fehlt." "Da ist zu helfen," sprach Kreisler, "der Herr Oberkuchenmeister steige in gegenwartigen Wagen und versehe sich mit den schonsten Muscheln in Sieghartsweiler, wahrend ich zu Fuss nach selbiger Stadt promeniere." Damit rannte er fort in den Park.
"Grosse Seele edles Gemut scharmanter Herr!" rief ihm der alte Jager nach, indem ihm die Tranen in die Augen traten.
In den Flammen des Abendrots stand das ferne Gebirge, und der goldne gluhende Widerschein gleitete spielend uber den Wiesenplan, durch die Baume, durch die Busche, wie getrieben von dem Abendwinde, der sich sauselnd erhoben.
Kreisler blieb mitten auf der Brucke stehen, die uber einen breiten Arm des Sees nach dem Fischerhauschen fuhrte, und schaute in das Wasser hinab, in dem sich der Park mit seinen wunderbaren Baumgruppen, der hoch daruber emporragende Geierstein, der seine weissblinkende Ruinen auf dem Haupte wie eine seltsame Krone trug, abspiegelte in magischem Schimmer. Der zahme Schwan, der auf den Namen Blanche horte, platscherte auf dem See daher, den schonen Hals stolz emporgehoben, rauschend mit den glanzenden Schwingen. "Blanche, Blanche," rief Kreisler laut, indem er beide Arme weit ausstreckte, "singe dein schonstes Lied, glaube ja nicht, dass du dann sterben musst! Du darfst dich nur singend an meine Brust schmiegen, dann sind deine herrlichsten Tone mein, und nur ich gehe unter in brunstiger Sehnsucht, wahrend du in Liebe und Leben daherschwebst auf den kosenden Wellen!" Selbst wusste Kreisler nicht, was ihn plotzlich so tief bewegte, er stutzte sich auf das Gelander, schloss unwillkurlich die Augen. Da horte er Julias Gesang, und ein unnennbar susses Weh durchbebte sein Inneres.
Dustere Wolken zogen daher und warfen breite Schatten uber das Gebirge, uber den Wald, wie schwarze Schleier. Ein dumpfer Donner drohnte im Morgen, starker sauste der Nachtwind, rauschten die Bache, und dazwischen schlugen einzelne Tone der Wetterharfe an wie ferne Orgelklange, aufgescheucht erhob sich das Geflugel der Nacht und schweifte kreischend durch das Dickicht.
Kreisler erwachte aus dem Traume und erblickte seine dunkle Gestalt im Wasser. Da war es ihm, als schaue ihn Ettlinger, der wahnsinnige Maler, an aus der Tiefe. "Hoho," rief er herab, "hoho, bist du da, geliebter Doppeltganger, wackerer Kumpan? Hore, mein ehrlicher Junge, fur einen Maler, der etwas uber die Schnur gehauen, der in stolzem Ubermut furstliches Herzblut verbrauchen wollte statt Firnis, siehst du passabel genug aus. Ich glaube am Ende, guter Ettlinger, dass du illustre Familien genarrt hast mit deinem wahnsinnigen Treiben! Je langer ich dich anschaue, desto mehr gewahre ich an dir die vornehmsten Manieren, und so du magst, will ich der Furstin Maria versichern, du warst, was deinen Stand oder deine Lage im Wasser betrifft, ein Mann von dem importantesten Range, und sie konne dich lieben ohne alle weitere Umstande. Willst du aber, Kumpan, dass die Furstin noch jetzt deinem Bilde gleiche, so musst du es nachtun dem furstlichen Dilettanten, der seine Portrats ausglich mit den zu Portratierenden durch geschicktes Anpinseln der letztern! Nun! Haben sie dich einmal unverdienterweise hinabgeschickt in den Orkus, so trage ich dir hiemit allerlei Neuigkeiten zu! Wisse, verehrter Tollhauskolonist, dass die Wunde, die du dem armen Kinde, der schonen Prinzessin Hedwiga, beibrachtest, noch immer nicht recht geheilt ist, so dass sie vor Schmerz manchmal allerlei Faxen macht. Trafst du denn ihr Herz so hart, so schmerzlich, dass ihr noch jetzt heisses Blut entquillt, wenn sie deine Larve erblickt, so wie Leichname bluten, wenn der Morder hinantritt? Rechne es mir nicht zu, Guter, dass sie mich fur ein Gespenst halt, und zwar fur das deinige. Aber bin ich so recht in voller Lust, ihr zu beweisen, dass ich kein schnoder Revenant bin, sondern der Kapellmeister Kreisler, dann kommt mir der Prinz Ignatius in die Quere, der offenbar an einer Paranoia laboriert, an einer fatuitas, stoliditas, die nach Kluge eine sehr angenehme Sorte der eigentlichen Narrheit ist. Mache mir nicht alle Gesten nach, Maler, wenn ich ernsthaft mit dir rede! Schon wieder? Furchtete ich mich nicht vor dem Schnupfen, ich sprange zu dir herab und prugelte dich erklecklich. Schere dich zum Teufel, halunkischer Mimiker!"
Kreisler sprang schnell fort.
Es war nun ganz finster geworden, Blitze leuchteten durch die schwarzen Wolken, der Donner rollte, und der Regen begann in grossen Tropfen herabzufallen. Aus dem Fischerhauschen strahlte ein helles blendendes Licht, dem eilte Kreisler schnell entgegen.
Unfern der Ture, im vollen Schimmer des Lichts, erblickte Kreisler sein Ebenbild, sein eignes Ich, das neben ihm daherschritt. Vom tiefsten Entsetzen erfasst, sturzte Kreisler hinein in das Hauschen, sank atemlos, zum Tode erbleicht, in den Sessel.
Meister Abraham, der vor einem kleinen Tische sass, auf dem eine Astrallampe ihre blendende Strahlen umherwarf, in einem grossen Folianten lesend, fuhr erschrocken in die Hohe, nahte sich Kreisler, rief: "Um des Himmels willen, was ist Euch, Johannes, wo kommt Ihr her am spaten Abend was hat Euch so entsetzt!"
Mit Muhe ermannte sich Kreisler und sprach dann mit dumpfer Stimme: "Es ist nun nicht anders, wir sind unserer zwei ich meine ich und mein Doppeltganger, der aus dem See gesprungen ist und mich verfolgt hat hieher. Seid barmherzig, Meister, nehmt Euern Dolchstock, stosst den Halunken nieder er ist rasend, glaubt mir das, und kann uns beide verderben. Er hat draussen das Wetter heraufbeschworen. Die Geister ruhren sich in den Luften, und ihr Choral zerreisst die menschliche Brust! Meister Meister, lockt den Schwan herbei, er soll singen erstarrt ist mein Gesang, denn der Ich hat seine weisse kalte Totenhand auf meine Brust gelegt, die muss er wegziehen, wenn der Schwan singt und sich wieder untertauchen in den See." Meister Abraham liess Kreislern nicht weiter reden, er sprach ihm zu mit freundlichen Worten, notigte ihm einige Glaser eines feurigen italienischen Weins ein, den er eben zur Hand hatte, und fragte ihm dann nach und nach ab, wie sich alles begeben.
Aber kaum hatte Kreisler geendet, als Meister Abraham, laut lachend, rief: "Da sieht man den eingefleischten Phantasten, den vollendeten Geisterseher! Was den Organisten betrifft, der Euch draussen in dem Park schauerliche Chorale vorgespielt hat, so ist das niemand anders gewesen als der Nachtwind, der durch die Lufte brausend daherfuhr, und vor dem die Saiten der Wetterharfe erklangen. Ja ja, Kreisler, die Wetterharfe habt Ihr vergessen, die zwischen den beiden Pavillons am Ende des Parks aufgespannt ist3. Und was Euern Doppeltganger betrifft, der im Schimmer meiner Astrallampe neben Euch herlief, so will ich Euch sogleich beweisen, dass, sobald ich nur vor die Tur trete, auch mein Doppeltganger bei der Hand ist, ja, dass ein jeder, der zu mir hineintritt, solch einen Chevalier d'Honneur seines Ichs an der Seite leiden muss."
Meister Abraham trat vor die Ture, und sogleich stand in dem Schimmer ein zweiter Meister Abraham ihm zur Seite.
Kreisler merkte die Wirkung eines verborgenen Hohlspiegels und argerte sich wie jeder, dem das Wunderbare, woran er geglaubt, zu Wasser gemacht wird. Dem Menschen behagt das tiefste Entsetzen mehr, als die naturliche Aufklarung dessen, was ihm gespenstisch erschienen, er will sich durchaus nicht mit dieser Welt abfinden lassen; er verlangt etwas zu sehen aus einer andern, die des Korpers nicht bedarf, um sich ihm zu offenbaren.
"Ich kann," sprach Kreisler, "ich kann nun einmal, Meister, Euren seltsamen Hang zu solchen Foppereien nicht begreifen. Ihr prapariert das Wunderbare, wie ein geschickter Mundkoch, aus allerlei scharfen Ingredienzien und meint, dass die Menschen, deren Phantasie, wie der Magen der Schlemmer, flau geworden, irritiert werden mussen durch solches Unwesen. Nichts ist abgeschmackter, als wenn man bei solchen vermaledeiten Kunststuckchen, die einem die Brust zusammenschnuren, dahinterkommt, dass alles naturlich zugegangen."
"Naturlich! naturlich," rief Meister Abraham, "als ein Mann von ziemlichem Verstande solltet Ihr doch einsehen, dass nichts in der Welt naturlich zugeht, gar nichts! Oder glaubt Ihr, werter Kapellmeister, dass deshalb, weil wir mit uns zu Gebote stehenden Mitteln eine bestimmte Wirkung hervorzubringen vermogen, uns die aus dem geheimnisvollen Organism stromende Ursache der Wirkung klar vor Augen liegt? Ihr habt doch sonst vielen Respekt vor meinen Kunststucken gehabt, unerachtet Ihr die Krone davon niemals schautet." "Ihr meint das unsichtbare Madchen," sprach Kreisler.
"Allerdings," fuhr der Meister fort, "eben dieses Kunststuck es ist wohl mehr als das wurde Euch bewiesen haben, dass die gemeinste, am leichtesten zu berechnende Mechanik oft mit den geheimnisvollsten Wundern der Natur in Beziehung treten und dann Wirkungen hervorbringen kann, die unerklarlich, selbst dies Wort im gewohnlichen Sinn genommen, bleiben mussen." "Hm," sprach Kreisler, "wenn Ihr nach der bekannten Theorie des Schalls verfuhret, den Apparat geschickt zu verbergen wusstet und ein schlaues gewandtes Wesen an der Hand hattet "
"O Chiara!" rief Meister Abraham, indem Tranen in seinen Augen perlten, "o Chiara, mein susses liebes Kind!"
Kreisler hatte noch nie den Alten so tief bewegt gesehen, wie dieser denn von jeher keiner wehmutigen Empfindung Raum geben wollte, sondern dergleichen wegzuspotten pflegte.
"Was ist das mit der Chiara?" fragte der Kapellmeister.
"Es ist wohl dumm," sprach der Meister lachelnd, "es ist wohl dumm, dass ich Euch heute erscheinen muss wie ein alter weinerlicher Geck, aber die Gestirne wollen es nun einmal, dass ich von einem Moment meines Lebens mit Euch reden soll, uber den ich so lange schwieg. Kommt her, Kreisler, schaut dieses grosse Buch, es ist das merkwurdigste, was ich besitze, das Erbstuck eines Tausendkunstlers, Severino geheissen, und eben sitze ich da und lese die wunderbarsten Sachen und schaue die kleine Chiara an, die darin abgebildet, und da sturzt Ihr hinein, ausser Euch selbst, und verachtet meine Magie in dem Augenblick, als ich eben in der Erinnerung schwelge an ihr schonstes Wunder, das mein war in der Blutezeit meines Lebens!"
"Nun erzahlt nur," rief Kreisler, "damit ich stracks mit Euch heulen kann"
"Es ist," begann Meister Abraham, "es ist nun eben nicht sehr merkwurdig, dass ich, sonst ein junger kraftiger Mann von ganz hubschem Ansehn, aus ubertriebenem Eifer und grosser Ruhmbegier mich matt und krank gearbeitet hatte an der grossen Orgel in der Hauptkirche zu Gonionesmuhl. Der Arzt sprach: 'Laufen Sie, werter Orgelbauer, laufen Sie uber Berg und Tal, weit in die Welt hinein', und das tat ich denn wirklich, indem ich mir den Spass machte, uberall als Mechaniker aufzutreten und den Leuten die artigsten Kunststucke vorzumachen. Dies ging recht gut und brachte mir viel Geld ein, bis ich auf den Mann stiess, Severino geheissen, der mich derb auslachte mit meinen Kunststuckchen und durch manches mich beinahe dahin gebracht hatte, mit dem Volk zu glauben, er stehe mit dem Teufel oder wenigstens mit andern honetteren Geistern im Bunde. Das mehreste Aufsehen erregte sein weibliches Orakel, ein Kunststuck, das eben spater unter dem Namen des unsichtbaren Madchens bekannt worden. Mitten im Zimmer, von der Decke herab, hing frei eine Kugel von dem feinsten klarsten Glase, und aus dieser Kugel stromten, wie ein linder Hauch, die Antworten auf die an das unsichtbare Wesen gerichtete Fragen. Nicht allein das unbegreiflich Scheinende dieses Phanomens, sondern auch die ins Herz dringende, das Innerste erfassende Geisterstimme der Unsichtbaren, das Treffende ihrer Antworten, ja ihre wahrhafte Weissagungsgabe verschaffte dem Kunstler unendlichen Zulauf. Ich drangte mich an ihn, ich sprach viel von meinen mechanischen Kunststucken, er verachtete aber, wiewohl im andern Sinn, als Ihr es tut, Kreisler, all mein Wissen und bestand darauf, ich sollte ihm eine Wasserorgel bauen zu seinem hauslichen Gebrauch, unerachtet ich ihm bewies, dass, wie auch der verstorbene Herr Hofrat Meister zu Gottingen in seinem Traktat: 'De veterum Hydraulo' versichre, an einem solchen Hydraulos gar nichts sei und nichts erspart werde als einige Pfund Luft, die man, dem Himmel sei es gedankt, doch noch uberall umsonst haben konne. Endlich beteuerte Severino, er brauche die sanfteren Tone eines solchen Instruments, um der Unsichtbaren beizustehen, und er wolle mir das Geheimnis entdecken, wenn ich auf das Sakrament schwore, es weder selbst zu gebrauchen, noch andern zu entdecken, wiewohl er glaube, dass es nicht leicht moglich sein werde, sein Kunstwerk nachzuahmen ohne hier stockte er und machte ein geheimnisvoll susses Gesicht, wie weiland Cagliostro, wenn er von seinen zaubrischen Verzukkungen zu Weibern sprach. Voll Begier, die Unsichtbare zu schauen, versprach ich die Wasserorgel zu verfertigen, so gut es ginge, und nun schenkte er mir sein Zutrauen, gewann mich sogar lieb, als ich ihm willig Beistand leistete in seinen Arbeiten. Eines Tages, eben wollte ich zu Severino gehen, war das Volk auf der Strasse zusammengelaufen. Man sagte mir, ein anstandig gekleideter Mann sei ohnmachtig zu Boden gefallen. Ich drangte mich durch und erkannte Severino, den man eben aufhob und ins nachste Haus trug. Ein Arzt, der des Weges gekommen, nahm sich seiner an. Severino schlug, nachdem verschiedene Mittel angewandt, mit einem tiefen Seufzer die Augen auf. Der Blick, mit dem er unter den krampfhaft zusammengezogenen Augenbraunen mich anstarrte, war furchtbar, alle Schrecken des Todeskampfs gluhten darin in dustrem Feuer. Seine Lippen bebten, er versuchte zu reden und vermocht's nicht. Endlich schlug er einigemal heftig mit der Hand auf die Westentasche. Ich fasste hinein und zog einige Schlussel hervor: 'Das sind die Schlussel Eurer Wohnung', sprach ich, er nickte mit dem Kopfe: 'Das ist', fuhr ich fort, indem ich ihm einen von den Schlusseln vor Augen hielt, 'das ist der Schlussel zu dem Kabinett, in das Ihr mich niemals hineinlassen wolltet'. Er nickte aufs neue. Als ich aber weiterfragen wollte, begann er wie in furchterlicher Angst zu achzen und zu stohnen, kalte Schweisstropfen standen ihm auf der Stirne, er breitete die Arme aus und bog sie im Zirkel zusammen, wie wenn man etwas umfasst, und wies auf mich: 'Er will', sprach der Arzt, 'dass Sie seine Sachen, seine Apparate in Sicherheit bringen, vielleicht, stirbt er, behalten sollen?' Severino nickte starker mit dem Kopfe, schrie endlich: 'Corre!' und sank aufs neue ohnmachtig zuruck. Schnell eilte ich nun nach Severinos Wohnung, vor Neugier, vor Erwartung bebend, offnete ich das Kabinett, in dem die geheimnisvolle Unsichtbare verschlossen sein musste, und erstaunte nicht wenig, als ich es ganz leer fand. Das einzige Fenster war dicht verhangt, so dass das Licht nur hineindammerte, und ein grosser Spiegel hing an der Wand, der Ture des Zimmers gegenuber. Sowie ich zufallig vor diesen Spiegel trat und meine Gestalt im schwachen Schimmer erblickte, durchstromte mich ein seltsames Gefuhl, als befande ich mich auf dem Isolierstuhl einer Elektrisiermaschine. In demselben Augenblick sprach die Stimme des unsichtbaren Madchens auf italienisch: 'Verschont mich nur heute, Vater! Geisselt mich nicht so grausam, Ihr seid ja doch nun gestorben!' Schnell offnete ich die Ture des Zimmers, so, dass das volle Licht hineinstromte, aber keine lebendige Seele konnt' ich erblicken: 'Es ist gut', sprach die Stimme: 'es ist gut, Vater, dass Ihr Herrn Liscov geschickt habt, aber der lasst es nicht mehr zu, dass Ihr mich geisselt, er zerbricht den Magnet, und Ihr konnt nicht mehr aus dem Grabe heraus, in das er Euch legen lasst, Ihr moget Euch strauben, wie Ihr wollt, denn Ihr seid doch nun ein Verstorbner und gehort nicht mehr dem Leben.' Ihr konnt wohl denken, Kreisler, dass mich tiefe Schauer durchbebten, da ich niemand sah, und die Stimme doch dicht vor meinen Ohren schwebte. 'Teufel', sprach ich laut, um mich zu ermutigen: 'sah' ich nur irgendwo ein lumpiges Flaschlein, so wurd' ich es zerschmeissen, und der diable boiteux stunde, seinem Kerker entronnen, leibhaftig vor mir, aber so ' Nun kam es mir plotzlich vor, als gingen die leisen Seufzer, die durch das Kabinett wehten, aus einem Verschlage hervor, der in der Ecke stand und mir viel zu klein schien, um ein menschliches Wesen zu beherbergen. Doch ich springe hin, offne den Schieber, und zusammengekrummt, wie ein Wurm, liegt ein Madchen darin, starrt mich an mit grossen, wunderbar schonen Augen, streckt endlich mir den Arm entgegen, als ich rufe: 'Komm heraus, mein Lammchen, komm heraus, meine kleine Unsichtbare!' Ich fasse endlich die Hand, die sie emporhalt, und ein elektrischer Schlag fahrt mir durch alle Glieder." "Halt," rief Kreisler, "halt, Meister Abraham, was ist das, als ich das erstemal zufallig der Prinzessin Hedwiga Hand beruhrte, ging es mir ebenso, und noch immer, wiewohl schwacher, fuhl' ich dieselbe Wirkung, wenn sie mir sehr gnadig die Hand reicht." "Hoho," erwiderte Meister Abraham, "hoho, am Ende ist unser Prinzesslein eine Art von Gymnotus electricus oder Raja torpedo oder Trichiurus indicus, wie in gewisser Art meine susse Chiara es war, oder auch wohl nur eine muntere Hausmaus, wie jene, die dem wackern Signor Cotugno eine tuchtige Ohrfeige versetzte, als er sie beim Rucken erfasste, um sie zu sezieren, was Ihr freilich mit der Prinzessin nicht im Sinn haben konntet! Doch sprechen wir ein andermal von der Prinzessin, und bleiben wir jetzt bei meiner Unsichtbaren! Als ich, erschrocken uber den unvermuteten Schlag des kleinen Torpedo, zuruckprallte, sprach das Madchen mit wunderbar anmutigem Ton auf deutsch: 'Ach, nehmet es doch ja nur nicht ubel, Herr Liscov, aber ich kann nicht anders, der Schmerz ist gar zu gross.' Ohne mich weiter mit meinem Erstaunen aufzuhalten, fasste ich die Kleine sanft bei den Schultern, zog sie aus dem abscheulichen Gefangnis, und ein zart gebautes liebliches Ding in der Grosse eines zwolfjahrigen Madchens, nach der korperlichen Ausbildung zu urteilen, aber wenigstens sechzehn Jahre alt, stand vor mir. Schaut nur dort ins Buch hinein, das Bild ist ahnlich, und Ihr werdet gestehen mussen, dass es kein lieblicheres ausdrucksvolleres Antlitz geben kann, wozu Ihr aber rechnen musst, dass das wunderbare, das Innerste entzundende Feuer der schonsten schwarzen Augen in keinem Bilde zu erreichen. Jeder, der nicht auf eine Schneehaut und Flachshaar erpicht ist, musste das Gesichtlein fur vollendet schon anerkennen, denn freilich war die Haut meiner Chiara etwas zu braun, und ihr Haar glanzte im brennenden Schwarz. Chiara Ihr wisst nun schon, dass die kleine Unsichtbare so geheissen wer Chiara fiel vor mir nieder, ganz Wehmut und Schmerz, ein Tranenstrom sturzte ihr aus den Augen, und sie sprach mit einem unnennbaren Ausdruck: 'Je suis sauvee.' Ich fuhlte mich von dem tiefsten Mitleid durchdrungen, ich ahnte entsetzliche Dinge! Man brachte jetzt Severinos Leiche, ein zweiter Anfall des Schlages hatte ihn, gleich nachdem ich ihn verlassen, getotet. Sowie Chiara den Leichnam gewahrte, versiegten ihre Tranen, sie schaute den toten Severino an mit ernstem Blick und entfernte sich dann, als die Leute, die mitgekommen, sie neugierig betrachteten und lachend meinten, das sei wohl gar am Ende das unsichtbare Madchen in dem Kabinett. Ich fand es unmoglich, das Madchen allein zu lassen bei dem Leichnam, die gutmutigen Wirtsleute erklarten sich bereit, sie bei sich aufzunehmen. Als ich nun aber, nachdem sich alles entfernt, hineintrat ins Kabinett, sass Chiara vor dem Spiegel in dem seltsamsten Zustande. Mit fest auf den Spiegel gerichteten Augen schien sie nichts zu gewahren, gleich einer Mondsuchtigen. Sie lispelte unverstandliche Worte, die aber immer deutlicher und deutlicher wurden, bis sie, Deutsch, Franzosisch, Italienisch, Spanisch wechselnd, von Dingen sprach, die sich auf entfernte Personen zu beziehen schienen. Ich bemerke zu meinem nicht geringen Erstaunen, dass gerade die Stunde eingetreten, in der Severino das weibliche Orakel reden zu lassen pflegte. Endlich schloss Chiara die Augen und schien in tiefen Schlaf verfallen. Ich nahm das arme Kind in meine Arme und trug sie herab zu den Wirtsleuten. Am andern Morgen fand ich die Kleine heiter und ruhig, erst jetzt schien sie ihre Freiheit ganz zu begreifen und erzahlte alles, was ich zu wissen verlangte. Es wird Euch nicht verschnupfen, Kapellmeister, unerachtet Ihr sonst auf gute Geburt was haltet, dass meine kleine Chiara nichts anders war als ein Zigeunermagdlein, die mit einer ganzen Bande des schmutzigen Volks auf dem Markte in irgendeiner grossen Stadt, von Haschern bewacht, sich von der Sonne braten liess, als eben Severino voruberging. 'Blanker Bruder, soll ich dir wahrsagen?' rief ihn das achtjahrige Madchen an. Severino sah der Kleinen lange in die Augen, liess sich dann wirklich die Zuge seines Handtellers deuten und ausserte ein besonderes Erstaunen. Er musste etwas ganz Besonderes an dem Madchen gefunden haben, denn sogleich trat er zu dem Polizeileutenant, der den Zug der verhafteten Zigeuner fuhrte, und meinte, er wolle was Erkleckliches geben, wenn es ihm vergonnt wurde, das Zigeunermadchen mit sich zu nehmen. Der Polizeileutenant erklarte barsch, es sei hier kein Sklavenmarkt, setzte indessen hinzu, dass, da die Kleine doch eigentlich nicht zu den wirklichen Menschen zu rechnen und das Zuchthaus nur molestiere, so stande sie zu Befehl, wenn der Herr zehn Dukaten zur Stadtarmenkasse zahlen wolle. Severino zog sogleich seinen Beutel hervor und zahlte die Dukaten ab. Chiara und ihre alte Grossmutter, beide hatten die ganze Verhandlung gehort, fingen an zu heulen und zu schreien und wollten sich nicht trennen. Da traten aber die Hascher hinzu, schmissen die Alte auf den Leiterwagen, der zum Abfahren bereit stand, der Polizeileutenant, der vielleicht seinen Beutel in dem Augenblick fur die Stadtarmenkasse halten mochte, steckte die blanken Dukaten ein, und Severino schleppte die kleine Chiara fort, die er dadurch moglichst zu beruhigen suchte, dass er ihr auf demselben Markt, wo er sie gefunden, ein hubsches neues Rocklein kaufte und sie uberdies mit Zuckerwerk futterte. Es ist gewiss, dass Severino damals eben das Kunststuck mit dem unsichtbaren Madchen im Kopf hatte und in der kleinen Zigeunerin alle Anlagen fand, die Rolle der Unsichtbaren zu ubernehmen. Neben einer sorgfaltigen Erziehung suchte er auf ihren Organism, der zu einem erhohten Zustande besonders geeignet, zu wirken. Er brachte diesen erhohten Zustand, in dem ein prophetischer Geist in dem Madchen aufgluhte, durch kunstliche Mittel hervor, denkt an Mesmer und seine furchtbaren Operationen und versetzte sie jedesmal, wenn sie wahrsagen sollte, in diesen Zustand. Ein ungluckliches Ungefahr liess ihn wahrnehmen, dass die Kleine nach empfundenem Schmerz vorzuglich reizbar war, und dass dann ihre Gabe, das fremde Ich zu durchschauen, bis zum Unglaublichen stieg, so dass sie ganz vergeistigt schien. Und nun geisselte sie der entsetzliche Mensch jedesmal vor der Operation, die sie in den Zustand des hohern Wissens versetzte, auf die grausamste Weise. Zu dieser Qual kam noch, dass Chiara, die Armste, oft tagelang, wenn Severino abwesend, sich zusammenkrummen musste in jenem Verschlag, damit, drange selbst jemand in das Kabinett, doch Chiaras Gegenwart ein Geheimnis bliebe. Ebenso machte sie die Reisen mit Severino in jenem Kasten. Unglucklicher, furchterlicher war Chiaras Schicksal als das jenes Zwerges, den der bekannte Kempelen mit sich fuhrte, und der, in dem Turken versteckt, Schach spielen musste. Ich fand in Severinos Pult eine namhafte Summe in Gold und Papieren, es gelang mir, der kleinen Chiara dadurch ein gutes Einkommen zu sichern, den Apparat zum Orakel, das heisst die akustischen Vorrichtungen im Zimmer und Kabinett vernichtete ich, sowie manches andere Kunstwerk, das nicht transportabel, wogegen ich nach Severinos deutlich ausgesprochenem Vermachtnis manches Geheimnis aus seinem Nachlass mir zu eigen machte. Dies alles abgetan, nahm ich von der kleinen Chiara, die die Wirtsleute halten wollten wie ihr liebes Kindlein, den wehmutigsten Abschied und verliess den Ort. Ein Jahr war vergangen, ich wollte zuruck nach Gonionesmuhl, wo der Hochlobliche Magistrat die Reparatur der Stadtorgel von mir verlangte, aber der Himmel hatte ein besonderes Wohlgefallen daran, mich als Taschenspieler hinzustellen vor den Leuten, und gab daher einem verfluchten Spitzbuben die Macht, meine Borse, in der mein ganzer Reichtum befindlich, zu stehlen und mich so zu zwingen, noch als beruhmter, mit vielen Attesten und Konzessionen versehener Mechaniker Kunste zu machen des notigen Proviants halber. Das geschah an einem Ortchen unfern Sieghartsweiler. Eines Abends sitze ich und hammere und feile an einem Zauberkastchen, da geht die Ture auf, ein weibliches Wesen tritt herein, ruft: 'Nein, ich konnte es nicht langer ertragen, ich musste Euch nach, Herr Liscov ich ware gestorben vor Sehnsucht! Ihr seid mein Herr, gebietet uber mich!' sturzt auf mich zu, will mir zu Fussen fallen, ich fange sie auf in meinen Armen es ist Chiara! Kaum erkenne ich das Madchen, wohl einen Fuss hoher, starker ist sie geworden, ohne dass das den zartesten Formen ihres Wuchses geschadet! 'Liebe susse Chiara!' rief ich tiefbewegt und druckte sie an meine Brust! 'Nicht wahr', spricht nun Chiara, 'Ihr leidet mich bei Euch, Herr Liscov, Ihr verstosset nicht die arme Chiara, die Euch Freiheit und Leben zu verdanken hat?' Und damit springt sie schnell an den Kasten, den eben ein Postknecht hineinschiebt, druckt dem Kerl so viel Geld in die Hand, dass er, mit einem grossen Katzensprung zur Ture hinaus, laut ruft: 'Ei der Daus, das liebe Mohrenkind', offnet den Kasten, nimmt dieses Buch heraus, gibt mir es, sprechend: 'Da, Herr Liscov, nehmt das Beste aus Severinos Nachlass, das Ihr vergessen', fangt an, wahrend ich das Buch aufschlage, ganz getrost Kleider und Wasche auszupacken Ihr moget denken, Kreisler, dass mich die kleine Chiara in nicht geringe Verlogenheit setzte; aber nun ist es Zeit, Kerl, dass du auf mich was halten lernst, da du, weil ich dir half, dem Oheim die reifen Birnen vom Baume naschen und ihm holzerne mit saubrer Malerei hinhangen oder ihm gedungtes Pomeranzenwasser hinstellen in der Giesskanne, womit er die auf dem Rasen zum Bleichen ausgespannten weissen Kanevashosen begoss und einen schonen Marmor herausbrachte ohne Muhe, kurz, weil ich dich zu tollen Narrenstreichen anfuhrte, da du, sag' ich, sonst mich selbst zu nichts anderm machtest, als zu einem puren Schalksnarren, der niemals ein Herz, oder wenigstens die Hanswurstjacke so dick darubergelegt hatte, dass er nichts von seinen Schlagen spurte! Bruste dich nicht, Mensch, mit deiner Empfindsamkeit, mit deinen Tranen, denn siehe, schon wieder muss ich, so wie du es nur zu oft tust, niedertrachtig flennen, aber der Teufel hole doch alles, wenn man erst im hohen Alter jungen Leuten das Innere aufschliessen soll wie eine Chambre garnie." Meister Abraham trat ans Fenster und schaute hinaus in die Nacht. Das Gewitter war voruber, im Sauseln des Waldes horte man die einzelnen Tropfen fallen, die der Nachtwind hinabschuttelte. Von fern her aus dem Schlosse ertonte lustige Tanzmusik. "Prinz Hektor," sprach Meister Abraham, "Prinz Hektor eroffnet die Partie a la Chasse mit einigen Sprungen, glaub' ich"
"Und Chiara?" fragte Kreisler.
"Recht," fuhr Meister Abraham fort, indem er sich erschopft in den Lehnstuhl niederliess, "recht, mein Sohn, dass du mich erinnerst an Chiara, denn ich muss in dieser verhangnisvollen Nacht den Kelch der bittersten Erinnerung nun einmal ausschlurfen bis auf den letzten Tropfen. Ach! sowie Chiara geschaftig hin und her hupfte, wie aus ihren Blicken die reinste Freude strahlte, da fuhlt' ich es wohl, dass es mir ganz unmoglich sein wurde, mich jemals von ihr zu trennen, dass sie mein Weib werden musse. Und doch sprach ich: 'Aber Chiara, was soll ich mit dir anfangen, wenn du nun hier bleibst?' Chiara trat vor mich hin und sprach sehr ernst: 'Meister, Ihr findet in dem Buch, das ich Euch gebracht, die genaue Beschreibung des Orakels, Ihr habt ja ohnedies die Vorrichtungen dazu gesehen. Ich will Euer unsichtbares Madchen sein!' 'Chiara', rief ich ganz besturzt, 'Chiara, was sprichst du? Kannst du mich fur einen Severino halten?' 'O schweigt von Severino', erwiderte Chiara. Nun, was soll ich Euch alles umstandlich erzahlen, Kreisler, Ihr wisst ja schon, dass ich alle Welt in Erstaunen setzte mit meinem unsichtbaren Madchen, und moget mir wohl zutrauen, dass ich es verabscheute, auch nur durch irgendein kunstliches Mittel meine liebe Chiara aufzuregen oder auf irgendeine Weise ihre Freiheit zu verschranken. Sie deutete mir selbst Zeit und Stunde an, wenn sie sich fahig fuhlte oder vielmehr fuhlen wurde, die Rolle der Unsichtbaren zu spielen, und nur dann sprach mein Orakel. Uberdies war meiner Kleinen jene Rolle zum Bedurfnis geworden. Gewisse Umstande, die Ihr kunftig erfahren sollt, brachten mich nach Sieghartsweiler. Es lag in meinem Plan, sehr geheimnisvoll aufzutreten. Ich bezog eine einsame Wohnung bei der Witwe des furstlichen Mundkochs, durch die ich sehr bald das Gerucht von meinen wunderbaren Kunststucken an den Hof brachte. Was ich erwartet hatte, geschah. Der Furst ich meine den Vater des Fursten Irenaus, suchte mich auf, und meine weissagende Chiara war die Zauberin, die, wie von uberirdischer Kraft beseelt, ihm oft sein eignes Inneres erschloss, so dass er manches, was ihm sonst verschleiert gewesen, jetzt klar durchschaute. Chiara, die mein Weib worden, wohnte bei einem mir vertrauten Mann in Sieghartshof und kam zu mir im Dunkel der Nacht, so dass ihre Gegenwart ein Geheimnis blieb. Denn seht, Kreisler, so versessen sind die Menschen auf Wunder, dass, war auch das Kunststuck mit dem unsichtbaren Madchen nicht anders moglich, als durch die Mitwirkung eines menschlichen Wesens, sie doch das ganze Ding fur eine dumme Fopperei geachtet haben wurden, sobald sie erfuhren, dass das unsichtbare Madchen von Fleisch und Bein. Sowie denn in jener Stadt den Severino nach seinem Tode alle Leute einen Betruger schalten, da es herausgekommen, dass eine kleine Zigeunerin im Kabinett gesprochen, ohne die kunstliche akustische Einrichtung, die den Ton aus der Glaskugel kommen liess, auch nur im mindesten zu beachten. Der alte Furst starb, ich hatte die Kunststucke, die Geheimniskramerei mit meiner Chiara herzlich satt, ich wollte mit meinem lieben Weibe hinziehen nach Gonionesmuhl und wieder Orgeln bauen. Da blieb eine Nacht Chiara, die zum letztenmal die Rolle des unsichtbaren Madchens spielen sollte, aus, ich musste die Neugierigen unbefriedigt fortschicken. Mir schlug das Herz vor banger Ahnung. Am Morgen lief ich nach Sieghartshof, Chiara war zur gewohnlichen Stunde fortgegangen. Nun, Kerl, was schaust du mich so an? Ich hoffe, dass du keine alberne Frage tun wirst! Du weisst es ja Chiara war spurlos verschwunden, nie nie hab' ich sie wieder gesehen!"
Meister Abraham sprang rasch auf und sturzte ans Fenster. Ein tiefer Seufzer machte den Blutstropfen Luft, die aus der aufgerissenen Herzwunde quollen. Kreisler ehrte den tiefen Schmerz des Greises durch Schweigen.
"Ihr konnet," begann endlich Meister Abraham, "Ihr konnet nun nicht mehr zuruck nach der Stadt, Kapellmeister. Mitternacht ist heran, draussen, Ihr wisst es, hausen bose Doppeltganger, und allerlei anderes bedrohliches Zeug konnt' uns in den Kram pfuschen. Bleibt bei mir! Toll, ganz toll musst' es ja "
(M. f. f.) aber sein, wenn dergleichen Unschicklichkeiten vorfielen an heiliger Statte ich meine im Auditorio. Es wird mir so enge, so beklommen ums Herz ich vermag, von den erhabensten Gedanken durchstromt, nicht weiter zu schreiben ich muss abbrechen, muss ein wenig spazierengehen!
Ich kehre zuruck an den Schreibtisch, mir ist besser Aber wovon das Herz voll ist, davon geht der Mund uber und auch wohl der Federkiel des Dichters! Ich hort' einmal den Meister Abraham erzahlen, in einem alten Buche stande etwas von einem kuriosen Menschen, dem eine besondere Materia peccans im Leibe rumorte, die nicht anders abging als durch die Finger. Er legte aber hubsches weisses Papier unter die Hand und fing so alles, was nur von dem bosen rumorenden Wesen abgehen wollte, auf und nannte diesen schnoden Abgang Gedichte, die er aus dem Innern geschaffen. Ich halte das Ganze fur eine boshafte Satire, aber wahr ist es, zuweilen fahrt mir ein eignes Gefuhl, beinahe mocht' ich's geistiges Leibkneifen nennen, bis in die Pfoten, die alles hinschreiben mussen, was ich denke. Eben jetzt geht's mir so es kann mir Schaden tun, betorte Kater konnen in ihrer Verblendung bose werden, sogar mich ihre Krallen fuhlen lassen, aber es muss heraus!
Mein Meister hatte heute den ganzen Vormittag hindurch in einem schweinsledernen Quartanten gelesen, als er sich endlich zur gewohnlichen Stunde entfernte, liess er das Buch aufgeschlagen auf dem Tische liegen. Schnell sprang ich herauf, um neugierig, verpicht auf die Wissenschaften, wie ich nun einmal bin, zu erschnuppern, was das wohl fur ein Buch sein konne, worin der Meister mit so vieler Anstrengung studiert. Es war das schone herrliche Werk des alten Johannes Kunisperger vom naturlichen Einfluss der Gestirne, Planeten und zwolf Zeichen. Ja wohl, mit Recht kann ich das Werk schon und herrlich nennen, denn, indem ich las, gingen mir da nicht die Wunder meines Seins, meines Wandelns hienieden auf in voller Klarheit? Ha! indem ich dieses schreibe, flammt uber meinem Haupt das herrliche Gestirn, das in treuer Verwandtschaft in meine Seele hinein-, aus meiner Seele hinausleuchtet ja, ich fuhle den gluhenden, sengenden Strahl des langgeschweiften Kometen auf meiner Stirne, ja, ich bin selbst der glanzende Schwanzstern, das himmlische Meteor, das in hoher Glorie prophetisch drauend durch die Welt zieht. So wie der Komet alle Sterne uberleuchtet, so verschwindet ihr, stell' ich nur nicht meine Gaben unter den Scheffel, sondern lasse mein Licht gehorig leuchten, und das dependiert ganz von mir ja, so verschwindet ihr alle in finstre Nacht, ihr Kater, andere Tiere und Menschen! Aber trotz der gottlichen Natur, die aus mir, dem geschwanzten Lichtgeist, herausstrahlt, teile ich doch nicht das Los aller Sterblichen? Mein Herz ist zu gut, ich bin ein zu empfindsamer Kater, mochte mich gern gemutlich anschliessen den Schwachern und gerate daruber in Trauer und Herzeleid. Denn muss ich nicht uberall gewahren, dass ich allein stehe wie in der tiefsten Einode, da ich nicht dem jetzigen Zeitalter, nein, einem kunftigen der hohern Ausbildung angehore, da es keine einzige Seele gibt, die mich gehorig zu bewundern versteht? Und es macht mir doch so viel Freude, wenn ich tuchtig bewundert werde, selbst das Lob junger gemeiner, ungebildeter Kater tut mir unbeschreiblich wohl. Ich weiss sie vor Erstaunen ausser sich selbst zu setzen, aber was hilft's, sie konnen doch, bei aller Anstrengung, nicht den rechten Lobposaunenton treffen, schreien sie auch noch so sehr Mau Mau! An die Nachwelt muss ich denken, die mich wurdigen wird. Schreib' ich jetzt ein philosophisches Werk, wer ist's, der die Tiefen meines Geistes durchdringt? Lass ich mich herab, ein Schauspiel zu dichten, wo sind die Schauspieler, die es aufzufuhren vermogen? Lass ich mich ein auf andere literarische Arbeiten; schreib' ich z.B. Kritiken, die mir schon deshalb anstehen, weil ich uber alles, was Dichter, Schriftsteller, Kunstler heisst, schwebe, mich gleich uberall selbst als, freilich unerreichbares, Muster, als Ideal der Vollkommenheit hinstellen, deshalb auch allein ein kompetentes Urteil aussprechen kann, wer ist's, der sich auf meinen Standpunkt hinaufzuschwingen, meine Ansichten mit mir zu teilen vermag? Gibt es denn Pfoten oder Hande, die mir den verdienten Lorbeerkranz auf die Stirne drucken konnten? Doch dafur ist guter Rat vorhanden, das tue ich selbst und lasse den die Krallen fuhlen, der sich etwa unterstehen mochte, an der Krone zu zupfen. Es existieren wohl solche neidische Bestien, ich traume oft nur, dass ich von ihnen angegriffen werde, fahre, in der Einbildung, mich verteidigen zu mussen, mir selbst ins Gesicht mit meinen spitzen Waffen und verwunde klaglich das holde Antlitz Man wird auch wohl im edeln Selbstgefuhl etwas misstrauisch, aber es kann nicht anders sein. Hielt ich es doch neulich fur einen versteckten Angriff auf meine Tugend und Vortrefflichkeit, als der junge Ponto mit mehreren Pudeljunglingen auf der Strasse uber die neuesten Erscheinungen des Tages sprach, ohne meiner zu erwahnen, unerachtet ich doch kaum sechs Schritte von ihm an der Kellerluke meiner Heimat sass. Nicht wenig argerte es mich, dass der Fant, als ich ihm Vorwurfe daruber machte, behaupten wollte, er habe mich wirklich gar nicht bemerkt.
Doch es ist Zeit, dass ich euch, mir verwandte Seelen einer schonern Nachwelt, o, ich wollte, diese Nachwelt befande sich schon mitten in der Gegenwart und hatte gescheite Gedanken uber Murrs Grosse und sprache diese Gedanken laut aus mit so heller Stimme, dass man nichts anderes vernehmen konnte vor dem lauten Geschrei, ja, dass ihr etwas Weiteres davon erfahrt, was sich mit eurem Murr zutrug in seinen Junglingsjahren. Passt auf, gute Seelen, ein merkwurdiger Lebenspunkt tritt ein.
Des Marzen Idus war angebrochen, die schonen milden Strahlen der Fruhlingssonne fielen auf das Dach, und ein sanftes Feuer durchgluhte mein Inneres. Schon seit ein paar Tagen hatte mich eine unbeschreibliche Unruhe, eine unbekannte wunderbare Sehnsucht geplagt, jetzt wurde ich ruhiger, doch nur um bald in einen Zustand zu geraten, den ich niemals geahnt!
Aus einer Dachluke, unfern von mir, stieg leis und linde ein Geschopf heraus, o, dass ich es vermochte, die Holdeste zu malen! Sie war ganz weiss gekleidet, nur ein kleines schwarzes Samtkappchen bedeckte die niedliche Stirn, sowie sie auch schwarze Strumpfchen an den zarten Beinen trug. Aus dem lieblichsten Grasgrun der schonsten Augen funkelte ein susses Feuer, die sanften Bewegungen der feingespitzten Ohren liessen ahnen, dass Tugend in ihr wohne und Verstand, sowie das wellenformige Ringeln des Schweifs hohe Anmut aussprach und weiblichen Zartsinn!
Das holde Kind schien mich nicht zu erschauen, es blickte in die Sonne, blinzelte und nieste. O, der Ton durchbebte mein Innerstes mit sussen Schauern, meine Pulse schlugen mein Blut wallte siedend durch alle Adern, mein Herz wollte zerspringen, alles unnennbar schmerzliche Entzucken, das mich ausser mir selbst setzte, stromte heraus in dem lang gehaltenen Miau! das ich ausstiess. Schnell wandte die Kleine den Kopf nach mir, blickte mich an, Schreck, kindliche susse Scheu in den Augen. Unsichtbare Pfoten rissen mich hin zu ihr mit unwiderstehlicher Gewalt aber sowie ich auf die Holde lossprang, um sie zu erfassen, war sie schnell wie der Gedanke hinter dem Schornstein verschwunden! Ganz Wut und Verzweiflung, rannte ich auf dem Dache umher und stiess die klaglichsten Tone aus, alles umsonst sie kam nicht wieder! Ha, welcher Zustand! mir schmeckte kein Bissen, die Wissenschaften ekelten mich an, ich mochte weder lesen noch schreiben. "Himmel!" rief ich andern Tages aus, als ich die Holde uberall gesucht auf dem Dache, auf dem Boden, in dem Keller, in allen Gangen des Hauses, und nun trostlos heimkehrte, als, da ich die Kleine bestandig in Gedanken, mich nun selbst der Bratfisch, den mir der Meister hingesetzt, aus der Schussel anstarrte mit ihren Augen, so dass ich laut rief im Wahnsinn des Entzuckens: "Bist du es, Langersehnte?" und ihn auffrass mit einem Schluck: ja, da rief ich: "Himmel, o Himmel! Sollte das Liebe sein?" ich wurde ruhiger, ich beschloss als ein Jungling von Erudition, mich uber meinen Zustand ganz ins klare zu setzen, und begann sogleich, wiewohl mit Anstrengung, den Ovid "de arte amandi" durchzustudieren sowie Mansos "Kunst zu lieben", aber keines von den Kennzeichen eines Liebenden, wie es in diesen Werken angegeben, wollte recht auf mich passen. Endlich fuhr es mir plotzlich durch den Sinn, dass ich in irgendeinem Schauspiel4 gelesen, ein gleichgultiger Sinn und ein verwilderter Bart seien sichere Kennzeichen eines Verliebten! Ich schaute in einen Spiegel, Himmel, mein Bart war verwildert! Himmel, mein Sinn war gleichgultig!
Da ich nun wusste, dass es seine Richtigkeit hatte mit meinem Verliebtsein, kam Trost in meine Seele. Ich beschloss, mich gehorig mit Speis' und Trank zu starken und dann die Kleine aufzusuchen, der ich mein ganzes Herz zugewandt. Eine susse Ahnung sagte mir, dass sie vor der Ture des Hauses sitze, ich stieg die Treppe hinab und fand sie wirklich! O welch ein Wiedersehen! wie wallte in meiner Brust das Entzucken, die unnennbare Wonne des Liebesgefuhls. Miesmies, so wurde die Kleine geheissen, wie ich von ihr spater erfuhr, Miesmies sass da in zierlicher Stellung auf den Hinterfussen und putzte sich, indem sie mit den Pfotchen mehrmals uber die Wangen, uber die Ohren fuhr. Mit welcher unbeschreiblichen Anmut besorgte sie vor meinen Augen das, was Reinlichkeit und Eleganz erfordern, sie bedurfte nicht schnoder Toilettenkunste, um die Reize, die ihr die Natur verliehen, zu erhohen! Bescheidner als das erstemal nahte ich mich ihr, setzte mich zu ihr hin! Sie floh nicht, sie sah mich an mit forschendem Blick und schlug dann die Augen nieder. "Holdeste," begann ich leise, "sei mein!" "Kuhner Kater," erwiderte sie verwirrt, "kuhner Kater, wer bist du? Kennst du mich denn? Wenn du aufrichtig bist so wie ich und wahr, so sage und schwore mir, dass du mich wirklich liebst." "O," rief ich begeistert, "ja bei den Schrecken des Orkus, bei dem heiligen Mond, bei allen sonstigen Sternen und Planeten, die kunftige Nacht scheinen werden, wenn der Himmel heiter, schwore ich dir's, dass ich dich liebe!" "Ich dich auch," lispelte die Kleine und neigte in susser Verschamtheit das Haupt mir zu. Ich wollte sie voll Inbrunst umpfoten, da sprangen aber mit teuflischem Geknurre zwei riesige Kater auf mich los, zerbissen, zerkratzten mich klaglich und walzten mich zum Uberfluss noch in die Gosse, so dass das schmutzige Spulwasser uber mich zusammenschlug. Kaum konnt' ich mich aus den Krallen der mordlustigen Bestien retten, die meinen Stand nicht achteten, mit vollem Angstgeschrei lief ich die Treppe herauf. Als der Meister mich erblickte, rief er, laut lachend: "Murr, Murr, wie siehst du aus? Ha, ha! ich merke schon, was geschehen, du hast Streiche machen wollen, wie 'der im Irrgarten der Liebe herumtaumelnde Kavalier', und dabei ist's dir ubel ergangen!" Und dabei brach der Meister zu meinem nicht geringen Verdruss aufs neue aus in ein schallendes Gelachter. Der Meister hatte ein Gefass mit lauwarmem Wasser fullen lassen, darein stulpte er mich ohne Umstande einigemal ein, so dass mir vor Niesen und Prusten Horen und Sehen verging, wickelte mich dann fest in Flanell ein und legte mich in meinen Korb. Ich war beinahe besinnungslos vor Wut und Schmerz, ich vermochte kein Glied zu ruhren. Endlich wirkte die Warme wohltatig auf mich, ich fuhlte meine Gedanken sich ordnen. "Ha," klagte ich, "welch neue bittere Tauschung des Lebens! Das ist also die Liebe, die ich schon so herrlich besungen, die das Hochste sein, die uns mit namenloser Wonne erfullen, die uns in den Himmel tragen soll! Ha! mich hat sie in die Gosse geworfen! ich entsage einem Gefuhl, das mir nichts eingebracht als Bisse, ein abscheuliches Bad und niedertrachtige Einmummung in schnoden Flanell!" Aber kaum war ich wieder in Freiheit und genesen, als aufs neue Miesmies mir unaufhorlich vor Augen stand und ich, jener ausgestandenen Schmach wohl eingedenk, zu meinem Entsetzen gewahrte, dass ich noch in Liebe. Mit Gewalt nahm ich mich zusammen und las als ein vernunftiger gelehrter Kater den Ovid nach, da ich mich wohl erinnerte, in der "Ars amandi" auch auf Rezepte gegen die Liebe gestossen zu sein.
Ich las die Verse:
"Venus otia amat. Qui finem quaeris amoris,
Cedit amor rebus, res age, tutus eris!"
Mit neuem Eifer wollt' ich mich dieser Vorschrift gemass in die Wissenschaften vertiefen, aber Miesmies hupfte auf jedem Blatte mir vor den Augen, Miesmies dachte las schrieb ich! Der Autor, dacht' ich, muss andere Arbeit meinen, und da ich von andern Katern gehort, dass die Mausejagd ein ungemein angenehmes zerstreuendes Vergnugen sein solle, war es ja moglich, dass unter den rebus auch die Mausejagd begriffen sein konnte. Ich begab mich daher, sowie es finster worden, in den Keller und durchstrich die dustern Gange, indem ich sang: "Im Walde schlich ich still und wild, gespannt mein Feuerrohr "
Ha! statt des Wildes, das ich zu jagen trachtete, schaute ich aber wirklich ihr holdes Bild, aus den tiefen Grunden trat es wirklich uberall hervor! Und dabei zerschnitt der herbe Liebesschmerz mein nur zu leicht verwundbar Herz! Und ich sprach: "Lenk' auf mich die holden Blicke, jungfraulichen Morgenschein, und als Braut und Braut'gam wandeln Murr und Miesmies selig heim." Also sprach ich, freud'ger Kater, hoffend auf des Sieges Preis. Armer! Mit verhullten Augen floh sie, scheue Katz', dachein!
So geriet ich Bedauernswurdiger immer mehr und mehr in Liebe, die ein feindlicher Stern mir zum Verderben in meiner Brust entzundet zu haben schien. Wutend, mich auflehnend gegen mein Schicksal, fiel ich aufs neue her uber den Ovid und las die Verse:
"Exige, quod cantet, si qua est sine voce puella,
Non didicit chordas tangere, posce lyram."
"Ha," rief ich, "zu ihr hinauf aufs Dach! Ha, ich werde sie wiederfinden, die susse Huldin, da, wo ich sie zum erstenmal erblickte, aber singen soll sie, ja singen, und bringt sie nur eine einzige falsche Note heraus, dann ist's vorbei, dann bin ich geheilt, gerettet." Der Himmel war heiter, und der Mond, bei dem ich der holden Miesmies Liebe zugeschworen, schien wirklich, als ich auf das Dach stieg, um sie zu erlauern. Lange gewahrte ich sie nicht, und meine Seufzer wurden laute Liebesklagen.
Ich stimmte endlich ein Liedlein an im wehmutigsten Ton, ungefahr folgendermassen:
"Rauschende Walder, flusternde Quellen,
Stromender Ahnung spielende Wellen,
Mit mir o klaget!
Saget, o saget!
Miesmies, die Holde, wo ist sie gegangen,
Jungling in Liebe, Jungling, wo hat er
Miesmies, die susse Huldin, umfangen?
Trostet den Bangen.
Trostet den gramverwilderten Kater!
Mondschein, o Mondschein,
Sag' mir, wo thront mein
Artiges Kindlein, liebliches Wesen!
Wutender Schmerz kann niemals genesen!
Trostloser Liebender kluger Berater,
Eil' ihn zu retten
Von Liebesketten,
Hilf ihm, o hilf dem verzweifelnden Kater."
Seht ein, geliebter Leser, dass ein wackerer Dichter weder sich im rauschenden Walde befinden, noch an einer flusternden Quelle sitzen darf, ihm stromen der Ahnung spielende Wellen doch zu, und in diesen Wellen erschaut er doch alles, was er will, und kann davon singen, wie er will. Sollte jemand uber die hohe Vortrefflichkeit obiger Verse zu sehr in Erstaunen geraten, so will ich bescheiden ihn darauf aufmerksam machen, dass ich mich in der Ekstase befand, in verliebter Begeisterung, und nun weiss jeder, dass jedem, der von dem Liebesfieber ergriffen, konnt' er auch sonst kaum Wonne auf Sonne und Triebe auf Liebe reimen, konnt' er, sag' ich, auf diese nicht ganz ungewohnlichen Reime trotz aller Anstrengung sich durchaus nicht besinnen, plotzlich das Dichten ankommt und er die vortrefflichsten Verse heraussprudeln muss, wie einer, der vom Schnupfen befallen, unwiderstehlich ausbricht in schreckliches Niesen. Wir haben dieser Ekstase prosaischer Naturen schon viel Vortreffliches zu verdanken, und schon ist es, dass oft dadurch menschliche Miesmiese von nicht sonderlicher Beaute auf einige Zeit einen herrlichen Ruf erhielten. Geschieht das nun am durren Holz, was muss sich am grunen begeben? Ich meine, werden schon hundische Prosaiker bloss durch die Liebe umgesetzt in Dichter, was muss erst wirklichen Dichtern geschehen in diesem Stadium des Lebens? Nun! weder im rauschenden Walde sass ich, noch an flusternder Quelle, ich sass auf einem kahlen hohen Dache, das bisschen Mondschein war kaum zu rechnen, und doch flehte ich in jenen meisterhaften Versen Walder und Quellen und Wellen und zuletzt meinen Freund Ovid an, mir zu helfen, mir beizustehen in der Liebesnot. Etwas schwer wurde es mir, Reime zu den Namen meines Geschlechts zu finden, den gewohnlichen, Vater, wusste ich selbst in der Begeisterung nicht anzubringen. Dass ich aber wirklich Reime fand, bewies mir aufs neue den Vorzug meines Geschlechts vor dem menschlichen, da auf das Wort Mensch sich bekanntlich nichts reimt, weshalb, wie schon irgendein Witzbold von Theaterdichter bemerkt hat, der Mensch ein ungereimtes Tier ist. Ich bin dagegen ein gereimtes. Nicht vergebens hatte ich die Tone der schmerzhaften Sehnsucht angeschlagen, nicht vergebens Walder, Quellen, den Mondschein beschworen, mir die Dame meiner Gedanken zuzufuhren, hinter dem Schornstein kam die Holde daherspaziert mit leichten anmutigen Schritten. "Bist du es, lieber Murr, der so schon singt?" So rief mir Miesmies entgegen. "Wie," erwiderte ich mit freudigem Erstaunen, "wie, du kennst mich, susses Wesen?" "Ach," sprach sie, "ach, ja wohl, du gefielst mir gleich beim ersten Blick, und es hat mir in der Seele weh getan, dass meine beiden unartigen Vettern dich so unbarmherzig in die Gosse" "Schweigen wir," unterbrach ich sie, "schweigen wir von der Gosse, bestes Kind o sage mir, sage mir, ob du mich liebst?" "Ich habe mich," sprach Miesmies weiter, "nach deinen Verhaltnissen erkundigt und erfahren, dass du Murr hiessest und bei einem sehr gutigen Mann nicht allein dein reichliches Auskommen hattest, sondern auch alle Bequemlichkeiten des Lebens genossest, ja, diese wohl mit einer zartlichen Gattin teilen konntest! o, ich liebe dich sehr, guter Murr!" "Himmel," rief ich im hochsten Entzucken, "Himmel, ist es moglich, ist es Traum, ist es Wahrheit? O halte dich halte dich, Verstand, schnappe nicht uber! Ha! bin ich noch auf der Erde? Sitze ich noch auf dem Dache? Schwebe ich nicht in den Wolken? Bin ich noch der Kater Murr? Bin ich nicht der Mann im Monde? Komm an meinen Busen, Geliebte doch sage mir erst deinen Namen, Schonste." "Ich heisse Miesmies," erwiderte die Kleine, suss lispelnd in holder Verschamtheit, und setzte sich traulich neben mir hin. Wie schon sie war! Silbern glanzte ihr weisser Pelz im Mondschein, in sanftem schmachtendem Feuer funkelten die grunen Auglein. "Du "
(Mak. Bl.) hattest, geliebter Leser, das freilich schon etwas fruher erfahren konnen, aber der Himmel gebe, dass ich nicht noch mehr querfeldein springen muss, als es bis jetzt schon geschehen. Also, wie gesagt, dem Vater des Prinzen Hektor war es ebenso ergangen wie dem Fursten Irenaus, er hatte, selbst wusste er nicht wie, sein Landlein aus der Tasche verloren. Prinz Hektor, der zu nichts wenigerem aufgelegt, als zum stillen, friedlichen Leben, der, unerachtet ihm der Furstenstuhl unter den Beinen weggezogen, doch gern aufrecht stehen und, statt zu regieren, wenigstens kommandieren wollte, nahm franzosische Dienste, war ungemein tapfer, ging aber, als ihn eines Tages ein Zithermadel anplarrte: "Kennst du das Land, wo die Zitronen gluhn," sofort nach dem Lande, wo dergleichen Zitronen wirklich gluhn, das heisst nach Neapel, und zog statt der franzosischen Uniform eine neapolitanische an. Er wurde namlich so geschwinde General, wie es nur irgendeinem Prinzen geschehen kann. Als der Vater des Prinzen Hektor gestorben, schlug Furst Irenaus das grosse Buch auf, worin er selbst samtliche furstliche Haupter in Europa verzeichnet, und notierte den erfolgten Tod seines furstlichen Freundes und Gefahrten im Malheur. Nachdem dies geschehen, schaute er lange den Namen des Prinzen Hektor an, rief dann sehr laut: "Prinz Hektor!" und klappte den Folianten so heftig zu, dass der Hofmarschall entsetzt drei Schritte zuruckprallte. Nun stand der Furst auf, ging langsam im Zimmer auf und ab und schnupfte so viel Spaniol als notig, um eine ganze Welt von Gedanken in Ordnung zu bringen. Der Hofmarschall sprach viel von dem seligen Herrn, der nachst vielen Reichtumern ein aimables Herz besessen, vom jungen Prinzen Hektor, der vergottert werde in Neapel von dem Monarchen und der Nation u.s.w. Furst Irenaus schien das alles nicht zu beachten, er blieb plotzlich dicht vor dem Hofmarschall stehen, schaute ihn an mit dem entsetzlichen Friedrichsblick, sprach sehr stark: "Peut-etre" und verschwand in das Nebenkabinett.
"Gott," sprach der Hofmarschall, "der gnadigste Furst haben gewiss die konsiderabelsten Gedanken, vielleicht gar Plane."
Es war dem so. Furst Irenaus dachte an den Reichtum des Prinzen, an seine Verwandtschaft mit machtigen Hauptern, er rief sich die Uberzeugung ins Gedachtnis, dass Prinz Hektor gewiss noch den Degen mit dem Zepter vertauschen werde, und ihm kam der Gedanke, dass die Vermahlung des Prinzen mit der Prinzessin Hedwiga von den erspriesslichsten Folgen sein konne. Ganz im geheimsten Geheim musste der Kammerherr, den der Furst sogleich absandte, um dem Prinzen seinerseits namhaftes Beileid uber den Tod des Vaters zu bezeigen, das bis auf die Farbe der Haut wohlgetroffene Miniaturbild der Prinzessin in die Tasche stecken. Es ist hier zu bemerken, dass die Prinzessin in der Tat eine vollendete Schonheit zu nennen gewesen, hatte ihre Haut weniger ins Gelbe gespielt. Daher war ihr die Beleuchtung des Kerzenscheins gunstig.
Der Kammerherr richtete den geheimen Auftrag des Fursten niemanden, selbst nicht der Furstin, hatte dieser das mindeste von seiner Absicht vertraut, sehr geschickt aus. Als der Prinz das Gemalde sah, geriet er beinahe in dieselbe Ekstase, wie sein prinzlicher Kollege in der "Zauberflote". Wie Tamino hatte er beinahe, wenn auch nicht gesungen, doch gerufen: "Dies Bildnis ist bezaubernd schon," und dann weiter: "Soll die Empfindung Liebe sein? Ja, ja, die Liebe ist's allein!" Bei Prinzen ist es sonst eben nicht die Liebe allein, die sie streben lasst nach der Schonsten, indessen dachte Prinz Hektor gerade nicht an andere Verhaltnisse, als er sich hinsetzte und an den Fursten Irenaus schrieb, es moge ihm vergonnet sein, sich um Herz und Hand der Prinzessin Hedwiga zu bewerben.
Furst Irenaus antwortete, dass, da er mit Freuden in eine Vermahlung willige, die er schon seines verstorbenen furstlichen Freundes halber aus dem Grunde des Herzens wunsche, es gar keiner weitern Bewerbung eigentlich bedurfe. Da aber die Form sauviert werden musse, moge der Prinz einen artigen Mann von dem gehorigen Stande nach Sieghartsweiler senden, den er ja auch gleich mit Vollmacht versehen konne, die Trauung zu vollziehen und, nach altem schonem Herkommen, gestiefelt und gespornt den Bettsprung zu unternehmen. Der Prinz schrieb zuruck: "Ich komme selbst, mein Furst!"
Dem Fursten war das nicht recht, er hielt die Trauung durch einen Bevollmachtigten fur schoner, erhabner, furstlicher, hatte sich im Innersten auf das Fest gefreut und beruhigte sich nur damit, dass vor dem Beilager ein grosses Ordensfest gefeiert werden konne. Er wollte namlich das Grosskreuz eines Hausordens, den sein Vater gestiftet hatte, und den kein Ritter mehr trug, nicht tragen durfte, dem Prinzen umhangen auf die solenneste Weise.
Prinz Hektor kam also nach Sieghartsweiler, um die Prinzessin Hedwiga heimzufuhren und nebenher das Grosskreuz eines verschollenen Hausordens zu erhalten. Es schien ihm erwunscht, dass der Furst seine Absicht geheimgehalten, er bat vorzuglich rucksichts Hedwigas, in diesem Schweigen zu verharren, da er erst der vollen Liebe Hedwigas versichert sein musse, ehe er mit seiner Bewerbung hervortreten konne.
Der Furst verstand nicht recht, was der Prinz damit sagen wollte, und meinte, dass, soviel er wisse und sich erinnere, diese Form, was namlich die Versicherung der Liebe vor dem Beilager betrafe, in furstlichen Hausern niemals ublich gewesen sei. Verstehe der Prinz aber darunter weiter nichts als die Ausserung eines gewissen Attachements, so durfe das vorzuglich wahrend des Brautstandes wohl eigentlich nicht stattfinden, konne aber, da doch die leichtsinnige Jugend uber alles, was die Etikette gebiete, hinwegzuspringen geneigt, ja in der Kurze abgemacht werden, drei Minuten vor dem Ringewechseln. Herrlich und erhaben war's freilich, wenn das furstliche Brautpaar in diesem Augenblick einigen Abscheu gegeneinander bewiese, leider waren aber diese Regeln des hochsten Anstandes in neuester Zeit zu leeren Traumen geworden.
Als der Prinz Hedwiga zum erstenmal erblickte, flusterte er seinem Adjutanten in den andern unverstandlichem neapolitanischen Dialekt zu: "Bei allen Heiligen! Sie ist schon, aber unfern des Vesuvs geboren, und sein Feuer blitzt aus ihren Augen."
Prinz Ignaz hatte sich bereits sehr angelegentlich erkundigt, ob es in Neapel schone Tassen gebe, und wieviel davon Prinz Hektor besitze, so dass dieser, durch die ganze Tonleiter der Begrussungen durchgestiegen, sich wieder zu Hedwiga wenden wollte, als die Turen sich offneten und der Furst den Prinzen einlud zu der Prachtszene, die er durch die Zusammenberufung samtlicher Personen, welche nur im mindesten was Hoffahiges an und in sich trugen, im Prunksaal bereitet. Er war diesmal in dem Auswahlen weniger strenge gewesen als sonst, da der Zirkel in Sieghartshof eigentlich fur eine Landpartie zu achten. Auch die Benzon war zugegen mit Julien.
Prinzessin Hedwiga war still, in sich gekehrt, teilnahmlos, sie schien den schonen Fremdling aus dem Suden nicht mehr, nicht weniger zu beachten als jede andere neue Erscheinung am Hofe und fragte ziemlich murrisch ihr Hoffraulein, die rotwangige Nannette, ob sie narrisch worden, als diese nicht aufhoren konnte, ihr ins Ohr zu flustern, der fremde Prinz sei doch gar zu hubsch, und eine schonere Uniform habe sie zeit ihres Lebens nicht gesehen.
Prinz Hektor entfaltete nun vor der Prinzessin den bunten prahlenden Pfauenschweif seiner Galanterie, sie, beinahe verletzt durch den Ungestum seiner susslichen Verzucktheit, fragte nach Italien, nach Neapel. Der Prinz gab ihr die Beschreibung eines Paradieses, in dem sie als herrschende Gottin wandelte. Er bewahrte sich als ein Meister in der Kunst, zu der Dame so zu sprechen, dass alles, alles sich gestaltet als ein Hymnus, der ihre Schonheit, ihre Anmut preist. Mitten aus diesem Hymnus sprang aber die Prinzessin heraus und hin zu Julien, die sie in der Nahe gewahrte. Die druckte sie an ihre Brust, nannte sie mit tausend zartlichen Namen, rief: "Das ist meine liebe, liebe Schwester, meine herrliche susse Julia!" als der Prinz, etwas betroffen uber Hedwigas Flucht, hinzutrat. Der Prinz heftete einen langen seltsamen Blick auf Julien, so dass diese, uber und uber errotend, die Augen niederschlug und sich scheu zur Mutter wandte, die hinter ihr stand. Aber die Prinzessin umarmte sie aufs neue und rief: "Meine liebe, liebe Julia" und dabei traten ihr die Tranen in die Augen. "Prinzessin," sprach die Benzon leise, "Prinzessin, warum dieses krampfhafte Benehmen?" Die Prinzessin, ohne die Benzon zu beachten, drehte sich zu dem Prinzen, dem wirklich uber alles das der Strom der Rede versiegt, und war sie erst still, ernst, missmutig gewesen, so schweifte sie beinahe jetzt aus in seltsamer krampfhafter Lustigkeit. Endlich liessen die stark gespannten Saiten nach, und die Melodieen, die nun aus ihrem Innern heraustonten, waren weicher, milder, jungfraulich zarter. Sie war liebenswurdiger als jemals, und der Prinz schien ganz und gar hingerissen. Endlich begann der Tanz. Der Prinz, nachdem mehrere Tanze gewechselt, erbot sich, einen neapolitanischen Nationaltanz anzufuhren, und es gelang ihm bald, den Tanzenden die volle Idee davon zu geben, so dass sich alles gar artig fugte und selbst der leidenschaftlich zartliche Charakter des Tanzes gut hervortrat.
Niemand hatte aber eben diesen Charakter so ganz begriffen als Hedwiga, die mit dem Prinzen tanzte. Sie verlangte die Wiederholung, und als der Tanz zum zweitenmal geendet, bestand sie, des Mahnens der Benzon, die auf ihren Wangen schon die verdachtige Blasse wahrnahm, nicht achtend, darauf, zum drittenmal den Tanz auszufuhren, der ihr nun erst recht gelingen werde. Der Prinz war entzuckt. Er schwebte hin mit Hedwiga, die in jeder Bewegung die Anmut selbst schien. Bei einer der vielen Verschlingungen, die der Tanz gebot, druckte der Prinz die Holde sturmisch an die Brust, aber in demselben Augenblick sank auch Hedwiga entseelt in seinen Armen zusammen.
Der Furst meinte, eine unschicklichere Storung eines Hofballs konne es nicht geben, und nur das Land entschuldige vieles.
Prinz Hektor hatte selbst die Ohnmachtige in ein benachbartes Zimmer auf ein Sofa getragen, wo ihr die Benzon die Stirne rieb mit irgendeinem starken Wasser, das der Leibarzt zur Hand gehabt. Dieser erklarte ubrigens die Ohnmacht fur einen Nervenzufall, den die Erhitzung des Tanzes veranlasst, und der sehr bald vorubergehen werde.
Der Arzt hatte recht, nach wenigen Sekunden schlug die Prinzessin mit einem tiefen Seufzer die Augen auf. Der Prinz, sobald er vernommen, die Prinzessin habe sich erholt, drang durch den dichten Kreis der Damen, von dem sie umschlossen, kniete nieder bei dem Sofa, klagte sich bitter an, dass er allein schuld sei an dem Begegnis, das ihm das Herz durchschneide. Sowie die Prinzessin ihn aber erblickte, rief sie mit allen Zeichen des Abscheues: "Fort, fort!" und sank aufs neue in Ohnmacht.
"Kommen Sie," sprach der Furst, indem er den Prinzen bei der Hand erfasste, "kommen Sie, bester Prinz, Sie wissen nicht, dass die Prinzessin oft an den seltsamsten Reverien leidet. Weiss der Himmel, auf welche sonderbare Weise Sie ihr in diesem Augenblick erschienen sind! Imaginieren Sie sich, bester Prinz, schon als Kind entre nous soit dit schon als Kind hielt mich einmal die Prinzessin einen ganzen Tag hindurch fur den Grossmogul und pratendierte, ich solle in Samtpantoffeln ausreiten, wozu ich mich auch endlich entschloss, wiewohl nur im Garten."
Prinz Hektor lachte dem Fursten ohne Umstande ins Gesicht und rief nach dem Wagen.
Die Benzon musste, so wollt' es die Furstin aus Besorgnis fur Hedwiga, mit Julien im Schlosse bleiben. Sie wusste, welche psychische Macht sonst die Benzon uber die Prinzessin ubte, und ebenso, dass dieser psychischen Macht auch Krankheitszufalle der Art zu weichen pflegten. In der Tat geschah es auch diesmal, dass Hedwiga in ihrem Zimmer sich bald erholte, als die Benzon ihr unermudlich zugeredet mit sanften Worten. Die Prinzessin behauptete nichts Geringeres, als dass im Tanzen der Prinz sich in ein drachenartiges Ungeheuer verwandelt und mit spitzer gluhender Zunge ihr einen Stich ins Herz gegeben habe. "Gott behute," rief die Benzon, "am Ende ist Prinz Hektor gar das mostro turchino aus der Gozzischen Fabel! Welche Einbildungen, zuletzt wird es sich so begehen wie mit Kreisler, den Sie fur einen bedrohlichen Wahnsinnigen hielten!" "Nimmermehr," rief die Prinzessin heftig und setzte dann lachend hinzu, "wahrhaftig, ich wollte nicht, dass mein guter Kreisler sich so plotzlich in das mostro turchino verwandelte wie Prinz Hektor!"
Als am fruhsten Morgen die Benzon, die bei der Prinzessin gewacht, in Juliens Zimmer trat, kam ihr diese entgegen, erblasst, ubernachtig, das Kopfchen gehangt wie eine kranke Taube. "Was ist dir, Julie?" rief ihr die Benzon, die nicht gewohnt, die Tochter in solchem Zustande zu sehen, erschrocken entgegen. "Ach, Mutter," sprach Julie ganz trostlos, "ach, Mutter, niemals mehr in diese Umgebungen, mein Herz erbebt, wenn ich an die gestrige Nacht denke. Es ist etwas Entsetzliches in diesem Prinzen; als er mich anblickte, ich kann dir's nicht beschreiben, was in meinem Innern vorging. Ein Blitzstrahl fuhr totend aus diesen dunklen unheimlichen Augen, von dem getroffen ich Armste vernichtet werden konnte. Lache mich nicht aus, Mutter, aber es war der Blick des Morders, der sein Opfer erkoren, das mit der Todesangst getotet wird, noch ehe der Dolch gezuckt! Ich wiederhol' es, ein ganz fremdes Gefuhl, ich vermag es nicht zu nennen, bebte wie ein Krampf mir durch alle Glieder! Man spricht von Basilisken, deren Blick, ein giftiger Feuerstrahl, augenblicklich totet, wenn man es wagt, sie anzuschauen. Der Prinz mag solchem bedrohlichen Untier gleichen."
"Nun," rief die Benzon laut lachend, "nun muss ich in der Tat glauben, dass es mit dem mostro turchino seine Richtigkeit hat, da der Prinz, ist er gleich der schonste, liebenswurdigste Mann, zweien Madchen erschienen ist als Drache, als Basilisk. Der Prinzessin traue ich die tollsten Einbildungen zu, aber dass meine ruhige sanfte Julie, mein susses Kind, sich hingeben sollte narrischen Traumen " "Und Hedwiga," unterbrach Julie die Benzon, "und Hedwiga, ich weiss nicht, welch eine bose feindliche Macht sie losreissen von meinem Herzen, ja, mich hineinsturzen will in den Kampf einer furchterlichen Krankheit, der in ihrem Innern wutet! Ja, Krankheit nenne ich der Prinzessin Zustand, gegen den die Armste nichts vermag. Als sie gestern sich schnell abwandte von dem Prinzen, als sie mich liebkoste, umarmte, da fuhlte ich, wie sie in Fieberhitze gluhte. Und dann das Tanzen, das entsetzliche Tanzen! Du weisst, Mutter, wie ich die Tanze hasse, in denen es den Mannern vergonnt, uns zu umschlingen. Es ist mir, als mussten wir in dem Augenblick alles aufgeben, was Sitte und Anstand erfordern, und den Mannern eine Ubermacht einraumen, die wenigstens den zartfuhlenden unter ihnen unerfreulich bleiben wird. Und nun Hedwiga, die nicht aufhoren konnte, jenen sudlichen Tanz zu tanzen, der mir, je langer er dauerte, desto abscheulicher schien. Rechte teuflische Schadenfreude war es, die aus den Augen des Prinzen blitzte "
"Narrin," sprach die Benzon, "was fallt dir alles ein! Doch! Ich kann deine Gesinnung uber das alles nicht tadeln, bewahre sie treulich, aber sei nicht ungerecht gegen Hedwiga, denke uberhaupt gar nicht weiter nach, was mit ihr ist und mit dem Prinzen, schlage es dir aus dem Sinn! Willst du, so werd' ich dafur sorgen, dass du eine Zeitlang weder Hedwiga noch den Prinzen sehen darfst. Nein, deine Ruhe soll nicht gestort werden, mein gutes liebes Kind! Komm an mein Herz!" Damit umarmte die Benzon Julien mit aller mutterlichen Zartlichkeit.
"Und," fuhr Julie fort, indem sie das gluhende Antlitz an die Brust der Mutter druckte, "und aus der entsetzlichen Unruhe, die ich empfand, mochten auch wohl die seltsamen Traume kommen, die mich ganz verstort haben."
"Was traumtest du denn?" fragte die Benzon.
"Mir war's," sprach Julie weiter, "mir war's, ich wandle in einem herrlichen Garten, in dem unter dichtem dunklem Gebusch Nachtviolen und Rosen durcheinander bluhten und ihr susses Aroma in die Lufte streuten. Ein wunderbarer Schimmer, wie Mondesglanz, ging auf in Ton und Gesang, und wie er die Baume, die Blumen mit goldnem Strahl beruhrte, bebten sie vor Entzucken, und die Busche sauselten, und die Quellen flusterten in leisen sehnsuchtigen Seufzern. Da gewahrte ich aber, dass ich selbst der Gesang sei, der durch den Garten ziehe, doch so wie der Glanz der Tone verbleiche, musse ich auch vergehen in schmerzlicher Wehmut! Nun sprach aber eine sanfte Stimme: 'Nein! Der Ton ist die Seligkeit und keine Vernichtung, und ich halte dich fest mit starken Armen, und in deinem Wesen ruht mein Gesang, der ist aber ewig wie die Sehnsucht!' Es war Kreisler, der vor mir stand und diese Worte sprach. Ein himmlisches Gefuhl von Trost und Hoffnung ging durch mein Inneres, und selbst wusste ich nicht ich sage dir alles, Mutter! ja, selbst wusste ich nicht, wie es kam, dass ich Kreislern an die Brust sank. Da fuhlte ich plotzlich, wie mich eiserne Arme fest umschlangen und eine entsetzliche hohnende Stimme rief: 'Was straubst du dich, Elende, du bist ja schon getotet und musst nun mein sein.' Es war der Prinz, der mich festhielt. Mit einem lauten Angstgeschrei fuhr ich auf aus dem Schlafe, ich warf mein Nachtkleid uber und lief ans Fenster, das ich offnete, da die Luft im Zimmer schwul und dunstig. In der Ferne gewahrte ich einen Mann, der mit einem Perspektiv nach den Fenstern des Schlosses schaute, dann aber die Allee hinabsprang auf seltsame, ich mochte sagen, narrische Weise, indem er von beiden Seiten allerlei Entrechats und andere Tanzerpas ausfuhrte, mit den Armen in den Luften herumfocht und, wie ich zu vernehmen glaubte, laut dazu sang. Ich erkannte Kreislern, und indem ich uber sein Beginnen herzlich lachen musste, kam er mir doch vor wie der wohltatige Geist, der mich schutzen wurde vor dem Prinzen. Ja, es war, als wurde mir jetzt erst Kreislers inneres Wesen recht klar, und ich sahe jetzt erst ein, wie sein schalkisch scheinender Humor, von dem mancher sich oft verwundet fuhle, aus dem treuesten herrlichsten Gemute komme. Ich hatte hinablaufen in den Park, ich hatte Kreislern alle Angst des entsetzlichen Traums klagen mogen!"
"Das ist," sprach die Benzon ernst, "das ist ein einfaltiger Traum und das Nachspiel noch einfaltiger! Du bedarfst der Ruhe, Julie, ein leichter Morgenschlummer wird dir wohltun, auch ich gedenke noch ein paar Stunden zu schlafen."
Damit verliess die Benzon das Zimmer, und Julie tat, wie ihr geheissen.
Als sie erwachte, strahlte die Mittagssonne in die Fenster hinein, und ein starker Duft von Nachtviolen und Rosen stromte durch das Zimmer. "Was ist das," rief Julie voll Erstaunen, "was ist das! mein Traum! " Doch wie sie sich umschaute, lag uber ihr auf der Lehne des Sofas, auf dem sie geschlafen, ein schoner Strauss jener Blumen!
"Kreisler, mein lieber Kreisler," sprach Julie sanft, nahm den Strauss und geriet in traumerisches Sinnen.
Prinz Ignaz liess anfragen, ob es ihm nicht erlaubt sei, Julien ein Stundchen zu sehen. Schnell kleidete sich Julie an und eilte in das Zimmer, wo Ignaz sie schon mit einem ganzen Korbe voll Porzellantassen und chinesischer Puppen erwartete. Julie, das gute Kind, liess es sich gefallen, stundenlang mit dem Prinzen, der ihr tiefes Mitleid einflosste, zu spielen. Kein Wort der Neckerei oder wohl gar der Verachtung entschlupfte ihr, wie es wohl andern bisweilen, vorzuglich der Prinzessin Hedwiga, geschah, daher kam es, dass dem Prinzen Julias Gesellschaft uber alles ging und er sie oft gar seine kleine Braut nannte. Die Tassen waren aufgestellt, die Puppen geordnet, Julie hielt eben im Namen eines kleinen Harlekins eine Anrede an den Kaiser von Japan (beide Puppchen standen einander gegenuber), als die Benzon hineintrat.
Nachdem sie eine Weile dem Spiele zugeschaut, druckte sie Julien einen Kuss auf die Stirn und sprach: "Du bist doch mein liebes gutes Kind!"
Es war spate Dammerung eingebrochen. Julie, die, wie sie gewunscht, bei der Mittagstafel nicht erscheinen durfen, sass einsam in ihrem Zimmer und erwartete die Mutter. Da schlichen leise Tritte hinan, die Ture offnete sich, und totenbleich, mit starren Augen, in weissem Kleide, gespenstisch, trat die Prinzessin hinein. "Julia," sprach sie leise und dumpf "Julia! Nenne mich toricht, ausgelassen wahnsinnig, aber entziehe mir nicht dein Herz, ich bedarf deines Mitleids, deines Trostes! Es ist nichts als der Uberreiz, die heillose Erschopfung des abscheulichen Tanzes, die mich krank gemacht hat, aber es ist voruber, mir ist besser! " "Der Prinz ist fort nach Sieghartsweiler! Ich muss in die Luft, lass uns hinabwandeln in den Park!"
Als beide, Julie und die Prinzessin, sich am Ende der Allee befanden, strahlte ein helles Licht ihnen aus dem tiefsten Dickicht entgegen, und sie vernahmen fromme Gesange. "Das ist die Abendlitanei aus der Marienkapelle," rief Julia.
"Ja," sprach die Prinzessin, "wir wollen hin, lass uns beten! Bete du auch fur mich, Julie!"
"Wir wollen," erwiderte Julie, vom tiefsten Schmerz uber der Freundin Zustand ergriffen, "wir wollen beten, dass nie ein boser Geist Macht habe uber uns, dass unser reines frommes Gemut nicht verstort werden moge durch des Feindes Verlockung."
Eben zogen, als die Madchen bei der Kapelle angekommen, die am aussersten Ende des Parks befindlich, die Landleute von dannen, die die Litanei vor dem mit Blumen geschmuckten und mit vielen Lampen erleuchteten! Marienbilde gesungen. Sie knieten nieder in dem Betstuhl. Da begannen die Sanger auf dem kleinen Chor, der zur Seite des Altars angebracht, das "Ave maris stella", das Kreisler erst vor kurzem komponiert.
Leise beginnend, brauste der Gesang starker und machtiger auf in dem "dei mater alma", bis die Tone, in dem "felix coeli porta" dahinsterbend, fortschwebten auf den Fittichen des Abendwindes.
Noch immer lagen die Madchen auf den Knien, tief versunken in brunstige Andacht. Der Priester murmelte Gebete, und aus weiter Ferne, wie ein Chor von Engelstimmen aus dem nachtlichen verschleierten Himmel, hallte der Hymnus: "O sanctissima", den die heimziehenden Sanger angestimmt.
Endlich erteilte ihnen der Priester den Segen. Da standen sie auf und fielen sich in die Arme. Ein namenloses Weh, aus Entzucken und Schmerz gewoben, schien gewaltsam sich loswinden zu wollen aus ihrer Brust, und Blutstropfen, dem wunden Herzen entquollen, waren die heissen Tranen, die aus ihren Augen sturzten. "Das war er," lispelte die Prinzessin leise. "Er war's," erwiderte Julie. Sie verstanden sich.
In ahnungsvollem Schweigen harrte der Wald, dass die Mondscheibe aufsteige und ihr schimmerndes Gold uber ihn ausstreue. Der Choral der Sanger, noch immer vernommen in der Stille der Nacht, schien entgegenzuziehen dem Gewolk, das gluhend aufflammte und sich uber den Bergen lagerte, die Bahn des leuchtenden Gestirns bezeichnend, vor dem die Sterne erblassten.
"Ach," sprach Julia, "was ist es denn, das uns so bewegt, das so mit tausend Schmerzen unser Inneres durch schneidet? Horche doch nur, wie das ferne Lied so trostend zu uns heruberhallt! Wir haben gebetet, und aus den goldnen Wolken sprechen fromme Geister zu uns herab von himmlischer Seligkeit." "Ja, meine Julia," erwiderte die Prinzessin ernst und fest, "ja, meine Julia, uber den Wolken ist Heil und Seligkeit, und ich wollte, dass ein Engel des Himmels mich hinauftruge zu den Sternen, ehe mich die finstre Macht erfasste. Ich mochte wohl sterben, aber ich weiss es, dann trugen sie mich in die furstliche Gruft, und die Ahnherrn, die dort begraben, wurden es nicht glauben, dass ich gestorben bin, und erwachen aus der Totenerstarrung zum entsetzlichen Leben und mich hinaustreiben. Dann gehorte ich ja aber weder den Toten an noch den Lebendigen und fande nirgends Obdach."
"Was sprichst du, Hedwiga, um aller Heiligen willen; was sprichst du?" rief Julie erschrocken.
"Mir hat," fuhr die Prinzessin fort, in demselben festen, beinahe gleichgultigen Ton beharrend, "mir hat dergleichen einmal getraumt. Es kann aber auch sein, dass ein bedrohlicher Ahnherr im Grabe zum Vampir geworden, der mir nun das Blut aussaugt. Davon mogen meine haufigen Ohnmachten herruhren."
"Du bist krank," rief Julia, "du bist sehr krank, Hedwiga, die Nachtluft schadet dir, lass uns forteilen."
Damit umschlang sie die Prinzessin, die sich schweigend fortfuhren liess.
Der Mond war nun hoch heraufgestiegen uber den Geierstein, und in magischer Beleuchtung standen die Busche, die Baume und flusterten und rauschten, mit dem Nachtwinde kosend, in tausend lieblichen Weisen.
"Es ist doch schon," sprach Julie, "o es ist doch schon auf der Erde, beut uns die Natur nicht ihre herrlichsten Wunder dar wie eine gute Mutter ihren lieben Kindern?" "Meinst du?" erwiderte die Prinzessin und fuhr dann nach einer Weile fort: "Ich wollte nicht, dass du mich erst ganz verstanden hattest, und bitte, alles nur fur den Erguss einer bosen Stimmung zu halten. Du kennst noch nicht den vernichtenden Schmerz des Lebens. Die Natur ist grausam, sie hegt und pflegt nur die gesunden Kinder, die kranken verlasst sie, ja richtet bedrohliche Waffen gegen ihr Dasein. Ha! du weisst, dass mir sonst die Natur nichts war als eine Bildergalerie, hingestellt, um die Krafte des Geistes und der Hand zu uben, aber jetzt ist es anders worden, da ich nichts fuhle, nichts ahne, als ihr Entsetzen. Ich mochte lieber in erleuchteten Salen zwischen bunter Gesellschaft wandeln, als einsam mit dir in dieser mondhellen Nacht."
Julien wurde nicht wenig bange, sie bemerkte, wie Hedwiga immer schwacher, erschopfter wurde, so dass die Arme all ihre geringe Kraft anwenden musste, um sie im Gehen aufrecht zu erhalten.
Endlich hatten sie das Schloss erreicht. Unfern desselben, auf der steinernen Bank, die unter einem Holunderbusch stand, sass eine finstre verhullte Gestalt. Sowie Hedwiga diese gewahrte, rief sie voll Freude: "Dank der Jungfrau und allen Heiligen, da ist sie!" und ging, plotzlich erkraftigt und sich von Julien losmachend, auf die Gestalt los, die sich erhob und mit dumpfer Stimme sprach: "Hedwiga, mein armes Kind!" Julia gewahrte, dass die Gestalt eine von Kopf bis zu Fuss in braune Gewander gehullte Frau war, die tiefen Schatten liessen die Zuge ihres Gesichts nicht erkennen. Von innern Schauern durchbebt, blieb Julia stehen.
Beide, die Frau und die Prinzessin, liessen sich auf die Bank nieder. Die Frau strich ihr sanft die Haarlokken von der Stirne, legte dann die Hande darauf und sprach langsam und leise in einer Sprache, die Julie sich nicht erinnern konnte, jemals gehort zu haben. Nachdem dies einige Minuten gewahrt, rief die Frau Julien zu: "Madchen, eile nach dem Schloss, rufe die Kammerfrauen, sorge, dass man die Prinzessin hineinschaffe. Sie ist in sanften Schlaf gesunken, von dem sie gesund und froh erwachen wird."
Julie, ihrem Erstaunen nicht einen Augenblick Raum gebend, tat schnell, wie ihr geheissen.
Als sie mit den Kammerfrauen ankam, fand man die Prinzessin, sorgsam in ihren Shawl eingehullt, wirklich im sanften Schlaf, die Frau war verschwunden.
"Sage mir," sprach Julie am andern Morgen, als die Prinzessin ganz genesen erwacht und keine Spur innerer Zerruttung sich zeigte, was Julie befurchtet, "sage mir um Gott, wer war die wunderbare Frau?"
"Ich weiss es nicht," erwiderte die Prinzessin, "ein einziges Mal in meinem Leben habe ich sie gesehen. Du erinnerst dich, wie ich einmal, noch ein Kind, in eine todliche Krankheit verfallen, so dass die Arzte mich aufgaben. Da sass sie in einer Nacht plotzlich an meinem Bette und lullte mich, wie heute, ein in sussen Schlummer, von dem ich ganz genesen erwachte. In der gestrigen Nacht trat zum erstenmal das Bild dieser Frau mir wieder vor die Augen, es war mir, als musse sie mir wieder erscheinen und mich retten, und so hat es sich wirklich begeben. Tu es mir zuliebe und schweige ganz von der Erscheinung, lass dir auch nichts merken durch Wort oder Zeichen, dass uns etwas Wunderbares begegnet. Denke an den Hamlet und sei mein lieber Horatio! Es ist gewiss, dass es mit dieser Frau eine geheimnisvolle Bewandtnis haben muss, aber, mag das Geheimnis mir und dir verschlossen bleiben, weiteres Forschen bedunkt mir gefahrlich. Ist es nicht genug, dass ich genesen bin und froh, frei von allen Gespenstern, die mich verfolgten?" Alles verwunderte sich uber der Prinzessin so plotzlich wiedergekehrte Gesundheit. Der Leibarzt behauptete, der nachtliche Spaziergang nach der Marienkapelle habe durch die Erschutterung aller Nerven so drastisch gewirkt, und er nur vergessen, denselben ausdrucklich zu verordnen. Die Benzon sprach aber in sich hinein: "Hm! Die Alte ist bei ihr gewesen mag das diesmal hingehen!" Es ist nun an der Zeit, dass jene verhangnisvolle Frage des Biographen: "Du
(M. f. f.) liebst mich also, holde Miesmies? O wiederhol' es mir, wiederhol' es mir tausendmal, damit ich noch in ferneres Entzucken geraten und so viel Unsinn aussprechen moge, wie es einem von dem besten Romandichter geschaffenen Liebeshelden geziemt! Doch, Beste, du hast meine erstaunliche Neigung zum Gesange sowie meine Kunstfertigkeit darin schon bemerkt, wurd' es dir wohl gefallig sein, Teure, mir ein kleines Liedchen vorzusingen?" "Ach," erwiderte Miesmies, "ach, geliebter Murr, zwar bin ich auch in der Kunst des Gesanges nicht unerfahren, aber du weisst, wie es jungen Sangerinnen geht, wenn sie zum erstenmal singen sollen vor Meistern und Kennern! Die Angst, die Verlegenheit schnurt ihnen die Kehle zu, und die schonsten Tone, Trillos und Mordenten bleiben auf die fatalste Weise in der Kehle stecken wie Fischgraten. Eine Arie zu singen ist dann pur unmoglich, weshalb der Regel nach mit einem Duett begonnen wird. Lass uns ein kleines Duett versuchen, Teurer, wenn's dir gefallig!" Das war mir recht. Wir stimmten nun gleich das zartliche Duett an: "Bei meinem ersten Blick flog dir mein Herz entgegen" etc. etc. Miesmies begann furchtsam, aber bald ermutigte sie mein kraftiges Falsett. Ihre Stimme war allerliebst, ihr Vortrag gerundet, weich, zart, kurz, sie zeigte sich als wackre Sangerin. Ich war entzuckt, wiewohl ich einsah, dass mich Freund Ovid wiederum im Stich gelassen. Da Miesmies mit dem cantare so herrlich bestanden, so war es mit dem chordas tangere gar nichts, und ich durfte nicht erst nach der Guitarre verlangen.
Miesmies sang nun mit seltner Gelaufigkeit, mit ungemeinem Ausdruck, mit hochster Eleganz das bekannte: "Di tanti palpiti" etc. etc. Von der heroischen Starke des Rezitativs stieg sie herrlich hinein in die wahrhaft katzliche Sussigkeit des Andantes. Die Arie schien ganz fur sie geschrieben, so dass auch mein Herz uberstromte und ich in ein lautes Freudengeschrei ausbrach. Ha! Miesmies musste mit dieser Arie eine Welt fuhlender Katerseelen begeistern! Nun stimmten wir noch ein Duett an aus einer ganz neuen Oper, das ebenfalls herrlich gelang, da es ganz und gar fur uns geschrieben schien. Die himmlischen Rouladen gingen glanzvoll aus unserm Innern heraus, da sie meistenteils aus chromatischen Gangen bestanden. Uberhaupt muss ich bei dieser Gelegenheit bemerken, dass unser Geschlecht chromatisch ist, und dass daher jeder Komponist, der fur uns komponieren will, sehr wohl tun wird, Melodieen und alles ubrige chromatisch einzurichten. Leider hab' ich den Namen des trefflichen Meisters, der jenes Duett komponiert, vergessen, das ist ein wackrer lieber Mann, ein Komponist nach meinem Sinn.
Wahrend dieses Singens war ein schwarzer Kater heraufgestiegen, der uns mit gluhenden Augen anfunkelte. "Bleiben Sie gefalligst von dannen, bester Freund," rief ich ihm entgegen, "sonst kratze ich Ihnen die Augen aus und werfe Sie vom Dache herab, wollen Sie aber eins mit uns singen, so kann das geschehen." Ich kannte den jungen schwarzgekleideten Mann als einen vortrefflichen Bassisten und schlug daher vor, eine Komposition zu singen, die ich zwar sonst nicht sehr liebe, die sich aber zu der bevorstehenden Trennung von Miesmies sehr gut schickte. Wir sangen: "Soll ich dich, Teurer, nicht mehr sehen!" Kaum versicherte ich aber mit dem Schwarzen, dass die Gotter mich bewahren wurden, als eine gewaltige Ziegelscherbe zwischen uns durchfuhr und eine entsetzliche Stimme rief: "Wollen die verfluchten Katzen wohl die Mauler halten!" Wir stoben, von der Todesfurcht gehetzt, wild auseinander in den Dachboden hinein. O der herzlosen Barbaren ohne Kunstgefuhl, die selbst unempfindlich bleiben bei den ruhrendsten Klagen der unaussprechlichen Liebeswehmut und nur Rache und Tod bruten und Verderben!
Wie gesagt, das, was mich befreien sollte von meiner Liebesnot, sturzte mich nur noch tiefer hinein. Miesmies war so musikalisch, dass wir beide auf das anmutigste miteinander zu phantasieren vermochten. Zuletzt sang sie meine eignen Melodien herrlich nach, daruber wollte ich denn nun ganz und gar narrisch werden und qualte mich schrecklich ab in meiner Liebespein, so dass ich ganz blass, mager und elend wurde. Endlich, endlich, nachdem ich mich lange genug abgeharmt, fiel mir das letzte, wiewohl verzweifelte Mittel ein, mich von meiner Liebe zu heilen. Ich beschloss, meiner Miesmies Herz und Pfote zu bieten. Sie schlug ein, und sobald wir ein Paar worden, merkte ich auch alsbald, wie meine Liebesschmerzen sich ganz und gar verloren. Mir schmeckte Milchsuppe und Braten vortrefflich, ich gewann meine joviale Laune wieder, mein Bart kam in Ordnung, mein Pelz erhielt wieder den alten schonen Glanz, da ich nun die Toilette mehr beachtete als vorher, wogegen meine Miesmies sich gar nicht mehr putzen mochte. Ich fertigte demunerachtet, wie zuvor geschehen, noch einige Verse auf meine Miesmies, die um so hubscher, um so wahrer empfunden waren, als ich den Ausdruck der schwarmerischen Zartlichkeit so immer mehr und mehr heraufschrob, bis er mir die hochste Spitze erreicht zu haben schien. Ich dedizierte endlich der Guten noch ein dickes Buch und hatte so auch in literarisch-asthetischer Hinsicht alles abgetan, was von einem honetten treuverliebten Kater nur verlangt werden kann. Ubrigens fuhrten wir, ich und meine Miesmies, auf der Strohmatte vor der Ture meines Meisters ein hauslich ruhiges, gluckliches Leben. Doch welches Gluck ist hienieden auch nur von einigem Bestand! Ich bemerkte bald, dass Miesmies oft in meiner Gegenwart zerstreut war, dass sie, wenn ich mit ihr sprach, verwirrtes Zeug antwortete, dass ihr tiefe Seufzer entflohen, dass sie nur schmachtende Liebeslieder singen mochte, ja, dass sie zuletzt ganz matt und krank tat. Fragte ich denn, was ihr fehle, so streichelte sie mir zwar die Wangen und erwiderte: "Nichts, gar nichts, mein liebes gutes Papachen," aber das Ding war mir doch gar nicht recht. Oft erwartete ich sie vergebens auf der Strohmatte, suchte sie vergebens im Keller, auf dem Boden, und fand ich sie denn endlich und machte ihr zartliche Vorwurfe, so entschuldigte sie sich damit, dass ihre Gesundheit weite Spaziergange erfordere, und dass ein arztlicher Kater sogar eine Badereise angeraten. Das war mir wieder nicht recht. Sie mochte wohl meinen versteckten Arger gewahren und liess es sich angelegen sein, mich mit Liebkosungen zu uberhaufen, aber auch in diesen Liebkosungen lag so etwas Sonderbares, ich weiss es nicht zu nennen, das mich erkaltete, statt mich zu erwarmen, und auch das war mir nicht recht. Ohne zu vermuten, dass dies Betragen meiner Miesmies seinen besonderen Grund haben konnte, wurde ich nur inne, dass nach und nach auch das letzte Funkchen der Liebe zu der Schonsten erlosch, und dass in ihrer Nahe mich die totendste Langeweile erfasste. Ich ging daher meine Wege und sie die ihrigen; kamen wir aber einmal zufallig auf der Strohmatte zusammen, so machten wir uns die liebevollsten Vorwurfe, waren dann die zartlichsten Gatten und besangen die friedliche Hauslichkeit, in der wir lebten.
Es begab sich, dass mich einmal der schwarze Bassist in dem Zimmer meines Meisters besuchte. Er sprach in abgebrochenen geheimnisvollen Worten, fragte dann sturmisch, wie ich mit meiner Miesmies lebe kurz, ich merkte wohl, dass der Schwarze etwas auf dem Herzen hatte, das er mir entdecken wollte. Endlich kam es denn auch zum Vorschein. Ein Jungling, der im Felde gedient, war zuruckgekehrt und lebte in der Nachbarschaft von einer kleinen Pension, die ihm ein dort wohnender Speisewirt an Fischgraten und Speisabgang ausgeworfen. Schon von Figur, herkulisch gebaut, wozu noch kam, dass er eine reiche fremde Uniform trug, schwarz, grau und gelb, und wegen bewiesener Tapferkeit, als er mit wenigen Kameraden einen ganzen Speicher von Mausen reinigen wollen, das Ehrenzeichen des gebrannten Specks auf der Brust trug, fiel er allen Madchen und Frauen in der Gegend auf. Alle Herzen schlugen ihm entgegen, wenn er auftrat keck und kuhn, den Kopf emporgehoben, feurige Blicke um sich werfend. Der hatte sich, wie der Schwarze versicherte, in meine Miesmies verliebt, sie war ihm ebenso mit Liebe entgegengekommen, und es war nur zu gewiss, dass sie heimliche verliebte Zusammenkunfte hielten allnachtlich hinter dem Schornstein oder im Keller.
"Mich wundert," sprach der Schwarze, "mich wundert, bester Freund, dass Sie bei Ihrer sonstigen Sagazitat das nicht langst bemerkt, aber liebende Gatten sind oft blind, und es tut mir leid, dass Freundespflicht mir gebot, Ihnen die Augen zu offnen, da ich weiss, dass Sie in Ihre vortreffliche Gattin ganz und gar vernarrt sind."
"O Muzius," so hiess der Schwarze, "o Muzius," rief ich, "ob ich ein Narr bin, ob ich sie liebe, die susse Verraterin! Ich bete sie an, mein ganzes Wesen gehort ihr! Nein, sie kann mir das nicht tun, die treue Seele! Muzius, schwarzer Verleumder, empfange den Lohn deiner Schandtat!" Ich hob die gekrallte Pfote auf, Muzius blickte mich freundlich an und sprach sehr ruhig: "Ereifern Sie sich nicht, mein Guter, Sie teilen das Los vieler vortrefflichen Leute, uberall ist schnoder Wankelmut zu Hause und leider vorzuglich bei unserm Geschlecht." Ich liess die aufgehobene Pfote wieder sinken, sprang wie in voller Verzweiflung einigemal in die Hohe und schrie dann wutend: "War' es moglich, war' es moglich! O Himmel Erde! was noch sonst? Nenn' ich die Holle mit! Wer hat mir das getan, der schwarzgraugelbe Kater? Und sie, die susse Gattin, treu und hold sonst, sie konnte, holl'schen Trugs voll, den verachten, der oft, an ihrem Busen eingewiegt, in sussen Liebestraumen selig schwelgte? O fliesst, ihr Zahren, fliesst der Undankbaren! Himmel tausend sapperment, das geht nicht an, den bunten Kerl am Schornstein soll der Teufel holen!"
"Beruhigen Sie sich," sprach Muzius, "beruhigen Sie sich doch nur, Sie uberlassen sich zu sehr der Wut des jahen Schmerzes. Als Ihr wahrer Freund mag ich Sie jetzt weiter nicht in Ihrer angenehmen Verzweiflung storen. Wollen Sie sich in Ihrer Trostlosigkeit ermorden, so konnte ich Ihnen zwar mit einem tuchtigen Rattenpulver aufwarten, ich will es aber nicht tun, da Sie sonst ein lieber, scharmanter Kater sind und es jammerschade ware um Ihr junges Leben. Trosten Sie sich, lassen Sie Miesmies laufen, es gibt der anmutigen Katzen noch viele in der Welt. Adieu, Bester!" Damit sprang Muzius fort durch die geoffnete Ture.
Sowie ich still, unter dem Ofen liegend, mehr nachsann uber die Entdeckungen, die mir der Kater Muzius gemacht, fuhlte ich wohl etwas in mir sich regen wie heimliche Freude. Ich wusste nun, wie ich mit Miesmies daran war, und die Qualerei mit dem ungewissen Wesen war am Ende. Hatte ich aber anstandshalber erst die gehorige Verzweiflung geaussert, so glaubte ich, dass derselbe Anstand es erfordere, dem Schwarzgraugelben zu Leibe zu gehen.
Ich belauschte zur Nachtzeit das Liebespaar hinter dem Schornstein und fuhr mit den Worten: "Hollischer bestialischer Verrater" auf meinen Nebenbuhler grimmig los. Der aber, an Starke, wie ich leider zu spat bemerkte, mir weit uberlegen, packte mich, ohrfeigte mich grasslich ab, dass ich mehreres Pelzwerk einbusste, und sprang dann schnell fort. Miesmies lag in Ohnmacht, als ich mich ihr aber naherte, sprang sie ebenso behende als ihr Liebhaber auf und ihm nach in den Dachboden hinein.
Lendenlahm, mit blutigen Ohren schlich ich herab zu meinem Meister und verwunschte den Gedanken, meine Ehe konservieren zu wollen, hielt es auch fur gar keine Schande, die Miesmies dem Schwarzgraugelben ganz und gar zu uberlassen.
"Welch ein feindliches Schicksal," dacht' ich, "der himmlischromantischen Liebe halber werde ich in die Gosse geworfen, und das hausliche Gluck verhilft mir zu nichts anderm als zu grasslichen Prugeln."
Am andern Morgen erstaunte ich nicht wenig, als ich, aus dem Zimmer des Meisters heraustretend, Miesmies auf der Strohmatte fand. "Guter Murr," sprach sie sanft und ruhig, "ich glaube zu fuhlen, dass ich dich nicht mehr so liebe als sonst, welches mich sehr schmerzt."
"O teure Miesmies," erwiderte ich zartlich, "es zerschneidet mir das Herz, aber ich muss es gestehen, seit der Zeit, dass sich gewisse Dinge begeben, bist du mir auch gleichgultig geworden."
"Nimm es nicht ubel," sprach Miesmies weiter, "nimm es nicht ubel, susser Freund, aber es ist mir so, als warst du mir schon langst ganz unausstehlich gewesen."
"Macht'ger Himmel," rief ich begeistert, "welche Sympathie der Seelen, mir geht es so wie dir."
Nachdem wir auf diese Weise einig geworden, dass wir uns einander ganz unausstehlich waren und uns notwendigerweise trennen mussten auf ewig, umpfoteten wir uns auf das zartlichste und weinten heisse Tranen der Freude und des Entzuckens!
Dann trennten wir uns, jeder war hinfort von der Vortrefflichkeit, von der Seelengrosse des andern uberzeugt und pries sie jedem an, der davon horen mochte.
"Auch ich war in Arkadien," rief ich und legte mich auf die schonen Kunste und Wissenschaften eifriger als jemals. (Mak. Bl.) "Euch," sprach Kreisler, "ja, ich sag' es Euch aus tiefer Seele, diese Ruhe scheint mir bedrohlicher als der wutendste Sturm. Es ist die dumpfe taube Schwule vor dem zerstorenden Gewitter, in der sich jetzt alles an dem Hofe bewegt, den Furst Irenaus im Duodez-Format mit vergoldetem Schnitt, wie einen Almanach, ans Tageslicht gebracht. Vergebens steckt der gnadigste Herr unaufhorlich glanzende Feste auf, wie Gewitterableiter, als zweiter Franklin, die Blitze werden doch einschlagen und vielleicht sein eignes Staatskleid versengen. Es ist wahr, Prinzessin Hedwiga gleicht jetzt in ihrem ganzen Wesen einer hell und klar hinstromenden Melodie, statt dass sonst wilde, unruhige Akkorde durcheinander auffuhren aus ihrer wunden Brust, aber Nun! und Hedwiga schreitet jetzt in verklartem freundlichem Stolz an dem Arm des wackern Neapolitaners daher, und Julia lachelt ihn an auf ihre holdselige Weise und lasst sich seine Galanterien gefallen, die der Prinz, ohne ein Auge von der bestimmten Braut zu lassen, ihr so geschickt zuzuwenden weiss, dass sie ein junges unerfahrnes Gemut wie Ricochet-Schusse scharfer treffen mussen, als wenn das bedrohliche Geschutz geradezu darauf gerichtet! Und doch glaubte sich, wie mir die Benzon erzahlt, erst Hedwiga von dem mostro turchino erdruckt, und der sanften ruhigen Julia, dem Himmelskinde wurde der schmucke General en Chef zum schnoden Basilisk! O ihr ahnenden Seelen, ihr hattet ja recht! Teufel, hab' ich denn nicht in Baumgartens Welthistorie gelesen, dass die Schlange, die uns um das Paradies gebracht, stolzierte in goldgleissendem Schuppenwams? Das fallt mir ein, wenn ich den goldverbramten Hektor sehe. Hektor hiess ubrigens sonst ein sehr wurdiger Bullenbeisser, der unbeschreibliche Liebe und Treue zu mir hegte. Ich wollt', er war' bei mir, und ich konnt' ihn dem furstlichen Namensvetter in die Rockschosse hetzen, wenn er sich so recht spreizt zwischen dem holden Schwesterpaar! Oder sagt, Meister, da Ihr so manches Kunststuck wisset, sagt mir, wie ich es anfange, mich bei schicklicher Gelegenheit in eine Wespe zu verwandeln und den furstlichen Hund dermassen zu turbieren, dass er aus seinem verfluchten Konzept kommt!"
"Ich habe," nahm Meister Abraham das Wort, "ich habe Euch ausreden lassen, Kreisler, und frage Euch nun, ob Ihr mich ruhig anhoren wollt, wenn ich Euch gewisse Dinge entdecke, die Eure Ahnungen rechtfertigen?"
"Bin ich," erwiderte Kreisler, "bin ich denn nicht ein gesetzter Kapellmeister ich meine das nicht im philosophischen Sinn, dass ich mein Ich gesetzt als Kapellmeister; sondern beziehe das bloss auf die geistige Fahigkeit, in honetter Gesellschaft ruhigzubleiben, wenn mich ein Floh sticht."
"Nun also," fuhr Meister Abraham fort, "wisset, Kreisler, dass ein seltsamer Zufall mir tiefe Blicke in des Prinzen Leben vergonnt hat. Ihr habt recht, wenn Ihr ihn mit der Schlange im Paradiese vergleicht. Unter der schonen Hulle die werdet Ihr ihm nicht absprechen liegt giftige Verderbtheit, ich mochte lieber sagen, Verruchtheit, verborgen. Er fuhrt Boses im Schilde er hat, aus vielem, was sich zugetragen, weiss ich's, er hat es abgesehen auf die holde Julia."
"Hoho," schrie Kreisler, indem er im Zimmer umhersprang, "hoho, blanker Vogel, sind das deine sussen Lieder? Wetter, Wetter, der Prinz ist ein tuchtiger Kerl, er greift zu, mit beiden Krallen auf einmal, nach gebotenen und verbotenen Fruchten! Holla, susser Neapolitaner, du weisst nicht, dass Julien ein wackrer Kapellmeister, mit hinlanglicher Musik im Leibe, zur Seite steht, der halt dich, sowie du dich ihr naherst, fur einen verdammten Ouartquinten-Akkord, der aufgelost werden muss. Und der Kapellmeister tut, was seines Berufs ist, das heisst, er lost dich auf, indem er dir eine Kugel durch das Gehirn jagt oder dir gegenwartigen Stockdegen durch den Leib rennt!" Damit zog Kreisler seine Stockklinge heraus, setzte sich in Fechterpositur und fragte den Meister, ob er Anstand genug besitze, einen furstlichen Hund zu durchspiessen. "Seid doch nur ruhig," erwiderte Meister Abraham, "seid doch nur ruhig, Kreisler, es bedarf solcher Heldentaten gar nicht, um dem Prinzen das Spiel zu verderben. Es gibt andere Waffen fur ihn, und die geb' ich Euch in die Hand. Gestern war ich im Fischerhauschen, der Prinz kam mit seinem Adjutanten voruber. Sie gewahrten mich nicht. 'Die Prinzessin ist schon,' sprach der Prinz, 'aber die kleine Benzon ist gottlich! Mein ganzes Blut wallte siedend auf, als ich sie sah ha, sie muss mein werden, noch ehe ich der Prinzessin die Hand reiche. Glaubst du, dass sie unerbittlich sein wird?' 'Welches Weib hat Euch widerstanden, gnadigster Herr', erwiderte der Adjutant, 'Aber beim Teufel,' fuhr der Prinz fort, 'sie scheint ein frommes Kind zu sein' 'und ein argloses', fiel ihm der Adjutant lachend ins Wort: 'und die frommen arglosen Kindlein sind es ja eben, die, uberrascht von dem Angriff des sieggewohnten Mannes, duldend unterliegen und dann alles fur Gottes Fugung halten, wohl gar in ungemeine Liebe geraten zu dem Sieger! Das kann Euch auch so gehen, gnadigster Herr.' 'Das ware toll genug', rief der Prinz. 'Aber konnte ich sie nur allein sehen, wie das anfangen?' 'Nichts', erwiderte der Adjutant, 'nichts ist leichter als das. Ich habe bemerkt, dass die Kleine oft allein lustwandelt in diesem Park. Wenn nun' Jetzt verhallten die Stimmen in der Ferne, ich konnte nichts mehr verstehen! Wahrscheinlich wird irgendein hollischer Plan schon heute ausgefuhrt, und der muss vereitelt werden. Ich konnte das selbst tun, aber aus gewissen Ursachen mochte ich mich zurzeit dem Prinzen nicht zeigen, daher musst Ihr, Kreisler, gleich fort nach Sieghartshof und aufpassen, wenn Julia etwa in der Dammerung, wie sie zu tun pflegt, nach dem See lustwandelt, um den zahmen Schwan zu futtern. Diesen Gang hat wahrscheinlich der italienische Bosewicht erlauscht. Doch, empfangt die Waffe, Kreisler, und die hochst notige Instruktion, damit Ihr im Kampf gegen den bedrohlichen Prinzen als ein guter Feldherr Euch zeigen moget!"
Der Biograph erschrickt abermals uber das total Abrupte der Nachrichten, aus denen er gegenwartige Geschichte zusammenstoppeln muss. Ware hier nicht schicklich einzurucken gewesen, welche Instruktion Meister Abraham dem Kapellmeister erteilte? Denn zeigt sich auch spater die Waffe selbst, so wird es dir, geliebter Leser, doch unmoglich sein, einzusehen, was es damit fur eine Bewandtnis hat. Doch kein einziges Wortlein weiss der ungluckliche Biograph zurzeit von jener Instruktion, mittelst der (so viel scheint gewiss) der wackre Kreisler in ein ganz besonderes Geheimnis eingeweiht wurde. Doch! gedulde dich, gunstiger Leser, noch ein wenig, bemeldeter Biograph setzt seinen Schreibedaumen zum Pfande, dass noch vor dem Schluss des Buchs auch dieses Geheimnis an den Tag kommen soll. Es ist nun zu erzahlen, dass, sowie die Sonne zu sinken begann, Julia, ein Korbchen mit Weissbrot am Arm, singend durch den Park wandelte zum See und sich mitten auf die Brucke unweit des Fischerhauschens stellte. Aber Kreisler lag im Hinterhalt des Gebusches und hatte einen tuchtigen Dollond vor den Augen, mit dem er scharf hinuberschaute durch die Straucher, die ihn versteckten. Der Schwan platscherte heran, und Julie warf ihm Brocken hinab, die er begierig wegnaschte. Julie fuhr fort im lauten Gesange, und so kam es, dass sie es nicht gewahrte, wie Prinz Hektor schnell heraneilte. Als er plotzlich bei ihr stand, fuhr sie zusammen, wie im heftigen Schreck. Der Prinz fasste ihre Hand, druckte sie an die Brust, an die Lippen und legte sich dann dicht neben Julien uber das Gelander der Brucke. Julia futterte, indem der Prinz eifrig sprach, den Schwan, in den See hinabschauend. "Schneide nicht solche infame susse Gesichter, Potentat! Merkst du denn nicht, dass ich dicht vor dir auf dem Gelander sitze und dich erkecklich maulschellieren kann? O Gott, warum farben sich deine Wangen in immer hoherem Purpur, du holdes Himmelskind? Warum blickst du jetzt den Bosen so seltsam an? Du lachelst? Ja, es ist der gluhende Gifthauch, vor dem sich deine Brust offnen muss, wie vor dem sengenden Sonnenstrahl sich die Knospe in den schonsten Blattern entfaltet, um desto jaher hinzusterben!" So sprach Kreisler, das Paar beobachtend, das der gute Dollond ihm dicht herangeruckt. Der Prinz warf jetzt auch Brocken hinab, der Schwan verschmahte sie aber und brach in ein lautes widriges Geschrei aus. Nun schlang der Prinz den Arm um Julia und warf so die Brocken hinab, als solle der Schwan glauben, dass es Julia sei, die ihn futtere. Dabei beruhrte seine Wange beinahe die Wange Julias. "Recht so," sprach Kreisler, "recht so, gnadigster Halunke, umkralle, wurdiger Stossvogel, nur deine Beute recht fest, hier liegt aber einer im Busch, der schon auf dich zielt und sogleich dir deinen glanzenden Fittich lahm schiessen wird, und es steht denn erbarmlich mit dir und deiner Freijagd!"
Nun fasste der Prinz Julias Arm, und beide schritten dem Fischerhauschen zu. Dicht vor demselben trat aber Kreisler aus dem Gebusch, schritt auf das Paar zu und sprach, indem er sich vor dem Prinzen tief buckte: "Ein herrlicher Abend, eine ungemein heitere Luft, ein erquickliches Aroma darin, Sie mussen sich, gnadigster Herr, hier befinden wie in dem schonen Neapolis." "Wer sind Sie, mein Herr?" fuhr ihn der Prinz barsch an. Doch in demselben Augenblick machte sich auch Julia los von seinem Arm, trat freundlich auf Kreislern zu, reichte ihm die Hand und sprach: "O wie herrlich, lieber Kreisler, dass Sie wieder da sind. Wissen Sie wohl, dass ich mich recht herzlich nach Ihnen gesehnt habe? In der Tat, die Mutter schilt, dass ich mich gebarde wie ein weinerliches ungezogenes Kind, wenn Sie nur einen einzigen Tag ausbleiben. Ich konnte krank werden vor Verdruss, wenn ich glaube, dass Sie mich, meinen Gesang aus der Acht lassen." "Ha," rief der Prinz, giftige Blicke schiessend auf Julien, auf Kreislern, "ha, Sie sind Monsieur de Krosel. Der Furst sprach sehr gunstig von Ihnen!" "Gesegnet," sprach Kreisler, indem sein ganzes Gesicht in hundert Falten und Faltchen seltsam vibrierte, "gesegnet sei der gute Herr dafur, denn so wird es mir vielleicht gelingen, das zu erhalten, warum ich Sie, gnadigster Prinz, anflehen wollte, namlich Ihre angenehme Protektion. Ich habe die kuhne Ahnung, dass Sie mir auf den ersten Blick Ihr Wohlwollen zuwandten, da Sie im Vorubergehen aus hochst eigner Bewegung mich zum Hasenfuss zu kreiren geruhten, und da nun Hasenfusse zu allem nur Ersinnlichen taugen, so" "Sie sind," unterbrach ihn der Prinz, "Sie sind ein spasshafter Mann " "Ganz und gar nicht," fuhr Kreisler fort, "ich liebe zwar den Spass, aber nur den schlechten, und der ist nun wieder nicht spasshaft. Gegenwartig wollt' ich gern nach Neapel gehen und beim Molo einige gute Fischer- und Banditenlieder aufschreiben ad usum delphini. Sie sind, bester Prinz, ein gutiger kunstliebender Herr, sollten Sie mir vielleicht durch einige Empfehlungen " "Sie sind," unterbrach ihn der Prinz aufs neue, "Sie sind ein spasshafter Mann, Monsieur de Krosel, ich liebe das, ich liebe das in der Tat, aber jetzt mag ich Sie in Ihrem Spaziergange nicht aufhalten Adieu!" "Nein, gnadigster Herr," rief Kreisler, "ich kann die Gelegenheit nicht voruberlassen, ohne mich Ihnen in meinem vollsten Luster zu zeigen. Sie wollten in das Fischerhauschen treten, dort steht ein kleines Pianoforte, Fraulein Julia ist gewiss so gutig, mit mir ein Duett zu singen!" "Mit tausend Freuden," rief Julia und hing sich an Kreislers Arm. Der Prinz biss die Zahne zusammen und schritt stolz voran. Im Gehen flusterte Julia Kreislern ins Ohr: "Kreisler! welche seltsame Stimmung?" "O Gott," erwiderte Kreisler ebenso leise, "o Gott, und du liegst eingelullt in betorenden Traumen, wenn die Schlange sich naht, dich zu toten mit giftigem Biss?" Julia blickte ihn an im tiefsten Erstaunen. Nur ein einziges Mal, im Moment der hochsten musikalischen Begeisterung, hatte Kreisler sie Du genannt.
Als das Duett geendet, brach der Prinz, der schon wahrend des Gesanges ofters brava, bravissima gerufen, aus in sturmischen Beifall. Er bedeckte Julias Hande mit feurigen Kussen, er schwor, dass kein Gesang jemals so sein ganzes Wesen durchdrungen, und bat Julien, es zu verstatten, dass er einen Kuss auf die Himmelslippen drucke, uber die der Nektarstrom der Paradieseslaute geflossen.
Julia wich scheu zuruck. Kreisler trat vor den Prinzen hin und sprach: "Da Sie mir, Gnadigster, auch nicht ein Wortlein des Lobes zuwenden wollen, das ich als Komponist und wackrer Sanger ebensogut verdient zu haben vermeine als Fraulein Julia, so merke ich schon, dass ich mit meinen schwachen musikalischen Kenntnissen nicht stark genug wirke. Aber auch in der Malerei bin ich erfahren und werde die Ehre haben, Ihnen ein kleines Bildnis zu zeigen, das eine Person vorstellt, deren merkwurdiges Leben und seltsames Ende mir so bekannt ist, dass ich alles jedem erzahlen kann, der es nur horen will." "Uberlastiger Mensch!" murmelte der Prinz. Kreisler zog ein Kastchen aus der Tasche, nahm ein kleines Bildnis heraus und hielt es dem Prinzen entgegen. Er blickte hin, alles Blut schwand von dem Antlitz, seine Augen starrten, seine Lippen bebten, zwischen den Zahnen murmelnd: "Maledetto!" sturzte er fort.
"Was ist das?" rief Julia, zum Tode erschrocken, "um aller Heiligen willen, was ist das, Kreisler sagen Sie mir alles!"
"Tolles Zeug," erwiderte Kreisler, "lustige Streiche, Teufelsbannerei! Sehn Sie, teures Fraulein, wie der gutige Prinz mit den allerlangsten Schritten, deren seine gnadigsten Beine machtig, uber die Brucke lauft. Gott! er verleugnet ganz seine susse idyllische Natur, er schaut nicht einmal in den See, er verlangt nicht mehr, den Schwan zu futtern, der liebe gute Teufel!"
"Kreisler," sprach Julia, "Ihr Ton geht eiskalt durch mein Inneres, ich ahne Unheil was haben Sie mit dem Prinzen?"
Der Kapellmeister trat von dem Fenster weg, an dem er gestanden, schaute tief bewegt Julia an, die vor ihm stand, die Hande gefaltet, als wolle sie den guten Geist anflehen, dass er die Angst von ihr nehme, die ihr Tranen aus den Augen presste. "Nein," sprach Kreisler, "kein feindlicher Misston soll den Wohllaut des Himmels verstoren, der in deinem Gemut wohnt, du frommes Kind! In gleissnerischer Verkappung gehen die Geister der Holle durch die Welt, aber sie haben keine Macht uber dich, und du darfst sie nicht erkennen in ihrem schwarzen Tun und Treiben! Sei'n Sie ruhig, Julia! lassen Sie mich schweigen, es ist nun alles voruber!"
In dem Augenblick trat die Benzon hinein in grosser Bewegung. "Was ist geschehen," rief sie, "was ist geschehen? Wie rasend sturzt der Prinz dicht bei mir voruber, ohne mich zu sehen. Dicht bei dem Schloss kommt ihm der Adjutant entgegen, sie sprechen beide heftig miteinander, dann gibt der Prinz, so glaubt' ich zu bemerken, dem Adjutanten irgendeinen wichtigen Auftrag, denn indem der Prinz in das Schloss schreitet, sturzt der Adjutant in grosster Eil' nach dem Pavillon, in dem er wohnt. Der Gartner sagte mir, du hattest mit dem Prinzen auf der Brucke gestanden, da uberfiel mich, selbst weiss ich nicht warum, die furchterliche Ahnung irgend etwas Entsetzlichen, das sich begeben ich eilte her, sagt, was ist geschehen?" Julia erzahlte alles. "Geheimnisse?" fragte die Benzon scharf, indem sie einen durchbohrenden Blick auf Kreislern warf. "Beste Ratin," antwortete Kreisler, "es gibt Augenblicke Lagen Situationen vielmehr, mein' ich, in denen der Mensch durchaus das Maul halten muss, da er, sobald er es offnet, nichts herausbringt als konfuses Zeug, das die vernunftigen Leute irritiert!"
Dabei blieb es, unerachtet die Benzon verletzt schien durch Kreislers Schweigen.
Der Kapellmeister begleitete die Ratin mit Julien bis ans Schloss, dann begab er sich auf den Ruckweg nach Sieghartsweiler. Sowie er in den Laubgangen des Parks verschwunden, trat der Adjutant des Prinzen aus dem Pavillon und verfolgte denselben Weg, den Kreisler genommen. Bald darauf fiel tief im Walde ein Schuss!
In derselben Nacht verliess der Prinz Sieghartsweiler, er hatte sich bei dem Fursten schriftlich beurlaubt und baldige Ruckkehr versprochen. Als am andern Morgen der Gartner mit seinen Leuten den Park durchsuchte, fand er Kreislers Hut, an dem blutige Spuren befindlich. Er selbst war und blieb verschwunden. Man
Zweiter Band
Dritter Abschnitt
Die Lehrmonate
Launisches Spiel des Zufalls
(M. f. f.) Sehnsucht, heisses Verlangen erfullt die Brust, aber hat man endlich das gewonnen, nach dem man rang mit tausend Not und Sorgen, so erstarrt jenes Verlangen alsbald zur todkalten Gleichgultigkeit, und man wirft das errungene Gut von sich wie ein abgenutztes Spielzeug. Und kaum ist dies geschehen, so folgt bittre Reue der raschen Tat, man ringt aufs neue, und das Leben eilt dahin in Verlangen und Abscheu. So ist einmal der Katz. Richtig bezeichnet dieser Ausdruck mein Geschlecht, zu dem sich auch der hochmutige Lowe zahlt, den deshalb auch der beruhmte Hornvilla in Tiecks "Oktavian" einen grossen Katz nennt. Ja, wiederhole ich, so und nicht anders ist einmal der Katz, und das katzliche Herz ein ganz wankelmutiges Ding.
Des ehrlichen Biographen erste Pflicht ist, aufrichtig zu sein und sich beileibe nicht selbst zu schonen. Ganz aufrichtig, Pfote aufs Herz, will ich daher gestehen, dass trotz des unsaglichen Eifers, mit dem ich mich auf die Kunste und Wissenschaften legte, doch oft der Gedanke an die schone Miesmies plotzlich in mir aufstieg und mein Studium unterbrach ganz und gar.
Es war mir, als hatte ich sie nicht lassen sollen, als hatte ich ein treuliebendes Herz verschmaht, das nur von einem falschen Wahn augenblicklich verblendet. Ach! oft, wenn ich mich an dem grossen Pythagoras erlaben wollte (ich studierte zu der Zeit viel Mathematik), verschob plotzlich ein zartes schwarzbestrumpftes Pfotchen alle Katheten und Hypotenusen, und vor mir stand sie selbst, die holde Miesmies, ihr kleines allerliebstes Samtkappchen auf dem Haupt, und aus dem anmutigen Grasgrun der schonsten Augen traf mich der funkelnde Blick des zartlichsten Vorwurfs. Welche niedliche Seitensprunge, welches holdselige Wirbeln und Schlangeln des Schweifs! Umpfoten wollt' ich sie mit Entzucken neu entflammter Liebe, doch verschwunden war die neckende Truggestalt.
Nicht fehlen konnt' es, dass dergleichen Traumereien aus dem Arkadien der Liebe mich in eine gewisse Schwermut versenkten, die der gewahlten Laufbahn als Dichter und Gelehrter schadlich werden musste, zumal sie bald in eine Tragheit ausartete, der ich nicht zu widerstehen vermochte. Mit Gewalt wollte ich mich herausreissen aus diesem verdriesslichen Zustande, einen raschen Entschluss fassen, Miesmies wieder aufzusuchen. Doch, hatte ich schon die Pfote auf die erste Treppenstufe gesetzt, um hinaufzusteigen in die obern Regionen, wo ich die Holde zu finden hoffen durfte, so wandelte mich Scham und Scheu an, und ich zog die Pfote wieder zuruck und begab mich traurig unter den Ofen.
Dieser psychischen Bedrangnisse unerachtet, erfreute ich mich indessen doch eines ausserordentlichen korperlichen Wohlseins, ich nahm merklich zu, wo nicht in Wissenschaften, so doch in der Starke meines Leibes und bemerkte, wenn ich mich im Spiegel anschaute, mit Vergnugen, dass mein rundbackiges Antlitz nachst der jugendlichen Frische etwas Ehrfurchtgebietendes zu erhalten begann.
Selbst der Meister gewahrte meine veranderte Stimmung. Es ist wahr, sonst knurrte ich und machte lustige Sprunge, wenn er mir schmackhafte Speisung reichte, sonst walzte ich mich zu seinen Fussen, kaboltzte und sprang wohl auch auf seinen Schoss, wenn er, nachdem er morgens aufgestanden, mir zurief: "Guten Morgen, Murr!" Jetzt unterliess ich das alles und begnugte mich mit einem freundlichen Miau! und jener anmutig stolzen Erhebung des Ruckens, die dem geneigten Leser unter dem Namen: Katzenbuckel bekannt sein wird. Ja, ich verachtete jetzt sogar das mir sonst so liebe Vogelspiel. Es mochte fur junge Gymnastiker oder Turner meines Geschlechts lehrreich sein zu sagen, worin dieses Spiel bestand. Mein Meister band namlich eine oder ein paar Schreibfedern an einen langen Faden und liess sie schnell in der Luft auf- und absteigen, ordentlich fliegen. Im Winkel lauernd und die richtigen Tempos wahrnehmend, sprang ich nun so lange nach den Federn, bis ich sie erwischte und wacker zerzauste. Dies Spiel riss mich oft ganz hin, ich hielt die Federn wirklich fur einen Vogel, ich geriet in Feuer und Flammen, so dass Geist und Korper, zugleich in Anspruch genommen, sich bildeten und starkten. Ja, selbst dies Spiel verachtete ich jetzt und blieb ruhig auf meinem Kissen liegen, der Meister mochte seine Federn fliegen lassen, soviel er wollte. "Kater," sprach der Meister eines Tages zu mir, als ich, wenn die Feder, an meine Nase streifend, selbst auf mein Kissen flog, kaum blinzelnd die Pfote darnach ausstreckte, "Kater, du bist gar nicht mehr wie sonst, du wirst mit jedem Tag trager und fauler. Ich glaube, du frissest, du schlafst zu viel."
Ein Lichtstrahl fiel bei diesen Worten des Meisters in meine Seele! Nur dem Andenken an Miesmies, an das verscherzte Paradies der Liebe hatte ich meine trage Traurigkeit zugeschrieben, nun erst gewahrte ich aber, wie das irdische Leben mich mit meinen aufwarts strebenden Studien entzweit und seine Anspruche geltend gemacht hatte. Es gibt Dinge in der Natur, die es deutlich erkennen lassen, wie die gefesselte Psyche dem Tyrannen, Korper genannt, ihre Freiheit hinopfern muss. Zu diesen Dingen rechne ich nun ganz vorzuglich den wohlschmeckenden Brei von Mehl, susser Milch und Butter, sowie ein breites, mit Rosshaaren wohlgepolstertes Kissen. Jenen sussen Brei wusste die Aufwarterin des Meisters gar herrlich zu bereiten, so dass ich jeden Morgen zum Fruhstuck zwei tuchtige Teller voll mit dem grossten Appetit verzehrte. Hatte ich aber dermassen gefruhstuckt, dann wollten mir die Wissenschaften gar nicht mehr munden, sie kamen mir vor wie trockene Speise, und nichts half es auch, wenn ich, davon ablassend, mich rasch in die Poesie warf. Die hochgepriesensten Werke der neuesten Autoren, die geruhmtesten Trauerspiele hochgefeierter Dichter konnten meinen Geist nicht festhalten, ich geriet in ein ausschweifendes Gedankenspiel, unwillkurlich trat die kunstfertige Aufwarterin des Meisters in Konflikt mit dem Autor, und es wollte mir gemuten, als verstehe jene sich viel besser auf die gehorige Gradation und Mischung der Fettigkeit, Susse und Starke als dieser. Ungluckliche traumerische Verwechselung des geistigen und leiblichen Genusses! Ja, traumerisch kann ich sie nennen, diese Verwechslung, denn Traume stiegen auf und liessen mich jenes zweite gefahrliche Ding, das breite, mit Rosshaaren gepolsterte Kissen suchen, um sanft darauf zu entschlummern. Dann erschien mir das susse Bild der holden Miesmies! Himmel, so stand wohl alles im Zusammenhange, Milchbrei, Verachtung der Wissenschaften, Melancholie, Polster, unpoetische Natur, Liebesandenken! Der Meister hatte recht, ich frass, ich schlief zuviel! Mit welchem stoischen Ernst nahm ich mir vor, massiger zu sein, aber schwach ist des Katers Natur, die besten, herrlichsten Entschlusse scheiterten an dem sussen Geruch des Milchbreies, an dem einladend aufgeschwellten Polster. Eines Tages hort' ich den Meister, da er zum Zimmer herausgetreten, auf dem Flur zu jemanden sagen: "Mag es sein, meinetwegen, vielleicht heitert ihn Gesellschaft auf. Aber macht ihr mir dumme Streiche, springt ihr mir auf die Tische, schmeisst ihr mir das Tintenfass um oder sonst was herab, so werf' ich euch alle beide zum Tempel heraus."
Darauf offnete der Meister die Ture ein wenig und liess jemanden herein. Dieser Jemand war aber kein anderer als Freund Muzius. Beinahe hatte ich ihn nicht wiedererkannt. Seine Haare, sonst glatt und glanzend, waren struppig und unscheinbar, die Augen lagen ihm tief im Kopf, und sein sonst zwar etwas rauhes, aber doch ganz leidliches Wesen hatte etwas Ubermutiges, Brutales angenommen. "Na," prustete er mich an, "na, findet man Euch einmal! Muss man Euch aufsuchen hinter Euerm verfluchten Ofen? Doch mit Verlaub!" Er trat an den Teller und verzehrte die Backfische, die ich mir aufgespart hatte zum Abendbrot. "Sagt," sprach er dazwischen, "sagt mir nur ins Teufels Namen, wo Ihr steckt, warum Ihr auf kein Dach mehr kommt, Euch nirgends mehr sehen lasst, wo es munter hergeht?"
Ich erklarte, dass, nachdem ich die Liebe zur holden Miesmies aufgegeben, mich die Wissenschaften ganz und gar beschaftigt hatten, weshalb denn an Spaziergange nicht zu denken gewesen ware. Nicht im mindesten sehne ich mich nach Gesellschaft, da ich bei dem Meister alles hatte, was mein Herz nur wunschen konne, Milchbrei, Fleisch, Fische, ein weiches Lager u.s.w. Ein ruhiges sorgenfreies Leben, das sei fur einen Kater von meinen Neigungen und Anlagen das erspriesslichste Gut, und um so mehr musst' ich furchten, dass dies, ginge ich aus, verstort werden konne, da, wie ich leider wahrgenommen, meine Inklination zur kleinen Miesmies noch nicht ganz erloschen und ihr Wiedersehen mich leicht zu Ubereilungen hinreissen durfe, die ich nachher vielleicht sehr schwer zu bereuen haben wurde.
"Ihr konnt mir nachher noch einen Backfisch aufwixen!" So sprach Muzius, putzte sich mit gekrummter Pfote nur ganz obenhin Maul, Bart und Ohren und nahm den Platz dicht neben mir auf dem Polster.
"Rechnet," begann Muzius, nachdem er zum Zeichen seiner Zufriedenheit ein paar Sekunden gesponnen, mit sanfter Stimme und Gebarde, "rechnet es Euch, mein guter Bruder Murr, fur ein Gluck an, dass ich auf den Einfall geriet, Euch zu besuchen in Eurer Klause, und dass der Meister mich zu Euch liess ohne Widerrede. Ihr seid in der grossten Gefahr, in die ein tuchtiger junger Kerl von Kater, der Grutz' im Kopfe hat und Starke in den Gliedern, nur geraten kann. Das heisst, Ihr seid in der Gefahr, ein arger abscheulicher Philister zu werden. Ihr sagt, dass Ihr den Wissenschaften zu strenge obliegt, um Zeit ubrig zu behalten, Euch umzusehen unter Katern. Verzeiht, Bruder, das ist nicht wahr, Ihr seht, rund, gemastet, spiegelglatt, wie ich Euch finde, gar nicht aus wie ein Bucherwurm, wie ein Lukubrant. Glaubt mir, das verfluchte bequeme Leben ist es, was Euch faul und trage macht. Ganz anders wird Euch zumute sein, wenn Ihr Euch wie unsereins abstrapazieren musstet, bis Ihr einmal ein paar Fischgraten erwischtet oder ein Voglein finget."
"Ich dachte," unterbrach ich den Freund, "dass Ihre Lage gut und glucklich zu nennen, Sie waren ja sonst "
"Davon," fuhr mich Muzius zornig an, "davon ein andermal, aber nennt mich nicht Sie, das verbitt' ich mir, sondern Ihr, bis wir Schmolles getrunken haben. Doch Ihr seid ein Philister und versteht Euch nicht auf den Komment."
Nachdem ich mich bei dem erzurnten Freunde zu entschuldigen gesucht, fuhr er sanfter fort: "Also wie gesagt, Eure Lebensart taugt nichts, Bruder Murr. Ihr musst heraus, Ihr musst heraus in die Welt."
"Himmel," rief ich voll Schreck, "was sprecht Ihr, Bruder Muzius, in die Welt soll ich? Habt Ihr vergessen, was ich Euch vor einigen Monaten im Keller davon erzahlte, wie ich einst hinaussprang aus einem englischen Halbwagen in die Welt? Welche Gefahren mir von allen Seiten drohten? Wie mich endlich der gute Ponto rettete und zuruckbrachte zu meinem Meister?" Muzius lachte hamisch. "Ja," sprach er dann, "ja, das ist es eben, darin liegt es eben, der gute Ponto! Der stutzerische, superkluge, narrenhafte, stolze Heuchler, der sich Eurer annahm, weil er gerade nichts Besseres zu tun wusste, weil es ihn gerade belustigte, der, suchtet Ihr ihn auf in seinen Assembleen und Koterien, Euch gar nicht wiedererkennen, ja Euch, weil Ihr nicht seinesgleichen seid, herausbeissen wurde! Der gute Ponto, der, statt Euch einzufuhren in das wahre Weltleben, Euch unterhielt mit albernen, menschlichen Geschichten! Nein, guter Murr, jenes Ereignis hat Euch eine ganz andere Welt gezeigt, als die ist, in welche Ihr hineingehort! Glaubt mir aufs Wort, all Euer einsames Studieren hilft Euch ganz und gar nichts und ist Euch vielmehr noch schadlich. Denn Ihr bleibt dennoch ein Philister, und es gibt auf der ganzen weiten Erde nichts Langweiligeres und Abgeschmackteres als einen gelehrten Philister!"
Aufrichtig gestand ich dem Freunde Muzius, dass ich den Ausdruck Philister sowie seine eigentliche Meinung nicht ganz fasse. "O mein Bruder," erwiderte Muzius, indem er anmutig lachelte, so dass er in dem Augenblick sehr hubsch aussah und wieder ganz der alte propre Muzius schien, "o mein Bruder Murr, ganz vergeblich wurde der Versuch sein, Euch dieses alles zu erklaren, denn nimmermehr konnt Ihr begreifen, was ein Philister ist, solange Ihr selbst einer seid. Wollt Ihr indessen zur Zeit mit einigen Grundzugen eines Katzphilisters vorliebnehmen, so kann
(Mak. Bl.) gar seltsames Schauspiel. In der Mitte des Zimmers stand Prinzessin Hedwiga; ihr Antlitz war leichenblass, todstarr ihr Blick. Prinz Ignatius trieb sein Spiel mit ihr, wie mit einer Gliederpuppe. Er hob ihr den Arm in die Hohe, der stehen blieb und sank, wenn er ihn niederbeugte. Er stiess sie sanft vorwarts, sie ging, er liess sie stehen, sie stand, er setzte sie in den Sessel, sie sass. So vertieft war der Prinz in dies Spiel, dass er die Eintretenden gar nicht bemerkte.
"Was machen Sie da, Prinz!" So rief ihm die Furstin zu, da versicherte er kichernd und frohlich sich die Hande reibend, dass Schwester Hedwiga jetzt gut und artig geworden und alles tue, was er wunsche, auch ihm gar nicht so widerspreche und ihn ausschelte wie sonst. Und damit begann er aufs neue, indem er militarisch kommandierte, die Prinzessin in allerlei Stellungen zu bringen, und jedesmal, wenn sie wie festgezaubert in der Stellung blieb, die er ihr gegeben, lachte er laut und sprang vor Freuden in die Hohe. "Das ist nicht zu ertragen," sprach die Furstin leise mit zitternder Stimme, indem Tranen ihr in den Augen glanzten, doch der Leibarzt trat auf den Prinzen zu und rief mit strengem gebietendem Ton: "Lassen Sie das bleiben, gnadigster Herr!" Dann nahm er die Prinzessin in die Arme, liess sie sanft nieder auf die Ottomane, die im Zimmer befindlich, und zog die Vorhange zu. "Es ist," wandte er sich dann zur Furstin, "es ist zurzeit der Prinzessin nichts notiger als die unbedingteste Ruhe, ich bitte, dass der Prinz das Zimmer verlasse."
Prinz Ignatius stellte sich sehr ungebardig an und klagte schluchzend, dass jetzt allerlei Leute, die gar keine Prinzen waren und nicht einmal von Adel, sich unterfingen, ihm zu widersprechen. Er wolle nun bei der Prinzessin Schwester bleiben, die ihm lieber geworden sei als seine schonsten Tassen, und der Herr Leibarzt habe ihm gar nichts zu befehlen.
"Gehen Sie, lieber Prinz," sprach die Furstin sanft, "gehen Sie in Ihre Zimmer, die Prinzessin muss jetzt schlafen, und nach der Tafel kommt Fraulein Julia."
"Fraulein Julia!" rief der Prinz, indem er kindisch lachte und hupfte, "Fraulein Julia! Ha, das ist schon, der zeige ich die neuen Kupferstiche, und wie ich abgebildet bin in der Geschichte vom Wasserkonig als Prinz Lachs mit dem grossen Orden!" damit kusste er der Furstin zeremonios die Hand und reichte die seinige mit stolzem Blick dar dem Leibarzt zum Kuss. Der fasste aber die Hand des Prinzen und fuhrte ihn zur Ture, die er offnete, sich hoflich verneigend. Der Prinz liess es sich gefallen, auf diese Art hinausgewiesen zu werden.
Die Furstin sank, ganz Schmerz und Erschopfung, nieder in den Lehnstuhl, stutzte den Kopf in die Hand und sprach mit dem Ausdruck des tiefsten Wehs leise vor sich hin: "Welche Todsunde lastet auf mir, dass mich der Himmel so hart straft. Dieser Sohn zu ewiger Unmundigkeit verdammt und nun Hedwiga meine Hedwiga!" Die Furstin verfiel in trubes dustres Nachdenken.
Der Leibarzt hatte indessen mit Muhe der Prinzessin ein paar Tropfen irgendeiner heilsamen Arztnei eingeflosst und die Kammerfrauen herbeigerufen, die die Prinzessin, deren automatischer Zustand sich nicht im mindesten anderte, fortbrachten in ihre Zimmer, nachdem sie von dem Leibarzt die Weisung erhalten, bei dem kleinsten Zufall, den die Prinzessin erleiden konne, ihn sogleich herbeizurufen.
"Gnadigste Frau," wandte sich der Leibarzt zur Furstin, "so hochst seltsam, so hochst besorglich auch der Zustand der Prinzessin scheinen mag, so glaube ich doch mit Gewissheit versichern zu konnen, dass er bald aufhoren wird, ohne die mindesten gefahrlichen Folgen zu hinterlassen. Die Prinzessin leidet an jener ganz besondern, wunderbaren Art des Starrkrampfs, die in der arztlichen Praxis so selten vorkommt, dass mancher hochberuhmte Arzt niemals in seinem Leben Gelegenheit fand, dieselbe zu beobachten. Ich muss mich daher in der Tat glucklich schatzen " Der Leibarzt stockte
"Ha," sprach die Furstin mit bitterm Ton, "daran erkenne ich den praktischen Arzt, der grenzenloses Leiden nicht achtet, wenn er nur seine Kenntnis bereichert."
"Noch," fuhr der Leibarzt fort, ohne den Vorwurf der Furstin zu beachten, "noch vor ganz kurzer Zeit fand ich in einem wissenschaftlichen Buche das Beispiel eines Zufalls, der ganz dem gleich ist, in den die Prinzessin verfallen. Eine Dame (so erzahlt mein Autor) kam von Vesoul nach Besancon, um einen Rechtshandel zu betreiben. Die Wichtigkeit der Sache, der Gedanke, dass der Verlust des Prozesses die letzte, hochste Stufe der empfindlichsten Widerwartigkeiten, die sie erduldet, sein und sie in Not und Elend sturzen musste, erfullte sie mit der lebhaftesten Unruhe, die bis zu einer Exaltation ihres ganzen Gemuts stieg. Sie brachte die Nachte schlaflos zu, ass wenig, man sah sie in der Kirche auf ungewohnliche Weise niederfallen und beten, genug, auf verschiedene Art tat sich der abnorme Zustand kund. Endlich aber an demselben Tage, da ihr Prozess entschieden werden sollte, traf sie ein Zufall, den die anwesenden Personen fur einen Schlagfluss hielten. Die herbeigerufenen Arzte fanden die Dame in einem Lehnstuhle unbeweglich mit gen Himmel gerichteten funkelnden Augen, offenen und unbeweglichen Augenlidern, mit erhobenen Armen und gefaltenen Handen. Ihr vorher trauriges bleiches Gesicht war bluhender, heiterer, angenehmer als sonst, ihr Atemzug ungehindert und gleich, der Puls weich, langsam, ziemlich voll, beinahe wie bei einer ruhig schlafenden Person. Ihre Glieder waren biegsam, leicht und liessen ohne den geringsten Widerstand sich in alle Stellungen bringen. Aber darin ausserte sich die Krankheit und die Unmoglichkeit irgendeiner Tauschung, dass die Glieder von selbst nicht aus der Stellung kamen, in die sie versetzt worden. Man druckte ihr Kinn abwarts, der Mund offnete sich und blieb offen. Man hob einen Arm, nachher den andern auf, sie fielen nicht abwarts, man bog sie ihr nach dem Rucken hin, streckte sie hoch in die Hohe, so dass es jedem unmoglich gewesen sein wurde, sich lange in dieser Stellung zu behaupten, und doch geschah es. Man mochte den Korper so sehr herabbeugen, als man wollte, immer blieb er in dem vollkommensten Gleichgewicht. Sie schien ganzlich ohne Empfindung, man ruttelte, kneipte, qualte sie, stellte ihr die Fusse auf ein heisses Kohlenbecken, schrie ihr in die Ohren, sie werde ihren Prozess gewinnen, alles umsonst, sie gab kein Zeichen des willkurlichen Lebens von sich. Nach und nach kam sie zu sich selbst, doch fuhrte sie unzusammenhangende Reden Endlich "
"Fahren Sie fort," sprach die Furstin, als der Leibarzt innehielt, "fahren Sie fort, verschweigen Sie mir nichts, und sei es das Entsetzlichste! Nicht wahr? in Wahnsinn verfiel die Dame!"
"Es genugt," sprach der Leibarzt weiter, "es genugt, hinzuzufugen, dass ein sehr boser Zustand der Dame nur vier Tage hindurch anhielt, dass sie in Vesoul, wohin sie zuruckkehrte, vollig genas und nicht die mindesten schlimmen Folgen ihrer harten ungewohnlichen Krankheit verspurte."
Wahrend die Furstin aufs neue in trubes Nachdenken versank, verbreitete sich der Leibarzt weitlauftig uber die arztlichen Mittel, die er anzuwenden gedenke, um der Prinzessin zu helfen, und verlor sich zuletzt in solche wissenschaftliche Demonstrationen, als sprache er in einer arztlichen Beratung zu den tief gelehrtesten Doktoren.
"Was," unterbrach endlich die Furstin den wortreichen Leibarzt, "was helfen alle Mittel, die die spekulierende Wissenschaft darbietet, wenn das Heil, das Wohl des Geistes gefahrdet?"
Der Leibarzt schwieg einige Augenblicke, dann fuhr er fort: "Gnadigste Frau, das Beispiel von der wunderbaren Starrsucht jener Dame in Besancon zeigt, dass der Grund ihrer Krankheit in einer psychischen Ursache lag. Man fing, als sie zu einiger Besinnung gekommen, ihre Kur damit an, dass man ihr Mut einsprach und ihr den bosen Prozess als gewonnen darstellte. Einig sind auch die erfahrensten Arzte daruber, dass eben irgendeine plotzliche starke Gemutsbewegung jenen Zustand am ersten hervorbringt. Prinzessin Hedwiga ist reizbar bis zum hochsten ungewohnlichen Grade, ja, ich mochte den Organismus ihres Nervensystems manchmal schon an und fur sich selbst abnorm nennen. Gewiss scheint es, dass irgendeine heftige Erschutterung des Gemuts auch ihren Krankheitszustand erzeugte. Man muss die Ursache zu erforschen suchen, um psychisch mit Erfolg auf sie wirken zu konnen! Die schnelle Abreise des Prinzen Hektor Nun, gnadigste Frau, die Mutter durfte vielleicht tiefer schauen als jeder Arzt und diesem die besten Mittel an die Hand geben konnen zur heilsamen Kur."
Die Furstin erhob sich und sprach stolz und kalt: "Selbst die Burgerfrau bewahrt gern die Geheimnisse des weiblichen Herzens, das Furstenhaus erschliesst sein Inneres nur der Kirche und ihren Dienern, zu denen der Arzt sich nicht zahlen darf!"
"Wie," rief der Leibarzt lebhaft, "wer vermag das leibliche Wohl so scharf zu trennen von dem geistigen? Der Arzt ist der zweite Beichtvater, in die Tiefe des psychischen Seins mussen ihm Blicke vergonnt werden, wenn er nicht jeden Augenblick Gefahr laufen will, zu fehlen. Denken Sie an die Geschichte jenes kranken Prinzen, gnadigste Frau "
"Genug!" unterbrach die Furstin den Arzt beinahe mit Unwillen, "genug! Nie werde ich mich bewegen lassen, eine Unschicklichkeit zu begehen, ebensowenig als ich glauben kann, dass irgendeine Unschicklichkeit auch nur in Gedanke und Empfindung die Krankheit der Prinzessin veranlasst haben kann."
Damit entfernte sich die Furstin und liess den Leibarzt stehen.
"Wunderliche," sprach dieser zu sich selbst, "wunderliche Frau, diese Furstin! Gern mochte sie andere, ja sich selbst uberreden, dass der Kitt, womit die Natur Seel' und Korper zusammenleimt, wenn es darauf ankommt, etwas Furstliches zu bilden, von ganz besonderer Art sei und keinesweges dem zu vergleichen, den sie bei uns armen Erdensohnen burgerlicher Abkunft verbraucht. Man soll gar nicht daran denken, dass die Prinzessin ein Herz hat, so wie jener hofische Spanier, der das Geschenk von seidnen Strumpfen, das gute niederlandische Burger seiner Furstin machen wollten, deshalb verschmahte, weil es unschicklich sei, daran zu erinnern, dass eine spanische Konigin wirklich Fusse habe wie andere ehrliche Leute! Und doch: zu wetten ist es, dass in dem Herzen, dem Laboratorio alles weiblichen Wehs, die Ursache des furchterlichsten aller Nervenubel zu suchen ist, das die Prinzessin befallen."
Der Leibarzt dachte an Prinz Hektors schnelle Abreise, an der Prinzessin ubermassige krankhafte Reizbarkeit, an die leidenschaftliche Art, wie sie sich (so hatte er es vernommen) gegen den Prinzen betragen haben sollte, und so schien es ihm gewiss, dass irgendein plotzlicher Liebeszwist die Prinzessin bis zu jaher Krankheit verletzt. Man wird sehen, ob des Leibarztes Vermutungen Grund hatten oder nicht. Was die Furstin betrifft, so mochte sie Ahnliches vermuten und eben deshalb alle Nachfrage, alles Forschen des Arztes fur unschicklich halten, da der Hof uberhaupt jedes tiefere Gefuhl als unstatthaft verwirft und gemein. Die Furstin hatte sonst Gemut und Herz, aber das seltsam halb lacherliche, halb widrige Ungeheuer, Etikette genannt, hatte sich auf ihre Brust gelegt wie ein bedrohlicher Alp, und keine Seufzer, kein Zeichen des innern Lebens sollte mehr hinaufsteigen aus dem Herzen. Gelingen musst' es ihr daher, selbst Szenen der Art, wie sie sich eben mit dem Prinz und der Prinzessin begeben, zu verwinden und den stolz abzuweisen, der nichts wollte als helfen.
Wahrend sich dies im Schlosse begab, ereignete sich auch im Park manches, was hier beizubringen ist.
In dem Gebusch links bei dem Eingange stand der dicke Hofmarschall, zog ein kleines goldnes Doschen aus der Tasche, wischte, nachdem er eine Prise Tabak genommen, mit dem Rockarmel einigemal daruber weg, reichte es dem Leibkammerdiener des Fursten hin und sprach also: "Schatzenswerter Freund, ich weiss, Sie lieben dergleichen artige Pretiosen, nehmen Sie gegenwartiges Doschen als ein geringes Zeichen meines gnadigen Wohlwollens an, auf das Sie stets rechnen konnen. Doch sagen Sie, Liebster, wie kam das mit dem seltsamen ungewohnlichen Spaziergange?"
"Mich untertanigst zu bedanken," erwiderte der Leibkammerdiener, indem er die goldne Dose einsteckte. Dann rausperte er sich und fuhr fort: "Versichern kann ich, hochgebietende Exzellenz, dass unser gnadigster Herr sehr alarmiert sind seit dem Augenblick, als der gnadigsten Prinzessin Hedwiga, man weiss nicht wie, die funf Sinne abhanden gekommen. Heute standen sie am Fenster ganz hoch aufgerichtet wohl eine halbe Stunde und trommelten mit den gnadigsten Fingern der rechten Hand schrecklich auf die Spiegelscheibe, dass es klirrte und krachte. Aber lauter hubsche Marsche von anmutiger Melodie und frischem Wesen, wie mein seliger Schwager, der Hoftrompeter, zu sagen pflegte. Exzellenz wissen, mein seliger Schwager, der Hoftrompeter, war ein geschickter Mann, er brachte sein Flattergrob heraus wie ein Dauschen, seine Grobstimme, seine Faulstimme klang wie Nachtigallschlag, und was das Prinzipalblasen betrifft" "Alles," unterbrach der Hofmarschall den Schwatzer, "alles weiss ich, mein Bester! Ihr seliger Herr Schwager war ein vortrefflicher Hoftrompeter, aber jetzt, was taten, was sprachen Durchlaucht, als sie die Marsche zu trommeln geruht hatten?"
"Taten, sprachen!" fuhr der Leibkammerdiener fort, "hm! eben nicht viel. Durchlaucht wandten sich um, sahen mich starr an mit recht feurigen Augen, zogen die Klingel auf furchtbare Weise und riefen dabei laut: 'Francois Francois!' 'Durchlaucht, ich bin schon hier', rief ich. Da sprachen aber der gnadigste Herr ganz zornig: 'Esel, warum sagt Er das nicht gleich!' Und darauf: 'Mein Promenadenkleid!' Ich tat, wie mir geheissen. Durchlaucht geruhten den grunseidenen Uberrock ohne Stern anzulegen und sich nach dem Park zu begehen. Sie verboten mir, Ihnen zu folgen, aber hochgebietende Exzellenz, man muss doch wissen, wo sich der gnadigste Herr befinden, wenn etwa ein Ungluck Nun! ich folgte so ganz von weitem und gewahrte, dass der gnadigste Herr sich in das Fischerhauschen begaben."
"Zum Meister Abraham!" rief der Hofmarschall ganz verwundert. "So ist es," sprach der Leibkammerdiener und schnitt ein sehr wichtiges geheimnisvolles Gesicht.
"Ins Fischerhauschen," wiederholte der Hofmarschall, "ins Fischerhauschen zum Meister Abraham! Nie haben Durchlaucht den Meister aufgesucht im Fischerhauschen!"
Ein ahnungsvolles Stillschweigen folgte, dann sprach der Hofmarschall weiter: "Und sonst ausserten Durchlaucht gar nichts?" "Gar nichts," erwiderte der Leibkammerdiener bedeutungsvoll. "Doch," fuhr er schlau lachelnd fort, "ein Fenster des Fischerhauschens geht heraus nach dem dicksten Gebusch, es ist dort eine Vertiefung, man versteht jedes Wort, was drinnen im Hauschen gesprochen wird man konnte " "Bester, wenn Sie das tun wollten!" rief der Hofmarschall entzuckt. "Ich tue es," sprach der Kammerdiener und schlich leise fort. Doch als er aus dem Gebusch hervortrat, stand der Furst, der eben nach dem Schloss zuruckkehrte, dicht vor ihm, so dass er ihn beinahe beruhrte. In scheuer Ehrfurcht prallte er zuruck: "Vous etes un grand Tolpel!" donnerte ihn der Furst an, rief dem Hofmarschall ein kaltes "dormez bien!" zu und entfernte sich mit dem Leibkammerdiener, der ihm folgte, ins Schloss.
Ganz besturzt blieb der Hofmarschall stehen, murmelte: "Fischerhauschen Meister Abraham dormez bien " und beschloss, sogleich zu dem Kanzler, des Reichs zu fahren, um sich uber die ausserordentliche Begebenheit zu beraten und womoglich die Konstellation herauszufinden, die am Hofe ob dieses Ereignisses sich erzeugen konne.
Meister Abraham hatte den Fursten bis eben an das Gebusch begleitet, in dem sich der Hofmarschall und der Leibkammerdiener befanden, hier war er umgekehrt auf Geheiss des Fursten, der nicht wollte, dass man ihn aus den Fenstern des Schlosses in Gesellschaft des Meisters bemerke. Der geneigte Leser weiss, wie gut es dem Fursten gelungen, seinen einsamen geheimen Besuch bei dem Meister Abraham im Fischerhauschen zu verbergen. Aber noch eine Person ausser dem Kammerdiener hatte den Fursten, ohne dass er es ahnen konnte, belauscht.
Beinahe war Meister Abraham angelangt in seiner Wohnung, als ihm ganz unvermutet aus den Gangen, die schon zu dunkeln begannen, die Ratin Benzon entgegentrat.
"Ha," rief die Benzon mit bittrem Lachen, "der Furst hat sich bei Euch Rats erholt, Meister Abraham. In der Tat, Ihr seid die wahre Stutze des furstlichen Hauses, dem Vater und dem Sohne lasst Ihr Eure Weisheit und Erfahrung zufliessen, und wenn guter Rat teuer oder gar nicht zu haben " "So," fiel Meister Abraham der Benzon ins Wort, "so gibt es eine Ratin, die eigentlich das glanzvolle Gestirn ist, das hier alles erleuchtet, und unter dessen Einfluss auch nur ein armer alter Orgelbauer bestehen und sein einfaches Leben ungestort durchfristen kann."
"Scherzt," sprach die Benzon, "scherzt nicht so bitter, Meister Abraham, ein Gestirn, das glanzvoll geleuchtet, kann, unserm Horizont entfliehend, schnell verbleichen und endlich ganz untergehen. Die seltsamsten Ereignisse scheinen sich durchkreuzen zu wollen in diesem einsamen Familienkreise, den eine kleine Stadt und ein paar Dutzend Menschen mehr als eben darin wohnen, Hof zu nennen gewohnt sind. Die schnelle Abreise des sehnlich erwarteten Brautigams Hedwigas bedrohlicher Zustand! In der Tat, tief niederbeugen musste dies den Fursten, ware er nicht ein ganz gefuhlloser Mann."
"Nicht," unterbrach der Meister Abraham die Benzon, "nicht immer waren Sie dieser Meinung, Frau Ratin."
"Ich verstehe Euch nicht," sprach die Benzon mit verachtlichem Ton, indem sie dem Meister einen stechenden Blick zuwarf und dann schnell das Gesicht abwandte.
Furst Irenaus hatte im Gefuhl des Vertrauens, das er dem Meister Abraham schenken, ja der geistigen Ubermacht, die er ihm zugestehen musste, alle furstliche Bedenklichkeiten beiseite gestellt und im Fischerhauschen sein ganzes Herz ausgeschuttet, auf alle Ausserungen der Benzon uber die verstorenden Ereignisse des Tages aber geschwiegen. Dies wusste der Meister, und um so weniger durfte ihm die Empfindlichkeit der Ratin auffallen, wiewohl er sich verwunderte, dass, kalt und in sich verschlossen, wie sie war, sie diese Empfindlichkeit nicht besser zu verbergen vermachte.
Wohl musste es aber die Ratin tief schmerzen, dass sie das Monopol der Vormundschaft uber den Fursten, das sie sich angeeignet, aufs neue und zwar in einem kritischen, verhangnisvollen Augenblick gefahrdet sah.
Aus Grunden, die sich vielleicht spater klar entwikkeln durften, war die Verbindung der Prinzessin Hedwiga mit dem Prinzen Hektor der Ratin feurigster Wunsch. Auf dem Spiele stand diese Verbindung, so musste sie glauben und jede Einmischung eines Dritten in diese Angelegenheit ihr bedrohlich erscheinen. Uberdies sah sie sich zum erstenmal von unerklarlichen Geheimnissen umringt, zum erstenmal schwieg der Furst; konnte sie, die gewohnt, das ganze Spiel des phantastischen Hofes zu regieren, tiefer gekrankt werden?
Meister Abraham wusste, dass einem aufgeregten Weibe nichts besser entgegenzusetzen ist als unuberwindliche Ruhe, er sprach daher kein Wortchen, sondern schritt schweigend daher neben der Benzon, die sich in tiefen Gedanken nach jener Brucke wandte, die der geneigte Leser schon kennt. Sich auf das Gelander stutzend, schaute die Ratin hinein in die fernen Busche, denen die sinkende Sonne noch, wie zum Abschiede, goldene leuchtende Blicke zuwarf.
"Ein schoner Abend," sprach die Ratin, ohne sich umzuwenden. "Gewiss," erwiderte Meister Abraham, "gewiss, still, ruhig, heiter wie ein unbefangenes, unverstortes Gemut."
"Sie konnen," fuhr die Ratin fort, das vertraulichere Ihr, mit dem sie sonst den Meister anredete, aufgebend, "Sie konnen, mein lieber Meister, es mir nicht verargen, dass ich mich schmerzhaft beruhrt fuhlen muss, wenn der Furst plotzlich nur Sie zu seinem Vertrauten macht, nur Sie zu Rate zieht in einer Angelegenheit, uber die eigentlich die welterfahrene Frau besser zu raten, zu entscheiden weiss. Doch voruber, ganz voruber ist die kleinliche Empfindlichkeit, die ich nicht zu bergen vermochte. Ich bin ganz beruhigt, da nur die Form verletzt ist. Der Furst selbst hatte mir das alles sagen sollen, was ich nun erfahren habe auf andere Weise, und ich kann in der Tat alles, was Sie, lieber Meister, ihm erwiderten, nur hochlich billigen. Selbst will ich gestehen, dass ich etwas tat, was eben nicht lobenswert ist. Mag es nicht sowohl weibliche Neugierde, als die tiefste Teilnahme an allem, was sich in dieser furstlichen Familie begibt, entschuldigen. Erfahren Sie es, Meister, ich habe Sie belauscht, Ihre ganze Unterredung mit dem Fursten angehort, jedes Wort verstanden "
Den Meister Abraham erfasste bei diesen Worten der Benzon ein seltsames, von hohnender Ironie und tiefer Verbitterung gemischtes Gefuhl. Ebensogut wie jener Leibkammerdiener des Fursten hatte Meister Abraham bemerkt, dass man in der buschichten Vertiefung, dicht vor dem einen Fenster des Fischerhauschens versteckt, jedes Wort vernehmen konnte, was drinnen gesprochen wurde. Durch eine geschickte akustische Vorrichtung war ihm indessen gelungen, es zu bewirken, dass jedes Gesprach im Innern des Hauschens dem draussen Stehenden nur wie ein verwirrtes unverstandliches Gerausch klang und es schlechterdings unmoglich blieb, auch nur eine Silbe zu unterscheiden. Erbarmlich musste es daher dem Meister erscheinen, wenn die Benzon zu einer Luge ihre Zuflucht nahm, um hinter Geheimnisse zu kommen, die sie zwar ahnen machte, aber nicht der Furst, und die dieser daher auch nicht wohl dem Meister Abraham vertrauen konnte. Man wird erfahren, was der Furst mit dem Meister im Fischerhauschen verhandelte.
"O," rief der Meister, "o meine Gnadigste, es war der rege Geist der lebensweisen unternehmenden Frau selbst, der Sie an das Fischerhauschen fuhrte. Wie kann ich armer alter, jedoch unerfahrner Mann mich in allen diesen Dingen zurechtfinden ohne Ihren Beistand? Eben wollt' ich alles, was mir der Furst vertraut, weitlauftig hererzahlen, aber es bedarf keiner fernern Erlauterungen, da Ihnen schon alles bekannt. Mochten Sie, Gnadige, mich wurdig achten, sich uber alles, was vielleicht schlimmer sich darstellen mag, als es wirklich ist, recht von Herzen auszusprechen."
Meister Abraham traf den Ton der biedern Zutraulichkeit so gut, dass die Benzon, all ihrer Scharfsichtigkeit unerachtet, nicht gleich zu entscheiden wusste, ob es hier auf eine Mystifikation abgesehen sei oder nicht, und die Verlegenheit daruber schnitt ihr jeden Faden ab, den sie erfassen und zur fur den Meister verfanglichen Schlinge hatte verknupfen konnen. So geschah es aber, dass sie, vergebens nach Worten ringend, wie festgebannt auf der Brucke stehenblieb und hinabschaute in den See.
Der Meister weidete sich einige Augenblicke an ihrer Pein, dann richteten sich aber seine Gedanken auf die Begebnisse des Tages. Er wusste wohl, wie Kreisler in dem Mittelpunkt eben dieser Begebnisse gestanden, ein tiefer Schmerz uber den Verlust des teuersten Freundes erfasste ihn, und unwillkurlich entfloh ihm der Ausruf: "Armer Johannes!"
Da wandte sich die Benzon rasch zu dem Meister und sprach mit losbrechender Heftigkeit: "Wie, Meister Abraham, Ihr seid doch nicht so toricht, an Kreislers Untergang zu glauben? Was kann ein blutiger Hut beweisen? Was sollte ihn auch so plotzlich zu dem schrecklichen Entschluss gebracht haben, sich selbst zu toten man hatte ihn ja auch gefunden."
Nicht wenig erstaunte der Meister, die Benzon von Selbstmord sprechen zu horen, hier, wo ein ganz anderer Verdacht sich zu regen schien; ehe er indessen antworten konnte, fuhr die Ratin fort: "Wohl uns, wohl uns, dass er fort ist, der Ungluckliche, der uberall, wo er sich blicken lasst, nur verstorendes Unheil anrichtet. Sein leidenschaftliches Wesen, seine Verbitterung, nicht anders kann ich seinen hochgepriesenen Humor bezeichnen, steckt jedes reizbare Gemut an, mit dem er dann sein grausames Spiel treibt. Zeugt die hohnende Verachtung aller konventionellen Verhaltnisse, ja der Trotz gegen alle ubliche Formen von Ubergewicht des Verstandes, so mussen wir alle unsere Knie beugen vor diesem Kapellmeister, doch soll er uns in Ruhe lassen und sich nicht auflehnen gegen alles, was durch die richtige Ansicht des wirklichen Lebens bedingt und als unsere Zufriedenheit begrundend anerkannt wird. Darum! dem Himmel sei gedankt, dass er fort ist, ich hoffe ihn nie wiederzusehen."
"Und doch," sprach der Meister sanft, "und doch waren Sie sonst die Freundin meines Johannes, Frau Ratin, und doch nahmen Sie sich seiner an in einer bosen kritischen Zeit und fuhrten ihn selbst auf die Bahn, von der ihn nur eben jene konventionellen Verhaltnisse, die Sie so eifrig in Schutz nehmen, wegverlockt hatten? Welch ein Vorwurf trifft jetzt so plotzlich meinen guten Kreisler? Was fur Boses hat sich aus seinem Innern aufgetan? Will man ihn darum hassen, weil in den ersten Augenblicken, da der Zufall ihn in eine neue Region geworfen, das Leben feindlich auf ihn zutrat, weil das Verbrechen ihn bedrohte, weil ein italienischer Bandit ihm nachschlich?"
Die Ratin fuhr bei diesen Worten sichtlich zusammen. "Welch," sprach sie dann mit zitternder Stimme, "welch einen Gedanken der Holle hegt Ihr in der Brust, Meister Abraham? Aber ware es so, ware Kreisler wirklich gefallen, so wurde in dem Augenblick die Braut geracht, die er verdorben. Eine innere Stimme sagt es mir, Kreisler allein ist schuld an dem furchterlichen Zustande der Prinzessin. Schonungslos spannte er die zarten Saiten im innern Gemut der Kranken, bis sie zersprangen." "So war," erwiderte Meister Abraham giftig, "so war der italienische Herr ein Mann von raschem Entschluss, der die Rache der Tat vorausschickte. Sie haben ja, Gnadige, alles angehort, was ich mit dem Fursten gesprochen im Fischerhauschen, Sie wissen daher auch, dass Prinzessin Hedwiga in demselben Augenblick, als der Schuss im Walde fiel, zur Leblosigkeit erstarrte."
"In der Tat," sprach die Benzon, "man mochte an all das chimarische Zeug glauben, das uns jetzt aufgetischt wird, an psychische Korrespondenzen und dergleichen! Doch! noch einmal, wohl uns, dass er fort ist, der Zustand der Prinzessin kann und wird sich andern. Das Verhangnis hat den Storer unserer Ruhe vertrieben und sagt selbst, Meister Abraham, ist nicht unser Freund im Innersten zerrissen auf solche Weise, dass das Leben ihm keinen Frieden mehr zu geben vermag? Gesetzt also wirklich, dass "
Die Ratin endete nicht, aber Meister Abraham fuhlte den Zorn, den er mit Muhe unterdruckt, hoch aufflammen.
"Was," rief er mit erhohter Stimme, "was habt ihr alle gegen diesen Johannes, was hat er euch Boses getan, dass ihr ihm keine Freistatt, kein Platzchen gonnt auf dieser Erde? Wisst ihr's nicht? Nun, so will ich es euch sagen. Seht, der Kreisler tragt nicht eure Farben, er versteht nicht eure Redensarten, der Stuhl, den ihr ihm hinstellt, damit er Platz nehme unter euch, ist ihm zu klein, zu enge; ihr konnt ihn gar nicht fur euresgleichen achten, und das argert euch. Er will die Ewigkeit der Vertrage, die ihr uber die Gestaltung des Lebens geschlossen, nicht anerkennen, ja, er meint, dass ein arger Wahn, von dem ihr befangen, euch gar nicht das eigentliche Leben erschauen lasse, und dass die Feierlichkeit, mit der ihr uber ein Reich zu herrschen glaubt, das euch unerforschlich, sich gar spasshaft ausnehme, und das alles nennt ihr Verbitterung. Vor allen Dingen liebt er jenen Scherz, der sich aus der tiefern Anschauung des menschlichen Seins erzeugt und der die schonste Gabe der Natur zu nennen, die sie aus der reinsten Quelle ihres Wesens schopft. Aber ihr seid vornehme ernste Leute und wollet nicht scherzen Der Geist der wahren Liebe wohnt in ihm, doch vermag dieser ein Herz zu erwarmen, das auf ewig zum Tode erstarret ist, ja, in dem niemals der Funke war, den jener Geist zur Flamme aufhaucht? Ihr moget den Kreisler nicht, weil euch das Gefuhl des Ubergewichts, das ihr ihm einzuraumen gezwungen, unbehaglich ist, weil ihr ihn, der Verkehr treibt mit hoheren Dingen, als die gerade in euern engen Kreis passen, furchtet."
"Meister," sprach die Benzon mit dumpfer Stimme, "Meister Abraham, der Eifer, mit dem du fur deinen Freund sprichst, fuhrt dich zu weit. Du wolltest mich verletzen? Nun wohl, es ist dir gelungen, denn du hast Gedanken in mir geweckt, die lange, lange schlummerten! Todstarr nennst du mein Herz? Weisst du denn, ob jemals der Geist der Liebe freundlich zu ihm gesprochen, ob ich nicht allein in konventionellen Verhaltnissen des Lebens, die der uberspannte Kreisler verachtlich finden mag, Trost und Ruhe fand? Glaubst du denn nicht uberhaupt, alter Mann, der auch wohl so manches Leid erfahren, dass es ein gefahrliches Spiel ist, sich uber jene Verhaltnisse erheben und dem Weltgeist naher treten zu wollen in der Mystifikation des eignen Seins? Ich weiss es, die kalteste regungsloseste Prosa des Lebens selbst hat mich Kreisler gescholten, und es ist sein Urteil, das sich in dem deinigen ausspricht, wenn du mich todstarr nennst, aber habt ihr jemals dieses Eis zu durchblicken vermocht, das meiner Brust schon langst ein schutzender Harnisch war? Mag bei den Mannern die Liebe nicht das Leben schaffen, sondern es nur auf eine Spitze stellen, von der herab noch sichre Wege fuhren, unser hochster Lichtpunkt, der unser ganzes Sein erst schafft und gestaltet, ist der Augenblick der ersten Liebe. Will es das feindliche Geschick, dass dieser Augenblick verfehlt wurde, verfehlt ist das ganze Leben fur das schwache Weib, das untergeht in trostloser Unbedeutsamkeit, wahrend das mit starkerer Geisteskraft begabte sich mit Gewalt emporrafft und eben in den Verhaltnissen des gewohnlichen Lebens eine Gestaltung erringt, die ihm Ruhe und Frieden gibt. Lass es dir sagen, alter Mann hier in der Dunkelheit der Nacht, die das Vertrauen verschleiert, lass es dir sagen! Als jener Moment in mein Leben trat, als ich den erblickte, der alle Glut der innigsten Liebe, deren die weibliche Brust nur fahig, in mir entzundete da stand ich vor dem Traualtar mit jenem Benzon, der ein guter Ehemann wurde wie kein anderer. Seine vollige Bedeutungslosigkeit gewahrte mir alles, was ich, um ein friedfertiges Leben zu fuhren, nur wunschen konnte, und nie ist eine Klage, ein Vorwurf meinen Lippen entflohen. Nur den Kreis des Gewohnlichen nahm ich in Anspruch, und wenn dann selbst in diesem Kreise sich manches begab, das mich unvermerkt irreleitete, wenn ich manches, das strafbar erscheinen mochte, mit nichts anderm zu entschuldigen weiss als mit dem Drange des augenblicklichen Verhaltnisses, so mag das Weib mich zuerst verdammen, die so wie ich den schweren Kampf durchkampfte, der zu ganzlicher Verzichtung auf alles hohere Gluck fuhrt, sollte dies auch nichts anders sein als ein susser traumerischer Wahn. Furst Irenaus machte meine Bekanntschaft. Doch ich schweige von dem, was langst vergangen, nur von der Gegenwart soll noch die Rede sein. Ich hab' es dir vergonnt, in mein Innerstes zu schauen, Meister Abraham, du weisst nun, warum ich, so wie die Dinge sich hier gestalten, jedes Hineindrangen eines fremdartigen exotischen Prinzips als bedrohlich furchten muss. Mein eigenes Geschick in jener verhangnisvollen Stunde grinset mich an wie ein furchtbar warnendes Gespenst. Retten muss ich die, die mir teuer sind, ich habe meine Plane gemacht. Meister Abraham, seid mir nicht entgegen, oder, wollt Ihr in den Kampf treten mit mir, so seht Euch vor, dass ich Eure besten Taschenspielerkunste nicht zuschanden mache!"
"Ungluckliche Frau," rief Meister Abraham.
"Unglucklich nennst du mich," erwiderte die Benzon, "mich, die ich ein feindliches Geschick zu bekampfen wusste und mir da, wo alles verloren schien, Ruhe und Zufriedenheit gewann?"
"Ungluckliche Frau," rief Meister Abraham nochmals mit einem Ton, der von seiner innern Bewegung zeugte, "arme ungluckliche Frau! Ruhe, Zufriedenheit vermeinst du gewonnen zu haben und ahndest nicht, dass es die Verzweiflung war, die, ein Vulkan, alle flammende Gluten aus deinem Innern hinausstromen liess, und dass du nun die tote Asche, aus der keine Blute, keine Blume mehr sprosst, in starrer Betorung fur das reiche Feld des Lebens haltst, das dir noch Fruchte spenden soll. Ein kunstliches Gebaude willst du auffuhren auf den Grundstein, den ein Blitzstrahl zermalmte, und befurchtest nicht, dass es einsturzen wird in dem Augenblick, da lustig bunte Bander wehen von der Blumenkrone, die den Sieg des Baumeisters verkunden soll? Julia Hedwiga ich weiss es, fur sie wurden jene Plane kunstlich gewoben! Ungluckliche Frau, hute dich, dass jenes unheilbringende Gefuhl, jene eigentliche Verbitterung, die du mit grossem Unrecht meinem Johannes vorwirfst, nicht aus deinem eignen tiefsten Innern hervortritt, so dass deine weisen Entwurfe weiter nichts sind als das feindliche Auflehnen gegen ein Gluck, das du niemals genossest, und das du nun selbst deinen Lieben missgonnst. Ich weiss mehr von deinen Entwurfen, als du es glauben magst, mehr von deinen geruhmten Verhaltnissen des Lebens, die dir Ruhe bringen sollen, und die dich verlockten zu strafbarer Schande!"
Ein dumpfer unartikulierter Schrei, den die Benzon bei diesen letzten Worten des Meisters ausstiess, verriet ihre tiefe Erschutterung. Der Meister hielt inne, da aber die Benzon ebenfalls schwieg, ohne sich von der Stelle zu ruhren, fuhr er gelassen fort: "Zu nichts wenigerm habe ich Lust, als mich in irgendeinen Kampf mit Ihnen zu begeben, Gnadige! Was aber meine sogenannten Taschenspielerkunste betrifft, so wissen Sie ja recht gut, werteste Frau Ratin, dass seit der Zeit, da mein unsichtbares Madchen mich verlassen " In dem Augenblick erfasste den Meister der Gedanke an die verlorne Chiara mit einer Gewalt, wie seit langer Zeit nicht mehr, er glaubte ihre Gestalt zu erblicken in der dunklen Ferne, er glaubte ihre susse Stimme zu vernehmen. "O Chiara! meine Chiara!" So rief er in der schmerzlichsten Wehmut.
"Was ist Euch," sprach die Benzon, sich schnell nach ihm umwendend, "was ist Euch, Meister Abraham! welchen Namen nanntet Ihr? Doch noch einmal, lasst ruhen alles Vergangene, beurteilt mich nicht nach jenen seltsamen Ansichten des Lebens, die Ihr mit Kreislern teilt, versprecht mir das Vertrauen nicht zu missbrauchen, das Euch Furst Irenaus geschenkt, versprecht mir nicht entgegen zu sein in meinem Tun und Treiben."
So ganz vertieft in das schmerzliche Andenken an seine Chiara war Meister Abraham, dass er kaum vernahm, was die Ratin sprach, und nur unverstandliche Worte zu erwidern vermochte.
"Weiset," fuhr die Ratin fort, "weiset mich nicht zuruck, Meister Abraham, Ihr seid, wie es scheint, in der Tat mit manchem mehr bekannt, als ich vermuten durfte, doch ist es moglich, dass ich auch noch Geheimnisse bewahre, deren Mitteilung Euch sehr viel wert sein wurde, ja, dass ich Euch vielleicht einen Liebesdienst erzeigen konnte, an den Ihr gar nicht denkt. Lasst uns zusammen diesen kleinen Hof beherrschen, der in der Tat des Gangelbandes bedarf. 'Chiara' rieft Ihr mit einem Ausdruck des Schmerzes der " Ein starkes Gerausch vom Schlosse her unterbrach die Benzon. Meister Abraham erwachte aus Traumen, das Gerausch
(M.f.f.) " ich folgendes beibringen. Ein Katzphilister beginnt, ist er auch noch so durstig, die Schussel Milch vom Rande rund umher an aufzulecken, damit er sich nicht Schnauze und Bart bemilche und anstandig bleibe, denn der Anstand gilt ihm mehr, als der Durst. Besuchst du einen Katzphilister, so bietet er dir alles nur mogliche an, versichert dich aber, wenn du scheidest, bloss seiner Freundschaft und frisst nachher heimlich und allein die Leckerbissen, die er dir angeboten. Ein Katzphilister weiss vermoge eines sichern untruglichen Takts uberall, auf dem Boden, im Keller u.s.w. den besten Platz zu finden, wo er sich so wohlbehaglich und bequem hinstreckt, als es nur geschehen kann. Er erzahlt viel von seinen guten Eigenschaften, und wie er, dem Himmel sei Dank, nicht klagen konne, dass das Schicksal diese guten Eigenschaften ubersehen. Sehr wortreich setzt er dir auseinander, wie er zu dem guten Platz gekommen, den er behaupte, und was er noch alles tun werde, um seine Lage zu verbessern. Willst du nun aber auch endlich von dir und deinem geringer gunstigen Schicksal etwas sagen, so kneift der Katzphilister sofort die Augen zu und druckt die Ohren an, tut auch wohl, als wenn er schliefe, oder spinnt. Ein Katzphilister leckt sich fleissig den Pelz rein und glanzend und passiert selbst auf der Mausjagd keine nasse Stelle, ohne bei jedem Schritt die Pfoten auszuschutteln, damit er, geht auch das Wild daruber verloren, doch in allen Verhaltnissen des Lebens ein feiner, ordentlicher, wohlgekleideter Mann bleibe. Ein Katzphilister scheut und vermeidet die leiseste Gefahr und bedauert, befindest du dich in solcher und sprichst seine Hilfe an, unter den heiligsten Beteuerungen seiner freundschaftlichen Teilnahme, dass gerade in dem Augenblick es seine Lage, die Rucksichten, die er nehmen musse, es ihm nicht erlaubten dir beizustehen. Uberhaupt ist alles Tun und Treiben des Katzphilisters bei jeder Gelegenheit abhangig von tausend und tausend Rucksichten. Selbst z.B. gegen den kleinen Mops, der ihm in den Schwanz gebissen auf empfindliche Weise, bleibt er artig und hoflich, um es nicht mit dem Hofhunde zu verderben, dessen Protektion er zu erlangen gewusst, und er nutzt nur den nachtlichen Hinterhalt, um jenem Mops ein Auge auszukratzen. Tages darauf bedauert er den teuern Mopsfreund gar von Herzen und schmalt uber die Bosheit arglistiger Feinde. Ubrigens gleichen diese Rucksichten einem wohlangelegten Fuchsbau, der dem Katzphilister Gelegenheit gibt, uberall zu entwischen in dem Augenblick, als du ihn zu fassen glaubst. Ein Katzphilister bleibt am liebsten unter dem heimischen Ofen, wo er sich sicher fuhlt, das freie Dach verursacht ihm Schwindel. Und seht Ihr nun wohl, Freund Murr, das ist Euer Fall. Sage ich Euch nun, dass der Katzbursch offen, ehrlich, uneigennutzig, herzhaft, stets bereit, dem Freunde zu helfen, ist, dass er keine andere Rucksichten kennt, als die Ehre und redlicher Sinn gebieten, genug, dass der Katzbursch durchaus der Antipode des Katzphilisters ist, so werdet Ihr keinen Anstand nehmen, Euch zu erheben aus dem Philistertum, um ein ordentlicher tuchtiger Katzbursch zu werden."
Lebhaft fuhlte ich die Wahrheit in Muzius' Worten. Ich sahe ein, dass ich nur das Wort Philister nicht gekannt, wohl aber den Charakter, da mir schon manche Philister, d.h. schlechte Katzkerle vorgekommen waren, die ich herzlich verachtet hatte. Um so schmerzhafter fuhlte ich daher den Irrtum, von dem befangen ich in die Kategorie jener verachtlichen Leute hatte geraten konnen, und beschloss Muzius' Rat in allem zu folgen, um so vielleicht noch ein tuchtiger Katzbursche zu werden. Ein junger Mensch sprach einst zu meinem Meister von einem treulosen Freunde und bezeichnete diesen mit einem sehr seltsamen, mir unverstandlichen Ausdruck. Er nannte ihn einen pomadigen Kerl. Nun war es mir, als sei das Beiwort pomadig sehr passend dem Hauptwort Philister hinzuzufugen, und ich befragte Freund Muzius darum. Kaum hatte ich aber das Wort pomadig ausgesprochen, als Muzius laut jauchzend aufsprang und, mich kraftig umhalsend, rief: "Herzensjunge, nun gewahre ich, dass du mich ganz verstanden hast ja, pomadiger Philister! das ist die verachtliche Kreatur, die sich auflegt gegen das edle Burschentum, und die wir uberall, wo wir sie finden, tothetzen mochten. Ja, Freund Murr, du hast jetzt schon dein inneres wahrhaftes Gefuhl fur alles Edle, Grosse bewiesen, lass dich nochmals an diese Brust drucken, in der ein treues deutsches Herz schlagt." Damit umhalste mich Freund Muzius aufs neue und erklarte, wie er in der nachstfolgenden Nacht mich einzufuhren gedenke in das Burschentum, ich moge mich nur in der Mitternachtsstunde einfinden auf dem Dache, wo er mich abholen werde zu einem Fest, das ein Katzsenior veranstaltet, namlich der Kater Puff.
Der Meister trat ins Zimmer. Ich sprang wie gewohnlich ihm entgegen, schmiegte mich, walzte mich auf dem Boden, um ihm meine Freude zu bezeugen. Auch Muzius glotzte ihn an mit zufriedenem Blick. Nachdem der Meister etwas weniges mir Kopf und Hals gekraut, sah er sich um im Zimmer und sprach, da er alles in gehoriger Ordnung fand: "Nun, das ist recht! Eure Unterhaltung ist still und friedlich gewesen, wie es anstandigen, gut erzognen Leuten geziemt. Das verdient belohnt zu werden."
Der Meister schritt zu der Ture hinaus, die nach der Kuche fuhrte, und wir, Muzius und ich, seine gute Absicht erratend, schritten hinter ihm her mit einem frohlichen Mau Mau Mau! Wirklich offnete auch der Meister den Kuchenschrank und holte die Skelette und Knochelchen von ein paar jungen Huhnern hervor, deren Fleisch er gestern verzehrt hatte. Es ist bekannt, dass mein Geschlecht Huhnerskelette zu den allerfeinsten Leckerbissen rechnet, die es geben kann, und daher kam es, dass Muzius Augen in glanzvollem Feuer strahlten, dass er den Schweif in den anmutigsten Windungen schlangelte, dass er laut schnurrte, als der Meister die Schussel vor uns hinsetzte auf den Boden. Des pomadigen Philisters wohl eingedenk, schob ich dem Freunde Muzius die besten Bissen hin, die Halse, die Bauche, die Steisse, und begnugte mich mit den grobern Schenkel- und Flugelknochen. Als wir mit den Huhnern fertig waren, wollte ich den Freund Muzius fragen, ob ihm vielleicht mit einer Tasse susser Milch gedient sei. Doch den pomadigen Philister stets vor Augen, unterliess ich es und schob statt dessen die Tasse, welche, wie ich wusste, unter dem Schrank stand, hervor und lud Muzius freundlich ein zuzusaufen, indem ich ihm Bescheid tat. Muzius soff die Tasse rein aus, dann druckte er mir die Pfote und sprach, wahrend ihm die hellen Tranen in die Augen traten: "Freund Murr, Ihr lebt lukullisch, aber Ihr habt mir Euer treues, biederes und edelmutiges Herz kundgetan, und so wird die eitle Lust der Welt Euch nicht verlocken zum schnoden Philistertum! Habt Dank, habt innigen Dank!"
Mit einem biedern deutschen Pfotendruck nach altvorderischer Sitte nahmen wir Abschied. Muzius war, gewiss um die tiefe Ruhrung, die ihm Tranen auspresste, zu verbergen, mit einem halsbrechenden Satze schnell zum offnen Fenster heraus auf das nachst anstossende Dach. Selbst mich, den die Natur doch mit vorzuglicher Schwungkraft begabt, setzte dieser gewagte Satz in Erstaunen, und ich fand Gelegenheit, aufs neue mein Geschlecht zu preisen, das aus gebornen Turnern besteht, die keines Springstocks, keiner Kletterstange bedurfen.
Ubrigens gab mir Freund Muzius auch den Beweis, wie oft hinter einem rauhen abschreckenden Aussern sich ein zartes, tief fuhlendes Gemut verbirgt.
Ich kehrte ins Zimmer zu meinem Meister zuruck und legte mich unter den Ofen. Hier in der Einsamkeit die Gestaltung meines bisherigen Seins bedenkend, meine letzte Stimmung, meine ganze Lebensweise erwagend, erschrak ich bei dem Gedanken, wie nahe ich dem Abgrunde gewesen, und Freund Muzius erschien mir trotz seines struppigen Balgs wie ein schoner rettender Engel. In eine neue Welt sollte ich treten, die Leere im Innern sollte ausgefullt, ein anderer Kater sollte ich werden, mir klopfte das Herz vor banger freudiger Erwartung.
Noch lange war es nicht Mitternacht, als ich den Meister mit der gewohnlichen Redensart: "Ma au" bat, mich hinauszulassen. "Recht gerne," erwiderte er, indem er die Ture offnete, "recht gerne, Murr. Aus dem ewigen unterm Ofen liegen und schlafen kommt gar nichts heraus. Geh geh, dass du wieder in die Welt unter Kater kommst. Vielleicht findest du gemutsverwandte Katerjunglinge, die sich mit dir ergotzen in Ernst und Scherz."
Ach! der Meister ahnte wohl, dass ein neues Leben mir bevorstand! Endlich, nachdem ich bis Mitternacht gewartet, stellte sich Freund Muzius ein und fuhrte mich fort uber verschiedene Dacher, bis endlich auf einem beinahe ganz platten italienischen Dache uns zehn stattliche, nur ebenso nachlassig und seltsam wie Muzius gekleidete Katerjunglinge mit lautem Jubelgeschrei empfingen. Muzius stellte mich den Freunden vor, ruhmte meine Eigenschaften, meinen treuen biedern Sinn, hob vorzuglich hervor, wie ich ihn mit Backfischen, Huhnerknochen und susser Milch gastlich bewirtet, und schloss damit, dass ich als tuchtiger Katzbursch aufgenommen sein wolle. Alle gaben ihre Beistimmung.
Es erfolgten nun gewisse Feierlichkeiten, die ich indessen verschweige, da geneigte Leser meines Geschlechts vielleicht argwohnen, ich sei in einen verbotenen Orden getreten, und noch jetzt Red' und Antwort daruber von mir verlangen konnten. Ich versichere aber auf Gewissen, dass von einem Orden und seinen Bedingnissen, als da sind Statuten, geheime Zeichen u.s., durchaus nicht die Rede war, sondern dass der Verein lediglich auf Gleichheit der Gesinnung beruhte. Denn es fand sich bald, dass jeder von uns susse Milch lieber zu sich nahm als Wasser, Braten lieber als Brot.
Nachdem die Feierlichkeiten voruber, empfing ich von allen den bruderlichen Kuss und Pfotendruck, und sie nannten mich: Du! Dann setzten wir uns zu einem einfachen, aber frohlichen Mahl, dem eine wakkere Zecherei folgte. Muzius hatte trefflichen Katzpunsch bereitet. Sollte ein lusterner Katerjungling nach dem Rezept dieses kostlichen Getranks Begierde tragen, so kann ich leider daruber keine genugende Auskunft geben. So viel ist gewiss, dass die hohe Annehmlichkeit des Geschmacks sowie die siegende Kraft vorzuglich durch eine derbe Zutat von Heringslake hervorgebracht wird.
Mit einer Stimme, die weit uber viele Dacher hinwegdonnerte, intonierte nun der Senior Puff das schone Lied: "Gaudeamus igitur!" Mit Wonne fuhlte ich mich im Innern und Aussern ganz trefflicher Juvenis und mochte gar nicht an den tumulus denken, den ein dustres Verhangnis unserm Geschlecht selten in der stillen friedlichen Erde gonnt. Es wurden noch verschiedene schone Lieder gesungen, wie z.B. "Lasst die Politiker nur sprechen" u.s.w., bis der Senior Puff mit gewichtiger Pfote auf den Tisch schlug und verkundete, dass nun das wahre echte Weibelied, namlich das "Ecce quam bonum" gesungen werden musse, und intonierte sofort den Chor: "Ecce etc. etc."
Noch nie hatte ich dieses Lied gehort, dessen Komposition ebenso tief gedacht, so harmonisch und melodisch richtig, als wunderbar und geheimnisvoll zu nennen. Der Meister ist, soviel ich weiss, nicht bekannt geworden, doch schreiben viele dieses Lied dem grossen Handel zu, andere dagegen behaupten, dass es lange, lange vor Handels Zeit schon existiert habe, da nach der Chronik von Wittenberg es schon gesungen worden, als Prinz Hamlet noch Fuchs gewesen. Doch gleichviel, wer es gemacht hat, das Werk ist gross und unsterblich und vorzuglich zu bewundern, wie die in den Chor eingeflochtenen Solos den Sangern freien Spielraum lassen zu den anmutigsten unerschopflichsten Veranderungen. Einige dieser Veranderungen, die ich in dieser Nacht horte, habe ich treu im Gedachtnis behalten.
Als der Chor geendet, fiel ein schwarz und weiss gefleckter Jungling ein:
"Gar zu spitzig klafft der Spitz,
Gar zu grob der Pudel.
Jenem gonnt den Steiss zum Sitz,
Dem die Schnauz zum Hudel."
Chor. "Ecce quam etc. etc."
Darauf ein Grauer:
"Hoflich zieht die Mutz' vom Kopf,
Kommt Philister gangen.
Froh gebardet sich der Tropf,
Will vor nichts ihm bangen."
Chor. "Ecce quam etc. etc."
Darauf ein Gelber:
"Schwimmen muss der muntre Fisch,
Vogelein muss fliegen,
Floss' und Federn wachsen frisch,
Werd't sie nimmer kriegen."
Chor. "Ecce quam etc. etc."
Darauf ein Weisser:
"Miaut und knurrt und knurrt und miaut.
Nur beileib' nicht kratzen;
Seid galant, dass man euch traut,
Schonet eure Tatzen."
Chor. "Ecce quam etc. etc."
Darauf Freund Muzius:
"Denkt Herr Aff' nach seinem Mass
Alle uns zu messen!
Spitzt das Maul, tragt hoch die Nas',
Wird uns doch nicht fressen."
Chor. "Ecce quam etc. etc."
Ich sass neben Muzius, an mir war daher jetzt die Reihe, mit einem Solo einzufallen. Alle Solos, die bis jetzt vorgetragen, wichen so sehr von den Versen ab, die ich sonst gedichtet, dass ich in Unruhe und Angst geriet, den Ton, die Haltung des Ganzen zu verfehlen. Daher kam es, dass ich, als der Chor geendet, noch schwieg. Schon erhoben einige die Glaser und riefen: "pro poena", als ich mich mit aller Gewalt zusammennahm und sofort sang:
"Pfot' in Pfot' und Brust an Brust
Soll uns nichts verdustern.
Katzbursch sein ist unsere Lust,
Trotzen Katzphilistern!"
Chor. "Ecce quam etc. etc."
Meine Variation fand den lautesten, unerhortesten Beifall. Die hochherzigen Jungen sturmten jubelnd auf mich ein, umpfoteten mich, druckten mich an ihre klopfende Brust. Auch hier erkannte man also den hohen Genius in meinem Innern. Es war einer der schonsten Augenblicke meines Lebens. Nun wurde noch manchen grossen beruhmten Katern, vorzuglich solchen, die, ihrer Grosse und Beruhmtheit unerachtet, sich von aller und jeder Philisterei entfernt gehalten und es bewiesen hatten durch Wort und Tat, ein feuriges Lebehoch! gebracht, und dann schieden wir auseinander.
Der Punsch war mir doch etwas zu Kopfe gestiegen, die Dacher schienen sich zu drehen, kaum vermochte ich mittelst des Schweifes, den ich als Balancierstange benutzte, mich aufrecht zu erhalten. Der treue Muzius, meinen Zustand bemerkend, nahm sich meiner an und brachte mich glucklich durch die Dachluke nach Hause.
Wuste im Kopfe, wie ich mich noch niemals gefuhlt, konnte ich lange nicht
(Mak. Bl.)" ebenso gut gewusst, als die scharfsinnige Frau Benzon, aber dass ich gerade heute, eben jetzt von dir Nachricht erhalten sollte, du treue Seele, das hat mein Herz nicht geahnt." So sprach Meister Abraham, verschloss den Brief, den er erhalten, und in dessen Aufschrift er mit freudiger Uberraschung Kreislers Hand erkannt hatte, ohne ihn zu offnen, in den Schubkasten seines Schreibtisches und ging hinaus in den Park. Meister Abraham hatte schon seit vielen Jahren die Gewohnheit, Briefe, die er erhielt, stunden-, ja, oft tagelang uneroffnet liegen zu lassen. "Ist der Inhalt gleichgultig," sprach er, "so kommt es auf den Verzug nicht an; enthalt der Brief eine bose Nachricht, so gewinne ich noch einige frohe oder wenigstens ungetrubte Stunden; steht eine Freudenpost darin, so kann ein gesetzter Mann wohl es abwarten, dass die Freude ihm uber den Hals komme." Diese Gewohnheit des Meisters ist zu verwerfen, denn einmal ist solch ein Mensch, der Briefe liegen lasst, ganz untauglich zum Kaufmann, zum politischen oder literarischen Zeitungsschreiber, dann leuchtet es aber auch ein, wie manches Unheil sich sonst noch bei Personen, die weder Kaufleute sind noch Zeitungsschreiber, daraus erzeugen kann. Was gegenwartigen Biographen betrifft, so glaubt er ganz und gar nicht an Abrahams stoischen Gleichmut, sondern rechnet jene Gewohnheit vielmehr einer gewissen angstlichen Scheu zu, das Geheimnis eines verschlossenen Briefes zu entfalten. Es ist eine ganz eigene Lust Briefe zu empfangen, und darum sind uns die Personen besonders angenehm, die zunachst uns diese Lust verschaffen, namlich die Brieftrager, wie schon irgendwo ein geistreicher Schriftsteller bemerkt hat. Dies mag eine anmutige Selbstmystifikation genannt werden. Der Biograph erinnert sich, dass, als er einst auf der Universitat mit dem sehnlichsten Schmerz lange vergebens auf einen Brief von einer geliebten Person gewartet hatte, er den Brieftrager mit Tranen im Auge bat, ihm doch recht bald einen Brief aus der Vaterstadt zu bringen, er solle auch dafur ein namhaftes Trinkgeld erhalten. Der Kerl versprach, was von ihm verlangt wurde, mit pfiffiger Miene, brachte den Brief, der in der Tat nach wenigen Tagen einging, triumphierend, als habe es nur an ihm gelegen Wort zu halten, und strich das versprochene Trinkgeld ein. Doch weiss der Biograph, der eben vielleicht selbst gewissen Selbstmystifikationen zu sehr Raum gibt doch weiss er nicht, ob du, geliebter Leser, mit ihm gleichen Sinnes, mit jener Lust eine seltsame Angst fuhlest, die dir, indem du den erhaltenen Brief offnen willst, Herzklopfen verursacht, selbst wenn es kaum moglich, dass der Brief Wichtiges fur dein Leben enthalten sollte. Mag es sein, dass dasselbe die Brust beengende Gefuhl, mit dem wir in die Nacht der Zukunft schauen, auch hier sich regt und dass eben deshalb, weil ein leichter Druck der Finger hinreicht, das Verborgene zu enthullen, der Moment auf einer Spitze steht, die uns beunruhigt. Und! wie viele schone Hoffnungen zerbrachen schon mit dem verhangnisvollen Siegel, und die lieblichen Traumbilder, die aus unserm eignen Innern gestaltet, unsere brunstige Sehnsucht selbst schienen, zerrannen in nichts und das kleine Blattchen war der Zauberfluch, vor dem der Blumengarten, in dem wir zu wandeln gedachten, verdorrte, und das Leben lag vor uns wie eine unwirtbare trostlose Wustenei! Scheint es gut, den Geist zu sammeln, ehe jener leichte Druck der Finger das Verborgene erschliesst, so kann dies vielleicht Meister Abrahams sonst verwerfliche Gewohnheit entschuldigen, die ubrigens auch gegenwartigem Biographen anklebt aus einer gewissen verhangnisvollen Zeit, in der beinahe jeder Brief, den er erhielt, der Buchse Pandoras glich, aus der, sowie sie geoffnet, tausend Unheil und Ungemach aufstieg ins Leben. Hat aber nun auch Meister Abraham des Kapellmeisters Brief verschlossen in seinen Schreibepult oder Schreibtischkasten, und ist er auch spazieren gegangen in den Park, doch soll der geneigte Leser den Inhalt sogleich buchstablich erfahren. Johannes Kreisler hatte folgendes geschrieben:
"Mein herzlieber Meister!
'La fin couronne les uvres!' hatte ich rufen konnen, wie Lord Clifford in Shakespeares 'Heinrich dem Sechsten', als ihm der sehr edle Herzog von York eins versetzt hatte zum Tode. Denn bei Gott, mein Hut sturzte schwer verwundet ins Gebusch und ich ihm nach, rucklings wie einer, von dem man in der Schlacht zu sagen pflegt, 'Er fallt, oder er ist gefallen.' Dergleichen Leute stehen aber selten wieder auf, dagegen tat das aber Euer Johannes, mein lieber Meister, und das auf der Stelle. Um meinen schwer verwundeten Kameraden, der nicht sowohl an meiner Seite als uber oder von meinem Haupte gefallen, konnte ich mich gar nicht bekummern, da ich genug zu tun hatte, durch einen tuchtigen Seitensatz (ich nehme das Wort Satz hier weder in philosophischem noch in musikalischem, sondern lediglich in gymnastischem Sinn) der Mundung einer Pistole auszuweichen, die jemand etwa drei Schritte davon auf mich hielt. Doch ich tat noch mehr als das, ich ging plotzlich aus der Defensive in die Offensive uber, sprang auf den Pistolanten los und stiess ihm ohne weitere Umstande meinen Stockdegen in den Leib. Immer habt Ihr mir den Vorwurf gemacht, Meister, dass ich des historischen Stils nicht machtig und unfahig, etwas zu erzahlen ohne unnutze Phrasen und Abschweifungen. Was sagt Ihr zu der bundigen Darstellung meines italienischen Abenteuers in dem Park zu Sieghartshof, den ein hochsinniger Furst so mild beherrscht, dass er selbst Banditen toleriert vergnuglicher Abwechslung halber?
Nehmt, lieber Meister, das bisher Gesagte nur fur die vorlaufige epitomatische Inhaltsanzeige des historischen Kapitels, das ich, erlaubt es meine Ungeduld und der Herr Prior, statt eines ordinaren Briefes fur Euch aufschreiben will. Wenig nachzuholen ist uber das eigentliche Abenteuer im Walde. Gewiss war es mir sogleich, dass, als der Schuss fiel, ich davon profitieren sollte, denn im Niedersturzen empfand ich einen brennenden Schmerz an der linken Seite meines Kopfs, den der Konrektor in Gonionesmuhl mit Recht einen hartnackigen nannte. Hartnackigen Widerstand hatte der wackere Knochenbau namlich geleistet dem schnoden Blei, so dass die Streifwunde kaum zu achten. Aber sagt mir, lieber Meister, sagt mir auf der Stelle oder heute abend oder wenigstens morgen in aller Fruhe, in wessen Leib meine Stockklinge gefahren? Sehr lieb wurde es mir sein zu vernehmen, dass ich eigentlich gar kein gemeines Menschenblut vergossen, sondern bloss einigen prinzlichen Ichor; und es will mir ahnen, als ware dem so. Meister! so hatte der Zufall mich denn zu der Tat gefuhrt, die der finstere Geist mir verkundete bei Euch im Fischerhauschen! War vielleicht diese kleine Stockklinge in dem Augenblick, als ich sie brauchte zur Notwehr gegen Morder, das furchtbare Schwert der Blutschuld rachenden Nemesis? Schreibt mir alles, Meister, und vor allen Dingen, was es mit der Waffe, die Ihr mir in die Hand gabt, mit dem kleinen Bilde fur eine Bewandtnis hat. Doch nein nein, sagt mir davon nichts. Lasst mich dieses Medusenbild, vor dessen Anblick der bedrohliche Frevel erstarrt, bewahren, mir selbst ein unerklarliches Geheimnis. Es ist mir, als wurde dieser Talisman seine Kraft verlieren, sobald ich wusste, was fur eine Konstellation ihn gefeit zur Zauberwaffe! Wollt Ihr mir's glauben, Meister, dass ich bis jetzt Euer kleines Bild noch gar nicht einmal recht angeschaut? Ist es an der Zeit, so werdet Ihr mir alles sagen, was mir zu wissen notig, und dann gebe ich den Talisman zuruck in Eure Hande. Also fur jetzt kein Wort weiter davon! Doch fortfahren will ich nun in meinem historischen Kapitel.
Als ich besagtem Jemand, besagtem Pistolanten meinen Stockdegen in den Leib gerannt, so dass er lautlos niedersturzte, sprang ich fort mit der Schnellfussigkeit eines Ajax, da ich Stimmen im Park zu horen und mich noch in Gefahr glaubte. Ich gedachte nach Sieghartsweiler zu laufen, aber die Dunkelheit der Nacht liess mich den Weg verfehlen. Schneller und schneller rannte ich fort, immer noch hoffend, mich zurechtzufinden. Ich durchwatete Feldgraben, ich erklimmte eine steile Anhohe und sank endlich in einem Gebusch vor Ermattung nieder. Es war, als blitze es dicht vor meinen Augen, ich fuhlte einen stechenden Schmerz am Kopf und erwachte aus tiefem Todesschlaf. Die Wunde hatte stark geblutet, ich machte mir, das Taschentuch benutzend, einen Verband, der dem geschicktesten Kompagnie-Chirurgus auf dem Schlachtfelde zur Ehre gereicht haben wurde, und schaute nun ganz froh und frohlich umher. Unfern von mir stiegen die machtigen Ruinen eines Schlosses empor. Ihr merkt es, Meister, ich war zu meiner nicht geringen Verwunderung auf den Geierstein geraten.
Die Wunde schmerzte nicht mehr, ich fuhlte mich frisch und leicht, ich trat heraus aus dem Gebusch, das mir zum Schlafgemach gedient, die Sonne stieg empor und warf blinkende Streiflichter auf Wald und Flur wie frohliche Morgengrusse. Die Vogel erwachten in den Gebuschen und badeten sich zwitschernd im kuhlen Morgentau und schwangen sich auf in die Lufte. Noch in nachtliche Nebel gehullt lag tief unter mir Sieghartshof, doch bald sanken die Schleier, und im flammenden Gold standen Baume und Busche. Der See des Parks glich einem blendend strahlenden Spiegel: ich unterschied das Fischerhauschen wie einen kleinen weissen Punkt sogar die Brucke glaubte ich deutlich zu schauen. Das Gestern trat auf mich ein, aber als sei es eine langst vergangene Zeit, aus der mir nichts geblieben, als die Wehmut der Erinnerung an das ewig Verlorne, die in demselben Augenblick die Brust zerreisst und mit susser Wonne erfullt, 'Haselant, was willst du denn eigentlich damit sagen, was hast du denn in dem langst vergangenen Gestern auf ewig verloren?' So ruft Ihr mich an, Meister, ich hore es. Ach Meister, noch einmal stelle ich mich hin auf jene hervorragende Spitze des Geiersteins noch einmal breite ich die Arme aus wie Adlersflugel, mich dort hinzuschwingen, wo ein susser Zauber waltete, wo jene Liebe, die nicht in Raum und Zeit bedingt, die ewig ist wie der Weltgeist, mir aufging in den ahnungsvollen Himmelstonen, die die durstende Sehnsucht selbst sind und das Verlangen! Ich weiss es, dicht vor meiner Nase setzt sich ein Teufelskerl von hungrigem Opponenten hin, der nur opponiert des indischen Gerstenbrots halber, und fragt mich hohnisch, ob es moglich sei, dass ein Ton dunkelblaue Augen haben konne. Ich fuhre den bundigsten Beweis, dass der Ton eigentlich auch ein Blick sei, der aus einer Lichtwelt durch zerrissene Wolkenschleier hinabstrahle; der Opponent geht aber weiter und fragt nach Stirn, nach Haar, nach Mund und Lippen, nach Armen, Handen, Fussen und zweifelt durchaus mit hamischem Lacheln, dass ein blosser purer Ton mit diesem allem begabt sein konne. O Gott, ich weiss, was der Schlingel meint, namlich nichts weiter, als dass, solange ich ein glebae adscriptus sei, wie er und die ubrigen, solange wir alle nicht bloss Sonnenstrahlen frassen und uns manchmal noch auf einen andern Stuhl setzen mussten als auf den Lehrstuhl, es mit jener ewigen Sehnsucht, die nichts will als sich selbst und von der jeder Narr zu schwatzen weiss Meister! ich wunschte nicht, dass Ihr auf die Seite des hungrigen Opponenten tratet es wurde mir unangenehm sein. Und sagt selbst, konnte Euch wohl eine einzige vernunftige Ursache dazu treiben? hab' ich jemals Hang gezeigt zu trister Sekundanernarrheit? Ja, hab' ich, zu reifen Jahren gekommen, mich nicht stets nuchtern zu erhalten gewusst, hab' ich etwa jemals gewunscht, ein Handschuh zu sein, bloss um Julias Wange zu kussen, wie Vetter Romeo? Glaubt es nur, Meister, die Leute mogen auch sagen, was sie wollen, im Kopf trag' ich nichts als Noten und im Gemut und Herzen die Klange dazu, denn, alle Teufel! wie sollt ich sonst imstande sein, solche manierliche, bundige Kirchenstucke zu setzen, als die Vesper es ist, die da eben vollendet auf dem Pulte liegt. Doch schon wieder war es um die Historie geschehen ich erzahle weiter.
Aus der Ferne vernahm ich den Gesang einer kraftigen Mannerstimme, der sich immer mehr und mehr naherte. Bald gewahrte ich denn auch einen Benediktiner-Geistlichen, der, auf dem Fusssteig unterwarts fortwandelnd, einen lateinischen Hymnus sang. Nicht weit von meinem Platze stand er still, hielt inne mit dem Singen und schaute, indem er den breiten Reisehut vom Kopfe nahm und sich mit einem Tuch den Schweiss von der Stirne trocknete, in der Gegend umher, dann verschwand er ins Gebusch. Mir kam die Lust an, mich zu ihm zu gesellen, der Mann war mehr als wohlgenahrt, die Sonne brannte starker und starker, und so konnt' ich wohl denken, dass er ein Ruheplatzchen gesucht haben wurde im Schatten. Ich hatte mich nicht geirrt, denn in das Gebusch tretend, erblickte ich den ehrwurdigen Herrn, der sich auf einen dick bemoosten Stein niedergelassen hatte. Ein hoheres Felsstuck dicht daneben diente ihm zum Tisch; er hatte ein weisses Tuch daruber ausgebreitet und holte eben aus dem Reisesack Brot und gebratenes Geflugel hervor, das er mit vielem Appetit zu bearbeiten begann: 'Sed praeter omnia bibendum quid', so rief er sich selbst zu und schenkte aus einer Korbflasche Wein ein in einen kleinen silbernen Becher, den er aus der Tasche hervorgezogen. Eben wollte er trinken, als ich mit einem 'Gelobt sei Jesus Christ!' zu ihm hintrat. Mit dem Becher an den Lippen schaute er auf, und ich erkannte im Augenblick meinen alten gemutlichen Freund aus der Benediktiner-Abtei zu Kanzheim, den ehrlichen Pater und Prafektus Chori Hilarius. 'In Ewigkeit!' stammelte Pater Hilarius, indem er mich mit weit aufgerissenen Augen starr anblickte. Ich dachte sogleich an meinen Kopfputz, der mir vielleicht ein fremdes Ansehen geben mochte, und begann: 'O mein sehr geliebter wurdiger Freund Hilarius, haltet mich nicht fur einen verlaufenen vagabundierenden Hindus, auch nicht fur ein auf den Kopf gefallenes Landeskind, da ich doch nun einmal nichts anderes bin und sein will, als Euer Intimus, der Kapellmeister Johannes Kreisler!'
'Beim heil'gen Benedikt,' rief Pater Hilarius freudig, 'ich hatte Euch gleich erkannt, herrlicher Kompositor und angenehmer Freund, aber per diem sagt mir, wo kommt Ihr her, was ist Euch geschehen, Euch, den ich mir in floribus dachte am Hofe des Grossherzogs?'
Ich nahm gar keinen Anstand, dem Pater kurzlich alles zu erzahlen, was sich mit mir begeben, und wie ich genotigt gewesen, dem, dem es beliebt, nach mir, wie nach einem aufgestellten Ziel, Probeschusse zu tun, meinen Stockdegen in den Leib zu stossen, und wie besagter Zielschiesser wahrscheinlich ein italienischer Prinz gewesen, der Hektor geheissen, wie mancher wurdige Pirschhund. 'Was nun beginnen, zuruckkehren nach Sieghartsweiler oder ratet mir, Pater Hilarius!'
So schloss ich meine Erzahlung. Pater Hilarius, der manches ' Hm! so! ei! heiliger Benedikt' dazwischen geworfen, sah jetzt vor sich nieder, murmelte: 'Bibamus!' und leerte den silbernen Becher auf einen Zug.
Dann rief er lachend: 'In der Tat, Kapellmeister, der beste Rat, den ich Euch furs erste erteilen kann, ist, dass Ihr Euch fein zu mir hersetzt und mit mir fruhstuckt. Ich kann Euch diese Feldhuhner empfehlen, erst gestern schoss sie unser ehrwurdiger Bruder Macarius, der, wie Ihr Euch wohl erinnert, alles trifft, nur nicht die Noten in den Responsorien, und wenn Ihr den Krauteressig vorschmeckt, mit dem sie angefeuchtet, so verdankt Ihr das der Sorgfalt des Bruders Eusebius, der sie selbst gebraten mir zu Liebe. Was aber den Wein betrifft, so ist er wert, die Zunge eines landfluchtigen Kapellmeisters zu netzen. Echter Bocksbeutel, carrissime Johannes, echter Bocksbeutel aus dem St. Johannis-Hospital zu Wurzburg, den wir, unwurdige Diener des Herrn, erhalten in bester Qualitat. Ergo bibamus!'
Damit schenkte er den Becher voll und reichte ihn mir hin. Ich liess mich nicht notigen, ich trank und ass wie einer, der solcher Starkung bedarf.
Pater Hilarius hatte den anmutigsten Platz gewahlt, um sein Fruhstuck einzunehmen. Ein dichtes Birkengebusch beschattete den blumichten Rasen des Bodens, und der kristallhelle Waldbach, der uber hervorragendes Gestein platscherte, vermehrte noch die erfrischende Kuhle. Die einsiedlerische Heimlichkeit des Orts erfullte mich mit Wohlbehagen und Ruhe, und wahrend Pater Hilarius mir von allem erzahlte, was sich seit der Zeit in der Abtei begeben, wobei er nicht vergass, seine gewohnlichen Schwanke und sein hubsches Kuchenlatein einzumischen, horchte ich auf die Stimmen des Waldes, der Gewasser, die zu mir sprachen in trostenden Melodien.
Pater Hilarius mochte mein Schweigen der bittern
Sorge zuschreiben, die mir das Geschehene verursachte.
'Seid', begann er, indem er mir den aufs neue ge
fullten Becher hinreichte, 'seid guten Muts, Kapellmeister! Ihr habt Blut vergossen, das ist wahr, und Blut vergiessen ist Sunde, doch distinguendum est inter et inter Jedem ist sein Leben das liebste, er hat es nur einmal. Ihr habt das Eurige verteidigt, und das verbietet die Kirche keinesweges, wie sattsam zu erweisen, und weder unser hochwurdiger Herr Abt, noch irgendein anderer Diener des Herrn wird Euch die Absolution versagen, seid Ihr auch unversehens in furstliche Eingeweide gefahren. Ergo bibamus! Vir sapiens non te abhorrebit, Domine!
Aber, teuerster Kreisler, kehrt Ihr zuruck nach
Sieghartsweiler, so wird man Euch garstig befragen uber das cur, quomodo, quando, ubi, und wollt Ihr den Prinzen des morderischen Angriffs zeihen, wird man Euch glauben? Ibi jacet lepus in pipere! Aber seht, Kapellmeister, wie doch, bibendum quid ' Er leerte den vollgeschenkten Becher und fuhr dann fort: 'Ja, seht, Kapellmeister, wie der gute Rat kommt mit dem Bocksbeutel. Erfahrt, dass ich mich eben zum Kloster Allerheiligen begeben wollte, um mir von dem dortigen Prafektus Chori Musik zu holen zu den nachsten Festen. Ich habe die Kasten schon zwei-, dreimal umgekehrt, es ist alles alt und verbraucht, und was die Musik betrifft, die Ihr uns komponiert habt wahrend Eures Aufenthalts in der Abtei, ja, die ist gar schon und neu, aber nehmt mir es nicht ubel, Kapellmeister, so auf kuriose Weise gesetzt, dass man keinen Blick wenden darf von der Partitur. Will man nur ein bisschen durchs Gitter schielen nach dieser, jener hubschen Dirne unten im Schiff, gleich hat man einen Halt verfehlt oder sonst was und schlagt einen falschen Takt und schmeisst das Ganze um Pump, da liegt's, und Di di Diedel diedel greift Bruder Jakob in die Orgeltasten! ad patibulum cum illis Ich durfte also doch bibamus!'
Nachdem wir beide getrunken, floss der Strom der Rede also weiter: 'Desunt, die nicht da sind, und die nicht da sind, konnen nicht gefragt werden, ich dachte daher, Ihr wandertet sogleich mit mir zuruck nach der Abtei, die, schlagt man Richtwege ein, kaum zwei Stunden von hier entfernt ist. In der Abtei seid Ihr gesichert gegen alle Nachstellungen, contra hostium insidias, ich bringe Euch hin als lebendige Musik, und Ihr bleibt da, solange es Euch gefallt, oder solange Ihr es geraten findet. Der hochwurdige Herr Abt versorgt Euch mit allem Notigen. Ihr kleidet Euch in die feinste Wasche und zieht das Benediktiner-Gewand daruber, das Euch sehr wohl stehen wird. Aber damit Ihr nicht unterweges ausseht, wie der Wundgeschlagene auf dem Bilde vom mitleidigen Samariter, so setzt meinen Reisehut auf, ich werde mir den Kapuschon uber die Glatze ziehn. Bibendum quid, Liebster!'
Damit leerte er den Becher noch einmal, schwenkte ihn aus im nahen Waldbach, packte alles schnell in seinen Reisesack, druckte mir seinen Hut auf die Stirne und rief ganz frohlich: 'Kapellmeister, wir durfen nur ganz langsam und bequem einen Fuss vor den andern setzen und kommen doch gerade an, wenn sie lauten ad conventum, conventuales, d.h. wenn der hochwurdige Abt sich zu Tische setzt.'
Ihr durft wohl denken lieber Meister, dass ich gegen den Vorschlag des frohlichen Paters Hilarius nicht das mindeste einzuwenden hatte, dass es mir vielmehr gar willkommen sein musste, mich an einen Ort zu begeben, der mir in so mancher Hinsicht ein wohltatiges Asyl werden konnte.
Wir schritten gemachlich fort unter allerlei Gesprachen und langten so, wie Pater Hilarius es gewollt, in der Abtei an, als man gerade die Tischglocke lautete.
Um vor der Hand allen Fragen zuvorzukommen, sagte Pater Hilarius dem Abt, dass, da er zufallig erfahren, wie ich mich in Sieghartsweiler aufhalte, er es vorgezogen, statt der Musik aus dem Kloster Allerheiligen, lieber den Komponisten zu holen, der ja ein ganzes unerschopfliches Magazin von Musik in sich trage.
Der Abt Chrysostomus (mich dunkt, ich hatte Euch schon viel von ihm erzahlt) empfing mich mit jener gemutlichen Freude, die nur wahrhaft guter Gesinnung eigen, und lobte den Entschluss des Paters Hilarius!
Seht mich nun, Meister Abraham, wie ich, umgeschaffen zum passablen Benediktinermonch, in einem hohen geraumigen Zimmer des Hauptgebaudes der Abtei sitze und emsig Vespern und Hymnen ausarbeite, ja, wie ich schon mitunter Gedanken notiere zu einem feierlichen Hochamt, wie sich die singenden und spielenden Bruder, die Chorknaben versammeln, wie ich emsig Proben halte, wie ich hinter dem Gitter des Chors dirigiere! In der Tat, so vergraben fuhle ich mich in diese Einsamkeit, dass ich mich mit Tartini vergleichen mochte, der, die Rache des Kardinals Cornaro furchtend, in das Minoritenkloster zu Assisi floh, wo ihn endlich nach Jahren ein Paduaner entdeckte, der sich in der Kirche befand und den verlornen Freund auf dem Chore erblickte, als ein Windstoss den Vorhang, der das Orchester verhullte, einige Augenblicke aufhob. Es hatte Euch selbst, Meister, so mit mir gehen konnen wie jenem Paduaner, aber ich musste Euch ja doch sagen, wo ich geblieben, Ihr konntet sonst Wunder gedacht haben, was aus mir geworden. Hat man vielleicht meinen Hut gefunden und sich gewundert, dass ihm der Kopf abhanden gekommen? Meister! eine besondere wohltatige Ruhe ist in mein Inneres gekommen; sollte ich vielleicht hier am Ankerplatz gelandet sein? Als ich neulich an dem kleinen See, der in der Mitte des weitlauftigen Gartens der Abtei liegt, wandelte und mein Bild, neben mir wandelnd, im See erblickte, da sprach ich: 'Der Mensch, der da unten neben mir hergeht, das ist ein ruhiger besonnener Mensch, der, nicht mehr wild umherschwirrend in vagen unbegrenzten Raumen, die gefundene Bahn festhalt, und es ist ein Gluck fur mich, dass der Mensch kein andrer ist als ich selbst.' Aus einem andern See schaute mich einst ein fataler Doppeltganger an Doch still still von dem allen. Meister, nennt mir keinen Namen erzahlt mir nichts auch nicht einmal, wen ich gespiesst Aber von Euch selbst schreibt mir viel Die Bruder kommen zur Probe, ich schliesse mein historisches Kapitel und zugleich meinen Brief. Lebt wohl, mein guter Meister, und gedenkt meiner! etc. etc. etc. etc." In den fernen, wild verwachsenen Gangen des Parks einsam wandelnd, bedachte Meister Abraham das Schicksal des geliebten Freundes, und wie er ihn, kaum wieder gewonnen, aufs neue verloren. Er sah den Knaben Johannes, sich selbst in Gonionesmuhl vor dem Flugel des alten Onkels, der Kleine hammerte mit stolzem Blick Sebastian Bachs schwerste Sonaten herunter mit beinahe mannlicher Faust, er steckte ihm dafur eine Dute Zuckerwerk heimlich in die Tasche Es war ihm, als sei dies erst wenige Tage her, und er musste sich verwundern, dass der Knabe eben kein anderer als der Kreisler, der in ein wunderliches launenhaftes Spiel geheimnisvoller Verhaltnisse verflochten schien. Aber mit dem Gedanken an jene vergangene Zeit, an die verhangnisvolle Gegenwart stieg das Bild seines eignen Lebens vor ihm auf.
Sein Vater, ein strenger eigensinniger Mann, hatte ihn beinahe mit Zwang zu der Kunst des Orgelbaues angehalten, die er selbst trieb wie ein gewohnliches rohes Handwerk. Er litt nicht, dass irgendein anderer als der Orgelbauer selbst Hand anlege an das Werk, und so mussten die Lehrlinge geubte Tischler, Zinngiesser u. s. werden, ehe sie zu der innern Mechanik gelangten. Genauigkeit, Dauerhaftigkeit, gute Spielart des Werks galt dem Alten fur alles; fur die Seele, fur den Ton hatte er keinen Sinn, und merkwurdig genug sprach sich dies aus in den Orgeln, die er baute, und denen man mit Recht einen harten spitzen Klang vorwarf. Nachstdem war der Alte den kindischen Kunsteleien verjahrter Zeit ganz und gar ergeben. So hatte er an einer Orgel die Konige David und Salomo angebracht, die wahrend des Spiels wie vor Verwunderung die Kopfe drehten; so fehlte es keinem seiner Werke an paukenden, posaunenden, taktierenden Engeln, mit den Flugeln schlagenden krahenden Hahnen u.s.w. Abraham konnte oft verdienten oder nicht verdienten Schlagen nicht anders entgehen und dem Alten eine Ausserung vaterlicher Freude entlokken, als wenn er vermoge eigner Erfindungsgabe irgendeine neue Kunstelei, etwa ein scharfer tonendes Kikeriki herausgebracht fur den nachsten Orgelhahn. Mit angstvoller Sehnsucht hatte Abraham die Zeit herbeigewunscht, in der er dem Handwerksgebrauch gemass auf die Wanderschaft gehen sollte. Endlich kam diese Zeit heran, und Abraham verliess das vaterliche Haus, um nie wieder zuruckzukehren .
Auf dieser Wanderung, die er in Gemeinschaft mit andern Gesellen, meistens wusten, rohen Burschen, unternahm, sprach er einst ein in der Abtei St. Blasius, die im Schwarzwalde belegen, und horte dort das beruhmte Orgelwerk des alten Johann Andreas Silbermann. In den vollen herrlichen Tonen dieses Werks ging zum erstenmal der Zauber des Wohllauts auf in seinem Innern, er fuhlte sich in eine andere Welt versetzt, und von dem Augenblick an war er ganz Liebe fur eine Kunst, die er sonst mit Widerwillen treiben mussen. Nun kam ihm aber auch sein ganzes Leben in der Umgebung, wie er es bis jetzt gefuhrt hatte, so nichtswurdig vor, dass er alle Kraft aufbot, sich herauszureissen aus dem Schlamm, in den er sich versunken glaubte. Sein naturlicher Verstand, seine Fassungsgabe liessen ihn in der wissenschaftlichen Bildung Riesenschritte machen, und doch fuhlte er oft die Bleigewichte, die die fruhere Erziehung, das Forttreiben in der Gemeinheit ihm angehangt. Chiara, die Verbindung mit diesem seltsamen geheimnisvollen Wesen, das war der zweite Lichtpunkt in seinem Leben, und so bildete beides, jenes Erwachen des Wohllauts und Chiaras Liebe, einen Dualismus seines poetischen Seins, der wohltatig hineinwirkte in seine rohe, aber kraftige Natur. Kaum den Herbergen, kaum den Schenken, wo im dicken Tabaksqualm Zotenlieder ertonten, entronnen, brachte der Zufall oder vielmehr die Geschicklichkeit in mechanischen Kunsteleien, denen er den Anstrich des Geheimnisses zu geben wusste (wie der geneigte Leser schon erfahren), den jungen Abraham in Umgebungen, die ihm eine neue Welt sein mussten, und in denen er, ewig Fremdling bleibend, sich nur dadurch aufrecht erhielt, dass er den festen Ton behauptete, den seine innere Natur ihm angegeben. Dieser feste Ton wurde mit der Zeit immer fester, und da er keineswegs der eines simplen Grobians, sondern auf klaren gesunden Menschenverstand, richtige Lebensansicht und daraus sich erzeugenden treffenden Spott basiert war, so konnt' es nicht fehlen, dass da, wo der Jungling sich nur aufrecht erhalten und toleriert worden, der Mann als ein zu furchtendes Prinzip grossen Respekt einflosste. Es ist nichts leichter als gewissen vornehmen Leuten zu imponieren, die immer noch weiter unter dem stehen, wofur man sie etwa halten mochte. Daran dachte nun Meister Abraham eben in dem Augenblick, als er von seinem Spaziergange wieder an das Fischerhauschen gekommen, und schlug eine laute herzliche Lache auf, die Luft machte seiner gepressten Brust.
Zur innigsten Wehmut, die ihm sonst wohl gar nicht eigen, hatte den Meister namlich das lebhafte Andenken an den Moment in der Kirche der Abtei St. Blasius und an die verlorne Chiara gestimmt. "Warum," sprach er zu sich selbst, "warum blutet eben die Wunde jetzt so haufig, die ich langst verharscht glaubte, warum hange ich jetzt leeren Traumereien nach, da es mir scheint, als musse ich tatig eingreifen in das Maschinenwerk, das ein boser Geist falsch zu treiben scheint!" Der Meister fuhlte sich beangstigt durch den Gedanken, dass er, selbst wusste er nicht wodurch, in seinem eigentumlichsten Tun und Treiben sich gefahrdet sah, bis, wie gesagt, er im Ideengange auf die vornehmen Leute kam, uber die er lachte und augenblicklich merkliche Linderung verspurte.
Er trat ins Fischerhauschen, um nun Kreislers Brief zu lesen.
In dem furstlichen Schlosse hatte sich Merkwurdiges begeben. Der Leibarzt sprach: "Wunderbar! es geht uber alle Praxis, uber alle Erfahrung hinaus!" Die Furstin: "So musste es kommen, und die Prinzessin ist nicht kompromittiert!" Der Furst: "Hatt' ich's nicht ausdrucklich verboten, aber die Crapule der dienenden Esel hat keine Ohren Nun der Oberforstmeister soll dafur sorgen, dass der Prinz kein Pulver mehr in die Hande bekommt!" Die Ratin Benzon: "Dank dem Himmel, sie ist gerettet!" Wahrenddessen schaute Prinzessin Hedwiga zum Fenster ihres Schlafgemachs heraus, indem sie dann und wann abgebrochene Akkorde anschlug auf derselben Guitarre, die Kreisler im Unmut von sich warf und aus Julias Handen, wie er meinte, geheiligt zuruckempfing. Auf dem Sofa sass Prinz Ignatius und weinte und klagte: "Es tut weh, es tut weh," vor ihm aber Julia, die emsig beschaftigt war, in eine kleine silberne Schussel hinein rohe Kartoffeln zu schaben.
Alles dieses bezog sich auf ein Ereignis, das der Leibarzt mit vollem Recht wunderbar nannte und uber alle Praxis erhaben. Prinz Ignatius hatte sich, wie der geneigte Leser schon mehrmals erfahren, den unschuldig tandelnden Sinn, die gluckliche Unbefangenheit des sechsjahrigen Knaben erhalten und spielte daher gern wie dieser. Unter anderm Spielzeuge besass er auch eine kleine, aus Metall gegossene Kanone, die ihm zu seinem Lieblingsspiel diente, an dem er sich jedoch hochst selten ergotzen konnte, da manche Dinge dazu gehorten, die nicht gleich zur Hand waren, namlich einige Korner Pulver, ein tuchtiges Schrotkorn und ein kleiner Vogel. Hatte er das alles, so liess er seine Truppen aufmarschieren, hielt Kriegsgericht uber den kleinen Vogel, der eine Rebellion angezettelt in des furstlichen Papas verlornem Lande, lud die Kanone und schoss den Vogel, den er mit einem schwarzen Herzen auf der Brust an einen Leuchter gebunden, tot, zuweilen aber auch nicht, so dass er mit dem Federmesser nachhelfen musste, um die gerechte Strafe an dem Hochverrater zu vollstrekken.
Fritz, des Gartners zehnjahriger Knabe, hatte dem Prinzen einen gar hubschen bunten Hanfling verschafft und dafur, wie gewohnlich, eine Krone erhalten. Sogleich war dann aber der Prinz in die Jagerstube geschlichen, gerade wenn die Jager abwesend, hatte richtig Schrotbeutel und Pulverhorn gefunden und sich daraus mit der notigen Munition versehen. Schon wollte er mit der Exekution beginnen, die Beschleunigung zu fordern schien, da der bunte zwitschernde Rebell alle nur moglichen Mittel versuchte zu entwischen, als es ihm einfiel, dass er der Prinzessin Hedwiga, die jetzt so artig geworden, durchaus nicht die Lust versagen durfe, bei der Hinrichtung des kleinen Hochverraters gegenwartig zu sein. Er nahm also den Kasten, worin seine Armee befindlich, unter den einen, die Kanone unter den andern Arm, den Vogel aber in die hohle Hand und schlich, da es ihm von dem Fursten untersagt worden, die Prinzessin zu sehen, leise, leise nach Hedwigas Schlafgemach, wo er sie in dem fortdauernden kataleptischen Zustande auf dem Ruhebette angekleidet liegen fand. Schlimm und, wie man sehen wird, zugleich gut war es, dass die Kammerfrau die Prinzessin eben verlassen.
Ohne weiteres band nun der Prinz den Vogel an einen Leuchter, liess die Armee in Reihe und Glied treten und lud die Kanone, dann hob er die Prinzessin vom Ruhebette, liess sie an den Tisch treten und erklarte, dass sie jetzt den kommandierenden General vorstelle, er seinerseits bleibe der regierende Furst und brenne nebenher die Artillerie ab, welche den Rebellen tote. Uberfluss an Munition hatte den Prinzen verfuhrt und er nicht allein das Geschutz uberladen, sondern auch Pulver rund umher auf den Tisch verstreut. Sowie er das Stuck abprotzte, gab es nicht allein einen ungewohnlichen Knall, sondern das umhergestreute Pulver flog auch auf und verbrannte ihm tuchtig die Hand, so dass er laut aufschrie und gar nicht einmal bemerkte, dass die Prinzessin in dem Augenblick der Explosion hart zu Boden gesturzt war. Der Schuss hallte durch die Korridors, alles sturzte, Ungluck ahnend, herbei, und selbst Furst und Furstin drangten sich, alle Etikette im jahen Schreck vergessend, mit der Dienerschaft durch die Ture hinein. Die Kammerfrauen hoben die Prinzessin von dem Boden und legten sie auf das Ruhebett, wahrend man nach dem Leibarzt, nach dem Chirurgus rief. Der Furst ersah aus den Anstalten auf dem Tische sehr bald, was geschehen, und sprach zum Prinzen, der entsetzlich schrie und lamentierte, mit zornfunkelnden Augen: "Sieht Er, Ignaz! das kommt von Seinen dummen kindischen Faxen. Lass' Er sich Brandsalbe auflegen und heul' Er nicht, wie ein Strassenjunge! Mit einem Birkenreis sollt Hint " Die bebenden Lippen liessen keine Deutlichkeit der Sprache zu, der Furst wurde unverstandlich und verliess gravitatisch das Zimmer. Tiefes Entsetzen hatte die Dienerschaft erfasst, denn erst zum drittenmal redete der Furst den Prinzen an mit Er und Ignaz, und jedesmal bewies er den wildesten, schwer zu suhnenden Zorn.
Als der Leibarzt erklarte, die Krisis sei eingetreten, und er hoffe, dass der bedrohliche Zustand der Prinzessin nun bald voruber und sie vollig genesen werde, sprach die Furstin mit weniger Teilnahme, als man wohl denken sollte: "Dieu soit loue, man gebe mir weitere Nachricht." Den weinenden Prinzen schloss sie aber zartlich in ihre Arme, trostete ihn mit sussen Worten und folgte dann dem Fursten.
Indessen war die Benzon, die im Sinn gehabt, mit Julien die ungluckliche Hedwiga zu sehen, im Schlosse angekommen. Kaum horte sie, was geschehen, als sie hinaufeilte nach dem Zimmer der Prinzessin, zuflog auf das Ruhebette, niederkniete, Hedwigas Hand fasste und ihr starr in die Augen blickte, wahrend Julia heisse Tranen vergoss, wahnend, dass wohl der Todesschlaf uber die Herzensfreundin kommen werde. Da holte Hedwiga tief Atem und sprach mit dumpfer, kaum vernehmlicher Stimme: "Ist er tot?" Sogleich hielt Prinz Ignatius ein mit Weinen trotz seines Schmerzes und erwiderte in voller Freude uber die gelungene Exekution lachend und kichernd: "Ja ja Prinzessin Schwester, ganz tot, gerade durch das Herz geschossen." "Ja," sprach die Prinzessin weiter, indem sie die Augen, die sie aufgeschlagen, wieder sinken liess, "ja, ich weiss es. Ich sah den Blutstropfen der aus dem Herzen quoll, aber er fiel in meine Brust, und ich erstarrte zu Kristall, und er nur lebte in dem Leichnam!" "Hedwiga," begann die Ratin leise und zartlich, "Hedwiga, erwachen Sie aus bosen unglucklichen Traumen, Hedwiga, erkennen Sie mich?" Die Prinzessin winkte sanft mit der Hand, als wolle sie verlassen sein. "Hedwiga," fuhr die Benzon fort, "Julia ist hier." Ein Lacheln schimmerte auf Hedwigas Wangen. Julia beugte sich uber sie hin, druckte einen leisen Kuss auf die erblassten Lippen der Freundin. Da lispelte Hedwiga kaum horbar: "Es ist nun alles voruber, in wenigen Minuten bin ich ganz erkraftigt, ich fuhl' es."
Niemand hatte sich bis jetzt um den kleinen Hochverrater bekummert, der mit zerfleischter Brust auf dem Tisch lag. Nun fiel er Julien ins Auge, und erst in dem Augenblick wurde sie auch inne, dass Prinz Ignatius wieder das abscheuliche, ihr verhasste Spiel gespielt. "Prinz," sprach sie, indem ihre Wangen sich hoch roteten, "Prinz, was hat Ihnen der arme Vogel getan, dass Sie ihn ohne Erbarmen toten hier im Zimmer? Das ist ein rechtes einfaltiges grausames Spiel Sie haben mir langst versprochen, es zu lassen, und doch nicht Wort gehalten Aber! tun Sie es noch einmal, niemals ordne ich mehr Ihre Tassen oder lehre Ihre Puppchen reden oder erzahle Ihnen die Geschichte vom Wasserkonig!" "Nicht bose sein," wimmerte der Prinz, "nicht bose sein, Fraulein Julia! Aber es war ein bunter Erzschelm. Er hatte allen Soldaten heimlich die Rockschosse abgeschnitten und uberdem eine Rebellion angezettelt. Aber es tut weh es tut weh!" Die Benzon blickte den Prinzen, dann Julien an mit seltsamem Lacheln, dann rief sie: "Was das fur ein Wehklagen ist uber ein paar verbrannte Finger! Aber es ist wahr, der Chirurgus wird ewig mit seiner Brandsalbe nicht fertig. Doch hilft ein gemeines Hausmittel auch wohl ungemeinen Leuten. Man schaffe rohe Kartoffeln herbei!" Sie schritt nach der Ture, aber wie plotzlich von irgendeinem Gedanken erfasst, blieb sie stehen, kehrte um, schloss Julien in die Arme, kusste sie auf die Stirne und sprach: "Du bist mein gutes liebes Kind und wirst immer das ganz sein, was du sein sollst! Hute dich nur vor uberspannten wahnsinnigen Toren und verschliesse dein Gemut dem bosen Zauber ihrer verlockenden Reden!" Damit warf sie noch einen forschenden Blick auf die Prinzessin, die sanft und suss zu schlummern schien, und verliess das Zimmer.
Der Chirurgus trat hinein mit einem ungeheuren Pflaster in den Handen, unter vielen Beteuerungen versichernd, dass er schon seit geraumer Zeit gewartet in den Zimmern des gnadigsten Prinzen, da er nicht vermuten konnen, dass er in dem Schlafgemach der gnadigsten Prinzessin Er wollte mit dem Pflaster los auf den Prinzen, die Kammerfrau, die ein paar stattliche Kartoffeln auf einer silbernen Schussel herbeigebracht, vertrat ihm aber den Weg und versicherte, dass fur Verletzungen durch Brand geschabte Kartoffeln das allerbeste Mittel waren. "Und ich," fiel Julia der Kammerfrau ins Wort, indem sie ihr die silberne Schussel abnahm, "und ich selbst will fur Sie, mein Prinzchen, das Pflaster gar fein bereiten."
"Gnadigster Herr," sprach der Chirurg erschrokken, "bedenken Sie! ein Hausmittel fur verbrannte Finger eines hohen furstlichen Herrn! Die Kunst die Kunst soll muss hier allein helfen!" Er wollte von neuem auf den Prinzen los, der prallte aber zuruck und rief: "Weg da, weg da! Fraulein Julia soll mir das Pflaster bereiten, die Kunst soll sich zum Zimmer hinausscheren!"
Die Kunst empfahl sich samt ihrem wohlpraparierten Pflaster, indem sie giftige Blicke auf die Kammerfrau warf.
Starker und starker horte Julia die Prinzessin atmen, doch wie erstaunte sie, als
(M. f. f.) einschlafen. Hin und her walzte ich mich auf meinem Lager; ich versuchte alle nur mogliche Stellungen. Bald streckte ich mich lang aus, bald wickelte ich mich rund zusammen, liess den Kopf auf den weichen Pfoten ruhen und ringelte den Schweif zierlich um mich herum, so dass er die Augen bedeckte, bald warf ich mich auf die Seite, liess die Pfoten wegstarren vom Leibe, den Schweif in lebloser Gleichgultigkeit hinabhangen vom Lager. Alles alles vergebens! Wirrer und wirrer wurden Vorstellungen, Gedanken, bis ich endlich in jenes Delirium fiel, das kein Schlaf, sondern ein Kampf zwischen Schlafen und Wachen zu nennen, wie Moritz, Davidson, Nudow, Tiedemann, Wienholt, Reil, Schubert, Kluge und andere physiologische Schriftsteller, die uber Schlaf und Traum geschrieben und die ich nicht gelesen, mit Recht behaupten.
Die helle Sonne schien in des Meisters Zimmer hinein, als ich aus diesem Delirium, aus diesem Kampf zwischen Schlafen und Wachen, wirklich zum klaren Bewusstsein erwachte. Aber welch ein Bewusstsein, welch ein Erwachen! O Katerjungling, der du dieses liesest, spitze die Ohren und lies aufmerksam, dass dir die Moral nicht entwische! Nimm dir zu Herzen, was ich uber einen Zustand sage, dessen unnennbare Trostlosigkeit ich dir nur mit schwachen Farben schildern kann. Nimm dir diesen Zustand, wiederhole ich, zu Herzen und dich selbst moglich in acht, wenn du zum erstenmal in einer Katzburschengesellschaft Katzpunsch geniessest. Nippe massig und berufe dich, will man das nicht leiden, auf mich und meine Erfahrung, der Kater Murr sei deine Autoritat, die jeder, hoff' ich, anerkennen und gelten lassen wird.
Nun also! Was zuvorderst mein physisches Befinden betrifft, so fuhlte ich mich nicht allein matt und elend, sondern was mir ganz besondere Qualen schuf, war ein gewisser kecker abnormer Anspruch des Magens, der eben seiner Abnormitat halber nicht durchzusetzen war und nur einen unnutzen Rumor im Innern verursachte, an dem sogar die affizierten Ganglien teilnahmen, die in ewigem physischem Wollen und Nichtvermogen krankhaft zitterten und bebten. Es war ein heilloser Zustand!
Aber beinahe noch empfindlicher war die psychische Affektion. Mit der bittern Reue und Zerknirschung eines Gestern halber, das ich doch eigentlich gar nicht fur tadelnswert achten konnte, kam eine trostlose Gleichgultigkeit in meine Seele gegen alles irdische Wohl! Ich verachtete alle Guter der Erde, alle Gaben der Natur, Weisheit, Verstand, Witz u.s.w. Die grossten Philosophen, die geistreichsten Dichter galten mir nicht hoher als Lumpenpuppen, sogenannte Hansemanner, und was das argste war, auf mich selbst dehnte sich jene Verachtung aus, und ich glaubte zu erkennen, dass ich nichts sei als ein ganz gewohnlicher miserabler Mausekatz! Niederschlagenderes gibt es nicht! Der Gedanke, dass ich in dem grossten Jammer befangen, dass die ganze irdische Erde uberhaupt ein Jammertal sei, vernichtete mich in namenlosen Schmerz. Ich kniff die Augen zu und weinte sehr!
"Du hast geschwarmt, Murr, und nun ist dir miserabel zumute? Ja, ja, so geht's! Nun schlaf' nur aus, alter Junge, dann wird's besser werden!" So rief der Meister mir zu, als ich das Fruhstuck stehen liess und einige Schmerzenstone von mir gab. Der Meister! o Gott, er wusste nicht, er kannte nicht meine Leiden! er ahnte nicht, wie Burschentum und Katzpunsch wirkt auf ein zartfuhlendes Gemut!
Es mochte Mittag sein, noch hatte ich mich nicht vom Lager geruhrt, als plotzlich, der Himmel weiss, wie er sich hineinzuschleichen gewusst, Bruder Muzius vor mir stand. Ich klagte ihm meinen unseligen Zustand, statt aber, wie ich gehofft, mich zu bedauern, mich zu trosten, schlug er eine unmassige Lache auf und rief: "Hoho, Bruder Murr, es ist weiter nichts als die Krisis, der Ubergang von unwurdiger philistriger Knabenschaft zum wurdigen Burschentum, die dich glauben lasst, dass du krank bist und elend. Du bist das edle Kommerschieren noch nicht gewohnt! Aber tu mir den Gefallen und halte das Maul und klage nicht etwa dem Meister dein Leiden. Unser Geschlecht ist uberdem schon verrufen genug dieser Scheinkrankheit halber, und der schmahsuchtige Mensch hat ihr einen Namen gegeben, der sich auf uns bezieht, und den ich nicht wiederholen mag. Aber raffe dich auf, nimm dich zusammen, komm mit mir, die frische Luft wird dir wohl tun, und dann musst du vor allen Dingen Haare auflegen. Komm nur, du wirst schon praktisch erfahren, was das heisst."
Bruder Muzius ubte seit der Zeit, als er mich dem Philistertum entrissen, eine unbedingte Herrschaft uber mich aus; ich musste tun, was er wollte. Muhsam stand ich daher auf von meinem Lager, dehnte mich, so gut es bei den erschlafften Gliedern gehen wollte, und folgte dem treuen Bruder aufs Dach. Wir spazierten einigemal auf und nieder, und in der Tat, mir wurde etwas wohler, frischer zumute. Dann fuhrte mich Bruder Muzius hinter den Schornstein, und hier musste ich, wollte ich mich auch dagegen strauben, zwei, drei Schnapschen reine Heringslake nehmen. Dies waren die Haare, die ich, nach Muzius' Ausdruck, auflegen sollte. O, wunderbarer als wunderbar war die drastische Wirkung dieses Mittels! Was soll ich sagen? Des Magens abnorme Anspruche schwiegen, der Rumor war gestillt, das Gangliensystem beruhigt, das Leben wieder schon, ich schatzte das irdische Wohl, die Wissenschaft, die Weisheit, den Verstand, den Witz u.s., ich war mir selbst wiedergegeben, ich war wieder der herrliche, hochst exzellente Kater Murr! O Natur, Natur! Kann es denn geschehen, dass ein paar Tropfen, die der leichtsinnige Kater geniesst in unzahmbarer freier Willkur, Rebellion zu erwecken vermogen gegen dich, gegen das wohltatige Prinzip, das du mit mutterlicher Liebe in seine Brust gepflanzt hast, und nach dem er uberzeugt sein muss, dass die Welt mit ihren Freuden, als da sind Bratfische, Huhnerknochen, Milchbrei etc., die beste sei und er das Allerbeste in dieser Welt, da ihre Freuden nur fur ihn und seinethalber geschaffen sind? Aber ein philosophischer Kater erkennt das, es ist tiefe Weisheit darin jener trostlose ungeheure Jammer ist nur das Gegengewicht, das die zum Forttreiben in der Bedingung des Seins notige Reaktion bewirkt, und so ist derselbe (der Jammer namlich) in dem Gedanken des ewigen Weltalls begrundet! Legt Haare auf, Katerjunglinge! und trostet euch dann mit diesem philosophischen Erfahrungssatz eures gelehrten, scharfsinnigen Standesgenossen.
Es genugt zu sagen, dass ich nun manche Zeit hindurch ein frisches frohes Burschenleben fuhrte auf den Dachern ringsumher, in Kompagnie mit Muzius und andern kreuzbraven, biderben fidelen Jungen, weissen, gelben und bunten. Ich komme zu einer wichtigern Begebenheit meines Lebens, die nicht ohne Folgen blieb.
Als ich namlich einmal bei dem Anbruch der Nacht, im Schimmer des hellen Mondscheins, mit dem Bruder Muzius zu einer Kneiperei, die die Burschen angeordnet, gehen wollte, begegnete mir jener schwarz, grau, gelbe Verrater, der mir meine Miesmies geraubt. Wohl konnt' es sein, dass ich bei dem Anblick des verhassten Nebenbuhlers, dem ich noch dazu schandlicherweise unterliegen mussen, etwas stutzte. Er ging indessen hart an mir vorbei, ohne mich zu grussen, und es wollte mich bedunken, als lachle er mich verhohnend an, im Gefuhl der Ubermacht, die er uber mich gewonnen. Ich dachte an die verlorne Miesmies, an die erhaltenen Prugel, das Blut kochte mir in den Adern! Muzius bemerkte meine Aufwallung, und da ich ihm mitteilte, was ich bemerkt zu haben glaubte, so sprach er: "Du hast recht, Bruder Murr. Der Kerl schnitt solch ein schiefes Gesicht und trat dabei so keck auf: am Ende wollte er dich wirklich tuschieren. Nun, das wollen wir bald erfahren. Irre ich nicht, so hat der bunte Philister hier in der Nahe eine neue Liebschaft angesponnen, er schleicht alle Abende hier auf diesem Dache umher. Warten wir ein wenig, vielleicht kommt der Monsieur bald zuruck, und da kann sich ja wohl das ubrige bald finden."
In der Tat dauerte es nicht lange, so kam der Bunte wieder trotzig zuruck und mass schon von weitem mich mit verachtlichen Blicken. Ich trat ihm herzhaft und keck entgegen, wir gingen so hart aneinander voruber, dass unsere Schweife sich unsanft beruhrten. Sogleich blieb ich stehen, drehte mich um und sprach mit fester Stimme: "Mau!" Er blieb ebenfalls stehen, drehte sich um und erwiderte trotzig: "Mau!" Dann ging ein jeder seinen Weg.
"Das war Tusch," rief Muzius ganz zornig aus, "ich werde den bunten trotzigen Kerl morgen koramieren."
Muzius begab sich den andern Morgen zu ihm hin und fragte ihn in meinem Namen, ob er meinen Schweif beruhrt. Er liess mir erwidern, er hatte meinen Schweif beruhrt. Darauf ich, habe er meinen Schweif beruhrt, so musse ich das fur Tusch nehmen. Darauf er, ich konne es nehmen, wie ich wollte. Darauf ich, ich nehme es fur Tusch. Darauf er, ich sei gar nicht imstande zu beurteilen, was Tusch sei. Darauf ich, ich wisse das sehr gut und besser als er. Darauf er, ich sei nicht der Mann dazu, dass er mich tuschieren solle. Darauf ich nochmals, ich nehme es aber fur Tusch. Darauf er, ich sei ein dummer Junge. Darauf ich, um mich in Avantage zu setzen, wenn ich ein dummer Junge sei, so sei er ein niedertrachtiger Spitz! Dann kam die Ausforderung.
(Randglosse des Herausgebers. O Murr, mein Kater! Entweder hat sich der Ehrenpunkt seit Shakespeares Zeit nicht geandert, oder ich ertappe dich auf einer schriftstellerischen Luge. Das heisst, auf einer Luge, die dazu dienen soll, der Begebenheit, die du erzahlst, mehr Glanz und Feuer zu geben! Ist die Art, wie es zum Duell mit dem bunten Pensionar kam, nicht die rein ausgesprochene Parodie von Probsteins siebenmal zuruckgeschobener Luge in "Wie es euch gefallt"? Finde ich nicht in deinem angeblichen Duellprozess die ganze Stufenleiter von dem hoflichen Bescheid, dem feinen Stich, der groben Erwiderung, der beherzten Abfertigung bis zum trotzigen Widerspruch, und kann es dich wohl einigermassen retten, dass du anstatt mit der bedingten offenbaren Luge mit ein paar Schimpfreden schliessest? Murr! mein Kater! die Rezensenten werden uber dich herfallen, aber bewiesen hast du doch wenigstens, dass du den Shakespeare mit Verstand und Nutzen gelesen, und das entschuldigt vieles.)
Aufrichtig gestanden, fuhr es mir doch etwas in die Glieder, als ich die Ausforderung erhielt, die auf den Kratz lautete. Ich dachte daran, wie ubel mich der bunte Verater zugerichtet hatte, als, von Eifersucht und Rache getrieben, ich ihn angriff, und wunschte wenigstens die Avantage, zu der mir Freund Muzius verholfen, hinweg. Muzius mochte gewahren, dass ich beim Lesen des blutfordernden Handbilletts erblasste, und uberhaupt meine Seelenstimmung bemerken. "Bruder Murr," sprach er, "mir scheint, als ob dir das erste Duell, das du bestehen sollst, etwas in die Glieder fuhre?" Keinen Anstand nahm ich, dem Freunde mein ganzes Herz zu offnen, ihm zu sagen, was meinen Mut erschutterte.
"O mein Bruder," sprach Muzius, "o mein geliebter Bruder Murr! Du vergissest, dass damals, als der ubermutige Frevler dich ausprugelte auf schnode Weise, du noch ein blutjunger Neuling und kein wackrer, tuchtiger Bursche warst wie jetzt. Auch war dein Kampf mit dem Bunten kein ordentliches Duell nach Regel und Recht, ja nicht einmal ein Renkontre zu nennen, sondern nichts weiter als eine philistermassige Balgerei, die unanstandig ist fur jeden Katzbursch. Merk' dir's, Bruder Murr, dass der auf unsre besondre Gaben neidische Mensch uns die Neigung vorwirft, uns auf ehrwidrige beschimpfende Weise zu prugeln, und fallt unter seinem Geschlecht dergleichen vor, dies mit dem Schimpf- und Spottnamen: Katzbalgerei bezeichnet. Schon darum wird und muss ein ordentlicher Kater, der Ehre im Leibe hat und auf gute Sitten halt, jedes bose Renkontre der Art vermeiden; er beschamt den Menschen, der unter gewissen Umstanden sehr geneigt ist, zu prugeln und geprugelt zu werden. Also, geliebter Bruder, lass alle Furcht und Scheu fahren, bewahre dein tapfres Herz und sei uberzeugt, dass du im ordentlichen Duell genugsame Rache fur alle erfahrne Unbill nehmen und den bunten Gecken dermassen zerkratzen kannst, dass er das dumme Liebeln und alberne Daherstolzieren wohl auf einige Zeit lassen wird. Doch halt! Eben will mich bedunken, dass nach dem, was zwischen euch vorgefallen, der Zweikampf auf den Kratz keinen genugenden Ausschlag geben kann, dass ihr euch vielmehr auf entscheidendere Weise, namlich auf den Biss, schlagen musst. Wir wollen die Meinung der Burschen horen!"
Muzius trug in einer sehr wohlgesetzten Rede den Fall, der sich mit mir und dem Bunten ereignet, der Burschenversammlung vor. Alle stimmten dem Redner bei, und ich liess daher dem Bunten durch Muzius sagen, ich nehme die Ausforderung zwar an, konnte und wurde bei der Schwere der erlittenen Beschimpfung mich aber nicht anders schlagen, als auf den Biss. Der Bunte wollte zwar Einwendungen machen, vorschutzen, er habe stumpfe Zahne u.s.w.; da aber Muzius ihm nach seiner ernsten und festen Weise erklarte, dass hier nur durchaus von dem entscheidenderen Duell auf den Biss die Rede sein konne, und dass, wenn er dies nicht eingehen wolle, er den niedertrachtigen Spitz auf sich sitzen lassen musste, entschloss er sich zu diesem Duell auf den Biss. Die Nacht, in der der Zweikampf vor sich gehen sollte, kam heran. Ich stellte mich auf dem Dache des Hauses, das an der Grenze des Reviers lag, mit Muzius um die bestimmte Stunde ein. Auch mein Gegner kam bald mit einem stattlichen Kater, der beinahe bunter gefleckt war und noch viel trotzigere, keckere Zuge im Antlitz trug als er selbst. Er war, wie wir vermuten konnten, sein Sekundant; beide hatten verschiedene Feldzuge als Kameraden zusammen gemacht und befanden sich auch beide bei der Eroberung des Speichers, die dem Bunten den Orden des gebrannten Specks erwarb. Ausserdem hatte sich, wie ich nachher erfuhr, auf des umund vorsichtigen Muzius Anlass eine kleine lichtgraue Katze eingefunden, die sich ganz ausserordentlich auf Chirurgie verstehen und die schlimmsten, gefahrlichsten Wunden zweckmassig behandeln und in kurzer Zeit heilen sollte. Es wurde noch verabredet, dass der Zweikampf in drei Sprungen stattfinden, und falls bei dem dritten Sprunge noch nichts Entscheidendes geschehen, weiter beschlossen werden sollte, ob das Duell in neuen Sprungen fortzusetzen, oder die Sache als abgemacht anzusehen. Die Sekundanten massen die Schritte aus, und wir setzten uns gegenuber in Positur. Der Sitte gemass erhoben die Sekundanten ein Zetergeschrei, und wir sprangen aufeinander los.
Im Augenblick hatte mein Gegner, indem ich ihn fassen wollte, mein rechtes Ohr gepackt, das er dermassen zerbiss, dass ich wider Willen laut aufschrie. "Auseinander!" rief Muzius. Der Bunte liess ab, wir gingen in die Position zuruck.
Neuer Zeter der Sekundanten, zweiter Sprung. Nun glaubte ich meinen Gegner besser zu fassen, aber der Verrater duckte sich und biss mir in die linke Pfote, dass das Blut in dicken Tropfen hervorquoll. "Auseinander!" rief Muzius zum zweitenmal. "Eigentlich," sprach der Sekundant meines Gegners, sich zu mir wendend, "eigentlich ist nun die Sache ausgemacht, da Sie, mein Bester, durch die bedeutende Wunde an der Pfote hors de combat gesetzt sind." Doch Zorn, tiefer Ingrimm liessen mich keinen Schmerz fuhlen, und ich entgegnete, dass es sich bei dem dritten Sprunge finden wurde, inwiefern es mir an Kraft gebrache und die Sache als abgemacht anzusehen. "Nun," sprach der Sekundant mit hohnischem Lachen, "nun, wenn Sie denn durchaus von der Pfote Ihres Ihnen uberlegenen Gegners fallen wollen, so geschehe Ihr Wille!" Doch Muzius klopfte mir auf die Schulter und rief: "Brav, brav, mein Bruder Murr, ein echter Bursche achtet solch einen Ritz nicht! Halt dich tapfer!"
Zum drittenmal Zeter der Sekundanten, dritter Sprung! Meiner Wut ungeachtet hatte ich die List meines Gegners gemerkt, der immer etwas seitwarts sprang, weshalb ich ihn fehlte, wahrend er mich mit Sicherheit packte. Diesmal nahm ich mich in acht, sprang auch seitwarts, und als er mich zu fassen glaubte, hatte ich ihn schon dermassen in den Hals gebissen, dass er nicht schreien, nur stohnen konnte. "Auseinander!" rief jetzt der Sekundant meines Gegners. Ich sprang sogleich zuruck, der Bunte sank aber ohnmachtig nieder, indem das Blut reichlich aus der tiefen Wunde hervorquoll. Die hellgraue Katze eilte sogleich auf ihn zu und bediente sich, um vor dem Verbande das Blut einigermassen zu stillen, eines Hausmittels, das, wie Muzius versicherte, ihr stets zu Gebote stand, da sie es immer bei sich fuhrte. Sie goss namlich sofort eine Flussigkeit in die Wunde und besprengte uberhaupt den Ohnmachtigen ganz und gar damit, die ich ihres scharfen beizenden Geruchs halber fur stark und drastisch wirkend halten musste. Thedensche Arkebusade war es nicht, auch nicht Eau de Cologne. Muzius druckte mich feurig an seine Brust und sprach: "Bruder Murr, du hast deine Ehrensache ausgefochten wie ein Kater, dem das Herz auf dem rechten Flecke sitzt. Murr, du wirst dich erheben zur Krone des Burschentums, du wirst keinen Makel dulden und stets bei der Hand sein, wenn es darauf ankommt, unsre Ehre zu erhalten." Der Sekundant meines Gegners, der so lange dem hellgrauen Chirurgus beigestanden, trat nun trotzig auf und behauptete, dass ich im dritten Gange gegen den Komment gefochten. Da setzte sich aber Bruder Muzius in Positur und erklarte mit funkelnden Augen und hervorgestreckten Krallen, dass der, der solches behaupte, es mit ihm zu tun habe, und dass die Sache gleich auf der Stelle ausgemacht werden konne. Der Sekundant hielt es fur geraten, nichts weiter darauf zu erwidern, sondern packte stillschweigend den wunden Freund, der was weniges zu sich selbst gekommen, auf den Rucken und marschierte mit ihm ab durch die Dachluke. Der aschgraue Chirurgus fragte an, ob er meiner Wunden halber mich auch etwa mit seinem Hausmittel bedienen solle. Ich lehnte das aber ab, so sehr mich auch Ohr und Pfote schmerzten, sondern machte mich im Hochgefuhl des errungenen Sieges, der gestillten Rache fur Miesmies' Entfuhrung und erhaltene Prugel auf den Weg nach Hause.
Fur dich, o Katerjungling, habe ich mit gutem Bedacht die Geschichte meines ersten Zweikampfs so umstandlich aufgeschrieben. Ausserdem dass dich diese merkwurdige Geschichte uber den Ehrenpunkt belehrt ganz und gar, so kannst du auch noch manche fur das Leben hochst notige und nutzliche Moral daraus schopfen. Wie z.B. dass Mut und Tapferkeit gar nichts ausrichten gegen Finten, und dass daher das genaue Studium der Finten unerlasslich ist, um nicht zu Boden getreten zu werden, sondern sich aufrecht zu erhalten. "Chi no se ajuta, se nega," sagt Brighella in Gozzis "glucklichem Bettler", und der Mann hat recht, vollkommen recht. Sieh das ein, Katerjungling, und verachte keinesweges Finten, denn in ihnen liegt, wie im reichen Schacht, die wahre Lebensweisheit verborgen.
Als ich herabkam, fand ich des Meisters Tur verschlossen und musste daher mit der Strohmatte, die davor lag, als Nachtlager vorliebnehmen. Die Wunden hatten mir einen starken Blutverlust verursacht, und mir wurde in der Tat etwas ohnmachtig zumute. Ich fuhlte mich sanft fortgetragen. Es war mein guter Meister, der (ich mochte wohl, ohne es zu wissen, etwas gewinselt haben) mich vor der Tur gehort, aufgemacht und meine Wunden bemerkt hatte. "Armer Murr," rief er, "was haben sie mit dir gemacht? das hat tuchtige Bisse gegeben nun, ich hoffe, du wirst deinen Gegnern nichts geschenkt haben!" "Meister," dacht' ich, "wenn du wusstest!" und aufs neue fuhlte ich mich von dem Gedanken des vollstandig erfochtenen Sieges, der Ehre, die ich mir gewonnen, gar machtig erhoben. Der gute Meister legte mich auf mein Lager, holte aus dem Schrank eine kleine Buchse, in der Salbe befindlich, hervor, bereitete zwei Pflaster und legte sie mir auf Ohr und Pfote. Ruhig und geduldig liess ich alles geschehen und stiess nur ein kleines leises Mrrr! aus, als der erste Verband mich etwas schmerzen wollte. "Du bist," sprach der Meister, "ein kluger Kater, Murr! du verkennst nicht, wie andre knurrige Wildfange deines Geschlechts, die gute Absicht deines Herrn. Halt dich nur ruhig, und wenn es Zeit ist, dass du die Wunde an der Pfote heil leckst, so wirst du schon selbst den Verband losen. Was aber das wunde Ohr betrifft, so kannst du nichts dafur tun, armer Geselle, und musst das Pflaster leiden."
Ich versprach das dem Meister und reichte zum Zeichen meiner Zufriedenheit und Dankbarkeit fur seine Hilfe ihm meine gesunde Pfote hin, die er wie gewohnlich nahm und leise schuttelte, ohne sie im mindesten zu drucken. Der Meister verstand mit gebildeten Katern umzugehen.
Bald spurte ich die wohltatige Wirkung der Pflaster und war froh, dass ich des kleinen aschgrauen Chirurgus fatales Hausmittel nicht angenommen. Muzius, der mich besuchte, fand mich heiter und kraftig. Bald war ich imstande ihm zu folgen zur Burschenkneiperei. Man kann denken, mit welchem unbeschreiblichen Jubel ich empfangen wurde. Allen war ich doppelt lieb geworden.
Von nun an fuhrte ich ein kostliches Burschenleben und ubersah es gern, dass ich dabei die besten Haare aus dem Pelze verlor. Doch gibt es hienieden ein Gluck, das von Dauer sein sollte? Lauert bei jeder Freude, die man geniesst, nicht schon der
(Mak. Bl.) hohen und steilen Hugel, im flachen Lande hatte er fur einen Berg gegolten, belegen. Ein breiter, bequemer, von duftendem Gebusch eingeschlossener Weg, an dessen beiden Seiten haufig angebrachte steinerne Sitze und Lauben die gastliche Sorge fur die wandernden Pilger bewiesen, fuhrte hinauf. Oben angekommen, gewahrte man erst die Grosse und Pracht des Gebaudes, das man in der Ferne nur fur eine einzeln dastehende Kirche gehalten. Wappen, Bischofsmutze, Krummstab und Kreuz, uber dem Tor in Stein gehauen, zeigten, dass sonst hier eine bischofliche Residenz gewesen, und die Inschrift: "Benedictus, qui venit in nomine domini" lud fromme Gaste ein zum Eintritt. Aber jeder, der eingetreten, blieb wohl unwillkurlich stehen, uberrascht, erfasst von dem Anblick der Kirche, die mit ihrer prachtigen, im Stil des Palladio erbauten Facade, mit ihren beiden hohen luftigen Turmen in der Mitte stand als Hauptgebaude, an das sich von beiden Seiten Flugel anschlossen. In dem Hauptgebaude befanden sich noch die Zimmer des Abts, in den Seitenflugeln dagegen die Wohnungen der Monche, das Refektorium, andere Versammlungssale, sowie auch Zimmer zur Aufnahme einkehrender Fremden. Unfern dem Kloster lagen die Wirtschaftsgebaude, die Meierei, das Haus des Amtmanns; tiefer im Tal umflocht aber das schone Dorf Kanzheim den Hugel mit der Abtei wie ein bunter uppiger Kranz.
Dieses Tal breitete sich aus bis an den Fuss des fernen Gebirges. Zahlreiche Herden weideten in den von spiegelhellen Bachen durchschnittenen Wiesengrunden, frohlich zogen die Landleute aus den Dorfern, die hin und wieder verstreut lagen, durch die reichen Kornfelder, jubelnder Gesang der Vogel scholl aus den anmutigen Gebuschen, sehnsuchtiger Hornerschall rief heruber aus der fernen dunklen Waldung, beschwingt mit weissen Segeln, glitten schwer beladene Kahne auf dem breiten Fluss, der das Tal durchstromte, schnell voruber, und man vernahm die frohen Grusse der Schiffer. Uberall uppige Fulle, reichlich gespendeter Segen der Natur, uberall reges, ewig forttreibendes Leben. Die Aussicht in die lachende Landschaft vom Hugel herab, aus den Fenstern der Abtei, erhob das Gemut und erfullte es zugleich mit innigem Wohlbehagen.
Mocht' es sein, dass man dem innern Schmuck der Kirche, der edlen, grandiosen Grundanlage unerachtet, bei dem vielen bunten, vergoldeten Schnitzwerk und der kleinlichen Bilderei mit Recht den Vorwurf der Uberladung, des monchischen Ungeschmacks machen konnte, so fiel dafur der reine Stil, in dem die Zimmer des Abts gebaut und verziert waren, desto mehr ins Auge. Aus dem Chor der Kirche trat man unmittelbar in einen geraumigen Saal, der zur Versammlung der Geistlichen und zugleich zur Aufbewahrung der Instrumente und Musikalien diente. Aus diesem Saal fuhrte ein langer Korridor, der eine jonische Saulenstellung bildete, in die Gemacher des Abts. Seidene Tapeten, auserlesene Gemalde der besten Meister aus verschiedenen Schulen, Busten, Statuen grosser Manner der Kirche, Teppiche, zierlich ausgelegte Fussboden, kostbares Gerat, alles deutete hier auf den Reichtum des wohldotierten Klosters. Dieser Reichtum, der in dem Ganzen herrschte, war aber nicht jener glanzende Prunk, der das Auge blendet, ohne ihm wohlzutun, und der Staunen, aber nicht Wohlbehagen erzeugt. Alles war an seiner rechten Stelle angebracht, nichts wollte prahlerisch die Aufmerksamkeit fur sich allein fesseln und die Wirkung des andern zerstoren, und so dachte man nicht an die Kostbarkeit dieses, jenes einzelnen Schmucks, sondern fuhlte sich von dem Ganzen gemutlich angeregt. Das durchaus Gehorige in der Anordnung brachte diesen gemutlichen Eindruck hervor, und eben das richtig entscheidende Gefuhl des Gehorigen mochte wohl das sein, was man guten Geschmack zu nennen pflegt. Das Bequeme, Wohnliche dieser Gemacher des Abts grenzte an das Uppige, ohne in der Tat uppig zu werden, und so durfte es keinen Anstoss geben, dass ein Geistlicher alles dies selbst angeordnet und herbeigeschafft. Der Abt Chrysostomus hatte, als er vor wenigen Jahren nach Kanzheim kam, die abteiliche Wohnung einrichten lassen, wie sie sich jetzt fand, und sein ganzer Charakter, seine ganze Art zu sein sprach sich schon lebhaft aus in dieser Einrichtung, ehe man ihn selbst sah und bald die hohe Stufe seiner geistigen Bildung gewahrte. Noch in den vierziger Jahren, gross, wohlgebaut, geistvollen Ausdruck im mannlich schonen Antlitz, Anmut und Wurde im ganzen Betragen, flosste der Abt jedem, der sich ihm nahte, die Ehrfurcht ein, die sein Stand forderte. Eifriger Kampfer fur die Kirche, rastloser Verfechter der Rechte seines Ordens, seines Klosters, schien er doch nachgiebig und duldsam. Aber eben diese scheinbare Nachgiebigkeit war eine Waffe, die er wohl zu fuhren und damit jeden Widerstand, selbst den der obersten Gewalt, zu besiegen wusste. Durfte man denn auch ahnen, dass hinter einfachen salbungsreichen Worten, die aus dem treusten Herzen zu kommen schienen, sich monchische Schlauheit verberge, so gewahrte man nur die Gewandtheit eines eminenten Geistes, der in die tiefern Verhaltnisse der Kirche eingedrungen. Der Abt war ein Zogling der Propaganda in Rom. Selbst gar nicht geneigt, den Anspruchen des Lebens zu entsagen, insofern sie mit geistlicher Sitte und Ordnung vertraglich, liess er seinen zahlreichen Untergebenen alle Freiheit, die sie nur nach ihrem Stande fordern konnten. So kam es denn, dass, wahrend einige dieser, jener Wissenschaft ergeben, in einsamer Zelle studierten, andere lustig umherschwarmten in dem Park der Abtei und sich erlustigten im heitern Gesprach, wahrend einige, zu schwarmerischer Andacht geneigt, fasteten und ihre Zeit hinbrachten in stetem Gebet, andere sich es wohl schmecken liessen an der reichbesetzten Tafel und ihre religiosen Ubungen auf die Ordensregel beschrankten, wahrend einige die Abtei nicht verlassen mochten, andere sich auf weitere Wege begaben, auch wohl, kam die Zeit heran, das lange Priestergewand vertauschten mit dem kurzen Jagerrock und sich als wackre Weidmanner herumtummelten. Waren nun aber die Neigungen der Bruder verschieden, und durfte jeder der seinigen nachhangen, wie er wollte, so kamen sie alle in der enthusiastischen Vorliebe fur die Musik uberein. Beinahe ein jeder war ausgebildeter Musiker, und es gab Virtuosen unter ihnen, die der besten furstlichen Kapelle Ehre gemacht haben wurden. Eine reiche Musikaliensammlung, eine Auswahl der vortrefflichsten Instrumente setzte jeden in den Stand, die Kunst zu treiben, wie er wollte, und haufige Auffuhrungen auserlesener Werke erhielten jeden in praktischer Ubung.
Eben diesem musikalischen Treiben gab nun Kreislers Ankunft in der Abtei einen neuen Schwung. Die Gelehrten schlugen ihre Bucher zu, die Andachtigen kurzten ihre Gebete ab, alle versammelten sich um Kreisler, den sie liebten, und dessen Werke sie hochschatzten wie keine anderen. Der Abt selbst hing ihm an mit inniger Freundschaft, und er sowie alle ubrigen beeiferten sich, ihm ihre Achtung, ihre Liebe darzutun, wie sie es nur vermochten. War nun die Gegend, in der die Abtei lag, ein Paradies zu nennen, gewahrte das Leben im Kloster die bequemste Behaglichkeit, wozu ein leckrer Tisch und edler Wein, fur den der Vater Hilarius sorgte, wohl auch zu rechnen, herrschte unter den Brudern die gemutliche Heiterkeit, welche von dem Abt selbst ausging, schwamm uberdem Kreisler, den die Kunst rastlos beschaftigte, recht in seinem Elemente, so konnt' es nicht fehlen, dass sein bewegtes Gemut ruhig wurde wie seit langer Zeit nicht mehr. Selbst der Zorn seines Humors dampfte sich, er wurde sanft und weich wie ein Kind. Aber noch mehr als das alles, er glaubte an sich selbst, verschwunden war jener gespenstische Doppeltganger, der emporgekeimt aus den Blutstropfen der zerrissenen Brust.
Irgendwo5 heisst es von dem Kapellmeister Johannes Kreisler, dass seine Freunde es nicht dahin hatten bringen konnen, dass er eine Komposition aufgeschrieben, und sei dies wirklich einmal geschehen, so habe er doch das Werk, soviel Freude er auch uber das Gelingen geaussert, gleich nachher ins Feuer geworfen. So mag es sich begeben haben in einer sehr verhangnisvollen Zeit, die dem armen Johannes den rettungslosen Untergang drohte, von der gegenwartiger Biograph bis jetzt aber nicht recht viel weiss. Jetzt in der Abtei Kanzheim wenigstens hutete sich Kreisler wohl, die Kompositionen zu vernichten, die recht aus seinem Innersten hervorgingen, und seine Stimmung sprach sich in dem Charakter susser wohltuender Wehmut aus, den seine Werke trugen, statt dass er sonst nur zu oft im machtigen Zauber aus der Tiefe der Harmonik die gewaltigen Geister hinaufbeschwor, die die Furcht, das Entsetzen, alle Qualen hoffnungsloser Sehnsucht aufregen in der menschlichen Brust.
Man hatte eines Abends im Chor der Kirche die letzte Probe eines Hochamts gehalten, mit dem Kreisler fertig worden und das am folgenden Morgen aufgefuhrt werden sollte. Die Bruder waren zuruckgekehrt in ihre Zellen, Kreisler allein weilte in dem Saulengange und schaute hinaus in die Gegend, die im Schimmer der letzten Strahlen der sinkenden Sonne vor ihm lag. Da war es ihm, als vernahme er aus weiter Ferne noch einmal sein Werk, das ihm eben lebendig dargestellt von den Brudern. Als nun aber das Agnus dei kam, da erfasste ihn aufs neue und starker die namenlose Wonne jener Augenblicke, in denen ihm dieses Agnus aufgegangen. "Nein," rief er aus, indem gluhende Tranen seine Augen fullten; "nein! ich bin es nicht, du allein! du mein einziger Gedanke, du mein einziges Sehnen!"
Wunderbar war es wohl, auf welche Weise Kreisler diesen Satz, in dem der Abt, die Bruder den Ausdruck der brunstigsten Andacht, der himmlischen Liebe selbst fanden, hervorgebracht hatte. Ganz erfullt von dem Hochamt, das er zu setzen begonnen, aber noch lange nicht vollendet hatte, traumte er in einer Nacht, der Heiligentag, fur den die Komposition bestimmt, sei da, das Hochamt eingelautet, er stehe an dem Pult, die fertige Partitur vor sich, der Abt, selbst Messe lesend, intoniere, und sein Kyrie fange an.
Satz auf Satz folge nun, die Auffuhrung, gediegen und kraftvoll, uberrasche ihn, reisse ihn fort bis zum Agnus dei. Da gewahre er zu seinem Schreck in der Partitur weisse Blatter, keine Note aufgeschrieben, die Bruder schauten ihn, der plotzlich den Taktstock sinken lassen, an, gewartig, dass er endlich anfangen, dass die Stockung endlich aufhoren werde. Aber bleischwer drucke ihn Verlegenheit und Angst nieder, und er konne, ungeachtet er das ganze Agnus fertig in seiner Brust bewahre, nur es nicht herausbringen in die Partitur. Da erschiene aber plotzlich eine holde Engelsgestalt, trete an den Pult, sange das Agnus mit Tonen des Himmels, und diese Engelsgestalt ware Julia! Im Entzucken hoher Begeisterung erwachte Kreisler und schrieb das Agnus auf, das im seligen Traum ihm aufgegangen. Und diesen Traum traumte Kreisler nun noch einmal, er vernahm Julias Stimme, hoher und hoher schlugen die Wellen des Gesanges, als nun der Chor einfiel: "Dona nobis pacem," er wollte untergehen in dem Meer von tausend seligen Wonnen, das ihn uberstromte.
Ein leiser Schlag auf die Schulter weckte Kreisler aus der Ekstase, in die er geraten. Es war der Abt, der vor ihm stand und ihn mit Wohlgefallen anblickte.
"Nicht wahr," begann der Abt, "nicht wahr, mein Sohn Johannes, was du tief in deinem Gemut empfunden, was dir gelang, herrlich und kraftig in das Leben zu rufen, das erfreut jetzt deine ganze Seele? Ich meine, du dachtest an dein Hochamt, das ich zu den besten Werken zahle, die du jemals geschaffen."
Kreisler starrte den Abt stillschweigend an, noch war er keines Wortes machtig.
"Nun, nun," fuhr der Abt lachelnd fort, "steige herab aus der obern Region, zu der du dich hinaufgeschwungen! Ich glaube gar, du komponierst in Gedanken und lassest so nicht ab von der Arbeit, die dir freilich eine Lust ist, wiewohl eine gefahrliche, da sie zuletzt deine Krafte aufzehrt. Entschlage dich jetzt aller schaffenden Gedanken, lass uns in diesem kuhlen Gange auf und ab wandeln und unbefangen miteinander plaudern."
Der Abt sprach nun von den Einrichtungen des Klosters, von der Lebensweise der Monche, ruhmte den wahrhaft heiter-frommen Sinn, den alle in sich trugen, und fragte zuletzt den Kapellmeister, ob er (der Abt) sich nicht tausche, wenn er bemerkt zu haben glaube, dass Kreisler seit den Monaten, dass er sich in der Abtei befinde, ruhiger, unbefangener, dem tatigen Forttreiben in der hohen Kunst, die den Dienst der Kirche verherrliche, geneigter geworden.
Kreisler konnte nicht anders als dies zugeben und uberdies versichern, dass die Abtei sich ihm aufgetan wie ein Asyl, in das er gefluchtet, und dass er sich so heimisch dunke, als sei er wirklich Ordensbruder und werde das Kloster niemals mehr verlassen.
"Lassen Sie," so endete Kreisler, "lassen Sie mir, ehrwurdiger Herr, die Tauschung, die dies Kleid befordert. Lassen Sie mich glauben, dass, von bedrohlichem Sturm verschlagen, mich die Gunst des versohnten Geschicks an einem Eilande stranden liess, wo ich geborgen, wo nie mehr der schone Traum zerstort werden kann, der nichts anders ist, als die Begeisterung der Kunst selbst."
"In der Tat," erwiderte der Abt, indem eine besondere Freundlichkeit sein Antlitz uberstrahlte, "in der Tat, mein Sohn Johannes, das Kleid, das du angelegt, um als unser Bruder zu erscheinen, steht dir wohl, und ich wollte, dass du es nie wieder ablegtest. Du bist der wurdigste Benediktiner, den man nur sehen kann."
"Doch," fuhr der Abt nach einem kurzen Stillschweigen fort, indem er Kreislers Hand fasste, "doch, kein Scherz ist hier zu treiben. Sie wissen, mein Johannes, wie lieb Sie mir gewesen sind seit dem Augenblick, als ich Sie kennen lernte, wie meine innige Freundschaft, sich mit der hohen Achtung fur Ihr ausgezeichnetes Talent paarend, immer hoher gestiegen ist. Fur den, den man liebt, wird man mit Sorge erfullt, und eben diese Sorge war es, die mich Sie seit der Zeit Ihres Aufenthalts im Kloster bis zur Angstlichkeit beobachten liess. Das Resultat dieser Beobachtungen brachte mich zu einer Uberzeugung, die ich nicht aufgeben darf! Langst wollt' ich Ihnen in dieser Hinsicht mein ganzes Herz offnen, ich wartete auf einen gunstigen Augenblick, er ist gekommen! Kreisler! Entsagen Sie der Welt, treten Sie in unsern Orden!"
So sehr sich auch Kreisler in der Abtei gefiel, so willkommen es ihm war, einen Aufenthalt verlangern zu konnen, der ihm Ruhe und Frieden gab, indem er seine rege kunstlerische Tatigkeit in Anspruch nahm, doch uberraschte ihn der Antrag des Abts auf beinahe unangenehme Weise, da er an nichts weniger mit wirklichem Ernst gedacht als, seine Freiheit aufgebend, sich unter die Monche stecken zu lassen auf immer, wiewohl ihm manchmal schon solch eine Grille aufgestiegen und dies vom Abt bemerkt sein mochte. Ganz verwundert schaute er den Abt an, der ihn aber nicht zum Worte kommen liess, sondern fortfuhr: "Horen Sie mich erst ruhig an, Kreisler, ehe Sie mir antworten. Wohl muss es mir angelegen sein, der Kirche einen tuchtigen Diener zu gewinnen, indessen verwirft die Kirche selbst jede kunstliche Uberredung und will nur, dass der innere Funke der wahren Erkenntnis angeregt werde, damit er zur hell lodernden Flamme des Glaubens aufleuchte und jede Betorung vernichte. Und so will ich nur das, was dunkel und verworren vielleicht in Ihrer eignen Brust liegt, entfalten, Ihnen selbst zur deutlichen Erkenntnis bringen. Darf ich zu Ihnen, mein Johannes, denn von den aberwitzigen Vorurteilen sprechen, die man in der Welt gegen das Klosterleben hegt? Immer muss den Monch irgendein ungeheures Schicksal in die Klause getrieben haben, wo er, aller Lust der Welt entsagend, unter bestandiger Qual ein trostloses Leben vertrauert. So ware das Kloster der finstre Kerker, wo die trostloste Trauer um ewig verlornes Gut, die Verzweiflung, der Wahnsinn erfinderischer Selbstqual sich eingesperrt, wo abgeharmte bleiche Todesgestalten ein elendes Dasein hinschleppten und ihre herzzermalmende Angst aushauchten in dampfmurmelnden Gebeten!"
Kreisler konnte sich nicht eines Lachelns erwehren, denn er gedachte, als der Abt von abgeharmten bleichen Todesgestalten sprach, so manches wohlgenahrten Benediktiners und vorzuglich des wackern rotwangichten Hilarius, der keine grossere Qual kannte, als Wein zu trinken von schlechtem Gewachs, und nur die Angst, die ihm eine neue Partitur verursachte, welche er nicht gleich verstand.
"Sie belacheln," sprach der Abt weiter, "Sie belacheln den Kontrast des Bildes, das ich aufstellte, mit dem Klosterleben, wie Sie es hier kennen gelernt, und haben gewiss Ursache dazu. Mag es auch sein, dass mancher, zerrissen von irdischem Leid, alles Gluck, alles Heil der Welt fur immer aufgebend, in das Kloster flieht, wohl ihm dann, dass die Kirche ihn aufnimmt und er in ihrem Schoss einen Frieden findet, der allein ihn uber alles erlittene Ungemach trosten und ihn erheben kann uber das verderbliche Geschick im weltlichen Treiben. Aber wie viele gibt es, die der wahre innere Hang zum andachtigen kontemplativen Leben in das Kloster fuhrt, die, ungefugig in der Welt, jeden Augenblick verstort durch das Andringen aller kleinlichen Verhaltnisse, wie sie sich nun einmal im Leben erzeugen, nur in selbstgewahlter Einsamkeit sich wohl befinden. Dann gibt es aber andere, die ohne entschiedenen Hang zum klosterlichen Leben doch nirgends anders hingehoren als eigentlich ins Kloster. Ich meine diejenigen, die Fremdlinge in der Welt sind und bleiben, weil sie einem hoheren Sein angehoren und die Anspruche dieses hoheren Seins fur die Bedingung des Lebens halten, so aber rastlos das verfolgend, was hienieden nicht zu finden, ewig durstend in nie zu befriedigender Sehnsucht, hin und her schwanken und vergeblich Ruhe suchen und Frieden, deren offne Brust jeder abgeschossene Pfeil trifft, fur deren Wunden es keinen Balsam gibt als die bittre Verhohnung des stets wider sie bewaffneten Feindes. Nur die Einsamkeit, ein einformiges Leben ohne feindliche Unterbrechung und vor allem das stete freie Aufschauen zur Lichtwelt, der sie angehoren, kann das Gleichgewicht herstellen und sie im Innern eine uberirdische Zufriedenheit fuhlen lassen, die in dem wirren Treiben der Welt nicht zu erringen. Und Sie Sie, mein Johannes, gehoren zu diesen Menschen, die die ewige Macht im Druck des Irdischen hoch erhebt zum Himmlischen. Das rege Gefuhl des hohern Seins, das Sie ewig mit dem schalen irdischen Treiben entzweien wird, entzweien muss, strahlt machtig heraus in der Kunst, die einer andern Welt gehort und die, ein heiliges Geheimnis der himmlischen Liebe, mit Sehnsucht in Ihrer Brust verschlossen ist. Die gluhendste Andacht selbst ist diese Kunst, und, ihr ganz ergeben, haben Sie nichts mehr gemein mit einer buntscheckigen Welttandelei, die Sie von sich werfen mit Verachtung, wie der zum Jungling gereifte Knabe das abgenutzte Spielzeug. Entfliehen Sie fur immer den aberwitzigen Neckereien hohnlachelnder Toren, die Sie, mein armer Johannes, oft gequalt haben bis aufs Blut! Der Freund breitet die Arme aus, Sie zu empfangen, Sie einzufuhren in den sichern Port, den kein Gewittersturm bedroht!"
"Tief," sprach Johannes, da der Abt schwieg, ernst und duster, "tief fuhle ich die Wahrheit Ihrer Worte, mein ehrwurdiger Freund! tief, dass ich wirklich nicht in eine Welt tauge, die sich mir gestaltet wie ein ewiges ratselhaftes Missverstandnis. Und doch ich gestehe es frei, erregt mir der Gedanke Schauer auf Kosten so mancher Uberzeugung, die ich mit der Muttermilch eingesogen, dies Kleid zu tragen, wie einen Kerker, aus dem ich nimmer wieder heraus kann. Es ist mir, als wenn dem Monch Johannes dieselbe Welt, in der der Kapellmeister Johannes doch so manches hubsche Gartlein voll duftender Blumen fand, plotzlich eine ode unwirtbare Wuste sein wurde, als wenn, einmal in das rege Leben verflochten, die Entsagung "
"Entsagung," unterbrach der Abt den Kapellmeister mit erhohter Stimme, "Entsagung? Gibt es fur dich, Johannes, eine Entsagung, wenn der Geist der Kunst immer machtiger wird in dir, wenn du mit starkem Fittich dich erhebst in die leuchtenden Wolken? Welche Lust des Lebens gibt es denn noch, die dich betoren konnte? Doch" (so fuhr der Abt mit sanfterer Stimme fort) "doch wohl hat die ewige Macht ein Gefuhl in unsere Brust gelegt, das mit unbesiegbarer Gewalt unser ganzes Wesen erschuttert; es ist das geheimnisvolle Band, das Geist und Korper verbindet, indem jener nach dem hochsten Ideal einer chimarischen Gluckseligkeit zu streben vermeint und doch nur will, was dieser als notwendiges Bedurfnis in Anspruch nimmt, und so eine Wechselwirkung entsteht, die in der Fortexistenz des menschlichen Geschlechts bedingt ist. Nicht hinzufugen darf ich, dass, ich von der Geschlechtsliebe spreche, und dass, ich es allerdings fur nichts Geringes achte, ihr ganz zu entsagen. Doch, Johannes, wenn du entsagst, so rettest du dich vom Verderben; niemals, niemals kannst du, wirst du des eingebildeten Glucks der irdischen Liebe teilhaftig werden."
Der Abt sprach die letzten Worte so feierlich, mit solcher Salbung, als lage das Buch des Schicksals offen vor ihm, und er verkundige daraus dem armen Kreisler alles bedrohliche Leid, dem zu entgehen, er sich hineinretten musse ins Kloster.
Da begann aber auf Kreislers Antlitz jenes seltsame Muskelspiel, das den Geist der Ironie zu verkunden pflegte, der seiner machtig worden. "Hoho," sprach er, "hoho! Ew. Hochehrwurden haben unrecht, haben durchaus unrecht. Ew. Hochwurden irren sich in meiner Person, werden konfuse durch das Gewand, das ich angelegt, um en masque einige Zeit hindurch die Leute zu foppen und, selbst unerkannt, ihnen ihre Namen in die Hand zu schreiben, damit sie wissen, woran sie sind! Bin ich denn nicht ein passabler Mensch, noch in den besten Jahren, von leidlich hubschem Ansehn und sattsam gebildet und artig? Kann ich nicht den schonsten schwarzen Frack ausbursten, ihn anlegen und, was die Unterkleider betrifft, ganz Seide keck hineintreten vor jede rotwangichte Professors-, vor jede blau- oder braunaugichte Hofratstochter und, alle Sussigkeit des zierlichsten Amoroso in Gebarde, Antlitz und Ton, ohne weiteres fragen: 'Allerschonste, wollen Sie mir Ihre Hand geben und Ihre ganze werte Person dazu, als Attinenz derselben?' Und die Professorstochter wurde die Augen niederschlagen und ganz leise lispeln 'Sprechen Sie mit Papa!' oder die Hofratstochter mir gar einen schwarmerischen Blick zuwerfen und dann versichern, wie sie schon lange im stillen die Liebe bemerkt, der ich nun erst Sprache geliehen, und beilaufig vom Besatz des Brautkleides sprechen. Und, o Gott! die respektiven Herrn Vater, wie gern wurden sie die Tochter losschlagen auf das Gebot einer solchen respektablen Person als es ein grossherzoglicher Exkapellmeister ist! Aber ich konnte mich auch versteigen in das hohere Romantische, eine Idylle beginnen und der glauen Pachterstochter mein Herz offerieren und meine Hand, wenn sie eben Ziegenkase bereitet, oder, ein zweiter Notar Pistofolus, in die Muhle laufen und meine Gottin suchen in den Himmelswolken des Mehlstaubs! Wo wurde ein treues ehrliches Herz verkannt werden, das nichts will, nichts verlangt als Hochzeit Hochzeit Hochzeit! Kein Gluck in der Liebe? Ew. Hochehrwurden bedenken gar nicht, dass ich eigentlich recht der Mann dazu bin, um in der Liebe ganz horrend glucklich zu sein, deren einfaches Thema weiter nichts ist als: 'Willst du mich, so nehm' ich dich!' dessen weitere Variationen nach dem Allegro brillante der Hochzeit dann in der Ehe weiter fortgespielt werden. Ew. Hochehrwurden wissen ferner nicht, dass ich schon vor mehrerer Zeit sehr ernsthaft daran gedacht, mich zu vermahlen. Ich war damals freilich noch ein junger Mensch von weniger Erfahrung und Ausbildung, namlich erst sieben Jahr alt, aber das dreiunddreissigjahrige Fraulein, das ich zu meiner Braut erkieset, versprach mir doch mit Hand und Mund, keinen andern Mann zu nehmen als mich, und ich weiss selbst nicht, warum sich die Sache nachher zerschlug. Bemerken Ew. Hochehrwurden doch nur, dass mir das Gluck der Liebe lachte von Kindesbeinen an, und nun Seidene Strumpfe her seidene Strumpfe her Schuhe her, um gleich mit beiden Freiersfussen hineinzufahren und unmassig zu rennen nach der, die schon den niedlichsten Zeigefinger ausgestreckt hat, damit er stracks bereift werde. Ware es nicht fur einen ehrsamen Benediktiner unanstandig, sich in Hasensprungen zu erlustieren, ich tanzte sogleich hier auf der Stelle vor Ew. Hochehrwurden Augen einen Matelot oder eine Gavotte oder einen Hopswalzer aus purer Freude, die mich ganz ubernimmt, wenn ich nur an Braut und Hochzeit denke. Hoho! was Liebesgluck und Heirat betrifft, da bin ich ein ganzer Kerl! Ich wunschte, Ew. Hochehrwurden mochten das einsehen." "Ich habe," erwiderte der Abt als Kreisler nun endlich innehielt, "ich habe Sie nicht unterbrechen mogen in Ihren seltsamen Scherzreden, Kapellmeister, die eben das beweisen, was ich behaupte. Wohl fuhle ich auch den Stachel, der mich verwunden sollte, aber nicht verwundet hat! Wohl mir, dass ich nie an jene chimarische Liebe geglaubt, die korperlos in den Luften schwebt und nichts gemein haben soll mit dem Bedingnis des menschlichen Prinzips! Wie ist es moglich, dass Sie bei dieser krankhaften Spannung des Geistes Doch genug hievon! Es ist an der Zeit, dem bedrohlichen Feinde naher zu treten, der Sie verfolgt Haben Sie wahrend Ihres Aufenthalts in Sieghartshof nicht von dem Schicksal jenes unglucklichen Malers, jenes Leonhard Ettlinger gehort?" Kreislern durchfuhren die Schauer das unheimlichen Grauens, als der Abt diesen Namen nannte. Weggeloscht vom Antlitz war jede Spur jener bittern Ironie, die ihn zuvor erfasst, und er fragte mit dumpfer Stimme: "Ettlinger? Ettlinger? was soll mir der? was habe ich mit dem zu schaffen? Nie hab' ich ihn gekannt, nur ein Spiel erhitzter Phantasie war es, als ich einmal wahnte, er sprache zu mir herauf aus dem Wasser."
"Ruhig," sprach der Abt sanft und milde, indem er Kreislers Hand fasste, "ruhig, mein Sohn Johannes! Nichts hast du gemein mit jenem Unglucklichen, den die Verirrung einer zu machtig gewordenen Leidenschaft in das tiefste Verderben sturzte. Doch zum warnenden Beispiel mag dir sein entsetzliches Schicksal dienen. Mein Sohn Johannes! auf noch schlupfrigerem Wege befindest du dich als jener, drum entflieh entflieh! Hedwiga! Johannes! ein boser Traum halt die Prinzessin fest in Banden, die unaufloslich scheinen, wenn ein freier Geist sie nicht durchschneidet! Und du?"
Tausend Gedanken gingen auf in Kreisler bei diesen Worten des Abts. Er gewahrte, dass der Abt nicht allein mit allen Begebnissen des furstlichen Hauses zu Sieghartshof, sondern auch mit dem bekannt war, was sich dort wahrend seines Aufenthalts zugetragen. Klar wurd' es ihm, dass die krankhafte Reizbarkeit der Prinzessin wohl in seiner Annaherung eine Gefahr befurchten lassen, an die er gar nicht gedacht, und eben diese Furcht, wer anders konnte sie hegen und darum wunschen, dass er vom Schauplatz ganz abtrete, als die Benzon? Eben diese Benzon musste mit dem Abt in Verbindung stehen, von seinem (Kreislers) Aufenthalt in der Abtei unterrichtet sein, und so war sie die Triebfeder alles Beginnens des ehrwurdigen Herrn. Lebhaft gedachte er aller Momente, in denen die Prinzessin wirklich, wie von einer im Innern aufkeimenden Leidenschaft befangen, erschienen, aber, selbst wusste er nicht, warum bei dem Gedanken, dass er selbst der Gegenstand jener Leidenschaft sein konne, es ihn erfasste wie Gespensterfurcht. Es war ihm, als wolle eine fremde geistige Macht gewaltsam in sein Inneres dringen und ihm die Freiheit des Gedankens rauben. Prinzessin Hedwiga stand plotzlich vor ihm, starrte ihn an mit jenem seltsamen Blick, der ihr eigen, aber in dem Augenblick drohnte ein Pulsschlag ihm durch alle Nerven, wie damals, als er zum erstenmal der Prinzessin Hand beruhrte. Doch war ihm auch nun jene unheimliche Angst entnommen, er fuhlte eine elektrische Warme wohltatig sein Inneres durchgleiten, er sprach leise wie im Traum: "Kleiner schalkischer Raja torpedo, neckst du mich schon wieder und weisst doch, dass du nicht ungestraft verwunden darfst, da ich aus reiner Liebe zu dir Benediktinermonch geworden?"
Der Abt betrachtete den Kapellmeister mit durchbohrendem Blick, als wollte er sein ganzes Ich durchschauen, und begann dann ernst und feierlich: "Mit wem redest du, mein Sohn Johannes?"
Kreisler wurde aber wach aus seinen Traumen; es fiel ihm ein, dass der Abt, war er von allem, was sich in Sieghartshof zugetragen, unterrichtet, vor allen Dingen den weiteren Verlauf der Katastrophe, die ihn fortgetrieben, wissen musste, und wohl war ihm daran gelegen, mehr davon zu erfahren.
"Mit," erwiderte er dem Abt, skurril lachelnd, "mit niemanden anders sprach ich, hochehrwurdiger Herr, als, wie Sie ja vernommen haben, mit einer schalkischen Raja torpedo, die sich ganz unberufenerweise in unser vernunftiges Gesprach mischen und mich noch konfuser machen wollte, als ich es schon wirklich bin. Doch aus allem muss ich ja zu meinem grossen Leid gewahren, dass diverse Leute mich fur ebensolch einen grossen Narren halten als den seligen Hofportratisten Leonardus Ettlinger, der eine erhabene Person, die sich naturlicherweise aus ihm gar nichts machen konnte, nicht bloss malen wollte, sondern auch lieben, und zwar so ganz ordinar wie Hans seine Grete. O Gott! hab' ich es denn jemals an Respekt fehlen lassen, wenn ich die schonsten Akkorde griff zu schnoder Singefaselei! Habe ich jemals unziemliche oder grillenhafte Materien aufs Tapet zu bringen gewagt, von Entzucken und Schmerz, von Liebe und Hass, wenn der kleine furstliche Eigensinn sich seltsam gebarden in allerlei wunderbaren Gemutsergotzlichkeiten und ehrsame Leute vexieren wollte mit magnetischen Visionen? habe ich solches jemals getan? Sagt "
"Doch," unterbrach ihn der Abt, "doch sprachst du, mein Johannes, einst von der Liebe des Kunstlers "
Kreisler starrte den Abt an, dann rief er, indem er die Hande zusammenschlug und den Blick aufwarts richtete: "O Himmel! Das also! Schatzbare Leute," sprach er dann weiter, indem jenes skurrile Lacheln auf dem Antlitz wieder die Oberhand gewann und dabei die innere Wehmut die Stimme beinahe erstickte, "schatzbare Leute allzumal, habt ihr denn nicht jemals irgendwo, sei es auch auf ordinaren Brettern, den Prinzen Hamlet zu einem ehrlichen Mann, Guldenstern geheissen, sagen gehort: 'Ihr konnt mich zwar verstimmen, aber nicht auf mir spielen?' Wetter! das ist ja ganz mein Kasus! Warum belauscht ihr den harmlosen Kreisler, wenn der Wohllaut der Liebe, der in seiner Brust verschlossen, euch nur misstont? O Julia! "
Der Abt schien, plotzlich von etwas ganz Unerwartetem uberrascht, vergebens Worte zu suchen, wahrend Kreisler vor ihm stand und ganz verzuckt in das Feuermeer schaute, das im Abend emporgewogt.
Da erhoben sich die Glockentone von den Turmen der Abtei und zogen, wunderbare Stimmen des Himmels, durch das golden leuchtende Abendgewolk.
"Mit euch," rief Kreisler, indem er beide Arme weit ausbreitete, "mit euch will ich ziehen, ihr Akkorde! Von euch getragen, soll sich aller trostlose Schmerz emporrichten zu mir und sich selbst vernichten in meiner eignen Brust, und eure Stimmen sollen wie himmlische Friedensboten es verkunden, dass der Schmerz untergegangen in der Hoffnung, in der Sehnsucht der ewigen Liebe."
"Die Abendhora," sprach der Abt, "wird eingelautet, ich hore die Bruder kommen. Morgen, mein lieber Freund, sprechen wir vielleicht weiter von manchen Begebnissen in Sieghartshof."
"Ei," rief Kreisler, dem nun erst wieder einfiel, was er von dem Abt zu wissen verlangt, "ei, hochehrwurdiger Herr, ich will viel erfahren von lustiger Hochzeit und dergleichen! Prinz Hektor wird doch nun nicht zaudern, die Hand zu ergreifen, nach der er schon aus der Ferne gelangt? Dem herrlichen Brautigam ist doch nichts Arges widerfahren?"
Da verschwand alles Feierliche aus des Abts Antlitz, und er sprach mit dem gemutlichen Humor, der ihm sonst wohl eigen: "Nichts ist dem herrlichen Brautigam geschehen, mein ehrlicher Johannes, aber seinen Adjutanten soll im Walde eine Wespe gestochen haben." "Hoho," erwiderte Kreisler, "hoho! eine Wespe, die er mit Feuer und Dampf vertreiben wollte!"
Die Bruder traten in den Korridor und
(M. f. f.) bose Feind und sucht den guten Bissen einem ehrlichen harmlosen Kater recht vor dem Maule wegzuschnappen? Nicht lange dauerte es namlich, so erhielt unser gemutliche Verein auf dem Dache einen Stoss, der ihn erschutterte zum ganzlichen Verfall. Jener bose, alles katzliche Behagen verstorende Feind erschien uns namlich in der Gestalt eines gewaltigen wutenden Philisters, namens Achilles. Mit seinem homerischen Namensvetter war er in weniger Hinsicht zu vergleichen, man musste denn annehmen, dass des letzteren Heldentum vorzuglich auch in einer gewissen unbehilflichen Tappigkeit und in groben topfhohlen Redensarten bestanden. Achilles war eigentlich ein gemeiner Fleischerhund, stand aber in Diensten als Hofhund, und der Herr, bei dem er in Dienst getreten, hatte ihn, um sein Attachement an das Haus zu befestigen, anketten lassen, so dass er nur des Nachts frei umherlaufen konnte. Mancher von uns bedauerte ihn sehr, trotz seines unleidlichen Wesens, er aber liess sich den Verlust seiner Freiheit gar nicht zu Herzen gehen, da er toricht genug war, zu vermeinen, die schwer lastende Kette gereiche ihm zur Ehre und Zierde. Achilles fand sich nun zu seinem nicht geringen Verdruss durch unsere Konvivia in der Nacht, wenn er umherlaufen und das Haus beschutzen sollte gegen jede Unbill, im Schlafe gestort und drohte uns als Ruhestorern Tod und Verderben. Da er aber seiner Unbehilflichkeit halber nicht einmal auf den Boden, geschweige denn auf das Dach kommen konnte, so machten wir uns aus seinen Drohungen auch nicht das allermindeste, sondern trieben unser Wesen so nach- wie vorher. Achilles nahm andere Massregeln; er begann den Angriff gegen uns, wie ein guter General manche Schlacht, mit verdeckten Angriffen und dann mit offenbarer Plankelei.
Verschiedene Spitze, denen Achilles zuweilen die Ehre antat, mit ihnen zu spielen, indem er sie mit seinen ungeschickten Tatzen handhabte, mussten namlich auf sein Geheiss, sobald wir unsern Gesang begannen, dermassen bestialisch bellen, dass wir keine vernunftige Note verstehen konnten! Noch mehr! Bis auf den Dachboden drangen einige dieser Philisterknechte und trieben, ohne sich mit uns, wenn wir ihnen die Krallen zeigten, auf irgendeinen offnen ehrlichen Kampf einlassen zu wollen, solch einen furchterlichen Larm mit Schreien und Bellen, dass, wurde erst nur der Hofhund in seinem Schlaf gestort, jetzt der Herr des Hauses selbst kein Auge zudrucken konnte und, da der Zeterspektakel gar nicht enden wollte, die Hetzpeitsche ergriff, um die Tumultuanten uber seinem Haupte zu vertreiben.
O Kater, der du dieses liesest, ist dir, tragst du wahren mannlichen Sinn in der Brust, hellen Verstand im Kopf, hast du keine verwohnten Ohren, ist dir, sage ich, denn jemals etwas abscheulicher, widriger, verhasster und dabei erbarmlicher vorgekommen als das kreischende, gellende, durch alle Tonarten dissonierende Gebelle in Harnisch geratener Spitze? Diese kleinen wedelnden, schmatzenden, sich niedlich gebardenden Kreaturen, nimm dich fur sie in acht, Kater! trau' ihnen nicht. Glaube mir, eines Spitzes Freundlichkeit ist gefahrlicher als die hervorgestreckte Kralle des Tigers! Schweigen wir von bittren Erfahrungen, die wir in dieser Hinsicht leider! nur zu oft gemacht, und kehren wir zuruck zu dem ferneren Verlauf unsrer Geschichte.
Also wie gesagt, der Herr ergriff die Peitsche, um die Tumultuanten vom Boden zu vertreiben. Was aber geschah? die Spitze schwanzwedelten dem erzurnten Herrn entgegen, leckten ihm die Fusse und stellten ihm vor, wie aller Zeterlarm nur seiner Ruhe wegen erhoben, unerachtet er eben dadurch aus aller behaglichen Ruhe gekommen. Gebellt hatten sie bloss, um uns, die wir allerlei unduldsamen Unfug trieben auf dem Dache mit Singen von Liedern in allzu hell klingenden Tonarten u.d., zu verjagen. Der Herr liess sich leider durch der Spitze geschwatzige Beredsamkeit um so mehr dahin bringen, alles zu glauben, als der Hofhund, den er darum zu befragen nicht unterliess, in dem bittern Hass, den er wider uns im Innern trug, es bestatigte. Uns traf nun die Verfolgung! Uberall wurden wir vertrieben, von Hausknechten mit Besenstielen, mit geworfenen Dachziegeln, ja! uberall waren Schlingen und Fuchseisen aufgestellt, in die wir uns verfangen sollten und leider! wirklich verfingen. Selbst mein lieber Freund Muzius fiel ins Malheur, das heisst in ein Fuchseisen, welches ihm die rechte Hinterpfote jammerlich zerquetschte!
So war es um unser frohliches Zusammenleben geschehen, und ich kehrte zuruck unter den Ofen des Meisters, beweinend in tiefer Einsamkeit das Schicksal meiner unglucklichen Freunde.
Eines Tages trat Herr Lothario, der Professor der Asthetik, in meines Herrn Zimmer, und hinter ihm her sprang Ponto hinein.
Gar nicht zu sagen vermag ich, welch ein unangenehmes unheimliches Gefuhl mir Pontos Anblick verursachte. War er auch geradezu selbst weder Hofhund noch Spitz, so gehorte er doch zu dem Geschlecht, dessen uble feindselige Gesinnung mein Leben in der lustigen Katzburschen-Gesellschaft verstort hatte, und schon deshalb mir mitsamt aller Freundschaft, die er mir erwiesen, dennoch zweideutig. Ubendem schien mir in Pontos Blick, in seinem ganzen Wesen etwas Ubermutiges, Verhohnendes zu liegen, und ich beschloss daher, ihn lieber gar nicht zu sprechen. Leise, leise schlich ich weg von meinem Kissen und war mit einem Satz im Ofen, dessen Ture gerade offen stand, die ich hinter mir anzog.
Herr Lothario sprach nun mit dem Meister so manches, was meine Teilnahme um so weniger erregte, als ich meine ganze Aufmerksamkeit auf den jungen Ponto gerichtet hatte, der, nachdem er, recht stutzermassig ein Liedchen trallernd, im Zimmer herumgetanzelt, auf die Fensterbank gesprungen war, zum Fenster hinausschaute und, wie es Fanfarons zu tun pflegen, jeden Augenblick vorubergehenden Bekannten zunickte, auch wohl gar ein wenig blaffte, gewiss um die Blicke vorubergehender Schonen seines Geschlechts auf sich zu ziehen. An mich schien der Leichtsinnige gar nicht zu denken, und unerachtet ich, wie gesagt, ihn gar nicht zu sprechen wunschte, so war es mir doch gar nicht recht, dass er nicht nach mir fragte, gar keine Notiz von mir nahm.
Ganz anderer und, wie es mich bedunken wollte, viel artigerer und vernunftigerer Gesinnung war der asthetische Professor, Herr Lothario, der, nachdem er sich uberall im Zimmer nach mir umhergeschaut, zu dem Meister sprach: "Aber wo ist denn Euer vortrefflicher Monsieur Murr!" - .
Es gibt fur einen ehrlichen Katzburschen keine schnodere Benennung als das fatale Wort: Monsieur, indessen muss man von Asthetikern in der Welt viel leiden, und so verzieh ich dem Professor die Unbill.
Meister Abraham versicherte, dass ich seit einiger Zeit meine eignen Gange gehabt und vorzuglich nachts selten zu Hause gewesen, wovon ich denn mude und ermattet geschienen. Soeben habe ich auf dem Kissen gelegen, und er wisse in der Tat nicht, wohin ich eben jetzt so schnell verschwunden.
"Ich vermute," sprach der Professor weiter, "ich vermute fast, Meister Abraham, dass euer Murr Doch ist er auch hier irgendwo versteckt und lauscht? Lasst uns doch einmal ein wenig nachsehen."
Leise zog ich mich in den Hintergrund des Ofens, aber man kann denken, wie ich die Ohren spitzte, da nun von mir die Rede. Der Professor hatte vergebens alle Winkel durchsucht zu nicht geringer Verwunderung des Meisters, der lachend rief: "In der Tat, Professor, Ihr tut meinem Murr unglaubliche Ehre an!"
"Hoho," erwiderte der Professor, "der Verdacht, den ich gegen Euch, Meister, hege wegen des padagogischen Experiments, vermoge dessen ein Kater zum Dichter und Schriftsteller wurde, kommt mir nicht aus der Seele. Gedenkt Ihr nicht mehr des Sonetts, der Glosse, die mein Ponto Euerm Murr recht unter den Pfoten weggeraubt? Doch dem sei, wie ihm wolle, ich nutze Murrs Abwesenheit, um Euch eine schlimme Vermutung mitzuteilen und Euch recht dringend zu empfehlen, achtsam zu sein auf Murrs Betragen. Sowenig ich mich sonst um Katzen bekummere, doch ist es mir nicht entgangen, dass manche Kater, die sonst ganz artig und manierlich waren, jetzt plotzlich ein Wesen annehmen, das gegen alle Sitte und Ordnung groblich anstosst.
Statt wie sonst sich demutig zu biegen und zu schmiegen, stolzieren sie trotzig daher und scheuen sich gar nicht, durch funkelnde Blicke, durch zorniges Knurren ihre ursprungliche wilde Natur zu verraten, auch wohl gar die Krallen zu zeigen. Sowenig sie auf ein bescheidenes stilles Betragen achten, ebenso wenig ist ihnen daran gelegen, was das Aussere betrifft, als gesittete Weltleute zu erscheinen. Da ist an kein Putzen dies Bartes, an kein Glanzendlecken des Fells, an kein Abbeissen der zu lang gewordenen Krallen zu denken; zottig und rauh mit struppigem Schweif rennen sie daher, allen gebildeten Katzen ein Greuel und Abscheu. Was aber vorzuglich tadelnswert erscheint und nicht geduldet werden darf, sind die heimlichen Zusammenkunfte, die sie zur Nachtzeit halten und dabei ein tolles Wesen treiben, welches sie Gesang nennen, unerachtet dabei nichts vernehmbar als ein widersinniges Geschrei, dem es an schicklichem Takt, ordnungsmassiger Melodie und Harmonie ganzlich mangelt. Ich furchte, ich furchte, Meister Abraham, dass Euer Murr sich auf die schlechte Seite gelegt hat und teilnimmt an jenen unanstandigen Belustigungen, die ihm nichts einbringen konnen als tuchtige Prugel. Es sollte mir leid tun, wenn alle Muhe, die Ihr auf den kleinen Grauen verwandt, umsonst ware und er sich trotz aller Wissenschaft zu dem gewohnlichen wusten Treiben gemeiner liederlicher Kater herabliesse." Als ich mich, meinen guten Muzius, meine hochherzigen Bruder verkannt sah auf so schnode Weise, entfloh mir unwillkurlich ein Schmerzenslaut. "Was war das?" rief der Professor, "ich glaube gar, Murr sitzt doch versteckt im Zimmer! Ponto! Allons! Such', such'!" Mit einem Satz war Ponto herunter von der Fensterbank und schnuffelte im Zimmer umher. Vor der Ofenture blieb er stehen, knurrte, bellte, sprang herauf. "Er ist im Ofen, das hat keinen Zweifel!" So sprach der Meister und offnete die Ture. Ich blieb ruhig sitzen und blickte den Meister mit klaren glanzenden Augen an. "Wahrhaftig," rief der Meister, "wahrhaftig, da sitzt er ganz hinten im Ofen. Nun? bequemt Er sich hervorzukommen? Ob Er heraus will!"
Sowenig ich auch Lust hatte, meinen Versteck zu verlassen, so musste ich doch wohl dem Befehl des Meisters gehorchen, wollte ich es nicht auf Gewalt gegen mich ankommen lassen und dabei den kurzeren ziehen. Langsam kroch ich daher hervor. Kaum war ich aber an das Tageslicht gekommen, als beide, der Professor und der Kleister, laut riefen: "Murr! Murr! wie siehst du aus! Was sind das fur Streiche!"
Freilich war ich uber und uber voller Asche, und kam noch hinzu, dass wirklich mein Ausseres seit einiger Zeit merklich gelitten, so dass ich mich in der Schilderung, die der Professor von schismatischen Katern gemacht, wiedererkennen musste, so konnte ich mir freilich die erbarmliche Figur, in der ich erschien, wohl denken. Verglich ich nun eben meine erbarmliche Figur mit der meines Freundes Ponto, der in seinem stattlichen, glanzenden, schon gekrauselten Pelz in der Tat ganz hubsch anzusehen, so erfullte mich tiefe Scham, und ich kroch still und betrubt in den Winkel.
"Ist das," rief der Professor, "ist das der gescheite sittige Kater Murr? der elegante Schriftsteller, der geistreiche Dichter, der Sonette schreibt und Glossen? Nein, das ist ein ganz gemeiner Katz, der sich in Kuchen auf den Herden herumtreibt und sich auf sonst weiter nichts versteht, als Mause zu fangen in Kellern und auf Boden! Hoho! sag' mir doch, mein sittiges Vieh, ob du bald zu promovieren verlangst oder gar das Katheder zu besteigen als Professor der Asthetik? In der Tat, ein netter Doktorhabit, in den du dich geworfen!"
So ging es fort in verhohnenden Redensarten; was konnt' ich tun, als, wie es bei derlei Fallen, namlich wenn ich ausgehunzt wurde, meine Sitte war, die Ohren dicht ankneifen an den Kopf.
Beide, der Professor und der Meister, schlugen zuletzt eine helle Lache auf, die mir das Herz durchbohrte. Beinahe noch empfindlicher war mir aber Pontos Betragen. Nicht allein dass er durch Mienen und Gebarden den Hohn seines Herrn teilte, so bewies er auch durch allerlei Seitensprunge offenbar seine Scheu, sich mir zu nahen, wahrscheinlich furchtete er seinen schonen reinen Pelz zu beschmutzen. Es ist nichts Geringes fur einen Kater, der sich solcher Vortrefflichkeit bewusst ist als ich, von einem stutzerhaften Pudel dergleichen Verachtung dulden zu mussen.
Der Professor geriet nun mit dem Meister in ein weitlauftiges Gesprach, das sich nicht auf mich und auf mein Geschlecht zu beziehen schien, und von dem ich eigentlich wenig verstand. Doch so viel vernahm ich wohl, dass davon die Rede war, ob es besser sei, dem oftmals wirren ungezugelten Treiben exaltierter Jugend mit offner Gewalt entgegenzutreten oder es nur einzugrenzen auf geschickte unbemerkbare Weise und Raum zu geben der eignen Erkenntnis, in der sich jenes Treiben alsbald selbst vernichtet. Der Professor war fur die offne Gewalt, da die Gestaltung der Dinge zum aussern Wohl es fordere, dass jeder Mensch, alles Widerstrebens unerachtet, so zeitig als moglich in die Form gepresst werde, wie sie durch das Verhaltnis aller einzelnen Teile zum Ganzen bedingt werde, da sonst sogleich eine verderbliche Monstrositat entstehe, die allerlei Unheil verursachen konne. Der Professor sprach dabei etwas von Pereatbringen und Fenstereinwerfen, welches ich aber durchaus nicht verstand. Der Meister meinte dagegen, dass es mit jugendlichen exaltierten Gemutern so gehe wie mit den Partiell-Wahnsinnigen, die der offne Widerstand immer wahnsinniger mache, wogegen die selbst errungene Erkenntnis des Irrtums radikal heile und nie einen Ruckfall befurchten lasse.
"Nun," rief der Professor endlich, indem er aufstand und Stock und Hut ergriff, "nun, Meister, was die offne Gewalt gegen exaltiertes Treiben betrifft, so werdet Ihr mir doch insofern recht geben, dass sie da schonungslos eintreten muss, wenn jenes Treiben verstorend hineingreift in das Leben, und so ist es, um wieder auf Euren Kater Murr zuruckzukommen, denn doch recht gut, dass, wie ich hore, tuchtige Spitze die verwunschten Kater auseinandergetrieben haben, die so bestialisch sangen und dabei Wunder sich grosse Virtuosen dankten."
"Wie man es nimmt," erwiderte der Meister, "hatte man sie singen lassen, vielleicht waren sie das geworden, was sie sich irrtumlicherweise schon zu sein dunkten, namlich in der Tat gute Virtuosen, statt dass sie jetzt vielleicht an der wahren Virtuositat zweifeln ganz und gar."
Der Professor empfahl sich, Ponto sprang hinterdrein, ohne mich einmal, wie er doch sonst mit vieler Freundlichkeit getan, eines Abschiedsgrusses zu wurdigen.
"Ich," wandte sich nun der Meister zu mir, "ich bin selbst bisher unzufrieden gewesen mit deinem Betragen, Murr, und es ist Zeit, dass du einmal wieder ordentlich und vernunftig wirst, damit du wieder zu besserm Rufe gelangest, als in dem du jetzt zu stehen scheinst. Ware es moglich, dass du mich ganz verstundest, so wurde ich dir raten, immer still, freundlich zu sein, und alles, was du beginnen magst, ohne alles Gerausch zu vollbringen, denn auf diese Weise erhalt man sich den guten Ruf am besten. Ja, ich wurde dir als Beispiel zwei Leute zeigen, von denen der eine jeden Tag still fur sich allein im Winkel sitzt und so lange eine Flasche Wein nach der andern trinkt, bis er in vollig trunknen Zustand gerat, den er aber vermoge langer praktischer Ubung so gut zu verbergen weiss, dass ihn niemand ahnet. Der andere trinkt dagegen nur dann und wann in Gesellschaft frohlicher gemutlicher Freunde ein Glas Wein; das Getrank macht ihm Herz und Zunge frei, er spricht, indem seine Laune steigt, viel und eifrig, doch ohne Sitte und Anstand zu verletzen, und eben ihn nennt die Welt einen leidenschaftlichen Weintrinker, wahrend jener geheime Trunkenbold fur einen stillen massigen Mann gilt. Ach, mein guter Kater Murr! Kenntest du den Lauf der Welt, so wurdest du einsehen, dass ein Philister, der stets die Fuhlhorner einzieht, es am besten hat. Aber wie kannst du wissen, was ein Philister ist, unerachtet es wohl in deinem Geschlecht auch dergleichen genug geben mag."
Bei diesen Worten des Meisters konnte ich mich im Bewusstsein der vortrefflichen Katerkenntnis, die ich mir durch des wackern Muzius Belehrungen sowohl als durch eigne Erfahrung erworben, eines lauten freudigen Prustens und Knurrens nicht erwehren.
"Ei," rief der Meister laut lachend, "ei, Murr, mein Kater! ich glaube gar, du verstehst mich, und der Professor hat recht, der in dir einen besondern Verstand entdeckt haben will und dich gar furchtet als seinen asthetischen Nebenbuhler?"
Zur Bestatigung, dass dem wirklich so sei, gab ich ein sehr klares, wohltonendes Miau von mir und sprang ohne weiteres dem Meister auf den Schoss. Nicht bedacht hatte ich indessen, dass der Meister gerade seinen Staatsschlafrock von gelbem, grossgeblumtem, seidenem Zeuge angezogen, den ich notwendigerweise beschmutzen musste. Mit einem zornigen: "Will Er wohl!" schleuderte der Meister mich so heftig von sich, dass ich uberpurzelte und, ganz erschrocken die Ohren unkneifend, die Augen zudrukkend, niederduckte auf den Fussboden. Gepriesen sei aber die Gutmutigkeit meines guten Meisters! "Nun," sprach er freundlich, "nun, nun, Murr, mein Kater! so bose war es nicht gemeint! Ich weiss es, deine Absicht war gut, du wolltest mir deine Zuneigung beweisen, aber das tatst du auf tappische Weise, und geschieht dieses, so fragt man freilich den Henker was nach der Absicht! Nun, komm nur her, kleiner Ascherling, ich muss dich putzen, damit du wieder aussiehst wie ein honetter Kater!"
Damit warf der Meister den Schlafrock ab, nahm mich in die Arme und liess es sich nicht verdriessen, mir mit einer weichen Burste den Pelz rein zu bursten und dann die Haare mit einem kleinen Kamm glanzend zu kammen.
Als die Toilette geendet und ich bei dem Spiegel voruber spazierte, erstaunte ich selbst, wie ich so plotzlich ein ganz anderer Kater worden. Ich konnt es gar nicht unterlassen, mich selbst behaglich anzuschnurren, so schon kam ich mir vor, und nicht leugnen mag ich, dass in dem Augenblick sich grosse Zweifel gegen die Anstandigkeit und Nutzlichkeit des Burschenklubs in mir regten. Dass ich in den Ofen gekrochen, schien mir ein wahrer Barbarismus, den ich nur einer Art Verwilderung zuschreiben konnte, und nicht einmal notig war daher die Warnung des Meisters, der mir zurief: "Dass Er mir nur nicht wieder in den Ofen kriecht!"
In der folgenden Nacht war es mir, als vernehme ich an der Ture ein leises Kratzen und ein furchtsames Miau! das mir sehr bekannt vorkam. Ich schlich heran und fragte, wer da sei. Da erwiderte (ich erkannte ihn sogleich an der Stimme) der wackre Senior Puff: "Ich bin es, trauter Bruder Murr, und habe dir eine hochst betrubte Nachricht zu bringen!" O Himmel, was
(Mak. Bl.)" grosses Unrecht getan, meine liebe susse Freundin. Nein! mehr bist du mir als das, meine treue Schwester! Ich habe dich nicht genug geliebt, dir nicht genug vertraut. Erst jetzt offnet sich dir meine ganze Brust, erst jetzt, da ich weiss "
Die Prinzessin stockte, ein Tranenstrom sturzte ihr aus den Augen, aufs neue druckte sie Julien zartlich an ihr Herz.
"Hedwiga," sprach Julie sanft, "hast du mich denn nicht sonst mit ganzer Seele geliebt, trugst du denn jemals Geheimnisse in dir, die du mir nicht vertrauen wolltest? Was weisst du, was hast du erst jetzt erfahren? Doch nein, nein! Kein Wort weiter, bis diese Pulse wieder ruhig schlagen, bis diese Augen nicht mehr so duster gluhen."
"Ich weiss nicht," erwiderte die Prinzessin, plotzlich zur Empfindlichkeit gereizt, "ich weiss nicht, was ihr alle wollt. Krank soll ich noch sein, und nie fuhlte ich mich kraftiger, gesunder. Der seltsame Zufall, der mich traf, hat euch erschreckt, und doch mag es sein, dass solche elektrische Schlage, die den ganzen Organismus des Lebens ins Stocken bringen, mir gerade notig und nutzlicher sind als alle Mittel, die eine blode durftige Kunst in ungluckseliger Selbsttauschung darbietet. Wie er mir fatal ist, dieser Leibarzt, der die menschliche Natur zu handhaben vermeint wie ein Uhrwerk, das man abstauben, aufziehen muss! Grauenhaft ist er mir mit seinen Tropfen, mit seinen Essenzen. Von diesen Dingen soll mein Wohl abhangig sein? So ware ja das Leben hienieden eine entsetzliche Neckerei des Weltgeistes."
"Und," unterbrach Julie die Prinzessin, "und eben diese Uberspannung ist der Beweis, dass du noch krank bist, meine Hedwiga, und dich viel mehr schonen solltest, als du es wirklich tust."
"Auch du willst mir weh tun!" So rief die Prinzessin, sprang hastig auf und eilte ans Fenster, das sie offnete und hinausschaute in den Park. Julie folgte ihr nach, umschlang sie mit einem Arm und bat mit der zartlichsten Wehmut, dass sie doch wenigstens den rauhen Herbstwind scheuen und sich die Ruhe gonnen moge, die der Leibarzt fur so heilsam geachtet. Die Prinzessin erwiderte indessen, dass sie sich gerade durch den kalten Luftzug, der zum Fenster hineinstrome, erquickt und gestarkt fuhle.
Recht aus dem innigsten Gemut heraus sprach nun Julia von der letztvergangenen Zeit, in der ein finstrer bedrohlicher Geist gewaltet, und wie sie alle innere Kraft aufbieten mussen, um nicht verstort zu werden von so mancher Erscheinung, die ihr ein Gefuhl erregt, dem sie kein anderes gleichstellen konne als die wahre totende Gespensterfurcht. Dahin rechnete sie vorzuglich den geheimnisvollen Zwiespalt, der sich zwischen dem Prinzen Hektor und Kreisler erhoben, und der das Entsetzlichste ahnen lassen, denn nur zu gewiss sei es, dass der arme Johannes fallen sollen von der Hand des rachsuchtigen Italieners und nur, wie Meister Abraham versichere, durch ein Wunder gerettet worden.
"Und," so sprach Julia, "und dieser furchtbare Mann, er sollte dein Gemahl werden? Nein nimmermehr! Dank der ewigen Macht! du bist gerettet! Niemals kehrt er zuruck. Nicht wahr, Hedwiga? Niemals!"
"Niemals!" erwiderte die Prinzessin mit dumpfer, kaum vernehmbarer Stimme. Dann seufzte sie auf aus tiefer Brust und sprach leise weiter wie im Traume: "Ja, dieses reine Himmelsfeuer soll nur leuchten und warmen, ohne mit verderblichen Flammen zu vernichten, und aus der Seele des Kunstlers leuchtet die zum Leben gestaltete Ahnung sie selbst seine Liebe hervor! So sprachst du hier an dieser Stelle."
"Wer," rief Julia ganz besturzt, "wer sprach so? An wen dachtest du, Hedwiga?"
Die Prinzessin fuhr mit der Hand uber die Stirne, als musse sie sich besinnen auf die Gegenwart, der sie entruckt. Dann wankte sie, von Julien unterstutzt, zum Sofa, auf dem sie sich ganz erschopft niederliess. Julia, um die Prinzessin besorgt, wollte die Kammerfrauen herbeirufen, Hedwiga zog sie aber sanft nieder auf den Sofa, indem sie leise lispelte: "Nein, Madchen! Du, du allein sollst bei mir bleiben, glaube ja nicht, dass mich etwa Krankheit erfasst. Nein, es war der Gedanke der hochsten Seligkeit, der zu machtig wurde, der diese Brust zersprengen Wollte, und dessen Himmelsentzucken sich gestaltete wie totender Schmerz. Bleibe bei mir, Madchen, du weisst es selbst nicht, welch einen wunderbaren Zauber du uber mich zu uben vermagst! Lass mich schauen in deine Seele wie in einen klaren reinen Spiegel, damit ich mich selbst nur wiedererkenne! Julia! oft ist es mir, als kame die Begeisterung des Himmels uber dich, und die Worte, die wie Liebeshauch uber deine sussen Lippen stromten, waren trostreiche Prophezeiung. Julia! Madchen, bleibe bei mir, verlasse mich nie nie!"
Damit sank die Prinzessin, indem sie Julias Hande festhielt, mit geschlossenen Augen zuruck in den Sofa.
Wohl war Julia an Augenblicke gewohnt, in denen Hedwiga geistig krankhafter Uberspannung erlag, doch fremd, ganz fremd und ratselhaft war ihr der Paroxysmus, wie er sich eben jetzt zeigte. Sonst war es eine leidenschaftliche Verbitterung, die, erzeugt von dem Missverhaltnis des innern Gefuhls mit der Gestaltung des Lebens, beinahe bis zum Gehassigen sich steigernd, Julias kindliches Gemut verletzte. Jetzt schien Hedwiga, wie sonst niemals, ganz aufgelost in Schmerz und namenloser Wehmut, und dieser trostlose Zustand ruhrte Julien in eben dem Grade, als ihre Angst stieg um die geliebte Freundin.
"Hedwiga," rief sie, "meine Hedwiga, ich verlasse dich ja nicht, kein treueres Herz neigt sich zu dir als das meinige, aber sprich, o sprich doch nur, vertraue mir doch nur, welch eine Qual dein Inneres zerreisst? Mit dir will ich klagen, mit dir will ich weinen!"
Da verbreitete sich ein seltsames Lacheln auf Hedwigas Antlitz, ein sanftes Rot schimmerte auf den Wangen, und ohne die Augen zu offnen, lispelte sie leise: "Nicht wahr, Julia, du bist nicht in Liebe?"
Seltsam fuhlte sich Julia von dieser Frage der Prinzessin getroffen, als durchbebe sie ein jaher Schreck.
In welches Madchens Brust regen sich nicht Ahnungen einer Leidenschaft, die das Hauptbedingnis scheint seiner Existenz, denn nur das liebende Weib ist dies ganz. Doch ein reiner, kindlicher, frommer Sinn lasst diese Ahnungen ruhen, ohne weiter zu forschen, ohne im lusternen Vorwitz das susse Geheimnis enthullen zu wollen, das nur in dem Moment aufgeht, den eine dunkle Sehnsucht verheissen. So war es mit Julia, die plotzlich ausgesprochen horte, was sie zu denken nicht gewagt, und geangstigt, als zeihe man sie einer Sunde, der sie selbst nicht klar sich bewusst, ihr eignes Innres ganz zu durchschauen sich muhte.
"Julia," wiederholte die Prinzessin, "du liebst nicht? sage es mir! sei aufrichtig."
"Wie sonderbar," erwiderte Julia, "wie seltsam du mich fragst, was kann, was soll ich dir antworten?"
"Sprich, o sprich," flehte die Prinzessin. Da ward es sonnenhell in Julias Seele, und sie fand Worte, das auszusprechen, was sie deutlich erblickte in ihrem eignen Innern.
"Was," so begann Julia sehr ernst und gefasst, "was geht vor in deinem Gemut, Hedwiga, indem du mich so fragst? Was ist dir die Liebe, von der du sprichst? Nicht wahr, man soll sich hingezogen fuhlen zu dem Geliebten mit solcher unwiderstehlichen Macht, dass man nur ist, nur lebt in dem Gedanken an ihn, dass man sein ganzes Ich aufgibt um ihn, dass er allein uns alles Sehnen, alles Hoffen, alles Verlangen, die ganze Welt dunkt? Und diese Leidenschaft soll die hochste Stufe der Seligkeit gewahren? Mich schwindelt's vor dieser Hohe, denn dem Blick herab gahnt der bodenlose Abgrund mit allen Schrecknissen des rettungslosen Verderbens entgegen. Nein, Hedwiga, diese Liebe, die ebenso entsetzlich ist als sundhaft, hat dies Gemut nicht erfasst, und fest will ich halten an dem Glauben, dass es ewig rein, ewig davon frei bleiben wird. Doch wohl mag es sich begeben, dass ein Mann vor allen ubrigen in uns die hochste Achtung, ja, bei der mannlich eminenten Kraft seines Geistes wahre Bewunderung erregt. Doch noch mehr als das, wir fuhlen uns in seiner Nahe von einem gewissen gemutlichen Wohlbehagen geheimnisvoll durchstromt, erhoben uber uns selbst, es scheint, als wenn unser Geist dann erst recht erwache, als wenn uns das Leben dann erst recht leuchte, und so sind wir froh, wenn er kommt, und traurig, wenn er geht. Nennst du dieses Liebe? Nun, warum sollte ich es dir nicht gestehen, dass unser verlorne Kreisler mir dies Gefuhl erweckt hat, und dass ich ihn schmerzlich vermisse."
"Julia," rief die Prinzessin, plotzlich auffahrend und Julien mit gluhendem Blick durchbohrend, "Julia, kannst du ihn dir denken in den Armen einer andern, ohne zu vergehn in namenloser Qual?"
Hoch errotete Julia, und mit einem Ton, der erkennen liess, wie sehr sie sich verletzt fuhlte, erwiderte sie: "Nie habe ich ihn mir gedacht in meinen Armen!"
"Ha! du liebst ihn nicht du liebst ihn nicht!" so schrie die Prinzessin gellend auf und sank dann wieder zuruck in dem Sofa!
"O," sprach Julie, "o, dass er wiederkehrte! Rein und schuldlos ist das Gefuhl, das ich fur den teuern Mann hege in dieser Brust, und sehe ich ihn niemals wieder, so wird der Gedanke an ihn, den Unvergesslichen, in mein Leben hineinleuchten wie ein schoner heller Stern. Doch gewiss, er kehrt zuruck! Denn wie kann "
"Niemals," unterbrach die Prinzessin Julien mit schroffem schneidendem Ton, "niemals kann, darf er wiederkehren, denn wie man vernimmt, befindet er sich in der Abtei Kanzheim und wird, sich der Welt entziehend, in den Orden des heiligen Benedikt treten."
Julien kamen die hellen Tranen in die Augen, sie stand schweigend auf und begab sich an das Fenster.
"Deine Mutter," fuhr die Prinzessin fort, "deine Mutter hat recht, ganz recht. Wohl uns, dass er fort ist, dieser Wahnsinnige, der sich wie ein boser Geist eindrangte in unseres Herzens Rat, der uns in unserm eignen Innern zu zerreissen wusste. Und die Musik war das Zaubermittel, mit dem er uns umstrickte. Nie mag ich ihn wiedersehen."
Dolchstiche waren fur Julien die Worte der Prinzessin, sie griff nach Hut und Shawl.
"Du willst," rief die Prinzessin, "du willst mich verlassen, meine susse Freundin? Bleibe bleibe troste mich, wenn du kannst! Unheimliches Grauen geht durch diese Sale, durch den Park! denn wisse " Damit fuhrte Hedwiga Julien an das Fenster, zeigte nach dem Pavillon hin, in dem der Adjutant des Prinzen Hektor gewohnt hatte, und begann mit dumpfer Stimme: "Schau' dort hin, Julia, jene Mauern verbergen ein bedrohliches Geheimnis; der Kastellan, die Gartner beteuern, dass seit der Abreise des Prinzen niemand dort wohne, dass die Ture fest verschlossen, und doch O schau' nur hin Schau' nur hin! siehst du es nicht, am Fenster?"
In der Tat gewahrte Julia an dem Fenster, das in dem Giebel des Pavillons angebracht war, eine dunkle Gestalt, die in demselben Augenblick wieder schnell verschwand.
Hier durfe, meinte Julia, indem sie fuhlte, wie Hedwigas Hand krampfhaft in der ihrigen bebte, von einem bedrohlichen Geheimnis oder gar von etwas Gespenstischem durchaus nicht die Rede sein, da es nur zu leicht moglich, dass irgend jemand von der Dienerschaft den leeren Pavillon unbefugterweise benutze. Der Pavillon konne ja augenblicklich durchsucht und so auf der Stelle aufgeklart werden, was es mit der Gestalt, die sich am Fenster blicken lasse, fur eine Bewandtnis habe; die Prinzessin versicherte aber dagegen, dass der alte treue Kastellan dies langst auf ihren Wunsch getan und beteuert, dass er in dem ganzen Pavillon auch nicht die Spur eines menschlichen Wesens gefunden.
"Lass es," sprach die Prinzessin, "lass es dir erzahlen, was sich vor drei Nachten begab! Du weisst, dass mich oft der Schlaf flieht, und dass ich dann aufzustehen und so lange durch die Zimmer zu wandeln pflege, bis mich eine Mudigkeit uberfallt, der ich mich uberlasse und es wirklich zum Einschlafen bringe. So geschah es, dass mich vor drei Nachten Schlaflosigkeit in dies Zimmer trieb. Plotzlich zitterte der Widerschein eines Lichts an der Wand voruber, ich schaute durch das Fenster und gewahrte vier Manner, von denen einer eine Blendlaterne trug, und die in der Gegend des Pavillons verschwanden, ohne dass ich bemerken konnte, ob sie wirklich hineingingen in den Pavillon. Nicht lange dauerte es aber, so wurde eben jenes Fenster hell, und Schatten huschten inwendig hin und her. Dann wurde es wieder finster, aber durch das Gebusch strahlte nun bald ein blendender Schimmer, der aus der Ture des geoffneten Pavillons kommen musste. Immer mehr naherte sich der Schein, bis endlich aus dem Gebusch ein Benediktinermonch hinaustrat, der in der linken Hand eine Fackel, in der rechten aber ein Kruzifix trug. Ihm folgten vier Manner, eine mit schwarzen Tuchern behangte Bahre auf den Schultern. Nur einige Schritte waren sie gezogen, als ihnen eine in einen weiten Mantel eingehullte Gestalt entgegentrat. Sie standen still, setzten die Bahre nieder, die Gestalt zog die Tucher weg, und ein Leichnam wurde sichtbar. Mir wollten die Sinne vergehn, kaum gewahrte ich noch, dass die Manner die Bahre aufhoben und dem Monch schnell nacheilten auf dem breiten Seitenwege, der bald zum Park hinausfuhrt auf die Strasse nach der Abtei Kanzheim. Seit dieser Zeit lasst sich jene Gestalt am Fenster sehen, und vielleicht ist es der Spuk eines Ermordeten, der mich angstigt."
Julia war geneigt, den ganzen Vorgang, wie ihn Hedwiga erzahlte, fur einen Traum oder, stand sie in der Tat wach am Fenster, fur das tauschende Spiel der aufgeregten Sinne zu halten. Wer sollte, wer konnte der Tote sein, den man unter solchen geheimnisvollen Umstanden aus dem Pavillon forttrug, da niemand vermisst worden, und wer mochte daran glauben, dass dieser unbekannte Tote noch spuken solle in der Behausung, aus der man ihn fortgebracht? Julia ausserte dieses alles der Prinzessin und fugte noch hinzu, dass jene Erscheinung am Fenster auch wohl auf optischer Illusion beruhen, auch wohl gar ein Scherz des alten Magikers, Meister Abraham, sein konne, der ja oft sein Wesen treibe mit solchem Spiel und vielleicht dem leeren Pavillon einen gespenstischen Einsassen gegeben habe.
"Wie," sprach die Prinzessin, die ihre ganze Fassung wieder gewonnen, sanft lachelnd, "wie man doch gleich mit der Erklarung bei der Hand ist, geschieht das Wunderbare, Ubernaturliche! Was den Toten betrifft, so vergissest du das, was sich in dem Park begab, ehe Kreisler uns verliess." "Um Gott," rief Julia, "sollte denn wirklich eine grassliche Tat begangen sein? Wer? von wem?"
"Du weisst," fuhr Hedwiga fort, "du weisst ja, Madchen, dass Kreisler lebt. Aber auch er lebt, der in Liebe ist zu dir Sieh mich nicht so erschrocken an! Solltest du das nicht langst ahnen, was ich dir sagen muss, damit dir es klar werde, was, langer verborgen, dich verderben konnte? Prinz Hektor liebt dich, dich, Julia, mit all der wilden Leidenschaft, die seiner Nation eigen. Ich war, ich bin seine Braut, du aber, Julia, bist seine Geliebte." Die letzten Worte betonte die Prinzessin auf eine eigne scharfe Weise, ohne ubrigens jenen besonderen Akzent hineinzulegen, der dem Gefuhl innerer Krankung eigen.
"O ewige Macht," rief Julia heftig, indem ihr die Tranen aus den Augen sturzten, "Hedwiga, willst du denn meine Brust zerreissen? Welcher finstre Geist spricht aus dir! Nein, nein, gern will ich es leiden, dass du aller bosen Traume halber, die dich verstorten, an mir Armsten Rache nimmst, aber nie werde ich an die Wahrheit dieser bedrohlichen Phantome glauben! Hedwiga! besinne dich doch nur, du bist ja nicht mehr die Braut des entsetzlichen Mannes, der uns erschien wie das Verderben selbst! Nie kehrt er zuruck, niemals wirst du sein!"
"Doch," erwiderte die Prinzessin, "doch! Fasse dich nur Madchen! Nur dann, wenn die Kirche mich mit dem Prinzen verbunden, lost sich vielleicht das ungeheure Missverstandnis des Lebens, das mich elend macht! Dich rettet des Himmels wunderbare Fugung. Wir trennen uns, ich folge dem Gemahl, du bleibst!" Die Prinzessin verstummte vor innerer Bewegung, auch Julia war keines Wortes machtig, beide fielen sich schweigend, in Tranen zerfliessend, an die Brust!
Man meldete, dass der Tee serviert sei. Julia war aufgeregter, als es ihr besonnenes ruhiges Gemut zuzulassen schien. Es war ihr unmoglich, in der Gesellschaft zu bleiben, und die Mutter erlaubte ihr gern, nach Hause zu gehen, da die Prinzessin sich ebenfalls nach Ruhe sehnte.
Fraulein Nannette versicherte auf Befragen der Furstin, dass die Prinzessin den Nachmittag und Abend sich sehr wohl befunden, indessen mit Julien durchaus allein sein wollen. Soviel sie im Nebenzimmer beobachten konnen, hatten beide, die Prinzessin und Julia, sich allerlei Geschichten erzahlt, auch Komodie gespielt und bald gelacht, bald geweint.
"Die lieben Madchen," sprach der Hofmarschall leise. "Die aimable Prinzessin, das liebe Madchen!" verbesserte der Furst, indem er den Hofmarschall mit grossen Augen anblitzte. Dieser wollte in der Besturzung uber den entsetzlichen Fehlgriff ein ziemliches Stucklein Zwieback, das er sattsam in Tee getrankt, auf einmal hinunterschlucken. Das blieb ihm aber in der Kehle stecken, und er brach aus in ein furchterliches Husten, so dass er schnell den Saal verlassen musste und nur dadurch gerettet werden konnte vom schnoden Erstickungstode, dass der Hoffourier im Vorsaal mit geubter Faust ein wohlgesetztes Paukensolo ausfuhrte auf seinem Rucken.
Nach zwei Unschicklichkeiten, deren er sich schuldig gemacht, furchtete indessen der Hofmarschall noch die dritte zu begehen, er wagte es daher nicht zuruckzukehren in den Saal, sondern liess sich bei dem Fursten mit plotzlich ihm angewandelter Krankheit entschuldigen.
Durch des Hofmarschalls Abwesenheit wurde aber die Whistpartie zerrissen, wie sie der Furst gewohnlich zu spielen pflegte.
Als nun die Spieltische geordnet, war alles in gespannter Erwartung, was der Furst in diesem kritischen Fall tun werde. Der tat aber nichts, als dass er, da auf seinen Wink die ubrigen sich zum Spiel gesetzt hatten, die Hand der Ratin Benzon fasste, sie zum Kanapee fuhrte und Platz nehmen hiess, indem er selbst sich ihr zur Seite hinsetzte.
"Unlieb," sprach er dann sanft und leise, wie immer zur Benzon, "unlieb ware es mir doch gewesen, wenn der Hofmarschall erstickt ware am Zwieback. Doch schien er Abwesenheiten des Geistes zu haben, wie ich es schon oftmals bemerkt, da er die Prinzessin Hedwiga ein Madchen nannte, und wurde daher im Whist miserabel gewesen sein. Uberhaupt, liebe Benzon, ist es mir heute recht erwunscht und angenehm, statt des Spiels mit Ihnen hier in der Einsamkeit einige Worte vertraulich zu wechseln wie sonst. Ach wie sonst! Nun, Sie kennen mein Attachement fur Sie, geliebte Frau! Nie kann es aufhoren, ein furstliches Herz ist jedesmal ein treues, sobald nicht unabwendbare Verhaltnisse ein anderes gebieten."
Bei diesen Worten kusste der Furst der Benzon viel zartlicher die Hand, als es Stand, Alter und Umgebung zu erlauben schienen. Die Benzon versicherte mit vor Freude funkelnden Augen, dass sie langst den Moment ersehnt, mit dem Fursten vertraulich zu reden, da sie ihm so manches mitzuteilen habe, was ihm nicht unangenehm sein werde.
"Erfahren Sie," sprach die Benzon, "erfahren Sie, gnadigster Herr, dass der Geheime Legationsrat aufs neue geschrieben, dass unsere Angelegenheit plotzlich eine gunstigere Wendung genommen, dass "
"Still," unterbrach sie der Furst, "still, beste Frau, nichts von Regierungsgeschaften! Auch der Furst tragt Schlafrocke und setzt eine Nachtmutze auf, wenn er, beinahe erdruckt von der Last des Regierens, sich zur Ruhe begibt, wovon freilich Friedrich der Grosse, Konig von Preussen, eine Ausnahme machte, der, wie es Ihnen als einer belesenen Frau bekannt sein wird, auch im Bette einen Filzhut aufsetzte. Nun, ich meine, dass auch der Furst immer zuviel von dem in sich tragt, was nun! was eben, wie die Leute sagen, das sogenannte burgerliche Verhaltnis, Ehe, Vaterfreuden u.s.w. begrundet, um sich diesen Gefuhlen ganz zu entschlagen, und es ist mindestens pardonnabel, wenn er sich ihnen uberlasst in Augenblikken, da der Staat, die Vorsorge fur den gehorigen Anstand am Hofe und im Lande nicht sein ganzes Selbst in Anspruch nimmt. Gute Benzon! solche Augenblicke sind die jetzigen; fertig liegen sieben Unterschriften in meinem Kabinett, und nun lassen Sie mich den Fursten ganz vergessen, lassen Sie mich hier beim Tee ganz Hausvater sein, der 'deutsche Hausvater' vom Freiherrn von Gemmingen. Lassen Sie mich von meinen ja von meinen Kindern reden, die mir solchen Kummer verursachen, dass ich oft in eine ganze unschickliche Gemutsunruhe verfalle." "Von Ihren," sprach die Benzon mit spitzem Ton, "von Ihren Kindern soll die Rede sein, gnadigster Herr? Das heisst also von dem Prinzen Ignaz und von der Prinzessin Hedwiga! Sprechen Sie, gnadigster Herr, sprechen Sie, vielleicht kann ich Rat und Trost geben wie Meister Abraham." "Ja", sprach der Furst weiter, "ja, Rat und Trost, der mochte mir manchmal vonnoten sein. Sehn Sie, gute Benzon, was zuerst den Prinzen betrifft, so bedurfte er freilich nicht besonderer Geistesgaben, die die Natur denjenigen zuzuteilen pflegt, die sonst ihres Standes halber obskur und fuhllos bleiben wurden, aber etwas mehr Esprit ware ihm doch zu wunschen, er ist und bleibt ein Simple! Sehn Sie nur, da sitzt er und baumelt mit den Fussen und spielt eine falsche Karte aus nach der andern und kichert und lacht wie ein Knabe von sieben Jahren! Benzon! entre nous soit dit, nicht die Kunst des Schreibens, insofern sie ihm notig, ist ihm beizubringen; sein furstlicher Name sieht aus wie eine Eulenkralle. Ewige Barmherzigkeit, was soll daraus werden! Neulich wurde ich in meinen Geschaften gestort durch ein abscheuliches Gebelle vor meinem Fenster, ich schaue heraus, um den unangenehmen Spitz fortjagen zu lassen, und was muss ich erblicken! Sollten Sie es glauben, gute Frau! Es ist der Prinz, der wie wahnsinnig laut bellend hinter dem Gartnerburschen herspringt! Sie spielen mitsammen Hase und Hund! Ist wohl nur einiger Verstand darin, sind das furstliche Passionen? Kann der Prinz wohl jemals zu der geringsten Selbstandigkeit kommen?"
"Darum," erwiderte die Benzon, "darum ist es notig, dass der Prinz alsbald vermahlt werde und eine Gemahlin erhalte, deren Anmut, deren Liebreiz, deren klarer Verstand seine schlafenden Sinne weckt, und die gutmutig genug ist, sich ganz zu ihm hinabzuneigen, um ihn dann allmahlich zu sich heraufzuziehen. Diese Eigenschaften sind dem weiblichen Wesen, das dem Prinzen angehoren soll, unerlasslich, um ihn aus einem Seelenzustande zu retten, der, mit Schmerz spreche ich es aus, gnadigster Herr, zuletzt in wirklichen Wahnsinn ausarten kann. Eben daher durfen auch nur diese seltenen Eigenschaften entscheiden und der Stand nicht in allzustrengen Betracht kommen."
"Niemals," sprach der Furst, indem er die Stirne runzelte, "niemals gab es Mesalliancen in unserm Hause, lassen Sie ab von einem Gedanken, den ich nicht billigen kann. Immer war und bin ich noch bereit, sonst Ihre Wunsche zu erfullen!"
"Dass," erwiderte die Benzon mit scharfem Ton, "dass ich nicht wusste, gnadigster Herr! Wie oft mussten gerechte Wunsche schweigen chimarischer Rucksichten halber. Aber es gibt Anspruche, die aller Verhaltnisse spotten."
"Laissons cela," unterbrach der Furst die Benzon, indem er sich ausrausperte und Tabak nahm. Nach einigen Augenblicken des Stillschweigens fuhr er fort: "Noch mehr Kummer als der Prinz macht mir die Prinzessin. Sagen Sie, Benzon, wie war es moglich, dass uns eine Tochter von dieser seltsamen Gemutsart, noch mehr von dieser absonderlichen Krankhaftigkeit, die selbst den Leibarzt in Verlegenheit setzt, geboren werden konnte? Hat sich die Furstin nicht immer einer bluhenden Gesundheit erfreut, hat sie zu mystischen Nervenzufallen inkliniert? Bin ich selbst nicht, was Leib und Seele betrifft, ein robuster Furst gewesen? Wie kommen wir zu dem Kinde, das, gestehen muss ich es zu meinem bittern Leidwesen, mir oft ganz verruckt erscheint, alles furstlichen Anstandes los und ledig?" "Auch mir," erwiderte die Benzon, "auch mir ist der Organismus der Prinzessin unbegreiflich. Die Mutter ist sich immer klar, verstandig, von jeder zu heftigen verderblichen Leidenschaftlichkeit frei gewesen." Die letzten Worte sprach die Benzon dumpf und leise vor sich hin, indem sie den Blick niedersenkte. "Sie meinen die Furstin?" fragte der Furst mit Akzent, da es ihm nicht anstandig schien, dass dem Worte: Mutter nicht das Pradikat: Furstin hinzugefugt.
"Wen sonst," erwiderte die Benzon gespannt, "wen sonst sollte ich meinen?"
"Hat," sprach der Furst weiter, "hat mich nicht der letzte fatale Zufall der Prinzessin um den Erfolg meiner Bemuhungen und die Freude ihrer baldigen Vermahlung, meinen Wunschen gemass, gebracht? Denn, gute Benzon, entre nous soit dit, der Prinzessin plotzliche Katalepsie, die ich bloss einer starken Erkaltung zuschreibe, war wohl lediglich schuld an der plotzlichen Abreise des Prinzen Hektor. Er will abbrechen, und juste ciel! selbst muss ich es gestehen, ich kann es ihm nicht ganz verdenken, so dass, verbote nicht ohnehin der Anstand jede weitre Annaherung, schon dieses mich, den Fursten, abhalten musste, jetzt noch Schritte zu tun zur Erfullung eines Wunsches, den ich freilich sehr ungern und nur notgedrungen aufgebe. Recht werden Sie mir namlich geben, geliebte Frau, dass es immer etwas Angstliches hat mit einer Gemahlin, die solchen wunderlichen Zufallen unterworfen. Kann eine solche furstliche und zugleich kataleptische Gemahlin nicht mitten in der glanzendsten Cour davon erfasst werden, automatisch dastehen und samtliche wurdige Anwesende zwingen, es ihr nachzutun und regungslos zu bleiben? Freilich kann man wohl auch eine von einer allgemeinen Katalepsie befallene Cour sich als die feierlichste und erhabenste denken, die es in der Welt nur geben mag, da die leiseste Verletzung der notigen Wurde auch dem Leichtsinnigsten unmoglich. Doch ein Gefuhl, das mich eben in solchen hausvaterlichen Augenblicken, wie die jetzigen hier beim Spiel, befallt, lasst es mich bemerken, dass ein solcher Zustand der Braut dem furstlichen Brautigam einiges frostelndes Grauen erregen kann, und darum Benzon! Sie sind eine liebenswurdige, verstandige Frau, fanden Sie vielleicht eine Moglichkeit, die Sache mit dem Prinzen zu redressieren, irgendein Mittel "
"Es bedarf," unterbrach die Benzon lebhaft den Fursten, "es bedarf dessen gar nicht, gnadigster Herr! Nicht der Prinzessin Krankheit trieb den Prinzen so schnell fort, ein anderes Geheimnis ist hier im Spiele, und in dieses Geheimnis ist der Kapellmeister Kreisler verflochten."
"Wie," rief der Furst voll Erstaunen, "wie, was sagen Sie, Benzon? der Kapellmeister Kreisler? So sollte es doch wahr sein, dass er "
"Ja," sprach die Ratin weiter, "ja, gnadigster Herr, ein Zwiespalt zwischen ihm und dem Prinzen Hektor, der vielleicht geschlichtet werden sollte auf zu heroische Weise, war es, der den Prinzen entfernte."
"Zwiespalt," unterbrach der Furst die Benzon, "Zwiespalt geschlichtet heroische Weise! Der Schuss im Park der blutige Hut! Benzon! es ist ja unmoglich der Prinz der Kapellmeister! ein Duell ein Renkontre, beides ist ja undenkbar!"
"So viel," fuhr die Benzon fort, "so viel, gnadigster Herr, ist gewiss, dass Kreisler auf der Prinzessin Gemut nur zu machtig einwirkte, dass jene seltsame Angst, ja, jenes Entsetzen, das sie erst empfand in Kreislers Gegenwart, sich gestalten wollte zur verderblichen Leidenschaft. Moglich, dass der Prinz scharf genug sah, dies zu gewahren, dass er in Kreisler, der ihm von Anfang an entgegentrat mit feindlicher verhohnender Ironie, einen Widersacher fand, den er sich vom Halse schaffen zu mussen glaubte, und dass hieraus sich eine Tat erzeugte, die freilich nur dem blutigen Hass des gekrankten Ehrgefuhls, der Eifersucht verziehen werden darf, und die, Dank sei der ewigen Macht, nicht gelang. Ich gestehe, dass dies alles die schnelle Abreise des Prinzen nicht erklart, und dass, wie gesagt, noch ein dunkles Geheimnis waltet. Der Prinz floh, wie mir Julia erzahlt, entsetzt vor einem Bilde, das Kreisler bei sich trug und ihm vorzeigte. Nun, mag dem sein, wie ihm wolle, Kreisler ist fort, und der Prinzessin Krisis ist voruber! Glauben Sie mir, gnadigster Herr, blieb Kreisler, so flammte die heftigste Leidenschaft fur ihn auf in der Prinzessin Brust, und sie ware lieber gestorben, als dass sie dem Prinzen ihre Hand gegeben hatte. Alles hat sich jetzt anders gestaltet, bald kehrt Prinz Hektor zuruck, und die Vermahlung mit der Prinzessin endigt alle Besorgnisse."
"Sehn Sie," rief der Furst zornig, "sehn Sie, Benzon, die Insolenz des schnoden Musikanten! In ihn will die Prinzessin sich verlieben, seinetwegen die Hand des liebenswurdigsten Prinzen ausschlagen! Ah le coquin! Nun verstehe ich Euch, Meister Abraham, erst ganz! Ihr sollt mir den fatalen Menschen vom Halse schaffen, dass er niemals wiederkehrt."
"Jede," sprach die Ratin, "jede Massregel, die der weise Meister Abraham deshalb etwa vorschlagen durfte, wurde uberflussig sein, da das Erforderliche deshalb schon geschehen ist. Kreisler befindet sich in der Abtei Kanzheim, und wie mir der Abt Chrysostomus schreibt, wird er wahrscheinlich sich entschliessen, der Welt zu entsagen und in den Orden zu treten. Die Prinzessin hat dies schon erfahren von mir zur gunstigen Stunde, und dass ich dabei keine sonderliche Gemutsbewegung der Prinzessin gewahrte, burgt mir dafur, dass die bedrohliche Krisis, wie gesagt, schon voruber."
"Herrliche," nahm der Furst das Wort, "herrliche, liebenswurdige Frau! welches Attachement beweisen Sie mir und meinen Kindern! Wie sorgen Sie fur das Wohl, fur das Beste meines Hauses!"
"Wirklich," sprach die Benzon mit bittrem Ton, "wirklich? tue ich das? Konnte, durfte ich immer fur das Wohl Ihrer Kinder sorgen?"
Die Benzon legte auf die letzten Worte einen besonderen Nachdruck, der Furst sah schweigend vor sich nieder und spielte mit den Daumen der zusammengefalteten Hande. Endlich murmelte er leise: "Angela! noch immer keine Spur? ganz verschwunden?"
"So ist es," erwiderte die Benzon, "und ich furchte, dass das ungluckliche Kind das Opfer irgendeiner Schandlichkeit geworden ist. Man wollte sie in Venedig gesehen haben, aber gewiss war dies ein Irrtum. Gestehen Sie es, gnadigster Herr, es war grausam entsetzlich, dass Sie Ihr Kind von der Brust der Mutter reissen liessen, es in ein trostloses Exil verbannten! Diese Wunde, die mir Ihre Strenge schlug, werde ich niemals verschmerzen!"
"Benzon," sprach der Furst, "habe ich Ihnen, dem Kinde nicht ein ansehnliches Jahrgehalt ausgesetzt? konnte ich mehr tun? Musste ich nicht, blieb Angela bei uns, jeden Augenblick befurchten, dass unsere foiblesses verraten werden und auf unangenehme Weise die anstandige Ruhe unseres Hofes zerstoren konnten? Sie kennen die Furstin, gute Benzon! Sie wissen, dass sie manchmal besondere Grillen hat."
"Also," nahm die Benzon das Wort, "also Geld, ein Jahrgehalt soll die Mutter entschadigen fur allen Schmerz, fur alle Trauer, fur alle bittre Klage um das verlorene Kind? In der Tat, gnadigster Herr! es gibt eine andere Art, fur sein Kind zu sorgen, die die Mutter besser zufriedenstellt als alles Gold!"
Die Benzon sprach diese Worte mit einem Blick, mit einem Ton, der den Fursten in einige Verlegenheit setzte.
"Vortreffliche Frau," begann er betreten, "warum diese seltsame Gedanken! Glauben Sie denn nicht, dass mir ebenfalls das spurlose Verschwinden unserer lieben Angela sehr unangenehm, sehr fatal ist? Es muss ein artiges schones Magdlein geworden sein, da es von hubschen scharmanten Eltern geboren." Aufs neue kusste der Furst der Benzon sehr zartlich die Hand, die sie aber schnell wegzog und mit funkelndem durchbohrendem Blick dem Fursten ins Ohr flusterte: "Gestehen Sie es, gnadigster Herr, Sie waren ungerecht, grausam, als Sie darauf bestanden, dass das Kind entfernt werden musse. Ist es nicht Ihre Pflicht, den Wunsch nicht zuruckzuweisen, dessen Erfullung ich, gutmutig genug, wirklich fur einigen Ersatz all meines Leids ansehen will?" "Benzon," erwiderte der Furst noch kleinlauter als zuvor, "gute herrliche Benzon, kann denn unsere Angela nicht wiedergefunden werden? Ich will Heroisches tun fur Ihre Wunsche, teure Frau! Ich will mich dem Meister Abraham anvertrauen, mich mit ihm beraten. Es ist ein vernunftiger erfahrner Mann, vielleicht kann er helfen."
"O," unterbrach die Benzon den Fursten, "o des weisen Meisters Abraham! Glauben Sie denn, gnadigster Herr, dass Meister Abraham wirklich aufgelegt ist, fur Sie etwas zu unternehmen, dass er Ihnen, Ihrem Hause getreulich anhangt? Und wie sollte er imstande sein, etwas herauszubringen uber Angelas Schicksal, nachdem in Venedig, in Florenz alle Nachforschungen vergeblich geblieben sind und, was das Schlimmste ist, ihm jenes geheimnisvolle Mittel geraubt wurde, dessen er sich sonst bediente, um das Unbekannte zu erforschen."
"Sie," sprach der Furst, "Sie meinen sein Weib, die bose Zauberin Chiara."
"Sehr," erwiderte die Benzon, "sehr fraglich mochte es sein, ob die vielleicht nur inspirierte, mit hohren wunderbaren Kraften begabte Frau diesen Namen verdient. Auf jeden Fall war es ungerecht, unmenschlich, dem Meister das geliebte Wesen zu rauben, an dem er hing mit ganzer Seele, ja, die ganz ein Teil seines Ichs war."
"Benzon," rief der Furst ganz erschrocken, "Benzon, ich verstehe Sie heute nicht! Mir schwindelt's im Kopfe! Waren Sie selbst nicht dafur, dass das bedrohliche Geschopf, vermoge dessen der Meister bald alle unsere Verhaltnisse beherrschen konnte, entfernt werden mochte? Billigten Sie nicht selbst mein Schreiben an den Grossherzog, in dem ich vorstellte, dass, da jede Zauberei im Lande langst verboten, Personen, die in dieser Art beeigenschaftet, ihr Wesen trieben, nicht geduldet werden durften und sicherheitshalber ein wenig eingesperrt werden mussten? Geschah es nicht aus purer Schonung gegen den Meister Abraham, dass der mysteriosen Chiara nicht der offne Prozess gemacht, sondern dass sie in aller Stille aufgegriffen und fortgeschafft wurde, wohin weiss ich nicht einmal, da ich mich darum nicht weiter bekummert? Welch ein Vorwurf kann mich hier treffen?"
"Verzeihung," erwiderte die Benzon, "Verzeihung, gnadigster Herr, aber es ist doch in der Tat der Vorwurf des wenigstens ubereilten Verfahrens, der Sie wohl mit Recht trifft. Aber! erfahren Sie es, gnadigster Herr! Meister Abraham ist davon unterrichtet, dass seine Chiara weggeschafft wurde auf Ihren Anlass. Er ist still, er ist freundlich, aber glauben Sie nicht, Gnadigster Herr, dass Hass und Rache brutet in seinem Innern gegen den, der ihm sein Liebstes raubte auf Erden? Und diesem Mann wollen Sie vertrauen, wollen ihm Ihr Inneres erschliessen?" "Benzon," sprach der Furst, indem er sich die Schweisstropfen von der Stirne wegtrocknete, "Benzon! Sie alterieren mich sehr ganz unbeschreiblich, mocht' ich sagen! Barmherziger! kann ein Furst so aus der Kontenance gebracht werden? Muss, beim Teufel Gott, ich glaube gar, ich fluche wie ein Dragoner hier beim Tee! Benzon! warum sprachen Sie nicht fruher! Er weiss schon alles! Im Fischerhauschen, gerade als ich ganz ausser mir war uber der Prinzessin Zustand, da floss mir das Herz, der Mund uber. Ich sprach von Angela, entdeckte ihm Benzon, schrecklich ist es! j'etois un Esel! Voila tout!"
"Und er erwiderte?" So fragte die Benzon gespannt.
"Beinahe," sprach der Furst weiter, "beinahe ist es mir so, als habe der Meister Abraham zuerst angefangen, von unserem fruheren Attachement zu sprechen, und wie ich ein glucklicher Vater sein konnen, statt dass ich nun ein malheureuser sei. So viel ist aber richtig, dass, als ich meine Beichte geendet, er lachelnd erklarte, wie er schon langst alles wisse und hoffe, dass sich vielleicht in ganzer kurzer Zeit aufklaren werde, wo Angela geblieben. Mancher Trug wurde dann vernichtet werden, manche Tauschung zerrinnen."
"Das," sprach die Benzon mit bebenden Lippen, "das sagte der Meister?"
"Sur mon honneur," erwiderte der Furst, "das sprach er. Tausend sapperment pardonnieren Sie, Benzon, aber ich bin im Zorn wenn der Alte es mir nachtragen sollte? Benzon, que faire?"
Beide, der Furst und die Benzon, starrten sich sprachlos an. "Durchlauchtigster Herr," lispelte leise ein Kammerlakei, indem er dem Fursten Tee prasentierte. "Bete!" schrie aber der Furst, im hastigen Aufspringen dem Lakei Prasentierteller samt der Tasse aus den Handen schleudernd; alles fuhr entsetzt von den Spieltischen in die Hohe, das Spiel war geendet, der Furst, sich mit Macht bezwingend, lachelte ein freundliches "Adieu" den Erschrockenen zu und begab sich mit der Furstin in die inneren Gemacher. Auf jedem Gesicht las man aber ganz deutlich: "Gott, was ist das, was bedeutet das? Der Furst spielte nicht, sprach so lange, so ungelegentlich mit der Ratin und geriet dann in solch entsetzlichen Zorn!"
Unmoglich konnte die Benzon auch nur entfernt ahnen, was sie in ihrer Wohnung, die in einem Seitengebaude dicht neben dem Schlosse belegen, fur ein Auftritt erwartete. Kaum eingetreten, sturzte ihr namlich ganz ausser sich Julia entgegen und Doch! gegenwartiger Biograph ist sehr zufrieden, dass er diesmal das, was sich mit Julia wahrend des furstlichen Tees begeben, viel besser und deutlicher zu erzahlen vermag als manches andere Faktum der bis jetzt wenigstens etwas verworrenen Geschichte! Also! Wir wissen, dass Julien erlaubt wurde, fruher nach Hause zuruckzukehren. Ein Leibjager leuchtete ihr mit einer Fackel vor. Kaum waren sie aber einige Schritte von dem Schlosse entfernt, als der Leibjager plotzlich stillstand und die Fackel hoch emporhob. "Was gibt es?" fragte Julia. "Ei," erwiderte der Leibjager, "ei, Fraulein Julia, haben Sie wohl die Gestalt bemerkt, die dort vor uns so schnell forthuschte? Ich weiss gar nicht, was ich davon denken soll, seit mehreren Abend schleicht hier ein Mensch umher, der bei seiner Heimlichkeit was Boses im Schilde fuhren muss. Wir haben ihm schon nachgestellt auf alle nur mogliche Weise, aber er entwischt uns unter den Handen, ja, er wird vor unsern Augen unsichtbar wie ein Gespenst oder wie der Gottseibeiuns selbst."
Julia dachte an die Erscheinung im Giebelfenster des Pavillons und fuhlte sich von unheimlichen Schauern durchbebt. "Fort, ach nur schnell fort," rief sie dem Jager zu, der meinte aber lachend, das liebe Fraulein moge sich nur nicht furchten, denn ehe ihr etwas geschehe, musse ihm erst das Gespenst den Hals umdrehen, uberdem habe aber wohl das unbekannte Ding, was sich in der Gegend des Schlosses blicken lasse, Fleisch und Bein wie andere ehrliche Leute und sei ein furchtsamer lichtscheuer Hase.
Julia schickte ihr Madchen, das uber Kopfschmerz und Fieberfrost klagte, zu Bette und legte ohne ihre Beihilfe die Nachtkleider an.
Nun, als sie einsam auf ihrem Zimmer, ging noch einmal alles in ihrer Seele auf, was Hedwiga in einem Zustande zu ihr gesprochen, den sie nur krankhafter Uberspannung zuschreiben wollte. Und doch war es gewiss, dass eben jene krankhafte Uberspannung nur eine psychische Ursache haben konnte. Madchen von solch unbefangenem reinem Gemut, wie Julia, erraten in derlei intrikaten Fallen wohl selten das Richtige. So glaubte auch Julia, als sie sich alles nochmals in den Sinn gerufen, nichts anderes, als dass Hedwiga von jener entsetzlichen Leidenschaft ergriffen, die sie selbst ihr so furchtbar, als die Ahnung davon in ihrer eignen Seele lag, geschildert, und dass Prinz Hektor der Mann sei, dem sie ihr eignes Selbst geopfert. Nun, schloss sie ferner, sei, der Himmel wisse wie, der Wahn in Hedwiga aufgestiegen, dass der Prinz in anderer Liebe befangen, und habe sie gequalt wie ein furchterliches, rastlos sie verfolgendes Gespenst, so dass daraus sich die heillose Zerruttung im Innern erzeugt. "Ach," sprach Julia zu sich selbst, "ach, du gute liebe Hedwiga, kehrte Prinz Hektor zuruck, wie bald wurdest du dich uberzeugen, dass du von deiner Freundin nichts zu befurchten!" Doch in dem Augenblick, als Julia diese Worte sprach, trat der Gedanke, dass der Prinz sie liebe, so aus dem Innersten hervor, dass sie vor seiner Macht und Lebendigkeit erschrak, dass sie sich von unnennbarer Angst erfasst fuhlte, es konne doch wahr, was die Prinzessin glaube, und ihr Verderben gewiss sein. Jener seltsame fremdartige Eindruck, den des Prinzen Blick, sein ganzes Wesen auf sie gemacht, kam ihr wieder zu Sinn, jenes Entsetzen durchbebte aufs neue ihre Glieder. Sie gedachte jenes Moments auf der Brucke, als der Prinz, sie umschlingend, den Schwan futterte, all der verfanglichen Worte, die er damals sprach, und die, so harmlos ihr damals alles vorgekommen, ihr jetzt von tieferer Bedeutung schienen. Aber auch des verhangnisvollen Traums gedachte sie, als sie sich von eisernen Armen fest umschlungen gefuhlt und es der Prinz gewesen, der sie festgehalten, als sie dann erwacht, den Kapellmeister im Garten erblickt und sein ganzes Wesen ihr klar geworden und sie daran geglaubt, dass er sie schutzen werde vor dem Prinzen.
"Nein," rief Julia laut, "nein, es ist nicht so, es kann dem nicht so sein, es ist nicht moglich! Es ist der bose Geist der Holle selbst, der diese sundhaften Zweifel in mir Armsten aufregt! Nein, er soll nicht Macht haben uber mich!"
Mit dem Gedanken an den Prinzen, an jene gefahrvollen Augenblicke regte sich in Julias tiefer Brust eine Empfindung, deren Bedrohlichkeit nur daran zu erkennen, dass sie die Scham weckte, die das wallende Blut ihr in die Wangen, heisse Tranen ihr in die Augen trieb. Wohl der holden frommen Julia, dass sie Kraft genug besass, den bosen Geist zu beschworen, ihm keinen Raum zu verstatten, in dem er fest fussen konnen. Es ist hier noch wiederholt zu bemerken, dass Prinz Hektor der schonste liebenswurdigste Mann war, den man nur sehen konnte, dass seine Kunst zu gefallen auf die tiefe Weiberkenntnis gegrundet war, die ihm das Leben voll glucklicher Abenteuer erworben, und dass eben ein junges unbefangenes Madchen wohl erschrecken machte vor der siegenden Kraft seines Blicks, seines ganzen Wesens.
"O Johannes," sprach sie sanft, "du guter herrlicher Mann, kann ich denn nicht bei dir den Schutz suchen, den du mir versprochen? Kannst du nicht selbst zu mir trostend reden mit den Himmelstonen, die recht widerhallen in meiner Brust?"
Damit offnete Julia das Pianoforte und begann die Kompositionen Kreislers, die ihr die liebsten waren, zu spielen und zu singen. In der Tat fuhlte sie sich bald getrostet, erheitert, der Gesang trug sie fort in eine andere, es gab keinen Prinzen, ja keine Hedwiga mehr, deren krankhafte Phantome sie verstoren durften!
" Nun noch meine liebste Kanzonetta! " So sprach Julia und begann das von so vielen Komponisten gesetzte: "Mi lagnero tacendo etc." In der Tat war Kreislern dieses Lied vor allen ubrigen gelungen. Der susse Schmerz der brunstigsten Liebessehnsucht war darin in einfacher Melodie mit einer Wahrheit, mit einer Starke ausgedruckt, die jedes fuhlende Gemut unwiderstehlich ergreifen musste. Julia hatte geendet, in das Andenken an Kreisler ganz und gar versunken, schlug sie noch einzelne Akkorde an, die ein Echo schienen ihrer innern Gefuhle. Da ging die Ture auf, sie schaute hin, und ehe sie sich vom Sitz erheben konnte, lag Prinz Hektor ihr zu Fussen und hielt sie fest, beide Hande erfassend. Laut schrie sie auf vor jahem Schreck, doch der Prinz beschwor sie bei der Jungfrau und allen Heiligen, ruhig zu sein, ihm nur zwei Minuten den Himmel ihres Anblicks, ihres Worts zu gonnen. Mit Ausdrucken, wie sie nur die Raserei der heftigsten Leidenschaft einzugeben vermag, sagte er ihr dann, dass er nur sie, nur sie anbete, dass der Gedanke der Vermahlung mit Hedwiga ihm schrecklich, todbringend sei. Dass er deshalb fliehen wollen, doch bald, von der Macht einer Leidenschaft, die erst mit seinem Tode enden konne, getrieben, zuruckgekehrt sei, nur um Julien zu sehen, zu sprechen, ihr zu sagen, dass nur sie allein sein Leben, sein alles sei!
"Fort," rief Julia in trostloser Herzensangst, "fort Sie toten mich, Prinz!"
"Nimmermehr," schrie der Prinz, indem er in Liebeswut Julias Hande an die Lippen druckte, "nimmermehr, der Moment ist da, der Leben uber mich bringt oder Tod! Julia! Kind des Himmels! Kannst du mich, kannst du den verwerfen, dessen ganzes Sein, dessen Seligkeit du bist? Nein, du liebst mich, Julia, ich weiss es, so sprich es aus, dass du mich liebst, und alle Himmel uberschwenglichen Entzukkens sind mir geoffnet!"
Damit umschlang der Prinz die vor Entsetzen und Angst halb ohnmachtige Julia und druckte sie heftig an seine Brust.
"Weh mir," rief sie mit halberstickter Stimme, "weh mir erbarmt sich niemand meiner?"
Da erhellte Fackelglanz die Fenster, und mehrere Stimmen liessen sich vor der Ture horen. Julia fuhlte einen gluhenden Kuss auf den Lippen brennen, und schnell war der Prinz entflohen.
Also ganz ausser sich, sturzte, wie gesagt, Julia der eintretenden Mutter entgegen, und mit Entsetzen vernahm diese, was sich begeben. Sie begann damit, die arme Julia zu trosten, wie sie nur vermochte, ihr zu versichern, dass sie den Prinzen zu seiner Scham aus dem Versteck, in dem er sich befinden musse, hervorziehen werde.
"O," sprach Julia, "o, tue das nicht Mutter, ich muss vergehen, wenn der Furst, wenn Hedwiga erfahrt " Sie fiel schluchzend an der Mutter Brust, ihr Antlitz verbergend.
"Du hast recht," erwiderte die Ratin, "du hast recht, mein liebes gutes Kind, niemand darf zurzeit wissen, ahnen, dass der Prinz sich hier befindet, dass er dir nachstellt, du liebe fromme Julia! Die im Komplott sind, mussen schweigen. Denn dass es deren gibt, die im Bunde sind mit dem Prinzen, hat nicht den mindesten Zweifel, da er sonst ebensowenig unbemerkt hier in Sieghartshof sich hatte aufhalten, als in unsre Wohnung schleichen konnen. Unbegreiflich ist es mir, wie es dem Prinzen moglich wurde, aus dem Hause zu entfliehen, ohne mir und Friedrich, der mir vorleuchtete, zu begegnen! Den alten Georg fanden wir im tiefen unnaturlichen Schlaf, aber wo ist Nanny?" "Weh mir," lispelte Julia, "weh mir, dass sie krank war und ich sie fortschicken musste."
"Vielleicht," sprach die Benzon, "vielleicht kann ich ihr Arzt sein", und stiess rasch die Ture des Nebenzimmers auf. Da stand die kranke Nanny vollig angekleidet; sie hatte gelauscht und sank nun vor Schreck und Furcht nieder, der Benzon zu Fussen.
Wenige Fragen der Benzon reichten hin, um zu erfahren, dass der Prinz durch den alten, fur so treu gehaltenen Kastellan
(M. f. f.) musst' ich erfahren! Muzius, mein treuer Freund, mein herziger Bruder war an den Folgen der bosen Verwundung am Hinterbeine Todes verblichen. Die Trauerpost traf mich sehr hart, nun erst fuhlte ich, was mir Muzius gewesen! In kunftiger Nacht sollte, wie mir Puff sagte, in dem Keller desselben Hauses, wo der Meister wohnte, und wo man die Leiche hingeschafft, die Totenfeier gehalten werden. Ich versprach, mich nicht allein zu gehoriger Zeit einzufinden, sondern auch fur Speise und Trank zu sorgen, damit nach alter edler Sitte auch das Trauermahl gehalten werden konne. Ich besorgte dies auch wirklich, indem ich den Tag uber nach und nach meinen reichlichen Vorrat an Fischen, Huhnerknochen und Gemuse hinabtrug. Fur Leser, die alles gern auf das genaueste erklart haben und daher auch wohl wissen mochten, wie ich es angefangen, das Getrank hinab zu transportieren, bemerke ich, dass ohne weiteres Muhen mir eine freundliche Hausmagd dazu verhalf. Die Hausmagd, welche ich gar oft im Keller zu treffen und auch wohl in ihrer Kuche zu besuchen pflegte, schien meinem Geschlecht und insonderheit mir ganz vorzuglich gewogen, so dass wir uns nie sahen, ohne auf anmutige Weise miteinander zu spielen. Sie reichte mir manchen Bissen, der eigentlich schlechter war, als wie ich ihn von meinem Meister empfing, den ich aber doch verzehrte und dabei tat, als wenn er mir ganz vorzuglich schmeckte, aus purer Galanterie. So was ruhrt wohl das Herz einer Hausmagd, und sie tat, worauf es eigentlich abgesehen war. Ich sprang ihr namlich auf den Schoss, und sie kratzte mir so lieblich Kopf und Ohren, dass ich ganz Wonne und Seligkeit war und an die Hand mich gar sehr gewohnte, die "Wachtags ihren Besen fuhrt und Sonntags denn am besten karessiert!" An diese freundliche Person wandte ich mich nun in dem Augenblick, als sie aus dem Keller, in dem ich mich gerade befand, einen grossen Topf voll susser Milch herauftragen wollte, und ausserte auf ihr verstandliche Weise den lebhaften Wunsch, die Milch fur mich zu behalten. "Narrischer Murr," sprach das Madchen, die ebensogut wie alle ubrigen Leute im Hause, ja wie die ganze Nachbarschaft meinen Namen wusste, "narrischer Murr, du willst gewiss die Milch nicht fur dich allein, du willst gewiss traktieren! Nun, behalt nur die Milch, kleiner Graukittel, ich muss oben schon fur andere sorgen!" Damit setzte sie den Topf mit Milch auf den Boden nieder, streichelte mir, der ich in den zierlichsten Purzelbaumen meine Freude und meinen Dank zu erkennen gab, noch was weniges den Rucken und stieg denn die Kellertreppe hinauf. Merke dir, o Katerjungling, hiebei, dass die Bekanntschaft, ja ein gewisses sentimentell gemutliches Verhaltnis mit einer freundlichen Kochin fur junge Leute unseres Standes und Geschlechts ebenso angenehm ist als erspriesslich.
Um die Mitternachtsstunde begab ich mich hinab in den Keller. Trauriger, herzzerreissender Anblick! Da lag in der Mitte auf einem Katafalk, der freilich, dem einfachen Sinn, den der Verstorbene stets in sich trug, gemass, nur in einem Bundel Stroh bestand, die Leiche des teuern geliebten Freundes! Alle Kater waren schon versammelt, wir druckten uns, keines Wortes machtig, die Pfoten, setzten uns, heisse Tranen in den Augen, in einen Kreis rings um den Katafalk umher und stimmten einen Klagegesang an, dessen die Brust durchschneidende Tone furchtbar in den Kellergewolben widerhallten. Es war der trostloseste, entsetzlichste Jammer, der jemals gehort worden, kein menschliches Organ vermag ihn herauszubringen.
Nachdem der Gesang geendet, trat ein sehr hubscher, anstandig in Weiss und Schwarz gekleideter Jungling aus dem Kreise, stellte sich an das Kopfende der Leiche und hielt nachfolgende Standrede, welche er mir, unerachtet er sie aus dem Stegreif gesprochen, schriftlich mitteilte.
TRAUERREDE
am Grabe des zu fruh verblichenen Katers Muzius,
der Phil. und Gesch. Befliss.,
gehalten von seinem treuen Freunde und Bruder,
dem Kater Hinzmann,
der Poes. und Bereds. Befliss.
"Teure in Betrubnis versammelte Bruder!
Wackre hochherzige Bursche!
Was ist der Kater! ein gebrechliches vergangliches Ding, wie alles, was geboren auf Erden! Ist es wahr, was die beruhmtesten Arzte und Physiologen behaupten, dass der Tod, dem alle Kreatur unterworfen, hauptsachlich in dem ganzlichen Aufhoren alles Atmens bestehe, o, so ist unser biedere Freund, unser wackere Bruder, dieser treue tapfere Genosse in Freud und Leid, o, so ist unser edle Muzius gewiss tot! Seht, da liegt der Edle auf dem kalten Stroh und hat alle Viere von sich gestreckt! Nicht der leiseste Atemzug stiehlt sich durch die auf ewig geschlossenen Lippen! Eingefallen sind die Augen, die sonst bald sanftes Liebesfeuer, bald vernichtenden Zorn strahlten in grungleissendem Gold! Totenblasse uberzieht das Antlitz, schlaff hangen die Ohren, hangt der Schweif herab! O Bruder Muzius, wo sind nun deine lustigen Sprunge, wo ist deine Heiterkeit, deine gute Laune, dein klares frohliches Miau! das alle Herzen erfreute, dein Mut, deine Standhaftigkeit, deine Klugheit, dein Witz? Alles, alles hat dir der bittre Tod geraubt, und du weisst vielleicht nun nicht einmal genau, ob du gelebt hast? Und doch warst du die Gesundheit, die Kraft selbst, gerustet gegen alles korperliche Weh, als solltest du ewig leben! Kein Radchen des Uhrwerks, das dein Inneres trieb, war ja auch schadhaft, und der Todesengel hatte sein Schwert nicht uber dein Haupt geschwungen, weil das Raderwerk abgelaufen und nicht mehr wieder aufgezogen werden konnte. Nein! ein feindliches Prinzip griff gewaltsam hinein in den Organismus und zerstorte frevelnd, was noch lange hatte bestehen konnen. Ja! Noch oft hatten diese Augen freundlich gestrahlt, noch oft waren lustige Einfalle, frohliche Lieder diesen Lippen, dieser erstarrten Brust entstromt, noch oft hatte dieser Schweif, frohen Mutes innere Kraft verkundend, sich in Wellenlinien geringelt, noch oft hatten diese Pfoten Starke und Gewandtheit bewiesen in den machtigsten gewagtesten Sprungen und nun O, kann es die Natur zulassen, dass das, was sie auf lange Dauer muhsam konstruiert hat, vor der Zeit zerstort werde, oder gibt es wirklich einen finstren Geist, Zufall genannt, der in despotischer frevelnder Willkur hineingreifen darf in die Schwingungen, die alles Sein dem ewigen Naturprinzip gemass zu bedingen scheinen? O du Toter, konntest du das hier der betrubten, jedoch lebendigen Versammlung sagen! Doch, werte Anwesende, wackre Bruder, lasst uns solchen tiefsinnigen Betrachtungen nicht nachhangen, sondern uns ganz der Klage um den viel zu fruh verlornen Freund Muzius zuwenden. Es ist gebrauchlich, dass der Trauerredner den Anwesenden die ganze vollstandige Biographie mit lobpreisenden Zusatzen und Anmerkungen vortragt, und dieser Gebrauch ist sehr gut, da durch einen solchen Vortrag auch in dem betrubtesten Zuhorer der Ekel der Langeweile erregt werden muss, dieser Ekel aber nach der Erfahrung und dem Ausspruch bewahrter Psychologen am besten jede Betrubnis zerstort, weshalb denn auf jene Weise der Trauerredner beide Pflichten, die, dem Verewigten die gehorige Ehre zu erweisen, und die, die Hinterlassenen zu trosten, auf einmal erfullt. Man hat Beispiele, und sie sind naturlich, dass der Gebeugteste nach solcher Rede ganz vergnugt und munter von hinnen gegangen ist; uber der Freude, erlost zu sein von der Qual des Vortrags, verschmerzte er den Verlust des Hingeschiedenen. Teure, versammelte Bruder! wie gern folgte auch ich dem loblichen bewahrten Gebrauch, wie gern truge ich euch die ganze ausfuhrliche Biographie des erblassten Freundes und Bruders vor und setzte euch um aus betrubten Katern in vergnugte, aber es geht nicht, es geht wahrhaftig nicht. Seht das ein, teure, geliebte Bruder, wenn ich euch sage, dass ich von dem eigentlichen Leben des Verblichenen, was Geburt, Erziehung, weiteres Fortkommen betrifft, beinahe gar nichts weiss, dass ich daher euch lauter Fabeln auftischen musste, wozu der Ort hier bei der Leiche des Erblassten viel zu ernst und unsere Stimmung viel zu feierlich ist. Nichts fur ungut, Bursche, aber ich will statt alles weitern langweiligen Sermons nur mit wenigen schlichten Worten sagen, was fur ein schmahliches Ende der arme Teufel, der hier starr und tut vor uns liegt, nehmen musste, und was es fur ein wackrer, tuchtiger Kerl im Leben war! Doch, o Himmel! ich falle aus dem Ton der Beredsamkeit, unerachtet ich derselben beflissen und, will es das Schicksal, Professor poeseos et eloquentiae zu werden hoffe!"
(Hinzmann schwieg, putzte sich mit der rechten Pfote Ohren, Stirn, Nase und Bart, betrachtete lange unverwandten Blicks die Leiche, rausperte sich aus, fuhr nochmals mit der Pfote ubers Gesicht und sprach dann mit erhohtem Tone weiter.)
"O bittres Verhangnis! o grauser Tod! musstest du auf solch grausame Weise den verewigten Jungling hinraffen in der Blute seiner Jahre? Bruder! ein Redner darf dem Zuhorer nochmals sagen, was dieser schon erfahren bis zum Uberdruss, darum wiederhole ich, was ihr schon alle wisst, dass namlich der dahingeschiedene Bruder fiel als ein Opfer des wutenden Hasses der Spitzphilister. Dorthin auf jenes Dach, wo sonst wir uns ergotzten in Friede und Freude, wo frohliche Lieder schallten, wo Pfot' in Pfot' und Brust an Brust wir ein Herz, eine Seele waren, wollte er hinaufschleichen, um in stiller Einsamkeit mit dem Senior Puff das Andenken jener schonen Tage, wahrer Tage in Aranjuez, die nun voruber, zu feiern, da hatten die Spitzphilister, die auf jede Weise, jede Erneuerung unsers frohen Katerbundes hintertreiben wollten, in die dunklen Winkel des Bodens Fuchseisen hingestellt; in eins derselben geriet der ungluckliche Muzius, zerquetschte sich das Hinterbein und musste sterben! Schmerzhaft und gefahrlich sind die Wunden, die Philister schlagen, denn sie bedienen sich jederzeit stumpfer schartiger Waffen, doch stark und kraftig von Natur, hatte der Dahingeschiedene, der bedrohlichen Verletzung unerachtet, wieder aufkommen konnen, aber der Gram, der tiefe Gram, sich von schnoden Spitzen uberwunden, in seiner schonen glanzvollen Laufbahn ganz zerstort zu sehen, der stete Gedanke an die Schmach, die wir alle erlitten, das war es, was an seinem Leben zehrte. Er litt keinen gehorigen Verband, nahm keine Arzenei man sagt, er wollte sterben!"
(Ich, wir alle konnten uns bei diesen letzten Worten Hinzmanns nicht lassen vor grimmen Schmerz, sondern brachen all in solch ein klagliches Geheul und Jammergeschrei aus, dass ein Felsen hatte erweicht werden konnen. Als wir uns nur einigermassen beruhigt hatten, so dass wir zu horen vermochten, sprach Hinzmann mit Pathos weiter.)
"O Muzius! o schau' herab! schau' die Tranen, die wir um dich vergiessen, hore die trostlose Klage, die wir um dich erheben, verewigter Kater! Ja, schau' auf uns herab oder hinauf, wie du es nun eben vermagst, sei im Geiste unter uns, wenn du noch uberhaupt eines Geistes machtig und derselbige, der dir innegewohnt, nicht schon anderweitig verbraucht worden! Bruder! wie gesagt, ich halte das Maul uber die Biographie des Erblassten, weil ich nichts davon weiss, aber desto lebhafter sind mir die vortrefflichen Eigenschaften des Verewigten im Gedachtnis, und die will ich euch, meine teuersten geliebtesten Freunde, vor die Nase rucken, damit ihr den entsetzlichen Verlust, den ihr durch den Tod des herrlichen Katers erlitten, im ganzen Umfange fuhlen moget! Vernehmet es, o Junglinge, die ihr geneigt seid, nie abzuweichen von dem Pfade der Tugend, vernehmt es! Muzius war, was wenige im Leben sind, ein wurdiges Glied der Katzengesellschaft, ein guter treuer Gatte, ein vortrefflicher liebender Vater, ein eifriger Verfechter der Wahrheit und des Rechts, ein unermudlicher Wohltater, eine Stutze der Armen, ein treuer Freund in der Not! Ein wurdiges Glied der Katzengesellschaft? Ja! denn immer ausserte er die besten Gesinnungen und war sogar zu einiger Aufopferung bereit, wenn geschah, was er wollte, feindete auch nur ausschliesslich diejenigen an, die ihm widersprachen und seinem Willen sich nicht fugten. Ein guter treuer Gatte? Ja! denn er lief andern Katzchen nur dann nach, wenn sie junger und hubscher waren als sein Gemahl und unwiderstehliche Lust ihn dazu trieb. Ein vortrefflicher liebender Vater? Ja! denn niemals hat man vernommen, dass er, wie es wohl von rohen lieblosen Vatern unsers Geschlechts zu geschehen pflegt, im Anfall eines besonderen Appetits eines seiner erzielten Kleinen verspeiset; es war ihm vielmehr ganz recht, wenn die Mutter sie samtlich forttrug und er von ihrem dermaligen Aufenthalt weiter nichts erfuhr. Ein eifriger Verfechter der Wahrheit und des Rechts? Ja! denn sein Leben hatte er gelassen dafur, weshalb er, da man nur einmal lebt, sich um beides nicht viel kummerte, welches ihm auch nicht zu verargen. Ein unermudlicher Wohltater, eine Stutze der Armen? Ja! denn jahraus jahrein trug er am Neujahrstage ein kleines Heringsschwanzlein oder ein paar subtile Knochelchen hinab in den Hof fur die armen Bruder, die der Speisung bedurften, und konnte wohl, da er auf diese Weise seine Pflicht als wurdiger Katzenfreund erfullte, diejenigen bedurftigen Kater murrisch anknurren, die ausserdem noch etwas von ihm verlangten. Ein treuer Freund in der Not? Ja! denn geriet er in Not, so liess er nicht ab selbst von denjenigen Freunden, die er sonst ganz vernachlassigt, ganz vergessen hatte. Verewigter! was soll ich noch sagen von deinem Heldenmut, von deinem hohen gelauterten Sinn fur alles Schone und Edle, von deiner Gelehrsamkeit, von deiner Kunstkultur, von all den tausend Tugenden, die sich in dir vereinten! Was, sag' ich, soll ich sagen davon, ohne unsern gerechten Schmerz uber dein klagliches Hinscheiden nicht noch um vieles zu vermehren! Freunde, geruhrte Bruder! denn in der Tat, an einigen unzweideutigen Bewegungen bemerke ich zu meiner nicht geringen Befriedigung, dass es mir gelang, euch zu ruhren Also! geruhrte Bruder! Lasst uns ein Beispiel nehmen an diesem Verstorbenen, lasst uns alle Muhe anwenden, ganz in seine wurdige Fusstapfen zu treten, lasst uns ganz das sein, was der Vollendete war, und auch wir werden im Tode die Ruhe des wahrhaft weisen, des durch Tugenden jeder Art und Gattung gelauterten Katers geniessen wie dieser Vollendete! Seht nur selbst, wie er so still daliegt, wie er keine Pfote ruhrt, wie ihm all mein Lob seiner Vortrefflichkeit auch nicht ein leises Lacheln des Wohlgefallens abgewonnen! Glaubt ihr wohl, Traurige! dass der bitterste Tadel, die grobsten beleidigendsten Schmahungen ebenso jeden Eindruck auf den Verewigten verfehlt haben wurden? Glaubt ihr wohl, dass selbst der damonische Spitzphilister, trate er hinein in diesen Kreis, dem er sonst unmassgeblich beide Augen ausgekratzt haben wurde, jetzt ihn nur im mindesten in Harnisch bringen, seine sanfte susse Ruhe verstoren durfte?
Uber Lob und Tadel, uber alle Anfeindungen, alle Foppereien, allen neckhaften Spott und Hohn, uber allen wirrigen Spuk des Lebens ist unser herrliche Muzius erhaben, er hat kein anmutiges Lacheln, keine feurige Umarmung, keinen biedern Pfotendruck mehr fur den Freund, aber auch keine Krallen, keine Zahne mehr fur den Feind! Er ist vermoge seiner Tugenden zu der Ruhe gelangt, der er im Leben vergebens nachgestrebt! Zwar will es mich beinahe bedunken, dass wir alle, so wie wir hier zusammen sitzen und heulen um den Freund, zu der Ruhe kommen wurden, ohne gerade so ein Ausbund von aller Tugend zu sein als er, und dass es wohl noch ein anderes Motiv geben musse, tugendhaft zu sein, als gerade die Sehnsucht nach dieser Ruhe, indessen ist das nur solch ein Gedanke, den ich euch zu fernerer Bearbeitung uberlasse. Soeben wollte ich euch ans Herz legen, euer ganzes Leben vorzuglich dazu anzuwenden, um so schon sterben zu lernen als Freund Muzius, indessen will ich es lieber nicht tun, da ihr mir so manches Bedenkliche entgegensetzen konntet. Ich meine namlich, dass ihr mir einwenden durftet, der Verewigte hatte auch lernen sollen, behutsam zu sein und Fuchseisen zu vermeiden, um nicht zu sterben vor der Zeit. Dann gedenke ich aber auch, wie ein sehr junger Katerknabe auf gleiche Ermahnung des Lehrers, dass der Kater sein ganzes Leben darauf verwenden musse, um sterben zu lernen, schnippisch genug erwiderte, es konne doch so gar schwer nicht sein, da es jedem gelinge aufs erste Mal! Lasst uns jetzt, hochbetrubte Junglinge, einige Augenblicke stiller Betrachtung widmen!"
(Hinzmann schwieg und fuhr sich wiederum mit der rechten Pfote uber Ohren und Gesicht, dann schien er in tiefes Nachdenken zu versinken, indem er die Augen fest zudruckte. Endlich, als es zu lange wahrte, stiess ihn der Senior Puff an und sprach leise: "Hinzmann, ich glaube gar, du bist eingeschlafen. Mache nur, dass du fertig wirst mit deinem Sermon, denn wir verspuren alle einen desperaten Hunger." Hinzmann fuhr in die Hohe, setzte sich wieder in die zierliche Rednerstellung und sprach weiter.)
"Teuerste Bruder! ich hoffte noch zu einigen erhabenen Gedanken zu gelangen und gegenwartige Standrede glanzend zu schliessen, es ist mir aber gar nichts eingefallen, ich glaube, der grosse Schmerz, den ich zu empfinden mich bemuht, hat mich ein wenig stupid gemacht. Lasst uns daher meine Rede, der ihr den vollkommensten Beifall nicht versagen konnet, fur geschlossen annehmen und jetzt das gewohnliche De oder Ex profundis anstimmen!"
So endete der artige Katerjungling seinen Trauersermon , der mir zwar in rhetorischer Hinsicht wohl geordnet und von guter Wirkung zu sein schien, an dem ich aber doch manches auszusetzen fand. Mir kam es namlich vor, dass Hinzmann gesprochen, mehr um ein glanzendes Rednertalent zu zeigen, als den armen Muzius noch zu ehren nach seinem betrubten Hinscheiden. Alles, was er gesagt, passte gar nicht recht auf den Freund Muzius, der ein einfacher, schlichter, gerader Kater und, ich hatte es ja wohl recht erfahren, eine treue gutmutige Seele gewesen. Uberdem war auch das Lob, das Hinzmann gespendet, von zweideutiger Art, so dass mir eigentlich die Rede hinterher missfiel und ich wahrend des Vortrags bloss durch die Anmut des Redners und durch seine in der Tat ausdrucksvolle Deklamation bestochen worden. Auch der Senior Puff schien meiner Meinung zu sein; wir wechselten Blicke, die, Hinzmanns Rede betreffend, von unserm Einverstandnis zeugten.
Dem Schluss der Rede gemass stimmten wir ein "De profundis" an, das womoglich noch viel jammerlicher, viel herzzerschneidender klang als das entsetzliche Grabeslied vor der Rede. Es ist bekannt, dass die Sanger von unserm Geschlecht den Ausdruck des tiefsten Wehs, des trostlosesten Jammers, mag nun die Klage wegen zu sehnsuchtiger oder verschmahter Liebe oder um einen geliebten Verstorbenen ertonen, ganz vorzuglich in der Gewalt haben, so dass selbst der kalte gefuhllose Mensch von Gesangen solcher Art tief durchdrungen wird und der gepressten Brust nur Luft zu machen vermag durch seltsames Fluchen. Als das "De profundis" geendigt, hoben wir die Leiche des verewigten Bruders auf und senkten sie in ein tiefes, in einer Ecke des Kellers befindliches Grab.
In diesem Augenblick begab sich aber das Unerwartetste und zugleich anmutig Ruhrendste der ganzen Totenfeier. Drei Katzenmadchen, schon wie der Tag, hupften heran und streuten Kartoffel- und Petersilienkraut, das sie im Keller gepfluckt, in das offne Grab, wahrend eine altere ein einfaches herziges Lied dazu sang. Die Melodie war mir bekannt, irre ich nicht, so fangt der Originaltext des Liedes, dem die Stimme untergeschoben, mit den Worten an: "O Tannenbaum! o Tannenbaum!" u.s.w. Es waren, wie mir der Senior Puff ins Ohr sagte, die Tochter des verstorbenen Muzius, die auf diese Weise des Vaters Trauerfest mit begingen.
Nicht das Auge abwenden konnte ich von der Sangerin; sie war allerliebst, der Ton ihrer sussen Stimme, selbst das Ruhrende, tief Empfundene in der Melodie des Trauerliedes riss mich hin ganz und gar; ich konnte mich der Tranen nicht enthalten. Doch der Schmerz, der mir sie auspresste, war von ganz besonderer seltsamer Art, da er mir das susseste Wohlbehagen erregte.
Dass ich es nur geradezu heraussage! Mein ganzes Herz neigte sich der Sangerin hin, es war mir, als habe ich nie eine Katzenjungfrau erblickt von dieser Anmut, von diesem Adel in Haltung und Blick, von dieser siegenden Schonheit.
Das Grab wurde mit Muhe von vier rustigen Katern, die so viel Sand und Erde herankratzten, als nur moglich, gefullt, die Beerdigung war vorbei, und wir gingen zu Tische. Muzius' schone liebliche Tochter wollten sich entfernen, das litten wir jedoch nicht, sie mussten vielmehr teilnehmen am Trauermahl, und ich wusste es so geschickt anzufangen, dass ich die Schonste zur Tafel fuhrte und mich dicht neben ihr hinsetzte. Hatte mir erst ihre Schonheit geglanzt, hatte mich ihre susse Stimme bezaubert, so versetzte mich jetzt ihr heller klarer Verstand, die Innigkeit, die Zartheit ihres Gefuhls, das rein weibliche fromme Wesen, das aus ihrem Innern hervorstrahlte, in den hochsten Himmel des Entzuckens. Alles erhielt in ihrem Munde, in ihren sussen Worten einen ganz eigenen Zauberreiz, ihr Gesprach war ganz liebliche zarte Idylle. So sprach sie z.B. mit Warme von einem Milchbrei, den sie wenige Tage vor des Vaters Tode nicht ohne Appetit genossen, und als ich sagte, dass bei meinem Meister solch ein Brei ganz vorzuglich bereitet wurde und zwar mit einer guten Zutat von Butter, da blickte sie mich an mit ihren frommen, grunstrahlenden Taubenaugen und fragte mit einem Ton, der mein ganzes Herz durchbebte: "O gewiss gewiss, mein Herr? Sie lieben auch den Milchbrei? Mit Butter!" wiederholte sie dann, wie in schwarmerische Traume versinkend. Wer weiss nicht, dass hubschen bluhenden Madchen von sechs bis acht Monaten (so viele konnte die Schonste zahlen) nichts besser kleidet als ein kleiner Anstrich von Schwarmerei, ja dass sie dann oft ganz unwiderstehlich sind. So geschah es, dass ich, ganz in Liebe entflammt, die Pfote der Schonsten heftig druckend, laut rief: "Englisches Kind! fruhstucke mit mir Milchbrei, und es gibt keine Seligkeit des Lebens, gegen die ich mein Gluck austausche!" Sie schien verlegen, sie schlug errotend die Augen nieder, doch liess sie ihre Pfote in der meinigen, welches die schonsten Hoffnungen in mir erregte. Ich hatte namlich einmal bei meinem Meister einen alten Herrn, der, irre ich nicht, ein Advokat war, sagen gehort, es sei fur ein junges Madchen sehr gefahrlich, ihre Hand lange in der Hand eines Mannes zu lassen, weil dieser es mit Recht fur eine traditio brevi manu ihrer ganzen Person ansehen und allerlei Anspruche darauf begrunden konne, die dann nur mit Muhe zuruckzuweisen. Zu solchen Anspruchen hatte ich nun aber grosse Lust und wollte eben damit beginnen, als das Gesprach durch eine Libation zu Ehren des Verstorbenen unterbrochen wurde. Die drei jungeren Tochter des hingeschiedenen Muzius hatten indessen eine frohe Laune, eine schalkhafte Naivitat entwickelt, uber die alle Kater entzuckt waren. Schon durch Speise und Trank merklich dem Gram und Schmerz entnommen, wurde nun die Gesellschaft immer froher und lebendiger. Man lachte, man scherzte, und als die Tafel aufgehoben, war es der ernste Senior Puff selbst, welcher vorschlug, ein Tanzchen zu machen. Schnell war alles fortgeraumt; drei Kater stimmten ihre Kehlen, und bald sprangen und drehten sich Muzius' aufgeweckte Tochter mit den Junglingen wacker herum.
Nicht von der Seite wich ich der Schonsten, ich forderte sie auf zum Tanz, sie gab mir die Pfote, wir flogen in die Reihen. Ha! wie ihr Atem an meiner Wange spielte! wie meine Brust an der ihrigen bebte! wie ich ihren sussen Leib mit meinen Pfoten umschlangen hielt! O des seligen, himmlisch seligen Augenblicks!
Als wir zwei, auch wohl drei Hopser getanzt, fuhrte ich die Schonste in eine Ecke des Kellers und bediente sie galanter Sitte gemass mit einigen Erfrischungen, wie sie sich eben vorfinden lassen wollten, da das Fest eigentlich auf einen Ball nicht eingerichtet. Nun liess ich meinem innern Gefuhl ganz freien Lauf. Ein Mal ubers andere druckte ich ihre Pfote an meine Lippen und versicherte ihr, dass ich der glucklichste Sterbliche sein werde, wenn sie mich ein bisschen lieben wolle.
"Unglucklicher," sprach plotzlich eine Stimme dicht hinter mir, "Unglucklicher, was beginnst du! es ist deine Tochter Mina!"
Ich erbebte, denn wohl erkannte ich die Stimme! Es war Miesmies! Launisch spielte der Zufall mit mir, dass in dem Augenblick, als ich Miesmies ganz vergessen zu haben geglaubt, ich erfahren, was ich nicht ahnen konnen, ich in Liebe kommen musste zu eignem Kinde! Miesmies war in tiefer Trauer, ich wusste selbst nicht, was ich davon denken sollte. "Miesmies," sprach ich sanft, "Miesmies, was fuhrt Sie hieher, warum in Trauer und o Gott! jene Madchen Minas Schwestern?" Ich erfuhr das Seltsamste! Mein gehassiger Nebenbuhler, der Schwarzgraugelbe, hatte sich gleich nachher, als er in jenem morderischen Zweikampf meiner ritterlichen Tapferkeit erlegen, von Miesmies getrennt und war, als nur seine Wunden geheilt, fortgegangen, niemand wusste wohin. Da warb Muzius um ihre Pfote, die sie ihm willig reichte, und es machte ihm Ehre und bewies sein Zartgefuhl, dass er mir dies Verhaltnis ganzlich verschwieg. So waren aber jene muntre naive Katzchen nur meiner Mina Stiefschwestern!
"O Murr," sprach Miesmies zartlich, nachdem sie erzahlt, wie sich das alles ergeben, "o Murr! Ihr schoner Geist hat sich nur in dem Gefuhl geirrt, das ihn uberstromte. Es war die Liebe des zartlichsten Vaters, nicht des verlangenden Liebhabers, die in Ihrer Brust erwachte, als Sie unsre Mina sahen. Unsere Mina! o welch ein susses Wort! Murr! konnen Sie dabei unempfindlich bleiben, sollte alle Liebe erloschen sein in Ihrem Innern gegen die, die Sie so innig liebte o Himmel, noch so innig liebt, die Ihnen treu geblieben bis in den Tod, ware nicht ein anderer dazwischengekommen und hatte sie verlockt durch schnode Verfuhrungskunste? O Schwachheit, dein Name ist Katz! Das denken Sie, ich weiss es, aber ist es nicht Katertugend, der schwachen Katze zu verzeihen? Murr! Sie sehen mich gebeugt, trostlos uber den Verlust des dritten zartlichen Gatten, aber in dieser Trostlosigkeit flammt aufs neue die Liebe auf, die sonst mein Gluck, mein Stolz, mein Leben war! Murr! horen Sie mein Gestandnis! ich liebe Sie noch, und ich dachte, wir verhei " Tranen erstickten ihre Stimme!
Mir war bei dem ganzen Auftritt sehr peinlich zumute. Mina sass da, bleich und schon wie der erste Schnee, der manchmal im Herbste die letzten Blumen kusst und gleich in bittres Wasser zerfliessen wird!
(Anmerkung des Herausgebers. Murr! Murr! schon wieder ein Plagiat! In "Peter Schlemihls wundersamer Geschichte" beschreibt der Held des Buchs seine Geliebte, auch Mina geheissen, mit denselben Worten.)
Schweigend betrachtete ich beide, Mutter und Tochter, die letzte gefiel mir doch unendlich viel besser, und da bei unserm Geschlecht die nachsten verwandtschaftlichen Verhaltnisse kein kanonisches Ehehindernis Vielleicht verriet mich mein Blick, denn Miesmies schien meine innerste Gedanken zu durchschauen. "Barbar!" rief sie, indem sie schnell auf Mina lossprang und sie heftig umpfotend an ihre Brust riss, "Barbar! was willst du beginnen? Wie? du kannst dies dich liebende Herz verschmahen und Verbrechen haufen auf Verbrechen!" Unerachtet ich nun gar nicht begriff, was fur Anspruche Miesmies geltend machen und welche Verbrechen sie mir vorwerfen konnte, so fand ich es, um den Jubel, in den sich das Trauerfest aufgelost, nicht zu verstoren, doch geratener, gute Miene zu machen zu bosem Spiel. Ich versicherte daher der ganz aus sich selbst gekommenen Miesmies, dass bloss die unaussprechliche Ahnlichkeit Minas mit ihr mich irregefuhrt und ich geglaubt habe, dasselbe Gefuhl entflamme mein Inneres, das ich fur sie, die noch immer schone Miesmies, in mir trage. Miesmies trocknete alsbald ihre Tranen, setzte sich dicht zu mir und fing ein so vertrauliches Gesprach mit mir an, als sei nie etwas Boses unter uns vorgefallen. Hatte nun noch der junge Hinzmann die schone Mina zum Tanz aufgefordert, so kann man denken, in welcher unangenehmen peinlichen Lage ich mich befand.
Ein Gluck fur mich war es, dass der Senior Puff endlich Miesmies aufzog zum Kehraus, da sie mir sonst noch allerlei seltsame Propositionen hatte machen konnen. Ich schlich leise, leise aus dem Keller herauf und dachte: "Kommt Zeit, kommt Rat!"
Ich sehe dieses Trauerfest fur den Wendepunkt an, in dem sich meine Lehrmonate schlossen und ich eintrat in einen Kreis des Lebens. (Mak. Bl.) Kreisler veranlasst, sich in aller Fruhe in die Gemacher des Abts zu begeben. Er fand den hochehrwurdigen Herrn, wie er eben, mit Beil und Meissel in der Hand, beschaftigt war, eine grosse Kiste aufzuschlagen, in welcher der Form nach ein Gemalde eingepackt sein musste. "Ha!" rief der Abt dem eintretenden Kreisler entgegen, "gut, dass Ihr kommt, Kapellmeister! Ihr konnet mir beistehen in einer schweren muhseligen Arbeit. Die Kiste ist mit tausend Nageln zugehammert, als solle sie verschlossen bleiben in Ewigkeit. Sie kommt geradesweges aus Neapel, und es ist ein Gemalde darin, das ich vorderhand in meinem Kabinett aufhangen und den Brudern nicht zeigen will. Darum rief ich mir keinen zur Hilfe; aber nun sollt Ihr mir helfen, Kapellmeister." Kreisler legte Hand an, und nicht lange dauerte es, so war das grosse schone Gemalde, das in einen prachtigen vergoldeten Rahmen gefasst, aus der Kiste zutage gefordert. Nicht wenig verwunderte sich Kreisler, als er in dem Kabinett des Abts die Stelle uber dem kleinen Altar, wo sonst ein sehr anmutiges Bild von Leonardo da Vinci, die heilige Familie darstellend, aufgehangt war, leer fand. Der Abt hatte dies Gemalde fur eins der besten geachtet, welche die an alten Originalen reiche Sammlung besass, und doch sollte dieses Meisterstuck Platz machen einem Gemalde, dessen grosse Schonheit, aber auch entschiedene Neuheit Kreisler auf den ersten Blick erkannte.
Mit grosser Muhe hatten beide, der Abt und Kreisler, das Gemalde an der Wand mit Mauerschrauben befestigt, und nun stellte sich der Abt in das rechte Licht und schaute das Bild mit einem solch innigen Wohlbehagen, mit solch sichtlicher Freude an, dass es schien, als sei ausser der in der Tat bewundrungswurdigen Malerei noch ein besonderes Interesse hier im Spiele. Der Gegenstand des Gemaldes war ein Mirakel. Von der strahlenden Glorie des Himmels umflossen, erschien die heilige Jungfrau; in der linken Hand trug sie einen Lilienzweig, mit den beiden Mittelfingern der rechten Hand beruhrte sie aber die nackte Brust eines Junglings, und man sah, wie unter den Fingern dickes Blut aus einer offnen Wunde hervortropfte. Der Jungling erhob sich halb von dem Lager, auf das er ausgestreckt, er schien aus dem Todesschlafe zu erwachen, noch hatte er nicht die Augen geoffnet, aber das verklarte Lacheln, das auf seinem schonen Antlitz ausgebreitet, zeigte, dass er die Mutter Gottes schaute im seligen Traum, dass ihm der Schmerz der Wunde entnommen, dass der Tod keine Macht mehr hatte uber ihn. Jeder Kenner musste die korrekte Zeichnung, die geschickte Anordnung der Gruppe, die richtige Verteilung des Lichts und Schattens, den grandiosen Wurf der Gewander, die hohe Anmut der Gestalt Marias, vorzuglich auch die lebensvolle Farbe, die den modernen Kunstlern meistens nicht zu Gebote steht, hochlich bewundern. Worin sich aber am meisten und, wie es in der Natur der Sache liegt, auch am entschiedensten der wahre Genius des Kunstlers offenbarte, war der unbeschreibliche Ausdruck der Gesichter. Maria war das schonste, anmutigste Weib, das man nur sehen konnte, und doch lag auf dieser hohen Stirne des Himmels gebietende Majestat, strahlte uberirdische Seligkeit in mildem Glanz aus diesen dunklen Augen. Ebenso war die himmlische Verzuckung des zum Leben erwachenden Junglings mit einer seltenen Kraft des schopferischen Geistes vom Kunstler aufgefasst und dargestellt. Kreisler kannte in der Tat kein einziges Gemalde der neuern Zeit, das er diesem herrlichen Bilde hatte an die Seite stellen konnen; er ausserte dies dem Abt, indem er sich uber alle einzelne Schonheiten des Werks weitlauftig ausliess und dann hinzufugte, dass in der neuesten Zeit wohl kaum Gediegeneres hervorgebracht worden.
"Das," sprach der Abt lachelnd, "das hat seinen guten Grund, wie Ihr, Kapellmeister, sogleich erfahren sollt. Es ist ein eignes Ding mit unsern jungen Kunstlern, sie studieren und studieren, erfinden, zeichnen, machen gewaltige Kartons, und am Ende kommt Totes, Starres hervor, das nicht eindringen kann ins Leben, weil es selbst nicht lebt. Statt des alten grossen Meisters, den sie sich zum Muster und Vorbild gewahlt haben, Werke sorglich zu kopieren und so einzudringen in seinen eigentumlichsten Geist, wollen sie gleich die Meister selbst sein und Similia malen, verfallen aber daruber in eine Nachahmerei der Nebendinge, die sie ebenso kindisch und lacherlich erscheinen lasst als jenen, der, um einem grossen Mann gleichzukommen, ebenso zu husten, zu schnarren, etwas gebuckt zu gehen sich muhte wie dieser. Es fehlt unsern jungen Malern an der wahren Begeisterung, die das Bild in aller Glorie des vollendetsten Lebens aus dem Innern hervorruft und ihnen vor Augen stellt. Man sieht, wie sich dieser, jener vergebens abqualt, um endlich in jene erhohte Stimmung des Gemuts zu geraten, ohne die kein Werk der Kunst geschaffen wird. Was dann aber die Armsten fur wahre Begeisterung halten, wie sie den heitern, ruhigen Sinn der alten Maler erhob, ist nur das seltsam gemischte Gefuhl von hochmutiger Bewunderung des selbst gefassten Gedankens und von angstlicher, qualender Sorge, nun bei der Ausfuhrung es dem alten Vorbilde auch in der kleinsten Kleinigkeit nachzutun. So wird denn oft die Gestalt, die, selbst lebendig, ins helle freundliche Leben treten sollte, zur widerlichen Fratze. Unsere jungen Maler bringen es nicht zur deutlichen Anschauung der im Innern aufgefassten Gestalt, und mag es vielleicht nicht lediglich daher kommen, dass sie, gerat ihnen auch sonst alles so ziemlich gut, doch die Farbung verfehlen? Mit einem Wort, sie konnen hochstens zeichnen, aber durchaus nicht malen. Unwahr ist es namlich, dass die Kenntnis der Farben und ihrer Behandlung verloren gegangen sein, dass es den jungen Malern an Fleiss fehlen sollte. Denn was das erste betrifft, so ist es unmoglich, da die Malerkunst seit der christlichen Zeit, in der sie sich erst als wahrhaftige Kunst gestaltete, nie geruht hat, sondern Meister und Schuler eine ununterbrochene, fortlaufende Reihe bilden und der Wechsel der Dinge, der freilich nach und nach die Abweichungen vom Wahrhaftigen herbeifuhrte, auf die Ubertragung des Mechanischen keinen Einfluss haben konnte. Anlangend aber den Fleiss der Kunstler, so mochte ihnen eher Ubermass als Mangel daran vorzuwerfen sein. Ich kenne einen jungen Kunstler, der ein Gemalde, lasst es sich auch ziemlich gut an, so lange ubermalt und ubermalt, bis alles in einen stumpfen bleiernen Ton hinschwindet und so vielleicht erst dem innern Gedanken gleicht, dessen Gestalten nicht in das vollendete, lebendige Leben treten konnten. Seht da, Kapellmeister, ein Bild, aus dem wahres herrliches Leben haucht, und das darum, weil es die wahre fromme Begeisterung schuf! Das Mirakel ist Euch deutlich. Der Jungling, der sich dort vom Lager erhebt, wurde in ganzlicher Hilflosigkeit von Mordern uberfallen und zum Tode getroffen. Laut rief er, der sonst ein gottloser Frevler gewesen, der die Gebote der Kirche in hollischem Wahn verachtet, die heilige Jungfrau um Hilfe an, und es gefiel der himmlischen Mutter Gottes, ihn aus dem Tode zu erwekken, damit er noch lebe, seine Irrtumer einsehe und sich in frommer Hingebung der Kirche weihe und ihrem Dienst. Dieser Jungling, dem die Gottgesandte so viel Gnade angedeihen liess, ist zugleich der Maler des Bildes."
Kreisler bezeugte daruber, was ihm der Abt sagte, seine nicht geringe Verwunderung und schloss damit, dass auf diese Weise das Mirakel ja in der neuesten Zeit sich zugetragen haben musse.
"Auch Ihr," sprach der Abt mit sanftem mildem Ton, "auch Ihr, mein lieber Johannes, seid also der torichten Meinung, dass das Gnadentor des Himmels jetzt verschlossen sei, so dass das Mitleiden, die Barmherzigkeit in der Gestalt des Heiligen, den der bedrangte Mensch in der zermalmenden Angst des Verderbens brunstig anflehte, nicht mehr hindurchwandeln, selbst dem Bedurftigen erscheinen und ihm Frieden und Trost bringen konne? Glaubt mir, Johannes nie haben die Wunder aufgehort, aber des Menschen Auge ist erblodet in sundigem Frevel, es kann den uberirdischen Glanz des Himmels nicht ertragen und vermag daher nicht die Gnade der ewigen Macht zu erkennen, wenn sie sich kundtut in sichtbarlicher Erscheinung. Doch, mein lieber Johannes, die herrlichsten gottlichsten Wunder geschehen in dem innersten Gemut des Menschen selbst, und diese Wunder soll er laut verkunden, wie er es nur vermag, in Wort, Ton oder Farbe. So hat jener Monch, der das Bild malte, das Wunder seiner Bekehrung herrlich verkundet, und so Johannes, ich muss von Euch reden, es stromt mir aus dem Herzen und so verkundet Ihr in machtigen Tonen das herrliche Wunder der Erkenntnis des ewigen klarsten Lichts aus Euerm tiefsten Innern heraus. Und dass Ihr das vermoget, ist das nicht auch ein gnadenvolles Wunder, das die ewige Macht geschehen lasst zu Euerm Heil?"
Kreisler fuhlte sich von des Abts Worten gar seltsam erregt; so wie es selten geschehen, trat der volle Glaube an seine innere schopferische Kraft lebendig hervor, und ihn durchbebte ein seliges Wohlbehagen.
Nicht den Blick hatte Kreisler indessen abgewandt von dem wunderbaren Gemalde, aber wie es wohl zu geschehen pflegt, dass wir auf Bildern, vorzuglich wenn, wie es hier der Fall, starke Lichteffekte im Voroder Mittelgrunde angebracht sind, die in den dunklen Hintergrund gestellten Figuren erst spater entdecken, so gewahrte auch jetzt erst Kreisler die Gestalt, die, in einen weiten Mantel gehullt, den Dolch, auf den nur ein Strahl der Glorie der Himmelskonigin zu fallen schien, so dass er kaum bemerkbar blinkte, in der Hand, durch die Ture entfloh. Es war offenbar der Morder; im Entfliehen blickte er ruckwarts, und sein Gesicht trug den furchtbaren Ausdruck der Angst und des Entsetzens.
Wie ein Blitz traf es den Kreisler, als er in dem Antlitz des Morders die Zuge des Prinzen Hektor erkannte, nun war es ihm auch, als habe er den zum Leben erwachenden Jungling schon irgendwo, wiewohl nur sehr fluchtig, gesehen. Eine ihm selbst unerklarliche Scheu hielt ihn zuruck, diese Bemerkungen dem Abt mitzuteilen, dagegen fragte er den Abt, ob er es nicht fur storend und anstossig halte, dass der Maler ganz im Vorgrunde, wiewohl im Schlagschatten, Gegenstande des modernen Anzuges angebracht und, wie er jetzt erst sehe, auch den erwachenden Jungling, also sich selbst modern gekleidet.
In der Tat war auf dem Bilde und zwar zur Seite des Vorgrundes ein kleiner Tisch und ein dicht daneben stehender Stuhl angebracht, auf dessen Lehne ein turkischer Shawl hing, so wie auf dem Tisch ein Offiziershut mit einem Federbusch und ein Sabel lagen. Der Jungling trug einen modernen Hemdkragen, eine Weste, die ganz aufgeknopft, und einen dunklen, ebenfalls ganz aufgeknopften Uberrock, dessen Schnitt aber einen guten Faltenwurf zuliess. Die Himmelskonigin war gekleidet, wie man sie auf den Bildern der besten alten Maler zu sehen gewohnt ist.
"Mir ist," erwiderte der Abt auf Kreislers Frage, "mir ist die Staffage im Vorgrunde sowie des Junglings Uberrock nicht allein keinesweges anstossig, sondern ich meine auch, dass der Maler nicht von des Himmels Gnade, sondern von weltlicher Torheit und Eitelkeit hatte durchdrungen sein mussen, wenn er auch nur in dem geringfugigsten Nebenpunkte von der Wahrheit abgewichen ware. So wie es sich wirklich begab, getreu nach Ort, Umgebung, Kleidung der Personen u.s.w. musste er das Mirakel darstellen, so sieht auch jeder auf den ersten Blick, dass sich das Mirakel in unsern Tagen begab, und so wird das Gemalde des frommen Monchs zur schonen Trophae der siegenden Kirche in diesen Zeiten des Unglaubens und der Verderbtheit."
"Und doch," sprach Kreisler, "und doch ist mir dieser Hut, dieser Sabel, dieser Shawl, dieser Tisch, dieser Stuhl ist mir das alles, sage ich, fatal, und ich wollte, der Maler hatte diese Staffage des Vorgrundes weggelassen und sich selbst ein Gewand umgeworfen statt des Uberrocks. Sagt selbst, hochehrwurdiger Herr, konnt Ihr Euch eine heilige Geschichte denken im modernen Kostum, einen heiligen Joseph im Flauschrock, einen Heiland im Frack, eine Jungfrau in einer Robe, mit umgeworfenem turkischen Shawl? Wurde Euch das nicht als eine unwurdige, ja abscheuliche Profanation des Erhabensten erscheinen? Und doch stellten die alten, vorzuglich die deutschen Maler alle biblischen und heiligen Geschichten in dem Kostum ihres Zeitalters dar, und ganz falsch mochte die Behauptung sein, dass sich jene Trachten besser zur malerischen Darstellung eigneten als die jetzigen, die freilich, bis auf manche Kleidung der Weiber, albern und unmalerisch genug sind. Doch bis ins Ubertriebene, bis ins Ungeheuere, mocht' ich sagen, gingen ja manche Moden der Vorzeit; man denke an jene ellenhoch aufgekrummte Schnabelschuhe, an jene bauschichte Pluderhosen, an jene verschnittene Wamser und Armel u.s.w., vollends unausstehlich und Antlitz und Wuchs entstellend waren aber manche Weibertrachten, wie man sie auf alten Bildern findet, auf denen das junge bluhende, bildschone Madchen bloss der Tracht halber das Ansehn hat einer alten gramlichen Matrone. Und doch sind gewiss jene Bilder niemanden anstossig gewesen."
"Nun," erwiderte der Abt, "nun kann ich Euch, mein lieber Johannes, mit wenigen Worten recht den Unterschied der alten frommen und der jetzigen verderbteren Zeit vor Augen bringen. Seht, damals waren die heiligen Geschichten so in das Leben der Menschen eingedrungen, ja, ich mochte sagen, so im Leben bedingt, dass jeder glaubte, vor seinen Augen habe sich das Wundervolle begeben, und jeden Tag konne die ewige Allmacht gleiches geschehen lassen. So ging dem frommen Maler die heilige Geschichte, der er seinen Sinn zugewendet, in der Gegenwart auf; unter den Menschen, wie sie ihn im Leben umgaben, sah er das Gnadenreiche geschehen, und wie er es lebendig geschaut, brachte er es auf die Tafel. Heutzutage sind jene Geschichten etwas ganz Entferntes, das als fur sich bestehend und in die Gegenwart nicht eintretend, nur in der Erinnerung ein mattes Leben muhsam behauptet, und vergebens ringt der Kunstler nach lebendiger Anschauung, da, mag er es sich auch selbst nicht gestehen, sein innerer Sinn durch das weltliche Forttreiben verflacht ist. Ebenso fade und lacherlich ist es aber hiernach, wenn man den alten Malern Unkenntnis des Kostums vorwirft und darin die Ursache findet, warum sie nur die Trachten ihrer Zeit in ihren Gemalden aufstellten, als wenn unsere jungen Maler sich muhen, die abenteuerlichsten geschmackwidrigsten Trachten des Mittelalters in ihren Abbildungen heiliger Geschichten anzubringen, dadurch aber zeigen, dass sie das, was sie abzubilden unternommen, nicht unmittelbar im Leben anschauten, sondern sich mit dem Reflex davon begnugten, wie er ihnen im Gemalde des alten Meisters aufging. Eben daher, mein lieber Johannes, weil die Gegenwart zu profan, um nicht mit jenen frommen Legenden im hasslichen Widerspruch zu stehen, weil niemand imstande ist, sich jene Wunder als unter uns geschehen vorzustellen, eben daher wurde allerdings die Darstellung in unserem modernen Kostum uns abgeschmackt, fratzenhaft, ja frevelig bedunken. Liesse es aber die ewige Macht geschehen, dass vor aller unser Augen nun wirklich ein Wunder geschehe, so wurde es durchaus unzulassig sein, das Kostum der Zeit zu andern, so wie die jungen Maler nun freilich, wollen sie einen Stutzpunkt finden, darauf bedacht sein mussen, in alten Begebenheiten das Kostum des jedesmaligen Zeitalters, so wie es erforschlich, richtig zu beobachten. Recht, wiederhole ich noch einmal, recht hatte der Maler dieses Bildes, dass er die Gegenwart andeutete, und eben jene Staffage, die Ihr, lieber Johannes, verwerflich findet, erfullt mich mit frommen heiligen Schauern, da ich selbst einzutreten wahne in das enge Gemach des Hauses zu Neapel, wo sich erst vor ein paar Jahren das Wunder der Erweckung jenes Junglings begab."
Kreisler wurde durch die Worte des Abts zu Betrachtungen mancherlei Art veranlasst; er musste ihm in vielem recht geben, nur meinte er doch, dass, was die hohere Frommigkeit der alten Zeit und die Verderbtheit der jetzigen betreffe, aus dem Abt gar zu sehr der Monch spreche, der Zeichen, Wunder, Verzuckungen verlange und wirklich schaue, deren ein frommer kindlicher Sinn, dem die krampfhafte Ekstase eines berauschenden Kultus fremd bleibe, nicht bedurfe, um wahrhafte christliche Tugend zu uben; und eben diese Tugend sei keineswegs von der Erde verschwunden, und konne dies wirklich geschehen, so wurde die ewige Macht, die uns aufgegeben und dem finstern Damon freie Willkur gegonnt, uns auch durch kein Mirakel zuruckbringen wollen auf den rechten Weg.
Alle diese Betrachtungen behielt indessen Kreisler fur sich und betrachtete schweigend noch immer das Bild. Aber immer mehr traten auch, wie bei naherem und naherem Anschauen, die Zuge des Morders aus dem Hintergrunde hervor, und Kreisler uberzeugte sich, dass das lebendige Original der Gestalt niemand anders sein konne als Prinz Hektor.
"Mich dunkt," begann Kreisler, "mich dunkt, hochehrwurdiger Herr, ich erblicke dort im Hintergrunde einen wackern Freischutzen, der es abgesehen hat auf das edelste Tier, namlich auf den Menschen, den er pirscht auf mannigfache Weise. Er hat diesmal, wie ich sehe, ein treffliches wohlgeschliffnes Fangeisen zur Hand genommen und gut getroffen, mit dem Schiessgewehr hapert's aber merklich, da er vor nicht langer Zeit auf dem Anstand einen muntren Hirsch garstig fehlte. In der Tat, mich gelustet's gar sehr nach dem Curriculum vitae dieses entschlossenen Weidmanns, sei es auch nur ein epitomatischer Auszug aus demselben, der mir schon zeigen konnte, wo ich eigentlich meine Stelle finde, und ob es nicht geraten, mich nur gleich an die heilige Jungfrau zu wenden wegen eines mir vielleicht notigen Frei- und Schutzbriefes!"
"Lasst," sprach der Abt, "lasst nur die Zeit hingehn, Kapellmeister! mich sollt' es wundern, wenn Euch nicht in kurzem so manches klar wurde, das jetzt noch in trubem Dunkel liegt. Es kann sich noch vieles Euern Wunschen, die ich erst jetzt erkannt, gar freudig fugen. Seltsam ja, so viel kann ich Euch wohl sagen seltsam genug scheint es, dass man in Sieghartshof uber Euch im grobsten Irrtum ist. Meister Abraham mag vielleicht der einzige sein, der Euer Innres durchschaut."
"Meister Abraham," rief Kreisler, "Ihr kennt den Alten, hochehrwurdiger Herr?"
"Ihr," erwiderte der Abt lachelnd, "Ihr vergesst, dass unsere schone Orgel ihre neue wirkungsvolle Struktur der Geschicklichkeit Meister Abrahams zu verdanken hat! Doch kunftig mehr! Wartet nur in Geduld der Dinge, die da kommen werden."
Kreisler beurlaubte sich beim Abt; er wollte hinab in den Park, um so manchen Gedanken nachzuhangen, die ihn durchkreuzten; doch als er schon die Treppe hinabgestiegen war, horte er hinter sich herrufen: "Domine, domine Capellmeistere! paucis te volo!" Es war der Pater Hilarius, welcher versicherte, dass er mit hochster Ungeduld auf das Ende der langen Konferenz mit dem Abt gewartet. Soeben habe er sein Kellermeisteramt verrichtet und den herrlichsten Leistenwein abgezogen, der seit Jahren im Keller gewesen. Ganz unumganglich notig sei es, dass Kreisler sogleich einen Pokal davon leere zum Fruhstuck, um die Gute des edlen Gewachses zu erkennen und sich zu uberzeugen, dass es ein Wein sei, der, feurig, geist- und herzstarkend, fur einen tuchtigen Kompositor und echten Musikanten geboren.
Kreisler wusste wohl, dass es vergeblich sein wurde, dem begeisterten Pater Hilarius entgehen zu wollen, und es war ihm selbst recht, bei der Stimmung, in die er sich versetzt fuhlte, ein Glas guten Wein zu geniessen, er folgte daher dem frohlichen Kellermeister, der ihn in seine Zelle fuhrte, wo er auf einem kleinen, mit einer saubern Serviette bedeckten Tischchen schon eine Flasche des edlen Getranks sowie frisch gebacknes Weissbrot und Salz und Kummel vorfand. "Ergo bibamus!" rief Pater Hilar, schenkte die zierlichen grunen Romer voll und stiess mit Kreislern frohlich an. "Nicht wahr," begann er, nachdem die Pokale geleert, "nicht wahr, Kapellmeister, unser hochwurdiger Herr will Euch gern in den langen Rock hinein vexieren? Tut's nicht, Kreisler! Mir ist wohl in der Kutte, ich mochte sie um keinen Preis wieder ablegen, aber distinguendum est inter et inter! Fur mich ist ein gut Glas Wein und ein tuchtiger Kirchengesang die ganze Welt, aber Ihr Ihr! Nun, Ihr seid noch zu ganz andern Dingen aufgehoben, Euch lacht noch das Leben auf ganz andere Weise, Euch leuchten noch ganz andre Lichter als die Altarskerzen! Nun, Kreisler, kurz von der Sache zu reden stosst an! Vivat Euer Madel, und wenn Ihr Hochzeit macht, so soll Euch der Herr Abt, alles Verdrusses unerachtet, durch mich von dem besten Wein senden, der nur in unserm reichen Keller befindlich!"
Kreisler fuhlte sich durch Hilarius' Worte beruhrt auf unangenehme Weise, so wie es uns schmerzt, wenn wir etwas Zartes, Schneereines erfasst sehn von plumpen ungeschickten Handen. "Was," sprach Kreisler, indem er sein Glas zuruckzog, "was Ihr nicht alles wisst, nicht alles erfahrt in Euern vier Mauern."
"Domine," rief Pater Hilarius, "Domine Kreislere, nichts fur ungut, video mysterium, aber ich will das Maul halten! Wollt Ihr nicht auf Euer Nun! Lasst uns fruhstucken in Camera et faciemus bonum cherubim und bibamus, dass der Herr uns hier in der Abtei die Ruhe und Gemutlichkeit erhalten moge, die bisher geherrscht."
"Ist," fragte Kreisler gespannt, "ist denn die jetzt in Gefahr gekommen?"
"Domine," sprach Pater Hilarius leise, indem er Kreislern vertraulich naher ruckte, "Domine dilectissime! Ihr seid lange genug bei uns, um zu wissen, in welcher Eintracht wir leben, wie sich die verschiedensten Neigungen der Bruder in einer gewissen Heiterkeit einigen, die von allem, von unserer Umgebung, von der Milde der Klosterzucht, von der ganzen Lebensweise begunstigt wird. Vielleicht hat das am langsten gedauert. Erfahrt es, Kreisler! eben ist Pater Cyprianus angekommen, der langst erwartete, der von Rom aus dem Abt auf das dringendste empfohlen wurde. Es ist noch ein junger Mann, aber auf diesem ausgedorrten starren Antlitz ist auch nicht eine Spur eines heitern Gemuts zu finden, vielmehr liegt in den finstren abgestorbenen Zugen eine unerbittliche Strenge, die den bis zur hochsten Selbstqual gesteigerten Asketiker verkundet. Dabei zeugt sein ganzes Wesen von einer gewissen feindseligen Verachtung alles dessen, was ihn umgibt, die vielleicht wirklich dem Gefuhl einer geistlichen Ubermacht uber uns alle ihren Ursprung verdanken mag. Schon erkundigte er sich in abgebrochenen Worten nach der Klosterzucht und schien grosses Argernis an unserer Lebensweise zu nehmen. Gebt acht, Kreisler, dieser Ankommling wird unsre ganze Ordnung, die uns so wohlgetan, verkehren! Gebt acht, nunc probo! Die Strenggesinnten werden sich leicht an ihn anschliessen, und bald wird sich eine Partei wider den Abt bilden, der vielleicht der Sieg nicht entgehen kann, weil es mir gewiss scheint, dass Pater Cyprianus ein Emissar Sr. papstlichen Heiligkeit ist, dessen Willen sich der Abt beugen muss. Kreisler! was wird aus unserer Musik, aus Eurem gemutlichen Aufenthalt bei uns werden! Ich sprach von unserm wohleingerichteten Chor, und wie wir die Werke der grossten Meister recht wacker auszufuhren imstande, da schnitt aber der finstre Asketiker ein entsetzliches Gesicht und meinte, dergleichen Musik sei fur die profane Welt, aber nicht fur die Kirche, aus der sie der Papst Marcellus der Zweite mit Recht ganz verbannen wollen. Per diem, wenn es keinen Chor mehr geben soll und man mir vielleicht auch den Weinkeller verschliesst, so doch vor der Hand bibamus! Man muss sich vor der Zeit keine Gedanken machen, ergo gluc-gluc."
Kreisler meinte, dass es sich wohl mit dem neuen Ankommling, der vielleicht strenger schiene, als er es wirklich sei, besser fugen und er seinerseits nicht glauben konne, dass der Abt bei dem festen Charakter, den er stets bewiesen, so leicht dem Willen eines fremden Monchs nachgeben werde, zumal es ihm selbst an wichtigen, erfolgreichen Verbindungen in Rom gar nicht fehlte.
In dem Augenblick wurden die Glocken gezogen, ein Zeichen, dass die feierliche Aufnahme des fremden Bruders Cyprianus in den Orden des heiligen Benedikt vor sich gehen solle.
Kreisler begab sich mit dem Pater Hilarius, der mit einem halbangstlichen "bibendum quid" noch die Neige seines Romers schnell hinunterschluckte, auf den Weg nach der Kirche. Aus den Fenstern des Korridors, den sie durchschritten, konnte man in die Gemacher des Abts hineinschauen. "Seht, seht!" rief Pater Hilar, indem er den Kreisler in die Ecke eines Fensters zog. Kreisler schaute hinuber und gewahrte in dem Gemach des Abts einen Monch, mit dem der Abt sehr eifrig sprach, indem eine dunkle Rote sein Antlitz uberzog. Endlich kniete der Abt nieder vor dem Monch, der ihm den Segen gab.
"Hab' ich recht," sprach Hilarius leise, "hab' ich recht, wenn ich in diesem fremden Monch, der mit einem Mal hinabschneit in unsre Abtei, etwas Besonderes, Seltsames suche und finde?"
"Gewiss," erwiderte Kreisler, "gewiss hat es mit diesem Cyprianus eine eigne Bewandtnis, und mich sollt' es wundern, wenn nicht gewisse Beziehungen sich sehr bald kundtun sollten."
Pater Hilarius begab sich zu den Brudern, um mit ihnen in feierlicher Prozession, das Kreuz vorauf, die Laienbruder mit angezundeten Kerzen und Fahnen an den Seiten, in die Kirche zu ziehen.
Als nun der Abt mit dem fremden Monch dicht bei Kreisler voruberkam, erkannte dieser auf den ersten Blick, dass Bruder Cyprianus eben der Jungling war, den auf jenem Bilde die heilige Jungfrau aus dem Tode zum Leben erweckte. Doch noch eine Ahnung erfasste Kreislern plotzlich. Er rannte herauf in sein Zimmer, er holte das kleine Bildnis hervor, das ihm Meister Abraham gegeben; kein Zweifel! er erblickte denselben Jungling, nur junger, frischer und in Offizieruniform abgebildet. Als nun
Vierter Abschnitt
Erspriessliche Folgen hoherer Kultur
Die reiferen Monate des Mannes
(M.f.f.) Hinzmanns ruhrenden Sermon, das Trauermahl, die schone Mina, Miesmies' Wiederfinden, der Tanz, alles das hatte in meiner Brust einen Zwiespalt der widersprechendsten Gefuhle erregt, so dass ich, wie man im gewohnlichen Leben gemeinhin sagt, mich eigentlich gar nicht zu lassen wusste und in einer gewissen trostlosen Bangigkeit des Gemuts wunschte, ich lage im Keller in der Grube wie Freund Muzius. Das war nun freilich sehr arg, und ich wusste gar nicht, was aus mir geworden ware, lebte nicht der wahre, hohe Dichtergeist in mir, der sofort mich mit reichlichen Versen versorgte, die ich niederzuschreiben nicht unterliess. Die Gottlichkeit der Poesie offenbart sich vorzuglich darin, dass das Versemachen, kostet auch der Reim hin und wieder manchen Schweisstropfen, doch ein wunderbares inneres Wohlbehagen erregt, das jedes irdische Leid uberwindet, sowie man denn wissen will, dass es sogar oftmals schon Hunger und Zahnschmerzen besiegt hat. Jener soll, da der Tod ihm den Vater, die Mutter, die Gattin raubte, zwar bei jedem Todesfall, wie billig, ganz ausser sich, aber doch bei dem Gedanken an das herrliche Trauer-Carmen, das er nun im Geist zu empfangen gedachte, niemals untrostlich gewesen sein und bloss noch einmal sich verheiratet haben, um die Hoffnung abermaliger tragischer Begeisterung derselben Art nicht aufzugeben.
Hier sind die Verse, die meinen Zustand, sowie den Ubergang von Leid zur Freude mit poetischer Kraft und Wahrheit schildern.
"Was wandelt, horch! durch finstre Raume,
In oder Keller Einsamkeit?
Was ruft mir zu: 'Nicht langer saume!'
Wes Stimme klagt ein herbes Leid?
Dort liegt der treue Freund begraben,
Nach mir verlangt sein irrer Geist.
Mein Trost soll ihn im Tode laben,
Ich bin's, der Leben ihm verheisst!
Doch nein! das ist kein flucht'ger Schatten,
Der solche Tone von sich gibt!
Sie seufzen nach dem treuen Gatten,
Nach ihm, der noch so heiss geliebt!
In alte Liebesketten fallen,
Rinaldo will's, er kehrt zuruck,
Doch wie! schau' ich nicht spitze Krallen?
Nicht eifersucht'gen Zornes Blick?
Sie ist's die Frau! wohin entfliehen!
Ha! welch Gefuhl besturmt die Brust.
Im keuschen Schnee der Jugend bluhen
Seh' ich des Lebens hochste Lust.
Sie springt, sie naht, und immer heller
Wird's um mich Hochbegluckten her.
Ein susser Duft durchweht den Keller,
Die Brust wird leicht, das Herz wird schwer.
Der Freund gestorben sie gefunden
Entzucken! Wonne! bittrer Schmerz!
Die Gattin Tochter neue Wunden!
Ha! sollst du brechen, armes Herz?
Doch kann den Sinn wohl so betoren
Ein Trauermahl, ein lust'ger Tanz?
Nein diesem Treiben muss ich wehren,
Mich blendet nur ein falscher Glanz.
Hinweg, ihr eitlen Truggebilde,
Gebt hoherm Streben willig Raum!
Gar manches fuhrt die Katz im Schilde,
Sie liebt, sie hasst und weiss es kaum.
Kein Ton, kein Blick, senkt eure Augen,
O Mina, Miesmies, falsch Geschlecht!
Verderblich Gift, nicht will ich's saugen,
Ich flieh', und Muzius sei geracht.
Verklarter! ja, bei jedem Braten,
Bei jedem Fisch gedenk' ich dein!
Denk' deiner Weisheit, deiner Taten,
Denk' Kater ganz wie du zu sein.
Gelang es hund'schem Frevelwitze
Dich zu verderben, edler Freund,
So trifft die Schmach blutgier'ge Spitze,
Es rachet dich, der um dich weint.
So flau, so jammervoll im Busen
War mir's, ich wusste gar nicht wie,
Doch hoher Dank den holden Musen,
Dem kuhnen Flug der Phantasie.
Mir ist jetzt wieder leidlich besser,
Spur' gar nicht g'ringen Appetit,
Bin Muzius gleich ein wackrer Esser
Und ganz in Poesie ergluht.
Ja Kunst! du Kind aus hohen Spharen,
Du Trosterin im tiefsten Leid,
O! Verslein lass mich stets gebaren
Mit genialer Leichtigkeit.
Und: 'Murr', so sprechen edle Frauen,
Hochherz'ge Junglinge, 'o Murr;
Du Dichterherz, ein zart Vertrauen
Weckt in der Brust dein suss Gemurr!'"
Die Wirkung des Versleinmachens war zu wohltatig, ich konnte mich nicht mit diesem Gedicht begnugen, sondern machte mehre hintereinander mit gleicher Leichtigkeit, mit gleichem Gluck. Die gelungensten wurd' ich hier dem geneigten Leser mitteilen, hatte ich nicht im Sinn, dieselben nebst mehreren Witzwortern und Impromptus, die ich in mussigen Stunden angefertigt, und uber die ich schon beinahe vor Lachen bersten mogen, unter dem allgemeinen Titel: "Was ich gebar in Stunden der Begeisterung" herauszugeben. Zu meinem nicht geringen Ruhm muss ich es sagen, dass selbst in meinen Junglingsmonaten, wenn der Sturm der Leidenschaft noch nicht verbraust ist, ein heller Verstand, ein feiner Takt fur das Gehorige die Oberhand behielt uber jeden abnormen Sinnenrausch. So gelang es mir auch, die plotzlich aufgewallte Liebe zu der schonen Mina ganzlich zu unterdrucken. Einmal musste mir denn doch bei ruhiger Uberlegung diese Leidenschaft in meinen Verhaltnissen etwas toricht vorkommen; dann erfuhr ich aber auch, dass Mina, des aussern Scheins kindlicher Frommigkeit unerachtet, ein keckes eigensinniges Ding sei, die bei gewissen Anlassen den bescheidensten Katerjunglingen in die blanken Augen fahre. Um mir aber jeden Ruckfall zu ersparen, vermied ich sorglich Mina zu sehen, und da ich Miesmies' vermeintliche Anspruche und ihr seltsames uberspanntes Wesen noch mehr scheute, so hielt ich mich, um ja keiner von beiden zu begegnen, einsam im Zimmer und besuchte weder den Keller, weder den Boden, noch das Dach. Der Meister schien dies gern zu sehen; er erlaubte, dass ich, studierte er am Schreibtisch, mich hinter seinem Rucken auf den Lehnstuhl setzen und mit vorgestrecktem Halse durch den Arm in das Buch gucken durfte, welches er eben las. Es waren ganz hubsche Bucher, die wir, ich und mein Meister, auf diese Art zusammen durchstudierten, wie z.B. Arpe, "de prodigiosis naturae et artis operibus, Talismanes et Amuleta dictis," Beckers "bezauberte Welt", Francisci Petrarka "Gedenkbuch" u.a.m. Diese Lekture zerstreute mich ungemein und gab meinem Geist einen neuen Schwung.
Der Meister war ausgegangen, die Sonne schien so freundlich, die Fruhlingsdufte wehten so anmutig zum Fenster hinein; ich vergass meine Vorsatze und spazierte hinauf auf das Dach. Kaum war ich aber oben, als ich auch schon Muzius' Witwe erblickte, die hinter dem Schornstein hervorkam. Vor Schreck blieb ich regungslos stehen wie eingewurzelt; schon horte ich mich besturmt mit Vorwurfen und Beteuerungen. Weit gefehlt. Gleich hinter her folgte der junge Hinzmann, rief die schone Witwe mit sussen Namen, sie blieb stehen, empfing ihn mit lieblichen Worten, beide begrussten sich mit dem entschiedenen Ausdruck inniger Zartlichkeit und gingen dann schnell an mir voruber, ohne mich zu grussen oder sonst im mindesten zu beachten. Der junge Hinzmann schamte sich ganz gewiss vor mir, denn er senkte den Kopf zu Boden und schlug die Augen nieder, die leichtsinnige kokette Witwe warf mir aber einen hohnischen Blick zu.
Der Kater ist, was sein psychisches Wesen betrifft, doch eine gar narrische Kreatur. Hatte ich nicht froh sein konnen, sein mussen, dass Muzius' Witwe anderweitig mit einem Liebhaber versehen, und doch konnte ich mich eines gewissen innern Argers nicht erwehren, der beinahe das Ansehen hatte von Eifersuchtelei. Ich schwor, niemals mehr das Dach zu besuchen, wo ich grosse Unbill erlebt zu haben glaubte. Statt dessen sprang ich nun fleissig auf die Fensterbank, sonnte mich, schaute, um mich zu zerstreuen, auf die Strasse hinab, stellte allerlei tiefsinnige Betrachtungen an und verband so das Angenehme mit dem Nutzlichen.
Ein Gegenstand dieser Betrachtungen war denn auch, warum es mir noch niemals eingefallen, mich aus eignem freien Antriebe vor die Hausture zu setzen oder auf der Strasse zu lustwandeln, wie ich es doch viele von meinem Geschlecht tun sah, ohne alle Furcht und Scheu. Ich stellte mir das als etwas hochst Angenehmes vor und war uberzeugt, dass nun, da ich zu reiferen Monaten gekommen und Lebenserfahrung genug gesammelt, von jenen Gefahren, in die ich geriet, als das Schicksal mich, einen unmundigen Jungling, hinausschleuderte in die Welt, nicht mehr die Rede sein konne. Getrost wandelte ich daher die Treppe herab und setzte mich furs erste auf die Turschwelle in den hellsten Sonnenschein. Dass ich eine Stellung annahm, die jedem auf den ersten Blick den gebildeten, wohlerzogenen Kater verraten musste, versteht sich von selbst. Es gefiel mir vor der Hausture ganz ungemein. Indem die heissen Sonnenstrahlen meinen Pelz wohltatig auswarmten, putzte ich mit gekrummter Pfote zierlich Schnauze und Bart, woruber mir ein paar vorubergehende junge Madchen, die den grossen, mit Schlossern versehenen Mappen nach, die sie trugen, aus der Schule kommen mussten, nicht allein ihr grosses Vergnugen bezeugten, sondern mir auch ein Stuckchen Weissbrot verehrten, welches ich nach gewohnter Galanterie dankbarlichst annahm.
Ich spielte mehr mit der mir dargebotenen Gabe, als dass ich sie wirklich zu verzehren Anstalt machte, aber wie gross war mein Entsetzen, als plotzlich ein starkes Brummen dicht bei mir dieses Spiel unterbrach und der machtige Alte, Pontos Oheim, der Pudel Skaramuz, vor mir stand. Mit einem Satz wollte ich fort aus der Ture, doch Skaramuz rief mir zu: "Sei Er kein Hasenfuss und bleib Er ruhig sitzen; glaubt Er, ich werd' Ihn fressen?"
Mit der demutigsten Hoflichkeit fragte ich, worin ich vielleicht dem Herrn Skaramuz nach meinen geringen Kraften dienen konne, der erwiderte aber barsch: "In nichts, in gar nichts kann Er mir dienen, Mosje Murr, und wie sollte das auch moglich sein? Aber fragen wollt' ich Ihn, ob Er vielleicht weiss, wo mein liederlicher Neffe steckt, der junge Ponto. Er hat sich ja wohl schon einmal mit Ihm herumgetrieben, und ihr scheinet zu meinem nicht geringen Arger ein Herz und eine Seele. Nun? sag' Er nur an, ob Er weiss, wo der Junge herumschwarmt; ich habe ihn schon seit mehreren Tagen mit keinem Auge gesehen."
Verlegen durch des murrischen Alten stolzes wegwerfendes Betragen, versicherte ich kalt, dass von einer engen Freundschaft zwischen mir und dem jungen Ponto gar nicht die Rede sei und auch niemals die Rede gewesen ware. Zumal in der letzten Zeit habe sich Ponto, den ich ubrigens gar nicht aufgesucht, ganz von mir zuruckgezogen.
"Nun," brummte der Alte, "nun, das freut mich, das zeigt doch, dass der Junge Ehre im Leibe hat und nicht gleich bei der Hand ist, mit Leuten allerlei Gelichters sein Wesen zu treiben."
Das war denn doch nicht auszuhalten, der Zorn ubermannte mich, das Burschentum regte sich in mir, ich vergass alle Furcht und prustete dem schnoden Skaramuz ein tuchtiges: "Alter Grobian!" ins Gesicht, hob auch die rechte Pfote mit ausgespreizten Krallen in die Hohe und zwar in der Richtung nach des Pudels linkem Auge. Der Alte wich zwei Schritte zuruck und sprach weniger barsch, als vorher: "Nun, nun, Murr! nichts fur ungut, Ihr seid sonst ein guter Kater, und da will ich Euch denn raten, nehmt Euch in acht vor dem Blitzjungen, dem Ponto! Er ist, Ihr moget es glauben, eine ehrliche Haut, aber leichtsinnig! leichtsinnig! zu allen tollen Streichen aufgelegt, kein Ernst des Lebens, keine Sitte! Nehmt Euch in acht, sag' ich, denn bald wird er Euch verlocken in allerlei Gesellschaften, wo Ihr gar nicht hin gehort und Euch mit unsaglicher Muhe zu einer Art des sozialen Umgangs zwingen musst, die Euerer innersten Natur zuwider, und uber die Eure Individualitat, Eure einfache ungeheuchelte Sitte, wie Ihr sie mir eben bewiesen, zugrunde geht. Seht, guter Murr, Ihr seid, wie ich schon gesagt, als Kater schatzenswert und habt fur gute Lehre ein williges geneigtes Ohr! Seht! soviel tolle, unangenehme, ja zweideutige Streiche auch ein Jungling verfuhren mag, zeigt er nur dann und wann jene weichliche, ja oft sussliche Gutmutigkeit, wie sie Leuten von sanguinischem Temperament immer eigen, so heisst es denn gleich mit dem franzosischen Ausdruck: 'Au fond ist er doch ein guter Kerl', und das soll denn alles entschuldigen, was er beginnt gegen alle Sitte und Ordnung. Aber der fond, in dem der Kern des Guten steckt, liegt so tief, und uber ihm hat sich so viel Unrat eines ausgelassenen Lebens gesammelt, dass er im Keime ersticken muss. Fur wahrhaftes Gefuhl des Guten wird einem aber oft jene alberne Gutmutigkeit aufgetischt, die der Teufel holen soll, wenn sie nicht vermag, den Geist des Bosen in einer glanzenden Maske zu erkennen. Traut, o Kater, den Erfahrungen eines alten Pudels, der sich was in der Welt versucht, und lasst Euch nicht durch das verdammte: 'Au fond ist er ein guter Kerl', betoren. Seht Ihr etwa meinen liederlichen Neffen, so moget Ihr ihm alles geradezu heraussagen, was ich mit Euch gesprochen, und Euch seine fernere Freundschaft ganzlich verbitten. Gott befohlen! Ihr fresst das wohl nicht, guter Murr?"
Damit nahm der alte Pudel Skaramuz das Stuckchen Weissbrot, das vor mir lag, hurtig ins Maul und schritt dann gemachlich von dannen, indem er mit gesenktem Haupt die lang behaarten Ohren an der Erde schleppen liess und ein ganz klein wenig mit dem Schweif wedelte.
Gedankenvoll schaute ich dem Alten nach, dessen Lebensweisheit mir ganz eingehn wollte. "Ist er fort, ist er fort?" So lispelte es dicht hinter mir, und ich erstaunte nicht wenig, als ich den jungen Ponto erblickte, der sich hinter die Ture geschlichen und so lange gewartet hatte, bis der Alte mich verlassen. Pontos plotzliche Erscheinung setzte mich gewissermassen in Verlegenheit, da mir des alten Onkels Auftrag, den ich jetzt eigentlich hatte ausrichten mussen, doch etwas bedenklich schien. Ich dachte an jene entsetzlichen Worte, die Ponto mir einst zugerufen: "Solltest du es dir etwa beikommen lassen, feindliche Gesinnungen gegen mich zu aussern, so bin ich dir an Starke und Gewandtheit uberlegen. Ein Sprung, ein tuchtiger Biss meiner scharfen Zahne wurde dir auf der Stelle den Garaus machen." Ich fand es sehr ratsam, zu schweigen.
Diese inneren Bedenklichkeiten mochten mein ausseres Betragen kalt und gezwungen erscheinen lassen, Ponto guckte mich an mit scharfem Blick. Dann brach er aus in eine helle Lache und rief: "Ich merk' es schon, Freund Murr! Mein Alter hat dir allerlei Boses vorgeredet von meinem Treiben, er hat mich liederlich, allen tollen Streichen und Ausschweifungen ergeben geschildert. Sei nicht so toricht, von dem allem auch nur ein Wortchen zu glauben. Furs erste! Schau' mich recht aufmerksam an und sage mir, was du von meiner aussern Erscheinung haltst?" Den jungen Ponto betrachtend, fand ich, dass er nie so wohlgenahrt, so glau ausgesehen, dass nie diese Nettigkeit, diese Eleganz in seinem Anzuge, nie diese wohltuende Ubereinstimmung in seinem ganzen Wesen geherrscht. Ich ausserte ihm dies unverhohlen.
"Nun wohl," sprach Ponto, "nun wohl, guter Murr, glaubst du wohl, dass ein Pudel, der sich in schlechter Gesellschaft umhertreibt, der niedrigen Ausschweifungen ergeben, der recht systematisch liederlich ist, ohne eigentlichen Geschmack daran zu finden, sondern bloss aus Langeweile, wie es denn nun wirklich bei vielen Pudeln der Fall ist glaubst du wohl, dass ein solcher Pudel so aussehen kann, wie du mich findest? Du ruhmst vorzuglich die Harmonie in meinem ganzen Wesen. Schon das muss dich belehren, wie sehr mein gramlicher Onkel im Irrtum ist; denke, da du ein literarischer Kater bist, an jenen Lebensweisen, welcher dem, der an einem Lasterhaften vorzuglich das Unharmonische der ganzen Gestaltung rugte, erwiderte: 'Ist es moglich, dass das Laster Einheit haben kann?' Wundere dich, Freund Murr, nicht einen Augenblick uber die schwarzen Verleumdungen meines Alten. Gramlich und geizig, wie denn nun einmal Oheime sind, hat er deshalb seinen ganzen Zorn auf mich geworfen, weil er par honneur einige kleine Spielschulden bezahlen mussen, die ich bei einem Wurstkramer aufgeborgt hatte, der bei sich verbotenes Spiel duldete und den Spielern oft in Zervelaten, Grutzen und Lebern (zu Wursten aptiert namlich) bedeutende Vorschusse machte. Dann aber denkt der Alte noch immer an eine gewisse Periode, in der meine Lebensweise eben nicht ruhmlich war, die aber langst voruber und dem herrlichsten Anstande gewichen ist."
In dem Augenblick kam ein kecker Pintscher des Weges, guckte mich an, als hab' er meinesgleichen noch niemals gesehen, schrie mir die grobsten Insolenzen in die Ohren und schnappte dann nach dem Schweif, den ich lang aus von mir gestreckt, welches ihm zu missfallen schien. Sowie ich aber hochaufgerichtet mich zur Wehre setzen wollte, war Ponto auch schon auf den ungesitteten Krakehler losgesprungen, hatte ihn zu Boden getreten und zwei-, dreimal uberrannt, so dass er unter dem jammervollsten Lamento, den Schweif fest eingeklemmt, schnell davonfuhr wie ein abgeschossener Pfeil.
Dieser Beweis, den Ponto mir von seiner guten Gesinnung, von seiner tatigen Freundschaft gab, ruhrte mich ungemein, und ich dachte, dass hier das: "au fond ist er ein guter Kerl!" welches der Onkel Skaramuz mir hatte verdachtig machen wollen, doch auf Ponto anzuwenden sei in besserm Sinn und ihn mit mehrerem Grunde entschuldigen konne als manchen andern. Uberhaupt wollt' es mich bedunken, dass der Alte gewiss zu schwarz gesehen und Ponto zwar leichtsinnige, aber nie schlechte Streiche machen konne. Alles dieses ausserte ich meinem Freunde ganz unverhohlen und dankte ihm dabei dafur, dass er meine Verteidigung ubernommen, in den verbindlichsten Ausdrucken.
"Es freut," erwiderte Ponto, indem er, wie es seine Art war, mit muntren schalkischen Augen umherblickte, "es freut mich, guter Murr, dass der pedantische Alte dich nicht irregemacht hat, sondern dass du mein gutes Herz erkennst. Nicht wahr, Murr, ich nahm den ubermutigen Jungen tuchtig vor? Er wird daran denken lange Zeit. Eigentlich habe ich ihm heute schon den ganzen Tag aufgepasst, der Bengel stahl mir gestern eine Wurst und musste dafur gezuchtigt werden. Dass dabei auch nebenher die Unbill geracht wurde, die du von ihm erfahren, und dass ich in dieser Art dir meine Freundschaft bewahren konnte, ist mir gar nicht unlieb; ich schlug, wie man im Spruchwort zu sagen pflegt, zwei Fliegen mit einer Klappe. Nun aber wiederum auf unser voriges Gesprach zuruckzukommen! Betrachte mich, guter Katz, noch einmal recht genau und sage mir, ob du denn gar keine merkwurdige Veranderung in meinem Aussern wahrnimmst?"
Ich schaute meinen jungen Freund aufmerksam an und ach der Tausend! nun erst fiel mir das silberne, zierlich gearbeitete Halsband ins Auge, das er trug, und auf dem die Worte graviert waren: Baron Alzibiades von Wipp. Marschallstrasse Nr. 46.
"Wie," rief ich erstaunt, "wie, Ponto, du hast deinen Herrn verlassen, den asthetischen Professor, und dich zu einem Baron begeben?"
"Verlassen," erwiderte Ponto, "habe ich nun eigentlich den Professor nicht, sondern er hat mich von sich gejagt mit Fusstritten und Prugeln."
"Wie konnte das geschehen?" sprach ich, "dein Herr bewies dir ja sonst alle Liebe und Gute wie nur moglich."
"Ach," antwortete Ponto, "das ist eine dumme argerliche Geschichte, die nur durch das sonderbare Spiel des neckenden Zufalls zu meinem Gluck ausschlug. An der ganzen Sache war bloss meine alberne Gutmutigkeit schuld, der freilich ein wenig eitle Prahlerei beigemischt. In jeder Minute wollt' ich meinem Herrn Aufmerksamkeiten erweisen und ihm dabei mein Geschick, meine Ausbildung zeigen. Deshalb war ich auch gewohnt, alles, was an Kleinigkeiten am Fussboden lag, dem Herrn ohne weitere Aufforderung zu apportieren. Nun! Du weisst vielleicht, dass der Professor Lothario eine blutjunge und dabei bildhubsche Frau hat, die ihn auf das zartlichste liebt, woran er gar nicht zweifeln darf, da sie es ihm jeden Augenblick versichert und ihn gerade dann mit Liebkosungen uberhauft, wenn er, in Buchern begraben, sich auf die zu haltende Vorlesung vorbereitet. Sie ist die Hauslichkeit selbst, da sie das Haus niemals vor zwolf Uhr verlasst, da sie doch schon um halb eilf Uhr aufgestanden, und, einfach in ihren Sitten, verschmaht sie nicht, mit der Kochin, mit dem Stubenmadchen die hauslichen Angelegenheiten bis ins tiefste Detail zu beraten und sich, ist das Wochengeld gewisser, nicht etatsmassiger Ausgaben halber zu fruh aus dem Beutel entwischt, und darf der Herr Professor nicht angegangen werden, ihrer Kasse zu bedienen. Die Zinsen dieser Anlehne tragt sie ab in kaum getragnen Kleidern, sowie diese und auch wohl Federhute, in die die erstaunte Welt der Magde Sonntags das Stubenmadchen geputzt sieht, als Lohn fur gewisse geheime Gange und andre Gefalligkeiten gelten durften. Bei so vielen Vollkommenheiten mag wohl einer liebenswurdigen Frau die kleine Torheit (ist es uberhaupt Torheit zu nennen) kaum verargt werden, dass ihr eifrigstes Streben, all ihr Tichten und Trachten dahin geht, stets nach der letzten Mode gekleidet zu gehen, dass ihr das Eleganteste, das Teuerste nicht elegant, nicht teuer genug ist, dass sie, hat sie ein Kleid dreimal, einen Hut viermal getragen, den turkschen Shawl einen Monat hindurch umgehangt, eine Idiosynkrasie dagegen empfindet und die kostbarste Garderobe wegwirft um einen Spottpreis oder, wie gesagt, die Magde sich darin putzen lasst. Dass die Frau eines Professors der Asthetik Sinn hat fur schone aussere Gestaltung, ist wohl gar nicht zu verwundern, und nur erfreulich kann es dem Gemahl sein, wenn dieser Sinn sich darin offenbart, dass die Gemahlin mit sichtlichem Wohlgefallen den Blick der feuerblitzenden Augen auf schonen Junglingen ruhen lasst, diesen auch wohl zuweilen etwas nachlauft. Manchmal bemerkte ich, dass dieser, jener artige junge Mann, der die Vorlesungen des Professors besuchte, die Ture des Auditoriums verfehlte und statt dieser die Ture, welche zum Zimmer der Professorin fuhrte, leise offnete und ebenso leise hineintrat. Beinahe musste ich glauben, dass diese Verwechslung nicht ganz absichtslos geschah oder wenigstens niemanden gereute, denn keiner eilte, seinen Irrtum zu verbessern, sondern jeder, der hineingetreten, kam erst nach einer guten Zeit heraus und zwar mit solch lachelndem zufriednem Blick, als ob ihm der Besuch bei der Professorin ebenso angenehm und nutzlich gewesen als eine asthetische Vorlesung des Professors. Die schone Latitia (so hiess des Professors Frau) war mir nicht sonderlich gewogen. Sie litt mich nicht in ihrem Zimmer und mochte recht haben, da freilich der kultivierteste Pudel nicht dort hingehort, wo er bei jedem Schritt Gefahr lauft, Florspitzen zu zerreissen, Kleider zu beschmutzen, die auf allen Stuhlen umherliegen. Doch wollt' es der Professorin boser Genius, dass ich einmal bis in ihr Boudoir hineindrang. Der Herr Professor hatte eines Tages bei einem Mittagsmahl mehr Wein getrunken als gerade dienlich und war daruber in eine hochbegeisterte Stimmung geraten. Zu Hause angekommen, ging er, ganz gegen seine Gewohnheit, geradezu in das Kabinett seiner Frau, und ich schlupfte, selbst wusste ich nicht, was fur eine besondere Lust mich dazu antrieb, mit hinein durch die Ture. Die Professorin war in Hauskleidern, deren Weisse dem frischgefallnen Schnee zu vergleichen, ihr ganzer Anzug zeigte nicht sowohl eine gewisse Sorglosigkeit als die tiefste Kunst der Toilette, die sich hinter dem Einfachen verbirgt und wie ein versteckter Feind desto gewisser siegt. Die Professorin war in der Tat allerliebst, und starker als sonst empfand dies der halbberauschte Professor, der, ganz Liebe und Entzucken, die holde Gattin mit den sussesten Namen nannte, mit den zartlichsten Liebkosungen uberhaufte und daruber gar nicht eine gewisse Zerstreuung, ein gewisses unruhiges Missbehagen bemerkte, das sich in dem ganzen Wesen der Professorin nur zu deutlich aussprach. Mir war die steigende Zartlichkeit des begeisterten Asthetikers unangenehm und lastig. Ich kam auf meinen alten Zeitvertreib und suchte am Boden umher. Gerade als der Professor in der hochsten Ekstase laut rief: 'Gottliches, hehres, himmlisches Weib, lass uns ' tanzelte ich auf den Hinterbeinen zu ihm heran und apportierte ihm zierlich und wie bei diesem Akt jedesmal ein wenig mit dem Stutzschweif wedelnd, den feinen pomeranzfarbnen Mannerhandschuh, den ich unter dem Sofa der Frau Professorin gefunden. Starr blickte der Professor den Handschuh an und rief, wie plotzlich aufgeschreckt aus einem sussen Traum: 'Was ist das? Wem gehort dieser Handschuh? wie ist er in dies Zimmer gekommen?' Damit nahm er den Handschuh mir aus der Schnauze, besah ihn, hielt ihn an die Nase und rief dann wieder: 'Wo kommt dieser Handschuh her? Latitia, sprich, wer ist bei dir gewesen?' 'Wie du', erwiderte die holde treue Latitia mit dem ungewissen Ton der Verlegenheit, den sie sich vergebens muhte zu unterdrucken 'wie du nun auch seltsam bist, lieber Lothar, wem soll, wem wird der Handschuh gehoren? Die Majorin war hier und konnte bei dem Abschiede den Handschuh nicht finden, den sie auf der Treppe ausgestreut zu haben glaubte.' 'Die Majorin', schrie der Professor ganz ausser sich, 'die Majorin, die kleine zartgebaute Frau, deren ganze Hand hineingeht in diesen Daumen! Holl' und Teufel, welcher Zierbengel war hier? Denn nach parfumierter Seife riecht das verfluchte Ding! Ungluckliche, wer war hier, welcher verbrecherische Trug der Holle zerstorte hier meine Ruhe, mein Gluck? Schandliches, verruchtes Weib!'
Die Professorin machte gerade Anstalt, in Ohn
macht zu fallen, als das Stubenmadchen hineintrat und ich, froh, des fatalen Ehestandsauftritts, den ich veranlasst, entledigt zu werden, schnell hinaussprang.
Den andern Tag war der Professor ganz stumm und in sich gekehrt; ein einziger Gedanke schien ihn zu beschaftigen, einer einzigen Idee schien er nachzugrubeln. Ob er es nur sein mag! Das waren die Worte, die dann und wann den verstummen Lippen unwillkurlich entflohen. Gegen Abend nahm er Hut und Stock, ich sprang und bellte freudig; er sah mich lange an, helle Tranen traten ihm in die Augen, er sprach mit dem Ton der tiefsten innigsten Wehmut: 'Mein guter Ponto! treue ehrliche Seele!' Dann lief er schnell vors Tor und ich dicht hinter ihm her, fest entschlossen, den armen Mann aufzuheitern mittelst aller Kunste, die mir nur zu Gebote standen. Dicht vor dem Tore begegnete uns der Baron Alzibiades von Wipp, einer der zierlichsten Herrn in unserer Stadt, auf einem schonen Englander. Sowie der Baron den Professor gewahrte, kurbettierte er zierlich an ihn heran und fragte nach des Professors, dann aber nach der Frau Professorin Wohlbefinden. Der Professor stotterte in der Verwirrung einige unverstandliche Worte hervor. 'In der Tat, sehr heisse Witterung!' sprach nun der Baron und zog ein seidnes Tuch aus der Rocktasche, schleuderte aber mit demselben Schwunge einen Handschuh heraus, den ich gewohnter Sitte gemass meinem Herrn apportierte. Hastig riss mir der Professor den Handschuh fort und rief: 'Das ist Ihr Handschuh, Herr Baron?' 'Allerdings', erwiderte dieser, verwundert uber des Professors Heftigkeit, 'allerdings, ich glaube, ich schleuderte ihn in dem Augenblick aus der Rocktasche, und der dienstfertige Pudel hob ihn auf.' 'So habe ich', sprach der Professor mit schneidendem Ton, indem er den Handschuh, den ich unter dem Sofa in der Professorin Zimmer hervorgesucht, ihm hinreichte, 'so habe ich das Vergnugen, Ihnen den Zwillingsbruder dieses Handschuhs, den Sie gestern verloren, uberreichen zu konnen.'
Ohne des sichtlich betretenen Barons Antwort abzuwarten, rannte der Professor wild von dannen.
Ich hutete mich wohl, dem Professor in das Zimmer seiner teuren Gattin zu folgen, da ich den Sturm ahnen konnte, der sich bald, bis auf den Flur hinausbrausend, vernehmen liess. Aber in einem Winkel des Flurs lauschte ich und gewahrte, wie der Professor, alle Flammen der Wut im rotgleissenden Antlitz, das Stubenmadchen zur Stubentur, dann aber, als sie sich noch unterfing, einige kecke Worte zu sprechen, zum Hause hinauswarf. Endlich in spater Nacht kam der Professor ganz erschopft auf seinem Zimmer an. Ich gab ihm meine innige Teilnahme an seinem truben Malheur durch leises Winseln zu verstehen. Da umhalste er mich und druckte mich an seine Brust, als sei ich sein bester innigster Freund. 'Guter, ehrlicher Ponto', so sprach er mit ganz klaglichem Ton, 'treues Gemut, du, du allein hast mich aus dem betorenden Traum geweckt, der mich meine Schande nicht erkennen liess, du hast mich dahin gebracht, dass ich das Joch abwerfen, in das mich ein alsches Weib gespannt hatte, dass ich wieder ein freier unbefangener Mensch werden kann! Ponto, wie soll ich dir das danken! Nie nie sollst du mich verlassen, ich will dich hegen und pflegen wie meinen besten treusten Freund, du allein wirst mich trosten, wenn ich bei dem Gedanken an mein hartes Missgeschick verzweifeln will.'
Diese ruhrenden Ausserungen eines edlen dankbaren Gemuts wurden durch die Kochin unterbrochen, welche mit blassem verstorten Gesicht hereinsturzte und dem Professor die entsetzliche Botschaft hinterbrachte, dass die Frau Professorin in den furchterlichsten Krampfen liege und den Geist aufgeben wolle. Der Professor flog hinab!
Mehrere Tage hindurch sah ich nun den Professor beinahe gar nicht. Meine Speisung, fur die sonst mein Herr liebreich selbst sorgte, war der Kochin ubertragen, die aber, eine murrische garstige Person, mir mit Widerwillen statt der sonstigen guten Gerichte nur die elendesten, kaum geniessbaren Bissen zukommen liess. Zuweilen vergass sie mich auch ganz und gar, so dass ich genotigt wurde, bei guten Bekannten zu schmarotzen, auch wohl auf Beute auszugehen, um nur meinen Hunger zu stillen.
Endlich schenkte mir, als ich eines Tages hungrig und matt mit herabhangenden Ohren im Hause herumschlich, der Professor einige Aufmerksamkeit. 'Ponto', rief er lachelnd, wie denn uberhaupt sein Antlitz ganz Sonnenschein war, 'Ponto, mein alter ehrlicher Hund, wo hast du denn gesteckt? Hab' ich dich doch so lange nicht gesehen! Ich glaube gar, man hat dich ganz gegen meinen Willen vernachlassigt und nicht sorgsam gefuttert? Nun, komm nur, komm, heute sollst du wieder von mir selbst deine Speise erhalten.'
Ich folgte dem gutigen Herrn in das Esszimmer. Die Frau Professorin, aufgebluht wie eine Rose, wie der Herr Gemahl vollen Sonnenglanz im Antlitz, kam ihm entgegen. Beide taten zartlicher miteinander als jemals, sie nannte ihn: 'englischer Mann', er sie aber: 'mein Mauschen', und dabei herzten und kussten sie sich wie ein Turteltaubenpaar. Es war eine rechte Freude, das anzusehn. Auch gegen mich war die holde Frau Professorin freundlich wie sonst niemals, und du kannst denken, guter Murr, dass ich mich bei meiner angebornen Galanterie artig und zierlich zu betragen wusste. Wer hatte ahnen konnen, was uber mich verhangt war! Es wurde mir selbst schwer fallen, dir ausfuhrlich all diese heimtuckischen Streiche zu erzahlen, die meine Feinde mir spielten, um mich zu verderben, und noch mehr als das, es wurde dich ermuden. Beschranken will ich mich darauf, nur einiges zu erwahnen, welches dir ein treues Bild meiner unglucklichen Lage geben wird. Mein Herr war gewohnt, mir im Speisezimmer, wahrend er selbst ass, die gewohnlichen Portionen an Suppe, Gemuse und Fleisch in einem Winkel am Ofen zu verabreichen. Ich ass mit solchem Anstande, mit solcher Reinlichkeit, dass auch nicht das kleinste Fettfleckchen auf dem getafelten Fussboden sichtbar. Wie gross war daher mein Entsetzen, als eines Mittags der Napf, kaum hatte ich mich ihm genahert, in hundert Stucke zersprang und die Fettbruhe sich ergoss uber den schonen Fussboden. Zornig fuhr der Professor auf mich los mit argen Scheltworten, und unerachtet die Professorin mich zu entschuldigen suchte, las man doch den bittern Verdruss in ihrem blassen Gesicht. Sie meinte, durfte auch der garstige Flecken nicht wohl fortzubringen sein, so konnte ja doch die Stelle abgehobelt oder eine neue Tafel eingesetzt werden. Der Professor hegte einen tiefen Abscheu gegen solch Reparaturen, er horte schon die Tischlerjungen hobeln und hammern, und so waren es die liebreichen Entschuldigungen der Professorin, die ihn mein vermeintliches Ungeschick erst recht fuhlen liessen und mir noch ausser jenen Scheltworten ein tuchtiges paar Ohrfeigen einbrachten. Ich stand da im Bewusstsein meiner Unschuld, ganz verblufft, und wusste gar nicht, was ich denken, was ich sagen sollte. Erst als mir dasselbe zwei dreimal geschehen, merkte ich die Tucke! Man hatte mir halb zerbrochene Schusseln hingestellt, die bei der leisesten Beruhrung in hundert Stucke zerfallen mussten. Ich durfte nicht mehr im Zimmer bleiben, draussen erhielt ich Speise von der Kochin, aber so karglich, dass ich, von nagendem Hunger getrieben, manches Stuck Brot, manchen Knochen zu erschnappen suchen musste. Daruber entstand denn nun jedesmal ein gewaltiger Larm, und ich musste mir eigennutzigen Diebstahl da vorwerfen lassen, wo nur von der Befriedigung des dringendsten Naturbedurfnisses die Rede sein konnte. Es kam noch arger! Mit grossem Geschrei klagte die Kochin, dass ihr eine schone Hammelkeule aus der Kuche verschwunden, und dass ich sie ganz gewiss gestohlen. Die Sache kam als eine wichtigere hausliche Angelegenheit vor den Professor. Der meinte, dass er sonst nie den Hang zum Diebstahl an mir bemerkt, und dass auch mein Diebsorgan durchaus nicht ausgebildet sei. Auch ware es nicht denkbar, dass ich eine ganze Hammelkeule so verspeiset, dass keine Spur mehr davon vorhanden. Man suchte nach und fand in meinem Lager die Uberbleibsel der Keule! Murr! sieh, mit der Pfote auf der Brust schwore ich's dir, dass ich vollig unschuldig war, dass es mir nicht in den Sinn gekommen, den Braten zu stehlen, doch, was halfen die Beteuerungen meiner Unschuld, da der Beweis wider mich sprach! Um so ergrimmter war der Professor, als er meine Partie genommen und sich in seiner guten Meinung von mir getauscht sah. Ich erhielt eine tuchtige Tracht Prugel. Liess mich der Professor auch nachher den Widerwillen fuhlen, den er gegen mich hegte, so war die Frau Professorin desto freundlicher, streichelte mir, was sie sonst nie getan, den Rucken und gab mir sogar dann und wann einen guten Bissen. Wie konnt' ich ahnen, dass das alles nur gleissnerischer Trug, und doch sollte sich dies bald zeigen. Die Ture des Esszimmers stand offen, mit leerem Magen schaute ich sehnsuchtig hinein und gedachte schmerzvoll jener guten Zeit, als ich, wenn das susse Aroma des Bratens sich verbreitete, nicht vergebens den Professor bittend anschaute und dabei, wie man zu sagen pflegt, ein wenig schnuffelte! Da rief die Professorin: 'Ponto, Ponto!' und hielt mir geschickt zwischen dem zarten Daumen und dem niedlichen Zeigefinger ein schones Stuck Braten hin. Mag es sein, dass ich im Enthusiasmus des aufgeregten Appetits ein wenig heftiger zuschnappte als gerade notig, doch gebissen habe ich nicht die zarte Lilienhand, das kannst du mir glauben, guter Murr. Und doch schrie die Professorin laut auf: 'Der bose Hund!' und fiel wie ohnmachtig zuruck in den Sessel, und doch sah' ich zu meinem Entsetzen wirklich ein paar Blutstropfen am Daumen. Der Professor geriet in Wut; er schlug mich, trat mich mit Fussen, misshandelte mich so unbarmherzig, dass ich mit dir, mein guter Kater, hier wohl nicht vor der Ture sasse im lieben Sonnenschein, hatte ich mich nicht durch die schleunige Flucht zum Hause hinaus gerettet. An Ruckkehr war nicht zu denken. Ich sah ein, dass gegen die schwarze Kabale, die die Professorin aus reiner Rachgier wegen des freiherrlichen Handschuhs gegen mich angezettelt, nichts auszurichten, und beschloss, mir gleich einen andern Herrn zu suchen. Sonst ware das der schonen Gaben halber, die mir die gutige, mutterliche Natur verliehen, ein leichtes gewesen, Hunger und Gram hatten mich aber so heruntergebracht, dass ich bei meinem miserablen Aussehn in der Tat befurchten musste, uberall abgewiesen zu werden. Traurig, von druckenden Nahrungssorgen gequalt, schlich ich vors Tor. Ich erblickte den Herrn Baron Alzibiades von Wipp, der vor mir herging, und ich weiss nicht, wie mir der Gedanke kam, ihm meine Dienste anzubieten. Vielleicht war es ein dunkles Gefuhl, dass ich auf diese Weise Gelegenheit erhalten wurde, mich an dem undankbaren Professor zu rachen, wie es sich spater denn auch wirklich begab. Ich tanzelte an den Baron heran, wartete ihm auf und folgte, als er mich mit einigem Wohlgefallen betrachtete, ihm ohne Umstande nach in seine Wohnung. 'Sehen Sie', so sprach er zu einem jungen Menschen, den er seinen Kammerdiener nannte, unerachtet er sonst keinen andern Diener hatte, 'Sehen Sie, Friedrich, was sich da fur ein Pudel zu mir eingefunden hat. War' er nur hubscher!' Friedrich ruhmte dagegen den Ausdruck meines Antlitzes sowie den zierlichen Wuchs und meinte, ich musse von meinem Herrn schlecht gehalten sein und habe ihn wahrscheinlich deshalb verlassen. Setzte er noch hinzu, dass Pudel, die sich so von selbst aus freiem Antriebe einfanden, gewohnlich treue rechtschaffene Tiere waren, so konnte der Baron nicht umhin, mich zu behalten. Unerachtet ich nun durch Friedrichs Vorsorge ein recht glaues Ansehn gewann, so schien der Baron doch nicht sonderlich viel auf mich zu halten und litt es nur eben zur Not, dass ich ihn auf seinen Spaziergangen begleitete. Das sollte anders kommen. Wir begegneten auf einem Spaziergange der Professorin. Erkenne, guter Murr, das gemutliche Gemut ja, so will ich sagen eines ehrlichen Pudels, wenn ich versichere, dass, unerachtet mir die Frau sehr weh getan, ich doch eine ungeheuchelte Freude empfand, sie wiederzusehen. Ich tanzte vor ihr her, bellte lustig und gab ihr meine Freude auf alle nur mogliche Weise zu erkennen. 'Sieh da, Ponto!' rief sie, streichelte mich und blickte den Baron von Wipp, der stehengeblieben, bedeutend an. Ich sprang zu meinem Herrn zuruck, der mich liebkoste. Er schien auf besondere Gedanken zu geraten; mehrmals hintereinander murmelte er in sich hinein: 'Ponto! Ponto, wenn das moglich sein sollte!'
Wir hatten einen nahegelegenen Lustort erreicht; die Professorin nahm Platz mit ihrer Gesellschaft, bei der sich jedoch der liebe gutmutige Herr Professor nicht befand. Unfern davon setzte sich Baron Wipp, so dass er, ohne sonderlich von den andern bemerkt zu werden, die Professorin bestandig im Auge behielt. Ich stellte mich vor meinen Herrn und guckte ihn an, indem ich leise mit dem Schweif wedelte, als erwarte ich seine Befehle. 'Ponto', wiederholte er, 'Ponto, sollte es moglich sein!' 'Nun', setzte er nach einem kurzen Stillschweigen hinzu, 'nun, es kommt auf den Versuch an!' Damit nahm er einen kleinen Papierstreifen aus der Brieftasche, schrieb einige Worte mit Bleistift darauf, rollte ihn zusammen, steckte ihn mir unter das Halsband, wies nach der Professorin und rief leise: 'Ponto Allons!' Nicht ein solcher kluger, in der Welt gewitzigter Pudel hatte ich sein mussen, als ich es wirklich bin, um nicht sogleich alles zu erraten. Ich machte mich daher sogleich an den Tisch, wo die Professorin sass, und tat, als verspure ich grossen Appetit nach dem schonen Kuchen, der auf dem Tische stand. Die Professorin war die Freundlichkeit selbst, sie reichte mir Kuchen mit der einen Hand, wahrend sie mich mit der andern am Halse kraute. Ich fuhlte, wie sie den Papierstreifen hervorzog. Bald darauf verliess sie die Gesellschaft und begab sich in einen Nebengang. Ich folgte ihr. Ich sah, wie sie des Barons Worte eifrig las, wie sie aus ihrem Strickkastchen einen Bleistift hervorholte, auf denselben Zettel einige Worte schrieb und ihn dann wieder zusammenrollte. 'Ponto', sprach sie dann, indem sie mich mit schalkischem Blick betrachtete, 'Ponto! du bist ein sehr kluger vernunftiger Pudel, wenn du zu rechter Zeit apportierst!' Damit steckte sie mir das Zettelchen unter das Halsband, und ich unterliess nicht, eiligst hinzuspringen zu meinem Herrn. Der mutmasste sogleich, dass ich Antwort brachte, denn er zog alsbald den Zettel unter dem Halsbande hervor. Der Professorin Worte mussten sehr trostlich lauten und angenehm, denn des Barons Augen funkelten vor lauter Freude, und er rief entzuckt: 'Ponto Ponto, du bist ein herrlicher Pudel, mein guter Stern hat mir dich zugefuhrt.' Du kannst denken, guter Murr, dass ich nicht weniger erfreut war, da ich einsah, wie ich nach dem, was sich soeben zugetragen, in der Gunst meines Herrn hoch steigen musse.
In dieser Freude machte ich beinahe unaufgefordert alle nur mogliche Kunststucke. Ich sprach wie der Hund, starb, lebte wieder auf, verschmahte das Stuck Weissbrot vom Juden und verzehrte mit Appetit das vom Christen u.s.w. 'Ein ungemein gelehriger Hund!' So rief eine alte Dame, die neben der Professorin sass, heruber. 'Ungemein gelehrig!' erwiderte der Baron. 'Ungemein gelehrig!' hallte der Professorin Stimme nach wie ein Echo. Ich will dir nur ganz kurz sagen, guter Murr, dass ich den Briefwechsel auf die erwahnte Weise fortwahrend besorgte und noch jetzt besorge, da ich zuweilen sogar mit Briefchen in des Professors Haus laufe, wenn er gerade abwesend. Schleicht aber manchmal in der Abenddammerung der Herr Baron Alzibiades von Wipp zur holden Latitia, so bleibe ich vor der Hausture und mache, lasst sich der Herr Professor nur in der Ferne blicken, solch einen grimmigen Teufelslarm mit Bellen, dass mein Herr ebensogut als ich die Nahe des Feindes wittert und ihm ausweicht."
Mir kam es vor, als konne ich Pontos Betragen doch nicht recht billigen, ich dachte an des verewigten Muzius, an meinen eignen tiefen Abscheu vor jedem Halsbande, und schon dies setzte mich daruber ins klare, dass ein ehrliches Gemut, so, wie es ein rechtschaffener Kater in sich tragt, dergleichen Liebeskuppeleien verschmahe. Alles dieses ausserte ich dem jungen Ponto ganz unverhohlen. Der lachte mir aber ins Gesicht und meinte, ob denn die Moral der Katzen so gar strenge sei, und ob ich selbst nicht schon hin und wieder uber die Schnur gehauen, d.h. etwas getan, was fur den engen moralischen Schubkasten etwas zu breit sei. Ich dachte an Mina und verstummte.
"Furs erste," sprach Ponto weiter, "furs erste, mein guter Murr, ist es ein ganz gemeiner Erfahrungssatz, dass niemand seinem Schicksal entgehen kann, er mag es nun anstellen, wie er auch will; du kannst als ein Kater von Bildung das Weitre daruber nachlesen in einem sehr belehrenden und ganz angenehm stilisierten Buche, 'Jacques le fataliste' betitelt. War es nach dem ewigen Ratschluss bestimmt, dass der Professor der Asthetik, Herr Lothario, ein Nun, du verstehst mich, guter Katz, aber zudem hat ja der Professor durch die Art, wie er sich bei der merkwurdigen Handschuhgeschichte sie sollte mehr Zelebritat erhalten, schreib was daruber, Murr benommen, seinen ganz entschiedenen, ihm von der Natur eingepflanzten Beruf bewiesen, in jenen grossen Orden zu treten, den so viele, viele Manner tragen mit der gebietendsten Wurde, mit dem schonsten Anstande, ohne es zu wissen. Diesen Beruf hatte Herr Lothario erfullt, gab' es auch keinen Baron Alzibiades von Wipp, keinen Ponto. Hatte aber wohl uberhaupt Herr Lothario etwas anderes, Besseres um mich verdient, als dass ich gerade seinem Feinde mich in die Arme warf? Dann aber fand auch der Baron gewiss andere Mittel, sich mit der Professorin zu verstehen, und derselbe Schaden kam uber den Professor, ohne mir den Nutzen zu bringen, den ich jetzt wirklich von dem angenehmen Verhaltnis des Barons mit der holden Latitia verspure. Wir Pudel sind nicht solche uberstrenge Moralisten, dass wir in unserm eignen Fleische wuhlen und die im Leben schon sonst knapp genug zugeschnittene gute Bissen verschmahen sollten."
Ich fragte den jungen Ponto, ob denn der Nutzen, den ihm sein Dienst bei dem Baron Alzibiades von Wipp verschaffe, in der Tat so gross und wichtig sei, dass er das Unangenehme, das Druckende der damit verbundenen Knechterei aufwiege. Damit gab ich ihm nicht undeutlich zu verstehen, dass eben diese Knechterei einem Kater, dessen Freiheitssinn in der Brust unausloschlich, immer widerlich bleiben musse.
"Du redest," erwiderte Ponto stolz lachelnd, "du redest guter Murr, wie du es verstehst, oder vielmehr wie es dir deine ganzliche Unerfahrenheit in den hohern Verhaltnissen des Lebens erscheinen lasst. Du weisst nicht, was es heisst, der Liebling eines solchen galanten gebildeten Mannes zu sein, als es der Baron Alzibiades von Wipp wirklich ist. Denn dass ich seit der Zeit, als ich mich so klug und dienstfertig benommen, sein grosster Liebling geworden, darf ich dir, o mein freiheitsliebender Katz, wohl nicht erst sagen. Eine kurze Schilderung unserer Lebensweise wird dich das Angenehme, das Wohltatige meiner jetzigen Lage sehr lebhaft fuhlen lassen. Des Morgens stehen wir (ich und mein Herr namlich) nicht zu fruh, aber auch nicht zu spat auf; das heisst, auf den Schlag eilf Uhr. Ich muss dabei bemerken, dass mein breites weiches Lager unfern dem Bette des Barons aufgeschlagen ist, und dass wir viel zu harmonisch schnarchen, um beim plotzlichen Erwachen zu wissen, wer geschnarcht hat. Der Baron zieht an der Glocke, und sogleich erscheint der Kammerdiener, der dem Baron einen Becher rauchender Schokolade, mir aber einen Porzellannapf voll des schonsten sussen Kaffees mit Sahne bringt, den ich mit demselben Appetit leere wie der Baron seinen Becher. Nach dem Fruhstuck spielen wir ein halbes Stundchen miteinander, welche Leibesbewegung nicht allein unserer Gesundheit zutraglich ist, sondern auch unsern Geist erheitert. Ist das Wetter schon, so pflegt der Baron auch wohl zum offnen Fenster hinauszuschauen und die Vorubergehenden mit dem Fernglas zu begucken. Gehen gerade nicht viele voruber, so gibt es noch eine andere Belustigung, die der Baron eine Stunde hindurch fortsetzen kann, ohne zu ermuden. Unter dem Fenster des Barons ist ein Stein eingepflastert, der sich durch eine besonders rotliche Farbe auszeichnet, in der Mitte dieses Steins befindet sich aber ein kleines eingebrokkeltes Loch. Nun kommt es darauf an, so geschickt herabzuspucken, dass gerade in dieses kleine Loch hineingetroffen wird. Durch viele anhaltende Ubung hat es der Baron dahin gebracht, dass er auf das dritte Mal Treffen pariert und schon manche Wette gewann. Nach dieser Belustigung tritt der sehr wichtige Moment des Anziehens ein. Das geschickte Kammen und Krauseln des Haars, vorzuglich aber das kunstmassige Knupfen des Halstuchs besorgt der Baron ganz allein ohne Hilfe des Kammerdieners. Da diese beiden schwierigen Operationen etwas lange dauern, so benutzt Friedrich die Zeit, um mich auch anzukleiden. D.h. mit einem in lauwarmes Wasser eingeweichten Schwamm wascht er mir den Pelz, kammt die langen Haare, die der Friseur an schicklichen Ortern zierlich stehen lassen, mit einem genugsam engen Kamme durch und legt mir das schone silberne Halsband um, das der Baron mir gleich verehrte, als er meine Tugenden entdeckt. Die folgenden Augenblicke sind der Literatur und den schonen Kunsten gewidmet. Wir gehen namlich in eine Restauration oder in ein Kaffeehaus, geniessen Beefsteak oder Karbonade, trinken ein Glaschen Madeira und gucken etwas weniges in die neuesten Journale, in die neuesten Zeitungen. Dann beginnen die Vormittags Visiten. Wir besuchen diese, jene grosse Schauspielerin, Sangerin, ja auch wohl Tanzerin, um ihr die Neuigkeiten des Tages, hauptsachlich aber den Verlauf irgendeines Debuts von gestern abend, zu hinterbringen. Es ist merkwurdig, mit welchem Geschick der Baron Alzibiades von Wipp seine Nachrichten einzurichten weiss, um die Damen stets bei guter Laune zu erhalten. Niemals ist es der Gegnerin oder wenigstens Kombattantin gelungen, sich nur einen Teil des Ruhms anzueignen, der die Gefeierte kront, die er soeben im Schmollzimmerchen heimsucht. Man hat die Arme ausgezischt ausgelacht Und ist denn wirklich erhaltener glanzender Beifall nicht wohl zu verschweigen, so weiss der Baron ganz gewiss ein neues skandaloses Geschichtchen von der Dame aufzutischen, das ebenso begierig vernommen als verbreitet wird, damit gehoriges Gift die Blumen des Kranzes vor der Zeit tote. Die vornehmeren Visiten bei der Grafin A., bei der Baronesse B., bei der Gesandtin C. u.s.w. fullen die Zeit aus bis halb vier Uhr; und nun hat der Baron seine eigentlichen Geschafte abgemacht, so dass er um vier Uhr sich beruhigt zu Tische setzen kann. Dies geschieht gewohnlich wieder in einer Restauration. Nach Tische gehen wir zu Kaffee, spielen auch wohl eine Partie Billard und machen denn, erlaubt es die Witterung, eine kleine Promenade; ich bestandig zu Fuss, der Baron aber manchmal zu Pferde. So ist die Theaterstunde herangekommen, die der Baron niemals versaumt. Er soll im Theater eine uberaus wichtige Rolle spielen, da er das Publikum nicht allein von allen Verhaltnissen der Buhne und der auftretenden Kunstler in Kenntnis setzen, sondern auch das gehorige Lob, den gehorigen Tadel anordnen, so aber uberhaupt den Geschmack im richtigen Geleise erhalten muss. Er fuhlt einen naturlichen Beruf dazu. Da man den feinsten Leuten meines Geschlechts ungerechterweise den Eingang in das Theater durchaus nicht verstattet, so sind die Stunden wahrend der Vorstellung die einzigen, in denen ich mich von meinem lieben Baron trenne und mich allein auf meine eigne Hand belustige. Wie dies nun geschieht, und wie ich die Konnexionen mit Windspielen, englischen Wachtelhunden, Mopsen und andern vornehmen Leuten benutze, das sollst du kunftig erfahren, guter Murr! Nach dem Theater speisen wir wieder in einer Restauration, und der Baron uberlasst sich in heitrer Gesellschaft ganz seiner frohen Laune. Das heisst, alle sprechen, alle lachen und finden alles auf Ehre gottlich, und keiner weiss, was er spricht, und woruber er lacht, und was als auf Ehre gottlich geruhmt werden darf. Darin besteht aber das Sublime der Konversation, das ganze soziale Leben derer, die sich zur eleganten Lehre bekennen, wie mein Herr. Manchmal fahrt aber auch wohl der Baron noch in spater Nacht in diese, jene Gesellschaft und soll dort ganz exzellent sein. Auch davon weiss ich nichts, denn der Baron hat mich noch niemals mitgenommen, wozu er vielleicht seine guten Grunde haben mag. Wie ich auf weichem Lager in der Nahe des Barons herrlich schlafe, habe ich dir schon gesagt. Gestehe aber nun selbst, guter Katz, wie nach der Lebensweise, die ich hier ausfuhrlich beschrieben, mich der alte murrische Oheim eines wusten, liederlichen Wandels anklagen kann? Es ist wahr, dass ich, schon hab' ich dir 's gestanden, vor einiger Zeit gerechten Anlass gab zu allerlei Vorwurfen. Ich trieb mich umher in schlechter Gesellschaft und fand eine besondere Lust darin, mich uberall, vorzuglich in Vermahlungsschmause ungebeten einzudrangen und ganz unnutzen Skandal anzufangen. Alles dies geschah aber nicht aus reinem Trieb zu wuster Balgerei, sondern aus blossem Mangel an hoherer Kultur, die ich bei den Verhaltnissen, wie sie in dem Hause des Professors bestanden, nicht erhalten konnte. Jetzt ist das alles anders. Doch! wen erblick' ich? Dort geht der Baron Alzibiades von Wipp! Er sieht sich nach mir um er pfeift! A revoir Bester!"
Schnell wie der Blitz sprang Ponto seinem Herrn entgegen. Das Aussere des Barons entsprach ganz dem Bilde, das ich mir wohl nach dem, was Ponto von ihm gesagt, machen durfte. Er war sehr gross und nicht sowohl schlank gewachsen als spindeldurr. Kleidung, Stellung, Gang, Gebarde, alles konnte fur den Prototypus der letzten Mode gelten, die aber, bis ins Phantastische hinaus getrieben, seinem ganzen Wesen etwas Seltsames, Abenteuerliches gab. Er trug ein kleines, sehr dunnes Rohrchen mit einer stahlernen Krucke in der Hand, uber das er Ponto einigemal springen liess. So herabwurdigend mir auch dieses schien, gestehen musste ich doch, dass Ponto mit der hochsten Geschicklichkeit und Starke jetzt eine Anmut verband, die ich sonst noch niemals an ihm bemerkt. Uberhaupt, wie nun der Baron mit vorgestreckter Brust, den Leib eingezogen, mit einem sonderbaren ausgespreizten Hahnentritt weiter fortwandelte und Ponto in sehr zierlichen Kurbetten bald vorwarts, bald nebenher sprang und sich nur ganz kurze, zum Teil stolze Begrussungen vorubergehender Kameraden erlaubte, so sprach sich darin ein gewisses Etwas aus, das, ohne mir deutlich zu werden, dennoch mir imponierte. Ich ahnte, was mein Freund Ponto mit der hoheren Kultur gemeint, und suchte, soviel moglich, daruber ganz ins klare zu kommen. Das hielt aber sehr schwer, oder vielmehr, meine Bemuhungen blieben ganz vergebens.
Spater habe ich eingesehen, dass an gewissen Dingen alle Probleme, alle Theorien, die sich in dem Geiste bilden mogen, scheitern, und dass nur durch die lebendige Praxis die Erkenntnis zu erringen; die hohere Kultur, die beide, der Baron Alzibiades von Wipp und der Pudel Ponto, in der feinen Welt erlangt, gehort aber zu diesen gewissen Dingen.
Der Baron Alzibiades von Wipp lorgnettierte mich im Vorubergehen sehr scharf. Es schien mir, als las' ich Neugierde und Zorn in seinem Blick. Sollte er vielleicht Pontos Unterhaltung mit mir gewahrt und ungnadig vermerkt haben? Mir wurde etwas angstlich zumute, ich eilte schnell die Treppe hinauf.
Ich sollte nun, um alle Pflichten eines tuchtigen Selbstbiographen zu erfullen, wiederum meinen Seelenzustand beschreiben und konnte das nicht besser tun als mittelst einiger sublimer Verse, die ich seit einiger Zeit so recht, wie man zu sagen pflegt, aus dem Pelzarmel schuttle. Ich will
(Mak. Bl.)" mit diesem einfaltigen armseligen Spielwerk den besten Teil meines Lebens vergeudet. Und nun jammerst du, alter Tor, und klagst das Geschick an, dem du vermessen Trotz botest! Was gingen dich die vornehmen Leute, was ging dich die ganze Welt an, die du verhohntest, weil du sie fur narrisch hieltest und selbst am narrischsten warst! Beim Handwerk, beim Handwerk musstest du bleiben, Orgeln bauen und nicht den Hexenmeister spielen und den Wahrsager. Sie hatten sie mir nicht gestohlen, mein Weib ware bei mir, ein tuchtiger Arbeiter sass' ich in der Werkstatt, und rustige Gesellen klopften und hammerten um mich her, und wir forderten Werke, die sich horen und sehen liessen wie keine andere weit und breit. Und Chiara! vielleicht hingen muntre Knaben mir am Halse, vielleicht schaukelte ich ein schmuckes Tochterlein auf den Knien. Tausend Teufel, was halt mich ab, dass ich nicht den Augenblick davonrenne und das verlorne Weib suche in der ganzen weiten Welt!" Damit warf Meister Abraham, der dies Selbstgesprach gehalten, das kleine begonnene Automat sowie alles Handwerkszeug unter den Tisch, sprang auf und schritt heftig hin und her. Der Gedanke an Chiara, der ihn jetzt beinahe niemals verliess, rief alle schmerzliche Wehmut in seinem Innern hervor, und wie mit Chiara damals sein hoheres Leben begonnen, verliess ihn auch jetzt jener trotzige, dem Gemeinen entsprossene Unwille daruber, dass er uber sein Handwerk hinweggeschaut und wirkliche Kunst zu uben sich unterfangen. Er schlug Severinos Buch auf und schaute lange die holde Chiara an. Wie ein Mondsuchtiger, der, der ausseren Sinne beraubt, nur nach dem innern Gedanken automatisch handelt, ging Meister Abraham dann zu einem Kasten, der in einem Winkel des Zimmers stand, raumte Bucher und Sachen, womit er bepackt, herunter, offnete ihn, nahm die Glaskugel, den ganzen Apparat zum geheimnisvollen Experiment mit dem unsichtbaren Madchen hervor, befestigte die Kugel an einer dunnen seidnen Schnur, die von der Decke herabhing, stellte im Zimmer alles so her, wie es zu dem versteckten Orakel notig. Erst als er mit allem fertig geworden, erwachte er aus der traumerischen Betaubung und erstaunte nicht wenig daruber, was er begonnen. "Ach," jammerte er dann laut, indem er ganz ermattet, ganz trostlos in den Lehnstuhl sank, "ach, Chiara, arme, verlorne Chiara, niemals werd' ich wieder deine susse Stimme verkunden horen, was in des Menschen tiefster Brust verschlossen. Kein Trost mehr auf Erden, keine Hoffnung als das Grab!" Da schwankte die Glaskugel hin und her, und ein melodischer Ton liess sich vernehmen, wie wenn Windeshauch leise hinstreift uber die Saiten der Harfe. Aber bald wurde der Ton zu Worten:
"Noch ist Leben nicht dahin,
Trost und Hoffnung nicht verschwunden,
Was vermag der frommste Sinn,
Halt ihn schwerer Eid gebunden?
Meister! Mut! du wirst gesunden,
Blick' auf zu der Dulderin,
Die da heilt die tiefsten Wunden,
Bittrer Schmerz bringt dir Gewinn."
"O du barmherziger Himmel," lispelte der Alte mit bebenden Lippen, "sie ist es selbst, die zu mir spricht von dem hohen Himmel herab; sie wandelt nicht mehr unter den Lebendigen!" Da liess sich jener melodische Ton abermals vernehmen, und noch leiser, noch entfernter erklangen die Worte:
"Nicht erfasst der bleiche Tod,
Die im Herzen Liebe tragen;
Dem glanzt noch das Abendrot,
Der am Morgen wollt' verzagen.
Bald kann dir die Stunde schlagen,
Die entreisst dich aller Not;
Zu vollbringen magst du wagen,
Was die ew'ge Macht gebot."
Starker anschwellend und wieder verhallend, lockten die sussen Tone den Schlaf herbei, der den Alten einhullte in seinen schwarzen Fittich. Aber in dem Dunkel ging strahlend wie ein schoner Stern der Traum vergangenen Glucks auf, und Chiara lag wieder an des Meisters Brust, und beide waren wieder jung und selig, und kein finstrer Geist vermochte den Himmel ihrer Liebe zu truben.
Hier hat, wie der Herausgeber es dem geneigten Leser bemerklich machen muss, der Kater wieder ein paar Makulaturblatter ganz weggerissen, wodurch in dieser Geschichte voller Lucken wiederum eine Lucke entstanden. Nach der Seitenzahl fehlen aber nur acht Kolumnen, die eben nichts besonders Wichtiges enthalten zu haben scheinen, da das Folgende sich im ganzen noch so ziemlich an das Vorhergegangene reiht. Also weiter heisst es:
nicht erwarten durfte. Furst Irenaus war uberhaupt ein abgesagter Feind von allen ungewohnlichen Vorfallen, vorzuglich wenn seine eigne Person in Anspruch genommen wurde, die Sache naher zu untersuchen. Er nahm daher, wie er es in kritischen Fallen zu tun pflegte, eine Doppeltprise, starrte den Leibjager an mit dem bekannten niederschmetternden Friedrichsblick und sprach: "Lebrecht, ich glaube, wir sind ein mondsuchtiger Traumer und sehen Gespenster und machen einen ganz unnotigen Hallas?"
"Durchlauchtigster Herr," erwiderte der Leibjager in sehr ruhiger Fassung, "lassen Sie mich fortjagen wie einen ordinaren Schuft, wenn nicht alles buchstablich wahr ist, wie ich es erzahlt habe. Ich wiederhole es keck und freimutig: Rupert ist ein ausgemachter Spitzbube."
"Wie," rief der Furst in vollem Zorn, "wie, Rupert, mein alter treuer Kastellan, der funfzig Jahre dem Furstenhause gedient, ohne jemals ein Schloss einrosten zu lassen oder im Auf- und Zuschliessen zu mankieren, der soll ein Spitzbube sein? Lebrecht! Er ist besessen, Er ist rasend! Himmeltausend Sapp "
Der Furst stockte wie immer, wenn er sich auf dem Fluchen ertappte, das allem furstlichen Anstande entgegen. Der Leibjager nutzte diesen Augenblick, um ganz geschwinde einzufallen: "Durchlauchtigster Herr werden nur gleich so hitzig und fluchen denn so grasslich, und man darf uber so etwas doch nicht schweigen, man kann doch nichts behaupten als die reine Wahrheit." "Wer ist hitzig," sprach der Furst gelassener, "wer flucht? Esel fluchen! Ich will, dass Er mir die ganze Sache in gedrangter Kurze wiederhole, damit ich in einer geheimen Sitzung alles meinen Raten vortragen kann zur umstandlichen Beratung und Entscheidung uber die fernerhin zu ergreifenden Massregeln. Ist Rupert wirklich ein Spitzbube, so Nun, das Weitere wird sich denn finden."
"Wie gesagt," begann der Leibjager, "als ich gestern Fraulein Julien vorleuchtete, schlupfte derselbe Mensch, der hier schon langst herumschleicht, bei uns voruber. 'Halt', dacht' ich in meinem Sinn. 'Den Urian wirst du doch ertappen', und loschte, als ich das liebe Fraulein bis oben heraufgebracht, meine Fackel aus und stellte mich ins Dunkel. Nicht lange dauerte es, so kam derselbe Mensch aus dem Gebusch hervor und klopfte leise an das Haus. Behutsam schlich ich einher. Da wurde das Haus geoffnet, und ein Madchen trat heraus, und mit diesem Madchen schlupfte der Fremde hinein. Es war die Nanni, Sie kennen sie doch, durchlauchtigster Herr, der Frau Ratin schone Nanni?"
"Coquin," rief der Furst, "mit hohen gekronten Hauptern spricht man nicht von schonen Nannis, doch! fahr' Er fort, mon fils." "Ja," sprach der Leibjager weiter, "ja, die schone Nanni, ich hatt' ihr solchen dummen Verkehr gar nicht zugetraut. Also weiter nichts als eine einfaltige Liebschaft, dacht' ich in meinem Sinn; aber es wollt' mir gar nicht in den Kopf, dass nicht noch was anders dahinterstecken sollte. Ich blieb am Hause stehen. Da kam nach einer guten Weile die Frau Ratin zuruck, und kaum war sie ins Haus getreten, als oben ein Fenster geoffnet wurde und mit unglaublicher Behendigkeit der fremde Mann hinaussprang, gerade in die schonen Nelken und Levkojenstocke hinein, die dort vergattert stehen, und die das liebe Fraulein Julia selbst so sorglich wartet. Der Gartner lamentiert schrecklich; er ist mit den zerbrochenen Scherben draussen und wollte bei dem durchlauchtigsten Herrn selbst Klage fuhren. Ich habe ihn aber nicht hineingelassen, denn der Schlingel ist angesoffen schon am fruhen Morgen." "Lebrecht," unterbrach der Furst den Leibjager, "Lebrecht, das scheint eine Imitation zu sein, denn selbiges kommt schon in der Oper von Herrn Mozart, 'Figaros Hochzeit' geheissen, vor, die ich zu Prag geschaut. Bleib' Er der Wahrheit getreu, Jager!" "Auch," sprach Lebrecht weiter, "auch nicht eine Silbe rede ich anders, als ich es bekraftigen kann mit einem korperlichen Eide. Der Kerl war hingesturzt, und ich gedachte ihn nun zu fassen; doch schnell wie der Blitz raffte der Kerl sich auf und rannte spornstreichs wohin? was denken Sie wohl, durchlauchtigster Furst, wohin er rannte?" "Ich denke nichts," erwiderte der Furst feierlich, "turbier' Er mich nicht mit lastigen Fragen nach Gedanken, Jager! sondern erzahle Er ruhig so lange, bis die Geschichte aus ist, dann will ich denken."
"Gerade," fuhr der Jager fort, "gerade nach dem unbewohnten Pavillon rannte der Mensch. Ja unbewohnt! Sowie er an die Ture geklopft, wurd' es inwendig hell, und wer nun heraustrat, war niemand anders als der saubere ehrliche Herr Rupert, dem der Fremde hineinfolgte ins Haus, das er nun wieder fest verschloss. Sie sehen, durchlauchtigster Herr, dass Rupert Verkehr treibt mit fremden gefahrlichen Gasten, die bei ihrer Schleicherei gewiss Boses im Schilde fuhren. Wer weiss, worauf alles abzielt, und es ist ja moglich, dass selbst mein durchlauchtigster Furst hier in dem stillen ruhigen Sieghartshof von schlechten Menschen bedroht wird."
Da Furst Irenaus sich fur eine hochst bedeutende furstliche Person hielt, so konnt' es nicht fehlen, dass er manchmal von allerlei hofischen Kabalen und bosen Nachstellungen traumte. Des Jagers letzte Ausserung fiel ihm deshalb gar schwer aufs Herz, und er versank einige Augenblicke in tiefes Nachsinnen. "Jager," sprach er dann mit weit aufgerissenen Augen, "Jager! Er hat recht. Die Sache mit dem fremden Menschen, der hier herumschleicht, mit dem Licht, das sich zur Nachtzeit im Pavillon sehen lasst, ist bedenklicher, als sie im ersten Augenblick erscheint. Mein Leben steht in Gottes Hand! Aber mich umgeben treue Diener, und sollte einer sich fur mich aufopfern, so wurde ich ganz gewiss die Familie reichlich bedenken! Verbreit' Er das unter meinen Leuten, guter Lebrecht! Er weiss, ein furstliches Herz ist frei von jeder Bangigkeit, von jeder menschlichen Todesfurcht, aber man hat auch Pflichten gegen sein Volk, ihm muss man sich konservieren, zumal wenn der Thronerbe noch unmundig. Darum will ich das Schloss nicht eher verlassen, bis die Kabale im Pavillon zerstort ist. Der Forster soll mit den Revierjagern und allen ubrigen Forstbedienten herankommen, alle meine Leute sollen sich bewaffnen. Der Pavillon soll sogleich umstellt, das Schloss fest verschlossen werden. Besorg' Er das, guter Lebrecht. Ich selbst schnalle meinen Hirschfanger um, lade Er meine Doppeltpistolen, aber vergesse Er nicht den Schieber vorzulassen, damit kein Ungluck geschieht. Und dass man mir Nachricht gibt, wenn etwa die Zimmer des Pavillons ersturmt und so die Verschworenen gezwungen werden sollen, sich zu ergeben, damit ich mich zuruckziehen kann in die innern Gemacher. Und dass man die Gefangenen auf das sorglichste durchsucht, ehe sie vor den Thron gebracht werden, damit keiner etwa in der Verzweiflung doch, was steht Er, was sieht Er mich an, was lachelt Er, was soll das heissen, Lebrecht?"
"Ei," erwiderte der Leibjager mit pfiffiger Miene, "ei, durchlauchtigster Herr, ich meine nur, dass es gar nicht vonnoten, den Forster mit seinen Leuten herzubeordern."
"Warum nicht," fragte der Furst erzurnt, "warum nicht? Ich glaube gar, Er untersteht sich, mir zu widersprechen? Und in jeder Sekunde steigt die Gefahr! Tausend Sapp Lebrecht, werf' Er sich aufs Pferd der Forster seine Leute geladene Buchsen den Augenblick sollen sie einrucken."
"Sie sind," sprach der Leibjager, "sie sind aber schon da, durchlauchtigster Herr!"
"Wie was!" rief der Furst, indem er den Mund offen behielt, um dem Erstaunen Luft zu gonnen.
"Schon," fuhr der Jager fort, "schon als der Morgen graute, war ich draussen beim Forster. Schon ist der Pavillon so sorglich umstellt, dass keine Katze herauskann, viel weniger ein Mensch."
"Er ist," sprach der Furst geruhrt, "Er ist ein vortrefflicher Jager, Lebrecht, und ein treuer Diener des furstlichen Hauses. Rettet Er mich aus dieser Gefahr, so kann Er sicher auf eine Verdienstmedaille rechnen, die ich selber erfinden und auspragen lassen werde von Silber oder von Gold, je nachdem bei der Ersturmung des Pavillons weniger oder mehr Menschen geblieben sind."
"Erlauben," sprach der Jager, "erlauben Sie es, durchlauchtigster Herr, so gehen wir nun gleich ans Werk. Das heisst, wir schlagen die Ture des Pavillons ein, nehmen das Gesindel, das darin hauset, gefangen, und alles ist voruber. Ja, ja, den Kerl, der mir so oft entschlupft, der solch ein verfluchter Springer ist, den verdammten Kerl, der sich dort im Pavillon als ein ungebetener Gast selbst einquartiert hat, den will ich schon fassen, den Spitzbuben den, der Fraulein Julien turbiert hat!"
"Welcher Spitzbube," fragte die Ratin Benzon, in das Zimmer tretend, "welcher Spitzbube hat Julien turbiert? Wovon sprecht Ihr, guter Lebrecht?" Der Furst schritt feierlich, bedeutsam, wie jemand, dem Grosses, Ungeheures begegnet, das er mit aller Starke des Geistes bemuht ist zu tragen, der Benzon entgegen. Er fasste ihre Hand, druckte sie zartlich und sprach dann mit sehr weicher Stimme: "Benzon! Selbst in der einsamsten, tiefsten Zuruckgezogenheit folgt die Gefahr dem furstlichen Haupt. Es ist das Los der Fursten, dass alle Milde, alle Gute des Herzens sie nicht schutzt vor dem feindlichen Damon, der den Neid, die Herrschsucht entflammt in der Brust verraterischer Vasallen! Benzon, die schwarzeste Verraterei hat ihr schlangenhaariges Medusenhaupt erhoben gegen mich, Sie finden mich in der dringendsten Gefahr! Aber bald ist der Augenblick der Katastrophe da, diesem Getreuen verdanke ich vielleicht bald mein Leben, meinen Thron! Und ist es anders beschlossen nun, so ergebe ich mich in mein Schicksal. Ich weiss, Benzon, Sie konservieren Ihre Gesinnungen gegen mich, und so kann ich wie jener Konig in dem Trauerspiel eines deutschen Dichters, mit dem Prinzessin Hedwiga mir neulich den Tee verdarb, hochsinnig rufen: 'Nichts ist verloren, denn Sie blieben mein!' Kussen Sie mich, gute Benzon! Teures Malchen, wir sind und bleiben die Alten! Guter Gott, ich radotiere wohl in der Seelenangst! Lassen Sie uns gefasst sein, meine Liebe, wenn die Verrater gefangen sind, werd' ich sie mit einem Blick vernichten. Leibjager, es beginne der Angriff auf den Pavillon." Der Leibjager wollte schnell fort. "Halt," rief die Benzon, "was fur ein Angriff? auf welchen Pavillon?"
Der Leibjager musste auf Befehl des Fursten nochmals uber den ganzen Vorfall genauen Rapport erstatten.
Immer mehr und mehr schien die Benzon durch des Leibjagers Erzahlung gespannt zu werden. Als er geendet, rief die Benzon lachend: "Nun, das ist das drolligste Missverstandnis, das es wohl geben mag. Ich bitte, gnadigster Herr, dass der Forster mit seinen Leuten sogleich nach Hause geschickt werde. Es ist von gar keiner Verschworung die Rede, Sie befinden sich nicht in der mindesten Gefahr, gnadigster Herr! Der unbekannte Bewohner des Pavillons ist schon Ihr Gefangener."
"Wer," fragte der Furst voll Erstaunen, "wer, welcher Ungluckselige bewohnt den Pavillon ohne meine Erlaubnis?"
"Es ist," raunte die Benzon dem Fursten ins Ohr, "es ist Prinz Hektor, der sich im Pavillon verbirgt!"
Der Furst prallte einige Schritte zuruck, als trafe ihn plotzlich ein Schlag von unsichtbarer Hand, dann rief er: "Wer? wie? est-il possible! Benzon! traume ich? Prinz Hektor?" Des Fursten Blicke fielen auf den Leibjager, der ganz verblufft den Hut in der Hand zusammenknillte. "Jager," schrie der Furst ihn an, "Jager! Scher' Er sich herab, der Forster, die Leute, sie sollen fort fort nach Hause! kein Mensch soll sich blicken lassen! Benzon," wandte er sich dann zur Ratin, "gute Benzon, konnen Sie es sich vorstellen, einen Kerl, einen Spitzbuben hat Lebrecht den Prinzen Hektor genannt! Der Ungluckliche! Doch es bleibt unter uns, Benzon, es ist ein Staatsgeheimnis. Sagen Sie, erklaren Sie mir nur, wie es geschehen konnte, dass der Prinz vorgibt abzureisen und sich hier versteckt, als wolle er auf Abenteuer ausgehen?"
Die Benzon sah sich durch die Beobachtungen des Leibjagers aus grosser Verlegenheit gerettet. Hatte sie sich vollkommen uberzeugt, dass es ihrerseits nicht ratsam, dem Fursten die Gegenwart des Prinzen in Sieghartshof, am wenigsten aber seinen Anschlag auf Julien zu entdecken, so konnte doch auch die Sache nicht in der Lage bleiben, die mit jeder Minute sich fur Julien, fur das ganze Verhaltnis, das sie, die Benzon selbst, mit aller Muhe aufrechterhielt, bedrohlicher gestalten musste. Jetzt, da der Leibjager den Schlupfwinkel des Prinzen erlauscht und dieser Gefahr lief, auf nicht sehr ehrenvolle Weise hervorgezogen zu werden, konnte, durfte sie ihn verraten, ohne Julia preiszugeben. Sie erklarte also dem Fursten, dass wahrscheinlich ein Liebeszwist mit der Prinzessin Hedwiga den Prinzen vermocht, eine schnelle Abreise vorzugeben und sich mit seinem treusten Kammerdiener ganz in der Nahe der Geliebten zu verstecken. Dass dies Beginnen etwas Romanhaftes, Abenteuerliches in sich trage, sei nicht zu leugnen, doch welcher Liebende habe nicht Hang zu dergleichen. Ubrigens sei des Prinzen Kammerdiener ein sehr eifriger Liebhaber ihrer Nanni und durch diese ihr das Geheimnis verraten worden.
"Ha!" rief der Furst, "dem Himmel sei es gedankt, so war es der Kammerdiener und nicht der Prinz selbst, der sich zu Ihnen ins Haus stahl und dann durchs Fenster sprang in die Blumentopfe, wie der Page Cherubin. Mir stiegen schon allerlei unangenehme Gedanken auf. Ein Prinz und durchs Fenster springen, wie konnte sich das wohl in aller Welt reimen!"
"Ei," erwiderte die Benzon schalkisch lachend, "ich kenne doch eine furstliche Person, die den Weg zum Fenster heraus nicht verschmahte, als "
"Sie," unterbrach der Furst die Ratin, "Sie alterieren mich, Benzon, Sie alterieren mich ganz ungemein! Schweigen wir von vergangenen Dingen, uberlegen wir lieber, was jetzt mit dem Prinzen anzufangen! Alle Diplomatie, alles Staatsrecht, alles Hofgesetz holt der Teufel in dieser verdammten Lage! Soll ich ihn ignorieren? soll ich ihn zufallig finden? soll ich soll ich? Alles dreht sich in meinem Kopfe wie ein Wirbel. Das kommt davon, wenn furstliche Haupter sich zu wunderlichen Romanstreichen herabwurdigen!"
Die Benzon wusste in der Tat nicht, wie das weitere Verhaltnis mit dem Prinzen zu formen. Doch auch dieser Verlegenheit wurde abgeholfen. Noch ehe die Ratin namlich dem Fursten antworten konnte, trat der alte Kastellan Rupert hinein und uberreichte dem Fursten ein klein zusammengefaltetes Billett, indem er schelmisch lachelnd versicherte, es kame von einer hohen Person, die er gar nicht weit von hier die Ehre hatte unter Schloss und Riegel zu bewahren. "Er wusste," sprach der Furst sehr gnadig zu dem Alten, "Er wusste also, Rupert, dass? Nun, ich habe Ihn immer fur einen ehrlichen treuen Diener meines Hauses gehalten, und Er hat sich auch jetzt als einen solchen bewahrt, da Er, wie es Seine Pflicht war, dem Befehl meines erhabenen Eidams gehorchet. Ich werde an Seine Belohnung denken." Rupert dankte in den demutigsten Ausdrucken und entfernte sich aus dem Zimmer.
Es begibt sich gar oft im Leben, dass einer fur besonders ehrlich und tugendhaft gehalten wird gerade in dem Augenblick, wenn er einen Spitzbubenstreich begangen. Daran dachte die Benzon, die von des Prinzen bosem Anschlage besser unterrichtet und uberzeugt war, dass der alte heuchlerische Rupert in das bose Geheimnis eingeweiht.
Der Furst erbrach das Billett und las:
"'Che dolce piu, che piu giocondo stato
Saria, di quel d'un amoroso core?
Che viver piu felice e piu beato,
Che ritrovarsi in servitu d'Amore
Se non fosse l'huom sempre stimulato
Da quel sospetto rio, da quel timore,
Da quel martir, da quella frenesia,
Da quella rabbia, detta gelosia.'
In diesen Versen eines grossen Dichters finden Sie, mein Furst, die Ursache meines geheimnisvollen Beginnens. Ich glaubte mich nicht geliebt von der, die ich anbete, die mein Leben ist, all mein Sehnen und Hoffen, fur die alle brunstige Glut lodert in der entflammten Brust. Wohl mir! ich habe mich eines bessern uberzeugt, ich weiss seit wenigen Stunden, dass ich geliebt bin, und trete aus meinem Schlupfwinkel hervor. Liebe und Gluck, das sei das Losungswort, das mich ankundigt. Bald begrusse ich Sie, mein Furst, mit der Ehrfurcht des Sohnes.
Hektor."
Vielleicht ist es dem geneigten Leser nicht ganz unlieb, wenn der Biograph hier auf zwei Sekunden die Geschichte ruhen lasst und den Versuch einer Ubersetzung jener italienischen Verse einschiebt. Sie konnten ungefahr also lauten:
"Gab's sussres noch, gab's hoheres Entzucken,
Als wenn das Herz entbrannt in brunst'ger Liebe?
Konnt' den ein sel'gres Himmelslos beglucken,
Der in des macht'gen Gottes Fesseln bliebe?
Vermochte nicht den Menschen zu berucken
Der finstre Geist, Verdacht, der Furcht Getriebe,
Trostlose Qual, Wahnsinns wuchernder Samen,
Der Holle Furie, Eifersucht ihr Namen!"
Der Furst las das Billett zwei-, dreimal sehr aufmerksam durch, und je ofter er es las, desto finstrer zogen sich die Falten auf seiner Stirne zusammen. "Benzon," sprach er endlich, "Benzon! was ist das mit dem Prinzen? Verse, italienische Verse an ein furstliches Haupt, an einen gekronten Schwiegervater, statt deutlicher, vernunftiger Erklarung? Was soll das! Es ist kein Verstand darin. Der Prinz scheint uberspannt zu sein auf ganz ungebuhrliche Weise. Die Verse sprechen, soviel ich davon verstehe, von dem Gluck der Liebe und von den Qualen der Eifersucht. Was will der Prinz mit der Eifersucht, auf wen um tausend Himmels willen kann er hier eifersuchtig sein? Sagen Sie mir, gute Benzon, finden Sie in diesem Billett des Prinzen auch nur ein Funkchen gesunden Menschenverstand?"
Die Benzon entsetzte sich uber den tiefern Sinn, der in den Worten des Prinzen lag, und den sie nach dem, was sich gestern in ihrem Hause begeben, leicht erraten konnte. Zugleich musste sie aber die feine Wendung bewundern, die der Prinz ersonnen, um ohne weitern Anstoss aus seinem Versteck hervortreten zu durfen. Weit entfernt, sich auch nur leise daruber gegen den Fursten zu aussern, muhte sie sich aber, aus der Lage der Dinge soviel Vorteil zu ziehen, als nur moglich. Kreisler und Meister Abraham, das waren die Personen, von denen sie Verwirrung ihrer geheimen Plane befurchtete, und gegen diese glaubte sie jede Waffe brauchen zu mussen, die ihr der Zufall in die Hand spielte. Sie erinnerte den Fursten daran, was sie ihm uber die Leidenschaft gesagt hatte, die in der Prinzessin Brust emporgelodert. Dem Scharfblick des Prinzen, fuhrte sie ferner an, konne die Stimmung der Prinzessin ebensowenig entgangen sein, als Kreislers seltsames uberspanntes Betragen ihm Anlass genug gegeben haben musse, irgendein wahnsinniges Verhaltnis zwischen beiden zu vermuten. So sei hinlanglich erklart, warum der Prinz den Kreisler auf den Tod verfolgt, warum er, da er den Kreisler getotet zu haben geglaubt, dem Schmerz, der Verzweiflung der Prinzessin aus dem Wege gegangen, dann aber, als er von Kreislers Leben unterrichtet, von Liebe und Sehnsucht getrieben, zuruckgekehrt sei und die Prinzessin heimlich beobachtet habe. Niemanden anders als Kreislern habe daher die Eifersucht gegolten, von der die Verse des Prinzen sprachen, und es sei um so notiger und ratsamer, dem Kreisler forthin keinen Aufenthalt in Sieghartshof zu gestatten, als er mit dem Meister Abraham ein gegen alle Verhaltnisse des Hofes gerichtetes Komplott geschmiedet zu haben scheine.
"Benzon," sprach der Furst sehr ernsthaft, "Benzon, ich habe daruber nachgedacht, was Sie mir uber die unwurdige Neigung der Prinzessin gesagt haben, und glaube jetzt von allem auch nicht ein Wort. Furstliches Blut wallt in den Adern der Prinzessin."
"Glauben Sie," fuhr die Benzon heftig auf, indem sie bis unter die Augen errotete, "glauben Sie, gnadigster Herr, dass das furstliche Weib uber den Pulsschlag, uber die innere Ader des Lebens gebieten konne wie kein anderes?"
"Sie sind," sprach der Furst verdriesslich, "Sie sind heute in sehr seltsamer Stimmung, Ratin! Ich wiederhole es, entstand in dem Herzen der Prinzessin irgendeine abgeschmackte Leidenschaft, so war das nur ein krankhafter Zufall ein Krampf sozusagen sie leidet ja an Spasmen von dem sie sich sehr bald ganz erholt haben wurde. Was aber den Kreisler betrifft, so ist das ein ganz amusanter Mensch, dem nur gehorige Kultur fehlt. Ich kann ihm gar nicht solche ubermutige Keckheit zutrauen, sich der Prinzessin annahern zu wollen. Keck ist er, aber auf ganz andere Weise. Glauben Sie wohl, Benzon, dass nach seiner wunderlichen Art gerade eine Prinzessin bei ihm gar kein Gluck machen wurde, sollt' es denkbar sein, dass eine dergleichen hohe Person sich herablassen konnte, in ihn verliebt zu werden? Denn Benzon, entre nous soit dit, er macht sich gar nicht sonderlich viel aus uns hohen Hauptern, und das ist eben die lacherliche abgeschmackte Torheit, die ihn unfahig macht, am Hofe zu verweilen. Mag er daher entfernt bleiben; kehrt er aber zuruck, so sei er mir herzlich willkommen. Denn nicht genug, dass er denn doch, wie ich vom Meister Abraham ja, den Meister Abraham, den lassen Sie mir aus dem Spiele, Benzon, die Komplotte, die er geschmiedet, haben immer zum Wohl des furstlichen Hauses gereicht. Wie ich doch sagen wollte! Ja! Nicht genug, dass der Kapellmeister, wie mir Meister Abraham gesagt, fliehen mussen auf ungebuhrliche Weise, unerachtet er von mir freundlich aufgenommen, so ist und bleibt er ein ganz gescheiter Mensch, der mich amusiert trotz seines narrischen Wesens, et cela suffit!"
Die Ratin erstarrte vor innerer Wut, sich so kalt abgefertigt zu sehen. Ohne es zu ahnen, war sie, als sie frohlich den Strom hinabschwimmen wollte, auf eine verborgene Klippe gestossen.
Es entstand auf dem Schlosshofe ein grosses Gerausch. Eine lange Reihe Wagen rasselte heran, begleitet von einem starken Kommando grossherzoglicher Husaren. Der Oberhofmarschall, der Prasident, die Rate des Fursten, mehrere von der vornehmen Welt aus Sieghartsweiler stiegen aus. Dorthin war die Nachricht gekommen, dass in Sieghartshof eine wider das Leben des Fursten gerichtete Revolution ausgebrochen, und nun kamen die Getreuen nebst andern Verehrern des Hofes, sich um die Person des Fursten zu stellen, und brachten die Verteidiger des Vaterlandes mit, die sie sich vom Gouverneur mit vieler Muhe erbeten.
Vor lauter Beteurungen der Versammelten, dass sie Leib und Leben fur den gnadigsten Herrn zu opfern bereit waren, kam der Furst gar nicht zu Worte. Eben wollt' er endlich beginnen, als der Offizier, der das Kommando fuhrte, hineintrat und den Fursten nach dem Operationsplan fragte.
Es liegt in der menschlichen Natur, dass, wenn die Gefahr, die uns Furcht einjagte, sich vor unsern Augen auflost in einen eitlen nichtigen Popanz, uns dies immer mit grossem Unmut erfullt. Der Gedanke, der wirklichen Gefahr glucklich entgangen zu sein, nicht, dass gar keine vorhanden, erregt uns Freude.
So geschah es denn auch, dass der Furst seinen Unmut, seinen Verdruss uber den unnotigen Tumult kaum unterdrucken konnte.
Dass der ganze Larm uber ein Stelldichein eines Kammerdieners mit einer Zofe, uber die romanhafte Eifersuchtelei eines verliebten Prinzen entstanden, sollte, konnte er das sagen? Er sann hin und her; die ahnungsvolle Stille im Saal, nur unterbrochen von dem mutigen, Sieg versprechenden Wiehern der Husarenpferde, die draussen hielten, druckte ihn bleiern nieder.
Endlich rausperte er sich und begann sehr pathetisch: "Meine Herren! Die wunderbare Fugung des Himmels Was wollen Sie, mon ami?"
Mit dieser an den Hofmarschall gerichteten Frage unterbrach der Furst sich selbst. Wirklich hatte der Hofmarschall sich mehrmals gebuckt und durch Blikke zu verstehen gegeben, dass er was Wichtiges zu hinterbringen. Es kam heraus, dass soeben sich Prinz Hektor melden lassen.
Des Fursten Gesicht heiterte sich auf, er sah, dass er uber die vermeintliche Gefahr, in der sein Thron geschwebt, sehr kurz sein und die ehrwurdige Versammlung wie mit einem Zauberschlage in eine Bewillkommnungscour umsetzen konne. Er tat dies!
Nicht lange dauerte es, so trat Prinz Hektor hinein, in Galauniform glanzend gekleidet, schon, kraftig, stolz wie der fernhintreffende Gotterjungling. Der Furst machte ein paar Schritte vorwarts ihm entgegen, fuhr aber auch gleich zuruck, als trafe ihn der Blitz. Dicht hinter dem Prinzen Hektor her sprang Prinz Ignatius in den Saal. Der furstliche Herr wurde leider mit jedem Tage damischer und abgeschmackter. Die Husaren auf dem Schlosshofe mussten ihm ganz ausnehmend gefallen haben, denn er hatte einen Husaren vermocht, ihm Sabel, Tasche und Tschako zu geben, und sich in diese Herrlichkeiten geputzt. So kurbettierte er, als sasse er zu Pferde, in kurzen Sprungen mit dem blanken Sabel in der Faust im Saal umher, indem er die eiserne Scheide tuchtig auf dem Boden nachklirren liess, und lachte und kicherte dabei ganz ungemein anmutig. "Partez decampez! Allez-vousen tout de suite." So rief der Furst mit gluhenden Augen und donnernder Stimme dem erschrockenen Ignaz entgegen, der sich ganz geschwind davonmachte.
Keiner von den Anwesenden hatte so wenig Takt,
den Prinzen Ignaz, die ganze Szene zu bemerken.
Der Furst, im vollsten Sonnenglanz der vorigen
Milde und Freundlichkeit, sprach nun mit dem Prinzen einige Worte, und dann gingen beide, der Furst und der Prinz, im Kreise der Versammelten umher und redeten mit diesem, jenem ein paar Worte. Die Cour war beendigt, d.h. die geistreichen, tiefsinnigen Redensarten, deren man sich bei solcher Gelegenheit zu bedienen pflegt, waren gehorig verspendet, und der Furst begab sich mit dem Prinzen in die Gemacher der Furstin, dann aber, da der Prinz darauf bestand, die geliebte Braut zu uberraschen, in das Gemach der Prinzessin. Sie fanden Julia bei ihr.
Mit der Hast des feurigsten Liebhabers flog der
Prinz hin zur Prinzessin, druckte ihre Hand hundertmal zartlich an die Lippen, schwur, dass er nur in dem Gedanken an sie gelebt, dass ein ungluckliches Missverstandnis ihm die Qualen der Holle bereitet, dass er die Trennung von der, die er anbete, nicht langer ertragen konne, dass nun ihm alle Seligkeit des Himmels aufgegangen.
Hedwiga empfing den Prinzen mit unbefangener Heiterkeit, die ihr sonst eben nicht eigen. Sie begegnete den zartlichen Liebkosungen des Prinzen geradeso, wie es eine Braut wohl tun mag, ohne sich im voraus zuviel zu vergeben; ja, sie verschmahte es nicht, den Prinzen mit seinem Versteck ein wenig aufzuziehn und zu versichern, dass sie keine Verwandlung hubscher und anmutiger sich denken konne, als die eines Haubenstocks in einen Prinzenkopf. Denn fur einen Haubenstock habe sie den Kopf gehalten, der sich in dem Giebelfenster des Pavillons blicken lassen. Dies gab Anlass zu allerlei artigen Neckereien des glucklichen Paars, die selbst den Fursten zu ergotzen schienen. Nun glaubte er den grossen Irrtum der Benzon rucksichts des Kreisler erst recht einzusehen, da nach seiner Meinung Hedwigas Liebe zu dem schonsten der Manner sich deutlich genug aussprach. Geist und Korper der Prinzessin schienen in der seltenen hohen Blute zu stehen, wie sie glucklichen Brauten ganz besonders eigen. Gerade entgegengesetzt verhielt es sich mit Julien. Sowie sie den Prinzen erblickte, bebte sie zusammen, von innerm Schauer erfasst. Blass wie der Tod, stand sie da mit tief zu Boden gesenkten Augen, keiner Bewegung machtig, kaum fahig, sich aufrecht zu erhalten.
Nach einer guten Weile wandte sich der Prinz zu Julien mit den Worten: "Fraulein Benzon, wenn ich nicht irre?"
"Eine Freundin der Prinzessin von der fruhsten Kindheit her, gleichsam ein Schwesternpaar!" Wahrend der Furst diese Worte sprach, hatte der Prinz Julias Hand gefasst und ihr leise, leise zugehaucht: "Nur du bist's, die ich meine!" Julia schwankte, Tranen der bittersten Angst drangten sich unter den Wimpern hervor; sie ware niedergesturzt, hatte die Prinzessin nicht schnell einen Sessel herbeigeschoben.
"Julia," sprach die Prinzessin leise, indem sie sich uber die Armste hinuberbeugte, "Julia, fasse dich doch nur! Ahnest du denn nicht den harten Kampf, den ich kampfe?" Der Furst offnete die Ture und rief nach Eau de Luce. "Solches," sprach der ihm entgegentretende Meister Abraham, "solches fuhre ich nicht bei mir, aber guten Ather. Ist jemand ohnmachtig geworden? Ather hilft auch!"
"So kommt," erwiderte der Furst, "so kommt schnell hinein, Meister Abraham, und helft Fraulein Julien."
Doch sowie Meister Abraham in den Saal trat, sollte sich das Unerwartete begeben.
Geisterbleich starrte Prinz Hektor den Meister an, sein Haar schien sich zu strauben, kalter Angstschweiss ihm auf der Stirne zu stehen. Einen Schritt vorwarts, den Leib zuruckgebogen, die Arme dem Meister entgegengestreckt, war er dem Macbeth zu vergleichen, wenn plotzlich Bankos entsetzliches blutiges Gespenst den leeren Platz der Tafel fullt. Ruhig holte der Meister sein Flaschchen hervor und wollte sich Julien nahen.
Da war es, als ermanne sich der Prinz wieder zum Leben. "Severino, seid Ihr's selbst?" So rief der Prinz mit dem dumpfen Ton des tiefsten Entsetzens. "Allerdings," erwiderte Meister Abraham, ohne im mindesten aus seiner Ruhe zu kommen, oder nur die Miene zu verandern, "allerdings. Es ist mir lieb, dass Ihr Euch meiner erinnert, gnadigster Herr; ich hatte die Ehre, Euch vor etlichen Jahren in Neapel einen kleinen Dienst zu erzeigen."
Der Meister trat noch einen Schritt vorwarts, da fasste ihn der Prinz beim Arm, zog ihn mit Gewalt auf die Seite, und nun erfolgte ein kurzes Gesprach, von dem niemand der im Saal Befindlichen etwas verstand, da es zu schnell und im neapolitanischen Dialekt gefuhrt wurde.
"Severino! Wie kam der Mensch zu dem Bildnis?"
"Ich gab es ihm zur Schutzwehr gegen Euch."
"Weiss er?"
"Nein!"
"Werdet Ihr schweigen?"
"Zurzeit ja!"
"Severino! Alle Teufel sind mir auf den Hals gehetzt! Was nennt Ihr zurzeit?"
"Solange Ihr artig seid und den Kreisler in Ruhe lasst und auch jene da!"
Nun liess der Prinz den Meister los und trat an ein Fenster. Julia hatte sich indessen erholt. Mit dem unbeschreiblichen Ausdruck herzzerreissender Wehmut den Meister Abraham anschauend, lispelte sie mehr, als dass sie sprach: "O mein guter lieber Meister, Ihr konnt mich wohl retten! Nicht wahr, Ihr gebietet uber so manches? Eure Wissenschaft kann noch alles zum Guten lenken!" Der Meister gewahrte in Julias Worten den wunderbarsten Zusammenhang mit jenem Gesprach, als habe sie in der hohern Erkenntnis des Traums alles verstanden und wisse um das ganze Geheimnis!
"Du bist," sprach der Meister Julien leise ins Ohr, "du bist ein frommer Engel, und darum hat der finstre Hollengeist der Sunde keine Macht uber dich. Vertraue dich mir ganz; furchte nichts und fasse dich mit aller Kraft des Geistes. Denke auch an unsern Johannes."
"Ach," rief Julia schmerzlich, "ach, Johannes! er kehrt zuruck, nicht wahr, Meister? ich werde ihn wiedersehen!"
"Gewiss," erwiderte der Meister und legte den Finger auf den Mund; Julia verstand ihn.
Der Prinz muhte sich, unbefangen zu scheinen; er erzahlte, dass der Mann, den man hier, wie er vernehme, Meister Abraham nenne, vor mehreren Jahren in Neapel Zeuge einer sehr tragischen Begebenheit gewesen sei, in die er, der Prinz, selbst verflochten, wie er gestehen musse. Die Begebenheit zu erzahlen, sei jetzt nicht an der Zeit, doch wolle er kunftig damit nicht zuruckhalten.
Der Sturm im Innern war zu heftig, als dass sein Tosen nicht auf der Oberflache hatte sichtbar sein sollen, und so stimmte des Prinzen verstortes Antlitz, dem jeder Blutstropfen entschwunden schien, sehr schlecht uberein mit dem gleichgultigen Gesprach, zu dem er sich nun zwang, um nur uber den kritischen Moment hinwegzukommen. Besser als dem Prinzen gelang es der Prinzessin, die Spannung des Augenblicks zu besiegen. Mit der Ironie, die selbst den Argwohn, die Verbittrung verfluchtigt zum feinsten Hohn, neckte Hedwiga den Prinzen umher in dem Labyrinth seiner eignen Gedanken. Er, der gewandteste Weltmann, noch mehr, ausgerustet mit allen Waffen einer Ruchlosigkeit, die alles Wahrhafte, jede Gestaltung des Lebens vernichtet, vermochte nicht diesem seltsamen Wesen zu widerstehen. Je lebhafter Hedwiga sprach, je feuriger und zundender die Blitze des geistreichsten Spottes einschlugen, desto verwirrter, beangstigter schien sich der Prinz zu fuhlen, bis dies Gefuhl zum Unertraglichen stieg und er sich schnell entfernte.
Dem Fursten geschah das, was ihm bei solchen Anstossen jedesmal zu geschehen pflegte; er wusste gar nicht, was er von dem allen denken sollte. Er begnugte sich mit einigen franzosischen Brocken ohne sonderliche Bedeutung, die er dem Prinzen zuwarf und die dieser mit ebensolchen erwiderte.
Der Prinz war schon zur Ture heraus, als Hedwiga, plotzlich im ganzen Wesen verandert, zum Fussboden niederstarrte und mit einem seltsamen, das Herz durchschneidenden Ton laut rief: "Ich sehe die blutige Spur des Morders!" Dann schien sie aus dem Traum zu erwachen, druckte Julien sturmisch an ihre Brust und lispelte ihr zu: "Kind, mein armes Kind, lass dich nicht betoren!"
"Geheimnisse," sprach der Furst verdriesslich, "Geheimnisse, Einbildungen, Albernheiten, Romanenstreiche! Ma foi, ich kenne meinen Hof nicht mehr! Meister Abraham! Ihr bringt meine Uhren in Ordnung, wenn sie nicht richtig gehen, ich wollt', Ihr konntet hier nachsehen, was fur Schaden das Raderwerk genommen, das sonst niemals stockte. Doch was ist das mit dem Severino?"
"Unter diesem Namen," erwiderte der Meister, "liess ich in Neapel meine optische und mechanische Kunststucke sehen."
"So so," sprach der Furst, sah den Meister starr an, als schwebe ihm eine Frage auf den Lippen, drehte sich aber dann schnell um und verliess schweigend das Zimmer.
Man hatte geglaubt, die Benzon befinde sich bei der Furstin, dem war aber nicht so, sie hatte sich in ihre in Wohnung begeben.
Julia sehnte sich nach der freien Luft; der Meister fuhrte sie in den Park und, lustwandelnd durch die halb entlaubten Gange, sprachen sie von Kreisler und seinem Aufenthalt in der Abtei. Sie waren an das Fischerhauschen gekommen. Julia trat hinein, um sich zu erholen; Kreislers Brief lag auf dem Tisch, der Meister meinte, es sei gar nichts darin, das Julia Scheu tragen durfe zu erfahren.
Wahrend Julia den Brief gelesen, hatten sich ihre Wangen hoher gefarbt, und sanftes Feuer, Abglanz des erheiterten Gemuts, strahlte aus ihren Augen.
"Siehst du," sprach der Meister freundlich, "siehst du wohl, mein liebes Kind, wie der gute Geist meines Johannes auch aus der Ferne trostend zu dir spricht? Was hast du von bedrohlichen Anschlagen zu furchten, wenn Standhaftigkeit, Liebe und Mut dich schutzen vor den Bosen, die dir nachstellen!"
"Barmherziger Himmel," rief Julia mit emporgerichtetem Blicke, "schutze mich nur vor mir selber!" Sie erbebte wie im jahen Schreck uber die Worte, die sie willenlos ausgestossen. Halb ohnmachtig sank sie in den Sessel und bedeckte mit beiden Handen ihr gluhendes Antlitz.
"Ich verstehe," sprach der Meister, "ich verstehe dich nicht Madchen, du verstehst dich vielleicht selbst nicht, und darum magst du dein eignes Innres recht auf den Grund erforschen und dir nichts etwa verschweigen aus weichlicher Schonung."
Der Meister uberliess Julien dem tiefen Nachsinnen, in das sie versunken, und schaute mit ubereinandergeschlagenen Armen hinauf zu der geheimnisvollen Glaskugel. Da schwoll ihm die Brust vor Sehnsucht und wunderbarer Ahnung.
"Dich," sprach er, "dich muss ich ja fragen, mit dir muss ich mich ja beraten, mit dir, du meines Lebens schones, herrliches Geheimnis! Schweige nicht, lass deine Stimme horen! Du weisst es ja, niemals war ich ein gemeiner Mensch, unerachtet mich manche dafur hielten. Denn in mir gluhte alle Liebe, die der ewige Weltgeist selbst ist, und der Funke glimmte in meiner Brust, den der Hauch deines Wesens anfachte zur hellen frohlichen Flamme! Glaube nicht, Chiara, dass dies Herz darum, weil es alter worden, vereiset ist und nicht mehr so rasch zu schlagen vermag als damals, da ich dich dem unmenschliche Severino entriss; glaube nicht, dass ich jetzt weniger deiner wert geworden, als ich es damals war, da du selbst mich aufsuchtest! Ja! lass nur deine Stimme horen, und ich will mit der Hast des Junglings dem Ton so lange nachrennen, bis ich dich gefunden, und dann wohnen wir wieder zusammen und treiben in zauberischer Gemeinschaft die hohere Magie, welche alle Menschen, selbst die allergemeinsten, notgedrungen erkennen, ohne daran zu glauben. Und wandelst du nicht mehr leiblich hier auf Erden, spricht deine Stimme aus der Geisterwelt zu mir herab, so bin ich auch damit zufrieden und werde auch denn wohl noch ein tuchtigerer Kerl, als ich jemals gewesen. Doch nein, nein! Wie lauteten die trostenden Worte, die du zu mir sprachst?
'Nicht erfasst der bleiche Tod,
Die im Herzen Liebe tragen,
Dem glanzt noch das Abendrot,
Der am Morgen wollt' verzagen!'"
"Meister," rief Julia, die sich aus dem Sessel erhoben und dem Alten in tiefem Erstaunen zugehorcht hatte, "Meister! mit wem redet Ihr? was wollt Ihr beginnen? Ihr nanntet den Namen: Severino, gut'ger Himmel! redete der Prinz, als er sich von seinem Entsetzen erholt hatte, Euch nicht selbst an mit diesem Namen? Welches furchtbare Geheimnis liegt hier verborgen?"
Der Alte kam bei diesen Worten Julias augenblicklich aus dem erhohten Zustande zuruck, und auf seinem Gesicht verbreitete sich, wie es schon lange nicht mehr geschehen, jene seltsame, beinahe grinsende Freundlichkeit, die mit seinem ubrigens treuherzigen Wesen in dem wunderlichsten Zwiespalt stand und seiner ganzen Erscheinung den Anstrich einer etwas unheimlichen Karikatur gab.
"Mein schones Fraulein," sprach er mit dem grellen Ton, in dem aufschneiderische Geheimniskramer gewohnlich ihre Wunder anzupreisen pflegen, "mein schones Fraulein, nur ein wenig Geduld, ich werde bald die Ehre haben, Ihnen hier im Fischerhauschen die allerwunderbarsten Dinge zu zeigen. Diese tanzenden Mannlein, dieser kleine Turke, welcher weiss, wie alt jeder in der Gesellschaft ist, diese Automate, diese Palingenesien, diese deformierten Bilder, diese optischen Spiegel alles hubsches magisches Spielzeug, aber das beste fehlt mir noch. Mein unsichtbares Madchen ist da! Bemerken Sie, dort oben sitzt sie bereits in der Glaskugel. Sie spricht aber noch nicht, sie ist noch mude von der weiten Reise, denn sie kommt gerades Weges aus dem fernen Indien. In einigen Tagen, mein schones Fraulein, kommt meine Unsichtbare, und dann wollen wir sie befragen wegen des Prinzen Hektor, wegen Severino und andern Begebnissen der Vergangenheit und Zukunft! Fur jetzt nur etwas weniges schlichtes Amusement."
Damit sprang der Meister mit der Schnelle und Lebendigkeit eines Junglings im Zimmer umher, zog die Maschinen an, ordnete die magischen Spiegel. Und in allen Winkeln wurde es rege und lebendig, die Automaten schritten daher und drehten die Kopfe, und ein kunstlicher Hahn schlug mit den Flugeln und krahte, wahrend Papageien gellend dazwischenkreischten, und Julia selbst und der Meister standen draussen sogut wie im Zimmer. Julien wollte, unerachtet sie an dergleichen Possen genugsam gewohnt, dennoch bei der seltsamen Stimmung des Meisters ein Grauen anwandeln. "Meister," sprach sie ganz erschrocken, "Meister, was ist Euch widerfahren?"
"Kind," erwiderte der Meister in seiner ernsten Manier, "Kind etwas Schones und Wunderbares, aber es taugt nicht recht, dass du es erfahrst. Doch! Lass die lebendigtoten Dinger hier ihre Faxen ausspielen, wahrend ich dir von manchem soviel vertraue, als dir zu wissen notig und nutzlich. Meine liebe Julia, deine eigne Mutter hat dir ihr mutterliches Herz verschlossen, ich will es dir offnen, dass du hineinzublikken, dass du die Gefahr, in der du schwebst, zu erkennen und dich ihr zu entziehen vermagst. Erfahre also furs erste ohne weitere Umschweife, dass deine Mutter nichts Geringeres fest in ihrem Sinn beschlossen hat, als dich "
(M.f.f.) es indessen lieber bleiben lassen Katerjungling, sei bescheiden wie ich und nicht gleich uberall bei der Hand mit deinen Versen, wenn die schlichte ehrliche Prosa hinreicht, deine Gedanken auszuspinnen. Verse sollen in dem in Prosa geschriebenen Buche das leisten, was der Speck in der Wurst, namlich hin und wieder in kleinen Stuckchen eingestreut, dem ganzen Gemengsel mehr Glanz der Fettigkeit, mehr susse Anmut des Geschmacks verleihen. Ich furchte nicht, dass dichterische Kollegen dies Gleichnis zu gemein und unedel finden werden, da es von unsrer Lieblingsspeise entnommen und in der Tat manchmal ein guter Vers einem mittelmassigen Roman ebenso dienlich sein kann als ein fetter Speck einer magern Wurst. Ich sage das als ein Kater von asthetischer Bildung und Erfahrung. So sehr nach meinen bisherigen philosophischen und moralischen Grundsatzen Pontos ganzes Verhaltnis, seine Lebensweise, seine Art, sich in der Gunst des Herrn zu erhalten, mir unwurdig, ja ein wenig miserabel vorkommen mochte, doch hatte mich sein ungezwungener Anstand, seine Eleganz, seine anmutige Leichtigkeit im sozialen Umgange gar sehr bestochen. Mit aller Gewalt wollte ich mich selbst uberreden, dass ich bei meiner wissenschaftlichen Bildung, bei meinem Ernst in allem Tun und Treiben auf einer viel hoheren Stufe stehe als der unwissende Ponto, der nur hier und da etwas von den Wissenschaften aufgeschnappt. Ein gewisses gar nicht zu unterdruckendes Gefuhl sagte mir aber ganz unverhohlen, dass Ponto uberall mich in den Schatten stellen wurde; ich fuhlte mich gedrungen, einen vornehmern Stand anzuerkennen und den Pudel Ponto zu diesem Stande zu rechnen.
Ein genialer Kopf wie der meinige hat bei jedem Anlass, bei jeder Lebenserfahrung immer seine besonderen eigentumlichen Gedanken, und so geriet ich auch, meine innere Seelenstimmung, mein ganzes Verhaltnis mit Ponto wohl uberlegend, in allerlei sehr artige Betrachtungen, die der ferneren Mitteilung wohl wert sind. "Wie kommt es," sprach ich zu mir selbst, indem ich sinnig die Pfote an die Stirn legte, "wie kommt es, dass grosse Dichter, grosse Philosophen, sonst geistreich, lebensweise, sich im sozialen Verhaltnis mit der sogenannten vornehmeren Welt so unbehilflich zeigen? Sie stehen jederzeit da, wo sie eben in dem Augenblick nicht hingehoren, sie sprechen, wenn sie gerade schweigen sollten, und schweigen umgekehrt da, wo gerade Worte notig, sie stossen in der Form der Gesellschaft, wie sie sich nun eben gestaltet hat, entgegengesetztem Streben uberall an und verletzen sich selbst und andere; genug, sie gleichen dem, der, wenn eben eine ganze Reihe muntrer Spazierganger eintrachtig hinauswandelt, sich allein zum Tore hineindrangt und nun, mit Ungestum seinen Weg verfolgend, diese ganze Reihe verstort. Man schreibt, ich weiss es, dies dem Mangel gesellschaftlicher Kultur zu, die am Schreibtische nicht zu erlangen, ich meine indessen, dass diese Kultur gar leicht zu erlangen sein, und dass jene unbesiegbare Unbehilflichkeit wohl noch einen andern Grund haben musse. Der grosse Dichter oder Philosoph musste es nicht sein, wenn er seine geistige Uberlegenheit nicht fuhlen sollte; aber ebenso musste er nicht das jedem geistreichen Menschen eigne tiefe Gefuhl besitzen, um nicht einzusehen, dass jene Uberlegenheit deshalb nicht anerkannt werden darf, weil sie das Gleichgewicht aufhebt, das stets zu erhalten die Haupttendenz der sogenannten vornehmeren Gesellschaft ist. Jede Stimme darf nur eingreifen in den vollkommenen Akkord des Ganzen, aber des Dichters Ton dissoniert und ist, kann er unter andern Umstanden auch ein sehr guter sein, dennoch in dem Augenblick ein schlechter Ton, weil er nicht zum Ganzen passt. Der gute Ton besteht aber so wie der gute Geschmack in der Unterlassung alles Ungehorigen. Nun meine ich ferner, dass der Unmut, der sich aus dem widersprechenden Gefuhl der Uberlegenheit und der ungehorigen Erscheinung bildet, den in dieser sozialen Welt unerfahrnen Dichter oder Philosophen hindert, das Ganze zu erkennen und daruber zu schweben. Es ist notig, dass er in dem Augenblick seine innere geistige Uberlegenheit nicht zu hoch anschlage, und unterlasst er dies, so wird er auch die sogenannte hohere gesellschaftliche Kultur, die auf nichts anders hinauslauft, als auf das Bemuhen, alle Ecken, Spitzen wegzuhobeln, alle Physiognomien zu einer einzigen zu gestalten, die eben deshalb aufhort eine zu sein, nicht zu hoch anschlagen. Dann wird er, verlassen von jenem Unmut, unbefangen das innerste Wesen dieser Kultur und die armseligen Pramissen, worauf sie beruhet, leicht erkennen und schon durch die Erkenntnis sich einburgern in die seltsame Welt, welche eben diese Kultur als unerlasslich fordert. Auf eigne Weise verhalt es sich mit den Kunstlern, die, sowie Dichter, Schriftsteller, der Vornehme hie und da in seine Zirkel ladet, um der guten Sitte nach auf eine Art von Mazenat Anspruch machen zu konnen. Diesen Kunstlern klebt leider gewohnlich etwas vom Handwerk an, und deshalb sind sie entweder demutig bis zur Kriecherei oder ungezogen bis zur Bengelhaftigkeit."
(Anmerk. der Herausgeb.: Murr, es tut mir leid, dass du dich so oft mit fremden Federn schmuckst. Du wirst, wie ich mit Recht befurchten muss, dadurch bei den geneigten Lesern merklich verlieren. Kommen alle diese Betrachtungen, mit denen du dich so brustest, nicht geradehin aus dem Munde des Kapellmeisters Johannes Kreisler, und ist es uberhaupt moglich, dass du solche Lebensweisheit sammeln konntest, um eines menschlichen Schriftstellers Gemut, das wunderlichste Ding auf Erden, so tief zu durchschauen?)
"Warum," dacht' ich ferner, "sollt' es aber einem geistreichen Kater, ist er auch Dichter, Schriftsteller, Kunstler, nicht gelingen konnen, sich zu jener Erkenntnis der hohern Kultur in ihrer ganzen Bedeutsamkeit hinaufzuschwingen und sie selbst zu uben mit aller Schonheit und Anmut der aussern Erscheinung? Hat denn die Natur dem Geschlecht der Hunde allein den Vorzug jener Kultur gegonnt? Sind wir Kater, was Tracht, Lebensweise, Art und Gewohnheit betrifft, auch etwas von dem stolzen Geschlecht verschieden, so haben wir doch ebensogut Fleisch und Blut, Korper und Geist, und am Ende konnen es die Hunde auch gar nicht anders anfangen als wir, ihr Leben fortzusetzen. Auch Hunde mussen essen, trinken, schlafen u.s.w., und es tut ihnen weh, wenn sie geprugelt werden." Was weiter! ich beschloss, mich dem Unterricht meines jungen vornehmen Freundes, des Pudels Ponto, hinzugeben, und, ganz mit mir einig, begab ich mich zuruck in meines Meisters Zimmer; ein Blick in den Spiegel uberzeugte mich, dass der blosse ernste Wille, nach hoherer Kultur zu streben, schon vorteilhaft auf meine aussere Haltung gewirkt. Ich betrachtete mich mit dem innigsten Wohlgefallen. Gibt es einen behaglichern Zustand, als wenn man mit sich selbst ganz zufrieden ist? Ich spann!
Andern Tages begnugte ich mich nicht damit, vor der Ture zu sitzen, ich lustwandelte die Strasse herab, da erblickte ich in der Ferne den Herrn Baron Alzibiades von Wipp, und hinter ihm her sprang mein munterer Freund Ponto. Gelegeners konnte mir nicht kommen; ich nahm mich soviel wie moglich in Anstand und Wurde zusammen und naherte mich dem Freund mit jener unnachahmlichen Grazie, die, unschatzbares Geschick der gutigen Natur, keine Kunst zu lehren vermag. Doch! entsetzlich! Was musste geschehen! Sowie mich der Baron gewahrte, blieb er stehen und betrachtete mich sehr aufmerksam durch die Lorgnette, dann rief er aber: "Allons Ponto! Huss Huss Katz! Katz!" Und Ponto, der falsche Freund, sprang in voller Furie auf mich los! Entsetzt, aus aller Fassung gebracht durch den schandlichen Verrat, war ich keines Widerstandes fahig, sondern duckte mich so tief nieder, als ich konnte, um Pontos scharfen Zahnen zu entgehen, die er mir knurrend zeigte. Ponto sprang aber mehrmals uber mich hinweg, ohne mich zu fassen, und flusterte mir in die Ohren: "Murr! Sei doch kein Tor und furchte dich etwa! du siehst ja, dass es kein Ernst ist, ich tue das nur meinem Herrn zu Gefallen!" Nun wiederholte Ponto seine Sprunge und tat sogar, als packe er mich bei den Ohren, ohne mir indessen im mindesten wehe zu tun. "Jetzt," raunte mir Ponto endlich zu "jetzt trolle dich ab, Freund Murr! dort hinein ins Kellerloch!" Ich liess mir das nicht zweimal sagen, sondern fuhr schnell davon, wie der Blitz. Unerachtet der Versicherung Pontos, mir keinen Schaden zuzufugen, war mir doch nicht wenig bange, denn wissen kann man in solchen kritischen Fallen immer nicht recht, ob die Freundschaft stark genug sein wird, das angeborne Naturell zu besiegen.
Als ich hineingehuscht war in den Keller, spielte Ponto die Komodie, die er seinem Herrn zu Ehren begonnen, weiter fort. Er knurrte und bellte namlich vor dem Kellerfenster, steckte die Schnauze durch das Gitter, tat, als sei er ganz ausser sich daruber, dass ich ihm entwischt sei und er mich nun nicht verfolgen konne. "Siehst du," sprach aber Ponto zu mir in den Keller hinein, "siehst du, erkennst du nun aufs neue die erspriesslichen Folgen der hohern Kultur? In dem Augenblick habe ich mich gegen meinen Herrn artig, folgsam bewiesen, ohne mir deine Feindschaft zuzuziehen, guter Murr. So macht es der wahre Weltmann, den das Schicksal bestimmt hat, Werkzeug in der Hand eines Machtigeren zu sein. Angehetzt muss er losfahren, aber dabei so viel Geschick beweisen, dass er nur dann wirklich beisst, wenn es gerade auch in seinen eigenen Kram taugt." In aller Schnelle eroffnete ich meinem jungen Freunde Ponto, wie ich gesonnen sei, etwas von seiner hohern Kultur zu profitieren, und fragte, ob und auf welche Weise er mich vielleicht in die Lehre nehmen konne. Ponto sann einige Minuten nach und meinte denn, am besten sei es, wenn mir gleich anfangs ein lebendiges deutliches Bild der hoheren Welt aufgehe, in der er jetzt zu leben das Vergnugen habe, und dies konne nicht besser geschehen, als wenn ich ihn heute abend zur niedlichen Badine begleite, die gerade wahrend der Theaterzeit Gesellschaft bei sich sahe. Badine war aber Windspiel in Diensten der furstlichen Oberhofmeisterin.
Ich putzte mich heraus, so gut ich es vermochte, las noch etwas im Knigge und durchlief auch ein paar ganz neue Lustspiele von Picard, um notigenfalls auch mich im Franzosischen geubt zu zeigen, und ging dann hinab vor die Ture. Ponto liess nicht lange auf sich warten. Wir wandelten eintrachtig die Strasse hinab und gelangten bald in Badinens hell erleuchtetet Zimmer, wo ich eine bunte Versammlung von Pudeln, Spitzen, Mopsen, Bolognesern, Windspielen vorfand, teils im Kreise sitzend, teils gruppenweise in die Winkel verteilt.
Das Herz klopfte mir nicht wenig in dieser fremdartigen Gesellschaft mir feindlicher Naturen. Mancher Pudel blickte mich an mit einer gewissen verachtlichen Verwunderung, als wolle er sagen: "Was will ein gemeiner Kater unter uns sublimen Leuten?" Hin und wieder fletschte auch wohl ein eleganter Spitz die Zahne, so dass ich merken konnte, wie gern er mir in die Haare gefahren ware, hatte der Anstand, die Wurde, die sittige Bildung der Gaste nicht jede Prugelei als unschicklich verboten. Ponto riss mich aus der Verlegenheit, indem er mich der schonen Wirtin vorstellte, die mit anmutiger Herablassung versicherte, wie sehr sie sich freue einen Kater von meinem Ruf bei sich zu sehen. Nun erst, als Badine einige Worte mit mir gesprochen, schenkte mir dieser, jener mit wahrhaft hundischer Bonhommie mehr Aufmerksamkeit, redete mich auch wohl an und gedachte meiner Schriftstellerei, meiner Werke, die ihm zuweilen ordentlichen Spass gemacht. Das schmeichelte meiner Eitelkeit, und ich gewahrte kaum, dass man mich fragte, ohne meine Antworten zu beachten, dass man mein Talent lobte, ohne es zu kennen, dass man meine Werke pries, ohne sie zu verstehen. Ein naturlicher Instinkt lehrte mich antworten, wie ich gefragt wurde, namlich ohne Rucksicht auf diese Frage uberall kurz absprechen in solch allgemeinen Ausdrucken, dass sie auf alles nur Mogliche bezogen werden konnten, durchaus keiner Meinung sein und nie das Gesprach von der glatten Oberflache hinunterziehen wollen in die Tiefe. Ponto versicherte mir im Vorbeistreifen, dass ein alter Spitz ihm versichert, wie ich fur einen Kater amusant genug sei und Anlagen zur guten Konversation zeige. So etwas erfreut auch den Missmutigen!
Jean Jacques Rousseau gesteht, als er in seinen "Bekenntnissen" auf die Geschichte von dem Bande kommt, das er stahl, und ein armes unschuldiges Madchen fur den Diebstahl zuchtigen sah, den er begangen, ohne die Wahrheit zu gestehen, wie schwer es ihm werde, uber diese Untiefe seines Gemuts hinwegzukommen. Ich befinde mich eben jetzt in gleichem Fall mit jenem verehrten Selbstbiographen. Habe ich auch kein Verbrechen zu gestehen, so darf ich doch, will ich wahrhaft bleiben, die grosse Torheit nicht verschweigen, die ich an demselben Abende beging, und die lange Zeit hindurch mich verstorte, ja meinen Verstand in Gefahr setzte. Ist es aber nicht ebenso schwer, ja oft noch schwerer, eine Torheit zu gestehen als ein Verbrechen?
Nicht lange dauerte es, so uberfiel mich solch eine Unbehaglichkeit, solch ein Unmut, dass ich mich weit fort wunschte unter den Ofen des Meisters. Es war die grasslichste Langeweile, die mich zu Boden druckte, und die endlich mich alle Rucksichten vergessen liess. Ganz still schlich ich mich in eine entfernte Ecke, um dem Schlummer nachzugeben, zu dem mich das Gesprach rundumher einlud. Dasselbe Gesprach namlich, das ich erst in meinem Unmut vielleicht gar irrtumlich fur das geistloseste, fadeste Geschwatz gehalten, kam mir nun vor wie das eintonige Geklapper einer Muhle, bei dem man sehr leicht in ein ganz angenehmes gedankenloses Hinbruten gerat, dem dann der wirkliche Schlaf bald folgt. Eben in diesem gedankenlosen Hinbruten, in diesem sanften Delirieren war es mir, als funkle plotzlich ein helles Licht vor den geschlossenen Augen. Ich blickte auf, und dicht vor mir stand ein anmutiges schneeweisses Windspielfraulein, Badines schone Nichte, Minona geheissen, wie ich spater erfuhr.
"Mein Herr," sprach Minona mit jenem susslispelnden Ton, der nur zu sehr widerklingt in des feurigen Junglings erregbarer Brust, "mein Herr, Sie sitzen hier so einsam, Sie scheinen sich zu ennuyieren? Das tut mir leid! Aber freilich, ein grosser tiefer Dichter wie Sie, mein Herr, muss, in hohern Spharen schwebend, das Treiben des gewohnlichen sozialen Lebens schal und oberflachlich finden."
Ich erhob mich etwas besturzt, und es tat mir weh, dass mein Naturell, starker als alle Theorien des gebildeten Anstandes, mich zwang, wider meinen Willen den Rucken hoch zu erheben, einen sogenannten Katzenbuckel zu machen, woruber Minona zu lacheln schien.
Gleich mich zur bessern Sitte erholend, fasste ich aber Minonas Pfote, druckte sie leise an meine Lippen und sprach von begeisterten Augenblicken, denen der Dichter oft erliege. Minona horte mich an mit solchen entscheidenden Zeichen der innigsten Teilnahme, mit solcher Andacht, dass ich mich selbst immer hoher steigerte zur ungemeinen Poesie und zuletzt mich selbst nicht recht verstand. Minona mochte mich ebensowenig verstehen, aber sie geriet ins hochste Entzucken und versicherte, wie oft es schon ihr inniger Wunsch gewesen, den genialen Murr kennen zu lernen, und dass einer der glucklichsten, herrlichsten Momente ihres Lebens der gegenwartige sei. Was soll ich sagen! Bald fand sich's, dass Minona meine Werke, meine sublimsten Gedichte gelesen nein! nicht nur gelesen, sondern in der hochsten Bedeutung aufgefasst hatte! Mehreres davon wusste sie auswendig und sagte es her mit einer Begeisterung, mit einer Anmut, die mich in einen ganzen Himmel voll Poesie versetzte, vorzuglich, da es meine Verse waren, die die Holdeste ihres Geschlechts mir anzuhoren gab.
"Mein bestes," rief ich ganz hingerissen, "mein bestes, holdestes Fraulein, Sie haben dies Gemut verstanden! Sie haben meine Verse auswendig gelernt; o all ihr Himmel! gibt es eine hohere Seligkeit fur den aufwartsstrebenden Dichter?"
"Murr," lispelte Minona, "genialer Kater, konnen Sie glauben, dass ein fuhlendes Herz, ein poetisch gemutliches Gemut Ihnen entfremdet bleiben kann?" Minona seufzte nach diesen Worten aus tiefer Brust, und dieser Seufzer gab mir den Rest. Was anders? Ich verliebte mich in das schone Windspielfraulein dermassen, dass ich, ganz toll und verblendet, nicht bemerkte, wie sie mitten in der Begeisterung plotzlich abbrach, um mit einem kleinen Zierbengel von Mops ganzlich fades Zeug zu schwatzen, wie sie mir den ganzen Abend auswich, wie sie mich auf eine Art behandelte, die mich hatte deutlich erkennen lassen sollen, wie sie mit jenem Lobe, mit jenem Enthusiasmus niemand anders gemeint, als sich selbst. Genug, ich war und blieb ein verblendeter Tor, lief der schonen Minona nach, wie und wo ich nur konnte, besang sie in den schonsten Versen, machte sie zur Heldin mancher anmutig verruckten Geschichte, drangte mich in Gesellschaften ein, wo ich nicht hingehorte, und erntete dafur so manchen bittern Verdruss, so manche Verhohnung, so manches krankende Ungemach.
Oft in kuhlen Stunden trat mir selbst die Albernheit meines Beginnens vor Augen; dann kam mir aber wieder narrischerweise der Tasso und mancher neuere Dichter von ritterlicher Gesinnung ein, dem es an einer hohen Herrin liegt, der seine Lieder gelten, und die er aus der Ferne anbetet wie der Manchaner seine Dulzinea, und da wollt' ich denn wieder nicht schlechter und unpoetischer sein als dieser und schwur dem Gaukelbilde meiner Liebestraume, dem anmutigen weissen Windspielfraulein, unverbruchliche Treue und Ritterdienst bis in den Tod. Einmal von diesem seltsamen Wahnsinn erfasst, fiel ich aus einer Torheit in die andere, und selbst mein Freund Ponto fand fur notig, sich, nachdem er mich ernstlich vor den heillosen Mystifikationen gewarnt, in die man mich uberall zu verstricken suchte, von mir zuruckzuziehen. Wer weiss, was noch aus mir geworden ware, wenn nicht ein guter Stern uber mich gewaltet! Dieser gute Stern liess es namlich geschehen, dass ich einst am spaten Abend zur schonen Badine hinschlich, nur um die geliebte Minona zu sehen. Ich fand indessen alle Turen verschlossen, und alles Warten, alles Hoffen, bei irgendeiner Gelegenheit hineinzuschlupfen, blieb ganz vergebens. Das Herz voll Liebe und Sehnsucht, wollte ich der Holden wenigstens meine Nahe kundtun und begann unter dem Fenster eine der zartlichsten spanischen Weisen, die jemals empfunden und gedichtet worden sind. Es muss gar lamentabel anzuhoren gewesen sein!
Ich horte Badine bellen, auch Minonas susse Stimme knurrte etwas dazwischen. Ehe ich aber mir's versah, wurde das Fenster rasch geoffnet und ein ganzer Eimer eiskaltes Wasser uber mich ausgeleert. Man kann denken, mit welcher Schnelle ich abfuhr in meine Heimat. Die volle Glut im Innern und Eiswasser auf den Pelz harmoniert aber so schlecht miteinander, dass unmoglich jemals Gutes und wenigstens ein Fieber daraus entstehen kann. So ging es mir. Im Hause meines Meisters angekommen, schuttelte mich der Fieberfrost tuchtig. Der Meister mochte aus der Blasse meines Antlitzes, aus dem erloschenen Feuer meiner Augen, aus der brennenden Glut der Stirne, an meinem unregelmassigen Puls meine Krankheit ahnen. Er gab mir warme Milch, die ich da mir die Zunge am Gaumen klebte vor Durst, eifrig verzehrte; dann wikkelte ich mich ein in die Decke meines Lagers und gab ganz der Krankheit nach, die mich erfasst. Erst verfiel ich in allerlei Fieberphantasien von vornehmer Kultur, Windspielen u.s.w., nachher wurde mein Schlaf ruhiger und endlich so tief, dass ich ohne Ubertreibung glauben muss, ich habe drei Tage und drei Nachte hintereinander fort geschlafen.
Als ich endlich erwachte, fuhlte ich mich frei und leicht, ich war von meinem Fieber und wie wundervoll! auch von meiner torichten Liebe ganz genesen! Ganz klar wurde mir die Narrheit, zu der mich der Pudel Ponto verleitet, ich sah ein, wie albern es war, mich als einen gebornen Kater unter Hunde zu mischen, die mich verhohnten, weil sie nicht meinen Geist zu erkennen vermochten, und die sich bei der Bedeutungslosigkeit ihres Wesens an die Form halten mussten, mir also nichts darbieten konnten als eine Schale ohne Kern. Die Liebe zur Kunst und Wissenschaft erwachte in mir mit neuer Starke, und meines Meisters Hauslichkeit zog mich mehr an als jemals. Die reiferen Monate des Mannes kamen, und weder Katzbursch noch kultivierter Elegant, fuhlte ich lebhaft, dass man beides nicht sein durfe, um sich gerade so zu gestalten, wie es die tieferen und bessern Anspruche des Lebens erfordern.
Mein Meister musste verreisen und fand es fur gut, mich auf die Zeit seinem Freunde, dem Kapellmeister Johannes Kreisler, in die Kost zu geben. Da mit dieser Veranderung meines Aufenthalts eine neue Periode meines Lebens anfangt, so schliesse ich die jetzige, aus der du, o Katerjungling! so manche gute Lehre fur deine Zukunft entnommen haben wirst.
(Mak. Bl.) als schlugen entfernte dumpfe Tone an sein Ohr, und er hore die Monche durch die Gange schreiten. Als Kreisler sich vollig aus dem Schlaf emporraffte, gewahrte er denn auch aus seinem Fenster, dass die Kirche erleuchtet, und vernahm den murmelnden Gesang des Chors. Die Mitternachtshora war voruber, es musste daher irgend etwas Ungewohnliches sich ereignet haben, und Kreisler durfte mit Recht vermuten, dass vielleicht ein schneller unvermuteter Tod einen der alten Monche dahingerafft, den man jetzt der Klostersitte gemass in die Kirche getragen. Rasch warf der Kapellmeister sich in die Kleider und begab sich nach der Kirche. Auf dem Gange begegnete er dem Pater Hilarius, der laut gahnend und ganz schlaftrunken hin und her wankte, keines festen Schrittes machtig, und die angezundete Kerze, statt aufrecht, abwarts zu Boden hielt, dass das Wachs prasselnd herabtropfte und jeden Augenblick drohte, das Licht zu verloschen. "Hochehrwurdiger Herr," stammelte Hilarius, als Kreisler ihn anrief, "hochehrwurdiger Herr Abt, das ist gegen alle bisherige Ordnung. Exequien in der Nacht! zu dieser Stunde Und bloss weil Bruder Cyprianus darauf besteht! Domine libera nos de hoc monacho!"
Es gelang endlich dem Kapellmeister, den halbtraumenden Hilarius zu uberzeugen, dass er nicht der Abt, sondern Kreisler sei, und nun erfuhr er von ihm mit Muhe, dass man in der Nacht, von woher, wisse er nicht, den Leichnam eines Fremden nach dem Kloster gebracht, den Bruder Cyprianus allein zu kennen schiene, und der kein gemeiner Mann gewesen sein musste, da sich der Abt auf Cyprianus' dringendes Gesuch dazu verstanden, die Exequien auf der Stelle zu halten, damit morgen nach der ersten Hora die Exportation erfolgen konne.
Kreisler folgte dem Pater in die Kirche, die, nur sparsam beleuchtet, einen seltsamen schauerlichen Anblick gewahrte.
Man hatte nur die Kerzen des grossen metallenen Kronleuchters, der vor dem Hochaltar von der hohen Decke herabhing, angezundet, so dass der flackernde Schein kaum das Schiff der Kirche vollkommen erhellte, in die Seitengange aber nur geheimnisvolle Streiflichter warf, in denen die Statuen der Heiligen, zum gespenstischen Leben erwacht, sich zu bewegen und daherzuschreiten schienen. Unter dem Kronleuchter in der hellsten Beleuchtung stand der offne Sarg, in dem der Leichnam lag, und die Monche, die ihn umringten, schienen, bleich und regungslos, selbst Tote, in der Geisterstunde den Grabern entstiegen. Mit dumpfer heiserer Stimme sangen sie die eintonigen Strophen des Requiems, und wenn sie dazwischen schwiegen, vernahm man nur von aussen her das ahnungsvolle Rauschen des Nachtwindes, und die hohen Fenster der Kirche knisterten seltsam, als klopften die Geister der Verstorbenen an das Haus, in dem sie die fromme Totenklage vernahmen. Kreisler nahte sich bis an die Reihe der Monche und erkannte in dem Toten den Adjutanten des Prinzen Hektor.
Da regten sich die finstern Geister, die so oft Macht hatten uber ihn, und griffen schonungslos mit scharfen Krallen in seine wunde Brust.
"Neckender Spuk," sprach er zu sich selbst, "treibst du mich her, damit jener erstarrte Jungling bluten soll, weil man sagt, dass der Leichnam blute, wenn der Morder sich nahe? Hoho! weiss ich denn nicht, dass er all sein Blut wegbluten musste in den schlimmen Tagen, als er seine Sunden abbusste auf dem Siechbette? Er hat keinen bosen Tropfen mehr ubrig, mit dem er seinen Morder vergiften konnte, kame er ihm auch in die Nahe, den Johannes Kreisler aber am wenigsten, denn der hat mit der Natter nichts zu schaffen, die er zu Boden trat, als sie schon die spitze Zunge ausgestreckt zur Todeswunde! Schlage die Augen auf, Toter, damit ich dir fest ins Antlitz blicke, damit du gewahrst, dass die Sunde keinen Teil hat an mir! aber du vermagst es nicht! Wer hiess dich das Leben einsetzen gegen das Leben? Warum spieltest du trugerisches Spiel mit dem Morde und warst nicht gefasst, es zu verlieren? Aber deine Zuge sind sanft und gut, du stiller blasser Jungling, der Todesschmerz hat jede Spur verruchter Sunde weggeloscht von deinem schonen Antlitz, und ich konnte sagen, der Himmel hatte dir sein Gnadentor geoffnet, weil die Liebe in deiner Brust gewesen, wenn sich das jetzt ziemte. Doch wie! wenn ich mich in dir geirrt? Wenn nicht du, kein boser Damon, nein, wenn mein guter Stern deinen Arm gegen mich erhoben, um mich dem entsetzlichsten Verhangnis zu entreissen, das im schwarzen Hintergrunde auf mich lauert? Nun magst du die Augen aufschlagen, blasser Jungling, nun magst du mit einem Blick der Versohnung alles, alles entdecken, und sollt' ich untergehen in Wehmut um dich oder aus entsetzlicher furchtbarer Angst, dass der schwarze Schatten, der hinter mir schleicht, mich nun gleich erfassen wird. Ja! schaue mich an, doch! nein, nein, du konntest mich anblikken wie Leonhard Ettlinger, ich konnte glauben, du seist er selbst, und da musstest du mit mir hinab in die Tiefe, aus der ich oft seine hohle Geisterstimme vernehme. Doch wie, du lachelst? deine Wangen, deine Lippen farben sich? Trifft dich nicht die Waffe des Todes? Nein, nicht noch einmal will ich mit dir ringen, aber "
Kreisler, der wahrend dieses Selbstgesprachs unbewusst auf einem Knie gelegen, beide Ellbogen auf das andere gestutzt und die Hande unter das Knie gestemmt hatte, fuhr hastig auf und wurde gewiss Seltsames, Wildes begonnen haben; doch in demselben Augenblick schwiegen die Monche, und die Knaben auf dem Chor intonierten mit sanfter Begleitung der Orgel das "Salve regina". Der Sarg wurde verschlossen, und die Monche schritten feierlich von dannen. Da liessen die finstern Geister ab von dem armen Johannes, und ganz aufgelost in Wehmut und Schmerz folgte er mit gebeugtem Haupt den Monchen. Eben wollte er hinausschreiten zur Ture, als sich in einem finstern Winkel eine Gestalt erhob und hastig auf ihn losschritt.
Die Monche standen still, und der volle Schein ihrer Lichter fiel auf einen grossen stammigen Burschen, der etwa achtzehn bis zwanzig Jahre alt sein mochte. Sein Antlitz, nichts weniger als hasslich zu nennen, trug den Ausdruck des wildesten Trotzes; die schwarzen Haare hingen ihm struppig um den Kopf, das zerrissene Wams von buntgestreifter Leinwand bedeckte kaum seine Blosse, und ebensolche Schifferhosen gingen nur bis an die blossen Waden, so dass der herkulische Bau seines Korpers vollig sichtbar.
"Du Verdammter, wer hiess dich meinen Bruder ermorden?" So schrie der Bursche wild auf, dass es in der Kirche widerhallte, sprang wie ein Tiger auf Kreisler los und packte ihn mit einem morderischen Handgriff bei der Kehle.
Doch ehe Kreisler, ganz entsetzt uber den unerwarteten Angriff, an Gegenwehr denken konnte, stand schon Pater Cyprianus bei ihm und sprach mit starker gebietender Stimme: "Giuseppo, verruchter sundhafter Mensch! was machst du hier? Wo hast du die Altmutter gelassen? Packe dich augenblicklich fort! Hochehrwurdiger Herr Abt, lasst die Klosterknechte herbeirufen, sie sollen den morderischen Buben zum Kloster hinauswerfen!"
Der Bursche hatte, sowie Cyprianus vor ihm stand, sogleich von Kreisler abgelassen. "Nun, nun," rief er murrisch, "macht nur nicht gleich ein solches tolles Wesen davon, wenn man sein Recht behaupten will, Herr Heiliger! Ich gehe ja schon von selbst, Ihr durft keine Klosterknechte auf mich loshetzen." Damit sprang der Bursche schnell davon durch eine Pforte, die man zu verschliessen vergessen, und durch die er wahrscheinlich sich in die Kirche geschlichen hatte. Die Klosterknechte kamen, man fand aber keinen Anlass, den Verwegenen in tiefer Nacht weiter zu verfolgen.
Es lag in Kreislers Natur, dass gerade die Spannung des Ausserordentlichen, des Geheimnisvollen wohltatig auf sein Gemut wirkte, sobald er den Sturm des Augenblicks, der ihn zu vernichten drohte, siegreich bekampft.
So geschah es, dass dem Abt die Ruhe wunderbar und befremdlich vorkommen musste, mit der Kreisler andern Tages vor ihm stand und von dem erschutternden Eindruck sprach, den unter solchen seltsamen Umstanden der Anblick des Leichnams dessen auf ihn gemacht, der ihn ermorden wollen, und den er in gerechter Notwehr erschlagen.
"Weder," sprach der Abt, "weder die Kirche noch das weltliche Gesetz kann Euch, lieber Johannes, irgendeine strafbare Schuld an dem Tode jenes sundhaften Menschen beimessen. Doch werdet Ihr aber lange nicht die Vorwurfe einer innern Stimme verwinden konnen, die Euch sagt, es sei besser gewesen, selbst zu fallen als den Gegner zu toten, und dies beweiset, dass der ewigen Macht das Opfer des eignen Lebens wohlgefalliger ist als seine Erhaltung, kann diese nur durch eine rasche blutige Tat geschehen. Doch lasst uns zurzeit davon abbrechen, da ich anderes, Naherliegendes mit Euch zu reden.
Welcher sterbliche Mensch ermisst, wie der kommende Augenblick die Gestaltung der Dinge andern kann. Nicht lange ist es her, als ich fest uberzeugt war, dass dem Heil Eurer Seele nichts zutraglicher sein konne, als der Welt zu entsagen und in unsern Orden zu treten. Ich bin jetzt anderer Meinung und wurde Euch raten, so lieb und wert Ihr mir auch geworden, die Abtei recht bald zu verlassen. Werdet nicht irre an mir, lieber Johannes! Fragt mich nicht, warum ich meiner Gesinnung entgegen dem Willen eines andern, der alles umzustossen droht, was ich mit Muhe geschaffen, mich unterwerfe. Tief musstet ihr in die Geheimnisse der Kirche eingeweiht sein, um mich zu verstehen, wollt' ich auch mit Euch uber die Motive meiner Handlungsweise reden. Doch freier kann ich wohl mit Euch sprechen als mit jedem andern. Vernehmt also, dass in kurzer Zeit der Aufenthalt in der Abtei Euch nicht mehr die wohltatige Ruhe gewahren wie bisher, ja, dass Euer innerstes Streben einen todlichen Stoss erhalten und das Kloster Euch ein oder, trostloser Kerker dunken wird. Die ganze Klosterordnung andert sich, die mit frommer Sitte vereinbare Freiheit hort auf, und der finstre Geist fanatischer Moncherei herrscht bald mit unerbittlicher Strenge in diesen Mauern. O mein Johannes, Eure herrlichen Gesange werden nicht mehr unsern Geist erheben zur hochsten Andacht, der Chor wird abgeschafft, und bald hort man nichts als die eintonigen Responsorien, von den altesten Brudern muhsam gelallt mit heiserer unreiner Stimme."
"Und," fragte Kreisler, "und alles dieses geschieht auf Anlass des fremden Monchs Cyprianus?"
"Es ist," erwiderte der Abt beinahe wehmutig, indem er die Augen niederschlug, "es ist dem so, guter Johannes, und dass es nicht anders sein kann, daran bin ich nicht schuld. Doch," setzte der Abt nach kurzem Stillschweigen mit erhohter feierlicher Stimme hinzu, "doch alles, wodurch der feste Bau, der Glanz der Kirche befordert werden kann, muss geschehen, und kein Opfer ist zu gross!"
"Wer ist," sprach Kreisler unmutig, "wer ist denn der hohe machtige Heilige, der uber Euch gebietet, der imstande war, durch das blosse Wort mir jenen morderischen Burschen vom Leibe zu schaffen?"
"Ihr seid," erwiderte der Abt, "Ihr seid, lieber Johannes, in ein Geheimnis verflochten, ohne es zurzeit ganz zu kennen. Doch bald erfahrt ihr mehr, vielleicht mehr, als ich selbst davon weiss, und zwar durch den Meister Abraham. Cyprianus, den wir noch jetzt unsern Bruder nennen, ist einer der Erkornen. Er wurde gewurdigt, mit den ewigen Machten des Himmels in unmittelbare Beruhrung zu treten, und wir mussen schon jetzt in ihm den Heiligen verehren. Was jenen verwogenen Burschen betrifft, der sich wahrend der Exequien in die Kirche geschlichen hatte und Euch morderisch anpackte, so ist er ein verlaufener, halb wahnsinniger Zigeunerbube, den unser Vogt schon einige Mal hat derb auspeitschen lassen, weil er den Leuten im Dorfe die fetten Huhner aus den Stallen gestohlen. Um den zu vertreiben, bedurfte es eben nicht eines besondern Mirakels." Indem der Abt die letzten Worte sprach, zuckte ein leises ironisches Lacheln in den Mundwinkeln und verschwand ebenso schnell.
Kreisler erfullte der tiefste bitterste Unmut; er sah ein, dass der Abt bei allen Vorzugen seines Geistes, seines Verstandes lugnerische Gaukelei trieb, und dass alle Grunde, die er damals anfuhrte, um ihn zum Eintritt ins Kloster zu bewegen, ebenso nur einer versteckten Absicht zum Vorwand dienen sollten als diejenigen, die er nun fur das Gegenteil aufstellte. Kreisler beschloss, die Abtei zu verlassen und sich aller bedrohlichen Geheimnisse, die ihn bei langerem Bleiben noch verstricken konnten in ein Gewebe, dem nicht mehr zu entrinnen, vollig zu entschlagen. Als er aber nun gedachte, wie er ja gleich zuruckkehren konne nach Sieghartshof zum Meister Abraham, wie er sie ja wiedersehen, wieder horen konne, sie, seinen einzigen Gedanken, da fuhlte er in der Brust jene susse Beklemmung, in der sich die gluhendste Liebessehnsucht kundtut.
Ganz vertieft wandelte Kreisler den Hauptgang des Parks hinab, als ihn der Pater Hilarius ereilte und sogleich begann: "Ihr wart beim Abt, Kreisler, er sagte Euch alles! Nun, hatte ich recht? Wir sind alle verloren! Dieser geistliche Komodiant es ist heraus, das Wort, wir sind unter uns! Als er Ihr wisst, wen ich meine in der Kutte nach Rom kam, liess ihn die papstliche Heiligkeit sogleich zur Audienz. Er fiel nieder auf die Knie und kusste den Pantoffel. Ohne einen Wink aufzustehen, liess ihn aber die papstliche Heiligkeit eine ganze Stunde lang liegen. 'Das sei deine erste kirchliche Strafe,' fuhr die Heiligkeit ihn an, als er sich endlich erheben durfte, und hielt nun eine lange Predigt uber die sundlichen Irrtumer, in die Cyprianus verfallen. Nachher erhielt er langen Unterricht in gewissen geheimen Gemachern und zog denn aus! Es hat lange keinen Heiligen gegeben! Das Mirakel nun, Ihr habt das Bild gesehen, Kreisler das Mirakel, sage ich, hat erst in Rom seine wahre Gestalt erhalten. Ich bin nichts als ein ehrlicher Benediktiner-Monch, ein tuchtiger praefectus chori, wie Ihr mir einraumen werdet, und trinke der alleinseligmachenden Kirche zu Ehren gern ein Glaschen Nierensteiner oder Bocksbeutel, aber! Mein Trost ist, dass er nicht lange hier bleiben wird. Herumziehen muss er. Monachus in claustro non valet ova duo: sed quando est extra, bene valet triginta. Er wird denn auch wohl Wunder tun Seht, Kreisler, seht, da kommt er den Gang herauf Er hat uns erblickt und weiss, wie er sich gebarden muss."
Kreisler erblickte den Monch Cyprianus, der langsam feierlichen Schrittes, den stieren Blick zum Himmel gerichtet, die Hande gefaltet, wie in einer frommen Ekstase begriffen, den Laubgang hinaufkam.
Hilarius entfernte sich schnell, Kreisler blieb aber verloren in den Anblick des Monchs, der in seinem Antlitz, in seinem Wesen etwas Seltsames, Fremdartiges trug, das ihn unter allen ubrigen Menschen auszuzeichnen schien. Ein grosses ungewohnliches Verhangnis lasst lesbare Spuren zuruck, und so mocht' es auch sein, dass ein wunderbares Geschick des Monchs aussere Erscheinung gestaltet hatte, wie sie sich nun eben zeigte.
Der Monch wollte voruberschreiten, ohne in seiner Verzuckung Kreislern zu bemerken, der fuhlte sich aber aufgelegt, dem strengen Abgesandten des Oberhaupts der Kirche, dem feindlichen Verfolger der herrlichsten Kunst in den Weg zu treten.
Er tat es mit den Worten: "Erlaubt, ehrwurdiger Herr, dass ich Euch meinen Dank abstatte. Ihr befreitet mich durch Euer kraftiges Wort zur rechten Zeit aus den Handen des groben Lummels von Zigeunerbuben, er hatte mich erwurgt wie ein gestohlnes Huhn!"
Der Monch schien aus einem Traume zu erwachen, er fuhr mit der Hand uber die Stirne und blickte Kreislern lange starr an, als musse er sich auf ihn besinnen. Dann verzog sich aber sein Antlitz zum furchtbaren durchbohrenden Ernst, und, Flammen des Zorns in den Augen, rief er mit starker Stimme: "Verwegener frevelhafter Mensch, Ihr hattet verdient, dass ich Euch hinfahren liess in Euern Sunden! Seid Ihr nicht der, der den heiligen Kultus der Kirche, die vornehmste Stutze der Religion, profaniert durch weltlichen Klingklang? Seid Ihr es nicht, der hier durch eitle Kunststucke die frommsten Gemuter betorte, dass sie sich abwandten von dem Heiligen und weltlicher Luft fronten in uppigen Liedern?" Kreisler fuhlte sich durch diese wahnsinnigen Vorwurfe ebenso verletzt als erhoben durch den albernen Hochmut des fanatischen Monchs, der mit so leichten Waffen zu bekampfen.
"Ist es," sprach Kreisler sehr ruhig und dem Monch fest ins Auge blickend, "ist es sundhaft, die ewige Macht zu preisen in der Sprache, die sie uns selbst gab, damit das Himmelsgeschenk die Begeisterung der brunstigsten Andacht, ja die Erkenntnis des Jenseits in unserer Brust erwecke, ist es sundhaft, sich auf den Seraphsfittichen des Gesanges hinwegzuschwingen uber alles Irdische und in frommer Sehnsucht und Liebe hinaufzustreben nach dem Hochsten, so habt Ihr recht, ehrwurdiger Herr, so bin ich ein arger Sunder. Erlaubt aber, dass ich der entgegengesetzten Meinung bin und fest glaube, dass dem Kultus der Kirche die wahrhafte Glorie der heiligsten Begeisterung fehlen wurde, wenn der Gesang schweigen sollte."
"So flehet," erwiderte der Monch strenge und kalt, "so flehet zur heiligen Jungfrau, dass sie die Decke von Euern Augen nehmen und Euch den verdammlichen Irrtum erkennen lassen moge."
"Ein Komponist6", sprach Kreisler sanft lachelnd, "wurde von jemanden gefragt, wie er es denn anfange, dass seine geistlichen Kompositionen durchaus andachtige Begeisterung atmeten. 'Wenn es', erwiderte darauf der fromme kindliche Meister, 'mit dem Komponieren nicht so recht fort will, so bete ich, im Zimmer auf und ab gehend, einige Ave, und dann kommen mir die Ideen wieder.' Derselbe Meister sagte von einem andern grossen geistlichen Werk7: 'Erst als ich zur Halfte in meiner Komposition vorgeruckt war, merkte ich, dass sie geraten ware; ich war auch nie so fromm als wahrend der Zeit, da ich daran arbeitete; taglich fiel ich auf meine Knie nieder und bat Gott, dass er mir Kraft zur glucklichen Ausfuhrung dieses Werkes verleihen moge.' Mich will bedunken, ehrwurdiger Herr, als wenn weder dieser Meister noch der alte Palestrina sich um Sundhaftes bemuht, und dass nur ein in asketischer Verstocktheit erkaltetes Herz nicht zu der hochsten Frommigkeit des Gesanges entflammt werden kann."
"Menschlein," fuhr der Monch zornig auf, "wer bist du denn, dass ich mit dir, der du dich hinwerfen musstest in den Staub, rechten soll? Fort aus der Abtei, damit du nicht langer das Heilige verstorst!"
Tief emport uber des Monchs gebieterischen Ton, rief Kreisler heftig: "Und wer bist du denn, wahnsinniger Monch, dass du dich erheben willst uber alles, was menschlich? Bist du frei geboren von der Sunde? Hast du nie uber Gedanken der Holle gebrutet? Bist du nie ausgewichen auf dem schlupfrigen Pfad, den du wandeltest? Und wenn die heilige Jungfrau dich wirklich gnadenvoll dem Tode entriss, den du vielleicht irgendeiner grauenvollen Tat verdanktest, so geschah es, dass du, in Demut deine Sunde erkennen und sie bussen, nicht aber mit freveliger Prahlerei dich der Gnade des Himmels, ja der heiligen Krone ruhmen solltest, die du niemals erwerben wirst."
Der Monch stierte Kreislern an mit Tod und Verderben spruhenden Blicken, indem er unverstandliche Worte lallte.
"Und," fuhr Kreisler fort mit steigendem Affekt, "und, stolzer Monch, als du noch diesen Rock trugst "
Damit hielt Kreisler das Bild, das er vom Meister Abraham erhalten, dem Monch vor Augen; doch sowie dieser es erblickte, schlug er sich wie in wilder Verzweiflung mit beiden Fausten vor die Stirn und stiess einen herzzermalmenden Schmerzenslaut aus, als trafe ihn ein Todesstreich
"Fort mit dir," rief nun Kreisler, "fort mit dir aus der Abtei, du verbrecherischer Monch! Hoho, mein Heiliger, wenn du vielleicht auf den Huhnerdieb stossest, mit dem du in Gemeinschaft, so sage ihm, du konntest und wolltest ein andermal mich nicht wieder schutzen, doch solle er sich in acht nehmen und von meiner Kehle wegbleiben, sonst wurde ich ihn spiessen wie eine Lerche oder wie seinen Bruder, denn aufs Spiessen " Kreisler entsetzte sich in diesem Augenblick vor sich selber; der Monch stand vor ihm starr, regungslos, noch immer beide Fauste vor die Stirn gedruckt, keines Wortes, keines Lautes machtig, es war Kreislern, als rausche es im nahen Gebusch, als werde gleich der wilde Giuseppo auf ihn lossturzen. Er rannte von dannen; die Monche sangen eben im Chor die Abendhora, und Kreisler begab sich in die Kirche, weil er hoffte, dort sein tief aufgeregtes, tief verletztes Gemut zu beruhigen.
Die Hora war geendet, die Monche verliessen den
Chor, die Lichter verloschten. Kreislers Sinn hatte sich zu den alten frommen Meistern gewendet, deren er in dem Streit mit dem Monch Cyprianus gedacht. Musik fromme Musik war aufgegangen in ihm, Julia hatte gesungen, und nicht mehr brauste der Sturm in seinem Innern. Er wollte fort durch eine Seitenkapelle, deren Ture in den langen Gang ging, welcher zu einer Treppe und hinauf in sein Zimmer fuhrte.
Als Kreisler in die Kapelle trat, erhob sich ein
Monch muhsam vom Boden, auf dem er ausgestreckt vor dem wundertatigen Marienbilde gelegen hatte, das dort aufgestellt war. In dem Schein der ewigen Lampe erkannte Kreisler den Monch Cyprianus, aber matt und elend schien er eben aus einer Ohnmacht zu sich selbst gekommen. Kreisler leistete ihm hilfreiche Hand; da sprach der Monch mit leiser wimmernder Stimme: "Ich erkenne Euch Ihr seid Kreisler! Habt Barmherzigkeit, verlasst mich nicht, helft mir zu jenen Stufen, ich will mich dort niederlassen, aber setzt Euch zu mir, dicht zu mir, nur die Gebenedeite darf uns horen. ubt Mitleiden," fuhr nun der Monch fort, als beide auf den Stufen des Altars sassen, "ubt Mitleiden, Gnade, vertraut mir, ob Ihr nicht das verhangnisvolle Bildnis von dem alten Severino erhieltet, ob Ihr um alles, um das ganze furchtbare Geheimnis wisset?"
Frei und offen versicherte Kreisler, dass er das Bildnis vom Meister Abraham Liscov erhalten, und erzahlte ohne Scheu alles, was sich in Sieghartshof begeben, und wie er nur aus mancherlei Kombinationen auf irgendeine Greueltat schliesse, deren lebhafte Erinnerung sowie die Furcht des Verrats das Bildnis wekke. Der Monch, der bei einigen Momenten in Kreislers Erzahlung tief erschuttert geschienen, schwieg jetzt einige Augenblicke. Dann begann er ermutigt mit festerer Stimme: "Ihr wisst zuviel, Kreisler, um nicht alles erfahren zu mussen. Vernehmt, Kreisler, jener Prinz Hektor, der Euch auf den Tod verfolgte, es ist mein jungerer Bruder. Wir sind Sohne eines furstlichen Vaters, dessen Thron ich geerbt haben wurde, hatte ihn nicht der Sturm der Zeit umgeworfen. Wir nahmen, da eben der Krieg ausgebrochen, beide Dienste, und der Dienst war es, der zuerst mich und dann auch meinen Bruder nach Neapel brachte. Ich hatte mich damals aller bosen Lust der Welt hingegeben, und vorzuglich die wilde Leidenschaft zu den Weibern riss mich ganz und gar hin. Eine Tanzerin, ebenso schon als verrucht, war meine Geliebte, und uberdem lief ich den liederlichen Dirnen nach, wo ich sie fand.
So geschah es, dass ich eines Tages, als es schon zu dunkeln begann, auf dem Molo ein paar Geschopfe dieser Art verfolgte. Beinahe hatte ich sie erreicht, als dicht neben mir eine Stimme gellend rief: 'Was das Prinzchen doch fur ein allerliebster Taugenichts ist! Da lauft er gemeinen Dirnen nach und konnte in den Armen der schonsten Prinzessin liegen!' Mein Blick fiel auf ein altes abgelumptes Zigeunerweib, die ich vor wenigen Tagen in der Strasse Toledo von den Sbirren wegfuhren gesehen, weil sie einen Wasserverkaufer, so kraftig er schien, im Zank mit ihrer Krucke zu Boden geschlagen. 'Was willst du von mir, alte Hexe?' So rief ich das Weib an, die mich aber in dem Augenblick mit einem Strom der abscheulichsten niedrigsten Schimpfreden uberschuttete, so dass das mussige Volk bald sich um uns versammelte und uber meine Verlegenheit ausbrach in ein tolles Gelachter. Ich wollte fort, da hielt mich aber das Weib beim Kleide fest, ohne vom Boden aufzustehen, und sprach, plotzlich mit den Schimpfreden einhaltend, leise, indem sich ihr abscheuliches Antlitz zum grinsenden Lacheln verzog: 'Ei, mein susses Prinzlein, willst du denn nicht bei mir bleiben? Willst du nichts horen von dem schonsten Engelskinde, das in dich vernarrt ist?' Damit erhob sich das Weib muhsam, indem sie sich an meinen Armen festklammerte, und zischelte mir von einem jungen Madchen in die Ohren, das schon und anmutig wie der Tag und noch unschuldig sei. Ich hielt das Weib fur eine gemeine Kupplerin und wollte mich, da gerade mein Sinn nicht dahin stand, ein neues Abenteuer anzuknupfen, mit ein paar Dukaten von ihr losmachen. Sie nahm aber das Geld nicht und rief, als ich mich entfernte, mir laut lachend nach: 'Geht nur, geht, mein feiner Herr, Ihr werdet mich bald aufsuchen mit grossem Kummer und Weh im Herzen!' Einige Zeit war vergangen, ich hatte nicht mehr an das Zigeunerweib gedacht, als eines Tages auf dem Spaziergange, Villa reale genannt, eine Dame vor mir herging, die mir in ihrem Wesen so wunderbar anmutig schien, wie ich noch keine gesehen. Ich eilte ihr voraus, und als ich ihr Antlitz erblickte, war es mir, als offne sich der leuchtende Himmel aller Schonheit. So dachte ich namlich damals als ein sundiger Mensch, und dass ich den frevelhaften Gedanken wiederhole, mag Euch statt aller Beschreibung des Liebreizes, mit dem die ewige Macht die holde Angela geschmuckt hatte, um so mehr dienen, als mir jetzt nicht geziemen und auch wohl nicht gelingen wurde, viel zu reden uber irdische Schonheit. Zur Seite der Dame ging oder hinkte vielmehr an einem Stabe eine sehr alte, ehrbar gekleidete Frau, die nur durch ihre ganz ungewohnliche Grosse und seltsame Unbehilflichkeit auffiel. Trotz des vollig veranderten Anzuges, trotz der tiefen Haube, die einen Teil des Antlitzes verhullte, erkannte ich in der alten Frau doch augenblicklich das Zigeunerweib vom Molo. Das fratzenhafte Lacheln der Alten, ihr leises Kopfnicken bewies mir, dass ich mich nicht irre. Ich konnte den Blick nicht abwenden von dem anmutigen Wunder; die Holde schlug die Augen nieder, der Facher entfiel ihrer Hand. Schnell hob ich ihn auf; indem sie ihn nahm, beruhrte ich ihre Finger; sie zitterten; da loderte das Feuer meiner verdammlichen Leidenschaft in mir auf, und ich ahnte nicht, dass die erste Minute der schrecklichen Prufung gekommen, die mir der Himmel auferlegt. Ganz betaubt, ganz im Sinn verwirrt, stand ich da und bemerkte kaum, dass die Dame mit ihrer alten Begleiterin in eine Kutsche stieg, die am Ende der Allee gehalten hatte. Erst als der Wagen fortrollte, kam ich zur Besinnung und sturzte nach wie ein Rasender. Ich kam noch zu rechter Zeit, um zu sehen, dass der Wagen vor einem Hause in der engen kurzen Strasse hielt, die nach dem grossen Platz Largo delle Piane fuhrt. Beide, die Dame und ihre Begleiterin, stiegen aus, und da der Wagen sogleich fortfuhr, als sie in das Haus getreten, konnte ich mit Recht vermuten, dass dort ihre Wohnung. Auf dem Platz Largo delle Piane wohnte mein Bankier, Signore Alessandro Sperzi, und selbst weiss ich nicht, wie ich auf den Einfall geriet, diesen Mann jetzt gerade heimzusuchen. Er glaubte, ich kame Geschafte halber, und begann sehr weitlauftig uber mein Verhaltnis zu reden. Mein ganzer Kopf war aber erfullt von der Dame, ich dachte, ich horte nichts anders, und so kam es, dass ich dem Signor Sperzi statt aller Antwort das anmutige Abenteuer des Augenblicks erzahlte. Signor Sperzi wusste mir mehr von meiner Schonen zu sagen, als ich hatte ahnen konnen. Er war es, der jedes halbe Jahr von einem Handelshause in Augsburg eine ansehnliche Rimesse fur eben jene Dame erhielt. Sie wurde Angela Benzoni genannt, die Alte aber mit dem Namen Frau Magdala Sigrun bezeichnet. Signor Sperzi musste dagegen dem Augsburger Handlungshause uber das ganze Leben des Madchens die genaueste Nachricht geben, so dass er, da es ihm auch fruher obgelegen, ihre ganze Erziehung, sowie jetzt ihren Haushalt zu leiten, in gewisser Art als ihr Vormund anzusehen. Der Bankier hielt das Madchen fur die Frucht eines verbotenen Verhaltnisses unter Personen des vornehmsten Standes. Ich bezeigte dem Signor Sperzi meine Verwunderung daruber, dass man ein solches Kleinod einem so zweideutigen Weibe anvertraue, als die Alte sei, die sich in schmutzigen zerlumpten Zigeunerkleidern auf den Strassen herumtreibe und vielleicht gar die Kupplerin spielen wollte. Der Bankier versicherte dagegen, dass es keine treuere, sorgsamere Pflegerin gebe als die Alte, die mit dem Madchen hergekommen, als es erst zwei Jahre alt gewesen. Dass die Alte sich zuweilen als Zigeunerin vermumme, sei eine wunderliche Grille, die man ihr wohl in diesem Lande der Maskenfreiheit nachsehen konne. Ich darf, ich muss kurz sein! Die Alte suchte mich bald auf in ihrem Zigeunerhabit und fuhrte mich selbst zu Angela, die mir, in holder jungfraulicher Scham hocherrotend, ihre Liebe gestand. Noch immer hatte ich in meinem verirrten Wesen geglaubt, die Alte sei eine ruchlose Nahrerin der Sunde, aber bald wurde ich des Gegenteils uberfuhrt. Angela war keusch und rein wie Schnee, und da, wo ich sundhaft zu schwelgen gedachte, lernte ich an eine Tugend glauben, die ich freilich jetzt fur ein hollisches Blendwerk des Teufels erkennen muss. In ebendem Grade, als meine Leidenschaft hoher und hoher stieg, neigte ich mich auch mehr und mehr der Alten hin, die mir unaufhorlich in die Ohren raunte, dass ich mich mit Angela vermahlen solle. Musste dies auch zur Zeit heimlich geschehen, so komme doch wohl der Tag, an dem ich offentlich der Gemahlin das furstliche Diadem auf die Stirn drucken werde. Angelas Geburt sei der meinigen gleich.
Wir wurden in einer Kapelle der Kirche San Filippo getraut. Ich glaubte den Himmel gefunden zu haben, ich entzog mich allen Verbindungen, ich gab den Dienst auf, man sah mich nicht mehr in jenen Kreisen, in denen ich sonst frevelnd allen Lusten gefront. Eben diese veranderte Lebensweise verriet mich. Jene Tanzerin, von der ich mich losgesagt, forschte aus, wohin ich mich jeden Abend begab, und ahnend, dass daraus sich vielleicht der Keim ihrer Rache entwickeln konne, entdeckte sie meinem Bruder das Geheimnis meiner Liebe. Mein Bruder schlich mir nach, uberraschte mich in Angelas Armen. Mit einer scherzhaften Wendung entschuldigte Hektor seine Zudringlichkeit und machte mir Vorwurfe, dass ich, gar zu selbstsuchtig, ihm nicht einmal das Vertrauen eines aufrichtigen Freundes geschenkt; doch ich merkte nur zu deutlich, wie betroffen er war uber Angelas hohe Schonheit. Der Funke war gefallen, die Flamme der wutendsten Leidenschaft angefacht in seinem Innern. Er kam oft, wiewohl nur in den Stunden, wenn er mich zu finden wusste. Ich glaubte zu bemerken, dass Hektors wahnsinnige Liebe erwidert wurde, und alle Furien der Eifersucht zerfleischten meine Brust. Da war ich dem Graus der Holle verfallen! Einst, als ich eintrat in Angelas Gemach, glaubte ich Hektors Stimme im Nebenzimmer zu vernehmen. Den Tod im Herzen, blieb ich eingewurzelt stehen. Doch plotzlich sturzte Hektor aus dem Nebengemach hinein mit glutrotem Antlitz und wildrollenden Augen wie ein Rasender. 'Verdammter, du sollst mir fernerhin nicht in den Weg treten!' So rief er schaumend vor Wut und stiess mir den Dolch, den er schnell hervorgezogen, in die Brust bis an das Heft. Der herbeigerufene Chirurgus fand, dass der Stoss durch das Herz gegangen. Die Hochgebenedeite hat mich gewurdigt, mir das Leben wieder zu schenken durch ein Mirakel."
Die letzten Worte sprach der Monch mit leiser, zitternder Stimme und schien dann in trubes Sinnen verloren.
"Und," fragte Kreisler, "und was wurde aus Angela?"
"Als," erwiderte der Monch mit hohler geisterartiger Stimme, "als der Morder die Fruchte seiner Greueltat geniessen wollte, da erfasste die Geliebte der Todeskrampf, und sie verschied in seinen Armen. Gift "
Dies Wort gesprochen, fiel der Monch nieder aufs Gesicht und rochelte wie ein Sterbender. Kreisler setzte durch die Glocke, die er anzog, das Kloster in Bewegung. Man eilte herbei und schaffte den ohnmachtigen Cyprianus in den Krankensaal.
Kreisler fand am andern Morgen den Abt in ganz besonders heitrer Laune. " Ha ha," rief er ihm entgegen, "ha ha, mein Johannes, Ihr wollt an kein Mirakel der neuesten Zeit glauben, und Ihr habt gestern in der Kirche selbst das Wunderbarste Mirakel bewirkt, das es nur geben mag. Sagt, was habt Ihr mit unserm stolzen Heiligen gemacht, der daliegt wie ein reuiger zerknirschter Sunder und uns alle in kindischer Todesangst hochlich um Verzeihung gebeten hat, dass er sich uber uns erheben wollen! Habt Ihr ihn, der von Euch nun Beichte verlangte, vielleicht selbst beichten lassen?"
Kreisler fand gar keine Ursache, auch nur das mindeste von dem zu verschweigen, was sich mit ihm und dem Monch Cyprianus begeben. Er erzahlte daher umstandlich alles, von der freimutigen Strafpredigt an, die er dem einbildischen Monch gehalten, als er die heilige Tonkunst herabgewurdigt, bis auf den schrecklichen Zustand, in den er verfallen, als er das Wort: "Gift!" ausgesprochen. Dann erklarte Kreisler, dass er eigentlich doch noch immer nicht wisse, warum das Bild, habe sich auch Prinz Hektor davor entsetzt, gleiche Wirkung auf den Monch Cyprianus hervorgebracht. Ebenso sei er daruber noch ganz im Dunkeln geblieben, auf welche Weise Meister Abraham in jene grauenvolle Begebenheit verflochten.
"In der Tat," sprach der Abt anmutig lachelnd, "in der Tat, mein lieber Sohn Johannes, wir stehen jetzt ganz anders gegenuber als noch vor wenigen Stunden. Ein standhaftes Gemut, ein fester Sinn, vorzuglich aber wohl ein tiefes richtiges Gefuhl, das wie eine wunderbar wahrsagende Erkenntnis in unserer Brust verborgen, richtet vereint mehr aus als der scharfste Verstand, der geubteste, alles scheidende Blick. Du hast es bewiesen, mein Johannes, indem du die Waffe, die man dir in die Hand gab, ohne dich ganz uber ihre Wirkung zu belehren, so geschickt in dem richtigen Moment zu gebrauchen wusstest, dass du auf der Stelle den Feind zu Boden schlugst, den vielleicht der durchdachteste Plan nicht so leicht aus dem Felde getrieben haben wurde. Ohne es zu wissen, hast du mir, dem Kloster, vielleicht auch der Kirche uberhaupt einen Dienst erwiesen, dessen erspriessliche Folgen nicht zu ubersehen sind. Ich will, ich darf jetzt gegen dich ganz aufrichtig sein, ich wende mich ab von denen, die mir Falsches vorspiegeln wollten zu deinem Nachteil, du kannst auf mich rechnen, Johannes! Dass der schonste Wunsch, der in deiner Brust ruht, erfullt werde, dafur lass mich sorgen. Deine Cecilia, du weisst, welches holde Wesen ich meine doch still jetzt davon! Das, was du noch von jener entsetzlichen Begebenheit in Neapel zu wissen verlangst, ist mit wenigen Worten gesagt. Furs erste hat es unserm wurdigen Bruder Cyprianus beliebt, in seiner Erzahlung einen kleinen Umstand zu ubergehen. Angela starb an dem Gift, das er ihr beigebracht in dem hollischen Wahnsinn der Eifersucht. Meister Abraham befand sich damals in Neapel unter dem Namen Severino. Er glaubte Spuren seiner verlornen Chiara zu finden und fand sie wirklich, da ihm jene alte Zigeunerin in den Weg kam, Magdala Sigrun geheissen, die du schon kennst. An den Meister wandte sich die Alte, als das Schrecklichste geschehen, und ihm vertraute sie, ehe sie Neapel verliess, jenes Bildnis, dessen Geheimnisse du noch nicht kennst. Drucke den stahlernen Knopf an dem Rande, dann springt Antonios Bildnis, das nur einer Kapsel zum Deckel dient, auf, und du erblickst nicht allein Angelas Bildnis, sondern dir fallen auch noch ein paar Blattchen in die Hande, die von der aussersten Wichtigkeit sind, da sie dir den Beweis des doppelten Mordes liefern. Du siehst nun, warum dein Talisman so kraftvoll wirkt. Meister Abraham soll noch mit dem Bruderpaar in mancherlei Beruhrung gekommen sein, doch davon wird er dir selbst noch besser erzahlen konnen als ich. Lass uns jetzt horen, Johannes, wie es mit dem kranken Bruder Cyprianus steht!"
"Und das Mirakel?" So fragte Kreisler, indem er den Blick auf die Stelle der Wand uber dem kleinen Altar warf, wo er selbst mit dem Abt das Bild, dessen sich der geneigte Leser wohl noch erinnert, befestigt hatte. Nicht wenig verwunderte er sich aber, als er statt dieses Bildes wieder Leonardo da Vincis heilige Familie erblickte, die ihren alten Platz eingenommen. "Und das Mirakel?" fragte Kreisler zum zweitenmal. "Ihr meint," erwiderte der Abt mit seltsamem Blick, "Ihr meint das schone Bild, welches sonst hier aufgehangt war? Ich habe es unterdessen in den Krankensaal aufstellen lassen. Vielleicht starkt der Anblick unsern armen Bruder Cyprianus, vielleicht hilft ihm die Hochgebenedeite zum zweitenmal."
Kreisler fand auf seinem Zimmer ein Schreiben des Meisters Abraham des Inhalts:
"Mein Johannes!
Auf! auf! verlasst die Abtei, eilt her, so schnell Ihr konnt! Der Teufel hat hier zu seiner Lust eine ganz besondere Hetzjagd angestellt! Mundlich mehr, das Schreiben wird mir blutsauer, denn es steckt mir alles im Halse und droht mich zu ersticken. Von mir, von dem Hoffnungsstern, der mir aufgegangen, nicht ein Wort. Nur so viel in aller Eil'. Die Ratin Benzon findet Ihr nicht mehr, wohl aber die Reichsgrafin von Eschenau. Das Diplom aus Wien ist angekommen und die kunftige Heirat Julias mit dem wurdigen Prinzen Ignaz so gut wie erklart. Furst Irenaus beschaftigt sich mit der Idee des neuen Throns, auf dem er sitzen wird als regierender Herr. Die Benzon oder vielmehr die Grafin von Eschenau hat ihm das versprochen. Prinz Hektor hat indessen Versteckens gespielt, bis er nun wirklich fortmusste zur Armee. Bald kehrt er wieder, und dann soll eine Doppelthochzeit gefeiert werden. Es wird lustig sein. Die Trompeter spulen sich schon die Gurgeln aus, die Fiedler schmieren die Bogen, die Lichtzieher in Sieghartsweiler giessen die Fackeln aber! Nachstens ist der Namenstag der Furstin, da unternehm' ich Grosses, aber Ihr musst hier sein. Kommt nur lieber gleich auf der Stelle, wenn Ihr dies gelesen habt! Lauft, was Ihr konnt. Bald seh' ich Euch. Apropos! Nehmt Euch doch vor den Pfaffen in acht, aber den Abt lieb' ich sehr. Adieu!" So kurz und so inhaltsreich war dies Brieflein des alten Meisters, dass
Nachschrift des Herausgebers8
Am Schluss des zweiten Bandes ist der Herausgeber genotigt, den geneigten Lesern eine sehr betrubte Nachricht mitzuteilen. Den klugen, wohlunterrichteten philosophischen, dichterischen Kater Murr hat der bittre Tod dahin gerafft mitten in seiner schonen Laufbahn. Er schied in der Nacht vom neunundzwanzigsten bis zum dreissigsten November nach kurzen, aber schweren Leiden mit der Ruhe und Fassung eines Weisen dahin. So gibt es wieder einen Beweis, dass es mit den fruhreifen Genies immer nicht recht fort will; entweder sie steigen in einem Antiklimax hinab zur charakter- und geistlosen Gleichgultigkeit und verlieren sich in der Masse, oder sie bringen es in Jahren nicht hoch. Armer Murr! der Tod deines Freundes Muzius war der Vorbote deines eignen, und sollt ich dir den Trauersermon halten, er wurde mir ganz anders aus dem Herzen kommen als dem teilnahmelosen Hinzmann; denn ich habe dich lieb gehabt und lieber als manchen Nun! schlafe wohl! Friede deiner Asche!
Schlimm ist es, dass der Verblichene seine Lebensansichten nicht geendet hat, die also Fragment bleiben mussen. Dagegen haben sich in den nachgelassenen Papieren des verewigten Katers noch so manche Reflexionen und Bemerkungen gefunden, die er in der Zeit aufgeschrieben zu haben scheint, als er sich bei dem Kapellmeister Kreisler befand. Ferner war aber auch noch ein guter Teil des von dem Kater zerrissenen Buchs vorhanden, welches Kreislers Biographie enthalt.
Der Herausgeber findet es daher der Sache nicht unangemessen, wenn er in einem dritten Bande, der zur Ostermesse erscheinen soll, dies von Kreislers Biographie noch Vorgefundene den geneigten Lesern mitteilt und nur hin und wieder an schicklichen Stellen das einschiebt, was von jenen Bemerkungen und Reflexionen des Katers der weitern Mitteilung wert erscheint.
Fussnoten
1 E. T. A. Hoffmanns. 2 Taschenbuch zum geselligen Vergnugen bei Gleditsch, 1820. 3 Der Abt Gattoni zu Mailand liess von einem Turme zum andern funfzehn eiserne Saiten ausspannen und dergestalt stimmen, dass sie die diatonische Tonleiter angaben. Bei jeder Veranderung in der Atmosphare erklangen diese Saiten starker oder schwacher, nach dem Mass jener Veranderung. Man nannte diese Aolsharfe im grossen Riesen- oder Wetterharfe. 4 Der Kater meint Shakespeares "Wie es euch gefallt", dritter Aufzug, zweite Szene. A. d. H. 5 "Fantasiestucke in Callots Manier." Neue Ausgabe. Teil 1. S. 32. 6 Joseph Haydn. 7 "Die Schopfung." 8 E. T. A. Hoffmanns.
E. T. A. Hoffmann
Erzahlungen, Marchen und Schriften
Fantasiestucke in Callots Manier
Entstanden 1808/15, Erstdruck der Samm
lung: Bamberg (C.F. Kunz) 1814/15.
Erster Teil
Vorrede [von Jean Paul]
Erstdruck in den "Fantasiestucken".
1. Jaques Callot
Erstdruck in den "Fantasiestucken".
2. Ritter Gluck
Entstanden 1808/09. Erstdruck in: Allge
meine Musikalische Zeitung (Leipzig),
11. Jg. 1809, Nr. 20.
3. Kreisleriana
1. Johannes Kreislers, des Kapellmeisters,
musikalische Leiden
Erstdruck in: Allgemeine Musikalische